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-Project Gutenberg's Schillers Flucht von Stuttgart, by Andreas Streicher
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-
-
-Title: Schillers Flucht von Stuttgart
- und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785
-
-Author: Andreas Streicher
-
-Commentator: J. Wychgram
-
-Release Date: October 16, 2015 [EBook #50234]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHILLERS FLUCHT VON STUTTGART ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
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-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Schillers Flucht
- von Stuttgart
-
- und
-
- Aufenthalt in Mannheim
- von 1782--1785
-
- Von
-
- Andreas Streicher
-
- Herausgegeben und mit einer Einleitung versehen
-
- von
-
- Prof. ~Dr.~ J. Wychgram
-
-
- Leipzig
-
- Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
-
-
-
-
- Übersetzungsrecht vorbehalten
-
-
-
-
-Einleitung.
-
-
-Das Buch, das wir, nachdem es zum ersten- und einzigen Male im Jahre
-1836, drei Jahre nach dem Tode seines Verfassers, erschienen war,
-nun zum Schiller-Jubiläumstag neu in die Welt senden, ist nicht mit
-Unrecht ein Kleinod unserer Literatur genannt worden. Nicht als ob es
-schriftstellerische Vorzüge aufweisen könnte. Sein Wert liegt vielmehr
-einmal in den berichteten Tatsachen, die für die Kenntnis von Schillers
-Entwicklung von außerordentlichem Werte sind und die uns unbekannt
-geblieben sein würden, wenn nicht Streicher sie uns erzählt hätte,
-sodann aber in dem Geist und Sinn, der aus dem Buche spricht. Da die
-Vorbereitungen zur Flucht aus Stuttgart und ihre Ausführung selbst sehr
-geheim gehalten werden mußten und da das, was außerhalb des Weichbildes
-von Mannheim mit Schiller geschah, nur Streicher zum Zeugen hatte,
-so können wir in der Tat den Wert dieser Aufzeichnungen nicht genug
-schätzen; aber auch, daß dieser Zeuge gerade Streicher war, ist von
-der größten Bedeutung. Denn wir haben in diesem Manne, der ja, wie der
-Leser aus dem Buche selbst erkennen wird, mit einer Art Vergötterung an
-Schiller hing, einen Berichterstatter, der alle diese aufregenden und
-abenteuerlichen Erlebnisse mit der größten Einfachheit, ohne subjektive
-Färbung und mit einem treuen geschichtlichen Sinne uns erzählt.
-Freilich ist das Buch selber erst geschrieben worden, als Streicher
-bereits im Greisenalter stand; aber die Ereignisse der Jugend standen
-ihm, soweit er sie selbst miterlebt hatte, als die denkwürdigsten
-seines ganzen Lebens vor der Seele, und später erschienene Briefe
-bezeugen uns, daß Streicher in der gewissenhaftesten Weise überall da,
-wo entweder sein Gedächtnis ihn nicht mehr sicher beriet oder wo er
-von Dingen zu erzählen hatte, die er selbst nicht mit angesehen (wie
-zum Beispiel in dem Berichte über die letzte Begegnung Schillers mit
-seiner Schwester und seiner Mutter), durch briefliche Erkundigung die
-Lücke zu ergänzen oder falsche Gerüchte zu berichtigen suchte. Einen
-solchen Brief teilen Speidel und Wittmann in ihrem vorzüglichen Buche
-»Bilder aus der Schillerzeit,« S. 26, mit. So kann man sagen, daß die
-Partien des Streicherschen Buches, die sich mit der Flucht und den auf
-die Flucht folgenden Ereignissen beschäftigen, durchaus zuverlässig
-sind und nur in ganz unwesentlichen Einzelheiten, in den Angaben
-einiger Monatsdaten und ähnlichen Kleinigkeiten, von der späteren
-Schiller-Forschung berichtigt worden sind.
-
-Streicher hat nun dem Berichte von der Flucht eine kurze Übersicht
-über Schillers Leben bis 1782 beigegeben; diese Übersicht mußte er
-nach den damals zugänglichen Quellen abfassen, und sie ist daher,
-wie wir gleich hier bemerken, nicht in demselben Maße unanfechtbar,
-wie der eigentliche Kern des Buches. Insbesondere waren Streicher
-die näheren Umstände, die das Zerwürfnis Schillers mit dem Herzog
-veranlaßten, nicht bekannt; vermutlich hat Schiller selbst von dem,
-was an Intrigen gegen ihn und gegen seinen Vater sich abgesponnen hat,
-nicht alles gewußt. Wir verzichten hier darauf, die Einzelheiten zu
-berichtigen, da der Leser dazu jede moderne Schillerbiographie benutzen
-kann; es sei gestattet, auf die betreffenden Abschnitte in der von mir
-verfaßten Biographie Schillers (4. Auflage, Bielefeld und Leipzig,
-Velhagen & Klasing; Volksausgabe, ebenda 1904), zu verweisen, wo ein
-ausführliches Bild gegeben wird. Die Universal-Bibliothek bietet die
-Schiller-Biographie von Rudolf von Gottschall (Nr. 3879/80), die in
-gedrängterer Form berichtet.
-
-Andreas Streicher wurde als der Sohn unbemittelter Eltern im Jahre
-1761 in Stuttgart geboren; er widmete sich der Tonkunst und sollte
-bei Emanuel Bach in Hamburg seine Ausbildung als Musiker erhalten.
-Von der Reise nach Hamburg aber wurde er durch die von ihm selbst
-erzählten Umstände abgehalten; er blieb vielmehr einige Jahre, mit
-Schiller und auch noch nach Schiller, in Mannheim, wandte sich dann
-nach München und ging 1794 nach Wien, wo er als Klavierlehrer eine
-auch an äußeren Erfolgen reiche Tätigkeit entwickelte. Später hat
-er in Wien die Pianofortefabrik seiner Frau, einer geborenen Stein
-aus Augsburg, übernommen und es in dieser Tätigkeit zu erheblichem
-Wohlstande gebracht. Er starb am 15. Mai 1833. Wie sehr er an dem
-Jugendfreunde hing, zeigt nicht nur das Buch selber, das er etwa in den
-Jahren 1828--30 verfaßt hat, sondern dies wird uns auch aus Briefen,
-die er nach Schillers Tode an dessen Angehörige schrieb, deutlich. Man
-hat wohl bemerkt, es sei auffallend, daß Schiller selbst später nicht
-wieder an den aufopferungsfreudigen Freund seiner Jugend geschrieben
-habe, insbesondere Julian Schmidt hat in seinem Buche »Schiller
-und seine Zeitgenossen« dieses Befremden ausgedrückt; man ist aber
-damit im Irrtum gewesen. Wir besitzen noch einen Brief von Schiller,
-der uns zeigt, wie Schiller in dankbarem Herzen die Erinnerung an
-Streicher bewahrt hat. Im Jahre 1795 hatte Streicher einem Herrn seiner
-Bekanntschaft einen Empfehlungsbrief an Schiller mitgeschickt; Schiller
-antwortete darauf:
-
- »Mein teurer und hochgeschätzter Freund!
-
- Gestern erhielt ich durch Herrn von Bühler Ihren Brief, der mich
- auf eine sehr angenehme Weise überraschte. Daß Sie mich nach einer
- zehnjährigen Trennung und in einer so weiten Entfernung noch nicht
- vergessen haben, daß Sie meiner mit Liebe gedenken und mir ein
- gleiches gegen Sie zutrauen, rührt mich innig, lieber Freund, und
- ich kann Ihnen auch von meiner Seite mit Wahrheit gestehen, daß mir
- die Zeit unseres Zusammenseins und Ihre freundschaftliche Teilnahme
- an mir, Ihre gefällige Duldung gegen mich und Ihre auf jeder Probe
- ausharrende Treue in ewig teurem Andenken bleiben wird.
-
- Wie erfreuen Sie mich, lieber Freund, mit der Nachricht, daß es
- Ihnen wohl geht, daß Sie mit Ihrem Schicksale zufrieden sind und
- nun auch die Freuden des häuslichen Lebens genießen. Diese sind
- mir schon seit sechs Jahren zu teil geworden, und ich könnte, im
- Besitze eines hoffnungsvollen Knaben, sowie in meiner unabhängigen
- äußeren Lage ein ganz glücklicher Mensch sein, wenn ich aus dem
- Sturme, der mich so lange herumgetrieben, meine Gesundheit gerettet
- hätte. Indessen macht ein heiteres Gemüt und der angenehme Wechsel
- der Beschäftigung mich diesen Verlust noch ziemlich vergessen, und
- ich finde mich in mein Schicksal.
-
- Eben dieser Zustand meiner Gesundheit läßt mich nicht daran denken,
- eine Reise zu unternehmen, und raubt mir also die Freude, Ihre
- freundschaftliche Einladung anzunehmen. Aber was mir unmöglich ist,
- können Sie vielleicht ausführen, und um so eher, da ein Tonkünstler
- überall zu Hause ist und selbst auf Reisen die Zeit nicht verliert.
- Daß mir Ihre Erscheinung in Jena unbeschreiblich viele Freude
- machen würde, bedarf keiner Versicherung, und daß auch Sie nicht
- unzufrieden sein sollen, dafür, glaube ich, gutsagen zu können.
- Ich könnte Ihnen wenigstens dafür stehen, daß Sie in Weimar, wo
- man Musik zu schätzen weiß, eine sehr erwünschte Aufnahme finden
- sollten.
-
- Ihr aufrichtig ergebener
-
- Schiller.
-
- Jena, den 9. Oktober 95.
-
- An Herrn Andreas Streicher, Tonkünstler in Wien.«
-
-Man sieht aus diesem Briefe, daß Schiller, wenn auch keine häufigeren
-Anlässe zu lebhafterem Briefwechsel mit seinem Jugendfreunde vorlagen,
-ihn doch in dankbarer Erinnerung bewahrte. Folgende beiden Briefe
-mögen noch dem Leser zeigen, mit welcher Wärme Andreas Streicher spät
-nach Schillers Tode für die Pflege von dessen Andenken gesorgt hat.
-Der erste dieser Briefe ist am 30. August 1826 an Schillers einzige
-überlebende Schwester Christophine, die verwitwete Hofrätin Reinwald
-in Meiningen, gerichtet, der andere am 29. April 1829 an Schillers
-bekannten Freund Körner. Die Briefe lauten folgendermaßen:
-
-
-I.
-
- »Wohlgeborne Frau!
-
- Seit dem Tode Ihres herrlichen Bruders sind einundzwanzig Jahre
- verflossen, und noch ist er nicht begraben, sondern sein Sarg steht
- in Weimar in dem Gewölbe einer Sterbkassen-Gesellschaft unter
- dreißig bis vierzig andern versteckt, so daß es unmöglich ist, zu
- ihm zu gelangen oder ihn nur zu sehen.
-
- Man sagt, daß diese ungeheure Vernachlässigung die Schuld der Witwe
- sei.
-
- Als ich im Jahre 1820 die erste Nachricht hierüber in der
- »Allgemeinen Zeitung« las, schrieb ich sogleich nach Weimar und
- erkundigte mich um die Wahrheit derselben. Leider wurde solche
- bestätigt und die Vermutung geäußert, daß wohl der Vermögenszustand
- der Schillerschen Familie einige Schuld daran haben könne.
- Sogleich entschloß ich mich, eine kleine von mir verfaßte Schrift:
- »Schillers Flucht von Stuttgart und sein Aufenthalt in Mannheim
- von 1782 bis 1785,« die erst nach meinem Tode erscheinen sollte,
- jetzt schon, und zwar zu dem Zwecke herauszugeben, damit für den
- eingehenden Betrag Schiller ein ordentliches Grabmal errichtet
- werden könnte.
-
- Mancherlei Schwierigkeiten, die ich nicht beseitigen konnte und
- deren Aufzählung zu weitläufig sein würde, brachten diese Sache
- ins Stocken, bis endlich bei der Austeilung des neuen Kirchhofs
- in Weimar sich Frau von Schiller entschloß, eine Familiengruft zu
- wählen, und nur noch ihre Rückkehr von Köln erwartet wurde, um eine
- vollkommene Entscheidung herbeizuführen. Allein ein Schlagfluß
- überraschte sie in Bonn, wohin sie sich wegen einer Augenoperation
- begeben hatte, und brachte diese Sache insoferne wieder aufs neue
- zum Stillstande, als man sich deshalb nun an den ältesten Sohn
- in Köln wenden mußte. An diesen habe ich nun geschrieben, und es
- läßt sich erwarten, daß er die Pflicht des Sohnes erfüllen und
- das Murren aller Reisenden, sowie die in so vielen Zeitschriften
- darüber erhobenen Klagen stillen wird.
-
- Ich habe Herrn von Schiller auch zugleich um genaue Nachrichten
- in betreff der letzten Lebensjahre seines Vaters ersucht, welche
- in den Schriften von Körner, H. Döring und andern entweder
- ganz übergangen oder unrichtig angegeben sind, indem mir daran
- liegt, daß meine Schrift als (wenigstens kleines) Ganzes sich
- darstelle. Da aber die Angaben über seine Eltern, über seine ersten
- Jugendjahre gar zu karg aufgeführt sind, und solche weder in der
- Zeitfolge noch in der Sache selbst zusammenpassen, so legt man
- diese Schriften desto unbefriedigter weg, je gespannter man auf
- alle Nachrichten ist, welche diese merkwürdige Familie betreffen.
-
- Von dieser Periode lassen sich nun nur noch von Ihnen, wohlgeborne
- Frau, die allerzuverlässigsten Nachrichten erwarten, indem Sie
- der einzige noch lebende Zeuge derselben sind. Ich nehme mir
- daher die Freiheit, Ihnen einige Fragen vorzulegen, welche diesen
- Zeitraum betreffen, mit der Bitte, selbige einiger Aufmerksamkeit
- würdigen und mir gefälligst beantworten zu wollen. Da ich meine
- Absicht, warum ich alles dahin Gehörige zu wissen wünsche, deutlich
- ausgesprochen, so darf ich nicht fürchten, daß Sie diese Fragen
- als aus bloßer Neugierde oder aus einer unedlen Ursache gestellt
- ansehen werden, sondern habe gegründete Ursache, zu hoffen, daß Sie
- dem Jugendfreunde und Leidensgefährten Ihres Bruders sein Verlangen
- um so weniger versagen werden, weil dieses nur zur Verherrlichung
- des Verewigten gereichen solle. Da aber die Schrift schon in
- einigen Monaten in Druck gegeben werden muß -- da erst, wenn
- dieser schon im Gange ist, die Unterzeichnung darauf öffentlich
- angekündigt werden kann -- da auch nur alsdann erst zur Erbauung
- eines ordentlichen, würdigen Grabmals geschritten wird, wenn man
- der Kostendeckung versichert ist -- da meine Geschäfte mir nur
- sehr wenig Zeit zur Vollendung dieser Schrift gestatten, und da
- mein Alter, sowie meine Gesundheit es nicht ratsam machen, diese
- Angelegenheit noch länger als bis zum 9. Mai 1827 zu erstrecken,
- so muß ich den dringenden Wunsch beifügen, daß Sie die Güte haben
- und mir Ihre Antwort sobald als möglich übermachen wollen. Keine
- Ihrer Nachrichten soll für mein Eigentum abgegeben, sondern dankbar
- dem Publikum die Quelle genannt werden, aus welcher mir solche
- zugeflossen.
-
- Es sind nun volle dreiundvierzig Jahre, daß mir nicht mehr vergönnt
- ward, Sie zu sehen, und nur meine lebhafte Erinnerung an Sie, sowie
- an Ihr ganzes Haus, kann mir einige Schadloshaltung für dieses
- Glück gewähren.
-
- Mein innigster Wunsch ist, daß dieser Brief Sie, sowie Ihren Herrn
- Gemahl in bestem Wohlsein treffe, und daß von diesem durch eine
- gefällige Antwort recht bald die Überzeugung erhalte, wohlgeborne
- Frau, Ihr hochachtungsvoll ergebenster Diener
-
- Andreas Streicher, Tonkünstler.
-
- Wien, am 30. August 1826.«
-
-
-II.
-
- »Das Werk erscheint gegen Unterzeichnung, und der reine Ertrag
- desselben, wenn er sich auf 20000 Gulden beläuft, soll erstens dazu
- verwendet werden, um eine Stiftung zu gründen, damit alle zehn
- Jahre die Interessen dieses Kapitals demjenigen (oder dessen Erben)
- eingehändigt werden, der während dieser Zeit das beste Schauspiel,
- Drama oder Trauerspiel, dessen Inhalt aus der deutschen Geschichte
- genommen sein muß, gedichtet hat. Zweitens, da aber die 10000
- Gulden Interessen des Kapitals in zehn Jahren wieder 2500 Gulden
- abwerfen, so werden diese demjenigen Schriftsteller als Preis
- zugeteilt, der in diesem Zeitraume das beste Werk für die Jugend
- oder das Volk in dem Sinne geschrieben, wie es Schiller in der
- Rezension von Bürgers Gedichten in den Worten: »Welches Unternehmen
- usw. bis: würden sie endlich selbst von der Vernunft abfordern,«
- angedeutet hat. Diese Preise würden einmal in Stuttgart, als der
- Hauptstadt von des Dichters Vaterland, das andere Mal in Weimar,
- wo er Unterstützung fand und starb, und das dritte Mal in Wien,
- wo seine hohe, gemütvolle Dichtung noch am meisten gewürdigt und
- empfunden wird, öffentlich und feierlich erteilt werden. Jeder der
- genannten Orte würde drei Schiedsrichter ernennen, welche die des
- Preises würdigsten Stücke bezeichnen würden.
-
- Dies ist das Hauptsächlichste von dem, was ich mir hierüber
- ausgedacht und auch Herrn Ernst von Schiller mitgeteilt habe.
- Dieser aber erwidert mir, daß ich durch Ausführung dieses Vorsatzes
- dem Verkaufe der sämtlichen Werke seines Vaters bedeutenden Schaden
- zufügen und vielleicht das ganze Unternehmen gefährden würde.
- Allein ich habe Freiherrn von Cotta diesen Plan voriges Jahr
- mündlich mitgeteilt und weder damals, noch seit jener Zeit irgend
- einen Widerstand von ihm erfahren. Auch scheint die abgesonderte
- Herausgabe des Briefwechsels von Goethe und Schiller darauf
- hinzudeuten, daß vorerst alles bisher noch Unbekannte von Schiller
- einzeln herausgegeben und dann erst in späterer Zeit eine ganz
- vollständige Ausgabe seiner Werke veranstaltet werden solle.
-
- Da ich nun den Zweck der Herausgabe von Nachrichten über unsern
- Dichter genau und wahr angegeben: da alles, was darauf Beziehung
- hat, gänzlich von einer Nebenabsicht frei und rein ist, da nichts
- anderes dadurch erreicht werden soll, als daß seine schwere
- Laufbahn die eines nicht unwürdigen Nachfolgers erleichtern solle;
- da es auch nicht gleichgültig ist, das Volk, für das er lebte
- und schrieb, nicht nur zu einer dauernden Anerkennung seines
- außerordentlichen Geistes aufzufordern, sondern damit auch zugleich
- der Dichtkunst einen Rang anzuweisen, den sie schon lange bei
- andern Nationen, aber leider bei den hadersüchtigen, nur nach Geld
- und Titeln strebenden Deutschen bisher nicht hatte; da eine genaue
- Schilderung seines Lebens, seines himmlischen Gemütes, der Tiefe
- und Fülle seiner Empfindung nur von denen getreu dargestellt und
- erwartet werden kann, die ihn im Glück und Unglück handeln sahen
- -- so werden Sie dieses Schreiben sowohl als auch die Fragen mit
- Nachsicht aufnehmen und nicht kalt zurückweisen.«
-
- * * * * *
-
-Streicher ist durch Christophine und auch aus seinen anderen Quellen
-nicht immer ganz richtig unterrichtet worden; es sind in dem
-Originaldruck eine Reihe von Versehen. Diese sind in unserem Neudruck
-entweder ohne weiteres korrigiert oder aber durch Fußnoten kenntlich
-gemacht worden.
-
-Im übrigen verweisen wir auf Streichers Büchlein selber; es mag durch
-sich und für sich sprechen.
-
- Berlin, im Februar 1905.
-
- J. Wychgram.
-
-
-
-
-Vorrede
-
-der Hinterbliebenen Streichers zur Ausgabe von 1836.
-
-
-Der Verfasser des nachstehenden Werkchens, Andreas Streicher, lebt
-nicht mehr. Zu den schönsten Erinnerungen seines reich beschäftigten
-Lebens gehörten die Tage, die er in Schillers Nähe zugebracht hatte,
-dessen Andenken er mit liebender Begeisterung, mit schwärmerischer
-Verehrung bewahrte. Er hatte den edlen Dichterjüngling im Unglücke
-gesehen, im Kampfe mit feindlichen Verhältnissen, und treu und
-aufopfernd an ihm festgehalten. Und gerade jenen Zeitraum, so
-wichtig für die Darstellung von Schillers Charakter, als er es für
-die Entwicklung desselben und seiner äußern Lage gewesen, fand der
-Verfasser in allen Biographien des Verewigten fast nur erwähnt,
-nur kurz und unvollständig behandelt. Er wußte, daß wenige der
-Überlebenden in dem Falle waren, so richtig und ausführlich darüber
-zu berichten als er, und es drängte ihn, die Feder zu ergreifen, um
-das Seinige zur Charakteristik des für Deutschland und die Menschheit
-denkwürdigen Mannes beizutragen. In weit vorgerückten Jahren begann
-er mit der strengsten Wahrhaftigkeit und sorgsamer, gewissenhafter
-Liebe die folgenden Mitteilungen auszuarbeiten. Diese Sorgfalt bewog
-ihn, immer noch daran zu bessern; diese Liebe machte, daß er zuletzt
-auch Materialien über spätere Lebensabschnitte seines Jugendfreundes
-sammelte, und über dem Sammeln, Sichten, Ordnen -- ereilte ihn der Tod.
-
-Er hatte sich oft und gern mit Entwürfen in Hinsicht auf die Verwendung
-des Ertrages seiner Schrift zu einer passenden Stiftung, einem
-Dichterpreis, irgend einem gemeinnützigen Zwecke beschäftigt. Seine
-Hinterbliebenen halten es für ihre Pflicht gegen ihn und das Publikum,
-die Herausgabe des Werkes zu besorgen, an welcher den Erblasser selbst
-ein unerwartetes Ende hinderte. Überzeugt, ganz in seinem Sinne zu
-handeln, legen sie das Honorar, welches die Verlagshandlung ihnen dafür
-zugesagt, als Beitrag zu dem Denkmale Schillers, auf den Altar des
-Vaterlandes nieder.
-
-Sie geben das Werk, wie sie es in Reinschrift in seinem Nachlasse
-fanden.
-
-Sie befürchten nicht, daß der Titel »Flucht« auch nur einen leisen
-Schatten auf das Andenken oder den Namen Schillers werfen dürfte, da es
-allbekannt ist, wie dessen Entfernung von Stuttgart keineswegs Folge
-irgend eines Fehltrittes war, sondern ganz gleich der Flucht seines
-»Pegasus,« der mit der Kraft der Verzweiflung das Joch bricht, um
-ungehemmten Fluges himmelan zu steigen.
-
-Wie an dem Titel, so glauben sie auch an dem Inhalte, ja selbst an dem
-Stile nichts willkürlich ändern zu dürfen, um das Eigentümliche nicht
-zu verwischen, woran man den Zeitgenossen der frühesten Periode und
-den Landsmann unsers gefeierten Dichters erkennen mag. Der Verfasser
-war Musiker, nicht Schriftsteller, und was ihm die Feder in die Hand
-gegeben, nur seine glühende Verehrung Schillers und der frohe und
-gerechte Stolz, ihm einst nahe gestanden zu sein.
-
-Aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, den sie festzuhalten bitten, wird
-seine Leistung nachsichtige Beurteiler in den geneigten Lesern finden.
-
-
-
-
-Schillers Flucht von Stuttgart
-
-und
-
-Aufenthalt in Mannheim von 1782--1785.
-
-
-Johann Kaspar Schiller, geboren 1723, war der Vater unseres Dichters
-und ein Mann von sehr vielen Fähigkeiten, die er auf die beste,
-würdigste Weise verwendete, und die sowohl von seiner Umgebung als auch
-von seinem Fürsten auf das vollständigste anerkannt wurden.
-
-In seiner Jugend wählte er zum Beruf die Wundarzneikunde und ging,
-nachdem er sich hierin ausgebildet, in seinem zweiundzwanzigsten Jahre
-mit einem bayrischen Husarenregiment nach den Niederlanden, von wo er,
-nach geschlossenem Frieden, in sein Vaterland Württemberg zurückkehrte
-und sich 1749 zu Marbach, dem Geburtsorte seiner Gattin, verheiratete.
-Dem höher strebenden und mehr als zu seinem Fache damals nötig war,
-ausgebildeten Geiste dieses Mannes konnte aber der kleine, enge Kreis,
-in dem er sich jetzt bewegen mußte, um so weniger zusagen, als er
-durchaus nichts Erfreuliches für die Zukunft erwarten ließ, und er
-auch bei früheren Gelegenheiten, wo er gegen den Feind als Anführer
-in den Vorpostengefechten diente, Kräfte in sich hatte kennen lernen,
-deren Gebrauch ihm edler sowie für sich und seine Familie nützlicher
-schien als dasjenige, was er bisher zu seinem Geschäft gemacht
-hatte. Er verließ daher bei dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges,
-an welchem der Herzog gegen Preußen teilnahm, die Wundarzneikunde
-gänzlich, suchte eine militärische Anstellung und erhielt solche 1757
-als Fähnrich und Adjutant bei dem Regiment Prinz Louis um so leichter,
-da er schon früher den Ruhm eines tapfern Soldaten und umsichtigen
-Anführers sich erworben hatte.
-
-So lange als das württembergische Korps im Felde stand, machte er
-diesen Krieg mit, benutzte aber die Zeit der Winterquartiere, um
-mit Urlaub nach Hause zu kehren, und war im November 1759 bei der
-Geburt seines Sohnes, der auch der einzige blieb, gegenwärtig. Nach
-geschlossenem Frieden wurde er in dem schwäbischen Grenzstädtchen
-Lorch als Werboffizier mit Hauptmannsrang angestellt, bekam aber,
-sowie die zwei Unteroffiziere, die ihm beigegeben waren, während drei
-ganzer Jahre nicht den mindesten Sold, sondern mußte diese ganze Zeit
-über sein Vermögen im Dienste seines Fürsten zusetzen. Erst als er
-dem Herzog eine nachdrückliche Vorstellung einreichte, daß er auf
-diese Art unmöglich länger als ehrlicher Mann bestehen oder auf seinem
-Posten bleiben könne, wurde er abgerufen und in der Garnison von
-Ludwigsburg angestellt, wo er dann später seinen rückständigen Sold
-in Terminen nach und nach erhielt. Sowohl während der langen Dauer
-des Krieges als auch in seinem ruhigen Aufenthalte zu Lorch war sein
-lebhafter, beobachtender Geist immer beschäftigt, neue Kenntnisse zu
-erwerben und diejenigen, welche ihn besonders anzogen, zu erweitern.
-Den Blick unausgesetzt auf das Nützliche, Zweckmäßige gerichtet, war
-ihm schon darum Botanik am liebsten, weil ihre richtige Anwendung dem
-Einzelnen, sowie ganzen Staaten Vorteile verschafft, die nicht hoch
-genug gewürdigt werden können. Da zu damaliger Zeit die Baumzucht
-kaum die ersten Grade ihrer jetzigen, hohen Kultur erreicht hatte, so
-verwendete er auf diese seine besondere Aufmerksamkeit und legte in
-Ludwigsburg eine Baumschule an, welche so guten Erfolg hatte, daß der
-Herzog -- gerade damals mit dem Bau eines Lustschlosses beschäftigt --
-ihm 1775 die Oberaufsicht über alle herzustellenden Gartenanlagen und
-Baumpflanzungen übertrug.
-
-Hier hatte er nun Gelegenheit nicht nur alles, was er wußte
-und versuchen wollte, im großen anzuwenden, sondern auch seine
-Ordnungsliebe und Menschenfreundlichkeit auf das wirksamste zu
-beweisen. Um seine Erfahrungen in der Baumzucht, welche nach der
-Absicht seines Fürsten für ganz Württemberg als Regel dienen sollten,
-auch dem Auslande nutzbringend zu machen, sammelte er solche in einem
-kleinen Werke: Die Baumzucht im großen, wovon die erste Auflage zu
-Neustrelitz 1795 und die zweite 1806 zu Gießen erschien.
-
-Auch außer seinem Berufe war die Tätigkeit dieses seltenen Mannes ganz
-außerordentlich. Sein Geist rastete nie, stand nie still, sondern
-suchte immer vorwärts zu schreiten. Er schrieb Aufsätze über ganz
-verschiedene Gegenstände und beschäftigte sich sehr gern mit der
-Dichtkunst -- zu welcher er eine natürliche Anlage hatte.
-
-Es ist nicht wenig zu bedauern, daß von seinen vielen Schriften und
-Gedichten weiter nichts als obiges Werkchen unter die Augen der Welt
-kam; wäre es auch nur, um einigermaßen beurteilen zu können, wie
-viel der Sohn im Talent zum Dichter und Schriftsteller vom Vater als
-Erbteil erhalten habe. Der Herzog, der ihm endlich den Rang als Major
-erteilte, schätzte ihn sehr hoch; seine Untergebenen, die in großer
-Anzahl aus den verschiedensten Menschen bestanden, liebten ihn ebenso
-wegen seiner Unparteilichkeit, als sie seine strenge Handhabung der
-Ordnung fürchteten; Gattin und Kinder bewiesen durch Hochachtung und
-herzlichste Zuneigung, wie sehr sie ihn verehrten.
-
-Von Person war er nicht groß. Der Körper war untersetzt, aber sehr
-gut geformt. Besonders schön war seine hohe, gewölbte Stirn, die
-durch sehr lebhafte Augen beseelt, den klugen, gewandten, umsichtigen
-Mann erraten ließ. Nachdem er seine heißesten Wünsche für das Glück
-und den Ruhm seines einzigen Sohnes erfüllt gesehen und den ersten
-Enkel seines Namens auf den Armen gewiegt hatte, starb er 1796 im
-Alter von 73 Jahren an den Folgen eines vernachlässigten Katarrhs nach
-achtmonatlichen Leiden in den Armen seiner Gattin und der ältesten
-Tochter, die von Meiningen herbeigeeilt war, um mit der Mutter die
-Pflege des Vaters zu teilen, zugleich auch die schwere Zeit des
-damaligen Krieges und ansteckender Krankheiten ihnen übertragen zu
-helfen.
-
-Die Mutter des Dichters, Elisabetha Dorothea Kodweiß, war aus einem
-alt-adligen Geschlecht entsprossen, das sich von Kattwitz nannte und
-durch unglückliche Zeitumstände Ansehen und Reichtum verloren hatte.
-Ihr Vater, der schon den Namen Kodweiß angenommen, war Holzinspektor
-zu Marbach. Eine fürchterliche Überschwemmung beraubte ihn dort seines
-ganzen Vermögens. Aus Not griff er nun, um seine Familie nicht darben
-zu lassen, zu gewerblichen Mitteln, bei welchen er jedoch nichts
-vernachlässigte, was die Bildung des Herzens und Geistes seiner Kinder
-befördern konnte.
-
-Diese edle Frau war groß, schlank und wohlgebaut; ihre Haare waren sehr
-blond, beinahe rot; die Augen etwas kränklich. Ihr Gesicht war von
-Wohlwollen, Sanftmut und tiefer Empfindung belebt, die breite Stirne
-kündigte eine kluge, denkende Frau an. Sie war eine vortreffliche
-Gattin und Mutter, die ihre Kinder auf das zärtlichste liebte, sie mit
-größter Sorgfalt erzog, besonders aber auf ihre religiöse Bildung,
-so früh als es rätlich war, durch Vorlesen und Erklären des Neuen
-Testaments einzuwirken suchte.
-
-Gute Bücher liebte sie leidenschaftlich, zog aber -- was jede Mutter
-tun sollte -- Naturgeschichte, Lebensbeschreibungen berühmter Männer,
-passende Gedichte sowie geistliche Lieder allen andern vor. Auf den
-Spaziergängen leitete sie die Aufmerksamkeit der zarten Gemüter auf
-die Wunder der Schöpfung, die Größe, Güte und Allmacht ihres Urhebers.
-Dabei wußte sie ihren Reden so viel Überzeugendes, so viel Gehalt und
-Würde einzuflechten, daß es ihnen in späten Jahren noch unvergeßlich
-blieb. Ihre häusliche Lage war bei dem geringen Einkommen ihres Gatten
-sehr beschränkt, und es erforderte die aufmerksamste Sparsamkeit,
-sechs Kinder standesgemäß zu erhalten und sie in allem Notwendigen
-unterrichten zu lassen.
-
-Die allgemeine Lebensart und Sitte, welche damals in Württemberg
-herrschte, erleichterte jedoch eine gute Erziehung um so mehr, als eine
-Abweichung von Sparsamkeit, Ordnungsliebe, Rechtschaffenheit sowie der
-aufrichtigsten Verehrung Gottes als ein großer Fehler angesehen und
-scharf getadelt worden wäre. Die Begriffe von Redlichkeit, Aufopferung,
-Uneigennützigkeit suchte man damals jedem Kinde in das Herz zu prägen.
-In der Schule wie zu Hause wurde auf die Ausübung dieser Tugenden
-ein wachsames Auge gehalten. Die Vorbereitungen zur Ablegung des
-Glaubensbekenntnisses waren größtenteils Prüfungen des vergangenen
-Lebens sowie eindringende Ermahnungen, daß alles Tun und Lassen Gott
-und den Menschen gefällig einzurichten sei.
-
-Ein nicht unbedeutender Teil der Bewohner Württembergs, zu welchem
-sich aus allen Ständen Mitglieder gesellten, konnte sich aber an
-derjenigen Religionsübung, welche in der Kirche gehalten wurde,
-nicht begnügen, sondern schloß noch besondere Vereinigungen, um die
-innerliche, geistige Ausbildung zu befördern, und den äußern Menschen
-der Stimme des Gewissens ganz untertänig zu machen, damit dadurch hier
-schon die höchste Ruhe des Gemüts und ein Vorgeschmack dessen erlangt
-würde, was das Neue Testament seinen mutigen Bekennern im künftigen
-Leben verspricht. Aber es war keine müßige, innere Anschauung, welcher
-diese Frommen sich hingaben, sondern sie suchten auch ihre Reden
-und Handlungen ebenso tadellos zu zeigen, als es ihre Gedanken und
-Empfindungen waren.
-
-Konnten auch die weltlicher Gesinnten einer so strengen Übung der
-Religion und Selbstbeherrschung sich nicht unterwerfen, so hatten sie
-doch nachahmungswürdige Vorbilder unter Augen, vor welchen sie sich
-scheuen mußten, die rohe Natur vorwalten zu lassen oder etwas zu tun,
-was einen zu scharfen Abstand gegen das Sein und Handeln der Frömmern
-gemacht hätte. Für das Allgemeine hatten diese abgeschlossenen, stillen
-Gesellschaften die gute Folge, daß der württembergische Volkscharakter
-als ein Muster von Treue, Redlichkeit, Fleiß und deutscher Offenheit
-gepriesen wurde, und Ausnahmen davon unter die Seltenheiten gezählt
-werden durften.
-
-In diesem Lande, unter solchen Menschen lebten die Eltern unseres
-Dichters, und nach solchen frommen Grundsätzen erzogen sie auch ihre
-Kinder. Die Eindrücke dieser tief wirkenden Leitung konnten nie
-erlöschen; sie begleiteten die Kinder durch das ganze Leben, ermutigten
-in den schwersten Prüfungen die Töchter und sprechen sich mit der
-höchsten Wärme in den meisten Werken des Sohnes aus.
-
-Auch diese gute, geliebte Mutter erlebte noch den ersehnten Augenblick,
-ihren einzigen Sohn und Liebling als glücklichen Gatten und Vater, mit
-errungenem Ruhm gekrönt, im Vaterlande selbst umarmen zu können.
-
-Ein sanfter Tod entriß sie den Ihrigen im Jahr 1802. Ihre Ehe,
-die ersten acht Jahre unfruchtbar, ward endlich durch sechs
-Kinder beglückt, von denen gegenwärtig nur noch Dorothea Luise
-Schiller, geboren 1766, an den Stadtpfarrer Frankh zu Möckmühl im
-Württembergischen verheiratet, und Elisabetha Christophina Friederika
-Schiller, geboren 1757, Witwe des verstorbenen Bibliothekars und
-Hofrats Reinwald zu Meiningen, am Leben sind. Die jüngste Schwester,
-Nannette, geboren 1777, verschied infolge eines ansteckenden
-Nervenfiebers, das durch ein auf der Solitüde anwesendes Feldlazarett
-verbreitet wurde, in ihrer schönsten Blüte schon im achtzehnten Jahre.
-Zwei andere Kinder starben bald nach der Geburt.
-
-Dem Bruder an Gestalt, Geist und Gemüt am ähnlichsten ist die edle
-Reinwald, zu welchen Eigenschaften sich noch eine Handschrift gesellt,
-welche der des Dichters so ähnlich ist, daß man sie davon kaum
-unterscheiden kann.
-
-Den frommen Gefühlen der Jugend getreu, konnte sie, auch als kinderlose
-Witwe, am 16. September 1826 dem Verfasser schreiben: »Aber ich stehe
-doch nicht allein, überall umgibt mein Alter der Freundschaft und
-Liebe sanftes Band, und Gott schenkt mir in meinem neunundsechzigsten
-Lebensjahr noch den völligen Gebrauch meiner Sinne und eine Heiterkeit
-der Seele, die gewöhnlich nur die Jugend beglückt. So sehe ich mit
-Zufriedenheit meinem Ziel entgegen, das mich in einer bessern Welt mit
-den Geliebten, die vorangingen, wieder vereinigt.«
-
-Unser Dichter, Johann Christoph Friedrich Schiller, wurde am 10.
-November 1759 zu Marbach, einem württembergischen Städtchen am Neckar,
-geboren. Obwohl Marbach damals nicht der Wohnort seiner Eltern war, so
-hatte sich dennoch seine Mutter dahin begeben, um in ihrem Geburtsort,
-in der Mitte von Verwandten und Freunden das Wochenbett zu halten.
-
-Über die ersten Kinderjahre Schillers läßt sich mit Zuverlässigkeit
-nichts weiter angeben, als daß seine Erziehung mit größter Liebe und
-Aufmerksamkeit besorgt wurde, indem er sehr zart und schwächlich schien.
-
-Erst von dem Jahr 1765 an werden die Nachrichten bestimmter und
-verbürgen, daß der Knabe seinen ersten Unterricht im Lesen, Schreiben,
-Lateinischen und Griechischen von dem Pastor Moser mit dessen Söhnen
-zugleich in Lorch, einem schwäbischen Grenzstädtchen, erhielt, wohin
-sein Vater, wie oben erwähnt, als Werboffizier versetzt ward.
-
-Damals schon, im Alter von sechs bis sieben Jahren, hatte er ein sehr
-tiefes religiöses Gefühl sowie eine sich täglich aussprechende Neigung
-zum geistlichen Stande. Sowie ihn eine ernste Vorstellung, ein frommer
-Gedanke ergriff, versammelte er seine Geschwister und Gespielen um
-sich her, legte eine schwarze Schürze als Kirchenrock um, stieg auf
-einen Stuhl und hielt eine Predigt, deren Inhalt eine Begebenheit, die
-sich zugetragen, ein geistliches Lied oder ein Spruch war, worüber er
-eine Auslegung machte. Alle mußten mit größter Ruhe und Stille zuhören;
-denn wie er den geringsten Mangel an Aufmerksamkeit oder Andacht bei
-der kleinen Gemeinde wahrnahm, wurde er sehr heftig und verwandelte
-sein anfängliches Thema in eine Strafpredigt.
-
-So voll Begeisterung, Kraft und Mut diese Reden auch waren, so zeigte
-in den häuslichen Verhältnissen sein Charakter dennoch nichts von
-jener Heftigkeit, Eigensinn oder Begehrlichkeit, welche die meisten
-talentvollen Knaben so lästig machen, sondern war lauter Freundschaft,
-Sanftmut und Güte.
-
-Gegen seine Mutter bewies er die reinste Anhänglichkeit sowie gegen die
-Schwestern die wohlwollendste Verträglichkeit und Liebe, welche von
-allen auf das herzlichste, besonders tätig aber von der ältesten (der
-noch lebenden Fr. Hofr. Reinwald) erwidert wurde, die öfters, obwohl
-sie unschuldig war, die harten Strafen des Vaters mit dem Bruder teilte.
-
-Obwohl ihn der Vater sehr liebte, so war er doch wegen eines Fehlers,
-durch den die sparsamen Eltern oft nicht wenig in Verlegenheit gesetzt
-wurden, hart und strenge gegen ihn. Der Sohn hatte nämlich denselben
-unwiderstehlichen Hang, hilfreich zu sein, welchen er später in Wilhelm
-Tell mit den wenigen Worten: »Ich hab' getan, was ich nicht lassen
-konnte,« so treffend schildert.
-
-Nicht nur verschenkte er an seine Kameraden dasjenige, über was
-er frei verfügen konnte, sondern er gab auch den ärmeren Bücher,
-Kleidungsstücke, ja sogar von seinem Bette.
-
-Hierin war die älteste Schwester, die gleichen Hang hatte, seine
-Vertraute, und über diese, da sie, um den jüngern Bruder zu schützen,
-sich als Mitschuldige bekannte, ergingen nun gleichfalls Strafworte und
-sehr fühlbare Züchtigungen.
-
-Da die Mutter sehr sanft war, so ersannen die beiden Geschwister ein
-Mittel, der Strenge des Vaters zu entgehen. Hatten sie so gefehlt, daß
-sie Schläge befürchten mußten, so gingen sie zur Mutter, bekannten ihr
-Vergehen und baten, daß sie die Strafe an ihnen vollziehe, damit der
-Vater im Zorne nicht zu hart mit ihnen verfahren möchte.
-
-So scharf aber auch öfters die zu große Freigebigkeit des Sohnes von
-dem Vater geahndet wurde, so wenig verkannte dieser dennoch die übrigen
-seltenen Eigenschaften des Knaben. Er liebte ihn nicht nur wegen seiner
-Begierde, etwas zu lernen, und wegen der Fähigkeit, das Erlernte zu
-behalten, sondern besonders auch wegen seines biegsamen, zartfühlenden
-Gemütes.
-
-Da sich bei dem Sohne die Neigung zum geistlichen Stande so auffallend
-und anhaltend aussprach, so war ihm der Vater um so weniger hierin
-entgegen, da dieser Stand in Württemberg sehr hoch geschätzt wurde,
-auch viele seiner Stellen ebenso ehrenvoll als einträglich waren.
-
-Als die Familie 1766 nach Ludwigsburg ziehen mußte, wurde der junge
-Schiller sogleich in die Vorbereitungsschulen geschickt, wo er neben
-dem Lateinischen und Griechischen auch Hebräisch -- als zu dem
-gewählten Beruf unerläßlich -- erlernen mußte.
-
-In den Jahren 1769--72 war er viermal in Stuttgart, um sich in den
-vorläufigen Kenntnissen zur Theologie prüfen zu lassen, und bestand
-jederzeit sehr gut. Sein Fleiß konnte nur wenige Zeit durch körperliche
-Schwäche, welche durch das schnelle Wachsen veranlaßt wurde,
-unterbrochen werden; denn wie seine Gesundheit kräftiger wurde, brachte
-er das Versäumte mit solchem Eifer ein und lag so anhaltend über seinen
-Büchern, daß ihm der Lehrer befehlen mußte, hierin Maß zu halten,
-indem er sonst an Geist und Körper Schaden leiden würde. Teilnehmend,
-wohlwollend und gefällig für die Wünsche seiner Mitschüler, konnte
-er sich den jugendlichen Spielen leicht hingeben und in Gesellschaft
-das mitmachen, was er allein wohl unterlassen hätte. Bei einer
-solchen Gelegenheit, kurz vor dem Zeitpunkt, wo er in der Kirche sein
-Glaubensbekenntnis öffentlich ablegen sollte, sah ihn einst die fromme
-Mutter, und ihre Vorwürfe über seinen Mutwillen machten so vielen
-Eindruck auf ihn, daß er noch vor der Konfirmation seine Empfindungen
-zum erstenmal in Gedichten aussprach, die religiösen Inhalts waren.
-
-Je näher die Zeit heranrückte, in welcher er in eines der
-Vorbereitungsinstitute aufgenommen werden sollte, welche Jünglingen,
-noch ehe sie die Universität beziehen konnten, gewidmet waren, mit um
-so größerm Eifer ergab er sich nun seinen Studien.
-
-Ohne Zweifel würde die Welt an Schillern einen Theologen erhalten
-haben, der durch bilderreiche Beredsamkeit, eingreifende Sprache, Tiefe
-der Philosophie und deren richtige Anwendung auf die Religion Epoche
-gemacht und alles Bisherige übertroffen haben würde, wenn nicht seine
-Laufbahn gewaltsam unterbrochen und er zum Erlernen von Wissenschaften
-genötigt worden wäre, für die er entweder gar keinen Sinn hatte oder
-denen er nur durch die höchste Selbstüberwindung einigen Geschmack
-abgewinnen konnte.
-
-Der Herzog von Württemberg hatte nämlich schon im Jahr 1770 auf seinem
-Lustschlosse Solitüde eine militärische Pflanzschule errichtet, die
-so guten Fortgang hatte, daß die Lehrgegenstände, welche anfänglich
-nur auf die schönen Künste beschränkt waren, bei anwachsender Zahl der
-Zöglinge auch auf die Wissenschaften ausgedehnt wurden.
-
-Um die fähigsten jungen Leute kennen zu lernen, wurde von Zeit zu Zeit
-bei den Lehrern Nachfrage gehalten, und diese empfahlen 1772 unter
-andern guten Schülern auch den Sohn des Hauptmanns Schiller als den
-vorzüglichsten von allen. Sogleich machte der Herzog dem Vater den
-Antrag, seinen Sohn in die Pflanzschule aufzunehmen, auf fürstliche
-Kosten unterrichten und in allem freihalten lassen zu wollen.
-
-Dieses großmütige Anerbieten, das manchem so willkommen war,
-verursachte aber in der ganzen Schillerschen Familie die größte
-Bestürzung, indem es nicht nur den so oft besprochenen Plan aller
-vereitelte, sondern auch dem Sohn jede Hoffnung raubte, sich als
-Redner, als Schriftsteller und geistlicher Dichter einst auszeichnen zu
-können.
-
-Weil jedoch damals für die Theologie in dieser Anstalt noch kein
-Lehrstuhl war, auch der junge Schiller schon alle Vorbereitungsstudien
-für diesen Stand gemacht hatte, so versuchte der Vater diese Gnade
-durch eine freimütige Vorstellung abzuwenden, die auch so guten Erfolg
-hatte, daß der Herzog selbst erklärte, auf diese Art könne er in der
-Akademie ihn nicht versorgen. Einige Zeitlang schien der Fürst den
-jungen Schiller vergessen zu haben. Aber ganz unvermutet stellte er
-noch zweimal an den Vater das Begehren, seinen Sohn in die Akademie zu
-geben, wo ihm die Wahl des Studiums freigelassen würde und er ihn bei
-seinem Austritt besser versorgen wolle, als es im geistlichen Stande
-möglich wäre.
-
-Die Freunde der Familie sowie diese selbst sahen nur zu gut, was zu
-befürchten wäre, wenn dem dreimaligen Verlangen des Herzogs, das man
-nun als einen Befehl annehmen mußte, nicht Folge geleistet würde,
-und mit zerrissenem Gemüt fügte sich endlich auch der Sohn, um seine
-Eltern, die kein anderes Einkommen hatten, als was die Stelle des
-Vaters abwarf, keiner Gefahr auszusetzen.
-
-Man mußte also den Ausspruch des Gebieters erfüllen und konnte sich
-für das Aufgeben so lange genährter Wünsche nur dadurch einigermaßen
-für entschädigt halten, daß die weitere Erziehung des Jünglings keine
-großen Unkosten verursachen und eine besonders gute Anstellung in
-herzoglichen Diensten ihm einst gewiß sein würde.
-
-Was noch weiter zur Beruhigung der Mutter und Schwestern beitrug, war
-die Nähe des Institutes; die Gewißheit, den Sohn und Bruder jeden
-Sonntag sprechen zu können; dann die große Sorgfalt, welche man für
-die Gesundheit der Zöglinge anwendete, und die vertrauliche, sehr oft
-väterliche Herablassung des Herzogs gegen dieselben, durch welche die
-strenge Disziplin um vieles gemildert wurde.
-
-Mißmutigen Herzens verließ der vierzehnjährige Schiller 1773 das
-väterliche Haus, um in die Pflanzschule aufgenommen zu werden, und
-wählte zu seinem Hauptstudium die Rechtswissenschaft, weil von dieser
-allein eine den Wünschen seiner Eltern entsprechende Versorgung einst
-zu hoffen war. Aber sein feuriger, schwärmerischer Geist fand in diesem
-Fache so wenig Befriedigung, daß er es sich nicht verwehren konnte, dem
-Bekenntnis, welches jeder Zögling über seinen Charakter, seine Tugenden
-und Fehler jährlich aufsetzen mußte, schon das erste Mal die Erklärung
-beizufügen: »Er würde sich weit glücklicher schätzen, wenn er seinem
-Vaterland als Gottesgelehrter dienen könnte.«
-
-Auf diesen ebenso schön als bescheiden ausgesprochenen Wunsch wurde
-jedoch keine Rücksicht genommen. Das Studium der Rechtswissenschaft
-mußte fortgesetzt werden und wurde auch mit allem Fleiß und Eifer von
-ihm betrieben. Aber nach Verlauf eines Jahres beschied der Herzog den
-Vater Schillers wieder zu sich, um ihm zu sagen: »daß, weil gar zu
-viele junge Leute in der Akademie Jura studierten, seinem Sohne eine so
-gute Anstellung bei seinem Austritt nicht werden könne, wie er selbst
-gewünscht hätte. Der junge Mensch müsse Medizin studieren, wo er ihn
-dann mit der Zeit sehr vorteilhaft versorgen wolle.«
-
-Ein neuer Kampf für den Jüngling! Neue Unruhe für seine Eltern und
-Geschwister! Schon einmal hatte der zartfühlende Sohn aus Rücksicht
-für seine Angehörigen die Neigung zu einem Stande aufgeopfert, den ihm
-die Vorsehung ganz eigentlich bestimmt zu haben schien. Jetzt sollte er
-ein zweites Opfer bringen. Er sollte, nachdem er ein volles Jahr der
-Rechtswissenschaft gewidmet, ein anderes Fach ergreifen, gegen das er
-die gleiche Abneigung wie gegen das zuerst erwählte an den Tag legte.
-Jedoch der beugsame, kindliche Sinn, der ihn auch später in allen
-Vorfällen seines Lebens nie verließ, machte ihm diesen schweren Schritt
-möglich, und er unterwarf sich dem, was man über ihn bestimmt hatte.
-
-Für den Vater war es zugleich nicht wenig lästig, daß er die
-zahlreichen, zum Rechtsstudium erforderlichen Werke ganz unnützerweise
-angeschafft hatte und nun für das neue Fach noch viel größere Ausgaben
-machen mußte, indem nur den gänzlich Unvermögenden die nötigen Bücher
-von der Akademie verabfolgt wurden.
-
-Als der junge Schiller in die Klasse der Mediziner übertreten mußte,
-war er in seinem sechzehnten Jahre, und so ungern er auch die neue
-Wissenschaft ergriff, indem er nicht hoffen konnte, sich jemals
-recht innig mit ihr zu befreunden, so fand er sie doch nach kurzer
-Zeit um vieles anziehender, als er sich vorgestellt hatte; denn die
-verschiedenen Teile derselben, so trocken auch ihre Einleitung sein
-mochte, behandelten doch alle ohne Ausnahme die lebendige Natur
-und versprachen ihm einst bei dem Menschen neue Aufschlüsse über
-die Wechselwirkung des Körperlichen und des Geistigen aufeinander.
-Sein schon von Jugend auf sehr starker Hang zum Forschen, zum
-tiefen Nachdenken, wurde durch die Hoffnung angefeuert, hier einst
-Entdeckungen machen zu können, die seinen Vorgängern entschlüpft
-wären, oder daß es ihm vielleicht gelingen würde, die in so großer
-Menge zerstreuten Einzelheiten auf wenige allgemeine Resultate
-zurückzuführen. Aber bei allen diesen reizenden Vorahnungen und
-ungeachtet der vorgeschriebenen Ordnung, die auch sehr streng gehalten
-werden mußte, benutzte er doch jede freie Minute, um sich mit der
-Geschichte, der Dichtkunst oder den Schriften zu beschäftigen, welche
-den Geist, das Gemüt oder den Witz anregen, und vermied solche,
-bei denen der kalte, überlegende Verstand ganz allein in Anspruch
-genommen wird. Unter den Dichtern war es Klopstock, der sein Gefühl,
-das noch immer am liebsten bei den ernsten, erhabenen Gegenständen
-der Religion verweilte, am meisten befriedigte. Seinen eignen Genuß
-an diesen Werken suchte er auch seiner ältesten Schwester wenigstens
-in dem Maße zu verschaffen, als es durch briefliche Mitteilung in
-Erklärung der schönsten und schwersten Stellen möglich war. In seiner
-jugendlichen Unschuld, den hohen Stand noch gar nicht ahnend, zu
-dem ihn die Vorsehung erwählt und mit allen ihren göttlichen Gaben
-so überschwenglich reich beteilt hatte, konnte er wohl öfters die
-entschiedene Neigung für dichterische oder andere Geisteswerke als eine
-bloße Belustigung für seine Phantasie betrachten und sich Vorwürfe
-darüber machen, wenn dadurch so manche Stunde seinem Berufsstudium
-entzogen wurde. Aber eine innere, beruhigende Stimme rief ihm dann zu:
-ist der große Arzt, der große Naturforscher Haller nicht auch zugleich
-ein großer Dichter? Wer besang die Wunder der Schöpfung schöner und
-herrlicher als Haller?
-
- »Du hast den Elefant aus Erde aufgetürmt,
- Und seinen Knochenberg beseelt,«
-
-war ein Ausdruck, den Schiller nebst so vielen andern dieses Dichters
-nicht nur damals, sondern auch dann noch mit Bewunderung anführte, als
-seine erste Jugendzeit längst verflogen war.
-
-Jedoch nicht nur das Beispiel Hallers erleichterte ihm die
-Selbstentschuldigung wegen seines Hangs für die Dichtkunst, sondern es
-waren in der Abteilung, in welche er jetzt versetzt war, noch mehrere
-Zöglinge, die eine gleiche Leidenschaft für Genüsse des Geistes und
-Gemütes hatten, unter denen sich Petersen Hoven, Massenbach und andere
-als Dichter oder Schriftsteller später bekannt gemacht haben. Je
-erkünstelter der Fleiß war, mit dem diese jungen Leute ihr Hauptstudium
-trieben, je gieriger suchten sie Erholung in dichterischen Werken, von
-denen endlich die von Goethe und Wieland ihnen die liebsten waren. Ihre
-natürlichen Anlagen verleiteten sie, bei dem bloßen Lesen und Genießen
-nicht stehen zu bleiben, sondern ihre Kräfte auch an eignen Aufsätzen
-oder poetischen Darstellungen zu versuchen. Und daß keiner seine Arbeit
-den anderen verheimlichte; daß jeder mit größter Offenheit getadelt
-oder gelobt wurde; daß diese Jünglinge sich in ungewöhnlichen oder
-verwegenen Dichtungen zu überbieten suchten, war eine natürliche Folge
-ihrer Jahre und des Zwanges, dem sie unterworfen waren. Die gleiche
-Lieblingsneigung, die sie nur verstohlenerweise befriedigen durften,
-die gleiche Subordination, unter die sie ihren Willen beugen mußten,
-ketteten sie so fest aneinander, daß sie in der Folge sich nie trafen,
-ohne ihre Freude durch die fröhlichste Laune, oft durch wahren Jubel zu
-bezeugen.
-
-Unter allen diesen Schriften aber machten diejenigen, die für das
-Theater geschrieben waren, den meisten Eindruck auf den jungen
-Schiller. Jede Handlung im ganzen, jede Szene im einzelnen weckte
-in ihm eine der schlummernden Kräfte, deren die Natur für diese
-Dichtungsart so viele in ihn gelegt hatte, und die so reizbar waren,
-daß er mit einem dramatischen Gedanken nur angehaucht zu werden
-brauchte, um sogleich in Flammen der Begeisterung aufzulodern.
-In seinem zehnten Jahre hatte er zwar schon in Ludwigsburg Opern
-gesehen, die der Herzog mit allem Pomp, mit aller Kunst damaliger Zeit
-aufführen ließ. So neu und wundervoll dem empfänglichen Knaben der
-schnelle Wechsel prachtvoller Dekorationen, das Anschauen künstlicher
-Elefanten, Löwen etc., die Aufzüge mit Pferden, das Anhören großer
-Sänger, von einem trefflichen Orchester begleitet, der Anblick von
-Balletten, die von Noverre eingerichtet, von Vestris getanzt wurden
--- so sehr dieses alles, vereinigt, ihn auch außer sich versetzen
-mußte, so hatte es doch nur die äußern Sinne des Auges, des Ohres
-berührt, aber Gefühl und Gemüt weder angesprochen noch befriedigt.
-Dagegen waren Julius von Tarent, Ugolino, Götz von Berlichingen
-und, einige Jahre vor seinem Austritt, alle Stücke von Shakespeare
-diejenigen Werke, welche mit allen seinen Gedanken und Empfindungen
-so übereinstimmten, seines Geistes sich dergestalt bemeisterten, daß
-er schon in seinem siebzehnten Jahre sich an dramatische Versuche
-wagte und das später so berühmte Trauerspiel, die Räuber, zu entwerfen
-anfing. Gaben die genannten Schriften seiner Vorliebe für dramatische
-Poesie schon überflüssige Nahrung, so wurde seine Neigung, sowie für
-schöne Kunst überhaupt, schon dadurch unterhalten und bestärkt, daß
-er mit jenen Zöglingen, die sich für die Bühne, die Tonkunst oder
-Malerei bestimmt hatten, im genauen Umgange stand. Denn so streng auch
-in dieser Akademie darauf gehalten wurde, daß jeder die Gegenstände
-seines künftigen Berufes auf das gründlichste erlerne, so war, wenn
-diesen Forderungen Genüge geleistet wurde, der Umgang der Zöglinge
-untereinander gar nicht so beschränkt, daß sie ihre freien Stunden
-nicht hätten nach ihrem Willen benützen dürfen, wenn dieser die
-allgemeine Ordnung nicht störte. Auch war es denjenigen unter ihnen,
-die Gefallen daran fanden, alle Jahre einigemal erlaubt, Theaterstücke
-in einem akademischen Saale aufzuführen, bei denen aber die weiblichen
-Rollen gleichfalls von Jünglingen besetzt werden mußten. Schiller
-konnte dem Drange nicht widerstehen, sich auch als Schauspieler
-zu versuchen, und übernahm im Clavigo eine Rolle, die er aber so
-darstellte, daß sein Spiel noch lange nachher sowohl ihm als seinen
-Freunden reichen Stoff zum Lachen und zur Satire verschaffte.
-
-Es konnte jedoch nicht anders kommen, als daß diese dichterischen
-Zerstreuungen nur zum Nachteil seiner medizinischen Studien genossen
-wurden, und daß er manchen Verdruß mit seinem Hauptmann sowie öfters
-Vorwürfe von seinen Professoren sich zuzog, wenn er das aufgegebene
-Pensum nicht gehörig abgearbeitet hatte.
-
-Und dennoch, sowohl aus Liebe zu seinen Eltern, denen er Freude zu
-machen wünschte, als aus Ehrgeiz und edlem Stolze, war sein Fleiß
-aufrichtiger und größer als der seiner Mitschüler. Aber geschah es
-denn mit seinem Willen, daß ihn mitten im eifrigsten Lernen Bilder
-überraschten, die mit denen, die das Buch darbot, nicht die mindeste
-Ähnlichkeit hatten! -- War es seine Schuld, daß er anatomische
-Zeichnungen, Präparate, fast unmöglich in ihrer eingeschränkten
-Beziehung betrachten konnte, sondern seine Phantasie sogleich in dem
-Großen, Allgemeinen der ganzen Natur umherschweifte? Oder konnte er es
-seiner ihm so treu anhänglichen Muse verwehren, daß sie selbst in den
-Kollegien, wenn er mit tiefsinnigem Blick auf den Professor horchte,
-ihm etwas zuflüsterte, was seine Ideen von dem Vortrage wegriß und
-seinen Geist auch den ernstlichsten Vorsätzen entgegen in dichterische
-Gefilde leitete? -- Nichts von allem diesem. Ganz unfreiwillig mußte er
-sich diesen Störungen unterwerfen. Wie durch eine zauberische Gewalt
-herbeigeführt, gärten in seinem Innern Bilder und Entwürfe, die immer
-stärker andrängten, je mehr der Mann sich in ihm entwickelte und seine
-Vorstellungen sich bereicherten.
-
-Er selbst sah sehr gut ein, daß er bei diesem nicht ungeteilten Treiben
-seiner Berufswissenschaft sehr spät das Ziel erreichen würde, welches
-er sich vorgesetzt hatte, und ob auch seine Lehrer die treffenden
-Bemerkungen und Antworten von ihm weit höher als den mechanischen
-Fleiß der andern achteten, so stellte er doch zu große Forderungen an
-sich selbst, als daß ihm seine bisherigen Fortschritte hätten genügen
-können. Er beschloß daher in seinem achtzehnten Jahre, so lange nichts
-anderes, als was die Medizin betreffe, zu lesen, zu schreiben oder auch
-nur zu denken, bis er sich das Wissenschaftliche davon ganz zu eigen
-gemacht hätte. Der ungeheuern Überwindung, die es ihn anfangs kostete,
-ungeachtet, verfolgte er diesen Vorsatz mit solcher Festigkeit und
-studierte die ärztlichen Werke von Haller mit so viel unausgesetztem
-Eifer, daß er schon nach Verlauf von kaum drei Monaten eine Prüfung
-darüber bestehen konnte, von welcher er die größten Lobsprüche
-einerntete. Diese außerordentliche Anstrengung, bei welcher er sich
-auch den kleinsten Genuß, selbst ein aufmunterndes Gespräch versagte,
-hatte zwar etwas nachteilig auf seinen Körper gewirkt, dagegen aber
-ihn mit der Wissenschaft dergestalt vertraut gemacht, daß er nun mit
-größter Leichtigkeit auf die Anwendung derselben sowohl in ihren
-verschiedenen Fächern als in der Heilkunde selbst übergehen konnte.
-
-Das höchste Opfer, welches er seinem künftigen Berufe bringen mußte,
-war eine so lange dauernde Entsagung der Dichtkunst, die bei ihm schon
-zur Leidenschaft geworden war. Aber er hatte sich von der Geliebten ja
-nur entfernt! Untreu konnte er ihr niemals werden; denn so wie er den
-Grad des Wissens, der ihn zum Meister der Arzneikunde machen sollte,
-einmal erobert hatte, kehrte er mit allem Feuer ungestillter Sehnsucht
-in die Arme der Göttin zurück und benutzte jeden freien Augenblick zur
-Ausarbeitung seines angefangenen Trauerspiels. Auch dichtete er außer
-vielen andern Sachen in diesem Zeitpunkt eine Oper, Semele, die so
-großartig gedacht war, daß, wenn sie hätte aufgeführt werden sollen,
-alle mechanische Kunst des Theaters damaliger Zeit (und man darf sagen,
-auch der jetzigen) nicht ausgereicht haben würde, um sie gehörig
-darzustellen.
-
-Das Praktische der Medizin kostete ihn nun weit weniger Mühe, als ihm
-das Theoretische verursacht hatte. Die Anwendung der vorgeschriebenen
-Regeln erhöhten sein Interesse schon darum, weil er ihre Wirkung
-beobachten und Bemerkungen darüber äußern konnte, die von seinen
-Professoren oft bewundert wurden. Die günstigen Zeugnisse, die sie ihm
-erteilten, hatten für ihn die angenehme Folge, daß er mit dem Antritt
-seines zweiundzwanzigsten Jahres über eine von ihm selbst geschriebene
-Abhandlung öffentlich disputieren durfte und für fähig gehalten
-ward, nicht nur aus der Akademie treten, sondern auch eine ärztliche
-Anstellung in herzoglichen Diensten bekleiden zu können. Er erhielt zu
-Ende des Jahres 1780 bei dem in Stuttgart liegenden Grenadierregiment
-Augé die Stelle eines Arztes mit monatlicher Besoldung von achtzehn
-Gulden Reichswährung oder fünfzehn Gulden im Zwanzig-Gulden-Fuß.
-
-Obwohl die Berufsfähigkeiten Schillers eine würdigere Auszeichnung
-verdient hätten und auch die Stelle nebst ihrem kleinen Sold sehr tief
-unter der Erwartung der Eltern war, die dem gegebenen Versprechen
-des Herzogs gemäß auf eine weit bessere Versorgung gezählt hatten,
-so durfte doch von keiner Seite ein Widerspruch erhoben oder eine
-Einwendung dagegen gemacht werden.
-
-Und derjenige, der die größte Ursache zu klagen gehabt hätte, war am
-besten mit dieser Entscheidung zufrieden, weil nun seine Tätigkeit
-freien Raum hatte und weil ihm der ungehinderte Gebrauch seiner
-Dichtergabe gestattet schien, die sich von Tag zu Tag stärker
-entwickelte; denn je mehr ihm der Zwang und die unabänderliche
-Regelmäßigkeit mißfiel, in welcher er sieben Jahre seiner schönsten
-Jugendzeit zubringen mußte, um so öfter und leidenschaftlicher
-beschäftigte er sich mit Entwürfen, wie er einst seine Freiheit
-genießen wolle; und als endlich die Hoffnung zur Selbständigkeit,
-sowohl ihm als seinen jungen Freunden in Gewißheit überzugehen
-anfing, war es ihre einzige, angenehmste Unterhaltung, sich ihre
-Wünsche und Vorsätze hierüber mitzuteilen. Die letzteren betrafen
-jedoch hauptsächlich literarische Gegenstände, die so tätig ins Werk
-gesetzt wurden, daß Schiller sogleich nach dem Antritt seines Amtes
-das Schauspiel, die Räuber, das er in den vier letzten Jahren seines
-akademischen Aufenthaltes schrieb, gänzlich in Ordnung brachte und
-solches zu Anfang des Sommers 1781 im Druck herausgab.
-
-Es wäre vergeblich, den Eindruck schildern zu wollen, den diese
-Erstgeburt eines Zöglings der hohen Karlsschule und, wie man wußte,
-eines Lieblings des Herzogs in dem ruhigen, harmlosen Stuttgart
-hervorbrachte, wo man nur mit den frommen, sanften Schriften eines
-Gellert, Hagedorn, Ramler, Rabener, Utz, Kramer, Schlegel, Cronegk,
-Haller, Klopstock, Stollberg und ähnlicher den Geist nährte; wo
-man die Gedichte von Bürger, die Erzählungen von Wieland als das
-Äußerste anerkannte, was die Poesie in sittlichen Schilderungen sich
-erlauben darf -- wo man Ugolino für das schauderhafteste und Götz
-von Berlichingen für das ausschweifendste Produkt erklärte; -- wo
-Shakespeare kaum einigen Personen bekannt war und wo gerade die Leiden
-Siegwarts, Karl von Burgheim und Sophiens Reise von Memel nach Sachsen
-das höchste Interesse der Leseliebhaber erregt hatten. Nur derjenige,
-der die genannten Schriften kennt, sich den ruhigen, stillen Eindruck,
-den sie einst auf ihn machten, zurückruft und dann einige Auftritte
-aus den Räubern liest; nur der allein kann sich die Wirkung lebhaft
-genug vorstellen, welche diese -- in Rücksicht ihrer Fehler sowohl
-als ihrer Schönheiten -- außerordentliche Dichtung hervorbrachte. Die
-jüngere Welt besonders wurde durch die blendende Darstellung, durch die
-natürliche, ergreifende Schilderung der Leidenschaften in die höchste
-Begeisterung versetzt, welche sich unverhohlen auf das lebhafteste
-äußerte.
-
-Der Ruhm des Dichters blieb aber nicht auf sein Vaterland beschränkt.
-Ganz Deutschland ertönte von Bewunderung und Erstaunen, daß ein
-Jüngling seine Laufbahn mit einem Werk eröffne, womit andere sich
-glücklich preisen würden, die ihrige beschließen zu können.
-
-Diese Lobeserhebungen, so schmeichelhaft sie auch seinem Ehrgeize
-waren, konnten ihn jedoch nicht in dem Grade berauschen, daß er
-geglaubt hätte, schon vieles oder gar alles erreicht zu haben, sondern
-waren eher ein Sporn für ihn, noch Größeres zu leisten.
-
-Er veranstaltete im nämlichen Jahre noch die Herausgabe einer Sammlung
-Gedichte, die teils von ihm selbst, teils von seinen Freunden schon
-in der Akademie bearbeitet worden waren, und ließ solche unter dem
-Titel Anthologie 1782 erscheinen. Da auch das von dem Professor
-Balthasar Haug seit einigen Jahren herausgegebene Schwäbische Magazin
-sich seinem Ende nahte, so beschloß er, in Gemeinschaft mit seinen
-Freunden die erlöschende Monatschrift als ein Repertorium für Literatur
-fortzusetzen; was um so leichter zustande kam, je größer der Vorrat
-war, den sie schon früher gesammelt hatten. Mit wahrhaft jugendlichem
-Übermut verfaßte er für diese Schrift in der Folge eine Rezension
-seiner Räuber, welche so hart und beißend war, daß man nicht begreifen
-konnte, wie jemand es wagen mochte, eine Arbeit so streng zu tadeln,
-deren Glanz die meisten Leser verblendet und auch den größten Kennern
-Achtung abgenötigt hatte. Der über diese Beurteilung häufig geäußerte
-Tadel gewährte aber ihm desto mehr Belustigung, je weniger jemand
--- außer einigen Freunden, die darum wußten -- vermutete, daß der
-Verfasser selbst diese scharfe Geißel über sich geschwungen.
-
-Diese literarischen Beschäftigungen, welche eine lang gehegte Sehnsucht
-befriedigten, und bei welchen sich Schiller ganz in seinem Element
-befand, hätten ihm wenig zu wünschen übrig gelassen, wenn dadurch seine
-körperlichen Bedürfnisse ebenso wie seine geistigen gehoben gewesen
-wären. Allein dies konnte um so weniger der Fall sein, je kleiner in
-Stuttgart die Anzahl der Buchhändler oder derjenigen Leute war, die
-nicht nur lesen, sondern auch kaufen wollten. Es ließ sich schon für
-die Räuber kein Verleger finden, der die Ausgabe auf seine Kosten
-wagen, noch minder aber etwas dafür honorieren wollte, daher der
-Dichter genötigt war, sie auf eigne Kosten drucken zu lassen und, da
-seine Geldkräfte bei weitem nicht hinreichten, den Betrag zu borgen.
-
-Um zu versuchen, ob er nicht zu einigem Ersatz seiner Auslagen gelangen
-könne, und um sein Werk auch im Ausland bekannt zu machen, schrieb
-er, noch ehe der Druck ganz beendigt war, an Herrn Hofkammerrat und
-Buchhändler Schwan zu Mannheim, der durch den vorteilhaftesten Ruf
-bekannt war, und schickte ihm die fertigen Bogen zu, welche er, mit
-Bemerkungen begleitet, wieder zurückerhielt.
-
-Ob allein die Ansichten des Herrn Schwan den Verfasser aufmerksam
-machten, oder ob er selbst darüber erschrak, wie grell und widerlich
-sich manches dem Auge darstelle, nachdem es nun gedruckt vor ihm lag --
-genug, in den letzten Bogen wurde einiges geändert, die von der Presse
-schon ganz fertig gelieferte Vorrede unterdrückt und eine neue mit
-gemilderten Ausdrücken an deren Stelle gesetzt.
-
-Wer es weiß, wie einseitig ein Dichter oder Künstler wird, wenn er
-nicht mit andern seines Faches, die höher als er, oder doch mit ihm
-auf gleicher Stufe stehen, Umgang haben und seine Ideen austauschen
-kann; wer zugibt, daß bei einem reichen, feurigen Talent, in den ersten
-Jünglingsjahren nur Begeisterung und Einbildungskraft herrschen,
-Verstand und Geschmack aber von diesen übertäubt werden; der wird die
-stärksten Auswüchse in den Räubern um so eher entschuldigen, als der
-Dichter nicht in der Lage war, einen in der Literatur bedeutenden Mann
-zum Vertrauten zu haben, und auch schon sein zweites Werk hinlänglich
-bezeugte, mit welcher Umsicht er die Fehler des ersten zu vermeiden
-gesucht.
-
-So sehr Herr Schwan als Buchhändler Schillern nützlich zu werden
-suchte, so eifrig verwendete er sich bei dem damaligen Intendanten
-des Mannheimer Theaters, Baron von Dalberg, damit dieses Stück für
-die Bühne brauchbar gemacht und aufgeführt werden könne. Demzufolge
-forderte Baron von Dalberg den Dichter auf, nicht nur dieses
-Trauerspiel abzuändern, sondern auch seine künftigen Arbeiten für die
-Schauspielergesellschaft in Mannheim einzurichten. Schiller willigte
-um so lieber in diesen Vorschlag, je entfernter der Zeitpunkt war,
-in welchem eine seiner Dichtungen auf dem Theater in Stuttgart hätte
-aufgeführt werden können, indem die Leistungen desselben bloß als
-Versuche von Anfängern gelten konnten.
-
-Vor dem Jahre 1780 war nie ein stehendes deutsches Theater in der
-Hauptstadt Württembergs. Was man daselbst vom Schauspiel kannte, waren
-die Opern und Ballette, welche früher, ganz auf herzogliche Kosten,
-von Italienern und Franzosen, und nachdem diese verabschiedet waren,
-von den männlichen und weiblichen Zöglingen der Akademie, gleichfalls
-in italienischer und französischer Sprache gegeben wurden. In Mitte
-der siebziger Jahre kam Schikaneder nach Stuttgart; durfte aber keine
-Vorstellung im Opernhause geben, sondern mußte seine Operetten, Lust-
-und Trauerspiele im Ballhause aufführen. Erst als die Zöglinge der
-Akademie mehr herangewachsen, und man sie -- da sie doch einmal für das
-Schauspiel bestimmt waren -- in Übung erhalten wollte, gaben sie so
-lange, bis ein neues Theater gebaut wurde, die Woche einige deutsche
-Operetten in dem Opernhause, für deren Genuß das Publikum ein sehr
-mäßiges Eintrittsgeld bezahlte. Auch als das kleinere Theater fertig
-stand, wurden anfänglich nichts als kleine, deutsche Opern aufgeführt;
-was um so natürlicher war, da sich unter allen, welche sich dem Theater
-gewidmet hatten, nur eine einzige Person fand, welche wahrhaft großes
-Talent sowohl für komische als ernsthafte Darstellungen zeigte.
-
-Diese war -- Herr Haller, ein wahrer Sohn der Natur. Wäre ihm damals
-das Glück geworden in einer andern Umgebung zu sein, gute Vorbilder
-und Beispiele zu sehen, so hätte er einer der besten Schauspieler
-Deutschlands werden können, und sein Name wäre mit den Vorzüglichsten
-dieser Kunst zugleich genannt worden.
-
-Je tiefer nun diese vaterländische Schaubühne unter dem Ideale stand,
-das Schillern von einem guten, besonders aber tragischen Schauspiel
-vorschwebte, um so lebhafter ergriff er den Vorschlag, sein Stück
-für eine Bühne zu bearbeiten, die nicht nur einen sehr großen Ruf
-hatte, sondern sich auch um so mehr als die erste in Deutschland
-achten durfte, da fast alle ihre Mitglieder in der Schule von Ekhof
-gebildet waren. Mit all dem Eifer, den Jugend und Begeisterung zur
-Erreichung eines Zweckes, der für ihn das höchste seiner Wünsche war,
-nur immer hervorbringen können, ging Schiller an die Umarbeitung
-seines Trauerspiels, die er sich weniger schwer dachte, als er in
-der Folge fand. Denn wäre es ihm auch leicht geworden, seinen hohen,
-dichterischen Flug den Schranken der Bühne und den Forderungen des
-Publikums gemäß einzurichten; oder hätte er auch ohne Bedauern
-manche Szenen und Stellen aufgeopfert, die er und seine Freunde
-sehr hoch geschätzt hatten, so raubten ihm seine Berufsgeschäfte
-den ungehinderten Gebrauch der Zeit sowie die nötige Stimmung, die
-eine solche Arbeit erfordert. Seinem ganzen Wesen, das nicht den
-mindesten Zwang ertragen konnte, war das immerwährende Einerlei der
-Lazarettbesuche und ebenso das tägliche und genaue Erscheinen auf
-der Wachtparade, um seinem General den Rapport über die Kranken
-abzustatten, im höchsten Grad zuwider. Die unpoetische Uniform, aus
-einem blauen Rock mit schwarzem Samtkragen, weißen Beinkleidern,
-steifem Hut und einem Degen ohne Quaste bestehend, sah er als ein
-Abzeichen an, das ihn unablässig an die Subordination erinnern solle.
-Am härtesten fiel ihm jedoch, daß er ohne ausdrückliche Erlaubnis
-seines Generals sich nicht aus der Stadt entfernen und seine nur eine
-Stunde von Stuttgart wohnenden Eltern und Geschwister besuchen durfte.
-In seiner schönsten Jugendzeit mußte er diesen Umgang meistens nur auf
-schriftliche Unterhaltung beschränken, und jetzt, da er sich frei
-glauben durfte, war es ihm um so schmerzlicher, den Besuch seiner
-nächsten Angehörigen von der Laune seines Chefs erbitten zu müssen.
-
-Die ganze Familie fand sich durch seine Anstellung als Regimentsarzt
-getäuscht, indem sie, als der Sohn seiner Neigung zur Theologie
-entsagen mußte, auf das von dem Herzog gegebene Versprechen fest baute,
-daß er ihn für die gemachte Aufopferung auf die vorteilhafteste Art
-schadlos halten würde.
-
-Jedoch mußten alle sich fügen, und dem Sohne blieb nur der Trost, den
-er in seinen dichterischen Beschäftigungen fand, und nebenbei die
-Aussicht, sich dadurch im Auslande bekannt und seinen Wirkungskreis
-bedeutender zu machen. Er schrieb daher auch an Wieland, den er nicht
-allein wegen seiner Vielseitigkeit, sondern vorzüglich wegen der hohen
-Vollendung seiner Dichtungen außerordentlich hochschätzte, und war
-überglücklich, als er von diesem großen Mann eine Antwort erhielt, die
-nicht nur das Ungewöhnliche und Seltene der frühzeitigen Leistungen
-Schillers in vollem Maß anerkannte, sondern auch überhaupt sehr
-geistreich und schmeichelhaft war. Für die Freunde von Schiller, die
-an allem, was ihn betraf, mit dem wärmsten Eifer Anteil nahmen, war
-es eine Art von Fest, diesen Brief zu lesen; sowohl die schöne, reine
-Schrift als die fließende Schreibart zu bewundern und sich über dessen
-Inhalt zu besprechen. Mit Stolz hoben sie es heraus, daß der Sänger der
-Musarion auch ein Schwabe sei und von diesem Schwaben die Sprache der
-Grazien der feinsten, gebildetsten Welt vorgetragen werde.
-
-Ähnliche Ermunterungen vom Auslande nebst dem Drange, die Geschöpfe
-seiner Einbildungskraft verwirklicht zu sehen, stärkten den Mut des
-jungen Dichters und erhoben ihn über die Widerwärtigkeiten, welche ihm
-seine Lage täglich verursachte. Außer den vielen Unterbrechungen aber,
-die ihm sein Stand zur Pflicht machte, waren auch die Einwürfe des
-Baron Dalberg nichts weniger als dazu geeignet, ihn bei guter Laune für
-seine Arbeit zu erhalten, und man darf sich daher auch nicht wundern,
-daß er zur Umschmelzung seines Schauspiels so viele Monate brauchte,
-als es bei minderer Störung Wochen bedurft hätte.
-
-Er besiegte jedoch alle Schwierigkeiten, so sehr sich auch sein ganzes
-Wesen anfangs dagegen sträubte, und fühlte sich wie von der schwersten
-Last erleichtert, als er sein Manuskript für fertig halten und nach
-Mannheim absenden konnte. Um aber dem Leser das Gesagte anschaulicher
-zu machen, sei es erlaubt einen Teil des Schreibens, welches die
-Umarbeitung begleitete, aus den, bei D. R. Marx in Karlsruhe
-erschienenen Briefen Schillers an Baron Dalberg hier einzurücken, indem
-es zur Bestätigung des Obigen dient, und zugleich den Beweis liefert,
-wie streng und mit wie wenig Schonung er bei der Abänderung verfuhr.
-Selten wird wohl ein Dichter bei seinem ersten Werke schon alles für so
-wichtig angesehen oder so scharf beurteilt haben, als es hier von einem
-zweiundzwanzigjährigen Jüngling geschehen ist.
-
- Stuttgart, den 6. Oktober 1781.
-
- »Hier erscheint endlich der verlorene Sohn, oder die
- umgeschmolzenen Räuber. Freilich habe ich nicht auf den Termin,
- den ich selbst festsetzte, Wort gehalten, aber es bedarf nur eines
- flüchtigen Blicks über die Menge und Wichtigkeit der getroffenen
- Veränderungen, mich gänzlich zu entschuldigen. Dazu kommt noch,
- daß eine Ruhrepidemie in meinem Regimentslazarett mich von meinem
- ~otiis poeticis~ sehr oft abrief. Nach vollendeter Arbeit darf
- ich Sie versichern, daß ich mit weniger Anstrengung des Geistes
- und gewiß mit noch weit mehr Vergnügen ein neues Stück, ja selbst
- ein Meisterstück schaffen wollte, als mich der nun getanen Arbeit
- nochmals unterziehen. -- Hier mußte ich Fehlern abhelfen, die
- in der Grundlage des Stückes schon notwendig wurzeln, hier mußte
- ich an sich gute Züge den Grenzen der Bühne, dem Eigensinn
- des Parterre, dem Unverstand der Galerie, oder sonst leidigen
- Konventionen aufopfern, und einem so durchdringenden Kenner,
- wie ich in Ihnen zu verehren weiß, wird es nicht unbekannt sein
- können, daß es, wie in der Natur so auf der Bühne, für eine Idee,
- eine Empfindung, auch nur einen Ausdruck, ein Kolorit gibt. Eine
- Veränderung, die ich in einem Charakterzug vornehme, gibt oft dem
- ganzen Charakter, und folglich auch seinen Handlungen und der auf
- diesen Handlungen ruhenden Mechanik des Stücks eine andere Wendung.
- Also Hermann. Wiederum stehen die Räuber im Original unter sich
- in lebhaftem Kontrast, und gewiß wird ein jeder Mühe haben, vier
- oder fünf Räuber kontrastieren zu lassen, ohne in einem von ihnen
- gegen die Delikatesse des Schauplatzes anzurennen. Als ich es
- anfangs dachte und den Plan bei mir entwarf, dacht' ich mir die
- theatralische Darstellung hinweg. Daher kam's, daß Franz als ein
- räsonierender Bösewicht angelegt worden; eine Anlage, die, so gewiß
- sie den denkenden Leser befriedigen wird, so gewiß den Zuschauer,
- der vor sich nicht philosophiert, sondern gehandelt haben will,
- ermüden und verdrießen muß. In der veränderten Auflage konnte
- ich diesen Grundriß nicht übern Haufen werfen, ohne dadurch der
- ganzen Ökonomie des Stücks einen Stoß zu geben; ich sehe also mit
- ziemlicher Wahrscheinlichkeit voraus, daß Franz, wenn er nun auf
- der Bühne erscheinen wird, die Rolle nicht spielen werde, die er
- beim Lesen gespielt hat. Dazu kommt noch, daß der hinreißende Strom
- der Handlung den Zuschauer an den feinen Nuancen vorüberreißt,
- und ihn also wenigstens um den dritten Teil des ganzen Charakters
- bringt. Der Räuber Moor, wenn er, wie ich zum voraus versicherte,
- seinen Mann unter den HH. Schauspielern findet, dürfte auf dem
- Schauplatz Epoche machen; einige wenige Spekulationen, die aber
- auch als unentbehrliche Farben in dem ganzen Gemälde spielen,
- weggerechnet, ist er ganz Handlung, ganz anschauliches Leben.
- Spiegelberg, Schweizer, Hermann etc. sind im eigentlichsten
- Verstande Menschen für den Schauplatz; weniger Amalie und der Vater.
-
- Ich habe schriftliche, mündliche und gedruckte Rezensionen zu
- benutzen gesucht. Man hat mehr von mir gefordert als ich leisten
- konnte, denn nur dem Verfasser eines Stücks, zumal wenn er selbst
- noch Verbesserer wird, zeigt sich das ~non plus ultra~ vollkommen.
- Die Verbesserungen sind wichtig, verschiedene Szenen ganz neu, und
- meiner Meinung nach, das ganze Stück wert -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- Franz ist der Menschheit etwas nähergebracht, aber der Weg dazu
- ist etwas seltsam. Eine Szene, wie seine Verurteilung im fünften
- Akt, ist meines Wissens auf keinem Schauplatz erlebt, ebensowenig
- als Amaliens Aufopferung durch ihren Geliebten. Die Katastrophe
- des Stücks deucht mir nun die Krone desselben zu sein. Moor spielt
- seine Rolle ganz aus, und ich wette, daß man ihn nicht in dem
- Augenblick vergessen wird, als der Vorhang der Bühne gefallen ist.
- Wenn das Stück zu groß sein sollte, so steht es in der Willkür
- des Theaters, Räsonnements abzukürzen, oder hie und da etwas
- unbeschadet des ganzen Eindrucks hinweg zu tun. Aber dawider
- protestiere ich höflich, daß beim Drucken etwas hinweggelassen
- wird; denn ich hatte meine guten Gründe zu allem, was ich stehen
- ließ, und soweit geht meine Nachgiebigkeit gegen die Bühne nicht,
- daß ich Lücken lasse und Charaktere der Menschheit für die
- Bequemlichkeit der Spieler verstümmle.« -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- +Fr. Schiller+, ~R. Medicus~.
-
-Es würde die vorgesteckten Grenzen dieser Schrift überschreiten, wenn
-auch die folgenden Briefe, welche die Einwürfe des Freiherrn von
-Dalberg widerlegen sollten, hier angeführt würden. Nur so viel sei noch
-hierüber gesagt, daß, so sehr auch Schiller den Zug in dem Charakter
-Karl Moors, die Geliebte mit seiner Hand zu töten, als wesentlich zur
-ganzen Rolle, ja als eine positive Schönheit derselben betrachtete,
-sein Gegner davon nicht abzubringen war, daß Amalie sich selbst mit
-dem Dolch erstechen müsse. Der andere Punkt, die Räuber in die Zeiten
-Maximilians des Ersten zu versetzen und in altdeutscher Kleidung
-spielen zu lassen, machte der theatralischen Wirkung gar keinen
-Eintrag, indem die Handlung zu sehr hinriß, um Vergleichungen zwischen
-der Sprache und dem Kostüm anstellen zu können, und damals nur äußerst
-wenige der Kritik, sondern nur des Eindrucks wegen, den das Gesehene
-bei ihnen zurücklassen sollte, das Schauspiel besuchten.
-
-Mit welcher Unruhe Schiller den Nachrichten aus Mannheim entgegensah,
-und in welcher Spannung er die Zeit zubrachte, welche zu den
-Vorbereitungen, den Proben erforderlich war, mag wohl nur der am
-richtigsten beurteilen, der als Dichter oder Tonkünstler sich zum
-erstenmal in gleichem Fall befindet. Er selbst sagt hierüber in einem
-der folgenden Briefe: »Auf meinen Räuber Moor bin ich im höchsten Grad
-begierig, und von Herrn Böck, der ihn ja vorstellen soll, höre ich
-nichts als Gutes. Ich freue mich wirklich darauf wie ein Kind.« Ferner:
-»Ich glaube meine ganze dramatische Welt wird dabei aufwachen, und im
-ganzen einen größern Schwung geben; denn es ist das erste Mal in meinem
-Leben, daß ich etwas mehr als Mittelmäßiges hören werde.«
-
-Endlich kam auch der so heftig gewünschte und ersehnte Tag heran, wo
-er seinen verlornen Sohn, wie er anfangs die Räuber benennen wollte,
-in der Mitte Januars 1782 auf dem Theater in Mannheim darstellen
-sah. Aus der ganzen Umgegend, von Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt,
-Mainz, Worms, Speyer etc. waren die Leute zu Roß und zu Wagen
-herbeigeströmt, um dieses berüchtigte Stück, das eine außerordentliche
-Publizität erlangt hatte, von Künstlern aufführen zu sehen, die auch
-unbedeutende Rollen mit täuschender Wahrheit gaben und nun hier um
-so stärker wirken konnten, je gedrängter die Sprache, je neuer die
-Ausdrücke, je ungeheuerer und schrecklicher die Gegenstände waren,
-welche dem Zuschauer vorgeführt werden sollten. Der kleine Raum des
-Hauses nötigte diejenigen, welchen nicht das Glück zu teil wurde, eine
-Loge zu erhalten, ihre Sitze schon mittags um ein Uhr zu suchen und
-geduldig zu warten, bis um fünf Uhr endlich der Vorhang aufrollte.
-Um die Veränderung der Kulissen leichter zu bewerkstelligen, machte
-man aus fünf Akten deren sechs, welche von fünf Uhr bis nach zehn Uhr
-dauerten. Die ersten drei Akte machten die Wirkung nicht, die man im
-Lesen davon erwartete; aber die letzten drei enthielten alles, um auch
-die gespanntesten Forderungen zu befriedigen.
-
-Vier der besten Schauspieler, welche Deutschland damals hatte, wendeten
-alles an, was Kunst und Begeisterung darbieten, um die Dichtung auf
-das vollkommenste und lebendigste darzustellen. Böck als Karl Moor
-war vortrefflich, was Deklamation, Wärme des Gefühls und den Ausdruck
-überhaupt betraf. Nur seine kleine, untersetzte Figur störte anfangs,
-bis der Zuschauer von dem Feuer des Spiels fortgerissen, auch diese
-vergaß. Beil als Schweizer ließ nichts zu wünschen übrig; so wie auch
-Kosinsky durch die passende Persönlichkeit des Herrn Beck sehr gewann.
-Durch die Art aber wie Iffland die Rolle des Franz Moor nicht nur
-durchgedacht, sondern dergestalt in sich aufgenommen hatte, daß sie mit
-seiner Person eins und dasselbe schien, ragte er über alle hinaus und
-brachte eine nicht zu beschreibende Wirkung hervor, indem keine seiner
-Rollen, welche er früher und dann auch später gab, ihm die Gelegenheit
-verschaffen konnte, das Gemüt bis in seine innersten Tiefen so zu
-erschüttern, wie es bei der Darstellung des Franz Moor möglich war.
-Zermalmend für den Zuschauer war besonders die Szene, in welcher er
-seinen Traum von dem Jüngsten Gericht erzählte, mit aller Seelenangst
-die Worte ausrief: »Richtet einer über den Sternen? Nein! Nein!« und
-bei dem zitternd und nur halblaut gesprochenen, in sich gepreßten
-Worte: Ja! Ja! -- die Lampe in der Hand, welche sein geisterbleiches
-Gesicht erleuchtete -- zusammensank. Damals war Iffland 26 Jahre alt,
-von Körper sehr schmächtig, im Gesicht etwas blaß und mager. Dieser
-Jugend ungeachtet, war sein Spiel auch in den kleinsten Schattierungen
-so durchgeführt, daß es ein nicht zu vertilgendes Bild in jedem Auge,
-das ihn sah, zurückließ.
-
-Welche Wirkung die Vorstellung der Räuber auf den Dichter derselben
-hervorbrachte, davon haben wir noch ein Zeugnis in dem Brief an Baron
-Dalberg vom 17. Jänner 1782, wo er schreibt: »Beobachtet habe ich sehr
-vieles, sehr vieles gelernt, und ich glaube, wenn Deutschland einst
-einen dramatischen Dichter in mir findet, so muß ich die Epoche von der
-vorigen Woche zählen etc.«
-
-Daß auch ihn selbst das Spiel von Iffland überraschte, bezeugte er
-in demselben Briefe mit Folgendem: »Dieses einzige gestehe ich, daß
-die Rolle Franzens, die ich als die schwerste erkenne, als solche
-über meine Erwartung (welche nicht gering war) vortrefflich gelang.«
-Schiller hatte sich, ohne Urlaub von seinem Regimentschef zu nehmen,
-aus Stuttgart entfernt, um sein Schauspiel zu sehen; es wußten daher
-auch nur einige um seine Abwesenheit und sie blieb für diesmal
-verborgen. Aber die Heiterkeit, welche vor der Abreise sein ganzes
-Wesen beseelt hatte, war nach seiner Rückkehr fast ganz verschwunden;
-denn so heftig er die Stunden des schöpferischen Genusses herbei
-gewünscht hatte, so mißvergnügt war er nun, daß er seine medizinischen
-Amtsgeschäfte wieder vornehmen und sich der militärischen Ordnung
-fügen mußte, da ihm jetzt nicht nur der Ausspruch der Kenner, der
-stürmische Beifall des Publikums, sondern hauptsächlich sein eignes
-Urteil die Überzeugung verschafft hatte, daß er zum Dichter, besonders
-aber zum Schauspieldichter geboren sei, und daß er hierin eine Stufe
-erreichen könne, die noch keiner seiner Nation vor ihm erstiegen. Jede
-Beschäftigung, die er nun unternehmen mußte, machte ihn mißmutig, und
-er achtete die Zeit, die er darauf verwenden mußte, als verschwendet.
-Es bedurfte wirklich auch einiger Wochen, bis sein aufgeregtes Gemüt
-sich wieder in die vorigen Verhältnisse finden konnte, und als er etwas
-ruhiger geworden war, brütete seine Einbildungskraft sogleich wieder
-über neuen Sujets, die als Schauspiele bearbeitet werden könnten.
-
-Unter mehreren, die aufgenommen und wieder verworfen wurden,
-blieben Konradin von Schwaben und die Verschwörung des Fiesco zu
-Genua diejenigen, welche ihm am meisten zusagten. Endlich wählte
-er letzteres, und zwar nicht allein wegen des Ausspruchs von J. J.
-Rousseau, daß der Charakter des Fiesco einer der merkwürdigsten sei,
-welche die Geschichte aufzuweisen habe; sondern auch, weil er bei
-dem Durchdenken des Planes fand, daß diese Handlung der meisten und
-wirksamsten Verwicklungen fähig sei. Sobald sein Entschluß hierüber
-fest stand, machte er sich mit allem, was auf Italien, die damalige
-Zeit sowie auf den Ort, wo sein Held handeln sollte, Beziehung hatte,
-mit größter Emsigkeit bekannt, besuchte fleißig die Bibliothek, las und
-notierte alles, was dahin einschlug, und als er endlich den Plan im
-Gedächtnis gänzlich entworfen hatte, schrieb er den Inhalt der Akte und
-Auftritte in derselben Ordnung, wie sie folgen sollten, aber so kurz
-und trocken nieder, als ob es eine Anleitung für den Kulissendirektor
-werden sollte. Nach Lust und Laune arbeitete er dann die einzelnen
-Auftritte und Monologe aus, zu deren Mitteilung und Besprechung ihm
-aber ein Freund, von dessen Empfänglichkeit und warmer Teilnahme er
-die Überzeugung hatte, um so mehr unentbehrlich war, da er auch bei
-seinen kleinern Gedichten es sehr liebte solche vorzulesen, um das
-dichterische Vergnügen doppelt zu genießen, wenn er seine Gedanken und
-Empfindungen im Zuhörer sich abspiegeln sah.
-
-Diese angenehmen Beschäftigungen, welche den edlen Jüngling für alles
-schadlos hielten, was er an Freiheit oder sonstigem Lebensgenuß
-entbehren mußte, wurden aber auf eine sehr niederschlagende Art
-durch etwas gestört, was wohl als die erste Veranlassung zu dem
-unregelmäßigen Austritt Schillers aus des Herzogs Diensten angesehen
-werden kann. Die Sache war folgende: In den beiden ersten Ausgaben der
-Räuber, in der dritten Szene des zweiten Aktes, befindet sich eine Rede
-des Spiegelberg, welche einen Bezug auf Graubünden hat, und die einen
-Bündner so sehr aufreizte, daß er eine Verteidigung seines Vaterlandes
-in den Hamburger Korrespondenten einrücken ließ. Wahrscheinlich wäre
-diese Protestation ohne alle Folgen geblieben, wenn nicht die Zeitung
-als eine Anklage gegen Schiller dem Herzog vor Augen gelegt worden
-wäre. Dieser war um so mehr über diese öffentliche Rüge aufgebracht,
-indem derjenige, gegen den sie gerichtet worden, nicht nur in seinen
-Diensten stand, sondern auch einer der ausgezeichnetsten Zöglinge
-seiner mit so vieler Mühe und Aufmerksamkeit gepflegten Akademie war.
-Er erließ daher an Schiller sogleich die Weisung, sich zu verteidigen,
-sowie den Befehl, alles weitere in Druckgeben seiner Schriften, wenn es
-nicht medizinische wären, zu unterlassen und sich aller Verbindung mit
-dem Ausland zu enthalten.
-
-Schiller beantwortete die Anklage damit, daß er die mißfällige Rede
-nicht als eine Behauptung aufgestellt, sondern als einen unbedeutenden
-Ausdruck einem Räuber, und zwar dem schlechtesten von allen, in den
-Mund gelegt. Auch habe er hier nur eine Volkssage nachgeschrieben, die
-er von früher Jugend an gehört.
-
-War der strenge Verweis und das Mißfallen seines Fürsten, das er auf
-eine so zufällige und ganz unschuldige Art sich zugezogen, schon im
-höchsten Grad unangenehm für Schiller, so mußte der harte Befehl --
-sich bloß auf seinen Beruf als Arzt und auf die Stadt, worin er lebte,
-einschränken zu sollen -- noch schmerzlicher für ihn sein, indem es
-ihm unmöglich fiel, den Hang, welchen er für die Dichtung hatte, zu
-unterdrücken und sich in einer Wissenschaft auszuzeichnen, die er nur
-aus Furcht vor der Ungnade des Herzogs ergriffen und der er seine
-Lieblingsneigung, den ersten Vorsatz seiner Kinderjahre aufgeopfert
-hatte. Durch das Verbot, sich in irgend eine Verbindung mit dem Ausland
-einzulassen, war ihm jede Möglichkeit zur Verbesserung seiner Umstände
-abgeschnitten, und selbst die kleinlichsten Sorgen, die härtesten
-Entsagungen hätten es nicht bewirken können, mit einer so geringen
-Besoldung auszureichen. Das Versprechen, welches der Herzog bei der
-Aufnahme Schillers in die Akademie seinen Eltern gegeben hatte, war so
-wenig erfüllt worden, daß sein Gehalt als Regimentsarzt kaum demjenigen
-eines Pfarrvikars gleich kam und durch den Aufwand für Equipierung, für
-standesmäßiges Erscheinen beinahe auf nichts herab gebracht wurde.
-
-Was aber gewöhnliche Menschen niederbeugt, was ihnen Geist und Glieder
-erschlafft, hebt den Mut der Starken, der Kraftvollen nur um so höher.
-Noch in den Jünglingsjahren bewährte sich jetzt Schiller als einen
-Mann, der sich durch keine Widerwärtigkeiten aus seiner Bahn bringen
-läßt, sondern rastlos das vorgesteckte Ziel verfolgt. Anstatt sich
-in nutzlosen Klagen auszulassen, arbeitete er nur um desto eifriger
-an seinem Fiesco, den er als einen neuen Hebel zur Sprengung seines
-Gefängnisses betrachtete und in dessen Ausarbeitung er all das Wilde,
-Rohe, was ihm bei den Räubern zum Vorwurf gemacht wurde, zu vermeiden
-suchte.
-
-Eine widerliche Unterbrechung seiner dramatischen Arbeiten wurde durch
-die Dissertation veranlaßt, welche er in diesem Frühjahr einreichen
-mußte, um auf der hohen Karlsschule (welchen Titel nun die ehemalige
-Militärakademie erhalten hatte) den Grad eines Doktors der Medizin
-zu erhalten. Dieser Förmlichkeit konnte er sich schon darum nicht
-entziehen, weil der Herzog seine neue Universität mit eifersüchtiger
-Liebe pflegte und darauf besonders sah, daß diejenigen, welche er
-erziehen lassen, vor den Augen der Welt sich als der Anstalt vollkommen
-würdig zeigen sollten. Auch war Schiller, was seine Studien betraf,
-einer der hervorstechendsten Zöglinge in der Akademie, weswegen er
-nicht nur von seinem Fürsten, sondern auch von seinen Lehrern, wie
-schon oben erwähnt, vorzüglich gelobt und geachtet wurde.
-
-Überdies würde es dem Herzog weit mehr als seinem Zögling unangenehm
-gewesen sein, wenn der junge Arzt bloß darum, weil er den Doktorhut
-nicht genommen, von den Kollegen seiner Kunst Schwierigkeiten oder
-weniger Achtung erfahren hätte.
-
-Daß Schiller selbst gegen diese Ehre im höchsten Grad gleichgültig
-war, äußerte er oft und stark genug gegen seine Freunde, und wer daran
-noch zweifeln könnte, findet seine unverhohlene Äußerung hierüber
-in dem Brief an Baron Dalberg vom 1. April 1782, wo er sagt: »Meine
-gegenwärtige Lage nötigt mich den Gradum eines Doktors der Medizin
-in der hiesigen Karlsschule anzunehmen, und zu diesem Ende muß ich
-eine medizinische Dissertation schreiben, und in das Gebiet meiner
-Handwerkswissenschaft noch einmal zurückstreifen. Freilich werde ich
-von dem milden Himmelsstrich des Pindus einen verdrießlichen Sprung
-in den Norden einer trockenen, terminologischen Kunst machen müssen;
-allein, was sein muß zieht nicht erst die Laune und Lieblingsneigung zu
-Rat. Vielleicht umarme ich dann meine Muse um so feuriger, je länger
-ich von ihr geschieden war; vielleicht finde ich dann im Schoß der
-schönen Kunst eine süße Indemnität für den fakultistischen Schweiß.«
-
-(Sollte ein Arzt diese Äußerungen verdammen wollen, so möge er sich
-erinnern, daß es in Schillers Gedicht »Die Teilung der Erde« nur der
-Dichter ausschließend ist, zu welchem Jupiter sagt:
-
- Willst du in meinem Himmel mit mir leben,
- So oft du kommst, er soll dir offen sein.)
-
-Mittlerweile wurden in Mannheim die Räuber sehr oft mit demselben
-Zulauf, mit dem gleichen Beifall wie das erste Mal gegeben, und es war
-nichts natürlicher, als daß der Ruf von der ungeheuren Wirkung dieses
-Stücks sowie von der meisterhaften Darstellung desselben auch nach
-Stuttgart gelangte und dort in den meisten Gesellschaften, besonders
-aber in den Umgebungen des Dichters vielen Stoff zum Sprechen gab. Man
-darf sich daher auch nicht wundern, daß Schiller den öftern Wünschen
-und dringenden Bitten einiger Freundinnen und Freunde nachgab, eine
-kurze Reise des Herzogs zu benützen und während dessen Abwesenheit,
-ohne Urlaub zu nehmen, mit ihnen nach Mannheim zu gehen und daselbst
-im Wiedersehen seines Schauspiels seinen eignen Genuß durch das
-Mitgefühl seiner Reisegefährten zu erhöhen. Schiller willigte nur zu
-gern ein und schrieb nach Mannheim, um die Aufführung der Räuber auf
-einen bestimmten Tag zu erbitten, was ihm auch von der Intendanz sehr
-leicht gewährt wurde. Aber bei der Anschauung dessen, was er mit seinen
-ersten, jugendlichen Kräften schon geleistet, war auch der Gedanke
-unabweislich, wie vieles, wie großes er noch würde leisten können, wenn
-diese Kräfte nicht eingeengt oder gefesselt wären, sondern freien,
-ungemessenen Spielraum erhalten könnten. Eine Idee, die durch seine
-enthusiastischen Begleiter um so mehr angefeuert und unterhalten wurde,
-je tiefer die Eindrücke waren, welche die erschütternden Szenen bei
-ihnen zurückgelassen hatten.
-
-Bei seiner ersten heimlichen Reise hatte er nur die einzige Sorge,
-daß sie verschwiegen bleiben möchte. Auf die zweite nahm er schon
-außer dieser Sorge das beschränkende Verbot mit, seine dichterischen
-Arbeiten bekannt zu machen, nebst dem strengen Befehl, sich das Ausland
-als für ihn gar nicht vorhanden denken zu müssen. Er kam daher auch
-äußerst mißmutig und niedergeschlagen wieder nach Stuttgart zurück,
-ebenso verstimmt durch die Betrachtungen über sein Verhältnis als
-leidend durch die Krankheit, welche er mitbrachte. (Diese Krankheit,
-welche durch ganz Europa wanderte, bestand in einem außerordentlich
-heftigen Schnupfen und Katarrh, den man russische Grippe oder Influenza
-nannte und der so schnell ansteckend war, daß der Verfasser dieses,
-als er Schillern einige Stunden nach dessen Ankunft umarmt hatte, nach
-wenigen Minuten schon von Fieberschauern befallen wurde, die so stark
-waren, daß er sogleich nach Hause eilen mußte.)
-
-Schiller äußerte sich gegen einen seiner jüngern Freunde, dem er völlig
-vertrauen durfte, ganz unverhohlen, mit welchem Widerwillen er sich
-Stuttgart genähert habe -- wie ihm hier nun alles doppelt lästig und
-peinlich sein müsse, indem er in Mannheim eine so glänzende Aufnahme
-erfahren, wo hingegen er hier kaum beachtet werde und nur unter Druck
-und Verboten leben könne -- daß ihm nicht nur von seinen Bewunderern,
-sondern von Baron Dalberg selbst die Hoffnung gemacht worden, ihn ganz
-nach Mannheim ziehen zu wollen, und er nicht zweifle, es werde alles
-mögliche angewendet werden, um ihn von seinen Fesseln zu befreien.
-Sollte dieses nicht gelingen, so werde er notgedrungen, wolle er anders
-hier nicht zugrunde gehen, einen verzweifelten Schritt tun müssen. Er
-nahm sich vor, sowie er nur den Kopf wieder beisammen habe, sogleich
-nach Mannheim zu schreiben, damit unverweilt alles geschehe, was seine
-Erlösung bewirken könne. Es ist ein Glück für den Verfasser, daß Baron
-Dalberg alle Briefe von Schiller an ihn so sorgfältig aufgehoben, und
-daß sie durch den Druck bekannt geworden sind, indem sonst manches, was
-jetzt und in der Folge vorkommt, als Anschuldigung oder bloße Meinung
-erklärt, und unser Dichter weit weniger gerechtfertigt werden könne,
-als es nun durch diese Beweise möglich ist. Der folgende Brief ist der
-erste Beleg hierzu.
-
- Stuttgart, den 4. Junius 1782.
-
- »Ich habe das Vergnügen, das ich zu Mannheim in vollen Zügen genoß,
- seit meiner Hieherkunft durch die epidemische Krankheit gebüßt,
- welche mich zu meinem unaussprechlichen Verdruß bis heute gänzlich
- unfähig gemacht hat, E. E. für so viele Achtung und Höflichkeit
- meine wärmste Danksagung zu bezeigen. Und noch bereue ich beinahe
- die glücklichste Reise meines Lebens, die mich durch einen höchst
- widrigen Kontrast meines Vaterlandes mit Mannheim schon so weit
- verleidet hat, daß mir Stuttgart und alle schwäbischen Szenen
- unerträglich und ekelhaft werden. Unglücklicher kann bald niemand
- sein als ich. Ich habe Gefühl genug für meine traurige Situation,
- vielleicht auch Selbstgefühl genug für das Verdienst eines bessern
- Schicksals, und für beides nur -- eine Aussicht.
-
- Darf ich mich Ihnen in die Arme werfen, vortrefflicher Mann? Ich
- weiß wie schnell sich Ihr edelmütiges Herz entzündet, wenn Mitleid
- und Menschenliebe es auffordern; ich weiß wie stark Ihr Mut ist,
- eine schöne Tat zu unternehmen, und wie warm Ihr Eifer, sie zu
- vollenden. Meine neuen Freunde in Mannheim, von denen Sie angebetet
- werden, haben es mir mit Enthusiasmus vorhergesagt; aber es war
- diese Versicherung nicht nötig; ich habe selbst, da ich das Glück
- hatte, eine Ihrer Stunden für mich zu nutzen, in Ihrem offenen
- Anblick weit mehr gelesen. Dieses macht mich nun auch so dreist,
- mich Ihnen ganz zu geben, mein ganzes Schicksal in Ihre Hände zu
- liefern und von Ihnen das Glück meines Lebens zu erwarten. Noch bin
- ich wenig oder nichts. In diesem Norden des Geschmacks werde ich
- ewig niemals gedeihen, wenn mich sonst glücklichere Sterne und ein
- griechisches Klima zum wahren Dichter erwärmen würden.
-
- Brauche ich mehr zu sagen, um von Dalberg alle Unterstützung zu
- erwarten?
-
- E. Exz. haben mir alle Hoffnung dazu gemacht, und ich werde den
- Händedruck, der Ihren Verspruch versiegelte, ewig fühlen; wenn Eure
- Exzellenz diese drei Ideen goutieren und in einem Schreiben an den
- Herzog Gebrauch davon machen, so stehe ich ziemlich für den Erfolg.
-
- Und nun wiederhole ich mit brennendem Herzen die Bitte, die Seele
- dieses ganzen Briefs. Könnten E. E. in das Innere meines Gemütes
- sehen, welche Empfindungen es durchwühlen, könnte ich Ihnen mit
- Farben schildern, wie sehr mein Geist unter dem Verdrießlichen
- meiner Lage sich sträubt -- Sie würden -- ja ich weiß gewiß -- Sie
- würden eine Hilfe nicht verzögern, die durch einen oder zwei Briefe
- an den Herzog geschehen kann.
-
- Nochmals werfe ich mich in Ihre Arme und wünsche nichts anderes,
- als bald, sehr bald, Ihnen mit einem anhaltenden Eifer und mit
- einer persönlichen Dienstleistung die Verehrung bekräftigen zu
- können, mit welcher ich mich und alles, was ich bin, für Sie
- aufzuopfern wünsche.
-
- E. E.
-
- untertäniger Schiller.«
-
- Beilage.
-
- »Sie schienen weniger Schwierigkeit in der Art mich zu employieren,
- als in dem Mittel, mich von hier weg zu bekommen, zu finden. Jenes
- steht ohnehin ganz bei Ihnen, allein zu diesem könnten Ihnen
- vielleicht folgende Ideen dienen.
-
- 1) Da im ganzen genommen das Fach der Mediziner bei uns so sehr
- übersetzt ist, daß man froh ist, wenn durch Erledigung einer
- Stelle Platz für einen andern gemacht wird; so kommt es mehr
- darauf an, wie man dem Herzog, der sich nicht trotzen lassen will,
- mit guter Art den Schein gibt, als geschehe es ganz durch seine
- willkürliche Gewalt, als wäre es sein eignes Werk und gereiche
- ihm zur Ehre. Daher würden E. E. ihn von der Seite ungemein
- kitzeln, wenn Sie in den Brief, den Sie ihm wegen mir schreiben,
- einfließen ließen, daß -- Sie mich für eine Geburt von ihm, für
- einen durch ihn Gebildeten und in seiner Akademie Erzogenen
- halten, und daß also durch diese Vokation seiner Erziehungsanstalt
- quasi das Hauptkompliment gemacht würde, als würden ihre Produkte
- von entschiedenen Kennern geschätzt und gesucht. Dieses ist der
- Passepartout beim Herzog.
-
- 2) Wünsche ich (und auch meinetwegen) sehr, daß Sie meinen
- Aufenthalt beim Nationaltheater zu Mannheim auf einen gewissen
- beliebigen Termin festsetzen (der dann nach Ihrem Befehl verlängert
- werden kann), nach dessen Verfluß ich wieder meinem Herzog gehörte.
- So sieht es mehr einer Reise, als einer völligen Entschwäbung (wenn
- ich das Wort brauchen darf) gleich, und fällt auch so hart nicht
- auf. Wenn ich nur einmal hinweg bin, man wird froh sein, wenn ich
- selbst nicht mehr anmahne.
-
- 3) Würde es höchst notwendig sein, zu berühren, daß mir Mittel
- gemacht werden sollten, zu Mannheim zu praktizieren und meine
- medizinischen Übungen da fortzusetzen. Dieser Artikel ist
- vorzüglich nötig, damit man mich nicht, unter dem Vorwand für mein
- Wohl zu sorgen, kujoniere und weniger fortlasse.«
-
-Alles, was auch ein Augen- oder Ohrenzeuge erzählen könnte, wäre nicht
-imstande, die traurigen Empfindungen des armen Jünglings über seine
-beklemmende Lage stärker und wahrer zu schildern, als er es selbst in
-diesem Briefe getan.
-
-Daß er die Bitte nicht aufs Geratewohl, sondern durch Aufmunterung von
-Leuten getan, die ihre Gewährung für sehr leicht und unfehlbar hielten,
-erhellt aus der Stelle: »ich weiß, wie stark Ihr Mut ist, eine schöne
-Tat zu unternehmen, und wie warm Ihr Eifer ist, sie zu vollenden. Meine
-neuen Freunde in Mannheim haben es mir mit Enthusiasmus vorhergesagt
-etc. etc.« und die folgende: »E. Exz. haben mir alle Hoffnung dazu
-gemacht, und ich werde den Händedruck, der Ihren Verspruch besiegelte,
-ewig fühlen etc.« beweist auf das deutlichste, daß Baron Dalberg selbst
-ihm das Wort gab, sich für ihn bei seinem Fürsten zu verwenden.
-
-Die drei Vorschläge, welche in der Beilage enthalten sind, waren ganz
-auf die genaue Kenntnis vom Charakter des Herzogs berechnet, indem
-er einen sehr verzeihlichen Stolz darein setzte, daß durch seine
-Fürsorge und Leitung schon so viele talentvolle Jünglinge aus seiner
-Akademie hervorgegangen, und er auch ein sehr großer Liebhaber des
-Theaters, so wie einer der feinsten Kenner seiner Zeit war, der es
-schon darum nicht ungern sehen konnte, wenn sich unter seinen Zöglingen
-gute Dichter fanden, weil alle Jahre am Geburtsfeste der Gräfin von
-Hohenheim (später Gemahlin des Herzogs) Gelegenheitsstücke mit großer
-Feierlichkeit und dem größten Aufwande gegeben wurden, bei welchen
-sowohl das Gedicht als auch die Musik von Eleven verfaßt waren.
-
-Der dritte Punkt beweist weit mehr für die wahrhaft väterliche Sorge,
-welche der Herzog für das Wohl derer hatte, die er erziehen ließ,
-als alles, was man dafür anführen könnte, und es läßt sich nicht im
-geringsten zweifeln, daß wenn Baron Dalberg unter den ihm angezeigten
-Bedingungen versucht hätte, den jungen Dichter von Stuttgart nach
-Mannheim zu ziehen, sein Fürst ohne Anstand -- gewiß aber mit der
-Anempfehlung, für Schiller alle Sorge zu tragen -- das Gesuch bewilligt
-haben würde.
-
-Schiller nährte anfangs die besten Hoffnungen, daß er nun bald aus
-seiner verdrießlichen Lage befreit sein würde. Als aber nach Verlauf
-mehrerer Wochen nichts geschah, war es ihm um so schmerzlicher, seine
-dringende, flehende Bitte umsonst getan zu haben und sich ohne alle
-äußere Hilfe zu sehen. Allein, er ließ dessenungeachtet den Mut nicht
-sinken, sondern arbeitete nur um so eifriger an seinem Fiesco, was
-allein imstande war, ihn wenigstens zeitweise seinen Zustand vergessen
-zu machen. Aber die Freundinnen des Dichters hatten nicht vergessen,
-daß sie in seiner Gesellschaft zu Mannheim die Räuber hatten aufführen
-sehen, und konnten dem Drange nicht widerstehen, die Wirkung dieses
-Trauerspiels sowie das Verdienst der dortigen Schauspieler auch andern
-nach Würden zu schildern. Unter dem Siegel des Geheimnisses erfuhr es
-die halbe Stadt, erfuhr es auch der General Augé und endlich -- der
-Herzog selbst. Dieser wurde im höchsten Grad über die Vermessenheit
-seines ehemaligen Lieblings aufgebracht, daß er sich, ohne Urlaub zu
-nehmen, mehrere Tage entfernt und seinen Lazarettdienst vernachlässigt
-habe. Er ließ ihn vor sich kommen, gab ihm die strengsten Verweise
-darüber, daß er sich dem ausdrücklichen Verbote zuwider aufs neue
-mit dem Auslande eingelassen und befahl ihm, augenblicklich auf die
-Hauptwache zu gehen, seinen Degen abzugeben und dort vierzehn Tage im
-Arrest zu bleiben.
-
-Obwohl die verhängte Strafe für die Übertretung des herzoglichen
-Befehls ganz der militärischen Ordnung gemäß und nichts weniger als
-zu streng war, so wurde Schiller davon dennoch in seinem Innersten
-verwundet, und zwar nicht darum, weil ihm solche zu hart schien,
-sondern weil er jetzt überzeugt sein mußte, daß jede Aussicht in eine
-bessere Zukunft für ihn verloren und er nun eigentlich nichts anderes
-als ein Gefangener sei, der seine vorgeschriebene Arbeit verrichten
-müsse.
-
-In der Tat konnte sein Verhältnis von seinen Freunden nicht anders
-als im höchste Grade traurig und verzweifelt beurteilt werden, weil
-an eine Milderung oder Zurücknahme der Befehle des Herzogs um so
-weniger zu denken war, je mehr man ihn als Selbstherrscher kannte und
-je seltener die Fälle waren, wo er von seinem ausgesprochenen Willen
-hätte abgelenkt werden können. Was man auch raten oder erfinden mochte,
-war unbrauchbar, untunlich, weil der fürstliche Machtspruch allem ein
-unübersteigliches Hindernis entgegensetzte.
-
-Wäre es aber auch Schillern möglich gewesen, seinen außerordentlichen
-Hang zur Dichtung zu bekämpfen und sich ganz der Arzneikunde zu widmen,
-so hätte es mehrere Jahre bedurft, um sich einen Ruf zu erwerben, der
-ihn von dem Gemeinen, Alltäglichen unterschieden hätte. Auch fühlte
-er es so sehr, wie unnütz die ernstlichsten Vorsätze, sein angebornes
-Talent zu unterdrücken, sein würden, daß er lieber alle Entbehrungen,
-alle Strafen sich hätte gefallen lassen, wenn ihm nur die Erlaubnis
-geblieben wäre, den Reichtum seines Geistes in der Welt auszubreiten,
-und sich denjenigen anzureihen, deren Name von der Mit- und Nachwelt
-nur in Bewunderung und Verehrung genannt wird.
-
-So wenig Vorteil Gold, Perlen und Diamanten in einer menschenleeren
-Wüste bringen, so wenig konnte ihm die köstlichste Gabe des Himmels
-nützen, wenn er sie nicht gebrauchen durfte, wenn er bei ihrer
-Anwendung Strafe befürchten mußte. Ja diese Göttergabe konnte ihm nur
-zur Qual, zur wirklichen Marter werden, weil alles was er dachte,
-was er empfand, nur darauf Bezug hatte und es ihm die schmerzlichste
-Überwindung gekostet haben würde, Ideen dieser Art abzuwehren.
-
-Der Weihrauch, den man in öffentlichen Blättern ihm über sein erstes
-Schauspiel, über seine ersten Gedichte gestreut, die schmeichelhaften
-Zuschriften eines Wielands und anderer, die Lobeserhebungen derjenigen,
-von deren gesundem Urteil er überzeugt war, besonders aber sein eignes
-Bewußtsein hatten ihn seinen Wert schätzen gelehrt, und er hätte
-lieber sein Leben verloren als dasjenige, was sein eigentliches ganzes
-Wesen ausmachte, brach liegen zu lassen, oder den Lorbeerkranz des
-Dichters den Beschäftigungen des Arztes aufzuopfern.
-
-Am empfindlichsten hielt er sich aber dadurch gekränkt, daß ihm durch
-dieses Machtgebot das Recht des allergeringsten Untertans -- von
-seinen Naturgaben freien Gebrauch machen zu können, wenn er sie nicht
-zum Nachteil des Staates oder der Gesetze desselben anwende -- jetzt
-gänzlich benommen war, ohne daß ihm bewiesen worden wäre, dieses Recht
-aus Mißbrauch verwirkt zu haben.
-
-Die Übertretung der Militärdisziplin hatte er durch strengen Verhaft
-gebüßt; was über diesen noch gegen ihn verhängt worden, hielt er für
-eine zu harte Strafe.
-
-Auf der Stelle würde er seinen Abschied gefordert haben, wenn nicht
-sein Vater in herzoglichen Diensten gestanden, er selbst nicht auf
-Kosten des Fürsten in der Akademie nicht nur erzogen, sondern auch mit
-vorzüglicher Güte und Auszeichnung behandelt worden wäre, so daß voraus
-zu schließen war, es würde statt einer Entlassung nur der Vorwurf der
-größten Undankbarkeit und eine noch zwangvollere Aufsicht erfolgen. Um
-jedoch nichts unversucht zu lassen, was seine Entfernung von Stuttgart
-auf dem der Ordnung gemäßen Wege bewirken könnte, schrieb er noch
-einmal an Baron Dalberg und bat ihn aufs neue um seine Verwendung bei
-dem Herzog. Er sagt in seinem Brief: »Dieses einzige kann ich Ihnen
-für ganz gewiß sagen, daß in etlichen Monaten, wenn ich in dieser Zeit
-nicht das Glück habe zu Ihnen zu kommen, keine Aussicht mehr da ist,
-daß ich jemals bei Ihnen leben kann. Ich werde alsdann gezwungen sein
-einen Schritt zu tun, der mir unmöglich machen würde in Mannheim zu
-bleiben.«
-
-Schiller glaubte nicht mit Unrecht, daß Baron Dalberg um so leichter
-für ihn einschreiten könnte, als der pfälzische und württembergische
-Hof im besten Vernehmen standen, auch der Herzog schon einigemal
-den italienischen Hofpoeten von Mannheim hatte kommen lassen, um bei
-Aufführung der für das Stuttgarter Hoftheater von ihm gedichteten
-Opern gegenwärtig zu sein. Ebenso konnte man auch vermuten, daß das
-Verbot, welches Schillern wegen der Verbindung mit dem Ausland betraf,
-größtenteils daher kam, weil bei Aufführung der Räuber das deutsche
-Theater in Stuttgart übergangen und dieses Stück ohne Vorwissen, ohne
-Anfrage bei dem Fürsten auf der Mannheimer Bühne zuerst gegeben worden
-war.
-
-Aus diesem sowie aus den angegebenen Gründen konnte der bedrängte
-Dichter um so zuverlässiger einen günstigen Erfolg seiner Bitten
-erwarten, indem der Rang den Baron Dalberg als Geheimrat,
-Ober-Silberkämmerling, Vize-Kammerpräsident und Theaterintendant Sr.
-kurfürstlichen Durchlaucht zu Pfalzbayern bekleidete, dem Herzog
-Rücksichten auferlegt hätte, die bei jedem andern, der sich in
-Stuttgart für diese Sache hätte verwenden wollen, nicht stattfinden
-konnten.
-
-Noch einige Zeit gab sich Schiller den besten Hoffnungen hin, indem
-er glaubte, daß Baron Dalberg um so gewisser das gegebene Versprechen
-erfüllen würde, je deutlicher ihm zu verstehen gegeben worden, daß
-das Äußerste werde geschehen müssen, wenn keine Vermittlung eintrete.
-Als aber nach Verfluß von vierzehn Tagen nichts für ihn geschah und
-er nun überzeugt war, daß von daher, wo die Hilfe am leichtesten,
-der gute Erfolg am gewissesten schien, kein Beistand zu erwarten
-sei, verwandelte sich sein sonst so heiterer Sinn in finstere, trübe
-Laune; was ihn sonst auf das lebhafteste aufregte, ließ ihn kalt und
-gleichgültig; selbst seine Jugendfreunde, die sonst immer auf den
-herzlichsten Willkomm rechnen durften, wurden ihm mit Ausnahme sehr
-weniger beinahe zuwider.
-
-Sein Fiesco konnte bei dieser Stimmung nur sehr langsam weiter rücken.
-Auch war es leicht vorauszusehen, daß, wenn dieser Zustand noch
-lange oder gar für immer hätte dauern sollen, er nicht nur für jede
-Geistesbeschäftigung verloren sein, sondern auch seine Gesundheit, die
-ohnedies nicht sehr fest war, ganz zugrunde gehen würde. Er selbst
-hielt sich für den unglücklichsten aller Menschen und glaubte seiner
-Selbsterhaltung schuldig zu sein, etwas zu wagen, was seinen Zustand in
-Stuttgart auf eine vorteilhafte Art verändern oder aber sein Schicksal
-ganz durchreißen und ihm eine andere, bessere Gestalt geben müsse.
-Da er es nicht wagen durfte, seinem Landesherrn Vorstellungen gegen
-den erlassenen Befehl zu machen, ohne neue Verweise oder gar Strafen
-befürchten zu müssen, so hielt er für das beste, noch einmal heimlich
-nach Mannheim zu reisen, von dort aus an den Herzog zu schreiben,
-ihm darzulegen, daß durch das ergangene Verbot seine ganze Existenz
-zernichtet sei und ihn um die Bewilligung einiger Punkte untertänigst
-zu bitten, die er für sein besseres Fortkommen unerläßlich glaubte.
-Wurden ihm diese Bitten nicht gewährt, so konnte er auch nicht mehr
-nach Stuttgart zurückkehren, und er hegte die Hoffnung, daß er dann um
-so leichter in Mannheim als Theaterdichter angestellt werden könnte, je
-zuversichtlicher ihm dort von vielen versichert worden, daß ein solcher
-Dichter wie er, ihre Bühne auf die höchste Stufe des Ruhmes heben würde.
-
-Um diesen Plan nicht lächerlich oder ganz widersinnig zu finden, ist
-es nötig, auf das ganz besondere Verhältnis aufmerksam zu machen, in
-welchem Schiller zu seinem Fürsten stand.
-
-Der Vater von Schiller, dem als Gouverneur der Solitüde alles, was
-die vielfachen Bauten, Gartenanlagen und Baumzucht betraf, untergeben
-war, führte dies so sehr zur Zufriedenheit des Herzogs aus, und wußte
-dessen Willen, noch ehe er ausgesprochen war, so Genüge zu leisten,
-daß er seine ganze Zufriedenheit sowie wegen der Rechtlichkeit und
-Strenge, mit welchen er seinen Dienst ausübte, auch seine Hochachtung
-erwarb. Es war zum Teil eine Folge dieser Achtung, daß der Sohn in
-der Akademie mit besonderer Sorgfalt und Güte behandelt wurde; zum
-Teil waren es aber auch die überraschenden Antworten und Bemerkungen,
-welche der junge Zögling im Gespräch mit seinem erhabenen Erzieher
-aussprach, die ihm eine besondere Auszeichnung und Zuneigung erwarben.
-Es war diesem geistvollen Fürsten, der Scharfsinn und das Talent, was
-er im hohen Grad selbst besaß, auch an andern vorzüglich schätzte, weit
-weniger darum zu tun, an seiner Akademie eine militärische Prunkanstalt
-zu haben, als bei den jungen Leuten alles das heraus zu bilden, was
-ihre Anlagen zu entwickeln vermochte. Er ließ sich daher mit ihnen in
-Einzelheiten ein, die einem gewöhnlichen Erzieher zu kleinlich oder
-überflüssig scheinen würden, und erwarb sich dadurch, weit mehr als
-durch sein Ehrfurcht gebietendes Ansehen, ein solches Zutrauen, daß die
-Zöglinge weit lieber mit ihm sprachen oder ihm -- dem Herzog -- ihre
-Fehler bekannten als den vorgesetzten Offizieren.
-
-Als die Anstalt noch auf der Solitüde sich befand, verging nie ein Tag,
-an welchem er nicht die Lehrstunden besuchte, um sich von dem Fleiße
-der Lehrer und den Fortschritten der Schüler zu überzeugen. Und als die
-Akademie nach Stuttgart verlegt wurde, waren es nur die alljährlichen
-Reisen, die ihn auf Wochen oder Tage von derselben entfernt halten
-konnten. Auch das freundliche Benehmen der Gräfin von Hohenheim, welche
-sich an der Unbefangenheit der jüngsten Zöglinge ergötzte und sie mit
-kleinen Geschenken beteilte, trug nicht wenig dazu bei, das streng
-scheinende Verhältnis zu mildern. Wie oft wurden Strafen bloß darum
-in ihrer Gegenwart ausgesprochen, um durch bittende Blicke oder Worte
-dieser wohlwollenden, nichts als Güte und Teilnahme atmenden Frau,
-entweder ganz erlassen, oder doch gemindert werden zu können.
-
-Unter den Augen des Fürsten von Kindern zu Knaben, von Knaben
-zu Jünglingen herangewachsen, von seinen durchdringenden Augen
-oft getadelt oder mit Beifall belohnt, konnten sich die jungen
-Leute, nachdem sie der akademischen Aufsicht entlassen waren, ihr
-Dienstverhältnis unmöglich so scharf denken als andere, die mit der
-Person des Herzogs gar nicht oder nur als ihrem Souverän bekannt waren.
-
-Diese Verhältnisse allein können es begreiflich machen, wie Schiller
-auf die so oft bezeigte Gnade und Zufriedenheit seines Fürsten so
-fest sich verlassen konnte, daß er zu dem Glauben verleitet ward, der
-Herzog werde ihm seine Bitten bewilligen, wenn er ihn an seine frühere
-Huld erinnere und unwiderleglich dartue, daß er durch die gegen ihn
-erlassenen Verbote zur Verzweiflung gebracht sei.
-
-Nachdem diese Meinung ihn so beherrschte, daß sie sich in einen
-unwiderruflichen Entschluß umwandelte, entstand nur noch die Frage,
-auf welche Art und in welcher Zeit die heimliche Reise am besten
-auszuführen sein würde; denn die harten Verweise des Herzogs, der
-darauf folgende strenge Arrest hatten ihn so eingeschüchtert, daß
-er sich in allen seinen Handlungen beobachtet halten konnte und die
-schärfste Ahndung befürchten mußte, wenn er irgend einen Verdacht gegen
-sich erregte. So wenig er seinen Vorsatz allein ausführen konnte, so
-wenig konnte er sich seinen Schulfreunden anvertrauen, weil es eben so
-unnütz als gefährlich gewesen wäre, sie um Beistand anzusprechen, indem
-keiner von ihnen -- was die Hauptsache, die Anstalten zur heimlichen
-Reise, betraf -- die geringste Hilfe leisten oder auf sonst eine Art
-seine Pläne befördern konnte.
-
-In diesem Zustande konnte er sein Herz mit voller Sicherheit nur einem
-einzigen Freund eröffnen, der zwar nicht mit ihm in der Akademie
-erzogen worden und auch zwei Jahre weniger als er zählte; durch dessen
-Bekanntschaft er aber seit achtzehn Monaten die Überzeugung erlangt
-hatte, daß er hier auf eine Hingebung und Aufopferung bauen könne,
-die an Schwärmerei grenzten und die nur von den wenigen Edlen erzeugt
-wird, deren Gemüt und Geist eben so viele Liebe und Freundschaft als
-Verehrung und Hochachtung verdienen.
-
-Der Leser möge erlauben, daß von diesem jungen Freunde, den wir mit
-S. bezeichnen wollen, sowie von der Art, wie er zu dem genauen Umgang
-mit dem herrlichen Jüngling gelangte, so viel erwähnt werde, als des
-Folgenden wegen unumgänglich nötig ist.
-
-Es war im Jahr 1780 in einer der öffentlichen Prüfungen, die -- wie
-eingangs erwähnt worden -- alljährlich in der Akademie in Gegenwart
-des Herzogs daselbst gehalten wurden und welche S. als ein angehender
-Tonkünstler um so eifriger besuchte, da meistens über den andern Tag
-eine vollstimmige, von den Zöglingen aufgeführte Musik die Prüfung
-beschloß, als er Schillern das erste Mal sah. Dieser war bei einer
-medizinischen, in lateinischer Sprache gehaltenen Disputation gegen
-einen Professor Opponent, und obwohl S. dessen Namen so wenig als seine
-übrigen Eigenschaften kannte, so machten doch die rötlichen Haare --
-die gegeneinander sich neigenden Knie, das schnelle Blinzeln der Augen,
-wenn er lebhaft opponierte, das öftere Lächeln während dem Sprechen,
-besonders aber die schön geformte Nase und der tiefe, kühne Adlerblick,
-der unter einer sehr vollen, breitgewölbten Stirne hervorleuchtete,
-einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn. S. hatte den Jüngling
-unverwandt ins Auge gefaßt. Das ganze Sein und Wesen desselben zogen
-ihn dergestalt an und prägten den ganzen Auftritt ihm so tief ein, daß,
-wenn er Zeichner wäre, er noch heute -- nach achtundvierzig Jahren --
-diese ganze Szene auf das lebendigste darstellen könnte.
-
-Als S. nach der Prüfung den Zöglingen in den Speisesaal folgte, um
-Zuschauer ihrer Abendtafel zu sein, war es wieder derselbe Jüngling,
-mit welchem der Herzog auf das gnädigste sich unterhielt, den Arm
-auf dessen Stuhl lehnte und in dieser Stellung sehr lange mit ihm
-sprach. Schiller behielt gegen seinen Fürsten dasselbe Lächeln,
-dasselbe Augenblinzeln wie gegen den Professor, dem er vor einer Stunde
-opponierte.
-
-Als im Frühjahr 1781 die Räuber im Druck erschienen waren und besonders
-auf die junge Welt einen ungewöhnlichen Eindruck machten, ersuchte S.
-einen musikalischen, in der Akademie erzogenen Freund, ihn mit dem
-Verfasser bekannt zu machen. Sein Wunsch wurde gewährt, und S. hatte
-die Überraschung, in dem Dichter dieses Schauspiels denselben Jüngling
-zu erkennen, dessen erstes Erscheinen einen so tiefen Eindruck bei ihm
-zurückgelassen hatte.
-
-Wie jeder Leser eines Buches sich von dem Autor desselben ein Bild
-seiner Person, Haltung, Stimme, seiner Sprache vormalt, so konnte
-es wohl nicht anders sein, als daß man sich in dem Verfasser der
-Räuber einen heftigen jungen Mann dachte, dessen Äußeres zwar schon
-den tiefempfindenden Dichter ankündige, bei welchem aber die Fülle
-der Gedanken, das Feuer seiner Ausdrücke sowie seine Ansichten der
-Weltverhältnisse alle Augenblicke in Ungebundenheit ausschweifen müsse.
-
-Aber wie angenehm wurde diese vorgefaßte Meinung zerstreut!
-
-Das seelenvollste, anspruchloseste Gesicht lächelte dem Kommenden
-freundlich entgegen. Die schmeichelhafte Anrede wurde nur ablehnend,
-mit der einnehmendsten Bescheidenheit erwidert. Im Gespräche nicht ein
-Wort, welches das zarteste Gefühl hätte beleidigen können.
-
-Die Ansichten über alles, besonders aber Musik und Dichtkunst
-betreffend, ganz neu, ungewöhnlich, überzeugend und doch im höchsten
-Grade natürlich.
-
-Die Äußerungen über die Werke anderer sehr treffend, aber dennoch voll
-Schonung und nie ohne Beweise.
-
-Den Jahren nach Jüngling, dem Geiste nach reifer Mann, mußte man seinem
-Maßstabe beistimmen, den er an alles legte und vor dem vieles, was
-bisher so groß schien, ins Kleine zusammenschrumpfte und manches, was
-als gewöhnlich beurteilt war, nun bedeutend wurde.
-
-Das anfängliche blasse Aussehen, das im Verfolg des Gespräches in hohe
-Röte überging -- die kranken Augen -- die kunstlos zurückgelegten
-Haare, der blendend weiße, entblößte Hals gaben dem Dichter eine
-Bedeutung, die ebenso vorteilhaft gegen die Zierlichkeit der
-Gesellschaft abstach, als seine Aussprüche über ihre Reden erhaben
-waren.
-
-Eine besondere Kunst lag jedoch in der Art, wie er die verschiedenen
-Materien aneinander zu knüpfen, sie so zu reihen wußte, daß eine
-aus der andern sich zu entwickeln schien, und trug wohl am meisten
-dazu bei, daß man den Zeiger der Uhr der Eile beschuldigte und die
-Möglichkeit des schnellen Verlaufes der Zeit nicht begreifen konnte.
-
-Diese so äußerst reizende und anziehende Persönlichkeit, die nirgends
-etwas Scharfes oder Abstoßendes blicken ließ -- Gespräche, welche den
-Zuhörer zu dem Dichter emporhoben, die jede Empfindung veredelten,
-jeden Gedanken verschönerten -- Gesinnungen, die nichts als die reinste
-Güte ohne alle Schwäche verrieten -- mußten von einem jungen Künstler,
-der mit einer lebhaften Empfänglichkeit begabt war, die ganze Seele
-gewinnen und der Bewunderung, die er schon früher für den Dichter
-hatte, noch die wärmste Anhänglichkeit für den Menschen beigesellen.
-
-Auch Schiller schien mit seinem neuen Bekannten nicht unzufrieden; denn
-freiwillig lud er ihn ein, so oft zu ihm zu kommen, als er nur immer
-wolle. Diese Einladung wurde von S. so emsig benützt, daß während eines
-Jahres selten ein Tag verging, an dem er Schillern nicht gesehen oder
-auf kurze Zeit gesprochen hätte. Ein Vertrauen setzte sich zwischen
-beiden fest, das keinen Rückhalt kannte, und von dem die natürliche
-Folge war, daß die Verhältnisse Schillers sowie seine wahrhaft
-unglückliche Lage der unerschöpfliche Gegenstand ihrer Gespräche
-wurden. Auch schien beiden der Plan, dem Herzog auf neutralem Boden
-zu schreiben, um so weniger des Tadels würdig, als Schiller durchaus
-nichts begangen, was ihm den Vorwurf eines schlechten Dieners seines
-Fürsten hätte zuziehen können, und er die zwei unerlaubten Ausflüge
-durch den ausgestandenen Arrest schon genug gebüßt zu haben glaubte.
-Außer S. machte Schiller auch seine älteste Schwester mit seinem
-Vorsatze bekannt, und anstatt, wie er befürchtete, von ihr Abmahnungen
-zu hören, glaubte sie, daß, weil ihm das gegebene Versprechen nicht
-erfüllt worden, jeder Schritt entschuldigt werden könne, den er, um
-sich von gänzlichem Verderben zu retten, unternehmen werde.
-
-Ein Gefährte, mit dem die heimliche Reise zu unternehmen wäre und der
-die nötigen Anstalten dazu erleichtern könne, war schon in seinem
-Freunde S. vorhanden, der im Frühjahr 1783 eine Reise nach Hamburg
-antreten wollte, um daselbst bei dem berühmten Bach die Musik zu
-studieren, wozu ihm dort wohnende Anverwandte die beste Unterstützung
-versprochen hatten, und der es nun bei seiner Mutter dahin zu bringen
-wußte, diese Reise jetzt schon machen zu dürfen.
-
-Dem Vater Schillers mußte die ganze Sache ein tiefes Geheimnis bleiben,
-damit er im schlimmsten Fall als Offizier sein Ehrenwort geben könne,
-von dem Vorhaben des Sohnes nichts gewußt zu haben. Was aber am meisten
-zur Beruhigung der Teilnehmenden beitrug, war der schöne Grundsatz des
-Herzogs, die Kinder nie wegen der Fehler der Eltern oder die Eltern
-wegen Vergehen der Kinder etwas entgelten zu lassen. Man hatte schon
-zu viele Beweise von dieser wahrhaft fürstlichen Großmut, als daß man
-in dem gegenwärtigen Falle nicht auch darauf hätte rechnen können.
-Nachdem alles zur Sache Gehörige zwischen beiden Freunden mit der
-Selbsttäuschung, die dem Jünglingsalter so ganz natürlich ist, überlegt
-war, als für mögliche, künftige Hindernisse, ihre Einbildungskraft
-sogleich Mittel wußte, um sie zu überwinden oder zu beseitigen, blieb
-der Entschluß Schillers unwiderruflich fest, indem er nur durch die
-Ausführung desselben hoffen konnte, seine Umstände in allen Teilen zu
-verbessern und eine Selbständigkeit zu erlangen, die er bis jetzt nur
-dem Namen nach kannte. Nun aber mußte er sich mit Anspannung aller
-Kräfte der Dichtung seines Fiesco widmen, indem die Reise nicht eher
-ausgeführt werden konnte, als bis dieser vollendet war, und er bisher
--- da er in seinem Innern zu keiner Ruhe gelangen konnte -- außer
-dem Plan kaum die Hälfte von dem Stücke niedergeschrieben hatte. Die
-Gewißheit, was er tun wolle und, damit er dem Labyrinth entkomme, tun
-müsse, belebte seinen Mut wieder; seine gewöhnliche Heiterkeit kehrte
-zurück, und er gewann es über sich, alle Sorgen, alle Gedanken, die
-nicht seiner neuen Arbeit gewidmet waren, zu unterdrücken, indem er
-bloß für die Zukunft lebte, die Gegenwart aber nur insofern beachtete,
-als er ihr nicht ausweichen durfte.
-
-Welch ein Vergnügen war es während dieser Beschäftigung für ihn, seinem
-jungen Freund einen Monolog oder einige Szenen, die er in der vorigen
-Nacht ausgearbeitet, vorlesen und sich über Abänderungen oder die
-weitere Ausführung besprechen zu können! Wie erheiterten sich seine von
-Schlaflosigkeit erhitzten Augen, wenn er erzählte, um wie viel er schon
-weiter gerückt sei, und wie er hoffen dürfe, sein Trauerspiel weit
-früher als er anfangs dachte, beendigt zu haben. Je geräuschvoller die
-Außenwelt war, um so mehr zog er sich in sein Inneres zurück, indem er
-an allem dem, was damals der Seltenheit wegen jedermann beschäftigte,
-nicht den geringsten Anteil nahm. Denn schon zu Anfang des Monats
-August wurden nicht nur in Stuttgart, Hohenheim, Ludwigsburg, auf
-der Solitüde etc., sondern auch in der ganzen Umgegend die größten
-Vorbereitungen zu dem feierlichen Empfang des Großfürsten von Rußland
-(nachmaligen Kaisers Paul) und seiner Gemahlin gemacht. Die Einwohner
-Württembergs waren stolz darauf, in der künftigen Kaiserin aller Reußen
-eine Nichte ihres Herzogs bewillkommnen zu können, die sie um so mehr
-liebten, als ihre Erscheinung Erinnerungen an ihre erhabenen Eltern
-hervorrief, die jedem württembergischen Herzen um so tiefer eingegraben
-blieben, als sie solche aus Scheu vor ihrem Regenten nicht zu zeigen
-wagen durften, und auch bei der verehrten Tochter die Gerüchte es
-zweifelhaft ließen, ob ihre Güte des Herzens, die Eigenschaften ihres
-Geistes oder ihre einnehmende Schönheit den Vorzug verdiene.
-
-In der ersten Hälfte des Septembers trafen die hohen Reisenden zu
-Stuttgart ein, denen schon einige Tage früher die meisten benachbarten
-Fürsten und eine außerordentliche Menge Fremder vorausgeeilt waren,
-um den Festlichkeiten, welche für die allerhöchsten Gäste bereitet
-wurden, beiwohnen und die Prachtliebe des Herzogs wie nicht minder den
-Geschmack, mit dem er alles anzuordnen wußte, bewundern zu können.
-Die mit den schönsten, seltensten Pferden angefüllten Marställe sowie
-die dazu gehörigen Equipagen, boten Gelegenheit zu Auffahrten, die
-man damals wohl schwerlich irgendwo anders mit so großem Aufwand und
-so vielem Glanze sehen konnte. Aber wirklich ungeheuer groß waren
-die Anstalten, vermöge welcher man aus den vielen Jagdrevieren des
-Landes eine Anzahl von beinahe sechstausend Hirschen in einen nahe bei
-der Solitüde liegenden Wald zusammengetrieben hatte, die von einer
-Menge Bauern am Durchbrechen verhindert wurden, und zu welchem Zweck
-auch in der Nacht der ganze Umkreis des Waldes durch eine enge Kette
-von Wachtfeuern erleuchtet war. Nicht leicht konnte dem Großfürsten
-in einem andern Staat eine solche Anzahl von Wild beisammen gezeigt
-werden, und um das Vergnügen der Jagd zu erhöhen, waren die edlen Tiere
-bestimmt, eine steile Anhöhe hinaufgejagt und gezwungen zu werden,
-sich in einen See zu stürzen, in welchem sie, aus einem eigens dazu
-erbauten Lusthause, nach Bequemlichkeit erlegt werden konnten.
-
-In dem Gewirr und der Unruhe, welche solche Vorkehrungen bei den
-Städtern immer hervorbringen, blieb unser Dichter ganz auf sich
-eingeschränkt und hatte zu Anfang des Septembers sein Trauerspiel so
-weit gebracht, daß er es beinahe für vollendet halten durfte, indem
-er die Auslassungen, die Abänderungen, welche etwa die Aufführung
-erheischen sollte, auf eine ruhigere Zeit aufsparte und um so eher in
-wenigen Tagen damit zu Ende zu kommen hoffte, als er schon während der
-Arbeit an das Nötige hierüber gedacht.
-
-Unter den angekommenen Fremden befand sich auch Baron Dalberg, der
-einige Tage früher, als die Festlichkeiten ihren Anfang nahmen,
-eintraf, sowie die Gattin des Regisseurs Meier vom Mannheimer Theater,
-die aus Stuttgart gebürtig war. Schiller machte dem Baron Dalberg
-seinen Besuch, ohne von seinem Vorhaben das geringste zu erwähnen.
-Ebenso verschlossen blieb er gegen Madame Meier, die er öfter sah. Die
-Ursachen dieses Schweigens waren keine anderen, als weil der Vorsatz,
-etwas zu wagen, viel zu stark und die Hoffnung auf einen glücklichen
-Erfolg -- wenn er seine Bitten in diesem Tumult von Festivitäten
-und Vergnügen an seinen Fürsten gelangen lasse -- viel zu groß bei
-ihm geworden war, als daß er sich der widerlichen Empfindung hätte
-aussetzen mögen, durch Zweifel belästigt oder durch Beweise eines
-ungewissen Erfolges widerlegt zu werden.
-
-Was den Freiherrn von Dalberg insbesondere betraf, so vermutete
-Schiller, daß seiner dringenden Vorstellungen ungeachtet nur darum
-keine Verwendung für ihn geschehen, weil er noch in herzoglichen
-Diensten stehe. Käme aber das Schlimmste, daß er diese Dienste
-verlassen müßte, so wäre es ganz unmöglich, daß Baron Dalberg nach den
-vielen Versicherungen der aufrichtigsten Teilnahme und der größten
-Bereitwilligkeit, seine Wünsche zu gewähren, ihn ohne Hilfe und
-Unterstützung lassen würde. Im Gegenteil hegte er die gewisse Hoffnung,
-daß er dann als Theaterdichter in Mannheim angestellt und somit ein
-Ziel erreichen würde, welches er als das glücklichste und für ihn
-passendste anerkannte.
-
-Madame Meier als aufrichtige, wahrheitsliebende Landsmännin hätte zwar
-die Äußerungen der Schmeichelei, der Güte, des Wohlwollens, womit
-Schiller bei seiner letzten Anwesenheit in Mannheim überschüttet
-worden, sehr leicht in den Dunst und Nebel, aus dem sie bestanden,
-auflösen können, aber sie hätte dann die schönsten Träume, die
-sehnlichsten Wünsche des jungen Mannes zerstört und ihn wieder an die
-Klippe zurückgeworfen, die ihn zu zerschellen drohte. Das Beharren
-in dem jetzigen Zustande ließ allerdings den Regimentsdoktor, wie er
-vorher war, zernichtete aber den Dichter. Das Wagnis des Losreißens
-eröffnete Aussichten, die, auch nur zum Teil erfüllt, gegen den frühern
-Zwang gehalten, die Wonne eines Paradieses erwarten ließen.
-
-Aber die Zeit verfloß. Nur wenige Tage waren noch übrig, welche so
-geräuschvoll und unruhig sein konnten, daß man unbemerkt eine Reise
-hätte antreten können. Schiller ging mit seinem Freund und Mad. Meier
-auf die Solitüde, um seine Eltern und Schwestern noch einmal zu sehen,
-besonders aber von seiner Mutter, die jetzt von allem auf das genaueste
-unterrichtet war, Abschied zu nehmen und sie zu beruhigen. Der in der
-lachendsten Gegend fortlaufende Weg dahin wurde zu Fuß gemacht, welches
-die Gelegenheit bieten sollte, um von Mad. Meier unvermerkt alles
-erfahren zu können, was die innere Beschaffenheit des Theaters oder
-die Hoffnungen des Dichters betraf. Da aber alles dahin Einschlagende
-nur oberflächlich berührt wurde, auch ernsthaftere Fragen aus Furcht,
-erraten zu werden, nicht wohl gestellt werden konnten, so blieb die
-Zukunft in derselben Dämmerung wie bisher, und es war nichts übrig,
-als sich auf das Glück zu verlassen.
-
-Bei dem Eintritt in die Wohnung von Schillers Eltern befand sich nur
-die Mutter und die älteste Schwester gegenwärtig. So freundlich auch
-die Hausfrau die Fremden empfing, so war es ihr doch nicht möglich,
-sich so zu bemeistern, daß S. die Unruhe nicht aufgefallen wäre,
-mit der sie ihn anblickte und oft zu reden versuchte, ohne ein Wort
-hervorbringen zu können. Glücklicherweise trat bald der Vater Schillers
-ein, der durch Aufzählung der Festlichkeiten, welche auf der Solitüde
-gehalten werden sollten, die Aufmerksamkeit so ganz an sich zog, daß
-sich der Sohn unvermerkt mit der Mutter entfernen und seine Freunde der
-Unterhaltung mit dem Vater überlassen konnte.
-
-Es war mir auffallend, bei diesem kleinen, untersetzten Mann außer
-einer sehr schönen, großen Stirne wenig Ähnlichkeit mit seinen Sohne
-wahrnehmen zu können und auch in der klaren, bestimmten, durchaus
-scharfverständigen Sprache den Schwung und die milde Wärme zu
-vermissen, womit sein Sohn als Dichter und Philosoph jeden Gegenstand
-des Gespräches zu beleben und zu erheben wußte.
-
-Nach einer Stunde kehrte Schiller zur Gesellschaft zurück, aber -- ohne
-seine Mutter. Wie hätte diese sich zeigen können! Konnte und durfte sie
-auch den vorhabenden Schritt als eine Notwehr ansehen, durch die er
-sein Dichtertalent, sein künftiges Glück sichern und vielleicht einer
-unverschuldeten Einkerkerung vorbeugen wollte, so mußte es ihr doch das
-Herz zermalmen, ihren einzigen Sohn auf immer verlieren zu müssen, und
-zwar aus Ursachen, die so unbedeutend waren, daß sie nach den damaligen
-Ansichten in jedem andern Staat ohne besondere Folgen geblieben wären.
-Und dieser Sohn, in welchem sie beinahe ihr ganzes Selbst erblickte,
-der schon an der mütterlichen Brust die sanfte Gemütsart, die milde
-Denkweise eingesogen zu haben schien -- er hatte ihr von jeher nichts
-als Freude gewährt; sie sah ihn mit all den Eigenschaften begabt,
-die sie so oft, so inbrünstig von der Gottheit für ihn erfleht hatte!
-Und nun! -- -- -- -- -- -- -- -- -- Wie schmerzhaft das Lebewohl von
-beiden ausgesprochen worden sein mußte, ersah man an den Gesichtszügen
-des Sohnes, sowie an seinen feuchten, geröteten Augen. Er suchte diese
-einem gewöhnlichen, ihn oft befallenden Übel zuzuschreiben und konnte
-erst auf dem Wege nach Stuttgart durch die zerstreuenden Gespräche der
-Gesellschaft wieder zu einiger Munterkeit gelangen.
-
-Auf der Solitüde erfuhr man, daß daselbst am 17. September die große
-Hirschjagd, Schauspiel und eine allgemeine, prächtige Beleuchtung
-stattfinden solle. Zu Hause angelangt, wurde zwischen Schiller und
-S. alles, was ihre Reise betraf, noch um so eifriger besprochen, als
-keine Zeit mehr zu verlieren war, da die Festlichkeiten bald zu Ende
-sein würden. Als man auch erfahren, welchen Tag Schillers Regiment
-die Wachen nicht zu besetzen habe, er folglich unter den Stadttoren
-Soldaten treffen werde, denen er nicht so genau wie seinen alten
-Grenadieren bekannt sei, so wurde die Abreise auf den 17. September
-abends um neun Uhr festgesetzt.[1]
-
-Die bürgerliche Kleidung, welche sich Schiller hatte machen lassen,
-seine Wäsche, die Werke von Haller, Shakespeare etc. etc., noch einige
-andere Dichter wurden nach und nach von S. weggebracht, so daß für die
-spätern Stunden nur wenig mehr zu tun übrigblieb. Am letzten Vormittag
-sollte nach der Abrede um zehn Uhr alles bereit sein, was von Schiller
-noch wegzubringen war, und S. fand sich mit der Minute ein. Allein er
-fand nicht das mindeste hergerichtet. Denn nachdem Schiller um acht
-Uhr in der Frühe von seinem letzten Besuch in dem Lazarett zu Hause
-gekehrt war, fielen ihm bei dem Zusammensuchen seiner Bücher die Oden
-von Klopstock in die Hände, unter denen eine ihn schon oft besonders
-angezogen und aufs neue so aufregte, daß er sogleich -- jetzt in einem
-so entscheidenden Augenblick! -- ein Gegenstück dichtete. Ungeachtet
-alles Drängens, alles Antreibens zur Eile mußte S. dennoch zuerst
-die Ode und dann das Gegenstück anhören, welchem letzterem -- gewiß
-weniger aus Vorliebe für seinen begeisterten Freund -- der Schönheit
-der Sprache und Bestimmtheit der Bilder wegen, S. einen entschiedenen
-Vorzug gab. Eine geraume Zeit verging, ehe der Dichter von seinem
-Gegenstand abgelenkt, wieder auf unsere Welt, auf den heutigen Tag zu
-der fliehenden Minute zurückgebracht werden konnte. Ja es erforderte
-öfteres Fragen, ob nichts vergessen sei, sowie mehrmaliges Erinnern,
-daß nichts zurückgelassen werde. Erst am Nachmittag aber konnte alles
-in Ordnung gebracht werden, und abends neun Uhr kam Schiller in die
-Wohnung von S. mit einem Paar alten Pistolen unter seinem Kleide.
-
-Diejenige, welche noch einen ganzen Hahn, aber keinen Feuerstein hatte,
-wurde in den Koffer gelegt; die andere, mit zerbrochenem Schloß, in den
-Wagen getan. Daß aber beide nur mit frommen Wünschen für Sicherheit
-und glückliches Fortkommen geladen waren, versteht sich von selbst.
-Der Vorrat an Geld war bei den Reisenden nichts weniger als bedeutend;
-denn nach Anschaffung der nötigen Kleidungsstücke und anderer Sachen,
-die für unentbehrlich gehalten wurden, blieben Schillern noch
-dreiundzwanzig und S. noch achtundzwanzig Gulden übrig, welche aber
-von der Hoffnung und dem jugendlichen Mut auf das Zehnfache gesteigert
-wurden.
-
-Hätte Schiller nur noch einige Wochen warten und nicht durchaus sich
-schon jetzt entfernen wollen, so würde S. die nötige Summe bis Hamburg
-in Händen gehabt haben. Aber die Ungeduld des unterdrückten Jünglings,
-eine Entscheidung herbeizuführen, ließ sich schon darum nicht bezähmen,
-weil er fürchtete, eine so gute Gelegenheit zum unbemerkten Entkommen
-ungenützt vorbeigehen zu lassen und dann weit mehr Schwierigkeit bei
-dem Herzog für die Gewährung seiner Bitten zu finden. Bis Mannheim wie
-auch für einige Tage Aufenthalt daselbst konnte das kleine Vermögen
-ausreichen, und was zum Weiterkommen fehlte, sollte S. nachgeschickt
-werden.
-
-Nachdem der Wagen mit zwei Koffern und einem kleinen Klavier bepackt
-war, kam der schwere Kampf, den Schiller vor einigen Tagen bestanden,
-nun auch an S. -- von seiner guten, frommen Mutter Abschied zu
-nehmen. Auch er war der einzige Sohn, und die mütterlichen Sorgen
-ließen sich nur dadurch beschwichtigen, daß Schiller nicht nur die
-unveränderlichste Treue gegen seinen Freund gelobte, sondern auch
-die zuverlässige Hoffnung aussprach, in vierzehn Tagen wieder zurück
-eintreffen und von der glücklich vollbrachten Reise Bericht geben zu
-wollen. Von Segenswünschen und Tränen begleitet, konnten die Freunde
-endlich um zehn Uhr nachts in den Wagen steigen und abfahren.
-
-Der Weg wurde zum Eßlinger Tor hinaus genommen, weil dieses das
-dunkelste war und einer der bewährtesten Freunde Schillers -- möchte
-ihm das Vergnügen gegönnt sein, diese Zeilen noch zu lesen -- als
-Leutnant die Wache hatte, damit, wenn sich ja eine Schwierigkeit
-ergäbe, diese durch Vermittlung des Offiziers sogleich gehoben werden
-könne.
-
-Es war ein Glück, daß damals von keinem zu Wagen Reisenden ein Paß
-abgefordert wurde. Nur S. hatte sich einen nach Hamburg geben lassen,
-welches aber nur der überflüssig scheinenden Vorsicht wegen geschah.
-
-So gefaßt die jungen Leute auch auf alles waren, und so wenig sie
-eigentlich zu fürchten hatten, so machte dennoch der Anruf der
-Schildwache -- Halt! -- Wer da! -- Unteroffizier heraus! -- einen
-unheimlichen Eindruck auf sie. Nach den Fragen: Wer sind die Herren? Wo
-wollen Sie hin? wurde von S. des Dichters Name in Doktor Ritter, und
-der seinige in Doktor Wolf verwandelt, beide nach Eßlingen reisend,
-angegeben und so aufgeschrieben. Das Tor wurde nun geöffnet, die
-Reisenden fuhren vorwärts, mit forschenden Blicken in die Wachtstube
-des Offiziers, in der sie zwar kein Licht, aber beide Fenster weit
-offen sahen. Als sie außer dem Tore waren, glaubten sie einer großen
-Gefahr entronnen zu sein, und gleichsam als ob diese wiederkehren
-könnte, wurden, so lange als sie die Stadt umfahren mußten, um die
-Straße nach Ludwigsburg zu gewinnen, nur wenige Worte unter ihnen
-gewechselt. Wie aber einmal die erste Anhöhe hinter ihnen lag, kehrten
-Ruhe und Unbefangenheit zurück, das Gespräch wurde lebhafter und bezog
-sich nicht allein auf die jüngste Vergangenheit, sondern auch auf
-die bevorstehenden Erlebnisse. Gegen Mitternacht sah man links von
-Ludwigsburg eine außerordentliche Röte am Himmel, und als der Wagen in
-die Linie der Solitüde kam, zeigte das daselbst auf einer bedeutenden
-Erhöhung liegende Schloß mit allen seinen weitläufigen Nebengebäuden
-sich in einem Feuerglanze, der sich in der Entfernung von anderthalb
-Stunden auf das Überraschendste ausnahm. Die reine, heitere Luft
-ließ alles so deutlich wahrnehmen, daß Schiller seinem Gefährten den
-Punkt zeigen konnte, wo seine Eltern wohnten, aber alsbald, wie von
-einem sympathetischen Strahl berührt, mit einem unterdrückten Seufzer
-ausrief: »Meine Mutter!«
-
-Es war ganz natürlich, daß die Erinnerung an die Verhältnisse, welche
-vor einigen Stunden auf das Ungewisse hin abgerissen wurden, nicht
-anders als wehmütig sein konnte. Andererseits war es aber wieder
-beruhigend, als gewiß voraussetzen zu können, daß in diesem Wirbel von
-Festen außer den Müttern und Schwestern niemand an die Reisenden denke,
-folglich Mannheim ohne Hindernis erreicht werden könne.
-
-Morgens zwischen ein und zwei Uhr war die Station Entzweihingen
-erreicht, wo gerastet werden mußte. Als der Auftrag für etwas Kaffee
-erteilt war, zog Schiller sogleich ein Heft ungedruckter Gedichte
-von Schubart hervor, von denen er die bedeutendsten seinem Gefährten
-vorlas. Das merkwürdigste darunter war die Fürstengruft, welches
-Schubart in den ersten Monaten seiner engen Gefangenschaft mit der
-Ecke einer Beinkleiderschnalle in die nassen Wände seines Kerkers
-eingegraben hatte. Damals, 1782, war Schubart noch auf der Festung, wo
-er aber jetzt sehr leidlich gehalten wurde. In manchem dieser Gedichte
-fanden sich Anspielungen, die nicht schwer zu deuten waren, und die
-keine nahe Befreiung ihres Verfassers erwarten ließen.
-
-Schiller hatte für die dichterischen Talente des Gefangenen sehr viele
-Hochachtung. Auch hatte er ihn einigemal auf dem Asperg besucht.
-
-Nach drei Uhr wurde von Entzweihingen aufgebrochen, und nach acht
-Uhr morgens war die kurpfälzische, durch eine kleine Pyramide
-angedeutete Grenze erreicht, die mit einer Freude betreten wurde, als
-ob rückwärts alles Lästige geblieben wäre und das ersehnte Eldorado
-bald erreicht sein würde. Das Gefühl, eines harten Zwanges entledigt
-zu sein, verbunden mit dem heiligen Vorsatz, demselben sich nie mehr
-zu unterwerfen, belebten das bisher etwas düstere Gemüt Schillers zur
-gefälligsten Heiterkeit, wozu die angenehme Gegend, das muntere Wesen
-und Treiben der rüstigen Einwohner wohl auch das ihrige beitrugen.
-»Sehen Sie,« rief er seinem Begleiter zu, »sehen Sie, wie freundlich
-die Pfähle und Schranken mit Blau und Weiß angestrichen sind! Ebenso
-freundlich ist auch der Geist der Regierung!«
-
-Ein lebhaftes Gespräch, das durch diese Bemerkung herbeigeführt wurde,
-verkürzte die Zeit dergestalt, daß es kaum möglich schien, um zehn Uhr
-schon in Bretten angekommen zu sein. Dort wurde bei dem Postmeister
-Pallavicini abgestiegen, etwas gegessen, der von Stuttgart mitgenommene
-Wagen und Kutscher zurückgeschickt, nachmittags die Post genommen und
-über Waghäusel nach Schwetzingen gefahren, allwo die Ankunft nach neun
-Uhr abends erfolgte. Da in Mannheim als einer Hauptfestung die Tore mit
-Eintritt der Dunkelheit geschlossen wurden, so mußte in Schwetzingen
-übernachtet werden, welches auf zwei unruhige Tage und eine schlaflose
-Nacht um so erwünschter war.
-
-Am 19. September waren die Reisenden des Morgens sehr früh geschäftig,
-um sich zu dem Eintritt in Mannheim vorzubereiten. Das Beste, was die
-Koffer faßten, wurde hervorgesucht, um durch scheinbaren Wohlstand
-sich eine Achtung zu sichern, die dem dürftig oder leidend Aussehenden
-fast immer versagt wird. Die Hoffnung Schillers, seine kranke Börse
-in der nächsten Zeit durch einige Erfrischungen beleben zu können,
-war keine Selbsttäuschung; denn wer hätte daran zweifeln mögen, daß
-eine Theaterdirektion, die schon im ersten Jahre so vielen Vorteil aus
-den Räubern gezogen, sich nicht beeilen würde, das zweite Stück des
-Dichters -- das nicht nur für das große Publikum, sondern auch für den
-gebildeten Teil desselben berechnet war -- gleichfalls aufzunehmen?
-Es ließ sich für gewiß erwarten -- die Entscheidung des Herzogs möge
-nun gewährend oder verneinend ausfallen -- daß noch in diesem Jahre
-Fiesco aufgeführt werde und dann war der Verfasser durch eine freie
-Einnahme oder ein beträchtliches Honorar auf so lange geborgen, daß er
-sich wieder neue Hilfsmittel schaffen konnte. Mit der Zuversicht, daß
-die nächsten vierzehn Tage schon diese Vermutungen in volle Gewißheit
-umwandeln müßten, wurde die Postchaise zum letztenmal bestiegen und
-nach Mannheim eingelenkt, das in zwei Stunden, ohne irgend eine Frage
-oder Aufenthalt an dem Tore der Festung, erreicht war.
-
-Der Theaterregisseur, Herr Meier, bei welchem abgestiegen wurde, war
-sehr überrascht, Schillern zu einer Zeit bei sich zu sehen, wo er
-ihn in lauter Feste und Zerstreuungen versunken glaubte; aber seine
-Überraschung ging in Erstaunen über, als er vernahm, daß der junge
-Mann, den er so hoch verehrte, jetzt als Flüchtling vor ihm stehe.
-Obwohl Herr Meier bei der zweimaligen Anwesenheit Schillers in Mannheim
-von diesem selbst über sein mißbehagliches Leben und Treiben in
-Stuttgart unterrichtet war, so hatte er doch nicht geglaubt, daß diese
-Verhältnisse auf eine so gewagte und plötzliche Art abgerissen werden
-sollten. Als gebildeter Weltmann enthielt er sich bei den weitern
-Erklärungen Schillers hierüber jedes Widerspruchs und bestärkte ihn
-nur in diesem Vorhaben, noch heute eine Vorstellung an den Herzog
-einzusenden und durch seine Bitte eine Aussöhnung bewirken zu wollen.
-Die Reisenden wurden von ihm zum Mittagessen eingeladen, und er hatte
-auch die Gefälligkeit, in der Nähe seines Hauses eine Wohnung, die in
-dem menschenleeren Mannheim augenblicklich zu haben war, aufnehmen zu
-lassen, wohin sogleich das Reisegeräte geschafft wurde.
-
-Nach Tische begab sich Schiller in das Nebenzimmer, um daselbst an
-seinen Fürsten zu schreiben. Als er in einigen Stunden fertig war, las
-er den vorher nicht aufgesetzten, aber vortrefflich geschriebenen Brief
-den wartenden Freunden vor, dessen wesentlicher Inhalt folgender war:
-
- »Im Eingang erwähnte er, daß er in der Akademie das Studium, zu dem
- er eine entschiedene Neigung gehabt, niemals habe treiben dürfen
- oder können, und er sich nur aus Gehorsam gegen den fürstlichen
- Willen, zuerst der Rechtswissenschaft und dann der Arzneikunde
- gewidmet habe. Er erinnerte den Herzog an die vielen und großen
- Gnaden, welcher er während der sieben Jahre seines Aufenthaltes
- von ihm gewürdigt worden, und die so bedeutend waren, daß er ewig
- stolz darauf sein werde, sagen zu dürfen, sein Fürst habe ihn in
- seinem Herzen getragen. Dann setzte er erstens die Unmöglichkeit
- auseinander, mit seiner geringen Besoldung leben oder durch seinen
- Beruf als Arzt sich ein besseres Auskommen verschaffen zu können,
- indem die Anzahl der Mediziner zu groß in Stuttgart sei, und ein
- Anfänger zu lange Zeit brauche, um sich bekannt zu machen, er auch
- von Haus nichts zuzusetzen habe.
-
- »Zweitens bat er um die Aufhebung des Befehls, keine andern als
- medizinische Schriften drucken zu lassen, indem die Bekanntmachung
- seiner dichterischen Arbeiten allein imstande sei, seine Einnahme
- zu verbessern.
-
- »Drittens möge es ihm erlaubt werden, alle Jahre, auf kurze Zeit,
- eine Reise in das Ausland zu machen.
-
- »Viertens, daß er sehr gern wieder zurückkehren wolle, wenn ihm das
- fürstliche Wort gegeben würde, daß seine eigenmächtige Entfernung
- verziehen sei und er keine Strafe dafür zu befürchten habe.«
-
-Dieses Schreiben wurde einem Brief an seinen Regimentschef, den General
-Augé, beigeschlossen und dieser ersucht, die vorgelegten Bitten nach
-seinen besten Kräften sowie durch seinen ganzen Einfluß bei dem Herzog
-unterstützen zu wollen. Schiller glaubte für seine Sicherheit so wenig
-befürchten zu dürfen, daß er den General bat, ihm seine Antwort durch
-die Adresse des Herrn Meier zukommen zu lassen. Obwohl letzterer über
-das wahrscheinliche Verfahren des Herzogs nicht so ruhig sein konnte
-als derjenige, den es zunächst betraf, so mußte er doch die Möglichkeit
-zugestehen, daß der Fürst durch die rührenden und bescheidenen
-Vorstellungen seines ehemaligen Günstlings wie auch aus Rücksicht gegen
-dessen Eltern vielleicht bewogen werden könne, von den gewöhnlichen
-Verfügungen für diesmal abzugehen und wenigstem einen Teil der Bitten
-zu bewilligen.
-
-Den andern Tag abends traf Madame Meier von Stuttgart wieder zu
-Hause ein. Sie erzählte, daß sie schon am 18. vormittags Schillers
-Verschwinden erfahren, daß jedermann davon spreche und allgemein
-vermutet werde, man würde ihm nachsetzen lassen oder seine Auslieferung
-verlangen. Schiller beruhigte jedoch seine Freunde durch die
-Versicherung, daß er den großmütigen Charakter seines Herzogs durch zu
-viele Proben habe kennen lernen, als daß er nur die geringste Gefahr
-befürchte, so lang' er den Willen zeige, wieder zurückzukommen.
-
-Dies sei geschehen, eines Vergehens könne man ihn nicht anklagen;
-eigentlicher Soldat sei er nicht, folglich könne man ihn auch
-nicht unter die Klasse derjenigen zählen, denen bei freiwilligem
-Abschiednehmen nachgesetzt wird.
-
-Indessen wurde es doch für ratsam gehalten, daß er sich nirgends
-öffentlich zeigen solle, wodurch er nun auf seine Wohnung und das
-Meiersche Haus allein eingeschränkt blieb. Für die Reisenden war es
-sehr angenehm, in der Hausfrau eine teilnehmende Landsmännin und sehr
-gebildete Freundin zu finden, die in alles einging, was ihr jetziges
-oder künftiges Schicksal betraf, und dasjenige mit leichter Zunge
-behandelte, über was sich Männer nur sehr ungern offen erklären.
-
-Nicht nur für diese bedenkliche Zeit, sondern auch in der Folge blieben
-diese würdigen Leute Schillers aufrichtigste, wahrste Freunde, und
-Madame Meier bewies sich besonders bei dieser Gelegenheit so sorgsam
-und tätig wie eine Mutter, die sich um ihren Sohn anzunehmen hat.
-
-Mittlerweile hatte S. schon am ersten Abend mit Herrn Meier über das
-neue, beinahe ganz fertige Trauerspiel Fiesco gesprochen und desselben
-als einer Arbeit erwähnt, die den Räubern aus vielen Rücksichten
-vorzuziehen sei. Es ergab sich nun von selbst, daß der Dichter
-darum angegangen wurde, die erregte Neugierde durch Mitteilung des
-Manuskriptes zu befriedigen, wozu sich aber dieser nur unter der
-Bedingung verstand, wenn eine größere Anzahl von Zuhörern gegenwärtig
-sei. Man fand dies um so natürlicher, da wohl unter allen Schauspielern
-sich keiner befand, der nicht im höchsten Grad auf die zweite Arbeit
-eines Jünglings begierig gewesen wäre, welcher sich schon durch seine
-erste auf eine so außerordentliche Art angekündigt hatte. Es wurde
-daher sogleich ein Tag festgesetzt, auf welchen die bedeutendsten
-Künstler des Theaters eingeladen werden sollten, um der Vorlesung des
-neuen Stücks beizuwohnen.
-
-Nach zwei erwartungsvollen Tagen traf die Antwort von General Augé
-an Schiller ein, welche folgendes enthielt: »Der General habe den
-Wünschen Schillers entsprochen und sein Schreiben dem Herzog nicht
-nur vorgelegt, sondern auch durch sein Vorwort die getanen Bitten
-unterstützt. Er habe daher den Auftrag erhalten, ihn wissen zu lassen:
-da Se. herzogliche Durchlaucht bei Anwesenheit der hohen Verwandten
-jetzt sehr gnädig wären, er nur zurückkommen solle.«
-
-Da dieses Schreiben von allem dem nicht das geringste erwähnte, um was
-Schiller zur Erleichterung seines Schicksals so dringend gebeten hatte,
-so schrieb er dem General augenblicklich zurück, daß er diese Äußerung
-Sr. Durchlaucht unmöglich als eine Gewährung seines Gesuches betrachten
-könne, folglich genötigt sei, bei dem Inhalt seiner Bittschrift zu
-beharren, und seinen Chef ersuche, alles anzuwenden, um den Herzog zur
-Erfüllung seiner Wünsche zu vermögen.
-
-Durch diese Antwort seines Generals in Zweifel gesetzt, was er zu
-hoffen oder zu fürchten habe, schrieb Schiller -- was er schon am
-zweiten Tag seiner Ankunft an seine Eltern getan -- sogleich an einige
-Freunde, damit, wenn sie etwas erführen, was ihm schaden könnte, sie
-ihm doch alsobald Nachricht geben möchten, und sah den Antworten mit
-ebensoviel Unruhe als Neugierde entgegen.
-
-Der Nachmittag war zur Vorlesung des neuen Trauerspiels bestimmt, wozu
-sich gegen vier Uhr außer Iffland, Beil, Beck noch mehrere Schauspieler
-einfanden, die nicht Worte genug finden konnten, um ihre tiefe
-Verehrung gegen den Dichter sowie über die hohe Erwartung auszudrücken,
-die sie von dem neuesten Produkt eines so erhabenen Geistes hätten.
-Nachdem sich alle um einen großen, runden Tisch gesetzt hatten,
-schickte der Verfasser erst eine kurze Erzählung der wirklichen
-Geschichte und eine Erklärung der vorkommenden Personen voraus, worauf
-er dann zu lesen anfing.
-
-Für S. war das Beisammensehen so berühmter Künstler wie Iffland, Meier,
-Beil, von denen das Gerücht Außerordentliches sagte, um so mehr neu
-und willkommen, als er noch nie mit einem Schauspieler einigen Umgang
-gehabt hatte. Im stillen feierte er schon den Triumph, wie überrascht
-diese Leute, die den Dichter mit unverwandten Augen ansahen, über die
-vielen schönen Stellen sein würden, die schon in den ersten Szenen,
-sowie in den folgenden noch häufiger vorkommen, und sah nicht den
-Vorleser, sondern nur die Zuhörer an, um die Eindrücke zu bemerken,
-welche die vorzüglichsten Ausdrücke bei ihnen hervorbringen würden.
-
-Aber der erste Akt wurde zwar bei größter Stille, jedoch ohne das
-geringste Zeichen des Beifalls abgelesen, und er war kaum zu Ende,
-als Herr Beil sich entfernte und die übrigen sich von der Geschichte
-Fiescos oder andern Tagesneuigkeiten unterhielten.
-
-Der zweite Akt wurde von Schiller weiter gelesen, ebenso aufmerksam
-wie der erste, aber ohne das geringste Zeichen von Lob oder Beifall
-angehört. Alles stand jetzt auf, weil Erfrischungen von Obst, Trauben
-etc. herumgegeben wurden. Einer der Schauspieler, namens Frank, schlug
-ein Bolzschießen vor, zu dem man auch Anstalt zu machen schien. Allein
-nach einer Viertelstunde hatte sich alles verlaufen, und außer den zum
-Haus Gehörigen war nur Iffland geblieben, der sich erst um acht Uhr
-nachts entfernte.
-
-Als ein vollkommener Neuling in der Welt konnte sich S. diese
-Gleichgültigkeit, ja diese Abneigung gegen eine so vortreffliche
-Dichtung von denen am allerwenigsten erklären, die kaum vor einer
-Stunde die größte Bewunderung und Verehrung für Schiller ihm selbst
-bezeugt hatten, und es empöre ihn um so heftiger, alle die Sagen von
-Neid und Kabale der Schauspieler jetzt schon bestätigt zu sehen, da die
-Antwort des Generals Augé wenig Hoffnung ließ, daß sein Freund jemals
-zurückkehren dürfe; wo alsdann sein Schicksal bei solchen Leuten sehr
-beklagenswert sein müßte.
-
-Aber der Unerfahrene sollte noch mehr in Verlegenheit gesetzt werden;
-denn als er eben im Begriff war, sich über die ungewöhnliche und
-beinahe verächtliche Behandlung Schillers bei Herrn Meier zu beklagen,
-zog ihn dieser in das Nebenzimmer und fragte: »Sagen Sie mir jetzt
-ganz aufrichtig, wissen Sie gewiß, daß es Schiller ist, der die Räuber
-geschrieben?«
-
-Zuverlässig! Wie können Sie daran zweifeln?
-
-»Wissen Sie gewiß, daß nicht ein anderer dieses Stück geschrieben und
-er es nur unter seinem Namen herausgegeben? Oder hat ihm jemand anderer
-daran geholfen?«
-
-Ich kenne Schillern schon im zweiten Jahre und will mit meinem Leben
-dafür bürgen, daß er die Räuber ganz allein geschrieben und ebenso auch
-für das Theater abgeändert hat. Aber warum fragen Sie mich dieses alles?
-
-»Weil der Fiesco das Allerschlechteste ist, was ich je in meinem Leben
-gehört, und weil es unmöglich ist, daß derselbe Schiller, der die
-Räuber geschrieben, etwas so Gemeines, Elendes sollte gemacht haben.«
-
-S. suchte Herrn Meier zu widerlegen und ihm zu beweisen, daß Fiesco
-weit regelmäßiger für die Bühne und darin alles vermieden sei, was an
-den Räubern mit Recht so scharf getadelt worden. Er müsse das neue
-Stück nur öfter hören oder es selbst durchlesen, dann werde er es
-gewiß ganz anders beurteilen und ihm Geschmack abgewinnen. Allein alle
-diese Reden waren vergebens. Herr Meier beharrte um so mehr auf seiner
-Meinung, weil es ihm als einem erfahrnen Schauspieler zukommen müsse,
-aus einigen Szenen den Gehalt des Ganzen sogleich beurteilen zu können,
-und sein Schluß war: »Wenn Schiller wirklich die Räuber und Fiesco
-geschrieben, so hat er alle seine Kraft an dem ersten Stück erschöpft
-und kann nun nichts mehr als lauter erbärmliches, schwülstiges,
-unsinniges Zeug hervorbringen.«
-
-Dieses Urteil, von einem Mann ausgesprochen, den man nicht nur als
-einen vollgültigen Richter, sondern auch als einen solchen Freund
-Schillers ansehen durfte, dem an der guten Aufnahme des Stückes beinahe
-ebensoviel als dem Verfasser selbst gelegen sei, machte auf S. einen so
-betäubenden Eindruck, daß ihm die Sprache für den Augenblick den Dienst
-versagte. War dies Herr Meier, der so zu ihm sprach? Hatte er auch
-recht gehört? Sollte er die Erwartungen Meiers zu hoch gespannt haben?
-Wäre es möglich, daß er sich getäuscht und dasjenige vortrefflich
-gefunden, was andere, die man für Kenner gelten lassen mußte, nun
-als schlecht, als unsinnig beurteilen? Oder hat sich Meier mit den
-andern verschworen, zum Untergang des Stücks und seines Verfassers
-mitzuwirken? Diese Fragen, durch das Unbegreifliche des Vorganges und
-der Äußerungen Meiers hervorgerufen, machte S. an sich selbst und fand
-sie um so quälender, da ihre Auflösung nicht sogleich erfolgen konnte.
-Die Abendstunden wurden von den Anwesenden mit größter Verlegenheit
-zugebracht. Von Fiesco erwähnte niemand mehr eine Silbe. Schiller
-selbst war äußerst verstimmt und nahm mit seinem Gefährten zeitlich
-Abschied. Bei dem Weggehen ersuchte ihn Meier, ihm für die Nacht das
-Manuskript da zu lassen, indem er nur die zwei ersten Akte gehört und
-doch gern wissen möchte, welchen Ausgang das Stück nähme. Schiller
-bewilligte diese Bitte sehr gern.
-
-Über den kalten Empfang Fiescos, von dem man die willkommenste Aufnahme
-erwartet hatte, wurde zu Hause nichts, und überhaupt sehr lange wenig
-gesprochen, bis sich Schiller endlich Luft machte und über den Neid,
-die Kabale, den Unverstand der Schauspieler Klagen führte. Jetzt zum
-erstenmal sprach er den ernstlichen Vorsatz aus, daß, wenn er hier
-nicht als Schauspieldichter angestellt oder sein Trauerspiel nicht
-angenommen werde, er selbst als Schauspieler auftreten wolle, indem
-eigentlich doch niemand so deklamieren könne wie er. S. wollte dem
-mißlaunigen Freunde nicht geradezu widersprechen, gab ihm aber doch
-zu bedenken, in welche Verlegenheit er seine Mutter und Schwester,
-besonders aber seinen Vater setzen würde, wenn sie erfahren müßten, daß
-er nun weiter nichts als ein Schauspieler geworden sei, da er selbst
-sich doch einen so glänzenden Erfolg von seiner Reise versprochen. Er
-erinnerte ihn an das Vorurteil, das man in Stuttgart gegen diesen Stand
-hege, wo man zwar dem einzelnen Gerechtigkeit widerfahren lasse, sich
-aber doch jedes nähern Umganges mit ihm enthalte. Er möge doch mit
-Geduld warten, bis Baron von Dalberg in Mannheim eintreffe, von dem
-allein die günstige Wendung seines Schicksals zu hoffen sei.
-
-Mit bangen Erwartungen wegen des Endurteils, das über Fiesco und seinen
-Verfasser gefällt werden sollte, begab sich S. den andern Morgen
-ziemlich früh zu Herrn Meier, der ihn kaum ansichtig wurde, als er
-ausrief: »Sie haben recht! Sie haben recht! Fiesco ist ein Meisterstück
-und weit besser bearbeitet als die Räuber. Aber wissen Sie auch was
-schuld daran ist, daß ich und alle Zuhörer es für das elendeste
-Machwerk hielten? Schillers schwäbische Aussprache und die verwünschte
-Art, wie er alles deklamiert! Er sagt alles in dem nämlichen
-hochtrabenden Ton her, ob es heißt: Er macht die Türe zu, oder ob es
-eine Hauptstelle seines Helden ist. Aber jetzt muß das Stück in den
-Ausschuß kommen, da wollen wir es uns vorlesen und alles in Bewegung
-setzen, um es bald auf das Theater zu bringen!«
-
-Der Schluß von Herrn Meiers Rede verwandelte die Niedergeschlagenheit
-von S. in eine solche Freude, daß er, ohne Schillern zu entschuldigen
-oder die herabsetzende Meinung von dessen Ansprache und
-Deklamationsgabe widerlegen zu wollen, augenblicklich nach Hause eilte,
-um dem Dichter, der eben aufgestanden war, die angenehme Nachricht zu
-hinterbringen, sein Trauerspiel werde bald in lebendigen Gestalten
-vor ihm erscheinen. Daß seine Mundart, seine heftige Aussprache den
-schlechten Erfolg von gestern hervorgebracht, wurde ihm sorgfältig
-verschwiegen, um sein ohnehin krankes Gemüt nicht zu reizen.
-
-Am andern Tage traf die Antwort des Generals Augé auf das zweite
-Schreiben Schillers ein, welche aber von ganz gleichem Inhalt wie
-die erste war, nämlich: »Da Se. herzogliche Durchlaucht jetzt sehr
-gnädig wären, er nur zurückkommen solle.« Allein Schiller konnte in
-keinem Fall wagen, wieder heimzukehren, da ihm weder Straflosigkeit
-zugesichert, noch eine seiner Bitten bewilligt worden war. Der
-entscheidende Schritt war einmal geschehen, und so wenig Glänzendes
-sich auch jetzt zeigte, so ließ sich doch dieses von der Zukunft
-hoffen; ja er fand es geratener, weit eher einem ungewissen Schicksal
-entgegen zu gehen, als sich das frühere Joch wieder auflegen zu lassen,
-das ihm ohnehin schon den Nacken wund gerieben und in der Folge
-zuverlässig auf das Mark des Lebens eingedrungen sein würde.
-
-Er hielt nun das, was er zu tun habe, für so gewiß entschieden, daß er
-nicht mehr an seinen General schrieb, sondern dem Rate seiner Freunde
-folgte, sich auf einige Wochen zu entfernen, indem es doch möglich
-wäre, daß seine Auslieferung von der pfälzischen Regierung verlangt
-würde, weil er auf Kosten des Herzogs in der Akademie erzogen worden
-und auch, da er Uniform getragen, einigermaßen zum Militärstande
-gerechnet werden könne. Geschähe in einigen Wochen nichts gegen ihn, so
-wäre man beinahe versichert, seine Entweichung sei vergessen oder der
-Herzog werde seiner gewöhnlichen Großmut gemäß nicht weiter nach ihm
-fragen.
-
-Da auch Baron Dalberg noch immer in Stuttgart verweilte und seine
-Rückkehr ungewiß blieb, folglich für die Bestimmung Schillers nichts
-getan werden konnte, so wurde nach einem Aufenthalt von sechs
-oder sieben Tagen die Reise über Darmstadt nach Frankfurt am Main
-beschlossen, wo auch die weiteren Nachrichten von Haus oder von
-Mannheim abgewartet werden konnten.
-
-Aber diese Reise mußte zu Fuß gemacht werden; denn das kleine Kapital,
-das jeder von Stuttgart mit sich nehmen konnte, war durch die Herreise,
-durch das Verweilen in Mannheim so herab geschwunden, daß es bei der
-größten Sparsamkeit nur noch zehn oder zwölf Tage ausreichen konnte.
-Für Schiller war es wohl nicht tunlich, sich bei seinen Eltern um
-Hilfe zu bewerben; denn seinem Vater durfte er nicht schreiben, um
-ihn keinem Verdachte bloßzustellen, und seiner Mutter wollte er nicht
-den Kummer machen, sie wissen zu lassen, daß er jetzt schon Mangel
-leide, da sie gewiß geglaubt, er würde einem sehr behaglichen Zustand
-entgegengehen. Es schrieb daher S. an seine Mutter, ihm vorläufig, aber
-so bald als möglich dreißig Gulden auf dem Postwagen nach Frankfurt zu
-schicken, weil Schiller in Mannheim nichts bezogen habe, beide nur noch
-auf einige Tage mit Geld versehen seien und er den Freund in diesen
-Umständen unmöglich verlassen könne.
-
-Nach dem herzlichsten Abschied von Herrn und Madame Meier und nur
-mit dem Unentbehrlichsten in den Taschen gingen die Reisenden nach
-Tisch über die Neckarbrücke von Mannheim ab, schlugen den Weg nach
-Sandhofen ein, blieben in einem Dorf über Nacht und gingen den andern
-Tag durch die herrliche, rechts mit Burgruinen prangende Bergstraße
-nach Darmstadt, wo sie abends gegen sechs Uhr eintrafen. Sehr ermüdet
-von dem ungewohnten, zwölfstündigen Marsch begaben sie sich in
-einen Gasthof und waren sehr froh, nach einem guten Abendessen in
-reinlichen Betten ausruhen und sich durch Schlaf erholen zu können.
-Letzteres sollte ihnen aber nicht zu teil werden; denn aus dem tiefsten
-Schlafe wurden sie durch ein so lärmendes, fürchterliches Trommeln
-aufgeschreckt, daß man glauben mußte, es sei ein sehr heftiges Feuer
-ausgebrochen. Sie horchten, als das schreckliche Getöse sich entfernt
-hatte, ob man nicht reiten, fahren oder schreien höre; sie öffneten
-die Fenster, ob sich keine Helle von Flammen zeige, aber alles blieb
-ruhig, und wenn es nur einer allein gehört hätte, würde er sich endlich
-selbst überredet haben, es sei ein Traum gewesen. Am Morgen erkundigten
-sie sich bei dem Wirt, was das außerordentlich starke Trommeln in der
-Stadt zu bedeuten gehabt, und erfuhren mit Erstaunen, daß dieses jede
-Nacht mit dem Schlag zwölf Uhr so wäre. Es sei die Reveille!
-
-Des Morgens fühlte sich Schiller etwas unpäßlich, bestand aber doch
-darauf, den sechs Stunden langen Weg nach Frankfurt noch heute zu
-gehen, damit er alsogleich nach Mannheim schreiben und sich die
-indessen an ihn eingelaufenen Briefe schicken lassen könne.
-
-Es war ein sehr schöner, heiterer Morgen, als die Reisenden ihre
-ermüdeten Füße wieder in Gang zu bringen versuchten und den Weg
-antraten. Langsam schritten sie vorwärts, rasteten aber schon nach
-einer Stunde, um sich in einem Dorfe mit etwas Kirschengeist, in Wasser
-geschüttet, abzukühlen und zu stärken. Zu Mittag kehrten sie wieder
-ein, weniger wegen des Essens, als daß Schiller, der sehr müde war,
-sich etwas ausruhen könne. Allein es war in dem Wirtshause zu lärmend,
-die Leute zu roh, als daß es über eine halbe Stunde auszuhalten
-gewesen wäre. Man machte sich also noch einmal auf, um Frankfurt in
-einigen Stunden zu erreichen, welches aber die Mattigkeit Schillers
-kaum zuzulassen schien; denn er ging immer langsamer, mit jeder Minute
-vermehrte sich seine Blässe, und als man in ein Wäldchen gelangte, in
-welchem seitwärts eine Stelle ausgehauen war, erklärte er, außerstande
-zu sein noch weiter zu gehen, sondern versuchen zu wollen, ob er sich
-nach einigen Stunden Ruhe wenigstens so weit erhole, um heute noch die
-Stadt erreichen zu können. Er legte sich unter ein schattiges Gebüsch
-ins Gras nieder, um zu schlafen, und S. setzte sich auf den abgehauenen
-Stamm eines Baumes, ängstlich und bange nach dem armen Freund
-hinschauend, der nun doppelt unglücklich war.
-
-In welcher Sorge und Unruhe der Wachende die Zeit zugebracht,
-während der Kranke schlief, kann nur derjenige allein fühlen, der
-die Freundschaft nicht bloß durch den Austausch gegenseitiger
-Gefälligkeiten, sondern auch durch das wirkliche mit Leiden und mit
-Tragen aller Widerwärtigkeiten kennt. Und hier mußte die innigste
-Teilnahme um so größer sein, da sie einem Jüngling galt, der in allem
-das reinste Gemüt, den höchsten Adel der Seele kund gab und all
-das Erhabene und Schöne schon im voraus ahnen ließ, das er später
-so groß und herrlich entfaltete. Auch in seinen gehärmten, düstern
-Zügen ließ sich noch der stolze Mut wahrnehmen, mit dem er gegen ein
-hartes, unverdientes Schicksal zu kämpfen suchte, und die wechselnde
-Gesichtsfarbe verriet, was ihn, auch seiner unbewußt, beschäftige.
-Das Ruheplätzchen lag für den Schlafenden so günstig, daß nur links
-ein Fußsteig vorbeiführte, der aber während zwei Stunden von niemand
-betreten wurde. Erst nach Verlauf dieser Zeit zeigte sich plötzlich
-ein Offizier in blaßblauer Uniform mit gelben Aufschlägen, dessen
-überhöflicher Ausruf: »Ah! hier ruht man sich aus!« einen der in
-Frankfurt liegenden Werber vermuten ließ. Er näherte sich mit der
-Frage: »Wer sind die Herren?« worauf S. etwas laut und barsch
-antwortete: »Reisende.«
-
-Schiller erwachte, richtete sich schnell auf und maß den Fremden mit
-scharfem, verwundertem Blick, der sich nun auch, da er wohl merken
-mochte, daß hier für ihn nichts zu angeln sei, ohne weiter ein Wort zu
-sprechen, entfernte.
-
-Auf die schnelle Frage von S., wie geht's, wie ist Ihnen? erfolgte
-zu seiner großen Beruhigung die Antwort: »Mir ist etwas besser, ich
-glaube, daß wir unsern Marsch wieder antreten können.« Er stand auf,
-durch den Schlaf soweit gestärkt, daß er, anfangs zwar langsam, aber
-doch ohne Beschwerde fortgehen konnte. Außerhalb des Wäldchens traf
-man auf einige Leute, welche die Entfernung der Stadt noch auf eine
-kleine Stunde angaben. Diese Nachricht belebte den Mut, es wurde etwas
-schneller gegangen, und ganz unvermutet zeigte sich das altertümlich
-gebaute, merkwürdige Frankfurt, in welches man auch noch vor der
-Dämmerung eintrat.
-
-Teils aus nötiger Sparsamkeit, teils auch, wenn Nachforschungen
-geschehen sollten, um so leichter verborgen zu sein, wurde die
-Wohnung in der Vorstadt Sachsenhausen bei einem Wirte der Mainbrücke
-gegenüber gewählt und mit demselben sogleich der Betrag für Zimmer und
-Verköstigung auf den Tag bedungen, damit man genau wisse, wie lange der
-geringe Geldvorrat noch ausreichen würde.
-
-Die Gewißheit, hier genugsam verborgen zu sein, die vergönnte Ruhe und
-ein erquickender Schlaf gaben Schillern die nötigen Kräfte, daß er des
-andern Tages einige Briefe nach Mannheim schreiben konnte. Unter diesen
-befand sich auch derjenige an Baron Dalberg, der sich in obengenannter
-Sammlung Seite 71 befindet. Gern würde der Verfasser dieses dem Leser
-einen kleinen Schmerz ersparen, aber er muß es wissen, und bei diesem
-außerordentlichen, jetzt beinahe vergötterten Dichter, wiederholt
-bestätigt sehen, daß in Deutschland keinem großen Mann in seiner
-Jugend auf Rosen gebettet wird; daß -- ist er nicht schon durch die
-Eltern mit Glücksgütern gesegnet -- er die rauhesten, mit verwundenden
-Dornen belegten Wege betreten muß, und selten, leider äußerst selten,
-eine freundliche Hand sich findet, um ihm die Bahn gangbarer, um
-seiner Brust das Atmen leichter zu machen. Man überschlage den Brief
-nicht; denn er wurde mit gepreßtem Gemüt und nicht mit trockenen Augen
-geschrieben.
-
- »Eure Exzellenz werden von meinen Freunden zu Mannheim meine Lage
- bis zu Ihrer Ankunft, die ich leider nicht mehr abwarten konnte,
- erfahren haben. Sobald ich Ihnen sage, ich bin auf der Flucht,
- sobald hab' ich mein ganzes Schicksal geschildert. Aber noch kommt
- das Schlimmste dazu. Ich habe die nötigen Hilfsmittel nicht, die
- mich in den Stand setzten, meinem Mißgeschick Trotz zu bieten.
- Ich habe mich von Stuttgart meiner Sicherheit wegen schnell und
- zur Zeit des Großfürsten losreißen müssen. Dadurch habe ich meine
- bisherigen ökonomischen Verhältnisse plötzlich durchrissen und
- nicht alle Schulden berichtigen können. Meine Hoffnung war auf
- meinen Aufenthalt zu Mannheim gesetzt; dort hoffte ich, von E. E.
- unterstützt, durch mein Schauspiel mich nicht nur schuldenfrei,
- sondern auch überhaupt in bessere Umstände zu setzen. Dies ward
- durch meinen notwendigen plötzlichen Aufbruch hintertrieben. Ich
- ging leer hinweg, leer in Börse und Hoffnung. Es könnte mich
- schamrot machen, daß ich Ihnen solche Geständnisse tun muß; aber
- ich weiß, es erniedrigt mich nicht. Traurig genug, daß ich auch an
- mir die gehässige Wahrheit bestätigt sehen muß, die jedem freien
- Schwaben Wachstum und Vollendung abspricht.[2]
-
- »Wenn meine bisherige Handlungsart, wenn alles das, woraus E. E.
- meinen Charakter erkennen, Ihnen ein Zutrauen gegen meine Ehrliebe
- einflößen kann, so erlauben Sie mir, Sie freimütig um Unterstützung
- zu bitten. So höchst notwendig ich jetzt des Ertrags bedarf, den
- ich von meinem Fiesco erwartete, so wenig kann ich ihn vor drei
- Wochen theaterfertig liefern, weil mein Herz so lange beklemmt war,
- weil das Gefühl meines Zustandes mich gänzlich von dichterischen
- Träumen zurückriß. Wenn ich ihn aber bis auf besagte Zeit nicht nur
- fertig, sondern, wie ich auch hoffen kann, würdig verspreche, so
- nehme ich mir daraus den Mut, Euer Exzellenz um gütigsten Vorschuß
- des mir dadurch zufallenden Preises gehorsamst zu bitten, weil ich
- jetzt vielleicht mehr als sonst durch mein ganzes Leben dessen
- benötigt bin. Ich hätte ungefähr noch 200 fl. nach Stuttgart zu
- bezahlen. Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorge macht,
- als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll. Ich habe so
- lange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe.
-
- »Dann wird mein Reisemagazin in acht Tagen erschöpft sein. Noch
- ist es mir gänzlich unmöglich mit dem Geiste zu arbeiten. Ich habe
- also gegenwärtig auch in meinem Kopf keine Ressourcen. Wenn E.
- E. (da ich doch einmal alles gesagt habe) mir auch hiezu 100 fl.
- vorstrecken würden, so wäre mir gänzlich geholfen. Entweder würden
- Sie dann die Gnade haben, mir den Gewinst der ersten Vorstellung
- meines Fiesco mit aufgehobenem Abonnement zu versprechen, oder mit
- mir über einen Preis übereinkommen, den der Wert meines Schauspiels
- bestimmen würde. In beiden Fällen würde es mir ein leichtes sein
- (wenn meine jetzige Bitte die alsdann erwachsende Summe überstiege)
- beim nächsten Stück, das ich schreibe, die ganze Rechnung zu
- applanieren. Ich lege diese Meinung, die nichts als inständige
- Bitte sein darf, dem Gutbefinden E. E. also vor, wie ich es meinen
- Kräften zutrauen kann, sie zu erfüllen.
-
- »Da mein gegenwärtiger Zustand aus dem Bisherigen hell genug wird,
- so finde ich es überflüssig, E. E. mit einer drängenden Vormalung
- meiner Not zu quälen.
-
- »Schnelle Hilfe ist alles, was ich jetzt noch denken und wünschen
- kann. Herr Meier ist von mir gebeten mir den Entschluß E. E. unter
- allen Umständen mitzuteilen, und Sie selbst des Geschäftes mir zu
- schreiben zu überheben.
-
- Mit entschiedener Achtung nenne ich mich
-
- Euer Exzellenz
-
- wahrster Verehrer
-
- Friedr. Schiller.«
-
-Vorstehender am 29. oder 30. September[3] geschriebener Brief wurde an
-Herrn Meier überschickt und dieser in einer Beilage, nachdem ihm der
-Inhalt desselben bekannt gemacht worden, ersucht, sowohl die Antwort
-des Baron Dalberg entgegenzunehmen, als auch selbe nach Frankfurt zu
-senden, wo man sie von der Post abholen wolle.
-
-Diese Darstellung seiner Umstände kostete Schillern eine
-außerordentliche Überwindung. Denn nichts kann den edlen, stolzen
-Mann tiefer beugen, als wenn er um solche Hilfe ansprechen muß, die
-das tägliche Bedürfnis betrifft, die ihm dem Gemeinen, Niedrigen
-gleichstellt und für die der Reiche selten seine Hand öffnet. Aber
-die Bezahlung der 200 fl. nach Stuttgart war so dringend, daß der
-Ausdruck in seinem Briefe: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das
-mehr Sorge macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen
-soll -- Ich habe solange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite
-gereinigt habe,« die ernstlichste Wahrheit ausdrückte. Um die Pein,
-welche diese -- wohl manchem sehr unbedeutend scheinende -- Summe von
-200 fl. dem edelmütigen Jüngling verursachte, zu erklären, sowie zur
-Warnung für angehende Dichter oder Schriftsteller, sei eine kurze
-Auseinandersetzung erlaubt.
-
-Schon oben ist erwähnt worden, daß Schiller die Räuber auf seine
-Kosten drucken lassen und das Geld dazu borgen mußte. Dieses Borgen
-konnte aber nicht bei dem Darleiher selbst geschehen, sondern es
-verwendete sich, wie es gewöhnlich geschieht, eine dritte Person dabei,
-welche die Bezahlung verbürgte. Auch bei dem Druck der Anthologie
-mußte nachbezahlt werden, wodurch denn nebst anderthalbjährigen
-Zinsen eine Summe, die ursprünglich kaum 150 fl. betrug, sich auf
-200 anhäufte. Solange Schiller in Stuttgart war, konnte er leicht
-den Rückzahlungstermin verlängern, da man an seinen Eltern, obwohl
-sie nicht reich waren, doch im schlimmsten Fall einige Sicherheit
-vermutete. Da jedoch durch den Befehl des Herzogs das Herausgeben
-dichterischer Werke Schillern auf das strengste verboten war und er
-sich nur durch solche Arbeiten seine ärmliche Besoldung von jährlichen
-180 fl. zu vergrößern wußte, so mußte wohl eine solche Verlegenheit zu
-dem Entschlusse, Stuttgart zu verlassen, viel beitragen, und er hatte
-auch in diesem Sinne vollkommen recht, wo er anführt: »Die Räuber
-kosteten mich Familie und Vaterland.« Nach der Abreise Schillers konnte
-sich der Darleiher nur an die Zwischenperson halten, und diese, da sie
-zur Zahlung unvermögend war, konnte in den Fall geraten, verhaftet
-zu werden, was dann demjenigen, der die Ursache davon war, das Herz
-zernagen mußte. Seine ganze Hoffnung war nun auf den Baron Dalberg
-gerichtet, und daß dieser, der ihm früher so viele Versicherungen
-seiner Teilnahme gegeben, ihn schon darum aus dieser Verlegenheit
-befreien würde, weil er den Wert der erbetenen Hilfe in dem Manuskripte
-von Fiesco schon in Händen hatte, konnte nicht im mindesten bezweifelt
-werden. Überdies war Baron Dalberg nicht nur sehr reich, sondern hatte
-auch wegen des häufigen Verkehrs mit Dichtern und Schriftstellern
-durch die Artigkeit seines Benehmens gegen sie (was bei diesen Herren
-für eine sehr schwere Münze gilt) den Ruf eines wahren Gönners und
-Beschützers der schönen Wissenschaften und Künste sich erworben.
-
-Da Schiller durch obiges Schreiben die schwerste Last von seinem Herzen
-abgewälzt hatte, gewann er zum Teil auch seine frühere Heiterkeit
-wieder. Sein Auge wurde feuriger, seine Gespräche belebter, seine
-Gedanken, bisher immer mit seinem Zustande beschäftigt, wendeten sich
-jetzt auch auf andere Gegenstände. Ein Spaziergang, der des Nachmittags
-über die Mainbrücke durch Frankfurt nach der Post gemacht wurde,
-um die Briefe nach Mannheim abzugeben, zerstreute ihn, da er das
-kaufmännische Gewühl, die ineinander greifende Tätigkeit so vieler hier
-zum erstenmal sah. Auf dem Heimwege übersah man von der Mainbrücke
-das tätige Treiben der abgehenden und ankommenden, der ein- und
-auszuladenden Schiffe, nebst einem Teil von Frankfurt, Sachsenhausen,
-sowie den gelblichen Mainstrom, in dessen Oberfläche sich der heiterste
-Abendhimmel spiegelte. Lauter Gegenstände, die das Gemüt wieder hoben
-und Bemerkungen hervorriefen, die um so anziehender waren, als seine
-überströmende Einbildungskraft dem geringsten Gegenstand Bedeutung gab
-und die kleinste Nähe an die weiteste Entfernung zu knüpfen wußte.
-Diese Zerstreuung hatte auf die Gesundheit Schillers so wohltätig
-eingewirkt, daß er wieder einige Eßlust bekam, die ihm seit zwei
-Tagen gänzlich fehlte, und sich mit Lebhaftigkeit über dichterische
-Pläne unterhalten konnte. Sein ganzes Wesen war so angelegt, sein
-Körperliches dem Geistigen so untergeordnet, daß ihn solche Gedanken
-nie verließen und er ohne Unterlaß von allen Musen umschwebt schien.
-Auch hatte er kaum das leichte Nachtessen geendet, als sich aus seinem
-Schweigen, aus seinen aufwärts gerichteten Blicken wahrnehmen ließ, daß
-er über etwas Ungewöhnlichem brüte. Schon auf dem Wege von Mannheim
-bis Sandhofen und von da nach Darmstadt ließ sich bemerken, daß sein
-Inneres weniger mit seiner gegenwärtigen Lage als mit einem neuen
-Entwurfe beschäftigt sei; denn er war so sehr in sich verloren, daß
-ihn selbst in der mit Recht so berühmten Bergstraße sein Reisegefährte
-auf jede reizende Ansicht aufmerksam machen mußte. Nun, zwischen vier
-Wänden, überließ er sich um so behaglicher seiner Einbildungskraft, als
-diese jetzt durch nichts abgelenkt wurde und er ungestört sich bewegen
-oder ruhen konnte. In solchen Stunden war er wie durch einen Krampf
-ganz in sich zurückgezogen und für die Außenwelt gar nicht vorhanden;
-daher auch sein Freund ihn durch nichts beunruhigte, sondern mit einer
-Art heiliger Scheu sich so still als möglich verhielt. Der nächste
-Vormittag wurde dazu verwendet, um die in der Geschichte Deutschlands
-so merkwürdige Stadt etwas sorgfältiger als gestern geschehen konnte,
-zu besehen und auch einige Buchläden zu besuchen. In dem ersten
-derselben erkundigte sich Schiller, ob das berüchtigte Schauspiel
-die Räuber guten Absatz finde und was das Publikum darüber urteile?
-Die Nachricht über das erste fiel so günstig aus und die Meinung der
-großen Welt wurde so außerordentlich schmeichelhaft geschildert, daß
-der Autor sich überraschen ließ und, ungeachtet er als Doktor Ritter
-vorgestellt worden, dem Buchhändler nicht verbergen konnte, daß er,
-der gegenwärtig das Vergnügen habe mit ihm zu sprechen, der Verfasser
-davon sei. Aus den erstaunten, den Dichter messenden Blicken des Mannes
-ließ sich leicht abnehmen, wie unglaublich es ihm vorkommen müsse, daß
-der so sanft und freundlich aussehende Jüngling so etwas geschrieben
-haben könne. Indes verbarg er seine Zweifel, indem er durch mancherlei
-Wendungen das vorhin ausgesprochene Urteil, welches man so ziemlich als
-das allgemeine annehmen konnte, wiederholte. Für Schiller war jedoch
-dieser Auftritt sehr erheiternd; denn in einem solchen Zustande wie
-er damals war, konnte auf sein bekümmertes Gemüt nichts so angenehmen
-Eindruck haben als die Anerkennung seines Talentes und die Gewißheit
-der Wirkung, von der alle seine Leser ergriffen worden.
-
-Zu Haus angelangt, überließ sich Schiller aufs neue seinen
-dichterischen Eingebungen und brachte den Nachmittag und Abend im Auf-
-und Niedergehen oder im Schreiben einiger Zeilen hin. Zum Sprechen
-gelangte er erst nach dem Abendessen, wo er dann auch seinem Gefährten
-erklärte, was für eine Arbeit ihn jetzt beschäftige.
-
-Da man allgemein glaubt, daß bei dem Empfangen und an das Lichtbringen
-der Geisteskinder gute oder schlimme Umstände ebenso vielen Einfluß
-wie bei den leiblichen äußern, so sei dem Leser schon jetzt vertraut,
-daß Schiller seit der Abreise von Mannheim mit der Idee umging, ein
-bürgerliches Trauerspiel zu dichten, und er schon soweit im Plan
-desselben vorgerückt war, daß die Hauptmomente hell und bestimmt vor
-seinem Geiste standen.
-
-Dieses Trauerspiel, das wir jetzt unter dem Namen Kabale und Liebe
-kennen, welches aber ursprünglich Luise Millerin hätte benannt werden
-sollen, wollte er mehr als einen Versuch unternehmen, ob er sich auch
-in die bürgerliche Sphäre herablassen könne, als daß er sich öfters
-oder gar für immer dieser Gattung hätte widmen wollen. Er dachte so
-eifrig darüber nach, daß in den nächsten vierzehn Tagen schon ein
-bedeutender Teil der Auftritte niedergeschrieben war.
-
-Am nächsten Morgen fragten die Reisenden auf der Post nach, ob keine
-Briefe für sie angelangt wären? Aber der Gang war fruchtlos, und da die
-Witterung trübe und regnerisch war, so mußte die Zuflucht wieder zur
-Stube genommen werden. Am Nachmittag wurde auf der Post noch einmal
-angefragt, aber ebenso vergeblich wie in der Frühe.
-
-Diese Verspätung deutete S. um so mehr als ein gutes Zeichen, indem
-der angesuchte Betrag entweder durch Wechsel oder durch den Postwagen
-übermacht werden müsse, was dann notwendig einige Tage mehr erfordern
-könne als ein bloßer Brief. Er war seiner Sache so gewiß, daß er
-Schillern ersuchte, ihm seine in Mannheim zurückgelassenen Sachen
-nach Frankfurt zu schicken, weil er dann, sowie die Hilfe von Baron
-Dalberg eintreffe, seine Mutter ersuchen wolle, ihm außer dem, was er
-jetzt schon besitze, noch mehr zu senden, damit er von hier aus die
-Reise nach Hamburg fortsetzen könne. Schiller sagte dieses sehr gern
-zu und versprach noch weiter, ihm auch von Meier sowie von seinen
-andern Freunden Empfehlungsbriefe zu verschaffen, indem ein junger
-Tonkünstler nie zu viele Bekanntschaften haben könne. Diese Hoffnungen,
-die von beiden Seiten noch durch viele Zutaten verschönert wurden,
-erheiterten den durch eine bessere Witterung begünstigten Spaziergang
-und störten auch abends die Phantasie des Dichters so wenig, daß er
-sich derselben, im Zimmer auf und ab gehend, mehrere Stunden ganz
-ruhig überließ.
-
-Den nächsten Morgen gingen die Reisenden schon um neun Uhr aus, um die
-vielleicht in der Nacht an sie eingelaufenen Briefe abzuholen, die
-auch zu ihrer großen Freude wirklich eingetroffen waren. Sie eilten
-so schnell als möglich nach Haus, um den Inhalt derselben ungestört
-besprechen zu können, und waren kaum an der Tür ihrer Wohnung, als
-Schiller schon das an ~Dr.~ Ritter überschriebene Paket erbrochen
-hatte. Er fand mehrere Briefe von seinen Freunden in Stuttgart, die
-sehr vieles über das außerordentliche Aufsehen meldeten, das sein
-Verschwinden veranlaßt habe, ihm die größte Vorsicht wegen seines
-Aufenthalts anrieten, aber doch nicht das mindeste aussprachen, woraus
-sich auf feindselige Absichten des Herzogs hätte schließen lassen. Alle
-diese Briefe wurden gemeinschaftlich gelesen, weil ihr Inhalt beide
-betraf und allerdings geeignet war, sie einzuschüchtern. Allein da sie
-in Sachsenhausen geborgen waren, so beruhigten sie sich um so leichter,
-da sie in dem Schreiben des Herrn Meier der angenehmsten Nachricht
-entgegen sahen. Schiller las dieses für sich allein und blickte dann
-gedankenvoll durch das Fenster, welches die Aussicht auf die Mainbrücke
-hatte. Er sprach lange kein Wort, und es ließ sich nur aus seinen
-verdüsterten Augen, aus der veränderten Gesichtsfarbe schließen, daß
-Herr Meier nichts Erfreuliches gemeldet habe. Nur nach und nach kam es
-zur Sprache, daß Baron Dalberg keinen Vorschuß leiste, weil Fiesco in
-dieser Gestalt für das Theater nicht brauchbar sei; daß die Umarbeitung
-erst geschehen sein müsse, bevor er sich weiter erklären könne.
-
-Diese niederschlagende Nachricht mußte dem edlen Jüngling um so
-unerwarteter sein, je mehr er durch die ihm von Baron Dalberg bezeugte
-Teilnahme zu seiner Bitte und zur Hoffnung, daß sie erfüllt würde,
-berechtigt war. Am meisten mußte aber sein Ehrgeiz dadurch beleidigt
-sein, daß er seine traurige Lage ganz unnützerweise enthüllt und sich
-durch deren Darstellung der Willkür desjenigen preisgegeben, von dem er
-mit Recht Unterstützung erwartete.
-
-Wenige junge Männer würden sich in gleichen Umständen mit Mäßigkeit und
-Anstand über eine solche Versagung ausgesprochen haben. Schiller aber
-bewies auch hierin sein reines, hohes Gemüt; denn er ließ nicht die
-geringste Klage hören; kein hartes oder heftiges Wort kam über seine
-Lippen, ja nicht einmal eines Tadels würdigte er die erhaltene Antwort,
-so wenig er sich auch vor seinem jüngeren Freunde hätte scheuen dürfen,
-seinen Unmut auszulassen. Er sann alsobald nur darauf, wie er dennoch
-zu seinem Zweck gelangen könne, oder was zuerst getan werden müsse. Da
-die Hoffnung geblieben war, daß, wenn Fiesco für das Theater brauchbar
-eingerichtet sei, derselbe angenommen und bezahlt würde, oder, wenn
-dieses auch nicht der Fall wäre, doch das Stück in Druck gegeben und
-dafür etwas eingenommen werden könne, so beschloß er in die Gegend von
-Mannheim zu gehen, weil es dort wohlfeiler als in Frankfurt zu leben
-sei, und auch um den Herren Schwan und Meier nahe zu sein, damit, wenn
-es auf die tiefste Stufe des Mangels kommen sollte, von diesen einige
-Hilfe erwartet werden könne. Er wäre sogleich dahin aufgebrochen,
-allein man war noch an Frankfurt gebannt, denn bei jedem Griff in den
-Beutel war schon sein Boden erreicht, und die durch S. von seiner
-Mutter erbetene Beihilfe war noch nicht angelangt. Bis diese eintreffe,
-mußte man hier aushalten, und um gegen die Möglichkeit, daß sie spät
-ankäme, oder vielleicht gar ausbliebe, doch einigermaßen gedeckt zu
-sein, entschloß sich Schiller ein ziemlich langes Gedicht, Teufel Amor
-betitelt, an einen Buchhändler zu verkaufen.
-
-Dieses Gedicht, von dem sich der Verfasser dieses nur noch folgender
-zwei Verse:
-
- »Süßer Amor, verweile
- Im melodischen Flug«
-
-mit Zuverlässigkeit erinnert, war eines der vollkommensten, die
-Schiller bisher gemacht und an schönen Bildern, Ausdruck und Harmonie
-der Sprache so hinreißend, daß er selbst -- was bei seinen anderen
-Arbeiten nicht oft eintraf -- ganz damit zufrieden schien und seinen
-jungen Freund mehrmals durch dessen Vorlesung erfreute. Leider ging es
-in den nächsten vier Wochen (wie der Leser später erfahren wird) mit
-noch andern Sachen, wahrscheinlich durch die Zerstreuung des Dichters
-selbst, in Verlust, indem sich in der von ihm herausgegebenen Sammlung
-seiner Gedichte keine Spur davon findet und das meiste davon der
-Bekanntmachung fast würdiger gewesen wäre als einige Stücke aus seiner
-frühern Zeit.
-
-Von dem Buchhändler kam Schiller aber ganz mißmutig wieder zurück,
-indem er fünfundzwanzig Gulden dafür verlangte, jener jedoch nur
-achtzehn geben wollte. So benötigt er aber auch dieser kleinen Summe
-war, konnte er es doch nicht über sich gewinnen, diese Arbeit unter
-dem einmal ausgesprochenen Preise wegzugeben, und zwar sowohl aus
-herzlicher Verachtung gegen alle Knickerei als auch, weil er den
-Wert des Gedichtes selbst nicht gering achtete. Endlich, nachdem
-der Reichtum der geängstigten Freunde schon in kleine Scheidemünze
-sich umgewandelt hatte, kamen den nächsten Tag auf dem Postwagen die
-bescheidenen dreißig Gulden für S. an, der auch ohne das geringste
-Bedenken für jetzt seinen Plan nach Hamburg aufgab und bei Schillern
-blieb, um ihn nach seinem neuen Aufenthaltsorte zu begleiten. Dieser
-schrieb noch am nämlichen Abend an Herrn Meier, daß er den nächsten
-Vormittag nach Mainz abgehen, am folgenden Abend in Worms eintreffen
-werde, wo er auf der Post Nachricht erwarte, wohin er sich zu begeben
-habe, um ihn zu sprechen und den Ort zu bestimmen, in welchem er sein
-Trauerspiel ruhig umarbeiten könne. Gleich den andern Morgen begaben
-sich die Reisenden auf das von Frankfurt nach Mainz täglich abgehende
-Marktschiff, mit welchem sie des Nachmittags bei guter Zeit in
-letztbenannter Stadt anlangten, dort sogleich in einem Gasthofe das
-Wenige, was sie bei sich hatten, ablegten und noch ausgingen, um den
-Dom und die Stadt zu besichtigen.
-
-Am nächsten Tage verließen sie Mainz sehr früh, wo sie, die Favorite
-vorbei, den herrlichen Anblick des Zusammentreffens vom Rhein- und
-Mainstrome bei der schönsten Morgenbeleuchtung genossen und den echt
-deutschen Eigensinn bewunderten, mit welchem beide Gewässer ihre
-Abneigung zur Vereinigung durch den scharfen Abschnitt ihrer bläulichen
-und gelben Farben bezeichneten.
-
-Da man auf den Abend in Worms eintreffen wollte, so mußten die Wanderer
-als ungeübte Fußgänger sich ziemlich anstrengen, um den neun Stunden
-langen Weg zurückzulegen. Als noch am Vormittag Nierenstein erreicht
-wurde, konnten beide der Versuchung nicht widerstehen, sich an dem in
-der Gegend wachsenden Wein, den sie nur aus den Lobeserhebungen der
-Dichter kannten, zu stärken, welches besonders Schiller, der von Mainz
-bis hierher nur wenige Worte gesprochen, sehr zu bedürfen schien. Sie
-traten in das zunächst am Rhein gelegene Wirtshaus und erhielten dort
-durch Bitten und Vorstellungen einen Schoppen oder ein Viertelmaß von
-dem besten ältesten Weine, der sich im Keller fand und der mit einem
-kleinen Taler bezahlt werden mußte.
-
-Als Nichtkenner edler Weine schien es ihnen, daß bei diesem Getränk wie
-bei vielen berühmten Gegenständen der Ruf größer sei, als die Sache
-verdiene. Aber als sie ins Freie gelangten, als die Füße sich leichter
-hoben, der Sinn munterer wurde, die Zukunft ihre düstere Hülle etwas
-lüftete und man ihr mit mehr Mut als bisher entgegenzutreten wagte,
-glaubten sie einen wahren Herzenströster in ihm entdeckt zu haben, und
-ließen dem edlen Weine volle Gerechtigkeit angedeihen. Dieser angenehme
-Zustand erstreckte sich aber kaum über drei Stunden; denn so fest
-auch der Wille war, so sehr die Notwendigkeit zur Eile antrieb, so
-konnte Schiller doch das anstrengende Gehen kaum bis in die Mitte des
-Nachmittags aushalten; was aber vorzüglich daher kommen mochte, weil er
-immer in Gedanken verloren war, und nichts so sehr ermüdet als tiefes
-Nachdenken, wenn der Körper in Bewegung ist. Man entschloß sich daher
-eine Station weit zu fahren, wodurch es allein möglich war, daß Worms
-um neun Uhr nachts erreicht wurde.
-
-Am andern Morgen fand Schiller auf der Post einen Brief des Herrn
-Meier, worin dieser die Nachricht gab, daß er diesen Nachmittag mit
-seiner Frau in Oggersheim in dem Gasthause, zum Viehhof genannt,
-eintreffen wolle, wo er ihn zu sehen hoffe, um weitere Abrede mit ihm
-nehmen zu können. Die Reisenden begaben sich um so ruhiger auf den
-Weg, als sie hoffen durften, daß endlich aller Ungewißheit ein Ende
-sein würde, und trafen zur gesetzten Zeit in Oggersheim ein, wo sie
-auch schon Herrn und Madame Meier nebst zwei Verehrern des Dichters
-vorfanden.
-
-Für Herrn Meier war es eine unangenehme, lästige Aufgabe, dem jungen
-Manne, den er als Dichter und Menschen gleich hoch achtete, die
-Ansichten des Baron Dalberg über Fiesco und warum er sich in keinen
-Vorschuß einlassen könne, auseinander zu setzen. Er wußte jedoch seinen
-Ausdrücken eine solche Wendung zu geben, daß sie keinen der beiden
-Gegenstände hart berührten, sondern alles so gelind als natürlich
-darstellten. Auch gab er die Versicherung, daß Fiesco unbezweifelt
-angenommen werde, sobald er um mehrere Szenen abgekürzt und der fünfte
-Akt ganz beendigt sei. Schiller benahm sich auch bei dieser Gelegenheit
-wahrhaft edel und weit über das Gewöhnliche erhaben; denn so sehr ihm
-aus oben berührten Rücksichten daran gelegen sein mußte, den Preis
-seines Stückes schon jetzt zu haben, so sehr er auch sein in den Baron
-Dalberg gesetztes Vertrauen nur durch Ausflüchte erwidert fand, so
-sprach er doch kein Wort, das irgend eine Art von Empfindlichkeit über
-die vereitelte Hoffnung hätte erraten lassen oder als Widerlegung der
-über Fiesco gemachten Bemerkungen hätte ausgelegt werden können. Mit
-der freundlichen, männlichen Art, die im Umgang ihm ganz gewöhnlich
-war, leitete er das Gespräch darauf hin, den Ort zu bestimmen, wo er
-sich einige Wochen, als solange die Umarbeitung wohl dauern werde,
-ruhig und ohne Gefahr aufhalten könne. Aus vielen Ursachen wurde es
-am besten befunden, wenn er hier in Oggersheim bleibe. Dieses sei nur
-eine kleine Stunde von Mannheim entfernt, er könne, so oft er es nötig
-finde, des Abends in die Stadt kommen und wäre in der Nähe seiner
-Bekannten und Freunde wenigstens nicht ganz ohne Hilfe, wenn sich etwas
-Widriges ereignen sollte.
-
-Da die von Madame Meier den Reisenden eingehändigten Briefe aus
-Stuttgart noch immer von Gefahr der Auslieferung sprachen und die
-möglichste Verborgenheit empfahlen, so wurde der Name Ritter, den
-Schiller bisher geführt, in Doktor Schmidt umgewandelt und er von
-den Anwesenden in Gegenwart des herbeigerufenen Wirtes also gleich
-mit diesem Titel angeredet. Auch hier wurde der Betrag für Kost und
-Wohnung auf den Tag bedungen und Madame Meier ersucht, die in Mannheim
-gebliebenen Koffer und das Klavier den Reisenden übermachen zu wollen.
-Der eintretende Abend schied die Gesellschaft. Die Freunde, nun wieder
-ganz auf sich eingeschränkt, begaben sich auf das ihnen angewiesene
-Zimmer, wo sie aber nur ein einziges Bett vorfanden, mit dem sie sich
-begnügen mußten.
-
-Da man die täglichen Kosten des Aufenthaltes wußte, so ließ sich
-leicht berechnen, daß die Barschaft auf höchstens drei Wochen
-ausreichen könne, in welcher Zeit Schiller seine Arbeit zu beendigen
-hoffte. Allein es ließ sich leicht voraussehen, daß dieses nicht der
-Fall sein würde, indem er viel zu sehr mit seinem neuen Trauerspiel
-beschäftigt war und schon am ersten Abend in Oggersheim den Plan
-desselben aufzuzeichnen anfing. Gleich bei dem Entwurf desselben
-hatte er sich vorgenommen, die vorkommenden Charaktere den eigensten
-Persönlichkeiten der Mitglieder von der Mannheimer Bühne so anzupassen,
-daß jedes nicht nur in seinem gewöhnlichen Rollenfache sich bewegen,
-sondern auch ganz so wie im wirklichen Leben zeigen könne. Im voraus
-schon ergötzte er sich oft daran, wie Herr Beil den Musikus Miller so
-recht naiv-drollig darstellen werde und welche Wirkung solche komische
-Auftritte gegen die darauffolgenden tragischen auf die Zuschauer
-machen müßten. Da er die Werke Shakespeares nur gelesen, aber keines
-seiner Stücke hatte aufführen sehen, so konnte er auch noch nicht aus
-der Erfahrung wissen, wie viele Kunst von seiten des Darstellers dazu
-gehöre, um solchen Kontrasten das Scharfe, das Grelle zu benehmen, und
-wie klein die Anzahl derer im Publikum ist, welche die große Einsicht
-des Dichters oder die Selbstverleugnung des Schauspielers zu würdigen
-verstehen.
-
-Er war so eifrig beschäftigt, alles das niederzuschreiben, was er bis
-jetzt darüber in Gedanken entworfen hatte, daß er während ganzer acht
-Tage nur auf Minuten das Zimmer verließ. Die langen Herbstabende wußte
-er für sein Nachdenken auf eine Art zu benützen, die demselben eben
-so förderlich als für ihn angenehm war. Denn schon in Stuttgart ließ
-sich immer wahrnehmen, daß er durch Anhören trauriger oder lebhafter
-Musik außer sich selbst versetzt wurde, und daß es nichts weniger als
-viele Kunst erforderte, durch passendes Spiel auf dem Klavier alle
-Affekte in ihm aufzureizen. Nun mit einer Arbeit beschäftigt, welche
-das Gefühl auf die schmerzhafteste Art erschüttern sollte, konnte ihm
-nichts erwünschter sein, als in seiner Wohnung das Mittel zu besitzen,
-das seine Begeisterung unterhalten oder das Zuströmen von Gedanken
-erleichtern könne.
-
-Er machte daher meistens schon bei dem Mittagtische mit der
-bescheidensten Zutraulichkeit die Frage an S.: »Werden Sie nicht heute
-abend wieder Klavier spielen?« -- Wenn nun die Dämmerung eintrat, wurde
-sein Wunsch erfüllt, während dem er im Zimmer, das oft bloß durch das
-Mondlicht beleuchtet war, mehrere Stunden auf und ab ging und nicht
-selten in unvernehmliche, begeisterte Laute ausbrach.
-
-Auf diese Art verflossen einige Wochen, bis er dazu gelangte, über die
-bei Fiesco zu treffenden Veränderungen mit einigem Ernste nachzudenken;
-denn so lang er sich von den Hauptsachen seiner neuen Arbeit nicht
-loswinden konnte, so lange diese nicht entschieden vor ihm lagen, so
-lang er die Anzahl der vorkommenden Personen und wie sie verwendet
-werden sollten, nicht bestimmt hatte, war auch keine innere Ruhe
-möglich.
-
-Erst nachdem er hierüber in Gewißheit war, konnte er die Anordnungen
-in dem frühern Trauerspiel beginnen, wobei er aber dennoch den Ausgang
-desselben vorläufig unentschieden lassen mußte. Daß dieser Ausgang
-nicht so sein dürfe, wie er durch die Geschichte angegeben wird, wo ihn
-ein unglücklicher Zufall herbeiführt, blieb für immer ausgemacht. Daß
-er tragisch, daß er der Würde des Ganzen angemessen sein müsse, war
-ebenso unzweifelhaft. Nur blieb die schwierige Frage zu lösen, wie,
-durch wen oder auf welche Art das Ende herbeizuführen sei? Schiller
-konnte hierüber so wenig mit sich einig werden, daß er sich vornahm,
-alles Frühere vorher auszuarbeiten, die Katastrophe durch nichts
-erraten zu lassen und obige Zweifel erst, wenn das übrige fertig wäre,
-zuletzt zu entscheiden.
-
-Beinahe ein Monat war verflossen, und Fiesco noch immer nicht
-vollendet; ja wäre der Dichter nicht gezwungen gewesen, alles zu
-versuchen, um sich aus seiner Verlegenheit zu retten, so wäre dieses
-Stück sicher erst dann umgearbeitet worden, wenn er das bürgerliche
-Trauerspiel ganz fertig vor sich gesehen hätte.
-
-Nur diejenigen, welche nicht selbst Fähigkeit zu Arbeiten haben, wobei
-Begeisterung und Einbildungskraft beinahe ausschließend tätig sein
-müssen, können diese Unentschlossenheit, diese Zögerungen Schillers
-eines Tadels würdig finden. Zu Werken des ruhigen Verstandes, der
-kalten Überlegung läßt sich der Geist leichter beherrschen, sogar
-öfters nötigen; da im Gegenteil Dichter oder Künstler auf den
-Augenblick warten müssen, wo ihnen die Muse erscheint, und diese, so
-freigebig sie auch gegen ihre Lieblinge ist, sich doch alsobald mit
-Sprödigkeit wegwendet, wenn die dargebotenen Gaben nicht augenblicklich
-erhascht werden. Aus diesen Gründen lassen sich bei einem Jüngling,
-dessen Trieb zur Dichtung so vorherrschend ist, daß alle übrigen
-Eigenschaften bloß diesem zu dienen bestimmt sind, Ideen, die sein
-Inneres aufgeregt haben, so wenig abwehren, daß, wenn er es auch
-versuchen wollte, sie doch immerdar den Hintergrund seiner Gedanken
-bilden würden und er nicht früher zur Ruhe gelangen könnte, bis er
-nicht wenigstens die Zeichnung entworfen hätte.
-
-Daß Schiller unter diesen Hochbegünstigten Apollos einer der
-vorzüglichsten war, dafür spricht jede Zeile, die er niederschrieb.
-Aber auch ungerechnet die Verhinderungen, welche ihm sein eignes Talent
-in den Weg brachten, konnte die Ursache, wegen welcher er den Fiesco
-gerade jetzt beendigen mußte, für ihn nichts weniger als erfreulich
-sein. Denn so hoch er die Gaben des Himmels achtete, so gleichgültig
-war er gegen diejenigen, welche die Erde bietet, und es war gewiß nicht
-ermunternd, zur Erwerbung der letzteren sich gezwungen zu wissen. Der
-Aufenthalt in Oggersheim war in dem feuchten, trüben Oktobermonat
-gleichfalls nicht erheiternd.
-
-Mochten auch die nach Mannheim und Frankenthal führenden Pappelalleen
-anfangs recht hübsch aussehen, so fand man doch bald, daß sie nur darum
-angepflanzt seien, um die flache, kahle, sandige Gegend zu verbergen;
-daher waren die Reisenden um so früher an der mageren Aussicht
-gesättigt, als sie von zarter Jugend an an die üppigen Umgebungen von
-Ludwigsburg und Stuttgart gewöhnt waren, wo, besonders bei letzterer
-Stadt, überall Gebirge das Auge erfreuen oder schon die ersten
-Schritte aus den Stadttoren in Gärten oder gut gepflegte Weinberge
-führen.
-
-Im Hause selbst war der Wirt von rauher, harter Gemütsart, welche seine
-Frau und Tochter, die sehr sanft und freundlich waren, öfters auf die
-heftigste Art empfinden mußten. Nur der Kaufmann des Orts war ein Mann,
-mit dem sich über mancherlei Gegenstände sprechen ließ, da er ein sehr
-großer Freund von Büchern und, zu seinem nicht geringen Nachteil, ein
-wahrhaft ausübender Philosoph war. Wollte Schiller mit Meier oder Herrn
-Schwan sich unterreden, so konnte er nur um die Zeit der Dämmerung
-in die Stadt gehen, wo er dann über Nacht bleiben mußte und erst bei
-Anbruch des Tages zurückkehren konnte. S. war, was diesen Umstand
-betraf, viel freier, weil er für sich keine Gefahr befürchten zu
-dürfen glaubte. Er war manchen halben Tag daselbst, um Bekanntschaften
-anzuknüpfen, die ihm in der Folge sehr nützlich wurden.
-
-Der Oktober nahte sich seinem Ende und mit diesem auch die Barschaft,
-welche beide mit hieher gebracht hatten. Es blieb kein anderes Mittel,
-als daß S. noch einmal nach Hause schrieb und seine Mutter bat, ihm den
-Rest des ihm nach Hamburg bestimmten Reisegeldes hieher zu schicken,
-indem er wahrscheinlich genötigt sein werde, in Mannheim zu bleiben,
-wenn sich das Schicksal Schillers nicht so vollständig verbessere, als
-beide erwarteten.
-
-Endlich war in den ersten Tagen des Novembers das Trauerspiel Fiesco
-für das Theater umgearbeitet und ihm der Schluß gegeben worden, welcher
-der Geschichte, der Wahrscheinlichkeit am angemessensten schien. Man
-darf glauben, daß die letzten Szenen dem Dichter weit mehr Nachdenken
-kosteten als das ganze übrige Stück, und daß er den begangenen Fehler,
-die Art des Schlusses nicht genau vorher bestimmt zu haben, mit großer
-Mühe gut zu machen suchen mußte. Aber in welchen unruhigen Umständen
-befand sich der unglückliche Jüngling, als er dieses Trauerspiel
-entwarf! Und wie war die jetzige Zeit beschaffen, in welcher er
-ein Werk ausführen sollte, zu dem die ruhigste, heiterste Stimmung
-erfordert wird, die durch keine Bedrückung des täglichen Lebens,
-keine Beängstigung wegen der Zukunft gestört werden darf, wenn die
-Arbeit zur Vollkommenheit gebracht werden soll! Seine lebhafte, kühne
-Phantasie, sonst immer gewöhnt sich mit den Schwingen des Adlers in
-den höchsten Regionen zu wiegen, wie stark war diese von der traurigen
-Gegenwart niedergehalten! Mit welchen schweren bleiernen Gewichten zu
-dem Gemeinen, Niedrigen des Lebens herabgezogen! -- In den verflossenen
-neun Jahren durfte er seinem leidenschaftlichen Hang zur Dichtkunst
-nur verstohlenerweise einige Minuten, höchstens Stunden opfern; denn
-er mußte Studien treiben und Geschäfte verrichten, die mit seinen
-Neigungen, seinem mit poetischen Bildern überfüllten Geist in dem
-härtesten Widerspruch standen; und es gehörten so reiche Anlagen wie er
-besaß dazu, um über die vielen stets sich erneuernden Kämpfe nicht in
-Wahnsinn zu verfallen, sowie sein weiches, zartes Gemüt, um sich allen
-Anforderungen zu fügen. Ohne eigne Erfahrung hätte er in späterer Zeit
-seinen poetischen Lebenslauf in der herrlichen Dichtung »Pegasus im
-Joche« unmöglich so getreu darstellen, so natürlich zeichnen können,
-daß derjenige, der mit seinen Verhältnissen vertraut war, recht wohl
-die Vorfälle deuten kann, auf die es sich bezieht. Laßt uns den Dichter
-wegen der Mängel, die sich in Fiesco, in Kabale und Liebe finden, nicht
-tadeln; vielmehr verdient es die höchste Bewunderung, daß er bei den
-ungünstigsten äußern Umständen die Kräfte seines Talentes noch so weit
-bemeistern konnte, um zwei Werke zu liefern, denen, um ihrer vielen und
-großen Schönheiten willen, die späte Nachwelt noch ihre Achtung nicht
-versagen wird.
-
-Mit weit mehr Ruhe und Zufriedenheit als früher begab sich Schiller
-nach der Stadt, um Herrn Meier das fertige und ins Reine geschriebene
-Manuskript einzuhändigen. Da er alles geleistet, was der Gegenstand
-zuließ, oder von dem er hoffen konnte, daß es den Wünschen des Baron
-Dalberg sowie zugleich den Forderungen der Bühne angemessen sei, so
-glaubte er auch, daß seine Bedrängnisse bald beendigt sein würden und
-er das Leben auf einige Zeit mit frohem Mute werde genießen können.
-Es verging jedoch eine ganze Woche, ohne daß der Dichter eine Antwort
-erhielt, die ihm doch auf die nächsten Tage zugesagt worden. Um der
-Ungewißheit ein Ende zu machen, entschloß er sich an Baron Dalberg
-zu schreiben und sich noch einmal zu Herrn Meier zu begeben, um eine
-Auskunft über das, was er erwarten könne, zu erhalten.
-
-Es war gegen die Mitte Novembers, als Schiller und S. des Abends
-bei Herrn Meier eintraten und diesen nebst seiner Gattin in größter
-Bestürzung fanden, weil kaum vor einer Stunde ein württembergischer
-Offizier bei ihnen gewesen sei, der sich angelegentlich nach Schillern
-erkundigt habe. Herr Meier hatte nichts gewisser vermutet, als
-daß dieser Offizier den Auftrag habe, Schillern zu verhaften, und
-demzufolge beteuert, daß er nicht wisse, wo dieser sich gegenwärtig
-befinde. Während dieser Erklärung klingelte die Haustür und man wußte
-in der Eile nichts Besseres zu tun, als Schiller mit S. in einem
-Kabinett, das eine Tapetentür hatte, zu verbergen. Der Eintretende war
-ein Bekannter vom Hause, der gleichfalls voll Bestürzung aussagte:
-er habe den Offizier auf dem Kaffeehause gesprochen, der nicht nur
-bei ihm, sondern auch bei mehreren Anwesenden sehr sorgfältig nach
-Schillern gefragt habe; allein er seinerseits hätte versichert, daß
-der Aufenthalt desselben jetzt ganz unbekannt wäre, indem er schon vor
-zwei Monaten nach Sachsen abgereist sei. Die Geflüchteten kamen aus
-ihrem Versteck hervor, um die Uniformsaufschläge und das Persönliche
-des Offiziers zu erforschen, weil es vielleicht auch einer von den
-Bekannten Schillers sein konnte; allein die Angaben über alles waren so
-abweichend, daß man unmöglich auf eine bestimmte Person raten konnte.
-Noch einigemal wiederholte sich dieselbe Szene durch neu Ankommende,
-die mit den andern voller Ängstlichkeit um die beiden Freunde waren,
-weil diese mit Sicherheit weder in der Stadt übernachten, noch auch
-nach Oggersheim zurückgehen konnten.
-
-Wie aber der feine, gewandte Sinn des zarteren Geschlechtes allezeit
-noch Auswege findet, um Verlegenheiten zu entwirren, wenn die Männer
--- immer gewohnt nur starke Mittel anzuwenden -- nicht mehr Rat zu
-schaffen wissen, so wurde auch jetzt von einem schönen Munde ganz
-unerwartet das Mittel zur Rettung ausgesprochen. Madame Curioni (mit
-Dank sei heute noch ihr Name genannt) erbot sich, Schillern und S.
-in dem Palais des Prinzen von Baden, über welches sie Aufsicht und
-Vollmacht hatte, nicht nur für heute, sondern solange zu verbergen, als
-noch eine Verfolgung zu befürchten wäre. Dieses mit der anmutigsten
-Güte gemachte Anerbieten wurde mit um so lebhafterer Erkenntlichkeit
-aufgenommen, da man daselbst am leichtesten unerkannt sein konnte und
-sich auch niemand in der Absicht, um jemand zu verhaften, in dieses
-Palais hätte wagen dürfen. Auf der Stelle wurden die nötigen Anstalten
-zur Aufnahme der verfolgt Geglaubten getroffen und sie dann sogleich
-dahin geleitet. Herr Meier hatte versprochen, am nächsten Morgen zum
-ersten Sekretär des Ministers Grafen von Oberndorf zu gehen, um diesen,
-da er ihn sehr gut kenne, zu fragen, ob der Offizier in Aufträgen an
-das Gouvernement hier gewesen sei?
-
-Das Zimmer, welches den beiden Freunden als Zuflucht angewiesen worden,
-war sehr schön und geschmackvoll, mit Notwendigem sowie Überflüssigem
-ausgestattet. Unter den zahlreichen Kupferstichen, mit denen die Wände
-behangen waren, befanden sich auch die zwölf Schlachten Alexanders, von
-Lebrun, welche den Betrachtenden bis spät in die Nacht die angenehmste
-Unterhaltung gewährten. Gegen zehn Uhr des andern Morgens wagte sich S.
-aus dem Palais, um sich zu Herrn Meier zu begeben und zu vernehmen, ob
-etwas zu befürchten sei? Diesen aber hatten seine eignen Sorgen schon
-in aller Frühe zu dem Sekretär des Ministers getrieben, von dem er die
-Versicherung erhielt, daß der Offizier keine Aufträge an Graf Oberndorf
-gehabt und sich auch aus dem Meldezettel des Gastwirt ergebe, daß er
-schon gestern abend um sieben Uhr abgereist sei. Nach einigen kurzen
-Besuchen begab sich S. sogleich zu Schillern, um ihm diese beruhigende
-Kunde zu überbringen und ihn aus seinem schönen Gefängnis zu befreien,
-welches er auch sogleich verließ, um sich zu Herrn Meier zu verfügen.
-
-Hier wurde nun die unsichere Lage des Dichters umständlich besprochen,
-welche der unnützen Angst von gestern ungeachtet, ebenso gefährlich
-für ihn selbst als für jeden, der Anteil an ihm nahm, beunruhigend
-schien. Schiller mußte zugeben, daß er für jetzt nicht in Mannheim
-verweilen könne, so willkommen es ihm auch gewesen wäre, für das
-Theater wirksam zu sein und zugleich durch Anschauung der aufgeführten
-Stücke seine Einsicht in das Mechanische der Bühne zu erweitern. Daher
-wurde mit allgemeiner Zustimmung seiner Freunde von ihm beschlossen,
-daß, sobald die Annahme seines Fiesco entschieden sei, er sich
-sogleich nach Sachsen begeben wolle. Daß er, aller etwa anzustellenden
-Nachforschungen ungeachtet, daselbst einen sichern, von allen Sorgen
-befreiten Aufenthalt finden könne, dafür hatte er glücklicherweise
-schon in Stuttgart Anstalten getroffen. Frau von Wolzogen, die ihn
-sehr hoch achtete, und deren Söhne mit ihm zugleich in der Akademie
-erzogen worden, hatte ihm, als er ihr nach seinem Arrest den Vorsatz,
-von Stuttgart entfliehen zu wollen, vertraute, feierlich zugesagt, ihn
-auf ihrem in der Nähe von Meiningen liegenden Gute -- Bauerbach --
-solange wohnen und mit allem Nötigen versehen zu lassen, als er von
-dem Herzog eine Verfolgung zu befürchten habe. Dieses in einer guten
-Stunde erhaltene Versprechen wollte jetzt Schiller benützen und schrieb
-sogleich an diese Dame nach Stuttgart, wo sie sich aufhielt, um die
-nötigen Vollmachten, damit er in Bauerbach aufgenommen werde.
-
-Gegen Ende Novembers erfolgte endlich die Entscheidung des Baron
-Dalberg über Fiesco, welche ganz kurz besagte: »Daß dieses Trauerspiel
-auch in der vorliegenden Umarbeitung nicht brauchbar sei, folglich
-dasselbe auch nicht angenommen oder etwas dafür vergütet werden könne.«
-
-So zerschmetternd für Schiller ein Ausspruch sein mußte, der die
-Hoffnung, das quälende, seine schönsten Augenblicke verpestende
-Gespenst einer kaum des Namens werten Schuld von sich zu entfernen,
-auf lange Zeit zerriß -- so sehr er es auch bereute, daß er sich
-durch täuschende Versprechungen, durch schmeichelnde, leere, glatte,
-hohle Worte hatte aufreizen lassen, von Stuttgart zu entfliehen -- so
-ungewöhnlich es ihm scheinen mochte, daß man ihn zur Umarbeitung seines
-Stückes verleitet, die ihm nahe an zwei Monate Zeit gekostet, all sein
-Geld aufzehrte und ihn noch in neue Schulden versetzte, ohne ihn auf
-eine entsprechende Art dafür zu entschädigen oder auch nur anzugeben,
-worin denn die Unbrauchbarkeit dieses Trauerspiels bestehe -- so sehr
-dieses alles sein großmütiges Herz zernagte, so war er dennoch viel zu
-edel, viel zu stolz, als daß er sein Gefühl für eine solche Behandlung
-hätte erraten lassen. Er begnügte sich gegen Herrn Meier, der ihm diese
-abweisende Entscheidung einhändigen mußte, zu äußern: er habe es sehr
-zu bedauern, daß er nicht schon von Frankfurt aus nach Sachsen gereist
-sei.
-
-Um jedoch den Leser zu versichern, daß die Mitglieder des
-Theaterausschusses, denen Fiesco zur Prüfung vorgelegt worden, die
-Meinung ihres Chefs nicht völlig teilten, werde schon jetzt das Votum
-eines derselben, das Schiller ein Jahr später in dem Protokoll des
-Theaters fand, angeführt.
-
- »Obwohl dieses Stück für das Theater noch einiges zu wünschen
- lasse, auch der Schluß desselben nicht die gehörige Wirkung zu
- versprechen scheine, so sei dennoch die Schönheit und Wahrheit der
- Dichtung von so ausgezeichneter Größe, daß die Intendanz hiemit
- ersucht werde, dem Verfasser als Beweis der Anerkennung seiner
- außerordentlichen Verdienste eine Gratifikation von acht Louisdor
- verabfolgen zu lassen.«
-
- Unterzeichnet war: Iffland.
-
-Allein Se. Exzellenz Freiherr von Dalberg konnten diesem Gutachten,
-das noch heute Iffland die größte Ehre bringt, ihren Beifall nicht
-schenken, sondern entließen den Dichter eben so leer in Börse und
-Hoffnung aus Mannheim, wie er vor zwei Monaten daselbst angekommen war.
-
-Das nächste, das einzige und letzte, was nun zu tun war, unternahm
-Schiller sogleich, indem er zu Herrn Schwan ging und ihm Fiesco für
-den Druck anbot. Herr Schwan, der als Gelehrter und Buchhändler den
-Ruf eines vortrefflichen Mannes mit vollem Rechte genoß, übernahm
-dieses Stück mit großer Bereitwilligkeit und bedauerte nur, als er
-es durchlesen, daß er die vortreffliche Dichtung nicht höher als den
-gedruckten Bogen mit einem Louisdor honorieren könne, da ihm durch die
-überall lauernden Nachdrucker kein anderer Gewinn übrig bleibe, als den
-er von dem ersten Verkauf ziehe.
-
-Was Schillern aber unter allen diesen Widerwärtigkeiten am
-schmerzlichsten fiel, war der Gedanke, daß er seinen Freund S. in
-sein böses Schicksal mit verflochten, indem dieser all das Geld, das
-er zu der vorgehabten Reise nach Hamburg hätte verwenden sollen, in
-der Hoffnung, daß der Dichter in Mannheim reichliche Unterstützung
-finden müsse, aufgeopfert hatte, und nun an keinen Ersatz zu denken
-war. Schon im August hätte S. nach Wien reisen sollen, wo ihn eine
-Aufnahme erwartete, die ihn zwar jeder Sorge für seine Bedürfnisse
-überhoben, aber in seiner Kunst nicht weiter gefördert hätte. Er zog es
-also vor, seine jungen Jahre nicht müßig zu vergeuden, sondern lieber
-nach Hamburg zu gehen, um, wenn es auch mit den größten Entbehrungen
-geschehen müßte, sich in der Musik so viel als möglich auszubilden;
-worin ihm auch Schiller, dem er diese Sache schon früher vertraut
-hatte, vollkommen beistimmte. Nun konnte S. weder in den einen noch
-in den andern Ort gelangen, indem seine Mutter nicht wohlhabend genug
-war, um ihm sogleich wieder neue Hilfe zukommen zu lassen. Nach allen
-Meinungen schien es das beste zu sein, daß er vorderhand in Mannheim
-bleibe, weil noch mehrere Mitglieder der kurfürstlichen Kapelle
-daselbst wohnten, deren Unterricht oder Beispiel er benützen konnte,
-wozu die Herren Schwan, Meier und seine Freunde alles beizutragen
-versprachen. S. ergab sich in das, was vorläufig nicht zu ändern war,
-viel williger, als daß er jetzt schon in die Stadt ziehen und Schillern
-noch acht bis zehn Tage in Oggersheim allein lassen sollte. Allein es
-mußte sein. Beide hatten sich aufgezehrt; im Gasthof war es zu teuer,
-und ihre Not war schon so groß geworden, daß der Dichter seine Uhr
-verkaufen mußte, um nicht zu vieles schuldig zu bleiben. Die letzten
-vierzehn Tage mußte man aber dennoch auf Borg leben, wo man dann auf
-der schwarzen Wirtstafel recht säuberlich mit Kreide geschrieben sehen
-konnte, was die Herren Schmidt und Wolf täglich verbraucht hatten.
-
-Der arme Dichter erhielt für Fiesco gerade so viel, um besagte
-Kreidenstriche auslöschen zu lassen, um einige unentbehrliche Sachen
-für den Winter anzuschaffen und um seine Reise bis Bauerbach ohne
-Furcht vor neuem Mangel bestreiten zu können. Der Antritt dieser Reise
-war auf den letzten November bestimmt. Da Schiller mit dem Postwagen
-über Frankfurt, Gelnhausen usw. nach Meiningen gehen, sich aber auf
-der Post in Mannheim nicht zeigen wollte, so kam Herr Meier mit ihm
-überein, ihn mit S. und einigen Freunden in Oggersheim abzuholen und
-von da nach Worms zu bringen, wo er dann den nächsten Tag mit dem
-Postwagen abfahren könne.
-
-An dem bestimmten Tage fuhren die Freunde nach Oggersheim, wo sie
-Schiller gerade beschäftigt fanden, seine wenige Wäsche, seine
-Kleidungsstücke, einige Bücher und Schriften in einen großen
-Mantelsack zu packen. Bei einer Flasche Wein, die er reichen ließ,
-wurde alles besprochen, was ihn über die Zukunft beruhigen oder
-seine Munterkeit befördern könnte. Allein bei ihm war dies gar nicht
-so nötig, als wohl bei den meisten Menschen, denen ihre Hoffnungen
-fehlschlagen, der Fall ist. Nur die Erwartung, die Ungewißheit einer
-Sache hatte für sein Gemüt etwas Unangenehmes, Beunruhigendes. Sowie
-aber einmal die Entscheidung eingetreten war, zeigte er all den Mut,
-den ein wackerer Mann braucht, um Herr über sich zu bleiben. Er übte
--- was wenige Dichter tun -- seine ausgesprochenen Grundsätze redlich
-aus und befolgte den Vorsatz des Karl Moor »die Qual erlahme an meinem
-Stolze« bei Umständen, in welchen jeden andern die Kraft verlassen
-hätte.
-
-Von Oggersheim brach die Gesellschaft bei einer starken Kälte und
-tiefliegendem Schnee nach Worms auf, wo sie gerade noch zur rechten
-Zeit ankam, um in dem Posthause, wo sie abgestiegen waren, von
-einer wandernden Truppe Ariadne auf Naxos spielen zu sehen. Daß die
-Aufführung ebenso ärmlich als lächerlich sein mußte, ergibt sich schon
-daraus, daß an dem Schiffe, welches den Theseus abzuholen erschien,
-zwei Kanonen gemalt waren, und daß der Donner, durch welchen Ariadne
-vom Felsen geschleudert wird, mittels eines Sackes voll Kartoffeln, die
-man in einen großen Zuber ausschüttete, hervorgebracht wurde. Meier
-und seine Freunde fanden hier eine reiche Ernte für ihre Lust alles
-zu belachen und zu verspotten. Schiller aber sah mit ernstem, tiefem
-Blick und so ganz in sich verloren auf das Theater, als ob er nie etwas
-Ähnliches gesehen hätte oder es zum letztenmal sehen sollte. Auch nach
-beendigtem Melodram konnten die Bemerkungen der andern ihm kaum ein
-Lächeln entlocken; denn man sah es ihm an, daß er nicht gerne aus der
-Stimmung trete, die sich seiner bemächtigt hatte.
-
-Das Nachtessen, bei dem auch Liebfrauenmilch nicht fehlte, machte ihn
-jedoch etwas heiterer, so daß man endlich ganz wohlgemut aufbrechen
-konnte, um nach Mannheim zurückzukehren und dem allen wert gewordenen
-Dichter das Lebewohl zu sagen. Meier und die andern schieden sehr
-unbefangen und redselig.
-
-Allein was konnten Schiller und sein Freund sich sagen? -- Kein Wort
-kam über ihre Lippen -- keine Umarmung wurde gewechselt; aber ein
-starker, lang dauernder Händedruck war bedeutender als alles, was sie
-hätten aussprechen können!
-
-Die zahlreich verflossenen Jahre konnten jedoch bei dem Freunde die
-wehmütige Erinnerung an diesen Abschied nicht auslöschen; und noch
-heute erfüllt es ihn mit Trauer, wenn er an den Augenblick zurückdenkt,
-in welchem er ein wahrhaft königliches Herz, Deutschland edelsten
-Dichter, allein und im Unglück hatte zurücklassen müssen!
-
-Die außerordentlich strenge Kälte, welche in den ersten Tagen des
-Dezembers herrschte, ließ um so weniger für den Dichter eine angenehme
-Reise erwarten, da er ohne schützende Kleidung, nur mit einem leichten
-Überrocke versehen, einige Tage und Nächte auf dem Postwagen zubringen
-mußte, dessen (damaliger) Schneckengang selbst in einer bessern
-Jahreszeit die Stunden zu Tagen ausdehnte.
-
-Seine Freunde beklagten ihn sehr, und ihre zu spät erwachte
-Gutmütigkeit erinnerte sich jetzt an manches Entbehrliche, womit ihm
-die rauhe Witterung weniger empfindlich hätte gemacht werden können;
-und je mehr die Mittel hierzu sich fanden, um so ernstlicher wurde
-bedauert, daß man nicht früher daran gedacht oder deshalb gemahnt
-worden.
-
-Ebenso natürlich war es auch, daß dieselben Menschen, welchen die
-Versprechungen, die Schillern gemacht worden, bekannt waren, und
-die ihm die Hoffnung, daß sie erfüllt würden, ganz unbezweifelt
-darstellten, jetzt auch ihren scharfen Tadel über seine Flucht äußerten
-und solche für ebenso leichtsinnig als unbegreiflich erklärten.
-
-Daß er, um dem bisher erlittenen, unerträglichen Zwange zu entgehen,
-das Äußerste gewagt -- daß er durchaus nicht Arzt, sondern Dichter
-sein wollte -- daß er, um sich dem so reizend scheinenden Stande mit
-ganzer Kraft widmen zu können, eine sehr kümmerliche Besoldung aufgeben
-konnte, schien ebenso unüberlegt, als es wenige Kenntnis der Welt und
-ihrer Verhältnisse anzeigte.
-
-Man berechnete sorgfältig den Reichtum berühmter Ärzte und verglich
-damit die Einkünfte deutscher Dichter, die, wenn sie auch den größten
-Ruhm sich erworben, dennoch in einer Lage waren, welche man wahrhaft
-ärmlich nennen konnte.
-
-Auch fürchtete man, daß die Erwartungen, die Schiller durch sein erstes
-Schauspiel erregt, viel zu groß wären, als daß er dieselben durch
-nachfolgende Werke befriedigen oder seine Kräfte in gleicher Höhe
-erhalten könnte.
-
-Der einzige, aber auch sehr warme Verteidiger unseres Dichters war
-Iffland, der, den Beruf zum Schauspieler in sich fühlend, in noch
-jungen Jahren bloß mit etlichen Talern in der Tasche und nur mit den am
-Leibe tragenden Kleidungsstücken versehen, seinem wohlhabenden Vater
-entfloh, um sich zu Ekhof zu begeben und in dessen Schule zu bilden.
-Iffland allein wußte die Lage Schillers gehörig zu würdigen, indem er
-aus eigner Erfahrung beurteilen konnte, wie unerträglich es ist, ein
-hervorstechendes, angebornes Talent unterdrücken, die herrlichsten
-Gaben vermodern lassen zu müssen und nur das gemeine Alltägliche tun zu
-sollen, oder gar durch Zwang zu dessen Ausübung angehalten zu werden.
-Nicht nur gab er dem mutigen Entschlusse Schillers seinen völligen
-Beifall, sondern machte auch mit dem ihm reichlich zu Gebote stehenden
-Witze den Kleinmut derer lächerlich, die es für ein Unglück halten,
-einige Meilen zu Fuß reisen zu müssen oder zur gewohnten Stunde keinen
-wohlbesetzten Tisch zu finden. Seine treffenden Bemerkungen ließen die
-Verhältnisse des Dichters in einem mehr heiteren Lichte erscheinen.
-Vorläufig konnte man sich insofern beruhigen, als er doch auf einige
-Zeit wenigstens gegen Mangel oder Verfolgungen gesichert war.
-
-Nur wurde nicht mit Unrecht bezweifelt, ob seine dramatischen Arbeiten
-in gänzlicher Abgeschiedenheit gefördert werden könnten, oder ob sein
-Geist, von allem erheiternden Umgang abgeschnitten und bei Entbehrung
-der nötigen Bücher, nicht in kurzer Zeit abgestumpft würde. Sein tiefes
-Gefühl, seine frische, jugendliche Kraft ließen letzteres zwar nicht so
-bald befürchten; indessen vereinigten sich doch alle Wünsche dahin, daß
-ein glücklicher Zufall eintreten und für ihn die günstigsten Umstände
-herbeiführen möchte.
-
-Seine Freunde waren auf die Nachrichten von seiner Ankunft sehr
-gespannt und wurden durch nachstehenden Brief an S. vollkommen beruhigt.
-
- Bauerbach, den 8. Dezember 1782.
-
- Liebster Freund!
-
- Endlich bin ich hier, glücklich und vergnügt, daß ich einmal am
- Ufer bin. Ich traf alles noch über meine Wünsche; keine Bedürfnisse
- ängstigen mich mehr, kein Querstrich von außen soll meine
- dichterischen Träume, meine idealischen Täuschungen stören.
-
- Das Haus meiner Wolzogen ist ein recht hübsches und artiges
- Gebäude, wo ich die Stadt gar nicht vermisse. Ich habe alle
- Bequemlichkeit, Kost, Bedienung, Wäsche, Feuerung, und alle diese
- Sachen werden von den Leuten des Dorfes auf das vollkommenste und
- willigste besorgt. Ich kam abends hieher -- Sie müssen wissen, daß
- es von Frankfurt aus 45 Stunden hieher war -- zeigte meine Briefe
- auf und wurde feierlich in die Wohnung der Herrschaft abgeholt,
- wo man alles aufgeputzt, eingeheizt und schon Betten hergeschafft
- hatte. Gegenwärtig kann und will ich keine Bekanntschaften machen,
- weil ich entsetzlich viel zu arbeiten habe. Die Ostermesse mag sich
- Angst darauf sein lassen.
-
- Schreiben Sie mir doch, wo Sie gesonnen sind zu bleiben. Halten Sie
- sich, wenn Sie zu Mannheim bleiben, nur immer fleißig an Schwan,
- Meier und meine Freunde. Besser Sie bleiben aber nicht dort und
- verfolgen Ihren ersten Anschlag, der mir immer der vernünftigste
- schien.
-
- Was Sie tun, lieber Freund, behalten Sie diese praktische Wahrheit
- vor Augen, die Ihren unerfahrnen Freund nur zu viel gekostet hat:
- Wenn man die Menschen braucht, so muß man ein H...t werden oder
- sich ihnen unentbehrlich machen. Eines von beiden oder man sinkt
- unter.
-
- Wenn Sie Ursache hätten nicht nach Wien zu gehen, so könnte ich
- Ihnen allenfalls einen anderen Ausweg anraten, der mir von mehreren
- Seiten besehen, nicht gar verwerflich scheint. Sie sind jung, weit
- genug in Ihrer Kunst, um brauchbar zu sein, halten Sie sich an
- einen Meister in einer großen Stadt, von dem Sie wissen, daß er
- viele Geschäfte hat, lassen Sie sich auch zu dem Handwerksmäßigen
- Ihrer Kunst herab, machen Sie sich ihm nützlich, so finden Sie
- erstlich Gelegenheit den Mann zu studieren, finden Brot, und
- wenn Sie weggehen Empfehlung. Der große Titian war Raffaels
- Farbenreiber. Weit gefehlt, daß ihm das schimpflich wäre, macht es
- seinem Namen nur desto größere Ehre.
-
- Empfehlen Sie mich bei Schwan, Meier, Cranz, Gern, Derain, dem
- Steinschen Hause, auch auf dem Viehhof. Schreiben Sie mir, was sich
- von dem Offizier, der mich aufsuchte, bestätigt hat.
-
- Noch etwas: bei dem neulichen schnellen Aufbruche von Oggersheim
- haben wir beide vergessen, die Zeche im Viehhof zu bezahlen. Ich
- will nicht haben, daß Sie in Schaden dabei kommen. Sie werden also,
- weil das Geld zu wenig beträgt, um 65 Stunden geschickt zu werden,
- eine Anweisung dafür und für andere abgelegte Kleinigkeiten an
- Schwan bekommen, der mir, weil Fiesco gewiß mehr als 10 Bogen stark
- wird, noch Geld herauszahlen wird.
-
- Jetzt muß ich eilen, das ist bereits der fünfte Brief, und
- wenigstens noch soviel hab' ich zu schreiben.
-
- Leben Sie recht wohl, lieber Freund, vergessen Sie mich nicht und
- sein Sie vollkommen versichert, daß ich tätig an Sie denken werde,
- sobald sich meine Aussichten verschönern, welches, wie ich hoffe,
- nicht lange mehr anstehen soll. Noch einmal leben Sie recht wohl.
- Wenn Sie mir schreiben, legen Sie den Brief bei Schwan oder Meier
- nieder.
-
- Ohne Veränderung ihr aufrichtigster
-
- Schiller.
-
-Da wir jetzt unseren so lang in ängstlichen Sorgen und Ungewißheit
-lebenden Dichter geborgen wissen und, nach seinen eignen Äußerungen,
-mit seinen Lieblingsarbeiten und in einer Idyllenwelt lebend vermuten
-dürfen, so sei es erlaubt, die Personen, denen er empfohlen zu sein
-wünscht, dem Leser etwas näher bekannt zu machen und mit einer kurzen
-Erklärung vorzustellen. Die Herren Schwan und Meier sind schon früher
-erwähnt worden. Herr Cranz -- damals auf Kosten des Herzogs von Weimar
-in Mannheim, um sich bei Fräntzel auf der Violine und bei Holzbauer
-in der Komposition auszubilden -- war bei Herrn Meier Kostgänger, sah
-also Schiller sehr oft daselbst, der ihn auch wegen seines biederen,
-obwohl sehr trockenen Charakters wohl leiden mochte. Herr Gern, der
-ältere, war ein braver, überall brauchbarer Schauspieler sowie ein
-ausgezeichnet guter Baßsänger. Er betrat in Mannheim zuerst die Bühne,
-war täglich im Meierschen Hause und wurde dann später auf das Theater
-nach Berlin berufen.
-
-In dem kleinen Oggersheim war Herr Derain der einzige Kaufmann,
-welcher sich aber weit mehr mit Politik, Literatur, besonders aber
-mit Aufklärung des Landvolkes als mit dem Vertrieb seiner Waren
-beschäftigte.
-
-Seinen Eifer für das Wohl der Landleute, die bei ihm Zucker, Kaffee,
-Gewürz oder andere entbehrliche Sachen kaufen wollten, trieb er so
-weit, daß er ihnen oft recht dringend vorstellte, wie schädlich diese
-Dinge sowohl ihnen als ihren Kindern seien, und daß sie weit klüger
-handeln würden, sich an diejenigen Mittel zu halten, welche ihnen ihr
-Feld, Garten oder Viehstand liefern könne. Daß solche Ermahnungen
-die Käufer eher abschreckten als herbeizogen, war ganz natürlich.
-Aber Herr Derain, als lediger Mann zwischen 40 und 50 Jahren, der
-ein kleines Vermögen besaß, kümmerte sich um so weniger hierüber,
-je seltener er durch das Geklingel seiner Ladentür im Lesen oder in
-seinen Betrachtungen gestört wurde. Das Gemüt des Mannes war aber von
-der edelsten Art, und eine große Bescheidenheit machte seinen Umgang
-äußerst angenehm. Er brachte auf eine sonderbare Art in Erfahrung, wer
-denn eigentlich die Herren Schmidt und Wolf seien, die in seiner Nähe
-wohnten, und deren Bekanntschaft er schon lange gewünscht hatte.
-
-Es wurden nämlich bei der gänzlichen Abänderung des Fiesco die früher
-geschriebenen Szenen gar nicht mehr beachtet, sondern wie jedes unnütze
-Papier behandelt. Mit diesen sowie mit vielen Blättern, worauf die
-Entwürfe zu Luise Millerin verzeichnet waren, wurde nun nichts weniger
-als schonend verfahren, was dann die Gelegenheit gab, daß die Frau
-Wirtin -- die mit einer sehr großen Neigung zum Lesen eben so viele
-Neugier für alles Geschriebene verband -- diese Blätter, deren Sprache
-ihr ganz neu und ungewöhnlich schien, sammelte und solche zu Herrn
-Derain brachte, welchen sie öfters sprach, um ihm ihre häuslichen
-Leiden zu klagen oder durch ein geliehenes Buch sich Trost und
-Vergessenheit zu verschaffen. Dieser zeigte den Fund seinem Verwandten,
-Herrn Kaufmann Stein in Mannheim, der eine sehr reizende und in allen
-neueren Werken der Dichtkunst ganz einheimische Tochter hatte.
-
-S. war von Stuttgart aus Herrn Stein empfohlen. Die Blätter seines
-Reisegefährten wurden ihm vorgezeigt, und dasjenige, was mit der
-größten Standhaftigkeit jedem Manne verleugnet worden wäre, wußte das
-schmeichelnde Mädchen allmählich herauszulocken. Herr Derain, dem unter
-Gelobung der tiefsten Verschwiegenheit dieses Geheimnis auch anvertraut
-wurde, unterließ bei dieser Gelegenheit nicht, seine hohe Achtung für
-ausgezeichnete Dichter oder Schriftsteller auf das herzlichste kund zu
-geben. Mit wahrem Eifer bat er um Erlaubnis, die Bekanntschaft eines
-noch so jungen und schon so berühmten Mannes machen zu dürfen, und
-erhielt solche um so williger, als für Schiller und seinen Freund eine
-zerstreuende Unterhaltung in den trüben, nebligen Novemberabenden eine
-wahre Erquickung war. Die Freundschaft und Achtung für Herrn Derain
-erhielt sich auch noch in den nächstfolgenden Jahren.
-
-Der Offizier, dessen Erscheinung Schiller und seine Freunde in den
-größten Schrecken versetzte, war nach einem Schreiben von Schillers
-Vater an Herrn Schwan kein Verfolger, sondern ein akademischer Freund,
-der bei einer Reise ausdrücklich den Umweg über Mannheim machte, um den
-Dichter zu sprechen, welches aber, wie oben erwähnt, auf die sorgsamste
-Weise verhindert wurde.
-
-Und hier ist auch der Ort, um den Leser zu versichern, daß der Herzog
-von Württemberg auf keinerlei Weise jemals die geringste Vorkehrung
-treffen ließ, um seinen entflohenen Zögling wieder in seine Gewalt
-zu bekommen und zu bestrafen. Er mochte sich wohl erinnern, daß er
-Schiller wider dessen Willen und fast zwangsweise in die Akademie
-aufgenommen -- daß der Knabe sowie der Jüngling durch treffende,
-überraschende Antworten, durch untadelhafte Sitten seine wahrhaft
-väterliche Zuneigung sich erworben -- daß ein schon im ersten Versuche
-sich so kühn aussprechendes Talent unmöglich durch einen militärischen
-Befehl unterdrückt werden könne. Oder war es Rücksicht gegen den ihm
-fast unentbehrlich gewordenen Vater; war es Anteil an dem Kummer der
-achtungswerten Familie? -- Wollte er das mißbilligende Gefühl, das sich
-wegen der Gefangenhaltung Schubarts in ganz Deutschland allgemein
-und laut äußerte, nicht noch weiter aufreizen? -- War es natürliche
-Großmut? -- -- Genug, der Herzog gab dieser Sache nicht die geringste
-Folge und bewies dadurch ganz offenkundig, daß er die Flucht Schillers
-nur als einen Fehler, aber nicht als ein Verbrechen beurteilte.
-
-Nicht nur diese Gewißheit ergab sich aus dem Briefe des Vaters, sondern
-auch die Hoffnung, daß er dem Sohne noch mit warmer Liebe zugetan sei,
-und ihm, wenn der äußerste Fall einträte, die nötige Unterstützung
-nicht versagen würde. Verglich man diesen Brief mit denen, welche
-Herr Schwan und S. aus Bauerbach erhalten, so konnten die Freunde des
-Dichters um so mehr unbesorgt sein, als dieser mit seinem Zustand im
-höchsten Grade zufrieden schien, und sich nun nach einem Jahre voller
-Sorgen und Unruhe solchen Beschäftigungen widmen konnte, die, außer dem
-Vergnügen, das sie ihm selbst machten, auch noch mit Ehre und Vorteil
-verbunden waren.
-
-Ohne Zweifel teilt jeder Leser diese Meinungen, und glaubt vielleicht,
-das Schicksal, nachdem es seine alles beugende Gewalt habe empfinden
-lassen, werde dem Ermüdeten nach so manchen Stürmen endlich Ruhe
-vergönnen?
-
-Der Verfasser bedauert innigst, daß er diese Hoffnungen nicht
-bestätigen kann, sondern genötigt ist, neue Schwierigkeiten zu melden,
-die sich in dem so friedlich scheinenden Zufluchtsorte ganz unerwartet
-erhoben; denn kaum vier Wochen nach dem ersten erhielt er nachstehenden
-zweiten Brief.
-
- H., den 14. Jän. 1783.
-
- So bin ich doch der Narr des Schicksals! Alle meine Entwürfe sollen
- scheitern! Irgend ein kindsköpfischer Teufel wirft mich wie seinen
- Ball in dieser sublunarischen Welt herum.
-
- Hören Sie nur!
-
- Ich bin, wenn Sie den Brief haben, nicht mehr in Bauerbach.
- Erschrecken Sie aber nicht. Ich bin vielleicht besser aufgehoben.
-
- Frau von Wolzogen ist wieder hier und hat ihren Bruder, den
- Oberhofmeister von Marschalk, der bei Bamberg eine Erbschaft von
- beinahe 200000 Gulden getan, begleitet. Sie können sich vorstellen,
- mit welcher Ungeduld ich ihr entgegenflog -- -- -- -- Aber nun!
-
- Lieber Freund, trauen Sie niemand mehr. Die Freundschaft der
- Menschen ist das Ding, das sich des Suchens nicht verlohnt. Wehe
- dem, den seine Umstände nötigen, auf fremde Hilfe zu bauen.
- Gottlob! das letztere war diesmal nicht.
-
- Die gnädige Frau versicherte mich zwar, wie sehr sie gewünscht
- hätte ein Werkzeug in dem Plane meines künftigen Glückes zu
- sein -- aber -- ich werde selbst so viel Einsicht haben, daß
- ihre Pflichten gegen ihre Kinder vorgingen, und diese müßten es
- unstreitig entgelten, wenn der Herzog von W. Wind bekäme; das
- war mir genug. So schrecklich es mir auch ist, mich wiederum in
- einem Menschen geirrt zu haben, so angenehm ist mir wieder dieser
- Zuwachs an Kenntnis des menschlichen Herzens. Ein Freund -- und ein
- glückliches Ungefähr rissen mich erwünscht aus dem Handel.
-
- Durch die Bemühung des Bibliothekars Reinwald, meines sehr
- erprobten Freundes, bin ich einem jungen Hrn. von Wrmb bekannt
- geworden, der meine Räuber auswendig kann und vielleicht eine
- Fortsetzung liefern wird. Er war beim ersten Anblick mein
- Busenfreund. Seine Seele schmolz in die meinige. Endlich hat er
- eine Schwester! -- Hören Sie, Freund, wenn ich nicht dieses Jahr
- als ein Dichter vom ersten Range figuriere, so erscheine ich
- wenigstens als Narr, und nunmehr ist das für mich eins. Ich soll
- mit meinem Wrmb diesen Winter auf sein Gut, ein Dorf im Thüringer
- Walde, dort ganz mir selbst und -- der Freundschaft leben, und was
- das beste ist, schießen lernen, denn mein Freund hat dort hohe
- Jagd. Ich hoffe, daß das eine glückliche Revolution in meinem Kopf
- und Herzen machen soll.
-
- Schreiben Sie mir nicht, bis Sie neue Adressen haben. Den Verdruß
- mit der Wolzogen unterdrücken Sie. Ich sei nicht mehr in Bauerbach,
- das ist alles, was Sie sagen können. -- -- -- -- -- --
-
- Tausend Empfehlungen an meinen lieben, guten Meier. Nächstens
- schreib ich ihm wieder. Auch an Cranz, Gern u. s. f. viele
- Komplimente. Mein neues Trauerspiel, Luise Millerin genannt, ist
- fertig. Beiliegendes übergeben Sie an Schwan, dem Sie mich vielmals
- empfehlen.
-
- Ohne Veränderung
-
- Ihr
-
- Schiller.
-
-So schien nun auch dieser Plan gescheitert, auf den nicht nur der
-Dichter selbst seine größte, letzte Hoffnung gesetzt hatte, sondern
-welcher auch als der sicherste von allen Freunden zur Befolgung
-angeraten war. Aufs neue war sein Schiff den veränderlichen Winden
-preisgegeben, indem die Freundschaft mit Hrn. von Wrmb viel zu
-schwärmerisch, mit viel zu großen Erwartungen geschlossen schien, als
-daß man auf einige Dauer hätte zählen können.
-
-Größeres Vertrauen flößte die Bekanntschaft mit Hrn. Reinwald ein,
-der Hrn. Schwan als rechtlicher Mann, als Dichter und Schriftsteller
-bekannt war und sich gewiß um so inniger an Schiller anschloß, je
-genügsamer dieser in seinen Forderungen und anmutiger im Umgange sich
-gegen jeden zeigte.
-
-Was die Äußerungen der Frau von Wolzogen betrifft, so waren
-diese ebenso verzeihlich als begreiflich; denn ihre Söhne, deren
-Bekanntschaft Schiller den Schutz zu danken hatte, der ihm jetzt
-gewährt wurde, waren noch in der Akademie, und erfuhr der Herzog,
-von wem sein flüchtiger Zögling verborgen gehalten werde, so konnte
-er leicht -- vorausgesetzt, daß er sich zu einer Rache herablassen
-möge -- seine Ungnade den Söhnen der Frau von Wolzogen auf eine Art
-empfinden lassen, die ihr Glück nicht nur für jetzt, sondern auch in
-der Zukunft bedeutend gestört haben würde.
-
-Der Verfolg zeigte jedoch, daß die Besorgnisse der Beschützerin
-entweder nicht sehr ernsthafter Art gewesen oder daß Schiller seine
-Empfindlichkeit darüber zu besiegen wußte; denn er blieb nicht nur
-den ganzen Tag[4] in Bauerbach, sondern brachte auch die Hälfte des
-folgenden Sommers daselbst zu. Durch ähnliche Nachrichten wie die,
-welche er seinem Freunde nach Mannheim schrieb, versetzte er auch
-seine älteste Schwester in die größte Unruhe, und ein Brief, den sie
-deshalb an den Bruder schrieb, gab zufällig die Veranlassung zu ihrer
-Bekanntschaft mit Herrn Reinwald, die sich einige Jahre später in
-eine lebenslängliche Verbindung umwandelte. Aus dem Briefe des Herrn
-Reinwald an die Schwester von Schiller möge das Wichtigste, was sich
-hierauf bezieht (mit der damals gebräuchlichen Rechtschreibung) einen
-Platz finden.
-
- Meiningen. 27ten Mai 1783.
-
- Mademoiselle
-
- Ein besonderer Zufall macht mich so frei, an die Schwester meines
- Freundes diese Zeilen zu schreiben. Unter etlichen Papieren, die
- Hr. ~D.~ S** nach einem Besuch bei mir liegen lassen, fand ich
- einen Brief von Ihnen. Es war wohl nicht Sorglosigkeit allein daran
- Schuld, sondern auch Vertrauen, denn ich glaube gänzlich, daß er
- mich liebt.
-
- Ich fand in diesem Briefe, den ich gelesen und nochmals gelesen und
- abgeschrieben habe, so viel reifes Denken und so viel herzliche,
- besorgte Wohlmeinung gegen Ihren Herrn Bruder, daß ich mich gefreut
- habe, und scheue mich nicht, jeden Gedanken, der mir zu seiner
- Ausbildung oder Glückseligkeit einfällt, mit Ihnen zu theilen.
-
- Vielleicht kann ich Ihnen oder Ihren lieben Eltern auch manche
- Unruhe benehmen, die Ihnen über die Situation Ihres Herrn Bruders
- aufsteigt, und ich werde gerade seyn und nicht schmeicheln
- etc. -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- Mir ist es selbst Räthsel, warum sie (Fr. v. W.) so sehr Verachtung
- fürchtet, und daß sie auf die Veränderung von unseres Freundes
- Aufenthalt dringen soll; viele Umstände scheinen dem letzteren
- zu widersprechen, es müßte denn seyn, daß sie aus Beweggründen
- der Sparsamkeit handelte etc. etc. Alle Gefahren des Bekanntseyns
- wären gleich Anfangs vermieden gewesen, wenn man entweder niemanden
- auswärts geschrieben hätte, daß Ihr Herr Bruder da wäre, wo er
- ist, sondern nur Meiningen angegeben, oder wenn er wirklich in dem
- traurigsten Theile des Jahres hieher gezogen wäre. Hier residirt
- ein Herzog, den der Ihrige nicht im Geringsten deshalb züchtigen
- kann, wenn er jemand da wohnen läßt, dem der würtembergische Hof
- ungünstig ist. Welche Verantwortung kann da der Fr. v. W. auf den
- Hals fallen.
-
- Ihr Herr Bruder muß menschliche Charaktere viel kennen, weil er sie
- auf der Bühne schildern soll, item, er muß sich durch Gespräche
- über Natur und Kunst durch freundschaftliche, innige Unterhaltung
- aufheitern, wenn durch Denken und Niederschreiben das Mark seines
- Geistes vertrocknet ist. Die Gegend, wo er sich jetzt aufhält, und
- die nur im Sommer ein wenig von der Seite lächelt, gleicht mehr der
- Gegend, wo Ixions Rad sich immer auf einem Orte herumdreht, als
- einer Dichter-Insel, und einen zweiten Winter da zugebracht, wird
- Hrn. ~D.~ S. völlig hypochondrisch machen.
-
- Ich wünschte daher sehnlich, daß er künftigen Herbst in einer
- großen Stadt, wo ein gutes deutsches Theater ist, z. Ex. in Berlin
- verweilte, doch unter dem Schutze gelehrter und rechtschaffener
- Männer, die ihn von der Ausgelassenheit bewahrten, die an diesem
- Orte herrscht.
-
- Wien (wo ich ehedem selbst eine Zeit lang war) hat zwar weniger
- verderbte Sitten und mehr Teutschheit, aber der Fehler ist da, daß
- man mit dem Gelde gut umzugehen verlernt, denn man nimmt meist viel
- ein, und gibt noch mehr aus.
-
- Noch scheint es aber nicht, daß Ihr Herr Bruder zum Weggehen
- inclinirt, er scheint ganz an seine Wohlthäterin gefesselt, die ihn
- von der Seite seines guten und dankbaren Herzens eingenommen hat.
-
- Ich hatte die Idee ihn nach Pfingsten mit nach Gotha und Weimar
- zu nehmen, wo ich Freunde und Verwandte habe, zu denen ich eine
- Gesundheitsreise thun werde, ich wollte ihn den dasigen zum Theil
- wichtigen Gelehrten präsentiren, ich wollte ihn wieder an die offne
- Welt und an die Gesellschaft der Menschen gewöhnen, die er beinah
- scheut, und sich allerhand Unangenehmes von ihnen vorstellt. Aber
- so geneigt er im Anfang zu meinem Vorschlag war, so sehr scheint
- jetzt sein Geschmack davon entfernt. Ich werde also das Vergnügen
- dieser Reise nicht mit ihm theilen können.
-
- Wenn ich gleich unendlich dabei verliere, wenn Ihr Herr Bruder
- einst diese Gegend verlassen sollte, und keiner meiner bisherigen
- Freunde mir diesen Verlust ersetzen würde, so wollte ich doch
- lieber all mein Vergnügen der Ausbildung und Glückseligkeit eines
- so guten und künftig großen Mannes aufopfern etc. etc.
-
- Leben Sie mit Ihren lieben Eltern wohl.
-
- Ihr gehorsamster Diener und Verehrer
-
- W. H. Reinwald.
-
-Dieser Brief macht es wahrscheinlich, daß Schiller nicht, wie er im
-Januar willens war, mit Hrn. von Wrmb nach Thüringen reiste, sondern
-fortwährend in Bauerbach blieb. War dies der Rat seines Freundes
-Reinwald? Oder bedachte er es selbst, daß sein Aufenthalt bei Hrn. von
-Wrmb von so zarter Beschaffenheit sein würde, daß ein Wörtchen, ja nur
-eine Gebärde ihn wieder entfernen und in die größte Verlegenheit setzen
-müßte?
-
-Gewißheit kann der Verfasser hierüber nicht geben, indem er sich nicht
-erinnert, in der Folge mit Schillern darüber gesprochen zu haben, und
-er auch einige Briefe von diesem aus (jetzt freilich sehr bedauerter)
-Nachlässigkeit verloren. Übrigens müßte es auffallend scheinen, daß der
-gerechte, edle Stolz und Ehrgeiz des Dichters auch nur einen Augenblick
-es ertragen konnte, Frau v. W. einer Verlegenheit auszusetzen, wenn wir
-nach obigem Brief nicht annehmen dürften, daß es ihr mit dem Dringen
-auf seine Entfernung nicht sehr ernst gewesen wäre. Außer diesem mochte
-auch Schillern der Umstand nachgiebiger machen, daß er hier frei von
-allen Sorgen für die kleinlichen Bedürfnisse des Lebens, ohne die
-mindeste Störung gänzlich seiner Laune, seinen Träumen, Idealen und
-dichterischen Entwürfen leben konnte; wo ihm kein Befehl vorschrieb,
-wie er gekleidet sein müsse, oder die Minute bezeichnete, zu welcher
-er im Spital oder auf der Wachtparade erscheinen solle, und wo er nur
-seinen großartigen Gefühlen und der Freundschaft leben durfte.
-
-Man muß den edlen Jüngling genau gekannt und in den Jahren 1781 und
-82 mit ihm in (dem damals so zwangsvollen) Stuttgart gelebt haben,
-um gewiß zu sein, daß ein nur einigermaßen leidliches Gefängnis, in
-welchem sein Tun und Lassen nicht vorgeschrieben worden wäre, ihm
-gegen seinen damaligen Zustand gehalten, als eine wirkliche Wohltat
-erschienen sein würde. Weiter unten werden wir aus einem Briefe von ihm
-selbst erfahren, daß nur die zuletzt angeführten Gründe die einzigen
-sein konnten, welche ihm den Aufenthalt in Bauerbach so wert und
-unvergeßlich machten.
-
-Die Lobsprüche, welche ihm Herr Reinwald in seinem Brief erteilt,
-beweisen, wie einnehmend seine Persönlichkeit gewesen und wie duldsam
-er jede Eigenheit an andern zu ertragen wußte, indem Hypochondrie und
-immerwährende Kränklichkeit Herrn Reinwald sehr reizbar und empfindlich
-machten und er auch von der höchsten Bedächtlichkeit war. Aber der Kern
-dieses Mannes, seine Kenntnisse sowie sein Herz waren vortrefflich, und
-wir werden sehen, wie hoch Schiller diesen Freund achtete.
-
-Hätte Herr Reinwald den jungen Dichter dazu vermocht, mit ihm nach
-Weimar und Gotha zu reisen, so würde er in ersterem Orte Goethe und
-Wieland kennen gelernt haben, die ihm, aller Wahrscheinlichkeit
-nach, einen Lebensplan vorgezeichnet, ihn mit Rat und Empfehlungen
-unterstützt und in die nützlichsten Verbindungen gebracht hätten. Auch
-wären ihm dadurch zwei Jahre erspart worden, die er meistens in Verdruß
-zubrachte, und die von den nachteiligsten Folgen für seine Gesundheit
-waren.
-
-Was Schiller aber von dieser Reise abhielt, war die Sirenenstimme, die
-sich von dem Theater zu Mannheim wieder vernehmen ließ und die seine
-Nerven so sehr in Schwingung versetzte, daß er ihren Lockungen nicht
-widerstehen konnte und alles andere von sich abwehrte. Denn schon im
-März 1783, also kaum drei Monate später, nachdem der Dichter sieben
-Wochen vergeblich in Oggersheim aufgehalten und auf eine äußerst harte
-Weise entlassen worden war, schrieb ihm Baron Dalberg wieder, um sich
-nach seinen theatralischen Arbeiten zu erkundigen, und zwar in solchen
-Ausdrücken, daß Schiller an Herrn Meier in Mannheim schrieb: »es müsse
-ein dramatische Unglück in Mannheim vorgegangen sein, weil er von Baron
-Dalberg einen Brief erhalten, dessen annähernde Ausdrücke ihn auf diese
-Vermutung brächten.«
-
-Dieser Schluß war jedoch nur insofern richtig, als Baron Dalberg, der
-sich sehr gern mit Umänderungen von Theaterstücken beschäftigte, und
-damals gerade Lanassa und Julius Cäsar von Shakespeare unter der Schere
-hatte, wohl fühlen mochte, daß Schiller zu solchen Arbeiten nicht ganz
-ungeeignet sein dürfte. Auch geschah es oft, daß die Mitglieder des
-Theaterausschusses von Fiesco sowie von dem bürgerlichen Trauerspiele
-Luise Millerin sprachen, dessen ganzer Plan S. bekannt war und den
-dieser, da ihn kein Versprechen zur Geheimhaltung verpflichtete, so
-umständlich als lebhaft auseinandersetzte.
-
-Am wahrscheinlichsten bleibt jedoch, daß sich Baron Dalberg der
-frühern Versprechungen und gegebenen Hoffnungen erinnerte, die er
-Schillern gemacht, und welche diesen zu seinem verzweifelten Schritte
-verleitet. Jetzt, nachdem der Herzog von Württemberg nicht die mindeste
-Vorkehrung zur Habhaftwerdung des Flüchtlings getroffen, konnte mit
-voller Sicherheit und ohne sich im mindesten bloß zu stellen, demselben
-Genugtuung gegeben, die öfters mahnenden Wünsche der Schauspieler
-erfüllt, sowie durch Anstellung eines solchen Dichters der Bühne ein
-Glanz erteilt werden, der sie über alle andern von Deutschland erhob,
-und von welcher der größte Teil ihres Ruhmes auf deren Intendanten
-zurückstrahlen mußte.
-
-Möge nun dieser oder jener Beweggrund den Brief des Baron Dalberg an
-Schillern veranlaßt haben, so ist es, zur Rechtfertigung des letztern,
-von der größten Wichtigkeit zu zeigen, daß er auch jetzt wieder, wie
-im Jahre 1781 angelockt, ja gewissermaßen zur Veränderung seines
-Aufenthaltes aufgefordert worden, ohne daß er es gesucht oder sich
-deshalb beworben hätte. Der anteilnehmende Leser möge diesen Umstand
-um so weniger übersehen, weil es zur unparteiischen Beurteilung des
-Schicksals und Benehmens des Dichters unumgänglich notwendig ist zu
-wissen, durch wen und durch was er zu nachteiligen Schritten verleitet
-worden. Nachfolgendes ist die Antwort (S. Schillers Briefe an Freiherrn
-von Dalberg S. 80), welche auf die Anfrage erteilt wurde.
-
- S.-Meiningen, den 3. April 1783.
-
- Euer Exzellenz verzeihen, daß Sie meine Antwort auf Ihre gnädige
- Zuschrift erst so spät erhalten -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- Daß Euer Exzellenz mich auch in der Entfernung noch in gnädigem
- Andenken tragen, kann mir nicht anders als schmeichelhaft sein. Sie
- wünschen zu hören, wie ich lebe?
-
- Wenn Verbannung der Sorgen, Befriedigung der Lieblingsneigung,
- und einige Freunde von Geschmack einen Menschen glücklich machen
- können, so kann ich mich rühmen, es zu sein.
-
- E. E. scheinen, ungeachtet meines kürzlich mißlungenen Versuchs,
- noch einiges Zutrauen zu meiner dramatischen Feder zu haben. Ich
- wünschte nichts, als solches zu verdienen; weil ich mich aber der
- Gefahr, Ihre Erwartung zu hintergehen, nicht neuerdings aussetzen
- möchte, so nehme ich mir die Freiheit, Ihnen einiges von dem Stück
- vorauszusagen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- Wenn diese Fehler, die ich E. E. mit Absicht vorhersage, für
- die Bühne nichts Anstößiges haben, so glaube ich, daß Sie mit
- dem übrigen zufrieden sein werden. Fallen sie aber bei der
- Vorstellung zu sehr auf, so wird alles übrige, wenn es auch noch
- so vortrefflich wäre, für Ihren Endzweck unbrauchbar sein und ich
- werde es besser zurückbehalten. -- --
-
- ~Dr.~ Schiller.
-
-Wer diesen Brief gegen die früheren vergleicht, dem muß die kalte
-geschraubte Sprache desselben auffallen, indem darin durchaus nichts
-ist, woraus zu schließen wäre, Schiller bewerbe sich wieder um den
-Schutz des Baron Dalberg. Eher noch sind Vorwürfe gegen diesen nicht
-undeutlich ausgesprochen, denn die Schilderung der Unabhängigkeit und
-des Glücks, welches der Dichter jetzt genieße, scheint absichtlich als
-Gegensatz angeführt zu sein.
-
-Ungeachtet alles dessen wurde der Briefwechsel fortgesetzt, und
-Schiller konnte der süßtönenden Stimme um so weniger widerstehen, als
-nach seinen Begriffen die Schaubühne sowie die Arbeiten für dieselbe
-einen Einfluß und eine Wichtigkeit hatten, die durch keine andere
-Kunst oder Wissenschaft bewirkt werden könne. Und bei der ersten Bühne
-Deutschlands sollte er nun Dichter, Lenker eines reinen, veredelten
-Geschmackes werden! Jetzt wäre der Zeitpunkt eingetreten, wo er seine
-Ideale, die Geschöpfe seiner Einbildungskraft lebend, handelnd der
-gespannten Aufmerksamkeit einer Menge von Zuschauern vorführen könnte!
-Und diese so lang ersehnte Gelegenheit sollte er zurückweisen?
-
-Zu viel wäre dieses gefordert! Er mußte dem Anerbieten entsprechen und
-traf auch in den ersten Tagen des Septembers 1783,[5] nur von Herrn
-Meier und dessen Frau erwartet, in Mannheim ein.
-
-Seinem zurückgelassenen Freunde S. wurde absichtlich von der ganzen
-Unterhandlung nichts gesagt, weil er sich (da sein eignes Glück durch
-den unnützen Aufenthalt in Oggersheim gestört worden) schon zu oft
-gegen das Versprechen und Verlocken geäußert und das Verfahren gegen
-den unglücklich gemachten Dichter bei seinem wahren Namen benannt hatte.
-
-Auch wurde ihm durch dieses Verheimlichen eine Überraschung bereitet,
-die vollkommen gelang. Denn als er zur gewöhnlichen Stunde bei Herrn
-Meier eintrat, konnte er kaum seinen Augen glauben, daß es der in
-weiter Entfernung vermeinte Schiller sei, welcher mit der heitersten
-Miene und dem blühendsten Aussehen ihm entgegentrat.
-
-Nach den herzlichsten Umarmungen und nachdem die eiligsten Fragen
-beantwortet waren, kündigte Schiller seinem Freund an, daß er von
-Baron Dalberg als Theaterdichter nach Mannheim berufen worden und
-als solcher mit einer Besoldung von 300, sage: dreihundert, Gulden
-Reichswährung nächstens sein Amt antreten werde. Seine Zufriedenheit
-über diese Anstellung sprach aus jedem Wort, aus jedem Blick, und er
-mochte sich wohl denselben Himmel in der Wirklichkeit dabei denken, der
-auf dem Theater oft so täuschend dargestellt wird.[6]
-
-Unter dem ruhigen Genuß seiner Freunde und der Schaubühne -- unter
-einer Menge von Plänen und Besprechungen über seine künftigen Arbeiten
-vergingen mehrere Wochen, und ehe er noch an den Abänderungen des
-Fiesco oder der Luise Millerin etwas angefangen hatte, überfiel ihn das
-kalte Fieber, welches ihn anfänglich zu allem untüchtig machte.
-
-Der Sommer dieses Jahres 1783 zeichnete sich durch eine ungewöhnliche
-Hitze aus, durch welche aus dem mit Morast und stehendem Wasser
-gefüllten Festungsgraben eine so faule, verdorbene Luft entwickelt
-wurde, daß kaum die Hälfte der Einwohner von diesem Übel verschont
-blieb. Auch verursachte die dumpfe Luft in dieser Festung, deren hohe
-Wälle jeden Zug, jede Strömung eines Windes verhinderten, bei allen
-Krankheiten gefährlichere Folgen als sonst, und der Tod beraubte in
-der Mitte des Oktobers Schiller eines Freundes, der ihm um so werter
-geworden, je mehr er Gelegenheit gehabt hatte, dessen edles, offenes
-Gemüt kennen zu lernen. Der Theaterregisseur, Herr Meier, dessen schon
-so oft erwähnt worden, starb an einer anfangs unbedeutend scheinenden
-Krankheit, wodurch nicht nur seiner Frau und seinen Freunden, sondern
-auch seinen Kunstgenossen sowie der Schaubühne selbst ein sehr lang
-gefühlter Verlust verursacht wurde. Denn nicht allein war er als Mensch
-höchst achtungswert, er war auch ein in Ekhofs Schule gebildeter, sehr
-bedeutender Künstler, der in den meisten, vorzüglich aber in sanften
-Rollen nichts zu wünschen übrig ließ. Zur Rechtfertigung der ärztlichen
-Kenntnisse Schillers darf hier versichert werden, daß er die schlimmen
-Folgen der Mittel, welche der Theaterarzt verordnet hatte, voraussagte.
-
-Wenn schon das Wechselfieber den tätigen, kühnen Geist des Dichters
-lähmte, so waren die Einwendungen, welche man gegen sein zweites
-Trauerspiel machte und die er beseitigen sollte, noch weniger geeignet,
-seine Einbildungskraft aufzuregen.
-
-Die Bahn, die er sich in seinen Arbeiten für die Bühne vorgezeichnet
-hatte, war ganz neu und ungewöhnlich, daher es den Schauspielern,
-die meistens nur bürgerliche oder sogenannte Konversationsstücke
-aufzuführen gewohnt waren, sehr schwer und mühsam wurde, die Ausdrücke
-des Dichters so zu geben, wie er sie schrieb, und in welche sich, ohne
-deren Sinn zu stören oder ins Gemeine herabzuziehen, durchaus nichts
-aus der Umgangssprache einflicken ließ. Daß bei den Räubern derlei
-Einwendungen weniger gemacht wurden, davon war der überwältigende
-Stoff sowie die ergreifende Wirkung, welche die meisten Szenen
-hervorbrachten, die Ursache. Besonders eiferte letzteres jeden
-Mitwirkenden an, alle Kräfte beisammen zu halten, um auch in den
-unbedeutend scheinenden Teilen keine Störung zu verursachen, damit
-das Werk so, wie es aus der dichterischen Kraft entsprungen, ein
-erstaunungswürdiges Ganzes bliebe.
-
-Bei Fiesco war der Inhalt schon an sich selbst kälter. Die schlauen
-Verwicklungen erwärmten nicht; die langen Monologe, so meisterhaft sie
-auch waren, konnten nicht mit Begeisterung aufgefaßt und gesprochen
-werden, indem sich größtenteils nur der Ehrgeiz darin malte und zu
-fürchten war, daß die Zuschauer ohne Teilnahme bleiben würden. Man
-gestand nicht gern, daß die Anstrengung des Darstellers mit dem zu
-erwartenden Beifall nicht im Verhältnis stehen möchte, weil erstere zu
-groß und letzterer zu gering sein würde.
-
-Am meisten wurde gegen den Schluß eingewendet, weil er weder den
-ersten Schauspielern noch dem Publikum Genüge leisten könne und eine
-Empfindung zurücklassen müsse, welche den Anteil, den man an dem
-Vorhergehenden des Stückes genommen, bedeutend schwächen würde.
-
-Wenn man bedenkt, daß der tiefe, umfassende Geist Schillers sich auch
-in späterer Zeit nie bequemen konnte, ein Stück so zu entwerfen und
-zu schreiben, daß es den Forderungen oder, eigentlicher zu reden --
-da vorzüglich die unterhaltenden Künste den geringern Kräften der
-Menge angepaßt werden müssen -- dem Handwerksmäßigen des Theaters in
-allen seinen Teilen angemessen hätte sein können; so kann man sich
-vorstellen, mit welchem Widerwillen er sich an Abänderungen (worunter
-nicht Abkürzungen verstanden sind) überhaupt, besonders aber wie bei
-Fiesco der Fall war, an solche sich machte, wo dem Verstand und der
-Wahrheit zugleich der stärkste Schlag versetzt werden müßte. War auch
-sein Kopf gewandt genug, um jede Begebenheit als möglich darzustellen,
-so mußte doch an die Stelle des Zerstörten etwas Neues geschaffen
-werden, das -- wie jeder, dem Geistes- oder Kunstarbeiten bekannt sind,
-gestehen muß -- entweder nicht so gut gerät oder doch viel schwieriger
-als ersteres ist.
-
-Indessen mußte er diese Einwürfe berücksichtigen, und ungeachtet
-der Unterbrechungen durch seine Krankheit und die dadurch gestörte
-gute Laune wurde er dennoch in der zweiten Hälfte des Novembers mit
-Umarbeitung des Fiesco fertig.
-
-Nun mußte aber das ganze Stück ins Reine und in der genauen Folge
-geschrieben werden, wozu, da man diese beschwerliche Arbeit nicht von
-ihm verlangen konnte, ein Regiments-Furier vorgeschlagen wurde, der
-eine sehr deutliche und hübsche Handschrift hatte. Da so vieles aus
-der ersten Bearbeitung gestrichen, zwischen hinein abgeändert oder
-ganz neu eingelegt war, so durfte die Anordnung dem Abschreiber nicht
-überlassen bleiben, sondern mußte ihm in die Feder gesagt werden.
-
-In den ersten Stunden fühlte sich der Verfasser sehr behaglich, indem
-er nach Bequemlichkeit bald sitzend, bald auf und nieder gehend
-vorsagen konnte. Als aber der Mann weggegangen war, wie entsetzte sich
-Schiller, als er seinen ihm so wert gewordenen Helden Fiesco in Viesgo,
-die liebliche Leonore in Leohnohre, Calcagna in Kallkahnia verwandelt
-und in den übrigen Eigennamen falsche Buchstaben, sowie die meisten
-Worte der gewohnten Rechtschreibung entgegen fand.
-
-Seine Klagen hierüber waren ebenso bitter als auf eine Art
-ausgesprochen, die zum Lachen reizte, indem er gar nicht begreifen
-konnte, daß jemand, der so schöne Buchstaben mache, nicht auch jedes
-Wort richtig sollte schreiben können.
-
-Noch einmal, nachdem er den Mann vorher alle Namen ordentlich hatte
-aufzeichnen lassen, versuchte er es wieder vorzusagen. Als er aber
-dennoch fand, daß Fiesco jetzt mit einem F, und später mit einem
-V anfing, da verlor er die Geduld so gänzlich, daß er, um diese
-Augenmarter nicht länger aushalten zu müssen, sich entschloß, selbst
-das ganze Stück ins reine zu schreiben. Er war so fleißig dabei,
-daß solches in der Mitte Dezembers dem Baron Dalberg überreicht
-werden konnte. Zufrieden mit seiner in den verflossenen zwei Monaten
-bewiesenen Tätigkeit konnte der kranke Dichter allerdings sein,
-obwohl diese, da er nur die vom Fieber freien Tage und die Nächte
-benützen konnte, seine Kräfte sehr abspannte und sein sonst immer
-heiteres Gemüt sich öfters verdüsterte. Aber nicht allein eine solche
-Anstrengung war geeignet, jede muntere Laune zu verscheuchen, auch
-sein übriges Verhältnis, das in Beziehung des Einkommens im grellsten
-Widerspruch mit seinen früheren Erwartungen stand, mußte ihn schon
-darum zum Mißvergnügen reizen, weil ihm dieses in den Briefen von
-seiner Familie sehr bemerklich gemacht wurde. Besonders war der Vater
-sehr unzufrieden, seinen Sohn in einem so ungewissen, nichts dauernd
-zeigenden Zustand zu wissen, und er glaubte ihn nur dann für die
-Zukunft geborgen, wenn er wieder Arzt und unter dem Schutze des Herzogs
-wäre. Das Herz der Mutter, konnte es ruhig schlagen, wenn sie ihren
-Liebling in seiner Gesundheit, in seinem häuslichen Wesen, in seinen
-Sitten -- die sie bei dem Theater sich zügellos denken mochte -- im
-höchsten Grade gefährdet glaubte? Auch die älteste Schwester vereinigte
-ihre Wünsche mit denen der Eltern und veranlaßte folgende Erwiderung
-des Bruders.
-
- Mannheim, am Neujahr 84.
-
- Meine teuerste Schwester!
-
- Ich bekomme gestern Deinen Brief, und da ich über meine
- Nachlässigkeit, Dir zu antworten, etwas ernsthaft nachdenke, so
- mache ich mir die bittersten Vorwürfe von der Welt. Glaube mir,
- meine Beste, es ist keine Verschlimmerung meines Herzens; denn so
- sehr auch Schicksale den Charakter verändern können, so bin doch
- ich mir immerdar gleich geblieben -- es ist ebensowenig Mangel an
- Aufmerksamkeit und Wärme für Dich; denn Dein künftiges Los hat
- schon oft meine einsamen Stunden beschäftigt, und wie oft warst
- Du nicht die Heldin in meinen dichterischen Träumen! -- Es ist
- die entsetzliche Zerstreuung, in der ich von Stunde zu Stunde
- herumgeworfen werde, es ist zugleich auch eine gewisse Beschämung,
- daß ich meine Entwürfe über das Glück der Meinigen und über Deins
- insbesondere bis jetzt so wenig habe zur Ausführung bringen können.
- Wie viel bleiben doch unsere Taten unseren Hoffnungen schuldig!
- und wie oft spottet ein unerklärbares Verhängnis unseres besten
- Willens --
-
- Also unsere gute Mutter kränkelt noch immer? Sehr gern glaube ich
- es, daß ein schleichender Gram ihrer Gesundheit entgegen arbeitet,
- und daß Medikamente vielleicht gar nichts tun -- aber Du irrst
- Dich, meine gute Schwester, wenn Du ihre Besserung von meiner
- Gegenwart hoffst. Unsere liebe Mutter nährt sich gleichsam von
- beständiger Sorge. Wenn sie auf einer Seite keine mehr findet, so
- sucht sie sie mühsam auf einer andern auf. Wie oft haben wir alle
- uns das ins Ohr gesagt! Ich bitte Dich auch, ihr es in meinem Namen
- zu wiederholen. Ich spreche ganz allein als Arzt -- denn daß eine
- solche Gemütsart das Schicksal selbst nicht verbessern, daß sie
- mit einer Resignation auf die Vorsicht durchaus nicht bestehen
- könne, wird unser guter Vater ihr öfter und besser gesagt haben.
- Dein Zufall ficht mich wirklich nicht wenig an. Ich erinnere mich,
- daß du ihn mehrmals gehabt hast, und bin der Meinung, daß eine
- Lebensart mit starker Leibesbewegung, neben einer verdünnenden Diät
- ihn am besten hemmen werde. Nimm zuweilen eine Portion Salpeter mit
- Weinstein, und trinke auf das Frühjahr die Molken.
-
- Du äußerst in Deinem Brief den Wunsch, mich auf der Solitüde
- im Schoße der Meinigen zu sehen, und wiederholst den ehmaligen
- Vorschlag des lieben Papas, beim Herzog um meine freie Wiederkehr
- in mein Vaterland einzukommen. Ich kann Dir nichts darauf
- antworten, Liebste, als daß meine Ehre entsetzlich leidet, wenn
- ich ohne Konnexion mit einem andern Fürsten, ohne Charakter und
- dauernde Versorgung, nach meiner einmal geschehenen gewaltsamen
- Entfernung aus Württemberg, mich wieder da blicken lasse. Daß
- der Papa den Namen zu dieser Bitte hergibt, nützt mir wenig,
- denn jedermann würde doch mich als die Triebfeder anklagen, und
- jedermann wird, so lang ich nicht beweisen kann, daß ich den Herzog
- von Württemberg nicht mehr brauche, in einer (mittelbar oder
- unmittelbar, das ist eins) erbettelten Wiederkehr ein Verlangen, in
- Württemberg unterzukommen, vermuten.
-
- Schwester, überdenke die Umstände aufmerksam; denn das Glück Deines
- Bruders kann durch eine Übereilung in dieser Sache einen ewigen
- Stoß leiden. Ein großer Teil von Deutschland weiß von meinen
- Verhältnissen gegen euern Herzog und von der Art meiner Entfernung.
- Man hat sich für mich auf Unkosten des Herzogs interessiert -- wie
- entsetzlich würde die Achtung des Publikums (und diese entscheidet
- doch mein ganzes zukünftige Glück), wie sehr würde meine Ehre durch
- den Verdacht sinken, daß ich diese Zurückkunft gesucht -- daß meine
- Umstände mich meinen ehmaligen Schritt zu bereuen gezwungen, daß
- ich diese Versorgung, die mir in der großen Welt fehlgeschlagen,
- aufs neue in meinem Vaterlande suche. Die offene edle Kühnheit, die
- ich bei meiner gewaltsamen Entfernung gezeigt habe, würde den Namen
- einer kindischen Übereilung, einer dummen Brutalität bekommen, wenn
- ich sie nicht behaupte. Liebe zu den Meinigen, Sehnsucht nach dem
- Vaterland entschuldigt vielleicht im Herzen eines oder des andern
- redlichen Mannes, aber die Welt nimmt auf das keine Rücksicht.
- Übrigens kann ich nicht verhindern, wenn der Papa es dennoch tut --
- nur dieses sage ich Dir, Schwester, daß ich, im Fall es der Herzog
- erlauben würde, dennoch mich nicht bälder im Württembergischen
- blicken lasse, als bis ich wenigstens einen Charakter habe, woran
- ich eifrig arbeiten will; im Fall er es aber nicht zugibt, mich
- nicht werde enthalten können, den mir dadurch zugefügten Affront
- durch offenbare Sottisen gegen ihn zu rächen. Nunmehr weißt Du
- genug, um vernünftig in dieser Sache zu raten.
-
- Schließlich wünsche ich Dir und Euch allen von ganzem Herzen ein
- glückliche Schicksal im 1784sten Jahr; und gebe der Himmel, daß wir
- alle Fehler der vorigen in diesem wieder gut machen, geb' es Gott,
- daß das Glück sein Versäumnis in den vergangenen Jahren in dem
- jetzigen einbringe.
-
- Ewig Dein treuer Bruder
-
- Friedrich S.
-
-Wahrlich, ein Beweis, wie er als Sohn, Bruder und Mann dachte, läßt
-sich durch nichts so offen, kräftig und schön als durch diesen Brief
-darstellen, dessen Inhalt um so schätzbarer ist, da er im größten
-Vertrauen geschrieben wurde und sich keine Ursache finden konnte,
-einen Gedanken anders auszudrücken als ganz so, wie er entstand. Denn
-diese Anhänglichkeit, diese kindliche und brüderliche Liebe war nebst
-dem stolzen Gefühl für Ehre und Erwerbung eines berühmten Namens der
-mächtigste Sporn für ihn, um durch sein Talent das Glück der Seinigen
-ebenso gewiß als sein eignes zu befördern. Schon in Stuttgart, noch
-eh' er den Entschluß zu entfliehen gefaßt hatte, war dieses sehr oft
-der Inhalt seiner vertrauten Gespräche, so wie es auch, da er die
-Unmöglichkeit einsah, diesen Wunsch in seinen drückenden Verhältnissen
-verwirklichen zu können, ein Grund mehr wurde, sich eigenmächtig zu
-entfernen. Auf das treueste schildert er zehn Jahre später seine
-damaligen Erwartungen in dem Gedicht: Die Ideale
-
- »Wie sprang, von kühnem Mut beflügelt,
- Beglückt in seines Traumes Wahn,
- Von keiner Sorge noch gezügelt,
- Der Jüngling in des Lebens Bahn!
- Bis an des Äthers bleichste Sterne
- Erhob ihn der Entwürfe Flug,
- Nichts war so hoch und nichts so ferne,
- Wohin ihr Flügel ihn nicht trug.
-
- Wie leicht ward er dahin getragen,
- Was war dem Glücklichen zu schwer!
- Wie tanzte vor des Lebens Wagen
- Die luftige Begleitung her!
- Die Liebe mit dem süßen Lohne,
- Das Glück mit seinem goldnen Kranz,
- Der Ruhm mit seiner Sternenkrone,
- Die Wahrheit in der Sonne Glanz!«
-
-So waren seine Hoffnungen, als er das Kleinliche, Eigensüchtige der
-Menschen noch nicht aus der Erfahrung kannte, als quälende Sorgen mit
-ihren zackichten Krallen sich noch nicht an ihn geklammert hatten, als
-er noch glauben durfte, die Deutschen zu sich erheben und ihnen etwas
-Höheres als bloße Unterhaltung darbieten zu können.
-
-Nur zu bald mußte er ausrufen:
-
- »Doch ach! schon auf des Weges Mitte
- Verloren die Begleiter sich,
- Sie wandten treulos ihre Schritte,
- Und einer nach dem andern wich.«
-
-Aber sein Mut blieb dennoch unbeugsam! Denn was tausend andere in
-ähnlichen Verwicklungen niedergedrückt oder zur Verzweiflung gebracht
-hätte, wurde von seinem mächtigen Geiste -- der immer nur das höchste
-Ziel im Auge behielt -- entweder gar nicht beachtet oder, wenn es auch
-schmerzte, nur belächelt.
-
-Im Verfolg der Erzählung wird das Gesagte noch weiter bestätigt werden.
-
-Noch während der Umarbeitung des Fiesco wurde es eingeleitet, daß
-Schiller in die deutsche Gesellschaft zu Mannheim, von welcher
-Baron Dalberg Präsident war, aufgenommen werden solle. Außer der in
-Deutschland so sehr gesuchten Ehre eines Titels hatte der Eintritt
-in diese Gesellschaft wenigstens den Vorteil, daß sie sich des
-unmittelbaren kurfürstlichen Schutzes erfreute, wodurch denn der
-Dichter, im Fall er noch von dem Herzog von Württemberg angefochten
-worden wäre, wenigstens einigen Schutz hätte erwarten dürfen. Zu seinem
-Eintritt schrieb er die kleine Abhandlung: »Was kann eine gute stehende
-Schaubühne wirken?« welche noch immer die Mühe verlohnt, sie aufs
-neue durchzulesen, um den Zweck des Theaters überhaupt und auch die
-Ansichten des Verfassers über die Wirkung desselben kennen zu lernen.
-
-Einige Monate nach dieser Aufnahme faßte er den Plan, eine Dramaturgie
-herauszugeben, um durch diese die Mannheimer Bühne als Muster für ganz
-Deutschland bilden, auch sich zugleich einen größern Wirkungskreis
-erwerben zu können. Anfangs glaubte man, daß es am besten sein würde,
-die Aufsätze den Jahrbüchern der deutschen Gesellschaft einzuverleiben.
-Jedoch der ganze, so eifrig gefaßte und so vielversprechende Vorsatz
-scheiterte, indem diese Jahrbücher, die nur ernste, trockene
-Forschungen enthielten, durch Berichte über ein so flüchtiges Ding, wie
-das Theater zu sein scheint, profaniert geworden wären, und weil die
-Theaterkasse die von dem Dichter verlangte jährliche Schadloshaltung
-von 50 Dukaten nicht zu leisten vermochte. (Das Nähere hierüber findet
-sich in den Briefen an Baron Dalberg S. 104, 124.) Endlich in der Mitte
-Januars 1784 wurde das republikanische Schauspiel Fiesco aufgeführt,
-dessen durch Unlenksamkeit der Statisten veranlaßten häufigen Proben
-dem Verfasser manchen Ärger, viele Zerstreuung und öfters auch
-Aufheiterung verschafften. Es war alles, was die schwachen Kräfte des
-Theaters vermochten, angewendet worden, um das Äußerliche des Stücks
-mit Pracht auszustellen; ebenso wurden auch die Hauptrollen, Fiesco
-durch Böck, Verrina durch Iffland, der Mohr durch Beil, vortrefflich
-dargestellt, und manche Szenen erregten sowohl für den Dichter als
-für die Schauspieler bei den Zuschauern die lauteste Bewunderung.
-Aber für das Ganze konnte sich die Mehrheit nicht erwärmen; denn eine
-Verschwörung in den damals so ruhigen Zeiten war zu fremdartig, der
-Gang der Handlung viel zu regelmäßig, und was vorzüglich erkältete,
-war, daß man bei dem Fiesco ähnliche Erschütterungen wie bei den
-Räubern erwartet hatte.
-
-Dichter, Künstler, deren erstes Werk schon etwas Großes,
-Außerordentliches darstellt, und dessen Bearbeitung in gleicher
-Höhe mit dem Inhalt sich findet, können selten die Erwartungen in
-demjenigen, was sie in der nächsten Folge liefern, ganz befriedigen,
-indem die Anzahl derer ganz unglaublich gering ist, die ein Kunstwerk
-ganz allein für sich, ohne Beziehung oder Vergleichung mit anderm
-zu würdigen verstehen. Mit seltener Ausnahme hat jeder Zuhörer oder
-Zuschauer seinen eignen Maßstab, mit dem er alles mißt, und wenn auch
-nur eine Linie über oder unter der als richtig erkannten Länge ist, es
-auch sogleich als untüchtig verwirft. Besonders werden die Werke der
-Einbildungskraft weit mehr nach dem Gefühl, das sie zu erregen fähig
-sind, als mit dem Verstande beurteilt, und alle Leistungen, welche das
-erste im hohen Grad ansprechen -- mögen sie übrigens noch so fehlerhaft
-sein -- werden der Menge weit mehr zusagen als solche, bei denen der
-Verstand, die schöne weise Verteilung, die freie Beherrschung des
-Stoffes, den großen Meister andeutet. Daher hatte Wieland vollkommen
-recht, als er in seinem ersten Brief an Schiller schrieb: »er hätte mit
-den Räubern nicht anfangen, sondern endigen sollen.«
-
-Wir werden weiter unten erfahren, welcher Ursache es der Dichter
-beigemessen, daß Fiesco in Mannheim die gehoffte Wirkung nicht hatte.
-
-Nach einigen Wochen Erholung begann er die Umarbeitung von Luise
-Millerin, bei welcher er wenig hinzuzufügen brauchte, wohl aber
-vieles ganz weglassen mußte. Schien ihm nun auch dieses ganze
-bürgerliche Trauerspiel ziemlich mangelhaft angelegt, so ließ sich
-doch an den Szenen, die den meisten Anteil zu erregen versprachen,
-nichts mehr ändern; sondern er mußte sich begnügen, die hohe Sprache
-herabzustimmen, hier einige Züge zu mildern und wieder andere ganz
-zu verwischen. Manche Auftritte, und zwar nicht die unbedeutendsten,
-gründen sich auf Sagen, die damals verbreitet waren, und deren
-Anführung viele Seiten ausfüllen würde. Der Dichter glaubte solche hier
-an den schicklichen Platz stellen zu sollen und gab sich nur Mühe,
-alles so einzukleiden, daß weder Ort noch Person leicht zu erraten
-waren, damit nicht üble Folgen für ihn daraus entstünden.
-
-Während dieser Umarbeitung brachte Iffland sein Verbrechen aus Ehrsucht
-auf die Bühne.
-
-Er war so artig, es Schillern vor der Aufführung einzuhändigen und ihm
-zu überlassen, welche Benennung dieses Familienstück führen solle, und
-dem der bezeichnende Name, den es noch heute führt, erteilt wurde.
-Der außerordentliche Beifall, den dieses Stück erhielt, machte die
-Freunde Schillers nicht wenig besorgt, daß dadurch seine Luise Millerin
-in den Schatten gestellt werde, denn niemand erinnerte sich, daß ein
-bürgerliches Schauspiel jemals so vielen Eindruck hervorgebracht hätte.
-Letzteres durfte jedoch meistens der Darstellung beigemessen werden,
-die so lebendig, der ganzen Handlung so angemessen war und in allen
-Teilen so rund von statten ging, daß man den innern Gehalt ganz vergaß
-und, von der Begeisterung des Publikums mit fortgerissen, sich willig
-täuschen ließ.
-
-Nicht lange nachher kam die Vorstellung des neuen Trauerspiels unseres
-Dichters an die Reihe, welchem Iffland, dem es vorher übergeben wurde,
-die Aufschrift »Kabale und Liebe« erteilte. Um der Aufführung recht
-ungestört beiwohnen zu können, hatte Schiller eine Loge bestanden und
-seinen Freund S. zu sich dahin eingeladen.
-
-Ruhig, heiter, aber in sich gekehrt und nur wenige Worte wechselnd,
-erwartete er das Aufrauschen des Vorhanges. Aber als nun die Handlung
-begann -- wer vermöchte den tiefen, erwartenden Blick -- das Spiel der
-unteren gegen die Oberlippe -- das Zusammenziehen der Augenbrauen, wenn
-etwas nicht nach Wunsch gesprochen wurde -- den Blitz der Augen, wenn
-auf Wirkung berechnete Stellen diese auch hervorbrachten -- wer könnte
-dies beschreiben! -- Während des ganzen ersten Aufzuges entschlüpfte
-ihm kein Wort, und nur bei dem Schlusse desselben wurde ein »es geht
-gut« gehört.
-
-Der zweite Akt wurde sehr lebhaft und vorzüglich der Schluß desselben
-mit so vielem Feuer und ergreifender Wahrheit dargestellt, daß,
-nachdem der Vorhang schon niedergelassen war, alle Zuschauer auf eine
-damals ganz ungewöhnliche Weise sich erhoben und in stürmisches,
-einmütiges Beifallrufen und Klatschen ausbrachen. Der Dichter
-wurde so sehr davon überrascht, daß er aufstand und sich gegen das
-Publikum verbeugte. In seinen Mienen, in der edlen, stolzen Haltung
-zeigte sich das Bewußtsein, sich selbst genug getan zu haben, sowie
-die Zufriedenheit darüber, daß seine Verdienste anerkannt und mit
-Auszeichnung beehrt würden.
-
-Solche Augenblicke, in welchen das aufgeregte Gefühl eines bedeutenden
-Menschen sich plötzlich ganz unverhohlen und natürlich äußert, sollte
-man durch eine treue Zeichnung festhalten können; dies würde einen
-Charakter leichter und bestimmter durchschauen lassen, als in Worten zu
-beschreiben möglich ist.
-
-Die ungewöhnlich günstige Aufnahme dieses Trauerspieles war den
-Freunden Schillers beinahe ebenso erfreulich, als ihm selbst, indem
-sie, da seiner Arbeit nicht nur von Kennern, sondern auch von dem
-Publikum ein entschiedener Vorzug vor andern ähnlicher Art gegeben
-wurde, hoffen durften, daß er durch neue Werke, nicht wie bisher nur
-Ehre und Beifall, sondern auch solche Vorteile gewinnen werde, die
-seine Verhältnisse des Lebens befriedigender gestalten könnten. Der
-Theaterdirektion konnte es gleichfalls willkommen sein, daß in den
-verflossenen zwei Jahren auch zwei solche Stücke von ihm geliefert
-worden, deren Wert sich für eine lange Zukunft verbürgen ließ; und
-konnte er, wie es auch den Anschein hatte, so fortfahren, so war seine
-geringe Besoldung sehr gut angelegt.
-
-In der Berauschung, die ein öffentlicher, mit Begeisterung geäußerter
-Beifall immer zur Folge hat, konnte er jedoch die Nachricht der
-Schwester (S. vorstehenden Brief), daß die Mutter aus Sehnsucht nach
-ihm kränklich sei, nicht vergessen, und erlaubte es früher -- nachdem
-keine seiner Erwartungen erfüllt war -- sein Stolz nicht, seiner
-Mutter sich zu zeigen, so war dieser durch den Titel eines Mitgliedes
-der kurpfälz'schen deutschen Gesellschaft, wie durch den überraschenden
-Erfolg seiner zwei letzten Stücke, insoweit wenigstens befriedigt,
-daß er mit gerechtem Selbstgefühl seinen Angehörigen vor Augen treten
-durfte. Er entschloß sich daher, in Bretten, einem außerhalb der
-württemberg'schen Grenze liegenden Städtchen, mit seiner Mutter und
-ältesten Schwester zusammen zu kommen, und wenige Tage nach der ersten
-Aufführung von Kabale und Liebe begab er sich zu Pferd dahin.[7]
-
-Wäre es möglich, das tiefempfindende, sorgenvolle Gemüt der Mutter, und
-die Wehmut, mit der sie ihren, nun aus seinem Vaterlande wie von seinen
-Eltern verbannten Liebling an die Brust drückte, die Lebhaftigkeit,
-den männlichen Verstand der Schwester, das zarte, weiche, sich immer
-edel und schön aussprechende Herz des Sohnes gehörig zu schildern,
-so wäre dieses wohl eines der anziehendsten Gemälde, die sich in dem
-Leben eines solchen Dichters und einer so seltenen Familie darbieten
-können. Es muß der Einbildungskraft des Lesers überlassen bleiben,
-diese Szene, nebst dem nach kurzem Aufenthalte gewaltsamen Losreißen
-dreier vortrefflicher Menschen, die das von zitternden Lippen gepreßte
-Lebewohl! für lange, lange Zeit ausgesprochen glauben mußten, sich
-teilnehmend ausmalen zu können.
-
-Es war ganz natürlich, daß der Wunsch des Vaters wie der Mutter, dem
-Sohn auf das angelegentlichste empfohlen wurde, sich doch um eine
-sichere, dauernde Anstellung zu bewerben, damit seine eigenmächtige
-Entfernung gerechtfertigt und sein Glück dauerhaft begründet sein möge.
-Allein mit allem guten Willen hierzu konnte er eine solche Veränderung
-nicht sogleich herbeiführen, und es blieb vorläufig nichts zu tun, als
-mit dem festen Vorsatz nach Mannheim zurückzukehren, durch neue sich
-auszeichnende Arbeiten seinem Schicksal eine bessere Wendung zu geben.
-Er glaubte, daß dieses ein Schritt dazu wäre, wenn er in Gesellschaft
-von Iffland und Beil, die zu Ende Aprils von Grosmann in Frankfurt auf
-Gastvorstellungen eingeladen waren, die Reise dahin machte, und dadurch
-den Kreis seiner Verehrer und Freunde erweiterte.
-
-Bei seinem Aufenthalt daselbst wurde Verbrechen aus Ehrsucht wie auch
-Kabale und Liebe gegeben. Seine Äußerungen über die Verschiedenheit der
-Frankfurter gegen die Mannheimer Bühne sowie über die Mitglieder von
-beiden, finden sich in seinen Briefen an Baron Dalberg.
-
-Daß sich in Frankfurt diejenigen, welche Sinn für höhere Poesie hatten,
-an den Dichter drängten, der in so jungen Jahren schon so viele Beweise
-der Überlegenheit seines Geistes an den Tag gelegt, läßt sich sehr
-leicht denken. Denn die Zeit war damals so ruhig, so harmlos, die
-Gedichte und Schauspiele Schillers trugen so sehr den Stempel der Größe
-und Neuheit, daß sich die jüngere Lesewelt nur mit diesen beschäftigte,
-und ihr alles, was zu gleicher Zeit die Presse in diesem Fache
-förderte, klein oder nichtsbedeutend schien.
-
-Unter andern neuen Bekanntschaften machte er auch die des Doktor
-Albrecht und dessen Gattin, welche letztere (S. Schröders Leben) später
-das Theater betrat. Beide waren auch Freunde des Bibliothekars Reinwald
-in Meiningen und erinnerten Schiller an die -- allen, deren Wirken
-nicht bloß durch die Einbildungskraft geschieht, ganz unbegreifliche --
-Nachlässigkeit, diesem, dem er so viele Verbindlichkeit hatte, seit der
-Abreise aus Bauerbach noch nicht geschrieben zu haben.
-
-Kaum nach Mannheim zurückgekehrt, beeilte er sich, seinen Fehler
-durch ein offenes Geständnis wenn auch nicht zu rechtfertigen, doch
-wenigstens zu mildern, und schrieb Herrn Reinwald folgenden Brief,
-dessen Inhalt für jeden seiner Verehrer nicht anders als höchst
-anziehend sein kann.
-
- Mannheim, den 5. Mai 84.
-
- Bester Freund!
-
- Mit peinigender Beschämung ergreife ich die Feder, nicht um mein
- langes Stillschweigen zu entschuldigen -- kann wohl ein Vorwand in
- der Welt Ihre gerechten Ansprüche auf mein Andenken überwiegen?
- -- Nein, mein Teuerster, um Ihnen diese Undankbarkeit von Herzen
- abzubitten, und Ihnen wenigstens mit der Aufrichtigkeit, die Sie
- einst an mir schätzten, zu gestehen, daß ich mich durch nichts als
- meine Nachlässigkeit rechtfertigen kann. Was hilft es Ihnen, wenn
- ich auch zu meiner Verantwortung anführe, daß ich Aussichten hatte,
- Sie diesen Frühling selbst wieder zu sehen, daß ich die tausend
- Dinge, die ich für Sie auf dem Herzen habe, mündlich zu überbringen
- hoffte --
-
- Dieser Traum ist verflogen, wir sehen uns nunmehr so bald nicht,
- und nichts als Ihre Freundschaft und Liebe wird mein großes
- Versehen entschuldigen. Glauben Sie wenigstens, daß Ihr Freund noch
- der vorige ist, daß noch kein anderer Ihren Platz in meinem Herzen
- besetzt hat, und daß Sie mir oft, sehr oft gegenwärtig waren,
- wenn ich von den Zerstreuungen meines hiesigen Lebens in stilles
- Nachdenken überging. -- Und jetzt will ich auch auf immer einen
- Artikel abbrechen, wobei ich von Herzen erröten muß.
-
- Wie haben Sie gelebt, mein Teurer? Wie steht es mit Ihrem Gemüt,
- Ihrer Gesundheit, Ihren Zirkeln, Ihren Aussichten in bessere
- Zukunft? -- Ist noch kein Schritt zu einer solidern Versorgung
- geschehen? Müssen Sie sich noch immer mit den Verdrießlichkeiten
- eines armseligen Dienstes herumstreiten? -- Hat auch Ihr Herz noch
- keinen Gegenstand aufgefunden, der Ihnen Glückseligkeit gewährte? --
-
- Wie sehr verdienen Sie alle Seligkeiten des Lebens, und wie viele
- kennen Sie noch nicht! -- Auch um einen Freund mußte ich Sie
- betrügen! Doch nein! Sie haben ihn niemals verloren und werden ihn
- auch niemals verlieren.
-
- Vielleicht wünschen Sie mit meiner Lage bekannt zu sein. Was sich
- in einem Briefe sagen läßt, sollen Sie erfahren.
-
- Noch bin ich hier, und nur auf mich kommt es an, ob ich nach
- Verfluß meines Jahres, nämlich am 1. September, meinen Kontrakt
- verlängern will oder nicht. Man rechnet aber indes schon ganz
- darauf, daß ich hier bleiben werde, und meine gegenwärtigen
- Umstände zwingen mich beinahe auf längere Zeit zu kontrahieren, als
- ich vielleicht sonst würde getan haben. Das Theater hat mir für
- dieses Jahr in allem 500 Gulden Fixum gegeben, wobei ich aber auf
- die jedesmalige Einnahme einer Vorstellung meiner Stücke Verzicht
- tun mußte. Meine Stücke bleiben mir frei zu verkaufen. Aber Sie
- glauben nicht, mein Bester, wie wenig Geld 600 bis 800 Gulden in
- Mannheim, und vorzüglich im theatralischen Zirkel ist -- wie wenig
- Segen, möchte ich sagen, in diesem Geld ist -- welche Summen nur
- auf Kleidung, Wohnung und gewisse Ehrenausgaben gehen, welche ich
- in meiner Lage nicht ganz vermeiden kann. Gott weiß, ich habe mein
- Leben hier nicht genossen, und noch einmal soviel als an jedem
- andern Orte verschwendet. Allein und getrennt! -- Ungeachtet meiner
- vielen Bekanntschaften, dennoch einsam und ohne Führung, muß ich
- mich durch meine Ökonomie hindurchkämpfen, zum Unglück mit allem
- versehen, was zu unnötigen Verschwendungen reizen kann. Tausend
- kleine Bekümmernisse, Sorgen, Entwürfe, die mir ohne Aufhören
- vorschweben, zerstreuen meinen Geist, zerstreuen alle dichterischen
- Träume, und legen Blei an jeden Flug der Begeisterung. Hätte ich
- jemand, der mir diesen Teil der Unruhe abnähme, und mit warmer,
- herzlicher Teilnehmung sich um mich beschäftigte, ganz könnte ich
- wiederum Mensch und Dichter sein, ganz der Freundschaft und den
- Musen leben. Jetzt bin ich auch auf dem Wege dazu.
-
- Den ganzen Winter hindurch verließ mich das kalte Fieber nicht
- ganz. Durch Diät und China zwang ich zwar jeden neuen Anfall,
- aber die schlimme hiesige Luft, worin ich noch Neuling war, und
- meine von Gram gedrückte Seele machten ihn bald wiederkommen.
- Bester Freund! ich bin hier noch nicht glücklich gewesen, und fast
- verzweifle ich, ob ich je in der Welt wieder darauf Anspruch machen
- kann. Halten Sie es für kein leeres Geschwätz, wenn ich gestehe,
- daß mein Aufenthalt in Bauerbach bis jetzt mein seligster gewesen,
- der vielleicht nie wieder kommen wird.
-
- Vorige Woche war ich zu Frankfurt, Grosmann zu besuchen und einige
- Stücke da spielen zu sehen, worin zwei Mannheimer Schauspieler,
- Beil und Iffland, Gastrollen spielten. Grosmann bewirtete mich
- unter andern auch mit Kabale und Liebe. (Nicht wahr, jetzt zürnen
- Sie wieder, daß ich noch den Mut habe, dieses Stück vor Ihnen
- zu nennen, da ich Ihnen auch nicht einmal ein Exemplar davon
- geschickt. Werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihnen sage, daß nicht
- nur dieses Stück, sondern auch die beiden andern für Sie schon
- zurückgelegt waren, daß ich fest entschlossen war, sie Ihnen selbst
- nach der hiesigen Vorstellung zu bringen, wovon mich eine traurige
- Notwendigkeit abhielt, und daß ich das aufgegeben habe, als ich bei
- Schwan erfuhr, Sie hätten das Stück schon kommen lassen?) Hier zu
- Mannheim wurde es mit aller Vollkommenheit, deren die Schauspieler
- fähig waren, unter lautem Beifall und den heftigsten Bewegungen der
- Zuschauer gegeben.
-
- Sie hätte ich dabei gewünscht -- den Fiesco verstand das Publikum
- nicht. Republikanische Freiheit ist hierzulande ein Schall ohne
- Bedeutung, ein leerer Name -- in den Adern der Pfälzer fließt kein
- römisches Blut. Aber zu Berlin wurde es vierzehnmal innerhalb drei
- Wochen gefordert und gespielt. Auch zu Frankfurt fand man Geschmack
- daran. Die Mannheimer sagen, das Stück wäre viel zu gelehrt für sie.
-
- Eine vortreffliche Frau habe ich zu Frankfurt kennen lernen --
- sie ist Ihre Freundin -- die Madame Albrecht. Gleich in den ersten
- Stunden ketteten wir uns fest und innig aneinander; unsre Seelen
- verstanden sich. Ich freue mich und bin stolz, daß sie mich liebt,
- und daß meine Bekanntschaft sie vielleicht glücklich machen kann.
- Ein Herz, ganz zur Teilnahme geschaffen, über den Kleinigkeitsgeist
- der gewöhnlichen Zirkel erhaben, voll edlen, reinen Gefühls für
- Wahrheit und Tugend, und selbst da noch verehrungswert, wo man ihr
- Geschlecht sonst nicht findet. Ich verspreche mir göttliche Tage in
- ihrer nähern Gesellschaft. Auch ist sie eine gefühlvolle Dichterin!
- Nur, mein bester, schreiben Sie ihr, über ihre Lieblingsidee zu
- siegen, und vom Theater zu gehen. Sie hat sehr gute Anlagen zur
- Schauspielerin, das ist wahr, aber sie wird solche bei keiner
- solchen Truppe ausbilden, sie wird mit Gefahr ihres Herzens, ihres
- schönen und einzigen Herzens, auf dieser Bahn nicht einmal große
- Schritte tun -- und täte sie diese auch, schreiben Sie ihr, daß der
- größte theatralische Ruhm, der Name einer Clairon und Yates mit
- ihrem Herzen zu teuer bezahlt sein würde. Mir zu Gefallen, mein
- Teuerster, schreiben Sie ihr das mit allem Nachdruck, mit allem
- männlichen Ernst. Ich habe es schon getan, und unsere vereinigten
- Bitten retten der Menschheit vielleicht eine schöne Seele, wenn wir
- sie auch um eine große Aktrice bestehlen.
-
- Von Ihnen, mein Liebster, wurde langes und breites gesprochen.
- Madame Albrecht und ich waren unerschöpflich in der Bewunderung
- Ihres Geistes und Ihres mir noch schätzbareren Herzens. Könnten wir
- uns in einen Zirkel von mehreren Menschen dieser Art vereinigen,
- und in diesem engern Kreise der Philosophie und dem Genusse der
- schönen Natur leben, welche göttliche Idee! -- Auch der Doktor ist
- ein lieber, schätzbarer Freund von mir. Sein ganzes Wesen erinnerte
- mich an Sie, und wie teuer ist mir alles, wie bald hat es meine
- Liebe weg, was mich an Sie erinnert.
-
- Noch immer trage ich mich mit dem Lieblingsgedanken, zurückgezogen
- von der großen Welt, in philosophischer Stille mir selbst, meinen
- Freunden und einer glücklichen Weisheit zu leben, und wer weiß
- ob das Schicksal, das mich bisher unbarmherzig genug herumwarf,
- mir nicht auf einmal eine solche Seligkeit gewähren wird. In dem
- lärmendsten Gewühl, mitten unter den Berauschungen des Lebens,
- die man sonst Glückseligkeit zu nennen pflegt, waren mir doch
- immer jene Augenblicke die süßesten, wo ich in mein stilles Selbst
- zurückkehrte und in dem heitern Gefilde meiner schwärmerischen
- Träume herumwandelte, und hie und da eine Blume pflückte. -- Meine
- Bedürfnisse in der großen Welt sind vielfach und unerschöpflich,
- wie mein Ehrgeiz, aber wie sehr schrumpft dieser neben meiner
- Leidenschaft zur stillern Freude zusammen.
-
- Es kann geschehen, daß ich zur Aufnahme des hiesigen Theaters ein
- periodisches, dramaturgisches Werk unternehme, worin alle Aufsätze,
- welche mittelbar oder unmittelbar an das Geschlecht des Dramas oder
- an die Kritik desselben grenzen, Platz haben sollen. Wollen Sie,
- mein Bester, einiges in diesem Fach ausarbeiten, so werden Sie
- sich nicht nur ein Verdienst um mich erwerben, sondern auch alle
- Vorteile für Ihre Börse davon ziehen, die man Ihnen verschaffen
- kann, denn vielleicht verlegt und bezahlt die kurfürstliche
- Theaterkasse das Buch. Schreiben Sie mir Ihre Entschließung darüber.
-
- Daß ich Mitglied der kurfürstlichen deutschen Gesellschaft und also
- jetzt pfälz'scher Untertan bin, wissen Sie ohne Zweifel.
-
- Den Einschluß überschicken (oder überbringen) Sie an Frau von
- Wolzogen, und fahren Sie fort, Ihren Freund zu lieben, der unter
- allen Verhältnissen des Lebens ewig der Ihrige bleiben wird
-
- Fried. Schiller.
-
-Wer es tadeln wollte, daß vorstehender Brief seinem ganzen Inhalte nach
-mitgeteilt worden, der möge erwägen, daß er ein sehr wichtiger Beitrag
-zur Kenntnis der Denkungsart und der häuslichen Verhältnisse Schillers
-ist, und daß ein Zeugnis, welches jemand von sich selbst ablegt, um
-vieles bedeutender sein muß, als was andere ausgesprochen. Ungerechnet
-die feine Art, mit welcher er den von ihm vernachlässigten Freund
-wieder zu gewinnen suchte, zieht er auch diejenigen, welche glauben,
-sein Aufenthalt in Mannheim wäre so angenehm gewesen, aus einem großen
-Irrtum.
-
-Mehrere Stellen dieses Briefes, als die Klagen über sein häusliches
-Leben -- über das Unzulängliche seiner Einnahme -- seine Zerstreuung
-und schwärmerischen Träumereien -- die Sehnsucht nach Bauerbach usw.
-fordern hier um so mehr einige Erläuterungen, als er ein viel zu
-bedeutender Mensch war, um solche Umstände übergehen zu können, und
-weil hierüber ein Zeuge berichten kann, dem nichts verborgen oder
-verhehlt wurde.
-
-Ist es für einen jungen Mann, der nicht Vermögen genug besitzt, um
-sich eigne Bedienung halten zu können, eine beinahe unmögliche Sache,
-seine Kleidung, Wäsche, Bücher, Schriften usw. dergestalt in Ordnung
-zu halten, daß keine Verwirrung entstehe, so ist dieses bei Dichtern,
-Künstlern, Gelehrten oder überhaupt denjenigen, die bloß allein mit
-ihrer Einbildungskraft arbeiten, und den Eingebungen ihres Geistes
-folgen müssen, noch weit weniger der Fall.
-
-Je umfassender nun ein Genie, je höher seine Kraft, sein Wollen, seine
-Pläne sind, um so weniger kann es sich mit solchen Sachen befassen,
-die auch dem gewöhnlichen Manne schon als solche Kleinigkeiten
-erscheinen, daß er deren Besorgung unter seiner Würde erachtet. Wenn
-nun diese Abneigung auch bei solchen stattfindet, deren Wirken mehr
-nach vorgeschriebenen Regeln, als im Erfinden oder Erschaffen besteht;
-um wie viel störender muß es einem Dichter oder Künstler sein,
-wenn er durch die Bedürfnisse des Tages aus seinem Nachdenken, aus
-seiner Begeisterung gerissen, und gewissermaßen aus einer wärmenden
-Behaglichkeit in eiskaltes Wasser geworfen wird. Ließe sich eine Idee,
-ein Ausdruck festhalten, oder würde die Gedankenreihe durch eine
-Unterbrechung dieser Art nicht so zerstreut, daß man den Anfang und die
-Folge derselben oft wieder aufs neue suchen muß, so würde die Geduld
-keine so harte Probe bestehen müssen.
-
-Man denke sich nun unsern Schiller im Brüten über den Plan eines
-Trauerspieles, in dem Entwurfe einer Szene, in der Ausarbeitung eines
-Monologes, und stelle sich vor, wie ihm sein mußte, wenn ihm reine
-Wäsche übergeben und die gebrauchte gefordert wurde, wenn er letztere
-erst suchen und deren durchsichtigen Zustand erklären mußte, wenn er
-nach spätem Erwachen die wenigen Stücke seiner Kleidung beschädigt
-fand, oder sein nur nach Viertelstunden bedungener Diener zu unrechter
-Zeit eintraf; man denke sich dieses, und glaube dann, daß er trotz
-seiner Gutmütigkeit oft in eine widerliche Gemütsstimmung geriet.
-
-Aus diesem Zustande hätte ihn nur weibliche Fürsorge erlösen können,
-die aber in Mannheim fehlte, weil er abgesondert wohnte, sich auch
-seine kärgliche Mittagskost, von der noch für den Abend etwas
-zurückgehalten werden mußte, aus einem Gasthause holen ließ. Es
-würde übrigens eine sehr belustigende und des Pinsels eines Hogarths
-würdige Aufgabe sein, das Innere des Zimmers eines von immerwährender
-Begeisterung trunkenen Musensohnes recht getreu darzustellen; denn es
-würde sich hier durchaus nichts Bewegliches und selbst das nicht, was
-sonst immer dem Auge entzogen wird, an seinem Platze finden. Unordnung
-bei jungen Männern ist etwas Gewöhnliches, aber bei den sogenannten
-Genies übertrifft sie jede Vorstellung. Seine Einnahme während acht
-Monaten setzt er selbst auf 500 Gulden Reichswährung an. Wem dieses zu
-wenig scheint, dem darf versichert werden, daß auch diese unbedeutende
-Summe noch beinahe um 100 Gulden zu hoch angegeben ist, denn außer
-seiner Besoldung von 300 Gulden, die er vorausnehmen mußte, konnte ihm
-nur der Ertrag des Druckes von Kabale und Liebe zufließen. Mit diesen
-geringen Mitteln mußte er sich neu kleiden, Wäsche, Betten, Hausgeräte
-anschaffen; er mußte, wie er selbst sagt, sogenannte Ehrenausgaben, das
-heißt, kleine gesellschaftliche Unterhaltungen, Ausflüge auf das Land
-mitmachen; daher er denn auch immer, nicht nur für den nächsten Monat,
-sondern für die nächste Woche, ja oft für den nächsten Tag in Sorgen
-war und doch immer schuldige Rückstände bezahlen sollte.
-
-Zu dieser bangen, qualvollen Lage gesellte sich dann auch noch das
-kalte Fieber, welches besonders im Entstehen alle Martern des Tantalus
-mit sich führte. Denn der brennendste Durst, der heißeste Hunger durfte
-nicht genugsam gestillt werden, um die Krankheit nicht zu unterhalten.
-Die Hilfe dagegen, nur in Brechmitteln und Chinarinde bestehend,
-schwächte den Magen ebensosehr, als sie ihn belästigte; und wenn nichts
-mehr helfen wollte, mußte man wohl den Rat des Arztes befolgen und
-so viele Chinapulver, als man sonst in 24 Stunden hätte gebrauchen
-sollen, zwei Stunden vor dem Eintritte des Fiebers auf einmal nehmen,
-was freilich oft half, aber ein solches Toben des Magens veranlaßte,
-daß man glaubte vergehen zu müssen, und was auf lange Jahre hinaus die
-übelsten Folgen zurückließ.
-
-Möge der Leser, wenn er sich an den Schönheiten von Fiesco und Kabale
-und Liebe ergötzt oder in den herrlichen Szenen von Don Carlos seine
-Gefühle schwelgen läßt, doch nie vergessen, daß unter so drückenden,
-beugenden Umständen die obigen Stücke verändert und der erste Akt des
-letztern gedichtet wurde; alsdann erst wieder den Göttersohn bewundern,
-der unter so vielen Übeln seinen Geist immer tätig erhielt und an der
-heiligen Flamme nährte, die nicht von der Erde, sondern von oben her
-leuchtet.
-
-Man wird es begreiflich finden, daß der Augenzeuge dieser Lage, der
-Freund des Dichters, es später nie mehr über sich gewinnen konnte,
-eines dieser drei Stücke vorstellen zu sehen. So oft er den Versuch
-dazu machte, so mußte er dennoch sich bei dem ersten Auftritte schon
-entfernen, weil ihn ein Schmerz, eine Wehmut befiel, die sich nur im
-Freien stillen konnten.
-
-Deutschland! Deutschland! Du darfst dich deiner großen Söhne nicht
-rühmen, denn du tatest nichts für sie; du überließest sie dem Zufall
-und gabst ihr geistiges Eigentum jedem Preis, der sie auf offener
-Straße darum berauben wollte. Nur der eignen Kraft, dem eignen Mute
-der einzelnen, nicht deinem Schutze, nicht deiner Fürsorge hast du es
-beizumessen, wenn andere Völker dich um deine großen Geister beneiden
-und sich an ihrem Licht entzünden.
-
-Wie wahrhaft sagt Schiller:
-
- »Kein Augustisch Alter blühte,
- Keines Mediceers Güte
- Lächelte der deutschen Kunst;
- Sie ward nicht gepflegt vom Ruhme,
- Sie entfaltete die Blume
- Nicht am Strahl der Fürstengunst.
- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- Rühmend darf's der Deutsche sagen,
- Höher darf das Herz ihm schlagen:
- +Selbst+ erschuf er sich den Wert.«
-
-Wolle man diesen Ausbruch einer gerechten Klage verzeihen, die sich
-immer wieder erneuert, so oft diese trüben Tage des -- jetzt so hoch
-gefeierten -- Dichters der Erinnerung vorschweben.
-
-Die Äußerung in obigem Briefe, »daß sein Aufenthalt in Bauerbach bis
-jetzt sein seligster gewesen,« war ganz seinen damaligen Umständen
-angemessen. Dort, in diesem stillen Ort, in Gesellschaft und unter dem
-Schutz einer wohlwollenden Freundin, hatte er keine Sorgen, durfte sich
-um die Bedürfnisse des Lebens nicht bekümmern, brauchte kein Geld, weil
-die Gelegenheit zu Ausgaben fehlte, und konnte um so ungestörter seinen
-Träumen nachhängen, als ihm zarte Achtsamkeit und Pflege jede Mahnung
-an die Kleinigkeiten des Tages ersparten. Diese Ruhe, dieser behagliche
-Zustand war ihm so unvergeßlich, daß er nach Versicherung seiner
-Schwester noch nach vielen Jahren die damalige Zeit als die schönste
-und glücklichste seines Lebens rühmte; »daß er sich über tausend kleine
-Sorgen, Bekümmernisse, Entwürfe, die ihm ohne Aufhören vorschwebten,
-und seinen Geist, seine dichterischen Träume zerstreuten usw.« gegen
-Herrn Reinwald beklagte, kam daher, daß er in einer Gesellschaft, die
-jeden Augenblick Forderungen an ihn machte, leben mußte und lästige
-Frager, Besucher oder Amtsgeschäfte nicht zurückweisen durfte.
-
-Ihm mußte alles Störungen verursachen, da er wachend und träumend für
-nichts und in nichts als theatralischen Dichtungen lebte, in diesen
-wie in seinem eigentlichen Elemente sich befand, sie immerwährend
-ordnend, niederschreiben zu wollen schien und dennoch bei der Menge
-sich ihm darbietender Gegenstände zu keiner Entscheidung gelangen
-konnte. Schon in Stuttgart hatte er sich vorgenommen, Konradin von
-Schwaben zu bearbeiten; später wurde er von Baron Dalberg aufgefordert,
-den Don Carlos dafür zu nehmen. Während er sich noch in Mannheim mit
-der Geschichte Spaniens recht vertraut zu machen suchte, glaubte er
-es leichter, einen ganz eignen Plan zu erfinden, der bald diese,
-bald jene, aber immer eine tragische Entwicklung haben sollte.
-Endlich glaubte er einen solchen festhalten zu müssen, in welchem
-die Erscheinung eines Gespenstes die Entscheidung herbeiführte, und
-beschäftigte sich so gänzlich damit, daß er schon anfing, seine
-Gedanken niederzuschreiben. Aber er gab den Plan wieder auf, indem es
-ihm unter der Würde des Dramas und eines wahren Dichters schien, die
-größte Wirkung einer Schreckgestalt schuldig sein zu sollen.
-
-Er machte die richtige Unterscheidung, daß ihm das Beispiel
-Shakespeares, der in Cäsar und Macbeth einen Geist erscheinen läßt,
-hierin nicht rechtfertigen könne, indem dieser nur als eine Nebensache
-angewendet worden, die weder auf die Handlung selbst noch auf deren
-Ausgang den mindesten Einfluß ausübe.
-
-Diese Unentschlossenheit in der Wahl, dieses immerwährende Ausspinnen
-einer verwickelten Gegebenheit ermüdete ihn aber weit mehr, als wenn er
-die wirkliche Ausarbeitung begonnen hätte.
-
-Jedoch er konnte nicht anders. Es war seiner Natur ganz entgegen, an
-irgend etwas nur oberflächlich zu denken. Alles sollte erschöpft,
-alles zu Ende gebracht werden. Daher beschäftigten sich seine Gedanken
-so lange mit einem Plane, bis er entweder die Hoffnung, einen
-wirkungsvollen Ausgang herbeizuführen, verlor, oder bis seine Kräfte
-ermüdeten, und er dann, um diese nicht ganz abzuspannen, auf etwas
-anderes überging. Seine Erregbarkeit für dichterische Gegenstände ging
-ins Unglaubliche. Er war dafür gleichsam eine immer glühende, nur mit
-leichter Asche bedeckte Kohle. Ein Hauch, und sie sprühte Funken.
-
-Der Leichtigkeit gemäß, mit welcher er Pläne zu Dramen schnell
-entwerfen konnte, hätte er einer der fruchtbarsten Schriftsteller für
-die Bühne werden können, aber wenn es an das Niederschreiben kam, da
-erlaubte sein tiefes Gefühl der Feder keine Eile. So wie er jede Sache
-in ihrem ganzen Umfang erfaßte, so sollte sie auch durch Worte nicht
-nur auf das deutlichste, sondern auch auf das schönste dargestellt
-werden. Daher das Erschöpfende, Volle, Satte und Runde seiner Ausdrücke
-und Wendungen, welche die Gedanken ebenso wie das Gefühl aufregen und
-sich dem empfänglichen Gemüt einprägen.
-
-Solche Dichter, denen ihre Gaben nur sparsam zugemessen worden, sind
-um vieles mehr entschlossen. Kaum ist ein Gegenstand gefunden, so wird
-schon die Feder eingetaucht, damit die Arbeit schnell fertig werde.
-Schnell werden auch Vorteile damit erreicht, aber --
-
- »der Ruhm mit seiner Sternenkrone«
-
-kann nie auf einem solchen Haupte verweilen. Während Schiller noch
-immer unentschlossen blieb, welche Handlung er zu einem neuen
-Trauerspiele wählen solle, war schon das Frühjahr verflossen, und
-Baron Dalberg vernahm weder von ihm selbst noch von andern, daß er
-sich für einen Stoff entschieden habe, wodurch denn die Hoffnung
-verschwand, in diesem Jahre noch ein neues Stück von ihm auf der
-Bühne zu sehen. Konnte dieses nicht geliefert werden, so war die
-Besoldung des Theaterdichters für nichts ausgegeben, was der magern
-Kasse nicht anders als schmerzlich sein konnte. Um nun Schillern zur
-Arbeit anzutreiben, oder wenn dieses nicht gelingen sollte, auf eine
-gute Art wieder loszubringen, beredete Baron Dalberg einen Bekannten
-desselben, seinen Hausarzt, den Hofrat Mai, jenem zu raten, das Studium
-der Arzneikunde wieder zu ergreifen; was eigentlich so viel heißen
-sollte, diese Feder, aus welcher schon die trefflichsten Gedichte und
-drei Trauerspiele geflossen, welche alle anderen der damaligen Zeit
-übertrafen, und noch heute nach fünfzig Jahren auf allen deutschen
-Bühnen gegeben werden, wegzuwerfen, und dafür eine solche zu nehmen,
-mit welcher bloß Rezepte ausgefertigt werden könnten.
-
-Kaum eine Viertelstunde nachdem Hr. Mai fort war, trat S. zu dem
-Dichter ein, der ihm mit argloser, gutmütiger Freude den gemachten
-Vorschlag berichtete und denselben -- wenn ihm auf einige Jahre
-Unterstützung zu teil würde -- als das einzige Rettungsmittel aus
-seinem sich täglich mehr verwirrenden Zustand ansah. Er entschloß sich,
-alsogleich an Baron Dalberg zu schreiben, und obwohl ihm vorausgesagt
-war, daß nur eine hofmäßige, ausweichende Antwort darauf erfolgen
-würde, so ließ sich sein edles, reines Herz, das andere nur nach der
-eignen Weise beurteilte, doch nicht abhalten, eine Bitte zu tun, die
-zu seinem eignen Besten, sowie zur Ehre des deutschen Namens unerfüllt
-blieb.
-
-Was hätte auch die Welt, was Schiller dabei gewonnen, wenn derjenige,
-den er als seinen hohen Gönner achtete, einige hundert Gulden daran
-gewagt hätte, damit der Dichter wieder in einen Arzt, das heißt
-in einen solchen Mann umgewandelt würde, der alles, was er bisher
-geschaffen, vergäße -- der den Boden, welcher schon so herrliche,
-prachtvolle Früchte getragen, wieder versumpfen ließe, um sein
-tägliches Brot sicherer als bisher erwerben zu können. Auch wären die
-Anstrengungen von neuen zwei Jahren um so gewisser vergeblich gewesen,
-da er sich wohl nie zu dem ängstlichen Fleiße, zu einer in das kleinste
-eingehenden Teilnahme hätte herablassen mögen, ohne die ein ausübender
-Arzt gar nicht gedacht werden und ohne welche er nicht die geringsten
-Vorteile für sein Glück erwarten darf. Wahrscheinlicherweise hätte er
-sich in das Philosophische der Medizin geworfen; vielleicht -- wozu
-er nur zu viele Anlage hatte -- hätte er ein ganz neues System der
-Heilkunde aufgestellt.
-
-Allein wie lange würde dieses gedauert haben? -- Jedes Geschlecht
-sieht Ähnliches entstehen, und jedes erlebt auch dessen Untergang.
-Sein Gebiet war ausschließend die Dichtkunst. Hier war er Held, hier
-war er Herrscher; hier fühlte er seine unbezwinglichen Kräfte, und nur
-durch diese konnte er sich ein Reich errichten, das nie zerstört und
-dessen Grenze wohl schwerlich von jemand überschritten wird. Dieser
-Antrag hatte jedoch die gute Folge, daß er seinem bisherigen Wanken
-ein Ende machte und Schiller sich ernstlich entschloß, alles andere
-vorläufig nicht mehr zu beachten, sondern seine ganze Zeit Don Carlos
-zu widmen. Von diesem hatte er schon mehrere Szenen entworfen, auch
-den Gang des Stückes so ausgedacht, daß er zwar der Geschichte nicht
-ganz widerspräche, doch aber der Charakter Philipps etwas gemildert
-erscheine. Überdenkt man den Inhalt seiner drei ersten Trauerspiele,
-so wird man die längere Überlegung des Dichters sowie sein Zaudern,
-sich schnell an diese Arbeit zu wagen, sehr begreiflich finden. Im Don
-Carlos hatte er Charaktere zu schildern, die sich in der allerhöchsten
-Sphäre bewegten, die nicht nur den größten Einfluß auf ihre Zeit
-ausübten, sondern auch der Menschheit die tiefsten Wunden schlugen.
-Wäre es nur darum zu tun gewesen, die handelnden Personen als Tyrannen,
-als blutdürstige Henker zu zeichnen, so wäre die Schwierigkeit für
-ihn sehr gering gewesen. Aber er mußte, oder wollte wenigstens, die
-verabscheuungswürdigsten Menschen mit derselben Larve, die sie im
-Leben und besonders an Philipps Hofe trugen, getreu darstellen, ihre
-folgenden Handlungen andeuten und das Ganze dennoch auf eine solche
-Art stellen, daß es ein höchst anziehendes Schauspiel, aber keinem
-Zuschauer widerlich wäre. Seine Gespräche verbreiteten sich nicht
-allein über den Plan selbst, sondern auch über die ganz neue Art von
-Sprache, die er dabei gebrauchen müsse. Er wollte sie mit all dem Fluß
-und Wohllaut ausstatten, für welche er ein so äußerst empfindliches
-Gefühl hatte. Er glaubte daher auch, daß hierzu Jamben der Würde der
-Handlung sowie der Personen am angemessensten sein würden. Im Anfange
-machte ihm dieses einige Schwierigkeit, indem er seit zwei vollen
-Jahren durchaus nichts mehr in gebundener Rede geschrieben hatte. Jetzt
-mußte er seine Ausdrücke rhythmisch ordnen; er mußte, um die Jamben
-fließend zu machen, versuchen, schon rhythmisch zu denken. Wie aber nur
-erst eine Szene in dieses Versmaß eingekleidet war, da fand er selbst,
-daß dieses nicht nur das passendste für das Drama sei, sondern, da es
-auch gemeine Gedanken heraushebe, um so viel mehr das Erhabene und die
-Schönheit der Ausdrücke veredeln mußte. Seine Freude, sein Vergnügen
-über den guten Erfolg erhöhten seine Lust am Leben, an der Arbeit,
-und er sah mit Ungeduld der Abendstunde entgegen, in welcher er S.
-dasjenige, was er den Tag über fertig gebracht hatte, vorlesen konnte.
-Dieser kannte schon früher keinen höhern Genuß als die prachtvolle, so
-vieles in sich fassende und dennoch so glatt dahinrollende Prosa seines
-Freundes. Nun aber mußte sein Gefühl sich in Entzücken verwandeln, als
-er Gedanken und Ausdrücke wie folgende:
-
- »Ich stand dabei, als in Toledos Mauern
- Der stolze Karl die Huldigung empfing,
- Als graue Fürsten zu dem Handkuß wankten,
- Und jetzt in einem -- einem Niederfall
- Sechs Königreiche ihm zu Füßen lagen.
- Ich stand und sah das junge, stolze Blut
- In seine Wangen steigen, seinen Busen
- Von fürstlichen Entschlüssen wallen, sah
- Sein trunknes Aug' durch die Versammlung fliegen
- In Wollust brechen -- Prinz -- und dieses Aug'
- Sprach laut: ›Ich bin gesättigt.‹«
-
-nach den Gesetzen der Tonkunst aussprechen hörte.
-
-Wie glücklich, wie erhaben waren solche Stunden, in welchen der hohe
-Meister sein Werk einem reinen, warmen Sinne vorlegen und den tiefen,
-unverfälschten Eindruck gewahren konnte, den es in dem Gemüte des
-begeisterten Jünglings hervorbrachte. Jeder Vers wurde als trefflich,
-jedes Wort, jeder Ausdruck als erschöpfend anerkannt, denn es war auch
-alles groß, alles schön, jeder Gedanke voll Adel. Er konnte ja nichts
-Gemeines hervorbringen. Der enthusiastische Freund beschwor Schillern,
-bei ähnlichen Gegenständen sich doch gewiß nie mehr zur Prosa
-herabzulassen, indem er selbst wahrnehmen müsse, wie viele Wirkung
-schon die ersten Versuche erregten.
-
-Nun arbeitete er sehr fleißig an diesem Trauerspiel, übte sich aber
-auch zugleich, um seine Einbildungskraft zeitweise ausruhen zu lassen,
-in der französischen Sprache, die ihm seit zwei Jahren fremd geworden
-war, und welche er sowohl zum Lesen von Racine, Corneille, Diderot
-usw. als auch zum Übersetzen sich wieder geläufig machen wollte. Zu
-letzterem bewog ihn besonders, seit das Projekt einer Dramaturgie
-rückgängig geworden, der Vorsatz, eine Monatschrift herauszugeben,
-welche zwar vorzüglich theatralischen Arbeiten und Beurteilungen
-gewidmet sein sollte, von der aber auch andere Sachen, die für die
-Lesewelt anziehend sein könnten, nicht ausgeschlossen wären. Das
-Sammeln der Materialien für mehrere Hefte, das Ausarbeiten derselben,
-welches in Mannheim, da er noch keinen Mitarbeiter hatte, ganz auf ihm
-lastete, beschäftigte ihn oft bis tief in die Nacht, erhöhte aber auch
-seinen Mut, weil er daraus größere Vorteile als durch Stücke für die
-Bühne zu ziehen hoffen durfte. Während dieser Anstrengungen, in denen
-er sich nur wenige Ruhe gönnte und wo er alles zu ergreifen suchte, um
-sein Leben nur einigermaßen von Sorgen frei zu halten, wurde er an eine
-Verpflichtung gemahnt, die er noch in Stuttgart eingegangen, und an die
-er nur mit Bangigkeit denken konnte.
-
-Es ist aus seinem Briefe aus Frankfurt an Baron Dalberg ersichtlich,
-daß er diesen auf die edelste, rührendste Art um einen Vorschuß von 200
-Gulden gebeten, damit er die dringendsten Schulden, die seine schnelle
-Entfernung zu bezahlen ihm unmöglich machte, damit tilgen könne. Er
-sagt dabei: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorgen macht,
-als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll. Ich habe so
-lange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe.«
-
-Diese für einen reichen Mann so leicht zu erfüllende Bitte wurde
-ihm aber nicht gewährt, sondern er wurde durch erregte Hoffnungen
-veranlaßt, seine wenige Barschaft in Oggersheim vollends aufzuzehren.
-Auch seine folgenden Verhältnisse gestatteten ihm nicht, die gemachten
-Versprechungen zu halten und mit deren Erfüllung eine Last von sich
-abzuwälzen, die für sein wohlwollendes, für die Ehre sehr empfindliches
-Gemüt die drückendste seines früheren und späteren Lebens war. Beinahe
-zwei Jahre schon war die Geduld der Gläubiger hingehalten worden; er
-durfte also die Meinung hegen, daß dieses vielleicht noch länger der
-Fall sein könnte. Allein zu seinem nicht geringen Schrecken kam es
-anders. Die Person, welche sich für ihn auf obige Summe verbürgt hatte,
-wurde so sehr von den Darleihern gedrängt, daß sie aus Stuttgart nach
-Mannheim entfloh. Man setzte ihr nach, erreichte sie dort und hielt sie
-gefangen.
-
-Um sie für jetzt und für die Zukunft zu retten, blieb kein anderes
-Mittel, als ihr die 200 Gulden zu erstatten, für welche sie sich
-verbürgt hatte. Aber woher sollte diese für den, der keine andere
-Sicherheit als die Früchte seiner Feder leisten konnte, sehr bedeutende
-Summe aufgebracht werden? Von daher, wo er schon zweimal vergeblich
-Hilfe suchte, durfte er keine gewärtigen. Auch wollte er sich, da die
-ganze Sache ein Geheimnis bleiben sollte, nur jemand vertrauen, von
-dessen Verschwiegenheit er versichert sein konnte. Glücklicherweise
-war er mit einem sehr achtungswerten Manne, dem Baumeister Herrn Anton
-Hölzel, bei welchem S. wohnte, nicht nur bekannt, sondern wurde von
-ihm auch außerordentlich hochgeachtet, und dieser, so wenig er auf
-Reichtum oder Wohlhabenheit Anspruch machen konnte, scheute kein Opfer,
-um die verlangte Hilfe zu verschaffen, damit er aus einer Verlegenheit
-befreit würde, die von höchst nachteiligen Folgen für ihn hätte sein
-können. Es wäre vielleicht möglich gewesen, daß seine Eltern diesen
-Betrag erlegt oder wenigstens Bürgschaft dafür geleistet hätten, aber
-um dieses einzuleiten war die Zeit zu kurz. Um Rat zu schaffen, durfte
-kein Augenblick verloren werden. Und dann war auch sein Stolz zu groß,
-um seine gefährliche Lage dem Vater zu enthüllen, welcher seine Flucht
-sowohl als auch seine ungewissen Verhältnisse bisher immer mißbilligt
-hatte.
-
-Dieser höchst unangenehme Vorfall machte auf den gepeinigten Dichter
-einen um so tieferen Eindruck, als jetzt durchaus nicht mehr abzusehen
-war, wie oder in welcher Zeit eine Rettung aus seinen Geldnöten möglich
-sein würde. In dem für ihn so fatalen Mannheim war keine Erlösung aus
-den Sorgen zu hoffen; denn bei so geringen Einkünften mußten sich seine
-Umstände immer tiefer und endlich auf einen solchen Grad verschlimmern,
-daß ihm zuletzt kein anderes Mittel zu Gebote gestanden hätte, als sich
-heimlich zu entfernen. Aber wohin??? -- -- -- dies war eine Frage, auf
-die keine Antwort sich finden ließ.
-
-Wie aber oft das dichteste, schwärzeste Gewölk sich plötzlich öffnet,
-um einen erquickenden Strahl der Sonne durchzulassen, oder auch der
-schwere Arm des Schicksals über den harten Prüfungsschlägen selbst
-ermüdet, so geschah es hier, und der erste Schritt, um Deutschland
-seinen edelsten Dichter zu erhalten, wurde nicht von seiner Umgebung,
-die täglicher Zeuge seines großen Charakters war, auch nicht von denen,
-die von den Früchten seines Geistes Vorteile zogen, sondern von solchen
-Menschen getan, deren Dasein ihm gar nicht bekannt war. Ganz unerwartet
-nämlich erhielt er durch den Postwagen[8] ein Päckchen, in welchem
-vier Bildnisse, mit farbigen Stiften auf Gips gezeichnet, nebst einer
-gestickten Brieftasche mit Schreiben sich befanden, welch letztere von
-der wärmsten, tiefsten Verehrung gegen seine großartigen Arbeiten sowie
-von der richtigen Würdigung seines außerordentlichen Dichtergeistes
-zeugten.
-
-Wie wohltuend der Eindruck gewesen, den diese schöne Überraschung
-auf Schiller machte, dies kann selbst der Augenzeuge nicht gehörig
-beschreiben. Obwohl er auch hierüber sich ebenso auf die edelste,
-männlichste Art wie über alles äußerte, so zeigte dennoch seine
-vermehrte Heiterkeit fast in höherem Grade als seine Gespräche, wie
-erfreulich es ihm sei, in weiter Ferne von gebildeten Menschen erkannt,
-hochgeachtet und wegen seiner Leistungen geliebt zu werden; daß diese
-aus einem Gesichtspunkt angesehen würden, welcher ihn hoch über seine
-Zeit stellte -- daß, wenn auch die meisten, welche ihn umgaben, stumm
-blieben und nur Kälte zeigten, es noch an manchen Orten Herzen geben
-könne, die für ähnliche Gefühle wie das seinige schlügen -- daß er,
-seiner bittern, düstern Verhältnisse ungeachtet, sich durch eine solche
-Anerkennung weit höher als durch Reichtümer belohnt finde.
-
-Hätten doch Herr Körner, seine Braut, deren Schwester und Professor
-Huber, von denen dies die Abbildungen waren, sehen können, wie
-glücklich diese Aufmerksamkeit Schillern machte, welche Ruhe,
-welche Zufriedenheit dadurch in sein ganzes Wesen kam, wie es ihm
-schmeichelte, die erhaltenen Beifallsbezeugungen mit seinen eignen
-Ansichten übereinstimmend zu finden, wahrlich, sie hätten die süße
-Genugtuung empfunden, dem Dichter das Vergnügen, welches er ihnen durch
-seine Werke verschafft, reichlich vergolten zu haben!
-
-Wer nie in dem Falle war, bei sich selbst oder bei andern
-wahrzunehmen, wie stumpf, wie gebeugt der Geist endlich werden muß,
-wenn dasjenige, was das Talent erschafft, nicht gehörig gewürdigt
-oder nicht verhältnismäßig belohnt wird, der kann es auch unmöglich
-fassen, wie sehr eine unvermutete Anerkennung des wahren Wertes dem
-Selbstvertrauen, der Tätigkeit eine Schnellkraft verleiht, die das
-ganze frühere Empfindungsvermögen so sehr verändert, daß derjenige,
-welcher soeben erst in sich zusammengesunken war, plötzlich mit
-erhobenem Haupte sich aufrichtet. Den Dichtern, Künstlern ist es zwar
-immer angenehm, wenn ihre Verdienste durch Ehre, Geld oder andere
-Zeichen des Beifalls belohnt werden; aber höher als alles dieses achten
-sie es dennoch, wenn die innersten Absichten ihrer Arbeiten so gänzlich
-begriffen werden, daß sie in demjenigen, der über sie urteilt und ihnen
-kenntnisreiche Lobsprüche spendet, ihr eigentliches Selbst erkennen.
-
-Dieselbe Wirkung brachte diese Überraschung auf Schillern um so
-mehr hervor, weil sie von Fremden ausging, er seine Umgebung schon
-gewohnt war und nur äußerst wenige sich fanden, welche seine hohen
-Darstellungen sowie den tiefen Sinn, der in ihnen lag, genugsam hätten
-würdigen können. Allmählich wurde auch die Hoffnung in ihm erregt, daß
-diese neuen Freunde wohl keine Verwendung unterlassen würden, um ihn
-aus seinem dermaligen Zustande zu erlösen und in bessere Verhältnisse
-zu setzen. Dieses bestätigte sich auch später in einem solchen Grade,
-daß es für denjenigen, der sich an den Werken des Unsterblichen stärkt
-und kräftigt, noch heute eine Art von Pflicht ist, dabei auch Körners,
-seines erhaltenen, unwandelbaren Freundes dabei eingedenk zu sein.
-
-Ehre demjenigen, der einem aus drückenden Lebensverhältnissen befreiten
-Talente seine Achtung und Aufmerksamkeit beweist! Aber die größte
-Ehre sei dem, welcher einem hohen Geiste die Hindernisse wegräumt,
-die seinem freien Wirken sich entgegenstellen, und der nicht seinen
-Überfluß, sondern sein Notwendiges mit ihm teilt. Der Eifer und
-die Tätigkeit Schillers schienen durch den Briefwechsel mit den
-neuen Freunden einen lebhaften Schwung erhalten zu haben, denn er
-arbeitete nun ohne Rast an Don Carlos und an dem ersten Hefte seiner
-Monatsschrift. Eine angenehme Zerstreuung verschaffte ihm der Besuch
-seiner ältesten Schwester, welche, von Herrn Reinwald begleitet, auf
-kurze Zeit nach Mannheim kam. Die blühende, kräftige Jungfrau schien
-entschlossen, ihr künftiges Schicksal mit einem Manne zu teilen, dessen
-geringe Einkünfte und wankende Gesundheit wenig Freude zu versprechen
-schienen. Jedoch waren ihre Gründe dazu so edler Art, daß sie auch
-in der Folge es nie bereute, das Herz ihrem Verstande und einem
-vortrefflichen Gatten geopfert zu haben. Nicht lange nach der Schwester
-Abreise wählte Herr von Kalb, damals Offizier in französischen
-Diensten, wo er die Feldzüge des nordamerikanischen Befreiungskrieges
-mitgemacht und sich dabei sehr ausgezeichnet hatte, mit seiner Gemahlin
-und Schwägerin seinen Aufenthalt zu Mannheim. Schiller lernte sogleich
-diese in jedem Betracht edle Familie kennen, in welcher Frau von
-Kalb durch ihren richtigen Verstand und feine Geistesbildung sich
-besonders auszeichnete. Für den Dichter war der Umgang mit diesen
-seltenen Menschen ebenso wichtig als erheiternd, indem kein Gegenstand
-der Literatur sich fand, mit welchem diese Dame nicht vertraut gewesen
-wäre, oder irgend eine Weltbegebenheit, bei deren Beurteilung man das
-Umfassende, Scharfsinnige und die klaren Ansichten ihres Gemahls nicht
-hätte bewundern müssen.
-
-Die Musik verschaffte S. das noch stets in Andenken erhaltene Glück,
-Frau von Kalb mehrmals in der Woche zu sehen und, da sie eben in der
-Dichtung eines Romans begriffen war, auch über andere Gegenstände
-mit ihr zu sprechen. Es war nichts natürlicher, als daß sehr oft von
-Schiller und seinen Arbeiten die Rede war, von denen aber S. den
-Don Carlos, den der Dichter jetzt unter der Feder habe, weit über
-alles früher Geleistete setzte. Die Neugierde der Frau v. K. wurde
-durch die begeisterten Lobeserhebungen auf das höchste gespannt. Sie
-ersuchte Schillern einigemal, ihr doch etwas davon lesen zu lassen.
-Allein dieser wollte erst noch einige Szenen fertig machen, dann ins
-Reine schreiben und, um jede Schönheit gehörig herauszuheben, selbst
-vorlesen. Frau v. K. fügte sich um so eher in diesen Aufschub, weil sie
-hoffte, daß einige weitere Szenen ihr Vergnügen erhöhen müßten und sie
-auch davon den schönsten Genuß sich versprach, die ihr mit so vielem
-Enthusiasmus angerühmte prachtvolle Sprache aus des Dichters eignem
-Munde zu vernehmen. Dieser brachte endlich eines Nachmittags seinen Don
-Carlos zu der in der größten Erwartung harrenden Frau und las ihr den
-fertigen Teil des ersten Aktes vor. Lauschend heftete die Zuhörerin
-ihre Blicke auf den mit Pathos und Begeisterung deklamierenden
-Verfasser, ohne durch das leichteste Zeichen ihre Empfindung erraten zu
-lassen. Als dieser geendigt hatte, fragte er mit der unbefangensten,
-freundlichsten Miene: »Nun, gnädige Frau! wie gefällt es Ihnen?« Diese
-suchte auf die schonendste Art einer bestimmten Antwort auszuweichen.
-Als aber wiederholt um die aufrichtige Meinung über den Wert dieser
-Arbeit gebeten wurde, brach Frau v. K. in lautes Lachen aus und sagte:
-»Lieber Schiller! das ist das Allerschlechteste, was Sie noch gemacht
-haben.« -- »Nein! das ist zu arg!« erwiderte dieser, warf seine
-Schrift voll Ärger auf den Tisch, nahm Hut und Stock und entfernte
-sich augenblicklich. Kaum war er aus der Tür, als Frau v. K. nach dem
-Papiere griff und zu lesen anfing. Sie hatte die erste Seite noch
-nicht geendigt, als sie sogleich dem Bedienten schellte. »Geschwind,
-geschwind lauf' Er zu Herrn Schiller: ich lasse ihn um Verzeihung
-bitten, ich hätte mich geirrt, es sei das Allerschönste, was er noch
-geschrieben habe, er solle doch ja sogleich wieder zu mir kommen.« Der
-Auftrag wurde ebenso schnell als genau ausgerichtet. Allein Schiller
-gab der Bitte kein Gehör, sondern kam erst den folgenden Tag zu der
-feinsinnigen Frau, die zwar ihr erstes Urteil sehr willig zurücknahm,
-ihm aber auch erklärte, daß seine Dichtungen durch die heftige,
-stürmische Art, mit welcher er sie vorlese, unausbleiblich verlieren
-müßten.
-
-Als Kabale und Liebe wieder aufgeführt wurde, hatte Schiller die
-Aufmerksamkeit, den Namen des Hofmarschalls umschaffen zu wollen.
-Allein Herr und Frau von Kalb dachten viel zu groß, um sich durch
-einen erdichteten Namen irren zu lassen, und widersetzten sich einer
-Abänderung aus dem sehr richtigen Grunde, daß ein anderer Name als der
-frühere die Vermutung herbeiführen müsse, als sei der vorherige auf
-jemand aus ihrer Familie abgesehen gewesen.
-
-Der Umgang mit diesen wahrhaft edlen, vortrefflichen Menschen nebst
-dem Briefwechsel mit den Freunden in Leipzig verschafften dem
-Dichter zwar viele erheiternde Stunden, konnten aber dennoch seine
-häuslichen Verhältnisse und seine schwankende, unbestimmte Stellung
-nicht verbessern, sondern er mußte in so beunruhigenden Umständen
-auch den Herbst nebst dem Anfange des Winters noch ebenso wie bisher
-zubringen, obwohl er sich mit Sachen beschäftigte, welche nur der ganz
-sorgenfreien Laune an den Tag zu fördern möglich sind.
-
-Endlich zu Anfang des Jahres 1785[9] verbreitete sich in Mannheim das
-Gerücht, der regierende Herzog von Weimar werde auf einen Besuch zu
-der landgräflichen Familie nach Darmstadt kommen. Schiller, von seinem
-eignen Verlangen ebensosehr als von Herrn und Frau Kalb angeeifert,
-wünschte nichts so sehnlich, als bei dieser aus den feinsten Kennern
-des wahrhaft Schönen bestehenden Zusammenkunft sich als denjenigen
-zeigen zu dürfen, der wohl würdig wäre, dem schönen Bunde in Weimar
-beigesellt zu werden, welcher den Namen seines hohen Beschützers auf
-die späteste Nachwelt übertragen würde. Die Güte, die Herablassung
-nebst aufrichtiger Anerkennung großer Eigenschaften waren von dem
-Herzoge von Weimar ebenso zu erwarten, als das zuvorkommende Benehmen
-der Frau Landgräfin gegen jeden ausgezeichneten Künstler oder Dichter
-sich schon so oft gezeigt hatte. Der Ruf von dem hohen Werte der
-theatralischen Arbeiten Schillers war keinem Deutschen unbekannt,
-daher die Empfehlungsbriefe von Herrn und Frau von Kalb nebst denen
-von Baron Dalberg an die nächste Umgebung der fürstlichen Personen mit
-freundlichster Berücksichtigung aufgenommen wurden.
-
-Schillers wichtigste Angelegenheit war, seinen Don Carlos in demjenigen
-Kreise bekannt zu machen, für den er eigentlich gedichtet schien.
-Hatte er darin die richtigste Ansicht getroffen, die würdigste
-Sprache gewählt, so durfte er nicht allein den ungeteilten Beifall
-der hohen Gesellschaft, sondern auch die wichtigste Entscheidung für
-seine Zukunft erwarten. Sein Wunsch, Don Carlos selbst vorzulesen,
-wurde mit fürstlichem Wohlwollen gewährt und diese majestätische
-Dichtung mit so entschiedenem Anteil aufgenommen, daß es bei einer
-folgenden Unterredung mit dem Herzoge von Schiller nur einer leisen
-Bitte bedurfte, um von demselben eine öffentliche Anerkennung seines
-außerordentlichen Geistes zu erhalten.
-
-Schiller kehrte als Rat des Herzogs von Weimar nach Mannheim zurück.
-
-Konnte dieses einsilbige Wörtchen den Verdiensten des schon damals
-alles überragenden Dichters auch keinen neuen Glanz verleihen, so hatte
-es wenigstens für die Gegenwart dennoch die Wirkung eines Talismans;
-denn seine Verhältnisse, von denen sich nur die traurigste Wendung
-erwarten ließ, gestalteten sich von nun an um vieles beruhigender, ja
-sie erhielten dadurch einen Anhaltspunkt, der bis jetzt nur ersehnt,
-aber nicht erreicht werden konnte. Das Verlangen der Eltern, er möchte
-durch eine dauernde Versorgung einem Fürsten angehören, schien erfüllt,
-seinen in Stuttgart zurückgelassenen Tadlern wurde bewiesen, daß seine
-Talente im Auslande weit größere Würdigung als in Württemberg gefunden
-und auch solche, die gegen seine Arbeiten gleichgültig geworden waren,
-mußten für ihn höhere Achtung gewinnen, da er von einem so vollgültigen
-Richter würdig befunden wurde, dem schönsten Geisterverein, welchen
-Deutschland jemalen aufzuweisen hatte, für immer anzugehören.
-
-Ohne daß Schiller es ahnte oder zu wissen schien, hatte dieser kleine
-Beisatz zu seinem Namen dennoch einen sehr großen Einfluß auf ihn.
-Sein Betragen wurde freier, bestimmter. Dieser Titel hatte in ihm
-die Gewißheit erweckt, sich ein neues besseres Vaterland erwerben
-zu können. Die Beurteilungen des Theaters wurden kälter, schärfer
-ausgesprochen, als früher geschah. Seine Tätigkeit war wie neu belebt;
-auch arbeitete er jetzt mit um so mehr Freude, je näher eine günstige
-Veränderung seines ihm bisher nur Unheil bringenden Aufenthaltes zu
-hoffen war.
-
-Aber auch der Theaterdichter wurde von dem Herrn Rat nun mit ganz
-andern Augen angesehen, weil jener nie aus der begonnenen Bahn treten,
-weil er immer dieselbe Last tragen muß, wohingegen dieser, von Stufe
-zu Stufe immer höher steigend, seinen Ehrenkreis erweitern kann.
-Vorzüglich aus letzterer Ursache schloß er, daß sein Verbleiben in
-Mannheim ihm nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich sein müsse,
-weil es ihm nicht die geringste Verbesserung darbieten könne. Er
-leitete deshalb nicht nur mit seinen Leipziger Freunden, sondern auch
-mit Herrn Schwan das Nötige ein, um seinen bisherigen Aufenthalt im
-Anfange des Frühjahres zu verlassen. Gegen das Theater selbst war er
-um so gleichgültiger geworden, weil es keine seiner Erwartungen ganz
-erfüllt hatte; zum Teil aber auch, weil der größte Teil der Mitglieder
-ihn jetzt schmähte und erbost auf ihn war. Dieser fast allgemeine
-Haß war durch die Beurteilungen (in dem ersten Hefte der Rheinischen
-Thalia) der Darstellung einiger Stücke veranlaßt, in welchen mehrere
-Mitglieder, die früher an vieles Lob von ihm gewöhnt waren, sehr
-hart mitgenommen wurden. Diese Kritiken mußten um so mehr auffallen,
-als damals eine Zeitung oder ein Journal sehr selten über einzelne
-Schauspieler etwas erwähnte und diese ohnehin es mit den meisten
-Künstlern gemein haben, sich für vollkommen oder unfehlbar zu achten.
-Zu Anfang des März 1785 wurde alles von ihm veranstaltet, um Mannheim
-bald verlassen zu können, welches, durch erhaltene Wechsel aus Leipzig
-erleichtert, zu Ende des Monats auch wirklich ausgeführt wurde. Den
-Abend vor seiner Abreise, welche bei Anbruch des kommenden Tages vor
-sich gehen sollte, brachte S. bis gegen Mitternacht bei ihm zu. Die
-vergangenen zwei Jahre, welche auf eine sehr unangenehme Weise von ihm
-verlebt waren, berührte er nur insofern, als sie in ihm die traurige
-Überzeugung hervorgebracht, daß in Deutschland, wo (1785) das Eigentum
-des Schriftsteller wie des Verlegers jedem preisgegeben, ja als
-vogelfrei erklärt sei, und bei der geringen Teilnahme höherer Stände
-an den Erzeugnissen der deutschen Literatur ein Dichter, würde er auch
-alle andern der verflossenen oder gegenwärtigen Zeit übertreffen, ohne
-einen besoldeten Nebenverdienst, ohne bedeutende Unterstützung, bloß
-durch die Früchte seines Talents unmöglich ein solches Einkommen sich
-verschaffen könne, als einem fleißigen Handwerksmanne mit mäßigen
-Fähigkeiten dieses gelingen müsse. Er war sich bewußt, alles getan zu
-haben, was seine Kräfte vermochten, ohne daß es ihm gelungen wäre, das
-wenige zu erwerben, was zur größten Notwendigkeit des Lebens gezählt
-wird, noch weniger aber so viel, daß er bei seiner Abreise auch seine
-Geldverbindlichkeiten hätte erfüllen können. Von nun an sollte nicht
-mehr die Dichtkunst, am wenigsten aber das Drama, der einzige Zweck
-seines Lebens sein, sondern er war fest entschlossen, den Besuch der
-Muse nur in der aufgereiztesten Stimmung anzunehmen; dafür aber mit
-allem Eifer sich wieder auf die Rechtswissenschaft zu werfen, durch
-welche er nicht nur aus jeder Verlegenheit befreit zu werden, sondern
-auch einen wohlhabenden, sorgenfreien Zustand zu erwerben hoffen dürfe.
-
-Diesen Plan besprach er von allen denkbaren Seiten. Wenn auch eine
-sich als widrig zeigte, so wäre sie doch nicht von der demütigenden
-Art, wie solche, die sich täglich dem Dichter darbieten, der in der
-höheren Gesellschaft nicht aufgenommen, wenn er seine Feder der Bühne
-widme, sogar verachtet sei, auf keinen Rang unter den Ständen Anspruch
-machen dürfe und wie ein fremdes, heimatloses Wesen seinen kärglichen
-Unterhalt mit unablässiger Anstrengung erringen müsse. Seinen Talenten,
-seiner Beharrlichkeit traute er es zu, in weniger als einem Jahre
-die Theorie der Rechtswissenschaft, unterstützt von den reichen
-Hilfsmitteln der Leipziger Universität, soweit inne zu haben, daß er
-auch darin wie in der Arzneikunde den Doktorhut nehmen und dadurch sich
-nicht nur einen bessern, sondern auch beständigern Zustand bereiten
-könne. Er glaubte den Schluß mit vollem Rechte machen zu dürfen, wenn
-die Erlernung dieser Wissenschaft einem gewöhnlichen Kopf in einigen
-Jahren möglich sei, so müsse es ihm -- der von Jugend auf zum Studieren
-von Systemen angehalten worden -- der in den zwei ersten Jahren,
-die er in der Akademie zubrachte, bedeutende Fortschritte in dieser
-Wissenschaft getan -- der das Lateinische ebenso geläufig wie seine
-Muttersprache inne habe -- der Hallers Werke in drei Monaten sich so
-eigen gemacht, daß er eine Prüfung darüber mit Ehren bestehen konnte --
-dem das Nachdenken eine Lust, ein Bedürfnis sei -- um so viel leichter
-werden, den Schneckengang anderer mit seinen weit ausgreifenden
-Schritten zu überholen und schnell dahin zu gelangen, wo ihn auch die
-kühnste Erwartung erst nach Jahren vermute.
-
-Sein Vorsatz darüber war so fest, die Ausführung schien ihm so
-leicht, eine ehrenvolle Anstellung bei einem der kleinen sächsischen
-Höfe so nahe, daß er und der zurückbleibende Freund sich die Hände
-darauf gaben, so lange keiner an den andern schreiben zu wollen, bis
-er Minister oder der andere Kapellmeister sein würde. Mit diesem
-feierlichen Versprechen schieden beide voneinander.
-
-Aber die Himmlischen hatten anders über ihn beschlossen. Sie ließen es
-nicht zu, daß eine solche Fülle von Gaben, reich genug, um Millionen zu
-beglücken, nur auf einen engen Kreis beschränkt oder ganz unfruchtbar
-bleiben sollte. Mit Liebe leiteten sie nun an sanfter, gütiger Hand
-ihren Begünstigten in die Arme von Freunden, die alles aufboten, damit
-er seinem hohen Berufe nicht ungetreu würde, damit er die unendliche
-Menge des wahrhaft Schönen und Guten, welches er in sich trug, zur
-Veredlung der Menschheit, zur Erleuchtung und Stärkung kommender
-Geschlechter, zu unvergänglichem Ruhme seiner selbst sowie zu dem
-seines eigentlichen Vaterlandes anwenden konnte.
-
- * * * * *
-
-Durch diese nach allen Umständen getreue Erzählung darf der Verfasser
-glauben, eine sehr bedeutende Lücke, die sich -- ohne irgend eine
-Ausnahme -- in allen Lebensbeschreibungen des großen Mannes findet,
-ausgefüllt, und einem künftigen Biographen die vollständige Darstellung
-eines auf seine Zeit so einflußreichen Lebens erleichtert zu haben.
-Der verehrte Leser wolle nun diese von einem Augenzeugen gegebene
-Mitteilung mit den früher von andern dem Publikum vorgelegten
-vergleichen und dann die Glaubwürdigkeit letzterer beurteilen.
-
-
- Ende.
-
-
- Auf Kriegspapier gedruckt.
-
-
-
-
-Fußnoten
-
-
-[1] Tatsächlich hat die Flucht am 22. September stattgefunden.
-
-~W.~
-
-
-[2] Wenn man die Zeitverhältnisse und die Lage Schillers
-berücksichtigt, so wird man die Allgemeinheit und bittere Härte dieser
-Äußerung entschuldigen.
-
-Anm. Streichers.
-
-
-[3] Vermutlich ist dieser Brief erst Anfang Oktober geschrieben.
-
-~W.~
-
-
-[4] Tag. Soll heißen: Winter.
-
-~W.~
-
-
-[5] »In den ersten Tagen des Septembers 1783.« Dies ist ein Irrtum.
-Schiller kam am 27. Juli in Mannheim an.
-
-~W.~
-
-
-[6] Der Kontrakt ist tatsächlich erst am 20. August geschlossen worden
-und lief vom 1. September 1784 an.
-
-~W.~
-
-
-[7] Diese Zusammenkunft geschah in Wirklichkeit schon vor der Abreise
-nach +Bauerbach+ zwischen dem 22. und 25. November 1782.
-
-~W.~
-
-
-[8] Vielmehr durch Götz, Angestellten in der Schwanschen Buchhandlung,
-der von der Leipziger Messe zurückkehrte.
-
-~W.~
-
-
-[9] Die Vorlesung des Don Carlos fand am 26. Dezember 1784 statt.
-
-~W.~
-
-
-
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- Universal-Bibliothek durch die Buchhandlungen oder den Verlag!
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- Deutsche Bildung
- und deutsche Kultur
-
- zu pflegen, sich mit den geistigen Gütern des Volkes vertraut zu
- machen, ist Aufgabe jedes einzelnen von uns und heute mehr als je,
- da die äußere Macht Deutschlands gebrochen ist und die Macht des
- Deutschtums sich vor allem im Bereich des Geistigen zu bewähren
- hat. Neue Achtung in der Welt kann sich nur die große Gemeinschaft
- der im besten Sinne deutschen, an alter Herzens- und Geisteskultur
- teilhabenden Menschen erringen. Die eigene ernsthafte Lektüre,
- die eigene Bücherei ist das Mittel und unentbehrliche Rüstzeug zu
- dieser Arbeit. Eine unvergleichliche Auswahl guter Bücher aus allen
- Wissensbezirken bietet das volkstümlichste Verlagsunternehmen der
- Welt »+Reclams Universal-Bibliothek+«. Vorrätig in weit mehr als
- 10000 Buchhandlungen des In- und Auslandes.
-
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- Druck und Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
- korrigiert.
-
- Korrekturen (die korrigierten Wörter sind in {} eingeschlossen):
-
- S. 109: gegewesen → gewesen
- ein württembergischer Offizier bei ihnen {gewesen} sei
-
- S. 172: das → daß
- Ohne {daß} Schiller es ahnte
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Schillers Flucht von Stuttgart, by
-Andreas Streicher
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHILLERS FLUCHT VON STUTTGART ***
-
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-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
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-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
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-official page at www.gutenberg.org/contact
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- The Project Gutenberg eBook of Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785, by Andreas Streicher.
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-/* Transcriber's notes */
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- </head>
-<body>
-
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-<pre>
-
-Project Gutenberg's Schillers Flucht von Stuttgart, by Andreas Streicher
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-
-
-Title: Schillers Flucht von Stuttgart
- und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785
-
-Author: Andreas Streicher
-
-Commentator: J. Wychgram
-
-Release Date: October 16, 2015 [EBook #50234]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHILLERS FLUCHT VON STUTTGART ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
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-
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-
-</pre>
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<h1>
-Schillers Flucht<br />
-<span class="smaller">von Stuttgart</span></h1>
-<p class="center">
-und<br />
-<span class="larger">Aufenthalt in Mannheim</span><br />
-<span class="smaller">von 1782&ndash;1785</span></p>
-<p class="center">
-Von<br />
-<span class="larger">Andreas Streicher</span></p>
-<p class="center p2">
-Herausgegeben und mit einer Einleitung versehen<br />
-<span class="smaller">von</span><br />
-<b>Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> J. Wychgram</b></p>
-<hr class="tb" />
-<p class="center p2">
-<b>Leipzig</b><br />
-Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span></p>
-
-<p class="center">
-Übersetzungsrecht vorbehalten<br />
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p>
-
-<h2 id="Einleitung">Einleitung.</h2>
-
-<p>Das Buch, das wir, nachdem es zum ersten- und einzigen
-Male im Jahre 1836, drei Jahre nach dem Tode seines Verfassers,
-erschienen war, nun zum Schiller-Jubiläumstag neu in
-die Welt senden, ist nicht mit Unrecht ein Kleinod unserer Literatur
-genannt worden. Nicht als ob es schriftstellerische Vorzüge
-aufweisen könnte. Sein Wert liegt vielmehr einmal in den berichteten
-Tatsachen, die für die Kenntnis von Schillers Entwicklung
-von außerordentlichem Werte sind und die uns unbekannt
-geblieben sein würden, wenn nicht Streicher sie uns erzählt hätte,
-sodann aber in dem Geist und Sinn, der aus dem Buche spricht.
-Da die Vorbereitungen zur Flucht aus Stuttgart und ihre Ausführung
-selbst sehr geheim gehalten werden mußten und da das,
-was außerhalb des Weichbildes von Mannheim mit Schiller geschah,
-nur Streicher zum Zeugen hatte, so können wir in der
-Tat den Wert dieser Aufzeichnungen nicht genug schätzen; aber
-auch, daß dieser Zeuge gerade Streicher war, ist von der größten
-Bedeutung. Denn wir haben in diesem Manne, der ja, wie der
-Leser aus dem Buche selbst erkennen wird, mit einer Art Vergötterung
-an Schiller hing, einen Berichterstatter, der alle diese
-aufregenden und abenteuerlichen Erlebnisse mit der größten Einfachheit,
-ohne subjektive Färbung und mit einem treuen geschichtlichen
-Sinne uns erzählt. Freilich ist das Buch selber erst geschrieben
-worden, als Streicher bereits im Greisenalter stand;
-aber die Ereignisse der Jugend standen ihm, soweit er sie selbst
-miterlebt hatte, als die denkwürdigsten seines ganzen Lebens
-vor der Seele, und später erschienene Briefe bezeugen uns, daß
-Streicher in der gewissenhaftesten Weise überall da, wo entweder
-sein Gedächtnis ihn nicht mehr sicher beriet oder wo er von Dingen<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span>
-zu erzählen hatte, die er selbst nicht mit angesehen (wie zum
-Beispiel in dem Berichte über die letzte Begegnung Schillers mit
-seiner Schwester und seiner Mutter), durch briefliche Erkundigung
-die Lücke zu ergänzen oder falsche Gerüchte zu berichtigen suchte.
-Einen solchen Brief teilen Speidel und Wittmann in ihrem vorzüglichen
-Buche »Bilder aus der Schillerzeit,« S. 26, mit. So
-kann man sagen, daß die Partien des Streicherschen Buches, die
-sich mit der Flucht und den auf die Flucht folgenden Ereignissen
-beschäftigen, durchaus zuverlässig sind und nur in ganz unwesentlichen
-Einzelheiten, in den Angaben einiger Monatsdaten und ähnlichen
-Kleinigkeiten, von der späteren Schiller-Forschung berichtigt
-worden sind.</p>
-
-<p>Streicher hat nun dem Berichte von der Flucht eine kurze
-Übersicht über Schillers Leben bis 1782 beigegeben; diese Übersicht
-mußte er nach den damals zugänglichen Quellen abfassen,
-und sie ist daher, wie wir gleich hier bemerken, nicht in demselben
-Maße unanfechtbar, wie der eigentliche Kern des Buches.
-Insbesondere waren Streicher die näheren Umstände, die das
-Zerwürfnis Schillers mit dem Herzog veranlaßten, nicht bekannt;
-vermutlich hat Schiller selbst von dem, was an Intrigen gegen
-ihn und gegen seinen Vater sich abgesponnen hat, nicht alles gewußt.
-Wir verzichten hier darauf, die Einzelheiten zu berichtigen,
-da der Leser dazu jede moderne Schillerbiographie benutzen
-kann; es sei gestattet, auf die betreffenden Abschnitte in der von
-mir verfaßten Biographie Schillers (4. Auflage, Bielefeld und
-Leipzig, Velhagen &amp; Klasing; Volksausgabe, ebenda 1904), zu
-verweisen, wo ein ausführliches Bild gegeben wird. Die Universal-Bibliothek
-bietet die Schiller-Biographie von Rudolf von
-Gottschall (Nr. 3879/80), die in gedrängterer Form berichtet.</p>
-
-<p>Andreas Streicher wurde als der Sohn unbemittelter Eltern
-im Jahre 1761 in Stuttgart geboren; er widmete sich der Tonkunst
-und sollte bei Emanuel Bach in Hamburg seine Ausbildung
-als Musiker erhalten. Von der Reise nach Hamburg aber wurde
-er durch die von ihm selbst erzählten Umstände abgehalten; er<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span>
-blieb vielmehr einige Jahre, mit Schiller und auch noch nach
-Schiller, in Mannheim, wandte sich dann nach München und
-ging 1794 nach Wien, wo er als Klavierlehrer eine auch an
-äußeren Erfolgen reiche Tätigkeit entwickelte. Später hat er in
-Wien die Pianofortefabrik seiner Frau, einer geborenen Stein
-aus Augsburg, übernommen und es in dieser Tätigkeit zu erheblichem
-Wohlstande gebracht. Er starb am 15. Mai 1833.
-Wie sehr er an dem Jugendfreunde hing, zeigt nicht nur das
-Buch selber, das er etwa in den Jahren 1828&ndash;30 verfaßt hat,
-sondern dies wird uns auch aus Briefen, die er nach Schillers
-Tode an dessen Angehörige schrieb, deutlich. Man hat wohl bemerkt,
-es sei auffallend, daß Schiller selbst später nicht wieder
-an den aufopferungsfreudigen Freund seiner Jugend geschrieben
-habe, insbesondere Julian Schmidt hat in seinem Buche »Schiller
-und seine Zeitgenossen« dieses Befremden ausgedrückt; man ist
-aber damit im Irrtum gewesen. Wir besitzen noch einen Brief
-von Schiller, der uns zeigt, wie Schiller in dankbarem Herzen
-die Erinnerung an Streicher bewahrt hat. Im Jahre 1795
-hatte Streicher einem Herrn seiner Bekanntschaft einen Empfehlungsbrief
-an Schiller mitgeschickt; Schiller antwortete darauf:</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-»Mein teurer und hochgeschätzter Freund!
-</p>
-
-<p>Gestern erhielt ich durch Herrn von Bühler Ihren Brief, der
-mich auf eine sehr angenehme Weise überraschte. Daß Sie mich
-nach einer zehnjährigen Trennung und in einer so weiten Entfernung
-noch nicht vergessen haben, daß Sie meiner mit Liebe
-gedenken und mir ein gleiches gegen Sie zutrauen, rührt mich
-innig, lieber Freund, und ich kann Ihnen auch von meiner Seite
-mit Wahrheit gestehen, daß mir die Zeit unseres Zusammenseins
-und Ihre freundschaftliche Teilnahme an mir, Ihre gefällige Duldung
-gegen mich und Ihre auf jeder Probe ausharrende Treue
-in ewig teurem Andenken bleiben wird.</p>
-
-<p>Wie erfreuen Sie mich, lieber Freund, mit der Nachricht,
-daß es Ihnen wohl geht, daß Sie mit Ihrem Schicksale zufrieden<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span>
-sind und nun auch die Freuden des häuslichen Lebens genießen.
-Diese sind mir schon seit sechs Jahren zu teil geworden,
-und ich könnte, im Besitze eines hoffnungsvollen Knaben,
-sowie in meiner unabhängigen äußeren Lage ein ganz glücklicher
-Mensch sein, wenn ich aus dem Sturme, der mich so lange
-herumgetrieben, meine Gesundheit gerettet hätte. Indessen macht
-ein heiteres Gemüt und der angenehme Wechsel der Beschäftigung
-mich diesen Verlust noch ziemlich vergessen, und ich finde mich in
-mein Schicksal.</p>
-
-<p>Eben dieser Zustand meiner Gesundheit läßt mich nicht daran
-denken, eine Reise zu unternehmen, und raubt mir also die Freude,
-Ihre freundschaftliche Einladung anzunehmen. Aber was mir
-unmöglich ist, können Sie vielleicht ausführen, und um so eher,
-da ein Tonkünstler überall zu Hause ist und selbst auf Reisen die
-Zeit nicht verliert. Daß mir Ihre Erscheinung in Jena unbeschreiblich
-viele Freude machen würde, bedarf keiner Versicherung,
-und daß auch Sie nicht unzufrieden sein sollen, dafür, glaube ich,
-gutsagen zu können. Ich könnte Ihnen wenigstens dafür stehen,
-daß Sie in Weimar, wo man Musik zu schätzen weiß, eine sehr
-erwünschte Aufnahme finden sollten.</p>
-
-<p>
-Ihr aufrichtig ergebener</p>
-<p class="right">
-Schiller.</p>
-<p>
-Jena, den 9. Oktober 95.</p>
-<p class="center">
-An Herrn Andreas Streicher, Tonkünstler in Wien.«
-</p></div>
-
-<p>Man sieht aus diesem Briefe, daß Schiller, wenn auch keine
-häufigeren Anlässe zu lebhafterem Briefwechsel mit seinem Jugendfreunde
-vorlagen, ihn doch in dankbarer Erinnerung bewahrte.
-Folgende beiden Briefe mögen noch dem Leser zeigen, mit welcher
-Wärme Andreas Streicher spät nach Schillers Tode für die
-Pflege von dessen Andenken gesorgt hat. Der erste dieser Briefe
-ist am 30. August 1826 an Schillers einzige überlebende Schwester
-Christophine, die verwitwete Hofrätin Reinwald in Meiningen,<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span>
-gerichtet, der andere am 29. April 1829 an Schillers bekannten
-Freund Körner. Die Briefe lauten folgendermaßen:</p>
-
-<p>I.</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-»Wohlgeborne Frau!
-</p>
-
-<p>Seit dem Tode Ihres herrlichen Bruders sind einundzwanzig
-Jahre verflossen, und noch ist er nicht begraben, sondern sein
-Sarg steht in Weimar in dem Gewölbe einer Sterbkassen-Gesellschaft
-unter dreißig bis vierzig andern versteckt, so daß es unmöglich
-ist, zu ihm zu gelangen oder ihn nur zu sehen.</p>
-
-<p>Man sagt, daß diese ungeheure Vernachlässigung die Schuld
-der Witwe sei.</p>
-
-<p>Als ich im Jahre 1820 die erste Nachricht hierüber in der
-»Allgemeinen Zeitung« las, schrieb ich sogleich nach Weimar und
-erkundigte mich um die Wahrheit derselben. Leider wurde solche
-bestätigt und die Vermutung geäußert, daß wohl der Vermögenszustand
-der Schillerschen Familie einige Schuld daran haben könne.
-Sogleich entschloß ich mich, eine kleine von mir verfaßte Schrift:
-»Schillers Flucht von Stuttgart und sein Aufenthalt in Mannheim
-von 1782 bis 1785,« die erst nach meinem Tode erscheinen
-sollte, jetzt schon, und zwar zu dem Zwecke herauszugeben, damit
-für den eingehenden Betrag Schiller ein ordentliches Grabmal
-errichtet werden könnte.</p>
-
-<p>Mancherlei Schwierigkeiten, die ich nicht beseitigen konnte und
-deren Aufzählung zu weitläufig sein würde, brachten diese Sache
-ins Stocken, bis endlich bei der Austeilung des neuen Kirchhofs
-in Weimar sich Frau von Schiller entschloß, eine Familiengruft
-zu wählen, und nur noch ihre Rückkehr von Köln erwartet wurde,
-um eine vollkommene Entscheidung herbeizuführen. Allein ein
-Schlagfluß überraschte sie in Bonn, wohin sie sich wegen einer
-Augenoperation begeben hatte, und brachte diese Sache insoferne
-wieder aufs neue zum Stillstande, als man sich deshalb nun an
-den ältesten Sohn in Köln wenden mußte. An diesen habe ich
-nun geschrieben, und es läßt sich erwarten, daß er die Pflicht<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-des Sohnes erfüllen und das Murren aller Reisenden, sowie die
-in so vielen Zeitschriften darüber erhobenen Klagen stillen wird.</p>
-
-<p>Ich habe Herrn von Schiller auch zugleich um genaue Nachrichten
-in betreff der letzten Lebensjahre seines Vaters ersucht,
-welche in den Schriften von Körner, H. Döring und andern entweder
-ganz übergangen oder unrichtig angegeben sind, indem mir
-daran liegt, daß meine Schrift als (wenigstens kleines) Ganzes
-sich darstelle. Da aber die Angaben über seine Eltern, über seine
-ersten Jugendjahre gar zu karg aufgeführt sind, und solche weder
-in der Zeitfolge noch in der Sache selbst zusammenpassen, so legt
-man diese Schriften desto unbefriedigter weg, je gespannter man
-auf alle Nachrichten ist, welche diese merkwürdige Familie betreffen.</p>
-
-<p>Von dieser Periode lassen sich nun nur noch von Ihnen, wohlgeborne
-Frau, die allerzuverlässigsten Nachrichten erwarten, indem
-Sie der einzige noch lebende Zeuge derselben sind. Ich
-nehme mir daher die Freiheit, Ihnen einige Fragen vorzulegen,
-welche diesen Zeitraum betreffen, mit der Bitte, selbige einiger
-Aufmerksamkeit würdigen und mir gefälligst beantworten zu
-wollen. Da ich meine Absicht, warum ich alles dahin Gehörige
-zu wissen wünsche, deutlich ausgesprochen, so darf ich nicht fürchten,
-daß Sie diese Fragen als aus bloßer Neugierde oder aus
-einer unedlen Ursache gestellt ansehen werden, sondern habe gegründete
-Ursache, zu hoffen, daß Sie dem Jugendfreunde und
-Leidensgefährten Ihres Bruders sein Verlangen um so weniger
-versagen werden, weil dieses nur zur Verherrlichung des Verewigten
-gereichen solle. Da aber die Schrift schon in einigen
-Monaten in Druck gegeben werden muß &ndash; da erst, wenn dieser
-schon im Gange ist, die Unterzeichnung darauf öffentlich angekündigt
-werden kann &ndash; da auch nur alsdann erst zur Erbauung
-eines ordentlichen, würdigen Grabmals geschritten wird, wenn
-man der Kostendeckung versichert ist &ndash; da meine Geschäfte mir
-nur sehr wenig Zeit zur Vollendung dieser Schrift gestatten, und
-da mein Alter, sowie meine Gesundheit es nicht ratsam machen,<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-diese Angelegenheit noch länger als bis zum 9. Mai 1827 zu
-erstrecken, so muß ich den dringenden Wunsch beifügen, daß Sie
-die Güte haben und mir Ihre Antwort sobald als möglich übermachen
-wollen. Keine Ihrer Nachrichten soll für mein Eigentum
-abgegeben, sondern dankbar dem Publikum die Quelle genannt
-werden, aus welcher mir solche zugeflossen.</p>
-
-<p>Es sind nun volle dreiundvierzig Jahre, daß mir nicht mehr
-vergönnt ward, Sie zu sehen, und nur meine lebhafte Erinnerung
-an Sie, sowie an Ihr ganzes Haus, kann mir einige Schadloshaltung
-für dieses Glück gewähren.</p>
-
-<p>Mein innigster Wunsch ist, daß dieser Brief Sie, sowie
-Ihren Herrn Gemahl in bestem Wohlsein treffe, und daß von
-diesem durch eine gefällige Antwort recht bald die Überzeugung
-erhalte, wohlgeborne Frau, Ihr hochachtungsvoll ergebenster
-Diener</p>
-
-<p class="right">
-Andreas Streicher, Tonkünstler.</p>
-<p>
-Wien, am 30. August 1826.«
-</p></div>
-
-<p>II.</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Das Werk erscheint gegen Unterzeichnung, und der reine
-Ertrag desselben, wenn er sich auf 20&nbsp;000 Gulden beläuft, soll
-erstens dazu verwendet werden, um eine Stiftung zu gründen,
-damit alle zehn Jahre die Interessen dieses Kapitals demjenigen
-(oder dessen Erben) eingehändigt werden, der während dieser Zeit
-das beste Schauspiel, Drama oder Trauerspiel, dessen Inhalt
-aus der deutschen Geschichte genommen sein muß, gedichtet hat.
-Zweitens, da aber die 10&nbsp;000 Gulden Interessen des Kapitals
-in zehn Jahren wieder 2500 Gulden abwerfen, so werden diese
-demjenigen Schriftsteller als Preis zugeteilt, der in diesem Zeitraume
-das beste Werk für die Jugend oder das Volk in dem
-Sinne geschrieben, wie es Schiller in der Rezension von Bürgers
-Gedichten in den Worten: »Welches Unternehmen usw.<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-bis: würden sie endlich selbst von der Vernunft abfordern,« angedeutet
-hat. Diese Preise würden einmal in Stuttgart, als
-der Hauptstadt von des Dichters Vaterland, das andere Mal in
-Weimar, wo er Unterstützung fand und starb, und das dritte
-Mal in Wien, wo seine hohe, gemütvolle Dichtung noch am
-meisten gewürdigt und empfunden wird, öffentlich und feierlich
-erteilt werden. Jeder der genannten Orte würde drei Schiedsrichter
-ernennen, welche die des Preises würdigsten Stücke bezeichnen
-würden.</p>
-
-<p>Dies ist das Hauptsächlichste von dem, was ich mir hierüber
-ausgedacht und auch Herrn Ernst von Schiller mitgeteilt
-habe. Dieser aber erwidert mir, daß ich durch Ausführung
-dieses Vorsatzes dem Verkaufe der sämtlichen Werke seines
-Vaters bedeutenden Schaden zufügen und vielleicht das ganze
-Unternehmen gefährden würde. Allein ich habe Freiherrn von
-Cotta diesen Plan voriges Jahr mündlich mitgeteilt und weder
-damals, noch seit jener Zeit irgend einen Widerstand von ihm
-erfahren. Auch scheint die abgesonderte Herausgabe des Briefwechsels
-von Goethe und Schiller darauf hinzudeuten, daß vorerst
-alles bisher noch Unbekannte von Schiller einzeln herausgegeben
-und dann erst in späterer Zeit eine ganz vollständige
-Ausgabe seiner Werke veranstaltet werden solle.</p>
-
-<p>Da ich nun den Zweck der Herausgabe von Nachrichten über
-unsern Dichter genau und wahr angegeben: da alles, was darauf
-Beziehung hat, gänzlich von einer Nebenabsicht frei und rein
-ist, da nichts anderes dadurch erreicht werden soll, als daß seine
-schwere Laufbahn die eines nicht unwürdigen Nachfolgers erleichtern
-solle; da es auch nicht gleichgültig ist, das Volk, für
-das er lebte und schrieb, nicht nur zu einer dauernden Anerkennung
-seines außerordentlichen Geistes aufzufordern, sondern
-damit auch zugleich der Dichtkunst einen Rang anzuweisen,
-den sie schon lange bei andern Nationen, aber leider bei den
-hadersüchtigen, nur nach Geld und Titeln strebenden Deutschen
-bisher nicht hatte; da eine genaue Schilderung seines Lebens,<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-seines himmlischen Gemütes, der Tiefe und Fülle seiner Empfindung
-nur von denen getreu dargestellt und erwartet werden kann,
-die ihn im Glück und Unglück handeln sahen &ndash; so werden Sie
-dieses Schreiben sowohl als auch die Fragen mit Nachsicht aufnehmen
-und nicht kalt zurückweisen.«</p></div>
-
-<p class="center">*<sub class="emspace">*</sub>*</p>
-
-<p>Streicher ist durch Christophine und auch aus seinen anderen
-Quellen nicht immer ganz richtig unterrichtet worden; es sind
-in dem Originaldruck eine Reihe von Versehen. Diese sind in
-unserem Neudruck entweder ohne weiteres korrigiert oder aber
-durch Fußnoten kenntlich gemacht worden.</p>
-
-<p>Im übrigen verweisen wir auf Streichers Büchlein selber; es
-mag durch sich und für sich sprechen.</p>
-
-<p>
-Berlin, im Februar 1905.</p>
-<p class="right">
-<b>J. Wychgram.</b>
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span></p>
-
-<h2 id="Vorrede">Vorrede<br />
-<span class="smaller">der Hinterbliebenen Streichers zur Ausgabe von 1836.</span></h2>
-
-<p>Der Verfasser des nachstehenden Werkchens, Andreas
-Streicher, lebt nicht mehr. Zu den schönsten Erinnerungen
-seines reich beschäftigten Lebens gehörten die Tage, die er
-in Schillers Nähe zugebracht hatte, dessen Andenken er mit
-liebender Begeisterung, mit schwärmerischer Verehrung bewahrte.
-Er hatte den edlen Dichterjüngling im Unglücke
-gesehen, im Kampfe mit feindlichen Verhältnissen, und treu
-und aufopfernd an ihm festgehalten. Und gerade jenen Zeitraum,
-so wichtig für die Darstellung von Schillers Charakter,
-als er es für die Entwicklung desselben und seiner äußern
-Lage gewesen, fand der Verfasser in allen Biographien des
-Verewigten fast nur erwähnt, nur kurz und unvollständig
-behandelt. Er wußte, daß wenige der Überlebenden in dem
-Falle waren, so richtig und ausführlich darüber zu berichten
-als er, und es drängte ihn, die Feder zu ergreifen, um
-das Seinige zur Charakteristik des für Deutschland und die
-Menschheit denkwürdigen Mannes beizutragen. In weit vorgerückten
-Jahren begann er mit der strengsten Wahrhaftigkeit
-und sorgsamer, gewissenhafter Liebe die folgenden Mitteilungen
-auszuarbeiten. Diese Sorgfalt bewog ihn, immer
-noch daran zu bessern; diese Liebe machte, daß er zuletzt
-auch Materialien über spätere Lebensabschnitte seines Jugendfreundes
-sammelte, und über dem Sammeln, Sichten, Ordnen
-&ndash; ereilte ihn der Tod.</p>
-
-<p>Er hatte sich oft und gern mit Entwürfen in Hinsicht
-auf die Verwendung des Ertrages seiner Schrift zu einer<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-passenden Stiftung, einem Dichterpreis, irgend einem gemeinnützigen
-Zwecke beschäftigt. Seine Hinterbliebenen halten
-es für ihre Pflicht gegen ihn und das Publikum, die
-Herausgabe des Werkes zu besorgen, an welcher den Erblasser
-selbst ein unerwartetes Ende hinderte. Überzeugt, ganz
-in seinem Sinne zu handeln, legen sie das Honorar, welches
-die Verlagshandlung ihnen dafür zugesagt, als Beitrag zu
-dem Denkmale Schillers, auf den Altar des Vaterlandes
-nieder.</p>
-
-<p>Sie geben das Werk, wie sie es in Reinschrift in seinem
-Nachlasse fanden.</p>
-
-<p>Sie befürchten nicht, daß der Titel »Flucht« auch nur
-einen leisen Schatten auf das Andenken oder den Namen
-Schillers werfen dürfte, da es allbekannt ist, wie dessen Entfernung
-von Stuttgart keineswegs Folge irgend eines Fehltrittes
-war, sondern ganz gleich der Flucht seines »Pegasus,«
-der mit der Kraft der Verzweiflung das Joch bricht, um ungehemmten
-Fluges himmelan zu steigen.</p>
-
-<p>Wie an dem Titel, so glauben sie auch an dem Inhalte,
-ja selbst an dem Stile nichts willkürlich ändern zu dürfen,
-um das Eigentümliche nicht zu verwischen, woran man den
-Zeitgenossen der frühesten Periode und den Landsmann
-unsers gefeierten Dichters erkennen mag. Der Verfasser war
-Musiker, nicht Schriftsteller, und was ihm die Feder in die
-Hand gegeben, nur seine glühende Verehrung Schillers und
-der frohe und gerechte Stolz, ihm einst nahe gestanden zu sein.</p>
-
-<p>Aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, den sie festzuhalten
-bitten, wird seine Leistung nachsichtige Beurteiler in den geneigten
-Lesern finden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p>
-
-<h2 id="Schillers_Flucht_von_Stuttgart">Schillers Flucht von Stuttgart<br />
-
-<span class="smaller wn">und</span><br />
-
-<span class="smaller">Aufenthalt in Mannheim von 1782&ndash;1785.</span></h2>
-
-<p>Johann Kaspar Schiller, geboren 1723, war der Vater
-unseres Dichters und ein Mann von sehr vielen Fähigkeiten,
-die er auf die beste, würdigste Weise verwendete, und die
-sowohl von seiner Umgebung als auch von seinem Fürsten
-auf das vollständigste anerkannt wurden.</p>
-
-<p>In seiner Jugend wählte er zum Beruf die Wundarzneikunde
-und ging, nachdem er sich hierin ausgebildet,
-in seinem zweiundzwanzigsten Jahre mit einem bayrischen
-Husarenregiment nach den Niederlanden, von wo er, nach
-geschlossenem Frieden, in sein Vaterland Württemberg zurückkehrte
-und sich 1749 zu Marbach, dem Geburtsorte seiner
-Gattin, verheiratete. Dem höher strebenden und mehr als
-zu seinem Fache damals nötig war, ausgebildeten Geiste
-dieses Mannes konnte aber der kleine, enge Kreis, in dem
-er sich jetzt bewegen mußte, um so weniger zusagen, als er
-durchaus nichts Erfreuliches für die Zukunft erwarten ließ,
-und er auch bei früheren Gelegenheiten, wo er gegen den
-Feind als Anführer in den Vorpostengefechten diente, Kräfte
-in sich hatte kennen lernen, deren Gebrauch ihm edler sowie
-für sich und seine Familie nützlicher schien als dasjenige,
-was er bisher zu seinem Geschäft gemacht hatte. Er verließ
-daher bei dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges,
-an welchem der Herzog gegen Preußen teilnahm, die Wundarzneikunde<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-gänzlich, suchte eine militärische Anstellung und
-erhielt solche 1757 als Fähnrich und Adjutant bei dem
-Regiment Prinz Louis um so leichter, da er schon früher
-den Ruhm eines tapfern Soldaten und umsichtigen Anführers
-sich erworben hatte.</p>
-
-<p>So lange als das württembergische Korps im Felde stand,
-machte er diesen Krieg mit, benutzte aber die Zeit der Winterquartiere,
-um mit Urlaub nach Hause zu kehren, und war
-im November 1759 bei der Geburt seines Sohnes, der auch
-der einzige blieb, gegenwärtig. Nach geschlossenem Frieden
-wurde er in dem schwäbischen Grenzstädtchen Lorch als Werboffizier
-mit Hauptmannsrang angestellt, bekam aber, sowie
-die zwei Unteroffiziere, die ihm beigegeben waren, während
-drei ganzer Jahre nicht den mindesten Sold, sondern mußte
-diese ganze Zeit über sein Vermögen im Dienste seines Fürsten
-zusetzen. Erst als er dem Herzog eine nachdrückliche Vorstellung
-einreichte, daß er auf diese Art unmöglich länger
-als ehrlicher Mann bestehen oder auf seinem Posten bleiben
-könne, wurde er abgerufen und in der Garnison von Ludwigsburg
-angestellt, wo er dann später seinen rückständigen Sold
-in Terminen nach und nach erhielt. Sowohl während
-der langen Dauer des Krieges als auch in seinem ruhigen
-Aufenthalte zu Lorch war sein lebhafter, beobachtender Geist
-immer beschäftigt, neue Kenntnisse zu erwerben und diejenigen,
-welche ihn besonders anzogen, zu erweitern. Den
-Blick unausgesetzt auf das Nützliche, Zweckmäßige gerichtet,
-war ihm schon darum Botanik am liebsten, weil ihre richtige
-Anwendung dem Einzelnen, sowie ganzen Staaten Vorteile
-verschafft, die nicht hoch genug gewürdigt werden können.
-Da zu damaliger Zeit die Baumzucht kaum die ersten Grade
-ihrer jetzigen, hohen Kultur erreicht hatte, so verwendete er
-auf diese seine besondere Aufmerksamkeit und legte in Ludwigsburg
-eine Baumschule an, welche so guten Erfolg hatte,
-daß der Herzog &ndash; gerade damals mit dem Bau eines
-Lustschlosses beschäftigt &ndash; ihm 1775 die Oberaufsicht über<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-alle herzustellenden Gartenanlagen und Baumpflanzungen
-übertrug.</p>
-
-<p>Hier hatte er nun Gelegenheit nicht nur alles, was er
-wußte und versuchen wollte, im großen anzuwenden, sondern
-auch seine Ordnungsliebe und Menschenfreundlichkeit auf
-das wirksamste zu beweisen. Um seine Erfahrungen in der
-Baumzucht, welche nach der Absicht seines Fürsten für ganz
-Württemberg als Regel dienen sollten, auch dem Auslande
-nutzbringend zu machen, sammelte er solche in einem kleinen
-Werke: Die Baumzucht im großen, wovon die erste Auflage
-zu Neustrelitz 1795 und die zweite 1806 zu Gießen
-erschien.</p>
-
-<p>Auch außer seinem Berufe war die Tätigkeit dieses seltenen
-Mannes ganz außerordentlich. Sein Geist rastete nie,
-stand nie still, sondern suchte immer vorwärts zu schreiten.
-Er schrieb Aufsätze über ganz verschiedene Gegenstände und
-beschäftigte sich sehr gern mit der Dichtkunst &ndash; zu welcher
-er eine natürliche Anlage hatte.</p>
-
-<p>Es ist nicht wenig zu bedauern, daß von seinen vielen
-Schriften und Gedichten weiter nichts als obiges Werkchen
-unter die Augen der Welt kam; wäre es auch nur, um
-einigermaßen beurteilen zu können, wie viel der Sohn im
-Talent zum Dichter und Schriftsteller vom Vater als Erbteil
-erhalten habe. Der Herzog, der ihm endlich den Rang
-als Major erteilte, schätzte ihn sehr hoch; seine Untergebenen,
-die in großer Anzahl aus den verschiedensten Menschen bestanden,
-liebten ihn ebenso wegen seiner Unparteilichkeit, als
-sie seine strenge Handhabung der Ordnung fürchteten; Gattin
-und Kinder bewiesen durch Hochachtung und herzlichste Zuneigung,
-wie sehr sie ihn verehrten.</p>
-
-<p>Von Person war er nicht groß. Der Körper war untersetzt,
-aber sehr gut geformt. Besonders schön war seine hohe,
-gewölbte Stirn, die durch sehr lebhafte Augen beseelt, den
-klugen, gewandten, umsichtigen Mann erraten ließ. Nachdem
-er seine heißesten Wünsche für das Glück und den Ruhm<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-seines einzigen Sohnes erfüllt gesehen und den ersten Enkel
-seines Namens auf den Armen gewiegt hatte, starb er 1796
-im Alter von 73 Jahren an den Folgen eines vernachlässigten
-Katarrhs nach achtmonatlichen Leiden in den Armen
-seiner Gattin und der ältesten Tochter, die von Meiningen
-herbeigeeilt war, um mit der Mutter die Pflege des Vaters
-zu teilen, zugleich auch die schwere Zeit des damaligen Krieges
-und ansteckender Krankheiten ihnen übertragen zu helfen.</p>
-
-<p>Die Mutter des Dichters, Elisabetha Dorothea Kodweiß,
-war aus einem alt-adligen Geschlecht entsprossen, das sich
-von Kattwitz nannte und durch unglückliche Zeitumstände
-Ansehen und Reichtum verloren hatte. Ihr Vater, der schon
-den Namen Kodweiß angenommen, war Holzinspektor zu
-Marbach. Eine fürchterliche Überschwemmung beraubte ihn
-dort seines ganzen Vermögens. Aus Not griff er nun, um
-seine Familie nicht darben zu lassen, zu gewerblichen Mitteln,
-bei welchen er jedoch nichts vernachlässigte, was die Bildung
-des Herzens und Geistes seiner Kinder befördern konnte.</p>
-
-<p>Diese edle Frau war groß, schlank und wohlgebaut; ihre
-Haare waren sehr blond, beinahe rot; die Augen etwas kränklich.
-Ihr Gesicht war von Wohlwollen, Sanftmut und tiefer
-Empfindung belebt, die breite Stirne kündigte eine kluge,
-denkende Frau an. Sie war eine vortreffliche Gattin und
-Mutter, die ihre Kinder auf das zärtlichste liebte, sie mit
-größter Sorgfalt erzog, besonders aber auf ihre religiöse Bildung,
-so früh als es rätlich war, durch Vorlesen und Erklären
-des Neuen Testaments einzuwirken suchte.</p>
-
-<p>Gute Bücher liebte sie leidenschaftlich, zog aber &ndash; was
-jede Mutter tun sollte &ndash; Naturgeschichte, Lebensbeschreibungen
-berühmter Männer, passende Gedichte sowie geistliche
-Lieder allen andern vor. Auf den Spaziergängen leitete
-sie die Aufmerksamkeit der zarten Gemüter auf die Wunder
-der Schöpfung, die Größe, Güte und Allmacht ihres Urhebers.
-Dabei wußte sie ihren Reden so viel Überzeugendes,
-so viel Gehalt und Würde einzuflechten, daß es ihnen in<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-späten Jahren noch unvergeßlich blieb. Ihre häusliche Lage
-war bei dem geringen Einkommen ihres Gatten sehr beschränkt,
-und es erforderte die aufmerksamste Sparsamkeit,
-sechs Kinder standesgemäß zu erhalten und sie in allem Notwendigen
-unterrichten zu lassen.</p>
-
-<p>Die allgemeine Lebensart und Sitte, welche damals in
-Württemberg herrschte, erleichterte jedoch eine gute Erziehung
-um so mehr, als eine Abweichung von Sparsamkeit, Ordnungsliebe,
-Rechtschaffenheit sowie der aufrichtigsten Verehrung
-Gottes als ein großer Fehler angesehen und scharf
-getadelt worden wäre. Die Begriffe von Redlichkeit, Aufopferung,
-Uneigennützigkeit suchte man damals jedem Kinde
-in das Herz zu prägen. In der Schule wie zu Hause wurde
-auf die Ausübung dieser Tugenden ein wachsames Auge gehalten.
-Die Vorbereitungen zur Ablegung des Glaubensbekenntnisses
-waren größtenteils Prüfungen des vergangenen
-Lebens sowie eindringende Ermahnungen, daß alles Tun
-und Lassen Gott und den Menschen gefällig einzurichten sei.</p>
-
-<p>Ein nicht unbedeutender Teil der Bewohner Württembergs,
-zu welchem sich aus allen Ständen Mitglieder gesellten,
-konnte sich aber an derjenigen Religionsübung, welche
-in der Kirche gehalten wurde, nicht begnügen, sondern schloß
-noch besondere Vereinigungen, um die innerliche, geistige
-Ausbildung zu befördern, und den äußern Menschen der
-Stimme des Gewissens ganz untertänig zu machen, damit
-dadurch hier schon die höchste Ruhe des Gemüts und ein
-Vorgeschmack dessen erlangt würde, was das Neue Testament
-seinen mutigen Bekennern im künftigen Leben verspricht.
-Aber es war keine müßige, innere Anschauung, welcher diese
-Frommen sich hingaben, sondern sie suchten auch ihre Reden
-und Handlungen ebenso tadellos zu zeigen, als es ihre Gedanken
-und Empfindungen waren.</p>
-
-<p>Konnten auch die weltlicher Gesinnten einer so strengen
-Übung der Religion und Selbstbeherrschung sich nicht unterwerfen,
-so hatten sie doch nachahmungswürdige Vorbilder<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-unter Augen, vor welchen sie sich scheuen mußten, die rohe
-Natur vorwalten zu lassen oder etwas zu tun, was einen
-zu scharfen Abstand gegen das Sein und Handeln der Frömmern
-gemacht hätte. Für das Allgemeine hatten diese abgeschlossenen,
-stillen Gesellschaften die gute Folge, daß der
-württembergische Volkscharakter als ein Muster von Treue,
-Redlichkeit, Fleiß und deutscher Offenheit gepriesen wurde,
-und Ausnahmen davon unter die Seltenheiten gezählt werden
-durften.</p>
-
-<p>In diesem Lande, unter solchen Menschen lebten die
-Eltern unseres Dichters, und nach solchen frommen Grundsätzen
-erzogen sie auch ihre Kinder. Die Eindrücke dieser
-tief wirkenden Leitung konnten nie erlöschen; sie begleiteten
-die Kinder durch das ganze Leben, ermutigten in den schwersten
-Prüfungen die Töchter und sprechen sich mit der höchsten
-Wärme in den meisten Werken des Sohnes aus.</p>
-
-<p>Auch diese gute, geliebte Mutter erlebte noch den ersehnten
-Augenblick, ihren einzigen Sohn und Liebling als
-glücklichen Gatten und Vater, mit errungenem Ruhm gekrönt,
-im Vaterlande selbst umarmen zu können.</p>
-
-<p>Ein sanfter Tod entriß sie den Ihrigen im Jahr 1802.
-Ihre Ehe, die ersten acht Jahre unfruchtbar, ward endlich
-durch sechs Kinder beglückt, von denen gegenwärtig nur noch
-Dorothea Luise Schiller, geboren 1766, an den Stadtpfarrer
-Frankh zu Möckmühl im Württembergischen verheiratet, und
-Elisabetha Christophina Friederika Schiller, geboren 1757,
-Witwe des verstorbenen Bibliothekars und Hofrats Reinwald
-zu Meiningen, am Leben sind. Die jüngste Schwester,
-Nannette, geboren 1777, verschied infolge eines ansteckenden
-Nervenfiebers, das durch ein auf der Solitüde anwesendes
-Feldlazarett verbreitet wurde, in ihrer schönsten
-Blüte schon im achtzehnten Jahre. Zwei andere Kinder
-starben bald nach der Geburt.</p>
-
-<p>Dem Bruder an Gestalt, Geist und Gemüt am ähnlichsten
-ist die edle Reinwald, zu welchen Eigenschaften sich noch<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span>
-eine Handschrift gesellt, welche der des Dichters so ähnlich
-ist, daß man sie davon kaum unterscheiden kann.</p>
-
-<p>Den frommen Gefühlen der Jugend getreu, konnte sie,
-auch als kinderlose Witwe, am 16. September 1826 dem
-Verfasser schreiben: »Aber ich stehe doch nicht allein, überall
-umgibt mein Alter der Freundschaft und Liebe sanftes Band,
-und Gott schenkt mir in meinem neunundsechzigsten Lebensjahr
-noch den völligen Gebrauch meiner Sinne und eine
-Heiterkeit der Seele, die gewöhnlich nur die Jugend beglückt.
-So sehe ich mit Zufriedenheit meinem Ziel entgegen, das
-mich in einer bessern Welt mit den Geliebten, die vorangingen,
-wieder vereinigt.«</p>
-
-<p>Unser Dichter, Johann Christoph Friedrich Schiller,
-wurde am 10. November 1759 zu Marbach, einem württembergischen
-Städtchen am Neckar, geboren. Obwohl Marbach
-damals nicht der Wohnort seiner Eltern war, so hatte
-sich dennoch seine Mutter dahin begeben, um in ihrem Geburtsort,
-in der Mitte von Verwandten und Freunden das
-Wochenbett zu halten.</p>
-
-<p>Über die ersten Kinderjahre Schillers läßt sich mit Zuverlässigkeit
-nichts weiter angeben, als daß seine Erziehung
-mit größter Liebe und Aufmerksamkeit besorgt wurde, indem
-er sehr zart und schwächlich schien.</p>
-
-<p>Erst von dem Jahr 1765 an werden die Nachrichten
-bestimmter und verbürgen, daß der Knabe seinen ersten
-Unterricht im Lesen, Schreiben, Lateinischen und Griechischen
-von dem Pastor Moser mit dessen Söhnen zugleich
-in Lorch, einem schwäbischen Grenzstädtchen, erhielt, wohin
-sein Vater, wie oben erwähnt, als Werboffizier versetzt
-ward.</p>
-
-<p>Damals schon, im Alter von sechs bis sieben Jahren,
-hatte er ein sehr tiefes religiöses Gefühl sowie eine sich
-täglich aussprechende Neigung zum geistlichen Stande. Sowie
-ihn eine ernste Vorstellung, ein frommer Gedanke ergriff,
-versammelte er seine Geschwister und Gespielen um<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-sich her, legte eine schwarze Schürze als Kirchenrock um,
-stieg auf einen Stuhl und hielt eine Predigt, deren Inhalt
-eine Begebenheit, die sich zugetragen, ein geistliches
-Lied oder ein Spruch war, worüber er eine Auslegung
-machte. Alle mußten mit größter Ruhe und Stille zuhören;
-denn wie er den geringsten Mangel an Aufmerksamkeit
-oder Andacht bei der kleinen Gemeinde wahrnahm,
-wurde er sehr heftig und verwandelte sein anfängliches
-Thema in eine Strafpredigt.</p>
-
-<p>So voll Begeisterung, Kraft und Mut diese Reden auch
-waren, so zeigte in den häuslichen Verhältnissen sein Charakter
-dennoch nichts von jener Heftigkeit, Eigensinn oder
-Begehrlichkeit, welche die meisten talentvollen Knaben so
-lästig machen, sondern war lauter Freundschaft, Sanftmut
-und Güte.</p>
-
-<p>Gegen seine Mutter bewies er die reinste Anhänglichkeit
-sowie gegen die Schwestern die wohlwollendste Verträglichkeit
-und Liebe, welche von allen auf das herzlichste,
-besonders tätig aber von der ältesten (der noch lebenden
-Fr. Hofr. Reinwald) erwidert wurde, die öfters, obwohl sie
-unschuldig war, die harten Strafen des Vaters mit dem
-Bruder teilte.</p>
-
-<p>Obwohl ihn der Vater sehr liebte, so war er doch wegen
-eines Fehlers, durch den die sparsamen Eltern oft nicht wenig
-in Verlegenheit gesetzt wurden, hart und strenge gegen ihn.
-Der Sohn hatte nämlich denselben unwiderstehlichen Hang,
-hilfreich zu sein, welchen er später in Wilhelm Tell mit den
-wenigen Worten: »Ich hab' getan, was ich nicht lassen
-konnte,« so treffend schildert.</p>
-
-<p>Nicht nur verschenkte er an seine Kameraden dasjenige,
-über was er frei verfügen konnte, sondern er gab auch
-den ärmeren Bücher, Kleidungsstücke, ja sogar von seinem
-Bette.</p>
-
-<p>Hierin war die älteste Schwester, die gleichen Hang
-hatte, seine Vertraute, und über diese, da sie, um den jüngern<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-Bruder zu schützen, sich als Mitschuldige bekannte, ergingen
-nun gleichfalls Strafworte und sehr fühlbare Züchtigungen.</p>
-
-<p>Da die Mutter sehr sanft war, so ersannen die beiden
-Geschwister ein Mittel, der Strenge des Vaters zu entgehen.
-Hatten sie so gefehlt, daß sie Schläge befürchten
-mußten, so gingen sie zur Mutter, bekannten ihr Vergehen
-und baten, daß sie die Strafe an ihnen vollziehe, damit
-der Vater im Zorne nicht zu hart mit ihnen verfahren
-möchte.</p>
-
-<p>So scharf aber auch öfters die zu große Freigebigkeit
-des Sohnes von dem Vater geahndet wurde, so wenig verkannte
-dieser dennoch die übrigen seltenen Eigenschaften des
-Knaben. Er liebte ihn nicht nur wegen seiner Begierde,
-etwas zu lernen, und wegen der Fähigkeit, das Erlernte zu
-behalten, sondern besonders auch wegen seines biegsamen,
-zartfühlenden Gemütes.</p>
-
-<p>Da sich bei dem Sohne die Neigung zum geistlichen
-Stande so auffallend und anhaltend aussprach, so war ihm
-der Vater um so weniger hierin entgegen, da dieser Stand
-in Württemberg sehr hoch geschätzt wurde, auch viele seiner
-Stellen ebenso ehrenvoll als einträglich waren.</p>
-
-<p>Als die Familie 1766 nach Ludwigsburg ziehen mußte,
-wurde der junge Schiller sogleich in die Vorbereitungsschulen
-geschickt, wo er neben dem Lateinischen und Griechischen auch
-Hebräisch &ndash; als zu dem gewählten Beruf unerläßlich &ndash;
-erlernen mußte.</p>
-
-<p>In den Jahren 1769&ndash;72 war er viermal in Stuttgart,
-um sich in den vorläufigen Kenntnissen zur Theologie
-prüfen zu lassen, und bestand jederzeit sehr gut. Sein Fleiß
-konnte nur wenige Zeit durch körperliche Schwäche, welche
-durch das schnelle Wachsen veranlaßt wurde, unterbrochen
-werden; denn wie seine Gesundheit kräftiger wurde, brachte
-er das Versäumte mit solchem Eifer ein und lag so anhaltend
-über seinen Büchern, daß ihm der Lehrer befehlen<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-mußte, hierin Maß zu halten, indem er sonst an Geist und
-Körper Schaden leiden würde. Teilnehmend, wohlwollend
-und gefällig für die Wünsche seiner Mitschüler, konnte er
-sich den jugendlichen Spielen leicht hingeben und in Gesellschaft
-das mitmachen, was er allein wohl unterlassen hätte.
-Bei einer solchen Gelegenheit, kurz vor dem Zeitpunkt, wo
-er in der Kirche sein Glaubensbekenntnis öffentlich ablegen
-sollte, sah ihn einst die fromme Mutter, und ihre Vorwürfe
-über seinen Mutwillen machten so vielen Eindruck
-auf ihn, daß er noch vor der Konfirmation seine Empfindungen
-zum erstenmal in Gedichten aussprach, die religiösen
-Inhalts waren.</p>
-
-<p>Je näher die Zeit heranrückte, in welcher er in eines
-der Vorbereitungsinstitute aufgenommen werden sollte, welche
-Jünglingen, noch ehe sie die Universität beziehen konnten,
-gewidmet waren, mit um so größerm Eifer ergab er sich
-nun seinen Studien.</p>
-
-<p>Ohne Zweifel würde die Welt an Schillern einen Theologen
-erhalten haben, der durch bilderreiche Beredsamkeit,
-eingreifende Sprache, Tiefe der Philosophie und deren richtige
-Anwendung auf die Religion Epoche gemacht und
-alles Bisherige übertroffen haben würde, wenn nicht seine
-Laufbahn gewaltsam unterbrochen und er zum Erlernen
-von Wissenschaften genötigt worden wäre, für die er entweder
-gar keinen Sinn hatte oder denen er nur durch die
-höchste Selbstüberwindung einigen Geschmack abgewinnen
-konnte.</p>
-
-<p>Der Herzog von Württemberg hatte nämlich schon im
-Jahr 1770 auf seinem Lustschlosse Solitüde eine militärische
-Pflanzschule errichtet, die so guten Fortgang hatte, daß die
-Lehrgegenstände, welche anfänglich nur auf die schönen Künste
-beschränkt waren, bei anwachsender Zahl der Zöglinge auch
-auf die Wissenschaften ausgedehnt wurden.</p>
-
-<p>Um die fähigsten jungen Leute kennen zu lernen, wurde
-von Zeit zu Zeit bei den Lehrern Nachfrage gehalten, und<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-diese empfahlen 1772 unter andern guten Schülern auch
-den Sohn des Hauptmanns Schiller als den vorzüglichsten
-von allen. Sogleich machte der Herzog dem Vater den Antrag,
-seinen Sohn in die Pflanzschule aufzunehmen, auf
-fürstliche Kosten unterrichten und in allem freihalten lassen
-zu wollen.</p>
-
-<p>Dieses großmütige Anerbieten, das manchem so willkommen
-war, verursachte aber in der ganzen Schillerschen
-Familie die größte Bestürzung, indem es nicht nur den so
-oft besprochenen Plan aller vereitelte, sondern auch dem
-Sohn jede Hoffnung raubte, sich als Redner, als Schriftsteller
-und geistlicher Dichter einst auszeichnen zu können.</p>
-
-<p>Weil jedoch damals für die Theologie in dieser Anstalt
-noch kein Lehrstuhl war, auch der junge Schiller schon alle
-Vorbereitungsstudien für diesen Stand gemacht hatte, so
-versuchte der Vater diese Gnade durch eine freimütige Vorstellung
-abzuwenden, die auch so guten Erfolg hatte, daß
-der Herzog selbst erklärte, auf diese Art könne er in der
-Akademie ihn nicht versorgen. Einige Zeitlang schien der
-Fürst den jungen Schiller vergessen zu haben. Aber ganz
-unvermutet stellte er noch zweimal an den Vater das Begehren,
-seinen Sohn in die Akademie zu geben, wo ihm
-die Wahl des Studiums freigelassen würde und er ihn bei
-seinem Austritt besser versorgen wolle, als es im geistlichen
-Stande möglich wäre.</p>
-
-<p>Die Freunde der Familie sowie diese selbst sahen nur
-zu gut, was zu befürchten wäre, wenn dem dreimaligen
-Verlangen des Herzogs, das man nun als einen Befehl annehmen
-mußte, nicht Folge geleistet würde, und mit zerrissenem
-Gemüt fügte sich endlich auch der Sohn, um seine
-Eltern, die kein anderes Einkommen hatten, als was die
-Stelle des Vaters abwarf, keiner Gefahr auszusetzen.</p>
-
-<p>Man mußte also den Ausspruch des Gebieters erfüllen
-und konnte sich für das Aufgeben so lange genährter Wünsche
-nur dadurch einigermaßen für entschädigt halten, daß die<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-weitere Erziehung des Jünglings keine großen Unkosten verursachen
-und eine besonders gute Anstellung in herzoglichen
-Diensten ihm einst gewiß sein würde.</p>
-
-<p>Was noch weiter zur Beruhigung der Mutter und Schwestern
-beitrug, war die Nähe des Institutes; die Gewißheit,
-den Sohn und Bruder jeden Sonntag sprechen zu können;
-dann die große Sorgfalt, welche man für die Gesundheit
-der Zöglinge anwendete, und die vertrauliche, sehr oft väterliche
-Herablassung des Herzogs gegen dieselben, durch welche
-die strenge Disziplin um vieles gemildert wurde.</p>
-
-<p>Mißmutigen Herzens verließ der vierzehnjährige Schiller
-1773 das väterliche Haus, um in die Pflanzschule aufgenommen
-zu werden, und wählte zu seinem Hauptstudium
-die Rechtswissenschaft, weil von dieser allein eine den Wünschen
-seiner Eltern entsprechende Versorgung einst zu hoffen
-war. Aber sein feuriger, schwärmerischer Geist fand in diesem
-Fache so wenig Befriedigung, daß er es sich nicht verwehren
-konnte, dem Bekenntnis, welches jeder Zögling über
-seinen Charakter, seine Tugenden und Fehler jährlich aufsetzen
-mußte, schon das erste Mal die Erklärung beizufügen:
-»Er würde sich weit glücklicher schätzen, wenn er seinem
-Vaterland als Gottesgelehrter dienen könnte.«</p>
-
-<p>Auf diesen ebenso schön als bescheiden ausgesprochenen
-Wunsch wurde jedoch keine Rücksicht genommen. Das Studium
-der Rechtswissenschaft mußte fortgesetzt werden und
-wurde auch mit allem Fleiß und Eifer von ihm betrieben.
-Aber nach Verlauf eines Jahres beschied der Herzog den
-Vater Schillers wieder zu sich, um ihm zu sagen: »daß,
-weil gar zu viele junge Leute in der Akademie Jura studierten,
-seinem Sohne eine so gute Anstellung bei seinem Austritt
-nicht werden könne, wie er selbst gewünscht hätte. Der
-junge Mensch müsse Medizin studieren, wo er ihn dann mit
-der Zeit sehr vorteilhaft versorgen wolle.«</p>
-
-<p>Ein neuer Kampf für den Jüngling! Neue Unruhe für
-seine Eltern und Geschwister! Schon einmal hatte der zartfühlende<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-Sohn aus Rücksicht für seine Angehörigen die Neigung
-zu einem Stande aufgeopfert, den ihm die Vorsehung
-ganz eigentlich bestimmt zu haben schien. Jetzt sollte er ein
-zweites Opfer bringen. Er sollte, nachdem er ein volles
-Jahr der Rechtswissenschaft gewidmet, ein anderes Fach ergreifen,
-gegen das er die gleiche Abneigung wie gegen das
-zuerst erwählte an den Tag legte. Jedoch der beugsame,
-kindliche Sinn, der ihn auch später in allen Vorfällen seines
-Lebens nie verließ, machte ihm diesen schweren Schritt
-möglich, und er unterwarf sich dem, was man über ihn
-bestimmt hatte.</p>
-
-<p>Für den Vater war es zugleich nicht wenig lästig, daß
-er die zahlreichen, zum Rechtsstudium erforderlichen Werke
-ganz unnützerweise angeschafft hatte und nun für das neue
-Fach noch viel größere Ausgaben machen mußte, indem nur
-den gänzlich Unvermögenden die nötigen Bücher von der
-Akademie verabfolgt wurden.</p>
-
-<p>Als der junge Schiller in die Klasse der Mediziner übertreten
-mußte, war er in seinem sechzehnten Jahre, und so
-ungern er auch die neue Wissenschaft ergriff, indem er nicht
-hoffen konnte, sich jemals recht innig mit ihr zu befreunden,
-so fand er sie doch nach kurzer Zeit um vieles anziehender,
-als er sich vorgestellt hatte; denn die verschiedenen Teile derselben,
-so trocken auch ihre Einleitung sein mochte, behandelten
-doch alle ohne Ausnahme die lebendige Natur und
-versprachen ihm einst bei dem Menschen neue Aufschlüsse
-über die Wechselwirkung des Körperlichen und des Geistigen
-aufeinander. Sein schon von Jugend auf sehr starker Hang
-zum Forschen, zum tiefen Nachdenken, wurde durch die Hoffnung
-angefeuert, hier einst Entdeckungen machen zu können,
-die seinen Vorgängern entschlüpft wären, oder daß es ihm
-vielleicht gelingen würde, die in so großer Menge zerstreuten
-Einzelheiten auf wenige allgemeine Resultate zurückzuführen.
-Aber bei allen diesen reizenden Vorahnungen und ungeachtet
-der vorgeschriebenen Ordnung, die auch sehr streng<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-gehalten werden mußte, benutzte er doch jede freie Minute,
-um sich mit der Geschichte, der Dichtkunst oder den Schriften
-zu beschäftigen, welche den Geist, das Gemüt oder den
-Witz anregen, und vermied solche, bei denen der kalte, überlegende
-Verstand ganz allein in Anspruch genommen wird.
-Unter den Dichtern war es Klopstock, der sein Gefühl, das
-noch immer am liebsten bei den ernsten, erhabenen Gegenständen
-der Religion verweilte, am meisten befriedigte. Seinen
-eignen Genuß an diesen Werken suchte er auch seiner
-ältesten Schwester wenigstens in dem Maße zu verschaffen,
-als es durch briefliche Mitteilung in Erklärung der schönsten
-und schwersten Stellen möglich war. In seiner jugendlichen
-Unschuld, den hohen Stand noch gar nicht ahnend, zu dem
-ihn die Vorsehung erwählt und mit allen ihren göttlichen
-Gaben so überschwenglich reich beteilt hatte, konnte er wohl
-öfters die entschiedene Neigung für dichterische oder andere
-Geisteswerke als eine bloße Belustigung für seine Phantasie
-betrachten und sich Vorwürfe darüber machen, wenn dadurch
-so manche Stunde seinem Berufsstudium entzogen wurde.
-Aber eine innere, beruhigende Stimme rief ihm dann zu:
-ist der große Arzt, der große Naturforscher Haller nicht auch
-zugleich ein großer Dichter? Wer besang die Wunder der
-Schöpfung schöner und herrlicher als Haller?</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Du hast den Elefant aus Erde aufgetürmt,<br /></span>
-<span class="i0">Und seinen Knochenberg beseelt,«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">war ein Ausdruck, den Schiller nebst so vielen andern dieses
-Dichters nicht nur damals, sondern auch dann noch mit
-Bewunderung anführte, als seine erste Jugendzeit längst verflogen
-war.</p>
-
-<p>Jedoch nicht nur das Beispiel Hallers erleichterte ihm
-die Selbstentschuldigung wegen seines Hangs für die Dichtkunst,
-sondern es waren in der Abteilung, in welche er jetzt
-versetzt war, noch mehrere Zöglinge, die eine gleiche Leidenschaft
-für Genüsse des Geistes und Gemütes hatten, unter<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-denen sich Petersen Hoven, Massenbach und andere als
-Dichter oder Schriftsteller später bekannt gemacht haben.
-Je erkünstelter der Fleiß war, mit dem diese jungen Leute
-ihr Hauptstudium trieben, je gieriger suchten sie Erholung
-in dichterischen Werken, von denen endlich die von Goethe
-und Wieland ihnen die liebsten waren. Ihre natürlichen
-Anlagen verleiteten sie, bei dem bloßen Lesen und Genießen
-nicht stehen zu bleiben, sondern ihre Kräfte auch an eignen
-Aufsätzen oder poetischen Darstellungen zu versuchen. Und
-daß keiner seine Arbeit den anderen verheimlichte; daß jeder
-mit größter Offenheit getadelt oder gelobt wurde; daß diese
-Jünglinge sich in ungewöhnlichen oder verwegenen Dichtungen
-zu überbieten suchten, war eine natürliche Folge
-ihrer Jahre und des Zwanges, dem sie unterworfen waren.
-Die gleiche Lieblingsneigung, die sie nur verstohlenerweise befriedigen
-durften, die gleiche Subordination, unter die sie
-ihren Willen beugen mußten, ketteten sie so fest aneinander,
-daß sie in der Folge sich nie trafen, ohne ihre Freude durch
-die fröhlichste Laune, oft durch wahren Jubel zu bezeugen.</p>
-
-<p>Unter allen diesen Schriften aber machten diejenigen,
-die für das Theater geschrieben waren, den meisten Eindruck
-auf den jungen Schiller. Jede Handlung im ganzen,
-jede Szene im einzelnen weckte in ihm eine der schlummernden
-Kräfte, deren die Natur für diese Dichtungsart so viele
-in ihn gelegt hatte, und die so reizbar waren, daß er mit
-einem dramatischen Gedanken nur angehaucht zu werden
-brauchte, um sogleich in Flammen der Begeisterung aufzulodern.
-In seinem zehnten Jahre hatte er zwar schon in
-Ludwigsburg Opern gesehen, die der Herzog mit allem Pomp,
-mit aller Kunst damaliger Zeit aufführen ließ. So neu und
-wundervoll dem empfänglichen Knaben der schnelle Wechsel
-prachtvoller Dekorationen, das Anschauen künstlicher Elefanten,
-Löwen etc., die Aufzüge mit Pferden, das Anhören großer
-Sänger, von einem trefflichen Orchester begleitet, der Anblick
-von Balletten, die von Noverre eingerichtet, von Vestris getanzt<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-wurden &ndash; so sehr dieses alles, vereinigt, ihn auch außer
-sich versetzen mußte, so hatte es doch nur die äußern Sinne
-des Auges, des Ohres berührt, aber Gefühl und Gemüt
-weder angesprochen noch befriedigt. Dagegen waren Julius
-von Tarent, Ugolino, Götz von Berlichingen und, einige
-Jahre vor seinem Austritt, alle Stücke von Shakespeare
-diejenigen Werke, welche mit allen seinen Gedanken und
-Empfindungen so übereinstimmten, seines Geistes sich dergestalt
-bemeisterten, daß er schon in seinem siebzehnten Jahre
-sich an dramatische Versuche wagte und das später so berühmte
-Trauerspiel, die Räuber, zu entwerfen anfing. Gaben
-die genannten Schriften seiner Vorliebe für dramatische Poesie
-schon überflüssige Nahrung, so wurde seine Neigung, sowie
-für schöne Kunst überhaupt, schon dadurch unterhalten und
-bestärkt, daß er mit jenen Zöglingen, die sich für die Bühne,
-die Tonkunst oder Malerei bestimmt hatten, im genauen Umgange
-stand. Denn so streng auch in dieser Akademie darauf
-gehalten wurde, daß jeder die Gegenstände seines künftigen
-Berufes auf das gründlichste erlerne, so war, wenn
-diesen Forderungen Genüge geleistet wurde, der Umgang der
-Zöglinge untereinander gar nicht so beschränkt, daß sie ihre
-freien Stunden nicht hätten nach ihrem Willen benützen
-dürfen, wenn dieser die allgemeine Ordnung nicht störte.
-Auch war es denjenigen unter ihnen, die Gefallen daran
-fanden, alle Jahre einigemal erlaubt, Theaterstücke in einem
-akademischen Saale aufzuführen, bei denen aber die weiblichen
-Rollen gleichfalls von Jünglingen besetzt werden mußten.
-Schiller konnte dem Drange nicht widerstehen, sich
-auch als Schauspieler zu versuchen, und übernahm im Clavigo
-eine Rolle, die er aber so darstellte, daß sein Spiel
-noch lange nachher sowohl ihm als seinen Freunden reichen
-Stoff zum Lachen und zur Satire verschaffte.</p>
-
-<p>Es konnte jedoch nicht anders kommen, als daß diese
-dichterischen Zerstreuungen nur zum Nachteil seiner medizinischen
-Studien genossen wurden, und daß er manchen<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-Verdruß mit seinem Hauptmann sowie öfters Vorwürfe
-von seinen Professoren sich zuzog, wenn er das aufgegebene
-Pensum nicht gehörig abgearbeitet hatte.</p>
-
-<p>Und dennoch, sowohl aus Liebe zu seinen Eltern, denen
-er Freude zu machen wünschte, als aus Ehrgeiz und edlem
-Stolze, war sein Fleiß aufrichtiger und größer als der seiner
-Mitschüler. Aber geschah es denn mit seinem Willen, daß
-ihn mitten im eifrigsten Lernen Bilder überraschten, die
-mit denen, die das Buch darbot, nicht die mindeste Ähnlichkeit
-hatten! &ndash; War es seine Schuld, daß er anatomische
-Zeichnungen, Präparate, fast unmöglich in ihrer eingeschränkten
-Beziehung betrachten konnte, sondern seine Phantasie
-sogleich in dem Großen, Allgemeinen der ganzen Natur
-umherschweifte? Oder konnte er es seiner ihm so treu
-anhänglichen Muse verwehren, daß sie selbst in den Kollegien,
-wenn er mit tiefsinnigem Blick auf den Professor
-horchte, ihm etwas zuflüsterte, was seine Ideen von dem
-Vortrage wegriß und seinen Geist auch den ernstlichsten
-Vorsätzen entgegen in dichterische Gefilde leitete? &ndash; Nichts
-von allem diesem. Ganz unfreiwillig mußte er sich diesen
-Störungen unterwerfen. Wie durch eine zauberische Gewalt
-herbeigeführt, gärten in seinem Innern Bilder und Entwürfe,
-die immer stärker andrängten, je mehr der Mann
-sich in ihm entwickelte und seine Vorstellungen sich bereicherten.</p>
-
-<p>Er selbst sah sehr gut ein, daß er bei diesem nicht ungeteilten
-Treiben seiner Berufswissenschaft sehr spät das
-Ziel erreichen würde, welches er sich vorgesetzt hatte, und
-ob auch seine Lehrer die treffenden Bemerkungen und Antworten
-von ihm weit höher als den mechanischen Fleiß der
-andern achteten, so stellte er doch zu große Forderungen an
-sich selbst, als daß ihm seine bisherigen Fortschritte hätten
-genügen können. Er beschloß daher in seinem achtzehnten
-Jahre, so lange nichts anderes, als was die Medizin betreffe,
-zu lesen, zu schreiben oder auch nur zu denken, bis er sich<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-das Wissenschaftliche davon ganz zu eigen gemacht hätte.
-Der ungeheuern Überwindung, die es ihn anfangs kostete,
-ungeachtet, verfolgte er diesen Vorsatz mit solcher Festigkeit
-und studierte die ärztlichen Werke von Haller mit so viel
-unausgesetztem Eifer, daß er schon nach Verlauf von kaum
-drei Monaten eine Prüfung darüber bestehen konnte, von
-welcher er die größten Lobsprüche einerntete. Diese außerordentliche
-Anstrengung, bei welcher er sich auch den kleinsten
-Genuß, selbst ein aufmunterndes Gespräch versagte, hatte
-zwar etwas nachteilig auf seinen Körper gewirkt, dagegen
-aber ihn mit der Wissenschaft dergestalt vertraut gemacht, daß
-er nun mit größter Leichtigkeit auf die Anwendung derselben
-sowohl in ihren verschiedenen Fächern als in der Heilkunde
-selbst übergehen konnte.</p>
-
-<p>Das höchste Opfer, welches er seinem künftigen Berufe
-bringen mußte, war eine so lange dauernde Entsagung der
-Dichtkunst, die bei ihm schon zur Leidenschaft geworden war.
-Aber er hatte sich von der Geliebten ja nur entfernt! Untreu
-konnte er ihr niemals werden; denn so wie er den
-Grad des Wissens, der ihn zum Meister der Arzneikunde
-machen sollte, einmal erobert hatte, kehrte er mit allem
-Feuer ungestillter Sehnsucht in die Arme der Göttin zurück
-und benutzte jeden freien Augenblick zur Ausarbeitung seines
-angefangenen Trauerspiels. Auch dichtete er außer vielen
-andern Sachen in diesem Zeitpunkt eine Oper, Semele,
-die so großartig gedacht war, daß, wenn sie hätte aufgeführt
-werden sollen, alle mechanische Kunst des Theaters damaliger
-Zeit (und man darf sagen, auch der jetzigen) nicht
-ausgereicht haben würde, um sie gehörig darzustellen.</p>
-
-<p>Das Praktische der Medizin kostete ihn nun weit weniger
-Mühe, als ihm das Theoretische verursacht hatte. Die Anwendung
-der vorgeschriebenen Regeln erhöhten sein Interesse
-schon darum, weil er ihre Wirkung beobachten und Bemerkungen
-darüber äußern konnte, die von seinen Professoren
-oft bewundert wurden. Die günstigen Zeugnisse, die sie<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-ihm erteilten, hatten für ihn die angenehme Folge, daß er
-mit dem Antritt seines zweiundzwanzigsten Jahres über eine
-von ihm selbst geschriebene Abhandlung öffentlich disputieren
-durfte und für fähig gehalten ward, nicht nur aus der
-Akademie treten, sondern auch eine ärztliche Anstellung in
-herzoglichen Diensten bekleiden zu können. Er erhielt zu
-Ende des Jahres 1780 bei dem in Stuttgart liegenden
-Grenadierregiment Augé die Stelle eines Arztes mit monatlicher
-Besoldung von achtzehn Gulden Reichswährung oder
-fünfzehn Gulden im Zwanzig-Gulden-Fuß.</p>
-
-<p>Obwohl die Berufsfähigkeiten Schillers eine würdigere
-Auszeichnung verdient hätten und auch die Stelle nebst
-ihrem kleinen Sold sehr tief unter der Erwartung der Eltern
-war, die dem gegebenen Versprechen des Herzogs gemäß
-auf eine weit bessere Versorgung gezählt hatten, so
-durfte doch von keiner Seite ein Widerspruch erhoben oder
-eine Einwendung dagegen gemacht werden.</p>
-
-<p>Und derjenige, der die größte Ursache zu klagen gehabt
-hätte, war am besten mit dieser Entscheidung zufrieden, weil
-nun seine Tätigkeit freien Raum hatte und weil ihm der
-ungehinderte Gebrauch seiner Dichtergabe gestattet schien, die
-sich von Tag zu Tag stärker entwickelte; denn je mehr ihm
-der Zwang und die unabänderliche Regelmäßigkeit mißfiel,
-in welcher er sieben Jahre seiner schönsten Jugendzeit zubringen
-mußte, um so öfter und leidenschaftlicher beschäftigte
-er sich mit Entwürfen, wie er einst seine Freiheit genießen
-wolle; und als endlich die Hoffnung zur Selbständigkeit, sowohl
-ihm als seinen jungen Freunden in Gewißheit überzugehen
-anfing, war es ihre einzige, angenehmste Unterhaltung,
-sich ihre Wünsche und Vorsätze hierüber mitzuteilen.
-Die letzteren betrafen jedoch hauptsächlich literarische Gegenstände,
-die so tätig ins Werk gesetzt wurden, daß Schiller
-sogleich nach dem Antritt seines Amtes das Schauspiel, die
-Räuber, das er in den vier letzten Jahren seines akademischen
-Aufenthaltes schrieb, gänzlich in Ordnung brachte<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-und solches zu Anfang des Sommers 1781 im Druck herausgab.</p>
-
-<p>Es wäre vergeblich, den Eindruck schildern zu wollen,
-den diese Erstgeburt eines Zöglings der hohen Karlsschule
-und, wie man wußte, eines Lieblings des Herzogs in dem
-ruhigen, harmlosen Stuttgart hervorbrachte, wo man nur
-mit den frommen, sanften Schriften eines Gellert, Hagedorn,
-Ramler, Rabener, Utz, Kramer, Schlegel, Cronegk,
-Haller, Klopstock, Stollberg und ähnlicher den Geist nährte;
-wo man die Gedichte von Bürger, die Erzählungen von
-Wieland als das Äußerste anerkannte, was die Poesie in
-sittlichen Schilderungen sich erlauben darf &ndash; wo man Ugolino
-für das schauderhafteste und Götz von Berlichingen für
-das ausschweifendste Produkt erklärte; &ndash; wo Shakespeare
-kaum einigen Personen bekannt war und wo gerade die
-Leiden Siegwarts, Karl von Burgheim und Sophiens Reise
-von Memel nach Sachsen das höchste Interesse der Leseliebhaber
-erregt hatten. Nur derjenige, der die genannten
-Schriften kennt, sich den ruhigen, stillen Eindruck, den sie
-einst auf ihn machten, zurückruft und dann einige Auftritte
-aus den Räubern liest; nur der allein kann sich die Wirkung
-lebhaft genug vorstellen, welche diese &ndash; in Rücksicht
-ihrer Fehler sowohl als ihrer Schönheiten &ndash; außerordentliche
-Dichtung hervorbrachte. Die jüngere Welt besonders wurde
-durch die blendende Darstellung, durch die natürliche, ergreifende
-Schilderung der Leidenschaften in die höchste Begeisterung
-versetzt, welche sich unverhohlen auf das lebhafteste
-äußerte.</p>
-
-<p>Der Ruhm des Dichters blieb aber nicht auf sein Vaterland
-beschränkt. Ganz Deutschland ertönte von Bewunderung
-und Erstaunen, daß ein Jüngling seine Laufbahn mit
-einem Werk eröffne, womit andere sich glücklich preisen würden,
-die ihrige beschließen zu können.</p>
-
-<p>Diese Lobeserhebungen, so schmeichelhaft sie auch seinem
-Ehrgeize waren, konnten ihn jedoch nicht in dem Grade<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-berauschen, daß er geglaubt hätte, schon vieles oder gar
-alles erreicht zu haben, sondern waren eher ein Sporn für
-ihn, noch Größeres zu leisten.</p>
-
-<p>Er veranstaltete im nämlichen Jahre noch die Herausgabe
-einer Sammlung Gedichte, die teils von ihm selbst,
-teils von seinen Freunden schon in der Akademie bearbeitet
-worden waren, und ließ solche unter dem Titel Anthologie
-1782 erscheinen. Da auch das von dem Professor Balthasar
-Haug seit einigen Jahren herausgegebene Schwäbische
-Magazin sich seinem Ende nahte, so beschloß er, in Gemeinschaft
-mit seinen Freunden die erlöschende Monatschrift als
-ein Repertorium für Literatur fortzusetzen; was um so leichter
-zustande kam, je größer der Vorrat war, den sie schon früher
-gesammelt hatten. Mit wahrhaft jugendlichem Übermut verfaßte
-er für diese Schrift in der Folge eine Rezension seiner
-Räuber, welche so hart und beißend war, daß man nicht
-begreifen konnte, wie jemand es wagen mochte, eine Arbeit
-so streng zu tadeln, deren Glanz die meisten Leser verblendet
-und auch den größten Kennern Achtung abgenötigt hatte.
-Der über diese Beurteilung häufig geäußerte Tadel gewährte
-aber ihm desto mehr Belustigung, je weniger jemand &ndash;
-außer einigen Freunden, die darum wußten &ndash; vermutete,
-daß der Verfasser selbst diese scharfe Geißel über sich geschwungen.</p>
-
-<p>Diese literarischen Beschäftigungen, welche eine lang gehegte
-Sehnsucht befriedigten, und bei welchen sich Schiller
-ganz in seinem Element befand, hätten ihm wenig zu wünschen
-übrig gelassen, wenn dadurch seine körperlichen Bedürfnisse
-ebenso wie seine geistigen gehoben gewesen wären.
-Allein dies konnte um so weniger der Fall sein, je kleiner
-in Stuttgart die Anzahl der Buchhändler oder derjenigen
-Leute war, die nicht nur lesen, sondern auch kaufen wollten.
-Es ließ sich schon für die Räuber kein Verleger finden,
-der die Ausgabe auf seine Kosten wagen, noch minder
-aber etwas dafür honorieren wollte, daher der Dichter genötigt<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-war, sie auf eigne Kosten drucken zu lassen und, da
-seine Geldkräfte bei weitem nicht hinreichten, den Betrag zu
-borgen.</p>
-
-<p>Um zu versuchen, ob er nicht zu einigem Ersatz seiner
-Auslagen gelangen könne, und um sein Werk auch im Ausland
-bekannt zu machen, schrieb er, noch ehe der Druck
-ganz beendigt war, an Herrn Hofkammerrat und Buchhändler
-Schwan zu Mannheim, der durch den vorteilhaftesten
-Ruf bekannt war, und schickte ihm die fertigen Bogen
-zu, welche er, mit Bemerkungen begleitet, wieder zurückerhielt.</p>
-
-<p>Ob allein die Ansichten des Herrn Schwan den Verfasser
-aufmerksam machten, oder ob er selbst darüber erschrak,
-wie grell und widerlich sich manches dem Auge darstelle,
-nachdem es nun gedruckt vor ihm lag &ndash; genug, in
-den letzten Bogen wurde einiges geändert, die von der Presse
-schon ganz fertig gelieferte Vorrede unterdrückt und eine
-neue mit gemilderten Ausdrücken an deren Stelle gesetzt.</p>
-
-<p>Wer es weiß, wie einseitig ein Dichter oder Künstler
-wird, wenn er nicht mit andern seines Faches, die höher als
-er, oder doch mit ihm auf gleicher Stufe stehen, Umgang
-haben und seine Ideen austauschen kann; wer zugibt, daß
-bei einem reichen, feurigen Talent, in den ersten Jünglingsjahren
-nur Begeisterung und Einbildungskraft herrschen, Verstand
-und Geschmack aber von diesen übertäubt werden; der
-wird die stärksten Auswüchse in den Räubern um so eher
-entschuldigen, als der Dichter nicht in der Lage war, einen
-in der Literatur bedeutenden Mann zum Vertrauten zu
-haben, und auch schon sein zweites Werk hinlänglich bezeugte,
-mit welcher Umsicht er die Fehler des ersten zu vermeiden
-gesucht.</p>
-
-<p>So sehr Herr Schwan als Buchhändler Schillern nützlich
-zu werden suchte, so eifrig verwendete er sich bei dem
-damaligen Intendanten des Mannheimer Theaters, Baron
-von Dalberg, damit dieses Stück für die Bühne brauchbar<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-gemacht und aufgeführt werden könne. Demzufolge forderte
-Baron von Dalberg den Dichter auf, nicht nur dieses
-Trauerspiel abzuändern, sondern auch seine künftigen Arbeiten
-für die Schauspielergesellschaft in Mannheim einzurichten.
-Schiller willigte um so lieber in diesen Vorschlag,
-je entfernter der Zeitpunkt war, in welchem eine seiner
-Dichtungen auf dem Theater in Stuttgart hätte aufgeführt
-werden können, indem die Leistungen desselben bloß als
-Versuche von Anfängern gelten konnten.</p>
-
-<p>Vor dem Jahre 1780 war nie ein stehendes deutsches
-Theater in der Hauptstadt Württembergs. Was man daselbst
-vom Schauspiel kannte, waren die Opern und Ballette,
-welche früher, ganz auf herzogliche Kosten, von Italienern
-und Franzosen, und nachdem diese verabschiedet waren, von
-den männlichen und weiblichen Zöglingen der Akademie,
-gleichfalls in italienischer und französischer Sprache gegeben
-wurden. In Mitte der siebziger Jahre kam Schikaneder
-nach Stuttgart; durfte aber keine Vorstellung im Opernhause
-geben, sondern mußte seine Operetten, Lust- und
-Trauerspiele im Ballhause aufführen. Erst als die Zöglinge
-der Akademie mehr herangewachsen, und man sie &ndash;
-da sie doch einmal für das Schauspiel bestimmt waren &ndash;
-in Übung erhalten wollte, gaben sie so lange, bis ein neues
-Theater gebaut wurde, die Woche einige deutsche Operetten
-in dem Opernhause, für deren Genuß das Publikum ein
-sehr mäßiges Eintrittsgeld bezahlte. Auch als das kleinere
-Theater fertig stand, wurden anfänglich nichts als kleine,
-deutsche Opern aufgeführt; was um so natürlicher war, da
-sich unter allen, welche sich dem Theater gewidmet hatten,
-nur eine einzige Person fand, welche wahrhaft großes Talent
-sowohl für komische als ernsthafte Darstellungen zeigte.</p>
-
-<p>Diese war &ndash; Herr Haller, ein wahrer Sohn der Natur.
-Wäre ihm damals das Glück geworden in einer andern
-Umgebung zu sein, gute Vorbilder und Beispiele zu sehen,
-so hätte er einer der besten Schauspieler Deutschlands werden<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-können, und sein Name wäre mit den Vorzüglichsten
-dieser Kunst zugleich genannt worden.</p>
-
-<p>Je tiefer nun diese vaterländische Schaubühne unter dem
-Ideale stand, das Schillern von einem guten, besonders aber
-tragischen Schauspiel vorschwebte, um so lebhafter ergriff er
-den Vorschlag, sein Stück für eine Bühne zu bearbeiten, die
-nicht nur einen sehr großen Ruf hatte, sondern sich auch
-um so mehr als die erste in Deutschland achten durfte, da
-fast alle ihre Mitglieder in der Schule von Ekhof gebildet
-waren. Mit all dem Eifer, den Jugend und Begeisterung
-zur Erreichung eines Zweckes, der für ihn das höchste seiner
-Wünsche war, nur immer hervorbringen können, ging Schiller
-an die Umarbeitung seines Trauerspiels, die er sich weniger
-schwer dachte, als er in der Folge fand. Denn wäre es
-ihm auch leicht geworden, seinen hohen, dichterischen Flug
-den Schranken der Bühne und den Forderungen des Publikums
-gemäß einzurichten; oder hätte er auch ohne Bedauern
-manche Szenen und Stellen aufgeopfert, die er und seine
-Freunde sehr hoch geschätzt hatten, so raubten ihm seine
-Berufsgeschäfte den ungehinderten Gebrauch der Zeit sowie
-die nötige Stimmung, die eine solche Arbeit erfordert. Seinem
-ganzen Wesen, das nicht den mindesten Zwang ertragen
-konnte, war das immerwährende Einerlei der Lazarettbesuche
-und ebenso das tägliche und genaue Erscheinen auf
-der Wachtparade, um seinem General den Rapport über die
-Kranken abzustatten, im höchsten Grad zuwider. Die unpoetische
-Uniform, aus einem blauen Rock mit schwarzem
-Samtkragen, weißen Beinkleidern, steifem Hut und einem
-Degen ohne Quaste bestehend, sah er als ein Abzeichen an,
-das ihn unablässig an die Subordination erinnern solle.
-Am härtesten fiel ihm jedoch, daß er ohne ausdrückliche Erlaubnis
-seines Generals sich nicht aus der Stadt entfernen
-und seine nur eine Stunde von Stuttgart wohnenden Eltern
-und Geschwister besuchen durfte. In seiner schönsten Jugendzeit
-mußte er diesen Umgang meistens nur auf schriftliche<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-Unterhaltung beschränken, und jetzt, da er sich frei glauben
-durfte, war es ihm um so schmerzlicher, den Besuch seiner
-nächsten Angehörigen von der Laune seines Chefs erbitten
-zu müssen.</p>
-
-<p>Die ganze Familie fand sich durch seine Anstellung als
-Regimentsarzt getäuscht, indem sie, als der Sohn seiner
-Neigung zur Theologie entsagen mußte, auf das von dem
-Herzog gegebene Versprechen fest baute, daß er ihn für die
-gemachte Aufopferung auf die vorteilhafteste Art schadlos
-halten würde.</p>
-
-<p>Jedoch mußten alle sich fügen, und dem Sohne blieb
-nur der Trost, den er in seinen dichterischen Beschäftigungen
-fand, und nebenbei die Aussicht, sich dadurch im Auslande
-bekannt und seinen Wirkungskreis bedeutender zu machen.
-Er schrieb daher auch an Wieland, den er nicht allein
-wegen seiner Vielseitigkeit, sondern vorzüglich wegen der
-hohen Vollendung seiner Dichtungen außerordentlich hochschätzte,
-und war überglücklich, als er von diesem großen Mann
-eine Antwort erhielt, die nicht nur das Ungewöhnliche
-und Seltene der frühzeitigen Leistungen Schillers in vollem
-Maß anerkannte, sondern auch überhaupt sehr geistreich und
-schmeichelhaft war. Für die Freunde von Schiller, die an
-allem, was ihn betraf, mit dem wärmsten Eifer Anteil
-nahmen, war es eine Art von Fest, diesen Brief zu lesen;
-sowohl die schöne, reine Schrift als die fließende Schreibart
-zu bewundern und sich über dessen Inhalt zu besprechen.
-Mit Stolz hoben sie es heraus, daß der Sänger der Musarion
-auch ein Schwabe sei und von diesem Schwaben die
-Sprache der Grazien der feinsten, gebildetsten Welt vorgetragen
-werde.</p>
-
-<p>Ähnliche Ermunterungen vom Auslande nebst dem
-Drange, die Geschöpfe seiner Einbildungskraft verwirklicht
-zu sehen, stärkten den Mut des jungen Dichters und erhoben
-ihn über die Widerwärtigkeiten, welche ihm seine Lage
-täglich verursachte. Außer den vielen Unterbrechungen aber,<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-die ihm sein Stand zur Pflicht machte, waren auch die Einwürfe
-des Baron Dalberg nichts weniger als dazu geeignet,
-ihn bei guter Laune für seine Arbeit zu erhalten, und man
-darf sich daher auch nicht wundern, daß er zur Umschmelzung
-seines Schauspiels so viele Monate brauchte, als es
-bei minderer Störung Wochen bedurft hätte.</p>
-
-<p>Er besiegte jedoch alle Schwierigkeiten, so sehr sich auch
-sein ganzes Wesen anfangs dagegen sträubte, und fühlte sich
-wie von der schwersten Last erleichtert, als er sein Manuskript
-für fertig halten und nach Mannheim absenden konnte.
-Um aber dem Leser das Gesagte anschaulicher zu machen,
-sei es erlaubt einen Teil des Schreibens, welches die Umarbeitung
-begleitete, aus den, bei D. R. Marx in Karlsruhe
-erschienenen Briefen Schillers an Baron Dalberg hier
-einzurücken, indem es zur Bestätigung des Obigen dient,
-und zugleich den Beweis liefert, wie streng und mit wie
-wenig Schonung er bei der Abänderung verfuhr. Selten
-wird wohl ein Dichter bei seinem ersten Werke schon alles
-für so wichtig angesehen oder so scharf beurteilt haben, als
-es hier von einem zweiundzwanzigjährigen Jüngling geschehen
-ist.</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="right">
-Stuttgart, den 6. Oktober 1781.
-</p>
-
-<p>»Hier erscheint endlich der verlorene Sohn, oder die
-umgeschmolzenen Räuber. Freilich habe ich nicht auf den
-Termin, den ich selbst festsetzte, Wort gehalten, aber es bedarf
-nur eines flüchtigen Blicks über die Menge und Wichtigkeit
-der getroffenen Veränderungen, mich gänzlich zu entschuldigen.
-Dazu kommt noch, daß eine Ruhrepidemie in
-meinem Regimentslazarett mich von meinem <em class="antiqua">otiis poeticis</em>
-sehr oft abrief. Nach vollendeter Arbeit darf ich Sie versichern,
-daß ich mit weniger Anstrengung des Geistes und
-gewiß mit noch weit mehr Vergnügen ein neues Stück, ja
-selbst ein Meisterstück schaffen wollte, als mich der nun getanen
-Arbeit nochmals unterziehen. &ndash; Hier mußte ich Fehlern<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-abhelfen, die in der Grundlage des Stückes schon
-notwendig wurzeln, hier mußte ich an sich gute Züge den
-Grenzen der Bühne, dem Eigensinn des Parterre, dem Unverstand
-der Galerie, oder sonst leidigen Konventionen aufopfern,
-und einem so durchdringenden Kenner, wie ich in
-Ihnen zu verehren weiß, wird es nicht unbekannt sein können,
-daß es, wie in der Natur so auf der Bühne, für eine
-Idee, eine Empfindung, auch nur einen Ausdruck, ein Kolorit
-gibt. Eine Veränderung, die ich in einem Charakterzug
-vornehme, gibt oft dem ganzen Charakter, und folglich
-auch seinen Handlungen und der auf diesen Handlungen
-ruhenden Mechanik des Stücks eine andere Wendung. Also
-Hermann. Wiederum stehen die Räuber im Original unter
-sich in lebhaftem Kontrast, und gewiß wird ein jeder Mühe
-haben, vier oder fünf Räuber kontrastieren zu lassen, ohne
-in einem von ihnen gegen die Delikatesse des Schauplatzes
-anzurennen. Als ich es anfangs dachte und den Plan bei
-mir entwarf, dacht' ich mir die theatralische Darstellung
-hinweg. Daher kam's, daß Franz als ein räsonierender
-Bösewicht angelegt worden; eine Anlage, die, so gewiß sie
-den denkenden Leser befriedigen wird, so gewiß den Zuschauer,
-der vor sich nicht philosophiert, sondern gehandelt
-haben will, ermüden und verdrießen muß. In der veränderten
-Auflage konnte ich diesen Grundriß nicht übern
-Haufen werfen, ohne dadurch der ganzen Ökonomie des
-Stücks einen Stoß zu geben; ich sehe also mit ziemlicher
-Wahrscheinlichkeit voraus, daß Franz, wenn er nun auf der
-Bühne erscheinen wird, die Rolle nicht spielen werde, die er
-beim Lesen gespielt hat. Dazu kommt noch, daß der hinreißende
-Strom der Handlung den Zuschauer an den feinen
-Nuancen vorüberreißt, und ihn also wenigstens um den
-dritten Teil des ganzen Charakters bringt. Der Räuber
-Moor, wenn er, wie ich zum voraus versicherte, seinen
-Mann unter den HH. Schauspielern findet, dürfte auf dem
-Schauplatz Epoche machen; einige wenige Spekulationen, die<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-aber auch als unentbehrliche Farben in dem ganzen Gemälde
-spielen, weggerechnet, ist er ganz Handlung, ganz anschauliches
-Leben. Spiegelberg, Schweizer, Hermann etc. sind
-im eigentlichsten Verstande Menschen für den Schauplatz;
-weniger Amalie und der Vater.</p>
-
-<p>Ich habe schriftliche, mündliche und gedruckte Rezensionen
-zu benutzen gesucht. Man hat mehr von mir gefordert als
-ich leisten konnte, denn nur dem Verfasser eines Stücks,
-zumal wenn er selbst noch Verbesserer wird, zeigt sich das
-<em class="antiqua">non plus ultra</em> vollkommen. Die Verbesserungen sind wichtig,
-verschiedene Szenen ganz neu, und meiner Meinung
-nach, das ganze Stück wert&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Franz ist der Menschheit etwas nähergebracht, aber der
-Weg dazu ist etwas seltsam. Eine Szene, wie seine Verurteilung
-im fünften Akt, ist meines Wissens auf keinem
-Schauplatz erlebt, ebensowenig als Amaliens Aufopferung
-durch ihren Geliebten. Die Katastrophe des Stücks deucht
-mir nun die Krone desselben zu sein. Moor spielt seine
-Rolle ganz aus, und ich wette, daß man ihn nicht in dem
-Augenblick vergessen wird, als der Vorhang der Bühne gefallen
-ist. Wenn das Stück zu groß sein sollte, so steht es
-in der Willkür des Theaters, Räsonnements abzukürzen, oder
-hie und da etwas unbeschadet des ganzen Eindrucks hinweg
-zu tun. Aber dawider protestiere ich höflich, daß beim
-Drucken etwas hinweggelassen wird; denn ich hatte meine
-guten Gründe zu allem, was ich stehen ließ, und soweit geht
-meine Nachgiebigkeit gegen die Bühne nicht, daß ich Lücken
-lasse und Charaktere der Menschheit für die Bequemlichkeit
-der Spieler verstümmle.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p class="noind">
-&ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash;<br />
-&ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash;</p>
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Fr. Schiller</em>, <em class="antiqua">R. Medicus</em>.<br />
-</p></div>
-
-<p>Es würde die vorgesteckten Grenzen dieser Schrift überschreiten,
-wenn auch die folgenden Briefe, welche die Einwürfe<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-des Freiherrn von Dalberg widerlegen sollten, hier
-angeführt würden. Nur so viel sei noch hierüber gesagt,
-daß, so sehr auch Schiller den Zug in dem Charakter Karl
-Moors, die Geliebte mit seiner Hand zu töten, als wesentlich
-zur ganzen Rolle, ja als eine positive Schönheit derselben
-betrachtete, sein Gegner davon nicht abzubringen war,
-daß Amalie sich selbst mit dem Dolch erstechen müsse. Der
-andere Punkt, die Räuber in die Zeiten Maximilians des
-Ersten zu versetzen und in altdeutscher Kleidung spielen zu
-lassen, machte der theatralischen Wirkung gar keinen Eintrag,
-indem die Handlung zu sehr hinriß, um Vergleichungen
-zwischen der Sprache und dem Kostüm anstellen zu können,
-und damals nur äußerst wenige der Kritik, sondern
-nur des Eindrucks wegen, den das Gesehene bei ihnen zurücklassen
-sollte, das Schauspiel besuchten.</p>
-
-<p>Mit welcher Unruhe Schiller den Nachrichten aus Mannheim
-entgegensah, und in welcher Spannung er die Zeit
-zubrachte, welche zu den Vorbereitungen, den Proben erforderlich
-war, mag wohl nur der am richtigsten beurteilen,
-der als Dichter oder Tonkünstler sich zum erstenmal in gleichem
-Fall befindet. Er selbst sagt hierüber in einem der
-folgenden Briefe: »Auf meinen Räuber Moor bin ich im
-höchsten Grad begierig, und von Herrn Böck, der ihn
-ja vorstellen soll, höre ich nichts als Gutes. Ich freue
-mich wirklich darauf wie ein Kind.« Ferner: »Ich glaube
-meine ganze dramatische Welt wird dabei aufwachen, und
-im ganzen einen größern Schwung geben; denn es ist das
-erste Mal in meinem Leben, daß ich etwas mehr als Mittelmäßiges
-hören werde.«</p>
-
-<p>Endlich kam auch der so heftig gewünschte und ersehnte
-Tag heran, wo er seinen verlornen Sohn, wie er anfangs
-die Räuber benennen wollte, in der Mitte Januars 1782
-auf dem Theater in Mannheim darstellen sah. Aus der
-ganzen Umgegend, von Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt,
-Mainz, Worms, Speyer etc. waren die Leute zu Roß und<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-zu Wagen herbeigeströmt, um dieses berüchtigte Stück, das
-eine außerordentliche Publizität erlangt hatte, von Künstlern
-aufführen zu sehen, die auch unbedeutende Rollen mit täuschender
-Wahrheit gaben und nun hier um so stärker wirken
-konnten, je gedrängter die Sprache, je neuer die Ausdrücke,
-je ungeheuerer und schrecklicher die Gegenstände waren, welche
-dem Zuschauer vorgeführt werden sollten. Der kleine Raum
-des Hauses nötigte diejenigen, welchen nicht das Glück zu
-teil wurde, eine Loge zu erhalten, ihre Sitze schon mittags
-um ein Uhr zu suchen und geduldig zu warten, bis um
-fünf Uhr endlich der Vorhang aufrollte. Um die Veränderung
-der Kulissen leichter zu bewerkstelligen, machte man
-aus fünf Akten deren sechs, welche von fünf Uhr bis nach
-zehn Uhr dauerten. Die ersten drei Akte machten die Wirkung
-nicht, die man im Lesen davon erwartete; aber die
-letzten drei enthielten alles, um auch die gespanntesten Forderungen
-zu befriedigen.</p>
-
-<p>Vier der besten Schauspieler, welche Deutschland damals
-hatte, wendeten alles an, was Kunst und Begeisterung darbieten,
-um die Dichtung auf das vollkommenste und lebendigste
-darzustellen. Böck als Karl Moor war vortrefflich,
-was Deklamation, Wärme des Gefühls und den Ausdruck
-überhaupt betraf. Nur seine kleine, untersetzte Figur störte
-anfangs, bis der Zuschauer von dem Feuer des Spiels fortgerissen,
-auch diese vergaß. Beil als Schweizer ließ nichts
-zu wünschen übrig; so wie auch Kosinsky durch die passende
-Persönlichkeit des Herrn Beck sehr gewann. Durch die Art
-aber wie Iffland die Rolle des Franz Moor nicht nur durchgedacht,
-sondern dergestalt in sich aufgenommen hatte, daß
-sie mit seiner Person eins und dasselbe schien, ragte er über
-alle hinaus und brachte eine nicht zu beschreibende Wirkung
-hervor, indem keine seiner Rollen, welche er früher und
-dann auch später gab, ihm die Gelegenheit verschaffen konnte,
-das Gemüt bis in seine innersten Tiefen so zu erschüttern,
-wie es bei der Darstellung des Franz Moor möglich war.<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-Zermalmend für den Zuschauer war besonders die Szene,
-in welcher er seinen Traum von dem Jüngsten Gericht erzählte,
-mit aller Seelenangst die Worte ausrief: »Richtet
-einer über den Sternen? Nein! Nein!« und bei dem zitternd
-und nur halblaut gesprochenen, in sich gepreßten Worte:
-Ja! Ja! &ndash; die Lampe in der Hand, welche sein geisterbleiches
-Gesicht erleuchtete &ndash; zusammensank. Damals war
-Iffland 26 Jahre alt, von Körper sehr schmächtig, im Gesicht
-etwas blaß und mager. Dieser Jugend ungeachtet, war
-sein Spiel auch in den kleinsten Schattierungen so durchgeführt,
-daß es ein nicht zu vertilgendes Bild in jedem Auge,
-das ihn sah, zurückließ.</p>
-
-<p>Welche Wirkung die Vorstellung der Räuber auf den
-Dichter derselben hervorbrachte, davon haben wir noch ein
-Zeugnis in dem Brief an Baron Dalberg vom 17. Jänner
-1782, wo er schreibt: »Beobachtet habe ich sehr vieles, sehr
-vieles gelernt, und ich glaube, wenn Deutschland einst einen
-dramatischen Dichter in mir findet, so muß ich die Epoche
-von der vorigen Woche zählen etc.«</p>
-
-<p>Daß auch ihn selbst das Spiel von Iffland überraschte,
-bezeugte er in demselben Briefe mit Folgendem: »Dieses
-einzige gestehe ich, daß die Rolle Franzens, die ich als die
-schwerste erkenne, als solche über meine Erwartung (welche
-nicht gering war) vortrefflich gelang.« Schiller hatte sich,
-ohne Urlaub von seinem Regimentschef zu nehmen, aus
-Stuttgart entfernt, um sein Schauspiel zu sehen; es wußten
-daher auch nur einige um seine Abwesenheit und sie blieb
-für diesmal verborgen. Aber die Heiterkeit, welche vor der
-Abreise sein ganzes Wesen beseelt hatte, war nach seiner
-Rückkehr fast ganz verschwunden; denn so heftig er die
-Stunden des schöpferischen Genusses herbei gewünscht hatte,
-so mißvergnügt war er nun, daß er seine medizinischen
-Amtsgeschäfte wieder vornehmen und sich der militärischen
-Ordnung fügen mußte, da ihm jetzt nicht nur der Ausspruch
-der Kenner, der stürmische Beifall des Publikums,<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-sondern hauptsächlich sein eignes Urteil die Überzeugung
-verschafft hatte, daß er zum Dichter, besonders aber zum
-Schauspieldichter geboren sei, und daß er hierin eine Stufe
-erreichen könne, die noch keiner seiner Nation vor ihm erstiegen.
-Jede Beschäftigung, die er nun unternehmen mußte,
-machte ihn mißmutig, und er achtete die Zeit, die er darauf
-verwenden mußte, als verschwendet. Es bedurfte wirklich
-auch einiger Wochen, bis sein aufgeregtes Gemüt sich
-wieder in die vorigen Verhältnisse finden konnte, und als
-er etwas ruhiger geworden war, brütete seine Einbildungskraft
-sogleich wieder über neuen Sujets, die als Schauspiele
-bearbeitet werden könnten.</p>
-
-<p>Unter mehreren, die aufgenommen und wieder verworfen
-wurden, blieben Konradin von Schwaben und die Verschwörung
-des Fiesco zu Genua diejenigen, welche ihm am
-meisten zusagten. Endlich wählte er letzteres, und zwar nicht
-allein wegen des Ausspruchs von J. J. Rousseau, daß der
-Charakter des Fiesco einer der merkwürdigsten sei, welche
-die Geschichte aufzuweisen habe; sondern auch, weil er bei
-dem Durchdenken des Planes fand, daß diese Handlung der
-meisten und wirksamsten Verwicklungen fähig sei. Sobald
-sein Entschluß hierüber fest stand, machte er sich mit allem,
-was auf Italien, die damalige Zeit sowie auf den Ort,
-wo sein Held handeln sollte, Beziehung hatte, mit größter
-Emsigkeit bekannt, besuchte fleißig die Bibliothek, las und
-notierte alles, was dahin einschlug, und als er endlich den
-Plan im Gedächtnis gänzlich entworfen hatte, schrieb er den
-Inhalt der Akte und Auftritte in derselben Ordnung, wie
-sie folgen sollten, aber so kurz und trocken nieder, als ob
-es eine Anleitung für den Kulissendirektor werden sollte.
-Nach Lust und Laune arbeitete er dann die einzelnen Auftritte
-und Monologe aus, zu deren Mitteilung und Besprechung
-ihm aber ein Freund, von dessen Empfänglichkeit
-und warmer Teilnahme er die Überzeugung hatte, um so
-mehr unentbehrlich war, da er auch bei seinen kleinern Gedichten<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-es sehr liebte solche vorzulesen, um das dichterische
-Vergnügen doppelt zu genießen, wenn er seine Gedanken
-und Empfindungen im Zuhörer sich abspiegeln sah.</p>
-
-<p>Diese angenehmen Beschäftigungen, welche den edlen
-Jüngling für alles schadlos hielten, was er an Freiheit
-oder sonstigem Lebensgenuß entbehren mußte, wurden aber
-auf eine sehr niederschlagende Art durch etwas gestört, was
-wohl als die erste Veranlassung zu dem unregelmäßigen
-Austritt Schillers aus des Herzogs Diensten angesehen werden
-kann. Die Sache war folgende: In den beiden ersten
-Ausgaben der Räuber, in der dritten Szene des zweiten
-Aktes, befindet sich eine Rede des Spiegelberg, welche einen
-Bezug auf Graubünden hat, und die einen Bündner so
-sehr aufreizte, daß er eine Verteidigung seines Vaterlandes
-in den Hamburger Korrespondenten einrücken ließ. Wahrscheinlich
-wäre diese Protestation ohne alle Folgen geblieben,
-wenn nicht die Zeitung als eine Anklage gegen Schiller
-dem Herzog vor Augen gelegt worden wäre. Dieser war
-um so mehr über diese öffentliche Rüge aufgebracht, indem
-derjenige, gegen den sie gerichtet worden, nicht nur in seinen
-Diensten stand, sondern auch einer der ausgezeichnetsten
-Zöglinge seiner mit so vieler Mühe und Aufmerksamkeit
-gepflegten Akademie war. Er erließ daher an Schiller sogleich
-die Weisung, sich zu verteidigen, sowie den Befehl,
-alles weitere in Druckgeben seiner Schriften, wenn es nicht
-medizinische wären, zu unterlassen und sich aller Verbindung
-mit dem Ausland zu enthalten.</p>
-
-<p>Schiller beantwortete die Anklage damit, daß er die mißfällige
-Rede nicht als eine Behauptung aufgestellt, sondern
-als einen unbedeutenden Ausdruck einem Räuber, und zwar
-dem schlechtesten von allen, in den Mund gelegt. Auch habe
-er hier nur eine Volkssage nachgeschrieben, die er von früher
-Jugend an gehört.</p>
-
-<p>War der strenge Verweis und das Mißfallen seines Fürsten,
-das er auf eine so zufällige und ganz unschuldige Art<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-sich zugezogen, schon im höchsten Grad unangenehm für
-Schiller, so mußte der harte Befehl &ndash; sich bloß auf seinen
-Beruf als Arzt und auf die Stadt, worin er lebte, einschränken
-zu sollen &ndash; noch schmerzlicher für ihn sein, indem
-es ihm unmöglich fiel, den Hang, welchen er für die Dichtung
-hatte, zu unterdrücken und sich in einer Wissenschaft
-auszuzeichnen, die er nur aus Furcht vor der Ungnade des
-Herzogs ergriffen und der er seine Lieblingsneigung, den
-ersten Vorsatz seiner Kinderjahre aufgeopfert hatte. Durch
-das Verbot, sich in irgend eine Verbindung mit dem Ausland
-einzulassen, war ihm jede Möglichkeit zur Verbesserung
-seiner Umstände abgeschnitten, und selbst die kleinlichsten
-Sorgen, die härtesten Entsagungen hätten es nicht bewirken
-können, mit einer so geringen Besoldung auszureichen. Das
-Versprechen, welches der Herzog bei der Aufnahme Schillers
-in die Akademie seinen Eltern gegeben hatte, war so wenig
-erfüllt worden, daß sein Gehalt als Regimentsarzt kaum
-demjenigen eines Pfarrvikars gleich kam und durch den
-Aufwand für Equipierung, für standesmäßiges Erscheinen
-beinahe auf nichts herab gebracht wurde.</p>
-
-<p>Was aber gewöhnliche Menschen niederbeugt, was ihnen
-Geist und Glieder erschlafft, hebt den Mut der Starken, der
-Kraftvollen nur um so höher. Noch in den Jünglingsjahren
-bewährte sich jetzt Schiller als einen Mann, der sich
-durch keine Widerwärtigkeiten aus seiner Bahn bringen läßt,
-sondern rastlos das vorgesteckte Ziel verfolgt. Anstatt sich
-in nutzlosen Klagen auszulassen, arbeitete er nur um desto
-eifriger an seinem Fiesco, den er als einen neuen Hebel
-zur Sprengung seines Gefängnisses betrachtete und in dessen
-Ausarbeitung er all das Wilde, Rohe, was ihm bei den
-Räubern zum Vorwurf gemacht wurde, zu vermeiden suchte.</p>
-
-<p>Eine widerliche Unterbrechung seiner dramatischen Arbeiten
-wurde durch die Dissertation veranlaßt, welche er in
-diesem Frühjahr einreichen mußte, um auf der hohen Karlsschule
-(welchen Titel nun die ehemalige Militärakademie erhalten<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-hatte) den Grad eines Doktors der Medizin zu erhalten.
-Dieser Förmlichkeit konnte er sich schon darum nicht
-entziehen, weil der Herzog seine neue Universität mit eifersüchtiger
-Liebe pflegte und darauf besonders sah, daß diejenigen,
-welche er erziehen lassen, vor den Augen der Welt
-sich als der Anstalt vollkommen würdig zeigen sollten. Auch
-war Schiller, was seine Studien betraf, einer der hervorstechendsten
-Zöglinge in der Akademie, weswegen er nicht
-nur von seinem Fürsten, sondern auch von seinen Lehrern,
-wie schon oben erwähnt, vorzüglich gelobt und geachtet
-wurde.</p>
-
-<p>Überdies würde es dem Herzog weit mehr als seinem
-Zögling unangenehm gewesen sein, wenn der junge Arzt
-bloß darum, weil er den Doktorhut nicht genommen, von
-den Kollegen seiner Kunst Schwierigkeiten oder weniger
-Achtung erfahren hätte.</p>
-
-<p>Daß Schiller selbst gegen diese Ehre im höchsten Grad
-gleichgültig war, äußerte er oft und stark genug gegen seine
-Freunde, und wer daran noch zweifeln könnte, findet seine
-unverhohlene Äußerung hierüber in dem Brief an Baron
-Dalberg vom 1. April 1782, wo er sagt: »Meine gegenwärtige
-Lage nötigt mich den Gradum eines Doktors der
-Medizin in der hiesigen Karlsschule anzunehmen, und zu
-diesem Ende muß ich eine medizinische Dissertation schreiben,
-und in das Gebiet meiner Handwerkswissenschaft noch
-einmal zurückstreifen. Freilich werde ich von dem milden
-Himmelsstrich des Pindus einen verdrießlichen Sprung in
-den Norden einer trockenen, terminologischen Kunst machen
-müssen; allein, was sein muß zieht nicht erst die Laune und
-Lieblingsneigung zu Rat. Vielleicht umarme ich dann meine
-Muse um so feuriger, je länger ich von ihr geschieden war;
-vielleicht finde ich dann im Schoß der schönen Kunst eine
-süße Indemnität für den fakultistischen Schweiß.«</p>
-
-<p>(Sollte ein Arzt diese Äußerungen verdammen wollen,
-so möge er sich erinnern, daß es in Schillers Gedicht »Die<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-Teilung der Erde« nur der Dichter ausschließend ist, zu
-welchem Jupiter sagt:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Willst du in meinem Himmel mit mir leben,<br /></span>
-<span class="i0">So oft du kommst, er soll dir offen sein.)<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Mittlerweile wurden in Mannheim die Räuber sehr oft
-mit demselben Zulauf, mit dem gleichen Beifall wie das
-erste Mal gegeben, und es war nichts natürlicher, als daß
-der Ruf von der ungeheuren Wirkung dieses Stücks sowie
-von der meisterhaften Darstellung desselben auch nach Stuttgart
-gelangte und dort in den meisten Gesellschaften, besonders
-aber in den Umgebungen des Dichters vielen Stoff
-zum Sprechen gab. Man darf sich daher auch nicht wundern,
-daß Schiller den öftern Wünschen und dringenden
-Bitten einiger Freundinnen und Freunde nachgab, eine kurze
-Reise des Herzogs zu benützen und während dessen Abwesenheit,
-ohne Urlaub zu nehmen, mit ihnen nach Mannheim
-zu gehen und daselbst im Wiedersehen seines Schauspiels
-seinen eignen Genuß durch das Mitgefühl seiner
-Reisegefährten zu erhöhen. Schiller willigte nur zu gern
-ein und schrieb nach Mannheim, um die Aufführung der
-Räuber auf einen bestimmten Tag zu erbitten, was ihm
-auch von der Intendanz sehr leicht gewährt wurde. Aber
-bei der Anschauung dessen, was er mit seinen ersten, jugendlichen
-Kräften schon geleistet, war auch der Gedanke unabweislich,
-wie vieles, wie großes er noch würde leisten können,
-wenn diese Kräfte nicht eingeengt oder gefesselt wären,
-sondern freien, ungemessenen Spielraum erhalten könnten.
-Eine Idee, die durch seine enthusiastischen Begleiter um so
-mehr angefeuert und unterhalten wurde, je tiefer die Eindrücke
-waren, welche die erschütternden Szenen bei ihnen
-zurückgelassen hatten.</p>
-
-<p>Bei seiner ersten heimlichen Reise hatte er nur die einzige
-Sorge, daß sie verschwiegen bleiben möchte. Auf die
-zweite nahm er schon außer dieser Sorge das beschränkende<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-Verbot mit, seine dichterischen Arbeiten bekannt zu machen,
-nebst dem strengen Befehl, sich das Ausland als für ihn
-gar nicht vorhanden denken zu müssen. Er kam daher auch
-äußerst mißmutig und niedergeschlagen wieder nach Stuttgart
-zurück, ebenso verstimmt durch die Betrachtungen über
-sein Verhältnis als leidend durch die Krankheit, welche er
-mitbrachte. (Diese Krankheit, welche durch ganz Europa
-wanderte, bestand in einem außerordentlich heftigen Schnupfen
-und Katarrh, den man russische Grippe oder Influenza
-nannte und der so schnell ansteckend war, daß der Verfasser
-dieses, als er Schillern einige Stunden nach dessen Ankunft
-umarmt hatte, nach wenigen Minuten schon von Fieberschauern
-befallen wurde, die so stark waren, daß er sogleich
-nach Hause eilen mußte.)</p>
-
-<p>Schiller äußerte sich gegen einen seiner jüngern Freunde,
-dem er völlig vertrauen durfte, ganz unverhohlen, mit welchem
-Widerwillen er sich Stuttgart genähert habe &ndash; wie
-ihm hier nun alles doppelt lästig und peinlich sein müsse,
-indem er in Mannheim eine so glänzende Aufnahme erfahren,
-wo hingegen er hier kaum beachtet werde und nur unter
-Druck und Verboten leben könne &ndash; daß ihm nicht nur von
-seinen Bewunderern, sondern von Baron Dalberg selbst die
-Hoffnung gemacht worden, ihn ganz nach Mannheim ziehen
-zu wollen, und er nicht zweifle, es werde alles mögliche
-angewendet werden, um ihn von seinen Fesseln zu befreien.
-Sollte dieses nicht gelingen, so werde er notgedrungen, wolle
-er anders hier nicht zugrunde gehen, einen verzweifelten
-Schritt tun müssen. Er nahm sich vor, sowie er nur den
-Kopf wieder beisammen habe, sogleich nach Mannheim zu
-schreiben, damit unverweilt alles geschehe, was seine Erlösung
-bewirken könne. Es ist ein Glück für den Verfasser, daß
-Baron Dalberg alle Briefe von Schiller an ihn so sorgfältig
-aufgehoben, und daß sie durch den Druck bekannt geworden
-sind, indem sonst manches, was jetzt und in der Folge vorkommt,
-als Anschuldigung oder bloße Meinung erklärt, und<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-unser Dichter weit weniger gerechtfertigt werden könne, als
-es nun durch diese Beweise möglich ist. Der folgende Brief
-ist der erste Beleg hierzu.</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="right">
-Stuttgart, den 4. Junius 1782.
-</p>
-
-<p>»Ich habe das Vergnügen, das ich zu Mannheim in
-vollen Zügen genoß, seit meiner Hieherkunft durch die epidemische
-Krankheit gebüßt, welche mich zu meinem unaussprechlichen
-Verdruß bis heute gänzlich unfähig gemacht hat,
-E. E. für so viele Achtung und Höflichkeit meine wärmste
-Danksagung zu bezeigen. Und noch bereue ich beinahe die
-glücklichste Reise meines Lebens, die mich durch einen höchst
-widrigen Kontrast meines Vaterlandes mit Mannheim schon
-so weit verleidet hat, daß mir Stuttgart und alle schwäbischen
-Szenen unerträglich und ekelhaft werden. Unglücklicher
-kann bald niemand sein als ich. Ich habe Gefühl genug
-für meine traurige Situation, vielleicht auch Selbstgefühl
-genug für das Verdienst eines bessern Schicksals, und für
-beides nur &ndash; eine Aussicht.</p>
-
-<p>Darf ich mich Ihnen in die Arme werfen, vortrefflicher
-Mann? Ich weiß wie schnell sich Ihr edelmütiges Herz
-entzündet, wenn Mitleid und Menschenliebe es auffordern;
-ich weiß wie stark Ihr Mut ist, eine schöne Tat zu unternehmen,
-und wie warm Ihr Eifer, sie zu vollenden. Meine
-neuen Freunde in Mannheim, von denen Sie angebetet
-werden, haben es mir mit Enthusiasmus vorhergesagt; aber
-es war diese Versicherung nicht nötig; ich habe selbst, da ich
-das Glück hatte, eine Ihrer Stunden für mich zu nutzen,
-in Ihrem offenen Anblick weit mehr gelesen. Dieses macht
-mich nun auch so dreist, mich Ihnen ganz zu geben, mein
-ganzes Schicksal in Ihre Hände zu liefern und von Ihnen
-das Glück meines Lebens zu erwarten. Noch bin ich wenig
-oder nichts. In diesem Norden des Geschmacks werde ich
-ewig niemals gedeihen, wenn mich sonst glücklichere Sterne<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-und ein griechisches Klima zum wahren Dichter erwärmen
-würden.</p>
-
-<p>Brauche ich mehr zu sagen, um von Dalberg alle Unterstützung
-zu erwarten?</p>
-
-<p>E. Exz. haben mir alle Hoffnung dazu gemacht, und ich
-werde den Händedruck, der Ihren Verspruch versiegelte, ewig
-fühlen; wenn Eure Exzellenz diese drei Ideen goutieren und
-in einem Schreiben an den Herzog Gebrauch davon machen,
-so stehe ich ziemlich für den Erfolg.</p>
-
-<p>Und nun wiederhole ich mit brennendem Herzen die
-Bitte, die Seele dieses ganzen Briefs. Könnten E. E. in
-das Innere meines Gemütes sehen, welche Empfindungen
-es durchwühlen, könnte ich Ihnen mit Farben schildern, wie
-sehr mein Geist unter dem Verdrießlichen meiner Lage sich
-sträubt &ndash; Sie würden &ndash; ja ich weiß gewiß &ndash; Sie
-würden eine Hilfe nicht verzögern, die durch einen oder zwei
-Briefe an den Herzog geschehen kann.</p>
-
-<p>Nochmals werfe ich mich in Ihre Arme und wünsche
-nichts anderes, als bald, sehr bald, Ihnen mit einem anhaltenden
-Eifer und mit einer persönlichen Dienstleistung
-die Verehrung bekräftigen zu können, mit welcher ich mich
-und alles, was ich bin, für Sie aufzuopfern wünsche.</p>
-
-<p class="center">
-E. E.</p>
-<p class="right">
-untertäniger Schiller.«
-</p></div>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-Beilage.<br />
-</p>
-
-<p>»Sie schienen weniger Schwierigkeit in der Art mich
-zu employieren, als in dem Mittel, mich von hier weg zu
-bekommen, zu finden. Jenes steht ohnehin ganz bei Ihnen,
-allein zu diesem könnten Ihnen vielleicht folgende Ideen
-dienen.</p>
-
-<p>1) Da im ganzen genommen das Fach der Mediziner
-bei uns so sehr übersetzt ist, daß man froh ist, wenn durch<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span>
-Erledigung einer Stelle Platz für einen andern gemacht
-wird; so kommt es mehr darauf an, wie man dem Herzog,
-der sich nicht trotzen lassen will, mit guter Art den Schein
-gibt, als geschehe es ganz durch seine willkürliche Gewalt,
-als wäre es sein eignes Werk und gereiche ihm zur Ehre.
-Daher würden E. E. ihn von der Seite ungemein kitzeln,
-wenn Sie in den Brief, den Sie ihm wegen mir schreiben,
-einfließen ließen, daß &ndash; Sie mich für eine Geburt von
-ihm, für einen durch ihn Gebildeten und in seiner Akademie
-Erzogenen halten, und daß also durch diese Vokation
-seiner Erziehungsanstalt quasi das Hauptkompliment gemacht
-würde, als würden ihre Produkte von entschiedenen Kennern
-geschätzt und gesucht. Dieses ist der Passepartout beim
-Herzog.</p>
-
-<p>2) Wünsche ich (und auch meinetwegen) sehr, daß Sie
-meinen Aufenthalt beim Nationaltheater zu Mannheim auf
-einen gewissen beliebigen Termin festsetzen (der dann nach
-Ihrem Befehl verlängert werden kann), nach dessen Verfluß
-ich wieder meinem Herzog gehörte. So sieht es mehr einer
-Reise, als einer völligen Entschwäbung (wenn ich das Wort
-brauchen darf) gleich, und fällt auch so hart nicht auf. Wenn
-ich nur einmal hinweg bin, man wird froh sein, wenn ich
-selbst nicht mehr anmahne.</p>
-
-<p>3) Würde es höchst notwendig sein, zu berühren, daß
-mir Mittel gemacht werden sollten, zu Mannheim zu praktizieren
-und meine medizinischen Übungen da fortzusetzen.
-Dieser Artikel ist vorzüglich nötig, damit man mich nicht,
-unter dem Vorwand für mein Wohl zu sorgen, kujoniere
-und weniger fortlasse.«</p></div>
-
-<p>Alles, was auch ein Augen- oder Ohrenzeuge erzählen
-könnte, wäre nicht imstande, die traurigen Empfindungen
-des armen Jünglings über seine beklemmende Lage stärker
-und wahrer zu schildern, als er es selbst in diesem Briefe
-getan.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p>
-
-<p>Daß er die Bitte nicht aufs Geratewohl, sondern durch
-Aufmunterung von Leuten getan, die ihre Gewährung für
-sehr leicht und unfehlbar hielten, erhellt aus der Stelle: »ich
-weiß, wie stark Ihr Mut ist, eine schöne Tat zu unternehmen,
-und wie warm Ihr Eifer ist, sie zu vollenden. Meine
-neuen Freunde in Mannheim haben es mir mit Enthusiasmus
-vorhergesagt etc. etc.« und die folgende: »E. Exz. haben
-mir alle Hoffnung dazu gemacht, und ich werde den Händedruck,
-der Ihren Verspruch besiegelte, ewig fühlen etc.« beweist
-auf das deutlichste, daß Baron Dalberg selbst ihm das
-Wort gab, sich für ihn bei seinem Fürsten zu verwenden.</p>
-
-<p>Die drei Vorschläge, welche in der Beilage enthalten
-sind, waren ganz auf die genaue Kenntnis vom Charakter
-des Herzogs berechnet, indem er einen sehr verzeihlichen Stolz
-darein setzte, daß durch seine Fürsorge und Leitung schon so
-viele talentvolle Jünglinge aus seiner Akademie hervorgegangen,
-und er auch ein sehr großer Liebhaber des Theaters,
-so wie einer der feinsten Kenner seiner Zeit war, der es
-schon darum nicht ungern sehen konnte, wenn sich unter seinen
-Zöglingen gute Dichter fanden, weil alle Jahre am
-Geburtsfeste der Gräfin von Hohenheim (später Gemahlin
-des Herzogs) Gelegenheitsstücke mit großer Feierlichkeit und
-dem größten Aufwande gegeben wurden, bei welchen sowohl
-das Gedicht als auch die Musik von Eleven verfaßt
-waren.</p>
-
-<p>Der dritte Punkt beweist weit mehr für die wahrhaft
-väterliche Sorge, welche der Herzog für das Wohl derer
-hatte, die er erziehen ließ, als alles, was man dafür anführen
-könnte, und es läßt sich nicht im geringsten zweifeln,
-daß wenn Baron Dalberg unter den ihm angezeigten Bedingungen
-versucht hätte, den jungen Dichter von Stuttgart
-nach Mannheim zu ziehen, sein Fürst ohne Anstand &ndash; gewiß
-aber mit der Anempfehlung, für Schiller alle Sorge
-zu tragen &ndash; das Gesuch bewilligt haben würde.</p>
-
-<p>Schiller nährte anfangs die besten Hoffnungen, daß er<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-nun bald aus seiner verdrießlichen Lage befreit sein würde.
-Als aber nach Verlauf mehrerer Wochen nichts geschah, war
-es ihm um so schmerzlicher, seine dringende, flehende Bitte
-umsonst getan zu haben und sich ohne alle äußere Hilfe zu
-sehen. Allein, er ließ dessenungeachtet den Mut nicht sinken,
-sondern arbeitete nur um so eifriger an seinem Fiesco, was
-allein imstande war, ihn wenigstens zeitweise seinen Zustand
-vergessen zu machen. Aber die Freundinnen des Dichters
-hatten nicht vergessen, daß sie in seiner Gesellschaft zu
-Mannheim die Räuber hatten aufführen sehen, und konnten
-dem Drange nicht widerstehen, die Wirkung dieses Trauerspiels
-sowie das Verdienst der dortigen Schauspieler auch
-andern nach Würden zu schildern. Unter dem Siegel des
-Geheimnisses erfuhr es die halbe Stadt, erfuhr es auch der
-General Augé und endlich &ndash; der Herzog selbst. Dieser
-wurde im höchsten Grad über die Vermessenheit seines ehemaligen
-Lieblings aufgebracht, daß er sich, ohne Urlaub zu
-nehmen, mehrere Tage entfernt und seinen Lazarettdienst
-vernachlässigt habe. Er ließ ihn vor sich kommen, gab ihm
-die strengsten Verweise darüber, daß er sich dem ausdrücklichen
-Verbote zuwider aufs neue mit dem Auslande eingelassen
-und befahl ihm, augenblicklich auf die Hauptwache
-zu gehen, seinen Degen abzugeben und dort vierzehn Tage
-im Arrest zu bleiben.</p>
-
-<p>Obwohl die verhängte Strafe für die Übertretung des
-herzoglichen Befehls ganz der militärischen Ordnung gemäß
-und nichts weniger als zu streng war, so wurde Schiller
-davon dennoch in seinem Innersten verwundet, und zwar
-nicht darum, weil ihm solche zu hart schien, sondern weil
-er jetzt überzeugt sein mußte, daß jede Aussicht in eine
-bessere Zukunft für ihn verloren und er nun eigentlich
-nichts anderes als ein Gefangener sei, der seine vorgeschriebene
-Arbeit verrichten müsse.</p>
-
-<p>In der Tat konnte sein Verhältnis von seinen Freunden
-nicht anders als im höchste Grade traurig und verzweifelt<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-beurteilt werden, weil an eine Milderung oder Zurücknahme
-der Befehle des Herzogs um so weniger zu denken war, je
-mehr man ihn als Selbstherrscher kannte und je seltener
-die Fälle waren, wo er von seinem ausgesprochenen Willen
-hätte abgelenkt werden können. Was man auch raten oder
-erfinden mochte, war unbrauchbar, untunlich, weil der fürstliche
-Machtspruch allem ein unübersteigliches Hindernis entgegensetzte.</p>
-
-<p>Wäre es aber auch Schillern möglich gewesen, seinen
-außerordentlichen Hang zur Dichtung zu bekämpfen und sich
-ganz der Arzneikunde zu widmen, so hätte es mehrere Jahre
-bedurft, um sich einen Ruf zu erwerben, der ihn von dem
-Gemeinen, Alltäglichen unterschieden hätte. Auch fühlte er
-es so sehr, wie unnütz die ernstlichsten Vorsätze, sein angebornes
-Talent zu unterdrücken, sein würden, daß er lieber
-alle Entbehrungen, alle Strafen sich hätte gefallen lassen,
-wenn ihm nur die Erlaubnis geblieben wäre, den Reichtum
-seines Geistes in der Welt auszubreiten, und sich denjenigen
-anzureihen, deren Name von der Mit- und Nachwelt nur
-in Bewunderung und Verehrung genannt wird.</p>
-
-<p>So wenig Vorteil Gold, Perlen und Diamanten in einer
-menschenleeren Wüste bringen, so wenig konnte ihm die
-köstlichste Gabe des Himmels nützen, wenn er sie nicht gebrauchen
-durfte, wenn er bei ihrer Anwendung Strafe befürchten
-mußte. Ja diese Göttergabe konnte ihm nur zur
-Qual, zur wirklichen Marter werden, weil alles was er
-dachte, was er empfand, nur darauf Bezug hatte und es
-ihm die schmerzlichste Überwindung gekostet haben würde,
-Ideen dieser Art abzuwehren.</p>
-
-<p>Der Weihrauch, den man in öffentlichen Blättern ihm
-über sein erstes Schauspiel, über seine ersten Gedichte gestreut,
-die schmeichelhaften Zuschriften eines Wielands und
-anderer, die Lobeserhebungen derjenigen, von deren gesundem
-Urteil er überzeugt war, besonders aber sein eignes
-Bewußtsein hatten ihn seinen Wert schätzen gelehrt, und<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-er hätte lieber sein Leben verloren als dasjenige, was sein
-eigentliches ganzes Wesen ausmachte, brach liegen zu lassen,
-oder den Lorbeerkranz des Dichters den Beschäftigungen des
-Arztes aufzuopfern.</p>
-
-<p>Am empfindlichsten hielt er sich aber dadurch gekränkt,
-daß ihm durch dieses Machtgebot das Recht des allergeringsten
-Untertans &ndash; von seinen Naturgaben freien Gebrauch
-machen zu können, wenn er sie nicht zum Nachteil des
-Staates oder der Gesetze desselben anwende &ndash; jetzt gänzlich
-benommen war, ohne daß ihm bewiesen worden wäre,
-dieses Recht aus Mißbrauch verwirkt zu haben.</p>
-
-<p>Die Übertretung der Militärdisziplin hatte er durch
-strengen Verhaft gebüßt; was über diesen noch gegen ihn
-verhängt worden, hielt er für eine zu harte Strafe.</p>
-
-<p>Auf der Stelle würde er seinen Abschied gefordert haben,
-wenn nicht sein Vater in herzoglichen Diensten gestanden,
-er selbst nicht auf Kosten des Fürsten in der Akademie nicht
-nur erzogen, sondern auch mit vorzüglicher Güte und Auszeichnung
-behandelt worden wäre, so daß voraus zu schließen
-war, es würde statt einer Entlassung nur der Vorwurf
-der größten Undankbarkeit und eine noch zwangvollere Aufsicht
-erfolgen. Um jedoch nichts unversucht zu lassen, was
-seine Entfernung von Stuttgart auf dem der Ordnung gemäßen
-Wege bewirken könnte, schrieb er noch einmal an
-Baron Dalberg und bat ihn aufs neue um seine Verwendung
-bei dem Herzog. Er sagt in seinem Brief: »Dieses
-einzige kann ich Ihnen für ganz gewiß sagen, daß in etlichen
-Monaten, wenn ich in dieser Zeit nicht das Glück habe zu
-Ihnen zu kommen, keine Aussicht mehr da ist, daß ich jemals
-bei Ihnen leben kann. Ich werde alsdann gezwungen sein
-einen Schritt zu tun, der mir unmöglich machen würde in
-Mannheim zu bleiben.«</p>
-
-<p>Schiller glaubte nicht mit Unrecht, daß Baron Dalberg
-um so leichter für ihn einschreiten könnte, als der pfälzische
-und württembergische Hof im besten Vernehmen standen,<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-auch der Herzog schon einigemal den italienischen Hofpoeten
-von Mannheim hatte kommen lassen, um bei Aufführung
-der für das Stuttgarter Hoftheater von ihm gedichteten
-Opern gegenwärtig zu sein. Ebenso konnte man auch vermuten,
-daß das Verbot, welches Schillern wegen der Verbindung
-mit dem Ausland betraf, größtenteils daher kam,
-weil bei Aufführung der Räuber das deutsche Theater in
-Stuttgart übergangen und dieses Stück ohne Vorwissen,
-ohne Anfrage bei dem Fürsten auf der Mannheimer Bühne
-zuerst gegeben worden war.</p>
-
-<p>Aus diesem sowie aus den angegebenen Gründen konnte
-der bedrängte Dichter um so zuverlässiger einen günstigen
-Erfolg seiner Bitten erwarten, indem der Rang den Baron
-Dalberg als Geheimrat, Ober-Silberkämmerling, Vize-Kammerpräsident
-und Theaterintendant Sr. kurfürstlichen
-Durchlaucht zu Pfalzbayern bekleidete, dem Herzog Rücksichten
-auferlegt hätte, die bei jedem andern, der sich in
-Stuttgart für diese Sache hätte verwenden wollen, nicht
-stattfinden konnten.</p>
-
-<p>Noch einige Zeit gab sich Schiller den besten Hoffnungen
-hin, indem er glaubte, daß Baron Dalberg um so gewisser
-das gegebene Versprechen erfüllen würde, je deutlicher ihm
-zu verstehen gegeben worden, daß das Äußerste werde geschehen
-müssen, wenn keine Vermittlung eintrete. Als aber
-nach Verfluß von vierzehn Tagen nichts für ihn geschah
-und er nun überzeugt war, daß von daher, wo die Hilfe
-am leichtesten, der gute Erfolg am gewissesten schien, kein
-Beistand zu erwarten sei, verwandelte sich sein sonst so heiterer
-Sinn in finstere, trübe Laune; was ihn sonst auf das
-lebhafteste aufregte, ließ ihn kalt und gleichgültig; selbst seine
-Jugendfreunde, die sonst immer auf den herzlichsten Willkomm
-rechnen durften, wurden ihm mit Ausnahme sehr
-weniger beinahe zuwider.</p>
-
-<p>Sein Fiesco konnte bei dieser Stimmung nur sehr langsam
-weiter rücken. Auch war es leicht vorauszusehen, daß,<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-wenn dieser Zustand noch lange oder gar für immer hätte
-dauern sollen, er nicht nur für jede Geistesbeschäftigung verloren
-sein, sondern auch seine Gesundheit, die ohnedies nicht
-sehr fest war, ganz zugrunde gehen würde. Er selbst hielt
-sich für den unglücklichsten aller Menschen und glaubte seiner
-Selbsterhaltung schuldig zu sein, etwas zu wagen, was seinen
-Zustand in Stuttgart auf eine vorteilhafte Art verändern
-oder aber sein Schicksal ganz durchreißen und ihm
-eine andere, bessere Gestalt geben müsse. Da er es nicht
-wagen durfte, seinem Landesherrn Vorstellungen gegen den
-erlassenen Befehl zu machen, ohne neue Verweise oder gar
-Strafen befürchten zu müssen, so hielt er für das beste,
-noch einmal heimlich nach Mannheim zu reisen, von dort
-aus an den Herzog zu schreiben, ihm darzulegen, daß durch
-das ergangene Verbot seine ganze Existenz zernichtet sei und
-ihn um die Bewilligung einiger Punkte untertänigst zu
-bitten, die er für sein besseres Fortkommen unerläßlich
-glaubte. Wurden ihm diese Bitten nicht gewährt, so konnte
-er auch nicht mehr nach Stuttgart zurückkehren, und er hegte
-die Hoffnung, daß er dann um so leichter in Mannheim als
-Theaterdichter angestellt werden könnte, je zuversichtlicher ihm
-dort von vielen versichert worden, daß ein solcher Dichter
-wie er, ihre Bühne auf die höchste Stufe des Ruhmes
-heben würde.</p>
-
-<p>Um diesen Plan nicht lächerlich oder ganz widersinnig
-zu finden, ist es nötig, auf das ganz besondere Verhältnis
-aufmerksam zu machen, in welchem Schiller zu seinem
-Fürsten stand.</p>
-
-<p>Der Vater von Schiller, dem als Gouverneur der Solitüde
-alles, was die vielfachen Bauten, Gartenanlagen und
-Baumzucht betraf, untergeben war, führte dies so sehr zur
-Zufriedenheit des Herzogs aus, und wußte dessen Willen,
-noch ehe er ausgesprochen war, so Genüge zu leisten, daß er
-seine ganze Zufriedenheit sowie wegen der Rechtlichkeit und
-Strenge, mit welchen er seinen Dienst ausübte, auch seine<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-Hochachtung erwarb. Es war zum Teil eine Folge dieser
-Achtung, daß der Sohn in der Akademie mit besonderer
-Sorgfalt und Güte behandelt wurde; zum Teil waren es
-aber auch die überraschenden Antworten und Bemerkungen,
-welche der junge Zögling im Gespräch mit seinem erhabenen
-Erzieher aussprach, die ihm eine besondere Auszeichnung und
-Zuneigung erwarben. Es war diesem geistvollen Fürsten,
-der Scharfsinn und das Talent, was er im hohen Grad
-selbst besaß, auch an andern vorzüglich schätzte, weit weniger
-darum zu tun, an seiner Akademie eine militärische Prunkanstalt
-zu haben, als bei den jungen Leuten alles das heraus
-zu bilden, was ihre Anlagen zu entwickeln vermochte.
-Er ließ sich daher mit ihnen in Einzelheiten ein, die einem
-gewöhnlichen Erzieher zu kleinlich oder überflüssig scheinen
-würden, und erwarb sich dadurch, weit mehr als durch sein
-Ehrfurcht gebietendes Ansehen, ein solches Zutrauen, daß
-die Zöglinge weit lieber mit ihm sprachen oder ihm &ndash;
-dem Herzog &ndash; ihre Fehler bekannten als den vorgesetzten
-Offizieren.</p>
-
-<p>Als die Anstalt noch auf der Solitüde sich befand, verging
-nie ein Tag, an welchem er nicht die Lehrstunden besuchte,
-um sich von dem Fleiße der Lehrer und den Fortschritten
-der Schüler zu überzeugen. Und als die Akademie
-nach Stuttgart verlegt wurde, waren es nur die alljährlichen
-Reisen, die ihn auf Wochen oder Tage von derselben
-entfernt halten konnten. Auch das freundliche Benehmen
-der Gräfin von Hohenheim, welche sich an der Unbefangenheit
-der jüngsten Zöglinge ergötzte und sie mit kleinen Geschenken
-beteilte, trug nicht wenig dazu bei, das streng scheinende
-Verhältnis zu mildern. Wie oft wurden Strafen bloß
-darum in ihrer Gegenwart ausgesprochen, um durch bittende
-Blicke oder Worte dieser wohlwollenden, nichts als Güte und
-Teilnahme atmenden Frau, entweder ganz erlassen, oder doch
-gemindert werden zu können.</p>
-
-<p>Unter den Augen des Fürsten von Kindern zu Knaben,<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-von Knaben zu Jünglingen herangewachsen, von seinen
-durchdringenden Augen oft getadelt oder mit Beifall belohnt,
-konnten sich die jungen Leute, nachdem sie der akademischen
-Aufsicht entlassen waren, ihr Dienstverhältnis unmöglich
-so scharf denken als andere, die mit der Person des
-Herzogs gar nicht oder nur als ihrem Souverän bekannt
-waren.</p>
-
-<p>Diese Verhältnisse allein können es begreiflich machen,
-wie Schiller auf die so oft bezeigte Gnade und Zufriedenheit
-seines Fürsten so fest sich verlassen konnte, daß er zu
-dem Glauben verleitet ward, der Herzog werde ihm seine
-Bitten bewilligen, wenn er ihn an seine frühere Huld erinnere
-und unwiderleglich dartue, daß er durch die gegen ihn
-erlassenen Verbote zur Verzweiflung gebracht sei.</p>
-
-<p>Nachdem diese Meinung ihn so beherrschte, daß sie sich
-in einen unwiderruflichen Entschluß umwandelte, entstand
-nur noch die Frage, auf welche Art und in welcher Zeit die
-heimliche Reise am besten auszuführen sein würde; denn die
-harten Verweise des Herzogs, der darauf folgende strenge
-Arrest hatten ihn so eingeschüchtert, daß er sich in allen seinen
-Handlungen beobachtet halten konnte und die schärfste
-Ahndung befürchten mußte, wenn er irgend einen Verdacht
-gegen sich erregte. So wenig er seinen Vorsatz allein ausführen
-konnte, so wenig konnte er sich seinen Schulfreunden
-anvertrauen, weil es eben so unnütz als gefährlich gewesen
-wäre, sie um Beistand anzusprechen, indem keiner von ihnen
-&ndash; was die Hauptsache, die Anstalten zur heimlichen Reise,
-betraf &ndash; die geringste Hilfe leisten oder auf sonst eine Art
-seine Pläne befördern konnte.</p>
-
-<p>In diesem Zustande konnte er sein Herz mit voller Sicherheit
-nur einem einzigen Freund eröffnen, der zwar nicht mit
-ihm in der Akademie erzogen worden und auch zwei Jahre
-weniger als er zählte; durch dessen Bekanntschaft er aber
-seit achtzehn Monaten die Überzeugung erlangt hatte, daß er
-hier auf eine Hingebung und Aufopferung bauen könne, die<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-an Schwärmerei grenzten und die nur von den wenigen
-Edlen erzeugt wird, deren Gemüt und Geist eben so viele
-Liebe und Freundschaft als Verehrung und Hochachtung verdienen.</p>
-
-<p>Der Leser möge erlauben, daß von diesem jungen Freunde,
-den wir mit S. bezeichnen wollen, sowie von der Art, wie
-er zu dem genauen Umgang mit dem herrlichen Jüngling
-gelangte, so viel erwähnt werde, als des Folgenden wegen
-unumgänglich nötig ist.</p>
-
-<p>Es war im Jahr 1780 in einer der öffentlichen Prüfungen,
-die &ndash; wie eingangs erwähnt worden &ndash; alljährlich
-in der Akademie in Gegenwart des Herzogs daselbst gehalten
-wurden und welche S. als ein angehender Tonkünstler um
-so eifriger besuchte, da meistens über den andern Tag eine
-vollstimmige, von den Zöglingen aufgeführte Musik die Prüfung
-beschloß, als er Schillern das erste Mal sah. Dieser
-war bei einer medizinischen, in lateinischer Sprache gehaltenen
-Disputation gegen einen Professor Opponent, und obwohl
-S. dessen Namen so wenig als seine übrigen Eigenschaften
-kannte, so machten doch die rötlichen Haare &ndash; die
-gegeneinander sich neigenden Knie, das schnelle Blinzeln der
-Augen, wenn er lebhaft opponierte, das öftere Lächeln während
-dem Sprechen, besonders aber die schön geformte Nase
-und der tiefe, kühne Adlerblick, der unter einer sehr vollen,
-breitgewölbten Stirne hervorleuchtete, einen unauslöschlichen
-Eindruck auf ihn. S. hatte den Jüngling unverwandt ins
-Auge gefaßt. Das ganze Sein und Wesen desselben zogen
-ihn dergestalt an und prägten den ganzen Auftritt ihm so
-tief ein, daß, wenn er Zeichner wäre, er noch heute &ndash; nach
-achtundvierzig Jahren &ndash; diese ganze Szene auf das lebendigste
-darstellen könnte.</p>
-
-<p>Als S. nach der Prüfung den Zöglingen in den Speisesaal
-folgte, um Zuschauer ihrer Abendtafel zu sein, war es
-wieder derselbe Jüngling, mit welchem der Herzog auf das
-gnädigste sich unterhielt, den Arm auf dessen Stuhl lehnte<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-und in dieser Stellung sehr lange mit ihm sprach. Schiller
-behielt gegen seinen Fürsten dasselbe Lächeln, dasselbe Augenblinzeln
-wie gegen den Professor, dem er vor einer Stunde
-opponierte.</p>
-
-<p>Als im Frühjahr 1781 die Räuber im Druck erschienen
-waren und besonders auf die junge Welt einen ungewöhnlichen
-Eindruck machten, ersuchte S. einen musikalischen, in
-der Akademie erzogenen Freund, ihn mit dem Verfasser bekannt
-zu machen. Sein Wunsch wurde gewährt, und S.
-hatte die Überraschung, in dem Dichter dieses Schauspiels
-denselben Jüngling zu erkennen, dessen erstes Erscheinen einen
-so tiefen Eindruck bei ihm zurückgelassen hatte.</p>
-
-<p>Wie jeder Leser eines Buches sich von dem Autor desselben
-ein Bild seiner Person, Haltung, Stimme, seiner
-Sprache vormalt, so konnte es wohl nicht anders sein, als
-daß man sich in dem Verfasser der Räuber einen heftigen
-jungen Mann dachte, dessen Äußeres zwar schon den tiefempfindenden
-Dichter ankündige, bei welchem aber die Fülle
-der Gedanken, das Feuer seiner Ausdrücke sowie seine Ansichten
-der Weltverhältnisse alle Augenblicke in Ungebundenheit
-ausschweifen müsse.</p>
-
-<p>Aber wie angenehm wurde diese vorgefaßte Meinung
-zerstreut!</p>
-
-<p>Das seelenvollste, anspruchloseste Gesicht lächelte dem
-Kommenden freundlich entgegen. Die schmeichelhafte Anrede
-wurde nur ablehnend, mit der einnehmendsten Bescheidenheit
-erwidert. Im Gespräche nicht ein Wort, welches das zarteste
-Gefühl hätte beleidigen können.</p>
-
-<p>Die Ansichten über alles, besonders aber Musik und
-Dichtkunst betreffend, ganz neu, ungewöhnlich, überzeugend
-und doch im höchsten Grade natürlich.</p>
-
-<p>Die Äußerungen über die Werke anderer sehr treffend,
-aber dennoch voll Schonung und nie ohne Beweise.</p>
-
-<p>Den Jahren nach Jüngling, dem Geiste nach reifer Mann,
-mußte man seinem Maßstabe beistimmen, den er an alles<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-legte und vor dem vieles, was bisher so groß schien, ins
-Kleine zusammenschrumpfte und manches, was als gewöhnlich
-beurteilt war, nun bedeutend wurde.</p>
-
-<p>Das anfängliche blasse Aussehen, das im Verfolg des
-Gespräches in hohe Röte überging &ndash; die kranken Augen &ndash;
-die kunstlos zurückgelegten Haare, der blendend weiße, entblößte
-Hals gaben dem Dichter eine Bedeutung, die ebenso
-vorteilhaft gegen die Zierlichkeit der Gesellschaft abstach, als
-seine Aussprüche über ihre Reden erhaben waren.</p>
-
-<p>Eine besondere Kunst lag jedoch in der Art, wie er die
-verschiedenen Materien aneinander zu knüpfen, sie so zu reihen
-wußte, daß eine aus der andern sich zu entwickeln schien,
-und trug wohl am meisten dazu bei, daß man den Zeiger
-der Uhr der Eile beschuldigte und die Möglichkeit des schnellen
-Verlaufes der Zeit nicht begreifen konnte.</p>
-
-<p>Diese so äußerst reizende und anziehende Persönlichkeit,
-die nirgends etwas Scharfes oder Abstoßendes blicken ließ &ndash;
-Gespräche, welche den Zuhörer zu dem Dichter emporhoben,
-die jede Empfindung veredelten, jeden Gedanken verschönerten
-&ndash; Gesinnungen, die nichts als die reinste Güte ohne
-alle Schwäche verrieten &ndash; mußten von einem jungen Künstler,
-der mit einer lebhaften Empfänglichkeit begabt war, die
-ganze Seele gewinnen und der Bewunderung, die er schon
-früher für den Dichter hatte, noch die wärmste Anhänglichkeit
-für den Menschen beigesellen.</p>
-
-<p>Auch Schiller schien mit seinem neuen Bekannten nicht
-unzufrieden; denn freiwillig lud er ihn ein, so oft zu ihm
-zu kommen, als er nur immer wolle. Diese Einladung
-wurde von S. so emsig benützt, daß während eines Jahres
-selten ein Tag verging, an dem er Schillern nicht gesehen
-oder auf kurze Zeit gesprochen hätte. Ein Vertrauen setzte
-sich zwischen beiden fest, das keinen Rückhalt kannte, und
-von dem die natürliche Folge war, daß die Verhältnisse
-Schillers sowie seine wahrhaft unglückliche Lage der unerschöpfliche
-Gegenstand ihrer Gespräche wurden. Auch schien<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-beiden der Plan, dem Herzog auf neutralem Boden zu schreiben,
-um so weniger des Tadels würdig, als Schiller durchaus
-nichts begangen, was ihm den Vorwurf eines schlechten
-Dieners seines Fürsten hätte zuziehen können, und er die
-zwei unerlaubten Ausflüge durch den ausgestandenen Arrest
-schon genug gebüßt zu haben glaubte. Außer S. machte
-Schiller auch seine älteste Schwester mit seinem Vorsatze bekannt,
-und anstatt, wie er befürchtete, von ihr Abmahnungen
-zu hören, glaubte sie, daß, weil ihm das gegebene Versprechen
-nicht erfüllt worden, jeder Schritt entschuldigt werden
-könne, den er, um sich von gänzlichem Verderben zu retten,
-unternehmen werde.</p>
-
-<p>Ein Gefährte, mit dem die heimliche Reise zu unternehmen
-wäre und der die nötigen Anstalten dazu erleichtern
-könne, war schon in seinem Freunde S. vorhanden,
-der im Frühjahr 1783 eine Reise nach Hamburg antreten
-wollte, um daselbst bei dem berühmten Bach die Musik zu
-studieren, wozu ihm dort wohnende Anverwandte die beste
-Unterstützung versprochen hatten, und der es nun bei seiner
-Mutter dahin zu bringen wußte, diese Reise jetzt schon
-machen zu dürfen.</p>
-
-<p>Dem Vater Schillers mußte die ganze Sache ein tiefes
-Geheimnis bleiben, damit er im schlimmsten Fall als Offizier
-sein Ehrenwort geben könne, von dem Vorhaben des
-Sohnes nichts gewußt zu haben. Was aber am meisten
-zur Beruhigung der Teilnehmenden beitrug, war der schöne
-Grundsatz des Herzogs, die Kinder nie wegen der Fehler
-der Eltern oder die Eltern wegen Vergehen der Kinder
-etwas entgelten zu lassen. Man hatte schon zu viele Beweise
-von dieser wahrhaft fürstlichen Großmut, als daß man
-in dem gegenwärtigen Falle nicht auch darauf hätte rechnen
-können. Nachdem alles zur Sache Gehörige zwischen beiden
-Freunden mit der Selbsttäuschung, die dem Jünglingsalter
-so ganz natürlich ist, überlegt war, als für mögliche, künftige
-Hindernisse, ihre Einbildungskraft sogleich Mittel wußte,<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-um sie zu überwinden oder zu beseitigen, blieb der Entschluß
-Schillers unwiderruflich fest, indem er nur durch die
-Ausführung desselben hoffen konnte, seine Umstände in allen
-Teilen zu verbessern und eine Selbständigkeit zu erlangen,
-die er bis jetzt nur dem Namen nach kannte. Nun aber
-mußte er sich mit Anspannung aller Kräfte der Dichtung
-seines Fiesco widmen, indem die Reise nicht eher ausgeführt
-werden konnte, als bis dieser vollendet war, und er
-bisher &ndash; da er in seinem Innern zu keiner Ruhe gelangen
-konnte &ndash; außer dem Plan kaum die Hälfte von dem Stücke
-niedergeschrieben hatte. Die Gewißheit, was er tun wolle
-und, damit er dem Labyrinth entkomme, tun müsse, belebte
-seinen Mut wieder; seine gewöhnliche Heiterkeit kehrte zurück,
-und er gewann es über sich, alle Sorgen, alle Gedanken,
-die nicht seiner neuen Arbeit gewidmet waren, zu unterdrücken,
-indem er bloß für die Zukunft lebte, die Gegenwart
-aber nur insofern beachtete, als er ihr nicht ausweichen
-durfte.</p>
-
-<p>Welch ein Vergnügen war es während dieser Beschäftigung
-für ihn, seinem jungen Freund einen Monolog oder
-einige Szenen, die er in der vorigen Nacht ausgearbeitet,
-vorlesen und sich über Abänderungen oder die weitere Ausführung
-besprechen zu können! Wie erheiterten sich seine
-von Schlaflosigkeit erhitzten Augen, wenn er erzählte, um
-wie viel er schon weiter gerückt sei, und wie er hoffen dürfe,
-sein Trauerspiel weit früher als er anfangs dachte, beendigt
-zu haben. Je geräuschvoller die Außenwelt war, um so
-mehr zog er sich in sein Inneres zurück, indem er an allem
-dem, was damals der Seltenheit wegen jedermann beschäftigte,
-nicht den geringsten Anteil nahm. Denn schon zu
-Anfang des Monats August wurden nicht nur in Stuttgart,
-Hohenheim, Ludwigsburg, auf der Solitüde etc., sondern
-auch in der ganzen Umgegend die größten Vorbereitungen
-zu dem feierlichen Empfang des Großfürsten von
-Rußland (nachmaligen Kaisers Paul) und seiner Gemahlin<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-gemacht. Die Einwohner Württembergs waren stolz darauf,
-in der künftigen Kaiserin aller Reußen eine Nichte
-ihres Herzogs bewillkommnen zu können, die sie um so mehr
-liebten, als ihre Erscheinung Erinnerungen an ihre erhabenen
-Eltern hervorrief, die jedem württembergischen Herzen
-um so tiefer eingegraben blieben, als sie solche aus Scheu
-vor ihrem Regenten nicht zu zeigen wagen durften, und
-auch bei der verehrten Tochter die Gerüchte es zweifelhaft
-ließen, ob ihre Güte des Herzens, die Eigenschaften ihres
-Geistes oder ihre einnehmende Schönheit den Vorzug verdiene.</p>
-
-<p>In der ersten Hälfte des Septembers trafen die hohen
-Reisenden zu Stuttgart ein, denen schon einige Tage früher
-die meisten benachbarten Fürsten und eine außerordentliche
-Menge Fremder vorausgeeilt waren, um den Festlichkeiten,
-welche für die allerhöchsten Gäste bereitet wurden, beiwohnen
-und die Prachtliebe des Herzogs wie nicht minder den Geschmack,
-mit dem er alles anzuordnen wußte, bewundern zu
-können. Die mit den schönsten, seltensten Pferden angefüllten
-Marställe sowie die dazu gehörigen Equipagen, boten
-Gelegenheit zu Auffahrten, die man damals wohl schwerlich
-irgendwo anders mit so großem Aufwand und so vielem
-Glanze sehen konnte. Aber wirklich ungeheuer groß waren
-die Anstalten, vermöge welcher man aus den vielen Jagdrevieren
-des Landes eine Anzahl von beinahe sechstausend
-Hirschen in einen nahe bei der Solitüde liegenden Wald
-zusammengetrieben hatte, die von einer Menge Bauern am
-Durchbrechen verhindert wurden, und zu welchem Zweck
-auch in der Nacht der ganze Umkreis des Waldes durch
-eine enge Kette von Wachtfeuern erleuchtet war. Nicht leicht
-konnte dem Großfürsten in einem andern Staat eine solche
-Anzahl von Wild beisammen gezeigt werden, und um das
-Vergnügen der Jagd zu erhöhen, waren die edlen Tiere bestimmt,
-eine steile Anhöhe hinaufgejagt und gezwungen zu
-werden, sich in einen See zu stürzen, in welchem sie, aus<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-einem eigens dazu erbauten Lusthause, nach Bequemlichkeit
-erlegt werden konnten.</p>
-
-<p>In dem Gewirr und der Unruhe, welche solche Vorkehrungen
-bei den Städtern immer hervorbringen, blieb
-unser Dichter ganz auf sich eingeschränkt und hatte zu Anfang
-des Septembers sein Trauerspiel so weit gebracht, daß
-er es beinahe für vollendet halten durfte, indem er die Auslassungen,
-die Abänderungen, welche etwa die Aufführung
-erheischen sollte, auf eine ruhigere Zeit aufsparte und um
-so eher in wenigen Tagen damit zu Ende zu kommen hoffte,
-als er schon während der Arbeit an das Nötige hierüber
-gedacht.</p>
-
-<p>Unter den angekommenen Fremden befand sich auch
-Baron Dalberg, der einige Tage früher, als die Festlichkeiten
-ihren Anfang nahmen, eintraf, sowie die Gattin des
-Regisseurs Meier vom Mannheimer Theater, die aus Stuttgart
-gebürtig war. Schiller machte dem Baron Dalberg
-seinen Besuch, ohne von seinem Vorhaben das geringste zu
-erwähnen. Ebenso verschlossen blieb er gegen Madame
-Meier, die er öfter sah. Die Ursachen dieses Schweigens
-waren keine anderen, als weil der Vorsatz, etwas zu wagen,
-viel zu stark und die Hoffnung auf einen glücklichen Erfolg
-&ndash; wenn er seine Bitten in diesem Tumult von Festivitäten
-und Vergnügen an seinen Fürsten gelangen lasse &ndash; viel zu
-groß bei ihm geworden war, als daß er sich der widerlichen
-Empfindung hätte aussetzen mögen, durch Zweifel belästigt
-oder durch Beweise eines ungewissen Erfolges widerlegt zu
-werden.</p>
-
-<p>Was den Freiherrn von Dalberg insbesondere betraf, so
-vermutete Schiller, daß seiner dringenden Vorstellungen
-ungeachtet nur darum keine Verwendung für ihn geschehen,
-weil er noch in herzoglichen Diensten stehe. Käme aber das
-Schlimmste, daß er diese Dienste verlassen müßte, so wäre
-es ganz unmöglich, daß Baron Dalberg nach den vielen
-Versicherungen der aufrichtigsten Teilnahme und der größten<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-Bereitwilligkeit, seine Wünsche zu gewähren, ihn ohne Hilfe
-und Unterstützung lassen würde. Im Gegenteil hegte er
-die gewisse Hoffnung, daß er dann als Theaterdichter in
-Mannheim angestellt und somit ein Ziel erreichen würde,
-welches er als das glücklichste und für ihn passendste anerkannte.</p>
-
-<p>Madame Meier als aufrichtige, wahrheitsliebende Landsmännin
-hätte zwar die Äußerungen der Schmeichelei, der
-Güte, des Wohlwollens, womit Schiller bei seiner letzten
-Anwesenheit in Mannheim überschüttet worden, sehr leicht
-in den Dunst und Nebel, aus dem sie bestanden, auflösen
-können, aber sie hätte dann die schönsten Träume, die sehnlichsten
-Wünsche des jungen Mannes zerstört und ihn wieder
-an die Klippe zurückgeworfen, die ihn zu zerschellen
-drohte. Das Beharren in dem jetzigen Zustande ließ allerdings
-den Regimentsdoktor, wie er vorher war, zernichtete
-aber den Dichter. Das Wagnis des Losreißens eröffnete
-Aussichten, die, auch nur zum Teil erfüllt, gegen den frühern
-Zwang gehalten, die Wonne eines Paradieses erwarten
-ließen.</p>
-
-<p>Aber die Zeit verfloß. Nur wenige Tage waren noch
-übrig, welche so geräuschvoll und unruhig sein konnten, daß
-man unbemerkt eine Reise hätte antreten können. Schiller
-ging mit seinem Freund und Mad. Meier auf die Solitüde,
-um seine Eltern und Schwestern noch einmal zu sehen, besonders
-aber von seiner Mutter, die jetzt von allem auf das
-genaueste unterrichtet war, Abschied zu nehmen und sie zu
-beruhigen. Der in der lachendsten Gegend fortlaufende Weg
-dahin wurde zu Fuß gemacht, welches die Gelegenheit bieten
-sollte, um von Mad. Meier unvermerkt alles erfahren zu
-können, was die innere Beschaffenheit des Theaters oder die
-Hoffnungen des Dichters betraf. Da aber alles dahin Einschlagende
-nur oberflächlich berührt wurde, auch ernsthaftere
-Fragen aus Furcht, erraten zu werden, nicht wohl gestellt
-werden konnten, so blieb die Zukunft in derselben Dämmerung<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span>
-wie bisher, und es war nichts übrig, als sich auf das
-Glück zu verlassen.</p>
-
-<p>Bei dem Eintritt in die Wohnung von Schillers Eltern
-befand sich nur die Mutter und die älteste Schwester gegenwärtig.
-So freundlich auch die Hausfrau die Fremden
-empfing, so war es ihr doch nicht möglich, sich so zu bemeistern,
-daß S. die Unruhe nicht aufgefallen wäre, mit der
-sie ihn anblickte und oft zu reden versuchte, ohne ein Wort
-hervorbringen zu können. Glücklicherweise trat bald der Vater
-Schillers ein, der durch Aufzählung der Festlichkeiten, welche
-auf der Solitüde gehalten werden sollten, die Aufmerksamkeit
-so ganz an sich zog, daß sich der Sohn unvermerkt mit
-der Mutter entfernen und seine Freunde der Unterhaltung
-mit dem Vater überlassen konnte.</p>
-
-<p>Es war mir auffallend, bei diesem kleinen, untersetzten
-Mann außer einer sehr schönen, großen Stirne wenig
-Ähnlichkeit mit seinen Sohne wahrnehmen zu können und
-auch in der klaren, bestimmten, durchaus scharfverständigen
-Sprache den Schwung und die milde Wärme zu vermissen,
-womit sein Sohn als Dichter und Philosoph jeden Gegenstand
-des Gespräches zu beleben und zu erheben wußte.</p>
-
-<p>Nach einer Stunde kehrte Schiller zur Gesellschaft zurück,
-aber &ndash; ohne seine Mutter. Wie hätte diese sich zeigen können!
-Konnte und durfte sie auch den vorhabenden Schritt
-als eine Notwehr ansehen, durch die er sein Dichtertalent,
-sein künftiges Glück sichern und vielleicht einer unverschuldeten
-Einkerkerung vorbeugen wollte, so mußte es ihr doch
-das Herz zermalmen, ihren einzigen Sohn auf immer verlieren
-zu müssen, und zwar aus Ursachen, die so unbedeutend
-waren, daß sie nach den damaligen Ansichten in jedem
-andern Staat ohne besondere Folgen geblieben wären. Und
-dieser Sohn, in welchem sie beinahe ihr ganzes Selbst erblickte,
-der schon an der mütterlichen Brust die sanfte Gemütsart,
-die milde Denkweise eingesogen zu haben schien &ndash;
-er hatte ihr von jeher nichts als Freude gewährt; sie sah<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-ihn mit all den Eigenschaften begabt, die sie so oft, so inbrünstig
-von der Gottheit für ihn erfleht hatte! Und nun!
-&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; Wie schmerzhaft das Lebewohl
-von beiden ausgesprochen worden sein mußte, ersah
-man an den Gesichtszügen des Sohnes, sowie an seinen
-feuchten, geröteten Augen. Er suchte diese einem gewöhnlichen,
-ihn oft befallenden Übel zuzuschreiben und konnte
-erst auf dem Wege nach Stuttgart durch die zerstreuenden
-Gespräche der Gesellschaft wieder zu einiger Munterkeit gelangen.</p>
-
-<p>Auf der Solitüde erfuhr man, daß daselbst am 17. September
-die große Hirschjagd, Schauspiel und eine allgemeine,
-prächtige Beleuchtung stattfinden solle. Zu Hause angelangt,
-wurde zwischen Schiller und S. alles, was ihre Reise betraf,
-noch um so eifriger besprochen, als keine Zeit mehr zu
-verlieren war, da die Festlichkeiten bald zu Ende sein würden.
-Als man auch erfahren, welchen Tag Schillers Regiment
-die Wachen nicht zu besetzen habe, er folglich unter
-den Stadttoren Soldaten treffen werde, denen er nicht so
-genau wie seinen alten Grenadieren bekannt sei, so wurde
-die Abreise auf den 17. September abends um neun Uhr
-festgesetzt.<a id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">1</a></p>
-
-<p>Die bürgerliche Kleidung, welche sich Schiller hatte machen
-lassen, seine Wäsche, die Werke von Haller, Shakespeare etc. etc.,
-noch einige andere Dichter wurden nach und nach von S.
-weggebracht, so daß für die spätern Stunden nur wenig
-mehr zu tun übrigblieb. Am letzten Vormittag sollte nach
-der Abrede um zehn Uhr alles bereit sein, was von Schiller
-noch wegzubringen war, und S. fand sich mit der Minute
-ein. Allein er fand nicht das mindeste hergerichtet. Denn
-nachdem Schiller um acht Uhr in der Frühe von seinem
-letzten Besuch in dem Lazarett zu Hause gekehrt war, fielen
-ihm bei dem Zusammensuchen seiner Bücher die Oden von<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-Klopstock in die Hände, unter denen eine ihn schon oft besonders
-angezogen und aufs neue so aufregte, daß er sogleich
-&ndash; jetzt in einem so entscheidenden Augenblick! &ndash; ein
-Gegenstück dichtete. Ungeachtet alles Drängens, alles Antreibens
-zur Eile mußte S. dennoch zuerst die Ode und
-dann das Gegenstück anhören, welchem letzterem &ndash; gewiß
-weniger aus Vorliebe für seinen begeisterten Freund &ndash; der
-Schönheit der Sprache und Bestimmtheit der Bilder wegen,
-S. einen entschiedenen Vorzug gab. Eine geraume Zeit
-verging, ehe der Dichter von seinem Gegenstand abgelenkt,
-wieder auf unsere Welt, auf den heutigen Tag zu der
-fliehenden Minute zurückgebracht werden konnte. Ja es erforderte
-öfteres Fragen, ob nichts vergessen sei, sowie mehrmaliges
-Erinnern, daß nichts zurückgelassen werde. Erst am
-Nachmittag aber konnte alles in Ordnung gebracht werden,
-und abends neun Uhr kam Schiller in die Wohnung von S.
-mit einem Paar alten Pistolen unter seinem Kleide.</p>
-
-<p>Diejenige, welche noch einen ganzen Hahn, aber keinen
-Feuerstein hatte, wurde in den Koffer gelegt; die andere, mit
-zerbrochenem Schloß, in den Wagen getan. Daß aber beide
-nur mit frommen Wünschen für Sicherheit und glückliches
-Fortkommen geladen waren, versteht sich von selbst. Der
-Vorrat an Geld war bei den Reisenden nichts weniger als
-bedeutend; denn nach Anschaffung der nötigen Kleidungsstücke
-und anderer Sachen, die für unentbehrlich gehalten
-wurden, blieben Schillern noch dreiundzwanzig und S. noch
-achtundzwanzig Gulden übrig, welche aber von der Hoffnung
-und dem jugendlichen Mut auf das Zehnfache gesteigert
-wurden.</p>
-
-<p>Hätte Schiller nur noch einige Wochen warten und nicht
-durchaus sich schon jetzt entfernen wollen, so würde S. die
-nötige Summe bis Hamburg in Händen gehabt haben. Aber
-die Ungeduld des unterdrückten Jünglings, eine Entscheidung
-herbeizuführen, ließ sich schon darum nicht bezähmen, weil er
-fürchtete, eine so gute Gelegenheit zum unbemerkten Entkommen<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-ungenützt vorbeigehen zu lassen und dann weit mehr
-Schwierigkeit bei dem Herzog für die Gewährung seiner
-Bitten zu finden. Bis Mannheim wie auch für einige Tage
-Aufenthalt daselbst konnte das kleine Vermögen ausreichen,
-und was zum Weiterkommen fehlte, sollte S. nachgeschickt
-werden.</p>
-
-<p>Nachdem der Wagen mit zwei Koffern und einem kleinen
-Klavier bepackt war, kam der schwere Kampf, den Schiller
-vor einigen Tagen bestanden, nun auch an S. &ndash; von seiner
-guten, frommen Mutter Abschied zu nehmen. Auch er war
-der einzige Sohn, und die mütterlichen Sorgen ließen sich
-nur dadurch beschwichtigen, daß Schiller nicht nur die unveränderlichste
-Treue gegen seinen Freund gelobte, sondern
-auch die zuverlässige Hoffnung aussprach, in vierzehn Tagen
-wieder zurück eintreffen und von der glücklich vollbrachten
-Reise Bericht geben zu wollen. Von Segenswünschen und
-Tränen begleitet, konnten die Freunde endlich um zehn Uhr
-nachts in den Wagen steigen und abfahren.</p>
-
-<p>Der Weg wurde zum Eßlinger Tor hinaus genommen,
-weil dieses das dunkelste war und einer der bewährtesten
-Freunde Schillers &ndash; möchte ihm das Vergnügen gegönnt
-sein, diese Zeilen noch zu lesen &ndash; als Leutnant die Wache
-hatte, damit, wenn sich ja eine Schwierigkeit ergäbe, diese
-durch Vermittlung des Offiziers sogleich gehoben werden
-könne.</p>
-
-<p>Es war ein Glück, daß damals von keinem zu Wagen
-Reisenden ein Paß abgefordert wurde. Nur S. hatte sich
-einen nach Hamburg geben lassen, welches aber nur der überflüssig
-scheinenden Vorsicht wegen geschah.</p>
-
-<p>So gefaßt die jungen Leute auch auf alles waren, und
-so wenig sie eigentlich zu fürchten hatten, so machte dennoch
-der Anruf der Schildwache &ndash; Halt! &ndash; Wer da! &ndash; Unteroffizier
-heraus! &ndash; einen unheimlichen Eindruck auf sie. Nach
-den Fragen: Wer sind die Herren? Wo wollen Sie hin?
-wurde von S. des Dichters Name in Doktor Ritter, und<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-der seinige in Doktor Wolf verwandelt, beide nach Eßlingen
-reisend, angegeben und so aufgeschrieben. Das Tor wurde
-nun geöffnet, die Reisenden fuhren vorwärts, mit forschenden
-Blicken in die Wachtstube des Offiziers, in der sie zwar
-kein Licht, aber beide Fenster weit offen sahen. Als sie außer
-dem Tore waren, glaubten sie einer großen Gefahr entronnen
-zu sein, und gleichsam als ob diese wiederkehren könnte,
-wurden, so lange als sie die Stadt umfahren mußten, um
-die Straße nach Ludwigsburg zu gewinnen, nur wenige
-Worte unter ihnen gewechselt. Wie aber einmal die erste
-Anhöhe hinter ihnen lag, kehrten Ruhe und Unbefangenheit
-zurück, das Gespräch wurde lebhafter und bezog sich nicht
-allein auf die jüngste Vergangenheit, sondern auch auf die
-bevorstehenden Erlebnisse. Gegen Mitternacht sah man links
-von Ludwigsburg eine außerordentliche Röte am Himmel,
-und als der Wagen in die Linie der Solitüde kam, zeigte
-das daselbst auf einer bedeutenden Erhöhung liegende Schloß
-mit allen seinen weitläufigen Nebengebäuden sich in einem
-Feuerglanze, der sich in der Entfernung von anderthalb
-Stunden auf das Überraschendste ausnahm. Die reine, heitere
-Luft ließ alles so deutlich wahrnehmen, daß Schiller seinem
-Gefährten den Punkt zeigen konnte, wo seine Eltern wohnten,
-aber alsbald, wie von einem sympathetischen Strahl
-berührt, mit einem unterdrückten Seufzer ausrief: »Meine
-Mutter!«</p>
-
-<p>Es war ganz natürlich, daß die Erinnerung an die Verhältnisse,
-welche vor einigen Stunden auf das Ungewisse
-hin abgerissen wurden, nicht anders als wehmütig sein konnte.
-Andererseits war es aber wieder beruhigend, als gewiß
-voraussetzen zu können, daß in diesem Wirbel von Festen
-außer den Müttern und Schwestern niemand an die Reisenden
-denke, folglich Mannheim ohne Hindernis erreicht
-werden könne.</p>
-
-<p>Morgens zwischen ein und zwei Uhr war die Station
-Entzweihingen erreicht, wo gerastet werden mußte. Als der<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-Auftrag für etwas Kaffee erteilt war, zog Schiller sogleich
-ein Heft ungedruckter Gedichte von Schubart hervor, von
-denen er die bedeutendsten seinem Gefährten vorlas. Das
-merkwürdigste darunter war die Fürstengruft, welches Schubart
-in den ersten Monaten seiner engen Gefangenschaft mit
-der Ecke einer Beinkleiderschnalle in die nassen Wände seines
-Kerkers eingegraben hatte. Damals, 1782, war Schubart
-noch auf der Festung, wo er aber jetzt sehr leidlich gehalten
-wurde. In manchem dieser Gedichte fanden sich Anspielungen,
-die nicht schwer zu deuten waren, und die keine nahe
-Befreiung ihres Verfassers erwarten ließen.</p>
-
-<p>Schiller hatte für die dichterischen Talente des Gefangenen
-sehr viele Hochachtung. Auch hatte er ihn einigemal
-auf dem Asperg besucht.</p>
-
-<p>Nach drei Uhr wurde von Entzweihingen aufgebrochen,
-und nach acht Uhr morgens war die kurpfälzische, durch eine
-kleine Pyramide angedeutete Grenze erreicht, die mit einer
-Freude betreten wurde, als ob rückwärts alles Lästige geblieben
-wäre und das ersehnte Eldorado bald erreicht sein
-würde. Das Gefühl, eines harten Zwanges entledigt zu
-sein, verbunden mit dem heiligen Vorsatz, demselben sich nie
-mehr zu unterwerfen, belebten das bisher etwas düstere Gemüt
-Schillers zur gefälligsten Heiterkeit, wozu die angenehme
-Gegend, das muntere Wesen und Treiben der rüstigen Einwohner
-wohl auch das ihrige beitrugen. »Sehen Sie,«
-rief er seinem Begleiter zu, »sehen Sie, wie freundlich die
-Pfähle und Schranken mit Blau und Weiß angestrichen sind!
-Ebenso freundlich ist auch der Geist der Regierung!«</p>
-
-<p>Ein lebhaftes Gespräch, das durch diese Bemerkung herbeigeführt
-wurde, verkürzte die Zeit dergestalt, daß es kaum
-möglich schien, um zehn Uhr schon in Bretten angekommen
-zu sein. Dort wurde bei dem Postmeister Pallavicini abgestiegen,
-etwas gegessen, der von Stuttgart mitgenommene
-Wagen und Kutscher zurückgeschickt, nachmittags die Post genommen
-und über Waghäusel nach Schwetzingen gefahren,<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-allwo die Ankunft nach neun Uhr abends erfolgte. Da in
-Mannheim als einer Hauptfestung die Tore mit Eintritt
-der Dunkelheit geschlossen wurden, so mußte in Schwetzingen
-übernachtet werden, welches auf zwei unruhige Tage und
-eine schlaflose Nacht um so erwünschter war.</p>
-
-<p>Am 19. September waren die Reisenden des Morgens
-sehr früh geschäftig, um sich zu dem Eintritt in Mannheim
-vorzubereiten. Das Beste, was die Koffer faßten, wurde
-hervorgesucht, um durch scheinbaren Wohlstand sich eine Achtung
-zu sichern, die dem dürftig oder leidend Aussehenden
-fast immer versagt wird. Die Hoffnung Schillers, seine
-kranke Börse in der nächsten Zeit durch einige Erfrischungen
-beleben zu können, war keine Selbsttäuschung; denn wer
-hätte daran zweifeln mögen, daß eine Theaterdirektion, die
-schon im ersten Jahre so vielen Vorteil aus den Räubern
-gezogen, sich nicht beeilen würde, das zweite Stück des Dichters
-&ndash; das nicht nur für das große Publikum, sondern
-auch für den gebildeten Teil desselben berechnet war &ndash;
-gleichfalls aufzunehmen? Es ließ sich für gewiß erwarten
-&ndash; die Entscheidung des Herzogs möge nun gewährend oder
-verneinend ausfallen &ndash; daß noch in diesem Jahre Fiesco
-aufgeführt werde und dann war der Verfasser durch eine
-freie Einnahme oder ein beträchtliches Honorar auf so lange
-geborgen, daß er sich wieder neue Hilfsmittel schaffen konnte.
-Mit der Zuversicht, daß die nächsten vierzehn Tage schon
-diese Vermutungen in volle Gewißheit umwandeln müßten,
-wurde die Postchaise zum letztenmal bestiegen und nach
-Mannheim eingelenkt, das in zwei Stunden, ohne irgend
-eine Frage oder Aufenthalt an dem Tore der Festung, erreicht
-war.</p>
-
-<p>Der Theaterregisseur, Herr Meier, bei welchem abgestiegen
-wurde, war sehr überrascht, Schillern zu einer Zeit bei
-sich zu sehen, wo er ihn in lauter Feste und Zerstreuungen
-versunken glaubte; aber seine Überraschung ging in Erstaunen
-über, als er vernahm, daß der junge Mann, den<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-er so hoch verehrte, jetzt als Flüchtling vor ihm stehe. Obwohl
-Herr Meier bei der zweimaligen Anwesenheit Schillers
-in Mannheim von diesem selbst über sein mißbehagliches
-Leben und Treiben in Stuttgart unterrichtet war, so hatte
-er doch nicht geglaubt, daß diese Verhältnisse auf eine so
-gewagte und plötzliche Art abgerissen werden sollten. Als
-gebildeter Weltmann enthielt er sich bei den weitern Erklärungen
-Schillers hierüber jedes Widerspruchs und bestärkte
-ihn nur in diesem Vorhaben, noch heute eine Vorstellung
-an den Herzog einzusenden und durch seine Bitte
-eine Aussöhnung bewirken zu wollen. Die Reisenden wurden
-von ihm zum Mittagessen eingeladen, und er hatte auch
-die Gefälligkeit, in der Nähe seines Hauses eine Wohnung,
-die in dem menschenleeren Mannheim augenblicklich zu haben
-war, aufnehmen zu lassen, wohin sogleich das Reisegeräte
-geschafft wurde.</p>
-
-<p>Nach Tische begab sich Schiller in das Nebenzimmer,
-um daselbst an seinen Fürsten zu schreiben. Als er in einigen
-Stunden fertig war, las er den vorher nicht aufgesetzten,
-aber vortrefflich geschriebenen Brief den wartenden Freunden
-vor, dessen wesentlicher Inhalt folgender war:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Im Eingang erwähnte er, daß er in der Akademie das
-Studium, zu dem er eine entschiedene Neigung gehabt, niemals
-habe treiben dürfen oder können, und er sich nur aus
-Gehorsam gegen den fürstlichen Willen, zuerst der Rechtswissenschaft
-und dann der Arzneikunde gewidmet habe. Er
-erinnerte den Herzog an die vielen und großen Gnaden,
-welcher er während der sieben Jahre seines Aufenthaltes
-von ihm gewürdigt worden, und die so bedeutend waren,
-daß er ewig stolz darauf sein werde, sagen zu dürfen, sein
-Fürst habe ihn in seinem Herzen getragen. Dann setzte er
-erstens die Unmöglichkeit auseinander, mit seiner geringen
-Besoldung leben oder durch seinen Beruf als Arzt sich ein
-besseres Auskommen verschaffen zu können, indem die Anzahl
-der Mediziner zu groß in Stuttgart sei, und ein Anfänger<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-zu lange Zeit brauche, um sich bekannt zu machen,
-er auch von Haus nichts zuzusetzen habe.</p>
-
-<p>»Zweitens bat er um die Aufhebung des Befehls, keine
-andern als medizinische Schriften drucken zu lassen, indem
-die Bekanntmachung seiner dichterischen Arbeiten allein imstande
-sei, seine Einnahme zu verbessern.</p>
-
-<p>»Drittens möge es ihm erlaubt werden, alle Jahre, auf
-kurze Zeit, eine Reise in das Ausland zu machen.</p>
-
-<p>»Viertens, daß er sehr gern wieder zurückkehren wolle,
-wenn ihm das fürstliche Wort gegeben würde, daß seine
-eigenmächtige Entfernung verziehen sei und er keine Strafe
-dafür zu befürchten habe.«</p></div>
-
-<p>Dieses Schreiben wurde einem Brief an seinen Regimentschef,
-den General Augé, beigeschlossen und dieser ersucht,
-die vorgelegten Bitten nach seinen besten Kräften
-sowie durch seinen ganzen Einfluß bei dem Herzog unterstützen
-zu wollen. Schiller glaubte für seine Sicherheit so
-wenig befürchten zu dürfen, daß er den General bat, ihm
-seine Antwort durch die Adresse des Herrn Meier zukommen
-zu lassen. Obwohl letzterer über das wahrscheinliche Verfahren
-des Herzogs nicht so ruhig sein konnte als derjenige,
-den es zunächst betraf, so mußte er doch die Möglichkeit zugestehen,
-daß der Fürst durch die rührenden und bescheidenen
-Vorstellungen seines ehemaligen Günstlings wie auch
-aus Rücksicht gegen dessen Eltern vielleicht bewogen werden
-könne, von den gewöhnlichen Verfügungen für diesmal abzugehen
-und wenigstem einen Teil der Bitten zu bewilligen.</p>
-
-<p>Den andern Tag abends traf Madame Meier von Stuttgart
-wieder zu Hause ein. Sie erzählte, daß sie schon am
-18. vormittags Schillers Verschwinden erfahren, daß jedermann
-davon spreche und allgemein vermutet werde, man
-würde ihm nachsetzen lassen oder seine Auslieferung verlangen.
-Schiller beruhigte jedoch seine Freunde durch die
-Versicherung, daß er den großmütigen Charakter seines Herzogs<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-durch zu viele Proben habe kennen lernen, als daß er
-nur die geringste Gefahr befürchte, so lang' er den Willen
-zeige, wieder zurückzukommen.</p>
-
-<p>Dies sei geschehen, eines Vergehens könne man ihn nicht
-anklagen; eigentlicher Soldat sei er nicht, folglich könne man
-ihn auch nicht unter die Klasse derjenigen zählen, denen bei
-freiwilligem Abschiednehmen nachgesetzt wird.</p>
-
-<p>Indessen wurde es doch für ratsam gehalten, daß er sich
-nirgends öffentlich zeigen solle, wodurch er nun auf seine
-Wohnung und das Meiersche Haus allein eingeschränkt blieb.
-Für die Reisenden war es sehr angenehm, in der Hausfrau
-eine teilnehmende Landsmännin und sehr gebildete Freundin
-zu finden, die in alles einging, was ihr jetziges oder
-künftiges Schicksal betraf, und dasjenige mit leichter Zunge
-behandelte, über was sich Männer nur sehr ungern offen
-erklären.</p>
-
-<p>Nicht nur für diese bedenkliche Zeit, sondern auch in
-der Folge blieben diese würdigen Leute Schillers aufrichtigste,
-wahrste Freunde, und Madame Meier bewies sich
-besonders bei dieser Gelegenheit so sorgsam und tätig wie
-eine Mutter, die sich um ihren Sohn anzunehmen hat.</p>
-
-<p>Mittlerweile hatte S. schon am ersten Abend mit Herrn
-Meier über das neue, beinahe ganz fertige Trauerspiel Fiesco
-gesprochen und desselben als einer Arbeit erwähnt, die den
-Räubern aus vielen Rücksichten vorzuziehen sei. Es ergab
-sich nun von selbst, daß der Dichter darum angegangen
-wurde, die erregte Neugierde durch Mitteilung des Manuskriptes
-zu befriedigen, wozu sich aber dieser nur unter der
-Bedingung verstand, wenn eine größere Anzahl von Zuhörern
-gegenwärtig sei. Man fand dies um so natürlicher, da wohl
-unter allen Schauspielern sich keiner befand, der nicht im
-höchsten Grad auf die zweite Arbeit eines Jünglings begierig
-gewesen wäre, welcher sich schon durch seine erste auf
-eine so außerordentliche Art angekündigt hatte. Es wurde
-daher sogleich ein Tag festgesetzt, auf welchen die bedeutendsten<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-Künstler des Theaters eingeladen werden sollten, um der
-Vorlesung des neuen Stücks beizuwohnen.</p>
-
-<p>Nach zwei erwartungsvollen Tagen traf die Antwort
-von General Augé an Schiller ein, welche folgendes enthielt:
-»Der General habe den Wünschen Schillers entsprochen
-und sein Schreiben dem Herzog nicht nur vorgelegt,
-sondern auch durch sein Vorwort die getanen Bitten
-unterstützt. Er habe daher den Auftrag erhalten, ihn wissen
-zu lassen: da Se. herzogliche Durchlaucht bei Anwesenheit
-der hohen Verwandten jetzt sehr gnädig wären, er nur
-zurückkommen solle.«</p>
-
-<p>Da dieses Schreiben von allem dem nicht das geringste
-erwähnte, um was Schiller zur Erleichterung seines Schicksals
-so dringend gebeten hatte, so schrieb er dem General
-augenblicklich zurück, daß er diese Äußerung Sr. Durchlaucht
-unmöglich als eine Gewährung seines Gesuches betrachten
-könne, folglich genötigt sei, bei dem Inhalt seiner Bittschrift
-zu beharren, und seinen Chef ersuche, alles anzuwenden,
-um den Herzog zur Erfüllung seiner Wünsche zu vermögen.</p>
-
-<p>Durch diese Antwort seines Generals in Zweifel gesetzt,
-was er zu hoffen oder zu fürchten habe, schrieb Schiller &ndash;
-was er schon am zweiten Tag seiner Ankunft an seine Eltern
-getan &ndash; sogleich an einige Freunde, damit, wenn sie etwas
-erführen, was ihm schaden könnte, sie ihm doch alsobald Nachricht
-geben möchten, und sah den Antworten mit ebensoviel
-Unruhe als Neugierde entgegen.</p>
-
-<p>Der Nachmittag war zur Vorlesung des neuen Trauerspiels
-bestimmt, wozu sich gegen vier Uhr außer Iffland,
-Beil, Beck noch mehrere Schauspieler einfanden, die nicht
-Worte genug finden konnten, um ihre tiefe Verehrung gegen
-den Dichter sowie über die hohe Erwartung auszudrücken,
-die sie von dem neuesten Produkt eines so erhabenen Geistes
-hätten. Nachdem sich alle um einen großen, runden Tisch
-gesetzt hatten, schickte der Verfasser erst eine kurze Erzählung<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-der wirklichen Geschichte und eine Erklärung der vorkommenden
-Personen voraus, worauf er dann zu lesen anfing.</p>
-
-<p>Für S. war das Beisammensehen so berühmter Künstler
-wie Iffland, Meier, Beil, von denen das Gerücht Außerordentliches
-sagte, um so mehr neu und willkommen, als er
-noch nie mit einem Schauspieler einigen Umgang gehabt
-hatte. Im stillen feierte er schon den Triumph, wie überrascht
-diese Leute, die den Dichter mit unverwandten Augen
-ansahen, über die vielen schönen Stellen sein würden, die
-schon in den ersten Szenen, sowie in den folgenden noch
-häufiger vorkommen, und sah nicht den Vorleser, sondern
-nur die Zuhörer an, um die Eindrücke zu bemerken, welche
-die vorzüglichsten Ausdrücke bei ihnen hervorbringen würden.</p>
-
-<p>Aber der erste Akt wurde zwar bei größter Stille, jedoch
-ohne das geringste Zeichen des Beifalls abgelesen, und er
-war kaum zu Ende, als Herr Beil sich entfernte und die
-übrigen sich von der Geschichte Fiescos oder andern Tagesneuigkeiten
-unterhielten.</p>
-
-<p>Der zweite Akt wurde von Schiller weiter gelesen, ebenso
-aufmerksam wie der erste, aber ohne das geringste Zeichen
-von Lob oder Beifall angehört. Alles stand jetzt auf, weil Erfrischungen
-von Obst, Trauben etc. herumgegeben wurden.
-Einer der Schauspieler, namens Frank, schlug ein Bolzschießen
-vor, zu dem man auch Anstalt zu machen schien.
-Allein nach einer Viertelstunde hatte sich alles verlaufen,
-und außer den zum Haus Gehörigen war nur Iffland geblieben,
-der sich erst um acht Uhr nachts entfernte.</p>
-
-<p>Als ein vollkommener Neuling in der Welt konnte sich
-S. diese Gleichgültigkeit, ja diese Abneigung gegen eine so
-vortreffliche Dichtung von denen am allerwenigsten erklären,
-die kaum vor einer Stunde die größte Bewunderung und
-Verehrung für Schiller ihm selbst bezeugt hatten, und es
-empöre ihn um so heftiger, alle die Sagen von Neid und
-Kabale der Schauspieler jetzt schon bestätigt zu sehen, da die
-Antwort des Generals Augé wenig Hoffnung ließ, daß sein<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-Freund jemals zurückkehren dürfe; wo alsdann sein Schicksal
-bei solchen Leuten sehr beklagenswert sein müßte.</p>
-
-<p>Aber der Unerfahrene sollte noch mehr in Verlegenheit
-gesetzt werden; denn als er eben im Begriff war, sich
-über die ungewöhnliche und beinahe verächtliche Behandlung
-Schillers bei Herrn Meier zu beklagen, zog ihn dieser in
-das Nebenzimmer und fragte: »Sagen Sie mir jetzt ganz
-aufrichtig, wissen Sie gewiß, daß es Schiller ist, der die
-Räuber geschrieben?«</p>
-
-<p>Zuverlässig! Wie können Sie daran zweifeln?</p>
-
-<p>»Wissen Sie gewiß, daß nicht ein anderer dieses Stück
-geschrieben und er es nur unter seinem Namen herausgegeben?
-Oder hat ihm jemand anderer daran geholfen?«</p>
-
-<p>Ich kenne Schillern schon im zweiten Jahre und will
-mit meinem Leben dafür bürgen, daß er die Räuber ganz
-allein geschrieben und ebenso auch für das Theater abgeändert
-hat. Aber warum fragen Sie mich dieses alles?</p>
-
-<p>»Weil der Fiesco das Allerschlechteste ist, was ich je in
-meinem Leben gehört, und weil es unmöglich ist, daß derselbe
-Schiller, der die Räuber geschrieben, etwas so Gemeines,
-Elendes sollte gemacht haben.«</p>
-
-<p>S. suchte Herrn Meier zu widerlegen und ihm zu beweisen,
-daß Fiesco weit regelmäßiger für die Bühne und
-darin alles vermieden sei, was an den Räubern mit Recht
-so scharf getadelt worden. Er müsse das neue Stück nur
-öfter hören oder es selbst durchlesen, dann werde er es gewiß
-ganz anders beurteilen und ihm Geschmack abgewinnen.
-Allein alle diese Reden waren vergebens. Herr Meier beharrte
-um so mehr auf seiner Meinung, weil es ihm als
-einem erfahrnen Schauspieler zukommen müsse, aus einigen
-Szenen den Gehalt des Ganzen sogleich beurteilen zu können,
-und sein Schluß war: »Wenn Schiller wirklich die
-Räuber und Fiesco geschrieben, so hat er alle seine Kraft
-an dem ersten Stück erschöpft und kann nun nichts mehr<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-als lauter erbärmliches, schwülstiges, unsinniges Zeug hervorbringen.«</p>
-
-<p>Dieses Urteil, von einem Mann ausgesprochen, den man
-nicht nur als einen vollgültigen Richter, sondern auch als
-einen solchen Freund Schillers ansehen durfte, dem an der
-guten Aufnahme des Stückes beinahe ebensoviel als dem
-Verfasser selbst gelegen sei, machte auf S. einen so betäubenden
-Eindruck, daß ihm die Sprache für den Augenblick
-den Dienst versagte. War dies Herr Meier, der so zu ihm
-sprach? Hatte er auch recht gehört? Sollte er die Erwartungen
-Meiers zu hoch gespannt haben? Wäre es möglich,
-daß er sich getäuscht und dasjenige vortrefflich gefunden, was
-andere, die man für Kenner gelten lassen mußte, nun als
-schlecht, als unsinnig beurteilen? Oder hat sich Meier mit
-den andern verschworen, zum Untergang des Stücks und
-seines Verfassers mitzuwirken? Diese Fragen, durch das
-Unbegreifliche des Vorganges und der Äußerungen Meiers
-hervorgerufen, machte S. an sich selbst und fand sie um so
-quälender, da ihre Auflösung nicht sogleich erfolgen konnte.
-Die Abendstunden wurden von den Anwesenden mit größter
-Verlegenheit zugebracht. Von Fiesco erwähnte niemand
-mehr eine Silbe. Schiller selbst war äußerst verstimmt und
-nahm mit seinem Gefährten zeitlich Abschied. Bei dem Weggehen
-ersuchte ihn Meier, ihm für die Nacht das Manuskript
-da zu lassen, indem er nur die zwei ersten Akte gehört und
-doch gern wissen möchte, welchen Ausgang das Stück nähme.
-Schiller bewilligte diese Bitte sehr gern.</p>
-
-<p>Über den kalten Empfang Fiescos, von dem man die
-willkommenste Aufnahme erwartet hatte, wurde zu Hause
-nichts, und überhaupt sehr lange wenig gesprochen, bis sich
-Schiller endlich Luft machte und über den Neid, die Kabale,
-den Unverstand der Schauspieler Klagen führte. Jetzt zum
-erstenmal sprach er den ernstlichen Vorsatz aus, daß, wenn
-er hier nicht als Schauspieldichter angestellt oder sein Trauerspiel
-nicht angenommen werde, er selbst als Schauspieler<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-auftreten wolle, indem eigentlich doch niemand so deklamieren
-könne wie er. S. wollte dem mißlaunigen Freunde nicht
-geradezu widersprechen, gab ihm aber doch zu bedenken, in
-welche Verlegenheit er seine Mutter und Schwester, besonders
-aber seinen Vater setzen würde, wenn sie erfahren müßten,
-daß er nun weiter nichts als ein Schauspieler geworden sei,
-da er selbst sich doch einen so glänzenden Erfolg von seiner
-Reise versprochen. Er erinnerte ihn an das Vorurteil, das
-man in Stuttgart gegen diesen Stand hege, wo man zwar
-dem einzelnen Gerechtigkeit widerfahren lasse, sich aber doch
-jedes nähern Umganges mit ihm enthalte. Er möge doch
-mit Geduld warten, bis Baron von Dalberg in Mannheim
-eintreffe, von dem allein die günstige Wendung seines Schicksals
-zu hoffen sei.</p>
-
-<p>Mit bangen Erwartungen wegen des Endurteils, das
-über Fiesco und seinen Verfasser gefällt werden sollte, begab
-sich S. den andern Morgen ziemlich früh zu Herrn Meier,
-der ihn kaum ansichtig wurde, als er ausrief: »Sie haben
-recht! Sie haben recht! Fiesco ist ein Meisterstück und weit
-besser bearbeitet als die Räuber. Aber wissen Sie auch was
-schuld daran ist, daß ich und alle Zuhörer es für das elendeste
-Machwerk hielten? Schillers schwäbische Aussprache
-und die verwünschte Art, wie er alles deklamiert! Er sagt
-alles in dem nämlichen hochtrabenden Ton her, ob es heißt:
-Er macht die Türe zu, oder ob es eine Hauptstelle seines
-Helden ist. Aber jetzt muß das Stück in den Ausschuß
-kommen, da wollen wir es uns vorlesen und alles in Bewegung
-setzen, um es bald auf das Theater zu bringen!«</p>
-
-<p>Der Schluß von Herrn Meiers Rede verwandelte die
-Niedergeschlagenheit von S. in eine solche Freude, daß er,
-ohne Schillern zu entschuldigen oder die herabsetzende Meinung
-von dessen Ansprache und Deklamationsgabe widerlegen
-zu wollen, augenblicklich nach Hause eilte, um dem
-Dichter, der eben aufgestanden war, die angenehme Nachricht
-zu hinterbringen, sein Trauerspiel werde bald in lebendigen<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-Gestalten vor ihm erscheinen. Daß seine Mundart,
-seine heftige Aussprache den schlechten Erfolg von gestern
-hervorgebracht, wurde ihm sorgfältig verschwiegen, um sein
-ohnehin krankes Gemüt nicht zu reizen.</p>
-
-<p>Am andern Tage traf die Antwort des Generals Augé
-auf das zweite Schreiben Schillers ein, welche aber von
-ganz gleichem Inhalt wie die erste war, nämlich: »Da Se.
-herzogliche Durchlaucht jetzt sehr gnädig wären, er nur zurückkommen
-solle.« Allein Schiller konnte in keinem Fall
-wagen, wieder heimzukehren, da ihm weder Straflosigkeit zugesichert,
-noch eine seiner Bitten bewilligt worden war. Der
-entscheidende Schritt war einmal geschehen, und so wenig
-Glänzendes sich auch jetzt zeigte, so ließ sich doch dieses von
-der Zukunft hoffen; ja er fand es geratener, weit eher einem
-ungewissen Schicksal entgegen zu gehen, als sich das frühere
-Joch wieder auflegen zu lassen, das ihm ohnehin schon den
-Nacken wund gerieben und in der Folge zuverlässig auf das
-Mark des Lebens eingedrungen sein würde.</p>
-
-<p>Er hielt nun das, was er zu tun habe, für so gewiß
-entschieden, daß er nicht mehr an seinen General schrieb,
-sondern dem Rate seiner Freunde folgte, sich auf einige
-Wochen zu entfernen, indem es doch möglich wäre, daß seine
-Auslieferung von der pfälzischen Regierung verlangt würde,
-weil er auf Kosten des Herzogs in der Akademie erzogen
-worden und auch, da er Uniform getragen, einigermaßen
-zum Militärstande gerechnet werden könne. Geschähe in
-einigen Wochen nichts gegen ihn, so wäre man beinahe versichert,
-seine Entweichung sei vergessen oder der Herzog werde
-seiner gewöhnlichen Großmut gemäß nicht weiter nach ihm
-fragen.</p>
-
-<p>Da auch Baron Dalberg noch immer in Stuttgart verweilte
-und seine Rückkehr ungewiß blieb, folglich für die
-Bestimmung Schillers nichts getan werden konnte, so wurde
-nach einem Aufenthalt von sechs oder sieben Tagen die Reise
-über Darmstadt nach Frankfurt am Main beschlossen, wo<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-auch die weiteren Nachrichten von Haus oder von Mannheim
-abgewartet werden konnten.</p>
-
-<p>Aber diese Reise mußte zu Fuß gemacht werden; denn
-das kleine Kapital, das jeder von Stuttgart mit sich nehmen
-konnte, war durch die Herreise, durch das Verweilen in
-Mannheim so herab geschwunden, daß es bei der größten
-Sparsamkeit nur noch zehn oder zwölf Tage ausreichen konnte.
-Für Schiller war es wohl nicht tunlich, sich bei seinen Eltern
-um Hilfe zu bewerben; denn seinem Vater durfte er
-nicht schreiben, um ihn keinem Verdachte bloßzustellen, und
-seiner Mutter wollte er nicht den Kummer machen, sie wissen
-zu lassen, daß er jetzt schon Mangel leide, da sie gewiß geglaubt,
-er würde einem sehr behaglichen Zustand entgegengehen.
-Es schrieb daher S. an seine Mutter, ihm vorläufig,
-aber so bald als möglich dreißig Gulden auf dem Postwagen
-nach Frankfurt zu schicken, weil Schiller in Mannheim
-nichts bezogen habe, beide nur noch auf einige Tage
-mit Geld versehen seien und er den Freund in diesen Umständen
-unmöglich verlassen könne.</p>
-
-<p>Nach dem herzlichsten Abschied von Herrn und Madame
-Meier und nur mit dem Unentbehrlichsten in den Taschen
-gingen die Reisenden nach Tisch über die Neckarbrücke von
-Mannheim ab, schlugen den Weg nach Sandhofen ein, blieben
-in einem Dorf über Nacht und gingen den andern Tag
-durch die herrliche, rechts mit Burgruinen prangende Bergstraße
-nach Darmstadt, wo sie abends gegen sechs Uhr eintrafen.
-Sehr ermüdet von dem ungewohnten, zwölfstündigen
-Marsch begaben sie sich in einen Gasthof und waren sehr
-froh, nach einem guten Abendessen in reinlichen Betten ausruhen
-und sich durch Schlaf erholen zu können. Letzteres
-sollte ihnen aber nicht zu teil werden; denn aus dem tiefsten
-Schlafe wurden sie durch ein so lärmendes, fürchterliches
-Trommeln aufgeschreckt, daß man glauben mußte, es sei ein
-sehr heftiges Feuer ausgebrochen. Sie horchten, als das
-schreckliche Getöse sich entfernt hatte, ob man nicht reiten,<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-fahren oder schreien höre; sie öffneten die Fenster, ob sich
-keine Helle von Flammen zeige, aber alles blieb ruhig, und
-wenn es nur einer allein gehört hätte, würde er sich endlich
-selbst überredet haben, es sei ein Traum gewesen.
-Am Morgen erkundigten sie sich bei dem Wirt, was das
-außerordentlich starke Trommeln in der Stadt zu bedeuten
-gehabt, und erfuhren mit Erstaunen, daß dieses jede
-Nacht mit dem Schlag zwölf Uhr so wäre. Es sei die
-Reveille!</p>
-
-<p>Des Morgens fühlte sich Schiller etwas unpäßlich, bestand
-aber doch darauf, den sechs Stunden langen Weg
-nach Frankfurt noch heute zu gehen, damit er alsogleich nach
-Mannheim schreiben und sich die indessen an ihn eingelaufenen
-Briefe schicken lassen könne.</p>
-
-<p>Es war ein sehr schöner, heiterer Morgen, als die Reisenden
-ihre ermüdeten Füße wieder in Gang zu bringen
-versuchten und den Weg antraten. Langsam schritten sie vorwärts,
-rasteten aber schon nach einer Stunde, um sich in
-einem Dorfe mit etwas Kirschengeist, in Wasser geschüttet,
-abzukühlen und zu stärken. Zu Mittag kehrten sie wieder
-ein, weniger wegen des Essens, als daß Schiller, der sehr
-müde war, sich etwas ausruhen könne. Allein es war in
-dem Wirtshause zu lärmend, die Leute zu roh, als daß es
-über eine halbe Stunde auszuhalten gewesen wäre. Man
-machte sich also noch einmal auf, um Frankfurt in einigen
-Stunden zu erreichen, welches aber die Mattigkeit Schillers
-kaum zuzulassen schien; denn er ging immer langsamer, mit
-jeder Minute vermehrte sich seine Blässe, und als man in
-ein Wäldchen gelangte, in welchem seitwärts eine Stelle
-ausgehauen war, erklärte er, außerstande zu sein noch weiter
-zu gehen, sondern versuchen zu wollen, ob er sich nach einigen
-Stunden Ruhe wenigstens so weit erhole, um heute noch die
-Stadt erreichen zu können. Er legte sich unter ein schattiges
-Gebüsch ins Gras nieder, um zu schlafen, und S. setzte sich
-auf den abgehauenen Stamm eines Baumes, ängstlich und<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-bange nach dem armen Freund hinschauend, der nun doppelt
-unglücklich war.</p>
-
-<p>In welcher Sorge und Unruhe der Wachende die Zeit
-zugebracht, während der Kranke schlief, kann nur derjenige
-allein fühlen, der die Freundschaft nicht bloß durch den Austausch
-gegenseitiger Gefälligkeiten, sondern auch durch das
-wirkliche mit Leiden und mit Tragen aller Widerwärtigkeiten
-kennt. Und hier mußte die innigste Teilnahme um so größer
-sein, da sie einem Jüngling galt, der in allem das reinste
-Gemüt, den höchsten Adel der Seele kund gab und all das
-Erhabene und Schöne schon im voraus ahnen ließ, das er
-später so groß und herrlich entfaltete. Auch in seinen gehärmten,
-düstern Zügen ließ sich noch der stolze Mut wahrnehmen,
-mit dem er gegen ein hartes, unverdientes Schicksal
-zu kämpfen suchte, und die wechselnde Gesichtsfarbe verriet,
-was ihn, auch seiner unbewußt, beschäftige. Das Ruheplätzchen
-lag für den Schlafenden so günstig, daß nur links ein
-Fußsteig vorbeiführte, der aber während zwei Stunden von
-niemand betreten wurde. Erst nach Verlauf dieser Zeit zeigte
-sich plötzlich ein Offizier in blaßblauer Uniform mit gelben
-Aufschlägen, dessen überhöflicher Ausruf: »Ah! hier ruht
-man sich aus!« einen der in Frankfurt liegenden Werber
-vermuten ließ. Er näherte sich mit der Frage: »Wer sind
-die Herren?« worauf S. etwas laut und barsch antwortete:
-»Reisende.«</p>
-
-<p>Schiller erwachte, richtete sich schnell auf und maß den
-Fremden mit scharfem, verwundertem Blick, der sich nun
-auch, da er wohl merken mochte, daß hier für ihn nichts
-zu angeln sei, ohne weiter ein Wort zu sprechen, entfernte.</p>
-
-<p>Auf die schnelle Frage von S., wie geht's, wie ist Ihnen?
-erfolgte zu seiner großen Beruhigung die Antwort: »Mir
-ist etwas besser, ich glaube, daß wir unsern Marsch wieder
-antreten können.« Er stand auf, durch den Schlaf soweit
-gestärkt, daß er, anfangs zwar langsam, aber doch ohne Beschwerde
-fortgehen konnte. Außerhalb des Wäldchens traf<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-man auf einige Leute, welche die Entfernung der Stadt
-noch auf eine kleine Stunde angaben. Diese Nachricht belebte
-den Mut, es wurde etwas schneller gegangen, und
-ganz unvermutet zeigte sich das altertümlich gebaute, merkwürdige
-Frankfurt, in welches man auch noch vor der Dämmerung
-eintrat.</p>
-
-<p>Teils aus nötiger Sparsamkeit, teils auch, wenn Nachforschungen
-geschehen sollten, um so leichter verborgen zu
-sein, wurde die Wohnung in der Vorstadt Sachsenhausen
-bei einem Wirte der Mainbrücke gegenüber gewählt und
-mit demselben sogleich der Betrag für Zimmer und Verköstigung
-auf den Tag bedungen, damit man genau wisse,
-wie lange der geringe Geldvorrat noch ausreichen würde.</p>
-
-<p>Die Gewißheit, hier genugsam verborgen zu sein, die
-vergönnte Ruhe und ein erquickender Schlaf gaben Schillern
-die nötigen Kräfte, daß er des andern Tages einige Briefe
-nach Mannheim schreiben konnte. Unter diesen befand sich
-auch derjenige an Baron Dalberg, der sich in obengenannter
-Sammlung Seite 71 befindet. Gern würde der Verfasser
-dieses dem Leser einen kleinen Schmerz ersparen, aber er
-muß es wissen, und bei diesem außerordentlichen, jetzt beinahe
-vergötterten Dichter, wiederholt bestätigt sehen, daß in
-Deutschland keinem großen Mann in seiner Jugend auf
-Rosen gebettet wird; daß &ndash; ist er nicht schon durch die
-Eltern mit Glücksgütern gesegnet &ndash; er die rauhesten, mit
-verwundenden Dornen belegten Wege betreten muß, und
-selten, leider äußerst selten, eine freundliche Hand sich findet,
-um ihm die Bahn gangbarer, um seiner Brust das Atmen
-leichter zu machen. Man überschlage den Brief nicht; denn
-er wurde mit gepreßtem Gemüt und nicht mit trockenen
-Augen geschrieben.</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Eure Exzellenz werden von meinen Freunden zu Mannheim
-meine Lage bis zu Ihrer Ankunft, die ich leider nicht
-mehr abwarten konnte, erfahren haben. Sobald ich Ihnen
-sage, ich bin auf der Flucht, sobald hab' ich mein ganzes<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-Schicksal geschildert. Aber noch kommt das Schlimmste dazu.
-Ich habe die nötigen Hilfsmittel nicht, die mich in den Stand
-setzten, meinem Mißgeschick Trotz zu bieten. Ich habe mich
-von Stuttgart meiner Sicherheit wegen schnell und zur
-Zeit des Großfürsten losreißen müssen. Dadurch habe ich
-meine bisherigen ökonomischen Verhältnisse plötzlich durchrissen
-und nicht alle Schulden berichtigen können. Meine
-Hoffnung war auf meinen Aufenthalt zu Mannheim gesetzt;
-dort hoffte ich, von E. E. unterstützt, durch mein Schauspiel
-mich nicht nur schuldenfrei, sondern auch überhaupt in bessere
-Umstände zu setzen. Dies ward durch meinen notwendigen
-plötzlichen Aufbruch hintertrieben. Ich ging leer hinweg,
-leer in Börse und Hoffnung. Es könnte mich schamrot
-machen, daß ich Ihnen solche Geständnisse tun muß; aber
-ich weiß, es erniedrigt mich nicht. Traurig genug, daß ich
-auch an mir die gehässige Wahrheit bestätigt sehen muß,
-die jedem freien Schwaben Wachstum und Vollendung abspricht.<a id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">2</a></p>
-
-<p>»Wenn meine bisherige Handlungsart, wenn alles das,
-woraus E. E. meinen Charakter erkennen, Ihnen ein Zutrauen
-gegen meine Ehrliebe einflößen kann, so erlauben Sie
-mir, Sie freimütig um Unterstützung zu bitten. So höchst
-notwendig ich jetzt des Ertrags bedarf, den ich von meinem
-Fiesco erwartete, so wenig kann ich ihn vor drei Wochen
-theaterfertig liefern, weil mein Herz so lange beklemmt war,
-weil das Gefühl meines Zustandes mich gänzlich von dichterischen
-Träumen zurückriß. Wenn ich ihn aber bis auf besagte
-Zeit nicht nur fertig, sondern, wie ich auch hoffen kann,
-würdig verspreche, so nehme ich mir daraus den Mut, Euer
-Exzellenz um gütigsten Vorschuß des mir dadurch zufallenden
-Preises gehorsamst zu bitten, weil ich jetzt vielleicht mehr als<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-sonst durch mein ganzes Leben dessen benötigt bin. Ich hätte
-ungefähr noch 200 fl. nach Stuttgart zu bezahlen. Ich darf
-es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorge macht, als
-wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll. Ich habe
-so lange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt
-habe.</p>
-
-<p>»Dann wird mein Reisemagazin in acht Tagen erschöpft
-sein. Noch ist es mir gänzlich unmöglich mit dem Geiste
-zu arbeiten. Ich habe also gegenwärtig auch in meinem
-Kopf keine Ressourcen. Wenn E. E. (da ich doch einmal
-alles gesagt habe) mir auch hiezu 100 fl. vorstrecken würden,
-so wäre mir gänzlich geholfen. Entweder würden Sie dann
-die Gnade haben, mir den Gewinst der ersten Vorstellung
-meines Fiesco mit aufgehobenem Abonnement zu versprechen,
-oder mit mir über einen Preis übereinkommen, den der Wert
-meines Schauspiels bestimmen würde. In beiden Fällen
-würde es mir ein leichtes sein (wenn meine jetzige Bitte
-die alsdann erwachsende Summe überstiege) beim nächsten
-Stück, das ich schreibe, die ganze Rechnung zu applanieren.
-Ich lege diese Meinung, die nichts als inständige Bitte sein
-darf, dem Gutbefinden E. E. also vor, wie ich es meinen
-Kräften zutrauen kann, sie zu erfüllen.</p>
-
-<p>»Da mein gegenwärtiger Zustand aus dem Bisherigen
-hell genug wird, so finde ich es überflüssig, E. E. mit einer
-drängenden Vormalung meiner Not zu quälen.</p>
-
-<p>»Schnelle Hilfe ist alles, was ich jetzt noch denken und
-wünschen kann. Herr Meier ist von mir gebeten mir den
-Entschluß E. E. unter allen Umständen mitzuteilen, und
-Sie selbst des Geschäftes mir zu schreiben zu überheben.</p>
-
-<p>Mit entschiedener Achtung nenne ich mich</p>
-
-<p class="center">
-Euer Exzellenz</p>
-<p class="mostright">
-wahrster Verehrer</p>
-<p class="right">
-Friedr. Schiller.«
-</p></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p>
-
-<p>Vorstehender am 29. oder 30. September<a id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">3</a> geschriebener
-Brief wurde an Herrn Meier überschickt und dieser in einer
-Beilage, nachdem ihm der Inhalt desselben bekannt gemacht
-worden, ersucht, sowohl die Antwort des Baron Dalberg
-entgegenzunehmen, als auch selbe nach Frankfurt zu senden,
-wo man sie von der Post abholen wolle.</p>
-
-<p>Diese Darstellung seiner Umstände kostete Schillern eine
-außerordentliche Überwindung. Denn nichts kann den edlen,
-stolzen Mann tiefer beugen, als wenn er um solche Hilfe
-ansprechen muß, die das tägliche Bedürfnis betrifft, die ihm
-dem Gemeinen, Niedrigen gleichstellt und für die der Reiche
-selten seine Hand öffnet. Aber die Bezahlung der 200 fl.
-nach Stuttgart war so dringend, daß der Ausdruck in seinem
-Briefe: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr
-Sorge macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen
-soll &ndash; Ich habe solange keine Ruhe, bis ich mich von der
-Seite gereinigt habe,« die ernstlichste Wahrheit ausdrückte.
-Um die Pein, welche diese &ndash; wohl manchem sehr unbedeutend
-scheinende &ndash; Summe von 200 fl. dem edelmütigen
-Jüngling verursachte, zu erklären, sowie zur Warnung für
-angehende Dichter oder Schriftsteller, sei eine kurze Auseinandersetzung
-erlaubt.</p>
-
-<p>Schon oben ist erwähnt worden, daß Schiller die Räuber
-auf seine Kosten drucken lassen und das Geld dazu borgen
-mußte. Dieses Borgen konnte aber nicht bei dem Darleiher
-selbst geschehen, sondern es verwendete sich, wie es gewöhnlich
-geschieht, eine dritte Person dabei, welche die Bezahlung
-verbürgte. Auch bei dem Druck der Anthologie mußte nachbezahlt
-werden, wodurch denn nebst anderthalbjährigen Zinsen
-eine Summe, die ursprünglich kaum 150 fl. betrug,
-sich auf 200 anhäufte. Solange Schiller in Stuttgart war,
-konnte er leicht den Rückzahlungstermin verlängern, da man
-an seinen Eltern, obwohl sie nicht reich waren, doch im<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-schlimmsten Fall einige Sicherheit vermutete. Da jedoch
-durch den Befehl des Herzogs das Herausgeben dichterischer
-Werke Schillern auf das strengste verboten war und er sich
-nur durch solche Arbeiten seine ärmliche Besoldung von jährlichen
-180 fl. zu vergrößern wußte, so mußte wohl eine
-solche Verlegenheit zu dem Entschlusse, Stuttgart zu verlassen,
-viel beitragen, und er hatte auch in diesem Sinne vollkommen
-recht, wo er anführt: »Die Räuber kosteten mich
-Familie und Vaterland.« Nach der Abreise Schillers konnte
-sich der Darleiher nur an die Zwischenperson halten, und
-diese, da sie zur Zahlung unvermögend war, konnte in den
-Fall geraten, verhaftet zu werden, was dann demjenigen,
-der die Ursache davon war, das Herz zernagen mußte. Seine
-ganze Hoffnung war nun auf den Baron Dalberg gerichtet,
-und daß dieser, der ihm früher so viele Versicherungen seiner
-Teilnahme gegeben, ihn schon darum aus dieser Verlegenheit
-befreien würde, weil er den Wert der erbetenen Hilfe
-in dem Manuskripte von Fiesco schon in Händen hatte, konnte
-nicht im mindesten bezweifelt werden. Überdies war Baron
-Dalberg nicht nur sehr reich, sondern hatte auch wegen des
-häufigen Verkehrs mit Dichtern und Schriftstellern durch
-die Artigkeit seines Benehmens gegen sie (was bei diesen
-Herren für eine sehr schwere Münze gilt) den Ruf eines
-wahren Gönners und Beschützers der schönen Wissenschaften
-und Künste sich erworben.</p>
-
-<p>Da Schiller durch obiges Schreiben die schwerste Last
-von seinem Herzen abgewälzt hatte, gewann er zum Teil
-auch seine frühere Heiterkeit wieder. Sein Auge wurde feuriger,
-seine Gespräche belebter, seine Gedanken, bisher immer
-mit seinem Zustande beschäftigt, wendeten sich jetzt auch auf
-andere Gegenstände. Ein Spaziergang, der des Nachmittags
-über die Mainbrücke durch Frankfurt nach der Post gemacht
-wurde, um die Briefe nach Mannheim abzugeben,
-zerstreute ihn, da er das kaufmännische Gewühl, die ineinander
-greifende Tätigkeit so vieler hier zum erstenmal sah.<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-Auf dem Heimwege übersah man von der Mainbrücke das
-tätige Treiben der abgehenden und ankommenden, der ein-
-und auszuladenden Schiffe, nebst einem Teil von Frankfurt,
-Sachsenhausen, sowie den gelblichen Mainstrom, in dessen
-Oberfläche sich der heiterste Abendhimmel spiegelte. Lauter
-Gegenstände, die das Gemüt wieder hoben und Bemerkungen
-hervorriefen, die um so anziehender waren, als seine
-überströmende Einbildungskraft dem geringsten Gegenstand
-Bedeutung gab und die kleinste Nähe an die weiteste Entfernung
-zu knüpfen wußte. Diese Zerstreuung hatte auf die
-Gesundheit Schillers so wohltätig eingewirkt, daß er wieder
-einige Eßlust bekam, die ihm seit zwei Tagen gänzlich fehlte,
-und sich mit Lebhaftigkeit über dichterische Pläne unterhalten
-konnte. Sein ganzes Wesen war so angelegt, sein Körperliches
-dem Geistigen so untergeordnet, daß ihn solche Gedanken
-nie verließen und er ohne Unterlaß von allen Musen
-umschwebt schien. Auch hatte er kaum das leichte Nachtessen
-geendet, als sich aus seinem Schweigen, aus seinen aufwärts
-gerichteten Blicken wahrnehmen ließ, daß er über etwas Ungewöhnlichem
-brüte. Schon auf dem Wege von Mannheim
-bis Sandhofen und von da nach Darmstadt ließ sich bemerken,
-daß sein Inneres weniger mit seiner gegenwärtigen Lage
-als mit einem neuen Entwurfe beschäftigt sei; denn er war
-so sehr in sich verloren, daß ihn selbst in der mit Recht so
-berühmten Bergstraße sein Reisegefährte auf jede reizende
-Ansicht aufmerksam machen mußte. Nun, zwischen vier
-Wänden, überließ er sich um so behaglicher seiner Einbildungskraft,
-als diese jetzt durch nichts abgelenkt wurde und
-er ungestört sich bewegen oder ruhen konnte. In solchen
-Stunden war er wie durch einen Krampf ganz in sich zurückgezogen
-und für die Außenwelt gar nicht vorhanden;
-daher auch sein Freund ihn durch nichts beunruhigte, sondern
-mit einer Art heiliger Scheu sich so still als möglich
-verhielt. Der nächste Vormittag wurde dazu verwendet, um
-die in der Geschichte Deutschlands so merkwürdige Stadt<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-etwas sorgfältiger als gestern geschehen konnte, zu besehen
-und auch einige Buchläden zu besuchen. In dem ersten derselben
-erkundigte sich Schiller, ob das berüchtigte Schauspiel
-die Räuber guten Absatz finde und was das Publikum darüber
-urteile? Die Nachricht über das erste fiel so günstig
-aus und die Meinung der großen Welt wurde so außerordentlich
-schmeichelhaft geschildert, daß der Autor sich überraschen
-ließ und, ungeachtet er als Doktor Ritter vorgestellt
-worden, dem Buchhändler nicht verbergen konnte, daß er,
-der gegenwärtig das Vergnügen habe mit ihm zu sprechen,
-der Verfasser davon sei. Aus den erstaunten, den Dichter
-messenden Blicken des Mannes ließ sich leicht abnehmen,
-wie unglaublich es ihm vorkommen müsse, daß der so sanft
-und freundlich aussehende Jüngling so etwas geschrieben
-haben könne. Indes verbarg er seine Zweifel, indem er
-durch mancherlei Wendungen das vorhin ausgesprochene Urteil,
-welches man so ziemlich als das allgemeine annehmen
-konnte, wiederholte. Für Schiller war jedoch dieser Auftritt
-sehr erheiternd; denn in einem solchen Zustande wie er damals
-war, konnte auf sein bekümmertes Gemüt nichts so
-angenehmen Eindruck haben als die Anerkennung seines
-Talentes und die Gewißheit der Wirkung, von der alle seine
-Leser ergriffen worden.</p>
-
-<p>Zu Haus angelangt, überließ sich Schiller aufs neue seinen
-dichterischen Eingebungen und brachte den Nachmittag
-und Abend im Auf- und Niedergehen oder im Schreiben
-einiger Zeilen hin. Zum Sprechen gelangte er erst nach
-dem Abendessen, wo er dann auch seinem Gefährten erklärte,
-was für eine Arbeit ihn jetzt beschäftige.</p>
-
-<p>Da man allgemein glaubt, daß bei dem Empfangen und
-an das Lichtbringen der Geisteskinder gute oder schlimme
-Umstände ebenso vielen Einfluß wie bei den leiblichen äußern,
-so sei dem Leser schon jetzt vertraut, daß Schiller seit der
-Abreise von Mannheim mit der Idee umging, ein bürgerliches
-Trauerspiel zu dichten, und er schon soweit im Plan<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-desselben vorgerückt war, daß die Hauptmomente hell und
-bestimmt vor seinem Geiste standen.</p>
-
-<p>Dieses Trauerspiel, das wir jetzt unter dem Namen
-Kabale und Liebe kennen, welches aber ursprünglich Luise
-Millerin hätte benannt werden sollen, wollte er mehr als
-einen Versuch unternehmen, ob er sich auch in die bürgerliche
-Sphäre herablassen könne, als daß er sich öfters oder
-gar für immer dieser Gattung hätte widmen wollen. Er
-dachte so eifrig darüber nach, daß in den nächsten vierzehn
-Tagen schon ein bedeutender Teil der Auftritte niedergeschrieben
-war.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen fragten die Reisenden auf der Post
-nach, ob keine Briefe für sie angelangt wären? Aber der
-Gang war fruchtlos, und da die Witterung trübe und regnerisch
-war, so mußte die Zuflucht wieder zur Stube genommen
-werden. Am Nachmittag wurde auf der Post noch
-einmal angefragt, aber ebenso vergeblich wie in der Frühe.</p>
-
-<p>Diese Verspätung deutete S. um so mehr als ein gutes
-Zeichen, indem der angesuchte Betrag entweder durch Wechsel
-oder durch den Postwagen übermacht werden müsse, was
-dann notwendig einige Tage mehr erfordern könne als ein
-bloßer Brief. Er war seiner Sache so gewiß, daß er Schillern
-ersuchte, ihm seine in Mannheim zurückgelassenen Sachen
-nach Frankfurt zu schicken, weil er dann, sowie die Hilfe
-von Baron Dalberg eintreffe, seine Mutter ersuchen wolle,
-ihm außer dem, was er jetzt schon besitze, noch mehr zu
-senden, damit er von hier aus die Reise nach Hamburg fortsetzen
-könne. Schiller sagte dieses sehr gern zu und versprach
-noch weiter, ihm auch von Meier sowie von seinen
-andern Freunden Empfehlungsbriefe zu verschaffen, indem
-ein junger Tonkünstler nie zu viele Bekanntschaften haben
-könne. Diese Hoffnungen, die von beiden Seiten noch durch
-viele Zutaten verschönert wurden, erheiterten den durch eine
-bessere Witterung begünstigten Spaziergang und störten auch
-abends die Phantasie des Dichters so wenig, daß er sich derselben,<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-im Zimmer auf und ab gehend, mehrere Stunden
-ganz ruhig überließ.</p>
-
-<p>Den nächsten Morgen gingen die Reisenden schon um
-neun Uhr aus, um die vielleicht in der Nacht an sie eingelaufenen
-Briefe abzuholen, die auch zu ihrer großen Freude
-wirklich eingetroffen waren. Sie eilten so schnell als möglich
-nach Haus, um den Inhalt derselben ungestört besprechen
-zu können, und waren kaum an der Tür ihrer Wohnung,
-als Schiller schon das an <em class="antiqua">Dr.</em> Ritter überschriebene Paket
-erbrochen hatte. Er fand mehrere Briefe von seinen Freunden
-in Stuttgart, die sehr vieles über das außerordentliche
-Aufsehen meldeten, das sein Verschwinden veranlaßt habe,
-ihm die größte Vorsicht wegen seines Aufenthalts anrieten,
-aber doch nicht das mindeste aussprachen, woraus sich auf
-feindselige Absichten des Herzogs hätte schließen lassen. Alle
-diese Briefe wurden gemeinschaftlich gelesen, weil ihr Inhalt
-beide betraf und allerdings geeignet war, sie einzuschüchtern.
-Allein da sie in Sachsenhausen geborgen waren, so beruhigten
-sie sich um so leichter, da sie in dem Schreiben des
-Herrn Meier der angenehmsten Nachricht entgegen sahen.
-Schiller las dieses für sich allein und blickte dann gedankenvoll
-durch das Fenster, welches die Aussicht auf die Mainbrücke
-hatte. Er sprach lange kein Wort, und es ließ sich
-nur aus seinen verdüsterten Augen, aus der veränderten
-Gesichtsfarbe schließen, daß Herr Meier nichts Erfreuliches
-gemeldet habe. Nur nach und nach kam es zur Sprache,
-daß Baron Dalberg keinen Vorschuß leiste, weil Fiesco in
-dieser Gestalt für das Theater nicht brauchbar sei; daß die
-Umarbeitung erst geschehen sein müsse, bevor er sich weiter
-erklären könne.</p>
-
-<p>Diese niederschlagende Nachricht mußte dem edlen Jüngling
-um so unerwarteter sein, je mehr er durch die ihm von
-Baron Dalberg bezeugte Teilnahme zu seiner Bitte und zur
-Hoffnung, daß sie erfüllt würde, berechtigt war. Am meisten
-mußte aber sein Ehrgeiz dadurch beleidigt sein, daß er<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-seine traurige Lage ganz unnützerweise enthüllt und sich durch
-deren Darstellung der Willkür desjenigen preisgegeben, von
-dem er mit Recht Unterstützung erwartete.</p>
-
-<p>Wenige junge Männer würden sich in gleichen Umständen
-mit Mäßigkeit und Anstand über eine solche Versagung ausgesprochen
-haben. Schiller aber bewies auch hierin sein reines,
-hohes Gemüt; denn er ließ nicht die geringste Klage hören;
-kein hartes oder heftiges Wort kam über seine Lippen, ja
-nicht einmal eines Tadels würdigte er die erhaltene Antwort,
-so wenig er sich auch vor seinem jüngeren Freunde
-hätte scheuen dürfen, seinen Unmut auszulassen. Er sann
-alsobald nur darauf, wie er dennoch zu seinem Zweck gelangen
-könne, oder was zuerst getan werden müsse. Da die
-Hoffnung geblieben war, daß, wenn Fiesco für das Theater
-brauchbar eingerichtet sei, derselbe angenommen und bezahlt
-würde, oder, wenn dieses auch nicht der Fall wäre, doch
-das Stück in Druck gegeben und dafür etwas eingenommen
-werden könne, so beschloß er in die Gegend von Mannheim
-zu gehen, weil es dort wohlfeiler als in Frankfurt zu leben
-sei, und auch um den Herren Schwan und Meier nahe zu
-sein, damit, wenn es auf die tiefste Stufe des Mangels
-kommen sollte, von diesen einige Hilfe erwartet werden könne.
-Er wäre sogleich dahin aufgebrochen, allein man war noch
-an Frankfurt gebannt, denn bei jedem Griff in den Beutel
-war schon sein Boden erreicht, und die durch S. von seiner
-Mutter erbetene Beihilfe war noch nicht angelangt. Bis
-diese eintreffe, mußte man hier aushalten, und um gegen
-die Möglichkeit, daß sie spät ankäme, oder vielleicht gar ausbliebe,
-doch einigermaßen gedeckt zu sein, entschloß sich Schiller
-ein ziemlich langes Gedicht, Teufel Amor betitelt, an einen
-Buchhändler zu verkaufen.</p>
-
-<p>Dieses Gedicht, von dem sich der Verfasser dieses nur
-noch folgender zwei Verse:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Süßer Amor, verweile<br /></span>
-<span class="i0">Im melodischen Flug«<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span></p>
-<p class="noind">mit Zuverlässigkeit erinnert, war eines der vollkommensten,
-die Schiller bisher gemacht und an schönen Bildern, Ausdruck
-und Harmonie der Sprache so hinreißend, daß er selbst
-&ndash; was bei seinen anderen Arbeiten nicht oft eintraf &ndash; ganz
-damit zufrieden schien und seinen jungen Freund mehrmals
-durch dessen Vorlesung erfreute. Leider ging es in den nächsten
-vier Wochen (wie der Leser später erfahren wird) mit
-noch andern Sachen, wahrscheinlich durch die Zerstreuung
-des Dichters selbst, in Verlust, indem sich in der von ihm
-herausgegebenen Sammlung seiner Gedichte keine Spur
-davon findet und das meiste davon der Bekanntmachung
-fast würdiger gewesen wäre als einige Stücke aus seiner
-frühern Zeit.</p>
-
-<p>Von dem Buchhändler kam Schiller aber ganz mißmutig
-wieder zurück, indem er fünfundzwanzig Gulden dafür verlangte,
-jener jedoch nur achtzehn geben wollte. So benötigt
-er aber auch dieser kleinen Summe war, konnte er es doch
-nicht über sich gewinnen, diese Arbeit unter dem einmal ausgesprochenen
-Preise wegzugeben, und zwar sowohl aus herzlicher
-Verachtung gegen alle Knickerei als auch, weil er den
-Wert des Gedichtes selbst nicht gering achtete. Endlich, nachdem
-der Reichtum der geängstigten Freunde schon in kleine
-Scheidemünze sich umgewandelt hatte, kamen den nächsten
-Tag auf dem Postwagen die bescheidenen dreißig Gulden für
-S. an, der auch ohne das geringste Bedenken für jetzt seinen
-Plan nach Hamburg aufgab und bei Schillern blieb, um
-ihn nach seinem neuen Aufenthaltsorte zu begleiten. Dieser
-schrieb noch am nämlichen Abend an Herrn Meier, daß er
-den nächsten Vormittag nach Mainz abgehen, am folgenden
-Abend in Worms eintreffen werde, wo er auf der Post Nachricht
-erwarte, wohin er sich zu begeben habe, um ihn zu
-sprechen und den Ort zu bestimmen, in welchem er sein
-Trauerspiel ruhig umarbeiten könne. Gleich den andern
-Morgen begaben sich die Reisenden auf das von Frankfurt
-nach Mainz täglich abgehende Marktschiff, mit welchem sie<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span>
-des Nachmittags bei guter Zeit in letztbenannter Stadt anlangten,
-dort sogleich in einem Gasthofe das Wenige, was
-sie bei sich hatten, ablegten und noch ausgingen, um den
-Dom und die Stadt zu besichtigen.</p>
-
-<p>Am nächsten Tage verließen sie Mainz sehr früh, wo sie,
-die Favorite vorbei, den herrlichen Anblick des Zusammentreffens
-vom Rhein- und Mainstrome bei der schönsten
-Morgenbeleuchtung genossen und den echt deutschen Eigensinn
-bewunderten, mit welchem beide Gewässer ihre Abneigung
-zur Vereinigung durch den scharfen Abschnitt ihrer bläulichen
-und gelben Farben bezeichneten.</p>
-
-<p>Da man auf den Abend in Worms eintreffen wollte,
-so mußten die Wanderer als ungeübte Fußgänger sich ziemlich
-anstrengen, um den neun Stunden langen Weg zurückzulegen.
-Als noch am Vormittag Nierenstein erreicht wurde,
-konnten beide der Versuchung nicht widerstehen, sich an dem
-in der Gegend wachsenden Wein, den sie nur aus den Lobeserhebungen
-der Dichter kannten, zu stärken, welches besonders
-Schiller, der von Mainz bis hierher nur wenige Worte gesprochen,
-sehr zu bedürfen schien. Sie traten in das zunächst
-am Rhein gelegene Wirtshaus und erhielten dort durch Bitten
-und Vorstellungen einen Schoppen oder ein Viertelmaß von
-dem besten ältesten Weine, der sich im Keller fand und der
-mit einem kleinen Taler bezahlt werden mußte.</p>
-
-<p>Als Nichtkenner edler Weine schien es ihnen, daß bei
-diesem Getränk wie bei vielen berühmten Gegenständen der
-Ruf größer sei, als die Sache verdiene. Aber als sie ins
-Freie gelangten, als die Füße sich leichter hoben, der Sinn
-munterer wurde, die Zukunft ihre düstere Hülle etwas lüftete
-und man ihr mit mehr Mut als bisher entgegenzutreten
-wagte, glaubten sie einen wahren Herzenströster in ihm entdeckt
-zu haben, und ließen dem edlen Weine volle Gerechtigkeit
-angedeihen. Dieser angenehme Zustand erstreckte sich aber
-kaum über drei Stunden; denn so fest auch der Wille war,
-so sehr die Notwendigkeit zur Eile antrieb, so konnte Schiller<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span>
-doch das anstrengende Gehen kaum bis in die Mitte des
-Nachmittags aushalten; was aber vorzüglich daher kommen
-mochte, weil er immer in Gedanken verloren war, und nichts
-so sehr ermüdet als tiefes Nachdenken, wenn der Körper in
-Bewegung ist. Man entschloß sich daher eine Station weit
-zu fahren, wodurch es allein möglich war, daß Worms um
-neun Uhr nachts erreicht wurde.</p>
-
-<p>Am andern Morgen fand Schiller auf der Post einen
-Brief des Herrn Meier, worin dieser die Nachricht gab, daß
-er diesen Nachmittag mit seiner Frau in Oggersheim in
-dem Gasthause, zum Viehhof genannt, eintreffen wolle, wo
-er ihn zu sehen hoffe, um weitere Abrede mit ihm nehmen
-zu können. Die Reisenden begaben sich um so ruhiger auf
-den Weg, als sie hoffen durften, daß endlich aller Ungewißheit
-ein Ende sein würde, und trafen zur gesetzten Zeit in
-Oggersheim ein, wo sie auch schon Herrn und Madame
-Meier nebst zwei Verehrern des Dichters vorfanden.</p>
-
-<p>Für Herrn Meier war es eine unangenehme, lästige Aufgabe,
-dem jungen Manne, den er als Dichter und Menschen
-gleich hoch achtete, die Ansichten des Baron Dalberg über
-Fiesco und warum er sich in keinen Vorschuß einlassen
-könne, auseinander zu setzen. Er wußte jedoch seinen Ausdrücken
-eine solche Wendung zu geben, daß sie keinen der
-beiden Gegenstände hart berührten, sondern alles so gelind
-als natürlich darstellten. Auch gab er die Versicherung, daß
-Fiesco unbezweifelt angenommen werde, sobald er um mehrere
-Szenen abgekürzt und der fünfte Akt ganz beendigt sei.
-Schiller benahm sich auch bei dieser Gelegenheit wahrhaft
-edel und weit über das Gewöhnliche erhaben; denn so sehr
-ihm aus oben berührten Rücksichten daran gelegen sein
-mußte, den Preis seines Stückes schon jetzt zu haben, so sehr
-er auch sein in den Baron Dalberg gesetztes Vertrauen nur
-durch Ausflüchte erwidert fand, so sprach er doch kein Wort,
-das irgend eine Art von Empfindlichkeit über die vereitelte
-Hoffnung hätte erraten lassen oder als Widerlegung der<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-über Fiesco gemachten Bemerkungen hätte ausgelegt werden
-können. Mit der freundlichen, männlichen Art, die im Umgang
-ihm ganz gewöhnlich war, leitete er das Gespräch darauf
-hin, den Ort zu bestimmen, wo er sich einige Wochen, als
-solange die Umarbeitung wohl dauern werde, ruhig und ohne
-Gefahr aufhalten könne. Aus vielen Ursachen wurde es am
-besten befunden, wenn er hier in Oggersheim bleibe. Dieses
-sei nur eine kleine Stunde von Mannheim entfernt, er könne,
-so oft er es nötig finde, des Abends in die Stadt kommen
-und wäre in der Nähe seiner Bekannten und Freunde wenigstens
-nicht ganz ohne Hilfe, wenn sich etwas Widriges ereignen
-sollte.</p>
-
-<p>Da die von Madame Meier den Reisenden eingehändigten
-Briefe aus Stuttgart noch immer von Gefahr der Auslieferung
-sprachen und die möglichste Verborgenheit empfahlen,
-so wurde der Name Ritter, den Schiller bisher geführt, in
-Doktor Schmidt umgewandelt und er von den Anwesenden
-in Gegenwart des herbeigerufenen Wirtes also gleich mit
-diesem Titel angeredet. Auch hier wurde der Betrag für
-Kost und Wohnung auf den Tag bedungen und Madame
-Meier ersucht, die in Mannheim gebliebenen Koffer und das
-Klavier den Reisenden übermachen zu wollen. Der eintretende
-Abend schied die Gesellschaft. Die Freunde, nun wieder
-ganz auf sich eingeschränkt, begaben sich auf das ihnen angewiesene
-Zimmer, wo sie aber nur ein einziges Bett vorfanden,
-mit dem sie sich begnügen mußten.</p>
-
-<p>Da man die täglichen Kosten des Aufenthaltes wußte, so
-ließ sich leicht berechnen, daß die Barschaft auf höchstens drei
-Wochen ausreichen könne, in welcher Zeit Schiller seine Arbeit
-zu beendigen hoffte. Allein es ließ sich leicht voraussehen,
-daß dieses nicht der Fall sein würde, indem er viel
-zu sehr mit seinem neuen Trauerspiel beschäftigt war und
-schon am ersten Abend in Oggersheim den Plan desselben
-aufzuzeichnen anfing. Gleich bei dem Entwurf desselben
-hatte er sich vorgenommen, die vorkommenden Charaktere<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-den eigensten Persönlichkeiten der Mitglieder von der Mannheimer
-Bühne so anzupassen, daß jedes nicht nur in seinem
-gewöhnlichen Rollenfache sich bewegen, sondern auch ganz so
-wie im wirklichen Leben zeigen könne. Im voraus schon
-ergötzte er sich oft daran, wie Herr Beil den Musikus Miller
-so recht naiv-drollig darstellen werde und welche Wirkung
-solche komische Auftritte gegen die darauffolgenden tragischen
-auf die Zuschauer machen müßten. Da er die Werke Shakespeares
-nur gelesen, aber keines seiner Stücke hatte aufführen
-sehen, so konnte er auch noch nicht aus der Erfahrung wissen,
-wie viele Kunst von seiten des Darstellers dazu gehöre, um
-solchen Kontrasten das Scharfe, das Grelle zu benehmen, und
-wie klein die Anzahl derer im Publikum ist, welche die große
-Einsicht des Dichters oder die Selbstverleugnung des Schauspielers
-zu würdigen verstehen.</p>
-
-<p>Er war so eifrig beschäftigt, alles das niederzuschreiben,
-was er bis jetzt darüber in Gedanken entworfen hatte, daß
-er während ganzer acht Tage nur auf Minuten das Zimmer
-verließ. Die langen Herbstabende wußte er für sein Nachdenken
-auf eine Art zu benützen, die demselben eben so förderlich
-als für ihn angenehm war. Denn schon in Stuttgart
-ließ sich immer wahrnehmen, daß er durch Anhören trauriger
-oder lebhafter Musik außer sich selbst versetzt wurde, und daß
-es nichts weniger als viele Kunst erforderte, durch passendes
-Spiel auf dem Klavier alle Affekte in ihm aufzureizen.
-Nun mit einer Arbeit beschäftigt, welche das Gefühl auf
-die schmerzhafteste Art erschüttern sollte, konnte ihm nichts
-erwünschter sein, als in seiner Wohnung das Mittel zu besitzen,
-das seine Begeisterung unterhalten oder das Zuströmen
-von Gedanken erleichtern könne.</p>
-
-<p>Er machte daher meistens schon bei dem Mittagtische mit
-der bescheidensten Zutraulichkeit die Frage an S.: »Werden
-Sie nicht heute abend wieder Klavier spielen?« &ndash;
-Wenn nun die Dämmerung eintrat, wurde sein Wunsch
-erfüllt, während dem er im Zimmer, das oft bloß durch<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-das Mondlicht beleuchtet war, mehrere Stunden auf und ab
-ging und nicht selten in unvernehmliche, begeisterte Laute
-ausbrach.</p>
-
-<p>Auf diese Art verflossen einige Wochen, bis er dazu gelangte,
-über die bei Fiesco zu treffenden Veränderungen mit
-einigem Ernste nachzudenken; denn so lang er sich von den
-Hauptsachen seiner neuen Arbeit nicht loswinden konnte, so
-lange diese nicht entschieden vor ihm lagen, so lang er die
-Anzahl der vorkommenden Personen und wie sie verwendet
-werden sollten, nicht bestimmt hatte, war auch keine innere
-Ruhe möglich.</p>
-
-<p>Erst nachdem er hierüber in Gewißheit war, konnte er
-die Anordnungen in dem frühern Trauerspiel beginnen, wobei
-er aber dennoch den Ausgang desselben vorläufig unentschieden
-lassen mußte. Daß dieser Ausgang nicht so sein
-dürfe, wie er durch die Geschichte angegeben wird, wo ihn
-ein unglücklicher Zufall herbeiführt, blieb für immer ausgemacht.
-Daß er tragisch, daß er der Würde des Ganzen
-angemessen sein müsse, war ebenso unzweifelhaft. Nur blieb
-die schwierige Frage zu lösen, wie, durch wen oder auf
-welche Art das Ende herbeizuführen sei? Schiller konnte
-hierüber so wenig mit sich einig werden, daß er sich vornahm,
-alles Frühere vorher auszuarbeiten, die Katastrophe
-durch nichts erraten zu lassen und obige Zweifel erst, wenn
-das übrige fertig wäre, zuletzt zu entscheiden.</p>
-
-<p>Beinahe ein Monat war verflossen, und Fiesco noch
-immer nicht vollendet; ja wäre der Dichter nicht gezwungen
-gewesen, alles zu versuchen, um sich aus seiner Verlegenheit
-zu retten, so wäre dieses Stück sicher erst dann umgearbeitet
-worden, wenn er das bürgerliche Trauerspiel ganz fertig vor
-sich gesehen hätte.</p>
-
-<p>Nur diejenigen, welche nicht selbst Fähigkeit zu Arbeiten
-haben, wobei Begeisterung und Einbildungskraft beinahe
-ausschließend tätig sein müssen, können diese Unentschlossenheit,
-diese Zögerungen Schillers eines Tadels würdig finden.<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-Zu Werken des ruhigen Verstandes, der kalten Überlegung
-läßt sich der Geist leichter beherrschen, sogar öfters nötigen;
-da im Gegenteil Dichter oder Künstler auf den Augenblick
-warten müssen, wo ihnen die Muse erscheint, und diese, so
-freigebig sie auch gegen ihre Lieblinge ist, sich doch alsobald
-mit Sprödigkeit wegwendet, wenn die dargebotenen Gaben
-nicht augenblicklich erhascht werden. Aus diesen Gründen
-lassen sich bei einem Jüngling, dessen Trieb zur Dichtung
-so vorherrschend ist, daß alle übrigen Eigenschaften bloß diesem
-zu dienen bestimmt sind, Ideen, die sein Inneres aufgeregt
-haben, so wenig abwehren, daß, wenn er es auch
-versuchen wollte, sie doch immerdar den Hintergrund seiner
-Gedanken bilden würden und er nicht früher zur Ruhe gelangen
-könnte, bis er nicht wenigstens die Zeichnung entworfen
-hätte.</p>
-
-<p>Daß Schiller unter diesen Hochbegünstigten Apollos einer
-der vorzüglichsten war, dafür spricht jede Zeile, die er niederschrieb.
-Aber auch ungerechnet die Verhinderungen, welche
-ihm sein eignes Talent in den Weg brachten, konnte die
-Ursache, wegen welcher er den Fiesco gerade jetzt beendigen
-mußte, für ihn nichts weniger als erfreulich sein. Denn so
-hoch er die Gaben des Himmels achtete, so gleichgültig war
-er gegen diejenigen, welche die Erde bietet, und es war gewiß
-nicht ermunternd, zur Erwerbung der letzteren sich gezwungen
-zu wissen. Der Aufenthalt in Oggersheim war
-in dem feuchten, trüben Oktobermonat gleichfalls nicht erheiternd.</p>
-
-<p>Mochten auch die nach Mannheim und Frankenthal führenden
-Pappelalleen anfangs recht hübsch aussehen, so fand
-man doch bald, daß sie nur darum angepflanzt seien, um
-die flache, kahle, sandige Gegend zu verbergen; daher waren
-die Reisenden um so früher an der mageren Aussicht gesättigt,
-als sie von zarter Jugend an an die üppigen Umgebungen
-von Ludwigsburg und Stuttgart gewöhnt waren,
-wo, besonders bei letzterer Stadt, überall Gebirge das Auge<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span>
-erfreuen oder schon die ersten Schritte aus den Stadttoren
-in Gärten oder gut gepflegte Weinberge führen.</p>
-
-<p>Im Hause selbst war der Wirt von rauher, harter Gemütsart,
-welche seine Frau und Tochter, die sehr sanft und
-freundlich waren, öfters auf die heftigste Art empfinden
-mußten. Nur der Kaufmann des Orts war ein Mann, mit
-dem sich über mancherlei Gegenstände sprechen ließ, da er
-ein sehr großer Freund von Büchern und, zu seinem nicht
-geringen Nachteil, ein wahrhaft ausübender Philosoph war.
-Wollte Schiller mit Meier oder Herrn Schwan sich unterreden,
-so konnte er nur um die Zeit der Dämmerung in
-die Stadt gehen, wo er dann über Nacht bleiben mußte
-und erst bei Anbruch des Tages zurückkehren konnte. S.
-war, was diesen Umstand betraf, viel freier, weil er für sich
-keine Gefahr befürchten zu dürfen glaubte. Er war manchen
-halben Tag daselbst, um Bekanntschaften anzuknüpfen, die
-ihm in der Folge sehr nützlich wurden.</p>
-
-<p>Der Oktober nahte sich seinem Ende und mit diesem
-auch die Barschaft, welche beide mit hieher gebracht hatten.
-Es blieb kein anderes Mittel, als daß S. noch einmal nach
-Hause schrieb und seine Mutter bat, ihm den Rest des ihm
-nach Hamburg bestimmten Reisegeldes hieher zu schicken, indem
-er wahrscheinlich genötigt sein werde, in Mannheim zu
-bleiben, wenn sich das Schicksal Schillers nicht so vollständig
-verbessere, als beide erwarteten.</p>
-
-<p>Endlich war in den ersten Tagen des Novembers das
-Trauerspiel Fiesco für das Theater umgearbeitet und ihm
-der Schluß gegeben worden, welcher der Geschichte, der Wahrscheinlichkeit
-am angemessensten schien. Man darf glauben,
-daß die letzten Szenen dem Dichter weit mehr Nachdenken
-kosteten als das ganze übrige Stück, und daß er den begangenen
-Fehler, die Art des Schlusses nicht genau vorher
-bestimmt zu haben, mit großer Mühe gut zu machen suchen
-mußte. Aber in welchen unruhigen Umständen befand sich
-der unglückliche Jüngling, als er dieses Trauerspiel entwarf!<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-Und wie war die jetzige Zeit beschaffen, in welcher er ein
-Werk ausführen sollte, zu dem die ruhigste, heiterste Stimmung
-erfordert wird, die durch keine Bedrückung des täglichen
-Lebens, keine Beängstigung wegen der Zukunft gestört
-werden darf, wenn die Arbeit zur Vollkommenheit gebracht
-werden soll! Seine lebhafte, kühne Phantasie, sonst immer
-gewöhnt sich mit den Schwingen des Adlers in den höchsten
-Regionen zu wiegen, wie stark war diese von der traurigen
-Gegenwart niedergehalten! Mit welchen schweren bleiernen
-Gewichten zu dem Gemeinen, Niedrigen des Lebens
-herabgezogen! &ndash; In den verflossenen neun Jahren durfte
-er seinem leidenschaftlichen Hang zur Dichtkunst nur verstohlenerweise
-einige Minuten, höchstens Stunden opfern; denn
-er mußte Studien treiben und Geschäfte verrichten, die mit
-seinen Neigungen, seinem mit poetischen Bildern überfüllten
-Geist in dem härtesten Widerspruch standen; und es gehörten
-so reiche Anlagen wie er besaß dazu, um über die vielen
-stets sich erneuernden Kämpfe nicht in Wahnsinn zu verfallen,
-sowie sein weiches, zartes Gemüt, um sich allen Anforderungen
-zu fügen. Ohne eigne Erfahrung hätte er in
-späterer Zeit seinen poetischen Lebenslauf in der herrlichen
-Dichtung »Pegasus im Joche« unmöglich so getreu darstellen,
-so natürlich zeichnen können, daß derjenige, der mit
-seinen Verhältnissen vertraut war, recht wohl die Vorfälle
-deuten kann, auf die es sich bezieht. Laßt uns den Dichter
-wegen der Mängel, die sich in Fiesco, in Kabale und Liebe
-finden, nicht tadeln; vielmehr verdient es die höchste Bewunderung,
-daß er bei den ungünstigsten äußern Umständen
-die Kräfte seines Talentes noch so weit bemeistern konnte,
-um zwei Werke zu liefern, denen, um ihrer vielen und großen
-Schönheiten willen, die späte Nachwelt noch ihre Achtung
-nicht versagen wird.</p>
-
-<p>Mit weit mehr Ruhe und Zufriedenheit als früher begab
-sich Schiller nach der Stadt, um Herrn Meier das
-fertige und ins Reine geschriebene Manuskript einzuhändigen.<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-Da er alles geleistet, was der Gegenstand zuließ, oder von
-dem er hoffen konnte, daß es den Wünschen des Baron
-Dalberg sowie zugleich den Forderungen der Bühne angemessen
-sei, so glaubte er auch, daß seine Bedrängnisse bald
-beendigt sein würden und er das Leben auf einige Zeit mit
-frohem Mute werde genießen können. Es verging jedoch
-eine ganze Woche, ohne daß der Dichter eine Antwort erhielt,
-die ihm doch auf die nächsten Tage zugesagt worden.
-Um der Ungewißheit ein Ende zu machen, entschloß er sich
-an Baron Dalberg zu schreiben und sich noch einmal zu
-Herrn Meier zu begeben, um eine Auskunft über das, was
-er erwarten könne, zu erhalten.</p>
-
-<p>Es war gegen die Mitte Novembers, als Schiller und
-S. des Abends bei Herrn Meier eintraten und diesen nebst
-seiner Gattin in größter Bestürzung fanden, weil kaum vor
-einer Stunde ein württembergischer Offizier bei ihnen <span id="corr109">gewesen</span>
-sei, der sich angelegentlich nach Schillern erkundigt
-habe. Herr Meier hatte nichts gewisser vermutet, als daß
-dieser Offizier den Auftrag habe, Schillern zu verhaften, und
-demzufolge beteuert, daß er nicht wisse, wo dieser sich gegenwärtig
-befinde. Während dieser Erklärung klingelte die Haustür
-und man wußte in der Eile nichts Besseres zu tun,
-als Schiller mit S. in einem Kabinett, das eine Tapetentür
-hatte, zu verbergen. Der Eintretende war ein Bekannter
-vom Hause, der gleichfalls voll Bestürzung aussagte: er habe
-den Offizier auf dem Kaffeehause gesprochen, der nicht nur bei
-ihm, sondern auch bei mehreren Anwesenden sehr sorgfältig
-nach Schillern gefragt habe; allein er seinerseits hätte versichert,
-daß der Aufenthalt desselben jetzt ganz unbekannt
-wäre, indem er schon vor zwei Monaten nach Sachsen abgereist
-sei. Die Geflüchteten kamen aus ihrem Versteck hervor,
-um die Uniformsaufschläge und das Persönliche des Offiziers
-zu erforschen, weil es vielleicht auch einer von den Bekannten
-Schillers sein konnte; allein die Angaben über alles waren
-so abweichend, daß man unmöglich auf eine bestimmte Person<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-raten konnte. Noch einigemal wiederholte sich dieselbe Szene
-durch neu Ankommende, die mit den andern voller Ängstlichkeit
-um die beiden Freunde waren, weil diese mit Sicherheit
-weder in der Stadt übernachten, noch auch nach Oggersheim
-zurückgehen konnten.</p>
-
-<p>Wie aber der feine, gewandte Sinn des zarteren Geschlechtes
-allezeit noch Auswege findet, um Verlegenheiten
-zu entwirren, wenn die Männer &ndash; immer gewohnt nur
-starke Mittel anzuwenden &ndash; nicht mehr Rat zu schaffen
-wissen, so wurde auch jetzt von einem schönen Munde ganz
-unerwartet das Mittel zur Rettung ausgesprochen. Madame
-Curioni (mit Dank sei heute noch ihr Name genannt) erbot
-sich, Schillern und S. in dem Palais des Prinzen von Baden,
-über welches sie Aufsicht und Vollmacht hatte, nicht nur für
-heute, sondern solange zu verbergen, als noch eine Verfolgung
-zu befürchten wäre. Dieses mit der anmutigsten Güte
-gemachte Anerbieten wurde mit um so lebhafterer Erkenntlichkeit
-aufgenommen, da man daselbst am leichtesten unerkannt
-sein konnte und sich auch niemand in der Absicht, um
-jemand zu verhaften, in dieses Palais hätte wagen dürfen.
-Auf der Stelle wurden die nötigen Anstalten zur Aufnahme
-der verfolgt Geglaubten getroffen und sie dann sogleich dahin
-geleitet. Herr Meier hatte versprochen, am nächsten Morgen
-zum ersten Sekretär des Ministers Grafen von Oberndorf
-zu gehen, um diesen, da er ihn sehr gut kenne, zu fragen,
-ob der Offizier in Aufträgen an das Gouvernement hier gewesen
-sei?</p>
-
-<p>Das Zimmer, welches den beiden Freunden als Zuflucht
-angewiesen worden, war sehr schön und geschmackvoll, mit
-Notwendigem sowie Überflüssigem ausgestattet. Unter den
-zahlreichen Kupferstichen, mit denen die Wände behangen
-waren, befanden sich auch die zwölf Schlachten Alexanders,
-von Lebrun, welche den Betrachtenden bis spät in die Nacht
-die angenehmste Unterhaltung gewährten. Gegen zehn Uhr
-des andern Morgens wagte sich S. aus dem Palais, um<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-sich zu Herrn Meier zu begeben und zu vernehmen, ob etwas
-zu befürchten sei? Diesen aber hatten seine eignen Sorgen
-schon in aller Frühe zu dem Sekretär des Ministers getrieben,
-von dem er die Versicherung erhielt, daß der Offizier keine
-Aufträge an Graf Oberndorf gehabt und sich auch aus dem
-Meldezettel des Gastwirt ergebe, daß er schon gestern abend
-um sieben Uhr abgereist sei. Nach einigen kurzen Besuchen
-begab sich S. sogleich zu Schillern, um ihm diese beruhigende
-Kunde zu überbringen und ihn aus seinem schönen Gefängnis
-zu befreien, welches er auch sogleich verließ, um sich zu
-Herrn Meier zu verfügen.</p>
-
-<p>Hier wurde nun die unsichere Lage des Dichters umständlich
-besprochen, welche der unnützen Angst von gestern ungeachtet,
-ebenso gefährlich für ihn selbst als für jeden, der
-Anteil an ihm nahm, beunruhigend schien. Schiller mußte
-zugeben, daß er für jetzt nicht in Mannheim verweilen könne,
-so willkommen es ihm auch gewesen wäre, für das Theater
-wirksam zu sein und zugleich durch Anschauung der aufgeführten
-Stücke seine Einsicht in das Mechanische der Bühne
-zu erweitern. Daher wurde mit allgemeiner Zustimmung
-seiner Freunde von ihm beschlossen, daß, sobald die Annahme
-seines Fiesco entschieden sei, er sich sogleich nach Sachsen
-begeben wolle. Daß er, aller etwa anzustellenden Nachforschungen
-ungeachtet, daselbst einen sichern, von allen Sorgen
-befreiten Aufenthalt finden könne, dafür hatte er glücklicherweise
-schon in Stuttgart Anstalten getroffen. Frau von Wolzogen,
-die ihn sehr hoch achtete, und deren Söhne mit ihm
-zugleich in der Akademie erzogen worden, hatte ihm, als er
-ihr nach seinem Arrest den Vorsatz, von Stuttgart entfliehen
-zu wollen, vertraute, feierlich zugesagt, ihn auf ihrem in der
-Nähe von Meiningen liegenden Gute &ndash; Bauerbach &ndash; solange
-wohnen und mit allem Nötigen versehen zu lassen, als er
-von dem Herzog eine Verfolgung zu befürchten habe. Dieses
-in einer guten Stunde erhaltene Versprechen wollte jetzt
-Schiller benützen und schrieb sogleich an diese Dame nach<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-Stuttgart, wo sie sich aufhielt, um die nötigen Vollmachten,
-damit er in Bauerbach aufgenommen werde.</p>
-
-<p>Gegen Ende Novembers erfolgte endlich die Entscheidung
-des Baron Dalberg über Fiesco, welche ganz kurz besagte:
-»Daß dieses Trauerspiel auch in der vorliegenden Umarbeitung
-nicht brauchbar sei, folglich dasselbe auch nicht angenommen
-oder etwas dafür vergütet werden könne.«</p>
-
-<p>So zerschmetternd für Schiller ein Ausspruch sein mußte,
-der die Hoffnung, das quälende, seine schönsten Augenblicke
-verpestende Gespenst einer kaum des Namens werten Schuld
-von sich zu entfernen, auf lange Zeit zerriß &ndash; so sehr er
-es auch bereute, daß er sich durch täuschende Versprechungen,
-durch schmeichelnde, leere, glatte, hohle Worte hatte aufreizen
-lassen, von Stuttgart zu entfliehen &ndash; so ungewöhnlich es
-ihm scheinen mochte, daß man ihn zur Umarbeitung seines
-Stückes verleitet, die ihm nahe an zwei Monate Zeit gekostet,
-all sein Geld aufzehrte und ihn noch in neue Schulden versetzte,
-ohne ihn auf eine entsprechende Art dafür zu entschädigen
-oder auch nur anzugeben, worin denn die Unbrauchbarkeit
-dieses Trauerspiels bestehe &ndash; so sehr dieses alles sein
-großmütiges Herz zernagte, so war er dennoch viel zu edel,
-viel zu stolz, als daß er sein Gefühl für eine solche Behandlung
-hätte erraten lassen. Er begnügte sich gegen Herrn
-Meier, der ihm diese abweisende Entscheidung einhändigen
-mußte, zu äußern: er habe es sehr zu bedauern, daß er
-nicht schon von Frankfurt aus nach Sachsen gereist sei.</p>
-
-<p>Um jedoch den Leser zu versichern, daß die Mitglieder
-des Theaterausschusses, denen Fiesco zur Prüfung vorgelegt
-worden, die Meinung ihres Chefs nicht völlig teilten, werde
-schon jetzt das Votum eines derselben, das Schiller ein Jahr
-später in dem Protokoll des Theaters fand, angeführt.</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Obwohl dieses Stück für das Theater noch einiges zu
-wünschen lasse, auch der Schluß desselben nicht die gehörige
-Wirkung zu versprechen scheine, so sei dennoch die Schönheit
-und Wahrheit der Dichtung von so ausgezeichneter Größe,<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-daß die Intendanz hiemit ersucht werde, dem Verfasser als
-Beweis der Anerkennung seiner außerordentlichen Verdienste
-eine Gratifikation von acht Louisdor verabfolgen zu lassen.«</p>
-
-<p>Unterzeichnet war: Iffland.</p></div>
-
-<p>Allein Se. Exzellenz Freiherr von Dalberg konnten diesem
-Gutachten, das noch heute Iffland die größte Ehre bringt,
-ihren Beifall nicht schenken, sondern entließen den Dichter
-eben so leer in Börse und Hoffnung aus Mannheim, wie er
-vor zwei Monaten daselbst angekommen war.</p>
-
-<p>Das nächste, das einzige und letzte, was nun zu tun
-war, unternahm Schiller sogleich, indem er zu Herrn Schwan
-ging und ihm Fiesco für den Druck anbot. Herr Schwan,
-der als Gelehrter und Buchhändler den Ruf eines vortrefflichen
-Mannes mit vollem Rechte genoß, übernahm dieses
-Stück mit großer Bereitwilligkeit und bedauerte nur, als er
-es durchlesen, daß er die vortreffliche Dichtung nicht höher
-als den gedruckten Bogen mit einem Louisdor honorieren
-könne, da ihm durch die überall lauernden Nachdrucker kein
-anderer Gewinn übrig bleibe, als den er von dem ersten
-Verkauf ziehe.</p>
-
-<p>Was Schillern aber unter allen diesen Widerwärtigkeiten
-am schmerzlichsten fiel, war der Gedanke, daß er seinen Freund
-S. in sein böses Schicksal mit verflochten, indem dieser all
-das Geld, das er zu der vorgehabten Reise nach Hamburg
-hätte verwenden sollen, in der Hoffnung, daß der Dichter in
-Mannheim reichliche Unterstützung finden müsse, aufgeopfert
-hatte, und nun an keinen Ersatz zu denken war. Schon im
-August hätte S. nach Wien reisen sollen, wo ihn eine Aufnahme
-erwartete, die ihn zwar jeder Sorge für seine Bedürfnisse
-überhoben, aber in seiner Kunst nicht weiter gefördert
-hätte. Er zog es also vor, seine jungen Jahre nicht müßig
-zu vergeuden, sondern lieber nach Hamburg zu gehen, um,
-wenn es auch mit den größten Entbehrungen geschehen müßte,
-sich in der Musik so viel als möglich auszubilden; worin<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-ihm auch Schiller, dem er diese Sache schon früher vertraut
-hatte, vollkommen beistimmte. Nun konnte S. weder in den
-einen noch in den andern Ort gelangen, indem seine Mutter
-nicht wohlhabend genug war, um ihm sogleich wieder neue
-Hilfe zukommen zu lassen. Nach allen Meinungen schien es
-das beste zu sein, daß er vorderhand in Mannheim bleibe,
-weil noch mehrere Mitglieder der kurfürstlichen Kapelle daselbst
-wohnten, deren Unterricht oder Beispiel er benützen
-konnte, wozu die Herren Schwan, Meier und seine Freunde
-alles beizutragen versprachen. S. ergab sich in das, was
-vorläufig nicht zu ändern war, viel williger, als daß er jetzt
-schon in die Stadt ziehen und Schillern noch acht bis zehn
-Tage in Oggersheim allein lassen sollte. Allein es mußte
-sein. Beide hatten sich aufgezehrt; im Gasthof war es zu
-teuer, und ihre Not war schon so groß geworden, daß der
-Dichter seine Uhr verkaufen mußte, um nicht zu vieles schuldig
-zu bleiben. Die letzten vierzehn Tage mußte man aber dennoch
-auf Borg leben, wo man dann auf der schwarzen Wirtstafel
-recht säuberlich mit Kreide geschrieben sehen konnte, was die
-Herren Schmidt und Wolf täglich verbraucht hatten.</p>
-
-<p>Der arme Dichter erhielt für Fiesco gerade so viel, um
-besagte Kreidenstriche auslöschen zu lassen, um einige unentbehrliche
-Sachen für den Winter anzuschaffen und um seine
-Reise bis Bauerbach ohne Furcht vor neuem Mangel bestreiten
-zu können. Der Antritt dieser Reise war auf den
-letzten November bestimmt. Da Schiller mit dem Postwagen
-über Frankfurt, Gelnhausen usw. nach Meiningen gehen, sich
-aber auf der Post in Mannheim nicht zeigen wollte, so kam
-Herr Meier mit ihm überein, ihn mit S. und einigen Freunden
-in Oggersheim abzuholen und von da nach Worms zu
-bringen, wo er dann den nächsten Tag mit dem Postwagen
-abfahren könne.</p>
-
-<p>An dem bestimmten Tage fuhren die Freunde nach
-Oggersheim, wo sie Schiller gerade beschäftigt fanden, seine
-wenige Wäsche, seine Kleidungsstücke, einige Bücher und<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-Schriften in einen großen Mantelsack zu packen. Bei einer
-Flasche Wein, die er reichen ließ, wurde alles besprochen,
-was ihn über die Zukunft beruhigen oder seine Munterkeit
-befördern könnte. Allein bei ihm war dies gar nicht so
-nötig, als wohl bei den meisten Menschen, denen ihre Hoffnungen
-fehlschlagen, der Fall ist. Nur die Erwartung, die
-Ungewißheit einer Sache hatte für sein Gemüt etwas Unangenehmes,
-Beunruhigendes. Sowie aber einmal die Entscheidung
-eingetreten war, zeigte er all den Mut, den ein
-wackerer Mann braucht, um Herr über sich zu bleiben. Er
-übte &ndash; was wenige Dichter tun &ndash; seine ausgesprochenen
-Grundsätze redlich aus und befolgte den Vorsatz des Karl
-Moor »die Qual erlahme an meinem Stolze« bei Umständen,
-in welchen jeden andern die Kraft verlassen hätte.</p>
-
-<p>Von Oggersheim brach die Gesellschaft bei einer starken
-Kälte und tiefliegendem Schnee nach Worms auf, wo sie
-gerade noch zur rechten Zeit ankam, um in dem Posthause,
-wo sie abgestiegen waren, von einer wandernden Truppe
-Ariadne auf Naxos spielen zu sehen. Daß die Aufführung
-ebenso ärmlich als lächerlich sein mußte, ergibt sich schon
-daraus, daß an dem Schiffe, welches den Theseus abzuholen
-erschien, zwei Kanonen gemalt waren, und daß der Donner,
-durch welchen Ariadne vom Felsen geschleudert wird, mittels
-eines Sackes voll Kartoffeln, die man in einen großen Zuber
-ausschüttete, hervorgebracht wurde. Meier und seine Freunde
-fanden hier eine reiche Ernte für ihre Lust alles zu belachen
-und zu verspotten. Schiller aber sah mit ernstem, tiefem
-Blick und so ganz in sich verloren auf das Theater, als ob
-er nie etwas Ähnliches gesehen hätte oder es zum letztenmal
-sehen sollte. Auch nach beendigtem Melodram konnten
-die Bemerkungen der andern ihm kaum ein Lächeln entlocken;
-denn man sah es ihm an, daß er nicht gerne aus der Stimmung
-trete, die sich seiner bemächtigt hatte.</p>
-
-<p>Das Nachtessen, bei dem auch Liebfrauenmilch nicht fehlte,
-machte ihn jedoch etwas heiterer, so daß man endlich ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span>
-wohlgemut aufbrechen konnte, um nach Mannheim zurückzukehren
-und dem allen wert gewordenen Dichter das Lebewohl
-zu sagen. Meier und die andern schieden sehr unbefangen
-und redselig.</p>
-
-<p>Allein was konnten Schiller und sein Freund sich sagen?
-&ndash; Kein Wort kam über ihre Lippen &ndash; keine Umarmung
-wurde gewechselt; aber ein starker, lang dauernder Händedruck
-war bedeutender als alles, was sie hätten aussprechen
-können!</p>
-
-<p>Die zahlreich verflossenen Jahre konnten jedoch bei dem
-Freunde die wehmütige Erinnerung an diesen Abschied nicht
-auslöschen; und noch heute erfüllt es ihn mit Trauer, wenn
-er an den Augenblick zurückdenkt, in welchem er ein wahrhaft
-königliches Herz, Deutschland edelsten Dichter, allein
-und im Unglück hatte zurücklassen müssen!</p>
-
-<p>Die außerordentlich strenge Kälte, welche in den ersten
-Tagen des Dezembers herrschte, ließ um so weniger für den
-Dichter eine angenehme Reise erwarten, da er ohne schützende
-Kleidung, nur mit einem leichten Überrocke versehen, einige
-Tage und Nächte auf dem Postwagen zubringen mußte,
-dessen (damaliger) Schneckengang selbst in einer bessern
-Jahreszeit die Stunden zu Tagen ausdehnte.</p>
-
-<p>Seine Freunde beklagten ihn sehr, und ihre zu spät erwachte
-Gutmütigkeit erinnerte sich jetzt an manches Entbehrliche,
-womit ihm die rauhe Witterung weniger empfindlich
-hätte gemacht werden können; und je mehr die Mittel
-hierzu sich fanden, um so ernstlicher wurde bedauert, daß
-man nicht früher daran gedacht oder deshalb gemahnt
-worden.</p>
-
-<p>Ebenso natürlich war es auch, daß dieselben Menschen,
-welchen die Versprechungen, die Schillern gemacht worden,
-bekannt waren, und die ihm die Hoffnung, daß sie erfüllt
-würden, ganz unbezweifelt darstellten, jetzt auch ihren scharfen
-Tadel über seine Flucht äußerten und solche für ebenso
-leichtsinnig als unbegreiflich erklärten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span></p>
-
-<p>Daß er, um dem bisher erlittenen, unerträglichen Zwange
-zu entgehen, das Äußerste gewagt &ndash; daß er durchaus nicht
-Arzt, sondern Dichter sein wollte &ndash; daß er, um sich dem
-so reizend scheinenden Stande mit ganzer Kraft widmen zu
-können, eine sehr kümmerliche Besoldung aufgeben konnte,
-schien ebenso unüberlegt, als es wenige Kenntnis der Welt
-und ihrer Verhältnisse anzeigte.</p>
-
-<p>Man berechnete sorgfältig den Reichtum berühmter Ärzte
-und verglich damit die Einkünfte deutscher Dichter, die,
-wenn sie auch den größten Ruhm sich erworben, dennoch
-in einer Lage waren, welche man wahrhaft ärmlich nennen
-konnte.</p>
-
-<p>Auch fürchtete man, daß die Erwartungen, die Schiller
-durch sein erstes Schauspiel erregt, viel zu groß wären, als
-daß er dieselben durch nachfolgende Werke befriedigen oder
-seine Kräfte in gleicher Höhe erhalten könnte.</p>
-
-<p>Der einzige, aber auch sehr warme Verteidiger unseres
-Dichters war Iffland, der, den Beruf zum Schauspieler in
-sich fühlend, in noch jungen Jahren bloß mit etlichen Talern
-in der Tasche und nur mit den am Leibe tragenden Kleidungsstücken
-versehen, seinem wohlhabenden Vater entfloh,
-um sich zu Ekhof zu begeben und in dessen Schule zu bilden.
-Iffland allein wußte die Lage Schillers gehörig zu
-würdigen, indem er aus eigner Erfahrung beurteilen konnte,
-wie unerträglich es ist, ein hervorstechendes, angebornes
-Talent unterdrücken, die herrlichsten Gaben vermodern lassen
-zu müssen und nur das gemeine Alltägliche tun zu sollen,
-oder gar durch Zwang zu dessen Ausübung angehalten zu
-werden. Nicht nur gab er dem mutigen Entschlusse Schillers
-seinen völligen Beifall, sondern machte auch mit dem
-ihm reichlich zu Gebote stehenden Witze den Kleinmut derer
-lächerlich, die es für ein Unglück halten, einige Meilen zu
-Fuß reisen zu müssen oder zur gewohnten Stunde keinen
-wohlbesetzten Tisch zu finden. Seine treffenden Bemerkungen
-ließen die Verhältnisse des Dichters in einem mehr heiteren<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-Lichte erscheinen. Vorläufig konnte man sich insofern beruhigen,
-als er doch auf einige Zeit wenigstens gegen Mangel
-oder Verfolgungen gesichert war.</p>
-
-<p>Nur wurde nicht mit Unrecht bezweifelt, ob seine dramatischen
-Arbeiten in gänzlicher Abgeschiedenheit gefördert
-werden könnten, oder ob sein Geist, von allem erheiternden
-Umgang abgeschnitten und bei Entbehrung der nötigen
-Bücher, nicht in kurzer Zeit abgestumpft würde. Sein tiefes
-Gefühl, seine frische, jugendliche Kraft ließen letzteres zwar
-nicht so bald befürchten; indessen vereinigten sich doch alle
-Wünsche dahin, daß ein glücklicher Zufall eintreten und für
-ihn die günstigsten Umstände herbeiführen möchte.</p>
-
-<p>Seine Freunde waren auf die Nachrichten von seiner
-Ankunft sehr gespannt und wurden durch nachstehenden Brief
-an S. vollkommen beruhigt.</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="right">
-Bauerbach, den 8. Dezember 1782.</p>
-<p class="center">
-Liebster Freund!
-</p>
-
-<p>Endlich bin ich hier, glücklich und vergnügt, daß ich einmal
-am Ufer bin. Ich traf alles noch über meine Wünsche;
-keine Bedürfnisse ängstigen mich mehr, kein Querstrich von
-außen soll meine dichterischen Träume, meine idealischen
-Täuschungen stören.</p>
-
-<p>Das Haus meiner Wolzogen ist ein recht hübsches und
-artiges Gebäude, wo ich die Stadt gar nicht vermisse. Ich
-habe alle Bequemlichkeit, Kost, Bedienung, Wäsche, Feuerung,
-und alle diese Sachen werden von den Leuten des
-Dorfes auf das vollkommenste und willigste besorgt. Ich
-kam abends hieher &ndash; Sie müssen wissen, daß es von Frankfurt
-aus 45 Stunden hieher war &ndash; zeigte meine Briefe
-auf und wurde feierlich in die Wohnung der Herrschaft abgeholt,
-wo man alles aufgeputzt, eingeheizt und schon Betten
-hergeschafft hatte. Gegenwärtig kann und will ich keine Bekanntschaften
-machen, weil ich entsetzlich viel zu arbeiten habe.
-Die Ostermesse mag sich Angst darauf sein lassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span></p>
-
-<p>Schreiben Sie mir doch, wo Sie gesonnen sind zu bleiben.
-Halten Sie sich, wenn Sie zu Mannheim bleiben,
-nur immer fleißig an Schwan, Meier und meine Freunde.
-Besser Sie bleiben aber nicht dort und verfolgen Ihren ersten
-Anschlag, der mir immer der vernünftigste schien.</p>
-
-<p>Was Sie tun, lieber Freund, behalten Sie diese praktische
-Wahrheit vor Augen, die Ihren unerfahrnen Freund
-nur zu viel gekostet hat: Wenn man die Menschen braucht,
-so muß man ein H...t werden oder sich ihnen unentbehrlich
-machen. Eines von beiden oder man sinkt unter.</p>
-
-<p>Wenn Sie Ursache hätten nicht nach Wien zu gehen, so
-könnte ich Ihnen allenfalls einen anderen Ausweg anraten,
-der mir von mehreren Seiten besehen, nicht gar verwerflich
-scheint. Sie sind jung, weit genug in Ihrer Kunst, um
-brauchbar zu sein, halten Sie sich an einen Meister in einer
-großen Stadt, von dem Sie wissen, daß er viele Geschäfte
-hat, lassen Sie sich auch zu dem Handwerksmäßigen Ihrer
-Kunst herab, machen Sie sich ihm nützlich, so finden Sie
-erstlich Gelegenheit den Mann zu studieren, finden Brot,
-und wenn Sie weggehen Empfehlung. Der große Titian
-war Raffaels Farbenreiber. Weit gefehlt, daß ihm das
-schimpflich wäre, macht es seinem Namen nur desto größere
-Ehre.</p>
-
-<p>Empfehlen Sie mich bei Schwan, Meier, Cranz, Gern,
-Derain, dem Steinschen Hause, auch auf dem Viehhof.
-Schreiben Sie mir, was sich von dem Offizier, der mich
-aufsuchte, bestätigt hat.</p>
-
-<p>Noch etwas: bei dem neulichen schnellen Aufbruche von
-Oggersheim haben wir beide vergessen, die Zeche im Viehhof
-zu bezahlen. Ich will nicht haben, daß Sie in Schaden
-dabei kommen. Sie werden also, weil das Geld zu wenig
-beträgt, um 65 Stunden geschickt zu werden, eine Anweisung
-dafür und für andere abgelegte Kleinigkeiten an Schwan
-bekommen, der mir, weil Fiesco gewiß mehr als 10 Bogen
-stark wird, noch Geld herauszahlen wird.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt muß ich eilen, das ist bereits der fünfte Brief, und
-wenigstens noch soviel hab' ich zu schreiben.</p>
-
-<p>Leben Sie recht wohl, lieber Freund, vergessen Sie mich
-nicht und sein Sie vollkommen versichert, daß ich tätig an
-Sie denken werde, sobald sich meine Aussichten verschönern,
-welches, wie ich hoffe, nicht lange mehr anstehen soll. Noch
-einmal leben Sie recht wohl. Wenn Sie mir schreiben, legen
-Sie den Brief bei Schwan oder Meier nieder.</p>
-
-<p>Ohne Veränderung ihr aufrichtigster</p>
-
-<p class="right">
-Schiller.
-</p></div>
-
-<p>Da wir jetzt unseren so lang in ängstlichen Sorgen und
-Ungewißheit lebenden Dichter geborgen wissen und, nach
-seinen eignen Äußerungen, mit seinen Lieblingsarbeiten und
-in einer Idyllenwelt lebend vermuten dürfen, so sei es erlaubt,
-die Personen, denen er empfohlen zu sein wünscht, dem
-Leser etwas näher bekannt zu machen und mit einer kurzen
-Erklärung vorzustellen. Die Herren Schwan und Meier sind
-schon früher erwähnt worden. Herr Cranz &ndash; damals auf
-Kosten des Herzogs von Weimar in Mannheim, um sich bei
-Fräntzel auf der Violine und bei Holzbauer in der Komposition
-auszubilden &ndash; war bei Herrn Meier Kostgänger, sah
-also Schiller sehr oft daselbst, der ihn auch wegen seines
-biederen, obwohl sehr trockenen Charakters wohl leiden mochte.
-Herr Gern, der ältere, war ein braver, überall brauchbarer
-Schauspieler sowie ein ausgezeichnet guter Baßsänger. Er
-betrat in Mannheim zuerst die Bühne, war täglich im Meierschen
-Hause und wurde dann später auf das Theater nach
-Berlin berufen.</p>
-
-<p>In dem kleinen Oggersheim war Herr Derain der einzige
-Kaufmann, welcher sich aber weit mehr mit Politik, Literatur,
-besonders aber mit Aufklärung des Landvolkes als mit dem
-Vertrieb seiner Waren beschäftigte.</p>
-
-<p>Seinen Eifer für das Wohl der Landleute, die bei ihm
-Zucker, Kaffee, Gewürz oder andere entbehrliche Sachen kaufen<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span>
-wollten, trieb er so weit, daß er ihnen oft recht dringend
-vorstellte, wie schädlich diese Dinge sowohl ihnen als ihren
-Kindern seien, und daß sie weit klüger handeln würden, sich
-an diejenigen Mittel zu halten, welche ihnen ihr Feld, Garten
-oder Viehstand liefern könne. Daß solche Ermahnungen die
-Käufer eher abschreckten als herbeizogen, war ganz natürlich.
-Aber Herr Derain, als lediger Mann zwischen 40 und
-50 Jahren, der ein kleines Vermögen besaß, kümmerte sich
-um so weniger hierüber, je seltener er durch das Geklingel
-seiner Ladentür im Lesen oder in seinen Betrachtungen gestört
-wurde. Das Gemüt des Mannes war aber von der
-edelsten Art, und eine große Bescheidenheit machte seinen
-Umgang äußerst angenehm. Er brachte auf eine sonderbare
-Art in Erfahrung, wer denn eigentlich die Herren Schmidt
-und Wolf seien, die in seiner Nähe wohnten, und deren
-Bekanntschaft er schon lange gewünscht hatte.</p>
-
-<p>Es wurden nämlich bei der gänzlichen Abänderung des
-Fiesco die früher geschriebenen Szenen gar nicht mehr beachtet,
-sondern wie jedes unnütze Papier behandelt. Mit
-diesen sowie mit vielen Blättern, worauf die Entwürfe zu
-Luise Millerin verzeichnet waren, wurde nun nichts weniger
-als schonend verfahren, was dann die Gelegenheit gab, daß
-die Frau Wirtin &ndash; die mit einer sehr großen Neigung zum
-Lesen eben so viele Neugier für alles Geschriebene verband
-&ndash; diese Blätter, deren Sprache ihr ganz neu und ungewöhnlich
-schien, sammelte und solche zu Herrn Derain brachte,
-welchen sie öfters sprach, um ihm ihre häuslichen Leiden zu
-klagen oder durch ein geliehenes Buch sich Trost und Vergessenheit
-zu verschaffen. Dieser zeigte den Fund seinem Verwandten,
-Herrn Kaufmann Stein in Mannheim, der eine
-sehr reizende und in allen neueren Werken der Dichtkunst
-ganz einheimische Tochter hatte.</p>
-
-<p>S. war von Stuttgart aus Herrn Stein empfohlen. Die
-Blätter seines Reisegefährten wurden ihm vorgezeigt, und
-dasjenige, was mit der größten Standhaftigkeit jedem Manne<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span>
-verleugnet worden wäre, wußte das schmeichelnde Mädchen
-allmählich herauszulocken. Herr Derain, dem unter Gelobung
-der tiefsten Verschwiegenheit dieses Geheimnis auch anvertraut
-wurde, unterließ bei dieser Gelegenheit nicht, seine hohe
-Achtung für ausgezeichnete Dichter oder Schriftsteller auf das
-herzlichste kund zu geben. Mit wahrem Eifer bat er um Erlaubnis,
-die Bekanntschaft eines noch so jungen und schon
-so berühmten Mannes machen zu dürfen, und erhielt solche
-um so williger, als für Schiller und seinen Freund eine zerstreuende
-Unterhaltung in den trüben, nebligen Novemberabenden
-eine wahre Erquickung war. Die Freundschaft und
-Achtung für Herrn Derain erhielt sich auch noch in den
-nächstfolgenden Jahren.</p>
-
-<p>Der Offizier, dessen Erscheinung Schiller und seine Freunde
-in den größten Schrecken versetzte, war nach einem Schreiben
-von Schillers Vater an Herrn Schwan kein Verfolger, sondern
-ein akademischer Freund, der bei einer Reise ausdrücklich
-den Umweg über Mannheim machte, um den Dichter
-zu sprechen, welches aber, wie oben erwähnt, auf die sorgsamste
-Weise verhindert wurde.</p>
-
-<p>Und hier ist auch der Ort, um den Leser zu versichern,
-daß der Herzog von Württemberg auf keinerlei Weise jemals
-die geringste Vorkehrung treffen ließ, um seinen entflohenen
-Zögling wieder in seine Gewalt zu bekommen und zu bestrafen.
-Er mochte sich wohl erinnern, daß er Schiller wider
-dessen Willen und fast zwangsweise in die Akademie aufgenommen
-&ndash; daß der Knabe sowie der Jüngling durch
-treffende, überraschende Antworten, durch untadelhafte Sitten
-seine wahrhaft väterliche Zuneigung sich erworben &ndash; daß ein
-schon im ersten Versuche sich so kühn aussprechendes Talent
-unmöglich durch einen militärischen Befehl unterdrückt werden
-könne. Oder war es Rücksicht gegen den ihm fast unentbehrlich
-gewordenen Vater; war es Anteil an dem Kummer
-der achtungswerten Familie? &ndash; Wollte er das mißbilligende
-Gefühl, das sich wegen der Gefangenhaltung Schubarts in<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span>
-ganz Deutschland allgemein und laut äußerte, nicht noch
-weiter aufreizen? &ndash; War es natürliche Großmut? &ndash;&nbsp;&ndash;
-Genug, der Herzog gab dieser Sache nicht die geringste Folge
-und bewies dadurch ganz offenkundig, daß er die Flucht
-Schillers nur als einen Fehler, aber nicht als ein Verbrechen
-beurteilte.</p>
-
-<p>Nicht nur diese Gewißheit ergab sich aus dem Briefe des
-Vaters, sondern auch die Hoffnung, daß er dem Sohne noch
-mit warmer Liebe zugetan sei, und ihm, wenn der äußerste
-Fall einträte, die nötige Unterstützung nicht versagen würde.
-Verglich man diesen Brief mit denen, welche Herr Schwan
-und S. aus Bauerbach erhalten, so konnten die Freunde
-des Dichters um so mehr unbesorgt sein, als dieser mit seinem
-Zustand im höchsten Grade zufrieden schien, und sich
-nun nach einem Jahre voller Sorgen und Unruhe solchen
-Beschäftigungen widmen konnte, die, außer dem Vergnügen,
-das sie ihm selbst machten, auch noch mit Ehre und Vorteil
-verbunden waren.</p>
-
-<p>Ohne Zweifel teilt jeder Leser diese Meinungen, und
-glaubt vielleicht, das Schicksal, nachdem es seine alles beugende
-Gewalt habe empfinden lassen, werde dem Ermüdeten
-nach so manchen Stürmen endlich Ruhe vergönnen?</p>
-
-<p>Der Verfasser bedauert innigst, daß er diese Hoffnungen
-nicht bestätigen kann, sondern genötigt ist, neue Schwierigkeiten
-zu melden, die sich in dem so friedlich scheinenden Zufluchtsorte
-ganz unerwartet erhoben; denn kaum vier Wochen
-nach dem ersten erhielt er nachstehenden zweiten Brief.</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="right">
-H., den 14. Jän. 1783.
-</p>
-
-<p>So bin ich doch der Narr des Schicksals! Alle meine
-Entwürfe sollen scheitern! Irgend ein kindsköpfischer Teufel
-wirft mich wie seinen Ball in dieser sublunarischen Welt
-herum.</p>
-
-<p>Hören Sie nur!</p>
-
-<p>Ich bin, wenn Sie den Brief haben, nicht mehr in<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-Bauerbach. Erschrecken Sie aber nicht. Ich bin vielleicht
-besser aufgehoben.</p>
-
-<p>Frau von Wolzogen ist wieder hier und hat ihren Bruder,
-den Oberhofmeister von Marschalk, der bei Bamberg
-eine Erbschaft von beinahe 200&nbsp;000 Gulden getan, begleitet.
-Sie können sich vorstellen, mit welcher Ungeduld ich ihr entgegenflog
-&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; Aber nun!</p>
-
-<p>Lieber Freund, trauen Sie niemand mehr. Die Freundschaft
-der Menschen ist das Ding, das sich des Suchens
-nicht verlohnt. Wehe dem, den seine Umstände nötigen, auf
-fremde Hilfe zu bauen. Gottlob! das letztere war diesmal
-nicht.</p>
-
-<p>Die gnädige Frau versicherte mich zwar, wie sehr sie gewünscht
-hätte ein Werkzeug in dem Plane meines künftigen
-Glückes zu sein &ndash; aber &ndash; ich werde selbst so viel Einsicht
-haben, daß ihre Pflichten gegen ihre Kinder vorgingen, und
-diese müßten es unstreitig entgelten, wenn der Herzog von
-W. Wind bekäme; das war mir genug. So schrecklich es
-mir auch ist, mich wiederum in einem Menschen geirrt zu
-haben, so angenehm ist mir wieder dieser Zuwachs an
-Kenntnis des menschlichen Herzens. Ein Freund &ndash; und
-ein glückliches Ungefähr rissen mich erwünscht aus dem
-Handel.</p>
-
-<p>Durch die Bemühung des Bibliothekars Reinwald, meines
-sehr erprobten Freundes, bin ich einem jungen Hrn.
-von Wrmb bekannt geworden, der meine Räuber auswendig
-kann und vielleicht eine Fortsetzung liefern wird. Er war
-beim ersten Anblick mein Busenfreund. Seine Seele schmolz
-in die meinige. Endlich hat er eine Schwester! &ndash; Hören
-Sie, Freund, wenn ich nicht dieses Jahr als ein Dichter
-vom ersten Range figuriere, so erscheine ich wenigstens als
-Narr, und nunmehr ist das für mich eins. Ich soll mit
-meinem Wrmb diesen Winter auf sein Gut, ein Dorf im
-Thüringer Walde, dort ganz mir selbst und &ndash; der Freundschaft
-leben, und was das beste ist, schießen lernen, denn<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span>
-mein Freund hat dort hohe Jagd. Ich hoffe, daß das eine
-glückliche Revolution in meinem Kopf und Herzen machen soll.</p>
-
-<p>Schreiben Sie mir nicht, bis Sie neue Adressen haben.
-Den Verdruß mit der Wolzogen unterdrücken Sie. Ich sei
-nicht mehr in Bauerbach, das ist alles, was Sie sagen
-können.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Tausend Empfehlungen an meinen lieben, guten Meier.
-Nächstens schreib ich ihm wieder. Auch an Cranz, Gern
-u. s. f. viele Komplimente. Mein neues Trauerspiel, Luise
-Millerin genannt, ist fertig. Beiliegendes übergeben Sie
-an Schwan, dem Sie mich vielmals empfehlen.</p>
-
-<p>Ohne Veränderung</p>
-
-<p class="center">
-Ihr</p>
-<p class="right">
-Schiller.
-</p></div>
-
-<p>So schien nun auch dieser Plan gescheitert, auf den nicht
-nur der Dichter selbst seine größte, letzte Hoffnung gesetzt
-hatte, sondern welcher auch als der sicherste von allen Freunden
-zur Befolgung angeraten war. Aufs neue war sein
-Schiff den veränderlichen Winden preisgegeben, indem die
-Freundschaft mit Hrn. von Wrmb viel zu schwärmerisch, mit
-viel zu großen Erwartungen geschlossen schien, als daß man
-auf einige Dauer hätte zählen können.</p>
-
-<p>Größeres Vertrauen flößte die Bekanntschaft mit Hrn.
-Reinwald ein, der Hrn. Schwan als rechtlicher Mann, als
-Dichter und Schriftsteller bekannt war und sich gewiß um
-so inniger an Schiller anschloß, je genügsamer dieser in
-seinen Forderungen und anmutiger im Umgange sich gegen
-jeden zeigte.</p>
-
-<p>Was die Äußerungen der Frau von Wolzogen betrifft,
-so waren diese ebenso verzeihlich als begreiflich; denn ihre
-Söhne, deren Bekanntschaft Schiller den Schutz zu danken
-hatte, der ihm jetzt gewährt wurde, waren noch in der Akademie,
-und erfuhr der Herzog, von wem sein flüchtiger Zögling
-verborgen gehalten werde, so konnte er leicht &ndash; vorausgesetzt,<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-daß er sich zu einer Rache herablassen möge &ndash;
-seine Ungnade den Söhnen der Frau von Wolzogen auf
-eine Art empfinden lassen, die ihr Glück nicht nur für jetzt,
-sondern auch in der Zukunft bedeutend gestört haben würde.</p>
-
-<p>Der Verfolg zeigte jedoch, daß die Besorgnisse der Beschützerin
-entweder nicht sehr ernsthafter Art gewesen oder
-daß Schiller seine Empfindlichkeit darüber zu besiegen wußte;
-denn er blieb nicht nur den ganzen Tag<a id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">4</a> in Bauerbach,
-sondern brachte auch die Hälfte des folgenden Sommers daselbst
-zu. Durch ähnliche Nachrichten wie die, welche er seinem
-Freunde nach Mannheim schrieb, versetzte er auch seine
-älteste Schwester in die größte Unruhe, und ein Brief, den
-sie deshalb an den Bruder schrieb, gab zufällig die Veranlassung
-zu ihrer Bekanntschaft mit Herrn Reinwald, die sich
-einige Jahre später in eine lebenslängliche Verbindung umwandelte.
-Aus dem Briefe des Herrn Reinwald an die
-Schwester von Schiller möge das Wichtigste, was sich hierauf
-bezieht (mit der damals gebräuchlichen Rechtschreibung) einen
-Platz finden.</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="right">
-Meiningen. 27ten Mai 1783.</p>
-<p class="center">
-Mademoiselle
-</p>
-
-<p>Ein besonderer Zufall macht mich so frei, an die
-Schwester meines Freundes diese Zeilen zu schreiben. Unter
-etlichen Papieren, die Hr. <em class="antiqua">D.</em> S** nach einem Besuch bei
-mir liegen lassen, fand ich einen Brief von Ihnen. Es
-war wohl nicht Sorglosigkeit allein daran Schuld, sondern
-auch Vertrauen, denn ich glaube gänzlich, daß er mich liebt.</p>
-
-<p>Ich fand in diesem Briefe, den ich gelesen und nochmals
-gelesen und abgeschrieben habe, so viel reifes Denken und
-so viel herzliche, besorgte Wohlmeinung gegen Ihren Herrn
-Bruder, daß ich mich gefreut habe, und scheue mich nicht,<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span>
-jeden Gedanken, der mir zu seiner Ausbildung oder Glückseligkeit
-einfällt, mit Ihnen zu theilen.</p>
-
-<p>Vielleicht kann ich Ihnen oder Ihren lieben Eltern auch
-manche Unruhe benehmen, die Ihnen über die Situation
-Ihres Herrn Bruders aufsteigt, und ich werde gerade seyn
-und nicht schmeicheln etc.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mir ist es selbst Räthsel, warum sie (Fr. v. W.) so sehr
-Verachtung fürchtet, und daß sie auf die Veränderung von
-unseres Freundes Aufenthalt dringen soll; viele Umstände
-scheinen dem letzteren zu widersprechen, es müßte denn seyn,
-daß sie aus Beweggründen der Sparsamkeit handelte etc. etc.
-Alle Gefahren des Bekanntseyns wären gleich Anfangs vermieden
-gewesen, wenn man entweder niemanden auswärts
-geschrieben hätte, daß Ihr Herr Bruder da wäre, wo er ist,
-sondern nur Meiningen angegeben, oder wenn er wirklich
-in dem traurigsten Theile des Jahres hieher gezogen wäre.
-Hier residirt ein Herzog, den der Ihrige nicht im Geringsten
-deshalb züchtigen kann, wenn er jemand da wohnen läßt,
-dem der würtembergische Hof ungünstig ist. Welche Verantwortung
-kann da der Fr. v. W. auf den Hals fallen.</p>
-
-<p>Ihr Herr Bruder muß menschliche Charaktere viel kennen,
-weil er sie auf der Bühne schildern soll, item, er muß
-sich durch Gespräche über Natur und Kunst durch freundschaftliche,
-innige Unterhaltung aufheitern, wenn durch Denken
-und Niederschreiben das Mark seines Geistes vertrocknet
-ist. Die Gegend, wo er sich jetzt aufhält, und die nur im
-Sommer ein wenig von der Seite lächelt, gleicht mehr der
-Gegend, wo Ixions Rad sich immer auf einem Orte herumdreht,
-als einer Dichter-Insel, und einen zweiten Winter da
-zugebracht, wird Hrn. <em class="antiqua">D.</em> S. völlig hypochondrisch machen.</p>
-
-<p>Ich wünschte daher sehnlich, daß er künftigen Herbst in
-einer großen Stadt, wo ein gutes deutsches Theater ist,
-z. Ex. in Berlin verweilte, doch unter dem Schutze gelehrter
-und rechtschaffener Männer, die ihn von der Ausgelassenheit
-bewahrten, die an diesem Orte herrscht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span></p>
-
-<p>Wien (wo ich ehedem selbst eine Zeit lang war) hat zwar
-weniger verderbte Sitten und mehr Teutschheit, aber der
-Fehler ist da, daß man mit dem Gelde gut umzugehen
-verlernt, denn man nimmt meist viel ein, und gibt noch
-mehr aus.</p>
-
-<p>Noch scheint es aber nicht, daß Ihr Herr Bruder zum
-Weggehen inclinirt, er scheint ganz an seine Wohlthäterin
-gefesselt, die ihn von der Seite seines guten und dankbaren
-Herzens eingenommen hat.</p>
-
-<p>Ich hatte die Idee ihn nach Pfingsten mit nach Gotha
-und Weimar zu nehmen, wo ich Freunde und Verwandte
-habe, zu denen ich eine Gesundheitsreise thun werde, ich wollte
-ihn den dasigen zum Theil wichtigen Gelehrten präsentiren,
-ich wollte ihn wieder an die offne Welt und an die Gesellschaft
-der Menschen gewöhnen, die er beinah scheut, und
-sich allerhand Unangenehmes von ihnen vorstellt. Aber so
-geneigt er im Anfang zu meinem Vorschlag war, so sehr
-scheint jetzt sein Geschmack davon entfernt. Ich werde also
-das Vergnügen dieser Reise nicht mit ihm theilen können.</p>
-
-<p>Wenn ich gleich unendlich dabei verliere, wenn Ihr Herr
-Bruder einst diese Gegend verlassen sollte, und keiner meiner
-bisherigen Freunde mir diesen Verlust ersetzen würde, so
-wollte ich doch lieber all mein Vergnügen der Ausbildung
-und Glückseligkeit eines so guten und künftig großen Mannes
-aufopfern etc. etc.</p>
-
-<p>Leben Sie mit Ihren lieben Eltern wohl.</p>
-
-<p class="center">
-Ihr gehorsamster Diener und Verehrer</p>
-<p class="right">
-W. H. Reinwald.
-</p></div>
-
-<p>Dieser Brief macht es wahrscheinlich, daß Schiller nicht,
-wie er im Januar willens war, mit Hrn. von Wrmb nach
-Thüringen reiste, sondern fortwährend in Bauerbach blieb.
-War dies der Rat seines Freundes Reinwald? Oder bedachte
-er es selbst, daß sein Aufenthalt bei Hrn. von Wrmb<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span>
-von so zarter Beschaffenheit sein würde, daß ein Wörtchen,
-ja nur eine Gebärde ihn wieder entfernen und in die größte
-Verlegenheit setzen müßte?</p>
-
-<p>Gewißheit kann der Verfasser hierüber nicht geben, indem
-er sich nicht erinnert, in der Folge mit Schillern darüber
-gesprochen zu haben, und er auch einige Briefe von
-diesem aus (jetzt freilich sehr bedauerter) Nachlässigkeit verloren.
-Übrigens müßte es auffallend scheinen, daß der gerechte,
-edle Stolz und Ehrgeiz des Dichters auch nur einen
-Augenblick es ertragen konnte, Frau v. W. einer Verlegenheit
-auszusetzen, wenn wir nach obigem Brief nicht annehmen
-dürften, daß es ihr mit dem Dringen auf seine Entfernung
-nicht sehr ernst gewesen wäre. Außer diesem mochte
-auch Schillern der Umstand nachgiebiger machen, daß er
-hier frei von allen Sorgen für die kleinlichen Bedürfnisse
-des Lebens, ohne die mindeste Störung gänzlich seiner Laune,
-seinen Träumen, Idealen und dichterischen Entwürfen leben
-konnte; wo ihm kein Befehl vorschrieb, wie er gekleidet sein
-müsse, oder die Minute bezeichnete, zu welcher er im Spital
-oder auf der Wachtparade erscheinen solle, und wo er nur
-seinen großartigen Gefühlen und der Freundschaft leben
-durfte.</p>
-
-<p>Man muß den edlen Jüngling genau gekannt und in
-den Jahren 1781 und 82 mit ihm in (dem damals so
-zwangsvollen) Stuttgart gelebt haben, um gewiß zu sein,
-daß ein nur einigermaßen leidliches Gefängnis, in welchem
-sein Tun und Lassen nicht vorgeschrieben worden wäre, ihm
-gegen seinen damaligen Zustand gehalten, als eine wirkliche
-Wohltat erschienen sein würde. Weiter unten werden wir
-aus einem Briefe von ihm selbst erfahren, daß nur die zuletzt
-angeführten Gründe die einzigen sein konnten, welche
-ihm den Aufenthalt in Bauerbach so wert und unvergeßlich
-machten.</p>
-
-<p>Die Lobsprüche, welche ihm Herr Reinwald in seinem
-Brief erteilt, beweisen, wie einnehmend seine Persönlichkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-gewesen und wie duldsam er jede Eigenheit an andern zu
-ertragen wußte, indem Hypochondrie und immerwährende
-Kränklichkeit Herrn Reinwald sehr reizbar und empfindlich
-machten und er auch von der höchsten Bedächtlichkeit war.
-Aber der Kern dieses Mannes, seine Kenntnisse sowie sein
-Herz waren vortrefflich, und wir werden sehen, wie hoch
-Schiller diesen Freund achtete.</p>
-
-<p>Hätte Herr Reinwald den jungen Dichter dazu vermocht,
-mit ihm nach Weimar und Gotha zu reisen, so würde er
-in ersterem Orte Goethe und Wieland kennen gelernt haben,
-die ihm, aller Wahrscheinlichkeit nach, einen Lebensplan vorgezeichnet,
-ihn mit Rat und Empfehlungen unterstützt und
-in die nützlichsten Verbindungen gebracht hätten. Auch wären
-ihm dadurch zwei Jahre erspart worden, die er meistens in
-Verdruß zubrachte, und die von den nachteiligsten Folgen
-für seine Gesundheit waren.</p>
-
-<p>Was Schiller aber von dieser Reise abhielt, war die
-Sirenenstimme, die sich von dem Theater zu Mannheim
-wieder vernehmen ließ und die seine Nerven so sehr in
-Schwingung versetzte, daß er ihren Lockungen nicht widerstehen
-konnte und alles andere von sich abwehrte. Denn
-schon im März 1783, also kaum drei Monate später, nachdem
-der Dichter sieben Wochen vergeblich in Oggersheim
-aufgehalten und auf eine äußerst harte Weise entlassen worden
-war, schrieb ihm Baron Dalberg wieder, um sich nach
-seinen theatralischen Arbeiten zu erkundigen, und zwar in
-solchen Ausdrücken, daß Schiller an Herrn Meier in Mannheim
-schrieb: »es müsse ein dramatische Unglück in Mannheim
-vorgegangen sein, weil er von Baron Dalberg einen
-Brief erhalten, dessen annähernde Ausdrücke ihn auf diese
-Vermutung brächten.«</p>
-
-<p>Dieser Schluß war jedoch nur insofern richtig, als Baron
-Dalberg, der sich sehr gern mit Umänderungen von Theaterstücken
-beschäftigte, und damals gerade Lanassa und Julius
-Cäsar von Shakespeare unter der Schere hatte, wohl fühlen<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span>
-mochte, daß Schiller zu solchen Arbeiten nicht ganz ungeeignet
-sein dürfte. Auch geschah es oft, daß die Mitglieder
-des Theaterausschusses von Fiesco sowie von dem bürgerlichen
-Trauerspiele Luise Millerin sprachen, dessen ganzer
-Plan S. bekannt war und den dieser, da ihn kein Versprechen
-zur Geheimhaltung verpflichtete, so umständlich als
-lebhaft auseinandersetzte.</p>
-
-<p>Am wahrscheinlichsten bleibt jedoch, daß sich Baron Dalberg
-der frühern Versprechungen und gegebenen Hoffnungen
-erinnerte, die er Schillern gemacht, und welche diesen zu
-seinem verzweifelten Schritte verleitet. Jetzt, nachdem der
-Herzog von Württemberg nicht die mindeste Vorkehrung zur
-Habhaftwerdung des Flüchtlings getroffen, konnte mit voller
-Sicherheit und ohne sich im mindesten bloß zu stellen, demselben
-Genugtuung gegeben, die öfters mahnenden Wünsche
-der Schauspieler erfüllt, sowie durch Anstellung eines solchen
-Dichters der Bühne ein Glanz erteilt werden, der sie über
-alle andern von Deutschland erhob, und von welcher der
-größte Teil ihres Ruhmes auf deren Intendanten zurückstrahlen
-mußte.</p>
-
-<p>Möge nun dieser oder jener Beweggrund den Brief des
-Baron Dalberg an Schillern veranlaßt haben, so ist es, zur
-Rechtfertigung des letztern, von der größten Wichtigkeit zu
-zeigen, daß er auch jetzt wieder, wie im Jahre 1781 angelockt,
-ja gewissermaßen zur Veränderung seines Aufenthaltes
-aufgefordert worden, ohne daß er es gesucht oder sich
-deshalb beworben hätte. Der anteilnehmende Leser möge
-diesen Umstand um so weniger übersehen, weil es zur unparteiischen
-Beurteilung des Schicksals und Benehmens des
-Dichters unumgänglich notwendig ist zu wissen, durch wen
-und durch was er zu nachteiligen Schritten verleitet worden.
-Nachfolgendes ist die Antwort (S. Schillers Briefe an Freiherrn
-von Dalberg S. 80), welche auf die Anfrage erteilt
-wurde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span></p>
-
-<div class="letter">
-<p class="right">
-S.-Meiningen, den 3. April 1783.
-</p>
-
-<p>Euer Exzellenz verzeihen, daß Sie meine Antwort auf
-Ihre gnädige Zuschrift erst so spät erhalten&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p class="center">
-&ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash;<br />
-</p>
-
-<p>Daß Euer Exzellenz mich auch in der Entfernung noch
-in gnädigem Andenken tragen, kann mir nicht anders als
-schmeichelhaft sein. Sie wünschen zu hören, wie ich lebe?</p>
-
-<p>Wenn Verbannung der Sorgen, Befriedigung der Lieblingsneigung,
-und einige Freunde von Geschmack einen Menschen
-glücklich machen können, so kann ich mich rühmen, es
-zu sein.</p>
-
-<p>E. E. scheinen, ungeachtet meines kürzlich mißlungenen
-Versuchs, noch einiges Zutrauen zu meiner dramatischen
-Feder zu haben. Ich wünschte nichts, als solches zu verdienen;
-weil ich mich aber der Gefahr, Ihre Erwartung zu
-hintergehen, nicht neuerdings aussetzen möchte, so nehme ich
-mir die Freiheit, Ihnen einiges von dem Stück vorauszusagen.</p>
-
-<p class="center">
-&ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash;<br />
-</p>
-
-<p>Wenn diese Fehler, die ich E. E. mit Absicht vorhersage,
-für die Bühne nichts Anstößiges haben, so glaube ich, daß
-Sie mit dem übrigen zufrieden sein werden. Fallen sie aber
-bei der Vorstellung zu sehr auf, so wird alles übrige, wenn
-es auch noch so vortrefflich wäre, für Ihren Endzweck unbrauchbar
-sein und ich werde es besser zurückbehalten.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p class="right">
-<em class="antiqua">Dr.</em> Schiller.
-</p></div>
-
-<p>Wer diesen Brief gegen die früheren vergleicht, dem muß
-die kalte geschraubte Sprache desselben auffallen, indem darin
-durchaus nichts ist, woraus zu schließen wäre, Schiller bewerbe
-sich wieder um den Schutz des Baron Dalberg. Eher
-noch sind Vorwürfe gegen diesen nicht undeutlich ausgesprochen,
-denn die Schilderung der Unabhängigkeit und des Glücks,
-welches der Dichter jetzt genieße, scheint absichtlich als Gegensatz
-angeführt zu sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p>
-
-<p>Ungeachtet alles dessen wurde der Briefwechsel fortgesetzt,
-und Schiller konnte der süßtönenden Stimme um so weniger
-widerstehen, als nach seinen Begriffen die Schaubühne sowie
-die Arbeiten für dieselbe einen Einfluß und eine Wichtigkeit
-hatten, die durch keine andere Kunst oder Wissenschaft
-bewirkt werden könne. Und bei der ersten Bühne Deutschlands
-sollte er nun Dichter, Lenker eines reinen, veredelten
-Geschmackes werden! Jetzt wäre der Zeitpunkt eingetreten,
-wo er seine Ideale, die Geschöpfe seiner Einbildungskraft
-lebend, handelnd der gespannten Aufmerksamkeit einer Menge
-von Zuschauern vorführen könnte! Und diese so lang ersehnte
-Gelegenheit sollte er zurückweisen?</p>
-
-<p>Zu viel wäre dieses gefordert! Er mußte dem Anerbieten
-entsprechen und traf auch in den ersten Tagen des
-Septembers 1783,<a id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">5</a> nur von Herrn Meier und dessen Frau
-erwartet, in Mannheim ein.</p>
-
-<p>Seinem zurückgelassenen Freunde S. wurde absichtlich
-von der ganzen Unterhandlung nichts gesagt, weil er sich
-(da sein eignes Glück durch den unnützen Aufenthalt in Oggersheim
-gestört worden) schon zu oft gegen das Versprechen
-und Verlocken geäußert und das Verfahren gegen den unglücklich
-gemachten Dichter bei seinem wahren Namen benannt
-hatte.</p>
-
-<p>Auch wurde ihm durch dieses Verheimlichen eine Überraschung
-bereitet, die vollkommen gelang. Denn als er zur
-gewöhnlichen Stunde bei Herrn Meier eintrat, konnte er
-kaum seinen Augen glauben, daß es der in weiter Entfernung
-vermeinte Schiller sei, welcher mit der heitersten Miene
-und dem blühendsten Aussehen ihm entgegentrat.</p>
-
-<p>Nach den herzlichsten Umarmungen und nachdem die
-eiligsten Fragen beantwortet waren, kündigte Schiller seinem
-Freund an, daß er von Baron Dalberg als Theaterdichter<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-nach Mannheim berufen worden und als solcher mit einer
-Besoldung von 300, sage: dreihundert, Gulden Reichswährung
-nächstens sein Amt antreten werde. Seine Zufriedenheit
-über diese Anstellung sprach aus jedem Wort, aus jedem
-Blick, und er mochte sich wohl denselben Himmel in der
-Wirklichkeit dabei denken, der auf dem Theater oft so täuschend
-dargestellt wird.<a id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">6</a></p>
-
-<p>Unter dem ruhigen Genuß seiner Freunde und der
-Schaubühne &ndash; unter einer Menge von Plänen und Besprechungen
-über seine künftigen Arbeiten vergingen mehrere
-Wochen, und ehe er noch an den Abänderungen des Fiesco
-oder der Luise Millerin etwas angefangen hatte, überfiel
-ihn das kalte Fieber, welches ihn anfänglich zu allem untüchtig
-machte.</p>
-
-<p>Der Sommer dieses Jahres 1783 zeichnete sich durch
-eine ungewöhnliche Hitze aus, durch welche aus dem mit
-Morast und stehendem Wasser gefüllten Festungsgraben eine
-so faule, verdorbene Luft entwickelt wurde, daß kaum die
-Hälfte der Einwohner von diesem Übel verschont blieb. Auch
-verursachte die dumpfe Luft in dieser Festung, deren hohe
-Wälle jeden Zug, jede Strömung eines Windes verhinderten,
-bei allen Krankheiten gefährlichere Folgen als sonst, und
-der Tod beraubte in der Mitte des Oktobers Schiller eines
-Freundes, der ihm um so werter geworden, je mehr er Gelegenheit
-gehabt hatte, dessen edles, offenes Gemüt kennen
-zu lernen. Der Theaterregisseur, Herr Meier, dessen schon
-so oft erwähnt worden, starb an einer anfangs unbedeutend
-scheinenden Krankheit, wodurch nicht nur seiner Frau und
-seinen Freunden, sondern auch seinen Kunstgenossen sowie
-der Schaubühne selbst ein sehr lang gefühlter Verlust verursacht
-wurde. Denn nicht allein war er als Mensch höchst
-achtungswert, er war auch ein in Ekhofs Schule gebildeter,<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-sehr bedeutender Künstler, der in den meisten, vorzüglich aber
-in sanften Rollen nichts zu wünschen übrig ließ. Zur Rechtfertigung
-der ärztlichen Kenntnisse Schillers darf hier versichert
-werden, daß er die schlimmen Folgen der Mittel,
-welche der Theaterarzt verordnet hatte, voraussagte.</p>
-
-<p>Wenn schon das Wechselfieber den tätigen, kühnen Geist
-des Dichters lähmte, so waren die Einwendungen, welche
-man gegen sein zweites Trauerspiel machte und die er beseitigen
-sollte, noch weniger geeignet, seine Einbildungskraft
-aufzuregen.</p>
-
-<p>Die Bahn, die er sich in seinen Arbeiten für die Bühne
-vorgezeichnet hatte, war ganz neu und ungewöhnlich, daher
-es den Schauspielern, die meistens nur bürgerliche oder sogenannte
-Konversationsstücke aufzuführen gewohnt waren,
-sehr schwer und mühsam wurde, die Ausdrücke des Dichters
-so zu geben, wie er sie schrieb, und in welche sich, ohne
-deren Sinn zu stören oder ins Gemeine herabzuziehen, durchaus
-nichts aus der Umgangssprache einflicken ließ. Daß bei
-den Räubern derlei Einwendungen weniger gemacht wurden,
-davon war der überwältigende Stoff sowie die ergreifende
-Wirkung, welche die meisten Szenen hervorbrachten, die Ursache.
-Besonders eiferte letzteres jeden Mitwirkenden an, alle
-Kräfte beisammen zu halten, um auch in den unbedeutend
-scheinenden Teilen keine Störung zu verursachen, damit das
-Werk so, wie es aus der dichterischen Kraft entsprungen, ein
-erstaunungswürdiges Ganzes bliebe.</p>
-
-<p>Bei Fiesco war der Inhalt schon an sich selbst kälter.
-Die schlauen Verwicklungen erwärmten nicht; die langen
-Monologe, so meisterhaft sie auch waren, konnten nicht mit
-Begeisterung aufgefaßt und gesprochen werden, indem sich
-größtenteils nur der Ehrgeiz darin malte und zu fürchten
-war, daß die Zuschauer ohne Teilnahme bleiben würden.
-Man gestand nicht gern, daß die Anstrengung des Darstellers
-mit dem zu erwartenden Beifall nicht im Verhältnis stehen
-möchte, weil erstere zu groß und letzterer zu gering sein würde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p>
-
-<p>Am meisten wurde gegen den Schluß eingewendet, weil
-er weder den ersten Schauspielern noch dem Publikum Genüge
-leisten könne und eine Empfindung zurücklassen müsse,
-welche den Anteil, den man an dem Vorhergehenden des
-Stückes genommen, bedeutend schwächen würde.</p>
-
-<p>Wenn man bedenkt, daß der tiefe, umfassende Geist
-Schillers sich auch in späterer Zeit nie bequemen konnte,
-ein Stück so zu entwerfen und zu schreiben, daß es den
-Forderungen oder, eigentlicher zu reden &ndash; da vorzüglich die
-unterhaltenden Künste den geringern Kräften der Menge angepaßt
-werden müssen &ndash; dem Handwerksmäßigen des Theaters
-in allen seinen Teilen angemessen hätte sein können;
-so kann man sich vorstellen, mit welchem Widerwillen er sich
-an Abänderungen (worunter nicht Abkürzungen verstanden
-sind) überhaupt, besonders aber wie bei Fiesco der Fall
-war, an solche sich machte, wo dem Verstand und der Wahrheit
-zugleich der stärkste Schlag versetzt werden müßte. War
-auch sein Kopf gewandt genug, um jede Begebenheit als
-möglich darzustellen, so mußte doch an die Stelle des Zerstörten
-etwas Neues geschaffen werden, das &ndash; wie jeder,
-dem Geistes- oder Kunstarbeiten bekannt sind, gestehen muß &ndash;
-entweder nicht so gut gerät oder doch viel schwieriger als
-ersteres ist.</p>
-
-<p>Indessen mußte er diese Einwürfe berücksichtigen, und
-ungeachtet der Unterbrechungen durch seine Krankheit und
-die dadurch gestörte gute Laune wurde er dennoch in der
-zweiten Hälfte des Novembers mit Umarbeitung des Fiesco
-fertig.</p>
-
-<p>Nun mußte aber das ganze Stück ins Reine und in der
-genauen Folge geschrieben werden, wozu, da man diese beschwerliche
-Arbeit nicht von ihm verlangen konnte, ein Regiments-Furier
-vorgeschlagen wurde, der eine sehr deutliche
-und hübsche Handschrift hatte. Da so vieles aus der ersten
-Bearbeitung gestrichen, zwischen hinein abgeändert oder ganz
-neu eingelegt war, so durfte die Anordnung dem Abschreiber<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-nicht überlassen bleiben, sondern mußte ihm in die Feder
-gesagt werden.</p>
-
-<p>In den ersten Stunden fühlte sich der Verfasser sehr behaglich,
-indem er nach Bequemlichkeit bald sitzend, bald auf
-und nieder gehend vorsagen konnte. Als aber der Mann
-weggegangen war, wie entsetzte sich Schiller, als er seinen
-ihm so wert gewordenen Helden Fiesco in Viesgo, die liebliche
-Leonore in Leohnohre, Calcagna in Kallkahnia verwandelt
-und in den übrigen Eigennamen falsche Buchstaben,
-sowie die meisten Worte der gewohnten Rechtschreibung entgegen
-fand.</p>
-
-<p>Seine Klagen hierüber waren ebenso bitter als auf eine
-Art ausgesprochen, die zum Lachen reizte, indem er gar nicht
-begreifen konnte, daß jemand, der so schöne Buchstaben mache,
-nicht auch jedes Wort richtig sollte schreiben können.</p>
-
-<p>Noch einmal, nachdem er den Mann vorher alle Namen
-ordentlich hatte aufzeichnen lassen, versuchte er es wieder vorzusagen.
-Als er aber dennoch fand, daß Fiesco jetzt mit
-einem F, und später mit einem V anfing, da verlor er die
-Geduld so gänzlich, daß er, um diese Augenmarter nicht
-länger aushalten zu müssen, sich entschloß, selbst das ganze
-Stück ins reine zu schreiben. Er war so fleißig dabei, daß
-solches in der Mitte Dezembers dem Baron Dalberg überreicht
-werden konnte. Zufrieden mit seiner in den verflossenen
-zwei Monaten bewiesenen Tätigkeit konnte der kranke
-Dichter allerdings sein, obwohl diese, da er nur die vom
-Fieber freien Tage und die Nächte benützen konnte, seine
-Kräfte sehr abspannte und sein sonst immer heiteres Gemüt
-sich öfters verdüsterte. Aber nicht allein eine solche Anstrengung
-war geeignet, jede muntere Laune zu verscheuchen, auch
-sein übriges Verhältnis, das in Beziehung des Einkommens
-im grellsten Widerspruch mit seinen früheren Erwartungen
-stand, mußte ihn schon darum zum Mißvergnügen reizen,
-weil ihm dieses in den Briefen von seiner Familie sehr bemerklich
-gemacht wurde. Besonders war der Vater sehr<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-unzufrieden, seinen Sohn in einem so ungewissen, nichts
-dauernd zeigenden Zustand zu wissen, und er glaubte ihn
-nur dann für die Zukunft geborgen, wenn er wieder Arzt
-und unter dem Schutze des Herzogs wäre. Das Herz der
-Mutter, konnte es ruhig schlagen, wenn sie ihren Liebling
-in seiner Gesundheit, in seinem häuslichen Wesen, in seinen
-Sitten &ndash; die sie bei dem Theater sich zügellos denken
-mochte &ndash; im höchsten Grade gefährdet glaubte? Auch die
-älteste Schwester vereinigte ihre Wünsche mit denen der Eltern
-und veranlaßte folgende Erwiderung des Bruders.</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="right">
-Mannheim, am Neujahr 84.</p>
-<p class="center">
-Meine teuerste Schwester!
-</p>
-
-<p>Ich bekomme gestern Deinen Brief, und da ich über
-meine Nachlässigkeit, Dir zu antworten, etwas ernsthaft nachdenke,
-so mache ich mir die bittersten Vorwürfe von der
-Welt. Glaube mir, meine Beste, es ist keine Verschlimmerung
-meines Herzens; denn so sehr auch Schicksale den Charakter
-verändern können, so bin doch ich mir immerdar gleich
-geblieben &ndash; es ist ebensowenig Mangel an Aufmerksamkeit
-und Wärme für Dich; denn Dein künftiges Los hat schon
-oft meine einsamen Stunden beschäftigt, und wie oft warst
-Du nicht die Heldin in meinen dichterischen Träumen! &ndash;
-Es ist die entsetzliche Zerstreuung, in der ich von Stunde
-zu Stunde herumgeworfen werde, es ist zugleich auch eine
-gewisse Beschämung, daß ich meine Entwürfe über das Glück
-der Meinigen und über Deins insbesondere bis jetzt so
-wenig habe zur Ausführung bringen können. Wie viel bleiben
-doch unsere Taten unseren Hoffnungen schuldig! und
-wie oft spottet ein unerklärbares Verhängnis unseres besten
-Willens&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Also unsere gute Mutter kränkelt noch immer? Sehr
-gern glaube ich es, daß ein schleichender Gram ihrer Gesundheit
-entgegen arbeitet, und daß Medikamente vielleicht<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-gar nichts tun &ndash; aber Du irrst Dich, meine gute Schwester,
-wenn Du ihre Besserung von meiner Gegenwart hoffst.
-Unsere liebe Mutter nährt sich gleichsam von beständiger
-Sorge. Wenn sie auf einer Seite keine mehr findet, so
-sucht sie sie mühsam auf einer andern auf. Wie oft haben
-wir alle uns das ins Ohr gesagt! Ich bitte Dich auch, ihr
-es in meinem Namen zu wiederholen. Ich spreche ganz
-allein als Arzt &ndash; denn daß eine solche Gemütsart das
-Schicksal selbst nicht verbessern, daß sie mit einer Resignation
-auf die Vorsicht durchaus nicht bestehen könne, wird unser
-guter Vater ihr öfter und besser gesagt haben. Dein Zufall
-ficht mich wirklich nicht wenig an. Ich erinnere mich,
-daß du ihn mehrmals gehabt hast, und bin der Meinung,
-daß eine Lebensart mit starker Leibesbewegung, neben einer
-verdünnenden Diät ihn am besten hemmen werde. Nimm
-zuweilen eine Portion Salpeter mit Weinstein, und trinke
-auf das Frühjahr die Molken.</p>
-
-<p>Du äußerst in Deinem Brief den Wunsch, mich auf der
-Solitüde im Schoße der Meinigen zu sehen, und wiederholst
-den ehmaligen Vorschlag des lieben Papas, beim Herzog
-um meine freie Wiederkehr in mein Vaterland einzukommen.
-Ich kann Dir nichts darauf antworten, Liebste, als
-daß meine Ehre entsetzlich leidet, wenn ich ohne Konnexion
-mit einem andern Fürsten, ohne Charakter und dauernde
-Versorgung, nach meiner einmal geschehenen gewaltsamen
-Entfernung aus Württemberg, mich wieder da blicken lasse.
-Daß der Papa den Namen zu dieser Bitte hergibt, nützt
-mir wenig, denn jedermann würde doch mich als die Triebfeder
-anklagen, und jedermann wird, so lang ich nicht beweisen
-kann, daß ich den Herzog von Württemberg nicht
-mehr brauche, in einer (mittelbar oder unmittelbar, das ist
-eins) erbettelten Wiederkehr ein Verlangen, in Württemberg
-unterzukommen, vermuten.</p>
-
-<p>Schwester, überdenke die Umstände aufmerksam; denn
-das Glück Deines Bruders kann durch eine Übereilung in<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span>
-dieser Sache einen ewigen Stoß leiden. Ein großer Teil
-von Deutschland weiß von meinen Verhältnissen gegen euern
-Herzog und von der Art meiner Entfernung. Man hat sich
-für mich auf Unkosten des Herzogs interessiert &ndash; wie entsetzlich
-würde die Achtung des Publikums (und diese entscheidet
-doch mein ganzes zukünftige Glück), wie sehr würde
-meine Ehre durch den Verdacht sinken, daß ich diese Zurückkunft
-gesucht &ndash; daß meine Umstände mich meinen ehmaligen
-Schritt zu bereuen gezwungen, daß ich diese Versorgung,
-die mir in der großen Welt fehlgeschlagen, aufs
-neue in meinem Vaterlande suche. Die offene edle Kühnheit,
-die ich bei meiner gewaltsamen Entfernung gezeigt habe,
-würde den Namen einer kindischen Übereilung, einer dummen
-Brutalität bekommen, wenn ich sie nicht behaupte.
-Liebe zu den Meinigen, Sehnsucht nach dem Vaterland entschuldigt
-vielleicht im Herzen eines oder des andern redlichen
-Mannes, aber die Welt nimmt auf das keine Rücksicht.
-Übrigens kann ich nicht verhindern, wenn der Papa es dennoch
-tut &ndash; nur dieses sage ich Dir, Schwester, daß ich, im
-Fall es der Herzog erlauben würde, dennoch mich nicht bälder
-im Württembergischen blicken lasse, als bis ich wenigstens
-einen Charakter habe, woran ich eifrig arbeiten will;
-im Fall er es aber nicht zugibt, mich nicht werde enthalten
-können, den mir dadurch zugefügten Affront durch offenbare
-Sottisen gegen ihn zu rächen. Nunmehr weißt Du genug,
-um vernünftig in dieser Sache zu raten.</p>
-
-<p>Schließlich wünsche ich Dir und Euch allen von ganzem
-Herzen ein glückliche Schicksal im 1784sten Jahr; und gebe
-der Himmel, daß wir alle Fehler der vorigen in diesem
-wieder gut machen, geb' es Gott, daß das Glück sein Versäumnis
-in den vergangenen Jahren in dem jetzigen einbringe.</p>
-
-<p class="center">
-Ewig Dein treuer Bruder</p>
-<p class="right">
-Friedrich S.
-</p></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span></p>
-
-<p>Wahrlich, ein Beweis, wie er als Sohn, Bruder und
-Mann dachte, läßt sich durch nichts so offen, kräftig und
-schön als durch diesen Brief darstellen, dessen Inhalt um
-so schätzbarer ist, da er im größten Vertrauen geschrieben
-wurde und sich keine Ursache finden konnte, einen Gedanken
-anders auszudrücken als ganz so, wie er entstand. Denn
-diese Anhänglichkeit, diese kindliche und brüderliche Liebe war
-nebst dem stolzen Gefühl für Ehre und Erwerbung eines
-berühmten Namens der mächtigste Sporn für ihn, um durch
-sein Talent das Glück der Seinigen ebenso gewiß als sein
-eignes zu befördern. Schon in Stuttgart, noch eh' er den
-Entschluß zu entfliehen gefaßt hatte, war dieses sehr oft der
-Inhalt seiner vertrauten Gespräche, so wie es auch, da er
-die Unmöglichkeit einsah, diesen Wunsch in seinen drückenden
-Verhältnissen verwirklichen zu können, ein Grund mehr wurde,
-sich eigenmächtig zu entfernen. Auf das treueste schildert er
-zehn Jahre später seine damaligen Erwartungen in dem Gedicht:
-Die Ideale</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Wie sprang, von kühnem Mut beflügelt,<br /></span>
-<span class="i0">Beglückt in seines Traumes Wahn,<br /></span>
-<span class="i0">Von keiner Sorge noch gezügelt,<br /></span>
-<span class="i0">Der Jüngling in des Lebens Bahn!<br /></span>
-<span class="i0">Bis an des Äthers bleichste Sterne<br /></span>
-<span class="i0">Erhob ihn der Entwürfe Flug,<br /></span>
-<span class="i0">Nichts war so hoch und nichts so ferne,<br /></span>
-<span class="i0">Wohin ihr Flügel ihn nicht trug.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Wie leicht ward er dahin getragen,<br /></span>
-<span class="i0">Was war dem Glücklichen zu schwer!<br /></span>
-<span class="i0">Wie tanzte vor des Lebens Wagen<br /></span>
-<span class="i0">Die luftige Begleitung her!<br /></span>
-<span class="i0">Die Liebe mit dem süßen Lohne,<br /></span>
-<span class="i0">Das Glück mit seinem goldnen Kranz,<br /></span>
-<span class="i0">Der Ruhm mit seiner Sternenkrone,<br /></span>
-<span class="i0">Die Wahrheit in der Sonne Glanz!«<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span></p>
-<p>So waren seine Hoffnungen, als er das Kleinliche, Eigensüchtige
-der Menschen noch nicht aus der Erfahrung kannte,
-als quälende Sorgen mit ihren zackichten Krallen sich noch
-nicht an ihn geklammert hatten, als er noch glauben durfte,
-die Deutschen zu sich erheben und ihnen etwas Höheres als
-bloße Unterhaltung darbieten zu können.</p>
-
-<p>Nur zu bald mußte er ausrufen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Doch ach! schon auf des Weges Mitte<br /></span>
-<span class="i0">Verloren die Begleiter sich,<br /></span>
-<span class="i0">Sie wandten treulos ihre Schritte,<br /></span>
-<span class="i0">Und einer nach dem andern wich.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Aber sein Mut blieb dennoch unbeugsam! Denn was
-tausend andere in ähnlichen Verwicklungen niedergedrückt oder
-zur Verzweiflung gebracht hätte, wurde von seinem mächtigen
-Geiste &ndash; der immer nur das höchste Ziel im Auge
-behielt &ndash; entweder gar nicht beachtet oder, wenn es auch
-schmerzte, nur belächelt.</p>
-
-<p>Im Verfolg der Erzählung wird das Gesagte noch weiter
-bestätigt werden.</p>
-
-<p>Noch während der Umarbeitung des Fiesco wurde es
-eingeleitet, daß Schiller in die deutsche Gesellschaft zu Mannheim,
-von welcher Baron Dalberg Präsident war, aufgenommen
-werden solle. Außer der in Deutschland so sehr
-gesuchten Ehre eines Titels hatte der Eintritt in diese Gesellschaft
-wenigstens den Vorteil, daß sie sich des unmittelbaren
-kurfürstlichen Schutzes erfreute, wodurch denn der
-Dichter, im Fall er noch von dem Herzog von Württemberg
-angefochten worden wäre, wenigstens einigen Schutz
-hätte erwarten dürfen. Zu seinem Eintritt schrieb er die
-kleine Abhandlung: »Was kann eine gute stehende Schaubühne
-wirken?« welche noch immer die Mühe verlohnt, sie
-aufs neue durchzulesen, um den Zweck des Theaters überhaupt
-und auch die Ansichten des Verfassers über die Wirkung
-desselben kennen zu lernen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p>
-
-<p>Einige Monate nach dieser Aufnahme faßte er den Plan,
-eine Dramaturgie herauszugeben, um durch diese die Mannheimer
-Bühne als Muster für ganz Deutschland bilden, auch
-sich zugleich einen größern Wirkungskreis erwerben zu können.
-Anfangs glaubte man, daß es am besten sein würde,
-die Aufsätze den Jahrbüchern der deutschen Gesellschaft einzuverleiben.
-Jedoch der ganze, so eifrig gefaßte und so vielversprechende
-Vorsatz scheiterte, indem diese Jahrbücher, die
-nur ernste, trockene Forschungen enthielten, durch Berichte
-über ein so flüchtiges Ding, wie das Theater zu sein scheint,
-profaniert geworden wären, und weil die Theaterkasse die
-von dem Dichter verlangte jährliche Schadloshaltung von
-50 Dukaten nicht zu leisten vermochte. (Das Nähere hierüber
-findet sich in den Briefen an Baron Dalberg S. 104,
-124.) Endlich in der Mitte Januars 1784 wurde das
-republikanische Schauspiel Fiesco aufgeführt, dessen durch
-Unlenksamkeit der Statisten veranlaßten häufigen Proben
-dem Verfasser manchen Ärger, viele Zerstreuung und öfters
-auch Aufheiterung verschafften. Es war alles, was die
-schwachen Kräfte des Theaters vermochten, angewendet worden,
-um das Äußerliche des Stücks mit Pracht auszustellen;
-ebenso wurden auch die Hauptrollen, Fiesco durch Böck,
-Verrina durch Iffland, der Mohr durch Beil, vortrefflich
-dargestellt, und manche Szenen erregten sowohl für den
-Dichter als für die Schauspieler bei den Zuschauern die
-lauteste Bewunderung. Aber für das Ganze konnte sich die
-Mehrheit nicht erwärmen; denn eine Verschwörung in den
-damals so ruhigen Zeiten war zu fremdartig, der Gang der
-Handlung viel zu regelmäßig, und was vorzüglich erkältete,
-war, daß man bei dem Fiesco ähnliche Erschütterungen wie
-bei den Räubern erwartet hatte.</p>
-
-<p>Dichter, Künstler, deren erstes Werk schon etwas Großes,
-Außerordentliches darstellt, und dessen Bearbeitung in gleicher
-Höhe mit dem Inhalt sich findet, können selten die Erwartungen
-in demjenigen, was sie in der nächsten Folge<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-liefern, ganz befriedigen, indem die Anzahl derer ganz unglaublich
-gering ist, die ein Kunstwerk ganz allein für sich,
-ohne Beziehung oder Vergleichung mit anderm zu würdigen
-verstehen. Mit seltener Ausnahme hat jeder Zuhörer oder
-Zuschauer seinen eignen Maßstab, mit dem er alles mißt,
-und wenn auch nur eine Linie über oder unter der als
-richtig erkannten Länge ist, es auch sogleich als untüchtig
-verwirft. Besonders werden die Werke der Einbildungskraft
-weit mehr nach dem Gefühl, das sie zu erregen fähig sind,
-als mit dem Verstande beurteilt, und alle Leistungen, welche
-das erste im hohen Grad ansprechen &ndash; mögen sie übrigens
-noch so fehlerhaft sein &ndash; werden der Menge weit mehr zusagen
-als solche, bei denen der Verstand, die schöne weise
-Verteilung, die freie Beherrschung des Stoffes, den großen
-Meister andeutet. Daher hatte Wieland vollkommen recht,
-als er in seinem ersten Brief an Schiller schrieb: »er hätte
-mit den Räubern nicht anfangen, sondern endigen sollen.«</p>
-
-<p>Wir werden weiter unten erfahren, welcher Ursache es
-der Dichter beigemessen, daß Fiesco in Mannheim die gehoffte
-Wirkung nicht hatte.</p>
-
-<p>Nach einigen Wochen Erholung begann er die Umarbeitung
-von Luise Millerin, bei welcher er wenig hinzuzufügen
-brauchte, wohl aber vieles ganz weglassen mußte. Schien
-ihm nun auch dieses ganze bürgerliche Trauerspiel ziemlich
-mangelhaft angelegt, so ließ sich doch an den Szenen, die
-den meisten Anteil zu erregen versprachen, nichts mehr ändern;
-sondern er mußte sich begnügen, die hohe Sprache
-herabzustimmen, hier einige Züge zu mildern und wieder
-andere ganz zu verwischen. Manche Auftritte, und zwar
-nicht die unbedeutendsten, gründen sich auf Sagen, die damals
-verbreitet waren, und deren Anführung viele Seiten
-ausfüllen würde. Der Dichter glaubte solche hier an den
-schicklichen Platz stellen zu sollen und gab sich nur Mühe, alles
-so einzukleiden, daß weder Ort noch Person leicht zu erraten
-waren, damit nicht üble Folgen für ihn daraus entstünden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span></p>
-
-<p>Während dieser Umarbeitung brachte Iffland sein Verbrechen
-aus Ehrsucht auf die Bühne.</p>
-
-<p>Er war so artig, es Schillern vor der Aufführung einzuhändigen
-und ihm zu überlassen, welche Benennung dieses
-Familienstück führen solle, und dem der bezeichnende Name,
-den es noch heute führt, erteilt wurde. Der außerordentliche
-Beifall, den dieses Stück erhielt, machte die Freunde
-Schillers nicht wenig besorgt, daß dadurch seine Luise Millerin
-in den Schatten gestellt werde, denn niemand erinnerte
-sich, daß ein bürgerliches Schauspiel jemals so vielen Eindruck
-hervorgebracht hätte. Letzteres durfte jedoch meistens
-der Darstellung beigemessen werden, die so lebendig, der
-ganzen Handlung so angemessen war und in allen Teilen
-so rund von statten ging, daß man den innern Gehalt ganz
-vergaß und, von der Begeisterung des Publikums mit fortgerissen,
-sich willig täuschen ließ.</p>
-
-<p>Nicht lange nachher kam die Vorstellung des neuen
-Trauerspiels unseres Dichters an die Reihe, welchem Iffland,
-dem es vorher übergeben wurde, die Aufschrift »Kabale
-und Liebe« erteilte. Um der Aufführung recht ungestört
-beiwohnen zu können, hatte Schiller eine Loge bestanden
-und seinen Freund S. zu sich dahin eingeladen.</p>
-
-<p>Ruhig, heiter, aber in sich gekehrt und nur wenige
-Worte wechselnd, erwartete er das Aufrauschen des Vorhanges.
-Aber als nun die Handlung begann &ndash; wer vermöchte
-den tiefen, erwartenden Blick &ndash; das Spiel der unteren
-gegen die Oberlippe &ndash; das Zusammenziehen der
-Augenbrauen, wenn etwas nicht nach Wunsch gesprochen
-wurde &ndash; den Blitz der Augen, wenn auf Wirkung berechnete
-Stellen diese auch hervorbrachten &ndash; wer könnte dies
-beschreiben! &ndash; Während des ganzen ersten Aufzuges entschlüpfte
-ihm kein Wort, und nur bei dem Schlusse desselben
-wurde ein »es geht gut« gehört.</p>
-
-<p>Der zweite Akt wurde sehr lebhaft und vorzüglich der
-Schluß desselben mit so vielem Feuer und ergreifender Wahrheit<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span>
-dargestellt, daß, nachdem der Vorhang schon niedergelassen
-war, alle Zuschauer auf eine damals ganz ungewöhnliche
-Weise sich erhoben und in stürmisches, einmütiges Beifallrufen
-und Klatschen ausbrachen. Der Dichter wurde so sehr
-davon überrascht, daß er aufstand und sich gegen das Publikum
-verbeugte. In seinen Mienen, in der edlen, stolzen
-Haltung zeigte sich das Bewußtsein, sich selbst genug getan
-zu haben, sowie die Zufriedenheit darüber, daß seine Verdienste
-anerkannt und mit Auszeichnung beehrt würden.</p>
-
-<p>Solche Augenblicke, in welchen das aufgeregte Gefühl
-eines bedeutenden Menschen sich plötzlich ganz unverhohlen
-und natürlich äußert, sollte man durch eine treue Zeichnung
-festhalten können; dies würde einen Charakter leichter und
-bestimmter durchschauen lassen, als in Worten zu beschreiben
-möglich ist.</p>
-
-<p>Die ungewöhnlich günstige Aufnahme dieses Trauerspieles
-war den Freunden Schillers beinahe ebenso erfreulich, als
-ihm selbst, indem sie, da seiner Arbeit nicht nur von Kennern,
-sondern auch von dem Publikum ein entschiedener Vorzug
-vor andern ähnlicher Art gegeben wurde, hoffen durften,
-daß er durch neue Werke, nicht wie bisher nur Ehre und
-Beifall, sondern auch solche Vorteile gewinnen werde, die
-seine Verhältnisse des Lebens befriedigender gestalten könnten.
-Der Theaterdirektion konnte es gleichfalls willkommen sein,
-daß in den verflossenen zwei Jahren auch zwei solche Stücke
-von ihm geliefert worden, deren Wert sich für eine lange
-Zukunft verbürgen ließ; und konnte er, wie es auch den
-Anschein hatte, so fortfahren, so war seine geringe Besoldung
-sehr gut angelegt.</p>
-
-<p>In der Berauschung, die ein öffentlicher, mit Begeisterung
-geäußerter Beifall immer zur Folge hat, konnte er
-jedoch die Nachricht der Schwester (S. vorstehenden Brief),
-daß die Mutter aus Sehnsucht nach ihm kränklich sei, nicht
-vergessen, und erlaubte es früher &ndash; nachdem keine seiner
-Erwartungen erfüllt war &ndash; sein Stolz nicht, seiner Mutter<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span>
-sich zu zeigen, so war dieser durch den Titel eines Mitgliedes
-der kurpfälz'schen deutschen Gesellschaft, wie durch den
-überraschenden Erfolg seiner zwei letzten Stücke, insoweit
-wenigstens befriedigt, daß er mit gerechtem Selbstgefühl seinen
-Angehörigen vor Augen treten durfte. Er entschloß sich
-daher, in Bretten, einem außerhalb der württemberg'schen
-Grenze liegenden Städtchen, mit seiner Mutter und ältesten
-Schwester zusammen zu kommen, und wenige Tage nach
-der ersten Aufführung von Kabale und Liebe begab er sich
-zu Pferd dahin.<a id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">7</a></p>
-
-<p>Wäre es möglich, das tiefempfindende, sorgenvolle Gemüt
-der Mutter, und die Wehmut, mit der sie ihren, nun
-aus seinem Vaterlande wie von seinen Eltern verbannten
-Liebling an die Brust drückte, die Lebhaftigkeit, den männlichen
-Verstand der Schwester, das zarte, weiche, sich immer
-edel und schön aussprechende Herz des Sohnes gehörig zu
-schildern, so wäre dieses wohl eines der anziehendsten Gemälde,
-die sich in dem Leben eines solchen Dichters und
-einer so seltenen Familie darbieten können. Es muß der
-Einbildungskraft des Lesers überlassen bleiben, diese Szene,
-nebst dem nach kurzem Aufenthalte gewaltsamen Losreißen
-dreier vortrefflicher Menschen, die das von zitternden Lippen
-gepreßte Lebewohl! für lange, lange Zeit ausgesprochen
-glauben mußten, sich teilnehmend ausmalen zu können.</p>
-
-<p>Es war ganz natürlich, daß der Wunsch des Vaters wie
-der Mutter, dem Sohn auf das angelegentlichste empfohlen
-wurde, sich doch um eine sichere, dauernde Anstellung zu bewerben,
-damit seine eigenmächtige Entfernung gerechtfertigt
-und sein Glück dauerhaft begründet sein möge. Allein mit
-allem guten Willen hierzu konnte er eine solche Veränderung
-nicht sogleich herbeiführen, und es blieb vorläufig nichts zu<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-tun, als mit dem festen Vorsatz nach Mannheim zurückzukehren,
-durch neue sich auszeichnende Arbeiten seinem Schicksal
-eine bessere Wendung zu geben. Er glaubte, daß dieses
-ein Schritt dazu wäre, wenn er in Gesellschaft von Iffland
-und Beil, die zu Ende Aprils von Grosmann in Frankfurt
-auf Gastvorstellungen eingeladen waren, die Reise dahin
-machte, und dadurch den Kreis seiner Verehrer und Freunde
-erweiterte.</p>
-
-<p>Bei seinem Aufenthalt daselbst wurde Verbrechen aus
-Ehrsucht wie auch Kabale und Liebe gegeben. Seine Äußerungen
-über die Verschiedenheit der Frankfurter gegen die
-Mannheimer Bühne sowie über die Mitglieder von beiden,
-finden sich in seinen Briefen an Baron Dalberg.</p>
-
-<p>Daß sich in Frankfurt diejenigen, welche Sinn für höhere
-Poesie hatten, an den Dichter drängten, der in so jungen
-Jahren schon so viele Beweise der Überlegenheit seines Geistes
-an den Tag gelegt, läßt sich sehr leicht denken. Denn
-die Zeit war damals so ruhig, so harmlos, die Gedichte und
-Schauspiele Schillers trugen so sehr den Stempel der Größe
-und Neuheit, daß sich die jüngere Lesewelt nur mit diesen
-beschäftigte, und ihr alles, was zu gleicher Zeit die Presse
-in diesem Fache förderte, klein oder nichtsbedeutend schien.</p>
-
-<p>Unter andern neuen Bekanntschaften machte er auch die
-des Doktor Albrecht und dessen Gattin, welche letztere (S.
-Schröders Leben) später das Theater betrat. Beide waren
-auch Freunde des Bibliothekars Reinwald in Meiningen
-und erinnerten Schiller an die &ndash; allen, deren Wirken nicht
-bloß durch die Einbildungskraft geschieht, ganz unbegreifliche
-&ndash; Nachlässigkeit, diesem, dem er so viele Verbindlichkeit
-hatte, seit der Abreise aus Bauerbach noch nicht geschrieben
-zu haben.</p>
-
-<p>Kaum nach Mannheim zurückgekehrt, beeilte er sich, seinen
-Fehler durch ein offenes Geständnis wenn auch nicht
-zu rechtfertigen, doch wenigstens zu mildern, und schrieb<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span>
-Herrn Reinwald folgenden Brief, dessen Inhalt für jeden
-seiner Verehrer nicht anders als höchst anziehend sein kann.</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="right">
-Mannheim, den 5. Mai 84.</p>
-<p class="center">
-Bester Freund!
-</p>
-
-<p>Mit peinigender Beschämung ergreife ich die Feder, nicht
-um mein langes Stillschweigen zu entschuldigen &ndash; kann
-wohl ein Vorwand in der Welt Ihre gerechten Ansprüche
-auf mein Andenken überwiegen? &ndash; Nein, mein Teuerster,
-um Ihnen diese Undankbarkeit von Herzen abzubitten, und
-Ihnen wenigstens mit der Aufrichtigkeit, die Sie einst an
-mir schätzten, zu gestehen, daß ich mich durch nichts als
-meine Nachlässigkeit rechtfertigen kann. Was hilft es Ihnen,
-wenn ich auch zu meiner Verantwortung anführe, daß ich
-Aussichten hatte, Sie diesen Frühling selbst wieder zu sehen,
-daß ich die tausend Dinge, die ich für Sie auf dem Herzen
-habe, mündlich zu überbringen hoffte&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Dieser Traum ist verflogen, wir sehen uns nunmehr so
-bald nicht, und nichts als Ihre Freundschaft und Liebe wird
-mein großes Versehen entschuldigen. Glauben Sie wenigstens,
-daß Ihr Freund noch der vorige ist, daß noch kein
-anderer Ihren Platz in meinem Herzen besetzt hat, und daß
-Sie mir oft, sehr oft gegenwärtig waren, wenn ich von den
-Zerstreuungen meines hiesigen Lebens in stilles Nachdenken
-überging. &ndash; Und jetzt will ich auch auf immer einen Artikel
-abbrechen, wobei ich von Herzen erröten muß.</p>
-
-<p>Wie haben Sie gelebt, mein Teurer? Wie steht es mit
-Ihrem Gemüt, Ihrer Gesundheit, Ihren Zirkeln, Ihren
-Aussichten in bessere Zukunft? &ndash; Ist noch kein Schritt zu
-einer solidern Versorgung geschehen? Müssen Sie sich noch
-immer mit den Verdrießlichkeiten eines armseligen Dienstes
-herumstreiten? &ndash; Hat auch Ihr Herz noch keinen Gegenstand
-aufgefunden, der Ihnen Glückseligkeit gewährte?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wie sehr verdienen Sie alle Seligkeiten des Lebens, und
-wie viele kennen Sie noch nicht! &ndash; Auch um einen Freund<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-mußte ich Sie betrügen! Doch nein! Sie haben ihn niemals
-verloren und werden ihn auch niemals verlieren.</p>
-
-<p>Vielleicht wünschen Sie mit meiner Lage bekannt zu sein.
-Was sich in einem Briefe sagen läßt, sollen Sie erfahren.</p>
-
-<p>Noch bin ich hier, und nur auf mich kommt es an, ob
-ich nach Verfluß meines Jahres, nämlich am 1. September,
-meinen Kontrakt verlängern will oder nicht. Man rechnet
-aber indes schon ganz darauf, daß ich hier bleiben werde,
-und meine gegenwärtigen Umstände zwingen mich beinahe
-auf längere Zeit zu kontrahieren, als ich vielleicht sonst würde
-getan haben. Das Theater hat mir für dieses Jahr in allem
-500 Gulden Fixum gegeben, wobei ich aber auf die jedesmalige
-Einnahme einer Vorstellung meiner Stücke Verzicht
-tun mußte. Meine Stücke bleiben mir frei zu verkaufen.
-Aber Sie glauben nicht, mein Bester, wie wenig Geld 600
-bis 800 Gulden in Mannheim, und vorzüglich im theatralischen
-Zirkel ist &ndash; wie wenig Segen, möchte ich sagen, in
-diesem Geld ist &ndash; welche Summen nur auf Kleidung, Wohnung
-und gewisse Ehrenausgaben gehen, welche ich in meiner
-Lage nicht ganz vermeiden kann. Gott weiß, ich habe mein
-Leben hier nicht genossen, und noch einmal soviel als an jedem
-andern Orte verschwendet. Allein und getrennt! &ndash; Ungeachtet
-meiner vielen Bekanntschaften, dennoch einsam und
-ohne Führung, muß ich mich durch meine Ökonomie hindurchkämpfen,
-zum Unglück mit allem versehen, was zu unnötigen
-Verschwendungen reizen kann. Tausend kleine Bekümmernisse,
-Sorgen, Entwürfe, die mir ohne Aufhören
-vorschweben, zerstreuen meinen Geist, zerstreuen alle dichterischen
-Träume, und legen Blei an jeden Flug der Begeisterung.
-Hätte ich jemand, der mir diesen Teil der Unruhe
-abnähme, und mit warmer, herzlicher Teilnehmung sich um
-mich beschäftigte, ganz könnte ich wiederum Mensch und
-Dichter sein, ganz der Freundschaft und den Musen leben.
-Jetzt bin ich auch auf dem Wege dazu.</p>
-
-<p>Den ganzen Winter hindurch verließ mich das kalte Fieber<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span>
-nicht ganz. Durch Diät und China zwang ich zwar jeden
-neuen Anfall, aber die schlimme hiesige Luft, worin ich noch
-Neuling war, und meine von Gram gedrückte Seele machten
-ihn bald wiederkommen. Bester Freund! ich bin hier noch
-nicht glücklich gewesen, und fast verzweifle ich, ob ich je in
-der Welt wieder darauf Anspruch machen kann. Halten Sie
-es für kein leeres Geschwätz, wenn ich gestehe, daß mein
-Aufenthalt in Bauerbach bis jetzt mein seligster gewesen, der
-vielleicht nie wieder kommen wird.</p>
-
-<p>Vorige Woche war ich zu Frankfurt, Grosmann zu besuchen
-und einige Stücke da spielen zu sehen, worin zwei
-Mannheimer Schauspieler, Beil und Iffland, Gastrollen
-spielten. Grosmann bewirtete mich unter andern auch mit
-Kabale und Liebe. (Nicht wahr, jetzt zürnen Sie wieder,
-daß ich noch den Mut habe, dieses Stück vor Ihnen zu
-nennen, da ich Ihnen auch nicht einmal ein Exemplar davon
-geschickt. Werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihnen
-sage, daß nicht nur dieses Stück, sondern auch die beiden
-andern für Sie schon zurückgelegt waren, daß ich fest entschlossen
-war, sie Ihnen selbst nach der hiesigen Vorstellung
-zu bringen, wovon mich eine traurige Notwendigkeit abhielt,
-und daß ich das aufgegeben habe, als ich bei Schwan erfuhr,
-Sie hätten das Stück schon kommen lassen?) Hier
-zu Mannheim wurde es mit aller Vollkommenheit, deren
-die Schauspieler fähig waren, unter lautem Beifall und den
-heftigsten Bewegungen der Zuschauer gegeben.</p>
-
-<p>Sie hätte ich dabei gewünscht &ndash; den Fiesco verstand
-das Publikum nicht. Republikanische Freiheit ist hierzulande
-ein Schall ohne Bedeutung, ein leerer Name &ndash; in
-den Adern der Pfälzer fließt kein römisches Blut. Aber zu
-Berlin wurde es vierzehnmal innerhalb drei Wochen gefordert
-und gespielt. Auch zu Frankfurt fand man Geschmack
-daran. Die Mannheimer sagen, das Stück wäre viel zu
-gelehrt für sie.</p>
-
-<p>Eine vortreffliche Frau habe ich zu Frankfurt kennen<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span>
-lernen &ndash; sie ist Ihre Freundin &ndash; die Madame Albrecht.
-Gleich in den ersten Stunden ketteten wir uns fest und innig
-aneinander; unsre Seelen verstanden sich. Ich freue mich
-und bin stolz, daß sie mich liebt, und daß meine Bekanntschaft
-sie vielleicht glücklich machen kann. Ein Herz, ganz
-zur Teilnahme geschaffen, über den Kleinigkeitsgeist der gewöhnlichen
-Zirkel erhaben, voll edlen, reinen Gefühls für
-Wahrheit und Tugend, und selbst da noch verehrungswert,
-wo man ihr Geschlecht sonst nicht findet. Ich verspreche mir
-göttliche Tage in ihrer nähern Gesellschaft. Auch ist sie eine
-gefühlvolle Dichterin! Nur, mein bester, schreiben Sie ihr,
-über ihre Lieblingsidee zu siegen, und vom Theater zu gehen.
-Sie hat sehr gute Anlagen zur Schauspielerin, das ist wahr,
-aber sie wird solche bei keiner solchen Truppe ausbilden, sie
-wird mit Gefahr ihres Herzens, ihres schönen und einzigen
-Herzens, auf dieser Bahn nicht einmal große Schritte tun
-&ndash; und täte sie diese auch, schreiben Sie ihr, daß der größte
-theatralische Ruhm, der Name einer Clairon und Yates mit
-ihrem Herzen zu teuer bezahlt sein würde. Mir zu Gefallen,
-mein Teuerster, schreiben Sie ihr das mit allem Nachdruck,
-mit allem männlichen Ernst. Ich habe es schon getan, und
-unsere vereinigten Bitten retten der Menschheit vielleicht eine
-schöne Seele, wenn wir sie auch um eine große Aktrice bestehlen.</p>
-
-<p>Von Ihnen, mein Liebster, wurde langes und breites
-gesprochen. Madame Albrecht und ich waren unerschöpflich
-in der Bewunderung Ihres Geistes und Ihres mir noch
-schätzbareren Herzens. Könnten wir uns in einen Zirkel
-von mehreren Menschen dieser Art vereinigen, und in diesem
-engern Kreise der Philosophie und dem Genusse der schönen
-Natur leben, welche göttliche Idee! &ndash; Auch der Doktor ist
-ein lieber, schätzbarer Freund von mir. Sein ganzes Wesen
-erinnerte mich an Sie, und wie teuer ist mir alles, wie bald
-hat es meine Liebe weg, was mich an Sie erinnert.</p>
-
-<p>Noch immer trage ich mich mit dem Lieblingsgedanken,<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span>
-zurückgezogen von der großen Welt, in philosophischer Stille
-mir selbst, meinen Freunden und einer glücklichen Weisheit
-zu leben, und wer weiß ob das Schicksal, das mich bisher
-unbarmherzig genug herumwarf, mir nicht auf einmal eine
-solche Seligkeit gewähren wird. In dem lärmendsten Gewühl,
-mitten unter den Berauschungen des Lebens, die man
-sonst Glückseligkeit zu nennen pflegt, waren mir doch immer
-jene Augenblicke die süßesten, wo ich in mein stilles Selbst
-zurückkehrte und in dem heitern Gefilde meiner schwärmerischen
-Träume herumwandelte, und hie und da eine Blume
-pflückte. &ndash; Meine Bedürfnisse in der großen Welt sind vielfach
-und unerschöpflich, wie mein Ehrgeiz, aber wie sehr
-schrumpft dieser neben meiner Leidenschaft zur stillern Freude
-zusammen.</p>
-
-<p>Es kann geschehen, daß ich zur Aufnahme des hiesigen
-Theaters ein periodisches, dramaturgisches Werk unternehme,
-worin alle Aufsätze, welche mittelbar oder unmittelbar an
-das Geschlecht des Dramas oder an die Kritik desselben grenzen,
-Platz haben sollen. Wollen Sie, mein Bester, einiges
-in diesem Fach ausarbeiten, so werden Sie sich nicht nur
-ein Verdienst um mich erwerben, sondern auch alle Vorteile
-für Ihre Börse davon ziehen, die man Ihnen verschaffen
-kann, denn vielleicht verlegt und bezahlt die kurfürstliche
-Theaterkasse das Buch. Schreiben Sie mir Ihre Entschließung
-darüber.</p>
-
-<p>Daß ich Mitglied der kurfürstlichen deutschen Gesellschaft
-und also jetzt pfälz'scher Untertan bin, wissen Sie ohne
-Zweifel.</p>
-
-<p>Den Einschluß überschicken (oder überbringen) Sie an
-Frau von Wolzogen, und fahren Sie fort, Ihren Freund
-zu lieben, der unter allen Verhältnissen des Lebens ewig der
-Ihrige bleiben wird</p>
-
-<p class="right">
-Fried. Schiller.
-</p></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span></p>
-
-<p>Wer es tadeln wollte, daß vorstehender Brief seinem
-ganzen Inhalte nach mitgeteilt worden, der möge erwägen,
-daß er ein sehr wichtiger Beitrag zur Kenntnis der Denkungsart
-und der häuslichen Verhältnisse Schillers ist, und
-daß ein Zeugnis, welches jemand von sich selbst ablegt, um
-vieles bedeutender sein muß, als was andere ausgesprochen.
-Ungerechnet die feine Art, mit welcher er den von ihm vernachlässigten
-Freund wieder zu gewinnen suchte, zieht er auch
-diejenigen, welche glauben, sein Aufenthalt in Mannheim
-wäre so angenehm gewesen, aus einem großen Irrtum.</p>
-
-<p>Mehrere Stellen dieses Briefes, als die Klagen über sein
-häusliches Leben &ndash; über das Unzulängliche seiner Einnahme
-&ndash; seine Zerstreuung und schwärmerischen Träumereien &ndash;
-die Sehnsucht nach Bauerbach usw. fordern hier um so mehr
-einige Erläuterungen, als er ein viel zu bedeutender Mensch
-war, um solche Umstände übergehen zu können, und weil
-hierüber ein Zeuge berichten kann, dem nichts verborgen oder
-verhehlt wurde.</p>
-
-<p>Ist es für einen jungen Mann, der nicht Vermögen
-genug besitzt, um sich eigne Bedienung halten zu können,
-eine beinahe unmögliche Sache, seine Kleidung, Wäsche,
-Bücher, Schriften usw. dergestalt in Ordnung zu halten,
-daß keine Verwirrung entstehe, so ist dieses bei Dichtern,
-Künstlern, Gelehrten oder überhaupt denjenigen, die bloß
-allein mit ihrer Einbildungskraft arbeiten, und den Eingebungen
-ihres Geistes folgen müssen, noch weit weniger der
-Fall.</p>
-
-<p>Je umfassender nun ein Genie, je höher seine Kraft, sein
-Wollen, seine Pläne sind, um so weniger kann es sich mit
-solchen Sachen befassen, die auch dem gewöhnlichen Manne
-schon als solche Kleinigkeiten erscheinen, daß er deren Besorgung
-unter seiner Würde erachtet. Wenn nun diese Abneigung
-auch bei solchen stattfindet, deren Wirken mehr nach
-vorgeschriebenen Regeln, als im Erfinden oder Erschaffen
-besteht; um wie viel störender muß es einem Dichter oder<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-Künstler sein, wenn er durch die Bedürfnisse des Tages aus
-seinem Nachdenken, aus seiner Begeisterung gerissen, und
-gewissermaßen aus einer wärmenden Behaglichkeit in eiskaltes
-Wasser geworfen wird. Ließe sich eine Idee, ein Ausdruck
-festhalten, oder würde die Gedankenreihe durch eine
-Unterbrechung dieser Art nicht so zerstreut, daß man den
-Anfang und die Folge derselben oft wieder aufs neue suchen
-muß, so würde die Geduld keine so harte Probe bestehen
-müssen.</p>
-
-<p>Man denke sich nun unsern Schiller im Brüten über
-den Plan eines Trauerspieles, in dem Entwurfe einer Szene,
-in der Ausarbeitung eines Monologes, und stelle sich vor,
-wie ihm sein mußte, wenn ihm reine Wäsche übergeben und
-die gebrauchte gefordert wurde, wenn er letztere erst suchen
-und deren durchsichtigen Zustand erklären mußte, wenn er
-nach spätem Erwachen die wenigen Stücke seiner Kleidung
-beschädigt fand, oder sein nur nach Viertelstunden bedungener
-Diener zu unrechter Zeit eintraf; man denke sich dieses, und
-glaube dann, daß er trotz seiner Gutmütigkeit oft in eine
-widerliche Gemütsstimmung geriet.</p>
-
-<p>Aus diesem Zustande hätte ihn nur weibliche Fürsorge
-erlösen können, die aber in Mannheim fehlte, weil er abgesondert
-wohnte, sich auch seine kärgliche Mittagskost, von
-der noch für den Abend etwas zurückgehalten werden mußte,
-aus einem Gasthause holen ließ. Es würde übrigens eine
-sehr belustigende und des Pinsels eines Hogarths würdige
-Aufgabe sein, das Innere des Zimmers eines von immerwährender
-Begeisterung trunkenen Musensohnes recht getreu
-darzustellen; denn es würde sich hier durchaus nichts Bewegliches
-und selbst das nicht, was sonst immer dem Auge
-entzogen wird, an seinem Platze finden. Unordnung bei
-jungen Männern ist etwas Gewöhnliches, aber bei den sogenannten
-Genies übertrifft sie jede Vorstellung. Seine
-Einnahme während acht Monaten setzt er selbst auf 500
-Gulden Reichswährung an. Wem dieses zu wenig scheint,<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-dem darf versichert werden, daß auch diese unbedeutende
-Summe noch beinahe um 100 Gulden zu hoch angegeben
-ist, denn außer seiner Besoldung von 300 Gulden, die er
-vorausnehmen mußte, konnte ihm nur der Ertrag des Druckes
-von Kabale und Liebe zufließen. Mit diesen geringen Mitteln
-mußte er sich neu kleiden, Wäsche, Betten, Hausgeräte anschaffen;
-er mußte, wie er selbst sagt, sogenannte Ehrenausgaben,
-das heißt, kleine gesellschaftliche Unterhaltungen,
-Ausflüge auf das Land mitmachen; daher er denn auch
-immer, nicht nur für den nächsten Monat, sondern für die
-nächste Woche, ja oft für den nächsten Tag in Sorgen war
-und doch immer schuldige Rückstände bezahlen sollte.</p>
-
-<p>Zu dieser bangen, qualvollen Lage gesellte sich dann auch
-noch das kalte Fieber, welches besonders im Entstehen alle
-Martern des Tantalus mit sich führte. Denn der brennendste
-Durst, der heißeste Hunger durfte nicht genugsam gestillt
-werden, um die Krankheit nicht zu unterhalten. Die Hilfe
-dagegen, nur in Brechmitteln und Chinarinde bestehend,
-schwächte den Magen ebensosehr, als sie ihn belästigte; und
-wenn nichts mehr helfen wollte, mußte man wohl den Rat
-des Arztes befolgen und so viele Chinapulver, als man sonst
-in 24 Stunden hätte gebrauchen sollen, zwei Stunden vor
-dem Eintritte des Fiebers auf einmal nehmen, was freilich
-oft half, aber ein solches Toben des Magens veranlaßte,
-daß man glaubte vergehen zu müssen, und was auf lange
-Jahre hinaus die übelsten Folgen zurückließ.</p>
-
-<p>Möge der Leser, wenn er sich an den Schönheiten von
-Fiesco und Kabale und Liebe ergötzt oder in den herrlichen
-Szenen von Don Carlos seine Gefühle schwelgen läßt, doch
-nie vergessen, daß unter so drückenden, beugenden Umständen
-die obigen Stücke verändert und der erste Akt des letztern
-gedichtet wurde; alsdann erst wieder den Göttersohn bewundern,
-der unter so vielen Übeln seinen Geist immer tätig
-erhielt und an der heiligen Flamme nährte, die nicht von
-der Erde, sondern von oben her leuchtet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p>
-
-<p>Man wird es begreiflich finden, daß der Augenzeuge
-dieser Lage, der Freund des Dichters, es später nie mehr
-über sich gewinnen konnte, eines dieser drei Stücke vorstellen
-zu sehen. So oft er den Versuch dazu machte, so mußte er
-dennoch sich bei dem ersten Auftritte schon entfernen, weil
-ihn ein Schmerz, eine Wehmut befiel, die sich nur im Freien
-stillen konnten.</p>
-
-<p>Deutschland! Deutschland! Du darfst dich deiner großen
-Söhne nicht rühmen, denn du tatest nichts für sie; du überließest
-sie dem Zufall und gabst ihr geistiges Eigentum jedem
-Preis, der sie auf offener Straße darum berauben wollte.
-Nur der eignen Kraft, dem eignen Mute der einzelnen, nicht
-deinem Schutze, nicht deiner Fürsorge hast du es beizumessen,
-wenn andere Völker dich um deine großen Geister beneiden
-und sich an ihrem Licht entzünden.</p>
-
-<p>Wie wahrhaft sagt Schiller:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Kein Augustisch Alter blühte,<br /></span>
-<span class="i0">Keines Mediceers Güte<br /></span>
-<span class="i0">Lächelte der deutschen Kunst;<br /></span>
-<span class="i0">Sie ward nicht gepflegt vom Ruhme,<br /></span>
-<span class="i0">Sie entfaltete die Blume<br /></span>
-<span class="i0">Nicht am Strahl der Fürstengunst.<br /></span>
-<span class="i0">&ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash;<br /></span>
-<span class="i0">&ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash;<br /></span>
-<span class="i0">&ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Rühmend darf's der Deutsche sagen,<br /></span>
-<span class="i0">Höher darf das Herz ihm schlagen:<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Selbst</em> erschuf er sich den Wert.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Wolle man diesen Ausbruch einer gerechten Klage verzeihen,
-die sich immer wieder erneuert, so oft diese trüben
-Tage des &ndash; jetzt so hoch gefeierten &ndash; Dichters der Erinnerung
-vorschweben.</p>
-
-<p>Die Äußerung in obigem Briefe, »daß sein Aufenthalt
-in Bauerbach bis jetzt sein seligster gewesen,« war ganz seinen
-damaligen Umständen angemessen. Dort, in diesem stillen<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-Ort, in Gesellschaft und unter dem Schutz einer wohlwollenden
-Freundin, hatte er keine Sorgen, durfte sich um die
-Bedürfnisse des Lebens nicht bekümmern, brauchte kein Geld,
-weil die Gelegenheit zu Ausgaben fehlte, und konnte um so
-ungestörter seinen Träumen nachhängen, als ihm zarte Achtsamkeit
-und Pflege jede Mahnung an die Kleinigkeiten des
-Tages ersparten. Diese Ruhe, dieser behagliche Zustand war
-ihm so unvergeßlich, daß er nach Versicherung seiner Schwester
-noch nach vielen Jahren die damalige Zeit als die schönste
-und glücklichste seines Lebens rühmte; »daß er sich über tausend
-kleine Sorgen, Bekümmernisse, Entwürfe, die ihm ohne
-Aufhören vorschwebten, und seinen Geist, seine dichterischen
-Träume zerstreuten usw.« gegen Herrn Reinwald beklagte,
-kam daher, daß er in einer Gesellschaft, die jeden Augenblick
-Forderungen an ihn machte, leben mußte und lästige
-Frager, Besucher oder Amtsgeschäfte nicht zurückweisen
-durfte.</p>
-
-<p>Ihm mußte alles Störungen verursachen, da er wachend
-und träumend für nichts und in nichts als theatralischen
-Dichtungen lebte, in diesen wie in seinem eigentlichen Elemente
-sich befand, sie immerwährend ordnend, niederschreiben
-zu wollen schien und dennoch bei der Menge sich ihm darbietender
-Gegenstände zu keiner Entscheidung gelangen konnte.
-Schon in Stuttgart hatte er sich vorgenommen, Konradin
-von Schwaben zu bearbeiten; später wurde er von Baron
-Dalberg aufgefordert, den Don Carlos dafür zu nehmen.
-Während er sich noch in Mannheim mit der Geschichte Spaniens
-recht vertraut zu machen suchte, glaubte er es leichter,
-einen ganz eignen Plan zu erfinden, der bald diese, bald
-jene, aber immer eine tragische Entwicklung haben sollte.
-Endlich glaubte er einen solchen festhalten zu müssen, in welchem
-die Erscheinung eines Gespenstes die Entscheidung herbeiführte,
-und beschäftigte sich so gänzlich damit, daß er schon
-anfing, seine Gedanken niederzuschreiben. Aber er gab den
-Plan wieder auf, indem es ihm unter der Würde des Dramas<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-und eines wahren Dichters schien, die größte Wirkung einer
-Schreckgestalt schuldig sein zu sollen.</p>
-
-<p>Er machte die richtige Unterscheidung, daß ihm das Beispiel
-Shakespeares, der in Cäsar und Macbeth einen Geist
-erscheinen läßt, hierin nicht rechtfertigen könne, indem dieser
-nur als eine Nebensache angewendet worden, die weder auf
-die Handlung selbst noch auf deren Ausgang den mindesten
-Einfluß ausübe.</p>
-
-<p>Diese Unentschlossenheit in der Wahl, dieses immerwährende
-Ausspinnen einer verwickelten Gegebenheit ermüdete
-ihn aber weit mehr, als wenn er die wirkliche Ausarbeitung
-begonnen hätte.</p>
-
-<p>Jedoch er konnte nicht anders. Es war seiner Natur
-ganz entgegen, an irgend etwas nur oberflächlich zu denken.
-Alles sollte erschöpft, alles zu Ende gebracht werden. Daher
-beschäftigten sich seine Gedanken so lange mit einem Plane,
-bis er entweder die Hoffnung, einen wirkungsvollen Ausgang
-herbeizuführen, verlor, oder bis seine Kräfte ermüdeten,
-und er dann, um diese nicht ganz abzuspannen, auf etwas
-anderes überging. Seine Erregbarkeit für dichterische Gegenstände
-ging ins Unglaubliche. Er war dafür gleichsam eine
-immer glühende, nur mit leichter Asche bedeckte Kohle. Ein
-Hauch, und sie sprühte Funken.</p>
-
-<p>Der Leichtigkeit gemäß, mit welcher er Pläne zu Dramen
-schnell entwerfen konnte, hätte er einer der fruchtbarsten
-Schriftsteller für die Bühne werden können, aber wenn es
-an das Niederschreiben kam, da erlaubte sein tiefes Gefühl
-der Feder keine Eile. So wie er jede Sache in ihrem ganzen
-Umfang erfaßte, so sollte sie auch durch Worte nicht nur
-auf das deutlichste, sondern auch auf das schönste dargestellt
-werden. Daher das Erschöpfende, Volle, Satte und Runde
-seiner Ausdrücke und Wendungen, welche die Gedanken ebenso
-wie das Gefühl aufregen und sich dem empfänglichen Gemüt
-einprägen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span></p>
-
-<p>Solche Dichter, denen ihre Gaben nur sparsam zugemessen
-worden, sind um vieles mehr entschlossen. Kaum ist
-ein Gegenstand gefunden, so wird schon die Feder eingetaucht,
-damit die Arbeit schnell fertig werde. Schnell werden auch
-Vorteile damit erreicht, aber&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»der Ruhm mit seiner Sternenkrone«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">kann nie auf einem solchen Haupte verweilen. Während
-Schiller noch immer unentschlossen blieb, welche Handlung
-er zu einem neuen Trauerspiele wählen solle, war schon das
-Frühjahr verflossen, und Baron Dalberg vernahm weder
-von ihm selbst noch von andern, daß er sich für einen Stoff
-entschieden habe, wodurch denn die Hoffnung verschwand, in
-diesem Jahre noch ein neues Stück von ihm auf der Bühne
-zu sehen. Konnte dieses nicht geliefert werden, so war die
-Besoldung des Theaterdichters für nichts ausgegeben, was
-der magern Kasse nicht anders als schmerzlich sein konnte.
-Um nun Schillern zur Arbeit anzutreiben, oder wenn dieses
-nicht gelingen sollte, auf eine gute Art wieder loszubringen,
-beredete Baron Dalberg einen Bekannten desselben, seinen
-Hausarzt, den Hofrat Mai, jenem zu raten, das Studium
-der Arzneikunde wieder zu ergreifen; was eigentlich so viel
-heißen sollte, diese Feder, aus welcher schon die trefflichsten
-Gedichte und drei Trauerspiele geflossen, welche alle anderen
-der damaligen Zeit übertrafen, und noch heute nach fünfzig
-Jahren auf allen deutschen Bühnen gegeben werden, wegzuwerfen,
-und dafür eine solche zu nehmen, mit welcher bloß
-Rezepte ausgefertigt werden könnten.</p>
-
-<p>Kaum eine Viertelstunde nachdem Hr. Mai fort war,
-trat S. zu dem Dichter ein, der ihm mit argloser, gutmütiger
-Freude den gemachten Vorschlag berichtete und denselben &ndash;
-wenn ihm auf einige Jahre Unterstützung zu teil würde &ndash;
-als das einzige Rettungsmittel aus seinem sich täglich mehr
-verwirrenden Zustand ansah. Er entschloß sich, alsogleich
-an Baron Dalberg zu schreiben, und obwohl ihm vorausgesagt
-war, daß nur eine hofmäßige, ausweichende Antwort<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-darauf erfolgen würde, so ließ sich sein edles, reines Herz,
-das andere nur nach der eignen Weise beurteilte, doch nicht
-abhalten, eine Bitte zu tun, die zu seinem eignen Besten,
-sowie zur Ehre des deutschen Namens unerfüllt blieb.</p>
-
-<p>Was hätte auch die Welt, was Schiller dabei gewonnen,
-wenn derjenige, den er als seinen hohen Gönner achtete,
-einige hundert Gulden daran gewagt hätte, damit der Dichter
-wieder in einen Arzt, das heißt in einen solchen Mann umgewandelt
-würde, der alles, was er bisher geschaffen, vergäße
-&ndash; der den Boden, welcher schon so herrliche, prachtvolle
-Früchte getragen, wieder versumpfen ließe, um sein
-tägliches Brot sicherer als bisher erwerben zu können. Auch
-wären die Anstrengungen von neuen zwei Jahren um so
-gewisser vergeblich gewesen, da er sich wohl nie zu dem ängstlichen
-Fleiße, zu einer in das kleinste eingehenden Teilnahme
-hätte herablassen mögen, ohne die ein ausübender Arzt gar
-nicht gedacht werden und ohne welche er nicht die geringsten
-Vorteile für sein Glück erwarten darf. Wahrscheinlicherweise
-hätte er sich in das Philosophische der Medizin geworfen;
-vielleicht &ndash; wozu er nur zu viele Anlage hatte &ndash; hätte er
-ein ganz neues System der Heilkunde aufgestellt.</p>
-
-<p>Allein wie lange würde dieses gedauert haben? &ndash; Jedes
-Geschlecht sieht Ähnliches entstehen, und jedes erlebt auch
-dessen Untergang. Sein Gebiet war ausschließend die Dichtkunst.
-Hier war er Held, hier war er Herrscher; hier fühlte
-er seine unbezwinglichen Kräfte, und nur durch diese konnte
-er sich ein Reich errichten, das nie zerstört und dessen Grenze
-wohl schwerlich von jemand überschritten wird. Dieser Antrag
-hatte jedoch die gute Folge, daß er seinem bisherigen
-Wanken ein Ende machte und Schiller sich ernstlich entschloß,
-alles andere vorläufig nicht mehr zu beachten, sondern seine
-ganze Zeit Don Carlos zu widmen. Von diesem hatte er
-schon mehrere Szenen entworfen, auch den Gang des Stückes
-so ausgedacht, daß er zwar der Geschichte nicht ganz widerspräche,
-doch aber der Charakter Philipps etwas gemildert<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span>
-erscheine. Überdenkt man den Inhalt seiner drei ersten
-Trauerspiele, so wird man die längere Überlegung des Dichters
-sowie sein Zaudern, sich schnell an diese Arbeit zu
-wagen, sehr begreiflich finden. Im Don Carlos hatte er
-Charaktere zu schildern, die sich in der allerhöchsten Sphäre
-bewegten, die nicht nur den größten Einfluß auf ihre Zeit
-ausübten, sondern auch der Menschheit die tiefsten Wunden
-schlugen. Wäre es nur darum zu tun gewesen, die handelnden
-Personen als Tyrannen, als blutdürstige Henker zu
-zeichnen, so wäre die Schwierigkeit für ihn sehr gering gewesen.
-Aber er mußte, oder wollte wenigstens, die verabscheuungswürdigsten
-Menschen mit derselben Larve, die sie
-im Leben und besonders an Philipps Hofe trugen, getreu
-darstellen, ihre folgenden Handlungen andeuten und das
-Ganze dennoch auf eine solche Art stellen, daß es ein höchst
-anziehendes Schauspiel, aber keinem Zuschauer widerlich
-wäre. Seine Gespräche verbreiteten sich nicht allein über
-den Plan selbst, sondern auch über die ganz neue Art von
-Sprache, die er dabei gebrauchen müsse. Er wollte sie mit
-all dem Fluß und Wohllaut ausstatten, für welche er ein
-so äußerst empfindliches Gefühl hatte. Er glaubte daher
-auch, daß hierzu Jamben der Würde der Handlung sowie
-der Personen am angemessensten sein würden. Im Anfange
-machte ihm dieses einige Schwierigkeit, indem er seit zwei
-vollen Jahren durchaus nichts mehr in gebundener Rede geschrieben
-hatte. Jetzt mußte er seine Ausdrücke rhythmisch
-ordnen; er mußte, um die Jamben fließend zu machen, versuchen,
-schon rhythmisch zu denken. Wie aber nur erst eine
-Szene in dieses Versmaß eingekleidet war, da fand er selbst,
-daß dieses nicht nur das passendste für das Drama sei, sondern,
-da es auch gemeine Gedanken heraushebe, um so viel
-mehr das Erhabene und die Schönheit der Ausdrücke veredeln
-mußte. Seine Freude, sein Vergnügen über den guten
-Erfolg erhöhten seine Lust am Leben, an der Arbeit, und er
-sah mit Ungeduld der Abendstunde entgegen, in welcher er<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span>
-S. dasjenige, was er den Tag über fertig gebracht hatte,
-vorlesen konnte. Dieser kannte schon früher keinen höhern
-Genuß als die prachtvolle, so vieles in sich fassende und dennoch
-so glatt dahinrollende Prosa seines Freundes. Nun
-aber mußte sein Gefühl sich in Entzücken verwandeln, als
-er Gedanken und Ausdrücke wie folgende:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Ich stand dabei, als in Toledos Mauern<br /></span>
-<span class="i0">Der stolze Karl die Huldigung empfing,<br /></span>
-<span class="i0">Als graue Fürsten zu dem Handkuß wankten,<br /></span>
-<span class="i0">Und jetzt in einem &ndash; einem Niederfall<br /></span>
-<span class="i0">Sechs Königreiche ihm zu Füßen lagen.<br /></span>
-<span class="i0">Ich stand und sah das junge, stolze Blut<br /></span>
-<span class="i0">In seine Wangen steigen, seinen Busen<br /></span>
-<span class="i0">Von fürstlichen Entschlüssen wallen, sah<br /></span>
-<span class="i0">Sein trunknes Aug' durch die Versammlung fliegen<br /></span>
-<span class="i0">In Wollust brechen &ndash; Prinz &ndash; und dieses Aug'<br /></span>
-<span class="i0">Sprach laut: ›Ich bin gesättigt.‹«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">nach den Gesetzen der Tonkunst aussprechen hörte.</p>
-
-<p>Wie glücklich, wie erhaben waren solche Stunden, in
-welchen der hohe Meister sein Werk einem reinen, warmen
-Sinne vorlegen und den tiefen, unverfälschten Eindruck gewahren
-konnte, den es in dem Gemüte des begeisterten Jünglings
-hervorbrachte. Jeder Vers wurde als trefflich, jedes
-Wort, jeder Ausdruck als erschöpfend anerkannt, denn es
-war auch alles groß, alles schön, jeder Gedanke voll Adel.
-Er konnte ja nichts Gemeines hervorbringen. Der enthusiastische
-Freund beschwor Schillern, bei ähnlichen Gegenständen
-sich doch gewiß nie mehr zur Prosa herabzulassen,
-indem er selbst wahrnehmen müsse, wie viele Wirkung schon
-die ersten Versuche erregten.</p>
-
-<p>Nun arbeitete er sehr fleißig an diesem Trauerspiel, übte
-sich aber auch zugleich, um seine Einbildungskraft zeitweise
-ausruhen zu lassen, in der französischen Sprache, die ihm
-seit zwei Jahren fremd geworden war, und welche er sowohl
-zum Lesen von Racine, Corneille, Diderot usw. als auch<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span>
-zum Übersetzen sich wieder geläufig machen wollte. Zu letzterem
-bewog ihn besonders, seit das Projekt einer Dramaturgie
-rückgängig geworden, der Vorsatz, eine Monatschrift
-herauszugeben, welche zwar vorzüglich theatralischen Arbeiten
-und Beurteilungen gewidmet sein sollte, von der aber auch
-andere Sachen, die für die Lesewelt anziehend sein könnten,
-nicht ausgeschlossen wären. Das Sammeln der Materialien
-für mehrere Hefte, das Ausarbeiten derselben, welches in
-Mannheim, da er noch keinen Mitarbeiter hatte, ganz auf
-ihm lastete, beschäftigte ihn oft bis tief in die Nacht, erhöhte
-aber auch seinen Mut, weil er daraus größere Vorteile als
-durch Stücke für die Bühne zu ziehen hoffen durfte. Während
-dieser Anstrengungen, in denen er sich nur wenige Ruhe
-gönnte und wo er alles zu ergreifen suchte, um sein Leben
-nur einigermaßen von Sorgen frei zu halten, wurde er an
-eine Verpflichtung gemahnt, die er noch in Stuttgart eingegangen,
-und an die er nur mit Bangigkeit denken konnte.</p>
-
-<p>Es ist aus seinem Briefe aus Frankfurt an Baron Dalberg
-ersichtlich, daß er diesen auf die edelste, rührendste
-Art um einen Vorschuß von 200 Gulden gebeten, damit
-er die dringendsten Schulden, die seine schnelle Entfernung
-zu bezahlen ihm unmöglich machte, damit tilgen könne. Er
-sagt dabei: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr
-Sorgen macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen
-soll. Ich habe so lange keine Ruhe, bis ich mich von
-der Seite gereinigt habe.«</p>
-
-<p>Diese für einen reichen Mann so leicht zu erfüllende
-Bitte wurde ihm aber nicht gewährt, sondern er wurde durch
-erregte Hoffnungen veranlaßt, seine wenige Barschaft in
-Oggersheim vollends aufzuzehren. Auch seine folgenden Verhältnisse
-gestatteten ihm nicht, die gemachten Versprechungen
-zu halten und mit deren Erfüllung eine Last von sich abzuwälzen,
-die für sein wohlwollendes, für die Ehre sehr empfindliches
-Gemüt die drückendste seines früheren und späteren
-Lebens war. Beinahe zwei Jahre schon war die Geduld<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span>
-der Gläubiger hingehalten worden; er durfte also die Meinung
-hegen, daß dieses vielleicht noch länger der Fall sein
-könnte. Allein zu seinem nicht geringen Schrecken kam es
-anders. Die Person, welche sich für ihn auf obige Summe
-verbürgt hatte, wurde so sehr von den Darleihern gedrängt,
-daß sie aus Stuttgart nach Mannheim entfloh. Man setzte
-ihr nach, erreichte sie dort und hielt sie gefangen.</p>
-
-<p>Um sie für jetzt und für die Zukunft zu retten, blieb
-kein anderes Mittel, als ihr die 200 Gulden zu erstatten,
-für welche sie sich verbürgt hatte. Aber woher sollte diese
-für den, der keine andere Sicherheit als die Früchte seiner
-Feder leisten konnte, sehr bedeutende Summe aufgebracht
-werden? Von daher, wo er schon zweimal vergeblich Hilfe
-suchte, durfte er keine gewärtigen. Auch wollte er sich, da
-die ganze Sache ein Geheimnis bleiben sollte, nur jemand
-vertrauen, von dessen Verschwiegenheit er versichert sein konnte.
-Glücklicherweise war er mit einem sehr achtungswerten Manne,
-dem Baumeister Herrn Anton Hölzel, bei welchem S. wohnte,
-nicht nur bekannt, sondern wurde von ihm auch außerordentlich
-hochgeachtet, und dieser, so wenig er auf Reichtum oder
-Wohlhabenheit Anspruch machen konnte, scheute kein Opfer,
-um die verlangte Hilfe zu verschaffen, damit er aus einer
-Verlegenheit befreit würde, die von höchst nachteiligen Folgen
-für ihn hätte sein können. Es wäre vielleicht möglich gewesen,
-daß seine Eltern diesen Betrag erlegt oder wenigstens
-Bürgschaft dafür geleistet hätten, aber um dieses einzuleiten
-war die Zeit zu kurz. Um Rat zu schaffen, durfte
-kein Augenblick verloren werden. Und dann war auch sein
-Stolz zu groß, um seine gefährliche Lage dem Vater zu enthüllen,
-welcher seine Flucht sowohl als auch seine ungewissen
-Verhältnisse bisher immer mißbilligt hatte.</p>
-
-<p>Dieser höchst unangenehme Vorfall machte auf den gepeinigten
-Dichter einen um so tieferen Eindruck, als jetzt durchaus
-nicht mehr abzusehen war, wie oder in welcher Zeit eine
-Rettung aus seinen Geldnöten möglich sein würde. In dem<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span>
-für ihn so fatalen Mannheim war keine Erlösung aus den
-Sorgen zu hoffen; denn bei so geringen Einkünften mußten
-sich seine Umstände immer tiefer und endlich auf einen solchen
-Grad verschlimmern, daß ihm zuletzt kein anderes Mittel
-zu Gebote gestanden hätte, als sich heimlich zu entfernen.
-Aber wohin??? &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; dies war eine Frage, auf die
-keine Antwort sich finden ließ.</p>
-
-<p>Wie aber oft das dichteste, schwärzeste Gewölk sich plötzlich
-öffnet, um einen erquickenden Strahl der Sonne durchzulassen,
-oder auch der schwere Arm des Schicksals über den
-harten Prüfungsschlägen selbst ermüdet, so geschah es hier,
-und der erste Schritt, um Deutschland seinen edelsten Dichter
-zu erhalten, wurde nicht von seiner Umgebung, die täglicher
-Zeuge seines großen Charakters war, auch nicht von
-denen, die von den Früchten seines Geistes Vorteile zogen,
-sondern von solchen Menschen getan, deren Dasein ihm gar
-nicht bekannt war. Ganz unerwartet nämlich erhielt er durch
-den Postwagen<a id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">8</a> ein Päckchen, in welchem vier Bildnisse,
-mit farbigen Stiften auf Gips gezeichnet, nebst einer gestickten
-Brieftasche mit Schreiben sich befanden, welch letztere
-von der wärmsten, tiefsten Verehrung gegen seine großartigen
-Arbeiten sowie von der richtigen Würdigung seines außerordentlichen
-Dichtergeistes zeugten.</p>
-
-<p>Wie wohltuend der Eindruck gewesen, den diese schöne
-Überraschung auf Schiller machte, dies kann selbst der Augenzeuge
-nicht gehörig beschreiben. Obwohl er auch hierüber
-sich ebenso auf die edelste, männlichste Art wie über alles
-äußerte, so zeigte dennoch seine vermehrte Heiterkeit fast in
-höherem Grade als seine Gespräche, wie erfreulich es ihm
-sei, in weiter Ferne von gebildeten Menschen erkannt, hochgeachtet
-und wegen seiner Leistungen geliebt zu werden; daß
-diese aus einem Gesichtspunkt angesehen würden, welcher ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span>
-hoch über seine Zeit stellte &ndash; daß, wenn auch die meisten,
-welche ihn umgaben, stumm blieben und nur Kälte zeigten,
-es noch an manchen Orten Herzen geben könne, die für ähnliche
-Gefühle wie das seinige schlügen &ndash; daß er, seiner
-bittern, düstern Verhältnisse ungeachtet, sich durch eine solche
-Anerkennung weit höher als durch Reichtümer belohnt finde.</p>
-
-<p>Hätten doch Herr Körner, seine Braut, deren Schwester
-und Professor Huber, von denen dies die Abbildungen waren,
-sehen können, wie glücklich diese Aufmerksamkeit Schillern
-machte, welche Ruhe, welche Zufriedenheit dadurch in sein
-ganzes Wesen kam, wie es ihm schmeichelte, die erhaltenen
-Beifallsbezeugungen mit seinen eignen Ansichten übereinstimmend
-zu finden, wahrlich, sie hätten die süße Genugtuung
-empfunden, dem Dichter das Vergnügen, welches er
-ihnen durch seine Werke verschafft, reichlich vergolten zu
-haben!</p>
-
-<p>Wer nie in dem Falle war, bei sich selbst oder bei andern
-wahrzunehmen, wie stumpf, wie gebeugt der Geist endlich
-werden muß, wenn dasjenige, was das Talent erschafft,
-nicht gehörig gewürdigt oder nicht verhältnismäßig belohnt
-wird, der kann es auch unmöglich fassen, wie sehr eine unvermutete
-Anerkennung des wahren Wertes dem Selbstvertrauen,
-der Tätigkeit eine Schnellkraft verleiht, die das ganze
-frühere Empfindungsvermögen so sehr verändert, daß derjenige,
-welcher soeben erst in sich zusammengesunken war,
-plötzlich mit erhobenem Haupte sich aufrichtet. Den Dichtern,
-Künstlern ist es zwar immer angenehm, wenn ihre Verdienste
-durch Ehre, Geld oder andere Zeichen des Beifalls
-belohnt werden; aber höher als alles dieses achten sie es dennoch,
-wenn die innersten Absichten ihrer Arbeiten so gänzlich
-begriffen werden, daß sie in demjenigen, der über sie urteilt
-und ihnen kenntnisreiche Lobsprüche spendet, ihr eigentliches
-Selbst erkennen.</p>
-
-<p>Dieselbe Wirkung brachte diese Überraschung auf Schillern
-um so mehr hervor, weil sie von Fremden ausging, er seine<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span>
-Umgebung schon gewohnt war und nur äußerst wenige sich
-fanden, welche seine hohen Darstellungen sowie den tiefen
-Sinn, der in ihnen lag, genugsam hätten würdigen können.
-Allmählich wurde auch die Hoffnung in ihm erregt, daß diese
-neuen Freunde wohl keine Verwendung unterlassen würden,
-um ihn aus seinem dermaligen Zustande zu erlösen und
-in bessere Verhältnisse zu setzen. Dieses bestätigte sich auch
-später in einem solchen Grade, daß es für denjenigen, der
-sich an den Werken des Unsterblichen stärkt und kräftigt, noch
-heute eine Art von Pflicht ist, dabei auch Körners, seines
-erhaltenen, unwandelbaren Freundes dabei eingedenk zu sein.</p>
-
-<p>Ehre demjenigen, der einem aus drückenden Lebensverhältnissen
-befreiten Talente seine Achtung und Aufmerksamkeit
-beweist! Aber die größte Ehre sei dem, welcher einem
-hohen Geiste die Hindernisse wegräumt, die seinem freien
-Wirken sich entgegenstellen, und der nicht seinen Überfluß,
-sondern sein Notwendiges mit ihm teilt. Der Eifer und
-die Tätigkeit Schillers schienen durch den Briefwechsel mit
-den neuen Freunden einen lebhaften Schwung erhalten zu
-haben, denn er arbeitete nun ohne Rast an Don Carlos und
-an dem ersten Hefte seiner Monatsschrift. Eine angenehme
-Zerstreuung verschaffte ihm der Besuch seiner ältesten Schwester,
-welche, von Herrn Reinwald begleitet, auf kurze Zeit
-nach Mannheim kam. Die blühende, kräftige Jungfrau schien
-entschlossen, ihr künftiges Schicksal mit einem Manne zu
-teilen, dessen geringe Einkünfte und wankende Gesundheit
-wenig Freude zu versprechen schienen. Jedoch waren ihre
-Gründe dazu so edler Art, daß sie auch in der Folge es nie
-bereute, das Herz ihrem Verstande und einem vortrefflichen
-Gatten geopfert zu haben. Nicht lange nach der Schwester
-Abreise wählte Herr von Kalb, damals Offizier in französischen
-Diensten, wo er die Feldzüge des nordamerikanischen
-Befreiungskrieges mitgemacht und sich dabei sehr ausgezeichnet
-hatte, mit seiner Gemahlin und Schwägerin seinen Aufenthalt
-zu Mannheim. Schiller lernte sogleich diese in jedem<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span>
-Betracht edle Familie kennen, in welcher Frau von Kalb
-durch ihren richtigen Verstand und feine Geistesbildung sich
-besonders auszeichnete. Für den Dichter war der Umgang
-mit diesen seltenen Menschen ebenso wichtig als erheiternd,
-indem kein Gegenstand der Literatur sich fand, mit welchem
-diese Dame nicht vertraut gewesen wäre, oder irgend eine
-Weltbegebenheit, bei deren Beurteilung man das Umfassende,
-Scharfsinnige und die klaren Ansichten ihres Gemahls nicht
-hätte bewundern müssen.</p>
-
-<p>Die Musik verschaffte S. das noch stets in Andenken
-erhaltene Glück, Frau von Kalb mehrmals in der Woche
-zu sehen und, da sie eben in der Dichtung eines Romans
-begriffen war, auch über andere Gegenstände mit ihr zu
-sprechen. Es war nichts natürlicher, als daß sehr oft von
-Schiller und seinen Arbeiten die Rede war, von denen aber
-S. den Don Carlos, den der Dichter jetzt unter der Feder
-habe, weit über alles früher Geleistete setzte. Die Neugierde
-der Frau v. K. wurde durch die begeisterten Lobeserhebungen
-auf das höchste gespannt. Sie ersuchte Schillern einigemal,
-ihr doch etwas davon lesen zu lassen. Allein dieser wollte
-erst noch einige Szenen fertig machen, dann ins Reine schreiben
-und, um jede Schönheit gehörig herauszuheben, selbst
-vorlesen. Frau v. K. fügte sich um so eher in diesen Aufschub,
-weil sie hoffte, daß einige weitere Szenen ihr Vergnügen
-erhöhen müßten und sie auch davon den schönsten
-Genuß sich versprach, die ihr mit so vielem Enthusiasmus
-angerühmte prachtvolle Sprache aus des Dichters eignem
-Munde zu vernehmen. Dieser brachte endlich eines Nachmittags
-seinen Don Carlos zu der in der größten Erwartung
-harrenden Frau und las ihr den fertigen Teil des ersten
-Aktes vor. Lauschend heftete die Zuhörerin ihre Blicke auf
-den mit Pathos und Begeisterung deklamierenden Verfasser,
-ohne durch das leichteste Zeichen ihre Empfindung erraten
-zu lassen. Als dieser geendigt hatte, fragte er mit der unbefangensten,
-freundlichsten Miene: »Nun, gnädige Frau!<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span>
-wie gefällt es Ihnen?« Diese suchte auf die schonendste Art
-einer bestimmten Antwort auszuweichen. Als aber wiederholt
-um die aufrichtige Meinung über den Wert dieser
-Arbeit gebeten wurde, brach Frau v. K. in lautes Lachen
-aus und sagte: »Lieber Schiller! das ist das Allerschlechteste,
-was Sie noch gemacht haben.« &ndash; »Nein! das ist zu arg!«
-erwiderte dieser, warf seine Schrift voll Ärger auf den Tisch,
-nahm Hut und Stock und entfernte sich augenblicklich. Kaum
-war er aus der Tür, als Frau v. K. nach dem Papiere griff
-und zu lesen anfing. Sie hatte die erste Seite noch nicht
-geendigt, als sie sogleich dem Bedienten schellte. »Geschwind,
-geschwind lauf' Er zu Herrn Schiller: ich lasse ihn um Verzeihung
-bitten, ich hätte mich geirrt, es sei das Allerschönste,
-was er noch geschrieben habe, er solle doch ja sogleich wieder
-zu mir kommen.« Der Auftrag wurde ebenso schnell als
-genau ausgerichtet. Allein Schiller gab der Bitte kein Gehör,
-sondern kam erst den folgenden Tag zu der feinsinnigen Frau,
-die zwar ihr erstes Urteil sehr willig zurücknahm, ihm aber
-auch erklärte, daß seine Dichtungen durch die heftige, stürmische
-Art, mit welcher er sie vorlese, unausbleiblich verlieren
-müßten.</p>
-
-<p>Als Kabale und Liebe wieder aufgeführt wurde, hatte
-Schiller die Aufmerksamkeit, den Namen des Hofmarschalls
-umschaffen zu wollen. Allein Herr und Frau von Kalb
-dachten viel zu groß, um sich durch einen erdichteten Namen
-irren zu lassen, und widersetzten sich einer Abänderung aus
-dem sehr richtigen Grunde, daß ein anderer Name als der
-frühere die Vermutung herbeiführen müsse, als sei der vorherige
-auf jemand aus ihrer Familie abgesehen gewesen.</p>
-
-<p>Der Umgang mit diesen wahrhaft edlen, vortrefflichen
-Menschen nebst dem Briefwechsel mit den Freunden in
-Leipzig verschafften dem Dichter zwar viele erheiternde Stunden,
-konnten aber dennoch seine häuslichen Verhältnisse und
-seine schwankende, unbestimmte Stellung nicht verbessern,
-sondern er mußte in so beunruhigenden Umständen auch den<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span>
-Herbst nebst dem Anfange des Winters noch ebenso wie
-bisher zubringen, obwohl er sich mit Sachen beschäftigte,
-welche nur der ganz sorgenfreien Laune an den Tag zu fördern
-möglich sind.</p>
-
-<p>Endlich zu Anfang des Jahres 1785<a id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">9</a> verbreitete sich
-in Mannheim das Gerücht, der regierende Herzog von Weimar
-werde auf einen Besuch zu der landgräflichen Familie
-nach Darmstadt kommen. Schiller, von seinem eignen Verlangen
-ebensosehr als von Herrn und Frau Kalb angeeifert,
-wünschte nichts so sehnlich, als bei dieser aus den feinsten
-Kennern des wahrhaft Schönen bestehenden Zusammenkunft
-sich als denjenigen zeigen zu dürfen, der wohl würdig wäre,
-dem schönen Bunde in Weimar beigesellt zu werden, welcher
-den Namen seines hohen Beschützers auf die späteste
-Nachwelt übertragen würde. Die Güte, die Herablassung
-nebst aufrichtiger Anerkennung großer Eigenschaften waren
-von dem Herzoge von Weimar ebenso zu erwarten, als das
-zuvorkommende Benehmen der Frau Landgräfin gegen jeden
-ausgezeichneten Künstler oder Dichter sich schon so oft gezeigt
-hatte. Der Ruf von dem hohen Werte der theatralischen
-Arbeiten Schillers war keinem Deutschen unbekannt, daher
-die Empfehlungsbriefe von Herrn und Frau von Kalb nebst
-denen von Baron Dalberg an die nächste Umgebung der
-fürstlichen Personen mit freundlichster Berücksichtigung aufgenommen
-wurden.</p>
-
-<p>Schillers wichtigste Angelegenheit war, seinen Don Carlos
-in demjenigen Kreise bekannt zu machen, für den er eigentlich
-gedichtet schien. Hatte er darin die richtigste Ansicht
-getroffen, die würdigste Sprache gewählt, so durfte er nicht
-allein den ungeteilten Beifall der hohen Gesellschaft, sondern
-auch die wichtigste Entscheidung für seine Zukunft erwarten.
-Sein Wunsch, Don Carlos selbst vorzulesen, wurde mit fürstlichem<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span>
-Wohlwollen gewährt und diese majestätische Dichtung
-mit so entschiedenem Anteil aufgenommen, daß es bei einer
-folgenden Unterredung mit dem Herzoge von Schiller nur
-einer leisen Bitte bedurfte, um von demselben eine öffentliche
-Anerkennung seines außerordentlichen Geistes zu erhalten.</p>
-
-<p>Schiller kehrte als Rat des Herzogs von Weimar nach
-Mannheim zurück.</p>
-
-<p>Konnte dieses einsilbige Wörtchen den Verdiensten des
-schon damals alles überragenden Dichters auch keinen neuen
-Glanz verleihen, so hatte es wenigstens für die Gegenwart
-dennoch die Wirkung eines Talismans; denn seine Verhältnisse,
-von denen sich nur die traurigste Wendung erwarten
-ließ, gestalteten sich von nun an um vieles beruhigender,
-ja sie erhielten dadurch einen Anhaltspunkt, der bis jetzt
-nur ersehnt, aber nicht erreicht werden konnte. Das Verlangen
-der Eltern, er möchte durch eine dauernde Versorgung einem
-Fürsten angehören, schien erfüllt, seinen in Stuttgart zurückgelassenen
-Tadlern wurde bewiesen, daß seine Talente im
-Auslande weit größere Würdigung als in Württemberg gefunden
-und auch solche, die gegen seine Arbeiten gleichgültig
-geworden waren, mußten für ihn höhere Achtung gewinnen,
-da er von einem so vollgültigen Richter würdig befunden
-wurde, dem schönsten Geisterverein, welchen Deutschland jemalen
-aufzuweisen hatte, für immer anzugehören.</p>
-
-<p>Ohne <span id="corr172">daß</span> Schiller es ahnte oder zu wissen schien, hatte
-dieser kleine Beisatz zu seinem Namen dennoch einen sehr
-großen Einfluß auf ihn. Sein Betragen wurde freier, bestimmter.
-Dieser Titel hatte in ihm die Gewißheit erweckt,
-sich ein neues besseres Vaterland erwerben zu können. Die
-Beurteilungen des Theaters wurden kälter, schärfer ausgesprochen,
-als früher geschah. Seine Tätigkeit war wie neu
-belebt; auch arbeitete er jetzt mit um so mehr Freude, je
-näher eine günstige Veränderung seines ihm bisher nur Unheil
-bringenden Aufenthaltes zu hoffen war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span></p>
-
-<p>Aber auch der Theaterdichter wurde von dem Herrn Rat
-nun mit ganz andern Augen angesehen, weil jener nie aus
-der begonnenen Bahn treten, weil er immer dieselbe Last
-tragen muß, wohingegen dieser, von Stufe zu Stufe immer
-höher steigend, seinen Ehrenkreis erweitern kann. Vorzüglich
-aus letzterer Ursache schloß er, daß sein Verbleiben in Mannheim
-ihm nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich sein
-müsse, weil es ihm nicht die geringste Verbesserung darbieten
-könne. Er leitete deshalb nicht nur mit seinen Leipziger
-Freunden, sondern auch mit Herrn Schwan das Nötige ein,
-um seinen bisherigen Aufenthalt im Anfange des Frühjahres
-zu verlassen. Gegen das Theater selbst war er um so gleichgültiger
-geworden, weil es keine seiner Erwartungen ganz
-erfüllt hatte; zum Teil aber auch, weil der größte Teil der
-Mitglieder ihn jetzt schmähte und erbost auf ihn war. Dieser
-fast allgemeine Haß war durch die Beurteilungen (in dem
-ersten Hefte der Rheinischen Thalia) der Darstellung einiger
-Stücke veranlaßt, in welchen mehrere Mitglieder, die früher
-an vieles Lob von ihm gewöhnt waren, sehr hart mitgenommen
-wurden. Diese Kritiken mußten um so mehr auffallen,
-als damals eine Zeitung oder ein Journal sehr selten über
-einzelne Schauspieler etwas erwähnte und diese ohnehin es
-mit den meisten Künstlern gemein haben, sich für vollkommen
-oder unfehlbar zu achten. Zu Anfang des März 1785
-wurde alles von ihm veranstaltet, um Mannheim bald verlassen
-zu können, welches, durch erhaltene Wechsel aus Leipzig
-erleichtert, zu Ende des Monats auch wirklich ausgeführt
-wurde. Den Abend vor seiner Abreise, welche bei Anbruch
-des kommenden Tages vor sich gehen sollte, brachte S. bis
-gegen Mitternacht bei ihm zu. Die vergangenen zwei Jahre,
-welche auf eine sehr unangenehme Weise von ihm verlebt
-waren, berührte er nur insofern, als sie in ihm die traurige
-Überzeugung hervorgebracht, daß in Deutschland, wo
-(1785) das Eigentum des Schriftsteller wie des Verlegers
-jedem preisgegeben, ja als vogelfrei erklärt sei, und bei der<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span>
-geringen Teilnahme höherer Stände an den Erzeugnissen der
-deutschen Literatur ein Dichter, würde er auch alle andern
-der verflossenen oder gegenwärtigen Zeit übertreffen, ohne
-einen besoldeten Nebenverdienst, ohne bedeutende Unterstützung,
-bloß durch die Früchte seines Talents unmöglich ein solches
-Einkommen sich verschaffen könne, als einem fleißigen Handwerksmanne
-mit mäßigen Fähigkeiten dieses gelingen müsse.
-Er war sich bewußt, alles getan zu haben, was seine Kräfte
-vermochten, ohne daß es ihm gelungen wäre, das wenige zu
-erwerben, was zur größten Notwendigkeit des Lebens gezählt
-wird, noch weniger aber so viel, daß er bei seiner Abreise
-auch seine Geldverbindlichkeiten hätte erfüllen können. Von
-nun an sollte nicht mehr die Dichtkunst, am wenigsten aber
-das Drama, der einzige Zweck seines Lebens sein, sondern
-er war fest entschlossen, den Besuch der Muse nur in der
-aufgereiztesten Stimmung anzunehmen; dafür aber mit allem
-Eifer sich wieder auf die Rechtswissenschaft zu werfen, durch
-welche er nicht nur aus jeder Verlegenheit befreit zu werden,
-sondern auch einen wohlhabenden, sorgenfreien Zustand zu
-erwerben hoffen dürfe.</p>
-
-<p>Diesen Plan besprach er von allen denkbaren Seiten.
-Wenn auch eine sich als widrig zeigte, so wäre sie doch nicht
-von der demütigenden Art, wie solche, die sich täglich dem
-Dichter darbieten, der in der höheren Gesellschaft nicht aufgenommen,
-wenn er seine Feder der Bühne widme, sogar
-verachtet sei, auf keinen Rang unter den Ständen Anspruch
-machen dürfe und wie ein fremdes, heimatloses Wesen seinen
-kärglichen Unterhalt mit unablässiger Anstrengung erringen
-müsse. Seinen Talenten, seiner Beharrlichkeit traute
-er es zu, in weniger als einem Jahre die Theorie der Rechtswissenschaft,
-unterstützt von den reichen Hilfsmitteln der Leipziger
-Universität, soweit inne zu haben, daß er auch darin
-wie in der Arzneikunde den Doktorhut nehmen und dadurch
-sich nicht nur einen bessern, sondern auch beständigern Zustand
-bereiten könne. Er glaubte den Schluß mit vollem<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span>
-Rechte machen zu dürfen, wenn die Erlernung dieser Wissenschaft
-einem gewöhnlichen Kopf in einigen Jahren möglich
-sei, so müsse es ihm &ndash; der von Jugend auf zum Studieren
-von Systemen angehalten worden &ndash; der in den zwei ersten
-Jahren, die er in der Akademie zubrachte, bedeutende Fortschritte
-in dieser Wissenschaft getan &ndash; der das Lateinische
-ebenso geläufig wie seine Muttersprache inne habe &ndash; der
-Hallers Werke in drei Monaten sich so eigen gemacht, daß
-er eine Prüfung darüber mit Ehren bestehen konnte &ndash; dem
-das Nachdenken eine Lust, ein Bedürfnis sei &ndash; um so viel
-leichter werden, den Schneckengang anderer mit seinen weit
-ausgreifenden Schritten zu überholen und schnell dahin zu
-gelangen, wo ihn auch die kühnste Erwartung erst nach Jahren
-vermute.</p>
-
-<p>Sein Vorsatz darüber war so fest, die Ausführung schien
-ihm so leicht, eine ehrenvolle Anstellung bei einem der kleinen
-sächsischen Höfe so nahe, daß er und der zurückbleibende
-Freund sich die Hände darauf gaben, so lange keiner an den
-andern schreiben zu wollen, bis er Minister oder der andere
-Kapellmeister sein würde. Mit diesem feierlichen Versprechen
-schieden beide voneinander.</p>
-
-<p>Aber die Himmlischen hatten anders über ihn beschlossen.
-Sie ließen es nicht zu, daß eine solche Fülle von Gaben,
-reich genug, um Millionen zu beglücken, nur auf einen engen
-Kreis beschränkt oder ganz unfruchtbar bleiben sollte. Mit
-Liebe leiteten sie nun an sanfter, gütiger Hand ihren Begünstigten
-in die Arme von Freunden, die alles aufboten,
-damit er seinem hohen Berufe nicht ungetreu würde, damit
-er die unendliche Menge des wahrhaft Schönen und Guten,
-welches er in sich trug, zur Veredlung der Menschheit, zur
-Erleuchtung und Stärkung kommender Geschlechter, zu unvergänglichem
-Ruhme seiner selbst sowie zu dem seines
-eigentlichen Vaterlandes anwenden konnte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Durch diese nach allen Umständen getreue Erzählung
-darf der Verfasser glauben, eine sehr bedeutende Lücke, die
-sich &ndash; ohne irgend eine Ausnahme &ndash; in allen Lebensbeschreibungen
-des großen Mannes findet, ausgefüllt, und
-einem künftigen Biographen die vollständige Darstellung eines
-auf seine Zeit so einflußreichen Lebens erleichtert zu haben.
-Der verehrte Leser wolle nun diese von einem Augenzeugen
-gegebene Mitteilung mit den früher von andern dem Publikum
-vorgelegten vergleichen und dann die Glaubwürdigkeit
-letzterer beurteilen.</p>
-
-<p class="center p2">
-Ende.
-</p>
-
-<p class="center p2 smaller">
-Auf Kriegspapier gedruckt.
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="footnotes">
-<h2 id="FOOTNOTES">Fußnoten</h2>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">1</span></a> Tatsächlich hat die Flucht am 22. September stattgefunden.
-</p>
-<p class="sig">
-<em class="antiqua">W.</em>
-</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">2</span></a> Wenn man die Zeitverhältnisse und die Lage Schillers berücksichtigt,
-so wird man die Allgemeinheit und bittere Härte dieser Äußerung
-entschuldigen.
-</p>
-<p class="sig">
-Anm. Streichers.
-</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">3</span></a> Vermutlich ist dieser Brief erst Anfang Oktober geschrieben.
-</p>
-<p class="sig">
-<em class="antiqua">W.</em>
-</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">4</span></a> Tag. Soll heißen: Winter.
-</p>
-<p class="sig">
-<em class="antiqua">W.</em>
-</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">5</span></a> »In den ersten Tagen des Septembers 1783.« Dies ist ein
-Irrtum. Schiller kam am 27. Juli in Mannheim an.
-</p>
-<p class="sig">
-<em class="antiqua">W.</em>
-</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">6</span></a> Der Kontrakt ist tatsächlich erst am 20. August geschlossen worden
-und lief vom 1. September 1784 an.
-</p>
-<p class="sig">
-<em class="antiqua">W.</em>
-</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">7</span></a> Diese Zusammenkunft geschah in Wirklichkeit schon vor der Abreise
-nach <em class="gesperrt">Bauerbach</em> zwischen dem 22. und 25. November 1782.
-</p>
-<p class="sig">
-<em class="antiqua">W.</em>
-</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">8</span></a> Vielmehr durch Götz, Angestellten in der Schwanschen Buchhandlung,
-der von der Leipziger Messe zurückkehrte.
-</p>
-<p class="sig">
-<em class="antiqua">W.</em>
-</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">9</span></a> Die Vorlesung des Don Carlos fand am 26. Dezember 1784 statt.
-</p>
-<p class="sig">
-<em class="antiqua">W.</em>
-</p>
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<div class="adv">
-
-<p class="center"><b>Bücherfreunde erhalten vollständige Verzeichnisse
-der Universal-Bibliothek durch die
-Buchhandlungen oder den Verlag!</b></p>
-<hr class="full" />
-<p class="h2">
-Deutsche Bildung<br />
-und deutsche Kultur</p>
-
-<p>zu pflegen, sich mit den geistigen Gütern
-des Volkes vertraut zu machen, ist Aufgabe
-jedes einzelnen von uns und heute
-mehr als je, da die äußere Macht Deutschlands
-gebrochen ist und die Macht des
-Deutschtums sich vor allem im Bereich des
-Geistigen zu bewähren hat. Neue Achtung
-in der Welt kann sich nur die große Gemeinschaft
-der im besten Sinne deutschen,
-an alter Herzens- und Geisteskultur teilhabenden
-Menschen erringen. Die eigene
-ernsthafte Lektüre, die eigene Bücherei
-ist das Mittel und unentbehrliche Rüstzeug
-zu dieser Arbeit. Eine unvergleichliche
-Auswahl guter Bücher aus allen
-Wissensbezirken bietet das volkstümlichste
-Verlagsunternehmen der Welt »<em class="gesperrt">Reclams
-Universal-Bibliothek</em>«. Vorrätig
-in weit mehr als 10&nbsp;000 Buchhandlungen
-des In- und Auslandes.</p>
-
-<hr class="full" />
-
-<p class="center">
-Druck und Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig</p>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<div class="transnote" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.</p>
-<p>
-Korrekturen:
-</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 109: gegewesen → gewesen<br />
- ein württembergischer Offizier bei ihnen <a href="#corr109">gewesen</a> sei</p>
-<p>
-S. 172: das → daß<br />
- Ohne <a href="#corr172">daß</a> Schiller es ahnte</p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Schillers Flucht von Stuttgart, by
-Andreas Streicher
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHILLERS FLUCHT VON STUTTGART ***
-
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