diff options
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 4 | ||||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 | ||||
| -rw-r--r-- | old/50216-0.txt | 4301 | ||||
| -rw-r--r-- | old/50216-0.zip | bin | 75981 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/50216-h.zip | bin | 171687 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/50216-h/50216-h.htm | 5587 | ||||
| -rw-r--r-- | old/50216-h/images/cover_ebook.jpg | bin | 100495 -> 0 bytes |
8 files changed, 17 insertions, 9888 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..910adda --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #50216 (https://www.gutenberg.org/ebooks/50216) diff --git a/old/50216-0.txt b/old/50216-0.txt deleted file mode 100644 index 1903f12..0000000 --- a/old/50216-0.txt +++ /dev/null @@ -1,4301 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Der Dreispitz, by Pedro de Alarcon - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Der Dreispitz - -Author: Pedro de Alarcon - -Translator: Hulda Meister - -Release Date: October 14, 2015 [EBook #50216] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DREISPITZ *** - - - - -Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, Laurent -Vogel and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Der Dreispitz - - - - - Aus dem Spanischen - - des - - D. Pedro de Alarcon - - übersetzt von - - Hulda Meister - - - - - Leipzig - - Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. - - - - -Inhaltsverzeichnis - - - Vorrede 3 - - 1. Wann es geschah 7 - - 2. Wie die Leute damals lebten 9 - - 3. Do ut des 10 - - 4. Eine Frau von außen besehen 13 - - 5. Ein Mann von innen und von außen besehen 16 - - 6. Fertigkeiten der beiden Ehegatten 17 - - 7. Der Grund der Glückseligkeit 19 - - 8. Der Mann mit dem Dreispitz 21 - - 9. Hü, Esel! 24 - - 10. Vom Rebengeländer aus 25 - - 11. Das Bombardement von Pamplona 28 - - 12. Zehnten und Erstlinge 35 - - 13. Da sagte die Krähe zum Raben 38 - - 14. Garduñas Ratschläge 41 - - 15. Abschied in Prosa 46 - - 16. Ein Unglücksvogel 50 - - 17. Ein Dorfschulze 52 - - 18. Wie Tio Lucas nicht ans Schlafen dachte 54 - - 19. Stimmen in der Wüste 55 - - 20. Zweifel und Wirklichkeit 57 - - 21. Achtung, Herr! 64 - - 22. Garduña vervielfältigt sich 69 - - 23. Noch einmal die Wüste und die bewußten Stimmen 72 - - 24. Ein König von damals 73 - - 25. Garduña's Stern 76 - - 26. Reaktion 77 - - 27. Im Namen des Königs 78 - - 28. Ave Maria purisima! Las doce y media, y sereno! 81 - - 29. Nach dem Gewölk ... Reveille 83 - - 30. Eine Dame von Stande 84 - - 31. Die Strafe der Wiedervergeltung 85 - - 32. Der Glaube versetzt Berge 90 - - 33. Nun, und du? 92 - - 34. Auch die Corregidora ist reizend 96 - - 35. Kaiserliches Dekret 99 - - 36. Schluß, Moral und Epilog 102 - - - - -Vorrede. - - -Es giebt wohl wenige Spanier, selbst wenn wir solche mitrechnen, die -wenig wissen und lesen, welche die dem vorliegenden Werkchen zu Grunde -liegende Erzählung nicht kennen. - -Zuerst hörten wir sie von einem unwissenden Ziegenhirten, der nie aus -dem versteckten Dörfchen, in welchem er das Licht der Welt erblickt, -herausgekommen war. Er war einer jener ungelehrten, aber natürlich -schlauen, lustigen Bauern, die in unserer Nationallitteratur unter dem -Namen _picaros_ (Schelme, Spitzbuben) eine so große Rolle spielen. Gab -es eine Hochzeit, eine Taufe, oder kam die Herrschaft einmal zum Besuch, -so wurden diese Ereignisse im Flecken natürlich gefeiert, und seine -Aufgabe war es dann, die Possen und Pantomimen zu leiten, den Hanswurst -zu spielen und Romanzen und Erzählungen vorzutragen; und bei einer -solchen Gelegenheit war es (schon fast ein ganzes Menschenalter -- das -heißt, wohl mehr als fünfunddreißig Jahre -- ist darüber vergangen), bei -der er eines Abends unsere (relative) Unschuld mit der Erzählung in -Versen: =»Der Corregidor und die Müllerin«=, oder auch =»Der Müller -und die Corregidora«= blendete und entzückte. Wir übergeben sie heute -unter dem anspruchsvolleren und philosophischeren Namen (denn so -verlangt es der Ernst unserer Zeit) =»Der Dreispitz«= dem Publikum. - -Zwar erinnern wir uns, daß an jenem Abende, an welchem der Ziegenhirt -uns eine so angenehme Kurzweil verschaffte, die dort versammelten -heiratsfähigen Mädchen sehr rot wurden, woraus die Mütter dann -schlossen, daß die Geschichte etwas saftig sein müßte, und den Hirten -gehörig zurechtsetzten; aber der arme Repela (so hieß der Hirt) war -nicht auf den Mund gefallen und antwortete auf der Stelle, daß sie gar -nicht nötig hätten, so aufgebracht zu sein, denn in seiner Erzählung -wäre nichts, was nicht jedermann hören könnte, ja, was nicht sogar die -Nonnen und die vierjährigen Mädchen wüßten... - -»Und wenn nicht, so wollen wir doch einmal sehen,« fragte der -Ziegenhirt, »was lernt man aus der Geschichte vom =Corregidor und der -Müllerin=? Daß verheiratete Leute zusammenschlafen, und daß es keinem -Gatten paßt, wenn ein anderer Mann bei seiner Frau schläft.... Mich -dünkt, daß ist doch die reine Wahrheit!...« - -»Freilich ist das wahr,« antworteten die Mütter, als sie das Gelächter -ihrer Töchter hörten. - -»Beweis dafür, daß der Onkel Repela recht hat,« bemerkte hierauf der -Vater des Bräutigams, »ist, daß Groß und Klein, alle hier Gegenwärtigen -sich schon überzeugt haben, daß, sobald heute der Tanz zu Ende ist, -Juanete und Manolilla das schöne Ehebett einweihen werden, das die Tante -Gabriela eben unseren Töchtern gezeigt hat, um die Stickereien an den -Kopfkissen zu bewundern...« - -»Mehr noch,« sagte der Großvater der Braut, »sogar in der Doctrin und in -den Predigten wird den Kindern von diesen so ganz natürlichen Sachen -erzählt, wie unsere liebe Frau Anna so lange unfruchtbar war, vom -keuschen Joseph, von Judiths Kriegslist und vielen anderen Wundern, die -mir jetzt nicht gerade einfallen... darum...« - -»Ach was, Tio (Onkel) Repela,« riefen die Mädchen mutig aus, »erzählt -Eure Geschichte noch einmal, sie ist doch sehr lustig!« - -»Und sogar sehr anständig,« fuhr der Großvater fort, »denn sie lehrt -euch nichts Schlechtes; -- keinem wird darin angeraten, schlecht zu -sein, und der schlecht gewesen ist, geht nicht ungestraft aus...« - -»Nun, meinetwegen! wiederholt sie also!« sagte schließlich jede -Familienmutter. - -Tio Repela wiederholte die Romanze, und da alle sie nun im Lichte jener -einfachen Kritik sahen, so gab es auch kein »aber« dabei, was ebenso gut -war, wie wenn sie gesagt hätten: Wir geben die =notwendige Erlaubnis=! - - * * * * * - -Im Laufe des Jahres haben wir noch viele und sehr verschiedene Versionen -desselben Abenteuers von dem Müller und der Corregidora gehört und immer -von den Lippen eines Dorfgracioso nach der Art des schon verstorbenen -Tio Repela; dann haben wir sie auch in den »Romanzen eines Blinden« -gedruckt gesehen und sogar in den berühmten Romanzen des unvergeßlichen -Don Agustin Duran. - -Die Grundlage der Erzählung ist überall dieselbe: tragikomisch, -spöttisch und entsetzlich epigrammatisch, wie alle dramatischen -Morallehren, für die sich unser Volk begeistert; aber die Form, der -zufällige Mechanismus, die eigentümlichen Vorgänge sind sehr, sind -außerordentlich verschieden von der Erzählung unseres Hirten; so sehr, -daß dieser keine der erwähnten Versionen in der Cortijada (Bauernhof) -hätte vortragen können, ohne daß sich die anständigen Mädchen die Ohren -zugehalten oder die Mütter ihm die Augen ausgekratzt hätten. - -Bis zu solchem Grade haben die groben Tölpel anderer Provinzen die -traditionelle Erzählung, die in des klassischen Repela Version so -köstlich, anständig und rein erschien, aufgebauscht und entstellt. - -So hatten wir denn schon seit langer Zeit den Plan gefaßt, die Wahrheit -der Dinge ans Licht zu bringen, indem wir der stark entstellten -Erzählung ihren ursprünglichen Charakter zurückgeben, denn ohne Zweifel -war derjenige, in dem der Anstand am meisten gewahrt worden, der -ursprüngliche. -- Wie könnte man auch daran zweifeln? Diese Art von -Erzählungen verlieren, wenn sie durch die Hände des Volkes gehen, ihre -Eigentümlichkeiten nicht dadurch, daß sie schöner, zarter und -anständiger gemacht werden, sondern indem sie durch die Berührung mit -der Gemeinheit und Roheit verstümmelt und verdorben werden. - -Das ist die Geschichte des vorliegenden Buches... So wollen wir denn -loslegen, das heißt, wir wollen mit der Erzählung von dem Corregidor und -der Müllerin beginnen, in der Hoffnung, daß du, ehrenwertes Publikum, in -deinem gesunden Urteil, »nachdem du sie gelesen und mehr Kreuze -geschlagen hast, als wenn du den leibhaftigen Gottseibeiuns gesehen -hättest« (wie Estebanillo Gonzalez im Anfange der seinigen sagte), sie -für würdig und wert erachten wirst, veröffentlicht worden zu sein. - - - - -Der Dreispitz. - - -1. - -Wann es geschah. - -Es war zu Anfang dieses langen Jahrhunderts, das sich schon seinem Ende -zuneigt. -- Ganz genau weiß man das Jahr nicht, nur, daß es nach dem -Jahre 4 und vor dem Jahre 8 war. - -Damals regierte Don Carlos der Vierte von Bourbon in Spanien; von Gottes -Gnaden, wie die Münzen besagten, aus Vergeßlichkeit nur von Bonapartes -besonderer Gnade, wie die französischen Bulletins es erklärten. Die -übrigen europäischen Herrscher, Abkömmlinge Ludwigs _XIV._, hatten -schon ihre Krone (und ihr Haupt seinen Kopf) verloren in dem rasenden -Sturme, der über diesen alten Teil der Welt seit 1789 dahinfegte. - -Doch darin bestand die Eigentümlichkeit unseres Vaterlandes in jener -Zeit nicht allein. Der Soldat der Revolution, der Sohn eines unbekannten -korsischen Advokaten, der Sieger von Rivoli, von den Pyramiden, Marengo -und hundert anderen Schlachten, hatte sich soeben die Krone Karls des -Großen aufs Haupt gesetzt und ganz Europa umgewandelt, hatte Nationen -geschaffen, Nationen ausgelöscht, Grenzen aufgehoben, Dynastien -geschaffen, und den Städten, durch welche er auf seinem Streitroß gleich -einem Erdbeben, oder gleich dem Antichristen, wie ihn die Mächte des -Nordens nennen, kam, andere Formen, andere Namen, Lage, Sitte, ja sogar -ein anderes Ansehen gegeben. -- Und doch waren unsere Väter (Gott habe -sie selig!) weit davon entfernt, ihn zu hassen oder zu fürchten; im -Gegentheil gefielen sie sich darin, seine außergewöhnlichen Thaten zu -bewundern, wie wenn es sich um den Helden eines Ritterromanes oder um -Dinge gehandelt hätte, die sich auf einem anderen Planeten zugetragen, -und nicht im entferntesten fiel es ihnen ein, daß er auch hierher kommen -könne, um dieselben Grausamkeiten, die er in Frankreich, Deutschland, -Italien und anderen Ländern verübt, auch hier zu versuchen. Einmal -wöchentlich, höchstens zweimal kam die Post aus Madrid nach dem größten -Teile der bedeutenderen Städte der Halbinsel und brachte eine Nummer der -Zeitung (die auch keine tägliche war) mit, und durch sie erfuhren die -hauptsächlichsten Personen (wir wollen einmal annehmen, daß die Zeitung -über diese Geringfügigkeiten berichtete), ob jenseits der Pyrenäen ein -Staat mehr oder weniger existierte, ob wieder eine Schlacht geschlagen -worden war, in der sechs oder acht Könige und Kaiser gekämpft, und ob -Napoleon sich in Mailand, Brüssel oder Warschau befand. Im übrigen aber -lebten unsere Vorväter ganz nach der alten spanischen Weise, äußerst -langsam, an veralteten Gebräuchen klebend, im Frieden und der Gnade -Gottes, mit ihrer Inquisition und ihren Mönchen, ihrer malerischen -Ungleichheit vor dem Gesetz, mit ihren Privilegien, Gerechtsamen und -persönlichen Vorrechten, mit ihrem Mangel an jeder politischen oder -munizipalen Freiheit, wurden gleichzeitig von ihren berühmten Bischöfen -und mächtigen Corregidoren, deren respektive Machtvollkommenheiten nicht -leicht zu umgrenzen waren, da sich die einen wie die anderen mit dem -Zeitlichen und Ewigen befaßten, regiert, und bezahlten Zehnten, -Erstlinge, Handelsabgaben, Unterstützungsgelder, Almosen und gezwungene -Vermächtnisse, Renten, Rentchen, Kopfsteuern, königliche _tercias_,[1] -Abgaben, Steuern und wohl fünfzig Tribute mehr, deren Aufzählung hier -nicht notwendig ist. - -Und hiermit ist alles gesagt, was die vorliegende Erzählung mit dem -militärischen und politischen jener Epoche zu thun hatte; denn unser -alleiniger Zweck, wenn wir vorführten, was damals in der Welt geschah, -war: zu konstatieren, daß in dem bewußten Jahre (sagen wir so um 1805) -in Spanien noch das =alte= System in allen Kreisen des öffentlichen -und privaten Lebens vorherrschte, wie wenn die Pyrenäen sich inmitten -all dieser Neuerungen und Umwälzungen in eine andere chinesische Mauer -verwandelt hätten. - - -2. - -Wie die Leute damals lebten. - -In Andalusien zum Beispiel (denn das, was ich erzählen will, trug sich -gerade in einer andalusischen Stadt zu) erhoben sich die Leute von Stand -sehr früh, gingen zur Frühmesse in die Kathedrale, wenn es auch kein -verordneter Festtag war, frühstückten um neun Uhr einen Eierkuchen und -eine Tasse Chokolade mit _picatostes_ (in Öl geröstetes Brot), aßen um -ein oder zwei Uhr nachmittags _puchero_[2] und _principio_,[3] wenn -es Wild gab, wenn nicht, dann nur _puchero_ allein, hielten nach dem -Essen ihre Siesta, machten darauf einen Spaziergang durchs Feld, gingen -in der Dämmerung in ihrem respektiven Kirchspiel zum Rosenkranz; zum -Avemaria tranken sie noch eine Tasse Chokolade, diesmal jedoch mit -Zwieback, und die vornehmsten unter ihnen gingen dann zur -Abendgesellschaft beim Corregidor, dem Dekan, oder welcher Titel gerade -der vorherrschende in der Stadt war. Beim Abendläuten zog man sich -zurück, schloß die Hausthür beim Zapfenstreich, aß Salat und _guisado_ -(Geschmortes) aus Autonomasie, wenn nicht etwa frische Fische angekommen -waren, zum Abendbrot und legte sich sogleich mit seiner Frau zu Bett, -doch nicht, ohne daß während neun Monaten im Jahre das Bett vorher -gewärmt worden wäre... Das waren glückliche Zeiten, in denen unser Land -im ruhigen, friedlichen Besitz aller Spinnengewebe, allen Staubes, aller -Motten, allen Respektes, aller Glaubensmeinungen, aller Traditionen, -Gebräuche und durch die Jahrhunderte geheiligten Mißbräuche dahinlebte! -Glückliche Zeiten waren es, in denen es in der menschlichen Gesellschaft -verschiedene Klassen, verschiedene Meinungen, verschiedene Gebräuche -gab! Glückliche Zeiten! sage ich... und besonders für die Dichter, die -hinter jeder Ecke eine Legende, eine Erzählung, eine Komödie, ein Drama, -eine Novelle, ein Lustspiel, ein Zwischenspiel, ein Mysterium oder ein -Epos fanden an Stelle dieser prosaischen Gleichförmigkeit und des -geschmacklosen Realismus, den uns die französische Revolution als -Erbteil hinterließ. -- Glückliche Zeiten, wenn... - -Aber da falle ich ja wieder in die alte Gewohnheit zurück. Genug also -mit Allgemeinheiten und Umschweifen und laßt uns mutig beginnen mit der -Geschichte =vom Dreispitz=. - - -3. - -_Do ut des._ - -Zu jener Zeit gab es in der Nähe der Stadt *** eine prächtige Mühle, die -jetzt nicht mehr existiert, ungefähr eine Viertel Legua vom Orte -entfernt, zwischen zwei mit Weichsel- und anderen Kirschbäumen -bewachsenen Hügeln und einem sehr fruchtbaren Obstgarten, der einem -verräterischen, intermittierenden Flusse als Rand -- zuweilen auch als -Bett -- diente. - -Seit einiger Zeit schon war die Mühle aus verschiedenen und -unterschiedlichen Gründen der bevorzugte Ziel- und Ruhepunkt der -angeseheneren Spaziergänger aus der vorerwähnten Stadt. Erstens führte -eine Landstraße dorthin, die weniger unbefahrbar war als alle übrigen -der Gegend. Zweitens befand sich vor der Mühle ein kleiner, -gepflasterter Platz, von einer riesigen, mit Wein überzogenen Laube -überschattet, in der man in sehr angenehmer Weise, dank dem -immerwährenden Wechsel der Weinblätter, die Kühle des Sommers und die -Sonne im Winter genießen konnte.... Drittens war der Müller ein sehr -achtbarer Mann, sehr zurückhaltend, sehr schlau, der, was man so sagt, -Menschenkenntnis besaß und die Leute zu nehmen wußte, und die großen -Herren, die ihn zur Vesperstunde mit ihrem Besuche zu beehren pflegten, -bewirtete, indem er ihnen anbot, was gerade die Jahreszeit so mit sich -brachte, jetzt grüne Bohnen, dann Kirschen und Weichselkirschen, rohen -Salat ohne Zuthaten (der ganz ausgezeichnet ist, wenn man ihn mit -Röllchen von in Öl geröstetem Brote ißt, welche die Herrschaften -gewöhnlich vorauszuschicken pflegten), Melonen, darauf Weintrauben von -demselben Weinstock, der ihnen als Baldachin diente, dann Maiskolben -und, wenn es Winter war, gebratene Kastanien, Mandeln und Nüsse und -zuweilen an sehr kalten Tagen ein Schlückchen guten Weines (dann aber -schon im Hause und beim wärmenden Feuer), dem man zu Weihnachten ein -wenig Gebäck, eine Butterschnitte, eine Brezel oder eine Schnitte -Schinken aus den Alpujarras hinzufügte. - -War der Müller denn so reich, oder seine Gäste so anspruchsvoll? werdet -ihr, mich unterbrechend, ausrufen. Weder eins noch das andere. Der -Müller hatte nur gerade sein Auskommen, und jene Herren waren das -personifizierte Zartgefühl und Stolz. Aber in einer Zeit, in der man der -Kirche und dem Staat einige fünfzig verschiedene Abgaben bezahlte, da -setzte ein so verständiger und hellsehender Mann wie jener nicht viel -aufs Spiel, wenn er sich die Gunst der Regidoren, Canonici, Mönche, -Schreiber und anderer einflußreichen Personen zu erwerben suchte. Darum -fehlte es auch nicht an Leuten, die da behaupteten, daß der Tio Lucas, -denn so hieß der Müller, jedes Jahr ein hübsches Sümmchen zurücklegte, -weil er alle Welt bewirtete. - -»Euer Gnaden könnten mir wohl ein altes Thürchen von dem -heruntergerissenen Hause geben,« sagte er zu dem einen. »Euer -Herrlichkeit,« sagte er zu dem andern, »könnten doch wohl Befehl geben, -daß man mir die Unterstützungsgelder oder die Kopfsteuer oder den -Steueraufschlag etwas erniedrigt.« -- »Ehrwürden erlauben mir wohl, daß -ich im Klostergarten ein bißchen Laub für meine Seidenwürmer abpflücke.« --- »Durchlaucht geben mir wohl Erlaubnis, ein bißchen Brennholz im Walde -X. zusammenzulesen.« -- »Euer Väterlichkeit wird mir wohl ein paar Worte -schreiben, damit man mir erlaubt, im Walde H. ein wenig Nutzholz -abzuhauen.« -- »Euer Wohlgeboren muß mir da so ein kleines Schriftchen -aufsetzen, das nichts kostet.« -- »In diesem Jahre kann ich den Zins -nicht bezahlen.« -- »Ich hoffe, daß der Prozeß zu meinen Gunsten -entschieden werden wird.« -- »Heute habe ich einem ein paar Ohrfeigen -gegeben, und mich dünkt, der muß ins Gefängnis gesteckt werden, weil er -mich dazu herausgefordert hat.« -- »Hätten Euer Gnaden das wohl übrig?« --- »Brauchen Sie das noch zu irgend etwas?« -- »Könnten Sie mir Ihr -Maultier leihen?« -- »Brauchen Sie morgen Ihren Wagen?« -- »Was meinen -Sie, darf ich wohl den Esel ein wenig holen lassen?« -- Und dies -Liedchen wiederholte sich stets und in allen Tonarten und erhielt immer -die großmütige Antwort: »Wie Sie wünschen.« - -Daraus seht ihr wohl schon, daß Tio Lucas nicht auf dem Wege war, sich -zu Grunde zu richten. - - -4. - -Eine Frau von außen besehen. - -Der letzte und vielleicht der stärkste Grund, den die Herrschaften aus -der Stadt hatten, alle Nachmittage die Mühle des Tio Lucas zu besuchen, -war wohl der, daß sowohl die Geistlichen wie die Laien, vom Herrn -Bischof und dem Herrn Corregidor (denn auch diese verachteten es nicht, -sie zu besuchen) an, ganz nach ihrer Bequemlichkeit eines der schönsten, -anmutigsten, bewundernswürdigsten Werke betrachten konnten, die je aus -der Hand Gottes oder, wie man damals mit Jovellanos und der ganzen -französischen Schule unseres Vaterlandes sagte, des höchsten Wesens -hervorgegangen. - -Dies Werk war die Seña Frasquita.[4] - -Vor allen Dingen will ich erst sagen, daß die Seña Frasquita, die -rechtmäßige Frau des Tio Lucas, eine vortreffliche Frau war, und das -wußten alle illustren Besucher der Mühle. Ich sage noch mehr: keiner von -ihnen wagte es, sie auch nur mit begehrlichen Blicken oder in sündhafter -Absicht zu betrachten. Sie bewunderten sie, und Mönche und Herren, -Canonici und obrigkeitliche Personen beliebten, sie zuweilen, natürlich -in Gegenwart ihres Mannes, als ein Wunder von Schönheit, das seinen -Schöpfer ehrte, und als eine kleine Teufelin voll Übermut und -Koketterie, die unbewußt die schwermütigsten Geister aufheiterte, zu -preisen. »Sie ist ein schönes Tierchen,« pflegte der sehr tugendsame -Prälat zu sagen. -- »Sie ist wie eine Statue des hellenischen -Altertums,« bemerkte ein sehr gelehrter Advokat, ein korrespondierendes -Mitglied der Akademie der Geschichte. -- »Sie ist wahrhaftig eine -zweite Eva.« brach der Prior der Franziskaner los. -- »'s ist ein -königliches Weib,« rief der Oberst der Miliz. -- »Es ist eine Schlange, -eine Sirene, ein Dämon,« fügte der Corregidor hinzu. -- »Aber sie ist -eine gute Frau, ein Engel, ein liebliches Geschöpfchen, wie ein -vierjähriges Kindchen,« schlossen endlich alle, wenn sie von der Mühle, -vollgestopft mit Weintrauben oder Nüssen, heimkehrten, um ihren -düsteren, methodischen Herd aufzusuchen. - -Die vierjährige Kleine, das heißt die Seña Frasquita, war so nahe an die -dreißig. Sie war über fünf Fuß groß und verhältnismäßig stark, oder fast -noch stärker als es für ihre stolze Figur paßte. Sie sah aus wie eine -kolossale Niobe, und doch hatte sie keine Kinder gehabt, ein weiblicher -Herkules, eine römische Matrone, wie man noch einige Exemplare im -Trastevere sieht. Aber das Bemerkenswerteste an ihr war die -Beweglichkeit, die Lebhaftigkeit und Anmut dieser respektablen Form. Um -eine Statue zu sein, wie der Akademiker behauptete, fehlte ihr die -monumentale Ruhe. Wie ein Rohr bog sie sich, drehte sich wie eine -Wetterfahne, tanzte wie ein Brummkreisel. Ihr Gesicht war noch -beweglicher und am wenigsten plastisch. In der reizendsten Weise wurde -es von fünf Grübchen belebt, zwei in einer Wange, eins in der andern, -ein ganz kleines am linken Winkel ihrer lachenden Lippen, und das -letzte, sehr große mitten in ihrem runden Kinn. Fügt zu all diesem -schelmische Grimassen, anmutiges Blinzeln und verschiedene -Kopfstellungen, welche ihre Unterhaltung noch angenehmer machten, und -ihr könnt euch eine Vorstellung von jenem Gesicht voll Geist und -Schönheit machen, das immer von Gesundheit und Heiterkeit widerstrahlte. - -Weder die Seña Frasquita noch der Tio Lucas waren Andalusier; sie war -aus Navarra und er aus Murcia. Fünfzehn Jahre alt war er halb als Page, -halb als Diener des früheren Bischofs, nicht dessen, der augenblicklich -die Kirche regierte, nach *** gegangen. Sein Beschützer erzog ihn zum -Geistlichen, und damit es ihm nicht an der _cóngrua_ (dem Einkommen -des Priesters zu seiner Unterhaltung) fehle, hatte er ihm in seinem -Testamente jene Mühle vermacht; aber Tio Lucas, der beim Tode Sr. -Hochwürden noch nicht ordiniert war, hing zur selben Stunde seine -Kleider an den Nagel und ließ sich als Soldat anwerben, da er größere -Lust hatte, die Welt zu sehen und Abenteuer zu bestehen, als Messe zu -lesen oder Mehl zu mahlen. 1793 machte er den Feldzug in den westlichen -Pyrenäen als Ordonnanz des tapferen Generals Don Ventura Caro mit, war -bei der Einnahme von Castillo-Piñon und blieb dann lange Zeit in den -nördlichen Provinzen. In Estella lernte er die Seña Frasquita kennen, -die sich damals nur Frasquita nannte, verliebte sich in sie, heiratete -sie und nahm sie mit sich nach Andalusien in jene Mühle, welche sie so -friedlich und glücklich während des übrigen Teiles ihrer Pilgerschaft -durch dies Thal der Thränen und des Lachens sehen sollte. - -Dadurch, daß die Seña Frasquita von Navarra aus unmittelbar in diese -Einsamkeit verpflanzt worden war, hatte sie keine andalusischen Sitten -angenommen und unterschied sich darum auch sehr von den übrigen -Landbewohnerinnen der Umgegend. Sie kleidete sich einfacher, anmutiger -und eleganter als sie, wusch sich öfter und gestattete der Sonne und der -Luft, ihre entblößten Arme und ihren unbedeckten Hals zu liebkosen. Bis -zu einem gewissen Grade trug sie die Tracht der Damen jener Epoche, die -Tracht der Frauen von Goya, die Tracht der Königin Marie Louise; wenn es -auch nicht ein Rock von einem halben Schritt war, so war er doch nicht -mehr als einen Schritt weit, sehr kurz, so daß er ihre kleinen Füße und -den Ansatz ihres prachtvollen Beines sehen ließ, der Ausschnitt rund und -niedrig, nach Madrider Art und Weise, wo sie sich zwei Monate lang mit -ihrem Lucas aufgehalten hatte, als sie von Navarra nach Andalusien -übersiedelten. Das Haar war oben auf dem Wirbel zusammengenommen, was -die ganze Schönheit ihres Kopfes und Halses freiließ; prächtige -Ohrgehänge in ihren kleinen Ohren und viele Ringe auf den zugespitzten -Fingern ihrer harten, aber reinen Hände. Und zum Schluß: Seña Frasquitas -Stimme umschloß alle Töne eines sehr ausgedehnten, melodiösen -Instrumentes, und ihr Lachen war so heiter und silberhell, wie das -Geläute am heiligen Ostermorgen. - -Nun wollen wir auch das Bild des Tio Lucas zeichnen. - - -5. - -Ein Mann, von innen und von außen besehen. - -Der Tio Lucas war häßlicher als Picio. Er war es schon immer gewesen, -und jetzt war er vierzig Jahre alt. Und doch hat wohl Gott wenige so -sympathische und angenehme Männer in die Welt gesetzt. Von seiner -Lebhaftigkeit, seinem Witz und seinem Verstande eingenommen, hatte ihn -der verstorbene Bischof von seinen Eltern, die Hirten, aber nicht -Seelen-, sondern leibhaftige Schafhirten waren, verlangt. Als Se. -Hochwürden gestorben war und der junge Bursche das Seminar mit der -Kaserne vertauscht hatte, zeichnete der General Caro ihn vor dem ganzen -Heere aus, indem er ihn zu seiner vertrauten Ordonnanz machte. Als Tio -Lucas endlich seine militärische Laufbahn aufgegeben, wurde es ihm -ebenso leicht, das Herz der Seña Frasquita zu erobern, wie es ihm leicht -geworden, die Achtung des Generals und des Prälaten zu erwerben. Die -Navarresin, die zu jener Zeit zwanzig Frühlinge zählte und der Augapfel -aller jungen Bursche von Estella, und darunter recht reiche, war, konnte -den fortgesetzten Artigkeiten, den witzigen Einfallen, den Blicken des -verliebten Affen und dem spöttischen, beständigen Lächeln voller -Bosheit, aber auch voller Sanftmut jenes kecken, beredten, klugen, -bereitwilligen, tapfern und witzigen Murcianers nicht widerstehen, und -so verdrehte er ihr endlich den Kopf, und nicht allein der vielbegehrten -Schönheit, sondern auch ihren Eltern. - -Lucas war dazumal und bis zu dem Zeitpunkte, von dem wir jetzt sprechen, -von kleiner Statur (wenigstens im Verhältnis zu seiner Frau), mit etwas -hohen Schultern, sehr brünett, mit dünnem Bart, großer Nase, großen -Ohren und blatternarbig. Dagegen war sein Mund regelmäßig und sein Gebiß -unvergleichlich schön. Eigentlich konnte man sagen, daß nur die Schale -rauh und häßlich an jenem Manne war; sobald man aber anfing, in das -Innere einzudringen, so erschienen alle seine Vorzüge, und diese Vorzüge -begannen mit den Zähnen, dann kam die Stimme, vibrierend, biegsam, -anziehend, zuweilen männlich und ernst, süß und weich wenn er um etwas -bat, und fast stets unwiderstehlich. Darauf kam das, was er mit jener -Stimme sagte: Alles zur rechten Zeit, verständig, klug, überzeugend... -Und zuletzt waren in der Seele des Tio Lucas Mut, Aufrichtigkeit, -Ehrlichkeit, gesunder Menschenverstand, Wunsch nach Wissen, sowie -instinktive oder durch die Erfahrung gewonnene Kenntnisse vieler Dinge, -eine tiefe Verachtung aller Narren, welcher gesellschaftlichen Kategorie -sie auch angehören mochten, und ein Geist der Ironie, des Spottes, des -Sarkasmus, welcher ihm in den Augen des Akademikers das Ansehen eines -ungeschliffenen Don Francisko de Quevedo gab. - -So war also der Tio Lucas von innen und von außen beschaffen. - - -6. - -Fertigkeiten der beiden Ehegatten. - -Die Seña Frasquita liebte also den Tio Lucas ganz wahnsinnig und hielt -sich für die glücklichste Frau der Welt, weil sie von ihm angebetet -wurde. Wie wir schon gesagt haben, hatten sie keine Kinder, und so -hatten sie es sich gegenseitig zur Aufgabe gemacht, sich mit unsäglicher -Sorgfalt zu pflegen und zu verhätscheln, ohne daß jedoch dies zärtliche -Besorgtsein in Sentimentalität und Süßigkeit ausartete, wie bei allen -übrigen kinderlosen Ehen. Im Gegenteil, sie behandelten sich mit einer -solchen Freiheit, Heiterkeit, einem Scherz und Vertrauen, wie man es bei -Kindern, bei Spielkameraden findet, die sich von ganzer Seele liebhaben, -ohne es sich zu sagen, ja vielleicht sich nicht einmal klar werden über -das, was sie fühlen. - -Auf der ganzen Erde gab es gewiß nie einen besser gekämmten, besser -gekleideten, im Essen mehr verwöhnten Müller, der in seinem Hause so von -allen Bequemlichkeiten umgeben gewesen wäre, wie der Tio Lucas. Und -gewiß ist keine Müllerin, nein, auch keine Königin, der Gegenstand so -vieler Aufmerksamkeiten, so vieler Artigkeiten und Höflichkeiten -gewesen, wie die Seña Frasquita. Es ist ganz undenkbar, daß je eine -Mühle so viele notwendige, nützliche, angenehme, zur Erholung dienende -und sogar überflüssige Dinge enthalten hätte, wie die, welche der -Schauplatz fast der ganzen Erzählung sein wird. - -Viel trug auch dazu bei, daß die Seña Frasquita, die saubere, thätige, -starke, gesunde Navarresin, zu kochen, nähen, stricken, fegen, -Zuckerwerk bereiten, waschen, plätten, ihr Haus tünchen, das -Kupfergeschirr putzen, Brot backen, weben, singen, tanzen, Guitarre -spielen, Trommel schlagen, Brisca und Tute spielen und noch viele andere -Dinge, deren Aufzählung endlos wäre, verstand, wollte und konnte. Und -nicht weniger trug zu diesem günstigen Resultate bei, daß Tio Lucas die -Mühle zu verwalten, das Feld zu bebauen, jagen, fischen, als Zimmermann, -Schmied und Maurer zu arbeiten, seiner Frau in allen häuslichen -Geschäften zur Hand zu gehen, lesen, schreiben, rechnen u. s. w. u. s. -w. verstand, wollte und konnte. Und dabei erwähnen wir noch gar nicht -einmal die Luxusbranchen, oder deutlicher gesprochen, seine -außerordentlichen Fertigkeiten ... zum Beispiel der Tio Lucas liebte die -Blumen (gerade wie seine Frau) und war ein so ausgezeichneter -Blumenzüchter, daß es ihm gelungen war, infolge mühevoller Kombinationen -neue Exemplare hervorzubringen. Er hatte auch etwas von einem -natürlichen Ingenieur, und das hatte er bewiesen, indem er ein Wehr, -einen Heber und eine Wasserleitung erbaut hatte. Er hatte einen Hund -tanzen gelehrt, eine Schlange gezähmt und einen Papagei dahin gebracht, -daß er die Stunden, welche eine von dem Müller an die Wand gezeichnete -Sonnenuhr angab, durch einen Ruf andeutete, und zwar so genau, daß er es -selbst an bewölkten Tagen und während der Nacht nicht verabsäumte. - -Endlich besaß der Müller noch einen Obstgarten, der alle Arten Früchte -und Gemüse hervorbrachte; einen Teich, von einer Art von Jasminkiosk -umgeben, wo sich der Tio Lucas und die Seña Frasquita im Sommer badeten, -einen Blumengarten, ein Treibhaus für exotische Pflanzen, einen Brunnen -mit trinkbarem Wasser, zwei Esel, auf denen das Ehepaar in die Stadt -oder die umliegenden Ortschaften ritt, Hühnerhof, Taubenschlag, -Vogelhaus, Fischzuchtteich, Zucht von Seidenwürmern, Bienenstöcke, deren -Bienen aus dem Jasmin süße Nahrung sogen, Kelter mit dazugehörigem -Keller, beides freilich in Miniatur, Backofen, Webstuhl, Schmiede, -Zimmerhof u. s. w. u. s. w., all dies bei einem Hause mit acht Zimmern, -zwei Fanegas Acker und auf zehntausend Realen abgeschätzt. - - -7. - -Der Grund der Glückseligkeit. - -Also der Müller und die Müllerin liebten sich rasend, und fast konnte -man glauben, daß sie ihn noch mehr liebte, als er sie, obgleich er so -häßlich und sie so schön war. Das meine ich, weil die Seña Frasquita -eifersüchtig zu sein pflegte und vom Tio Lucas, wenn er sehr spät aus -der Stadt oder den umliegenden Dörfern, wo er Korn holte, zurückkehrte, -Rechenschaft verlangte, während Tio Lucas die Aufmerksamkeiten, welche -die seine Mühle besuchenden Herren der Seña Frasquita erzeigten, mit -Vergnügen bemerkte. Er erfreute und ergötzte sich daran, daß sie allen -so wie ihm gefiel, und obgleich er im Grunde seines Herzens fühlte, daß -manche ihn darum beneideten, sie wie einfache Sterbliche begehrten und -wer weiß was gegeben hätten, wenn sie eine weniger brave Frau gewesen -wäre, so ließ er sie doch ganze Tage allein, ohne die geringste Sorge, -und fragte nie gleich, was sie gethan hätte oder wo sie während seiner -Abwesenheit gewesen wäre. - -Das lag aber nicht etwa darin, daß die Liebe des Tio Lucas weniger -leidenschaftlich gewesen wäre, als die der Seña Frasquita, sondern weil -er mehr Vertrauen zu ihr hatte, als sie zu ihm, weil er sie an -Scharfsinn übertraf und wußte, in welchem Grade er von ihr geliebt -wurde, und wie sehr seine Frau sich selbst achtete, es bestand -hauptsächlich darin, daß der Tio Lucas ein ganzer Mann war, ein Mann wie -die Shakespeareschen, mit wenigen, aber unteilbaren Gefühlen, des -Zweifels unfähig, der entweder glaubte oder starb, der liebte oder -tötete, der keine Abstufung oder allmählichen Uebergang zwischen der -höchsten Glückseligkeit oder dem Untergange seines Glückes zuließ. Er -war ein Othello von Murcia mit _alpargatas_ (Schuhe, mit Spartostricken -befestigt) und Jagdmütze im ersten Akt einer möglichen Tragödie. - -Aber warum diese düsteren Noten in einem so lustigen Sang? Warum diese -erschrecklichen Blitze in einer so heitern Atmosphäre? Warum diese -melodramatischen Stellungen in einem Genrebilde? - -Das werdet ihr alsogleich erfahren. - - -8. - -Der Mann mit dem Dreispitz. - -Es war zwei Uhr an einem Oktobernachmittag. Die kleine Turmuhr an der -Kathedrale läutete zur Vesper, das bedeutete, daß schon alle die -vornehmsten Personen der Stadt zu Mittag gegessen hatten. - -Die Canonici wendeten sich nach dem Chor und die Laien nach ihren -Alkoven, um Siesta zu halten, und zwar besonders diejenigen, welche -infolge ihrer Obliegenheiten, wie zum Beispiel die Behörden, den ganzen -Morgen hindurch gearbeitet hatten. - -Um so erstaunlicher war es also, daß zu jener Stunde, die schon, weil es -noch zu heiß war, zum Spaziergange ganz ungeeignet schien, der illustre -Herr Corregidor der Stadt zu Fuß, nur von einem einzigen _alguacil_ -begleitet, dieselbe verließ, und darüber konnte kein Zweifel herrschen, -denn weder bei Tag, noch bei Nacht hätte man ihn mit irgend jemand -verwechseln können, erstens wegen seines ungeheuren Dreispitzes und dem -anfallenden Mantel von rotem Tuch, zweitens wegen seines eigentümlichen -grotesken Aussehens. - -Von dem roten Tuchmantel und dem Dreispitz können noch viele Personen -aus eigener Anschauung erzählen. Wir unter ihnen, ebenso alle -diejenigen, welche in den letzten Jahren der Regierung Sr. Majestät Don -Fernando _VII._ in jener Stadt geboren wurden, erinnern uns sehr wohl -jener beiden veralteten Kleinodien, des Mantels und des Hutes, der -schwarze Hut darüber und den roten Mantel darunter an einem Nagel hängen -gesehen zu haben, als einzigen Schmuck einer bröckligen Wand in dem -Turme des Hauses, das Seine Herrlichkeit bewohnte und welches jetzt den -kindlichen Spielen seiner Enkel zum Schauplatz dient. Wie eine Art von -Gespenst des Absolutismns, eine Art von Schweißtuch des Corregidors, -eine Art von rückwärts gewandter Karikatur seiner Macht, mit Kreide und -Rotstift gezeichnet, wie so viele andere, hingen sie dort für uns kleine -Konstitutionelle vom Jahre 1837, die wir uns dort versammelten, eine Art -von Vogelscheuche, die zu anderen Zeiten eine Menschenscheuche gewesen -war, die mir heute fast Furcht einflößt, weil ich dazu beigetragen habe, -sie ihres Ansehens zu berauben, indem ich sie auf der Spitze eines -Schornsteinwischers zur Karnevalszeit durch die historische Stadt -getragen habe, oder indem sie einem Narren, der das Volk zu stetem -Lachen reizte, als Vermummung diente. Armes =Prinzip der Autorität=! -So haben dir diejenigen mitgespielt, die dich heute vergebens anrufen. - -Was nun das groteske Aussehen des Herrn Corregidors betrifft, so bestand -es darin, daß er, wie man sagt, hohe Schultern hatte, noch viel höhere -als der Tio Lucas ... fast bucklig, um es gerade herauszusagen; seine -Statur war unter Mittelgröße und schwächlich, seine Gesundheit -schwankend; er hatte gewölbte Beine und eine Art und Weise zu gehen, -ganz sui generis, indem er sich von der einen Seite nach der anderen -wiegte, und von hinten nach vorne, die man nur mit der absurden Phrase -bezeichnen kann, daß es schien, wie wenn er auf beiden Füßen lahm wäre. -Zum Ersatz dafür aber fügt die Tradition hinzu, war sein Gesicht -regelmäßig, wenn auch durch den Mangel an Zähnen ziemlich runzlig, -grünlich brünett, wie fast alle Söhne Castiliens, mit großen, dunklen -Augen, in denen Zorn, Despotismus und Sinnlichkeit Blitze warfen, mit -feinen, verschmitzten Gesichtszügen, die zwar nicht den Ausdruck -persönlichen Mutes, aber einer versteckten, zu allem fähigen Bosheit -trugen; dabei eine gewisse Miene der Befriedigung, halb Aristokrat, halb -Libertin, die ganz deutlich zeigte, daß jener Mann, trotz seiner Beine -und seines Buckels, in seiner frühen Jugend den Frauen angenehm gewesen -und von ihnen angenommen worden war. - -Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de Leon (das war der Name Sr. -Herrlichkeit) war in Madrid geboren, aus berühmtem Geschlechte und war -zu jener Zeit ungefähr fünfundfünfzig Jahre alt. Vier Jahre war er als -Corregidor in der erwähnten Stadt gewesen, wo er sich, kurz nach seiner -Ankunft, mit der hervorragendsten Dame, von der wir noch weiter unten -sprechen werden, verheiratet hatte. - -Don Eugenios Strümpfe, außer den Schuhen der einzige Teil seiner -Bekleidung, welchen der sehr umfangreiche rote Mantel freiließ, waren -weiß, und die Schuhe schwarz mit goldener Schnalle. Als aber die Wärme -auf dem freien Felde ihn veranlaßte, seine Umhüllung zu lüften, sah man, -daß er eine große Krawatte von Batist trug, eine taubenfarbige -Sergeweste, über und über mit grünen Zweigen gemustert, kurze, -schwarzseidene Beinkleider, einen ungeheueren Rock von demselben Stoffe -wie die Weste, einen Galanteriedegen mit Stahlgefäß, Stock mit Quasten -und ein respektables Paar Handschuhe von gelblichem Wildleder, die er -nie anzog und nur in der Mitte wie eine Art von Szepter umfaßte. - -Der Alguacil, der dem Herrn Corregidor auf zwanzig Schritte Entfernung -folgte, hieß Garduña und war das leibhaftige Conterfei seines Namens -(Marder). Mager, sehr behend, sah er im Gehen vorwärts und rückwärts, -nach rechts und nach links zu gleicher Zeit, mit langem Halse, ganz -kleinem, widerwärtigem Gesichte, und mit zwei Händen, die wie zwei -Bündel Ruten aussahen, glich er sowohl einem Späher auf der Suche nach -Verbrechern, als dem Strick, der sie binden, und dem Instrumente, das -sie bestrafen sollte. - -Als der Blick des ersten Corregidors auf ihn fiel, sagte dieser, ohne -weitere Erkundigungen einzuziehen, »du wirst mein wahrer Alguacil sein.« -Und vier Corregidoren hatte er gedient. - -Er war achtundvierzig Jahre alt und trug einen Dreispitz, der viel -kleiner, als der seines Herrn, der, wir wiederholen es, einen ganz -ungewöhnlichen Umfang hatte, einen Mantel, schwarz wie die Strümpfe und -der übrige Anzug, einen Stock ohne Quasten und eine Art von Bratspieß an -Stelle des Degens. - -Jenes schwarze Gespenst schien der Schatten seines auffallend -gekleideten Gebieters zu sein. - - -9. - -Hü, Esel! - -Wo auch immer diese Persönlichkeit und sein Untergebener vorüberkamen, -verließen die Arbeiter ihre Thätigkeit und entblößten ihre Häupter so -tief, daß der Hut die Erde fast berührte, doch eigentlich mehr aus -Furcht als aus Achtung; war er vorüber, so sagten sie mit leiser Stimme: - -»Heute geht aber der Herr Corregidor sehr früh zur Seña Frasquita.« - -»Sehr früh... und allein!« fügten andere hinzu, die gewohnt waren, ihn -diesen Spaziergang immer in Gesellschaft verschiedener anderer Personen -machen zu sehen. - -»Höre du, Manuel, warum geht wohl der Herr Corregidor heute allein, um -die Seña Frasquita zu besuchen?« fragte eine Bäuerin ihren Mann, der sie -hinter sich auf dem Esel hatte. - -Und während sie ihn fragte, kitzelte sie ihn, um ihn zu reizen. »Denk' -doch nicht gleich Schlechtes, Josepha!« rief der gute Mann aus, »die -Seña Frasquita ist nicht imstande...« - -»Sage ich denn das Gegenteil? Aber darum ist doch der Herr Corregidor -nicht etwa nicht imstande, sich in sie zu verlieben... Ich habe sagen -hören, daß von allen, die zu den Schmausereien nach der Mühle gehen, -dieser Madrider, der den Unterröcken so nachläuft, der einzige ist, der -mit bösen Absichten dorthin geht.« - -»Und was weißt du davon, ob er den Unterröcken nachläuft oder nicht?« -fragte seinerseits der Mann. - -»Das sage ich nicht von mir selbst... Und wenn er auch tausendmal -Corregidor wäre, er würde sich wohl gehütet haben, mir auch nur zu -sagen, du hast schwarze Augen.« - -Die so sprach, war häßlich im Superlativ. - -»Na, sieh mal, Kind, da mögen sie zusehen!« erwiderte der Manuel -Genannte. »Ich glaube nicht, daß der Tio Lucas der Mann dazu ist, um -darauf einzugehen... Der hat ein hübsches Temperament, der Tio Lucas, -wenn er böse wird!« - -»Na, aber man sieht ja, daß es ihm paßt,« fügte Tia Josepha hinzu und -rümpfte die Nase. - -»Tio Lucas ist ein Biedermann,« entgegnete der Bauer, »und einem -Biedermanne können solche Dinge nicht passen.« - -»Na ja, darin hast du recht... Mögen sie zusehen... Wenn ich die Seña -Frasquita wäre...« - -»Hü, Esel!« schrie der Mann, um das Gespräch zu wechseln. - -Der Esel setzte sich in Trab, und so konnte man den Rest der -Unterhaltung nicht mehr hören. - - -10. - -Vom Rebengeländer aus. - -Während so die den Corregidor grüßenden Ackerleute unter sich sprachen, -sprengte und fegte die Seña Frasquita sorgfältig den gepflasterten -Platz, welcher der Mühle als Atrium diente, und stellte ein halbes -Dutzend Stühle dahin, wo das Weinlaub der Laube noch am dichtesten war, -auf welche Tio Lucas gestiegen war und die besten Trauben abschnitt, um -sie künstlerisch in einem Korbe zu arrangieren. - -»Nun ja, Frasquita,« sagte der Tio Lucas oben von der Laube herunter, -»der Herr Corregidor ist in sehr schlechter Weise in dich verliebt.« - -»Das habe ich dir schon vor langer Zeit gesagt,« antwortete die Frau aus -dem Norden; »aber laß ihn doch seufzen... Nimm dich in acht, Lucas, daß -du nicht fällst!« - -»Sei ohne Sorge, ich halte mich schon fest.... Auch gefällst du dem -Herrn...« - -»Hör 'mal, jetzt höre auf mit deinen Nachrichten,« unterbrach sie ihn. -»Ich weiß nur zu gut, wem ich gefalle und wem nicht. Wenn ich doch nur -ebenso gut wüßte, warum ich dir nicht gefalle.« - -»Na, das ist stark. Weil du so häßlich bist!« antwortete Tio Lucas. - -»Hör 'mal... häßlich und alles, ich bin imstande, auf die Weinlaube zu -steigen und dich kopfüber auf den Boden zu werfen.« - -»Viel wahrscheinlicher wäre es, daß ich dich nicht von der Laube -herabsteigen ließe, ohne dich vorher lebendig aufzuessen.« - -»Da haben wir's... und wenn dann meine Anbeter kommen und uns da sähen, -dann möchten sie gar am Ende sagen, daß wir zwei Affen seien.« - -»Und da würden sie den Nagel auf den Kopf treffen, denn du bist so ein -rechter Affe, und so hübsch, und ich sehe wie ein Affe aus mit meinem -Buckel...« - -»Der mir gerade sehr gefällt.« - -»Dann wird dir der des Corregidors noch besser gefallen, der ist ja noch -größer als meiner.« - -»Ei, ei, sehen Sie einmal, mein Herr Don Lucas, seien Sie nicht so -eifersüchtig!« - -»Ich eifersüchtig, auf den alten Waschlappen? Im Gegenteil, ich freue -mich sehr, daß er dich liebt.« - -»Warum?« - -»Weil in der Sünde selbst die Strafe liegt. Du wirst ihn nie lieben, und -ich bin während der Zeit der eigentliche Corregidor der Stadt.« - -»Seht einmal den eitlen Menschen an! Stelle dir aber nun einmal vor, -daß ich ihn lieben lernte... Es sind schon seltsamere Dinge in der Welt -vorgekommen.« - -»Das wäre mir auch ziemlich gleichgiltig.« - -»Warum?« - -»Weil du dann nicht mehr du sein würdest, und da du nicht bist, die du -bist, oder für die ich dich wenigstens halte, da mach' ich mir den -Teufel was daraus, ob dich alle Dämonen holen.« - -»Aber was würdest du in einem solchen Falle thun?« - -»Ich? Hm, hör 'mal, das weiß ich nicht... denn, da ich dann ein anderer -sein würde, als ich jetzt bin, so kann ich mir nicht vorstellen, was ich -dann wohl denken würde.« - -»Und warum würdest du ein anderer sein?« - -»Weil ich jetzt ein Mann bin, der an dich glaubt wie an sich selbst, und -dessen ganzes Leben nur dieser Glaube ist. Folglich, wenn ich nicht mehr -an dich glauben würde, so würde ich sterben oder mich in einen neuen -Menschen verwandeln, auf eine andere Art und Weise leben. Mir würde es -vorkommen, wie wenn ich eben erst geboren wäre, und ich würde andere -Gefühle hegen. Ich weiß nicht, was ich dann mit dir thun würde... -Vielleicht würde ich lachen und dir den Rücken wenden... Vielleicht -würde ich dich nicht kennen... Vielleicht... Aber geh doch, was für -einen Gefallen können wir daran finden, uns unnötig in üble Laune zu -versetzen. Was geht das uns an, wenn dich alle Corregidoren der Welt -lieben? Bist du nicht meine Frasquita?« - -»Ja, du alter Barbar!« antwortete die Seña Frasquita, aus vollem Halse -lachend. »Ich bin deine Frasquita, und du bist mein Herzens-Lucas, der -häßlicher ist als ein Pavian, der mehr Talent hat als alle übrigen -Männer, der besser ist als das Brot, und den ich mehr liebe... Na, -steige nur erst von dem Spalier herunter, dann wirst du schon sehen, was -das »lieben« heißt!... Bereite dich nur vor, so viel Ohrfeigen zu -bekommen und so viel gekniffen zu werden, wie du Haare auf dem Kopfe -hast... Aber still, was sehe ich! Der Herr Corregidor kommt ganz allein -hierher... Und so früh... Der hat einen Plan.« - -»Dann nimm dich ein wenig zusammen und sage ihm nicht, daß ich hier oben -bin. Er kommt gewiß, um mit dir allein eine Erklärung zu haben, denn er -nimmt an, daß ich meine Siesta halte. Ich will mich amüsieren, indem ich -seine Erklärung mit anhöre.« - -So sprach Tio Lucas und reichte seiner Frau den Korb hinunter. - -»Das ist kein übler Gedanke,« rief sie und brach von neuem in ein -Gelächter aus. »Dieser Teufel von einem Madrileñer! Was glaubt der denn, -was mir ein Corregidor gilt? Aber, da kommt er. Garduña, der ihm in -einiger Entfernung folgte, hat sich im Graben in den Schatten gesetzt... -Wie albern! Verstecke dich gut hinter dem Weinlaub, denn wir werden mehr -lachen, als du dir vielleicht einbildest.« - -Und nachdem sie dies gesagt, fing die schöne Navarresin an den Fandango -zu singen, mit dem sie schon ebenso vertraut war wie mit den Liedern -ihrer Heimat. - - -11. - -Das Bombardement von Pamplona. - -»Gott behüte dich, Frasquita,« sagte der Corregidor halblaut, als er -unter der Laube erschien und sich auf den Fußspitzen näherte. - -»Wie gut von Ihnen, Herr Corregidor!« antwortete sie mit natürlicher -Stimme, indem sie ihm tausend Bücklinge machte. »Euer Gnaden schon zu -dieser Stunde! Und bei der Hitze! Setzen sich Eure Herrlichkeit! Hier -ist es hübsch kühl! -- Und Euer Gnaden haben die anderen Herren nicht -abgewartet?... Da stehen schon alle Sitze für die Herren... Heute -Nachmittag erwarten wir auch den Herrn Bischof in Person, er hat meinem -Lucas versprochen, die ersten Trauben vom Weinstock zu kosten. Und wie -befinden sich Euer Gnaden? Wie geht es der Frau Gemahlin?« - -Der Corregidor war verwirrt; das so ersehnte Alleinsein, in dem er sich -mit der Seña Frasquita befand, kam ihm wie ein Traum vor oder wie eine -Schlinge, welche ihm das feindliche Geschick legte, um ihn in den -Abgrund der Täuschung fallen zu lassen. - -So beschränkte er sich nur darauf, zu sagen: - -»Es ist nicht so früh, wie du sagst... es wird ungefähr halb vier Uhr -sein.« - -In dem Augenblicke pfiff der Papagei. - -»Es ist einviertel auf drei,« sagte die Navarresin, und sah den -Madrileñer steif und unverwandt an. - -Dieser schwieg, wie ein überführter Verbrecher, der auf die Verteidigung -verzichtet. - -»Und Lucas? Schläft er?« fragte er nach einem Augenblicke. - -Wir müssen hier noch bemerken, daß der Corregidor, wie alle Zahnlosen, -eine unbestimmte, zischende Aussprache hatte, wie wenn er seine eigenen -Lippen äße. - -»Ja, freilich,« antwortete die Seña Frasquita. »Um diese Zeit, da -schläft er, wo es ihn gerade überfällt und wäre es am Rande eines -Abgrundes.« - -»Nun höre, so laß ihn schlafen,« rief der alte Corregidor aus und wurde -noch bleicher, als er schon von Natur war. »Und du, meine liebe -Frasquita, höre einmal ... sieh... komm her... Setze dich hierher, so, -an meine Seite. Ich habe dir viele Dinge mitzuteilen.« - -»Da sitze ich,« antwortete die Müllerin, ergriff einen niedrigen Stuhl -und setzte ihn in ganz geringer Entfernung von dem des Corregidors -nieder. - -Sobald Frasquita sich gesetzt hatte, legte sie ein Bein über das andere, -bog den Körper ein wenig vor, stützte einen Ellbogen auf das -übergeschlagene Knie und das frische, schöne Gesicht auf eine ihrer -Hände, und so, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, mit lächelnden -Lippen, wobei alle fünf Grübchen in Thätigkeit kamen, und die heiteren, -reinen Pupillen auf den Corregidor geheftet, erwartete sie die -Erläuterung Seiner Gnaden. Wahrhaftig, man konnte sie mit Pamplona -vergleichen, welches das Bombardement erwartet. - -Der arme Mann wollte sprechen, aber vor dieser grandiosen Schönheit, vor -dieser strahlenden Anmut, vor jener schrecklichen Frau mit der -Alabasterhaut, den üppigen Formen, dem reinen, lachenden Munde, den -blauen, unergründlichen Augen, die der Pinsel eines Rubens erschaffen zu -haben schien, blieb er mit offenem Munde wie behext sitzen. »Frasquita!« -murmelte endlich der Abgesandte des Königs mit schwacher Stimme, während -sein vertrocknetes Gesicht, das sich in Schweiß gebadet von seinem -Buckel abhob, eine unsägliche Qual ausdrückte, »Frasquita!« - -»So heiße ich,« antwortete die Tochter der Pyrenäen. »Sie wünschen?« - -»Was du willst,« erwiderte der Alte mit unendlicher Zärtlichkeit. - -»Nun, was ich will, das weiß ja Ew. Gnaden,« sagte die Müllerin. »Was -ich will? Ew. Gnaden sollen einen Neffen von mir in Estella zum Sekretär -beim Stadtgericht ernennen, damit er jene Berge verlassen kann, wo es -ihm herzlich schlecht geht.« - -»Ich habe dir schon gesagt, Frasquita, daß das unmöglich ist; der -gegenwärtige Sekretär...« - -»Ist ein Dieb, ein Trunkenbold, ein Esel.« - -»Das weiß ich. Er hat aber sehr gute Beschützer unter den -lebenslänglichen Regidoren, und ich kann ohne Einwilligung des -Stadtrates keinen anderen ernennen. Sonst setze ich mich aus -- --« - -»Ich setze mich aus, ich setze mich aus.... Und welchen Gefahren würden -wir uns nicht um Ew. Gnaden willen aussetzen, wir alle, bis hinunter zu -den Katzen im Hause?« - -»Würdest du mich um diesen Preis lieben?« stammelte der Corregidor. - -»Nein, Herr Corregidor, denn ich liebe Ew. Gnaden umsonst.« - -»Weib, gieb mir nicht so viele Titel! Nenne mich Sie oder wie du Lust -hast... Hä, so wirst du mich also lieben? ... Sag --« - -»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich Sie schon liebe?« - -»Aber...« - -»Dabei ist kein ›aber‹. Sie sollen nur sehen, wie hübsch und was für ein -braver Mensch mein Neffe ist!« - -»Ja, du bist hübsch, Frasquita!« - -»Gefalle ich Ihnen?« - -»Gewiß gefällst du mir! Es giebt keine zweite Frau wie dich.« - -»Nun sehen Sie, hier ist nichts Falsches,« antwortete die Seña -Frasquita, schob den Ärmel ihres Kleides ganz in die Höhe und zeigte dem -Corregidor den bisher verhüllten Teil ihres Armes, der einer Karyatide -würdig gewesen wäre und weißer als eine Lilie war. - -»Und ob du mir gefällst!« fuhr der Corregidor fort, »Tag und Nacht, zu -jeder Stunde, überall, denke ich nur an dich.« - -»Aber wie? Gefällt Ihnen denn die Frau Corregidor nicht?« fragte Seña -Frasquita mit einem so gut geheuchelten Mitleid, daß es einen -Hypochonder zum Lachen gebracht hätte. »Wie schade! Als mein Lucas Ihre -Alkovenuhr zurecht gemacht hat, da hat er das Vergnügen gehabt, sie zu -sehen und mit ihr zu sprechen, und er hat mir gesagt, daß sie sehr -hübsch und sehr gut und so liebenswürdig im Umgange sei.« - -»Nicht so sehr, nicht so sehr!« murmelte der Corregidor mit einer -gewissen Bitterkeit. - -»Dagegen haben andere mir gesagt,« sprach die Müllerin weiter, »daß sie -ein sehr böses Temperament habe, sehr eifersüchtig sei, und daß Sie vor -ihr wie vor einer grünen Rute zitterten.« - -»Nicht so sehr, Frau,« wiederholte Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de -Leon, indem er ganz rot wurde. »Nicht so viel und nicht so wenig, die -Frau Corregidora hat so ihre Launen, gewiß... aber zwischen dem und vor -ihr zittern ist doch noch ein großer Unterschied. Ich bin der -Corregidor.« - -»Aber schließlich haben Sie sie lieb oder nicht?« - -»Ich will dir sagen... ich liebe sie sehr... oder besser gesagt, ich -liebte sie sehr, bevor ich dich kennen lernte. Aber seit ich dich sah, -weiß ich nicht, was mir geschah, und sie selbst merkt, daß etwas in mir -vorgeht. Genug, heute zum Beispiel, wenn ich das Gesicht meiner Frau -berühre, so macht es mir den Eindruck, wie wenn ich mein eigenes -berührte. Siehst du wohl, mehr kann man sie doch nicht lieben und auch -nicht weniger fühlen. -- Dagegen, könnte ich diese Hand, diesen Arm, -dieses Gesicht, diese Taille berühren, würde ich dafür geben, was ich -nicht habe.« - -Und während der Corregidor so sprach, versuchte er, sich des entblößten -Armes, den die Seña Frasquita ihm buchstäblich unter die Nase rieb, zu -bemächtigen; aber diese, ohne ihre Fassung zu verlieren, streckte die -Hand aus, berührte die Brust Seiner Gnaden mit der friedlichen Gewalt -und unwiderstehlichen Festigkeit eines Elephantenrüssels und warf ihn -mit Stuhl und allem auf den Rücken. - -»_Ave Maria purisima!_« (Heilige Jungfrau Maria!) rief inzwischen die -Navarresin und lachte wie toll. »Der Stuhl war wohl gar zerbrochen?« - -»Was geht hier vor?« rief in diesem Augenblicke Tio Lucas, indem er sein -häßliches Gesicht durch die Weinblätter steckte. - -Noch lag der Corregidor auf dem Rücken am Boden und blickte mit -unaussprechlichem Entsetzen zu dem Manne empor, der in der Luft auf dem -Bauche liegend erschien. - -Wie ein Teufel sah er aus, aber nicht wie einer von St. Michael, sondern -wie ein von einem anderen höllischen Dämon besiegter. - -»Was soll hier vorgehen?« beeilte sich die Seña Frasquita zu sagen, »der -Herr Corregidor hatte seinen Stuhl nicht fest aufgestellt, er fing an -sich zu wiegen, und da ist er gefallen.« - -»Jesus, Maria und Joseph!« rief seinerseits der Müller aus, »Ew. Gnaden -haben sich doch nicht etwa Schaden gethan? Wollen Ew. Gnaden ein wenig -Wasser und Essig?« - -»Ich habe mir nichts gethan!« sagte der Corregidor, indem er, so gut er -konnte, aufstand. - -Und dann fügte er leise, doch so, daß ihn die Seña Frasquita verstehen -konnte, hinzu: - -»Das sollt Ihr mir bezahlen.« - -»Dagegen haben aber Ew. Gnaden mir das Leben gerettet,« fuhr Tio Lucas -fort, ohne jedoch von seinem luftigen Sitze herabzusteigen. »Stelle dir -nur vor, Frau, ich sitze hier oben und betrachte die Weintrauben; da -schlafe ich auf einem Netz von Weinreben und Stangen, dessen -Zwischenöffnungen groß genug waren, um einen Körper hindurchgleiten zu -lassen, ein. Hätte mich also Sr. Gnaden Fall nicht zur rechten Zeit -aufgeweckt, so hätte ich mir späterhin den Kopf auf diesen Steinen -zerbrochen.« - -»Also du... he?« rief der Corregidor aus. »Nun, Müller, das freut -mich... Ich sage, es freut mich sehr, daß ich gefallen bin.« - -»Das sollst du mir bezahlen,« fügte er dann hinzu, indem er sich zur -Müllerin wendete. - -Und das sprach er mit einem solchen Ausdruck von unterdrückter Wut, daß -die Seña Frasquita ganz traurig wurde. - -Sie sah nur zu deutlich, daß der Corregidor zuerst erschrocken war, weil -er glaubte, daß der Müller alles gehört hätte. - -Als er sich aber überzeugt hatte, daß der Müller nichts gehört, denn Tio -Lucas' Ruhe und Verstellung hätten selbst den schärfsten Luchs -getäuscht, da fing er an, seinem Zorn nachzugeben und Rachepläne zu -brüten. - -»Na, na, komm nur herunter und hilf mir Sr. Gnaden reinigen, er ist ja -ganz mit Staub bedeckt,« rief die Müllerin aus. - -Und während der Tio Lucas herunterkletterte, sagte sie zu dem -Corregidor, indem sie ihm mit der Schürze den Rock abstäubte, wobei -mancher Schlag die Ohren traf: - -»Der Arme hat gar nichts gehört... der hat wie ein Klotz geschlafen.« -Diese Worte und mehr noch der Umstand, daß sie mit leiser Stimme zu ihm -gesprochen wurden, dadurch Mitwissenschaft und Geheimnis andeutend, -brachten eine wunderbare Wirkung hervor. »Du Schelm! Du Trotzkopf!« -stammelte Don Eugenio de Zuñiga mit wässerndem Munde, aber doch noch -scheltend. - -»Ew. Gnaden hegen doch keinen Groll gegen mich?« entgegnete die -Navarresin arglistig schmeichelnd. - -Als der Corregidor wahrnahm, daß die Strenge einen so guten Erfolg -hatte, versuchte er die Seña Frasquita recht wütend anzusehen; aber da -traten ihm ihr verführerisches Lächeln und ihre himmlischen Augen, in -denen eine liebkosende Bitte glänzte, entgegen -- all sein Zorn schmolz -sofort dahin, und mit süßlichem Ton, bei dem man erst recht den -vollständigen Mangel an Zähnen entdeckte, sagte er: »Das hängt von dir -ab, mein Schatz!« - -In diesem Augenblicke sprang Tio Lucas von der Laube auf den Boden. - - -12. - -Zehnten und Erstlinge. - -Als der Corregidor seinen Stuhl wieder eingenommen hatte, warf die -Müllerin einen flüchtigen Blick auf ihren Gatten und sah ihn nicht nur -so ruhig wie immer, sondern daß er auch große Lust hatte, über diesen -Einfall vor Lachen zu bersten; im ersten Augenblicke, in dem sie sich -vom Corregidor unbeachtet glaubte, warf sie ihm eine Kußhand zu und -sagte dann mit einer Sirenenstimme, um die Kleopatra sie beneidet hätte, -zu diesem: - -»Jetzt sollen Ew. Gnaden auch meine Weintrauben kosten.« - -Und jetzt hätte man die schöne Navarresin sehen müssen, und so würde ich -sie malen, wenn ich Titians Pinsel hätte, wie sie so vor dem entzückten -Corregidor stand, frisch, prächtig, reizend, mit ihren edlen Formen, -ihrem engen Kleide, der hohen Gestalt, wie sie die entblößten Arme über -ihr Haupt erhob, in jeder Hand eine durchsichtige Traube, und mit einem -unwiderstehlichen Lächeln und einem bittenden Blick, in dem die Furcht -zitterte, zu ihm sagte: - -»Noch hat der Herr Bischof sie nicht versucht... Es sind die ersten, die -wir in diesem Jahre pflücken...« - -Sie glich einer riesigen Pomona, die einem ländlichen Gott, sagen wir z. -B. einem Satir Früchte anbietet. In diesem Augenblicke erschien am -äußersten Ende des gepflasterten Platzes der ehrwürdige Bischof der -Diöcese, von dem Advokaten-Akademiker und zwei Domherren in -vorgeschrittenem Alter begleitet, und von seinem Sekretär, zwei -Hausgenossen und zwei Pagen gefolgt. - -Einen Augenblick hielt Se. Hochwürden an, um das zugleich komische und -schöne Bild zu betrachten, und dann sagte er mit dem würdevollen Ton der -Prälaten von damals: - -»Das Fünfte: Zehnten und Erstlinge an die Kirche Gottes zu bezahlen, -lehrt uns die christliche Satzung; aber Sie, Herr Corregidor, begnügen -sich nicht damit, den Zehnten zu verwalten, sondern wollen auch die -Erstlinge essen.« - -»Der Herr Bischof!« riefen die Müllersleute aus und verließen den -Corregidor, um den Ring des Prälaten zu küssen. - -»Gott lohne es Ew. Hochwürden, daß Sie unserer armen Hütte solche Ehre -erweisen,« sagte Tio Lucas im Tone aufrichtiger Verehrung und küßte ihn. -»Wie freue ich mich, den Herrn Bischof so wohl und schön zu sehen!« rief -die Seña Frasquita aus, indem auch sie den Ring küßte. »Gott segne ihn -und erhalte ihn so viele Jahre, wie meines Lucas' Bischof!« - -»Wie kann ich dir wohl eines Tages fehlen, wenn du mich mit Segnungen -überhäufst, statt sie von mir zu verlangen,« antwortete lachend der -gütige Hirt. Und zwei Finger ausstreckend, segnete er die Seña Frasquita -und darauf die übrigen Anwesenden. - -»Hier sind auch Ew. Hochwürden Erstlinge!« sagte der Corregidor, indem -er eine Traube aus den Händen der Müllerin nahm und sie dem Bischof -höflich anbot. »Noch habe ich die Trauben nicht gekostet.« - -Der Corregidor sprach diese Worte aus, indem er einen schnellen, -lüsternen Blick auf die strahlende Schönheit der Müllerin warf. - -»Hoffentlich doch nicht, weil sie zu sauer sind, wie die in der Fabel,« -bemerkte der Akademiker. - -»Die in der Fabel,« versetzte der Bischof, »waren nicht sauer, Herr -Licenziat, sondern außer dem Bereich des Fuchses.« - -Keiner von beiden hatte eine Anspielung auf den Corregidor damit -bezweckt; aber die Aussprüche paßten so genau auf das, was soeben -vorgefallen war, daß der Corregidor Don Eugenio de Zuñiga blaß vor Zorn -wurde und, den Ring des Prälaten küssend, sagte: - -»Dann wäre ich also der Fuchs, Hochwürden.« - -»_Tu dixisti_« (Du sagst es), erwiderte dieser mit der leutseligen -Strenge eines Heiligen, der er auch gewesen sein soll. »_Excusatio non -petita, accusatio manifesta -- Qualis vir, talis oratio._ -- Aber -_satis jam dictum, nullus ultra sit sermo_. Oder, was dasselbe ist: -Lassen wir jetzt das Latein und bekümmern wir uns um diese famosen -Trauben.« Und er pflückte eine einzige Beere von der Traube, welche ihm -der Corregidor anbot. »Sie sind sehr gut,« rief er aus und hielt sie -gegen das Licht; dann reichte er sie seinem Sekretär. »Nur schade, daß -sie mir nicht gut bekommen.« - -Der Sekretär betrachtete die Traube auch, nahm eine Miene höflicher -Bewunderung an und übergab sie einem der Hausgenossen. - -Der Famulus wiederholte die Handlung des Bischofs und die Miene des -Sekretärs, ja, ging sogar so weit, an der Weintraube zu riechen, und -dann legte er sie mit der skrupulösesten Sorgfalt in den Korb zurück und -sagte mit leiser Stimme zu den Umstehenden: - -»Sr. Hochwürden fasten...« - -Tio Lucas aber, der die Traube mit dem Blick verfolgt hatte, nahm sie -dann ganz heimlich und aß sie verstohlen auf, ohne daß jemand es gesehen -hatte. - -Darauf setzten sich alle; man sprach vom Herbste, der sehr trocken war, -obgleich die Prozession mit dem Strick des heiligen Franziskus -umgegangen, sprach von der Möglichkeit eines neuen Krieges zwischen -Napoleon und Österreich, bestand auf dem Glauben, daß die kaiserlichen -Truppen das spanische Gebiet nie betreten würden; der Advokat beklagte -sich über das Aufrührerische und alles Umstürzende jener Epoche und -beneidete die ruhigen Zeiten seiner Väter, _nota bene_ wie die Väter die -Zeiten der Großväter beneidet hatten -- da rief der Papagei fünf Uhr... -und auf ein Zeichen des ehrwürdigen Bischofs ging der jüngere der -beiden Pagen nach dem Wagen Sr. Hochwürden, der an demselben Graben -angehalten hatte, wie der Alguacil und kam mit einem prächtigen aus Brot -und Öl gebackenen, mit Salz bestreuten Kuchen zurück, der kaum vor einer -Stunde aus dem Ofen gekommen war. Ein kleiner Tisch wurde inmitten der -Anwesenden aufgestellt, die Torte wurde zerschnitten, auch Tio Lucas und -die Seña Frasquita erhielten, trotz ihrer heftigen Weigerung, ihr Teil, -und eine Stunde lang herrschte eine wirklich demokratische Gleichheit -unter dem rötlich schimmernden Weinlaube, durch das die letzten Strahlen -der untergehenden Sonne ihren Abschiedsgruß sandten. - - -13. - -Da sagte die Krähe zum Raben. - -Anderthalb Stunden später waren alle die erlauchten Vespergenossen in -die Stadt zurückgekehrt. - -Der Bischof und seine »Familie« waren, dank dem Wagen, bedeutend früher -angekommen und waren schon im Palaste, wo wir sie bei ihrer Andacht -nicht weiter stören wollen. - -Der ausgezeichnete Advokat, der sehr trocken war, und die beiden -Canonici, einer immer dicker und respektabler als der andere, -begleiteten den Corregidor bis zur Thür des Rathauses, wo, wie Sr. -Gnaden sagte, er noch zu arbeiten hatte, und schlugen dann den Weg zu -ihren respektiven Wohnungen ein, wie Schiffer von den Sternen geleitet, -oder wie Blinde die Ecken durch Tasten vermeidend, denn schon war die -Nacht hereingebrochen, der Mond war noch nicht aufgegangen, und die -Straßenbeleuchtung war, wie alle übrigen Lichter dieses Jahrhunderts, -noch im göttlichen Gehirn. - -Dafür sah man nicht selten eine Laterne durch die Straßen irren, mit der -ein ehrerbietiger Diener seinem erhabenen Gebieter voranleuchtete, der -sich zu der gewohnten Tertulia[5] oder zum Besuch in das Haus seiner -Verwandten begab. - -Fast neben allen niedrigen Gittern sah man, oder besser gesagt, spürte -man, ahnte man eine schwarze, schweigende Masse. Das waren Verlobte, -welche ihr Gespräch bei den herannahenden Schritten abgebrochen hatten. - -»Wir sind aber wirkliche Leichtfüße,« sagten der Advokat und die beiden -Canonici im Gehen. »Was wird man nur in unseren Häusern von uns denken, -wenn man uns zu dieser Stunde ankommen sieht?« - -»Aber was werden die uns auf der Straße Begegnenden sagen, wenn sie uns -auf diese Weise nach sieben Uhr nachts wie von der Finsternis beschützte -Reitersleute sehen?« - -»Wir müssen wirklich unsern Lebenswandel ändern.« - -»Ach ja! aber diese verflixte Mühle!« - -»Meine Frau hat sie schon gewaltig im Magen,« sagte der Akademiker in -einem Tone, aus dem man die Furcht vor einer nahe bevorstehenden -Gardinenpredigt deutlich heraushörte. - -»Nun, und meine Nichten!« rief einer der Canonici aus, der, nach seinen -äußeren Abzeichen zu schließen, Pönitentiarius war, »meine Nichten -sagen, daß die Priester keine Gevatterinnen besuchen sollten.« - -»Und doch,« unterbrach sein Gefährte, der Magistral war, »kann es nichts -Unschuldigeres geben, als...« - -»Ei gewiß, geht doch sogar der Herr Bischof...« - -»Und dann, meine Herren, in unserem Alter!« versetzte der Pönitentiar. - -»Gestern bin ich fünfundsiebzig Jahre alt geworden.« - -»Das ist ja ganz klar,« erwiderte der Magistral. »Aber lassen Sie uns -von etwas anderem sprechen; wie reizend war heute die Seña Frasquita.« - -»O ja, was das betrifft, reizend ist sie, sehr reizend,« sagte der -Advokat und heuchelte Unparteilichkeit. - -»Sehr reizend!« wiederholte der Pönitentiarius hinter seiner Umhüllung. - -»Und wenn nicht,« sagte der Prediger _de officio_, »so fragt nur den -Corregidor, der arme Mann ist verliebt in sie.« - -»Na, das glaube ich schon,« rief der Beichtiger in der Kathedrale aus. - -»Gewiß!« fügte der korrespondierende Akademiker hinzu. »Hier aber, meine -Herren, trennen sich unsere Wege, ich gehe hier herum, um eher nach -Hause zu gelangen. Gute Nacht, meine Herren.« - -»Gute Nacht,« antworteten ihm die Kapitelherren. - -Und schweigend gingen sie einige Schritte vorwärts. - -»Auch dem gefällt die Müllerin!« murmelte darauf der Domherr und stieß -den Pönitentiarius sanft mit dem Ellbogen in die Seite. - -»Das sieht man doch ganz deutlich,« antwortete dieser und blieb an -seiner Hausthür stehen. »Und so häßlich wie er ist! Also auf morgen, -Kollege. Mögen Ihnen die Trauben gut bekommen.« - -»Auf morgen, so Gott will. Ich wünsche Ihnen eine recht gute Nacht.« - -»Gott gebe uns eine gute Nacht!« betete der Pönitentiarius schon vom -Portal, das sich durch eine Laterne und eine Jungfrau auszeichnete. Und -er schlug mit dem Klopfer an die Thür. - -Als der andere Canonicus sich allein auf der Straße befand -- er war -breiter als er lang war und schien sich rollend fortzubewegen -- ging er -langsam seinem Hause zu; aber ehe er jedoch dasselbe erreichte, stieß er -gegen eine Wand, die in späteren Zeiten den Verordnungen der städtischen -Polizei dienen sollte, und sagte, während er wahrscheinlich dabei an -seinen Chorbruder dachte: - -»Und dir gefällt die Seña Frasquita auch... Es ist aber auch wahr,« -fügte er nach einem Augenblick hinzu, »reizend ist sie, sehr reizend!« - - -14. - -Garduñas Ratschläge. - - -Inzwischen war der Corregidor, von Garduña gefolgt, in das Rathaus -eingetreten, und hielt mit diesem im Sitzungssaale eine so vertrauliche -Unterhaltung, wie sie sich für einen Mann von seinem Range und seinem -Amte gar nicht schickte. - -»Trauen Ew. Gnaden doch nur einem Spürhunde, der die Jagd kennt,« sagte -der unedle Alguacil. »Die Seña Frasquita ist wahnsinnig in Ew. Gnaden -verliebt, und was Ew. Gnaden mir soeben erzählt haben, läßt es so hell -wie dieses Licht sehen...« - -Und dabei deutete er auf eine Kerze, die kaum den achten Teil des Saales -erhellte. - -»So ganz sicher wie du, bin ich doch nicht, Garduña,« antwortete Don -Eugenio seufzend. - -»Dann weiß ich nicht, warum. Und wenn nicht, lassen Sie uns offen -darüber sprechen. Ew. Gnaden, mit Ihrer Erlaubnis sei es gesagt, haben -einen kleinen, ganz kleinen Fehler an Ihrem Körper, nicht wahr?« - -»Gut, ja,« antwortete der Corregidor. »Aber der Tio Lucas hat denselben -Fehler. Er ist noch weit buckliger als ich.« - -»Viel buckliger! Sehr viel buckliger! Er ist gar nicht mit Ihnen zu -vergleichen! Aber dafür, und das wollte ich eben sagen, haben Ew. Gnaden -ein sehr ansehnliches Gesicht, so, was man sagt ein schönes Gesicht, -während der Tio Lucas aussieht wie der Sergeant Utrera, der vor reiner -Häßlichkeit krepiert ist.« - -Der Corregidor lachte mit einer gewissen Leutseligkeit. - -Ȇbrigens,« fuhr der Alguacil fort, »ist die Seña Frasquita imstande, -sich aus dem Fenster zu stürzen, wenn sie dadurch die Ernennung ihres -Neffen erreichen kann.« - -»Bis hierher stimmen wir überein; diese Ernennung ist meine einzige -Hoffnung.« - -»Nun denn, Hand ans Werk, gnädiger Herr. Ich habe Ew. Gnaden ja schon -meinen Plan mitgeteilt... Er braucht nur heute Nacht ausgeführt zu -werden.« - -»Ich habe dir schon vielmals gesagt, daß ich keine Ratschläge brauche!« -schrie Don Eugenio, indem er sich plötzlich erinnerte, daß er mit einem -Untergebenen sprach. - -»Ich glaubte, daß Ew. Gnaden sie von mir verlangten,« stotterte Garduña. - -»Antworte mir nicht!« - -Garduña verbeugte sich. - -»Also du sagst,« fuhr der Corregidor fort, indem er sich allgemach -besänftigte, »daß schon heute Nacht alles geordnet werden kann? Nun, -weißt du, das scheint mir sehr gut. Teufel noch einmal! So werde ich -doch endlich von dieser grausamen Ungewißheit befreit werden.« - -Garduña schwieg. - -Der Corregidor wandte sich an den Schreibtisch, schrieb einige Zeilen -auf Stempelpapier, das er seinerseits noch stempelte, und verwahrte es -dann in seiner Westentasche. »So, die Ernennung des Neffen wäre -gemacht,« sagte er dann und nahm eine Prise Tabak. »Morgen werde ich -mich mit den Regidoren (Stadträten) darüber verständigen, und entweder -sie genehmigen sie einstimmig, oder der Teufel soll sie holen. Meinst du -nicht auch, daß ich recht thue?« - -»Das ist es, das ist es,« rief der begeisterte Garduña aus, indem er die -Pfote in die Tabaksdose des Corregidors versenkte und dieser eine Prise -entführte. »Das ist es, Ew. Gnaden Vorgänger ist auch niemals vor einem -Hindernisse zurückgeschreckt. Einmal...« - -»Laß das Geschwätz!« versetzte der Corregidor, indem er der räuberischen -Hand einen Schlag mit dem Handschuh versetzte. »Mein Vorgänger war ein -Esel, weil er dich zum Alguacil hatte. Aber kommen wir wieder auf unsere -Angelegenheit zurück. Du sagtest mir, daß die Mühle des Tio Lucas zum -Gerichtsbezirk des nächsten Fleckens und nicht zu dem dieser Stadt -gehört... Bist du ganz sicher?« - -»Ganz sicher. Der Gerichtsbezirk der Stadt hört mit dem Graben auf, wo -ich heute Nachmittag saß, um Ew. Gnaden zu erwarten. Heiliger Lucifer! -Wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre.« - -»Genug!« schrie Don Eugenio, »du bist ein Unverschämter!« Er ergriff -einen halben Bogen Papier, schrieb ein Billet, schloß es, indem er eine -Ecke umschlug und übergab es Garduña. »Da hast du den Brief, den du von -mir für den Alkalden des Ortes verlangt hast,« sagte er gleichzeitig zu -ihm. »Du wirst ihm noch mündlich alles erklären, was er zu thun hat. Du -siehst wohl, ich führe deinen Plan buchstäblich aus. Aber wehe dir, wenn -du mich in eine Sackgasse bringst!« - -»Seien Ew. Gnaden unbesorgt,« antwortete Garduña. »Señor Juan Lopez hat -viel zu fürchten, und sobald er nur Ew. Gnaden Unterschrift sieht, wird -er alles thun, was man ihm befiehlt. Dem königlichen Rentamt schuldet er -mindestens tausend Fanegas Getreide und dem Kirchenamt ebensoviel. Und -dies letztere gegen alles und jedes Gesetz, denn er ist weder eine -Witwe, noch ein armer Arbeiter, um das Korn zu erhalten, ohne Zinsen -darauf zu zahlen, sondern ein Spieler, ein Trunkenbold und ein Ehrloser, -ein Freund von Weibern, über den der ganze Flecken entrüstet ist... Und -jener Mensch übt die Autorität aus. Aber so geht es in der Welt!« - -»Ich habe dir gesagt, daß du schweigen sollst! Du störst mich,« brüllte -der Corregidor. »Aber um auf unser früheres Gespräch zurückzukommen,« -fügte er, den Ton ändernd, nach einiger Zeit hinzu, »es ist jetzt -einviertel auf Acht... Zuerst mußt du nach Hause gehen und die Señora -benachrichtigen, daß sie mich zum Abendbrot und zum Schlafen nicht -erwarten soll. Sage ihr, daß ich bis zum Zapfenstreich zu arbeiten habe -und nachher eine geheime Runde mit dir machen wolle, um zu sehen, ob wir -nicht ein paar Übelthäter fangen können u. s. w. u. s. w. Mit einem -Worte, täusche sie nur gut, damit sie sich ohne irgend welchen Verdacht -hinlegt. Unterwegs sage dem andern Alguacil, daß er mir das Abendbrot -herbringe. Ich wage es nicht, mich heute vor meiner Frau sehen zu -lassen; sie kennt mich zu gut, sie ist fähig, in meinen Gedanken zu -lesen. Trage der Köchin auf, daß sie nur einige von den Klößen schickt, -die es heute gegeben hat, und sage dem Alguacil, daß er mir aus dem -Wirtshause ein halbes Viertel Weißwein herüberbringt, so aber, daß es -niemand sieht. -- Dann gehst du nach dem Orte ab, wo du ganz gut um halb -neun Uhr sein kannst.« - -»Schlag acht Uhr bin ich dort,« rief Garduña aus. - -»Widersprich mir nicht!« heulte der Corregidor, der sich wieder -erinnerte, wer er war. - -Garduña salutierte. - -»Wir haben gesagt,« nahm jener, menschlicher werdend, wieder das Wort, -»daß du um acht Uhr im Orte sein kannst. Vom Dorfe bis zur Mühle wird es -ungefähr... ich glaube, es wird eine halbe Meile sein...« - -»Eine kleine...« - -»Unterbrich mich nicht.« - -Der Alguacil salutierte von neuem. - -»Eine kleine halbe Meile,« fuhr der Corregidor fort. »Folglich um Zehn. -Glaubst du, daß um zehn...« - -»Vor Zehn, um halb Zehn kann Ew. Gnaden an die Thür der Mühle klopfen.« - -»Kerl, sage mir nicht, was ich thun soll... Natürlich wirst du dort -sein...« - -»Ich werde überall sein... Aber mein Hauptquartier wird im Graben sein. -Ach, bald hätte ich vergessen! Gehen Ew. Gnaden doch zu Fuß und ohne -Laterne.« - -»Die Ratschläge haben mir auch gerade gefehlt! Glaubst du denn, daß ich -zum erstenmale einen solchen Feldzug unternehme?« - -»Verzeihen Ew. Gnaden. Ach, noch etwas! Klopfen Ew. Gnaden nicht an die -große Thür, die auf den Platz unter der Weinlaube führt, sondern an die -kleine über dem Mühlgerinne.« - -Ȇber dem Mühlgerinne ist noch eine Thür? Höre mal, das war' mir nicht -eingefallen.« - -»Ja, Ew. Gnaden. Die kleine Thür über dem Gerinne führt direkt in das -Schlafzimmer der Müllersleute, und der Tio Lucas benutzt dieselbe nie. -So daß, sollte er unerwartet zurückkommen...« - -»Ich verstehe... ich verstehe... Jetzt betäube mir die Ohren nicht -länger mit deinem Geschwätz.« - -»Zum Schluß noch eins. Sehen Ew. Gnaden zu, daß Sie vor dem Morgengrauen -unsichtbar werden. Jetzt wird es um sechs Uhr Tag.« - -»Das ist ein anderer überflüssiger Rat. Um fünf Uhr bin ich wieder in -meinem Hause... Aber wir haben genug gesprochen. Hebe dich weg von -meinem Angesicht!« - -»Nun denn, Herr... viel Glück!« rief der Alguacil, indem er zugleich dem -Corregidor die Hand entgegenstreckte und andächtig die Augen zur Decke -erhob. - -Der Corregidor gab Garduña eine Peseta, die wie weggezaubert verschwand. - -»Alle Teufel!« murmelte der Alte nach einer Weile. »Hab ich doch -vergessen zu sagen, daß sie mir ein Spiel Karten mitbringen sollten! -Damit hätte ich mich bis halb Zehn unterhalten und sehen können, ob die -Patience aufging.« - - -15. - -Abschied in Prosa. - -Es mochte ungefähr neun Uhr an demselben Abende sein, als Tio Lucas und -die Seña Frasquita, nachdem sie alle Mühlen- und Hausgeschäfte besorgt -hatten, ihr Abendbrot verzehrten, das aus einer Schüssel Endiviensalat, -einem mit Tomaten gedämpften Stück Fleisch und einigen von den in dem -bewußten Korbe zurückgebliebenen Weintrauben bestand und mit ein wenig -Wein und vielem Gelächter auf Kosten des Corregidors begossen wurde; -darauf sahen sich die beiden Ehegatten, wie zufrieden mit Gott und sich -selbst, an und sagten unter wiederholtem Gähnen, das die ganze Ruhe und -den Frieden ihrer Herzen enthüllte: - -»Na, dann wollen wir nur zu Bett gehen, morgen ist ein anderer Tag.« - -In dem Augenblick hörten sie zwei starke Schläge gegen die große -Mühlenthür. - -Der Mann und die Frau sahen sich erschrocken an. - -Zum erstenmal hörten sie zu solcher Stunde an die Thür klopfen. - -»Ich will nachsehen,« sagte die unerschrockene Navarresin und wendete -sich nach der Thür. - -»Geh weg! Das ist meine Sache!« rief Tio Lucas mit einer solchen Würde -aus, daß Seña Frasquita ihm den Weg freiließ. »Ich habe dir doch gesagt, -daß du nicht hinausgehen sollst,« fügte er mit einiger Härte hinzu, als -er sah, daß die Navarresin Miene machte, ihm zu folgen. Diese gehorchte -und blieb im Hause. - -»Wer ist da?« fragte Tio Lucas von der Mitte der Hausflur aus. - -»Die Obrigkeit,« antwortete eine Stimme von der andern Seite des -Portals. - -»Was für eine Obrigkeit?« - -»Die des Ortes. Öffnet im Namen des Herrn Bürgermeisters.« - -Inzwischen hatte sich Tio Lucas einem kleinen, versteckten Guckloch in -der Thür genähert und erkannte beim klaren Schein des Mondes den -ländlichen Alguacil des benachbarten Ortes. - -»Du willst sagen, daß ich dem Trunkenbold Alguacil öffnen soll,« -antwortete der Müller, den Riegel zurückschiebend. - -»Das ist dasselbe,« antwortete der draußen Stehende; »da ich aber einen -geschriebenen Befehl von Seiner Wohlgeboren bringe... Ich wünsche Euch -einen guten Abend, Tio Lucas,« fügte er mit einer etwas weniger -offiziellen Stimme hinzu und trat ein. - -»Gott behüte dich, Toñuelo,« antwortete der Murcianer. »Laß einmal -sehen, was für ein Befehl das ist. Señor Juan Lopez hätte auch eine -andere passendere Stunde wählen können, um sich an Biedermänner zu -wenden. Natürlich wird es deine Schuld sein. Ich sehe schon, du hast -dich in den Obstgärten am Wege berauscht. Willst du noch einen Schluck?« - -»Nein, Herr, es ist keine Zeit dazu. Sie müssen mir sofort folgen. Lesen -Sie den Befehl.« - -»Wie, dir folgen?« rief Tio Lucas und trat, nachdem er das Papier an -sich genommen, in die Mühle zurück. - -»Du, Frasquita, leuchte mir.« - -Seña Frasquita warf etwas, was sie in der Hand hielt, fort und brachte -die Lampe. - -Tio Lucas warf einen schnellen Blick auf den von seiner Frau -losgelassenen Gegenstand und erkannte seine alte Donnerbüchse, die mit -halbpfündigen Kugeln geladen wurde. - -Da blickte der Müller die Navarresin voll Dankbarkeit und Zärtlichkeit -an und, sie beim Kinn nehmend, sagte er: - -»Du bist Gold wert.« - -Bleich und heiter wie eine Marmorstatue hob Seña Frasquita die Lampe in -die Höhe, ohne daß die Finger, welche sie hielten, auch nur vom -leisesten Zittern bewegt wurden, und antwortete trocken: - -»Laß nur, lies!« - -Der Befehl lautete folgendermaßen: - -»Um Sr. Majestät, unserm König und Herrn (_Q. D. G._[6]) besser zu -dienen, benachrichtige ich Lucas Fernandez, Müller und hiesigen Bürger, -daß er sofort nach Empfang dieses Schreibens vor mir erscheine, ohne -irgend welchen Vorwand oder Entschuldigung, indem ich ihn zugleich -warne, es irgend jemanden mitzuteilen, da es eine vollständig -reservierte Angelegenheit ist, widrigenfalls er, im Falle des -Ungehorsams, den betreffenden Strafen verfallen wird.« Der Alkalde -(Bürgermeister) Juan Lopez. - -Und statt des Federzuges war ein Kreuz. - -»Höre, du, was heißt dies?« fragte Tio Lucas den Alguacil. »Wozu ist -dieser Befehl?« - -»Das weiß ich nicht,« antwortete der Bauer, ein Mann von einigen dreißig -Jahren, dessen spitzes, boshaftes Gesicht, das Gesicht eines Räubers und -Mörders, gerade kein Vertrauen zu seiner Glaubwürdigkeit einflößte. »Ich -glaube, es handelt sich um Hexerei oder Falschmünzerei; Euch betrifft -die Sache nicht. Ihr sollt nur als Zeuge oder Sachverständiger vernommen -werden. Na, ich weiß nicht recht, ich hab's nicht recht verstanden. Der -Señor Juan Lopez wird es Euch schon erklären, mit allem, was drum und -dran hängt.« - -»Gewiß!« rief der Müller aus. »Sag ihm, ich werde morgen kommen.« - -»O nein, Herr, Ihr müßt auf der Stelle kommen, ohne auch nur eine Minute -zu verlieren. So lautet der Befehl, den mir der Herr Alkalde gegeben -hat.« - -Einen Augenblick lang herrschte Stille. - -Die Augen der Seña Frasquita sprühten Flammen. Tio Lucas erhob die -seinigen nicht vom Fußboden, wie wenn er dort etwas suchte. - -»Du wirst nur doch wenigstens die nötige Zeit gestatten,« sprach er -endlich, den Kopf erhebend, »um nach dem Stall zu gehen und einen Esel -zu satteln.« - -»Was Esel, was Teufel!« entgegnete der Alguacil. »Eine halbe Meile kann -doch wohl jeder zu Fuß gehen. Außerdem ist die Nacht sehr schön und der -Mond scheint. Ich habe schon gesehen, daß er aufgegangen ist.« - -»Aber meine Füße sind sehr geschwollen.« - -»Nun, dann wollen wir aber keine Zeit verlieren. Ich werde das Tier -satteln helfen.« - -»Holla, Holla! Fürchtest du, daß ich davonlaufe?« - -»Ich fürchte nichts, Tio Lucas,« antwortete Toñuelo mit der Kälte eines -seelenlosen Geschöpfes. »Ich bin die Obrigkeit.« - -Und indem er so sprach, legte er die Waffen nieder und ließ die unter -seinem Mantel verborgene Büchse sehen. - -»Hör 'mal, Toñuelo,« sagte die Müllerin, »da du doch in den Stall gehst, -um dein Amt auszuüben, so sei so gut und sattle auch den anderen Esel.« - -»Wozu?« fragte der Müller. - -»Für mich, ich gehe mit euch.« - -»Das kann nicht sein, Seña Frasquita,« entgegnete der Alguacil. »Ich -habe Ordre, Euren Mann mitzubringen, aber nichts weiter, und zu -verhindern, daß Ihr ihm folgt. Dabei gilt es ja meine Stelle und meinen -Kopf. So teilte mir der Señor Juan Lopez mit. Also vorwärts, Tio Lucas.« -Und er wendete sich der Thür zu. - -»Das ist sehr sonderbar,« stotterte der Müller, ohne sich zu regen. - -»Sehr sonderbar,« antwortete die Seña Frasquita. - -»Da steckt etwas dahinter... nur weiß ich nicht...« fuhr Tio Lucas -fort, doch so, daß er von Toñuelo nicht gehört werden konnte. - -»Soll ich nach der Stadt gehen,« fragte die Navarresin, »und dem Herrn -Corregidor Nachricht geben von dem, was hier geschieht?« - -»Nein,« antwortete Tio Lucas mit lauter Stimme, »das nicht.« - -»Was soll ich denn aber thun?« fragte die Müllerin ungestüm. - -»Sieh mich an,« antwortete der frühere Soldat. - -Schweigend sahen sich die beiden Gatten an und waren von der Ruhe der -Entschlossenheit und Energie, welche sich ihre Seelen gegenseitig -mitteilten, so befriedigt, daß sie die Achseln zuckten und lachten. - -Darnach zündete Tio Lucas eine andere Lampe an und wendete sich nach dem -Stalle, indem er unterwegs spöttisch zu Toñuelo sagte: - -»Nun, Mann, komm und hilf mir, da du doch so liebenswürdig sein willst.« - -Toñuelo folgte ihm, indem er leise ein Liedchen trällerte. - -Wenige Minuten später verließ Tio Lucas die Mühle auf einer schönen -Eselin, vom Alguacil gefolgt. - -»Schließ gut zu,« sagte Tio Lucas. - -»Wickele dich gut ein, es ist frisch,« sagte Seña Frasquita, schloß mit -dem Schlüssel zu und schob den Riegel und die eiserne Stange vor. Und da -war kein Lebewohl weiter, kein Kuß, keine Umarmung, kein Blick. Wozu -auch? - - -16. - -Ein Unglücksvogel. - -Wir wollen dem Tio Lucas folgen. - -Ohne ein Wort zu sprechen, waren sie schon eine Viertelmeile gegangen, -der Müller auf seinem Esel, den der Alguacil mit seinem Stock der -Autorität antrieb, als sie plötzlich auf einer Erhöhung des Weges den -Schatten eines ungeheueren, häßlichen Vogels wahrnahmen, der auf sie -zukam. - -Scharf hob sich jener Schatten von dem vom Monde beleuchteten Himmel ab -und war so klar zu erkennen, daß der Müller sofort ausrief: - -»Toñuelo, das ist Garduña mit seinem Dreispitz und seinen Drahtbeinen.« - -Aber bevor noch der Angeredete antworten konnte, hatte der Schatten, der -jedes Zusammentreffen zu vermeiden schien, den Weg schon verlassen und -war mit der Geschwindigkeit eines wirklichen Marders quer über das Feld -gelaufen. - -»Ich sehe niemand,« antwortete Toñuelo mit der größten Natürlichkeit. - -»Ich auch nicht,« erwiderte Tio Lucas, seinen Ärger hinunterschluckend. - -Und der Argwohn, der bereits im Müller aufgestiegen war, fing an, in dem -eifersüchtigen Geiste des Buckligen Gestalt und Form anzunehmen. - -»Diese Reise,« sagte er sich innerlich, »ist eine Kriegslist des -Corregidors. Die heute oben von der Laube gehörte Erklärung beweist mir, -daß der erbärmliche alte, Madrileñer nicht länger warten kann. Ohne -Zweifel will er heute Abend seinen Besuch in der Mühle wiederholen, und -darum hat er damit angefangen, mich aus der Mühle zu entfernen... Aber, -was thut das? Frasquita ist Frasquita... und wird die Thür nicht -aufmachen, und wenn sie Feuer an das Haus legten. Ich gehe noch weiter. -Selbst wenn sie öffnete, selbst wenn es dem Corregidor gelänge, durch -irgend welche Hinterlist meine Navarresin zu überraschen, so würde der -arme Mann nicht mit heilem Kopfe wieder hinauskommen. Frasquita ist -Frasquita. Und doch,« fügte er nach einer Weile hinzu, »besser wäre es -doch, heute so bald wie möglich nach Hause zurückzukehren.« - -Darüber waren der Tio Lucas und der Alguacil im Dorfe angekommen und -wendeten sich dem Hause des Alkalden zu. - - -17. - -Ein Dorfschulze. - -Der Herr Juan Lopez, der sowohl als Privatmann wie auch als Schulze die -personifizierte Grausamkeit und der eitle Stolz war, wenn es sich -nämlich um seine Untergebenen handelte, geruhte jedoch zu jener Stunde, -nachdem er die öffentlichen Angelegenheiten und sein eigenes Anwesen -besorgt und seiner Frau die gewohnte, tägliche Tracht Prügel verabreicht -hatte, in Gesellschaft des Schreibers und des Küsters einen Krug Wein zu -trinken, eine Operation, die bereits über die Hälfte jenes Abends in -Anspruch genommen hatte, als der Müller vor ihm erschien. - -»Holla, Tio Lucas,« sagte er zu ihm, und kratzte sich den Kopf, um die -Ader der Täuschungen anzuregen. »Wie geht's mit Eurer Gesundheit? -Sekretär, schenkt dem Tio Lucas ein Glas Wein ein. Und die Seña -Frasquita? Ist sie noch immer so reizend? Ich habe sie schon seit so -langer Zeit nicht gesehen. Aber, Gevatter, ist Euer Mehl jetzt gut!... -Das Roggenbrot sieht aus wie vom feinsten Weizen. Also... na... Setzt -Euch und ruht aus; denn, Gott sei Dank, wir haben keine Eile.« - -»Was mich betrifft, verflucht, wenn ich sie hätte,« antwortete Tio -Lucas, der bis dahin noch nicht den Mund aufgemacht hatte, dessen -Argwohn aber immer größer wurde, als er den ihm zu Teil gewordenen -freundschaftlichen Empfang nach einer so drohenden und dringenden Ordre -sah. - -»Nun also, Tio Lucas,« fuhr der Alkalde fort, »wenn Ihr auch keine große -Eile habt, dann könnt Ihr ja heute Nacht hier schlafen, und morgen früh -machen wir dann unser Geschäft ab.« - -»Das scheint mir sehr gut,« antwortete Tio Lucas mit einer Ironie und -einer Verstellung, die der Diplomatie des Herrn Juan Lopez um nichts -nachgaben. »Da die Sache nicht eilt, so werde ich die Nacht außerhalb -des Hauses zubringen.« - -»Weder eilt sie, noch ist irgend welche Gefahr für Euch dabei,« fügte -der Alkalde hinzu, getäuscht von dem, den er zu täuschen glaubte. »Seid -ganz ruhig. Höre du, Toñuelo, nimm die halbe Fanega herunter, damit sich -der Tio Lucas setzen kann.« - -»Nun denn... gebt mir noch einen Schluck,« rief der Müller aus, indem er -sich setzte. - -»Kommt her!« antwortete der Alkalde und reichte ihm das volle Glas. - -»Es ist in guter Hand. Trinkt nur zuerst.« - -»Nun denn, auf Eure Gesundheit,« sagte der Herr Juan Lopez und trank die -Hälfte des Weines aus. - -»Auf die Eure, Señor Alkalde!« entgegnete Tio Lucas und trank die andere -Hälfte. - -»Du, Manuela!« rief darauf der Dorfschulze, »sage deiner Herrin, daß der -Tio Lucas hier schlafen wird. Sie soll ihm ein Kopfkissen auf den -Kornboden legen.« - -»Ach was!... Doch nicht so viele Umstände! Ich schlafe im Strohstall wie -ein König.« - -»Na hört einmal, wir haben noch Kissen.« - -»Das glaube ich schon. Aber warum wollt Ihr denn die Familie erst noch -belästigen. Ich habe meinen Mantel.« - -»Nun, wie es Euch beliebt. Manuela, sag deiner Herrin, daß sie es nicht -hinlege.« - -»Nur müßt Ihr mir erlauben,« fuhr Tio Lucas fort, indem er auf -fürchterliche Weise gähnte, »daß ich mich gleich nachher niederlege. -Gestern Abend habe ich sehr viel zu mahlen gehabt, und ich habe noch -kein Auge seitdem geschlossen.« - -»Zugestanden!« antwortete majestätisch der Alkalde. »Ihr könnt Euch -niederlegen, wann Ihr wollt.« - -»Ich glaube, daß es auch für uns Zeit ist, uns niederzulegen,« sagte der -Küster und zog den Weinkrug an sich, um den Rest zu trinken. »Es muß -wohl schon zehn Uhr sein, oder wenig wird daran fehlen.« - -»Dreiviertel auf Zehn,« bemerkte der Schreiber, nachdem er den Rest des -noch für jene Nacht bestimmten Weins in die Gläser verteilt hatte. - -»Nun zu Bett, meine Herren!« rief der Amphitrion aus, indem er seinen -Teil trank. - -»Auf morgen, meine Herren,« fügte der Müller hinzu und trank den seinen. - -»Wartet doch, daß man Euch voranleuchte; Toñuelo, führe Tio Lucas nach -dem Strohstall.« - -»Hierher, Tio Lucas,« sagte Toñuelo und nahm den Krug mit für den Fall, -daß noch einige Tropfen darin geblieben wären. - -»Auf morgen, so Gott will,« fügte der Küster hinzu, nachdem er noch alle -Gläser untersucht. - -Und taumelnd entfernte er sich und sang vergnügt das _De -profundis_............... - -»So,« sagte der Alkalde zum Schreiber, als sie allein geblieben waren, -»der Tio Lucas hat nichts gemerkt. Wir können uns also ruhig hinlegen, -und wohl bekomm's dem Herrn Corregidor!« - - -18. - -Wie Tio Lucas nicht ans Schlafen dachte. - -Fünf Minuten nachher ließ sich ein Mann von dem Strohstallfenster des -Alkalden herab; das Fenster ging auf den Hof und war kaum vier Ellen vom -Erdboden entfernt. - -Im Hofe stand ein Dach über einer großen Krippe, an der sechs oder acht -Reittiere verschiedener Rasse, aber alle dem schwachen Geschlecht -angehörig, angebunden waren; die Pferde, Maultiere und Esel vom starken -Geschlecht hatten ihren eigenen Schuppen in einem benachbarten Lokal. - -Der Mann band eine noch ganz gesattelte Eselin los und ging, diese am -Zügel nach sich ziehend, nach der Thür des Hofes, schob die -Vorlegestange zurück, schloß das sie haltende Schloß auf, öffnete -vorsichtig die Thür und war mitten auf dem Felde. - -Dort angekommen, bestieg er die Eselin, drückte ihr die Fersen in die -Flanken, und wie ein Pfeil flog er in der Richtung der Stadt dahin, aber -nicht auf der offenen Fahrstraße, sondern über Saaten und Gräben, wie -wenn er sich vor einem unangenehmen Zusammentreffen hüten wollte. Es war -der Tio Lucas, der sich nach seiner Mühle begab. - - -19. - -Stimmen in der Wüste. - -»Mir sollt ihr nur mit Alkalden kommen,« sagte der Murcianer, »ich bin -aus Archena. Morgen früh gehe ich zum Herrn Bischof, um allem -zuvorzukommen, und werde ihm alles erzählen, was heute Nacht hier -vorgekommen ist. Mich mit solcher Eile und so geheimnisvoll rufen zu -lassen, und zu einer so Angehörigen Stunde, mir zu sagen, daß ich allein -gehen soll, mir vom Dienst des Königs und von Falschmünzerei, von Hexen -und Kobolden zu sprechen, um nachher zwei Gläser Wein zu trinken und -mich zu Bett zu legen. Es kann gar nicht klarer sein! Garduña hat diese -Instruktionen von seiten des Corregidors nach dem Dorfe bringen müssen, -und zu dieser Stunde hat der Corregidor schon den Feldzug gegen meine -Frau eröffnet. Wer weiß, vielleicht treffe ich ihn, wie er an die Thür -der Mühle klopft! Wer weiß, vielleicht treffe ich ihn schon darin... -Wer weiß... Aber, was sage ich denn da! Ich an meiner Navarresin -zweifeln? O, das hieße sich an Gott versündigen. Unmöglich, daß sie... -Unmöglich könnte meine Frasquita... Unmöglich! -- Aber was rede ich denn -so dumm. Ist denn irgend etwas unmöglich auf der Welt? Hat sie sich doch -mit mir verheiratet, obgleich sie so schön ist, und ich so häßlich bin!« - -Und als er diese letzte Bemerkung machte, fing der arme Bucklige an, -bitterlich zu weinen... - -Um sich wieder ein wenig aufzuheitern, hielt er sein Tier an, trocknete -seine Thränen, seufzte tief auf, zog seine Gerätschaften zum Rauchen -hervor und machte sich eine Cigarette von schwarzem Tabak zurecht. Dann -nahm er Feuerstein, Zunder und Stahl, und nach einigen Schlägen gelang -es ihm, Feuer zu erhalten. - -In diesem Augenblicke hörte er das Geräusch von Schritten in der Gegend -der Landstraße, die ungefähr einige dreihundert Ellen davon entfernt -war. - -»Wie unvorsichtig bin ich doch!« sagte er. »Wenn man mich suchte, so -würden mich diese Funken verraten haben.« - -Schnell verbarg er das Feuerzeug, stieg ab und versteckte sich hinter -der Eselin. Aber die Eselin verstand die Sache nach ihrer Art und Weise -und stieß ein lautes Geschrei der Befriedigung aus. - -»Verfluchtes Tier!« rief Tio Lucas aus und versuchte ihr das Maul mit -beiden Händen zuzuhalten. - -Da ertönte als galante Antwort gleiches Geschrei von der Landstraße her. - -»Na, jetzt wird's gut,« fuhr der Müller in Gedanken fort. »Das -Sprichwort hat ganz recht, wenn es sagt: _El mayor mal de los males es -tratar con animales_.« (Das größte der Übel ist, wenn man mit Tieren zu -thun hat.[7]) - -Und so sprechend bestieg er von neuem seinen Esel, trieb ihn an und -ritt, wie aus der Pistole geschossen, in der Richtung fort, welche dem -Orte, an dem das zweite Eselgeschrei laut geworden war, gerade -entgegengesetzt war. - -Das merkwürdigste aber war, daß die Person auf dem antwortenden Tiere -sich ebenso sehr vor Tio Lucas zu fürchten schien, wie Tio Lucas vor -ihr, denn auch sie bog vom Wege ab und ritt in vollem Galopp durch die -Saatfelder auf der anderen Seite desselben. - -Der Murcianer bemerkte es, und schon darüber beruhigt, grübelte er -folgendermaßen weiter: - -»Was für eine Nacht! Was für eine Welt! Was für ein Leben führe ich seit -einer Stunde! Alguacils werden zu Kupplern gemacht, Alkalden verschwören -sich gegen meine Ehre, Esel schreien, wenn es nicht nötig ist, und hier -in meiner Brust trage ich ein elendes Herz, das gewagt hat, an der -edelsten Frau, die Gott geschaffen, zu zweifeln. Gott im Himmel, Gott im -Himmel! gieb nur, daß ich bald nach Hause komme und dort meine Frasquita -antreffe!« - -So ritt Tio Lucas fort durch Felder und Büsche, bis er endlich etwa -gegen elf Uhr nachts ohne besondere Zufälligkeiten an der großen Thür -der Mühle anlangte. Verdammt! die Thür der Mühle stand offen. - - -20. - -Zweifel und Wirklichkeit. - -Sie stand offen, und er hatte beim Fortgehen seine Frau dieselbe mit -Schlüssel, Vorlegstange und Schloß schließen hören! - -Folglich hatte auch nur seine Frau dieselbe öffnen können! - -Aber wie? wann? warum? Infolge einer Täuschung? infolge einer Ordre? -Oder wohlüberlegt und freiwillig, kraft einer vorhergegangenen -Übereinstimmung mit dem Corregidor? - -Was würde er sehen? Was würde er erfahren? Was erwartete ihn im Innern -seines Hauses? War er mit der Seña Frasquita geflohen? Hatten sie ihm -dieselbe geraubt? Wäre sie am Ende gar tot? Oder würde er sie in den -Armen seines Rivalen finden? - -»Der Corregidor hat darauf gerechnet, daß ich heute die ganze Nacht -hindurch nicht nach Hause kommen würde,« sagte Tio Lucas düster. »Der -Alkalde des Ortes wird wohl Befehl erhalten haben, mich eher in Fesseln -zu schlagen, als mir die Rückkehr zu gestatten. Wußte Frasquita all das? -War sie an dem Komplott beteiligt? Oder war sie das Opfer eines -Betruges, einer Vergewaltigung, einer Nichtswürdigkeit?« - -Der Unglückliche brauchte nicht mehr Zeit, um alle diese grausamen -Bemerkungen zu machen, als die, welche nötig war, um den Platz unter der -Weinlaube zu durcheilen. - -Auch die Hausthür stand offen, und der erste Wohnraum, wie in allen -ländlichen Gebäuden, war die Küche. In der Küche war niemand. Und doch -brannte ein riesiges Feuer im Kamin... im Kamin, der vollständig -erloschen war, als er hinausging und der nie vor Ende Dezember geheizt -wurde. - -Schließlich hing noch an einem der Haken der Küchenbretter eine -brennende Lampe. - -Was bedeutet all dies? Und wie stimmten die scheinbaren Anstalten der -Wachsamkeit und Geselligkeit zu dem Todesschweigen, das im Hause -herrschte? - -Was war aus seiner Frau geworden? - -Da, und erst in dem Augenblick wurde Tio Lucas einige Kleidungsstücke -gewahr, die auf den Lehnen einiger um den Kamin gestellten Stühle -ausgebreitet lagen. - -Er untersuchte die Kleider näher und stieß ein so fürchterliches Gebrüll -aus, daß es ihm, in einen unhörbaren, erstickten Seufzer verwandelt, in -der Kehle stecken blieb. - -Der Unglückliche glaubte zu ersticken und fuhr sich mit den Händen nach -dem Halse, während er bleich, mit verzerrten Zügen, mit -hervorgequollenen Augen und mit einem Entsetzen jene Kleider -betrachtete, wie es der zum Tode verurteilte Verbrecher beim Anblicke -des Armensünderhemdes empfinden muß. - -Denn was er dort sah, war der rote Mantel, der Dreispitz, der -turteltaubenfarbige Rock und die Weste, das schwarzseidene Beinkleid, -die weißen Strümpfe, die schwarzen Schnallenschuhe, und sogar der Stock, -der Degen und die Handschuhe des verabscheuungswürdigen Corregidors. -Das, was er dort sah, war das Armensünderhemd seiner Schande, das -Leichentuch seiner Ehre, das Schweißtuch seines Glückes. Die -schreckliche Donnerbüchse lehnte in demselben Winkel, in welchem sie die -Navarresin vor Stunden gelassen hatte. - -Mit dem Sprunge eines Tigers stürzte Tio Lucas auf sie zu und -bemächtigte sich derselben. Er untersuchte das Rohr mit dem Ladestock -und fand, daß sie geladen war. Dann sah er nach dem Stein, und siehe da! -er war an seinem Platze. - -Darauf wendete er sich nach der Treppe, die zu dem Zimmer führte, wo er -so viele Jahre mit der Seña Frasquita geschlafen, und murmelte dumpf: - -»Da sind sie.« - -Er that einen Schritt nach jener Richtung, dann hielt er inne und -blickte um sich, ob ihn auch jemand beobachte. - -»Niemand!« sagte er innerlich. »Nur Gott... und der hat dies gewollt!« - -Nachdem er so das Urteil bestätigt, that er einen anderen Schritt. Da -bemerkte sein irrender Blick ein gefaltetes Blatt auf dem Tische. - -Es sehen, darauf zustürzen, es zwischen seinen Fingern halten, war das -Werk eines Augenblicks! - -Jenes Papier enthielt die Ernennung des Neffen der Seña Frasquita, von -Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de Leon unterzeichnet. - -»Das war also der Preis ihres Verkaufs!« dachte Tio Lucas, und steckte -das Papier in den Mund, um sein Schluchzen zu ersticken und seiner Wut -Nahrung zu geben. »Immer habe ich geargwöhnt, daß sie ihre Familie -lieber hätte als mich... Ach, warum haben wir keine Kinder gehabt!... -Das ist an allem schuld!« - -Und der Unglückliche war wieder nahe daran, zu weinen. Aber bald wurde -er wieder wütend und mit einer schrecklichen Gebärde, wenn auch nicht -mit der Stimme, schien er zu sagen: - -»Hinauf, hinauf!« - -Und so fing er an, die Treppe hinaufzukriechen; mit der einen Hand -suchte er den Weg, mit der andern hielt er die Büchse, und zwischen den -Zähnen hielt er das nichtswürdige Papier. - -Zur Bekräftigung seines logischen Argwohns drangen, als er sich der -geschlossenen Thür des Schlafzimmers näherte, durch einige Ritzen in -deren Brettern und durch das Schlüsselloch etliche Lichtstrahlen. - -»Da sind sie!« sagte er von neuem. - -Und er hielt einen Augenblick inne, um den neuen Trank der Bitterkeit -hinunterzuschlucken. - -Dann stieg er weiter hinauf, bis er vor der Thür des Schlafzimmers -selbst stand. - -Hinter derselben hörte er nicht das geringste Geräusch. - -»Wenn niemand dort wäre!« sagte schüchtern die Hoffnung. - -Aber in demselben Augenblick hörte der Unglückliche im Zimmer husten. - -Es war der halb asthmatische Husten des Corregidors. - -Es war kein Zweifel mehr! In diesem Schiffbruche fand er keine rettende -Planke. - -In der Finsternis lächelte der Müller auf eine schreckliche Weise. - -Warum leuchten solche Blitze nicht in der Dunkelheit? Was ist alles -Feuer der höllischen Qualen gegen die heiße Lohe, die zuweilen im Herzen -des Menschen brennt? - -Und doch, sobald Tio Lucas den Husten seines Feindes hörte, fing er an -sich zu beruhigen, denn so war seine Seele, wie wir schon an anderer -Stelle bemerkten. - -Die Wirklichkeit war ihm weniger gefährlich, als der Zweifel. Genau so, -wie er es an jenem Nachmittage der Seña Frasquita gesagt hatte, von dem -Augenblick an, wo er den einzigen Glauben, der sein Leben und seine -Seele war, verlor, fing er an ein neuer Mensch zu werden. - -Gleich dem Mohren von Venedig (mit dem wir ihn schon bei der -Beschreibung seines Charakters verglichen haben) tötete die Enttäuschung -in ihm mit einem Schlage alle Liebe, verwandelte sofort das ganze Wesen -seines Geistes und ließ ihn die Welt wie eine ganze neue Region sehen, -zu der er eben erst gekommen war. Der einzige Unterschied bestand darin, -daß der Tio Lucas aus Idiosynkrasie weniger tragisch, weniger streng und -weniger selbstsüchtig war, als der unvernünftige Opferer Desdemona's. - -Sonderbar! aber doch wieder ganz richtig in solcher Lage! Zweifel oder -auch Hoffnung, was in dem Falle wohl dasselbe ist, quälte ihn noch einen -Augenblick... - -»Wenn ich mich geirrt hätte,« dachte er, »wenn Frasquita gehustet -hätte...« - -In seinem überwältigenden Unglück vergaß er ganz, daß er die Kleider des -Corregidors vor dem Kamin gesehen hatte, daß er die Thür der Mühle offen -gefunden, daß er die Bescheinigung seiner Schande gelesen... - -Er bückte sich und blickte durch das Schlüsselloch, vor Ungewißheit und -Bangen zitternd. - -Der Gesichtskreis umfaßte nur ein kleines Dreieck am Kopfende des -Bettes; aber gerade in jenem kleinen Dreieck sah er das äußerste Ende -der Kopfkissen und auf den Kopfkissen den Kopf des Corregidors. - -Ein erneutes diabolisches Lächeln verzerrte das Gesicht des Müllers. - -Fast konnte man meinen, er fühle sich wieder glücklich. - -»Jetzt bin ich im Besitz der Wahrheit,« murmelte er und richtete sich -ruhig auf. Dann stieg er ebenso leise und tastend, wie er die Treppe -hinaufgestiegen war, dieselbe hinunter. - -»Die Angelegenheit ist sehr delikat... Ich muß noch überlegen. Ich habe -noch zu allem Zeit,« überlegte er, während er hinunterschlich. - -Als er wieder in der Küche angekommen war, setzte er sich inmitten -derselben nieder und verbarg das Gesicht in den Händen. So blieb er -lange Zeit sitzen, bis ein leichter Schlag, den er auf einem Fuße -fühlte, ihn aus seinem Nachdenken aufschreckte. - -Es war die Donnerbüchse, die an seinen Knien heruntergeglitten war und -ihm dieses Zeichen machte. - -»Nein, ich sage dir, nein,« murmelte Tio Lucas und blickte auf die -Waffe. »Du bist nicht das, was ich gebrauche. Alle Welt würde Mitleid -mit ihnen haben, und mich würden sie aufhängen. Es handelt sich ja um -einen Corregidor, und einen Corregidor zu töten ist in Spanien noch eine -unverzeihliche Sache; sie würden sagen, ich hätte ihn aus unbegründeter -Eifersucht getötet und dann ausgezogen und ins Bett gelegt. Sie würden -weiter sagen, daß ich meine Frau auf den einfachen Verdacht hin getötet -hätte. Und mich würden sie aufhängen. Und =ob= sie mich nicht -aufhängen würden. Übrigens hätte ich wenig Beweise von Herz und Verstand -gegeben, wenn ich an meinem Lebensende bemitleidet werden müßte. Alle -würden über mich lachen! Sie würden sagen, daß mein Unglück ganz -natürlich wäre, weil ich buckelig und Frasquita so schön war. -- Nichts, -nein, Rache brauche ich, und nachdem ich mich gerächt habe, will ich -triumphieren, verachten, lachen, viel lachen, über alle lachen, und so -vermeide ich, daß man über diesen Buckel spotten kann, den man jetzt -fast beneidet und der am Galgen so grotesk sein würde.« - -So sprach und überlegte Tio Lucas, ohne sich vielleicht genau -Rechenschaft darüber abzulegen, und kraft dieser Rede stellte er die -Büchse an ihren Ort und fing an, mit auf dem Rücken verschränkten Armen -und gesenktem Haupte auf und ab zu gehen, wie wenn er seine Rache auf -dem Fußboden, in der Erde, unter den Trümmern seines Lebensglückes in -einer lächerlichen, vulgären Kriegslust suchte, die seine Frau und den -Corregidor dem Gelächter preisgeben sollte. Er suchte die Rache nicht in -der Gerechtigkeit, in der Verzeihung, im Himmel, wie ein anderer Mann es -an seiner Stelle gethan hätte, dessen Temperament sich weniger als das -seine gegen alle Forderungen der Natur, der Gesellschaft und seiner -eigenen Gefühle aufgelehnt hätte. - -Plötzlich blieben seine Augen auf den Kleidern des Corregidors haften. -Da richtete er sich auf... - -Nach und nach wurde sein Gesicht von einer unerklärlichen Heiterkeit, -Freude und Triumph verklärt, bis er selbst auf eine entsetzliche Art -anfing zu lachen, das heißt, es waren tolle Ausbrüche, ohne daß man auch -nur den geringsten Laut hörte, damit die oben nicht auf ihn aufmerksam -wurden; er drückte die Fäuste auf die Kinnladen, um nicht vor Lachen zu -bersten, schüttelte sich wie ein von Krämpfen Befallener und ließ sich -endlich in einen Stuhl fallen, bis der Anfall sarkastischer Freude -vorüber war; es war wirklich ein mephistophelisches Gelächter. - -Sobald er sich beruhigt hatte, fing er an, sich mit fieberhafter Hast -umzukleiden; seine Kleider legte er genau auf dieselben Stühle, auf -denen die des Corregidors gelegen hatten, zog alle Kleinodien an, die -jenem gehörten, bis zu den Schnallenschuhen und dem Dreispitz, umgürtete -sich mit dessen Degen, hüllte sich in den roten Mantel, ergriff den -Stock und die Handschuhe, verließ die Mühle und ging auf die Stadt zu, -indem er sich genau in derselben Weise wiegte, wie Don Eugenio de Zuñiga -zu thun pflegte, und von Zeit zu Zeit wiederholte er eine Phrase, die er -in Gedanken weiter auslegte. - -»Auch die Corregidora ist reizend.« - - -21. - -Achtung, Herr! - -Lassen wir jetzt den Tio Lucas und beschäftigen wir uns mit dem, was in -der Mühle vorgefallen ist, seit dem Augenblicke, in dem wir die Seña -Frasquita allein ließen bis zur Rückkehr ihres Mannes, der so wunderbare -Dinge wahrnehmen sollte. - -Ungefähr eine Stunde, nachdem der Tio Lucas mit Toñuelo die Mühle -verlassen hatte, hörte die Seña Frasquita, welche sich vorgenommen -hatte, sich bis zur Rückkehr ihres Mannes nicht niederzulegen, und in -dem im obern Stockwerk gelegenen Schlafzimmer ruhig strickend saß, -außerhalb des Hauses, ganz in der Nähe des Mühlgerinnes, ein -jämmerliches Geschrei. - -»Zu Hilfe. Ich ersticke! Frasquita! Frasquita!« rief eine Männerstimme -in düsterm Tone der Verzweiflung. - -»Sollte das Lucas sein?« dachte die Navarresin mit einem Entsetzen, das -wir nicht zu beschreiben brauchen. - -Im Schlafzimmer selbst war eine Thür, von welcher uns Garduña schon -erzählt hat, und die wirklich auf den obern Teil des Mühlgerinnes ging. -Ohne zu zögern, öffnete Frasquita dieselbe, obgleich sie die Hilfe -heischende Stimme nicht erkannt hatte, und fand sich dem Corregidor -gegenüber, der in demselben Augenblicke triefend aus dem ungestüm -dahinströmenden Graben auftauchte. - -»Gott verzeih es mir! Gott verzeihe mir!« stotterte der nichtswürdige -Alte. »Ich glaubte, ich würde untergehen.« - -»Was? Sie sind es? Was bedeutet das? Wie können Sie es wagen? Was wollen -Sie hier zu dieser Stunde?« rief sie, mehr entrüstet als erschreckt, -aber doch unwillkürlich zurückweichend. - -»Schweig! Schweig doch, Frau!« stotterte der Corregidor, indem er hinter -ihr in das Gemach glitt. »Du sollst alles wissen. Beinahe wäre ich -ertrunken. Schon trug mich das Wasser wie eine Feder fort. Sieh nur, -sieh, wie ich zugerichtet bin.« - -»Hinaus! Hinaus von hier!« erwiderte Seña Frasquita mit der äußersten -Heftigkeit. »Sie brauchen mir nichts zu erklären. Nur zu gut verstehe -ich alles! Was geht es mich an, ob Sie ertrinken? Habe ich Sie gerufen? -Ah! Was für eine Nichtswürdigkeit! Darum also haben Sie meinen Mann -festnehmen lassen?« - -»Höre, Frau!« - -»Ich höre nichts! Verlassen Sie sofort das Haus, Herr Corregidor! Gehen -Sie sofort, oder ich stehe nicht für Ihr Leben!« - -»Was sagst du?« - -»Das, was Sie hören! Mein Mann ist nicht im Hause; doch ich genüge, um -ihm die Achtung zu verschaffen. Gehen Sie, woher Sie gekommen sind, wenn -Sie nicht wollen, daß ich Sie mit meinen eigenen Händen wieder in das -Wasser zurückwerfe.« - -»Kleine, Kleine! schreie doch nicht so, ich bin ja nicht taub,« rief der -Libertin aus. »Wenn ich hier bin, so wird es auch wohl einen Zweck -haben. Ich will den Tio Lucas, den ein Dorfschulze irrtümlich eingezogen -hat, in Freiheit setzen. Aber vor allen Dingen muß ich erst meine -Kleider trocknen. Ich bin bis auf die Haut durchnäßt!« - -»Ich sage Ihnen, daß Sie gehen sollen!« - -»Schweig doch, Thörin! Was weißt du? Sieh, hier bringe ich dir die -Ernennung deines Neffen. Zünde Feuer an, und dann wollen wir weiter -sprechen. Übrigens, während meine Kleider trocknen, werde ich mich in -dies Bett legen...« - -»Aha, schon! Also, nun erklären Sie schon, daß Sie um meinetwillen -gekommen sind? Also nun gestehen Sie schon, daß Sie darum meinen Lucas -gefangen nehmen ließen? Also haben Sie schon Ihre Ernennung und alles -gebracht? Heilige des Himmels! Was hat dieses Ungeheuer nur von mir -gedacht!« - -»Frasquita! Ich bin der Corregidor!« - -»Und wären Sie der König! Mir das? Ich bin die Frau meines Mannes und -die Herrin meines Hauses. Glauben Sie, daß ich mich vor den Corregidoren -fürchte? Ich weiß meinen Weg nach Madrid zu finden und bis ans Ende der -Welt, um gegen einen unverschämten Alten, der seine Autorität durch den -Schmutz schleift, Gerechtigkeit zu verlangen. Und ganz besonders weiß -ich mir morgen meine Mantille umzulegen und zur Frau Corregidora zu -gehen.« - -»Du wirst nichts von alledem thun!« antwortete der Corregidor, der -anfing, die Geduld zu verlieren und seine Taktik änderte. »Du wirst -nichts von alledem thun, denn ich werde dir eine Kugel durch den Kopf -jagen, wenn ich sehe, daß du nicht vernünftig sein willst.« - -»Eine Kugel!« rief die Seña Frasquita mit dumpfer Stimme aus. - -»Eine Kugel, ja! Und daraus kann mir kein Nachteil erwachsen. Zufällig -habe ich in der Stadt zurückgelassen, daß ich heute Nacht auf die Jagd -nach Verbrechern ginge. Also, sei nicht thöricht... und liebe mich... -wie ich dich anbete.« - -»Herr Corregidor, eine Kugel?« wiederholte die Navarresin und warf die -Arme zurück und den Körper vorwärts, wie wenn sie sich auf ihren Gegner -stürzen wollte. - -»Wenn du es so treibst, werde ich sie wirklich abfeuern, um mich von -deinen Drohungen und deiner Schönheit befreit zu sehen,« antwortete der -Corregidor voller Furcht und zog ein Paar Taschenpistolen hervor. - -»Also auch Pistolen? Und in der anderen Tasche die Ernennung meines -Neffen!« sagte die Seña Frasquita und nickte mit dem Kopfe. »Nun denn, -Herr, da ist die Wahl nicht schwer. Warten Ew. Gnaden einen Augenblick, -ich will nur das Feuer anzünden.« - -Und so sprechend, wendete sie sich der Treppe zu und war in drei -Sprüngen unten. - -Der Corregidor ergriff das Licht und folgte der Müllerin, weil er -fürchtete, daß sie ihm entschlüpfen könnte. Da er aber viel langsamer -ging, so traf er, als er in die Küche gelangte, schon auf die -Navarresin, die auf dem Wege war, zu ihm zurückzukehren. - -»Also Sie sagten, Sie wollten mir eine Kugel durch den Kopf jagen?« rief -die unerschrockene Frau aus und trat einen Schritt zurück. »Nun denn, -Achtung, Herr, ich bin fertig.« - -Sprach's und hielt ihm die schreckliche Donnerbüchse entgegen, welche in -dieser Geschichte eine so bedeutende Rolle spielt. - -»Halt ein, Unglückliche! Was willst du thun?« schrie der Corregidor, -halb tot vor Schreck. »Das mit meiner Kugel war ja nur ein Scherz. Sieh, -die Pistolen sind nicht geladen... Aber wahr ist das mit der Ernennung -... Hier ist sie... Nimm sie... Ich schenke sie dir ... Sie ist dein, -umsonst, ganz umsonst...« - -»Da liegt sie gut!« antwortete die Navarresin. »Morgen wird sie mir dazu -dienen, das Feuer zum Frühstück meines Mannes damit anzuzünden. Von Euch -will ich selbst nicht die ewige Seligkeit, und sollte mein Neffe einmal -von Estella kommen, so sollte er Euch nur diese häßliche Hand zertreten, -die seinen Namen auf dies ekle Papier geschrieben hat... So, ich habe es -gesagt! Verlassen Sie mein Haus! Luft! Luft! schnell... denn schon -steigt mir das Blut in den Kopf.« - -Der Corregidor antwortete nicht auf diese Rede. - -Er war blaß, fast blau geworden, die Augen waren verdreht, und ein -Fieberschauer schüttelte seinen Körper. Schließlich fing er an, mit den -Zähnen zu klappern, und von einem entsetzlichen Krampfe befallen stürzte -er zu Boden. - -Der Schreck, als er in den Graben fiel, die durchnäßten Kleider, die -heftige Scene im Schlafzimmer und die Furcht vor der von der Navarresin -auf ihn gerichteten Büchse hatten die Kräfte des schwächlichen Alten -erschöpft. - -»Ich sterbe,« stammelte er. »Rufe Garduña, rufe Garduña, der hier an der -Grabenhecke sein muß... Ich darf nicht in diesem Hause sterben.« - -Er konnte nicht weiter. Er schloß die Augen und blieb wie tot. - -»Und er wird sterben, wie er sagt,« brach die Seña Frasquita los. »Herr -im Himmel, das ist noch das Tollste von allem! Was fange ich jetzt mit -diesem Menschen in meinem Hause an? Was werden sie von mir sagen, wenn -er stirbt? Was wird Lucas sagen? Wie kann ich es rechtfertigen, daß ich -ihm selbst die Thür geöffnet habe... O nein, ich darf nicht hier bei ihm -bleiben. Ich muß meinen Mann aufsuchen, ich will lieber die Welt in -Allarm bringen, als meine Ehre aufs Spiel setzen.« - -Als sie diesen Entschluß gefaßt hatte, warf sie die Büchse fort, ging -nach dem Hofe, löste den darin zurückgebliebenen Esel von der Halfter, -sattelte ihn, so gut es ging, öffnete die große Thür am Zaune, sprang -trotz ihrer. Korpulenz mit einem Satze auf das Tier und wendete sich -nach dem Grabenrande. - -»Garduña, Garduña!« schrie die Navarresin, als sie sich der Stelle -näherte. - -»Hier,« antwortete bald darauf der Alguacil, indem er hinter einem -Busch hervorkam. »Sind Sie es, Seña Frasquita?« - -»Ja, ich bin's. Geh nach der Mühle und hilf deinem Herrn, der liegt im -Sterben.« - -»Was sagen Sie? Das ist doch nur ein Scherz?« - -»Es ist, wie du hörst, Garduña.« - -»Und Sie, meiner Seelen, wohin gehen Sie denn zu dieser Stunde?« - -»Ich? Weg da, Dummkopf! Ich gehe nach der Stadt zum Arzt,« antwortete -die Seña Frasquita, indem sie die Eselin mit dem Druck ihrer Ferse und -Garduña mit einem Fußtritt antrieb. - -Sie schlug nicht den Weg nach der Stadt ein, wie sie eben gesagt hatte, -sondern den, welcher zum nächsten Dorfe führte. - -Auf diesen letzteren Umstand achtete Garduña jedoch nicht, sondern lief -spornstreichs nach der Mühle, während er bei sich dachte: - -»Sie geht nach dem Arzte! Die Ärmste kann nicht mehr thun! Aber er ist -ein unseliger Mensch! Das ist auch gerade eine schöne Gelegenheit, um -krank zu werden! -- Ja, ja, der liebe Gott giebt dem Zuckerwerk, der es -nicht mehr beißen kann.« - - -22. - -Garduña vervielfältigt sich. - -Als Garduña die Mühle betrat, fing der Corregidor gerade an, wieder zum -Bewußtsein zu kommen, und versuchte, sich vom Boden zu erheben. - -Auf dem Fußboden und neben ihm stand die angezündete Kerze, welche Sr. -Gnaden aus dem Schlafzimmer mitgebracht hatte. - -»Ist sie schon fort?« war Don Eugenios erste Frage. - -»Wer?« - -»Der Teufel! Ich wollte sagen die Müllerin.« - -»Ja, gnädiger Herr... sie ist schon fort, und ich glaube, in nicht sehr -guter Laune!« - -»Ach, Garduña, ich sterbe.« - -»Aber was fehlt denn Ew. Gnaden? Ums Himmels willen!« - -»Ich bin in den Mühlgraben gefallen und bin ganz durchweicht, die Kälte -geht mir durch Mark und Bein.« - -»Na ja, und nun kommen Sie damit!« - -»Garduña, nimm dich in acht, paß auf, was du sagst.« - -»Ich sage nichts, Herr.« - -»Nun, dann hilf mir aus dieser Verlegenheit.« - -»Ich fliege; Ew. Gnaden sollen nur sehen, wie schön ich alles besorgen -werde.« - -So sprach der Alguacil, und im Handumdrehen ergriff er mit der einen -Hand das Licht, mit der anderen nahm er den Corregidor unter den Arm, -trug ihn in das Schlafzimmer hinauf, entkleidete ihn, legte ihn ins -Bett, lief nach dem Holzschuppen, nahm einen Arm voll Holz, eilte nach -der Küche, zündete ein großes Feuer an, trug die Kleider seines Herrn -hinunter, breitete sie auf den Lehnen einiger Stühle aus, zündete eine -Lampe an, hing sie am Küchenbrett auf und kehrte dann nach dem -Schlafzimmer zurück. - -»Nun, wie steht's mit uns?« fragte er dann und hob das Licht in die -Höhe, um Don Eugenio ins Gesicht zu leuchten. - -»Vortrefflich! Ich fühle, daß ich schwitzen werde... Morgen hänge ich -dich auf, Garduña!« - -»Warum, Herr?« - -»Und du wagst noch darnach zu fragen? Denkst du denn, daß, als ich -deinen mir vorgezeichneten Plan ausführte, ich glaubte mich allein in -das Bett zu legen, nachdem ich das Sakrament der heiligen Taufe zum -zweitenmale empfangen? -- Morgen hänge ich dich auf!« - -»Aber erzählen mir Ew. Gnaden doch... die Seña Frasquita...« - -»Die Seña Frasquita hat mich morden wollen. Das ist alles, was ich mit -deinen Ratschlägen erreicht habe. -- Ich sage dir, morgen früh hänge ich -dich auf!« - -»So arg wird es doch nicht sein, Herr Corregidor!« antwortete der -Alguacil. - -»Warum sagst du das, unverschämter Kerl? Weil du mich hier -darniederliegen siehst?« - -»Nein, Herr. Ich sage nur, daß die Seña Frasquita unmöglich so -unmenschlich an Ihnen handeln konnte, wie Ew. Gnaden erzählen, da sie -doch in die Stadt gegangen ist, um einen Arzt zu holen.« - -»Heiliger Gott! Bist du sicher, daß sie nach der Stadt gegangen ist?« -rief Don Eugenio erschrockener als je aus. - -»Wenigstens hat sie so zu mir gesagt...« - -»Eile, lauf, Garduña! Ach, ich bin ohne Gnade verloren! Weißt du, zu -welchem Zwecke die Seña Frasquita in die Stadt gegangen ist? Um alles -meiner Frau zu erzählen!... Um ihr zu sagen, daß ich hier bin. O, mein -Gott, mein Gott! Wie konnte ich mir das auch denken! Ich glaubte, sie -wäre nach dem Dorfe zu ihrem Manne gegangen, und da er dort in gutem -Verwahrsam ist, so war es mir ganz gleichgiltig. Aber nach der Stadt zu -gehen!... Garduña, lauf, fliege, du bist ein so guter Fußgänger, und -rette mich vom Verderben. Du mußt es vermeiden, daß die schreckliche -Müllerin mein Haus betritt.« - -»Und werden mich Ew. Gnaden nicht aufhängen lassen, wenn ich es -erreiche?« fragte der Alguacil. - -»Im Gegenteil! Ich will dir ein Paar noch ganz gute Schuhe schenken, die -mir zu groß sind. Ich will dir alles schenken, was du willst.« - -»Dann fliege ich! Ew. Gnaden können ruhig schlafen. In einer halben -Stunde bin ich zurück, nachdem ich die Navarresin ins Gefängnis -gesperrt habe. Nicht umsonst bin ich leichtfüßiger als eine Eselin!« - -Sprach's und verschwand die Treppe hinunter. - -Es versteht sich von selbst, daß der Müller gerade während der -Abwesenheit des Alguacils in der Mühle war und durchs Schlüsselloch -Gesichte sah. - -Lassen wir jetzt den Corregidor im fremden Bette schwitzen und Garduña -nach der Stadt laufen, wohin ihm Tio Lucas bald mit dem Dreispitz und -dem Mantel folgen sollte, und verwandeln wir uns in rüstige Fußgänger, -um der mutigen Seña Frasquita auf dem Wege nach dem Dorfe zu folgen. - - -23. - -Noch einmal die Wüste und die bewußten Stimmen. - -Das einzige Abenteuer, welches der Navarresin auf ihrer Reise von der -Mühle nach dem Dorfe zustieß, war der Anblick einer Person, welche -mitten in einem Saatfelde Feuer schlug, was ihr einen heillosen -Schrecken verursachte. - -»Sollte das etwa ein Häscher des Corregidors sein? Wenn er mich -anhielte?« dachte die Müllerin. - -In dem Augenblick hörte sie in jener Richtung Eselsgeschrei. - -»Esel zu der Stunde im Saatfelde?« dachte die Müllerin weiter. »Hier -herum ist doch kein Obstgarten, keine Koppel! Gott im Himmel! heute -Nacht scheinen die Kobolde ihr Wesen zu treiben!« - -Die Eselin, auf der die Seña Frasquita ritt, schien es in jenem -Augenblicke für schicklich zu halten, das Geschrei zu erwidern. - -»Schweig, du Racker!« sagte die Navarresin und stieß ihr eine lange -Nadel ins Kreuz. - -Und da sie eine vielleicht unangenehme Begegnung fürchtete, so führte -sie das Tier vom Wege ab und ließ es durch die Saat laufen. - -Aber bald beruhigte sie sich, denn sie sah ein, daß der Feuer schlagende -Mann und der zuerst schreiende Esel etwas Zusammengehöriges bildeten, -und daß diese Wesenheit in der ihr entgegengesetzten Richtung entflohen -war. - -»Einem Feiglinge begegnet ein noch größerer Feigling,« rief die Müllerin -und lachte über ihre Furcht und die des andern. - -Und ohne weiteren Unfall gelangte sie ungefähr um elf Uhr nachts an das -Haus des Dorfschulzen. - - -24. - -Ein König von damals. - -Schon lag der Herr Alkalde in tiefem Schlafe, indem er seinen Rücken dem -seiner Ehehälfte zuwendete und, wie unser unsterblicher Quevedo sagt, -auf diese Weise die Figur des österreichischen, zweiköpfigen Adlers -bildete, als Toñuelo an die Thür des ehemaligen Schlafgemaches klopfte -und den Herrn Juan Lopez benachrichtigte, daß die Seña Frasquita, die -von der Mühle, mit ihm zu sprechen verlange. - -Wir sehen davon ab, alle Flüche und Schwüre, welche das Aufstehen und -Ankleiden des Dorfschulzen begleiteten, wiederzugeben und versetzen uns -in den Augenblick, in dem die Müllerin ihn herankommen sah, wie er die -Schläfrigkeit von sich zu schütteln suchte, gleich einem Gymnastiker, -der seine Muskulatur versucht, und unter unendlichem Gähnen ausrief: - -»Guten Abend, Seña Frasquita! Was bringt Sie hierher? Hat Ihnen Toñuelo -nicht gesagt, daß Sie in der Mühle bleiben sollten? Gehorchen Sie so der -Obrigkeit?« - -»Ich muß meinen Lucas sehen,« antwortete die Navarresin. »Ich muß ihn -auf der Stelle sehen. Sie sollen ihm sagen, daß seine Frau hier ist.« - -»Ich muß! Ich muß! Frau, Ihr vergeßt, daß Ihr mit dem Könige sprecht.« - -»Ach was, König hin, König her, Señor Juan, ich bin nicht zum Scherz -aufgelegt! Ihr wißt wohl zur Genüge, was mir widerfährt. Und zur Genüge -weiß ich, warum man meinen Mann arretiert hat.« - -»Ich weiß nichts, Seña Frasquita... Und Euer Mann ist nicht arretiert, -sondern schläft ruhig in diesem seinem Hause, und ist behandelt worden, -wie ich achtbare Leute behandele. Du, Toñuelo! Toñuelo! geh nach dem -Strohstall und sage dem Tio Lucas, daß er aufwache und hierhereile... -Also, nun erzählen Sie mir, was Ihnen zugestoßen ist. Haben Sie sich -gefürchtet, allein zu schlafen?« - -»Schämt Euch, Señor Juan! Ihr wißt wohl, daß mir weder Euer Ernst, noch -Euer Scherz gefällt. Das, was mir passiert ist, ist sehr einfach -- Ihr -und der Señor Corregidor habt mich ins Verderben stürzen wollen, und Ihr -seid gründlich hineingefallen! Hier stehe ich, ohne daß ich zu erröten -brauche, und der Herr Corregidor liegt in der Mühle im Sterben.« - -»Im Sterben? der Herr Corregidor?« rief sein Untergebener aus. »Frau, -wißt Ihr, was Ihr sagt?« - -»Das, was Ihr sagt. Er ist in den Mühlgraben gefallen und wäre beinahe -ertrunken und hat sich eine Lungenentzündung geholt, oder was weiß ich. -Das ist Sache der Corregidora. Ich will meinen Mann holen und werde -wahrscheinlich morgen gleich nach Madrid gehen, um es dem Könige zu -erzählen...« - -»Teufel, Teufel!« murmelte Señor Juan Lopez. »Du, Manuela, Mädchen, geh -und sattle mir das Maultier. Seña Frasquita, ich gehe nach der Mühle. -Wehe Euch, wenn Ihr dem Herrn Corregidor ein Leid zugefügt habt!« - -»Señor Alkalde! Señor Alkalde!« rief in diesem Augenblicke Toñuelo aus, -der mehr tot als lebendig eintrat. »Tio Lucas ist nicht im Strohstall. -Sein Esel ist auch nicht an der Krippe, und die Hofthür ist offen... -Der Vogel ist davongeflogen.« - -»Was sagst du da?« schrie Señor Juan Lopez. - -»Heilige Jungfrau von Carmen! Was wird in meinem Hause passieren?« rief -die Seña Frasquita aus. »Laßt uns eilen, Señor Alkalde, laßt uns keine -Zeit verlieren! Wenn mein Mann den Corregidor zu dieser Stunde trifft, -dann schlägt er ihn tot.« - -»Glaubt Ihr denn, daß der Tio Lucas in der Mühle ist?« - -»Wie soll ich es nicht glauben? Ich sage noch mehr ... Als ich kam, habe -ich mich mit ihm, ohne ihn zu kennen, gekreuzt. Ohne Zweifel war er es, -der inmitten eines Saatfeldes Feuer angeschlagen hat. Mein Gott, wenn -man bedenkt, daß die Tiere mehr Verstand haben als die Menschen. Denn -Ihr müßt wissen, Señor Juan, unsere beiden Eselinnen haben sich erkannt -und sich begrüßt, während mein Lucas und ich uns weder begrüßt, noch -erkannt haben.« - -»Das ist mir ein schöner Lucas, Ihr Lucas,« erwiderte der Alkalde. »Nun, -wir werden ja gleich unterwegs sein und bald zu beschließen haben, was -mit euch allen zu machen ist. Mit mir könnt Ihr aber nicht spielen! Ich -bin der König! Aber nicht ein König, wie wir ihn in Madrid haben, oder -im Prado, sondern wie der einst in Sevilla, den sie Pedro den Grausamen -nannten. Du, Manuela! bring mir den Stock und sage deiner Frau, daß ich -fortgehe.« - -Die Magd, die eigentlich hübscher war, als es sich für die Alkaldin und -die Moral schickte, gehorchte, und da das Maultier des Herrn Juan Lopez -gesattelt war, so machten sich die Seña Frasquita und er, von dem -unvermeidlichen Toñuelo gefolgt, auf den Weg nach der Mühle. - - -25. - -Garduña's Stern. - -Wir wollen ihnen vorauseilen, da wir ja Vollmacht haben, schneller als -irgend ein anderer zu gehen. - -Garduña, der die Seña Frasquita in allen Straßen der Stadt gesucht -hatte, befand sich bereits auf dem Rückwege nach der Mühle. - -Der schlaue Alguacil war auf dem Wege im Hause des Corregidors gewesen, -wo er alles sehr ruhig gefunden hatte. Die Thüren waren ebenso -geschlossen, wie mitten am Tage, wie es Gebrauch zu sein pflegt, wenn -die Obrigkeit ihre geheiligten Pflichten außerhalb vollzieht. Auf dem -Treppenabsatz und im Vorsaal schliefen andere Alguacilen und Beamte, die -ruhig ihren Herrn erwarteten; als sie aber Garduña hörten, wachten -einige von ihnen auf und fragten ihn, der ihr Haupt und Vorgesetzter -war: - -»Kommt der Herr schon?« - -»Nicht im Entferntesten! Bleibt nur ganz ruhig. Ich will nur wissen, ob -irgend etwas vorgefallen ist.« - -»Nichts.« - -»Und die Señora?« - -»Schläft in ihren Zimmern.« - -»Ist nicht vor kurzem eine Frau durch diese Thüren gekommen?« - -»In der ganzen Nacht ist niemand vorübergekommen.« - -»Nun, so laßt auch niemand eindringen, wer es auch sei und was er auch -sagen möge. Im Gegenteil! Legt sogar Hände an den Morgenstern, wenn er -etwa kommen und sich nach dem Herrn oder der Frau erkundigen sollte, und -führt ihn ins Gefängnis.« - -»Es scheint, daß Ihr heute auf der Jagd nach besonderen Vögeln seid,« -fragte einer von den Häschern. - -»Auf Edelwild,« fügte ein anderer hinzu. - -»Auf das edelste,« fügte Garduña feierlich hinzu. »Denkt doch nur, wenn -der Herr Corregidor und ich selbst die Treiber machen. Also, auf -Wiedersehen, und paßt gut auf!« - -»Gehen Sie mit Gott, Herr Bastian,« antworteten alle und grüßten -Garduña. - -»Mein Stern geht unter,« murmelte dieser beim Hinausgehen. »Sogar die -Frauen täuschen mich. Die Müllerin geht nach dem Dorfe zu ihrem Manne, -statt nach der Stadt zu kommen... Armer Garduña, was ist aus deiner -Spürnase geworden?« - -Und so sprechend, machte er sich wieder auf den Rückweg nach der Mühle. - -Wohl hatte der Alguacil recht, wenn er seinen alten Spürsinn vermißte, -denn auch einen Mann übersah er, der sich in jenem Augenblicke hinter -einigen in der Nähe der Stadt befindlichen Weiden versteckte und in den -Bart oder vielmehr in seinen roten Mantel murmelte: - -»Aufgepaßt, Pablo! Da kommt Garduña! Er darf mich nicht sehen.« - -Es war Tio Lucas, als Corregidor gekleidet, der sich der Stadt zuwendete -und von Zeit zu Zeit seine diabolische Phrase wiederholte: - -»Auch die Corregidora ist reizend!« - -Ohne ihn zu sehen ging Garduña vorüber, und der falsche Corregidor -verließ sein Versteck und verschwand im Orte. - -Kurz darauf kam der Alguacil bei der Mühle an, wie wir schon angedeutet -haben. - - -26. - -Reaktion. - -Genau so, wie Tio Lucas ihn durch das Schlüsselloch gesehen hatte, -verharrte auch jetzt noch der Corregidor im Bett. - -»Wie gut ich schwitze, Garduña! Ich habe mich dadurch vor einer -Krankheit geschützt!« rief er aus, als er den Alguacil ins Zimmer treten -sah. »Und die Seña Frasquita? Hast du sie angetroffen? Begleitet sie -dich? Hast du mit der Herrin gesprochen?« - -»Die Müllerin, gnädiger Herr,« antwortete Garduña mit gedrückter Stimme, -»hat mich armen Mann getäuscht und ist nicht nach der Stadt gegangen, -sondern nach dem Dorf, um ihren Mann aufzusuchen. -- Verzeihen mir Euer -Gnaden die Dummheit...« - -»Um so besser, um so besser!« sagte der Madrileñer mit vor Bosheit -funkelnden Augen. »Dann sind wir gerettet. Noch bevor es tagt, sollen -Tio Lucas und die Seña Frasquita, aneinander gekettet, in den Kerker der -Inquisition wandern, und dort sollen sie verfaulen, ohne irgend jemand -die Abenteuer dieser Nacht zu erzählen. -- Bringe mir meine Kleider, -Garduña, denn sie müssen schon trocken sein. Bringe sie mir und zieh -mich an. Der Liebhaber wird sich jetzt in den Corregidor verwandeln.« - -Garduña ging in die Küche hinunter, um die Kleider zu holen. -- - - -27. - -Im Namen des Königs. - -Inzwischen hatten sich die Seña Frasquita, Señor Juan Lopez und Toñuelo -der Mühle genähert und kamen wenige Minuten darauf in derselben an. - -»Ich werde vorausgehen,« rief der Dorfschulze aus. »Zu was bin ich denn -die Autorität? Folge mir, Toñuelo, und Ihr, Seña Frasquita, wartet an -der Thüre, bis ich Euch rufe.« - -Also ging der Señor Juan Lopez unter die Weinlaube, wo er beim -Mondschein einen fast buckligen, wie den Müller gekleideten Mann -bemerkte, mit Jacke und Beinkleid von braunem Tuch, schwarzer Binde, -blauen Strümpfen, der murcianischen Felbelmütze und dem Mantel auf der -Schulter. - -»Das ist er!« schrie der Alkalde. »Im Namen des Königs! Ergebt Euch, Tio -Lucas!« - -Der Mann mit der Jagdmütze wollte sich nach der Mühle zurückwenden. - -»Halt!« rief nun Toñuelo, indem er sich auf ihn stürzte, am Halse -packte, ihm mit dem Knie einen Stoß ins Rückgrat versetzte und ihn so -zur Erde riß. - -Zugleich aber warf sich eine Art von wildem Tier auf Toñuelo, und indem -es ihn um den Leib faßte, zog es ihn auf das Steinpflaster und fing an, -ihn zu ohrfeigen. - -Es war die Seña Frasquita, die nun ausrief: »Landstreicher! Laß meinen -Lucas los!« - -Aber in diesem Augenblicke warf sich eine Person, die soeben, einen Esel -am Halfter führend, erschienen war, entschlossen zwischen die beiden und -versuchte Toñuelo zu retten... - -Garduña war es, der den Alguacil des Dorfes für Don Eugenio de Zuñiga -hielt und zu der Müllerin sagte: - -»Señora, haben Sie Achtung vor meinem Herrn!« - -Und rücklings warf er sie auf den Alkalden. - -Als die Seña Frasquita sich auf diese Weise zwischen zwei Feuern befand, -versetzte sie Garduña einen solchen Stoß vor den Magen, daß er so lang -wie er war auf den Boden fiel. - -Mit ihm waren es nun schon vier Personen, die sich auf der Erde -herumwälzten. - -Inzwischen verhinderte Juan Lopez den mutmaßlichen Tio Lucas am -Aufstehen, indem er ihm einen Fuß auf die Nierengegend pflanzte. - -»Garduña! Zu Hilfe! Im Namen des Königs! Ich bin der Corregidor!« schrie -endlich dieser letztere, als er fühlte, daß die mit Stierhaut bekleidete -Pfote des Alkalden ihn buchstäblich zermalte. - -»Der Corregidor? Das ist aber auch wahr!« sagte Señor Juan Lopez ganz -erstaunt. - -»Der Corregidor!« wiederholten alle. - -Und schnell waren alle Niedergeworfenen auf den Füßen. - -»Alle ins Gefängnis!« rief Don Eugenio de Zuñiga. - -»Alle an den Galgen!« - -»Aber, Herr,« warf Señor Juan Lopez ein und kniete vor ihm nieder. -»Verzeihen mir Euer Gnaden, daß ich Sie gemißhandelt habe. Wie konnte -ich nur Euer Gnaden unter dieser gewöhnlichen Kleidung vermuten?« - -»Barbar!« erwiderte der Corregidor. »Etwas mußte ich doch anziehen! -Weißt du nicht, daß man mir meine Sachen geraubt hat? Weißt du nicht, -daß eine Räuberbande, die Tio Lucas befehligt...« - -»Sie lügen!« rief die Navarresin. - -»Hört einmal, Seña Frasquita,« sagte Garduña zu ihr und rief sie -beiseite. »Mit der Erlaubnis des Herrn Corregidors und der ganzen -Gesellschaft. Wenn Ihr die Geschichte nicht in Ordnung bringt, dann -werden wir alle aufgehängt, und Tio Lucas zuerst.« - -»Ja, was ist denn geschehen?« fragte Seña Frasquita. - -»Tio Lucas geht zu dieser Stunde als Corregidor verkleidet in der Stadt -umher... und weiß Gott, ob er nicht in dieser Verkleidung sogar bis in -das Schlafzimmer der Corregidora gedrungen ist.« - -Und in wenigen Worten erzählte ihr der Alguacil das uns bereits -Bekannte. - -»Jesus!« rief die Müllerin aus. »So hält mich mein Mann also für -entehrt! So ist er also in die Stadt gegangen, um sich zu rächen! -Vorwärts, vorwärts, laßt uns in die Stadt gehen und rechtfertigt mich in -den Augen meines Lucas!« - -»Wir wollen in die Stadt gehen und verhindern, daß dieser Mann meiner -Frau all die eingebildeten Dummheiten wiedererzählt,« sagte der -Corregidor und schritt auf eine der Eselinnen zu. »Helft mir ein wenig -beim Aufsteigen, Señor Alkalde.« - -»Ja, wir wollen nach der Stadt gehen,« fügte Garduña hinzu, »und gebe -der Himmel, Herr Corregidor, daß Tio Lucas sich begnügt hat, mit der -Herrin zu sprechen.« - -»Was sagst du, Unglücklicher?« brach Don Eugenio de Zuñiga aus. »Glaubst -du, daß er fähig wäre...« - -»Zu allem!« antwortete Seña Frasquita. - - -28. - -_Ave Maria purÃsima! Las doce y media, y sereno!_[8] - -So rief durch die Straßen der Stadt derjenige, welcher dazu berechtigt -war, als die Müllerin und der Corregidor, jedes auf einem Mülleresel, -der Señor Juan Lopez auf seinem Maultier, die beiden Alguacilen zu Fuß, -an der Hausthür des Corregidors ankamen. - -Die Thüre war geschlossen. - -Man konnte sagen, daß für jenen Tag sowohl für die Regierung wie für die -Regierten alles zu Ende war. - -»Schlimm das!« dachte Garduña. - -Er klopfte zwei- oder dreimal mit dem Klopfer an die Thüre. - -Eine kleine Weile verging, die Thüre wurde nicht geöffnet, niemand -antwortete. - -Die Seña Frasquita war bleich wie Wachs. - -Der Corregidor hatte schon alle Nägel von beiden Händen abgebissen. - -Niemand sagte ein Wort. - -Bum... Bum... Bum... Schläge und wieder Schläge an die Thüre der -Wohnung, welche die beiden Alguacilen und Señor Juan Lopez nach einander -verabfolgten. Und nichts, niemand antwortete, niemand öffnete die Thüre. -Nicht eine Fliege rührte sich. - -Nur das leise Plätschern eines Röhrbrunnens auf dem Hofe des Hauses -drang zu ihnen herüber. - -So verflossen Minuten, wie Ewigkeiten so lang. Endlich, gegen ein Uhr, -wurde im zweiten Stockwerk ein Fenster geöffnet und eine weibliche -Stimme fragte: - -»Wer ist da?« - -»Das ist die Stimme der Amme,« murmelte Garduña. - -»Ich!« antwortete Don Eugenio de Zuñiga. »Öffnet.« - -Ein Augenblick des Stillschweigens trat ein. - -»Und wer sind Sie?« entgegnete die Amme. - -»Nun, hörst du es denn nicht? Ich bin es, der Herr ... der Corregidor!« --- - -Eine zweite Pause. - -»Geht mit Gott!« antwortete die gute Frau. »Mein Herr ist vor etwa einer -Stunde nach Hause gekommen und hat sich gleich niedergelegt. Legt Euch -auch nur ins Bett und schlaft den Rausch aus, den Ihr im Kopfe habt.« - -Und knallend schloß sich das Fenster. - -Die Seña Frasquita bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. - -»Amme!« donnerte der Corregidor außer sich. »Hört Ihr nicht, daß ich -Euch sage, Ihr sollt die Thüre öffnen? Hört Ihr nicht, daß ich es bin? -Wollt Ihr, daß ich Euch auch aufhänge?« - -Das Fenster öffnete sich von neuem. - -»Aber was soll denn das heißen?« sprach die Amme. »Wer seid Ihr, daß Ihr -so schreit?« - -»Ich bin der Corregidor!« - -»O, ich bin nicht so dumm! Habe ich Euch nicht gesagt, daß der Herr -Corregidor schon vor zwölf Uhr nach Hause gekommen ist? Ich habe es doch -mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er in das Zimmer der Herrin -gegangen ist... Ihr wollt Euch nur über mich lustig machen... Aber -wartet, Ihr sollt schon sehen, was Euch beschert wird.« - -Und plötzlich öffnete sich die Thüre, und eine Wolke von Dienern und -Angestellten, mit großen Knüppeln bewaffnet, stürzte sich auf die -Draußenstehenden, und wütende Rufe erschallten: - -»Wo ist der, welcher sich Corregidor nennt? Wo ist der Tölpel? Wo ist -der Trunkenbold?« - -Und in der Dunkelheit entspann sich ein solcher Kampf, ein so lauter -Lärm, daß keiner den Andern verstehen konnte, und daß sowohl der -Corregidor, wie Garduña, Señor Juan Lopez und Toñuelo nicht ohne Schläge -ausgingen. - -Das war schon die zweite Tracht Prügel, welche das Abenteuer jener Nacht -Don Eugenio eingetragen hatte, außer dem Bade im Mühlgraben. - -In geringer Entfernung von jenem Labyrinth weinte die Seña Frasquita zum -erstenmale in ihrem Leben. - -»Lucas, Lucas!« sagte sie. »Und du hast an mir zweifeln können. Und hast -eine andere in deine Arme schließen können... Ach! unser Unglück ist -grenzenlos!« - - -29. - -Nach dem Gewölk... Reveille. - -»Was hat dieser Lärm zu bedeuten?« sagte endlich eine ruhige, -majestätische Stimme von angenehmer Klangfarbe, den Höllenlärm -übertönend. - -Alle erhoben die Köpfe und sahen eine schwarzgekleidete Dame auf dem -Hauptbalcon des Hauses. - -»Die Señora!« sagten die Dienstleute und unterbrachen ihre -Prügelretraite. - -»Meine Frau!« stotterte Don Eugenio. - -»Laßt diese Herren eintreten... Der Herr Corregidor sagt, daß er es -erlaubt,« fügte die Corregidora hinzu. - -Die Diener gaben den Weg frei, und der Señor de Zuñiga und seine -Begleiter traten in das Portal und stiegen die Treppe hinauf. - -Wohl nie ist ein Verbrecher mit so unsicherm Schritte und so entstellten -Zügen zur Richtstätte gegangen, wie der Corregidor, als er die Treppe -seines Hauses hinaufging. Und doch fing schon der Gedanke an seine -Schande an mit edler Selbstsucht all das durch ihn veranlaßte und ihn -drückende Unrecht zu überragen und die ganze Lächerlichkeit seiner Lage -mit dem Schleier der Vergessenheit zu umhüllen. - -»Vor allen Dingen,« dachte er, »bin ich ein Zuñiga und ein Ponce de -Leon! Wehe denen, die es vergessen haben. Wehe meiner Frau, wenn sie -meinen Namen befleckt hat!«... - - -30. - -Eine Dame von Stande. - -Die Corregidora empfing ihren Gatten und seine ländlichen Begleiter im -großen Saale des Amtsgebäudes. - -Sie war allein, stand aufrecht, und ihre Augen waren fest auf die Thür -gerichtet. - -Es war eine Dame aus vornehmem Hause, noch ziemlich jung, von einer -ruhigen, strengen Schönheit, mehr geeignet für den christlichen Pinsel, -als für den ungläubigen Meißel, die mit der ganzen Vornehmheit und -Ernsthaftigkeit jener Epoche gekleidet war. Ihr Kleid mit kurzem, engem -Rock und bauschigen, hochstehenden Ärmeln war von schwarzem Bombasin, -ein Tuch von weißen, etwas gelblichen Blonden verhüllte ihre -bewundernswerten Schultern, und lange Handschuhe von schwarzem Tüll -bedeckten ihre alabasterweißen Arme. Majestätisch wehte sie sich mit -einem ungeheuren Fächer von den Philippinen Kühlung zu, und in der -anderen Hand hielt sie ein Spitzentuch, dessen vier Ecken symmetrisch -mit einer Regelmäßigkeit herunterhingen, die sich nur mit ihrer ganzen -Haltung und jeder ihrer geringsten Bewegungen vergleichen ließ. - -Die schöne Frau hatte etwas von einer Königin, mehr aber noch von einer -Äbtissin in ihrer Erscheinung und flößte allen, die sie sahen, Verehrung -und Furcht ein. Übrigens bewiesen der sorgfältige Anzug zu so -ungewöhnlicher Stunde, der Ernst ihres Antlitzes und die vielen im Salon -angezündeten Lichter, daß die Corregidora bemüht gewesen war, jener -Scene eine theatralische Feierlichkeit und zeremonielle Färbung zu -geben, welche mit dem rohen Abenteuer ihres Mannes um so schärfer -kontrastierten. - -Schließlich wollen wir noch hinzufügen, daß jene Dame Doña Mercedes -Carrillo de Albornoz y Espinosa de los Monteros hieß und Tochter, -Enkelin, Urenkelin, Ururenkelin, ja Enkelin im zwanzigsten Grade der -Stadt war, als Sprößling von deren berühmten Conquistadoren. Ihre -Familie hatte sie aus weltlicher Eitelkeit mit dem alten, begüterten -Corregidor verheiratet, und sie, die sonst Nonne geworden wäre, weil -eine innere Stimme sie dem Kloster zuführte, willigte in jenes -schmerzbringende Opfer. - -Zur Zeit hatte sie zwei Sprößlinge von dem verwegenen Madrileñer, und -man munkelte, daß wieder »Mauren an der Küste zu sehen wären.« - -Und damit wollen wir wieder zu unserer Geschichte zurückkehren. - - -31. - -Die Strafe der Wiedervergeltung. - -»Mercedes!« rief der Corregidor aus, als er vor seiner Frau erschien, -»ich muß sofort wissen...« - -»Oho, Tio Lucas, Ihr hier?« sagte die Corregidora, ihn unterbrechend. -»Ist ein Unglück in der Mühle geschehen?« - -»Señora, ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt,« sagte der Corregidor -wütend. »Bevor ich von meiner Seite irgend welche Erklärung abgebe, muß -ich erst wissen, was aus meiner Ehre geworden ist.« - -»Was geht das mich an? Habt Ihr sie mir vielleicht in Verwahrung -gegeben?« - -»Ja, Señora! Ihnen,« entgegnete Don Eugenio. »Die Frauen sind die -Bewahrerinnen der Ehre ihrer Gatten.« - -»Dann fragt doch Eure Frau danach... Da steht sie ja gerade und hört -uns.« - -Seña Frasquita, welche an der Saalthüre stehen geblieben war, stieß eine -Art von Gebrüll aus. - -»Kommen Sie näher, Señora, und setzen Sie sich,« fügte die Corregidora -hinzu, indem sie sich mit erhabener Würde an die Seña Frasquita wendete. - -Sie selbst schritt auf das Sofa zu. - -Die hochherzige Navarresin begriff sofort die ganze Größe in der Haltung -der beleidigten und vielleicht doppelt beleidigten Gattin. Darum erhob -sie sich im Augenblick zu gleicher Höhe, beherrschte ihre natürlichen -Triebe und bewahrte ein anständiges Stillschweigen. Und glaubt nur nicht -etwa, daß die Seña Frasquita in all ihrer Unschuld und Kraft Eile gehabt -hätte, sich zu verteidigen... Große Eile hatte sie anzuklagen, sehr -große... aber gewiß nicht die Corregidora. Mit wem sie ein Hühnchen zu -pflücken hatte, das war mit dem Tio Lucas, und Tio Lucas war nicht dort. - -»Seña Frasquita,« wiederholte die edle Frau, als sie sah, daß die -Müllerin sich nicht von der Stelle gerührt hatte, »ich habe Ihnen -gesagt, daß Sie näher kommen und sich setzen sollen.« - -Diese zweite Aufforderung wurde mit noch herzlicherer und gefühlvollerer -Stimme ausgesprochen, als die erste. Fast konnte man sagen, daß die -Corregidora beim Anblick des ruhigen Antlitzes und der männlichen -Schönheit jener Frau instinktiv erraten hatte, daß sie es nicht mit -einem gewöhnlichen, verächtlichen Wesen, vielmehr mit einer anderen -Unglücklichen zu thun hatte... unglücklich, ja, um der einzigen -Thatsache willen, daß sie den Corregidor kennen gelernt. - -Darum tauschten die beiden Frauen, welche sich für doppelte -Nebenbuhlerinnen hielten, verschiedene Blicke des Friedens und der -Nachsicht aus und bemerkten zu ihrem größten Erstaunen, daß ihre Seelen -Gefallen aneinander fanden, wie zwei Schwestern, die sich erkennen. - -Auf dieselbe Weise erkennen und grüßen sich von fern die weißen -Schneefelder auf den umhüllten Bergen. - -Als diese sanften Empfindungen sie durchdrangen, trat die Müllerin ein -und setzte sich auf den äußersten Rand eines Stuhles. - -Da sie in der Mühle vorausgesehen hatte, daß sie in der Stadt vielleicht -wichtige Besuche zu machen haben würde, so hatte sie ihre Kleider ein -wenig geordnet und eine schwarze Flanellmantille mit großen Fransen -übergeschlagen, die ihr wundervoll stand. Sie sah ganz wie eine Dame -aus. - -Der Corregidor dagegen hatte während dieser Episode vollständiges -Stillschweigen beobachtet. Das Gebrüll der Seña Frasquita und ihr -Erscheinen auf dem Schauplatze hatten ihn natürlich erschreckt. Jene -Frau verursachte ihm jetzt mehr Entsetzen, als seine eigene. - -»Nun also, Tio Lucas,« fuhr Doña Mercedes fort und wandte sich an ihren -Gatten. »Hier ist die Seña Frasquita. Ihr könnt jetzt Euer Verlangen -wiederholen.« - -»Mercedes! um der Nägel Christi willen!« rief der Corregidor, »du weißt -nicht, wessen ich fähig bin. Von neuem beschwöre ich dich, laß den -Scherz beiseite und erzähle mir alles, was während meiner Abwesenheit -vorgefallen ist. Wo ist dieser Mann?« - -»Wer? Mein Gatte? Mein Mann ist eben im Begriff aufzustehen und wird -wohl nicht mehr lange zögern.« - -»Aufzustehen?« heulte Don Eugenio. - -»Ihr wundert Euch darüber? Nun, wo sollte ein anständiger Mann denn zu -dieser Stunde sein, wenn nicht in seinem Hause, in seinem Bett und an -der Seite seiner rechtmäßigen Gattin, wie Gott es befiehlt?« - -»Mercedes! Paß auf, was du sagst. Denke daran, daß man uns hört... Denke -daran, daß ich der Corregidor bin!« - -»Wenn Ihr auf diese Weise anfangt, Tio Lucas, so werde ich nach den -Alguacilen schicken, damit sie Euch ins Gefängnis abführen,« entgegnete -die Corregidora und stand auf. - -»Ich ins Gefängnis? Ich? Der Corregidor der Stadt?« - -»Der Corregidor der Stadt, der Vertreter der Gerechtigkeit, der -Bevollmächtigte des Königs,« antwortete die hohe Dame mit einer Strenge -und Energie, welche die Stimme des angeblichen Müllers vollständig -erstickten, »kam zur schicklichen Stunde nach Hause, um von den edlen -Aufgaben seines Amtes auszuruhen und morgen fortzufahren, die Ehre und -das Leben der Bürger zu schützen, die Heiligkeit des Herdes und die -Sittsamkeit der Frauen zu schirmen und zu verhindern, daß irgend jemand -als Corregidor oder in anderer Weise verkleidet in das Schlafgemach -einer fremden Frau eintrete, damit niemand die Tugend in ihrer sorglosen -Ruhe überraschen könne, niemand ihren keuschen Schlaf mißbrauchen...« - -»Merceditas! Was sagst du da?« zischte der Corregidor zwischen Lippen -und Gaumen. »Wenn es wahr ist, daß dies in meinem Hause vorgekommen ist, -so sage ich dir, daß du eine Treulose, eine sittenlose Person bist.« - -»Mit wem spricht dieser Mensch?« unterbrach ihn die Corregidora -verächtlich und ließ ihren Blick über die Umstehenden schweifen. »Wer -ist der Wahnsinnige? Wer ist der Betrunkene? Kaum kann ich noch glauben, -daß Ihr ein ehrlicher, anständiger Müller wie der Tio Lucas seid, -trotzdem Ihr sein ländliches Kleid tragt. -- Señor Juan Lopez, wißt,« -fuhr sie fort, indem sie dem vernichteten Dorfschulzen ins Gesicht sah, -»daß mein Mann, der Corregidor der Stadt, vor zwei Stunden nach Hause -gekommen ist, mit seinem Dreispitz, seinem roten Mantel, seinem -Kavaliersdegen und seinem Amtsstock... Die hier gegenwärtigen -Dienstboten und Alguacilen sind aufgestanden und haben ihn gegrüßt, als -sie ihn durchs Portal kommen, die Treppe hinauf und durchs -Empfangszimmer schreiten sahen. Dann haben sie die Thüren geschlossen, -und seit der Zeit ist niemand in meine Wohnung eingetreten, bis Sie -ankamen. Ist das wahr? Antwortet ihr...« - -»Es ist wahr, es ist sehr wahr,« antworteten die Amme, die Diener und -die Polizeidiener, die alle, an der Salonthür gruppiert, jener -eigentümlichen Scene beiwohnten. - -»Hinaus mit euch allen!« rief Don Eugenio wutschnaubend. »Garduña! -Garduña! Komm und nimm diese Elenden, die den Respekt vergessen, -gefangen. Alle ins Gefängnis! Alle an den Galgen!« - -Garduña war nirgends zu sehen. - -Ȇbrigens, Señor,« fuhr Doña Mercedes fort, indem sie den Ton änderte -und ihren Mann anzusehen und ihn als solchen zu behandeln geruhte, da -sie fürchtete, der Scherz könnte vielleicht zu unheilbaren Resultaten -führen, »nehmen wir einmal an, daß Sie Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de -Leon wären...« - -»Ich bin es!« - -»Nehmen wir einmal an, daß mich einige Schuld träfe, weil ich einen -Mann, der als Corregidor gekleidet in mein Schlafzimmer drang, für Sie -gehalten habe...« - -»Infame Canaille!« schrie der Alte, griff mit der Hand nach dem Degen -und fand nur den leeren Platz und die Binde des murcianischen Müllers. - -Die Navarresin bedeckte mit einem Zipfel ihrer Mantille ihr Gesicht, um -die Flammen der Eifersucht zu verbergen. - -»Nehmen wir alles das an, was Sie wollen,« fuhr Doña Mercedes mit einem -unerklärlichen Gleichmut fort. »So sagen Sie mir doch erst eins, mein -Herr! Hätten Sie ein Recht, sich zu beklagen? Könnten Sie mich als -Richter verurteilen? Kommen Sie vielleicht aus der Predigt? Kommen Sie -vielleicht aus der Beichte? Kommen Sie aus der Messe? Oder woher kommen -Sie mit diesem Anzuge? Woher kommen Sie mit dieser Frau? Wo haben Sie -die Hälfte der Nacht zugebracht?« - -»Mit Verlaub...« rief die Seña Frasquita aus und stand, wie von einer -Feder emporgeschnellt, auf und trat keck zwischen die Corregidora und -deren Gatten. - -Dieser war im Begriff zu sprechen, blieb aber mit offenem Munde stehen, -als er sah, daß die Navarresin ins Feuer trat. - -Aber Doña Mercedes kam ihr zuvor und sagte: - -»Señor, bemühen Sie sich nicht, mir Erklärungen zu geben. Ich verlange -sie durchaus nicht von Ihnen. Hier kommt derjenige, der das Recht hat, -sie von Ihnen zu fordern. Verständigen Sie sich mit ihm.« - -Zugleich öffnete sie die Thür eines Kabinetts, und in ihr erschien Tio -Lucas, vom Kopf bis zu den Füßen als Corregidor gekleidet, mit Stock, -Handschuhen und Degen, wie er in den Ratssaal zu treten pflegte. - - -32. - -Der Glaube versetzt Berge. - -»Ich wünsche Ihnen allen einen guten Abend,« sprach der zuletzt -Angekommene, nahm den Dreispitz ab und sprach mit zusammengefallenem -Munde, wie Don Eugenio de Zuñiga. - -Dann durchschritt er, sich nach allen Seiten wiegend, den Saal und küßte -die Hand der Corregidora. - -Alle standen starr vor Erstaunen. Die Ähnlichkeit des Tio Lucas mit dem -wirklichen Corregidor grenzte ans Wunderbare. - -Darum konnten auch die Dienerschaft und sogar Señor Juan Lopez ein -Gelächter nicht zurückhalten. - -Don Eugenio fühlte diese neue Herabwürdigung und stürzte sich wie ein -Basilisk auf Tio Lucas. - -Aber Seña Frasquita war schneller als er und entfernte den Corregidor -mit ihrem eisernen Arm; und Seine Gnaden, im Andenken an einen andern -Purzelbaum und das darauffolgende Hautabschürfen, ließ sich -zurückwerfen, ohne auch nur einen Laut auszustoßen. Augenscheinlich war -jene Frau von Geburt an dazu bestimmt, den armen Alten in Schach zu -halten. - -Tio Lucas wurde bleicher als der Tod, als er sah, daß seine Frau sich -ihm näherte; aber er beherrschte sich gleich, und mit einem -schrecklichen Lachen, so daß er die Hand aufs Herz legen mußte, weil es -ihm zu springen drohte, sagte er, immer noch den Corregidor nachahmend: - -»Gott behüte dich, Frasquita! Hast du deinem Neffen schon die Ernennung -geschickt?« - -Da hättet Ihr die Navarresin sehen müssen! Sie warf ihre Mantille -zurück, erhob das Haupt mit dem Stolz einer Löwin, und ihre Augen wie -zwei Dolche in die des falschen Corregidors versenkend, sagte sie ihm -gerade ins Gesicht: - -»Ich verachte dich, Lucas!« - -Alle glaubten, daß sie ihn angespien hätte, solch eine Geste, solch eine -Bewegung, solch ein Ton der Stimme begleiteten jene Worte. - -Das Gesicht des Müllers verklärte sich, als er die Stimme seiner Frau -hörte. Eine Art von Inspiration, wie die des religiösen Glaubens, war in -seine Seele gedrungen und überflutete sie mit Licht und Freude. Und -einen Augenblick vergaß er, was er in der Mühle gesehen und zu sehen -geglaubt hatte und rief mit Thränen in den Augen und vollster -Aufrichtung in der Stimme aus: - -»Also bist du noch meine Frasquita?« - -»Nein,« antwortete die Navarresin außer sich. »Jetzt bin ich deine -Frasquita nicht mehr! Ich bin... Befrage deine Heldenthaten dieser -Nacht, und sie werden dir sagen, was du mit diesem Herzen gemacht hast, -das dich so geliebt.« - -Und wie ein sinkender Eisberg, der anfängt zu schmelzen, begann sie zu -weinen. - -Die Corregidora konnte sich nicht enthalten, auf sie zuzugehen und sie -mit herzlichster Freundlichkeit in ihre Arme zu schließen. - -Und ohne recht zu wissen, was sie that, fing die Seña Frasquita an, sie -zu küssen und sagte, schluchzend wie ein Kind, das Schutz bei seiner -Mutter sucht: - -»Señora, Señora, wie unglücklich bin ich!« - -»Nicht so sehr, wie Sie glauben,« antwortete die Corregidora, die auch -großmütig weinte. - -»Ja, ich bin sehr unglücklich,« seufzte Tio Lucas und kämpfte mit seinen -Thränen, wie wenn er sich schämte, sie zu vergießen. - -»Nun, und ich?« brach schließlich Don Eugenio los, der sich durch das -ansteckende Weinen der Übrigen erweicht fühlte, oder sich auf dem -feuchten Wege, ich meine auf dem Wege des Weinens, zu retten hoffte. -»Ach, ich bin ein Schelm, ein Ungeheuer, ein leichtsinniger Mensch, der -seinen Lohn empfangen hat!« - -Und traurig fing er an zu blöken, indem er den Leib des Señor Juan Lopez -liebend umschlang. - -Dieser und die Dienstboten weinten gleichfalls, alles schien zu Ende zu -sein, und doch hatte sich niemand erklärt. - - -33. - -Nun, und du? - -Tio Lucas war der erste, der endlich in diesem Thränenmeer wieder flott -wurde, weil er anfing, sich dessen zu erinnern, was er durchs -Schlüsselloch gesehen. - -»Señores, lassen Sie uns jetzt abrechnen,« sagte er. - -»Hier giebt es nichts abzurechnen, Tio Lucas,« rief die Corregidora aus. -»Eure Frau ist eine Heilige.« - -»Gut... ja... aber...« - -»Nichts von aber. Laßt sie sprechen, und Ihr werdet sehen, wie sie sich -rechtfertigen wird. Sowie ich sie sah, sagte es mir das Herz, daß sie -eine Heilige sei, trotz alledem, was Ihr mir erzählt hattet.« - -»Gut, so mag sie sprechen!« sagte Tio Lucas. - -»Ich spreche nicht,« antwortete die Müllerin. »Du mußt zuerst sprechen. -Denn die Wahrheit ist, daß du...« - -Und die Seña Frasquita sagte nichts mehr, aus unbesiegbarer Achtung vor -der Corregidora. - -»Nun, und du?« antwortete Tio Lucas, der von neuem allen Glauben verlor. - -»Jetzt handelt es sich nicht um sie,« rief der Corregidor, der auch -wieder eifersüchtig wurde. »Es handelt sich jetzt um diese Dame. Ach, -Merceditas! Wer hätte mir jemals gesagt, daß du...« - -»Nun, und du?« antwortete die Corregidora, ihn mit dem Blicke messend. - -Und während der nächsten Augenblicke wiederholten die beiden Ehepaare -wohl hundertmal dieselben Sätze. - -»Und du?« - -»Nun, und du?« - -»Na, du!« - -»Nein, du!« - -»Aber, wie konntest du...« - -Und so weiter, und so weiter, und so weiter. - -Vielleicht wäre die Angelegenheit nie beendet worden, wenn nicht die -Corregidora schließlich, ihre Würde wieder annehmend, zu Don Eugenio -gesagt hätte: - -»Höre einmal, jetzt schweige du! Unsere Privatangelegenheit werden wir -später ordnen. Das Dringendste ist in diesem Augenblick jedenfalls, Tio -Lucas' Herzen den Frieden zurückzugeben. Meiner Ansicht nach ist das -ganz leicht; denn dort sehe ich Señor Juan Lopez und Toñuelo, die -nichts sehnlicher wünschen, als die Seña Frasquita zu rechtfertigen.« - -»Mich brauchen die Männer nicht zu rechtfertigen,« antwortete diese. -»Ich habe zwei Zeugen von größerer Glaubwürdigkeit, von denen niemand -sagen kann, daß sie bestochen worden sind...« - -»Und wo sind diese?« fragte der Müller. - -»Sie sind unten, an der Thür.« - -»Dann sage ihnen, daß sie heraufkommen, mit der Erlaubnis der Señora.« - -»Ach, die Armen können nicht heraufkommen...« - -»Ah, sind es zwei Frauen? Schöne, glaubwürdige Zeugen das!« - -»Es sind auch keine zwei Frauen, nur zwei weibliche Wesen.« - -»Noch schlimmer! Dann sind es zwei kleine Mädchen? Sei so gut und nenne -mir ihre Namen.« - -»Die eine heißt Piñona, die andere Liviana.« - -»Unsere beiden Esel! Frasquita, du willst mich verspotten!« - -»Nein, ich spreche sehr vernünftig und förmlich. Durch das Zeugnis -unserer beiden Esel will ich dir beweisen, daß ich nicht in der Mühle -war, als du den Herrn Corregidor dort gesehen hast.« - -»Ich bitte dich, um Gottes willen, erkläre dich...« - -»Höre, Lucas, und stirb vor Scham, daß du je an mir zweifeln konntest. -Als du heute Nacht vom Dorf nach der Mühle rittest, da eilte ich von -unserm Hause nach dem Dorf, folglich kreuzten wir uns auf dem Wege. Aber -du warst außerhalb desselben und schlugst mitten auf einem Saatfelde -Feuer an.« - -»Ich habe angehalten, das ist wahr. Fahre fort.« - -»Da schrie dein Esel...« - -»Wahrhaftig! O, wie glücklich bin ich! Sprich, sprich, denn jedes Wort -giebt mir ein Jahr meines Lebens zurück.« - -»Und auf jenes Geschrei antwortete ein anderes vom Wege her.« - -»O, ja, ja! Gesegnet seist du! Ich glaube es noch zu hören.« - -»Es waren Liviana und Piñona, die sich erkannt hatten und wie gute -Freundinnen begrüßten, während wir beide uns weder grüßten noch -erkannten...« - -»Sage mir nichts mehr! Sage mir nichts mehr.« - -»So wenig erkannten wir uns,« fuhr die Seña Frasquita fort, »daß wir -beide erschraken und nach entgegengesetzten Richtungen entflohen. Nun -siehst du doch wohl ein, daß ich nicht in der Mühle war. Wenn du jetzt -wissen willst, warum du den Herrn Corregidor in unserm Bett angetroffen -hast, so fühle die Kleider, die du trägst und die noch feucht sein -müssen, an, und sie werden es dir besser sagen als ich. Se. Gnaden ist -in das Mühlgerinne gefallen, Garduña hat ihn entkleidet und dort -gebettet. Willst du wissen, warum ich die Thür geöffnet habe? Weil ich -glaubte, daß du es wärest, daß du ertränkest und mich zu Hilfe riefest. -Und schließlich, wenn du das mit der Ernennung wissen willst... Aber -vorläufig brauche ich nichts weiter zu sagen. Wenn wir allein sind, dann -werde ich dir noch verschiedene Einzelheiten erzählen, die ich dir vor -dieser Dame nicht mitteilen kann.« - -»Alles, was die Seña Frasquita gesagt hat, ist die reinste Wahrheit!« -rief der Señor Juan Lopez, der sich Doña Mercedes' Gunst erwerben -wollte, da er wohl sah, daß sie das Corregimiento beherrschte. - -»Alles, alles!« fügte Toñuelo hinzu, der seinem Herrn nacheifern wollte. - -»Bis jetzt alles!« sprach der Corregidor, sehr zufrieden, daß die -Erklärungen der Seña Frasquita nicht weiter gegangen waren. - -»Also bist du unschuldig?« rief inzwischen der Müller aus und -ergab sich dem Augenschein und der Überzeugung. »Meine Frasquita! -Herzens-Frasquita! Verzeih' mir die Ungerechtigkeit und laß mich dich -umarmen!« - -»Oh, das ist Mehl aus einem andern Sack,« antwortete die Müllerin, den -Körper wegbiegend. »Bevor ich dich umarme, muß ich erst deine Erklärung -hören.« - -»Ich werde sie für ihn und mich geben,« sagte Doña Mercedes. - -»Seit einer Stunde warte ich schon darauf,« stieß der Corregidor hervor -und versuchte sich aufzurichten. - -»Aber ich werde sie nicht eher geben,« fuhr die Corregidora fort, indem -sie ihren Mann verächtlich ansah, »als bis die Herren die Kleider -gewechselt haben, und auch dann werde ich sie nur demjenigen geben, der -sie zu hören verdient.« - -»Schnell, schnell, wir wollen uns umkleiden,« sagte der Murcianer zu Don -Eugenio, und freute sich, daß er ihn nicht getötet hatte, wenn er ihn -auch mit einem wahrhaft maurischen Haß betrachtete. »In den Kleidern Ew. -Gnaden ersticke ich, und wie unglücklich bin ich gewesen, während ich -sie trug!«... - -»Weil du es nicht verstehst,« antwortete der Corregidor. »Ich dagegen -wünsche nichts sehnlicher, als sie wieder anzulegen, um, wenn mir die -Erklärung meiner Frau nicht genügt, dich und die halbe Welt aufhängen zu -lassen.« - -Als die Corregidora diese Worte hörte, beruhigte sie die Versammlung mit -einem sanften Lächeln, wie es den Engeln eigen, deren Aufgabe es ist, -die Menschen zu bewachen. - - -34. - -Auch die Corregidora ist reizend. - -Als der Corregidor und Tio Lucas den Saal verlassen hatten, setzte sich -die Corregidora von neuem auf das Sofa, zog die Seña Frasquita neben -sich, und sich zu den die Thür füllenden Dienstboten und Polizeidienern -wendend, sagte sie mit liebenswürdiger Einfachheit: - -»Nun, Kinder, erzählt jetzt, was ihr Schlechtes von mir wißt.« - -Rasch drängte der vierte Stand vorwärts, und zehn Stimmen wollten -zugleich sprechen; aber die Amme, die doch im Hause die wichtigste -Person war, gebot den Übrigen Schweigen und sprach folgendermaßen: - -»Sie müssen wissen, Seña Frasquita, daß wir, ich und meine Herrin, -heute Nacht mit der Pflege der Kinder beschäftigt waren. Wir warteten -auf die Rückkunft des Herrn und beteten, um die Zeit hinzubringen, -schon den dritten Rosenkranz, denn Garduña hatte gesagt, daß der Herr -einige sehr schreckliche Missethäter verfolge, und da war natürlich -nicht eher ans Zubettgehen zu denken, als bis wir ihn unbeschädigt -wieder heimkehren sahen -- als wir in dem daran stoßenden Alkoven, -in dem meiner Herrschaft Ehebett steht, ein Geräusch wie von Leuten -hörten. Wir nahmen, halbtot vor Angst, das Licht, um nachzusehen, wer -in dem Alkoven herumginge, als wir, o heilige Jungfrau von Carmen! -einen Mann sahen, wie mein Herr gekleidet, der er aber doch nicht war -(da er ja Ihr Mann war), und der sich hinter dem Bett zu verstecken -suchte. ›Räuber!‹ fingen wir an wie wahnsinnig zu schreien, und -einen Augenblick nachher war das ganze Zimmer voller Leute, und die -Alguacilen zogen den nachgemachten Corregidor aus seinem Versteck -hervor. -- Meine Herrin, die, wie wir alle, den Tio Lucas erkannt -hatte, und, weil sie ihn in den Kleidern des Corregidors sah, -fürchtete, er hätte jenen ermordet, erhob ein jämmerliches Wehklagen, -das die Steine hätte erweichen können. ›Ins Gefängnis, ins Gefängnis!‹ -sagten inzwischen die Übrigen. ›Räuber! Mörder!‹ waren noch die besten -Worte, die der Tio Lucas zu hören bekam, und so stand er da wie eine -Leiche, an die Wand gelehnt, und brachte kein Wort hervor. Aber als er -sah, daß sie ihn ins Gefängnis bringen wollten, sagte er: ›Ich werde -es ihnen wiederholen, wenn es auch besser wäre, es zu verschweigen. -Señora, ich bin kein Räuber, ich bin kein Mörder; der Räuber und Mörder -meiner Ehre ist in meinem Hause und liegt mit meiner Frau im Bette.‹« - -»Armer Lucas!« seufzte die Seña Frasquita. - -»Die Ärmste bin ich!« murmelte die Corregidora ruhig. - -»Das sagten wir alle... Armer Tio Lucas und arme Señora! Weil... denn... -nun, wir hatten schon aus kleinen Andeutungen erfahren, daß mein Herr -ein Auge auf Sie geworfen hatte, und... na, obgleich niemand sich denken -konnte, daß Sie«... - -»Amme!« rief die Corregidora streng. »Auf diesem Wege gehts nicht fort.« - -»Ich werde auf einem anderen fortfahren,« sagte ein Alguacil, der die -Unterbrechung benutzte, um sich des Wortes zu bemächtigen. »Der Tio -Lucas, der uns, als er ins Haus trat, mit seinem Anzuge und seiner Art -und Weise zu gehen, so gut angeführt hatte, daß wir ihn alle für den -Corregidor hielten, war gewiß nicht mit guten Absichten gekommen, und -wenn die Señora nicht wach gewesen wäre... Stellen Sie sich nur vor, was -da hätte passieren können«... - -»Na ja, schweig' doch nur!« unterbrach ihn die Köchin. »Du sagst nichts -als Dummheiten. Ja, Seña Frasquita, um seine Anwesenheit im Schlafzimmer -der Herrin zu erklären, mußte er den Zweck bekennen, der ihn hierher -geführt. Natürlich konnte die Herrin, als sie es hörte, sich nicht -enthalten, ihm einen Schlag auf den Mund zu geben, so daß ihm die Hälfte -der Worte im Halse stecken blieben. Ich selbst habe ihn mit Schmähungen -und Schimpfworten überhäuft und wollte ihm die Augen auskratzen. Denn -das wissen Sie ja, Seña Frasquita, wenn es auch Ihr Mann ist, aber wenn -man mit solchen Absichten«... - -»Du bist eine alte Schwätzerin!« rief der Portier und stellte sich vor -die Rednerin. »Was hättest du denn thun wollen? Hört mich, Seña -Frasquita, und kommen wir zur Sache. Die Señora sagte und that alles, -was sich gehörte, aber als sich ihr Ärger etwas abgekühlt hatte, -bemitleidete sie den Tio Lucas, dachte über das schlechte Betragen des -Herrn Corregidors nach und sprach diese oder ähnliche Worte: ›Wenn auch -Euer Gedanke sehr nichtswürdig gewesen ist, Tio Lucas, und ich Euch -diese Unverschämtheit nie verzeihen kann, so müssen Eure Frau und mein -Mann doch ein paar Stunden lang glauben, daß sie sich in ihren eigenen -Netzen gefangen haben und daß Ihr, unterstützt durch Eure Verkleidung, -Schmach mit Schmach vergolten habt. Wir können uns nicht besser an ihnen -rächen, und die Täuschung ist so leicht, daß wir sie aufklären können, -wenn es uns paßt.‹ Als die Señora diesen witzigen Entschluß gefaßt -hatte, lehrte sie und Tio Lucas uns, was wir zu sagen und zu thun -hätten, wenn Se. Gnaden zurückkehrte; und dem Sebastian Garduña habe ich -einen solchen Schlag aufs Hinterteil versetzt, daß er die St. Simon- und -St. Judas-Nacht nicht sobald wieder vergessen wird.« - -Schon seit längerer Zeit, noch während der Portier sprach, flüsterten -sich die Corregidora und die Müllerin gegenseitig in die Ohren, umarmten -und küßten sich alle Augenblicke und konnten verschiedene Male das -Lachen gar nicht verbeißen. - -Schade! daß man nicht hörte, was sie sprachen. Aber der Leser wird es -sich wohl ohne große Mühe denken können, und wenn nicht der Leser, so -doch die Leserin. - - -35. - -Kaiserliches Dekret. - -In diesem Augenblicke kehrten der Corregidor und der Tio Lucas, jeder in -seinen eigenen Kleidern, in den Saal zurück. - -»Jetzt ist die Reihe an mir,« sagte der erlauchte Don Eugenio de Zuñiga -eintretend. - -Und nachdem er einigemale heftig mit dem Stocke auf den Boden gestoßen -hatte, wie um seine Energie wieder zu sammeln, gleich einem offiziellen -Antäos, der sich nicht eher stark fühlt, als bis sein Bambusrohr die -Erde berührt, sagte er mit unbeschreiblicher Emphase und Dreistigkeit zu -der Corregidora: - -»Merceditas! ich erwarte deine Erklärungen.« - -Inzwischen stand die Müllerin auf, kniff den Tio Lucas zum Zeichen des -Friedens so stark, daß ihm Funken vor den Augen tanzten, und blickte ihn -zugleich mit gar nicht mehr ärgerlichen, sondern bezaubernden Augen an. - -Der Corregidor, der jene Pantomime beobachtet hatte, erstarrte fast zur -Salzsäule, weil er sich eine so =unmotivierte= Versöhnung nicht -erklären konnte. - -Dann wandte er sich von neuem an seine Frau und sagte in essigsaurem -Tone: - -»Señora, alle verständigen sich hier, nur wir nicht. Reißen Sie mich aus -meinen Zweifeln. Ich befehle es als Mann und als Corregidor.« - -Und wieder dröhnte der Stock gegen den Fußboden. - -»Sie wollen also gehen?« rief Doña Mercedes aus und näherte sich der -Seña Frasquita, ohne sich um Don Eugenio zu kümmern. »So gehen Sie also -ohne Sorge, der Skandal wird keine Folgen haben. Rosa, leuchte den -Herrschaften, sie wollen ja schon gehen. Geht mit Gott, Tio Lucas!« - -»O nein!« schrie Don Eugenio, indem er sich hineinmischte. »Tio Lucas -wird nicht fortgehen. Tio Lucas wird so lange im Arrest bleiben, bis ich -die volle Wahrheit weiß. Halloh, Alguacilen! Im Namen des Königs!« - -Nicht einer der Polizeidiener gehorchte Don Eugenio. Alle blickten die -Corregidora an. - -»Nun, Mann, mache Platz!« fügte diese hinzu, indem sie ihn fast umstieß -und sich von allen mit der größten Feinheit verabschiedete, das heißt, -den Kopf leicht zur Seite geneigt, ergriff sie ihr Kleid mit den -Fingerspitzen und neigte sich anmutig, bis sie die Modereverenz jener -Zeit ausführte, die man _la pompa_[9] nannte. - -»Aber ich... aber du... aber wir... aber die da,« murmelte der arme Alte -noch immer, zog seine Frau am Kleide und störte ihre bestangefangenen -Verbeugungen. - -Vergebliches Bemühen! Niemand kümmerte sich um Sr. Gnaden. - -Als alle fortgegangen und die entzweiten Gatten im Salon allein waren, -geruhte die Corregidora endlich im Tone einer Czarin aller Reussen, -welche über einen gefallenen Minister den Blitzstrahl der ewigen -Verbannung nach Sibirien schlendert, zu ihrem Gatten zu sagen: - -»Und lebtest du tausend Jahre, so sollst du doch nie erfahren, was in -dieser Nacht in meinem Schlafzimmer vorgefallen ist. Wenn du darin -gewesen wärest, wie es natürlich war, so brauchtest du niemand danach zu -fragen. Was mich anbetrifft, so habe und werde ich nie einen Grund -haben, der mich nötigen könnte, es zu enthüllen, dazu verachte ich dich -zu sehr, und wenn du nicht der Vater meiner Kinder wärest, so würde ich -dich jetzt vom Balkon herunterstürzen ... Und hiermit gute Nacht, -Caballero!« - -Als die Corregidora diese Worte ausgesprochen hatte, die der Corregidor -anhörte, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken (denn wenn er allein -war, wagte er es nicht, gegen seine Frau aufzutreten), ging sie in das -Schlafzimmer, schloß die Thüren hinter sich zu, und der arme Mann blieb -mitten im Saal aufgepflanzt stehen und murmelte mit einem beispiellosen -Cynismus zwischen den Gaumen -- Zähne hatte er ja nicht: - -»Gott sei Dank! Ich glaubte nicht, daß es so gut enden würde... Garduña -wird mir eine andere suchen.« - - -36. - -Schluß, Moral und Epilog. - -Fröhlich zwitschernd grüßten die Vögel den Morgen, als Tio Lucas und die -Seña Frasquita die Stadt verließen, um sich nach der Mühle zu begeben. - -Die Gatten gingen zu Fuß, vor ihnen her trabten die beiden -zusammengekoppelten Esel. - -»Am Sonntag mußt du zur Beichte gehen,« sagte die Müllerin zu ihrem -Mann, »denn du mußt dich von all den schlechten Meinungen und -verbrecherischen Absichten dieser Nacht reinigen.« - -»Da hast du einen guten Gedanken,« antwortete der Müller. »Aber du mußt -mir dafür auch einen Gefallen thun und die Matratzen und das Bettzeug -unseres Bettes den Armen geben und alles neu anschaffen. Ich lege mich -nicht wieder dahin, wo dies giftige Gewürm geschwitzt hat.« - -»Nenne ihn nicht, Lucas!« versetzte die Seña Frasquita. »Aber um von -etwas anderem zu sprechen. Ich möchte dich noch um einen anderen -Gefallen bitten...« - -»Bitte nur.« - -»Im künftigen Sommer wirst du mich nach Solan de Cabras bringen, um eine -Badekur zu gebrauchen.« - -»Warum?« - -»Um zu sehen, ob wir Kinder bekommen werden.« - -»Das ist eine sehr glückliche Idee. Wenn Gott uns das Leben schenkt, -sollst du dorthin gehen.« - -Sie langten bei der Mühle an, gerade als die Sonne, ohne noch -aufgegangen zu sein, die Gipfel des Gebirges vergoldete. -- -- -- - -Zur größten Überraschung der Gatten, die nach einer so ärgerlichen -Szene, wie die der vergangenen Nacht, keine Besuche von hohen -Herrschaften mehr erwarteten, versammelten sich am Nachmittage mehr -Personen denn je. Der ehrwürdige Prälat, viele Domherren, der Lehrer der -Rechtswissenschaft, zwei Priore von Mönchsklöstern und verschiedene -andere Personen, die, wie man bald erfuhr, Se. Hochwürden -zusammenberufen hatte, füllten den ganzen Platz vor dem Hause. - -Nur der Corregidor fehlte. - -Als alle versammelt waren, ergriff der Herr Bischof das Wort und sagte, -daß, gerade weil gewisse Dinge in jenem Hause vorgefallen wären, seine -Domherren und er wie früher kommen würden, damit weder die braven -Müllersleute, noch die übrigen gegenwärtigen Personen vom öffentlichen -Tadel betroffen würden, den nur jener verdiente, welcher durch sein -rohes Betragen eine so gesittete, anständige Gesellschaft entweiht -hatte. Er ermahnte die Seña Frasquita väterlich, fürderhin weniger -herausfordernd und verführerisch in ihren Worten und Bewegungen zu sein, -die Arme mehr bedeckt und den Ausschnitt des Kleides etwas höher zu -tragen, riet dem Tio Lucas, seinen Vorgesetzten gegenüber mehr -Uneigennützigkeit, größere Zurückhaltung und weniger Unbescheidenheit zu -zeigen, gab dann schließlich seinen Segen, und da er an jenem Tage nicht -fastete, würde er mit vielem Vergnügen ein paar Trauben essen. Dasselbe -meinten alle, nämlich das letztere -- und der Weinstock erzitterte den -ganzen Nachmittag. -- Der Müller schätzte den Konsum an Weintrauben auf -zwei Arrobas.[10] -- -- - -Ungefähr drei Jahre lang dauerten diese angenehmen Zusammenkünfte, als -wider alles Erwarten die Heere Napoleons in Spanien eindrangen und der -Freiheitskrieg begann. - - -Der Herr Bischof, der Magistrat und der Pönitentiar starben im Jahre -1808, und der Advokat und die übrigen Teilnehmer in den Jahren 9, 10, 11 -und 12, weil sie den Anblick der Franzosen, Polen und anderer Raubtiere -nicht ertragen konnten, welche in das Land einfielen und sogar im -Presbyterium der Kirchen, während der Militärmesse, ihre Pfeifen -rauchten! - -Der Corregidor, der nie wieder nach der Mühle kam, wurde durch einen -französischen Marschall ersetzt und starb im Kerker in Madrid, weil er -sich auch nicht einen Augenblick, zu seiner Ehre sei's gesagt, mit der -Fremdherrschaft einverstanden erklären wollte. - -Doña Mercedes hat sich nicht wieder verheiratet und erzog ihre Kinder -ganz ausgezeichnet. Im Alter zog sie sich in ein Kloster zurück und -starb dort im Geruche der Heiligkeit. - -Garduña wurde französiert. - -Señor Juan Lopez kämpfte im Guerillakriege als Anführer und starb, -gleich seinem Alguacil, in der berühmten Schlacht bei Baza, nachdem er -sehr viele Franzosen getötet hatte. - -Zum Schluß: Tio Lucas und die Seña Frasquita, obgleich sie keine Kinder -bekamen, trotzdem sie nach Solan de Cabras gegangen waren und viele -Gelübde abgelegt hatten, liebten sich immer auf ihre Weise und -erreichten ein hohes Alter. Sie sahen den Absolutismus in den Jahren -1812 und 1820 dahinsinken und ihn 1814 und 1823 wieder erscheinen, bis -endlich nach dem Tode des Absoluten Königs die Konstitution eingeführt -wurde; und sie schlummerten zu einem besseren Leben hinüber gerade beim -Ausbruch des siebenjährigen Bürgerkrieges, ohne daß die damals schon -allgemein getragenen Cylinderhüte =jene Zeiten= bei ihnen in -Vergessenheit geraten ließen, welchen als Symbol diente -- =der -Dreispitz=. - - - =Ende.= - - - - -FUSSNOTEN: - -[1] Zwei Neuntel von allen Zehnten, die der König bekommt. - -[2] Suppe mit Gemüse und Fleisch. - -[3] Gleich nach der Suppe zu essen. - -[4] Volkstümlich für Señora Frasquita, Frau Fränzchen = Franziska. - -[5] Abendgesellschaft, Versammlung. - -[6] _Que Dios guarde_, den Gott erhalte, übliche Formel. - -[7] Es handelt sich hier um ein unübersetzbares Wortspiel zwischen -_males_ und _animales_. - -[8] »Ave, reinste Maria! Halb Eins und schönes Wetter!« Dies -der gewöhnliche Ruf der Nachtwächter, die, weil die Nächte meist heiter -(_sereno_) sind, hiervon auch vielleicht den Namen _serenos_ erhalten -haben. Regnet es, so fügen sie der Angabe der Zeit _y lloviendo_ (und -es regnet) hinzu. - -[9] _pompa_ ist Pracht, Prunk, aber auch der Bausch, welchen die -Frauenkleider beim Niederbeugen machen. - -[10] Eine Arroba gleich 11-1/2 Kilogramm. - - - - -Notizen des Bearbeiters: - -Hinzugefügt: Inhaltsverzeichnis - -Text in Antiqua-Schrift gekennzeichnet durch _..._ - -Gesperrter Text gekennzeichnet durch =...= - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Dreispitz, by Pedro de Alarcon - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DREISPITZ *** - -***** This file should be named 50216-0.txt or 50216-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/2/1/50216/ - -Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, Laurent -Vogel and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/old/50216-0.zip b/old/50216-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index b4e7def..0000000 --- a/old/50216-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/50216-h.zip b/old/50216-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index a7a920b..0000000 --- a/old/50216-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/50216-h/50216-h.htm b/old/50216-h/50216-h.htm deleted file mode 100644 index 844dfb1..0000000 --- a/old/50216-h/50216-h.htm +++ /dev/null @@ -1,5587 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.1//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml11/DTD/xhtml11.dtd"> - -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Der Dreispitz, by D. Pedro de Alarcon. - </title> - - <link rel="coverpage" href="images/cover_ebook.jpg" /> - - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - - h1,h2,h3 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -p { - margin-top: .51em; - text-align: justify; - margin-bottom: .49em; -} - -.p1 {margin-top: 1em;} -.p3 {margin-top: 3em;} -.pmb1 {margin-bottom: 1em;} -.pmb2 {margin-bottom: 2em;} -.pmb3 {margin-bottom: 3em;} - -hr.tb {width: 45%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: auto; - margin-right: auto; - clear: both;} -hr.chap {width: 65%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: auto; - margin-right: auto; - clear: both;} - -table { - margin-left: auto; - margin-right: auto; -} - -.tdl {text-align: left;} - -.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ - /* visibility: hidden; */ - position: absolute; - left: 92%; - font-size: smaller; - text-align: right; -} /* page numbers */ - -.center {text-align: center;} - -.gesperrt { - letter-spacing: 0.2em; - margin-right: -0.2em; - font-style: normal;} - -.antiqua { - letter-spacing: 0.1em; - margin-right: -0.1em; - font-size: 90%; - font-family: Helvetica,Arial,sans-serif;} - -em.gesperrt -{ - font-style: normal; -} - -.font07 {font-size:0.7em;} -.font08 {font-size:0.8em;} -.font11 {font-size:1.1em;} -.font17 {font-size:1.7em;} -.font24 {font-size:2.4em;} - -.break {page-break-before: always;} - -/* Images */ -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center; -} - -/* Footnotes */ -.footnotes {border: dashed 1px;} - -.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} - -.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} - -.fnanchor { - vertical-align: super; - font-size: .8em; - text-decoration: - none; -} - - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; - font-family:sans-serif, serif; } - -@media handheld - { - body {margin-left: 3%; - margin-right: 3%;} - - p {margin-top: .1em; - text-align: justify; - margin-bottom: .13em;} - - hr.tb {width: 45%; - margin-top: 0.2em; - margin-bottom: 0.2em; - margin-left: 27%; - margin-right: 27%; - clear: both;} - - hr.chap {width: 75%; - margin-top: 0.4em; - margin-bottom: 0.4em; - margin-left: 12%; - margin-right: 12%; - clear: both;} - - .break {page-break-before: always;} - - .p1 {margin-top: 0.2em;} - .p3 {margin-top: 0.6em;} - .pmb1 {margin-bottom: 0.2em;} - .pmb2 {margin-bottom: 0.4em;} - .pmb3 {margin-bottom: 0.6em;} - -} - - -</style> - - -</head> - - -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Der Dreispitz, by Pedro de Alarcon - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Der Dreispitz - -Author: Pedro de Alarcon - -Translator: Hulda Meister - -Release Date: October 14, 2015 [EBook #50216] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DREISPITZ *** - - - - -Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, Laurent -Vogel and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - - -<div class="figcenter" style="width: 503px;"> - <img src="images/cover_ebook.jpg" width="503" height="670" alt="coverpage" title="" /> -</div> -<p class="pmb2" /> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3"><span class="pagenum"><a id="Page_1">[S. 1]</a></span></p> - - -<h1>Der Dreispitz</h1> - -<p class="p3 center font11"><br /><br />Aus dem Spanischen</p> - -<p class="center font08">des</p> - -<p class="center font17">D. Pedro de Alarcon</p> - -<p class="p1 center font08">übersetzt von</p> - -<p class="center font11 pmb3 pmb2">Hulda Meister</p> - - -<hr class="tb" /> - -<p class="center font11">Leipzig</p> - -<p class="center font08">Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.</p> - - -<p class="pmb3"><span class="pagenum"><a id="Page_2"></a></span></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_2a">[S. 2a]</a></span></p> - - -<h2><a id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</a></h2> - - -<table border="0" class="tdl" cellspacing="2" cellpadding="1" summary="Inhaltsverzeichnis"> - <colgroup> - <col width="10%" /> <col width="70%" /> <col width="20%" /> - </colgroup> - <tr> - <td colspan="3" align="right" valign="top"><span class="font07">Seite</span></td> - </tr> - <tr> - <td valign="top"><span class="font08"> </span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Vorrede</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_3">3</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Wann es geschah.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_7">7</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Wie die Leute damals lebten.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_9">9</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08"><span class="antiqua">Do ut des.</span></span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_10">10</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">4.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Eine Frau von außen besehen.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_13">13</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">5.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Ein Mann von innen und von außen besehen.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_16">16</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">6.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Fertigkeiten der beiden Ehegatten.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_17">17</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">7.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Der Grund der Glückseligkeit.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_19">19</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">8.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Der Mann mit dem Dreispitz.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_21">21</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">9.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Hü, Esel!</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_24">24</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">10.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Vom Rebengeländer aus.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_25">25</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">11.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Das Bombardement von Pamplona.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_28">28</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">12.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Zehnten und Erstlinge.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_35">35</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">13.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Da sagte die Krähe zum Raben.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_38">38</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">14.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Garduñas Ratschläge.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_41">41</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">15.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Abschied in Prosa.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_46">46</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">16.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Ein Unglücksvogel.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_50">50</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">17.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Ein Dorfschulze.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_52">52</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">18.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Wie Tio Lucas nicht ans Schlafen dachte.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_54">54</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">19.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Stimmen in der Wüste.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_55">55</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">20.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Zweifel und Wirklichkeit.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_57">57</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">21.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Achtung, Herr!</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_64">64</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">22.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Garduña vervielfältigt sich.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_69">69</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">23.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Noch einmal die Wüste und die bewußten Stimmen.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_72">72</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">24.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Ein König von damals.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_73">73</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">25.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Garduña's Stern.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_76">76</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">26.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Reaktion.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_77">77</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">27.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Im Namen des Königs.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_78">78</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">28.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08"><span class="antiqua">Ave Maria purisima! Las doce y media, y sereno!</span></span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_81">81</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">29.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Nach dem Gewölk ... Reveille.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_83">83</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">30.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Eine Dame von Stande.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_84">84</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">31.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Die Strafe der Wiedervergeltung.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_85">85</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">32.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Der Glaube versetzt Berge.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_90">90</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">33.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Nun, und du?</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_92">92</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">34.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Auch die Corregidora ist reizend.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_96">96</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">35.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Kaiserliches Dekret.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_99">99</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">36.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Schluß, Moral und Epilog.</span></td> - <td align="right" valign="top"><span class="font08"><a href="#Page_102">102</a></span></td> - </tr> -</table> - -<p class="pmb3" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_3">]</a></span></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<h2><a id="Vorrede">Vorrede.</a></h2> - - -<p>Es giebt wohl wenige Spanier, selbst wenn wir solche -mitrechnen, die wenig wissen und lesen, welche die dem vorliegenden -Werkchen zu Grunde liegende Erzählung nicht -kennen.</p> - -<p>Zuerst hörten wir sie von einem unwissenden Ziegenhirten, -der nie aus dem versteckten Dörfchen, in welchem -er das Licht der Welt erblickt, herausgekommen war. Er -war einer jener ungelehrten, aber natürlich schlauen, lustigen -Bauern, die in unserer Nationallitteratur unter dem -Namen <span class="antiqua">picaros</span> (Schelme, Spitzbuben) eine so große Rolle -spielen. Gab es eine Hochzeit, eine Taufe, oder kam die -Herrschaft einmal zum Besuch, so wurden diese Ereignisse -im Flecken natürlich gefeiert, und seine Aufgabe war es -dann, die Possen und Pantomimen zu leiten, den Hanswurst -zu spielen und Romanzen und Erzählungen vorzutragen; -und bei einer solchen Gelegenheit war es (schon -fast ein ganzes Menschenalter — das heißt, wohl mehr -als fünfunddreißig Jahre — ist darüber vergangen), bei -der er eines Abends unsere (relative) Unschuld mit der -Erzählung in Versen: <em class="gesperrt">»Der Corregidor und die Müllerin«</em>, -oder auch <em class="gesperrt">»Der Müller und die Corregidora«</em> -blendete und entzückte. Wir übergeben sie heute -unter dem anspruchsvolleren und philosophischeren Namen -(denn so verlangt es der Ernst unserer Zeit) <em class="gesperrt">»Der Dreispitz«</em> -dem Publikum.</p> - -<p>Zwar erinnern wir uns, daß an jenem Abende, an -welchem der Ziegenhirt uns eine so angenehme Kurzweil - <span class="pagenum"><a id="Page_4">[S. 4]</a></span> -verschaffte, die dort versammelten heiratsfähigen Mädchen -sehr rot wurden, woraus die Mütter dann schlossen, daß -die Geschichte etwas saftig sein müßte, und den Hirten -gehörig zurechtsetzten; aber der arme Repela (so hieß der -Hirt) war nicht auf den Mund gefallen und antwortete -auf der Stelle, daß sie gar nicht nötig hätten, so aufgebracht -zu sein, denn in seiner Erzählung wäre nichts, was -nicht jedermann hören könnte, ja, was nicht sogar die -Nonnen und die vierjährigen Mädchen wüßten...</p> - -<p>»Und wenn nicht, so wollen wir doch einmal sehen,« -fragte der Ziegenhirt, »was lernt man aus der Geschichte -vom <em class="gesperrt">Corregidor und der Müllerin</em>? Daß verheiratete -Leute zusammenschlafen, und daß es keinem Gatten -paßt, wenn ein anderer Mann bei seiner Frau schläft.... -Mich dünkt, daß ist doch die reine Wahrheit!...«</p> - -<p>»Freilich ist das wahr,« antworteten die Mütter, als -sie das Gelächter ihrer Töchter hörten.</p> - -<p>»Beweis dafür, daß der Onkel Repela recht hat,« bemerkte -hierauf der Vater des Bräutigams, »ist, daß Groß -und Klein, alle hier Gegenwärtigen sich schon überzeugt -haben, daß, sobald heute der Tanz zu Ende ist, Juanete -und Manolilla das schöne Ehebett einweihen werden, das -die Tante Gabriela eben unseren Töchtern gezeigt hat, um -die Stickereien an den Kopfkissen zu bewundern...«</p> - -<p>»Mehr noch,« sagte der Großvater der Braut, »sogar -in der Doctrin und in den Predigten wird den Kindern -von diesen so ganz natürlichen Sachen erzählt, wie unsere -liebe Frau Anna so lange unfruchtbar war, vom keuschen -Joseph, von Judiths Kriegslist und vielen anderen Wundern, -die mir jetzt nicht gerade einfallen... darum...«</p> - -<p>»Ach was, Tio (Onkel) Repela,« riefen die Mädchen -mutig aus, »erzählt Eure Geschichte noch einmal, sie ist -doch sehr lustig!«</p> - -<p>»Und sogar sehr anständig,« fuhr der Großvater fort, -»denn sie lehrt euch nichts Schlechtes; — keinem wird darin - <span class="pagenum"><a id="Page_5">[S. 5]</a></span> -angeraten, schlecht zu sein, und der schlecht gewesen ist, -geht nicht ungestraft aus...«</p> - -<p>»Nun, meinetwegen! wiederholt sie also!« sagte schließlich -jede Familienmutter.</p> - -<p>Tio Repela wiederholte die Romanze, und da alle sie -nun im Lichte jener einfachen Kritik sahen, so gab es auch -kein »aber« dabei, was ebenso gut war, wie wenn sie gesagt -hätten: Wir geben die <em class="gesperrt">notwendige Erlaubnis</em>!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Im Laufe des Jahres haben wir noch viele und sehr -verschiedene Versionen desselben Abenteuers von dem Müller -und der Corregidora gehört und immer von den Lippen -eines Dorfgracioso nach der Art des schon verstorbenen -Tio Repela; dann haben wir sie auch in den »Romanzen -eines Blinden« gedruckt gesehen und sogar in den berühmten -Romanzen des unvergeßlichen Don Agustin Duran.</p> - -<p>Die Grundlage der Erzählung ist überall dieselbe: tragikomisch, -spöttisch und entsetzlich epigrammatisch, wie alle -dramatischen Morallehren, für die sich unser Volk begeistert; -aber die Form, der zufällige Mechanismus, die -eigentümlichen Vorgänge sind sehr, sind außerordentlich -verschieden von der Erzählung unseres Hirten; so sehr, -daß dieser keine der erwähnten Versionen in der Cortijada -(Bauernhof) hätte vortragen können, ohne daß sich die -anständigen Mädchen die Ohren zugehalten oder die Mütter -ihm die Augen ausgekratzt hätten.</p> - -<p>Bis zu solchem Grade haben die groben Tölpel anderer -Provinzen die traditionelle Erzählung, die in des klassischen -Repela Version so köstlich, anständig und rein erschien, -aufgebauscht und entstellt.</p> - -<p>So hatten wir denn schon seit langer Zeit den Plan -gefaßt, die Wahrheit der Dinge ans Licht zu bringen, -indem wir der stark entstellten Erzählung ihren ursprünglichen -Charakter zurückgeben, denn ohne Zweifel war derjenige, - <span class="pagenum"><a id="Page_6">[S. 6]</a></span> -in dem der Anstand am meisten gewahrt worden, -der ursprüngliche. — Wie könnte man auch daran zweifeln? -Diese Art von Erzählungen verlieren, wenn sie -durch die Hände des Volkes gehen, ihre Eigentümlichkeiten -nicht dadurch, daß sie schöner, zarter und anständiger gemacht -werden, sondern indem sie durch die Berührung -mit der Gemeinheit und Roheit verstümmelt und verdorben -werden.</p> - -<p>Das ist die Geschichte des vorliegenden Buches... -So wollen wir denn loslegen, das heißt, wir wollen mit -der Erzählung von dem Corregidor und der Müllerin beginnen, -in der Hoffnung, daß du, ehrenwertes Publikum, -in deinem gesunden Urteil, »nachdem du sie gelesen und -mehr Kreuze geschlagen hast, als wenn du den leibhaftigen -Gottseibeiuns gesehen hättest« (wie Estebanillo Gonzalez -im Anfange der seinigen sagte), sie für würdig und wert -erachten wirst, veröffentlicht worden zu sein.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[S. 7]</a></span></p> - - -<p class="p3 center font24 pmb3"><b>Der Dreispitz.</b></p> - - -<hr class="chap" /> - -<h2>1.<br /><br /> - -Wann es geschah.</h2> - -<p>Es war zu Anfang dieses langen Jahrhunderts, das -sich schon seinem Ende zuneigt. — Ganz genau weiß man -das Jahr nicht, nur, daß es nach dem Jahre 4 und vor -dem Jahre 8 war.</p> - -<p>Damals regierte Don Carlos der Vierte von Bourbon -in Spanien; von Gottes Gnaden, wie die Münzen -besagten, aus Vergeßlichkeit nur von Bonapartes besonderer -Gnade, wie die französischen Bulletins es erklärten. -Die übrigen europäischen Herrscher, Abkömmlinge Ludwigs -<span class="antiqua">XIV.</span>, hatten schon ihre Krone (und ihr Haupt seinen -Kopf) verloren in dem rasenden Sturme, der über -diesen alten Teil der Welt seit 1789 dahinfegte.</p> - -<p>Doch darin bestand die Eigentümlichkeit unseres Vaterlandes -in jener Zeit nicht allein. Der Soldat der Revolution, -der Sohn eines unbekannten korsischen Advokaten, -der Sieger von Rivoli, von den Pyramiden, Marengo -und hundert anderen Schlachten, hatte sich soeben die Krone -Karls des Großen aufs Haupt gesetzt und ganz Europa -umgewandelt, hatte Nationen geschaffen, Nationen ausgelöscht, -Grenzen aufgehoben, Dynastien geschaffen, und den -Städten, durch welche er auf seinem Streitroß gleich einem -Erdbeben, oder gleich dem Antichristen, wie ihn die Mächte -des Nordens nennen, kam, andere Formen, andere Namen, -Lage, Sitte, ja sogar ein anderes Ansehen gegeben. — Und -doch waren unsere Väter (Gott habe sie selig!) weit davon -entfernt, ihn zu hassen oder zu fürchten; im Gegentheil - <span class="pagenum"><a id="Page_8">[S. 8]</a></span> -gefielen sie sich darin, seine außergewöhnlichen Thaten zu -bewundern, wie wenn es sich um den Helden eines Ritterromanes -oder um Dinge gehandelt hätte, die sich auf -einem anderen Planeten zugetragen, und nicht im entferntesten -fiel es ihnen ein, daß er auch hierher kommen könne, -um dieselben Grausamkeiten, die er in Frankreich, Deutschland, -Italien und anderen Ländern verübt, auch hier zu -versuchen. Einmal wöchentlich, höchstens zweimal kam die -Post aus Madrid nach dem größten Teile der bedeutenderen -Städte der Halbinsel und brachte eine Nummer der -Zeitung (die auch keine tägliche war) mit, und durch sie -erfuhren die hauptsächlichsten Personen (wir wollen einmal -annehmen, daß die Zeitung über diese Geringfügigkeiten -berichtete), ob jenseits der Pyrenäen ein Staat mehr oder -weniger existierte, ob wieder eine Schlacht geschlagen worden -war, in der sechs oder acht Könige und Kaiser gekämpft, -und ob Napoleon sich in Mailand, Brüssel oder -Warschau befand. Im übrigen aber lebten unsere Vorväter -ganz nach der alten spanischen Weise, äußerst langsam, -an veralteten Gebräuchen klebend, im Frieden und -der Gnade Gottes, mit ihrer Inquisition und ihren Mönchen, -ihrer malerischen Ungleichheit vor dem Gesetz, mit -ihren Privilegien, Gerechtsamen und persönlichen Vorrechten, -mit ihrem Mangel an jeder politischen oder munizipalen -Freiheit, wurden gleichzeitig von ihren berühmten Bischöfen -und mächtigen Corregidoren, deren respektive Machtvollkommenheiten -nicht leicht zu umgrenzen waren, da sich die -einen wie die anderen mit dem Zeitlichen und Ewigen befaßten, -regiert, und bezahlten Zehnten, Erstlinge, Handelsabgaben, -Unterstützungsgelder, Almosen und gezwungene -Vermächtnisse, Renten, Rentchen, Kopfsteuern, königliche -<span class="antiqua">tercias</span>,<a id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> Abgaben, Steuern und wohl fünfzig Tribute -mehr, deren Aufzählung hier nicht notwendig ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_9">[S. 9]</a></span></p> - -<p class="pmb3">Und hiermit ist alles gesagt, was die vorliegende Erzählung -mit dem militärischen und politischen jener Epoche -zu thun hatte; denn unser alleiniger Zweck, wenn wir vorführten, -was damals in der Welt geschah, war: zu konstatieren, -daß in dem bewußten Jahre (sagen wir so um -1805) in Spanien noch das <em class="gesperrt">alte</em> System in allen Kreisen -des öffentlichen und privaten Lebens vorherrschte, wie -wenn die Pyrenäen sich inmitten all dieser Neuerungen -und Umwälzungen in eine andere chinesische Mauer verwandelt -hätten.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<h2>2.<br /><br /> - -Wie die Leute damals lebten.</h2> - -<p>In Andalusien zum Beispiel (denn das, was ich erzählen -will, trug sich gerade in einer andalusischen Stadt -zu) erhoben sich die Leute von Stand sehr früh, gingen -zur Frühmesse in die Kathedrale, wenn es auch kein verordneter -Festtag war, frühstückten um neun Uhr einen -Eierkuchen und eine Tasse Chokolade mit <span class="antiqua">picatostes</span> (in -Öl geröstetes Brot), aßen um ein oder zwei Uhr nachmittags -<span class="antiqua">puchero</span><a id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> und <span class="antiqua">principio</span>, - <a id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> wenn es Wild gab, -wenn nicht, dann nur <span class="antiqua">puchero</span> allein, hielten nach dem -Essen ihre Siesta, machten darauf einen Spaziergang durchs -Feld, gingen in der Dämmerung in ihrem respektiven Kirchspiel -zum Rosenkranz; zum Avemaria tranken sie noch eine -Tasse Chokolade, diesmal jedoch mit Zwieback, und die -vornehmsten unter ihnen gingen dann zur Abendgesellschaft -beim Corregidor, dem Dekan, oder welcher Titel gerade -der vorherrschende in der Stadt war. Beim Abendläuten -zog man sich zurück, schloß die Hausthür beim Zapfenstreich, -aß Salat und <span class="antiqua">guisado</span> (Geschmortes) aus Autonomasie, -wenn nicht etwa frische Fische angekommen waren, zum -Abendbrot und legte sich sogleich mit seiner Frau zu Bett, -doch nicht, ohne daß während neun Monaten im Jahre -das Bett vorher gewärmt worden wäre...</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_10">[S. 10]</a></span></p> - -<p>Das waren glückliche Zeiten, in denen unser Land im -ruhigen, friedlichen Besitz aller Spinnengewebe, allen Staubes, -aller Motten, allen Respektes, aller Glaubensmeinungen, -aller Traditionen, Gebräuche und durch die Jahrhunderte -geheiligten Mißbräuche dahinlebte! Glückliche Zeiten -waren es, in denen es in der menschlichen Gesellschaft verschiedene -Klassen, verschiedene Meinungen, verschiedene Gebräuche -gab! Glückliche Zeiten! sage ich... und besonders -für die Dichter, die hinter jeder Ecke eine Legende, -eine Erzählung, eine Komödie, ein Drama, eine Novelle, -ein Lustspiel, ein Zwischenspiel, ein Mysterium oder ein -Epos fanden an Stelle dieser prosaischen Gleichförmigkeit -und des geschmacklosen Realismus, den uns die französische -Revolution als Erbteil hinterließ. — Glückliche Zeiten, -wenn...</p> - -<p class="pmb3">Aber da falle ich ja wieder in die alte Gewohnheit zurück. -Genug also mit Allgemeinheiten und Umschweifen -und laßt uns mutig beginnen mit der Geschichte <em class="gesperrt">vom -Dreispitz</em>.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<h2>3.<br /><br /> - -<span class="antiqua">Do ut des.</span></h2> - - -<p>Zu jener Zeit gab es in der Nähe der Stadt *** eine -prächtige Mühle, die jetzt nicht mehr existiert, ungefähr eine -Viertel Legua vom Orte entfernt, zwischen zwei mit Weichsel- -und anderen Kirschbäumen bewachsenen Hügeln und -einem sehr fruchtbaren Obstgarten, der einem verräterischen, -intermittierenden Flusse als Rand — zuweilen auch -als Bett — diente.</p> - -<p>Seit einiger Zeit schon war die Mühle aus verschiedenen -und unterschiedlichen Gründen der bevorzugte Ziel- - <span class="pagenum"><a id="Page_11">[S. 11]</a></span> -und Ruhepunkt der angeseheneren Spaziergänger aus der -vorerwähnten Stadt. Erstens führte eine Landstraße dorthin, -die weniger unbefahrbar war als alle übrigen der -Gegend. Zweitens befand sich vor der Mühle ein kleiner, -gepflasterter Platz, von einer riesigen, mit Wein überzogenen -Laube überschattet, in der man in sehr angenehmer -Weise, dank dem immerwährenden Wechsel der Weinblätter, -die Kühle des Sommers und die Sonne im Winter -genießen konnte.... Drittens war der Müller ein sehr -achtbarer Mann, sehr zurückhaltend, sehr schlau, der, was -man so sagt, Menschenkenntnis besaß und die Leute zu -nehmen wußte, und die großen Herren, die ihn zur Vesperstunde -mit ihrem Besuche zu beehren pflegten, bewirtete, -indem er ihnen anbot, was gerade die Jahreszeit so mit -sich brachte, jetzt grüne Bohnen, dann Kirschen und Weichselkirschen, -rohen Salat ohne Zuthaten (der ganz ausgezeichnet -ist, wenn man ihn mit Röllchen von in Öl -geröstetem Brote ißt, welche die Herrschaften gewöhnlich -vorauszuschicken pflegten), Melonen, darauf Weintrauben -von demselben Weinstock, der ihnen als Baldachin diente, -dann Maiskolben und, wenn es Winter war, gebratene -Kastanien, Mandeln und Nüsse und zuweilen an sehr kalten -Tagen ein Schlückchen guten Weines (dann aber schon -im Hause und beim wärmenden Feuer), dem man zu -Weihnachten ein wenig Gebäck, eine Butterschnitte, eine -Brezel oder eine Schnitte Schinken aus den Alpujarras -hinzufügte.</p> - -<p>War der Müller denn so reich, oder seine Gäste so -anspruchsvoll? werdet ihr, mich unterbrechend, ausrufen. -Weder eins noch das andere. Der Müller hatte nur gerade -sein Auskommen, und jene Herren waren das personifizierte -Zartgefühl und Stolz. Aber in einer Zeit, in -der man der Kirche und dem Staat einige fünfzig verschiedene -Abgaben bezahlte, da setzte ein so verständiger -und hellsehender Mann wie jener nicht viel aufs Spiel, - <span class="pagenum"><a id="Page_12">[S. 12]</a></span> -wenn er sich die Gunst der Regidoren, Canonici, Mönche, -Schreiber und anderer einflußreichen Personen zu erwerben -suchte. Darum fehlte es auch nicht an Leuten, die da -behaupteten, daß der Tio Lucas, denn so hieß der Müller, -jedes Jahr ein hübsches Sümmchen zurücklegte, weil -er alle Welt bewirtete.</p> - -<p>»Euer Gnaden könnten mir wohl ein altes Thürchen -von dem heruntergerissenen Hause geben,« sagte er zu dem -einen. »Euer Herrlichkeit,« sagte er zu dem andern, »könnten -doch wohl Befehl geben, daß man mir die Unterstützungsgelder -oder die Kopfsteuer oder den Steueraufschlag -etwas erniedrigt.« — »Ehrwürden erlauben mir wohl, -daß ich im Klostergarten ein bißchen Laub für meine Seidenwürmer -abpflücke.« — »Durchlaucht geben mir wohl -Erlaubnis, ein bißchen Brennholz im Walde X. zusammenzulesen.« -— »Euer Väterlichkeit wird mir wohl ein paar -Worte schreiben, damit man mir erlaubt, im Walde H. -ein wenig Nutzholz abzuhauen.« — »Euer Wohlgeboren -muß mir da so ein kleines Schriftchen aufsetzen, das nichts -kostet.« — »In diesem Jahre kann ich den Zins nicht bezahlen.« -— »Ich hoffe, daß der Prozeß zu meinen Gunsten -entschieden werden wird.« — »Heute habe ich einem ein -paar Ohrfeigen gegeben, und mich dünkt, der muß ins -Gefängnis gesteckt werden, weil er mich dazu herausgefordert -hat.« — »Hätten Euer Gnaden das wohl übrig?« — -»Brauchen Sie das noch zu irgend etwas?« — »Könnten -Sie mir Ihr Maultier leihen?« — »Brauchen Sie morgen -Ihren Wagen?« — »Was meinen Sie, darf ich wohl -den Esel ein wenig holen lassen?« — Und dies Liedchen -wiederholte sich stets und in allen Tonarten und erhielt -immer die großmütige Antwort: »Wie Sie wünschen.«</p> - -<p class="pmb3">Daraus seht ihr wohl schon, daß Tio Lucas nicht auf -dem Wege war, sich zu Grunde zu richten.</p> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_13">[S. 13]</a></span></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb2" /> -<h2>4.<br /><br /> - -Eine Frau von außen besehen.</h2> - - -<p>Der letzte und vielleicht der stärkste Grund, den die -Herrschaften aus der Stadt hatten, alle Nachmittage die -Mühle des Tio Lucas zu besuchen, war wohl der, daß -sowohl die Geistlichen wie die Laien, vom Herrn Bischof -und dem Herrn Corregidor (denn auch diese verachteten es -nicht, sie zu besuchen) an, ganz nach ihrer Bequemlichkeit -eines der schönsten, anmutigsten, bewundernswürdigsten -Werke betrachten konnten, die je aus der Hand Gottes -oder, wie man damals mit Jovellanos und der ganzen -französischen Schule unseres Vaterlandes sagte, des höchsten -Wesens hervorgegangen.</p> - -<p>Dies Werk war die Seña Frasquita.<a id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a></p> - -<p>Vor allen Dingen will ich erst sagen, daß die Seña -Frasquita, die rechtmäßige Frau des Tio Lucas, eine vortreffliche -Frau war, und das wußten alle illustren Besucher -der Mühle. Ich sage noch mehr: keiner von ihnen -wagte es, sie auch nur mit begehrlichen Blicken oder in -sündhafter Absicht zu betrachten. Sie bewunderten sie, -und Mönche und Herren, Canonici und obrigkeitliche Personen -beliebten, sie zuweilen, natürlich in Gegenwart ihres -Mannes, als ein Wunder von Schönheit, das seinen -Schöpfer ehrte, und als eine kleine Teufelin voll Übermut -und Koketterie, die unbewußt die schwermütigsten -Geister aufheiterte, zu preisen. »Sie ist ein schönes Tierchen,« -pflegte der sehr tugendsame Prälat zu sagen. — -»Sie ist wie eine Statue des hellenischen Altertums,« bemerkte -ein sehr gelehrter Advokat, ein korrespondierendes -Mitglied der Akademie der Geschichte. — »Sie ist wahrhaftig - <span class="pagenum"><a id="Page_14">[S. 14]</a></span> -eine zweite Eva.« brach der Prior der Franziskaner -los. — »'s ist ein königliches Weib,« rief der Oberst -der Miliz. — »Es ist eine Schlange, eine Sirene, ein -Dämon,« fügte der Corregidor hinzu. — »Aber sie ist eine -gute Frau, ein Engel, ein liebliches Geschöpfchen, wie ein -vierjähriges Kindchen,« schlossen endlich alle, wenn sie von -der Mühle, vollgestopft mit Weintrauben oder Nüssen, -heimkehrten, um ihren düsteren, methodischen Herd aufzusuchen.</p> - -<p>Die vierjährige Kleine, das heißt die Seña Frasquita, -war so nahe an die dreißig. Sie war über fünf Fuß -groß und verhältnismäßig stark, oder fast noch stärker als -es für ihre stolze Figur paßte. Sie sah aus wie eine -kolossale Niobe, und doch hatte sie keine Kinder gehabt, -ein weiblicher Herkules, eine römische Matrone, wie man -noch einige Exemplare im Trastevere sieht. Aber das Bemerkenswerteste -an ihr war die Beweglichkeit, die Lebhaftigkeit -und Anmut dieser respektablen Form. Um eine -Statue zu sein, wie der Akademiker behauptete, fehlte ihr -die monumentale Ruhe. Wie ein Rohr bog sie sich, drehte -sich wie eine Wetterfahne, tanzte wie ein Brummkreisel. -Ihr Gesicht war noch beweglicher und am wenigsten plastisch. -In der reizendsten Weise wurde es von fünf Grübchen -belebt, zwei in einer Wange, eins in der andern, ein ganz -kleines am linken Winkel ihrer lachenden Lippen, und das -letzte, sehr große mitten in ihrem runden Kinn. Fügt -zu all diesem schelmische Grimassen, anmutiges Blinzeln -und verschiedene Kopfstellungen, welche ihre Unterhaltung -noch angenehmer machten, und ihr könnt euch eine Vorstellung -von jenem Gesicht voll Geist und Schönheit machen, -das immer von Gesundheit und Heiterkeit widerstrahlte.</p> - -<p>Weder die Seña Frasquita noch der Tio Lucas waren -Andalusier; sie war aus Navarra und er aus Murcia. -Fünfzehn Jahre alt war er halb als Page, halb als Diener -des früheren Bischofs, nicht dessen, der augenblicklich - <span class="pagenum"><a id="Page_15">[S. 15]</a></span> -die Kirche regierte, nach *** gegangen. Sein Beschützer -erzog ihn zum Geistlichen, und damit es ihm nicht an der -<span class="antiqua">cóngrua</span> (dem Einkommen des Priesters zu seiner Unterhaltung) -fehle, hatte er ihm in seinem Testamente jene -Mühle vermacht; aber Tio Lucas, der beim Tode Sr. Hochwürden -noch nicht ordiniert war, hing zur selben Stunde -seine Kleider an den Nagel und ließ sich als Soldat anwerben, -da er größere Lust hatte, die Welt zu sehen und -Abenteuer zu bestehen, als Messe zu lesen oder Mehl zu -mahlen. 1793 machte er den Feldzug in den westlichen -Pyrenäen als Ordonnanz des tapferen Generals Don Ventura -Caro mit, war bei der Einnahme von Castillo-Piñon -und blieb dann lange Zeit in den nördlichen Provinzen. -In Estella lernte er die Seña Frasquita kennen, die sich -damals nur Frasquita nannte, verliebte sich in sie, heiratete -sie und nahm sie mit sich nach Andalusien in jene -Mühle, welche sie so friedlich und glücklich während des -übrigen Teiles ihrer Pilgerschaft durch dies Thal der -Thränen und des Lachens sehen sollte.</p> - -<p>Dadurch, daß die Seña Frasquita von Navarra aus -unmittelbar in diese Einsamkeit verpflanzt worden war, -hatte sie keine andalusischen Sitten angenommen und unterschied -sich darum auch sehr von den übrigen Landbewohnerinnen -der Umgegend. Sie kleidete sich einfacher, -anmutiger und eleganter als sie, wusch sich öfter und gestattete -der Sonne und der Luft, ihre entblößten Arme -und ihren unbedeckten Hals zu liebkosen. Bis zu einem -gewissen Grade trug sie die Tracht der Damen jener Epoche, -die Tracht der Frauen von Goya, die Tracht der Königin -Marie Louise; wenn es auch nicht ein Rock von einem -halben Schritt war, so war er doch nicht mehr als einen -Schritt weit, sehr kurz, so daß er ihre kleinen Füße und -den Ansatz ihres prachtvollen Beines sehen ließ, der Ausschnitt -rund und niedrig, nach Madrider Art und Weise, -wo sie sich zwei Monate lang mit ihrem Lucas aufgehalten - <span class="pagenum"><a id="Page_16">[S. 16]</a></span> -hatte, als sie von Navarra nach Andalusien übersiedelten. -Das Haar war oben auf dem Wirbel zusammengenommen, -was die ganze Schönheit ihres Kopfes und Halses freiließ; -prächtige Ohrgehänge in ihren kleinen Ohren und viele -Ringe auf den zugespitzten Fingern ihrer harten, aber reinen -Hände. Und zum Schluß: Seña Frasquitas Stimme -umschloß alle Töne eines sehr ausgedehnten, melodiösen -Instrumentes, und ihr Lachen war so heiter und silberhell, -wie das Geläute am heiligen Ostermorgen.</p> - -<p class="pmb3">Nun wollen wir auch das Bild des Tio Lucas zeichnen.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>5.<br /><br /> - -Ein Mann, von innen und von außen besehen.</h2> - - -<p>Der Tio Lucas war häßlicher als Picio. Er war es -schon immer gewesen, und jetzt war er vierzig Jahre alt. -Und doch hat wohl Gott wenige so sympathische und angenehme -Männer in die Welt gesetzt. Von seiner Lebhaftigkeit, -seinem Witz und seinem Verstande eingenommen, -hatte ihn der verstorbene Bischof von seinen Eltern, die -Hirten, aber nicht Seelen-, sondern leibhaftige Schafhirten -waren, verlangt. Als Se. Hochwürden gestorben war und -der junge Bursche das Seminar mit der Kaserne vertauscht -hatte, zeichnete der General Caro ihn vor dem ganzen -Heere aus, indem er ihn zu seiner vertrauten Ordonnanz -machte. Als Tio Lucas endlich seine militärische Laufbahn -aufgegeben, wurde es ihm ebenso leicht, das Herz der Seña -Frasquita zu erobern, wie es ihm leicht geworden, die -Achtung des Generals und des Prälaten zu erwerben. Die -Navarresin, die zu jener Zeit zwanzig Frühlinge zählte -und der Augapfel aller jungen Bursche von Estella, und -darunter recht reiche, war, konnte den fortgesetzten Artigkeiten, -den witzigen Einfallen, den Blicken des verliebten -Affen und dem spöttischen, beständigen Lächeln voller Bosheit, -aber auch voller Sanftmut jenes kecken, beredten, - <span class="pagenum"><a id="Page_17">[S. 17]</a></span> -klugen, bereitwilligen, tapfern und witzigen Murcianers -nicht widerstehen, und so verdrehte er ihr endlich den -Kopf, und nicht allein der vielbegehrten Schönheit, sondern -auch ihren Eltern.</p> - -<p>Lucas war dazumal und bis zu dem Zeitpunkte, von -dem wir jetzt sprechen, von kleiner Statur (wenigstens im -Verhältnis zu seiner Frau), mit etwas hohen Schultern, -sehr brünett, mit dünnem Bart, großer Nase, großen -Ohren und blatternarbig. Dagegen war sein Mund regelmäßig -und sein Gebiß unvergleichlich schön. Eigentlich -konnte man sagen, daß nur die Schale rauh und häßlich -an jenem Manne war; sobald man aber anfing, in das -Innere einzudringen, so erschienen alle seine Vorzüge, und -diese Vorzüge begannen mit den Zähnen, dann kam die -Stimme, vibrierend, biegsam, anziehend, zuweilen männlich -und ernst, süß und weich wenn er um etwas bat, und -fast stets unwiderstehlich. Darauf kam das, was er mit -jener Stimme sagte: Alles zur rechten Zeit, verständig, -klug, überzeugend... Und zuletzt waren in der Seele -des Tio Lucas Mut, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, gesunder -Menschenverstand, Wunsch nach Wissen, sowie instinktive -oder durch die Erfahrung gewonnene Kenntnisse vieler -Dinge, eine tiefe Verachtung aller Narren, welcher gesellschaftlichen -Kategorie sie auch angehören mochten, und ein -Geist der Ironie, des Spottes, des Sarkasmus, welcher -ihm in den Augen des Akademikers das Ansehen eines -ungeschliffenen Don Francisko de Quevedo gab.</p> - -<p class="pmb3">So war also der Tio Lucas von innen und von -außen beschaffen.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>6.<br /><br /> - -Fertigkeiten der beiden Ehegatten.</h2> - - -<p>Die Seña Frasquita liebte also den Tio Lucas ganz -wahnsinnig und hielt sich für die glücklichste Frau der -Welt, weil sie von ihm angebetet wurde. Wie wir schon - <span class="pagenum"><a id="Page_18">[S. 18]</a></span> -gesagt haben, hatten sie keine Kinder, und so hatten sie -es sich gegenseitig zur Aufgabe gemacht, sich mit unsäglicher -Sorgfalt zu pflegen und zu verhätscheln, ohne daß -jedoch dies zärtliche Besorgtsein in Sentimentalität und -Süßigkeit ausartete, wie bei allen übrigen kinderlosen Ehen. -Im Gegenteil, sie behandelten sich mit einer solchen Freiheit, -Heiterkeit, einem Scherz und Vertrauen, wie man es -bei Kindern, bei Spielkameraden findet, die sich von ganzer -Seele liebhaben, ohne es sich zu sagen, ja vielleicht sich -nicht einmal klar werden über das, was sie fühlen.</p> - -<p>Auf der ganzen Erde gab es gewiß nie einen besser -gekämmten, besser gekleideten, im Essen mehr verwöhnten -Müller, der in seinem Hause so von allen Bequemlichkeiten -umgeben gewesen wäre, wie der Tio Lucas. Und gewiß -ist keine Müllerin, nein, auch keine Königin, der Gegenstand -so vieler Aufmerksamkeiten, so vieler Artigkeiten und -Höflichkeiten gewesen, wie die Seña Frasquita. Es ist -ganz undenkbar, daß je eine Mühle so viele notwendige, -nützliche, angenehme, zur Erholung dienende und sogar -überflüssige Dinge enthalten hätte, wie die, welche der -Schauplatz fast der ganzen Erzählung sein wird.</p> - -<p>Viel trug auch dazu bei, daß die Seña Frasquita, die -saubere, thätige, starke, gesunde Navarresin, zu kochen, -nähen, stricken, fegen, Zuckerwerk bereiten, waschen, plätten, -ihr Haus tünchen, das Kupfergeschirr putzen, Brot -backen, weben, singen, tanzen, Guitarre spielen, Trommel -schlagen, Brisca und Tute spielen und noch viele andere -Dinge, deren Aufzählung endlos wäre, verstand, wollte -und konnte. Und nicht weniger trug zu diesem günstigen -Resultate bei, daß Tio Lucas die Mühle zu verwalten, -das Feld zu bebauen, jagen, fischen, als Zimmermann, -Schmied und Maurer zu arbeiten, seiner Frau in allen -häuslichen Geschäften zur Hand zu gehen, lesen, schreiben, -rechnen u. s. w. u. s. w. verstand, wollte und konnte. Und -dabei erwähnen wir noch gar nicht einmal die Luxusbranchen, - <span class="pagenum"><a id="Page_19">[S. 19]</a></span> -oder deutlicher gesprochen, seine außerordentlichen Fertigkeiten -... zum Beispiel der Tio Lucas liebte die Blumen -(gerade wie seine Frau) und war ein so ausgezeichneter -Blumenzüchter, daß es ihm gelungen war, infolge mühevoller -Kombinationen neue Exemplare hervorzubringen. -Er hatte auch etwas von einem natürlichen Ingenieur, -und das hatte er bewiesen, indem er ein Wehr, einen -Heber und eine Wasserleitung erbaut hatte. Er hatte einen -Hund tanzen gelehrt, eine Schlange gezähmt und einen -Papagei dahin gebracht, daß er die Stunden, welche eine -von dem Müller an die Wand gezeichnete Sonnenuhr angab, -durch einen Ruf andeutete, und zwar so genau, daß -er es selbst an bewölkten Tagen und während der Nacht -nicht verabsäumte.</p> - -<p class="pmb3">Endlich besaß der Müller noch einen Obstgarten, der -alle Arten Früchte und Gemüse hervorbrachte; einen Teich, -von einer Art von Jasminkiosk umgeben, wo sich der Tio -Lucas und die Seña Frasquita im Sommer badeten, einen -Blumengarten, ein Treibhaus für exotische Pflanzen, einen -Brunnen mit trinkbarem Wasser, zwei Esel, auf denen das -Ehepaar in die Stadt oder die umliegenden Ortschaften -ritt, Hühnerhof, Taubenschlag, Vogelhaus, Fischzuchtteich, -Zucht von Seidenwürmern, Bienenstöcke, deren Bienen aus -dem Jasmin süße Nahrung sogen, Kelter mit dazugehörigem -Keller, beides freilich in Miniatur, Backofen, Webstuhl, -Schmiede, Zimmerhof u. s. w. u. s. w., all dies bei -einem Hause mit acht Zimmern, zwei Fanegas Acker und -auf zehntausend Realen abgeschätzt.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>7.<br /><br /> - -Der Grund der Glückseligkeit.</h2> - - -<p>Also der Müller und die Müllerin liebten sich rasend, -und fast konnte man glauben, daß sie ihn noch mehr liebte, -als er sie, obgleich er so häßlich und sie so schön war. - <span class="pagenum"><a id="Page_20">[S. 20]</a></span> -Das meine ich, weil die Seña Frasquita eifersüchtig zu -sein pflegte und vom Tio Lucas, wenn er sehr spät aus -der Stadt oder den umliegenden Dörfern, wo er Korn -holte, zurückkehrte, Rechenschaft verlangte, während Tio -Lucas die Aufmerksamkeiten, welche die seine Mühle besuchenden -Herren der Seña Frasquita erzeigten, mit Vergnügen -bemerkte. Er erfreute und ergötzte sich daran, daß -sie allen so wie ihm gefiel, und obgleich er im Grunde -seines Herzens fühlte, daß manche ihn darum beneideten, -sie wie einfache Sterbliche begehrten und wer weiß was -gegeben hätten, wenn sie eine weniger brave Frau gewesen -wäre, so ließ er sie doch ganze Tage allein, ohne die geringste -Sorge, und fragte nie gleich, was sie gethan hätte -oder wo sie während seiner Abwesenheit gewesen wäre.</p> - -<p>Das lag aber nicht etwa darin, daß die Liebe des Tio -Lucas weniger leidenschaftlich gewesen wäre, als die der -Seña Frasquita, sondern weil er mehr Vertrauen zu ihr -hatte, als sie zu ihm, weil er sie an Scharfsinn übertraf -und wußte, in welchem Grade er von ihr geliebt wurde, -und wie sehr seine Frau sich selbst achtete, es bestand hauptsächlich -darin, daß der Tio Lucas ein ganzer Mann war, -ein Mann wie die Shakespeareschen, mit wenigen, aber -unteilbaren Gefühlen, des Zweifels unfähig, der entweder -glaubte oder starb, der liebte oder tötete, der keine Abstufung -oder allmählichen Uebergang zwischen der höchsten -Glückseligkeit oder dem Untergange seines Glückes zuließ. -Er war ein Othello von Murcia mit <span class="antiqua">alpargatas</span> (Schuhe, -mit Spartostricken befestigt) und Jagdmütze im ersten Akt -einer möglichen Tragödie.</p> - -<p>Aber warum diese düsteren Noten in einem so lustigen -Sang? Warum diese erschrecklichen Blitze in einer so -heitern Atmosphäre? Warum diese melodramatischen Stellungen -in einem Genrebilde?</p> - -<p class="pmb3">Das werdet ihr alsogleich erfahren.</p> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_21">[S. 21]</a></span></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>8.<br /><br /> - -Der Mann mit dem Dreispitz.</h2> - - -<p>Es war zwei Uhr an einem Oktobernachmittag. Die -kleine Turmuhr an der Kathedrale läutete zur Vesper, das -bedeutete, daß schon alle die vornehmsten Personen der -Stadt zu Mittag gegessen hatten.</p> - -<p>Die Canonici wendeten sich nach dem Chor und die -Laien nach ihren Alkoven, um Siesta zu halten, und zwar -besonders diejenigen, welche infolge ihrer Obliegenheiten, -wie zum Beispiel die Behörden, den ganzen Morgen hindurch -gearbeitet hatten.</p> - -<p>Um so erstaunlicher war es also, daß zu jener Stunde, -die schon, weil es noch zu heiß war, zum Spaziergange -ganz ungeeignet schien, der illustre Herr Corregidor der -Stadt zu Fuß, nur von einem einzigen <span class="antiqua">alguacil</span> begleitet, -dieselbe verließ, und darüber konnte kein Zweifel herrschen, -denn weder bei Tag, noch bei Nacht hätte man ihn mit -irgend jemand verwechseln können, erstens wegen seines -ungeheuren Dreispitzes und dem anfallenden Mantel von -rotem Tuch, zweitens wegen seines eigentümlichen grotesken -Aussehens.</p> - -<p>Von dem roten Tuchmantel und dem Dreispitz können -noch viele Personen aus eigener Anschauung erzählen. Wir -unter ihnen, ebenso alle diejenigen, welche in den letzten -Jahren der Regierung Sr. Majestät Don Fernando <span class="antiqua">VII.</span> -in jener Stadt geboren wurden, erinnern uns sehr wohl -jener beiden veralteten Kleinodien, des Mantels und des -Hutes, der schwarze Hut darüber und den roten Mantel -darunter an einem Nagel hängen gesehen zu haben, als -einzigen Schmuck einer bröckligen Wand in dem Turme des -Hauses, das Seine Herrlichkeit bewohnte und welches jetzt -den kindlichen Spielen seiner Enkel zum Schauplatz dient. -Wie eine Art von Gespenst des Absolutismns, eine Art von -Schweißtuch des Corregidors, eine Art von rückwärts - <span class="pagenum"><a id="Page_22">[S. 22]</a></span> -gewandter Karikatur seiner Macht, mit Kreide und Rotstift -gezeichnet, wie so viele andere, hingen sie dort für -uns kleine Konstitutionelle vom Jahre 1837, die wir -uns dort versammelten, eine Art von Vogelscheuche, die -zu anderen Zeiten eine Menschenscheuche gewesen war, die -mir heute fast Furcht einflößt, weil ich dazu beigetragen -habe, sie ihres Ansehens zu berauben, indem ich sie auf -der Spitze eines Schornsteinwischers zur Karnevalszeit -durch die historische Stadt getragen habe, oder indem sie -einem Narren, der das Volk zu stetem Lachen reizte, als -Vermummung diente. Armes <em class="gesperrt">Prinzip der Autorität</em>! -So haben dir diejenigen mitgespielt, die dich heute vergebens -anrufen.</p> - -<p>Was nun das groteske Aussehen des Herrn Corregidors -betrifft, so bestand es darin, daß er, wie man sagt, -hohe Schultern hatte, noch viel höhere als der Tio Lucas -... fast bucklig, um es gerade herauszusagen; seine Statur -war unter Mittelgröße und schwächlich, seine Gesundheit -schwankend; er hatte gewölbte Beine und eine Art -und Weise zu gehen, ganz sui generis, indem er sich von -der einen Seite nach der anderen wiegte, und von hinten -nach vorne, die man nur mit der absurden Phrase bezeichnen -kann, daß es schien, wie wenn er auf beiden Füßen -lahm wäre. Zum Ersatz dafür aber fügt die Tradition -hinzu, war sein Gesicht regelmäßig, wenn auch durch den -Mangel an Zähnen ziemlich runzlig, grünlich brünett, wie -fast alle Söhne Castiliens, mit großen, dunklen Augen, in -denen Zorn, Despotismus und Sinnlichkeit Blitze warfen, -mit feinen, verschmitzten Gesichtszügen, die zwar nicht den -Ausdruck persönlichen Mutes, aber einer versteckten, zu -allem fähigen Bosheit trugen; dabei eine gewisse Miene -der Befriedigung, halb Aristokrat, halb Libertin, die ganz -deutlich zeigte, daß jener Mann, trotz seiner Beine und -seines Buckels, in seiner frühen Jugend den Frauen angenehm -gewesen und von ihnen angenommen worden war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_23">[S. 23]</a></span></p> - -<p>Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de Leon (das war -der Name Sr. Herrlichkeit) war in Madrid geboren, aus -berühmtem Geschlechte und war zu jener Zeit ungefähr -fünfundfünfzig Jahre alt. Vier Jahre war er als Corregidor -in der erwähnten Stadt gewesen, wo er sich, kurz -nach seiner Ankunft, mit der hervorragendsten Dame, von -der wir noch weiter unten sprechen werden, verheiratet hatte.</p> - -<p>Don Eugenios Strümpfe, außer den Schuhen der einzige -Teil seiner Bekleidung, welchen der sehr umfangreiche -rote Mantel freiließ, waren weiß, und die Schuhe schwarz -mit goldener Schnalle. Als aber die Wärme auf dem -freien Felde ihn veranlaßte, seine Umhüllung zu lüften, -sah man, daß er eine große Krawatte von Batist trug, -eine taubenfarbige Sergeweste, über und über mit grünen -Zweigen gemustert, kurze, schwarzseidene Beinkleider, einen -ungeheueren Rock von demselben Stoffe wie die Weste, -einen Galanteriedegen mit Stahlgefäß, Stock mit Quasten -und ein respektables Paar Handschuhe von gelblichem Wildleder, -die er nie anzog und nur in der Mitte wie eine -Art von Szepter umfaßte.</p> - -<p>Der Alguacil, der dem Herrn Corregidor auf zwanzig -Schritte Entfernung folgte, hieß Garduña und war das -leibhaftige Conterfei seines Namens (Marder). Mager, -sehr behend, sah er im Gehen vorwärts und rückwärts, -nach rechts und nach links zu gleicher Zeit, mit langem -Halse, ganz kleinem, widerwärtigem Gesichte, und mit -zwei Händen, die wie zwei Bündel Ruten aussahen, glich -er sowohl einem Späher auf der Suche nach Verbrechern, -als dem Strick, der sie binden, und dem Instrumente, -das sie bestrafen sollte.</p> - -<p>Als der Blick des ersten Corregidors auf ihn fiel, sagte -dieser, ohne weitere Erkundigungen einzuziehen, »du wirst -mein wahrer Alguacil sein.« Und vier Corregidoren hatte -er gedient.</p> - -<p>Er war achtundvierzig Jahre alt und trug einen Dreispitz, - <span class="pagenum"><a id="Page_24">[S. 24]</a></span> -der viel kleiner, als der seines Herrn, der, wir wiederholen -es, einen ganz ungewöhnlichen Umfang hatte, -einen Mantel, schwarz wie die Strümpfe und der übrige -Anzug, einen Stock ohne Quasten und eine Art von Bratspieß -an Stelle des Degens.</p> - -<p class="pmb3">Jenes schwarze Gespenst schien der Schatten seines auffallend -gekleideten Gebieters zu sein.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>9.<br /><br /> - -Hü, Esel!</h2> - - -<p>Wo auch immer diese Persönlichkeit und sein Untergebener -vorüberkamen, verließen die Arbeiter ihre Thätigkeit -und entblößten ihre Häupter so tief, daß der Hut die -Erde fast berührte, doch eigentlich mehr aus Furcht als aus -Achtung; war er vorüber, so sagten sie mit leiser Stimme:</p> - -<p>»Heute geht aber der Herr Corregidor sehr früh zur -Seña Frasquita.«</p> - -<p>»Sehr früh... und allein!« fügten andere hinzu, -die gewohnt waren, ihn diesen Spaziergang immer in Gesellschaft -verschiedener anderer Personen machen zu sehen.</p> - -<p>»Höre du, Manuel, warum geht wohl der Herr Corregidor -heute allein, um die Seña Frasquita zu besuchen?« -fragte eine Bäuerin ihren Mann, der sie hinter sich auf -dem Esel hatte.</p> - -<p>Und während sie ihn fragte, kitzelte sie ihn, um ihn -zu reizen. »Denk' doch nicht gleich Schlechtes, Josepha!« -rief der gute Mann aus, »die Seña Frasquita ist nicht -imstande...«</p> - -<p>»Sage ich denn das Gegenteil? Aber darum ist doch -der Herr Corregidor nicht etwa nicht imstande, sich in sie -zu verlieben... Ich habe sagen hören, daß von allen, -die zu den Schmausereien nach der Mühle gehen, dieser -Madrider, der den Unterröcken so nachläuft, der einzige -ist, der mit bösen Absichten dorthin geht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_25">[S. 25]</a></span></p> - -<p>»Und was weißt du davon, ob er den Unterröcken -nachläuft oder nicht?« fragte seinerseits der Mann.</p> - -<p>»Das sage ich nicht von mir selbst... Und wenn er -auch tausendmal Corregidor wäre, er würde sich wohl gehütet -haben, mir auch nur zu sagen, du hast schwarze Augen.«</p> - -<p>Die so sprach, war häßlich im Superlativ.</p> - -<p>»Na, sieh mal, Kind, da mögen sie zusehen!« erwiderte -der Manuel Genannte. »Ich glaube nicht, daß der Tio -Lucas der Mann dazu ist, um darauf einzugehen... -Der hat ein hübsches Temperament, der Tio Lucas, wenn -er böse wird!«</p> - -<p>»Na, aber man sieht ja, daß es ihm paßt,« fügte Tia -Josepha hinzu und rümpfte die Nase.</p> - -<p>»Tio Lucas ist ein Biedermann,« entgegnete der Bauer, -»und einem Biedermanne können solche Dinge nicht passen.«</p> - -<p>»Na ja, darin hast du recht... Mögen sie zusehen... -Wenn ich die Seña Frasquita wäre...«</p> - -<p>»Hü, Esel!« schrie der Mann, um das Gespräch zu -wechseln.</p> - -<p class="pmb3">Der Esel setzte sich in Trab, und so konnte man den -Rest der Unterhaltung nicht mehr hören.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>10.<br /><br /> - -Vom Rebengeländer aus.</h2> - - -<p>Während so die den Corregidor grüßenden Ackerleute -unter sich sprachen, sprengte und fegte die Seña Frasquita -sorgfältig den gepflasterten Platz, welcher der Mühle -als Atrium diente, und stellte ein halbes Dutzend Stühle -dahin, wo das Weinlaub der Laube noch am dichtesten -war, auf welche Tio Lucas gestiegen war und die besten -Trauben abschnitt, um sie künstlerisch in einem Korbe zu -arrangieren.</p> - -<p>»Nun ja, Frasquita,« sagte der Tio Lucas oben von -der Laube herunter, »der Herr Corregidor ist in sehr schlechter -Weise in dich verliebt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_26">[S. 26]</a></span></p> - -<p>»Das habe ich dir schon vor langer Zeit gesagt,« antwortete -die Frau aus dem Norden; »aber laß ihn doch -seufzen... Nimm dich in acht, Lucas, daß du nicht fällst!«</p> - -<p>»Sei ohne Sorge, ich halte mich schon fest.... Auch -gefällst du dem Herrn...«</p> - -<p>»Hör 'mal, jetzt höre auf mit deinen Nachrichten,« unterbrach -sie ihn. »Ich weiß nur zu gut, wem ich gefalle -und wem nicht. Wenn ich doch nur ebenso gut wüßte, -warum ich dir nicht gefalle.«</p> - -<p>»Na, das ist stark. Weil du so häßlich bist!« antwortete -Tio Lucas.</p> - -<p>»Hör 'mal... häßlich und alles, ich bin imstande, -auf die Weinlaube zu steigen und dich kopfüber auf den -Boden zu werfen.«</p> - -<p>»Viel wahrscheinlicher wäre es, daß ich dich nicht von -der Laube herabsteigen ließe, ohne dich vorher lebendig -aufzuessen.«</p> - -<p>»Da haben wir's... und wenn dann meine Anbeter -kommen und uns da sähen, dann möchten sie gar am -Ende sagen, daß wir zwei Affen seien.«</p> - -<p>»Und da würden sie den Nagel auf den Kopf treffen, -denn du bist so ein rechter Affe, und so hübsch, und ich -sehe wie ein Affe aus mit meinem Buckel...«</p> - -<p>»Der mir gerade sehr gefällt.«</p> - -<p>»Dann wird dir der des Corregidors noch besser gefallen, -der ist ja noch größer als meiner.«</p> - -<p>»Ei, ei, sehen Sie einmal, mein Herr Don Lucas, seien -Sie nicht so eifersüchtig!«</p> - -<p>»Ich eifersüchtig, auf den alten Waschlappen? Im -Gegenteil, ich freue mich sehr, daß er dich liebt.«</p> - -<p>»Warum?«</p> - -<p>»Weil in der Sünde selbst die Strafe liegt. Du wirst -ihn nie lieben, und ich bin während der Zeit der eigentliche -Corregidor der Stadt.«</p> - -<p>»Seht einmal den eitlen Menschen an! Stelle dir aber - <span class="pagenum"><a id="Page_27">[S. 27]</a></span> -nun einmal vor, daß ich ihn lieben lernte... Es sind -schon seltsamere Dinge in der Welt vorgekommen.«</p> - -<p>»Das wäre mir auch ziemlich gleichgiltig.«</p> - -<p>»Warum?«</p> - -<p>»Weil du dann nicht mehr du sein würdest, und da -du nicht bist, die du bist, oder für die ich dich wenigstens -halte, da mach' ich mir den Teufel was daraus, ob dich -alle Dämonen holen.«</p> - -<p>»Aber was würdest du in einem solchen Falle thun?«</p> - -<p>»Ich? Hm, hör 'mal, das weiß ich nicht... denn, -da ich dann ein anderer sein würde, als ich jetzt bin, so -kann ich mir nicht vorstellen, was ich dann wohl denken -würde.«</p> - -<p>»Und warum würdest du ein anderer sein?«</p> - -<p>»Weil ich jetzt ein Mann bin, der an dich glaubt wie -an sich selbst, und dessen ganzes Leben nur dieser Glaube -ist. Folglich, wenn ich nicht mehr an dich glauben würde, -so würde ich sterben oder mich in einen neuen Menschen -verwandeln, auf eine andere Art und Weise leben. Mir -würde es vorkommen, wie wenn ich eben erst geboren -wäre, und ich würde andere Gefühle hegen. Ich weiß -nicht, was ich dann mit dir thun würde... Vielleicht -würde ich lachen und dir den Rücken wenden... Vielleicht -würde ich dich nicht kennen... Vielleicht... Aber -geh doch, was für einen Gefallen können wir daran finden, -uns unnötig in üble Laune zu versetzen. Was geht das -uns an, wenn dich alle Corregidoren der Welt lieben? -Bist du nicht meine Frasquita?«</p> - -<p>»Ja, du alter Barbar!« antwortete die Seña Frasquita, -aus vollem Halse lachend. »Ich bin deine Frasquita, -und du bist mein Herzens-Lucas, der häßlicher ist -als ein Pavian, der mehr Talent hat als alle übrigen -Männer, der besser ist als das Brot, und den ich mehr -liebe... Na, steige nur erst von dem Spalier herunter, -dann wirst du schon sehen, was das »lieben« heißt!... - <span class="pagenum"><a id="Page_28">[S. 28]</a></span> -Bereite dich nur vor, so viel Ohrfeigen zu bekommen und -so viel gekniffen zu werden, wie du Haare auf dem Kopfe -hast... Aber still, was sehe ich! Der Herr Corregidor -kommt ganz allein hierher... Und so früh... Der -hat einen Plan.«</p> - -<p>»Dann nimm dich ein wenig zusammen und sage ihm -nicht, daß ich hier oben bin. Er kommt gewiß, um mit -dir allein eine Erklärung zu haben, denn er nimmt an, -daß ich meine Siesta halte. Ich will mich amüsieren, indem -ich seine Erklärung mit anhöre.«</p> - -<p>So sprach Tio Lucas und reichte seiner Frau den Korb -hinunter.</p> - -<p>»Das ist kein übler Gedanke,« rief sie und brach von -neuem in ein Gelächter aus. »Dieser Teufel von einem -Madrileñer! Was glaubt der denn, was mir ein Corregidor -gilt? Aber, da kommt er. Garduña, der ihm in -einiger Entfernung folgte, hat sich im Graben in den -Schatten gesetzt... Wie albern! Verstecke dich gut hinter -dem Weinlaub, denn wir werden mehr lachen, als du -dir vielleicht einbildest.«</p> - -<p class="pmb3">Und nachdem sie dies gesagt, fing die schöne Navarresin -an den Fandango zu singen, mit dem sie schon ebenso -vertraut war wie mit den Liedern ihrer Heimat.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>11.<br /><br /> - -Das Bombardement von Pamplona.</h2> - - -<p>»Gott behüte dich, Frasquita,« sagte der Corregidor -halblaut, als er unter der Laube erschien und sich auf den -Fußspitzen näherte.</p> - -<p>»Wie gut von Ihnen, Herr Corregidor!« antwortete -sie mit natürlicher Stimme, indem sie ihm tausend Bücklinge -machte. »Euer Gnaden schon zu dieser Stunde! -Und bei der Hitze! Setzen sich Eure Herrlichkeit! Hier -ist es hübsch kühl! — Und Euer Gnaden haben die anderen - <span class="pagenum"><a id="Page_29">[S. 29]</a></span> -Herren nicht abgewartet?... Da stehen schon alle Sitze -für die Herren... Heute Nachmittag erwarten wir auch -den Herrn Bischof in Person, er hat meinem Lucas versprochen, -die ersten Trauben vom Weinstock zu kosten. -Und wie befinden sich Euer Gnaden? Wie geht es der -Frau Gemahlin?«</p> - -<p>Der Corregidor war verwirrt; das so ersehnte Alleinsein, -in dem er sich mit der Seña Frasquita befand, kam -ihm wie ein Traum vor oder wie eine Schlinge, welche -ihm das feindliche Geschick legte, um ihn in den Abgrund -der Täuschung fallen zu lassen.</p> - -<p>So beschränkte er sich nur darauf, zu sagen:</p> - -<p>»Es ist nicht so früh, wie du sagst... es wird ungefähr -halb vier Uhr sein.«</p> - -<p>In dem Augenblicke pfiff der Papagei.</p> - -<p>»Es ist einviertel auf drei,« sagte die Navarresin, und -sah den Madrileñer steif und unverwandt an.</p> - -<p>Dieser schwieg, wie ein überführter Verbrecher, der auf -die Verteidigung verzichtet.</p> - -<p>»Und Lucas? Schläft er?« fragte er nach einem -Augenblicke.</p> - -<p>Wir müssen hier noch bemerken, daß der Corregidor, -wie alle Zahnlosen, eine unbestimmte, zischende Aussprache -hatte, wie wenn er seine eigenen Lippen äße.</p> - -<p>»Ja, freilich,« antwortete die Seña Frasquita. »Um -diese Zeit, da schläft er, wo es ihn gerade überfällt und -wäre es am Rande eines Abgrundes.«</p> - -<p>»Nun höre, so laß ihn schlafen,« rief der alte Corregidor -aus und wurde noch bleicher, als er schon von Natur -war. »Und du, meine liebe Frasquita, höre einmal -... sieh... komm her... Setze dich hierher, so, an -meine Seite. Ich habe dir viele Dinge mitzuteilen.«</p> - -<p>»Da sitze ich,« antwortete die Müllerin, ergriff einen -niedrigen Stuhl und setzte ihn in ganz geringer Entfernung -von dem des Corregidors nieder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_30">[S. 30]</a></span></p> - -<p>Sobald Frasquita sich gesetzt hatte, legte sie ein Bein -über das andere, bog den Körper ein wenig vor, stützte -einen Ellbogen auf das übergeschlagene Knie und das frische, -schöne Gesicht auf eine ihrer Hände, und so, den Kopf -ein wenig zur Seite geneigt, mit lächelnden Lippen, wobei -alle fünf Grübchen in Thätigkeit kamen, und die heiteren, -reinen Pupillen auf den Corregidor geheftet, erwartete sie -die Erläuterung Seiner Gnaden. Wahrhaftig, man konnte -sie mit Pamplona vergleichen, welches das Bombardement -erwartet.</p> - -<p>Der arme Mann wollte sprechen, aber vor dieser grandiosen -Schönheit, vor dieser strahlenden Anmut, vor jener -schrecklichen Frau mit der Alabasterhaut, den üppigen Formen, -dem reinen, lachenden Munde, den blauen, unergründlichen -Augen, die der Pinsel eines Rubens erschaffen zu -haben schien, blieb er mit offenem Munde wie behext sitzen. -»Frasquita!« murmelte endlich der Abgesandte des Königs -mit schwacher Stimme, während sein vertrocknetes Gesicht, -das sich in Schweiß gebadet von seinem Buckel abhob, eine -unsägliche Qual ausdrückte, »Frasquita!«</p> - -<p>»So heiße ich,« antwortete die Tochter der Pyrenäen. -»Sie wünschen?«</p> - -<p>»Was du willst,« erwiderte der Alte mit unendlicher -Zärtlichkeit.</p> - -<p>»Nun, was ich will, das weiß ja Ew. Gnaden,« sagte -die Müllerin. »Was ich will? Ew. Gnaden sollen einen -Neffen von mir in Estella zum Sekretär beim Stadtgericht -ernennen, damit er jene Berge verlassen kann, wo es ihm -herzlich schlecht geht.«</p> - -<p>»Ich habe dir schon gesagt, Frasquita, daß das unmöglich -ist; der gegenwärtige Sekretär...«</p> - -<p>»Ist ein Dieb, ein Trunkenbold, ein Esel.«</p> - -<p>»Das weiß ich. Er hat aber sehr gute Beschützer unter -den lebenslänglichen Regidoren, und ich kann ohne Einwilligung - <span class="pagenum"><a id="Page_31">[S. 31]</a></span> -des Stadtrates keinen anderen ernennen. Sonst -setze ich mich aus — —«</p> - -<p>»Ich setze mich aus, ich setze mich aus.... Und welchen -Gefahren würden wir uns nicht um Ew. Gnaden -willen aussetzen, wir alle, bis hinunter zu den Katzen im -Hause?«</p> - -<p>»Würdest du mich um diesen Preis lieben?« stammelte -der Corregidor.</p> - -<p>»Nein, Herr Corregidor, denn ich liebe Ew. Gnaden -umsonst.«</p> - -<p>»Weib, gieb mir nicht so viele Titel! Nenne mich Sie -oder wie du Lust hast... Hä, so wirst du mich also lieben? -... Sag —«</p> - -<p>»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich Sie schon liebe?«</p> - -<p>»Aber...«</p> - -<p>»Dabei ist kein ›aber‹. Sie sollen nur sehen, wie hübsch -und was für ein braver Mensch mein Neffe ist!«</p> - -<p>»Ja, du bist hübsch, Frasquita!«</p> - -<p>»Gefalle ich Ihnen?«</p> - -<p>»Gewiß gefällst du mir! Es giebt keine zweite Frau -wie dich.«</p> - -<p>»Nun sehen Sie, hier ist nichts Falsches,« antwortete -die Seña Frasquita, schob den Ärmel ihres Kleides ganz -in die Höhe und zeigte dem Corregidor den bisher verhüllten -Teil ihres Armes, der einer Karyatide würdig gewesen -wäre und weißer als eine Lilie war.</p> - -<p>»Und ob du mir gefällst!« fuhr der Corregidor fort, -»Tag und Nacht, zu jeder Stunde, überall, denke ich nur -an dich.«</p> - -<p>»Aber wie? Gefällt Ihnen denn die Frau Corregidor -nicht?« fragte Seña Frasquita mit einem so gut geheuchelten -Mitleid, daß es einen Hypochonder zum Lachen gebracht -hätte. »Wie schade! Als mein Lucas Ihre Alkovenuhr -zurecht gemacht hat, da hat er das Vergnügen -gehabt, sie zu sehen und mit ihr zu sprechen, und er hat - <span class="pagenum"><a id="Page_32">[S. 32]</a></span> -mir gesagt, daß sie sehr hübsch und sehr gut und so liebenswürdig -im Umgange sei.«</p> - -<p>»Nicht so sehr, nicht so sehr!« murmelte der Corregidor -mit einer gewissen Bitterkeit.</p> - -<p>»Dagegen haben andere mir gesagt,« sprach die Müllerin -weiter, »daß sie ein sehr böses Temperament habe, -sehr eifersüchtig sei, und daß Sie vor ihr wie vor einer -grünen Rute zitterten.«</p> - -<p>»Nicht so sehr, Frau,« wiederholte Don Eugenio de -Zuñiga y Ponce de Leon, indem er ganz rot wurde. »Nicht -so viel und nicht so wenig, die Frau Corregidora hat so -ihre Launen, gewiß... aber zwischen dem und vor ihr -zittern ist doch noch ein großer Unterschied. Ich bin der -Corregidor.«</p> - -<p>»Aber schließlich haben Sie sie lieb oder nicht?«</p> - -<p>»Ich will dir sagen... ich liebe sie sehr... oder -besser gesagt, ich liebte sie sehr, bevor ich dich kennen lernte. -Aber seit ich dich sah, weiß ich nicht, was mir geschah, -und sie selbst merkt, daß etwas in mir vorgeht. Genug, -heute zum Beispiel, wenn ich das Gesicht meiner Frau berühre, -so macht es mir den Eindruck, wie wenn ich mein -eigenes berührte. Siehst du wohl, mehr kann man sie -doch nicht lieben und auch nicht weniger fühlen. — Dagegen, -könnte ich diese Hand, diesen Arm, dieses Gesicht, -diese Taille berühren, würde ich dafür geben, was ich -nicht habe.«</p> - -<p>Und während der Corregidor so sprach, versuchte er, -sich des entblößten Armes, den die Seña Frasquita ihm -buchstäblich unter die Nase rieb, zu bemächtigen; aber -diese, ohne ihre Fassung zu verlieren, streckte die Hand -aus, berührte die Brust Seiner Gnaden mit der friedlichen -Gewalt und unwiderstehlichen Festigkeit eines Elephantenrüssels -und warf ihn mit Stuhl und allem auf -den Rücken.</p> - -<p>»<span class="antiqua">Ave Maria purisima!</span>« (Heilige Jungfrau Maria!) - <span class="pagenum"><a id="Page_33">[S. 33]</a></span> -rief inzwischen die Navarresin und lachte wie toll. »Der -Stuhl war wohl gar zerbrochen?«</p> - -<p>»Was geht hier vor?« rief in diesem Augenblicke Tio -Lucas, indem er sein häßliches Gesicht durch die Weinblätter -steckte.</p> - -<p>Noch lag der Corregidor auf dem Rücken am Boden -und blickte mit unaussprechlichem Entsetzen zu dem Manne -empor, der in der Luft auf dem Bauche liegend erschien.</p> - -<p>Wie ein Teufel sah er aus, aber nicht wie einer von -St. Michael, sondern wie ein von einem anderen höllischen -Dämon besiegter.</p> - -<p>»Was soll hier vorgehen?« beeilte sich die Seña Frasquita -zu sagen, »der Herr Corregidor hatte seinen Stuhl -nicht fest aufgestellt, er fing an sich zu wiegen, und da ist -er gefallen.«</p> - -<p>»Jesus, Maria und Joseph!« rief seinerseits der Müller -aus, »Ew. Gnaden haben sich doch nicht etwa Schaden -gethan? Wollen Ew. Gnaden ein wenig Wasser und Essig?«</p> - -<p>»Ich habe mir nichts gethan!« sagte der Corregidor, -indem er, so gut er konnte, aufstand.</p> - -<p>Und dann fügte er leise, doch so, daß ihn die Seña -Frasquita verstehen konnte, hinzu:</p> - -<p>»Das sollt Ihr mir bezahlen.«</p> - -<p>»Dagegen haben aber Ew. Gnaden mir das Leben gerettet,« -fuhr Tio Lucas fort, ohne jedoch von seinem luftigen -Sitze herabzusteigen. »Stelle dir nur vor, Frau, ich sitze -hier oben und betrachte die Weintrauben; da schlafe ich auf -einem Netz von Weinreben und Stangen, dessen Zwischenöffnungen -groß genug waren, um einen Körper hindurchgleiten -zu lassen, ein. Hätte mich also Sr. Gnaden Fall -nicht zur rechten Zeit aufgeweckt, so hätte ich mir späterhin -den Kopf auf diesen Steinen zerbrochen.«</p> - -<p>»Also du... he?« rief der Corregidor aus. »Nun, -Müller, das freut mich... Ich sage, es freut mich sehr, -daß ich gefallen bin.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[S. 34]</a></span></p> - -<p>»Das sollst du mir bezahlen,« fügte er dann hinzu, -indem er sich zur Müllerin wendete.</p> - -<p>Und das sprach er mit einem solchen Ausdruck von -unterdrückter Wut, daß die Seña Frasquita ganz traurig -wurde.</p> - -<p>Sie sah nur zu deutlich, daß der Corregidor zuerst erschrocken -war, weil er glaubte, daß der Müller alles gehört -hätte.</p> - -<p>Als er sich aber überzeugt hatte, daß der Müller nichts -gehört, denn Tio Lucas' Ruhe und Verstellung hätten -selbst den schärfsten Luchs getäuscht, da fing er an, seinem -Zorn nachzugeben und Rachepläne zu brüten.</p> - -<p>»Na, na, komm nur herunter und hilf mir Sr. Gnaden -reinigen, er ist ja ganz mit Staub bedeckt,« rief die -Müllerin aus.</p> - -<p>Und während der Tio Lucas herunterkletterte, sagte -sie zu dem Corregidor, indem sie ihm mit der Schürze den -Rock abstäubte, wobei mancher Schlag die Ohren traf:</p> - -<p>»Der Arme hat gar nichts gehört... der hat wie -ein Klotz geschlafen.« Diese Worte und mehr noch der -Umstand, daß sie mit leiser Stimme zu ihm gesprochen -wurden, dadurch Mitwissenschaft und Geheimnis andeutend, -brachten eine wunderbare Wirkung hervor. »Du Schelm! -Du Trotzkopf!« stammelte Don Eugenio de Zuñiga mit -wässerndem Munde, aber doch noch scheltend.</p> - -<p>»Ew. Gnaden hegen doch keinen Groll gegen mich?« -entgegnete die Navarresin arglistig schmeichelnd.</p> - -<p>Als der Corregidor wahrnahm, daß die Strenge einen -so guten Erfolg hatte, versuchte er die Seña Frasquita -recht wütend anzusehen; aber da traten ihm ihr verführerisches -Lächeln und ihre himmlischen Augen, in denen eine -liebkosende Bitte glänzte, entgegen — all sein Zorn schmolz -sofort dahin, und mit süßlichem Ton, bei dem man erst -recht den vollständigen Mangel an Zähnen entdeckte, sagte -er: »Das hängt von dir ab, mein Schatz!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_35">[S. 35]</a></span></p> - -<p class="pmb3">In diesem Augenblicke sprang Tio Lucas von der Laube -auf den Boden.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>12.<br /><br /> - -Zehnten und Erstlinge.</h2> - - -<p>Als der Corregidor seinen Stuhl wieder eingenommen -hatte, warf die Müllerin einen flüchtigen Blick auf ihren -Gatten und sah ihn nicht nur so ruhig wie immer, sondern -daß er auch große Lust hatte, über diesen Einfall vor -Lachen zu bersten; im ersten Augenblicke, in dem sie sich -vom Corregidor unbeachtet glaubte, warf sie ihm eine -Kußhand zu und sagte dann mit einer Sirenenstimme, -um die Kleopatra sie beneidet hätte, zu diesem:</p> - -<p>»Jetzt sollen Ew. Gnaden auch meine Weintrauben -kosten.«</p> - -<p>Und jetzt hätte man die schöne Navarresin sehen müssen, -und so würde ich sie malen, wenn ich Titians Pinsel -hätte, wie sie so vor dem entzückten Corregidor stand, frisch, -prächtig, reizend, mit ihren edlen Formen, ihrem engen -Kleide, der hohen Gestalt, wie sie die entblößten Arme -über ihr Haupt erhob, in jeder Hand eine durchsichtige -Traube, und mit einem unwiderstehlichen Lächeln und einem -bittenden Blick, in dem die Furcht zitterte, zu ihm sagte:</p> - -<p>»Noch hat der Herr Bischof sie nicht versucht... Es -sind die ersten, die wir in diesem Jahre pflücken...«</p> - -<p>Sie glich einer riesigen Pomona, die einem ländlichen -Gott, sagen wir z. B. einem Satir Früchte anbietet. In -diesem Augenblicke erschien am äußersten Ende des gepflasterten -Platzes der ehrwürdige Bischof der Diöcese, von -dem Advokaten-Akademiker und zwei Domherren in vorgeschrittenem -Alter begleitet, und von seinem Sekretär, -zwei Hausgenossen und zwei Pagen gefolgt.</p> - -<p>Einen Augenblick hielt Se. Hochwürden an, um das -zugleich komische und schöne Bild zu betrachten, und dann -sagte er mit dem würdevollen Ton der Prälaten von damals:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_36">[S. 36]</a></span></p> - -<p>»Das Fünfte: Zehnten und Erstlinge an die Kirche -Gottes zu bezahlen, lehrt uns die christliche Satzung; aber -Sie, Herr Corregidor, begnügen sich nicht damit, den Zehnten -zu verwalten, sondern wollen auch die Erstlinge essen.«</p> - -<p>»Der Herr Bischof!« riefen die Müllersleute aus und verließen -den Corregidor, um den Ring des Prälaten zu küssen.</p> - -<p>»Gott lohne es Ew. Hochwürden, daß Sie unserer -armen Hütte solche Ehre erweisen,« sagte Tio Lucas im -Tone aufrichtiger Verehrung und küßte ihn. »Wie freue -ich mich, den Herrn Bischof so wohl und schön zu sehen!« -rief die Seña Frasquita aus, indem auch sie den Ring -küßte. »Gott segne ihn und erhalte ihn so viele Jahre, -wie meines Lucas' Bischof!«</p> - -<p>»Wie kann ich dir wohl eines Tages fehlen, wenn du -mich mit Segnungen überhäufst, statt sie von mir zu verlangen,« -antwortete lachend der gütige Hirt. Und zwei -Finger ausstreckend, segnete er die Seña Frasquita und -darauf die übrigen Anwesenden.</p> - -<p>»Hier sind auch Ew. Hochwürden Erstlinge!« sagte der -Corregidor, indem er eine Traube aus den Händen der -Müllerin nahm und sie dem Bischof höflich anbot. »Noch -habe ich die Trauben nicht gekostet.«</p> - -<p>Der Corregidor sprach diese Worte aus, indem er einen -schnellen, lüsternen Blick auf die strahlende Schönheit der -Müllerin warf.</p> - -<p>»Hoffentlich doch nicht, weil sie zu sauer sind, wie die -in der Fabel,« bemerkte der Akademiker.</p> - -<p>»Die in der Fabel,« versetzte der Bischof, »waren nicht -sauer, Herr Licenziat, sondern außer dem Bereich des -Fuchses.«</p> - -<p>Keiner von beiden hatte eine Anspielung auf den Corregidor -damit bezweckt; aber die Aussprüche paßten so -genau auf das, was soeben vorgefallen war, daß der Corregidor -Don Eugenio de Zuñiga blaß vor Zorn wurde -und, den Ring des Prälaten küssend, sagte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_37">[S. 37]</a></span></p> - -<p>»Dann wäre ich also der Fuchs, Hochwürden.«</p> - -<p>»<span class="antiqua">Tu dixisti</span>« (Du sagst es), erwiderte dieser mit der -leutseligen Strenge eines Heiligen, der er auch gewesen -sein soll. »<span class="antiqua">Excusatio non petita, accusatio manifesta -— Qualis vir, talis oratio.</span> — Aber <span class="antiqua">satis jam dictum, -nullus ultra sit sermo</span>. Oder, was dasselbe ist: Lassen -wir jetzt das Latein und bekümmern wir uns um diese -famosen Trauben.« Und er pflückte eine einzige Beere -von der Traube, welche ihm der Corregidor anbot. »Sie -sind sehr gut,« rief er aus und hielt sie gegen das Licht; -dann reichte er sie seinem Sekretär. »Nur schade, daß sie -mir nicht gut bekommen.«</p> - -<p>Der Sekretär betrachtete die Traube auch, nahm eine -Miene höflicher Bewunderung an und übergab sie einem -der Hausgenossen.</p> - -<p>Der Famulus wiederholte die Handlung des Bischofs -und die Miene des Sekretärs, ja, ging sogar so weit, an -der Weintraube zu riechen, und dann legte er sie mit der -skrupulösesten Sorgfalt in den Korb zurück und sagte mit -leiser Stimme zu den Umstehenden:</p> - -<p>»Sr. Hochwürden fasten...«</p> - -<p>Tio Lucas aber, der die Traube mit dem Blick verfolgt -hatte, nahm sie dann ganz heimlich und aß sie verstohlen -auf, ohne daß jemand es gesehen hatte.</p> - -<p class="pmb3">Darauf setzten sich alle; man sprach vom Herbste, der -sehr trocken war, obgleich die Prozession mit dem Strick -des heiligen Franziskus umgegangen, sprach von der Möglichkeit -eines neuen Krieges zwischen Napoleon und Österreich, -bestand auf dem Glauben, daß die kaiserlichen Truppen -das spanische Gebiet nie betreten würden; der Advokat -beklagte sich über das Aufrührerische und alles Umstürzende -jener Epoche und beneidete die ruhigen Zeiten seiner Väter, -<span class="antiqua">nota bene</span> wie die Väter die Zeiten der Großväter -beneidet hatten — da rief der Papagei fünf Uhr... und -auf ein Zeichen des ehrwürdigen Bischofs ging der jüngere - <span class="pagenum"><a id="Page_38">[S. 38]</a></span> -der beiden Pagen nach dem Wagen Sr. Hochwürden, der -an demselben Graben angehalten hatte, wie der Alguacil -und kam mit einem prächtigen aus Brot und Öl gebackenen, -mit Salz bestreuten Kuchen zurück, der kaum vor -einer Stunde aus dem Ofen gekommen war. Ein kleiner -Tisch wurde inmitten der Anwesenden aufgestellt, die Torte -wurde zerschnitten, auch Tio Lucas und die Seña Frasquita -erhielten, trotz ihrer heftigen Weigerung, ihr Teil, -und eine Stunde lang herrschte eine wirklich demokratische -Gleichheit unter dem rötlich schimmernden Weinlaube, durch -das die letzten Strahlen der untergehenden Sonne ihren -Abschiedsgruß sandten.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>13.<br /><br /> - -Da sagte die Krähe zum Raben.</h2> - - -<p>Anderthalb Stunden später waren alle die erlauchten -Vespergenossen in die Stadt zurückgekehrt.</p> - -<p>Der Bischof und seine »Familie« waren, dank dem -Wagen, bedeutend früher angekommen und waren schon -im Palaste, wo wir sie bei ihrer Andacht nicht weiter -stören wollen.</p> - -<p>Der ausgezeichnete Advokat, der sehr trocken war, und -die beiden Canonici, einer immer dicker und respektabler -als der andere, begleiteten den Corregidor bis zur Thür -des Rathauses, wo, wie Sr. Gnaden sagte, er noch zu -arbeiten hatte, und schlugen dann den Weg zu ihren respektiven -Wohnungen ein, wie Schiffer von den Sternen geleitet, -oder wie Blinde die Ecken durch Tasten vermeidend, -denn schon war die Nacht hereingebrochen, der Mond war -noch nicht aufgegangen, und die Straßenbeleuchtung war, -wie alle übrigen Lichter dieses Jahrhunderts, noch im göttlichen -Gehirn.</p> - -<p>Dafür sah man nicht selten eine Laterne durch die -Straßen irren, mit der ein ehrerbietiger Diener seinem - <span class="pagenum"><a id="Page_39">[S. 39]</a></span> -erhabenen Gebieter voranleuchtete, der sich zu der gewohnten -Tertulia<a id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> oder zum Besuch in das Haus seiner Verwandten -begab.</p> - -<p>Fast neben allen niedrigen Gittern sah man, oder besser -gesagt, spürte man, ahnte man eine schwarze, schweigende -Masse. Das waren Verlobte, welche ihr Gespräch bei den -herannahenden Schritten abgebrochen hatten.</p> - -<p>»Wir sind aber wirkliche Leichtfüße,« sagten der Advokat -und die beiden Canonici im Gehen. »Was wird man -nur in unseren Häusern von uns denken, wenn man uns -zu dieser Stunde ankommen sieht?«</p> - -<p>»Aber was werden die uns auf der Straße Begegnenden -sagen, wenn sie uns auf diese Weise nach sieben Uhr -nachts wie von der Finsternis beschützte Reitersleute sehen?«</p> - -<p>»Wir müssen wirklich unsern Lebenswandel ändern.«</p> - -<p>»Ach ja! aber diese verflixte Mühle!«</p> - -<p>»Meine Frau hat sie schon gewaltig im Magen,« sagte -der Akademiker in einem Tone, aus dem man die Furcht -vor einer nahe bevorstehenden Gardinenpredigt deutlich -heraushörte.</p> - -<p>»Nun, und meine Nichten!« rief einer der Canonici -aus, der, nach seinen äußeren Abzeichen zu schließen, Pönitentiarius -war, »meine Nichten sagen, daß die Priester -keine Gevatterinnen besuchen sollten.«</p> - -<p>»Und doch,« unterbrach sein Gefährte, der Magistral -war, »kann es nichts Unschuldigeres geben, als...«</p> - -<p>»Ei gewiß, geht doch sogar der Herr Bischof...«</p> - -<p>»Und dann, meine Herren, in unserem Alter!« versetzte -der Pönitentiar.</p> - -<p>»Gestern bin ich fünfundsiebzig Jahre alt geworden.«</p> - -<p>»Das ist ja ganz klar,« erwiderte der Magistral. »Aber -lassen Sie uns von etwas anderem sprechen; wie reizend -war heute die Seña Frasquita.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_40">[S. 40]</a></span></p> - -<p>»O ja, was das betrifft, reizend ist sie, sehr reizend,« -sagte der Advokat und heuchelte Unparteilichkeit.</p> - -<p>»Sehr reizend!« wiederholte der Pönitentiarius hinter -seiner Umhüllung.</p> - -<p>»Und wenn nicht,« sagte der Prediger <span class="antiqua">de officio</span>, »so -fragt nur den Corregidor, der arme Mann ist verliebt in sie.«</p> - -<p>»Na, das glaube ich schon,« rief der Beichtiger in der -Kathedrale aus.</p> - -<p>»Gewiß!« fügte der korrespondierende Akademiker hinzu. -»Hier aber, meine Herren, trennen sich unsere Wege, ich -gehe hier herum, um eher nach Hause zu gelangen. Gute -Nacht, meine Herren.«</p> - -<p>»Gute Nacht,« antworteten ihm die Kapitelherren.</p> - -<p>Und schweigend gingen sie einige Schritte vorwärts.</p> - -<p>»Auch dem gefällt die Müllerin!« murmelte darauf -der Domherr und stieß den Pönitentiarius sanft mit dem -Ellbogen in die Seite.</p> - -<p>»Das sieht man doch ganz deutlich,« antwortete dieser -und blieb an seiner Hausthür stehen. »Und so häßlich -wie er ist! Also auf morgen, Kollege. Mögen Ihnen die -Trauben gut bekommen.«</p> - -<p>»Auf morgen, so Gott will. Ich wünsche Ihnen eine -recht gute Nacht.«</p> - -<p>»Gott gebe uns eine gute Nacht!« betete der Pönitentiarius -schon vom Portal, das sich durch eine Laterne und -eine Jungfrau auszeichnete. Und er schlug mit dem Klopfer -an die Thür.</p> - -<p>Als der andere Canonicus sich allein auf der Straße -befand — er war breiter als er lang war und schien sich -rollend fortzubewegen — ging er langsam seinem Hause -zu; aber ehe er jedoch dasselbe erreichte, stieß er gegen eine -Wand, die in späteren Zeiten den Verordnungen der städtischen -Polizei dienen sollte, und sagte, während er wahrscheinlich -dabei an seinen Chorbruder dachte:</p> - -<p class="pmb3">»Und dir gefällt die Seña Frasquita auch... Es ist - <span class="pagenum"><a id="Page_41">[S. 41]</a></span> -aber auch wahr,« fügte er nach einem Augenblick hinzu, -»reizend ist sie, sehr reizend!«</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>14.<br /><br /> - -Garduñas Ratschläge.</h2> - - -<p>Inzwischen war der Corregidor, von Garduña gefolgt, -in das Rathaus eingetreten, und hielt mit diesem im -Sitzungssaale eine so vertrauliche Unterhaltung, wie sie -sich für einen Mann von seinem Range und seinem Amte -gar nicht schickte.</p> - -<p>»Trauen Ew. Gnaden doch nur einem Spürhunde, der -die Jagd kennt,« sagte der unedle Alguacil. »Die Seña -Frasquita ist wahnsinnig in Ew. Gnaden verliebt, und -was Ew. Gnaden mir soeben erzählt haben, läßt es so -hell wie dieses Licht sehen...«</p> - -<p>Und dabei deutete er auf eine Kerze, die kaum den -achten Teil des Saales erhellte.</p> - -<p>»So ganz sicher wie du, bin ich doch nicht, Garduña,« -antwortete Don Eugenio seufzend.</p> - -<p>»Dann weiß ich nicht, warum. Und wenn nicht, lassen -Sie uns offen darüber sprechen. Ew. Gnaden, mit Ihrer -Erlaubnis sei es gesagt, haben einen kleinen, ganz kleinen -Fehler an Ihrem Körper, nicht wahr?«</p> - -<p>»Gut, ja,« antwortete der Corregidor. »Aber der Tio -Lucas hat denselben Fehler. Er ist noch weit buckliger -als ich.«</p> - -<p>»Viel buckliger! Sehr viel buckliger! Er ist gar nicht -mit Ihnen zu vergleichen! Aber dafür, und das wollte -ich eben sagen, haben Ew. Gnaden ein sehr ansehnliches -Gesicht, so, was man sagt ein schönes Gesicht, während -der Tio Lucas aussieht wie der Sergeant Utrera, der vor -reiner Häßlichkeit krepiert ist.«</p> - -<p>Der Corregidor lachte mit einer gewissen Leutseligkeit.</p> - -<p>»Übrigens,« fuhr der Alguacil fort, »ist die Seña - <span class="pagenum"><a id="Page_42">[S. 42]</a></span> -Frasquita imstande, sich aus dem Fenster zu stürzen, wenn -sie dadurch die Ernennung ihres Neffen erreichen kann.«</p> - -<p>»Bis hierher stimmen wir überein; diese Ernennung -ist meine einzige Hoffnung.«</p> - -<p>»Nun denn, Hand ans Werk, gnädiger Herr. Ich -habe Ew. Gnaden ja schon meinen Plan mitgeteilt... -Er braucht nur heute Nacht ausgeführt zu werden.«</p> - -<p>»Ich habe dir schon vielmals gesagt, daß ich keine Ratschläge -brauche!« schrie Don Eugenio, indem er sich plötzlich -erinnerte, daß er mit einem Untergebenen sprach.</p> - -<p>»Ich glaubte, daß Ew. Gnaden sie von mir verlangten,« -stotterte Garduña.</p> - -<p>»Antworte mir nicht!«</p> - -<p>Garduña verbeugte sich.</p> - -<p>»Also du sagst,« fuhr der Corregidor fort, indem er -sich allgemach besänftigte, »daß schon heute Nacht alles geordnet -werden kann? Nun, weißt du, das scheint mir -sehr gut. Teufel noch einmal! So werde ich doch endlich -von dieser grausamen Ungewißheit befreit werden.«</p> - -<p>Garduña schwieg.</p> - -<p>Der Corregidor wandte sich an den Schreibtisch, schrieb -einige Zeilen auf Stempelpapier, das er seinerseits noch -stempelte, und verwahrte es dann in seiner Westentasche. -»So, die Ernennung des Neffen wäre gemacht,« sagte er -dann und nahm eine Prise Tabak. »Morgen werde ich -mich mit den Regidoren (Stadträten) darüber verständigen, -und entweder sie genehmigen sie einstimmig, oder der Teufel -soll sie holen. Meinst du nicht auch, daß ich recht thue?«</p> - -<p>»Das ist es, das ist es,« rief der begeisterte Garduña -aus, indem er die Pfote in die Tabaksdose des Corregidors -versenkte und dieser eine Prise entführte. »Das ist -es, Ew. Gnaden Vorgänger ist auch niemals vor einem -Hindernisse zurückgeschreckt. Einmal...«</p> - -<p>»Laß das Geschwätz!« versetzte der Corregidor, indem -er der räuberischen Hand einen Schlag mit dem Handschuh - <span class="pagenum"><a id="Page_43">[S. 43]</a></span> -versetzte. »Mein Vorgänger war ein Esel, weil er dich -zum Alguacil hatte. Aber kommen wir wieder auf unsere -Angelegenheit zurück. Du sagtest mir, daß die Mühle -des Tio Lucas zum Gerichtsbezirk des nächsten Fleckens -und nicht zu dem dieser Stadt gehört... Bist du ganz -sicher?«</p> - -<p>»Ganz sicher. Der Gerichtsbezirk der Stadt hört mit -dem Graben auf, wo ich heute Nachmittag saß, um Ew. -Gnaden zu erwarten. Heiliger Lucifer! Wenn ich an -Ihrer Stelle gewesen wäre.«</p> - -<p>»Genug!« schrie Don Eugenio, »du bist ein Unverschämter!« -Er ergriff einen halben Bogen Papier, schrieb -ein Billet, schloß es, indem er eine Ecke umschlug und übergab -es Garduña. »Da hast du den Brief, den du von -mir für den Alkalden des Ortes verlangt hast,« sagte er -gleichzeitig zu ihm. »Du wirst ihm noch mündlich alles -erklären, was er zu thun hat. Du siehst wohl, ich führe -deinen Plan buchstäblich aus. Aber wehe dir, wenn du -mich in eine Sackgasse bringst!«</p> - -<p>»Seien Ew. Gnaden unbesorgt,« antwortete Garduña. -»Señor Juan Lopez hat viel zu fürchten, und sobald er -nur Ew. Gnaden Unterschrift sieht, wird er alles thun, -was man ihm befiehlt. Dem königlichen Rentamt schuldet -er mindestens tausend Fanegas Getreide und dem -Kirchenamt ebensoviel. Und dies letztere gegen alles und -jedes Gesetz, denn er ist weder eine Witwe, noch ein armer -Arbeiter, um das Korn zu erhalten, ohne Zinsen darauf zu -zahlen, sondern ein Spieler, ein Trunkenbold und ein -Ehrloser, ein Freund von Weibern, über den der ganze -Flecken entrüstet ist... Und jener Mensch übt die Autorität -aus. Aber so geht es in der Welt!«</p> - -<p>»Ich habe dir gesagt, daß du schweigen sollst! Du -störst mich,« brüllte der Corregidor. »Aber um auf unser -früheres Gespräch zurückzukommen,« fügte er, den Ton -ändernd, nach einiger Zeit hinzu, »es ist jetzt einviertel - <span class="pagenum"><a id="Page_44">[S. 44]</a></span> -auf Acht... Zuerst mußt du nach Hause gehen und die -Señora benachrichtigen, daß sie mich zum Abendbrot und -zum Schlafen nicht erwarten soll. Sage ihr, daß ich bis -zum Zapfenstreich zu arbeiten habe und nachher eine geheime -Runde mit dir machen wolle, um zu sehen, ob wir -nicht ein paar Übelthäter fangen können u. s. w. u. s. w. -Mit einem Worte, täusche sie nur gut, damit sie sich ohne -irgend welchen Verdacht hinlegt. Unterwegs sage dem -andern Alguacil, daß er mir das Abendbrot herbringe. -Ich wage es nicht, mich heute vor meiner Frau sehen zu -lassen; sie kennt mich zu gut, sie ist fähig, in meinen Gedanken -zu lesen. Trage der Köchin auf, daß sie nur einige -von den Klößen schickt, die es heute gegeben hat, und sage -dem Alguacil, daß er mir aus dem Wirtshause ein halbes -Viertel Weißwein herüberbringt, so aber, daß es niemand -sieht. — Dann gehst du nach dem Orte ab, wo du ganz -gut um halb neun Uhr sein kannst.«</p> - -<p>»Schlag acht Uhr bin ich dort,« rief Garduña aus.</p> - -<p>»Widersprich mir nicht!« heulte der Corregidor, der -sich wieder erinnerte, wer er war.</p> - -<p>Garduña salutierte.</p> - -<p>»Wir haben gesagt,« nahm jener, menschlicher werdend, -wieder das Wort, »daß du um acht Uhr im Orte sein -kannst. Vom Dorfe bis zur Mühle wird es ungefähr... -ich glaube, es wird eine halbe Meile sein...«</p> - -<p>»Eine kleine...«</p> - -<p>»Unterbrich mich nicht.«</p> - -<p>Der Alguacil salutierte von neuem.</p> - -<p>»Eine kleine halbe Meile,« fuhr der Corregidor fort. -»Folglich um Zehn. Glaubst du, daß um zehn...«</p> - -<p>»Vor Zehn, um halb Zehn kann Ew. Gnaden an die -Thür der Mühle klopfen.«</p> - -<p>»Kerl, sage mir nicht, was ich thun soll... Natürlich -wirst du dort sein...«</p> - -<p>»Ich werde überall sein... Aber mein Hauptquartier - <span class="pagenum"><a id="Page_45">[S. 45]</a></span> -wird im Graben sein. Ach, bald hätte ich vergessen! -Gehen Ew. Gnaden doch zu Fuß und ohne Laterne.«</p> - -<p>»Die Ratschläge haben mir auch gerade gefehlt! Glaubst -du denn, daß ich zum erstenmale einen solchen Feldzug -unternehme?«</p> - -<p>»Verzeihen Ew. Gnaden. Ach, noch etwas! Klopfen -Ew. Gnaden nicht an die große Thür, die auf den Platz -unter der Weinlaube führt, sondern an die kleine über -dem Mühlgerinne.«</p> - -<p>»Über dem Mühlgerinne ist noch eine Thür? Höre -mal, das war' mir nicht eingefallen.«</p> - -<p>»Ja, Ew. Gnaden. Die kleine Thür über dem Gerinne -führt direkt in das Schlafzimmer der Müllersleute, -und der Tio Lucas benutzt dieselbe nie. So daß, sollte -er unerwartet zurückkommen...«</p> - -<p>»Ich verstehe... ich verstehe... Jetzt betäube mir -die Ohren nicht länger mit deinem Geschwätz.«</p> - -<p>»Zum Schluß noch eins. Sehen Ew. Gnaden zu, daß -Sie vor dem Morgengrauen unsichtbar werden. Jetzt -wird es um sechs Uhr Tag.«</p> - -<p>»Das ist ein anderer überflüssiger Rat. Um fünf Uhr -bin ich wieder in meinem Hause... Aber wir haben genug -gesprochen. Hebe dich weg von meinem Angesicht!«</p> - -<p>»Nun denn, Herr... viel Glück!« rief der Alguacil, -indem er zugleich dem Corregidor die Hand entgegenstreckte -und andächtig die Augen zur Decke erhob.</p> - -<p>Der Corregidor gab Garduña eine Peseta, die wie weggezaubert -verschwand.</p> - -<p class="pmb3">»Alle Teufel!« murmelte der Alte nach einer Weile. -»Hab ich doch vergessen zu sagen, daß sie mir ein Spiel -Karten mitbringen sollten! Damit hätte ich mich bis -halb Zehn unterhalten und sehen können, ob die Patience -aufging.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_46">[S. 46]</a></span></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>15.<br /><br /> - -Abschied in Prosa.</h2> - - -<p>Es mochte ungefähr neun Uhr an demselben Abende -sein, als Tio Lucas und die Seña Frasquita, nachdem sie -alle Mühlen- und Hausgeschäfte besorgt hatten, ihr Abendbrot -verzehrten, das aus einer Schüssel Endiviensalat, -einem mit Tomaten gedämpften Stück Fleisch und einigen -von den in dem bewußten Korbe zurückgebliebenen Weintrauben -bestand und mit ein wenig Wein und vielem Gelächter -auf Kosten des Corregidors begossen wurde; darauf -sahen sich die beiden Ehegatten, wie zufrieden mit Gott -und sich selbst, an und sagten unter wiederholtem Gähnen, -das die ganze Ruhe und den Frieden ihrer Herzen enthüllte:</p> - -<p>»Na, dann wollen wir nur zu Bett gehen, morgen ist -ein anderer Tag.«</p> - -<p>In dem Augenblick hörten sie zwei starke Schläge gegen -die große Mühlenthür.</p> - -<p>Der Mann und die Frau sahen sich erschrocken an.</p> - -<p>Zum erstenmal hörten sie zu solcher Stunde an die -Thür klopfen.</p> - -<p>»Ich will nachsehen,« sagte die unerschrockene Navarresin -und wendete sich nach der Thür.</p> - -<p>»Geh weg! Das ist meine Sache!« rief Tio Lucas -mit einer solchen Würde aus, daß Seña Frasquita ihm -den Weg freiließ. »Ich habe dir doch gesagt, daß du nicht -hinausgehen sollst,« fügte er mit einiger Härte hinzu, als -er sah, daß die Navarresin Miene machte, ihm zu folgen. -Diese gehorchte und blieb im Hause.</p> - -<p>»Wer ist da?« fragte Tio Lucas von der Mitte der -Hausflur aus.</p> - -<p>»Die Obrigkeit,« antwortete eine Stimme von der -andern Seite des Portals.</p> - -<p>»Was für eine Obrigkeit?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_47">[S. 47]</a></span></p> - -<p>»Die des Ortes. Öffnet im Namen des Herrn Bürgermeisters.«</p> - -<p>Inzwischen hatte sich Tio Lucas einem kleinen, versteckten -Guckloch in der Thür genähert und erkannte beim -klaren Schein des Mondes den ländlichen Alguacil des -benachbarten Ortes.</p> - -<p>»Du willst sagen, daß ich dem Trunkenbold Alguacil -öffnen soll,« antwortete der Müller, den Riegel zurückschiebend.</p> - -<p>»Das ist dasselbe,« antwortete der draußen Stehende; -»da ich aber einen geschriebenen Befehl von Seiner Wohlgeboren -bringe... Ich wünsche Euch einen guten Abend, -Tio Lucas,« fügte er mit einer etwas weniger offiziellen -Stimme hinzu und trat ein.</p> - -<p>»Gott behüte dich, Toñuelo,« antwortete der Murcianer. -»Laß einmal sehen, was für ein Befehl das ist. Señor -Juan Lopez hätte auch eine andere passendere Stunde wählen -können, um sich an Biedermänner zu wenden. Natürlich -wird es deine Schuld sein. Ich sehe schon, du hast -dich in den Obstgärten am Wege berauscht. Willst du -noch einen Schluck?«</p> - -<p>»Nein, Herr, es ist keine Zeit dazu. Sie müssen mir -sofort folgen. Lesen Sie den Befehl.«</p> - -<p>»Wie, dir folgen?« rief Tio Lucas und trat, nachdem -er das Papier an sich genommen, in die Mühle zurück.</p> - -<p>»Du, Frasquita, leuchte mir.«</p> - -<p>Seña Frasquita warf etwas, was sie in der Hand -hielt, fort und brachte die Lampe.</p> - -<p>Tio Lucas warf einen schnellen Blick auf den von -seiner Frau losgelassenen Gegenstand und erkannte seine -alte Donnerbüchse, die mit halbpfündigen Kugeln geladen -wurde.</p> - -<p>Da blickte der Müller die Navarresin voll Dankbarkeit -und Zärtlichkeit an und, sie beim Kinn nehmend, sagte er:</p> - -<p>»Du bist Gold wert.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_48">[S. 48]</a></span></p> - -<p>Bleich und heiter wie eine Marmorstatue hob Seña -Frasquita die Lampe in die Höhe, ohne daß die Finger, -welche sie hielten, auch nur vom leisesten Zittern bewegt -wurden, und antwortete trocken:</p> - -<p>»Laß nur, lies!«</p> - -<p>Der Befehl lautete folgendermaßen:</p> - -<p>»Um Sr. Majestät, unserm König und Herrn (<span class="antiqua">Q. D. G.</span><a id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>) -besser zu dienen, benachrichtige ich Lucas Fernandez, Müller -und hiesigen Bürger, daß er sofort nach Empfang dieses -Schreibens vor mir erscheine, ohne irgend welchen Vorwand -oder Entschuldigung, indem ich ihn zugleich warne, -es irgend jemanden mitzuteilen, da es eine vollständig -reservierte Angelegenheit ist, widrigenfalls er, im Falle des -Ungehorsams, den betreffenden Strafen verfallen wird.« -Der Alkalde (Bürgermeister) Juan Lopez.</p> - -<p>Und statt des Federzuges war ein Kreuz.</p> - -<p>»Höre, du, was heißt dies?« fragte Tio Lucas den -Alguacil. »Wozu ist dieser Befehl?«</p> - -<p>»Das weiß ich nicht,« antwortete der Bauer, ein Mann -von einigen dreißig Jahren, dessen spitzes, boshaftes Gesicht, -das Gesicht eines Räubers und Mörders, gerade kein -Vertrauen zu seiner Glaubwürdigkeit einflößte. »Ich glaube, -es handelt sich um Hexerei oder Falschmünzerei; Euch betrifft -die Sache nicht. Ihr sollt nur als Zeuge oder Sachverständiger -vernommen werden. Na, ich weiß nicht recht, -ich hab's nicht recht verstanden. Der Señor Juan Lopez -wird es Euch schon erklären, mit allem, was drum und -dran hängt.«</p> - -<p>»Gewiß!« rief der Müller aus. »Sag ihm, ich werde -morgen kommen.«</p> - -<p>»O nein, Herr, Ihr müßt auf der Stelle kommen, -ohne auch nur eine Minute zu verlieren. So lautet der -Befehl, den mir der Herr Alkalde gegeben hat.«</p> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_49">[S. 49]</a></span></p> -<p>Einen Augenblick lang herrschte Stille.</p> - -<p>Die Augen der Seña Frasquita sprühten Flammen. -Tio Lucas erhob die seinigen nicht vom Fußboden, wie -wenn er dort etwas suchte.</p> - -<p>»Du wirst nur doch wenigstens die nötige Zeit gestatten,« -sprach er endlich, den Kopf erhebend, »um nach dem -Stall zu gehen und einen Esel zu satteln.«</p> - -<p>»Was Esel, was Teufel!« entgegnete der Alguacil. -»Eine halbe Meile kann doch wohl jeder zu Fuß gehen. -Außerdem ist die Nacht sehr schön und der Mond scheint. -Ich habe schon gesehen, daß er aufgegangen ist.«</p> - -<p>»Aber meine Füße sind sehr geschwollen.«</p> - -<p>»Nun, dann wollen wir aber keine Zeit verlieren. Ich -werde das Tier satteln helfen.«</p> - -<p>»Holla, Holla! Fürchtest du, daß ich davonlaufe?«</p> - -<p>»Ich fürchte nichts, Tio Lucas,« antwortete Toñuelo -mit der Kälte eines seelenlosen Geschöpfes. »Ich bin die -Obrigkeit.«</p> - -<p>Und indem er so sprach, legte er die Waffen nieder und -ließ die unter seinem Mantel verborgene Büchse sehen.</p> - -<p>»Hör 'mal, Toñuelo,« sagte die Müllerin, »da du doch -in den Stall gehst, um dein Amt auszuüben, so sei so -gut und sattle auch den anderen Esel.«</p> - -<p>»Wozu?« fragte der Müller.</p> - -<p>»Für mich, ich gehe mit euch.«</p> - -<p>»Das kann nicht sein, Seña Frasquita,« entgegnete -der Alguacil. »Ich habe Ordre, Euren Mann mitzubringen, -aber nichts weiter, und zu verhindern, daß Ihr ihm -folgt. Dabei gilt es ja meine Stelle und meinen Kopf. -So teilte mir der Señor Juan Lopez mit. Also vorwärts, -Tio Lucas.« Und er wendete sich der Thür zu.</p> - -<p>»Das ist sehr sonderbar,« stotterte der Müller, ohne -sich zu regen.</p> - -<p>»Sehr sonderbar,« antwortete die Seña Frasquita.</p> - -<p>»Da steckt etwas dahinter... nur weiß ich nicht...« - <span class="pagenum"><a id="Page_50">[S. 50]</a></span> -fuhr Tio Lucas fort, doch so, daß er von Toñuelo nicht -gehört werden konnte.</p> - -<p>»Soll ich nach der Stadt gehen,« fragte die Navarresin, -»und dem Herrn Corregidor Nachricht geben von -dem, was hier geschieht?«</p> - -<p>»Nein,« antwortete Tio Lucas mit lauter Stimme, -»das nicht.«</p> - -<p>»Was soll ich denn aber thun?« fragte die Müllerin -ungestüm.</p> - -<p>»Sieh mich an,« antwortete der frühere Soldat.</p> - -<p>Schweigend sahen sich die beiden Gatten an und waren -von der Ruhe der Entschlossenheit und Energie, welche -sich ihre Seelen gegenseitig mitteilten, so befriedigt, daß -sie die Achseln zuckten und lachten.</p> - -<p>Darnach zündete Tio Lucas eine andere Lampe an -und wendete sich nach dem Stalle, indem er unterwegs -spöttisch zu Toñuelo sagte:</p> - -<p>»Nun, Mann, komm und hilf mir, da du doch so liebenswürdig -sein willst.«</p> - -<p>Toñuelo folgte ihm, indem er leise ein Liedchen trällerte.</p> - -<p>Wenige Minuten später verließ Tio Lucas die Mühle -auf einer schönen Eselin, vom Alguacil gefolgt.</p> - -<p>»Schließ gut zu,« sagte Tio Lucas.</p> - -<p class="pmb3">»Wickele dich gut ein, es ist frisch,« sagte Seña Frasquita, -schloß mit dem Schlüssel zu und schob den Riegel -und die eiserne Stange vor. Und da war kein Lebewohl -weiter, kein Kuß, keine Umarmung, kein Blick. Wozu auch?</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>16.<br /><br /> - -Ein Unglücksvogel.</h2> - - -<p>Wir wollen dem Tio Lucas folgen.</p> - -<p>Ohne ein Wort zu sprechen, waren sie schon eine Viertelmeile -gegangen, der Müller auf seinem Esel, den der -Alguacil mit seinem Stock der Autorität antrieb, als sie - <span class="pagenum"><a id="Page_51">[S. 51]</a></span> -plötzlich auf einer Erhöhung des Weges den Schatten -eines ungeheueren, häßlichen Vogels wahrnahmen, der auf -sie zukam.</p> - -<p>Scharf hob sich jener Schatten von dem vom Monde -beleuchteten Himmel ab und war so klar zu erkennen, -daß der Müller sofort ausrief:</p> - -<p>»Toñuelo, das ist Garduña mit seinem Dreispitz und -seinen Drahtbeinen.«</p> - -<p>Aber bevor noch der Angeredete antworten konnte, -hatte der Schatten, der jedes Zusammentreffen zu vermeiden -schien, den Weg schon verlassen und war mit der -Geschwindigkeit eines wirklichen Marders quer über das -Feld gelaufen.</p> - -<p>»Ich sehe niemand,« antwortete Toñuelo mit der größten -Natürlichkeit.</p> - -<p>»Ich auch nicht,« erwiderte Tio Lucas, seinen Ärger -hinunterschluckend.</p> - -<p>Und der Argwohn, der bereits im Müller aufgestiegen -war, fing an, in dem eifersüchtigen Geiste des Buckligen -Gestalt und Form anzunehmen.</p> - -<p>»Diese Reise,« sagte er sich innerlich, »ist eine Kriegslist -des Corregidors. Die heute oben von der Laube gehörte -Erklärung beweist mir, daß der erbärmliche alte, -Madrileñer nicht länger warten kann. Ohne Zweifel will -er heute Abend seinen Besuch in der Mühle wiederholen, -und darum hat er damit angefangen, mich aus der Mühle -zu entfernen... Aber, was thut das? Frasquita ist -Frasquita... und wird die Thür nicht aufmachen, und -wenn sie Feuer an das Haus legten. Ich gehe noch weiter. -Selbst wenn sie öffnete, selbst wenn es dem Corregidor -gelänge, durch irgend welche Hinterlist meine Navarresin -zu überraschen, so würde der arme Mann nicht mit -heilem Kopfe wieder hinauskommen. Frasquita ist Frasquita. -Und doch,« fügte er nach einer Weile hinzu, »besser - <span class="pagenum"><a id="Page_52">[S. 52]</a></span> -wäre es doch, heute so bald wie möglich nach Hause zurückzukehren.«</p> - -<p class="pmb3">Darüber waren der Tio Lucas und der Alguacil im -Dorfe angekommen und wendeten sich dem Hause des -Alkalden zu.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>17.<br /><br /> - -Ein Dorfschulze.</h2> - - -<p>Der Herr Juan Lopez, der sowohl als Privatmann -wie auch als Schulze die personifizierte Grausamkeit und -der eitle Stolz war, wenn es sich nämlich um seine Untergebenen -handelte, geruhte jedoch zu jener Stunde, nachdem -er die öffentlichen Angelegenheiten und sein eigenes Anwesen -besorgt und seiner Frau die gewohnte, tägliche Tracht -Prügel verabreicht hatte, in Gesellschaft des Schreibers und -des Küsters einen Krug Wein zu trinken, eine Operation, -die bereits über die Hälfte jenes Abends in Anspruch genommen -hatte, als der Müller vor ihm erschien.</p> - -<p>»Holla, Tio Lucas,« sagte er zu ihm, und kratzte sich -den Kopf, um die Ader der Täuschungen anzuregen. »Wie -geht's mit Eurer Gesundheit? Sekretär, schenkt dem Tio -Lucas ein Glas Wein ein. Und die Seña Frasquita? -Ist sie noch immer so reizend? Ich habe sie schon seit -so langer Zeit nicht gesehen. Aber, Gevatter, ist Euer -Mehl jetzt gut!... Das Roggenbrot sieht aus wie vom -feinsten Weizen. Also... na... Setzt Euch und ruht -aus; denn, Gott sei Dank, wir haben keine Eile.«</p> - -<p>»Was mich betrifft, verflucht, wenn ich sie hätte,« -antwortete Tio Lucas, der bis dahin noch nicht den Mund -aufgemacht hatte, dessen Argwohn aber immer größer wurde, -als er den ihm zu Teil gewordenen freundschaftlichen Empfang -nach einer so drohenden und dringenden Ordre sah.</p> - -<p>»Nun also, Tio Lucas,« fuhr der Alkalde fort, »wenn -Ihr auch keine große Eile habt, dann könnt Ihr ja heute - <span class="pagenum"><a id="Page_53">[S. 53]</a></span> -Nacht hier schlafen, und morgen früh machen wir dann -unser Geschäft ab.«</p> - -<p>»Das scheint mir sehr gut,« antwortete Tio Lucas mit -einer Ironie und einer Verstellung, die der Diplomatie -des Herrn Juan Lopez um nichts nachgaben. »Da die -Sache nicht eilt, so werde ich die Nacht außerhalb des -Hauses zubringen.«</p> - -<p>»Weder eilt sie, noch ist irgend welche Gefahr für Euch -dabei,« fügte der Alkalde hinzu, getäuscht von dem, den -er zu täuschen glaubte. »Seid ganz ruhig. Höre du, Toñuelo, -nimm die halbe Fanega herunter, damit sich der -Tio Lucas setzen kann.«</p> - -<p>»Nun denn... gebt mir noch einen Schluck,« rief -der Müller aus, indem er sich setzte.</p> - -<p>»Kommt her!« antwortete der Alkalde und reichte ihm -das volle Glas.</p> - -<p>»Es ist in guter Hand. Trinkt nur zuerst.«</p> - -<p>»Nun denn, auf Eure Gesundheit,« sagte der Herr -Juan Lopez und trank die Hälfte des Weines aus.</p> - -<p>»Auf die Eure, Señor Alkalde!« entgegnete Tio Lucas -und trank die andere Hälfte.</p> - -<p>»Du, Manuela!« rief darauf der Dorfschulze, »sage -deiner Herrin, daß der Tio Lucas hier schlafen wird. Sie -soll ihm ein Kopfkissen auf den Kornboden legen.«</p> - -<p>»Ach was!... Doch nicht so viele Umstände! Ich -schlafe im Strohstall wie ein König.«</p> - -<p>»Na hört einmal, wir haben noch Kissen.«</p> - -<p>»Das glaube ich schon. Aber warum wollt Ihr denn -die Familie erst noch belästigen. Ich habe meinen Mantel.«</p> - -<p>»Nun, wie es Euch beliebt. Manuela, sag deiner Herrin, -daß sie es nicht hinlege.«</p> - -<p>»Nur müßt Ihr mir erlauben,« fuhr Tio Lucas fort, -indem er auf fürchterliche Weise gähnte, »daß ich mich -gleich nachher niederlege. Gestern Abend habe ich sehr viel - <span class="pagenum"><a id="Page_54">[S. 54]</a></span> -zu mahlen gehabt, und ich habe noch kein Auge seitdem -geschlossen.«</p> - -<p>»Zugestanden!« antwortete majestätisch der Alkalde. -»Ihr könnt Euch niederlegen, wann Ihr wollt.«</p> - -<p>»Ich glaube, daß es auch für uns Zeit ist, uns niederzulegen,« -sagte der Küster und zog den Weinkrug an sich, -um den Rest zu trinken. »Es muß wohl schon zehn Uhr -sein, oder wenig wird daran fehlen.«</p> - -<p>»Dreiviertel auf Zehn,« bemerkte der Schreiber, nachdem -er den Rest des noch für jene Nacht bestimmten -Weins in die Gläser verteilt hatte.</p> - -<p>»Nun zu Bett, meine Herren!« rief der Amphitrion -aus, indem er seinen Teil trank.</p> - -<p>»Auf morgen, meine Herren,« fügte der Müller hinzu -und trank den seinen.</p> - -<p>»Wartet doch, daß man Euch voranleuchte; Toñuelo, -führe Tio Lucas nach dem Strohstall.«</p> - -<p>»Hierher, Tio Lucas,« sagte Toñuelo und nahm den -Krug mit für den Fall, daß noch einige Tropfen darin -geblieben wären.</p> - -<p>»Auf morgen, so Gott will,« fügte der Küster hinzu, -nachdem er noch alle Gläser untersucht.</p> - -<p>Und taumelnd entfernte er sich und sang vergnügt das -<span class="antiqua">De profundis</span>...............</p> - -<p class="pmb3">»So,« sagte der Alkalde zum Schreiber, als sie allein -geblieben waren, »der Tio Lucas hat nichts gemerkt. Wir -können uns also ruhig hinlegen, und wohl bekomm's dem -Herrn Corregidor!«</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>18.<br /><br /> - -Wie Tio Lucas nicht ans Schlafen dachte.</h2> - - -<p>Fünf Minuten nachher ließ sich ein Mann von dem -Strohstallfenster des Alkalden herab; das Fenster ging auf -den Hof und war kaum vier Ellen vom Erdboden entfernt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_55">[S. 55]</a></span></p> - -<p>Im Hofe stand ein Dach über einer großen Krippe, an -der sechs oder acht Reittiere verschiedener Rasse, aber alle -dem schwachen Geschlecht angehörig, angebunden waren; die -Pferde, Maultiere und Esel vom starken Geschlecht hatten -ihren eigenen Schuppen in einem benachbarten Lokal.</p> - -<p>Der Mann band eine noch ganz gesattelte Eselin los -und ging, diese am Zügel nach sich ziehend, nach der Thür -des Hofes, schob die Vorlegestange zurück, schloß das sie -haltende Schloß auf, öffnete vorsichtig die Thür und war -mitten auf dem Felde.</p> - -<p class="pmb3">Dort angekommen, bestieg er die Eselin, drückte ihr die -Fersen in die Flanken, und wie ein Pfeil flog er in der -Richtung der Stadt dahin, aber nicht auf der offenen -Fahrstraße, sondern über Saaten und Gräben, wie wenn -er sich vor einem unangenehmen Zusammentreffen hüten -wollte. Es war der Tio Lucas, der sich nach seiner -Mühle begab.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>19.<br /><br /> - -Stimmen in der Wüste.</h2> - - -<p>»Mir sollt ihr nur mit Alkalden kommen,« sagte der -Murcianer, »ich bin aus Archena. Morgen früh gehe ich -zum Herrn Bischof, um allem zuvorzukommen, und werde -ihm alles erzählen, was heute Nacht hier vorgekommen -ist. Mich mit solcher Eile und so geheimnisvoll rufen zu -lassen, und zu einer so Angehörigen Stunde, mir zu sagen, -daß ich allein gehen soll, mir vom Dienst des Königs -und von Falschmünzerei, von Hexen und Kobolden zu sprechen, -um nachher zwei Gläser Wein zu trinken und mich -zu Bett zu legen. Es kann gar nicht klarer sein! Garduña -hat diese Instruktionen von seiten des Corregidors -nach dem Dorfe bringen müssen, und zu dieser Stunde -hat der Corregidor schon den Feldzug gegen meine Frau -eröffnet. Wer weiß, vielleicht treffe ich ihn, wie er an die -Thür der Mühle klopft! Wer weiß, vielleicht treffe ich - <span class="pagenum"><a id="Page_56">[S. 56]</a></span> -ihn schon darin... Wer weiß... Aber, was sage ich -denn da! Ich an meiner Navarresin zweifeln? O, das -hieße sich an Gott versündigen. Unmöglich, daß sie... -Unmöglich könnte meine Frasquita... Unmöglich! — -Aber was rede ich denn so dumm. Ist denn irgend etwas -unmöglich auf der Welt? Hat sie sich doch mit mir verheiratet, -obgleich sie so schön ist, und ich so häßlich bin!«</p> - -<p>Und als er diese letzte Bemerkung machte, fing der -arme Bucklige an, bitterlich zu weinen...</p> - -<p>Um sich wieder ein wenig aufzuheitern, hielt er sein -Tier an, trocknete seine Thränen, seufzte tief auf, zog seine -Gerätschaften zum Rauchen hervor und machte sich eine -Cigarette von schwarzem Tabak zurecht. Dann nahm er -Feuerstein, Zunder und Stahl, und nach einigen Schlägen -gelang es ihm, Feuer zu erhalten.</p> - -<p>In diesem Augenblicke hörte er das Geräusch von -Schritten in der Gegend der Landstraße, die ungefähr einige -dreihundert Ellen davon entfernt war.</p> - -<p>»Wie unvorsichtig bin ich doch!« sagte er. »Wenn man -mich suchte, so würden mich diese Funken verraten haben.«</p> - -<p>Schnell verbarg er das Feuerzeug, stieg ab und versteckte -sich hinter der Eselin. Aber die Eselin verstand die -Sache nach ihrer Art und Weise und stieß ein lautes Geschrei -der Befriedigung aus.</p> - -<p>»Verfluchtes Tier!« rief Tio Lucas aus und versuchte -ihr das Maul mit beiden Händen zuzuhalten.</p> - -<p>Da ertönte als galante Antwort gleiches Geschrei von -der Landstraße her.</p> - -<p>»Na, jetzt wird's gut,« fuhr der Müller in Gedanken -fort. »Das Sprichwort hat ganz recht, wenn es sagt: <span class="antiqua">El -mayor mal de los males es tratar con animales</span>.« (Das -größte der Übel ist, wenn man mit Tieren zu thun hat.<a id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a>)</p> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[S. 57]</a></span></p> - -<p>Und so sprechend bestieg er von neuem seinen Esel, trieb -ihn an und ritt, wie aus der Pistole geschossen, in der -Richtung fort, welche dem Orte, an dem das zweite Eselgeschrei -laut geworden war, gerade entgegengesetzt war.</p> - -<p>Das merkwürdigste aber war, daß die Person auf dem -antwortenden Tiere sich ebenso sehr vor Tio Lucas zu -fürchten schien, wie Tio Lucas vor ihr, denn auch sie bog -vom Wege ab und ritt in vollem Galopp durch die Saatfelder -auf der anderen Seite desselben.</p> - -<p>Der Murcianer bemerkte es, und schon darüber beruhigt, -grübelte er folgendermaßen weiter:</p> - -<p>»Was für eine Nacht! Was für eine Welt! Was -für ein Leben führe ich seit einer Stunde! Alguacils werden -zu Kupplern gemacht, Alkalden verschwören sich gegen -meine Ehre, Esel schreien, wenn es nicht nötig ist, und -hier in meiner Brust trage ich ein elendes Herz, das gewagt -hat, an der edelsten Frau, die Gott geschaffen, zu -zweifeln. Gott im Himmel, Gott im Himmel! gieb nur, -daß ich bald nach Hause komme und dort meine Frasquita -antreffe!«</p> - -<p class="pmb3">So ritt Tio Lucas fort durch Felder und Büsche, bis -er endlich etwa gegen elf Uhr nachts ohne besondere Zufälligkeiten -an der großen Thür der Mühle anlangte. -Verdammt! die Thür der Mühle stand offen.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>20.<br /><br /> - -Zweifel und Wirklichkeit.</h2> - - -<p>Sie stand offen, und er hatte beim Fortgehen seine -Frau dieselbe mit Schlüssel, Vorlegstange und Schloß -schließen hören!</p> - -<p>Folglich hatte auch nur seine Frau dieselbe öffnen können!</p> - -<p>Aber wie? wann? warum? Infolge einer Täuschung? -infolge einer Ordre? Oder wohlüberlegt und freiwillig, -kraft einer vorhergegangenen Übereinstimmung mit dem -Corregidor?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_58">[S. 58]</a></span></p> - -<p>Was würde er sehen? Was würde er erfahren? Was -erwartete ihn im Innern seines Hauses? War er mit der -Seña Frasquita geflohen? Hatten sie ihm dieselbe geraubt? -Wäre sie am Ende gar tot? Oder würde er sie -in den Armen seines Rivalen finden?</p> - -<p>»Der Corregidor hat darauf gerechnet, daß ich heute -die ganze Nacht hindurch nicht nach Hause kommen würde,« -sagte Tio Lucas düster. »Der Alkalde des Ortes wird -wohl Befehl erhalten haben, mich eher in Fesseln zu schlagen, -als mir die Rückkehr zu gestatten. Wußte Frasquita -all das? War sie an dem Komplott beteiligt? Oder war -sie das Opfer eines Betruges, einer Vergewaltigung, einer -Nichtswürdigkeit?«</p> - -<p>Der Unglückliche brauchte nicht mehr Zeit, um alle diese -grausamen Bemerkungen zu machen, als die, welche nötig -war, um den Platz unter der Weinlaube zu durcheilen.</p> - -<p>Auch die Hausthür stand offen, und der erste Wohnraum, -wie in allen ländlichen Gebäuden, war die Küche. -In der Küche war niemand. Und doch brannte ein riesiges -Feuer im Kamin... im Kamin, der vollständig -erloschen war, als er hinausging und der nie vor Ende -Dezember geheizt wurde.</p> - -<p>Schließlich hing noch an einem der Haken der Küchenbretter -eine brennende Lampe.</p> - -<p>Was bedeutet all dies? Und wie stimmten die scheinbaren -Anstalten der Wachsamkeit und Geselligkeit zu dem -Todesschweigen, das im Hause herrschte?</p> - -<p>Was war aus seiner Frau geworden?</p> - -<p>Da, und erst in dem Augenblick wurde Tio Lucas -einige Kleidungsstücke gewahr, die auf den Lehnen einiger -um den Kamin gestellten Stühle ausgebreitet lagen.</p> - -<p>Er untersuchte die Kleider näher und stieß ein so fürchterliches -Gebrüll aus, daß es ihm, in einen unhörbaren, -erstickten Seufzer verwandelt, in der Kehle stecken blieb.</p> - -<p>Der Unglückliche glaubte zu ersticken und fuhr sich mit - <span class="pagenum"><a id="Page_59">[S. 59]</a></span> -den Händen nach dem Halse, während er bleich, mit verzerrten -Zügen, mit hervorgequollenen Augen und mit einem -Entsetzen jene Kleider betrachtete, wie es der zum Tode -verurteilte Verbrecher beim Anblicke des Armensünderhemdes -empfinden muß.</p> - -<p>Denn was er dort sah, war der rote Mantel, der Dreispitz, -der turteltaubenfarbige Rock und die Weste, das -schwarzseidene Beinkleid, die weißen Strümpfe, die schwarzen -Schnallenschuhe, und sogar der Stock, der Degen und -die Handschuhe des verabscheuungswürdigen Corregidors. -Das, was er dort sah, war das Armensünderhemd seiner -Schande, das Leichentuch seiner Ehre, das Schweißtuch -seines Glückes. Die schreckliche Donnerbüchse lehnte in -demselben Winkel, in welchem sie die Navarresin vor Stunden -gelassen hatte.</p> - -<p>Mit dem Sprunge eines Tigers stürzte Tio Lucas auf -sie zu und bemächtigte sich derselben. Er untersuchte das -Rohr mit dem Ladestock und fand, daß sie geladen war. -Dann sah er nach dem Stein, und siehe da! er war an -seinem Platze.</p> - -<p>Darauf wendete er sich nach der Treppe, die zu dem -Zimmer führte, wo er so viele Jahre mit der Seña Frasquita -geschlafen, und murmelte dumpf:</p> - -<p>»Da sind sie.«</p> - -<p>Er that einen Schritt nach jener Richtung, dann hielt -er inne und blickte um sich, ob ihn auch jemand beobachte.</p> - -<p>»Niemand!« sagte er innerlich. »Nur Gott... und -der hat dies gewollt!«</p> - -<p>Nachdem er so das Urteil bestätigt, that er einen anderen -Schritt. Da bemerkte sein irrender Blick ein gefaltetes -Blatt auf dem Tische.</p> - -<p>Es sehen, darauf zustürzen, es zwischen seinen Fingern -halten, war das Werk eines Augenblicks!</p> - -<p>Jenes Papier enthielt die Ernennung des Neffen der - <span class="pagenum"><a id="Page_60">[S. 60]</a></span> -Seña Frasquita, von Don Eugenio de Zuñiga y Ponce -de Leon unterzeichnet.</p> - -<p>»Das war also der Preis ihres Verkaufs!« dachte Tio -Lucas, und steckte das Papier in den Mund, um sein -Schluchzen zu ersticken und seiner Wut Nahrung zu geben. -»Immer habe ich geargwöhnt, daß sie ihre Familie lieber -hätte als mich... Ach, warum haben wir keine Kinder -gehabt!... Das ist an allem schuld!«</p> - -<p>Und der Unglückliche war wieder nahe daran, zu weinen. -Aber bald wurde er wieder wütend und mit einer -schrecklichen Gebärde, wenn auch nicht mit der Stimme, -schien er zu sagen:</p> - -<p>»Hinauf, hinauf!«</p> - -<p>Und so fing er an, die Treppe hinaufzukriechen; mit -der einen Hand suchte er den Weg, mit der andern hielt -er die Büchse, und zwischen den Zähnen hielt er das nichtswürdige -Papier.</p> - -<p>Zur Bekräftigung seines logischen Argwohns drangen, -als er sich der geschlossenen Thür des Schlafzimmers näherte, -durch einige Ritzen in deren Brettern und durch das Schlüsselloch -etliche Lichtstrahlen.</p> - -<p>»Da sind sie!« sagte er von neuem.</p> - -<p>Und er hielt einen Augenblick inne, um den neuen -Trank der Bitterkeit hinunterzuschlucken.</p> - -<p>Dann stieg er weiter hinauf, bis er vor der Thür des -Schlafzimmers selbst stand.</p> - -<p>Hinter derselben hörte er nicht das geringste Geräusch.</p> - -<p>»Wenn niemand dort wäre!« sagte schüchtern die Hoffnung.</p> - -<p>Aber in demselben Augenblick hörte der Unglückliche -im Zimmer husten.</p> - -<p>Es war der halb asthmatische Husten des Corregidors.</p> - -<p>Es war kein Zweifel mehr! In diesem Schiffbruche -fand er keine rettende Planke.</p> - -<p>In der Finsternis lächelte der Müller auf eine schreckliche -Weise.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_61">[S. 61]</a></span></p> - -<p>Warum leuchten solche Blitze nicht in der Dunkelheit? -Was ist alles Feuer der höllischen Qualen gegen die heiße -Lohe, die zuweilen im Herzen des Menschen brennt?</p> - -<p>Und doch, sobald Tio Lucas den Husten seines Feindes -hörte, fing er an sich zu beruhigen, denn so war seine -Seele, wie wir schon an anderer Stelle bemerkten.</p> - -<p>Die Wirklichkeit war ihm weniger gefährlich, als der -Zweifel. Genau so, wie er es an jenem Nachmittage der -Seña Frasquita gesagt hatte, von dem Augenblick an, wo -er den einzigen Glauben, der sein Leben und seine Seele -war, verlor, fing er an ein neuer Mensch zu werden.</p> - -<p>Gleich dem Mohren von Venedig (mit dem wir ihn -schon bei der Beschreibung seines Charakters verglichen -haben) tötete die Enttäuschung in ihm mit einem Schlage -alle Liebe, verwandelte sofort das ganze Wesen seines Geistes -und ließ ihn die Welt wie eine ganze neue Region -sehen, zu der er eben erst gekommen war. Der einzige -Unterschied bestand darin, daß der Tio Lucas aus Idiosynkrasie -weniger tragisch, weniger streng und weniger selbstsüchtig -war, als der unvernünftige Opferer Desdemona's.</p> - -<p>Sonderbar! aber doch wieder ganz richtig in solcher -Lage! Zweifel oder auch Hoffnung, was in dem Falle -wohl dasselbe ist, quälte ihn noch einen Augenblick...</p> - -<p>»Wenn ich mich geirrt hätte,« dachte er, »wenn Frasquita -gehustet hätte...«</p> - -<p>In seinem überwältigenden Unglück vergaß er ganz, -daß er die Kleider des Corregidors vor dem Kamin gesehen -hatte, daß er die Thür der Mühle offen gefunden, -daß er die Bescheinigung seiner Schande gelesen...</p> - -<p>Er bückte sich und blickte durch das Schlüsselloch, vor -Ungewißheit und Bangen zitternd.</p> - -<p>Der Gesichtskreis umfaßte nur ein kleines Dreieck am -Kopfende des Bettes; aber gerade in jenem kleinen Dreieck -sah er das äußerste Ende der Kopfkissen und auf den -Kopfkissen den Kopf des Corregidors.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_62">[S. 62]</a></span></p> - -<p>Ein erneutes diabolisches Lächeln verzerrte das Gesicht -des Müllers.</p> - -<p>Fast konnte man meinen, er fühle sich wieder glücklich.</p> - -<p>»Jetzt bin ich im Besitz der Wahrheit,« murmelte er -und richtete sich ruhig auf. Dann stieg er ebenso leise -und tastend, wie er die Treppe hinaufgestiegen war, dieselbe -hinunter.</p> - -<p>»Die Angelegenheit ist sehr delikat... Ich muß noch -überlegen. Ich habe noch zu allem Zeit,« überlegte er, -während er hinunterschlich.</p> - -<p>Als er wieder in der Küche angekommen war, setzte -er sich inmitten derselben nieder und verbarg das Gesicht -in den Händen. So blieb er lange Zeit sitzen, bis ein -leichter Schlag, den er auf einem Fuße fühlte, ihn aus -seinem Nachdenken aufschreckte.</p> - -<p>Es war die Donnerbüchse, die an seinen Knien heruntergeglitten -war und ihm dieses Zeichen machte.</p> - -<p>»Nein, ich sage dir, nein,« murmelte Tio Lucas und -blickte auf die Waffe. »Du bist nicht das, was ich gebrauche. -Alle Welt würde Mitleid mit ihnen haben, und -mich würden sie aufhängen. Es handelt sich ja um einen -Corregidor, und einen Corregidor zu töten ist in Spanien -noch eine unverzeihliche Sache; sie würden sagen, ich hätte -ihn aus unbegründeter Eifersucht getötet und dann ausgezogen -und ins Bett gelegt. Sie würden weiter sagen, -daß ich meine Frau auf den einfachen Verdacht hin getötet -hätte. Und mich würden sie aufhängen. Und <em class="gesperrt">ob</em> -sie mich nicht aufhängen würden. Übrigens hätte ich wenig -Beweise von Herz und Verstand gegeben, wenn ich an -meinem Lebensende bemitleidet werden müßte. Alle würden -über mich lachen! Sie würden sagen, daß mein Unglück -ganz natürlich wäre, weil ich buckelig und Frasquita -so schön war. — Nichts, nein, Rache brauche ich, und -nachdem ich mich gerächt habe, will ich triumphieren, verachten, -lachen, viel lachen, über alle lachen, und so vermeide - <span class="pagenum"><a id="Page_63">[S. 63]</a></span> -ich, daß man über diesen Buckel spotten kann, den -man jetzt fast beneidet und der am Galgen so grotesk -sein würde.«</p> - -<p>So sprach und überlegte Tio Lucas, ohne sich vielleicht -genau Rechenschaft darüber abzulegen, und kraft dieser Rede -stellte er die Büchse an ihren Ort und fing an, mit auf -dem Rücken verschränkten Armen und gesenktem Haupte -auf und ab zu gehen, wie wenn er seine Rache auf dem -Fußboden, in der Erde, unter den Trümmern seines Lebensglückes -in einer lächerlichen, vulgären Kriegslust suchte, die -seine Frau und den Corregidor dem Gelächter preisgeben -sollte. Er suchte die Rache nicht in der Gerechtigkeit, in -der Verzeihung, im Himmel, wie ein anderer Mann es -an seiner Stelle gethan hätte, dessen Temperament sich -weniger als das seine gegen alle Forderungen der Natur, -der Gesellschaft und seiner eigenen Gefühle aufgelehnt hätte.</p> - -<p>Plötzlich blieben seine Augen auf den Kleidern des -Corregidors haften. Da richtete er sich auf...</p> - -<p>Nach und nach wurde sein Gesicht von einer unerklärlichen -Heiterkeit, Freude und Triumph verklärt, bis er -selbst auf eine entsetzliche Art anfing zu lachen, das heißt, -es waren tolle Ausbrüche, ohne daß man auch nur den -geringsten Laut hörte, damit die oben nicht auf ihn aufmerksam -wurden; er drückte die Fäuste auf die Kinnladen, -um nicht vor Lachen zu bersten, schüttelte sich wie ein von -Krämpfen Befallener und ließ sich endlich in einen Stuhl -fallen, bis der Anfall sarkastischer Freude vorüber war; es -war wirklich ein mephistophelisches Gelächter.</p> - -<p>Sobald er sich beruhigt hatte, fing er an, sich mit -fieberhafter Hast umzukleiden; seine Kleider legte er genau -auf dieselben Stühle, auf denen die des Corregidors gelegen -hatten, zog alle Kleinodien an, die jenem gehörten, -bis zu den Schnallenschuhen und dem Dreispitz, umgürtete -sich mit dessen Degen, hüllte sich in den roten Mantel, -ergriff den Stock und die Handschuhe, verließ die Mühle - <span class="pagenum"><a id="Page_64">[S. 64]</a></span> -und ging auf die Stadt zu, indem er sich genau in derselben -Weise wiegte, wie Don Eugenio de Zuñiga zu thun -pflegte, und von Zeit zu Zeit wiederholte er eine Phrase, -die er in Gedanken weiter auslegte.</p> - -<p class="pmb3">»Auch die Corregidora ist reizend.«</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>21.<br /><br /> - -Achtung, Herr!</h2> - - -<p>Lassen wir jetzt den Tio Lucas und beschäftigen wir -uns mit dem, was in der Mühle vorgefallen ist, seit dem -Augenblicke, in dem wir die Seña Frasquita allein ließen -bis zur Rückkehr ihres Mannes, der so wunderbare Dinge -wahrnehmen sollte.</p> - -<p>Ungefähr eine Stunde, nachdem der Tio Lucas mit -Toñuelo die Mühle verlassen hatte, hörte die Seña Frasquita, -welche sich vorgenommen hatte, sich bis zur Rückkehr -ihres Mannes nicht niederzulegen, und in dem im obern -Stockwerk gelegenen Schlafzimmer ruhig strickend saß, -außerhalb des Hauses, ganz in der Nähe des Mühlgerinnes, -ein jämmerliches Geschrei.</p> - -<p>»Zu Hilfe. Ich ersticke! Frasquita! Frasquita!« rief -eine Männerstimme in düsterm Tone der Verzweiflung.</p> - -<p>»Sollte das Lucas sein?« dachte die Navarresin mit -einem Entsetzen, das wir nicht zu beschreiben brauchen.</p> - -<p>Im Schlafzimmer selbst war eine Thür, von welcher -uns Garduña schon erzählt hat, und die wirklich auf den -obern Teil des Mühlgerinnes ging. Ohne zu zögern, -öffnete Frasquita dieselbe, obgleich sie die Hilfe heischende -Stimme nicht erkannt hatte, und fand sich dem Corregidor -gegenüber, der in demselben Augenblicke triefend aus dem -ungestüm dahinströmenden Graben auftauchte.</p> - -<p>»Gott verzeih es mir! Gott verzeihe mir!« stotterte -der nichtswürdige Alte. »Ich glaubte, ich würde untergehen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_65">[S. 65]</a></span></p> - -<p>»Was? Sie sind es? Was bedeutet das? Wie können -Sie es wagen? Was wollen Sie hier zu dieser -Stunde?« rief sie, mehr entrüstet als erschreckt, aber doch -unwillkürlich zurückweichend.</p> - -<p>»Schweig! Schweig doch, Frau!« stotterte der Corregidor, -indem er hinter ihr in das Gemach glitt. »Du -sollst alles wissen. Beinahe wäre ich ertrunken. Schon -trug mich das Wasser wie eine Feder fort. Sieh nur, -sieh, wie ich zugerichtet bin.«</p> - -<p>»Hinaus! Hinaus von hier!« erwiderte Seña Frasquita -mit der äußersten Heftigkeit. »Sie brauchen mir -nichts zu erklären. Nur zu gut verstehe ich alles! Was -geht es mich an, ob Sie ertrinken? Habe ich Sie gerufen? -Ah! Was für eine Nichtswürdigkeit! Darum also -haben Sie meinen Mann festnehmen lassen?«</p> - -<p>»Höre, Frau!«</p> - -<p>»Ich höre nichts! Verlassen Sie sofort das Haus, -Herr Corregidor! Gehen Sie sofort, oder ich stehe nicht -für Ihr Leben!«</p> - -<p>»Was sagst du?«</p> - -<p>»Das, was Sie hören! Mein Mann ist nicht im -Hause; doch ich genüge, um ihm die Achtung zu verschaffen. -Gehen Sie, woher Sie gekommen sind, wenn Sie -nicht wollen, daß ich Sie mit meinen eigenen Händen wieder -in das Wasser zurückwerfe.«</p> - -<p>»Kleine, Kleine! schreie doch nicht so, ich bin ja nicht -taub,« rief der Libertin aus. »Wenn ich hier bin, so wird -es auch wohl einen Zweck haben. Ich will den Tio Lucas, -den ein Dorfschulze irrtümlich eingezogen hat, in Freiheit -setzen. Aber vor allen Dingen muß ich erst meine -Kleider trocknen. Ich bin bis auf die Haut durchnäßt!«</p> - -<p>»Ich sage Ihnen, daß Sie gehen sollen!«</p> - -<p>»Schweig doch, Thörin! Was weißt du? Sieh, hier -bringe ich dir die Ernennung deines Neffen. Zünde Feuer -an, und dann wollen wir weiter sprechen. Übrigens, - <span class="pagenum"><a id="Page_66">[S. 66]</a></span> -während meine Kleider trocknen, werde ich mich in dies -Bett legen...«</p> - -<p>»Aha, schon! Also, nun erklären Sie schon, daß Sie -um meinetwillen gekommen sind? Also nun gestehen Sie -schon, daß Sie darum meinen Lucas gefangen nehmen -ließen? Also haben Sie schon Ihre Ernennung und alles -gebracht? Heilige des Himmels! Was hat dieses Ungeheuer -nur von mir gedacht!«</p> - -<p>»Frasquita! Ich bin der Corregidor!«</p> - -<p>»Und wären Sie der König! Mir das? Ich bin die -Frau meines Mannes und die Herrin meines Hauses. -Glauben Sie, daß ich mich vor den Corregidoren fürchte? -Ich weiß meinen Weg nach Madrid zu finden und bis -ans Ende der Welt, um gegen einen unverschämten Alten, -der seine Autorität durch den Schmutz schleift, Gerechtigkeit -zu verlangen. Und ganz besonders weiß ich mir morgen -meine Mantille umzulegen und zur Frau Corregidora -zu gehen.«</p> - -<p>»Du wirst nichts von alledem thun!« antwortete der -Corregidor, der anfing, die Geduld zu verlieren und seine -Taktik änderte. »Du wirst nichts von alledem thun, denn -ich werde dir eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn ich -sehe, daß du nicht vernünftig sein willst.«</p> - -<p>»Eine Kugel!« rief die Seña Frasquita mit dumpfer -Stimme aus.</p> - -<p>»Eine Kugel, ja! Und daraus kann mir kein Nachteil -erwachsen. Zufällig habe ich in der Stadt zurückgelassen, -daß ich heute Nacht auf die Jagd nach Verbrechern ginge. -Also, sei nicht thöricht... und liebe mich... wie ich -dich anbete.«</p> - -<p>»Herr Corregidor, eine Kugel?« wiederholte die Navarresin -und warf die Arme zurück und den Körper vorwärts, -wie wenn sie sich auf ihren Gegner stürzen wollte.</p> - -<p>»Wenn du es so treibst, werde ich sie wirklich abfeuern, -um mich von deinen Drohungen und deiner Schönheit - <span class="pagenum"><a id="Page_67">[S. 67]</a></span> -befreit zu sehen,« antwortete der Corregidor voller Furcht -und zog ein Paar Taschenpistolen hervor.</p> - -<p>»Also auch Pistolen? Und in der anderen Tasche die -Ernennung meines Neffen!« sagte die Seña Frasquita -und nickte mit dem Kopfe. »Nun denn, Herr, da ist die -Wahl nicht schwer. Warten Ew. Gnaden einen Augenblick, -ich will nur das Feuer anzünden.«</p> - -<p>Und so sprechend, wendete sie sich der Treppe zu und -war in drei Sprüngen unten.</p> - -<p>Der Corregidor ergriff das Licht und folgte der Müllerin, -weil er fürchtete, daß sie ihm entschlüpfen könnte. -Da er aber viel langsamer ging, so traf er, als er in die -Küche gelangte, schon auf die Navarresin, die auf dem -Wege war, zu ihm zurückzukehren.</p> - -<p>»Also Sie sagten, Sie wollten mir eine Kugel durch -den Kopf jagen?« rief die unerschrockene Frau aus und -trat einen Schritt zurück. »Nun denn, Achtung, Herr, ich -bin fertig.«</p> - -<p>Sprach's und hielt ihm die schreckliche Donnerbüchse -entgegen, welche in dieser Geschichte eine so bedeutende -Rolle spielt.</p> - -<p>»Halt ein, Unglückliche! Was willst du thun?« schrie -der Corregidor, halb tot vor Schreck. »Das mit meiner -Kugel war ja nur ein Scherz. Sieh, die Pistolen sind -nicht geladen... Aber wahr ist das mit der Ernennung -... Hier ist sie... Nimm sie... Ich schenke sie dir -... Sie ist dein, umsonst, ganz umsonst...«</p> - -<p>»Da liegt sie gut!« antwortete die Navarresin. »Morgen -wird sie mir dazu dienen, das Feuer zum Frühstück -meines Mannes damit anzuzünden. Von Euch will ich -selbst nicht die ewige Seligkeit, und sollte mein Neffe einmal -von Estella kommen, so sollte er Euch nur diese häßliche -Hand zertreten, die seinen Namen auf dies ekle Papier -geschrieben hat... So, ich habe es gesagt! Verlassen - <span class="pagenum"><a id="Page_68">[S. 68]</a></span> -Sie mein Haus! Luft! Luft! schnell... denn schon -steigt mir das Blut in den Kopf.«</p> - -<p>Der Corregidor antwortete nicht auf diese Rede.</p> - -<p>Er war blaß, fast blau geworden, die Augen waren -verdreht, und ein Fieberschauer schüttelte seinen Körper. -Schließlich fing er an, mit den Zähnen zu klappern, und -von einem entsetzlichen Krampfe befallen stürzte er zu -Boden.</p> - -<p>Der Schreck, als er in den Graben fiel, die durchnäßten -Kleider, die heftige Scene im Schlafzimmer und die -Furcht vor der von der Navarresin auf ihn gerichteten -Büchse hatten die Kräfte des schwächlichen Alten erschöpft.</p> - -<p>»Ich sterbe,« stammelte er. »Rufe Garduña, rufe Garduña, -der hier an der Grabenhecke sein muß... Ich -darf nicht in diesem Hause sterben.«</p> - -<p>Er konnte nicht weiter. Er schloß die Augen und blieb -wie tot.</p> - -<p>»Und er wird sterben, wie er sagt,« brach die Seña -Frasquita los. »Herr im Himmel, das ist noch das Tollste -von allem! Was fange ich jetzt mit diesem Menschen in -meinem Hause an? Was werden sie von mir sagen, wenn -er stirbt? Was wird Lucas sagen? Wie kann ich es -rechtfertigen, daß ich ihm selbst die Thür geöffnet habe... -O nein, ich darf nicht hier bei ihm bleiben. Ich muß -meinen Mann aufsuchen, ich will lieber die Welt in Allarm -bringen, als meine Ehre aufs Spiel setzen.«</p> - -<p>Als sie diesen Entschluß gefaßt hatte, warf sie die -Büchse fort, ging nach dem Hofe, löste den darin zurückgebliebenen -Esel von der Halfter, sattelte ihn, so gut es -ging, öffnete die große Thür am Zaune, sprang trotz ihrer. -Korpulenz mit einem Satze auf das Tier und wendete -sich nach dem Grabenrande.</p> - -<p>»Garduña, Garduña!« schrie die Navarresin, als sie -sich der Stelle näherte.</p> - -<p>»Hier,« antwortete bald darauf der Alguacil, indem - <span class="pagenum"><a id="Page_69">[S. 69]</a></span> -er hinter einem Busch hervorkam. »Sind Sie es, Seña -Frasquita?«</p> - -<p>»Ja, ich bin's. Geh nach der Mühle und hilf deinem -Herrn, der liegt im Sterben.«</p> - -<p>»Was sagen Sie? Das ist doch nur ein Scherz?«</p> - -<p>»Es ist, wie du hörst, Garduña.«</p> - -<p>»Und Sie, meiner Seelen, wohin gehen Sie denn zu -dieser Stunde?«</p> - -<p>»Ich? Weg da, Dummkopf! Ich gehe nach der Stadt -zum Arzt,« antwortete die Seña Frasquita, indem sie die -Eselin mit dem Druck ihrer Ferse und Garduña mit einem -Fußtritt antrieb.</p> - -<p>Sie schlug nicht den Weg nach der Stadt ein, wie sie -eben gesagt hatte, sondern den, welcher zum nächsten Dorfe -führte.</p> - -<p>Auf diesen letzteren Umstand achtete Garduña jedoch -nicht, sondern lief spornstreichs nach der Mühle, während -er bei sich dachte:</p> - -<p class="pmb3">»Sie geht nach dem Arzte! Die Ärmste kann nicht -mehr thun! Aber er ist ein unseliger Mensch! Das ist -auch gerade eine schöne Gelegenheit, um krank zu werden! -— Ja, ja, der liebe Gott giebt dem Zuckerwerk, der es -nicht mehr beißen kann.«</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>22.<br /><br /> - -Garduña vervielfältigt sich.</h2> - - -<p>Als Garduña die Mühle betrat, fing der Corregidor -gerade an, wieder zum Bewußtsein zu kommen, und versuchte, -sich vom Boden zu erheben.</p> - -<p>Auf dem Fußboden und neben ihm stand die angezündete -Kerze, welche Sr. Gnaden aus dem Schlafzimmer -mitgebracht hatte.</p> - -<p>»Ist sie schon fort?« war Don Eugenios erste Frage.</p> - -<p>»Wer?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_70">[S. 70]</a></span></p> - -<p>»Der Teufel! Ich wollte sagen die Müllerin.«</p> - -<p>»Ja, gnädiger Herr... sie ist schon fort, und ich -glaube, in nicht sehr guter Laune!«</p> - -<p>»Ach, Garduña, ich sterbe.«</p> - -<p>»Aber was fehlt denn Ew. Gnaden? Ums Himmels -willen!«</p> - -<p>»Ich bin in den Mühlgraben gefallen und bin ganz -durchweicht, die Kälte geht mir durch Mark und Bein.«</p> - -<p>»Na ja, und nun kommen Sie damit!«</p> - -<p>»Garduña, nimm dich in acht, paß auf, was du sagst.«</p> - -<p>»Ich sage nichts, Herr.«</p> - -<p>»Nun, dann hilf mir aus dieser Verlegenheit.«</p> - -<p>»Ich fliege; Ew. Gnaden sollen nur sehen, wie schön -ich alles besorgen werde.«</p> - -<p>So sprach der Alguacil, und im Handumdrehen ergriff -er mit der einen Hand das Licht, mit der anderen nahm -er den Corregidor unter den Arm, trug ihn in das Schlafzimmer -hinauf, entkleidete ihn, legte ihn ins Bett, lief -nach dem Holzschuppen, nahm einen Arm voll Holz, eilte -nach der Küche, zündete ein großes Feuer an, trug die -Kleider seines Herrn hinunter, breitete sie auf den Lehnen -einiger Stühle aus, zündete eine Lampe an, hing sie -am Küchenbrett auf und kehrte dann nach dem Schlafzimmer -zurück.</p> - -<p>»Nun, wie steht's mit uns?« fragte er dann und hob -das Licht in die Höhe, um Don Eugenio ins Gesicht zu -leuchten.</p> - -<p>»Vortrefflich! Ich fühle, daß ich schwitzen werde... -Morgen hänge ich dich auf, Garduña!«</p> - -<p>»Warum, Herr?«</p> - -<p>»Und du wagst noch darnach zu fragen? Denkst du -denn, daß, als ich deinen mir vorgezeichneten Plan ausführte, -ich glaubte mich allein in das Bett zu legen, nachdem -ich das Sakrament der heiligen Taufe zum zweitenmale -empfangen? — Morgen hänge ich dich auf!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_71">[S. 71]</a></span></p> - -<p>»Aber erzählen mir Ew. Gnaden doch... die Seña -Frasquita...«</p> - -<p>»Die Seña Frasquita hat mich morden wollen. Das -ist alles, was ich mit deinen Ratschlägen erreicht habe. — -Ich sage dir, morgen früh hänge ich dich auf!«</p> - -<p>»So arg wird es doch nicht sein, Herr Corregidor!« -antwortete der Alguacil.</p> - -<p>»Warum sagst du das, unverschämter Kerl? Weil du -mich hier darniederliegen siehst?«</p> - -<p>»Nein, Herr. Ich sage nur, daß die Seña Frasquita -unmöglich so unmenschlich an Ihnen handeln konnte, wie -Ew. Gnaden erzählen, da sie doch in die Stadt gegangen -ist, um einen Arzt zu holen.«</p> - -<p>»Heiliger Gott! Bist du sicher, daß sie nach der Stadt -gegangen ist?« rief Don Eugenio erschrockener als je aus.</p> - -<p>»Wenigstens hat sie so zu mir gesagt...«</p> - -<p>»Eile, lauf, Garduña! Ach, ich bin ohne Gnade verloren! -Weißt du, zu welchem Zwecke die Seña Frasquita -in die Stadt gegangen ist? Um alles meiner Frau zu -erzählen!... Um ihr zu sagen, daß ich hier bin. O, -mein Gott, mein Gott! Wie konnte ich mir das auch -denken! Ich glaubte, sie wäre nach dem Dorfe zu ihrem -Manne gegangen, und da er dort in gutem Verwahrsam -ist, so war es mir ganz gleichgiltig. Aber nach der Stadt -zu gehen!... Garduña, lauf, fliege, du bist ein so guter -Fußgänger, und rette mich vom Verderben. Du mußt -es vermeiden, daß die schreckliche Müllerin mein Haus -betritt.«</p> - -<p>»Und werden mich Ew. Gnaden nicht aufhängen lassen, -wenn ich es erreiche?« fragte der Alguacil.</p> - -<p>»Im Gegenteil! Ich will dir ein Paar noch ganz -gute Schuhe schenken, die mir zu groß sind. Ich will dir -alles schenken, was du willst.«</p> - -<p>»Dann fliege ich! Ew. Gnaden können ruhig schlafen. -In einer halben Stunde bin ich zurück, nachdem ich die - <span class="pagenum"><a id="Page_72">[S. 72]</a></span> -Navarresin ins Gefängnis gesperrt habe. Nicht umsonst -bin ich leichtfüßiger als eine Eselin!«</p> - -<p>Sprach's und verschwand die Treppe hinunter.</p> - -<p>Es versteht sich von selbst, daß der Müller gerade -während der Abwesenheit des Alguacils in der Mühle war -und durchs Schlüsselloch Gesichte sah.</p> - -<p class="pmb3">Lassen wir jetzt den Corregidor im fremden Bette -schwitzen und Garduña nach der Stadt laufen, wohin ihm -Tio Lucas bald mit dem Dreispitz und dem Mantel folgen -sollte, und verwandeln wir uns in rüstige Fußgänger, -um der mutigen Seña Frasquita auf dem Wege nach dem -Dorfe zu folgen.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>23.<br /><br /> - -Noch einmal die Wüste und die bewußten Stimmen.</h2> - - -<p>Das einzige Abenteuer, welches der Navarresin auf -ihrer Reise von der Mühle nach dem Dorfe zustieß, war -der Anblick einer Person, welche mitten in einem Saatfelde -Feuer schlug, was ihr einen heillosen Schrecken verursachte.</p> - -<p>»Sollte das etwa ein Häscher des Corregidors sein? -Wenn er mich anhielte?« dachte die Müllerin.</p> - -<p>In dem Augenblick hörte sie in jener Richtung Eselsgeschrei.</p> - -<p>»Esel zu der Stunde im Saatfelde?« dachte die Müllerin -weiter. »Hier herum ist doch kein Obstgarten, keine -Koppel! Gott im Himmel! heute Nacht scheinen die Kobolde -ihr Wesen zu treiben!«</p> - -<p>Die Eselin, auf der die Seña Frasquita ritt, schien es -in jenem Augenblicke für schicklich zu halten, das Geschrei -zu erwidern.</p> - -<p>»Schweig, du Racker!« sagte die Navarresin und stieß -ihr eine lange Nadel ins Kreuz.</p> - -<p>Und da sie eine vielleicht unangenehme Begegnung - <span class="pagenum"><a id="Page_73">[S. 73]</a></span> -fürchtete, so führte sie das Tier vom Wege ab und ließ -es durch die Saat laufen.</p> - -<p>Aber bald beruhigte sie sich, denn sie sah ein, daß der -Feuer schlagende Mann und der zuerst schreiende Esel etwas -Zusammengehöriges bildeten, und daß diese Wesenheit in -der ihr entgegengesetzten Richtung entflohen war.</p> - -<p>»Einem Feiglinge begegnet ein noch größerer Feigling,« -rief die Müllerin und lachte über ihre Furcht und die des -andern.</p> - -<p class="pmb3">Und ohne weiteren Unfall gelangte sie ungefähr um -elf Uhr nachts an das Haus des Dorfschulzen.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>24.<br /><br /> - -Ein König von damals.</h2> - - -<p>Schon lag der Herr Alkalde in tiefem Schlafe, indem -er seinen Rücken dem seiner Ehehälfte zuwendete und, wie -unser unsterblicher Quevedo sagt, auf diese Weise die Figur -des österreichischen, zweiköpfigen Adlers bildete, als Toñuelo -an die Thür des ehemaligen Schlafgemaches klopfte und -den Herrn Juan Lopez benachrichtigte, daß die Seña Frasquita, -die von der Mühle, mit ihm zu sprechen verlange.</p> - -<p>Wir sehen davon ab, alle Flüche und Schwüre, welche -das Aufstehen und Ankleiden des Dorfschulzen begleiteten, -wiederzugeben und versetzen uns in den Augenblick, in dem -die Müllerin ihn herankommen sah, wie er die Schläfrigkeit -von sich zu schütteln suchte, gleich einem Gymnastiker, -der seine Muskulatur versucht, und unter unendlichem -Gähnen ausrief:</p> - -<p>»Guten Abend, Seña Frasquita! Was bringt Sie -hierher? Hat Ihnen Toñuelo nicht gesagt, daß Sie in der -Mühle bleiben sollten? Gehorchen Sie so der Obrigkeit?«</p> - -<p>»Ich muß meinen Lucas sehen,« antwortete die Navarresin. -»Ich muß ihn auf der Stelle sehen. Sie sollen -ihm sagen, daß seine Frau hier ist.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[S. 74]</a></span></p> - -<p>»Ich muß! Ich muß! Frau, Ihr vergeßt, daß Ihr -mit dem Könige sprecht.«</p> - -<p>»Ach was, König hin, König her, Señor Juan, ich bin -nicht zum Scherz aufgelegt! Ihr wißt wohl zur Genüge, -was mir widerfährt. Und zur Genüge weiß ich, warum -man meinen Mann arretiert hat.«</p> - -<p>»Ich weiß nichts, Seña Frasquita... Und Euer -Mann ist nicht arretiert, sondern schläft ruhig in diesem -seinem Hause, und ist behandelt worden, wie ich achtbare -Leute behandele. Du, Toñuelo! Toñuelo! geh nach dem -Strohstall und sage dem Tio Lucas, daß er aufwache und -hierhereile... Also, nun erzählen Sie mir, was Ihnen -zugestoßen ist. Haben Sie sich gefürchtet, allein zu schlafen?«</p> - -<p>»Schämt Euch, Señor Juan! Ihr wißt wohl, daß -mir weder Euer Ernst, noch Euer Scherz gefällt. Das, -was mir passiert ist, ist sehr einfach — Ihr und der Señor -Corregidor habt mich ins Verderben stürzen wollen, und -Ihr seid gründlich hineingefallen! Hier stehe ich, ohne -daß ich zu erröten brauche, und der Herr Corregidor liegt -in der Mühle im Sterben.«</p> - -<p>»Im Sterben? der Herr Corregidor?« rief sein Untergebener -aus. »Frau, wißt Ihr, was Ihr sagt?«</p> - -<p>»Das, was Ihr sagt. Er ist in den Mühlgraben gefallen -und wäre beinahe ertrunken und hat sich eine Lungenentzündung -geholt, oder was weiß ich. Das ist Sache -der Corregidora. Ich will meinen Mann holen und werde -wahrscheinlich morgen gleich nach Madrid gehen, um es -dem Könige zu erzählen...«</p> - -<p>»Teufel, Teufel!« murmelte Señor Juan Lopez. »Du, -Manuela, Mädchen, geh und sattle mir das Maultier. -Seña Frasquita, ich gehe nach der Mühle. Wehe Euch, -wenn Ihr dem Herrn Corregidor ein Leid zugefügt habt!«</p> - -<p>»Señor Alkalde! Señor Alkalde!« rief in diesem -Augenblicke Toñuelo aus, der mehr tot als lebendig eintrat. -»Tio Lucas ist nicht im Strohstall. Sein Esel ist - <span class="pagenum"><a id="Page_75">[S. 75]</a></span> -auch nicht an der Krippe, und die Hofthür ist offen... -Der Vogel ist davongeflogen.«</p> - -<p>»Was sagst du da?« schrie Señor Juan Lopez.</p> - -<p>»Heilige Jungfrau von Carmen! Was wird in meinem -Hause passieren?« rief die Seña Frasquita aus. -»Laßt uns eilen, Señor Alkalde, laßt uns keine Zeit verlieren! -Wenn mein Mann den Corregidor zu dieser -Stunde trifft, dann schlägt er ihn tot.«</p> - -<p>»Glaubt Ihr denn, daß der Tio Lucas in der Mühle ist?«</p> - -<p>»Wie soll ich es nicht glauben? Ich sage noch mehr -... Als ich kam, habe ich mich mit ihm, ohne ihn zu -kennen, gekreuzt. Ohne Zweifel war er es, der inmitten -eines Saatfeldes Feuer angeschlagen hat. Mein Gott, -wenn man bedenkt, daß die Tiere mehr Verstand haben -als die Menschen. Denn Ihr müßt wissen, Señor Juan, -unsere beiden Eselinnen haben sich erkannt und sich begrüßt, -während mein Lucas und ich uns weder begrüßt, -noch erkannt haben.«</p> - -<p>»Das ist mir ein schöner Lucas, Ihr Lucas,« erwiderte -der Alkalde. »Nun, wir werden ja gleich unterwegs sein -und bald zu beschließen haben, was mit euch allen zu -machen ist. Mit mir könnt Ihr aber nicht spielen! Ich -bin der König! Aber nicht ein König, wie wir ihn in -Madrid haben, oder im Prado, sondern wie der einst in -Sevilla, den sie Pedro den Grausamen nannten. Du, -Manuela! bring mir den Stock und sage deiner Frau, -daß ich fortgehe.«</p> - -<p class="pmb3">Die Magd, die eigentlich hübscher war, als es sich für -die Alkaldin und die Moral schickte, gehorchte, und da das -Maultier des Herrn Juan Lopez gesattelt war, so machten -sich die Seña Frasquita und er, von dem unvermeidlichen -Toñuelo gefolgt, auf den Weg nach der Mühle.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_76">[S. 76]</a></span></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>25.<br /><br /> - -Garduña's Stern.</h2> - - -<p>Wir wollen ihnen vorauseilen, da wir ja Vollmacht -haben, schneller als irgend ein anderer zu gehen.</p> - -<p>Garduña, der die Seña Frasquita in allen Straßen -der Stadt gesucht hatte, befand sich bereits auf dem Rückwege -nach der Mühle.</p> - -<p>Der schlaue Alguacil war auf dem Wege im Hause -des Corregidors gewesen, wo er alles sehr ruhig gefunden -hatte. Die Thüren waren ebenso geschlossen, wie mitten -am Tage, wie es Gebrauch zu sein pflegt, wenn die Obrigkeit -ihre geheiligten Pflichten außerhalb vollzieht. Auf -dem Treppenabsatz und im Vorsaal schliefen andere Alguacilen -und Beamte, die ruhig ihren Herrn erwarteten; -als sie aber Garduña hörten, wachten einige von ihnen -auf und fragten ihn, der ihr Haupt und Vorgesetzter war:</p> - -<p>»Kommt der Herr schon?«</p> - -<p>»Nicht im Entferntesten! Bleibt nur ganz ruhig. Ich -will nur wissen, ob irgend etwas vorgefallen ist.«</p> - -<p>»Nichts.«</p> - -<p>»Und die Señora?«</p> - -<p>»Schläft in ihren Zimmern.«</p> - -<p>»Ist nicht vor kurzem eine Frau durch diese Thüren -gekommen?«</p> - -<p>»In der ganzen Nacht ist niemand vorübergekommen.«</p> - -<p>»Nun, so laßt auch niemand eindringen, wer es auch -sei und was er auch sagen möge. Im Gegenteil! Legt -sogar Hände an den Morgenstern, wenn er etwa kommen -und sich nach dem Herrn oder der Frau erkundigen sollte, -und führt ihn ins Gefängnis.«</p> - -<p>»Es scheint, daß Ihr heute auf der Jagd nach besonderen -Vögeln seid,« fragte einer von den Häschern.</p> - -<p>»Auf Edelwild,« fügte ein anderer hinzu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[S. 77]</a></span></p> - -<p>»Auf das edelste,« fügte Garduña feierlich hinzu. »Denkt -doch nur, wenn der Herr Corregidor und ich selbst die -Treiber machen. Also, auf Wiedersehen, und paßt gut auf!«</p> - -<p>»Gehen Sie mit Gott, Herr Bastian,« antworteten -alle und grüßten Garduña.</p> - -<p>»Mein Stern geht unter,« murmelte dieser beim Hinausgehen. -»Sogar die Frauen täuschen mich. Die Müllerin -geht nach dem Dorfe zu ihrem Manne, statt nach -der Stadt zu kommen... Armer Garduña, was ist aus -deiner Spürnase geworden?«</p> - -<p>Und so sprechend, machte er sich wieder auf den Rückweg -nach der Mühle.</p> - -<p>Wohl hatte der Alguacil recht, wenn er seinen alten -Spürsinn vermißte, denn auch einen Mann übersah er, -der sich in jenem Augenblicke hinter einigen in der Nähe -der Stadt befindlichen Weiden versteckte und in den Bart -oder vielmehr in seinen roten Mantel murmelte:</p> - -<p>»Aufgepaßt, Pablo! Da kommt Garduña! Er darf -mich nicht sehen.«</p> - -<p>Es war Tio Lucas, als Corregidor gekleidet, der sich -der Stadt zuwendete und von Zeit zu Zeit seine diabolische -Phrase wiederholte:</p> - -<p>»Auch die Corregidora ist reizend!«</p> - -<p>Ohne ihn zu sehen ging Garduña vorüber, und der -falsche Corregidor verließ sein Versteck und verschwand -im Orte.</p> - -<p class="pmb3">Kurz darauf kam der Alguacil bei der Mühle an, wie -wir schon angedeutet haben.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>26.<br /><br /> - -Reaktion.</h2> - - -<p>Genau so, wie Tio Lucas ihn durch das Schlüsselloch -gesehen hatte, verharrte auch jetzt noch der Corregidor -im Bett.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_78">[S. 78]</a></span></p> - -<p>»Wie gut ich schwitze, Garduña! Ich habe mich dadurch -vor einer Krankheit geschützt!« rief er aus, als er den -Alguacil ins Zimmer treten sah. »Und die Seña Frasquita? -Hast du sie angetroffen? Begleitet sie dich? Hast -du mit der Herrin gesprochen?«</p> - -<p>»Die Müllerin, gnädiger Herr,« antwortete Garduña -mit gedrückter Stimme, »hat mich armen Mann getäuscht -und ist nicht nach der Stadt gegangen, sondern nach dem -Dorf, um ihren Mann aufzusuchen. — Verzeihen mir -Euer Gnaden die Dummheit...«</p> - -<p>»Um so besser, um so besser!« sagte der Madrileñer -mit vor Bosheit funkelnden Augen. »Dann sind wir gerettet. -Noch bevor es tagt, sollen Tio Lucas und die -Seña Frasquita, aneinander gekettet, in den Kerker der -Inquisition wandern, und dort sollen sie verfaulen, ohne -irgend jemand die Abenteuer dieser Nacht zu erzählen. — -Bringe mir meine Kleider, Garduña, denn sie müssen schon -trocken sein. Bringe sie mir und zieh mich an. Der Liebhaber -wird sich jetzt in den Corregidor verwandeln.«</p> - -<p class="pmb3">Garduña ging in die Küche hinunter, um die Kleider -zu holen. —</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>27.<br /><br /> - -Im Namen des Königs.</h2> - - -<p>Inzwischen hatten sich die Seña Frasquita, Señor Juan -Lopez und Toñuelo der Mühle genähert und kamen wenige -Minuten darauf in derselben an.</p> - -<p>»Ich werde vorausgehen,« rief der Dorfschulze aus. -»Zu was bin ich denn die Autorität? Folge mir, Toñuelo, -und Ihr, Seña Frasquita, wartet an der Thüre, -bis ich Euch rufe.«</p> - -<p>Also ging der Señor Juan Lopez unter die Weinlaube, -wo er beim Mondschein einen fast buckligen, wie -den Müller gekleideten Mann bemerkte, mit Jacke und -Beinkleid von braunem Tuch, schwarzer Binde, blauen - <span class="pagenum"><a id="Page_79">[S. 79]</a></span> -Strümpfen, der murcianischen Felbelmütze und dem Mantel -auf der Schulter.</p> - -<p>»Das ist er!« schrie der Alkalde. »Im Namen des -Königs! Ergebt Euch, Tio Lucas!«</p> - -<p>Der Mann mit der Jagdmütze wollte sich nach der Mühle zurückwenden.</p> - -<p>»Halt!« rief nun Toñuelo, indem er sich auf ihn stürzte, -am Halse packte, ihm mit dem Knie einen Stoß ins Rückgrat -versetzte und ihn so zur Erde riß.</p> - -<p>Zugleich aber warf sich eine Art von wildem Tier -auf Toñuelo, und indem es ihn um den Leib faßte, zog -es ihn auf das Steinpflaster und fing an, ihn zu ohrfeigen.</p> - -<p>Es war die Seña Frasquita, die nun ausrief: »Landstreicher! -Laß meinen Lucas los!«</p> - -<p>Aber in diesem Augenblicke warf sich eine Person, die -soeben, einen Esel am Halfter führend, erschienen war, entschlossen -zwischen die beiden und versuchte Toñuelo zu -retten...</p> - -<p>Garduña war es, der den Alguacil des Dorfes für -Don Eugenio de Zuñiga hielt und zu der Müllerin sagte:</p> - -<p>»Señora, haben Sie Achtung vor meinem Herrn!«</p> - -<p>Und rücklings warf er sie auf den Alkalden.</p> - -<p>Als die Seña Frasquita sich auf diese Weise zwischen -zwei Feuern befand, versetzte sie Garduña einen solchen -Stoß vor den Magen, daß er so lang wie er war auf -den Boden fiel.</p> - -<p>Mit ihm waren es nun schon vier Personen, die sich -auf der Erde herumwälzten.</p> - -<p>Inzwischen verhinderte Juan Lopez den mutmaßlichen -Tio Lucas am Aufstehen, indem er ihm einen Fuß auf -die Nierengegend pflanzte.</p> - -<p>»Garduña! Zu Hilfe! Im Namen des Königs! Ich -bin der Corregidor!« schrie endlich dieser letztere, als er -fühlte, daß die mit Stierhaut bekleidete Pfote des Alkalden -ihn buchstäblich zermalte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_80">[S. 80]</a></span></p> - -<p>»Der Corregidor? Das ist aber auch wahr!« sagte -Señor Juan Lopez ganz erstaunt.</p> - -<p>»Der Corregidor!« wiederholten alle.</p> - -<p>Und schnell waren alle Niedergeworfenen auf den Füßen.</p> - -<p>»Alle ins Gefängnis!« rief Don Eugenio de Zuñiga.</p> - -<p>»Alle an den Galgen!«</p> - -<p>»Aber, Herr,« warf Señor Juan Lopez ein und kniete -vor ihm nieder. »Verzeihen mir Euer Gnaden, daß ich -Sie gemißhandelt habe. Wie konnte ich nur Euer Gnaden -unter dieser gewöhnlichen Kleidung vermuten?«</p> - -<p>»Barbar!« erwiderte der Corregidor. »Etwas mußte -ich doch anziehen! Weißt du nicht, daß man mir meine -Sachen geraubt hat? Weißt du nicht, daß eine Räuberbande, -die Tio Lucas befehligt...«</p> - -<p>»Sie lügen!« rief die Navarresin.</p> - -<p>»Hört einmal, Seña Frasquita,« sagte Garduña zu -ihr und rief sie beiseite. »Mit der Erlaubnis des Herrn -Corregidors und der ganzen Gesellschaft. Wenn Ihr die -Geschichte nicht in Ordnung bringt, dann werden wir alle -aufgehängt, und Tio Lucas zuerst.«</p> - -<p>»Ja, was ist denn geschehen?« fragte Seña Frasquita.</p> - -<p>»Tio Lucas geht zu dieser Stunde als Corregidor verkleidet -in der Stadt umher... und weiß Gott, ob er -nicht in dieser Verkleidung sogar bis in das Schlafzimmer -der Corregidora gedrungen ist.«</p> - -<p>Und in wenigen Worten erzählte ihr der Alguacil das -uns bereits Bekannte.</p> - -<p>»Jesus!« rief die Müllerin aus. »So hält mich mein -Mann also für entehrt! So ist er also in die Stadt gegangen, -um sich zu rächen! Vorwärts, vorwärts, laßt -uns in die Stadt gehen und rechtfertigt mich in den Augen -meines Lucas!«</p> - -<p>»Wir wollen in die Stadt gehen und verhindern, daß -dieser Mann meiner Frau all die eingebildeten Dummheiten -wiedererzählt,« sagte der Corregidor und schritt - <span class="pagenum"><a id="Page_81">[S. 81]</a></span> -auf eine der Eselinnen zu. »Helft mir ein wenig beim -Aufsteigen, Señor Alkalde.«</p> - -<p>»Ja, wir wollen nach der Stadt gehen,« fügte Garduña -hinzu, »und gebe der Himmel, Herr Corregidor, daß -Tio Lucas sich begnügt hat, mit der Herrin zu sprechen.«</p> - -<p>»Was sagst du, Unglücklicher?« brach Don Eugenio de -Zuñiga aus. »Glaubst du, daß er fähig wäre...«</p> - -<p class="pmb3">»Zu allem!« antwortete Seña Frasquita.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>28.<br /><br /> - -<span class="antiqua">Ave Maria purísima! Las doce y media, y sereno!<a id="FNanchor_8_8"></a><a href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a></span></h2> - - -<p>So rief durch die Straßen der Stadt derjenige, welcher -dazu berechtigt war, als die Müllerin und der Corregidor, -jedes auf einem Mülleresel, der Señor Juan Lopez auf -seinem Maultier, die beiden Alguacilen zu Fuß, an der -Hausthür des Corregidors ankamen.</p> - -<p>Die Thüre war geschlossen.</p> - -<p>Man konnte sagen, daß für jenen Tag sowohl für die -Regierung wie für die Regierten alles zu Ende war.</p> - -<p>»Schlimm das!« dachte Garduña.</p> - -<p>Er klopfte zwei- oder dreimal mit dem Klopfer an die -Thüre.</p> - -<p>Eine kleine Weile verging, die Thüre wurde nicht geöffnet, -niemand antwortete.</p> - -<p>Die Seña Frasquita war bleich wie Wachs.</p> - -<p>Der Corregidor hatte schon alle Nägel von beiden Händen -abgebissen.</p> - -<p>Niemand sagte ein Wort.</p> - -<p>Bum... Bum... Bum... Schläge und wieder -Schläge an die Thüre der Wohnung, welche die beiden -Alguacilen und Señor Juan Lopez nach einander verabfolgten. -Und nichts, niemand antwortete, niemand öffnete -die Thüre. Nicht eine Fliege rührte sich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_82">[S. 82]</a></span></p> - -<p>Nur das leise Plätschern eines Röhrbrunnens auf dem -Hofe des Hauses drang zu ihnen herüber.</p> - -<p>So verflossen Minuten, wie Ewigkeiten so lang. Endlich, -gegen ein Uhr, wurde im zweiten Stockwerk ein Fenster -geöffnet und eine weibliche Stimme fragte:</p> - -<p>»Wer ist da?«</p> - -<p>»Das ist die Stimme der Amme,« murmelte Garduña.</p> - -<p>»Ich!« antwortete Don Eugenio de Zuñiga. »Öffnet.«</p> - -<p>Ein Augenblick des Stillschweigens trat ein.</p> - -<p>»Und wer sind Sie?« entgegnete die Amme.</p> - -<p>»Nun, hörst du es denn nicht? Ich bin es, der Herr -... der Corregidor!« —</p> - -<p>Eine zweite Pause.</p> - -<p>»Geht mit Gott!« antwortete die gute Frau. »Mein -Herr ist vor etwa einer Stunde nach Hause gekommen -und hat sich gleich niedergelegt. Legt Euch auch nur ins -Bett und schlaft den Rausch aus, den Ihr im Kopfe habt.«</p> - -<p>Und knallend schloß sich das Fenster.</p> - -<p>Die Seña Frasquita bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.</p> - -<p>»Amme!« donnerte der Corregidor außer sich. »Hört -Ihr nicht, daß ich Euch sage, Ihr sollt die Thüre öffnen? -Hört Ihr nicht, daß ich es bin? Wollt Ihr, daß ich Euch -auch aufhänge?«</p> - -<p>Das Fenster öffnete sich von neuem.</p> - -<p>»Aber was soll denn das heißen?« sprach die Amme. -»Wer seid Ihr, daß Ihr so schreit?«</p> - -<p>»Ich bin der Corregidor!«</p> - -<p>»O, ich bin nicht so dumm! Habe ich Euch nicht gesagt, -daß der Herr Corregidor schon vor zwölf Uhr nach -Hause gekommen ist? Ich habe es doch mit meinen eigenen -Augen gesehen, wie er in das Zimmer der Herrin -gegangen ist... Ihr wollt Euch nur über mich lustig - <span class="pagenum"><a id="Page_83">[S. 83]</a></span> -machen... Aber wartet, Ihr sollt schon sehen, was Euch -beschert wird.«</p> - -<p>Und plötzlich öffnete sich die Thüre, und eine Wolke -von Dienern und Angestellten, mit großen Knüppeln bewaffnet, -stürzte sich auf die Draußenstehenden, und wütende -Rufe erschallten:</p> - -<p>»Wo ist der, welcher sich Corregidor nennt? Wo ist -der Tölpel? Wo ist der Trunkenbold?«</p> - -<p>Und in der Dunkelheit entspann sich ein solcher Kampf, -ein so lauter Lärm, daß keiner den Andern verstehen konnte, -und daß sowohl der Corregidor, wie Garduña, Señor Juan -Lopez und Toñuelo nicht ohne Schläge ausgingen.</p> - -<p>Das war schon die zweite Tracht Prügel, welche das -Abenteuer jener Nacht Don Eugenio eingetragen hatte, -außer dem Bade im Mühlgraben.</p> - -<p>In geringer Entfernung von jenem Labyrinth weinte -die Seña Frasquita zum erstenmale in ihrem Leben.</p> - -<p class="pmb3">»Lucas, Lucas!« sagte sie. »Und du hast an mir zweifeln -können. Und hast eine andere in deine Arme schließen -können... Ach! unser Unglück ist grenzenlos!«</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>29.<br /><br /> - -Nach dem Gewölk... Reveille.</h2> - - -<p>»Was hat dieser Lärm zu bedeuten?« sagte endlich eine -ruhige, majestätische Stimme von angenehmer Klangfarbe, -den Höllenlärm übertönend.</p> - -<p>Alle erhoben die Köpfe und sahen eine schwarzgekleidete -Dame auf dem Hauptbalcon des Hauses.</p> - -<p>»Die Señora!« sagten die Dienstleute und unterbrachen -ihre Prügelretraite.</p> - -<p>»Meine Frau!« stotterte Don Eugenio.</p> - -<p>»Laßt diese Herren eintreten... Der Herr Corregidor -sagt, daß er es erlaubt,« fügte die Corregidora hinzu.</p> - -<p>Die Diener gaben den Weg frei, und der Señor de - <span class="pagenum"><a id="Page_84">[S. 84]</a></span> -Zuñiga und seine Begleiter traten in das Portal und stiegen -die Treppe hinauf.</p> - -<p>Wohl nie ist ein Verbrecher mit so unsicherm Schritte -und so entstellten Zügen zur Richtstätte gegangen, wie der -Corregidor, als er die Treppe seines Hauses hinaufging. -Und doch fing schon der Gedanke an seine Schande an mit -edler Selbstsucht all das durch ihn veranlaßte und ihn -drückende Unrecht zu überragen und die ganze Lächerlichkeit -seiner Lage mit dem Schleier der Vergessenheit zu umhüllen.</p> - -<p class="pmb3">»Vor allen Dingen,« dachte er, »bin ich ein Zuñiga -und ein Ponce de Leon! Wehe denen, die es vergessen -haben. Wehe meiner Frau, wenn sie meinen Namen befleckt -hat!«...</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>30.<br /><br /> - -Eine Dame von Stande.</h2> - - -<p>Die Corregidora empfing ihren Gatten und seine ländlichen -Begleiter im großen Saale des Amtsgebäudes.</p> - -<p>Sie war allein, stand aufrecht, und ihre Augen waren -fest auf die Thür gerichtet.</p> - -<p>Es war eine Dame aus vornehmem Hause, noch ziemlich -jung, von einer ruhigen, strengen Schönheit, mehr geeignet -für den christlichen Pinsel, als für den ungläubigen -Meißel, die mit der ganzen Vornehmheit und Ernsthaftigkeit -jener Epoche gekleidet war. Ihr Kleid mit kurzem, -engem Rock und bauschigen, hochstehenden Ärmeln war von -schwarzem Bombasin, ein Tuch von weißen, etwas gelblichen -Blonden verhüllte ihre bewundernswerten Schultern, -und lange Handschuhe von schwarzem Tüll bedeckten ihre -alabasterweißen Arme. Majestätisch wehte sie sich mit einem -ungeheuren Fächer von den Philippinen Kühlung zu, und -in der anderen Hand hielt sie ein Spitzentuch, dessen vier -Ecken symmetrisch mit einer Regelmäßigkeit herunterhingen, -die sich nur mit ihrer ganzen Haltung und jeder ihrer geringsten -Bewegungen vergleichen ließ.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_85">[S. 85]</a></span></p> - -<p>Die schöne Frau hatte etwas von einer Königin, mehr -aber noch von einer Äbtissin in ihrer Erscheinung und flößte -allen, die sie sahen, Verehrung und Furcht ein. Übrigens -bewiesen der sorgfältige Anzug zu so ungewöhnlicher Stunde, -der Ernst ihres Antlitzes und die vielen im Salon angezündeten -Lichter, daß die Corregidora bemüht gewesen war, -jener Scene eine theatralische Feierlichkeit und zeremonielle -Färbung zu geben, welche mit dem rohen Abenteuer ihres -Mannes um so schärfer kontrastierten.</p> - -<p>Schließlich wollen wir noch hinzufügen, daß jene Dame -Doña Mercedes Carrillo de Albornoz y Espinosa de los -Monteros hieß und Tochter, Enkelin, Urenkelin, Ururenkelin, -ja Enkelin im zwanzigsten Grade der Stadt war, als -Sprößling von deren berühmten Conquistadoren. Ihre -Familie hatte sie aus weltlicher Eitelkeit mit dem alten, -begüterten Corregidor verheiratet, und sie, die sonst Nonne -geworden wäre, weil eine innere Stimme sie dem Kloster -zuführte, willigte in jenes schmerzbringende Opfer.</p> - -<p>Zur Zeit hatte sie zwei Sprößlinge von dem verwegenen -Madrileñer, und man munkelte, daß wieder »Mauren an -der Küste zu sehen wären.«</p> - -<p class="pmb3">Und damit wollen wir wieder zu unserer Geschichte zurückkehren.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>31.<br /><br /> - -Die Strafe der Wiedervergeltung.</h2> - - -<p>»Mercedes!« rief der Corregidor aus, als er vor seiner -Frau erschien, »ich muß sofort wissen...«</p> - -<p>»Oho, Tio Lucas, Ihr hier?« sagte die Corregidora, -ihn unterbrechend. »Ist ein Unglück in der Mühle geschehen?«</p> - -<p>»Señora, ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt,« sagte -der Corregidor wütend. »Bevor ich von meiner Seite irgend -welche Erklärung abgebe, muß ich erst wissen, was -aus meiner Ehre geworden ist.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[S. 86]</a></span></p> - -<p>»Was geht das mich an? Habt Ihr sie mir vielleicht -in Verwahrung gegeben?«</p> - -<p>»Ja, Señora! Ihnen,« entgegnete Don Eugenio. -»Die Frauen sind die Bewahrerinnen der Ehre ihrer Gatten.«</p> - -<p>»Dann fragt doch Eure Frau danach... Da steht sie -ja gerade und hört uns.«</p> - -<p>Seña Frasquita, welche an der Saalthüre stehen geblieben -war, stieß eine Art von Gebrüll aus.</p> - -<p>»Kommen Sie näher, Señora, und setzen Sie sich,« -fügte die Corregidora hinzu, indem sie sich mit erhabener -Würde an die Seña Frasquita wendete.</p> - -<p>Sie selbst schritt auf das Sofa zu.</p> - -<p>Die hochherzige Navarresin begriff sofort die ganze -Größe in der Haltung der beleidigten und vielleicht doppelt -beleidigten Gattin. Darum erhob sie sich im Augenblick -zu gleicher Höhe, beherrschte ihre natürlichen Triebe und -bewahrte ein anständiges Stillschweigen. Und glaubt nur -nicht etwa, daß die Seña Frasquita in all ihrer Unschuld -und Kraft Eile gehabt hätte, sich zu verteidigen... Große -Eile hatte sie anzuklagen, sehr große... aber gewiß nicht -die Corregidora. Mit wem sie ein Hühnchen zu pflücken -hatte, das war mit dem Tio Lucas, und Tio Lucas war -nicht dort.</p> - -<p>»Seña Frasquita,« wiederholte die edle Frau, als sie -sah, daß die Müllerin sich nicht von der Stelle gerührt -hatte, »ich habe Ihnen gesagt, daß Sie näher kommen -und sich setzen sollen.«</p> - -<p>Diese zweite Aufforderung wurde mit noch herzlicherer -und gefühlvollerer Stimme ausgesprochen, als die erste. -Fast konnte man sagen, daß die Corregidora beim Anblick -des ruhigen Antlitzes und der männlichen Schönheit jener -Frau instinktiv erraten hatte, daß sie es nicht mit einem gewöhnlichen, -verächtlichen Wesen, vielmehr mit einer anderen -Unglücklichen zu thun hatte... unglücklich, ja, um der einzigen -Thatsache willen, daß sie den Corregidor kennen gelernt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_87">[S. 87]</a></span></p> - -<p>Darum tauschten die beiden Frauen, welche sich für -doppelte Nebenbuhlerinnen hielten, verschiedene Blicke des -Friedens und der Nachsicht aus und bemerkten zu ihrem -größten Erstaunen, daß ihre Seelen Gefallen aneinander -fanden, wie zwei Schwestern, die sich erkennen.</p> - -<p>Auf dieselbe Weise erkennen und grüßen sich von fern -die weißen Schneefelder auf den umhüllten Bergen.</p> - -<p>Als diese sanften Empfindungen sie durchdrangen, trat -die Müllerin ein und setzte sich auf den äußersten Rand -eines Stuhles.</p> - -<p>Da sie in der Mühle vorausgesehen hatte, daß sie in -der Stadt vielleicht wichtige Besuche zu machen haben würde, -so hatte sie ihre Kleider ein wenig geordnet und eine schwarze -Flanellmantille mit großen Fransen übergeschlagen, die ihr -wundervoll stand. Sie sah ganz wie eine Dame aus.</p> - -<p>Der Corregidor dagegen hatte während dieser Episode -vollständiges Stillschweigen beobachtet. Das Gebrüll der -Seña Frasquita und ihr Erscheinen auf dem Schauplatze -hatten ihn natürlich erschreckt. Jene Frau verursachte ihm -jetzt mehr Entsetzen, als seine eigene.</p> - -<p>»Nun also, Tio Lucas,« fuhr Doña Mercedes fort und -wandte sich an ihren Gatten. »Hier ist die Seña Frasquita. -Ihr könnt jetzt Euer Verlangen wiederholen.«</p> - -<p>»Mercedes! um der Nägel Christi willen!« rief der -Corregidor, »du weißt nicht, wessen ich fähig bin. Von -neuem beschwöre ich dich, laß den Scherz beiseite und erzähle -mir alles, was während meiner Abwesenheit vorgefallen -ist. Wo ist dieser Mann?«</p> - -<p>»Wer? Mein Gatte? Mein Mann ist eben im Begriff -aufzustehen und wird wohl nicht mehr lange zögern.«</p> - -<p>»Aufzustehen?« heulte Don Eugenio.</p> - -<p>»Ihr wundert Euch darüber? Nun, wo sollte ein anständiger -Mann denn zu dieser Stunde sein, wenn nicht -in seinem Hause, in seinem Bett und an der Seite seiner -rechtmäßigen Gattin, wie Gott es befiehlt?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_88">[S. 88]</a></span></p> - -<p>»Mercedes! Paß auf, was du sagst. Denke daran, -daß man uns hört... Denke daran, daß ich der Corregidor -bin!«</p> - -<p>»Wenn Ihr auf diese Weise anfangt, Tio Lucas, so -werde ich nach den Alguacilen schicken, damit sie Euch ins -Gefängnis abführen,« entgegnete die Corregidora und -stand auf.</p> - -<p>»Ich ins Gefängnis? Ich? Der Corregidor der Stadt?«</p> - -<p>»Der Corregidor der Stadt, der Vertreter der Gerechtigkeit, -der Bevollmächtigte des Königs,« antwortete die -hohe Dame mit einer Strenge und Energie, welche die -Stimme des angeblichen Müllers vollständig erstickten, »kam -zur schicklichen Stunde nach Hause, um von den edlen -Aufgaben seines Amtes auszuruhen und morgen fortzufahren, -die Ehre und das Leben der Bürger zu schützen, -die Heiligkeit des Herdes und die Sittsamkeit der Frauen -zu schirmen und zu verhindern, daß irgend jemand als -Corregidor oder in anderer Weise verkleidet in das Schlafgemach -einer fremden Frau eintrete, damit niemand die -Tugend in ihrer sorglosen Ruhe überraschen könne, niemand -ihren keuschen Schlaf mißbrauchen...«</p> - -<p>»Merceditas! Was sagst du da?« zischte der Corregidor -zwischen Lippen und Gaumen. »Wenn es wahr ist, daß -dies in meinem Hause vorgekommen ist, so sage ich dir, -daß du eine Treulose, eine sittenlose Person bist.«</p> - -<p>»Mit wem spricht dieser Mensch?« unterbrach ihn die -Corregidora verächtlich und ließ ihren Blick über die Umstehenden -schweifen. »Wer ist der Wahnsinnige? Wer ist -der Betrunkene? Kaum kann ich noch glauben, daß Ihr -ein ehrlicher, anständiger Müller wie der Tio Lucas seid, -trotzdem Ihr sein ländliches Kleid tragt. — Señor Juan -Lopez, wißt,« fuhr sie fort, indem sie dem vernichteten Dorfschulzen -ins Gesicht sah, »daß mein Mann, der Corregidor -der Stadt, vor zwei Stunden nach Hause gekommen ist, -mit seinem Dreispitz, seinem roten Mantel, seinem Kavaliersdegen - <span class="pagenum"><a id="Page_89">[S. 89]</a></span> -und seinem Amtsstock... Die hier gegenwärtigen -Dienstboten und Alguacilen sind aufgestanden und -haben ihn gegrüßt, als sie ihn durchs Portal kommen, -die Treppe hinauf und durchs Empfangszimmer schreiten -sahen. Dann haben sie die Thüren geschlossen, und seit -der Zeit ist niemand in meine Wohnung eingetreten, bis -Sie ankamen. Ist das wahr? Antwortet ihr...«</p> - -<p>»Es ist wahr, es ist sehr wahr,« antworteten die Amme, -die Diener und die Polizeidiener, die alle, an der Salonthür -gruppiert, jener eigentümlichen Scene beiwohnten.</p> - -<p>»Hinaus mit euch allen!« rief Don Eugenio wutschnaubend. -»Garduña! Garduña! Komm und nimm diese -Elenden, die den Respekt vergessen, gefangen. Alle ins -Gefängnis! Alle an den Galgen!«</p> - -<p>Garduña war nirgends zu sehen.</p> - -<p>»Übrigens, Señor,« fuhr Doña Mercedes fort, indem -sie den Ton änderte und ihren Mann anzusehen und ihn -als solchen zu behandeln geruhte, da sie fürchtete, der Scherz -könnte vielleicht zu unheilbaren Resultaten führen, »nehmen -wir einmal an, daß Sie Don Eugenio de Zuñiga y Ponce -de Leon wären...«</p> - -<p>»Ich bin es!«</p> - -<p>»Nehmen wir einmal an, daß mich einige Schuld träfe, -weil ich einen Mann, der als Corregidor gekleidet in mein -Schlafzimmer drang, für Sie gehalten habe...«</p> - -<p>»Infame Canaille!« schrie der Alte, griff mit der Hand -nach dem Degen und fand nur den leeren Platz und die -Binde des murcianischen Müllers.</p> - -<p>Die Navarresin bedeckte mit einem Zipfel ihrer Mantille -ihr Gesicht, um die Flammen der Eifersucht zu verbergen.</p> - -<p>»Nehmen wir alles das an, was Sie wollen,« fuhr -Doña Mercedes mit einem unerklärlichen Gleichmut fort. -»So sagen Sie mir doch erst eins, mein Herr! Hätten -Sie ein Recht, sich zu beklagen? Könnten Sie mich als - <span class="pagenum"><a id="Page_90">[S. 90]</a></span> -Richter verurteilen? Kommen Sie vielleicht aus der Predigt? -Kommen Sie vielleicht aus der Beichte? Kommen -Sie aus der Messe? Oder woher kommen Sie mit diesem -Anzuge? Woher kommen Sie mit dieser Frau? Wo -haben Sie die Hälfte der Nacht zugebracht?«</p> - -<p>»Mit Verlaub...« rief die Seña Frasquita aus und -stand, wie von einer Feder emporgeschnellt, auf und trat -keck zwischen die Corregidora und deren Gatten.</p> - -<p>Dieser war im Begriff zu sprechen, blieb aber mit -offenem Munde stehen, als er sah, daß die Navarresin ins -Feuer trat.</p> - -<p>Aber Doña Mercedes kam ihr zuvor und sagte:</p> - -<p>»Señor, bemühen Sie sich nicht, mir Erklärungen zu -geben. Ich verlange sie durchaus nicht von Ihnen. Hier -kommt derjenige, der das Recht hat, sie von Ihnen zu -fordern. Verständigen Sie sich mit ihm.«</p> - -<p class="pmb3">Zugleich öffnete sie die Thür eines Kabinetts, und in -ihr erschien Tio Lucas, vom Kopf bis zu den Füßen als -Corregidor gekleidet, mit Stock, Handschuhen und Degen, -wie er in den Ratssaal zu treten pflegte.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>32.<br /><br /> - -Der Glaube versetzt Berge.</h2> - - -<p>»Ich wünsche Ihnen allen einen guten Abend,« sprach -der zuletzt Angekommene, nahm den Dreispitz ab und sprach -mit zusammengefallenem Munde, wie Don Eugenio de -Zuñiga.</p> - -<p>Dann durchschritt er, sich nach allen Seiten wiegend, -den Saal und küßte die Hand der Corregidora.</p> - -<p>Alle standen starr vor Erstaunen. Die Ähnlichkeit des -Tio Lucas mit dem wirklichen Corregidor grenzte ans -Wunderbare.</p> - -<p>Darum konnten auch die Dienerschaft und sogar Señor -Juan Lopez ein Gelächter nicht zurückhalten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_91">[S. 91]</a></span></p> - -<p>Don Eugenio fühlte diese neue Herabwürdigung und -stürzte sich wie ein Basilisk auf Tio Lucas.</p> - -<p>Aber Seña Frasquita war schneller als er und entfernte -den Corregidor mit ihrem eisernen Arm; und Seine -Gnaden, im Andenken an einen andern Purzelbaum und -das darauffolgende Hautabschürfen, ließ sich zurückwerfen, -ohne auch nur einen Laut auszustoßen. Augenscheinlich war -jene Frau von Geburt an dazu bestimmt, den armen Alten -in Schach zu halten.</p> - -<p>Tio Lucas wurde bleicher als der Tod, als er sah, daß -seine Frau sich ihm näherte; aber er beherrschte sich gleich, -und mit einem schrecklichen Lachen, so daß er die Hand -aufs Herz legen mußte, weil es ihm zu springen drohte, -sagte er, immer noch den Corregidor nachahmend:</p> - -<p>»Gott behüte dich, Frasquita! Hast du deinem Neffen -schon die Ernennung geschickt?«</p> - -<p>Da hättet Ihr die Navarresin sehen müssen! Sie warf -ihre Mantille zurück, erhob das Haupt mit dem Stolz -einer Löwin, und ihre Augen wie zwei Dolche in die des -falschen Corregidors versenkend, sagte sie ihm gerade ins -Gesicht:</p> - -<p>»Ich verachte dich, Lucas!«</p> - -<p>Alle glaubten, daß sie ihn angespien hätte, solch eine -Geste, solch eine Bewegung, solch ein Ton der Stimme -begleiteten jene Worte.</p> - -<p>Das Gesicht des Müllers verklärte sich, als er die -Stimme seiner Frau hörte. Eine Art von Inspiration, -wie die des religiösen Glaubens, war in seine Seele gedrungen -und überflutete sie mit Licht und Freude. Und -einen Augenblick vergaß er, was er in der Mühle gesehen -und zu sehen geglaubt hatte und rief mit Thränen in den -Augen und vollster Aufrichtung in der Stimme aus:</p> - -<p>»Also bist du noch meine Frasquita?«</p> - -<p>»Nein,« antwortete die Navarresin außer sich. »Jetzt -bin ich deine Frasquita nicht mehr! Ich bin... Befrage - <span class="pagenum"><a id="Page_92">[S. 92]</a></span> -deine Heldenthaten dieser Nacht, und sie werden dir sagen, -was du mit diesem Herzen gemacht hast, das dich -so geliebt.«</p> - -<p>Und wie ein sinkender Eisberg, der anfängt zu schmelzen, -begann sie zu weinen.</p> - -<p>Die Corregidora konnte sich nicht enthalten, auf sie zuzugehen -und sie mit herzlichster Freundlichkeit in ihre Arme -zu schließen.</p> - -<p>Und ohne recht zu wissen, was sie that, fing die Seña -Frasquita an, sie zu küssen und sagte, schluchzend wie ein -Kind, das Schutz bei seiner Mutter sucht:</p> - -<p>»Señora, Señora, wie unglücklich bin ich!«</p> - -<p>»Nicht so sehr, wie Sie glauben,« antwortete die Corregidora, -die auch großmütig weinte.</p> - -<p>»Ja, ich bin sehr unglücklich,« seufzte Tio Lucas und -kämpfte mit seinen Thränen, wie wenn er sich schämte, sie -zu vergießen.</p> - -<p>»Nun, und ich?« brach schließlich Don Eugenio los, -der sich durch das ansteckende Weinen der Übrigen erweicht -fühlte, oder sich auf dem feuchten Wege, ich meine auf dem -Wege des Weinens, zu retten hoffte. »Ach, ich bin ein -Schelm, ein Ungeheuer, ein leichtsinniger Mensch, der seinen -Lohn empfangen hat!«</p> - -<p>Und traurig fing er an zu blöken, indem er den Leib -des Señor Juan Lopez liebend umschlang.</p> - -<p class="pmb3">Dieser und die Dienstboten weinten gleichfalls, alles -schien zu Ende zu sein, und doch hatte sich niemand erklärt.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>33.<br /><br /> - -Nun, und du?</h2> - - -<p>Tio Lucas war der erste, der endlich in diesem Thränenmeer -wieder flott wurde, weil er anfing, sich dessen zu -erinnern, was er durchs Schlüsselloch gesehen.</p> - -<p>»Señores, lassen Sie uns jetzt abrechnen,« sagte er.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_93">[S. 93]</a></span></p> - -<p>»Hier giebt es nichts abzurechnen, Tio Lucas,« rief die -Corregidora aus. »Eure Frau ist eine Heilige.«</p> - -<p>»Gut... ja... aber...«</p> - -<p>»Nichts von aber. Laßt sie sprechen, und Ihr werdet -sehen, wie sie sich rechtfertigen wird. Sowie ich sie sah, -sagte es mir das Herz, daß sie eine Heilige sei, trotz alledem, -was Ihr mir erzählt hattet.«</p> - -<p>»Gut, so mag sie sprechen!« sagte Tio Lucas.</p> - -<p>»Ich spreche nicht,« antwortete die Müllerin. »Du mußt -zuerst sprechen. Denn die Wahrheit ist, daß du...«</p> - -<p>Und die Seña Frasquita sagte nichts mehr, aus unbesiegbarer -Achtung vor der Corregidora.</p> - -<p>»Nun, und du?« antwortete Tio Lucas, der von neuem -allen Glauben verlor.</p> - -<p>»Jetzt handelt es sich nicht um sie,« rief der Corregidor, -der auch wieder eifersüchtig wurde. »Es handelt sich -jetzt um diese Dame. Ach, Merceditas! Wer hätte mir -jemals gesagt, daß du...«</p> - -<p>»Nun, und du?« antwortete die Corregidora, ihn mit -dem Blicke messend.</p> - -<p>Und während der nächsten Augenblicke wiederholten die -beiden Ehepaare wohl hundertmal dieselben Sätze.</p> - -<p>»Und du?«</p> - -<p>»Nun, und du?«</p> - -<p>»Na, du!«</p> - -<p>»Nein, du!«</p> - -<p>»Aber, wie konntest du...«</p> - -<p>Und so weiter, und so weiter, und so weiter.</p> - -<p>Vielleicht wäre die Angelegenheit nie beendet worden, -wenn nicht die Corregidora schließlich, ihre Würde wieder -annehmend, zu Don Eugenio gesagt hätte:</p> - -<p>»Höre einmal, jetzt schweige du! Unsere Privatangelegenheit -werden wir später ordnen. Das Dringendste ist -in diesem Augenblick jedenfalls, Tio Lucas' Herzen den -Frieden zurückzugeben. Meiner Ansicht nach ist das ganz - <span class="pagenum"><a id="Page_94">[S. 94]</a></span> -leicht; denn dort sehe ich Señor Juan Lopez und Toñuelo, -die nichts sehnlicher wünschen, als die Seña Frasquita zu -rechtfertigen.«</p> - -<p>»Mich brauchen die Männer nicht zu rechtfertigen,« antwortete -diese. »Ich habe zwei Zeugen von größerer Glaubwürdigkeit, -von denen niemand sagen kann, daß sie bestochen -worden sind...«</p> - -<p>»Und wo sind diese?« fragte der Müller.</p> - -<p>»Sie sind unten, an der Thür.«</p> - -<p>»Dann sage ihnen, daß sie heraufkommen, mit der Erlaubnis -der Señora.«</p> - -<p>»Ach, die Armen können nicht heraufkommen...«</p> - -<p>»Ah, sind es zwei Frauen? Schöne, glaubwürdige -Zeugen das!«</p> - -<p>»Es sind auch keine zwei Frauen, nur zwei weibliche -Wesen.«</p> - -<p>»Noch schlimmer! Dann sind es zwei kleine Mädchen? -Sei so gut und nenne mir ihre Namen.«</p> - -<p>»Die eine heißt Piñona, die andere Liviana.«</p> - -<p>»Unsere beiden Esel! Frasquita, du willst mich verspotten!«</p> - -<p>»Nein, ich spreche sehr vernünftig und förmlich. Durch -das Zeugnis unserer beiden Esel will ich dir beweisen, daß -ich nicht in der Mühle war, als du den Herrn Corregidor -dort gesehen hast.«</p> - -<p>»Ich bitte dich, um Gottes willen, erkläre dich...«</p> - -<p>»Höre, Lucas, und stirb vor Scham, daß du je an mir -zweifeln konntest. Als du heute Nacht vom Dorf nach der -Mühle rittest, da eilte ich von unserm Hause nach dem -Dorf, folglich kreuzten wir uns auf dem Wege. Aber du -warst außerhalb desselben und schlugst mitten auf einem -Saatfelde Feuer an.«</p> - -<p>»Ich habe angehalten, das ist wahr. Fahre fort.«</p> - -<p>»Da schrie dein Esel...«</p> - -<p>»Wahrhaftig! O, wie glücklich bin ich! Sprich, sprich, - <span class="pagenum"><a id="Page_95">[S. 95]</a></span> -denn jedes Wort giebt mir ein Jahr meines Lebens zurück.«</p> - -<p>»Und auf jenes Geschrei antwortete ein anderes vom -Wege her.«</p> - -<p>»O, ja, ja! Gesegnet seist du! Ich glaube es noch zu -hören.«</p> - -<p>»Es waren Liviana und Piñona, die sich erkannt hatten -und wie gute Freundinnen begrüßten, während wir beide -uns weder grüßten noch erkannten...«</p> - -<p>»Sage mir nichts mehr! Sage mir nichts mehr.«</p> - -<p>»So wenig erkannten wir uns,« fuhr die Seña Frasquita -fort, »daß wir beide erschraken und nach entgegengesetzten -Richtungen entflohen. Nun siehst du doch wohl -ein, daß ich nicht in der Mühle war. Wenn du jetzt wissen -willst, warum du den Herrn Corregidor in unserm Bett -angetroffen hast, so fühle die Kleider, die du trägst und die -noch feucht sein müssen, an, und sie werden es dir besser -sagen als ich. Se. Gnaden ist in das Mühlgerinne gefallen, -Garduña hat ihn entkleidet und dort gebettet. Willst -du wissen, warum ich die Thür geöffnet habe? Weil ich -glaubte, daß du es wärest, daß du ertränkest und mich zu -Hilfe riefest. Und schließlich, wenn du das mit der Ernennung -wissen willst... Aber vorläufig brauche ich nichts -weiter zu sagen. Wenn wir allein sind, dann werde ich -dir noch verschiedene Einzelheiten erzählen, die ich dir vor -dieser Dame nicht mitteilen kann.«</p> - -<p>»Alles, was die Seña Frasquita gesagt hat, ist die -reinste Wahrheit!« rief der Señor Juan Lopez, der sich -Doña Mercedes' Gunst erwerben wollte, da er wohl sah, -daß sie das Corregimiento beherrschte.</p> - -<p>»Alles, alles!« fügte Toñuelo hinzu, der seinem Herrn -nacheifern wollte.</p> - -<p>»Bis jetzt alles!« sprach der Corregidor, sehr zufrieden, -daß die Erklärungen der Seña Frasquita nicht weiter gegangen -waren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_96">[S. 96]</a></span></p> - -<p>»Also bist du unschuldig?« rief inzwischen der Müller -aus und ergab sich dem Augenschein und der Überzeugung. -»Meine Frasquita! Herzens-Frasquita! Verzeih' mir die -Ungerechtigkeit und laß mich dich umarmen!«</p> - -<p>»Oh, das ist Mehl aus einem andern Sack,« antwortete -die Müllerin, den Körper wegbiegend. »Bevor ich dich umarme, -muß ich erst deine Erklärung hören.«</p> - -<p>»Ich werde sie für ihn und mich geben,« sagte Doña -Mercedes.</p> - -<p>»Seit einer Stunde warte ich schon darauf,« stieß der -Corregidor hervor und versuchte sich aufzurichten.</p> - -<p>»Aber ich werde sie nicht eher geben,« fuhr die Corregidora -fort, indem sie ihren Mann verächtlich ansah, »als -bis die Herren die Kleider gewechselt haben, und auch dann -werde ich sie nur demjenigen geben, der sie zu hören verdient.«</p> - -<p>»Schnell, schnell, wir wollen uns umkleiden,« sagte der -Murcianer zu Don Eugenio, und freute sich, daß er ihn -nicht getötet hatte, wenn er ihn auch mit einem wahrhaft -maurischen Haß betrachtete. »In den Kleidern Ew. Gnaden -ersticke ich, und wie unglücklich bin ich gewesen, während -ich sie trug!«...</p> - -<p>»Weil du es nicht verstehst,« antwortete der Corregidor. -»Ich dagegen wünsche nichts sehnlicher, als sie wieder anzulegen, -um, wenn mir die Erklärung meiner Frau nicht -genügt, dich und die halbe Welt aufhängen zu lassen.«</p> - -<p class="pmb3">Als die Corregidora diese Worte hörte, beruhigte sie die -Versammlung mit einem sanften Lächeln, wie es den Engeln -eigen, deren Aufgabe es ist, die Menschen zu bewachen.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>34.<br /><br /> - -Auch die Corregidora ist reizend.</h2> - - -<p>Als der Corregidor und Tio Lucas den Saal verlassen -hatten, setzte sich die Corregidora von neuem auf das Sofa, -zog die Seña Frasquita neben sich, und sich zu den die - <span class="pagenum"><a id="Page_97">[S. 97]</a></span> -Thür füllenden Dienstboten und Polizeidienern wendend, -sagte sie mit liebenswürdiger Einfachheit:</p> - -<p>»Nun, Kinder, erzählt jetzt, was ihr Schlechtes von -mir wißt.«</p> - -<p>Rasch drängte der vierte Stand vorwärts, und zehn -Stimmen wollten zugleich sprechen; aber die Amme, die -doch im Hause die wichtigste Person war, gebot den Übrigen -Schweigen und sprach folgendermaßen:</p> - -<p>»Sie müssen wissen, Seña Frasquita, daß wir, ich und -meine Herrin, heute Nacht mit der Pflege der Kinder beschäftigt -waren. Wir warteten auf die Rückkunft des Herrn -und beteten, um die Zeit hinzubringen, schon den dritten -Rosenkranz, denn Garduña hatte gesagt, daß der Herr -einige sehr schreckliche Missethäter verfolge, und da war natürlich -nicht eher ans Zubettgehen zu denken, als bis wir -ihn unbeschädigt wieder heimkehren sahen — als wir in -dem daran stoßenden Alkoven, in dem meiner Herrschaft -Ehebett steht, ein Geräusch wie von Leuten hörten. Wir -nahmen, halbtot vor Angst, das Licht, um nachzusehen, -wer in dem Alkoven herumginge, als wir, o heilige Jungfrau -von Carmen! einen Mann sahen, wie mein Herr gekleidet, -der er aber doch nicht war (da er ja Ihr Mann -war), und der sich hinter dem Bett zu verstecken suchte. -›Räuber!‹ fingen wir an wie wahnsinnig zu schreien, und -einen Augenblick nachher war das ganze Zimmer voller -Leute, und die Alguacilen zogen den nachgemachten Corregidor -aus seinem Versteck hervor. — Meine Herrin, die, -wie wir alle, den Tio Lucas erkannt hatte, und, weil sie -ihn in den Kleidern des Corregidors sah, fürchtete, er hätte -jenen ermordet, erhob ein jämmerliches Wehklagen, das die -Steine hätte erweichen können. ›Ins Gefängnis, ins Gefängnis!‹ -sagten inzwischen die Übrigen. ›Räuber! Mörder!‹ -waren noch die besten Worte, die der Tio Lucas zu -hören bekam, und so stand er da wie eine Leiche, an die -Wand gelehnt, und brachte kein Wort hervor. Aber als - <span class="pagenum"><a id="Page_98">[S. 98]</a></span> -er sah, daß sie ihn ins Gefängnis bringen wollten, sagte -er: ›Ich werde es ihnen wiederholen, wenn es auch besser -wäre, es zu verschweigen. Señora, ich bin kein Räuber, -ich bin kein Mörder; der Räuber und Mörder meiner Ehre -ist in meinem Hause und liegt mit meiner Frau im Bette.‹«</p> - -<p>»Armer Lucas!« seufzte die Seña Frasquita.</p> - -<p>»Die Ärmste bin ich!« murmelte die Corregidora ruhig.</p> - -<p>»Das sagten wir alle... Armer Tio Lucas und arme -Señora! Weil... denn... nun, wir hatten schon aus -kleinen Andeutungen erfahren, daß mein Herr ein Auge -auf Sie geworfen hatte, und... na, obgleich niemand -sich denken konnte, daß Sie«...</p> - -<p>»Amme!« rief die Corregidora streng. »Auf diesem -Wege gehts nicht fort.«</p> - -<p>»Ich werde auf einem anderen fortfahren,« sagte ein -Alguacil, der die Unterbrechung benutzte, um sich des Wortes -zu bemächtigen. »Der Tio Lucas, der uns, als er -ins Haus trat, mit seinem Anzuge und seiner Art und -Weise zu gehen, so gut angeführt hatte, daß wir ihn alle -für den Corregidor hielten, war gewiß nicht mit guten -Absichten gekommen, und wenn die Señora nicht wach gewesen -wäre... Stellen Sie sich nur vor, was da hätte -passieren können«...</p> - -<p>»Na ja, schweig' doch nur!« unterbrach ihn die Köchin. -»Du sagst nichts als Dummheiten. Ja, Seña Frasquita, -um seine Anwesenheit im Schlafzimmer der Herrin zu erklären, -mußte er den Zweck bekennen, der ihn hierher geführt. -Natürlich konnte die Herrin, als sie es hörte, sich -nicht enthalten, ihm einen Schlag auf den Mund zu geben, -so daß ihm die Hälfte der Worte im Halse stecken blieben. -Ich selbst habe ihn mit Schmähungen und Schimpfworten -überhäuft und wollte ihm die Augen auskratzen. Denn -das wissen Sie ja, Seña Frasquita, wenn es auch Ihr -Mann ist, aber wenn man mit solchen Absichten«...</p> - -<p>»Du bist eine alte Schwätzerin!« rief der Portier und - <span class="pagenum"><a id="Page_99">[S. 99]</a></span> -stellte sich vor die Rednerin. »Was hättest du denn thun -wollen? Hört mich, Seña Frasquita, und kommen wir zur -Sache. Die Señora sagte und that alles, was sich gehörte, -aber als sich ihr Ärger etwas abgekühlt hatte, bemitleidete -sie den Tio Lucas, dachte über das schlechte Betragen des -Herrn Corregidors nach und sprach diese oder ähnliche -Worte: ›Wenn auch Euer Gedanke sehr nichtswürdig gewesen -ist, Tio Lucas, und ich Euch diese Unverschämtheit -nie verzeihen kann, so müssen Eure Frau und mein Mann -doch ein paar Stunden lang glauben, daß sie sich in ihren -eigenen Netzen gefangen haben und daß Ihr, unterstützt -durch Eure Verkleidung, Schmach mit Schmach vergolten -habt. Wir können uns nicht besser an ihnen rächen, und -die Täuschung ist so leicht, daß wir sie aufklären können, -wenn es uns paßt.‹ Als die Señora diesen witzigen Entschluß -gefaßt hatte, lehrte sie und Tio Lucas uns, was -wir zu sagen und zu thun hätten, wenn Se. Gnaden zurückkehrte; -und dem Sebastian Garduña habe ich einen -solchen Schlag aufs Hinterteil versetzt, daß er die St. -Simon- und St. Judas-Nacht nicht sobald wieder vergessen -wird.«</p> - -<p>Schon seit längerer Zeit, noch während der Portier -sprach, flüsterten sich die Corregidora und die Müllerin gegenseitig -in die Ohren, umarmten und küßten sich alle -Augenblicke und konnten verschiedene Male das Lachen gar -nicht verbeißen.</p> - -<p class="pmb3">Schade! daß man nicht hörte, was sie sprachen. Aber -der Leser wird es sich wohl ohne große Mühe denken können, -und wenn nicht der Leser, so doch die Leserin.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>35.<br /><br /> - -Kaiserliches Dekret.</h2> - - -<p>In diesem Augenblicke kehrten der Corregidor und der -Tio Lucas, jeder in seinen eigenen Kleidern, in den Saal -zurück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_100">[S. 100]</a></span></p> - -<p>»Jetzt ist die Reihe an mir,« sagte der erlauchte Don -Eugenio de Zuñiga eintretend.</p> - -<p>Und nachdem er einigemale heftig mit dem Stocke auf -den Boden gestoßen hatte, wie um seine Energie wieder zu -sammeln, gleich einem offiziellen Antäos, der sich nicht eher -stark fühlt, als bis sein Bambusrohr die Erde berührt, sagte -er mit unbeschreiblicher Emphase und Dreistigkeit zu der -Corregidora:</p> - -<p>»Merceditas! ich erwarte deine Erklärungen.«</p> - -<p>Inzwischen stand die Müllerin auf, kniff den Tio Lucas -zum Zeichen des Friedens so stark, daß ihm Funken vor -den Augen tanzten, und blickte ihn zugleich mit gar nicht -mehr ärgerlichen, sondern bezaubernden Augen an.</p> - -<p>Der Corregidor, der jene Pantomime beobachtet hatte, -erstarrte fast zur Salzsäule, weil er sich eine so <em class="gesperrt">unmotivierte</em> -Versöhnung nicht erklären konnte.</p> - -<p>Dann wandte er sich von neuem an seine Frau und -sagte in essigsaurem Tone:</p> - -<p>»Señora, alle verständigen sich hier, nur wir nicht. -Reißen Sie mich aus meinen Zweifeln. Ich befehle es als -Mann und als Corregidor.«</p> - -<p>Und wieder dröhnte der Stock gegen den Fußboden.</p> - -<p>»Sie wollen also gehen?« rief Doña Mercedes aus -und näherte sich der Seña Frasquita, ohne sich um Don -Eugenio zu kümmern. »So gehen Sie also ohne Sorge, -der Skandal wird keine Folgen haben. Rosa, leuchte den -Herrschaften, sie wollen ja schon gehen. Geht mit Gott, -Tio Lucas!«</p> - -<p>»O nein!« schrie Don Eugenio, indem er sich hineinmischte. -»Tio Lucas wird nicht fortgehen. Tio Lucas wird -so lange im Arrest bleiben, bis ich die volle Wahrheit weiß. -Halloh, Alguacilen! Im Namen des Königs!«</p> - -<p>Nicht einer der Polizeidiener gehorchte Don Eugenio. -Alle blickten die Corregidora an.</p> - -<p>»Nun, Mann, mache Platz!« fügte diese hinzu, indem - <span class="pagenum"><a id="Page_101">[S. 101]</a></span> -sie ihn fast umstieß und sich von allen mit der größten -Feinheit verabschiedete, das heißt, den Kopf leicht zur Seite -geneigt, ergriff sie ihr Kleid mit den Fingerspitzen und -neigte sich anmutig, bis sie die Modereverenz jener Zeit -ausführte, die man <span class="antiqua">la pompa</span><a id="FNanchor_9_9"></a><a href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> nannte.</p> - -<p>»Aber ich... aber du... aber wir... aber die da,« -murmelte der arme Alte noch immer, zog seine Frau am -Kleide und störte ihre bestangefangenen Verbeugungen.</p> - -<p>Vergebliches Bemühen! Niemand kümmerte sich um -Sr. Gnaden.</p> - -<p>Als alle fortgegangen und die entzweiten Gatten im -Salon allein waren, geruhte die Corregidora endlich im -Tone einer Czarin aller Reussen, welche über einen gefallenen -Minister den Blitzstrahl der ewigen Verbannung nach Sibirien -schlendert, zu ihrem Gatten zu sagen:</p> - -<p>»Und lebtest du tausend Jahre, so sollst du doch nie -erfahren, was in dieser Nacht in meinem Schlafzimmer -vorgefallen ist. Wenn du darin gewesen wärest, wie es -natürlich war, so brauchtest du niemand danach zu fragen. -Was mich anbetrifft, so habe und werde ich nie einen Grund -haben, der mich nötigen könnte, es zu enthüllen, dazu verachte -ich dich zu sehr, und wenn du nicht der Vater meiner -Kinder wärest, so würde ich dich jetzt vom Balkon herunterstürzen -... Und hiermit gute Nacht, Caballero!«</p> - -<p>Als die Corregidora diese Worte ausgesprochen hatte, -die der Corregidor anhörte, ohne auch nur mit einer Wimper -zu zucken (denn wenn er allein war, wagte er es nicht, -gegen seine Frau aufzutreten), ging sie in das Schlafzimmer, -schloß die Thüren hinter sich zu, und der arme Mann -blieb mitten im Saal aufgepflanzt stehen und murmelte mit -einem beispiellosen Cynismus zwischen den Gaumen — -Zähne hatte er ja nicht:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_102">[S. 102]</a></span></p> - -<p class="pmb3">»Gott sei Dank! Ich glaubte nicht, daß es so gut enden -würde... Garduña wird mir eine andere suchen.«</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<h2>36.<br /><br /> - -Schluß, Moral und Epilog.</h2> - - -<p>Fröhlich zwitschernd grüßten die Vögel den Morgen, -als Tio Lucas und die Seña Frasquita die Stadt verließen, -um sich nach der Mühle zu begeben.</p> - -<p>Die Gatten gingen zu Fuß, vor ihnen her trabten die -beiden zusammengekoppelten Esel.</p> - -<p>»Am Sonntag mußt du zur Beichte gehen,« sagte die -Müllerin zu ihrem Mann, »denn du mußt dich von all -den schlechten Meinungen und verbrecherischen Absichten -dieser Nacht reinigen.«</p> - -<p>»Da hast du einen guten Gedanken,« antwortete der -Müller. »Aber du mußt mir dafür auch einen Gefallen -thun und die Matratzen und das Bettzeug unseres Bettes -den Armen geben und alles neu anschaffen. Ich lege mich -nicht wieder dahin, wo dies giftige Gewürm geschwitzt hat.«</p> - -<p>»Nenne ihn nicht, Lucas!« versetzte die Seña Frasquita. -»Aber um von etwas anderem zu sprechen. Ich möchte -dich noch um einen anderen Gefallen bitten...«</p> - -<p>»Bitte nur.«</p> - -<p>»Im künftigen Sommer wirst du mich nach Solan de -Cabras bringen, um eine Badekur zu gebrauchen.«</p> - -<p>»Warum?«</p> - -<p>»Um zu sehen, ob wir Kinder bekommen werden.«</p> - -<p>»Das ist eine sehr glückliche Idee. Wenn Gott uns -das Leben schenkt, sollst du dorthin gehen.«</p> - -<p>Sie langten bei der Mühle an, gerade als die Sonne, -ohne noch aufgegangen zu sein, die Gipfel des Gebirges -vergoldete. — — —</p> - -<p>Zur größten Überraschung der Gatten, die nach einer - <span class="pagenum"><a id="Page_103">[S. 103]</a></span> -so ärgerlichen Szene, wie die der vergangenen Nacht, keine -Besuche von hohen Herrschaften mehr erwarteten, versammelten -sich am Nachmittage mehr Personen denn je. Der -ehrwürdige Prälat, viele Domherren, der Lehrer der Rechtswissenschaft, -zwei Priore von Mönchsklöstern und verschiedene -andere Personen, die, wie man bald erfuhr, Se. Hochwürden -zusammenberufen hatte, füllten den ganzen Platz -vor dem Hause.</p> - -<p>Nur der Corregidor fehlte.</p> - -<p>Als alle versammelt waren, ergriff der Herr Bischof -das Wort und sagte, daß, gerade weil gewisse Dinge in -jenem Hause vorgefallen wären, seine Domherren und er -wie früher kommen würden, damit weder die braven Müllersleute, -noch die übrigen gegenwärtigen Personen vom -öffentlichen Tadel betroffen würden, den nur jener verdiente, -welcher durch sein rohes Betragen eine so gesittete, anständige -Gesellschaft entweiht hatte. Er ermahnte die Seña -Frasquita väterlich, fürderhin weniger herausfordernd und -verführerisch in ihren Worten und Bewegungen zu sein, die -Arme mehr bedeckt und den Ausschnitt des Kleides etwas -höher zu tragen, riet dem Tio Lucas, seinen Vorgesetzten -gegenüber mehr Uneigennützigkeit, größere Zurückhaltung -und weniger Unbescheidenheit zu zeigen, gab dann schließlich -seinen Segen, und da er an jenem Tage nicht fastete, würde -er mit vielem Vergnügen ein paar Trauben essen. Dasselbe -meinten alle, nämlich das letztere — und der Weinstock -erzitterte den ganzen Nachmittag. — Der Müller schätzte -den Konsum an Weintrauben auf zwei Arrobas.<a id="FNanchor_10_10"></a><a href="#Footnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> — —</p> - -<p>Ungefähr drei Jahre lang dauerten diese angenehmen -Zusammenkünfte, als wider alles Erwarten die Heere Napoleons -in Spanien eindrangen und der Freiheitskrieg -begann.</p> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_104">[S. 104]</a></span></p> - -<p>Der Herr Bischof, der Magistrat und der Pönitentiar -starben im Jahre 1808, und der Advokat und die übrigen -Teilnehmer in den Jahren 9, 10, 11 und 12, weil sie den -Anblick der Franzosen, Polen und anderer Raubtiere nicht -ertragen konnten, welche in das Land einfielen und sogar -im Presbyterium der Kirchen, während der Militärmesse, -ihre Pfeifen rauchten!</p> - -<p>Der Corregidor, der nie wieder nach der Mühle kam, -wurde durch einen französischen Marschall ersetzt und starb -im Kerker in Madrid, weil er sich auch nicht einen Augenblick, -zu seiner Ehre sei's gesagt, mit der Fremdherrschaft -einverstanden erklären wollte.</p> - -<p>Doña Mercedes hat sich nicht wieder verheiratet und -erzog ihre Kinder ganz ausgezeichnet. Im Alter zog sie -sich in ein Kloster zurück und starb dort im Geruche der -Heiligkeit.</p> - -<p>Garduña wurde französiert.</p> - -<p>Señor Juan Lopez kämpfte im Guerillakriege als Anführer -und starb, gleich seinem Alguacil, in der berühmten -Schlacht bei Baza, nachdem er sehr viele Franzosen getötet -hatte.</p> - -<p class="pmb3">Zum Schluß: Tio Lucas und die Seña Frasquita, obgleich -sie keine Kinder bekamen, trotzdem sie nach Solan de -Cabras gegangen waren und viele Gelübde abgelegt hatten, -liebten sich immer auf ihre Weise und erreichten ein hohes -Alter. Sie sahen den Absolutismus in den Jahren 1812 -und 1820 dahinsinken und ihn 1814 und 1823 wieder erscheinen, -bis endlich nach dem Tode des Absoluten Königs -die Konstitution eingeführt wurde; und sie schlummerten zu -einem besseren Leben hinüber gerade beim Ausbruch des -siebenjährigen Bürgerkrieges, ohne daß die damals schon -allgemein getragenen Cylinderhüte <em class="gesperrt">jene Zeiten</em> bei ihnen -in Vergessenheit geraten ließen, welchen als Symbol diente -— <em class="gesperrt">der Dreispitz</em>.</p> - - -<p class="p1 center font08 pmb3"><em class="gesperrt">Ende.</em></p> -<p class="pmb3" /> - - -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Zwei Neuntel von allen Zehnten, die der König bekommt.</p> -</div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Suppe mit Gemüse und Fleisch.</p> -</div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Gleich nach der Suppe zu essen.</p> -</div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Volkstümlich für Señora Frasquita, Frau Fränzchen = Franziska.</p> -</div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Abendgesellschaft, Versammlung.</p> -</div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">[6]</span></a> <span class="antiqua">Que Dios guarde</span>, den Gott erhalte, übliche Formel.</p> -</div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Es handelt sich hier um ein unübersetzbares Wortspiel zwischen -<span class="antiqua">males</span> und <span class="antiqua">animales</span>.</p> -</div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8"><span class="label">[8]</span></a> »Ave, reinste Maria! Halb Eins und schönes Wetter!« Dies -der gewöhnliche Ruf der Nachtwächter, die, weil die Nächte meist heiter -(<span class="antiqua">sereno</span>) sind, hiervon auch vielleicht den Namen <span class="antiqua">serenos</span> erhalten -haben. Regnet es, so fügen sie der Angabe der Zeit <span class="antiqua">y lloviendo</span> (und -es regnet) hinzu.</p> -</div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_9_9"></a><a href="#FNanchor_9_9"><span class="label">[9]</span></a> <span class="antiqua">pompa</span> ist Pracht, Prunk, aber auch der Bausch, welchen die -Frauenkleider beim Niederbeugen machen.</p> -</div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_10_10"></a><a href="#FNanchor_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Eine Arroba gleich 11½ Kilogramm.</p> -</div> -</div> -<p class="pmb3" /> -<p class="pmb3" /> - - -<p class="break" /> - -<div class="transnote"> -Notizen des Bearbeiters<br /> -<br /> -Hinzugefügt: Inhaltsverzeichnis mit Links<br /> -<span class="pubdom">Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter gestaltet und in die Public Domain -eingebracht.</span> -</div> -<p class="pmb3" /> - - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Dreispitz, by Pedro de Alarcon - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DREISPITZ *** - -***** This file should be named 50216-h.htm or 50216-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/2/1/50216/ - -Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, Laurent -Vogel and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/50216-h/images/cover_ebook.jpg b/old/50216-h/images/cover_ebook.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 189aeca..0000000 --- a/old/50216-h/images/cover_ebook.jpg +++ /dev/null |
