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-The Project Gutenberg EBook of Der Dreispitz, by Pedro de Alarcon
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Der Dreispitz
-
-Author: Pedro de Alarcon
-
-Translator: Hulda Meister
-
-Release Date: October 14, 2015 [EBook #50216]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DREISPITZ ***
-
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-
-Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, Laurent
-Vogel and the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Der Dreispitz
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- Aus dem Spanischen
-
- des
-
- D. Pedro de Alarcon
-
- übersetzt von
-
- Hulda Meister
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-
-
- Leipzig
-
- Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis
-
-
- Vorrede 3
-
- 1. Wann es geschah 7
-
- 2. Wie die Leute damals lebten 9
-
- 3. Do ut des 10
-
- 4. Eine Frau von außen besehen 13
-
- 5. Ein Mann von innen und von außen besehen 16
-
- 6. Fertigkeiten der beiden Ehegatten 17
-
- 7. Der Grund der Glückseligkeit 19
-
- 8. Der Mann mit dem Dreispitz 21
-
- 9. Hü, Esel! 24
-
- 10. Vom Rebengeländer aus 25
-
- 11. Das Bombardement von Pamplona 28
-
- 12. Zehnten und Erstlinge 35
-
- 13. Da sagte die Krähe zum Raben 38
-
- 14. Garduñas Ratschläge 41
-
- 15. Abschied in Prosa 46
-
- 16. Ein Unglücksvogel 50
-
- 17. Ein Dorfschulze 52
-
- 18. Wie Tio Lucas nicht ans Schlafen dachte 54
-
- 19. Stimmen in der Wüste 55
-
- 20. Zweifel und Wirklichkeit 57
-
- 21. Achtung, Herr! 64
-
- 22. Garduña vervielfältigt sich 69
-
- 23. Noch einmal die Wüste und die bewußten Stimmen 72
-
- 24. Ein König von damals 73
-
- 25. Garduña's Stern 76
-
- 26. Reaktion 77
-
- 27. Im Namen des Königs 78
-
- 28. Ave Maria purisima! Las doce y media, y sereno! 81
-
- 29. Nach dem Gewölk ... Reveille 83
-
- 30. Eine Dame von Stande 84
-
- 31. Die Strafe der Wiedervergeltung 85
-
- 32. Der Glaube versetzt Berge 90
-
- 33. Nun, und du? 92
-
- 34. Auch die Corregidora ist reizend 96
-
- 35. Kaiserliches Dekret 99
-
- 36. Schluß, Moral und Epilog 102
-
-
-
-
-Vorrede.
-
-
-Es giebt wohl wenige Spanier, selbst wenn wir solche mitrechnen, die
-wenig wissen und lesen, welche die dem vorliegenden Werkchen zu Grunde
-liegende Erzählung nicht kennen.
-
-Zuerst hörten wir sie von einem unwissenden Ziegenhirten, der nie aus
-dem versteckten Dörfchen, in welchem er das Licht der Welt erblickt,
-herausgekommen war. Er war einer jener ungelehrten, aber natürlich
-schlauen, lustigen Bauern, die in unserer Nationallitteratur unter dem
-Namen _picaros_ (Schelme, Spitzbuben) eine so große Rolle spielen. Gab
-es eine Hochzeit, eine Taufe, oder kam die Herrschaft einmal zum Besuch,
-so wurden diese Ereignisse im Flecken natürlich gefeiert, und seine
-Aufgabe war es dann, die Possen und Pantomimen zu leiten, den Hanswurst
-zu spielen und Romanzen und Erzählungen vorzutragen; und bei einer
-solchen Gelegenheit war es (schon fast ein ganzes Menschenalter -- das
-heißt, wohl mehr als fünfunddreißig Jahre -- ist darüber vergangen), bei
-der er eines Abends unsere (relative) Unschuld mit der Erzählung in
-Versen: =»Der Corregidor und die Müllerin«=, oder auch =»Der Müller
-und die Corregidora«= blendete und entzückte. Wir übergeben sie heute
-unter dem anspruchsvolleren und philosophischeren Namen (denn so
-verlangt es der Ernst unserer Zeit) =»Der Dreispitz«= dem Publikum.
-
-Zwar erinnern wir uns, daß an jenem Abende, an welchem der Ziegenhirt
-uns eine so angenehme Kurzweil verschaffte, die dort versammelten
-heiratsfähigen Mädchen sehr rot wurden, woraus die Mütter dann
-schlossen, daß die Geschichte etwas saftig sein müßte, und den Hirten
-gehörig zurechtsetzten; aber der arme Repela (so hieß der Hirt) war
-nicht auf den Mund gefallen und antwortete auf der Stelle, daß sie gar
-nicht nötig hätten, so aufgebracht zu sein, denn in seiner Erzählung
-wäre nichts, was nicht jedermann hören könnte, ja, was nicht sogar die
-Nonnen und die vierjährigen Mädchen wüßten...
-
-»Und wenn nicht, so wollen wir doch einmal sehen,« fragte der
-Ziegenhirt, »was lernt man aus der Geschichte vom =Corregidor und der
-Müllerin=? Daß verheiratete Leute zusammenschlafen, und daß es keinem
-Gatten paßt, wenn ein anderer Mann bei seiner Frau schläft.... Mich
-dünkt, daß ist doch die reine Wahrheit!...«
-
-»Freilich ist das wahr,« antworteten die Mütter, als sie das Gelächter
-ihrer Töchter hörten.
-
-»Beweis dafür, daß der Onkel Repela recht hat,« bemerkte hierauf der
-Vater des Bräutigams, »ist, daß Groß und Klein, alle hier Gegenwärtigen
-sich schon überzeugt haben, daß, sobald heute der Tanz zu Ende ist,
-Juanete und Manolilla das schöne Ehebett einweihen werden, das die Tante
-Gabriela eben unseren Töchtern gezeigt hat, um die Stickereien an den
-Kopfkissen zu bewundern...«
-
-»Mehr noch,« sagte der Großvater der Braut, »sogar in der Doctrin und in
-den Predigten wird den Kindern von diesen so ganz natürlichen Sachen
-erzählt, wie unsere liebe Frau Anna so lange unfruchtbar war, vom
-keuschen Joseph, von Judiths Kriegslist und vielen anderen Wundern, die
-mir jetzt nicht gerade einfallen... darum...«
-
-»Ach was, Tio (Onkel) Repela,« riefen die Mädchen mutig aus, »erzählt
-Eure Geschichte noch einmal, sie ist doch sehr lustig!«
-
-»Und sogar sehr anständig,« fuhr der Großvater fort, »denn sie lehrt
-euch nichts Schlechtes; -- keinem wird darin angeraten, schlecht zu
-sein, und der schlecht gewesen ist, geht nicht ungestraft aus...«
-
-»Nun, meinetwegen! wiederholt sie also!« sagte schließlich jede
-Familienmutter.
-
-Tio Repela wiederholte die Romanze, und da alle sie nun im Lichte jener
-einfachen Kritik sahen, so gab es auch kein »aber« dabei, was ebenso gut
-war, wie wenn sie gesagt hätten: Wir geben die =notwendige Erlaubnis=!
-
- * * * * *
-
-Im Laufe des Jahres haben wir noch viele und sehr verschiedene Versionen
-desselben Abenteuers von dem Müller und der Corregidora gehört und immer
-von den Lippen eines Dorfgracioso nach der Art des schon verstorbenen
-Tio Repela; dann haben wir sie auch in den »Romanzen eines Blinden«
-gedruckt gesehen und sogar in den berühmten Romanzen des unvergeßlichen
-Don Agustin Duran.
-
-Die Grundlage der Erzählung ist überall dieselbe: tragikomisch,
-spöttisch und entsetzlich epigrammatisch, wie alle dramatischen
-Morallehren, für die sich unser Volk begeistert; aber die Form, der
-zufällige Mechanismus, die eigentümlichen Vorgänge sind sehr, sind
-außerordentlich verschieden von der Erzählung unseres Hirten; so sehr,
-daß dieser keine der erwähnten Versionen in der Cortijada (Bauernhof)
-hätte vortragen können, ohne daß sich die anständigen Mädchen die Ohren
-zugehalten oder die Mütter ihm die Augen ausgekratzt hätten.
-
-Bis zu solchem Grade haben die groben Tölpel anderer Provinzen die
-traditionelle Erzählung, die in des klassischen Repela Version so
-köstlich, anständig und rein erschien, aufgebauscht und entstellt.
-
-So hatten wir denn schon seit langer Zeit den Plan gefaßt, die Wahrheit
-der Dinge ans Licht zu bringen, indem wir der stark entstellten
-Erzählung ihren ursprünglichen Charakter zurückgeben, denn ohne Zweifel
-war derjenige, in dem der Anstand am meisten gewahrt worden, der
-ursprüngliche. -- Wie könnte man auch daran zweifeln? Diese Art von
-Erzählungen verlieren, wenn sie durch die Hände des Volkes gehen, ihre
-Eigentümlichkeiten nicht dadurch, daß sie schöner, zarter und
-anständiger gemacht werden, sondern indem sie durch die Berührung mit
-der Gemeinheit und Roheit verstümmelt und verdorben werden.
-
-Das ist die Geschichte des vorliegenden Buches... So wollen wir denn
-loslegen, das heißt, wir wollen mit der Erzählung von dem Corregidor und
-der Müllerin beginnen, in der Hoffnung, daß du, ehrenwertes Publikum, in
-deinem gesunden Urteil, »nachdem du sie gelesen und mehr Kreuze
-geschlagen hast, als wenn du den leibhaftigen Gottseibeiuns gesehen
-hättest« (wie Estebanillo Gonzalez im Anfange der seinigen sagte), sie
-für würdig und wert erachten wirst, veröffentlicht worden zu sein.
-
-
-
-
-Der Dreispitz.
-
-
-1.
-
-Wann es geschah.
-
-Es war zu Anfang dieses langen Jahrhunderts, das sich schon seinem Ende
-zuneigt. -- Ganz genau weiß man das Jahr nicht, nur, daß es nach dem
-Jahre 4 und vor dem Jahre 8 war.
-
-Damals regierte Don Carlos der Vierte von Bourbon in Spanien; von Gottes
-Gnaden, wie die Münzen besagten, aus Vergeßlichkeit nur von Bonapartes
-besonderer Gnade, wie die französischen Bulletins es erklärten. Die
-übrigen europäischen Herrscher, Abkömmlinge Ludwigs _XIV._, hatten
-schon ihre Krone (und ihr Haupt seinen Kopf) verloren in dem rasenden
-Sturme, der über diesen alten Teil der Welt seit 1789 dahinfegte.
-
-Doch darin bestand die Eigentümlichkeit unseres Vaterlandes in jener
-Zeit nicht allein. Der Soldat der Revolution, der Sohn eines unbekannten
-korsischen Advokaten, der Sieger von Rivoli, von den Pyramiden, Marengo
-und hundert anderen Schlachten, hatte sich soeben die Krone Karls des
-Großen aufs Haupt gesetzt und ganz Europa umgewandelt, hatte Nationen
-geschaffen, Nationen ausgelöscht, Grenzen aufgehoben, Dynastien
-geschaffen, und den Städten, durch welche er auf seinem Streitroß gleich
-einem Erdbeben, oder gleich dem Antichristen, wie ihn die Mächte des
-Nordens nennen, kam, andere Formen, andere Namen, Lage, Sitte, ja sogar
-ein anderes Ansehen gegeben. -- Und doch waren unsere Väter (Gott habe
-sie selig!) weit davon entfernt, ihn zu hassen oder zu fürchten; im
-Gegentheil gefielen sie sich darin, seine außergewöhnlichen Thaten zu
-bewundern, wie wenn es sich um den Helden eines Ritterromanes oder um
-Dinge gehandelt hätte, die sich auf einem anderen Planeten zugetragen,
-und nicht im entferntesten fiel es ihnen ein, daß er auch hierher kommen
-könne, um dieselben Grausamkeiten, die er in Frankreich, Deutschland,
-Italien und anderen Ländern verübt, auch hier zu versuchen. Einmal
-wöchentlich, höchstens zweimal kam die Post aus Madrid nach dem größten
-Teile der bedeutenderen Städte der Halbinsel und brachte eine Nummer der
-Zeitung (die auch keine tägliche war) mit, und durch sie erfuhren die
-hauptsächlichsten Personen (wir wollen einmal annehmen, daß die Zeitung
-über diese Geringfügigkeiten berichtete), ob jenseits der Pyrenäen ein
-Staat mehr oder weniger existierte, ob wieder eine Schlacht geschlagen
-worden war, in der sechs oder acht Könige und Kaiser gekämpft, und ob
-Napoleon sich in Mailand, Brüssel oder Warschau befand. Im übrigen aber
-lebten unsere Vorväter ganz nach der alten spanischen Weise, äußerst
-langsam, an veralteten Gebräuchen klebend, im Frieden und der Gnade
-Gottes, mit ihrer Inquisition und ihren Mönchen, ihrer malerischen
-Ungleichheit vor dem Gesetz, mit ihren Privilegien, Gerechtsamen und
-persönlichen Vorrechten, mit ihrem Mangel an jeder politischen oder
-munizipalen Freiheit, wurden gleichzeitig von ihren berühmten Bischöfen
-und mächtigen Corregidoren, deren respektive Machtvollkommenheiten nicht
-leicht zu umgrenzen waren, da sich die einen wie die anderen mit dem
-Zeitlichen und Ewigen befaßten, regiert, und bezahlten Zehnten,
-Erstlinge, Handelsabgaben, Unterstützungsgelder, Almosen und gezwungene
-Vermächtnisse, Renten, Rentchen, Kopfsteuern, königliche _tercias_,[1]
-Abgaben, Steuern und wohl fünfzig Tribute mehr, deren Aufzählung hier
-nicht notwendig ist.
-
-Und hiermit ist alles gesagt, was die vorliegende Erzählung mit dem
-militärischen und politischen jener Epoche zu thun hatte; denn unser
-alleiniger Zweck, wenn wir vorführten, was damals in der Welt geschah,
-war: zu konstatieren, daß in dem bewußten Jahre (sagen wir so um 1805)
-in Spanien noch das =alte= System in allen Kreisen des öffentlichen
-und privaten Lebens vorherrschte, wie wenn die Pyrenäen sich inmitten
-all dieser Neuerungen und Umwälzungen in eine andere chinesische Mauer
-verwandelt hätten.
-
-
-2.
-
-Wie die Leute damals lebten.
-
-In Andalusien zum Beispiel (denn das, was ich erzählen will, trug sich
-gerade in einer andalusischen Stadt zu) erhoben sich die Leute von Stand
-sehr früh, gingen zur Frühmesse in die Kathedrale, wenn es auch kein
-verordneter Festtag war, frühstückten um neun Uhr einen Eierkuchen und
-eine Tasse Chokolade mit _picatostes_ (in Öl geröstetes Brot), aßen um
-ein oder zwei Uhr nachmittags _puchero_[2] und _principio_,[3] wenn
-es Wild gab, wenn nicht, dann nur _puchero_ allein, hielten nach dem
-Essen ihre Siesta, machten darauf einen Spaziergang durchs Feld, gingen
-in der Dämmerung in ihrem respektiven Kirchspiel zum Rosenkranz; zum
-Avemaria tranken sie noch eine Tasse Chokolade, diesmal jedoch mit
-Zwieback, und die vornehmsten unter ihnen gingen dann zur
-Abendgesellschaft beim Corregidor, dem Dekan, oder welcher Titel gerade
-der vorherrschende in der Stadt war. Beim Abendläuten zog man sich
-zurück, schloß die Hausthür beim Zapfenstreich, aß Salat und _guisado_
-(Geschmortes) aus Autonomasie, wenn nicht etwa frische Fische angekommen
-waren, zum Abendbrot und legte sich sogleich mit seiner Frau zu Bett,
-doch nicht, ohne daß während neun Monaten im Jahre das Bett vorher
-gewärmt worden wäre... Das waren glückliche Zeiten, in denen unser Land
-im ruhigen, friedlichen Besitz aller Spinnengewebe, allen Staubes, aller
-Motten, allen Respektes, aller Glaubensmeinungen, aller Traditionen,
-Gebräuche und durch die Jahrhunderte geheiligten Mißbräuche dahinlebte!
-Glückliche Zeiten waren es, in denen es in der menschlichen Gesellschaft
-verschiedene Klassen, verschiedene Meinungen, verschiedene Gebräuche
-gab! Glückliche Zeiten! sage ich... und besonders für die Dichter, die
-hinter jeder Ecke eine Legende, eine Erzählung, eine Komödie, ein Drama,
-eine Novelle, ein Lustspiel, ein Zwischenspiel, ein Mysterium oder ein
-Epos fanden an Stelle dieser prosaischen Gleichförmigkeit und des
-geschmacklosen Realismus, den uns die französische Revolution als
-Erbteil hinterließ. -- Glückliche Zeiten, wenn...
-
-Aber da falle ich ja wieder in die alte Gewohnheit zurück. Genug also
-mit Allgemeinheiten und Umschweifen und laßt uns mutig beginnen mit der
-Geschichte =vom Dreispitz=.
-
-
-3.
-
-_Do ut des._
-
-Zu jener Zeit gab es in der Nähe der Stadt *** eine prächtige Mühle, die
-jetzt nicht mehr existiert, ungefähr eine Viertel Legua vom Orte
-entfernt, zwischen zwei mit Weichsel- und anderen Kirschbäumen
-bewachsenen Hügeln und einem sehr fruchtbaren Obstgarten, der einem
-verräterischen, intermittierenden Flusse als Rand -- zuweilen auch als
-Bett -- diente.
-
-Seit einiger Zeit schon war die Mühle aus verschiedenen und
-unterschiedlichen Gründen der bevorzugte Ziel- und Ruhepunkt der
-angeseheneren Spaziergänger aus der vorerwähnten Stadt. Erstens führte
-eine Landstraße dorthin, die weniger unbefahrbar war als alle übrigen
-der Gegend. Zweitens befand sich vor der Mühle ein kleiner,
-gepflasterter Platz, von einer riesigen, mit Wein überzogenen Laube
-überschattet, in der man in sehr angenehmer Weise, dank dem
-immerwährenden Wechsel der Weinblätter, die Kühle des Sommers und die
-Sonne im Winter genießen konnte.... Drittens war der Müller ein sehr
-achtbarer Mann, sehr zurückhaltend, sehr schlau, der, was man so sagt,
-Menschenkenntnis besaß und die Leute zu nehmen wußte, und die großen
-Herren, die ihn zur Vesperstunde mit ihrem Besuche zu beehren pflegten,
-bewirtete, indem er ihnen anbot, was gerade die Jahreszeit so mit sich
-brachte, jetzt grüne Bohnen, dann Kirschen und Weichselkirschen, rohen
-Salat ohne Zuthaten (der ganz ausgezeichnet ist, wenn man ihn mit
-Röllchen von in Öl geröstetem Brote ißt, welche die Herrschaften
-gewöhnlich vorauszuschicken pflegten), Melonen, darauf Weintrauben von
-demselben Weinstock, der ihnen als Baldachin diente, dann Maiskolben
-und, wenn es Winter war, gebratene Kastanien, Mandeln und Nüsse und
-zuweilen an sehr kalten Tagen ein Schlückchen guten Weines (dann aber
-schon im Hause und beim wärmenden Feuer), dem man zu Weihnachten ein
-wenig Gebäck, eine Butterschnitte, eine Brezel oder eine Schnitte
-Schinken aus den Alpujarras hinzufügte.
-
-War der Müller denn so reich, oder seine Gäste so anspruchsvoll? werdet
-ihr, mich unterbrechend, ausrufen. Weder eins noch das andere. Der
-Müller hatte nur gerade sein Auskommen, und jene Herren waren das
-personifizierte Zartgefühl und Stolz. Aber in einer Zeit, in der man der
-Kirche und dem Staat einige fünfzig verschiedene Abgaben bezahlte, da
-setzte ein so verständiger und hellsehender Mann wie jener nicht viel
-aufs Spiel, wenn er sich die Gunst der Regidoren, Canonici, Mönche,
-Schreiber und anderer einflußreichen Personen zu erwerben suchte. Darum
-fehlte es auch nicht an Leuten, die da behaupteten, daß der Tio Lucas,
-denn so hieß der Müller, jedes Jahr ein hübsches Sümmchen zurücklegte,
-weil er alle Welt bewirtete.
-
-»Euer Gnaden könnten mir wohl ein altes Thürchen von dem
-heruntergerissenen Hause geben,« sagte er zu dem einen. »Euer
-Herrlichkeit,« sagte er zu dem andern, »könnten doch wohl Befehl geben,
-daß man mir die Unterstützungsgelder oder die Kopfsteuer oder den
-Steueraufschlag etwas erniedrigt.« -- »Ehrwürden erlauben mir wohl, daß
-ich im Klostergarten ein bißchen Laub für meine Seidenwürmer abpflücke.«
--- »Durchlaucht geben mir wohl Erlaubnis, ein bißchen Brennholz im Walde
-X. zusammenzulesen.« -- »Euer Väterlichkeit wird mir wohl ein paar Worte
-schreiben, damit man mir erlaubt, im Walde H. ein wenig Nutzholz
-abzuhauen.« -- »Euer Wohlgeboren muß mir da so ein kleines Schriftchen
-aufsetzen, das nichts kostet.« -- »In diesem Jahre kann ich den Zins
-nicht bezahlen.« -- »Ich hoffe, daß der Prozeß zu meinen Gunsten
-entschieden werden wird.« -- »Heute habe ich einem ein paar Ohrfeigen
-gegeben, und mich dünkt, der muß ins Gefängnis gesteckt werden, weil er
-mich dazu herausgefordert hat.« -- »Hätten Euer Gnaden das wohl übrig?«
--- »Brauchen Sie das noch zu irgend etwas?« -- »Könnten Sie mir Ihr
-Maultier leihen?« -- »Brauchen Sie morgen Ihren Wagen?« -- »Was meinen
-Sie, darf ich wohl den Esel ein wenig holen lassen?« -- Und dies
-Liedchen wiederholte sich stets und in allen Tonarten und erhielt immer
-die großmütige Antwort: »Wie Sie wünschen.«
-
-Daraus seht ihr wohl schon, daß Tio Lucas nicht auf dem Wege war, sich
-zu Grunde zu richten.
-
-
-4.
-
-Eine Frau von außen besehen.
-
-Der letzte und vielleicht der stärkste Grund, den die Herrschaften aus
-der Stadt hatten, alle Nachmittage die Mühle des Tio Lucas zu besuchen,
-war wohl der, daß sowohl die Geistlichen wie die Laien, vom Herrn
-Bischof und dem Herrn Corregidor (denn auch diese verachteten es nicht,
-sie zu besuchen) an, ganz nach ihrer Bequemlichkeit eines der schönsten,
-anmutigsten, bewundernswürdigsten Werke betrachten konnten, die je aus
-der Hand Gottes oder, wie man damals mit Jovellanos und der ganzen
-französischen Schule unseres Vaterlandes sagte, des höchsten Wesens
-hervorgegangen.
-
-Dies Werk war die Seña Frasquita.[4]
-
-Vor allen Dingen will ich erst sagen, daß die Seña Frasquita, die
-rechtmäßige Frau des Tio Lucas, eine vortreffliche Frau war, und das
-wußten alle illustren Besucher der Mühle. Ich sage noch mehr: keiner von
-ihnen wagte es, sie auch nur mit begehrlichen Blicken oder in sündhafter
-Absicht zu betrachten. Sie bewunderten sie, und Mönche und Herren,
-Canonici und obrigkeitliche Personen beliebten, sie zuweilen, natürlich
-in Gegenwart ihres Mannes, als ein Wunder von Schönheit, das seinen
-Schöpfer ehrte, und als eine kleine Teufelin voll Übermut und
-Koketterie, die unbewußt die schwermütigsten Geister aufheiterte, zu
-preisen. »Sie ist ein schönes Tierchen,« pflegte der sehr tugendsame
-Prälat zu sagen. -- »Sie ist wie eine Statue des hellenischen
-Altertums,« bemerkte ein sehr gelehrter Advokat, ein korrespondierendes
-Mitglied der Akademie der Geschichte. -- »Sie ist wahrhaftig eine
-zweite Eva.« brach der Prior der Franziskaner los. -- »'s ist ein
-königliches Weib,« rief der Oberst der Miliz. -- »Es ist eine Schlange,
-eine Sirene, ein Dämon,« fügte der Corregidor hinzu. -- »Aber sie ist
-eine gute Frau, ein Engel, ein liebliches Geschöpfchen, wie ein
-vierjähriges Kindchen,« schlossen endlich alle, wenn sie von der Mühle,
-vollgestopft mit Weintrauben oder Nüssen, heimkehrten, um ihren
-düsteren, methodischen Herd aufzusuchen.
-
-Die vierjährige Kleine, das heißt die Seña Frasquita, war so nahe an die
-dreißig. Sie war über fünf Fuß groß und verhältnismäßig stark, oder fast
-noch stärker als es für ihre stolze Figur paßte. Sie sah aus wie eine
-kolossale Niobe, und doch hatte sie keine Kinder gehabt, ein weiblicher
-Herkules, eine römische Matrone, wie man noch einige Exemplare im
-Trastevere sieht. Aber das Bemerkenswerteste an ihr war die
-Beweglichkeit, die Lebhaftigkeit und Anmut dieser respektablen Form. Um
-eine Statue zu sein, wie der Akademiker behauptete, fehlte ihr die
-monumentale Ruhe. Wie ein Rohr bog sie sich, drehte sich wie eine
-Wetterfahne, tanzte wie ein Brummkreisel. Ihr Gesicht war noch
-beweglicher und am wenigsten plastisch. In der reizendsten Weise wurde
-es von fünf Grübchen belebt, zwei in einer Wange, eins in der andern,
-ein ganz kleines am linken Winkel ihrer lachenden Lippen, und das
-letzte, sehr große mitten in ihrem runden Kinn. Fügt zu all diesem
-schelmische Grimassen, anmutiges Blinzeln und verschiedene
-Kopfstellungen, welche ihre Unterhaltung noch angenehmer machten, und
-ihr könnt euch eine Vorstellung von jenem Gesicht voll Geist und
-Schönheit machen, das immer von Gesundheit und Heiterkeit widerstrahlte.
-
-Weder die Seña Frasquita noch der Tio Lucas waren Andalusier; sie war
-aus Navarra und er aus Murcia. Fünfzehn Jahre alt war er halb als Page,
-halb als Diener des früheren Bischofs, nicht dessen, der augenblicklich
-die Kirche regierte, nach *** gegangen. Sein Beschützer erzog ihn zum
-Geistlichen, und damit es ihm nicht an der _cóngrua_ (dem Einkommen
-des Priesters zu seiner Unterhaltung) fehle, hatte er ihm in seinem
-Testamente jene Mühle vermacht; aber Tio Lucas, der beim Tode Sr.
-Hochwürden noch nicht ordiniert war, hing zur selben Stunde seine
-Kleider an den Nagel und ließ sich als Soldat anwerben, da er größere
-Lust hatte, die Welt zu sehen und Abenteuer zu bestehen, als Messe zu
-lesen oder Mehl zu mahlen. 1793 machte er den Feldzug in den westlichen
-Pyrenäen als Ordonnanz des tapferen Generals Don Ventura Caro mit, war
-bei der Einnahme von Castillo-Piñon und blieb dann lange Zeit in den
-nördlichen Provinzen. In Estella lernte er die Seña Frasquita kennen,
-die sich damals nur Frasquita nannte, verliebte sich in sie, heiratete
-sie und nahm sie mit sich nach Andalusien in jene Mühle, welche sie so
-friedlich und glücklich während des übrigen Teiles ihrer Pilgerschaft
-durch dies Thal der Thränen und des Lachens sehen sollte.
-
-Dadurch, daß die Seña Frasquita von Navarra aus unmittelbar in diese
-Einsamkeit verpflanzt worden war, hatte sie keine andalusischen Sitten
-angenommen und unterschied sich darum auch sehr von den übrigen
-Landbewohnerinnen der Umgegend. Sie kleidete sich einfacher, anmutiger
-und eleganter als sie, wusch sich öfter und gestattete der Sonne und der
-Luft, ihre entblößten Arme und ihren unbedeckten Hals zu liebkosen. Bis
-zu einem gewissen Grade trug sie die Tracht der Damen jener Epoche, die
-Tracht der Frauen von Goya, die Tracht der Königin Marie Louise; wenn es
-auch nicht ein Rock von einem halben Schritt war, so war er doch nicht
-mehr als einen Schritt weit, sehr kurz, so daß er ihre kleinen Füße und
-den Ansatz ihres prachtvollen Beines sehen ließ, der Ausschnitt rund und
-niedrig, nach Madrider Art und Weise, wo sie sich zwei Monate lang mit
-ihrem Lucas aufgehalten hatte, als sie von Navarra nach Andalusien
-übersiedelten. Das Haar war oben auf dem Wirbel zusammengenommen, was
-die ganze Schönheit ihres Kopfes und Halses freiließ; prächtige
-Ohrgehänge in ihren kleinen Ohren und viele Ringe auf den zugespitzten
-Fingern ihrer harten, aber reinen Hände. Und zum Schluß: Seña Frasquitas
-Stimme umschloß alle Töne eines sehr ausgedehnten, melodiösen
-Instrumentes, und ihr Lachen war so heiter und silberhell, wie das
-Geläute am heiligen Ostermorgen.
-
-Nun wollen wir auch das Bild des Tio Lucas zeichnen.
-
-
-5.
-
-Ein Mann, von innen und von außen besehen.
-
-Der Tio Lucas war häßlicher als Picio. Er war es schon immer gewesen,
-und jetzt war er vierzig Jahre alt. Und doch hat wohl Gott wenige so
-sympathische und angenehme Männer in die Welt gesetzt. Von seiner
-Lebhaftigkeit, seinem Witz und seinem Verstande eingenommen, hatte ihn
-der verstorbene Bischof von seinen Eltern, die Hirten, aber nicht
-Seelen-, sondern leibhaftige Schafhirten waren, verlangt. Als Se.
-Hochwürden gestorben war und der junge Bursche das Seminar mit der
-Kaserne vertauscht hatte, zeichnete der General Caro ihn vor dem ganzen
-Heere aus, indem er ihn zu seiner vertrauten Ordonnanz machte. Als Tio
-Lucas endlich seine militärische Laufbahn aufgegeben, wurde es ihm
-ebenso leicht, das Herz der Seña Frasquita zu erobern, wie es ihm leicht
-geworden, die Achtung des Generals und des Prälaten zu erwerben. Die
-Navarresin, die zu jener Zeit zwanzig Frühlinge zählte und der Augapfel
-aller jungen Bursche von Estella, und darunter recht reiche, war, konnte
-den fortgesetzten Artigkeiten, den witzigen Einfallen, den Blicken des
-verliebten Affen und dem spöttischen, beständigen Lächeln voller
-Bosheit, aber auch voller Sanftmut jenes kecken, beredten, klugen,
-bereitwilligen, tapfern und witzigen Murcianers nicht widerstehen, und
-so verdrehte er ihr endlich den Kopf, und nicht allein der vielbegehrten
-Schönheit, sondern auch ihren Eltern.
-
-Lucas war dazumal und bis zu dem Zeitpunkte, von dem wir jetzt sprechen,
-von kleiner Statur (wenigstens im Verhältnis zu seiner Frau), mit etwas
-hohen Schultern, sehr brünett, mit dünnem Bart, großer Nase, großen
-Ohren und blatternarbig. Dagegen war sein Mund regelmäßig und sein Gebiß
-unvergleichlich schön. Eigentlich konnte man sagen, daß nur die Schale
-rauh und häßlich an jenem Manne war; sobald man aber anfing, in das
-Innere einzudringen, so erschienen alle seine Vorzüge, und diese Vorzüge
-begannen mit den Zähnen, dann kam die Stimme, vibrierend, biegsam,
-anziehend, zuweilen männlich und ernst, süß und weich wenn er um etwas
-bat, und fast stets unwiderstehlich. Darauf kam das, was er mit jener
-Stimme sagte: Alles zur rechten Zeit, verständig, klug, überzeugend...
-Und zuletzt waren in der Seele des Tio Lucas Mut, Aufrichtigkeit,
-Ehrlichkeit, gesunder Menschenverstand, Wunsch nach Wissen, sowie
-instinktive oder durch die Erfahrung gewonnene Kenntnisse vieler Dinge,
-eine tiefe Verachtung aller Narren, welcher gesellschaftlichen Kategorie
-sie auch angehören mochten, und ein Geist der Ironie, des Spottes, des
-Sarkasmus, welcher ihm in den Augen des Akademikers das Ansehen eines
-ungeschliffenen Don Francisko de Quevedo gab.
-
-So war also der Tio Lucas von innen und von außen beschaffen.
-
-
-6.
-
-Fertigkeiten der beiden Ehegatten.
-
-Die Seña Frasquita liebte also den Tio Lucas ganz wahnsinnig und hielt
-sich für die glücklichste Frau der Welt, weil sie von ihm angebetet
-wurde. Wie wir schon gesagt haben, hatten sie keine Kinder, und so
-hatten sie es sich gegenseitig zur Aufgabe gemacht, sich mit unsäglicher
-Sorgfalt zu pflegen und zu verhätscheln, ohne daß jedoch dies zärtliche
-Besorgtsein in Sentimentalität und Süßigkeit ausartete, wie bei allen
-übrigen kinderlosen Ehen. Im Gegenteil, sie behandelten sich mit einer
-solchen Freiheit, Heiterkeit, einem Scherz und Vertrauen, wie man es bei
-Kindern, bei Spielkameraden findet, die sich von ganzer Seele liebhaben,
-ohne es sich zu sagen, ja vielleicht sich nicht einmal klar werden über
-das, was sie fühlen.
-
-Auf der ganzen Erde gab es gewiß nie einen besser gekämmten, besser
-gekleideten, im Essen mehr verwöhnten Müller, der in seinem Hause so von
-allen Bequemlichkeiten umgeben gewesen wäre, wie der Tio Lucas. Und
-gewiß ist keine Müllerin, nein, auch keine Königin, der Gegenstand so
-vieler Aufmerksamkeiten, so vieler Artigkeiten und Höflichkeiten
-gewesen, wie die Seña Frasquita. Es ist ganz undenkbar, daß je eine
-Mühle so viele notwendige, nützliche, angenehme, zur Erholung dienende
-und sogar überflüssige Dinge enthalten hätte, wie die, welche der
-Schauplatz fast der ganzen Erzählung sein wird.
-
-Viel trug auch dazu bei, daß die Seña Frasquita, die saubere, thätige,
-starke, gesunde Navarresin, zu kochen, nähen, stricken, fegen,
-Zuckerwerk bereiten, waschen, plätten, ihr Haus tünchen, das
-Kupfergeschirr putzen, Brot backen, weben, singen, tanzen, Guitarre
-spielen, Trommel schlagen, Brisca und Tute spielen und noch viele andere
-Dinge, deren Aufzählung endlos wäre, verstand, wollte und konnte. Und
-nicht weniger trug zu diesem günstigen Resultate bei, daß Tio Lucas die
-Mühle zu verwalten, das Feld zu bebauen, jagen, fischen, als Zimmermann,
-Schmied und Maurer zu arbeiten, seiner Frau in allen häuslichen
-Geschäften zur Hand zu gehen, lesen, schreiben, rechnen u. s. w. u. s.
-w. verstand, wollte und konnte. Und dabei erwähnen wir noch gar nicht
-einmal die Luxusbranchen, oder deutlicher gesprochen, seine
-außerordentlichen Fertigkeiten ... zum Beispiel der Tio Lucas liebte die
-Blumen (gerade wie seine Frau) und war ein so ausgezeichneter
-Blumenzüchter, daß es ihm gelungen war, infolge mühevoller Kombinationen
-neue Exemplare hervorzubringen. Er hatte auch etwas von einem
-natürlichen Ingenieur, und das hatte er bewiesen, indem er ein Wehr,
-einen Heber und eine Wasserleitung erbaut hatte. Er hatte einen Hund
-tanzen gelehrt, eine Schlange gezähmt und einen Papagei dahin gebracht,
-daß er die Stunden, welche eine von dem Müller an die Wand gezeichnete
-Sonnenuhr angab, durch einen Ruf andeutete, und zwar so genau, daß er es
-selbst an bewölkten Tagen und während der Nacht nicht verabsäumte.
-
-Endlich besaß der Müller noch einen Obstgarten, der alle Arten Früchte
-und Gemüse hervorbrachte; einen Teich, von einer Art von Jasminkiosk
-umgeben, wo sich der Tio Lucas und die Seña Frasquita im Sommer badeten,
-einen Blumengarten, ein Treibhaus für exotische Pflanzen, einen Brunnen
-mit trinkbarem Wasser, zwei Esel, auf denen das Ehepaar in die Stadt
-oder die umliegenden Ortschaften ritt, Hühnerhof, Taubenschlag,
-Vogelhaus, Fischzuchtteich, Zucht von Seidenwürmern, Bienenstöcke, deren
-Bienen aus dem Jasmin süße Nahrung sogen, Kelter mit dazugehörigem
-Keller, beides freilich in Miniatur, Backofen, Webstuhl, Schmiede,
-Zimmerhof u. s. w. u. s. w., all dies bei einem Hause mit acht Zimmern,
-zwei Fanegas Acker und auf zehntausend Realen abgeschätzt.
-
-
-7.
-
-Der Grund der Glückseligkeit.
-
-Also der Müller und die Müllerin liebten sich rasend, und fast konnte
-man glauben, daß sie ihn noch mehr liebte, als er sie, obgleich er so
-häßlich und sie so schön war. Das meine ich, weil die Seña Frasquita
-eifersüchtig zu sein pflegte und vom Tio Lucas, wenn er sehr spät aus
-der Stadt oder den umliegenden Dörfern, wo er Korn holte, zurückkehrte,
-Rechenschaft verlangte, während Tio Lucas die Aufmerksamkeiten, welche
-die seine Mühle besuchenden Herren der Seña Frasquita erzeigten, mit
-Vergnügen bemerkte. Er erfreute und ergötzte sich daran, daß sie allen
-so wie ihm gefiel, und obgleich er im Grunde seines Herzens fühlte, daß
-manche ihn darum beneideten, sie wie einfache Sterbliche begehrten und
-wer weiß was gegeben hätten, wenn sie eine weniger brave Frau gewesen
-wäre, so ließ er sie doch ganze Tage allein, ohne die geringste Sorge,
-und fragte nie gleich, was sie gethan hätte oder wo sie während seiner
-Abwesenheit gewesen wäre.
-
-Das lag aber nicht etwa darin, daß die Liebe des Tio Lucas weniger
-leidenschaftlich gewesen wäre, als die der Seña Frasquita, sondern weil
-er mehr Vertrauen zu ihr hatte, als sie zu ihm, weil er sie an
-Scharfsinn übertraf und wußte, in welchem Grade er von ihr geliebt
-wurde, und wie sehr seine Frau sich selbst achtete, es bestand
-hauptsächlich darin, daß der Tio Lucas ein ganzer Mann war, ein Mann wie
-die Shakespeareschen, mit wenigen, aber unteilbaren Gefühlen, des
-Zweifels unfähig, der entweder glaubte oder starb, der liebte oder
-tötete, der keine Abstufung oder allmählichen Uebergang zwischen der
-höchsten Glückseligkeit oder dem Untergange seines Glückes zuließ. Er
-war ein Othello von Murcia mit _alpargatas_ (Schuhe, mit Spartostricken
-befestigt) und Jagdmütze im ersten Akt einer möglichen Tragödie.
-
-Aber warum diese düsteren Noten in einem so lustigen Sang? Warum diese
-erschrecklichen Blitze in einer so heitern Atmosphäre? Warum diese
-melodramatischen Stellungen in einem Genrebilde?
-
-Das werdet ihr alsogleich erfahren.
-
-
-8.
-
-Der Mann mit dem Dreispitz.
-
-Es war zwei Uhr an einem Oktobernachmittag. Die kleine Turmuhr an der
-Kathedrale läutete zur Vesper, das bedeutete, daß schon alle die
-vornehmsten Personen der Stadt zu Mittag gegessen hatten.
-
-Die Canonici wendeten sich nach dem Chor und die Laien nach ihren
-Alkoven, um Siesta zu halten, und zwar besonders diejenigen, welche
-infolge ihrer Obliegenheiten, wie zum Beispiel die Behörden, den ganzen
-Morgen hindurch gearbeitet hatten.
-
-Um so erstaunlicher war es also, daß zu jener Stunde, die schon, weil es
-noch zu heiß war, zum Spaziergange ganz ungeeignet schien, der illustre
-Herr Corregidor der Stadt zu Fuß, nur von einem einzigen _alguacil_
-begleitet, dieselbe verließ, und darüber konnte kein Zweifel herrschen,
-denn weder bei Tag, noch bei Nacht hätte man ihn mit irgend jemand
-verwechseln können, erstens wegen seines ungeheuren Dreispitzes und dem
-anfallenden Mantel von rotem Tuch, zweitens wegen seines eigentümlichen
-grotesken Aussehens.
-
-Von dem roten Tuchmantel und dem Dreispitz können noch viele Personen
-aus eigener Anschauung erzählen. Wir unter ihnen, ebenso alle
-diejenigen, welche in den letzten Jahren der Regierung Sr. Majestät Don
-Fernando _VII._ in jener Stadt geboren wurden, erinnern uns sehr wohl
-jener beiden veralteten Kleinodien, des Mantels und des Hutes, der
-schwarze Hut darüber und den roten Mantel darunter an einem Nagel hängen
-gesehen zu haben, als einzigen Schmuck einer bröckligen Wand in dem
-Turme des Hauses, das Seine Herrlichkeit bewohnte und welches jetzt den
-kindlichen Spielen seiner Enkel zum Schauplatz dient. Wie eine Art von
-Gespenst des Absolutismns, eine Art von Schweißtuch des Corregidors,
-eine Art von rückwärts gewandter Karikatur seiner Macht, mit Kreide und
-Rotstift gezeichnet, wie so viele andere, hingen sie dort für uns kleine
-Konstitutionelle vom Jahre 1837, die wir uns dort versammelten, eine Art
-von Vogelscheuche, die zu anderen Zeiten eine Menschenscheuche gewesen
-war, die mir heute fast Furcht einflößt, weil ich dazu beigetragen habe,
-sie ihres Ansehens zu berauben, indem ich sie auf der Spitze eines
-Schornsteinwischers zur Karnevalszeit durch die historische Stadt
-getragen habe, oder indem sie einem Narren, der das Volk zu stetem
-Lachen reizte, als Vermummung diente. Armes =Prinzip der Autorität=!
-So haben dir diejenigen mitgespielt, die dich heute vergebens anrufen.
-
-Was nun das groteske Aussehen des Herrn Corregidors betrifft, so bestand
-es darin, daß er, wie man sagt, hohe Schultern hatte, noch viel höhere
-als der Tio Lucas ... fast bucklig, um es gerade herauszusagen; seine
-Statur war unter Mittelgröße und schwächlich, seine Gesundheit
-schwankend; er hatte gewölbte Beine und eine Art und Weise zu gehen,
-ganz sui generis, indem er sich von der einen Seite nach der anderen
-wiegte, und von hinten nach vorne, die man nur mit der absurden Phrase
-bezeichnen kann, daß es schien, wie wenn er auf beiden Füßen lahm wäre.
-Zum Ersatz dafür aber fügt die Tradition hinzu, war sein Gesicht
-regelmäßig, wenn auch durch den Mangel an Zähnen ziemlich runzlig,
-grünlich brünett, wie fast alle Söhne Castiliens, mit großen, dunklen
-Augen, in denen Zorn, Despotismus und Sinnlichkeit Blitze warfen, mit
-feinen, verschmitzten Gesichtszügen, die zwar nicht den Ausdruck
-persönlichen Mutes, aber einer versteckten, zu allem fähigen Bosheit
-trugen; dabei eine gewisse Miene der Befriedigung, halb Aristokrat, halb
-Libertin, die ganz deutlich zeigte, daß jener Mann, trotz seiner Beine
-und seines Buckels, in seiner frühen Jugend den Frauen angenehm gewesen
-und von ihnen angenommen worden war.
-
-Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de Leon (das war der Name Sr.
-Herrlichkeit) war in Madrid geboren, aus berühmtem Geschlechte und war
-zu jener Zeit ungefähr fünfundfünfzig Jahre alt. Vier Jahre war er als
-Corregidor in der erwähnten Stadt gewesen, wo er sich, kurz nach seiner
-Ankunft, mit der hervorragendsten Dame, von der wir noch weiter unten
-sprechen werden, verheiratet hatte.
-
-Don Eugenios Strümpfe, außer den Schuhen der einzige Teil seiner
-Bekleidung, welchen der sehr umfangreiche rote Mantel freiließ, waren
-weiß, und die Schuhe schwarz mit goldener Schnalle. Als aber die Wärme
-auf dem freien Felde ihn veranlaßte, seine Umhüllung zu lüften, sah man,
-daß er eine große Krawatte von Batist trug, eine taubenfarbige
-Sergeweste, über und über mit grünen Zweigen gemustert, kurze,
-schwarzseidene Beinkleider, einen ungeheueren Rock von demselben Stoffe
-wie die Weste, einen Galanteriedegen mit Stahlgefäß, Stock mit Quasten
-und ein respektables Paar Handschuhe von gelblichem Wildleder, die er
-nie anzog und nur in der Mitte wie eine Art von Szepter umfaßte.
-
-Der Alguacil, der dem Herrn Corregidor auf zwanzig Schritte Entfernung
-folgte, hieß Garduña und war das leibhaftige Conterfei seines Namens
-(Marder). Mager, sehr behend, sah er im Gehen vorwärts und rückwärts,
-nach rechts und nach links zu gleicher Zeit, mit langem Halse, ganz
-kleinem, widerwärtigem Gesichte, und mit zwei Händen, die wie zwei
-Bündel Ruten aussahen, glich er sowohl einem Späher auf der Suche nach
-Verbrechern, als dem Strick, der sie binden, und dem Instrumente, das
-sie bestrafen sollte.
-
-Als der Blick des ersten Corregidors auf ihn fiel, sagte dieser, ohne
-weitere Erkundigungen einzuziehen, »du wirst mein wahrer Alguacil sein.«
-Und vier Corregidoren hatte er gedient.
-
-Er war achtundvierzig Jahre alt und trug einen Dreispitz, der viel
-kleiner, als der seines Herrn, der, wir wiederholen es, einen ganz
-ungewöhnlichen Umfang hatte, einen Mantel, schwarz wie die Strümpfe und
-der übrige Anzug, einen Stock ohne Quasten und eine Art von Bratspieß an
-Stelle des Degens.
-
-Jenes schwarze Gespenst schien der Schatten seines auffallend
-gekleideten Gebieters zu sein.
-
-
-9.
-
-Hü, Esel!
-
-Wo auch immer diese Persönlichkeit und sein Untergebener vorüberkamen,
-verließen die Arbeiter ihre Thätigkeit und entblößten ihre Häupter so
-tief, daß der Hut die Erde fast berührte, doch eigentlich mehr aus
-Furcht als aus Achtung; war er vorüber, so sagten sie mit leiser Stimme:
-
-»Heute geht aber der Herr Corregidor sehr früh zur Seña Frasquita.«
-
-»Sehr früh... und allein!« fügten andere hinzu, die gewohnt waren, ihn
-diesen Spaziergang immer in Gesellschaft verschiedener anderer Personen
-machen zu sehen.
-
-»Höre du, Manuel, warum geht wohl der Herr Corregidor heute allein, um
-die Seña Frasquita zu besuchen?« fragte eine Bäuerin ihren Mann, der sie
-hinter sich auf dem Esel hatte.
-
-Und während sie ihn fragte, kitzelte sie ihn, um ihn zu reizen. »Denk'
-doch nicht gleich Schlechtes, Josepha!« rief der gute Mann aus, »die
-Seña Frasquita ist nicht imstande...«
-
-»Sage ich denn das Gegenteil? Aber darum ist doch der Herr Corregidor
-nicht etwa nicht imstande, sich in sie zu verlieben... Ich habe sagen
-hören, daß von allen, die zu den Schmausereien nach der Mühle gehen,
-dieser Madrider, der den Unterröcken so nachläuft, der einzige ist, der
-mit bösen Absichten dorthin geht.«
-
-»Und was weißt du davon, ob er den Unterröcken nachläuft oder nicht?«
-fragte seinerseits der Mann.
-
-»Das sage ich nicht von mir selbst... Und wenn er auch tausendmal
-Corregidor wäre, er würde sich wohl gehütet haben, mir auch nur zu
-sagen, du hast schwarze Augen.«
-
-Die so sprach, war häßlich im Superlativ.
-
-»Na, sieh mal, Kind, da mögen sie zusehen!« erwiderte der Manuel
-Genannte. »Ich glaube nicht, daß der Tio Lucas der Mann dazu ist, um
-darauf einzugehen... Der hat ein hübsches Temperament, der Tio Lucas,
-wenn er böse wird!«
-
-»Na, aber man sieht ja, daß es ihm paßt,« fügte Tia Josepha hinzu und
-rümpfte die Nase.
-
-»Tio Lucas ist ein Biedermann,« entgegnete der Bauer, »und einem
-Biedermanne können solche Dinge nicht passen.«
-
-»Na ja, darin hast du recht... Mögen sie zusehen... Wenn ich die Seña
-Frasquita wäre...«
-
-»Hü, Esel!« schrie der Mann, um das Gespräch zu wechseln.
-
-Der Esel setzte sich in Trab, und so konnte man den Rest der
-Unterhaltung nicht mehr hören.
-
-
-10.
-
-Vom Rebengeländer aus.
-
-Während so die den Corregidor grüßenden Ackerleute unter sich sprachen,
-sprengte und fegte die Seña Frasquita sorgfältig den gepflasterten
-Platz, welcher der Mühle als Atrium diente, und stellte ein halbes
-Dutzend Stühle dahin, wo das Weinlaub der Laube noch am dichtesten war,
-auf welche Tio Lucas gestiegen war und die besten Trauben abschnitt, um
-sie künstlerisch in einem Korbe zu arrangieren.
-
-»Nun ja, Frasquita,« sagte der Tio Lucas oben von der Laube herunter,
-»der Herr Corregidor ist in sehr schlechter Weise in dich verliebt.«
-
-»Das habe ich dir schon vor langer Zeit gesagt,« antwortete die Frau aus
-dem Norden; »aber laß ihn doch seufzen... Nimm dich in acht, Lucas, daß
-du nicht fällst!«
-
-»Sei ohne Sorge, ich halte mich schon fest.... Auch gefällst du dem
-Herrn...«
-
-»Hör 'mal, jetzt höre auf mit deinen Nachrichten,« unterbrach sie ihn.
-»Ich weiß nur zu gut, wem ich gefalle und wem nicht. Wenn ich doch nur
-ebenso gut wüßte, warum ich dir nicht gefalle.«
-
-»Na, das ist stark. Weil du so häßlich bist!« antwortete Tio Lucas.
-
-»Hör 'mal... häßlich und alles, ich bin imstande, auf die Weinlaube zu
-steigen und dich kopfüber auf den Boden zu werfen.«
-
-»Viel wahrscheinlicher wäre es, daß ich dich nicht von der Laube
-herabsteigen ließe, ohne dich vorher lebendig aufzuessen.«
-
-»Da haben wir's... und wenn dann meine Anbeter kommen und uns da sähen,
-dann möchten sie gar am Ende sagen, daß wir zwei Affen seien.«
-
-»Und da würden sie den Nagel auf den Kopf treffen, denn du bist so ein
-rechter Affe, und so hübsch, und ich sehe wie ein Affe aus mit meinem
-Buckel...«
-
-»Der mir gerade sehr gefällt.«
-
-»Dann wird dir der des Corregidors noch besser gefallen, der ist ja noch
-größer als meiner.«
-
-»Ei, ei, sehen Sie einmal, mein Herr Don Lucas, seien Sie nicht so
-eifersüchtig!«
-
-»Ich eifersüchtig, auf den alten Waschlappen? Im Gegenteil, ich freue
-mich sehr, daß er dich liebt.«
-
-»Warum?«
-
-»Weil in der Sünde selbst die Strafe liegt. Du wirst ihn nie lieben, und
-ich bin während der Zeit der eigentliche Corregidor der Stadt.«
-
-»Seht einmal den eitlen Menschen an! Stelle dir aber nun einmal vor,
-daß ich ihn lieben lernte... Es sind schon seltsamere Dinge in der Welt
-vorgekommen.«
-
-»Das wäre mir auch ziemlich gleichgiltig.«
-
-»Warum?«
-
-»Weil du dann nicht mehr du sein würdest, und da du nicht bist, die du
-bist, oder für die ich dich wenigstens halte, da mach' ich mir den
-Teufel was daraus, ob dich alle Dämonen holen.«
-
-»Aber was würdest du in einem solchen Falle thun?«
-
-»Ich? Hm, hör 'mal, das weiß ich nicht... denn, da ich dann ein anderer
-sein würde, als ich jetzt bin, so kann ich mir nicht vorstellen, was ich
-dann wohl denken würde.«
-
-»Und warum würdest du ein anderer sein?«
-
-»Weil ich jetzt ein Mann bin, der an dich glaubt wie an sich selbst, und
-dessen ganzes Leben nur dieser Glaube ist. Folglich, wenn ich nicht mehr
-an dich glauben würde, so würde ich sterben oder mich in einen neuen
-Menschen verwandeln, auf eine andere Art und Weise leben. Mir würde es
-vorkommen, wie wenn ich eben erst geboren wäre, und ich würde andere
-Gefühle hegen. Ich weiß nicht, was ich dann mit dir thun würde...
-Vielleicht würde ich lachen und dir den Rücken wenden... Vielleicht
-würde ich dich nicht kennen... Vielleicht... Aber geh doch, was für
-einen Gefallen können wir daran finden, uns unnötig in üble Laune zu
-versetzen. Was geht das uns an, wenn dich alle Corregidoren der Welt
-lieben? Bist du nicht meine Frasquita?«
-
-»Ja, du alter Barbar!« antwortete die Seña Frasquita, aus vollem Halse
-lachend. »Ich bin deine Frasquita, und du bist mein Herzens-Lucas, der
-häßlicher ist als ein Pavian, der mehr Talent hat als alle übrigen
-Männer, der besser ist als das Brot, und den ich mehr liebe... Na,
-steige nur erst von dem Spalier herunter, dann wirst du schon sehen, was
-das »lieben« heißt!... Bereite dich nur vor, so viel Ohrfeigen zu
-bekommen und so viel gekniffen zu werden, wie du Haare auf dem Kopfe
-hast... Aber still, was sehe ich! Der Herr Corregidor kommt ganz allein
-hierher... Und so früh... Der hat einen Plan.«
-
-»Dann nimm dich ein wenig zusammen und sage ihm nicht, daß ich hier oben
-bin. Er kommt gewiß, um mit dir allein eine Erklärung zu haben, denn er
-nimmt an, daß ich meine Siesta halte. Ich will mich amüsieren, indem ich
-seine Erklärung mit anhöre.«
-
-So sprach Tio Lucas und reichte seiner Frau den Korb hinunter.
-
-»Das ist kein übler Gedanke,« rief sie und brach von neuem in ein
-Gelächter aus. »Dieser Teufel von einem Madrileñer! Was glaubt der denn,
-was mir ein Corregidor gilt? Aber, da kommt er. Garduña, der ihm in
-einiger Entfernung folgte, hat sich im Graben in den Schatten gesetzt...
-Wie albern! Verstecke dich gut hinter dem Weinlaub, denn wir werden mehr
-lachen, als du dir vielleicht einbildest.«
-
-Und nachdem sie dies gesagt, fing die schöne Navarresin an den Fandango
-zu singen, mit dem sie schon ebenso vertraut war wie mit den Liedern
-ihrer Heimat.
-
-
-11.
-
-Das Bombardement von Pamplona.
-
-»Gott behüte dich, Frasquita,« sagte der Corregidor halblaut, als er
-unter der Laube erschien und sich auf den Fußspitzen näherte.
-
-»Wie gut von Ihnen, Herr Corregidor!« antwortete sie mit natürlicher
-Stimme, indem sie ihm tausend Bücklinge machte. »Euer Gnaden schon zu
-dieser Stunde! Und bei der Hitze! Setzen sich Eure Herrlichkeit! Hier
-ist es hübsch kühl! -- Und Euer Gnaden haben die anderen Herren nicht
-abgewartet?... Da stehen schon alle Sitze für die Herren... Heute
-Nachmittag erwarten wir auch den Herrn Bischof in Person, er hat meinem
-Lucas versprochen, die ersten Trauben vom Weinstock zu kosten. Und wie
-befinden sich Euer Gnaden? Wie geht es der Frau Gemahlin?«
-
-Der Corregidor war verwirrt; das so ersehnte Alleinsein, in dem er sich
-mit der Seña Frasquita befand, kam ihm wie ein Traum vor oder wie eine
-Schlinge, welche ihm das feindliche Geschick legte, um ihn in den
-Abgrund der Täuschung fallen zu lassen.
-
-So beschränkte er sich nur darauf, zu sagen:
-
-»Es ist nicht so früh, wie du sagst... es wird ungefähr halb vier Uhr
-sein.«
-
-In dem Augenblicke pfiff der Papagei.
-
-»Es ist einviertel auf drei,« sagte die Navarresin, und sah den
-Madrileñer steif und unverwandt an.
-
-Dieser schwieg, wie ein überführter Verbrecher, der auf die Verteidigung
-verzichtet.
-
-»Und Lucas? Schläft er?« fragte er nach einem Augenblicke.
-
-Wir müssen hier noch bemerken, daß der Corregidor, wie alle Zahnlosen,
-eine unbestimmte, zischende Aussprache hatte, wie wenn er seine eigenen
-Lippen äße.
-
-»Ja, freilich,« antwortete die Seña Frasquita. »Um diese Zeit, da
-schläft er, wo es ihn gerade überfällt und wäre es am Rande eines
-Abgrundes.«
-
-»Nun höre, so laß ihn schlafen,« rief der alte Corregidor aus und wurde
-noch bleicher, als er schon von Natur war. »Und du, meine liebe
-Frasquita, höre einmal ... sieh... komm her... Setze dich hierher, so,
-an meine Seite. Ich habe dir viele Dinge mitzuteilen.«
-
-»Da sitze ich,« antwortete die Müllerin, ergriff einen niedrigen Stuhl
-und setzte ihn in ganz geringer Entfernung von dem des Corregidors
-nieder.
-
-Sobald Frasquita sich gesetzt hatte, legte sie ein Bein über das andere,
-bog den Körper ein wenig vor, stützte einen Ellbogen auf das
-übergeschlagene Knie und das frische, schöne Gesicht auf eine ihrer
-Hände, und so, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, mit lächelnden
-Lippen, wobei alle fünf Grübchen in Thätigkeit kamen, und die heiteren,
-reinen Pupillen auf den Corregidor geheftet, erwartete sie die
-Erläuterung Seiner Gnaden. Wahrhaftig, man konnte sie mit Pamplona
-vergleichen, welches das Bombardement erwartet.
-
-Der arme Mann wollte sprechen, aber vor dieser grandiosen Schönheit, vor
-dieser strahlenden Anmut, vor jener schrecklichen Frau mit der
-Alabasterhaut, den üppigen Formen, dem reinen, lachenden Munde, den
-blauen, unergründlichen Augen, die der Pinsel eines Rubens erschaffen zu
-haben schien, blieb er mit offenem Munde wie behext sitzen. »Frasquita!«
-murmelte endlich der Abgesandte des Königs mit schwacher Stimme, während
-sein vertrocknetes Gesicht, das sich in Schweiß gebadet von seinem
-Buckel abhob, eine unsägliche Qual ausdrückte, »Frasquita!«
-
-»So heiße ich,« antwortete die Tochter der Pyrenäen. »Sie wünschen?«
-
-»Was du willst,« erwiderte der Alte mit unendlicher Zärtlichkeit.
-
-»Nun, was ich will, das weiß ja Ew. Gnaden,« sagte die Müllerin. »Was
-ich will? Ew. Gnaden sollen einen Neffen von mir in Estella zum Sekretär
-beim Stadtgericht ernennen, damit er jene Berge verlassen kann, wo es
-ihm herzlich schlecht geht.«
-
-»Ich habe dir schon gesagt, Frasquita, daß das unmöglich ist; der
-gegenwärtige Sekretär...«
-
-»Ist ein Dieb, ein Trunkenbold, ein Esel.«
-
-»Das weiß ich. Er hat aber sehr gute Beschützer unter den
-lebenslänglichen Regidoren, und ich kann ohne Einwilligung des
-Stadtrates keinen anderen ernennen. Sonst setze ich mich aus -- --«
-
-»Ich setze mich aus, ich setze mich aus.... Und welchen Gefahren würden
-wir uns nicht um Ew. Gnaden willen aussetzen, wir alle, bis hinunter zu
-den Katzen im Hause?«
-
-»Würdest du mich um diesen Preis lieben?« stammelte der Corregidor.
-
-»Nein, Herr Corregidor, denn ich liebe Ew. Gnaden umsonst.«
-
-»Weib, gieb mir nicht so viele Titel! Nenne mich Sie oder wie du Lust
-hast... Hä, so wirst du mich also lieben? ... Sag --«
-
-»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich Sie schon liebe?«
-
-»Aber...«
-
-»Dabei ist kein ›aber‹. Sie sollen nur sehen, wie hübsch und was für ein
-braver Mensch mein Neffe ist!«
-
-»Ja, du bist hübsch, Frasquita!«
-
-»Gefalle ich Ihnen?«
-
-»Gewiß gefällst du mir! Es giebt keine zweite Frau wie dich.«
-
-»Nun sehen Sie, hier ist nichts Falsches,« antwortete die Seña
-Frasquita, schob den Ärmel ihres Kleides ganz in die Höhe und zeigte dem
-Corregidor den bisher verhüllten Teil ihres Armes, der einer Karyatide
-würdig gewesen wäre und weißer als eine Lilie war.
-
-»Und ob du mir gefällst!« fuhr der Corregidor fort, »Tag und Nacht, zu
-jeder Stunde, überall, denke ich nur an dich.«
-
-»Aber wie? Gefällt Ihnen denn die Frau Corregidor nicht?« fragte Seña
-Frasquita mit einem so gut geheuchelten Mitleid, daß es einen
-Hypochonder zum Lachen gebracht hätte. »Wie schade! Als mein Lucas Ihre
-Alkovenuhr zurecht gemacht hat, da hat er das Vergnügen gehabt, sie zu
-sehen und mit ihr zu sprechen, und er hat mir gesagt, daß sie sehr
-hübsch und sehr gut und so liebenswürdig im Umgange sei.«
-
-»Nicht so sehr, nicht so sehr!« murmelte der Corregidor mit einer
-gewissen Bitterkeit.
-
-»Dagegen haben andere mir gesagt,« sprach die Müllerin weiter, »daß sie
-ein sehr böses Temperament habe, sehr eifersüchtig sei, und daß Sie vor
-ihr wie vor einer grünen Rute zitterten.«
-
-»Nicht so sehr, Frau,« wiederholte Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de
-Leon, indem er ganz rot wurde. »Nicht so viel und nicht so wenig, die
-Frau Corregidora hat so ihre Launen, gewiß... aber zwischen dem und vor
-ihr zittern ist doch noch ein großer Unterschied. Ich bin der
-Corregidor.«
-
-»Aber schließlich haben Sie sie lieb oder nicht?«
-
-»Ich will dir sagen... ich liebe sie sehr... oder besser gesagt, ich
-liebte sie sehr, bevor ich dich kennen lernte. Aber seit ich dich sah,
-weiß ich nicht, was mir geschah, und sie selbst merkt, daß etwas in mir
-vorgeht. Genug, heute zum Beispiel, wenn ich das Gesicht meiner Frau
-berühre, so macht es mir den Eindruck, wie wenn ich mein eigenes
-berührte. Siehst du wohl, mehr kann man sie doch nicht lieben und auch
-nicht weniger fühlen. -- Dagegen, könnte ich diese Hand, diesen Arm,
-dieses Gesicht, diese Taille berühren, würde ich dafür geben, was ich
-nicht habe.«
-
-Und während der Corregidor so sprach, versuchte er, sich des entblößten
-Armes, den die Seña Frasquita ihm buchstäblich unter die Nase rieb, zu
-bemächtigen; aber diese, ohne ihre Fassung zu verlieren, streckte die
-Hand aus, berührte die Brust Seiner Gnaden mit der friedlichen Gewalt
-und unwiderstehlichen Festigkeit eines Elephantenrüssels und warf ihn
-mit Stuhl und allem auf den Rücken.
-
-»_Ave Maria purisima!_« (Heilige Jungfrau Maria!) rief inzwischen die
-Navarresin und lachte wie toll. »Der Stuhl war wohl gar zerbrochen?«
-
-»Was geht hier vor?« rief in diesem Augenblicke Tio Lucas, indem er sein
-häßliches Gesicht durch die Weinblätter steckte.
-
-Noch lag der Corregidor auf dem Rücken am Boden und blickte mit
-unaussprechlichem Entsetzen zu dem Manne empor, der in der Luft auf dem
-Bauche liegend erschien.
-
-Wie ein Teufel sah er aus, aber nicht wie einer von St. Michael, sondern
-wie ein von einem anderen höllischen Dämon besiegter.
-
-»Was soll hier vorgehen?« beeilte sich die Seña Frasquita zu sagen, »der
-Herr Corregidor hatte seinen Stuhl nicht fest aufgestellt, er fing an
-sich zu wiegen, und da ist er gefallen.«
-
-»Jesus, Maria und Joseph!« rief seinerseits der Müller aus, »Ew. Gnaden
-haben sich doch nicht etwa Schaden gethan? Wollen Ew. Gnaden ein wenig
-Wasser und Essig?«
-
-»Ich habe mir nichts gethan!« sagte der Corregidor, indem er, so gut er
-konnte, aufstand.
-
-Und dann fügte er leise, doch so, daß ihn die Seña Frasquita verstehen
-konnte, hinzu:
-
-»Das sollt Ihr mir bezahlen.«
-
-»Dagegen haben aber Ew. Gnaden mir das Leben gerettet,« fuhr Tio Lucas
-fort, ohne jedoch von seinem luftigen Sitze herabzusteigen. »Stelle dir
-nur vor, Frau, ich sitze hier oben und betrachte die Weintrauben; da
-schlafe ich auf einem Netz von Weinreben und Stangen, dessen
-Zwischenöffnungen groß genug waren, um einen Körper hindurchgleiten zu
-lassen, ein. Hätte mich also Sr. Gnaden Fall nicht zur rechten Zeit
-aufgeweckt, so hätte ich mir späterhin den Kopf auf diesen Steinen
-zerbrochen.«
-
-»Also du... he?« rief der Corregidor aus. »Nun, Müller, das freut
-mich... Ich sage, es freut mich sehr, daß ich gefallen bin.«
-
-»Das sollst du mir bezahlen,« fügte er dann hinzu, indem er sich zur
-Müllerin wendete.
-
-Und das sprach er mit einem solchen Ausdruck von unterdrückter Wut, daß
-die Seña Frasquita ganz traurig wurde.
-
-Sie sah nur zu deutlich, daß der Corregidor zuerst erschrocken war, weil
-er glaubte, daß der Müller alles gehört hätte.
-
-Als er sich aber überzeugt hatte, daß der Müller nichts gehört, denn Tio
-Lucas' Ruhe und Verstellung hätten selbst den schärfsten Luchs
-getäuscht, da fing er an, seinem Zorn nachzugeben und Rachepläne zu
-brüten.
-
-»Na, na, komm nur herunter und hilf mir Sr. Gnaden reinigen, er ist ja
-ganz mit Staub bedeckt,« rief die Müllerin aus.
-
-Und während der Tio Lucas herunterkletterte, sagte sie zu dem
-Corregidor, indem sie ihm mit der Schürze den Rock abstäubte, wobei
-mancher Schlag die Ohren traf:
-
-»Der Arme hat gar nichts gehört... der hat wie ein Klotz geschlafen.«
-Diese Worte und mehr noch der Umstand, daß sie mit leiser Stimme zu ihm
-gesprochen wurden, dadurch Mitwissenschaft und Geheimnis andeutend,
-brachten eine wunderbare Wirkung hervor. »Du Schelm! Du Trotzkopf!«
-stammelte Don Eugenio de Zuñiga mit wässerndem Munde, aber doch noch
-scheltend.
-
-»Ew. Gnaden hegen doch keinen Groll gegen mich?« entgegnete die
-Navarresin arglistig schmeichelnd.
-
-Als der Corregidor wahrnahm, daß die Strenge einen so guten Erfolg
-hatte, versuchte er die Seña Frasquita recht wütend anzusehen; aber da
-traten ihm ihr verführerisches Lächeln und ihre himmlischen Augen, in
-denen eine liebkosende Bitte glänzte, entgegen -- all sein Zorn schmolz
-sofort dahin, und mit süßlichem Ton, bei dem man erst recht den
-vollständigen Mangel an Zähnen entdeckte, sagte er: »Das hängt von dir
-ab, mein Schatz!«
-
-In diesem Augenblicke sprang Tio Lucas von der Laube auf den Boden.
-
-
-12.
-
-Zehnten und Erstlinge.
-
-Als der Corregidor seinen Stuhl wieder eingenommen hatte, warf die
-Müllerin einen flüchtigen Blick auf ihren Gatten und sah ihn nicht nur
-so ruhig wie immer, sondern daß er auch große Lust hatte, über diesen
-Einfall vor Lachen zu bersten; im ersten Augenblicke, in dem sie sich
-vom Corregidor unbeachtet glaubte, warf sie ihm eine Kußhand zu und
-sagte dann mit einer Sirenenstimme, um die Kleopatra sie beneidet hätte,
-zu diesem:
-
-»Jetzt sollen Ew. Gnaden auch meine Weintrauben kosten.«
-
-Und jetzt hätte man die schöne Navarresin sehen müssen, und so würde ich
-sie malen, wenn ich Titians Pinsel hätte, wie sie so vor dem entzückten
-Corregidor stand, frisch, prächtig, reizend, mit ihren edlen Formen,
-ihrem engen Kleide, der hohen Gestalt, wie sie die entblößten Arme über
-ihr Haupt erhob, in jeder Hand eine durchsichtige Traube, und mit einem
-unwiderstehlichen Lächeln und einem bittenden Blick, in dem die Furcht
-zitterte, zu ihm sagte:
-
-»Noch hat der Herr Bischof sie nicht versucht... Es sind die ersten, die
-wir in diesem Jahre pflücken...«
-
-Sie glich einer riesigen Pomona, die einem ländlichen Gott, sagen wir z.
-B. einem Satir Früchte anbietet. In diesem Augenblicke erschien am
-äußersten Ende des gepflasterten Platzes der ehrwürdige Bischof der
-Diöcese, von dem Advokaten-Akademiker und zwei Domherren in
-vorgeschrittenem Alter begleitet, und von seinem Sekretär, zwei
-Hausgenossen und zwei Pagen gefolgt.
-
-Einen Augenblick hielt Se. Hochwürden an, um das zugleich komische und
-schöne Bild zu betrachten, und dann sagte er mit dem würdevollen Ton der
-Prälaten von damals:
-
-»Das Fünfte: Zehnten und Erstlinge an die Kirche Gottes zu bezahlen,
-lehrt uns die christliche Satzung; aber Sie, Herr Corregidor, begnügen
-sich nicht damit, den Zehnten zu verwalten, sondern wollen auch die
-Erstlinge essen.«
-
-»Der Herr Bischof!« riefen die Müllersleute aus und verließen den
-Corregidor, um den Ring des Prälaten zu küssen.
-
-»Gott lohne es Ew. Hochwürden, daß Sie unserer armen Hütte solche Ehre
-erweisen,« sagte Tio Lucas im Tone aufrichtiger Verehrung und küßte ihn.
-»Wie freue ich mich, den Herrn Bischof so wohl und schön zu sehen!« rief
-die Seña Frasquita aus, indem auch sie den Ring küßte. »Gott segne ihn
-und erhalte ihn so viele Jahre, wie meines Lucas' Bischof!«
-
-»Wie kann ich dir wohl eines Tages fehlen, wenn du mich mit Segnungen
-überhäufst, statt sie von mir zu verlangen,« antwortete lachend der
-gütige Hirt. Und zwei Finger ausstreckend, segnete er die Seña Frasquita
-und darauf die übrigen Anwesenden.
-
-»Hier sind auch Ew. Hochwürden Erstlinge!« sagte der Corregidor, indem
-er eine Traube aus den Händen der Müllerin nahm und sie dem Bischof
-höflich anbot. »Noch habe ich die Trauben nicht gekostet.«
-
-Der Corregidor sprach diese Worte aus, indem er einen schnellen,
-lüsternen Blick auf die strahlende Schönheit der Müllerin warf.
-
-»Hoffentlich doch nicht, weil sie zu sauer sind, wie die in der Fabel,«
-bemerkte der Akademiker.
-
-»Die in der Fabel,« versetzte der Bischof, »waren nicht sauer, Herr
-Licenziat, sondern außer dem Bereich des Fuchses.«
-
-Keiner von beiden hatte eine Anspielung auf den Corregidor damit
-bezweckt; aber die Aussprüche paßten so genau auf das, was soeben
-vorgefallen war, daß der Corregidor Don Eugenio de Zuñiga blaß vor Zorn
-wurde und, den Ring des Prälaten küssend, sagte:
-
-»Dann wäre ich also der Fuchs, Hochwürden.«
-
-»_Tu dixisti_« (Du sagst es), erwiderte dieser mit der leutseligen
-Strenge eines Heiligen, der er auch gewesen sein soll. »_Excusatio non
-petita, accusatio manifesta -- Qualis vir, talis oratio._ -- Aber
-_satis jam dictum, nullus ultra sit sermo_. Oder, was dasselbe ist:
-Lassen wir jetzt das Latein und bekümmern wir uns um diese famosen
-Trauben.« Und er pflückte eine einzige Beere von der Traube, welche ihm
-der Corregidor anbot. »Sie sind sehr gut,« rief er aus und hielt sie
-gegen das Licht; dann reichte er sie seinem Sekretär. »Nur schade, daß
-sie mir nicht gut bekommen.«
-
-Der Sekretär betrachtete die Traube auch, nahm eine Miene höflicher
-Bewunderung an und übergab sie einem der Hausgenossen.
-
-Der Famulus wiederholte die Handlung des Bischofs und die Miene des
-Sekretärs, ja, ging sogar so weit, an der Weintraube zu riechen, und
-dann legte er sie mit der skrupulösesten Sorgfalt in den Korb zurück und
-sagte mit leiser Stimme zu den Umstehenden:
-
-»Sr. Hochwürden fasten...«
-
-Tio Lucas aber, der die Traube mit dem Blick verfolgt hatte, nahm sie
-dann ganz heimlich und aß sie verstohlen auf, ohne daß jemand es gesehen
-hatte.
-
-Darauf setzten sich alle; man sprach vom Herbste, der sehr trocken war,
-obgleich die Prozession mit dem Strick des heiligen Franziskus
-umgegangen, sprach von der Möglichkeit eines neuen Krieges zwischen
-Napoleon und Österreich, bestand auf dem Glauben, daß die kaiserlichen
-Truppen das spanische Gebiet nie betreten würden; der Advokat beklagte
-sich über das Aufrührerische und alles Umstürzende jener Epoche und
-beneidete die ruhigen Zeiten seiner Väter, _nota bene_ wie die Väter die
-Zeiten der Großväter beneidet hatten -- da rief der Papagei fünf Uhr...
-und auf ein Zeichen des ehrwürdigen Bischofs ging der jüngere der
-beiden Pagen nach dem Wagen Sr. Hochwürden, der an demselben Graben
-angehalten hatte, wie der Alguacil und kam mit einem prächtigen aus Brot
-und Öl gebackenen, mit Salz bestreuten Kuchen zurück, der kaum vor einer
-Stunde aus dem Ofen gekommen war. Ein kleiner Tisch wurde inmitten der
-Anwesenden aufgestellt, die Torte wurde zerschnitten, auch Tio Lucas und
-die Seña Frasquita erhielten, trotz ihrer heftigen Weigerung, ihr Teil,
-und eine Stunde lang herrschte eine wirklich demokratische Gleichheit
-unter dem rötlich schimmernden Weinlaube, durch das die letzten Strahlen
-der untergehenden Sonne ihren Abschiedsgruß sandten.
-
-
-13.
-
-Da sagte die Krähe zum Raben.
-
-Anderthalb Stunden später waren alle die erlauchten Vespergenossen in
-die Stadt zurückgekehrt.
-
-Der Bischof und seine »Familie« waren, dank dem Wagen, bedeutend früher
-angekommen und waren schon im Palaste, wo wir sie bei ihrer Andacht
-nicht weiter stören wollen.
-
-Der ausgezeichnete Advokat, der sehr trocken war, und die beiden
-Canonici, einer immer dicker und respektabler als der andere,
-begleiteten den Corregidor bis zur Thür des Rathauses, wo, wie Sr.
-Gnaden sagte, er noch zu arbeiten hatte, und schlugen dann den Weg zu
-ihren respektiven Wohnungen ein, wie Schiffer von den Sternen geleitet,
-oder wie Blinde die Ecken durch Tasten vermeidend, denn schon war die
-Nacht hereingebrochen, der Mond war noch nicht aufgegangen, und die
-Straßenbeleuchtung war, wie alle übrigen Lichter dieses Jahrhunderts,
-noch im göttlichen Gehirn.
-
-Dafür sah man nicht selten eine Laterne durch die Straßen irren, mit der
-ein ehrerbietiger Diener seinem erhabenen Gebieter voranleuchtete, der
-sich zu der gewohnten Tertulia[5] oder zum Besuch in das Haus seiner
-Verwandten begab.
-
-Fast neben allen niedrigen Gittern sah man, oder besser gesagt, spürte
-man, ahnte man eine schwarze, schweigende Masse. Das waren Verlobte,
-welche ihr Gespräch bei den herannahenden Schritten abgebrochen hatten.
-
-»Wir sind aber wirkliche Leichtfüße,« sagten der Advokat und die beiden
-Canonici im Gehen. »Was wird man nur in unseren Häusern von uns denken,
-wenn man uns zu dieser Stunde ankommen sieht?«
-
-»Aber was werden die uns auf der Straße Begegnenden sagen, wenn sie uns
-auf diese Weise nach sieben Uhr nachts wie von der Finsternis beschützte
-Reitersleute sehen?«
-
-»Wir müssen wirklich unsern Lebenswandel ändern.«
-
-»Ach ja! aber diese verflixte Mühle!«
-
-»Meine Frau hat sie schon gewaltig im Magen,« sagte der Akademiker in
-einem Tone, aus dem man die Furcht vor einer nahe bevorstehenden
-Gardinenpredigt deutlich heraushörte.
-
-»Nun, und meine Nichten!« rief einer der Canonici aus, der, nach seinen
-äußeren Abzeichen zu schließen, Pönitentiarius war, »meine Nichten
-sagen, daß die Priester keine Gevatterinnen besuchen sollten.«
-
-»Und doch,« unterbrach sein Gefährte, der Magistral war, »kann es nichts
-Unschuldigeres geben, als...«
-
-»Ei gewiß, geht doch sogar der Herr Bischof...«
-
-»Und dann, meine Herren, in unserem Alter!« versetzte der Pönitentiar.
-
-»Gestern bin ich fünfundsiebzig Jahre alt geworden.«
-
-»Das ist ja ganz klar,« erwiderte der Magistral. »Aber lassen Sie uns
-von etwas anderem sprechen; wie reizend war heute die Seña Frasquita.«
-
-»O ja, was das betrifft, reizend ist sie, sehr reizend,« sagte der
-Advokat und heuchelte Unparteilichkeit.
-
-»Sehr reizend!« wiederholte der Pönitentiarius hinter seiner Umhüllung.
-
-»Und wenn nicht,« sagte der Prediger _de officio_, »so fragt nur den
-Corregidor, der arme Mann ist verliebt in sie.«
-
-»Na, das glaube ich schon,« rief der Beichtiger in der Kathedrale aus.
-
-»Gewiß!« fügte der korrespondierende Akademiker hinzu. »Hier aber, meine
-Herren, trennen sich unsere Wege, ich gehe hier herum, um eher nach
-Hause zu gelangen. Gute Nacht, meine Herren.«
-
-»Gute Nacht,« antworteten ihm die Kapitelherren.
-
-Und schweigend gingen sie einige Schritte vorwärts.
-
-»Auch dem gefällt die Müllerin!« murmelte darauf der Domherr und stieß
-den Pönitentiarius sanft mit dem Ellbogen in die Seite.
-
-»Das sieht man doch ganz deutlich,« antwortete dieser und blieb an
-seiner Hausthür stehen. »Und so häßlich wie er ist! Also auf morgen,
-Kollege. Mögen Ihnen die Trauben gut bekommen.«
-
-»Auf morgen, so Gott will. Ich wünsche Ihnen eine recht gute Nacht.«
-
-»Gott gebe uns eine gute Nacht!« betete der Pönitentiarius schon vom
-Portal, das sich durch eine Laterne und eine Jungfrau auszeichnete. Und
-er schlug mit dem Klopfer an die Thür.
-
-Als der andere Canonicus sich allein auf der Straße befand -- er war
-breiter als er lang war und schien sich rollend fortzubewegen -- ging er
-langsam seinem Hause zu; aber ehe er jedoch dasselbe erreichte, stieß er
-gegen eine Wand, die in späteren Zeiten den Verordnungen der städtischen
-Polizei dienen sollte, und sagte, während er wahrscheinlich dabei an
-seinen Chorbruder dachte:
-
-»Und dir gefällt die Seña Frasquita auch... Es ist aber auch wahr,«
-fügte er nach einem Augenblick hinzu, »reizend ist sie, sehr reizend!«
-
-
-14.
-
-Garduñas Ratschläge.
-
-
-Inzwischen war der Corregidor, von Garduña gefolgt, in das Rathaus
-eingetreten, und hielt mit diesem im Sitzungssaale eine so vertrauliche
-Unterhaltung, wie sie sich für einen Mann von seinem Range und seinem
-Amte gar nicht schickte.
-
-»Trauen Ew. Gnaden doch nur einem Spürhunde, der die Jagd kennt,« sagte
-der unedle Alguacil. »Die Seña Frasquita ist wahnsinnig in Ew. Gnaden
-verliebt, und was Ew. Gnaden mir soeben erzählt haben, läßt es so hell
-wie dieses Licht sehen...«
-
-Und dabei deutete er auf eine Kerze, die kaum den achten Teil des Saales
-erhellte.
-
-»So ganz sicher wie du, bin ich doch nicht, Garduña,« antwortete Don
-Eugenio seufzend.
-
-»Dann weiß ich nicht, warum. Und wenn nicht, lassen Sie uns offen
-darüber sprechen. Ew. Gnaden, mit Ihrer Erlaubnis sei es gesagt, haben
-einen kleinen, ganz kleinen Fehler an Ihrem Körper, nicht wahr?«
-
-»Gut, ja,« antwortete der Corregidor. »Aber der Tio Lucas hat denselben
-Fehler. Er ist noch weit buckliger als ich.«
-
-»Viel buckliger! Sehr viel buckliger! Er ist gar nicht mit Ihnen zu
-vergleichen! Aber dafür, und das wollte ich eben sagen, haben Ew. Gnaden
-ein sehr ansehnliches Gesicht, so, was man sagt ein schönes Gesicht,
-während der Tio Lucas aussieht wie der Sergeant Utrera, der vor reiner
-Häßlichkeit krepiert ist.«
-
-Der Corregidor lachte mit einer gewissen Leutseligkeit.
-
-»Übrigens,« fuhr der Alguacil fort, »ist die Seña Frasquita imstande,
-sich aus dem Fenster zu stürzen, wenn sie dadurch die Ernennung ihres
-Neffen erreichen kann.«
-
-»Bis hierher stimmen wir überein; diese Ernennung ist meine einzige
-Hoffnung.«
-
-»Nun denn, Hand ans Werk, gnädiger Herr. Ich habe Ew. Gnaden ja schon
-meinen Plan mitgeteilt... Er braucht nur heute Nacht ausgeführt zu
-werden.«
-
-»Ich habe dir schon vielmals gesagt, daß ich keine Ratschläge brauche!«
-schrie Don Eugenio, indem er sich plötzlich erinnerte, daß er mit einem
-Untergebenen sprach.
-
-»Ich glaubte, daß Ew. Gnaden sie von mir verlangten,« stotterte Garduña.
-
-»Antworte mir nicht!«
-
-Garduña verbeugte sich.
-
-»Also du sagst,« fuhr der Corregidor fort, indem er sich allgemach
-besänftigte, »daß schon heute Nacht alles geordnet werden kann? Nun,
-weißt du, das scheint mir sehr gut. Teufel noch einmal! So werde ich
-doch endlich von dieser grausamen Ungewißheit befreit werden.«
-
-Garduña schwieg.
-
-Der Corregidor wandte sich an den Schreibtisch, schrieb einige Zeilen
-auf Stempelpapier, das er seinerseits noch stempelte, und verwahrte es
-dann in seiner Westentasche. »So, die Ernennung des Neffen wäre
-gemacht,« sagte er dann und nahm eine Prise Tabak. »Morgen werde ich
-mich mit den Regidoren (Stadträten) darüber verständigen, und entweder
-sie genehmigen sie einstimmig, oder der Teufel soll sie holen. Meinst du
-nicht auch, daß ich recht thue?«
-
-»Das ist es, das ist es,« rief der begeisterte Garduña aus, indem er die
-Pfote in die Tabaksdose des Corregidors versenkte und dieser eine Prise
-entführte. »Das ist es, Ew. Gnaden Vorgänger ist auch niemals vor einem
-Hindernisse zurückgeschreckt. Einmal...«
-
-»Laß das Geschwätz!« versetzte der Corregidor, indem er der räuberischen
-Hand einen Schlag mit dem Handschuh versetzte. »Mein Vorgänger war ein
-Esel, weil er dich zum Alguacil hatte. Aber kommen wir wieder auf unsere
-Angelegenheit zurück. Du sagtest mir, daß die Mühle des Tio Lucas zum
-Gerichtsbezirk des nächsten Fleckens und nicht zu dem dieser Stadt
-gehört... Bist du ganz sicher?«
-
-»Ganz sicher. Der Gerichtsbezirk der Stadt hört mit dem Graben auf, wo
-ich heute Nachmittag saß, um Ew. Gnaden zu erwarten. Heiliger Lucifer!
-Wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre.«
-
-»Genug!« schrie Don Eugenio, »du bist ein Unverschämter!« Er ergriff
-einen halben Bogen Papier, schrieb ein Billet, schloß es, indem er eine
-Ecke umschlug und übergab es Garduña. »Da hast du den Brief, den du von
-mir für den Alkalden des Ortes verlangt hast,« sagte er gleichzeitig zu
-ihm. »Du wirst ihm noch mündlich alles erklären, was er zu thun hat. Du
-siehst wohl, ich führe deinen Plan buchstäblich aus. Aber wehe dir, wenn
-du mich in eine Sackgasse bringst!«
-
-»Seien Ew. Gnaden unbesorgt,« antwortete Garduña. »Señor Juan Lopez hat
-viel zu fürchten, und sobald er nur Ew. Gnaden Unterschrift sieht, wird
-er alles thun, was man ihm befiehlt. Dem königlichen Rentamt schuldet er
-mindestens tausend Fanegas Getreide und dem Kirchenamt ebensoviel. Und
-dies letztere gegen alles und jedes Gesetz, denn er ist weder eine
-Witwe, noch ein armer Arbeiter, um das Korn zu erhalten, ohne Zinsen
-darauf zu zahlen, sondern ein Spieler, ein Trunkenbold und ein Ehrloser,
-ein Freund von Weibern, über den der ganze Flecken entrüstet ist... Und
-jener Mensch übt die Autorität aus. Aber so geht es in der Welt!«
-
-»Ich habe dir gesagt, daß du schweigen sollst! Du störst mich,« brüllte
-der Corregidor. »Aber um auf unser früheres Gespräch zurückzukommen,«
-fügte er, den Ton ändernd, nach einiger Zeit hinzu, »es ist jetzt
-einviertel auf Acht... Zuerst mußt du nach Hause gehen und die Señora
-benachrichtigen, daß sie mich zum Abendbrot und zum Schlafen nicht
-erwarten soll. Sage ihr, daß ich bis zum Zapfenstreich zu arbeiten habe
-und nachher eine geheime Runde mit dir machen wolle, um zu sehen, ob wir
-nicht ein paar Übelthäter fangen können u. s. w. u. s. w. Mit einem
-Worte, täusche sie nur gut, damit sie sich ohne irgend welchen Verdacht
-hinlegt. Unterwegs sage dem andern Alguacil, daß er mir das Abendbrot
-herbringe. Ich wage es nicht, mich heute vor meiner Frau sehen zu
-lassen; sie kennt mich zu gut, sie ist fähig, in meinen Gedanken zu
-lesen. Trage der Köchin auf, daß sie nur einige von den Klößen schickt,
-die es heute gegeben hat, und sage dem Alguacil, daß er mir aus dem
-Wirtshause ein halbes Viertel Weißwein herüberbringt, so aber, daß es
-niemand sieht. -- Dann gehst du nach dem Orte ab, wo du ganz gut um halb
-neun Uhr sein kannst.«
-
-»Schlag acht Uhr bin ich dort,« rief Garduña aus.
-
-»Widersprich mir nicht!« heulte der Corregidor, der sich wieder
-erinnerte, wer er war.
-
-Garduña salutierte.
-
-»Wir haben gesagt,« nahm jener, menschlicher werdend, wieder das Wort,
-»daß du um acht Uhr im Orte sein kannst. Vom Dorfe bis zur Mühle wird es
-ungefähr... ich glaube, es wird eine halbe Meile sein...«
-
-»Eine kleine...«
-
-»Unterbrich mich nicht.«
-
-Der Alguacil salutierte von neuem.
-
-»Eine kleine halbe Meile,« fuhr der Corregidor fort. »Folglich um Zehn.
-Glaubst du, daß um zehn...«
-
-»Vor Zehn, um halb Zehn kann Ew. Gnaden an die Thür der Mühle klopfen.«
-
-»Kerl, sage mir nicht, was ich thun soll... Natürlich wirst du dort
-sein...«
-
-»Ich werde überall sein... Aber mein Hauptquartier wird im Graben sein.
-Ach, bald hätte ich vergessen! Gehen Ew. Gnaden doch zu Fuß und ohne
-Laterne.«
-
-»Die Ratschläge haben mir auch gerade gefehlt! Glaubst du denn, daß ich
-zum erstenmale einen solchen Feldzug unternehme?«
-
-»Verzeihen Ew. Gnaden. Ach, noch etwas! Klopfen Ew. Gnaden nicht an die
-große Thür, die auf den Platz unter der Weinlaube führt, sondern an die
-kleine über dem Mühlgerinne.«
-
-»Über dem Mühlgerinne ist noch eine Thür? Höre mal, das war' mir nicht
-eingefallen.«
-
-»Ja, Ew. Gnaden. Die kleine Thür über dem Gerinne führt direkt in das
-Schlafzimmer der Müllersleute, und der Tio Lucas benutzt dieselbe nie.
-So daß, sollte er unerwartet zurückkommen...«
-
-»Ich verstehe... ich verstehe... Jetzt betäube mir die Ohren nicht
-länger mit deinem Geschwätz.«
-
-»Zum Schluß noch eins. Sehen Ew. Gnaden zu, daß Sie vor dem Morgengrauen
-unsichtbar werden. Jetzt wird es um sechs Uhr Tag.«
-
-»Das ist ein anderer überflüssiger Rat. Um fünf Uhr bin ich wieder in
-meinem Hause... Aber wir haben genug gesprochen. Hebe dich weg von
-meinem Angesicht!«
-
-»Nun denn, Herr... viel Glück!« rief der Alguacil, indem er zugleich dem
-Corregidor die Hand entgegenstreckte und andächtig die Augen zur Decke
-erhob.
-
-Der Corregidor gab Garduña eine Peseta, die wie weggezaubert verschwand.
-
-»Alle Teufel!« murmelte der Alte nach einer Weile. »Hab ich doch
-vergessen zu sagen, daß sie mir ein Spiel Karten mitbringen sollten!
-Damit hätte ich mich bis halb Zehn unterhalten und sehen können, ob die
-Patience aufging.«
-
-
-15.
-
-Abschied in Prosa.
-
-Es mochte ungefähr neun Uhr an demselben Abende sein, als Tio Lucas und
-die Seña Frasquita, nachdem sie alle Mühlen- und Hausgeschäfte besorgt
-hatten, ihr Abendbrot verzehrten, das aus einer Schüssel Endiviensalat,
-einem mit Tomaten gedämpften Stück Fleisch und einigen von den in dem
-bewußten Korbe zurückgebliebenen Weintrauben bestand und mit ein wenig
-Wein und vielem Gelächter auf Kosten des Corregidors begossen wurde;
-darauf sahen sich die beiden Ehegatten, wie zufrieden mit Gott und sich
-selbst, an und sagten unter wiederholtem Gähnen, das die ganze Ruhe und
-den Frieden ihrer Herzen enthüllte:
-
-»Na, dann wollen wir nur zu Bett gehen, morgen ist ein anderer Tag.«
-
-In dem Augenblick hörten sie zwei starke Schläge gegen die große
-Mühlenthür.
-
-Der Mann und die Frau sahen sich erschrocken an.
-
-Zum erstenmal hörten sie zu solcher Stunde an die Thür klopfen.
-
-»Ich will nachsehen,« sagte die unerschrockene Navarresin und wendete
-sich nach der Thür.
-
-»Geh weg! Das ist meine Sache!« rief Tio Lucas mit einer solchen Würde
-aus, daß Seña Frasquita ihm den Weg freiließ. »Ich habe dir doch gesagt,
-daß du nicht hinausgehen sollst,« fügte er mit einiger Härte hinzu, als
-er sah, daß die Navarresin Miene machte, ihm zu folgen. Diese gehorchte
-und blieb im Hause.
-
-»Wer ist da?« fragte Tio Lucas von der Mitte der Hausflur aus.
-
-»Die Obrigkeit,« antwortete eine Stimme von der andern Seite des
-Portals.
-
-»Was für eine Obrigkeit?«
-
-»Die des Ortes. Öffnet im Namen des Herrn Bürgermeisters.«
-
-Inzwischen hatte sich Tio Lucas einem kleinen, versteckten Guckloch in
-der Thür genähert und erkannte beim klaren Schein des Mondes den
-ländlichen Alguacil des benachbarten Ortes.
-
-»Du willst sagen, daß ich dem Trunkenbold Alguacil öffnen soll,«
-antwortete der Müller, den Riegel zurückschiebend.
-
-»Das ist dasselbe,« antwortete der draußen Stehende; »da ich aber einen
-geschriebenen Befehl von Seiner Wohlgeboren bringe... Ich wünsche Euch
-einen guten Abend, Tio Lucas,« fügte er mit einer etwas weniger
-offiziellen Stimme hinzu und trat ein.
-
-»Gott behüte dich, Toñuelo,« antwortete der Murcianer. »Laß einmal
-sehen, was für ein Befehl das ist. Señor Juan Lopez hätte auch eine
-andere passendere Stunde wählen können, um sich an Biedermänner zu
-wenden. Natürlich wird es deine Schuld sein. Ich sehe schon, du hast
-dich in den Obstgärten am Wege berauscht. Willst du noch einen Schluck?«
-
-»Nein, Herr, es ist keine Zeit dazu. Sie müssen mir sofort folgen. Lesen
-Sie den Befehl.«
-
-»Wie, dir folgen?« rief Tio Lucas und trat, nachdem er das Papier an
-sich genommen, in die Mühle zurück.
-
-»Du, Frasquita, leuchte mir.«
-
-Seña Frasquita warf etwas, was sie in der Hand hielt, fort und brachte
-die Lampe.
-
-Tio Lucas warf einen schnellen Blick auf den von seiner Frau
-losgelassenen Gegenstand und erkannte seine alte Donnerbüchse, die mit
-halbpfündigen Kugeln geladen wurde.
-
-Da blickte der Müller die Navarresin voll Dankbarkeit und Zärtlichkeit
-an und, sie beim Kinn nehmend, sagte er:
-
-»Du bist Gold wert.«
-
-Bleich und heiter wie eine Marmorstatue hob Seña Frasquita die Lampe in
-die Höhe, ohne daß die Finger, welche sie hielten, auch nur vom
-leisesten Zittern bewegt wurden, und antwortete trocken:
-
-»Laß nur, lies!«
-
-Der Befehl lautete folgendermaßen:
-
-»Um Sr. Majestät, unserm König und Herrn (_Q. D. G._[6]) besser zu
-dienen, benachrichtige ich Lucas Fernandez, Müller und hiesigen Bürger,
-daß er sofort nach Empfang dieses Schreibens vor mir erscheine, ohne
-irgend welchen Vorwand oder Entschuldigung, indem ich ihn zugleich
-warne, es irgend jemanden mitzuteilen, da es eine vollständig
-reservierte Angelegenheit ist, widrigenfalls er, im Falle des
-Ungehorsams, den betreffenden Strafen verfallen wird.« Der Alkalde
-(Bürgermeister) Juan Lopez.
-
-Und statt des Federzuges war ein Kreuz.
-
-»Höre, du, was heißt dies?« fragte Tio Lucas den Alguacil. »Wozu ist
-dieser Befehl?«
-
-»Das weiß ich nicht,« antwortete der Bauer, ein Mann von einigen dreißig
-Jahren, dessen spitzes, boshaftes Gesicht, das Gesicht eines Räubers und
-Mörders, gerade kein Vertrauen zu seiner Glaubwürdigkeit einflößte. »Ich
-glaube, es handelt sich um Hexerei oder Falschmünzerei; Euch betrifft
-die Sache nicht. Ihr sollt nur als Zeuge oder Sachverständiger vernommen
-werden. Na, ich weiß nicht recht, ich hab's nicht recht verstanden. Der
-Señor Juan Lopez wird es Euch schon erklären, mit allem, was drum und
-dran hängt.«
-
-»Gewiß!« rief der Müller aus. »Sag ihm, ich werde morgen kommen.«
-
-»O nein, Herr, Ihr müßt auf der Stelle kommen, ohne auch nur eine Minute
-zu verlieren. So lautet der Befehl, den mir der Herr Alkalde gegeben
-hat.«
-
-Einen Augenblick lang herrschte Stille.
-
-Die Augen der Seña Frasquita sprühten Flammen. Tio Lucas erhob die
-seinigen nicht vom Fußboden, wie wenn er dort etwas suchte.
-
-»Du wirst nur doch wenigstens die nötige Zeit gestatten,« sprach er
-endlich, den Kopf erhebend, »um nach dem Stall zu gehen und einen Esel
-zu satteln.«
-
-»Was Esel, was Teufel!« entgegnete der Alguacil. »Eine halbe Meile kann
-doch wohl jeder zu Fuß gehen. Außerdem ist die Nacht sehr schön und der
-Mond scheint. Ich habe schon gesehen, daß er aufgegangen ist.«
-
-»Aber meine Füße sind sehr geschwollen.«
-
-»Nun, dann wollen wir aber keine Zeit verlieren. Ich werde das Tier
-satteln helfen.«
-
-»Holla, Holla! Fürchtest du, daß ich davonlaufe?«
-
-»Ich fürchte nichts, Tio Lucas,« antwortete Toñuelo mit der Kälte eines
-seelenlosen Geschöpfes. »Ich bin die Obrigkeit.«
-
-Und indem er so sprach, legte er die Waffen nieder und ließ die unter
-seinem Mantel verborgene Büchse sehen.
-
-»Hör 'mal, Toñuelo,« sagte die Müllerin, »da du doch in den Stall gehst,
-um dein Amt auszuüben, so sei so gut und sattle auch den anderen Esel.«
-
-»Wozu?« fragte der Müller.
-
-»Für mich, ich gehe mit euch.«
-
-»Das kann nicht sein, Seña Frasquita,« entgegnete der Alguacil. »Ich
-habe Ordre, Euren Mann mitzubringen, aber nichts weiter, und zu
-verhindern, daß Ihr ihm folgt. Dabei gilt es ja meine Stelle und meinen
-Kopf. So teilte mir der Señor Juan Lopez mit. Also vorwärts, Tio Lucas.«
-Und er wendete sich der Thür zu.
-
-»Das ist sehr sonderbar,« stotterte der Müller, ohne sich zu regen.
-
-»Sehr sonderbar,« antwortete die Seña Frasquita.
-
-»Da steckt etwas dahinter... nur weiß ich nicht...« fuhr Tio Lucas
-fort, doch so, daß er von Toñuelo nicht gehört werden konnte.
-
-»Soll ich nach der Stadt gehen,« fragte die Navarresin, »und dem Herrn
-Corregidor Nachricht geben von dem, was hier geschieht?«
-
-»Nein,« antwortete Tio Lucas mit lauter Stimme, »das nicht.«
-
-»Was soll ich denn aber thun?« fragte die Müllerin ungestüm.
-
-»Sieh mich an,« antwortete der frühere Soldat.
-
-Schweigend sahen sich die beiden Gatten an und waren von der Ruhe der
-Entschlossenheit und Energie, welche sich ihre Seelen gegenseitig
-mitteilten, so befriedigt, daß sie die Achseln zuckten und lachten.
-
-Darnach zündete Tio Lucas eine andere Lampe an und wendete sich nach dem
-Stalle, indem er unterwegs spöttisch zu Toñuelo sagte:
-
-»Nun, Mann, komm und hilf mir, da du doch so liebenswürdig sein willst.«
-
-Toñuelo folgte ihm, indem er leise ein Liedchen trällerte.
-
-Wenige Minuten später verließ Tio Lucas die Mühle auf einer schönen
-Eselin, vom Alguacil gefolgt.
-
-»Schließ gut zu,« sagte Tio Lucas.
-
-»Wickele dich gut ein, es ist frisch,« sagte Seña Frasquita, schloß mit
-dem Schlüssel zu und schob den Riegel und die eiserne Stange vor. Und da
-war kein Lebewohl weiter, kein Kuß, keine Umarmung, kein Blick. Wozu
-auch?
-
-
-16.
-
-Ein Unglücksvogel.
-
-Wir wollen dem Tio Lucas folgen.
-
-Ohne ein Wort zu sprechen, waren sie schon eine Viertelmeile gegangen,
-der Müller auf seinem Esel, den der Alguacil mit seinem Stock der
-Autorität antrieb, als sie plötzlich auf einer Erhöhung des Weges den
-Schatten eines ungeheueren, häßlichen Vogels wahrnahmen, der auf sie
-zukam.
-
-Scharf hob sich jener Schatten von dem vom Monde beleuchteten Himmel ab
-und war so klar zu erkennen, daß der Müller sofort ausrief:
-
-»Toñuelo, das ist Garduña mit seinem Dreispitz und seinen Drahtbeinen.«
-
-Aber bevor noch der Angeredete antworten konnte, hatte der Schatten, der
-jedes Zusammentreffen zu vermeiden schien, den Weg schon verlassen und
-war mit der Geschwindigkeit eines wirklichen Marders quer über das Feld
-gelaufen.
-
-»Ich sehe niemand,« antwortete Toñuelo mit der größten Natürlichkeit.
-
-»Ich auch nicht,« erwiderte Tio Lucas, seinen Ärger hinunterschluckend.
-
-Und der Argwohn, der bereits im Müller aufgestiegen war, fing an, in dem
-eifersüchtigen Geiste des Buckligen Gestalt und Form anzunehmen.
-
-»Diese Reise,« sagte er sich innerlich, »ist eine Kriegslist des
-Corregidors. Die heute oben von der Laube gehörte Erklärung beweist mir,
-daß der erbärmliche alte, Madrileñer nicht länger warten kann. Ohne
-Zweifel will er heute Abend seinen Besuch in der Mühle wiederholen, und
-darum hat er damit angefangen, mich aus der Mühle zu entfernen... Aber,
-was thut das? Frasquita ist Frasquita... und wird die Thür nicht
-aufmachen, und wenn sie Feuer an das Haus legten. Ich gehe noch weiter.
-Selbst wenn sie öffnete, selbst wenn es dem Corregidor gelänge, durch
-irgend welche Hinterlist meine Navarresin zu überraschen, so würde der
-arme Mann nicht mit heilem Kopfe wieder hinauskommen. Frasquita ist
-Frasquita. Und doch,« fügte er nach einer Weile hinzu, »besser wäre es
-doch, heute so bald wie möglich nach Hause zurückzukehren.«
-
-Darüber waren der Tio Lucas und der Alguacil im Dorfe angekommen und
-wendeten sich dem Hause des Alkalden zu.
-
-
-17.
-
-Ein Dorfschulze.
-
-Der Herr Juan Lopez, der sowohl als Privatmann wie auch als Schulze die
-personifizierte Grausamkeit und der eitle Stolz war, wenn es sich
-nämlich um seine Untergebenen handelte, geruhte jedoch zu jener Stunde,
-nachdem er die öffentlichen Angelegenheiten und sein eigenes Anwesen
-besorgt und seiner Frau die gewohnte, tägliche Tracht Prügel verabreicht
-hatte, in Gesellschaft des Schreibers und des Küsters einen Krug Wein zu
-trinken, eine Operation, die bereits über die Hälfte jenes Abends in
-Anspruch genommen hatte, als der Müller vor ihm erschien.
-
-»Holla, Tio Lucas,« sagte er zu ihm, und kratzte sich den Kopf, um die
-Ader der Täuschungen anzuregen. »Wie geht's mit Eurer Gesundheit?
-Sekretär, schenkt dem Tio Lucas ein Glas Wein ein. Und die Seña
-Frasquita? Ist sie noch immer so reizend? Ich habe sie schon seit so
-langer Zeit nicht gesehen. Aber, Gevatter, ist Euer Mehl jetzt gut!...
-Das Roggenbrot sieht aus wie vom feinsten Weizen. Also... na... Setzt
-Euch und ruht aus; denn, Gott sei Dank, wir haben keine Eile.«
-
-»Was mich betrifft, verflucht, wenn ich sie hätte,« antwortete Tio
-Lucas, der bis dahin noch nicht den Mund aufgemacht hatte, dessen
-Argwohn aber immer größer wurde, als er den ihm zu Teil gewordenen
-freundschaftlichen Empfang nach einer so drohenden und dringenden Ordre
-sah.
-
-»Nun also, Tio Lucas,« fuhr der Alkalde fort, »wenn Ihr auch keine große
-Eile habt, dann könnt Ihr ja heute Nacht hier schlafen, und morgen früh
-machen wir dann unser Geschäft ab.«
-
-»Das scheint mir sehr gut,« antwortete Tio Lucas mit einer Ironie und
-einer Verstellung, die der Diplomatie des Herrn Juan Lopez um nichts
-nachgaben. »Da die Sache nicht eilt, so werde ich die Nacht außerhalb
-des Hauses zubringen.«
-
-»Weder eilt sie, noch ist irgend welche Gefahr für Euch dabei,« fügte
-der Alkalde hinzu, getäuscht von dem, den er zu täuschen glaubte. »Seid
-ganz ruhig. Höre du, Toñuelo, nimm die halbe Fanega herunter, damit sich
-der Tio Lucas setzen kann.«
-
-»Nun denn... gebt mir noch einen Schluck,« rief der Müller aus, indem er
-sich setzte.
-
-»Kommt her!« antwortete der Alkalde und reichte ihm das volle Glas.
-
-»Es ist in guter Hand. Trinkt nur zuerst.«
-
-»Nun denn, auf Eure Gesundheit,« sagte der Herr Juan Lopez und trank die
-Hälfte des Weines aus.
-
-»Auf die Eure, Señor Alkalde!« entgegnete Tio Lucas und trank die andere
-Hälfte.
-
-»Du, Manuela!« rief darauf der Dorfschulze, »sage deiner Herrin, daß der
-Tio Lucas hier schlafen wird. Sie soll ihm ein Kopfkissen auf den
-Kornboden legen.«
-
-»Ach was!... Doch nicht so viele Umstände! Ich schlafe im Strohstall wie
-ein König.«
-
-»Na hört einmal, wir haben noch Kissen.«
-
-»Das glaube ich schon. Aber warum wollt Ihr denn die Familie erst noch
-belästigen. Ich habe meinen Mantel.«
-
-»Nun, wie es Euch beliebt. Manuela, sag deiner Herrin, daß sie es nicht
-hinlege.«
-
-»Nur müßt Ihr mir erlauben,« fuhr Tio Lucas fort, indem er auf
-fürchterliche Weise gähnte, »daß ich mich gleich nachher niederlege.
-Gestern Abend habe ich sehr viel zu mahlen gehabt, und ich habe noch
-kein Auge seitdem geschlossen.«
-
-»Zugestanden!« antwortete majestätisch der Alkalde. »Ihr könnt Euch
-niederlegen, wann Ihr wollt.«
-
-»Ich glaube, daß es auch für uns Zeit ist, uns niederzulegen,« sagte der
-Küster und zog den Weinkrug an sich, um den Rest zu trinken. »Es muß
-wohl schon zehn Uhr sein, oder wenig wird daran fehlen.«
-
-»Dreiviertel auf Zehn,« bemerkte der Schreiber, nachdem er den Rest des
-noch für jene Nacht bestimmten Weins in die Gläser verteilt hatte.
-
-»Nun zu Bett, meine Herren!« rief der Amphitrion aus, indem er seinen
-Teil trank.
-
-»Auf morgen, meine Herren,« fügte der Müller hinzu und trank den seinen.
-
-»Wartet doch, daß man Euch voranleuchte; Toñuelo, führe Tio Lucas nach
-dem Strohstall.«
-
-»Hierher, Tio Lucas,« sagte Toñuelo und nahm den Krug mit für den Fall,
-daß noch einige Tropfen darin geblieben wären.
-
-»Auf morgen, so Gott will,« fügte der Küster hinzu, nachdem er noch alle
-Gläser untersucht.
-
-Und taumelnd entfernte er sich und sang vergnügt das _De
-profundis_...............
-
-»So,« sagte der Alkalde zum Schreiber, als sie allein geblieben waren,
-»der Tio Lucas hat nichts gemerkt. Wir können uns also ruhig hinlegen,
-und wohl bekomm's dem Herrn Corregidor!«
-
-
-18.
-
-Wie Tio Lucas nicht ans Schlafen dachte.
-
-Fünf Minuten nachher ließ sich ein Mann von dem Strohstallfenster des
-Alkalden herab; das Fenster ging auf den Hof und war kaum vier Ellen vom
-Erdboden entfernt.
-
-Im Hofe stand ein Dach über einer großen Krippe, an der sechs oder acht
-Reittiere verschiedener Rasse, aber alle dem schwachen Geschlecht
-angehörig, angebunden waren; die Pferde, Maultiere und Esel vom starken
-Geschlecht hatten ihren eigenen Schuppen in einem benachbarten Lokal.
-
-Der Mann band eine noch ganz gesattelte Eselin los und ging, diese am
-Zügel nach sich ziehend, nach der Thür des Hofes, schob die
-Vorlegestange zurück, schloß das sie haltende Schloß auf, öffnete
-vorsichtig die Thür und war mitten auf dem Felde.
-
-Dort angekommen, bestieg er die Eselin, drückte ihr die Fersen in die
-Flanken, und wie ein Pfeil flog er in der Richtung der Stadt dahin, aber
-nicht auf der offenen Fahrstraße, sondern über Saaten und Gräben, wie
-wenn er sich vor einem unangenehmen Zusammentreffen hüten wollte. Es war
-der Tio Lucas, der sich nach seiner Mühle begab.
-
-
-19.
-
-Stimmen in der Wüste.
-
-»Mir sollt ihr nur mit Alkalden kommen,« sagte der Murcianer, »ich bin
-aus Archena. Morgen früh gehe ich zum Herrn Bischof, um allem
-zuvorzukommen, und werde ihm alles erzählen, was heute Nacht hier
-vorgekommen ist. Mich mit solcher Eile und so geheimnisvoll rufen zu
-lassen, und zu einer so Angehörigen Stunde, mir zu sagen, daß ich allein
-gehen soll, mir vom Dienst des Königs und von Falschmünzerei, von Hexen
-und Kobolden zu sprechen, um nachher zwei Gläser Wein zu trinken und
-mich zu Bett zu legen. Es kann gar nicht klarer sein! Garduña hat diese
-Instruktionen von seiten des Corregidors nach dem Dorfe bringen müssen,
-und zu dieser Stunde hat der Corregidor schon den Feldzug gegen meine
-Frau eröffnet. Wer weiß, vielleicht treffe ich ihn, wie er an die Thür
-der Mühle klopft! Wer weiß, vielleicht treffe ich ihn schon darin...
-Wer weiß... Aber, was sage ich denn da! Ich an meiner Navarresin
-zweifeln? O, das hieße sich an Gott versündigen. Unmöglich, daß sie...
-Unmöglich könnte meine Frasquita... Unmöglich! -- Aber was rede ich denn
-so dumm. Ist denn irgend etwas unmöglich auf der Welt? Hat sie sich doch
-mit mir verheiratet, obgleich sie so schön ist, und ich so häßlich bin!«
-
-Und als er diese letzte Bemerkung machte, fing der arme Bucklige an,
-bitterlich zu weinen...
-
-Um sich wieder ein wenig aufzuheitern, hielt er sein Tier an, trocknete
-seine Thränen, seufzte tief auf, zog seine Gerätschaften zum Rauchen
-hervor und machte sich eine Cigarette von schwarzem Tabak zurecht. Dann
-nahm er Feuerstein, Zunder und Stahl, und nach einigen Schlägen gelang
-es ihm, Feuer zu erhalten.
-
-In diesem Augenblicke hörte er das Geräusch von Schritten in der Gegend
-der Landstraße, die ungefähr einige dreihundert Ellen davon entfernt
-war.
-
-»Wie unvorsichtig bin ich doch!« sagte er. »Wenn man mich suchte, so
-würden mich diese Funken verraten haben.«
-
-Schnell verbarg er das Feuerzeug, stieg ab und versteckte sich hinter
-der Eselin. Aber die Eselin verstand die Sache nach ihrer Art und Weise
-und stieß ein lautes Geschrei der Befriedigung aus.
-
-»Verfluchtes Tier!« rief Tio Lucas aus und versuchte ihr das Maul mit
-beiden Händen zuzuhalten.
-
-Da ertönte als galante Antwort gleiches Geschrei von der Landstraße her.
-
-»Na, jetzt wird's gut,« fuhr der Müller in Gedanken fort. »Das
-Sprichwort hat ganz recht, wenn es sagt: _El mayor mal de los males es
-tratar con animales_.« (Das größte der Übel ist, wenn man mit Tieren zu
-thun hat.[7])
-
-Und so sprechend bestieg er von neuem seinen Esel, trieb ihn an und
-ritt, wie aus der Pistole geschossen, in der Richtung fort, welche dem
-Orte, an dem das zweite Eselgeschrei laut geworden war, gerade
-entgegengesetzt war.
-
-Das merkwürdigste aber war, daß die Person auf dem antwortenden Tiere
-sich ebenso sehr vor Tio Lucas zu fürchten schien, wie Tio Lucas vor
-ihr, denn auch sie bog vom Wege ab und ritt in vollem Galopp durch die
-Saatfelder auf der anderen Seite desselben.
-
-Der Murcianer bemerkte es, und schon darüber beruhigt, grübelte er
-folgendermaßen weiter:
-
-»Was für eine Nacht! Was für eine Welt! Was für ein Leben führe ich seit
-einer Stunde! Alguacils werden zu Kupplern gemacht, Alkalden verschwören
-sich gegen meine Ehre, Esel schreien, wenn es nicht nötig ist, und hier
-in meiner Brust trage ich ein elendes Herz, das gewagt hat, an der
-edelsten Frau, die Gott geschaffen, zu zweifeln. Gott im Himmel, Gott im
-Himmel! gieb nur, daß ich bald nach Hause komme und dort meine Frasquita
-antreffe!«
-
-So ritt Tio Lucas fort durch Felder und Büsche, bis er endlich etwa
-gegen elf Uhr nachts ohne besondere Zufälligkeiten an der großen Thür
-der Mühle anlangte. Verdammt! die Thür der Mühle stand offen.
-
-
-20.
-
-Zweifel und Wirklichkeit.
-
-Sie stand offen, und er hatte beim Fortgehen seine Frau dieselbe mit
-Schlüssel, Vorlegstange und Schloß schließen hören!
-
-Folglich hatte auch nur seine Frau dieselbe öffnen können!
-
-Aber wie? wann? warum? Infolge einer Täuschung? infolge einer Ordre?
-Oder wohlüberlegt und freiwillig, kraft einer vorhergegangenen
-Übereinstimmung mit dem Corregidor?
-
-Was würde er sehen? Was würde er erfahren? Was erwartete ihn im Innern
-seines Hauses? War er mit der Seña Frasquita geflohen? Hatten sie ihm
-dieselbe geraubt? Wäre sie am Ende gar tot? Oder würde er sie in den
-Armen seines Rivalen finden?
-
-»Der Corregidor hat darauf gerechnet, daß ich heute die ganze Nacht
-hindurch nicht nach Hause kommen würde,« sagte Tio Lucas düster. »Der
-Alkalde des Ortes wird wohl Befehl erhalten haben, mich eher in Fesseln
-zu schlagen, als mir die Rückkehr zu gestatten. Wußte Frasquita all das?
-War sie an dem Komplott beteiligt? Oder war sie das Opfer eines
-Betruges, einer Vergewaltigung, einer Nichtswürdigkeit?«
-
-Der Unglückliche brauchte nicht mehr Zeit, um alle diese grausamen
-Bemerkungen zu machen, als die, welche nötig war, um den Platz unter der
-Weinlaube zu durcheilen.
-
-Auch die Hausthür stand offen, und der erste Wohnraum, wie in allen
-ländlichen Gebäuden, war die Küche. In der Küche war niemand. Und doch
-brannte ein riesiges Feuer im Kamin... im Kamin, der vollständig
-erloschen war, als er hinausging und der nie vor Ende Dezember geheizt
-wurde.
-
-Schließlich hing noch an einem der Haken der Küchenbretter eine
-brennende Lampe.
-
-Was bedeutet all dies? Und wie stimmten die scheinbaren Anstalten der
-Wachsamkeit und Geselligkeit zu dem Todesschweigen, das im Hause
-herrschte?
-
-Was war aus seiner Frau geworden?
-
-Da, und erst in dem Augenblick wurde Tio Lucas einige Kleidungsstücke
-gewahr, die auf den Lehnen einiger um den Kamin gestellten Stühle
-ausgebreitet lagen.
-
-Er untersuchte die Kleider näher und stieß ein so fürchterliches Gebrüll
-aus, daß es ihm, in einen unhörbaren, erstickten Seufzer verwandelt, in
-der Kehle stecken blieb.
-
-Der Unglückliche glaubte zu ersticken und fuhr sich mit den Händen nach
-dem Halse, während er bleich, mit verzerrten Zügen, mit
-hervorgequollenen Augen und mit einem Entsetzen jene Kleider
-betrachtete, wie es der zum Tode verurteilte Verbrecher beim Anblicke
-des Armensünderhemdes empfinden muß.
-
-Denn was er dort sah, war der rote Mantel, der Dreispitz, der
-turteltaubenfarbige Rock und die Weste, das schwarzseidene Beinkleid,
-die weißen Strümpfe, die schwarzen Schnallenschuhe, und sogar der Stock,
-der Degen und die Handschuhe des verabscheuungswürdigen Corregidors.
-Das, was er dort sah, war das Armensünderhemd seiner Schande, das
-Leichentuch seiner Ehre, das Schweißtuch seines Glückes. Die
-schreckliche Donnerbüchse lehnte in demselben Winkel, in welchem sie die
-Navarresin vor Stunden gelassen hatte.
-
-Mit dem Sprunge eines Tigers stürzte Tio Lucas auf sie zu und
-bemächtigte sich derselben. Er untersuchte das Rohr mit dem Ladestock
-und fand, daß sie geladen war. Dann sah er nach dem Stein, und siehe da!
-er war an seinem Platze.
-
-Darauf wendete er sich nach der Treppe, die zu dem Zimmer führte, wo er
-so viele Jahre mit der Seña Frasquita geschlafen, und murmelte dumpf:
-
-»Da sind sie.«
-
-Er that einen Schritt nach jener Richtung, dann hielt er inne und
-blickte um sich, ob ihn auch jemand beobachte.
-
-»Niemand!« sagte er innerlich. »Nur Gott... und der hat dies gewollt!«
-
-Nachdem er so das Urteil bestätigt, that er einen anderen Schritt. Da
-bemerkte sein irrender Blick ein gefaltetes Blatt auf dem Tische.
-
-Es sehen, darauf zustürzen, es zwischen seinen Fingern halten, war das
-Werk eines Augenblicks!
-
-Jenes Papier enthielt die Ernennung des Neffen der Seña Frasquita, von
-Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de Leon unterzeichnet.
-
-»Das war also der Preis ihres Verkaufs!« dachte Tio Lucas, und steckte
-das Papier in den Mund, um sein Schluchzen zu ersticken und seiner Wut
-Nahrung zu geben. »Immer habe ich geargwöhnt, daß sie ihre Familie
-lieber hätte als mich... Ach, warum haben wir keine Kinder gehabt!...
-Das ist an allem schuld!«
-
-Und der Unglückliche war wieder nahe daran, zu weinen. Aber bald wurde
-er wieder wütend und mit einer schrecklichen Gebärde, wenn auch nicht
-mit der Stimme, schien er zu sagen:
-
-»Hinauf, hinauf!«
-
-Und so fing er an, die Treppe hinaufzukriechen; mit der einen Hand
-suchte er den Weg, mit der andern hielt er die Büchse, und zwischen den
-Zähnen hielt er das nichtswürdige Papier.
-
-Zur Bekräftigung seines logischen Argwohns drangen, als er sich der
-geschlossenen Thür des Schlafzimmers näherte, durch einige Ritzen in
-deren Brettern und durch das Schlüsselloch etliche Lichtstrahlen.
-
-»Da sind sie!« sagte er von neuem.
-
-Und er hielt einen Augenblick inne, um den neuen Trank der Bitterkeit
-hinunterzuschlucken.
-
-Dann stieg er weiter hinauf, bis er vor der Thür des Schlafzimmers
-selbst stand.
-
-Hinter derselben hörte er nicht das geringste Geräusch.
-
-»Wenn niemand dort wäre!« sagte schüchtern die Hoffnung.
-
-Aber in demselben Augenblick hörte der Unglückliche im Zimmer husten.
-
-Es war der halb asthmatische Husten des Corregidors.
-
-Es war kein Zweifel mehr! In diesem Schiffbruche fand er keine rettende
-Planke.
-
-In der Finsternis lächelte der Müller auf eine schreckliche Weise.
-
-Warum leuchten solche Blitze nicht in der Dunkelheit? Was ist alles
-Feuer der höllischen Qualen gegen die heiße Lohe, die zuweilen im Herzen
-des Menschen brennt?
-
-Und doch, sobald Tio Lucas den Husten seines Feindes hörte, fing er an
-sich zu beruhigen, denn so war seine Seele, wie wir schon an anderer
-Stelle bemerkten.
-
-Die Wirklichkeit war ihm weniger gefährlich, als der Zweifel. Genau so,
-wie er es an jenem Nachmittage der Seña Frasquita gesagt hatte, von dem
-Augenblick an, wo er den einzigen Glauben, der sein Leben und seine
-Seele war, verlor, fing er an ein neuer Mensch zu werden.
-
-Gleich dem Mohren von Venedig (mit dem wir ihn schon bei der
-Beschreibung seines Charakters verglichen haben) tötete die Enttäuschung
-in ihm mit einem Schlage alle Liebe, verwandelte sofort das ganze Wesen
-seines Geistes und ließ ihn die Welt wie eine ganze neue Region sehen,
-zu der er eben erst gekommen war. Der einzige Unterschied bestand darin,
-daß der Tio Lucas aus Idiosynkrasie weniger tragisch, weniger streng und
-weniger selbstsüchtig war, als der unvernünftige Opferer Desdemona's.
-
-Sonderbar! aber doch wieder ganz richtig in solcher Lage! Zweifel oder
-auch Hoffnung, was in dem Falle wohl dasselbe ist, quälte ihn noch einen
-Augenblick...
-
-»Wenn ich mich geirrt hätte,« dachte er, »wenn Frasquita gehustet
-hätte...«
-
-In seinem überwältigenden Unglück vergaß er ganz, daß er die Kleider des
-Corregidors vor dem Kamin gesehen hatte, daß er die Thür der Mühle offen
-gefunden, daß er die Bescheinigung seiner Schande gelesen...
-
-Er bückte sich und blickte durch das Schlüsselloch, vor Ungewißheit und
-Bangen zitternd.
-
-Der Gesichtskreis umfaßte nur ein kleines Dreieck am Kopfende des
-Bettes; aber gerade in jenem kleinen Dreieck sah er das äußerste Ende
-der Kopfkissen und auf den Kopfkissen den Kopf des Corregidors.
-
-Ein erneutes diabolisches Lächeln verzerrte das Gesicht des Müllers.
-
-Fast konnte man meinen, er fühle sich wieder glücklich.
-
-»Jetzt bin ich im Besitz der Wahrheit,« murmelte er und richtete sich
-ruhig auf. Dann stieg er ebenso leise und tastend, wie er die Treppe
-hinaufgestiegen war, dieselbe hinunter.
-
-»Die Angelegenheit ist sehr delikat... Ich muß noch überlegen. Ich habe
-noch zu allem Zeit,« überlegte er, während er hinunterschlich.
-
-Als er wieder in der Küche angekommen war, setzte er sich inmitten
-derselben nieder und verbarg das Gesicht in den Händen. So blieb er
-lange Zeit sitzen, bis ein leichter Schlag, den er auf einem Fuße
-fühlte, ihn aus seinem Nachdenken aufschreckte.
-
-Es war die Donnerbüchse, die an seinen Knien heruntergeglitten war und
-ihm dieses Zeichen machte.
-
-»Nein, ich sage dir, nein,« murmelte Tio Lucas und blickte auf die
-Waffe. »Du bist nicht das, was ich gebrauche. Alle Welt würde Mitleid
-mit ihnen haben, und mich würden sie aufhängen. Es handelt sich ja um
-einen Corregidor, und einen Corregidor zu töten ist in Spanien noch eine
-unverzeihliche Sache; sie würden sagen, ich hätte ihn aus unbegründeter
-Eifersucht getötet und dann ausgezogen und ins Bett gelegt. Sie würden
-weiter sagen, daß ich meine Frau auf den einfachen Verdacht hin getötet
-hätte. Und mich würden sie aufhängen. Und =ob= sie mich nicht
-aufhängen würden. Übrigens hätte ich wenig Beweise von Herz und Verstand
-gegeben, wenn ich an meinem Lebensende bemitleidet werden müßte. Alle
-würden über mich lachen! Sie würden sagen, daß mein Unglück ganz
-natürlich wäre, weil ich buckelig und Frasquita so schön war. -- Nichts,
-nein, Rache brauche ich, und nachdem ich mich gerächt habe, will ich
-triumphieren, verachten, lachen, viel lachen, über alle lachen, und so
-vermeide ich, daß man über diesen Buckel spotten kann, den man jetzt
-fast beneidet und der am Galgen so grotesk sein würde.«
-
-So sprach und überlegte Tio Lucas, ohne sich vielleicht genau
-Rechenschaft darüber abzulegen, und kraft dieser Rede stellte er die
-Büchse an ihren Ort und fing an, mit auf dem Rücken verschränkten Armen
-und gesenktem Haupte auf und ab zu gehen, wie wenn er seine Rache auf
-dem Fußboden, in der Erde, unter den Trümmern seines Lebensglückes in
-einer lächerlichen, vulgären Kriegslust suchte, die seine Frau und den
-Corregidor dem Gelächter preisgeben sollte. Er suchte die Rache nicht in
-der Gerechtigkeit, in der Verzeihung, im Himmel, wie ein anderer Mann es
-an seiner Stelle gethan hätte, dessen Temperament sich weniger als das
-seine gegen alle Forderungen der Natur, der Gesellschaft und seiner
-eigenen Gefühle aufgelehnt hätte.
-
-Plötzlich blieben seine Augen auf den Kleidern des Corregidors haften.
-Da richtete er sich auf...
-
-Nach und nach wurde sein Gesicht von einer unerklärlichen Heiterkeit,
-Freude und Triumph verklärt, bis er selbst auf eine entsetzliche Art
-anfing zu lachen, das heißt, es waren tolle Ausbrüche, ohne daß man auch
-nur den geringsten Laut hörte, damit die oben nicht auf ihn aufmerksam
-wurden; er drückte die Fäuste auf die Kinnladen, um nicht vor Lachen zu
-bersten, schüttelte sich wie ein von Krämpfen Befallener und ließ sich
-endlich in einen Stuhl fallen, bis der Anfall sarkastischer Freude
-vorüber war; es war wirklich ein mephistophelisches Gelächter.
-
-Sobald er sich beruhigt hatte, fing er an, sich mit fieberhafter Hast
-umzukleiden; seine Kleider legte er genau auf dieselben Stühle, auf
-denen die des Corregidors gelegen hatten, zog alle Kleinodien an, die
-jenem gehörten, bis zu den Schnallenschuhen und dem Dreispitz, umgürtete
-sich mit dessen Degen, hüllte sich in den roten Mantel, ergriff den
-Stock und die Handschuhe, verließ die Mühle und ging auf die Stadt zu,
-indem er sich genau in derselben Weise wiegte, wie Don Eugenio de Zuñiga
-zu thun pflegte, und von Zeit zu Zeit wiederholte er eine Phrase, die er
-in Gedanken weiter auslegte.
-
-»Auch die Corregidora ist reizend.«
-
-
-21.
-
-Achtung, Herr!
-
-Lassen wir jetzt den Tio Lucas und beschäftigen wir uns mit dem, was in
-der Mühle vorgefallen ist, seit dem Augenblicke, in dem wir die Seña
-Frasquita allein ließen bis zur Rückkehr ihres Mannes, der so wunderbare
-Dinge wahrnehmen sollte.
-
-Ungefähr eine Stunde, nachdem der Tio Lucas mit Toñuelo die Mühle
-verlassen hatte, hörte die Seña Frasquita, welche sich vorgenommen
-hatte, sich bis zur Rückkehr ihres Mannes nicht niederzulegen, und in
-dem im obern Stockwerk gelegenen Schlafzimmer ruhig strickend saß,
-außerhalb des Hauses, ganz in der Nähe des Mühlgerinnes, ein
-jämmerliches Geschrei.
-
-»Zu Hilfe. Ich ersticke! Frasquita! Frasquita!« rief eine Männerstimme
-in düsterm Tone der Verzweiflung.
-
-»Sollte das Lucas sein?« dachte die Navarresin mit einem Entsetzen, das
-wir nicht zu beschreiben brauchen.
-
-Im Schlafzimmer selbst war eine Thür, von welcher uns Garduña schon
-erzählt hat, und die wirklich auf den obern Teil des Mühlgerinnes ging.
-Ohne zu zögern, öffnete Frasquita dieselbe, obgleich sie die Hilfe
-heischende Stimme nicht erkannt hatte, und fand sich dem Corregidor
-gegenüber, der in demselben Augenblicke triefend aus dem ungestüm
-dahinströmenden Graben auftauchte.
-
-»Gott verzeih es mir! Gott verzeihe mir!« stotterte der nichtswürdige
-Alte. »Ich glaubte, ich würde untergehen.«
-
-»Was? Sie sind es? Was bedeutet das? Wie können Sie es wagen? Was wollen
-Sie hier zu dieser Stunde?« rief sie, mehr entrüstet als erschreckt,
-aber doch unwillkürlich zurückweichend.
-
-»Schweig! Schweig doch, Frau!« stotterte der Corregidor, indem er hinter
-ihr in das Gemach glitt. »Du sollst alles wissen. Beinahe wäre ich
-ertrunken. Schon trug mich das Wasser wie eine Feder fort. Sieh nur,
-sieh, wie ich zugerichtet bin.«
-
-»Hinaus! Hinaus von hier!« erwiderte Seña Frasquita mit der äußersten
-Heftigkeit. »Sie brauchen mir nichts zu erklären. Nur zu gut verstehe
-ich alles! Was geht es mich an, ob Sie ertrinken? Habe ich Sie gerufen?
-Ah! Was für eine Nichtswürdigkeit! Darum also haben Sie meinen Mann
-festnehmen lassen?«
-
-»Höre, Frau!«
-
-»Ich höre nichts! Verlassen Sie sofort das Haus, Herr Corregidor! Gehen
-Sie sofort, oder ich stehe nicht für Ihr Leben!«
-
-»Was sagst du?«
-
-»Das, was Sie hören! Mein Mann ist nicht im Hause; doch ich genüge, um
-ihm die Achtung zu verschaffen. Gehen Sie, woher Sie gekommen sind, wenn
-Sie nicht wollen, daß ich Sie mit meinen eigenen Händen wieder in das
-Wasser zurückwerfe.«
-
-»Kleine, Kleine! schreie doch nicht so, ich bin ja nicht taub,« rief der
-Libertin aus. »Wenn ich hier bin, so wird es auch wohl einen Zweck
-haben. Ich will den Tio Lucas, den ein Dorfschulze irrtümlich eingezogen
-hat, in Freiheit setzen. Aber vor allen Dingen muß ich erst meine
-Kleider trocknen. Ich bin bis auf die Haut durchnäßt!«
-
-»Ich sage Ihnen, daß Sie gehen sollen!«
-
-»Schweig doch, Thörin! Was weißt du? Sieh, hier bringe ich dir die
-Ernennung deines Neffen. Zünde Feuer an, und dann wollen wir weiter
-sprechen. Übrigens, während meine Kleider trocknen, werde ich mich in
-dies Bett legen...«
-
-»Aha, schon! Also, nun erklären Sie schon, daß Sie um meinetwillen
-gekommen sind? Also nun gestehen Sie schon, daß Sie darum meinen Lucas
-gefangen nehmen ließen? Also haben Sie schon Ihre Ernennung und alles
-gebracht? Heilige des Himmels! Was hat dieses Ungeheuer nur von mir
-gedacht!«
-
-»Frasquita! Ich bin der Corregidor!«
-
-»Und wären Sie der König! Mir das? Ich bin die Frau meines Mannes und
-die Herrin meines Hauses. Glauben Sie, daß ich mich vor den Corregidoren
-fürchte? Ich weiß meinen Weg nach Madrid zu finden und bis ans Ende der
-Welt, um gegen einen unverschämten Alten, der seine Autorität durch den
-Schmutz schleift, Gerechtigkeit zu verlangen. Und ganz besonders weiß
-ich mir morgen meine Mantille umzulegen und zur Frau Corregidora zu
-gehen.«
-
-»Du wirst nichts von alledem thun!« antwortete der Corregidor, der
-anfing, die Geduld zu verlieren und seine Taktik änderte. »Du wirst
-nichts von alledem thun, denn ich werde dir eine Kugel durch den Kopf
-jagen, wenn ich sehe, daß du nicht vernünftig sein willst.«
-
-»Eine Kugel!« rief die Seña Frasquita mit dumpfer Stimme aus.
-
-»Eine Kugel, ja! Und daraus kann mir kein Nachteil erwachsen. Zufällig
-habe ich in der Stadt zurückgelassen, daß ich heute Nacht auf die Jagd
-nach Verbrechern ginge. Also, sei nicht thöricht... und liebe mich...
-wie ich dich anbete.«
-
-»Herr Corregidor, eine Kugel?« wiederholte die Navarresin und warf die
-Arme zurück und den Körper vorwärts, wie wenn sie sich auf ihren Gegner
-stürzen wollte.
-
-»Wenn du es so treibst, werde ich sie wirklich abfeuern, um mich von
-deinen Drohungen und deiner Schönheit befreit zu sehen,« antwortete der
-Corregidor voller Furcht und zog ein Paar Taschenpistolen hervor.
-
-»Also auch Pistolen? Und in der anderen Tasche die Ernennung meines
-Neffen!« sagte die Seña Frasquita und nickte mit dem Kopfe. »Nun denn,
-Herr, da ist die Wahl nicht schwer. Warten Ew. Gnaden einen Augenblick,
-ich will nur das Feuer anzünden.«
-
-Und so sprechend, wendete sie sich der Treppe zu und war in drei
-Sprüngen unten.
-
-Der Corregidor ergriff das Licht und folgte der Müllerin, weil er
-fürchtete, daß sie ihm entschlüpfen könnte. Da er aber viel langsamer
-ging, so traf er, als er in die Küche gelangte, schon auf die
-Navarresin, die auf dem Wege war, zu ihm zurückzukehren.
-
-»Also Sie sagten, Sie wollten mir eine Kugel durch den Kopf jagen?« rief
-die unerschrockene Frau aus und trat einen Schritt zurück. »Nun denn,
-Achtung, Herr, ich bin fertig.«
-
-Sprach's und hielt ihm die schreckliche Donnerbüchse entgegen, welche in
-dieser Geschichte eine so bedeutende Rolle spielt.
-
-»Halt ein, Unglückliche! Was willst du thun?« schrie der Corregidor,
-halb tot vor Schreck. »Das mit meiner Kugel war ja nur ein Scherz. Sieh,
-die Pistolen sind nicht geladen... Aber wahr ist das mit der Ernennung
-... Hier ist sie... Nimm sie... Ich schenke sie dir ... Sie ist dein,
-umsonst, ganz umsonst...«
-
-»Da liegt sie gut!« antwortete die Navarresin. »Morgen wird sie mir dazu
-dienen, das Feuer zum Frühstück meines Mannes damit anzuzünden. Von Euch
-will ich selbst nicht die ewige Seligkeit, und sollte mein Neffe einmal
-von Estella kommen, so sollte er Euch nur diese häßliche Hand zertreten,
-die seinen Namen auf dies ekle Papier geschrieben hat... So, ich habe es
-gesagt! Verlassen Sie mein Haus! Luft! Luft! schnell... denn schon
-steigt mir das Blut in den Kopf.«
-
-Der Corregidor antwortete nicht auf diese Rede.
-
-Er war blaß, fast blau geworden, die Augen waren verdreht, und ein
-Fieberschauer schüttelte seinen Körper. Schließlich fing er an, mit den
-Zähnen zu klappern, und von einem entsetzlichen Krampfe befallen stürzte
-er zu Boden.
-
-Der Schreck, als er in den Graben fiel, die durchnäßten Kleider, die
-heftige Scene im Schlafzimmer und die Furcht vor der von der Navarresin
-auf ihn gerichteten Büchse hatten die Kräfte des schwächlichen Alten
-erschöpft.
-
-»Ich sterbe,« stammelte er. »Rufe Garduña, rufe Garduña, der hier an der
-Grabenhecke sein muß... Ich darf nicht in diesem Hause sterben.«
-
-Er konnte nicht weiter. Er schloß die Augen und blieb wie tot.
-
-»Und er wird sterben, wie er sagt,« brach die Seña Frasquita los. »Herr
-im Himmel, das ist noch das Tollste von allem! Was fange ich jetzt mit
-diesem Menschen in meinem Hause an? Was werden sie von mir sagen, wenn
-er stirbt? Was wird Lucas sagen? Wie kann ich es rechtfertigen, daß ich
-ihm selbst die Thür geöffnet habe... O nein, ich darf nicht hier bei ihm
-bleiben. Ich muß meinen Mann aufsuchen, ich will lieber die Welt in
-Allarm bringen, als meine Ehre aufs Spiel setzen.«
-
-Als sie diesen Entschluß gefaßt hatte, warf sie die Büchse fort, ging
-nach dem Hofe, löste den darin zurückgebliebenen Esel von der Halfter,
-sattelte ihn, so gut es ging, öffnete die große Thür am Zaune, sprang
-trotz ihrer. Korpulenz mit einem Satze auf das Tier und wendete sich
-nach dem Grabenrande.
-
-»Garduña, Garduña!« schrie die Navarresin, als sie sich der Stelle
-näherte.
-
-»Hier,« antwortete bald darauf der Alguacil, indem er hinter einem
-Busch hervorkam. »Sind Sie es, Seña Frasquita?«
-
-»Ja, ich bin's. Geh nach der Mühle und hilf deinem Herrn, der liegt im
-Sterben.«
-
-»Was sagen Sie? Das ist doch nur ein Scherz?«
-
-»Es ist, wie du hörst, Garduña.«
-
-»Und Sie, meiner Seelen, wohin gehen Sie denn zu dieser Stunde?«
-
-»Ich? Weg da, Dummkopf! Ich gehe nach der Stadt zum Arzt,« antwortete
-die Seña Frasquita, indem sie die Eselin mit dem Druck ihrer Ferse und
-Garduña mit einem Fußtritt antrieb.
-
-Sie schlug nicht den Weg nach der Stadt ein, wie sie eben gesagt hatte,
-sondern den, welcher zum nächsten Dorfe führte.
-
-Auf diesen letzteren Umstand achtete Garduña jedoch nicht, sondern lief
-spornstreichs nach der Mühle, während er bei sich dachte:
-
-»Sie geht nach dem Arzte! Die Ärmste kann nicht mehr thun! Aber er ist
-ein unseliger Mensch! Das ist auch gerade eine schöne Gelegenheit, um
-krank zu werden! -- Ja, ja, der liebe Gott giebt dem Zuckerwerk, der es
-nicht mehr beißen kann.«
-
-
-22.
-
-Garduña vervielfältigt sich.
-
-Als Garduña die Mühle betrat, fing der Corregidor gerade an, wieder zum
-Bewußtsein zu kommen, und versuchte, sich vom Boden zu erheben.
-
-Auf dem Fußboden und neben ihm stand die angezündete Kerze, welche Sr.
-Gnaden aus dem Schlafzimmer mitgebracht hatte.
-
-»Ist sie schon fort?« war Don Eugenios erste Frage.
-
-»Wer?«
-
-»Der Teufel! Ich wollte sagen die Müllerin.«
-
-»Ja, gnädiger Herr... sie ist schon fort, und ich glaube, in nicht sehr
-guter Laune!«
-
-»Ach, Garduña, ich sterbe.«
-
-»Aber was fehlt denn Ew. Gnaden? Ums Himmels willen!«
-
-»Ich bin in den Mühlgraben gefallen und bin ganz durchweicht, die Kälte
-geht mir durch Mark und Bein.«
-
-»Na ja, und nun kommen Sie damit!«
-
-»Garduña, nimm dich in acht, paß auf, was du sagst.«
-
-»Ich sage nichts, Herr.«
-
-»Nun, dann hilf mir aus dieser Verlegenheit.«
-
-»Ich fliege; Ew. Gnaden sollen nur sehen, wie schön ich alles besorgen
-werde.«
-
-So sprach der Alguacil, und im Handumdrehen ergriff er mit der einen
-Hand das Licht, mit der anderen nahm er den Corregidor unter den Arm,
-trug ihn in das Schlafzimmer hinauf, entkleidete ihn, legte ihn ins
-Bett, lief nach dem Holzschuppen, nahm einen Arm voll Holz, eilte nach
-der Küche, zündete ein großes Feuer an, trug die Kleider seines Herrn
-hinunter, breitete sie auf den Lehnen einiger Stühle aus, zündete eine
-Lampe an, hing sie am Küchenbrett auf und kehrte dann nach dem
-Schlafzimmer zurück.
-
-»Nun, wie steht's mit uns?« fragte er dann und hob das Licht in die
-Höhe, um Don Eugenio ins Gesicht zu leuchten.
-
-»Vortrefflich! Ich fühle, daß ich schwitzen werde... Morgen hänge ich
-dich auf, Garduña!«
-
-»Warum, Herr?«
-
-»Und du wagst noch darnach zu fragen? Denkst du denn, daß, als ich
-deinen mir vorgezeichneten Plan ausführte, ich glaubte mich allein in
-das Bett zu legen, nachdem ich das Sakrament der heiligen Taufe zum
-zweitenmale empfangen? -- Morgen hänge ich dich auf!«
-
-»Aber erzählen mir Ew. Gnaden doch... die Seña Frasquita...«
-
-»Die Seña Frasquita hat mich morden wollen. Das ist alles, was ich mit
-deinen Ratschlägen erreicht habe. -- Ich sage dir, morgen früh hänge ich
-dich auf!«
-
-»So arg wird es doch nicht sein, Herr Corregidor!« antwortete der
-Alguacil.
-
-»Warum sagst du das, unverschämter Kerl? Weil du mich hier
-darniederliegen siehst?«
-
-»Nein, Herr. Ich sage nur, daß die Seña Frasquita unmöglich so
-unmenschlich an Ihnen handeln konnte, wie Ew. Gnaden erzählen, da sie
-doch in die Stadt gegangen ist, um einen Arzt zu holen.«
-
-»Heiliger Gott! Bist du sicher, daß sie nach der Stadt gegangen ist?«
-rief Don Eugenio erschrockener als je aus.
-
-»Wenigstens hat sie so zu mir gesagt...«
-
-»Eile, lauf, Garduña! Ach, ich bin ohne Gnade verloren! Weißt du, zu
-welchem Zwecke die Seña Frasquita in die Stadt gegangen ist? Um alles
-meiner Frau zu erzählen!... Um ihr zu sagen, daß ich hier bin. O, mein
-Gott, mein Gott! Wie konnte ich mir das auch denken! Ich glaubte, sie
-wäre nach dem Dorfe zu ihrem Manne gegangen, und da er dort in gutem
-Verwahrsam ist, so war es mir ganz gleichgiltig. Aber nach der Stadt zu
-gehen!... Garduña, lauf, fliege, du bist ein so guter Fußgänger, und
-rette mich vom Verderben. Du mußt es vermeiden, daß die schreckliche
-Müllerin mein Haus betritt.«
-
-»Und werden mich Ew. Gnaden nicht aufhängen lassen, wenn ich es
-erreiche?« fragte der Alguacil.
-
-»Im Gegenteil! Ich will dir ein Paar noch ganz gute Schuhe schenken, die
-mir zu groß sind. Ich will dir alles schenken, was du willst.«
-
-»Dann fliege ich! Ew. Gnaden können ruhig schlafen. In einer halben
-Stunde bin ich zurück, nachdem ich die Navarresin ins Gefängnis
-gesperrt habe. Nicht umsonst bin ich leichtfüßiger als eine Eselin!«
-
-Sprach's und verschwand die Treppe hinunter.
-
-Es versteht sich von selbst, daß der Müller gerade während der
-Abwesenheit des Alguacils in der Mühle war und durchs Schlüsselloch
-Gesichte sah.
-
-Lassen wir jetzt den Corregidor im fremden Bette schwitzen und Garduña
-nach der Stadt laufen, wohin ihm Tio Lucas bald mit dem Dreispitz und
-dem Mantel folgen sollte, und verwandeln wir uns in rüstige Fußgänger,
-um der mutigen Seña Frasquita auf dem Wege nach dem Dorfe zu folgen.
-
-
-23.
-
-Noch einmal die Wüste und die bewußten Stimmen.
-
-Das einzige Abenteuer, welches der Navarresin auf ihrer Reise von der
-Mühle nach dem Dorfe zustieß, war der Anblick einer Person, welche
-mitten in einem Saatfelde Feuer schlug, was ihr einen heillosen
-Schrecken verursachte.
-
-»Sollte das etwa ein Häscher des Corregidors sein? Wenn er mich
-anhielte?« dachte die Müllerin.
-
-In dem Augenblick hörte sie in jener Richtung Eselsgeschrei.
-
-»Esel zu der Stunde im Saatfelde?« dachte die Müllerin weiter. »Hier
-herum ist doch kein Obstgarten, keine Koppel! Gott im Himmel! heute
-Nacht scheinen die Kobolde ihr Wesen zu treiben!«
-
-Die Eselin, auf der die Seña Frasquita ritt, schien es in jenem
-Augenblicke für schicklich zu halten, das Geschrei zu erwidern.
-
-»Schweig, du Racker!« sagte die Navarresin und stieß ihr eine lange
-Nadel ins Kreuz.
-
-Und da sie eine vielleicht unangenehme Begegnung fürchtete, so führte
-sie das Tier vom Wege ab und ließ es durch die Saat laufen.
-
-Aber bald beruhigte sie sich, denn sie sah ein, daß der Feuer schlagende
-Mann und der zuerst schreiende Esel etwas Zusammengehöriges bildeten,
-und daß diese Wesenheit in der ihr entgegengesetzten Richtung entflohen
-war.
-
-»Einem Feiglinge begegnet ein noch größerer Feigling,« rief die Müllerin
-und lachte über ihre Furcht und die des andern.
-
-Und ohne weiteren Unfall gelangte sie ungefähr um elf Uhr nachts an das
-Haus des Dorfschulzen.
-
-
-24.
-
-Ein König von damals.
-
-Schon lag der Herr Alkalde in tiefem Schlafe, indem er seinen Rücken dem
-seiner Ehehälfte zuwendete und, wie unser unsterblicher Quevedo sagt,
-auf diese Weise die Figur des österreichischen, zweiköpfigen Adlers
-bildete, als Toñuelo an die Thür des ehemaligen Schlafgemaches klopfte
-und den Herrn Juan Lopez benachrichtigte, daß die Seña Frasquita, die
-von der Mühle, mit ihm zu sprechen verlange.
-
-Wir sehen davon ab, alle Flüche und Schwüre, welche das Aufstehen und
-Ankleiden des Dorfschulzen begleiteten, wiederzugeben und versetzen uns
-in den Augenblick, in dem die Müllerin ihn herankommen sah, wie er die
-Schläfrigkeit von sich zu schütteln suchte, gleich einem Gymnastiker,
-der seine Muskulatur versucht, und unter unendlichem Gähnen ausrief:
-
-»Guten Abend, Seña Frasquita! Was bringt Sie hierher? Hat Ihnen Toñuelo
-nicht gesagt, daß Sie in der Mühle bleiben sollten? Gehorchen Sie so der
-Obrigkeit?«
-
-»Ich muß meinen Lucas sehen,« antwortete die Navarresin. »Ich muß ihn
-auf der Stelle sehen. Sie sollen ihm sagen, daß seine Frau hier ist.«
-
-»Ich muß! Ich muß! Frau, Ihr vergeßt, daß Ihr mit dem Könige sprecht.«
-
-»Ach was, König hin, König her, Señor Juan, ich bin nicht zum Scherz
-aufgelegt! Ihr wißt wohl zur Genüge, was mir widerfährt. Und zur Genüge
-weiß ich, warum man meinen Mann arretiert hat.«
-
-»Ich weiß nichts, Seña Frasquita... Und Euer Mann ist nicht arretiert,
-sondern schläft ruhig in diesem seinem Hause, und ist behandelt worden,
-wie ich achtbare Leute behandele. Du, Toñuelo! Toñuelo! geh nach dem
-Strohstall und sage dem Tio Lucas, daß er aufwache und hierhereile...
-Also, nun erzählen Sie mir, was Ihnen zugestoßen ist. Haben Sie sich
-gefürchtet, allein zu schlafen?«
-
-»Schämt Euch, Señor Juan! Ihr wißt wohl, daß mir weder Euer Ernst, noch
-Euer Scherz gefällt. Das, was mir passiert ist, ist sehr einfach -- Ihr
-und der Señor Corregidor habt mich ins Verderben stürzen wollen, und Ihr
-seid gründlich hineingefallen! Hier stehe ich, ohne daß ich zu erröten
-brauche, und der Herr Corregidor liegt in der Mühle im Sterben.«
-
-»Im Sterben? der Herr Corregidor?« rief sein Untergebener aus. »Frau,
-wißt Ihr, was Ihr sagt?«
-
-»Das, was Ihr sagt. Er ist in den Mühlgraben gefallen und wäre beinahe
-ertrunken und hat sich eine Lungenentzündung geholt, oder was weiß ich.
-Das ist Sache der Corregidora. Ich will meinen Mann holen und werde
-wahrscheinlich morgen gleich nach Madrid gehen, um es dem Könige zu
-erzählen...«
-
-»Teufel, Teufel!« murmelte Señor Juan Lopez. »Du, Manuela, Mädchen, geh
-und sattle mir das Maultier. Seña Frasquita, ich gehe nach der Mühle.
-Wehe Euch, wenn Ihr dem Herrn Corregidor ein Leid zugefügt habt!«
-
-»Señor Alkalde! Señor Alkalde!« rief in diesem Augenblicke Toñuelo aus,
-der mehr tot als lebendig eintrat. »Tio Lucas ist nicht im Strohstall.
-Sein Esel ist auch nicht an der Krippe, und die Hofthür ist offen...
-Der Vogel ist davongeflogen.«
-
-»Was sagst du da?« schrie Señor Juan Lopez.
-
-»Heilige Jungfrau von Carmen! Was wird in meinem Hause passieren?« rief
-die Seña Frasquita aus. »Laßt uns eilen, Señor Alkalde, laßt uns keine
-Zeit verlieren! Wenn mein Mann den Corregidor zu dieser Stunde trifft,
-dann schlägt er ihn tot.«
-
-»Glaubt Ihr denn, daß der Tio Lucas in der Mühle ist?«
-
-»Wie soll ich es nicht glauben? Ich sage noch mehr ... Als ich kam, habe
-ich mich mit ihm, ohne ihn zu kennen, gekreuzt. Ohne Zweifel war er es,
-der inmitten eines Saatfeldes Feuer angeschlagen hat. Mein Gott, wenn
-man bedenkt, daß die Tiere mehr Verstand haben als die Menschen. Denn
-Ihr müßt wissen, Señor Juan, unsere beiden Eselinnen haben sich erkannt
-und sich begrüßt, während mein Lucas und ich uns weder begrüßt, noch
-erkannt haben.«
-
-»Das ist mir ein schöner Lucas, Ihr Lucas,« erwiderte der Alkalde. »Nun,
-wir werden ja gleich unterwegs sein und bald zu beschließen haben, was
-mit euch allen zu machen ist. Mit mir könnt Ihr aber nicht spielen! Ich
-bin der König! Aber nicht ein König, wie wir ihn in Madrid haben, oder
-im Prado, sondern wie der einst in Sevilla, den sie Pedro den Grausamen
-nannten. Du, Manuela! bring mir den Stock und sage deiner Frau, daß ich
-fortgehe.«
-
-Die Magd, die eigentlich hübscher war, als es sich für die Alkaldin und
-die Moral schickte, gehorchte, und da das Maultier des Herrn Juan Lopez
-gesattelt war, so machten sich die Seña Frasquita und er, von dem
-unvermeidlichen Toñuelo gefolgt, auf den Weg nach der Mühle.
-
-
-25.
-
-Garduña's Stern.
-
-Wir wollen ihnen vorauseilen, da wir ja Vollmacht haben, schneller als
-irgend ein anderer zu gehen.
-
-Garduña, der die Seña Frasquita in allen Straßen der Stadt gesucht
-hatte, befand sich bereits auf dem Rückwege nach der Mühle.
-
-Der schlaue Alguacil war auf dem Wege im Hause des Corregidors gewesen,
-wo er alles sehr ruhig gefunden hatte. Die Thüren waren ebenso
-geschlossen, wie mitten am Tage, wie es Gebrauch zu sein pflegt, wenn
-die Obrigkeit ihre geheiligten Pflichten außerhalb vollzieht. Auf dem
-Treppenabsatz und im Vorsaal schliefen andere Alguacilen und Beamte, die
-ruhig ihren Herrn erwarteten; als sie aber Garduña hörten, wachten
-einige von ihnen auf und fragten ihn, der ihr Haupt und Vorgesetzter
-war:
-
-»Kommt der Herr schon?«
-
-»Nicht im Entferntesten! Bleibt nur ganz ruhig. Ich will nur wissen, ob
-irgend etwas vorgefallen ist.«
-
-»Nichts.«
-
-»Und die Señora?«
-
-»Schläft in ihren Zimmern.«
-
-»Ist nicht vor kurzem eine Frau durch diese Thüren gekommen?«
-
-»In der ganzen Nacht ist niemand vorübergekommen.«
-
-»Nun, so laßt auch niemand eindringen, wer es auch sei und was er auch
-sagen möge. Im Gegenteil! Legt sogar Hände an den Morgenstern, wenn er
-etwa kommen und sich nach dem Herrn oder der Frau erkundigen sollte, und
-führt ihn ins Gefängnis.«
-
-»Es scheint, daß Ihr heute auf der Jagd nach besonderen Vögeln seid,«
-fragte einer von den Häschern.
-
-»Auf Edelwild,« fügte ein anderer hinzu.
-
-»Auf das edelste,« fügte Garduña feierlich hinzu. »Denkt doch nur, wenn
-der Herr Corregidor und ich selbst die Treiber machen. Also, auf
-Wiedersehen, und paßt gut auf!«
-
-»Gehen Sie mit Gott, Herr Bastian,« antworteten alle und grüßten
-Garduña.
-
-»Mein Stern geht unter,« murmelte dieser beim Hinausgehen. »Sogar die
-Frauen täuschen mich. Die Müllerin geht nach dem Dorfe zu ihrem Manne,
-statt nach der Stadt zu kommen... Armer Garduña, was ist aus deiner
-Spürnase geworden?«
-
-Und so sprechend, machte er sich wieder auf den Rückweg nach der Mühle.
-
-Wohl hatte der Alguacil recht, wenn er seinen alten Spürsinn vermißte,
-denn auch einen Mann übersah er, der sich in jenem Augenblicke hinter
-einigen in der Nähe der Stadt befindlichen Weiden versteckte und in den
-Bart oder vielmehr in seinen roten Mantel murmelte:
-
-»Aufgepaßt, Pablo! Da kommt Garduña! Er darf mich nicht sehen.«
-
-Es war Tio Lucas, als Corregidor gekleidet, der sich der Stadt zuwendete
-und von Zeit zu Zeit seine diabolische Phrase wiederholte:
-
-»Auch die Corregidora ist reizend!«
-
-Ohne ihn zu sehen ging Garduña vorüber, und der falsche Corregidor
-verließ sein Versteck und verschwand im Orte.
-
-Kurz darauf kam der Alguacil bei der Mühle an, wie wir schon angedeutet
-haben.
-
-
-26.
-
-Reaktion.
-
-Genau so, wie Tio Lucas ihn durch das Schlüsselloch gesehen hatte,
-verharrte auch jetzt noch der Corregidor im Bett.
-
-»Wie gut ich schwitze, Garduña! Ich habe mich dadurch vor einer
-Krankheit geschützt!« rief er aus, als er den Alguacil ins Zimmer treten
-sah. »Und die Seña Frasquita? Hast du sie angetroffen? Begleitet sie
-dich? Hast du mit der Herrin gesprochen?«
-
-»Die Müllerin, gnädiger Herr,« antwortete Garduña mit gedrückter Stimme,
-»hat mich armen Mann getäuscht und ist nicht nach der Stadt gegangen,
-sondern nach dem Dorf, um ihren Mann aufzusuchen. -- Verzeihen mir Euer
-Gnaden die Dummheit...«
-
-»Um so besser, um so besser!« sagte der Madrileñer mit vor Bosheit
-funkelnden Augen. »Dann sind wir gerettet. Noch bevor es tagt, sollen
-Tio Lucas und die Seña Frasquita, aneinander gekettet, in den Kerker der
-Inquisition wandern, und dort sollen sie verfaulen, ohne irgend jemand
-die Abenteuer dieser Nacht zu erzählen. -- Bringe mir meine Kleider,
-Garduña, denn sie müssen schon trocken sein. Bringe sie mir und zieh
-mich an. Der Liebhaber wird sich jetzt in den Corregidor verwandeln.«
-
-Garduña ging in die Küche hinunter, um die Kleider zu holen. --
-
-
-27.
-
-Im Namen des Königs.
-
-Inzwischen hatten sich die Seña Frasquita, Señor Juan Lopez und Toñuelo
-der Mühle genähert und kamen wenige Minuten darauf in derselben an.
-
-»Ich werde vorausgehen,« rief der Dorfschulze aus. »Zu was bin ich denn
-die Autorität? Folge mir, Toñuelo, und Ihr, Seña Frasquita, wartet an
-der Thüre, bis ich Euch rufe.«
-
-Also ging der Señor Juan Lopez unter die Weinlaube, wo er beim
-Mondschein einen fast buckligen, wie den Müller gekleideten Mann
-bemerkte, mit Jacke und Beinkleid von braunem Tuch, schwarzer Binde,
-blauen Strümpfen, der murcianischen Felbelmütze und dem Mantel auf der
-Schulter.
-
-»Das ist er!« schrie der Alkalde. »Im Namen des Königs! Ergebt Euch, Tio
-Lucas!«
-
-Der Mann mit der Jagdmütze wollte sich nach der Mühle zurückwenden.
-
-»Halt!« rief nun Toñuelo, indem er sich auf ihn stürzte, am Halse
-packte, ihm mit dem Knie einen Stoß ins Rückgrat versetzte und ihn so
-zur Erde riß.
-
-Zugleich aber warf sich eine Art von wildem Tier auf Toñuelo, und indem
-es ihn um den Leib faßte, zog es ihn auf das Steinpflaster und fing an,
-ihn zu ohrfeigen.
-
-Es war die Seña Frasquita, die nun ausrief: »Landstreicher! Laß meinen
-Lucas los!«
-
-Aber in diesem Augenblicke warf sich eine Person, die soeben, einen Esel
-am Halfter führend, erschienen war, entschlossen zwischen die beiden und
-versuchte Toñuelo zu retten...
-
-Garduña war es, der den Alguacil des Dorfes für Don Eugenio de Zuñiga
-hielt und zu der Müllerin sagte:
-
-»Señora, haben Sie Achtung vor meinem Herrn!«
-
-Und rücklings warf er sie auf den Alkalden.
-
-Als die Seña Frasquita sich auf diese Weise zwischen zwei Feuern befand,
-versetzte sie Garduña einen solchen Stoß vor den Magen, daß er so lang
-wie er war auf den Boden fiel.
-
-Mit ihm waren es nun schon vier Personen, die sich auf der Erde
-herumwälzten.
-
-Inzwischen verhinderte Juan Lopez den mutmaßlichen Tio Lucas am
-Aufstehen, indem er ihm einen Fuß auf die Nierengegend pflanzte.
-
-»Garduña! Zu Hilfe! Im Namen des Königs! Ich bin der Corregidor!« schrie
-endlich dieser letztere, als er fühlte, daß die mit Stierhaut bekleidete
-Pfote des Alkalden ihn buchstäblich zermalte.
-
-»Der Corregidor? Das ist aber auch wahr!« sagte Señor Juan Lopez ganz
-erstaunt.
-
-»Der Corregidor!« wiederholten alle.
-
-Und schnell waren alle Niedergeworfenen auf den Füßen.
-
-»Alle ins Gefängnis!« rief Don Eugenio de Zuñiga.
-
-»Alle an den Galgen!«
-
-»Aber, Herr,« warf Señor Juan Lopez ein und kniete vor ihm nieder.
-»Verzeihen mir Euer Gnaden, daß ich Sie gemißhandelt habe. Wie konnte
-ich nur Euer Gnaden unter dieser gewöhnlichen Kleidung vermuten?«
-
-»Barbar!« erwiderte der Corregidor. »Etwas mußte ich doch anziehen!
-Weißt du nicht, daß man mir meine Sachen geraubt hat? Weißt du nicht,
-daß eine Räuberbande, die Tio Lucas befehligt...«
-
-»Sie lügen!« rief die Navarresin.
-
-»Hört einmal, Seña Frasquita,« sagte Garduña zu ihr und rief sie
-beiseite. »Mit der Erlaubnis des Herrn Corregidors und der ganzen
-Gesellschaft. Wenn Ihr die Geschichte nicht in Ordnung bringt, dann
-werden wir alle aufgehängt, und Tio Lucas zuerst.«
-
-»Ja, was ist denn geschehen?« fragte Seña Frasquita.
-
-»Tio Lucas geht zu dieser Stunde als Corregidor verkleidet in der Stadt
-umher... und weiß Gott, ob er nicht in dieser Verkleidung sogar bis in
-das Schlafzimmer der Corregidora gedrungen ist.«
-
-Und in wenigen Worten erzählte ihr der Alguacil das uns bereits
-Bekannte.
-
-»Jesus!« rief die Müllerin aus. »So hält mich mein Mann also für
-entehrt! So ist er also in die Stadt gegangen, um sich zu rächen!
-Vorwärts, vorwärts, laßt uns in die Stadt gehen und rechtfertigt mich in
-den Augen meines Lucas!«
-
-»Wir wollen in die Stadt gehen und verhindern, daß dieser Mann meiner
-Frau all die eingebildeten Dummheiten wiedererzählt,« sagte der
-Corregidor und schritt auf eine der Eselinnen zu. »Helft mir ein wenig
-beim Aufsteigen, Señor Alkalde.«
-
-»Ja, wir wollen nach der Stadt gehen,« fügte Garduña hinzu, »und gebe
-der Himmel, Herr Corregidor, daß Tio Lucas sich begnügt hat, mit der
-Herrin zu sprechen.«
-
-»Was sagst du, Unglücklicher?« brach Don Eugenio de Zuñiga aus. »Glaubst
-du, daß er fähig wäre...«
-
-»Zu allem!« antwortete Seña Frasquita.
-
-
-28.
-
-_Ave Maria purísima! Las doce y media, y sereno!_[8]
-
-So rief durch die Straßen der Stadt derjenige, welcher dazu berechtigt
-war, als die Müllerin und der Corregidor, jedes auf einem Mülleresel,
-der Señor Juan Lopez auf seinem Maultier, die beiden Alguacilen zu Fuß,
-an der Hausthür des Corregidors ankamen.
-
-Die Thüre war geschlossen.
-
-Man konnte sagen, daß für jenen Tag sowohl für die Regierung wie für die
-Regierten alles zu Ende war.
-
-»Schlimm das!« dachte Garduña.
-
-Er klopfte zwei- oder dreimal mit dem Klopfer an die Thüre.
-
-Eine kleine Weile verging, die Thüre wurde nicht geöffnet, niemand
-antwortete.
-
-Die Seña Frasquita war bleich wie Wachs.
-
-Der Corregidor hatte schon alle Nägel von beiden Händen abgebissen.
-
-Niemand sagte ein Wort.
-
-Bum... Bum... Bum... Schläge und wieder Schläge an die Thüre der
-Wohnung, welche die beiden Alguacilen und Señor Juan Lopez nach einander
-verabfolgten. Und nichts, niemand antwortete, niemand öffnete die Thüre.
-Nicht eine Fliege rührte sich.
-
-Nur das leise Plätschern eines Röhrbrunnens auf dem Hofe des Hauses
-drang zu ihnen herüber.
-
-So verflossen Minuten, wie Ewigkeiten so lang. Endlich, gegen ein Uhr,
-wurde im zweiten Stockwerk ein Fenster geöffnet und eine weibliche
-Stimme fragte:
-
-»Wer ist da?«
-
-»Das ist die Stimme der Amme,« murmelte Garduña.
-
-»Ich!« antwortete Don Eugenio de Zuñiga. »Öffnet.«
-
-Ein Augenblick des Stillschweigens trat ein.
-
-»Und wer sind Sie?« entgegnete die Amme.
-
-»Nun, hörst du es denn nicht? Ich bin es, der Herr ... der Corregidor!«
---
-
-Eine zweite Pause.
-
-»Geht mit Gott!« antwortete die gute Frau. »Mein Herr ist vor etwa einer
-Stunde nach Hause gekommen und hat sich gleich niedergelegt. Legt Euch
-auch nur ins Bett und schlaft den Rausch aus, den Ihr im Kopfe habt.«
-
-Und knallend schloß sich das Fenster.
-
-Die Seña Frasquita bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.
-
-»Amme!« donnerte der Corregidor außer sich. »Hört Ihr nicht, daß ich
-Euch sage, Ihr sollt die Thüre öffnen? Hört Ihr nicht, daß ich es bin?
-Wollt Ihr, daß ich Euch auch aufhänge?«
-
-Das Fenster öffnete sich von neuem.
-
-»Aber was soll denn das heißen?« sprach die Amme. »Wer seid Ihr, daß Ihr
-so schreit?«
-
-»Ich bin der Corregidor!«
-
-»O, ich bin nicht so dumm! Habe ich Euch nicht gesagt, daß der Herr
-Corregidor schon vor zwölf Uhr nach Hause gekommen ist? Ich habe es doch
-mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er in das Zimmer der Herrin
-gegangen ist... Ihr wollt Euch nur über mich lustig machen... Aber
-wartet, Ihr sollt schon sehen, was Euch beschert wird.«
-
-Und plötzlich öffnete sich die Thüre, und eine Wolke von Dienern und
-Angestellten, mit großen Knüppeln bewaffnet, stürzte sich auf die
-Draußenstehenden, und wütende Rufe erschallten:
-
-»Wo ist der, welcher sich Corregidor nennt? Wo ist der Tölpel? Wo ist
-der Trunkenbold?«
-
-Und in der Dunkelheit entspann sich ein solcher Kampf, ein so lauter
-Lärm, daß keiner den Andern verstehen konnte, und daß sowohl der
-Corregidor, wie Garduña, Señor Juan Lopez und Toñuelo nicht ohne Schläge
-ausgingen.
-
-Das war schon die zweite Tracht Prügel, welche das Abenteuer jener Nacht
-Don Eugenio eingetragen hatte, außer dem Bade im Mühlgraben.
-
-In geringer Entfernung von jenem Labyrinth weinte die Seña Frasquita zum
-erstenmale in ihrem Leben.
-
-»Lucas, Lucas!« sagte sie. »Und du hast an mir zweifeln können. Und hast
-eine andere in deine Arme schließen können... Ach! unser Unglück ist
-grenzenlos!«
-
-
-29.
-
-Nach dem Gewölk... Reveille.
-
-»Was hat dieser Lärm zu bedeuten?« sagte endlich eine ruhige,
-majestätische Stimme von angenehmer Klangfarbe, den Höllenlärm
-übertönend.
-
-Alle erhoben die Köpfe und sahen eine schwarzgekleidete Dame auf dem
-Hauptbalcon des Hauses.
-
-»Die Señora!« sagten die Dienstleute und unterbrachen ihre
-Prügelretraite.
-
-»Meine Frau!« stotterte Don Eugenio.
-
-»Laßt diese Herren eintreten... Der Herr Corregidor sagt, daß er es
-erlaubt,« fügte die Corregidora hinzu.
-
-Die Diener gaben den Weg frei, und der Señor de Zuñiga und seine
-Begleiter traten in das Portal und stiegen die Treppe hinauf.
-
-Wohl nie ist ein Verbrecher mit so unsicherm Schritte und so entstellten
-Zügen zur Richtstätte gegangen, wie der Corregidor, als er die Treppe
-seines Hauses hinaufging. Und doch fing schon der Gedanke an seine
-Schande an mit edler Selbstsucht all das durch ihn veranlaßte und ihn
-drückende Unrecht zu überragen und die ganze Lächerlichkeit seiner Lage
-mit dem Schleier der Vergessenheit zu umhüllen.
-
-»Vor allen Dingen,« dachte er, »bin ich ein Zuñiga und ein Ponce de
-Leon! Wehe denen, die es vergessen haben. Wehe meiner Frau, wenn sie
-meinen Namen befleckt hat!«...
-
-
-30.
-
-Eine Dame von Stande.
-
-Die Corregidora empfing ihren Gatten und seine ländlichen Begleiter im
-großen Saale des Amtsgebäudes.
-
-Sie war allein, stand aufrecht, und ihre Augen waren fest auf die Thür
-gerichtet.
-
-Es war eine Dame aus vornehmem Hause, noch ziemlich jung, von einer
-ruhigen, strengen Schönheit, mehr geeignet für den christlichen Pinsel,
-als für den ungläubigen Meißel, die mit der ganzen Vornehmheit und
-Ernsthaftigkeit jener Epoche gekleidet war. Ihr Kleid mit kurzem, engem
-Rock und bauschigen, hochstehenden Ärmeln war von schwarzem Bombasin,
-ein Tuch von weißen, etwas gelblichen Blonden verhüllte ihre
-bewundernswerten Schultern, und lange Handschuhe von schwarzem Tüll
-bedeckten ihre alabasterweißen Arme. Majestätisch wehte sie sich mit
-einem ungeheuren Fächer von den Philippinen Kühlung zu, und in der
-anderen Hand hielt sie ein Spitzentuch, dessen vier Ecken symmetrisch
-mit einer Regelmäßigkeit herunterhingen, die sich nur mit ihrer ganzen
-Haltung und jeder ihrer geringsten Bewegungen vergleichen ließ.
-
-Die schöne Frau hatte etwas von einer Königin, mehr aber noch von einer
-Äbtissin in ihrer Erscheinung und flößte allen, die sie sahen, Verehrung
-und Furcht ein. Übrigens bewiesen der sorgfältige Anzug zu so
-ungewöhnlicher Stunde, der Ernst ihres Antlitzes und die vielen im Salon
-angezündeten Lichter, daß die Corregidora bemüht gewesen war, jener
-Scene eine theatralische Feierlichkeit und zeremonielle Färbung zu
-geben, welche mit dem rohen Abenteuer ihres Mannes um so schärfer
-kontrastierten.
-
-Schließlich wollen wir noch hinzufügen, daß jene Dame Doña Mercedes
-Carrillo de Albornoz y Espinosa de los Monteros hieß und Tochter,
-Enkelin, Urenkelin, Ururenkelin, ja Enkelin im zwanzigsten Grade der
-Stadt war, als Sprößling von deren berühmten Conquistadoren. Ihre
-Familie hatte sie aus weltlicher Eitelkeit mit dem alten, begüterten
-Corregidor verheiratet, und sie, die sonst Nonne geworden wäre, weil
-eine innere Stimme sie dem Kloster zuführte, willigte in jenes
-schmerzbringende Opfer.
-
-Zur Zeit hatte sie zwei Sprößlinge von dem verwegenen Madrileñer, und
-man munkelte, daß wieder »Mauren an der Küste zu sehen wären.«
-
-Und damit wollen wir wieder zu unserer Geschichte zurückkehren.
-
-
-31.
-
-Die Strafe der Wiedervergeltung.
-
-»Mercedes!« rief der Corregidor aus, als er vor seiner Frau erschien,
-»ich muß sofort wissen...«
-
-»Oho, Tio Lucas, Ihr hier?« sagte die Corregidora, ihn unterbrechend.
-»Ist ein Unglück in der Mühle geschehen?«
-
-»Señora, ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt,« sagte der Corregidor
-wütend. »Bevor ich von meiner Seite irgend welche Erklärung abgebe, muß
-ich erst wissen, was aus meiner Ehre geworden ist.«
-
-»Was geht das mich an? Habt Ihr sie mir vielleicht in Verwahrung
-gegeben?«
-
-»Ja, Señora! Ihnen,« entgegnete Don Eugenio. »Die Frauen sind die
-Bewahrerinnen der Ehre ihrer Gatten.«
-
-»Dann fragt doch Eure Frau danach... Da steht sie ja gerade und hört
-uns.«
-
-Seña Frasquita, welche an der Saalthüre stehen geblieben war, stieß eine
-Art von Gebrüll aus.
-
-»Kommen Sie näher, Señora, und setzen Sie sich,« fügte die Corregidora
-hinzu, indem sie sich mit erhabener Würde an die Seña Frasquita wendete.
-
-Sie selbst schritt auf das Sofa zu.
-
-Die hochherzige Navarresin begriff sofort die ganze Größe in der Haltung
-der beleidigten und vielleicht doppelt beleidigten Gattin. Darum erhob
-sie sich im Augenblick zu gleicher Höhe, beherrschte ihre natürlichen
-Triebe und bewahrte ein anständiges Stillschweigen. Und glaubt nur nicht
-etwa, daß die Seña Frasquita in all ihrer Unschuld und Kraft Eile gehabt
-hätte, sich zu verteidigen... Große Eile hatte sie anzuklagen, sehr
-große... aber gewiß nicht die Corregidora. Mit wem sie ein Hühnchen zu
-pflücken hatte, das war mit dem Tio Lucas, und Tio Lucas war nicht dort.
-
-»Seña Frasquita,« wiederholte die edle Frau, als sie sah, daß die
-Müllerin sich nicht von der Stelle gerührt hatte, »ich habe Ihnen
-gesagt, daß Sie näher kommen und sich setzen sollen.«
-
-Diese zweite Aufforderung wurde mit noch herzlicherer und gefühlvollerer
-Stimme ausgesprochen, als die erste. Fast konnte man sagen, daß die
-Corregidora beim Anblick des ruhigen Antlitzes und der männlichen
-Schönheit jener Frau instinktiv erraten hatte, daß sie es nicht mit
-einem gewöhnlichen, verächtlichen Wesen, vielmehr mit einer anderen
-Unglücklichen zu thun hatte... unglücklich, ja, um der einzigen
-Thatsache willen, daß sie den Corregidor kennen gelernt.
-
-Darum tauschten die beiden Frauen, welche sich für doppelte
-Nebenbuhlerinnen hielten, verschiedene Blicke des Friedens und der
-Nachsicht aus und bemerkten zu ihrem größten Erstaunen, daß ihre Seelen
-Gefallen aneinander fanden, wie zwei Schwestern, die sich erkennen.
-
-Auf dieselbe Weise erkennen und grüßen sich von fern die weißen
-Schneefelder auf den umhüllten Bergen.
-
-Als diese sanften Empfindungen sie durchdrangen, trat die Müllerin ein
-und setzte sich auf den äußersten Rand eines Stuhles.
-
-Da sie in der Mühle vorausgesehen hatte, daß sie in der Stadt vielleicht
-wichtige Besuche zu machen haben würde, so hatte sie ihre Kleider ein
-wenig geordnet und eine schwarze Flanellmantille mit großen Fransen
-übergeschlagen, die ihr wundervoll stand. Sie sah ganz wie eine Dame
-aus.
-
-Der Corregidor dagegen hatte während dieser Episode vollständiges
-Stillschweigen beobachtet. Das Gebrüll der Seña Frasquita und ihr
-Erscheinen auf dem Schauplatze hatten ihn natürlich erschreckt. Jene
-Frau verursachte ihm jetzt mehr Entsetzen, als seine eigene.
-
-»Nun also, Tio Lucas,« fuhr Doña Mercedes fort und wandte sich an ihren
-Gatten. »Hier ist die Seña Frasquita. Ihr könnt jetzt Euer Verlangen
-wiederholen.«
-
-»Mercedes! um der Nägel Christi willen!« rief der Corregidor, »du weißt
-nicht, wessen ich fähig bin. Von neuem beschwöre ich dich, laß den
-Scherz beiseite und erzähle mir alles, was während meiner Abwesenheit
-vorgefallen ist. Wo ist dieser Mann?«
-
-»Wer? Mein Gatte? Mein Mann ist eben im Begriff aufzustehen und wird
-wohl nicht mehr lange zögern.«
-
-»Aufzustehen?« heulte Don Eugenio.
-
-»Ihr wundert Euch darüber? Nun, wo sollte ein anständiger Mann denn zu
-dieser Stunde sein, wenn nicht in seinem Hause, in seinem Bett und an
-der Seite seiner rechtmäßigen Gattin, wie Gott es befiehlt?«
-
-»Mercedes! Paß auf, was du sagst. Denke daran, daß man uns hört... Denke
-daran, daß ich der Corregidor bin!«
-
-»Wenn Ihr auf diese Weise anfangt, Tio Lucas, so werde ich nach den
-Alguacilen schicken, damit sie Euch ins Gefängnis abführen,« entgegnete
-die Corregidora und stand auf.
-
-»Ich ins Gefängnis? Ich? Der Corregidor der Stadt?«
-
-»Der Corregidor der Stadt, der Vertreter der Gerechtigkeit, der
-Bevollmächtigte des Königs,« antwortete die hohe Dame mit einer Strenge
-und Energie, welche die Stimme des angeblichen Müllers vollständig
-erstickten, »kam zur schicklichen Stunde nach Hause, um von den edlen
-Aufgaben seines Amtes auszuruhen und morgen fortzufahren, die Ehre und
-das Leben der Bürger zu schützen, die Heiligkeit des Herdes und die
-Sittsamkeit der Frauen zu schirmen und zu verhindern, daß irgend jemand
-als Corregidor oder in anderer Weise verkleidet in das Schlafgemach
-einer fremden Frau eintrete, damit niemand die Tugend in ihrer sorglosen
-Ruhe überraschen könne, niemand ihren keuschen Schlaf mißbrauchen...«
-
-»Merceditas! Was sagst du da?« zischte der Corregidor zwischen Lippen
-und Gaumen. »Wenn es wahr ist, daß dies in meinem Hause vorgekommen ist,
-so sage ich dir, daß du eine Treulose, eine sittenlose Person bist.«
-
-»Mit wem spricht dieser Mensch?« unterbrach ihn die Corregidora
-verächtlich und ließ ihren Blick über die Umstehenden schweifen. »Wer
-ist der Wahnsinnige? Wer ist der Betrunkene? Kaum kann ich noch glauben,
-daß Ihr ein ehrlicher, anständiger Müller wie der Tio Lucas seid,
-trotzdem Ihr sein ländliches Kleid tragt. -- Señor Juan Lopez, wißt,«
-fuhr sie fort, indem sie dem vernichteten Dorfschulzen ins Gesicht sah,
-»daß mein Mann, der Corregidor der Stadt, vor zwei Stunden nach Hause
-gekommen ist, mit seinem Dreispitz, seinem roten Mantel, seinem
-Kavaliersdegen und seinem Amtsstock... Die hier gegenwärtigen
-Dienstboten und Alguacilen sind aufgestanden und haben ihn gegrüßt, als
-sie ihn durchs Portal kommen, die Treppe hinauf und durchs
-Empfangszimmer schreiten sahen. Dann haben sie die Thüren geschlossen,
-und seit der Zeit ist niemand in meine Wohnung eingetreten, bis Sie
-ankamen. Ist das wahr? Antwortet ihr...«
-
-»Es ist wahr, es ist sehr wahr,« antworteten die Amme, die Diener und
-die Polizeidiener, die alle, an der Salonthür gruppiert, jener
-eigentümlichen Scene beiwohnten.
-
-»Hinaus mit euch allen!« rief Don Eugenio wutschnaubend. »Garduña!
-Garduña! Komm und nimm diese Elenden, die den Respekt vergessen,
-gefangen. Alle ins Gefängnis! Alle an den Galgen!«
-
-Garduña war nirgends zu sehen.
-
-»Übrigens, Señor,« fuhr Doña Mercedes fort, indem sie den Ton änderte
-und ihren Mann anzusehen und ihn als solchen zu behandeln geruhte, da
-sie fürchtete, der Scherz könnte vielleicht zu unheilbaren Resultaten
-führen, »nehmen wir einmal an, daß Sie Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de
-Leon wären...«
-
-»Ich bin es!«
-
-»Nehmen wir einmal an, daß mich einige Schuld träfe, weil ich einen
-Mann, der als Corregidor gekleidet in mein Schlafzimmer drang, für Sie
-gehalten habe...«
-
-»Infame Canaille!« schrie der Alte, griff mit der Hand nach dem Degen
-und fand nur den leeren Platz und die Binde des murcianischen Müllers.
-
-Die Navarresin bedeckte mit einem Zipfel ihrer Mantille ihr Gesicht, um
-die Flammen der Eifersucht zu verbergen.
-
-»Nehmen wir alles das an, was Sie wollen,« fuhr Doña Mercedes mit einem
-unerklärlichen Gleichmut fort. »So sagen Sie mir doch erst eins, mein
-Herr! Hätten Sie ein Recht, sich zu beklagen? Könnten Sie mich als
-Richter verurteilen? Kommen Sie vielleicht aus der Predigt? Kommen Sie
-vielleicht aus der Beichte? Kommen Sie aus der Messe? Oder woher kommen
-Sie mit diesem Anzuge? Woher kommen Sie mit dieser Frau? Wo haben Sie
-die Hälfte der Nacht zugebracht?«
-
-»Mit Verlaub...« rief die Seña Frasquita aus und stand, wie von einer
-Feder emporgeschnellt, auf und trat keck zwischen die Corregidora und
-deren Gatten.
-
-Dieser war im Begriff zu sprechen, blieb aber mit offenem Munde stehen,
-als er sah, daß die Navarresin ins Feuer trat.
-
-Aber Doña Mercedes kam ihr zuvor und sagte:
-
-»Señor, bemühen Sie sich nicht, mir Erklärungen zu geben. Ich verlange
-sie durchaus nicht von Ihnen. Hier kommt derjenige, der das Recht hat,
-sie von Ihnen zu fordern. Verständigen Sie sich mit ihm.«
-
-Zugleich öffnete sie die Thür eines Kabinetts, und in ihr erschien Tio
-Lucas, vom Kopf bis zu den Füßen als Corregidor gekleidet, mit Stock,
-Handschuhen und Degen, wie er in den Ratssaal zu treten pflegte.
-
-
-32.
-
-Der Glaube versetzt Berge.
-
-»Ich wünsche Ihnen allen einen guten Abend,« sprach der zuletzt
-Angekommene, nahm den Dreispitz ab und sprach mit zusammengefallenem
-Munde, wie Don Eugenio de Zuñiga.
-
-Dann durchschritt er, sich nach allen Seiten wiegend, den Saal und küßte
-die Hand der Corregidora.
-
-Alle standen starr vor Erstaunen. Die Ähnlichkeit des Tio Lucas mit dem
-wirklichen Corregidor grenzte ans Wunderbare.
-
-Darum konnten auch die Dienerschaft und sogar Señor Juan Lopez ein
-Gelächter nicht zurückhalten.
-
-Don Eugenio fühlte diese neue Herabwürdigung und stürzte sich wie ein
-Basilisk auf Tio Lucas.
-
-Aber Seña Frasquita war schneller als er und entfernte den Corregidor
-mit ihrem eisernen Arm; und Seine Gnaden, im Andenken an einen andern
-Purzelbaum und das darauffolgende Hautabschürfen, ließ sich
-zurückwerfen, ohne auch nur einen Laut auszustoßen. Augenscheinlich war
-jene Frau von Geburt an dazu bestimmt, den armen Alten in Schach zu
-halten.
-
-Tio Lucas wurde bleicher als der Tod, als er sah, daß seine Frau sich
-ihm näherte; aber er beherrschte sich gleich, und mit einem
-schrecklichen Lachen, so daß er die Hand aufs Herz legen mußte, weil es
-ihm zu springen drohte, sagte er, immer noch den Corregidor nachahmend:
-
-»Gott behüte dich, Frasquita! Hast du deinem Neffen schon die Ernennung
-geschickt?«
-
-Da hättet Ihr die Navarresin sehen müssen! Sie warf ihre Mantille
-zurück, erhob das Haupt mit dem Stolz einer Löwin, und ihre Augen wie
-zwei Dolche in die des falschen Corregidors versenkend, sagte sie ihm
-gerade ins Gesicht:
-
-»Ich verachte dich, Lucas!«
-
-Alle glaubten, daß sie ihn angespien hätte, solch eine Geste, solch eine
-Bewegung, solch ein Ton der Stimme begleiteten jene Worte.
-
-Das Gesicht des Müllers verklärte sich, als er die Stimme seiner Frau
-hörte. Eine Art von Inspiration, wie die des religiösen Glaubens, war in
-seine Seele gedrungen und überflutete sie mit Licht und Freude. Und
-einen Augenblick vergaß er, was er in der Mühle gesehen und zu sehen
-geglaubt hatte und rief mit Thränen in den Augen und vollster
-Aufrichtung in der Stimme aus:
-
-»Also bist du noch meine Frasquita?«
-
-»Nein,« antwortete die Navarresin außer sich. »Jetzt bin ich deine
-Frasquita nicht mehr! Ich bin... Befrage deine Heldenthaten dieser
-Nacht, und sie werden dir sagen, was du mit diesem Herzen gemacht hast,
-das dich so geliebt.«
-
-Und wie ein sinkender Eisberg, der anfängt zu schmelzen, begann sie zu
-weinen.
-
-Die Corregidora konnte sich nicht enthalten, auf sie zuzugehen und sie
-mit herzlichster Freundlichkeit in ihre Arme zu schließen.
-
-Und ohne recht zu wissen, was sie that, fing die Seña Frasquita an, sie
-zu küssen und sagte, schluchzend wie ein Kind, das Schutz bei seiner
-Mutter sucht:
-
-»Señora, Señora, wie unglücklich bin ich!«
-
-»Nicht so sehr, wie Sie glauben,« antwortete die Corregidora, die auch
-großmütig weinte.
-
-»Ja, ich bin sehr unglücklich,« seufzte Tio Lucas und kämpfte mit seinen
-Thränen, wie wenn er sich schämte, sie zu vergießen.
-
-»Nun, und ich?« brach schließlich Don Eugenio los, der sich durch das
-ansteckende Weinen der Übrigen erweicht fühlte, oder sich auf dem
-feuchten Wege, ich meine auf dem Wege des Weinens, zu retten hoffte.
-»Ach, ich bin ein Schelm, ein Ungeheuer, ein leichtsinniger Mensch, der
-seinen Lohn empfangen hat!«
-
-Und traurig fing er an zu blöken, indem er den Leib des Señor Juan Lopez
-liebend umschlang.
-
-Dieser und die Dienstboten weinten gleichfalls, alles schien zu Ende zu
-sein, und doch hatte sich niemand erklärt.
-
-
-33.
-
-Nun, und du?
-
-Tio Lucas war der erste, der endlich in diesem Thränenmeer wieder flott
-wurde, weil er anfing, sich dessen zu erinnern, was er durchs
-Schlüsselloch gesehen.
-
-»Señores, lassen Sie uns jetzt abrechnen,« sagte er.
-
-»Hier giebt es nichts abzurechnen, Tio Lucas,« rief die Corregidora aus.
-»Eure Frau ist eine Heilige.«
-
-»Gut... ja... aber...«
-
-»Nichts von aber. Laßt sie sprechen, und Ihr werdet sehen, wie sie sich
-rechtfertigen wird. Sowie ich sie sah, sagte es mir das Herz, daß sie
-eine Heilige sei, trotz alledem, was Ihr mir erzählt hattet.«
-
-»Gut, so mag sie sprechen!« sagte Tio Lucas.
-
-»Ich spreche nicht,« antwortete die Müllerin. »Du mußt zuerst sprechen.
-Denn die Wahrheit ist, daß du...«
-
-Und die Seña Frasquita sagte nichts mehr, aus unbesiegbarer Achtung vor
-der Corregidora.
-
-»Nun, und du?« antwortete Tio Lucas, der von neuem allen Glauben verlor.
-
-»Jetzt handelt es sich nicht um sie,« rief der Corregidor, der auch
-wieder eifersüchtig wurde. »Es handelt sich jetzt um diese Dame. Ach,
-Merceditas! Wer hätte mir jemals gesagt, daß du...«
-
-»Nun, und du?« antwortete die Corregidora, ihn mit dem Blicke messend.
-
-Und während der nächsten Augenblicke wiederholten die beiden Ehepaare
-wohl hundertmal dieselben Sätze.
-
-»Und du?«
-
-»Nun, und du?«
-
-»Na, du!«
-
-»Nein, du!«
-
-»Aber, wie konntest du...«
-
-Und so weiter, und so weiter, und so weiter.
-
-Vielleicht wäre die Angelegenheit nie beendet worden, wenn nicht die
-Corregidora schließlich, ihre Würde wieder annehmend, zu Don Eugenio
-gesagt hätte:
-
-»Höre einmal, jetzt schweige du! Unsere Privatangelegenheit werden wir
-später ordnen. Das Dringendste ist in diesem Augenblick jedenfalls, Tio
-Lucas' Herzen den Frieden zurückzugeben. Meiner Ansicht nach ist das
-ganz leicht; denn dort sehe ich Señor Juan Lopez und Toñuelo, die
-nichts sehnlicher wünschen, als die Seña Frasquita zu rechtfertigen.«
-
-»Mich brauchen die Männer nicht zu rechtfertigen,« antwortete diese.
-»Ich habe zwei Zeugen von größerer Glaubwürdigkeit, von denen niemand
-sagen kann, daß sie bestochen worden sind...«
-
-»Und wo sind diese?« fragte der Müller.
-
-»Sie sind unten, an der Thür.«
-
-»Dann sage ihnen, daß sie heraufkommen, mit der Erlaubnis der Señora.«
-
-»Ach, die Armen können nicht heraufkommen...«
-
-»Ah, sind es zwei Frauen? Schöne, glaubwürdige Zeugen das!«
-
-»Es sind auch keine zwei Frauen, nur zwei weibliche Wesen.«
-
-»Noch schlimmer! Dann sind es zwei kleine Mädchen? Sei so gut und nenne
-mir ihre Namen.«
-
-»Die eine heißt Piñona, die andere Liviana.«
-
-»Unsere beiden Esel! Frasquita, du willst mich verspotten!«
-
-»Nein, ich spreche sehr vernünftig und förmlich. Durch das Zeugnis
-unserer beiden Esel will ich dir beweisen, daß ich nicht in der Mühle
-war, als du den Herrn Corregidor dort gesehen hast.«
-
-»Ich bitte dich, um Gottes willen, erkläre dich...«
-
-»Höre, Lucas, und stirb vor Scham, daß du je an mir zweifeln konntest.
-Als du heute Nacht vom Dorf nach der Mühle rittest, da eilte ich von
-unserm Hause nach dem Dorf, folglich kreuzten wir uns auf dem Wege. Aber
-du warst außerhalb desselben und schlugst mitten auf einem Saatfelde
-Feuer an.«
-
-»Ich habe angehalten, das ist wahr. Fahre fort.«
-
-»Da schrie dein Esel...«
-
-»Wahrhaftig! O, wie glücklich bin ich! Sprich, sprich, denn jedes Wort
-giebt mir ein Jahr meines Lebens zurück.«
-
-»Und auf jenes Geschrei antwortete ein anderes vom Wege her.«
-
-»O, ja, ja! Gesegnet seist du! Ich glaube es noch zu hören.«
-
-»Es waren Liviana und Piñona, die sich erkannt hatten und wie gute
-Freundinnen begrüßten, während wir beide uns weder grüßten noch
-erkannten...«
-
-»Sage mir nichts mehr! Sage mir nichts mehr.«
-
-»So wenig erkannten wir uns,« fuhr die Seña Frasquita fort, »daß wir
-beide erschraken und nach entgegengesetzten Richtungen entflohen. Nun
-siehst du doch wohl ein, daß ich nicht in der Mühle war. Wenn du jetzt
-wissen willst, warum du den Herrn Corregidor in unserm Bett angetroffen
-hast, so fühle die Kleider, die du trägst und die noch feucht sein
-müssen, an, und sie werden es dir besser sagen als ich. Se. Gnaden ist
-in das Mühlgerinne gefallen, Garduña hat ihn entkleidet und dort
-gebettet. Willst du wissen, warum ich die Thür geöffnet habe? Weil ich
-glaubte, daß du es wärest, daß du ertränkest und mich zu Hilfe riefest.
-Und schließlich, wenn du das mit der Ernennung wissen willst... Aber
-vorläufig brauche ich nichts weiter zu sagen. Wenn wir allein sind, dann
-werde ich dir noch verschiedene Einzelheiten erzählen, die ich dir vor
-dieser Dame nicht mitteilen kann.«
-
-»Alles, was die Seña Frasquita gesagt hat, ist die reinste Wahrheit!«
-rief der Señor Juan Lopez, der sich Doña Mercedes' Gunst erwerben
-wollte, da er wohl sah, daß sie das Corregimiento beherrschte.
-
-»Alles, alles!« fügte Toñuelo hinzu, der seinem Herrn nacheifern wollte.
-
-»Bis jetzt alles!« sprach der Corregidor, sehr zufrieden, daß die
-Erklärungen der Seña Frasquita nicht weiter gegangen waren.
-
-»Also bist du unschuldig?« rief inzwischen der Müller aus und
-ergab sich dem Augenschein und der Überzeugung. »Meine Frasquita!
-Herzens-Frasquita! Verzeih' mir die Ungerechtigkeit und laß mich dich
-umarmen!«
-
-»Oh, das ist Mehl aus einem andern Sack,« antwortete die Müllerin, den
-Körper wegbiegend. »Bevor ich dich umarme, muß ich erst deine Erklärung
-hören.«
-
-»Ich werde sie für ihn und mich geben,« sagte Doña Mercedes.
-
-»Seit einer Stunde warte ich schon darauf,« stieß der Corregidor hervor
-und versuchte sich aufzurichten.
-
-»Aber ich werde sie nicht eher geben,« fuhr die Corregidora fort, indem
-sie ihren Mann verächtlich ansah, »als bis die Herren die Kleider
-gewechselt haben, und auch dann werde ich sie nur demjenigen geben, der
-sie zu hören verdient.«
-
-»Schnell, schnell, wir wollen uns umkleiden,« sagte der Murcianer zu Don
-Eugenio, und freute sich, daß er ihn nicht getötet hatte, wenn er ihn
-auch mit einem wahrhaft maurischen Haß betrachtete. »In den Kleidern Ew.
-Gnaden ersticke ich, und wie unglücklich bin ich gewesen, während ich
-sie trug!«...
-
-»Weil du es nicht verstehst,« antwortete der Corregidor. »Ich dagegen
-wünsche nichts sehnlicher, als sie wieder anzulegen, um, wenn mir die
-Erklärung meiner Frau nicht genügt, dich und die halbe Welt aufhängen zu
-lassen.«
-
-Als die Corregidora diese Worte hörte, beruhigte sie die Versammlung mit
-einem sanften Lächeln, wie es den Engeln eigen, deren Aufgabe es ist,
-die Menschen zu bewachen.
-
-
-34.
-
-Auch die Corregidora ist reizend.
-
-Als der Corregidor und Tio Lucas den Saal verlassen hatten, setzte sich
-die Corregidora von neuem auf das Sofa, zog die Seña Frasquita neben
-sich, und sich zu den die Thür füllenden Dienstboten und Polizeidienern
-wendend, sagte sie mit liebenswürdiger Einfachheit:
-
-»Nun, Kinder, erzählt jetzt, was ihr Schlechtes von mir wißt.«
-
-Rasch drängte der vierte Stand vorwärts, und zehn Stimmen wollten
-zugleich sprechen; aber die Amme, die doch im Hause die wichtigste
-Person war, gebot den Übrigen Schweigen und sprach folgendermaßen:
-
-»Sie müssen wissen, Seña Frasquita, daß wir, ich und meine Herrin,
-heute Nacht mit der Pflege der Kinder beschäftigt waren. Wir warteten
-auf die Rückkunft des Herrn und beteten, um die Zeit hinzubringen,
-schon den dritten Rosenkranz, denn Garduña hatte gesagt, daß der Herr
-einige sehr schreckliche Missethäter verfolge, und da war natürlich
-nicht eher ans Zubettgehen zu denken, als bis wir ihn unbeschädigt
-wieder heimkehren sahen -- als wir in dem daran stoßenden Alkoven,
-in dem meiner Herrschaft Ehebett steht, ein Geräusch wie von Leuten
-hörten. Wir nahmen, halbtot vor Angst, das Licht, um nachzusehen, wer
-in dem Alkoven herumginge, als wir, o heilige Jungfrau von Carmen!
-einen Mann sahen, wie mein Herr gekleidet, der er aber doch nicht war
-(da er ja Ihr Mann war), und der sich hinter dem Bett zu verstecken
-suchte. ›Räuber!‹ fingen wir an wie wahnsinnig zu schreien, und
-einen Augenblick nachher war das ganze Zimmer voller Leute, und die
-Alguacilen zogen den nachgemachten Corregidor aus seinem Versteck
-hervor. -- Meine Herrin, die, wie wir alle, den Tio Lucas erkannt
-hatte, und, weil sie ihn in den Kleidern des Corregidors sah,
-fürchtete, er hätte jenen ermordet, erhob ein jämmerliches Wehklagen,
-das die Steine hätte erweichen können. ›Ins Gefängnis, ins Gefängnis!‹
-sagten inzwischen die Übrigen. ›Räuber! Mörder!‹ waren noch die besten
-Worte, die der Tio Lucas zu hören bekam, und so stand er da wie eine
-Leiche, an die Wand gelehnt, und brachte kein Wort hervor. Aber als er
-sah, daß sie ihn ins Gefängnis bringen wollten, sagte er: ›Ich werde
-es ihnen wiederholen, wenn es auch besser wäre, es zu verschweigen.
-Señora, ich bin kein Räuber, ich bin kein Mörder; der Räuber und Mörder
-meiner Ehre ist in meinem Hause und liegt mit meiner Frau im Bette.‹«
-
-»Armer Lucas!« seufzte die Seña Frasquita.
-
-»Die Ärmste bin ich!« murmelte die Corregidora ruhig.
-
-»Das sagten wir alle... Armer Tio Lucas und arme Señora! Weil... denn...
-nun, wir hatten schon aus kleinen Andeutungen erfahren, daß mein Herr
-ein Auge auf Sie geworfen hatte, und... na, obgleich niemand sich denken
-konnte, daß Sie«...
-
-»Amme!« rief die Corregidora streng. »Auf diesem Wege gehts nicht fort.«
-
-»Ich werde auf einem anderen fortfahren,« sagte ein Alguacil, der die
-Unterbrechung benutzte, um sich des Wortes zu bemächtigen. »Der Tio
-Lucas, der uns, als er ins Haus trat, mit seinem Anzuge und seiner Art
-und Weise zu gehen, so gut angeführt hatte, daß wir ihn alle für den
-Corregidor hielten, war gewiß nicht mit guten Absichten gekommen, und
-wenn die Señora nicht wach gewesen wäre... Stellen Sie sich nur vor, was
-da hätte passieren können«...
-
-»Na ja, schweig' doch nur!« unterbrach ihn die Köchin. »Du sagst nichts
-als Dummheiten. Ja, Seña Frasquita, um seine Anwesenheit im Schlafzimmer
-der Herrin zu erklären, mußte er den Zweck bekennen, der ihn hierher
-geführt. Natürlich konnte die Herrin, als sie es hörte, sich nicht
-enthalten, ihm einen Schlag auf den Mund zu geben, so daß ihm die Hälfte
-der Worte im Halse stecken blieben. Ich selbst habe ihn mit Schmähungen
-und Schimpfworten überhäuft und wollte ihm die Augen auskratzen. Denn
-das wissen Sie ja, Seña Frasquita, wenn es auch Ihr Mann ist, aber wenn
-man mit solchen Absichten«...
-
-»Du bist eine alte Schwätzerin!« rief der Portier und stellte sich vor
-die Rednerin. »Was hättest du denn thun wollen? Hört mich, Seña
-Frasquita, und kommen wir zur Sache. Die Señora sagte und that alles,
-was sich gehörte, aber als sich ihr Ärger etwas abgekühlt hatte,
-bemitleidete sie den Tio Lucas, dachte über das schlechte Betragen des
-Herrn Corregidors nach und sprach diese oder ähnliche Worte: ›Wenn auch
-Euer Gedanke sehr nichtswürdig gewesen ist, Tio Lucas, und ich Euch
-diese Unverschämtheit nie verzeihen kann, so müssen Eure Frau und mein
-Mann doch ein paar Stunden lang glauben, daß sie sich in ihren eigenen
-Netzen gefangen haben und daß Ihr, unterstützt durch Eure Verkleidung,
-Schmach mit Schmach vergolten habt. Wir können uns nicht besser an ihnen
-rächen, und die Täuschung ist so leicht, daß wir sie aufklären können,
-wenn es uns paßt.‹ Als die Señora diesen witzigen Entschluß gefaßt
-hatte, lehrte sie und Tio Lucas uns, was wir zu sagen und zu thun
-hätten, wenn Se. Gnaden zurückkehrte; und dem Sebastian Garduña habe ich
-einen solchen Schlag aufs Hinterteil versetzt, daß er die St. Simon- und
-St. Judas-Nacht nicht sobald wieder vergessen wird.«
-
-Schon seit längerer Zeit, noch während der Portier sprach, flüsterten
-sich die Corregidora und die Müllerin gegenseitig in die Ohren, umarmten
-und küßten sich alle Augenblicke und konnten verschiedene Male das
-Lachen gar nicht verbeißen.
-
-Schade! daß man nicht hörte, was sie sprachen. Aber der Leser wird es
-sich wohl ohne große Mühe denken können, und wenn nicht der Leser, so
-doch die Leserin.
-
-
-35.
-
-Kaiserliches Dekret.
-
-In diesem Augenblicke kehrten der Corregidor und der Tio Lucas, jeder in
-seinen eigenen Kleidern, in den Saal zurück.
-
-»Jetzt ist die Reihe an mir,« sagte der erlauchte Don Eugenio de Zuñiga
-eintretend.
-
-Und nachdem er einigemale heftig mit dem Stocke auf den Boden gestoßen
-hatte, wie um seine Energie wieder zu sammeln, gleich einem offiziellen
-Antäos, der sich nicht eher stark fühlt, als bis sein Bambusrohr die
-Erde berührt, sagte er mit unbeschreiblicher Emphase und Dreistigkeit zu
-der Corregidora:
-
-»Merceditas! ich erwarte deine Erklärungen.«
-
-Inzwischen stand die Müllerin auf, kniff den Tio Lucas zum Zeichen des
-Friedens so stark, daß ihm Funken vor den Augen tanzten, und blickte ihn
-zugleich mit gar nicht mehr ärgerlichen, sondern bezaubernden Augen an.
-
-Der Corregidor, der jene Pantomime beobachtet hatte, erstarrte fast zur
-Salzsäule, weil er sich eine so =unmotivierte= Versöhnung nicht
-erklären konnte.
-
-Dann wandte er sich von neuem an seine Frau und sagte in essigsaurem
-Tone:
-
-»Señora, alle verständigen sich hier, nur wir nicht. Reißen Sie mich aus
-meinen Zweifeln. Ich befehle es als Mann und als Corregidor.«
-
-Und wieder dröhnte der Stock gegen den Fußboden.
-
-»Sie wollen also gehen?« rief Doña Mercedes aus und näherte sich der
-Seña Frasquita, ohne sich um Don Eugenio zu kümmern. »So gehen Sie also
-ohne Sorge, der Skandal wird keine Folgen haben. Rosa, leuchte den
-Herrschaften, sie wollen ja schon gehen. Geht mit Gott, Tio Lucas!«
-
-»O nein!« schrie Don Eugenio, indem er sich hineinmischte. »Tio Lucas
-wird nicht fortgehen. Tio Lucas wird so lange im Arrest bleiben, bis ich
-die volle Wahrheit weiß. Halloh, Alguacilen! Im Namen des Königs!«
-
-Nicht einer der Polizeidiener gehorchte Don Eugenio. Alle blickten die
-Corregidora an.
-
-»Nun, Mann, mache Platz!« fügte diese hinzu, indem sie ihn fast umstieß
-und sich von allen mit der größten Feinheit verabschiedete, das heißt,
-den Kopf leicht zur Seite geneigt, ergriff sie ihr Kleid mit den
-Fingerspitzen und neigte sich anmutig, bis sie die Modereverenz jener
-Zeit ausführte, die man _la pompa_[9] nannte.
-
-»Aber ich... aber du... aber wir... aber die da,« murmelte der arme Alte
-noch immer, zog seine Frau am Kleide und störte ihre bestangefangenen
-Verbeugungen.
-
-Vergebliches Bemühen! Niemand kümmerte sich um Sr. Gnaden.
-
-Als alle fortgegangen und die entzweiten Gatten im Salon allein waren,
-geruhte die Corregidora endlich im Tone einer Czarin aller Reussen,
-welche über einen gefallenen Minister den Blitzstrahl der ewigen
-Verbannung nach Sibirien schlendert, zu ihrem Gatten zu sagen:
-
-»Und lebtest du tausend Jahre, so sollst du doch nie erfahren, was in
-dieser Nacht in meinem Schlafzimmer vorgefallen ist. Wenn du darin
-gewesen wärest, wie es natürlich war, so brauchtest du niemand danach zu
-fragen. Was mich anbetrifft, so habe und werde ich nie einen Grund
-haben, der mich nötigen könnte, es zu enthüllen, dazu verachte ich dich
-zu sehr, und wenn du nicht der Vater meiner Kinder wärest, so würde ich
-dich jetzt vom Balkon herunterstürzen ... Und hiermit gute Nacht,
-Caballero!«
-
-Als die Corregidora diese Worte ausgesprochen hatte, die der Corregidor
-anhörte, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken (denn wenn er allein
-war, wagte er es nicht, gegen seine Frau aufzutreten), ging sie in das
-Schlafzimmer, schloß die Thüren hinter sich zu, und der arme Mann blieb
-mitten im Saal aufgepflanzt stehen und murmelte mit einem beispiellosen
-Cynismus zwischen den Gaumen -- Zähne hatte er ja nicht:
-
-»Gott sei Dank! Ich glaubte nicht, daß es so gut enden würde... Garduña
-wird mir eine andere suchen.«
-
-
-36.
-
-Schluß, Moral und Epilog.
-
-Fröhlich zwitschernd grüßten die Vögel den Morgen, als Tio Lucas und die
-Seña Frasquita die Stadt verließen, um sich nach der Mühle zu begeben.
-
-Die Gatten gingen zu Fuß, vor ihnen her trabten die beiden
-zusammengekoppelten Esel.
-
-»Am Sonntag mußt du zur Beichte gehen,« sagte die Müllerin zu ihrem
-Mann, »denn du mußt dich von all den schlechten Meinungen und
-verbrecherischen Absichten dieser Nacht reinigen.«
-
-»Da hast du einen guten Gedanken,« antwortete der Müller. »Aber du mußt
-mir dafür auch einen Gefallen thun und die Matratzen und das Bettzeug
-unseres Bettes den Armen geben und alles neu anschaffen. Ich lege mich
-nicht wieder dahin, wo dies giftige Gewürm geschwitzt hat.«
-
-»Nenne ihn nicht, Lucas!« versetzte die Seña Frasquita. »Aber um von
-etwas anderem zu sprechen. Ich möchte dich noch um einen anderen
-Gefallen bitten...«
-
-»Bitte nur.«
-
-»Im künftigen Sommer wirst du mich nach Solan de Cabras bringen, um eine
-Badekur zu gebrauchen.«
-
-»Warum?«
-
-»Um zu sehen, ob wir Kinder bekommen werden.«
-
-»Das ist eine sehr glückliche Idee. Wenn Gott uns das Leben schenkt,
-sollst du dorthin gehen.«
-
-Sie langten bei der Mühle an, gerade als die Sonne, ohne noch
-aufgegangen zu sein, die Gipfel des Gebirges vergoldete. -- -- --
-
-Zur größten Überraschung der Gatten, die nach einer so ärgerlichen
-Szene, wie die der vergangenen Nacht, keine Besuche von hohen
-Herrschaften mehr erwarteten, versammelten sich am Nachmittage mehr
-Personen denn je. Der ehrwürdige Prälat, viele Domherren, der Lehrer der
-Rechtswissenschaft, zwei Priore von Mönchsklöstern und verschiedene
-andere Personen, die, wie man bald erfuhr, Se. Hochwürden
-zusammenberufen hatte, füllten den ganzen Platz vor dem Hause.
-
-Nur der Corregidor fehlte.
-
-Als alle versammelt waren, ergriff der Herr Bischof das Wort und sagte,
-daß, gerade weil gewisse Dinge in jenem Hause vorgefallen wären, seine
-Domherren und er wie früher kommen würden, damit weder die braven
-Müllersleute, noch die übrigen gegenwärtigen Personen vom öffentlichen
-Tadel betroffen würden, den nur jener verdiente, welcher durch sein
-rohes Betragen eine so gesittete, anständige Gesellschaft entweiht
-hatte. Er ermahnte die Seña Frasquita väterlich, fürderhin weniger
-herausfordernd und verführerisch in ihren Worten und Bewegungen zu sein,
-die Arme mehr bedeckt und den Ausschnitt des Kleides etwas höher zu
-tragen, riet dem Tio Lucas, seinen Vorgesetzten gegenüber mehr
-Uneigennützigkeit, größere Zurückhaltung und weniger Unbescheidenheit zu
-zeigen, gab dann schließlich seinen Segen, und da er an jenem Tage nicht
-fastete, würde er mit vielem Vergnügen ein paar Trauben essen. Dasselbe
-meinten alle, nämlich das letztere -- und der Weinstock erzitterte den
-ganzen Nachmittag. -- Der Müller schätzte den Konsum an Weintrauben auf
-zwei Arrobas.[10] -- --
-
-Ungefähr drei Jahre lang dauerten diese angenehmen Zusammenkünfte, als
-wider alles Erwarten die Heere Napoleons in Spanien eindrangen und der
-Freiheitskrieg begann.
-
-
-Der Herr Bischof, der Magistrat und der Pönitentiar starben im Jahre
-1808, und der Advokat und die übrigen Teilnehmer in den Jahren 9, 10, 11
-und 12, weil sie den Anblick der Franzosen, Polen und anderer Raubtiere
-nicht ertragen konnten, welche in das Land einfielen und sogar im
-Presbyterium der Kirchen, während der Militärmesse, ihre Pfeifen
-rauchten!
-
-Der Corregidor, der nie wieder nach der Mühle kam, wurde durch einen
-französischen Marschall ersetzt und starb im Kerker in Madrid, weil er
-sich auch nicht einen Augenblick, zu seiner Ehre sei's gesagt, mit der
-Fremdherrschaft einverstanden erklären wollte.
-
-Doña Mercedes hat sich nicht wieder verheiratet und erzog ihre Kinder
-ganz ausgezeichnet. Im Alter zog sie sich in ein Kloster zurück und
-starb dort im Geruche der Heiligkeit.
-
-Garduña wurde französiert.
-
-Señor Juan Lopez kämpfte im Guerillakriege als Anführer und starb,
-gleich seinem Alguacil, in der berühmten Schlacht bei Baza, nachdem er
-sehr viele Franzosen getötet hatte.
-
-Zum Schluß: Tio Lucas und die Seña Frasquita, obgleich sie keine Kinder
-bekamen, trotzdem sie nach Solan de Cabras gegangen waren und viele
-Gelübde abgelegt hatten, liebten sich immer auf ihre Weise und
-erreichten ein hohes Alter. Sie sahen den Absolutismus in den Jahren
-1812 und 1820 dahinsinken und ihn 1814 und 1823 wieder erscheinen, bis
-endlich nach dem Tode des Absoluten Königs die Konstitution eingeführt
-wurde; und sie schlummerten zu einem besseren Leben hinüber gerade beim
-Ausbruch des siebenjährigen Bürgerkrieges, ohne daß die damals schon
-allgemein getragenen Cylinderhüte =jene Zeiten= bei ihnen in
-Vergessenheit geraten ließen, welchen als Symbol diente -- =der
-Dreispitz=.
-
-
- =Ende.=
-
-
-
-
-FUSSNOTEN:
-
-[1] Zwei Neuntel von allen Zehnten, die der König bekommt.
-
-[2] Suppe mit Gemüse und Fleisch.
-
-[3] Gleich nach der Suppe zu essen.
-
-[4] Volkstümlich für Señora Frasquita, Frau Fränzchen = Franziska.
-
-[5] Abendgesellschaft, Versammlung.
-
-[6] _Que Dios guarde_, den Gott erhalte, übliche Formel.
-
-[7] Es handelt sich hier um ein unübersetzbares Wortspiel zwischen
-_males_ und _animales_.
-
-[8] »Ave, reinste Maria! Halb Eins und schönes Wetter!« Dies
-der gewöhnliche Ruf der Nachtwächter, die, weil die Nächte meist heiter
-(_sereno_) sind, hiervon auch vielleicht den Namen _serenos_ erhalten
-haben. Regnet es, so fügen sie der Angabe der Zeit _y lloviendo_ (und
-es regnet) hinzu.
-
-[9] _pompa_ ist Pracht, Prunk, aber auch der Bausch, welchen die
-Frauenkleider beim Niederbeugen machen.
-
-[10] Eine Arroba gleich 11-1/2 Kilogramm.
-
-
-
-
-Notizen des Bearbeiters:
-
-Hinzugefügt: Inhaltsverzeichnis
-
-Text in Antiqua-Schrift gekennzeichnet durch _..._
-
-Gesperrter Text gekennzeichnet durch =...=
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Dreispitz, by Pedro de Alarcon
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DREISPITZ ***
-
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