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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Schillers Flucht von Stuttgart - und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785 - -Author: Andreas Streicher - -Commentator: J. Wychgram - -Release Date: October 16, 2015 [EBook #50234] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHILLERS FLUCHT VON STUTTGART *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Schillers Flucht - von Stuttgart - - und - - Aufenthalt in Mannheim - von 1782--1785 - - Von - - Andreas Streicher - - Herausgegeben und mit einer Einleitung versehen - - von - - Prof. ~Dr.~ J. Wychgram - - - Leipzig - - Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. - - - - - Übersetzungsrecht vorbehalten - - - - -Einleitung. - - -Das Buch, das wir, nachdem es zum ersten- und einzigen Male im Jahre -1836, drei Jahre nach dem Tode seines Verfassers, erschienen war, -nun zum Schiller-Jubiläumstag neu in die Welt senden, ist nicht mit -Unrecht ein Kleinod unserer Literatur genannt worden. Nicht als ob es -schriftstellerische Vorzüge aufweisen könnte. Sein Wert liegt vielmehr -einmal in den berichteten Tatsachen, die für die Kenntnis von Schillers -Entwicklung von außerordentlichem Werte sind und die uns unbekannt -geblieben sein würden, wenn nicht Streicher sie uns erzählt hätte, -sodann aber in dem Geist und Sinn, der aus dem Buche spricht. Da die -Vorbereitungen zur Flucht aus Stuttgart und ihre Ausführung selbst sehr -geheim gehalten werden mußten und da das, was außerhalb des Weichbildes -von Mannheim mit Schiller geschah, nur Streicher zum Zeugen hatte, -so können wir in der Tat den Wert dieser Aufzeichnungen nicht genug -schätzen; aber auch, daß dieser Zeuge gerade Streicher war, ist von -der größten Bedeutung. Denn wir haben in diesem Manne, der ja, wie der -Leser aus dem Buche selbst erkennen wird, mit einer Art Vergötterung an -Schiller hing, einen Berichterstatter, der alle diese aufregenden und -abenteuerlichen Erlebnisse mit der größten Einfachheit, ohne subjektive -Färbung und mit einem treuen geschichtlichen Sinne uns erzählt. -Freilich ist das Buch selber erst geschrieben worden, als Streicher -bereits im Greisenalter stand; aber die Ereignisse der Jugend standen -ihm, soweit er sie selbst miterlebt hatte, als die denkwürdigsten -seines ganzen Lebens vor der Seele, und später erschienene Briefe -bezeugen uns, daß Streicher in der gewissenhaftesten Weise überall da, -wo entweder sein Gedächtnis ihn nicht mehr sicher beriet oder wo er -von Dingen zu erzählen hatte, die er selbst nicht mit angesehen (wie -zum Beispiel in dem Berichte über die letzte Begegnung Schillers mit -seiner Schwester und seiner Mutter), durch briefliche Erkundigung die -Lücke zu ergänzen oder falsche Gerüchte zu berichtigen suchte. Einen -solchen Brief teilen Speidel und Wittmann in ihrem vorzüglichen Buche -»Bilder aus der Schillerzeit,« S. 26, mit. So kann man sagen, daß die -Partien des Streicherschen Buches, die sich mit der Flucht und den auf -die Flucht folgenden Ereignissen beschäftigen, durchaus zuverlässig -sind und nur in ganz unwesentlichen Einzelheiten, in den Angaben -einiger Monatsdaten und ähnlichen Kleinigkeiten, von der späteren -Schiller-Forschung berichtigt worden sind. - -Streicher hat nun dem Berichte von der Flucht eine kurze Übersicht -über Schillers Leben bis 1782 beigegeben; diese Übersicht mußte er -nach den damals zugänglichen Quellen abfassen, und sie ist daher, -wie wir gleich hier bemerken, nicht in demselben Maße unanfechtbar, -wie der eigentliche Kern des Buches. Insbesondere waren Streicher -die näheren Umstände, die das Zerwürfnis Schillers mit dem Herzog -veranlaßten, nicht bekannt; vermutlich hat Schiller selbst von dem, -was an Intrigen gegen ihn und gegen seinen Vater sich abgesponnen hat, -nicht alles gewußt. Wir verzichten hier darauf, die Einzelheiten zu -berichtigen, da der Leser dazu jede moderne Schillerbiographie benutzen -kann; es sei gestattet, auf die betreffenden Abschnitte in der von mir -verfaßten Biographie Schillers (4. Auflage, Bielefeld und Leipzig, -Velhagen & Klasing; Volksausgabe, ebenda 1904), zu verweisen, wo ein -ausführliches Bild gegeben wird. Die Universal-Bibliothek bietet die -Schiller-Biographie von Rudolf von Gottschall (Nr. 3879/80), die in -gedrängterer Form berichtet. - -Andreas Streicher wurde als der Sohn unbemittelter Eltern im Jahre -1761 in Stuttgart geboren; er widmete sich der Tonkunst und sollte -bei Emanuel Bach in Hamburg seine Ausbildung als Musiker erhalten. -Von der Reise nach Hamburg aber wurde er durch die von ihm selbst -erzählten Umstände abgehalten; er blieb vielmehr einige Jahre, mit -Schiller und auch noch nach Schiller, in Mannheim, wandte sich dann -nach München und ging 1794 nach Wien, wo er als Klavierlehrer eine -auch an äußeren Erfolgen reiche Tätigkeit entwickelte. Später hat -er in Wien die Pianofortefabrik seiner Frau, einer geborenen Stein -aus Augsburg, übernommen und es in dieser Tätigkeit zu erheblichem -Wohlstande gebracht. Er starb am 15. Mai 1833. Wie sehr er an dem -Jugendfreunde hing, zeigt nicht nur das Buch selber, das er etwa in den -Jahren 1828--30 verfaßt hat, sondern dies wird uns auch aus Briefen, -die er nach Schillers Tode an dessen Angehörige schrieb, deutlich. Man -hat wohl bemerkt, es sei auffallend, daß Schiller selbst später nicht -wieder an den aufopferungsfreudigen Freund seiner Jugend geschrieben -habe, insbesondere Julian Schmidt hat in seinem Buche »Schiller -und seine Zeitgenossen« dieses Befremden ausgedrückt; man ist aber -damit im Irrtum gewesen. Wir besitzen noch einen Brief von Schiller, -der uns zeigt, wie Schiller in dankbarem Herzen die Erinnerung an -Streicher bewahrt hat. Im Jahre 1795 hatte Streicher einem Herrn seiner -Bekanntschaft einen Empfehlungsbrief an Schiller mitgeschickt; Schiller -antwortete darauf: - - »Mein teurer und hochgeschätzter Freund! - - Gestern erhielt ich durch Herrn von Bühler Ihren Brief, der mich - auf eine sehr angenehme Weise überraschte. Daß Sie mich nach einer - zehnjährigen Trennung und in einer so weiten Entfernung noch nicht - vergessen haben, daß Sie meiner mit Liebe gedenken und mir ein - gleiches gegen Sie zutrauen, rührt mich innig, lieber Freund, und - ich kann Ihnen auch von meiner Seite mit Wahrheit gestehen, daß mir - die Zeit unseres Zusammenseins und Ihre freundschaftliche Teilnahme - an mir, Ihre gefällige Duldung gegen mich und Ihre auf jeder Probe - ausharrende Treue in ewig teurem Andenken bleiben wird. - - Wie erfreuen Sie mich, lieber Freund, mit der Nachricht, daß es - Ihnen wohl geht, daß Sie mit Ihrem Schicksale zufrieden sind und - nun auch die Freuden des häuslichen Lebens genießen. Diese sind - mir schon seit sechs Jahren zu teil geworden, und ich könnte, im - Besitze eines hoffnungsvollen Knaben, sowie in meiner unabhängigen - äußeren Lage ein ganz glücklicher Mensch sein, wenn ich aus dem - Sturme, der mich so lange herumgetrieben, meine Gesundheit gerettet - hätte. Indessen macht ein heiteres Gemüt und der angenehme Wechsel - der Beschäftigung mich diesen Verlust noch ziemlich vergessen, und - ich finde mich in mein Schicksal. - - Eben dieser Zustand meiner Gesundheit läßt mich nicht daran denken, - eine Reise zu unternehmen, und raubt mir also die Freude, Ihre - freundschaftliche Einladung anzunehmen. Aber was mir unmöglich ist, - können Sie vielleicht ausführen, und um so eher, da ein Tonkünstler - überall zu Hause ist und selbst auf Reisen die Zeit nicht verliert. - Daß mir Ihre Erscheinung in Jena unbeschreiblich viele Freude - machen würde, bedarf keiner Versicherung, und daß auch Sie nicht - unzufrieden sein sollen, dafür, glaube ich, gutsagen zu können. - Ich könnte Ihnen wenigstens dafür stehen, daß Sie in Weimar, wo - man Musik zu schätzen weiß, eine sehr erwünschte Aufnahme finden - sollten. - - Ihr aufrichtig ergebener - - Schiller. - - Jena, den 9. Oktober 95. - - An Herrn Andreas Streicher, Tonkünstler in Wien.« - -Man sieht aus diesem Briefe, daß Schiller, wenn auch keine häufigeren -Anlässe zu lebhafterem Briefwechsel mit seinem Jugendfreunde vorlagen, -ihn doch in dankbarer Erinnerung bewahrte. Folgende beiden Briefe -mögen noch dem Leser zeigen, mit welcher Wärme Andreas Streicher spät -nach Schillers Tode für die Pflege von dessen Andenken gesorgt hat. -Der erste dieser Briefe ist am 30. August 1826 an Schillers einzige -überlebende Schwester Christophine, die verwitwete Hofrätin Reinwald -in Meiningen, gerichtet, der andere am 29. April 1829 an Schillers -bekannten Freund Körner. Die Briefe lauten folgendermaßen: - - -I. - - »Wohlgeborne Frau! - - Seit dem Tode Ihres herrlichen Bruders sind einundzwanzig Jahre - verflossen, und noch ist er nicht begraben, sondern sein Sarg steht - in Weimar in dem Gewölbe einer Sterbkassen-Gesellschaft unter - dreißig bis vierzig andern versteckt, so daß es unmöglich ist, zu - ihm zu gelangen oder ihn nur zu sehen. - - Man sagt, daß diese ungeheure Vernachlässigung die Schuld der Witwe - sei. - - Als ich im Jahre 1820 die erste Nachricht hierüber in der - »Allgemeinen Zeitung« las, schrieb ich sogleich nach Weimar und - erkundigte mich um die Wahrheit derselben. Leider wurde solche - bestätigt und die Vermutung geäußert, daß wohl der Vermögenszustand - der Schillerschen Familie einige Schuld daran haben könne. - Sogleich entschloß ich mich, eine kleine von mir verfaßte Schrift: - »Schillers Flucht von Stuttgart und sein Aufenthalt in Mannheim - von 1782 bis 1785,« die erst nach meinem Tode erscheinen sollte, - jetzt schon, und zwar zu dem Zwecke herauszugeben, damit für den - eingehenden Betrag Schiller ein ordentliches Grabmal errichtet - werden könnte. - - Mancherlei Schwierigkeiten, die ich nicht beseitigen konnte und - deren Aufzählung zu weitläufig sein würde, brachten diese Sache - ins Stocken, bis endlich bei der Austeilung des neuen Kirchhofs - in Weimar sich Frau von Schiller entschloß, eine Familiengruft zu - wählen, und nur noch ihre Rückkehr von Köln erwartet wurde, um eine - vollkommene Entscheidung herbeizuführen. Allein ein Schlagfluß - überraschte sie in Bonn, wohin sie sich wegen einer Augenoperation - begeben hatte, und brachte diese Sache insoferne wieder aufs neue - zum Stillstande, als man sich deshalb nun an den ältesten Sohn - in Köln wenden mußte. An diesen habe ich nun geschrieben, und es - läßt sich erwarten, daß er die Pflicht des Sohnes erfüllen und - das Murren aller Reisenden, sowie die in so vielen Zeitschriften - darüber erhobenen Klagen stillen wird. - - Ich habe Herrn von Schiller auch zugleich um genaue Nachrichten - in betreff der letzten Lebensjahre seines Vaters ersucht, welche - in den Schriften von Körner, H. Döring und andern entweder - ganz übergangen oder unrichtig angegeben sind, indem mir daran - liegt, daß meine Schrift als (wenigstens kleines) Ganzes sich - darstelle. Da aber die Angaben über seine Eltern, über seine ersten - Jugendjahre gar zu karg aufgeführt sind, und solche weder in der - Zeitfolge noch in der Sache selbst zusammenpassen, so legt man - diese Schriften desto unbefriedigter weg, je gespannter man auf - alle Nachrichten ist, welche diese merkwürdige Familie betreffen. - - Von dieser Periode lassen sich nun nur noch von Ihnen, wohlgeborne - Frau, die allerzuverlässigsten Nachrichten erwarten, indem Sie - der einzige noch lebende Zeuge derselben sind. Ich nehme mir - daher die Freiheit, Ihnen einige Fragen vorzulegen, welche diesen - Zeitraum betreffen, mit der Bitte, selbige einiger Aufmerksamkeit - würdigen und mir gefälligst beantworten zu wollen. Da ich meine - Absicht, warum ich alles dahin Gehörige zu wissen wünsche, deutlich - ausgesprochen, so darf ich nicht fürchten, daß Sie diese Fragen - als aus bloßer Neugierde oder aus einer unedlen Ursache gestellt - ansehen werden, sondern habe gegründete Ursache, zu hoffen, daß Sie - dem Jugendfreunde und Leidensgefährten Ihres Bruders sein Verlangen - um so weniger versagen werden, weil dieses nur zur Verherrlichung - des Verewigten gereichen solle. Da aber die Schrift schon in - einigen Monaten in Druck gegeben werden muß -- da erst, wenn - dieser schon im Gange ist, die Unterzeichnung darauf öffentlich - angekündigt werden kann -- da auch nur alsdann erst zur Erbauung - eines ordentlichen, würdigen Grabmals geschritten wird, wenn man - der Kostendeckung versichert ist -- da meine Geschäfte mir nur - sehr wenig Zeit zur Vollendung dieser Schrift gestatten, und da - mein Alter, sowie meine Gesundheit es nicht ratsam machen, diese - Angelegenheit noch länger als bis zum 9. Mai 1827 zu erstrecken, - so muß ich den dringenden Wunsch beifügen, daß Sie die Güte haben - und mir Ihre Antwort sobald als möglich übermachen wollen. Keine - Ihrer Nachrichten soll für mein Eigentum abgegeben, sondern dankbar - dem Publikum die Quelle genannt werden, aus welcher mir solche - zugeflossen. - - Es sind nun volle dreiundvierzig Jahre, daß mir nicht mehr vergönnt - ward, Sie zu sehen, und nur meine lebhafte Erinnerung an Sie, sowie - an Ihr ganzes Haus, kann mir einige Schadloshaltung für dieses - Glück gewähren. - - Mein innigster Wunsch ist, daß dieser Brief Sie, sowie Ihren Herrn - Gemahl in bestem Wohlsein treffe, und daß von diesem durch eine - gefällige Antwort recht bald die Überzeugung erhalte, wohlgeborne - Frau, Ihr hochachtungsvoll ergebenster Diener - - Andreas Streicher, Tonkünstler. - - Wien, am 30. August 1826.« - - -II. - - »Das Werk erscheint gegen Unterzeichnung, und der reine Ertrag - desselben, wenn er sich auf 20000 Gulden beläuft, soll erstens dazu - verwendet werden, um eine Stiftung zu gründen, damit alle zehn - Jahre die Interessen dieses Kapitals demjenigen (oder dessen Erben) - eingehändigt werden, der während dieser Zeit das beste Schauspiel, - Drama oder Trauerspiel, dessen Inhalt aus der deutschen Geschichte - genommen sein muß, gedichtet hat. Zweitens, da aber die 10000 - Gulden Interessen des Kapitals in zehn Jahren wieder 2500 Gulden - abwerfen, so werden diese demjenigen Schriftsteller als Preis - zugeteilt, der in diesem Zeitraume das beste Werk für die Jugend - oder das Volk in dem Sinne geschrieben, wie es Schiller in der - Rezension von Bürgers Gedichten in den Worten: »Welches Unternehmen - usw. bis: würden sie endlich selbst von der Vernunft abfordern,« - angedeutet hat. Diese Preise würden einmal in Stuttgart, als der - Hauptstadt von des Dichters Vaterland, das andere Mal in Weimar, - wo er Unterstützung fand und starb, und das dritte Mal in Wien, - wo seine hohe, gemütvolle Dichtung noch am meisten gewürdigt und - empfunden wird, öffentlich und feierlich erteilt werden. Jeder der - genannten Orte würde drei Schiedsrichter ernennen, welche die des - Preises würdigsten Stücke bezeichnen würden. - - Dies ist das Hauptsächlichste von dem, was ich mir hierüber - ausgedacht und auch Herrn Ernst von Schiller mitgeteilt habe. - Dieser aber erwidert mir, daß ich durch Ausführung dieses Vorsatzes - dem Verkaufe der sämtlichen Werke seines Vaters bedeutenden Schaden - zufügen und vielleicht das ganze Unternehmen gefährden würde. - Allein ich habe Freiherrn von Cotta diesen Plan voriges Jahr - mündlich mitgeteilt und weder damals, noch seit jener Zeit irgend - einen Widerstand von ihm erfahren. Auch scheint die abgesonderte - Herausgabe des Briefwechsels von Goethe und Schiller darauf - hinzudeuten, daß vorerst alles bisher noch Unbekannte von Schiller - einzeln herausgegeben und dann erst in späterer Zeit eine ganz - vollständige Ausgabe seiner Werke veranstaltet werden solle. - - Da ich nun den Zweck der Herausgabe von Nachrichten über unsern - Dichter genau und wahr angegeben: da alles, was darauf Beziehung - hat, gänzlich von einer Nebenabsicht frei und rein ist, da nichts - anderes dadurch erreicht werden soll, als daß seine schwere - Laufbahn die eines nicht unwürdigen Nachfolgers erleichtern solle; - da es auch nicht gleichgültig ist, das Volk, für das er lebte - und schrieb, nicht nur zu einer dauernden Anerkennung seines - außerordentlichen Geistes aufzufordern, sondern damit auch zugleich - der Dichtkunst einen Rang anzuweisen, den sie schon lange bei - andern Nationen, aber leider bei den hadersüchtigen, nur nach Geld - und Titeln strebenden Deutschen bisher nicht hatte; da eine genaue - Schilderung seines Lebens, seines himmlischen Gemütes, der Tiefe - und Fülle seiner Empfindung nur von denen getreu dargestellt und - erwartet werden kann, die ihn im Glück und Unglück handeln sahen - -- so werden Sie dieses Schreiben sowohl als auch die Fragen mit - Nachsicht aufnehmen und nicht kalt zurückweisen.« - - * * * * * - -Streicher ist durch Christophine und auch aus seinen anderen Quellen -nicht immer ganz richtig unterrichtet worden; es sind in dem -Originaldruck eine Reihe von Versehen. Diese sind in unserem Neudruck -entweder ohne weiteres korrigiert oder aber durch Fußnoten kenntlich -gemacht worden. - -Im übrigen verweisen wir auf Streichers Büchlein selber; es mag durch -sich und für sich sprechen. - - Berlin, im Februar 1905. - - J. Wychgram. - - - - -Vorrede - -der Hinterbliebenen Streichers zur Ausgabe von 1836. - - -Der Verfasser des nachstehenden Werkchens, Andreas Streicher, lebt -nicht mehr. Zu den schönsten Erinnerungen seines reich beschäftigten -Lebens gehörten die Tage, die er in Schillers Nähe zugebracht hatte, -dessen Andenken er mit liebender Begeisterung, mit schwärmerischer -Verehrung bewahrte. Er hatte den edlen Dichterjüngling im Unglücke -gesehen, im Kampfe mit feindlichen Verhältnissen, und treu und -aufopfernd an ihm festgehalten. Und gerade jenen Zeitraum, so -wichtig für die Darstellung von Schillers Charakter, als er es für -die Entwicklung desselben und seiner äußern Lage gewesen, fand der -Verfasser in allen Biographien des Verewigten fast nur erwähnt, -nur kurz und unvollständig behandelt. Er wußte, daß wenige der -Überlebenden in dem Falle waren, so richtig und ausführlich darüber -zu berichten als er, und es drängte ihn, die Feder zu ergreifen, um -das Seinige zur Charakteristik des für Deutschland und die Menschheit -denkwürdigen Mannes beizutragen. In weit vorgerückten Jahren begann -er mit der strengsten Wahrhaftigkeit und sorgsamer, gewissenhafter -Liebe die folgenden Mitteilungen auszuarbeiten. Diese Sorgfalt bewog -ihn, immer noch daran zu bessern; diese Liebe machte, daß er zuletzt -auch Materialien über spätere Lebensabschnitte seines Jugendfreundes -sammelte, und über dem Sammeln, Sichten, Ordnen -- ereilte ihn der Tod. - -Er hatte sich oft und gern mit Entwürfen in Hinsicht auf die Verwendung -des Ertrages seiner Schrift zu einer passenden Stiftung, einem -Dichterpreis, irgend einem gemeinnützigen Zwecke beschäftigt. Seine -Hinterbliebenen halten es für ihre Pflicht gegen ihn und das Publikum, -die Herausgabe des Werkes zu besorgen, an welcher den Erblasser selbst -ein unerwartetes Ende hinderte. Überzeugt, ganz in seinem Sinne zu -handeln, legen sie das Honorar, welches die Verlagshandlung ihnen dafür -zugesagt, als Beitrag zu dem Denkmale Schillers, auf den Altar des -Vaterlandes nieder. - -Sie geben das Werk, wie sie es in Reinschrift in seinem Nachlasse -fanden. - -Sie befürchten nicht, daß der Titel »Flucht« auch nur einen leisen -Schatten auf das Andenken oder den Namen Schillers werfen dürfte, da es -allbekannt ist, wie dessen Entfernung von Stuttgart keineswegs Folge -irgend eines Fehltrittes war, sondern ganz gleich der Flucht seines -»Pegasus,« der mit der Kraft der Verzweiflung das Joch bricht, um -ungehemmten Fluges himmelan zu steigen. - -Wie an dem Titel, so glauben sie auch an dem Inhalte, ja selbst an dem -Stile nichts willkürlich ändern zu dürfen, um das Eigentümliche nicht -zu verwischen, woran man den Zeitgenossen der frühesten Periode und -den Landsmann unsers gefeierten Dichters erkennen mag. Der Verfasser -war Musiker, nicht Schriftsteller, und was ihm die Feder in die Hand -gegeben, nur seine glühende Verehrung Schillers und der frohe und -gerechte Stolz, ihm einst nahe gestanden zu sein. - -Aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, den sie festzuhalten bitten, wird -seine Leistung nachsichtige Beurteiler in den geneigten Lesern finden. - - - - -Schillers Flucht von Stuttgart - -und - -Aufenthalt in Mannheim von 1782--1785. - - -Johann Kaspar Schiller, geboren 1723, war der Vater unseres Dichters -und ein Mann von sehr vielen Fähigkeiten, die er auf die beste, -würdigste Weise verwendete, und die sowohl von seiner Umgebung als auch -von seinem Fürsten auf das vollständigste anerkannt wurden. - -In seiner Jugend wählte er zum Beruf die Wundarzneikunde und ging, -nachdem er sich hierin ausgebildet, in seinem zweiundzwanzigsten Jahre -mit einem bayrischen Husarenregiment nach den Niederlanden, von wo er, -nach geschlossenem Frieden, in sein Vaterland Württemberg zurückkehrte -und sich 1749 zu Marbach, dem Geburtsorte seiner Gattin, verheiratete. -Dem höher strebenden und mehr als zu seinem Fache damals nötig war, -ausgebildeten Geiste dieses Mannes konnte aber der kleine, enge Kreis, -in dem er sich jetzt bewegen mußte, um so weniger zusagen, als er -durchaus nichts Erfreuliches für die Zukunft erwarten ließ, und er -auch bei früheren Gelegenheiten, wo er gegen den Feind als Anführer -in den Vorpostengefechten diente, Kräfte in sich hatte kennen lernen, -deren Gebrauch ihm edler sowie für sich und seine Familie nützlicher -schien als dasjenige, was er bisher zu seinem Geschäft gemacht -hatte. Er verließ daher bei dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges, -an welchem der Herzog gegen Preußen teilnahm, die Wundarzneikunde -gänzlich, suchte eine militärische Anstellung und erhielt solche 1757 -als Fähnrich und Adjutant bei dem Regiment Prinz Louis um so leichter, -da er schon früher den Ruhm eines tapfern Soldaten und umsichtigen -Anführers sich erworben hatte. - -So lange als das württembergische Korps im Felde stand, machte er -diesen Krieg mit, benutzte aber die Zeit der Winterquartiere, um -mit Urlaub nach Hause zu kehren, und war im November 1759 bei der -Geburt seines Sohnes, der auch der einzige blieb, gegenwärtig. Nach -geschlossenem Frieden wurde er in dem schwäbischen Grenzstädtchen -Lorch als Werboffizier mit Hauptmannsrang angestellt, bekam aber, -sowie die zwei Unteroffiziere, die ihm beigegeben waren, während drei -ganzer Jahre nicht den mindesten Sold, sondern mußte diese ganze Zeit -über sein Vermögen im Dienste seines Fürsten zusetzen. Erst als er -dem Herzog eine nachdrückliche Vorstellung einreichte, daß er auf -diese Art unmöglich länger als ehrlicher Mann bestehen oder auf seinem -Posten bleiben könne, wurde er abgerufen und in der Garnison von -Ludwigsburg angestellt, wo er dann später seinen rückständigen Sold -in Terminen nach und nach erhielt. Sowohl während der langen Dauer -des Krieges als auch in seinem ruhigen Aufenthalte zu Lorch war sein -lebhafter, beobachtender Geist immer beschäftigt, neue Kenntnisse zu -erwerben und diejenigen, welche ihn besonders anzogen, zu erweitern. -Den Blick unausgesetzt auf das Nützliche, Zweckmäßige gerichtet, war -ihm schon darum Botanik am liebsten, weil ihre richtige Anwendung dem -Einzelnen, sowie ganzen Staaten Vorteile verschafft, die nicht hoch -genug gewürdigt werden können. Da zu damaliger Zeit die Baumzucht -kaum die ersten Grade ihrer jetzigen, hohen Kultur erreicht hatte, so -verwendete er auf diese seine besondere Aufmerksamkeit und legte in -Ludwigsburg eine Baumschule an, welche so guten Erfolg hatte, daß der -Herzog -- gerade damals mit dem Bau eines Lustschlosses beschäftigt -- -ihm 1775 die Oberaufsicht über alle herzustellenden Gartenanlagen und -Baumpflanzungen übertrug. - -Hier hatte er nun Gelegenheit nicht nur alles, was er wußte -und versuchen wollte, im großen anzuwenden, sondern auch seine -Ordnungsliebe und Menschenfreundlichkeit auf das wirksamste zu -beweisen. Um seine Erfahrungen in der Baumzucht, welche nach der -Absicht seines Fürsten für ganz Württemberg als Regel dienen sollten, -auch dem Auslande nutzbringend zu machen, sammelte er solche in einem -kleinen Werke: Die Baumzucht im großen, wovon die erste Auflage zu -Neustrelitz 1795 und die zweite 1806 zu Gießen erschien. - -Auch außer seinem Berufe war die Tätigkeit dieses seltenen Mannes ganz -außerordentlich. Sein Geist rastete nie, stand nie still, sondern -suchte immer vorwärts zu schreiten. Er schrieb Aufsätze über ganz -verschiedene Gegenstände und beschäftigte sich sehr gern mit der -Dichtkunst -- zu welcher er eine natürliche Anlage hatte. - -Es ist nicht wenig zu bedauern, daß von seinen vielen Schriften und -Gedichten weiter nichts als obiges Werkchen unter die Augen der Welt -kam; wäre es auch nur, um einigermaßen beurteilen zu können, wie -viel der Sohn im Talent zum Dichter und Schriftsteller vom Vater als -Erbteil erhalten habe. Der Herzog, der ihm endlich den Rang als Major -erteilte, schätzte ihn sehr hoch; seine Untergebenen, die in großer -Anzahl aus den verschiedensten Menschen bestanden, liebten ihn ebenso -wegen seiner Unparteilichkeit, als sie seine strenge Handhabung der -Ordnung fürchteten; Gattin und Kinder bewiesen durch Hochachtung und -herzlichste Zuneigung, wie sehr sie ihn verehrten. - -Von Person war er nicht groß. Der Körper war untersetzt, aber sehr -gut geformt. Besonders schön war seine hohe, gewölbte Stirn, die -durch sehr lebhafte Augen beseelt, den klugen, gewandten, umsichtigen -Mann erraten ließ. Nachdem er seine heißesten Wünsche für das Glück -und den Ruhm seines einzigen Sohnes erfüllt gesehen und den ersten -Enkel seines Namens auf den Armen gewiegt hatte, starb er 1796 im -Alter von 73 Jahren an den Folgen eines vernachlässigten Katarrhs nach -achtmonatlichen Leiden in den Armen seiner Gattin und der ältesten -Tochter, die von Meiningen herbeigeeilt war, um mit der Mutter die -Pflege des Vaters zu teilen, zugleich auch die schwere Zeit des -damaligen Krieges und ansteckender Krankheiten ihnen übertragen zu -helfen. - -Die Mutter des Dichters, Elisabetha Dorothea Kodweiß, war aus einem -alt-adligen Geschlecht entsprossen, das sich von Kattwitz nannte und -durch unglückliche Zeitumstände Ansehen und Reichtum verloren hatte. -Ihr Vater, der schon den Namen Kodweiß angenommen, war Holzinspektor -zu Marbach. Eine fürchterliche Überschwemmung beraubte ihn dort seines -ganzen Vermögens. Aus Not griff er nun, um seine Familie nicht darben -zu lassen, zu gewerblichen Mitteln, bei welchen er jedoch nichts -vernachlässigte, was die Bildung des Herzens und Geistes seiner Kinder -befördern konnte. - -Diese edle Frau war groß, schlank und wohlgebaut; ihre Haare waren sehr -blond, beinahe rot; die Augen etwas kränklich. Ihr Gesicht war von -Wohlwollen, Sanftmut und tiefer Empfindung belebt, die breite Stirne -kündigte eine kluge, denkende Frau an. Sie war eine vortreffliche -Gattin und Mutter, die ihre Kinder auf das zärtlichste liebte, sie mit -größter Sorgfalt erzog, besonders aber auf ihre religiöse Bildung, -so früh als es rätlich war, durch Vorlesen und Erklären des Neuen -Testaments einzuwirken suchte. - -Gute Bücher liebte sie leidenschaftlich, zog aber -- was jede Mutter -tun sollte -- Naturgeschichte, Lebensbeschreibungen berühmter Männer, -passende Gedichte sowie geistliche Lieder allen andern vor. Auf den -Spaziergängen leitete sie die Aufmerksamkeit der zarten Gemüter auf -die Wunder der Schöpfung, die Größe, Güte und Allmacht ihres Urhebers. -Dabei wußte sie ihren Reden so viel Überzeugendes, so viel Gehalt und -Würde einzuflechten, daß es ihnen in späten Jahren noch unvergeßlich -blieb. Ihre häusliche Lage war bei dem geringen Einkommen ihres Gatten -sehr beschränkt, und es erforderte die aufmerksamste Sparsamkeit, -sechs Kinder standesgemäß zu erhalten und sie in allem Notwendigen -unterrichten zu lassen. - -Die allgemeine Lebensart und Sitte, welche damals in Württemberg -herrschte, erleichterte jedoch eine gute Erziehung um so mehr, als eine -Abweichung von Sparsamkeit, Ordnungsliebe, Rechtschaffenheit sowie der -aufrichtigsten Verehrung Gottes als ein großer Fehler angesehen und -scharf getadelt worden wäre. Die Begriffe von Redlichkeit, Aufopferung, -Uneigennützigkeit suchte man damals jedem Kinde in das Herz zu prägen. -In der Schule wie zu Hause wurde auf die Ausübung dieser Tugenden -ein wachsames Auge gehalten. Die Vorbereitungen zur Ablegung des -Glaubensbekenntnisses waren größtenteils Prüfungen des vergangenen -Lebens sowie eindringende Ermahnungen, daß alles Tun und Lassen Gott -und den Menschen gefällig einzurichten sei. - -Ein nicht unbedeutender Teil der Bewohner Württembergs, zu welchem -sich aus allen Ständen Mitglieder gesellten, konnte sich aber an -derjenigen Religionsübung, welche in der Kirche gehalten wurde, -nicht begnügen, sondern schloß noch besondere Vereinigungen, um die -innerliche, geistige Ausbildung zu befördern, und den äußern Menschen -der Stimme des Gewissens ganz untertänig zu machen, damit dadurch hier -schon die höchste Ruhe des Gemüts und ein Vorgeschmack dessen erlangt -würde, was das Neue Testament seinen mutigen Bekennern im künftigen -Leben verspricht. Aber es war keine müßige, innere Anschauung, welcher -diese Frommen sich hingaben, sondern sie suchten auch ihre Reden -und Handlungen ebenso tadellos zu zeigen, als es ihre Gedanken und -Empfindungen waren. - -Konnten auch die weltlicher Gesinnten einer so strengen Übung der -Religion und Selbstbeherrschung sich nicht unterwerfen, so hatten sie -doch nachahmungswürdige Vorbilder unter Augen, vor welchen sie sich -scheuen mußten, die rohe Natur vorwalten zu lassen oder etwas zu tun, -was einen zu scharfen Abstand gegen das Sein und Handeln der Frömmern -gemacht hätte. Für das Allgemeine hatten diese abgeschlossenen, stillen -Gesellschaften die gute Folge, daß der württembergische Volkscharakter -als ein Muster von Treue, Redlichkeit, Fleiß und deutscher Offenheit -gepriesen wurde, und Ausnahmen davon unter die Seltenheiten gezählt -werden durften. - -In diesem Lande, unter solchen Menschen lebten die Eltern unseres -Dichters, und nach solchen frommen Grundsätzen erzogen sie auch ihre -Kinder. Die Eindrücke dieser tief wirkenden Leitung konnten nie -erlöschen; sie begleiteten die Kinder durch das ganze Leben, ermutigten -in den schwersten Prüfungen die Töchter und sprechen sich mit der -höchsten Wärme in den meisten Werken des Sohnes aus. - -Auch diese gute, geliebte Mutter erlebte noch den ersehnten Augenblick, -ihren einzigen Sohn und Liebling als glücklichen Gatten und Vater, mit -errungenem Ruhm gekrönt, im Vaterlande selbst umarmen zu können. - -Ein sanfter Tod entriß sie den Ihrigen im Jahr 1802. Ihre Ehe, -die ersten acht Jahre unfruchtbar, ward endlich durch sechs -Kinder beglückt, von denen gegenwärtig nur noch Dorothea Luise -Schiller, geboren 1766, an den Stadtpfarrer Frankh zu Möckmühl im -Württembergischen verheiratet, und Elisabetha Christophina Friederika -Schiller, geboren 1757, Witwe des verstorbenen Bibliothekars und -Hofrats Reinwald zu Meiningen, am Leben sind. Die jüngste Schwester, -Nannette, geboren 1777, verschied infolge eines ansteckenden -Nervenfiebers, das durch ein auf der Solitüde anwesendes Feldlazarett -verbreitet wurde, in ihrer schönsten Blüte schon im achtzehnten Jahre. -Zwei andere Kinder starben bald nach der Geburt. - -Dem Bruder an Gestalt, Geist und Gemüt am ähnlichsten ist die edle -Reinwald, zu welchen Eigenschaften sich noch eine Handschrift gesellt, -welche der des Dichters so ähnlich ist, daß man sie davon kaum -unterscheiden kann. - -Den frommen Gefühlen der Jugend getreu, konnte sie, auch als kinderlose -Witwe, am 16. September 1826 dem Verfasser schreiben: »Aber ich stehe -doch nicht allein, überall umgibt mein Alter der Freundschaft und -Liebe sanftes Band, und Gott schenkt mir in meinem neunundsechzigsten -Lebensjahr noch den völligen Gebrauch meiner Sinne und eine Heiterkeit -der Seele, die gewöhnlich nur die Jugend beglückt. So sehe ich mit -Zufriedenheit meinem Ziel entgegen, das mich in einer bessern Welt mit -den Geliebten, die vorangingen, wieder vereinigt.« - -Unser Dichter, Johann Christoph Friedrich Schiller, wurde am 10. -November 1759 zu Marbach, einem württembergischen Städtchen am Neckar, -geboren. Obwohl Marbach damals nicht der Wohnort seiner Eltern war, so -hatte sich dennoch seine Mutter dahin begeben, um in ihrem Geburtsort, -in der Mitte von Verwandten und Freunden das Wochenbett zu halten. - -Über die ersten Kinderjahre Schillers läßt sich mit Zuverlässigkeit -nichts weiter angeben, als daß seine Erziehung mit größter Liebe und -Aufmerksamkeit besorgt wurde, indem er sehr zart und schwächlich schien. - -Erst von dem Jahr 1765 an werden die Nachrichten bestimmter und -verbürgen, daß der Knabe seinen ersten Unterricht im Lesen, Schreiben, -Lateinischen und Griechischen von dem Pastor Moser mit dessen Söhnen -zugleich in Lorch, einem schwäbischen Grenzstädtchen, erhielt, wohin -sein Vater, wie oben erwähnt, als Werboffizier versetzt ward. - -Damals schon, im Alter von sechs bis sieben Jahren, hatte er ein sehr -tiefes religiöses Gefühl sowie eine sich täglich aussprechende Neigung -zum geistlichen Stande. Sowie ihn eine ernste Vorstellung, ein frommer -Gedanke ergriff, versammelte er seine Geschwister und Gespielen um -sich her, legte eine schwarze Schürze als Kirchenrock um, stieg auf -einen Stuhl und hielt eine Predigt, deren Inhalt eine Begebenheit, die -sich zugetragen, ein geistliches Lied oder ein Spruch war, worüber er -eine Auslegung machte. Alle mußten mit größter Ruhe und Stille zuhören; -denn wie er den geringsten Mangel an Aufmerksamkeit oder Andacht bei -der kleinen Gemeinde wahrnahm, wurde er sehr heftig und verwandelte -sein anfängliches Thema in eine Strafpredigt. - -So voll Begeisterung, Kraft und Mut diese Reden auch waren, so zeigte -in den häuslichen Verhältnissen sein Charakter dennoch nichts von -jener Heftigkeit, Eigensinn oder Begehrlichkeit, welche die meisten -talentvollen Knaben so lästig machen, sondern war lauter Freundschaft, -Sanftmut und Güte. - -Gegen seine Mutter bewies er die reinste Anhänglichkeit sowie gegen die -Schwestern die wohlwollendste Verträglichkeit und Liebe, welche von -allen auf das herzlichste, besonders tätig aber von der ältesten (der -noch lebenden Fr. Hofr. Reinwald) erwidert wurde, die öfters, obwohl -sie unschuldig war, die harten Strafen des Vaters mit dem Bruder teilte. - -Obwohl ihn der Vater sehr liebte, so war er doch wegen eines Fehlers, -durch den die sparsamen Eltern oft nicht wenig in Verlegenheit gesetzt -wurden, hart und strenge gegen ihn. Der Sohn hatte nämlich denselben -unwiderstehlichen Hang, hilfreich zu sein, welchen er später in Wilhelm -Tell mit den wenigen Worten: »Ich hab' getan, was ich nicht lassen -konnte,« so treffend schildert. - -Nicht nur verschenkte er an seine Kameraden dasjenige, über was -er frei verfügen konnte, sondern er gab auch den ärmeren Bücher, -Kleidungsstücke, ja sogar von seinem Bette. - -Hierin war die älteste Schwester, die gleichen Hang hatte, seine -Vertraute, und über diese, da sie, um den jüngern Bruder zu schützen, -sich als Mitschuldige bekannte, ergingen nun gleichfalls Strafworte und -sehr fühlbare Züchtigungen. - -Da die Mutter sehr sanft war, so ersannen die beiden Geschwister ein -Mittel, der Strenge des Vaters zu entgehen. Hatten sie so gefehlt, daß -sie Schläge befürchten mußten, so gingen sie zur Mutter, bekannten ihr -Vergehen und baten, daß sie die Strafe an ihnen vollziehe, damit der -Vater im Zorne nicht zu hart mit ihnen verfahren möchte. - -So scharf aber auch öfters die zu große Freigebigkeit des Sohnes von -dem Vater geahndet wurde, so wenig verkannte dieser dennoch die übrigen -seltenen Eigenschaften des Knaben. Er liebte ihn nicht nur wegen seiner -Begierde, etwas zu lernen, und wegen der Fähigkeit, das Erlernte zu -behalten, sondern besonders auch wegen seines biegsamen, zartfühlenden -Gemütes. - -Da sich bei dem Sohne die Neigung zum geistlichen Stande so auffallend -und anhaltend aussprach, so war ihm der Vater um so weniger hierin -entgegen, da dieser Stand in Württemberg sehr hoch geschätzt wurde, -auch viele seiner Stellen ebenso ehrenvoll als einträglich waren. - -Als die Familie 1766 nach Ludwigsburg ziehen mußte, wurde der junge -Schiller sogleich in die Vorbereitungsschulen geschickt, wo er neben -dem Lateinischen und Griechischen auch Hebräisch -- als zu dem -gewählten Beruf unerläßlich -- erlernen mußte. - -In den Jahren 1769--72 war er viermal in Stuttgart, um sich in den -vorläufigen Kenntnissen zur Theologie prüfen zu lassen, und bestand -jederzeit sehr gut. Sein Fleiß konnte nur wenige Zeit durch körperliche -Schwäche, welche durch das schnelle Wachsen veranlaßt wurde, -unterbrochen werden; denn wie seine Gesundheit kräftiger wurde, brachte -er das Versäumte mit solchem Eifer ein und lag so anhaltend über seinen -Büchern, daß ihm der Lehrer befehlen mußte, hierin Maß zu halten, -indem er sonst an Geist und Körper Schaden leiden würde. Teilnehmend, -wohlwollend und gefällig für die Wünsche seiner Mitschüler, konnte -er sich den jugendlichen Spielen leicht hingeben und in Gesellschaft -das mitmachen, was er allein wohl unterlassen hätte. Bei einer -solchen Gelegenheit, kurz vor dem Zeitpunkt, wo er in der Kirche sein -Glaubensbekenntnis öffentlich ablegen sollte, sah ihn einst die fromme -Mutter, und ihre Vorwürfe über seinen Mutwillen machten so vielen -Eindruck auf ihn, daß er noch vor der Konfirmation seine Empfindungen -zum erstenmal in Gedichten aussprach, die religiösen Inhalts waren. - -Je näher die Zeit heranrückte, in welcher er in eines der -Vorbereitungsinstitute aufgenommen werden sollte, welche Jünglingen, -noch ehe sie die Universität beziehen konnten, gewidmet waren, mit um -so größerm Eifer ergab er sich nun seinen Studien. - -Ohne Zweifel würde die Welt an Schillern einen Theologen erhalten -haben, der durch bilderreiche Beredsamkeit, eingreifende Sprache, Tiefe -der Philosophie und deren richtige Anwendung auf die Religion Epoche -gemacht und alles Bisherige übertroffen haben würde, wenn nicht seine -Laufbahn gewaltsam unterbrochen und er zum Erlernen von Wissenschaften -genötigt worden wäre, für die er entweder gar keinen Sinn hatte oder -denen er nur durch die höchste Selbstüberwindung einigen Geschmack -abgewinnen konnte. - -Der Herzog von Württemberg hatte nämlich schon im Jahr 1770 auf seinem -Lustschlosse Solitüde eine militärische Pflanzschule errichtet, die -so guten Fortgang hatte, daß die Lehrgegenstände, welche anfänglich -nur auf die schönen Künste beschränkt waren, bei anwachsender Zahl der -Zöglinge auch auf die Wissenschaften ausgedehnt wurden. - -Um die fähigsten jungen Leute kennen zu lernen, wurde von Zeit zu Zeit -bei den Lehrern Nachfrage gehalten, und diese empfahlen 1772 unter -andern guten Schülern auch den Sohn des Hauptmanns Schiller als den -vorzüglichsten von allen. Sogleich machte der Herzog dem Vater den -Antrag, seinen Sohn in die Pflanzschule aufzunehmen, auf fürstliche -Kosten unterrichten und in allem freihalten lassen zu wollen. - -Dieses großmütige Anerbieten, das manchem so willkommen war, -verursachte aber in der ganzen Schillerschen Familie die größte -Bestürzung, indem es nicht nur den so oft besprochenen Plan aller -vereitelte, sondern auch dem Sohn jede Hoffnung raubte, sich als -Redner, als Schriftsteller und geistlicher Dichter einst auszeichnen zu -können. - -Weil jedoch damals für die Theologie in dieser Anstalt noch kein -Lehrstuhl war, auch der junge Schiller schon alle Vorbereitungsstudien -für diesen Stand gemacht hatte, so versuchte der Vater diese Gnade -durch eine freimütige Vorstellung abzuwenden, die auch so guten Erfolg -hatte, daß der Herzog selbst erklärte, auf diese Art könne er in der -Akademie ihn nicht versorgen. Einige Zeitlang schien der Fürst den -jungen Schiller vergessen zu haben. Aber ganz unvermutet stellte er -noch zweimal an den Vater das Begehren, seinen Sohn in die Akademie zu -geben, wo ihm die Wahl des Studiums freigelassen würde und er ihn bei -seinem Austritt besser versorgen wolle, als es im geistlichen Stande -möglich wäre. - -Die Freunde der Familie sowie diese selbst sahen nur zu gut, was zu -befürchten wäre, wenn dem dreimaligen Verlangen des Herzogs, das man -nun als einen Befehl annehmen mußte, nicht Folge geleistet würde, -und mit zerrissenem Gemüt fügte sich endlich auch der Sohn, um seine -Eltern, die kein anderes Einkommen hatten, als was die Stelle des -Vaters abwarf, keiner Gefahr auszusetzen. - -Man mußte also den Ausspruch des Gebieters erfüllen und konnte sich -für das Aufgeben so lange genährter Wünsche nur dadurch einigermaßen -für entschädigt halten, daß die weitere Erziehung des Jünglings keine -großen Unkosten verursachen und eine besonders gute Anstellung in -herzoglichen Diensten ihm einst gewiß sein würde. - -Was noch weiter zur Beruhigung der Mutter und Schwestern beitrug, war -die Nähe des Institutes; die Gewißheit, den Sohn und Bruder jeden -Sonntag sprechen zu können; dann die große Sorgfalt, welche man für -die Gesundheit der Zöglinge anwendete, und die vertrauliche, sehr oft -väterliche Herablassung des Herzogs gegen dieselben, durch welche die -strenge Disziplin um vieles gemildert wurde. - -Mißmutigen Herzens verließ der vierzehnjährige Schiller 1773 das -väterliche Haus, um in die Pflanzschule aufgenommen zu werden, und -wählte zu seinem Hauptstudium die Rechtswissenschaft, weil von dieser -allein eine den Wünschen seiner Eltern entsprechende Versorgung einst -zu hoffen war. Aber sein feuriger, schwärmerischer Geist fand in diesem -Fache so wenig Befriedigung, daß er es sich nicht verwehren konnte, dem -Bekenntnis, welches jeder Zögling über seinen Charakter, seine Tugenden -und Fehler jährlich aufsetzen mußte, schon das erste Mal die Erklärung -beizufügen: »Er würde sich weit glücklicher schätzen, wenn er seinem -Vaterland als Gottesgelehrter dienen könnte.« - -Auf diesen ebenso schön als bescheiden ausgesprochenen Wunsch wurde -jedoch keine Rücksicht genommen. Das Studium der Rechtswissenschaft -mußte fortgesetzt werden und wurde auch mit allem Fleiß und Eifer von -ihm betrieben. Aber nach Verlauf eines Jahres beschied der Herzog den -Vater Schillers wieder zu sich, um ihm zu sagen: »daß, weil gar zu -viele junge Leute in der Akademie Jura studierten, seinem Sohne eine so -gute Anstellung bei seinem Austritt nicht werden könne, wie er selbst -gewünscht hätte. Der junge Mensch müsse Medizin studieren, wo er ihn -dann mit der Zeit sehr vorteilhaft versorgen wolle.« - -Ein neuer Kampf für den Jüngling! Neue Unruhe für seine Eltern und -Geschwister! Schon einmal hatte der zartfühlende Sohn aus Rücksicht -für seine Angehörigen die Neigung zu einem Stande aufgeopfert, den ihm -die Vorsehung ganz eigentlich bestimmt zu haben schien. Jetzt sollte er -ein zweites Opfer bringen. Er sollte, nachdem er ein volles Jahr der -Rechtswissenschaft gewidmet, ein anderes Fach ergreifen, gegen das er -die gleiche Abneigung wie gegen das zuerst erwählte an den Tag legte. -Jedoch der beugsame, kindliche Sinn, der ihn auch später in allen -Vorfällen seines Lebens nie verließ, machte ihm diesen schweren Schritt -möglich, und er unterwarf sich dem, was man über ihn bestimmt hatte. - -Für den Vater war es zugleich nicht wenig lästig, daß er die -zahlreichen, zum Rechtsstudium erforderlichen Werke ganz unnützerweise -angeschafft hatte und nun für das neue Fach noch viel größere Ausgaben -machen mußte, indem nur den gänzlich Unvermögenden die nötigen Bücher -von der Akademie verabfolgt wurden. - -Als der junge Schiller in die Klasse der Mediziner übertreten mußte, -war er in seinem sechzehnten Jahre, und so ungern er auch die neue -Wissenschaft ergriff, indem er nicht hoffen konnte, sich jemals -recht innig mit ihr zu befreunden, so fand er sie doch nach kurzer -Zeit um vieles anziehender, als er sich vorgestellt hatte; denn die -verschiedenen Teile derselben, so trocken auch ihre Einleitung sein -mochte, behandelten doch alle ohne Ausnahme die lebendige Natur -und versprachen ihm einst bei dem Menschen neue Aufschlüsse über -die Wechselwirkung des Körperlichen und des Geistigen aufeinander. -Sein schon von Jugend auf sehr starker Hang zum Forschen, zum -tiefen Nachdenken, wurde durch die Hoffnung angefeuert, hier einst -Entdeckungen machen zu können, die seinen Vorgängern entschlüpft -wären, oder daß es ihm vielleicht gelingen würde, die in so großer -Menge zerstreuten Einzelheiten auf wenige allgemeine Resultate -zurückzuführen. Aber bei allen diesen reizenden Vorahnungen und -ungeachtet der vorgeschriebenen Ordnung, die auch sehr streng gehalten -werden mußte, benutzte er doch jede freie Minute, um sich mit der -Geschichte, der Dichtkunst oder den Schriften zu beschäftigen, welche -den Geist, das Gemüt oder den Witz anregen, und vermied solche, -bei denen der kalte, überlegende Verstand ganz allein in Anspruch -genommen wird. Unter den Dichtern war es Klopstock, der sein Gefühl, -das noch immer am liebsten bei den ernsten, erhabenen Gegenständen -der Religion verweilte, am meisten befriedigte. Seinen eignen Genuß -an diesen Werken suchte er auch seiner ältesten Schwester wenigstens -in dem Maße zu verschaffen, als es durch briefliche Mitteilung in -Erklärung der schönsten und schwersten Stellen möglich war. In seiner -jugendlichen Unschuld, den hohen Stand noch gar nicht ahnend, zu -dem ihn die Vorsehung erwählt und mit allen ihren göttlichen Gaben -so überschwenglich reich beteilt hatte, konnte er wohl öfters die -entschiedene Neigung für dichterische oder andere Geisteswerke als eine -bloße Belustigung für seine Phantasie betrachten und sich Vorwürfe -darüber machen, wenn dadurch so manche Stunde seinem Berufsstudium -entzogen wurde. Aber eine innere, beruhigende Stimme rief ihm dann zu: -ist der große Arzt, der große Naturforscher Haller nicht auch zugleich -ein großer Dichter? Wer besang die Wunder der Schöpfung schöner und -herrlicher als Haller? - - »Du hast den Elefant aus Erde aufgetürmt, - Und seinen Knochenberg beseelt,« - -war ein Ausdruck, den Schiller nebst so vielen andern dieses Dichters -nicht nur damals, sondern auch dann noch mit Bewunderung anführte, als -seine erste Jugendzeit längst verflogen war. - -Jedoch nicht nur das Beispiel Hallers erleichterte ihm die -Selbstentschuldigung wegen seines Hangs für die Dichtkunst, sondern es -waren in der Abteilung, in welche er jetzt versetzt war, noch mehrere -Zöglinge, die eine gleiche Leidenschaft für Genüsse des Geistes und -Gemütes hatten, unter denen sich Petersen Hoven, Massenbach und andere -als Dichter oder Schriftsteller später bekannt gemacht haben. Je -erkünstelter der Fleiß war, mit dem diese jungen Leute ihr Hauptstudium -trieben, je gieriger suchten sie Erholung in dichterischen Werken, von -denen endlich die von Goethe und Wieland ihnen die liebsten waren. Ihre -natürlichen Anlagen verleiteten sie, bei dem bloßen Lesen und Genießen -nicht stehen zu bleiben, sondern ihre Kräfte auch an eignen Aufsätzen -oder poetischen Darstellungen zu versuchen. Und daß keiner seine Arbeit -den anderen verheimlichte; daß jeder mit größter Offenheit getadelt -oder gelobt wurde; daß diese Jünglinge sich in ungewöhnlichen oder -verwegenen Dichtungen zu überbieten suchten, war eine natürliche Folge -ihrer Jahre und des Zwanges, dem sie unterworfen waren. Die gleiche -Lieblingsneigung, die sie nur verstohlenerweise befriedigen durften, -die gleiche Subordination, unter die sie ihren Willen beugen mußten, -ketteten sie so fest aneinander, daß sie in der Folge sich nie trafen, -ohne ihre Freude durch die fröhlichste Laune, oft durch wahren Jubel zu -bezeugen. - -Unter allen diesen Schriften aber machten diejenigen, die für das -Theater geschrieben waren, den meisten Eindruck auf den jungen -Schiller. Jede Handlung im ganzen, jede Szene im einzelnen weckte -in ihm eine der schlummernden Kräfte, deren die Natur für diese -Dichtungsart so viele in ihn gelegt hatte, und die so reizbar waren, -daß er mit einem dramatischen Gedanken nur angehaucht zu werden -brauchte, um sogleich in Flammen der Begeisterung aufzulodern. -In seinem zehnten Jahre hatte er zwar schon in Ludwigsburg Opern -gesehen, die der Herzog mit allem Pomp, mit aller Kunst damaliger Zeit -aufführen ließ. So neu und wundervoll dem empfänglichen Knaben der -schnelle Wechsel prachtvoller Dekorationen, das Anschauen künstlicher -Elefanten, Löwen etc., die Aufzüge mit Pferden, das Anhören großer -Sänger, von einem trefflichen Orchester begleitet, der Anblick von -Balletten, die von Noverre eingerichtet, von Vestris getanzt wurden --- so sehr dieses alles, vereinigt, ihn auch außer sich versetzen -mußte, so hatte es doch nur die äußern Sinne des Auges, des Ohres -berührt, aber Gefühl und Gemüt weder angesprochen noch befriedigt. -Dagegen waren Julius von Tarent, Ugolino, Götz von Berlichingen -und, einige Jahre vor seinem Austritt, alle Stücke von Shakespeare -diejenigen Werke, welche mit allen seinen Gedanken und Empfindungen -so übereinstimmten, seines Geistes sich dergestalt bemeisterten, daß -er schon in seinem siebzehnten Jahre sich an dramatische Versuche -wagte und das später so berühmte Trauerspiel, die Räuber, zu entwerfen -anfing. Gaben die genannten Schriften seiner Vorliebe für dramatische -Poesie schon überflüssige Nahrung, so wurde seine Neigung, sowie für -schöne Kunst überhaupt, schon dadurch unterhalten und bestärkt, daß -er mit jenen Zöglingen, die sich für die Bühne, die Tonkunst oder -Malerei bestimmt hatten, im genauen Umgange stand. Denn so streng auch -in dieser Akademie darauf gehalten wurde, daß jeder die Gegenstände -seines künftigen Berufes auf das gründlichste erlerne, so war, wenn -diesen Forderungen Genüge geleistet wurde, der Umgang der Zöglinge -untereinander gar nicht so beschränkt, daß sie ihre freien Stunden -nicht hätten nach ihrem Willen benützen dürfen, wenn dieser die -allgemeine Ordnung nicht störte. Auch war es denjenigen unter ihnen, -die Gefallen daran fanden, alle Jahre einigemal erlaubt, Theaterstücke -in einem akademischen Saale aufzuführen, bei denen aber die weiblichen -Rollen gleichfalls von Jünglingen besetzt werden mußten. Schiller -konnte dem Drange nicht widerstehen, sich auch als Schauspieler -zu versuchen, und übernahm im Clavigo eine Rolle, die er aber so -darstellte, daß sein Spiel noch lange nachher sowohl ihm als seinen -Freunden reichen Stoff zum Lachen und zur Satire verschaffte. - -Es konnte jedoch nicht anders kommen, als daß diese dichterischen -Zerstreuungen nur zum Nachteil seiner medizinischen Studien genossen -wurden, und daß er manchen Verdruß mit seinem Hauptmann sowie öfters -Vorwürfe von seinen Professoren sich zuzog, wenn er das aufgegebene -Pensum nicht gehörig abgearbeitet hatte. - -Und dennoch, sowohl aus Liebe zu seinen Eltern, denen er Freude zu -machen wünschte, als aus Ehrgeiz und edlem Stolze, war sein Fleiß -aufrichtiger und größer als der seiner Mitschüler. Aber geschah es -denn mit seinem Willen, daß ihn mitten im eifrigsten Lernen Bilder -überraschten, die mit denen, die das Buch darbot, nicht die mindeste -Ähnlichkeit hatten! -- War es seine Schuld, daß er anatomische -Zeichnungen, Präparate, fast unmöglich in ihrer eingeschränkten -Beziehung betrachten konnte, sondern seine Phantasie sogleich in dem -Großen, Allgemeinen der ganzen Natur umherschweifte? Oder konnte er es -seiner ihm so treu anhänglichen Muse verwehren, daß sie selbst in den -Kollegien, wenn er mit tiefsinnigem Blick auf den Professor horchte, -ihm etwas zuflüsterte, was seine Ideen von dem Vortrage wegriß und -seinen Geist auch den ernstlichsten Vorsätzen entgegen in dichterische -Gefilde leitete? -- Nichts von allem diesem. Ganz unfreiwillig mußte er -sich diesen Störungen unterwerfen. Wie durch eine zauberische Gewalt -herbeigeführt, gärten in seinem Innern Bilder und Entwürfe, die immer -stärker andrängten, je mehr der Mann sich in ihm entwickelte und seine -Vorstellungen sich bereicherten. - -Er selbst sah sehr gut ein, daß er bei diesem nicht ungeteilten Treiben -seiner Berufswissenschaft sehr spät das Ziel erreichen würde, welches -er sich vorgesetzt hatte, und ob auch seine Lehrer die treffenden -Bemerkungen und Antworten von ihm weit höher als den mechanischen -Fleiß der andern achteten, so stellte er doch zu große Forderungen an -sich selbst, als daß ihm seine bisherigen Fortschritte hätten genügen -können. Er beschloß daher in seinem achtzehnten Jahre, so lange nichts -anderes, als was die Medizin betreffe, zu lesen, zu schreiben oder auch -nur zu denken, bis er sich das Wissenschaftliche davon ganz zu eigen -gemacht hätte. Der ungeheuern Überwindung, die es ihn anfangs kostete, -ungeachtet, verfolgte er diesen Vorsatz mit solcher Festigkeit und -studierte die ärztlichen Werke von Haller mit so viel unausgesetztem -Eifer, daß er schon nach Verlauf von kaum drei Monaten eine Prüfung -darüber bestehen konnte, von welcher er die größten Lobsprüche -einerntete. Diese außerordentliche Anstrengung, bei welcher er sich -auch den kleinsten Genuß, selbst ein aufmunterndes Gespräch versagte, -hatte zwar etwas nachteilig auf seinen Körper gewirkt, dagegen aber -ihn mit der Wissenschaft dergestalt vertraut gemacht, daß er nun mit -größter Leichtigkeit auf die Anwendung derselben sowohl in ihren -verschiedenen Fächern als in der Heilkunde selbst übergehen konnte. - -Das höchste Opfer, welches er seinem künftigen Berufe bringen mußte, -war eine so lange dauernde Entsagung der Dichtkunst, die bei ihm schon -zur Leidenschaft geworden war. Aber er hatte sich von der Geliebten ja -nur entfernt! Untreu konnte er ihr niemals werden; denn so wie er den -Grad des Wissens, der ihn zum Meister der Arzneikunde machen sollte, -einmal erobert hatte, kehrte er mit allem Feuer ungestillter Sehnsucht -in die Arme der Göttin zurück und benutzte jeden freien Augenblick zur -Ausarbeitung seines angefangenen Trauerspiels. Auch dichtete er außer -vielen andern Sachen in diesem Zeitpunkt eine Oper, Semele, die so -großartig gedacht war, daß, wenn sie hätte aufgeführt werden sollen, -alle mechanische Kunst des Theaters damaliger Zeit (und man darf sagen, -auch der jetzigen) nicht ausgereicht haben würde, um sie gehörig -darzustellen. - -Das Praktische der Medizin kostete ihn nun weit weniger Mühe, als ihm -das Theoretische verursacht hatte. Die Anwendung der vorgeschriebenen -Regeln erhöhten sein Interesse schon darum, weil er ihre Wirkung -beobachten und Bemerkungen darüber äußern konnte, die von seinen -Professoren oft bewundert wurden. Die günstigen Zeugnisse, die sie ihm -erteilten, hatten für ihn die angenehme Folge, daß er mit dem Antritt -seines zweiundzwanzigsten Jahres über eine von ihm selbst geschriebene -Abhandlung öffentlich disputieren durfte und für fähig gehalten -ward, nicht nur aus der Akademie treten, sondern auch eine ärztliche -Anstellung in herzoglichen Diensten bekleiden zu können. Er erhielt zu -Ende des Jahres 1780 bei dem in Stuttgart liegenden Grenadierregiment -Augé die Stelle eines Arztes mit monatlicher Besoldung von achtzehn -Gulden Reichswährung oder fünfzehn Gulden im Zwanzig-Gulden-Fuß. - -Obwohl die Berufsfähigkeiten Schillers eine würdigere Auszeichnung -verdient hätten und auch die Stelle nebst ihrem kleinen Sold sehr tief -unter der Erwartung der Eltern war, die dem gegebenen Versprechen -des Herzogs gemäß auf eine weit bessere Versorgung gezählt hatten, -so durfte doch von keiner Seite ein Widerspruch erhoben oder eine -Einwendung dagegen gemacht werden. - -Und derjenige, der die größte Ursache zu klagen gehabt hätte, war am -besten mit dieser Entscheidung zufrieden, weil nun seine Tätigkeit -freien Raum hatte und weil ihm der ungehinderte Gebrauch seiner -Dichtergabe gestattet schien, die sich von Tag zu Tag stärker -entwickelte; denn je mehr ihm der Zwang und die unabänderliche -Regelmäßigkeit mißfiel, in welcher er sieben Jahre seiner schönsten -Jugendzeit zubringen mußte, um so öfter und leidenschaftlicher -beschäftigte er sich mit Entwürfen, wie er einst seine Freiheit -genießen wolle; und als endlich die Hoffnung zur Selbständigkeit, -sowohl ihm als seinen jungen Freunden in Gewißheit überzugehen -anfing, war es ihre einzige, angenehmste Unterhaltung, sich ihre -Wünsche und Vorsätze hierüber mitzuteilen. Die letzteren betrafen -jedoch hauptsächlich literarische Gegenstände, die so tätig ins Werk -gesetzt wurden, daß Schiller sogleich nach dem Antritt seines Amtes -das Schauspiel, die Räuber, das er in den vier letzten Jahren seines -akademischen Aufenthaltes schrieb, gänzlich in Ordnung brachte und -solches zu Anfang des Sommers 1781 im Druck herausgab. - -Es wäre vergeblich, den Eindruck schildern zu wollen, den diese -Erstgeburt eines Zöglings der hohen Karlsschule und, wie man wußte, -eines Lieblings des Herzogs in dem ruhigen, harmlosen Stuttgart -hervorbrachte, wo man nur mit den frommen, sanften Schriften eines -Gellert, Hagedorn, Ramler, Rabener, Utz, Kramer, Schlegel, Cronegk, -Haller, Klopstock, Stollberg und ähnlicher den Geist nährte; wo -man die Gedichte von Bürger, die Erzählungen von Wieland als das -Äußerste anerkannte, was die Poesie in sittlichen Schilderungen sich -erlauben darf -- wo man Ugolino für das schauderhafteste und Götz -von Berlichingen für das ausschweifendste Produkt erklärte; -- wo -Shakespeare kaum einigen Personen bekannt war und wo gerade die Leiden -Siegwarts, Karl von Burgheim und Sophiens Reise von Memel nach Sachsen -das höchste Interesse der Leseliebhaber erregt hatten. Nur derjenige, -der die genannten Schriften kennt, sich den ruhigen, stillen Eindruck, -den sie einst auf ihn machten, zurückruft und dann einige Auftritte -aus den Räubern liest; nur der allein kann sich die Wirkung lebhaft -genug vorstellen, welche diese -- in Rücksicht ihrer Fehler sowohl -als ihrer Schönheiten -- außerordentliche Dichtung hervorbrachte. Die -jüngere Welt besonders wurde durch die blendende Darstellung, durch die -natürliche, ergreifende Schilderung der Leidenschaften in die höchste -Begeisterung versetzt, welche sich unverhohlen auf das lebhafteste -äußerte. - -Der Ruhm des Dichters blieb aber nicht auf sein Vaterland beschränkt. -Ganz Deutschland ertönte von Bewunderung und Erstaunen, daß ein -Jüngling seine Laufbahn mit einem Werk eröffne, womit andere sich -glücklich preisen würden, die ihrige beschließen zu können. - -Diese Lobeserhebungen, so schmeichelhaft sie auch seinem Ehrgeize -waren, konnten ihn jedoch nicht in dem Grade berauschen, daß er -geglaubt hätte, schon vieles oder gar alles erreicht zu haben, sondern -waren eher ein Sporn für ihn, noch Größeres zu leisten. - -Er veranstaltete im nämlichen Jahre noch die Herausgabe einer Sammlung -Gedichte, die teils von ihm selbst, teils von seinen Freunden schon -in der Akademie bearbeitet worden waren, und ließ solche unter dem -Titel Anthologie 1782 erscheinen. Da auch das von dem Professor -Balthasar Haug seit einigen Jahren herausgegebene Schwäbische Magazin -sich seinem Ende nahte, so beschloß er, in Gemeinschaft mit seinen -Freunden die erlöschende Monatschrift als ein Repertorium für Literatur -fortzusetzen; was um so leichter zustande kam, je größer der Vorrat -war, den sie schon früher gesammelt hatten. Mit wahrhaft jugendlichem -Übermut verfaßte er für diese Schrift in der Folge eine Rezension -seiner Räuber, welche so hart und beißend war, daß man nicht begreifen -konnte, wie jemand es wagen mochte, eine Arbeit so streng zu tadeln, -deren Glanz die meisten Leser verblendet und auch den größten Kennern -Achtung abgenötigt hatte. Der über diese Beurteilung häufig geäußerte -Tadel gewährte aber ihm desto mehr Belustigung, je weniger jemand --- außer einigen Freunden, die darum wußten -- vermutete, daß der -Verfasser selbst diese scharfe Geißel über sich geschwungen. - -Diese literarischen Beschäftigungen, welche eine lang gehegte Sehnsucht -befriedigten, und bei welchen sich Schiller ganz in seinem Element -befand, hätten ihm wenig zu wünschen übrig gelassen, wenn dadurch seine -körperlichen Bedürfnisse ebenso wie seine geistigen gehoben gewesen -wären. Allein dies konnte um so weniger der Fall sein, je kleiner in -Stuttgart die Anzahl der Buchhändler oder derjenigen Leute war, die -nicht nur lesen, sondern auch kaufen wollten. Es ließ sich schon für -die Räuber kein Verleger finden, der die Ausgabe auf seine Kosten -wagen, noch minder aber etwas dafür honorieren wollte, daher der -Dichter genötigt war, sie auf eigne Kosten drucken zu lassen und, da -seine Geldkräfte bei weitem nicht hinreichten, den Betrag zu borgen. - -Um zu versuchen, ob er nicht zu einigem Ersatz seiner Auslagen gelangen -könne, und um sein Werk auch im Ausland bekannt zu machen, schrieb -er, noch ehe der Druck ganz beendigt war, an Herrn Hofkammerrat und -Buchhändler Schwan zu Mannheim, der durch den vorteilhaftesten Ruf -bekannt war, und schickte ihm die fertigen Bogen zu, welche er, mit -Bemerkungen begleitet, wieder zurückerhielt. - -Ob allein die Ansichten des Herrn Schwan den Verfasser aufmerksam -machten, oder ob er selbst darüber erschrak, wie grell und widerlich -sich manches dem Auge darstelle, nachdem es nun gedruckt vor ihm lag -- -genug, in den letzten Bogen wurde einiges geändert, die von der Presse -schon ganz fertig gelieferte Vorrede unterdrückt und eine neue mit -gemilderten Ausdrücken an deren Stelle gesetzt. - -Wer es weiß, wie einseitig ein Dichter oder Künstler wird, wenn er -nicht mit andern seines Faches, die höher als er, oder doch mit ihm -auf gleicher Stufe stehen, Umgang haben und seine Ideen austauschen -kann; wer zugibt, daß bei einem reichen, feurigen Talent, in den ersten -Jünglingsjahren nur Begeisterung und Einbildungskraft herrschen, -Verstand und Geschmack aber von diesen übertäubt werden; der wird die -stärksten Auswüchse in den Räubern um so eher entschuldigen, als der -Dichter nicht in der Lage war, einen in der Literatur bedeutenden Mann -zum Vertrauten zu haben, und auch schon sein zweites Werk hinlänglich -bezeugte, mit welcher Umsicht er die Fehler des ersten zu vermeiden -gesucht. - -So sehr Herr Schwan als Buchhändler Schillern nützlich zu werden -suchte, so eifrig verwendete er sich bei dem damaligen Intendanten -des Mannheimer Theaters, Baron von Dalberg, damit dieses Stück für -die Bühne brauchbar gemacht und aufgeführt werden könne. Demzufolge -forderte Baron von Dalberg den Dichter auf, nicht nur dieses -Trauerspiel abzuändern, sondern auch seine künftigen Arbeiten für die -Schauspielergesellschaft in Mannheim einzurichten. Schiller willigte -um so lieber in diesen Vorschlag, je entfernter der Zeitpunkt war, -in welchem eine seiner Dichtungen auf dem Theater in Stuttgart hätte -aufgeführt werden können, indem die Leistungen desselben bloß als -Versuche von Anfängern gelten konnten. - -Vor dem Jahre 1780 war nie ein stehendes deutsches Theater in der -Hauptstadt Württembergs. Was man daselbst vom Schauspiel kannte, waren -die Opern und Ballette, welche früher, ganz auf herzogliche Kosten, -von Italienern und Franzosen, und nachdem diese verabschiedet waren, -von den männlichen und weiblichen Zöglingen der Akademie, gleichfalls -in italienischer und französischer Sprache gegeben wurden. In Mitte -der siebziger Jahre kam Schikaneder nach Stuttgart; durfte aber keine -Vorstellung im Opernhause geben, sondern mußte seine Operetten, Lust- -und Trauerspiele im Ballhause aufführen. Erst als die Zöglinge der -Akademie mehr herangewachsen, und man sie -- da sie doch einmal für das -Schauspiel bestimmt waren -- in Übung erhalten wollte, gaben sie so -lange, bis ein neues Theater gebaut wurde, die Woche einige deutsche -Operetten in dem Opernhause, für deren Genuß das Publikum ein sehr -mäßiges Eintrittsgeld bezahlte. Auch als das kleinere Theater fertig -stand, wurden anfänglich nichts als kleine, deutsche Opern aufgeführt; -was um so natürlicher war, da sich unter allen, welche sich dem Theater -gewidmet hatten, nur eine einzige Person fand, welche wahrhaft großes -Talent sowohl für komische als ernsthafte Darstellungen zeigte. - -Diese war -- Herr Haller, ein wahrer Sohn der Natur. Wäre ihm damals -das Glück geworden in einer andern Umgebung zu sein, gute Vorbilder -und Beispiele zu sehen, so hätte er einer der besten Schauspieler -Deutschlands werden können, und sein Name wäre mit den Vorzüglichsten -dieser Kunst zugleich genannt worden. - -Je tiefer nun diese vaterländische Schaubühne unter dem Ideale stand, -das Schillern von einem guten, besonders aber tragischen Schauspiel -vorschwebte, um so lebhafter ergriff er den Vorschlag, sein Stück -für eine Bühne zu bearbeiten, die nicht nur einen sehr großen Ruf -hatte, sondern sich auch um so mehr als die erste in Deutschland -achten durfte, da fast alle ihre Mitglieder in der Schule von Ekhof -gebildet waren. Mit all dem Eifer, den Jugend und Begeisterung zur -Erreichung eines Zweckes, der für ihn das höchste seiner Wünsche war, -nur immer hervorbringen können, ging Schiller an die Umarbeitung -seines Trauerspiels, die er sich weniger schwer dachte, als er in -der Folge fand. Denn wäre es ihm auch leicht geworden, seinen hohen, -dichterischen Flug den Schranken der Bühne und den Forderungen des -Publikums gemäß einzurichten; oder hätte er auch ohne Bedauern -manche Szenen und Stellen aufgeopfert, die er und seine Freunde -sehr hoch geschätzt hatten, so raubten ihm seine Berufsgeschäfte -den ungehinderten Gebrauch der Zeit sowie die nötige Stimmung, die -eine solche Arbeit erfordert. Seinem ganzen Wesen, das nicht den -mindesten Zwang ertragen konnte, war das immerwährende Einerlei der -Lazarettbesuche und ebenso das tägliche und genaue Erscheinen auf -der Wachtparade, um seinem General den Rapport über die Kranken -abzustatten, im höchsten Grad zuwider. Die unpoetische Uniform, aus -einem blauen Rock mit schwarzem Samtkragen, weißen Beinkleidern, -steifem Hut und einem Degen ohne Quaste bestehend, sah er als ein -Abzeichen an, das ihn unablässig an die Subordination erinnern solle. -Am härtesten fiel ihm jedoch, daß er ohne ausdrückliche Erlaubnis -seines Generals sich nicht aus der Stadt entfernen und seine nur eine -Stunde von Stuttgart wohnenden Eltern und Geschwister besuchen durfte. -In seiner schönsten Jugendzeit mußte er diesen Umgang meistens nur auf -schriftliche Unterhaltung beschränken, und jetzt, da er sich frei -glauben durfte, war es ihm um so schmerzlicher, den Besuch seiner -nächsten Angehörigen von der Laune seines Chefs erbitten zu müssen. - -Die ganze Familie fand sich durch seine Anstellung als Regimentsarzt -getäuscht, indem sie, als der Sohn seiner Neigung zur Theologie -entsagen mußte, auf das von dem Herzog gegebene Versprechen fest baute, -daß er ihn für die gemachte Aufopferung auf die vorteilhafteste Art -schadlos halten würde. - -Jedoch mußten alle sich fügen, und dem Sohne blieb nur der Trost, den -er in seinen dichterischen Beschäftigungen fand, und nebenbei die -Aussicht, sich dadurch im Auslande bekannt und seinen Wirkungskreis -bedeutender zu machen. Er schrieb daher auch an Wieland, den er nicht -allein wegen seiner Vielseitigkeit, sondern vorzüglich wegen der hohen -Vollendung seiner Dichtungen außerordentlich hochschätzte, und war -überglücklich, als er von diesem großen Mann eine Antwort erhielt, die -nicht nur das Ungewöhnliche und Seltene der frühzeitigen Leistungen -Schillers in vollem Maß anerkannte, sondern auch überhaupt sehr -geistreich und schmeichelhaft war. Für die Freunde von Schiller, die -an allem, was ihn betraf, mit dem wärmsten Eifer Anteil nahmen, war -es eine Art von Fest, diesen Brief zu lesen; sowohl die schöne, reine -Schrift als die fließende Schreibart zu bewundern und sich über dessen -Inhalt zu besprechen. Mit Stolz hoben sie es heraus, daß der Sänger der -Musarion auch ein Schwabe sei und von diesem Schwaben die Sprache der -Grazien der feinsten, gebildetsten Welt vorgetragen werde. - -Ähnliche Ermunterungen vom Auslande nebst dem Drange, die Geschöpfe -seiner Einbildungskraft verwirklicht zu sehen, stärkten den Mut des -jungen Dichters und erhoben ihn über die Widerwärtigkeiten, welche ihm -seine Lage täglich verursachte. Außer den vielen Unterbrechungen aber, -die ihm sein Stand zur Pflicht machte, waren auch die Einwürfe des -Baron Dalberg nichts weniger als dazu geeignet, ihn bei guter Laune für -seine Arbeit zu erhalten, und man darf sich daher auch nicht wundern, -daß er zur Umschmelzung seines Schauspiels so viele Monate brauchte, -als es bei minderer Störung Wochen bedurft hätte. - -Er besiegte jedoch alle Schwierigkeiten, so sehr sich auch sein ganzes -Wesen anfangs dagegen sträubte, und fühlte sich wie von der schwersten -Last erleichtert, als er sein Manuskript für fertig halten und nach -Mannheim absenden konnte. Um aber dem Leser das Gesagte anschaulicher -zu machen, sei es erlaubt einen Teil des Schreibens, welches die -Umarbeitung begleitete, aus den, bei D. R. Marx in Karlsruhe -erschienenen Briefen Schillers an Baron Dalberg hier einzurücken, indem -es zur Bestätigung des Obigen dient, und zugleich den Beweis liefert, -wie streng und mit wie wenig Schonung er bei der Abänderung verfuhr. -Selten wird wohl ein Dichter bei seinem ersten Werke schon alles für so -wichtig angesehen oder so scharf beurteilt haben, als es hier von einem -zweiundzwanzigjährigen Jüngling geschehen ist. - - Stuttgart, den 6. Oktober 1781. - - »Hier erscheint endlich der verlorene Sohn, oder die - umgeschmolzenen Räuber. Freilich habe ich nicht auf den Termin, - den ich selbst festsetzte, Wort gehalten, aber es bedarf nur eines - flüchtigen Blicks über die Menge und Wichtigkeit der getroffenen - Veränderungen, mich gänzlich zu entschuldigen. Dazu kommt noch, - daß eine Ruhrepidemie in meinem Regimentslazarett mich von meinem - ~otiis poeticis~ sehr oft abrief. Nach vollendeter Arbeit darf - ich Sie versichern, daß ich mit weniger Anstrengung des Geistes - und gewiß mit noch weit mehr Vergnügen ein neues Stück, ja selbst - ein Meisterstück schaffen wollte, als mich der nun getanen Arbeit - nochmals unterziehen. -- Hier mußte ich Fehlern abhelfen, die - in der Grundlage des Stückes schon notwendig wurzeln, hier mußte - ich an sich gute Züge den Grenzen der Bühne, dem Eigensinn - des Parterre, dem Unverstand der Galerie, oder sonst leidigen - Konventionen aufopfern, und einem so durchdringenden Kenner, - wie ich in Ihnen zu verehren weiß, wird es nicht unbekannt sein - können, daß es, wie in der Natur so auf der Bühne, für eine Idee, - eine Empfindung, auch nur einen Ausdruck, ein Kolorit gibt. Eine - Veränderung, die ich in einem Charakterzug vornehme, gibt oft dem - ganzen Charakter, und folglich auch seinen Handlungen und der auf - diesen Handlungen ruhenden Mechanik des Stücks eine andere Wendung. - Also Hermann. Wiederum stehen die Räuber im Original unter sich - in lebhaftem Kontrast, und gewiß wird ein jeder Mühe haben, vier - oder fünf Räuber kontrastieren zu lassen, ohne in einem von ihnen - gegen die Delikatesse des Schauplatzes anzurennen. Als ich es - anfangs dachte und den Plan bei mir entwarf, dacht' ich mir die - theatralische Darstellung hinweg. Daher kam's, daß Franz als ein - räsonierender Bösewicht angelegt worden; eine Anlage, die, so gewiß - sie den denkenden Leser befriedigen wird, so gewiß den Zuschauer, - der vor sich nicht philosophiert, sondern gehandelt haben will, - ermüden und verdrießen muß. In der veränderten Auflage konnte - ich diesen Grundriß nicht übern Haufen werfen, ohne dadurch der - ganzen Ökonomie des Stücks einen Stoß zu geben; ich sehe also mit - ziemlicher Wahrscheinlichkeit voraus, daß Franz, wenn er nun auf - der Bühne erscheinen wird, die Rolle nicht spielen werde, die er - beim Lesen gespielt hat. Dazu kommt noch, daß der hinreißende Strom - der Handlung den Zuschauer an den feinen Nuancen vorüberreißt, - und ihn also wenigstens um den dritten Teil des ganzen Charakters - bringt. Der Räuber Moor, wenn er, wie ich zum voraus versicherte, - seinen Mann unter den HH. Schauspielern findet, dürfte auf dem - Schauplatz Epoche machen; einige wenige Spekulationen, die aber - auch als unentbehrliche Farben in dem ganzen Gemälde spielen, - weggerechnet, ist er ganz Handlung, ganz anschauliches Leben. - Spiegelberg, Schweizer, Hermann etc. sind im eigentlichsten - Verstande Menschen für den Schauplatz; weniger Amalie und der Vater. - - Ich habe schriftliche, mündliche und gedruckte Rezensionen zu - benutzen gesucht. Man hat mehr von mir gefordert als ich leisten - konnte, denn nur dem Verfasser eines Stücks, zumal wenn er selbst - noch Verbesserer wird, zeigt sich das ~non plus ultra~ vollkommen. - Die Verbesserungen sind wichtig, verschiedene Szenen ganz neu, und - meiner Meinung nach, das ganze Stück wert -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - Franz ist der Menschheit etwas nähergebracht, aber der Weg dazu - ist etwas seltsam. Eine Szene, wie seine Verurteilung im fünften - Akt, ist meines Wissens auf keinem Schauplatz erlebt, ebensowenig - als Amaliens Aufopferung durch ihren Geliebten. Die Katastrophe - des Stücks deucht mir nun die Krone desselben zu sein. Moor spielt - seine Rolle ganz aus, und ich wette, daß man ihn nicht in dem - Augenblick vergessen wird, als der Vorhang der Bühne gefallen ist. - Wenn das Stück zu groß sein sollte, so steht es in der Willkür - des Theaters, Räsonnements abzukürzen, oder hie und da etwas - unbeschadet des ganzen Eindrucks hinweg zu tun. Aber dawider - protestiere ich höflich, daß beim Drucken etwas hinweggelassen - wird; denn ich hatte meine guten Gründe zu allem, was ich stehen - ließ, und soweit geht meine Nachgiebigkeit gegen die Bühne nicht, - daß ich Lücken lasse und Charaktere der Menschheit für die - Bequemlichkeit der Spieler verstümmle.« -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - +Fr. Schiller+, ~R. Medicus~. - -Es würde die vorgesteckten Grenzen dieser Schrift überschreiten, wenn -auch die folgenden Briefe, welche die Einwürfe des Freiherrn von -Dalberg widerlegen sollten, hier angeführt würden. Nur so viel sei noch -hierüber gesagt, daß, so sehr auch Schiller den Zug in dem Charakter -Karl Moors, die Geliebte mit seiner Hand zu töten, als wesentlich zur -ganzen Rolle, ja als eine positive Schönheit derselben betrachtete, -sein Gegner davon nicht abzubringen war, daß Amalie sich selbst mit -dem Dolch erstechen müsse. Der andere Punkt, die Räuber in die Zeiten -Maximilians des Ersten zu versetzen und in altdeutscher Kleidung -spielen zu lassen, machte der theatralischen Wirkung gar keinen -Eintrag, indem die Handlung zu sehr hinriß, um Vergleichungen zwischen -der Sprache und dem Kostüm anstellen zu können, und damals nur äußerst -wenige der Kritik, sondern nur des Eindrucks wegen, den das Gesehene -bei ihnen zurücklassen sollte, das Schauspiel besuchten. - -Mit welcher Unruhe Schiller den Nachrichten aus Mannheim entgegensah, -und in welcher Spannung er die Zeit zubrachte, welche zu den -Vorbereitungen, den Proben erforderlich war, mag wohl nur der am -richtigsten beurteilen, der als Dichter oder Tonkünstler sich zum -erstenmal in gleichem Fall befindet. Er selbst sagt hierüber in einem -der folgenden Briefe: »Auf meinen Räuber Moor bin ich im höchsten Grad -begierig, und von Herrn Böck, der ihn ja vorstellen soll, höre ich -nichts als Gutes. Ich freue mich wirklich darauf wie ein Kind.« Ferner: -»Ich glaube meine ganze dramatische Welt wird dabei aufwachen, und im -ganzen einen größern Schwung geben; denn es ist das erste Mal in meinem -Leben, daß ich etwas mehr als Mittelmäßiges hören werde.« - -Endlich kam auch der so heftig gewünschte und ersehnte Tag heran, wo -er seinen verlornen Sohn, wie er anfangs die Räuber benennen wollte, -in der Mitte Januars 1782 auf dem Theater in Mannheim darstellen -sah. Aus der ganzen Umgegend, von Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt, -Mainz, Worms, Speyer etc. waren die Leute zu Roß und zu Wagen -herbeigeströmt, um dieses berüchtigte Stück, das eine außerordentliche -Publizität erlangt hatte, von Künstlern aufführen zu sehen, die auch -unbedeutende Rollen mit täuschender Wahrheit gaben und nun hier um -so stärker wirken konnten, je gedrängter die Sprache, je neuer die -Ausdrücke, je ungeheuerer und schrecklicher die Gegenstände waren, -welche dem Zuschauer vorgeführt werden sollten. Der kleine Raum des -Hauses nötigte diejenigen, welchen nicht das Glück zu teil wurde, eine -Loge zu erhalten, ihre Sitze schon mittags um ein Uhr zu suchen und -geduldig zu warten, bis um fünf Uhr endlich der Vorhang aufrollte. -Um die Veränderung der Kulissen leichter zu bewerkstelligen, machte -man aus fünf Akten deren sechs, welche von fünf Uhr bis nach zehn Uhr -dauerten. Die ersten drei Akte machten die Wirkung nicht, die man im -Lesen davon erwartete; aber die letzten drei enthielten alles, um auch -die gespanntesten Forderungen zu befriedigen. - -Vier der besten Schauspieler, welche Deutschland damals hatte, wendeten -alles an, was Kunst und Begeisterung darbieten, um die Dichtung auf -das vollkommenste und lebendigste darzustellen. Böck als Karl Moor -war vortrefflich, was Deklamation, Wärme des Gefühls und den Ausdruck -überhaupt betraf. Nur seine kleine, untersetzte Figur störte anfangs, -bis der Zuschauer von dem Feuer des Spiels fortgerissen, auch diese -vergaß. Beil als Schweizer ließ nichts zu wünschen übrig; so wie auch -Kosinsky durch die passende Persönlichkeit des Herrn Beck sehr gewann. -Durch die Art aber wie Iffland die Rolle des Franz Moor nicht nur -durchgedacht, sondern dergestalt in sich aufgenommen hatte, daß sie mit -seiner Person eins und dasselbe schien, ragte er über alle hinaus und -brachte eine nicht zu beschreibende Wirkung hervor, indem keine seiner -Rollen, welche er früher und dann auch später gab, ihm die Gelegenheit -verschaffen konnte, das Gemüt bis in seine innersten Tiefen so zu -erschüttern, wie es bei der Darstellung des Franz Moor möglich war. -Zermalmend für den Zuschauer war besonders die Szene, in welcher er -seinen Traum von dem Jüngsten Gericht erzählte, mit aller Seelenangst -die Worte ausrief: »Richtet einer über den Sternen? Nein! Nein!« und -bei dem zitternd und nur halblaut gesprochenen, in sich gepreßten -Worte: Ja! Ja! -- die Lampe in der Hand, welche sein geisterbleiches -Gesicht erleuchtete -- zusammensank. Damals war Iffland 26 Jahre alt, -von Körper sehr schmächtig, im Gesicht etwas blaß und mager. Dieser -Jugend ungeachtet, war sein Spiel auch in den kleinsten Schattierungen -so durchgeführt, daß es ein nicht zu vertilgendes Bild in jedem Auge, -das ihn sah, zurückließ. - -Welche Wirkung die Vorstellung der Räuber auf den Dichter derselben -hervorbrachte, davon haben wir noch ein Zeugnis in dem Brief an Baron -Dalberg vom 17. Jänner 1782, wo er schreibt: »Beobachtet habe ich sehr -vieles, sehr vieles gelernt, und ich glaube, wenn Deutschland einst -einen dramatischen Dichter in mir findet, so muß ich die Epoche von der -vorigen Woche zählen etc.« - -Daß auch ihn selbst das Spiel von Iffland überraschte, bezeugte er -in demselben Briefe mit Folgendem: »Dieses einzige gestehe ich, daß -die Rolle Franzens, die ich als die schwerste erkenne, als solche -über meine Erwartung (welche nicht gering war) vortrefflich gelang.« -Schiller hatte sich, ohne Urlaub von seinem Regimentschef zu nehmen, -aus Stuttgart entfernt, um sein Schauspiel zu sehen; es wußten daher -auch nur einige um seine Abwesenheit und sie blieb für diesmal -verborgen. Aber die Heiterkeit, welche vor der Abreise sein ganzes -Wesen beseelt hatte, war nach seiner Rückkehr fast ganz verschwunden; -denn so heftig er die Stunden des schöpferischen Genusses herbei -gewünscht hatte, so mißvergnügt war er nun, daß er seine medizinischen -Amtsgeschäfte wieder vornehmen und sich der militärischen Ordnung -fügen mußte, da ihm jetzt nicht nur der Ausspruch der Kenner, der -stürmische Beifall des Publikums, sondern hauptsächlich sein eignes -Urteil die Überzeugung verschafft hatte, daß er zum Dichter, besonders -aber zum Schauspieldichter geboren sei, und daß er hierin eine Stufe -erreichen könne, die noch keiner seiner Nation vor ihm erstiegen. Jede -Beschäftigung, die er nun unternehmen mußte, machte ihn mißmutig, und -er achtete die Zeit, die er darauf verwenden mußte, als verschwendet. -Es bedurfte wirklich auch einiger Wochen, bis sein aufgeregtes Gemüt -sich wieder in die vorigen Verhältnisse finden konnte, und als er etwas -ruhiger geworden war, brütete seine Einbildungskraft sogleich wieder -über neuen Sujets, die als Schauspiele bearbeitet werden könnten. - -Unter mehreren, die aufgenommen und wieder verworfen wurden, -blieben Konradin von Schwaben und die Verschwörung des Fiesco zu -Genua diejenigen, welche ihm am meisten zusagten. Endlich wählte -er letzteres, und zwar nicht allein wegen des Ausspruchs von J. J. -Rousseau, daß der Charakter des Fiesco einer der merkwürdigsten sei, -welche die Geschichte aufzuweisen habe; sondern auch, weil er bei -dem Durchdenken des Planes fand, daß diese Handlung der meisten und -wirksamsten Verwicklungen fähig sei. Sobald sein Entschluß hierüber -fest stand, machte er sich mit allem, was auf Italien, die damalige -Zeit sowie auf den Ort, wo sein Held handeln sollte, Beziehung hatte, -mit größter Emsigkeit bekannt, besuchte fleißig die Bibliothek, las und -notierte alles, was dahin einschlug, und als er endlich den Plan im -Gedächtnis gänzlich entworfen hatte, schrieb er den Inhalt der Akte und -Auftritte in derselben Ordnung, wie sie folgen sollten, aber so kurz -und trocken nieder, als ob es eine Anleitung für den Kulissendirektor -werden sollte. Nach Lust und Laune arbeitete er dann die einzelnen -Auftritte und Monologe aus, zu deren Mitteilung und Besprechung ihm -aber ein Freund, von dessen Empfänglichkeit und warmer Teilnahme er -die Überzeugung hatte, um so mehr unentbehrlich war, da er auch bei -seinen kleinern Gedichten es sehr liebte solche vorzulesen, um das -dichterische Vergnügen doppelt zu genießen, wenn er seine Gedanken und -Empfindungen im Zuhörer sich abspiegeln sah. - -Diese angenehmen Beschäftigungen, welche den edlen Jüngling für alles -schadlos hielten, was er an Freiheit oder sonstigem Lebensgenuß -entbehren mußte, wurden aber auf eine sehr niederschlagende Art -durch etwas gestört, was wohl als die erste Veranlassung zu dem -unregelmäßigen Austritt Schillers aus des Herzogs Diensten angesehen -werden kann. Die Sache war folgende: In den beiden ersten Ausgaben der -Räuber, in der dritten Szene des zweiten Aktes, befindet sich eine Rede -des Spiegelberg, welche einen Bezug auf Graubünden hat, und die einen -Bündner so sehr aufreizte, daß er eine Verteidigung seines Vaterlandes -in den Hamburger Korrespondenten einrücken ließ. Wahrscheinlich wäre -diese Protestation ohne alle Folgen geblieben, wenn nicht die Zeitung -als eine Anklage gegen Schiller dem Herzog vor Augen gelegt worden -wäre. Dieser war um so mehr über diese öffentliche Rüge aufgebracht, -indem derjenige, gegen den sie gerichtet worden, nicht nur in seinen -Diensten stand, sondern auch einer der ausgezeichnetsten Zöglinge -seiner mit so vieler Mühe und Aufmerksamkeit gepflegten Akademie war. -Er erließ daher an Schiller sogleich die Weisung, sich zu verteidigen, -sowie den Befehl, alles weitere in Druckgeben seiner Schriften, wenn es -nicht medizinische wären, zu unterlassen und sich aller Verbindung mit -dem Ausland zu enthalten. - -Schiller beantwortete die Anklage damit, daß er die mißfällige Rede -nicht als eine Behauptung aufgestellt, sondern als einen unbedeutenden -Ausdruck einem Räuber, und zwar dem schlechtesten von allen, in den -Mund gelegt. Auch habe er hier nur eine Volkssage nachgeschrieben, die -er von früher Jugend an gehört. - -War der strenge Verweis und das Mißfallen seines Fürsten, das er auf -eine so zufällige und ganz unschuldige Art sich zugezogen, schon im -höchsten Grad unangenehm für Schiller, so mußte der harte Befehl -- -sich bloß auf seinen Beruf als Arzt und auf die Stadt, worin er lebte, -einschränken zu sollen -- noch schmerzlicher für ihn sein, indem es -ihm unmöglich fiel, den Hang, welchen er für die Dichtung hatte, zu -unterdrücken und sich in einer Wissenschaft auszuzeichnen, die er nur -aus Furcht vor der Ungnade des Herzogs ergriffen und der er seine -Lieblingsneigung, den ersten Vorsatz seiner Kinderjahre aufgeopfert -hatte. Durch das Verbot, sich in irgend eine Verbindung mit dem Ausland -einzulassen, war ihm jede Möglichkeit zur Verbesserung seiner Umstände -abgeschnitten, und selbst die kleinlichsten Sorgen, die härtesten -Entsagungen hätten es nicht bewirken können, mit einer so geringen -Besoldung auszureichen. Das Versprechen, welches der Herzog bei der -Aufnahme Schillers in die Akademie seinen Eltern gegeben hatte, war so -wenig erfüllt worden, daß sein Gehalt als Regimentsarzt kaum demjenigen -eines Pfarrvikars gleich kam und durch den Aufwand für Equipierung, für -standesmäßiges Erscheinen beinahe auf nichts herab gebracht wurde. - -Was aber gewöhnliche Menschen niederbeugt, was ihnen Geist und Glieder -erschlafft, hebt den Mut der Starken, der Kraftvollen nur um so höher. -Noch in den Jünglingsjahren bewährte sich jetzt Schiller als einen -Mann, der sich durch keine Widerwärtigkeiten aus seiner Bahn bringen -läßt, sondern rastlos das vorgesteckte Ziel verfolgt. Anstatt sich -in nutzlosen Klagen auszulassen, arbeitete er nur um desto eifriger -an seinem Fiesco, den er als einen neuen Hebel zur Sprengung seines -Gefängnisses betrachtete und in dessen Ausarbeitung er all das Wilde, -Rohe, was ihm bei den Räubern zum Vorwurf gemacht wurde, zu vermeiden -suchte. - -Eine widerliche Unterbrechung seiner dramatischen Arbeiten wurde durch -die Dissertation veranlaßt, welche er in diesem Frühjahr einreichen -mußte, um auf der hohen Karlsschule (welchen Titel nun die ehemalige -Militärakademie erhalten hatte) den Grad eines Doktors der Medizin -zu erhalten. Dieser Förmlichkeit konnte er sich schon darum nicht -entziehen, weil der Herzog seine neue Universität mit eifersüchtiger -Liebe pflegte und darauf besonders sah, daß diejenigen, welche er -erziehen lassen, vor den Augen der Welt sich als der Anstalt vollkommen -würdig zeigen sollten. Auch war Schiller, was seine Studien betraf, -einer der hervorstechendsten Zöglinge in der Akademie, weswegen er -nicht nur von seinem Fürsten, sondern auch von seinen Lehrern, wie -schon oben erwähnt, vorzüglich gelobt und geachtet wurde. - -Überdies würde es dem Herzog weit mehr als seinem Zögling unangenehm -gewesen sein, wenn der junge Arzt bloß darum, weil er den Doktorhut -nicht genommen, von den Kollegen seiner Kunst Schwierigkeiten oder -weniger Achtung erfahren hätte. - -Daß Schiller selbst gegen diese Ehre im höchsten Grad gleichgültig -war, äußerte er oft und stark genug gegen seine Freunde, und wer daran -noch zweifeln könnte, findet seine unverhohlene Äußerung hierüber -in dem Brief an Baron Dalberg vom 1. April 1782, wo er sagt: »Meine -gegenwärtige Lage nötigt mich den Gradum eines Doktors der Medizin -in der hiesigen Karlsschule anzunehmen, und zu diesem Ende muß ich -eine medizinische Dissertation schreiben, und in das Gebiet meiner -Handwerkswissenschaft noch einmal zurückstreifen. Freilich werde ich -von dem milden Himmelsstrich des Pindus einen verdrießlichen Sprung -in den Norden einer trockenen, terminologischen Kunst machen müssen; -allein, was sein muß zieht nicht erst die Laune und Lieblingsneigung zu -Rat. Vielleicht umarme ich dann meine Muse um so feuriger, je länger -ich von ihr geschieden war; vielleicht finde ich dann im Schoß der -schönen Kunst eine süße Indemnität für den fakultistischen Schweiß.« - -(Sollte ein Arzt diese Äußerungen verdammen wollen, so möge er sich -erinnern, daß es in Schillers Gedicht »Die Teilung der Erde« nur der -Dichter ausschließend ist, zu welchem Jupiter sagt: - - Willst du in meinem Himmel mit mir leben, - So oft du kommst, er soll dir offen sein.) - -Mittlerweile wurden in Mannheim die Räuber sehr oft mit demselben -Zulauf, mit dem gleichen Beifall wie das erste Mal gegeben, und es war -nichts natürlicher, als daß der Ruf von der ungeheuren Wirkung dieses -Stücks sowie von der meisterhaften Darstellung desselben auch nach -Stuttgart gelangte und dort in den meisten Gesellschaften, besonders -aber in den Umgebungen des Dichters vielen Stoff zum Sprechen gab. Man -darf sich daher auch nicht wundern, daß Schiller den öftern Wünschen -und dringenden Bitten einiger Freundinnen und Freunde nachgab, eine -kurze Reise des Herzogs zu benützen und während dessen Abwesenheit, -ohne Urlaub zu nehmen, mit ihnen nach Mannheim zu gehen und daselbst -im Wiedersehen seines Schauspiels seinen eignen Genuß durch das -Mitgefühl seiner Reisegefährten zu erhöhen. Schiller willigte nur zu -gern ein und schrieb nach Mannheim, um die Aufführung der Räuber auf -einen bestimmten Tag zu erbitten, was ihm auch von der Intendanz sehr -leicht gewährt wurde. Aber bei der Anschauung dessen, was er mit seinen -ersten, jugendlichen Kräften schon geleistet, war auch der Gedanke -unabweislich, wie vieles, wie großes er noch würde leisten können, wenn -diese Kräfte nicht eingeengt oder gefesselt wären, sondern freien, -ungemessenen Spielraum erhalten könnten. Eine Idee, die durch seine -enthusiastischen Begleiter um so mehr angefeuert und unterhalten wurde, -je tiefer die Eindrücke waren, welche die erschütternden Szenen bei -ihnen zurückgelassen hatten. - -Bei seiner ersten heimlichen Reise hatte er nur die einzige Sorge, -daß sie verschwiegen bleiben möchte. Auf die zweite nahm er schon -außer dieser Sorge das beschränkende Verbot mit, seine dichterischen -Arbeiten bekannt zu machen, nebst dem strengen Befehl, sich das Ausland -als für ihn gar nicht vorhanden denken zu müssen. Er kam daher auch -äußerst mißmutig und niedergeschlagen wieder nach Stuttgart zurück, -ebenso verstimmt durch die Betrachtungen über sein Verhältnis als -leidend durch die Krankheit, welche er mitbrachte. (Diese Krankheit, -welche durch ganz Europa wanderte, bestand in einem außerordentlich -heftigen Schnupfen und Katarrh, den man russische Grippe oder Influenza -nannte und der so schnell ansteckend war, daß der Verfasser dieses, -als er Schillern einige Stunden nach dessen Ankunft umarmt hatte, nach -wenigen Minuten schon von Fieberschauern befallen wurde, die so stark -waren, daß er sogleich nach Hause eilen mußte.) - -Schiller äußerte sich gegen einen seiner jüngern Freunde, dem er völlig -vertrauen durfte, ganz unverhohlen, mit welchem Widerwillen er sich -Stuttgart genähert habe -- wie ihm hier nun alles doppelt lästig und -peinlich sein müsse, indem er in Mannheim eine so glänzende Aufnahme -erfahren, wo hingegen er hier kaum beachtet werde und nur unter Druck -und Verboten leben könne -- daß ihm nicht nur von seinen Bewunderern, -sondern von Baron Dalberg selbst die Hoffnung gemacht worden, ihn ganz -nach Mannheim ziehen zu wollen, und er nicht zweifle, es werde alles -mögliche angewendet werden, um ihn von seinen Fesseln zu befreien. -Sollte dieses nicht gelingen, so werde er notgedrungen, wolle er anders -hier nicht zugrunde gehen, einen verzweifelten Schritt tun müssen. Er -nahm sich vor, sowie er nur den Kopf wieder beisammen habe, sogleich -nach Mannheim zu schreiben, damit unverweilt alles geschehe, was seine -Erlösung bewirken könne. Es ist ein Glück für den Verfasser, daß Baron -Dalberg alle Briefe von Schiller an ihn so sorgfältig aufgehoben, und -daß sie durch den Druck bekannt geworden sind, indem sonst manches, was -jetzt und in der Folge vorkommt, als Anschuldigung oder bloße Meinung -erklärt, und unser Dichter weit weniger gerechtfertigt werden könne, -als es nun durch diese Beweise möglich ist. Der folgende Brief ist der -erste Beleg hierzu. - - Stuttgart, den 4. Junius 1782. - - »Ich habe das Vergnügen, das ich zu Mannheim in vollen Zügen genoß, - seit meiner Hieherkunft durch die epidemische Krankheit gebüßt, - welche mich zu meinem unaussprechlichen Verdruß bis heute gänzlich - unfähig gemacht hat, E. E. für so viele Achtung und Höflichkeit - meine wärmste Danksagung zu bezeigen. Und noch bereue ich beinahe - die glücklichste Reise meines Lebens, die mich durch einen höchst - widrigen Kontrast meines Vaterlandes mit Mannheim schon so weit - verleidet hat, daß mir Stuttgart und alle schwäbischen Szenen - unerträglich und ekelhaft werden. Unglücklicher kann bald niemand - sein als ich. Ich habe Gefühl genug für meine traurige Situation, - vielleicht auch Selbstgefühl genug für das Verdienst eines bessern - Schicksals, und für beides nur -- eine Aussicht. - - Darf ich mich Ihnen in die Arme werfen, vortrefflicher Mann? Ich - weiß wie schnell sich Ihr edelmütiges Herz entzündet, wenn Mitleid - und Menschenliebe es auffordern; ich weiß wie stark Ihr Mut ist, - eine schöne Tat zu unternehmen, und wie warm Ihr Eifer, sie zu - vollenden. Meine neuen Freunde in Mannheim, von denen Sie angebetet - werden, haben es mir mit Enthusiasmus vorhergesagt; aber es war - diese Versicherung nicht nötig; ich habe selbst, da ich das Glück - hatte, eine Ihrer Stunden für mich zu nutzen, in Ihrem offenen - Anblick weit mehr gelesen. Dieses macht mich nun auch so dreist, - mich Ihnen ganz zu geben, mein ganzes Schicksal in Ihre Hände zu - liefern und von Ihnen das Glück meines Lebens zu erwarten. Noch bin - ich wenig oder nichts. In diesem Norden des Geschmacks werde ich - ewig niemals gedeihen, wenn mich sonst glücklichere Sterne und ein - griechisches Klima zum wahren Dichter erwärmen würden. - - Brauche ich mehr zu sagen, um von Dalberg alle Unterstützung zu - erwarten? - - E. Exz. haben mir alle Hoffnung dazu gemacht, und ich werde den - Händedruck, der Ihren Verspruch versiegelte, ewig fühlen; wenn Eure - Exzellenz diese drei Ideen goutieren und in einem Schreiben an den - Herzog Gebrauch davon machen, so stehe ich ziemlich für den Erfolg. - - Und nun wiederhole ich mit brennendem Herzen die Bitte, die Seele - dieses ganzen Briefs. Könnten E. E. in das Innere meines Gemütes - sehen, welche Empfindungen es durchwühlen, könnte ich Ihnen mit - Farben schildern, wie sehr mein Geist unter dem Verdrießlichen - meiner Lage sich sträubt -- Sie würden -- ja ich weiß gewiß -- Sie - würden eine Hilfe nicht verzögern, die durch einen oder zwei Briefe - an den Herzog geschehen kann. - - Nochmals werfe ich mich in Ihre Arme und wünsche nichts anderes, - als bald, sehr bald, Ihnen mit einem anhaltenden Eifer und mit - einer persönlichen Dienstleistung die Verehrung bekräftigen zu - können, mit welcher ich mich und alles, was ich bin, für Sie - aufzuopfern wünsche. - - E. E. - - untertäniger Schiller.« - - Beilage. - - »Sie schienen weniger Schwierigkeit in der Art mich zu employieren, - als in dem Mittel, mich von hier weg zu bekommen, zu finden. Jenes - steht ohnehin ganz bei Ihnen, allein zu diesem könnten Ihnen - vielleicht folgende Ideen dienen. - - 1) Da im ganzen genommen das Fach der Mediziner bei uns so sehr - übersetzt ist, daß man froh ist, wenn durch Erledigung einer - Stelle Platz für einen andern gemacht wird; so kommt es mehr - darauf an, wie man dem Herzog, der sich nicht trotzen lassen will, - mit guter Art den Schein gibt, als geschehe es ganz durch seine - willkürliche Gewalt, als wäre es sein eignes Werk und gereiche - ihm zur Ehre. Daher würden E. E. ihn von der Seite ungemein - kitzeln, wenn Sie in den Brief, den Sie ihm wegen mir schreiben, - einfließen ließen, daß -- Sie mich für eine Geburt von ihm, für - einen durch ihn Gebildeten und in seiner Akademie Erzogenen - halten, und daß also durch diese Vokation seiner Erziehungsanstalt - quasi das Hauptkompliment gemacht würde, als würden ihre Produkte - von entschiedenen Kennern geschätzt und gesucht. Dieses ist der - Passepartout beim Herzog. - - 2) Wünsche ich (und auch meinetwegen) sehr, daß Sie meinen - Aufenthalt beim Nationaltheater zu Mannheim auf einen gewissen - beliebigen Termin festsetzen (der dann nach Ihrem Befehl verlängert - werden kann), nach dessen Verfluß ich wieder meinem Herzog gehörte. - So sieht es mehr einer Reise, als einer völligen Entschwäbung (wenn - ich das Wort brauchen darf) gleich, und fällt auch so hart nicht - auf. Wenn ich nur einmal hinweg bin, man wird froh sein, wenn ich - selbst nicht mehr anmahne. - - 3) Würde es höchst notwendig sein, zu berühren, daß mir Mittel - gemacht werden sollten, zu Mannheim zu praktizieren und meine - medizinischen Übungen da fortzusetzen. Dieser Artikel ist - vorzüglich nötig, damit man mich nicht, unter dem Vorwand für mein - Wohl zu sorgen, kujoniere und weniger fortlasse.« - -Alles, was auch ein Augen- oder Ohrenzeuge erzählen könnte, wäre nicht -imstande, die traurigen Empfindungen des armen Jünglings über seine -beklemmende Lage stärker und wahrer zu schildern, als er es selbst in -diesem Briefe getan. - -Daß er die Bitte nicht aufs Geratewohl, sondern durch Aufmunterung von -Leuten getan, die ihre Gewährung für sehr leicht und unfehlbar hielten, -erhellt aus der Stelle: »ich weiß, wie stark Ihr Mut ist, eine schöne -Tat zu unternehmen, und wie warm Ihr Eifer ist, sie zu vollenden. Meine -neuen Freunde in Mannheim haben es mir mit Enthusiasmus vorhergesagt -etc. etc.« und die folgende: »E. Exz. haben mir alle Hoffnung dazu -gemacht, und ich werde den Händedruck, der Ihren Verspruch besiegelte, -ewig fühlen etc.« beweist auf das deutlichste, daß Baron Dalberg selbst -ihm das Wort gab, sich für ihn bei seinem Fürsten zu verwenden. - -Die drei Vorschläge, welche in der Beilage enthalten sind, waren ganz -auf die genaue Kenntnis vom Charakter des Herzogs berechnet, indem -er einen sehr verzeihlichen Stolz darein setzte, daß durch seine -Fürsorge und Leitung schon so viele talentvolle Jünglinge aus seiner -Akademie hervorgegangen, und er auch ein sehr großer Liebhaber des -Theaters, so wie einer der feinsten Kenner seiner Zeit war, der es -schon darum nicht ungern sehen konnte, wenn sich unter seinen Zöglingen -gute Dichter fanden, weil alle Jahre am Geburtsfeste der Gräfin von -Hohenheim (später Gemahlin des Herzogs) Gelegenheitsstücke mit großer -Feierlichkeit und dem größten Aufwande gegeben wurden, bei welchen -sowohl das Gedicht als auch die Musik von Eleven verfaßt waren. - -Der dritte Punkt beweist weit mehr für die wahrhaft väterliche Sorge, -welche der Herzog für das Wohl derer hatte, die er erziehen ließ, -als alles, was man dafür anführen könnte, und es läßt sich nicht im -geringsten zweifeln, daß wenn Baron Dalberg unter den ihm angezeigten -Bedingungen versucht hätte, den jungen Dichter von Stuttgart nach -Mannheim zu ziehen, sein Fürst ohne Anstand -- gewiß aber mit der -Anempfehlung, für Schiller alle Sorge zu tragen -- das Gesuch bewilligt -haben würde. - -Schiller nährte anfangs die besten Hoffnungen, daß er nun bald aus -seiner verdrießlichen Lage befreit sein würde. Als aber nach Verlauf -mehrerer Wochen nichts geschah, war es ihm um so schmerzlicher, seine -dringende, flehende Bitte umsonst getan zu haben und sich ohne alle -äußere Hilfe zu sehen. Allein, er ließ dessenungeachtet den Mut nicht -sinken, sondern arbeitete nur um so eifriger an seinem Fiesco, was -allein imstande war, ihn wenigstens zeitweise seinen Zustand vergessen -zu machen. Aber die Freundinnen des Dichters hatten nicht vergessen, -daß sie in seiner Gesellschaft zu Mannheim die Räuber hatten aufführen -sehen, und konnten dem Drange nicht widerstehen, die Wirkung dieses -Trauerspiels sowie das Verdienst der dortigen Schauspieler auch andern -nach Würden zu schildern. Unter dem Siegel des Geheimnisses erfuhr es -die halbe Stadt, erfuhr es auch der General Augé und endlich -- der -Herzog selbst. Dieser wurde im höchsten Grad über die Vermessenheit -seines ehemaligen Lieblings aufgebracht, daß er sich, ohne Urlaub zu -nehmen, mehrere Tage entfernt und seinen Lazarettdienst vernachlässigt -habe. Er ließ ihn vor sich kommen, gab ihm die strengsten Verweise -darüber, daß er sich dem ausdrücklichen Verbote zuwider aufs neue -mit dem Auslande eingelassen und befahl ihm, augenblicklich auf die -Hauptwache zu gehen, seinen Degen abzugeben und dort vierzehn Tage im -Arrest zu bleiben. - -Obwohl die verhängte Strafe für die Übertretung des herzoglichen -Befehls ganz der militärischen Ordnung gemäß und nichts weniger als -zu streng war, so wurde Schiller davon dennoch in seinem Innersten -verwundet, und zwar nicht darum, weil ihm solche zu hart schien, -sondern weil er jetzt überzeugt sein mußte, daß jede Aussicht in eine -bessere Zukunft für ihn verloren und er nun eigentlich nichts anderes -als ein Gefangener sei, der seine vorgeschriebene Arbeit verrichten -müsse. - -In der Tat konnte sein Verhältnis von seinen Freunden nicht anders -als im höchste Grade traurig und verzweifelt beurteilt werden, weil -an eine Milderung oder Zurücknahme der Befehle des Herzogs um so -weniger zu denken war, je mehr man ihn als Selbstherrscher kannte und -je seltener die Fälle waren, wo er von seinem ausgesprochenen Willen -hätte abgelenkt werden können. Was man auch raten oder erfinden mochte, -war unbrauchbar, untunlich, weil der fürstliche Machtspruch allem ein -unübersteigliches Hindernis entgegensetzte. - -Wäre es aber auch Schillern möglich gewesen, seinen außerordentlichen -Hang zur Dichtung zu bekämpfen und sich ganz der Arzneikunde zu widmen, -so hätte es mehrere Jahre bedurft, um sich einen Ruf zu erwerben, der -ihn von dem Gemeinen, Alltäglichen unterschieden hätte. Auch fühlte -er es so sehr, wie unnütz die ernstlichsten Vorsätze, sein angebornes -Talent zu unterdrücken, sein würden, daß er lieber alle Entbehrungen, -alle Strafen sich hätte gefallen lassen, wenn ihm nur die Erlaubnis -geblieben wäre, den Reichtum seines Geistes in der Welt auszubreiten, -und sich denjenigen anzureihen, deren Name von der Mit- und Nachwelt -nur in Bewunderung und Verehrung genannt wird. - -So wenig Vorteil Gold, Perlen und Diamanten in einer menschenleeren -Wüste bringen, so wenig konnte ihm die köstlichste Gabe des Himmels -nützen, wenn er sie nicht gebrauchen durfte, wenn er bei ihrer -Anwendung Strafe befürchten mußte. Ja diese Göttergabe konnte ihm nur -zur Qual, zur wirklichen Marter werden, weil alles was er dachte, -was er empfand, nur darauf Bezug hatte und es ihm die schmerzlichste -Überwindung gekostet haben würde, Ideen dieser Art abzuwehren. - -Der Weihrauch, den man in öffentlichen Blättern ihm über sein erstes -Schauspiel, über seine ersten Gedichte gestreut, die schmeichelhaften -Zuschriften eines Wielands und anderer, die Lobeserhebungen derjenigen, -von deren gesundem Urteil er überzeugt war, besonders aber sein eignes -Bewußtsein hatten ihn seinen Wert schätzen gelehrt, und er hätte -lieber sein Leben verloren als dasjenige, was sein eigentliches ganzes -Wesen ausmachte, brach liegen zu lassen, oder den Lorbeerkranz des -Dichters den Beschäftigungen des Arztes aufzuopfern. - -Am empfindlichsten hielt er sich aber dadurch gekränkt, daß ihm durch -dieses Machtgebot das Recht des allergeringsten Untertans -- von -seinen Naturgaben freien Gebrauch machen zu können, wenn er sie nicht -zum Nachteil des Staates oder der Gesetze desselben anwende -- jetzt -gänzlich benommen war, ohne daß ihm bewiesen worden wäre, dieses Recht -aus Mißbrauch verwirkt zu haben. - -Die Übertretung der Militärdisziplin hatte er durch strengen Verhaft -gebüßt; was über diesen noch gegen ihn verhängt worden, hielt er für -eine zu harte Strafe. - -Auf der Stelle würde er seinen Abschied gefordert haben, wenn nicht -sein Vater in herzoglichen Diensten gestanden, er selbst nicht auf -Kosten des Fürsten in der Akademie nicht nur erzogen, sondern auch mit -vorzüglicher Güte und Auszeichnung behandelt worden wäre, so daß voraus -zu schließen war, es würde statt einer Entlassung nur der Vorwurf der -größten Undankbarkeit und eine noch zwangvollere Aufsicht erfolgen. Um -jedoch nichts unversucht zu lassen, was seine Entfernung von Stuttgart -auf dem der Ordnung gemäßen Wege bewirken könnte, schrieb er noch -einmal an Baron Dalberg und bat ihn aufs neue um seine Verwendung bei -dem Herzog. Er sagt in seinem Brief: »Dieses einzige kann ich Ihnen -für ganz gewiß sagen, daß in etlichen Monaten, wenn ich in dieser Zeit -nicht das Glück habe zu Ihnen zu kommen, keine Aussicht mehr da ist, -daß ich jemals bei Ihnen leben kann. Ich werde alsdann gezwungen sein -einen Schritt zu tun, der mir unmöglich machen würde in Mannheim zu -bleiben.« - -Schiller glaubte nicht mit Unrecht, daß Baron Dalberg um so leichter -für ihn einschreiten könnte, als der pfälzische und württembergische -Hof im besten Vernehmen standen, auch der Herzog schon einigemal -den italienischen Hofpoeten von Mannheim hatte kommen lassen, um bei -Aufführung der für das Stuttgarter Hoftheater von ihm gedichteten -Opern gegenwärtig zu sein. Ebenso konnte man auch vermuten, daß das -Verbot, welches Schillern wegen der Verbindung mit dem Ausland betraf, -größtenteils daher kam, weil bei Aufführung der Räuber das deutsche -Theater in Stuttgart übergangen und dieses Stück ohne Vorwissen, ohne -Anfrage bei dem Fürsten auf der Mannheimer Bühne zuerst gegeben worden -war. - -Aus diesem sowie aus den angegebenen Gründen konnte der bedrängte -Dichter um so zuverlässiger einen günstigen Erfolg seiner Bitten -erwarten, indem der Rang den Baron Dalberg als Geheimrat, -Ober-Silberkämmerling, Vize-Kammerpräsident und Theaterintendant Sr. -kurfürstlichen Durchlaucht zu Pfalzbayern bekleidete, dem Herzog -Rücksichten auferlegt hätte, die bei jedem andern, der sich in -Stuttgart für diese Sache hätte verwenden wollen, nicht stattfinden -konnten. - -Noch einige Zeit gab sich Schiller den besten Hoffnungen hin, indem -er glaubte, daß Baron Dalberg um so gewisser das gegebene Versprechen -erfüllen würde, je deutlicher ihm zu verstehen gegeben worden, daß -das Äußerste werde geschehen müssen, wenn keine Vermittlung eintrete. -Als aber nach Verfluß von vierzehn Tagen nichts für ihn geschah und -er nun überzeugt war, daß von daher, wo die Hilfe am leichtesten, -der gute Erfolg am gewissesten schien, kein Beistand zu erwarten -sei, verwandelte sich sein sonst so heiterer Sinn in finstere, trübe -Laune; was ihn sonst auf das lebhafteste aufregte, ließ ihn kalt und -gleichgültig; selbst seine Jugendfreunde, die sonst immer auf den -herzlichsten Willkomm rechnen durften, wurden ihm mit Ausnahme sehr -weniger beinahe zuwider. - -Sein Fiesco konnte bei dieser Stimmung nur sehr langsam weiter rücken. -Auch war es leicht vorauszusehen, daß, wenn dieser Zustand noch -lange oder gar für immer hätte dauern sollen, er nicht nur für jede -Geistesbeschäftigung verloren sein, sondern auch seine Gesundheit, die -ohnedies nicht sehr fest war, ganz zugrunde gehen würde. Er selbst -hielt sich für den unglücklichsten aller Menschen und glaubte seiner -Selbsterhaltung schuldig zu sein, etwas zu wagen, was seinen Zustand in -Stuttgart auf eine vorteilhafte Art verändern oder aber sein Schicksal -ganz durchreißen und ihm eine andere, bessere Gestalt geben müsse. -Da er es nicht wagen durfte, seinem Landesherrn Vorstellungen gegen -den erlassenen Befehl zu machen, ohne neue Verweise oder gar Strafen -befürchten zu müssen, so hielt er für das beste, noch einmal heimlich -nach Mannheim zu reisen, von dort aus an den Herzog zu schreiben, -ihm darzulegen, daß durch das ergangene Verbot seine ganze Existenz -zernichtet sei und ihn um die Bewilligung einiger Punkte untertänigst -zu bitten, die er für sein besseres Fortkommen unerläßlich glaubte. -Wurden ihm diese Bitten nicht gewährt, so konnte er auch nicht mehr -nach Stuttgart zurückkehren, und er hegte die Hoffnung, daß er dann um -so leichter in Mannheim als Theaterdichter angestellt werden könnte, je -zuversichtlicher ihm dort von vielen versichert worden, daß ein solcher -Dichter wie er, ihre Bühne auf die höchste Stufe des Ruhmes heben würde. - -Um diesen Plan nicht lächerlich oder ganz widersinnig zu finden, ist -es nötig, auf das ganz besondere Verhältnis aufmerksam zu machen, in -welchem Schiller zu seinem Fürsten stand. - -Der Vater von Schiller, dem als Gouverneur der Solitüde alles, was -die vielfachen Bauten, Gartenanlagen und Baumzucht betraf, untergeben -war, führte dies so sehr zur Zufriedenheit des Herzogs aus, und wußte -dessen Willen, noch ehe er ausgesprochen war, so Genüge zu leisten, -daß er seine ganze Zufriedenheit sowie wegen der Rechtlichkeit und -Strenge, mit welchen er seinen Dienst ausübte, auch seine Hochachtung -erwarb. Es war zum Teil eine Folge dieser Achtung, daß der Sohn in -der Akademie mit besonderer Sorgfalt und Güte behandelt wurde; zum -Teil waren es aber auch die überraschenden Antworten und Bemerkungen, -welche der junge Zögling im Gespräch mit seinem erhabenen Erzieher -aussprach, die ihm eine besondere Auszeichnung und Zuneigung erwarben. -Es war diesem geistvollen Fürsten, der Scharfsinn und das Talent, was -er im hohen Grad selbst besaß, auch an andern vorzüglich schätzte, weit -weniger darum zu tun, an seiner Akademie eine militärische Prunkanstalt -zu haben, als bei den jungen Leuten alles das heraus zu bilden, was -ihre Anlagen zu entwickeln vermochte. Er ließ sich daher mit ihnen in -Einzelheiten ein, die einem gewöhnlichen Erzieher zu kleinlich oder -überflüssig scheinen würden, und erwarb sich dadurch, weit mehr als -durch sein Ehrfurcht gebietendes Ansehen, ein solches Zutrauen, daß die -Zöglinge weit lieber mit ihm sprachen oder ihm -- dem Herzog -- ihre -Fehler bekannten als den vorgesetzten Offizieren. - -Als die Anstalt noch auf der Solitüde sich befand, verging nie ein Tag, -an welchem er nicht die Lehrstunden besuchte, um sich von dem Fleiße -der Lehrer und den Fortschritten der Schüler zu überzeugen. Und als die -Akademie nach Stuttgart verlegt wurde, waren es nur die alljährlichen -Reisen, die ihn auf Wochen oder Tage von derselben entfernt halten -konnten. Auch das freundliche Benehmen der Gräfin von Hohenheim, welche -sich an der Unbefangenheit der jüngsten Zöglinge ergötzte und sie mit -kleinen Geschenken beteilte, trug nicht wenig dazu bei, das streng -scheinende Verhältnis zu mildern. Wie oft wurden Strafen bloß darum -in ihrer Gegenwart ausgesprochen, um durch bittende Blicke oder Worte -dieser wohlwollenden, nichts als Güte und Teilnahme atmenden Frau, -entweder ganz erlassen, oder doch gemindert werden zu können. - -Unter den Augen des Fürsten von Kindern zu Knaben, von Knaben -zu Jünglingen herangewachsen, von seinen durchdringenden Augen -oft getadelt oder mit Beifall belohnt, konnten sich die jungen -Leute, nachdem sie der akademischen Aufsicht entlassen waren, ihr -Dienstverhältnis unmöglich so scharf denken als andere, die mit der -Person des Herzogs gar nicht oder nur als ihrem Souverän bekannt waren. - -Diese Verhältnisse allein können es begreiflich machen, wie Schiller -auf die so oft bezeigte Gnade und Zufriedenheit seines Fürsten so -fest sich verlassen konnte, daß er zu dem Glauben verleitet ward, der -Herzog werde ihm seine Bitten bewilligen, wenn er ihn an seine frühere -Huld erinnere und unwiderleglich dartue, daß er durch die gegen ihn -erlassenen Verbote zur Verzweiflung gebracht sei. - -Nachdem diese Meinung ihn so beherrschte, daß sie sich in einen -unwiderruflichen Entschluß umwandelte, entstand nur noch die Frage, -auf welche Art und in welcher Zeit die heimliche Reise am besten -auszuführen sein würde; denn die harten Verweise des Herzogs, der -darauf folgende strenge Arrest hatten ihn so eingeschüchtert, daß -er sich in allen seinen Handlungen beobachtet halten konnte und die -schärfste Ahndung befürchten mußte, wenn er irgend einen Verdacht gegen -sich erregte. So wenig er seinen Vorsatz allein ausführen konnte, so -wenig konnte er sich seinen Schulfreunden anvertrauen, weil es eben so -unnütz als gefährlich gewesen wäre, sie um Beistand anzusprechen, indem -keiner von ihnen -- was die Hauptsache, die Anstalten zur heimlichen -Reise, betraf -- die geringste Hilfe leisten oder auf sonst eine Art -seine Pläne befördern konnte. - -In diesem Zustande konnte er sein Herz mit voller Sicherheit nur einem -einzigen Freund eröffnen, der zwar nicht mit ihm in der Akademie -erzogen worden und auch zwei Jahre weniger als er zählte; durch dessen -Bekanntschaft er aber seit achtzehn Monaten die Überzeugung erlangt -hatte, daß er hier auf eine Hingebung und Aufopferung bauen könne, -die an Schwärmerei grenzten und die nur von den wenigen Edlen erzeugt -wird, deren Gemüt und Geist eben so viele Liebe und Freundschaft als -Verehrung und Hochachtung verdienen. - -Der Leser möge erlauben, daß von diesem jungen Freunde, den wir mit -S. bezeichnen wollen, sowie von der Art, wie er zu dem genauen Umgang -mit dem herrlichen Jüngling gelangte, so viel erwähnt werde, als des -Folgenden wegen unumgänglich nötig ist. - -Es war im Jahr 1780 in einer der öffentlichen Prüfungen, die -- wie -eingangs erwähnt worden -- alljährlich in der Akademie in Gegenwart -des Herzogs daselbst gehalten wurden und welche S. als ein angehender -Tonkünstler um so eifriger besuchte, da meistens über den andern Tag -eine vollstimmige, von den Zöglingen aufgeführte Musik die Prüfung -beschloß, als er Schillern das erste Mal sah. Dieser war bei einer -medizinischen, in lateinischer Sprache gehaltenen Disputation gegen -einen Professor Opponent, und obwohl S. dessen Namen so wenig als seine -übrigen Eigenschaften kannte, so machten doch die rötlichen Haare -- -die gegeneinander sich neigenden Knie, das schnelle Blinzeln der Augen, -wenn er lebhaft opponierte, das öftere Lächeln während dem Sprechen, -besonders aber die schön geformte Nase und der tiefe, kühne Adlerblick, -der unter einer sehr vollen, breitgewölbten Stirne hervorleuchtete, -einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn. S. hatte den Jüngling -unverwandt ins Auge gefaßt. Das ganze Sein und Wesen desselben zogen -ihn dergestalt an und prägten den ganzen Auftritt ihm so tief ein, daß, -wenn er Zeichner wäre, er noch heute -- nach achtundvierzig Jahren -- -diese ganze Szene auf das lebendigste darstellen könnte. - -Als S. nach der Prüfung den Zöglingen in den Speisesaal folgte, um -Zuschauer ihrer Abendtafel zu sein, war es wieder derselbe Jüngling, -mit welchem der Herzog auf das gnädigste sich unterhielt, den Arm -auf dessen Stuhl lehnte und in dieser Stellung sehr lange mit ihm -sprach. Schiller behielt gegen seinen Fürsten dasselbe Lächeln, -dasselbe Augenblinzeln wie gegen den Professor, dem er vor einer Stunde -opponierte. - -Als im Frühjahr 1781 die Räuber im Druck erschienen waren und besonders -auf die junge Welt einen ungewöhnlichen Eindruck machten, ersuchte S. -einen musikalischen, in der Akademie erzogenen Freund, ihn mit dem -Verfasser bekannt zu machen. Sein Wunsch wurde gewährt, und S. hatte -die Überraschung, in dem Dichter dieses Schauspiels denselben Jüngling -zu erkennen, dessen erstes Erscheinen einen so tiefen Eindruck bei ihm -zurückgelassen hatte. - -Wie jeder Leser eines Buches sich von dem Autor desselben ein Bild -seiner Person, Haltung, Stimme, seiner Sprache vormalt, so konnte -es wohl nicht anders sein, als daß man sich in dem Verfasser der -Räuber einen heftigen jungen Mann dachte, dessen Äußeres zwar schon -den tiefempfindenden Dichter ankündige, bei welchem aber die Fülle -der Gedanken, das Feuer seiner Ausdrücke sowie seine Ansichten der -Weltverhältnisse alle Augenblicke in Ungebundenheit ausschweifen müsse. - -Aber wie angenehm wurde diese vorgefaßte Meinung zerstreut! - -Das seelenvollste, anspruchloseste Gesicht lächelte dem Kommenden -freundlich entgegen. Die schmeichelhafte Anrede wurde nur ablehnend, -mit der einnehmendsten Bescheidenheit erwidert. Im Gespräche nicht ein -Wort, welches das zarteste Gefühl hätte beleidigen können. - -Die Ansichten über alles, besonders aber Musik und Dichtkunst -betreffend, ganz neu, ungewöhnlich, überzeugend und doch im höchsten -Grade natürlich. - -Die Äußerungen über die Werke anderer sehr treffend, aber dennoch voll -Schonung und nie ohne Beweise. - -Den Jahren nach Jüngling, dem Geiste nach reifer Mann, mußte man seinem -Maßstabe beistimmen, den er an alles legte und vor dem vieles, was -bisher so groß schien, ins Kleine zusammenschrumpfte und manches, was -als gewöhnlich beurteilt war, nun bedeutend wurde. - -Das anfängliche blasse Aussehen, das im Verfolg des Gespräches in hohe -Röte überging -- die kranken Augen -- die kunstlos zurückgelegten -Haare, der blendend weiße, entblößte Hals gaben dem Dichter eine -Bedeutung, die ebenso vorteilhaft gegen die Zierlichkeit der -Gesellschaft abstach, als seine Aussprüche über ihre Reden erhaben -waren. - -Eine besondere Kunst lag jedoch in der Art, wie er die verschiedenen -Materien aneinander zu knüpfen, sie so zu reihen wußte, daß eine -aus der andern sich zu entwickeln schien, und trug wohl am meisten -dazu bei, daß man den Zeiger der Uhr der Eile beschuldigte und die -Möglichkeit des schnellen Verlaufes der Zeit nicht begreifen konnte. - -Diese so äußerst reizende und anziehende Persönlichkeit, die nirgends -etwas Scharfes oder Abstoßendes blicken ließ -- Gespräche, welche den -Zuhörer zu dem Dichter emporhoben, die jede Empfindung veredelten, -jeden Gedanken verschönerten -- Gesinnungen, die nichts als die reinste -Güte ohne alle Schwäche verrieten -- mußten von einem jungen Künstler, -der mit einer lebhaften Empfänglichkeit begabt war, die ganze Seele -gewinnen und der Bewunderung, die er schon früher für den Dichter -hatte, noch die wärmste Anhänglichkeit für den Menschen beigesellen. - -Auch Schiller schien mit seinem neuen Bekannten nicht unzufrieden; denn -freiwillig lud er ihn ein, so oft zu ihm zu kommen, als er nur immer -wolle. Diese Einladung wurde von S. so emsig benützt, daß während eines -Jahres selten ein Tag verging, an dem er Schillern nicht gesehen oder -auf kurze Zeit gesprochen hätte. Ein Vertrauen setzte sich zwischen -beiden fest, das keinen Rückhalt kannte, und von dem die natürliche -Folge war, daß die Verhältnisse Schillers sowie seine wahrhaft -unglückliche Lage der unerschöpfliche Gegenstand ihrer Gespräche -wurden. Auch schien beiden der Plan, dem Herzog auf neutralem Boden -zu schreiben, um so weniger des Tadels würdig, als Schiller durchaus -nichts begangen, was ihm den Vorwurf eines schlechten Dieners seines -Fürsten hätte zuziehen können, und er die zwei unerlaubten Ausflüge -durch den ausgestandenen Arrest schon genug gebüßt zu haben glaubte. -Außer S. machte Schiller auch seine älteste Schwester mit seinem -Vorsatze bekannt, und anstatt, wie er befürchtete, von ihr Abmahnungen -zu hören, glaubte sie, daß, weil ihm das gegebene Versprechen nicht -erfüllt worden, jeder Schritt entschuldigt werden könne, den er, um -sich von gänzlichem Verderben zu retten, unternehmen werde. - -Ein Gefährte, mit dem die heimliche Reise zu unternehmen wäre und der -die nötigen Anstalten dazu erleichtern könne, war schon in seinem -Freunde S. vorhanden, der im Frühjahr 1783 eine Reise nach Hamburg -antreten wollte, um daselbst bei dem berühmten Bach die Musik zu -studieren, wozu ihm dort wohnende Anverwandte die beste Unterstützung -versprochen hatten, und der es nun bei seiner Mutter dahin zu bringen -wußte, diese Reise jetzt schon machen zu dürfen. - -Dem Vater Schillers mußte die ganze Sache ein tiefes Geheimnis bleiben, -damit er im schlimmsten Fall als Offizier sein Ehrenwort geben könne, -von dem Vorhaben des Sohnes nichts gewußt zu haben. Was aber am meisten -zur Beruhigung der Teilnehmenden beitrug, war der schöne Grundsatz des -Herzogs, die Kinder nie wegen der Fehler der Eltern oder die Eltern -wegen Vergehen der Kinder etwas entgelten zu lassen. Man hatte schon -zu viele Beweise von dieser wahrhaft fürstlichen Großmut, als daß man -in dem gegenwärtigen Falle nicht auch darauf hätte rechnen können. -Nachdem alles zur Sache Gehörige zwischen beiden Freunden mit der -Selbsttäuschung, die dem Jünglingsalter so ganz natürlich ist, überlegt -war, als für mögliche, künftige Hindernisse, ihre Einbildungskraft -sogleich Mittel wußte, um sie zu überwinden oder zu beseitigen, blieb -der Entschluß Schillers unwiderruflich fest, indem er nur durch die -Ausführung desselben hoffen konnte, seine Umstände in allen Teilen zu -verbessern und eine Selbständigkeit zu erlangen, die er bis jetzt nur -dem Namen nach kannte. Nun aber mußte er sich mit Anspannung aller -Kräfte der Dichtung seines Fiesco widmen, indem die Reise nicht eher -ausgeführt werden konnte, als bis dieser vollendet war, und er bisher --- da er in seinem Innern zu keiner Ruhe gelangen konnte -- außer -dem Plan kaum die Hälfte von dem Stücke niedergeschrieben hatte. Die -Gewißheit, was er tun wolle und, damit er dem Labyrinth entkomme, tun -müsse, belebte seinen Mut wieder; seine gewöhnliche Heiterkeit kehrte -zurück, und er gewann es über sich, alle Sorgen, alle Gedanken, die -nicht seiner neuen Arbeit gewidmet waren, zu unterdrücken, indem er -bloß für die Zukunft lebte, die Gegenwart aber nur insofern beachtete, -als er ihr nicht ausweichen durfte. - -Welch ein Vergnügen war es während dieser Beschäftigung für ihn, seinem -jungen Freund einen Monolog oder einige Szenen, die er in der vorigen -Nacht ausgearbeitet, vorlesen und sich über Abänderungen oder die -weitere Ausführung besprechen zu können! Wie erheiterten sich seine von -Schlaflosigkeit erhitzten Augen, wenn er erzählte, um wie viel er schon -weiter gerückt sei, und wie er hoffen dürfe, sein Trauerspiel weit -früher als er anfangs dachte, beendigt zu haben. Je geräuschvoller die -Außenwelt war, um so mehr zog er sich in sein Inneres zurück, indem er -an allem dem, was damals der Seltenheit wegen jedermann beschäftigte, -nicht den geringsten Anteil nahm. Denn schon zu Anfang des Monats -August wurden nicht nur in Stuttgart, Hohenheim, Ludwigsburg, auf -der Solitüde etc., sondern auch in der ganzen Umgegend die größten -Vorbereitungen zu dem feierlichen Empfang des Großfürsten von Rußland -(nachmaligen Kaisers Paul) und seiner Gemahlin gemacht. Die Einwohner -Württembergs waren stolz darauf, in der künftigen Kaiserin aller Reußen -eine Nichte ihres Herzogs bewillkommnen zu können, die sie um so mehr -liebten, als ihre Erscheinung Erinnerungen an ihre erhabenen Eltern -hervorrief, die jedem württembergischen Herzen um so tiefer eingegraben -blieben, als sie solche aus Scheu vor ihrem Regenten nicht zu zeigen -wagen durften, und auch bei der verehrten Tochter die Gerüchte es -zweifelhaft ließen, ob ihre Güte des Herzens, die Eigenschaften ihres -Geistes oder ihre einnehmende Schönheit den Vorzug verdiene. - -In der ersten Hälfte des Septembers trafen die hohen Reisenden zu -Stuttgart ein, denen schon einige Tage früher die meisten benachbarten -Fürsten und eine außerordentliche Menge Fremder vorausgeeilt waren, -um den Festlichkeiten, welche für die allerhöchsten Gäste bereitet -wurden, beiwohnen und die Prachtliebe des Herzogs wie nicht minder den -Geschmack, mit dem er alles anzuordnen wußte, bewundern zu können. -Die mit den schönsten, seltensten Pferden angefüllten Marställe sowie -die dazu gehörigen Equipagen, boten Gelegenheit zu Auffahrten, die -man damals wohl schwerlich irgendwo anders mit so großem Aufwand und -so vielem Glanze sehen konnte. Aber wirklich ungeheuer groß waren -die Anstalten, vermöge welcher man aus den vielen Jagdrevieren des -Landes eine Anzahl von beinahe sechstausend Hirschen in einen nahe bei -der Solitüde liegenden Wald zusammengetrieben hatte, die von einer -Menge Bauern am Durchbrechen verhindert wurden, und zu welchem Zweck -auch in der Nacht der ganze Umkreis des Waldes durch eine enge Kette -von Wachtfeuern erleuchtet war. Nicht leicht konnte dem Großfürsten -in einem andern Staat eine solche Anzahl von Wild beisammen gezeigt -werden, und um das Vergnügen der Jagd zu erhöhen, waren die edlen Tiere -bestimmt, eine steile Anhöhe hinaufgejagt und gezwungen zu werden, -sich in einen See zu stürzen, in welchem sie, aus einem eigens dazu -erbauten Lusthause, nach Bequemlichkeit erlegt werden konnten. - -In dem Gewirr und der Unruhe, welche solche Vorkehrungen bei den -Städtern immer hervorbringen, blieb unser Dichter ganz auf sich -eingeschränkt und hatte zu Anfang des Septembers sein Trauerspiel so -weit gebracht, daß er es beinahe für vollendet halten durfte, indem -er die Auslassungen, die Abänderungen, welche etwa die Aufführung -erheischen sollte, auf eine ruhigere Zeit aufsparte und um so eher in -wenigen Tagen damit zu Ende zu kommen hoffte, als er schon während der -Arbeit an das Nötige hierüber gedacht. - -Unter den angekommenen Fremden befand sich auch Baron Dalberg, der -einige Tage früher, als die Festlichkeiten ihren Anfang nahmen, -eintraf, sowie die Gattin des Regisseurs Meier vom Mannheimer Theater, -die aus Stuttgart gebürtig war. Schiller machte dem Baron Dalberg -seinen Besuch, ohne von seinem Vorhaben das geringste zu erwähnen. -Ebenso verschlossen blieb er gegen Madame Meier, die er öfter sah. Die -Ursachen dieses Schweigens waren keine anderen, als weil der Vorsatz, -etwas zu wagen, viel zu stark und die Hoffnung auf einen glücklichen -Erfolg -- wenn er seine Bitten in diesem Tumult von Festivitäten -und Vergnügen an seinen Fürsten gelangen lasse -- viel zu groß bei -ihm geworden war, als daß er sich der widerlichen Empfindung hätte -aussetzen mögen, durch Zweifel belästigt oder durch Beweise eines -ungewissen Erfolges widerlegt zu werden. - -Was den Freiherrn von Dalberg insbesondere betraf, so vermutete -Schiller, daß seiner dringenden Vorstellungen ungeachtet nur darum -keine Verwendung für ihn geschehen, weil er noch in herzoglichen -Diensten stehe. Käme aber das Schlimmste, daß er diese Dienste -verlassen müßte, so wäre es ganz unmöglich, daß Baron Dalberg nach den -vielen Versicherungen der aufrichtigsten Teilnahme und der größten -Bereitwilligkeit, seine Wünsche zu gewähren, ihn ohne Hilfe und -Unterstützung lassen würde. Im Gegenteil hegte er die gewisse Hoffnung, -daß er dann als Theaterdichter in Mannheim angestellt und somit ein -Ziel erreichen würde, welches er als das glücklichste und für ihn -passendste anerkannte. - -Madame Meier als aufrichtige, wahrheitsliebende Landsmännin hätte zwar -die Äußerungen der Schmeichelei, der Güte, des Wohlwollens, womit -Schiller bei seiner letzten Anwesenheit in Mannheim überschüttet -worden, sehr leicht in den Dunst und Nebel, aus dem sie bestanden, -auflösen können, aber sie hätte dann die schönsten Träume, die -sehnlichsten Wünsche des jungen Mannes zerstört und ihn wieder an die -Klippe zurückgeworfen, die ihn zu zerschellen drohte. Das Beharren -in dem jetzigen Zustande ließ allerdings den Regimentsdoktor, wie er -vorher war, zernichtete aber den Dichter. Das Wagnis des Losreißens -eröffnete Aussichten, die, auch nur zum Teil erfüllt, gegen den frühern -Zwang gehalten, die Wonne eines Paradieses erwarten ließen. - -Aber die Zeit verfloß. Nur wenige Tage waren noch übrig, welche so -geräuschvoll und unruhig sein konnten, daß man unbemerkt eine Reise -hätte antreten können. Schiller ging mit seinem Freund und Mad. Meier -auf die Solitüde, um seine Eltern und Schwestern noch einmal zu sehen, -besonders aber von seiner Mutter, die jetzt von allem auf das genaueste -unterrichtet war, Abschied zu nehmen und sie zu beruhigen. Der in der -lachendsten Gegend fortlaufende Weg dahin wurde zu Fuß gemacht, welches -die Gelegenheit bieten sollte, um von Mad. Meier unvermerkt alles -erfahren zu können, was die innere Beschaffenheit des Theaters oder -die Hoffnungen des Dichters betraf. Da aber alles dahin Einschlagende -nur oberflächlich berührt wurde, auch ernsthaftere Fragen aus Furcht, -erraten zu werden, nicht wohl gestellt werden konnten, so blieb die -Zukunft in derselben Dämmerung wie bisher, und es war nichts übrig, -als sich auf das Glück zu verlassen. - -Bei dem Eintritt in die Wohnung von Schillers Eltern befand sich nur -die Mutter und die älteste Schwester gegenwärtig. So freundlich auch -die Hausfrau die Fremden empfing, so war es ihr doch nicht möglich, -sich so zu bemeistern, daß S. die Unruhe nicht aufgefallen wäre, -mit der sie ihn anblickte und oft zu reden versuchte, ohne ein Wort -hervorbringen zu können. Glücklicherweise trat bald der Vater Schillers -ein, der durch Aufzählung der Festlichkeiten, welche auf der Solitüde -gehalten werden sollten, die Aufmerksamkeit so ganz an sich zog, daß -sich der Sohn unvermerkt mit der Mutter entfernen und seine Freunde der -Unterhaltung mit dem Vater überlassen konnte. - -Es war mir auffallend, bei diesem kleinen, untersetzten Mann außer -einer sehr schönen, großen Stirne wenig Ähnlichkeit mit seinen Sohne -wahrnehmen zu können und auch in der klaren, bestimmten, durchaus -scharfverständigen Sprache den Schwung und die milde Wärme zu -vermissen, womit sein Sohn als Dichter und Philosoph jeden Gegenstand -des Gespräches zu beleben und zu erheben wußte. - -Nach einer Stunde kehrte Schiller zur Gesellschaft zurück, aber -- ohne -seine Mutter. Wie hätte diese sich zeigen können! Konnte und durfte sie -auch den vorhabenden Schritt als eine Notwehr ansehen, durch die er -sein Dichtertalent, sein künftiges Glück sichern und vielleicht einer -unverschuldeten Einkerkerung vorbeugen wollte, so mußte es ihr doch das -Herz zermalmen, ihren einzigen Sohn auf immer verlieren zu müssen, und -zwar aus Ursachen, die so unbedeutend waren, daß sie nach den damaligen -Ansichten in jedem andern Staat ohne besondere Folgen geblieben wären. -Und dieser Sohn, in welchem sie beinahe ihr ganzes Selbst erblickte, -der schon an der mütterlichen Brust die sanfte Gemütsart, die milde -Denkweise eingesogen zu haben schien -- er hatte ihr von jeher nichts -als Freude gewährt; sie sah ihn mit all den Eigenschaften begabt, -die sie so oft, so inbrünstig von der Gottheit für ihn erfleht hatte! -Und nun! -- -- -- -- -- -- -- -- -- Wie schmerzhaft das Lebewohl von -beiden ausgesprochen worden sein mußte, ersah man an den Gesichtszügen -des Sohnes, sowie an seinen feuchten, geröteten Augen. Er suchte diese -einem gewöhnlichen, ihn oft befallenden Übel zuzuschreiben und konnte -erst auf dem Wege nach Stuttgart durch die zerstreuenden Gespräche der -Gesellschaft wieder zu einiger Munterkeit gelangen. - -Auf der Solitüde erfuhr man, daß daselbst am 17. September die große -Hirschjagd, Schauspiel und eine allgemeine, prächtige Beleuchtung -stattfinden solle. Zu Hause angelangt, wurde zwischen Schiller und -S. alles, was ihre Reise betraf, noch um so eifriger besprochen, als -keine Zeit mehr zu verlieren war, da die Festlichkeiten bald zu Ende -sein würden. Als man auch erfahren, welchen Tag Schillers Regiment -die Wachen nicht zu besetzen habe, er folglich unter den Stadttoren -Soldaten treffen werde, denen er nicht so genau wie seinen alten -Grenadieren bekannt sei, so wurde die Abreise auf den 17. September -abends um neun Uhr festgesetzt.[1] - -Die bürgerliche Kleidung, welche sich Schiller hatte machen lassen, -seine Wäsche, die Werke von Haller, Shakespeare etc. etc., noch einige -andere Dichter wurden nach und nach von S. weggebracht, so daß für die -spätern Stunden nur wenig mehr zu tun übrigblieb. Am letzten Vormittag -sollte nach der Abrede um zehn Uhr alles bereit sein, was von Schiller -noch wegzubringen war, und S. fand sich mit der Minute ein. Allein er -fand nicht das mindeste hergerichtet. Denn nachdem Schiller um acht -Uhr in der Frühe von seinem letzten Besuch in dem Lazarett zu Hause -gekehrt war, fielen ihm bei dem Zusammensuchen seiner Bücher die Oden -von Klopstock in die Hände, unter denen eine ihn schon oft besonders -angezogen und aufs neue so aufregte, daß er sogleich -- jetzt in einem -so entscheidenden Augenblick! -- ein Gegenstück dichtete. Ungeachtet -alles Drängens, alles Antreibens zur Eile mußte S. dennoch zuerst -die Ode und dann das Gegenstück anhören, welchem letzterem -- gewiß -weniger aus Vorliebe für seinen begeisterten Freund -- der Schönheit -der Sprache und Bestimmtheit der Bilder wegen, S. einen entschiedenen -Vorzug gab. Eine geraume Zeit verging, ehe der Dichter von seinem -Gegenstand abgelenkt, wieder auf unsere Welt, auf den heutigen Tag zu -der fliehenden Minute zurückgebracht werden konnte. Ja es erforderte -öfteres Fragen, ob nichts vergessen sei, sowie mehrmaliges Erinnern, -daß nichts zurückgelassen werde. Erst am Nachmittag aber konnte alles -in Ordnung gebracht werden, und abends neun Uhr kam Schiller in die -Wohnung von S. mit einem Paar alten Pistolen unter seinem Kleide. - -Diejenige, welche noch einen ganzen Hahn, aber keinen Feuerstein hatte, -wurde in den Koffer gelegt; die andere, mit zerbrochenem Schloß, in den -Wagen getan. Daß aber beide nur mit frommen Wünschen für Sicherheit -und glückliches Fortkommen geladen waren, versteht sich von selbst. -Der Vorrat an Geld war bei den Reisenden nichts weniger als bedeutend; -denn nach Anschaffung der nötigen Kleidungsstücke und anderer Sachen, -die für unentbehrlich gehalten wurden, blieben Schillern noch -dreiundzwanzig und S. noch achtundzwanzig Gulden übrig, welche aber -von der Hoffnung und dem jugendlichen Mut auf das Zehnfache gesteigert -wurden. - -Hätte Schiller nur noch einige Wochen warten und nicht durchaus sich -schon jetzt entfernen wollen, so würde S. die nötige Summe bis Hamburg -in Händen gehabt haben. Aber die Ungeduld des unterdrückten Jünglings, -eine Entscheidung herbeizuführen, ließ sich schon darum nicht bezähmen, -weil er fürchtete, eine so gute Gelegenheit zum unbemerkten Entkommen -ungenützt vorbeigehen zu lassen und dann weit mehr Schwierigkeit bei -dem Herzog für die Gewährung seiner Bitten zu finden. Bis Mannheim wie -auch für einige Tage Aufenthalt daselbst konnte das kleine Vermögen -ausreichen, und was zum Weiterkommen fehlte, sollte S. nachgeschickt -werden. - -Nachdem der Wagen mit zwei Koffern und einem kleinen Klavier bepackt -war, kam der schwere Kampf, den Schiller vor einigen Tagen bestanden, -nun auch an S. -- von seiner guten, frommen Mutter Abschied zu -nehmen. Auch er war der einzige Sohn, und die mütterlichen Sorgen -ließen sich nur dadurch beschwichtigen, daß Schiller nicht nur die -unveränderlichste Treue gegen seinen Freund gelobte, sondern auch -die zuverlässige Hoffnung aussprach, in vierzehn Tagen wieder zurück -eintreffen und von der glücklich vollbrachten Reise Bericht geben zu -wollen. Von Segenswünschen und Tränen begleitet, konnten die Freunde -endlich um zehn Uhr nachts in den Wagen steigen und abfahren. - -Der Weg wurde zum Eßlinger Tor hinaus genommen, weil dieses das -dunkelste war und einer der bewährtesten Freunde Schillers -- möchte -ihm das Vergnügen gegönnt sein, diese Zeilen noch zu lesen -- als -Leutnant die Wache hatte, damit, wenn sich ja eine Schwierigkeit -ergäbe, diese durch Vermittlung des Offiziers sogleich gehoben werden -könne. - -Es war ein Glück, daß damals von keinem zu Wagen Reisenden ein Paß -abgefordert wurde. Nur S. hatte sich einen nach Hamburg geben lassen, -welches aber nur der überflüssig scheinenden Vorsicht wegen geschah. - -So gefaßt die jungen Leute auch auf alles waren, und so wenig sie -eigentlich zu fürchten hatten, so machte dennoch der Anruf der -Schildwache -- Halt! -- Wer da! -- Unteroffizier heraus! -- einen -unheimlichen Eindruck auf sie. Nach den Fragen: Wer sind die Herren? Wo -wollen Sie hin? wurde von S. des Dichters Name in Doktor Ritter, und -der seinige in Doktor Wolf verwandelt, beide nach Eßlingen reisend, -angegeben und so aufgeschrieben. Das Tor wurde nun geöffnet, die -Reisenden fuhren vorwärts, mit forschenden Blicken in die Wachtstube -des Offiziers, in der sie zwar kein Licht, aber beide Fenster weit -offen sahen. Als sie außer dem Tore waren, glaubten sie einer großen -Gefahr entronnen zu sein, und gleichsam als ob diese wiederkehren -könnte, wurden, so lange als sie die Stadt umfahren mußten, um die -Straße nach Ludwigsburg zu gewinnen, nur wenige Worte unter ihnen -gewechselt. Wie aber einmal die erste Anhöhe hinter ihnen lag, kehrten -Ruhe und Unbefangenheit zurück, das Gespräch wurde lebhafter und bezog -sich nicht allein auf die jüngste Vergangenheit, sondern auch auf -die bevorstehenden Erlebnisse. Gegen Mitternacht sah man links von -Ludwigsburg eine außerordentliche Röte am Himmel, und als der Wagen in -die Linie der Solitüde kam, zeigte das daselbst auf einer bedeutenden -Erhöhung liegende Schloß mit allen seinen weitläufigen Nebengebäuden -sich in einem Feuerglanze, der sich in der Entfernung von anderthalb -Stunden auf das Überraschendste ausnahm. Die reine, heitere Luft -ließ alles so deutlich wahrnehmen, daß Schiller seinem Gefährten den -Punkt zeigen konnte, wo seine Eltern wohnten, aber alsbald, wie von -einem sympathetischen Strahl berührt, mit einem unterdrückten Seufzer -ausrief: »Meine Mutter!« - -Es war ganz natürlich, daß die Erinnerung an die Verhältnisse, welche -vor einigen Stunden auf das Ungewisse hin abgerissen wurden, nicht -anders als wehmütig sein konnte. Andererseits war es aber wieder -beruhigend, als gewiß voraussetzen zu können, daß in diesem Wirbel von -Festen außer den Müttern und Schwestern niemand an die Reisenden denke, -folglich Mannheim ohne Hindernis erreicht werden könne. - -Morgens zwischen ein und zwei Uhr war die Station Entzweihingen -erreicht, wo gerastet werden mußte. Als der Auftrag für etwas Kaffee -erteilt war, zog Schiller sogleich ein Heft ungedruckter Gedichte -von Schubart hervor, von denen er die bedeutendsten seinem Gefährten -vorlas. Das merkwürdigste darunter war die Fürstengruft, welches -Schubart in den ersten Monaten seiner engen Gefangenschaft mit der -Ecke einer Beinkleiderschnalle in die nassen Wände seines Kerkers -eingegraben hatte. Damals, 1782, war Schubart noch auf der Festung, wo -er aber jetzt sehr leidlich gehalten wurde. In manchem dieser Gedichte -fanden sich Anspielungen, die nicht schwer zu deuten waren, und die -keine nahe Befreiung ihres Verfassers erwarten ließen. - -Schiller hatte für die dichterischen Talente des Gefangenen sehr viele -Hochachtung. Auch hatte er ihn einigemal auf dem Asperg besucht. - -Nach drei Uhr wurde von Entzweihingen aufgebrochen, und nach acht -Uhr morgens war die kurpfälzische, durch eine kleine Pyramide -angedeutete Grenze erreicht, die mit einer Freude betreten wurde, als -ob rückwärts alles Lästige geblieben wäre und das ersehnte Eldorado -bald erreicht sein würde. Das Gefühl, eines harten Zwanges entledigt -zu sein, verbunden mit dem heiligen Vorsatz, demselben sich nie mehr -zu unterwerfen, belebten das bisher etwas düstere Gemüt Schillers zur -gefälligsten Heiterkeit, wozu die angenehme Gegend, das muntere Wesen -und Treiben der rüstigen Einwohner wohl auch das ihrige beitrugen. -»Sehen Sie,« rief er seinem Begleiter zu, »sehen Sie, wie freundlich -die Pfähle und Schranken mit Blau und Weiß angestrichen sind! Ebenso -freundlich ist auch der Geist der Regierung!« - -Ein lebhaftes Gespräch, das durch diese Bemerkung herbeigeführt wurde, -verkürzte die Zeit dergestalt, daß es kaum möglich schien, um zehn Uhr -schon in Bretten angekommen zu sein. Dort wurde bei dem Postmeister -Pallavicini abgestiegen, etwas gegessen, der von Stuttgart mitgenommene -Wagen und Kutscher zurückgeschickt, nachmittags die Post genommen und -über Waghäusel nach Schwetzingen gefahren, allwo die Ankunft nach neun -Uhr abends erfolgte. Da in Mannheim als einer Hauptfestung die Tore mit -Eintritt der Dunkelheit geschlossen wurden, so mußte in Schwetzingen -übernachtet werden, welches auf zwei unruhige Tage und eine schlaflose -Nacht um so erwünschter war. - -Am 19. September waren die Reisenden des Morgens sehr früh geschäftig, -um sich zu dem Eintritt in Mannheim vorzubereiten. Das Beste, was die -Koffer faßten, wurde hervorgesucht, um durch scheinbaren Wohlstand -sich eine Achtung zu sichern, die dem dürftig oder leidend Aussehenden -fast immer versagt wird. Die Hoffnung Schillers, seine kranke Börse -in der nächsten Zeit durch einige Erfrischungen beleben zu können, -war keine Selbsttäuschung; denn wer hätte daran zweifeln mögen, daß -eine Theaterdirektion, die schon im ersten Jahre so vielen Vorteil aus -den Räubern gezogen, sich nicht beeilen würde, das zweite Stück des -Dichters -- das nicht nur für das große Publikum, sondern auch für den -gebildeten Teil desselben berechnet war -- gleichfalls aufzunehmen? -Es ließ sich für gewiß erwarten -- die Entscheidung des Herzogs möge -nun gewährend oder verneinend ausfallen -- daß noch in diesem Jahre -Fiesco aufgeführt werde und dann war der Verfasser durch eine freie -Einnahme oder ein beträchtliches Honorar auf so lange geborgen, daß er -sich wieder neue Hilfsmittel schaffen konnte. Mit der Zuversicht, daß -die nächsten vierzehn Tage schon diese Vermutungen in volle Gewißheit -umwandeln müßten, wurde die Postchaise zum letztenmal bestiegen und -nach Mannheim eingelenkt, das in zwei Stunden, ohne irgend eine Frage -oder Aufenthalt an dem Tore der Festung, erreicht war. - -Der Theaterregisseur, Herr Meier, bei welchem abgestiegen wurde, war -sehr überrascht, Schillern zu einer Zeit bei sich zu sehen, wo er -ihn in lauter Feste und Zerstreuungen versunken glaubte; aber seine -Überraschung ging in Erstaunen über, als er vernahm, daß der junge -Mann, den er so hoch verehrte, jetzt als Flüchtling vor ihm stehe. -Obwohl Herr Meier bei der zweimaligen Anwesenheit Schillers in Mannheim -von diesem selbst über sein mißbehagliches Leben und Treiben in -Stuttgart unterrichtet war, so hatte er doch nicht geglaubt, daß diese -Verhältnisse auf eine so gewagte und plötzliche Art abgerissen werden -sollten. Als gebildeter Weltmann enthielt er sich bei den weitern -Erklärungen Schillers hierüber jedes Widerspruchs und bestärkte ihn -nur in diesem Vorhaben, noch heute eine Vorstellung an den Herzog -einzusenden und durch seine Bitte eine Aussöhnung bewirken zu wollen. -Die Reisenden wurden von ihm zum Mittagessen eingeladen, und er hatte -auch die Gefälligkeit, in der Nähe seines Hauses eine Wohnung, die in -dem menschenleeren Mannheim augenblicklich zu haben war, aufnehmen zu -lassen, wohin sogleich das Reisegeräte geschafft wurde. - -Nach Tische begab sich Schiller in das Nebenzimmer, um daselbst an -seinen Fürsten zu schreiben. Als er in einigen Stunden fertig war, las -er den vorher nicht aufgesetzten, aber vortrefflich geschriebenen Brief -den wartenden Freunden vor, dessen wesentlicher Inhalt folgender war: - - »Im Eingang erwähnte er, daß er in der Akademie das Studium, zu dem - er eine entschiedene Neigung gehabt, niemals habe treiben dürfen - oder können, und er sich nur aus Gehorsam gegen den fürstlichen - Willen, zuerst der Rechtswissenschaft und dann der Arzneikunde - gewidmet habe. Er erinnerte den Herzog an die vielen und großen - Gnaden, welcher er während der sieben Jahre seines Aufenthaltes - von ihm gewürdigt worden, und die so bedeutend waren, daß er ewig - stolz darauf sein werde, sagen zu dürfen, sein Fürst habe ihn in - seinem Herzen getragen. Dann setzte er erstens die Unmöglichkeit - auseinander, mit seiner geringen Besoldung leben oder durch seinen - Beruf als Arzt sich ein besseres Auskommen verschaffen zu können, - indem die Anzahl der Mediziner zu groß in Stuttgart sei, und ein - Anfänger zu lange Zeit brauche, um sich bekannt zu machen, er auch - von Haus nichts zuzusetzen habe. - - »Zweitens bat er um die Aufhebung des Befehls, keine andern als - medizinische Schriften drucken zu lassen, indem die Bekanntmachung - seiner dichterischen Arbeiten allein imstande sei, seine Einnahme - zu verbessern. - - »Drittens möge es ihm erlaubt werden, alle Jahre, auf kurze Zeit, - eine Reise in das Ausland zu machen. - - »Viertens, daß er sehr gern wieder zurückkehren wolle, wenn ihm das - fürstliche Wort gegeben würde, daß seine eigenmächtige Entfernung - verziehen sei und er keine Strafe dafür zu befürchten habe.« - -Dieses Schreiben wurde einem Brief an seinen Regimentschef, den General -Augé, beigeschlossen und dieser ersucht, die vorgelegten Bitten nach -seinen besten Kräften sowie durch seinen ganzen Einfluß bei dem Herzog -unterstützen zu wollen. Schiller glaubte für seine Sicherheit so wenig -befürchten zu dürfen, daß er den General bat, ihm seine Antwort durch -die Adresse des Herrn Meier zukommen zu lassen. Obwohl letzterer über -das wahrscheinliche Verfahren des Herzogs nicht so ruhig sein konnte -als derjenige, den es zunächst betraf, so mußte er doch die Möglichkeit -zugestehen, daß der Fürst durch die rührenden und bescheidenen -Vorstellungen seines ehemaligen Günstlings wie auch aus Rücksicht gegen -dessen Eltern vielleicht bewogen werden könne, von den gewöhnlichen -Verfügungen für diesmal abzugehen und wenigstem einen Teil der Bitten -zu bewilligen. - -Den andern Tag abends traf Madame Meier von Stuttgart wieder zu -Hause ein. Sie erzählte, daß sie schon am 18. vormittags Schillers -Verschwinden erfahren, daß jedermann davon spreche und allgemein -vermutet werde, man würde ihm nachsetzen lassen oder seine Auslieferung -verlangen. Schiller beruhigte jedoch seine Freunde durch die -Versicherung, daß er den großmütigen Charakter seines Herzogs durch zu -viele Proben habe kennen lernen, als daß er nur die geringste Gefahr -befürchte, so lang' er den Willen zeige, wieder zurückzukommen. - -Dies sei geschehen, eines Vergehens könne man ihn nicht anklagen; -eigentlicher Soldat sei er nicht, folglich könne man ihn auch -nicht unter die Klasse derjenigen zählen, denen bei freiwilligem -Abschiednehmen nachgesetzt wird. - -Indessen wurde es doch für ratsam gehalten, daß er sich nirgends -öffentlich zeigen solle, wodurch er nun auf seine Wohnung und das -Meiersche Haus allein eingeschränkt blieb. Für die Reisenden war es -sehr angenehm, in der Hausfrau eine teilnehmende Landsmännin und sehr -gebildete Freundin zu finden, die in alles einging, was ihr jetziges -oder künftiges Schicksal betraf, und dasjenige mit leichter Zunge -behandelte, über was sich Männer nur sehr ungern offen erklären. - -Nicht nur für diese bedenkliche Zeit, sondern auch in der Folge blieben -diese würdigen Leute Schillers aufrichtigste, wahrste Freunde, und -Madame Meier bewies sich besonders bei dieser Gelegenheit so sorgsam -und tätig wie eine Mutter, die sich um ihren Sohn anzunehmen hat. - -Mittlerweile hatte S. schon am ersten Abend mit Herrn Meier über das -neue, beinahe ganz fertige Trauerspiel Fiesco gesprochen und desselben -als einer Arbeit erwähnt, die den Räubern aus vielen Rücksichten -vorzuziehen sei. Es ergab sich nun von selbst, daß der Dichter -darum angegangen wurde, die erregte Neugierde durch Mitteilung des -Manuskriptes zu befriedigen, wozu sich aber dieser nur unter der -Bedingung verstand, wenn eine größere Anzahl von Zuhörern gegenwärtig -sei. Man fand dies um so natürlicher, da wohl unter allen Schauspielern -sich keiner befand, der nicht im höchsten Grad auf die zweite Arbeit -eines Jünglings begierig gewesen wäre, welcher sich schon durch seine -erste auf eine so außerordentliche Art angekündigt hatte. Es wurde -daher sogleich ein Tag festgesetzt, auf welchen die bedeutendsten -Künstler des Theaters eingeladen werden sollten, um der Vorlesung des -neuen Stücks beizuwohnen. - -Nach zwei erwartungsvollen Tagen traf die Antwort von General Augé -an Schiller ein, welche folgendes enthielt: »Der General habe den -Wünschen Schillers entsprochen und sein Schreiben dem Herzog nicht -nur vorgelegt, sondern auch durch sein Vorwort die getanen Bitten -unterstützt. Er habe daher den Auftrag erhalten, ihn wissen zu lassen: -da Se. herzogliche Durchlaucht bei Anwesenheit der hohen Verwandten -jetzt sehr gnädig wären, er nur zurückkommen solle.« - -Da dieses Schreiben von allem dem nicht das geringste erwähnte, um was -Schiller zur Erleichterung seines Schicksals so dringend gebeten hatte, -so schrieb er dem General augenblicklich zurück, daß er diese Äußerung -Sr. Durchlaucht unmöglich als eine Gewährung seines Gesuches betrachten -könne, folglich genötigt sei, bei dem Inhalt seiner Bittschrift zu -beharren, und seinen Chef ersuche, alles anzuwenden, um den Herzog zur -Erfüllung seiner Wünsche zu vermögen. - -Durch diese Antwort seines Generals in Zweifel gesetzt, was er zu -hoffen oder zu fürchten habe, schrieb Schiller -- was er schon am -zweiten Tag seiner Ankunft an seine Eltern getan -- sogleich an einige -Freunde, damit, wenn sie etwas erführen, was ihm schaden könnte, sie -ihm doch alsobald Nachricht geben möchten, und sah den Antworten mit -ebensoviel Unruhe als Neugierde entgegen. - -Der Nachmittag war zur Vorlesung des neuen Trauerspiels bestimmt, wozu -sich gegen vier Uhr außer Iffland, Beil, Beck noch mehrere Schauspieler -einfanden, die nicht Worte genug finden konnten, um ihre tiefe -Verehrung gegen den Dichter sowie über die hohe Erwartung auszudrücken, -die sie von dem neuesten Produkt eines so erhabenen Geistes hätten. -Nachdem sich alle um einen großen, runden Tisch gesetzt hatten, -schickte der Verfasser erst eine kurze Erzählung der wirklichen -Geschichte und eine Erklärung der vorkommenden Personen voraus, worauf -er dann zu lesen anfing. - -Für S. war das Beisammensehen so berühmter Künstler wie Iffland, Meier, -Beil, von denen das Gerücht Außerordentliches sagte, um so mehr neu -und willkommen, als er noch nie mit einem Schauspieler einigen Umgang -gehabt hatte. Im stillen feierte er schon den Triumph, wie überrascht -diese Leute, die den Dichter mit unverwandten Augen ansahen, über die -vielen schönen Stellen sein würden, die schon in den ersten Szenen, -sowie in den folgenden noch häufiger vorkommen, und sah nicht den -Vorleser, sondern nur die Zuhörer an, um die Eindrücke zu bemerken, -welche die vorzüglichsten Ausdrücke bei ihnen hervorbringen würden. - -Aber der erste Akt wurde zwar bei größter Stille, jedoch ohne das -geringste Zeichen des Beifalls abgelesen, und er war kaum zu Ende, -als Herr Beil sich entfernte und die übrigen sich von der Geschichte -Fiescos oder andern Tagesneuigkeiten unterhielten. - -Der zweite Akt wurde von Schiller weiter gelesen, ebenso aufmerksam -wie der erste, aber ohne das geringste Zeichen von Lob oder Beifall -angehört. Alles stand jetzt auf, weil Erfrischungen von Obst, Trauben -etc. herumgegeben wurden. Einer der Schauspieler, namens Frank, schlug -ein Bolzschießen vor, zu dem man auch Anstalt zu machen schien. Allein -nach einer Viertelstunde hatte sich alles verlaufen, und außer den zum -Haus Gehörigen war nur Iffland geblieben, der sich erst um acht Uhr -nachts entfernte. - -Als ein vollkommener Neuling in der Welt konnte sich S. diese -Gleichgültigkeit, ja diese Abneigung gegen eine so vortreffliche -Dichtung von denen am allerwenigsten erklären, die kaum vor einer -Stunde die größte Bewunderung und Verehrung für Schiller ihm selbst -bezeugt hatten, und es empöre ihn um so heftiger, alle die Sagen von -Neid und Kabale der Schauspieler jetzt schon bestätigt zu sehen, da die -Antwort des Generals Augé wenig Hoffnung ließ, daß sein Freund jemals -zurückkehren dürfe; wo alsdann sein Schicksal bei solchen Leuten sehr -beklagenswert sein müßte. - -Aber der Unerfahrene sollte noch mehr in Verlegenheit gesetzt werden; -denn als er eben im Begriff war, sich über die ungewöhnliche und -beinahe verächtliche Behandlung Schillers bei Herrn Meier zu beklagen, -zog ihn dieser in das Nebenzimmer und fragte: »Sagen Sie mir jetzt -ganz aufrichtig, wissen Sie gewiß, daß es Schiller ist, der die Räuber -geschrieben?« - -Zuverlässig! Wie können Sie daran zweifeln? - -»Wissen Sie gewiß, daß nicht ein anderer dieses Stück geschrieben und -er es nur unter seinem Namen herausgegeben? Oder hat ihm jemand anderer -daran geholfen?« - -Ich kenne Schillern schon im zweiten Jahre und will mit meinem Leben -dafür bürgen, daß er die Räuber ganz allein geschrieben und ebenso auch -für das Theater abgeändert hat. Aber warum fragen Sie mich dieses alles? - -»Weil der Fiesco das Allerschlechteste ist, was ich je in meinem Leben -gehört, und weil es unmöglich ist, daß derselbe Schiller, der die -Räuber geschrieben, etwas so Gemeines, Elendes sollte gemacht haben.« - -S. suchte Herrn Meier zu widerlegen und ihm zu beweisen, daß Fiesco -weit regelmäßiger für die Bühne und darin alles vermieden sei, was an -den Räubern mit Recht so scharf getadelt worden. Er müsse das neue -Stück nur öfter hören oder es selbst durchlesen, dann werde er es -gewiß ganz anders beurteilen und ihm Geschmack abgewinnen. Allein alle -diese Reden waren vergebens. Herr Meier beharrte um so mehr auf seiner -Meinung, weil es ihm als einem erfahrnen Schauspieler zukommen müsse, -aus einigen Szenen den Gehalt des Ganzen sogleich beurteilen zu können, -und sein Schluß war: »Wenn Schiller wirklich die Räuber und Fiesco -geschrieben, so hat er alle seine Kraft an dem ersten Stück erschöpft -und kann nun nichts mehr als lauter erbärmliches, schwülstiges, -unsinniges Zeug hervorbringen.« - -Dieses Urteil, von einem Mann ausgesprochen, den man nicht nur als -einen vollgültigen Richter, sondern auch als einen solchen Freund -Schillers ansehen durfte, dem an der guten Aufnahme des Stückes beinahe -ebensoviel als dem Verfasser selbst gelegen sei, machte auf S. einen so -betäubenden Eindruck, daß ihm die Sprache für den Augenblick den Dienst -versagte. War dies Herr Meier, der so zu ihm sprach? Hatte er auch -recht gehört? Sollte er die Erwartungen Meiers zu hoch gespannt haben? -Wäre es möglich, daß er sich getäuscht und dasjenige vortrefflich -gefunden, was andere, die man für Kenner gelten lassen mußte, nun -als schlecht, als unsinnig beurteilen? Oder hat sich Meier mit den -andern verschworen, zum Untergang des Stücks und seines Verfassers -mitzuwirken? Diese Fragen, durch das Unbegreifliche des Vorganges und -der Äußerungen Meiers hervorgerufen, machte S. an sich selbst und fand -sie um so quälender, da ihre Auflösung nicht sogleich erfolgen konnte. -Die Abendstunden wurden von den Anwesenden mit größter Verlegenheit -zugebracht. Von Fiesco erwähnte niemand mehr eine Silbe. Schiller -selbst war äußerst verstimmt und nahm mit seinem Gefährten zeitlich -Abschied. Bei dem Weggehen ersuchte ihn Meier, ihm für die Nacht das -Manuskript da zu lassen, indem er nur die zwei ersten Akte gehört und -doch gern wissen möchte, welchen Ausgang das Stück nähme. Schiller -bewilligte diese Bitte sehr gern. - -Über den kalten Empfang Fiescos, von dem man die willkommenste Aufnahme -erwartet hatte, wurde zu Hause nichts, und überhaupt sehr lange wenig -gesprochen, bis sich Schiller endlich Luft machte und über den Neid, -die Kabale, den Unverstand der Schauspieler Klagen führte. Jetzt zum -erstenmal sprach er den ernstlichen Vorsatz aus, daß, wenn er hier -nicht als Schauspieldichter angestellt oder sein Trauerspiel nicht -angenommen werde, er selbst als Schauspieler auftreten wolle, indem -eigentlich doch niemand so deklamieren könne wie er. S. wollte dem -mißlaunigen Freunde nicht geradezu widersprechen, gab ihm aber doch -zu bedenken, in welche Verlegenheit er seine Mutter und Schwester, -besonders aber seinen Vater setzen würde, wenn sie erfahren müßten, daß -er nun weiter nichts als ein Schauspieler geworden sei, da er selbst -sich doch einen so glänzenden Erfolg von seiner Reise versprochen. Er -erinnerte ihn an das Vorurteil, das man in Stuttgart gegen diesen Stand -hege, wo man zwar dem einzelnen Gerechtigkeit widerfahren lasse, sich -aber doch jedes nähern Umganges mit ihm enthalte. Er möge doch mit -Geduld warten, bis Baron von Dalberg in Mannheim eintreffe, von dem -allein die günstige Wendung seines Schicksals zu hoffen sei. - -Mit bangen Erwartungen wegen des Endurteils, das über Fiesco und seinen -Verfasser gefällt werden sollte, begab sich S. den andern Morgen -ziemlich früh zu Herrn Meier, der ihn kaum ansichtig wurde, als er -ausrief: »Sie haben recht! Sie haben recht! Fiesco ist ein Meisterstück -und weit besser bearbeitet als die Räuber. Aber wissen Sie auch was -schuld daran ist, daß ich und alle Zuhörer es für das elendeste -Machwerk hielten? Schillers schwäbische Aussprache und die verwünschte -Art, wie er alles deklamiert! Er sagt alles in dem nämlichen -hochtrabenden Ton her, ob es heißt: Er macht die Türe zu, oder ob es -eine Hauptstelle seines Helden ist. Aber jetzt muß das Stück in den -Ausschuß kommen, da wollen wir es uns vorlesen und alles in Bewegung -setzen, um es bald auf das Theater zu bringen!« - -Der Schluß von Herrn Meiers Rede verwandelte die Niedergeschlagenheit -von S. in eine solche Freude, daß er, ohne Schillern zu entschuldigen -oder die herabsetzende Meinung von dessen Ansprache und -Deklamationsgabe widerlegen zu wollen, augenblicklich nach Hause eilte, -um dem Dichter, der eben aufgestanden war, die angenehme Nachricht zu -hinterbringen, sein Trauerspiel werde bald in lebendigen Gestalten -vor ihm erscheinen. Daß seine Mundart, seine heftige Aussprache den -schlechten Erfolg von gestern hervorgebracht, wurde ihm sorgfältig -verschwiegen, um sein ohnehin krankes Gemüt nicht zu reizen. - -Am andern Tage traf die Antwort des Generals Augé auf das zweite -Schreiben Schillers ein, welche aber von ganz gleichem Inhalt wie -die erste war, nämlich: »Da Se. herzogliche Durchlaucht jetzt sehr -gnädig wären, er nur zurückkommen solle.« Allein Schiller konnte in -keinem Fall wagen, wieder heimzukehren, da ihm weder Straflosigkeit -zugesichert, noch eine seiner Bitten bewilligt worden war. Der -entscheidende Schritt war einmal geschehen, und so wenig Glänzendes -sich auch jetzt zeigte, so ließ sich doch dieses von der Zukunft -hoffen; ja er fand es geratener, weit eher einem ungewissen Schicksal -entgegen zu gehen, als sich das frühere Joch wieder auflegen zu lassen, -das ihm ohnehin schon den Nacken wund gerieben und in der Folge -zuverlässig auf das Mark des Lebens eingedrungen sein würde. - -Er hielt nun das, was er zu tun habe, für so gewiß entschieden, daß er -nicht mehr an seinen General schrieb, sondern dem Rate seiner Freunde -folgte, sich auf einige Wochen zu entfernen, indem es doch möglich -wäre, daß seine Auslieferung von der pfälzischen Regierung verlangt -würde, weil er auf Kosten des Herzogs in der Akademie erzogen worden -und auch, da er Uniform getragen, einigermaßen zum Militärstande -gerechnet werden könne. Geschähe in einigen Wochen nichts gegen ihn, so -wäre man beinahe versichert, seine Entweichung sei vergessen oder der -Herzog werde seiner gewöhnlichen Großmut gemäß nicht weiter nach ihm -fragen. - -Da auch Baron Dalberg noch immer in Stuttgart verweilte und seine -Rückkehr ungewiß blieb, folglich für die Bestimmung Schillers nichts -getan werden konnte, so wurde nach einem Aufenthalt von sechs -oder sieben Tagen die Reise über Darmstadt nach Frankfurt am Main -beschlossen, wo auch die weiteren Nachrichten von Haus oder von -Mannheim abgewartet werden konnten. - -Aber diese Reise mußte zu Fuß gemacht werden; denn das kleine Kapital, -das jeder von Stuttgart mit sich nehmen konnte, war durch die Herreise, -durch das Verweilen in Mannheim so herab geschwunden, daß es bei der -größten Sparsamkeit nur noch zehn oder zwölf Tage ausreichen konnte. -Für Schiller war es wohl nicht tunlich, sich bei seinen Eltern um -Hilfe zu bewerben; denn seinem Vater durfte er nicht schreiben, um -ihn keinem Verdachte bloßzustellen, und seiner Mutter wollte er nicht -den Kummer machen, sie wissen zu lassen, daß er jetzt schon Mangel -leide, da sie gewiß geglaubt, er würde einem sehr behaglichen Zustand -entgegengehen. Es schrieb daher S. an seine Mutter, ihm vorläufig, aber -so bald als möglich dreißig Gulden auf dem Postwagen nach Frankfurt zu -schicken, weil Schiller in Mannheim nichts bezogen habe, beide nur noch -auf einige Tage mit Geld versehen seien und er den Freund in diesen -Umständen unmöglich verlassen könne. - -Nach dem herzlichsten Abschied von Herrn und Madame Meier und nur -mit dem Unentbehrlichsten in den Taschen gingen die Reisenden nach -Tisch über die Neckarbrücke von Mannheim ab, schlugen den Weg nach -Sandhofen ein, blieben in einem Dorf über Nacht und gingen den andern -Tag durch die herrliche, rechts mit Burgruinen prangende Bergstraße -nach Darmstadt, wo sie abends gegen sechs Uhr eintrafen. Sehr ermüdet -von dem ungewohnten, zwölfstündigen Marsch begaben sie sich in -einen Gasthof und waren sehr froh, nach einem guten Abendessen in -reinlichen Betten ausruhen und sich durch Schlaf erholen zu können. -Letzteres sollte ihnen aber nicht zu teil werden; denn aus dem tiefsten -Schlafe wurden sie durch ein so lärmendes, fürchterliches Trommeln -aufgeschreckt, daß man glauben mußte, es sei ein sehr heftiges Feuer -ausgebrochen. Sie horchten, als das schreckliche Getöse sich entfernt -hatte, ob man nicht reiten, fahren oder schreien höre; sie öffneten -die Fenster, ob sich keine Helle von Flammen zeige, aber alles blieb -ruhig, und wenn es nur einer allein gehört hätte, würde er sich endlich -selbst überredet haben, es sei ein Traum gewesen. Am Morgen erkundigten -sie sich bei dem Wirt, was das außerordentlich starke Trommeln in der -Stadt zu bedeuten gehabt, und erfuhren mit Erstaunen, daß dieses jede -Nacht mit dem Schlag zwölf Uhr so wäre. Es sei die Reveille! - -Des Morgens fühlte sich Schiller etwas unpäßlich, bestand aber doch -darauf, den sechs Stunden langen Weg nach Frankfurt noch heute zu -gehen, damit er alsogleich nach Mannheim schreiben und sich die -indessen an ihn eingelaufenen Briefe schicken lassen könne. - -Es war ein sehr schöner, heiterer Morgen, als die Reisenden ihre -ermüdeten Füße wieder in Gang zu bringen versuchten und den Weg -antraten. Langsam schritten sie vorwärts, rasteten aber schon nach -einer Stunde, um sich in einem Dorfe mit etwas Kirschengeist, in Wasser -geschüttet, abzukühlen und zu stärken. Zu Mittag kehrten sie wieder -ein, weniger wegen des Essens, als daß Schiller, der sehr müde war, -sich etwas ausruhen könne. Allein es war in dem Wirtshause zu lärmend, -die Leute zu roh, als daß es über eine halbe Stunde auszuhalten -gewesen wäre. Man machte sich also noch einmal auf, um Frankfurt in -einigen Stunden zu erreichen, welches aber die Mattigkeit Schillers -kaum zuzulassen schien; denn er ging immer langsamer, mit jeder Minute -vermehrte sich seine Blässe, und als man in ein Wäldchen gelangte, in -welchem seitwärts eine Stelle ausgehauen war, erklärte er, außerstande -zu sein noch weiter zu gehen, sondern versuchen zu wollen, ob er sich -nach einigen Stunden Ruhe wenigstens so weit erhole, um heute noch die -Stadt erreichen zu können. Er legte sich unter ein schattiges Gebüsch -ins Gras nieder, um zu schlafen, und S. setzte sich auf den abgehauenen -Stamm eines Baumes, ängstlich und bange nach dem armen Freund -hinschauend, der nun doppelt unglücklich war. - -In welcher Sorge und Unruhe der Wachende die Zeit zugebracht, -während der Kranke schlief, kann nur derjenige allein fühlen, der -die Freundschaft nicht bloß durch den Austausch gegenseitiger -Gefälligkeiten, sondern auch durch das wirkliche mit Leiden und mit -Tragen aller Widerwärtigkeiten kennt. Und hier mußte die innigste -Teilnahme um so größer sein, da sie einem Jüngling galt, der in allem -das reinste Gemüt, den höchsten Adel der Seele kund gab und all -das Erhabene und Schöne schon im voraus ahnen ließ, das er später -so groß und herrlich entfaltete. Auch in seinen gehärmten, düstern -Zügen ließ sich noch der stolze Mut wahrnehmen, mit dem er gegen ein -hartes, unverdientes Schicksal zu kämpfen suchte, und die wechselnde -Gesichtsfarbe verriet, was ihn, auch seiner unbewußt, beschäftige. -Das Ruheplätzchen lag für den Schlafenden so günstig, daß nur links -ein Fußsteig vorbeiführte, der aber während zwei Stunden von niemand -betreten wurde. Erst nach Verlauf dieser Zeit zeigte sich plötzlich -ein Offizier in blaßblauer Uniform mit gelben Aufschlägen, dessen -überhöflicher Ausruf: »Ah! hier ruht man sich aus!« einen der in -Frankfurt liegenden Werber vermuten ließ. Er näherte sich mit der -Frage: »Wer sind die Herren?« worauf S. etwas laut und barsch -antwortete: »Reisende.« - -Schiller erwachte, richtete sich schnell auf und maß den Fremden mit -scharfem, verwundertem Blick, der sich nun auch, da er wohl merken -mochte, daß hier für ihn nichts zu angeln sei, ohne weiter ein Wort zu -sprechen, entfernte. - -Auf die schnelle Frage von S., wie geht's, wie ist Ihnen? erfolgte -zu seiner großen Beruhigung die Antwort: »Mir ist etwas besser, ich -glaube, daß wir unsern Marsch wieder antreten können.« Er stand auf, -durch den Schlaf soweit gestärkt, daß er, anfangs zwar langsam, aber -doch ohne Beschwerde fortgehen konnte. Außerhalb des Wäldchens traf -man auf einige Leute, welche die Entfernung der Stadt noch auf eine -kleine Stunde angaben. Diese Nachricht belebte den Mut, es wurde etwas -schneller gegangen, und ganz unvermutet zeigte sich das altertümlich -gebaute, merkwürdige Frankfurt, in welches man auch noch vor der -Dämmerung eintrat. - -Teils aus nötiger Sparsamkeit, teils auch, wenn Nachforschungen -geschehen sollten, um so leichter verborgen zu sein, wurde die -Wohnung in der Vorstadt Sachsenhausen bei einem Wirte der Mainbrücke -gegenüber gewählt und mit demselben sogleich der Betrag für Zimmer und -Verköstigung auf den Tag bedungen, damit man genau wisse, wie lange der -geringe Geldvorrat noch ausreichen würde. - -Die Gewißheit, hier genugsam verborgen zu sein, die vergönnte Ruhe und -ein erquickender Schlaf gaben Schillern die nötigen Kräfte, daß er des -andern Tages einige Briefe nach Mannheim schreiben konnte. Unter diesen -befand sich auch derjenige an Baron Dalberg, der sich in obengenannter -Sammlung Seite 71 befindet. Gern würde der Verfasser dieses dem Leser -einen kleinen Schmerz ersparen, aber er muß es wissen, und bei diesem -außerordentlichen, jetzt beinahe vergötterten Dichter, wiederholt -bestätigt sehen, daß in Deutschland keinem großen Mann in seiner -Jugend auf Rosen gebettet wird; daß -- ist er nicht schon durch die -Eltern mit Glücksgütern gesegnet -- er die rauhesten, mit verwundenden -Dornen belegten Wege betreten muß, und selten, leider äußerst selten, -eine freundliche Hand sich findet, um ihm die Bahn gangbarer, um -seiner Brust das Atmen leichter zu machen. Man überschlage den Brief -nicht; denn er wurde mit gepreßtem Gemüt und nicht mit trockenen Augen -geschrieben. - - »Eure Exzellenz werden von meinen Freunden zu Mannheim meine Lage - bis zu Ihrer Ankunft, die ich leider nicht mehr abwarten konnte, - erfahren haben. Sobald ich Ihnen sage, ich bin auf der Flucht, - sobald hab' ich mein ganzes Schicksal geschildert. Aber noch kommt - das Schlimmste dazu. Ich habe die nötigen Hilfsmittel nicht, die - mich in den Stand setzten, meinem Mißgeschick Trotz zu bieten. - Ich habe mich von Stuttgart meiner Sicherheit wegen schnell und - zur Zeit des Großfürsten losreißen müssen. Dadurch habe ich meine - bisherigen ökonomischen Verhältnisse plötzlich durchrissen und - nicht alle Schulden berichtigen können. Meine Hoffnung war auf - meinen Aufenthalt zu Mannheim gesetzt; dort hoffte ich, von E. E. - unterstützt, durch mein Schauspiel mich nicht nur schuldenfrei, - sondern auch überhaupt in bessere Umstände zu setzen. Dies ward - durch meinen notwendigen plötzlichen Aufbruch hintertrieben. Ich - ging leer hinweg, leer in Börse und Hoffnung. Es könnte mich - schamrot machen, daß ich Ihnen solche Geständnisse tun muß; aber - ich weiß, es erniedrigt mich nicht. Traurig genug, daß ich auch an - mir die gehässige Wahrheit bestätigt sehen muß, die jedem freien - Schwaben Wachstum und Vollendung abspricht.[2] - - »Wenn meine bisherige Handlungsart, wenn alles das, woraus E. E. - meinen Charakter erkennen, Ihnen ein Zutrauen gegen meine Ehrliebe - einflößen kann, so erlauben Sie mir, Sie freimütig um Unterstützung - zu bitten. So höchst notwendig ich jetzt des Ertrags bedarf, den - ich von meinem Fiesco erwartete, so wenig kann ich ihn vor drei - Wochen theaterfertig liefern, weil mein Herz so lange beklemmt war, - weil das Gefühl meines Zustandes mich gänzlich von dichterischen - Träumen zurückriß. Wenn ich ihn aber bis auf besagte Zeit nicht nur - fertig, sondern, wie ich auch hoffen kann, würdig verspreche, so - nehme ich mir daraus den Mut, Euer Exzellenz um gütigsten Vorschuß - des mir dadurch zufallenden Preises gehorsamst zu bitten, weil ich - jetzt vielleicht mehr als sonst durch mein ganzes Leben dessen - benötigt bin. Ich hätte ungefähr noch 200 fl. nach Stuttgart zu - bezahlen. Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorge macht, - als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll. Ich habe so - lange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe. - - »Dann wird mein Reisemagazin in acht Tagen erschöpft sein. Noch - ist es mir gänzlich unmöglich mit dem Geiste zu arbeiten. Ich habe - also gegenwärtig auch in meinem Kopf keine Ressourcen. Wenn E. - E. (da ich doch einmal alles gesagt habe) mir auch hiezu 100 fl. - vorstrecken würden, so wäre mir gänzlich geholfen. Entweder würden - Sie dann die Gnade haben, mir den Gewinst der ersten Vorstellung - meines Fiesco mit aufgehobenem Abonnement zu versprechen, oder mit - mir über einen Preis übereinkommen, den der Wert meines Schauspiels - bestimmen würde. In beiden Fällen würde es mir ein leichtes sein - (wenn meine jetzige Bitte die alsdann erwachsende Summe überstiege) - beim nächsten Stück, das ich schreibe, die ganze Rechnung zu - applanieren. Ich lege diese Meinung, die nichts als inständige - Bitte sein darf, dem Gutbefinden E. E. also vor, wie ich es meinen - Kräften zutrauen kann, sie zu erfüllen. - - »Da mein gegenwärtiger Zustand aus dem Bisherigen hell genug wird, - so finde ich es überflüssig, E. E. mit einer drängenden Vormalung - meiner Not zu quälen. - - »Schnelle Hilfe ist alles, was ich jetzt noch denken und wünschen - kann. Herr Meier ist von mir gebeten mir den Entschluß E. E. unter - allen Umständen mitzuteilen, und Sie selbst des Geschäftes mir zu - schreiben zu überheben. - - Mit entschiedener Achtung nenne ich mich - - Euer Exzellenz - - wahrster Verehrer - - Friedr. Schiller.« - -Vorstehender am 29. oder 30. September[3] geschriebener Brief wurde an -Herrn Meier überschickt und dieser in einer Beilage, nachdem ihm der -Inhalt desselben bekannt gemacht worden, ersucht, sowohl die Antwort -des Baron Dalberg entgegenzunehmen, als auch selbe nach Frankfurt zu -senden, wo man sie von der Post abholen wolle. - -Diese Darstellung seiner Umstände kostete Schillern eine -außerordentliche Überwindung. Denn nichts kann den edlen, stolzen -Mann tiefer beugen, als wenn er um solche Hilfe ansprechen muß, die -das tägliche Bedürfnis betrifft, die ihm dem Gemeinen, Niedrigen -gleichstellt und für die der Reiche selten seine Hand öffnet. Aber -die Bezahlung der 200 fl. nach Stuttgart war so dringend, daß der -Ausdruck in seinem Briefe: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das -mehr Sorge macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen -soll -- Ich habe solange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite -gereinigt habe,« die ernstlichste Wahrheit ausdrückte. Um die Pein, -welche diese -- wohl manchem sehr unbedeutend scheinende -- Summe von -200 fl. dem edelmütigen Jüngling verursachte, zu erklären, sowie zur -Warnung für angehende Dichter oder Schriftsteller, sei eine kurze -Auseinandersetzung erlaubt. - -Schon oben ist erwähnt worden, daß Schiller die Räuber auf seine -Kosten drucken lassen und das Geld dazu borgen mußte. Dieses Borgen -konnte aber nicht bei dem Darleiher selbst geschehen, sondern es -verwendete sich, wie es gewöhnlich geschieht, eine dritte Person dabei, -welche die Bezahlung verbürgte. Auch bei dem Druck der Anthologie -mußte nachbezahlt werden, wodurch denn nebst anderthalbjährigen -Zinsen eine Summe, die ursprünglich kaum 150 fl. betrug, sich auf -200 anhäufte. Solange Schiller in Stuttgart war, konnte er leicht -den Rückzahlungstermin verlängern, da man an seinen Eltern, obwohl -sie nicht reich waren, doch im schlimmsten Fall einige Sicherheit -vermutete. Da jedoch durch den Befehl des Herzogs das Herausgeben -dichterischer Werke Schillern auf das strengste verboten war und er -sich nur durch solche Arbeiten seine ärmliche Besoldung von jährlichen -180 fl. zu vergrößern wußte, so mußte wohl eine solche Verlegenheit zu -dem Entschlusse, Stuttgart zu verlassen, viel beitragen, und er hatte -auch in diesem Sinne vollkommen recht, wo er anführt: »Die Räuber -kosteten mich Familie und Vaterland.« Nach der Abreise Schillers konnte -sich der Darleiher nur an die Zwischenperson halten, und diese, da sie -zur Zahlung unvermögend war, konnte in den Fall geraten, verhaftet -zu werden, was dann demjenigen, der die Ursache davon war, das Herz -zernagen mußte. Seine ganze Hoffnung war nun auf den Baron Dalberg -gerichtet, und daß dieser, der ihm früher so viele Versicherungen -seiner Teilnahme gegeben, ihn schon darum aus dieser Verlegenheit -befreien würde, weil er den Wert der erbetenen Hilfe in dem Manuskripte -von Fiesco schon in Händen hatte, konnte nicht im mindesten bezweifelt -werden. Überdies war Baron Dalberg nicht nur sehr reich, sondern hatte -auch wegen des häufigen Verkehrs mit Dichtern und Schriftstellern -durch die Artigkeit seines Benehmens gegen sie (was bei diesen Herren -für eine sehr schwere Münze gilt) den Ruf eines wahren Gönners und -Beschützers der schönen Wissenschaften und Künste sich erworben. - -Da Schiller durch obiges Schreiben die schwerste Last von seinem Herzen -abgewälzt hatte, gewann er zum Teil auch seine frühere Heiterkeit -wieder. Sein Auge wurde feuriger, seine Gespräche belebter, seine -Gedanken, bisher immer mit seinem Zustande beschäftigt, wendeten sich -jetzt auch auf andere Gegenstände. Ein Spaziergang, der des Nachmittags -über die Mainbrücke durch Frankfurt nach der Post gemacht wurde, -um die Briefe nach Mannheim abzugeben, zerstreute ihn, da er das -kaufmännische Gewühl, die ineinander greifende Tätigkeit so vieler hier -zum erstenmal sah. Auf dem Heimwege übersah man von der Mainbrücke -das tätige Treiben der abgehenden und ankommenden, der ein- und -auszuladenden Schiffe, nebst einem Teil von Frankfurt, Sachsenhausen, -sowie den gelblichen Mainstrom, in dessen Oberfläche sich der heiterste -Abendhimmel spiegelte. Lauter Gegenstände, die das Gemüt wieder hoben -und Bemerkungen hervorriefen, die um so anziehender waren, als seine -überströmende Einbildungskraft dem geringsten Gegenstand Bedeutung gab -und die kleinste Nähe an die weiteste Entfernung zu knüpfen wußte. -Diese Zerstreuung hatte auf die Gesundheit Schillers so wohltätig -eingewirkt, daß er wieder einige Eßlust bekam, die ihm seit zwei -Tagen gänzlich fehlte, und sich mit Lebhaftigkeit über dichterische -Pläne unterhalten konnte. Sein ganzes Wesen war so angelegt, sein -Körperliches dem Geistigen so untergeordnet, daß ihn solche Gedanken -nie verließen und er ohne Unterlaß von allen Musen umschwebt schien. -Auch hatte er kaum das leichte Nachtessen geendet, als sich aus seinem -Schweigen, aus seinen aufwärts gerichteten Blicken wahrnehmen ließ, daß -er über etwas Ungewöhnlichem brüte. Schon auf dem Wege von Mannheim -bis Sandhofen und von da nach Darmstadt ließ sich bemerken, daß sein -Inneres weniger mit seiner gegenwärtigen Lage als mit einem neuen -Entwurfe beschäftigt sei; denn er war so sehr in sich verloren, daß -ihn selbst in der mit Recht so berühmten Bergstraße sein Reisegefährte -auf jede reizende Ansicht aufmerksam machen mußte. Nun, zwischen vier -Wänden, überließ er sich um so behaglicher seiner Einbildungskraft, als -diese jetzt durch nichts abgelenkt wurde und er ungestört sich bewegen -oder ruhen konnte. In solchen Stunden war er wie durch einen Krampf -ganz in sich zurückgezogen und für die Außenwelt gar nicht vorhanden; -daher auch sein Freund ihn durch nichts beunruhigte, sondern mit einer -Art heiliger Scheu sich so still als möglich verhielt. Der nächste -Vormittag wurde dazu verwendet, um die in der Geschichte Deutschlands -so merkwürdige Stadt etwas sorgfältiger als gestern geschehen konnte, -zu besehen und auch einige Buchläden zu besuchen. In dem ersten -derselben erkundigte sich Schiller, ob das berüchtigte Schauspiel -die Räuber guten Absatz finde und was das Publikum darüber urteile? -Die Nachricht über das erste fiel so günstig aus und die Meinung der -großen Welt wurde so außerordentlich schmeichelhaft geschildert, daß -der Autor sich überraschen ließ und, ungeachtet er als Doktor Ritter -vorgestellt worden, dem Buchhändler nicht verbergen konnte, daß er, -der gegenwärtig das Vergnügen habe mit ihm zu sprechen, der Verfasser -davon sei. Aus den erstaunten, den Dichter messenden Blicken des Mannes -ließ sich leicht abnehmen, wie unglaublich es ihm vorkommen müsse, daß -der so sanft und freundlich aussehende Jüngling so etwas geschrieben -haben könne. Indes verbarg er seine Zweifel, indem er durch mancherlei -Wendungen das vorhin ausgesprochene Urteil, welches man so ziemlich als -das allgemeine annehmen konnte, wiederholte. Für Schiller war jedoch -dieser Auftritt sehr erheiternd; denn in einem solchen Zustande wie -er damals war, konnte auf sein bekümmertes Gemüt nichts so angenehmen -Eindruck haben als die Anerkennung seines Talentes und die Gewißheit -der Wirkung, von der alle seine Leser ergriffen worden. - -Zu Haus angelangt, überließ sich Schiller aufs neue seinen -dichterischen Eingebungen und brachte den Nachmittag und Abend im Auf- -und Niedergehen oder im Schreiben einiger Zeilen hin. Zum Sprechen -gelangte er erst nach dem Abendessen, wo er dann auch seinem Gefährten -erklärte, was für eine Arbeit ihn jetzt beschäftige. - -Da man allgemein glaubt, daß bei dem Empfangen und an das Lichtbringen -der Geisteskinder gute oder schlimme Umstände ebenso vielen Einfluß -wie bei den leiblichen äußern, so sei dem Leser schon jetzt vertraut, -daß Schiller seit der Abreise von Mannheim mit der Idee umging, ein -bürgerliches Trauerspiel zu dichten, und er schon soweit im Plan -desselben vorgerückt war, daß die Hauptmomente hell und bestimmt vor -seinem Geiste standen. - -Dieses Trauerspiel, das wir jetzt unter dem Namen Kabale und Liebe -kennen, welches aber ursprünglich Luise Millerin hätte benannt werden -sollen, wollte er mehr als einen Versuch unternehmen, ob er sich auch -in die bürgerliche Sphäre herablassen könne, als daß er sich öfters -oder gar für immer dieser Gattung hätte widmen wollen. Er dachte so -eifrig darüber nach, daß in den nächsten vierzehn Tagen schon ein -bedeutender Teil der Auftritte niedergeschrieben war. - -Am nächsten Morgen fragten die Reisenden auf der Post nach, ob keine -Briefe für sie angelangt wären? Aber der Gang war fruchtlos, und da die -Witterung trübe und regnerisch war, so mußte die Zuflucht wieder zur -Stube genommen werden. Am Nachmittag wurde auf der Post noch einmal -angefragt, aber ebenso vergeblich wie in der Frühe. - -Diese Verspätung deutete S. um so mehr als ein gutes Zeichen, indem -der angesuchte Betrag entweder durch Wechsel oder durch den Postwagen -übermacht werden müsse, was dann notwendig einige Tage mehr erfordern -könne als ein bloßer Brief. Er war seiner Sache so gewiß, daß er -Schillern ersuchte, ihm seine in Mannheim zurückgelassenen Sachen -nach Frankfurt zu schicken, weil er dann, sowie die Hilfe von Baron -Dalberg eintreffe, seine Mutter ersuchen wolle, ihm außer dem, was er -jetzt schon besitze, noch mehr zu senden, damit er von hier aus die -Reise nach Hamburg fortsetzen könne. Schiller sagte dieses sehr gern -zu und versprach noch weiter, ihm auch von Meier sowie von seinen -andern Freunden Empfehlungsbriefe zu verschaffen, indem ein junger -Tonkünstler nie zu viele Bekanntschaften haben könne. Diese Hoffnungen, -die von beiden Seiten noch durch viele Zutaten verschönert wurden, -erheiterten den durch eine bessere Witterung begünstigten Spaziergang -und störten auch abends die Phantasie des Dichters so wenig, daß er -sich derselben, im Zimmer auf und ab gehend, mehrere Stunden ganz -ruhig überließ. - -Den nächsten Morgen gingen die Reisenden schon um neun Uhr aus, um die -vielleicht in der Nacht an sie eingelaufenen Briefe abzuholen, die -auch zu ihrer großen Freude wirklich eingetroffen waren. Sie eilten -so schnell als möglich nach Haus, um den Inhalt derselben ungestört -besprechen zu können, und waren kaum an der Tür ihrer Wohnung, als -Schiller schon das an ~Dr.~ Ritter überschriebene Paket erbrochen -hatte. Er fand mehrere Briefe von seinen Freunden in Stuttgart, die -sehr vieles über das außerordentliche Aufsehen meldeten, das sein -Verschwinden veranlaßt habe, ihm die größte Vorsicht wegen seines -Aufenthalts anrieten, aber doch nicht das mindeste aussprachen, woraus -sich auf feindselige Absichten des Herzogs hätte schließen lassen. Alle -diese Briefe wurden gemeinschaftlich gelesen, weil ihr Inhalt beide -betraf und allerdings geeignet war, sie einzuschüchtern. Allein da sie -in Sachsenhausen geborgen waren, so beruhigten sie sich um so leichter, -da sie in dem Schreiben des Herrn Meier der angenehmsten Nachricht -entgegen sahen. Schiller las dieses für sich allein und blickte dann -gedankenvoll durch das Fenster, welches die Aussicht auf die Mainbrücke -hatte. Er sprach lange kein Wort, und es ließ sich nur aus seinen -verdüsterten Augen, aus der veränderten Gesichtsfarbe schließen, daß -Herr Meier nichts Erfreuliches gemeldet habe. Nur nach und nach kam es -zur Sprache, daß Baron Dalberg keinen Vorschuß leiste, weil Fiesco in -dieser Gestalt für das Theater nicht brauchbar sei; daß die Umarbeitung -erst geschehen sein müsse, bevor er sich weiter erklären könne. - -Diese niederschlagende Nachricht mußte dem edlen Jüngling um so -unerwarteter sein, je mehr er durch die ihm von Baron Dalberg bezeugte -Teilnahme zu seiner Bitte und zur Hoffnung, daß sie erfüllt würde, -berechtigt war. Am meisten mußte aber sein Ehrgeiz dadurch beleidigt -sein, daß er seine traurige Lage ganz unnützerweise enthüllt und sich -durch deren Darstellung der Willkür desjenigen preisgegeben, von dem er -mit Recht Unterstützung erwartete. - -Wenige junge Männer würden sich in gleichen Umständen mit Mäßigkeit und -Anstand über eine solche Versagung ausgesprochen haben. Schiller aber -bewies auch hierin sein reines, hohes Gemüt; denn er ließ nicht die -geringste Klage hören; kein hartes oder heftiges Wort kam über seine -Lippen, ja nicht einmal eines Tadels würdigte er die erhaltene Antwort, -so wenig er sich auch vor seinem jüngeren Freunde hätte scheuen dürfen, -seinen Unmut auszulassen. Er sann alsobald nur darauf, wie er dennoch -zu seinem Zweck gelangen könne, oder was zuerst getan werden müsse. Da -die Hoffnung geblieben war, daß, wenn Fiesco für das Theater brauchbar -eingerichtet sei, derselbe angenommen und bezahlt würde, oder, wenn -dieses auch nicht der Fall wäre, doch das Stück in Druck gegeben und -dafür etwas eingenommen werden könne, so beschloß er in die Gegend von -Mannheim zu gehen, weil es dort wohlfeiler als in Frankfurt zu leben -sei, und auch um den Herren Schwan und Meier nahe zu sein, damit, wenn -es auf die tiefste Stufe des Mangels kommen sollte, von diesen einige -Hilfe erwartet werden könne. Er wäre sogleich dahin aufgebrochen, -allein man war noch an Frankfurt gebannt, denn bei jedem Griff in den -Beutel war schon sein Boden erreicht, und die durch S. von seiner -Mutter erbetene Beihilfe war noch nicht angelangt. Bis diese eintreffe, -mußte man hier aushalten, und um gegen die Möglichkeit, daß sie spät -ankäme, oder vielleicht gar ausbliebe, doch einigermaßen gedeckt zu -sein, entschloß sich Schiller ein ziemlich langes Gedicht, Teufel Amor -betitelt, an einen Buchhändler zu verkaufen. - -Dieses Gedicht, von dem sich der Verfasser dieses nur noch folgender -zwei Verse: - - »Süßer Amor, verweile - Im melodischen Flug« - -mit Zuverlässigkeit erinnert, war eines der vollkommensten, die -Schiller bisher gemacht und an schönen Bildern, Ausdruck und Harmonie -der Sprache so hinreißend, daß er selbst -- was bei seinen anderen -Arbeiten nicht oft eintraf -- ganz damit zufrieden schien und seinen -jungen Freund mehrmals durch dessen Vorlesung erfreute. Leider ging es -in den nächsten vier Wochen (wie der Leser später erfahren wird) mit -noch andern Sachen, wahrscheinlich durch die Zerstreuung des Dichters -selbst, in Verlust, indem sich in der von ihm herausgegebenen Sammlung -seiner Gedichte keine Spur davon findet und das meiste davon der -Bekanntmachung fast würdiger gewesen wäre als einige Stücke aus seiner -frühern Zeit. - -Von dem Buchhändler kam Schiller aber ganz mißmutig wieder zurück, -indem er fünfundzwanzig Gulden dafür verlangte, jener jedoch nur -achtzehn geben wollte. So benötigt er aber auch dieser kleinen Summe -war, konnte er es doch nicht über sich gewinnen, diese Arbeit unter -dem einmal ausgesprochenen Preise wegzugeben, und zwar sowohl aus -herzlicher Verachtung gegen alle Knickerei als auch, weil er den -Wert des Gedichtes selbst nicht gering achtete. Endlich, nachdem -der Reichtum der geängstigten Freunde schon in kleine Scheidemünze -sich umgewandelt hatte, kamen den nächsten Tag auf dem Postwagen die -bescheidenen dreißig Gulden für S. an, der auch ohne das geringste -Bedenken für jetzt seinen Plan nach Hamburg aufgab und bei Schillern -blieb, um ihn nach seinem neuen Aufenthaltsorte zu begleiten. Dieser -schrieb noch am nämlichen Abend an Herrn Meier, daß er den nächsten -Vormittag nach Mainz abgehen, am folgenden Abend in Worms eintreffen -werde, wo er auf der Post Nachricht erwarte, wohin er sich zu begeben -habe, um ihn zu sprechen und den Ort zu bestimmen, in welchem er sein -Trauerspiel ruhig umarbeiten könne. Gleich den andern Morgen begaben -sich die Reisenden auf das von Frankfurt nach Mainz täglich abgehende -Marktschiff, mit welchem sie des Nachmittags bei guter Zeit in -letztbenannter Stadt anlangten, dort sogleich in einem Gasthofe das -Wenige, was sie bei sich hatten, ablegten und noch ausgingen, um den -Dom und die Stadt zu besichtigen. - -Am nächsten Tage verließen sie Mainz sehr früh, wo sie, die Favorite -vorbei, den herrlichen Anblick des Zusammentreffens vom Rhein- und -Mainstrome bei der schönsten Morgenbeleuchtung genossen und den echt -deutschen Eigensinn bewunderten, mit welchem beide Gewässer ihre -Abneigung zur Vereinigung durch den scharfen Abschnitt ihrer bläulichen -und gelben Farben bezeichneten. - -Da man auf den Abend in Worms eintreffen wollte, so mußten die Wanderer -als ungeübte Fußgänger sich ziemlich anstrengen, um den neun Stunden -langen Weg zurückzulegen. Als noch am Vormittag Nierenstein erreicht -wurde, konnten beide der Versuchung nicht widerstehen, sich an dem in -der Gegend wachsenden Wein, den sie nur aus den Lobeserhebungen der -Dichter kannten, zu stärken, welches besonders Schiller, der von Mainz -bis hierher nur wenige Worte gesprochen, sehr zu bedürfen schien. Sie -traten in das zunächst am Rhein gelegene Wirtshaus und erhielten dort -durch Bitten und Vorstellungen einen Schoppen oder ein Viertelmaß von -dem besten ältesten Weine, der sich im Keller fand und der mit einem -kleinen Taler bezahlt werden mußte. - -Als Nichtkenner edler Weine schien es ihnen, daß bei diesem Getränk wie -bei vielen berühmten Gegenständen der Ruf größer sei, als die Sache -verdiene. Aber als sie ins Freie gelangten, als die Füße sich leichter -hoben, der Sinn munterer wurde, die Zukunft ihre düstere Hülle etwas -lüftete und man ihr mit mehr Mut als bisher entgegenzutreten wagte, -glaubten sie einen wahren Herzenströster in ihm entdeckt zu haben, und -ließen dem edlen Weine volle Gerechtigkeit angedeihen. Dieser angenehme -Zustand erstreckte sich aber kaum über drei Stunden; denn so fest -auch der Wille war, so sehr die Notwendigkeit zur Eile antrieb, so -konnte Schiller doch das anstrengende Gehen kaum bis in die Mitte des -Nachmittags aushalten; was aber vorzüglich daher kommen mochte, weil er -immer in Gedanken verloren war, und nichts so sehr ermüdet als tiefes -Nachdenken, wenn der Körper in Bewegung ist. Man entschloß sich daher -eine Station weit zu fahren, wodurch es allein möglich war, daß Worms -um neun Uhr nachts erreicht wurde. - -Am andern Morgen fand Schiller auf der Post einen Brief des Herrn -Meier, worin dieser die Nachricht gab, daß er diesen Nachmittag mit -seiner Frau in Oggersheim in dem Gasthause, zum Viehhof genannt, -eintreffen wolle, wo er ihn zu sehen hoffe, um weitere Abrede mit ihm -nehmen zu können. Die Reisenden begaben sich um so ruhiger auf den -Weg, als sie hoffen durften, daß endlich aller Ungewißheit ein Ende -sein würde, und trafen zur gesetzten Zeit in Oggersheim ein, wo sie -auch schon Herrn und Madame Meier nebst zwei Verehrern des Dichters -vorfanden. - -Für Herrn Meier war es eine unangenehme, lästige Aufgabe, dem jungen -Manne, den er als Dichter und Menschen gleich hoch achtete, die -Ansichten des Baron Dalberg über Fiesco und warum er sich in keinen -Vorschuß einlassen könne, auseinander zu setzen. Er wußte jedoch seinen -Ausdrücken eine solche Wendung zu geben, daß sie keinen der beiden -Gegenstände hart berührten, sondern alles so gelind als natürlich -darstellten. Auch gab er die Versicherung, daß Fiesco unbezweifelt -angenommen werde, sobald er um mehrere Szenen abgekürzt und der fünfte -Akt ganz beendigt sei. Schiller benahm sich auch bei dieser Gelegenheit -wahrhaft edel und weit über das Gewöhnliche erhaben; denn so sehr ihm -aus oben berührten Rücksichten daran gelegen sein mußte, den Preis -seines Stückes schon jetzt zu haben, so sehr er auch sein in den Baron -Dalberg gesetztes Vertrauen nur durch Ausflüchte erwidert fand, so -sprach er doch kein Wort, das irgend eine Art von Empfindlichkeit über -die vereitelte Hoffnung hätte erraten lassen oder als Widerlegung der -über Fiesco gemachten Bemerkungen hätte ausgelegt werden können. Mit -der freundlichen, männlichen Art, die im Umgang ihm ganz gewöhnlich -war, leitete er das Gespräch darauf hin, den Ort zu bestimmen, wo er -sich einige Wochen, als solange die Umarbeitung wohl dauern werde, -ruhig und ohne Gefahr aufhalten könne. Aus vielen Ursachen wurde es -am besten befunden, wenn er hier in Oggersheim bleibe. Dieses sei nur -eine kleine Stunde von Mannheim entfernt, er könne, so oft er es nötig -finde, des Abends in die Stadt kommen und wäre in der Nähe seiner -Bekannten und Freunde wenigstens nicht ganz ohne Hilfe, wenn sich etwas -Widriges ereignen sollte. - -Da die von Madame Meier den Reisenden eingehändigten Briefe aus -Stuttgart noch immer von Gefahr der Auslieferung sprachen und die -möglichste Verborgenheit empfahlen, so wurde der Name Ritter, den -Schiller bisher geführt, in Doktor Schmidt umgewandelt und er von -den Anwesenden in Gegenwart des herbeigerufenen Wirtes also gleich -mit diesem Titel angeredet. Auch hier wurde der Betrag für Kost und -Wohnung auf den Tag bedungen und Madame Meier ersucht, die in Mannheim -gebliebenen Koffer und das Klavier den Reisenden übermachen zu wollen. -Der eintretende Abend schied die Gesellschaft. Die Freunde, nun wieder -ganz auf sich eingeschränkt, begaben sich auf das ihnen angewiesene -Zimmer, wo sie aber nur ein einziges Bett vorfanden, mit dem sie sich -begnügen mußten. - -Da man die täglichen Kosten des Aufenthaltes wußte, so ließ sich -leicht berechnen, daß die Barschaft auf höchstens drei Wochen -ausreichen könne, in welcher Zeit Schiller seine Arbeit zu beendigen -hoffte. Allein es ließ sich leicht voraussehen, daß dieses nicht der -Fall sein würde, indem er viel zu sehr mit seinem neuen Trauerspiel -beschäftigt war und schon am ersten Abend in Oggersheim den Plan -desselben aufzuzeichnen anfing. Gleich bei dem Entwurf desselben -hatte er sich vorgenommen, die vorkommenden Charaktere den eigensten -Persönlichkeiten der Mitglieder von der Mannheimer Bühne so anzupassen, -daß jedes nicht nur in seinem gewöhnlichen Rollenfache sich bewegen, -sondern auch ganz so wie im wirklichen Leben zeigen könne. Im voraus -schon ergötzte er sich oft daran, wie Herr Beil den Musikus Miller so -recht naiv-drollig darstellen werde und welche Wirkung solche komische -Auftritte gegen die darauffolgenden tragischen auf die Zuschauer -machen müßten. Da er die Werke Shakespeares nur gelesen, aber keines -seiner Stücke hatte aufführen sehen, so konnte er auch noch nicht aus -der Erfahrung wissen, wie viele Kunst von seiten des Darstellers dazu -gehöre, um solchen Kontrasten das Scharfe, das Grelle zu benehmen, und -wie klein die Anzahl derer im Publikum ist, welche die große Einsicht -des Dichters oder die Selbstverleugnung des Schauspielers zu würdigen -verstehen. - -Er war so eifrig beschäftigt, alles das niederzuschreiben, was er bis -jetzt darüber in Gedanken entworfen hatte, daß er während ganzer acht -Tage nur auf Minuten das Zimmer verließ. Die langen Herbstabende wußte -er für sein Nachdenken auf eine Art zu benützen, die demselben eben -so förderlich als für ihn angenehm war. Denn schon in Stuttgart ließ -sich immer wahrnehmen, daß er durch Anhören trauriger oder lebhafter -Musik außer sich selbst versetzt wurde, und daß es nichts weniger als -viele Kunst erforderte, durch passendes Spiel auf dem Klavier alle -Affekte in ihm aufzureizen. Nun mit einer Arbeit beschäftigt, welche -das Gefühl auf die schmerzhafteste Art erschüttern sollte, konnte ihm -nichts erwünschter sein, als in seiner Wohnung das Mittel zu besitzen, -das seine Begeisterung unterhalten oder das Zuströmen von Gedanken -erleichtern könne. - -Er machte daher meistens schon bei dem Mittagtische mit der -bescheidensten Zutraulichkeit die Frage an S.: »Werden Sie nicht heute -abend wieder Klavier spielen?« -- Wenn nun die Dämmerung eintrat, wurde -sein Wunsch erfüllt, während dem er im Zimmer, das oft bloß durch das -Mondlicht beleuchtet war, mehrere Stunden auf und ab ging und nicht -selten in unvernehmliche, begeisterte Laute ausbrach. - -Auf diese Art verflossen einige Wochen, bis er dazu gelangte, über die -bei Fiesco zu treffenden Veränderungen mit einigem Ernste nachzudenken; -denn so lang er sich von den Hauptsachen seiner neuen Arbeit nicht -loswinden konnte, so lange diese nicht entschieden vor ihm lagen, so -lang er die Anzahl der vorkommenden Personen und wie sie verwendet -werden sollten, nicht bestimmt hatte, war auch keine innere Ruhe -möglich. - -Erst nachdem er hierüber in Gewißheit war, konnte er die Anordnungen -in dem frühern Trauerspiel beginnen, wobei er aber dennoch den Ausgang -desselben vorläufig unentschieden lassen mußte. Daß dieser Ausgang -nicht so sein dürfe, wie er durch die Geschichte angegeben wird, wo ihn -ein unglücklicher Zufall herbeiführt, blieb für immer ausgemacht. Daß -er tragisch, daß er der Würde des Ganzen angemessen sein müsse, war -ebenso unzweifelhaft. Nur blieb die schwierige Frage zu lösen, wie, -durch wen oder auf welche Art das Ende herbeizuführen sei? Schiller -konnte hierüber so wenig mit sich einig werden, daß er sich vornahm, -alles Frühere vorher auszuarbeiten, die Katastrophe durch nichts -erraten zu lassen und obige Zweifel erst, wenn das übrige fertig wäre, -zuletzt zu entscheiden. - -Beinahe ein Monat war verflossen, und Fiesco noch immer nicht -vollendet; ja wäre der Dichter nicht gezwungen gewesen, alles zu -versuchen, um sich aus seiner Verlegenheit zu retten, so wäre dieses -Stück sicher erst dann umgearbeitet worden, wenn er das bürgerliche -Trauerspiel ganz fertig vor sich gesehen hätte. - -Nur diejenigen, welche nicht selbst Fähigkeit zu Arbeiten haben, wobei -Begeisterung und Einbildungskraft beinahe ausschließend tätig sein -müssen, können diese Unentschlossenheit, diese Zögerungen Schillers -eines Tadels würdig finden. Zu Werken des ruhigen Verstandes, der -kalten Überlegung läßt sich der Geist leichter beherrschen, sogar -öfters nötigen; da im Gegenteil Dichter oder Künstler auf den -Augenblick warten müssen, wo ihnen die Muse erscheint, und diese, so -freigebig sie auch gegen ihre Lieblinge ist, sich doch alsobald mit -Sprödigkeit wegwendet, wenn die dargebotenen Gaben nicht augenblicklich -erhascht werden. Aus diesen Gründen lassen sich bei einem Jüngling, -dessen Trieb zur Dichtung so vorherrschend ist, daß alle übrigen -Eigenschaften bloß diesem zu dienen bestimmt sind, Ideen, die sein -Inneres aufgeregt haben, so wenig abwehren, daß, wenn er es auch -versuchen wollte, sie doch immerdar den Hintergrund seiner Gedanken -bilden würden und er nicht früher zur Ruhe gelangen könnte, bis er -nicht wenigstens die Zeichnung entworfen hätte. - -Daß Schiller unter diesen Hochbegünstigten Apollos einer der -vorzüglichsten war, dafür spricht jede Zeile, die er niederschrieb. -Aber auch ungerechnet die Verhinderungen, welche ihm sein eignes Talent -in den Weg brachten, konnte die Ursache, wegen welcher er den Fiesco -gerade jetzt beendigen mußte, für ihn nichts weniger als erfreulich -sein. Denn so hoch er die Gaben des Himmels achtete, so gleichgültig -war er gegen diejenigen, welche die Erde bietet, und es war gewiß nicht -ermunternd, zur Erwerbung der letzteren sich gezwungen zu wissen. Der -Aufenthalt in Oggersheim war in dem feuchten, trüben Oktobermonat -gleichfalls nicht erheiternd. - -Mochten auch die nach Mannheim und Frankenthal führenden Pappelalleen -anfangs recht hübsch aussehen, so fand man doch bald, daß sie nur darum -angepflanzt seien, um die flache, kahle, sandige Gegend zu verbergen; -daher waren die Reisenden um so früher an der mageren Aussicht -gesättigt, als sie von zarter Jugend an an die üppigen Umgebungen von -Ludwigsburg und Stuttgart gewöhnt waren, wo, besonders bei letzterer -Stadt, überall Gebirge das Auge erfreuen oder schon die ersten -Schritte aus den Stadttoren in Gärten oder gut gepflegte Weinberge -führen. - -Im Hause selbst war der Wirt von rauher, harter Gemütsart, welche seine -Frau und Tochter, die sehr sanft und freundlich waren, öfters auf die -heftigste Art empfinden mußten. Nur der Kaufmann des Orts war ein Mann, -mit dem sich über mancherlei Gegenstände sprechen ließ, da er ein sehr -großer Freund von Büchern und, zu seinem nicht geringen Nachteil, ein -wahrhaft ausübender Philosoph war. Wollte Schiller mit Meier oder Herrn -Schwan sich unterreden, so konnte er nur um die Zeit der Dämmerung -in die Stadt gehen, wo er dann über Nacht bleiben mußte und erst bei -Anbruch des Tages zurückkehren konnte. S. war, was diesen Umstand -betraf, viel freier, weil er für sich keine Gefahr befürchten zu -dürfen glaubte. Er war manchen halben Tag daselbst, um Bekanntschaften -anzuknüpfen, die ihm in der Folge sehr nützlich wurden. - -Der Oktober nahte sich seinem Ende und mit diesem auch die Barschaft, -welche beide mit hieher gebracht hatten. Es blieb kein anderes Mittel, -als daß S. noch einmal nach Hause schrieb und seine Mutter bat, ihm den -Rest des ihm nach Hamburg bestimmten Reisegeldes hieher zu schicken, -indem er wahrscheinlich genötigt sein werde, in Mannheim zu bleiben, -wenn sich das Schicksal Schillers nicht so vollständig verbessere, als -beide erwarteten. - -Endlich war in den ersten Tagen des Novembers das Trauerspiel Fiesco -für das Theater umgearbeitet und ihm der Schluß gegeben worden, welcher -der Geschichte, der Wahrscheinlichkeit am angemessensten schien. Man -darf glauben, daß die letzten Szenen dem Dichter weit mehr Nachdenken -kosteten als das ganze übrige Stück, und daß er den begangenen Fehler, -die Art des Schlusses nicht genau vorher bestimmt zu haben, mit großer -Mühe gut zu machen suchen mußte. Aber in welchen unruhigen Umständen -befand sich der unglückliche Jüngling, als er dieses Trauerspiel -entwarf! Und wie war die jetzige Zeit beschaffen, in welcher er -ein Werk ausführen sollte, zu dem die ruhigste, heiterste Stimmung -erfordert wird, die durch keine Bedrückung des täglichen Lebens, -keine Beängstigung wegen der Zukunft gestört werden darf, wenn die -Arbeit zur Vollkommenheit gebracht werden soll! Seine lebhafte, kühne -Phantasie, sonst immer gewöhnt sich mit den Schwingen des Adlers in -den höchsten Regionen zu wiegen, wie stark war diese von der traurigen -Gegenwart niedergehalten! Mit welchen schweren bleiernen Gewichten zu -dem Gemeinen, Niedrigen des Lebens herabgezogen! -- In den verflossenen -neun Jahren durfte er seinem leidenschaftlichen Hang zur Dichtkunst -nur verstohlenerweise einige Minuten, höchstens Stunden opfern; denn -er mußte Studien treiben und Geschäfte verrichten, die mit seinen -Neigungen, seinem mit poetischen Bildern überfüllten Geist in dem -härtesten Widerspruch standen; und es gehörten so reiche Anlagen wie er -besaß dazu, um über die vielen stets sich erneuernden Kämpfe nicht in -Wahnsinn zu verfallen, sowie sein weiches, zartes Gemüt, um sich allen -Anforderungen zu fügen. Ohne eigne Erfahrung hätte er in späterer Zeit -seinen poetischen Lebenslauf in der herrlichen Dichtung »Pegasus im -Joche« unmöglich so getreu darstellen, so natürlich zeichnen können, -daß derjenige, der mit seinen Verhältnissen vertraut war, recht wohl -die Vorfälle deuten kann, auf die es sich bezieht. Laßt uns den Dichter -wegen der Mängel, die sich in Fiesco, in Kabale und Liebe finden, nicht -tadeln; vielmehr verdient es die höchste Bewunderung, daß er bei den -ungünstigsten äußern Umständen die Kräfte seines Talentes noch so weit -bemeistern konnte, um zwei Werke zu liefern, denen, um ihrer vielen und -großen Schönheiten willen, die späte Nachwelt noch ihre Achtung nicht -versagen wird. - -Mit weit mehr Ruhe und Zufriedenheit als früher begab sich Schiller -nach der Stadt, um Herrn Meier das fertige und ins Reine geschriebene -Manuskript einzuhändigen. Da er alles geleistet, was der Gegenstand -zuließ, oder von dem er hoffen konnte, daß es den Wünschen des Baron -Dalberg sowie zugleich den Forderungen der Bühne angemessen sei, so -glaubte er auch, daß seine Bedrängnisse bald beendigt sein würden und -er das Leben auf einige Zeit mit frohem Mute werde genießen können. -Es verging jedoch eine ganze Woche, ohne daß der Dichter eine Antwort -erhielt, die ihm doch auf die nächsten Tage zugesagt worden. Um der -Ungewißheit ein Ende zu machen, entschloß er sich an Baron Dalberg -zu schreiben und sich noch einmal zu Herrn Meier zu begeben, um eine -Auskunft über das, was er erwarten könne, zu erhalten. - -Es war gegen die Mitte Novembers, als Schiller und S. des Abends -bei Herrn Meier eintraten und diesen nebst seiner Gattin in größter -Bestürzung fanden, weil kaum vor einer Stunde ein württembergischer -Offizier bei ihnen gewesen sei, der sich angelegentlich nach Schillern -erkundigt habe. Herr Meier hatte nichts gewisser vermutet, als -daß dieser Offizier den Auftrag habe, Schillern zu verhaften, und -demzufolge beteuert, daß er nicht wisse, wo dieser sich gegenwärtig -befinde. Während dieser Erklärung klingelte die Haustür und man wußte -in der Eile nichts Besseres zu tun, als Schiller mit S. in einem -Kabinett, das eine Tapetentür hatte, zu verbergen. Der Eintretende war -ein Bekannter vom Hause, der gleichfalls voll Bestürzung aussagte: -er habe den Offizier auf dem Kaffeehause gesprochen, der nicht nur -bei ihm, sondern auch bei mehreren Anwesenden sehr sorgfältig nach -Schillern gefragt habe; allein er seinerseits hätte versichert, daß -der Aufenthalt desselben jetzt ganz unbekannt wäre, indem er schon vor -zwei Monaten nach Sachsen abgereist sei. Die Geflüchteten kamen aus -ihrem Versteck hervor, um die Uniformsaufschläge und das Persönliche -des Offiziers zu erforschen, weil es vielleicht auch einer von den -Bekannten Schillers sein konnte; allein die Angaben über alles waren so -abweichend, daß man unmöglich auf eine bestimmte Person raten konnte. -Noch einigemal wiederholte sich dieselbe Szene durch neu Ankommende, -die mit den andern voller Ängstlichkeit um die beiden Freunde waren, -weil diese mit Sicherheit weder in der Stadt übernachten, noch auch -nach Oggersheim zurückgehen konnten. - -Wie aber der feine, gewandte Sinn des zarteren Geschlechtes allezeit -noch Auswege findet, um Verlegenheiten zu entwirren, wenn die Männer --- immer gewohnt nur starke Mittel anzuwenden -- nicht mehr Rat zu -schaffen wissen, so wurde auch jetzt von einem schönen Munde ganz -unerwartet das Mittel zur Rettung ausgesprochen. Madame Curioni (mit -Dank sei heute noch ihr Name genannt) erbot sich, Schillern und S. -in dem Palais des Prinzen von Baden, über welches sie Aufsicht und -Vollmacht hatte, nicht nur für heute, sondern solange zu verbergen, als -noch eine Verfolgung zu befürchten wäre. Dieses mit der anmutigsten -Güte gemachte Anerbieten wurde mit um so lebhafterer Erkenntlichkeit -aufgenommen, da man daselbst am leichtesten unerkannt sein konnte und -sich auch niemand in der Absicht, um jemand zu verhaften, in dieses -Palais hätte wagen dürfen. Auf der Stelle wurden die nötigen Anstalten -zur Aufnahme der verfolgt Geglaubten getroffen und sie dann sogleich -dahin geleitet. Herr Meier hatte versprochen, am nächsten Morgen zum -ersten Sekretär des Ministers Grafen von Oberndorf zu gehen, um diesen, -da er ihn sehr gut kenne, zu fragen, ob der Offizier in Aufträgen an -das Gouvernement hier gewesen sei? - -Das Zimmer, welches den beiden Freunden als Zuflucht angewiesen worden, -war sehr schön und geschmackvoll, mit Notwendigem sowie Überflüssigem -ausgestattet. Unter den zahlreichen Kupferstichen, mit denen die Wände -behangen waren, befanden sich auch die zwölf Schlachten Alexanders, von -Lebrun, welche den Betrachtenden bis spät in die Nacht die angenehmste -Unterhaltung gewährten. Gegen zehn Uhr des andern Morgens wagte sich S. -aus dem Palais, um sich zu Herrn Meier zu begeben und zu vernehmen, ob -etwas zu befürchten sei? Diesen aber hatten seine eignen Sorgen schon -in aller Frühe zu dem Sekretär des Ministers getrieben, von dem er die -Versicherung erhielt, daß der Offizier keine Aufträge an Graf Oberndorf -gehabt und sich auch aus dem Meldezettel des Gastwirt ergebe, daß er -schon gestern abend um sieben Uhr abgereist sei. Nach einigen kurzen -Besuchen begab sich S. sogleich zu Schillern, um ihm diese beruhigende -Kunde zu überbringen und ihn aus seinem schönen Gefängnis zu befreien, -welches er auch sogleich verließ, um sich zu Herrn Meier zu verfügen. - -Hier wurde nun die unsichere Lage des Dichters umständlich besprochen, -welche der unnützen Angst von gestern ungeachtet, ebenso gefährlich -für ihn selbst als für jeden, der Anteil an ihm nahm, beunruhigend -schien. Schiller mußte zugeben, daß er für jetzt nicht in Mannheim -verweilen könne, so willkommen es ihm auch gewesen wäre, für das -Theater wirksam zu sein und zugleich durch Anschauung der aufgeführten -Stücke seine Einsicht in das Mechanische der Bühne zu erweitern. Daher -wurde mit allgemeiner Zustimmung seiner Freunde von ihm beschlossen, -daß, sobald die Annahme seines Fiesco entschieden sei, er sich -sogleich nach Sachsen begeben wolle. Daß er, aller etwa anzustellenden -Nachforschungen ungeachtet, daselbst einen sichern, von allen Sorgen -befreiten Aufenthalt finden könne, dafür hatte er glücklicherweise -schon in Stuttgart Anstalten getroffen. Frau von Wolzogen, die ihn -sehr hoch achtete, und deren Söhne mit ihm zugleich in der Akademie -erzogen worden, hatte ihm, als er ihr nach seinem Arrest den Vorsatz, -von Stuttgart entfliehen zu wollen, vertraute, feierlich zugesagt, ihn -auf ihrem in der Nähe von Meiningen liegenden Gute -- Bauerbach -- -solange wohnen und mit allem Nötigen versehen zu lassen, als er von -dem Herzog eine Verfolgung zu befürchten habe. Dieses in einer guten -Stunde erhaltene Versprechen wollte jetzt Schiller benützen und schrieb -sogleich an diese Dame nach Stuttgart, wo sie sich aufhielt, um die -nötigen Vollmachten, damit er in Bauerbach aufgenommen werde. - -Gegen Ende Novembers erfolgte endlich die Entscheidung des Baron -Dalberg über Fiesco, welche ganz kurz besagte: »Daß dieses Trauerspiel -auch in der vorliegenden Umarbeitung nicht brauchbar sei, folglich -dasselbe auch nicht angenommen oder etwas dafür vergütet werden könne.« - -So zerschmetternd für Schiller ein Ausspruch sein mußte, der die -Hoffnung, das quälende, seine schönsten Augenblicke verpestende -Gespenst einer kaum des Namens werten Schuld von sich zu entfernen, -auf lange Zeit zerriß -- so sehr er es auch bereute, daß er sich -durch täuschende Versprechungen, durch schmeichelnde, leere, glatte, -hohle Worte hatte aufreizen lassen, von Stuttgart zu entfliehen -- so -ungewöhnlich es ihm scheinen mochte, daß man ihn zur Umarbeitung seines -Stückes verleitet, die ihm nahe an zwei Monate Zeit gekostet, all sein -Geld aufzehrte und ihn noch in neue Schulden versetzte, ohne ihn auf -eine entsprechende Art dafür zu entschädigen oder auch nur anzugeben, -worin denn die Unbrauchbarkeit dieses Trauerspiels bestehe -- so sehr -dieses alles sein großmütiges Herz zernagte, so war er dennoch viel zu -edel, viel zu stolz, als daß er sein Gefühl für eine solche Behandlung -hätte erraten lassen. Er begnügte sich gegen Herrn Meier, der ihm diese -abweisende Entscheidung einhändigen mußte, zu äußern: er habe es sehr -zu bedauern, daß er nicht schon von Frankfurt aus nach Sachsen gereist -sei. - -Um jedoch den Leser zu versichern, daß die Mitglieder des -Theaterausschusses, denen Fiesco zur Prüfung vorgelegt worden, die -Meinung ihres Chefs nicht völlig teilten, werde schon jetzt das Votum -eines derselben, das Schiller ein Jahr später in dem Protokoll des -Theaters fand, angeführt. - - »Obwohl dieses Stück für das Theater noch einiges zu wünschen - lasse, auch der Schluß desselben nicht die gehörige Wirkung zu - versprechen scheine, so sei dennoch die Schönheit und Wahrheit der - Dichtung von so ausgezeichneter Größe, daß die Intendanz hiemit - ersucht werde, dem Verfasser als Beweis der Anerkennung seiner - außerordentlichen Verdienste eine Gratifikation von acht Louisdor - verabfolgen zu lassen.« - - Unterzeichnet war: Iffland. - -Allein Se. Exzellenz Freiherr von Dalberg konnten diesem Gutachten, -das noch heute Iffland die größte Ehre bringt, ihren Beifall nicht -schenken, sondern entließen den Dichter eben so leer in Börse und -Hoffnung aus Mannheim, wie er vor zwei Monaten daselbst angekommen war. - -Das nächste, das einzige und letzte, was nun zu tun war, unternahm -Schiller sogleich, indem er zu Herrn Schwan ging und ihm Fiesco für -den Druck anbot. Herr Schwan, der als Gelehrter und Buchhändler den -Ruf eines vortrefflichen Mannes mit vollem Rechte genoß, übernahm -dieses Stück mit großer Bereitwilligkeit und bedauerte nur, als er -es durchlesen, daß er die vortreffliche Dichtung nicht höher als den -gedruckten Bogen mit einem Louisdor honorieren könne, da ihm durch die -überall lauernden Nachdrucker kein anderer Gewinn übrig bleibe, als den -er von dem ersten Verkauf ziehe. - -Was Schillern aber unter allen diesen Widerwärtigkeiten am -schmerzlichsten fiel, war der Gedanke, daß er seinen Freund S. in -sein böses Schicksal mit verflochten, indem dieser all das Geld, das -er zu der vorgehabten Reise nach Hamburg hätte verwenden sollen, in -der Hoffnung, daß der Dichter in Mannheim reichliche Unterstützung -finden müsse, aufgeopfert hatte, und nun an keinen Ersatz zu denken -war. Schon im August hätte S. nach Wien reisen sollen, wo ihn eine -Aufnahme erwartete, die ihn zwar jeder Sorge für seine Bedürfnisse -überhoben, aber in seiner Kunst nicht weiter gefördert hätte. Er zog es -also vor, seine jungen Jahre nicht müßig zu vergeuden, sondern lieber -nach Hamburg zu gehen, um, wenn es auch mit den größten Entbehrungen -geschehen müßte, sich in der Musik so viel als möglich auszubilden; -worin ihm auch Schiller, dem er diese Sache schon früher vertraut -hatte, vollkommen beistimmte. Nun konnte S. weder in den einen noch -in den andern Ort gelangen, indem seine Mutter nicht wohlhabend genug -war, um ihm sogleich wieder neue Hilfe zukommen zu lassen. Nach allen -Meinungen schien es das beste zu sein, daß er vorderhand in Mannheim -bleibe, weil noch mehrere Mitglieder der kurfürstlichen Kapelle -daselbst wohnten, deren Unterricht oder Beispiel er benützen konnte, -wozu die Herren Schwan, Meier und seine Freunde alles beizutragen -versprachen. S. ergab sich in das, was vorläufig nicht zu ändern war, -viel williger, als daß er jetzt schon in die Stadt ziehen und Schillern -noch acht bis zehn Tage in Oggersheim allein lassen sollte. Allein es -mußte sein. Beide hatten sich aufgezehrt; im Gasthof war es zu teuer, -und ihre Not war schon so groß geworden, daß der Dichter seine Uhr -verkaufen mußte, um nicht zu vieles schuldig zu bleiben. Die letzten -vierzehn Tage mußte man aber dennoch auf Borg leben, wo man dann auf -der schwarzen Wirtstafel recht säuberlich mit Kreide geschrieben sehen -konnte, was die Herren Schmidt und Wolf täglich verbraucht hatten. - -Der arme Dichter erhielt für Fiesco gerade so viel, um besagte -Kreidenstriche auslöschen zu lassen, um einige unentbehrliche Sachen -für den Winter anzuschaffen und um seine Reise bis Bauerbach ohne -Furcht vor neuem Mangel bestreiten zu können. Der Antritt dieser Reise -war auf den letzten November bestimmt. Da Schiller mit dem Postwagen -über Frankfurt, Gelnhausen usw. nach Meiningen gehen, sich aber auf -der Post in Mannheim nicht zeigen wollte, so kam Herr Meier mit ihm -überein, ihn mit S. und einigen Freunden in Oggersheim abzuholen und -von da nach Worms zu bringen, wo er dann den nächsten Tag mit dem -Postwagen abfahren könne. - -An dem bestimmten Tage fuhren die Freunde nach Oggersheim, wo sie -Schiller gerade beschäftigt fanden, seine wenige Wäsche, seine -Kleidungsstücke, einige Bücher und Schriften in einen großen -Mantelsack zu packen. Bei einer Flasche Wein, die er reichen ließ, -wurde alles besprochen, was ihn über die Zukunft beruhigen oder -seine Munterkeit befördern könnte. Allein bei ihm war dies gar nicht -so nötig, als wohl bei den meisten Menschen, denen ihre Hoffnungen -fehlschlagen, der Fall ist. Nur die Erwartung, die Ungewißheit einer -Sache hatte für sein Gemüt etwas Unangenehmes, Beunruhigendes. Sowie -aber einmal die Entscheidung eingetreten war, zeigte er all den Mut, -den ein wackerer Mann braucht, um Herr über sich zu bleiben. Er übte --- was wenige Dichter tun -- seine ausgesprochenen Grundsätze redlich -aus und befolgte den Vorsatz des Karl Moor »die Qual erlahme an meinem -Stolze« bei Umständen, in welchen jeden andern die Kraft verlassen -hätte. - -Von Oggersheim brach die Gesellschaft bei einer starken Kälte und -tiefliegendem Schnee nach Worms auf, wo sie gerade noch zur rechten -Zeit ankam, um in dem Posthause, wo sie abgestiegen waren, von -einer wandernden Truppe Ariadne auf Naxos spielen zu sehen. Daß die -Aufführung ebenso ärmlich als lächerlich sein mußte, ergibt sich schon -daraus, daß an dem Schiffe, welches den Theseus abzuholen erschien, -zwei Kanonen gemalt waren, und daß der Donner, durch welchen Ariadne -vom Felsen geschleudert wird, mittels eines Sackes voll Kartoffeln, die -man in einen großen Zuber ausschüttete, hervorgebracht wurde. Meier -und seine Freunde fanden hier eine reiche Ernte für ihre Lust alles -zu belachen und zu verspotten. Schiller aber sah mit ernstem, tiefem -Blick und so ganz in sich verloren auf das Theater, als ob er nie etwas -Ähnliches gesehen hätte oder es zum letztenmal sehen sollte. Auch nach -beendigtem Melodram konnten die Bemerkungen der andern ihm kaum ein -Lächeln entlocken; denn man sah es ihm an, daß er nicht gerne aus der -Stimmung trete, die sich seiner bemächtigt hatte. - -Das Nachtessen, bei dem auch Liebfrauenmilch nicht fehlte, machte ihn -jedoch etwas heiterer, so daß man endlich ganz wohlgemut aufbrechen -konnte, um nach Mannheim zurückzukehren und dem allen wert gewordenen -Dichter das Lebewohl zu sagen. Meier und die andern schieden sehr -unbefangen und redselig. - -Allein was konnten Schiller und sein Freund sich sagen? -- Kein Wort -kam über ihre Lippen -- keine Umarmung wurde gewechselt; aber ein -starker, lang dauernder Händedruck war bedeutender als alles, was sie -hätten aussprechen können! - -Die zahlreich verflossenen Jahre konnten jedoch bei dem Freunde die -wehmütige Erinnerung an diesen Abschied nicht auslöschen; und noch -heute erfüllt es ihn mit Trauer, wenn er an den Augenblick zurückdenkt, -in welchem er ein wahrhaft königliches Herz, Deutschland edelsten -Dichter, allein und im Unglück hatte zurücklassen müssen! - -Die außerordentlich strenge Kälte, welche in den ersten Tagen des -Dezembers herrschte, ließ um so weniger für den Dichter eine angenehme -Reise erwarten, da er ohne schützende Kleidung, nur mit einem leichten -Überrocke versehen, einige Tage und Nächte auf dem Postwagen zubringen -mußte, dessen (damaliger) Schneckengang selbst in einer bessern -Jahreszeit die Stunden zu Tagen ausdehnte. - -Seine Freunde beklagten ihn sehr, und ihre zu spät erwachte -Gutmütigkeit erinnerte sich jetzt an manches Entbehrliche, womit ihm -die rauhe Witterung weniger empfindlich hätte gemacht werden können; -und je mehr die Mittel hierzu sich fanden, um so ernstlicher wurde -bedauert, daß man nicht früher daran gedacht oder deshalb gemahnt -worden. - -Ebenso natürlich war es auch, daß dieselben Menschen, welchen die -Versprechungen, die Schillern gemacht worden, bekannt waren, und -die ihm die Hoffnung, daß sie erfüllt würden, ganz unbezweifelt -darstellten, jetzt auch ihren scharfen Tadel über seine Flucht äußerten -und solche für ebenso leichtsinnig als unbegreiflich erklärten. - -Daß er, um dem bisher erlittenen, unerträglichen Zwange zu entgehen, -das Äußerste gewagt -- daß er durchaus nicht Arzt, sondern Dichter -sein wollte -- daß er, um sich dem so reizend scheinenden Stande mit -ganzer Kraft widmen zu können, eine sehr kümmerliche Besoldung aufgeben -konnte, schien ebenso unüberlegt, als es wenige Kenntnis der Welt und -ihrer Verhältnisse anzeigte. - -Man berechnete sorgfältig den Reichtum berühmter Ärzte und verglich -damit die Einkünfte deutscher Dichter, die, wenn sie auch den größten -Ruhm sich erworben, dennoch in einer Lage waren, welche man wahrhaft -ärmlich nennen konnte. - -Auch fürchtete man, daß die Erwartungen, die Schiller durch sein erstes -Schauspiel erregt, viel zu groß wären, als daß er dieselben durch -nachfolgende Werke befriedigen oder seine Kräfte in gleicher Höhe -erhalten könnte. - -Der einzige, aber auch sehr warme Verteidiger unseres Dichters war -Iffland, der, den Beruf zum Schauspieler in sich fühlend, in noch -jungen Jahren bloß mit etlichen Talern in der Tasche und nur mit den am -Leibe tragenden Kleidungsstücken versehen, seinem wohlhabenden Vater -entfloh, um sich zu Ekhof zu begeben und in dessen Schule zu bilden. -Iffland allein wußte die Lage Schillers gehörig zu würdigen, indem er -aus eigner Erfahrung beurteilen konnte, wie unerträglich es ist, ein -hervorstechendes, angebornes Talent unterdrücken, die herrlichsten -Gaben vermodern lassen zu müssen und nur das gemeine Alltägliche tun zu -sollen, oder gar durch Zwang zu dessen Ausübung angehalten zu werden. -Nicht nur gab er dem mutigen Entschlusse Schillers seinen völligen -Beifall, sondern machte auch mit dem ihm reichlich zu Gebote stehenden -Witze den Kleinmut derer lächerlich, die es für ein Unglück halten, -einige Meilen zu Fuß reisen zu müssen oder zur gewohnten Stunde keinen -wohlbesetzten Tisch zu finden. Seine treffenden Bemerkungen ließen die -Verhältnisse des Dichters in einem mehr heiteren Lichte erscheinen. -Vorläufig konnte man sich insofern beruhigen, als er doch auf einige -Zeit wenigstens gegen Mangel oder Verfolgungen gesichert war. - -Nur wurde nicht mit Unrecht bezweifelt, ob seine dramatischen Arbeiten -in gänzlicher Abgeschiedenheit gefördert werden könnten, oder ob sein -Geist, von allem erheiternden Umgang abgeschnitten und bei Entbehrung -der nötigen Bücher, nicht in kurzer Zeit abgestumpft würde. Sein tiefes -Gefühl, seine frische, jugendliche Kraft ließen letzteres zwar nicht so -bald befürchten; indessen vereinigten sich doch alle Wünsche dahin, daß -ein glücklicher Zufall eintreten und für ihn die günstigsten Umstände -herbeiführen möchte. - -Seine Freunde waren auf die Nachrichten von seiner Ankunft sehr -gespannt und wurden durch nachstehenden Brief an S. vollkommen beruhigt. - - Bauerbach, den 8. Dezember 1782. - - Liebster Freund! - - Endlich bin ich hier, glücklich und vergnügt, daß ich einmal am - Ufer bin. Ich traf alles noch über meine Wünsche; keine Bedürfnisse - ängstigen mich mehr, kein Querstrich von außen soll meine - dichterischen Träume, meine idealischen Täuschungen stören. - - Das Haus meiner Wolzogen ist ein recht hübsches und artiges - Gebäude, wo ich die Stadt gar nicht vermisse. Ich habe alle - Bequemlichkeit, Kost, Bedienung, Wäsche, Feuerung, und alle diese - Sachen werden von den Leuten des Dorfes auf das vollkommenste und - willigste besorgt. Ich kam abends hieher -- Sie müssen wissen, daß - es von Frankfurt aus 45 Stunden hieher war -- zeigte meine Briefe - auf und wurde feierlich in die Wohnung der Herrschaft abgeholt, - wo man alles aufgeputzt, eingeheizt und schon Betten hergeschafft - hatte. Gegenwärtig kann und will ich keine Bekanntschaften machen, - weil ich entsetzlich viel zu arbeiten habe. Die Ostermesse mag sich - Angst darauf sein lassen. - - Schreiben Sie mir doch, wo Sie gesonnen sind zu bleiben. Halten Sie - sich, wenn Sie zu Mannheim bleiben, nur immer fleißig an Schwan, - Meier und meine Freunde. Besser Sie bleiben aber nicht dort und - verfolgen Ihren ersten Anschlag, der mir immer der vernünftigste - schien. - - Was Sie tun, lieber Freund, behalten Sie diese praktische Wahrheit - vor Augen, die Ihren unerfahrnen Freund nur zu viel gekostet hat: - Wenn man die Menschen braucht, so muß man ein H...t werden oder - sich ihnen unentbehrlich machen. Eines von beiden oder man sinkt - unter. - - Wenn Sie Ursache hätten nicht nach Wien zu gehen, so könnte ich - Ihnen allenfalls einen anderen Ausweg anraten, der mir von mehreren - Seiten besehen, nicht gar verwerflich scheint. Sie sind jung, weit - genug in Ihrer Kunst, um brauchbar zu sein, halten Sie sich an - einen Meister in einer großen Stadt, von dem Sie wissen, daß er - viele Geschäfte hat, lassen Sie sich auch zu dem Handwerksmäßigen - Ihrer Kunst herab, machen Sie sich ihm nützlich, so finden Sie - erstlich Gelegenheit den Mann zu studieren, finden Brot, und - wenn Sie weggehen Empfehlung. Der große Titian war Raffaels - Farbenreiber. Weit gefehlt, daß ihm das schimpflich wäre, macht es - seinem Namen nur desto größere Ehre. - - Empfehlen Sie mich bei Schwan, Meier, Cranz, Gern, Derain, dem - Steinschen Hause, auch auf dem Viehhof. Schreiben Sie mir, was sich - von dem Offizier, der mich aufsuchte, bestätigt hat. - - Noch etwas: bei dem neulichen schnellen Aufbruche von Oggersheim - haben wir beide vergessen, die Zeche im Viehhof zu bezahlen. Ich - will nicht haben, daß Sie in Schaden dabei kommen. Sie werden also, - weil das Geld zu wenig beträgt, um 65 Stunden geschickt zu werden, - eine Anweisung dafür und für andere abgelegte Kleinigkeiten an - Schwan bekommen, der mir, weil Fiesco gewiß mehr als 10 Bogen stark - wird, noch Geld herauszahlen wird. - - Jetzt muß ich eilen, das ist bereits der fünfte Brief, und - wenigstens noch soviel hab' ich zu schreiben. - - Leben Sie recht wohl, lieber Freund, vergessen Sie mich nicht und - sein Sie vollkommen versichert, daß ich tätig an Sie denken werde, - sobald sich meine Aussichten verschönern, welches, wie ich hoffe, - nicht lange mehr anstehen soll. Noch einmal leben Sie recht wohl. - Wenn Sie mir schreiben, legen Sie den Brief bei Schwan oder Meier - nieder. - - Ohne Veränderung ihr aufrichtigster - - Schiller. - -Da wir jetzt unseren so lang in ängstlichen Sorgen und Ungewißheit -lebenden Dichter geborgen wissen und, nach seinen eignen Äußerungen, -mit seinen Lieblingsarbeiten und in einer Idyllenwelt lebend vermuten -dürfen, so sei es erlaubt, die Personen, denen er empfohlen zu sein -wünscht, dem Leser etwas näher bekannt zu machen und mit einer kurzen -Erklärung vorzustellen. Die Herren Schwan und Meier sind schon früher -erwähnt worden. Herr Cranz -- damals auf Kosten des Herzogs von Weimar -in Mannheim, um sich bei Fräntzel auf der Violine und bei Holzbauer -in der Komposition auszubilden -- war bei Herrn Meier Kostgänger, sah -also Schiller sehr oft daselbst, der ihn auch wegen seines biederen, -obwohl sehr trockenen Charakters wohl leiden mochte. Herr Gern, der -ältere, war ein braver, überall brauchbarer Schauspieler sowie ein -ausgezeichnet guter Baßsänger. Er betrat in Mannheim zuerst die Bühne, -war täglich im Meierschen Hause und wurde dann später auf das Theater -nach Berlin berufen. - -In dem kleinen Oggersheim war Herr Derain der einzige Kaufmann, -welcher sich aber weit mehr mit Politik, Literatur, besonders aber -mit Aufklärung des Landvolkes als mit dem Vertrieb seiner Waren -beschäftigte. - -Seinen Eifer für das Wohl der Landleute, die bei ihm Zucker, Kaffee, -Gewürz oder andere entbehrliche Sachen kaufen wollten, trieb er so -weit, daß er ihnen oft recht dringend vorstellte, wie schädlich diese -Dinge sowohl ihnen als ihren Kindern seien, und daß sie weit klüger -handeln würden, sich an diejenigen Mittel zu halten, welche ihnen ihr -Feld, Garten oder Viehstand liefern könne. Daß solche Ermahnungen -die Käufer eher abschreckten als herbeizogen, war ganz natürlich. -Aber Herr Derain, als lediger Mann zwischen 40 und 50 Jahren, der -ein kleines Vermögen besaß, kümmerte sich um so weniger hierüber, -je seltener er durch das Geklingel seiner Ladentür im Lesen oder in -seinen Betrachtungen gestört wurde. Das Gemüt des Mannes war aber von -der edelsten Art, und eine große Bescheidenheit machte seinen Umgang -äußerst angenehm. Er brachte auf eine sonderbare Art in Erfahrung, wer -denn eigentlich die Herren Schmidt und Wolf seien, die in seiner Nähe -wohnten, und deren Bekanntschaft er schon lange gewünscht hatte. - -Es wurden nämlich bei der gänzlichen Abänderung des Fiesco die früher -geschriebenen Szenen gar nicht mehr beachtet, sondern wie jedes unnütze -Papier behandelt. Mit diesen sowie mit vielen Blättern, worauf die -Entwürfe zu Luise Millerin verzeichnet waren, wurde nun nichts weniger -als schonend verfahren, was dann die Gelegenheit gab, daß die Frau -Wirtin -- die mit einer sehr großen Neigung zum Lesen eben so viele -Neugier für alles Geschriebene verband -- diese Blätter, deren Sprache -ihr ganz neu und ungewöhnlich schien, sammelte und solche zu Herrn -Derain brachte, welchen sie öfters sprach, um ihm ihre häuslichen -Leiden zu klagen oder durch ein geliehenes Buch sich Trost und -Vergessenheit zu verschaffen. Dieser zeigte den Fund seinem Verwandten, -Herrn Kaufmann Stein in Mannheim, der eine sehr reizende und in allen -neueren Werken der Dichtkunst ganz einheimische Tochter hatte. - -S. war von Stuttgart aus Herrn Stein empfohlen. Die Blätter seines -Reisegefährten wurden ihm vorgezeigt, und dasjenige, was mit der -größten Standhaftigkeit jedem Manne verleugnet worden wäre, wußte das -schmeichelnde Mädchen allmählich herauszulocken. Herr Derain, dem unter -Gelobung der tiefsten Verschwiegenheit dieses Geheimnis auch anvertraut -wurde, unterließ bei dieser Gelegenheit nicht, seine hohe Achtung für -ausgezeichnete Dichter oder Schriftsteller auf das herzlichste kund zu -geben. Mit wahrem Eifer bat er um Erlaubnis, die Bekanntschaft eines -noch so jungen und schon so berühmten Mannes machen zu dürfen, und -erhielt solche um so williger, als für Schiller und seinen Freund eine -zerstreuende Unterhaltung in den trüben, nebligen Novemberabenden eine -wahre Erquickung war. Die Freundschaft und Achtung für Herrn Derain -erhielt sich auch noch in den nächstfolgenden Jahren. - -Der Offizier, dessen Erscheinung Schiller und seine Freunde in den -größten Schrecken versetzte, war nach einem Schreiben von Schillers -Vater an Herrn Schwan kein Verfolger, sondern ein akademischer Freund, -der bei einer Reise ausdrücklich den Umweg über Mannheim machte, um den -Dichter zu sprechen, welches aber, wie oben erwähnt, auf die sorgsamste -Weise verhindert wurde. - -Und hier ist auch der Ort, um den Leser zu versichern, daß der Herzog -von Württemberg auf keinerlei Weise jemals die geringste Vorkehrung -treffen ließ, um seinen entflohenen Zögling wieder in seine Gewalt -zu bekommen und zu bestrafen. Er mochte sich wohl erinnern, daß er -Schiller wider dessen Willen und fast zwangsweise in die Akademie -aufgenommen -- daß der Knabe sowie der Jüngling durch treffende, -überraschende Antworten, durch untadelhafte Sitten seine wahrhaft -väterliche Zuneigung sich erworben -- daß ein schon im ersten Versuche -sich so kühn aussprechendes Talent unmöglich durch einen militärischen -Befehl unterdrückt werden könne. Oder war es Rücksicht gegen den ihm -fast unentbehrlich gewordenen Vater; war es Anteil an dem Kummer der -achtungswerten Familie? -- Wollte er das mißbilligende Gefühl, das sich -wegen der Gefangenhaltung Schubarts in ganz Deutschland allgemein -und laut äußerte, nicht noch weiter aufreizen? -- War es natürliche -Großmut? -- -- Genug, der Herzog gab dieser Sache nicht die geringste -Folge und bewies dadurch ganz offenkundig, daß er die Flucht Schillers -nur als einen Fehler, aber nicht als ein Verbrechen beurteilte. - -Nicht nur diese Gewißheit ergab sich aus dem Briefe des Vaters, sondern -auch die Hoffnung, daß er dem Sohne noch mit warmer Liebe zugetan sei, -und ihm, wenn der äußerste Fall einträte, die nötige Unterstützung -nicht versagen würde. Verglich man diesen Brief mit denen, welche -Herr Schwan und S. aus Bauerbach erhalten, so konnten die Freunde des -Dichters um so mehr unbesorgt sein, als dieser mit seinem Zustand im -höchsten Grade zufrieden schien, und sich nun nach einem Jahre voller -Sorgen und Unruhe solchen Beschäftigungen widmen konnte, die, außer dem -Vergnügen, das sie ihm selbst machten, auch noch mit Ehre und Vorteil -verbunden waren. - -Ohne Zweifel teilt jeder Leser diese Meinungen, und glaubt vielleicht, -das Schicksal, nachdem es seine alles beugende Gewalt habe empfinden -lassen, werde dem Ermüdeten nach so manchen Stürmen endlich Ruhe -vergönnen? - -Der Verfasser bedauert innigst, daß er diese Hoffnungen nicht -bestätigen kann, sondern genötigt ist, neue Schwierigkeiten zu melden, -die sich in dem so friedlich scheinenden Zufluchtsorte ganz unerwartet -erhoben; denn kaum vier Wochen nach dem ersten erhielt er nachstehenden -zweiten Brief. - - H., den 14. Jän. 1783. - - So bin ich doch der Narr des Schicksals! Alle meine Entwürfe sollen - scheitern! Irgend ein kindsköpfischer Teufel wirft mich wie seinen - Ball in dieser sublunarischen Welt herum. - - Hören Sie nur! - - Ich bin, wenn Sie den Brief haben, nicht mehr in Bauerbach. - Erschrecken Sie aber nicht. Ich bin vielleicht besser aufgehoben. - - Frau von Wolzogen ist wieder hier und hat ihren Bruder, den - Oberhofmeister von Marschalk, der bei Bamberg eine Erbschaft von - beinahe 200000 Gulden getan, begleitet. Sie können sich vorstellen, - mit welcher Ungeduld ich ihr entgegenflog -- -- -- -- Aber nun! - - Lieber Freund, trauen Sie niemand mehr. Die Freundschaft der - Menschen ist das Ding, das sich des Suchens nicht verlohnt. Wehe - dem, den seine Umstände nötigen, auf fremde Hilfe zu bauen. - Gottlob! das letztere war diesmal nicht. - - Die gnädige Frau versicherte mich zwar, wie sehr sie gewünscht - hätte ein Werkzeug in dem Plane meines künftigen Glückes zu - sein -- aber -- ich werde selbst so viel Einsicht haben, daß - ihre Pflichten gegen ihre Kinder vorgingen, und diese müßten es - unstreitig entgelten, wenn der Herzog von W. Wind bekäme; das - war mir genug. So schrecklich es mir auch ist, mich wiederum in - einem Menschen geirrt zu haben, so angenehm ist mir wieder dieser - Zuwachs an Kenntnis des menschlichen Herzens. Ein Freund -- und ein - glückliches Ungefähr rissen mich erwünscht aus dem Handel. - - Durch die Bemühung des Bibliothekars Reinwald, meines sehr - erprobten Freundes, bin ich einem jungen Hrn. von Wrmb bekannt - geworden, der meine Räuber auswendig kann und vielleicht eine - Fortsetzung liefern wird. Er war beim ersten Anblick mein - Busenfreund. Seine Seele schmolz in die meinige. Endlich hat er - eine Schwester! -- Hören Sie, Freund, wenn ich nicht dieses Jahr - als ein Dichter vom ersten Range figuriere, so erscheine ich - wenigstens als Narr, und nunmehr ist das für mich eins. Ich soll - mit meinem Wrmb diesen Winter auf sein Gut, ein Dorf im Thüringer - Walde, dort ganz mir selbst und -- der Freundschaft leben, und was - das beste ist, schießen lernen, denn mein Freund hat dort hohe - Jagd. Ich hoffe, daß das eine glückliche Revolution in meinem Kopf - und Herzen machen soll. - - Schreiben Sie mir nicht, bis Sie neue Adressen haben. Den Verdruß - mit der Wolzogen unterdrücken Sie. Ich sei nicht mehr in Bauerbach, - das ist alles, was Sie sagen können. -- -- -- -- -- -- - - Tausend Empfehlungen an meinen lieben, guten Meier. Nächstens - schreib ich ihm wieder. Auch an Cranz, Gern u. s. f. viele - Komplimente. Mein neues Trauerspiel, Luise Millerin genannt, ist - fertig. Beiliegendes übergeben Sie an Schwan, dem Sie mich vielmals - empfehlen. - - Ohne Veränderung - - Ihr - - Schiller. - -So schien nun auch dieser Plan gescheitert, auf den nicht nur der -Dichter selbst seine größte, letzte Hoffnung gesetzt hatte, sondern -welcher auch als der sicherste von allen Freunden zur Befolgung -angeraten war. Aufs neue war sein Schiff den veränderlichen Winden -preisgegeben, indem die Freundschaft mit Hrn. von Wrmb viel zu -schwärmerisch, mit viel zu großen Erwartungen geschlossen schien, als -daß man auf einige Dauer hätte zählen können. - -Größeres Vertrauen flößte die Bekanntschaft mit Hrn. Reinwald ein, -der Hrn. Schwan als rechtlicher Mann, als Dichter und Schriftsteller -bekannt war und sich gewiß um so inniger an Schiller anschloß, je -genügsamer dieser in seinen Forderungen und anmutiger im Umgange sich -gegen jeden zeigte. - -Was die Äußerungen der Frau von Wolzogen betrifft, so waren -diese ebenso verzeihlich als begreiflich; denn ihre Söhne, deren -Bekanntschaft Schiller den Schutz zu danken hatte, der ihm jetzt -gewährt wurde, waren noch in der Akademie, und erfuhr der Herzog, -von wem sein flüchtiger Zögling verborgen gehalten werde, so konnte -er leicht -- vorausgesetzt, daß er sich zu einer Rache herablassen -möge -- seine Ungnade den Söhnen der Frau von Wolzogen auf eine Art -empfinden lassen, die ihr Glück nicht nur für jetzt, sondern auch in -der Zukunft bedeutend gestört haben würde. - -Der Verfolg zeigte jedoch, daß die Besorgnisse der Beschützerin -entweder nicht sehr ernsthafter Art gewesen oder daß Schiller seine -Empfindlichkeit darüber zu besiegen wußte; denn er blieb nicht nur -den ganzen Tag[4] in Bauerbach, sondern brachte auch die Hälfte des -folgenden Sommers daselbst zu. Durch ähnliche Nachrichten wie die, -welche er seinem Freunde nach Mannheim schrieb, versetzte er auch -seine älteste Schwester in die größte Unruhe, und ein Brief, den sie -deshalb an den Bruder schrieb, gab zufällig die Veranlassung zu ihrer -Bekanntschaft mit Herrn Reinwald, die sich einige Jahre später in -eine lebenslängliche Verbindung umwandelte. Aus dem Briefe des Herrn -Reinwald an die Schwester von Schiller möge das Wichtigste, was sich -hierauf bezieht (mit der damals gebräuchlichen Rechtschreibung) einen -Platz finden. - - Meiningen. 27ten Mai 1783. - - Mademoiselle - - Ein besonderer Zufall macht mich so frei, an die Schwester meines - Freundes diese Zeilen zu schreiben. Unter etlichen Papieren, die - Hr. ~D.~ S** nach einem Besuch bei mir liegen lassen, fand ich - einen Brief von Ihnen. Es war wohl nicht Sorglosigkeit allein daran - Schuld, sondern auch Vertrauen, denn ich glaube gänzlich, daß er - mich liebt. - - Ich fand in diesem Briefe, den ich gelesen und nochmals gelesen und - abgeschrieben habe, so viel reifes Denken und so viel herzliche, - besorgte Wohlmeinung gegen Ihren Herrn Bruder, daß ich mich gefreut - habe, und scheue mich nicht, jeden Gedanken, der mir zu seiner - Ausbildung oder Glückseligkeit einfällt, mit Ihnen zu theilen. - - Vielleicht kann ich Ihnen oder Ihren lieben Eltern auch manche - Unruhe benehmen, die Ihnen über die Situation Ihres Herrn Bruders - aufsteigt, und ich werde gerade seyn und nicht schmeicheln - etc. -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - Mir ist es selbst Räthsel, warum sie (Fr. v. W.) so sehr Verachtung - fürchtet, und daß sie auf die Veränderung von unseres Freundes - Aufenthalt dringen soll; viele Umstände scheinen dem letzteren - zu widersprechen, es müßte denn seyn, daß sie aus Beweggründen - der Sparsamkeit handelte etc. etc. Alle Gefahren des Bekanntseyns - wären gleich Anfangs vermieden gewesen, wenn man entweder niemanden - auswärts geschrieben hätte, daß Ihr Herr Bruder da wäre, wo er - ist, sondern nur Meiningen angegeben, oder wenn er wirklich in dem - traurigsten Theile des Jahres hieher gezogen wäre. Hier residirt - ein Herzog, den der Ihrige nicht im Geringsten deshalb züchtigen - kann, wenn er jemand da wohnen läßt, dem der würtembergische Hof - ungünstig ist. Welche Verantwortung kann da der Fr. v. W. auf den - Hals fallen. - - Ihr Herr Bruder muß menschliche Charaktere viel kennen, weil er sie - auf der Bühne schildern soll, item, er muß sich durch Gespräche - über Natur und Kunst durch freundschaftliche, innige Unterhaltung - aufheitern, wenn durch Denken und Niederschreiben das Mark seines - Geistes vertrocknet ist. Die Gegend, wo er sich jetzt aufhält, und - die nur im Sommer ein wenig von der Seite lächelt, gleicht mehr der - Gegend, wo Ixions Rad sich immer auf einem Orte herumdreht, als - einer Dichter-Insel, und einen zweiten Winter da zugebracht, wird - Hrn. ~D.~ S. völlig hypochondrisch machen. - - Ich wünschte daher sehnlich, daß er künftigen Herbst in einer - großen Stadt, wo ein gutes deutsches Theater ist, z. Ex. in Berlin - verweilte, doch unter dem Schutze gelehrter und rechtschaffener - Männer, die ihn von der Ausgelassenheit bewahrten, die an diesem - Orte herrscht. - - Wien (wo ich ehedem selbst eine Zeit lang war) hat zwar weniger - verderbte Sitten und mehr Teutschheit, aber der Fehler ist da, daß - man mit dem Gelde gut umzugehen verlernt, denn man nimmt meist viel - ein, und gibt noch mehr aus. - - Noch scheint es aber nicht, daß Ihr Herr Bruder zum Weggehen - inclinirt, er scheint ganz an seine Wohlthäterin gefesselt, die ihn - von der Seite seines guten und dankbaren Herzens eingenommen hat. - - Ich hatte die Idee ihn nach Pfingsten mit nach Gotha und Weimar - zu nehmen, wo ich Freunde und Verwandte habe, zu denen ich eine - Gesundheitsreise thun werde, ich wollte ihn den dasigen zum Theil - wichtigen Gelehrten präsentiren, ich wollte ihn wieder an die offne - Welt und an die Gesellschaft der Menschen gewöhnen, die er beinah - scheut, und sich allerhand Unangenehmes von ihnen vorstellt. Aber - so geneigt er im Anfang zu meinem Vorschlag war, so sehr scheint - jetzt sein Geschmack davon entfernt. Ich werde also das Vergnügen - dieser Reise nicht mit ihm theilen können. - - Wenn ich gleich unendlich dabei verliere, wenn Ihr Herr Bruder - einst diese Gegend verlassen sollte, und keiner meiner bisherigen - Freunde mir diesen Verlust ersetzen würde, so wollte ich doch - lieber all mein Vergnügen der Ausbildung und Glückseligkeit eines - so guten und künftig großen Mannes aufopfern etc. etc. - - Leben Sie mit Ihren lieben Eltern wohl. - - Ihr gehorsamster Diener und Verehrer - - W. H. Reinwald. - -Dieser Brief macht es wahrscheinlich, daß Schiller nicht, wie er im -Januar willens war, mit Hrn. von Wrmb nach Thüringen reiste, sondern -fortwährend in Bauerbach blieb. War dies der Rat seines Freundes -Reinwald? Oder bedachte er es selbst, daß sein Aufenthalt bei Hrn. von -Wrmb von so zarter Beschaffenheit sein würde, daß ein Wörtchen, ja nur -eine Gebärde ihn wieder entfernen und in die größte Verlegenheit setzen -müßte? - -Gewißheit kann der Verfasser hierüber nicht geben, indem er sich nicht -erinnert, in der Folge mit Schillern darüber gesprochen zu haben, und -er auch einige Briefe von diesem aus (jetzt freilich sehr bedauerter) -Nachlässigkeit verloren. Übrigens müßte es auffallend scheinen, daß der -gerechte, edle Stolz und Ehrgeiz des Dichters auch nur einen Augenblick -es ertragen konnte, Frau v. W. einer Verlegenheit auszusetzen, wenn wir -nach obigem Brief nicht annehmen dürften, daß es ihr mit dem Dringen -auf seine Entfernung nicht sehr ernst gewesen wäre. Außer diesem mochte -auch Schillern der Umstand nachgiebiger machen, daß er hier frei von -allen Sorgen für die kleinlichen Bedürfnisse des Lebens, ohne die -mindeste Störung gänzlich seiner Laune, seinen Träumen, Idealen und -dichterischen Entwürfen leben konnte; wo ihm kein Befehl vorschrieb, -wie er gekleidet sein müsse, oder die Minute bezeichnete, zu welcher -er im Spital oder auf der Wachtparade erscheinen solle, und wo er nur -seinen großartigen Gefühlen und der Freundschaft leben durfte. - -Man muß den edlen Jüngling genau gekannt und in den Jahren 1781 und -82 mit ihm in (dem damals so zwangsvollen) Stuttgart gelebt haben, -um gewiß zu sein, daß ein nur einigermaßen leidliches Gefängnis, in -welchem sein Tun und Lassen nicht vorgeschrieben worden wäre, ihm -gegen seinen damaligen Zustand gehalten, als eine wirkliche Wohltat -erschienen sein würde. Weiter unten werden wir aus einem Briefe von ihm -selbst erfahren, daß nur die zuletzt angeführten Gründe die einzigen -sein konnten, welche ihm den Aufenthalt in Bauerbach so wert und -unvergeßlich machten. - -Die Lobsprüche, welche ihm Herr Reinwald in seinem Brief erteilt, -beweisen, wie einnehmend seine Persönlichkeit gewesen und wie duldsam -er jede Eigenheit an andern zu ertragen wußte, indem Hypochondrie und -immerwährende Kränklichkeit Herrn Reinwald sehr reizbar und empfindlich -machten und er auch von der höchsten Bedächtlichkeit war. Aber der Kern -dieses Mannes, seine Kenntnisse sowie sein Herz waren vortrefflich, und -wir werden sehen, wie hoch Schiller diesen Freund achtete. - -Hätte Herr Reinwald den jungen Dichter dazu vermocht, mit ihm nach -Weimar und Gotha zu reisen, so würde er in ersterem Orte Goethe und -Wieland kennen gelernt haben, die ihm, aller Wahrscheinlichkeit -nach, einen Lebensplan vorgezeichnet, ihn mit Rat und Empfehlungen -unterstützt und in die nützlichsten Verbindungen gebracht hätten. Auch -wären ihm dadurch zwei Jahre erspart worden, die er meistens in Verdruß -zubrachte, und die von den nachteiligsten Folgen für seine Gesundheit -waren. - -Was Schiller aber von dieser Reise abhielt, war die Sirenenstimme, die -sich von dem Theater zu Mannheim wieder vernehmen ließ und die seine -Nerven so sehr in Schwingung versetzte, daß er ihren Lockungen nicht -widerstehen konnte und alles andere von sich abwehrte. Denn schon im -März 1783, also kaum drei Monate später, nachdem der Dichter sieben -Wochen vergeblich in Oggersheim aufgehalten und auf eine äußerst harte -Weise entlassen worden war, schrieb ihm Baron Dalberg wieder, um sich -nach seinen theatralischen Arbeiten zu erkundigen, und zwar in solchen -Ausdrücken, daß Schiller an Herrn Meier in Mannheim schrieb: »es müsse -ein dramatische Unglück in Mannheim vorgegangen sein, weil er von Baron -Dalberg einen Brief erhalten, dessen annähernde Ausdrücke ihn auf diese -Vermutung brächten.« - -Dieser Schluß war jedoch nur insofern richtig, als Baron Dalberg, der -sich sehr gern mit Umänderungen von Theaterstücken beschäftigte, und -damals gerade Lanassa und Julius Cäsar von Shakespeare unter der Schere -hatte, wohl fühlen mochte, daß Schiller zu solchen Arbeiten nicht ganz -ungeeignet sein dürfte. Auch geschah es oft, daß die Mitglieder des -Theaterausschusses von Fiesco sowie von dem bürgerlichen Trauerspiele -Luise Millerin sprachen, dessen ganzer Plan S. bekannt war und den -dieser, da ihn kein Versprechen zur Geheimhaltung verpflichtete, so -umständlich als lebhaft auseinandersetzte. - -Am wahrscheinlichsten bleibt jedoch, daß sich Baron Dalberg der -frühern Versprechungen und gegebenen Hoffnungen erinnerte, die er -Schillern gemacht, und welche diesen zu seinem verzweifelten Schritte -verleitet. Jetzt, nachdem der Herzog von Württemberg nicht die mindeste -Vorkehrung zur Habhaftwerdung des Flüchtlings getroffen, konnte mit -voller Sicherheit und ohne sich im mindesten bloß zu stellen, demselben -Genugtuung gegeben, die öfters mahnenden Wünsche der Schauspieler -erfüllt, sowie durch Anstellung eines solchen Dichters der Bühne ein -Glanz erteilt werden, der sie über alle andern von Deutschland erhob, -und von welcher der größte Teil ihres Ruhmes auf deren Intendanten -zurückstrahlen mußte. - -Möge nun dieser oder jener Beweggrund den Brief des Baron Dalberg an -Schillern veranlaßt haben, so ist es, zur Rechtfertigung des letztern, -von der größten Wichtigkeit zu zeigen, daß er auch jetzt wieder, wie -im Jahre 1781 angelockt, ja gewissermaßen zur Veränderung seines -Aufenthaltes aufgefordert worden, ohne daß er es gesucht oder sich -deshalb beworben hätte. Der anteilnehmende Leser möge diesen Umstand -um so weniger übersehen, weil es zur unparteiischen Beurteilung des -Schicksals und Benehmens des Dichters unumgänglich notwendig ist zu -wissen, durch wen und durch was er zu nachteiligen Schritten verleitet -worden. Nachfolgendes ist die Antwort (S. Schillers Briefe an Freiherrn -von Dalberg S. 80), welche auf die Anfrage erteilt wurde. - - S.-Meiningen, den 3. April 1783. - - Euer Exzellenz verzeihen, daß Sie meine Antwort auf Ihre gnädige - Zuschrift erst so spät erhalten -- -- -- -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - Daß Euer Exzellenz mich auch in der Entfernung noch in gnädigem - Andenken tragen, kann mir nicht anders als schmeichelhaft sein. Sie - wünschen zu hören, wie ich lebe? - - Wenn Verbannung der Sorgen, Befriedigung der Lieblingsneigung, - und einige Freunde von Geschmack einen Menschen glücklich machen - können, so kann ich mich rühmen, es zu sein. - - E. E. scheinen, ungeachtet meines kürzlich mißlungenen Versuchs, - noch einiges Zutrauen zu meiner dramatischen Feder zu haben. Ich - wünschte nichts, als solches zu verdienen; weil ich mich aber der - Gefahr, Ihre Erwartung zu hintergehen, nicht neuerdings aussetzen - möchte, so nehme ich mir die Freiheit, Ihnen einiges von dem Stück - vorauszusagen. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - Wenn diese Fehler, die ich E. E. mit Absicht vorhersage, für - die Bühne nichts Anstößiges haben, so glaube ich, daß Sie mit - dem übrigen zufrieden sein werden. Fallen sie aber bei der - Vorstellung zu sehr auf, so wird alles übrige, wenn es auch noch - so vortrefflich wäre, für Ihren Endzweck unbrauchbar sein und ich - werde es besser zurückbehalten. -- -- - - ~Dr.~ Schiller. - -Wer diesen Brief gegen die früheren vergleicht, dem muß die kalte -geschraubte Sprache desselben auffallen, indem darin durchaus nichts -ist, woraus zu schließen wäre, Schiller bewerbe sich wieder um den -Schutz des Baron Dalberg. Eher noch sind Vorwürfe gegen diesen nicht -undeutlich ausgesprochen, denn die Schilderung der Unabhängigkeit und -des Glücks, welches der Dichter jetzt genieße, scheint absichtlich als -Gegensatz angeführt zu sein. - -Ungeachtet alles dessen wurde der Briefwechsel fortgesetzt, und -Schiller konnte der süßtönenden Stimme um so weniger widerstehen, als -nach seinen Begriffen die Schaubühne sowie die Arbeiten für dieselbe -einen Einfluß und eine Wichtigkeit hatten, die durch keine andere -Kunst oder Wissenschaft bewirkt werden könne. Und bei der ersten Bühne -Deutschlands sollte er nun Dichter, Lenker eines reinen, veredelten -Geschmackes werden! Jetzt wäre der Zeitpunkt eingetreten, wo er seine -Ideale, die Geschöpfe seiner Einbildungskraft lebend, handelnd der -gespannten Aufmerksamkeit einer Menge von Zuschauern vorführen könnte! -Und diese so lang ersehnte Gelegenheit sollte er zurückweisen? - -Zu viel wäre dieses gefordert! Er mußte dem Anerbieten entsprechen und -traf auch in den ersten Tagen des Septembers 1783,[5] nur von Herrn -Meier und dessen Frau erwartet, in Mannheim ein. - -Seinem zurückgelassenen Freunde S. wurde absichtlich von der ganzen -Unterhandlung nichts gesagt, weil er sich (da sein eignes Glück durch -den unnützen Aufenthalt in Oggersheim gestört worden) schon zu oft -gegen das Versprechen und Verlocken geäußert und das Verfahren gegen -den unglücklich gemachten Dichter bei seinem wahren Namen benannt hatte. - -Auch wurde ihm durch dieses Verheimlichen eine Überraschung bereitet, -die vollkommen gelang. Denn als er zur gewöhnlichen Stunde bei Herrn -Meier eintrat, konnte er kaum seinen Augen glauben, daß es der in -weiter Entfernung vermeinte Schiller sei, welcher mit der heitersten -Miene und dem blühendsten Aussehen ihm entgegentrat. - -Nach den herzlichsten Umarmungen und nachdem die eiligsten Fragen -beantwortet waren, kündigte Schiller seinem Freund an, daß er von -Baron Dalberg als Theaterdichter nach Mannheim berufen worden und -als solcher mit einer Besoldung von 300, sage: dreihundert, Gulden -Reichswährung nächstens sein Amt antreten werde. Seine Zufriedenheit -über diese Anstellung sprach aus jedem Wort, aus jedem Blick, und er -mochte sich wohl denselben Himmel in der Wirklichkeit dabei denken, der -auf dem Theater oft so täuschend dargestellt wird.[6] - -Unter dem ruhigen Genuß seiner Freunde und der Schaubühne -- unter -einer Menge von Plänen und Besprechungen über seine künftigen Arbeiten -vergingen mehrere Wochen, und ehe er noch an den Abänderungen des -Fiesco oder der Luise Millerin etwas angefangen hatte, überfiel ihn das -kalte Fieber, welches ihn anfänglich zu allem untüchtig machte. - -Der Sommer dieses Jahres 1783 zeichnete sich durch eine ungewöhnliche -Hitze aus, durch welche aus dem mit Morast und stehendem Wasser -gefüllten Festungsgraben eine so faule, verdorbene Luft entwickelt -wurde, daß kaum die Hälfte der Einwohner von diesem Übel verschont -blieb. Auch verursachte die dumpfe Luft in dieser Festung, deren hohe -Wälle jeden Zug, jede Strömung eines Windes verhinderten, bei allen -Krankheiten gefährlichere Folgen als sonst, und der Tod beraubte in -der Mitte des Oktobers Schiller eines Freundes, der ihm um so werter -geworden, je mehr er Gelegenheit gehabt hatte, dessen edles, offenes -Gemüt kennen zu lernen. Der Theaterregisseur, Herr Meier, dessen schon -so oft erwähnt worden, starb an einer anfangs unbedeutend scheinenden -Krankheit, wodurch nicht nur seiner Frau und seinen Freunden, sondern -auch seinen Kunstgenossen sowie der Schaubühne selbst ein sehr lang -gefühlter Verlust verursacht wurde. Denn nicht allein war er als Mensch -höchst achtungswert, er war auch ein in Ekhofs Schule gebildeter, sehr -bedeutender Künstler, der in den meisten, vorzüglich aber in sanften -Rollen nichts zu wünschen übrig ließ. Zur Rechtfertigung der ärztlichen -Kenntnisse Schillers darf hier versichert werden, daß er die schlimmen -Folgen der Mittel, welche der Theaterarzt verordnet hatte, voraussagte. - -Wenn schon das Wechselfieber den tätigen, kühnen Geist des Dichters -lähmte, so waren die Einwendungen, welche man gegen sein zweites -Trauerspiel machte und die er beseitigen sollte, noch weniger geeignet, -seine Einbildungskraft aufzuregen. - -Die Bahn, die er sich in seinen Arbeiten für die Bühne vorgezeichnet -hatte, war ganz neu und ungewöhnlich, daher es den Schauspielern, -die meistens nur bürgerliche oder sogenannte Konversationsstücke -aufzuführen gewohnt waren, sehr schwer und mühsam wurde, die Ausdrücke -des Dichters so zu geben, wie er sie schrieb, und in welche sich, ohne -deren Sinn zu stören oder ins Gemeine herabzuziehen, durchaus nichts -aus der Umgangssprache einflicken ließ. Daß bei den Räubern derlei -Einwendungen weniger gemacht wurden, davon war der überwältigende -Stoff sowie die ergreifende Wirkung, welche die meisten Szenen -hervorbrachten, die Ursache. Besonders eiferte letzteres jeden -Mitwirkenden an, alle Kräfte beisammen zu halten, um auch in den -unbedeutend scheinenden Teilen keine Störung zu verursachen, damit -das Werk so, wie es aus der dichterischen Kraft entsprungen, ein -erstaunungswürdiges Ganzes bliebe. - -Bei Fiesco war der Inhalt schon an sich selbst kälter. Die schlauen -Verwicklungen erwärmten nicht; die langen Monologe, so meisterhaft sie -auch waren, konnten nicht mit Begeisterung aufgefaßt und gesprochen -werden, indem sich größtenteils nur der Ehrgeiz darin malte und zu -fürchten war, daß die Zuschauer ohne Teilnahme bleiben würden. Man -gestand nicht gern, daß die Anstrengung des Darstellers mit dem zu -erwartenden Beifall nicht im Verhältnis stehen möchte, weil erstere zu -groß und letzterer zu gering sein würde. - -Am meisten wurde gegen den Schluß eingewendet, weil er weder den -ersten Schauspielern noch dem Publikum Genüge leisten könne und eine -Empfindung zurücklassen müsse, welche den Anteil, den man an dem -Vorhergehenden des Stückes genommen, bedeutend schwächen würde. - -Wenn man bedenkt, daß der tiefe, umfassende Geist Schillers sich auch -in späterer Zeit nie bequemen konnte, ein Stück so zu entwerfen und -zu schreiben, daß es den Forderungen oder, eigentlicher zu reden -- -da vorzüglich die unterhaltenden Künste den geringern Kräften der -Menge angepaßt werden müssen -- dem Handwerksmäßigen des Theaters in -allen seinen Teilen angemessen hätte sein können; so kann man sich -vorstellen, mit welchem Widerwillen er sich an Abänderungen (worunter -nicht Abkürzungen verstanden sind) überhaupt, besonders aber wie bei -Fiesco der Fall war, an solche sich machte, wo dem Verstand und der -Wahrheit zugleich der stärkste Schlag versetzt werden müßte. War auch -sein Kopf gewandt genug, um jede Begebenheit als möglich darzustellen, -so mußte doch an die Stelle des Zerstörten etwas Neues geschaffen -werden, das -- wie jeder, dem Geistes- oder Kunstarbeiten bekannt sind, -gestehen muß -- entweder nicht so gut gerät oder doch viel schwieriger -als ersteres ist. - -Indessen mußte er diese Einwürfe berücksichtigen, und ungeachtet -der Unterbrechungen durch seine Krankheit und die dadurch gestörte -gute Laune wurde er dennoch in der zweiten Hälfte des Novembers mit -Umarbeitung des Fiesco fertig. - -Nun mußte aber das ganze Stück ins Reine und in der genauen Folge -geschrieben werden, wozu, da man diese beschwerliche Arbeit nicht von -ihm verlangen konnte, ein Regiments-Furier vorgeschlagen wurde, der -eine sehr deutliche und hübsche Handschrift hatte. Da so vieles aus -der ersten Bearbeitung gestrichen, zwischen hinein abgeändert oder -ganz neu eingelegt war, so durfte die Anordnung dem Abschreiber nicht -überlassen bleiben, sondern mußte ihm in die Feder gesagt werden. - -In den ersten Stunden fühlte sich der Verfasser sehr behaglich, indem -er nach Bequemlichkeit bald sitzend, bald auf und nieder gehend -vorsagen konnte. Als aber der Mann weggegangen war, wie entsetzte sich -Schiller, als er seinen ihm so wert gewordenen Helden Fiesco in Viesgo, -die liebliche Leonore in Leohnohre, Calcagna in Kallkahnia verwandelt -und in den übrigen Eigennamen falsche Buchstaben, sowie die meisten -Worte der gewohnten Rechtschreibung entgegen fand. - -Seine Klagen hierüber waren ebenso bitter als auf eine Art -ausgesprochen, die zum Lachen reizte, indem er gar nicht begreifen -konnte, daß jemand, der so schöne Buchstaben mache, nicht auch jedes -Wort richtig sollte schreiben können. - -Noch einmal, nachdem er den Mann vorher alle Namen ordentlich hatte -aufzeichnen lassen, versuchte er es wieder vorzusagen. Als er aber -dennoch fand, daß Fiesco jetzt mit einem F, und später mit einem -V anfing, da verlor er die Geduld so gänzlich, daß er, um diese -Augenmarter nicht länger aushalten zu müssen, sich entschloß, selbst -das ganze Stück ins reine zu schreiben. Er war so fleißig dabei, -daß solches in der Mitte Dezembers dem Baron Dalberg überreicht -werden konnte. Zufrieden mit seiner in den verflossenen zwei Monaten -bewiesenen Tätigkeit konnte der kranke Dichter allerdings sein, -obwohl diese, da er nur die vom Fieber freien Tage und die Nächte -benützen konnte, seine Kräfte sehr abspannte und sein sonst immer -heiteres Gemüt sich öfters verdüsterte. Aber nicht allein eine solche -Anstrengung war geeignet, jede muntere Laune zu verscheuchen, auch -sein übriges Verhältnis, das in Beziehung des Einkommens im grellsten -Widerspruch mit seinen früheren Erwartungen stand, mußte ihn schon -darum zum Mißvergnügen reizen, weil ihm dieses in den Briefen von -seiner Familie sehr bemerklich gemacht wurde. Besonders war der Vater -sehr unzufrieden, seinen Sohn in einem so ungewissen, nichts dauernd -zeigenden Zustand zu wissen, und er glaubte ihn nur dann für die -Zukunft geborgen, wenn er wieder Arzt und unter dem Schutze des Herzogs -wäre. Das Herz der Mutter, konnte es ruhig schlagen, wenn sie ihren -Liebling in seiner Gesundheit, in seinem häuslichen Wesen, in seinen -Sitten -- die sie bei dem Theater sich zügellos denken mochte -- im -höchsten Grade gefährdet glaubte? Auch die älteste Schwester vereinigte -ihre Wünsche mit denen der Eltern und veranlaßte folgende Erwiderung -des Bruders. - - Mannheim, am Neujahr 84. - - Meine teuerste Schwester! - - Ich bekomme gestern Deinen Brief, und da ich über meine - Nachlässigkeit, Dir zu antworten, etwas ernsthaft nachdenke, so - mache ich mir die bittersten Vorwürfe von der Welt. Glaube mir, - meine Beste, es ist keine Verschlimmerung meines Herzens; denn so - sehr auch Schicksale den Charakter verändern können, so bin doch - ich mir immerdar gleich geblieben -- es ist ebensowenig Mangel an - Aufmerksamkeit und Wärme für Dich; denn Dein künftiges Los hat - schon oft meine einsamen Stunden beschäftigt, und wie oft warst - Du nicht die Heldin in meinen dichterischen Träumen! -- Es ist - die entsetzliche Zerstreuung, in der ich von Stunde zu Stunde - herumgeworfen werde, es ist zugleich auch eine gewisse Beschämung, - daß ich meine Entwürfe über das Glück der Meinigen und über Deins - insbesondere bis jetzt so wenig habe zur Ausführung bringen können. - Wie viel bleiben doch unsere Taten unseren Hoffnungen schuldig! - und wie oft spottet ein unerklärbares Verhängnis unseres besten - Willens -- - - Also unsere gute Mutter kränkelt noch immer? Sehr gern glaube ich - es, daß ein schleichender Gram ihrer Gesundheit entgegen arbeitet, - und daß Medikamente vielleicht gar nichts tun -- aber Du irrst - Dich, meine gute Schwester, wenn Du ihre Besserung von meiner - Gegenwart hoffst. Unsere liebe Mutter nährt sich gleichsam von - beständiger Sorge. Wenn sie auf einer Seite keine mehr findet, so - sucht sie sie mühsam auf einer andern auf. Wie oft haben wir alle - uns das ins Ohr gesagt! Ich bitte Dich auch, ihr es in meinem Namen - zu wiederholen. Ich spreche ganz allein als Arzt -- denn daß eine - solche Gemütsart das Schicksal selbst nicht verbessern, daß sie - mit einer Resignation auf die Vorsicht durchaus nicht bestehen - könne, wird unser guter Vater ihr öfter und besser gesagt haben. - Dein Zufall ficht mich wirklich nicht wenig an. Ich erinnere mich, - daß du ihn mehrmals gehabt hast, und bin der Meinung, daß eine - Lebensart mit starker Leibesbewegung, neben einer verdünnenden Diät - ihn am besten hemmen werde. Nimm zuweilen eine Portion Salpeter mit - Weinstein, und trinke auf das Frühjahr die Molken. - - Du äußerst in Deinem Brief den Wunsch, mich auf der Solitüde - im Schoße der Meinigen zu sehen, und wiederholst den ehmaligen - Vorschlag des lieben Papas, beim Herzog um meine freie Wiederkehr - in mein Vaterland einzukommen. Ich kann Dir nichts darauf - antworten, Liebste, als daß meine Ehre entsetzlich leidet, wenn - ich ohne Konnexion mit einem andern Fürsten, ohne Charakter und - dauernde Versorgung, nach meiner einmal geschehenen gewaltsamen - Entfernung aus Württemberg, mich wieder da blicken lasse. Daß - der Papa den Namen zu dieser Bitte hergibt, nützt mir wenig, - denn jedermann würde doch mich als die Triebfeder anklagen, und - jedermann wird, so lang ich nicht beweisen kann, daß ich den Herzog - von Württemberg nicht mehr brauche, in einer (mittelbar oder - unmittelbar, das ist eins) erbettelten Wiederkehr ein Verlangen, in - Württemberg unterzukommen, vermuten. - - Schwester, überdenke die Umstände aufmerksam; denn das Glück Deines - Bruders kann durch eine Übereilung in dieser Sache einen ewigen - Stoß leiden. Ein großer Teil von Deutschland weiß von meinen - Verhältnissen gegen euern Herzog und von der Art meiner Entfernung. - Man hat sich für mich auf Unkosten des Herzogs interessiert -- wie - entsetzlich würde die Achtung des Publikums (und diese entscheidet - doch mein ganzes zukünftige Glück), wie sehr würde meine Ehre durch - den Verdacht sinken, daß ich diese Zurückkunft gesucht -- daß meine - Umstände mich meinen ehmaligen Schritt zu bereuen gezwungen, daß - ich diese Versorgung, die mir in der großen Welt fehlgeschlagen, - aufs neue in meinem Vaterlande suche. Die offene edle Kühnheit, die - ich bei meiner gewaltsamen Entfernung gezeigt habe, würde den Namen - einer kindischen Übereilung, einer dummen Brutalität bekommen, wenn - ich sie nicht behaupte. Liebe zu den Meinigen, Sehnsucht nach dem - Vaterland entschuldigt vielleicht im Herzen eines oder des andern - redlichen Mannes, aber die Welt nimmt auf das keine Rücksicht. - Übrigens kann ich nicht verhindern, wenn der Papa es dennoch tut -- - nur dieses sage ich Dir, Schwester, daß ich, im Fall es der Herzog - erlauben würde, dennoch mich nicht bälder im Württembergischen - blicken lasse, als bis ich wenigstens einen Charakter habe, woran - ich eifrig arbeiten will; im Fall er es aber nicht zugibt, mich - nicht werde enthalten können, den mir dadurch zugefügten Affront - durch offenbare Sottisen gegen ihn zu rächen. Nunmehr weißt Du - genug, um vernünftig in dieser Sache zu raten. - - Schließlich wünsche ich Dir und Euch allen von ganzem Herzen ein - glückliche Schicksal im 1784sten Jahr; und gebe der Himmel, daß wir - alle Fehler der vorigen in diesem wieder gut machen, geb' es Gott, - daß das Glück sein Versäumnis in den vergangenen Jahren in dem - jetzigen einbringe. - - Ewig Dein treuer Bruder - - Friedrich S. - -Wahrlich, ein Beweis, wie er als Sohn, Bruder und Mann dachte, läßt -sich durch nichts so offen, kräftig und schön als durch diesen Brief -darstellen, dessen Inhalt um so schätzbarer ist, da er im größten -Vertrauen geschrieben wurde und sich keine Ursache finden konnte, -einen Gedanken anders auszudrücken als ganz so, wie er entstand. Denn -diese Anhänglichkeit, diese kindliche und brüderliche Liebe war nebst -dem stolzen Gefühl für Ehre und Erwerbung eines berühmten Namens der -mächtigste Sporn für ihn, um durch sein Talent das Glück der Seinigen -ebenso gewiß als sein eignes zu befördern. Schon in Stuttgart, noch -eh' er den Entschluß zu entfliehen gefaßt hatte, war dieses sehr oft -der Inhalt seiner vertrauten Gespräche, so wie es auch, da er die -Unmöglichkeit einsah, diesen Wunsch in seinen drückenden Verhältnissen -verwirklichen zu können, ein Grund mehr wurde, sich eigenmächtig zu -entfernen. Auf das treueste schildert er zehn Jahre später seine -damaligen Erwartungen in dem Gedicht: Die Ideale - - »Wie sprang, von kühnem Mut beflügelt, - Beglückt in seines Traumes Wahn, - Von keiner Sorge noch gezügelt, - Der Jüngling in des Lebens Bahn! - Bis an des Äthers bleichste Sterne - Erhob ihn der Entwürfe Flug, - Nichts war so hoch und nichts so ferne, - Wohin ihr Flügel ihn nicht trug. - - Wie leicht ward er dahin getragen, - Was war dem Glücklichen zu schwer! - Wie tanzte vor des Lebens Wagen - Die luftige Begleitung her! - Die Liebe mit dem süßen Lohne, - Das Glück mit seinem goldnen Kranz, - Der Ruhm mit seiner Sternenkrone, - Die Wahrheit in der Sonne Glanz!« - -So waren seine Hoffnungen, als er das Kleinliche, Eigensüchtige der -Menschen noch nicht aus der Erfahrung kannte, als quälende Sorgen mit -ihren zackichten Krallen sich noch nicht an ihn geklammert hatten, als -er noch glauben durfte, die Deutschen zu sich erheben und ihnen etwas -Höheres als bloße Unterhaltung darbieten zu können. - -Nur zu bald mußte er ausrufen: - - »Doch ach! schon auf des Weges Mitte - Verloren die Begleiter sich, - Sie wandten treulos ihre Schritte, - Und einer nach dem andern wich.« - -Aber sein Mut blieb dennoch unbeugsam! Denn was tausend andere in -ähnlichen Verwicklungen niedergedrückt oder zur Verzweiflung gebracht -hätte, wurde von seinem mächtigen Geiste -- der immer nur das höchste -Ziel im Auge behielt -- entweder gar nicht beachtet oder, wenn es auch -schmerzte, nur belächelt. - -Im Verfolg der Erzählung wird das Gesagte noch weiter bestätigt werden. - -Noch während der Umarbeitung des Fiesco wurde es eingeleitet, daß -Schiller in die deutsche Gesellschaft zu Mannheim, von welcher -Baron Dalberg Präsident war, aufgenommen werden solle. Außer der in -Deutschland so sehr gesuchten Ehre eines Titels hatte der Eintritt -in diese Gesellschaft wenigstens den Vorteil, daß sie sich des -unmittelbaren kurfürstlichen Schutzes erfreute, wodurch denn der -Dichter, im Fall er noch von dem Herzog von Württemberg angefochten -worden wäre, wenigstens einigen Schutz hätte erwarten dürfen. Zu seinem -Eintritt schrieb er die kleine Abhandlung: »Was kann eine gute stehende -Schaubühne wirken?« welche noch immer die Mühe verlohnt, sie aufs -neue durchzulesen, um den Zweck des Theaters überhaupt und auch die -Ansichten des Verfassers über die Wirkung desselben kennen zu lernen. - -Einige Monate nach dieser Aufnahme faßte er den Plan, eine Dramaturgie -herauszugeben, um durch diese die Mannheimer Bühne als Muster für ganz -Deutschland bilden, auch sich zugleich einen größern Wirkungskreis -erwerben zu können. Anfangs glaubte man, daß es am besten sein würde, -die Aufsätze den Jahrbüchern der deutschen Gesellschaft einzuverleiben. -Jedoch der ganze, so eifrig gefaßte und so vielversprechende Vorsatz -scheiterte, indem diese Jahrbücher, die nur ernste, trockene -Forschungen enthielten, durch Berichte über ein so flüchtiges Ding, wie -das Theater zu sein scheint, profaniert geworden wären, und weil die -Theaterkasse die von dem Dichter verlangte jährliche Schadloshaltung -von 50 Dukaten nicht zu leisten vermochte. (Das Nähere hierüber findet -sich in den Briefen an Baron Dalberg S. 104, 124.) Endlich in der Mitte -Januars 1784 wurde das republikanische Schauspiel Fiesco aufgeführt, -dessen durch Unlenksamkeit der Statisten veranlaßten häufigen Proben -dem Verfasser manchen Ärger, viele Zerstreuung und öfters auch -Aufheiterung verschafften. Es war alles, was die schwachen Kräfte des -Theaters vermochten, angewendet worden, um das Äußerliche des Stücks -mit Pracht auszustellen; ebenso wurden auch die Hauptrollen, Fiesco -durch Böck, Verrina durch Iffland, der Mohr durch Beil, vortrefflich -dargestellt, und manche Szenen erregten sowohl für den Dichter als -für die Schauspieler bei den Zuschauern die lauteste Bewunderung. -Aber für das Ganze konnte sich die Mehrheit nicht erwärmen; denn eine -Verschwörung in den damals so ruhigen Zeiten war zu fremdartig, der -Gang der Handlung viel zu regelmäßig, und was vorzüglich erkältete, -war, daß man bei dem Fiesco ähnliche Erschütterungen wie bei den -Räubern erwartet hatte. - -Dichter, Künstler, deren erstes Werk schon etwas Großes, -Außerordentliches darstellt, und dessen Bearbeitung in gleicher -Höhe mit dem Inhalt sich findet, können selten die Erwartungen in -demjenigen, was sie in der nächsten Folge liefern, ganz befriedigen, -indem die Anzahl derer ganz unglaublich gering ist, die ein Kunstwerk -ganz allein für sich, ohne Beziehung oder Vergleichung mit anderm -zu würdigen verstehen. Mit seltener Ausnahme hat jeder Zuhörer oder -Zuschauer seinen eignen Maßstab, mit dem er alles mißt, und wenn auch -nur eine Linie über oder unter der als richtig erkannten Länge ist, es -auch sogleich als untüchtig verwirft. Besonders werden die Werke der -Einbildungskraft weit mehr nach dem Gefühl, das sie zu erregen fähig -sind, als mit dem Verstande beurteilt, und alle Leistungen, welche das -erste im hohen Grad ansprechen -- mögen sie übrigens noch so fehlerhaft -sein -- werden der Menge weit mehr zusagen als solche, bei denen der -Verstand, die schöne weise Verteilung, die freie Beherrschung des -Stoffes, den großen Meister andeutet. Daher hatte Wieland vollkommen -recht, als er in seinem ersten Brief an Schiller schrieb: »er hätte mit -den Räubern nicht anfangen, sondern endigen sollen.« - -Wir werden weiter unten erfahren, welcher Ursache es der Dichter -beigemessen, daß Fiesco in Mannheim die gehoffte Wirkung nicht hatte. - -Nach einigen Wochen Erholung begann er die Umarbeitung von Luise -Millerin, bei welcher er wenig hinzuzufügen brauchte, wohl aber -vieles ganz weglassen mußte. Schien ihm nun auch dieses ganze -bürgerliche Trauerspiel ziemlich mangelhaft angelegt, so ließ sich -doch an den Szenen, die den meisten Anteil zu erregen versprachen, -nichts mehr ändern; sondern er mußte sich begnügen, die hohe Sprache -herabzustimmen, hier einige Züge zu mildern und wieder andere ganz -zu verwischen. Manche Auftritte, und zwar nicht die unbedeutendsten, -gründen sich auf Sagen, die damals verbreitet waren, und deren -Anführung viele Seiten ausfüllen würde. Der Dichter glaubte solche hier -an den schicklichen Platz stellen zu sollen und gab sich nur Mühe, -alles so einzukleiden, daß weder Ort noch Person leicht zu erraten -waren, damit nicht üble Folgen für ihn daraus entstünden. - -Während dieser Umarbeitung brachte Iffland sein Verbrechen aus Ehrsucht -auf die Bühne. - -Er war so artig, es Schillern vor der Aufführung einzuhändigen und ihm -zu überlassen, welche Benennung dieses Familienstück führen solle, und -dem der bezeichnende Name, den es noch heute führt, erteilt wurde. -Der außerordentliche Beifall, den dieses Stück erhielt, machte die -Freunde Schillers nicht wenig besorgt, daß dadurch seine Luise Millerin -in den Schatten gestellt werde, denn niemand erinnerte sich, daß ein -bürgerliches Schauspiel jemals so vielen Eindruck hervorgebracht hätte. -Letzteres durfte jedoch meistens der Darstellung beigemessen werden, -die so lebendig, der ganzen Handlung so angemessen war und in allen -Teilen so rund von statten ging, daß man den innern Gehalt ganz vergaß -und, von der Begeisterung des Publikums mit fortgerissen, sich willig -täuschen ließ. - -Nicht lange nachher kam die Vorstellung des neuen Trauerspiels unseres -Dichters an die Reihe, welchem Iffland, dem es vorher übergeben wurde, -die Aufschrift »Kabale und Liebe« erteilte. Um der Aufführung recht -ungestört beiwohnen zu können, hatte Schiller eine Loge bestanden und -seinen Freund S. zu sich dahin eingeladen. - -Ruhig, heiter, aber in sich gekehrt und nur wenige Worte wechselnd, -erwartete er das Aufrauschen des Vorhanges. Aber als nun die Handlung -begann -- wer vermöchte den tiefen, erwartenden Blick -- das Spiel der -unteren gegen die Oberlippe -- das Zusammenziehen der Augenbrauen, wenn -etwas nicht nach Wunsch gesprochen wurde -- den Blitz der Augen, wenn -auf Wirkung berechnete Stellen diese auch hervorbrachten -- wer könnte -dies beschreiben! -- Während des ganzen ersten Aufzuges entschlüpfte -ihm kein Wort, und nur bei dem Schlusse desselben wurde ein »es geht -gut« gehört. - -Der zweite Akt wurde sehr lebhaft und vorzüglich der Schluß desselben -mit so vielem Feuer und ergreifender Wahrheit dargestellt, daß, -nachdem der Vorhang schon niedergelassen war, alle Zuschauer auf eine -damals ganz ungewöhnliche Weise sich erhoben und in stürmisches, -einmütiges Beifallrufen und Klatschen ausbrachen. Der Dichter -wurde so sehr davon überrascht, daß er aufstand und sich gegen das -Publikum verbeugte. In seinen Mienen, in der edlen, stolzen Haltung -zeigte sich das Bewußtsein, sich selbst genug getan zu haben, sowie -die Zufriedenheit darüber, daß seine Verdienste anerkannt und mit -Auszeichnung beehrt würden. - -Solche Augenblicke, in welchen das aufgeregte Gefühl eines bedeutenden -Menschen sich plötzlich ganz unverhohlen und natürlich äußert, sollte -man durch eine treue Zeichnung festhalten können; dies würde einen -Charakter leichter und bestimmter durchschauen lassen, als in Worten zu -beschreiben möglich ist. - -Die ungewöhnlich günstige Aufnahme dieses Trauerspieles war den -Freunden Schillers beinahe ebenso erfreulich, als ihm selbst, indem -sie, da seiner Arbeit nicht nur von Kennern, sondern auch von dem -Publikum ein entschiedener Vorzug vor andern ähnlicher Art gegeben -wurde, hoffen durften, daß er durch neue Werke, nicht wie bisher nur -Ehre und Beifall, sondern auch solche Vorteile gewinnen werde, die -seine Verhältnisse des Lebens befriedigender gestalten könnten. Der -Theaterdirektion konnte es gleichfalls willkommen sein, daß in den -verflossenen zwei Jahren auch zwei solche Stücke von ihm geliefert -worden, deren Wert sich für eine lange Zukunft verbürgen ließ; und -konnte er, wie es auch den Anschein hatte, so fortfahren, so war seine -geringe Besoldung sehr gut angelegt. - -In der Berauschung, die ein öffentlicher, mit Begeisterung geäußerter -Beifall immer zur Folge hat, konnte er jedoch die Nachricht der -Schwester (S. vorstehenden Brief), daß die Mutter aus Sehnsucht nach -ihm kränklich sei, nicht vergessen, und erlaubte es früher -- nachdem -keine seiner Erwartungen erfüllt war -- sein Stolz nicht, seiner -Mutter sich zu zeigen, so war dieser durch den Titel eines Mitgliedes -der kurpfälz'schen deutschen Gesellschaft, wie durch den überraschenden -Erfolg seiner zwei letzten Stücke, insoweit wenigstens befriedigt, -daß er mit gerechtem Selbstgefühl seinen Angehörigen vor Augen treten -durfte. Er entschloß sich daher, in Bretten, einem außerhalb der -württemberg'schen Grenze liegenden Städtchen, mit seiner Mutter und -ältesten Schwester zusammen zu kommen, und wenige Tage nach der ersten -Aufführung von Kabale und Liebe begab er sich zu Pferd dahin.[7] - -Wäre es möglich, das tiefempfindende, sorgenvolle Gemüt der Mutter, und -die Wehmut, mit der sie ihren, nun aus seinem Vaterlande wie von seinen -Eltern verbannten Liebling an die Brust drückte, die Lebhaftigkeit, -den männlichen Verstand der Schwester, das zarte, weiche, sich immer -edel und schön aussprechende Herz des Sohnes gehörig zu schildern, -so wäre dieses wohl eines der anziehendsten Gemälde, die sich in dem -Leben eines solchen Dichters und einer so seltenen Familie darbieten -können. Es muß der Einbildungskraft des Lesers überlassen bleiben, -diese Szene, nebst dem nach kurzem Aufenthalte gewaltsamen Losreißen -dreier vortrefflicher Menschen, die das von zitternden Lippen gepreßte -Lebewohl! für lange, lange Zeit ausgesprochen glauben mußten, sich -teilnehmend ausmalen zu können. - -Es war ganz natürlich, daß der Wunsch des Vaters wie der Mutter, dem -Sohn auf das angelegentlichste empfohlen wurde, sich doch um eine -sichere, dauernde Anstellung zu bewerben, damit seine eigenmächtige -Entfernung gerechtfertigt und sein Glück dauerhaft begründet sein möge. -Allein mit allem guten Willen hierzu konnte er eine solche Veränderung -nicht sogleich herbeiführen, und es blieb vorläufig nichts zu tun, als -mit dem festen Vorsatz nach Mannheim zurückzukehren, durch neue sich -auszeichnende Arbeiten seinem Schicksal eine bessere Wendung zu geben. -Er glaubte, daß dieses ein Schritt dazu wäre, wenn er in Gesellschaft -von Iffland und Beil, die zu Ende Aprils von Grosmann in Frankfurt auf -Gastvorstellungen eingeladen waren, die Reise dahin machte, und dadurch -den Kreis seiner Verehrer und Freunde erweiterte. - -Bei seinem Aufenthalt daselbst wurde Verbrechen aus Ehrsucht wie auch -Kabale und Liebe gegeben. Seine Äußerungen über die Verschiedenheit der -Frankfurter gegen die Mannheimer Bühne sowie über die Mitglieder von -beiden, finden sich in seinen Briefen an Baron Dalberg. - -Daß sich in Frankfurt diejenigen, welche Sinn für höhere Poesie hatten, -an den Dichter drängten, der in so jungen Jahren schon so viele Beweise -der Überlegenheit seines Geistes an den Tag gelegt, läßt sich sehr -leicht denken. Denn die Zeit war damals so ruhig, so harmlos, die -Gedichte und Schauspiele Schillers trugen so sehr den Stempel der Größe -und Neuheit, daß sich die jüngere Lesewelt nur mit diesen beschäftigte, -und ihr alles, was zu gleicher Zeit die Presse in diesem Fache -förderte, klein oder nichtsbedeutend schien. - -Unter andern neuen Bekanntschaften machte er auch die des Doktor -Albrecht und dessen Gattin, welche letztere (S. Schröders Leben) später -das Theater betrat. Beide waren auch Freunde des Bibliothekars Reinwald -in Meiningen und erinnerten Schiller an die -- allen, deren Wirken -nicht bloß durch die Einbildungskraft geschieht, ganz unbegreifliche -- -Nachlässigkeit, diesem, dem er so viele Verbindlichkeit hatte, seit der -Abreise aus Bauerbach noch nicht geschrieben zu haben. - -Kaum nach Mannheim zurückgekehrt, beeilte er sich, seinen Fehler -durch ein offenes Geständnis wenn auch nicht zu rechtfertigen, doch -wenigstens zu mildern, und schrieb Herrn Reinwald folgenden Brief, -dessen Inhalt für jeden seiner Verehrer nicht anders als höchst -anziehend sein kann. - - Mannheim, den 5. Mai 84. - - Bester Freund! - - Mit peinigender Beschämung ergreife ich die Feder, nicht um mein - langes Stillschweigen zu entschuldigen -- kann wohl ein Vorwand in - der Welt Ihre gerechten Ansprüche auf mein Andenken überwiegen? - -- Nein, mein Teuerster, um Ihnen diese Undankbarkeit von Herzen - abzubitten, und Ihnen wenigstens mit der Aufrichtigkeit, die Sie - einst an mir schätzten, zu gestehen, daß ich mich durch nichts als - meine Nachlässigkeit rechtfertigen kann. Was hilft es Ihnen, wenn - ich auch zu meiner Verantwortung anführe, daß ich Aussichten hatte, - Sie diesen Frühling selbst wieder zu sehen, daß ich die tausend - Dinge, die ich für Sie auf dem Herzen habe, mündlich zu überbringen - hoffte -- - - Dieser Traum ist verflogen, wir sehen uns nunmehr so bald nicht, - und nichts als Ihre Freundschaft und Liebe wird mein großes - Versehen entschuldigen. Glauben Sie wenigstens, daß Ihr Freund noch - der vorige ist, daß noch kein anderer Ihren Platz in meinem Herzen - besetzt hat, und daß Sie mir oft, sehr oft gegenwärtig waren, - wenn ich von den Zerstreuungen meines hiesigen Lebens in stilles - Nachdenken überging. -- Und jetzt will ich auch auf immer einen - Artikel abbrechen, wobei ich von Herzen erröten muß. - - Wie haben Sie gelebt, mein Teurer? Wie steht es mit Ihrem Gemüt, - Ihrer Gesundheit, Ihren Zirkeln, Ihren Aussichten in bessere - Zukunft? -- Ist noch kein Schritt zu einer solidern Versorgung - geschehen? Müssen Sie sich noch immer mit den Verdrießlichkeiten - eines armseligen Dienstes herumstreiten? -- Hat auch Ihr Herz noch - keinen Gegenstand aufgefunden, der Ihnen Glückseligkeit gewährte? -- - - Wie sehr verdienen Sie alle Seligkeiten des Lebens, und wie viele - kennen Sie noch nicht! -- Auch um einen Freund mußte ich Sie - betrügen! Doch nein! Sie haben ihn niemals verloren und werden ihn - auch niemals verlieren. - - Vielleicht wünschen Sie mit meiner Lage bekannt zu sein. Was sich - in einem Briefe sagen läßt, sollen Sie erfahren. - - Noch bin ich hier, und nur auf mich kommt es an, ob ich nach - Verfluß meines Jahres, nämlich am 1. September, meinen Kontrakt - verlängern will oder nicht. Man rechnet aber indes schon ganz - darauf, daß ich hier bleiben werde, und meine gegenwärtigen - Umstände zwingen mich beinahe auf längere Zeit zu kontrahieren, als - ich vielleicht sonst würde getan haben. Das Theater hat mir für - dieses Jahr in allem 500 Gulden Fixum gegeben, wobei ich aber auf - die jedesmalige Einnahme einer Vorstellung meiner Stücke Verzicht - tun mußte. Meine Stücke bleiben mir frei zu verkaufen. Aber Sie - glauben nicht, mein Bester, wie wenig Geld 600 bis 800 Gulden in - Mannheim, und vorzüglich im theatralischen Zirkel ist -- wie wenig - Segen, möchte ich sagen, in diesem Geld ist -- welche Summen nur - auf Kleidung, Wohnung und gewisse Ehrenausgaben gehen, welche ich - in meiner Lage nicht ganz vermeiden kann. Gott weiß, ich habe mein - Leben hier nicht genossen, und noch einmal soviel als an jedem - andern Orte verschwendet. Allein und getrennt! -- Ungeachtet meiner - vielen Bekanntschaften, dennoch einsam und ohne Führung, muß ich - mich durch meine Ökonomie hindurchkämpfen, zum Unglück mit allem - versehen, was zu unnötigen Verschwendungen reizen kann. Tausend - kleine Bekümmernisse, Sorgen, Entwürfe, die mir ohne Aufhören - vorschweben, zerstreuen meinen Geist, zerstreuen alle dichterischen - Träume, und legen Blei an jeden Flug der Begeisterung. Hätte ich - jemand, der mir diesen Teil der Unruhe abnähme, und mit warmer, - herzlicher Teilnehmung sich um mich beschäftigte, ganz könnte ich - wiederum Mensch und Dichter sein, ganz der Freundschaft und den - Musen leben. Jetzt bin ich auch auf dem Wege dazu. - - Den ganzen Winter hindurch verließ mich das kalte Fieber nicht - ganz. Durch Diät und China zwang ich zwar jeden neuen Anfall, - aber die schlimme hiesige Luft, worin ich noch Neuling war, und - meine von Gram gedrückte Seele machten ihn bald wiederkommen. - Bester Freund! ich bin hier noch nicht glücklich gewesen, und fast - verzweifle ich, ob ich je in der Welt wieder darauf Anspruch machen - kann. Halten Sie es für kein leeres Geschwätz, wenn ich gestehe, - daß mein Aufenthalt in Bauerbach bis jetzt mein seligster gewesen, - der vielleicht nie wieder kommen wird. - - Vorige Woche war ich zu Frankfurt, Grosmann zu besuchen und einige - Stücke da spielen zu sehen, worin zwei Mannheimer Schauspieler, - Beil und Iffland, Gastrollen spielten. Grosmann bewirtete mich - unter andern auch mit Kabale und Liebe. (Nicht wahr, jetzt zürnen - Sie wieder, daß ich noch den Mut habe, dieses Stück vor Ihnen - zu nennen, da ich Ihnen auch nicht einmal ein Exemplar davon - geschickt. Werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihnen sage, daß nicht - nur dieses Stück, sondern auch die beiden andern für Sie schon - zurückgelegt waren, daß ich fest entschlossen war, sie Ihnen selbst - nach der hiesigen Vorstellung zu bringen, wovon mich eine traurige - Notwendigkeit abhielt, und daß ich das aufgegeben habe, als ich bei - Schwan erfuhr, Sie hätten das Stück schon kommen lassen?) Hier zu - Mannheim wurde es mit aller Vollkommenheit, deren die Schauspieler - fähig waren, unter lautem Beifall und den heftigsten Bewegungen der - Zuschauer gegeben. - - Sie hätte ich dabei gewünscht -- den Fiesco verstand das Publikum - nicht. Republikanische Freiheit ist hierzulande ein Schall ohne - Bedeutung, ein leerer Name -- in den Adern der Pfälzer fließt kein - römisches Blut. Aber zu Berlin wurde es vierzehnmal innerhalb drei - Wochen gefordert und gespielt. Auch zu Frankfurt fand man Geschmack - daran. Die Mannheimer sagen, das Stück wäre viel zu gelehrt für sie. - - Eine vortreffliche Frau habe ich zu Frankfurt kennen lernen -- - sie ist Ihre Freundin -- die Madame Albrecht. Gleich in den ersten - Stunden ketteten wir uns fest und innig aneinander; unsre Seelen - verstanden sich. Ich freue mich und bin stolz, daß sie mich liebt, - und daß meine Bekanntschaft sie vielleicht glücklich machen kann. - Ein Herz, ganz zur Teilnahme geschaffen, über den Kleinigkeitsgeist - der gewöhnlichen Zirkel erhaben, voll edlen, reinen Gefühls für - Wahrheit und Tugend, und selbst da noch verehrungswert, wo man ihr - Geschlecht sonst nicht findet. Ich verspreche mir göttliche Tage in - ihrer nähern Gesellschaft. Auch ist sie eine gefühlvolle Dichterin! - Nur, mein bester, schreiben Sie ihr, über ihre Lieblingsidee zu - siegen, und vom Theater zu gehen. Sie hat sehr gute Anlagen zur - Schauspielerin, das ist wahr, aber sie wird solche bei keiner - solchen Truppe ausbilden, sie wird mit Gefahr ihres Herzens, ihres - schönen und einzigen Herzens, auf dieser Bahn nicht einmal große - Schritte tun -- und täte sie diese auch, schreiben Sie ihr, daß der - größte theatralische Ruhm, der Name einer Clairon und Yates mit - ihrem Herzen zu teuer bezahlt sein würde. Mir zu Gefallen, mein - Teuerster, schreiben Sie ihr das mit allem Nachdruck, mit allem - männlichen Ernst. Ich habe es schon getan, und unsere vereinigten - Bitten retten der Menschheit vielleicht eine schöne Seele, wenn wir - sie auch um eine große Aktrice bestehlen. - - Von Ihnen, mein Liebster, wurde langes und breites gesprochen. - Madame Albrecht und ich waren unerschöpflich in der Bewunderung - Ihres Geistes und Ihres mir noch schätzbareren Herzens. Könnten wir - uns in einen Zirkel von mehreren Menschen dieser Art vereinigen, - und in diesem engern Kreise der Philosophie und dem Genusse der - schönen Natur leben, welche göttliche Idee! -- Auch der Doktor ist - ein lieber, schätzbarer Freund von mir. Sein ganzes Wesen erinnerte - mich an Sie, und wie teuer ist mir alles, wie bald hat es meine - Liebe weg, was mich an Sie erinnert. - - Noch immer trage ich mich mit dem Lieblingsgedanken, zurückgezogen - von der großen Welt, in philosophischer Stille mir selbst, meinen - Freunden und einer glücklichen Weisheit zu leben, und wer weiß - ob das Schicksal, das mich bisher unbarmherzig genug herumwarf, - mir nicht auf einmal eine solche Seligkeit gewähren wird. In dem - lärmendsten Gewühl, mitten unter den Berauschungen des Lebens, - die man sonst Glückseligkeit zu nennen pflegt, waren mir doch - immer jene Augenblicke die süßesten, wo ich in mein stilles Selbst - zurückkehrte und in dem heitern Gefilde meiner schwärmerischen - Träume herumwandelte, und hie und da eine Blume pflückte. -- Meine - Bedürfnisse in der großen Welt sind vielfach und unerschöpflich, - wie mein Ehrgeiz, aber wie sehr schrumpft dieser neben meiner - Leidenschaft zur stillern Freude zusammen. - - Es kann geschehen, daß ich zur Aufnahme des hiesigen Theaters ein - periodisches, dramaturgisches Werk unternehme, worin alle Aufsätze, - welche mittelbar oder unmittelbar an das Geschlecht des Dramas oder - an die Kritik desselben grenzen, Platz haben sollen. Wollen Sie, - mein Bester, einiges in diesem Fach ausarbeiten, so werden Sie - sich nicht nur ein Verdienst um mich erwerben, sondern auch alle - Vorteile für Ihre Börse davon ziehen, die man Ihnen verschaffen - kann, denn vielleicht verlegt und bezahlt die kurfürstliche - Theaterkasse das Buch. Schreiben Sie mir Ihre Entschließung darüber. - - Daß ich Mitglied der kurfürstlichen deutschen Gesellschaft und also - jetzt pfälz'scher Untertan bin, wissen Sie ohne Zweifel. - - Den Einschluß überschicken (oder überbringen) Sie an Frau von - Wolzogen, und fahren Sie fort, Ihren Freund zu lieben, der unter - allen Verhältnissen des Lebens ewig der Ihrige bleiben wird - - Fried. Schiller. - -Wer es tadeln wollte, daß vorstehender Brief seinem ganzen Inhalte nach -mitgeteilt worden, der möge erwägen, daß er ein sehr wichtiger Beitrag -zur Kenntnis der Denkungsart und der häuslichen Verhältnisse Schillers -ist, und daß ein Zeugnis, welches jemand von sich selbst ablegt, um -vieles bedeutender sein muß, als was andere ausgesprochen. Ungerechnet -die feine Art, mit welcher er den von ihm vernachlässigten Freund -wieder zu gewinnen suchte, zieht er auch diejenigen, welche glauben, -sein Aufenthalt in Mannheim wäre so angenehm gewesen, aus einem großen -Irrtum. - -Mehrere Stellen dieses Briefes, als die Klagen über sein häusliches -Leben -- über das Unzulängliche seiner Einnahme -- seine Zerstreuung -und schwärmerischen Träumereien -- die Sehnsucht nach Bauerbach usw. -fordern hier um so mehr einige Erläuterungen, als er ein viel zu -bedeutender Mensch war, um solche Umstände übergehen zu können, und -weil hierüber ein Zeuge berichten kann, dem nichts verborgen oder -verhehlt wurde. - -Ist es für einen jungen Mann, der nicht Vermögen genug besitzt, um -sich eigne Bedienung halten zu können, eine beinahe unmögliche Sache, -seine Kleidung, Wäsche, Bücher, Schriften usw. dergestalt in Ordnung -zu halten, daß keine Verwirrung entstehe, so ist dieses bei Dichtern, -Künstlern, Gelehrten oder überhaupt denjenigen, die bloß allein mit -ihrer Einbildungskraft arbeiten, und den Eingebungen ihres Geistes -folgen müssen, noch weit weniger der Fall. - -Je umfassender nun ein Genie, je höher seine Kraft, sein Wollen, seine -Pläne sind, um so weniger kann es sich mit solchen Sachen befassen, -die auch dem gewöhnlichen Manne schon als solche Kleinigkeiten -erscheinen, daß er deren Besorgung unter seiner Würde erachtet. Wenn -nun diese Abneigung auch bei solchen stattfindet, deren Wirken mehr -nach vorgeschriebenen Regeln, als im Erfinden oder Erschaffen besteht; -um wie viel störender muß es einem Dichter oder Künstler sein, -wenn er durch die Bedürfnisse des Tages aus seinem Nachdenken, aus -seiner Begeisterung gerissen, und gewissermaßen aus einer wärmenden -Behaglichkeit in eiskaltes Wasser geworfen wird. Ließe sich eine Idee, -ein Ausdruck festhalten, oder würde die Gedankenreihe durch eine -Unterbrechung dieser Art nicht so zerstreut, daß man den Anfang und die -Folge derselben oft wieder aufs neue suchen muß, so würde die Geduld -keine so harte Probe bestehen müssen. - -Man denke sich nun unsern Schiller im Brüten über den Plan eines -Trauerspieles, in dem Entwurfe einer Szene, in der Ausarbeitung eines -Monologes, und stelle sich vor, wie ihm sein mußte, wenn ihm reine -Wäsche übergeben und die gebrauchte gefordert wurde, wenn er letztere -erst suchen und deren durchsichtigen Zustand erklären mußte, wenn er -nach spätem Erwachen die wenigen Stücke seiner Kleidung beschädigt -fand, oder sein nur nach Viertelstunden bedungener Diener zu unrechter -Zeit eintraf; man denke sich dieses, und glaube dann, daß er trotz -seiner Gutmütigkeit oft in eine widerliche Gemütsstimmung geriet. - -Aus diesem Zustande hätte ihn nur weibliche Fürsorge erlösen können, -die aber in Mannheim fehlte, weil er abgesondert wohnte, sich auch -seine kärgliche Mittagskost, von der noch für den Abend etwas -zurückgehalten werden mußte, aus einem Gasthause holen ließ. Es -würde übrigens eine sehr belustigende und des Pinsels eines Hogarths -würdige Aufgabe sein, das Innere des Zimmers eines von immerwährender -Begeisterung trunkenen Musensohnes recht getreu darzustellen; denn es -würde sich hier durchaus nichts Bewegliches und selbst das nicht, was -sonst immer dem Auge entzogen wird, an seinem Platze finden. Unordnung -bei jungen Männern ist etwas Gewöhnliches, aber bei den sogenannten -Genies übertrifft sie jede Vorstellung. Seine Einnahme während acht -Monaten setzt er selbst auf 500 Gulden Reichswährung an. Wem dieses zu -wenig scheint, dem darf versichert werden, daß auch diese unbedeutende -Summe noch beinahe um 100 Gulden zu hoch angegeben ist, denn außer -seiner Besoldung von 300 Gulden, die er vorausnehmen mußte, konnte ihm -nur der Ertrag des Druckes von Kabale und Liebe zufließen. Mit diesen -geringen Mitteln mußte er sich neu kleiden, Wäsche, Betten, Hausgeräte -anschaffen; er mußte, wie er selbst sagt, sogenannte Ehrenausgaben, das -heißt, kleine gesellschaftliche Unterhaltungen, Ausflüge auf das Land -mitmachen; daher er denn auch immer, nicht nur für den nächsten Monat, -sondern für die nächste Woche, ja oft für den nächsten Tag in Sorgen -war und doch immer schuldige Rückstände bezahlen sollte. - -Zu dieser bangen, qualvollen Lage gesellte sich dann auch noch das -kalte Fieber, welches besonders im Entstehen alle Martern des Tantalus -mit sich führte. Denn der brennendste Durst, der heißeste Hunger durfte -nicht genugsam gestillt werden, um die Krankheit nicht zu unterhalten. -Die Hilfe dagegen, nur in Brechmitteln und Chinarinde bestehend, -schwächte den Magen ebensosehr, als sie ihn belästigte; und wenn nichts -mehr helfen wollte, mußte man wohl den Rat des Arztes befolgen und -so viele Chinapulver, als man sonst in 24 Stunden hätte gebrauchen -sollen, zwei Stunden vor dem Eintritte des Fiebers auf einmal nehmen, -was freilich oft half, aber ein solches Toben des Magens veranlaßte, -daß man glaubte vergehen zu müssen, und was auf lange Jahre hinaus die -übelsten Folgen zurückließ. - -Möge der Leser, wenn er sich an den Schönheiten von Fiesco und Kabale -und Liebe ergötzt oder in den herrlichen Szenen von Don Carlos seine -Gefühle schwelgen läßt, doch nie vergessen, daß unter so drückenden, -beugenden Umständen die obigen Stücke verändert und der erste Akt des -letztern gedichtet wurde; alsdann erst wieder den Göttersohn bewundern, -der unter so vielen Übeln seinen Geist immer tätig erhielt und an der -heiligen Flamme nährte, die nicht von der Erde, sondern von oben her -leuchtet. - -Man wird es begreiflich finden, daß der Augenzeuge dieser Lage, der -Freund des Dichters, es später nie mehr über sich gewinnen konnte, -eines dieser drei Stücke vorstellen zu sehen. So oft er den Versuch -dazu machte, so mußte er dennoch sich bei dem ersten Auftritte schon -entfernen, weil ihn ein Schmerz, eine Wehmut befiel, die sich nur im -Freien stillen konnten. - -Deutschland! Deutschland! Du darfst dich deiner großen Söhne nicht -rühmen, denn du tatest nichts für sie; du überließest sie dem Zufall -und gabst ihr geistiges Eigentum jedem Preis, der sie auf offener -Straße darum berauben wollte. Nur der eignen Kraft, dem eignen Mute -der einzelnen, nicht deinem Schutze, nicht deiner Fürsorge hast du es -beizumessen, wenn andere Völker dich um deine großen Geister beneiden -und sich an ihrem Licht entzünden. - -Wie wahrhaft sagt Schiller: - - »Kein Augustisch Alter blühte, - Keines Mediceers Güte - Lächelte der deutschen Kunst; - Sie ward nicht gepflegt vom Ruhme, - Sie entfaltete die Blume - Nicht am Strahl der Fürstengunst. - -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -- -- -- -- -- -- -- -- -- - Rühmend darf's der Deutsche sagen, - Höher darf das Herz ihm schlagen: - +Selbst+ erschuf er sich den Wert.« - -Wolle man diesen Ausbruch einer gerechten Klage verzeihen, die sich -immer wieder erneuert, so oft diese trüben Tage des -- jetzt so hoch -gefeierten -- Dichters der Erinnerung vorschweben. - -Die Äußerung in obigem Briefe, »daß sein Aufenthalt in Bauerbach bis -jetzt sein seligster gewesen,« war ganz seinen damaligen Umständen -angemessen. Dort, in diesem stillen Ort, in Gesellschaft und unter dem -Schutz einer wohlwollenden Freundin, hatte er keine Sorgen, durfte sich -um die Bedürfnisse des Lebens nicht bekümmern, brauchte kein Geld, weil -die Gelegenheit zu Ausgaben fehlte, und konnte um so ungestörter seinen -Träumen nachhängen, als ihm zarte Achtsamkeit und Pflege jede Mahnung -an die Kleinigkeiten des Tages ersparten. Diese Ruhe, dieser behagliche -Zustand war ihm so unvergeßlich, daß er nach Versicherung seiner -Schwester noch nach vielen Jahren die damalige Zeit als die schönste -und glücklichste seines Lebens rühmte; »daß er sich über tausend kleine -Sorgen, Bekümmernisse, Entwürfe, die ihm ohne Aufhören vorschwebten, -und seinen Geist, seine dichterischen Träume zerstreuten usw.« gegen -Herrn Reinwald beklagte, kam daher, daß er in einer Gesellschaft, die -jeden Augenblick Forderungen an ihn machte, leben mußte und lästige -Frager, Besucher oder Amtsgeschäfte nicht zurückweisen durfte. - -Ihm mußte alles Störungen verursachen, da er wachend und träumend für -nichts und in nichts als theatralischen Dichtungen lebte, in diesen -wie in seinem eigentlichen Elemente sich befand, sie immerwährend -ordnend, niederschreiben zu wollen schien und dennoch bei der Menge -sich ihm darbietender Gegenstände zu keiner Entscheidung gelangen -konnte. Schon in Stuttgart hatte er sich vorgenommen, Konradin von -Schwaben zu bearbeiten; später wurde er von Baron Dalberg aufgefordert, -den Don Carlos dafür zu nehmen. Während er sich noch in Mannheim mit -der Geschichte Spaniens recht vertraut zu machen suchte, glaubte er -es leichter, einen ganz eignen Plan zu erfinden, der bald diese, -bald jene, aber immer eine tragische Entwicklung haben sollte. -Endlich glaubte er einen solchen festhalten zu müssen, in welchem -die Erscheinung eines Gespenstes die Entscheidung herbeiführte, und -beschäftigte sich so gänzlich damit, daß er schon anfing, seine -Gedanken niederzuschreiben. Aber er gab den Plan wieder auf, indem es -ihm unter der Würde des Dramas und eines wahren Dichters schien, die -größte Wirkung einer Schreckgestalt schuldig sein zu sollen. - -Er machte die richtige Unterscheidung, daß ihm das Beispiel -Shakespeares, der in Cäsar und Macbeth einen Geist erscheinen läßt, -hierin nicht rechtfertigen könne, indem dieser nur als eine Nebensache -angewendet worden, die weder auf die Handlung selbst noch auf deren -Ausgang den mindesten Einfluß ausübe. - -Diese Unentschlossenheit in der Wahl, dieses immerwährende Ausspinnen -einer verwickelten Gegebenheit ermüdete ihn aber weit mehr, als wenn er -die wirkliche Ausarbeitung begonnen hätte. - -Jedoch er konnte nicht anders. Es war seiner Natur ganz entgegen, an -irgend etwas nur oberflächlich zu denken. Alles sollte erschöpft, -alles zu Ende gebracht werden. Daher beschäftigten sich seine Gedanken -so lange mit einem Plane, bis er entweder die Hoffnung, einen -wirkungsvollen Ausgang herbeizuführen, verlor, oder bis seine Kräfte -ermüdeten, und er dann, um diese nicht ganz abzuspannen, auf etwas -anderes überging. Seine Erregbarkeit für dichterische Gegenstände ging -ins Unglaubliche. Er war dafür gleichsam eine immer glühende, nur mit -leichter Asche bedeckte Kohle. Ein Hauch, und sie sprühte Funken. - -Der Leichtigkeit gemäß, mit welcher er Pläne zu Dramen schnell -entwerfen konnte, hätte er einer der fruchtbarsten Schriftsteller für -die Bühne werden können, aber wenn es an das Niederschreiben kam, da -erlaubte sein tiefes Gefühl der Feder keine Eile. So wie er jede Sache -in ihrem ganzen Umfang erfaßte, so sollte sie auch durch Worte nicht -nur auf das deutlichste, sondern auch auf das schönste dargestellt -werden. Daher das Erschöpfende, Volle, Satte und Runde seiner Ausdrücke -und Wendungen, welche die Gedanken ebenso wie das Gefühl aufregen und -sich dem empfänglichen Gemüt einprägen. - -Solche Dichter, denen ihre Gaben nur sparsam zugemessen worden, sind -um vieles mehr entschlossen. Kaum ist ein Gegenstand gefunden, so wird -schon die Feder eingetaucht, damit die Arbeit schnell fertig werde. -Schnell werden auch Vorteile damit erreicht, aber -- - - »der Ruhm mit seiner Sternenkrone« - -kann nie auf einem solchen Haupte verweilen. Während Schiller noch -immer unentschlossen blieb, welche Handlung er zu einem neuen -Trauerspiele wählen solle, war schon das Frühjahr verflossen, und -Baron Dalberg vernahm weder von ihm selbst noch von andern, daß er -sich für einen Stoff entschieden habe, wodurch denn die Hoffnung -verschwand, in diesem Jahre noch ein neues Stück von ihm auf der -Bühne zu sehen. Konnte dieses nicht geliefert werden, so war die -Besoldung des Theaterdichters für nichts ausgegeben, was der magern -Kasse nicht anders als schmerzlich sein konnte. Um nun Schillern zur -Arbeit anzutreiben, oder wenn dieses nicht gelingen sollte, auf eine -gute Art wieder loszubringen, beredete Baron Dalberg einen Bekannten -desselben, seinen Hausarzt, den Hofrat Mai, jenem zu raten, das Studium -der Arzneikunde wieder zu ergreifen; was eigentlich so viel heißen -sollte, diese Feder, aus welcher schon die trefflichsten Gedichte und -drei Trauerspiele geflossen, welche alle anderen der damaligen Zeit -übertrafen, und noch heute nach fünfzig Jahren auf allen deutschen -Bühnen gegeben werden, wegzuwerfen, und dafür eine solche zu nehmen, -mit welcher bloß Rezepte ausgefertigt werden könnten. - -Kaum eine Viertelstunde nachdem Hr. Mai fort war, trat S. zu dem -Dichter ein, der ihm mit argloser, gutmütiger Freude den gemachten -Vorschlag berichtete und denselben -- wenn ihm auf einige Jahre -Unterstützung zu teil würde -- als das einzige Rettungsmittel aus -seinem sich täglich mehr verwirrenden Zustand ansah. Er entschloß sich, -alsogleich an Baron Dalberg zu schreiben, und obwohl ihm vorausgesagt -war, daß nur eine hofmäßige, ausweichende Antwort darauf erfolgen -würde, so ließ sich sein edles, reines Herz, das andere nur nach der -eignen Weise beurteilte, doch nicht abhalten, eine Bitte zu tun, die -zu seinem eignen Besten, sowie zur Ehre des deutschen Namens unerfüllt -blieb. - -Was hätte auch die Welt, was Schiller dabei gewonnen, wenn derjenige, -den er als seinen hohen Gönner achtete, einige hundert Gulden daran -gewagt hätte, damit der Dichter wieder in einen Arzt, das heißt -in einen solchen Mann umgewandelt würde, der alles, was er bisher -geschaffen, vergäße -- der den Boden, welcher schon so herrliche, -prachtvolle Früchte getragen, wieder versumpfen ließe, um sein -tägliches Brot sicherer als bisher erwerben zu können. Auch wären die -Anstrengungen von neuen zwei Jahren um so gewisser vergeblich gewesen, -da er sich wohl nie zu dem ängstlichen Fleiße, zu einer in das kleinste -eingehenden Teilnahme hätte herablassen mögen, ohne die ein ausübender -Arzt gar nicht gedacht werden und ohne welche er nicht die geringsten -Vorteile für sein Glück erwarten darf. Wahrscheinlicherweise hätte er -sich in das Philosophische der Medizin geworfen; vielleicht -- wozu -er nur zu viele Anlage hatte -- hätte er ein ganz neues System der -Heilkunde aufgestellt. - -Allein wie lange würde dieses gedauert haben? -- Jedes Geschlecht -sieht Ähnliches entstehen, und jedes erlebt auch dessen Untergang. -Sein Gebiet war ausschließend die Dichtkunst. Hier war er Held, hier -war er Herrscher; hier fühlte er seine unbezwinglichen Kräfte, und nur -durch diese konnte er sich ein Reich errichten, das nie zerstört und -dessen Grenze wohl schwerlich von jemand überschritten wird. Dieser -Antrag hatte jedoch die gute Folge, daß er seinem bisherigen Wanken -ein Ende machte und Schiller sich ernstlich entschloß, alles andere -vorläufig nicht mehr zu beachten, sondern seine ganze Zeit Don Carlos -zu widmen. Von diesem hatte er schon mehrere Szenen entworfen, auch -den Gang des Stückes so ausgedacht, daß er zwar der Geschichte nicht -ganz widerspräche, doch aber der Charakter Philipps etwas gemildert -erscheine. Überdenkt man den Inhalt seiner drei ersten Trauerspiele, -so wird man die längere Überlegung des Dichters sowie sein Zaudern, -sich schnell an diese Arbeit zu wagen, sehr begreiflich finden. Im Don -Carlos hatte er Charaktere zu schildern, die sich in der allerhöchsten -Sphäre bewegten, die nicht nur den größten Einfluß auf ihre Zeit -ausübten, sondern auch der Menschheit die tiefsten Wunden schlugen. -Wäre es nur darum zu tun gewesen, die handelnden Personen als Tyrannen, -als blutdürstige Henker zu zeichnen, so wäre die Schwierigkeit für -ihn sehr gering gewesen. Aber er mußte, oder wollte wenigstens, die -verabscheuungswürdigsten Menschen mit derselben Larve, die sie im -Leben und besonders an Philipps Hofe trugen, getreu darstellen, ihre -folgenden Handlungen andeuten und das Ganze dennoch auf eine solche -Art stellen, daß es ein höchst anziehendes Schauspiel, aber keinem -Zuschauer widerlich wäre. Seine Gespräche verbreiteten sich nicht -allein über den Plan selbst, sondern auch über die ganz neue Art von -Sprache, die er dabei gebrauchen müsse. Er wollte sie mit all dem Fluß -und Wohllaut ausstatten, für welche er ein so äußerst empfindliches -Gefühl hatte. Er glaubte daher auch, daß hierzu Jamben der Würde der -Handlung sowie der Personen am angemessensten sein würden. Im Anfange -machte ihm dieses einige Schwierigkeit, indem er seit zwei vollen -Jahren durchaus nichts mehr in gebundener Rede geschrieben hatte. Jetzt -mußte er seine Ausdrücke rhythmisch ordnen; er mußte, um die Jamben -fließend zu machen, versuchen, schon rhythmisch zu denken. Wie aber nur -erst eine Szene in dieses Versmaß eingekleidet war, da fand er selbst, -daß dieses nicht nur das passendste für das Drama sei, sondern, da es -auch gemeine Gedanken heraushebe, um so viel mehr das Erhabene und die -Schönheit der Ausdrücke veredeln mußte. Seine Freude, sein Vergnügen -über den guten Erfolg erhöhten seine Lust am Leben, an der Arbeit, -und er sah mit Ungeduld der Abendstunde entgegen, in welcher er S. -dasjenige, was er den Tag über fertig gebracht hatte, vorlesen konnte. -Dieser kannte schon früher keinen höhern Genuß als die prachtvolle, so -vieles in sich fassende und dennoch so glatt dahinrollende Prosa seines -Freundes. Nun aber mußte sein Gefühl sich in Entzücken verwandeln, als -er Gedanken und Ausdrücke wie folgende: - - »Ich stand dabei, als in Toledos Mauern - Der stolze Karl die Huldigung empfing, - Als graue Fürsten zu dem Handkuß wankten, - Und jetzt in einem -- einem Niederfall - Sechs Königreiche ihm zu Füßen lagen. - Ich stand und sah das junge, stolze Blut - In seine Wangen steigen, seinen Busen - Von fürstlichen Entschlüssen wallen, sah - Sein trunknes Aug' durch die Versammlung fliegen - In Wollust brechen -- Prinz -- und dieses Aug' - Sprach laut: ›Ich bin gesättigt.‹« - -nach den Gesetzen der Tonkunst aussprechen hörte. - -Wie glücklich, wie erhaben waren solche Stunden, in welchen der hohe -Meister sein Werk einem reinen, warmen Sinne vorlegen und den tiefen, -unverfälschten Eindruck gewahren konnte, den es in dem Gemüte des -begeisterten Jünglings hervorbrachte. Jeder Vers wurde als trefflich, -jedes Wort, jeder Ausdruck als erschöpfend anerkannt, denn es war auch -alles groß, alles schön, jeder Gedanke voll Adel. Er konnte ja nichts -Gemeines hervorbringen. Der enthusiastische Freund beschwor Schillern, -bei ähnlichen Gegenständen sich doch gewiß nie mehr zur Prosa -herabzulassen, indem er selbst wahrnehmen müsse, wie viele Wirkung -schon die ersten Versuche erregten. - -Nun arbeitete er sehr fleißig an diesem Trauerspiel, übte sich aber -auch zugleich, um seine Einbildungskraft zeitweise ausruhen zu lassen, -in der französischen Sprache, die ihm seit zwei Jahren fremd geworden -war, und welche er sowohl zum Lesen von Racine, Corneille, Diderot -usw. als auch zum Übersetzen sich wieder geläufig machen wollte. Zu -letzterem bewog ihn besonders, seit das Projekt einer Dramaturgie -rückgängig geworden, der Vorsatz, eine Monatschrift herauszugeben, -welche zwar vorzüglich theatralischen Arbeiten und Beurteilungen -gewidmet sein sollte, von der aber auch andere Sachen, die für die -Lesewelt anziehend sein könnten, nicht ausgeschlossen wären. Das -Sammeln der Materialien für mehrere Hefte, das Ausarbeiten derselben, -welches in Mannheim, da er noch keinen Mitarbeiter hatte, ganz auf ihm -lastete, beschäftigte ihn oft bis tief in die Nacht, erhöhte aber auch -seinen Mut, weil er daraus größere Vorteile als durch Stücke für die -Bühne zu ziehen hoffen durfte. Während dieser Anstrengungen, in denen -er sich nur wenige Ruhe gönnte und wo er alles zu ergreifen suchte, um -sein Leben nur einigermaßen von Sorgen frei zu halten, wurde er an eine -Verpflichtung gemahnt, die er noch in Stuttgart eingegangen, und an die -er nur mit Bangigkeit denken konnte. - -Es ist aus seinem Briefe aus Frankfurt an Baron Dalberg ersichtlich, -daß er diesen auf die edelste, rührendste Art um einen Vorschuß von 200 -Gulden gebeten, damit er die dringendsten Schulden, die seine schnelle -Entfernung zu bezahlen ihm unmöglich machte, damit tilgen könne. Er -sagt dabei: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorgen macht, -als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll. Ich habe so -lange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe.« - -Diese für einen reichen Mann so leicht zu erfüllende Bitte wurde -ihm aber nicht gewährt, sondern er wurde durch erregte Hoffnungen -veranlaßt, seine wenige Barschaft in Oggersheim vollends aufzuzehren. -Auch seine folgenden Verhältnisse gestatteten ihm nicht, die gemachten -Versprechungen zu halten und mit deren Erfüllung eine Last von sich -abzuwälzen, die für sein wohlwollendes, für die Ehre sehr empfindliches -Gemüt die drückendste seines früheren und späteren Lebens war. Beinahe -zwei Jahre schon war die Geduld der Gläubiger hingehalten worden; er -durfte also die Meinung hegen, daß dieses vielleicht noch länger der -Fall sein könnte. Allein zu seinem nicht geringen Schrecken kam es -anders. Die Person, welche sich für ihn auf obige Summe verbürgt hatte, -wurde so sehr von den Darleihern gedrängt, daß sie aus Stuttgart nach -Mannheim entfloh. Man setzte ihr nach, erreichte sie dort und hielt sie -gefangen. - -Um sie für jetzt und für die Zukunft zu retten, blieb kein anderes -Mittel, als ihr die 200 Gulden zu erstatten, für welche sie sich -verbürgt hatte. Aber woher sollte diese für den, der keine andere -Sicherheit als die Früchte seiner Feder leisten konnte, sehr bedeutende -Summe aufgebracht werden? Von daher, wo er schon zweimal vergeblich -Hilfe suchte, durfte er keine gewärtigen. Auch wollte er sich, da die -ganze Sache ein Geheimnis bleiben sollte, nur jemand vertrauen, von -dessen Verschwiegenheit er versichert sein konnte. Glücklicherweise -war er mit einem sehr achtungswerten Manne, dem Baumeister Herrn Anton -Hölzel, bei welchem S. wohnte, nicht nur bekannt, sondern wurde von -ihm auch außerordentlich hochgeachtet, und dieser, so wenig er auf -Reichtum oder Wohlhabenheit Anspruch machen konnte, scheute kein Opfer, -um die verlangte Hilfe zu verschaffen, damit er aus einer Verlegenheit -befreit würde, die von höchst nachteiligen Folgen für ihn hätte sein -können. Es wäre vielleicht möglich gewesen, daß seine Eltern diesen -Betrag erlegt oder wenigstens Bürgschaft dafür geleistet hätten, aber -um dieses einzuleiten war die Zeit zu kurz. Um Rat zu schaffen, durfte -kein Augenblick verloren werden. Und dann war auch sein Stolz zu groß, -um seine gefährliche Lage dem Vater zu enthüllen, welcher seine Flucht -sowohl als auch seine ungewissen Verhältnisse bisher immer mißbilligt -hatte. - -Dieser höchst unangenehme Vorfall machte auf den gepeinigten Dichter -einen um so tieferen Eindruck, als jetzt durchaus nicht mehr abzusehen -war, wie oder in welcher Zeit eine Rettung aus seinen Geldnöten möglich -sein würde. In dem für ihn so fatalen Mannheim war keine Erlösung aus -den Sorgen zu hoffen; denn bei so geringen Einkünften mußten sich seine -Umstände immer tiefer und endlich auf einen solchen Grad verschlimmern, -daß ihm zuletzt kein anderes Mittel zu Gebote gestanden hätte, als sich -heimlich zu entfernen. Aber wohin??? -- -- -- dies war eine Frage, auf -die keine Antwort sich finden ließ. - -Wie aber oft das dichteste, schwärzeste Gewölk sich plötzlich öffnet, -um einen erquickenden Strahl der Sonne durchzulassen, oder auch der -schwere Arm des Schicksals über den harten Prüfungsschlägen selbst -ermüdet, so geschah es hier, und der erste Schritt, um Deutschland -seinen edelsten Dichter zu erhalten, wurde nicht von seiner Umgebung, -die täglicher Zeuge seines großen Charakters war, auch nicht von denen, -die von den Früchten seines Geistes Vorteile zogen, sondern von solchen -Menschen getan, deren Dasein ihm gar nicht bekannt war. Ganz unerwartet -nämlich erhielt er durch den Postwagen[8] ein Päckchen, in welchem -vier Bildnisse, mit farbigen Stiften auf Gips gezeichnet, nebst einer -gestickten Brieftasche mit Schreiben sich befanden, welch letztere von -der wärmsten, tiefsten Verehrung gegen seine großartigen Arbeiten sowie -von der richtigen Würdigung seines außerordentlichen Dichtergeistes -zeugten. - -Wie wohltuend der Eindruck gewesen, den diese schöne Überraschung -auf Schiller machte, dies kann selbst der Augenzeuge nicht gehörig -beschreiben. Obwohl er auch hierüber sich ebenso auf die edelste, -männlichste Art wie über alles äußerte, so zeigte dennoch seine -vermehrte Heiterkeit fast in höherem Grade als seine Gespräche, wie -erfreulich es ihm sei, in weiter Ferne von gebildeten Menschen erkannt, -hochgeachtet und wegen seiner Leistungen geliebt zu werden; daß diese -aus einem Gesichtspunkt angesehen würden, welcher ihn hoch über seine -Zeit stellte -- daß, wenn auch die meisten, welche ihn umgaben, stumm -blieben und nur Kälte zeigten, es noch an manchen Orten Herzen geben -könne, die für ähnliche Gefühle wie das seinige schlügen -- daß er, -seiner bittern, düstern Verhältnisse ungeachtet, sich durch eine solche -Anerkennung weit höher als durch Reichtümer belohnt finde. - -Hätten doch Herr Körner, seine Braut, deren Schwester und Professor -Huber, von denen dies die Abbildungen waren, sehen können, wie -glücklich diese Aufmerksamkeit Schillern machte, welche Ruhe, -welche Zufriedenheit dadurch in sein ganzes Wesen kam, wie es ihm -schmeichelte, die erhaltenen Beifallsbezeugungen mit seinen eignen -Ansichten übereinstimmend zu finden, wahrlich, sie hätten die süße -Genugtuung empfunden, dem Dichter das Vergnügen, welches er ihnen durch -seine Werke verschafft, reichlich vergolten zu haben! - -Wer nie in dem Falle war, bei sich selbst oder bei andern -wahrzunehmen, wie stumpf, wie gebeugt der Geist endlich werden muß, -wenn dasjenige, was das Talent erschafft, nicht gehörig gewürdigt -oder nicht verhältnismäßig belohnt wird, der kann es auch unmöglich -fassen, wie sehr eine unvermutete Anerkennung des wahren Wertes dem -Selbstvertrauen, der Tätigkeit eine Schnellkraft verleiht, die das -ganze frühere Empfindungsvermögen so sehr verändert, daß derjenige, -welcher soeben erst in sich zusammengesunken war, plötzlich mit -erhobenem Haupte sich aufrichtet. Den Dichtern, Künstlern ist es zwar -immer angenehm, wenn ihre Verdienste durch Ehre, Geld oder andere -Zeichen des Beifalls belohnt werden; aber höher als alles dieses achten -sie es dennoch, wenn die innersten Absichten ihrer Arbeiten so gänzlich -begriffen werden, daß sie in demjenigen, der über sie urteilt und ihnen -kenntnisreiche Lobsprüche spendet, ihr eigentliches Selbst erkennen. - -Dieselbe Wirkung brachte diese Überraschung auf Schillern um so -mehr hervor, weil sie von Fremden ausging, er seine Umgebung schon -gewohnt war und nur äußerst wenige sich fanden, welche seine hohen -Darstellungen sowie den tiefen Sinn, der in ihnen lag, genugsam hätten -würdigen können. Allmählich wurde auch die Hoffnung in ihm erregt, daß -diese neuen Freunde wohl keine Verwendung unterlassen würden, um ihn -aus seinem dermaligen Zustande zu erlösen und in bessere Verhältnisse -zu setzen. Dieses bestätigte sich auch später in einem solchen Grade, -daß es für denjenigen, der sich an den Werken des Unsterblichen stärkt -und kräftigt, noch heute eine Art von Pflicht ist, dabei auch Körners, -seines erhaltenen, unwandelbaren Freundes dabei eingedenk zu sein. - -Ehre demjenigen, der einem aus drückenden Lebensverhältnissen befreiten -Talente seine Achtung und Aufmerksamkeit beweist! Aber die größte -Ehre sei dem, welcher einem hohen Geiste die Hindernisse wegräumt, -die seinem freien Wirken sich entgegenstellen, und der nicht seinen -Überfluß, sondern sein Notwendiges mit ihm teilt. Der Eifer und -die Tätigkeit Schillers schienen durch den Briefwechsel mit den -neuen Freunden einen lebhaften Schwung erhalten zu haben, denn er -arbeitete nun ohne Rast an Don Carlos und an dem ersten Hefte seiner -Monatsschrift. Eine angenehme Zerstreuung verschaffte ihm der Besuch -seiner ältesten Schwester, welche, von Herrn Reinwald begleitet, auf -kurze Zeit nach Mannheim kam. Die blühende, kräftige Jungfrau schien -entschlossen, ihr künftiges Schicksal mit einem Manne zu teilen, dessen -geringe Einkünfte und wankende Gesundheit wenig Freude zu versprechen -schienen. Jedoch waren ihre Gründe dazu so edler Art, daß sie auch -in der Folge es nie bereute, das Herz ihrem Verstande und einem -vortrefflichen Gatten geopfert zu haben. Nicht lange nach der Schwester -Abreise wählte Herr von Kalb, damals Offizier in französischen -Diensten, wo er die Feldzüge des nordamerikanischen Befreiungskrieges -mitgemacht und sich dabei sehr ausgezeichnet hatte, mit seiner Gemahlin -und Schwägerin seinen Aufenthalt zu Mannheim. Schiller lernte sogleich -diese in jedem Betracht edle Familie kennen, in welcher Frau von -Kalb durch ihren richtigen Verstand und feine Geistesbildung sich -besonders auszeichnete. Für den Dichter war der Umgang mit diesen -seltenen Menschen ebenso wichtig als erheiternd, indem kein Gegenstand -der Literatur sich fand, mit welchem diese Dame nicht vertraut gewesen -wäre, oder irgend eine Weltbegebenheit, bei deren Beurteilung man das -Umfassende, Scharfsinnige und die klaren Ansichten ihres Gemahls nicht -hätte bewundern müssen. - -Die Musik verschaffte S. das noch stets in Andenken erhaltene Glück, -Frau von Kalb mehrmals in der Woche zu sehen und, da sie eben in der -Dichtung eines Romans begriffen war, auch über andere Gegenstände -mit ihr zu sprechen. Es war nichts natürlicher, als daß sehr oft von -Schiller und seinen Arbeiten die Rede war, von denen aber S. den -Don Carlos, den der Dichter jetzt unter der Feder habe, weit über -alles früher Geleistete setzte. Die Neugierde der Frau v. K. wurde -durch die begeisterten Lobeserhebungen auf das höchste gespannt. Sie -ersuchte Schillern einigemal, ihr doch etwas davon lesen zu lassen. -Allein dieser wollte erst noch einige Szenen fertig machen, dann ins -Reine schreiben und, um jede Schönheit gehörig herauszuheben, selbst -vorlesen. Frau v. K. fügte sich um so eher in diesen Aufschub, weil sie -hoffte, daß einige weitere Szenen ihr Vergnügen erhöhen müßten und sie -auch davon den schönsten Genuß sich versprach, die ihr mit so vielem -Enthusiasmus angerühmte prachtvolle Sprache aus des Dichters eignem -Munde zu vernehmen. Dieser brachte endlich eines Nachmittags seinen Don -Carlos zu der in der größten Erwartung harrenden Frau und las ihr den -fertigen Teil des ersten Aktes vor. Lauschend heftete die Zuhörerin -ihre Blicke auf den mit Pathos und Begeisterung deklamierenden -Verfasser, ohne durch das leichteste Zeichen ihre Empfindung erraten zu -lassen. Als dieser geendigt hatte, fragte er mit der unbefangensten, -freundlichsten Miene: »Nun, gnädige Frau! wie gefällt es Ihnen?« Diese -suchte auf die schonendste Art einer bestimmten Antwort auszuweichen. -Als aber wiederholt um die aufrichtige Meinung über den Wert dieser -Arbeit gebeten wurde, brach Frau v. K. in lautes Lachen aus und sagte: -»Lieber Schiller! das ist das Allerschlechteste, was Sie noch gemacht -haben.« -- »Nein! das ist zu arg!« erwiderte dieser, warf seine -Schrift voll Ärger auf den Tisch, nahm Hut und Stock und entfernte -sich augenblicklich. Kaum war er aus der Tür, als Frau v. K. nach dem -Papiere griff und zu lesen anfing. Sie hatte die erste Seite noch -nicht geendigt, als sie sogleich dem Bedienten schellte. »Geschwind, -geschwind lauf' Er zu Herrn Schiller: ich lasse ihn um Verzeihung -bitten, ich hätte mich geirrt, es sei das Allerschönste, was er noch -geschrieben habe, er solle doch ja sogleich wieder zu mir kommen.« Der -Auftrag wurde ebenso schnell als genau ausgerichtet. Allein Schiller -gab der Bitte kein Gehör, sondern kam erst den folgenden Tag zu der -feinsinnigen Frau, die zwar ihr erstes Urteil sehr willig zurücknahm, -ihm aber auch erklärte, daß seine Dichtungen durch die heftige, -stürmische Art, mit welcher er sie vorlese, unausbleiblich verlieren -müßten. - -Als Kabale und Liebe wieder aufgeführt wurde, hatte Schiller die -Aufmerksamkeit, den Namen des Hofmarschalls umschaffen zu wollen. -Allein Herr und Frau von Kalb dachten viel zu groß, um sich durch -einen erdichteten Namen irren zu lassen, und widersetzten sich einer -Abänderung aus dem sehr richtigen Grunde, daß ein anderer Name als der -frühere die Vermutung herbeiführen müsse, als sei der vorherige auf -jemand aus ihrer Familie abgesehen gewesen. - -Der Umgang mit diesen wahrhaft edlen, vortrefflichen Menschen nebst -dem Briefwechsel mit den Freunden in Leipzig verschafften dem -Dichter zwar viele erheiternde Stunden, konnten aber dennoch seine -häuslichen Verhältnisse und seine schwankende, unbestimmte Stellung -nicht verbessern, sondern er mußte in so beunruhigenden Umständen -auch den Herbst nebst dem Anfange des Winters noch ebenso wie bisher -zubringen, obwohl er sich mit Sachen beschäftigte, welche nur der ganz -sorgenfreien Laune an den Tag zu fördern möglich sind. - -Endlich zu Anfang des Jahres 1785[9] verbreitete sich in Mannheim das -Gerücht, der regierende Herzog von Weimar werde auf einen Besuch zu -der landgräflichen Familie nach Darmstadt kommen. Schiller, von seinem -eignen Verlangen ebensosehr als von Herrn und Frau Kalb angeeifert, -wünschte nichts so sehnlich, als bei dieser aus den feinsten Kennern -des wahrhaft Schönen bestehenden Zusammenkunft sich als denjenigen -zeigen zu dürfen, der wohl würdig wäre, dem schönen Bunde in Weimar -beigesellt zu werden, welcher den Namen seines hohen Beschützers auf -die späteste Nachwelt übertragen würde. Die Güte, die Herablassung -nebst aufrichtiger Anerkennung großer Eigenschaften waren von dem -Herzoge von Weimar ebenso zu erwarten, als das zuvorkommende Benehmen -der Frau Landgräfin gegen jeden ausgezeichneten Künstler oder Dichter -sich schon so oft gezeigt hatte. Der Ruf von dem hohen Werte der -theatralischen Arbeiten Schillers war keinem Deutschen unbekannt, -daher die Empfehlungsbriefe von Herrn und Frau von Kalb nebst denen -von Baron Dalberg an die nächste Umgebung der fürstlichen Personen mit -freundlichster Berücksichtigung aufgenommen wurden. - -Schillers wichtigste Angelegenheit war, seinen Don Carlos in demjenigen -Kreise bekannt zu machen, für den er eigentlich gedichtet schien. -Hatte er darin die richtigste Ansicht getroffen, die würdigste -Sprache gewählt, so durfte er nicht allein den ungeteilten Beifall -der hohen Gesellschaft, sondern auch die wichtigste Entscheidung für -seine Zukunft erwarten. Sein Wunsch, Don Carlos selbst vorzulesen, -wurde mit fürstlichem Wohlwollen gewährt und diese majestätische -Dichtung mit so entschiedenem Anteil aufgenommen, daß es bei einer -folgenden Unterredung mit dem Herzoge von Schiller nur einer leisen -Bitte bedurfte, um von demselben eine öffentliche Anerkennung seines -außerordentlichen Geistes zu erhalten. - -Schiller kehrte als Rat des Herzogs von Weimar nach Mannheim zurück. - -Konnte dieses einsilbige Wörtchen den Verdiensten des schon damals -alles überragenden Dichters auch keinen neuen Glanz verleihen, so hatte -es wenigstens für die Gegenwart dennoch die Wirkung eines Talismans; -denn seine Verhältnisse, von denen sich nur die traurigste Wendung -erwarten ließ, gestalteten sich von nun an um vieles beruhigender, ja -sie erhielten dadurch einen Anhaltspunkt, der bis jetzt nur ersehnt, -aber nicht erreicht werden konnte. Das Verlangen der Eltern, er möchte -durch eine dauernde Versorgung einem Fürsten angehören, schien erfüllt, -seinen in Stuttgart zurückgelassenen Tadlern wurde bewiesen, daß seine -Talente im Auslande weit größere Würdigung als in Württemberg gefunden -und auch solche, die gegen seine Arbeiten gleichgültig geworden waren, -mußten für ihn höhere Achtung gewinnen, da er von einem so vollgültigen -Richter würdig befunden wurde, dem schönsten Geisterverein, welchen -Deutschland jemalen aufzuweisen hatte, für immer anzugehören. - -Ohne daß Schiller es ahnte oder zu wissen schien, hatte dieser kleine -Beisatz zu seinem Namen dennoch einen sehr großen Einfluß auf ihn. -Sein Betragen wurde freier, bestimmter. Dieser Titel hatte in ihm -die Gewißheit erweckt, sich ein neues besseres Vaterland erwerben -zu können. Die Beurteilungen des Theaters wurden kälter, schärfer -ausgesprochen, als früher geschah. Seine Tätigkeit war wie neu belebt; -auch arbeitete er jetzt mit um so mehr Freude, je näher eine günstige -Veränderung seines ihm bisher nur Unheil bringenden Aufenthaltes zu -hoffen war. - -Aber auch der Theaterdichter wurde von dem Herrn Rat nun mit ganz -andern Augen angesehen, weil jener nie aus der begonnenen Bahn treten, -weil er immer dieselbe Last tragen muß, wohingegen dieser, von Stufe -zu Stufe immer höher steigend, seinen Ehrenkreis erweitern kann. -Vorzüglich aus letzterer Ursache schloß er, daß sein Verbleiben in -Mannheim ihm nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich sein müsse, -weil es ihm nicht die geringste Verbesserung darbieten könne. Er -leitete deshalb nicht nur mit seinen Leipziger Freunden, sondern auch -mit Herrn Schwan das Nötige ein, um seinen bisherigen Aufenthalt im -Anfange des Frühjahres zu verlassen. Gegen das Theater selbst war er -um so gleichgültiger geworden, weil es keine seiner Erwartungen ganz -erfüllt hatte; zum Teil aber auch, weil der größte Teil der Mitglieder -ihn jetzt schmähte und erbost auf ihn war. Dieser fast allgemeine -Haß war durch die Beurteilungen (in dem ersten Hefte der Rheinischen -Thalia) der Darstellung einiger Stücke veranlaßt, in welchen mehrere -Mitglieder, die früher an vieles Lob von ihm gewöhnt waren, sehr -hart mitgenommen wurden. Diese Kritiken mußten um so mehr auffallen, -als damals eine Zeitung oder ein Journal sehr selten über einzelne -Schauspieler etwas erwähnte und diese ohnehin es mit den meisten -Künstlern gemein haben, sich für vollkommen oder unfehlbar zu achten. -Zu Anfang des März 1785 wurde alles von ihm veranstaltet, um Mannheim -bald verlassen zu können, welches, durch erhaltene Wechsel aus Leipzig -erleichtert, zu Ende des Monats auch wirklich ausgeführt wurde. Den -Abend vor seiner Abreise, welche bei Anbruch des kommenden Tages vor -sich gehen sollte, brachte S. bis gegen Mitternacht bei ihm zu. Die -vergangenen zwei Jahre, welche auf eine sehr unangenehme Weise von ihm -verlebt waren, berührte er nur insofern, als sie in ihm die traurige -Überzeugung hervorgebracht, daß in Deutschland, wo (1785) das Eigentum -des Schriftsteller wie des Verlegers jedem preisgegeben, ja als -vogelfrei erklärt sei, und bei der geringen Teilnahme höherer Stände -an den Erzeugnissen der deutschen Literatur ein Dichter, würde er auch -alle andern der verflossenen oder gegenwärtigen Zeit übertreffen, ohne -einen besoldeten Nebenverdienst, ohne bedeutende Unterstützung, bloß -durch die Früchte seines Talents unmöglich ein solches Einkommen sich -verschaffen könne, als einem fleißigen Handwerksmanne mit mäßigen -Fähigkeiten dieses gelingen müsse. Er war sich bewußt, alles getan zu -haben, was seine Kräfte vermochten, ohne daß es ihm gelungen wäre, das -wenige zu erwerben, was zur größten Notwendigkeit des Lebens gezählt -wird, noch weniger aber so viel, daß er bei seiner Abreise auch seine -Geldverbindlichkeiten hätte erfüllen können. Von nun an sollte nicht -mehr die Dichtkunst, am wenigsten aber das Drama, der einzige Zweck -seines Lebens sein, sondern er war fest entschlossen, den Besuch der -Muse nur in der aufgereiztesten Stimmung anzunehmen; dafür aber mit -allem Eifer sich wieder auf die Rechtswissenschaft zu werfen, durch -welche er nicht nur aus jeder Verlegenheit befreit zu werden, sondern -auch einen wohlhabenden, sorgenfreien Zustand zu erwerben hoffen dürfe. - -Diesen Plan besprach er von allen denkbaren Seiten. Wenn auch eine -sich als widrig zeigte, so wäre sie doch nicht von der demütigenden -Art, wie solche, die sich täglich dem Dichter darbieten, der in der -höheren Gesellschaft nicht aufgenommen, wenn er seine Feder der Bühne -widme, sogar verachtet sei, auf keinen Rang unter den Ständen Anspruch -machen dürfe und wie ein fremdes, heimatloses Wesen seinen kärglichen -Unterhalt mit unablässiger Anstrengung erringen müsse. Seinen Talenten, -seiner Beharrlichkeit traute er es zu, in weniger als einem Jahre -die Theorie der Rechtswissenschaft, unterstützt von den reichen -Hilfsmitteln der Leipziger Universität, soweit inne zu haben, daß er -auch darin wie in der Arzneikunde den Doktorhut nehmen und dadurch sich -nicht nur einen bessern, sondern auch beständigern Zustand bereiten -könne. Er glaubte den Schluß mit vollem Rechte machen zu dürfen, wenn -die Erlernung dieser Wissenschaft einem gewöhnlichen Kopf in einigen -Jahren möglich sei, so müsse es ihm -- der von Jugend auf zum Studieren -von Systemen angehalten worden -- der in den zwei ersten Jahren, -die er in der Akademie zubrachte, bedeutende Fortschritte in dieser -Wissenschaft getan -- der das Lateinische ebenso geläufig wie seine -Muttersprache inne habe -- der Hallers Werke in drei Monaten sich so -eigen gemacht, daß er eine Prüfung darüber mit Ehren bestehen konnte -- -dem das Nachdenken eine Lust, ein Bedürfnis sei -- um so viel leichter -werden, den Schneckengang anderer mit seinen weit ausgreifenden -Schritten zu überholen und schnell dahin zu gelangen, wo ihn auch die -kühnste Erwartung erst nach Jahren vermute. - -Sein Vorsatz darüber war so fest, die Ausführung schien ihm so -leicht, eine ehrenvolle Anstellung bei einem der kleinen sächsischen -Höfe so nahe, daß er und der zurückbleibende Freund sich die Hände -darauf gaben, so lange keiner an den andern schreiben zu wollen, bis -er Minister oder der andere Kapellmeister sein würde. Mit diesem -feierlichen Versprechen schieden beide voneinander. - -Aber die Himmlischen hatten anders über ihn beschlossen. Sie ließen es -nicht zu, daß eine solche Fülle von Gaben, reich genug, um Millionen zu -beglücken, nur auf einen engen Kreis beschränkt oder ganz unfruchtbar -bleiben sollte. Mit Liebe leiteten sie nun an sanfter, gütiger Hand -ihren Begünstigten in die Arme von Freunden, die alles aufboten, damit -er seinem hohen Berufe nicht ungetreu würde, damit er die unendliche -Menge des wahrhaft Schönen und Guten, welches er in sich trug, zur -Veredlung der Menschheit, zur Erleuchtung und Stärkung kommender -Geschlechter, zu unvergänglichem Ruhme seiner selbst sowie zu dem -seines eigentlichen Vaterlandes anwenden konnte. - - * * * * * - -Durch diese nach allen Umständen getreue Erzählung darf der Verfasser -glauben, eine sehr bedeutende Lücke, die sich -- ohne irgend eine -Ausnahme -- in allen Lebensbeschreibungen des großen Mannes findet, -ausgefüllt, und einem künftigen Biographen die vollständige Darstellung -eines auf seine Zeit so einflußreichen Lebens erleichtert zu haben. -Der verehrte Leser wolle nun diese von einem Augenzeugen gegebene -Mitteilung mit den früher von andern dem Publikum vorgelegten -vergleichen und dann die Glaubwürdigkeit letzterer beurteilen. - - - Ende. - - - Auf Kriegspapier gedruckt. - - - - -Fußnoten - - -[1] Tatsächlich hat die Flucht am 22. September stattgefunden. - -~W.~ - - -[2] Wenn man die Zeitverhältnisse und die Lage Schillers -berücksichtigt, so wird man die Allgemeinheit und bittere Härte dieser -Äußerung entschuldigen. - -Anm. Streichers. - - -[3] Vermutlich ist dieser Brief erst Anfang Oktober geschrieben. - -~W.~ - - -[4] Tag. Soll heißen: Winter. - -~W.~ - - -[5] »In den ersten Tagen des Septembers 1783.« Dies ist ein Irrtum. -Schiller kam am 27. Juli in Mannheim an. - -~W.~ - - -[6] Der Kontrakt ist tatsächlich erst am 20. August geschlossen worden -und lief vom 1. September 1784 an. - -~W.~ - - -[7] Diese Zusammenkunft geschah in Wirklichkeit schon vor der Abreise -nach +Bauerbach+ zwischen dem 22. und 25. November 1782. - -~W.~ - - -[8] Vielmehr durch Götz, Angestellten in der Schwanschen Buchhandlung, -der von der Leipziger Messe zurückkehrte. - -~W.~ - - -[9] Die Vorlesung des Don Carlos fand am 26. Dezember 1784 statt. - -~W.~ - - - - - Bücherfreunde erhalten vollständige Verzeichnisse der - Universal-Bibliothek durch die Buchhandlungen oder den Verlag! - - Deutsche Bildung - und deutsche Kultur - - zu pflegen, sich mit den geistigen Gütern des Volkes vertraut zu - machen, ist Aufgabe jedes einzelnen von uns und heute mehr als je, - da die äußere Macht Deutschlands gebrochen ist und die Macht des - Deutschtums sich vor allem im Bereich des Geistigen zu bewähren - hat. Neue Achtung in der Welt kann sich nur die große Gemeinschaft - der im besten Sinne deutschen, an alter Herzens- und Geisteskultur - teilhabenden Menschen erringen. Die eigene ernsthafte Lektüre, - die eigene Bücherei ist das Mittel und unentbehrliche Rüstzeug zu - dieser Arbeit. Eine unvergleichliche Auswahl guter Bücher aus allen - Wissensbezirken bietet das volkstümlichste Verlagsunternehmen der - Welt »+Reclams Universal-Bibliothek+«. Vorrätig in weit mehr als - 10000 Buchhandlungen des In- und Auslandes. - - - Druck und Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend - korrigiert. - - Korrekturen (die korrigierten Wörter sind in {} eingeschlossen): - - S. 109: gegewesen → gewesen - ein württembergischer Offizier bei ihnen {gewesen} sei - - S. 172: das → daß - Ohne {daß} Schiller es ahnte - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Schillers Flucht von Stuttgart, by -Andreas Streicher - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHILLERS FLUCHT VON STUTTGART *** - -***** This file should be named 50234-0.txt or 50234-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/2/3/50234/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Schillers Flucht von Stuttgart - und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785 - -Author: Andreas Streicher - -Commentator: J. Wychgram - -Release Date: October 16, 2015 [EBook #50234] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHILLERS FLUCHT VON STUTTGART *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p> - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<h1> -Schillers Flucht<br /> -<span class="smaller">von Stuttgart</span></h1> -<p class="center"> -und<br /> -<span class="larger">Aufenthalt in Mannheim</span><br /> -<span class="smaller">von 1782–1785</span></p> -<p class="center"> -Von<br /> -<span class="larger">Andreas Streicher</span></p> -<p class="center p2"> -Herausgegeben und mit einer Einleitung versehen<br /> -<span class="smaller">von</span><br /> -<b>Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> J. Wychgram</b></p> -<hr class="tb" /> -<p class="center p2"> -<b>Leipzig</b><br /> -Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. -</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span></p> - -<p class="center"> -Übersetzungsrecht vorbehalten<br /> -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p> - -<h2 id="Einleitung">Einleitung.</h2> - -<p>Das Buch, das wir, nachdem es zum ersten- und einzigen -Male im Jahre 1836, drei Jahre nach dem Tode seines Verfassers, -erschienen war, nun zum Schiller-Jubiläumstag neu in -die Welt senden, ist nicht mit Unrecht ein Kleinod unserer Literatur -genannt worden. Nicht als ob es schriftstellerische Vorzüge -aufweisen könnte. Sein Wert liegt vielmehr einmal in den berichteten -Tatsachen, die für die Kenntnis von Schillers Entwicklung -von außerordentlichem Werte sind und die uns unbekannt -geblieben sein würden, wenn nicht Streicher sie uns erzählt hätte, -sodann aber in dem Geist und Sinn, der aus dem Buche spricht. -Da die Vorbereitungen zur Flucht aus Stuttgart und ihre Ausführung -selbst sehr geheim gehalten werden mußten und da das, -was außerhalb des Weichbildes von Mannheim mit Schiller geschah, -nur Streicher zum Zeugen hatte, so können wir in der -Tat den Wert dieser Aufzeichnungen nicht genug schätzen; aber -auch, daß dieser Zeuge gerade Streicher war, ist von der größten -Bedeutung. Denn wir haben in diesem Manne, der ja, wie der -Leser aus dem Buche selbst erkennen wird, mit einer Art Vergötterung -an Schiller hing, einen Berichterstatter, der alle diese -aufregenden und abenteuerlichen Erlebnisse mit der größten Einfachheit, -ohne subjektive Färbung und mit einem treuen geschichtlichen -Sinne uns erzählt. Freilich ist das Buch selber erst geschrieben -worden, als Streicher bereits im Greisenalter stand; -aber die Ereignisse der Jugend standen ihm, soweit er sie selbst -miterlebt hatte, als die denkwürdigsten seines ganzen Lebens -vor der Seele, und später erschienene Briefe bezeugen uns, daß -Streicher in der gewissenhaftesten Weise überall da, wo entweder -sein Gedächtnis ihn nicht mehr sicher beriet oder wo er von Dingen<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span> -zu erzählen hatte, die er selbst nicht mit angesehen (wie zum -Beispiel in dem Berichte über die letzte Begegnung Schillers mit -seiner Schwester und seiner Mutter), durch briefliche Erkundigung -die Lücke zu ergänzen oder falsche Gerüchte zu berichtigen suchte. -Einen solchen Brief teilen Speidel und Wittmann in ihrem vorzüglichen -Buche »Bilder aus der Schillerzeit,« S. 26, mit. So -kann man sagen, daß die Partien des Streicherschen Buches, die -sich mit der Flucht und den auf die Flucht folgenden Ereignissen -beschäftigen, durchaus zuverlässig sind und nur in ganz unwesentlichen -Einzelheiten, in den Angaben einiger Monatsdaten und ähnlichen -Kleinigkeiten, von der späteren Schiller-Forschung berichtigt -worden sind.</p> - -<p>Streicher hat nun dem Berichte von der Flucht eine kurze -Übersicht über Schillers Leben bis 1782 beigegeben; diese Übersicht -mußte er nach den damals zugänglichen Quellen abfassen, -und sie ist daher, wie wir gleich hier bemerken, nicht in demselben -Maße unanfechtbar, wie der eigentliche Kern des Buches. -Insbesondere waren Streicher die näheren Umstände, die das -Zerwürfnis Schillers mit dem Herzog veranlaßten, nicht bekannt; -vermutlich hat Schiller selbst von dem, was an Intrigen gegen -ihn und gegen seinen Vater sich abgesponnen hat, nicht alles gewußt. -Wir verzichten hier darauf, die Einzelheiten zu berichtigen, -da der Leser dazu jede moderne Schillerbiographie benutzen -kann; es sei gestattet, auf die betreffenden Abschnitte in der von -mir verfaßten Biographie Schillers (4. Auflage, Bielefeld und -Leipzig, Velhagen & Klasing; Volksausgabe, ebenda 1904), zu -verweisen, wo ein ausführliches Bild gegeben wird. Die Universal-Bibliothek -bietet die Schiller-Biographie von Rudolf von -Gottschall (Nr. 3879/80), die in gedrängterer Form berichtet.</p> - -<p>Andreas Streicher wurde als der Sohn unbemittelter Eltern -im Jahre 1761 in Stuttgart geboren; er widmete sich der Tonkunst -und sollte bei Emanuel Bach in Hamburg seine Ausbildung -als Musiker erhalten. Von der Reise nach Hamburg aber wurde -er durch die von ihm selbst erzählten Umstände abgehalten; er<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span> -blieb vielmehr einige Jahre, mit Schiller und auch noch nach -Schiller, in Mannheim, wandte sich dann nach München und -ging 1794 nach Wien, wo er als Klavierlehrer eine auch an -äußeren Erfolgen reiche Tätigkeit entwickelte. Später hat er in -Wien die Pianofortefabrik seiner Frau, einer geborenen Stein -aus Augsburg, übernommen und es in dieser Tätigkeit zu erheblichem -Wohlstande gebracht. Er starb am 15. Mai 1833. -Wie sehr er an dem Jugendfreunde hing, zeigt nicht nur das -Buch selber, das er etwa in den Jahren 1828–30 verfaßt hat, -sondern dies wird uns auch aus Briefen, die er nach Schillers -Tode an dessen Angehörige schrieb, deutlich. Man hat wohl bemerkt, -es sei auffallend, daß Schiller selbst später nicht wieder -an den aufopferungsfreudigen Freund seiner Jugend geschrieben -habe, insbesondere Julian Schmidt hat in seinem Buche »Schiller -und seine Zeitgenossen« dieses Befremden ausgedrückt; man ist -aber damit im Irrtum gewesen. Wir besitzen noch einen Brief -von Schiller, der uns zeigt, wie Schiller in dankbarem Herzen -die Erinnerung an Streicher bewahrt hat. Im Jahre 1795 -hatte Streicher einem Herrn seiner Bekanntschaft einen Empfehlungsbrief -an Schiller mitgeschickt; Schiller antwortete darauf:</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -»Mein teurer und hochgeschätzter Freund! -</p> - -<p>Gestern erhielt ich durch Herrn von Bühler Ihren Brief, der -mich auf eine sehr angenehme Weise überraschte. Daß Sie mich -nach einer zehnjährigen Trennung und in einer so weiten Entfernung -noch nicht vergessen haben, daß Sie meiner mit Liebe -gedenken und mir ein gleiches gegen Sie zutrauen, rührt mich -innig, lieber Freund, und ich kann Ihnen auch von meiner Seite -mit Wahrheit gestehen, daß mir die Zeit unseres Zusammenseins -und Ihre freundschaftliche Teilnahme an mir, Ihre gefällige Duldung -gegen mich und Ihre auf jeder Probe ausharrende Treue -in ewig teurem Andenken bleiben wird.</p> - -<p>Wie erfreuen Sie mich, lieber Freund, mit der Nachricht, -daß es Ihnen wohl geht, daß Sie mit Ihrem Schicksale zufrieden<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span> -sind und nun auch die Freuden des häuslichen Lebens genießen. -Diese sind mir schon seit sechs Jahren zu teil geworden, -und ich könnte, im Besitze eines hoffnungsvollen Knaben, -sowie in meiner unabhängigen äußeren Lage ein ganz glücklicher -Mensch sein, wenn ich aus dem Sturme, der mich so lange -herumgetrieben, meine Gesundheit gerettet hätte. Indessen macht -ein heiteres Gemüt und der angenehme Wechsel der Beschäftigung -mich diesen Verlust noch ziemlich vergessen, und ich finde mich in -mein Schicksal.</p> - -<p>Eben dieser Zustand meiner Gesundheit läßt mich nicht daran -denken, eine Reise zu unternehmen, und raubt mir also die Freude, -Ihre freundschaftliche Einladung anzunehmen. Aber was mir -unmöglich ist, können Sie vielleicht ausführen, und um so eher, -da ein Tonkünstler überall zu Hause ist und selbst auf Reisen die -Zeit nicht verliert. Daß mir Ihre Erscheinung in Jena unbeschreiblich -viele Freude machen würde, bedarf keiner Versicherung, -und daß auch Sie nicht unzufrieden sein sollen, dafür, glaube ich, -gutsagen zu können. Ich könnte Ihnen wenigstens dafür stehen, -daß Sie in Weimar, wo man Musik zu schätzen weiß, eine sehr -erwünschte Aufnahme finden sollten.</p> - -<p> -Ihr aufrichtig ergebener</p> -<p class="right"> -Schiller.</p> -<p> -Jena, den 9. Oktober 95.</p> -<p class="center"> -An Herrn Andreas Streicher, Tonkünstler in Wien.« -</p></div> - -<p>Man sieht aus diesem Briefe, daß Schiller, wenn auch keine -häufigeren Anlässe zu lebhafterem Briefwechsel mit seinem Jugendfreunde -vorlagen, ihn doch in dankbarer Erinnerung bewahrte. -Folgende beiden Briefe mögen noch dem Leser zeigen, mit welcher -Wärme Andreas Streicher spät nach Schillers Tode für die -Pflege von dessen Andenken gesorgt hat. Der erste dieser Briefe -ist am 30. August 1826 an Schillers einzige überlebende Schwester -Christophine, die verwitwete Hofrätin Reinwald in Meiningen,<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span> -gerichtet, der andere am 29. April 1829 an Schillers bekannten -Freund Körner. Die Briefe lauten folgendermaßen:</p> - -<p>I.</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -»Wohlgeborne Frau! -</p> - -<p>Seit dem Tode Ihres herrlichen Bruders sind einundzwanzig -Jahre verflossen, und noch ist er nicht begraben, sondern sein -Sarg steht in Weimar in dem Gewölbe einer Sterbkassen-Gesellschaft -unter dreißig bis vierzig andern versteckt, so daß es unmöglich -ist, zu ihm zu gelangen oder ihn nur zu sehen.</p> - -<p>Man sagt, daß diese ungeheure Vernachlässigung die Schuld -der Witwe sei.</p> - -<p>Als ich im Jahre 1820 die erste Nachricht hierüber in der -»Allgemeinen Zeitung« las, schrieb ich sogleich nach Weimar und -erkundigte mich um die Wahrheit derselben. Leider wurde solche -bestätigt und die Vermutung geäußert, daß wohl der Vermögenszustand -der Schillerschen Familie einige Schuld daran haben könne. -Sogleich entschloß ich mich, eine kleine von mir verfaßte Schrift: -»Schillers Flucht von Stuttgart und sein Aufenthalt in Mannheim -von 1782 bis 1785,« die erst nach meinem Tode erscheinen -sollte, jetzt schon, und zwar zu dem Zwecke herauszugeben, damit -für den eingehenden Betrag Schiller ein ordentliches Grabmal -errichtet werden könnte.</p> - -<p>Mancherlei Schwierigkeiten, die ich nicht beseitigen konnte und -deren Aufzählung zu weitläufig sein würde, brachten diese Sache -ins Stocken, bis endlich bei der Austeilung des neuen Kirchhofs -in Weimar sich Frau von Schiller entschloß, eine Familiengruft -zu wählen, und nur noch ihre Rückkehr von Köln erwartet wurde, -um eine vollkommene Entscheidung herbeizuführen. Allein ein -Schlagfluß überraschte sie in Bonn, wohin sie sich wegen einer -Augenoperation begeben hatte, und brachte diese Sache insoferne -wieder aufs neue zum Stillstande, als man sich deshalb nun an -den ältesten Sohn in Köln wenden mußte. An diesen habe ich -nun geschrieben, und es läßt sich erwarten, daß er die Pflicht<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span> -des Sohnes erfüllen und das Murren aller Reisenden, sowie die -in so vielen Zeitschriften darüber erhobenen Klagen stillen wird.</p> - -<p>Ich habe Herrn von Schiller auch zugleich um genaue Nachrichten -in betreff der letzten Lebensjahre seines Vaters ersucht, -welche in den Schriften von Körner, H. Döring und andern entweder -ganz übergangen oder unrichtig angegeben sind, indem mir -daran liegt, daß meine Schrift als (wenigstens kleines) Ganzes -sich darstelle. Da aber die Angaben über seine Eltern, über seine -ersten Jugendjahre gar zu karg aufgeführt sind, und solche weder -in der Zeitfolge noch in der Sache selbst zusammenpassen, so legt -man diese Schriften desto unbefriedigter weg, je gespannter man -auf alle Nachrichten ist, welche diese merkwürdige Familie betreffen.</p> - -<p>Von dieser Periode lassen sich nun nur noch von Ihnen, wohlgeborne -Frau, die allerzuverlässigsten Nachrichten erwarten, indem -Sie der einzige noch lebende Zeuge derselben sind. Ich -nehme mir daher die Freiheit, Ihnen einige Fragen vorzulegen, -welche diesen Zeitraum betreffen, mit der Bitte, selbige einiger -Aufmerksamkeit würdigen und mir gefälligst beantworten zu -wollen. Da ich meine Absicht, warum ich alles dahin Gehörige -zu wissen wünsche, deutlich ausgesprochen, so darf ich nicht fürchten, -daß Sie diese Fragen als aus bloßer Neugierde oder aus -einer unedlen Ursache gestellt ansehen werden, sondern habe gegründete -Ursache, zu hoffen, daß Sie dem Jugendfreunde und -Leidensgefährten Ihres Bruders sein Verlangen um so weniger -versagen werden, weil dieses nur zur Verherrlichung des Verewigten -gereichen solle. Da aber die Schrift schon in einigen -Monaten in Druck gegeben werden muß – da erst, wenn dieser -schon im Gange ist, die Unterzeichnung darauf öffentlich angekündigt -werden kann – da auch nur alsdann erst zur Erbauung -eines ordentlichen, würdigen Grabmals geschritten wird, wenn -man der Kostendeckung versichert ist – da meine Geschäfte mir -nur sehr wenig Zeit zur Vollendung dieser Schrift gestatten, und -da mein Alter, sowie meine Gesundheit es nicht ratsam machen,<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span> -diese Angelegenheit noch länger als bis zum 9. Mai 1827 zu -erstrecken, so muß ich den dringenden Wunsch beifügen, daß Sie -die Güte haben und mir Ihre Antwort sobald als möglich übermachen -wollen. Keine Ihrer Nachrichten soll für mein Eigentum -abgegeben, sondern dankbar dem Publikum die Quelle genannt -werden, aus welcher mir solche zugeflossen.</p> - -<p>Es sind nun volle dreiundvierzig Jahre, daß mir nicht mehr -vergönnt ward, Sie zu sehen, und nur meine lebhafte Erinnerung -an Sie, sowie an Ihr ganzes Haus, kann mir einige Schadloshaltung -für dieses Glück gewähren.</p> - -<p>Mein innigster Wunsch ist, daß dieser Brief Sie, sowie -Ihren Herrn Gemahl in bestem Wohlsein treffe, und daß von -diesem durch eine gefällige Antwort recht bald die Überzeugung -erhalte, wohlgeborne Frau, Ihr hochachtungsvoll ergebenster -Diener</p> - -<p class="right"> -Andreas Streicher, Tonkünstler.</p> -<p> -Wien, am 30. August 1826.« -</p></div> - -<p>II.</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Das Werk erscheint gegen Unterzeichnung, und der reine -Ertrag desselben, wenn er sich auf 20 000 Gulden beläuft, soll -erstens dazu verwendet werden, um eine Stiftung zu gründen, -damit alle zehn Jahre die Interessen dieses Kapitals demjenigen -(oder dessen Erben) eingehändigt werden, der während dieser Zeit -das beste Schauspiel, Drama oder Trauerspiel, dessen Inhalt -aus der deutschen Geschichte genommen sein muß, gedichtet hat. -Zweitens, da aber die 10 000 Gulden Interessen des Kapitals -in zehn Jahren wieder 2500 Gulden abwerfen, so werden diese -demjenigen Schriftsteller als Preis zugeteilt, der in diesem Zeitraume -das beste Werk für die Jugend oder das Volk in dem -Sinne geschrieben, wie es Schiller in der Rezension von Bürgers -Gedichten in den Worten: »Welches Unternehmen usw.<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -bis: würden sie endlich selbst von der Vernunft abfordern,« angedeutet -hat. Diese Preise würden einmal in Stuttgart, als -der Hauptstadt von des Dichters Vaterland, das andere Mal in -Weimar, wo er Unterstützung fand und starb, und das dritte -Mal in Wien, wo seine hohe, gemütvolle Dichtung noch am -meisten gewürdigt und empfunden wird, öffentlich und feierlich -erteilt werden. Jeder der genannten Orte würde drei Schiedsrichter -ernennen, welche die des Preises würdigsten Stücke bezeichnen -würden.</p> - -<p>Dies ist das Hauptsächlichste von dem, was ich mir hierüber -ausgedacht und auch Herrn Ernst von Schiller mitgeteilt -habe. Dieser aber erwidert mir, daß ich durch Ausführung -dieses Vorsatzes dem Verkaufe der sämtlichen Werke seines -Vaters bedeutenden Schaden zufügen und vielleicht das ganze -Unternehmen gefährden würde. Allein ich habe Freiherrn von -Cotta diesen Plan voriges Jahr mündlich mitgeteilt und weder -damals, noch seit jener Zeit irgend einen Widerstand von ihm -erfahren. Auch scheint die abgesonderte Herausgabe des Briefwechsels -von Goethe und Schiller darauf hinzudeuten, daß vorerst -alles bisher noch Unbekannte von Schiller einzeln herausgegeben -und dann erst in späterer Zeit eine ganz vollständige -Ausgabe seiner Werke veranstaltet werden solle.</p> - -<p>Da ich nun den Zweck der Herausgabe von Nachrichten über -unsern Dichter genau und wahr angegeben: da alles, was darauf -Beziehung hat, gänzlich von einer Nebenabsicht frei und rein -ist, da nichts anderes dadurch erreicht werden soll, als daß seine -schwere Laufbahn die eines nicht unwürdigen Nachfolgers erleichtern -solle; da es auch nicht gleichgültig ist, das Volk, für -das er lebte und schrieb, nicht nur zu einer dauernden Anerkennung -seines außerordentlichen Geistes aufzufordern, sondern -damit auch zugleich der Dichtkunst einen Rang anzuweisen, -den sie schon lange bei andern Nationen, aber leider bei den -hadersüchtigen, nur nach Geld und Titeln strebenden Deutschen -bisher nicht hatte; da eine genaue Schilderung seines Lebens,<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span> -seines himmlischen Gemütes, der Tiefe und Fülle seiner Empfindung -nur von denen getreu dargestellt und erwartet werden kann, -die ihn im Glück und Unglück handeln sahen – so werden Sie -dieses Schreiben sowohl als auch die Fragen mit Nachsicht aufnehmen -und nicht kalt zurückweisen.«</p></div> - -<p class="center">*<sub class="emspace">*</sub>*</p> - -<p>Streicher ist durch Christophine und auch aus seinen anderen -Quellen nicht immer ganz richtig unterrichtet worden; es sind -in dem Originaldruck eine Reihe von Versehen. Diese sind in -unserem Neudruck entweder ohne weiteres korrigiert oder aber -durch Fußnoten kenntlich gemacht worden.</p> - -<p>Im übrigen verweisen wir auf Streichers Büchlein selber; es -mag durch sich und für sich sprechen.</p> - -<p> -Berlin, im Februar 1905.</p> -<p class="right"> -<b>J. Wychgram.</b> -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span></p> - -<h2 id="Vorrede">Vorrede<br /> -<span class="smaller">der Hinterbliebenen Streichers zur Ausgabe von 1836.</span></h2> - -<p>Der Verfasser des nachstehenden Werkchens, Andreas -Streicher, lebt nicht mehr. Zu den schönsten Erinnerungen -seines reich beschäftigten Lebens gehörten die Tage, die er -in Schillers Nähe zugebracht hatte, dessen Andenken er mit -liebender Begeisterung, mit schwärmerischer Verehrung bewahrte. -Er hatte den edlen Dichterjüngling im Unglücke -gesehen, im Kampfe mit feindlichen Verhältnissen, und treu -und aufopfernd an ihm festgehalten. Und gerade jenen Zeitraum, -so wichtig für die Darstellung von Schillers Charakter, -als er es für die Entwicklung desselben und seiner äußern -Lage gewesen, fand der Verfasser in allen Biographien des -Verewigten fast nur erwähnt, nur kurz und unvollständig -behandelt. Er wußte, daß wenige der Überlebenden in dem -Falle waren, so richtig und ausführlich darüber zu berichten -als er, und es drängte ihn, die Feder zu ergreifen, um -das Seinige zur Charakteristik des für Deutschland und die -Menschheit denkwürdigen Mannes beizutragen. In weit vorgerückten -Jahren begann er mit der strengsten Wahrhaftigkeit -und sorgsamer, gewissenhafter Liebe die folgenden Mitteilungen -auszuarbeiten. Diese Sorgfalt bewog ihn, immer -noch daran zu bessern; diese Liebe machte, daß er zuletzt -auch Materialien über spätere Lebensabschnitte seines Jugendfreundes -sammelte, und über dem Sammeln, Sichten, Ordnen -– ereilte ihn der Tod.</p> - -<p>Er hatte sich oft und gern mit Entwürfen in Hinsicht -auf die Verwendung des Ertrages seiner Schrift zu einer<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span> -passenden Stiftung, einem Dichterpreis, irgend einem gemeinnützigen -Zwecke beschäftigt. Seine Hinterbliebenen halten -es für ihre Pflicht gegen ihn und das Publikum, die -Herausgabe des Werkes zu besorgen, an welcher den Erblasser -selbst ein unerwartetes Ende hinderte. Überzeugt, ganz -in seinem Sinne zu handeln, legen sie das Honorar, welches -die Verlagshandlung ihnen dafür zugesagt, als Beitrag zu -dem Denkmale Schillers, auf den Altar des Vaterlandes -nieder.</p> - -<p>Sie geben das Werk, wie sie es in Reinschrift in seinem -Nachlasse fanden.</p> - -<p>Sie befürchten nicht, daß der Titel »Flucht« auch nur -einen leisen Schatten auf das Andenken oder den Namen -Schillers werfen dürfte, da es allbekannt ist, wie dessen Entfernung -von Stuttgart keineswegs Folge irgend eines Fehltrittes -war, sondern ganz gleich der Flucht seines »Pegasus,« -der mit der Kraft der Verzweiflung das Joch bricht, um ungehemmten -Fluges himmelan zu steigen.</p> - -<p>Wie an dem Titel, so glauben sie auch an dem Inhalte, -ja selbst an dem Stile nichts willkürlich ändern zu dürfen, -um das Eigentümliche nicht zu verwischen, woran man den -Zeitgenossen der frühesten Periode und den Landsmann -unsers gefeierten Dichters erkennen mag. Der Verfasser war -Musiker, nicht Schriftsteller, und was ihm die Feder in die -Hand gegeben, nur seine glühende Verehrung Schillers und -der frohe und gerechte Stolz, ihm einst nahe gestanden zu sein.</p> - -<p>Aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, den sie festzuhalten -bitten, wird seine Leistung nachsichtige Beurteiler in den geneigten -Lesern finden.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p> - -<h2 id="Schillers_Flucht_von_Stuttgart">Schillers Flucht von Stuttgart<br /> - -<span class="smaller wn">und</span><br /> - -<span class="smaller">Aufenthalt in Mannheim von 1782–1785.</span></h2> - -<p>Johann Kaspar Schiller, geboren 1723, war der Vater -unseres Dichters und ein Mann von sehr vielen Fähigkeiten, -die er auf die beste, würdigste Weise verwendete, und die -sowohl von seiner Umgebung als auch von seinem Fürsten -auf das vollständigste anerkannt wurden.</p> - -<p>In seiner Jugend wählte er zum Beruf die Wundarzneikunde -und ging, nachdem er sich hierin ausgebildet, -in seinem zweiundzwanzigsten Jahre mit einem bayrischen -Husarenregiment nach den Niederlanden, von wo er, nach -geschlossenem Frieden, in sein Vaterland Württemberg zurückkehrte -und sich 1749 zu Marbach, dem Geburtsorte seiner -Gattin, verheiratete. Dem höher strebenden und mehr als -zu seinem Fache damals nötig war, ausgebildeten Geiste -dieses Mannes konnte aber der kleine, enge Kreis, in dem -er sich jetzt bewegen mußte, um so weniger zusagen, als er -durchaus nichts Erfreuliches für die Zukunft erwarten ließ, -und er auch bei früheren Gelegenheiten, wo er gegen den -Feind als Anführer in den Vorpostengefechten diente, Kräfte -in sich hatte kennen lernen, deren Gebrauch ihm edler sowie -für sich und seine Familie nützlicher schien als dasjenige, -was er bisher zu seinem Geschäft gemacht hatte. Er verließ -daher bei dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges, -an welchem der Herzog gegen Preußen teilnahm, die Wundarzneikunde<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -gänzlich, suchte eine militärische Anstellung und -erhielt solche 1757 als Fähnrich und Adjutant bei dem -Regiment Prinz Louis um so leichter, da er schon früher -den Ruhm eines tapfern Soldaten und umsichtigen Anführers -sich erworben hatte.</p> - -<p>So lange als das württembergische Korps im Felde stand, -machte er diesen Krieg mit, benutzte aber die Zeit der Winterquartiere, -um mit Urlaub nach Hause zu kehren, und war -im November 1759 bei der Geburt seines Sohnes, der auch -der einzige blieb, gegenwärtig. Nach geschlossenem Frieden -wurde er in dem schwäbischen Grenzstädtchen Lorch als Werboffizier -mit Hauptmannsrang angestellt, bekam aber, sowie -die zwei Unteroffiziere, die ihm beigegeben waren, während -drei ganzer Jahre nicht den mindesten Sold, sondern mußte -diese ganze Zeit über sein Vermögen im Dienste seines Fürsten -zusetzen. Erst als er dem Herzog eine nachdrückliche Vorstellung -einreichte, daß er auf diese Art unmöglich länger -als ehrlicher Mann bestehen oder auf seinem Posten bleiben -könne, wurde er abgerufen und in der Garnison von Ludwigsburg -angestellt, wo er dann später seinen rückständigen Sold -in Terminen nach und nach erhielt. Sowohl während -der langen Dauer des Krieges als auch in seinem ruhigen -Aufenthalte zu Lorch war sein lebhafter, beobachtender Geist -immer beschäftigt, neue Kenntnisse zu erwerben und diejenigen, -welche ihn besonders anzogen, zu erweitern. Den -Blick unausgesetzt auf das Nützliche, Zweckmäßige gerichtet, -war ihm schon darum Botanik am liebsten, weil ihre richtige -Anwendung dem Einzelnen, sowie ganzen Staaten Vorteile -verschafft, die nicht hoch genug gewürdigt werden können. -Da zu damaliger Zeit die Baumzucht kaum die ersten Grade -ihrer jetzigen, hohen Kultur erreicht hatte, so verwendete er -auf diese seine besondere Aufmerksamkeit und legte in Ludwigsburg -eine Baumschule an, welche so guten Erfolg hatte, -daß der Herzog – gerade damals mit dem Bau eines -Lustschlosses beschäftigt – ihm 1775 die Oberaufsicht über<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -alle herzustellenden Gartenanlagen und Baumpflanzungen -übertrug.</p> - -<p>Hier hatte er nun Gelegenheit nicht nur alles, was er -wußte und versuchen wollte, im großen anzuwenden, sondern -auch seine Ordnungsliebe und Menschenfreundlichkeit auf -das wirksamste zu beweisen. Um seine Erfahrungen in der -Baumzucht, welche nach der Absicht seines Fürsten für ganz -Württemberg als Regel dienen sollten, auch dem Auslande -nutzbringend zu machen, sammelte er solche in einem kleinen -Werke: Die Baumzucht im großen, wovon die erste Auflage -zu Neustrelitz 1795 und die zweite 1806 zu Gießen -erschien.</p> - -<p>Auch außer seinem Berufe war die Tätigkeit dieses seltenen -Mannes ganz außerordentlich. Sein Geist rastete nie, -stand nie still, sondern suchte immer vorwärts zu schreiten. -Er schrieb Aufsätze über ganz verschiedene Gegenstände und -beschäftigte sich sehr gern mit der Dichtkunst – zu welcher -er eine natürliche Anlage hatte.</p> - -<p>Es ist nicht wenig zu bedauern, daß von seinen vielen -Schriften und Gedichten weiter nichts als obiges Werkchen -unter die Augen der Welt kam; wäre es auch nur, um -einigermaßen beurteilen zu können, wie viel der Sohn im -Talent zum Dichter und Schriftsteller vom Vater als Erbteil -erhalten habe. Der Herzog, der ihm endlich den Rang -als Major erteilte, schätzte ihn sehr hoch; seine Untergebenen, -die in großer Anzahl aus den verschiedensten Menschen bestanden, -liebten ihn ebenso wegen seiner Unparteilichkeit, als -sie seine strenge Handhabung der Ordnung fürchteten; Gattin -und Kinder bewiesen durch Hochachtung und herzlichste Zuneigung, -wie sehr sie ihn verehrten.</p> - -<p>Von Person war er nicht groß. Der Körper war untersetzt, -aber sehr gut geformt. Besonders schön war seine hohe, -gewölbte Stirn, die durch sehr lebhafte Augen beseelt, den -klugen, gewandten, umsichtigen Mann erraten ließ. Nachdem -er seine heißesten Wünsche für das Glück und den Ruhm<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -seines einzigen Sohnes erfüllt gesehen und den ersten Enkel -seines Namens auf den Armen gewiegt hatte, starb er 1796 -im Alter von 73 Jahren an den Folgen eines vernachlässigten -Katarrhs nach achtmonatlichen Leiden in den Armen -seiner Gattin und der ältesten Tochter, die von Meiningen -herbeigeeilt war, um mit der Mutter die Pflege des Vaters -zu teilen, zugleich auch die schwere Zeit des damaligen Krieges -und ansteckender Krankheiten ihnen übertragen zu helfen.</p> - -<p>Die Mutter des Dichters, Elisabetha Dorothea Kodweiß, -war aus einem alt-adligen Geschlecht entsprossen, das sich -von Kattwitz nannte und durch unglückliche Zeitumstände -Ansehen und Reichtum verloren hatte. Ihr Vater, der schon -den Namen Kodweiß angenommen, war Holzinspektor zu -Marbach. Eine fürchterliche Überschwemmung beraubte ihn -dort seines ganzen Vermögens. Aus Not griff er nun, um -seine Familie nicht darben zu lassen, zu gewerblichen Mitteln, -bei welchen er jedoch nichts vernachlässigte, was die Bildung -des Herzens und Geistes seiner Kinder befördern konnte.</p> - -<p>Diese edle Frau war groß, schlank und wohlgebaut; ihre -Haare waren sehr blond, beinahe rot; die Augen etwas kränklich. -Ihr Gesicht war von Wohlwollen, Sanftmut und tiefer -Empfindung belebt, die breite Stirne kündigte eine kluge, -denkende Frau an. Sie war eine vortreffliche Gattin und -Mutter, die ihre Kinder auf das zärtlichste liebte, sie mit -größter Sorgfalt erzog, besonders aber auf ihre religiöse Bildung, -so früh als es rätlich war, durch Vorlesen und Erklären -des Neuen Testaments einzuwirken suchte.</p> - -<p>Gute Bücher liebte sie leidenschaftlich, zog aber – was -jede Mutter tun sollte – Naturgeschichte, Lebensbeschreibungen -berühmter Männer, passende Gedichte sowie geistliche -Lieder allen andern vor. Auf den Spaziergängen leitete -sie die Aufmerksamkeit der zarten Gemüter auf die Wunder -der Schöpfung, die Größe, Güte und Allmacht ihres Urhebers. -Dabei wußte sie ihren Reden so viel Überzeugendes, -so viel Gehalt und Würde einzuflechten, daß es ihnen in<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -späten Jahren noch unvergeßlich blieb. Ihre häusliche Lage -war bei dem geringen Einkommen ihres Gatten sehr beschränkt, -und es erforderte die aufmerksamste Sparsamkeit, -sechs Kinder standesgemäß zu erhalten und sie in allem Notwendigen -unterrichten zu lassen.</p> - -<p>Die allgemeine Lebensart und Sitte, welche damals in -Württemberg herrschte, erleichterte jedoch eine gute Erziehung -um so mehr, als eine Abweichung von Sparsamkeit, Ordnungsliebe, -Rechtschaffenheit sowie der aufrichtigsten Verehrung -Gottes als ein großer Fehler angesehen und scharf -getadelt worden wäre. Die Begriffe von Redlichkeit, Aufopferung, -Uneigennützigkeit suchte man damals jedem Kinde -in das Herz zu prägen. In der Schule wie zu Hause wurde -auf die Ausübung dieser Tugenden ein wachsames Auge gehalten. -Die Vorbereitungen zur Ablegung des Glaubensbekenntnisses -waren größtenteils Prüfungen des vergangenen -Lebens sowie eindringende Ermahnungen, daß alles Tun -und Lassen Gott und den Menschen gefällig einzurichten sei.</p> - -<p>Ein nicht unbedeutender Teil der Bewohner Württembergs, -zu welchem sich aus allen Ständen Mitglieder gesellten, -konnte sich aber an derjenigen Religionsübung, welche -in der Kirche gehalten wurde, nicht begnügen, sondern schloß -noch besondere Vereinigungen, um die innerliche, geistige -Ausbildung zu befördern, und den äußern Menschen der -Stimme des Gewissens ganz untertänig zu machen, damit -dadurch hier schon die höchste Ruhe des Gemüts und ein -Vorgeschmack dessen erlangt würde, was das Neue Testament -seinen mutigen Bekennern im künftigen Leben verspricht. -Aber es war keine müßige, innere Anschauung, welcher diese -Frommen sich hingaben, sondern sie suchten auch ihre Reden -und Handlungen ebenso tadellos zu zeigen, als es ihre Gedanken -und Empfindungen waren.</p> - -<p>Konnten auch die weltlicher Gesinnten einer so strengen -Übung der Religion und Selbstbeherrschung sich nicht unterwerfen, -so hatten sie doch nachahmungswürdige Vorbilder<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -unter Augen, vor welchen sie sich scheuen mußten, die rohe -Natur vorwalten zu lassen oder etwas zu tun, was einen -zu scharfen Abstand gegen das Sein und Handeln der Frömmern -gemacht hätte. Für das Allgemeine hatten diese abgeschlossenen, -stillen Gesellschaften die gute Folge, daß der -württembergische Volkscharakter als ein Muster von Treue, -Redlichkeit, Fleiß und deutscher Offenheit gepriesen wurde, -und Ausnahmen davon unter die Seltenheiten gezählt werden -durften.</p> - -<p>In diesem Lande, unter solchen Menschen lebten die -Eltern unseres Dichters, und nach solchen frommen Grundsätzen -erzogen sie auch ihre Kinder. Die Eindrücke dieser -tief wirkenden Leitung konnten nie erlöschen; sie begleiteten -die Kinder durch das ganze Leben, ermutigten in den schwersten -Prüfungen die Töchter und sprechen sich mit der höchsten -Wärme in den meisten Werken des Sohnes aus.</p> - -<p>Auch diese gute, geliebte Mutter erlebte noch den ersehnten -Augenblick, ihren einzigen Sohn und Liebling als -glücklichen Gatten und Vater, mit errungenem Ruhm gekrönt, -im Vaterlande selbst umarmen zu können.</p> - -<p>Ein sanfter Tod entriß sie den Ihrigen im Jahr 1802. -Ihre Ehe, die ersten acht Jahre unfruchtbar, ward endlich -durch sechs Kinder beglückt, von denen gegenwärtig nur noch -Dorothea Luise Schiller, geboren 1766, an den Stadtpfarrer -Frankh zu Möckmühl im Württembergischen verheiratet, und -Elisabetha Christophina Friederika Schiller, geboren 1757, -Witwe des verstorbenen Bibliothekars und Hofrats Reinwald -zu Meiningen, am Leben sind. Die jüngste Schwester, -Nannette, geboren 1777, verschied infolge eines ansteckenden -Nervenfiebers, das durch ein auf der Solitüde anwesendes -Feldlazarett verbreitet wurde, in ihrer schönsten -Blüte schon im achtzehnten Jahre. Zwei andere Kinder -starben bald nach der Geburt.</p> - -<p>Dem Bruder an Gestalt, Geist und Gemüt am ähnlichsten -ist die edle Reinwald, zu welchen Eigenschaften sich noch<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span> -eine Handschrift gesellt, welche der des Dichters so ähnlich -ist, daß man sie davon kaum unterscheiden kann.</p> - -<p>Den frommen Gefühlen der Jugend getreu, konnte sie, -auch als kinderlose Witwe, am 16. September 1826 dem -Verfasser schreiben: »Aber ich stehe doch nicht allein, überall -umgibt mein Alter der Freundschaft und Liebe sanftes Band, -und Gott schenkt mir in meinem neunundsechzigsten Lebensjahr -noch den völligen Gebrauch meiner Sinne und eine -Heiterkeit der Seele, die gewöhnlich nur die Jugend beglückt. -So sehe ich mit Zufriedenheit meinem Ziel entgegen, das -mich in einer bessern Welt mit den Geliebten, die vorangingen, -wieder vereinigt.«</p> - -<p>Unser Dichter, Johann Christoph Friedrich Schiller, -wurde am 10. November 1759 zu Marbach, einem württembergischen -Städtchen am Neckar, geboren. Obwohl Marbach -damals nicht der Wohnort seiner Eltern war, so hatte -sich dennoch seine Mutter dahin begeben, um in ihrem Geburtsort, -in der Mitte von Verwandten und Freunden das -Wochenbett zu halten.</p> - -<p>Über die ersten Kinderjahre Schillers läßt sich mit Zuverlässigkeit -nichts weiter angeben, als daß seine Erziehung -mit größter Liebe und Aufmerksamkeit besorgt wurde, indem -er sehr zart und schwächlich schien.</p> - -<p>Erst von dem Jahr 1765 an werden die Nachrichten -bestimmter und verbürgen, daß der Knabe seinen ersten -Unterricht im Lesen, Schreiben, Lateinischen und Griechischen -von dem Pastor Moser mit dessen Söhnen zugleich -in Lorch, einem schwäbischen Grenzstädtchen, erhielt, wohin -sein Vater, wie oben erwähnt, als Werboffizier versetzt -ward.</p> - -<p>Damals schon, im Alter von sechs bis sieben Jahren, -hatte er ein sehr tiefes religiöses Gefühl sowie eine sich -täglich aussprechende Neigung zum geistlichen Stande. Sowie -ihn eine ernste Vorstellung, ein frommer Gedanke ergriff, -versammelte er seine Geschwister und Gespielen um<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -sich her, legte eine schwarze Schürze als Kirchenrock um, -stieg auf einen Stuhl und hielt eine Predigt, deren Inhalt -eine Begebenheit, die sich zugetragen, ein geistliches -Lied oder ein Spruch war, worüber er eine Auslegung -machte. Alle mußten mit größter Ruhe und Stille zuhören; -denn wie er den geringsten Mangel an Aufmerksamkeit -oder Andacht bei der kleinen Gemeinde wahrnahm, -wurde er sehr heftig und verwandelte sein anfängliches -Thema in eine Strafpredigt.</p> - -<p>So voll Begeisterung, Kraft und Mut diese Reden auch -waren, so zeigte in den häuslichen Verhältnissen sein Charakter -dennoch nichts von jener Heftigkeit, Eigensinn oder -Begehrlichkeit, welche die meisten talentvollen Knaben so -lästig machen, sondern war lauter Freundschaft, Sanftmut -und Güte.</p> - -<p>Gegen seine Mutter bewies er die reinste Anhänglichkeit -sowie gegen die Schwestern die wohlwollendste Verträglichkeit -und Liebe, welche von allen auf das herzlichste, -besonders tätig aber von der ältesten (der noch lebenden -Fr. Hofr. Reinwald) erwidert wurde, die öfters, obwohl sie -unschuldig war, die harten Strafen des Vaters mit dem -Bruder teilte.</p> - -<p>Obwohl ihn der Vater sehr liebte, so war er doch wegen -eines Fehlers, durch den die sparsamen Eltern oft nicht wenig -in Verlegenheit gesetzt wurden, hart und strenge gegen ihn. -Der Sohn hatte nämlich denselben unwiderstehlichen Hang, -hilfreich zu sein, welchen er später in Wilhelm Tell mit den -wenigen Worten: »Ich hab' getan, was ich nicht lassen -konnte,« so treffend schildert.</p> - -<p>Nicht nur verschenkte er an seine Kameraden dasjenige, -über was er frei verfügen konnte, sondern er gab auch -den ärmeren Bücher, Kleidungsstücke, ja sogar von seinem -Bette.</p> - -<p>Hierin war die älteste Schwester, die gleichen Hang -hatte, seine Vertraute, und über diese, da sie, um den jüngern<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -Bruder zu schützen, sich als Mitschuldige bekannte, ergingen -nun gleichfalls Strafworte und sehr fühlbare Züchtigungen.</p> - -<p>Da die Mutter sehr sanft war, so ersannen die beiden -Geschwister ein Mittel, der Strenge des Vaters zu entgehen. -Hatten sie so gefehlt, daß sie Schläge befürchten -mußten, so gingen sie zur Mutter, bekannten ihr Vergehen -und baten, daß sie die Strafe an ihnen vollziehe, damit -der Vater im Zorne nicht zu hart mit ihnen verfahren -möchte.</p> - -<p>So scharf aber auch öfters die zu große Freigebigkeit -des Sohnes von dem Vater geahndet wurde, so wenig verkannte -dieser dennoch die übrigen seltenen Eigenschaften des -Knaben. Er liebte ihn nicht nur wegen seiner Begierde, -etwas zu lernen, und wegen der Fähigkeit, das Erlernte zu -behalten, sondern besonders auch wegen seines biegsamen, -zartfühlenden Gemütes.</p> - -<p>Da sich bei dem Sohne die Neigung zum geistlichen -Stande so auffallend und anhaltend aussprach, so war ihm -der Vater um so weniger hierin entgegen, da dieser Stand -in Württemberg sehr hoch geschätzt wurde, auch viele seiner -Stellen ebenso ehrenvoll als einträglich waren.</p> - -<p>Als die Familie 1766 nach Ludwigsburg ziehen mußte, -wurde der junge Schiller sogleich in die Vorbereitungsschulen -geschickt, wo er neben dem Lateinischen und Griechischen auch -Hebräisch – als zu dem gewählten Beruf unerläßlich – -erlernen mußte.</p> - -<p>In den Jahren 1769–72 war er viermal in Stuttgart, -um sich in den vorläufigen Kenntnissen zur Theologie -prüfen zu lassen, und bestand jederzeit sehr gut. Sein Fleiß -konnte nur wenige Zeit durch körperliche Schwäche, welche -durch das schnelle Wachsen veranlaßt wurde, unterbrochen -werden; denn wie seine Gesundheit kräftiger wurde, brachte -er das Versäumte mit solchem Eifer ein und lag so anhaltend -über seinen Büchern, daß ihm der Lehrer befehlen<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -mußte, hierin Maß zu halten, indem er sonst an Geist und -Körper Schaden leiden würde. Teilnehmend, wohlwollend -und gefällig für die Wünsche seiner Mitschüler, konnte er -sich den jugendlichen Spielen leicht hingeben und in Gesellschaft -das mitmachen, was er allein wohl unterlassen hätte. -Bei einer solchen Gelegenheit, kurz vor dem Zeitpunkt, wo -er in der Kirche sein Glaubensbekenntnis öffentlich ablegen -sollte, sah ihn einst die fromme Mutter, und ihre Vorwürfe -über seinen Mutwillen machten so vielen Eindruck -auf ihn, daß er noch vor der Konfirmation seine Empfindungen -zum erstenmal in Gedichten aussprach, die religiösen -Inhalts waren.</p> - -<p>Je näher die Zeit heranrückte, in welcher er in eines -der Vorbereitungsinstitute aufgenommen werden sollte, welche -Jünglingen, noch ehe sie die Universität beziehen konnten, -gewidmet waren, mit um so größerm Eifer ergab er sich -nun seinen Studien.</p> - -<p>Ohne Zweifel würde die Welt an Schillern einen Theologen -erhalten haben, der durch bilderreiche Beredsamkeit, -eingreifende Sprache, Tiefe der Philosophie und deren richtige -Anwendung auf die Religion Epoche gemacht und -alles Bisherige übertroffen haben würde, wenn nicht seine -Laufbahn gewaltsam unterbrochen und er zum Erlernen -von Wissenschaften genötigt worden wäre, für die er entweder -gar keinen Sinn hatte oder denen er nur durch die -höchste Selbstüberwindung einigen Geschmack abgewinnen -konnte.</p> - -<p>Der Herzog von Württemberg hatte nämlich schon im -Jahr 1770 auf seinem Lustschlosse Solitüde eine militärische -Pflanzschule errichtet, die so guten Fortgang hatte, daß die -Lehrgegenstände, welche anfänglich nur auf die schönen Künste -beschränkt waren, bei anwachsender Zahl der Zöglinge auch -auf die Wissenschaften ausgedehnt wurden.</p> - -<p>Um die fähigsten jungen Leute kennen zu lernen, wurde -von Zeit zu Zeit bei den Lehrern Nachfrage gehalten, und<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span> -diese empfahlen 1772 unter andern guten Schülern auch -den Sohn des Hauptmanns Schiller als den vorzüglichsten -von allen. Sogleich machte der Herzog dem Vater den Antrag, -seinen Sohn in die Pflanzschule aufzunehmen, auf -fürstliche Kosten unterrichten und in allem freihalten lassen -zu wollen.</p> - -<p>Dieses großmütige Anerbieten, das manchem so willkommen -war, verursachte aber in der ganzen Schillerschen -Familie die größte Bestürzung, indem es nicht nur den so -oft besprochenen Plan aller vereitelte, sondern auch dem -Sohn jede Hoffnung raubte, sich als Redner, als Schriftsteller -und geistlicher Dichter einst auszeichnen zu können.</p> - -<p>Weil jedoch damals für die Theologie in dieser Anstalt -noch kein Lehrstuhl war, auch der junge Schiller schon alle -Vorbereitungsstudien für diesen Stand gemacht hatte, so -versuchte der Vater diese Gnade durch eine freimütige Vorstellung -abzuwenden, die auch so guten Erfolg hatte, daß -der Herzog selbst erklärte, auf diese Art könne er in der -Akademie ihn nicht versorgen. Einige Zeitlang schien der -Fürst den jungen Schiller vergessen zu haben. Aber ganz -unvermutet stellte er noch zweimal an den Vater das Begehren, -seinen Sohn in die Akademie zu geben, wo ihm -die Wahl des Studiums freigelassen würde und er ihn bei -seinem Austritt besser versorgen wolle, als es im geistlichen -Stande möglich wäre.</p> - -<p>Die Freunde der Familie sowie diese selbst sahen nur -zu gut, was zu befürchten wäre, wenn dem dreimaligen -Verlangen des Herzogs, das man nun als einen Befehl annehmen -mußte, nicht Folge geleistet würde, und mit zerrissenem -Gemüt fügte sich endlich auch der Sohn, um seine -Eltern, die kein anderes Einkommen hatten, als was die -Stelle des Vaters abwarf, keiner Gefahr auszusetzen.</p> - -<p>Man mußte also den Ausspruch des Gebieters erfüllen -und konnte sich für das Aufgeben so lange genährter Wünsche -nur dadurch einigermaßen für entschädigt halten, daß die<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -weitere Erziehung des Jünglings keine großen Unkosten verursachen -und eine besonders gute Anstellung in herzoglichen -Diensten ihm einst gewiß sein würde.</p> - -<p>Was noch weiter zur Beruhigung der Mutter und Schwestern -beitrug, war die Nähe des Institutes; die Gewißheit, -den Sohn und Bruder jeden Sonntag sprechen zu können; -dann die große Sorgfalt, welche man für die Gesundheit -der Zöglinge anwendete, und die vertrauliche, sehr oft väterliche -Herablassung des Herzogs gegen dieselben, durch welche -die strenge Disziplin um vieles gemildert wurde.</p> - -<p>Mißmutigen Herzens verließ der vierzehnjährige Schiller -1773 das väterliche Haus, um in die Pflanzschule aufgenommen -zu werden, und wählte zu seinem Hauptstudium -die Rechtswissenschaft, weil von dieser allein eine den Wünschen -seiner Eltern entsprechende Versorgung einst zu hoffen -war. Aber sein feuriger, schwärmerischer Geist fand in diesem -Fache so wenig Befriedigung, daß er es sich nicht verwehren -konnte, dem Bekenntnis, welches jeder Zögling über -seinen Charakter, seine Tugenden und Fehler jährlich aufsetzen -mußte, schon das erste Mal die Erklärung beizufügen: -»Er würde sich weit glücklicher schätzen, wenn er seinem -Vaterland als Gottesgelehrter dienen könnte.«</p> - -<p>Auf diesen ebenso schön als bescheiden ausgesprochenen -Wunsch wurde jedoch keine Rücksicht genommen. Das Studium -der Rechtswissenschaft mußte fortgesetzt werden und -wurde auch mit allem Fleiß und Eifer von ihm betrieben. -Aber nach Verlauf eines Jahres beschied der Herzog den -Vater Schillers wieder zu sich, um ihm zu sagen: »daß, -weil gar zu viele junge Leute in der Akademie Jura studierten, -seinem Sohne eine so gute Anstellung bei seinem Austritt -nicht werden könne, wie er selbst gewünscht hätte. Der -junge Mensch müsse Medizin studieren, wo er ihn dann mit -der Zeit sehr vorteilhaft versorgen wolle.«</p> - -<p>Ein neuer Kampf für den Jüngling! Neue Unruhe für -seine Eltern und Geschwister! Schon einmal hatte der zartfühlende<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span> -Sohn aus Rücksicht für seine Angehörigen die Neigung -zu einem Stande aufgeopfert, den ihm die Vorsehung -ganz eigentlich bestimmt zu haben schien. Jetzt sollte er ein -zweites Opfer bringen. Er sollte, nachdem er ein volles -Jahr der Rechtswissenschaft gewidmet, ein anderes Fach ergreifen, -gegen das er die gleiche Abneigung wie gegen das -zuerst erwählte an den Tag legte. Jedoch der beugsame, -kindliche Sinn, der ihn auch später in allen Vorfällen seines -Lebens nie verließ, machte ihm diesen schweren Schritt -möglich, und er unterwarf sich dem, was man über ihn -bestimmt hatte.</p> - -<p>Für den Vater war es zugleich nicht wenig lästig, daß -er die zahlreichen, zum Rechtsstudium erforderlichen Werke -ganz unnützerweise angeschafft hatte und nun für das neue -Fach noch viel größere Ausgaben machen mußte, indem nur -den gänzlich Unvermögenden die nötigen Bücher von der -Akademie verabfolgt wurden.</p> - -<p>Als der junge Schiller in die Klasse der Mediziner übertreten -mußte, war er in seinem sechzehnten Jahre, und so -ungern er auch die neue Wissenschaft ergriff, indem er nicht -hoffen konnte, sich jemals recht innig mit ihr zu befreunden, -so fand er sie doch nach kurzer Zeit um vieles anziehender, -als er sich vorgestellt hatte; denn die verschiedenen Teile derselben, -so trocken auch ihre Einleitung sein mochte, behandelten -doch alle ohne Ausnahme die lebendige Natur und -versprachen ihm einst bei dem Menschen neue Aufschlüsse -über die Wechselwirkung des Körperlichen und des Geistigen -aufeinander. Sein schon von Jugend auf sehr starker Hang -zum Forschen, zum tiefen Nachdenken, wurde durch die Hoffnung -angefeuert, hier einst Entdeckungen machen zu können, -die seinen Vorgängern entschlüpft wären, oder daß es ihm -vielleicht gelingen würde, die in so großer Menge zerstreuten -Einzelheiten auf wenige allgemeine Resultate zurückzuführen. -Aber bei allen diesen reizenden Vorahnungen und ungeachtet -der vorgeschriebenen Ordnung, die auch sehr streng<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span> -gehalten werden mußte, benutzte er doch jede freie Minute, -um sich mit der Geschichte, der Dichtkunst oder den Schriften -zu beschäftigen, welche den Geist, das Gemüt oder den -Witz anregen, und vermied solche, bei denen der kalte, überlegende -Verstand ganz allein in Anspruch genommen wird. -Unter den Dichtern war es Klopstock, der sein Gefühl, das -noch immer am liebsten bei den ernsten, erhabenen Gegenständen -der Religion verweilte, am meisten befriedigte. Seinen -eignen Genuß an diesen Werken suchte er auch seiner -ältesten Schwester wenigstens in dem Maße zu verschaffen, -als es durch briefliche Mitteilung in Erklärung der schönsten -und schwersten Stellen möglich war. In seiner jugendlichen -Unschuld, den hohen Stand noch gar nicht ahnend, zu dem -ihn die Vorsehung erwählt und mit allen ihren göttlichen -Gaben so überschwenglich reich beteilt hatte, konnte er wohl -öfters die entschiedene Neigung für dichterische oder andere -Geisteswerke als eine bloße Belustigung für seine Phantasie -betrachten und sich Vorwürfe darüber machen, wenn dadurch -so manche Stunde seinem Berufsstudium entzogen wurde. -Aber eine innere, beruhigende Stimme rief ihm dann zu: -ist der große Arzt, der große Naturforscher Haller nicht auch -zugleich ein großer Dichter? Wer besang die Wunder der -Schöpfung schöner und herrlicher als Haller?</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Du hast den Elefant aus Erde aufgetürmt,<br /></span> -<span class="i0">Und seinen Knochenberg beseelt,«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">war ein Ausdruck, den Schiller nebst so vielen andern dieses -Dichters nicht nur damals, sondern auch dann noch mit -Bewunderung anführte, als seine erste Jugendzeit längst verflogen -war.</p> - -<p>Jedoch nicht nur das Beispiel Hallers erleichterte ihm -die Selbstentschuldigung wegen seines Hangs für die Dichtkunst, -sondern es waren in der Abteilung, in welche er jetzt -versetzt war, noch mehrere Zöglinge, die eine gleiche Leidenschaft -für Genüsse des Geistes und Gemütes hatten, unter<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -denen sich Petersen Hoven, Massenbach und andere als -Dichter oder Schriftsteller später bekannt gemacht haben. -Je erkünstelter der Fleiß war, mit dem diese jungen Leute -ihr Hauptstudium trieben, je gieriger suchten sie Erholung -in dichterischen Werken, von denen endlich die von Goethe -und Wieland ihnen die liebsten waren. Ihre natürlichen -Anlagen verleiteten sie, bei dem bloßen Lesen und Genießen -nicht stehen zu bleiben, sondern ihre Kräfte auch an eignen -Aufsätzen oder poetischen Darstellungen zu versuchen. Und -daß keiner seine Arbeit den anderen verheimlichte; daß jeder -mit größter Offenheit getadelt oder gelobt wurde; daß diese -Jünglinge sich in ungewöhnlichen oder verwegenen Dichtungen -zu überbieten suchten, war eine natürliche Folge -ihrer Jahre und des Zwanges, dem sie unterworfen waren. -Die gleiche Lieblingsneigung, die sie nur verstohlenerweise befriedigen -durften, die gleiche Subordination, unter die sie -ihren Willen beugen mußten, ketteten sie so fest aneinander, -daß sie in der Folge sich nie trafen, ohne ihre Freude durch -die fröhlichste Laune, oft durch wahren Jubel zu bezeugen.</p> - -<p>Unter allen diesen Schriften aber machten diejenigen, -die für das Theater geschrieben waren, den meisten Eindruck -auf den jungen Schiller. Jede Handlung im ganzen, -jede Szene im einzelnen weckte in ihm eine der schlummernden -Kräfte, deren die Natur für diese Dichtungsart so viele -in ihn gelegt hatte, und die so reizbar waren, daß er mit -einem dramatischen Gedanken nur angehaucht zu werden -brauchte, um sogleich in Flammen der Begeisterung aufzulodern. -In seinem zehnten Jahre hatte er zwar schon in -Ludwigsburg Opern gesehen, die der Herzog mit allem Pomp, -mit aller Kunst damaliger Zeit aufführen ließ. So neu und -wundervoll dem empfänglichen Knaben der schnelle Wechsel -prachtvoller Dekorationen, das Anschauen künstlicher Elefanten, -Löwen etc., die Aufzüge mit Pferden, das Anhören großer -Sänger, von einem trefflichen Orchester begleitet, der Anblick -von Balletten, die von Noverre eingerichtet, von Vestris getanzt<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span> -wurden – so sehr dieses alles, vereinigt, ihn auch außer -sich versetzen mußte, so hatte es doch nur die äußern Sinne -des Auges, des Ohres berührt, aber Gefühl und Gemüt -weder angesprochen noch befriedigt. Dagegen waren Julius -von Tarent, Ugolino, Götz von Berlichingen und, einige -Jahre vor seinem Austritt, alle Stücke von Shakespeare -diejenigen Werke, welche mit allen seinen Gedanken und -Empfindungen so übereinstimmten, seines Geistes sich dergestalt -bemeisterten, daß er schon in seinem siebzehnten Jahre -sich an dramatische Versuche wagte und das später so berühmte -Trauerspiel, die Räuber, zu entwerfen anfing. Gaben -die genannten Schriften seiner Vorliebe für dramatische Poesie -schon überflüssige Nahrung, so wurde seine Neigung, sowie -für schöne Kunst überhaupt, schon dadurch unterhalten und -bestärkt, daß er mit jenen Zöglingen, die sich für die Bühne, -die Tonkunst oder Malerei bestimmt hatten, im genauen Umgange -stand. Denn so streng auch in dieser Akademie darauf -gehalten wurde, daß jeder die Gegenstände seines künftigen -Berufes auf das gründlichste erlerne, so war, wenn -diesen Forderungen Genüge geleistet wurde, der Umgang der -Zöglinge untereinander gar nicht so beschränkt, daß sie ihre -freien Stunden nicht hätten nach ihrem Willen benützen -dürfen, wenn dieser die allgemeine Ordnung nicht störte. -Auch war es denjenigen unter ihnen, die Gefallen daran -fanden, alle Jahre einigemal erlaubt, Theaterstücke in einem -akademischen Saale aufzuführen, bei denen aber die weiblichen -Rollen gleichfalls von Jünglingen besetzt werden mußten. -Schiller konnte dem Drange nicht widerstehen, sich -auch als Schauspieler zu versuchen, und übernahm im Clavigo -eine Rolle, die er aber so darstellte, daß sein Spiel -noch lange nachher sowohl ihm als seinen Freunden reichen -Stoff zum Lachen und zur Satire verschaffte.</p> - -<p>Es konnte jedoch nicht anders kommen, als daß diese -dichterischen Zerstreuungen nur zum Nachteil seiner medizinischen -Studien genossen wurden, und daß er manchen<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -Verdruß mit seinem Hauptmann sowie öfters Vorwürfe -von seinen Professoren sich zuzog, wenn er das aufgegebene -Pensum nicht gehörig abgearbeitet hatte.</p> - -<p>Und dennoch, sowohl aus Liebe zu seinen Eltern, denen -er Freude zu machen wünschte, als aus Ehrgeiz und edlem -Stolze, war sein Fleiß aufrichtiger und größer als der seiner -Mitschüler. Aber geschah es denn mit seinem Willen, daß -ihn mitten im eifrigsten Lernen Bilder überraschten, die -mit denen, die das Buch darbot, nicht die mindeste Ähnlichkeit -hatten! – War es seine Schuld, daß er anatomische -Zeichnungen, Präparate, fast unmöglich in ihrer eingeschränkten -Beziehung betrachten konnte, sondern seine Phantasie -sogleich in dem Großen, Allgemeinen der ganzen Natur -umherschweifte? Oder konnte er es seiner ihm so treu -anhänglichen Muse verwehren, daß sie selbst in den Kollegien, -wenn er mit tiefsinnigem Blick auf den Professor -horchte, ihm etwas zuflüsterte, was seine Ideen von dem -Vortrage wegriß und seinen Geist auch den ernstlichsten -Vorsätzen entgegen in dichterische Gefilde leitete? – Nichts -von allem diesem. Ganz unfreiwillig mußte er sich diesen -Störungen unterwerfen. Wie durch eine zauberische Gewalt -herbeigeführt, gärten in seinem Innern Bilder und Entwürfe, -die immer stärker andrängten, je mehr der Mann -sich in ihm entwickelte und seine Vorstellungen sich bereicherten.</p> - -<p>Er selbst sah sehr gut ein, daß er bei diesem nicht ungeteilten -Treiben seiner Berufswissenschaft sehr spät das -Ziel erreichen würde, welches er sich vorgesetzt hatte, und -ob auch seine Lehrer die treffenden Bemerkungen und Antworten -von ihm weit höher als den mechanischen Fleiß der -andern achteten, so stellte er doch zu große Forderungen an -sich selbst, als daß ihm seine bisherigen Fortschritte hätten -genügen können. Er beschloß daher in seinem achtzehnten -Jahre, so lange nichts anderes, als was die Medizin betreffe, -zu lesen, zu schreiben oder auch nur zu denken, bis er sich<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -das Wissenschaftliche davon ganz zu eigen gemacht hätte. -Der ungeheuern Überwindung, die es ihn anfangs kostete, -ungeachtet, verfolgte er diesen Vorsatz mit solcher Festigkeit -und studierte die ärztlichen Werke von Haller mit so viel -unausgesetztem Eifer, daß er schon nach Verlauf von kaum -drei Monaten eine Prüfung darüber bestehen konnte, von -welcher er die größten Lobsprüche einerntete. Diese außerordentliche -Anstrengung, bei welcher er sich auch den kleinsten -Genuß, selbst ein aufmunterndes Gespräch versagte, hatte -zwar etwas nachteilig auf seinen Körper gewirkt, dagegen -aber ihn mit der Wissenschaft dergestalt vertraut gemacht, daß -er nun mit größter Leichtigkeit auf die Anwendung derselben -sowohl in ihren verschiedenen Fächern als in der Heilkunde -selbst übergehen konnte.</p> - -<p>Das höchste Opfer, welches er seinem künftigen Berufe -bringen mußte, war eine so lange dauernde Entsagung der -Dichtkunst, die bei ihm schon zur Leidenschaft geworden war. -Aber er hatte sich von der Geliebten ja nur entfernt! Untreu -konnte er ihr niemals werden; denn so wie er den -Grad des Wissens, der ihn zum Meister der Arzneikunde -machen sollte, einmal erobert hatte, kehrte er mit allem -Feuer ungestillter Sehnsucht in die Arme der Göttin zurück -und benutzte jeden freien Augenblick zur Ausarbeitung seines -angefangenen Trauerspiels. Auch dichtete er außer vielen -andern Sachen in diesem Zeitpunkt eine Oper, Semele, -die so großartig gedacht war, daß, wenn sie hätte aufgeführt -werden sollen, alle mechanische Kunst des Theaters damaliger -Zeit (und man darf sagen, auch der jetzigen) nicht -ausgereicht haben würde, um sie gehörig darzustellen.</p> - -<p>Das Praktische der Medizin kostete ihn nun weit weniger -Mühe, als ihm das Theoretische verursacht hatte. Die Anwendung -der vorgeschriebenen Regeln erhöhten sein Interesse -schon darum, weil er ihre Wirkung beobachten und Bemerkungen -darüber äußern konnte, die von seinen Professoren -oft bewundert wurden. Die günstigen Zeugnisse, die sie<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -ihm erteilten, hatten für ihn die angenehme Folge, daß er -mit dem Antritt seines zweiundzwanzigsten Jahres über eine -von ihm selbst geschriebene Abhandlung öffentlich disputieren -durfte und für fähig gehalten ward, nicht nur aus der -Akademie treten, sondern auch eine ärztliche Anstellung in -herzoglichen Diensten bekleiden zu können. Er erhielt zu -Ende des Jahres 1780 bei dem in Stuttgart liegenden -Grenadierregiment Augé die Stelle eines Arztes mit monatlicher -Besoldung von achtzehn Gulden Reichswährung oder -fünfzehn Gulden im Zwanzig-Gulden-Fuß.</p> - -<p>Obwohl die Berufsfähigkeiten Schillers eine würdigere -Auszeichnung verdient hätten und auch die Stelle nebst -ihrem kleinen Sold sehr tief unter der Erwartung der Eltern -war, die dem gegebenen Versprechen des Herzogs gemäß -auf eine weit bessere Versorgung gezählt hatten, so -durfte doch von keiner Seite ein Widerspruch erhoben oder -eine Einwendung dagegen gemacht werden.</p> - -<p>Und derjenige, der die größte Ursache zu klagen gehabt -hätte, war am besten mit dieser Entscheidung zufrieden, weil -nun seine Tätigkeit freien Raum hatte und weil ihm der -ungehinderte Gebrauch seiner Dichtergabe gestattet schien, die -sich von Tag zu Tag stärker entwickelte; denn je mehr ihm -der Zwang und die unabänderliche Regelmäßigkeit mißfiel, -in welcher er sieben Jahre seiner schönsten Jugendzeit zubringen -mußte, um so öfter und leidenschaftlicher beschäftigte -er sich mit Entwürfen, wie er einst seine Freiheit genießen -wolle; und als endlich die Hoffnung zur Selbständigkeit, sowohl -ihm als seinen jungen Freunden in Gewißheit überzugehen -anfing, war es ihre einzige, angenehmste Unterhaltung, -sich ihre Wünsche und Vorsätze hierüber mitzuteilen. -Die letzteren betrafen jedoch hauptsächlich literarische Gegenstände, -die so tätig ins Werk gesetzt wurden, daß Schiller -sogleich nach dem Antritt seines Amtes das Schauspiel, die -Räuber, das er in den vier letzten Jahren seines akademischen -Aufenthaltes schrieb, gänzlich in Ordnung brachte<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -und solches zu Anfang des Sommers 1781 im Druck herausgab.</p> - -<p>Es wäre vergeblich, den Eindruck schildern zu wollen, -den diese Erstgeburt eines Zöglings der hohen Karlsschule -und, wie man wußte, eines Lieblings des Herzogs in dem -ruhigen, harmlosen Stuttgart hervorbrachte, wo man nur -mit den frommen, sanften Schriften eines Gellert, Hagedorn, -Ramler, Rabener, Utz, Kramer, Schlegel, Cronegk, -Haller, Klopstock, Stollberg und ähnlicher den Geist nährte; -wo man die Gedichte von Bürger, die Erzählungen von -Wieland als das Äußerste anerkannte, was die Poesie in -sittlichen Schilderungen sich erlauben darf – wo man Ugolino -für das schauderhafteste und Götz von Berlichingen für -das ausschweifendste Produkt erklärte; – wo Shakespeare -kaum einigen Personen bekannt war und wo gerade die -Leiden Siegwarts, Karl von Burgheim und Sophiens Reise -von Memel nach Sachsen das höchste Interesse der Leseliebhaber -erregt hatten. Nur derjenige, der die genannten -Schriften kennt, sich den ruhigen, stillen Eindruck, den sie -einst auf ihn machten, zurückruft und dann einige Auftritte -aus den Räubern liest; nur der allein kann sich die Wirkung -lebhaft genug vorstellen, welche diese – in Rücksicht -ihrer Fehler sowohl als ihrer Schönheiten – außerordentliche -Dichtung hervorbrachte. Die jüngere Welt besonders wurde -durch die blendende Darstellung, durch die natürliche, ergreifende -Schilderung der Leidenschaften in die höchste Begeisterung -versetzt, welche sich unverhohlen auf das lebhafteste -äußerte.</p> - -<p>Der Ruhm des Dichters blieb aber nicht auf sein Vaterland -beschränkt. Ganz Deutschland ertönte von Bewunderung -und Erstaunen, daß ein Jüngling seine Laufbahn mit -einem Werk eröffne, womit andere sich glücklich preisen würden, -die ihrige beschließen zu können.</p> - -<p>Diese Lobeserhebungen, so schmeichelhaft sie auch seinem -Ehrgeize waren, konnten ihn jedoch nicht in dem Grade<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span> -berauschen, daß er geglaubt hätte, schon vieles oder gar -alles erreicht zu haben, sondern waren eher ein Sporn für -ihn, noch Größeres zu leisten.</p> - -<p>Er veranstaltete im nämlichen Jahre noch die Herausgabe -einer Sammlung Gedichte, die teils von ihm selbst, -teils von seinen Freunden schon in der Akademie bearbeitet -worden waren, und ließ solche unter dem Titel Anthologie -1782 erscheinen. Da auch das von dem Professor Balthasar -Haug seit einigen Jahren herausgegebene Schwäbische -Magazin sich seinem Ende nahte, so beschloß er, in Gemeinschaft -mit seinen Freunden die erlöschende Monatschrift als -ein Repertorium für Literatur fortzusetzen; was um so leichter -zustande kam, je größer der Vorrat war, den sie schon früher -gesammelt hatten. Mit wahrhaft jugendlichem Übermut verfaßte -er für diese Schrift in der Folge eine Rezension seiner -Räuber, welche so hart und beißend war, daß man nicht -begreifen konnte, wie jemand es wagen mochte, eine Arbeit -so streng zu tadeln, deren Glanz die meisten Leser verblendet -und auch den größten Kennern Achtung abgenötigt hatte. -Der über diese Beurteilung häufig geäußerte Tadel gewährte -aber ihm desto mehr Belustigung, je weniger jemand – -außer einigen Freunden, die darum wußten – vermutete, -daß der Verfasser selbst diese scharfe Geißel über sich geschwungen.</p> - -<p>Diese literarischen Beschäftigungen, welche eine lang gehegte -Sehnsucht befriedigten, und bei welchen sich Schiller -ganz in seinem Element befand, hätten ihm wenig zu wünschen -übrig gelassen, wenn dadurch seine körperlichen Bedürfnisse -ebenso wie seine geistigen gehoben gewesen wären. -Allein dies konnte um so weniger der Fall sein, je kleiner -in Stuttgart die Anzahl der Buchhändler oder derjenigen -Leute war, die nicht nur lesen, sondern auch kaufen wollten. -Es ließ sich schon für die Räuber kein Verleger finden, -der die Ausgabe auf seine Kosten wagen, noch minder -aber etwas dafür honorieren wollte, daher der Dichter genötigt<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -war, sie auf eigne Kosten drucken zu lassen und, da -seine Geldkräfte bei weitem nicht hinreichten, den Betrag zu -borgen.</p> - -<p>Um zu versuchen, ob er nicht zu einigem Ersatz seiner -Auslagen gelangen könne, und um sein Werk auch im Ausland -bekannt zu machen, schrieb er, noch ehe der Druck -ganz beendigt war, an Herrn Hofkammerrat und Buchhändler -Schwan zu Mannheim, der durch den vorteilhaftesten -Ruf bekannt war, und schickte ihm die fertigen Bogen -zu, welche er, mit Bemerkungen begleitet, wieder zurückerhielt.</p> - -<p>Ob allein die Ansichten des Herrn Schwan den Verfasser -aufmerksam machten, oder ob er selbst darüber erschrak, -wie grell und widerlich sich manches dem Auge darstelle, -nachdem es nun gedruckt vor ihm lag – genug, in -den letzten Bogen wurde einiges geändert, die von der Presse -schon ganz fertig gelieferte Vorrede unterdrückt und eine -neue mit gemilderten Ausdrücken an deren Stelle gesetzt.</p> - -<p>Wer es weiß, wie einseitig ein Dichter oder Künstler -wird, wenn er nicht mit andern seines Faches, die höher als -er, oder doch mit ihm auf gleicher Stufe stehen, Umgang -haben und seine Ideen austauschen kann; wer zugibt, daß -bei einem reichen, feurigen Talent, in den ersten Jünglingsjahren -nur Begeisterung und Einbildungskraft herrschen, Verstand -und Geschmack aber von diesen übertäubt werden; der -wird die stärksten Auswüchse in den Räubern um so eher -entschuldigen, als der Dichter nicht in der Lage war, einen -in der Literatur bedeutenden Mann zum Vertrauten zu -haben, und auch schon sein zweites Werk hinlänglich bezeugte, -mit welcher Umsicht er die Fehler des ersten zu vermeiden -gesucht.</p> - -<p>So sehr Herr Schwan als Buchhändler Schillern nützlich -zu werden suchte, so eifrig verwendete er sich bei dem -damaligen Intendanten des Mannheimer Theaters, Baron -von Dalberg, damit dieses Stück für die Bühne brauchbar<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -gemacht und aufgeführt werden könne. Demzufolge forderte -Baron von Dalberg den Dichter auf, nicht nur dieses -Trauerspiel abzuändern, sondern auch seine künftigen Arbeiten -für die Schauspielergesellschaft in Mannheim einzurichten. -Schiller willigte um so lieber in diesen Vorschlag, -je entfernter der Zeitpunkt war, in welchem eine seiner -Dichtungen auf dem Theater in Stuttgart hätte aufgeführt -werden können, indem die Leistungen desselben bloß als -Versuche von Anfängern gelten konnten.</p> - -<p>Vor dem Jahre 1780 war nie ein stehendes deutsches -Theater in der Hauptstadt Württembergs. Was man daselbst -vom Schauspiel kannte, waren die Opern und Ballette, -welche früher, ganz auf herzogliche Kosten, von Italienern -und Franzosen, und nachdem diese verabschiedet waren, von -den männlichen und weiblichen Zöglingen der Akademie, -gleichfalls in italienischer und französischer Sprache gegeben -wurden. In Mitte der siebziger Jahre kam Schikaneder -nach Stuttgart; durfte aber keine Vorstellung im Opernhause -geben, sondern mußte seine Operetten, Lust- und -Trauerspiele im Ballhause aufführen. Erst als die Zöglinge -der Akademie mehr herangewachsen, und man sie – -da sie doch einmal für das Schauspiel bestimmt waren – -in Übung erhalten wollte, gaben sie so lange, bis ein neues -Theater gebaut wurde, die Woche einige deutsche Operetten -in dem Opernhause, für deren Genuß das Publikum ein -sehr mäßiges Eintrittsgeld bezahlte. Auch als das kleinere -Theater fertig stand, wurden anfänglich nichts als kleine, -deutsche Opern aufgeführt; was um so natürlicher war, da -sich unter allen, welche sich dem Theater gewidmet hatten, -nur eine einzige Person fand, welche wahrhaft großes Talent -sowohl für komische als ernsthafte Darstellungen zeigte.</p> - -<p>Diese war – Herr Haller, ein wahrer Sohn der Natur. -Wäre ihm damals das Glück geworden in einer andern -Umgebung zu sein, gute Vorbilder und Beispiele zu sehen, -so hätte er einer der besten Schauspieler Deutschlands werden<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span> -können, und sein Name wäre mit den Vorzüglichsten -dieser Kunst zugleich genannt worden.</p> - -<p>Je tiefer nun diese vaterländische Schaubühne unter dem -Ideale stand, das Schillern von einem guten, besonders aber -tragischen Schauspiel vorschwebte, um so lebhafter ergriff er -den Vorschlag, sein Stück für eine Bühne zu bearbeiten, die -nicht nur einen sehr großen Ruf hatte, sondern sich auch -um so mehr als die erste in Deutschland achten durfte, da -fast alle ihre Mitglieder in der Schule von Ekhof gebildet -waren. Mit all dem Eifer, den Jugend und Begeisterung -zur Erreichung eines Zweckes, der für ihn das höchste seiner -Wünsche war, nur immer hervorbringen können, ging Schiller -an die Umarbeitung seines Trauerspiels, die er sich weniger -schwer dachte, als er in der Folge fand. Denn wäre es -ihm auch leicht geworden, seinen hohen, dichterischen Flug -den Schranken der Bühne und den Forderungen des Publikums -gemäß einzurichten; oder hätte er auch ohne Bedauern -manche Szenen und Stellen aufgeopfert, die er und seine -Freunde sehr hoch geschätzt hatten, so raubten ihm seine -Berufsgeschäfte den ungehinderten Gebrauch der Zeit sowie -die nötige Stimmung, die eine solche Arbeit erfordert. Seinem -ganzen Wesen, das nicht den mindesten Zwang ertragen -konnte, war das immerwährende Einerlei der Lazarettbesuche -und ebenso das tägliche und genaue Erscheinen auf -der Wachtparade, um seinem General den Rapport über die -Kranken abzustatten, im höchsten Grad zuwider. Die unpoetische -Uniform, aus einem blauen Rock mit schwarzem -Samtkragen, weißen Beinkleidern, steifem Hut und einem -Degen ohne Quaste bestehend, sah er als ein Abzeichen an, -das ihn unablässig an die Subordination erinnern solle. -Am härtesten fiel ihm jedoch, daß er ohne ausdrückliche Erlaubnis -seines Generals sich nicht aus der Stadt entfernen -und seine nur eine Stunde von Stuttgart wohnenden Eltern -und Geschwister besuchen durfte. In seiner schönsten Jugendzeit -mußte er diesen Umgang meistens nur auf schriftliche<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span> -Unterhaltung beschränken, und jetzt, da er sich frei glauben -durfte, war es ihm um so schmerzlicher, den Besuch seiner -nächsten Angehörigen von der Laune seines Chefs erbitten -zu müssen.</p> - -<p>Die ganze Familie fand sich durch seine Anstellung als -Regimentsarzt getäuscht, indem sie, als der Sohn seiner -Neigung zur Theologie entsagen mußte, auf das von dem -Herzog gegebene Versprechen fest baute, daß er ihn für die -gemachte Aufopferung auf die vorteilhafteste Art schadlos -halten würde.</p> - -<p>Jedoch mußten alle sich fügen, und dem Sohne blieb -nur der Trost, den er in seinen dichterischen Beschäftigungen -fand, und nebenbei die Aussicht, sich dadurch im Auslande -bekannt und seinen Wirkungskreis bedeutender zu machen. -Er schrieb daher auch an Wieland, den er nicht allein -wegen seiner Vielseitigkeit, sondern vorzüglich wegen der -hohen Vollendung seiner Dichtungen außerordentlich hochschätzte, -und war überglücklich, als er von diesem großen Mann -eine Antwort erhielt, die nicht nur das Ungewöhnliche -und Seltene der frühzeitigen Leistungen Schillers in vollem -Maß anerkannte, sondern auch überhaupt sehr geistreich und -schmeichelhaft war. Für die Freunde von Schiller, die an -allem, was ihn betraf, mit dem wärmsten Eifer Anteil -nahmen, war es eine Art von Fest, diesen Brief zu lesen; -sowohl die schöne, reine Schrift als die fließende Schreibart -zu bewundern und sich über dessen Inhalt zu besprechen. -Mit Stolz hoben sie es heraus, daß der Sänger der Musarion -auch ein Schwabe sei und von diesem Schwaben die -Sprache der Grazien der feinsten, gebildetsten Welt vorgetragen -werde.</p> - -<p>Ähnliche Ermunterungen vom Auslande nebst dem -Drange, die Geschöpfe seiner Einbildungskraft verwirklicht -zu sehen, stärkten den Mut des jungen Dichters und erhoben -ihn über die Widerwärtigkeiten, welche ihm seine Lage -täglich verursachte. Außer den vielen Unterbrechungen aber,<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -die ihm sein Stand zur Pflicht machte, waren auch die Einwürfe -des Baron Dalberg nichts weniger als dazu geeignet, -ihn bei guter Laune für seine Arbeit zu erhalten, und man -darf sich daher auch nicht wundern, daß er zur Umschmelzung -seines Schauspiels so viele Monate brauchte, als es -bei minderer Störung Wochen bedurft hätte.</p> - -<p>Er besiegte jedoch alle Schwierigkeiten, so sehr sich auch -sein ganzes Wesen anfangs dagegen sträubte, und fühlte sich -wie von der schwersten Last erleichtert, als er sein Manuskript -für fertig halten und nach Mannheim absenden konnte. -Um aber dem Leser das Gesagte anschaulicher zu machen, -sei es erlaubt einen Teil des Schreibens, welches die Umarbeitung -begleitete, aus den, bei D. R. Marx in Karlsruhe -erschienenen Briefen Schillers an Baron Dalberg hier -einzurücken, indem es zur Bestätigung des Obigen dient, -und zugleich den Beweis liefert, wie streng und mit wie -wenig Schonung er bei der Abänderung verfuhr. Selten -wird wohl ein Dichter bei seinem ersten Werke schon alles -für so wichtig angesehen oder so scharf beurteilt haben, als -es hier von einem zweiundzwanzigjährigen Jüngling geschehen -ist.</p> - -<div class="letter"> -<p class="right"> -Stuttgart, den 6. Oktober 1781. -</p> - -<p>»Hier erscheint endlich der verlorene Sohn, oder die -umgeschmolzenen Räuber. Freilich habe ich nicht auf den -Termin, den ich selbst festsetzte, Wort gehalten, aber es bedarf -nur eines flüchtigen Blicks über die Menge und Wichtigkeit -der getroffenen Veränderungen, mich gänzlich zu entschuldigen. -Dazu kommt noch, daß eine Ruhrepidemie in -meinem Regimentslazarett mich von meinem <em class="antiqua">otiis poeticis</em> -sehr oft abrief. Nach vollendeter Arbeit darf ich Sie versichern, -daß ich mit weniger Anstrengung des Geistes und -gewiß mit noch weit mehr Vergnügen ein neues Stück, ja -selbst ein Meisterstück schaffen wollte, als mich der nun getanen -Arbeit nochmals unterziehen. – Hier mußte ich Fehlern<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -abhelfen, die in der Grundlage des Stückes schon -notwendig wurzeln, hier mußte ich an sich gute Züge den -Grenzen der Bühne, dem Eigensinn des Parterre, dem Unverstand -der Galerie, oder sonst leidigen Konventionen aufopfern, -und einem so durchdringenden Kenner, wie ich in -Ihnen zu verehren weiß, wird es nicht unbekannt sein können, -daß es, wie in der Natur so auf der Bühne, für eine -Idee, eine Empfindung, auch nur einen Ausdruck, ein Kolorit -gibt. Eine Veränderung, die ich in einem Charakterzug -vornehme, gibt oft dem ganzen Charakter, und folglich -auch seinen Handlungen und der auf diesen Handlungen -ruhenden Mechanik des Stücks eine andere Wendung. Also -Hermann. Wiederum stehen die Räuber im Original unter -sich in lebhaftem Kontrast, und gewiß wird ein jeder Mühe -haben, vier oder fünf Räuber kontrastieren zu lassen, ohne -in einem von ihnen gegen die Delikatesse des Schauplatzes -anzurennen. Als ich es anfangs dachte und den Plan bei -mir entwarf, dacht' ich mir die theatralische Darstellung -hinweg. Daher kam's, daß Franz als ein räsonierender -Bösewicht angelegt worden; eine Anlage, die, so gewiß sie -den denkenden Leser befriedigen wird, so gewiß den Zuschauer, -der vor sich nicht philosophiert, sondern gehandelt -haben will, ermüden und verdrießen muß. In der veränderten -Auflage konnte ich diesen Grundriß nicht übern -Haufen werfen, ohne dadurch der ganzen Ökonomie des -Stücks einen Stoß zu geben; ich sehe also mit ziemlicher -Wahrscheinlichkeit voraus, daß Franz, wenn er nun auf der -Bühne erscheinen wird, die Rolle nicht spielen werde, die er -beim Lesen gespielt hat. Dazu kommt noch, daß der hinreißende -Strom der Handlung den Zuschauer an den feinen -Nuancen vorüberreißt, und ihn also wenigstens um den -dritten Teil des ganzen Charakters bringt. Der Räuber -Moor, wenn er, wie ich zum voraus versicherte, seinen -Mann unter den HH. Schauspielern findet, dürfte auf dem -Schauplatz Epoche machen; einige wenige Spekulationen, die<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -aber auch als unentbehrliche Farben in dem ganzen Gemälde -spielen, weggerechnet, ist er ganz Handlung, ganz anschauliches -Leben. Spiegelberg, Schweizer, Hermann etc. sind -im eigentlichsten Verstande Menschen für den Schauplatz; -weniger Amalie und der Vater.</p> - -<p>Ich habe schriftliche, mündliche und gedruckte Rezensionen -zu benutzen gesucht. Man hat mehr von mir gefordert als -ich leisten konnte, denn nur dem Verfasser eines Stücks, -zumal wenn er selbst noch Verbesserer wird, zeigt sich das -<em class="antiqua">non plus ultra</em> vollkommen. Die Verbesserungen sind wichtig, -verschiedene Szenen ganz neu, und meiner Meinung -nach, das ganze Stück wert – – – – – – – – –</p> - -<p>Franz ist der Menschheit etwas nähergebracht, aber der -Weg dazu ist etwas seltsam. Eine Szene, wie seine Verurteilung -im fünften Akt, ist meines Wissens auf keinem -Schauplatz erlebt, ebensowenig als Amaliens Aufopferung -durch ihren Geliebten. Die Katastrophe des Stücks deucht -mir nun die Krone desselben zu sein. Moor spielt seine -Rolle ganz aus, und ich wette, daß man ihn nicht in dem -Augenblick vergessen wird, als der Vorhang der Bühne gefallen -ist. Wenn das Stück zu groß sein sollte, so steht es -in der Willkür des Theaters, Räsonnements abzukürzen, oder -hie und da etwas unbeschadet des ganzen Eindrucks hinweg -zu tun. Aber dawider protestiere ich höflich, daß beim -Drucken etwas hinweggelassen wird; denn ich hatte meine -guten Gründe zu allem, was ich stehen ließ, und soweit geht -meine Nachgiebigkeit gegen die Bühne nicht, daß ich Lücken -lasse und Charaktere der Menschheit für die Bequemlichkeit -der Spieler verstümmle.« – – – – – – – – –</p> - -<p class="noind"> -– – – – – – – – – – – – – – – –<br /> -– – – – – – – – – – – – – – – –</p> -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Fr. Schiller</em>, <em class="antiqua">R. Medicus</em>.<br /> -</p></div> - -<p>Es würde die vorgesteckten Grenzen dieser Schrift überschreiten, -wenn auch die folgenden Briefe, welche die Einwürfe<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -des Freiherrn von Dalberg widerlegen sollten, hier -angeführt würden. Nur so viel sei noch hierüber gesagt, -daß, so sehr auch Schiller den Zug in dem Charakter Karl -Moors, die Geliebte mit seiner Hand zu töten, als wesentlich -zur ganzen Rolle, ja als eine positive Schönheit derselben -betrachtete, sein Gegner davon nicht abzubringen war, -daß Amalie sich selbst mit dem Dolch erstechen müsse. Der -andere Punkt, die Räuber in die Zeiten Maximilians des -Ersten zu versetzen und in altdeutscher Kleidung spielen zu -lassen, machte der theatralischen Wirkung gar keinen Eintrag, -indem die Handlung zu sehr hinriß, um Vergleichungen -zwischen der Sprache und dem Kostüm anstellen zu können, -und damals nur äußerst wenige der Kritik, sondern -nur des Eindrucks wegen, den das Gesehene bei ihnen zurücklassen -sollte, das Schauspiel besuchten.</p> - -<p>Mit welcher Unruhe Schiller den Nachrichten aus Mannheim -entgegensah, und in welcher Spannung er die Zeit -zubrachte, welche zu den Vorbereitungen, den Proben erforderlich -war, mag wohl nur der am richtigsten beurteilen, -der als Dichter oder Tonkünstler sich zum erstenmal in gleichem -Fall befindet. Er selbst sagt hierüber in einem der -folgenden Briefe: »Auf meinen Räuber Moor bin ich im -höchsten Grad begierig, und von Herrn Böck, der ihn -ja vorstellen soll, höre ich nichts als Gutes. Ich freue -mich wirklich darauf wie ein Kind.« Ferner: »Ich glaube -meine ganze dramatische Welt wird dabei aufwachen, und -im ganzen einen größern Schwung geben; denn es ist das -erste Mal in meinem Leben, daß ich etwas mehr als Mittelmäßiges -hören werde.«</p> - -<p>Endlich kam auch der so heftig gewünschte und ersehnte -Tag heran, wo er seinen verlornen Sohn, wie er anfangs -die Räuber benennen wollte, in der Mitte Januars 1782 -auf dem Theater in Mannheim darstellen sah. Aus der -ganzen Umgegend, von Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt, -Mainz, Worms, Speyer etc. waren die Leute zu Roß und<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -zu Wagen herbeigeströmt, um dieses berüchtigte Stück, das -eine außerordentliche Publizität erlangt hatte, von Künstlern -aufführen zu sehen, die auch unbedeutende Rollen mit täuschender -Wahrheit gaben und nun hier um so stärker wirken -konnten, je gedrängter die Sprache, je neuer die Ausdrücke, -je ungeheuerer und schrecklicher die Gegenstände waren, welche -dem Zuschauer vorgeführt werden sollten. Der kleine Raum -des Hauses nötigte diejenigen, welchen nicht das Glück zu -teil wurde, eine Loge zu erhalten, ihre Sitze schon mittags -um ein Uhr zu suchen und geduldig zu warten, bis um -fünf Uhr endlich der Vorhang aufrollte. Um die Veränderung -der Kulissen leichter zu bewerkstelligen, machte man -aus fünf Akten deren sechs, welche von fünf Uhr bis nach -zehn Uhr dauerten. Die ersten drei Akte machten die Wirkung -nicht, die man im Lesen davon erwartete; aber die -letzten drei enthielten alles, um auch die gespanntesten Forderungen -zu befriedigen.</p> - -<p>Vier der besten Schauspieler, welche Deutschland damals -hatte, wendeten alles an, was Kunst und Begeisterung darbieten, -um die Dichtung auf das vollkommenste und lebendigste -darzustellen. Böck als Karl Moor war vortrefflich, -was Deklamation, Wärme des Gefühls und den Ausdruck -überhaupt betraf. Nur seine kleine, untersetzte Figur störte -anfangs, bis der Zuschauer von dem Feuer des Spiels fortgerissen, -auch diese vergaß. Beil als Schweizer ließ nichts -zu wünschen übrig; so wie auch Kosinsky durch die passende -Persönlichkeit des Herrn Beck sehr gewann. Durch die Art -aber wie Iffland die Rolle des Franz Moor nicht nur durchgedacht, -sondern dergestalt in sich aufgenommen hatte, daß -sie mit seiner Person eins und dasselbe schien, ragte er über -alle hinaus und brachte eine nicht zu beschreibende Wirkung -hervor, indem keine seiner Rollen, welche er früher und -dann auch später gab, ihm die Gelegenheit verschaffen konnte, -das Gemüt bis in seine innersten Tiefen so zu erschüttern, -wie es bei der Darstellung des Franz Moor möglich war.<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -Zermalmend für den Zuschauer war besonders die Szene, -in welcher er seinen Traum von dem Jüngsten Gericht erzählte, -mit aller Seelenangst die Worte ausrief: »Richtet -einer über den Sternen? Nein! Nein!« und bei dem zitternd -und nur halblaut gesprochenen, in sich gepreßten Worte: -Ja! Ja! – die Lampe in der Hand, welche sein geisterbleiches -Gesicht erleuchtete – zusammensank. Damals war -Iffland 26 Jahre alt, von Körper sehr schmächtig, im Gesicht -etwas blaß und mager. Dieser Jugend ungeachtet, war -sein Spiel auch in den kleinsten Schattierungen so durchgeführt, -daß es ein nicht zu vertilgendes Bild in jedem Auge, -das ihn sah, zurückließ.</p> - -<p>Welche Wirkung die Vorstellung der Räuber auf den -Dichter derselben hervorbrachte, davon haben wir noch ein -Zeugnis in dem Brief an Baron Dalberg vom 17. Jänner -1782, wo er schreibt: »Beobachtet habe ich sehr vieles, sehr -vieles gelernt, und ich glaube, wenn Deutschland einst einen -dramatischen Dichter in mir findet, so muß ich die Epoche -von der vorigen Woche zählen etc.«</p> - -<p>Daß auch ihn selbst das Spiel von Iffland überraschte, -bezeugte er in demselben Briefe mit Folgendem: »Dieses -einzige gestehe ich, daß die Rolle Franzens, die ich als die -schwerste erkenne, als solche über meine Erwartung (welche -nicht gering war) vortrefflich gelang.« Schiller hatte sich, -ohne Urlaub von seinem Regimentschef zu nehmen, aus -Stuttgart entfernt, um sein Schauspiel zu sehen; es wußten -daher auch nur einige um seine Abwesenheit und sie blieb -für diesmal verborgen. Aber die Heiterkeit, welche vor der -Abreise sein ganzes Wesen beseelt hatte, war nach seiner -Rückkehr fast ganz verschwunden; denn so heftig er die -Stunden des schöpferischen Genusses herbei gewünscht hatte, -so mißvergnügt war er nun, daß er seine medizinischen -Amtsgeschäfte wieder vornehmen und sich der militärischen -Ordnung fügen mußte, da ihm jetzt nicht nur der Ausspruch -der Kenner, der stürmische Beifall des Publikums,<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -sondern hauptsächlich sein eignes Urteil die Überzeugung -verschafft hatte, daß er zum Dichter, besonders aber zum -Schauspieldichter geboren sei, und daß er hierin eine Stufe -erreichen könne, die noch keiner seiner Nation vor ihm erstiegen. -Jede Beschäftigung, die er nun unternehmen mußte, -machte ihn mißmutig, und er achtete die Zeit, die er darauf -verwenden mußte, als verschwendet. Es bedurfte wirklich -auch einiger Wochen, bis sein aufgeregtes Gemüt sich -wieder in die vorigen Verhältnisse finden konnte, und als -er etwas ruhiger geworden war, brütete seine Einbildungskraft -sogleich wieder über neuen Sujets, die als Schauspiele -bearbeitet werden könnten.</p> - -<p>Unter mehreren, die aufgenommen und wieder verworfen -wurden, blieben Konradin von Schwaben und die Verschwörung -des Fiesco zu Genua diejenigen, welche ihm am -meisten zusagten. Endlich wählte er letzteres, und zwar nicht -allein wegen des Ausspruchs von J. J. Rousseau, daß der -Charakter des Fiesco einer der merkwürdigsten sei, welche -die Geschichte aufzuweisen habe; sondern auch, weil er bei -dem Durchdenken des Planes fand, daß diese Handlung der -meisten und wirksamsten Verwicklungen fähig sei. Sobald -sein Entschluß hierüber fest stand, machte er sich mit allem, -was auf Italien, die damalige Zeit sowie auf den Ort, -wo sein Held handeln sollte, Beziehung hatte, mit größter -Emsigkeit bekannt, besuchte fleißig die Bibliothek, las und -notierte alles, was dahin einschlug, und als er endlich den -Plan im Gedächtnis gänzlich entworfen hatte, schrieb er den -Inhalt der Akte und Auftritte in derselben Ordnung, wie -sie folgen sollten, aber so kurz und trocken nieder, als ob -es eine Anleitung für den Kulissendirektor werden sollte. -Nach Lust und Laune arbeitete er dann die einzelnen Auftritte -und Monologe aus, zu deren Mitteilung und Besprechung -ihm aber ein Freund, von dessen Empfänglichkeit -und warmer Teilnahme er die Überzeugung hatte, um so -mehr unentbehrlich war, da er auch bei seinen kleinern Gedichten<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -es sehr liebte solche vorzulesen, um das dichterische -Vergnügen doppelt zu genießen, wenn er seine Gedanken -und Empfindungen im Zuhörer sich abspiegeln sah.</p> - -<p>Diese angenehmen Beschäftigungen, welche den edlen -Jüngling für alles schadlos hielten, was er an Freiheit -oder sonstigem Lebensgenuß entbehren mußte, wurden aber -auf eine sehr niederschlagende Art durch etwas gestört, was -wohl als die erste Veranlassung zu dem unregelmäßigen -Austritt Schillers aus des Herzogs Diensten angesehen werden -kann. Die Sache war folgende: In den beiden ersten -Ausgaben der Räuber, in der dritten Szene des zweiten -Aktes, befindet sich eine Rede des Spiegelberg, welche einen -Bezug auf Graubünden hat, und die einen Bündner so -sehr aufreizte, daß er eine Verteidigung seines Vaterlandes -in den Hamburger Korrespondenten einrücken ließ. Wahrscheinlich -wäre diese Protestation ohne alle Folgen geblieben, -wenn nicht die Zeitung als eine Anklage gegen Schiller -dem Herzog vor Augen gelegt worden wäre. Dieser war -um so mehr über diese öffentliche Rüge aufgebracht, indem -derjenige, gegen den sie gerichtet worden, nicht nur in seinen -Diensten stand, sondern auch einer der ausgezeichnetsten -Zöglinge seiner mit so vieler Mühe und Aufmerksamkeit -gepflegten Akademie war. Er erließ daher an Schiller sogleich -die Weisung, sich zu verteidigen, sowie den Befehl, -alles weitere in Druckgeben seiner Schriften, wenn es nicht -medizinische wären, zu unterlassen und sich aller Verbindung -mit dem Ausland zu enthalten.</p> - -<p>Schiller beantwortete die Anklage damit, daß er die mißfällige -Rede nicht als eine Behauptung aufgestellt, sondern -als einen unbedeutenden Ausdruck einem Räuber, und zwar -dem schlechtesten von allen, in den Mund gelegt. Auch habe -er hier nur eine Volkssage nachgeschrieben, die er von früher -Jugend an gehört.</p> - -<p>War der strenge Verweis und das Mißfallen seines Fürsten, -das er auf eine so zufällige und ganz unschuldige Art<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -sich zugezogen, schon im höchsten Grad unangenehm für -Schiller, so mußte der harte Befehl – sich bloß auf seinen -Beruf als Arzt und auf die Stadt, worin er lebte, einschränken -zu sollen – noch schmerzlicher für ihn sein, indem -es ihm unmöglich fiel, den Hang, welchen er für die Dichtung -hatte, zu unterdrücken und sich in einer Wissenschaft -auszuzeichnen, die er nur aus Furcht vor der Ungnade des -Herzogs ergriffen und der er seine Lieblingsneigung, den -ersten Vorsatz seiner Kinderjahre aufgeopfert hatte. Durch -das Verbot, sich in irgend eine Verbindung mit dem Ausland -einzulassen, war ihm jede Möglichkeit zur Verbesserung -seiner Umstände abgeschnitten, und selbst die kleinlichsten -Sorgen, die härtesten Entsagungen hätten es nicht bewirken -können, mit einer so geringen Besoldung auszureichen. Das -Versprechen, welches der Herzog bei der Aufnahme Schillers -in die Akademie seinen Eltern gegeben hatte, war so wenig -erfüllt worden, daß sein Gehalt als Regimentsarzt kaum -demjenigen eines Pfarrvikars gleich kam und durch den -Aufwand für Equipierung, für standesmäßiges Erscheinen -beinahe auf nichts herab gebracht wurde.</p> - -<p>Was aber gewöhnliche Menschen niederbeugt, was ihnen -Geist und Glieder erschlafft, hebt den Mut der Starken, der -Kraftvollen nur um so höher. Noch in den Jünglingsjahren -bewährte sich jetzt Schiller als einen Mann, der sich -durch keine Widerwärtigkeiten aus seiner Bahn bringen läßt, -sondern rastlos das vorgesteckte Ziel verfolgt. Anstatt sich -in nutzlosen Klagen auszulassen, arbeitete er nur um desto -eifriger an seinem Fiesco, den er als einen neuen Hebel -zur Sprengung seines Gefängnisses betrachtete und in dessen -Ausarbeitung er all das Wilde, Rohe, was ihm bei den -Räubern zum Vorwurf gemacht wurde, zu vermeiden suchte.</p> - -<p>Eine widerliche Unterbrechung seiner dramatischen Arbeiten -wurde durch die Dissertation veranlaßt, welche er in -diesem Frühjahr einreichen mußte, um auf der hohen Karlsschule -(welchen Titel nun die ehemalige Militärakademie erhalten<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -hatte) den Grad eines Doktors der Medizin zu erhalten. -Dieser Förmlichkeit konnte er sich schon darum nicht -entziehen, weil der Herzog seine neue Universität mit eifersüchtiger -Liebe pflegte und darauf besonders sah, daß diejenigen, -welche er erziehen lassen, vor den Augen der Welt -sich als der Anstalt vollkommen würdig zeigen sollten. Auch -war Schiller, was seine Studien betraf, einer der hervorstechendsten -Zöglinge in der Akademie, weswegen er nicht -nur von seinem Fürsten, sondern auch von seinen Lehrern, -wie schon oben erwähnt, vorzüglich gelobt und geachtet -wurde.</p> - -<p>Überdies würde es dem Herzog weit mehr als seinem -Zögling unangenehm gewesen sein, wenn der junge Arzt -bloß darum, weil er den Doktorhut nicht genommen, von -den Kollegen seiner Kunst Schwierigkeiten oder weniger -Achtung erfahren hätte.</p> - -<p>Daß Schiller selbst gegen diese Ehre im höchsten Grad -gleichgültig war, äußerte er oft und stark genug gegen seine -Freunde, und wer daran noch zweifeln könnte, findet seine -unverhohlene Äußerung hierüber in dem Brief an Baron -Dalberg vom 1. April 1782, wo er sagt: »Meine gegenwärtige -Lage nötigt mich den Gradum eines Doktors der -Medizin in der hiesigen Karlsschule anzunehmen, und zu -diesem Ende muß ich eine medizinische Dissertation schreiben, -und in das Gebiet meiner Handwerkswissenschaft noch -einmal zurückstreifen. Freilich werde ich von dem milden -Himmelsstrich des Pindus einen verdrießlichen Sprung in -den Norden einer trockenen, terminologischen Kunst machen -müssen; allein, was sein muß zieht nicht erst die Laune und -Lieblingsneigung zu Rat. Vielleicht umarme ich dann meine -Muse um so feuriger, je länger ich von ihr geschieden war; -vielleicht finde ich dann im Schoß der schönen Kunst eine -süße Indemnität für den fakultistischen Schweiß.«</p> - -<p>(Sollte ein Arzt diese Äußerungen verdammen wollen, -so möge er sich erinnern, daß es in Schillers Gedicht »Die<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span> -Teilung der Erde« nur der Dichter ausschließend ist, zu -welchem Jupiter sagt:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Willst du in meinem Himmel mit mir leben,<br /></span> -<span class="i0">So oft du kommst, er soll dir offen sein.)<br /></span> -</div></div> - -<p>Mittlerweile wurden in Mannheim die Räuber sehr oft -mit demselben Zulauf, mit dem gleichen Beifall wie das -erste Mal gegeben, und es war nichts natürlicher, als daß -der Ruf von der ungeheuren Wirkung dieses Stücks sowie -von der meisterhaften Darstellung desselben auch nach Stuttgart -gelangte und dort in den meisten Gesellschaften, besonders -aber in den Umgebungen des Dichters vielen Stoff -zum Sprechen gab. Man darf sich daher auch nicht wundern, -daß Schiller den öftern Wünschen und dringenden -Bitten einiger Freundinnen und Freunde nachgab, eine kurze -Reise des Herzogs zu benützen und während dessen Abwesenheit, -ohne Urlaub zu nehmen, mit ihnen nach Mannheim -zu gehen und daselbst im Wiedersehen seines Schauspiels -seinen eignen Genuß durch das Mitgefühl seiner -Reisegefährten zu erhöhen. Schiller willigte nur zu gern -ein und schrieb nach Mannheim, um die Aufführung der -Räuber auf einen bestimmten Tag zu erbitten, was ihm -auch von der Intendanz sehr leicht gewährt wurde. Aber -bei der Anschauung dessen, was er mit seinen ersten, jugendlichen -Kräften schon geleistet, war auch der Gedanke unabweislich, -wie vieles, wie großes er noch würde leisten können, -wenn diese Kräfte nicht eingeengt oder gefesselt wären, -sondern freien, ungemessenen Spielraum erhalten könnten. -Eine Idee, die durch seine enthusiastischen Begleiter um so -mehr angefeuert und unterhalten wurde, je tiefer die Eindrücke -waren, welche die erschütternden Szenen bei ihnen -zurückgelassen hatten.</p> - -<p>Bei seiner ersten heimlichen Reise hatte er nur die einzige -Sorge, daß sie verschwiegen bleiben möchte. Auf die -zweite nahm er schon außer dieser Sorge das beschränkende<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span> -Verbot mit, seine dichterischen Arbeiten bekannt zu machen, -nebst dem strengen Befehl, sich das Ausland als für ihn -gar nicht vorhanden denken zu müssen. Er kam daher auch -äußerst mißmutig und niedergeschlagen wieder nach Stuttgart -zurück, ebenso verstimmt durch die Betrachtungen über -sein Verhältnis als leidend durch die Krankheit, welche er -mitbrachte. (Diese Krankheit, welche durch ganz Europa -wanderte, bestand in einem außerordentlich heftigen Schnupfen -und Katarrh, den man russische Grippe oder Influenza -nannte und der so schnell ansteckend war, daß der Verfasser -dieses, als er Schillern einige Stunden nach dessen Ankunft -umarmt hatte, nach wenigen Minuten schon von Fieberschauern -befallen wurde, die so stark waren, daß er sogleich -nach Hause eilen mußte.)</p> - -<p>Schiller äußerte sich gegen einen seiner jüngern Freunde, -dem er völlig vertrauen durfte, ganz unverhohlen, mit welchem -Widerwillen er sich Stuttgart genähert habe – wie -ihm hier nun alles doppelt lästig und peinlich sein müsse, -indem er in Mannheim eine so glänzende Aufnahme erfahren, -wo hingegen er hier kaum beachtet werde und nur unter -Druck und Verboten leben könne – daß ihm nicht nur von -seinen Bewunderern, sondern von Baron Dalberg selbst die -Hoffnung gemacht worden, ihn ganz nach Mannheim ziehen -zu wollen, und er nicht zweifle, es werde alles mögliche -angewendet werden, um ihn von seinen Fesseln zu befreien. -Sollte dieses nicht gelingen, so werde er notgedrungen, wolle -er anders hier nicht zugrunde gehen, einen verzweifelten -Schritt tun müssen. Er nahm sich vor, sowie er nur den -Kopf wieder beisammen habe, sogleich nach Mannheim zu -schreiben, damit unverweilt alles geschehe, was seine Erlösung -bewirken könne. Es ist ein Glück für den Verfasser, daß -Baron Dalberg alle Briefe von Schiller an ihn so sorgfältig -aufgehoben, und daß sie durch den Druck bekannt geworden -sind, indem sonst manches, was jetzt und in der Folge vorkommt, -als Anschuldigung oder bloße Meinung erklärt, und<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -unser Dichter weit weniger gerechtfertigt werden könne, als -es nun durch diese Beweise möglich ist. Der folgende Brief -ist der erste Beleg hierzu.</p> - -<div class="letter"> -<p class="right"> -Stuttgart, den 4. Junius 1782. -</p> - -<p>»Ich habe das Vergnügen, das ich zu Mannheim in -vollen Zügen genoß, seit meiner Hieherkunft durch die epidemische -Krankheit gebüßt, welche mich zu meinem unaussprechlichen -Verdruß bis heute gänzlich unfähig gemacht hat, -E. E. für so viele Achtung und Höflichkeit meine wärmste -Danksagung zu bezeigen. Und noch bereue ich beinahe die -glücklichste Reise meines Lebens, die mich durch einen höchst -widrigen Kontrast meines Vaterlandes mit Mannheim schon -so weit verleidet hat, daß mir Stuttgart und alle schwäbischen -Szenen unerträglich und ekelhaft werden. Unglücklicher -kann bald niemand sein als ich. Ich habe Gefühl genug -für meine traurige Situation, vielleicht auch Selbstgefühl -genug für das Verdienst eines bessern Schicksals, und für -beides nur – eine Aussicht.</p> - -<p>Darf ich mich Ihnen in die Arme werfen, vortrefflicher -Mann? Ich weiß wie schnell sich Ihr edelmütiges Herz -entzündet, wenn Mitleid und Menschenliebe es auffordern; -ich weiß wie stark Ihr Mut ist, eine schöne Tat zu unternehmen, -und wie warm Ihr Eifer, sie zu vollenden. Meine -neuen Freunde in Mannheim, von denen Sie angebetet -werden, haben es mir mit Enthusiasmus vorhergesagt; aber -es war diese Versicherung nicht nötig; ich habe selbst, da ich -das Glück hatte, eine Ihrer Stunden für mich zu nutzen, -in Ihrem offenen Anblick weit mehr gelesen. Dieses macht -mich nun auch so dreist, mich Ihnen ganz zu geben, mein -ganzes Schicksal in Ihre Hände zu liefern und von Ihnen -das Glück meines Lebens zu erwarten. Noch bin ich wenig -oder nichts. In diesem Norden des Geschmacks werde ich -ewig niemals gedeihen, wenn mich sonst glücklichere Sterne<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -und ein griechisches Klima zum wahren Dichter erwärmen -würden.</p> - -<p>Brauche ich mehr zu sagen, um von Dalberg alle Unterstützung -zu erwarten?</p> - -<p>E. Exz. haben mir alle Hoffnung dazu gemacht, und ich -werde den Händedruck, der Ihren Verspruch versiegelte, ewig -fühlen; wenn Eure Exzellenz diese drei Ideen goutieren und -in einem Schreiben an den Herzog Gebrauch davon machen, -so stehe ich ziemlich für den Erfolg.</p> - -<p>Und nun wiederhole ich mit brennendem Herzen die -Bitte, die Seele dieses ganzen Briefs. Könnten E. E. in -das Innere meines Gemütes sehen, welche Empfindungen -es durchwühlen, könnte ich Ihnen mit Farben schildern, wie -sehr mein Geist unter dem Verdrießlichen meiner Lage sich -sträubt – Sie würden – ja ich weiß gewiß – Sie -würden eine Hilfe nicht verzögern, die durch einen oder zwei -Briefe an den Herzog geschehen kann.</p> - -<p>Nochmals werfe ich mich in Ihre Arme und wünsche -nichts anderes, als bald, sehr bald, Ihnen mit einem anhaltenden -Eifer und mit einer persönlichen Dienstleistung -die Verehrung bekräftigen zu können, mit welcher ich mich -und alles, was ich bin, für Sie aufzuopfern wünsche.</p> - -<p class="center"> -E. E.</p> -<p class="right"> -untertäniger Schiller.« -</p></div> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -Beilage.<br /> -</p> - -<p>»Sie schienen weniger Schwierigkeit in der Art mich -zu employieren, als in dem Mittel, mich von hier weg zu -bekommen, zu finden. Jenes steht ohnehin ganz bei Ihnen, -allein zu diesem könnten Ihnen vielleicht folgende Ideen -dienen.</p> - -<p>1) Da im ganzen genommen das Fach der Mediziner -bei uns so sehr übersetzt ist, daß man froh ist, wenn durch<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span> -Erledigung einer Stelle Platz für einen andern gemacht -wird; so kommt es mehr darauf an, wie man dem Herzog, -der sich nicht trotzen lassen will, mit guter Art den Schein -gibt, als geschehe es ganz durch seine willkürliche Gewalt, -als wäre es sein eignes Werk und gereiche ihm zur Ehre. -Daher würden E. E. ihn von der Seite ungemein kitzeln, -wenn Sie in den Brief, den Sie ihm wegen mir schreiben, -einfließen ließen, daß – Sie mich für eine Geburt von -ihm, für einen durch ihn Gebildeten und in seiner Akademie -Erzogenen halten, und daß also durch diese Vokation -seiner Erziehungsanstalt quasi das Hauptkompliment gemacht -würde, als würden ihre Produkte von entschiedenen Kennern -geschätzt und gesucht. Dieses ist der Passepartout beim -Herzog.</p> - -<p>2) Wünsche ich (und auch meinetwegen) sehr, daß Sie -meinen Aufenthalt beim Nationaltheater zu Mannheim auf -einen gewissen beliebigen Termin festsetzen (der dann nach -Ihrem Befehl verlängert werden kann), nach dessen Verfluß -ich wieder meinem Herzog gehörte. So sieht es mehr einer -Reise, als einer völligen Entschwäbung (wenn ich das Wort -brauchen darf) gleich, und fällt auch so hart nicht auf. Wenn -ich nur einmal hinweg bin, man wird froh sein, wenn ich -selbst nicht mehr anmahne.</p> - -<p>3) Würde es höchst notwendig sein, zu berühren, daß -mir Mittel gemacht werden sollten, zu Mannheim zu praktizieren -und meine medizinischen Übungen da fortzusetzen. -Dieser Artikel ist vorzüglich nötig, damit man mich nicht, -unter dem Vorwand für mein Wohl zu sorgen, kujoniere -und weniger fortlasse.«</p></div> - -<p>Alles, was auch ein Augen- oder Ohrenzeuge erzählen -könnte, wäre nicht imstande, die traurigen Empfindungen -des armen Jünglings über seine beklemmende Lage stärker -und wahrer zu schildern, als er es selbst in diesem Briefe -getan.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p> - -<p>Daß er die Bitte nicht aufs Geratewohl, sondern durch -Aufmunterung von Leuten getan, die ihre Gewährung für -sehr leicht und unfehlbar hielten, erhellt aus der Stelle: »ich -weiß, wie stark Ihr Mut ist, eine schöne Tat zu unternehmen, -und wie warm Ihr Eifer ist, sie zu vollenden. Meine -neuen Freunde in Mannheim haben es mir mit Enthusiasmus -vorhergesagt etc. etc.« und die folgende: »E. Exz. haben -mir alle Hoffnung dazu gemacht, und ich werde den Händedruck, -der Ihren Verspruch besiegelte, ewig fühlen etc.« beweist -auf das deutlichste, daß Baron Dalberg selbst ihm das -Wort gab, sich für ihn bei seinem Fürsten zu verwenden.</p> - -<p>Die drei Vorschläge, welche in der Beilage enthalten -sind, waren ganz auf die genaue Kenntnis vom Charakter -des Herzogs berechnet, indem er einen sehr verzeihlichen Stolz -darein setzte, daß durch seine Fürsorge und Leitung schon so -viele talentvolle Jünglinge aus seiner Akademie hervorgegangen, -und er auch ein sehr großer Liebhaber des Theaters, -so wie einer der feinsten Kenner seiner Zeit war, der es -schon darum nicht ungern sehen konnte, wenn sich unter seinen -Zöglingen gute Dichter fanden, weil alle Jahre am -Geburtsfeste der Gräfin von Hohenheim (später Gemahlin -des Herzogs) Gelegenheitsstücke mit großer Feierlichkeit und -dem größten Aufwande gegeben wurden, bei welchen sowohl -das Gedicht als auch die Musik von Eleven verfaßt -waren.</p> - -<p>Der dritte Punkt beweist weit mehr für die wahrhaft -väterliche Sorge, welche der Herzog für das Wohl derer -hatte, die er erziehen ließ, als alles, was man dafür anführen -könnte, und es läßt sich nicht im geringsten zweifeln, -daß wenn Baron Dalberg unter den ihm angezeigten Bedingungen -versucht hätte, den jungen Dichter von Stuttgart -nach Mannheim zu ziehen, sein Fürst ohne Anstand – gewiß -aber mit der Anempfehlung, für Schiller alle Sorge -zu tragen – das Gesuch bewilligt haben würde.</p> - -<p>Schiller nährte anfangs die besten Hoffnungen, daß er<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -nun bald aus seiner verdrießlichen Lage befreit sein würde. -Als aber nach Verlauf mehrerer Wochen nichts geschah, war -es ihm um so schmerzlicher, seine dringende, flehende Bitte -umsonst getan zu haben und sich ohne alle äußere Hilfe zu -sehen. Allein, er ließ dessenungeachtet den Mut nicht sinken, -sondern arbeitete nur um so eifriger an seinem Fiesco, was -allein imstande war, ihn wenigstens zeitweise seinen Zustand -vergessen zu machen. Aber die Freundinnen des Dichters -hatten nicht vergessen, daß sie in seiner Gesellschaft zu -Mannheim die Räuber hatten aufführen sehen, und konnten -dem Drange nicht widerstehen, die Wirkung dieses Trauerspiels -sowie das Verdienst der dortigen Schauspieler auch -andern nach Würden zu schildern. Unter dem Siegel des -Geheimnisses erfuhr es die halbe Stadt, erfuhr es auch der -General Augé und endlich – der Herzog selbst. Dieser -wurde im höchsten Grad über die Vermessenheit seines ehemaligen -Lieblings aufgebracht, daß er sich, ohne Urlaub zu -nehmen, mehrere Tage entfernt und seinen Lazarettdienst -vernachlässigt habe. Er ließ ihn vor sich kommen, gab ihm -die strengsten Verweise darüber, daß er sich dem ausdrücklichen -Verbote zuwider aufs neue mit dem Auslande eingelassen -und befahl ihm, augenblicklich auf die Hauptwache -zu gehen, seinen Degen abzugeben und dort vierzehn Tage -im Arrest zu bleiben.</p> - -<p>Obwohl die verhängte Strafe für die Übertretung des -herzoglichen Befehls ganz der militärischen Ordnung gemäß -und nichts weniger als zu streng war, so wurde Schiller -davon dennoch in seinem Innersten verwundet, und zwar -nicht darum, weil ihm solche zu hart schien, sondern weil -er jetzt überzeugt sein mußte, daß jede Aussicht in eine -bessere Zukunft für ihn verloren und er nun eigentlich -nichts anderes als ein Gefangener sei, der seine vorgeschriebene -Arbeit verrichten müsse.</p> - -<p>In der Tat konnte sein Verhältnis von seinen Freunden -nicht anders als im höchste Grade traurig und verzweifelt<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span> -beurteilt werden, weil an eine Milderung oder Zurücknahme -der Befehle des Herzogs um so weniger zu denken war, je -mehr man ihn als Selbstherrscher kannte und je seltener -die Fälle waren, wo er von seinem ausgesprochenen Willen -hätte abgelenkt werden können. Was man auch raten oder -erfinden mochte, war unbrauchbar, untunlich, weil der fürstliche -Machtspruch allem ein unübersteigliches Hindernis entgegensetzte.</p> - -<p>Wäre es aber auch Schillern möglich gewesen, seinen -außerordentlichen Hang zur Dichtung zu bekämpfen und sich -ganz der Arzneikunde zu widmen, so hätte es mehrere Jahre -bedurft, um sich einen Ruf zu erwerben, der ihn von dem -Gemeinen, Alltäglichen unterschieden hätte. Auch fühlte er -es so sehr, wie unnütz die ernstlichsten Vorsätze, sein angebornes -Talent zu unterdrücken, sein würden, daß er lieber -alle Entbehrungen, alle Strafen sich hätte gefallen lassen, -wenn ihm nur die Erlaubnis geblieben wäre, den Reichtum -seines Geistes in der Welt auszubreiten, und sich denjenigen -anzureihen, deren Name von der Mit- und Nachwelt nur -in Bewunderung und Verehrung genannt wird.</p> - -<p>So wenig Vorteil Gold, Perlen und Diamanten in einer -menschenleeren Wüste bringen, so wenig konnte ihm die -köstlichste Gabe des Himmels nützen, wenn er sie nicht gebrauchen -durfte, wenn er bei ihrer Anwendung Strafe befürchten -mußte. Ja diese Göttergabe konnte ihm nur zur -Qual, zur wirklichen Marter werden, weil alles was er -dachte, was er empfand, nur darauf Bezug hatte und es -ihm die schmerzlichste Überwindung gekostet haben würde, -Ideen dieser Art abzuwehren.</p> - -<p>Der Weihrauch, den man in öffentlichen Blättern ihm -über sein erstes Schauspiel, über seine ersten Gedichte gestreut, -die schmeichelhaften Zuschriften eines Wielands und -anderer, die Lobeserhebungen derjenigen, von deren gesundem -Urteil er überzeugt war, besonders aber sein eignes -Bewußtsein hatten ihn seinen Wert schätzen gelehrt, und<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -er hätte lieber sein Leben verloren als dasjenige, was sein -eigentliches ganzes Wesen ausmachte, brach liegen zu lassen, -oder den Lorbeerkranz des Dichters den Beschäftigungen des -Arztes aufzuopfern.</p> - -<p>Am empfindlichsten hielt er sich aber dadurch gekränkt, -daß ihm durch dieses Machtgebot das Recht des allergeringsten -Untertans – von seinen Naturgaben freien Gebrauch -machen zu können, wenn er sie nicht zum Nachteil des -Staates oder der Gesetze desselben anwende – jetzt gänzlich -benommen war, ohne daß ihm bewiesen worden wäre, -dieses Recht aus Mißbrauch verwirkt zu haben.</p> - -<p>Die Übertretung der Militärdisziplin hatte er durch -strengen Verhaft gebüßt; was über diesen noch gegen ihn -verhängt worden, hielt er für eine zu harte Strafe.</p> - -<p>Auf der Stelle würde er seinen Abschied gefordert haben, -wenn nicht sein Vater in herzoglichen Diensten gestanden, -er selbst nicht auf Kosten des Fürsten in der Akademie nicht -nur erzogen, sondern auch mit vorzüglicher Güte und Auszeichnung -behandelt worden wäre, so daß voraus zu schließen -war, es würde statt einer Entlassung nur der Vorwurf -der größten Undankbarkeit und eine noch zwangvollere Aufsicht -erfolgen. Um jedoch nichts unversucht zu lassen, was -seine Entfernung von Stuttgart auf dem der Ordnung gemäßen -Wege bewirken könnte, schrieb er noch einmal an -Baron Dalberg und bat ihn aufs neue um seine Verwendung -bei dem Herzog. Er sagt in seinem Brief: »Dieses -einzige kann ich Ihnen für ganz gewiß sagen, daß in etlichen -Monaten, wenn ich in dieser Zeit nicht das Glück habe zu -Ihnen zu kommen, keine Aussicht mehr da ist, daß ich jemals -bei Ihnen leben kann. Ich werde alsdann gezwungen sein -einen Schritt zu tun, der mir unmöglich machen würde in -Mannheim zu bleiben.«</p> - -<p>Schiller glaubte nicht mit Unrecht, daß Baron Dalberg -um so leichter für ihn einschreiten könnte, als der pfälzische -und württembergische Hof im besten Vernehmen standen,<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -auch der Herzog schon einigemal den italienischen Hofpoeten -von Mannheim hatte kommen lassen, um bei Aufführung -der für das Stuttgarter Hoftheater von ihm gedichteten -Opern gegenwärtig zu sein. Ebenso konnte man auch vermuten, -daß das Verbot, welches Schillern wegen der Verbindung -mit dem Ausland betraf, größtenteils daher kam, -weil bei Aufführung der Räuber das deutsche Theater in -Stuttgart übergangen und dieses Stück ohne Vorwissen, -ohne Anfrage bei dem Fürsten auf der Mannheimer Bühne -zuerst gegeben worden war.</p> - -<p>Aus diesem sowie aus den angegebenen Gründen konnte -der bedrängte Dichter um so zuverlässiger einen günstigen -Erfolg seiner Bitten erwarten, indem der Rang den Baron -Dalberg als Geheimrat, Ober-Silberkämmerling, Vize-Kammerpräsident -und Theaterintendant Sr. kurfürstlichen -Durchlaucht zu Pfalzbayern bekleidete, dem Herzog Rücksichten -auferlegt hätte, die bei jedem andern, der sich in -Stuttgart für diese Sache hätte verwenden wollen, nicht -stattfinden konnten.</p> - -<p>Noch einige Zeit gab sich Schiller den besten Hoffnungen -hin, indem er glaubte, daß Baron Dalberg um so gewisser -das gegebene Versprechen erfüllen würde, je deutlicher ihm -zu verstehen gegeben worden, daß das Äußerste werde geschehen -müssen, wenn keine Vermittlung eintrete. Als aber -nach Verfluß von vierzehn Tagen nichts für ihn geschah -und er nun überzeugt war, daß von daher, wo die Hilfe -am leichtesten, der gute Erfolg am gewissesten schien, kein -Beistand zu erwarten sei, verwandelte sich sein sonst so heiterer -Sinn in finstere, trübe Laune; was ihn sonst auf das -lebhafteste aufregte, ließ ihn kalt und gleichgültig; selbst seine -Jugendfreunde, die sonst immer auf den herzlichsten Willkomm -rechnen durften, wurden ihm mit Ausnahme sehr -weniger beinahe zuwider.</p> - -<p>Sein Fiesco konnte bei dieser Stimmung nur sehr langsam -weiter rücken. Auch war es leicht vorauszusehen, daß,<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -wenn dieser Zustand noch lange oder gar für immer hätte -dauern sollen, er nicht nur für jede Geistesbeschäftigung verloren -sein, sondern auch seine Gesundheit, die ohnedies nicht -sehr fest war, ganz zugrunde gehen würde. Er selbst hielt -sich für den unglücklichsten aller Menschen und glaubte seiner -Selbsterhaltung schuldig zu sein, etwas zu wagen, was seinen -Zustand in Stuttgart auf eine vorteilhafte Art verändern -oder aber sein Schicksal ganz durchreißen und ihm -eine andere, bessere Gestalt geben müsse. Da er es nicht -wagen durfte, seinem Landesherrn Vorstellungen gegen den -erlassenen Befehl zu machen, ohne neue Verweise oder gar -Strafen befürchten zu müssen, so hielt er für das beste, -noch einmal heimlich nach Mannheim zu reisen, von dort -aus an den Herzog zu schreiben, ihm darzulegen, daß durch -das ergangene Verbot seine ganze Existenz zernichtet sei und -ihn um die Bewilligung einiger Punkte untertänigst zu -bitten, die er für sein besseres Fortkommen unerläßlich -glaubte. Wurden ihm diese Bitten nicht gewährt, so konnte -er auch nicht mehr nach Stuttgart zurückkehren, und er hegte -die Hoffnung, daß er dann um so leichter in Mannheim als -Theaterdichter angestellt werden könnte, je zuversichtlicher ihm -dort von vielen versichert worden, daß ein solcher Dichter -wie er, ihre Bühne auf die höchste Stufe des Ruhmes -heben würde.</p> - -<p>Um diesen Plan nicht lächerlich oder ganz widersinnig -zu finden, ist es nötig, auf das ganz besondere Verhältnis -aufmerksam zu machen, in welchem Schiller zu seinem -Fürsten stand.</p> - -<p>Der Vater von Schiller, dem als Gouverneur der Solitüde -alles, was die vielfachen Bauten, Gartenanlagen und -Baumzucht betraf, untergeben war, führte dies so sehr zur -Zufriedenheit des Herzogs aus, und wußte dessen Willen, -noch ehe er ausgesprochen war, so Genüge zu leisten, daß er -seine ganze Zufriedenheit sowie wegen der Rechtlichkeit und -Strenge, mit welchen er seinen Dienst ausübte, auch seine<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -Hochachtung erwarb. Es war zum Teil eine Folge dieser -Achtung, daß der Sohn in der Akademie mit besonderer -Sorgfalt und Güte behandelt wurde; zum Teil waren es -aber auch die überraschenden Antworten und Bemerkungen, -welche der junge Zögling im Gespräch mit seinem erhabenen -Erzieher aussprach, die ihm eine besondere Auszeichnung und -Zuneigung erwarben. Es war diesem geistvollen Fürsten, -der Scharfsinn und das Talent, was er im hohen Grad -selbst besaß, auch an andern vorzüglich schätzte, weit weniger -darum zu tun, an seiner Akademie eine militärische Prunkanstalt -zu haben, als bei den jungen Leuten alles das heraus -zu bilden, was ihre Anlagen zu entwickeln vermochte. -Er ließ sich daher mit ihnen in Einzelheiten ein, die einem -gewöhnlichen Erzieher zu kleinlich oder überflüssig scheinen -würden, und erwarb sich dadurch, weit mehr als durch sein -Ehrfurcht gebietendes Ansehen, ein solches Zutrauen, daß -die Zöglinge weit lieber mit ihm sprachen oder ihm – -dem Herzog – ihre Fehler bekannten als den vorgesetzten -Offizieren.</p> - -<p>Als die Anstalt noch auf der Solitüde sich befand, verging -nie ein Tag, an welchem er nicht die Lehrstunden besuchte, -um sich von dem Fleiße der Lehrer und den Fortschritten -der Schüler zu überzeugen. Und als die Akademie -nach Stuttgart verlegt wurde, waren es nur die alljährlichen -Reisen, die ihn auf Wochen oder Tage von derselben -entfernt halten konnten. Auch das freundliche Benehmen -der Gräfin von Hohenheim, welche sich an der Unbefangenheit -der jüngsten Zöglinge ergötzte und sie mit kleinen Geschenken -beteilte, trug nicht wenig dazu bei, das streng scheinende -Verhältnis zu mildern. Wie oft wurden Strafen bloß -darum in ihrer Gegenwart ausgesprochen, um durch bittende -Blicke oder Worte dieser wohlwollenden, nichts als Güte und -Teilnahme atmenden Frau, entweder ganz erlassen, oder doch -gemindert werden zu können.</p> - -<p>Unter den Augen des Fürsten von Kindern zu Knaben,<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span> -von Knaben zu Jünglingen herangewachsen, von seinen -durchdringenden Augen oft getadelt oder mit Beifall belohnt, -konnten sich die jungen Leute, nachdem sie der akademischen -Aufsicht entlassen waren, ihr Dienstverhältnis unmöglich -so scharf denken als andere, die mit der Person des -Herzogs gar nicht oder nur als ihrem Souverän bekannt -waren.</p> - -<p>Diese Verhältnisse allein können es begreiflich machen, -wie Schiller auf die so oft bezeigte Gnade und Zufriedenheit -seines Fürsten so fest sich verlassen konnte, daß er zu -dem Glauben verleitet ward, der Herzog werde ihm seine -Bitten bewilligen, wenn er ihn an seine frühere Huld erinnere -und unwiderleglich dartue, daß er durch die gegen ihn -erlassenen Verbote zur Verzweiflung gebracht sei.</p> - -<p>Nachdem diese Meinung ihn so beherrschte, daß sie sich -in einen unwiderruflichen Entschluß umwandelte, entstand -nur noch die Frage, auf welche Art und in welcher Zeit die -heimliche Reise am besten auszuführen sein würde; denn die -harten Verweise des Herzogs, der darauf folgende strenge -Arrest hatten ihn so eingeschüchtert, daß er sich in allen seinen -Handlungen beobachtet halten konnte und die schärfste -Ahndung befürchten mußte, wenn er irgend einen Verdacht -gegen sich erregte. So wenig er seinen Vorsatz allein ausführen -konnte, so wenig konnte er sich seinen Schulfreunden -anvertrauen, weil es eben so unnütz als gefährlich gewesen -wäre, sie um Beistand anzusprechen, indem keiner von ihnen -– was die Hauptsache, die Anstalten zur heimlichen Reise, -betraf – die geringste Hilfe leisten oder auf sonst eine Art -seine Pläne befördern konnte.</p> - -<p>In diesem Zustande konnte er sein Herz mit voller Sicherheit -nur einem einzigen Freund eröffnen, der zwar nicht mit -ihm in der Akademie erzogen worden und auch zwei Jahre -weniger als er zählte; durch dessen Bekanntschaft er aber -seit achtzehn Monaten die Überzeugung erlangt hatte, daß er -hier auf eine Hingebung und Aufopferung bauen könne, die<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -an Schwärmerei grenzten und die nur von den wenigen -Edlen erzeugt wird, deren Gemüt und Geist eben so viele -Liebe und Freundschaft als Verehrung und Hochachtung verdienen.</p> - -<p>Der Leser möge erlauben, daß von diesem jungen Freunde, -den wir mit S. bezeichnen wollen, sowie von der Art, wie -er zu dem genauen Umgang mit dem herrlichen Jüngling -gelangte, so viel erwähnt werde, als des Folgenden wegen -unumgänglich nötig ist.</p> - -<p>Es war im Jahr 1780 in einer der öffentlichen Prüfungen, -die – wie eingangs erwähnt worden – alljährlich -in der Akademie in Gegenwart des Herzogs daselbst gehalten -wurden und welche S. als ein angehender Tonkünstler um -so eifriger besuchte, da meistens über den andern Tag eine -vollstimmige, von den Zöglingen aufgeführte Musik die Prüfung -beschloß, als er Schillern das erste Mal sah. Dieser -war bei einer medizinischen, in lateinischer Sprache gehaltenen -Disputation gegen einen Professor Opponent, und obwohl -S. dessen Namen so wenig als seine übrigen Eigenschaften -kannte, so machten doch die rötlichen Haare – die -gegeneinander sich neigenden Knie, das schnelle Blinzeln der -Augen, wenn er lebhaft opponierte, das öftere Lächeln während -dem Sprechen, besonders aber die schön geformte Nase -und der tiefe, kühne Adlerblick, der unter einer sehr vollen, -breitgewölbten Stirne hervorleuchtete, einen unauslöschlichen -Eindruck auf ihn. S. hatte den Jüngling unverwandt ins -Auge gefaßt. Das ganze Sein und Wesen desselben zogen -ihn dergestalt an und prägten den ganzen Auftritt ihm so -tief ein, daß, wenn er Zeichner wäre, er noch heute – nach -achtundvierzig Jahren – diese ganze Szene auf das lebendigste -darstellen könnte.</p> - -<p>Als S. nach der Prüfung den Zöglingen in den Speisesaal -folgte, um Zuschauer ihrer Abendtafel zu sein, war es -wieder derselbe Jüngling, mit welchem der Herzog auf das -gnädigste sich unterhielt, den Arm auf dessen Stuhl lehnte<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -und in dieser Stellung sehr lange mit ihm sprach. Schiller -behielt gegen seinen Fürsten dasselbe Lächeln, dasselbe Augenblinzeln -wie gegen den Professor, dem er vor einer Stunde -opponierte.</p> - -<p>Als im Frühjahr 1781 die Räuber im Druck erschienen -waren und besonders auf die junge Welt einen ungewöhnlichen -Eindruck machten, ersuchte S. einen musikalischen, in -der Akademie erzogenen Freund, ihn mit dem Verfasser bekannt -zu machen. Sein Wunsch wurde gewährt, und S. -hatte die Überraschung, in dem Dichter dieses Schauspiels -denselben Jüngling zu erkennen, dessen erstes Erscheinen einen -so tiefen Eindruck bei ihm zurückgelassen hatte.</p> - -<p>Wie jeder Leser eines Buches sich von dem Autor desselben -ein Bild seiner Person, Haltung, Stimme, seiner -Sprache vormalt, so konnte es wohl nicht anders sein, als -daß man sich in dem Verfasser der Räuber einen heftigen -jungen Mann dachte, dessen Äußeres zwar schon den tiefempfindenden -Dichter ankündige, bei welchem aber die Fülle -der Gedanken, das Feuer seiner Ausdrücke sowie seine Ansichten -der Weltverhältnisse alle Augenblicke in Ungebundenheit -ausschweifen müsse.</p> - -<p>Aber wie angenehm wurde diese vorgefaßte Meinung -zerstreut!</p> - -<p>Das seelenvollste, anspruchloseste Gesicht lächelte dem -Kommenden freundlich entgegen. Die schmeichelhafte Anrede -wurde nur ablehnend, mit der einnehmendsten Bescheidenheit -erwidert. Im Gespräche nicht ein Wort, welches das zarteste -Gefühl hätte beleidigen können.</p> - -<p>Die Ansichten über alles, besonders aber Musik und -Dichtkunst betreffend, ganz neu, ungewöhnlich, überzeugend -und doch im höchsten Grade natürlich.</p> - -<p>Die Äußerungen über die Werke anderer sehr treffend, -aber dennoch voll Schonung und nie ohne Beweise.</p> - -<p>Den Jahren nach Jüngling, dem Geiste nach reifer Mann, -mußte man seinem Maßstabe beistimmen, den er an alles<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -legte und vor dem vieles, was bisher so groß schien, ins -Kleine zusammenschrumpfte und manches, was als gewöhnlich -beurteilt war, nun bedeutend wurde.</p> - -<p>Das anfängliche blasse Aussehen, das im Verfolg des -Gespräches in hohe Röte überging – die kranken Augen – -die kunstlos zurückgelegten Haare, der blendend weiße, entblößte -Hals gaben dem Dichter eine Bedeutung, die ebenso -vorteilhaft gegen die Zierlichkeit der Gesellschaft abstach, als -seine Aussprüche über ihre Reden erhaben waren.</p> - -<p>Eine besondere Kunst lag jedoch in der Art, wie er die -verschiedenen Materien aneinander zu knüpfen, sie so zu reihen -wußte, daß eine aus der andern sich zu entwickeln schien, -und trug wohl am meisten dazu bei, daß man den Zeiger -der Uhr der Eile beschuldigte und die Möglichkeit des schnellen -Verlaufes der Zeit nicht begreifen konnte.</p> - -<p>Diese so äußerst reizende und anziehende Persönlichkeit, -die nirgends etwas Scharfes oder Abstoßendes blicken ließ – -Gespräche, welche den Zuhörer zu dem Dichter emporhoben, -die jede Empfindung veredelten, jeden Gedanken verschönerten -– Gesinnungen, die nichts als die reinste Güte ohne -alle Schwäche verrieten – mußten von einem jungen Künstler, -der mit einer lebhaften Empfänglichkeit begabt war, die -ganze Seele gewinnen und der Bewunderung, die er schon -früher für den Dichter hatte, noch die wärmste Anhänglichkeit -für den Menschen beigesellen.</p> - -<p>Auch Schiller schien mit seinem neuen Bekannten nicht -unzufrieden; denn freiwillig lud er ihn ein, so oft zu ihm -zu kommen, als er nur immer wolle. Diese Einladung -wurde von S. so emsig benützt, daß während eines Jahres -selten ein Tag verging, an dem er Schillern nicht gesehen -oder auf kurze Zeit gesprochen hätte. Ein Vertrauen setzte -sich zwischen beiden fest, das keinen Rückhalt kannte, und -von dem die natürliche Folge war, daß die Verhältnisse -Schillers sowie seine wahrhaft unglückliche Lage der unerschöpfliche -Gegenstand ihrer Gespräche wurden. Auch schien<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -beiden der Plan, dem Herzog auf neutralem Boden zu schreiben, -um so weniger des Tadels würdig, als Schiller durchaus -nichts begangen, was ihm den Vorwurf eines schlechten -Dieners seines Fürsten hätte zuziehen können, und er die -zwei unerlaubten Ausflüge durch den ausgestandenen Arrest -schon genug gebüßt zu haben glaubte. Außer S. machte -Schiller auch seine älteste Schwester mit seinem Vorsatze bekannt, -und anstatt, wie er befürchtete, von ihr Abmahnungen -zu hören, glaubte sie, daß, weil ihm das gegebene Versprechen -nicht erfüllt worden, jeder Schritt entschuldigt werden -könne, den er, um sich von gänzlichem Verderben zu retten, -unternehmen werde.</p> - -<p>Ein Gefährte, mit dem die heimliche Reise zu unternehmen -wäre und der die nötigen Anstalten dazu erleichtern -könne, war schon in seinem Freunde S. vorhanden, -der im Frühjahr 1783 eine Reise nach Hamburg antreten -wollte, um daselbst bei dem berühmten Bach die Musik zu -studieren, wozu ihm dort wohnende Anverwandte die beste -Unterstützung versprochen hatten, und der es nun bei seiner -Mutter dahin zu bringen wußte, diese Reise jetzt schon -machen zu dürfen.</p> - -<p>Dem Vater Schillers mußte die ganze Sache ein tiefes -Geheimnis bleiben, damit er im schlimmsten Fall als Offizier -sein Ehrenwort geben könne, von dem Vorhaben des -Sohnes nichts gewußt zu haben. Was aber am meisten -zur Beruhigung der Teilnehmenden beitrug, war der schöne -Grundsatz des Herzogs, die Kinder nie wegen der Fehler -der Eltern oder die Eltern wegen Vergehen der Kinder -etwas entgelten zu lassen. Man hatte schon zu viele Beweise -von dieser wahrhaft fürstlichen Großmut, als daß man -in dem gegenwärtigen Falle nicht auch darauf hätte rechnen -können. Nachdem alles zur Sache Gehörige zwischen beiden -Freunden mit der Selbsttäuschung, die dem Jünglingsalter -so ganz natürlich ist, überlegt war, als für mögliche, künftige -Hindernisse, ihre Einbildungskraft sogleich Mittel wußte,<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span> -um sie zu überwinden oder zu beseitigen, blieb der Entschluß -Schillers unwiderruflich fest, indem er nur durch die -Ausführung desselben hoffen konnte, seine Umstände in allen -Teilen zu verbessern und eine Selbständigkeit zu erlangen, -die er bis jetzt nur dem Namen nach kannte. Nun aber -mußte er sich mit Anspannung aller Kräfte der Dichtung -seines Fiesco widmen, indem die Reise nicht eher ausgeführt -werden konnte, als bis dieser vollendet war, und er -bisher – da er in seinem Innern zu keiner Ruhe gelangen -konnte – außer dem Plan kaum die Hälfte von dem Stücke -niedergeschrieben hatte. Die Gewißheit, was er tun wolle -und, damit er dem Labyrinth entkomme, tun müsse, belebte -seinen Mut wieder; seine gewöhnliche Heiterkeit kehrte zurück, -und er gewann es über sich, alle Sorgen, alle Gedanken, -die nicht seiner neuen Arbeit gewidmet waren, zu unterdrücken, -indem er bloß für die Zukunft lebte, die Gegenwart -aber nur insofern beachtete, als er ihr nicht ausweichen -durfte.</p> - -<p>Welch ein Vergnügen war es während dieser Beschäftigung -für ihn, seinem jungen Freund einen Monolog oder -einige Szenen, die er in der vorigen Nacht ausgearbeitet, -vorlesen und sich über Abänderungen oder die weitere Ausführung -besprechen zu können! Wie erheiterten sich seine -von Schlaflosigkeit erhitzten Augen, wenn er erzählte, um -wie viel er schon weiter gerückt sei, und wie er hoffen dürfe, -sein Trauerspiel weit früher als er anfangs dachte, beendigt -zu haben. Je geräuschvoller die Außenwelt war, um so -mehr zog er sich in sein Inneres zurück, indem er an allem -dem, was damals der Seltenheit wegen jedermann beschäftigte, -nicht den geringsten Anteil nahm. Denn schon zu -Anfang des Monats August wurden nicht nur in Stuttgart, -Hohenheim, Ludwigsburg, auf der Solitüde etc., sondern -auch in der ganzen Umgegend die größten Vorbereitungen -zu dem feierlichen Empfang des Großfürsten von -Rußland (nachmaligen Kaisers Paul) und seiner Gemahlin<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span> -gemacht. Die Einwohner Württembergs waren stolz darauf, -in der künftigen Kaiserin aller Reußen eine Nichte -ihres Herzogs bewillkommnen zu können, die sie um so mehr -liebten, als ihre Erscheinung Erinnerungen an ihre erhabenen -Eltern hervorrief, die jedem württembergischen Herzen -um so tiefer eingegraben blieben, als sie solche aus Scheu -vor ihrem Regenten nicht zu zeigen wagen durften, und -auch bei der verehrten Tochter die Gerüchte es zweifelhaft -ließen, ob ihre Güte des Herzens, die Eigenschaften ihres -Geistes oder ihre einnehmende Schönheit den Vorzug verdiene.</p> - -<p>In der ersten Hälfte des Septembers trafen die hohen -Reisenden zu Stuttgart ein, denen schon einige Tage früher -die meisten benachbarten Fürsten und eine außerordentliche -Menge Fremder vorausgeeilt waren, um den Festlichkeiten, -welche für die allerhöchsten Gäste bereitet wurden, beiwohnen -und die Prachtliebe des Herzogs wie nicht minder den Geschmack, -mit dem er alles anzuordnen wußte, bewundern zu -können. Die mit den schönsten, seltensten Pferden angefüllten -Marställe sowie die dazu gehörigen Equipagen, boten -Gelegenheit zu Auffahrten, die man damals wohl schwerlich -irgendwo anders mit so großem Aufwand und so vielem -Glanze sehen konnte. Aber wirklich ungeheuer groß waren -die Anstalten, vermöge welcher man aus den vielen Jagdrevieren -des Landes eine Anzahl von beinahe sechstausend -Hirschen in einen nahe bei der Solitüde liegenden Wald -zusammengetrieben hatte, die von einer Menge Bauern am -Durchbrechen verhindert wurden, und zu welchem Zweck -auch in der Nacht der ganze Umkreis des Waldes durch -eine enge Kette von Wachtfeuern erleuchtet war. Nicht leicht -konnte dem Großfürsten in einem andern Staat eine solche -Anzahl von Wild beisammen gezeigt werden, und um das -Vergnügen der Jagd zu erhöhen, waren die edlen Tiere bestimmt, -eine steile Anhöhe hinaufgejagt und gezwungen zu -werden, sich in einen See zu stürzen, in welchem sie, aus<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -einem eigens dazu erbauten Lusthause, nach Bequemlichkeit -erlegt werden konnten.</p> - -<p>In dem Gewirr und der Unruhe, welche solche Vorkehrungen -bei den Städtern immer hervorbringen, blieb -unser Dichter ganz auf sich eingeschränkt und hatte zu Anfang -des Septembers sein Trauerspiel so weit gebracht, daß -er es beinahe für vollendet halten durfte, indem er die Auslassungen, -die Abänderungen, welche etwa die Aufführung -erheischen sollte, auf eine ruhigere Zeit aufsparte und um -so eher in wenigen Tagen damit zu Ende zu kommen hoffte, -als er schon während der Arbeit an das Nötige hierüber -gedacht.</p> - -<p>Unter den angekommenen Fremden befand sich auch -Baron Dalberg, der einige Tage früher, als die Festlichkeiten -ihren Anfang nahmen, eintraf, sowie die Gattin des -Regisseurs Meier vom Mannheimer Theater, die aus Stuttgart -gebürtig war. Schiller machte dem Baron Dalberg -seinen Besuch, ohne von seinem Vorhaben das geringste zu -erwähnen. Ebenso verschlossen blieb er gegen Madame -Meier, die er öfter sah. Die Ursachen dieses Schweigens -waren keine anderen, als weil der Vorsatz, etwas zu wagen, -viel zu stark und die Hoffnung auf einen glücklichen Erfolg -– wenn er seine Bitten in diesem Tumult von Festivitäten -und Vergnügen an seinen Fürsten gelangen lasse – viel zu -groß bei ihm geworden war, als daß er sich der widerlichen -Empfindung hätte aussetzen mögen, durch Zweifel belästigt -oder durch Beweise eines ungewissen Erfolges widerlegt zu -werden.</p> - -<p>Was den Freiherrn von Dalberg insbesondere betraf, so -vermutete Schiller, daß seiner dringenden Vorstellungen -ungeachtet nur darum keine Verwendung für ihn geschehen, -weil er noch in herzoglichen Diensten stehe. Käme aber das -Schlimmste, daß er diese Dienste verlassen müßte, so wäre -es ganz unmöglich, daß Baron Dalberg nach den vielen -Versicherungen der aufrichtigsten Teilnahme und der größten<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span> -Bereitwilligkeit, seine Wünsche zu gewähren, ihn ohne Hilfe -und Unterstützung lassen würde. Im Gegenteil hegte er -die gewisse Hoffnung, daß er dann als Theaterdichter in -Mannheim angestellt und somit ein Ziel erreichen würde, -welches er als das glücklichste und für ihn passendste anerkannte.</p> - -<p>Madame Meier als aufrichtige, wahrheitsliebende Landsmännin -hätte zwar die Äußerungen der Schmeichelei, der -Güte, des Wohlwollens, womit Schiller bei seiner letzten -Anwesenheit in Mannheim überschüttet worden, sehr leicht -in den Dunst und Nebel, aus dem sie bestanden, auflösen -können, aber sie hätte dann die schönsten Träume, die sehnlichsten -Wünsche des jungen Mannes zerstört und ihn wieder -an die Klippe zurückgeworfen, die ihn zu zerschellen -drohte. Das Beharren in dem jetzigen Zustande ließ allerdings -den Regimentsdoktor, wie er vorher war, zernichtete -aber den Dichter. Das Wagnis des Losreißens eröffnete -Aussichten, die, auch nur zum Teil erfüllt, gegen den frühern -Zwang gehalten, die Wonne eines Paradieses erwarten -ließen.</p> - -<p>Aber die Zeit verfloß. Nur wenige Tage waren noch -übrig, welche so geräuschvoll und unruhig sein konnten, daß -man unbemerkt eine Reise hätte antreten können. Schiller -ging mit seinem Freund und Mad. Meier auf die Solitüde, -um seine Eltern und Schwestern noch einmal zu sehen, besonders -aber von seiner Mutter, die jetzt von allem auf das -genaueste unterrichtet war, Abschied zu nehmen und sie zu -beruhigen. Der in der lachendsten Gegend fortlaufende Weg -dahin wurde zu Fuß gemacht, welches die Gelegenheit bieten -sollte, um von Mad. Meier unvermerkt alles erfahren zu -können, was die innere Beschaffenheit des Theaters oder die -Hoffnungen des Dichters betraf. Da aber alles dahin Einschlagende -nur oberflächlich berührt wurde, auch ernsthaftere -Fragen aus Furcht, erraten zu werden, nicht wohl gestellt -werden konnten, so blieb die Zukunft in derselben Dämmerung<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span> -wie bisher, und es war nichts übrig, als sich auf das -Glück zu verlassen.</p> - -<p>Bei dem Eintritt in die Wohnung von Schillers Eltern -befand sich nur die Mutter und die älteste Schwester gegenwärtig. -So freundlich auch die Hausfrau die Fremden -empfing, so war es ihr doch nicht möglich, sich so zu bemeistern, -daß S. die Unruhe nicht aufgefallen wäre, mit der -sie ihn anblickte und oft zu reden versuchte, ohne ein Wort -hervorbringen zu können. Glücklicherweise trat bald der Vater -Schillers ein, der durch Aufzählung der Festlichkeiten, welche -auf der Solitüde gehalten werden sollten, die Aufmerksamkeit -so ganz an sich zog, daß sich der Sohn unvermerkt mit -der Mutter entfernen und seine Freunde der Unterhaltung -mit dem Vater überlassen konnte.</p> - -<p>Es war mir auffallend, bei diesem kleinen, untersetzten -Mann außer einer sehr schönen, großen Stirne wenig -Ähnlichkeit mit seinen Sohne wahrnehmen zu können und -auch in der klaren, bestimmten, durchaus scharfverständigen -Sprache den Schwung und die milde Wärme zu vermissen, -womit sein Sohn als Dichter und Philosoph jeden Gegenstand -des Gespräches zu beleben und zu erheben wußte.</p> - -<p>Nach einer Stunde kehrte Schiller zur Gesellschaft zurück, -aber – ohne seine Mutter. Wie hätte diese sich zeigen können! -Konnte und durfte sie auch den vorhabenden Schritt -als eine Notwehr ansehen, durch die er sein Dichtertalent, -sein künftiges Glück sichern und vielleicht einer unverschuldeten -Einkerkerung vorbeugen wollte, so mußte es ihr doch -das Herz zermalmen, ihren einzigen Sohn auf immer verlieren -zu müssen, und zwar aus Ursachen, die so unbedeutend -waren, daß sie nach den damaligen Ansichten in jedem -andern Staat ohne besondere Folgen geblieben wären. Und -dieser Sohn, in welchem sie beinahe ihr ganzes Selbst erblickte, -der schon an der mütterlichen Brust die sanfte Gemütsart, -die milde Denkweise eingesogen zu haben schien – -er hatte ihr von jeher nichts als Freude gewährt; sie sah<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -ihn mit all den Eigenschaften begabt, die sie so oft, so inbrünstig -von der Gottheit für ihn erfleht hatte! Und nun! -– – – – – – – – – Wie schmerzhaft das Lebewohl -von beiden ausgesprochen worden sein mußte, ersah -man an den Gesichtszügen des Sohnes, sowie an seinen -feuchten, geröteten Augen. Er suchte diese einem gewöhnlichen, -ihn oft befallenden Übel zuzuschreiben und konnte -erst auf dem Wege nach Stuttgart durch die zerstreuenden -Gespräche der Gesellschaft wieder zu einiger Munterkeit gelangen.</p> - -<p>Auf der Solitüde erfuhr man, daß daselbst am 17. September -die große Hirschjagd, Schauspiel und eine allgemeine, -prächtige Beleuchtung stattfinden solle. Zu Hause angelangt, -wurde zwischen Schiller und S. alles, was ihre Reise betraf, -noch um so eifriger besprochen, als keine Zeit mehr zu -verlieren war, da die Festlichkeiten bald zu Ende sein würden. -Als man auch erfahren, welchen Tag Schillers Regiment -die Wachen nicht zu besetzen habe, er folglich unter -den Stadttoren Soldaten treffen werde, denen er nicht so -genau wie seinen alten Grenadieren bekannt sei, so wurde -die Abreise auf den 17. September abends um neun Uhr -festgesetzt.<a id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">1</a></p> - -<p>Die bürgerliche Kleidung, welche sich Schiller hatte machen -lassen, seine Wäsche, die Werke von Haller, Shakespeare etc. etc., -noch einige andere Dichter wurden nach und nach von S. -weggebracht, so daß für die spätern Stunden nur wenig -mehr zu tun übrigblieb. Am letzten Vormittag sollte nach -der Abrede um zehn Uhr alles bereit sein, was von Schiller -noch wegzubringen war, und S. fand sich mit der Minute -ein. Allein er fand nicht das mindeste hergerichtet. Denn -nachdem Schiller um acht Uhr in der Frühe von seinem -letzten Besuch in dem Lazarett zu Hause gekehrt war, fielen -ihm bei dem Zusammensuchen seiner Bücher die Oden von<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span> -Klopstock in die Hände, unter denen eine ihn schon oft besonders -angezogen und aufs neue so aufregte, daß er sogleich -– jetzt in einem so entscheidenden Augenblick! – ein -Gegenstück dichtete. Ungeachtet alles Drängens, alles Antreibens -zur Eile mußte S. dennoch zuerst die Ode und -dann das Gegenstück anhören, welchem letzterem – gewiß -weniger aus Vorliebe für seinen begeisterten Freund – der -Schönheit der Sprache und Bestimmtheit der Bilder wegen, -S. einen entschiedenen Vorzug gab. Eine geraume Zeit -verging, ehe der Dichter von seinem Gegenstand abgelenkt, -wieder auf unsere Welt, auf den heutigen Tag zu der -fliehenden Minute zurückgebracht werden konnte. Ja es erforderte -öfteres Fragen, ob nichts vergessen sei, sowie mehrmaliges -Erinnern, daß nichts zurückgelassen werde. Erst am -Nachmittag aber konnte alles in Ordnung gebracht werden, -und abends neun Uhr kam Schiller in die Wohnung von S. -mit einem Paar alten Pistolen unter seinem Kleide.</p> - -<p>Diejenige, welche noch einen ganzen Hahn, aber keinen -Feuerstein hatte, wurde in den Koffer gelegt; die andere, mit -zerbrochenem Schloß, in den Wagen getan. Daß aber beide -nur mit frommen Wünschen für Sicherheit und glückliches -Fortkommen geladen waren, versteht sich von selbst. Der -Vorrat an Geld war bei den Reisenden nichts weniger als -bedeutend; denn nach Anschaffung der nötigen Kleidungsstücke -und anderer Sachen, die für unentbehrlich gehalten -wurden, blieben Schillern noch dreiundzwanzig und S. noch -achtundzwanzig Gulden übrig, welche aber von der Hoffnung -und dem jugendlichen Mut auf das Zehnfache gesteigert -wurden.</p> - -<p>Hätte Schiller nur noch einige Wochen warten und nicht -durchaus sich schon jetzt entfernen wollen, so würde S. die -nötige Summe bis Hamburg in Händen gehabt haben. Aber -die Ungeduld des unterdrückten Jünglings, eine Entscheidung -herbeizuführen, ließ sich schon darum nicht bezähmen, weil er -fürchtete, eine so gute Gelegenheit zum unbemerkten Entkommen<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -ungenützt vorbeigehen zu lassen und dann weit mehr -Schwierigkeit bei dem Herzog für die Gewährung seiner -Bitten zu finden. Bis Mannheim wie auch für einige Tage -Aufenthalt daselbst konnte das kleine Vermögen ausreichen, -und was zum Weiterkommen fehlte, sollte S. nachgeschickt -werden.</p> - -<p>Nachdem der Wagen mit zwei Koffern und einem kleinen -Klavier bepackt war, kam der schwere Kampf, den Schiller -vor einigen Tagen bestanden, nun auch an S. – von seiner -guten, frommen Mutter Abschied zu nehmen. Auch er war -der einzige Sohn, und die mütterlichen Sorgen ließen sich -nur dadurch beschwichtigen, daß Schiller nicht nur die unveränderlichste -Treue gegen seinen Freund gelobte, sondern -auch die zuverlässige Hoffnung aussprach, in vierzehn Tagen -wieder zurück eintreffen und von der glücklich vollbrachten -Reise Bericht geben zu wollen. Von Segenswünschen und -Tränen begleitet, konnten die Freunde endlich um zehn Uhr -nachts in den Wagen steigen und abfahren.</p> - -<p>Der Weg wurde zum Eßlinger Tor hinaus genommen, -weil dieses das dunkelste war und einer der bewährtesten -Freunde Schillers – möchte ihm das Vergnügen gegönnt -sein, diese Zeilen noch zu lesen – als Leutnant die Wache -hatte, damit, wenn sich ja eine Schwierigkeit ergäbe, diese -durch Vermittlung des Offiziers sogleich gehoben werden -könne.</p> - -<p>Es war ein Glück, daß damals von keinem zu Wagen -Reisenden ein Paß abgefordert wurde. Nur S. hatte sich -einen nach Hamburg geben lassen, welches aber nur der überflüssig -scheinenden Vorsicht wegen geschah.</p> - -<p>So gefaßt die jungen Leute auch auf alles waren, und -so wenig sie eigentlich zu fürchten hatten, so machte dennoch -der Anruf der Schildwache – Halt! – Wer da! – Unteroffizier -heraus! – einen unheimlichen Eindruck auf sie. Nach -den Fragen: Wer sind die Herren? Wo wollen Sie hin? -wurde von S. des Dichters Name in Doktor Ritter, und<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span> -der seinige in Doktor Wolf verwandelt, beide nach Eßlingen -reisend, angegeben und so aufgeschrieben. Das Tor wurde -nun geöffnet, die Reisenden fuhren vorwärts, mit forschenden -Blicken in die Wachtstube des Offiziers, in der sie zwar -kein Licht, aber beide Fenster weit offen sahen. Als sie außer -dem Tore waren, glaubten sie einer großen Gefahr entronnen -zu sein, und gleichsam als ob diese wiederkehren könnte, -wurden, so lange als sie die Stadt umfahren mußten, um -die Straße nach Ludwigsburg zu gewinnen, nur wenige -Worte unter ihnen gewechselt. Wie aber einmal die erste -Anhöhe hinter ihnen lag, kehrten Ruhe und Unbefangenheit -zurück, das Gespräch wurde lebhafter und bezog sich nicht -allein auf die jüngste Vergangenheit, sondern auch auf die -bevorstehenden Erlebnisse. Gegen Mitternacht sah man links -von Ludwigsburg eine außerordentliche Röte am Himmel, -und als der Wagen in die Linie der Solitüde kam, zeigte -das daselbst auf einer bedeutenden Erhöhung liegende Schloß -mit allen seinen weitläufigen Nebengebäuden sich in einem -Feuerglanze, der sich in der Entfernung von anderthalb -Stunden auf das Überraschendste ausnahm. Die reine, heitere -Luft ließ alles so deutlich wahrnehmen, daß Schiller seinem -Gefährten den Punkt zeigen konnte, wo seine Eltern wohnten, -aber alsbald, wie von einem sympathetischen Strahl -berührt, mit einem unterdrückten Seufzer ausrief: »Meine -Mutter!«</p> - -<p>Es war ganz natürlich, daß die Erinnerung an die Verhältnisse, -welche vor einigen Stunden auf das Ungewisse -hin abgerissen wurden, nicht anders als wehmütig sein konnte. -Andererseits war es aber wieder beruhigend, als gewiß -voraussetzen zu können, daß in diesem Wirbel von Festen -außer den Müttern und Schwestern niemand an die Reisenden -denke, folglich Mannheim ohne Hindernis erreicht -werden könne.</p> - -<p>Morgens zwischen ein und zwei Uhr war die Station -Entzweihingen erreicht, wo gerastet werden mußte. Als der<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -Auftrag für etwas Kaffee erteilt war, zog Schiller sogleich -ein Heft ungedruckter Gedichte von Schubart hervor, von -denen er die bedeutendsten seinem Gefährten vorlas. Das -merkwürdigste darunter war die Fürstengruft, welches Schubart -in den ersten Monaten seiner engen Gefangenschaft mit -der Ecke einer Beinkleiderschnalle in die nassen Wände seines -Kerkers eingegraben hatte. Damals, 1782, war Schubart -noch auf der Festung, wo er aber jetzt sehr leidlich gehalten -wurde. In manchem dieser Gedichte fanden sich Anspielungen, -die nicht schwer zu deuten waren, und die keine nahe -Befreiung ihres Verfassers erwarten ließen.</p> - -<p>Schiller hatte für die dichterischen Talente des Gefangenen -sehr viele Hochachtung. Auch hatte er ihn einigemal -auf dem Asperg besucht.</p> - -<p>Nach drei Uhr wurde von Entzweihingen aufgebrochen, -und nach acht Uhr morgens war die kurpfälzische, durch eine -kleine Pyramide angedeutete Grenze erreicht, die mit einer -Freude betreten wurde, als ob rückwärts alles Lästige geblieben -wäre und das ersehnte Eldorado bald erreicht sein -würde. Das Gefühl, eines harten Zwanges entledigt zu -sein, verbunden mit dem heiligen Vorsatz, demselben sich nie -mehr zu unterwerfen, belebten das bisher etwas düstere Gemüt -Schillers zur gefälligsten Heiterkeit, wozu die angenehme -Gegend, das muntere Wesen und Treiben der rüstigen Einwohner -wohl auch das ihrige beitrugen. »Sehen Sie,« -rief er seinem Begleiter zu, »sehen Sie, wie freundlich die -Pfähle und Schranken mit Blau und Weiß angestrichen sind! -Ebenso freundlich ist auch der Geist der Regierung!«</p> - -<p>Ein lebhaftes Gespräch, das durch diese Bemerkung herbeigeführt -wurde, verkürzte die Zeit dergestalt, daß es kaum -möglich schien, um zehn Uhr schon in Bretten angekommen -zu sein. Dort wurde bei dem Postmeister Pallavicini abgestiegen, -etwas gegessen, der von Stuttgart mitgenommene -Wagen und Kutscher zurückgeschickt, nachmittags die Post genommen -und über Waghäusel nach Schwetzingen gefahren,<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span> -allwo die Ankunft nach neun Uhr abends erfolgte. Da in -Mannheim als einer Hauptfestung die Tore mit Eintritt -der Dunkelheit geschlossen wurden, so mußte in Schwetzingen -übernachtet werden, welches auf zwei unruhige Tage und -eine schlaflose Nacht um so erwünschter war.</p> - -<p>Am 19. September waren die Reisenden des Morgens -sehr früh geschäftig, um sich zu dem Eintritt in Mannheim -vorzubereiten. Das Beste, was die Koffer faßten, wurde -hervorgesucht, um durch scheinbaren Wohlstand sich eine Achtung -zu sichern, die dem dürftig oder leidend Aussehenden -fast immer versagt wird. Die Hoffnung Schillers, seine -kranke Börse in der nächsten Zeit durch einige Erfrischungen -beleben zu können, war keine Selbsttäuschung; denn wer -hätte daran zweifeln mögen, daß eine Theaterdirektion, die -schon im ersten Jahre so vielen Vorteil aus den Räubern -gezogen, sich nicht beeilen würde, das zweite Stück des Dichters -– das nicht nur für das große Publikum, sondern -auch für den gebildeten Teil desselben berechnet war – -gleichfalls aufzunehmen? Es ließ sich für gewiß erwarten -– die Entscheidung des Herzogs möge nun gewährend oder -verneinend ausfallen – daß noch in diesem Jahre Fiesco -aufgeführt werde und dann war der Verfasser durch eine -freie Einnahme oder ein beträchtliches Honorar auf so lange -geborgen, daß er sich wieder neue Hilfsmittel schaffen konnte. -Mit der Zuversicht, daß die nächsten vierzehn Tage schon -diese Vermutungen in volle Gewißheit umwandeln müßten, -wurde die Postchaise zum letztenmal bestiegen und nach -Mannheim eingelenkt, das in zwei Stunden, ohne irgend -eine Frage oder Aufenthalt an dem Tore der Festung, erreicht -war.</p> - -<p>Der Theaterregisseur, Herr Meier, bei welchem abgestiegen -wurde, war sehr überrascht, Schillern zu einer Zeit bei -sich zu sehen, wo er ihn in lauter Feste und Zerstreuungen -versunken glaubte; aber seine Überraschung ging in Erstaunen -über, als er vernahm, daß der junge Mann, den<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span> -er so hoch verehrte, jetzt als Flüchtling vor ihm stehe. Obwohl -Herr Meier bei der zweimaligen Anwesenheit Schillers -in Mannheim von diesem selbst über sein mißbehagliches -Leben und Treiben in Stuttgart unterrichtet war, so hatte -er doch nicht geglaubt, daß diese Verhältnisse auf eine so -gewagte und plötzliche Art abgerissen werden sollten. Als -gebildeter Weltmann enthielt er sich bei den weitern Erklärungen -Schillers hierüber jedes Widerspruchs und bestärkte -ihn nur in diesem Vorhaben, noch heute eine Vorstellung -an den Herzog einzusenden und durch seine Bitte -eine Aussöhnung bewirken zu wollen. Die Reisenden wurden -von ihm zum Mittagessen eingeladen, und er hatte auch -die Gefälligkeit, in der Nähe seines Hauses eine Wohnung, -die in dem menschenleeren Mannheim augenblicklich zu haben -war, aufnehmen zu lassen, wohin sogleich das Reisegeräte -geschafft wurde.</p> - -<p>Nach Tische begab sich Schiller in das Nebenzimmer, -um daselbst an seinen Fürsten zu schreiben. Als er in einigen -Stunden fertig war, las er den vorher nicht aufgesetzten, -aber vortrefflich geschriebenen Brief den wartenden Freunden -vor, dessen wesentlicher Inhalt folgender war:</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Im Eingang erwähnte er, daß er in der Akademie das -Studium, zu dem er eine entschiedene Neigung gehabt, niemals -habe treiben dürfen oder können, und er sich nur aus -Gehorsam gegen den fürstlichen Willen, zuerst der Rechtswissenschaft -und dann der Arzneikunde gewidmet habe. Er -erinnerte den Herzog an die vielen und großen Gnaden, -welcher er während der sieben Jahre seines Aufenthaltes -von ihm gewürdigt worden, und die so bedeutend waren, -daß er ewig stolz darauf sein werde, sagen zu dürfen, sein -Fürst habe ihn in seinem Herzen getragen. Dann setzte er -erstens die Unmöglichkeit auseinander, mit seiner geringen -Besoldung leben oder durch seinen Beruf als Arzt sich ein -besseres Auskommen verschaffen zu können, indem die Anzahl -der Mediziner zu groß in Stuttgart sei, und ein Anfänger<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span> -zu lange Zeit brauche, um sich bekannt zu machen, -er auch von Haus nichts zuzusetzen habe.</p> - -<p>»Zweitens bat er um die Aufhebung des Befehls, keine -andern als medizinische Schriften drucken zu lassen, indem -die Bekanntmachung seiner dichterischen Arbeiten allein imstande -sei, seine Einnahme zu verbessern.</p> - -<p>»Drittens möge es ihm erlaubt werden, alle Jahre, auf -kurze Zeit, eine Reise in das Ausland zu machen.</p> - -<p>»Viertens, daß er sehr gern wieder zurückkehren wolle, -wenn ihm das fürstliche Wort gegeben würde, daß seine -eigenmächtige Entfernung verziehen sei und er keine Strafe -dafür zu befürchten habe.«</p></div> - -<p>Dieses Schreiben wurde einem Brief an seinen Regimentschef, -den General Augé, beigeschlossen und dieser ersucht, -die vorgelegten Bitten nach seinen besten Kräften -sowie durch seinen ganzen Einfluß bei dem Herzog unterstützen -zu wollen. Schiller glaubte für seine Sicherheit so -wenig befürchten zu dürfen, daß er den General bat, ihm -seine Antwort durch die Adresse des Herrn Meier zukommen -zu lassen. Obwohl letzterer über das wahrscheinliche Verfahren -des Herzogs nicht so ruhig sein konnte als derjenige, -den es zunächst betraf, so mußte er doch die Möglichkeit zugestehen, -daß der Fürst durch die rührenden und bescheidenen -Vorstellungen seines ehemaligen Günstlings wie auch -aus Rücksicht gegen dessen Eltern vielleicht bewogen werden -könne, von den gewöhnlichen Verfügungen für diesmal abzugehen -und wenigstem einen Teil der Bitten zu bewilligen.</p> - -<p>Den andern Tag abends traf Madame Meier von Stuttgart -wieder zu Hause ein. Sie erzählte, daß sie schon am -18. vormittags Schillers Verschwinden erfahren, daß jedermann -davon spreche und allgemein vermutet werde, man -würde ihm nachsetzen lassen oder seine Auslieferung verlangen. -Schiller beruhigte jedoch seine Freunde durch die -Versicherung, daß er den großmütigen Charakter seines Herzogs<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -durch zu viele Proben habe kennen lernen, als daß er -nur die geringste Gefahr befürchte, so lang' er den Willen -zeige, wieder zurückzukommen.</p> - -<p>Dies sei geschehen, eines Vergehens könne man ihn nicht -anklagen; eigentlicher Soldat sei er nicht, folglich könne man -ihn auch nicht unter die Klasse derjenigen zählen, denen bei -freiwilligem Abschiednehmen nachgesetzt wird.</p> - -<p>Indessen wurde es doch für ratsam gehalten, daß er sich -nirgends öffentlich zeigen solle, wodurch er nun auf seine -Wohnung und das Meiersche Haus allein eingeschränkt blieb. -Für die Reisenden war es sehr angenehm, in der Hausfrau -eine teilnehmende Landsmännin und sehr gebildete Freundin -zu finden, die in alles einging, was ihr jetziges oder -künftiges Schicksal betraf, und dasjenige mit leichter Zunge -behandelte, über was sich Männer nur sehr ungern offen -erklären.</p> - -<p>Nicht nur für diese bedenkliche Zeit, sondern auch in -der Folge blieben diese würdigen Leute Schillers aufrichtigste, -wahrste Freunde, und Madame Meier bewies sich -besonders bei dieser Gelegenheit so sorgsam und tätig wie -eine Mutter, die sich um ihren Sohn anzunehmen hat.</p> - -<p>Mittlerweile hatte S. schon am ersten Abend mit Herrn -Meier über das neue, beinahe ganz fertige Trauerspiel Fiesco -gesprochen und desselben als einer Arbeit erwähnt, die den -Räubern aus vielen Rücksichten vorzuziehen sei. Es ergab -sich nun von selbst, daß der Dichter darum angegangen -wurde, die erregte Neugierde durch Mitteilung des Manuskriptes -zu befriedigen, wozu sich aber dieser nur unter der -Bedingung verstand, wenn eine größere Anzahl von Zuhörern -gegenwärtig sei. Man fand dies um so natürlicher, da wohl -unter allen Schauspielern sich keiner befand, der nicht im -höchsten Grad auf die zweite Arbeit eines Jünglings begierig -gewesen wäre, welcher sich schon durch seine erste auf -eine so außerordentliche Art angekündigt hatte. Es wurde -daher sogleich ein Tag festgesetzt, auf welchen die bedeutendsten<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span> -Künstler des Theaters eingeladen werden sollten, um der -Vorlesung des neuen Stücks beizuwohnen.</p> - -<p>Nach zwei erwartungsvollen Tagen traf die Antwort -von General Augé an Schiller ein, welche folgendes enthielt: -»Der General habe den Wünschen Schillers entsprochen -und sein Schreiben dem Herzog nicht nur vorgelegt, -sondern auch durch sein Vorwort die getanen Bitten -unterstützt. Er habe daher den Auftrag erhalten, ihn wissen -zu lassen: da Se. herzogliche Durchlaucht bei Anwesenheit -der hohen Verwandten jetzt sehr gnädig wären, er nur -zurückkommen solle.«</p> - -<p>Da dieses Schreiben von allem dem nicht das geringste -erwähnte, um was Schiller zur Erleichterung seines Schicksals -so dringend gebeten hatte, so schrieb er dem General -augenblicklich zurück, daß er diese Äußerung Sr. Durchlaucht -unmöglich als eine Gewährung seines Gesuches betrachten -könne, folglich genötigt sei, bei dem Inhalt seiner Bittschrift -zu beharren, und seinen Chef ersuche, alles anzuwenden, -um den Herzog zur Erfüllung seiner Wünsche zu vermögen.</p> - -<p>Durch diese Antwort seines Generals in Zweifel gesetzt, -was er zu hoffen oder zu fürchten habe, schrieb Schiller – -was er schon am zweiten Tag seiner Ankunft an seine Eltern -getan – sogleich an einige Freunde, damit, wenn sie etwas -erführen, was ihm schaden könnte, sie ihm doch alsobald Nachricht -geben möchten, und sah den Antworten mit ebensoviel -Unruhe als Neugierde entgegen.</p> - -<p>Der Nachmittag war zur Vorlesung des neuen Trauerspiels -bestimmt, wozu sich gegen vier Uhr außer Iffland, -Beil, Beck noch mehrere Schauspieler einfanden, die nicht -Worte genug finden konnten, um ihre tiefe Verehrung gegen -den Dichter sowie über die hohe Erwartung auszudrücken, -die sie von dem neuesten Produkt eines so erhabenen Geistes -hätten. Nachdem sich alle um einen großen, runden Tisch -gesetzt hatten, schickte der Verfasser erst eine kurze Erzählung<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -der wirklichen Geschichte und eine Erklärung der vorkommenden -Personen voraus, worauf er dann zu lesen anfing.</p> - -<p>Für S. war das Beisammensehen so berühmter Künstler -wie Iffland, Meier, Beil, von denen das Gerücht Außerordentliches -sagte, um so mehr neu und willkommen, als er -noch nie mit einem Schauspieler einigen Umgang gehabt -hatte. Im stillen feierte er schon den Triumph, wie überrascht -diese Leute, die den Dichter mit unverwandten Augen -ansahen, über die vielen schönen Stellen sein würden, die -schon in den ersten Szenen, sowie in den folgenden noch -häufiger vorkommen, und sah nicht den Vorleser, sondern -nur die Zuhörer an, um die Eindrücke zu bemerken, welche -die vorzüglichsten Ausdrücke bei ihnen hervorbringen würden.</p> - -<p>Aber der erste Akt wurde zwar bei größter Stille, jedoch -ohne das geringste Zeichen des Beifalls abgelesen, und er -war kaum zu Ende, als Herr Beil sich entfernte und die -übrigen sich von der Geschichte Fiescos oder andern Tagesneuigkeiten -unterhielten.</p> - -<p>Der zweite Akt wurde von Schiller weiter gelesen, ebenso -aufmerksam wie der erste, aber ohne das geringste Zeichen -von Lob oder Beifall angehört. Alles stand jetzt auf, weil Erfrischungen -von Obst, Trauben etc. herumgegeben wurden. -Einer der Schauspieler, namens Frank, schlug ein Bolzschießen -vor, zu dem man auch Anstalt zu machen schien. -Allein nach einer Viertelstunde hatte sich alles verlaufen, -und außer den zum Haus Gehörigen war nur Iffland geblieben, -der sich erst um acht Uhr nachts entfernte.</p> - -<p>Als ein vollkommener Neuling in der Welt konnte sich -S. diese Gleichgültigkeit, ja diese Abneigung gegen eine so -vortreffliche Dichtung von denen am allerwenigsten erklären, -die kaum vor einer Stunde die größte Bewunderung und -Verehrung für Schiller ihm selbst bezeugt hatten, und es -empöre ihn um so heftiger, alle die Sagen von Neid und -Kabale der Schauspieler jetzt schon bestätigt zu sehen, da die -Antwort des Generals Augé wenig Hoffnung ließ, daß sein<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -Freund jemals zurückkehren dürfe; wo alsdann sein Schicksal -bei solchen Leuten sehr beklagenswert sein müßte.</p> - -<p>Aber der Unerfahrene sollte noch mehr in Verlegenheit -gesetzt werden; denn als er eben im Begriff war, sich -über die ungewöhnliche und beinahe verächtliche Behandlung -Schillers bei Herrn Meier zu beklagen, zog ihn dieser in -das Nebenzimmer und fragte: »Sagen Sie mir jetzt ganz -aufrichtig, wissen Sie gewiß, daß es Schiller ist, der die -Räuber geschrieben?«</p> - -<p>Zuverlässig! Wie können Sie daran zweifeln?</p> - -<p>»Wissen Sie gewiß, daß nicht ein anderer dieses Stück -geschrieben und er es nur unter seinem Namen herausgegeben? -Oder hat ihm jemand anderer daran geholfen?«</p> - -<p>Ich kenne Schillern schon im zweiten Jahre und will -mit meinem Leben dafür bürgen, daß er die Räuber ganz -allein geschrieben und ebenso auch für das Theater abgeändert -hat. Aber warum fragen Sie mich dieses alles?</p> - -<p>»Weil der Fiesco das Allerschlechteste ist, was ich je in -meinem Leben gehört, und weil es unmöglich ist, daß derselbe -Schiller, der die Räuber geschrieben, etwas so Gemeines, -Elendes sollte gemacht haben.«</p> - -<p>S. suchte Herrn Meier zu widerlegen und ihm zu beweisen, -daß Fiesco weit regelmäßiger für die Bühne und -darin alles vermieden sei, was an den Räubern mit Recht -so scharf getadelt worden. Er müsse das neue Stück nur -öfter hören oder es selbst durchlesen, dann werde er es gewiß -ganz anders beurteilen und ihm Geschmack abgewinnen. -Allein alle diese Reden waren vergebens. Herr Meier beharrte -um so mehr auf seiner Meinung, weil es ihm als -einem erfahrnen Schauspieler zukommen müsse, aus einigen -Szenen den Gehalt des Ganzen sogleich beurteilen zu können, -und sein Schluß war: »Wenn Schiller wirklich die -Räuber und Fiesco geschrieben, so hat er alle seine Kraft -an dem ersten Stück erschöpft und kann nun nichts mehr<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span> -als lauter erbärmliches, schwülstiges, unsinniges Zeug hervorbringen.«</p> - -<p>Dieses Urteil, von einem Mann ausgesprochen, den man -nicht nur als einen vollgültigen Richter, sondern auch als -einen solchen Freund Schillers ansehen durfte, dem an der -guten Aufnahme des Stückes beinahe ebensoviel als dem -Verfasser selbst gelegen sei, machte auf S. einen so betäubenden -Eindruck, daß ihm die Sprache für den Augenblick -den Dienst versagte. War dies Herr Meier, der so zu ihm -sprach? Hatte er auch recht gehört? Sollte er die Erwartungen -Meiers zu hoch gespannt haben? Wäre es möglich, -daß er sich getäuscht und dasjenige vortrefflich gefunden, was -andere, die man für Kenner gelten lassen mußte, nun als -schlecht, als unsinnig beurteilen? Oder hat sich Meier mit -den andern verschworen, zum Untergang des Stücks und -seines Verfassers mitzuwirken? Diese Fragen, durch das -Unbegreifliche des Vorganges und der Äußerungen Meiers -hervorgerufen, machte S. an sich selbst und fand sie um so -quälender, da ihre Auflösung nicht sogleich erfolgen konnte. -Die Abendstunden wurden von den Anwesenden mit größter -Verlegenheit zugebracht. Von Fiesco erwähnte niemand -mehr eine Silbe. Schiller selbst war äußerst verstimmt und -nahm mit seinem Gefährten zeitlich Abschied. Bei dem Weggehen -ersuchte ihn Meier, ihm für die Nacht das Manuskript -da zu lassen, indem er nur die zwei ersten Akte gehört und -doch gern wissen möchte, welchen Ausgang das Stück nähme. -Schiller bewilligte diese Bitte sehr gern.</p> - -<p>Über den kalten Empfang Fiescos, von dem man die -willkommenste Aufnahme erwartet hatte, wurde zu Hause -nichts, und überhaupt sehr lange wenig gesprochen, bis sich -Schiller endlich Luft machte und über den Neid, die Kabale, -den Unverstand der Schauspieler Klagen führte. Jetzt zum -erstenmal sprach er den ernstlichen Vorsatz aus, daß, wenn -er hier nicht als Schauspieldichter angestellt oder sein Trauerspiel -nicht angenommen werde, er selbst als Schauspieler<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span> -auftreten wolle, indem eigentlich doch niemand so deklamieren -könne wie er. S. wollte dem mißlaunigen Freunde nicht -geradezu widersprechen, gab ihm aber doch zu bedenken, in -welche Verlegenheit er seine Mutter und Schwester, besonders -aber seinen Vater setzen würde, wenn sie erfahren müßten, -daß er nun weiter nichts als ein Schauspieler geworden sei, -da er selbst sich doch einen so glänzenden Erfolg von seiner -Reise versprochen. Er erinnerte ihn an das Vorurteil, das -man in Stuttgart gegen diesen Stand hege, wo man zwar -dem einzelnen Gerechtigkeit widerfahren lasse, sich aber doch -jedes nähern Umganges mit ihm enthalte. Er möge doch -mit Geduld warten, bis Baron von Dalberg in Mannheim -eintreffe, von dem allein die günstige Wendung seines Schicksals -zu hoffen sei.</p> - -<p>Mit bangen Erwartungen wegen des Endurteils, das -über Fiesco und seinen Verfasser gefällt werden sollte, begab -sich S. den andern Morgen ziemlich früh zu Herrn Meier, -der ihn kaum ansichtig wurde, als er ausrief: »Sie haben -recht! Sie haben recht! Fiesco ist ein Meisterstück und weit -besser bearbeitet als die Räuber. Aber wissen Sie auch was -schuld daran ist, daß ich und alle Zuhörer es für das elendeste -Machwerk hielten? Schillers schwäbische Aussprache -und die verwünschte Art, wie er alles deklamiert! Er sagt -alles in dem nämlichen hochtrabenden Ton her, ob es heißt: -Er macht die Türe zu, oder ob es eine Hauptstelle seines -Helden ist. Aber jetzt muß das Stück in den Ausschuß -kommen, da wollen wir es uns vorlesen und alles in Bewegung -setzen, um es bald auf das Theater zu bringen!«</p> - -<p>Der Schluß von Herrn Meiers Rede verwandelte die -Niedergeschlagenheit von S. in eine solche Freude, daß er, -ohne Schillern zu entschuldigen oder die herabsetzende Meinung -von dessen Ansprache und Deklamationsgabe widerlegen -zu wollen, augenblicklich nach Hause eilte, um dem -Dichter, der eben aufgestanden war, die angenehme Nachricht -zu hinterbringen, sein Trauerspiel werde bald in lebendigen<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -Gestalten vor ihm erscheinen. Daß seine Mundart, -seine heftige Aussprache den schlechten Erfolg von gestern -hervorgebracht, wurde ihm sorgfältig verschwiegen, um sein -ohnehin krankes Gemüt nicht zu reizen.</p> - -<p>Am andern Tage traf die Antwort des Generals Augé -auf das zweite Schreiben Schillers ein, welche aber von -ganz gleichem Inhalt wie die erste war, nämlich: »Da Se. -herzogliche Durchlaucht jetzt sehr gnädig wären, er nur zurückkommen -solle.« Allein Schiller konnte in keinem Fall -wagen, wieder heimzukehren, da ihm weder Straflosigkeit zugesichert, -noch eine seiner Bitten bewilligt worden war. Der -entscheidende Schritt war einmal geschehen, und so wenig -Glänzendes sich auch jetzt zeigte, so ließ sich doch dieses von -der Zukunft hoffen; ja er fand es geratener, weit eher einem -ungewissen Schicksal entgegen zu gehen, als sich das frühere -Joch wieder auflegen zu lassen, das ihm ohnehin schon den -Nacken wund gerieben und in der Folge zuverlässig auf das -Mark des Lebens eingedrungen sein würde.</p> - -<p>Er hielt nun das, was er zu tun habe, für so gewiß -entschieden, daß er nicht mehr an seinen General schrieb, -sondern dem Rate seiner Freunde folgte, sich auf einige -Wochen zu entfernen, indem es doch möglich wäre, daß seine -Auslieferung von der pfälzischen Regierung verlangt würde, -weil er auf Kosten des Herzogs in der Akademie erzogen -worden und auch, da er Uniform getragen, einigermaßen -zum Militärstande gerechnet werden könne. Geschähe in -einigen Wochen nichts gegen ihn, so wäre man beinahe versichert, -seine Entweichung sei vergessen oder der Herzog werde -seiner gewöhnlichen Großmut gemäß nicht weiter nach ihm -fragen.</p> - -<p>Da auch Baron Dalberg noch immer in Stuttgart verweilte -und seine Rückkehr ungewiß blieb, folglich für die -Bestimmung Schillers nichts getan werden konnte, so wurde -nach einem Aufenthalt von sechs oder sieben Tagen die Reise -über Darmstadt nach Frankfurt am Main beschlossen, wo<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span> -auch die weiteren Nachrichten von Haus oder von Mannheim -abgewartet werden konnten.</p> - -<p>Aber diese Reise mußte zu Fuß gemacht werden; denn -das kleine Kapital, das jeder von Stuttgart mit sich nehmen -konnte, war durch die Herreise, durch das Verweilen in -Mannheim so herab geschwunden, daß es bei der größten -Sparsamkeit nur noch zehn oder zwölf Tage ausreichen konnte. -Für Schiller war es wohl nicht tunlich, sich bei seinen Eltern -um Hilfe zu bewerben; denn seinem Vater durfte er -nicht schreiben, um ihn keinem Verdachte bloßzustellen, und -seiner Mutter wollte er nicht den Kummer machen, sie wissen -zu lassen, daß er jetzt schon Mangel leide, da sie gewiß geglaubt, -er würde einem sehr behaglichen Zustand entgegengehen. -Es schrieb daher S. an seine Mutter, ihm vorläufig, -aber so bald als möglich dreißig Gulden auf dem Postwagen -nach Frankfurt zu schicken, weil Schiller in Mannheim -nichts bezogen habe, beide nur noch auf einige Tage -mit Geld versehen seien und er den Freund in diesen Umständen -unmöglich verlassen könne.</p> - -<p>Nach dem herzlichsten Abschied von Herrn und Madame -Meier und nur mit dem Unentbehrlichsten in den Taschen -gingen die Reisenden nach Tisch über die Neckarbrücke von -Mannheim ab, schlugen den Weg nach Sandhofen ein, blieben -in einem Dorf über Nacht und gingen den andern Tag -durch die herrliche, rechts mit Burgruinen prangende Bergstraße -nach Darmstadt, wo sie abends gegen sechs Uhr eintrafen. -Sehr ermüdet von dem ungewohnten, zwölfstündigen -Marsch begaben sie sich in einen Gasthof und waren sehr -froh, nach einem guten Abendessen in reinlichen Betten ausruhen -und sich durch Schlaf erholen zu können. Letzteres -sollte ihnen aber nicht zu teil werden; denn aus dem tiefsten -Schlafe wurden sie durch ein so lärmendes, fürchterliches -Trommeln aufgeschreckt, daß man glauben mußte, es sei ein -sehr heftiges Feuer ausgebrochen. Sie horchten, als das -schreckliche Getöse sich entfernt hatte, ob man nicht reiten,<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -fahren oder schreien höre; sie öffneten die Fenster, ob sich -keine Helle von Flammen zeige, aber alles blieb ruhig, und -wenn es nur einer allein gehört hätte, würde er sich endlich -selbst überredet haben, es sei ein Traum gewesen. -Am Morgen erkundigten sie sich bei dem Wirt, was das -außerordentlich starke Trommeln in der Stadt zu bedeuten -gehabt, und erfuhren mit Erstaunen, daß dieses jede -Nacht mit dem Schlag zwölf Uhr so wäre. Es sei die -Reveille!</p> - -<p>Des Morgens fühlte sich Schiller etwas unpäßlich, bestand -aber doch darauf, den sechs Stunden langen Weg -nach Frankfurt noch heute zu gehen, damit er alsogleich nach -Mannheim schreiben und sich die indessen an ihn eingelaufenen -Briefe schicken lassen könne.</p> - -<p>Es war ein sehr schöner, heiterer Morgen, als die Reisenden -ihre ermüdeten Füße wieder in Gang zu bringen -versuchten und den Weg antraten. Langsam schritten sie vorwärts, -rasteten aber schon nach einer Stunde, um sich in -einem Dorfe mit etwas Kirschengeist, in Wasser geschüttet, -abzukühlen und zu stärken. Zu Mittag kehrten sie wieder -ein, weniger wegen des Essens, als daß Schiller, der sehr -müde war, sich etwas ausruhen könne. Allein es war in -dem Wirtshause zu lärmend, die Leute zu roh, als daß es -über eine halbe Stunde auszuhalten gewesen wäre. Man -machte sich also noch einmal auf, um Frankfurt in einigen -Stunden zu erreichen, welches aber die Mattigkeit Schillers -kaum zuzulassen schien; denn er ging immer langsamer, mit -jeder Minute vermehrte sich seine Blässe, und als man in -ein Wäldchen gelangte, in welchem seitwärts eine Stelle -ausgehauen war, erklärte er, außerstande zu sein noch weiter -zu gehen, sondern versuchen zu wollen, ob er sich nach einigen -Stunden Ruhe wenigstens so weit erhole, um heute noch die -Stadt erreichen zu können. Er legte sich unter ein schattiges -Gebüsch ins Gras nieder, um zu schlafen, und S. setzte sich -auf den abgehauenen Stamm eines Baumes, ängstlich und<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -bange nach dem armen Freund hinschauend, der nun doppelt -unglücklich war.</p> - -<p>In welcher Sorge und Unruhe der Wachende die Zeit -zugebracht, während der Kranke schlief, kann nur derjenige -allein fühlen, der die Freundschaft nicht bloß durch den Austausch -gegenseitiger Gefälligkeiten, sondern auch durch das -wirkliche mit Leiden und mit Tragen aller Widerwärtigkeiten -kennt. Und hier mußte die innigste Teilnahme um so größer -sein, da sie einem Jüngling galt, der in allem das reinste -Gemüt, den höchsten Adel der Seele kund gab und all das -Erhabene und Schöne schon im voraus ahnen ließ, das er -später so groß und herrlich entfaltete. Auch in seinen gehärmten, -düstern Zügen ließ sich noch der stolze Mut wahrnehmen, -mit dem er gegen ein hartes, unverdientes Schicksal -zu kämpfen suchte, und die wechselnde Gesichtsfarbe verriet, -was ihn, auch seiner unbewußt, beschäftige. Das Ruheplätzchen -lag für den Schlafenden so günstig, daß nur links ein -Fußsteig vorbeiführte, der aber während zwei Stunden von -niemand betreten wurde. Erst nach Verlauf dieser Zeit zeigte -sich plötzlich ein Offizier in blaßblauer Uniform mit gelben -Aufschlägen, dessen überhöflicher Ausruf: »Ah! hier ruht -man sich aus!« einen der in Frankfurt liegenden Werber -vermuten ließ. Er näherte sich mit der Frage: »Wer sind -die Herren?« worauf S. etwas laut und barsch antwortete: -»Reisende.«</p> - -<p>Schiller erwachte, richtete sich schnell auf und maß den -Fremden mit scharfem, verwundertem Blick, der sich nun -auch, da er wohl merken mochte, daß hier für ihn nichts -zu angeln sei, ohne weiter ein Wort zu sprechen, entfernte.</p> - -<p>Auf die schnelle Frage von S., wie geht's, wie ist Ihnen? -erfolgte zu seiner großen Beruhigung die Antwort: »Mir -ist etwas besser, ich glaube, daß wir unsern Marsch wieder -antreten können.« Er stand auf, durch den Schlaf soweit -gestärkt, daß er, anfangs zwar langsam, aber doch ohne Beschwerde -fortgehen konnte. Außerhalb des Wäldchens traf<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -man auf einige Leute, welche die Entfernung der Stadt -noch auf eine kleine Stunde angaben. Diese Nachricht belebte -den Mut, es wurde etwas schneller gegangen, und -ganz unvermutet zeigte sich das altertümlich gebaute, merkwürdige -Frankfurt, in welches man auch noch vor der Dämmerung -eintrat.</p> - -<p>Teils aus nötiger Sparsamkeit, teils auch, wenn Nachforschungen -geschehen sollten, um so leichter verborgen zu -sein, wurde die Wohnung in der Vorstadt Sachsenhausen -bei einem Wirte der Mainbrücke gegenüber gewählt und -mit demselben sogleich der Betrag für Zimmer und Verköstigung -auf den Tag bedungen, damit man genau wisse, -wie lange der geringe Geldvorrat noch ausreichen würde.</p> - -<p>Die Gewißheit, hier genugsam verborgen zu sein, die -vergönnte Ruhe und ein erquickender Schlaf gaben Schillern -die nötigen Kräfte, daß er des andern Tages einige Briefe -nach Mannheim schreiben konnte. Unter diesen befand sich -auch derjenige an Baron Dalberg, der sich in obengenannter -Sammlung Seite 71 befindet. Gern würde der Verfasser -dieses dem Leser einen kleinen Schmerz ersparen, aber er -muß es wissen, und bei diesem außerordentlichen, jetzt beinahe -vergötterten Dichter, wiederholt bestätigt sehen, daß in -Deutschland keinem großen Mann in seiner Jugend auf -Rosen gebettet wird; daß – ist er nicht schon durch die -Eltern mit Glücksgütern gesegnet – er die rauhesten, mit -verwundenden Dornen belegten Wege betreten muß, und -selten, leider äußerst selten, eine freundliche Hand sich findet, -um ihm die Bahn gangbarer, um seiner Brust das Atmen -leichter zu machen. Man überschlage den Brief nicht; denn -er wurde mit gepreßtem Gemüt und nicht mit trockenen -Augen geschrieben.</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Eure Exzellenz werden von meinen Freunden zu Mannheim -meine Lage bis zu Ihrer Ankunft, die ich leider nicht -mehr abwarten konnte, erfahren haben. Sobald ich Ihnen -sage, ich bin auf der Flucht, sobald hab' ich mein ganzes<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -Schicksal geschildert. Aber noch kommt das Schlimmste dazu. -Ich habe die nötigen Hilfsmittel nicht, die mich in den Stand -setzten, meinem Mißgeschick Trotz zu bieten. Ich habe mich -von Stuttgart meiner Sicherheit wegen schnell und zur -Zeit des Großfürsten losreißen müssen. Dadurch habe ich -meine bisherigen ökonomischen Verhältnisse plötzlich durchrissen -und nicht alle Schulden berichtigen können. Meine -Hoffnung war auf meinen Aufenthalt zu Mannheim gesetzt; -dort hoffte ich, von E. E. unterstützt, durch mein Schauspiel -mich nicht nur schuldenfrei, sondern auch überhaupt in bessere -Umstände zu setzen. Dies ward durch meinen notwendigen -plötzlichen Aufbruch hintertrieben. Ich ging leer hinweg, -leer in Börse und Hoffnung. Es könnte mich schamrot -machen, daß ich Ihnen solche Geständnisse tun muß; aber -ich weiß, es erniedrigt mich nicht. Traurig genug, daß ich -auch an mir die gehässige Wahrheit bestätigt sehen muß, -die jedem freien Schwaben Wachstum und Vollendung abspricht.<a id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">2</a></p> - -<p>»Wenn meine bisherige Handlungsart, wenn alles das, -woraus E. E. meinen Charakter erkennen, Ihnen ein Zutrauen -gegen meine Ehrliebe einflößen kann, so erlauben Sie -mir, Sie freimütig um Unterstützung zu bitten. So höchst -notwendig ich jetzt des Ertrags bedarf, den ich von meinem -Fiesco erwartete, so wenig kann ich ihn vor drei Wochen -theaterfertig liefern, weil mein Herz so lange beklemmt war, -weil das Gefühl meines Zustandes mich gänzlich von dichterischen -Träumen zurückriß. Wenn ich ihn aber bis auf besagte -Zeit nicht nur fertig, sondern, wie ich auch hoffen kann, -würdig verspreche, so nehme ich mir daraus den Mut, Euer -Exzellenz um gütigsten Vorschuß des mir dadurch zufallenden -Preises gehorsamst zu bitten, weil ich jetzt vielleicht mehr als<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span> -sonst durch mein ganzes Leben dessen benötigt bin. Ich hätte -ungefähr noch 200 fl. nach Stuttgart zu bezahlen. Ich darf -es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorge macht, als -wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll. Ich habe -so lange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt -habe.</p> - -<p>»Dann wird mein Reisemagazin in acht Tagen erschöpft -sein. Noch ist es mir gänzlich unmöglich mit dem Geiste -zu arbeiten. Ich habe also gegenwärtig auch in meinem -Kopf keine Ressourcen. Wenn E. E. (da ich doch einmal -alles gesagt habe) mir auch hiezu 100 fl. vorstrecken würden, -so wäre mir gänzlich geholfen. Entweder würden Sie dann -die Gnade haben, mir den Gewinst der ersten Vorstellung -meines Fiesco mit aufgehobenem Abonnement zu versprechen, -oder mit mir über einen Preis übereinkommen, den der Wert -meines Schauspiels bestimmen würde. In beiden Fällen -würde es mir ein leichtes sein (wenn meine jetzige Bitte -die alsdann erwachsende Summe überstiege) beim nächsten -Stück, das ich schreibe, die ganze Rechnung zu applanieren. -Ich lege diese Meinung, die nichts als inständige Bitte sein -darf, dem Gutbefinden E. E. also vor, wie ich es meinen -Kräften zutrauen kann, sie zu erfüllen.</p> - -<p>»Da mein gegenwärtiger Zustand aus dem Bisherigen -hell genug wird, so finde ich es überflüssig, E. E. mit einer -drängenden Vormalung meiner Not zu quälen.</p> - -<p>»Schnelle Hilfe ist alles, was ich jetzt noch denken und -wünschen kann. Herr Meier ist von mir gebeten mir den -Entschluß E. E. unter allen Umständen mitzuteilen, und -Sie selbst des Geschäftes mir zu schreiben zu überheben.</p> - -<p>Mit entschiedener Achtung nenne ich mich</p> - -<p class="center"> -Euer Exzellenz</p> -<p class="mostright"> -wahrster Verehrer</p> -<p class="right"> -Friedr. Schiller.« -</p></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p> - -<p>Vorstehender am 29. oder 30. September<a id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">3</a> geschriebener -Brief wurde an Herrn Meier überschickt und dieser in einer -Beilage, nachdem ihm der Inhalt desselben bekannt gemacht -worden, ersucht, sowohl die Antwort des Baron Dalberg -entgegenzunehmen, als auch selbe nach Frankfurt zu senden, -wo man sie von der Post abholen wolle.</p> - -<p>Diese Darstellung seiner Umstände kostete Schillern eine -außerordentliche Überwindung. Denn nichts kann den edlen, -stolzen Mann tiefer beugen, als wenn er um solche Hilfe -ansprechen muß, die das tägliche Bedürfnis betrifft, die ihm -dem Gemeinen, Niedrigen gleichstellt und für die der Reiche -selten seine Hand öffnet. Aber die Bezahlung der 200 fl. -nach Stuttgart war so dringend, daß der Ausdruck in seinem -Briefe: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr -Sorge macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen -soll – Ich habe solange keine Ruhe, bis ich mich von der -Seite gereinigt habe,« die ernstlichste Wahrheit ausdrückte. -Um die Pein, welche diese – wohl manchem sehr unbedeutend -scheinende – Summe von 200 fl. dem edelmütigen -Jüngling verursachte, zu erklären, sowie zur Warnung für -angehende Dichter oder Schriftsteller, sei eine kurze Auseinandersetzung -erlaubt.</p> - -<p>Schon oben ist erwähnt worden, daß Schiller die Räuber -auf seine Kosten drucken lassen und das Geld dazu borgen -mußte. Dieses Borgen konnte aber nicht bei dem Darleiher -selbst geschehen, sondern es verwendete sich, wie es gewöhnlich -geschieht, eine dritte Person dabei, welche die Bezahlung -verbürgte. Auch bei dem Druck der Anthologie mußte nachbezahlt -werden, wodurch denn nebst anderthalbjährigen Zinsen -eine Summe, die ursprünglich kaum 150 fl. betrug, -sich auf 200 anhäufte. Solange Schiller in Stuttgart war, -konnte er leicht den Rückzahlungstermin verlängern, da man -an seinen Eltern, obwohl sie nicht reich waren, doch im<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -schlimmsten Fall einige Sicherheit vermutete. Da jedoch -durch den Befehl des Herzogs das Herausgeben dichterischer -Werke Schillern auf das strengste verboten war und er sich -nur durch solche Arbeiten seine ärmliche Besoldung von jährlichen -180 fl. zu vergrößern wußte, so mußte wohl eine -solche Verlegenheit zu dem Entschlusse, Stuttgart zu verlassen, -viel beitragen, und er hatte auch in diesem Sinne vollkommen -recht, wo er anführt: »Die Räuber kosteten mich -Familie und Vaterland.« Nach der Abreise Schillers konnte -sich der Darleiher nur an die Zwischenperson halten, und -diese, da sie zur Zahlung unvermögend war, konnte in den -Fall geraten, verhaftet zu werden, was dann demjenigen, -der die Ursache davon war, das Herz zernagen mußte. Seine -ganze Hoffnung war nun auf den Baron Dalberg gerichtet, -und daß dieser, der ihm früher so viele Versicherungen seiner -Teilnahme gegeben, ihn schon darum aus dieser Verlegenheit -befreien würde, weil er den Wert der erbetenen Hilfe -in dem Manuskripte von Fiesco schon in Händen hatte, konnte -nicht im mindesten bezweifelt werden. Überdies war Baron -Dalberg nicht nur sehr reich, sondern hatte auch wegen des -häufigen Verkehrs mit Dichtern und Schriftstellern durch -die Artigkeit seines Benehmens gegen sie (was bei diesen -Herren für eine sehr schwere Münze gilt) den Ruf eines -wahren Gönners und Beschützers der schönen Wissenschaften -und Künste sich erworben.</p> - -<p>Da Schiller durch obiges Schreiben die schwerste Last -von seinem Herzen abgewälzt hatte, gewann er zum Teil -auch seine frühere Heiterkeit wieder. Sein Auge wurde feuriger, -seine Gespräche belebter, seine Gedanken, bisher immer -mit seinem Zustande beschäftigt, wendeten sich jetzt auch auf -andere Gegenstände. Ein Spaziergang, der des Nachmittags -über die Mainbrücke durch Frankfurt nach der Post gemacht -wurde, um die Briefe nach Mannheim abzugeben, -zerstreute ihn, da er das kaufmännische Gewühl, die ineinander -greifende Tätigkeit so vieler hier zum erstenmal sah.<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -Auf dem Heimwege übersah man von der Mainbrücke das -tätige Treiben der abgehenden und ankommenden, der ein- -und auszuladenden Schiffe, nebst einem Teil von Frankfurt, -Sachsenhausen, sowie den gelblichen Mainstrom, in dessen -Oberfläche sich der heiterste Abendhimmel spiegelte. Lauter -Gegenstände, die das Gemüt wieder hoben und Bemerkungen -hervorriefen, die um so anziehender waren, als seine -überströmende Einbildungskraft dem geringsten Gegenstand -Bedeutung gab und die kleinste Nähe an die weiteste Entfernung -zu knüpfen wußte. Diese Zerstreuung hatte auf die -Gesundheit Schillers so wohltätig eingewirkt, daß er wieder -einige Eßlust bekam, die ihm seit zwei Tagen gänzlich fehlte, -und sich mit Lebhaftigkeit über dichterische Pläne unterhalten -konnte. Sein ganzes Wesen war so angelegt, sein Körperliches -dem Geistigen so untergeordnet, daß ihn solche Gedanken -nie verließen und er ohne Unterlaß von allen Musen -umschwebt schien. Auch hatte er kaum das leichte Nachtessen -geendet, als sich aus seinem Schweigen, aus seinen aufwärts -gerichteten Blicken wahrnehmen ließ, daß er über etwas Ungewöhnlichem -brüte. Schon auf dem Wege von Mannheim -bis Sandhofen und von da nach Darmstadt ließ sich bemerken, -daß sein Inneres weniger mit seiner gegenwärtigen Lage -als mit einem neuen Entwurfe beschäftigt sei; denn er war -so sehr in sich verloren, daß ihn selbst in der mit Recht so -berühmten Bergstraße sein Reisegefährte auf jede reizende -Ansicht aufmerksam machen mußte. Nun, zwischen vier -Wänden, überließ er sich um so behaglicher seiner Einbildungskraft, -als diese jetzt durch nichts abgelenkt wurde und -er ungestört sich bewegen oder ruhen konnte. In solchen -Stunden war er wie durch einen Krampf ganz in sich zurückgezogen -und für die Außenwelt gar nicht vorhanden; -daher auch sein Freund ihn durch nichts beunruhigte, sondern -mit einer Art heiliger Scheu sich so still als möglich -verhielt. Der nächste Vormittag wurde dazu verwendet, um -die in der Geschichte Deutschlands so merkwürdige Stadt<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -etwas sorgfältiger als gestern geschehen konnte, zu besehen -und auch einige Buchläden zu besuchen. In dem ersten derselben -erkundigte sich Schiller, ob das berüchtigte Schauspiel -die Räuber guten Absatz finde und was das Publikum darüber -urteile? Die Nachricht über das erste fiel so günstig -aus und die Meinung der großen Welt wurde so außerordentlich -schmeichelhaft geschildert, daß der Autor sich überraschen -ließ und, ungeachtet er als Doktor Ritter vorgestellt -worden, dem Buchhändler nicht verbergen konnte, daß er, -der gegenwärtig das Vergnügen habe mit ihm zu sprechen, -der Verfasser davon sei. Aus den erstaunten, den Dichter -messenden Blicken des Mannes ließ sich leicht abnehmen, -wie unglaublich es ihm vorkommen müsse, daß der so sanft -und freundlich aussehende Jüngling so etwas geschrieben -haben könne. Indes verbarg er seine Zweifel, indem er -durch mancherlei Wendungen das vorhin ausgesprochene Urteil, -welches man so ziemlich als das allgemeine annehmen -konnte, wiederholte. Für Schiller war jedoch dieser Auftritt -sehr erheiternd; denn in einem solchen Zustande wie er damals -war, konnte auf sein bekümmertes Gemüt nichts so -angenehmen Eindruck haben als die Anerkennung seines -Talentes und die Gewißheit der Wirkung, von der alle seine -Leser ergriffen worden.</p> - -<p>Zu Haus angelangt, überließ sich Schiller aufs neue seinen -dichterischen Eingebungen und brachte den Nachmittag -und Abend im Auf- und Niedergehen oder im Schreiben -einiger Zeilen hin. Zum Sprechen gelangte er erst nach -dem Abendessen, wo er dann auch seinem Gefährten erklärte, -was für eine Arbeit ihn jetzt beschäftige.</p> - -<p>Da man allgemein glaubt, daß bei dem Empfangen und -an das Lichtbringen der Geisteskinder gute oder schlimme -Umstände ebenso vielen Einfluß wie bei den leiblichen äußern, -so sei dem Leser schon jetzt vertraut, daß Schiller seit der -Abreise von Mannheim mit der Idee umging, ein bürgerliches -Trauerspiel zu dichten, und er schon soweit im Plan<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span> -desselben vorgerückt war, daß die Hauptmomente hell und -bestimmt vor seinem Geiste standen.</p> - -<p>Dieses Trauerspiel, das wir jetzt unter dem Namen -Kabale und Liebe kennen, welches aber ursprünglich Luise -Millerin hätte benannt werden sollen, wollte er mehr als -einen Versuch unternehmen, ob er sich auch in die bürgerliche -Sphäre herablassen könne, als daß er sich öfters oder -gar für immer dieser Gattung hätte widmen wollen. Er -dachte so eifrig darüber nach, daß in den nächsten vierzehn -Tagen schon ein bedeutender Teil der Auftritte niedergeschrieben -war.</p> - -<p>Am nächsten Morgen fragten die Reisenden auf der Post -nach, ob keine Briefe für sie angelangt wären? Aber der -Gang war fruchtlos, und da die Witterung trübe und regnerisch -war, so mußte die Zuflucht wieder zur Stube genommen -werden. Am Nachmittag wurde auf der Post noch -einmal angefragt, aber ebenso vergeblich wie in der Frühe.</p> - -<p>Diese Verspätung deutete S. um so mehr als ein gutes -Zeichen, indem der angesuchte Betrag entweder durch Wechsel -oder durch den Postwagen übermacht werden müsse, was -dann notwendig einige Tage mehr erfordern könne als ein -bloßer Brief. Er war seiner Sache so gewiß, daß er Schillern -ersuchte, ihm seine in Mannheim zurückgelassenen Sachen -nach Frankfurt zu schicken, weil er dann, sowie die Hilfe -von Baron Dalberg eintreffe, seine Mutter ersuchen wolle, -ihm außer dem, was er jetzt schon besitze, noch mehr zu -senden, damit er von hier aus die Reise nach Hamburg fortsetzen -könne. Schiller sagte dieses sehr gern zu und versprach -noch weiter, ihm auch von Meier sowie von seinen -andern Freunden Empfehlungsbriefe zu verschaffen, indem -ein junger Tonkünstler nie zu viele Bekanntschaften haben -könne. Diese Hoffnungen, die von beiden Seiten noch durch -viele Zutaten verschönert wurden, erheiterten den durch eine -bessere Witterung begünstigten Spaziergang und störten auch -abends die Phantasie des Dichters so wenig, daß er sich derselben,<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -im Zimmer auf und ab gehend, mehrere Stunden -ganz ruhig überließ.</p> - -<p>Den nächsten Morgen gingen die Reisenden schon um -neun Uhr aus, um die vielleicht in der Nacht an sie eingelaufenen -Briefe abzuholen, die auch zu ihrer großen Freude -wirklich eingetroffen waren. Sie eilten so schnell als möglich -nach Haus, um den Inhalt derselben ungestört besprechen -zu können, und waren kaum an der Tür ihrer Wohnung, -als Schiller schon das an <em class="antiqua">Dr.</em> Ritter überschriebene Paket -erbrochen hatte. Er fand mehrere Briefe von seinen Freunden -in Stuttgart, die sehr vieles über das außerordentliche -Aufsehen meldeten, das sein Verschwinden veranlaßt habe, -ihm die größte Vorsicht wegen seines Aufenthalts anrieten, -aber doch nicht das mindeste aussprachen, woraus sich auf -feindselige Absichten des Herzogs hätte schließen lassen. Alle -diese Briefe wurden gemeinschaftlich gelesen, weil ihr Inhalt -beide betraf und allerdings geeignet war, sie einzuschüchtern. -Allein da sie in Sachsenhausen geborgen waren, so beruhigten -sie sich um so leichter, da sie in dem Schreiben des -Herrn Meier der angenehmsten Nachricht entgegen sahen. -Schiller las dieses für sich allein und blickte dann gedankenvoll -durch das Fenster, welches die Aussicht auf die Mainbrücke -hatte. Er sprach lange kein Wort, und es ließ sich -nur aus seinen verdüsterten Augen, aus der veränderten -Gesichtsfarbe schließen, daß Herr Meier nichts Erfreuliches -gemeldet habe. Nur nach und nach kam es zur Sprache, -daß Baron Dalberg keinen Vorschuß leiste, weil Fiesco in -dieser Gestalt für das Theater nicht brauchbar sei; daß die -Umarbeitung erst geschehen sein müsse, bevor er sich weiter -erklären könne.</p> - -<p>Diese niederschlagende Nachricht mußte dem edlen Jüngling -um so unerwarteter sein, je mehr er durch die ihm von -Baron Dalberg bezeugte Teilnahme zu seiner Bitte und zur -Hoffnung, daß sie erfüllt würde, berechtigt war. Am meisten -mußte aber sein Ehrgeiz dadurch beleidigt sein, daß er<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -seine traurige Lage ganz unnützerweise enthüllt und sich durch -deren Darstellung der Willkür desjenigen preisgegeben, von -dem er mit Recht Unterstützung erwartete.</p> - -<p>Wenige junge Männer würden sich in gleichen Umständen -mit Mäßigkeit und Anstand über eine solche Versagung ausgesprochen -haben. Schiller aber bewies auch hierin sein reines, -hohes Gemüt; denn er ließ nicht die geringste Klage hören; -kein hartes oder heftiges Wort kam über seine Lippen, ja -nicht einmal eines Tadels würdigte er die erhaltene Antwort, -so wenig er sich auch vor seinem jüngeren Freunde -hätte scheuen dürfen, seinen Unmut auszulassen. Er sann -alsobald nur darauf, wie er dennoch zu seinem Zweck gelangen -könne, oder was zuerst getan werden müsse. Da die -Hoffnung geblieben war, daß, wenn Fiesco für das Theater -brauchbar eingerichtet sei, derselbe angenommen und bezahlt -würde, oder, wenn dieses auch nicht der Fall wäre, doch -das Stück in Druck gegeben und dafür etwas eingenommen -werden könne, so beschloß er in die Gegend von Mannheim -zu gehen, weil es dort wohlfeiler als in Frankfurt zu leben -sei, und auch um den Herren Schwan und Meier nahe zu -sein, damit, wenn es auf die tiefste Stufe des Mangels -kommen sollte, von diesen einige Hilfe erwartet werden könne. -Er wäre sogleich dahin aufgebrochen, allein man war noch -an Frankfurt gebannt, denn bei jedem Griff in den Beutel -war schon sein Boden erreicht, und die durch S. von seiner -Mutter erbetene Beihilfe war noch nicht angelangt. Bis -diese eintreffe, mußte man hier aushalten, und um gegen -die Möglichkeit, daß sie spät ankäme, oder vielleicht gar ausbliebe, -doch einigermaßen gedeckt zu sein, entschloß sich Schiller -ein ziemlich langes Gedicht, Teufel Amor betitelt, an einen -Buchhändler zu verkaufen.</p> - -<p>Dieses Gedicht, von dem sich der Verfasser dieses nur -noch folgender zwei Verse:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Süßer Amor, verweile<br /></span> -<span class="i0">Im melodischen Flug«<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span></p> -<p class="noind">mit Zuverlässigkeit erinnert, war eines der vollkommensten, -die Schiller bisher gemacht und an schönen Bildern, Ausdruck -und Harmonie der Sprache so hinreißend, daß er selbst -– was bei seinen anderen Arbeiten nicht oft eintraf – ganz -damit zufrieden schien und seinen jungen Freund mehrmals -durch dessen Vorlesung erfreute. Leider ging es in den nächsten -vier Wochen (wie der Leser später erfahren wird) mit -noch andern Sachen, wahrscheinlich durch die Zerstreuung -des Dichters selbst, in Verlust, indem sich in der von ihm -herausgegebenen Sammlung seiner Gedichte keine Spur -davon findet und das meiste davon der Bekanntmachung -fast würdiger gewesen wäre als einige Stücke aus seiner -frühern Zeit.</p> - -<p>Von dem Buchhändler kam Schiller aber ganz mißmutig -wieder zurück, indem er fünfundzwanzig Gulden dafür verlangte, -jener jedoch nur achtzehn geben wollte. So benötigt -er aber auch dieser kleinen Summe war, konnte er es doch -nicht über sich gewinnen, diese Arbeit unter dem einmal ausgesprochenen -Preise wegzugeben, und zwar sowohl aus herzlicher -Verachtung gegen alle Knickerei als auch, weil er den -Wert des Gedichtes selbst nicht gering achtete. Endlich, nachdem -der Reichtum der geängstigten Freunde schon in kleine -Scheidemünze sich umgewandelt hatte, kamen den nächsten -Tag auf dem Postwagen die bescheidenen dreißig Gulden für -S. an, der auch ohne das geringste Bedenken für jetzt seinen -Plan nach Hamburg aufgab und bei Schillern blieb, um -ihn nach seinem neuen Aufenthaltsorte zu begleiten. Dieser -schrieb noch am nämlichen Abend an Herrn Meier, daß er -den nächsten Vormittag nach Mainz abgehen, am folgenden -Abend in Worms eintreffen werde, wo er auf der Post Nachricht -erwarte, wohin er sich zu begeben habe, um ihn zu -sprechen und den Ort zu bestimmen, in welchem er sein -Trauerspiel ruhig umarbeiten könne. Gleich den andern -Morgen begaben sich die Reisenden auf das von Frankfurt -nach Mainz täglich abgehende Marktschiff, mit welchem sie<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span> -des Nachmittags bei guter Zeit in letztbenannter Stadt anlangten, -dort sogleich in einem Gasthofe das Wenige, was -sie bei sich hatten, ablegten und noch ausgingen, um den -Dom und die Stadt zu besichtigen.</p> - -<p>Am nächsten Tage verließen sie Mainz sehr früh, wo sie, -die Favorite vorbei, den herrlichen Anblick des Zusammentreffens -vom Rhein- und Mainstrome bei der schönsten -Morgenbeleuchtung genossen und den echt deutschen Eigensinn -bewunderten, mit welchem beide Gewässer ihre Abneigung -zur Vereinigung durch den scharfen Abschnitt ihrer bläulichen -und gelben Farben bezeichneten.</p> - -<p>Da man auf den Abend in Worms eintreffen wollte, -so mußten die Wanderer als ungeübte Fußgänger sich ziemlich -anstrengen, um den neun Stunden langen Weg zurückzulegen. -Als noch am Vormittag Nierenstein erreicht wurde, -konnten beide der Versuchung nicht widerstehen, sich an dem -in der Gegend wachsenden Wein, den sie nur aus den Lobeserhebungen -der Dichter kannten, zu stärken, welches besonders -Schiller, der von Mainz bis hierher nur wenige Worte gesprochen, -sehr zu bedürfen schien. Sie traten in das zunächst -am Rhein gelegene Wirtshaus und erhielten dort durch Bitten -und Vorstellungen einen Schoppen oder ein Viertelmaß von -dem besten ältesten Weine, der sich im Keller fand und der -mit einem kleinen Taler bezahlt werden mußte.</p> - -<p>Als Nichtkenner edler Weine schien es ihnen, daß bei -diesem Getränk wie bei vielen berühmten Gegenständen der -Ruf größer sei, als die Sache verdiene. Aber als sie ins -Freie gelangten, als die Füße sich leichter hoben, der Sinn -munterer wurde, die Zukunft ihre düstere Hülle etwas lüftete -und man ihr mit mehr Mut als bisher entgegenzutreten -wagte, glaubten sie einen wahren Herzenströster in ihm entdeckt -zu haben, und ließen dem edlen Weine volle Gerechtigkeit -angedeihen. Dieser angenehme Zustand erstreckte sich aber -kaum über drei Stunden; denn so fest auch der Wille war, -so sehr die Notwendigkeit zur Eile antrieb, so konnte Schiller<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span> -doch das anstrengende Gehen kaum bis in die Mitte des -Nachmittags aushalten; was aber vorzüglich daher kommen -mochte, weil er immer in Gedanken verloren war, und nichts -so sehr ermüdet als tiefes Nachdenken, wenn der Körper in -Bewegung ist. Man entschloß sich daher eine Station weit -zu fahren, wodurch es allein möglich war, daß Worms um -neun Uhr nachts erreicht wurde.</p> - -<p>Am andern Morgen fand Schiller auf der Post einen -Brief des Herrn Meier, worin dieser die Nachricht gab, daß -er diesen Nachmittag mit seiner Frau in Oggersheim in -dem Gasthause, zum Viehhof genannt, eintreffen wolle, wo -er ihn zu sehen hoffe, um weitere Abrede mit ihm nehmen -zu können. Die Reisenden begaben sich um so ruhiger auf -den Weg, als sie hoffen durften, daß endlich aller Ungewißheit -ein Ende sein würde, und trafen zur gesetzten Zeit in -Oggersheim ein, wo sie auch schon Herrn und Madame -Meier nebst zwei Verehrern des Dichters vorfanden.</p> - -<p>Für Herrn Meier war es eine unangenehme, lästige Aufgabe, -dem jungen Manne, den er als Dichter und Menschen -gleich hoch achtete, die Ansichten des Baron Dalberg über -Fiesco und warum er sich in keinen Vorschuß einlassen -könne, auseinander zu setzen. Er wußte jedoch seinen Ausdrücken -eine solche Wendung zu geben, daß sie keinen der -beiden Gegenstände hart berührten, sondern alles so gelind -als natürlich darstellten. Auch gab er die Versicherung, daß -Fiesco unbezweifelt angenommen werde, sobald er um mehrere -Szenen abgekürzt und der fünfte Akt ganz beendigt sei. -Schiller benahm sich auch bei dieser Gelegenheit wahrhaft -edel und weit über das Gewöhnliche erhaben; denn so sehr -ihm aus oben berührten Rücksichten daran gelegen sein -mußte, den Preis seines Stückes schon jetzt zu haben, so sehr -er auch sein in den Baron Dalberg gesetztes Vertrauen nur -durch Ausflüchte erwidert fand, so sprach er doch kein Wort, -das irgend eine Art von Empfindlichkeit über die vereitelte -Hoffnung hätte erraten lassen oder als Widerlegung der<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span> -über Fiesco gemachten Bemerkungen hätte ausgelegt werden -können. Mit der freundlichen, männlichen Art, die im Umgang -ihm ganz gewöhnlich war, leitete er das Gespräch darauf -hin, den Ort zu bestimmen, wo er sich einige Wochen, als -solange die Umarbeitung wohl dauern werde, ruhig und ohne -Gefahr aufhalten könne. Aus vielen Ursachen wurde es am -besten befunden, wenn er hier in Oggersheim bleibe. Dieses -sei nur eine kleine Stunde von Mannheim entfernt, er könne, -so oft er es nötig finde, des Abends in die Stadt kommen -und wäre in der Nähe seiner Bekannten und Freunde wenigstens -nicht ganz ohne Hilfe, wenn sich etwas Widriges ereignen -sollte.</p> - -<p>Da die von Madame Meier den Reisenden eingehändigten -Briefe aus Stuttgart noch immer von Gefahr der Auslieferung -sprachen und die möglichste Verborgenheit empfahlen, -so wurde der Name Ritter, den Schiller bisher geführt, in -Doktor Schmidt umgewandelt und er von den Anwesenden -in Gegenwart des herbeigerufenen Wirtes also gleich mit -diesem Titel angeredet. Auch hier wurde der Betrag für -Kost und Wohnung auf den Tag bedungen und Madame -Meier ersucht, die in Mannheim gebliebenen Koffer und das -Klavier den Reisenden übermachen zu wollen. Der eintretende -Abend schied die Gesellschaft. Die Freunde, nun wieder -ganz auf sich eingeschränkt, begaben sich auf das ihnen angewiesene -Zimmer, wo sie aber nur ein einziges Bett vorfanden, -mit dem sie sich begnügen mußten.</p> - -<p>Da man die täglichen Kosten des Aufenthaltes wußte, so -ließ sich leicht berechnen, daß die Barschaft auf höchstens drei -Wochen ausreichen könne, in welcher Zeit Schiller seine Arbeit -zu beendigen hoffte. Allein es ließ sich leicht voraussehen, -daß dieses nicht der Fall sein würde, indem er viel -zu sehr mit seinem neuen Trauerspiel beschäftigt war und -schon am ersten Abend in Oggersheim den Plan desselben -aufzuzeichnen anfing. Gleich bei dem Entwurf desselben -hatte er sich vorgenommen, die vorkommenden Charaktere<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -den eigensten Persönlichkeiten der Mitglieder von der Mannheimer -Bühne so anzupassen, daß jedes nicht nur in seinem -gewöhnlichen Rollenfache sich bewegen, sondern auch ganz so -wie im wirklichen Leben zeigen könne. Im voraus schon -ergötzte er sich oft daran, wie Herr Beil den Musikus Miller -so recht naiv-drollig darstellen werde und welche Wirkung -solche komische Auftritte gegen die darauffolgenden tragischen -auf die Zuschauer machen müßten. Da er die Werke Shakespeares -nur gelesen, aber keines seiner Stücke hatte aufführen -sehen, so konnte er auch noch nicht aus der Erfahrung wissen, -wie viele Kunst von seiten des Darstellers dazu gehöre, um -solchen Kontrasten das Scharfe, das Grelle zu benehmen, und -wie klein die Anzahl derer im Publikum ist, welche die große -Einsicht des Dichters oder die Selbstverleugnung des Schauspielers -zu würdigen verstehen.</p> - -<p>Er war so eifrig beschäftigt, alles das niederzuschreiben, -was er bis jetzt darüber in Gedanken entworfen hatte, daß -er während ganzer acht Tage nur auf Minuten das Zimmer -verließ. Die langen Herbstabende wußte er für sein Nachdenken -auf eine Art zu benützen, die demselben eben so förderlich -als für ihn angenehm war. Denn schon in Stuttgart -ließ sich immer wahrnehmen, daß er durch Anhören trauriger -oder lebhafter Musik außer sich selbst versetzt wurde, und daß -es nichts weniger als viele Kunst erforderte, durch passendes -Spiel auf dem Klavier alle Affekte in ihm aufzureizen. -Nun mit einer Arbeit beschäftigt, welche das Gefühl auf -die schmerzhafteste Art erschüttern sollte, konnte ihm nichts -erwünschter sein, als in seiner Wohnung das Mittel zu besitzen, -das seine Begeisterung unterhalten oder das Zuströmen -von Gedanken erleichtern könne.</p> - -<p>Er machte daher meistens schon bei dem Mittagtische mit -der bescheidensten Zutraulichkeit die Frage an S.: »Werden -Sie nicht heute abend wieder Klavier spielen?« – -Wenn nun die Dämmerung eintrat, wurde sein Wunsch -erfüllt, während dem er im Zimmer, das oft bloß durch<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span> -das Mondlicht beleuchtet war, mehrere Stunden auf und ab -ging und nicht selten in unvernehmliche, begeisterte Laute -ausbrach.</p> - -<p>Auf diese Art verflossen einige Wochen, bis er dazu gelangte, -über die bei Fiesco zu treffenden Veränderungen mit -einigem Ernste nachzudenken; denn so lang er sich von den -Hauptsachen seiner neuen Arbeit nicht loswinden konnte, so -lange diese nicht entschieden vor ihm lagen, so lang er die -Anzahl der vorkommenden Personen und wie sie verwendet -werden sollten, nicht bestimmt hatte, war auch keine innere -Ruhe möglich.</p> - -<p>Erst nachdem er hierüber in Gewißheit war, konnte er -die Anordnungen in dem frühern Trauerspiel beginnen, wobei -er aber dennoch den Ausgang desselben vorläufig unentschieden -lassen mußte. Daß dieser Ausgang nicht so sein -dürfe, wie er durch die Geschichte angegeben wird, wo ihn -ein unglücklicher Zufall herbeiführt, blieb für immer ausgemacht. -Daß er tragisch, daß er der Würde des Ganzen -angemessen sein müsse, war ebenso unzweifelhaft. Nur blieb -die schwierige Frage zu lösen, wie, durch wen oder auf -welche Art das Ende herbeizuführen sei? Schiller konnte -hierüber so wenig mit sich einig werden, daß er sich vornahm, -alles Frühere vorher auszuarbeiten, die Katastrophe -durch nichts erraten zu lassen und obige Zweifel erst, wenn -das übrige fertig wäre, zuletzt zu entscheiden.</p> - -<p>Beinahe ein Monat war verflossen, und Fiesco noch -immer nicht vollendet; ja wäre der Dichter nicht gezwungen -gewesen, alles zu versuchen, um sich aus seiner Verlegenheit -zu retten, so wäre dieses Stück sicher erst dann umgearbeitet -worden, wenn er das bürgerliche Trauerspiel ganz fertig vor -sich gesehen hätte.</p> - -<p>Nur diejenigen, welche nicht selbst Fähigkeit zu Arbeiten -haben, wobei Begeisterung und Einbildungskraft beinahe -ausschließend tätig sein müssen, können diese Unentschlossenheit, -diese Zögerungen Schillers eines Tadels würdig finden.<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span> -Zu Werken des ruhigen Verstandes, der kalten Überlegung -läßt sich der Geist leichter beherrschen, sogar öfters nötigen; -da im Gegenteil Dichter oder Künstler auf den Augenblick -warten müssen, wo ihnen die Muse erscheint, und diese, so -freigebig sie auch gegen ihre Lieblinge ist, sich doch alsobald -mit Sprödigkeit wegwendet, wenn die dargebotenen Gaben -nicht augenblicklich erhascht werden. Aus diesen Gründen -lassen sich bei einem Jüngling, dessen Trieb zur Dichtung -so vorherrschend ist, daß alle übrigen Eigenschaften bloß diesem -zu dienen bestimmt sind, Ideen, die sein Inneres aufgeregt -haben, so wenig abwehren, daß, wenn er es auch -versuchen wollte, sie doch immerdar den Hintergrund seiner -Gedanken bilden würden und er nicht früher zur Ruhe gelangen -könnte, bis er nicht wenigstens die Zeichnung entworfen -hätte.</p> - -<p>Daß Schiller unter diesen Hochbegünstigten Apollos einer -der vorzüglichsten war, dafür spricht jede Zeile, die er niederschrieb. -Aber auch ungerechnet die Verhinderungen, welche -ihm sein eignes Talent in den Weg brachten, konnte die -Ursache, wegen welcher er den Fiesco gerade jetzt beendigen -mußte, für ihn nichts weniger als erfreulich sein. Denn so -hoch er die Gaben des Himmels achtete, so gleichgültig war -er gegen diejenigen, welche die Erde bietet, und es war gewiß -nicht ermunternd, zur Erwerbung der letzteren sich gezwungen -zu wissen. Der Aufenthalt in Oggersheim war -in dem feuchten, trüben Oktobermonat gleichfalls nicht erheiternd.</p> - -<p>Mochten auch die nach Mannheim und Frankenthal führenden -Pappelalleen anfangs recht hübsch aussehen, so fand -man doch bald, daß sie nur darum angepflanzt seien, um -die flache, kahle, sandige Gegend zu verbergen; daher waren -die Reisenden um so früher an der mageren Aussicht gesättigt, -als sie von zarter Jugend an an die üppigen Umgebungen -von Ludwigsburg und Stuttgart gewöhnt waren, -wo, besonders bei letzterer Stadt, überall Gebirge das Auge<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span> -erfreuen oder schon die ersten Schritte aus den Stadttoren -in Gärten oder gut gepflegte Weinberge führen.</p> - -<p>Im Hause selbst war der Wirt von rauher, harter Gemütsart, -welche seine Frau und Tochter, die sehr sanft und -freundlich waren, öfters auf die heftigste Art empfinden -mußten. Nur der Kaufmann des Orts war ein Mann, mit -dem sich über mancherlei Gegenstände sprechen ließ, da er -ein sehr großer Freund von Büchern und, zu seinem nicht -geringen Nachteil, ein wahrhaft ausübender Philosoph war. -Wollte Schiller mit Meier oder Herrn Schwan sich unterreden, -so konnte er nur um die Zeit der Dämmerung in -die Stadt gehen, wo er dann über Nacht bleiben mußte -und erst bei Anbruch des Tages zurückkehren konnte. S. -war, was diesen Umstand betraf, viel freier, weil er für sich -keine Gefahr befürchten zu dürfen glaubte. Er war manchen -halben Tag daselbst, um Bekanntschaften anzuknüpfen, die -ihm in der Folge sehr nützlich wurden.</p> - -<p>Der Oktober nahte sich seinem Ende und mit diesem -auch die Barschaft, welche beide mit hieher gebracht hatten. -Es blieb kein anderes Mittel, als daß S. noch einmal nach -Hause schrieb und seine Mutter bat, ihm den Rest des ihm -nach Hamburg bestimmten Reisegeldes hieher zu schicken, indem -er wahrscheinlich genötigt sein werde, in Mannheim zu -bleiben, wenn sich das Schicksal Schillers nicht so vollständig -verbessere, als beide erwarteten.</p> - -<p>Endlich war in den ersten Tagen des Novembers das -Trauerspiel Fiesco für das Theater umgearbeitet und ihm -der Schluß gegeben worden, welcher der Geschichte, der Wahrscheinlichkeit -am angemessensten schien. Man darf glauben, -daß die letzten Szenen dem Dichter weit mehr Nachdenken -kosteten als das ganze übrige Stück, und daß er den begangenen -Fehler, die Art des Schlusses nicht genau vorher -bestimmt zu haben, mit großer Mühe gut zu machen suchen -mußte. Aber in welchen unruhigen Umständen befand sich -der unglückliche Jüngling, als er dieses Trauerspiel entwarf!<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span> -Und wie war die jetzige Zeit beschaffen, in welcher er ein -Werk ausführen sollte, zu dem die ruhigste, heiterste Stimmung -erfordert wird, die durch keine Bedrückung des täglichen -Lebens, keine Beängstigung wegen der Zukunft gestört -werden darf, wenn die Arbeit zur Vollkommenheit gebracht -werden soll! Seine lebhafte, kühne Phantasie, sonst immer -gewöhnt sich mit den Schwingen des Adlers in den höchsten -Regionen zu wiegen, wie stark war diese von der traurigen -Gegenwart niedergehalten! Mit welchen schweren bleiernen -Gewichten zu dem Gemeinen, Niedrigen des Lebens -herabgezogen! – In den verflossenen neun Jahren durfte -er seinem leidenschaftlichen Hang zur Dichtkunst nur verstohlenerweise -einige Minuten, höchstens Stunden opfern; denn -er mußte Studien treiben und Geschäfte verrichten, die mit -seinen Neigungen, seinem mit poetischen Bildern überfüllten -Geist in dem härtesten Widerspruch standen; und es gehörten -so reiche Anlagen wie er besaß dazu, um über die vielen -stets sich erneuernden Kämpfe nicht in Wahnsinn zu verfallen, -sowie sein weiches, zartes Gemüt, um sich allen Anforderungen -zu fügen. Ohne eigne Erfahrung hätte er in -späterer Zeit seinen poetischen Lebenslauf in der herrlichen -Dichtung »Pegasus im Joche« unmöglich so getreu darstellen, -so natürlich zeichnen können, daß derjenige, der mit -seinen Verhältnissen vertraut war, recht wohl die Vorfälle -deuten kann, auf die es sich bezieht. Laßt uns den Dichter -wegen der Mängel, die sich in Fiesco, in Kabale und Liebe -finden, nicht tadeln; vielmehr verdient es die höchste Bewunderung, -daß er bei den ungünstigsten äußern Umständen -die Kräfte seines Talentes noch so weit bemeistern konnte, -um zwei Werke zu liefern, denen, um ihrer vielen und großen -Schönheiten willen, die späte Nachwelt noch ihre Achtung -nicht versagen wird.</p> - -<p>Mit weit mehr Ruhe und Zufriedenheit als früher begab -sich Schiller nach der Stadt, um Herrn Meier das -fertige und ins Reine geschriebene Manuskript einzuhändigen.<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -Da er alles geleistet, was der Gegenstand zuließ, oder von -dem er hoffen konnte, daß es den Wünschen des Baron -Dalberg sowie zugleich den Forderungen der Bühne angemessen -sei, so glaubte er auch, daß seine Bedrängnisse bald -beendigt sein würden und er das Leben auf einige Zeit mit -frohem Mute werde genießen können. Es verging jedoch -eine ganze Woche, ohne daß der Dichter eine Antwort erhielt, -die ihm doch auf die nächsten Tage zugesagt worden. -Um der Ungewißheit ein Ende zu machen, entschloß er sich -an Baron Dalberg zu schreiben und sich noch einmal zu -Herrn Meier zu begeben, um eine Auskunft über das, was -er erwarten könne, zu erhalten.</p> - -<p>Es war gegen die Mitte Novembers, als Schiller und -S. des Abends bei Herrn Meier eintraten und diesen nebst -seiner Gattin in größter Bestürzung fanden, weil kaum vor -einer Stunde ein württembergischer Offizier bei ihnen <span id="corr109">gewesen</span> -sei, der sich angelegentlich nach Schillern erkundigt -habe. Herr Meier hatte nichts gewisser vermutet, als daß -dieser Offizier den Auftrag habe, Schillern zu verhaften, und -demzufolge beteuert, daß er nicht wisse, wo dieser sich gegenwärtig -befinde. Während dieser Erklärung klingelte die Haustür -und man wußte in der Eile nichts Besseres zu tun, -als Schiller mit S. in einem Kabinett, das eine Tapetentür -hatte, zu verbergen. Der Eintretende war ein Bekannter -vom Hause, der gleichfalls voll Bestürzung aussagte: er habe -den Offizier auf dem Kaffeehause gesprochen, der nicht nur bei -ihm, sondern auch bei mehreren Anwesenden sehr sorgfältig -nach Schillern gefragt habe; allein er seinerseits hätte versichert, -daß der Aufenthalt desselben jetzt ganz unbekannt -wäre, indem er schon vor zwei Monaten nach Sachsen abgereist -sei. Die Geflüchteten kamen aus ihrem Versteck hervor, -um die Uniformsaufschläge und das Persönliche des Offiziers -zu erforschen, weil es vielleicht auch einer von den Bekannten -Schillers sein konnte; allein die Angaben über alles waren -so abweichend, daß man unmöglich auf eine bestimmte Person<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span> -raten konnte. Noch einigemal wiederholte sich dieselbe Szene -durch neu Ankommende, die mit den andern voller Ängstlichkeit -um die beiden Freunde waren, weil diese mit Sicherheit -weder in der Stadt übernachten, noch auch nach Oggersheim -zurückgehen konnten.</p> - -<p>Wie aber der feine, gewandte Sinn des zarteren Geschlechtes -allezeit noch Auswege findet, um Verlegenheiten -zu entwirren, wenn die Männer – immer gewohnt nur -starke Mittel anzuwenden – nicht mehr Rat zu schaffen -wissen, so wurde auch jetzt von einem schönen Munde ganz -unerwartet das Mittel zur Rettung ausgesprochen. Madame -Curioni (mit Dank sei heute noch ihr Name genannt) erbot -sich, Schillern und S. in dem Palais des Prinzen von Baden, -über welches sie Aufsicht und Vollmacht hatte, nicht nur für -heute, sondern solange zu verbergen, als noch eine Verfolgung -zu befürchten wäre. Dieses mit der anmutigsten Güte -gemachte Anerbieten wurde mit um so lebhafterer Erkenntlichkeit -aufgenommen, da man daselbst am leichtesten unerkannt -sein konnte und sich auch niemand in der Absicht, um -jemand zu verhaften, in dieses Palais hätte wagen dürfen. -Auf der Stelle wurden die nötigen Anstalten zur Aufnahme -der verfolgt Geglaubten getroffen und sie dann sogleich dahin -geleitet. Herr Meier hatte versprochen, am nächsten Morgen -zum ersten Sekretär des Ministers Grafen von Oberndorf -zu gehen, um diesen, da er ihn sehr gut kenne, zu fragen, -ob der Offizier in Aufträgen an das Gouvernement hier gewesen -sei?</p> - -<p>Das Zimmer, welches den beiden Freunden als Zuflucht -angewiesen worden, war sehr schön und geschmackvoll, mit -Notwendigem sowie Überflüssigem ausgestattet. Unter den -zahlreichen Kupferstichen, mit denen die Wände behangen -waren, befanden sich auch die zwölf Schlachten Alexanders, -von Lebrun, welche den Betrachtenden bis spät in die Nacht -die angenehmste Unterhaltung gewährten. Gegen zehn Uhr -des andern Morgens wagte sich S. aus dem Palais, um<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span> -sich zu Herrn Meier zu begeben und zu vernehmen, ob etwas -zu befürchten sei? Diesen aber hatten seine eignen Sorgen -schon in aller Frühe zu dem Sekretär des Ministers getrieben, -von dem er die Versicherung erhielt, daß der Offizier keine -Aufträge an Graf Oberndorf gehabt und sich auch aus dem -Meldezettel des Gastwirt ergebe, daß er schon gestern abend -um sieben Uhr abgereist sei. Nach einigen kurzen Besuchen -begab sich S. sogleich zu Schillern, um ihm diese beruhigende -Kunde zu überbringen und ihn aus seinem schönen Gefängnis -zu befreien, welches er auch sogleich verließ, um sich zu -Herrn Meier zu verfügen.</p> - -<p>Hier wurde nun die unsichere Lage des Dichters umständlich -besprochen, welche der unnützen Angst von gestern ungeachtet, -ebenso gefährlich für ihn selbst als für jeden, der -Anteil an ihm nahm, beunruhigend schien. Schiller mußte -zugeben, daß er für jetzt nicht in Mannheim verweilen könne, -so willkommen es ihm auch gewesen wäre, für das Theater -wirksam zu sein und zugleich durch Anschauung der aufgeführten -Stücke seine Einsicht in das Mechanische der Bühne -zu erweitern. Daher wurde mit allgemeiner Zustimmung -seiner Freunde von ihm beschlossen, daß, sobald die Annahme -seines Fiesco entschieden sei, er sich sogleich nach Sachsen -begeben wolle. Daß er, aller etwa anzustellenden Nachforschungen -ungeachtet, daselbst einen sichern, von allen Sorgen -befreiten Aufenthalt finden könne, dafür hatte er glücklicherweise -schon in Stuttgart Anstalten getroffen. Frau von Wolzogen, -die ihn sehr hoch achtete, und deren Söhne mit ihm -zugleich in der Akademie erzogen worden, hatte ihm, als er -ihr nach seinem Arrest den Vorsatz, von Stuttgart entfliehen -zu wollen, vertraute, feierlich zugesagt, ihn auf ihrem in der -Nähe von Meiningen liegenden Gute – Bauerbach – solange -wohnen und mit allem Nötigen versehen zu lassen, als er -von dem Herzog eine Verfolgung zu befürchten habe. Dieses -in einer guten Stunde erhaltene Versprechen wollte jetzt -Schiller benützen und schrieb sogleich an diese Dame nach<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -Stuttgart, wo sie sich aufhielt, um die nötigen Vollmachten, -damit er in Bauerbach aufgenommen werde.</p> - -<p>Gegen Ende Novembers erfolgte endlich die Entscheidung -des Baron Dalberg über Fiesco, welche ganz kurz besagte: -»Daß dieses Trauerspiel auch in der vorliegenden Umarbeitung -nicht brauchbar sei, folglich dasselbe auch nicht angenommen -oder etwas dafür vergütet werden könne.«</p> - -<p>So zerschmetternd für Schiller ein Ausspruch sein mußte, -der die Hoffnung, das quälende, seine schönsten Augenblicke -verpestende Gespenst einer kaum des Namens werten Schuld -von sich zu entfernen, auf lange Zeit zerriß – so sehr er -es auch bereute, daß er sich durch täuschende Versprechungen, -durch schmeichelnde, leere, glatte, hohle Worte hatte aufreizen -lassen, von Stuttgart zu entfliehen – so ungewöhnlich es -ihm scheinen mochte, daß man ihn zur Umarbeitung seines -Stückes verleitet, die ihm nahe an zwei Monate Zeit gekostet, -all sein Geld aufzehrte und ihn noch in neue Schulden versetzte, -ohne ihn auf eine entsprechende Art dafür zu entschädigen -oder auch nur anzugeben, worin denn die Unbrauchbarkeit -dieses Trauerspiels bestehe – so sehr dieses alles sein -großmütiges Herz zernagte, so war er dennoch viel zu edel, -viel zu stolz, als daß er sein Gefühl für eine solche Behandlung -hätte erraten lassen. Er begnügte sich gegen Herrn -Meier, der ihm diese abweisende Entscheidung einhändigen -mußte, zu äußern: er habe es sehr zu bedauern, daß er -nicht schon von Frankfurt aus nach Sachsen gereist sei.</p> - -<p>Um jedoch den Leser zu versichern, daß die Mitglieder -des Theaterausschusses, denen Fiesco zur Prüfung vorgelegt -worden, die Meinung ihres Chefs nicht völlig teilten, werde -schon jetzt das Votum eines derselben, das Schiller ein Jahr -später in dem Protokoll des Theaters fand, angeführt.</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Obwohl dieses Stück für das Theater noch einiges zu -wünschen lasse, auch der Schluß desselben nicht die gehörige -Wirkung zu versprechen scheine, so sei dennoch die Schönheit -und Wahrheit der Dichtung von so ausgezeichneter Größe,<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span> -daß die Intendanz hiemit ersucht werde, dem Verfasser als -Beweis der Anerkennung seiner außerordentlichen Verdienste -eine Gratifikation von acht Louisdor verabfolgen zu lassen.«</p> - -<p>Unterzeichnet war: Iffland.</p></div> - -<p>Allein Se. Exzellenz Freiherr von Dalberg konnten diesem -Gutachten, das noch heute Iffland die größte Ehre bringt, -ihren Beifall nicht schenken, sondern entließen den Dichter -eben so leer in Börse und Hoffnung aus Mannheim, wie er -vor zwei Monaten daselbst angekommen war.</p> - -<p>Das nächste, das einzige und letzte, was nun zu tun -war, unternahm Schiller sogleich, indem er zu Herrn Schwan -ging und ihm Fiesco für den Druck anbot. Herr Schwan, -der als Gelehrter und Buchhändler den Ruf eines vortrefflichen -Mannes mit vollem Rechte genoß, übernahm dieses -Stück mit großer Bereitwilligkeit und bedauerte nur, als er -es durchlesen, daß er die vortreffliche Dichtung nicht höher -als den gedruckten Bogen mit einem Louisdor honorieren -könne, da ihm durch die überall lauernden Nachdrucker kein -anderer Gewinn übrig bleibe, als den er von dem ersten -Verkauf ziehe.</p> - -<p>Was Schillern aber unter allen diesen Widerwärtigkeiten -am schmerzlichsten fiel, war der Gedanke, daß er seinen Freund -S. in sein böses Schicksal mit verflochten, indem dieser all -das Geld, das er zu der vorgehabten Reise nach Hamburg -hätte verwenden sollen, in der Hoffnung, daß der Dichter in -Mannheim reichliche Unterstützung finden müsse, aufgeopfert -hatte, und nun an keinen Ersatz zu denken war. Schon im -August hätte S. nach Wien reisen sollen, wo ihn eine Aufnahme -erwartete, die ihn zwar jeder Sorge für seine Bedürfnisse -überhoben, aber in seiner Kunst nicht weiter gefördert -hätte. Er zog es also vor, seine jungen Jahre nicht müßig -zu vergeuden, sondern lieber nach Hamburg zu gehen, um, -wenn es auch mit den größten Entbehrungen geschehen müßte, -sich in der Musik so viel als möglich auszubilden; worin<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span> -ihm auch Schiller, dem er diese Sache schon früher vertraut -hatte, vollkommen beistimmte. Nun konnte S. weder in den -einen noch in den andern Ort gelangen, indem seine Mutter -nicht wohlhabend genug war, um ihm sogleich wieder neue -Hilfe zukommen zu lassen. Nach allen Meinungen schien es -das beste zu sein, daß er vorderhand in Mannheim bleibe, -weil noch mehrere Mitglieder der kurfürstlichen Kapelle daselbst -wohnten, deren Unterricht oder Beispiel er benützen -konnte, wozu die Herren Schwan, Meier und seine Freunde -alles beizutragen versprachen. S. ergab sich in das, was -vorläufig nicht zu ändern war, viel williger, als daß er jetzt -schon in die Stadt ziehen und Schillern noch acht bis zehn -Tage in Oggersheim allein lassen sollte. Allein es mußte -sein. Beide hatten sich aufgezehrt; im Gasthof war es zu -teuer, und ihre Not war schon so groß geworden, daß der -Dichter seine Uhr verkaufen mußte, um nicht zu vieles schuldig -zu bleiben. Die letzten vierzehn Tage mußte man aber dennoch -auf Borg leben, wo man dann auf der schwarzen Wirtstafel -recht säuberlich mit Kreide geschrieben sehen konnte, was die -Herren Schmidt und Wolf täglich verbraucht hatten.</p> - -<p>Der arme Dichter erhielt für Fiesco gerade so viel, um -besagte Kreidenstriche auslöschen zu lassen, um einige unentbehrliche -Sachen für den Winter anzuschaffen und um seine -Reise bis Bauerbach ohne Furcht vor neuem Mangel bestreiten -zu können. Der Antritt dieser Reise war auf den -letzten November bestimmt. Da Schiller mit dem Postwagen -über Frankfurt, Gelnhausen usw. nach Meiningen gehen, sich -aber auf der Post in Mannheim nicht zeigen wollte, so kam -Herr Meier mit ihm überein, ihn mit S. und einigen Freunden -in Oggersheim abzuholen und von da nach Worms zu -bringen, wo er dann den nächsten Tag mit dem Postwagen -abfahren könne.</p> - -<p>An dem bestimmten Tage fuhren die Freunde nach -Oggersheim, wo sie Schiller gerade beschäftigt fanden, seine -wenige Wäsche, seine Kleidungsstücke, einige Bücher und<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -Schriften in einen großen Mantelsack zu packen. Bei einer -Flasche Wein, die er reichen ließ, wurde alles besprochen, -was ihn über die Zukunft beruhigen oder seine Munterkeit -befördern könnte. Allein bei ihm war dies gar nicht so -nötig, als wohl bei den meisten Menschen, denen ihre Hoffnungen -fehlschlagen, der Fall ist. Nur die Erwartung, die -Ungewißheit einer Sache hatte für sein Gemüt etwas Unangenehmes, -Beunruhigendes. Sowie aber einmal die Entscheidung -eingetreten war, zeigte er all den Mut, den ein -wackerer Mann braucht, um Herr über sich zu bleiben. Er -übte – was wenige Dichter tun – seine ausgesprochenen -Grundsätze redlich aus und befolgte den Vorsatz des Karl -Moor »die Qual erlahme an meinem Stolze« bei Umständen, -in welchen jeden andern die Kraft verlassen hätte.</p> - -<p>Von Oggersheim brach die Gesellschaft bei einer starken -Kälte und tiefliegendem Schnee nach Worms auf, wo sie -gerade noch zur rechten Zeit ankam, um in dem Posthause, -wo sie abgestiegen waren, von einer wandernden Truppe -Ariadne auf Naxos spielen zu sehen. Daß die Aufführung -ebenso ärmlich als lächerlich sein mußte, ergibt sich schon -daraus, daß an dem Schiffe, welches den Theseus abzuholen -erschien, zwei Kanonen gemalt waren, und daß der Donner, -durch welchen Ariadne vom Felsen geschleudert wird, mittels -eines Sackes voll Kartoffeln, die man in einen großen Zuber -ausschüttete, hervorgebracht wurde. Meier und seine Freunde -fanden hier eine reiche Ernte für ihre Lust alles zu belachen -und zu verspotten. Schiller aber sah mit ernstem, tiefem -Blick und so ganz in sich verloren auf das Theater, als ob -er nie etwas Ähnliches gesehen hätte oder es zum letztenmal -sehen sollte. Auch nach beendigtem Melodram konnten -die Bemerkungen der andern ihm kaum ein Lächeln entlocken; -denn man sah es ihm an, daß er nicht gerne aus der Stimmung -trete, die sich seiner bemächtigt hatte.</p> - -<p>Das Nachtessen, bei dem auch Liebfrauenmilch nicht fehlte, -machte ihn jedoch etwas heiterer, so daß man endlich ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span> -wohlgemut aufbrechen konnte, um nach Mannheim zurückzukehren -und dem allen wert gewordenen Dichter das Lebewohl -zu sagen. Meier und die andern schieden sehr unbefangen -und redselig.</p> - -<p>Allein was konnten Schiller und sein Freund sich sagen? -– Kein Wort kam über ihre Lippen – keine Umarmung -wurde gewechselt; aber ein starker, lang dauernder Händedruck -war bedeutender als alles, was sie hätten aussprechen -können!</p> - -<p>Die zahlreich verflossenen Jahre konnten jedoch bei dem -Freunde die wehmütige Erinnerung an diesen Abschied nicht -auslöschen; und noch heute erfüllt es ihn mit Trauer, wenn -er an den Augenblick zurückdenkt, in welchem er ein wahrhaft -königliches Herz, Deutschland edelsten Dichter, allein -und im Unglück hatte zurücklassen müssen!</p> - -<p>Die außerordentlich strenge Kälte, welche in den ersten -Tagen des Dezembers herrschte, ließ um so weniger für den -Dichter eine angenehme Reise erwarten, da er ohne schützende -Kleidung, nur mit einem leichten Überrocke versehen, einige -Tage und Nächte auf dem Postwagen zubringen mußte, -dessen (damaliger) Schneckengang selbst in einer bessern -Jahreszeit die Stunden zu Tagen ausdehnte.</p> - -<p>Seine Freunde beklagten ihn sehr, und ihre zu spät erwachte -Gutmütigkeit erinnerte sich jetzt an manches Entbehrliche, -womit ihm die rauhe Witterung weniger empfindlich -hätte gemacht werden können; und je mehr die Mittel -hierzu sich fanden, um so ernstlicher wurde bedauert, daß -man nicht früher daran gedacht oder deshalb gemahnt -worden.</p> - -<p>Ebenso natürlich war es auch, daß dieselben Menschen, -welchen die Versprechungen, die Schillern gemacht worden, -bekannt waren, und die ihm die Hoffnung, daß sie erfüllt -würden, ganz unbezweifelt darstellten, jetzt auch ihren scharfen -Tadel über seine Flucht äußerten und solche für ebenso -leichtsinnig als unbegreiflich erklärten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span></p> - -<p>Daß er, um dem bisher erlittenen, unerträglichen Zwange -zu entgehen, das Äußerste gewagt – daß er durchaus nicht -Arzt, sondern Dichter sein wollte – daß er, um sich dem -so reizend scheinenden Stande mit ganzer Kraft widmen zu -können, eine sehr kümmerliche Besoldung aufgeben konnte, -schien ebenso unüberlegt, als es wenige Kenntnis der Welt -und ihrer Verhältnisse anzeigte.</p> - -<p>Man berechnete sorgfältig den Reichtum berühmter Ärzte -und verglich damit die Einkünfte deutscher Dichter, die, -wenn sie auch den größten Ruhm sich erworben, dennoch -in einer Lage waren, welche man wahrhaft ärmlich nennen -konnte.</p> - -<p>Auch fürchtete man, daß die Erwartungen, die Schiller -durch sein erstes Schauspiel erregt, viel zu groß wären, als -daß er dieselben durch nachfolgende Werke befriedigen oder -seine Kräfte in gleicher Höhe erhalten könnte.</p> - -<p>Der einzige, aber auch sehr warme Verteidiger unseres -Dichters war Iffland, der, den Beruf zum Schauspieler in -sich fühlend, in noch jungen Jahren bloß mit etlichen Talern -in der Tasche und nur mit den am Leibe tragenden Kleidungsstücken -versehen, seinem wohlhabenden Vater entfloh, -um sich zu Ekhof zu begeben und in dessen Schule zu bilden. -Iffland allein wußte die Lage Schillers gehörig zu -würdigen, indem er aus eigner Erfahrung beurteilen konnte, -wie unerträglich es ist, ein hervorstechendes, angebornes -Talent unterdrücken, die herrlichsten Gaben vermodern lassen -zu müssen und nur das gemeine Alltägliche tun zu sollen, -oder gar durch Zwang zu dessen Ausübung angehalten zu -werden. Nicht nur gab er dem mutigen Entschlusse Schillers -seinen völligen Beifall, sondern machte auch mit dem -ihm reichlich zu Gebote stehenden Witze den Kleinmut derer -lächerlich, die es für ein Unglück halten, einige Meilen zu -Fuß reisen zu müssen oder zur gewohnten Stunde keinen -wohlbesetzten Tisch zu finden. Seine treffenden Bemerkungen -ließen die Verhältnisse des Dichters in einem mehr heiteren<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -Lichte erscheinen. Vorläufig konnte man sich insofern beruhigen, -als er doch auf einige Zeit wenigstens gegen Mangel -oder Verfolgungen gesichert war.</p> - -<p>Nur wurde nicht mit Unrecht bezweifelt, ob seine dramatischen -Arbeiten in gänzlicher Abgeschiedenheit gefördert -werden könnten, oder ob sein Geist, von allem erheiternden -Umgang abgeschnitten und bei Entbehrung der nötigen -Bücher, nicht in kurzer Zeit abgestumpft würde. Sein tiefes -Gefühl, seine frische, jugendliche Kraft ließen letzteres zwar -nicht so bald befürchten; indessen vereinigten sich doch alle -Wünsche dahin, daß ein glücklicher Zufall eintreten und für -ihn die günstigsten Umstände herbeiführen möchte.</p> - -<p>Seine Freunde waren auf die Nachrichten von seiner -Ankunft sehr gespannt und wurden durch nachstehenden Brief -an S. vollkommen beruhigt.</p> - -<div class="letter"> -<p class="right"> -Bauerbach, den 8. Dezember 1782.</p> -<p class="center"> -Liebster Freund! -</p> - -<p>Endlich bin ich hier, glücklich und vergnügt, daß ich einmal -am Ufer bin. Ich traf alles noch über meine Wünsche; -keine Bedürfnisse ängstigen mich mehr, kein Querstrich von -außen soll meine dichterischen Träume, meine idealischen -Täuschungen stören.</p> - -<p>Das Haus meiner Wolzogen ist ein recht hübsches und -artiges Gebäude, wo ich die Stadt gar nicht vermisse. Ich -habe alle Bequemlichkeit, Kost, Bedienung, Wäsche, Feuerung, -und alle diese Sachen werden von den Leuten des -Dorfes auf das vollkommenste und willigste besorgt. Ich -kam abends hieher – Sie müssen wissen, daß es von Frankfurt -aus 45 Stunden hieher war – zeigte meine Briefe -auf und wurde feierlich in die Wohnung der Herrschaft abgeholt, -wo man alles aufgeputzt, eingeheizt und schon Betten -hergeschafft hatte. Gegenwärtig kann und will ich keine Bekanntschaften -machen, weil ich entsetzlich viel zu arbeiten habe. -Die Ostermesse mag sich Angst darauf sein lassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span></p> - -<p>Schreiben Sie mir doch, wo Sie gesonnen sind zu bleiben. -Halten Sie sich, wenn Sie zu Mannheim bleiben, -nur immer fleißig an Schwan, Meier und meine Freunde. -Besser Sie bleiben aber nicht dort und verfolgen Ihren ersten -Anschlag, der mir immer der vernünftigste schien.</p> - -<p>Was Sie tun, lieber Freund, behalten Sie diese praktische -Wahrheit vor Augen, die Ihren unerfahrnen Freund -nur zu viel gekostet hat: Wenn man die Menschen braucht, -so muß man ein H...t werden oder sich ihnen unentbehrlich -machen. Eines von beiden oder man sinkt unter.</p> - -<p>Wenn Sie Ursache hätten nicht nach Wien zu gehen, so -könnte ich Ihnen allenfalls einen anderen Ausweg anraten, -der mir von mehreren Seiten besehen, nicht gar verwerflich -scheint. Sie sind jung, weit genug in Ihrer Kunst, um -brauchbar zu sein, halten Sie sich an einen Meister in einer -großen Stadt, von dem Sie wissen, daß er viele Geschäfte -hat, lassen Sie sich auch zu dem Handwerksmäßigen Ihrer -Kunst herab, machen Sie sich ihm nützlich, so finden Sie -erstlich Gelegenheit den Mann zu studieren, finden Brot, -und wenn Sie weggehen Empfehlung. Der große Titian -war Raffaels Farbenreiber. Weit gefehlt, daß ihm das -schimpflich wäre, macht es seinem Namen nur desto größere -Ehre.</p> - -<p>Empfehlen Sie mich bei Schwan, Meier, Cranz, Gern, -Derain, dem Steinschen Hause, auch auf dem Viehhof. -Schreiben Sie mir, was sich von dem Offizier, der mich -aufsuchte, bestätigt hat.</p> - -<p>Noch etwas: bei dem neulichen schnellen Aufbruche von -Oggersheim haben wir beide vergessen, die Zeche im Viehhof -zu bezahlen. Ich will nicht haben, daß Sie in Schaden -dabei kommen. Sie werden also, weil das Geld zu wenig -beträgt, um 65 Stunden geschickt zu werden, eine Anweisung -dafür und für andere abgelegte Kleinigkeiten an Schwan -bekommen, der mir, weil Fiesco gewiß mehr als 10 Bogen -stark wird, noch Geld herauszahlen wird.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p> - -<p>Jetzt muß ich eilen, das ist bereits der fünfte Brief, und -wenigstens noch soviel hab' ich zu schreiben.</p> - -<p>Leben Sie recht wohl, lieber Freund, vergessen Sie mich -nicht und sein Sie vollkommen versichert, daß ich tätig an -Sie denken werde, sobald sich meine Aussichten verschönern, -welches, wie ich hoffe, nicht lange mehr anstehen soll. Noch -einmal leben Sie recht wohl. Wenn Sie mir schreiben, legen -Sie den Brief bei Schwan oder Meier nieder.</p> - -<p>Ohne Veränderung ihr aufrichtigster</p> - -<p class="right"> -Schiller. -</p></div> - -<p>Da wir jetzt unseren so lang in ängstlichen Sorgen und -Ungewißheit lebenden Dichter geborgen wissen und, nach -seinen eignen Äußerungen, mit seinen Lieblingsarbeiten und -in einer Idyllenwelt lebend vermuten dürfen, so sei es erlaubt, -die Personen, denen er empfohlen zu sein wünscht, dem -Leser etwas näher bekannt zu machen und mit einer kurzen -Erklärung vorzustellen. Die Herren Schwan und Meier sind -schon früher erwähnt worden. Herr Cranz – damals auf -Kosten des Herzogs von Weimar in Mannheim, um sich bei -Fräntzel auf der Violine und bei Holzbauer in der Komposition -auszubilden – war bei Herrn Meier Kostgänger, sah -also Schiller sehr oft daselbst, der ihn auch wegen seines -biederen, obwohl sehr trockenen Charakters wohl leiden mochte. -Herr Gern, der ältere, war ein braver, überall brauchbarer -Schauspieler sowie ein ausgezeichnet guter Baßsänger. Er -betrat in Mannheim zuerst die Bühne, war täglich im Meierschen -Hause und wurde dann später auf das Theater nach -Berlin berufen.</p> - -<p>In dem kleinen Oggersheim war Herr Derain der einzige -Kaufmann, welcher sich aber weit mehr mit Politik, Literatur, -besonders aber mit Aufklärung des Landvolkes als mit dem -Vertrieb seiner Waren beschäftigte.</p> - -<p>Seinen Eifer für das Wohl der Landleute, die bei ihm -Zucker, Kaffee, Gewürz oder andere entbehrliche Sachen kaufen<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span> -wollten, trieb er so weit, daß er ihnen oft recht dringend -vorstellte, wie schädlich diese Dinge sowohl ihnen als ihren -Kindern seien, und daß sie weit klüger handeln würden, sich -an diejenigen Mittel zu halten, welche ihnen ihr Feld, Garten -oder Viehstand liefern könne. Daß solche Ermahnungen die -Käufer eher abschreckten als herbeizogen, war ganz natürlich. -Aber Herr Derain, als lediger Mann zwischen 40 und -50 Jahren, der ein kleines Vermögen besaß, kümmerte sich -um so weniger hierüber, je seltener er durch das Geklingel -seiner Ladentür im Lesen oder in seinen Betrachtungen gestört -wurde. Das Gemüt des Mannes war aber von der -edelsten Art, und eine große Bescheidenheit machte seinen -Umgang äußerst angenehm. Er brachte auf eine sonderbare -Art in Erfahrung, wer denn eigentlich die Herren Schmidt -und Wolf seien, die in seiner Nähe wohnten, und deren -Bekanntschaft er schon lange gewünscht hatte.</p> - -<p>Es wurden nämlich bei der gänzlichen Abänderung des -Fiesco die früher geschriebenen Szenen gar nicht mehr beachtet, -sondern wie jedes unnütze Papier behandelt. Mit -diesen sowie mit vielen Blättern, worauf die Entwürfe zu -Luise Millerin verzeichnet waren, wurde nun nichts weniger -als schonend verfahren, was dann die Gelegenheit gab, daß -die Frau Wirtin – die mit einer sehr großen Neigung zum -Lesen eben so viele Neugier für alles Geschriebene verband -– diese Blätter, deren Sprache ihr ganz neu und ungewöhnlich -schien, sammelte und solche zu Herrn Derain brachte, -welchen sie öfters sprach, um ihm ihre häuslichen Leiden zu -klagen oder durch ein geliehenes Buch sich Trost und Vergessenheit -zu verschaffen. Dieser zeigte den Fund seinem Verwandten, -Herrn Kaufmann Stein in Mannheim, der eine -sehr reizende und in allen neueren Werken der Dichtkunst -ganz einheimische Tochter hatte.</p> - -<p>S. war von Stuttgart aus Herrn Stein empfohlen. Die -Blätter seines Reisegefährten wurden ihm vorgezeigt, und -dasjenige, was mit der größten Standhaftigkeit jedem Manne<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span> -verleugnet worden wäre, wußte das schmeichelnde Mädchen -allmählich herauszulocken. Herr Derain, dem unter Gelobung -der tiefsten Verschwiegenheit dieses Geheimnis auch anvertraut -wurde, unterließ bei dieser Gelegenheit nicht, seine hohe -Achtung für ausgezeichnete Dichter oder Schriftsteller auf das -herzlichste kund zu geben. Mit wahrem Eifer bat er um Erlaubnis, -die Bekanntschaft eines noch so jungen und schon -so berühmten Mannes machen zu dürfen, und erhielt solche -um so williger, als für Schiller und seinen Freund eine zerstreuende -Unterhaltung in den trüben, nebligen Novemberabenden -eine wahre Erquickung war. Die Freundschaft und -Achtung für Herrn Derain erhielt sich auch noch in den -nächstfolgenden Jahren.</p> - -<p>Der Offizier, dessen Erscheinung Schiller und seine Freunde -in den größten Schrecken versetzte, war nach einem Schreiben -von Schillers Vater an Herrn Schwan kein Verfolger, sondern -ein akademischer Freund, der bei einer Reise ausdrücklich -den Umweg über Mannheim machte, um den Dichter -zu sprechen, welches aber, wie oben erwähnt, auf die sorgsamste -Weise verhindert wurde.</p> - -<p>Und hier ist auch der Ort, um den Leser zu versichern, -daß der Herzog von Württemberg auf keinerlei Weise jemals -die geringste Vorkehrung treffen ließ, um seinen entflohenen -Zögling wieder in seine Gewalt zu bekommen und zu bestrafen. -Er mochte sich wohl erinnern, daß er Schiller wider -dessen Willen und fast zwangsweise in die Akademie aufgenommen -– daß der Knabe sowie der Jüngling durch -treffende, überraschende Antworten, durch untadelhafte Sitten -seine wahrhaft väterliche Zuneigung sich erworben – daß ein -schon im ersten Versuche sich so kühn aussprechendes Talent -unmöglich durch einen militärischen Befehl unterdrückt werden -könne. Oder war es Rücksicht gegen den ihm fast unentbehrlich -gewordenen Vater; war es Anteil an dem Kummer -der achtungswerten Familie? – Wollte er das mißbilligende -Gefühl, das sich wegen der Gefangenhaltung Schubarts in<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span> -ganz Deutschland allgemein und laut äußerte, nicht noch -weiter aufreizen? – War es natürliche Großmut? – – -Genug, der Herzog gab dieser Sache nicht die geringste Folge -und bewies dadurch ganz offenkundig, daß er die Flucht -Schillers nur als einen Fehler, aber nicht als ein Verbrechen -beurteilte.</p> - -<p>Nicht nur diese Gewißheit ergab sich aus dem Briefe des -Vaters, sondern auch die Hoffnung, daß er dem Sohne noch -mit warmer Liebe zugetan sei, und ihm, wenn der äußerste -Fall einträte, die nötige Unterstützung nicht versagen würde. -Verglich man diesen Brief mit denen, welche Herr Schwan -und S. aus Bauerbach erhalten, so konnten die Freunde -des Dichters um so mehr unbesorgt sein, als dieser mit seinem -Zustand im höchsten Grade zufrieden schien, und sich -nun nach einem Jahre voller Sorgen und Unruhe solchen -Beschäftigungen widmen konnte, die, außer dem Vergnügen, -das sie ihm selbst machten, auch noch mit Ehre und Vorteil -verbunden waren.</p> - -<p>Ohne Zweifel teilt jeder Leser diese Meinungen, und -glaubt vielleicht, das Schicksal, nachdem es seine alles beugende -Gewalt habe empfinden lassen, werde dem Ermüdeten -nach so manchen Stürmen endlich Ruhe vergönnen?</p> - -<p>Der Verfasser bedauert innigst, daß er diese Hoffnungen -nicht bestätigen kann, sondern genötigt ist, neue Schwierigkeiten -zu melden, die sich in dem so friedlich scheinenden Zufluchtsorte -ganz unerwartet erhoben; denn kaum vier Wochen -nach dem ersten erhielt er nachstehenden zweiten Brief.</p> - -<div class="letter"> -<p class="right"> -H., den 14. Jän. 1783. -</p> - -<p>So bin ich doch der Narr des Schicksals! Alle meine -Entwürfe sollen scheitern! Irgend ein kindsköpfischer Teufel -wirft mich wie seinen Ball in dieser sublunarischen Welt -herum.</p> - -<p>Hören Sie nur!</p> - -<p>Ich bin, wenn Sie den Brief haben, nicht mehr in<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span> -Bauerbach. Erschrecken Sie aber nicht. Ich bin vielleicht -besser aufgehoben.</p> - -<p>Frau von Wolzogen ist wieder hier und hat ihren Bruder, -den Oberhofmeister von Marschalk, der bei Bamberg -eine Erbschaft von beinahe 200 000 Gulden getan, begleitet. -Sie können sich vorstellen, mit welcher Ungeduld ich ihr entgegenflog -– – – – Aber nun!</p> - -<p>Lieber Freund, trauen Sie niemand mehr. Die Freundschaft -der Menschen ist das Ding, das sich des Suchens -nicht verlohnt. Wehe dem, den seine Umstände nötigen, auf -fremde Hilfe zu bauen. Gottlob! das letztere war diesmal -nicht.</p> - -<p>Die gnädige Frau versicherte mich zwar, wie sehr sie gewünscht -hätte ein Werkzeug in dem Plane meines künftigen -Glückes zu sein – aber – ich werde selbst so viel Einsicht -haben, daß ihre Pflichten gegen ihre Kinder vorgingen, und -diese müßten es unstreitig entgelten, wenn der Herzog von -W. Wind bekäme; das war mir genug. So schrecklich es -mir auch ist, mich wiederum in einem Menschen geirrt zu -haben, so angenehm ist mir wieder dieser Zuwachs an -Kenntnis des menschlichen Herzens. Ein Freund – und -ein glückliches Ungefähr rissen mich erwünscht aus dem -Handel.</p> - -<p>Durch die Bemühung des Bibliothekars Reinwald, meines -sehr erprobten Freundes, bin ich einem jungen Hrn. -von Wrmb bekannt geworden, der meine Räuber auswendig -kann und vielleicht eine Fortsetzung liefern wird. Er war -beim ersten Anblick mein Busenfreund. Seine Seele schmolz -in die meinige. Endlich hat er eine Schwester! – Hören -Sie, Freund, wenn ich nicht dieses Jahr als ein Dichter -vom ersten Range figuriere, so erscheine ich wenigstens als -Narr, und nunmehr ist das für mich eins. Ich soll mit -meinem Wrmb diesen Winter auf sein Gut, ein Dorf im -Thüringer Walde, dort ganz mir selbst und – der Freundschaft -leben, und was das beste ist, schießen lernen, denn<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span> -mein Freund hat dort hohe Jagd. Ich hoffe, daß das eine -glückliche Revolution in meinem Kopf und Herzen machen soll.</p> - -<p>Schreiben Sie mir nicht, bis Sie neue Adressen haben. -Den Verdruß mit der Wolzogen unterdrücken Sie. Ich sei -nicht mehr in Bauerbach, das ist alles, was Sie sagen -können. – – – – – –</p> - -<p>Tausend Empfehlungen an meinen lieben, guten Meier. -Nächstens schreib ich ihm wieder. Auch an Cranz, Gern -u. s. f. viele Komplimente. Mein neues Trauerspiel, Luise -Millerin genannt, ist fertig. Beiliegendes übergeben Sie -an Schwan, dem Sie mich vielmals empfehlen.</p> - -<p>Ohne Veränderung</p> - -<p class="center"> -Ihr</p> -<p class="right"> -Schiller. -</p></div> - -<p>So schien nun auch dieser Plan gescheitert, auf den nicht -nur der Dichter selbst seine größte, letzte Hoffnung gesetzt -hatte, sondern welcher auch als der sicherste von allen Freunden -zur Befolgung angeraten war. Aufs neue war sein -Schiff den veränderlichen Winden preisgegeben, indem die -Freundschaft mit Hrn. von Wrmb viel zu schwärmerisch, mit -viel zu großen Erwartungen geschlossen schien, als daß man -auf einige Dauer hätte zählen können.</p> - -<p>Größeres Vertrauen flößte die Bekanntschaft mit Hrn. -Reinwald ein, der Hrn. Schwan als rechtlicher Mann, als -Dichter und Schriftsteller bekannt war und sich gewiß um -so inniger an Schiller anschloß, je genügsamer dieser in -seinen Forderungen und anmutiger im Umgange sich gegen -jeden zeigte.</p> - -<p>Was die Äußerungen der Frau von Wolzogen betrifft, -so waren diese ebenso verzeihlich als begreiflich; denn ihre -Söhne, deren Bekanntschaft Schiller den Schutz zu danken -hatte, der ihm jetzt gewährt wurde, waren noch in der Akademie, -und erfuhr der Herzog, von wem sein flüchtiger Zögling -verborgen gehalten werde, so konnte er leicht – vorausgesetzt,<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -daß er sich zu einer Rache herablassen möge – -seine Ungnade den Söhnen der Frau von Wolzogen auf -eine Art empfinden lassen, die ihr Glück nicht nur für jetzt, -sondern auch in der Zukunft bedeutend gestört haben würde.</p> - -<p>Der Verfolg zeigte jedoch, daß die Besorgnisse der Beschützerin -entweder nicht sehr ernsthafter Art gewesen oder -daß Schiller seine Empfindlichkeit darüber zu besiegen wußte; -denn er blieb nicht nur den ganzen Tag<a id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">4</a> in Bauerbach, -sondern brachte auch die Hälfte des folgenden Sommers daselbst -zu. Durch ähnliche Nachrichten wie die, welche er seinem -Freunde nach Mannheim schrieb, versetzte er auch seine -älteste Schwester in die größte Unruhe, und ein Brief, den -sie deshalb an den Bruder schrieb, gab zufällig die Veranlassung -zu ihrer Bekanntschaft mit Herrn Reinwald, die sich -einige Jahre später in eine lebenslängliche Verbindung umwandelte. -Aus dem Briefe des Herrn Reinwald an die -Schwester von Schiller möge das Wichtigste, was sich hierauf -bezieht (mit der damals gebräuchlichen Rechtschreibung) einen -Platz finden.</p> - -<div class="letter"> -<p class="right"> -Meiningen. 27ten Mai 1783.</p> -<p class="center"> -Mademoiselle -</p> - -<p>Ein besonderer Zufall macht mich so frei, an die -Schwester meines Freundes diese Zeilen zu schreiben. Unter -etlichen Papieren, die Hr. <em class="antiqua">D.</em> S** nach einem Besuch bei -mir liegen lassen, fand ich einen Brief von Ihnen. Es -war wohl nicht Sorglosigkeit allein daran Schuld, sondern -auch Vertrauen, denn ich glaube gänzlich, daß er mich liebt.</p> - -<p>Ich fand in diesem Briefe, den ich gelesen und nochmals -gelesen und abgeschrieben habe, so viel reifes Denken und -so viel herzliche, besorgte Wohlmeinung gegen Ihren Herrn -Bruder, daß ich mich gefreut habe, und scheue mich nicht,<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span> -jeden Gedanken, der mir zu seiner Ausbildung oder Glückseligkeit -einfällt, mit Ihnen zu theilen.</p> - -<p>Vielleicht kann ich Ihnen oder Ihren lieben Eltern auch -manche Unruhe benehmen, die Ihnen über die Situation -Ihres Herrn Bruders aufsteigt, und ich werde gerade seyn -und nicht schmeicheln etc. – – – – – – – – –</p> - -<p>Mir ist es selbst Räthsel, warum sie (Fr. v. W.) so sehr -Verachtung fürchtet, und daß sie auf die Veränderung von -unseres Freundes Aufenthalt dringen soll; viele Umstände -scheinen dem letzteren zu widersprechen, es müßte denn seyn, -daß sie aus Beweggründen der Sparsamkeit handelte etc. etc. -Alle Gefahren des Bekanntseyns wären gleich Anfangs vermieden -gewesen, wenn man entweder niemanden auswärts -geschrieben hätte, daß Ihr Herr Bruder da wäre, wo er ist, -sondern nur Meiningen angegeben, oder wenn er wirklich -in dem traurigsten Theile des Jahres hieher gezogen wäre. -Hier residirt ein Herzog, den der Ihrige nicht im Geringsten -deshalb züchtigen kann, wenn er jemand da wohnen läßt, -dem der würtembergische Hof ungünstig ist. Welche Verantwortung -kann da der Fr. v. W. auf den Hals fallen.</p> - -<p>Ihr Herr Bruder muß menschliche Charaktere viel kennen, -weil er sie auf der Bühne schildern soll, item, er muß -sich durch Gespräche über Natur und Kunst durch freundschaftliche, -innige Unterhaltung aufheitern, wenn durch Denken -und Niederschreiben das Mark seines Geistes vertrocknet -ist. Die Gegend, wo er sich jetzt aufhält, und die nur im -Sommer ein wenig von der Seite lächelt, gleicht mehr der -Gegend, wo Ixions Rad sich immer auf einem Orte herumdreht, -als einer Dichter-Insel, und einen zweiten Winter da -zugebracht, wird Hrn. <em class="antiqua">D.</em> S. völlig hypochondrisch machen.</p> - -<p>Ich wünschte daher sehnlich, daß er künftigen Herbst in -einer großen Stadt, wo ein gutes deutsches Theater ist, -z. Ex. in Berlin verweilte, doch unter dem Schutze gelehrter -und rechtschaffener Männer, die ihn von der Ausgelassenheit -bewahrten, die an diesem Orte herrscht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span></p> - -<p>Wien (wo ich ehedem selbst eine Zeit lang war) hat zwar -weniger verderbte Sitten und mehr Teutschheit, aber der -Fehler ist da, daß man mit dem Gelde gut umzugehen -verlernt, denn man nimmt meist viel ein, und gibt noch -mehr aus.</p> - -<p>Noch scheint es aber nicht, daß Ihr Herr Bruder zum -Weggehen inclinirt, er scheint ganz an seine Wohlthäterin -gefesselt, die ihn von der Seite seines guten und dankbaren -Herzens eingenommen hat.</p> - -<p>Ich hatte die Idee ihn nach Pfingsten mit nach Gotha -und Weimar zu nehmen, wo ich Freunde und Verwandte -habe, zu denen ich eine Gesundheitsreise thun werde, ich wollte -ihn den dasigen zum Theil wichtigen Gelehrten präsentiren, -ich wollte ihn wieder an die offne Welt und an die Gesellschaft -der Menschen gewöhnen, die er beinah scheut, und -sich allerhand Unangenehmes von ihnen vorstellt. Aber so -geneigt er im Anfang zu meinem Vorschlag war, so sehr -scheint jetzt sein Geschmack davon entfernt. Ich werde also -das Vergnügen dieser Reise nicht mit ihm theilen können.</p> - -<p>Wenn ich gleich unendlich dabei verliere, wenn Ihr Herr -Bruder einst diese Gegend verlassen sollte, und keiner meiner -bisherigen Freunde mir diesen Verlust ersetzen würde, so -wollte ich doch lieber all mein Vergnügen der Ausbildung -und Glückseligkeit eines so guten und künftig großen Mannes -aufopfern etc. etc.</p> - -<p>Leben Sie mit Ihren lieben Eltern wohl.</p> - -<p class="center"> -Ihr gehorsamster Diener und Verehrer</p> -<p class="right"> -W. H. Reinwald. -</p></div> - -<p>Dieser Brief macht es wahrscheinlich, daß Schiller nicht, -wie er im Januar willens war, mit Hrn. von Wrmb nach -Thüringen reiste, sondern fortwährend in Bauerbach blieb. -War dies der Rat seines Freundes Reinwald? Oder bedachte -er es selbst, daß sein Aufenthalt bei Hrn. von Wrmb<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span> -von so zarter Beschaffenheit sein würde, daß ein Wörtchen, -ja nur eine Gebärde ihn wieder entfernen und in die größte -Verlegenheit setzen müßte?</p> - -<p>Gewißheit kann der Verfasser hierüber nicht geben, indem -er sich nicht erinnert, in der Folge mit Schillern darüber -gesprochen zu haben, und er auch einige Briefe von -diesem aus (jetzt freilich sehr bedauerter) Nachlässigkeit verloren. -Übrigens müßte es auffallend scheinen, daß der gerechte, -edle Stolz und Ehrgeiz des Dichters auch nur einen -Augenblick es ertragen konnte, Frau v. W. einer Verlegenheit -auszusetzen, wenn wir nach obigem Brief nicht annehmen -dürften, daß es ihr mit dem Dringen auf seine Entfernung -nicht sehr ernst gewesen wäre. Außer diesem mochte -auch Schillern der Umstand nachgiebiger machen, daß er -hier frei von allen Sorgen für die kleinlichen Bedürfnisse -des Lebens, ohne die mindeste Störung gänzlich seiner Laune, -seinen Träumen, Idealen und dichterischen Entwürfen leben -konnte; wo ihm kein Befehl vorschrieb, wie er gekleidet sein -müsse, oder die Minute bezeichnete, zu welcher er im Spital -oder auf der Wachtparade erscheinen solle, und wo er nur -seinen großartigen Gefühlen und der Freundschaft leben -durfte.</p> - -<p>Man muß den edlen Jüngling genau gekannt und in -den Jahren 1781 und 82 mit ihm in (dem damals so -zwangsvollen) Stuttgart gelebt haben, um gewiß zu sein, -daß ein nur einigermaßen leidliches Gefängnis, in welchem -sein Tun und Lassen nicht vorgeschrieben worden wäre, ihm -gegen seinen damaligen Zustand gehalten, als eine wirkliche -Wohltat erschienen sein würde. Weiter unten werden wir -aus einem Briefe von ihm selbst erfahren, daß nur die zuletzt -angeführten Gründe die einzigen sein konnten, welche -ihm den Aufenthalt in Bauerbach so wert und unvergeßlich -machten.</p> - -<p>Die Lobsprüche, welche ihm Herr Reinwald in seinem -Brief erteilt, beweisen, wie einnehmend seine Persönlichkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -gewesen und wie duldsam er jede Eigenheit an andern zu -ertragen wußte, indem Hypochondrie und immerwährende -Kränklichkeit Herrn Reinwald sehr reizbar und empfindlich -machten und er auch von der höchsten Bedächtlichkeit war. -Aber der Kern dieses Mannes, seine Kenntnisse sowie sein -Herz waren vortrefflich, und wir werden sehen, wie hoch -Schiller diesen Freund achtete.</p> - -<p>Hätte Herr Reinwald den jungen Dichter dazu vermocht, -mit ihm nach Weimar und Gotha zu reisen, so würde er -in ersterem Orte Goethe und Wieland kennen gelernt haben, -die ihm, aller Wahrscheinlichkeit nach, einen Lebensplan vorgezeichnet, -ihn mit Rat und Empfehlungen unterstützt und -in die nützlichsten Verbindungen gebracht hätten. Auch wären -ihm dadurch zwei Jahre erspart worden, die er meistens in -Verdruß zubrachte, und die von den nachteiligsten Folgen -für seine Gesundheit waren.</p> - -<p>Was Schiller aber von dieser Reise abhielt, war die -Sirenenstimme, die sich von dem Theater zu Mannheim -wieder vernehmen ließ und die seine Nerven so sehr in -Schwingung versetzte, daß er ihren Lockungen nicht widerstehen -konnte und alles andere von sich abwehrte. Denn -schon im März 1783, also kaum drei Monate später, nachdem -der Dichter sieben Wochen vergeblich in Oggersheim -aufgehalten und auf eine äußerst harte Weise entlassen worden -war, schrieb ihm Baron Dalberg wieder, um sich nach -seinen theatralischen Arbeiten zu erkundigen, und zwar in -solchen Ausdrücken, daß Schiller an Herrn Meier in Mannheim -schrieb: »es müsse ein dramatische Unglück in Mannheim -vorgegangen sein, weil er von Baron Dalberg einen -Brief erhalten, dessen annähernde Ausdrücke ihn auf diese -Vermutung brächten.«</p> - -<p>Dieser Schluß war jedoch nur insofern richtig, als Baron -Dalberg, der sich sehr gern mit Umänderungen von Theaterstücken -beschäftigte, und damals gerade Lanassa und Julius -Cäsar von Shakespeare unter der Schere hatte, wohl fühlen<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span> -mochte, daß Schiller zu solchen Arbeiten nicht ganz ungeeignet -sein dürfte. Auch geschah es oft, daß die Mitglieder -des Theaterausschusses von Fiesco sowie von dem bürgerlichen -Trauerspiele Luise Millerin sprachen, dessen ganzer -Plan S. bekannt war und den dieser, da ihn kein Versprechen -zur Geheimhaltung verpflichtete, so umständlich als -lebhaft auseinandersetzte.</p> - -<p>Am wahrscheinlichsten bleibt jedoch, daß sich Baron Dalberg -der frühern Versprechungen und gegebenen Hoffnungen -erinnerte, die er Schillern gemacht, und welche diesen zu -seinem verzweifelten Schritte verleitet. Jetzt, nachdem der -Herzog von Württemberg nicht die mindeste Vorkehrung zur -Habhaftwerdung des Flüchtlings getroffen, konnte mit voller -Sicherheit und ohne sich im mindesten bloß zu stellen, demselben -Genugtuung gegeben, die öfters mahnenden Wünsche -der Schauspieler erfüllt, sowie durch Anstellung eines solchen -Dichters der Bühne ein Glanz erteilt werden, der sie über -alle andern von Deutschland erhob, und von welcher der -größte Teil ihres Ruhmes auf deren Intendanten zurückstrahlen -mußte.</p> - -<p>Möge nun dieser oder jener Beweggrund den Brief des -Baron Dalberg an Schillern veranlaßt haben, so ist es, zur -Rechtfertigung des letztern, von der größten Wichtigkeit zu -zeigen, daß er auch jetzt wieder, wie im Jahre 1781 angelockt, -ja gewissermaßen zur Veränderung seines Aufenthaltes -aufgefordert worden, ohne daß er es gesucht oder sich -deshalb beworben hätte. Der anteilnehmende Leser möge -diesen Umstand um so weniger übersehen, weil es zur unparteiischen -Beurteilung des Schicksals und Benehmens des -Dichters unumgänglich notwendig ist zu wissen, durch wen -und durch was er zu nachteiligen Schritten verleitet worden. -Nachfolgendes ist die Antwort (S. Schillers Briefe an Freiherrn -von Dalberg S. 80), welche auf die Anfrage erteilt -wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span></p> - -<div class="letter"> -<p class="right"> -S.-Meiningen, den 3. April 1783. -</p> - -<p>Euer Exzellenz verzeihen, daß Sie meine Antwort auf -Ihre gnädige Zuschrift erst so spät erhalten – – – –</p> - -<p class="center"> -– – – – – – – – – – – – – – – –<br /> -</p> - -<p>Daß Euer Exzellenz mich auch in der Entfernung noch -in gnädigem Andenken tragen, kann mir nicht anders als -schmeichelhaft sein. Sie wünschen zu hören, wie ich lebe?</p> - -<p>Wenn Verbannung der Sorgen, Befriedigung der Lieblingsneigung, -und einige Freunde von Geschmack einen Menschen -glücklich machen können, so kann ich mich rühmen, es -zu sein.</p> - -<p>E. E. scheinen, ungeachtet meines kürzlich mißlungenen -Versuchs, noch einiges Zutrauen zu meiner dramatischen -Feder zu haben. Ich wünschte nichts, als solches zu verdienen; -weil ich mich aber der Gefahr, Ihre Erwartung zu -hintergehen, nicht neuerdings aussetzen möchte, so nehme ich -mir die Freiheit, Ihnen einiges von dem Stück vorauszusagen.</p> - -<p class="center"> -– – – – – – – – – – – – – – – –<br /> -</p> - -<p>Wenn diese Fehler, die ich E. E. mit Absicht vorhersage, -für die Bühne nichts Anstößiges haben, so glaube ich, daß -Sie mit dem übrigen zufrieden sein werden. Fallen sie aber -bei der Vorstellung zu sehr auf, so wird alles übrige, wenn -es auch noch so vortrefflich wäre, für Ihren Endzweck unbrauchbar -sein und ich werde es besser zurückbehalten. – –</p> - -<p class="right"> -<em class="antiqua">Dr.</em> Schiller. -</p></div> - -<p>Wer diesen Brief gegen die früheren vergleicht, dem muß -die kalte geschraubte Sprache desselben auffallen, indem darin -durchaus nichts ist, woraus zu schließen wäre, Schiller bewerbe -sich wieder um den Schutz des Baron Dalberg. Eher -noch sind Vorwürfe gegen diesen nicht undeutlich ausgesprochen, -denn die Schilderung der Unabhängigkeit und des Glücks, -welches der Dichter jetzt genieße, scheint absichtlich als Gegensatz -angeführt zu sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p> - -<p>Ungeachtet alles dessen wurde der Briefwechsel fortgesetzt, -und Schiller konnte der süßtönenden Stimme um so weniger -widerstehen, als nach seinen Begriffen die Schaubühne sowie -die Arbeiten für dieselbe einen Einfluß und eine Wichtigkeit -hatten, die durch keine andere Kunst oder Wissenschaft -bewirkt werden könne. Und bei der ersten Bühne Deutschlands -sollte er nun Dichter, Lenker eines reinen, veredelten -Geschmackes werden! Jetzt wäre der Zeitpunkt eingetreten, -wo er seine Ideale, die Geschöpfe seiner Einbildungskraft -lebend, handelnd der gespannten Aufmerksamkeit einer Menge -von Zuschauern vorführen könnte! Und diese so lang ersehnte -Gelegenheit sollte er zurückweisen?</p> - -<p>Zu viel wäre dieses gefordert! Er mußte dem Anerbieten -entsprechen und traf auch in den ersten Tagen des -Septembers 1783,<a id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">5</a> nur von Herrn Meier und dessen Frau -erwartet, in Mannheim ein.</p> - -<p>Seinem zurückgelassenen Freunde S. wurde absichtlich -von der ganzen Unterhandlung nichts gesagt, weil er sich -(da sein eignes Glück durch den unnützen Aufenthalt in Oggersheim -gestört worden) schon zu oft gegen das Versprechen -und Verlocken geäußert und das Verfahren gegen den unglücklich -gemachten Dichter bei seinem wahren Namen benannt -hatte.</p> - -<p>Auch wurde ihm durch dieses Verheimlichen eine Überraschung -bereitet, die vollkommen gelang. Denn als er zur -gewöhnlichen Stunde bei Herrn Meier eintrat, konnte er -kaum seinen Augen glauben, daß es der in weiter Entfernung -vermeinte Schiller sei, welcher mit der heitersten Miene -und dem blühendsten Aussehen ihm entgegentrat.</p> - -<p>Nach den herzlichsten Umarmungen und nachdem die -eiligsten Fragen beantwortet waren, kündigte Schiller seinem -Freund an, daß er von Baron Dalberg als Theaterdichter<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -nach Mannheim berufen worden und als solcher mit einer -Besoldung von 300, sage: dreihundert, Gulden Reichswährung -nächstens sein Amt antreten werde. Seine Zufriedenheit -über diese Anstellung sprach aus jedem Wort, aus jedem -Blick, und er mochte sich wohl denselben Himmel in der -Wirklichkeit dabei denken, der auf dem Theater oft so täuschend -dargestellt wird.<a id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">6</a></p> - -<p>Unter dem ruhigen Genuß seiner Freunde und der -Schaubühne – unter einer Menge von Plänen und Besprechungen -über seine künftigen Arbeiten vergingen mehrere -Wochen, und ehe er noch an den Abänderungen des Fiesco -oder der Luise Millerin etwas angefangen hatte, überfiel -ihn das kalte Fieber, welches ihn anfänglich zu allem untüchtig -machte.</p> - -<p>Der Sommer dieses Jahres 1783 zeichnete sich durch -eine ungewöhnliche Hitze aus, durch welche aus dem mit -Morast und stehendem Wasser gefüllten Festungsgraben eine -so faule, verdorbene Luft entwickelt wurde, daß kaum die -Hälfte der Einwohner von diesem Übel verschont blieb. Auch -verursachte die dumpfe Luft in dieser Festung, deren hohe -Wälle jeden Zug, jede Strömung eines Windes verhinderten, -bei allen Krankheiten gefährlichere Folgen als sonst, und -der Tod beraubte in der Mitte des Oktobers Schiller eines -Freundes, der ihm um so werter geworden, je mehr er Gelegenheit -gehabt hatte, dessen edles, offenes Gemüt kennen -zu lernen. Der Theaterregisseur, Herr Meier, dessen schon -so oft erwähnt worden, starb an einer anfangs unbedeutend -scheinenden Krankheit, wodurch nicht nur seiner Frau und -seinen Freunden, sondern auch seinen Kunstgenossen sowie -der Schaubühne selbst ein sehr lang gefühlter Verlust verursacht -wurde. Denn nicht allein war er als Mensch höchst -achtungswert, er war auch ein in Ekhofs Schule gebildeter,<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span> -sehr bedeutender Künstler, der in den meisten, vorzüglich aber -in sanften Rollen nichts zu wünschen übrig ließ. Zur Rechtfertigung -der ärztlichen Kenntnisse Schillers darf hier versichert -werden, daß er die schlimmen Folgen der Mittel, -welche der Theaterarzt verordnet hatte, voraussagte.</p> - -<p>Wenn schon das Wechselfieber den tätigen, kühnen Geist -des Dichters lähmte, so waren die Einwendungen, welche -man gegen sein zweites Trauerspiel machte und die er beseitigen -sollte, noch weniger geeignet, seine Einbildungskraft -aufzuregen.</p> - -<p>Die Bahn, die er sich in seinen Arbeiten für die Bühne -vorgezeichnet hatte, war ganz neu und ungewöhnlich, daher -es den Schauspielern, die meistens nur bürgerliche oder sogenannte -Konversationsstücke aufzuführen gewohnt waren, -sehr schwer und mühsam wurde, die Ausdrücke des Dichters -so zu geben, wie er sie schrieb, und in welche sich, ohne -deren Sinn zu stören oder ins Gemeine herabzuziehen, durchaus -nichts aus der Umgangssprache einflicken ließ. Daß bei -den Räubern derlei Einwendungen weniger gemacht wurden, -davon war der überwältigende Stoff sowie die ergreifende -Wirkung, welche die meisten Szenen hervorbrachten, die Ursache. -Besonders eiferte letzteres jeden Mitwirkenden an, alle -Kräfte beisammen zu halten, um auch in den unbedeutend -scheinenden Teilen keine Störung zu verursachen, damit das -Werk so, wie es aus der dichterischen Kraft entsprungen, ein -erstaunungswürdiges Ganzes bliebe.</p> - -<p>Bei Fiesco war der Inhalt schon an sich selbst kälter. -Die schlauen Verwicklungen erwärmten nicht; die langen -Monologe, so meisterhaft sie auch waren, konnten nicht mit -Begeisterung aufgefaßt und gesprochen werden, indem sich -größtenteils nur der Ehrgeiz darin malte und zu fürchten -war, daß die Zuschauer ohne Teilnahme bleiben würden. -Man gestand nicht gern, daß die Anstrengung des Darstellers -mit dem zu erwartenden Beifall nicht im Verhältnis stehen -möchte, weil erstere zu groß und letzterer zu gering sein würde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p> - -<p>Am meisten wurde gegen den Schluß eingewendet, weil -er weder den ersten Schauspielern noch dem Publikum Genüge -leisten könne und eine Empfindung zurücklassen müsse, -welche den Anteil, den man an dem Vorhergehenden des -Stückes genommen, bedeutend schwächen würde.</p> - -<p>Wenn man bedenkt, daß der tiefe, umfassende Geist -Schillers sich auch in späterer Zeit nie bequemen konnte, -ein Stück so zu entwerfen und zu schreiben, daß es den -Forderungen oder, eigentlicher zu reden – da vorzüglich die -unterhaltenden Künste den geringern Kräften der Menge angepaßt -werden müssen – dem Handwerksmäßigen des Theaters -in allen seinen Teilen angemessen hätte sein können; -so kann man sich vorstellen, mit welchem Widerwillen er sich -an Abänderungen (worunter nicht Abkürzungen verstanden -sind) überhaupt, besonders aber wie bei Fiesco der Fall -war, an solche sich machte, wo dem Verstand und der Wahrheit -zugleich der stärkste Schlag versetzt werden müßte. War -auch sein Kopf gewandt genug, um jede Begebenheit als -möglich darzustellen, so mußte doch an die Stelle des Zerstörten -etwas Neues geschaffen werden, das – wie jeder, -dem Geistes- oder Kunstarbeiten bekannt sind, gestehen muß – -entweder nicht so gut gerät oder doch viel schwieriger als -ersteres ist.</p> - -<p>Indessen mußte er diese Einwürfe berücksichtigen, und -ungeachtet der Unterbrechungen durch seine Krankheit und -die dadurch gestörte gute Laune wurde er dennoch in der -zweiten Hälfte des Novembers mit Umarbeitung des Fiesco -fertig.</p> - -<p>Nun mußte aber das ganze Stück ins Reine und in der -genauen Folge geschrieben werden, wozu, da man diese beschwerliche -Arbeit nicht von ihm verlangen konnte, ein Regiments-Furier -vorgeschlagen wurde, der eine sehr deutliche -und hübsche Handschrift hatte. Da so vieles aus der ersten -Bearbeitung gestrichen, zwischen hinein abgeändert oder ganz -neu eingelegt war, so durfte die Anordnung dem Abschreiber<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -nicht überlassen bleiben, sondern mußte ihm in die Feder -gesagt werden.</p> - -<p>In den ersten Stunden fühlte sich der Verfasser sehr behaglich, -indem er nach Bequemlichkeit bald sitzend, bald auf -und nieder gehend vorsagen konnte. Als aber der Mann -weggegangen war, wie entsetzte sich Schiller, als er seinen -ihm so wert gewordenen Helden Fiesco in Viesgo, die liebliche -Leonore in Leohnohre, Calcagna in Kallkahnia verwandelt -und in den übrigen Eigennamen falsche Buchstaben, -sowie die meisten Worte der gewohnten Rechtschreibung entgegen -fand.</p> - -<p>Seine Klagen hierüber waren ebenso bitter als auf eine -Art ausgesprochen, die zum Lachen reizte, indem er gar nicht -begreifen konnte, daß jemand, der so schöne Buchstaben mache, -nicht auch jedes Wort richtig sollte schreiben können.</p> - -<p>Noch einmal, nachdem er den Mann vorher alle Namen -ordentlich hatte aufzeichnen lassen, versuchte er es wieder vorzusagen. -Als er aber dennoch fand, daß Fiesco jetzt mit -einem F, und später mit einem V anfing, da verlor er die -Geduld so gänzlich, daß er, um diese Augenmarter nicht -länger aushalten zu müssen, sich entschloß, selbst das ganze -Stück ins reine zu schreiben. Er war so fleißig dabei, daß -solches in der Mitte Dezembers dem Baron Dalberg überreicht -werden konnte. Zufrieden mit seiner in den verflossenen -zwei Monaten bewiesenen Tätigkeit konnte der kranke -Dichter allerdings sein, obwohl diese, da er nur die vom -Fieber freien Tage und die Nächte benützen konnte, seine -Kräfte sehr abspannte und sein sonst immer heiteres Gemüt -sich öfters verdüsterte. Aber nicht allein eine solche Anstrengung -war geeignet, jede muntere Laune zu verscheuchen, auch -sein übriges Verhältnis, das in Beziehung des Einkommens -im grellsten Widerspruch mit seinen früheren Erwartungen -stand, mußte ihn schon darum zum Mißvergnügen reizen, -weil ihm dieses in den Briefen von seiner Familie sehr bemerklich -gemacht wurde. Besonders war der Vater sehr<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -unzufrieden, seinen Sohn in einem so ungewissen, nichts -dauernd zeigenden Zustand zu wissen, und er glaubte ihn -nur dann für die Zukunft geborgen, wenn er wieder Arzt -und unter dem Schutze des Herzogs wäre. Das Herz der -Mutter, konnte es ruhig schlagen, wenn sie ihren Liebling -in seiner Gesundheit, in seinem häuslichen Wesen, in seinen -Sitten – die sie bei dem Theater sich zügellos denken -mochte – im höchsten Grade gefährdet glaubte? Auch die -älteste Schwester vereinigte ihre Wünsche mit denen der Eltern -und veranlaßte folgende Erwiderung des Bruders.</p> - -<div class="letter"> -<p class="right"> -Mannheim, am Neujahr 84.</p> -<p class="center"> -Meine teuerste Schwester! -</p> - -<p>Ich bekomme gestern Deinen Brief, und da ich über -meine Nachlässigkeit, Dir zu antworten, etwas ernsthaft nachdenke, -so mache ich mir die bittersten Vorwürfe von der -Welt. Glaube mir, meine Beste, es ist keine Verschlimmerung -meines Herzens; denn so sehr auch Schicksale den Charakter -verändern können, so bin doch ich mir immerdar gleich -geblieben – es ist ebensowenig Mangel an Aufmerksamkeit -und Wärme für Dich; denn Dein künftiges Los hat schon -oft meine einsamen Stunden beschäftigt, und wie oft warst -Du nicht die Heldin in meinen dichterischen Träumen! – -Es ist die entsetzliche Zerstreuung, in der ich von Stunde -zu Stunde herumgeworfen werde, es ist zugleich auch eine -gewisse Beschämung, daß ich meine Entwürfe über das Glück -der Meinigen und über Deins insbesondere bis jetzt so -wenig habe zur Ausführung bringen können. Wie viel bleiben -doch unsere Taten unseren Hoffnungen schuldig! und -wie oft spottet ein unerklärbares Verhängnis unseres besten -Willens –</p> - -<p>Also unsere gute Mutter kränkelt noch immer? Sehr -gern glaube ich es, daß ein schleichender Gram ihrer Gesundheit -entgegen arbeitet, und daß Medikamente vielleicht<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -gar nichts tun – aber Du irrst Dich, meine gute Schwester, -wenn Du ihre Besserung von meiner Gegenwart hoffst. -Unsere liebe Mutter nährt sich gleichsam von beständiger -Sorge. Wenn sie auf einer Seite keine mehr findet, so -sucht sie sie mühsam auf einer andern auf. Wie oft haben -wir alle uns das ins Ohr gesagt! Ich bitte Dich auch, ihr -es in meinem Namen zu wiederholen. Ich spreche ganz -allein als Arzt – denn daß eine solche Gemütsart das -Schicksal selbst nicht verbessern, daß sie mit einer Resignation -auf die Vorsicht durchaus nicht bestehen könne, wird unser -guter Vater ihr öfter und besser gesagt haben. Dein Zufall -ficht mich wirklich nicht wenig an. Ich erinnere mich, -daß du ihn mehrmals gehabt hast, und bin der Meinung, -daß eine Lebensart mit starker Leibesbewegung, neben einer -verdünnenden Diät ihn am besten hemmen werde. Nimm -zuweilen eine Portion Salpeter mit Weinstein, und trinke -auf das Frühjahr die Molken.</p> - -<p>Du äußerst in Deinem Brief den Wunsch, mich auf der -Solitüde im Schoße der Meinigen zu sehen, und wiederholst -den ehmaligen Vorschlag des lieben Papas, beim Herzog -um meine freie Wiederkehr in mein Vaterland einzukommen. -Ich kann Dir nichts darauf antworten, Liebste, als -daß meine Ehre entsetzlich leidet, wenn ich ohne Konnexion -mit einem andern Fürsten, ohne Charakter und dauernde -Versorgung, nach meiner einmal geschehenen gewaltsamen -Entfernung aus Württemberg, mich wieder da blicken lasse. -Daß der Papa den Namen zu dieser Bitte hergibt, nützt -mir wenig, denn jedermann würde doch mich als die Triebfeder -anklagen, und jedermann wird, so lang ich nicht beweisen -kann, daß ich den Herzog von Württemberg nicht -mehr brauche, in einer (mittelbar oder unmittelbar, das ist -eins) erbettelten Wiederkehr ein Verlangen, in Württemberg -unterzukommen, vermuten.</p> - -<p>Schwester, überdenke die Umstände aufmerksam; denn -das Glück Deines Bruders kann durch eine Übereilung in<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span> -dieser Sache einen ewigen Stoß leiden. Ein großer Teil -von Deutschland weiß von meinen Verhältnissen gegen euern -Herzog und von der Art meiner Entfernung. Man hat sich -für mich auf Unkosten des Herzogs interessiert – wie entsetzlich -würde die Achtung des Publikums (und diese entscheidet -doch mein ganzes zukünftige Glück), wie sehr würde -meine Ehre durch den Verdacht sinken, daß ich diese Zurückkunft -gesucht – daß meine Umstände mich meinen ehmaligen -Schritt zu bereuen gezwungen, daß ich diese Versorgung, -die mir in der großen Welt fehlgeschlagen, aufs -neue in meinem Vaterlande suche. Die offene edle Kühnheit, -die ich bei meiner gewaltsamen Entfernung gezeigt habe, -würde den Namen einer kindischen Übereilung, einer dummen -Brutalität bekommen, wenn ich sie nicht behaupte. -Liebe zu den Meinigen, Sehnsucht nach dem Vaterland entschuldigt -vielleicht im Herzen eines oder des andern redlichen -Mannes, aber die Welt nimmt auf das keine Rücksicht. -Übrigens kann ich nicht verhindern, wenn der Papa es dennoch -tut – nur dieses sage ich Dir, Schwester, daß ich, im -Fall es der Herzog erlauben würde, dennoch mich nicht bälder -im Württembergischen blicken lasse, als bis ich wenigstens -einen Charakter habe, woran ich eifrig arbeiten will; -im Fall er es aber nicht zugibt, mich nicht werde enthalten -können, den mir dadurch zugefügten Affront durch offenbare -Sottisen gegen ihn zu rächen. Nunmehr weißt Du genug, -um vernünftig in dieser Sache zu raten.</p> - -<p>Schließlich wünsche ich Dir und Euch allen von ganzem -Herzen ein glückliche Schicksal im 1784sten Jahr; und gebe -der Himmel, daß wir alle Fehler der vorigen in diesem -wieder gut machen, geb' es Gott, daß das Glück sein Versäumnis -in den vergangenen Jahren in dem jetzigen einbringe.</p> - -<p class="center"> -Ewig Dein treuer Bruder</p> -<p class="right"> -Friedrich S. -</p></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span></p> - -<p>Wahrlich, ein Beweis, wie er als Sohn, Bruder und -Mann dachte, läßt sich durch nichts so offen, kräftig und -schön als durch diesen Brief darstellen, dessen Inhalt um -so schätzbarer ist, da er im größten Vertrauen geschrieben -wurde und sich keine Ursache finden konnte, einen Gedanken -anders auszudrücken als ganz so, wie er entstand. Denn -diese Anhänglichkeit, diese kindliche und brüderliche Liebe war -nebst dem stolzen Gefühl für Ehre und Erwerbung eines -berühmten Namens der mächtigste Sporn für ihn, um durch -sein Talent das Glück der Seinigen ebenso gewiß als sein -eignes zu befördern. Schon in Stuttgart, noch eh' er den -Entschluß zu entfliehen gefaßt hatte, war dieses sehr oft der -Inhalt seiner vertrauten Gespräche, so wie es auch, da er -die Unmöglichkeit einsah, diesen Wunsch in seinen drückenden -Verhältnissen verwirklichen zu können, ein Grund mehr wurde, -sich eigenmächtig zu entfernen. Auf das treueste schildert er -zehn Jahre später seine damaligen Erwartungen in dem Gedicht: -Die Ideale</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wie sprang, von kühnem Mut beflügelt,<br /></span> -<span class="i0">Beglückt in seines Traumes Wahn,<br /></span> -<span class="i0">Von keiner Sorge noch gezügelt,<br /></span> -<span class="i0">Der Jüngling in des Lebens Bahn!<br /></span> -<span class="i0">Bis an des Äthers bleichste Sterne<br /></span> -<span class="i0">Erhob ihn der Entwürfe Flug,<br /></span> -<span class="i0">Nichts war so hoch und nichts so ferne,<br /></span> -<span class="i0">Wohin ihr Flügel ihn nicht trug.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Wie leicht ward er dahin getragen,<br /></span> -<span class="i0">Was war dem Glücklichen zu schwer!<br /></span> -<span class="i0">Wie tanzte vor des Lebens Wagen<br /></span> -<span class="i0">Die luftige Begleitung her!<br /></span> -<span class="i0">Die Liebe mit dem süßen Lohne,<br /></span> -<span class="i0">Das Glück mit seinem goldnen Kranz,<br /></span> -<span class="i0">Der Ruhm mit seiner Sternenkrone,<br /></span> -<span class="i0">Die Wahrheit in der Sonne Glanz!«<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span></p> -<p>So waren seine Hoffnungen, als er das Kleinliche, Eigensüchtige -der Menschen noch nicht aus der Erfahrung kannte, -als quälende Sorgen mit ihren zackichten Krallen sich noch -nicht an ihn geklammert hatten, als er noch glauben durfte, -die Deutschen zu sich erheben und ihnen etwas Höheres als -bloße Unterhaltung darbieten zu können.</p> - -<p>Nur zu bald mußte er ausrufen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Doch ach! schon auf des Weges Mitte<br /></span> -<span class="i0">Verloren die Begleiter sich,<br /></span> -<span class="i0">Sie wandten treulos ihre Schritte,<br /></span> -<span class="i0">Und einer nach dem andern wich.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Aber sein Mut blieb dennoch unbeugsam! Denn was -tausend andere in ähnlichen Verwicklungen niedergedrückt oder -zur Verzweiflung gebracht hätte, wurde von seinem mächtigen -Geiste – der immer nur das höchste Ziel im Auge -behielt – entweder gar nicht beachtet oder, wenn es auch -schmerzte, nur belächelt.</p> - -<p>Im Verfolg der Erzählung wird das Gesagte noch weiter -bestätigt werden.</p> - -<p>Noch während der Umarbeitung des Fiesco wurde es -eingeleitet, daß Schiller in die deutsche Gesellschaft zu Mannheim, -von welcher Baron Dalberg Präsident war, aufgenommen -werden solle. Außer der in Deutschland so sehr -gesuchten Ehre eines Titels hatte der Eintritt in diese Gesellschaft -wenigstens den Vorteil, daß sie sich des unmittelbaren -kurfürstlichen Schutzes erfreute, wodurch denn der -Dichter, im Fall er noch von dem Herzog von Württemberg -angefochten worden wäre, wenigstens einigen Schutz -hätte erwarten dürfen. Zu seinem Eintritt schrieb er die -kleine Abhandlung: »Was kann eine gute stehende Schaubühne -wirken?« welche noch immer die Mühe verlohnt, sie -aufs neue durchzulesen, um den Zweck des Theaters überhaupt -und auch die Ansichten des Verfassers über die Wirkung -desselben kennen zu lernen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p> - -<p>Einige Monate nach dieser Aufnahme faßte er den Plan, -eine Dramaturgie herauszugeben, um durch diese die Mannheimer -Bühne als Muster für ganz Deutschland bilden, auch -sich zugleich einen größern Wirkungskreis erwerben zu können. -Anfangs glaubte man, daß es am besten sein würde, -die Aufsätze den Jahrbüchern der deutschen Gesellschaft einzuverleiben. -Jedoch der ganze, so eifrig gefaßte und so vielversprechende -Vorsatz scheiterte, indem diese Jahrbücher, die -nur ernste, trockene Forschungen enthielten, durch Berichte -über ein so flüchtiges Ding, wie das Theater zu sein scheint, -profaniert geworden wären, und weil die Theaterkasse die -von dem Dichter verlangte jährliche Schadloshaltung von -50 Dukaten nicht zu leisten vermochte. (Das Nähere hierüber -findet sich in den Briefen an Baron Dalberg S. 104, -124.) Endlich in der Mitte Januars 1784 wurde das -republikanische Schauspiel Fiesco aufgeführt, dessen durch -Unlenksamkeit der Statisten veranlaßten häufigen Proben -dem Verfasser manchen Ärger, viele Zerstreuung und öfters -auch Aufheiterung verschafften. Es war alles, was die -schwachen Kräfte des Theaters vermochten, angewendet worden, -um das Äußerliche des Stücks mit Pracht auszustellen; -ebenso wurden auch die Hauptrollen, Fiesco durch Böck, -Verrina durch Iffland, der Mohr durch Beil, vortrefflich -dargestellt, und manche Szenen erregten sowohl für den -Dichter als für die Schauspieler bei den Zuschauern die -lauteste Bewunderung. Aber für das Ganze konnte sich die -Mehrheit nicht erwärmen; denn eine Verschwörung in den -damals so ruhigen Zeiten war zu fremdartig, der Gang der -Handlung viel zu regelmäßig, und was vorzüglich erkältete, -war, daß man bei dem Fiesco ähnliche Erschütterungen wie -bei den Räubern erwartet hatte.</p> - -<p>Dichter, Künstler, deren erstes Werk schon etwas Großes, -Außerordentliches darstellt, und dessen Bearbeitung in gleicher -Höhe mit dem Inhalt sich findet, können selten die Erwartungen -in demjenigen, was sie in der nächsten Folge<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span> -liefern, ganz befriedigen, indem die Anzahl derer ganz unglaublich -gering ist, die ein Kunstwerk ganz allein für sich, -ohne Beziehung oder Vergleichung mit anderm zu würdigen -verstehen. Mit seltener Ausnahme hat jeder Zuhörer oder -Zuschauer seinen eignen Maßstab, mit dem er alles mißt, -und wenn auch nur eine Linie über oder unter der als -richtig erkannten Länge ist, es auch sogleich als untüchtig -verwirft. Besonders werden die Werke der Einbildungskraft -weit mehr nach dem Gefühl, das sie zu erregen fähig sind, -als mit dem Verstande beurteilt, und alle Leistungen, welche -das erste im hohen Grad ansprechen – mögen sie übrigens -noch so fehlerhaft sein – werden der Menge weit mehr zusagen -als solche, bei denen der Verstand, die schöne weise -Verteilung, die freie Beherrschung des Stoffes, den großen -Meister andeutet. Daher hatte Wieland vollkommen recht, -als er in seinem ersten Brief an Schiller schrieb: »er hätte -mit den Räubern nicht anfangen, sondern endigen sollen.«</p> - -<p>Wir werden weiter unten erfahren, welcher Ursache es -der Dichter beigemessen, daß Fiesco in Mannheim die gehoffte -Wirkung nicht hatte.</p> - -<p>Nach einigen Wochen Erholung begann er die Umarbeitung -von Luise Millerin, bei welcher er wenig hinzuzufügen -brauchte, wohl aber vieles ganz weglassen mußte. Schien -ihm nun auch dieses ganze bürgerliche Trauerspiel ziemlich -mangelhaft angelegt, so ließ sich doch an den Szenen, die -den meisten Anteil zu erregen versprachen, nichts mehr ändern; -sondern er mußte sich begnügen, die hohe Sprache -herabzustimmen, hier einige Züge zu mildern und wieder -andere ganz zu verwischen. Manche Auftritte, und zwar -nicht die unbedeutendsten, gründen sich auf Sagen, die damals -verbreitet waren, und deren Anführung viele Seiten -ausfüllen würde. Der Dichter glaubte solche hier an den -schicklichen Platz stellen zu sollen und gab sich nur Mühe, alles -so einzukleiden, daß weder Ort noch Person leicht zu erraten -waren, damit nicht üble Folgen für ihn daraus entstünden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span></p> - -<p>Während dieser Umarbeitung brachte Iffland sein Verbrechen -aus Ehrsucht auf die Bühne.</p> - -<p>Er war so artig, es Schillern vor der Aufführung einzuhändigen -und ihm zu überlassen, welche Benennung dieses -Familienstück führen solle, und dem der bezeichnende Name, -den es noch heute führt, erteilt wurde. Der außerordentliche -Beifall, den dieses Stück erhielt, machte die Freunde -Schillers nicht wenig besorgt, daß dadurch seine Luise Millerin -in den Schatten gestellt werde, denn niemand erinnerte -sich, daß ein bürgerliches Schauspiel jemals so vielen Eindruck -hervorgebracht hätte. Letzteres durfte jedoch meistens -der Darstellung beigemessen werden, die so lebendig, der -ganzen Handlung so angemessen war und in allen Teilen -so rund von statten ging, daß man den innern Gehalt ganz -vergaß und, von der Begeisterung des Publikums mit fortgerissen, -sich willig täuschen ließ.</p> - -<p>Nicht lange nachher kam die Vorstellung des neuen -Trauerspiels unseres Dichters an die Reihe, welchem Iffland, -dem es vorher übergeben wurde, die Aufschrift »Kabale -und Liebe« erteilte. Um der Aufführung recht ungestört -beiwohnen zu können, hatte Schiller eine Loge bestanden -und seinen Freund S. zu sich dahin eingeladen.</p> - -<p>Ruhig, heiter, aber in sich gekehrt und nur wenige -Worte wechselnd, erwartete er das Aufrauschen des Vorhanges. -Aber als nun die Handlung begann – wer vermöchte -den tiefen, erwartenden Blick – das Spiel der unteren -gegen die Oberlippe – das Zusammenziehen der -Augenbrauen, wenn etwas nicht nach Wunsch gesprochen -wurde – den Blitz der Augen, wenn auf Wirkung berechnete -Stellen diese auch hervorbrachten – wer könnte dies -beschreiben! – Während des ganzen ersten Aufzuges entschlüpfte -ihm kein Wort, und nur bei dem Schlusse desselben -wurde ein »es geht gut« gehört.</p> - -<p>Der zweite Akt wurde sehr lebhaft und vorzüglich der -Schluß desselben mit so vielem Feuer und ergreifender Wahrheit<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span> -dargestellt, daß, nachdem der Vorhang schon niedergelassen -war, alle Zuschauer auf eine damals ganz ungewöhnliche -Weise sich erhoben und in stürmisches, einmütiges Beifallrufen -und Klatschen ausbrachen. Der Dichter wurde so sehr -davon überrascht, daß er aufstand und sich gegen das Publikum -verbeugte. In seinen Mienen, in der edlen, stolzen -Haltung zeigte sich das Bewußtsein, sich selbst genug getan -zu haben, sowie die Zufriedenheit darüber, daß seine Verdienste -anerkannt und mit Auszeichnung beehrt würden.</p> - -<p>Solche Augenblicke, in welchen das aufgeregte Gefühl -eines bedeutenden Menschen sich plötzlich ganz unverhohlen -und natürlich äußert, sollte man durch eine treue Zeichnung -festhalten können; dies würde einen Charakter leichter und -bestimmter durchschauen lassen, als in Worten zu beschreiben -möglich ist.</p> - -<p>Die ungewöhnlich günstige Aufnahme dieses Trauerspieles -war den Freunden Schillers beinahe ebenso erfreulich, als -ihm selbst, indem sie, da seiner Arbeit nicht nur von Kennern, -sondern auch von dem Publikum ein entschiedener Vorzug -vor andern ähnlicher Art gegeben wurde, hoffen durften, -daß er durch neue Werke, nicht wie bisher nur Ehre und -Beifall, sondern auch solche Vorteile gewinnen werde, die -seine Verhältnisse des Lebens befriedigender gestalten könnten. -Der Theaterdirektion konnte es gleichfalls willkommen sein, -daß in den verflossenen zwei Jahren auch zwei solche Stücke -von ihm geliefert worden, deren Wert sich für eine lange -Zukunft verbürgen ließ; und konnte er, wie es auch den -Anschein hatte, so fortfahren, so war seine geringe Besoldung -sehr gut angelegt.</p> - -<p>In der Berauschung, die ein öffentlicher, mit Begeisterung -geäußerter Beifall immer zur Folge hat, konnte er -jedoch die Nachricht der Schwester (S. vorstehenden Brief), -daß die Mutter aus Sehnsucht nach ihm kränklich sei, nicht -vergessen, und erlaubte es früher – nachdem keine seiner -Erwartungen erfüllt war – sein Stolz nicht, seiner Mutter<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span> -sich zu zeigen, so war dieser durch den Titel eines Mitgliedes -der kurpfälz'schen deutschen Gesellschaft, wie durch den -überraschenden Erfolg seiner zwei letzten Stücke, insoweit -wenigstens befriedigt, daß er mit gerechtem Selbstgefühl seinen -Angehörigen vor Augen treten durfte. Er entschloß sich -daher, in Bretten, einem außerhalb der württemberg'schen -Grenze liegenden Städtchen, mit seiner Mutter und ältesten -Schwester zusammen zu kommen, und wenige Tage nach -der ersten Aufführung von Kabale und Liebe begab er sich -zu Pferd dahin.<a id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">7</a></p> - -<p>Wäre es möglich, das tiefempfindende, sorgenvolle Gemüt -der Mutter, und die Wehmut, mit der sie ihren, nun -aus seinem Vaterlande wie von seinen Eltern verbannten -Liebling an die Brust drückte, die Lebhaftigkeit, den männlichen -Verstand der Schwester, das zarte, weiche, sich immer -edel und schön aussprechende Herz des Sohnes gehörig zu -schildern, so wäre dieses wohl eines der anziehendsten Gemälde, -die sich in dem Leben eines solchen Dichters und -einer so seltenen Familie darbieten können. Es muß der -Einbildungskraft des Lesers überlassen bleiben, diese Szene, -nebst dem nach kurzem Aufenthalte gewaltsamen Losreißen -dreier vortrefflicher Menschen, die das von zitternden Lippen -gepreßte Lebewohl! für lange, lange Zeit ausgesprochen -glauben mußten, sich teilnehmend ausmalen zu können.</p> - -<p>Es war ganz natürlich, daß der Wunsch des Vaters wie -der Mutter, dem Sohn auf das angelegentlichste empfohlen -wurde, sich doch um eine sichere, dauernde Anstellung zu bewerben, -damit seine eigenmächtige Entfernung gerechtfertigt -und sein Glück dauerhaft begründet sein möge. Allein mit -allem guten Willen hierzu konnte er eine solche Veränderung -nicht sogleich herbeiführen, und es blieb vorläufig nichts zu<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -tun, als mit dem festen Vorsatz nach Mannheim zurückzukehren, -durch neue sich auszeichnende Arbeiten seinem Schicksal -eine bessere Wendung zu geben. Er glaubte, daß dieses -ein Schritt dazu wäre, wenn er in Gesellschaft von Iffland -und Beil, die zu Ende Aprils von Grosmann in Frankfurt -auf Gastvorstellungen eingeladen waren, die Reise dahin -machte, und dadurch den Kreis seiner Verehrer und Freunde -erweiterte.</p> - -<p>Bei seinem Aufenthalt daselbst wurde Verbrechen aus -Ehrsucht wie auch Kabale und Liebe gegeben. Seine Äußerungen -über die Verschiedenheit der Frankfurter gegen die -Mannheimer Bühne sowie über die Mitglieder von beiden, -finden sich in seinen Briefen an Baron Dalberg.</p> - -<p>Daß sich in Frankfurt diejenigen, welche Sinn für höhere -Poesie hatten, an den Dichter drängten, der in so jungen -Jahren schon so viele Beweise der Überlegenheit seines Geistes -an den Tag gelegt, läßt sich sehr leicht denken. Denn -die Zeit war damals so ruhig, so harmlos, die Gedichte und -Schauspiele Schillers trugen so sehr den Stempel der Größe -und Neuheit, daß sich die jüngere Lesewelt nur mit diesen -beschäftigte, und ihr alles, was zu gleicher Zeit die Presse -in diesem Fache förderte, klein oder nichtsbedeutend schien.</p> - -<p>Unter andern neuen Bekanntschaften machte er auch die -des Doktor Albrecht und dessen Gattin, welche letztere (S. -Schröders Leben) später das Theater betrat. Beide waren -auch Freunde des Bibliothekars Reinwald in Meiningen -und erinnerten Schiller an die – allen, deren Wirken nicht -bloß durch die Einbildungskraft geschieht, ganz unbegreifliche -– Nachlässigkeit, diesem, dem er so viele Verbindlichkeit -hatte, seit der Abreise aus Bauerbach noch nicht geschrieben -zu haben.</p> - -<p>Kaum nach Mannheim zurückgekehrt, beeilte er sich, seinen -Fehler durch ein offenes Geständnis wenn auch nicht -zu rechtfertigen, doch wenigstens zu mildern, und schrieb<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span> -Herrn Reinwald folgenden Brief, dessen Inhalt für jeden -seiner Verehrer nicht anders als höchst anziehend sein kann.</p> - -<div class="letter"> -<p class="right"> -Mannheim, den 5. Mai 84.</p> -<p class="center"> -Bester Freund! -</p> - -<p>Mit peinigender Beschämung ergreife ich die Feder, nicht -um mein langes Stillschweigen zu entschuldigen – kann -wohl ein Vorwand in der Welt Ihre gerechten Ansprüche -auf mein Andenken überwiegen? – Nein, mein Teuerster, -um Ihnen diese Undankbarkeit von Herzen abzubitten, und -Ihnen wenigstens mit der Aufrichtigkeit, die Sie einst an -mir schätzten, zu gestehen, daß ich mich durch nichts als -meine Nachlässigkeit rechtfertigen kann. Was hilft es Ihnen, -wenn ich auch zu meiner Verantwortung anführe, daß ich -Aussichten hatte, Sie diesen Frühling selbst wieder zu sehen, -daß ich die tausend Dinge, die ich für Sie auf dem Herzen -habe, mündlich zu überbringen hoffte –</p> - -<p>Dieser Traum ist verflogen, wir sehen uns nunmehr so -bald nicht, und nichts als Ihre Freundschaft und Liebe wird -mein großes Versehen entschuldigen. Glauben Sie wenigstens, -daß Ihr Freund noch der vorige ist, daß noch kein -anderer Ihren Platz in meinem Herzen besetzt hat, und daß -Sie mir oft, sehr oft gegenwärtig waren, wenn ich von den -Zerstreuungen meines hiesigen Lebens in stilles Nachdenken -überging. – Und jetzt will ich auch auf immer einen Artikel -abbrechen, wobei ich von Herzen erröten muß.</p> - -<p>Wie haben Sie gelebt, mein Teurer? Wie steht es mit -Ihrem Gemüt, Ihrer Gesundheit, Ihren Zirkeln, Ihren -Aussichten in bessere Zukunft? – Ist noch kein Schritt zu -einer solidern Versorgung geschehen? Müssen Sie sich noch -immer mit den Verdrießlichkeiten eines armseligen Dienstes -herumstreiten? – Hat auch Ihr Herz noch keinen Gegenstand -aufgefunden, der Ihnen Glückseligkeit gewährte? –</p> - -<p>Wie sehr verdienen Sie alle Seligkeiten des Lebens, und -wie viele kennen Sie noch nicht! – Auch um einen Freund<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span> -mußte ich Sie betrügen! Doch nein! Sie haben ihn niemals -verloren und werden ihn auch niemals verlieren.</p> - -<p>Vielleicht wünschen Sie mit meiner Lage bekannt zu sein. -Was sich in einem Briefe sagen läßt, sollen Sie erfahren.</p> - -<p>Noch bin ich hier, und nur auf mich kommt es an, ob -ich nach Verfluß meines Jahres, nämlich am 1. September, -meinen Kontrakt verlängern will oder nicht. Man rechnet -aber indes schon ganz darauf, daß ich hier bleiben werde, -und meine gegenwärtigen Umstände zwingen mich beinahe -auf längere Zeit zu kontrahieren, als ich vielleicht sonst würde -getan haben. Das Theater hat mir für dieses Jahr in allem -500 Gulden Fixum gegeben, wobei ich aber auf die jedesmalige -Einnahme einer Vorstellung meiner Stücke Verzicht -tun mußte. Meine Stücke bleiben mir frei zu verkaufen. -Aber Sie glauben nicht, mein Bester, wie wenig Geld 600 -bis 800 Gulden in Mannheim, und vorzüglich im theatralischen -Zirkel ist – wie wenig Segen, möchte ich sagen, in -diesem Geld ist – welche Summen nur auf Kleidung, Wohnung -und gewisse Ehrenausgaben gehen, welche ich in meiner -Lage nicht ganz vermeiden kann. Gott weiß, ich habe mein -Leben hier nicht genossen, und noch einmal soviel als an jedem -andern Orte verschwendet. Allein und getrennt! – Ungeachtet -meiner vielen Bekanntschaften, dennoch einsam und -ohne Führung, muß ich mich durch meine Ökonomie hindurchkämpfen, -zum Unglück mit allem versehen, was zu unnötigen -Verschwendungen reizen kann. Tausend kleine Bekümmernisse, -Sorgen, Entwürfe, die mir ohne Aufhören -vorschweben, zerstreuen meinen Geist, zerstreuen alle dichterischen -Träume, und legen Blei an jeden Flug der Begeisterung. -Hätte ich jemand, der mir diesen Teil der Unruhe -abnähme, und mit warmer, herzlicher Teilnehmung sich um -mich beschäftigte, ganz könnte ich wiederum Mensch und -Dichter sein, ganz der Freundschaft und den Musen leben. -Jetzt bin ich auch auf dem Wege dazu.</p> - -<p>Den ganzen Winter hindurch verließ mich das kalte Fieber<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span> -nicht ganz. Durch Diät und China zwang ich zwar jeden -neuen Anfall, aber die schlimme hiesige Luft, worin ich noch -Neuling war, und meine von Gram gedrückte Seele machten -ihn bald wiederkommen. Bester Freund! ich bin hier noch -nicht glücklich gewesen, und fast verzweifle ich, ob ich je in -der Welt wieder darauf Anspruch machen kann. Halten Sie -es für kein leeres Geschwätz, wenn ich gestehe, daß mein -Aufenthalt in Bauerbach bis jetzt mein seligster gewesen, der -vielleicht nie wieder kommen wird.</p> - -<p>Vorige Woche war ich zu Frankfurt, Grosmann zu besuchen -und einige Stücke da spielen zu sehen, worin zwei -Mannheimer Schauspieler, Beil und Iffland, Gastrollen -spielten. Grosmann bewirtete mich unter andern auch mit -Kabale und Liebe. (Nicht wahr, jetzt zürnen Sie wieder, -daß ich noch den Mut habe, dieses Stück vor Ihnen zu -nennen, da ich Ihnen auch nicht einmal ein Exemplar davon -geschickt. Werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihnen -sage, daß nicht nur dieses Stück, sondern auch die beiden -andern für Sie schon zurückgelegt waren, daß ich fest entschlossen -war, sie Ihnen selbst nach der hiesigen Vorstellung -zu bringen, wovon mich eine traurige Notwendigkeit abhielt, -und daß ich das aufgegeben habe, als ich bei Schwan erfuhr, -Sie hätten das Stück schon kommen lassen?) Hier -zu Mannheim wurde es mit aller Vollkommenheit, deren -die Schauspieler fähig waren, unter lautem Beifall und den -heftigsten Bewegungen der Zuschauer gegeben.</p> - -<p>Sie hätte ich dabei gewünscht – den Fiesco verstand -das Publikum nicht. Republikanische Freiheit ist hierzulande -ein Schall ohne Bedeutung, ein leerer Name – in -den Adern der Pfälzer fließt kein römisches Blut. Aber zu -Berlin wurde es vierzehnmal innerhalb drei Wochen gefordert -und gespielt. Auch zu Frankfurt fand man Geschmack -daran. Die Mannheimer sagen, das Stück wäre viel zu -gelehrt für sie.</p> - -<p>Eine vortreffliche Frau habe ich zu Frankfurt kennen<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span> -lernen – sie ist Ihre Freundin – die Madame Albrecht. -Gleich in den ersten Stunden ketteten wir uns fest und innig -aneinander; unsre Seelen verstanden sich. Ich freue mich -und bin stolz, daß sie mich liebt, und daß meine Bekanntschaft -sie vielleicht glücklich machen kann. Ein Herz, ganz -zur Teilnahme geschaffen, über den Kleinigkeitsgeist der gewöhnlichen -Zirkel erhaben, voll edlen, reinen Gefühls für -Wahrheit und Tugend, und selbst da noch verehrungswert, -wo man ihr Geschlecht sonst nicht findet. Ich verspreche mir -göttliche Tage in ihrer nähern Gesellschaft. Auch ist sie eine -gefühlvolle Dichterin! Nur, mein bester, schreiben Sie ihr, -über ihre Lieblingsidee zu siegen, und vom Theater zu gehen. -Sie hat sehr gute Anlagen zur Schauspielerin, das ist wahr, -aber sie wird solche bei keiner solchen Truppe ausbilden, sie -wird mit Gefahr ihres Herzens, ihres schönen und einzigen -Herzens, auf dieser Bahn nicht einmal große Schritte tun -– und täte sie diese auch, schreiben Sie ihr, daß der größte -theatralische Ruhm, der Name einer Clairon und Yates mit -ihrem Herzen zu teuer bezahlt sein würde. Mir zu Gefallen, -mein Teuerster, schreiben Sie ihr das mit allem Nachdruck, -mit allem männlichen Ernst. Ich habe es schon getan, und -unsere vereinigten Bitten retten der Menschheit vielleicht eine -schöne Seele, wenn wir sie auch um eine große Aktrice bestehlen.</p> - -<p>Von Ihnen, mein Liebster, wurde langes und breites -gesprochen. Madame Albrecht und ich waren unerschöpflich -in der Bewunderung Ihres Geistes und Ihres mir noch -schätzbareren Herzens. Könnten wir uns in einen Zirkel -von mehreren Menschen dieser Art vereinigen, und in diesem -engern Kreise der Philosophie und dem Genusse der schönen -Natur leben, welche göttliche Idee! – Auch der Doktor ist -ein lieber, schätzbarer Freund von mir. Sein ganzes Wesen -erinnerte mich an Sie, und wie teuer ist mir alles, wie bald -hat es meine Liebe weg, was mich an Sie erinnert.</p> - -<p>Noch immer trage ich mich mit dem Lieblingsgedanken,<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span> -zurückgezogen von der großen Welt, in philosophischer Stille -mir selbst, meinen Freunden und einer glücklichen Weisheit -zu leben, und wer weiß ob das Schicksal, das mich bisher -unbarmherzig genug herumwarf, mir nicht auf einmal eine -solche Seligkeit gewähren wird. In dem lärmendsten Gewühl, -mitten unter den Berauschungen des Lebens, die man -sonst Glückseligkeit zu nennen pflegt, waren mir doch immer -jene Augenblicke die süßesten, wo ich in mein stilles Selbst -zurückkehrte und in dem heitern Gefilde meiner schwärmerischen -Träume herumwandelte, und hie und da eine Blume -pflückte. – Meine Bedürfnisse in der großen Welt sind vielfach -und unerschöpflich, wie mein Ehrgeiz, aber wie sehr -schrumpft dieser neben meiner Leidenschaft zur stillern Freude -zusammen.</p> - -<p>Es kann geschehen, daß ich zur Aufnahme des hiesigen -Theaters ein periodisches, dramaturgisches Werk unternehme, -worin alle Aufsätze, welche mittelbar oder unmittelbar an -das Geschlecht des Dramas oder an die Kritik desselben grenzen, -Platz haben sollen. Wollen Sie, mein Bester, einiges -in diesem Fach ausarbeiten, so werden Sie sich nicht nur -ein Verdienst um mich erwerben, sondern auch alle Vorteile -für Ihre Börse davon ziehen, die man Ihnen verschaffen -kann, denn vielleicht verlegt und bezahlt die kurfürstliche -Theaterkasse das Buch. Schreiben Sie mir Ihre Entschließung -darüber.</p> - -<p>Daß ich Mitglied der kurfürstlichen deutschen Gesellschaft -und also jetzt pfälz'scher Untertan bin, wissen Sie ohne -Zweifel.</p> - -<p>Den Einschluß überschicken (oder überbringen) Sie an -Frau von Wolzogen, und fahren Sie fort, Ihren Freund -zu lieben, der unter allen Verhältnissen des Lebens ewig der -Ihrige bleiben wird</p> - -<p class="right"> -Fried. Schiller. -</p></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span></p> - -<p>Wer es tadeln wollte, daß vorstehender Brief seinem -ganzen Inhalte nach mitgeteilt worden, der möge erwägen, -daß er ein sehr wichtiger Beitrag zur Kenntnis der Denkungsart -und der häuslichen Verhältnisse Schillers ist, und -daß ein Zeugnis, welches jemand von sich selbst ablegt, um -vieles bedeutender sein muß, als was andere ausgesprochen. -Ungerechnet die feine Art, mit welcher er den von ihm vernachlässigten -Freund wieder zu gewinnen suchte, zieht er auch -diejenigen, welche glauben, sein Aufenthalt in Mannheim -wäre so angenehm gewesen, aus einem großen Irrtum.</p> - -<p>Mehrere Stellen dieses Briefes, als die Klagen über sein -häusliches Leben – über das Unzulängliche seiner Einnahme -– seine Zerstreuung und schwärmerischen Träumereien – -die Sehnsucht nach Bauerbach usw. fordern hier um so mehr -einige Erläuterungen, als er ein viel zu bedeutender Mensch -war, um solche Umstände übergehen zu können, und weil -hierüber ein Zeuge berichten kann, dem nichts verborgen oder -verhehlt wurde.</p> - -<p>Ist es für einen jungen Mann, der nicht Vermögen -genug besitzt, um sich eigne Bedienung halten zu können, -eine beinahe unmögliche Sache, seine Kleidung, Wäsche, -Bücher, Schriften usw. dergestalt in Ordnung zu halten, -daß keine Verwirrung entstehe, so ist dieses bei Dichtern, -Künstlern, Gelehrten oder überhaupt denjenigen, die bloß -allein mit ihrer Einbildungskraft arbeiten, und den Eingebungen -ihres Geistes folgen müssen, noch weit weniger der -Fall.</p> - -<p>Je umfassender nun ein Genie, je höher seine Kraft, sein -Wollen, seine Pläne sind, um so weniger kann es sich mit -solchen Sachen befassen, die auch dem gewöhnlichen Manne -schon als solche Kleinigkeiten erscheinen, daß er deren Besorgung -unter seiner Würde erachtet. Wenn nun diese Abneigung -auch bei solchen stattfindet, deren Wirken mehr nach -vorgeschriebenen Regeln, als im Erfinden oder Erschaffen -besteht; um wie viel störender muß es einem Dichter oder<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span> -Künstler sein, wenn er durch die Bedürfnisse des Tages aus -seinem Nachdenken, aus seiner Begeisterung gerissen, und -gewissermaßen aus einer wärmenden Behaglichkeit in eiskaltes -Wasser geworfen wird. Ließe sich eine Idee, ein Ausdruck -festhalten, oder würde die Gedankenreihe durch eine -Unterbrechung dieser Art nicht so zerstreut, daß man den -Anfang und die Folge derselben oft wieder aufs neue suchen -muß, so würde die Geduld keine so harte Probe bestehen -müssen.</p> - -<p>Man denke sich nun unsern Schiller im Brüten über -den Plan eines Trauerspieles, in dem Entwurfe einer Szene, -in der Ausarbeitung eines Monologes, und stelle sich vor, -wie ihm sein mußte, wenn ihm reine Wäsche übergeben und -die gebrauchte gefordert wurde, wenn er letztere erst suchen -und deren durchsichtigen Zustand erklären mußte, wenn er -nach spätem Erwachen die wenigen Stücke seiner Kleidung -beschädigt fand, oder sein nur nach Viertelstunden bedungener -Diener zu unrechter Zeit eintraf; man denke sich dieses, und -glaube dann, daß er trotz seiner Gutmütigkeit oft in eine -widerliche Gemütsstimmung geriet.</p> - -<p>Aus diesem Zustande hätte ihn nur weibliche Fürsorge -erlösen können, die aber in Mannheim fehlte, weil er abgesondert -wohnte, sich auch seine kärgliche Mittagskost, von -der noch für den Abend etwas zurückgehalten werden mußte, -aus einem Gasthause holen ließ. Es würde übrigens eine -sehr belustigende und des Pinsels eines Hogarths würdige -Aufgabe sein, das Innere des Zimmers eines von immerwährender -Begeisterung trunkenen Musensohnes recht getreu -darzustellen; denn es würde sich hier durchaus nichts Bewegliches -und selbst das nicht, was sonst immer dem Auge -entzogen wird, an seinem Platze finden. Unordnung bei -jungen Männern ist etwas Gewöhnliches, aber bei den sogenannten -Genies übertrifft sie jede Vorstellung. Seine -Einnahme während acht Monaten setzt er selbst auf 500 -Gulden Reichswährung an. Wem dieses zu wenig scheint,<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -dem darf versichert werden, daß auch diese unbedeutende -Summe noch beinahe um 100 Gulden zu hoch angegeben -ist, denn außer seiner Besoldung von 300 Gulden, die er -vorausnehmen mußte, konnte ihm nur der Ertrag des Druckes -von Kabale und Liebe zufließen. Mit diesen geringen Mitteln -mußte er sich neu kleiden, Wäsche, Betten, Hausgeräte anschaffen; -er mußte, wie er selbst sagt, sogenannte Ehrenausgaben, -das heißt, kleine gesellschaftliche Unterhaltungen, -Ausflüge auf das Land mitmachen; daher er denn auch -immer, nicht nur für den nächsten Monat, sondern für die -nächste Woche, ja oft für den nächsten Tag in Sorgen war -und doch immer schuldige Rückstände bezahlen sollte.</p> - -<p>Zu dieser bangen, qualvollen Lage gesellte sich dann auch -noch das kalte Fieber, welches besonders im Entstehen alle -Martern des Tantalus mit sich führte. Denn der brennendste -Durst, der heißeste Hunger durfte nicht genugsam gestillt -werden, um die Krankheit nicht zu unterhalten. Die Hilfe -dagegen, nur in Brechmitteln und Chinarinde bestehend, -schwächte den Magen ebensosehr, als sie ihn belästigte; und -wenn nichts mehr helfen wollte, mußte man wohl den Rat -des Arztes befolgen und so viele Chinapulver, als man sonst -in 24 Stunden hätte gebrauchen sollen, zwei Stunden vor -dem Eintritte des Fiebers auf einmal nehmen, was freilich -oft half, aber ein solches Toben des Magens veranlaßte, -daß man glaubte vergehen zu müssen, und was auf lange -Jahre hinaus die übelsten Folgen zurückließ.</p> - -<p>Möge der Leser, wenn er sich an den Schönheiten von -Fiesco und Kabale und Liebe ergötzt oder in den herrlichen -Szenen von Don Carlos seine Gefühle schwelgen läßt, doch -nie vergessen, daß unter so drückenden, beugenden Umständen -die obigen Stücke verändert und der erste Akt des letztern -gedichtet wurde; alsdann erst wieder den Göttersohn bewundern, -der unter so vielen Übeln seinen Geist immer tätig -erhielt und an der heiligen Flamme nährte, die nicht von -der Erde, sondern von oben her leuchtet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p> - -<p>Man wird es begreiflich finden, daß der Augenzeuge -dieser Lage, der Freund des Dichters, es später nie mehr -über sich gewinnen konnte, eines dieser drei Stücke vorstellen -zu sehen. So oft er den Versuch dazu machte, so mußte er -dennoch sich bei dem ersten Auftritte schon entfernen, weil -ihn ein Schmerz, eine Wehmut befiel, die sich nur im Freien -stillen konnten.</p> - -<p>Deutschland! Deutschland! Du darfst dich deiner großen -Söhne nicht rühmen, denn du tatest nichts für sie; du überließest -sie dem Zufall und gabst ihr geistiges Eigentum jedem -Preis, der sie auf offener Straße darum berauben wollte. -Nur der eignen Kraft, dem eignen Mute der einzelnen, nicht -deinem Schutze, nicht deiner Fürsorge hast du es beizumessen, -wenn andere Völker dich um deine großen Geister beneiden -und sich an ihrem Licht entzünden.</p> - -<p>Wie wahrhaft sagt Schiller:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Kein Augustisch Alter blühte,<br /></span> -<span class="i0">Keines Mediceers Güte<br /></span> -<span class="i0">Lächelte der deutschen Kunst;<br /></span> -<span class="i0">Sie ward nicht gepflegt vom Ruhme,<br /></span> -<span class="i0">Sie entfaltete die Blume<br /></span> -<span class="i0">Nicht am Strahl der Fürstengunst.<br /></span> -<span class="i0">– – – – – – – – –<br /></span> -<span class="i0">– – – – – – – – – –<br /></span> -<span class="i0">– – – – – – – – –<br /></span> -<span class="i0">Rühmend darf's der Deutsche sagen,<br /></span> -<span class="i0">Höher darf das Herz ihm schlagen:<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Selbst</em> erschuf er sich den Wert.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Wolle man diesen Ausbruch einer gerechten Klage verzeihen, -die sich immer wieder erneuert, so oft diese trüben -Tage des – jetzt so hoch gefeierten – Dichters der Erinnerung -vorschweben.</p> - -<p>Die Äußerung in obigem Briefe, »daß sein Aufenthalt -in Bauerbach bis jetzt sein seligster gewesen,« war ganz seinen -damaligen Umständen angemessen. Dort, in diesem stillen<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -Ort, in Gesellschaft und unter dem Schutz einer wohlwollenden -Freundin, hatte er keine Sorgen, durfte sich um die -Bedürfnisse des Lebens nicht bekümmern, brauchte kein Geld, -weil die Gelegenheit zu Ausgaben fehlte, und konnte um so -ungestörter seinen Träumen nachhängen, als ihm zarte Achtsamkeit -und Pflege jede Mahnung an die Kleinigkeiten des -Tages ersparten. Diese Ruhe, dieser behagliche Zustand war -ihm so unvergeßlich, daß er nach Versicherung seiner Schwester -noch nach vielen Jahren die damalige Zeit als die schönste -und glücklichste seines Lebens rühmte; »daß er sich über tausend -kleine Sorgen, Bekümmernisse, Entwürfe, die ihm ohne -Aufhören vorschwebten, und seinen Geist, seine dichterischen -Träume zerstreuten usw.« gegen Herrn Reinwald beklagte, -kam daher, daß er in einer Gesellschaft, die jeden Augenblick -Forderungen an ihn machte, leben mußte und lästige -Frager, Besucher oder Amtsgeschäfte nicht zurückweisen -durfte.</p> - -<p>Ihm mußte alles Störungen verursachen, da er wachend -und träumend für nichts und in nichts als theatralischen -Dichtungen lebte, in diesen wie in seinem eigentlichen Elemente -sich befand, sie immerwährend ordnend, niederschreiben -zu wollen schien und dennoch bei der Menge sich ihm darbietender -Gegenstände zu keiner Entscheidung gelangen konnte. -Schon in Stuttgart hatte er sich vorgenommen, Konradin -von Schwaben zu bearbeiten; später wurde er von Baron -Dalberg aufgefordert, den Don Carlos dafür zu nehmen. -Während er sich noch in Mannheim mit der Geschichte Spaniens -recht vertraut zu machen suchte, glaubte er es leichter, -einen ganz eignen Plan zu erfinden, der bald diese, bald -jene, aber immer eine tragische Entwicklung haben sollte. -Endlich glaubte er einen solchen festhalten zu müssen, in welchem -die Erscheinung eines Gespenstes die Entscheidung herbeiführte, -und beschäftigte sich so gänzlich damit, daß er schon -anfing, seine Gedanken niederzuschreiben. Aber er gab den -Plan wieder auf, indem es ihm unter der Würde des Dramas<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span> -und eines wahren Dichters schien, die größte Wirkung einer -Schreckgestalt schuldig sein zu sollen.</p> - -<p>Er machte die richtige Unterscheidung, daß ihm das Beispiel -Shakespeares, der in Cäsar und Macbeth einen Geist -erscheinen läßt, hierin nicht rechtfertigen könne, indem dieser -nur als eine Nebensache angewendet worden, die weder auf -die Handlung selbst noch auf deren Ausgang den mindesten -Einfluß ausübe.</p> - -<p>Diese Unentschlossenheit in der Wahl, dieses immerwährende -Ausspinnen einer verwickelten Gegebenheit ermüdete -ihn aber weit mehr, als wenn er die wirkliche Ausarbeitung -begonnen hätte.</p> - -<p>Jedoch er konnte nicht anders. Es war seiner Natur -ganz entgegen, an irgend etwas nur oberflächlich zu denken. -Alles sollte erschöpft, alles zu Ende gebracht werden. Daher -beschäftigten sich seine Gedanken so lange mit einem Plane, -bis er entweder die Hoffnung, einen wirkungsvollen Ausgang -herbeizuführen, verlor, oder bis seine Kräfte ermüdeten, -und er dann, um diese nicht ganz abzuspannen, auf etwas -anderes überging. Seine Erregbarkeit für dichterische Gegenstände -ging ins Unglaubliche. Er war dafür gleichsam eine -immer glühende, nur mit leichter Asche bedeckte Kohle. Ein -Hauch, und sie sprühte Funken.</p> - -<p>Der Leichtigkeit gemäß, mit welcher er Pläne zu Dramen -schnell entwerfen konnte, hätte er einer der fruchtbarsten -Schriftsteller für die Bühne werden können, aber wenn es -an das Niederschreiben kam, da erlaubte sein tiefes Gefühl -der Feder keine Eile. So wie er jede Sache in ihrem ganzen -Umfang erfaßte, so sollte sie auch durch Worte nicht nur -auf das deutlichste, sondern auch auf das schönste dargestellt -werden. Daher das Erschöpfende, Volle, Satte und Runde -seiner Ausdrücke und Wendungen, welche die Gedanken ebenso -wie das Gefühl aufregen und sich dem empfänglichen Gemüt -einprägen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span></p> - -<p>Solche Dichter, denen ihre Gaben nur sparsam zugemessen -worden, sind um vieles mehr entschlossen. Kaum ist -ein Gegenstand gefunden, so wird schon die Feder eingetaucht, -damit die Arbeit schnell fertig werde. Schnell werden auch -Vorteile damit erreicht, aber –</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»der Ruhm mit seiner Sternenkrone«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">kann nie auf einem solchen Haupte verweilen. Während -Schiller noch immer unentschlossen blieb, welche Handlung -er zu einem neuen Trauerspiele wählen solle, war schon das -Frühjahr verflossen, und Baron Dalberg vernahm weder -von ihm selbst noch von andern, daß er sich für einen Stoff -entschieden habe, wodurch denn die Hoffnung verschwand, in -diesem Jahre noch ein neues Stück von ihm auf der Bühne -zu sehen. Konnte dieses nicht geliefert werden, so war die -Besoldung des Theaterdichters für nichts ausgegeben, was -der magern Kasse nicht anders als schmerzlich sein konnte. -Um nun Schillern zur Arbeit anzutreiben, oder wenn dieses -nicht gelingen sollte, auf eine gute Art wieder loszubringen, -beredete Baron Dalberg einen Bekannten desselben, seinen -Hausarzt, den Hofrat Mai, jenem zu raten, das Studium -der Arzneikunde wieder zu ergreifen; was eigentlich so viel -heißen sollte, diese Feder, aus welcher schon die trefflichsten -Gedichte und drei Trauerspiele geflossen, welche alle anderen -der damaligen Zeit übertrafen, und noch heute nach fünfzig -Jahren auf allen deutschen Bühnen gegeben werden, wegzuwerfen, -und dafür eine solche zu nehmen, mit welcher bloß -Rezepte ausgefertigt werden könnten.</p> - -<p>Kaum eine Viertelstunde nachdem Hr. Mai fort war, -trat S. zu dem Dichter ein, der ihm mit argloser, gutmütiger -Freude den gemachten Vorschlag berichtete und denselben – -wenn ihm auf einige Jahre Unterstützung zu teil würde – -als das einzige Rettungsmittel aus seinem sich täglich mehr -verwirrenden Zustand ansah. Er entschloß sich, alsogleich -an Baron Dalberg zu schreiben, und obwohl ihm vorausgesagt -war, daß nur eine hofmäßige, ausweichende Antwort<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span> -darauf erfolgen würde, so ließ sich sein edles, reines Herz, -das andere nur nach der eignen Weise beurteilte, doch nicht -abhalten, eine Bitte zu tun, die zu seinem eignen Besten, -sowie zur Ehre des deutschen Namens unerfüllt blieb.</p> - -<p>Was hätte auch die Welt, was Schiller dabei gewonnen, -wenn derjenige, den er als seinen hohen Gönner achtete, -einige hundert Gulden daran gewagt hätte, damit der Dichter -wieder in einen Arzt, das heißt in einen solchen Mann umgewandelt -würde, der alles, was er bisher geschaffen, vergäße -– der den Boden, welcher schon so herrliche, prachtvolle -Früchte getragen, wieder versumpfen ließe, um sein -tägliches Brot sicherer als bisher erwerben zu können. Auch -wären die Anstrengungen von neuen zwei Jahren um so -gewisser vergeblich gewesen, da er sich wohl nie zu dem ängstlichen -Fleiße, zu einer in das kleinste eingehenden Teilnahme -hätte herablassen mögen, ohne die ein ausübender Arzt gar -nicht gedacht werden und ohne welche er nicht die geringsten -Vorteile für sein Glück erwarten darf. Wahrscheinlicherweise -hätte er sich in das Philosophische der Medizin geworfen; -vielleicht – wozu er nur zu viele Anlage hatte – hätte er -ein ganz neues System der Heilkunde aufgestellt.</p> - -<p>Allein wie lange würde dieses gedauert haben? – Jedes -Geschlecht sieht Ähnliches entstehen, und jedes erlebt auch -dessen Untergang. Sein Gebiet war ausschließend die Dichtkunst. -Hier war er Held, hier war er Herrscher; hier fühlte -er seine unbezwinglichen Kräfte, und nur durch diese konnte -er sich ein Reich errichten, das nie zerstört und dessen Grenze -wohl schwerlich von jemand überschritten wird. Dieser Antrag -hatte jedoch die gute Folge, daß er seinem bisherigen -Wanken ein Ende machte und Schiller sich ernstlich entschloß, -alles andere vorläufig nicht mehr zu beachten, sondern seine -ganze Zeit Don Carlos zu widmen. Von diesem hatte er -schon mehrere Szenen entworfen, auch den Gang des Stückes -so ausgedacht, daß er zwar der Geschichte nicht ganz widerspräche, -doch aber der Charakter Philipps etwas gemildert<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span> -erscheine. Überdenkt man den Inhalt seiner drei ersten -Trauerspiele, so wird man die längere Überlegung des Dichters -sowie sein Zaudern, sich schnell an diese Arbeit zu -wagen, sehr begreiflich finden. Im Don Carlos hatte er -Charaktere zu schildern, die sich in der allerhöchsten Sphäre -bewegten, die nicht nur den größten Einfluß auf ihre Zeit -ausübten, sondern auch der Menschheit die tiefsten Wunden -schlugen. Wäre es nur darum zu tun gewesen, die handelnden -Personen als Tyrannen, als blutdürstige Henker zu -zeichnen, so wäre die Schwierigkeit für ihn sehr gering gewesen. -Aber er mußte, oder wollte wenigstens, die verabscheuungswürdigsten -Menschen mit derselben Larve, die sie -im Leben und besonders an Philipps Hofe trugen, getreu -darstellen, ihre folgenden Handlungen andeuten und das -Ganze dennoch auf eine solche Art stellen, daß es ein höchst -anziehendes Schauspiel, aber keinem Zuschauer widerlich -wäre. Seine Gespräche verbreiteten sich nicht allein über -den Plan selbst, sondern auch über die ganz neue Art von -Sprache, die er dabei gebrauchen müsse. Er wollte sie mit -all dem Fluß und Wohllaut ausstatten, für welche er ein -so äußerst empfindliches Gefühl hatte. Er glaubte daher -auch, daß hierzu Jamben der Würde der Handlung sowie -der Personen am angemessensten sein würden. Im Anfange -machte ihm dieses einige Schwierigkeit, indem er seit zwei -vollen Jahren durchaus nichts mehr in gebundener Rede geschrieben -hatte. Jetzt mußte er seine Ausdrücke rhythmisch -ordnen; er mußte, um die Jamben fließend zu machen, versuchen, -schon rhythmisch zu denken. Wie aber nur erst eine -Szene in dieses Versmaß eingekleidet war, da fand er selbst, -daß dieses nicht nur das passendste für das Drama sei, sondern, -da es auch gemeine Gedanken heraushebe, um so viel -mehr das Erhabene und die Schönheit der Ausdrücke veredeln -mußte. Seine Freude, sein Vergnügen über den guten -Erfolg erhöhten seine Lust am Leben, an der Arbeit, und er -sah mit Ungeduld der Abendstunde entgegen, in welcher er<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span> -S. dasjenige, was er den Tag über fertig gebracht hatte, -vorlesen konnte. Dieser kannte schon früher keinen höhern -Genuß als die prachtvolle, so vieles in sich fassende und dennoch -so glatt dahinrollende Prosa seines Freundes. Nun -aber mußte sein Gefühl sich in Entzücken verwandeln, als -er Gedanken und Ausdrücke wie folgende:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Ich stand dabei, als in Toledos Mauern<br /></span> -<span class="i0">Der stolze Karl die Huldigung empfing,<br /></span> -<span class="i0">Als graue Fürsten zu dem Handkuß wankten,<br /></span> -<span class="i0">Und jetzt in einem – einem Niederfall<br /></span> -<span class="i0">Sechs Königreiche ihm zu Füßen lagen.<br /></span> -<span class="i0">Ich stand und sah das junge, stolze Blut<br /></span> -<span class="i0">In seine Wangen steigen, seinen Busen<br /></span> -<span class="i0">Von fürstlichen Entschlüssen wallen, sah<br /></span> -<span class="i0">Sein trunknes Aug' durch die Versammlung fliegen<br /></span> -<span class="i0">In Wollust brechen – Prinz – und dieses Aug'<br /></span> -<span class="i0">Sprach laut: ›Ich bin gesättigt.‹«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">nach den Gesetzen der Tonkunst aussprechen hörte.</p> - -<p>Wie glücklich, wie erhaben waren solche Stunden, in -welchen der hohe Meister sein Werk einem reinen, warmen -Sinne vorlegen und den tiefen, unverfälschten Eindruck gewahren -konnte, den es in dem Gemüte des begeisterten Jünglings -hervorbrachte. Jeder Vers wurde als trefflich, jedes -Wort, jeder Ausdruck als erschöpfend anerkannt, denn es -war auch alles groß, alles schön, jeder Gedanke voll Adel. -Er konnte ja nichts Gemeines hervorbringen. Der enthusiastische -Freund beschwor Schillern, bei ähnlichen Gegenständen -sich doch gewiß nie mehr zur Prosa herabzulassen, -indem er selbst wahrnehmen müsse, wie viele Wirkung schon -die ersten Versuche erregten.</p> - -<p>Nun arbeitete er sehr fleißig an diesem Trauerspiel, übte -sich aber auch zugleich, um seine Einbildungskraft zeitweise -ausruhen zu lassen, in der französischen Sprache, die ihm -seit zwei Jahren fremd geworden war, und welche er sowohl -zum Lesen von Racine, Corneille, Diderot usw. als auch<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span> -zum Übersetzen sich wieder geläufig machen wollte. Zu letzterem -bewog ihn besonders, seit das Projekt einer Dramaturgie -rückgängig geworden, der Vorsatz, eine Monatschrift -herauszugeben, welche zwar vorzüglich theatralischen Arbeiten -und Beurteilungen gewidmet sein sollte, von der aber auch -andere Sachen, die für die Lesewelt anziehend sein könnten, -nicht ausgeschlossen wären. Das Sammeln der Materialien -für mehrere Hefte, das Ausarbeiten derselben, welches in -Mannheim, da er noch keinen Mitarbeiter hatte, ganz auf -ihm lastete, beschäftigte ihn oft bis tief in die Nacht, erhöhte -aber auch seinen Mut, weil er daraus größere Vorteile als -durch Stücke für die Bühne zu ziehen hoffen durfte. Während -dieser Anstrengungen, in denen er sich nur wenige Ruhe -gönnte und wo er alles zu ergreifen suchte, um sein Leben -nur einigermaßen von Sorgen frei zu halten, wurde er an -eine Verpflichtung gemahnt, die er noch in Stuttgart eingegangen, -und an die er nur mit Bangigkeit denken konnte.</p> - -<p>Es ist aus seinem Briefe aus Frankfurt an Baron Dalberg -ersichtlich, daß er diesen auf die edelste, rührendste -Art um einen Vorschuß von 200 Gulden gebeten, damit -er die dringendsten Schulden, die seine schnelle Entfernung -zu bezahlen ihm unmöglich machte, damit tilgen könne. Er -sagt dabei: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr -Sorgen macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen -soll. Ich habe so lange keine Ruhe, bis ich mich von -der Seite gereinigt habe.«</p> - -<p>Diese für einen reichen Mann so leicht zu erfüllende -Bitte wurde ihm aber nicht gewährt, sondern er wurde durch -erregte Hoffnungen veranlaßt, seine wenige Barschaft in -Oggersheim vollends aufzuzehren. Auch seine folgenden Verhältnisse -gestatteten ihm nicht, die gemachten Versprechungen -zu halten und mit deren Erfüllung eine Last von sich abzuwälzen, -die für sein wohlwollendes, für die Ehre sehr empfindliches -Gemüt die drückendste seines früheren und späteren -Lebens war. Beinahe zwei Jahre schon war die Geduld<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span> -der Gläubiger hingehalten worden; er durfte also die Meinung -hegen, daß dieses vielleicht noch länger der Fall sein -könnte. Allein zu seinem nicht geringen Schrecken kam es -anders. Die Person, welche sich für ihn auf obige Summe -verbürgt hatte, wurde so sehr von den Darleihern gedrängt, -daß sie aus Stuttgart nach Mannheim entfloh. Man setzte -ihr nach, erreichte sie dort und hielt sie gefangen.</p> - -<p>Um sie für jetzt und für die Zukunft zu retten, blieb -kein anderes Mittel, als ihr die 200 Gulden zu erstatten, -für welche sie sich verbürgt hatte. Aber woher sollte diese -für den, der keine andere Sicherheit als die Früchte seiner -Feder leisten konnte, sehr bedeutende Summe aufgebracht -werden? Von daher, wo er schon zweimal vergeblich Hilfe -suchte, durfte er keine gewärtigen. Auch wollte er sich, da -die ganze Sache ein Geheimnis bleiben sollte, nur jemand -vertrauen, von dessen Verschwiegenheit er versichert sein konnte. -Glücklicherweise war er mit einem sehr achtungswerten Manne, -dem Baumeister Herrn Anton Hölzel, bei welchem S. wohnte, -nicht nur bekannt, sondern wurde von ihm auch außerordentlich -hochgeachtet, und dieser, so wenig er auf Reichtum oder -Wohlhabenheit Anspruch machen konnte, scheute kein Opfer, -um die verlangte Hilfe zu verschaffen, damit er aus einer -Verlegenheit befreit würde, die von höchst nachteiligen Folgen -für ihn hätte sein können. Es wäre vielleicht möglich gewesen, -daß seine Eltern diesen Betrag erlegt oder wenigstens -Bürgschaft dafür geleistet hätten, aber um dieses einzuleiten -war die Zeit zu kurz. Um Rat zu schaffen, durfte -kein Augenblick verloren werden. Und dann war auch sein -Stolz zu groß, um seine gefährliche Lage dem Vater zu enthüllen, -welcher seine Flucht sowohl als auch seine ungewissen -Verhältnisse bisher immer mißbilligt hatte.</p> - -<p>Dieser höchst unangenehme Vorfall machte auf den gepeinigten -Dichter einen um so tieferen Eindruck, als jetzt durchaus -nicht mehr abzusehen war, wie oder in welcher Zeit eine -Rettung aus seinen Geldnöten möglich sein würde. In dem<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span> -für ihn so fatalen Mannheim war keine Erlösung aus den -Sorgen zu hoffen; denn bei so geringen Einkünften mußten -sich seine Umstände immer tiefer und endlich auf einen solchen -Grad verschlimmern, daß ihm zuletzt kein anderes Mittel -zu Gebote gestanden hätte, als sich heimlich zu entfernen. -Aber wohin??? – – – dies war eine Frage, auf die -keine Antwort sich finden ließ.</p> - -<p>Wie aber oft das dichteste, schwärzeste Gewölk sich plötzlich -öffnet, um einen erquickenden Strahl der Sonne durchzulassen, -oder auch der schwere Arm des Schicksals über den -harten Prüfungsschlägen selbst ermüdet, so geschah es hier, -und der erste Schritt, um Deutschland seinen edelsten Dichter -zu erhalten, wurde nicht von seiner Umgebung, die täglicher -Zeuge seines großen Charakters war, auch nicht von -denen, die von den Früchten seines Geistes Vorteile zogen, -sondern von solchen Menschen getan, deren Dasein ihm gar -nicht bekannt war. Ganz unerwartet nämlich erhielt er durch -den Postwagen<a id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">8</a> ein Päckchen, in welchem vier Bildnisse, -mit farbigen Stiften auf Gips gezeichnet, nebst einer gestickten -Brieftasche mit Schreiben sich befanden, welch letztere -von der wärmsten, tiefsten Verehrung gegen seine großartigen -Arbeiten sowie von der richtigen Würdigung seines außerordentlichen -Dichtergeistes zeugten.</p> - -<p>Wie wohltuend der Eindruck gewesen, den diese schöne -Überraschung auf Schiller machte, dies kann selbst der Augenzeuge -nicht gehörig beschreiben. Obwohl er auch hierüber -sich ebenso auf die edelste, männlichste Art wie über alles -äußerte, so zeigte dennoch seine vermehrte Heiterkeit fast in -höherem Grade als seine Gespräche, wie erfreulich es ihm -sei, in weiter Ferne von gebildeten Menschen erkannt, hochgeachtet -und wegen seiner Leistungen geliebt zu werden; daß -diese aus einem Gesichtspunkt angesehen würden, welcher ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span> -hoch über seine Zeit stellte – daß, wenn auch die meisten, -welche ihn umgaben, stumm blieben und nur Kälte zeigten, -es noch an manchen Orten Herzen geben könne, die für ähnliche -Gefühle wie das seinige schlügen – daß er, seiner -bittern, düstern Verhältnisse ungeachtet, sich durch eine solche -Anerkennung weit höher als durch Reichtümer belohnt finde.</p> - -<p>Hätten doch Herr Körner, seine Braut, deren Schwester -und Professor Huber, von denen dies die Abbildungen waren, -sehen können, wie glücklich diese Aufmerksamkeit Schillern -machte, welche Ruhe, welche Zufriedenheit dadurch in sein -ganzes Wesen kam, wie es ihm schmeichelte, die erhaltenen -Beifallsbezeugungen mit seinen eignen Ansichten übereinstimmend -zu finden, wahrlich, sie hätten die süße Genugtuung -empfunden, dem Dichter das Vergnügen, welches er -ihnen durch seine Werke verschafft, reichlich vergolten zu -haben!</p> - -<p>Wer nie in dem Falle war, bei sich selbst oder bei andern -wahrzunehmen, wie stumpf, wie gebeugt der Geist endlich -werden muß, wenn dasjenige, was das Talent erschafft, -nicht gehörig gewürdigt oder nicht verhältnismäßig belohnt -wird, der kann es auch unmöglich fassen, wie sehr eine unvermutete -Anerkennung des wahren Wertes dem Selbstvertrauen, -der Tätigkeit eine Schnellkraft verleiht, die das ganze -frühere Empfindungsvermögen so sehr verändert, daß derjenige, -welcher soeben erst in sich zusammengesunken war, -plötzlich mit erhobenem Haupte sich aufrichtet. Den Dichtern, -Künstlern ist es zwar immer angenehm, wenn ihre Verdienste -durch Ehre, Geld oder andere Zeichen des Beifalls -belohnt werden; aber höher als alles dieses achten sie es dennoch, -wenn die innersten Absichten ihrer Arbeiten so gänzlich -begriffen werden, daß sie in demjenigen, der über sie urteilt -und ihnen kenntnisreiche Lobsprüche spendet, ihr eigentliches -Selbst erkennen.</p> - -<p>Dieselbe Wirkung brachte diese Überraschung auf Schillern -um so mehr hervor, weil sie von Fremden ausging, er seine<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span> -Umgebung schon gewohnt war und nur äußerst wenige sich -fanden, welche seine hohen Darstellungen sowie den tiefen -Sinn, der in ihnen lag, genugsam hätten würdigen können. -Allmählich wurde auch die Hoffnung in ihm erregt, daß diese -neuen Freunde wohl keine Verwendung unterlassen würden, -um ihn aus seinem dermaligen Zustande zu erlösen und -in bessere Verhältnisse zu setzen. Dieses bestätigte sich auch -später in einem solchen Grade, daß es für denjenigen, der -sich an den Werken des Unsterblichen stärkt und kräftigt, noch -heute eine Art von Pflicht ist, dabei auch Körners, seines -erhaltenen, unwandelbaren Freundes dabei eingedenk zu sein.</p> - -<p>Ehre demjenigen, der einem aus drückenden Lebensverhältnissen -befreiten Talente seine Achtung und Aufmerksamkeit -beweist! Aber die größte Ehre sei dem, welcher einem -hohen Geiste die Hindernisse wegräumt, die seinem freien -Wirken sich entgegenstellen, und der nicht seinen Überfluß, -sondern sein Notwendiges mit ihm teilt. Der Eifer und -die Tätigkeit Schillers schienen durch den Briefwechsel mit -den neuen Freunden einen lebhaften Schwung erhalten zu -haben, denn er arbeitete nun ohne Rast an Don Carlos und -an dem ersten Hefte seiner Monatsschrift. Eine angenehme -Zerstreuung verschaffte ihm der Besuch seiner ältesten Schwester, -welche, von Herrn Reinwald begleitet, auf kurze Zeit -nach Mannheim kam. Die blühende, kräftige Jungfrau schien -entschlossen, ihr künftiges Schicksal mit einem Manne zu -teilen, dessen geringe Einkünfte und wankende Gesundheit -wenig Freude zu versprechen schienen. Jedoch waren ihre -Gründe dazu so edler Art, daß sie auch in der Folge es nie -bereute, das Herz ihrem Verstande und einem vortrefflichen -Gatten geopfert zu haben. Nicht lange nach der Schwester -Abreise wählte Herr von Kalb, damals Offizier in französischen -Diensten, wo er die Feldzüge des nordamerikanischen -Befreiungskrieges mitgemacht und sich dabei sehr ausgezeichnet -hatte, mit seiner Gemahlin und Schwägerin seinen Aufenthalt -zu Mannheim. Schiller lernte sogleich diese in jedem<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span> -Betracht edle Familie kennen, in welcher Frau von Kalb -durch ihren richtigen Verstand und feine Geistesbildung sich -besonders auszeichnete. Für den Dichter war der Umgang -mit diesen seltenen Menschen ebenso wichtig als erheiternd, -indem kein Gegenstand der Literatur sich fand, mit welchem -diese Dame nicht vertraut gewesen wäre, oder irgend eine -Weltbegebenheit, bei deren Beurteilung man das Umfassende, -Scharfsinnige und die klaren Ansichten ihres Gemahls nicht -hätte bewundern müssen.</p> - -<p>Die Musik verschaffte S. das noch stets in Andenken -erhaltene Glück, Frau von Kalb mehrmals in der Woche -zu sehen und, da sie eben in der Dichtung eines Romans -begriffen war, auch über andere Gegenstände mit ihr zu -sprechen. Es war nichts natürlicher, als daß sehr oft von -Schiller und seinen Arbeiten die Rede war, von denen aber -S. den Don Carlos, den der Dichter jetzt unter der Feder -habe, weit über alles früher Geleistete setzte. Die Neugierde -der Frau v. K. wurde durch die begeisterten Lobeserhebungen -auf das höchste gespannt. Sie ersuchte Schillern einigemal, -ihr doch etwas davon lesen zu lassen. Allein dieser wollte -erst noch einige Szenen fertig machen, dann ins Reine schreiben -und, um jede Schönheit gehörig herauszuheben, selbst -vorlesen. Frau v. K. fügte sich um so eher in diesen Aufschub, -weil sie hoffte, daß einige weitere Szenen ihr Vergnügen -erhöhen müßten und sie auch davon den schönsten -Genuß sich versprach, die ihr mit so vielem Enthusiasmus -angerühmte prachtvolle Sprache aus des Dichters eignem -Munde zu vernehmen. Dieser brachte endlich eines Nachmittags -seinen Don Carlos zu der in der größten Erwartung -harrenden Frau und las ihr den fertigen Teil des ersten -Aktes vor. Lauschend heftete die Zuhörerin ihre Blicke auf -den mit Pathos und Begeisterung deklamierenden Verfasser, -ohne durch das leichteste Zeichen ihre Empfindung erraten -zu lassen. Als dieser geendigt hatte, fragte er mit der unbefangensten, -freundlichsten Miene: »Nun, gnädige Frau!<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span> -wie gefällt es Ihnen?« Diese suchte auf die schonendste Art -einer bestimmten Antwort auszuweichen. Als aber wiederholt -um die aufrichtige Meinung über den Wert dieser -Arbeit gebeten wurde, brach Frau v. K. in lautes Lachen -aus und sagte: »Lieber Schiller! das ist das Allerschlechteste, -was Sie noch gemacht haben.« – »Nein! das ist zu arg!« -erwiderte dieser, warf seine Schrift voll Ärger auf den Tisch, -nahm Hut und Stock und entfernte sich augenblicklich. Kaum -war er aus der Tür, als Frau v. K. nach dem Papiere griff -und zu lesen anfing. Sie hatte die erste Seite noch nicht -geendigt, als sie sogleich dem Bedienten schellte. »Geschwind, -geschwind lauf' Er zu Herrn Schiller: ich lasse ihn um Verzeihung -bitten, ich hätte mich geirrt, es sei das Allerschönste, -was er noch geschrieben habe, er solle doch ja sogleich wieder -zu mir kommen.« Der Auftrag wurde ebenso schnell als -genau ausgerichtet. Allein Schiller gab der Bitte kein Gehör, -sondern kam erst den folgenden Tag zu der feinsinnigen Frau, -die zwar ihr erstes Urteil sehr willig zurücknahm, ihm aber -auch erklärte, daß seine Dichtungen durch die heftige, stürmische -Art, mit welcher er sie vorlese, unausbleiblich verlieren -müßten.</p> - -<p>Als Kabale und Liebe wieder aufgeführt wurde, hatte -Schiller die Aufmerksamkeit, den Namen des Hofmarschalls -umschaffen zu wollen. Allein Herr und Frau von Kalb -dachten viel zu groß, um sich durch einen erdichteten Namen -irren zu lassen, und widersetzten sich einer Abänderung aus -dem sehr richtigen Grunde, daß ein anderer Name als der -frühere die Vermutung herbeiführen müsse, als sei der vorherige -auf jemand aus ihrer Familie abgesehen gewesen.</p> - -<p>Der Umgang mit diesen wahrhaft edlen, vortrefflichen -Menschen nebst dem Briefwechsel mit den Freunden in -Leipzig verschafften dem Dichter zwar viele erheiternde Stunden, -konnten aber dennoch seine häuslichen Verhältnisse und -seine schwankende, unbestimmte Stellung nicht verbessern, -sondern er mußte in so beunruhigenden Umständen auch den<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span> -Herbst nebst dem Anfange des Winters noch ebenso wie -bisher zubringen, obwohl er sich mit Sachen beschäftigte, -welche nur der ganz sorgenfreien Laune an den Tag zu fördern -möglich sind.</p> - -<p>Endlich zu Anfang des Jahres 1785<a id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">9</a> verbreitete sich -in Mannheim das Gerücht, der regierende Herzog von Weimar -werde auf einen Besuch zu der landgräflichen Familie -nach Darmstadt kommen. Schiller, von seinem eignen Verlangen -ebensosehr als von Herrn und Frau Kalb angeeifert, -wünschte nichts so sehnlich, als bei dieser aus den feinsten -Kennern des wahrhaft Schönen bestehenden Zusammenkunft -sich als denjenigen zeigen zu dürfen, der wohl würdig wäre, -dem schönen Bunde in Weimar beigesellt zu werden, welcher -den Namen seines hohen Beschützers auf die späteste -Nachwelt übertragen würde. Die Güte, die Herablassung -nebst aufrichtiger Anerkennung großer Eigenschaften waren -von dem Herzoge von Weimar ebenso zu erwarten, als das -zuvorkommende Benehmen der Frau Landgräfin gegen jeden -ausgezeichneten Künstler oder Dichter sich schon so oft gezeigt -hatte. Der Ruf von dem hohen Werte der theatralischen -Arbeiten Schillers war keinem Deutschen unbekannt, daher -die Empfehlungsbriefe von Herrn und Frau von Kalb nebst -denen von Baron Dalberg an die nächste Umgebung der -fürstlichen Personen mit freundlichster Berücksichtigung aufgenommen -wurden.</p> - -<p>Schillers wichtigste Angelegenheit war, seinen Don Carlos -in demjenigen Kreise bekannt zu machen, für den er eigentlich -gedichtet schien. Hatte er darin die richtigste Ansicht -getroffen, die würdigste Sprache gewählt, so durfte er nicht -allein den ungeteilten Beifall der hohen Gesellschaft, sondern -auch die wichtigste Entscheidung für seine Zukunft erwarten. -Sein Wunsch, Don Carlos selbst vorzulesen, wurde mit fürstlichem<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span> -Wohlwollen gewährt und diese majestätische Dichtung -mit so entschiedenem Anteil aufgenommen, daß es bei einer -folgenden Unterredung mit dem Herzoge von Schiller nur -einer leisen Bitte bedurfte, um von demselben eine öffentliche -Anerkennung seines außerordentlichen Geistes zu erhalten.</p> - -<p>Schiller kehrte als Rat des Herzogs von Weimar nach -Mannheim zurück.</p> - -<p>Konnte dieses einsilbige Wörtchen den Verdiensten des -schon damals alles überragenden Dichters auch keinen neuen -Glanz verleihen, so hatte es wenigstens für die Gegenwart -dennoch die Wirkung eines Talismans; denn seine Verhältnisse, -von denen sich nur die traurigste Wendung erwarten -ließ, gestalteten sich von nun an um vieles beruhigender, -ja sie erhielten dadurch einen Anhaltspunkt, der bis jetzt -nur ersehnt, aber nicht erreicht werden konnte. Das Verlangen -der Eltern, er möchte durch eine dauernde Versorgung einem -Fürsten angehören, schien erfüllt, seinen in Stuttgart zurückgelassenen -Tadlern wurde bewiesen, daß seine Talente im -Auslande weit größere Würdigung als in Württemberg gefunden -und auch solche, die gegen seine Arbeiten gleichgültig -geworden waren, mußten für ihn höhere Achtung gewinnen, -da er von einem so vollgültigen Richter würdig befunden -wurde, dem schönsten Geisterverein, welchen Deutschland jemalen -aufzuweisen hatte, für immer anzugehören.</p> - -<p>Ohne <span id="corr172">daß</span> Schiller es ahnte oder zu wissen schien, hatte -dieser kleine Beisatz zu seinem Namen dennoch einen sehr -großen Einfluß auf ihn. Sein Betragen wurde freier, bestimmter. -Dieser Titel hatte in ihm die Gewißheit erweckt, -sich ein neues besseres Vaterland erwerben zu können. Die -Beurteilungen des Theaters wurden kälter, schärfer ausgesprochen, -als früher geschah. Seine Tätigkeit war wie neu -belebt; auch arbeitete er jetzt mit um so mehr Freude, je -näher eine günstige Veränderung seines ihm bisher nur Unheil -bringenden Aufenthaltes zu hoffen war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span></p> - -<p>Aber auch der Theaterdichter wurde von dem Herrn Rat -nun mit ganz andern Augen angesehen, weil jener nie aus -der begonnenen Bahn treten, weil er immer dieselbe Last -tragen muß, wohingegen dieser, von Stufe zu Stufe immer -höher steigend, seinen Ehrenkreis erweitern kann. Vorzüglich -aus letzterer Ursache schloß er, daß sein Verbleiben in Mannheim -ihm nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich sein -müsse, weil es ihm nicht die geringste Verbesserung darbieten -könne. Er leitete deshalb nicht nur mit seinen Leipziger -Freunden, sondern auch mit Herrn Schwan das Nötige ein, -um seinen bisherigen Aufenthalt im Anfange des Frühjahres -zu verlassen. Gegen das Theater selbst war er um so gleichgültiger -geworden, weil es keine seiner Erwartungen ganz -erfüllt hatte; zum Teil aber auch, weil der größte Teil der -Mitglieder ihn jetzt schmähte und erbost auf ihn war. Dieser -fast allgemeine Haß war durch die Beurteilungen (in dem -ersten Hefte der Rheinischen Thalia) der Darstellung einiger -Stücke veranlaßt, in welchen mehrere Mitglieder, die früher -an vieles Lob von ihm gewöhnt waren, sehr hart mitgenommen -wurden. Diese Kritiken mußten um so mehr auffallen, -als damals eine Zeitung oder ein Journal sehr selten über -einzelne Schauspieler etwas erwähnte und diese ohnehin es -mit den meisten Künstlern gemein haben, sich für vollkommen -oder unfehlbar zu achten. Zu Anfang des März 1785 -wurde alles von ihm veranstaltet, um Mannheim bald verlassen -zu können, welches, durch erhaltene Wechsel aus Leipzig -erleichtert, zu Ende des Monats auch wirklich ausgeführt -wurde. Den Abend vor seiner Abreise, welche bei Anbruch -des kommenden Tages vor sich gehen sollte, brachte S. bis -gegen Mitternacht bei ihm zu. Die vergangenen zwei Jahre, -welche auf eine sehr unangenehme Weise von ihm verlebt -waren, berührte er nur insofern, als sie in ihm die traurige -Überzeugung hervorgebracht, daß in Deutschland, wo -(1785) das Eigentum des Schriftsteller wie des Verlegers -jedem preisgegeben, ja als vogelfrei erklärt sei, und bei der<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span> -geringen Teilnahme höherer Stände an den Erzeugnissen der -deutschen Literatur ein Dichter, würde er auch alle andern -der verflossenen oder gegenwärtigen Zeit übertreffen, ohne -einen besoldeten Nebenverdienst, ohne bedeutende Unterstützung, -bloß durch die Früchte seines Talents unmöglich ein solches -Einkommen sich verschaffen könne, als einem fleißigen Handwerksmanne -mit mäßigen Fähigkeiten dieses gelingen müsse. -Er war sich bewußt, alles getan zu haben, was seine Kräfte -vermochten, ohne daß es ihm gelungen wäre, das wenige zu -erwerben, was zur größten Notwendigkeit des Lebens gezählt -wird, noch weniger aber so viel, daß er bei seiner Abreise -auch seine Geldverbindlichkeiten hätte erfüllen können. Von -nun an sollte nicht mehr die Dichtkunst, am wenigsten aber -das Drama, der einzige Zweck seines Lebens sein, sondern -er war fest entschlossen, den Besuch der Muse nur in der -aufgereiztesten Stimmung anzunehmen; dafür aber mit allem -Eifer sich wieder auf die Rechtswissenschaft zu werfen, durch -welche er nicht nur aus jeder Verlegenheit befreit zu werden, -sondern auch einen wohlhabenden, sorgenfreien Zustand zu -erwerben hoffen dürfe.</p> - -<p>Diesen Plan besprach er von allen denkbaren Seiten. -Wenn auch eine sich als widrig zeigte, so wäre sie doch nicht -von der demütigenden Art, wie solche, die sich täglich dem -Dichter darbieten, der in der höheren Gesellschaft nicht aufgenommen, -wenn er seine Feder der Bühne widme, sogar -verachtet sei, auf keinen Rang unter den Ständen Anspruch -machen dürfe und wie ein fremdes, heimatloses Wesen seinen -kärglichen Unterhalt mit unablässiger Anstrengung erringen -müsse. Seinen Talenten, seiner Beharrlichkeit traute -er es zu, in weniger als einem Jahre die Theorie der Rechtswissenschaft, -unterstützt von den reichen Hilfsmitteln der Leipziger -Universität, soweit inne zu haben, daß er auch darin -wie in der Arzneikunde den Doktorhut nehmen und dadurch -sich nicht nur einen bessern, sondern auch beständigern Zustand -bereiten könne. Er glaubte den Schluß mit vollem<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span> -Rechte machen zu dürfen, wenn die Erlernung dieser Wissenschaft -einem gewöhnlichen Kopf in einigen Jahren möglich -sei, so müsse es ihm – der von Jugend auf zum Studieren -von Systemen angehalten worden – der in den zwei ersten -Jahren, die er in der Akademie zubrachte, bedeutende Fortschritte -in dieser Wissenschaft getan – der das Lateinische -ebenso geläufig wie seine Muttersprache inne habe – der -Hallers Werke in drei Monaten sich so eigen gemacht, daß -er eine Prüfung darüber mit Ehren bestehen konnte – dem -das Nachdenken eine Lust, ein Bedürfnis sei – um so viel -leichter werden, den Schneckengang anderer mit seinen weit -ausgreifenden Schritten zu überholen und schnell dahin zu -gelangen, wo ihn auch die kühnste Erwartung erst nach Jahren -vermute.</p> - -<p>Sein Vorsatz darüber war so fest, die Ausführung schien -ihm so leicht, eine ehrenvolle Anstellung bei einem der kleinen -sächsischen Höfe so nahe, daß er und der zurückbleibende -Freund sich die Hände darauf gaben, so lange keiner an den -andern schreiben zu wollen, bis er Minister oder der andere -Kapellmeister sein würde. Mit diesem feierlichen Versprechen -schieden beide voneinander.</p> - -<p>Aber die Himmlischen hatten anders über ihn beschlossen. -Sie ließen es nicht zu, daß eine solche Fülle von Gaben, -reich genug, um Millionen zu beglücken, nur auf einen engen -Kreis beschränkt oder ganz unfruchtbar bleiben sollte. Mit -Liebe leiteten sie nun an sanfter, gütiger Hand ihren Begünstigten -in die Arme von Freunden, die alles aufboten, -damit er seinem hohen Berufe nicht ungetreu würde, damit -er die unendliche Menge des wahrhaft Schönen und Guten, -welches er in sich trug, zur Veredlung der Menschheit, zur -Erleuchtung und Stärkung kommender Geschlechter, zu unvergänglichem -Ruhme seiner selbst sowie zu dem seines -eigentlichen Vaterlandes anwenden konnte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Durch diese nach allen Umständen getreue Erzählung -darf der Verfasser glauben, eine sehr bedeutende Lücke, die -sich – ohne irgend eine Ausnahme – in allen Lebensbeschreibungen -des großen Mannes findet, ausgefüllt, und -einem künftigen Biographen die vollständige Darstellung eines -auf seine Zeit so einflußreichen Lebens erleichtert zu haben. -Der verehrte Leser wolle nun diese von einem Augenzeugen -gegebene Mitteilung mit den früher von andern dem Publikum -vorgelegten vergleichen und dann die Glaubwürdigkeit -letzterer beurteilen.</p> - -<p class="center p2"> -Ende. -</p> - -<p class="center p2 smaller"> -Auf Kriegspapier gedruckt. -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="footnotes"> -<h2 id="FOOTNOTES">Fußnoten</h2> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">1</span></a> Tatsächlich hat die Flucht am 22. September stattgefunden. -</p> -<p class="sig"> -<em class="antiqua">W.</em> -</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">2</span></a> Wenn man die Zeitverhältnisse und die Lage Schillers berücksichtigt, -so wird man die Allgemeinheit und bittere Härte dieser Äußerung -entschuldigen. -</p> -<p class="sig"> -Anm. Streichers. -</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">3</span></a> Vermutlich ist dieser Brief erst Anfang Oktober geschrieben. -</p> -<p class="sig"> -<em class="antiqua">W.</em> -</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">4</span></a> Tag. Soll heißen: Winter. -</p> -<p class="sig"> -<em class="antiqua">W.</em> -</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">5</span></a> »In den ersten Tagen des Septembers 1783.« Dies ist ein -Irrtum. Schiller kam am 27. Juli in Mannheim an. -</p> -<p class="sig"> -<em class="antiqua">W.</em> -</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">6</span></a> Der Kontrakt ist tatsächlich erst am 20. August geschlossen worden -und lief vom 1. September 1784 an. -</p> -<p class="sig"> -<em class="antiqua">W.</em> -</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">7</span></a> Diese Zusammenkunft geschah in Wirklichkeit schon vor der Abreise -nach <em class="gesperrt">Bauerbach</em> zwischen dem 22. und 25. November 1782. -</p> -<p class="sig"> -<em class="antiqua">W.</em> -</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">8</span></a> Vielmehr durch Götz, Angestellten in der Schwanschen Buchhandlung, -der von der Leipziger Messe zurückkehrte. -</p> -<p class="sig"> -<em class="antiqua">W.</em> -</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">9</span></a> Die Vorlesung des Don Carlos fand am 26. Dezember 1784 statt. -</p> -<p class="sig"> -<em class="antiqua">W.</em> -</p> -</div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<div class="adv"> - -<p class="center"><b>Bücherfreunde erhalten vollständige Verzeichnisse -der Universal-Bibliothek durch die -Buchhandlungen oder den Verlag!</b></p> -<hr class="full" /> -<p class="h2"> -Deutsche Bildung<br /> -und deutsche Kultur</p> - -<p>zu pflegen, sich mit den geistigen Gütern -des Volkes vertraut zu machen, ist Aufgabe -jedes einzelnen von uns und heute -mehr als je, da die äußere Macht Deutschlands -gebrochen ist und die Macht des -Deutschtums sich vor allem im Bereich des -Geistigen zu bewähren hat. Neue Achtung -in der Welt kann sich nur die große Gemeinschaft -der im besten Sinne deutschen, -an alter Herzens- und Geisteskultur teilhabenden -Menschen erringen. Die eigene -ernsthafte Lektüre, die eigene Bücherei -ist das Mittel und unentbehrliche Rüstzeug -zu dieser Arbeit. Eine unvergleichliche -Auswahl guter Bücher aus allen -Wissensbezirken bietet das volkstümlichste -Verlagsunternehmen der Welt »<em class="gesperrt">Reclams -Universal-Bibliothek</em>«. Vorrätig -in weit mehr als 10 000 Buchhandlungen -des In- und Auslandes.</p> - -<hr class="full" /> - -<p class="center"> -Druck und Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig</p> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<div class="transnote" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.</p> -<p> -Korrekturen: -</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 109: gegewesen → gewesen<br /> - ein württembergischer Offizier bei ihnen <a href="#corr109">gewesen</a> sei</p> -<p> -S. 172: das → daß<br /> - Ohne <a href="#corr172">daß</a> Schiller es ahnte</p> -</div> -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Schillers Flucht von Stuttgart, by -Andreas Streicher - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHILLERS FLUCHT VON STUTTGART *** - -***** This file should be named 50234-h.htm or 50234-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/2/3/50234/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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