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-Project Gutenberg's Schillers Flucht von Stuttgart, by Andreas Streicher
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-
-Title: Schillers Flucht von Stuttgart
- und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785
-
-Author: Andreas Streicher
-
-Commentator: J. Wychgram
-
-Release Date: October 16, 2015 [EBook #50234]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHILLERS FLUCHT VON STUTTGART ***
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-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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-
- Schillers Flucht
- von Stuttgart
-
- und
-
- Aufenthalt in Mannheim
- von 1782--1785
-
- Von
-
- Andreas Streicher
-
- Herausgegeben und mit einer Einleitung versehen
-
- von
-
- Prof. ~Dr.~ J. Wychgram
-
-
- Leipzig
-
- Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
-
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-
- Übersetzungsrecht vorbehalten
-
-
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-
-Einleitung.
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-
-Das Buch, das wir, nachdem es zum ersten- und einzigen Male im Jahre
-1836, drei Jahre nach dem Tode seines Verfassers, erschienen war,
-nun zum Schiller-Jubiläumstag neu in die Welt senden, ist nicht mit
-Unrecht ein Kleinod unserer Literatur genannt worden. Nicht als ob es
-schriftstellerische Vorzüge aufweisen könnte. Sein Wert liegt vielmehr
-einmal in den berichteten Tatsachen, die für die Kenntnis von Schillers
-Entwicklung von außerordentlichem Werte sind und die uns unbekannt
-geblieben sein würden, wenn nicht Streicher sie uns erzählt hätte,
-sodann aber in dem Geist und Sinn, der aus dem Buche spricht. Da die
-Vorbereitungen zur Flucht aus Stuttgart und ihre Ausführung selbst sehr
-geheim gehalten werden mußten und da das, was außerhalb des Weichbildes
-von Mannheim mit Schiller geschah, nur Streicher zum Zeugen hatte,
-so können wir in der Tat den Wert dieser Aufzeichnungen nicht genug
-schätzen; aber auch, daß dieser Zeuge gerade Streicher war, ist von
-der größten Bedeutung. Denn wir haben in diesem Manne, der ja, wie der
-Leser aus dem Buche selbst erkennen wird, mit einer Art Vergötterung an
-Schiller hing, einen Berichterstatter, der alle diese aufregenden und
-abenteuerlichen Erlebnisse mit der größten Einfachheit, ohne subjektive
-Färbung und mit einem treuen geschichtlichen Sinne uns erzählt.
-Freilich ist das Buch selber erst geschrieben worden, als Streicher
-bereits im Greisenalter stand; aber die Ereignisse der Jugend standen
-ihm, soweit er sie selbst miterlebt hatte, als die denkwürdigsten
-seines ganzen Lebens vor der Seele, und später erschienene Briefe
-bezeugen uns, daß Streicher in der gewissenhaftesten Weise überall da,
-wo entweder sein Gedächtnis ihn nicht mehr sicher beriet oder wo er
-von Dingen zu erzählen hatte, die er selbst nicht mit angesehen (wie
-zum Beispiel in dem Berichte über die letzte Begegnung Schillers mit
-seiner Schwester und seiner Mutter), durch briefliche Erkundigung die
-Lücke zu ergänzen oder falsche Gerüchte zu berichtigen suchte. Einen
-solchen Brief teilen Speidel und Wittmann in ihrem vorzüglichen Buche
-»Bilder aus der Schillerzeit,« S. 26, mit. So kann man sagen, daß die
-Partien des Streicherschen Buches, die sich mit der Flucht und den auf
-die Flucht folgenden Ereignissen beschäftigen, durchaus zuverlässig
-sind und nur in ganz unwesentlichen Einzelheiten, in den Angaben
-einiger Monatsdaten und ähnlichen Kleinigkeiten, von der späteren
-Schiller-Forschung berichtigt worden sind.
-
-Streicher hat nun dem Berichte von der Flucht eine kurze Übersicht
-über Schillers Leben bis 1782 beigegeben; diese Übersicht mußte er
-nach den damals zugänglichen Quellen abfassen, und sie ist daher,
-wie wir gleich hier bemerken, nicht in demselben Maße unanfechtbar,
-wie der eigentliche Kern des Buches. Insbesondere waren Streicher
-die näheren Umstände, die das Zerwürfnis Schillers mit dem Herzog
-veranlaßten, nicht bekannt; vermutlich hat Schiller selbst von dem,
-was an Intrigen gegen ihn und gegen seinen Vater sich abgesponnen hat,
-nicht alles gewußt. Wir verzichten hier darauf, die Einzelheiten zu
-berichtigen, da der Leser dazu jede moderne Schillerbiographie benutzen
-kann; es sei gestattet, auf die betreffenden Abschnitte in der von mir
-verfaßten Biographie Schillers (4. Auflage, Bielefeld und Leipzig,
-Velhagen & Klasing; Volksausgabe, ebenda 1904), zu verweisen, wo ein
-ausführliches Bild gegeben wird. Die Universal-Bibliothek bietet die
-Schiller-Biographie von Rudolf von Gottschall (Nr. 3879/80), die in
-gedrängterer Form berichtet.
-
-Andreas Streicher wurde als der Sohn unbemittelter Eltern im Jahre
-1761 in Stuttgart geboren; er widmete sich der Tonkunst und sollte
-bei Emanuel Bach in Hamburg seine Ausbildung als Musiker erhalten.
-Von der Reise nach Hamburg aber wurde er durch die von ihm selbst
-erzählten Umstände abgehalten; er blieb vielmehr einige Jahre, mit
-Schiller und auch noch nach Schiller, in Mannheim, wandte sich dann
-nach München und ging 1794 nach Wien, wo er als Klavierlehrer eine
-auch an äußeren Erfolgen reiche Tätigkeit entwickelte. Später hat
-er in Wien die Pianofortefabrik seiner Frau, einer geborenen Stein
-aus Augsburg, übernommen und es in dieser Tätigkeit zu erheblichem
-Wohlstande gebracht. Er starb am 15. Mai 1833. Wie sehr er an dem
-Jugendfreunde hing, zeigt nicht nur das Buch selber, das er etwa in den
-Jahren 1828--30 verfaßt hat, sondern dies wird uns auch aus Briefen,
-die er nach Schillers Tode an dessen Angehörige schrieb, deutlich. Man
-hat wohl bemerkt, es sei auffallend, daß Schiller selbst später nicht
-wieder an den aufopferungsfreudigen Freund seiner Jugend geschrieben
-habe, insbesondere Julian Schmidt hat in seinem Buche »Schiller
-und seine Zeitgenossen« dieses Befremden ausgedrückt; man ist aber
-damit im Irrtum gewesen. Wir besitzen noch einen Brief von Schiller,
-der uns zeigt, wie Schiller in dankbarem Herzen die Erinnerung an
-Streicher bewahrt hat. Im Jahre 1795 hatte Streicher einem Herrn seiner
-Bekanntschaft einen Empfehlungsbrief an Schiller mitgeschickt; Schiller
-antwortete darauf:
-
- »Mein teurer und hochgeschätzter Freund!
-
- Gestern erhielt ich durch Herrn von Bühler Ihren Brief, der mich
- auf eine sehr angenehme Weise überraschte. Daß Sie mich nach einer
- zehnjährigen Trennung und in einer so weiten Entfernung noch nicht
- vergessen haben, daß Sie meiner mit Liebe gedenken und mir ein
- gleiches gegen Sie zutrauen, rührt mich innig, lieber Freund, und
- ich kann Ihnen auch von meiner Seite mit Wahrheit gestehen, daß mir
- die Zeit unseres Zusammenseins und Ihre freundschaftliche Teilnahme
- an mir, Ihre gefällige Duldung gegen mich und Ihre auf jeder Probe
- ausharrende Treue in ewig teurem Andenken bleiben wird.
-
- Wie erfreuen Sie mich, lieber Freund, mit der Nachricht, daß es
- Ihnen wohl geht, daß Sie mit Ihrem Schicksale zufrieden sind und
- nun auch die Freuden des häuslichen Lebens genießen. Diese sind
- mir schon seit sechs Jahren zu teil geworden, und ich könnte, im
- Besitze eines hoffnungsvollen Knaben, sowie in meiner unabhängigen
- äußeren Lage ein ganz glücklicher Mensch sein, wenn ich aus dem
- Sturme, der mich so lange herumgetrieben, meine Gesundheit gerettet
- hätte. Indessen macht ein heiteres Gemüt und der angenehme Wechsel
- der Beschäftigung mich diesen Verlust noch ziemlich vergessen, und
- ich finde mich in mein Schicksal.
-
- Eben dieser Zustand meiner Gesundheit läßt mich nicht daran denken,
- eine Reise zu unternehmen, und raubt mir also die Freude, Ihre
- freundschaftliche Einladung anzunehmen. Aber was mir unmöglich ist,
- können Sie vielleicht ausführen, und um so eher, da ein Tonkünstler
- überall zu Hause ist und selbst auf Reisen die Zeit nicht verliert.
- Daß mir Ihre Erscheinung in Jena unbeschreiblich viele Freude
- machen würde, bedarf keiner Versicherung, und daß auch Sie nicht
- unzufrieden sein sollen, dafür, glaube ich, gutsagen zu können.
- Ich könnte Ihnen wenigstens dafür stehen, daß Sie in Weimar, wo
- man Musik zu schätzen weiß, eine sehr erwünschte Aufnahme finden
- sollten.
-
- Ihr aufrichtig ergebener
-
- Schiller.
-
- Jena, den 9. Oktober 95.
-
- An Herrn Andreas Streicher, Tonkünstler in Wien.«
-
-Man sieht aus diesem Briefe, daß Schiller, wenn auch keine häufigeren
-Anlässe zu lebhafterem Briefwechsel mit seinem Jugendfreunde vorlagen,
-ihn doch in dankbarer Erinnerung bewahrte. Folgende beiden Briefe
-mögen noch dem Leser zeigen, mit welcher Wärme Andreas Streicher spät
-nach Schillers Tode für die Pflege von dessen Andenken gesorgt hat.
-Der erste dieser Briefe ist am 30. August 1826 an Schillers einzige
-überlebende Schwester Christophine, die verwitwete Hofrätin Reinwald
-in Meiningen, gerichtet, der andere am 29. April 1829 an Schillers
-bekannten Freund Körner. Die Briefe lauten folgendermaßen:
-
-
-I.
-
- »Wohlgeborne Frau!
-
- Seit dem Tode Ihres herrlichen Bruders sind einundzwanzig Jahre
- verflossen, und noch ist er nicht begraben, sondern sein Sarg steht
- in Weimar in dem Gewölbe einer Sterbkassen-Gesellschaft unter
- dreißig bis vierzig andern versteckt, so daß es unmöglich ist, zu
- ihm zu gelangen oder ihn nur zu sehen.
-
- Man sagt, daß diese ungeheure Vernachlässigung die Schuld der Witwe
- sei.
-
- Als ich im Jahre 1820 die erste Nachricht hierüber in der
- »Allgemeinen Zeitung« las, schrieb ich sogleich nach Weimar und
- erkundigte mich um die Wahrheit derselben. Leider wurde solche
- bestätigt und die Vermutung geäußert, daß wohl der Vermögenszustand
- der Schillerschen Familie einige Schuld daran haben könne.
- Sogleich entschloß ich mich, eine kleine von mir verfaßte Schrift:
- »Schillers Flucht von Stuttgart und sein Aufenthalt in Mannheim
- von 1782 bis 1785,« die erst nach meinem Tode erscheinen sollte,
- jetzt schon, und zwar zu dem Zwecke herauszugeben, damit für den
- eingehenden Betrag Schiller ein ordentliches Grabmal errichtet
- werden könnte.
-
- Mancherlei Schwierigkeiten, die ich nicht beseitigen konnte und
- deren Aufzählung zu weitläufig sein würde, brachten diese Sache
- ins Stocken, bis endlich bei der Austeilung des neuen Kirchhofs
- in Weimar sich Frau von Schiller entschloß, eine Familiengruft zu
- wählen, und nur noch ihre Rückkehr von Köln erwartet wurde, um eine
- vollkommene Entscheidung herbeizuführen. Allein ein Schlagfluß
- überraschte sie in Bonn, wohin sie sich wegen einer Augenoperation
- begeben hatte, und brachte diese Sache insoferne wieder aufs neue
- zum Stillstande, als man sich deshalb nun an den ältesten Sohn
- in Köln wenden mußte. An diesen habe ich nun geschrieben, und es
- läßt sich erwarten, daß er die Pflicht des Sohnes erfüllen und
- das Murren aller Reisenden, sowie die in so vielen Zeitschriften
- darüber erhobenen Klagen stillen wird.
-
- Ich habe Herrn von Schiller auch zugleich um genaue Nachrichten
- in betreff der letzten Lebensjahre seines Vaters ersucht, welche
- in den Schriften von Körner, H. Döring und andern entweder
- ganz übergangen oder unrichtig angegeben sind, indem mir daran
- liegt, daß meine Schrift als (wenigstens kleines) Ganzes sich
- darstelle. Da aber die Angaben über seine Eltern, über seine ersten
- Jugendjahre gar zu karg aufgeführt sind, und solche weder in der
- Zeitfolge noch in der Sache selbst zusammenpassen, so legt man
- diese Schriften desto unbefriedigter weg, je gespannter man auf
- alle Nachrichten ist, welche diese merkwürdige Familie betreffen.
-
- Von dieser Periode lassen sich nun nur noch von Ihnen, wohlgeborne
- Frau, die allerzuverlässigsten Nachrichten erwarten, indem Sie
- der einzige noch lebende Zeuge derselben sind. Ich nehme mir
- daher die Freiheit, Ihnen einige Fragen vorzulegen, welche diesen
- Zeitraum betreffen, mit der Bitte, selbige einiger Aufmerksamkeit
- würdigen und mir gefälligst beantworten zu wollen. Da ich meine
- Absicht, warum ich alles dahin Gehörige zu wissen wünsche, deutlich
- ausgesprochen, so darf ich nicht fürchten, daß Sie diese Fragen
- als aus bloßer Neugierde oder aus einer unedlen Ursache gestellt
- ansehen werden, sondern habe gegründete Ursache, zu hoffen, daß Sie
- dem Jugendfreunde und Leidensgefährten Ihres Bruders sein Verlangen
- um so weniger versagen werden, weil dieses nur zur Verherrlichung
- des Verewigten gereichen solle. Da aber die Schrift schon in
- einigen Monaten in Druck gegeben werden muß -- da erst, wenn
- dieser schon im Gange ist, die Unterzeichnung darauf öffentlich
- angekündigt werden kann -- da auch nur alsdann erst zur Erbauung
- eines ordentlichen, würdigen Grabmals geschritten wird, wenn man
- der Kostendeckung versichert ist -- da meine Geschäfte mir nur
- sehr wenig Zeit zur Vollendung dieser Schrift gestatten, und da
- mein Alter, sowie meine Gesundheit es nicht ratsam machen, diese
- Angelegenheit noch länger als bis zum 9. Mai 1827 zu erstrecken,
- so muß ich den dringenden Wunsch beifügen, daß Sie die Güte haben
- und mir Ihre Antwort sobald als möglich übermachen wollen. Keine
- Ihrer Nachrichten soll für mein Eigentum abgegeben, sondern dankbar
- dem Publikum die Quelle genannt werden, aus welcher mir solche
- zugeflossen.
-
- Es sind nun volle dreiundvierzig Jahre, daß mir nicht mehr vergönnt
- ward, Sie zu sehen, und nur meine lebhafte Erinnerung an Sie, sowie
- an Ihr ganzes Haus, kann mir einige Schadloshaltung für dieses
- Glück gewähren.
-
- Mein innigster Wunsch ist, daß dieser Brief Sie, sowie Ihren Herrn
- Gemahl in bestem Wohlsein treffe, und daß von diesem durch eine
- gefällige Antwort recht bald die Überzeugung erhalte, wohlgeborne
- Frau, Ihr hochachtungsvoll ergebenster Diener
-
- Andreas Streicher, Tonkünstler.
-
- Wien, am 30. August 1826.«
-
-
-II.
-
- »Das Werk erscheint gegen Unterzeichnung, und der reine Ertrag
- desselben, wenn er sich auf 20000 Gulden beläuft, soll erstens dazu
- verwendet werden, um eine Stiftung zu gründen, damit alle zehn
- Jahre die Interessen dieses Kapitals demjenigen (oder dessen Erben)
- eingehändigt werden, der während dieser Zeit das beste Schauspiel,
- Drama oder Trauerspiel, dessen Inhalt aus der deutschen Geschichte
- genommen sein muß, gedichtet hat. Zweitens, da aber die 10000
- Gulden Interessen des Kapitals in zehn Jahren wieder 2500 Gulden
- abwerfen, so werden diese demjenigen Schriftsteller als Preis
- zugeteilt, der in diesem Zeitraume das beste Werk für die Jugend
- oder das Volk in dem Sinne geschrieben, wie es Schiller in der
- Rezension von Bürgers Gedichten in den Worten: »Welches Unternehmen
- usw. bis: würden sie endlich selbst von der Vernunft abfordern,«
- angedeutet hat. Diese Preise würden einmal in Stuttgart, als der
- Hauptstadt von des Dichters Vaterland, das andere Mal in Weimar,
- wo er Unterstützung fand und starb, und das dritte Mal in Wien,
- wo seine hohe, gemütvolle Dichtung noch am meisten gewürdigt und
- empfunden wird, öffentlich und feierlich erteilt werden. Jeder der
- genannten Orte würde drei Schiedsrichter ernennen, welche die des
- Preises würdigsten Stücke bezeichnen würden.
-
- Dies ist das Hauptsächlichste von dem, was ich mir hierüber
- ausgedacht und auch Herrn Ernst von Schiller mitgeteilt habe.
- Dieser aber erwidert mir, daß ich durch Ausführung dieses Vorsatzes
- dem Verkaufe der sämtlichen Werke seines Vaters bedeutenden Schaden
- zufügen und vielleicht das ganze Unternehmen gefährden würde.
- Allein ich habe Freiherrn von Cotta diesen Plan voriges Jahr
- mündlich mitgeteilt und weder damals, noch seit jener Zeit irgend
- einen Widerstand von ihm erfahren. Auch scheint die abgesonderte
- Herausgabe des Briefwechsels von Goethe und Schiller darauf
- hinzudeuten, daß vorerst alles bisher noch Unbekannte von Schiller
- einzeln herausgegeben und dann erst in späterer Zeit eine ganz
- vollständige Ausgabe seiner Werke veranstaltet werden solle.
-
- Da ich nun den Zweck der Herausgabe von Nachrichten über unsern
- Dichter genau und wahr angegeben: da alles, was darauf Beziehung
- hat, gänzlich von einer Nebenabsicht frei und rein ist, da nichts
- anderes dadurch erreicht werden soll, als daß seine schwere
- Laufbahn die eines nicht unwürdigen Nachfolgers erleichtern solle;
- da es auch nicht gleichgültig ist, das Volk, für das er lebte
- und schrieb, nicht nur zu einer dauernden Anerkennung seines
- außerordentlichen Geistes aufzufordern, sondern damit auch zugleich
- der Dichtkunst einen Rang anzuweisen, den sie schon lange bei
- andern Nationen, aber leider bei den hadersüchtigen, nur nach Geld
- und Titeln strebenden Deutschen bisher nicht hatte; da eine genaue
- Schilderung seines Lebens, seines himmlischen Gemütes, der Tiefe
- und Fülle seiner Empfindung nur von denen getreu dargestellt und
- erwartet werden kann, die ihn im Glück und Unglück handeln sahen
- -- so werden Sie dieses Schreiben sowohl als auch die Fragen mit
- Nachsicht aufnehmen und nicht kalt zurückweisen.«
-
- * * * * *
-
-Streicher ist durch Christophine und auch aus seinen anderen Quellen
-nicht immer ganz richtig unterrichtet worden; es sind in dem
-Originaldruck eine Reihe von Versehen. Diese sind in unserem Neudruck
-entweder ohne weiteres korrigiert oder aber durch Fußnoten kenntlich
-gemacht worden.
-
-Im übrigen verweisen wir auf Streichers Büchlein selber; es mag durch
-sich und für sich sprechen.
-
- Berlin, im Februar 1905.
-
- J. Wychgram.
-
-
-
-
-Vorrede
-
-der Hinterbliebenen Streichers zur Ausgabe von 1836.
-
-
-Der Verfasser des nachstehenden Werkchens, Andreas Streicher, lebt
-nicht mehr. Zu den schönsten Erinnerungen seines reich beschäftigten
-Lebens gehörten die Tage, die er in Schillers Nähe zugebracht hatte,
-dessen Andenken er mit liebender Begeisterung, mit schwärmerischer
-Verehrung bewahrte. Er hatte den edlen Dichterjüngling im Unglücke
-gesehen, im Kampfe mit feindlichen Verhältnissen, und treu und
-aufopfernd an ihm festgehalten. Und gerade jenen Zeitraum, so
-wichtig für die Darstellung von Schillers Charakter, als er es für
-die Entwicklung desselben und seiner äußern Lage gewesen, fand der
-Verfasser in allen Biographien des Verewigten fast nur erwähnt,
-nur kurz und unvollständig behandelt. Er wußte, daß wenige der
-Überlebenden in dem Falle waren, so richtig und ausführlich darüber
-zu berichten als er, und es drängte ihn, die Feder zu ergreifen, um
-das Seinige zur Charakteristik des für Deutschland und die Menschheit
-denkwürdigen Mannes beizutragen. In weit vorgerückten Jahren begann
-er mit der strengsten Wahrhaftigkeit und sorgsamer, gewissenhafter
-Liebe die folgenden Mitteilungen auszuarbeiten. Diese Sorgfalt bewog
-ihn, immer noch daran zu bessern; diese Liebe machte, daß er zuletzt
-auch Materialien über spätere Lebensabschnitte seines Jugendfreundes
-sammelte, und über dem Sammeln, Sichten, Ordnen -- ereilte ihn der Tod.
-
-Er hatte sich oft und gern mit Entwürfen in Hinsicht auf die Verwendung
-des Ertrages seiner Schrift zu einer passenden Stiftung, einem
-Dichterpreis, irgend einem gemeinnützigen Zwecke beschäftigt. Seine
-Hinterbliebenen halten es für ihre Pflicht gegen ihn und das Publikum,
-die Herausgabe des Werkes zu besorgen, an welcher den Erblasser selbst
-ein unerwartetes Ende hinderte. Überzeugt, ganz in seinem Sinne zu
-handeln, legen sie das Honorar, welches die Verlagshandlung ihnen dafür
-zugesagt, als Beitrag zu dem Denkmale Schillers, auf den Altar des
-Vaterlandes nieder.
-
-Sie geben das Werk, wie sie es in Reinschrift in seinem Nachlasse
-fanden.
-
-Sie befürchten nicht, daß der Titel »Flucht« auch nur einen leisen
-Schatten auf das Andenken oder den Namen Schillers werfen dürfte, da es
-allbekannt ist, wie dessen Entfernung von Stuttgart keineswegs Folge
-irgend eines Fehltrittes war, sondern ganz gleich der Flucht seines
-»Pegasus,« der mit der Kraft der Verzweiflung das Joch bricht, um
-ungehemmten Fluges himmelan zu steigen.
-
-Wie an dem Titel, so glauben sie auch an dem Inhalte, ja selbst an dem
-Stile nichts willkürlich ändern zu dürfen, um das Eigentümliche nicht
-zu verwischen, woran man den Zeitgenossen der frühesten Periode und
-den Landsmann unsers gefeierten Dichters erkennen mag. Der Verfasser
-war Musiker, nicht Schriftsteller, und was ihm die Feder in die Hand
-gegeben, nur seine glühende Verehrung Schillers und der frohe und
-gerechte Stolz, ihm einst nahe gestanden zu sein.
-
-Aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, den sie festzuhalten bitten, wird
-seine Leistung nachsichtige Beurteiler in den geneigten Lesern finden.
-
-
-
-
-Schillers Flucht von Stuttgart
-
-und
-
-Aufenthalt in Mannheim von 1782--1785.
-
-
-Johann Kaspar Schiller, geboren 1723, war der Vater unseres Dichters
-und ein Mann von sehr vielen Fähigkeiten, die er auf die beste,
-würdigste Weise verwendete, und die sowohl von seiner Umgebung als auch
-von seinem Fürsten auf das vollständigste anerkannt wurden.
-
-In seiner Jugend wählte er zum Beruf die Wundarzneikunde und ging,
-nachdem er sich hierin ausgebildet, in seinem zweiundzwanzigsten Jahre
-mit einem bayrischen Husarenregiment nach den Niederlanden, von wo er,
-nach geschlossenem Frieden, in sein Vaterland Württemberg zurückkehrte
-und sich 1749 zu Marbach, dem Geburtsorte seiner Gattin, verheiratete.
-Dem höher strebenden und mehr als zu seinem Fache damals nötig war,
-ausgebildeten Geiste dieses Mannes konnte aber der kleine, enge Kreis,
-in dem er sich jetzt bewegen mußte, um so weniger zusagen, als er
-durchaus nichts Erfreuliches für die Zukunft erwarten ließ, und er
-auch bei früheren Gelegenheiten, wo er gegen den Feind als Anführer
-in den Vorpostengefechten diente, Kräfte in sich hatte kennen lernen,
-deren Gebrauch ihm edler sowie für sich und seine Familie nützlicher
-schien als dasjenige, was er bisher zu seinem Geschäft gemacht
-hatte. Er verließ daher bei dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges,
-an welchem der Herzog gegen Preußen teilnahm, die Wundarzneikunde
-gänzlich, suchte eine militärische Anstellung und erhielt solche 1757
-als Fähnrich und Adjutant bei dem Regiment Prinz Louis um so leichter,
-da er schon früher den Ruhm eines tapfern Soldaten und umsichtigen
-Anführers sich erworben hatte.
-
-So lange als das württembergische Korps im Felde stand, machte er
-diesen Krieg mit, benutzte aber die Zeit der Winterquartiere, um
-mit Urlaub nach Hause zu kehren, und war im November 1759 bei der
-Geburt seines Sohnes, der auch der einzige blieb, gegenwärtig. Nach
-geschlossenem Frieden wurde er in dem schwäbischen Grenzstädtchen
-Lorch als Werboffizier mit Hauptmannsrang angestellt, bekam aber,
-sowie die zwei Unteroffiziere, die ihm beigegeben waren, während drei
-ganzer Jahre nicht den mindesten Sold, sondern mußte diese ganze Zeit
-über sein Vermögen im Dienste seines Fürsten zusetzen. Erst als er
-dem Herzog eine nachdrückliche Vorstellung einreichte, daß er auf
-diese Art unmöglich länger als ehrlicher Mann bestehen oder auf seinem
-Posten bleiben könne, wurde er abgerufen und in der Garnison von
-Ludwigsburg angestellt, wo er dann später seinen rückständigen Sold
-in Terminen nach und nach erhielt. Sowohl während der langen Dauer
-des Krieges als auch in seinem ruhigen Aufenthalte zu Lorch war sein
-lebhafter, beobachtender Geist immer beschäftigt, neue Kenntnisse zu
-erwerben und diejenigen, welche ihn besonders anzogen, zu erweitern.
-Den Blick unausgesetzt auf das Nützliche, Zweckmäßige gerichtet, war
-ihm schon darum Botanik am liebsten, weil ihre richtige Anwendung dem
-Einzelnen, sowie ganzen Staaten Vorteile verschafft, die nicht hoch
-genug gewürdigt werden können. Da zu damaliger Zeit die Baumzucht
-kaum die ersten Grade ihrer jetzigen, hohen Kultur erreicht hatte, so
-verwendete er auf diese seine besondere Aufmerksamkeit und legte in
-Ludwigsburg eine Baumschule an, welche so guten Erfolg hatte, daß der
-Herzog -- gerade damals mit dem Bau eines Lustschlosses beschäftigt --
-ihm 1775 die Oberaufsicht über alle herzustellenden Gartenanlagen und
-Baumpflanzungen übertrug.
-
-Hier hatte er nun Gelegenheit nicht nur alles, was er wußte
-und versuchen wollte, im großen anzuwenden, sondern auch seine
-Ordnungsliebe und Menschenfreundlichkeit auf das wirksamste zu
-beweisen. Um seine Erfahrungen in der Baumzucht, welche nach der
-Absicht seines Fürsten für ganz Württemberg als Regel dienen sollten,
-auch dem Auslande nutzbringend zu machen, sammelte er solche in einem
-kleinen Werke: Die Baumzucht im großen, wovon die erste Auflage zu
-Neustrelitz 1795 und die zweite 1806 zu Gießen erschien.
-
-Auch außer seinem Berufe war die Tätigkeit dieses seltenen Mannes ganz
-außerordentlich. Sein Geist rastete nie, stand nie still, sondern
-suchte immer vorwärts zu schreiten. Er schrieb Aufsätze über ganz
-verschiedene Gegenstände und beschäftigte sich sehr gern mit der
-Dichtkunst -- zu welcher er eine natürliche Anlage hatte.
-
-Es ist nicht wenig zu bedauern, daß von seinen vielen Schriften und
-Gedichten weiter nichts als obiges Werkchen unter die Augen der Welt
-kam; wäre es auch nur, um einigermaßen beurteilen zu können, wie
-viel der Sohn im Talent zum Dichter und Schriftsteller vom Vater als
-Erbteil erhalten habe. Der Herzog, der ihm endlich den Rang als Major
-erteilte, schätzte ihn sehr hoch; seine Untergebenen, die in großer
-Anzahl aus den verschiedensten Menschen bestanden, liebten ihn ebenso
-wegen seiner Unparteilichkeit, als sie seine strenge Handhabung der
-Ordnung fürchteten; Gattin und Kinder bewiesen durch Hochachtung und
-herzlichste Zuneigung, wie sehr sie ihn verehrten.
-
-Von Person war er nicht groß. Der Körper war untersetzt, aber sehr
-gut geformt. Besonders schön war seine hohe, gewölbte Stirn, die
-durch sehr lebhafte Augen beseelt, den klugen, gewandten, umsichtigen
-Mann erraten ließ. Nachdem er seine heißesten Wünsche für das Glück
-und den Ruhm seines einzigen Sohnes erfüllt gesehen und den ersten
-Enkel seines Namens auf den Armen gewiegt hatte, starb er 1796 im
-Alter von 73 Jahren an den Folgen eines vernachlässigten Katarrhs nach
-achtmonatlichen Leiden in den Armen seiner Gattin und der ältesten
-Tochter, die von Meiningen herbeigeeilt war, um mit der Mutter die
-Pflege des Vaters zu teilen, zugleich auch die schwere Zeit des
-damaligen Krieges und ansteckender Krankheiten ihnen übertragen zu
-helfen.
-
-Die Mutter des Dichters, Elisabetha Dorothea Kodweiß, war aus einem
-alt-adligen Geschlecht entsprossen, das sich von Kattwitz nannte und
-durch unglückliche Zeitumstände Ansehen und Reichtum verloren hatte.
-Ihr Vater, der schon den Namen Kodweiß angenommen, war Holzinspektor
-zu Marbach. Eine fürchterliche Überschwemmung beraubte ihn dort seines
-ganzen Vermögens. Aus Not griff er nun, um seine Familie nicht darben
-zu lassen, zu gewerblichen Mitteln, bei welchen er jedoch nichts
-vernachlässigte, was die Bildung des Herzens und Geistes seiner Kinder
-befördern konnte.
-
-Diese edle Frau war groß, schlank und wohlgebaut; ihre Haare waren sehr
-blond, beinahe rot; die Augen etwas kränklich. Ihr Gesicht war von
-Wohlwollen, Sanftmut und tiefer Empfindung belebt, die breite Stirne
-kündigte eine kluge, denkende Frau an. Sie war eine vortreffliche
-Gattin und Mutter, die ihre Kinder auf das zärtlichste liebte, sie mit
-größter Sorgfalt erzog, besonders aber auf ihre religiöse Bildung,
-so früh als es rätlich war, durch Vorlesen und Erklären des Neuen
-Testaments einzuwirken suchte.
-
-Gute Bücher liebte sie leidenschaftlich, zog aber -- was jede Mutter
-tun sollte -- Naturgeschichte, Lebensbeschreibungen berühmter Männer,
-passende Gedichte sowie geistliche Lieder allen andern vor. Auf den
-Spaziergängen leitete sie die Aufmerksamkeit der zarten Gemüter auf
-die Wunder der Schöpfung, die Größe, Güte und Allmacht ihres Urhebers.
-Dabei wußte sie ihren Reden so viel Überzeugendes, so viel Gehalt und
-Würde einzuflechten, daß es ihnen in späten Jahren noch unvergeßlich
-blieb. Ihre häusliche Lage war bei dem geringen Einkommen ihres Gatten
-sehr beschränkt, und es erforderte die aufmerksamste Sparsamkeit,
-sechs Kinder standesgemäß zu erhalten und sie in allem Notwendigen
-unterrichten zu lassen.
-
-Die allgemeine Lebensart und Sitte, welche damals in Württemberg
-herrschte, erleichterte jedoch eine gute Erziehung um so mehr, als eine
-Abweichung von Sparsamkeit, Ordnungsliebe, Rechtschaffenheit sowie der
-aufrichtigsten Verehrung Gottes als ein großer Fehler angesehen und
-scharf getadelt worden wäre. Die Begriffe von Redlichkeit, Aufopferung,
-Uneigennützigkeit suchte man damals jedem Kinde in das Herz zu prägen.
-In der Schule wie zu Hause wurde auf die Ausübung dieser Tugenden
-ein wachsames Auge gehalten. Die Vorbereitungen zur Ablegung des
-Glaubensbekenntnisses waren größtenteils Prüfungen des vergangenen
-Lebens sowie eindringende Ermahnungen, daß alles Tun und Lassen Gott
-und den Menschen gefällig einzurichten sei.
-
-Ein nicht unbedeutender Teil der Bewohner Württembergs, zu welchem
-sich aus allen Ständen Mitglieder gesellten, konnte sich aber an
-derjenigen Religionsübung, welche in der Kirche gehalten wurde,
-nicht begnügen, sondern schloß noch besondere Vereinigungen, um die
-innerliche, geistige Ausbildung zu befördern, und den äußern Menschen
-der Stimme des Gewissens ganz untertänig zu machen, damit dadurch hier
-schon die höchste Ruhe des Gemüts und ein Vorgeschmack dessen erlangt
-würde, was das Neue Testament seinen mutigen Bekennern im künftigen
-Leben verspricht. Aber es war keine müßige, innere Anschauung, welcher
-diese Frommen sich hingaben, sondern sie suchten auch ihre Reden
-und Handlungen ebenso tadellos zu zeigen, als es ihre Gedanken und
-Empfindungen waren.
-
-Konnten auch die weltlicher Gesinnten einer so strengen Übung der
-Religion und Selbstbeherrschung sich nicht unterwerfen, so hatten sie
-doch nachahmungswürdige Vorbilder unter Augen, vor welchen sie sich
-scheuen mußten, die rohe Natur vorwalten zu lassen oder etwas zu tun,
-was einen zu scharfen Abstand gegen das Sein und Handeln der Frömmern
-gemacht hätte. Für das Allgemeine hatten diese abgeschlossenen, stillen
-Gesellschaften die gute Folge, daß der württembergische Volkscharakter
-als ein Muster von Treue, Redlichkeit, Fleiß und deutscher Offenheit
-gepriesen wurde, und Ausnahmen davon unter die Seltenheiten gezählt
-werden durften.
-
-In diesem Lande, unter solchen Menschen lebten die Eltern unseres
-Dichters, und nach solchen frommen Grundsätzen erzogen sie auch ihre
-Kinder. Die Eindrücke dieser tief wirkenden Leitung konnten nie
-erlöschen; sie begleiteten die Kinder durch das ganze Leben, ermutigten
-in den schwersten Prüfungen die Töchter und sprechen sich mit der
-höchsten Wärme in den meisten Werken des Sohnes aus.
-
-Auch diese gute, geliebte Mutter erlebte noch den ersehnten Augenblick,
-ihren einzigen Sohn und Liebling als glücklichen Gatten und Vater, mit
-errungenem Ruhm gekrönt, im Vaterlande selbst umarmen zu können.
-
-Ein sanfter Tod entriß sie den Ihrigen im Jahr 1802. Ihre Ehe,
-die ersten acht Jahre unfruchtbar, ward endlich durch sechs
-Kinder beglückt, von denen gegenwärtig nur noch Dorothea Luise
-Schiller, geboren 1766, an den Stadtpfarrer Frankh zu Möckmühl im
-Württembergischen verheiratet, und Elisabetha Christophina Friederika
-Schiller, geboren 1757, Witwe des verstorbenen Bibliothekars und
-Hofrats Reinwald zu Meiningen, am Leben sind. Die jüngste Schwester,
-Nannette, geboren 1777, verschied infolge eines ansteckenden
-Nervenfiebers, das durch ein auf der Solitüde anwesendes Feldlazarett
-verbreitet wurde, in ihrer schönsten Blüte schon im achtzehnten Jahre.
-Zwei andere Kinder starben bald nach der Geburt.
-
-Dem Bruder an Gestalt, Geist und Gemüt am ähnlichsten ist die edle
-Reinwald, zu welchen Eigenschaften sich noch eine Handschrift gesellt,
-welche der des Dichters so ähnlich ist, daß man sie davon kaum
-unterscheiden kann.
-
-Den frommen Gefühlen der Jugend getreu, konnte sie, auch als kinderlose
-Witwe, am 16. September 1826 dem Verfasser schreiben: »Aber ich stehe
-doch nicht allein, überall umgibt mein Alter der Freundschaft und
-Liebe sanftes Band, und Gott schenkt mir in meinem neunundsechzigsten
-Lebensjahr noch den völligen Gebrauch meiner Sinne und eine Heiterkeit
-der Seele, die gewöhnlich nur die Jugend beglückt. So sehe ich mit
-Zufriedenheit meinem Ziel entgegen, das mich in einer bessern Welt mit
-den Geliebten, die vorangingen, wieder vereinigt.«
-
-Unser Dichter, Johann Christoph Friedrich Schiller, wurde am 10.
-November 1759 zu Marbach, einem württembergischen Städtchen am Neckar,
-geboren. Obwohl Marbach damals nicht der Wohnort seiner Eltern war, so
-hatte sich dennoch seine Mutter dahin begeben, um in ihrem Geburtsort,
-in der Mitte von Verwandten und Freunden das Wochenbett zu halten.
-
-Über die ersten Kinderjahre Schillers läßt sich mit Zuverlässigkeit
-nichts weiter angeben, als daß seine Erziehung mit größter Liebe und
-Aufmerksamkeit besorgt wurde, indem er sehr zart und schwächlich schien.
-
-Erst von dem Jahr 1765 an werden die Nachrichten bestimmter und
-verbürgen, daß der Knabe seinen ersten Unterricht im Lesen, Schreiben,
-Lateinischen und Griechischen von dem Pastor Moser mit dessen Söhnen
-zugleich in Lorch, einem schwäbischen Grenzstädtchen, erhielt, wohin
-sein Vater, wie oben erwähnt, als Werboffizier versetzt ward.
-
-Damals schon, im Alter von sechs bis sieben Jahren, hatte er ein sehr
-tiefes religiöses Gefühl sowie eine sich täglich aussprechende Neigung
-zum geistlichen Stande. Sowie ihn eine ernste Vorstellung, ein frommer
-Gedanke ergriff, versammelte er seine Geschwister und Gespielen um
-sich her, legte eine schwarze Schürze als Kirchenrock um, stieg auf
-einen Stuhl und hielt eine Predigt, deren Inhalt eine Begebenheit, die
-sich zugetragen, ein geistliches Lied oder ein Spruch war, worüber er
-eine Auslegung machte. Alle mußten mit größter Ruhe und Stille zuhören;
-denn wie er den geringsten Mangel an Aufmerksamkeit oder Andacht bei
-der kleinen Gemeinde wahrnahm, wurde er sehr heftig und verwandelte
-sein anfängliches Thema in eine Strafpredigt.
-
-So voll Begeisterung, Kraft und Mut diese Reden auch waren, so zeigte
-in den häuslichen Verhältnissen sein Charakter dennoch nichts von
-jener Heftigkeit, Eigensinn oder Begehrlichkeit, welche die meisten
-talentvollen Knaben so lästig machen, sondern war lauter Freundschaft,
-Sanftmut und Güte.
-
-Gegen seine Mutter bewies er die reinste Anhänglichkeit sowie gegen die
-Schwestern die wohlwollendste Verträglichkeit und Liebe, welche von
-allen auf das herzlichste, besonders tätig aber von der ältesten (der
-noch lebenden Fr. Hofr. Reinwald) erwidert wurde, die öfters, obwohl
-sie unschuldig war, die harten Strafen des Vaters mit dem Bruder teilte.
-
-Obwohl ihn der Vater sehr liebte, so war er doch wegen eines Fehlers,
-durch den die sparsamen Eltern oft nicht wenig in Verlegenheit gesetzt
-wurden, hart und strenge gegen ihn. Der Sohn hatte nämlich denselben
-unwiderstehlichen Hang, hilfreich zu sein, welchen er später in Wilhelm
-Tell mit den wenigen Worten: »Ich hab' getan, was ich nicht lassen
-konnte,« so treffend schildert.
-
-Nicht nur verschenkte er an seine Kameraden dasjenige, über was
-er frei verfügen konnte, sondern er gab auch den ärmeren Bücher,
-Kleidungsstücke, ja sogar von seinem Bette.
-
-Hierin war die älteste Schwester, die gleichen Hang hatte, seine
-Vertraute, und über diese, da sie, um den jüngern Bruder zu schützen,
-sich als Mitschuldige bekannte, ergingen nun gleichfalls Strafworte und
-sehr fühlbare Züchtigungen.
-
-Da die Mutter sehr sanft war, so ersannen die beiden Geschwister ein
-Mittel, der Strenge des Vaters zu entgehen. Hatten sie so gefehlt, daß
-sie Schläge befürchten mußten, so gingen sie zur Mutter, bekannten ihr
-Vergehen und baten, daß sie die Strafe an ihnen vollziehe, damit der
-Vater im Zorne nicht zu hart mit ihnen verfahren möchte.
-
-So scharf aber auch öfters die zu große Freigebigkeit des Sohnes von
-dem Vater geahndet wurde, so wenig verkannte dieser dennoch die übrigen
-seltenen Eigenschaften des Knaben. Er liebte ihn nicht nur wegen seiner
-Begierde, etwas zu lernen, und wegen der Fähigkeit, das Erlernte zu
-behalten, sondern besonders auch wegen seines biegsamen, zartfühlenden
-Gemütes.
-
-Da sich bei dem Sohne die Neigung zum geistlichen Stande so auffallend
-und anhaltend aussprach, so war ihm der Vater um so weniger hierin
-entgegen, da dieser Stand in Württemberg sehr hoch geschätzt wurde,
-auch viele seiner Stellen ebenso ehrenvoll als einträglich waren.
-
-Als die Familie 1766 nach Ludwigsburg ziehen mußte, wurde der junge
-Schiller sogleich in die Vorbereitungsschulen geschickt, wo er neben
-dem Lateinischen und Griechischen auch Hebräisch -- als zu dem
-gewählten Beruf unerläßlich -- erlernen mußte.
-
-In den Jahren 1769--72 war er viermal in Stuttgart, um sich in den
-vorläufigen Kenntnissen zur Theologie prüfen zu lassen, und bestand
-jederzeit sehr gut. Sein Fleiß konnte nur wenige Zeit durch körperliche
-Schwäche, welche durch das schnelle Wachsen veranlaßt wurde,
-unterbrochen werden; denn wie seine Gesundheit kräftiger wurde, brachte
-er das Versäumte mit solchem Eifer ein und lag so anhaltend über seinen
-Büchern, daß ihm der Lehrer befehlen mußte, hierin Maß zu halten,
-indem er sonst an Geist und Körper Schaden leiden würde. Teilnehmend,
-wohlwollend und gefällig für die Wünsche seiner Mitschüler, konnte
-er sich den jugendlichen Spielen leicht hingeben und in Gesellschaft
-das mitmachen, was er allein wohl unterlassen hätte. Bei einer
-solchen Gelegenheit, kurz vor dem Zeitpunkt, wo er in der Kirche sein
-Glaubensbekenntnis öffentlich ablegen sollte, sah ihn einst die fromme
-Mutter, und ihre Vorwürfe über seinen Mutwillen machten so vielen
-Eindruck auf ihn, daß er noch vor der Konfirmation seine Empfindungen
-zum erstenmal in Gedichten aussprach, die religiösen Inhalts waren.
-
-Je näher die Zeit heranrückte, in welcher er in eines der
-Vorbereitungsinstitute aufgenommen werden sollte, welche Jünglingen,
-noch ehe sie die Universität beziehen konnten, gewidmet waren, mit um
-so größerm Eifer ergab er sich nun seinen Studien.
-
-Ohne Zweifel würde die Welt an Schillern einen Theologen erhalten
-haben, der durch bilderreiche Beredsamkeit, eingreifende Sprache, Tiefe
-der Philosophie und deren richtige Anwendung auf die Religion Epoche
-gemacht und alles Bisherige übertroffen haben würde, wenn nicht seine
-Laufbahn gewaltsam unterbrochen und er zum Erlernen von Wissenschaften
-genötigt worden wäre, für die er entweder gar keinen Sinn hatte oder
-denen er nur durch die höchste Selbstüberwindung einigen Geschmack
-abgewinnen konnte.
-
-Der Herzog von Württemberg hatte nämlich schon im Jahr 1770 auf seinem
-Lustschlosse Solitüde eine militärische Pflanzschule errichtet, die
-so guten Fortgang hatte, daß die Lehrgegenstände, welche anfänglich
-nur auf die schönen Künste beschränkt waren, bei anwachsender Zahl der
-Zöglinge auch auf die Wissenschaften ausgedehnt wurden.
-
-Um die fähigsten jungen Leute kennen zu lernen, wurde von Zeit zu Zeit
-bei den Lehrern Nachfrage gehalten, und diese empfahlen 1772 unter
-andern guten Schülern auch den Sohn des Hauptmanns Schiller als den
-vorzüglichsten von allen. Sogleich machte der Herzog dem Vater den
-Antrag, seinen Sohn in die Pflanzschule aufzunehmen, auf fürstliche
-Kosten unterrichten und in allem freihalten lassen zu wollen.
-
-Dieses großmütige Anerbieten, das manchem so willkommen war,
-verursachte aber in der ganzen Schillerschen Familie die größte
-Bestürzung, indem es nicht nur den so oft besprochenen Plan aller
-vereitelte, sondern auch dem Sohn jede Hoffnung raubte, sich als
-Redner, als Schriftsteller und geistlicher Dichter einst auszeichnen zu
-können.
-
-Weil jedoch damals für die Theologie in dieser Anstalt noch kein
-Lehrstuhl war, auch der junge Schiller schon alle Vorbereitungsstudien
-für diesen Stand gemacht hatte, so versuchte der Vater diese Gnade
-durch eine freimütige Vorstellung abzuwenden, die auch so guten Erfolg
-hatte, daß der Herzog selbst erklärte, auf diese Art könne er in der
-Akademie ihn nicht versorgen. Einige Zeitlang schien der Fürst den
-jungen Schiller vergessen zu haben. Aber ganz unvermutet stellte er
-noch zweimal an den Vater das Begehren, seinen Sohn in die Akademie zu
-geben, wo ihm die Wahl des Studiums freigelassen würde und er ihn bei
-seinem Austritt besser versorgen wolle, als es im geistlichen Stande
-möglich wäre.
-
-Die Freunde der Familie sowie diese selbst sahen nur zu gut, was zu
-befürchten wäre, wenn dem dreimaligen Verlangen des Herzogs, das man
-nun als einen Befehl annehmen mußte, nicht Folge geleistet würde,
-und mit zerrissenem Gemüt fügte sich endlich auch der Sohn, um seine
-Eltern, die kein anderes Einkommen hatten, als was die Stelle des
-Vaters abwarf, keiner Gefahr auszusetzen.
-
-Man mußte also den Ausspruch des Gebieters erfüllen und konnte sich
-für das Aufgeben so lange genährter Wünsche nur dadurch einigermaßen
-für entschädigt halten, daß die weitere Erziehung des Jünglings keine
-großen Unkosten verursachen und eine besonders gute Anstellung in
-herzoglichen Diensten ihm einst gewiß sein würde.
-
-Was noch weiter zur Beruhigung der Mutter und Schwestern beitrug, war
-die Nähe des Institutes; die Gewißheit, den Sohn und Bruder jeden
-Sonntag sprechen zu können; dann die große Sorgfalt, welche man für
-die Gesundheit der Zöglinge anwendete, und die vertrauliche, sehr oft
-väterliche Herablassung des Herzogs gegen dieselben, durch welche die
-strenge Disziplin um vieles gemildert wurde.
-
-Mißmutigen Herzens verließ der vierzehnjährige Schiller 1773 das
-väterliche Haus, um in die Pflanzschule aufgenommen zu werden, und
-wählte zu seinem Hauptstudium die Rechtswissenschaft, weil von dieser
-allein eine den Wünschen seiner Eltern entsprechende Versorgung einst
-zu hoffen war. Aber sein feuriger, schwärmerischer Geist fand in diesem
-Fache so wenig Befriedigung, daß er es sich nicht verwehren konnte, dem
-Bekenntnis, welches jeder Zögling über seinen Charakter, seine Tugenden
-und Fehler jährlich aufsetzen mußte, schon das erste Mal die Erklärung
-beizufügen: »Er würde sich weit glücklicher schätzen, wenn er seinem
-Vaterland als Gottesgelehrter dienen könnte.«
-
-Auf diesen ebenso schön als bescheiden ausgesprochenen Wunsch wurde
-jedoch keine Rücksicht genommen. Das Studium der Rechtswissenschaft
-mußte fortgesetzt werden und wurde auch mit allem Fleiß und Eifer von
-ihm betrieben. Aber nach Verlauf eines Jahres beschied der Herzog den
-Vater Schillers wieder zu sich, um ihm zu sagen: »daß, weil gar zu
-viele junge Leute in der Akademie Jura studierten, seinem Sohne eine so
-gute Anstellung bei seinem Austritt nicht werden könne, wie er selbst
-gewünscht hätte. Der junge Mensch müsse Medizin studieren, wo er ihn
-dann mit der Zeit sehr vorteilhaft versorgen wolle.«
-
-Ein neuer Kampf für den Jüngling! Neue Unruhe für seine Eltern und
-Geschwister! Schon einmal hatte der zartfühlende Sohn aus Rücksicht
-für seine Angehörigen die Neigung zu einem Stande aufgeopfert, den ihm
-die Vorsehung ganz eigentlich bestimmt zu haben schien. Jetzt sollte er
-ein zweites Opfer bringen. Er sollte, nachdem er ein volles Jahr der
-Rechtswissenschaft gewidmet, ein anderes Fach ergreifen, gegen das er
-die gleiche Abneigung wie gegen das zuerst erwählte an den Tag legte.
-Jedoch der beugsame, kindliche Sinn, der ihn auch später in allen
-Vorfällen seines Lebens nie verließ, machte ihm diesen schweren Schritt
-möglich, und er unterwarf sich dem, was man über ihn bestimmt hatte.
-
-Für den Vater war es zugleich nicht wenig lästig, daß er die
-zahlreichen, zum Rechtsstudium erforderlichen Werke ganz unnützerweise
-angeschafft hatte und nun für das neue Fach noch viel größere Ausgaben
-machen mußte, indem nur den gänzlich Unvermögenden die nötigen Bücher
-von der Akademie verabfolgt wurden.
-
-Als der junge Schiller in die Klasse der Mediziner übertreten mußte,
-war er in seinem sechzehnten Jahre, und so ungern er auch die neue
-Wissenschaft ergriff, indem er nicht hoffen konnte, sich jemals
-recht innig mit ihr zu befreunden, so fand er sie doch nach kurzer
-Zeit um vieles anziehender, als er sich vorgestellt hatte; denn die
-verschiedenen Teile derselben, so trocken auch ihre Einleitung sein
-mochte, behandelten doch alle ohne Ausnahme die lebendige Natur
-und versprachen ihm einst bei dem Menschen neue Aufschlüsse über
-die Wechselwirkung des Körperlichen und des Geistigen aufeinander.
-Sein schon von Jugend auf sehr starker Hang zum Forschen, zum
-tiefen Nachdenken, wurde durch die Hoffnung angefeuert, hier einst
-Entdeckungen machen zu können, die seinen Vorgängern entschlüpft
-wären, oder daß es ihm vielleicht gelingen würde, die in so großer
-Menge zerstreuten Einzelheiten auf wenige allgemeine Resultate
-zurückzuführen. Aber bei allen diesen reizenden Vorahnungen und
-ungeachtet der vorgeschriebenen Ordnung, die auch sehr streng gehalten
-werden mußte, benutzte er doch jede freie Minute, um sich mit der
-Geschichte, der Dichtkunst oder den Schriften zu beschäftigen, welche
-den Geist, das Gemüt oder den Witz anregen, und vermied solche,
-bei denen der kalte, überlegende Verstand ganz allein in Anspruch
-genommen wird. Unter den Dichtern war es Klopstock, der sein Gefühl,
-das noch immer am liebsten bei den ernsten, erhabenen Gegenständen
-der Religion verweilte, am meisten befriedigte. Seinen eignen Genuß
-an diesen Werken suchte er auch seiner ältesten Schwester wenigstens
-in dem Maße zu verschaffen, als es durch briefliche Mitteilung in
-Erklärung der schönsten und schwersten Stellen möglich war. In seiner
-jugendlichen Unschuld, den hohen Stand noch gar nicht ahnend, zu
-dem ihn die Vorsehung erwählt und mit allen ihren göttlichen Gaben
-so überschwenglich reich beteilt hatte, konnte er wohl öfters die
-entschiedene Neigung für dichterische oder andere Geisteswerke als eine
-bloße Belustigung für seine Phantasie betrachten und sich Vorwürfe
-darüber machen, wenn dadurch so manche Stunde seinem Berufsstudium
-entzogen wurde. Aber eine innere, beruhigende Stimme rief ihm dann zu:
-ist der große Arzt, der große Naturforscher Haller nicht auch zugleich
-ein großer Dichter? Wer besang die Wunder der Schöpfung schöner und
-herrlicher als Haller?
-
- »Du hast den Elefant aus Erde aufgetürmt,
- Und seinen Knochenberg beseelt,«
-
-war ein Ausdruck, den Schiller nebst so vielen andern dieses Dichters
-nicht nur damals, sondern auch dann noch mit Bewunderung anführte, als
-seine erste Jugendzeit längst verflogen war.
-
-Jedoch nicht nur das Beispiel Hallers erleichterte ihm die
-Selbstentschuldigung wegen seines Hangs für die Dichtkunst, sondern es
-waren in der Abteilung, in welche er jetzt versetzt war, noch mehrere
-Zöglinge, die eine gleiche Leidenschaft für Genüsse des Geistes und
-Gemütes hatten, unter denen sich Petersen Hoven, Massenbach und andere
-als Dichter oder Schriftsteller später bekannt gemacht haben. Je
-erkünstelter der Fleiß war, mit dem diese jungen Leute ihr Hauptstudium
-trieben, je gieriger suchten sie Erholung in dichterischen Werken, von
-denen endlich die von Goethe und Wieland ihnen die liebsten waren. Ihre
-natürlichen Anlagen verleiteten sie, bei dem bloßen Lesen und Genießen
-nicht stehen zu bleiben, sondern ihre Kräfte auch an eignen Aufsätzen
-oder poetischen Darstellungen zu versuchen. Und daß keiner seine Arbeit
-den anderen verheimlichte; daß jeder mit größter Offenheit getadelt
-oder gelobt wurde; daß diese Jünglinge sich in ungewöhnlichen oder
-verwegenen Dichtungen zu überbieten suchten, war eine natürliche Folge
-ihrer Jahre und des Zwanges, dem sie unterworfen waren. Die gleiche
-Lieblingsneigung, die sie nur verstohlenerweise befriedigen durften,
-die gleiche Subordination, unter die sie ihren Willen beugen mußten,
-ketteten sie so fest aneinander, daß sie in der Folge sich nie trafen,
-ohne ihre Freude durch die fröhlichste Laune, oft durch wahren Jubel zu
-bezeugen.
-
-Unter allen diesen Schriften aber machten diejenigen, die für das
-Theater geschrieben waren, den meisten Eindruck auf den jungen
-Schiller. Jede Handlung im ganzen, jede Szene im einzelnen weckte
-in ihm eine der schlummernden Kräfte, deren die Natur für diese
-Dichtungsart so viele in ihn gelegt hatte, und die so reizbar waren,
-daß er mit einem dramatischen Gedanken nur angehaucht zu werden
-brauchte, um sogleich in Flammen der Begeisterung aufzulodern.
-In seinem zehnten Jahre hatte er zwar schon in Ludwigsburg Opern
-gesehen, die der Herzog mit allem Pomp, mit aller Kunst damaliger Zeit
-aufführen ließ. So neu und wundervoll dem empfänglichen Knaben der
-schnelle Wechsel prachtvoller Dekorationen, das Anschauen künstlicher
-Elefanten, Löwen etc., die Aufzüge mit Pferden, das Anhören großer
-Sänger, von einem trefflichen Orchester begleitet, der Anblick von
-Balletten, die von Noverre eingerichtet, von Vestris getanzt wurden
--- so sehr dieses alles, vereinigt, ihn auch außer sich versetzen
-mußte, so hatte es doch nur die äußern Sinne des Auges, des Ohres
-berührt, aber Gefühl und Gemüt weder angesprochen noch befriedigt.
-Dagegen waren Julius von Tarent, Ugolino, Götz von Berlichingen
-und, einige Jahre vor seinem Austritt, alle Stücke von Shakespeare
-diejenigen Werke, welche mit allen seinen Gedanken und Empfindungen
-so übereinstimmten, seines Geistes sich dergestalt bemeisterten, daß
-er schon in seinem siebzehnten Jahre sich an dramatische Versuche
-wagte und das später so berühmte Trauerspiel, die Räuber, zu entwerfen
-anfing. Gaben die genannten Schriften seiner Vorliebe für dramatische
-Poesie schon überflüssige Nahrung, so wurde seine Neigung, sowie für
-schöne Kunst überhaupt, schon dadurch unterhalten und bestärkt, daß
-er mit jenen Zöglingen, die sich für die Bühne, die Tonkunst oder
-Malerei bestimmt hatten, im genauen Umgange stand. Denn so streng auch
-in dieser Akademie darauf gehalten wurde, daß jeder die Gegenstände
-seines künftigen Berufes auf das gründlichste erlerne, so war, wenn
-diesen Forderungen Genüge geleistet wurde, der Umgang der Zöglinge
-untereinander gar nicht so beschränkt, daß sie ihre freien Stunden
-nicht hätten nach ihrem Willen benützen dürfen, wenn dieser die
-allgemeine Ordnung nicht störte. Auch war es denjenigen unter ihnen,
-die Gefallen daran fanden, alle Jahre einigemal erlaubt, Theaterstücke
-in einem akademischen Saale aufzuführen, bei denen aber die weiblichen
-Rollen gleichfalls von Jünglingen besetzt werden mußten. Schiller
-konnte dem Drange nicht widerstehen, sich auch als Schauspieler
-zu versuchen, und übernahm im Clavigo eine Rolle, die er aber so
-darstellte, daß sein Spiel noch lange nachher sowohl ihm als seinen
-Freunden reichen Stoff zum Lachen und zur Satire verschaffte.
-
-Es konnte jedoch nicht anders kommen, als daß diese dichterischen
-Zerstreuungen nur zum Nachteil seiner medizinischen Studien genossen
-wurden, und daß er manchen Verdruß mit seinem Hauptmann sowie öfters
-Vorwürfe von seinen Professoren sich zuzog, wenn er das aufgegebene
-Pensum nicht gehörig abgearbeitet hatte.
-
-Und dennoch, sowohl aus Liebe zu seinen Eltern, denen er Freude zu
-machen wünschte, als aus Ehrgeiz und edlem Stolze, war sein Fleiß
-aufrichtiger und größer als der seiner Mitschüler. Aber geschah es
-denn mit seinem Willen, daß ihn mitten im eifrigsten Lernen Bilder
-überraschten, die mit denen, die das Buch darbot, nicht die mindeste
-Ähnlichkeit hatten! -- War es seine Schuld, daß er anatomische
-Zeichnungen, Präparate, fast unmöglich in ihrer eingeschränkten
-Beziehung betrachten konnte, sondern seine Phantasie sogleich in dem
-Großen, Allgemeinen der ganzen Natur umherschweifte? Oder konnte er es
-seiner ihm so treu anhänglichen Muse verwehren, daß sie selbst in den
-Kollegien, wenn er mit tiefsinnigem Blick auf den Professor horchte,
-ihm etwas zuflüsterte, was seine Ideen von dem Vortrage wegriß und
-seinen Geist auch den ernstlichsten Vorsätzen entgegen in dichterische
-Gefilde leitete? -- Nichts von allem diesem. Ganz unfreiwillig mußte er
-sich diesen Störungen unterwerfen. Wie durch eine zauberische Gewalt
-herbeigeführt, gärten in seinem Innern Bilder und Entwürfe, die immer
-stärker andrängten, je mehr der Mann sich in ihm entwickelte und seine
-Vorstellungen sich bereicherten.
-
-Er selbst sah sehr gut ein, daß er bei diesem nicht ungeteilten Treiben
-seiner Berufswissenschaft sehr spät das Ziel erreichen würde, welches
-er sich vorgesetzt hatte, und ob auch seine Lehrer die treffenden
-Bemerkungen und Antworten von ihm weit höher als den mechanischen
-Fleiß der andern achteten, so stellte er doch zu große Forderungen an
-sich selbst, als daß ihm seine bisherigen Fortschritte hätten genügen
-können. Er beschloß daher in seinem achtzehnten Jahre, so lange nichts
-anderes, als was die Medizin betreffe, zu lesen, zu schreiben oder auch
-nur zu denken, bis er sich das Wissenschaftliche davon ganz zu eigen
-gemacht hätte. Der ungeheuern Überwindung, die es ihn anfangs kostete,
-ungeachtet, verfolgte er diesen Vorsatz mit solcher Festigkeit und
-studierte die ärztlichen Werke von Haller mit so viel unausgesetztem
-Eifer, daß er schon nach Verlauf von kaum drei Monaten eine Prüfung
-darüber bestehen konnte, von welcher er die größten Lobsprüche
-einerntete. Diese außerordentliche Anstrengung, bei welcher er sich
-auch den kleinsten Genuß, selbst ein aufmunterndes Gespräch versagte,
-hatte zwar etwas nachteilig auf seinen Körper gewirkt, dagegen aber
-ihn mit der Wissenschaft dergestalt vertraut gemacht, daß er nun mit
-größter Leichtigkeit auf die Anwendung derselben sowohl in ihren
-verschiedenen Fächern als in der Heilkunde selbst übergehen konnte.
-
-Das höchste Opfer, welches er seinem künftigen Berufe bringen mußte,
-war eine so lange dauernde Entsagung der Dichtkunst, die bei ihm schon
-zur Leidenschaft geworden war. Aber er hatte sich von der Geliebten ja
-nur entfernt! Untreu konnte er ihr niemals werden; denn so wie er den
-Grad des Wissens, der ihn zum Meister der Arzneikunde machen sollte,
-einmal erobert hatte, kehrte er mit allem Feuer ungestillter Sehnsucht
-in die Arme der Göttin zurück und benutzte jeden freien Augenblick zur
-Ausarbeitung seines angefangenen Trauerspiels. Auch dichtete er außer
-vielen andern Sachen in diesem Zeitpunkt eine Oper, Semele, die so
-großartig gedacht war, daß, wenn sie hätte aufgeführt werden sollen,
-alle mechanische Kunst des Theaters damaliger Zeit (und man darf sagen,
-auch der jetzigen) nicht ausgereicht haben würde, um sie gehörig
-darzustellen.
-
-Das Praktische der Medizin kostete ihn nun weit weniger Mühe, als ihm
-das Theoretische verursacht hatte. Die Anwendung der vorgeschriebenen
-Regeln erhöhten sein Interesse schon darum, weil er ihre Wirkung
-beobachten und Bemerkungen darüber äußern konnte, die von seinen
-Professoren oft bewundert wurden. Die günstigen Zeugnisse, die sie ihm
-erteilten, hatten für ihn die angenehme Folge, daß er mit dem Antritt
-seines zweiundzwanzigsten Jahres über eine von ihm selbst geschriebene
-Abhandlung öffentlich disputieren durfte und für fähig gehalten
-ward, nicht nur aus der Akademie treten, sondern auch eine ärztliche
-Anstellung in herzoglichen Diensten bekleiden zu können. Er erhielt zu
-Ende des Jahres 1780 bei dem in Stuttgart liegenden Grenadierregiment
-Augé die Stelle eines Arztes mit monatlicher Besoldung von achtzehn
-Gulden Reichswährung oder fünfzehn Gulden im Zwanzig-Gulden-Fuß.
-
-Obwohl die Berufsfähigkeiten Schillers eine würdigere Auszeichnung
-verdient hätten und auch die Stelle nebst ihrem kleinen Sold sehr tief
-unter der Erwartung der Eltern war, die dem gegebenen Versprechen
-des Herzogs gemäß auf eine weit bessere Versorgung gezählt hatten,
-so durfte doch von keiner Seite ein Widerspruch erhoben oder eine
-Einwendung dagegen gemacht werden.
-
-Und derjenige, der die größte Ursache zu klagen gehabt hätte, war am
-besten mit dieser Entscheidung zufrieden, weil nun seine Tätigkeit
-freien Raum hatte und weil ihm der ungehinderte Gebrauch seiner
-Dichtergabe gestattet schien, die sich von Tag zu Tag stärker
-entwickelte; denn je mehr ihm der Zwang und die unabänderliche
-Regelmäßigkeit mißfiel, in welcher er sieben Jahre seiner schönsten
-Jugendzeit zubringen mußte, um so öfter und leidenschaftlicher
-beschäftigte er sich mit Entwürfen, wie er einst seine Freiheit
-genießen wolle; und als endlich die Hoffnung zur Selbständigkeit,
-sowohl ihm als seinen jungen Freunden in Gewißheit überzugehen
-anfing, war es ihre einzige, angenehmste Unterhaltung, sich ihre
-Wünsche und Vorsätze hierüber mitzuteilen. Die letzteren betrafen
-jedoch hauptsächlich literarische Gegenstände, die so tätig ins Werk
-gesetzt wurden, daß Schiller sogleich nach dem Antritt seines Amtes
-das Schauspiel, die Räuber, das er in den vier letzten Jahren seines
-akademischen Aufenthaltes schrieb, gänzlich in Ordnung brachte und
-solches zu Anfang des Sommers 1781 im Druck herausgab.
-
-Es wäre vergeblich, den Eindruck schildern zu wollen, den diese
-Erstgeburt eines Zöglings der hohen Karlsschule und, wie man wußte,
-eines Lieblings des Herzogs in dem ruhigen, harmlosen Stuttgart
-hervorbrachte, wo man nur mit den frommen, sanften Schriften eines
-Gellert, Hagedorn, Ramler, Rabener, Utz, Kramer, Schlegel, Cronegk,
-Haller, Klopstock, Stollberg und ähnlicher den Geist nährte; wo
-man die Gedichte von Bürger, die Erzählungen von Wieland als das
-Äußerste anerkannte, was die Poesie in sittlichen Schilderungen sich
-erlauben darf -- wo man Ugolino für das schauderhafteste und Götz
-von Berlichingen für das ausschweifendste Produkt erklärte; -- wo
-Shakespeare kaum einigen Personen bekannt war und wo gerade die Leiden
-Siegwarts, Karl von Burgheim und Sophiens Reise von Memel nach Sachsen
-das höchste Interesse der Leseliebhaber erregt hatten. Nur derjenige,
-der die genannten Schriften kennt, sich den ruhigen, stillen Eindruck,
-den sie einst auf ihn machten, zurückruft und dann einige Auftritte
-aus den Räubern liest; nur der allein kann sich die Wirkung lebhaft
-genug vorstellen, welche diese -- in Rücksicht ihrer Fehler sowohl
-als ihrer Schönheiten -- außerordentliche Dichtung hervorbrachte. Die
-jüngere Welt besonders wurde durch die blendende Darstellung, durch die
-natürliche, ergreifende Schilderung der Leidenschaften in die höchste
-Begeisterung versetzt, welche sich unverhohlen auf das lebhafteste
-äußerte.
-
-Der Ruhm des Dichters blieb aber nicht auf sein Vaterland beschränkt.
-Ganz Deutschland ertönte von Bewunderung und Erstaunen, daß ein
-Jüngling seine Laufbahn mit einem Werk eröffne, womit andere sich
-glücklich preisen würden, die ihrige beschließen zu können.
-
-Diese Lobeserhebungen, so schmeichelhaft sie auch seinem Ehrgeize
-waren, konnten ihn jedoch nicht in dem Grade berauschen, daß er
-geglaubt hätte, schon vieles oder gar alles erreicht zu haben, sondern
-waren eher ein Sporn für ihn, noch Größeres zu leisten.
-
-Er veranstaltete im nämlichen Jahre noch die Herausgabe einer Sammlung
-Gedichte, die teils von ihm selbst, teils von seinen Freunden schon
-in der Akademie bearbeitet worden waren, und ließ solche unter dem
-Titel Anthologie 1782 erscheinen. Da auch das von dem Professor
-Balthasar Haug seit einigen Jahren herausgegebene Schwäbische Magazin
-sich seinem Ende nahte, so beschloß er, in Gemeinschaft mit seinen
-Freunden die erlöschende Monatschrift als ein Repertorium für Literatur
-fortzusetzen; was um so leichter zustande kam, je größer der Vorrat
-war, den sie schon früher gesammelt hatten. Mit wahrhaft jugendlichem
-Übermut verfaßte er für diese Schrift in der Folge eine Rezension
-seiner Räuber, welche so hart und beißend war, daß man nicht begreifen
-konnte, wie jemand es wagen mochte, eine Arbeit so streng zu tadeln,
-deren Glanz die meisten Leser verblendet und auch den größten Kennern
-Achtung abgenötigt hatte. Der über diese Beurteilung häufig geäußerte
-Tadel gewährte aber ihm desto mehr Belustigung, je weniger jemand
--- außer einigen Freunden, die darum wußten -- vermutete, daß der
-Verfasser selbst diese scharfe Geißel über sich geschwungen.
-
-Diese literarischen Beschäftigungen, welche eine lang gehegte Sehnsucht
-befriedigten, und bei welchen sich Schiller ganz in seinem Element
-befand, hätten ihm wenig zu wünschen übrig gelassen, wenn dadurch seine
-körperlichen Bedürfnisse ebenso wie seine geistigen gehoben gewesen
-wären. Allein dies konnte um so weniger der Fall sein, je kleiner in
-Stuttgart die Anzahl der Buchhändler oder derjenigen Leute war, die
-nicht nur lesen, sondern auch kaufen wollten. Es ließ sich schon für
-die Räuber kein Verleger finden, der die Ausgabe auf seine Kosten
-wagen, noch minder aber etwas dafür honorieren wollte, daher der
-Dichter genötigt war, sie auf eigne Kosten drucken zu lassen und, da
-seine Geldkräfte bei weitem nicht hinreichten, den Betrag zu borgen.
-
-Um zu versuchen, ob er nicht zu einigem Ersatz seiner Auslagen gelangen
-könne, und um sein Werk auch im Ausland bekannt zu machen, schrieb
-er, noch ehe der Druck ganz beendigt war, an Herrn Hofkammerrat und
-Buchhändler Schwan zu Mannheim, der durch den vorteilhaftesten Ruf
-bekannt war, und schickte ihm die fertigen Bogen zu, welche er, mit
-Bemerkungen begleitet, wieder zurückerhielt.
-
-Ob allein die Ansichten des Herrn Schwan den Verfasser aufmerksam
-machten, oder ob er selbst darüber erschrak, wie grell und widerlich
-sich manches dem Auge darstelle, nachdem es nun gedruckt vor ihm lag --
-genug, in den letzten Bogen wurde einiges geändert, die von der Presse
-schon ganz fertig gelieferte Vorrede unterdrückt und eine neue mit
-gemilderten Ausdrücken an deren Stelle gesetzt.
-
-Wer es weiß, wie einseitig ein Dichter oder Künstler wird, wenn er
-nicht mit andern seines Faches, die höher als er, oder doch mit ihm
-auf gleicher Stufe stehen, Umgang haben und seine Ideen austauschen
-kann; wer zugibt, daß bei einem reichen, feurigen Talent, in den ersten
-Jünglingsjahren nur Begeisterung und Einbildungskraft herrschen,
-Verstand und Geschmack aber von diesen übertäubt werden; der wird die
-stärksten Auswüchse in den Räubern um so eher entschuldigen, als der
-Dichter nicht in der Lage war, einen in der Literatur bedeutenden Mann
-zum Vertrauten zu haben, und auch schon sein zweites Werk hinlänglich
-bezeugte, mit welcher Umsicht er die Fehler des ersten zu vermeiden
-gesucht.
-
-So sehr Herr Schwan als Buchhändler Schillern nützlich zu werden
-suchte, so eifrig verwendete er sich bei dem damaligen Intendanten
-des Mannheimer Theaters, Baron von Dalberg, damit dieses Stück für
-die Bühne brauchbar gemacht und aufgeführt werden könne. Demzufolge
-forderte Baron von Dalberg den Dichter auf, nicht nur dieses
-Trauerspiel abzuändern, sondern auch seine künftigen Arbeiten für die
-Schauspielergesellschaft in Mannheim einzurichten. Schiller willigte
-um so lieber in diesen Vorschlag, je entfernter der Zeitpunkt war,
-in welchem eine seiner Dichtungen auf dem Theater in Stuttgart hätte
-aufgeführt werden können, indem die Leistungen desselben bloß als
-Versuche von Anfängern gelten konnten.
-
-Vor dem Jahre 1780 war nie ein stehendes deutsches Theater in der
-Hauptstadt Württembergs. Was man daselbst vom Schauspiel kannte, waren
-die Opern und Ballette, welche früher, ganz auf herzogliche Kosten,
-von Italienern und Franzosen, und nachdem diese verabschiedet waren,
-von den männlichen und weiblichen Zöglingen der Akademie, gleichfalls
-in italienischer und französischer Sprache gegeben wurden. In Mitte
-der siebziger Jahre kam Schikaneder nach Stuttgart; durfte aber keine
-Vorstellung im Opernhause geben, sondern mußte seine Operetten, Lust-
-und Trauerspiele im Ballhause aufführen. Erst als die Zöglinge der
-Akademie mehr herangewachsen, und man sie -- da sie doch einmal für das
-Schauspiel bestimmt waren -- in Übung erhalten wollte, gaben sie so
-lange, bis ein neues Theater gebaut wurde, die Woche einige deutsche
-Operetten in dem Opernhause, für deren Genuß das Publikum ein sehr
-mäßiges Eintrittsgeld bezahlte. Auch als das kleinere Theater fertig
-stand, wurden anfänglich nichts als kleine, deutsche Opern aufgeführt;
-was um so natürlicher war, da sich unter allen, welche sich dem Theater
-gewidmet hatten, nur eine einzige Person fand, welche wahrhaft großes
-Talent sowohl für komische als ernsthafte Darstellungen zeigte.
-
-Diese war -- Herr Haller, ein wahrer Sohn der Natur. Wäre ihm damals
-das Glück geworden in einer andern Umgebung zu sein, gute Vorbilder
-und Beispiele zu sehen, so hätte er einer der besten Schauspieler
-Deutschlands werden können, und sein Name wäre mit den Vorzüglichsten
-dieser Kunst zugleich genannt worden.
-
-Je tiefer nun diese vaterländische Schaubühne unter dem Ideale stand,
-das Schillern von einem guten, besonders aber tragischen Schauspiel
-vorschwebte, um so lebhafter ergriff er den Vorschlag, sein Stück
-für eine Bühne zu bearbeiten, die nicht nur einen sehr großen Ruf
-hatte, sondern sich auch um so mehr als die erste in Deutschland
-achten durfte, da fast alle ihre Mitglieder in der Schule von Ekhof
-gebildet waren. Mit all dem Eifer, den Jugend und Begeisterung zur
-Erreichung eines Zweckes, der für ihn das höchste seiner Wünsche war,
-nur immer hervorbringen können, ging Schiller an die Umarbeitung
-seines Trauerspiels, die er sich weniger schwer dachte, als er in
-der Folge fand. Denn wäre es ihm auch leicht geworden, seinen hohen,
-dichterischen Flug den Schranken der Bühne und den Forderungen des
-Publikums gemäß einzurichten; oder hätte er auch ohne Bedauern
-manche Szenen und Stellen aufgeopfert, die er und seine Freunde
-sehr hoch geschätzt hatten, so raubten ihm seine Berufsgeschäfte
-den ungehinderten Gebrauch der Zeit sowie die nötige Stimmung, die
-eine solche Arbeit erfordert. Seinem ganzen Wesen, das nicht den
-mindesten Zwang ertragen konnte, war das immerwährende Einerlei der
-Lazarettbesuche und ebenso das tägliche und genaue Erscheinen auf
-der Wachtparade, um seinem General den Rapport über die Kranken
-abzustatten, im höchsten Grad zuwider. Die unpoetische Uniform, aus
-einem blauen Rock mit schwarzem Samtkragen, weißen Beinkleidern,
-steifem Hut und einem Degen ohne Quaste bestehend, sah er als ein
-Abzeichen an, das ihn unablässig an die Subordination erinnern solle.
-Am härtesten fiel ihm jedoch, daß er ohne ausdrückliche Erlaubnis
-seines Generals sich nicht aus der Stadt entfernen und seine nur eine
-Stunde von Stuttgart wohnenden Eltern und Geschwister besuchen durfte.
-In seiner schönsten Jugendzeit mußte er diesen Umgang meistens nur auf
-schriftliche Unterhaltung beschränken, und jetzt, da er sich frei
-glauben durfte, war es ihm um so schmerzlicher, den Besuch seiner
-nächsten Angehörigen von der Laune seines Chefs erbitten zu müssen.
-
-Die ganze Familie fand sich durch seine Anstellung als Regimentsarzt
-getäuscht, indem sie, als der Sohn seiner Neigung zur Theologie
-entsagen mußte, auf das von dem Herzog gegebene Versprechen fest baute,
-daß er ihn für die gemachte Aufopferung auf die vorteilhafteste Art
-schadlos halten würde.
-
-Jedoch mußten alle sich fügen, und dem Sohne blieb nur der Trost, den
-er in seinen dichterischen Beschäftigungen fand, und nebenbei die
-Aussicht, sich dadurch im Auslande bekannt und seinen Wirkungskreis
-bedeutender zu machen. Er schrieb daher auch an Wieland, den er nicht
-allein wegen seiner Vielseitigkeit, sondern vorzüglich wegen der hohen
-Vollendung seiner Dichtungen außerordentlich hochschätzte, und war
-überglücklich, als er von diesem großen Mann eine Antwort erhielt, die
-nicht nur das Ungewöhnliche und Seltene der frühzeitigen Leistungen
-Schillers in vollem Maß anerkannte, sondern auch überhaupt sehr
-geistreich und schmeichelhaft war. Für die Freunde von Schiller, die
-an allem, was ihn betraf, mit dem wärmsten Eifer Anteil nahmen, war
-es eine Art von Fest, diesen Brief zu lesen; sowohl die schöne, reine
-Schrift als die fließende Schreibart zu bewundern und sich über dessen
-Inhalt zu besprechen. Mit Stolz hoben sie es heraus, daß der Sänger der
-Musarion auch ein Schwabe sei und von diesem Schwaben die Sprache der
-Grazien der feinsten, gebildetsten Welt vorgetragen werde.
-
-Ähnliche Ermunterungen vom Auslande nebst dem Drange, die Geschöpfe
-seiner Einbildungskraft verwirklicht zu sehen, stärkten den Mut des
-jungen Dichters und erhoben ihn über die Widerwärtigkeiten, welche ihm
-seine Lage täglich verursachte. Außer den vielen Unterbrechungen aber,
-die ihm sein Stand zur Pflicht machte, waren auch die Einwürfe des
-Baron Dalberg nichts weniger als dazu geeignet, ihn bei guter Laune für
-seine Arbeit zu erhalten, und man darf sich daher auch nicht wundern,
-daß er zur Umschmelzung seines Schauspiels so viele Monate brauchte,
-als es bei minderer Störung Wochen bedurft hätte.
-
-Er besiegte jedoch alle Schwierigkeiten, so sehr sich auch sein ganzes
-Wesen anfangs dagegen sträubte, und fühlte sich wie von der schwersten
-Last erleichtert, als er sein Manuskript für fertig halten und nach
-Mannheim absenden konnte. Um aber dem Leser das Gesagte anschaulicher
-zu machen, sei es erlaubt einen Teil des Schreibens, welches die
-Umarbeitung begleitete, aus den, bei D. R. Marx in Karlsruhe
-erschienenen Briefen Schillers an Baron Dalberg hier einzurücken, indem
-es zur Bestätigung des Obigen dient, und zugleich den Beweis liefert,
-wie streng und mit wie wenig Schonung er bei der Abänderung verfuhr.
-Selten wird wohl ein Dichter bei seinem ersten Werke schon alles für so
-wichtig angesehen oder so scharf beurteilt haben, als es hier von einem
-zweiundzwanzigjährigen Jüngling geschehen ist.
-
- Stuttgart, den 6. Oktober 1781.
-
- »Hier erscheint endlich der verlorene Sohn, oder die
- umgeschmolzenen Räuber. Freilich habe ich nicht auf den Termin,
- den ich selbst festsetzte, Wort gehalten, aber es bedarf nur eines
- flüchtigen Blicks über die Menge und Wichtigkeit der getroffenen
- Veränderungen, mich gänzlich zu entschuldigen. Dazu kommt noch,
- daß eine Ruhrepidemie in meinem Regimentslazarett mich von meinem
- ~otiis poeticis~ sehr oft abrief. Nach vollendeter Arbeit darf
- ich Sie versichern, daß ich mit weniger Anstrengung des Geistes
- und gewiß mit noch weit mehr Vergnügen ein neues Stück, ja selbst
- ein Meisterstück schaffen wollte, als mich der nun getanen Arbeit
- nochmals unterziehen. -- Hier mußte ich Fehlern abhelfen, die
- in der Grundlage des Stückes schon notwendig wurzeln, hier mußte
- ich an sich gute Züge den Grenzen der Bühne, dem Eigensinn
- des Parterre, dem Unverstand der Galerie, oder sonst leidigen
- Konventionen aufopfern, und einem so durchdringenden Kenner,
- wie ich in Ihnen zu verehren weiß, wird es nicht unbekannt sein
- können, daß es, wie in der Natur so auf der Bühne, für eine Idee,
- eine Empfindung, auch nur einen Ausdruck, ein Kolorit gibt. Eine
- Veränderung, die ich in einem Charakterzug vornehme, gibt oft dem
- ganzen Charakter, und folglich auch seinen Handlungen und der auf
- diesen Handlungen ruhenden Mechanik des Stücks eine andere Wendung.
- Also Hermann. Wiederum stehen die Räuber im Original unter sich
- in lebhaftem Kontrast, und gewiß wird ein jeder Mühe haben, vier
- oder fünf Räuber kontrastieren zu lassen, ohne in einem von ihnen
- gegen die Delikatesse des Schauplatzes anzurennen. Als ich es
- anfangs dachte und den Plan bei mir entwarf, dacht' ich mir die
- theatralische Darstellung hinweg. Daher kam's, daß Franz als ein
- räsonierender Bösewicht angelegt worden; eine Anlage, die, so gewiß
- sie den denkenden Leser befriedigen wird, so gewiß den Zuschauer,
- der vor sich nicht philosophiert, sondern gehandelt haben will,
- ermüden und verdrießen muß. In der veränderten Auflage konnte
- ich diesen Grundriß nicht übern Haufen werfen, ohne dadurch der
- ganzen Ökonomie des Stücks einen Stoß zu geben; ich sehe also mit
- ziemlicher Wahrscheinlichkeit voraus, daß Franz, wenn er nun auf
- der Bühne erscheinen wird, die Rolle nicht spielen werde, die er
- beim Lesen gespielt hat. Dazu kommt noch, daß der hinreißende Strom
- der Handlung den Zuschauer an den feinen Nuancen vorüberreißt,
- und ihn also wenigstens um den dritten Teil des ganzen Charakters
- bringt. Der Räuber Moor, wenn er, wie ich zum voraus versicherte,
- seinen Mann unter den HH. Schauspielern findet, dürfte auf dem
- Schauplatz Epoche machen; einige wenige Spekulationen, die aber
- auch als unentbehrliche Farben in dem ganzen Gemälde spielen,
- weggerechnet, ist er ganz Handlung, ganz anschauliches Leben.
- Spiegelberg, Schweizer, Hermann etc. sind im eigentlichsten
- Verstande Menschen für den Schauplatz; weniger Amalie und der Vater.
-
- Ich habe schriftliche, mündliche und gedruckte Rezensionen zu
- benutzen gesucht. Man hat mehr von mir gefordert als ich leisten
- konnte, denn nur dem Verfasser eines Stücks, zumal wenn er selbst
- noch Verbesserer wird, zeigt sich das ~non plus ultra~ vollkommen.
- Die Verbesserungen sind wichtig, verschiedene Szenen ganz neu, und
- meiner Meinung nach, das ganze Stück wert -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- Franz ist der Menschheit etwas nähergebracht, aber der Weg dazu
- ist etwas seltsam. Eine Szene, wie seine Verurteilung im fünften
- Akt, ist meines Wissens auf keinem Schauplatz erlebt, ebensowenig
- als Amaliens Aufopferung durch ihren Geliebten. Die Katastrophe
- des Stücks deucht mir nun die Krone desselben zu sein. Moor spielt
- seine Rolle ganz aus, und ich wette, daß man ihn nicht in dem
- Augenblick vergessen wird, als der Vorhang der Bühne gefallen ist.
- Wenn das Stück zu groß sein sollte, so steht es in der Willkür
- des Theaters, Räsonnements abzukürzen, oder hie und da etwas
- unbeschadet des ganzen Eindrucks hinweg zu tun. Aber dawider
- protestiere ich höflich, daß beim Drucken etwas hinweggelassen
- wird; denn ich hatte meine guten Gründe zu allem, was ich stehen
- ließ, und soweit geht meine Nachgiebigkeit gegen die Bühne nicht,
- daß ich Lücken lasse und Charaktere der Menschheit für die
- Bequemlichkeit der Spieler verstümmle.« -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- +Fr. Schiller+, ~R. Medicus~.
-
-Es würde die vorgesteckten Grenzen dieser Schrift überschreiten, wenn
-auch die folgenden Briefe, welche die Einwürfe des Freiherrn von
-Dalberg widerlegen sollten, hier angeführt würden. Nur so viel sei noch
-hierüber gesagt, daß, so sehr auch Schiller den Zug in dem Charakter
-Karl Moors, die Geliebte mit seiner Hand zu töten, als wesentlich zur
-ganzen Rolle, ja als eine positive Schönheit derselben betrachtete,
-sein Gegner davon nicht abzubringen war, daß Amalie sich selbst mit
-dem Dolch erstechen müsse. Der andere Punkt, die Räuber in die Zeiten
-Maximilians des Ersten zu versetzen und in altdeutscher Kleidung
-spielen zu lassen, machte der theatralischen Wirkung gar keinen
-Eintrag, indem die Handlung zu sehr hinriß, um Vergleichungen zwischen
-der Sprache und dem Kostüm anstellen zu können, und damals nur äußerst
-wenige der Kritik, sondern nur des Eindrucks wegen, den das Gesehene
-bei ihnen zurücklassen sollte, das Schauspiel besuchten.
-
-Mit welcher Unruhe Schiller den Nachrichten aus Mannheim entgegensah,
-und in welcher Spannung er die Zeit zubrachte, welche zu den
-Vorbereitungen, den Proben erforderlich war, mag wohl nur der am
-richtigsten beurteilen, der als Dichter oder Tonkünstler sich zum
-erstenmal in gleichem Fall befindet. Er selbst sagt hierüber in einem
-der folgenden Briefe: »Auf meinen Räuber Moor bin ich im höchsten Grad
-begierig, und von Herrn Böck, der ihn ja vorstellen soll, höre ich
-nichts als Gutes. Ich freue mich wirklich darauf wie ein Kind.« Ferner:
-»Ich glaube meine ganze dramatische Welt wird dabei aufwachen, und im
-ganzen einen größern Schwung geben; denn es ist das erste Mal in meinem
-Leben, daß ich etwas mehr als Mittelmäßiges hören werde.«
-
-Endlich kam auch der so heftig gewünschte und ersehnte Tag heran, wo
-er seinen verlornen Sohn, wie er anfangs die Räuber benennen wollte,
-in der Mitte Januars 1782 auf dem Theater in Mannheim darstellen
-sah. Aus der ganzen Umgegend, von Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt,
-Mainz, Worms, Speyer etc. waren die Leute zu Roß und zu Wagen
-herbeigeströmt, um dieses berüchtigte Stück, das eine außerordentliche
-Publizität erlangt hatte, von Künstlern aufführen zu sehen, die auch
-unbedeutende Rollen mit täuschender Wahrheit gaben und nun hier um
-so stärker wirken konnten, je gedrängter die Sprache, je neuer die
-Ausdrücke, je ungeheuerer und schrecklicher die Gegenstände waren,
-welche dem Zuschauer vorgeführt werden sollten. Der kleine Raum des
-Hauses nötigte diejenigen, welchen nicht das Glück zu teil wurde, eine
-Loge zu erhalten, ihre Sitze schon mittags um ein Uhr zu suchen und
-geduldig zu warten, bis um fünf Uhr endlich der Vorhang aufrollte.
-Um die Veränderung der Kulissen leichter zu bewerkstelligen, machte
-man aus fünf Akten deren sechs, welche von fünf Uhr bis nach zehn Uhr
-dauerten. Die ersten drei Akte machten die Wirkung nicht, die man im
-Lesen davon erwartete; aber die letzten drei enthielten alles, um auch
-die gespanntesten Forderungen zu befriedigen.
-
-Vier der besten Schauspieler, welche Deutschland damals hatte, wendeten
-alles an, was Kunst und Begeisterung darbieten, um die Dichtung auf
-das vollkommenste und lebendigste darzustellen. Böck als Karl Moor
-war vortrefflich, was Deklamation, Wärme des Gefühls und den Ausdruck
-überhaupt betraf. Nur seine kleine, untersetzte Figur störte anfangs,
-bis der Zuschauer von dem Feuer des Spiels fortgerissen, auch diese
-vergaß. Beil als Schweizer ließ nichts zu wünschen übrig; so wie auch
-Kosinsky durch die passende Persönlichkeit des Herrn Beck sehr gewann.
-Durch die Art aber wie Iffland die Rolle des Franz Moor nicht nur
-durchgedacht, sondern dergestalt in sich aufgenommen hatte, daß sie mit
-seiner Person eins und dasselbe schien, ragte er über alle hinaus und
-brachte eine nicht zu beschreibende Wirkung hervor, indem keine seiner
-Rollen, welche er früher und dann auch später gab, ihm die Gelegenheit
-verschaffen konnte, das Gemüt bis in seine innersten Tiefen so zu
-erschüttern, wie es bei der Darstellung des Franz Moor möglich war.
-Zermalmend für den Zuschauer war besonders die Szene, in welcher er
-seinen Traum von dem Jüngsten Gericht erzählte, mit aller Seelenangst
-die Worte ausrief: »Richtet einer über den Sternen? Nein! Nein!« und
-bei dem zitternd und nur halblaut gesprochenen, in sich gepreßten
-Worte: Ja! Ja! -- die Lampe in der Hand, welche sein geisterbleiches
-Gesicht erleuchtete -- zusammensank. Damals war Iffland 26 Jahre alt,
-von Körper sehr schmächtig, im Gesicht etwas blaß und mager. Dieser
-Jugend ungeachtet, war sein Spiel auch in den kleinsten Schattierungen
-so durchgeführt, daß es ein nicht zu vertilgendes Bild in jedem Auge,
-das ihn sah, zurückließ.
-
-Welche Wirkung die Vorstellung der Räuber auf den Dichter derselben
-hervorbrachte, davon haben wir noch ein Zeugnis in dem Brief an Baron
-Dalberg vom 17. Jänner 1782, wo er schreibt: »Beobachtet habe ich sehr
-vieles, sehr vieles gelernt, und ich glaube, wenn Deutschland einst
-einen dramatischen Dichter in mir findet, so muß ich die Epoche von der
-vorigen Woche zählen etc.«
-
-Daß auch ihn selbst das Spiel von Iffland überraschte, bezeugte er
-in demselben Briefe mit Folgendem: »Dieses einzige gestehe ich, daß
-die Rolle Franzens, die ich als die schwerste erkenne, als solche
-über meine Erwartung (welche nicht gering war) vortrefflich gelang.«
-Schiller hatte sich, ohne Urlaub von seinem Regimentschef zu nehmen,
-aus Stuttgart entfernt, um sein Schauspiel zu sehen; es wußten daher
-auch nur einige um seine Abwesenheit und sie blieb für diesmal
-verborgen. Aber die Heiterkeit, welche vor der Abreise sein ganzes
-Wesen beseelt hatte, war nach seiner Rückkehr fast ganz verschwunden;
-denn so heftig er die Stunden des schöpferischen Genusses herbei
-gewünscht hatte, so mißvergnügt war er nun, daß er seine medizinischen
-Amtsgeschäfte wieder vornehmen und sich der militärischen Ordnung
-fügen mußte, da ihm jetzt nicht nur der Ausspruch der Kenner, der
-stürmische Beifall des Publikums, sondern hauptsächlich sein eignes
-Urteil die Überzeugung verschafft hatte, daß er zum Dichter, besonders
-aber zum Schauspieldichter geboren sei, und daß er hierin eine Stufe
-erreichen könne, die noch keiner seiner Nation vor ihm erstiegen. Jede
-Beschäftigung, die er nun unternehmen mußte, machte ihn mißmutig, und
-er achtete die Zeit, die er darauf verwenden mußte, als verschwendet.
-Es bedurfte wirklich auch einiger Wochen, bis sein aufgeregtes Gemüt
-sich wieder in die vorigen Verhältnisse finden konnte, und als er etwas
-ruhiger geworden war, brütete seine Einbildungskraft sogleich wieder
-über neuen Sujets, die als Schauspiele bearbeitet werden könnten.
-
-Unter mehreren, die aufgenommen und wieder verworfen wurden,
-blieben Konradin von Schwaben und die Verschwörung des Fiesco zu
-Genua diejenigen, welche ihm am meisten zusagten. Endlich wählte
-er letzteres, und zwar nicht allein wegen des Ausspruchs von J. J.
-Rousseau, daß der Charakter des Fiesco einer der merkwürdigsten sei,
-welche die Geschichte aufzuweisen habe; sondern auch, weil er bei
-dem Durchdenken des Planes fand, daß diese Handlung der meisten und
-wirksamsten Verwicklungen fähig sei. Sobald sein Entschluß hierüber
-fest stand, machte er sich mit allem, was auf Italien, die damalige
-Zeit sowie auf den Ort, wo sein Held handeln sollte, Beziehung hatte,
-mit größter Emsigkeit bekannt, besuchte fleißig die Bibliothek, las und
-notierte alles, was dahin einschlug, und als er endlich den Plan im
-Gedächtnis gänzlich entworfen hatte, schrieb er den Inhalt der Akte und
-Auftritte in derselben Ordnung, wie sie folgen sollten, aber so kurz
-und trocken nieder, als ob es eine Anleitung für den Kulissendirektor
-werden sollte. Nach Lust und Laune arbeitete er dann die einzelnen
-Auftritte und Monologe aus, zu deren Mitteilung und Besprechung ihm
-aber ein Freund, von dessen Empfänglichkeit und warmer Teilnahme er
-die Überzeugung hatte, um so mehr unentbehrlich war, da er auch bei
-seinen kleinern Gedichten es sehr liebte solche vorzulesen, um das
-dichterische Vergnügen doppelt zu genießen, wenn er seine Gedanken und
-Empfindungen im Zuhörer sich abspiegeln sah.
-
-Diese angenehmen Beschäftigungen, welche den edlen Jüngling für alles
-schadlos hielten, was er an Freiheit oder sonstigem Lebensgenuß
-entbehren mußte, wurden aber auf eine sehr niederschlagende Art
-durch etwas gestört, was wohl als die erste Veranlassung zu dem
-unregelmäßigen Austritt Schillers aus des Herzogs Diensten angesehen
-werden kann. Die Sache war folgende: In den beiden ersten Ausgaben der
-Räuber, in der dritten Szene des zweiten Aktes, befindet sich eine Rede
-des Spiegelberg, welche einen Bezug auf Graubünden hat, und die einen
-Bündner so sehr aufreizte, daß er eine Verteidigung seines Vaterlandes
-in den Hamburger Korrespondenten einrücken ließ. Wahrscheinlich wäre
-diese Protestation ohne alle Folgen geblieben, wenn nicht die Zeitung
-als eine Anklage gegen Schiller dem Herzog vor Augen gelegt worden
-wäre. Dieser war um so mehr über diese öffentliche Rüge aufgebracht,
-indem derjenige, gegen den sie gerichtet worden, nicht nur in seinen
-Diensten stand, sondern auch einer der ausgezeichnetsten Zöglinge
-seiner mit so vieler Mühe und Aufmerksamkeit gepflegten Akademie war.
-Er erließ daher an Schiller sogleich die Weisung, sich zu verteidigen,
-sowie den Befehl, alles weitere in Druckgeben seiner Schriften, wenn es
-nicht medizinische wären, zu unterlassen und sich aller Verbindung mit
-dem Ausland zu enthalten.
-
-Schiller beantwortete die Anklage damit, daß er die mißfällige Rede
-nicht als eine Behauptung aufgestellt, sondern als einen unbedeutenden
-Ausdruck einem Räuber, und zwar dem schlechtesten von allen, in den
-Mund gelegt. Auch habe er hier nur eine Volkssage nachgeschrieben, die
-er von früher Jugend an gehört.
-
-War der strenge Verweis und das Mißfallen seines Fürsten, das er auf
-eine so zufällige und ganz unschuldige Art sich zugezogen, schon im
-höchsten Grad unangenehm für Schiller, so mußte der harte Befehl --
-sich bloß auf seinen Beruf als Arzt und auf die Stadt, worin er lebte,
-einschränken zu sollen -- noch schmerzlicher für ihn sein, indem es
-ihm unmöglich fiel, den Hang, welchen er für die Dichtung hatte, zu
-unterdrücken und sich in einer Wissenschaft auszuzeichnen, die er nur
-aus Furcht vor der Ungnade des Herzogs ergriffen und der er seine
-Lieblingsneigung, den ersten Vorsatz seiner Kinderjahre aufgeopfert
-hatte. Durch das Verbot, sich in irgend eine Verbindung mit dem Ausland
-einzulassen, war ihm jede Möglichkeit zur Verbesserung seiner Umstände
-abgeschnitten, und selbst die kleinlichsten Sorgen, die härtesten
-Entsagungen hätten es nicht bewirken können, mit einer so geringen
-Besoldung auszureichen. Das Versprechen, welches der Herzog bei der
-Aufnahme Schillers in die Akademie seinen Eltern gegeben hatte, war so
-wenig erfüllt worden, daß sein Gehalt als Regimentsarzt kaum demjenigen
-eines Pfarrvikars gleich kam und durch den Aufwand für Equipierung, für
-standesmäßiges Erscheinen beinahe auf nichts herab gebracht wurde.
-
-Was aber gewöhnliche Menschen niederbeugt, was ihnen Geist und Glieder
-erschlafft, hebt den Mut der Starken, der Kraftvollen nur um so höher.
-Noch in den Jünglingsjahren bewährte sich jetzt Schiller als einen
-Mann, der sich durch keine Widerwärtigkeiten aus seiner Bahn bringen
-läßt, sondern rastlos das vorgesteckte Ziel verfolgt. Anstatt sich
-in nutzlosen Klagen auszulassen, arbeitete er nur um desto eifriger
-an seinem Fiesco, den er als einen neuen Hebel zur Sprengung seines
-Gefängnisses betrachtete und in dessen Ausarbeitung er all das Wilde,
-Rohe, was ihm bei den Räubern zum Vorwurf gemacht wurde, zu vermeiden
-suchte.
-
-Eine widerliche Unterbrechung seiner dramatischen Arbeiten wurde durch
-die Dissertation veranlaßt, welche er in diesem Frühjahr einreichen
-mußte, um auf der hohen Karlsschule (welchen Titel nun die ehemalige
-Militärakademie erhalten hatte) den Grad eines Doktors der Medizin
-zu erhalten. Dieser Förmlichkeit konnte er sich schon darum nicht
-entziehen, weil der Herzog seine neue Universität mit eifersüchtiger
-Liebe pflegte und darauf besonders sah, daß diejenigen, welche er
-erziehen lassen, vor den Augen der Welt sich als der Anstalt vollkommen
-würdig zeigen sollten. Auch war Schiller, was seine Studien betraf,
-einer der hervorstechendsten Zöglinge in der Akademie, weswegen er
-nicht nur von seinem Fürsten, sondern auch von seinen Lehrern, wie
-schon oben erwähnt, vorzüglich gelobt und geachtet wurde.
-
-Überdies würde es dem Herzog weit mehr als seinem Zögling unangenehm
-gewesen sein, wenn der junge Arzt bloß darum, weil er den Doktorhut
-nicht genommen, von den Kollegen seiner Kunst Schwierigkeiten oder
-weniger Achtung erfahren hätte.
-
-Daß Schiller selbst gegen diese Ehre im höchsten Grad gleichgültig
-war, äußerte er oft und stark genug gegen seine Freunde, und wer daran
-noch zweifeln könnte, findet seine unverhohlene Äußerung hierüber
-in dem Brief an Baron Dalberg vom 1. April 1782, wo er sagt: »Meine
-gegenwärtige Lage nötigt mich den Gradum eines Doktors der Medizin
-in der hiesigen Karlsschule anzunehmen, und zu diesem Ende muß ich
-eine medizinische Dissertation schreiben, und in das Gebiet meiner
-Handwerkswissenschaft noch einmal zurückstreifen. Freilich werde ich
-von dem milden Himmelsstrich des Pindus einen verdrießlichen Sprung
-in den Norden einer trockenen, terminologischen Kunst machen müssen;
-allein, was sein muß zieht nicht erst die Laune und Lieblingsneigung zu
-Rat. Vielleicht umarme ich dann meine Muse um so feuriger, je länger
-ich von ihr geschieden war; vielleicht finde ich dann im Schoß der
-schönen Kunst eine süße Indemnität für den fakultistischen Schweiß.«
-
-(Sollte ein Arzt diese Äußerungen verdammen wollen, so möge er sich
-erinnern, daß es in Schillers Gedicht »Die Teilung der Erde« nur der
-Dichter ausschließend ist, zu welchem Jupiter sagt:
-
- Willst du in meinem Himmel mit mir leben,
- So oft du kommst, er soll dir offen sein.)
-
-Mittlerweile wurden in Mannheim die Räuber sehr oft mit demselben
-Zulauf, mit dem gleichen Beifall wie das erste Mal gegeben, und es war
-nichts natürlicher, als daß der Ruf von der ungeheuren Wirkung dieses
-Stücks sowie von der meisterhaften Darstellung desselben auch nach
-Stuttgart gelangte und dort in den meisten Gesellschaften, besonders
-aber in den Umgebungen des Dichters vielen Stoff zum Sprechen gab. Man
-darf sich daher auch nicht wundern, daß Schiller den öftern Wünschen
-und dringenden Bitten einiger Freundinnen und Freunde nachgab, eine
-kurze Reise des Herzogs zu benützen und während dessen Abwesenheit,
-ohne Urlaub zu nehmen, mit ihnen nach Mannheim zu gehen und daselbst
-im Wiedersehen seines Schauspiels seinen eignen Genuß durch das
-Mitgefühl seiner Reisegefährten zu erhöhen. Schiller willigte nur zu
-gern ein und schrieb nach Mannheim, um die Aufführung der Räuber auf
-einen bestimmten Tag zu erbitten, was ihm auch von der Intendanz sehr
-leicht gewährt wurde. Aber bei der Anschauung dessen, was er mit seinen
-ersten, jugendlichen Kräften schon geleistet, war auch der Gedanke
-unabweislich, wie vieles, wie großes er noch würde leisten können, wenn
-diese Kräfte nicht eingeengt oder gefesselt wären, sondern freien,
-ungemessenen Spielraum erhalten könnten. Eine Idee, die durch seine
-enthusiastischen Begleiter um so mehr angefeuert und unterhalten wurde,
-je tiefer die Eindrücke waren, welche die erschütternden Szenen bei
-ihnen zurückgelassen hatten.
-
-Bei seiner ersten heimlichen Reise hatte er nur die einzige Sorge,
-daß sie verschwiegen bleiben möchte. Auf die zweite nahm er schon
-außer dieser Sorge das beschränkende Verbot mit, seine dichterischen
-Arbeiten bekannt zu machen, nebst dem strengen Befehl, sich das Ausland
-als für ihn gar nicht vorhanden denken zu müssen. Er kam daher auch
-äußerst mißmutig und niedergeschlagen wieder nach Stuttgart zurück,
-ebenso verstimmt durch die Betrachtungen über sein Verhältnis als
-leidend durch die Krankheit, welche er mitbrachte. (Diese Krankheit,
-welche durch ganz Europa wanderte, bestand in einem außerordentlich
-heftigen Schnupfen und Katarrh, den man russische Grippe oder Influenza
-nannte und der so schnell ansteckend war, daß der Verfasser dieses,
-als er Schillern einige Stunden nach dessen Ankunft umarmt hatte, nach
-wenigen Minuten schon von Fieberschauern befallen wurde, die so stark
-waren, daß er sogleich nach Hause eilen mußte.)
-
-Schiller äußerte sich gegen einen seiner jüngern Freunde, dem er völlig
-vertrauen durfte, ganz unverhohlen, mit welchem Widerwillen er sich
-Stuttgart genähert habe -- wie ihm hier nun alles doppelt lästig und
-peinlich sein müsse, indem er in Mannheim eine so glänzende Aufnahme
-erfahren, wo hingegen er hier kaum beachtet werde und nur unter Druck
-und Verboten leben könne -- daß ihm nicht nur von seinen Bewunderern,
-sondern von Baron Dalberg selbst die Hoffnung gemacht worden, ihn ganz
-nach Mannheim ziehen zu wollen, und er nicht zweifle, es werde alles
-mögliche angewendet werden, um ihn von seinen Fesseln zu befreien.
-Sollte dieses nicht gelingen, so werde er notgedrungen, wolle er anders
-hier nicht zugrunde gehen, einen verzweifelten Schritt tun müssen. Er
-nahm sich vor, sowie er nur den Kopf wieder beisammen habe, sogleich
-nach Mannheim zu schreiben, damit unverweilt alles geschehe, was seine
-Erlösung bewirken könne. Es ist ein Glück für den Verfasser, daß Baron
-Dalberg alle Briefe von Schiller an ihn so sorgfältig aufgehoben, und
-daß sie durch den Druck bekannt geworden sind, indem sonst manches, was
-jetzt und in der Folge vorkommt, als Anschuldigung oder bloße Meinung
-erklärt, und unser Dichter weit weniger gerechtfertigt werden könne,
-als es nun durch diese Beweise möglich ist. Der folgende Brief ist der
-erste Beleg hierzu.
-
- Stuttgart, den 4. Junius 1782.
-
- »Ich habe das Vergnügen, das ich zu Mannheim in vollen Zügen genoß,
- seit meiner Hieherkunft durch die epidemische Krankheit gebüßt,
- welche mich zu meinem unaussprechlichen Verdruß bis heute gänzlich
- unfähig gemacht hat, E. E. für so viele Achtung und Höflichkeit
- meine wärmste Danksagung zu bezeigen. Und noch bereue ich beinahe
- die glücklichste Reise meines Lebens, die mich durch einen höchst
- widrigen Kontrast meines Vaterlandes mit Mannheim schon so weit
- verleidet hat, daß mir Stuttgart und alle schwäbischen Szenen
- unerträglich und ekelhaft werden. Unglücklicher kann bald niemand
- sein als ich. Ich habe Gefühl genug für meine traurige Situation,
- vielleicht auch Selbstgefühl genug für das Verdienst eines bessern
- Schicksals, und für beides nur -- eine Aussicht.
-
- Darf ich mich Ihnen in die Arme werfen, vortrefflicher Mann? Ich
- weiß wie schnell sich Ihr edelmütiges Herz entzündet, wenn Mitleid
- und Menschenliebe es auffordern; ich weiß wie stark Ihr Mut ist,
- eine schöne Tat zu unternehmen, und wie warm Ihr Eifer, sie zu
- vollenden. Meine neuen Freunde in Mannheim, von denen Sie angebetet
- werden, haben es mir mit Enthusiasmus vorhergesagt; aber es war
- diese Versicherung nicht nötig; ich habe selbst, da ich das Glück
- hatte, eine Ihrer Stunden für mich zu nutzen, in Ihrem offenen
- Anblick weit mehr gelesen. Dieses macht mich nun auch so dreist,
- mich Ihnen ganz zu geben, mein ganzes Schicksal in Ihre Hände zu
- liefern und von Ihnen das Glück meines Lebens zu erwarten. Noch bin
- ich wenig oder nichts. In diesem Norden des Geschmacks werde ich
- ewig niemals gedeihen, wenn mich sonst glücklichere Sterne und ein
- griechisches Klima zum wahren Dichter erwärmen würden.
-
- Brauche ich mehr zu sagen, um von Dalberg alle Unterstützung zu
- erwarten?
-
- E. Exz. haben mir alle Hoffnung dazu gemacht, und ich werde den
- Händedruck, der Ihren Verspruch versiegelte, ewig fühlen; wenn Eure
- Exzellenz diese drei Ideen goutieren und in einem Schreiben an den
- Herzog Gebrauch davon machen, so stehe ich ziemlich für den Erfolg.
-
- Und nun wiederhole ich mit brennendem Herzen die Bitte, die Seele
- dieses ganzen Briefs. Könnten E. E. in das Innere meines Gemütes
- sehen, welche Empfindungen es durchwühlen, könnte ich Ihnen mit
- Farben schildern, wie sehr mein Geist unter dem Verdrießlichen
- meiner Lage sich sträubt -- Sie würden -- ja ich weiß gewiß -- Sie
- würden eine Hilfe nicht verzögern, die durch einen oder zwei Briefe
- an den Herzog geschehen kann.
-
- Nochmals werfe ich mich in Ihre Arme und wünsche nichts anderes,
- als bald, sehr bald, Ihnen mit einem anhaltenden Eifer und mit
- einer persönlichen Dienstleistung die Verehrung bekräftigen zu
- können, mit welcher ich mich und alles, was ich bin, für Sie
- aufzuopfern wünsche.
-
- E. E.
-
- untertäniger Schiller.«
-
- Beilage.
-
- »Sie schienen weniger Schwierigkeit in der Art mich zu employieren,
- als in dem Mittel, mich von hier weg zu bekommen, zu finden. Jenes
- steht ohnehin ganz bei Ihnen, allein zu diesem könnten Ihnen
- vielleicht folgende Ideen dienen.
-
- 1) Da im ganzen genommen das Fach der Mediziner bei uns so sehr
- übersetzt ist, daß man froh ist, wenn durch Erledigung einer
- Stelle Platz für einen andern gemacht wird; so kommt es mehr
- darauf an, wie man dem Herzog, der sich nicht trotzen lassen will,
- mit guter Art den Schein gibt, als geschehe es ganz durch seine
- willkürliche Gewalt, als wäre es sein eignes Werk und gereiche
- ihm zur Ehre. Daher würden E. E. ihn von der Seite ungemein
- kitzeln, wenn Sie in den Brief, den Sie ihm wegen mir schreiben,
- einfließen ließen, daß -- Sie mich für eine Geburt von ihm, für
- einen durch ihn Gebildeten und in seiner Akademie Erzogenen
- halten, und daß also durch diese Vokation seiner Erziehungsanstalt
- quasi das Hauptkompliment gemacht würde, als würden ihre Produkte
- von entschiedenen Kennern geschätzt und gesucht. Dieses ist der
- Passepartout beim Herzog.
-
- 2) Wünsche ich (und auch meinetwegen) sehr, daß Sie meinen
- Aufenthalt beim Nationaltheater zu Mannheim auf einen gewissen
- beliebigen Termin festsetzen (der dann nach Ihrem Befehl verlängert
- werden kann), nach dessen Verfluß ich wieder meinem Herzog gehörte.
- So sieht es mehr einer Reise, als einer völligen Entschwäbung (wenn
- ich das Wort brauchen darf) gleich, und fällt auch so hart nicht
- auf. Wenn ich nur einmal hinweg bin, man wird froh sein, wenn ich
- selbst nicht mehr anmahne.
-
- 3) Würde es höchst notwendig sein, zu berühren, daß mir Mittel
- gemacht werden sollten, zu Mannheim zu praktizieren und meine
- medizinischen Übungen da fortzusetzen. Dieser Artikel ist
- vorzüglich nötig, damit man mich nicht, unter dem Vorwand für mein
- Wohl zu sorgen, kujoniere und weniger fortlasse.«
-
-Alles, was auch ein Augen- oder Ohrenzeuge erzählen könnte, wäre nicht
-imstande, die traurigen Empfindungen des armen Jünglings über seine
-beklemmende Lage stärker und wahrer zu schildern, als er es selbst in
-diesem Briefe getan.
-
-Daß er die Bitte nicht aufs Geratewohl, sondern durch Aufmunterung von
-Leuten getan, die ihre Gewährung für sehr leicht und unfehlbar hielten,
-erhellt aus der Stelle: »ich weiß, wie stark Ihr Mut ist, eine schöne
-Tat zu unternehmen, und wie warm Ihr Eifer ist, sie zu vollenden. Meine
-neuen Freunde in Mannheim haben es mir mit Enthusiasmus vorhergesagt
-etc. etc.« und die folgende: »E. Exz. haben mir alle Hoffnung dazu
-gemacht, und ich werde den Händedruck, der Ihren Verspruch besiegelte,
-ewig fühlen etc.« beweist auf das deutlichste, daß Baron Dalberg selbst
-ihm das Wort gab, sich für ihn bei seinem Fürsten zu verwenden.
-
-Die drei Vorschläge, welche in der Beilage enthalten sind, waren ganz
-auf die genaue Kenntnis vom Charakter des Herzogs berechnet, indem
-er einen sehr verzeihlichen Stolz darein setzte, daß durch seine
-Fürsorge und Leitung schon so viele talentvolle Jünglinge aus seiner
-Akademie hervorgegangen, und er auch ein sehr großer Liebhaber des
-Theaters, so wie einer der feinsten Kenner seiner Zeit war, der es
-schon darum nicht ungern sehen konnte, wenn sich unter seinen Zöglingen
-gute Dichter fanden, weil alle Jahre am Geburtsfeste der Gräfin von
-Hohenheim (später Gemahlin des Herzogs) Gelegenheitsstücke mit großer
-Feierlichkeit und dem größten Aufwande gegeben wurden, bei welchen
-sowohl das Gedicht als auch die Musik von Eleven verfaßt waren.
-
-Der dritte Punkt beweist weit mehr für die wahrhaft väterliche Sorge,
-welche der Herzog für das Wohl derer hatte, die er erziehen ließ,
-als alles, was man dafür anführen könnte, und es läßt sich nicht im
-geringsten zweifeln, daß wenn Baron Dalberg unter den ihm angezeigten
-Bedingungen versucht hätte, den jungen Dichter von Stuttgart nach
-Mannheim zu ziehen, sein Fürst ohne Anstand -- gewiß aber mit der
-Anempfehlung, für Schiller alle Sorge zu tragen -- das Gesuch bewilligt
-haben würde.
-
-Schiller nährte anfangs die besten Hoffnungen, daß er nun bald aus
-seiner verdrießlichen Lage befreit sein würde. Als aber nach Verlauf
-mehrerer Wochen nichts geschah, war es ihm um so schmerzlicher, seine
-dringende, flehende Bitte umsonst getan zu haben und sich ohne alle
-äußere Hilfe zu sehen. Allein, er ließ dessenungeachtet den Mut nicht
-sinken, sondern arbeitete nur um so eifriger an seinem Fiesco, was
-allein imstande war, ihn wenigstens zeitweise seinen Zustand vergessen
-zu machen. Aber die Freundinnen des Dichters hatten nicht vergessen,
-daß sie in seiner Gesellschaft zu Mannheim die Räuber hatten aufführen
-sehen, und konnten dem Drange nicht widerstehen, die Wirkung dieses
-Trauerspiels sowie das Verdienst der dortigen Schauspieler auch andern
-nach Würden zu schildern. Unter dem Siegel des Geheimnisses erfuhr es
-die halbe Stadt, erfuhr es auch der General Augé und endlich -- der
-Herzog selbst. Dieser wurde im höchsten Grad über die Vermessenheit
-seines ehemaligen Lieblings aufgebracht, daß er sich, ohne Urlaub zu
-nehmen, mehrere Tage entfernt und seinen Lazarettdienst vernachlässigt
-habe. Er ließ ihn vor sich kommen, gab ihm die strengsten Verweise
-darüber, daß er sich dem ausdrücklichen Verbote zuwider aufs neue
-mit dem Auslande eingelassen und befahl ihm, augenblicklich auf die
-Hauptwache zu gehen, seinen Degen abzugeben und dort vierzehn Tage im
-Arrest zu bleiben.
-
-Obwohl die verhängte Strafe für die Übertretung des herzoglichen
-Befehls ganz der militärischen Ordnung gemäß und nichts weniger als
-zu streng war, so wurde Schiller davon dennoch in seinem Innersten
-verwundet, und zwar nicht darum, weil ihm solche zu hart schien,
-sondern weil er jetzt überzeugt sein mußte, daß jede Aussicht in eine
-bessere Zukunft für ihn verloren und er nun eigentlich nichts anderes
-als ein Gefangener sei, der seine vorgeschriebene Arbeit verrichten
-müsse.
-
-In der Tat konnte sein Verhältnis von seinen Freunden nicht anders
-als im höchste Grade traurig und verzweifelt beurteilt werden, weil
-an eine Milderung oder Zurücknahme der Befehle des Herzogs um so
-weniger zu denken war, je mehr man ihn als Selbstherrscher kannte und
-je seltener die Fälle waren, wo er von seinem ausgesprochenen Willen
-hätte abgelenkt werden können. Was man auch raten oder erfinden mochte,
-war unbrauchbar, untunlich, weil der fürstliche Machtspruch allem ein
-unübersteigliches Hindernis entgegensetzte.
-
-Wäre es aber auch Schillern möglich gewesen, seinen außerordentlichen
-Hang zur Dichtung zu bekämpfen und sich ganz der Arzneikunde zu widmen,
-so hätte es mehrere Jahre bedurft, um sich einen Ruf zu erwerben, der
-ihn von dem Gemeinen, Alltäglichen unterschieden hätte. Auch fühlte
-er es so sehr, wie unnütz die ernstlichsten Vorsätze, sein angebornes
-Talent zu unterdrücken, sein würden, daß er lieber alle Entbehrungen,
-alle Strafen sich hätte gefallen lassen, wenn ihm nur die Erlaubnis
-geblieben wäre, den Reichtum seines Geistes in der Welt auszubreiten,
-und sich denjenigen anzureihen, deren Name von der Mit- und Nachwelt
-nur in Bewunderung und Verehrung genannt wird.
-
-So wenig Vorteil Gold, Perlen und Diamanten in einer menschenleeren
-Wüste bringen, so wenig konnte ihm die köstlichste Gabe des Himmels
-nützen, wenn er sie nicht gebrauchen durfte, wenn er bei ihrer
-Anwendung Strafe befürchten mußte. Ja diese Göttergabe konnte ihm nur
-zur Qual, zur wirklichen Marter werden, weil alles was er dachte,
-was er empfand, nur darauf Bezug hatte und es ihm die schmerzlichste
-Überwindung gekostet haben würde, Ideen dieser Art abzuwehren.
-
-Der Weihrauch, den man in öffentlichen Blättern ihm über sein erstes
-Schauspiel, über seine ersten Gedichte gestreut, die schmeichelhaften
-Zuschriften eines Wielands und anderer, die Lobeserhebungen derjenigen,
-von deren gesundem Urteil er überzeugt war, besonders aber sein eignes
-Bewußtsein hatten ihn seinen Wert schätzen gelehrt, und er hätte
-lieber sein Leben verloren als dasjenige, was sein eigentliches ganzes
-Wesen ausmachte, brach liegen zu lassen, oder den Lorbeerkranz des
-Dichters den Beschäftigungen des Arztes aufzuopfern.
-
-Am empfindlichsten hielt er sich aber dadurch gekränkt, daß ihm durch
-dieses Machtgebot das Recht des allergeringsten Untertans -- von
-seinen Naturgaben freien Gebrauch machen zu können, wenn er sie nicht
-zum Nachteil des Staates oder der Gesetze desselben anwende -- jetzt
-gänzlich benommen war, ohne daß ihm bewiesen worden wäre, dieses Recht
-aus Mißbrauch verwirkt zu haben.
-
-Die Übertretung der Militärdisziplin hatte er durch strengen Verhaft
-gebüßt; was über diesen noch gegen ihn verhängt worden, hielt er für
-eine zu harte Strafe.
-
-Auf der Stelle würde er seinen Abschied gefordert haben, wenn nicht
-sein Vater in herzoglichen Diensten gestanden, er selbst nicht auf
-Kosten des Fürsten in der Akademie nicht nur erzogen, sondern auch mit
-vorzüglicher Güte und Auszeichnung behandelt worden wäre, so daß voraus
-zu schließen war, es würde statt einer Entlassung nur der Vorwurf der
-größten Undankbarkeit und eine noch zwangvollere Aufsicht erfolgen. Um
-jedoch nichts unversucht zu lassen, was seine Entfernung von Stuttgart
-auf dem der Ordnung gemäßen Wege bewirken könnte, schrieb er noch
-einmal an Baron Dalberg und bat ihn aufs neue um seine Verwendung bei
-dem Herzog. Er sagt in seinem Brief: »Dieses einzige kann ich Ihnen
-für ganz gewiß sagen, daß in etlichen Monaten, wenn ich in dieser Zeit
-nicht das Glück habe zu Ihnen zu kommen, keine Aussicht mehr da ist,
-daß ich jemals bei Ihnen leben kann. Ich werde alsdann gezwungen sein
-einen Schritt zu tun, der mir unmöglich machen würde in Mannheim zu
-bleiben.«
-
-Schiller glaubte nicht mit Unrecht, daß Baron Dalberg um so leichter
-für ihn einschreiten könnte, als der pfälzische und württembergische
-Hof im besten Vernehmen standen, auch der Herzog schon einigemal
-den italienischen Hofpoeten von Mannheim hatte kommen lassen, um bei
-Aufführung der für das Stuttgarter Hoftheater von ihm gedichteten
-Opern gegenwärtig zu sein. Ebenso konnte man auch vermuten, daß das
-Verbot, welches Schillern wegen der Verbindung mit dem Ausland betraf,
-größtenteils daher kam, weil bei Aufführung der Räuber das deutsche
-Theater in Stuttgart übergangen und dieses Stück ohne Vorwissen, ohne
-Anfrage bei dem Fürsten auf der Mannheimer Bühne zuerst gegeben worden
-war.
-
-Aus diesem sowie aus den angegebenen Gründen konnte der bedrängte
-Dichter um so zuverlässiger einen günstigen Erfolg seiner Bitten
-erwarten, indem der Rang den Baron Dalberg als Geheimrat,
-Ober-Silberkämmerling, Vize-Kammerpräsident und Theaterintendant Sr.
-kurfürstlichen Durchlaucht zu Pfalzbayern bekleidete, dem Herzog
-Rücksichten auferlegt hätte, die bei jedem andern, der sich in
-Stuttgart für diese Sache hätte verwenden wollen, nicht stattfinden
-konnten.
-
-Noch einige Zeit gab sich Schiller den besten Hoffnungen hin, indem
-er glaubte, daß Baron Dalberg um so gewisser das gegebene Versprechen
-erfüllen würde, je deutlicher ihm zu verstehen gegeben worden, daß
-das Äußerste werde geschehen müssen, wenn keine Vermittlung eintrete.
-Als aber nach Verfluß von vierzehn Tagen nichts für ihn geschah und
-er nun überzeugt war, daß von daher, wo die Hilfe am leichtesten,
-der gute Erfolg am gewissesten schien, kein Beistand zu erwarten
-sei, verwandelte sich sein sonst so heiterer Sinn in finstere, trübe
-Laune; was ihn sonst auf das lebhafteste aufregte, ließ ihn kalt und
-gleichgültig; selbst seine Jugendfreunde, die sonst immer auf den
-herzlichsten Willkomm rechnen durften, wurden ihm mit Ausnahme sehr
-weniger beinahe zuwider.
-
-Sein Fiesco konnte bei dieser Stimmung nur sehr langsam weiter rücken.
-Auch war es leicht vorauszusehen, daß, wenn dieser Zustand noch
-lange oder gar für immer hätte dauern sollen, er nicht nur für jede
-Geistesbeschäftigung verloren sein, sondern auch seine Gesundheit, die
-ohnedies nicht sehr fest war, ganz zugrunde gehen würde. Er selbst
-hielt sich für den unglücklichsten aller Menschen und glaubte seiner
-Selbsterhaltung schuldig zu sein, etwas zu wagen, was seinen Zustand in
-Stuttgart auf eine vorteilhafte Art verändern oder aber sein Schicksal
-ganz durchreißen und ihm eine andere, bessere Gestalt geben müsse.
-Da er es nicht wagen durfte, seinem Landesherrn Vorstellungen gegen
-den erlassenen Befehl zu machen, ohne neue Verweise oder gar Strafen
-befürchten zu müssen, so hielt er für das beste, noch einmal heimlich
-nach Mannheim zu reisen, von dort aus an den Herzog zu schreiben,
-ihm darzulegen, daß durch das ergangene Verbot seine ganze Existenz
-zernichtet sei und ihn um die Bewilligung einiger Punkte untertänigst
-zu bitten, die er für sein besseres Fortkommen unerläßlich glaubte.
-Wurden ihm diese Bitten nicht gewährt, so konnte er auch nicht mehr
-nach Stuttgart zurückkehren, und er hegte die Hoffnung, daß er dann um
-so leichter in Mannheim als Theaterdichter angestellt werden könnte, je
-zuversichtlicher ihm dort von vielen versichert worden, daß ein solcher
-Dichter wie er, ihre Bühne auf die höchste Stufe des Ruhmes heben würde.
-
-Um diesen Plan nicht lächerlich oder ganz widersinnig zu finden, ist
-es nötig, auf das ganz besondere Verhältnis aufmerksam zu machen, in
-welchem Schiller zu seinem Fürsten stand.
-
-Der Vater von Schiller, dem als Gouverneur der Solitüde alles, was
-die vielfachen Bauten, Gartenanlagen und Baumzucht betraf, untergeben
-war, führte dies so sehr zur Zufriedenheit des Herzogs aus, und wußte
-dessen Willen, noch ehe er ausgesprochen war, so Genüge zu leisten,
-daß er seine ganze Zufriedenheit sowie wegen der Rechtlichkeit und
-Strenge, mit welchen er seinen Dienst ausübte, auch seine Hochachtung
-erwarb. Es war zum Teil eine Folge dieser Achtung, daß der Sohn in
-der Akademie mit besonderer Sorgfalt und Güte behandelt wurde; zum
-Teil waren es aber auch die überraschenden Antworten und Bemerkungen,
-welche der junge Zögling im Gespräch mit seinem erhabenen Erzieher
-aussprach, die ihm eine besondere Auszeichnung und Zuneigung erwarben.
-Es war diesem geistvollen Fürsten, der Scharfsinn und das Talent, was
-er im hohen Grad selbst besaß, auch an andern vorzüglich schätzte, weit
-weniger darum zu tun, an seiner Akademie eine militärische Prunkanstalt
-zu haben, als bei den jungen Leuten alles das heraus zu bilden, was
-ihre Anlagen zu entwickeln vermochte. Er ließ sich daher mit ihnen in
-Einzelheiten ein, die einem gewöhnlichen Erzieher zu kleinlich oder
-überflüssig scheinen würden, und erwarb sich dadurch, weit mehr als
-durch sein Ehrfurcht gebietendes Ansehen, ein solches Zutrauen, daß die
-Zöglinge weit lieber mit ihm sprachen oder ihm -- dem Herzog -- ihre
-Fehler bekannten als den vorgesetzten Offizieren.
-
-Als die Anstalt noch auf der Solitüde sich befand, verging nie ein Tag,
-an welchem er nicht die Lehrstunden besuchte, um sich von dem Fleiße
-der Lehrer und den Fortschritten der Schüler zu überzeugen. Und als die
-Akademie nach Stuttgart verlegt wurde, waren es nur die alljährlichen
-Reisen, die ihn auf Wochen oder Tage von derselben entfernt halten
-konnten. Auch das freundliche Benehmen der Gräfin von Hohenheim, welche
-sich an der Unbefangenheit der jüngsten Zöglinge ergötzte und sie mit
-kleinen Geschenken beteilte, trug nicht wenig dazu bei, das streng
-scheinende Verhältnis zu mildern. Wie oft wurden Strafen bloß darum
-in ihrer Gegenwart ausgesprochen, um durch bittende Blicke oder Worte
-dieser wohlwollenden, nichts als Güte und Teilnahme atmenden Frau,
-entweder ganz erlassen, oder doch gemindert werden zu können.
-
-Unter den Augen des Fürsten von Kindern zu Knaben, von Knaben
-zu Jünglingen herangewachsen, von seinen durchdringenden Augen
-oft getadelt oder mit Beifall belohnt, konnten sich die jungen
-Leute, nachdem sie der akademischen Aufsicht entlassen waren, ihr
-Dienstverhältnis unmöglich so scharf denken als andere, die mit der
-Person des Herzogs gar nicht oder nur als ihrem Souverän bekannt waren.
-
-Diese Verhältnisse allein können es begreiflich machen, wie Schiller
-auf die so oft bezeigte Gnade und Zufriedenheit seines Fürsten so
-fest sich verlassen konnte, daß er zu dem Glauben verleitet ward, der
-Herzog werde ihm seine Bitten bewilligen, wenn er ihn an seine frühere
-Huld erinnere und unwiderleglich dartue, daß er durch die gegen ihn
-erlassenen Verbote zur Verzweiflung gebracht sei.
-
-Nachdem diese Meinung ihn so beherrschte, daß sie sich in einen
-unwiderruflichen Entschluß umwandelte, entstand nur noch die Frage,
-auf welche Art und in welcher Zeit die heimliche Reise am besten
-auszuführen sein würde; denn die harten Verweise des Herzogs, der
-darauf folgende strenge Arrest hatten ihn so eingeschüchtert, daß
-er sich in allen seinen Handlungen beobachtet halten konnte und die
-schärfste Ahndung befürchten mußte, wenn er irgend einen Verdacht gegen
-sich erregte. So wenig er seinen Vorsatz allein ausführen konnte, so
-wenig konnte er sich seinen Schulfreunden anvertrauen, weil es eben so
-unnütz als gefährlich gewesen wäre, sie um Beistand anzusprechen, indem
-keiner von ihnen -- was die Hauptsache, die Anstalten zur heimlichen
-Reise, betraf -- die geringste Hilfe leisten oder auf sonst eine Art
-seine Pläne befördern konnte.
-
-In diesem Zustande konnte er sein Herz mit voller Sicherheit nur einem
-einzigen Freund eröffnen, der zwar nicht mit ihm in der Akademie
-erzogen worden und auch zwei Jahre weniger als er zählte; durch dessen
-Bekanntschaft er aber seit achtzehn Monaten die Überzeugung erlangt
-hatte, daß er hier auf eine Hingebung und Aufopferung bauen könne,
-die an Schwärmerei grenzten und die nur von den wenigen Edlen erzeugt
-wird, deren Gemüt und Geist eben so viele Liebe und Freundschaft als
-Verehrung und Hochachtung verdienen.
-
-Der Leser möge erlauben, daß von diesem jungen Freunde, den wir mit
-S. bezeichnen wollen, sowie von der Art, wie er zu dem genauen Umgang
-mit dem herrlichen Jüngling gelangte, so viel erwähnt werde, als des
-Folgenden wegen unumgänglich nötig ist.
-
-Es war im Jahr 1780 in einer der öffentlichen Prüfungen, die -- wie
-eingangs erwähnt worden -- alljährlich in der Akademie in Gegenwart
-des Herzogs daselbst gehalten wurden und welche S. als ein angehender
-Tonkünstler um so eifriger besuchte, da meistens über den andern Tag
-eine vollstimmige, von den Zöglingen aufgeführte Musik die Prüfung
-beschloß, als er Schillern das erste Mal sah. Dieser war bei einer
-medizinischen, in lateinischer Sprache gehaltenen Disputation gegen
-einen Professor Opponent, und obwohl S. dessen Namen so wenig als seine
-übrigen Eigenschaften kannte, so machten doch die rötlichen Haare --
-die gegeneinander sich neigenden Knie, das schnelle Blinzeln der Augen,
-wenn er lebhaft opponierte, das öftere Lächeln während dem Sprechen,
-besonders aber die schön geformte Nase und der tiefe, kühne Adlerblick,
-der unter einer sehr vollen, breitgewölbten Stirne hervorleuchtete,
-einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn. S. hatte den Jüngling
-unverwandt ins Auge gefaßt. Das ganze Sein und Wesen desselben zogen
-ihn dergestalt an und prägten den ganzen Auftritt ihm so tief ein, daß,
-wenn er Zeichner wäre, er noch heute -- nach achtundvierzig Jahren --
-diese ganze Szene auf das lebendigste darstellen könnte.
-
-Als S. nach der Prüfung den Zöglingen in den Speisesaal folgte, um
-Zuschauer ihrer Abendtafel zu sein, war es wieder derselbe Jüngling,
-mit welchem der Herzog auf das gnädigste sich unterhielt, den Arm
-auf dessen Stuhl lehnte und in dieser Stellung sehr lange mit ihm
-sprach. Schiller behielt gegen seinen Fürsten dasselbe Lächeln,
-dasselbe Augenblinzeln wie gegen den Professor, dem er vor einer Stunde
-opponierte.
-
-Als im Frühjahr 1781 die Räuber im Druck erschienen waren und besonders
-auf die junge Welt einen ungewöhnlichen Eindruck machten, ersuchte S.
-einen musikalischen, in der Akademie erzogenen Freund, ihn mit dem
-Verfasser bekannt zu machen. Sein Wunsch wurde gewährt, und S. hatte
-die Überraschung, in dem Dichter dieses Schauspiels denselben Jüngling
-zu erkennen, dessen erstes Erscheinen einen so tiefen Eindruck bei ihm
-zurückgelassen hatte.
-
-Wie jeder Leser eines Buches sich von dem Autor desselben ein Bild
-seiner Person, Haltung, Stimme, seiner Sprache vormalt, so konnte
-es wohl nicht anders sein, als daß man sich in dem Verfasser der
-Räuber einen heftigen jungen Mann dachte, dessen Äußeres zwar schon
-den tiefempfindenden Dichter ankündige, bei welchem aber die Fülle
-der Gedanken, das Feuer seiner Ausdrücke sowie seine Ansichten der
-Weltverhältnisse alle Augenblicke in Ungebundenheit ausschweifen müsse.
-
-Aber wie angenehm wurde diese vorgefaßte Meinung zerstreut!
-
-Das seelenvollste, anspruchloseste Gesicht lächelte dem Kommenden
-freundlich entgegen. Die schmeichelhafte Anrede wurde nur ablehnend,
-mit der einnehmendsten Bescheidenheit erwidert. Im Gespräche nicht ein
-Wort, welches das zarteste Gefühl hätte beleidigen können.
-
-Die Ansichten über alles, besonders aber Musik und Dichtkunst
-betreffend, ganz neu, ungewöhnlich, überzeugend und doch im höchsten
-Grade natürlich.
-
-Die Äußerungen über die Werke anderer sehr treffend, aber dennoch voll
-Schonung und nie ohne Beweise.
-
-Den Jahren nach Jüngling, dem Geiste nach reifer Mann, mußte man seinem
-Maßstabe beistimmen, den er an alles legte und vor dem vieles, was
-bisher so groß schien, ins Kleine zusammenschrumpfte und manches, was
-als gewöhnlich beurteilt war, nun bedeutend wurde.
-
-Das anfängliche blasse Aussehen, das im Verfolg des Gespräches in hohe
-Röte überging -- die kranken Augen -- die kunstlos zurückgelegten
-Haare, der blendend weiße, entblößte Hals gaben dem Dichter eine
-Bedeutung, die ebenso vorteilhaft gegen die Zierlichkeit der
-Gesellschaft abstach, als seine Aussprüche über ihre Reden erhaben
-waren.
-
-Eine besondere Kunst lag jedoch in der Art, wie er die verschiedenen
-Materien aneinander zu knüpfen, sie so zu reihen wußte, daß eine
-aus der andern sich zu entwickeln schien, und trug wohl am meisten
-dazu bei, daß man den Zeiger der Uhr der Eile beschuldigte und die
-Möglichkeit des schnellen Verlaufes der Zeit nicht begreifen konnte.
-
-Diese so äußerst reizende und anziehende Persönlichkeit, die nirgends
-etwas Scharfes oder Abstoßendes blicken ließ -- Gespräche, welche den
-Zuhörer zu dem Dichter emporhoben, die jede Empfindung veredelten,
-jeden Gedanken verschönerten -- Gesinnungen, die nichts als die reinste
-Güte ohne alle Schwäche verrieten -- mußten von einem jungen Künstler,
-der mit einer lebhaften Empfänglichkeit begabt war, die ganze Seele
-gewinnen und der Bewunderung, die er schon früher für den Dichter
-hatte, noch die wärmste Anhänglichkeit für den Menschen beigesellen.
-
-Auch Schiller schien mit seinem neuen Bekannten nicht unzufrieden; denn
-freiwillig lud er ihn ein, so oft zu ihm zu kommen, als er nur immer
-wolle. Diese Einladung wurde von S. so emsig benützt, daß während eines
-Jahres selten ein Tag verging, an dem er Schillern nicht gesehen oder
-auf kurze Zeit gesprochen hätte. Ein Vertrauen setzte sich zwischen
-beiden fest, das keinen Rückhalt kannte, und von dem die natürliche
-Folge war, daß die Verhältnisse Schillers sowie seine wahrhaft
-unglückliche Lage der unerschöpfliche Gegenstand ihrer Gespräche
-wurden. Auch schien beiden der Plan, dem Herzog auf neutralem Boden
-zu schreiben, um so weniger des Tadels würdig, als Schiller durchaus
-nichts begangen, was ihm den Vorwurf eines schlechten Dieners seines
-Fürsten hätte zuziehen können, und er die zwei unerlaubten Ausflüge
-durch den ausgestandenen Arrest schon genug gebüßt zu haben glaubte.
-Außer S. machte Schiller auch seine älteste Schwester mit seinem
-Vorsatze bekannt, und anstatt, wie er befürchtete, von ihr Abmahnungen
-zu hören, glaubte sie, daß, weil ihm das gegebene Versprechen nicht
-erfüllt worden, jeder Schritt entschuldigt werden könne, den er, um
-sich von gänzlichem Verderben zu retten, unternehmen werde.
-
-Ein Gefährte, mit dem die heimliche Reise zu unternehmen wäre und der
-die nötigen Anstalten dazu erleichtern könne, war schon in seinem
-Freunde S. vorhanden, der im Frühjahr 1783 eine Reise nach Hamburg
-antreten wollte, um daselbst bei dem berühmten Bach die Musik zu
-studieren, wozu ihm dort wohnende Anverwandte die beste Unterstützung
-versprochen hatten, und der es nun bei seiner Mutter dahin zu bringen
-wußte, diese Reise jetzt schon machen zu dürfen.
-
-Dem Vater Schillers mußte die ganze Sache ein tiefes Geheimnis bleiben,
-damit er im schlimmsten Fall als Offizier sein Ehrenwort geben könne,
-von dem Vorhaben des Sohnes nichts gewußt zu haben. Was aber am meisten
-zur Beruhigung der Teilnehmenden beitrug, war der schöne Grundsatz des
-Herzogs, die Kinder nie wegen der Fehler der Eltern oder die Eltern
-wegen Vergehen der Kinder etwas entgelten zu lassen. Man hatte schon
-zu viele Beweise von dieser wahrhaft fürstlichen Großmut, als daß man
-in dem gegenwärtigen Falle nicht auch darauf hätte rechnen können.
-Nachdem alles zur Sache Gehörige zwischen beiden Freunden mit der
-Selbsttäuschung, die dem Jünglingsalter so ganz natürlich ist, überlegt
-war, als für mögliche, künftige Hindernisse, ihre Einbildungskraft
-sogleich Mittel wußte, um sie zu überwinden oder zu beseitigen, blieb
-der Entschluß Schillers unwiderruflich fest, indem er nur durch die
-Ausführung desselben hoffen konnte, seine Umstände in allen Teilen zu
-verbessern und eine Selbständigkeit zu erlangen, die er bis jetzt nur
-dem Namen nach kannte. Nun aber mußte er sich mit Anspannung aller
-Kräfte der Dichtung seines Fiesco widmen, indem die Reise nicht eher
-ausgeführt werden konnte, als bis dieser vollendet war, und er bisher
--- da er in seinem Innern zu keiner Ruhe gelangen konnte -- außer
-dem Plan kaum die Hälfte von dem Stücke niedergeschrieben hatte. Die
-Gewißheit, was er tun wolle und, damit er dem Labyrinth entkomme, tun
-müsse, belebte seinen Mut wieder; seine gewöhnliche Heiterkeit kehrte
-zurück, und er gewann es über sich, alle Sorgen, alle Gedanken, die
-nicht seiner neuen Arbeit gewidmet waren, zu unterdrücken, indem er
-bloß für die Zukunft lebte, die Gegenwart aber nur insofern beachtete,
-als er ihr nicht ausweichen durfte.
-
-Welch ein Vergnügen war es während dieser Beschäftigung für ihn, seinem
-jungen Freund einen Monolog oder einige Szenen, die er in der vorigen
-Nacht ausgearbeitet, vorlesen und sich über Abänderungen oder die
-weitere Ausführung besprechen zu können! Wie erheiterten sich seine von
-Schlaflosigkeit erhitzten Augen, wenn er erzählte, um wie viel er schon
-weiter gerückt sei, und wie er hoffen dürfe, sein Trauerspiel weit
-früher als er anfangs dachte, beendigt zu haben. Je geräuschvoller die
-Außenwelt war, um so mehr zog er sich in sein Inneres zurück, indem er
-an allem dem, was damals der Seltenheit wegen jedermann beschäftigte,
-nicht den geringsten Anteil nahm. Denn schon zu Anfang des Monats
-August wurden nicht nur in Stuttgart, Hohenheim, Ludwigsburg, auf
-der Solitüde etc., sondern auch in der ganzen Umgegend die größten
-Vorbereitungen zu dem feierlichen Empfang des Großfürsten von Rußland
-(nachmaligen Kaisers Paul) und seiner Gemahlin gemacht. Die Einwohner
-Württembergs waren stolz darauf, in der künftigen Kaiserin aller Reußen
-eine Nichte ihres Herzogs bewillkommnen zu können, die sie um so mehr
-liebten, als ihre Erscheinung Erinnerungen an ihre erhabenen Eltern
-hervorrief, die jedem württembergischen Herzen um so tiefer eingegraben
-blieben, als sie solche aus Scheu vor ihrem Regenten nicht zu zeigen
-wagen durften, und auch bei der verehrten Tochter die Gerüchte es
-zweifelhaft ließen, ob ihre Güte des Herzens, die Eigenschaften ihres
-Geistes oder ihre einnehmende Schönheit den Vorzug verdiene.
-
-In der ersten Hälfte des Septembers trafen die hohen Reisenden zu
-Stuttgart ein, denen schon einige Tage früher die meisten benachbarten
-Fürsten und eine außerordentliche Menge Fremder vorausgeeilt waren,
-um den Festlichkeiten, welche für die allerhöchsten Gäste bereitet
-wurden, beiwohnen und die Prachtliebe des Herzogs wie nicht minder den
-Geschmack, mit dem er alles anzuordnen wußte, bewundern zu können.
-Die mit den schönsten, seltensten Pferden angefüllten Marställe sowie
-die dazu gehörigen Equipagen, boten Gelegenheit zu Auffahrten, die
-man damals wohl schwerlich irgendwo anders mit so großem Aufwand und
-so vielem Glanze sehen konnte. Aber wirklich ungeheuer groß waren
-die Anstalten, vermöge welcher man aus den vielen Jagdrevieren des
-Landes eine Anzahl von beinahe sechstausend Hirschen in einen nahe bei
-der Solitüde liegenden Wald zusammengetrieben hatte, die von einer
-Menge Bauern am Durchbrechen verhindert wurden, und zu welchem Zweck
-auch in der Nacht der ganze Umkreis des Waldes durch eine enge Kette
-von Wachtfeuern erleuchtet war. Nicht leicht konnte dem Großfürsten
-in einem andern Staat eine solche Anzahl von Wild beisammen gezeigt
-werden, und um das Vergnügen der Jagd zu erhöhen, waren die edlen Tiere
-bestimmt, eine steile Anhöhe hinaufgejagt und gezwungen zu werden,
-sich in einen See zu stürzen, in welchem sie, aus einem eigens dazu
-erbauten Lusthause, nach Bequemlichkeit erlegt werden konnten.
-
-In dem Gewirr und der Unruhe, welche solche Vorkehrungen bei den
-Städtern immer hervorbringen, blieb unser Dichter ganz auf sich
-eingeschränkt und hatte zu Anfang des Septembers sein Trauerspiel so
-weit gebracht, daß er es beinahe für vollendet halten durfte, indem
-er die Auslassungen, die Abänderungen, welche etwa die Aufführung
-erheischen sollte, auf eine ruhigere Zeit aufsparte und um so eher in
-wenigen Tagen damit zu Ende zu kommen hoffte, als er schon während der
-Arbeit an das Nötige hierüber gedacht.
-
-Unter den angekommenen Fremden befand sich auch Baron Dalberg, der
-einige Tage früher, als die Festlichkeiten ihren Anfang nahmen,
-eintraf, sowie die Gattin des Regisseurs Meier vom Mannheimer Theater,
-die aus Stuttgart gebürtig war. Schiller machte dem Baron Dalberg
-seinen Besuch, ohne von seinem Vorhaben das geringste zu erwähnen.
-Ebenso verschlossen blieb er gegen Madame Meier, die er öfter sah. Die
-Ursachen dieses Schweigens waren keine anderen, als weil der Vorsatz,
-etwas zu wagen, viel zu stark und die Hoffnung auf einen glücklichen
-Erfolg -- wenn er seine Bitten in diesem Tumult von Festivitäten
-und Vergnügen an seinen Fürsten gelangen lasse -- viel zu groß bei
-ihm geworden war, als daß er sich der widerlichen Empfindung hätte
-aussetzen mögen, durch Zweifel belästigt oder durch Beweise eines
-ungewissen Erfolges widerlegt zu werden.
-
-Was den Freiherrn von Dalberg insbesondere betraf, so vermutete
-Schiller, daß seiner dringenden Vorstellungen ungeachtet nur darum
-keine Verwendung für ihn geschehen, weil er noch in herzoglichen
-Diensten stehe. Käme aber das Schlimmste, daß er diese Dienste
-verlassen müßte, so wäre es ganz unmöglich, daß Baron Dalberg nach den
-vielen Versicherungen der aufrichtigsten Teilnahme und der größten
-Bereitwilligkeit, seine Wünsche zu gewähren, ihn ohne Hilfe und
-Unterstützung lassen würde. Im Gegenteil hegte er die gewisse Hoffnung,
-daß er dann als Theaterdichter in Mannheim angestellt und somit ein
-Ziel erreichen würde, welches er als das glücklichste und für ihn
-passendste anerkannte.
-
-Madame Meier als aufrichtige, wahrheitsliebende Landsmännin hätte zwar
-die Äußerungen der Schmeichelei, der Güte, des Wohlwollens, womit
-Schiller bei seiner letzten Anwesenheit in Mannheim überschüttet
-worden, sehr leicht in den Dunst und Nebel, aus dem sie bestanden,
-auflösen können, aber sie hätte dann die schönsten Träume, die
-sehnlichsten Wünsche des jungen Mannes zerstört und ihn wieder an die
-Klippe zurückgeworfen, die ihn zu zerschellen drohte. Das Beharren
-in dem jetzigen Zustande ließ allerdings den Regimentsdoktor, wie er
-vorher war, zernichtete aber den Dichter. Das Wagnis des Losreißens
-eröffnete Aussichten, die, auch nur zum Teil erfüllt, gegen den frühern
-Zwang gehalten, die Wonne eines Paradieses erwarten ließen.
-
-Aber die Zeit verfloß. Nur wenige Tage waren noch übrig, welche so
-geräuschvoll und unruhig sein konnten, daß man unbemerkt eine Reise
-hätte antreten können. Schiller ging mit seinem Freund und Mad. Meier
-auf die Solitüde, um seine Eltern und Schwestern noch einmal zu sehen,
-besonders aber von seiner Mutter, die jetzt von allem auf das genaueste
-unterrichtet war, Abschied zu nehmen und sie zu beruhigen. Der in der
-lachendsten Gegend fortlaufende Weg dahin wurde zu Fuß gemacht, welches
-die Gelegenheit bieten sollte, um von Mad. Meier unvermerkt alles
-erfahren zu können, was die innere Beschaffenheit des Theaters oder
-die Hoffnungen des Dichters betraf. Da aber alles dahin Einschlagende
-nur oberflächlich berührt wurde, auch ernsthaftere Fragen aus Furcht,
-erraten zu werden, nicht wohl gestellt werden konnten, so blieb die
-Zukunft in derselben Dämmerung wie bisher, und es war nichts übrig,
-als sich auf das Glück zu verlassen.
-
-Bei dem Eintritt in die Wohnung von Schillers Eltern befand sich nur
-die Mutter und die älteste Schwester gegenwärtig. So freundlich auch
-die Hausfrau die Fremden empfing, so war es ihr doch nicht möglich,
-sich so zu bemeistern, daß S. die Unruhe nicht aufgefallen wäre,
-mit der sie ihn anblickte und oft zu reden versuchte, ohne ein Wort
-hervorbringen zu können. Glücklicherweise trat bald der Vater Schillers
-ein, der durch Aufzählung der Festlichkeiten, welche auf der Solitüde
-gehalten werden sollten, die Aufmerksamkeit so ganz an sich zog, daß
-sich der Sohn unvermerkt mit der Mutter entfernen und seine Freunde der
-Unterhaltung mit dem Vater überlassen konnte.
-
-Es war mir auffallend, bei diesem kleinen, untersetzten Mann außer
-einer sehr schönen, großen Stirne wenig Ähnlichkeit mit seinen Sohne
-wahrnehmen zu können und auch in der klaren, bestimmten, durchaus
-scharfverständigen Sprache den Schwung und die milde Wärme zu
-vermissen, womit sein Sohn als Dichter und Philosoph jeden Gegenstand
-des Gespräches zu beleben und zu erheben wußte.
-
-Nach einer Stunde kehrte Schiller zur Gesellschaft zurück, aber -- ohne
-seine Mutter. Wie hätte diese sich zeigen können! Konnte und durfte sie
-auch den vorhabenden Schritt als eine Notwehr ansehen, durch die er
-sein Dichtertalent, sein künftiges Glück sichern und vielleicht einer
-unverschuldeten Einkerkerung vorbeugen wollte, so mußte es ihr doch das
-Herz zermalmen, ihren einzigen Sohn auf immer verlieren zu müssen, und
-zwar aus Ursachen, die so unbedeutend waren, daß sie nach den damaligen
-Ansichten in jedem andern Staat ohne besondere Folgen geblieben wären.
-Und dieser Sohn, in welchem sie beinahe ihr ganzes Selbst erblickte,
-der schon an der mütterlichen Brust die sanfte Gemütsart, die milde
-Denkweise eingesogen zu haben schien -- er hatte ihr von jeher nichts
-als Freude gewährt; sie sah ihn mit all den Eigenschaften begabt,
-die sie so oft, so inbrünstig von der Gottheit für ihn erfleht hatte!
-Und nun! -- -- -- -- -- -- -- -- -- Wie schmerzhaft das Lebewohl von
-beiden ausgesprochen worden sein mußte, ersah man an den Gesichtszügen
-des Sohnes, sowie an seinen feuchten, geröteten Augen. Er suchte diese
-einem gewöhnlichen, ihn oft befallenden Übel zuzuschreiben und konnte
-erst auf dem Wege nach Stuttgart durch die zerstreuenden Gespräche der
-Gesellschaft wieder zu einiger Munterkeit gelangen.
-
-Auf der Solitüde erfuhr man, daß daselbst am 17. September die große
-Hirschjagd, Schauspiel und eine allgemeine, prächtige Beleuchtung
-stattfinden solle. Zu Hause angelangt, wurde zwischen Schiller und
-S. alles, was ihre Reise betraf, noch um so eifriger besprochen, als
-keine Zeit mehr zu verlieren war, da die Festlichkeiten bald zu Ende
-sein würden. Als man auch erfahren, welchen Tag Schillers Regiment
-die Wachen nicht zu besetzen habe, er folglich unter den Stadttoren
-Soldaten treffen werde, denen er nicht so genau wie seinen alten
-Grenadieren bekannt sei, so wurde die Abreise auf den 17. September
-abends um neun Uhr festgesetzt.[1]
-
-Die bürgerliche Kleidung, welche sich Schiller hatte machen lassen,
-seine Wäsche, die Werke von Haller, Shakespeare etc. etc., noch einige
-andere Dichter wurden nach und nach von S. weggebracht, so daß für die
-spätern Stunden nur wenig mehr zu tun übrigblieb. Am letzten Vormittag
-sollte nach der Abrede um zehn Uhr alles bereit sein, was von Schiller
-noch wegzubringen war, und S. fand sich mit der Minute ein. Allein er
-fand nicht das mindeste hergerichtet. Denn nachdem Schiller um acht
-Uhr in der Frühe von seinem letzten Besuch in dem Lazarett zu Hause
-gekehrt war, fielen ihm bei dem Zusammensuchen seiner Bücher die Oden
-von Klopstock in die Hände, unter denen eine ihn schon oft besonders
-angezogen und aufs neue so aufregte, daß er sogleich -- jetzt in einem
-so entscheidenden Augenblick! -- ein Gegenstück dichtete. Ungeachtet
-alles Drängens, alles Antreibens zur Eile mußte S. dennoch zuerst
-die Ode und dann das Gegenstück anhören, welchem letzterem -- gewiß
-weniger aus Vorliebe für seinen begeisterten Freund -- der Schönheit
-der Sprache und Bestimmtheit der Bilder wegen, S. einen entschiedenen
-Vorzug gab. Eine geraume Zeit verging, ehe der Dichter von seinem
-Gegenstand abgelenkt, wieder auf unsere Welt, auf den heutigen Tag zu
-der fliehenden Minute zurückgebracht werden konnte. Ja es erforderte
-öfteres Fragen, ob nichts vergessen sei, sowie mehrmaliges Erinnern,
-daß nichts zurückgelassen werde. Erst am Nachmittag aber konnte alles
-in Ordnung gebracht werden, und abends neun Uhr kam Schiller in die
-Wohnung von S. mit einem Paar alten Pistolen unter seinem Kleide.
-
-Diejenige, welche noch einen ganzen Hahn, aber keinen Feuerstein hatte,
-wurde in den Koffer gelegt; die andere, mit zerbrochenem Schloß, in den
-Wagen getan. Daß aber beide nur mit frommen Wünschen für Sicherheit
-und glückliches Fortkommen geladen waren, versteht sich von selbst.
-Der Vorrat an Geld war bei den Reisenden nichts weniger als bedeutend;
-denn nach Anschaffung der nötigen Kleidungsstücke und anderer Sachen,
-die für unentbehrlich gehalten wurden, blieben Schillern noch
-dreiundzwanzig und S. noch achtundzwanzig Gulden übrig, welche aber
-von der Hoffnung und dem jugendlichen Mut auf das Zehnfache gesteigert
-wurden.
-
-Hätte Schiller nur noch einige Wochen warten und nicht durchaus sich
-schon jetzt entfernen wollen, so würde S. die nötige Summe bis Hamburg
-in Händen gehabt haben. Aber die Ungeduld des unterdrückten Jünglings,
-eine Entscheidung herbeizuführen, ließ sich schon darum nicht bezähmen,
-weil er fürchtete, eine so gute Gelegenheit zum unbemerkten Entkommen
-ungenützt vorbeigehen zu lassen und dann weit mehr Schwierigkeit bei
-dem Herzog für die Gewährung seiner Bitten zu finden. Bis Mannheim wie
-auch für einige Tage Aufenthalt daselbst konnte das kleine Vermögen
-ausreichen, und was zum Weiterkommen fehlte, sollte S. nachgeschickt
-werden.
-
-Nachdem der Wagen mit zwei Koffern und einem kleinen Klavier bepackt
-war, kam der schwere Kampf, den Schiller vor einigen Tagen bestanden,
-nun auch an S. -- von seiner guten, frommen Mutter Abschied zu
-nehmen. Auch er war der einzige Sohn, und die mütterlichen Sorgen
-ließen sich nur dadurch beschwichtigen, daß Schiller nicht nur die
-unveränderlichste Treue gegen seinen Freund gelobte, sondern auch
-die zuverlässige Hoffnung aussprach, in vierzehn Tagen wieder zurück
-eintreffen und von der glücklich vollbrachten Reise Bericht geben zu
-wollen. Von Segenswünschen und Tränen begleitet, konnten die Freunde
-endlich um zehn Uhr nachts in den Wagen steigen und abfahren.
-
-Der Weg wurde zum Eßlinger Tor hinaus genommen, weil dieses das
-dunkelste war und einer der bewährtesten Freunde Schillers -- möchte
-ihm das Vergnügen gegönnt sein, diese Zeilen noch zu lesen -- als
-Leutnant die Wache hatte, damit, wenn sich ja eine Schwierigkeit
-ergäbe, diese durch Vermittlung des Offiziers sogleich gehoben werden
-könne.
-
-Es war ein Glück, daß damals von keinem zu Wagen Reisenden ein Paß
-abgefordert wurde. Nur S. hatte sich einen nach Hamburg geben lassen,
-welches aber nur der überflüssig scheinenden Vorsicht wegen geschah.
-
-So gefaßt die jungen Leute auch auf alles waren, und so wenig sie
-eigentlich zu fürchten hatten, so machte dennoch der Anruf der
-Schildwache -- Halt! -- Wer da! -- Unteroffizier heraus! -- einen
-unheimlichen Eindruck auf sie. Nach den Fragen: Wer sind die Herren? Wo
-wollen Sie hin? wurde von S. des Dichters Name in Doktor Ritter, und
-der seinige in Doktor Wolf verwandelt, beide nach Eßlingen reisend,
-angegeben und so aufgeschrieben. Das Tor wurde nun geöffnet, die
-Reisenden fuhren vorwärts, mit forschenden Blicken in die Wachtstube
-des Offiziers, in der sie zwar kein Licht, aber beide Fenster weit
-offen sahen. Als sie außer dem Tore waren, glaubten sie einer großen
-Gefahr entronnen zu sein, und gleichsam als ob diese wiederkehren
-könnte, wurden, so lange als sie die Stadt umfahren mußten, um die
-Straße nach Ludwigsburg zu gewinnen, nur wenige Worte unter ihnen
-gewechselt. Wie aber einmal die erste Anhöhe hinter ihnen lag, kehrten
-Ruhe und Unbefangenheit zurück, das Gespräch wurde lebhafter und bezog
-sich nicht allein auf die jüngste Vergangenheit, sondern auch auf
-die bevorstehenden Erlebnisse. Gegen Mitternacht sah man links von
-Ludwigsburg eine außerordentliche Röte am Himmel, und als der Wagen in
-die Linie der Solitüde kam, zeigte das daselbst auf einer bedeutenden
-Erhöhung liegende Schloß mit allen seinen weitläufigen Nebengebäuden
-sich in einem Feuerglanze, der sich in der Entfernung von anderthalb
-Stunden auf das Überraschendste ausnahm. Die reine, heitere Luft
-ließ alles so deutlich wahrnehmen, daß Schiller seinem Gefährten den
-Punkt zeigen konnte, wo seine Eltern wohnten, aber alsbald, wie von
-einem sympathetischen Strahl berührt, mit einem unterdrückten Seufzer
-ausrief: »Meine Mutter!«
-
-Es war ganz natürlich, daß die Erinnerung an die Verhältnisse, welche
-vor einigen Stunden auf das Ungewisse hin abgerissen wurden, nicht
-anders als wehmütig sein konnte. Andererseits war es aber wieder
-beruhigend, als gewiß voraussetzen zu können, daß in diesem Wirbel von
-Festen außer den Müttern und Schwestern niemand an die Reisenden denke,
-folglich Mannheim ohne Hindernis erreicht werden könne.
-
-Morgens zwischen ein und zwei Uhr war die Station Entzweihingen
-erreicht, wo gerastet werden mußte. Als der Auftrag für etwas Kaffee
-erteilt war, zog Schiller sogleich ein Heft ungedruckter Gedichte
-von Schubart hervor, von denen er die bedeutendsten seinem Gefährten
-vorlas. Das merkwürdigste darunter war die Fürstengruft, welches
-Schubart in den ersten Monaten seiner engen Gefangenschaft mit der
-Ecke einer Beinkleiderschnalle in die nassen Wände seines Kerkers
-eingegraben hatte. Damals, 1782, war Schubart noch auf der Festung, wo
-er aber jetzt sehr leidlich gehalten wurde. In manchem dieser Gedichte
-fanden sich Anspielungen, die nicht schwer zu deuten waren, und die
-keine nahe Befreiung ihres Verfassers erwarten ließen.
-
-Schiller hatte für die dichterischen Talente des Gefangenen sehr viele
-Hochachtung. Auch hatte er ihn einigemal auf dem Asperg besucht.
-
-Nach drei Uhr wurde von Entzweihingen aufgebrochen, und nach acht
-Uhr morgens war die kurpfälzische, durch eine kleine Pyramide
-angedeutete Grenze erreicht, die mit einer Freude betreten wurde, als
-ob rückwärts alles Lästige geblieben wäre und das ersehnte Eldorado
-bald erreicht sein würde. Das Gefühl, eines harten Zwanges entledigt
-zu sein, verbunden mit dem heiligen Vorsatz, demselben sich nie mehr
-zu unterwerfen, belebten das bisher etwas düstere Gemüt Schillers zur
-gefälligsten Heiterkeit, wozu die angenehme Gegend, das muntere Wesen
-und Treiben der rüstigen Einwohner wohl auch das ihrige beitrugen.
-»Sehen Sie,« rief er seinem Begleiter zu, »sehen Sie, wie freundlich
-die Pfähle und Schranken mit Blau und Weiß angestrichen sind! Ebenso
-freundlich ist auch der Geist der Regierung!«
-
-Ein lebhaftes Gespräch, das durch diese Bemerkung herbeigeführt wurde,
-verkürzte die Zeit dergestalt, daß es kaum möglich schien, um zehn Uhr
-schon in Bretten angekommen zu sein. Dort wurde bei dem Postmeister
-Pallavicini abgestiegen, etwas gegessen, der von Stuttgart mitgenommene
-Wagen und Kutscher zurückgeschickt, nachmittags die Post genommen und
-über Waghäusel nach Schwetzingen gefahren, allwo die Ankunft nach neun
-Uhr abends erfolgte. Da in Mannheim als einer Hauptfestung die Tore mit
-Eintritt der Dunkelheit geschlossen wurden, so mußte in Schwetzingen
-übernachtet werden, welches auf zwei unruhige Tage und eine schlaflose
-Nacht um so erwünschter war.
-
-Am 19. September waren die Reisenden des Morgens sehr früh geschäftig,
-um sich zu dem Eintritt in Mannheim vorzubereiten. Das Beste, was die
-Koffer faßten, wurde hervorgesucht, um durch scheinbaren Wohlstand
-sich eine Achtung zu sichern, die dem dürftig oder leidend Aussehenden
-fast immer versagt wird. Die Hoffnung Schillers, seine kranke Börse
-in der nächsten Zeit durch einige Erfrischungen beleben zu können,
-war keine Selbsttäuschung; denn wer hätte daran zweifeln mögen, daß
-eine Theaterdirektion, die schon im ersten Jahre so vielen Vorteil aus
-den Räubern gezogen, sich nicht beeilen würde, das zweite Stück des
-Dichters -- das nicht nur für das große Publikum, sondern auch für den
-gebildeten Teil desselben berechnet war -- gleichfalls aufzunehmen?
-Es ließ sich für gewiß erwarten -- die Entscheidung des Herzogs möge
-nun gewährend oder verneinend ausfallen -- daß noch in diesem Jahre
-Fiesco aufgeführt werde und dann war der Verfasser durch eine freie
-Einnahme oder ein beträchtliches Honorar auf so lange geborgen, daß er
-sich wieder neue Hilfsmittel schaffen konnte. Mit der Zuversicht, daß
-die nächsten vierzehn Tage schon diese Vermutungen in volle Gewißheit
-umwandeln müßten, wurde die Postchaise zum letztenmal bestiegen und
-nach Mannheim eingelenkt, das in zwei Stunden, ohne irgend eine Frage
-oder Aufenthalt an dem Tore der Festung, erreicht war.
-
-Der Theaterregisseur, Herr Meier, bei welchem abgestiegen wurde, war
-sehr überrascht, Schillern zu einer Zeit bei sich zu sehen, wo er
-ihn in lauter Feste und Zerstreuungen versunken glaubte; aber seine
-Überraschung ging in Erstaunen über, als er vernahm, daß der junge
-Mann, den er so hoch verehrte, jetzt als Flüchtling vor ihm stehe.
-Obwohl Herr Meier bei der zweimaligen Anwesenheit Schillers in Mannheim
-von diesem selbst über sein mißbehagliches Leben und Treiben in
-Stuttgart unterrichtet war, so hatte er doch nicht geglaubt, daß diese
-Verhältnisse auf eine so gewagte und plötzliche Art abgerissen werden
-sollten. Als gebildeter Weltmann enthielt er sich bei den weitern
-Erklärungen Schillers hierüber jedes Widerspruchs und bestärkte ihn
-nur in diesem Vorhaben, noch heute eine Vorstellung an den Herzog
-einzusenden und durch seine Bitte eine Aussöhnung bewirken zu wollen.
-Die Reisenden wurden von ihm zum Mittagessen eingeladen, und er hatte
-auch die Gefälligkeit, in der Nähe seines Hauses eine Wohnung, die in
-dem menschenleeren Mannheim augenblicklich zu haben war, aufnehmen zu
-lassen, wohin sogleich das Reisegeräte geschafft wurde.
-
-Nach Tische begab sich Schiller in das Nebenzimmer, um daselbst an
-seinen Fürsten zu schreiben. Als er in einigen Stunden fertig war, las
-er den vorher nicht aufgesetzten, aber vortrefflich geschriebenen Brief
-den wartenden Freunden vor, dessen wesentlicher Inhalt folgender war:
-
- »Im Eingang erwähnte er, daß er in der Akademie das Studium, zu dem
- er eine entschiedene Neigung gehabt, niemals habe treiben dürfen
- oder können, und er sich nur aus Gehorsam gegen den fürstlichen
- Willen, zuerst der Rechtswissenschaft und dann der Arzneikunde
- gewidmet habe. Er erinnerte den Herzog an die vielen und großen
- Gnaden, welcher er während der sieben Jahre seines Aufenthaltes
- von ihm gewürdigt worden, und die so bedeutend waren, daß er ewig
- stolz darauf sein werde, sagen zu dürfen, sein Fürst habe ihn in
- seinem Herzen getragen. Dann setzte er erstens die Unmöglichkeit
- auseinander, mit seiner geringen Besoldung leben oder durch seinen
- Beruf als Arzt sich ein besseres Auskommen verschaffen zu können,
- indem die Anzahl der Mediziner zu groß in Stuttgart sei, und ein
- Anfänger zu lange Zeit brauche, um sich bekannt zu machen, er auch
- von Haus nichts zuzusetzen habe.
-
- »Zweitens bat er um die Aufhebung des Befehls, keine andern als
- medizinische Schriften drucken zu lassen, indem die Bekanntmachung
- seiner dichterischen Arbeiten allein imstande sei, seine Einnahme
- zu verbessern.
-
- »Drittens möge es ihm erlaubt werden, alle Jahre, auf kurze Zeit,
- eine Reise in das Ausland zu machen.
-
- »Viertens, daß er sehr gern wieder zurückkehren wolle, wenn ihm das
- fürstliche Wort gegeben würde, daß seine eigenmächtige Entfernung
- verziehen sei und er keine Strafe dafür zu befürchten habe.«
-
-Dieses Schreiben wurde einem Brief an seinen Regimentschef, den General
-Augé, beigeschlossen und dieser ersucht, die vorgelegten Bitten nach
-seinen besten Kräften sowie durch seinen ganzen Einfluß bei dem Herzog
-unterstützen zu wollen. Schiller glaubte für seine Sicherheit so wenig
-befürchten zu dürfen, daß er den General bat, ihm seine Antwort durch
-die Adresse des Herrn Meier zukommen zu lassen. Obwohl letzterer über
-das wahrscheinliche Verfahren des Herzogs nicht so ruhig sein konnte
-als derjenige, den es zunächst betraf, so mußte er doch die Möglichkeit
-zugestehen, daß der Fürst durch die rührenden und bescheidenen
-Vorstellungen seines ehemaligen Günstlings wie auch aus Rücksicht gegen
-dessen Eltern vielleicht bewogen werden könne, von den gewöhnlichen
-Verfügungen für diesmal abzugehen und wenigstem einen Teil der Bitten
-zu bewilligen.
-
-Den andern Tag abends traf Madame Meier von Stuttgart wieder zu
-Hause ein. Sie erzählte, daß sie schon am 18. vormittags Schillers
-Verschwinden erfahren, daß jedermann davon spreche und allgemein
-vermutet werde, man würde ihm nachsetzen lassen oder seine Auslieferung
-verlangen. Schiller beruhigte jedoch seine Freunde durch die
-Versicherung, daß er den großmütigen Charakter seines Herzogs durch zu
-viele Proben habe kennen lernen, als daß er nur die geringste Gefahr
-befürchte, so lang' er den Willen zeige, wieder zurückzukommen.
-
-Dies sei geschehen, eines Vergehens könne man ihn nicht anklagen;
-eigentlicher Soldat sei er nicht, folglich könne man ihn auch
-nicht unter die Klasse derjenigen zählen, denen bei freiwilligem
-Abschiednehmen nachgesetzt wird.
-
-Indessen wurde es doch für ratsam gehalten, daß er sich nirgends
-öffentlich zeigen solle, wodurch er nun auf seine Wohnung und das
-Meiersche Haus allein eingeschränkt blieb. Für die Reisenden war es
-sehr angenehm, in der Hausfrau eine teilnehmende Landsmännin und sehr
-gebildete Freundin zu finden, die in alles einging, was ihr jetziges
-oder künftiges Schicksal betraf, und dasjenige mit leichter Zunge
-behandelte, über was sich Männer nur sehr ungern offen erklären.
-
-Nicht nur für diese bedenkliche Zeit, sondern auch in der Folge blieben
-diese würdigen Leute Schillers aufrichtigste, wahrste Freunde, und
-Madame Meier bewies sich besonders bei dieser Gelegenheit so sorgsam
-und tätig wie eine Mutter, die sich um ihren Sohn anzunehmen hat.
-
-Mittlerweile hatte S. schon am ersten Abend mit Herrn Meier über das
-neue, beinahe ganz fertige Trauerspiel Fiesco gesprochen und desselben
-als einer Arbeit erwähnt, die den Räubern aus vielen Rücksichten
-vorzuziehen sei. Es ergab sich nun von selbst, daß der Dichter
-darum angegangen wurde, die erregte Neugierde durch Mitteilung des
-Manuskriptes zu befriedigen, wozu sich aber dieser nur unter der
-Bedingung verstand, wenn eine größere Anzahl von Zuhörern gegenwärtig
-sei. Man fand dies um so natürlicher, da wohl unter allen Schauspielern
-sich keiner befand, der nicht im höchsten Grad auf die zweite Arbeit
-eines Jünglings begierig gewesen wäre, welcher sich schon durch seine
-erste auf eine so außerordentliche Art angekündigt hatte. Es wurde
-daher sogleich ein Tag festgesetzt, auf welchen die bedeutendsten
-Künstler des Theaters eingeladen werden sollten, um der Vorlesung des
-neuen Stücks beizuwohnen.
-
-Nach zwei erwartungsvollen Tagen traf die Antwort von General Augé
-an Schiller ein, welche folgendes enthielt: »Der General habe den
-Wünschen Schillers entsprochen und sein Schreiben dem Herzog nicht
-nur vorgelegt, sondern auch durch sein Vorwort die getanen Bitten
-unterstützt. Er habe daher den Auftrag erhalten, ihn wissen zu lassen:
-da Se. herzogliche Durchlaucht bei Anwesenheit der hohen Verwandten
-jetzt sehr gnädig wären, er nur zurückkommen solle.«
-
-Da dieses Schreiben von allem dem nicht das geringste erwähnte, um was
-Schiller zur Erleichterung seines Schicksals so dringend gebeten hatte,
-so schrieb er dem General augenblicklich zurück, daß er diese Äußerung
-Sr. Durchlaucht unmöglich als eine Gewährung seines Gesuches betrachten
-könne, folglich genötigt sei, bei dem Inhalt seiner Bittschrift zu
-beharren, und seinen Chef ersuche, alles anzuwenden, um den Herzog zur
-Erfüllung seiner Wünsche zu vermögen.
-
-Durch diese Antwort seines Generals in Zweifel gesetzt, was er zu
-hoffen oder zu fürchten habe, schrieb Schiller -- was er schon am
-zweiten Tag seiner Ankunft an seine Eltern getan -- sogleich an einige
-Freunde, damit, wenn sie etwas erführen, was ihm schaden könnte, sie
-ihm doch alsobald Nachricht geben möchten, und sah den Antworten mit
-ebensoviel Unruhe als Neugierde entgegen.
-
-Der Nachmittag war zur Vorlesung des neuen Trauerspiels bestimmt, wozu
-sich gegen vier Uhr außer Iffland, Beil, Beck noch mehrere Schauspieler
-einfanden, die nicht Worte genug finden konnten, um ihre tiefe
-Verehrung gegen den Dichter sowie über die hohe Erwartung auszudrücken,
-die sie von dem neuesten Produkt eines so erhabenen Geistes hätten.
-Nachdem sich alle um einen großen, runden Tisch gesetzt hatten,
-schickte der Verfasser erst eine kurze Erzählung der wirklichen
-Geschichte und eine Erklärung der vorkommenden Personen voraus, worauf
-er dann zu lesen anfing.
-
-Für S. war das Beisammensehen so berühmter Künstler wie Iffland, Meier,
-Beil, von denen das Gerücht Außerordentliches sagte, um so mehr neu
-und willkommen, als er noch nie mit einem Schauspieler einigen Umgang
-gehabt hatte. Im stillen feierte er schon den Triumph, wie überrascht
-diese Leute, die den Dichter mit unverwandten Augen ansahen, über die
-vielen schönen Stellen sein würden, die schon in den ersten Szenen,
-sowie in den folgenden noch häufiger vorkommen, und sah nicht den
-Vorleser, sondern nur die Zuhörer an, um die Eindrücke zu bemerken,
-welche die vorzüglichsten Ausdrücke bei ihnen hervorbringen würden.
-
-Aber der erste Akt wurde zwar bei größter Stille, jedoch ohne das
-geringste Zeichen des Beifalls abgelesen, und er war kaum zu Ende,
-als Herr Beil sich entfernte und die übrigen sich von der Geschichte
-Fiescos oder andern Tagesneuigkeiten unterhielten.
-
-Der zweite Akt wurde von Schiller weiter gelesen, ebenso aufmerksam
-wie der erste, aber ohne das geringste Zeichen von Lob oder Beifall
-angehört. Alles stand jetzt auf, weil Erfrischungen von Obst, Trauben
-etc. herumgegeben wurden. Einer der Schauspieler, namens Frank, schlug
-ein Bolzschießen vor, zu dem man auch Anstalt zu machen schien. Allein
-nach einer Viertelstunde hatte sich alles verlaufen, und außer den zum
-Haus Gehörigen war nur Iffland geblieben, der sich erst um acht Uhr
-nachts entfernte.
-
-Als ein vollkommener Neuling in der Welt konnte sich S. diese
-Gleichgültigkeit, ja diese Abneigung gegen eine so vortreffliche
-Dichtung von denen am allerwenigsten erklären, die kaum vor einer
-Stunde die größte Bewunderung und Verehrung für Schiller ihm selbst
-bezeugt hatten, und es empöre ihn um so heftiger, alle die Sagen von
-Neid und Kabale der Schauspieler jetzt schon bestätigt zu sehen, da die
-Antwort des Generals Augé wenig Hoffnung ließ, daß sein Freund jemals
-zurückkehren dürfe; wo alsdann sein Schicksal bei solchen Leuten sehr
-beklagenswert sein müßte.
-
-Aber der Unerfahrene sollte noch mehr in Verlegenheit gesetzt werden;
-denn als er eben im Begriff war, sich über die ungewöhnliche und
-beinahe verächtliche Behandlung Schillers bei Herrn Meier zu beklagen,
-zog ihn dieser in das Nebenzimmer und fragte: »Sagen Sie mir jetzt
-ganz aufrichtig, wissen Sie gewiß, daß es Schiller ist, der die Räuber
-geschrieben?«
-
-Zuverlässig! Wie können Sie daran zweifeln?
-
-»Wissen Sie gewiß, daß nicht ein anderer dieses Stück geschrieben und
-er es nur unter seinem Namen herausgegeben? Oder hat ihm jemand anderer
-daran geholfen?«
-
-Ich kenne Schillern schon im zweiten Jahre und will mit meinem Leben
-dafür bürgen, daß er die Räuber ganz allein geschrieben und ebenso auch
-für das Theater abgeändert hat. Aber warum fragen Sie mich dieses alles?
-
-»Weil der Fiesco das Allerschlechteste ist, was ich je in meinem Leben
-gehört, und weil es unmöglich ist, daß derselbe Schiller, der die
-Räuber geschrieben, etwas so Gemeines, Elendes sollte gemacht haben.«
-
-S. suchte Herrn Meier zu widerlegen und ihm zu beweisen, daß Fiesco
-weit regelmäßiger für die Bühne und darin alles vermieden sei, was an
-den Räubern mit Recht so scharf getadelt worden. Er müsse das neue
-Stück nur öfter hören oder es selbst durchlesen, dann werde er es
-gewiß ganz anders beurteilen und ihm Geschmack abgewinnen. Allein alle
-diese Reden waren vergebens. Herr Meier beharrte um so mehr auf seiner
-Meinung, weil es ihm als einem erfahrnen Schauspieler zukommen müsse,
-aus einigen Szenen den Gehalt des Ganzen sogleich beurteilen zu können,
-und sein Schluß war: »Wenn Schiller wirklich die Räuber und Fiesco
-geschrieben, so hat er alle seine Kraft an dem ersten Stück erschöpft
-und kann nun nichts mehr als lauter erbärmliches, schwülstiges,
-unsinniges Zeug hervorbringen.«
-
-Dieses Urteil, von einem Mann ausgesprochen, den man nicht nur als
-einen vollgültigen Richter, sondern auch als einen solchen Freund
-Schillers ansehen durfte, dem an der guten Aufnahme des Stückes beinahe
-ebensoviel als dem Verfasser selbst gelegen sei, machte auf S. einen so
-betäubenden Eindruck, daß ihm die Sprache für den Augenblick den Dienst
-versagte. War dies Herr Meier, der so zu ihm sprach? Hatte er auch
-recht gehört? Sollte er die Erwartungen Meiers zu hoch gespannt haben?
-Wäre es möglich, daß er sich getäuscht und dasjenige vortrefflich
-gefunden, was andere, die man für Kenner gelten lassen mußte, nun
-als schlecht, als unsinnig beurteilen? Oder hat sich Meier mit den
-andern verschworen, zum Untergang des Stücks und seines Verfassers
-mitzuwirken? Diese Fragen, durch das Unbegreifliche des Vorganges und
-der Äußerungen Meiers hervorgerufen, machte S. an sich selbst und fand
-sie um so quälender, da ihre Auflösung nicht sogleich erfolgen konnte.
-Die Abendstunden wurden von den Anwesenden mit größter Verlegenheit
-zugebracht. Von Fiesco erwähnte niemand mehr eine Silbe. Schiller
-selbst war äußerst verstimmt und nahm mit seinem Gefährten zeitlich
-Abschied. Bei dem Weggehen ersuchte ihn Meier, ihm für die Nacht das
-Manuskript da zu lassen, indem er nur die zwei ersten Akte gehört und
-doch gern wissen möchte, welchen Ausgang das Stück nähme. Schiller
-bewilligte diese Bitte sehr gern.
-
-Über den kalten Empfang Fiescos, von dem man die willkommenste Aufnahme
-erwartet hatte, wurde zu Hause nichts, und überhaupt sehr lange wenig
-gesprochen, bis sich Schiller endlich Luft machte und über den Neid,
-die Kabale, den Unverstand der Schauspieler Klagen führte. Jetzt zum
-erstenmal sprach er den ernstlichen Vorsatz aus, daß, wenn er hier
-nicht als Schauspieldichter angestellt oder sein Trauerspiel nicht
-angenommen werde, er selbst als Schauspieler auftreten wolle, indem
-eigentlich doch niemand so deklamieren könne wie er. S. wollte dem
-mißlaunigen Freunde nicht geradezu widersprechen, gab ihm aber doch
-zu bedenken, in welche Verlegenheit er seine Mutter und Schwester,
-besonders aber seinen Vater setzen würde, wenn sie erfahren müßten, daß
-er nun weiter nichts als ein Schauspieler geworden sei, da er selbst
-sich doch einen so glänzenden Erfolg von seiner Reise versprochen. Er
-erinnerte ihn an das Vorurteil, das man in Stuttgart gegen diesen Stand
-hege, wo man zwar dem einzelnen Gerechtigkeit widerfahren lasse, sich
-aber doch jedes nähern Umganges mit ihm enthalte. Er möge doch mit
-Geduld warten, bis Baron von Dalberg in Mannheim eintreffe, von dem
-allein die günstige Wendung seines Schicksals zu hoffen sei.
-
-Mit bangen Erwartungen wegen des Endurteils, das über Fiesco und seinen
-Verfasser gefällt werden sollte, begab sich S. den andern Morgen
-ziemlich früh zu Herrn Meier, der ihn kaum ansichtig wurde, als er
-ausrief: »Sie haben recht! Sie haben recht! Fiesco ist ein Meisterstück
-und weit besser bearbeitet als die Räuber. Aber wissen Sie auch was
-schuld daran ist, daß ich und alle Zuhörer es für das elendeste
-Machwerk hielten? Schillers schwäbische Aussprache und die verwünschte
-Art, wie er alles deklamiert! Er sagt alles in dem nämlichen
-hochtrabenden Ton her, ob es heißt: Er macht die Türe zu, oder ob es
-eine Hauptstelle seines Helden ist. Aber jetzt muß das Stück in den
-Ausschuß kommen, da wollen wir es uns vorlesen und alles in Bewegung
-setzen, um es bald auf das Theater zu bringen!«
-
-Der Schluß von Herrn Meiers Rede verwandelte die Niedergeschlagenheit
-von S. in eine solche Freude, daß er, ohne Schillern zu entschuldigen
-oder die herabsetzende Meinung von dessen Ansprache und
-Deklamationsgabe widerlegen zu wollen, augenblicklich nach Hause eilte,
-um dem Dichter, der eben aufgestanden war, die angenehme Nachricht zu
-hinterbringen, sein Trauerspiel werde bald in lebendigen Gestalten
-vor ihm erscheinen. Daß seine Mundart, seine heftige Aussprache den
-schlechten Erfolg von gestern hervorgebracht, wurde ihm sorgfältig
-verschwiegen, um sein ohnehin krankes Gemüt nicht zu reizen.
-
-Am andern Tage traf die Antwort des Generals Augé auf das zweite
-Schreiben Schillers ein, welche aber von ganz gleichem Inhalt wie
-die erste war, nämlich: »Da Se. herzogliche Durchlaucht jetzt sehr
-gnädig wären, er nur zurückkommen solle.« Allein Schiller konnte in
-keinem Fall wagen, wieder heimzukehren, da ihm weder Straflosigkeit
-zugesichert, noch eine seiner Bitten bewilligt worden war. Der
-entscheidende Schritt war einmal geschehen, und so wenig Glänzendes
-sich auch jetzt zeigte, so ließ sich doch dieses von der Zukunft
-hoffen; ja er fand es geratener, weit eher einem ungewissen Schicksal
-entgegen zu gehen, als sich das frühere Joch wieder auflegen zu lassen,
-das ihm ohnehin schon den Nacken wund gerieben und in der Folge
-zuverlässig auf das Mark des Lebens eingedrungen sein würde.
-
-Er hielt nun das, was er zu tun habe, für so gewiß entschieden, daß er
-nicht mehr an seinen General schrieb, sondern dem Rate seiner Freunde
-folgte, sich auf einige Wochen zu entfernen, indem es doch möglich
-wäre, daß seine Auslieferung von der pfälzischen Regierung verlangt
-würde, weil er auf Kosten des Herzogs in der Akademie erzogen worden
-und auch, da er Uniform getragen, einigermaßen zum Militärstande
-gerechnet werden könne. Geschähe in einigen Wochen nichts gegen ihn, so
-wäre man beinahe versichert, seine Entweichung sei vergessen oder der
-Herzog werde seiner gewöhnlichen Großmut gemäß nicht weiter nach ihm
-fragen.
-
-Da auch Baron Dalberg noch immer in Stuttgart verweilte und seine
-Rückkehr ungewiß blieb, folglich für die Bestimmung Schillers nichts
-getan werden konnte, so wurde nach einem Aufenthalt von sechs
-oder sieben Tagen die Reise über Darmstadt nach Frankfurt am Main
-beschlossen, wo auch die weiteren Nachrichten von Haus oder von
-Mannheim abgewartet werden konnten.
-
-Aber diese Reise mußte zu Fuß gemacht werden; denn das kleine Kapital,
-das jeder von Stuttgart mit sich nehmen konnte, war durch die Herreise,
-durch das Verweilen in Mannheim so herab geschwunden, daß es bei der
-größten Sparsamkeit nur noch zehn oder zwölf Tage ausreichen konnte.
-Für Schiller war es wohl nicht tunlich, sich bei seinen Eltern um
-Hilfe zu bewerben; denn seinem Vater durfte er nicht schreiben, um
-ihn keinem Verdachte bloßzustellen, und seiner Mutter wollte er nicht
-den Kummer machen, sie wissen zu lassen, daß er jetzt schon Mangel
-leide, da sie gewiß geglaubt, er würde einem sehr behaglichen Zustand
-entgegengehen. Es schrieb daher S. an seine Mutter, ihm vorläufig, aber
-so bald als möglich dreißig Gulden auf dem Postwagen nach Frankfurt zu
-schicken, weil Schiller in Mannheim nichts bezogen habe, beide nur noch
-auf einige Tage mit Geld versehen seien und er den Freund in diesen
-Umständen unmöglich verlassen könne.
-
-Nach dem herzlichsten Abschied von Herrn und Madame Meier und nur
-mit dem Unentbehrlichsten in den Taschen gingen die Reisenden nach
-Tisch über die Neckarbrücke von Mannheim ab, schlugen den Weg nach
-Sandhofen ein, blieben in einem Dorf über Nacht und gingen den andern
-Tag durch die herrliche, rechts mit Burgruinen prangende Bergstraße
-nach Darmstadt, wo sie abends gegen sechs Uhr eintrafen. Sehr ermüdet
-von dem ungewohnten, zwölfstündigen Marsch begaben sie sich in
-einen Gasthof und waren sehr froh, nach einem guten Abendessen in
-reinlichen Betten ausruhen und sich durch Schlaf erholen zu können.
-Letzteres sollte ihnen aber nicht zu teil werden; denn aus dem tiefsten
-Schlafe wurden sie durch ein so lärmendes, fürchterliches Trommeln
-aufgeschreckt, daß man glauben mußte, es sei ein sehr heftiges Feuer
-ausgebrochen. Sie horchten, als das schreckliche Getöse sich entfernt
-hatte, ob man nicht reiten, fahren oder schreien höre; sie öffneten
-die Fenster, ob sich keine Helle von Flammen zeige, aber alles blieb
-ruhig, und wenn es nur einer allein gehört hätte, würde er sich endlich
-selbst überredet haben, es sei ein Traum gewesen. Am Morgen erkundigten
-sie sich bei dem Wirt, was das außerordentlich starke Trommeln in der
-Stadt zu bedeuten gehabt, und erfuhren mit Erstaunen, daß dieses jede
-Nacht mit dem Schlag zwölf Uhr so wäre. Es sei die Reveille!
-
-Des Morgens fühlte sich Schiller etwas unpäßlich, bestand aber doch
-darauf, den sechs Stunden langen Weg nach Frankfurt noch heute zu
-gehen, damit er alsogleich nach Mannheim schreiben und sich die
-indessen an ihn eingelaufenen Briefe schicken lassen könne.
-
-Es war ein sehr schöner, heiterer Morgen, als die Reisenden ihre
-ermüdeten Füße wieder in Gang zu bringen versuchten und den Weg
-antraten. Langsam schritten sie vorwärts, rasteten aber schon nach
-einer Stunde, um sich in einem Dorfe mit etwas Kirschengeist, in Wasser
-geschüttet, abzukühlen und zu stärken. Zu Mittag kehrten sie wieder
-ein, weniger wegen des Essens, als daß Schiller, der sehr müde war,
-sich etwas ausruhen könne. Allein es war in dem Wirtshause zu lärmend,
-die Leute zu roh, als daß es über eine halbe Stunde auszuhalten
-gewesen wäre. Man machte sich also noch einmal auf, um Frankfurt in
-einigen Stunden zu erreichen, welches aber die Mattigkeit Schillers
-kaum zuzulassen schien; denn er ging immer langsamer, mit jeder Minute
-vermehrte sich seine Blässe, und als man in ein Wäldchen gelangte, in
-welchem seitwärts eine Stelle ausgehauen war, erklärte er, außerstande
-zu sein noch weiter zu gehen, sondern versuchen zu wollen, ob er sich
-nach einigen Stunden Ruhe wenigstens so weit erhole, um heute noch die
-Stadt erreichen zu können. Er legte sich unter ein schattiges Gebüsch
-ins Gras nieder, um zu schlafen, und S. setzte sich auf den abgehauenen
-Stamm eines Baumes, ängstlich und bange nach dem armen Freund
-hinschauend, der nun doppelt unglücklich war.
-
-In welcher Sorge und Unruhe der Wachende die Zeit zugebracht,
-während der Kranke schlief, kann nur derjenige allein fühlen, der
-die Freundschaft nicht bloß durch den Austausch gegenseitiger
-Gefälligkeiten, sondern auch durch das wirkliche mit Leiden und mit
-Tragen aller Widerwärtigkeiten kennt. Und hier mußte die innigste
-Teilnahme um so größer sein, da sie einem Jüngling galt, der in allem
-das reinste Gemüt, den höchsten Adel der Seele kund gab und all
-das Erhabene und Schöne schon im voraus ahnen ließ, das er später
-so groß und herrlich entfaltete. Auch in seinen gehärmten, düstern
-Zügen ließ sich noch der stolze Mut wahrnehmen, mit dem er gegen ein
-hartes, unverdientes Schicksal zu kämpfen suchte, und die wechselnde
-Gesichtsfarbe verriet, was ihn, auch seiner unbewußt, beschäftige.
-Das Ruheplätzchen lag für den Schlafenden so günstig, daß nur links
-ein Fußsteig vorbeiführte, der aber während zwei Stunden von niemand
-betreten wurde. Erst nach Verlauf dieser Zeit zeigte sich plötzlich
-ein Offizier in blaßblauer Uniform mit gelben Aufschlägen, dessen
-überhöflicher Ausruf: »Ah! hier ruht man sich aus!« einen der in
-Frankfurt liegenden Werber vermuten ließ. Er näherte sich mit der
-Frage: »Wer sind die Herren?« worauf S. etwas laut und barsch
-antwortete: »Reisende.«
-
-Schiller erwachte, richtete sich schnell auf und maß den Fremden mit
-scharfem, verwundertem Blick, der sich nun auch, da er wohl merken
-mochte, daß hier für ihn nichts zu angeln sei, ohne weiter ein Wort zu
-sprechen, entfernte.
-
-Auf die schnelle Frage von S., wie geht's, wie ist Ihnen? erfolgte
-zu seiner großen Beruhigung die Antwort: »Mir ist etwas besser, ich
-glaube, daß wir unsern Marsch wieder antreten können.« Er stand auf,
-durch den Schlaf soweit gestärkt, daß er, anfangs zwar langsam, aber
-doch ohne Beschwerde fortgehen konnte. Außerhalb des Wäldchens traf
-man auf einige Leute, welche die Entfernung der Stadt noch auf eine
-kleine Stunde angaben. Diese Nachricht belebte den Mut, es wurde etwas
-schneller gegangen, und ganz unvermutet zeigte sich das altertümlich
-gebaute, merkwürdige Frankfurt, in welches man auch noch vor der
-Dämmerung eintrat.
-
-Teils aus nötiger Sparsamkeit, teils auch, wenn Nachforschungen
-geschehen sollten, um so leichter verborgen zu sein, wurde die
-Wohnung in der Vorstadt Sachsenhausen bei einem Wirte der Mainbrücke
-gegenüber gewählt und mit demselben sogleich der Betrag für Zimmer und
-Verköstigung auf den Tag bedungen, damit man genau wisse, wie lange der
-geringe Geldvorrat noch ausreichen würde.
-
-Die Gewißheit, hier genugsam verborgen zu sein, die vergönnte Ruhe und
-ein erquickender Schlaf gaben Schillern die nötigen Kräfte, daß er des
-andern Tages einige Briefe nach Mannheim schreiben konnte. Unter diesen
-befand sich auch derjenige an Baron Dalberg, der sich in obengenannter
-Sammlung Seite 71 befindet. Gern würde der Verfasser dieses dem Leser
-einen kleinen Schmerz ersparen, aber er muß es wissen, und bei diesem
-außerordentlichen, jetzt beinahe vergötterten Dichter, wiederholt
-bestätigt sehen, daß in Deutschland keinem großen Mann in seiner
-Jugend auf Rosen gebettet wird; daß -- ist er nicht schon durch die
-Eltern mit Glücksgütern gesegnet -- er die rauhesten, mit verwundenden
-Dornen belegten Wege betreten muß, und selten, leider äußerst selten,
-eine freundliche Hand sich findet, um ihm die Bahn gangbarer, um
-seiner Brust das Atmen leichter zu machen. Man überschlage den Brief
-nicht; denn er wurde mit gepreßtem Gemüt und nicht mit trockenen Augen
-geschrieben.
-
- »Eure Exzellenz werden von meinen Freunden zu Mannheim meine Lage
- bis zu Ihrer Ankunft, die ich leider nicht mehr abwarten konnte,
- erfahren haben. Sobald ich Ihnen sage, ich bin auf der Flucht,
- sobald hab' ich mein ganzes Schicksal geschildert. Aber noch kommt
- das Schlimmste dazu. Ich habe die nötigen Hilfsmittel nicht, die
- mich in den Stand setzten, meinem Mißgeschick Trotz zu bieten.
- Ich habe mich von Stuttgart meiner Sicherheit wegen schnell und
- zur Zeit des Großfürsten losreißen müssen. Dadurch habe ich meine
- bisherigen ökonomischen Verhältnisse plötzlich durchrissen und
- nicht alle Schulden berichtigen können. Meine Hoffnung war auf
- meinen Aufenthalt zu Mannheim gesetzt; dort hoffte ich, von E. E.
- unterstützt, durch mein Schauspiel mich nicht nur schuldenfrei,
- sondern auch überhaupt in bessere Umstände zu setzen. Dies ward
- durch meinen notwendigen plötzlichen Aufbruch hintertrieben. Ich
- ging leer hinweg, leer in Börse und Hoffnung. Es könnte mich
- schamrot machen, daß ich Ihnen solche Geständnisse tun muß; aber
- ich weiß, es erniedrigt mich nicht. Traurig genug, daß ich auch an
- mir die gehässige Wahrheit bestätigt sehen muß, die jedem freien
- Schwaben Wachstum und Vollendung abspricht.[2]
-
- »Wenn meine bisherige Handlungsart, wenn alles das, woraus E. E.
- meinen Charakter erkennen, Ihnen ein Zutrauen gegen meine Ehrliebe
- einflößen kann, so erlauben Sie mir, Sie freimütig um Unterstützung
- zu bitten. So höchst notwendig ich jetzt des Ertrags bedarf, den
- ich von meinem Fiesco erwartete, so wenig kann ich ihn vor drei
- Wochen theaterfertig liefern, weil mein Herz so lange beklemmt war,
- weil das Gefühl meines Zustandes mich gänzlich von dichterischen
- Träumen zurückriß. Wenn ich ihn aber bis auf besagte Zeit nicht nur
- fertig, sondern, wie ich auch hoffen kann, würdig verspreche, so
- nehme ich mir daraus den Mut, Euer Exzellenz um gütigsten Vorschuß
- des mir dadurch zufallenden Preises gehorsamst zu bitten, weil ich
- jetzt vielleicht mehr als sonst durch mein ganzes Leben dessen
- benötigt bin. Ich hätte ungefähr noch 200 fl. nach Stuttgart zu
- bezahlen. Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorge macht,
- als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll. Ich habe so
- lange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe.
-
- »Dann wird mein Reisemagazin in acht Tagen erschöpft sein. Noch
- ist es mir gänzlich unmöglich mit dem Geiste zu arbeiten. Ich habe
- also gegenwärtig auch in meinem Kopf keine Ressourcen. Wenn E.
- E. (da ich doch einmal alles gesagt habe) mir auch hiezu 100 fl.
- vorstrecken würden, so wäre mir gänzlich geholfen. Entweder würden
- Sie dann die Gnade haben, mir den Gewinst der ersten Vorstellung
- meines Fiesco mit aufgehobenem Abonnement zu versprechen, oder mit
- mir über einen Preis übereinkommen, den der Wert meines Schauspiels
- bestimmen würde. In beiden Fällen würde es mir ein leichtes sein
- (wenn meine jetzige Bitte die alsdann erwachsende Summe überstiege)
- beim nächsten Stück, das ich schreibe, die ganze Rechnung zu
- applanieren. Ich lege diese Meinung, die nichts als inständige
- Bitte sein darf, dem Gutbefinden E. E. also vor, wie ich es meinen
- Kräften zutrauen kann, sie zu erfüllen.
-
- »Da mein gegenwärtiger Zustand aus dem Bisherigen hell genug wird,
- so finde ich es überflüssig, E. E. mit einer drängenden Vormalung
- meiner Not zu quälen.
-
- »Schnelle Hilfe ist alles, was ich jetzt noch denken und wünschen
- kann. Herr Meier ist von mir gebeten mir den Entschluß E. E. unter
- allen Umständen mitzuteilen, und Sie selbst des Geschäftes mir zu
- schreiben zu überheben.
-
- Mit entschiedener Achtung nenne ich mich
-
- Euer Exzellenz
-
- wahrster Verehrer
-
- Friedr. Schiller.«
-
-Vorstehender am 29. oder 30. September[3] geschriebener Brief wurde an
-Herrn Meier überschickt und dieser in einer Beilage, nachdem ihm der
-Inhalt desselben bekannt gemacht worden, ersucht, sowohl die Antwort
-des Baron Dalberg entgegenzunehmen, als auch selbe nach Frankfurt zu
-senden, wo man sie von der Post abholen wolle.
-
-Diese Darstellung seiner Umstände kostete Schillern eine
-außerordentliche Überwindung. Denn nichts kann den edlen, stolzen
-Mann tiefer beugen, als wenn er um solche Hilfe ansprechen muß, die
-das tägliche Bedürfnis betrifft, die ihm dem Gemeinen, Niedrigen
-gleichstellt und für die der Reiche selten seine Hand öffnet. Aber
-die Bezahlung der 200 fl. nach Stuttgart war so dringend, daß der
-Ausdruck in seinem Briefe: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das
-mehr Sorge macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen
-soll -- Ich habe solange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite
-gereinigt habe,« die ernstlichste Wahrheit ausdrückte. Um die Pein,
-welche diese -- wohl manchem sehr unbedeutend scheinende -- Summe von
-200 fl. dem edelmütigen Jüngling verursachte, zu erklären, sowie zur
-Warnung für angehende Dichter oder Schriftsteller, sei eine kurze
-Auseinandersetzung erlaubt.
-
-Schon oben ist erwähnt worden, daß Schiller die Räuber auf seine
-Kosten drucken lassen und das Geld dazu borgen mußte. Dieses Borgen
-konnte aber nicht bei dem Darleiher selbst geschehen, sondern es
-verwendete sich, wie es gewöhnlich geschieht, eine dritte Person dabei,
-welche die Bezahlung verbürgte. Auch bei dem Druck der Anthologie
-mußte nachbezahlt werden, wodurch denn nebst anderthalbjährigen
-Zinsen eine Summe, die ursprünglich kaum 150 fl. betrug, sich auf
-200 anhäufte. Solange Schiller in Stuttgart war, konnte er leicht
-den Rückzahlungstermin verlängern, da man an seinen Eltern, obwohl
-sie nicht reich waren, doch im schlimmsten Fall einige Sicherheit
-vermutete. Da jedoch durch den Befehl des Herzogs das Herausgeben
-dichterischer Werke Schillern auf das strengste verboten war und er
-sich nur durch solche Arbeiten seine ärmliche Besoldung von jährlichen
-180 fl. zu vergrößern wußte, so mußte wohl eine solche Verlegenheit zu
-dem Entschlusse, Stuttgart zu verlassen, viel beitragen, und er hatte
-auch in diesem Sinne vollkommen recht, wo er anführt: »Die Räuber
-kosteten mich Familie und Vaterland.« Nach der Abreise Schillers konnte
-sich der Darleiher nur an die Zwischenperson halten, und diese, da sie
-zur Zahlung unvermögend war, konnte in den Fall geraten, verhaftet
-zu werden, was dann demjenigen, der die Ursache davon war, das Herz
-zernagen mußte. Seine ganze Hoffnung war nun auf den Baron Dalberg
-gerichtet, und daß dieser, der ihm früher so viele Versicherungen
-seiner Teilnahme gegeben, ihn schon darum aus dieser Verlegenheit
-befreien würde, weil er den Wert der erbetenen Hilfe in dem Manuskripte
-von Fiesco schon in Händen hatte, konnte nicht im mindesten bezweifelt
-werden. Überdies war Baron Dalberg nicht nur sehr reich, sondern hatte
-auch wegen des häufigen Verkehrs mit Dichtern und Schriftstellern
-durch die Artigkeit seines Benehmens gegen sie (was bei diesen Herren
-für eine sehr schwere Münze gilt) den Ruf eines wahren Gönners und
-Beschützers der schönen Wissenschaften und Künste sich erworben.
-
-Da Schiller durch obiges Schreiben die schwerste Last von seinem Herzen
-abgewälzt hatte, gewann er zum Teil auch seine frühere Heiterkeit
-wieder. Sein Auge wurde feuriger, seine Gespräche belebter, seine
-Gedanken, bisher immer mit seinem Zustande beschäftigt, wendeten sich
-jetzt auch auf andere Gegenstände. Ein Spaziergang, der des Nachmittags
-über die Mainbrücke durch Frankfurt nach der Post gemacht wurde,
-um die Briefe nach Mannheim abzugeben, zerstreute ihn, da er das
-kaufmännische Gewühl, die ineinander greifende Tätigkeit so vieler hier
-zum erstenmal sah. Auf dem Heimwege übersah man von der Mainbrücke
-das tätige Treiben der abgehenden und ankommenden, der ein- und
-auszuladenden Schiffe, nebst einem Teil von Frankfurt, Sachsenhausen,
-sowie den gelblichen Mainstrom, in dessen Oberfläche sich der heiterste
-Abendhimmel spiegelte. Lauter Gegenstände, die das Gemüt wieder hoben
-und Bemerkungen hervorriefen, die um so anziehender waren, als seine
-überströmende Einbildungskraft dem geringsten Gegenstand Bedeutung gab
-und die kleinste Nähe an die weiteste Entfernung zu knüpfen wußte.
-Diese Zerstreuung hatte auf die Gesundheit Schillers so wohltätig
-eingewirkt, daß er wieder einige Eßlust bekam, die ihm seit zwei
-Tagen gänzlich fehlte, und sich mit Lebhaftigkeit über dichterische
-Pläne unterhalten konnte. Sein ganzes Wesen war so angelegt, sein
-Körperliches dem Geistigen so untergeordnet, daß ihn solche Gedanken
-nie verließen und er ohne Unterlaß von allen Musen umschwebt schien.
-Auch hatte er kaum das leichte Nachtessen geendet, als sich aus seinem
-Schweigen, aus seinen aufwärts gerichteten Blicken wahrnehmen ließ, daß
-er über etwas Ungewöhnlichem brüte. Schon auf dem Wege von Mannheim
-bis Sandhofen und von da nach Darmstadt ließ sich bemerken, daß sein
-Inneres weniger mit seiner gegenwärtigen Lage als mit einem neuen
-Entwurfe beschäftigt sei; denn er war so sehr in sich verloren, daß
-ihn selbst in der mit Recht so berühmten Bergstraße sein Reisegefährte
-auf jede reizende Ansicht aufmerksam machen mußte. Nun, zwischen vier
-Wänden, überließ er sich um so behaglicher seiner Einbildungskraft, als
-diese jetzt durch nichts abgelenkt wurde und er ungestört sich bewegen
-oder ruhen konnte. In solchen Stunden war er wie durch einen Krampf
-ganz in sich zurückgezogen und für die Außenwelt gar nicht vorhanden;
-daher auch sein Freund ihn durch nichts beunruhigte, sondern mit einer
-Art heiliger Scheu sich so still als möglich verhielt. Der nächste
-Vormittag wurde dazu verwendet, um die in der Geschichte Deutschlands
-so merkwürdige Stadt etwas sorgfältiger als gestern geschehen konnte,
-zu besehen und auch einige Buchläden zu besuchen. In dem ersten
-derselben erkundigte sich Schiller, ob das berüchtigte Schauspiel
-die Räuber guten Absatz finde und was das Publikum darüber urteile?
-Die Nachricht über das erste fiel so günstig aus und die Meinung der
-großen Welt wurde so außerordentlich schmeichelhaft geschildert, daß
-der Autor sich überraschen ließ und, ungeachtet er als Doktor Ritter
-vorgestellt worden, dem Buchhändler nicht verbergen konnte, daß er,
-der gegenwärtig das Vergnügen habe mit ihm zu sprechen, der Verfasser
-davon sei. Aus den erstaunten, den Dichter messenden Blicken des Mannes
-ließ sich leicht abnehmen, wie unglaublich es ihm vorkommen müsse, daß
-der so sanft und freundlich aussehende Jüngling so etwas geschrieben
-haben könne. Indes verbarg er seine Zweifel, indem er durch mancherlei
-Wendungen das vorhin ausgesprochene Urteil, welches man so ziemlich als
-das allgemeine annehmen konnte, wiederholte. Für Schiller war jedoch
-dieser Auftritt sehr erheiternd; denn in einem solchen Zustande wie
-er damals war, konnte auf sein bekümmertes Gemüt nichts so angenehmen
-Eindruck haben als die Anerkennung seines Talentes und die Gewißheit
-der Wirkung, von der alle seine Leser ergriffen worden.
-
-Zu Haus angelangt, überließ sich Schiller aufs neue seinen
-dichterischen Eingebungen und brachte den Nachmittag und Abend im Auf-
-und Niedergehen oder im Schreiben einiger Zeilen hin. Zum Sprechen
-gelangte er erst nach dem Abendessen, wo er dann auch seinem Gefährten
-erklärte, was für eine Arbeit ihn jetzt beschäftige.
-
-Da man allgemein glaubt, daß bei dem Empfangen und an das Lichtbringen
-der Geisteskinder gute oder schlimme Umstände ebenso vielen Einfluß
-wie bei den leiblichen äußern, so sei dem Leser schon jetzt vertraut,
-daß Schiller seit der Abreise von Mannheim mit der Idee umging, ein
-bürgerliches Trauerspiel zu dichten, und er schon soweit im Plan
-desselben vorgerückt war, daß die Hauptmomente hell und bestimmt vor
-seinem Geiste standen.
-
-Dieses Trauerspiel, das wir jetzt unter dem Namen Kabale und Liebe
-kennen, welches aber ursprünglich Luise Millerin hätte benannt werden
-sollen, wollte er mehr als einen Versuch unternehmen, ob er sich auch
-in die bürgerliche Sphäre herablassen könne, als daß er sich öfters
-oder gar für immer dieser Gattung hätte widmen wollen. Er dachte so
-eifrig darüber nach, daß in den nächsten vierzehn Tagen schon ein
-bedeutender Teil der Auftritte niedergeschrieben war.
-
-Am nächsten Morgen fragten die Reisenden auf der Post nach, ob keine
-Briefe für sie angelangt wären? Aber der Gang war fruchtlos, und da die
-Witterung trübe und regnerisch war, so mußte die Zuflucht wieder zur
-Stube genommen werden. Am Nachmittag wurde auf der Post noch einmal
-angefragt, aber ebenso vergeblich wie in der Frühe.
-
-Diese Verspätung deutete S. um so mehr als ein gutes Zeichen, indem
-der angesuchte Betrag entweder durch Wechsel oder durch den Postwagen
-übermacht werden müsse, was dann notwendig einige Tage mehr erfordern
-könne als ein bloßer Brief. Er war seiner Sache so gewiß, daß er
-Schillern ersuchte, ihm seine in Mannheim zurückgelassenen Sachen
-nach Frankfurt zu schicken, weil er dann, sowie die Hilfe von Baron
-Dalberg eintreffe, seine Mutter ersuchen wolle, ihm außer dem, was er
-jetzt schon besitze, noch mehr zu senden, damit er von hier aus die
-Reise nach Hamburg fortsetzen könne. Schiller sagte dieses sehr gern
-zu und versprach noch weiter, ihm auch von Meier sowie von seinen
-andern Freunden Empfehlungsbriefe zu verschaffen, indem ein junger
-Tonkünstler nie zu viele Bekanntschaften haben könne. Diese Hoffnungen,
-die von beiden Seiten noch durch viele Zutaten verschönert wurden,
-erheiterten den durch eine bessere Witterung begünstigten Spaziergang
-und störten auch abends die Phantasie des Dichters so wenig, daß er
-sich derselben, im Zimmer auf und ab gehend, mehrere Stunden ganz
-ruhig überließ.
-
-Den nächsten Morgen gingen die Reisenden schon um neun Uhr aus, um die
-vielleicht in der Nacht an sie eingelaufenen Briefe abzuholen, die
-auch zu ihrer großen Freude wirklich eingetroffen waren. Sie eilten
-so schnell als möglich nach Haus, um den Inhalt derselben ungestört
-besprechen zu können, und waren kaum an der Tür ihrer Wohnung, als
-Schiller schon das an ~Dr.~ Ritter überschriebene Paket erbrochen
-hatte. Er fand mehrere Briefe von seinen Freunden in Stuttgart, die
-sehr vieles über das außerordentliche Aufsehen meldeten, das sein
-Verschwinden veranlaßt habe, ihm die größte Vorsicht wegen seines
-Aufenthalts anrieten, aber doch nicht das mindeste aussprachen, woraus
-sich auf feindselige Absichten des Herzogs hätte schließen lassen. Alle
-diese Briefe wurden gemeinschaftlich gelesen, weil ihr Inhalt beide
-betraf und allerdings geeignet war, sie einzuschüchtern. Allein da sie
-in Sachsenhausen geborgen waren, so beruhigten sie sich um so leichter,
-da sie in dem Schreiben des Herrn Meier der angenehmsten Nachricht
-entgegen sahen. Schiller las dieses für sich allein und blickte dann
-gedankenvoll durch das Fenster, welches die Aussicht auf die Mainbrücke
-hatte. Er sprach lange kein Wort, und es ließ sich nur aus seinen
-verdüsterten Augen, aus der veränderten Gesichtsfarbe schließen, daß
-Herr Meier nichts Erfreuliches gemeldet habe. Nur nach und nach kam es
-zur Sprache, daß Baron Dalberg keinen Vorschuß leiste, weil Fiesco in
-dieser Gestalt für das Theater nicht brauchbar sei; daß die Umarbeitung
-erst geschehen sein müsse, bevor er sich weiter erklären könne.
-
-Diese niederschlagende Nachricht mußte dem edlen Jüngling um so
-unerwarteter sein, je mehr er durch die ihm von Baron Dalberg bezeugte
-Teilnahme zu seiner Bitte und zur Hoffnung, daß sie erfüllt würde,
-berechtigt war. Am meisten mußte aber sein Ehrgeiz dadurch beleidigt
-sein, daß er seine traurige Lage ganz unnützerweise enthüllt und sich
-durch deren Darstellung der Willkür desjenigen preisgegeben, von dem er
-mit Recht Unterstützung erwartete.
-
-Wenige junge Männer würden sich in gleichen Umständen mit Mäßigkeit und
-Anstand über eine solche Versagung ausgesprochen haben. Schiller aber
-bewies auch hierin sein reines, hohes Gemüt; denn er ließ nicht die
-geringste Klage hören; kein hartes oder heftiges Wort kam über seine
-Lippen, ja nicht einmal eines Tadels würdigte er die erhaltene Antwort,
-so wenig er sich auch vor seinem jüngeren Freunde hätte scheuen dürfen,
-seinen Unmut auszulassen. Er sann alsobald nur darauf, wie er dennoch
-zu seinem Zweck gelangen könne, oder was zuerst getan werden müsse. Da
-die Hoffnung geblieben war, daß, wenn Fiesco für das Theater brauchbar
-eingerichtet sei, derselbe angenommen und bezahlt würde, oder, wenn
-dieses auch nicht der Fall wäre, doch das Stück in Druck gegeben und
-dafür etwas eingenommen werden könne, so beschloß er in die Gegend von
-Mannheim zu gehen, weil es dort wohlfeiler als in Frankfurt zu leben
-sei, und auch um den Herren Schwan und Meier nahe zu sein, damit, wenn
-es auf die tiefste Stufe des Mangels kommen sollte, von diesen einige
-Hilfe erwartet werden könne. Er wäre sogleich dahin aufgebrochen,
-allein man war noch an Frankfurt gebannt, denn bei jedem Griff in den
-Beutel war schon sein Boden erreicht, und die durch S. von seiner
-Mutter erbetene Beihilfe war noch nicht angelangt. Bis diese eintreffe,
-mußte man hier aushalten, und um gegen die Möglichkeit, daß sie spät
-ankäme, oder vielleicht gar ausbliebe, doch einigermaßen gedeckt zu
-sein, entschloß sich Schiller ein ziemlich langes Gedicht, Teufel Amor
-betitelt, an einen Buchhändler zu verkaufen.
-
-Dieses Gedicht, von dem sich der Verfasser dieses nur noch folgender
-zwei Verse:
-
- »Süßer Amor, verweile
- Im melodischen Flug«
-
-mit Zuverlässigkeit erinnert, war eines der vollkommensten, die
-Schiller bisher gemacht und an schönen Bildern, Ausdruck und Harmonie
-der Sprache so hinreißend, daß er selbst -- was bei seinen anderen
-Arbeiten nicht oft eintraf -- ganz damit zufrieden schien und seinen
-jungen Freund mehrmals durch dessen Vorlesung erfreute. Leider ging es
-in den nächsten vier Wochen (wie der Leser später erfahren wird) mit
-noch andern Sachen, wahrscheinlich durch die Zerstreuung des Dichters
-selbst, in Verlust, indem sich in der von ihm herausgegebenen Sammlung
-seiner Gedichte keine Spur davon findet und das meiste davon der
-Bekanntmachung fast würdiger gewesen wäre als einige Stücke aus seiner
-frühern Zeit.
-
-Von dem Buchhändler kam Schiller aber ganz mißmutig wieder zurück,
-indem er fünfundzwanzig Gulden dafür verlangte, jener jedoch nur
-achtzehn geben wollte. So benötigt er aber auch dieser kleinen Summe
-war, konnte er es doch nicht über sich gewinnen, diese Arbeit unter
-dem einmal ausgesprochenen Preise wegzugeben, und zwar sowohl aus
-herzlicher Verachtung gegen alle Knickerei als auch, weil er den
-Wert des Gedichtes selbst nicht gering achtete. Endlich, nachdem
-der Reichtum der geängstigten Freunde schon in kleine Scheidemünze
-sich umgewandelt hatte, kamen den nächsten Tag auf dem Postwagen die
-bescheidenen dreißig Gulden für S. an, der auch ohne das geringste
-Bedenken für jetzt seinen Plan nach Hamburg aufgab und bei Schillern
-blieb, um ihn nach seinem neuen Aufenthaltsorte zu begleiten. Dieser
-schrieb noch am nämlichen Abend an Herrn Meier, daß er den nächsten
-Vormittag nach Mainz abgehen, am folgenden Abend in Worms eintreffen
-werde, wo er auf der Post Nachricht erwarte, wohin er sich zu begeben
-habe, um ihn zu sprechen und den Ort zu bestimmen, in welchem er sein
-Trauerspiel ruhig umarbeiten könne. Gleich den andern Morgen begaben
-sich die Reisenden auf das von Frankfurt nach Mainz täglich abgehende
-Marktschiff, mit welchem sie des Nachmittags bei guter Zeit in
-letztbenannter Stadt anlangten, dort sogleich in einem Gasthofe das
-Wenige, was sie bei sich hatten, ablegten und noch ausgingen, um den
-Dom und die Stadt zu besichtigen.
-
-Am nächsten Tage verließen sie Mainz sehr früh, wo sie, die Favorite
-vorbei, den herrlichen Anblick des Zusammentreffens vom Rhein- und
-Mainstrome bei der schönsten Morgenbeleuchtung genossen und den echt
-deutschen Eigensinn bewunderten, mit welchem beide Gewässer ihre
-Abneigung zur Vereinigung durch den scharfen Abschnitt ihrer bläulichen
-und gelben Farben bezeichneten.
-
-Da man auf den Abend in Worms eintreffen wollte, so mußten die Wanderer
-als ungeübte Fußgänger sich ziemlich anstrengen, um den neun Stunden
-langen Weg zurückzulegen. Als noch am Vormittag Nierenstein erreicht
-wurde, konnten beide der Versuchung nicht widerstehen, sich an dem in
-der Gegend wachsenden Wein, den sie nur aus den Lobeserhebungen der
-Dichter kannten, zu stärken, welches besonders Schiller, der von Mainz
-bis hierher nur wenige Worte gesprochen, sehr zu bedürfen schien. Sie
-traten in das zunächst am Rhein gelegene Wirtshaus und erhielten dort
-durch Bitten und Vorstellungen einen Schoppen oder ein Viertelmaß von
-dem besten ältesten Weine, der sich im Keller fand und der mit einem
-kleinen Taler bezahlt werden mußte.
-
-Als Nichtkenner edler Weine schien es ihnen, daß bei diesem Getränk wie
-bei vielen berühmten Gegenständen der Ruf größer sei, als die Sache
-verdiene. Aber als sie ins Freie gelangten, als die Füße sich leichter
-hoben, der Sinn munterer wurde, die Zukunft ihre düstere Hülle etwas
-lüftete und man ihr mit mehr Mut als bisher entgegenzutreten wagte,
-glaubten sie einen wahren Herzenströster in ihm entdeckt zu haben, und
-ließen dem edlen Weine volle Gerechtigkeit angedeihen. Dieser angenehme
-Zustand erstreckte sich aber kaum über drei Stunden; denn so fest
-auch der Wille war, so sehr die Notwendigkeit zur Eile antrieb, so
-konnte Schiller doch das anstrengende Gehen kaum bis in die Mitte des
-Nachmittags aushalten; was aber vorzüglich daher kommen mochte, weil er
-immer in Gedanken verloren war, und nichts so sehr ermüdet als tiefes
-Nachdenken, wenn der Körper in Bewegung ist. Man entschloß sich daher
-eine Station weit zu fahren, wodurch es allein möglich war, daß Worms
-um neun Uhr nachts erreicht wurde.
-
-Am andern Morgen fand Schiller auf der Post einen Brief des Herrn
-Meier, worin dieser die Nachricht gab, daß er diesen Nachmittag mit
-seiner Frau in Oggersheim in dem Gasthause, zum Viehhof genannt,
-eintreffen wolle, wo er ihn zu sehen hoffe, um weitere Abrede mit ihm
-nehmen zu können. Die Reisenden begaben sich um so ruhiger auf den
-Weg, als sie hoffen durften, daß endlich aller Ungewißheit ein Ende
-sein würde, und trafen zur gesetzten Zeit in Oggersheim ein, wo sie
-auch schon Herrn und Madame Meier nebst zwei Verehrern des Dichters
-vorfanden.
-
-Für Herrn Meier war es eine unangenehme, lästige Aufgabe, dem jungen
-Manne, den er als Dichter und Menschen gleich hoch achtete, die
-Ansichten des Baron Dalberg über Fiesco und warum er sich in keinen
-Vorschuß einlassen könne, auseinander zu setzen. Er wußte jedoch seinen
-Ausdrücken eine solche Wendung zu geben, daß sie keinen der beiden
-Gegenstände hart berührten, sondern alles so gelind als natürlich
-darstellten. Auch gab er die Versicherung, daß Fiesco unbezweifelt
-angenommen werde, sobald er um mehrere Szenen abgekürzt und der fünfte
-Akt ganz beendigt sei. Schiller benahm sich auch bei dieser Gelegenheit
-wahrhaft edel und weit über das Gewöhnliche erhaben; denn so sehr ihm
-aus oben berührten Rücksichten daran gelegen sein mußte, den Preis
-seines Stückes schon jetzt zu haben, so sehr er auch sein in den Baron
-Dalberg gesetztes Vertrauen nur durch Ausflüchte erwidert fand, so
-sprach er doch kein Wort, das irgend eine Art von Empfindlichkeit über
-die vereitelte Hoffnung hätte erraten lassen oder als Widerlegung der
-über Fiesco gemachten Bemerkungen hätte ausgelegt werden können. Mit
-der freundlichen, männlichen Art, die im Umgang ihm ganz gewöhnlich
-war, leitete er das Gespräch darauf hin, den Ort zu bestimmen, wo er
-sich einige Wochen, als solange die Umarbeitung wohl dauern werde,
-ruhig und ohne Gefahr aufhalten könne. Aus vielen Ursachen wurde es
-am besten befunden, wenn er hier in Oggersheim bleibe. Dieses sei nur
-eine kleine Stunde von Mannheim entfernt, er könne, so oft er es nötig
-finde, des Abends in die Stadt kommen und wäre in der Nähe seiner
-Bekannten und Freunde wenigstens nicht ganz ohne Hilfe, wenn sich etwas
-Widriges ereignen sollte.
-
-Da die von Madame Meier den Reisenden eingehändigten Briefe aus
-Stuttgart noch immer von Gefahr der Auslieferung sprachen und die
-möglichste Verborgenheit empfahlen, so wurde der Name Ritter, den
-Schiller bisher geführt, in Doktor Schmidt umgewandelt und er von
-den Anwesenden in Gegenwart des herbeigerufenen Wirtes also gleich
-mit diesem Titel angeredet. Auch hier wurde der Betrag für Kost und
-Wohnung auf den Tag bedungen und Madame Meier ersucht, die in Mannheim
-gebliebenen Koffer und das Klavier den Reisenden übermachen zu wollen.
-Der eintretende Abend schied die Gesellschaft. Die Freunde, nun wieder
-ganz auf sich eingeschränkt, begaben sich auf das ihnen angewiesene
-Zimmer, wo sie aber nur ein einziges Bett vorfanden, mit dem sie sich
-begnügen mußten.
-
-Da man die täglichen Kosten des Aufenthaltes wußte, so ließ sich
-leicht berechnen, daß die Barschaft auf höchstens drei Wochen
-ausreichen könne, in welcher Zeit Schiller seine Arbeit zu beendigen
-hoffte. Allein es ließ sich leicht voraussehen, daß dieses nicht der
-Fall sein würde, indem er viel zu sehr mit seinem neuen Trauerspiel
-beschäftigt war und schon am ersten Abend in Oggersheim den Plan
-desselben aufzuzeichnen anfing. Gleich bei dem Entwurf desselben
-hatte er sich vorgenommen, die vorkommenden Charaktere den eigensten
-Persönlichkeiten der Mitglieder von der Mannheimer Bühne so anzupassen,
-daß jedes nicht nur in seinem gewöhnlichen Rollenfache sich bewegen,
-sondern auch ganz so wie im wirklichen Leben zeigen könne. Im voraus
-schon ergötzte er sich oft daran, wie Herr Beil den Musikus Miller so
-recht naiv-drollig darstellen werde und welche Wirkung solche komische
-Auftritte gegen die darauffolgenden tragischen auf die Zuschauer
-machen müßten. Da er die Werke Shakespeares nur gelesen, aber keines
-seiner Stücke hatte aufführen sehen, so konnte er auch noch nicht aus
-der Erfahrung wissen, wie viele Kunst von seiten des Darstellers dazu
-gehöre, um solchen Kontrasten das Scharfe, das Grelle zu benehmen, und
-wie klein die Anzahl derer im Publikum ist, welche die große Einsicht
-des Dichters oder die Selbstverleugnung des Schauspielers zu würdigen
-verstehen.
-
-Er war so eifrig beschäftigt, alles das niederzuschreiben, was er bis
-jetzt darüber in Gedanken entworfen hatte, daß er während ganzer acht
-Tage nur auf Minuten das Zimmer verließ. Die langen Herbstabende wußte
-er für sein Nachdenken auf eine Art zu benützen, die demselben eben
-so förderlich als für ihn angenehm war. Denn schon in Stuttgart ließ
-sich immer wahrnehmen, daß er durch Anhören trauriger oder lebhafter
-Musik außer sich selbst versetzt wurde, und daß es nichts weniger als
-viele Kunst erforderte, durch passendes Spiel auf dem Klavier alle
-Affekte in ihm aufzureizen. Nun mit einer Arbeit beschäftigt, welche
-das Gefühl auf die schmerzhafteste Art erschüttern sollte, konnte ihm
-nichts erwünschter sein, als in seiner Wohnung das Mittel zu besitzen,
-das seine Begeisterung unterhalten oder das Zuströmen von Gedanken
-erleichtern könne.
-
-Er machte daher meistens schon bei dem Mittagtische mit der
-bescheidensten Zutraulichkeit die Frage an S.: »Werden Sie nicht heute
-abend wieder Klavier spielen?« -- Wenn nun die Dämmerung eintrat, wurde
-sein Wunsch erfüllt, während dem er im Zimmer, das oft bloß durch das
-Mondlicht beleuchtet war, mehrere Stunden auf und ab ging und nicht
-selten in unvernehmliche, begeisterte Laute ausbrach.
-
-Auf diese Art verflossen einige Wochen, bis er dazu gelangte, über die
-bei Fiesco zu treffenden Veränderungen mit einigem Ernste nachzudenken;
-denn so lang er sich von den Hauptsachen seiner neuen Arbeit nicht
-loswinden konnte, so lange diese nicht entschieden vor ihm lagen, so
-lang er die Anzahl der vorkommenden Personen und wie sie verwendet
-werden sollten, nicht bestimmt hatte, war auch keine innere Ruhe
-möglich.
-
-Erst nachdem er hierüber in Gewißheit war, konnte er die Anordnungen
-in dem frühern Trauerspiel beginnen, wobei er aber dennoch den Ausgang
-desselben vorläufig unentschieden lassen mußte. Daß dieser Ausgang
-nicht so sein dürfe, wie er durch die Geschichte angegeben wird, wo ihn
-ein unglücklicher Zufall herbeiführt, blieb für immer ausgemacht. Daß
-er tragisch, daß er der Würde des Ganzen angemessen sein müsse, war
-ebenso unzweifelhaft. Nur blieb die schwierige Frage zu lösen, wie,
-durch wen oder auf welche Art das Ende herbeizuführen sei? Schiller
-konnte hierüber so wenig mit sich einig werden, daß er sich vornahm,
-alles Frühere vorher auszuarbeiten, die Katastrophe durch nichts
-erraten zu lassen und obige Zweifel erst, wenn das übrige fertig wäre,
-zuletzt zu entscheiden.
-
-Beinahe ein Monat war verflossen, und Fiesco noch immer nicht
-vollendet; ja wäre der Dichter nicht gezwungen gewesen, alles zu
-versuchen, um sich aus seiner Verlegenheit zu retten, so wäre dieses
-Stück sicher erst dann umgearbeitet worden, wenn er das bürgerliche
-Trauerspiel ganz fertig vor sich gesehen hätte.
-
-Nur diejenigen, welche nicht selbst Fähigkeit zu Arbeiten haben, wobei
-Begeisterung und Einbildungskraft beinahe ausschließend tätig sein
-müssen, können diese Unentschlossenheit, diese Zögerungen Schillers
-eines Tadels würdig finden. Zu Werken des ruhigen Verstandes, der
-kalten Überlegung läßt sich der Geist leichter beherrschen, sogar
-öfters nötigen; da im Gegenteil Dichter oder Künstler auf den
-Augenblick warten müssen, wo ihnen die Muse erscheint, und diese, so
-freigebig sie auch gegen ihre Lieblinge ist, sich doch alsobald mit
-Sprödigkeit wegwendet, wenn die dargebotenen Gaben nicht augenblicklich
-erhascht werden. Aus diesen Gründen lassen sich bei einem Jüngling,
-dessen Trieb zur Dichtung so vorherrschend ist, daß alle übrigen
-Eigenschaften bloß diesem zu dienen bestimmt sind, Ideen, die sein
-Inneres aufgeregt haben, so wenig abwehren, daß, wenn er es auch
-versuchen wollte, sie doch immerdar den Hintergrund seiner Gedanken
-bilden würden und er nicht früher zur Ruhe gelangen könnte, bis er
-nicht wenigstens die Zeichnung entworfen hätte.
-
-Daß Schiller unter diesen Hochbegünstigten Apollos einer der
-vorzüglichsten war, dafür spricht jede Zeile, die er niederschrieb.
-Aber auch ungerechnet die Verhinderungen, welche ihm sein eignes Talent
-in den Weg brachten, konnte die Ursache, wegen welcher er den Fiesco
-gerade jetzt beendigen mußte, für ihn nichts weniger als erfreulich
-sein. Denn so hoch er die Gaben des Himmels achtete, so gleichgültig
-war er gegen diejenigen, welche die Erde bietet, und es war gewiß nicht
-ermunternd, zur Erwerbung der letzteren sich gezwungen zu wissen. Der
-Aufenthalt in Oggersheim war in dem feuchten, trüben Oktobermonat
-gleichfalls nicht erheiternd.
-
-Mochten auch die nach Mannheim und Frankenthal führenden Pappelalleen
-anfangs recht hübsch aussehen, so fand man doch bald, daß sie nur darum
-angepflanzt seien, um die flache, kahle, sandige Gegend zu verbergen;
-daher waren die Reisenden um so früher an der mageren Aussicht
-gesättigt, als sie von zarter Jugend an an die üppigen Umgebungen von
-Ludwigsburg und Stuttgart gewöhnt waren, wo, besonders bei letzterer
-Stadt, überall Gebirge das Auge erfreuen oder schon die ersten
-Schritte aus den Stadttoren in Gärten oder gut gepflegte Weinberge
-führen.
-
-Im Hause selbst war der Wirt von rauher, harter Gemütsart, welche seine
-Frau und Tochter, die sehr sanft und freundlich waren, öfters auf die
-heftigste Art empfinden mußten. Nur der Kaufmann des Orts war ein Mann,
-mit dem sich über mancherlei Gegenstände sprechen ließ, da er ein sehr
-großer Freund von Büchern und, zu seinem nicht geringen Nachteil, ein
-wahrhaft ausübender Philosoph war. Wollte Schiller mit Meier oder Herrn
-Schwan sich unterreden, so konnte er nur um die Zeit der Dämmerung
-in die Stadt gehen, wo er dann über Nacht bleiben mußte und erst bei
-Anbruch des Tages zurückkehren konnte. S. war, was diesen Umstand
-betraf, viel freier, weil er für sich keine Gefahr befürchten zu
-dürfen glaubte. Er war manchen halben Tag daselbst, um Bekanntschaften
-anzuknüpfen, die ihm in der Folge sehr nützlich wurden.
-
-Der Oktober nahte sich seinem Ende und mit diesem auch die Barschaft,
-welche beide mit hieher gebracht hatten. Es blieb kein anderes Mittel,
-als daß S. noch einmal nach Hause schrieb und seine Mutter bat, ihm den
-Rest des ihm nach Hamburg bestimmten Reisegeldes hieher zu schicken,
-indem er wahrscheinlich genötigt sein werde, in Mannheim zu bleiben,
-wenn sich das Schicksal Schillers nicht so vollständig verbessere, als
-beide erwarteten.
-
-Endlich war in den ersten Tagen des Novembers das Trauerspiel Fiesco
-für das Theater umgearbeitet und ihm der Schluß gegeben worden, welcher
-der Geschichte, der Wahrscheinlichkeit am angemessensten schien. Man
-darf glauben, daß die letzten Szenen dem Dichter weit mehr Nachdenken
-kosteten als das ganze übrige Stück, und daß er den begangenen Fehler,
-die Art des Schlusses nicht genau vorher bestimmt zu haben, mit großer
-Mühe gut zu machen suchen mußte. Aber in welchen unruhigen Umständen
-befand sich der unglückliche Jüngling, als er dieses Trauerspiel
-entwarf! Und wie war die jetzige Zeit beschaffen, in welcher er
-ein Werk ausführen sollte, zu dem die ruhigste, heiterste Stimmung
-erfordert wird, die durch keine Bedrückung des täglichen Lebens,
-keine Beängstigung wegen der Zukunft gestört werden darf, wenn die
-Arbeit zur Vollkommenheit gebracht werden soll! Seine lebhafte, kühne
-Phantasie, sonst immer gewöhnt sich mit den Schwingen des Adlers in
-den höchsten Regionen zu wiegen, wie stark war diese von der traurigen
-Gegenwart niedergehalten! Mit welchen schweren bleiernen Gewichten zu
-dem Gemeinen, Niedrigen des Lebens herabgezogen! -- In den verflossenen
-neun Jahren durfte er seinem leidenschaftlichen Hang zur Dichtkunst
-nur verstohlenerweise einige Minuten, höchstens Stunden opfern; denn
-er mußte Studien treiben und Geschäfte verrichten, die mit seinen
-Neigungen, seinem mit poetischen Bildern überfüllten Geist in dem
-härtesten Widerspruch standen; und es gehörten so reiche Anlagen wie er
-besaß dazu, um über die vielen stets sich erneuernden Kämpfe nicht in
-Wahnsinn zu verfallen, sowie sein weiches, zartes Gemüt, um sich allen
-Anforderungen zu fügen. Ohne eigne Erfahrung hätte er in späterer Zeit
-seinen poetischen Lebenslauf in der herrlichen Dichtung »Pegasus im
-Joche« unmöglich so getreu darstellen, so natürlich zeichnen können,
-daß derjenige, der mit seinen Verhältnissen vertraut war, recht wohl
-die Vorfälle deuten kann, auf die es sich bezieht. Laßt uns den Dichter
-wegen der Mängel, die sich in Fiesco, in Kabale und Liebe finden, nicht
-tadeln; vielmehr verdient es die höchste Bewunderung, daß er bei den
-ungünstigsten äußern Umständen die Kräfte seines Talentes noch so weit
-bemeistern konnte, um zwei Werke zu liefern, denen, um ihrer vielen und
-großen Schönheiten willen, die späte Nachwelt noch ihre Achtung nicht
-versagen wird.
-
-Mit weit mehr Ruhe und Zufriedenheit als früher begab sich Schiller
-nach der Stadt, um Herrn Meier das fertige und ins Reine geschriebene
-Manuskript einzuhändigen. Da er alles geleistet, was der Gegenstand
-zuließ, oder von dem er hoffen konnte, daß es den Wünschen des Baron
-Dalberg sowie zugleich den Forderungen der Bühne angemessen sei, so
-glaubte er auch, daß seine Bedrängnisse bald beendigt sein würden und
-er das Leben auf einige Zeit mit frohem Mute werde genießen können.
-Es verging jedoch eine ganze Woche, ohne daß der Dichter eine Antwort
-erhielt, die ihm doch auf die nächsten Tage zugesagt worden. Um der
-Ungewißheit ein Ende zu machen, entschloß er sich an Baron Dalberg
-zu schreiben und sich noch einmal zu Herrn Meier zu begeben, um eine
-Auskunft über das, was er erwarten könne, zu erhalten.
-
-Es war gegen die Mitte Novembers, als Schiller und S. des Abends
-bei Herrn Meier eintraten und diesen nebst seiner Gattin in größter
-Bestürzung fanden, weil kaum vor einer Stunde ein württembergischer
-Offizier bei ihnen gewesen sei, der sich angelegentlich nach Schillern
-erkundigt habe. Herr Meier hatte nichts gewisser vermutet, als
-daß dieser Offizier den Auftrag habe, Schillern zu verhaften, und
-demzufolge beteuert, daß er nicht wisse, wo dieser sich gegenwärtig
-befinde. Während dieser Erklärung klingelte die Haustür und man wußte
-in der Eile nichts Besseres zu tun, als Schiller mit S. in einem
-Kabinett, das eine Tapetentür hatte, zu verbergen. Der Eintretende war
-ein Bekannter vom Hause, der gleichfalls voll Bestürzung aussagte:
-er habe den Offizier auf dem Kaffeehause gesprochen, der nicht nur
-bei ihm, sondern auch bei mehreren Anwesenden sehr sorgfältig nach
-Schillern gefragt habe; allein er seinerseits hätte versichert, daß
-der Aufenthalt desselben jetzt ganz unbekannt wäre, indem er schon vor
-zwei Monaten nach Sachsen abgereist sei. Die Geflüchteten kamen aus
-ihrem Versteck hervor, um die Uniformsaufschläge und das Persönliche
-des Offiziers zu erforschen, weil es vielleicht auch einer von den
-Bekannten Schillers sein konnte; allein die Angaben über alles waren so
-abweichend, daß man unmöglich auf eine bestimmte Person raten konnte.
-Noch einigemal wiederholte sich dieselbe Szene durch neu Ankommende,
-die mit den andern voller Ängstlichkeit um die beiden Freunde waren,
-weil diese mit Sicherheit weder in der Stadt übernachten, noch auch
-nach Oggersheim zurückgehen konnten.
-
-Wie aber der feine, gewandte Sinn des zarteren Geschlechtes allezeit
-noch Auswege findet, um Verlegenheiten zu entwirren, wenn die Männer
--- immer gewohnt nur starke Mittel anzuwenden -- nicht mehr Rat zu
-schaffen wissen, so wurde auch jetzt von einem schönen Munde ganz
-unerwartet das Mittel zur Rettung ausgesprochen. Madame Curioni (mit
-Dank sei heute noch ihr Name genannt) erbot sich, Schillern und S.
-in dem Palais des Prinzen von Baden, über welches sie Aufsicht und
-Vollmacht hatte, nicht nur für heute, sondern solange zu verbergen, als
-noch eine Verfolgung zu befürchten wäre. Dieses mit der anmutigsten
-Güte gemachte Anerbieten wurde mit um so lebhafterer Erkenntlichkeit
-aufgenommen, da man daselbst am leichtesten unerkannt sein konnte und
-sich auch niemand in der Absicht, um jemand zu verhaften, in dieses
-Palais hätte wagen dürfen. Auf der Stelle wurden die nötigen Anstalten
-zur Aufnahme der verfolgt Geglaubten getroffen und sie dann sogleich
-dahin geleitet. Herr Meier hatte versprochen, am nächsten Morgen zum
-ersten Sekretär des Ministers Grafen von Oberndorf zu gehen, um diesen,
-da er ihn sehr gut kenne, zu fragen, ob der Offizier in Aufträgen an
-das Gouvernement hier gewesen sei?
-
-Das Zimmer, welches den beiden Freunden als Zuflucht angewiesen worden,
-war sehr schön und geschmackvoll, mit Notwendigem sowie Überflüssigem
-ausgestattet. Unter den zahlreichen Kupferstichen, mit denen die Wände
-behangen waren, befanden sich auch die zwölf Schlachten Alexanders, von
-Lebrun, welche den Betrachtenden bis spät in die Nacht die angenehmste
-Unterhaltung gewährten. Gegen zehn Uhr des andern Morgens wagte sich S.
-aus dem Palais, um sich zu Herrn Meier zu begeben und zu vernehmen, ob
-etwas zu befürchten sei? Diesen aber hatten seine eignen Sorgen schon
-in aller Frühe zu dem Sekretär des Ministers getrieben, von dem er die
-Versicherung erhielt, daß der Offizier keine Aufträge an Graf Oberndorf
-gehabt und sich auch aus dem Meldezettel des Gastwirt ergebe, daß er
-schon gestern abend um sieben Uhr abgereist sei. Nach einigen kurzen
-Besuchen begab sich S. sogleich zu Schillern, um ihm diese beruhigende
-Kunde zu überbringen und ihn aus seinem schönen Gefängnis zu befreien,
-welches er auch sogleich verließ, um sich zu Herrn Meier zu verfügen.
-
-Hier wurde nun die unsichere Lage des Dichters umständlich besprochen,
-welche der unnützen Angst von gestern ungeachtet, ebenso gefährlich
-für ihn selbst als für jeden, der Anteil an ihm nahm, beunruhigend
-schien. Schiller mußte zugeben, daß er für jetzt nicht in Mannheim
-verweilen könne, so willkommen es ihm auch gewesen wäre, für das
-Theater wirksam zu sein und zugleich durch Anschauung der aufgeführten
-Stücke seine Einsicht in das Mechanische der Bühne zu erweitern. Daher
-wurde mit allgemeiner Zustimmung seiner Freunde von ihm beschlossen,
-daß, sobald die Annahme seines Fiesco entschieden sei, er sich
-sogleich nach Sachsen begeben wolle. Daß er, aller etwa anzustellenden
-Nachforschungen ungeachtet, daselbst einen sichern, von allen Sorgen
-befreiten Aufenthalt finden könne, dafür hatte er glücklicherweise
-schon in Stuttgart Anstalten getroffen. Frau von Wolzogen, die ihn
-sehr hoch achtete, und deren Söhne mit ihm zugleich in der Akademie
-erzogen worden, hatte ihm, als er ihr nach seinem Arrest den Vorsatz,
-von Stuttgart entfliehen zu wollen, vertraute, feierlich zugesagt, ihn
-auf ihrem in der Nähe von Meiningen liegenden Gute -- Bauerbach --
-solange wohnen und mit allem Nötigen versehen zu lassen, als er von
-dem Herzog eine Verfolgung zu befürchten habe. Dieses in einer guten
-Stunde erhaltene Versprechen wollte jetzt Schiller benützen und schrieb
-sogleich an diese Dame nach Stuttgart, wo sie sich aufhielt, um die
-nötigen Vollmachten, damit er in Bauerbach aufgenommen werde.
-
-Gegen Ende Novembers erfolgte endlich die Entscheidung des Baron
-Dalberg über Fiesco, welche ganz kurz besagte: »Daß dieses Trauerspiel
-auch in der vorliegenden Umarbeitung nicht brauchbar sei, folglich
-dasselbe auch nicht angenommen oder etwas dafür vergütet werden könne.«
-
-So zerschmetternd für Schiller ein Ausspruch sein mußte, der die
-Hoffnung, das quälende, seine schönsten Augenblicke verpestende
-Gespenst einer kaum des Namens werten Schuld von sich zu entfernen,
-auf lange Zeit zerriß -- so sehr er es auch bereute, daß er sich
-durch täuschende Versprechungen, durch schmeichelnde, leere, glatte,
-hohle Worte hatte aufreizen lassen, von Stuttgart zu entfliehen -- so
-ungewöhnlich es ihm scheinen mochte, daß man ihn zur Umarbeitung seines
-Stückes verleitet, die ihm nahe an zwei Monate Zeit gekostet, all sein
-Geld aufzehrte und ihn noch in neue Schulden versetzte, ohne ihn auf
-eine entsprechende Art dafür zu entschädigen oder auch nur anzugeben,
-worin denn die Unbrauchbarkeit dieses Trauerspiels bestehe -- so sehr
-dieses alles sein großmütiges Herz zernagte, so war er dennoch viel zu
-edel, viel zu stolz, als daß er sein Gefühl für eine solche Behandlung
-hätte erraten lassen. Er begnügte sich gegen Herrn Meier, der ihm diese
-abweisende Entscheidung einhändigen mußte, zu äußern: er habe es sehr
-zu bedauern, daß er nicht schon von Frankfurt aus nach Sachsen gereist
-sei.
-
-Um jedoch den Leser zu versichern, daß die Mitglieder des
-Theaterausschusses, denen Fiesco zur Prüfung vorgelegt worden, die
-Meinung ihres Chefs nicht völlig teilten, werde schon jetzt das Votum
-eines derselben, das Schiller ein Jahr später in dem Protokoll des
-Theaters fand, angeführt.
-
- »Obwohl dieses Stück für das Theater noch einiges zu wünschen
- lasse, auch der Schluß desselben nicht die gehörige Wirkung zu
- versprechen scheine, so sei dennoch die Schönheit und Wahrheit der
- Dichtung von so ausgezeichneter Größe, daß die Intendanz hiemit
- ersucht werde, dem Verfasser als Beweis der Anerkennung seiner
- außerordentlichen Verdienste eine Gratifikation von acht Louisdor
- verabfolgen zu lassen.«
-
- Unterzeichnet war: Iffland.
-
-Allein Se. Exzellenz Freiherr von Dalberg konnten diesem Gutachten,
-das noch heute Iffland die größte Ehre bringt, ihren Beifall nicht
-schenken, sondern entließen den Dichter eben so leer in Börse und
-Hoffnung aus Mannheim, wie er vor zwei Monaten daselbst angekommen war.
-
-Das nächste, das einzige und letzte, was nun zu tun war, unternahm
-Schiller sogleich, indem er zu Herrn Schwan ging und ihm Fiesco für
-den Druck anbot. Herr Schwan, der als Gelehrter und Buchhändler den
-Ruf eines vortrefflichen Mannes mit vollem Rechte genoß, übernahm
-dieses Stück mit großer Bereitwilligkeit und bedauerte nur, als er
-es durchlesen, daß er die vortreffliche Dichtung nicht höher als den
-gedruckten Bogen mit einem Louisdor honorieren könne, da ihm durch die
-überall lauernden Nachdrucker kein anderer Gewinn übrig bleibe, als den
-er von dem ersten Verkauf ziehe.
-
-Was Schillern aber unter allen diesen Widerwärtigkeiten am
-schmerzlichsten fiel, war der Gedanke, daß er seinen Freund S. in
-sein böses Schicksal mit verflochten, indem dieser all das Geld, das
-er zu der vorgehabten Reise nach Hamburg hätte verwenden sollen, in
-der Hoffnung, daß der Dichter in Mannheim reichliche Unterstützung
-finden müsse, aufgeopfert hatte, und nun an keinen Ersatz zu denken
-war. Schon im August hätte S. nach Wien reisen sollen, wo ihn eine
-Aufnahme erwartete, die ihn zwar jeder Sorge für seine Bedürfnisse
-überhoben, aber in seiner Kunst nicht weiter gefördert hätte. Er zog es
-also vor, seine jungen Jahre nicht müßig zu vergeuden, sondern lieber
-nach Hamburg zu gehen, um, wenn es auch mit den größten Entbehrungen
-geschehen müßte, sich in der Musik so viel als möglich auszubilden;
-worin ihm auch Schiller, dem er diese Sache schon früher vertraut
-hatte, vollkommen beistimmte. Nun konnte S. weder in den einen noch
-in den andern Ort gelangen, indem seine Mutter nicht wohlhabend genug
-war, um ihm sogleich wieder neue Hilfe zukommen zu lassen. Nach allen
-Meinungen schien es das beste zu sein, daß er vorderhand in Mannheim
-bleibe, weil noch mehrere Mitglieder der kurfürstlichen Kapelle
-daselbst wohnten, deren Unterricht oder Beispiel er benützen konnte,
-wozu die Herren Schwan, Meier und seine Freunde alles beizutragen
-versprachen. S. ergab sich in das, was vorläufig nicht zu ändern war,
-viel williger, als daß er jetzt schon in die Stadt ziehen und Schillern
-noch acht bis zehn Tage in Oggersheim allein lassen sollte. Allein es
-mußte sein. Beide hatten sich aufgezehrt; im Gasthof war es zu teuer,
-und ihre Not war schon so groß geworden, daß der Dichter seine Uhr
-verkaufen mußte, um nicht zu vieles schuldig zu bleiben. Die letzten
-vierzehn Tage mußte man aber dennoch auf Borg leben, wo man dann auf
-der schwarzen Wirtstafel recht säuberlich mit Kreide geschrieben sehen
-konnte, was die Herren Schmidt und Wolf täglich verbraucht hatten.
-
-Der arme Dichter erhielt für Fiesco gerade so viel, um besagte
-Kreidenstriche auslöschen zu lassen, um einige unentbehrliche Sachen
-für den Winter anzuschaffen und um seine Reise bis Bauerbach ohne
-Furcht vor neuem Mangel bestreiten zu können. Der Antritt dieser Reise
-war auf den letzten November bestimmt. Da Schiller mit dem Postwagen
-über Frankfurt, Gelnhausen usw. nach Meiningen gehen, sich aber auf
-der Post in Mannheim nicht zeigen wollte, so kam Herr Meier mit ihm
-überein, ihn mit S. und einigen Freunden in Oggersheim abzuholen und
-von da nach Worms zu bringen, wo er dann den nächsten Tag mit dem
-Postwagen abfahren könne.
-
-An dem bestimmten Tage fuhren die Freunde nach Oggersheim, wo sie
-Schiller gerade beschäftigt fanden, seine wenige Wäsche, seine
-Kleidungsstücke, einige Bücher und Schriften in einen großen
-Mantelsack zu packen. Bei einer Flasche Wein, die er reichen ließ,
-wurde alles besprochen, was ihn über die Zukunft beruhigen oder
-seine Munterkeit befördern könnte. Allein bei ihm war dies gar nicht
-so nötig, als wohl bei den meisten Menschen, denen ihre Hoffnungen
-fehlschlagen, der Fall ist. Nur die Erwartung, die Ungewißheit einer
-Sache hatte für sein Gemüt etwas Unangenehmes, Beunruhigendes. Sowie
-aber einmal die Entscheidung eingetreten war, zeigte er all den Mut,
-den ein wackerer Mann braucht, um Herr über sich zu bleiben. Er übte
--- was wenige Dichter tun -- seine ausgesprochenen Grundsätze redlich
-aus und befolgte den Vorsatz des Karl Moor »die Qual erlahme an meinem
-Stolze« bei Umständen, in welchen jeden andern die Kraft verlassen
-hätte.
-
-Von Oggersheim brach die Gesellschaft bei einer starken Kälte und
-tiefliegendem Schnee nach Worms auf, wo sie gerade noch zur rechten
-Zeit ankam, um in dem Posthause, wo sie abgestiegen waren, von
-einer wandernden Truppe Ariadne auf Naxos spielen zu sehen. Daß die
-Aufführung ebenso ärmlich als lächerlich sein mußte, ergibt sich schon
-daraus, daß an dem Schiffe, welches den Theseus abzuholen erschien,
-zwei Kanonen gemalt waren, und daß der Donner, durch welchen Ariadne
-vom Felsen geschleudert wird, mittels eines Sackes voll Kartoffeln, die
-man in einen großen Zuber ausschüttete, hervorgebracht wurde. Meier
-und seine Freunde fanden hier eine reiche Ernte für ihre Lust alles
-zu belachen und zu verspotten. Schiller aber sah mit ernstem, tiefem
-Blick und so ganz in sich verloren auf das Theater, als ob er nie etwas
-Ähnliches gesehen hätte oder es zum letztenmal sehen sollte. Auch nach
-beendigtem Melodram konnten die Bemerkungen der andern ihm kaum ein
-Lächeln entlocken; denn man sah es ihm an, daß er nicht gerne aus der
-Stimmung trete, die sich seiner bemächtigt hatte.
-
-Das Nachtessen, bei dem auch Liebfrauenmilch nicht fehlte, machte ihn
-jedoch etwas heiterer, so daß man endlich ganz wohlgemut aufbrechen
-konnte, um nach Mannheim zurückzukehren und dem allen wert gewordenen
-Dichter das Lebewohl zu sagen. Meier und die andern schieden sehr
-unbefangen und redselig.
-
-Allein was konnten Schiller und sein Freund sich sagen? -- Kein Wort
-kam über ihre Lippen -- keine Umarmung wurde gewechselt; aber ein
-starker, lang dauernder Händedruck war bedeutender als alles, was sie
-hätten aussprechen können!
-
-Die zahlreich verflossenen Jahre konnten jedoch bei dem Freunde die
-wehmütige Erinnerung an diesen Abschied nicht auslöschen; und noch
-heute erfüllt es ihn mit Trauer, wenn er an den Augenblick zurückdenkt,
-in welchem er ein wahrhaft königliches Herz, Deutschland edelsten
-Dichter, allein und im Unglück hatte zurücklassen müssen!
-
-Die außerordentlich strenge Kälte, welche in den ersten Tagen des
-Dezembers herrschte, ließ um so weniger für den Dichter eine angenehme
-Reise erwarten, da er ohne schützende Kleidung, nur mit einem leichten
-Überrocke versehen, einige Tage und Nächte auf dem Postwagen zubringen
-mußte, dessen (damaliger) Schneckengang selbst in einer bessern
-Jahreszeit die Stunden zu Tagen ausdehnte.
-
-Seine Freunde beklagten ihn sehr, und ihre zu spät erwachte
-Gutmütigkeit erinnerte sich jetzt an manches Entbehrliche, womit ihm
-die rauhe Witterung weniger empfindlich hätte gemacht werden können;
-und je mehr die Mittel hierzu sich fanden, um so ernstlicher wurde
-bedauert, daß man nicht früher daran gedacht oder deshalb gemahnt
-worden.
-
-Ebenso natürlich war es auch, daß dieselben Menschen, welchen die
-Versprechungen, die Schillern gemacht worden, bekannt waren, und
-die ihm die Hoffnung, daß sie erfüllt würden, ganz unbezweifelt
-darstellten, jetzt auch ihren scharfen Tadel über seine Flucht äußerten
-und solche für ebenso leichtsinnig als unbegreiflich erklärten.
-
-Daß er, um dem bisher erlittenen, unerträglichen Zwange zu entgehen,
-das Äußerste gewagt -- daß er durchaus nicht Arzt, sondern Dichter
-sein wollte -- daß er, um sich dem so reizend scheinenden Stande mit
-ganzer Kraft widmen zu können, eine sehr kümmerliche Besoldung aufgeben
-konnte, schien ebenso unüberlegt, als es wenige Kenntnis der Welt und
-ihrer Verhältnisse anzeigte.
-
-Man berechnete sorgfältig den Reichtum berühmter Ärzte und verglich
-damit die Einkünfte deutscher Dichter, die, wenn sie auch den größten
-Ruhm sich erworben, dennoch in einer Lage waren, welche man wahrhaft
-ärmlich nennen konnte.
-
-Auch fürchtete man, daß die Erwartungen, die Schiller durch sein erstes
-Schauspiel erregt, viel zu groß wären, als daß er dieselben durch
-nachfolgende Werke befriedigen oder seine Kräfte in gleicher Höhe
-erhalten könnte.
-
-Der einzige, aber auch sehr warme Verteidiger unseres Dichters war
-Iffland, der, den Beruf zum Schauspieler in sich fühlend, in noch
-jungen Jahren bloß mit etlichen Talern in der Tasche und nur mit den am
-Leibe tragenden Kleidungsstücken versehen, seinem wohlhabenden Vater
-entfloh, um sich zu Ekhof zu begeben und in dessen Schule zu bilden.
-Iffland allein wußte die Lage Schillers gehörig zu würdigen, indem er
-aus eigner Erfahrung beurteilen konnte, wie unerträglich es ist, ein
-hervorstechendes, angebornes Talent unterdrücken, die herrlichsten
-Gaben vermodern lassen zu müssen und nur das gemeine Alltägliche tun zu
-sollen, oder gar durch Zwang zu dessen Ausübung angehalten zu werden.
-Nicht nur gab er dem mutigen Entschlusse Schillers seinen völligen
-Beifall, sondern machte auch mit dem ihm reichlich zu Gebote stehenden
-Witze den Kleinmut derer lächerlich, die es für ein Unglück halten,
-einige Meilen zu Fuß reisen zu müssen oder zur gewohnten Stunde keinen
-wohlbesetzten Tisch zu finden. Seine treffenden Bemerkungen ließen die
-Verhältnisse des Dichters in einem mehr heiteren Lichte erscheinen.
-Vorläufig konnte man sich insofern beruhigen, als er doch auf einige
-Zeit wenigstens gegen Mangel oder Verfolgungen gesichert war.
-
-Nur wurde nicht mit Unrecht bezweifelt, ob seine dramatischen Arbeiten
-in gänzlicher Abgeschiedenheit gefördert werden könnten, oder ob sein
-Geist, von allem erheiternden Umgang abgeschnitten und bei Entbehrung
-der nötigen Bücher, nicht in kurzer Zeit abgestumpft würde. Sein tiefes
-Gefühl, seine frische, jugendliche Kraft ließen letzteres zwar nicht so
-bald befürchten; indessen vereinigten sich doch alle Wünsche dahin, daß
-ein glücklicher Zufall eintreten und für ihn die günstigsten Umstände
-herbeiführen möchte.
-
-Seine Freunde waren auf die Nachrichten von seiner Ankunft sehr
-gespannt und wurden durch nachstehenden Brief an S. vollkommen beruhigt.
-
- Bauerbach, den 8. Dezember 1782.
-
- Liebster Freund!
-
- Endlich bin ich hier, glücklich und vergnügt, daß ich einmal am
- Ufer bin. Ich traf alles noch über meine Wünsche; keine Bedürfnisse
- ängstigen mich mehr, kein Querstrich von außen soll meine
- dichterischen Träume, meine idealischen Täuschungen stören.
-
- Das Haus meiner Wolzogen ist ein recht hübsches und artiges
- Gebäude, wo ich die Stadt gar nicht vermisse. Ich habe alle
- Bequemlichkeit, Kost, Bedienung, Wäsche, Feuerung, und alle diese
- Sachen werden von den Leuten des Dorfes auf das vollkommenste und
- willigste besorgt. Ich kam abends hieher -- Sie müssen wissen, daß
- es von Frankfurt aus 45 Stunden hieher war -- zeigte meine Briefe
- auf und wurde feierlich in die Wohnung der Herrschaft abgeholt,
- wo man alles aufgeputzt, eingeheizt und schon Betten hergeschafft
- hatte. Gegenwärtig kann und will ich keine Bekanntschaften machen,
- weil ich entsetzlich viel zu arbeiten habe. Die Ostermesse mag sich
- Angst darauf sein lassen.
-
- Schreiben Sie mir doch, wo Sie gesonnen sind zu bleiben. Halten Sie
- sich, wenn Sie zu Mannheim bleiben, nur immer fleißig an Schwan,
- Meier und meine Freunde. Besser Sie bleiben aber nicht dort und
- verfolgen Ihren ersten Anschlag, der mir immer der vernünftigste
- schien.
-
- Was Sie tun, lieber Freund, behalten Sie diese praktische Wahrheit
- vor Augen, die Ihren unerfahrnen Freund nur zu viel gekostet hat:
- Wenn man die Menschen braucht, so muß man ein H...t werden oder
- sich ihnen unentbehrlich machen. Eines von beiden oder man sinkt
- unter.
-
- Wenn Sie Ursache hätten nicht nach Wien zu gehen, so könnte ich
- Ihnen allenfalls einen anderen Ausweg anraten, der mir von mehreren
- Seiten besehen, nicht gar verwerflich scheint. Sie sind jung, weit
- genug in Ihrer Kunst, um brauchbar zu sein, halten Sie sich an
- einen Meister in einer großen Stadt, von dem Sie wissen, daß er
- viele Geschäfte hat, lassen Sie sich auch zu dem Handwerksmäßigen
- Ihrer Kunst herab, machen Sie sich ihm nützlich, so finden Sie
- erstlich Gelegenheit den Mann zu studieren, finden Brot, und
- wenn Sie weggehen Empfehlung. Der große Titian war Raffaels
- Farbenreiber. Weit gefehlt, daß ihm das schimpflich wäre, macht es
- seinem Namen nur desto größere Ehre.
-
- Empfehlen Sie mich bei Schwan, Meier, Cranz, Gern, Derain, dem
- Steinschen Hause, auch auf dem Viehhof. Schreiben Sie mir, was sich
- von dem Offizier, der mich aufsuchte, bestätigt hat.
-
- Noch etwas: bei dem neulichen schnellen Aufbruche von Oggersheim
- haben wir beide vergessen, die Zeche im Viehhof zu bezahlen. Ich
- will nicht haben, daß Sie in Schaden dabei kommen. Sie werden also,
- weil das Geld zu wenig beträgt, um 65 Stunden geschickt zu werden,
- eine Anweisung dafür und für andere abgelegte Kleinigkeiten an
- Schwan bekommen, der mir, weil Fiesco gewiß mehr als 10 Bogen stark
- wird, noch Geld herauszahlen wird.
-
- Jetzt muß ich eilen, das ist bereits der fünfte Brief, und
- wenigstens noch soviel hab' ich zu schreiben.
-
- Leben Sie recht wohl, lieber Freund, vergessen Sie mich nicht und
- sein Sie vollkommen versichert, daß ich tätig an Sie denken werde,
- sobald sich meine Aussichten verschönern, welches, wie ich hoffe,
- nicht lange mehr anstehen soll. Noch einmal leben Sie recht wohl.
- Wenn Sie mir schreiben, legen Sie den Brief bei Schwan oder Meier
- nieder.
-
- Ohne Veränderung ihr aufrichtigster
-
- Schiller.
-
-Da wir jetzt unseren so lang in ängstlichen Sorgen und Ungewißheit
-lebenden Dichter geborgen wissen und, nach seinen eignen Äußerungen,
-mit seinen Lieblingsarbeiten und in einer Idyllenwelt lebend vermuten
-dürfen, so sei es erlaubt, die Personen, denen er empfohlen zu sein
-wünscht, dem Leser etwas näher bekannt zu machen und mit einer kurzen
-Erklärung vorzustellen. Die Herren Schwan und Meier sind schon früher
-erwähnt worden. Herr Cranz -- damals auf Kosten des Herzogs von Weimar
-in Mannheim, um sich bei Fräntzel auf der Violine und bei Holzbauer
-in der Komposition auszubilden -- war bei Herrn Meier Kostgänger, sah
-also Schiller sehr oft daselbst, der ihn auch wegen seines biederen,
-obwohl sehr trockenen Charakters wohl leiden mochte. Herr Gern, der
-ältere, war ein braver, überall brauchbarer Schauspieler sowie ein
-ausgezeichnet guter Baßsänger. Er betrat in Mannheim zuerst die Bühne,
-war täglich im Meierschen Hause und wurde dann später auf das Theater
-nach Berlin berufen.
-
-In dem kleinen Oggersheim war Herr Derain der einzige Kaufmann,
-welcher sich aber weit mehr mit Politik, Literatur, besonders aber
-mit Aufklärung des Landvolkes als mit dem Vertrieb seiner Waren
-beschäftigte.
-
-Seinen Eifer für das Wohl der Landleute, die bei ihm Zucker, Kaffee,
-Gewürz oder andere entbehrliche Sachen kaufen wollten, trieb er so
-weit, daß er ihnen oft recht dringend vorstellte, wie schädlich diese
-Dinge sowohl ihnen als ihren Kindern seien, und daß sie weit klüger
-handeln würden, sich an diejenigen Mittel zu halten, welche ihnen ihr
-Feld, Garten oder Viehstand liefern könne. Daß solche Ermahnungen
-die Käufer eher abschreckten als herbeizogen, war ganz natürlich.
-Aber Herr Derain, als lediger Mann zwischen 40 und 50 Jahren, der
-ein kleines Vermögen besaß, kümmerte sich um so weniger hierüber,
-je seltener er durch das Geklingel seiner Ladentür im Lesen oder in
-seinen Betrachtungen gestört wurde. Das Gemüt des Mannes war aber von
-der edelsten Art, und eine große Bescheidenheit machte seinen Umgang
-äußerst angenehm. Er brachte auf eine sonderbare Art in Erfahrung, wer
-denn eigentlich die Herren Schmidt und Wolf seien, die in seiner Nähe
-wohnten, und deren Bekanntschaft er schon lange gewünscht hatte.
-
-Es wurden nämlich bei der gänzlichen Abänderung des Fiesco die früher
-geschriebenen Szenen gar nicht mehr beachtet, sondern wie jedes unnütze
-Papier behandelt. Mit diesen sowie mit vielen Blättern, worauf die
-Entwürfe zu Luise Millerin verzeichnet waren, wurde nun nichts weniger
-als schonend verfahren, was dann die Gelegenheit gab, daß die Frau
-Wirtin -- die mit einer sehr großen Neigung zum Lesen eben so viele
-Neugier für alles Geschriebene verband -- diese Blätter, deren Sprache
-ihr ganz neu und ungewöhnlich schien, sammelte und solche zu Herrn
-Derain brachte, welchen sie öfters sprach, um ihm ihre häuslichen
-Leiden zu klagen oder durch ein geliehenes Buch sich Trost und
-Vergessenheit zu verschaffen. Dieser zeigte den Fund seinem Verwandten,
-Herrn Kaufmann Stein in Mannheim, der eine sehr reizende und in allen
-neueren Werken der Dichtkunst ganz einheimische Tochter hatte.
-
-S. war von Stuttgart aus Herrn Stein empfohlen. Die Blätter seines
-Reisegefährten wurden ihm vorgezeigt, und dasjenige, was mit der
-größten Standhaftigkeit jedem Manne verleugnet worden wäre, wußte das
-schmeichelnde Mädchen allmählich herauszulocken. Herr Derain, dem unter
-Gelobung der tiefsten Verschwiegenheit dieses Geheimnis auch anvertraut
-wurde, unterließ bei dieser Gelegenheit nicht, seine hohe Achtung für
-ausgezeichnete Dichter oder Schriftsteller auf das herzlichste kund zu
-geben. Mit wahrem Eifer bat er um Erlaubnis, die Bekanntschaft eines
-noch so jungen und schon so berühmten Mannes machen zu dürfen, und
-erhielt solche um so williger, als für Schiller und seinen Freund eine
-zerstreuende Unterhaltung in den trüben, nebligen Novemberabenden eine
-wahre Erquickung war. Die Freundschaft und Achtung für Herrn Derain
-erhielt sich auch noch in den nächstfolgenden Jahren.
-
-Der Offizier, dessen Erscheinung Schiller und seine Freunde in den
-größten Schrecken versetzte, war nach einem Schreiben von Schillers
-Vater an Herrn Schwan kein Verfolger, sondern ein akademischer Freund,
-der bei einer Reise ausdrücklich den Umweg über Mannheim machte, um den
-Dichter zu sprechen, welches aber, wie oben erwähnt, auf die sorgsamste
-Weise verhindert wurde.
-
-Und hier ist auch der Ort, um den Leser zu versichern, daß der Herzog
-von Württemberg auf keinerlei Weise jemals die geringste Vorkehrung
-treffen ließ, um seinen entflohenen Zögling wieder in seine Gewalt
-zu bekommen und zu bestrafen. Er mochte sich wohl erinnern, daß er
-Schiller wider dessen Willen und fast zwangsweise in die Akademie
-aufgenommen -- daß der Knabe sowie der Jüngling durch treffende,
-überraschende Antworten, durch untadelhafte Sitten seine wahrhaft
-väterliche Zuneigung sich erworben -- daß ein schon im ersten Versuche
-sich so kühn aussprechendes Talent unmöglich durch einen militärischen
-Befehl unterdrückt werden könne. Oder war es Rücksicht gegen den ihm
-fast unentbehrlich gewordenen Vater; war es Anteil an dem Kummer der
-achtungswerten Familie? -- Wollte er das mißbilligende Gefühl, das sich
-wegen der Gefangenhaltung Schubarts in ganz Deutschland allgemein
-und laut äußerte, nicht noch weiter aufreizen? -- War es natürliche
-Großmut? -- -- Genug, der Herzog gab dieser Sache nicht die geringste
-Folge und bewies dadurch ganz offenkundig, daß er die Flucht Schillers
-nur als einen Fehler, aber nicht als ein Verbrechen beurteilte.
-
-Nicht nur diese Gewißheit ergab sich aus dem Briefe des Vaters, sondern
-auch die Hoffnung, daß er dem Sohne noch mit warmer Liebe zugetan sei,
-und ihm, wenn der äußerste Fall einträte, die nötige Unterstützung
-nicht versagen würde. Verglich man diesen Brief mit denen, welche
-Herr Schwan und S. aus Bauerbach erhalten, so konnten die Freunde des
-Dichters um so mehr unbesorgt sein, als dieser mit seinem Zustand im
-höchsten Grade zufrieden schien, und sich nun nach einem Jahre voller
-Sorgen und Unruhe solchen Beschäftigungen widmen konnte, die, außer dem
-Vergnügen, das sie ihm selbst machten, auch noch mit Ehre und Vorteil
-verbunden waren.
-
-Ohne Zweifel teilt jeder Leser diese Meinungen, und glaubt vielleicht,
-das Schicksal, nachdem es seine alles beugende Gewalt habe empfinden
-lassen, werde dem Ermüdeten nach so manchen Stürmen endlich Ruhe
-vergönnen?
-
-Der Verfasser bedauert innigst, daß er diese Hoffnungen nicht
-bestätigen kann, sondern genötigt ist, neue Schwierigkeiten zu melden,
-die sich in dem so friedlich scheinenden Zufluchtsorte ganz unerwartet
-erhoben; denn kaum vier Wochen nach dem ersten erhielt er nachstehenden
-zweiten Brief.
-
- H., den 14. Jän. 1783.
-
- So bin ich doch der Narr des Schicksals! Alle meine Entwürfe sollen
- scheitern! Irgend ein kindsköpfischer Teufel wirft mich wie seinen
- Ball in dieser sublunarischen Welt herum.
-
- Hören Sie nur!
-
- Ich bin, wenn Sie den Brief haben, nicht mehr in Bauerbach.
- Erschrecken Sie aber nicht. Ich bin vielleicht besser aufgehoben.
-
- Frau von Wolzogen ist wieder hier und hat ihren Bruder, den
- Oberhofmeister von Marschalk, der bei Bamberg eine Erbschaft von
- beinahe 200000 Gulden getan, begleitet. Sie können sich vorstellen,
- mit welcher Ungeduld ich ihr entgegenflog -- -- -- -- Aber nun!
-
- Lieber Freund, trauen Sie niemand mehr. Die Freundschaft der
- Menschen ist das Ding, das sich des Suchens nicht verlohnt. Wehe
- dem, den seine Umstände nötigen, auf fremde Hilfe zu bauen.
- Gottlob! das letztere war diesmal nicht.
-
- Die gnädige Frau versicherte mich zwar, wie sehr sie gewünscht
- hätte ein Werkzeug in dem Plane meines künftigen Glückes zu
- sein -- aber -- ich werde selbst so viel Einsicht haben, daß
- ihre Pflichten gegen ihre Kinder vorgingen, und diese müßten es
- unstreitig entgelten, wenn der Herzog von W. Wind bekäme; das
- war mir genug. So schrecklich es mir auch ist, mich wiederum in
- einem Menschen geirrt zu haben, so angenehm ist mir wieder dieser
- Zuwachs an Kenntnis des menschlichen Herzens. Ein Freund -- und ein
- glückliches Ungefähr rissen mich erwünscht aus dem Handel.
-
- Durch die Bemühung des Bibliothekars Reinwald, meines sehr
- erprobten Freundes, bin ich einem jungen Hrn. von Wrmb bekannt
- geworden, der meine Räuber auswendig kann und vielleicht eine
- Fortsetzung liefern wird. Er war beim ersten Anblick mein
- Busenfreund. Seine Seele schmolz in die meinige. Endlich hat er
- eine Schwester! -- Hören Sie, Freund, wenn ich nicht dieses Jahr
- als ein Dichter vom ersten Range figuriere, so erscheine ich
- wenigstens als Narr, und nunmehr ist das für mich eins. Ich soll
- mit meinem Wrmb diesen Winter auf sein Gut, ein Dorf im Thüringer
- Walde, dort ganz mir selbst und -- der Freundschaft leben, und was
- das beste ist, schießen lernen, denn mein Freund hat dort hohe
- Jagd. Ich hoffe, daß das eine glückliche Revolution in meinem Kopf
- und Herzen machen soll.
-
- Schreiben Sie mir nicht, bis Sie neue Adressen haben. Den Verdruß
- mit der Wolzogen unterdrücken Sie. Ich sei nicht mehr in Bauerbach,
- das ist alles, was Sie sagen können. -- -- -- -- -- --
-
- Tausend Empfehlungen an meinen lieben, guten Meier. Nächstens
- schreib ich ihm wieder. Auch an Cranz, Gern u. s. f. viele
- Komplimente. Mein neues Trauerspiel, Luise Millerin genannt, ist
- fertig. Beiliegendes übergeben Sie an Schwan, dem Sie mich vielmals
- empfehlen.
-
- Ohne Veränderung
-
- Ihr
-
- Schiller.
-
-So schien nun auch dieser Plan gescheitert, auf den nicht nur der
-Dichter selbst seine größte, letzte Hoffnung gesetzt hatte, sondern
-welcher auch als der sicherste von allen Freunden zur Befolgung
-angeraten war. Aufs neue war sein Schiff den veränderlichen Winden
-preisgegeben, indem die Freundschaft mit Hrn. von Wrmb viel zu
-schwärmerisch, mit viel zu großen Erwartungen geschlossen schien, als
-daß man auf einige Dauer hätte zählen können.
-
-Größeres Vertrauen flößte die Bekanntschaft mit Hrn. Reinwald ein,
-der Hrn. Schwan als rechtlicher Mann, als Dichter und Schriftsteller
-bekannt war und sich gewiß um so inniger an Schiller anschloß, je
-genügsamer dieser in seinen Forderungen und anmutiger im Umgange sich
-gegen jeden zeigte.
-
-Was die Äußerungen der Frau von Wolzogen betrifft, so waren
-diese ebenso verzeihlich als begreiflich; denn ihre Söhne, deren
-Bekanntschaft Schiller den Schutz zu danken hatte, der ihm jetzt
-gewährt wurde, waren noch in der Akademie, und erfuhr der Herzog,
-von wem sein flüchtiger Zögling verborgen gehalten werde, so konnte
-er leicht -- vorausgesetzt, daß er sich zu einer Rache herablassen
-möge -- seine Ungnade den Söhnen der Frau von Wolzogen auf eine Art
-empfinden lassen, die ihr Glück nicht nur für jetzt, sondern auch in
-der Zukunft bedeutend gestört haben würde.
-
-Der Verfolg zeigte jedoch, daß die Besorgnisse der Beschützerin
-entweder nicht sehr ernsthafter Art gewesen oder daß Schiller seine
-Empfindlichkeit darüber zu besiegen wußte; denn er blieb nicht nur
-den ganzen Tag[4] in Bauerbach, sondern brachte auch die Hälfte des
-folgenden Sommers daselbst zu. Durch ähnliche Nachrichten wie die,
-welche er seinem Freunde nach Mannheim schrieb, versetzte er auch
-seine älteste Schwester in die größte Unruhe, und ein Brief, den sie
-deshalb an den Bruder schrieb, gab zufällig die Veranlassung zu ihrer
-Bekanntschaft mit Herrn Reinwald, die sich einige Jahre später in
-eine lebenslängliche Verbindung umwandelte. Aus dem Briefe des Herrn
-Reinwald an die Schwester von Schiller möge das Wichtigste, was sich
-hierauf bezieht (mit der damals gebräuchlichen Rechtschreibung) einen
-Platz finden.
-
- Meiningen. 27ten Mai 1783.
-
- Mademoiselle
-
- Ein besonderer Zufall macht mich so frei, an die Schwester meines
- Freundes diese Zeilen zu schreiben. Unter etlichen Papieren, die
- Hr. ~D.~ S** nach einem Besuch bei mir liegen lassen, fand ich
- einen Brief von Ihnen. Es war wohl nicht Sorglosigkeit allein daran
- Schuld, sondern auch Vertrauen, denn ich glaube gänzlich, daß er
- mich liebt.
-
- Ich fand in diesem Briefe, den ich gelesen und nochmals gelesen und
- abgeschrieben habe, so viel reifes Denken und so viel herzliche,
- besorgte Wohlmeinung gegen Ihren Herrn Bruder, daß ich mich gefreut
- habe, und scheue mich nicht, jeden Gedanken, der mir zu seiner
- Ausbildung oder Glückseligkeit einfällt, mit Ihnen zu theilen.
-
- Vielleicht kann ich Ihnen oder Ihren lieben Eltern auch manche
- Unruhe benehmen, die Ihnen über die Situation Ihres Herrn Bruders
- aufsteigt, und ich werde gerade seyn und nicht schmeicheln
- etc. -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- Mir ist es selbst Räthsel, warum sie (Fr. v. W.) so sehr Verachtung
- fürchtet, und daß sie auf die Veränderung von unseres Freundes
- Aufenthalt dringen soll; viele Umstände scheinen dem letzteren
- zu widersprechen, es müßte denn seyn, daß sie aus Beweggründen
- der Sparsamkeit handelte etc. etc. Alle Gefahren des Bekanntseyns
- wären gleich Anfangs vermieden gewesen, wenn man entweder niemanden
- auswärts geschrieben hätte, daß Ihr Herr Bruder da wäre, wo er
- ist, sondern nur Meiningen angegeben, oder wenn er wirklich in dem
- traurigsten Theile des Jahres hieher gezogen wäre. Hier residirt
- ein Herzog, den der Ihrige nicht im Geringsten deshalb züchtigen
- kann, wenn er jemand da wohnen läßt, dem der würtembergische Hof
- ungünstig ist. Welche Verantwortung kann da der Fr. v. W. auf den
- Hals fallen.
-
- Ihr Herr Bruder muß menschliche Charaktere viel kennen, weil er sie
- auf der Bühne schildern soll, item, er muß sich durch Gespräche
- über Natur und Kunst durch freundschaftliche, innige Unterhaltung
- aufheitern, wenn durch Denken und Niederschreiben das Mark seines
- Geistes vertrocknet ist. Die Gegend, wo er sich jetzt aufhält, und
- die nur im Sommer ein wenig von der Seite lächelt, gleicht mehr der
- Gegend, wo Ixions Rad sich immer auf einem Orte herumdreht, als
- einer Dichter-Insel, und einen zweiten Winter da zugebracht, wird
- Hrn. ~D.~ S. völlig hypochondrisch machen.
-
- Ich wünschte daher sehnlich, daß er künftigen Herbst in einer
- großen Stadt, wo ein gutes deutsches Theater ist, z. Ex. in Berlin
- verweilte, doch unter dem Schutze gelehrter und rechtschaffener
- Männer, die ihn von der Ausgelassenheit bewahrten, die an diesem
- Orte herrscht.
-
- Wien (wo ich ehedem selbst eine Zeit lang war) hat zwar weniger
- verderbte Sitten und mehr Teutschheit, aber der Fehler ist da, daß
- man mit dem Gelde gut umzugehen verlernt, denn man nimmt meist viel
- ein, und gibt noch mehr aus.
-
- Noch scheint es aber nicht, daß Ihr Herr Bruder zum Weggehen
- inclinirt, er scheint ganz an seine Wohlthäterin gefesselt, die ihn
- von der Seite seines guten und dankbaren Herzens eingenommen hat.
-
- Ich hatte die Idee ihn nach Pfingsten mit nach Gotha und Weimar
- zu nehmen, wo ich Freunde und Verwandte habe, zu denen ich eine
- Gesundheitsreise thun werde, ich wollte ihn den dasigen zum Theil
- wichtigen Gelehrten präsentiren, ich wollte ihn wieder an die offne
- Welt und an die Gesellschaft der Menschen gewöhnen, die er beinah
- scheut, und sich allerhand Unangenehmes von ihnen vorstellt. Aber
- so geneigt er im Anfang zu meinem Vorschlag war, so sehr scheint
- jetzt sein Geschmack davon entfernt. Ich werde also das Vergnügen
- dieser Reise nicht mit ihm theilen können.
-
- Wenn ich gleich unendlich dabei verliere, wenn Ihr Herr Bruder
- einst diese Gegend verlassen sollte, und keiner meiner bisherigen
- Freunde mir diesen Verlust ersetzen würde, so wollte ich doch
- lieber all mein Vergnügen der Ausbildung und Glückseligkeit eines
- so guten und künftig großen Mannes aufopfern etc. etc.
-
- Leben Sie mit Ihren lieben Eltern wohl.
-
- Ihr gehorsamster Diener und Verehrer
-
- W. H. Reinwald.
-
-Dieser Brief macht es wahrscheinlich, daß Schiller nicht, wie er im
-Januar willens war, mit Hrn. von Wrmb nach Thüringen reiste, sondern
-fortwährend in Bauerbach blieb. War dies der Rat seines Freundes
-Reinwald? Oder bedachte er es selbst, daß sein Aufenthalt bei Hrn. von
-Wrmb von so zarter Beschaffenheit sein würde, daß ein Wörtchen, ja nur
-eine Gebärde ihn wieder entfernen und in die größte Verlegenheit setzen
-müßte?
-
-Gewißheit kann der Verfasser hierüber nicht geben, indem er sich nicht
-erinnert, in der Folge mit Schillern darüber gesprochen zu haben, und
-er auch einige Briefe von diesem aus (jetzt freilich sehr bedauerter)
-Nachlässigkeit verloren. Übrigens müßte es auffallend scheinen, daß der
-gerechte, edle Stolz und Ehrgeiz des Dichters auch nur einen Augenblick
-es ertragen konnte, Frau v. W. einer Verlegenheit auszusetzen, wenn wir
-nach obigem Brief nicht annehmen dürften, daß es ihr mit dem Dringen
-auf seine Entfernung nicht sehr ernst gewesen wäre. Außer diesem mochte
-auch Schillern der Umstand nachgiebiger machen, daß er hier frei von
-allen Sorgen für die kleinlichen Bedürfnisse des Lebens, ohne die
-mindeste Störung gänzlich seiner Laune, seinen Träumen, Idealen und
-dichterischen Entwürfen leben konnte; wo ihm kein Befehl vorschrieb,
-wie er gekleidet sein müsse, oder die Minute bezeichnete, zu welcher
-er im Spital oder auf der Wachtparade erscheinen solle, und wo er nur
-seinen großartigen Gefühlen und der Freundschaft leben durfte.
-
-Man muß den edlen Jüngling genau gekannt und in den Jahren 1781 und
-82 mit ihm in (dem damals so zwangsvollen) Stuttgart gelebt haben,
-um gewiß zu sein, daß ein nur einigermaßen leidliches Gefängnis, in
-welchem sein Tun und Lassen nicht vorgeschrieben worden wäre, ihm
-gegen seinen damaligen Zustand gehalten, als eine wirkliche Wohltat
-erschienen sein würde. Weiter unten werden wir aus einem Briefe von ihm
-selbst erfahren, daß nur die zuletzt angeführten Gründe die einzigen
-sein konnten, welche ihm den Aufenthalt in Bauerbach so wert und
-unvergeßlich machten.
-
-Die Lobsprüche, welche ihm Herr Reinwald in seinem Brief erteilt,
-beweisen, wie einnehmend seine Persönlichkeit gewesen und wie duldsam
-er jede Eigenheit an andern zu ertragen wußte, indem Hypochondrie und
-immerwährende Kränklichkeit Herrn Reinwald sehr reizbar und empfindlich
-machten und er auch von der höchsten Bedächtlichkeit war. Aber der Kern
-dieses Mannes, seine Kenntnisse sowie sein Herz waren vortrefflich, und
-wir werden sehen, wie hoch Schiller diesen Freund achtete.
-
-Hätte Herr Reinwald den jungen Dichter dazu vermocht, mit ihm nach
-Weimar und Gotha zu reisen, so würde er in ersterem Orte Goethe und
-Wieland kennen gelernt haben, die ihm, aller Wahrscheinlichkeit
-nach, einen Lebensplan vorgezeichnet, ihn mit Rat und Empfehlungen
-unterstützt und in die nützlichsten Verbindungen gebracht hätten. Auch
-wären ihm dadurch zwei Jahre erspart worden, die er meistens in Verdruß
-zubrachte, und die von den nachteiligsten Folgen für seine Gesundheit
-waren.
-
-Was Schiller aber von dieser Reise abhielt, war die Sirenenstimme, die
-sich von dem Theater zu Mannheim wieder vernehmen ließ und die seine
-Nerven so sehr in Schwingung versetzte, daß er ihren Lockungen nicht
-widerstehen konnte und alles andere von sich abwehrte. Denn schon im
-März 1783, also kaum drei Monate später, nachdem der Dichter sieben
-Wochen vergeblich in Oggersheim aufgehalten und auf eine äußerst harte
-Weise entlassen worden war, schrieb ihm Baron Dalberg wieder, um sich
-nach seinen theatralischen Arbeiten zu erkundigen, und zwar in solchen
-Ausdrücken, daß Schiller an Herrn Meier in Mannheim schrieb: »es müsse
-ein dramatische Unglück in Mannheim vorgegangen sein, weil er von Baron
-Dalberg einen Brief erhalten, dessen annähernde Ausdrücke ihn auf diese
-Vermutung brächten.«
-
-Dieser Schluß war jedoch nur insofern richtig, als Baron Dalberg, der
-sich sehr gern mit Umänderungen von Theaterstücken beschäftigte, und
-damals gerade Lanassa und Julius Cäsar von Shakespeare unter der Schere
-hatte, wohl fühlen mochte, daß Schiller zu solchen Arbeiten nicht ganz
-ungeeignet sein dürfte. Auch geschah es oft, daß die Mitglieder des
-Theaterausschusses von Fiesco sowie von dem bürgerlichen Trauerspiele
-Luise Millerin sprachen, dessen ganzer Plan S. bekannt war und den
-dieser, da ihn kein Versprechen zur Geheimhaltung verpflichtete, so
-umständlich als lebhaft auseinandersetzte.
-
-Am wahrscheinlichsten bleibt jedoch, daß sich Baron Dalberg der
-frühern Versprechungen und gegebenen Hoffnungen erinnerte, die er
-Schillern gemacht, und welche diesen zu seinem verzweifelten Schritte
-verleitet. Jetzt, nachdem der Herzog von Württemberg nicht die mindeste
-Vorkehrung zur Habhaftwerdung des Flüchtlings getroffen, konnte mit
-voller Sicherheit und ohne sich im mindesten bloß zu stellen, demselben
-Genugtuung gegeben, die öfters mahnenden Wünsche der Schauspieler
-erfüllt, sowie durch Anstellung eines solchen Dichters der Bühne ein
-Glanz erteilt werden, der sie über alle andern von Deutschland erhob,
-und von welcher der größte Teil ihres Ruhmes auf deren Intendanten
-zurückstrahlen mußte.
-
-Möge nun dieser oder jener Beweggrund den Brief des Baron Dalberg an
-Schillern veranlaßt haben, so ist es, zur Rechtfertigung des letztern,
-von der größten Wichtigkeit zu zeigen, daß er auch jetzt wieder, wie
-im Jahre 1781 angelockt, ja gewissermaßen zur Veränderung seines
-Aufenthaltes aufgefordert worden, ohne daß er es gesucht oder sich
-deshalb beworben hätte. Der anteilnehmende Leser möge diesen Umstand
-um so weniger übersehen, weil es zur unparteiischen Beurteilung des
-Schicksals und Benehmens des Dichters unumgänglich notwendig ist zu
-wissen, durch wen und durch was er zu nachteiligen Schritten verleitet
-worden. Nachfolgendes ist die Antwort (S. Schillers Briefe an Freiherrn
-von Dalberg S. 80), welche auf die Anfrage erteilt wurde.
-
- S.-Meiningen, den 3. April 1783.
-
- Euer Exzellenz verzeihen, daß Sie meine Antwort auf Ihre gnädige
- Zuschrift erst so spät erhalten -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- Daß Euer Exzellenz mich auch in der Entfernung noch in gnädigem
- Andenken tragen, kann mir nicht anders als schmeichelhaft sein. Sie
- wünschen zu hören, wie ich lebe?
-
- Wenn Verbannung der Sorgen, Befriedigung der Lieblingsneigung,
- und einige Freunde von Geschmack einen Menschen glücklich machen
- können, so kann ich mich rühmen, es zu sein.
-
- E. E. scheinen, ungeachtet meines kürzlich mißlungenen Versuchs,
- noch einiges Zutrauen zu meiner dramatischen Feder zu haben. Ich
- wünschte nichts, als solches zu verdienen; weil ich mich aber der
- Gefahr, Ihre Erwartung zu hintergehen, nicht neuerdings aussetzen
- möchte, so nehme ich mir die Freiheit, Ihnen einiges von dem Stück
- vorauszusagen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- Wenn diese Fehler, die ich E. E. mit Absicht vorhersage, für
- die Bühne nichts Anstößiges haben, so glaube ich, daß Sie mit
- dem übrigen zufrieden sein werden. Fallen sie aber bei der
- Vorstellung zu sehr auf, so wird alles übrige, wenn es auch noch
- so vortrefflich wäre, für Ihren Endzweck unbrauchbar sein und ich
- werde es besser zurückbehalten. -- --
-
- ~Dr.~ Schiller.
-
-Wer diesen Brief gegen die früheren vergleicht, dem muß die kalte
-geschraubte Sprache desselben auffallen, indem darin durchaus nichts
-ist, woraus zu schließen wäre, Schiller bewerbe sich wieder um den
-Schutz des Baron Dalberg. Eher noch sind Vorwürfe gegen diesen nicht
-undeutlich ausgesprochen, denn die Schilderung der Unabhängigkeit und
-des Glücks, welches der Dichter jetzt genieße, scheint absichtlich als
-Gegensatz angeführt zu sein.
-
-Ungeachtet alles dessen wurde der Briefwechsel fortgesetzt, und
-Schiller konnte der süßtönenden Stimme um so weniger widerstehen, als
-nach seinen Begriffen die Schaubühne sowie die Arbeiten für dieselbe
-einen Einfluß und eine Wichtigkeit hatten, die durch keine andere
-Kunst oder Wissenschaft bewirkt werden könne. Und bei der ersten Bühne
-Deutschlands sollte er nun Dichter, Lenker eines reinen, veredelten
-Geschmackes werden! Jetzt wäre der Zeitpunkt eingetreten, wo er seine
-Ideale, die Geschöpfe seiner Einbildungskraft lebend, handelnd der
-gespannten Aufmerksamkeit einer Menge von Zuschauern vorführen könnte!
-Und diese so lang ersehnte Gelegenheit sollte er zurückweisen?
-
-Zu viel wäre dieses gefordert! Er mußte dem Anerbieten entsprechen und
-traf auch in den ersten Tagen des Septembers 1783,[5] nur von Herrn
-Meier und dessen Frau erwartet, in Mannheim ein.
-
-Seinem zurückgelassenen Freunde S. wurde absichtlich von der ganzen
-Unterhandlung nichts gesagt, weil er sich (da sein eignes Glück durch
-den unnützen Aufenthalt in Oggersheim gestört worden) schon zu oft
-gegen das Versprechen und Verlocken geäußert und das Verfahren gegen
-den unglücklich gemachten Dichter bei seinem wahren Namen benannt hatte.
-
-Auch wurde ihm durch dieses Verheimlichen eine Überraschung bereitet,
-die vollkommen gelang. Denn als er zur gewöhnlichen Stunde bei Herrn
-Meier eintrat, konnte er kaum seinen Augen glauben, daß es der in
-weiter Entfernung vermeinte Schiller sei, welcher mit der heitersten
-Miene und dem blühendsten Aussehen ihm entgegentrat.
-
-Nach den herzlichsten Umarmungen und nachdem die eiligsten Fragen
-beantwortet waren, kündigte Schiller seinem Freund an, daß er von
-Baron Dalberg als Theaterdichter nach Mannheim berufen worden und
-als solcher mit einer Besoldung von 300, sage: dreihundert, Gulden
-Reichswährung nächstens sein Amt antreten werde. Seine Zufriedenheit
-über diese Anstellung sprach aus jedem Wort, aus jedem Blick, und er
-mochte sich wohl denselben Himmel in der Wirklichkeit dabei denken, der
-auf dem Theater oft so täuschend dargestellt wird.[6]
-
-Unter dem ruhigen Genuß seiner Freunde und der Schaubühne -- unter
-einer Menge von Plänen und Besprechungen über seine künftigen Arbeiten
-vergingen mehrere Wochen, und ehe er noch an den Abänderungen des
-Fiesco oder der Luise Millerin etwas angefangen hatte, überfiel ihn das
-kalte Fieber, welches ihn anfänglich zu allem untüchtig machte.
-
-Der Sommer dieses Jahres 1783 zeichnete sich durch eine ungewöhnliche
-Hitze aus, durch welche aus dem mit Morast und stehendem Wasser
-gefüllten Festungsgraben eine so faule, verdorbene Luft entwickelt
-wurde, daß kaum die Hälfte der Einwohner von diesem Übel verschont
-blieb. Auch verursachte die dumpfe Luft in dieser Festung, deren hohe
-Wälle jeden Zug, jede Strömung eines Windes verhinderten, bei allen
-Krankheiten gefährlichere Folgen als sonst, und der Tod beraubte in
-der Mitte des Oktobers Schiller eines Freundes, der ihm um so werter
-geworden, je mehr er Gelegenheit gehabt hatte, dessen edles, offenes
-Gemüt kennen zu lernen. Der Theaterregisseur, Herr Meier, dessen schon
-so oft erwähnt worden, starb an einer anfangs unbedeutend scheinenden
-Krankheit, wodurch nicht nur seiner Frau und seinen Freunden, sondern
-auch seinen Kunstgenossen sowie der Schaubühne selbst ein sehr lang
-gefühlter Verlust verursacht wurde. Denn nicht allein war er als Mensch
-höchst achtungswert, er war auch ein in Ekhofs Schule gebildeter, sehr
-bedeutender Künstler, der in den meisten, vorzüglich aber in sanften
-Rollen nichts zu wünschen übrig ließ. Zur Rechtfertigung der ärztlichen
-Kenntnisse Schillers darf hier versichert werden, daß er die schlimmen
-Folgen der Mittel, welche der Theaterarzt verordnet hatte, voraussagte.
-
-Wenn schon das Wechselfieber den tätigen, kühnen Geist des Dichters
-lähmte, so waren die Einwendungen, welche man gegen sein zweites
-Trauerspiel machte und die er beseitigen sollte, noch weniger geeignet,
-seine Einbildungskraft aufzuregen.
-
-Die Bahn, die er sich in seinen Arbeiten für die Bühne vorgezeichnet
-hatte, war ganz neu und ungewöhnlich, daher es den Schauspielern,
-die meistens nur bürgerliche oder sogenannte Konversationsstücke
-aufzuführen gewohnt waren, sehr schwer und mühsam wurde, die Ausdrücke
-des Dichters so zu geben, wie er sie schrieb, und in welche sich, ohne
-deren Sinn zu stören oder ins Gemeine herabzuziehen, durchaus nichts
-aus der Umgangssprache einflicken ließ. Daß bei den Räubern derlei
-Einwendungen weniger gemacht wurden, davon war der überwältigende
-Stoff sowie die ergreifende Wirkung, welche die meisten Szenen
-hervorbrachten, die Ursache. Besonders eiferte letzteres jeden
-Mitwirkenden an, alle Kräfte beisammen zu halten, um auch in den
-unbedeutend scheinenden Teilen keine Störung zu verursachen, damit
-das Werk so, wie es aus der dichterischen Kraft entsprungen, ein
-erstaunungswürdiges Ganzes bliebe.
-
-Bei Fiesco war der Inhalt schon an sich selbst kälter. Die schlauen
-Verwicklungen erwärmten nicht; die langen Monologe, so meisterhaft sie
-auch waren, konnten nicht mit Begeisterung aufgefaßt und gesprochen
-werden, indem sich größtenteils nur der Ehrgeiz darin malte und zu
-fürchten war, daß die Zuschauer ohne Teilnahme bleiben würden. Man
-gestand nicht gern, daß die Anstrengung des Darstellers mit dem zu
-erwartenden Beifall nicht im Verhältnis stehen möchte, weil erstere zu
-groß und letzterer zu gering sein würde.
-
-Am meisten wurde gegen den Schluß eingewendet, weil er weder den
-ersten Schauspielern noch dem Publikum Genüge leisten könne und eine
-Empfindung zurücklassen müsse, welche den Anteil, den man an dem
-Vorhergehenden des Stückes genommen, bedeutend schwächen würde.
-
-Wenn man bedenkt, daß der tiefe, umfassende Geist Schillers sich auch
-in späterer Zeit nie bequemen konnte, ein Stück so zu entwerfen und
-zu schreiben, daß es den Forderungen oder, eigentlicher zu reden --
-da vorzüglich die unterhaltenden Künste den geringern Kräften der
-Menge angepaßt werden müssen -- dem Handwerksmäßigen des Theaters in
-allen seinen Teilen angemessen hätte sein können; so kann man sich
-vorstellen, mit welchem Widerwillen er sich an Abänderungen (worunter
-nicht Abkürzungen verstanden sind) überhaupt, besonders aber wie bei
-Fiesco der Fall war, an solche sich machte, wo dem Verstand und der
-Wahrheit zugleich der stärkste Schlag versetzt werden müßte. War auch
-sein Kopf gewandt genug, um jede Begebenheit als möglich darzustellen,
-so mußte doch an die Stelle des Zerstörten etwas Neues geschaffen
-werden, das -- wie jeder, dem Geistes- oder Kunstarbeiten bekannt sind,
-gestehen muß -- entweder nicht so gut gerät oder doch viel schwieriger
-als ersteres ist.
-
-Indessen mußte er diese Einwürfe berücksichtigen, und ungeachtet
-der Unterbrechungen durch seine Krankheit und die dadurch gestörte
-gute Laune wurde er dennoch in der zweiten Hälfte des Novembers mit
-Umarbeitung des Fiesco fertig.
-
-Nun mußte aber das ganze Stück ins Reine und in der genauen Folge
-geschrieben werden, wozu, da man diese beschwerliche Arbeit nicht von
-ihm verlangen konnte, ein Regiments-Furier vorgeschlagen wurde, der
-eine sehr deutliche und hübsche Handschrift hatte. Da so vieles aus
-der ersten Bearbeitung gestrichen, zwischen hinein abgeändert oder
-ganz neu eingelegt war, so durfte die Anordnung dem Abschreiber nicht
-überlassen bleiben, sondern mußte ihm in die Feder gesagt werden.
-
-In den ersten Stunden fühlte sich der Verfasser sehr behaglich, indem
-er nach Bequemlichkeit bald sitzend, bald auf und nieder gehend
-vorsagen konnte. Als aber der Mann weggegangen war, wie entsetzte sich
-Schiller, als er seinen ihm so wert gewordenen Helden Fiesco in Viesgo,
-die liebliche Leonore in Leohnohre, Calcagna in Kallkahnia verwandelt
-und in den übrigen Eigennamen falsche Buchstaben, sowie die meisten
-Worte der gewohnten Rechtschreibung entgegen fand.
-
-Seine Klagen hierüber waren ebenso bitter als auf eine Art
-ausgesprochen, die zum Lachen reizte, indem er gar nicht begreifen
-konnte, daß jemand, der so schöne Buchstaben mache, nicht auch jedes
-Wort richtig sollte schreiben können.
-
-Noch einmal, nachdem er den Mann vorher alle Namen ordentlich hatte
-aufzeichnen lassen, versuchte er es wieder vorzusagen. Als er aber
-dennoch fand, daß Fiesco jetzt mit einem F, und später mit einem
-V anfing, da verlor er die Geduld so gänzlich, daß er, um diese
-Augenmarter nicht länger aushalten zu müssen, sich entschloß, selbst
-das ganze Stück ins reine zu schreiben. Er war so fleißig dabei,
-daß solches in der Mitte Dezembers dem Baron Dalberg überreicht
-werden konnte. Zufrieden mit seiner in den verflossenen zwei Monaten
-bewiesenen Tätigkeit konnte der kranke Dichter allerdings sein,
-obwohl diese, da er nur die vom Fieber freien Tage und die Nächte
-benützen konnte, seine Kräfte sehr abspannte und sein sonst immer
-heiteres Gemüt sich öfters verdüsterte. Aber nicht allein eine solche
-Anstrengung war geeignet, jede muntere Laune zu verscheuchen, auch
-sein übriges Verhältnis, das in Beziehung des Einkommens im grellsten
-Widerspruch mit seinen früheren Erwartungen stand, mußte ihn schon
-darum zum Mißvergnügen reizen, weil ihm dieses in den Briefen von
-seiner Familie sehr bemerklich gemacht wurde. Besonders war der Vater
-sehr unzufrieden, seinen Sohn in einem so ungewissen, nichts dauernd
-zeigenden Zustand zu wissen, und er glaubte ihn nur dann für die
-Zukunft geborgen, wenn er wieder Arzt und unter dem Schutze des Herzogs
-wäre. Das Herz der Mutter, konnte es ruhig schlagen, wenn sie ihren
-Liebling in seiner Gesundheit, in seinem häuslichen Wesen, in seinen
-Sitten -- die sie bei dem Theater sich zügellos denken mochte -- im
-höchsten Grade gefährdet glaubte? Auch die älteste Schwester vereinigte
-ihre Wünsche mit denen der Eltern und veranlaßte folgende Erwiderung
-des Bruders.
-
- Mannheim, am Neujahr 84.
-
- Meine teuerste Schwester!
-
- Ich bekomme gestern Deinen Brief, und da ich über meine
- Nachlässigkeit, Dir zu antworten, etwas ernsthaft nachdenke, so
- mache ich mir die bittersten Vorwürfe von der Welt. Glaube mir,
- meine Beste, es ist keine Verschlimmerung meines Herzens; denn so
- sehr auch Schicksale den Charakter verändern können, so bin doch
- ich mir immerdar gleich geblieben -- es ist ebensowenig Mangel an
- Aufmerksamkeit und Wärme für Dich; denn Dein künftiges Los hat
- schon oft meine einsamen Stunden beschäftigt, und wie oft warst
- Du nicht die Heldin in meinen dichterischen Träumen! -- Es ist
- die entsetzliche Zerstreuung, in der ich von Stunde zu Stunde
- herumgeworfen werde, es ist zugleich auch eine gewisse Beschämung,
- daß ich meine Entwürfe über das Glück der Meinigen und über Deins
- insbesondere bis jetzt so wenig habe zur Ausführung bringen können.
- Wie viel bleiben doch unsere Taten unseren Hoffnungen schuldig!
- und wie oft spottet ein unerklärbares Verhängnis unseres besten
- Willens --
-
- Also unsere gute Mutter kränkelt noch immer? Sehr gern glaube ich
- es, daß ein schleichender Gram ihrer Gesundheit entgegen arbeitet,
- und daß Medikamente vielleicht gar nichts tun -- aber Du irrst
- Dich, meine gute Schwester, wenn Du ihre Besserung von meiner
- Gegenwart hoffst. Unsere liebe Mutter nährt sich gleichsam von
- beständiger Sorge. Wenn sie auf einer Seite keine mehr findet, so
- sucht sie sie mühsam auf einer andern auf. Wie oft haben wir alle
- uns das ins Ohr gesagt! Ich bitte Dich auch, ihr es in meinem Namen
- zu wiederholen. Ich spreche ganz allein als Arzt -- denn daß eine
- solche Gemütsart das Schicksal selbst nicht verbessern, daß sie
- mit einer Resignation auf die Vorsicht durchaus nicht bestehen
- könne, wird unser guter Vater ihr öfter und besser gesagt haben.
- Dein Zufall ficht mich wirklich nicht wenig an. Ich erinnere mich,
- daß du ihn mehrmals gehabt hast, und bin der Meinung, daß eine
- Lebensart mit starker Leibesbewegung, neben einer verdünnenden Diät
- ihn am besten hemmen werde. Nimm zuweilen eine Portion Salpeter mit
- Weinstein, und trinke auf das Frühjahr die Molken.
-
- Du äußerst in Deinem Brief den Wunsch, mich auf der Solitüde
- im Schoße der Meinigen zu sehen, und wiederholst den ehmaligen
- Vorschlag des lieben Papas, beim Herzog um meine freie Wiederkehr
- in mein Vaterland einzukommen. Ich kann Dir nichts darauf
- antworten, Liebste, als daß meine Ehre entsetzlich leidet, wenn
- ich ohne Konnexion mit einem andern Fürsten, ohne Charakter und
- dauernde Versorgung, nach meiner einmal geschehenen gewaltsamen
- Entfernung aus Württemberg, mich wieder da blicken lasse. Daß
- der Papa den Namen zu dieser Bitte hergibt, nützt mir wenig,
- denn jedermann würde doch mich als die Triebfeder anklagen, und
- jedermann wird, so lang ich nicht beweisen kann, daß ich den Herzog
- von Württemberg nicht mehr brauche, in einer (mittelbar oder
- unmittelbar, das ist eins) erbettelten Wiederkehr ein Verlangen, in
- Württemberg unterzukommen, vermuten.
-
- Schwester, überdenke die Umstände aufmerksam; denn das Glück Deines
- Bruders kann durch eine Übereilung in dieser Sache einen ewigen
- Stoß leiden. Ein großer Teil von Deutschland weiß von meinen
- Verhältnissen gegen euern Herzog und von der Art meiner Entfernung.
- Man hat sich für mich auf Unkosten des Herzogs interessiert -- wie
- entsetzlich würde die Achtung des Publikums (und diese entscheidet
- doch mein ganzes zukünftige Glück), wie sehr würde meine Ehre durch
- den Verdacht sinken, daß ich diese Zurückkunft gesucht -- daß meine
- Umstände mich meinen ehmaligen Schritt zu bereuen gezwungen, daß
- ich diese Versorgung, die mir in der großen Welt fehlgeschlagen,
- aufs neue in meinem Vaterlande suche. Die offene edle Kühnheit, die
- ich bei meiner gewaltsamen Entfernung gezeigt habe, würde den Namen
- einer kindischen Übereilung, einer dummen Brutalität bekommen, wenn
- ich sie nicht behaupte. Liebe zu den Meinigen, Sehnsucht nach dem
- Vaterland entschuldigt vielleicht im Herzen eines oder des andern
- redlichen Mannes, aber die Welt nimmt auf das keine Rücksicht.
- Übrigens kann ich nicht verhindern, wenn der Papa es dennoch tut --
- nur dieses sage ich Dir, Schwester, daß ich, im Fall es der Herzog
- erlauben würde, dennoch mich nicht bälder im Württembergischen
- blicken lasse, als bis ich wenigstens einen Charakter habe, woran
- ich eifrig arbeiten will; im Fall er es aber nicht zugibt, mich
- nicht werde enthalten können, den mir dadurch zugefügten Affront
- durch offenbare Sottisen gegen ihn zu rächen. Nunmehr weißt Du
- genug, um vernünftig in dieser Sache zu raten.
-
- Schließlich wünsche ich Dir und Euch allen von ganzem Herzen ein
- glückliche Schicksal im 1784sten Jahr; und gebe der Himmel, daß wir
- alle Fehler der vorigen in diesem wieder gut machen, geb' es Gott,
- daß das Glück sein Versäumnis in den vergangenen Jahren in dem
- jetzigen einbringe.
-
- Ewig Dein treuer Bruder
-
- Friedrich S.
-
-Wahrlich, ein Beweis, wie er als Sohn, Bruder und Mann dachte, läßt
-sich durch nichts so offen, kräftig und schön als durch diesen Brief
-darstellen, dessen Inhalt um so schätzbarer ist, da er im größten
-Vertrauen geschrieben wurde und sich keine Ursache finden konnte,
-einen Gedanken anders auszudrücken als ganz so, wie er entstand. Denn
-diese Anhänglichkeit, diese kindliche und brüderliche Liebe war nebst
-dem stolzen Gefühl für Ehre und Erwerbung eines berühmten Namens der
-mächtigste Sporn für ihn, um durch sein Talent das Glück der Seinigen
-ebenso gewiß als sein eignes zu befördern. Schon in Stuttgart, noch
-eh' er den Entschluß zu entfliehen gefaßt hatte, war dieses sehr oft
-der Inhalt seiner vertrauten Gespräche, so wie es auch, da er die
-Unmöglichkeit einsah, diesen Wunsch in seinen drückenden Verhältnissen
-verwirklichen zu können, ein Grund mehr wurde, sich eigenmächtig zu
-entfernen. Auf das treueste schildert er zehn Jahre später seine
-damaligen Erwartungen in dem Gedicht: Die Ideale
-
- »Wie sprang, von kühnem Mut beflügelt,
- Beglückt in seines Traumes Wahn,
- Von keiner Sorge noch gezügelt,
- Der Jüngling in des Lebens Bahn!
- Bis an des Äthers bleichste Sterne
- Erhob ihn der Entwürfe Flug,
- Nichts war so hoch und nichts so ferne,
- Wohin ihr Flügel ihn nicht trug.
-
- Wie leicht ward er dahin getragen,
- Was war dem Glücklichen zu schwer!
- Wie tanzte vor des Lebens Wagen
- Die luftige Begleitung her!
- Die Liebe mit dem süßen Lohne,
- Das Glück mit seinem goldnen Kranz,
- Der Ruhm mit seiner Sternenkrone,
- Die Wahrheit in der Sonne Glanz!«
-
-So waren seine Hoffnungen, als er das Kleinliche, Eigensüchtige der
-Menschen noch nicht aus der Erfahrung kannte, als quälende Sorgen mit
-ihren zackichten Krallen sich noch nicht an ihn geklammert hatten, als
-er noch glauben durfte, die Deutschen zu sich erheben und ihnen etwas
-Höheres als bloße Unterhaltung darbieten zu können.
-
-Nur zu bald mußte er ausrufen:
-
- »Doch ach! schon auf des Weges Mitte
- Verloren die Begleiter sich,
- Sie wandten treulos ihre Schritte,
- Und einer nach dem andern wich.«
-
-Aber sein Mut blieb dennoch unbeugsam! Denn was tausend andere in
-ähnlichen Verwicklungen niedergedrückt oder zur Verzweiflung gebracht
-hätte, wurde von seinem mächtigen Geiste -- der immer nur das höchste
-Ziel im Auge behielt -- entweder gar nicht beachtet oder, wenn es auch
-schmerzte, nur belächelt.
-
-Im Verfolg der Erzählung wird das Gesagte noch weiter bestätigt werden.
-
-Noch während der Umarbeitung des Fiesco wurde es eingeleitet, daß
-Schiller in die deutsche Gesellschaft zu Mannheim, von welcher
-Baron Dalberg Präsident war, aufgenommen werden solle. Außer der in
-Deutschland so sehr gesuchten Ehre eines Titels hatte der Eintritt
-in diese Gesellschaft wenigstens den Vorteil, daß sie sich des
-unmittelbaren kurfürstlichen Schutzes erfreute, wodurch denn der
-Dichter, im Fall er noch von dem Herzog von Württemberg angefochten
-worden wäre, wenigstens einigen Schutz hätte erwarten dürfen. Zu seinem
-Eintritt schrieb er die kleine Abhandlung: »Was kann eine gute stehende
-Schaubühne wirken?« welche noch immer die Mühe verlohnt, sie aufs
-neue durchzulesen, um den Zweck des Theaters überhaupt und auch die
-Ansichten des Verfassers über die Wirkung desselben kennen zu lernen.
-
-Einige Monate nach dieser Aufnahme faßte er den Plan, eine Dramaturgie
-herauszugeben, um durch diese die Mannheimer Bühne als Muster für ganz
-Deutschland bilden, auch sich zugleich einen größern Wirkungskreis
-erwerben zu können. Anfangs glaubte man, daß es am besten sein würde,
-die Aufsätze den Jahrbüchern der deutschen Gesellschaft einzuverleiben.
-Jedoch der ganze, so eifrig gefaßte und so vielversprechende Vorsatz
-scheiterte, indem diese Jahrbücher, die nur ernste, trockene
-Forschungen enthielten, durch Berichte über ein so flüchtiges Ding, wie
-das Theater zu sein scheint, profaniert geworden wären, und weil die
-Theaterkasse die von dem Dichter verlangte jährliche Schadloshaltung
-von 50 Dukaten nicht zu leisten vermochte. (Das Nähere hierüber findet
-sich in den Briefen an Baron Dalberg S. 104, 124.) Endlich in der Mitte
-Januars 1784 wurde das republikanische Schauspiel Fiesco aufgeführt,
-dessen durch Unlenksamkeit der Statisten veranlaßten häufigen Proben
-dem Verfasser manchen Ärger, viele Zerstreuung und öfters auch
-Aufheiterung verschafften. Es war alles, was die schwachen Kräfte des
-Theaters vermochten, angewendet worden, um das Äußerliche des Stücks
-mit Pracht auszustellen; ebenso wurden auch die Hauptrollen, Fiesco
-durch Böck, Verrina durch Iffland, der Mohr durch Beil, vortrefflich
-dargestellt, und manche Szenen erregten sowohl für den Dichter als
-für die Schauspieler bei den Zuschauern die lauteste Bewunderung.
-Aber für das Ganze konnte sich die Mehrheit nicht erwärmen; denn eine
-Verschwörung in den damals so ruhigen Zeiten war zu fremdartig, der
-Gang der Handlung viel zu regelmäßig, und was vorzüglich erkältete,
-war, daß man bei dem Fiesco ähnliche Erschütterungen wie bei den
-Räubern erwartet hatte.
-
-Dichter, Künstler, deren erstes Werk schon etwas Großes,
-Außerordentliches darstellt, und dessen Bearbeitung in gleicher
-Höhe mit dem Inhalt sich findet, können selten die Erwartungen in
-demjenigen, was sie in der nächsten Folge liefern, ganz befriedigen,
-indem die Anzahl derer ganz unglaublich gering ist, die ein Kunstwerk
-ganz allein für sich, ohne Beziehung oder Vergleichung mit anderm
-zu würdigen verstehen. Mit seltener Ausnahme hat jeder Zuhörer oder
-Zuschauer seinen eignen Maßstab, mit dem er alles mißt, und wenn auch
-nur eine Linie über oder unter der als richtig erkannten Länge ist, es
-auch sogleich als untüchtig verwirft. Besonders werden die Werke der
-Einbildungskraft weit mehr nach dem Gefühl, das sie zu erregen fähig
-sind, als mit dem Verstande beurteilt, und alle Leistungen, welche das
-erste im hohen Grad ansprechen -- mögen sie übrigens noch so fehlerhaft
-sein -- werden der Menge weit mehr zusagen als solche, bei denen der
-Verstand, die schöne weise Verteilung, die freie Beherrschung des
-Stoffes, den großen Meister andeutet. Daher hatte Wieland vollkommen
-recht, als er in seinem ersten Brief an Schiller schrieb: »er hätte mit
-den Räubern nicht anfangen, sondern endigen sollen.«
-
-Wir werden weiter unten erfahren, welcher Ursache es der Dichter
-beigemessen, daß Fiesco in Mannheim die gehoffte Wirkung nicht hatte.
-
-Nach einigen Wochen Erholung begann er die Umarbeitung von Luise
-Millerin, bei welcher er wenig hinzuzufügen brauchte, wohl aber
-vieles ganz weglassen mußte. Schien ihm nun auch dieses ganze
-bürgerliche Trauerspiel ziemlich mangelhaft angelegt, so ließ sich
-doch an den Szenen, die den meisten Anteil zu erregen versprachen,
-nichts mehr ändern; sondern er mußte sich begnügen, die hohe Sprache
-herabzustimmen, hier einige Züge zu mildern und wieder andere ganz
-zu verwischen. Manche Auftritte, und zwar nicht die unbedeutendsten,
-gründen sich auf Sagen, die damals verbreitet waren, und deren
-Anführung viele Seiten ausfüllen würde. Der Dichter glaubte solche hier
-an den schicklichen Platz stellen zu sollen und gab sich nur Mühe,
-alles so einzukleiden, daß weder Ort noch Person leicht zu erraten
-waren, damit nicht üble Folgen für ihn daraus entstünden.
-
-Während dieser Umarbeitung brachte Iffland sein Verbrechen aus Ehrsucht
-auf die Bühne.
-
-Er war so artig, es Schillern vor der Aufführung einzuhändigen und ihm
-zu überlassen, welche Benennung dieses Familienstück führen solle, und
-dem der bezeichnende Name, den es noch heute führt, erteilt wurde.
-Der außerordentliche Beifall, den dieses Stück erhielt, machte die
-Freunde Schillers nicht wenig besorgt, daß dadurch seine Luise Millerin
-in den Schatten gestellt werde, denn niemand erinnerte sich, daß ein
-bürgerliches Schauspiel jemals so vielen Eindruck hervorgebracht hätte.
-Letzteres durfte jedoch meistens der Darstellung beigemessen werden,
-die so lebendig, der ganzen Handlung so angemessen war und in allen
-Teilen so rund von statten ging, daß man den innern Gehalt ganz vergaß
-und, von der Begeisterung des Publikums mit fortgerissen, sich willig
-täuschen ließ.
-
-Nicht lange nachher kam die Vorstellung des neuen Trauerspiels unseres
-Dichters an die Reihe, welchem Iffland, dem es vorher übergeben wurde,
-die Aufschrift »Kabale und Liebe« erteilte. Um der Aufführung recht
-ungestört beiwohnen zu können, hatte Schiller eine Loge bestanden und
-seinen Freund S. zu sich dahin eingeladen.
-
-Ruhig, heiter, aber in sich gekehrt und nur wenige Worte wechselnd,
-erwartete er das Aufrauschen des Vorhanges. Aber als nun die Handlung
-begann -- wer vermöchte den tiefen, erwartenden Blick -- das Spiel der
-unteren gegen die Oberlippe -- das Zusammenziehen der Augenbrauen, wenn
-etwas nicht nach Wunsch gesprochen wurde -- den Blitz der Augen, wenn
-auf Wirkung berechnete Stellen diese auch hervorbrachten -- wer könnte
-dies beschreiben! -- Während des ganzen ersten Aufzuges entschlüpfte
-ihm kein Wort, und nur bei dem Schlusse desselben wurde ein »es geht
-gut« gehört.
-
-Der zweite Akt wurde sehr lebhaft und vorzüglich der Schluß desselben
-mit so vielem Feuer und ergreifender Wahrheit dargestellt, daß,
-nachdem der Vorhang schon niedergelassen war, alle Zuschauer auf eine
-damals ganz ungewöhnliche Weise sich erhoben und in stürmisches,
-einmütiges Beifallrufen und Klatschen ausbrachen. Der Dichter
-wurde so sehr davon überrascht, daß er aufstand und sich gegen das
-Publikum verbeugte. In seinen Mienen, in der edlen, stolzen Haltung
-zeigte sich das Bewußtsein, sich selbst genug getan zu haben, sowie
-die Zufriedenheit darüber, daß seine Verdienste anerkannt und mit
-Auszeichnung beehrt würden.
-
-Solche Augenblicke, in welchen das aufgeregte Gefühl eines bedeutenden
-Menschen sich plötzlich ganz unverhohlen und natürlich äußert, sollte
-man durch eine treue Zeichnung festhalten können; dies würde einen
-Charakter leichter und bestimmter durchschauen lassen, als in Worten zu
-beschreiben möglich ist.
-
-Die ungewöhnlich günstige Aufnahme dieses Trauerspieles war den
-Freunden Schillers beinahe ebenso erfreulich, als ihm selbst, indem
-sie, da seiner Arbeit nicht nur von Kennern, sondern auch von dem
-Publikum ein entschiedener Vorzug vor andern ähnlicher Art gegeben
-wurde, hoffen durften, daß er durch neue Werke, nicht wie bisher nur
-Ehre und Beifall, sondern auch solche Vorteile gewinnen werde, die
-seine Verhältnisse des Lebens befriedigender gestalten könnten. Der
-Theaterdirektion konnte es gleichfalls willkommen sein, daß in den
-verflossenen zwei Jahren auch zwei solche Stücke von ihm geliefert
-worden, deren Wert sich für eine lange Zukunft verbürgen ließ; und
-konnte er, wie es auch den Anschein hatte, so fortfahren, so war seine
-geringe Besoldung sehr gut angelegt.
-
-In der Berauschung, die ein öffentlicher, mit Begeisterung geäußerter
-Beifall immer zur Folge hat, konnte er jedoch die Nachricht der
-Schwester (S. vorstehenden Brief), daß die Mutter aus Sehnsucht nach
-ihm kränklich sei, nicht vergessen, und erlaubte es früher -- nachdem
-keine seiner Erwartungen erfüllt war -- sein Stolz nicht, seiner
-Mutter sich zu zeigen, so war dieser durch den Titel eines Mitgliedes
-der kurpfälz'schen deutschen Gesellschaft, wie durch den überraschenden
-Erfolg seiner zwei letzten Stücke, insoweit wenigstens befriedigt,
-daß er mit gerechtem Selbstgefühl seinen Angehörigen vor Augen treten
-durfte. Er entschloß sich daher, in Bretten, einem außerhalb der
-württemberg'schen Grenze liegenden Städtchen, mit seiner Mutter und
-ältesten Schwester zusammen zu kommen, und wenige Tage nach der ersten
-Aufführung von Kabale und Liebe begab er sich zu Pferd dahin.[7]
-
-Wäre es möglich, das tiefempfindende, sorgenvolle Gemüt der Mutter, und
-die Wehmut, mit der sie ihren, nun aus seinem Vaterlande wie von seinen
-Eltern verbannten Liebling an die Brust drückte, die Lebhaftigkeit,
-den männlichen Verstand der Schwester, das zarte, weiche, sich immer
-edel und schön aussprechende Herz des Sohnes gehörig zu schildern,
-so wäre dieses wohl eines der anziehendsten Gemälde, die sich in dem
-Leben eines solchen Dichters und einer so seltenen Familie darbieten
-können. Es muß der Einbildungskraft des Lesers überlassen bleiben,
-diese Szene, nebst dem nach kurzem Aufenthalte gewaltsamen Losreißen
-dreier vortrefflicher Menschen, die das von zitternden Lippen gepreßte
-Lebewohl! für lange, lange Zeit ausgesprochen glauben mußten, sich
-teilnehmend ausmalen zu können.
-
-Es war ganz natürlich, daß der Wunsch des Vaters wie der Mutter, dem
-Sohn auf das angelegentlichste empfohlen wurde, sich doch um eine
-sichere, dauernde Anstellung zu bewerben, damit seine eigenmächtige
-Entfernung gerechtfertigt und sein Glück dauerhaft begründet sein möge.
-Allein mit allem guten Willen hierzu konnte er eine solche Veränderung
-nicht sogleich herbeiführen, und es blieb vorläufig nichts zu tun, als
-mit dem festen Vorsatz nach Mannheim zurückzukehren, durch neue sich
-auszeichnende Arbeiten seinem Schicksal eine bessere Wendung zu geben.
-Er glaubte, daß dieses ein Schritt dazu wäre, wenn er in Gesellschaft
-von Iffland und Beil, die zu Ende Aprils von Grosmann in Frankfurt auf
-Gastvorstellungen eingeladen waren, die Reise dahin machte, und dadurch
-den Kreis seiner Verehrer und Freunde erweiterte.
-
-Bei seinem Aufenthalt daselbst wurde Verbrechen aus Ehrsucht wie auch
-Kabale und Liebe gegeben. Seine Äußerungen über die Verschiedenheit der
-Frankfurter gegen die Mannheimer Bühne sowie über die Mitglieder von
-beiden, finden sich in seinen Briefen an Baron Dalberg.
-
-Daß sich in Frankfurt diejenigen, welche Sinn für höhere Poesie hatten,
-an den Dichter drängten, der in so jungen Jahren schon so viele Beweise
-der Überlegenheit seines Geistes an den Tag gelegt, läßt sich sehr
-leicht denken. Denn die Zeit war damals so ruhig, so harmlos, die
-Gedichte und Schauspiele Schillers trugen so sehr den Stempel der Größe
-und Neuheit, daß sich die jüngere Lesewelt nur mit diesen beschäftigte,
-und ihr alles, was zu gleicher Zeit die Presse in diesem Fache
-förderte, klein oder nichtsbedeutend schien.
-
-Unter andern neuen Bekanntschaften machte er auch die des Doktor
-Albrecht und dessen Gattin, welche letztere (S. Schröders Leben) später
-das Theater betrat. Beide waren auch Freunde des Bibliothekars Reinwald
-in Meiningen und erinnerten Schiller an die -- allen, deren Wirken
-nicht bloß durch die Einbildungskraft geschieht, ganz unbegreifliche --
-Nachlässigkeit, diesem, dem er so viele Verbindlichkeit hatte, seit der
-Abreise aus Bauerbach noch nicht geschrieben zu haben.
-
-Kaum nach Mannheim zurückgekehrt, beeilte er sich, seinen Fehler
-durch ein offenes Geständnis wenn auch nicht zu rechtfertigen, doch
-wenigstens zu mildern, und schrieb Herrn Reinwald folgenden Brief,
-dessen Inhalt für jeden seiner Verehrer nicht anders als höchst
-anziehend sein kann.
-
- Mannheim, den 5. Mai 84.
-
- Bester Freund!
-
- Mit peinigender Beschämung ergreife ich die Feder, nicht um mein
- langes Stillschweigen zu entschuldigen -- kann wohl ein Vorwand in
- der Welt Ihre gerechten Ansprüche auf mein Andenken überwiegen?
- -- Nein, mein Teuerster, um Ihnen diese Undankbarkeit von Herzen
- abzubitten, und Ihnen wenigstens mit der Aufrichtigkeit, die Sie
- einst an mir schätzten, zu gestehen, daß ich mich durch nichts als
- meine Nachlässigkeit rechtfertigen kann. Was hilft es Ihnen, wenn
- ich auch zu meiner Verantwortung anführe, daß ich Aussichten hatte,
- Sie diesen Frühling selbst wieder zu sehen, daß ich die tausend
- Dinge, die ich für Sie auf dem Herzen habe, mündlich zu überbringen
- hoffte --
-
- Dieser Traum ist verflogen, wir sehen uns nunmehr so bald nicht,
- und nichts als Ihre Freundschaft und Liebe wird mein großes
- Versehen entschuldigen. Glauben Sie wenigstens, daß Ihr Freund noch
- der vorige ist, daß noch kein anderer Ihren Platz in meinem Herzen
- besetzt hat, und daß Sie mir oft, sehr oft gegenwärtig waren,
- wenn ich von den Zerstreuungen meines hiesigen Lebens in stilles
- Nachdenken überging. -- Und jetzt will ich auch auf immer einen
- Artikel abbrechen, wobei ich von Herzen erröten muß.
-
- Wie haben Sie gelebt, mein Teurer? Wie steht es mit Ihrem Gemüt,
- Ihrer Gesundheit, Ihren Zirkeln, Ihren Aussichten in bessere
- Zukunft? -- Ist noch kein Schritt zu einer solidern Versorgung
- geschehen? Müssen Sie sich noch immer mit den Verdrießlichkeiten
- eines armseligen Dienstes herumstreiten? -- Hat auch Ihr Herz noch
- keinen Gegenstand aufgefunden, der Ihnen Glückseligkeit gewährte? --
-
- Wie sehr verdienen Sie alle Seligkeiten des Lebens, und wie viele
- kennen Sie noch nicht! -- Auch um einen Freund mußte ich Sie
- betrügen! Doch nein! Sie haben ihn niemals verloren und werden ihn
- auch niemals verlieren.
-
- Vielleicht wünschen Sie mit meiner Lage bekannt zu sein. Was sich
- in einem Briefe sagen läßt, sollen Sie erfahren.
-
- Noch bin ich hier, und nur auf mich kommt es an, ob ich nach
- Verfluß meines Jahres, nämlich am 1. September, meinen Kontrakt
- verlängern will oder nicht. Man rechnet aber indes schon ganz
- darauf, daß ich hier bleiben werde, und meine gegenwärtigen
- Umstände zwingen mich beinahe auf längere Zeit zu kontrahieren, als
- ich vielleicht sonst würde getan haben. Das Theater hat mir für
- dieses Jahr in allem 500 Gulden Fixum gegeben, wobei ich aber auf
- die jedesmalige Einnahme einer Vorstellung meiner Stücke Verzicht
- tun mußte. Meine Stücke bleiben mir frei zu verkaufen. Aber Sie
- glauben nicht, mein Bester, wie wenig Geld 600 bis 800 Gulden in
- Mannheim, und vorzüglich im theatralischen Zirkel ist -- wie wenig
- Segen, möchte ich sagen, in diesem Geld ist -- welche Summen nur
- auf Kleidung, Wohnung und gewisse Ehrenausgaben gehen, welche ich
- in meiner Lage nicht ganz vermeiden kann. Gott weiß, ich habe mein
- Leben hier nicht genossen, und noch einmal soviel als an jedem
- andern Orte verschwendet. Allein und getrennt! -- Ungeachtet meiner
- vielen Bekanntschaften, dennoch einsam und ohne Führung, muß ich
- mich durch meine Ökonomie hindurchkämpfen, zum Unglück mit allem
- versehen, was zu unnötigen Verschwendungen reizen kann. Tausend
- kleine Bekümmernisse, Sorgen, Entwürfe, die mir ohne Aufhören
- vorschweben, zerstreuen meinen Geist, zerstreuen alle dichterischen
- Träume, und legen Blei an jeden Flug der Begeisterung. Hätte ich
- jemand, der mir diesen Teil der Unruhe abnähme, und mit warmer,
- herzlicher Teilnehmung sich um mich beschäftigte, ganz könnte ich
- wiederum Mensch und Dichter sein, ganz der Freundschaft und den
- Musen leben. Jetzt bin ich auch auf dem Wege dazu.
-
- Den ganzen Winter hindurch verließ mich das kalte Fieber nicht
- ganz. Durch Diät und China zwang ich zwar jeden neuen Anfall,
- aber die schlimme hiesige Luft, worin ich noch Neuling war, und
- meine von Gram gedrückte Seele machten ihn bald wiederkommen.
- Bester Freund! ich bin hier noch nicht glücklich gewesen, und fast
- verzweifle ich, ob ich je in der Welt wieder darauf Anspruch machen
- kann. Halten Sie es für kein leeres Geschwätz, wenn ich gestehe,
- daß mein Aufenthalt in Bauerbach bis jetzt mein seligster gewesen,
- der vielleicht nie wieder kommen wird.
-
- Vorige Woche war ich zu Frankfurt, Grosmann zu besuchen und einige
- Stücke da spielen zu sehen, worin zwei Mannheimer Schauspieler,
- Beil und Iffland, Gastrollen spielten. Grosmann bewirtete mich
- unter andern auch mit Kabale und Liebe. (Nicht wahr, jetzt zürnen
- Sie wieder, daß ich noch den Mut habe, dieses Stück vor Ihnen
- zu nennen, da ich Ihnen auch nicht einmal ein Exemplar davon
- geschickt. Werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihnen sage, daß nicht
- nur dieses Stück, sondern auch die beiden andern für Sie schon
- zurückgelegt waren, daß ich fest entschlossen war, sie Ihnen selbst
- nach der hiesigen Vorstellung zu bringen, wovon mich eine traurige
- Notwendigkeit abhielt, und daß ich das aufgegeben habe, als ich bei
- Schwan erfuhr, Sie hätten das Stück schon kommen lassen?) Hier zu
- Mannheim wurde es mit aller Vollkommenheit, deren die Schauspieler
- fähig waren, unter lautem Beifall und den heftigsten Bewegungen der
- Zuschauer gegeben.
-
- Sie hätte ich dabei gewünscht -- den Fiesco verstand das Publikum
- nicht. Republikanische Freiheit ist hierzulande ein Schall ohne
- Bedeutung, ein leerer Name -- in den Adern der Pfälzer fließt kein
- römisches Blut. Aber zu Berlin wurde es vierzehnmal innerhalb drei
- Wochen gefordert und gespielt. Auch zu Frankfurt fand man Geschmack
- daran. Die Mannheimer sagen, das Stück wäre viel zu gelehrt für sie.
-
- Eine vortreffliche Frau habe ich zu Frankfurt kennen lernen --
- sie ist Ihre Freundin -- die Madame Albrecht. Gleich in den ersten
- Stunden ketteten wir uns fest und innig aneinander; unsre Seelen
- verstanden sich. Ich freue mich und bin stolz, daß sie mich liebt,
- und daß meine Bekanntschaft sie vielleicht glücklich machen kann.
- Ein Herz, ganz zur Teilnahme geschaffen, über den Kleinigkeitsgeist
- der gewöhnlichen Zirkel erhaben, voll edlen, reinen Gefühls für
- Wahrheit und Tugend, und selbst da noch verehrungswert, wo man ihr
- Geschlecht sonst nicht findet. Ich verspreche mir göttliche Tage in
- ihrer nähern Gesellschaft. Auch ist sie eine gefühlvolle Dichterin!
- Nur, mein bester, schreiben Sie ihr, über ihre Lieblingsidee zu
- siegen, und vom Theater zu gehen. Sie hat sehr gute Anlagen zur
- Schauspielerin, das ist wahr, aber sie wird solche bei keiner
- solchen Truppe ausbilden, sie wird mit Gefahr ihres Herzens, ihres
- schönen und einzigen Herzens, auf dieser Bahn nicht einmal große
- Schritte tun -- und täte sie diese auch, schreiben Sie ihr, daß der
- größte theatralische Ruhm, der Name einer Clairon und Yates mit
- ihrem Herzen zu teuer bezahlt sein würde. Mir zu Gefallen, mein
- Teuerster, schreiben Sie ihr das mit allem Nachdruck, mit allem
- männlichen Ernst. Ich habe es schon getan, und unsere vereinigten
- Bitten retten der Menschheit vielleicht eine schöne Seele, wenn wir
- sie auch um eine große Aktrice bestehlen.
-
- Von Ihnen, mein Liebster, wurde langes und breites gesprochen.
- Madame Albrecht und ich waren unerschöpflich in der Bewunderung
- Ihres Geistes und Ihres mir noch schätzbareren Herzens. Könnten wir
- uns in einen Zirkel von mehreren Menschen dieser Art vereinigen,
- und in diesem engern Kreise der Philosophie und dem Genusse der
- schönen Natur leben, welche göttliche Idee! -- Auch der Doktor ist
- ein lieber, schätzbarer Freund von mir. Sein ganzes Wesen erinnerte
- mich an Sie, und wie teuer ist mir alles, wie bald hat es meine
- Liebe weg, was mich an Sie erinnert.
-
- Noch immer trage ich mich mit dem Lieblingsgedanken, zurückgezogen
- von der großen Welt, in philosophischer Stille mir selbst, meinen
- Freunden und einer glücklichen Weisheit zu leben, und wer weiß
- ob das Schicksal, das mich bisher unbarmherzig genug herumwarf,
- mir nicht auf einmal eine solche Seligkeit gewähren wird. In dem
- lärmendsten Gewühl, mitten unter den Berauschungen des Lebens,
- die man sonst Glückseligkeit zu nennen pflegt, waren mir doch
- immer jene Augenblicke die süßesten, wo ich in mein stilles Selbst
- zurückkehrte und in dem heitern Gefilde meiner schwärmerischen
- Träume herumwandelte, und hie und da eine Blume pflückte. -- Meine
- Bedürfnisse in der großen Welt sind vielfach und unerschöpflich,
- wie mein Ehrgeiz, aber wie sehr schrumpft dieser neben meiner
- Leidenschaft zur stillern Freude zusammen.
-
- Es kann geschehen, daß ich zur Aufnahme des hiesigen Theaters ein
- periodisches, dramaturgisches Werk unternehme, worin alle Aufsätze,
- welche mittelbar oder unmittelbar an das Geschlecht des Dramas oder
- an die Kritik desselben grenzen, Platz haben sollen. Wollen Sie,
- mein Bester, einiges in diesem Fach ausarbeiten, so werden Sie
- sich nicht nur ein Verdienst um mich erwerben, sondern auch alle
- Vorteile für Ihre Börse davon ziehen, die man Ihnen verschaffen
- kann, denn vielleicht verlegt und bezahlt die kurfürstliche
- Theaterkasse das Buch. Schreiben Sie mir Ihre Entschließung darüber.
-
- Daß ich Mitglied der kurfürstlichen deutschen Gesellschaft und also
- jetzt pfälz'scher Untertan bin, wissen Sie ohne Zweifel.
-
- Den Einschluß überschicken (oder überbringen) Sie an Frau von
- Wolzogen, und fahren Sie fort, Ihren Freund zu lieben, der unter
- allen Verhältnissen des Lebens ewig der Ihrige bleiben wird
-
- Fried. Schiller.
-
-Wer es tadeln wollte, daß vorstehender Brief seinem ganzen Inhalte nach
-mitgeteilt worden, der möge erwägen, daß er ein sehr wichtiger Beitrag
-zur Kenntnis der Denkungsart und der häuslichen Verhältnisse Schillers
-ist, und daß ein Zeugnis, welches jemand von sich selbst ablegt, um
-vieles bedeutender sein muß, als was andere ausgesprochen. Ungerechnet
-die feine Art, mit welcher er den von ihm vernachlässigten Freund
-wieder zu gewinnen suchte, zieht er auch diejenigen, welche glauben,
-sein Aufenthalt in Mannheim wäre so angenehm gewesen, aus einem großen
-Irrtum.
-
-Mehrere Stellen dieses Briefes, als die Klagen über sein häusliches
-Leben -- über das Unzulängliche seiner Einnahme -- seine Zerstreuung
-und schwärmerischen Träumereien -- die Sehnsucht nach Bauerbach usw.
-fordern hier um so mehr einige Erläuterungen, als er ein viel zu
-bedeutender Mensch war, um solche Umstände übergehen zu können, und
-weil hierüber ein Zeuge berichten kann, dem nichts verborgen oder
-verhehlt wurde.
-
-Ist es für einen jungen Mann, der nicht Vermögen genug besitzt, um
-sich eigne Bedienung halten zu können, eine beinahe unmögliche Sache,
-seine Kleidung, Wäsche, Bücher, Schriften usw. dergestalt in Ordnung
-zu halten, daß keine Verwirrung entstehe, so ist dieses bei Dichtern,
-Künstlern, Gelehrten oder überhaupt denjenigen, die bloß allein mit
-ihrer Einbildungskraft arbeiten, und den Eingebungen ihres Geistes
-folgen müssen, noch weit weniger der Fall.
-
-Je umfassender nun ein Genie, je höher seine Kraft, sein Wollen, seine
-Pläne sind, um so weniger kann es sich mit solchen Sachen befassen,
-die auch dem gewöhnlichen Manne schon als solche Kleinigkeiten
-erscheinen, daß er deren Besorgung unter seiner Würde erachtet. Wenn
-nun diese Abneigung auch bei solchen stattfindet, deren Wirken mehr
-nach vorgeschriebenen Regeln, als im Erfinden oder Erschaffen besteht;
-um wie viel störender muß es einem Dichter oder Künstler sein,
-wenn er durch die Bedürfnisse des Tages aus seinem Nachdenken, aus
-seiner Begeisterung gerissen, und gewissermaßen aus einer wärmenden
-Behaglichkeit in eiskaltes Wasser geworfen wird. Ließe sich eine Idee,
-ein Ausdruck festhalten, oder würde die Gedankenreihe durch eine
-Unterbrechung dieser Art nicht so zerstreut, daß man den Anfang und die
-Folge derselben oft wieder aufs neue suchen muß, so würde die Geduld
-keine so harte Probe bestehen müssen.
-
-Man denke sich nun unsern Schiller im Brüten über den Plan eines
-Trauerspieles, in dem Entwurfe einer Szene, in der Ausarbeitung eines
-Monologes, und stelle sich vor, wie ihm sein mußte, wenn ihm reine
-Wäsche übergeben und die gebrauchte gefordert wurde, wenn er letztere
-erst suchen und deren durchsichtigen Zustand erklären mußte, wenn er
-nach spätem Erwachen die wenigen Stücke seiner Kleidung beschädigt
-fand, oder sein nur nach Viertelstunden bedungener Diener zu unrechter
-Zeit eintraf; man denke sich dieses, und glaube dann, daß er trotz
-seiner Gutmütigkeit oft in eine widerliche Gemütsstimmung geriet.
-
-Aus diesem Zustande hätte ihn nur weibliche Fürsorge erlösen können,
-die aber in Mannheim fehlte, weil er abgesondert wohnte, sich auch
-seine kärgliche Mittagskost, von der noch für den Abend etwas
-zurückgehalten werden mußte, aus einem Gasthause holen ließ. Es
-würde übrigens eine sehr belustigende und des Pinsels eines Hogarths
-würdige Aufgabe sein, das Innere des Zimmers eines von immerwährender
-Begeisterung trunkenen Musensohnes recht getreu darzustellen; denn es
-würde sich hier durchaus nichts Bewegliches und selbst das nicht, was
-sonst immer dem Auge entzogen wird, an seinem Platze finden. Unordnung
-bei jungen Männern ist etwas Gewöhnliches, aber bei den sogenannten
-Genies übertrifft sie jede Vorstellung. Seine Einnahme während acht
-Monaten setzt er selbst auf 500 Gulden Reichswährung an. Wem dieses zu
-wenig scheint, dem darf versichert werden, daß auch diese unbedeutende
-Summe noch beinahe um 100 Gulden zu hoch angegeben ist, denn außer
-seiner Besoldung von 300 Gulden, die er vorausnehmen mußte, konnte ihm
-nur der Ertrag des Druckes von Kabale und Liebe zufließen. Mit diesen
-geringen Mitteln mußte er sich neu kleiden, Wäsche, Betten, Hausgeräte
-anschaffen; er mußte, wie er selbst sagt, sogenannte Ehrenausgaben, das
-heißt, kleine gesellschaftliche Unterhaltungen, Ausflüge auf das Land
-mitmachen; daher er denn auch immer, nicht nur für den nächsten Monat,
-sondern für die nächste Woche, ja oft für den nächsten Tag in Sorgen
-war und doch immer schuldige Rückstände bezahlen sollte.
-
-Zu dieser bangen, qualvollen Lage gesellte sich dann auch noch das
-kalte Fieber, welches besonders im Entstehen alle Martern des Tantalus
-mit sich führte. Denn der brennendste Durst, der heißeste Hunger durfte
-nicht genugsam gestillt werden, um die Krankheit nicht zu unterhalten.
-Die Hilfe dagegen, nur in Brechmitteln und Chinarinde bestehend,
-schwächte den Magen ebensosehr, als sie ihn belästigte; und wenn nichts
-mehr helfen wollte, mußte man wohl den Rat des Arztes befolgen und
-so viele Chinapulver, als man sonst in 24 Stunden hätte gebrauchen
-sollen, zwei Stunden vor dem Eintritte des Fiebers auf einmal nehmen,
-was freilich oft half, aber ein solches Toben des Magens veranlaßte,
-daß man glaubte vergehen zu müssen, und was auf lange Jahre hinaus die
-übelsten Folgen zurückließ.
-
-Möge der Leser, wenn er sich an den Schönheiten von Fiesco und Kabale
-und Liebe ergötzt oder in den herrlichen Szenen von Don Carlos seine
-Gefühle schwelgen läßt, doch nie vergessen, daß unter so drückenden,
-beugenden Umständen die obigen Stücke verändert und der erste Akt des
-letztern gedichtet wurde; alsdann erst wieder den Göttersohn bewundern,
-der unter so vielen Übeln seinen Geist immer tätig erhielt und an der
-heiligen Flamme nährte, die nicht von der Erde, sondern von oben her
-leuchtet.
-
-Man wird es begreiflich finden, daß der Augenzeuge dieser Lage, der
-Freund des Dichters, es später nie mehr über sich gewinnen konnte,
-eines dieser drei Stücke vorstellen zu sehen. So oft er den Versuch
-dazu machte, so mußte er dennoch sich bei dem ersten Auftritte schon
-entfernen, weil ihn ein Schmerz, eine Wehmut befiel, die sich nur im
-Freien stillen konnten.
-
-Deutschland! Deutschland! Du darfst dich deiner großen Söhne nicht
-rühmen, denn du tatest nichts für sie; du überließest sie dem Zufall
-und gabst ihr geistiges Eigentum jedem Preis, der sie auf offener
-Straße darum berauben wollte. Nur der eignen Kraft, dem eignen Mute
-der einzelnen, nicht deinem Schutze, nicht deiner Fürsorge hast du es
-beizumessen, wenn andere Völker dich um deine großen Geister beneiden
-und sich an ihrem Licht entzünden.
-
-Wie wahrhaft sagt Schiller:
-
- »Kein Augustisch Alter blühte,
- Keines Mediceers Güte
- Lächelte der deutschen Kunst;
- Sie ward nicht gepflegt vom Ruhme,
- Sie entfaltete die Blume
- Nicht am Strahl der Fürstengunst.
- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- Rühmend darf's der Deutsche sagen,
- Höher darf das Herz ihm schlagen:
- +Selbst+ erschuf er sich den Wert.«
-
-Wolle man diesen Ausbruch einer gerechten Klage verzeihen, die sich
-immer wieder erneuert, so oft diese trüben Tage des -- jetzt so hoch
-gefeierten -- Dichters der Erinnerung vorschweben.
-
-Die Äußerung in obigem Briefe, »daß sein Aufenthalt in Bauerbach bis
-jetzt sein seligster gewesen,« war ganz seinen damaligen Umständen
-angemessen. Dort, in diesem stillen Ort, in Gesellschaft und unter dem
-Schutz einer wohlwollenden Freundin, hatte er keine Sorgen, durfte sich
-um die Bedürfnisse des Lebens nicht bekümmern, brauchte kein Geld, weil
-die Gelegenheit zu Ausgaben fehlte, und konnte um so ungestörter seinen
-Träumen nachhängen, als ihm zarte Achtsamkeit und Pflege jede Mahnung
-an die Kleinigkeiten des Tages ersparten. Diese Ruhe, dieser behagliche
-Zustand war ihm so unvergeßlich, daß er nach Versicherung seiner
-Schwester noch nach vielen Jahren die damalige Zeit als die schönste
-und glücklichste seines Lebens rühmte; »daß er sich über tausend kleine
-Sorgen, Bekümmernisse, Entwürfe, die ihm ohne Aufhören vorschwebten,
-und seinen Geist, seine dichterischen Träume zerstreuten usw.« gegen
-Herrn Reinwald beklagte, kam daher, daß er in einer Gesellschaft, die
-jeden Augenblick Forderungen an ihn machte, leben mußte und lästige
-Frager, Besucher oder Amtsgeschäfte nicht zurückweisen durfte.
-
-Ihm mußte alles Störungen verursachen, da er wachend und träumend für
-nichts und in nichts als theatralischen Dichtungen lebte, in diesen
-wie in seinem eigentlichen Elemente sich befand, sie immerwährend
-ordnend, niederschreiben zu wollen schien und dennoch bei der Menge
-sich ihm darbietender Gegenstände zu keiner Entscheidung gelangen
-konnte. Schon in Stuttgart hatte er sich vorgenommen, Konradin von
-Schwaben zu bearbeiten; später wurde er von Baron Dalberg aufgefordert,
-den Don Carlos dafür zu nehmen. Während er sich noch in Mannheim mit
-der Geschichte Spaniens recht vertraut zu machen suchte, glaubte er
-es leichter, einen ganz eignen Plan zu erfinden, der bald diese,
-bald jene, aber immer eine tragische Entwicklung haben sollte.
-Endlich glaubte er einen solchen festhalten zu müssen, in welchem
-die Erscheinung eines Gespenstes die Entscheidung herbeiführte, und
-beschäftigte sich so gänzlich damit, daß er schon anfing, seine
-Gedanken niederzuschreiben. Aber er gab den Plan wieder auf, indem es
-ihm unter der Würde des Dramas und eines wahren Dichters schien, die
-größte Wirkung einer Schreckgestalt schuldig sein zu sollen.
-
-Er machte die richtige Unterscheidung, daß ihm das Beispiel
-Shakespeares, der in Cäsar und Macbeth einen Geist erscheinen läßt,
-hierin nicht rechtfertigen könne, indem dieser nur als eine Nebensache
-angewendet worden, die weder auf die Handlung selbst noch auf deren
-Ausgang den mindesten Einfluß ausübe.
-
-Diese Unentschlossenheit in der Wahl, dieses immerwährende Ausspinnen
-einer verwickelten Gegebenheit ermüdete ihn aber weit mehr, als wenn er
-die wirkliche Ausarbeitung begonnen hätte.
-
-Jedoch er konnte nicht anders. Es war seiner Natur ganz entgegen, an
-irgend etwas nur oberflächlich zu denken. Alles sollte erschöpft,
-alles zu Ende gebracht werden. Daher beschäftigten sich seine Gedanken
-so lange mit einem Plane, bis er entweder die Hoffnung, einen
-wirkungsvollen Ausgang herbeizuführen, verlor, oder bis seine Kräfte
-ermüdeten, und er dann, um diese nicht ganz abzuspannen, auf etwas
-anderes überging. Seine Erregbarkeit für dichterische Gegenstände ging
-ins Unglaubliche. Er war dafür gleichsam eine immer glühende, nur mit
-leichter Asche bedeckte Kohle. Ein Hauch, und sie sprühte Funken.
-
-Der Leichtigkeit gemäß, mit welcher er Pläne zu Dramen schnell
-entwerfen konnte, hätte er einer der fruchtbarsten Schriftsteller für
-die Bühne werden können, aber wenn es an das Niederschreiben kam, da
-erlaubte sein tiefes Gefühl der Feder keine Eile. So wie er jede Sache
-in ihrem ganzen Umfang erfaßte, so sollte sie auch durch Worte nicht
-nur auf das deutlichste, sondern auch auf das schönste dargestellt
-werden. Daher das Erschöpfende, Volle, Satte und Runde seiner Ausdrücke
-und Wendungen, welche die Gedanken ebenso wie das Gefühl aufregen und
-sich dem empfänglichen Gemüt einprägen.
-
-Solche Dichter, denen ihre Gaben nur sparsam zugemessen worden, sind
-um vieles mehr entschlossen. Kaum ist ein Gegenstand gefunden, so wird
-schon die Feder eingetaucht, damit die Arbeit schnell fertig werde.
-Schnell werden auch Vorteile damit erreicht, aber --
-
- »der Ruhm mit seiner Sternenkrone«
-
-kann nie auf einem solchen Haupte verweilen. Während Schiller noch
-immer unentschlossen blieb, welche Handlung er zu einem neuen
-Trauerspiele wählen solle, war schon das Frühjahr verflossen, und
-Baron Dalberg vernahm weder von ihm selbst noch von andern, daß er
-sich für einen Stoff entschieden habe, wodurch denn die Hoffnung
-verschwand, in diesem Jahre noch ein neues Stück von ihm auf der
-Bühne zu sehen. Konnte dieses nicht geliefert werden, so war die
-Besoldung des Theaterdichters für nichts ausgegeben, was der magern
-Kasse nicht anders als schmerzlich sein konnte. Um nun Schillern zur
-Arbeit anzutreiben, oder wenn dieses nicht gelingen sollte, auf eine
-gute Art wieder loszubringen, beredete Baron Dalberg einen Bekannten
-desselben, seinen Hausarzt, den Hofrat Mai, jenem zu raten, das Studium
-der Arzneikunde wieder zu ergreifen; was eigentlich so viel heißen
-sollte, diese Feder, aus welcher schon die trefflichsten Gedichte und
-drei Trauerspiele geflossen, welche alle anderen der damaligen Zeit
-übertrafen, und noch heute nach fünfzig Jahren auf allen deutschen
-Bühnen gegeben werden, wegzuwerfen, und dafür eine solche zu nehmen,
-mit welcher bloß Rezepte ausgefertigt werden könnten.
-
-Kaum eine Viertelstunde nachdem Hr. Mai fort war, trat S. zu dem
-Dichter ein, der ihm mit argloser, gutmütiger Freude den gemachten
-Vorschlag berichtete und denselben -- wenn ihm auf einige Jahre
-Unterstützung zu teil würde -- als das einzige Rettungsmittel aus
-seinem sich täglich mehr verwirrenden Zustand ansah. Er entschloß sich,
-alsogleich an Baron Dalberg zu schreiben, und obwohl ihm vorausgesagt
-war, daß nur eine hofmäßige, ausweichende Antwort darauf erfolgen
-würde, so ließ sich sein edles, reines Herz, das andere nur nach der
-eignen Weise beurteilte, doch nicht abhalten, eine Bitte zu tun, die
-zu seinem eignen Besten, sowie zur Ehre des deutschen Namens unerfüllt
-blieb.
-
-Was hätte auch die Welt, was Schiller dabei gewonnen, wenn derjenige,
-den er als seinen hohen Gönner achtete, einige hundert Gulden daran
-gewagt hätte, damit der Dichter wieder in einen Arzt, das heißt
-in einen solchen Mann umgewandelt würde, der alles, was er bisher
-geschaffen, vergäße -- der den Boden, welcher schon so herrliche,
-prachtvolle Früchte getragen, wieder versumpfen ließe, um sein
-tägliches Brot sicherer als bisher erwerben zu können. Auch wären die
-Anstrengungen von neuen zwei Jahren um so gewisser vergeblich gewesen,
-da er sich wohl nie zu dem ängstlichen Fleiße, zu einer in das kleinste
-eingehenden Teilnahme hätte herablassen mögen, ohne die ein ausübender
-Arzt gar nicht gedacht werden und ohne welche er nicht die geringsten
-Vorteile für sein Glück erwarten darf. Wahrscheinlicherweise hätte er
-sich in das Philosophische der Medizin geworfen; vielleicht -- wozu
-er nur zu viele Anlage hatte -- hätte er ein ganz neues System der
-Heilkunde aufgestellt.
-
-Allein wie lange würde dieses gedauert haben? -- Jedes Geschlecht
-sieht Ähnliches entstehen, und jedes erlebt auch dessen Untergang.
-Sein Gebiet war ausschließend die Dichtkunst. Hier war er Held, hier
-war er Herrscher; hier fühlte er seine unbezwinglichen Kräfte, und nur
-durch diese konnte er sich ein Reich errichten, das nie zerstört und
-dessen Grenze wohl schwerlich von jemand überschritten wird. Dieser
-Antrag hatte jedoch die gute Folge, daß er seinem bisherigen Wanken
-ein Ende machte und Schiller sich ernstlich entschloß, alles andere
-vorläufig nicht mehr zu beachten, sondern seine ganze Zeit Don Carlos
-zu widmen. Von diesem hatte er schon mehrere Szenen entworfen, auch
-den Gang des Stückes so ausgedacht, daß er zwar der Geschichte nicht
-ganz widerspräche, doch aber der Charakter Philipps etwas gemildert
-erscheine. Überdenkt man den Inhalt seiner drei ersten Trauerspiele,
-so wird man die längere Überlegung des Dichters sowie sein Zaudern,
-sich schnell an diese Arbeit zu wagen, sehr begreiflich finden. Im Don
-Carlos hatte er Charaktere zu schildern, die sich in der allerhöchsten
-Sphäre bewegten, die nicht nur den größten Einfluß auf ihre Zeit
-ausübten, sondern auch der Menschheit die tiefsten Wunden schlugen.
-Wäre es nur darum zu tun gewesen, die handelnden Personen als Tyrannen,
-als blutdürstige Henker zu zeichnen, so wäre die Schwierigkeit für
-ihn sehr gering gewesen. Aber er mußte, oder wollte wenigstens, die
-verabscheuungswürdigsten Menschen mit derselben Larve, die sie im
-Leben und besonders an Philipps Hofe trugen, getreu darstellen, ihre
-folgenden Handlungen andeuten und das Ganze dennoch auf eine solche
-Art stellen, daß es ein höchst anziehendes Schauspiel, aber keinem
-Zuschauer widerlich wäre. Seine Gespräche verbreiteten sich nicht
-allein über den Plan selbst, sondern auch über die ganz neue Art von
-Sprache, die er dabei gebrauchen müsse. Er wollte sie mit all dem Fluß
-und Wohllaut ausstatten, für welche er ein so äußerst empfindliches
-Gefühl hatte. Er glaubte daher auch, daß hierzu Jamben der Würde der
-Handlung sowie der Personen am angemessensten sein würden. Im Anfange
-machte ihm dieses einige Schwierigkeit, indem er seit zwei vollen
-Jahren durchaus nichts mehr in gebundener Rede geschrieben hatte. Jetzt
-mußte er seine Ausdrücke rhythmisch ordnen; er mußte, um die Jamben
-fließend zu machen, versuchen, schon rhythmisch zu denken. Wie aber nur
-erst eine Szene in dieses Versmaß eingekleidet war, da fand er selbst,
-daß dieses nicht nur das passendste für das Drama sei, sondern, da es
-auch gemeine Gedanken heraushebe, um so viel mehr das Erhabene und die
-Schönheit der Ausdrücke veredeln mußte. Seine Freude, sein Vergnügen
-über den guten Erfolg erhöhten seine Lust am Leben, an der Arbeit,
-und er sah mit Ungeduld der Abendstunde entgegen, in welcher er S.
-dasjenige, was er den Tag über fertig gebracht hatte, vorlesen konnte.
-Dieser kannte schon früher keinen höhern Genuß als die prachtvolle, so
-vieles in sich fassende und dennoch so glatt dahinrollende Prosa seines
-Freundes. Nun aber mußte sein Gefühl sich in Entzücken verwandeln, als
-er Gedanken und Ausdrücke wie folgende:
-
- »Ich stand dabei, als in Toledos Mauern
- Der stolze Karl die Huldigung empfing,
- Als graue Fürsten zu dem Handkuß wankten,
- Und jetzt in einem -- einem Niederfall
- Sechs Königreiche ihm zu Füßen lagen.
- Ich stand und sah das junge, stolze Blut
- In seine Wangen steigen, seinen Busen
- Von fürstlichen Entschlüssen wallen, sah
- Sein trunknes Aug' durch die Versammlung fliegen
- In Wollust brechen -- Prinz -- und dieses Aug'
- Sprach laut: ›Ich bin gesättigt.‹«
-
-nach den Gesetzen der Tonkunst aussprechen hörte.
-
-Wie glücklich, wie erhaben waren solche Stunden, in welchen der hohe
-Meister sein Werk einem reinen, warmen Sinne vorlegen und den tiefen,
-unverfälschten Eindruck gewahren konnte, den es in dem Gemüte des
-begeisterten Jünglings hervorbrachte. Jeder Vers wurde als trefflich,
-jedes Wort, jeder Ausdruck als erschöpfend anerkannt, denn es war auch
-alles groß, alles schön, jeder Gedanke voll Adel. Er konnte ja nichts
-Gemeines hervorbringen. Der enthusiastische Freund beschwor Schillern,
-bei ähnlichen Gegenständen sich doch gewiß nie mehr zur Prosa
-herabzulassen, indem er selbst wahrnehmen müsse, wie viele Wirkung
-schon die ersten Versuche erregten.
-
-Nun arbeitete er sehr fleißig an diesem Trauerspiel, übte sich aber
-auch zugleich, um seine Einbildungskraft zeitweise ausruhen zu lassen,
-in der französischen Sprache, die ihm seit zwei Jahren fremd geworden
-war, und welche er sowohl zum Lesen von Racine, Corneille, Diderot
-usw. als auch zum Übersetzen sich wieder geläufig machen wollte. Zu
-letzterem bewog ihn besonders, seit das Projekt einer Dramaturgie
-rückgängig geworden, der Vorsatz, eine Monatschrift herauszugeben,
-welche zwar vorzüglich theatralischen Arbeiten und Beurteilungen
-gewidmet sein sollte, von der aber auch andere Sachen, die für die
-Lesewelt anziehend sein könnten, nicht ausgeschlossen wären. Das
-Sammeln der Materialien für mehrere Hefte, das Ausarbeiten derselben,
-welches in Mannheim, da er noch keinen Mitarbeiter hatte, ganz auf ihm
-lastete, beschäftigte ihn oft bis tief in die Nacht, erhöhte aber auch
-seinen Mut, weil er daraus größere Vorteile als durch Stücke für die
-Bühne zu ziehen hoffen durfte. Während dieser Anstrengungen, in denen
-er sich nur wenige Ruhe gönnte und wo er alles zu ergreifen suchte, um
-sein Leben nur einigermaßen von Sorgen frei zu halten, wurde er an eine
-Verpflichtung gemahnt, die er noch in Stuttgart eingegangen, und an die
-er nur mit Bangigkeit denken konnte.
-
-Es ist aus seinem Briefe aus Frankfurt an Baron Dalberg ersichtlich,
-daß er diesen auf die edelste, rührendste Art um einen Vorschuß von 200
-Gulden gebeten, damit er die dringendsten Schulden, die seine schnelle
-Entfernung zu bezahlen ihm unmöglich machte, damit tilgen könne. Er
-sagt dabei: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorgen macht,
-als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll. Ich habe so
-lange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe.«
-
-Diese für einen reichen Mann so leicht zu erfüllende Bitte wurde
-ihm aber nicht gewährt, sondern er wurde durch erregte Hoffnungen
-veranlaßt, seine wenige Barschaft in Oggersheim vollends aufzuzehren.
-Auch seine folgenden Verhältnisse gestatteten ihm nicht, die gemachten
-Versprechungen zu halten und mit deren Erfüllung eine Last von sich
-abzuwälzen, die für sein wohlwollendes, für die Ehre sehr empfindliches
-Gemüt die drückendste seines früheren und späteren Lebens war. Beinahe
-zwei Jahre schon war die Geduld der Gläubiger hingehalten worden; er
-durfte also die Meinung hegen, daß dieses vielleicht noch länger der
-Fall sein könnte. Allein zu seinem nicht geringen Schrecken kam es
-anders. Die Person, welche sich für ihn auf obige Summe verbürgt hatte,
-wurde so sehr von den Darleihern gedrängt, daß sie aus Stuttgart nach
-Mannheim entfloh. Man setzte ihr nach, erreichte sie dort und hielt sie
-gefangen.
-
-Um sie für jetzt und für die Zukunft zu retten, blieb kein anderes
-Mittel, als ihr die 200 Gulden zu erstatten, für welche sie sich
-verbürgt hatte. Aber woher sollte diese für den, der keine andere
-Sicherheit als die Früchte seiner Feder leisten konnte, sehr bedeutende
-Summe aufgebracht werden? Von daher, wo er schon zweimal vergeblich
-Hilfe suchte, durfte er keine gewärtigen. Auch wollte er sich, da die
-ganze Sache ein Geheimnis bleiben sollte, nur jemand vertrauen, von
-dessen Verschwiegenheit er versichert sein konnte. Glücklicherweise
-war er mit einem sehr achtungswerten Manne, dem Baumeister Herrn Anton
-Hölzel, bei welchem S. wohnte, nicht nur bekannt, sondern wurde von
-ihm auch außerordentlich hochgeachtet, und dieser, so wenig er auf
-Reichtum oder Wohlhabenheit Anspruch machen konnte, scheute kein Opfer,
-um die verlangte Hilfe zu verschaffen, damit er aus einer Verlegenheit
-befreit würde, die von höchst nachteiligen Folgen für ihn hätte sein
-können. Es wäre vielleicht möglich gewesen, daß seine Eltern diesen
-Betrag erlegt oder wenigstens Bürgschaft dafür geleistet hätten, aber
-um dieses einzuleiten war die Zeit zu kurz. Um Rat zu schaffen, durfte
-kein Augenblick verloren werden. Und dann war auch sein Stolz zu groß,
-um seine gefährliche Lage dem Vater zu enthüllen, welcher seine Flucht
-sowohl als auch seine ungewissen Verhältnisse bisher immer mißbilligt
-hatte.
-
-Dieser höchst unangenehme Vorfall machte auf den gepeinigten Dichter
-einen um so tieferen Eindruck, als jetzt durchaus nicht mehr abzusehen
-war, wie oder in welcher Zeit eine Rettung aus seinen Geldnöten möglich
-sein würde. In dem für ihn so fatalen Mannheim war keine Erlösung aus
-den Sorgen zu hoffen; denn bei so geringen Einkünften mußten sich seine
-Umstände immer tiefer und endlich auf einen solchen Grad verschlimmern,
-daß ihm zuletzt kein anderes Mittel zu Gebote gestanden hätte, als sich
-heimlich zu entfernen. Aber wohin??? -- -- -- dies war eine Frage, auf
-die keine Antwort sich finden ließ.
-
-Wie aber oft das dichteste, schwärzeste Gewölk sich plötzlich öffnet,
-um einen erquickenden Strahl der Sonne durchzulassen, oder auch der
-schwere Arm des Schicksals über den harten Prüfungsschlägen selbst
-ermüdet, so geschah es hier, und der erste Schritt, um Deutschland
-seinen edelsten Dichter zu erhalten, wurde nicht von seiner Umgebung,
-die täglicher Zeuge seines großen Charakters war, auch nicht von denen,
-die von den Früchten seines Geistes Vorteile zogen, sondern von solchen
-Menschen getan, deren Dasein ihm gar nicht bekannt war. Ganz unerwartet
-nämlich erhielt er durch den Postwagen[8] ein Päckchen, in welchem
-vier Bildnisse, mit farbigen Stiften auf Gips gezeichnet, nebst einer
-gestickten Brieftasche mit Schreiben sich befanden, welch letztere von
-der wärmsten, tiefsten Verehrung gegen seine großartigen Arbeiten sowie
-von der richtigen Würdigung seines außerordentlichen Dichtergeistes
-zeugten.
-
-Wie wohltuend der Eindruck gewesen, den diese schöne Überraschung
-auf Schiller machte, dies kann selbst der Augenzeuge nicht gehörig
-beschreiben. Obwohl er auch hierüber sich ebenso auf die edelste,
-männlichste Art wie über alles äußerte, so zeigte dennoch seine
-vermehrte Heiterkeit fast in höherem Grade als seine Gespräche, wie
-erfreulich es ihm sei, in weiter Ferne von gebildeten Menschen erkannt,
-hochgeachtet und wegen seiner Leistungen geliebt zu werden; daß diese
-aus einem Gesichtspunkt angesehen würden, welcher ihn hoch über seine
-Zeit stellte -- daß, wenn auch die meisten, welche ihn umgaben, stumm
-blieben und nur Kälte zeigten, es noch an manchen Orten Herzen geben
-könne, die für ähnliche Gefühle wie das seinige schlügen -- daß er,
-seiner bittern, düstern Verhältnisse ungeachtet, sich durch eine solche
-Anerkennung weit höher als durch Reichtümer belohnt finde.
-
-Hätten doch Herr Körner, seine Braut, deren Schwester und Professor
-Huber, von denen dies die Abbildungen waren, sehen können, wie
-glücklich diese Aufmerksamkeit Schillern machte, welche Ruhe,
-welche Zufriedenheit dadurch in sein ganzes Wesen kam, wie es ihm
-schmeichelte, die erhaltenen Beifallsbezeugungen mit seinen eignen
-Ansichten übereinstimmend zu finden, wahrlich, sie hätten die süße
-Genugtuung empfunden, dem Dichter das Vergnügen, welches er ihnen durch
-seine Werke verschafft, reichlich vergolten zu haben!
-
-Wer nie in dem Falle war, bei sich selbst oder bei andern
-wahrzunehmen, wie stumpf, wie gebeugt der Geist endlich werden muß,
-wenn dasjenige, was das Talent erschafft, nicht gehörig gewürdigt
-oder nicht verhältnismäßig belohnt wird, der kann es auch unmöglich
-fassen, wie sehr eine unvermutete Anerkennung des wahren Wertes dem
-Selbstvertrauen, der Tätigkeit eine Schnellkraft verleiht, die das
-ganze frühere Empfindungsvermögen so sehr verändert, daß derjenige,
-welcher soeben erst in sich zusammengesunken war, plötzlich mit
-erhobenem Haupte sich aufrichtet. Den Dichtern, Künstlern ist es zwar
-immer angenehm, wenn ihre Verdienste durch Ehre, Geld oder andere
-Zeichen des Beifalls belohnt werden; aber höher als alles dieses achten
-sie es dennoch, wenn die innersten Absichten ihrer Arbeiten so gänzlich
-begriffen werden, daß sie in demjenigen, der über sie urteilt und ihnen
-kenntnisreiche Lobsprüche spendet, ihr eigentliches Selbst erkennen.
-
-Dieselbe Wirkung brachte diese Überraschung auf Schillern um so
-mehr hervor, weil sie von Fremden ausging, er seine Umgebung schon
-gewohnt war und nur äußerst wenige sich fanden, welche seine hohen
-Darstellungen sowie den tiefen Sinn, der in ihnen lag, genugsam hätten
-würdigen können. Allmählich wurde auch die Hoffnung in ihm erregt, daß
-diese neuen Freunde wohl keine Verwendung unterlassen würden, um ihn
-aus seinem dermaligen Zustande zu erlösen und in bessere Verhältnisse
-zu setzen. Dieses bestätigte sich auch später in einem solchen Grade,
-daß es für denjenigen, der sich an den Werken des Unsterblichen stärkt
-und kräftigt, noch heute eine Art von Pflicht ist, dabei auch Körners,
-seines erhaltenen, unwandelbaren Freundes dabei eingedenk zu sein.
-
-Ehre demjenigen, der einem aus drückenden Lebensverhältnissen befreiten
-Talente seine Achtung und Aufmerksamkeit beweist! Aber die größte
-Ehre sei dem, welcher einem hohen Geiste die Hindernisse wegräumt,
-die seinem freien Wirken sich entgegenstellen, und der nicht seinen
-Überfluß, sondern sein Notwendiges mit ihm teilt. Der Eifer und
-die Tätigkeit Schillers schienen durch den Briefwechsel mit den
-neuen Freunden einen lebhaften Schwung erhalten zu haben, denn er
-arbeitete nun ohne Rast an Don Carlos und an dem ersten Hefte seiner
-Monatsschrift. Eine angenehme Zerstreuung verschaffte ihm der Besuch
-seiner ältesten Schwester, welche, von Herrn Reinwald begleitet, auf
-kurze Zeit nach Mannheim kam. Die blühende, kräftige Jungfrau schien
-entschlossen, ihr künftiges Schicksal mit einem Manne zu teilen, dessen
-geringe Einkünfte und wankende Gesundheit wenig Freude zu versprechen
-schienen. Jedoch waren ihre Gründe dazu so edler Art, daß sie auch
-in der Folge es nie bereute, das Herz ihrem Verstande und einem
-vortrefflichen Gatten geopfert zu haben. Nicht lange nach der Schwester
-Abreise wählte Herr von Kalb, damals Offizier in französischen
-Diensten, wo er die Feldzüge des nordamerikanischen Befreiungskrieges
-mitgemacht und sich dabei sehr ausgezeichnet hatte, mit seiner Gemahlin
-und Schwägerin seinen Aufenthalt zu Mannheim. Schiller lernte sogleich
-diese in jedem Betracht edle Familie kennen, in welcher Frau von
-Kalb durch ihren richtigen Verstand und feine Geistesbildung sich
-besonders auszeichnete. Für den Dichter war der Umgang mit diesen
-seltenen Menschen ebenso wichtig als erheiternd, indem kein Gegenstand
-der Literatur sich fand, mit welchem diese Dame nicht vertraut gewesen
-wäre, oder irgend eine Weltbegebenheit, bei deren Beurteilung man das
-Umfassende, Scharfsinnige und die klaren Ansichten ihres Gemahls nicht
-hätte bewundern müssen.
-
-Die Musik verschaffte S. das noch stets in Andenken erhaltene Glück,
-Frau von Kalb mehrmals in der Woche zu sehen und, da sie eben in der
-Dichtung eines Romans begriffen war, auch über andere Gegenstände
-mit ihr zu sprechen. Es war nichts natürlicher, als daß sehr oft von
-Schiller und seinen Arbeiten die Rede war, von denen aber S. den
-Don Carlos, den der Dichter jetzt unter der Feder habe, weit über
-alles früher Geleistete setzte. Die Neugierde der Frau v. K. wurde
-durch die begeisterten Lobeserhebungen auf das höchste gespannt. Sie
-ersuchte Schillern einigemal, ihr doch etwas davon lesen zu lassen.
-Allein dieser wollte erst noch einige Szenen fertig machen, dann ins
-Reine schreiben und, um jede Schönheit gehörig herauszuheben, selbst
-vorlesen. Frau v. K. fügte sich um so eher in diesen Aufschub, weil sie
-hoffte, daß einige weitere Szenen ihr Vergnügen erhöhen müßten und sie
-auch davon den schönsten Genuß sich versprach, die ihr mit so vielem
-Enthusiasmus angerühmte prachtvolle Sprache aus des Dichters eignem
-Munde zu vernehmen. Dieser brachte endlich eines Nachmittags seinen Don
-Carlos zu der in der größten Erwartung harrenden Frau und las ihr den
-fertigen Teil des ersten Aktes vor. Lauschend heftete die Zuhörerin
-ihre Blicke auf den mit Pathos und Begeisterung deklamierenden
-Verfasser, ohne durch das leichteste Zeichen ihre Empfindung erraten zu
-lassen. Als dieser geendigt hatte, fragte er mit der unbefangensten,
-freundlichsten Miene: »Nun, gnädige Frau! wie gefällt es Ihnen?« Diese
-suchte auf die schonendste Art einer bestimmten Antwort auszuweichen.
-Als aber wiederholt um die aufrichtige Meinung über den Wert dieser
-Arbeit gebeten wurde, brach Frau v. K. in lautes Lachen aus und sagte:
-»Lieber Schiller! das ist das Allerschlechteste, was Sie noch gemacht
-haben.« -- »Nein! das ist zu arg!« erwiderte dieser, warf seine
-Schrift voll Ärger auf den Tisch, nahm Hut und Stock und entfernte
-sich augenblicklich. Kaum war er aus der Tür, als Frau v. K. nach dem
-Papiere griff und zu lesen anfing. Sie hatte die erste Seite noch
-nicht geendigt, als sie sogleich dem Bedienten schellte. »Geschwind,
-geschwind lauf' Er zu Herrn Schiller: ich lasse ihn um Verzeihung
-bitten, ich hätte mich geirrt, es sei das Allerschönste, was er noch
-geschrieben habe, er solle doch ja sogleich wieder zu mir kommen.« Der
-Auftrag wurde ebenso schnell als genau ausgerichtet. Allein Schiller
-gab der Bitte kein Gehör, sondern kam erst den folgenden Tag zu der
-feinsinnigen Frau, die zwar ihr erstes Urteil sehr willig zurücknahm,
-ihm aber auch erklärte, daß seine Dichtungen durch die heftige,
-stürmische Art, mit welcher er sie vorlese, unausbleiblich verlieren
-müßten.
-
-Als Kabale und Liebe wieder aufgeführt wurde, hatte Schiller die
-Aufmerksamkeit, den Namen des Hofmarschalls umschaffen zu wollen.
-Allein Herr und Frau von Kalb dachten viel zu groß, um sich durch
-einen erdichteten Namen irren zu lassen, und widersetzten sich einer
-Abänderung aus dem sehr richtigen Grunde, daß ein anderer Name als der
-frühere die Vermutung herbeiführen müsse, als sei der vorherige auf
-jemand aus ihrer Familie abgesehen gewesen.
-
-Der Umgang mit diesen wahrhaft edlen, vortrefflichen Menschen nebst
-dem Briefwechsel mit den Freunden in Leipzig verschafften dem
-Dichter zwar viele erheiternde Stunden, konnten aber dennoch seine
-häuslichen Verhältnisse und seine schwankende, unbestimmte Stellung
-nicht verbessern, sondern er mußte in so beunruhigenden Umständen
-auch den Herbst nebst dem Anfange des Winters noch ebenso wie bisher
-zubringen, obwohl er sich mit Sachen beschäftigte, welche nur der ganz
-sorgenfreien Laune an den Tag zu fördern möglich sind.
-
-Endlich zu Anfang des Jahres 1785[9] verbreitete sich in Mannheim das
-Gerücht, der regierende Herzog von Weimar werde auf einen Besuch zu
-der landgräflichen Familie nach Darmstadt kommen. Schiller, von seinem
-eignen Verlangen ebensosehr als von Herrn und Frau Kalb angeeifert,
-wünschte nichts so sehnlich, als bei dieser aus den feinsten Kennern
-des wahrhaft Schönen bestehenden Zusammenkunft sich als denjenigen
-zeigen zu dürfen, der wohl würdig wäre, dem schönen Bunde in Weimar
-beigesellt zu werden, welcher den Namen seines hohen Beschützers auf
-die späteste Nachwelt übertragen würde. Die Güte, die Herablassung
-nebst aufrichtiger Anerkennung großer Eigenschaften waren von dem
-Herzoge von Weimar ebenso zu erwarten, als das zuvorkommende Benehmen
-der Frau Landgräfin gegen jeden ausgezeichneten Künstler oder Dichter
-sich schon so oft gezeigt hatte. Der Ruf von dem hohen Werte der
-theatralischen Arbeiten Schillers war keinem Deutschen unbekannt,
-daher die Empfehlungsbriefe von Herrn und Frau von Kalb nebst denen
-von Baron Dalberg an die nächste Umgebung der fürstlichen Personen mit
-freundlichster Berücksichtigung aufgenommen wurden.
-
-Schillers wichtigste Angelegenheit war, seinen Don Carlos in demjenigen
-Kreise bekannt zu machen, für den er eigentlich gedichtet schien.
-Hatte er darin die richtigste Ansicht getroffen, die würdigste
-Sprache gewählt, so durfte er nicht allein den ungeteilten Beifall
-der hohen Gesellschaft, sondern auch die wichtigste Entscheidung für
-seine Zukunft erwarten. Sein Wunsch, Don Carlos selbst vorzulesen,
-wurde mit fürstlichem Wohlwollen gewährt und diese majestätische
-Dichtung mit so entschiedenem Anteil aufgenommen, daß es bei einer
-folgenden Unterredung mit dem Herzoge von Schiller nur einer leisen
-Bitte bedurfte, um von demselben eine öffentliche Anerkennung seines
-außerordentlichen Geistes zu erhalten.
-
-Schiller kehrte als Rat des Herzogs von Weimar nach Mannheim zurück.
-
-Konnte dieses einsilbige Wörtchen den Verdiensten des schon damals
-alles überragenden Dichters auch keinen neuen Glanz verleihen, so hatte
-es wenigstens für die Gegenwart dennoch die Wirkung eines Talismans;
-denn seine Verhältnisse, von denen sich nur die traurigste Wendung
-erwarten ließ, gestalteten sich von nun an um vieles beruhigender, ja
-sie erhielten dadurch einen Anhaltspunkt, der bis jetzt nur ersehnt,
-aber nicht erreicht werden konnte. Das Verlangen der Eltern, er möchte
-durch eine dauernde Versorgung einem Fürsten angehören, schien erfüllt,
-seinen in Stuttgart zurückgelassenen Tadlern wurde bewiesen, daß seine
-Talente im Auslande weit größere Würdigung als in Württemberg gefunden
-und auch solche, die gegen seine Arbeiten gleichgültig geworden waren,
-mußten für ihn höhere Achtung gewinnen, da er von einem so vollgültigen
-Richter würdig befunden wurde, dem schönsten Geisterverein, welchen
-Deutschland jemalen aufzuweisen hatte, für immer anzugehören.
-
-Ohne daß Schiller es ahnte oder zu wissen schien, hatte dieser kleine
-Beisatz zu seinem Namen dennoch einen sehr großen Einfluß auf ihn.
-Sein Betragen wurde freier, bestimmter. Dieser Titel hatte in ihm
-die Gewißheit erweckt, sich ein neues besseres Vaterland erwerben
-zu können. Die Beurteilungen des Theaters wurden kälter, schärfer
-ausgesprochen, als früher geschah. Seine Tätigkeit war wie neu belebt;
-auch arbeitete er jetzt mit um so mehr Freude, je näher eine günstige
-Veränderung seines ihm bisher nur Unheil bringenden Aufenthaltes zu
-hoffen war.
-
-Aber auch der Theaterdichter wurde von dem Herrn Rat nun mit ganz
-andern Augen angesehen, weil jener nie aus der begonnenen Bahn treten,
-weil er immer dieselbe Last tragen muß, wohingegen dieser, von Stufe
-zu Stufe immer höher steigend, seinen Ehrenkreis erweitern kann.
-Vorzüglich aus letzterer Ursache schloß er, daß sein Verbleiben in
-Mannheim ihm nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich sein müsse,
-weil es ihm nicht die geringste Verbesserung darbieten könne. Er
-leitete deshalb nicht nur mit seinen Leipziger Freunden, sondern auch
-mit Herrn Schwan das Nötige ein, um seinen bisherigen Aufenthalt im
-Anfange des Frühjahres zu verlassen. Gegen das Theater selbst war er
-um so gleichgültiger geworden, weil es keine seiner Erwartungen ganz
-erfüllt hatte; zum Teil aber auch, weil der größte Teil der Mitglieder
-ihn jetzt schmähte und erbost auf ihn war. Dieser fast allgemeine
-Haß war durch die Beurteilungen (in dem ersten Hefte der Rheinischen
-Thalia) der Darstellung einiger Stücke veranlaßt, in welchen mehrere
-Mitglieder, die früher an vieles Lob von ihm gewöhnt waren, sehr
-hart mitgenommen wurden. Diese Kritiken mußten um so mehr auffallen,
-als damals eine Zeitung oder ein Journal sehr selten über einzelne
-Schauspieler etwas erwähnte und diese ohnehin es mit den meisten
-Künstlern gemein haben, sich für vollkommen oder unfehlbar zu achten.
-Zu Anfang des März 1785 wurde alles von ihm veranstaltet, um Mannheim
-bald verlassen zu können, welches, durch erhaltene Wechsel aus Leipzig
-erleichtert, zu Ende des Monats auch wirklich ausgeführt wurde. Den
-Abend vor seiner Abreise, welche bei Anbruch des kommenden Tages vor
-sich gehen sollte, brachte S. bis gegen Mitternacht bei ihm zu. Die
-vergangenen zwei Jahre, welche auf eine sehr unangenehme Weise von ihm
-verlebt waren, berührte er nur insofern, als sie in ihm die traurige
-Überzeugung hervorgebracht, daß in Deutschland, wo (1785) das Eigentum
-des Schriftsteller wie des Verlegers jedem preisgegeben, ja als
-vogelfrei erklärt sei, und bei der geringen Teilnahme höherer Stände
-an den Erzeugnissen der deutschen Literatur ein Dichter, würde er auch
-alle andern der verflossenen oder gegenwärtigen Zeit übertreffen, ohne
-einen besoldeten Nebenverdienst, ohne bedeutende Unterstützung, bloß
-durch die Früchte seines Talents unmöglich ein solches Einkommen sich
-verschaffen könne, als einem fleißigen Handwerksmanne mit mäßigen
-Fähigkeiten dieses gelingen müsse. Er war sich bewußt, alles getan zu
-haben, was seine Kräfte vermochten, ohne daß es ihm gelungen wäre, das
-wenige zu erwerben, was zur größten Notwendigkeit des Lebens gezählt
-wird, noch weniger aber so viel, daß er bei seiner Abreise auch seine
-Geldverbindlichkeiten hätte erfüllen können. Von nun an sollte nicht
-mehr die Dichtkunst, am wenigsten aber das Drama, der einzige Zweck
-seines Lebens sein, sondern er war fest entschlossen, den Besuch der
-Muse nur in der aufgereiztesten Stimmung anzunehmen; dafür aber mit
-allem Eifer sich wieder auf die Rechtswissenschaft zu werfen, durch
-welche er nicht nur aus jeder Verlegenheit befreit zu werden, sondern
-auch einen wohlhabenden, sorgenfreien Zustand zu erwerben hoffen dürfe.
-
-Diesen Plan besprach er von allen denkbaren Seiten. Wenn auch eine
-sich als widrig zeigte, so wäre sie doch nicht von der demütigenden
-Art, wie solche, die sich täglich dem Dichter darbieten, der in der
-höheren Gesellschaft nicht aufgenommen, wenn er seine Feder der Bühne
-widme, sogar verachtet sei, auf keinen Rang unter den Ständen Anspruch
-machen dürfe und wie ein fremdes, heimatloses Wesen seinen kärglichen
-Unterhalt mit unablässiger Anstrengung erringen müsse. Seinen Talenten,
-seiner Beharrlichkeit traute er es zu, in weniger als einem Jahre
-die Theorie der Rechtswissenschaft, unterstützt von den reichen
-Hilfsmitteln der Leipziger Universität, soweit inne zu haben, daß er
-auch darin wie in der Arzneikunde den Doktorhut nehmen und dadurch sich
-nicht nur einen bessern, sondern auch beständigern Zustand bereiten
-könne. Er glaubte den Schluß mit vollem Rechte machen zu dürfen, wenn
-die Erlernung dieser Wissenschaft einem gewöhnlichen Kopf in einigen
-Jahren möglich sei, so müsse es ihm -- der von Jugend auf zum Studieren
-von Systemen angehalten worden -- der in den zwei ersten Jahren,
-die er in der Akademie zubrachte, bedeutende Fortschritte in dieser
-Wissenschaft getan -- der das Lateinische ebenso geläufig wie seine
-Muttersprache inne habe -- der Hallers Werke in drei Monaten sich so
-eigen gemacht, daß er eine Prüfung darüber mit Ehren bestehen konnte --
-dem das Nachdenken eine Lust, ein Bedürfnis sei -- um so viel leichter
-werden, den Schneckengang anderer mit seinen weit ausgreifenden
-Schritten zu überholen und schnell dahin zu gelangen, wo ihn auch die
-kühnste Erwartung erst nach Jahren vermute.
-
-Sein Vorsatz darüber war so fest, die Ausführung schien ihm so
-leicht, eine ehrenvolle Anstellung bei einem der kleinen sächsischen
-Höfe so nahe, daß er und der zurückbleibende Freund sich die Hände
-darauf gaben, so lange keiner an den andern schreiben zu wollen, bis
-er Minister oder der andere Kapellmeister sein würde. Mit diesem
-feierlichen Versprechen schieden beide voneinander.
-
-Aber die Himmlischen hatten anders über ihn beschlossen. Sie ließen es
-nicht zu, daß eine solche Fülle von Gaben, reich genug, um Millionen zu
-beglücken, nur auf einen engen Kreis beschränkt oder ganz unfruchtbar
-bleiben sollte. Mit Liebe leiteten sie nun an sanfter, gütiger Hand
-ihren Begünstigten in die Arme von Freunden, die alles aufboten, damit
-er seinem hohen Berufe nicht ungetreu würde, damit er die unendliche
-Menge des wahrhaft Schönen und Guten, welches er in sich trug, zur
-Veredlung der Menschheit, zur Erleuchtung und Stärkung kommender
-Geschlechter, zu unvergänglichem Ruhme seiner selbst sowie zu dem
-seines eigentlichen Vaterlandes anwenden konnte.
-
- * * * * *
-
-Durch diese nach allen Umständen getreue Erzählung darf der Verfasser
-glauben, eine sehr bedeutende Lücke, die sich -- ohne irgend eine
-Ausnahme -- in allen Lebensbeschreibungen des großen Mannes findet,
-ausgefüllt, und einem künftigen Biographen die vollständige Darstellung
-eines auf seine Zeit so einflußreichen Lebens erleichtert zu haben.
-Der verehrte Leser wolle nun diese von einem Augenzeugen gegebene
-Mitteilung mit den früher von andern dem Publikum vorgelegten
-vergleichen und dann die Glaubwürdigkeit letzterer beurteilen.
-
-
- Ende.
-
-
- Auf Kriegspapier gedruckt.
-
-
-
-
-Fußnoten
-
-
-[1] Tatsächlich hat die Flucht am 22. September stattgefunden.
-
-~W.~
-
-
-[2] Wenn man die Zeitverhältnisse und die Lage Schillers
-berücksichtigt, so wird man die Allgemeinheit und bittere Härte dieser
-Äußerung entschuldigen.
-
-Anm. Streichers.
-
-
-[3] Vermutlich ist dieser Brief erst Anfang Oktober geschrieben.
-
-~W.~
-
-
-[4] Tag. Soll heißen: Winter.
-
-~W.~
-
-
-[5] »In den ersten Tagen des Septembers 1783.« Dies ist ein Irrtum.
-Schiller kam am 27. Juli in Mannheim an.
-
-~W.~
-
-
-[6] Der Kontrakt ist tatsächlich erst am 20. August geschlossen worden
-und lief vom 1. September 1784 an.
-
-~W.~
-
-
-[7] Diese Zusammenkunft geschah in Wirklichkeit schon vor der Abreise
-nach +Bauerbach+ zwischen dem 22. und 25. November 1782.
-
-~W.~
-
-
-[8] Vielmehr durch Götz, Angestellten in der Schwanschen Buchhandlung,
-der von der Leipziger Messe zurückkehrte.
-
-~W.~
-
-
-[9] Die Vorlesung des Don Carlos fand am 26. Dezember 1784 statt.
-
-~W.~
-
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- Deutsche Bildung
- und deutsche Kultur
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- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
- korrigiert.
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- Korrekturen (die korrigierten Wörter sind in {} eingeschlossen):
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- S. 109: gegewesen → gewesen
- ein württembergischer Offizier bei ihnen {gewesen} sei
-
- S. 172: das → daß
- Ohne {daß} Schiller es ahnte
-
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-End of the Project Gutenberg EBook of Schillers Flucht von Stuttgart, by
-Andreas Streicher
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHILLERS FLUCHT VON STUTTGART ***
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