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-The Project Gutenberg eBook, Aus halbvergessenem Lande, by Theodor Schiff,
-Illustrated by Karel Klíč and K. Žádnik
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-Title: Aus halbvergessenem Lande
- Culturbilder aus Dalmatien
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-
-Author: Theodor Schiff
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-Release Date: October 13, 2015 [eBook #50197]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
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-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS HALBVERGESSENEM LANDE***
-
-
-E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team
-(http://www.pgdp.net) from page images generously made available by
-Internet Archive (https://archive.org)
-
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-Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
- file which includes the original illustrations.
- See 50197-h.htm or 50197-h.zip:
- (http://www.gutenberg.org/files/50197/50197-h/50197-h.htm)
- or
- (http://www.gutenberg.org/files/50197/50197-h.zip)
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- Internet Archive. See
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-
-Anmerkungen zur Transkription
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Im Original fett gesetzter Text ist =so ausgezeichnet=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
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-AUS HALBVERGESSENEM LANDE.
-
-Culturbilder aus Dalmatien
-
-von
-
-THEODOR SCHIFF.
-
-Mit Zeichnungen von K. Klíč und K. Žádnik.
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-[Illustration]
-
-Wien, 1875.
-Verlag von Klíč & Spitzer.
-
-(Alle Rechte vorbehalten.)
-
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-
-
-Inhaltsverzeichnis
-
-
- Einleitung 3
-
- Ein abgeschnittener Kopf. 7
-
- Arme Seelen als Schiffsrheder. 15
-
- Die Pestgräber von Botticelle. 25
-
- Das Paternosterhaus. 34
-
- Jacuve Ciciola und seine Liebe. 41
-
- Wandelnde Kreuze. 48
-
- Hippolytos und Phaedra. 57
-
- Der Frau Mare Kargotic Gesang. 64
-
- Türkischer Tabak. 70
-
- Don Martine von Karakaschitza. 77
-
- Ein Gerichtstag in der Morlakei. 87
-
- Ein türkisches Schnupftuch. 95
-
- Ein Richter in Bosnien. 103
-
- Morlakischer Winter. 110
-
- Die streitbaren Bocchesen. 118
-
- Der Gouverneur von Scoglio Stipansko. 125
-
- Wie die Agave zum Blühen kam. 135
-
- Das Omblathal bei Ragusa. 141
-
- Ein Fischzug bei Lesina. 149
-
- Das Gigg des Kaisers. 155
-
-
-
-
-Ein schmaler Streifen Landes, lang gestreckt und dünn bevölkert, liegt
-Dalmatien fernab vom emsigen Verkehre der Völker, eingeschlossen
-zwischen dem massigen Gebirgsgrat der türkischen Grenze und den
-ruhelosen Wogen des Meeres.
-
-Die Söhne des alten Hellas hatten einst seine Inseln bevölkert -- und
-die heitere Sitte ihres Vaterlandes war mit ihnen eingezogen in die
-neue Erde. Die stolze Roma hatte ihren wuchtigen Arm ausgestreckt
-über die lachende Küste -- und wie mit einem Zauberschlage wuchsen
-blühende, reich bevölkerte Städte, wuchsen riesige Paläste hervor,
-und schöne Tempel in heiterem Säulenschmucke spiegelten sich in den
-Fluthen der Adria. Barbarenhorden brachen in das Land, Schrecken, Tod
-und Verderben in ihrem -- Gefolge und zugleich mit ihnen hielt das
-Christenthum seinen stillen Einzug, siegreich in seiner holden Demuth,
-freiheitkündend in seiner sanften göttlichen Lehre. Das finstere,
-gewaltthätige Ritterthum entvölkerte mit seinen Kreuzzügen Europa --
-und Richard Löwenherz fand in Ragusa eine Freistatt. Der erste Napoleon
-hatte das Land mit seinen Geierkrallen erfasst, und in den kurzen
-Jahren seines Besitzes hoben sich der Handel und die Industrie des
-Landes zu nie geahnter Blüthe.
-
-Und heute?
-
-Die erlauchte Krämer-Republik Venedig hat Dalmatiens Forste ausgerodet,
--- türkische Barbarei in demselben ihre blutigen Zeichen gelassen,
--- das reichbegabte und dabei so arme Volk verkümmert jetzt in
-seiner Einsamkeit und das Gespenst des Hungers hält alljährlich
-seinen Umzug durch die schauerlich nackten Felsengebirge. Heute hat
-sich die Weltgeschichte abgewendet von dem schönen armen Lande, das
-in unthätiger Ruhe langsam dahinsiecht, -- heute spricht man von
-Dalmatien wie von einer sagenhaften Erde, und von seinem Volke wie von
-verklungenen Geschlechtern.
-
-Darum habe ich es versucht, den Schleier zu lüften, der über Dalmatien
-liegt und über seinen Bewohnern. Ich habe nichts erdichtet und nichts
-erfunden, sondern einfach erzählt, was ich im Laufe langer Jahre dort
-gesehen, und die Erinnerungen niedergeschrieben, die mir geblieben sind
-aus dem Vaterlande meiner Kinder -- aus dem halbvergessenen Lande.
-
- +Wien+ im September 1875.
-
- Theodor Schiff.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-AUS HALBVERGESSENEM LANDE.
-
-[Illustration: Die alte Zanetta.]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Ein abgeschnittener Kopf.
-
-
-Die alte Zanetta sass auf ihrem uralten Lehnstuhl und liess sich's
-wohl geschehen. An einem spiessartigen Stück Holz, das sie durch das
-Band der breiten grossblumigen Schürze gesteckt hatte, war der Flachs
-befestigt, den sie mit den knöchernen Fingern ihrer linken Hand langsam
-herabzupfte, und in der rechten Hand liess sie das länglichrunde Holz
-»il fuso« kreisen, um das sich das gesponnene Garn wickelte. Auf ihrem
-Kopfe lagen zwei grosse Krautblätter und über denselben ein viereckig
-gefaltetes schneeweisses Tuch. Signora Zanetta behauptet seit dreissig
-Jahren täglich, dass sie +heute+ Kopfschmerzen habe, und dass sie nur
-frische Krautblätter durch vierundzwanzig Stunden auf den Kopf zu
-legen brauche, um den Kopfschmerz für immer zu vertreiben. Und darum
-trägt sie seit dreissig Jahren Krautblätter auf dem Kopf und darüber
-das viereckig gefaltete weisse Tuch, was zusammen den Eindruck eines
-bösartigen Turbans exotischer Herkunft hervorbringt. Ein von tausend
-Runzeln durchfurchtes Gesicht, dessen Mund noch eine untadelhafte Reihe
-blendend weisser Zähne zeigte, ein verblichenes, aber höchst sauber
-gehaltenes Kleid, an den zusammengeschrumpften Füssen reine weisse
-Strümpfe und ein paar türkische Schuhe von dickem rothen Leder, sass
-die Signora Zanetta auf ihrem Lehnstuhl und um sie schwirrten die
-Schwärme von Fliegen, wie sie die dreissig Grad Hitze eines Julitages
-in Spalato zu erzeugen vermögen.
-
-Ein grosses Gemach mit niedriger Decke -- an den Wänden rohe
-Alfresco-Malereien, sämmtlich Theile der Seeküste darstellend, an
-welcher Herren und Damen in altväterischer Tracht lustwandeln, während
-in der Ferne der ruhig glänzende Spiegel des Meeres sich endlos
-erstreckt, -- in der Mitte des Zimmers ein ungeheurer Tisch aus
-dunklem Holze, -- an den beiden Längsseiten des Zimmers zwei kleine,
-schwerfällige, mit Flügelthüren versehene Kasten, auf denen mindestens
-ein Dutzend blankpolirter messingener Oellampen stand, -- über dem
-einen Kasten ein schauerlich gemaltes, den Kaiser Franz als Jüngling
-vorstellendes Bild, dem gegenüber ein stark zerfressener Kupferstich
-mit der Darstellung des bethlehemitischen Kindermordes hing, -- eine
-alte Wanduhr in einem bis an die Decke reichenden Kasten, -- so sah das
-Gemach aus, in welchem Signora Zanetta sass, spann und es sich wohl
-geschehen liess.
-
-In Spalato ist Alles alt. Die Häuser, das Pflaster, die Familien, die
-Kirchen, die Sprache, -- Alles ist uralt. Die Domkirche wurde zu Ende
-des dritten Jahrhunderts von dem alten Christenverfolger Diocletian
-dem Jupiter erbaut, -- die Sphinx vor derselben ist eine Kleinigkeit
-älter und entstammt der achtzehnten Dynastie der Pharaonen, -- und das
-am Meeresstrande befindliche Franziskaner-Kloster macht einen förmlich
-modernen Eindruck, weil es erst im Jahre 1212 vom heiligen Franz
-von Assisi gegründet wurde, -- ja, auf dem beliebtesten Spazierwege
-Spalatos konnte man noch zu Ende der Sechziger-Jahre halb städtisch,
-halb »national« gekleidete Bürger mit einem rückwärts herabbaumelnden
-Zopfe sich ergehen sehen. Das Italienisch, das in allen Bürgerfamilien
-gesprochen wird, ist genau dasselbe, das man in Venedig vor hundert
-Jahren hörte und in Goldoni's Lustspielen noch heute lesen kann. Eine
-Familie, die ihren sogenannten Adel erst von hundert oder zweihundert
-Jahren herwärts datirt, wird so ziemlich als neugeadelt angesehen,
-und ich kenne selbst in Spalato eine Familie, deren Mitglieder allen
-Ernstes behaupten, dass ihre in +Salona+ ansässigen Vorfahren bereits
-römische Patrizier gewesen seien. Salona wurde aber im Jahre 639
-nach Christi Geburt zerstört, und das mag der Grund sein, warum das
-betreffende Adelsdiplom nicht aufgefunden werden konnte.
-
-Es ist überhaupt ein merkwürdiges Volk, das der Dalmatiner und
-besonders der Spalatiner Adelsgeschlechter. In den engen Gassen der
-Stadt, in den verstecktesten und übelriechendsten Winkeln derselben
-sitzen sie in ihren Häusern, denkend der vergangenen Herrlichkeit,
-als noch der »Conte« nicht viel weniger als ein Souverain und der
-arme Morlake nicht viel mehr als ein Sklave war, und es für jede
-Ungerechtigkeit, die der »Conte« beging, höchstens eine Geldstrafe
-gab, für das Vergehen des armen Bauern aber nur das Ermessen und die
-Willkür seines Herrn massgebend war. Sie haben nichts gelernt und
-nichts vergessen, diese Conti, und so gut österreichisch sie auch im
-Allgemeinen sein mögen, so denken sie doch noch immer an das verrottete
-Pascha-Regiment der in ihrem Fett erstickten Republik von Venedig. Ja,
--- sowie man heute noch allenthalben auf den Mauern und öffentlichen
-Gebäuden der dalmatinischen Städte den Löwen des San Marco über
-seine vergangene Herrlichkeit in steinerner Faulheit trauern sieht,
-so würden sämmtliche »Conti« nicht im mindesten sich wundern, wenn
-eines schönen Tages wieder einmal so ein Provveditore der Republik
-auf einem altartigen Segelschiffe angefahren käme, um die verrottete
-Zopfwirthschaft von neuem zu beginnen.
-
-So wie es unter depossedirten Fürsten üblich sein mag -- ich stelle es
-mir wenigstens so vor, -- sich gegenseitig mit »Majestät« anzusprechen,
-so hört man die Spalatiner alten Familien einander den Titel »Conte«
-geben, ohne dass weder der eine noch der andere Theil das mindeste
-Anrecht auf diese Bezeichnung hätte. Das »gemeine« Volk thut dann das
-Gleiche in seinem Umgange mit den »Conti«, und so wird in Spalato, da
-man dort nach altvenetianischer Weise die Leute bei ihrem Taufnamen
-ruft, nur von einem Conte Mome[1], Conte Zane[2], Conte Toni, von einer
-Contessa Mare[3], Contessa Lele[4] und Contessa Bare[5] gesprochen.
-
- [1] Hieronymus.
-
- [2] Giovanni.
-
- [3] Maria.
-
- [4] Helene.
-
- [5] Barbara.
-
-In dem Hause eines solchen Conte war es, wo ich der alten Zanetta
-gegenüber sass, die spinnend und kopfnickend mir ihre Erinnerungen
-erzählte. Da war sie als dreizehnjähriges Kind in die Familie
-gekommen, in der sie jetzt als dreiundachtzigjährige Greisin das
-Gnadenbrod ass. Ihren Herrn, den Conte Anastasio, der vor einem Jahre
-als siebzigjähriger Greis gestorben, hatte sie damals auf den Armen
-getragen, -- dessen Mutter, die Contessa Nene[6], war damals eben
-erst seit zwei Jahren verheiratet gewesen und trotz ihrer Jugend eine
-gar strenge Frau. »Ja, ja, damals hatten die Diener noch Respect vor
-dem Herrn und der Frau, und wenn sie pfeifen hörten (denn in jener
-Zeit gebrauchte man noch keine Glocken in den Zimmern), da stürzten
-sie Alle holterpolter in's Zimmer, -- nicht wie jetzt, wo die Magd
-hereinschleicht, als ob sie der Frau damit eine Gnade erwiese.«
-
- [6] Anna.
-
-»Damals,« so erzählte Zanetta, während sich ihre bleichen runzlichten
-Wangen in Erinnerung an die vergangene Herrlichkeit rötheten, »damals
-konnte der Herr noch den Diener strafen, ohne dass irgend ein Prätor
-oder sonst ein Beamter sich unberufenerweise hineinmischte. Wenn das
-heute geschehen wäre, dass man der seligen Lustrissima[7] ihr ganzes
-Silbergeschirr stahl, wie es bald vor siebzig Jahren geschehen, wer
-weiss, ob nicht der Joso[8], der Lump, noch frei ausgegangen wäre, aber
-so hat er es bitter genug büssen müssen, -- unser Herrgott habe seine
-Seele gnädig.« -- Und Signora Zanetta faltete die Hände und schien ein
-Gebet für den »Joso« zu murmeln, so dass ich sie, so lange sie in ihrer
-Andacht versunken war, nicht unterbrechen wollte.
-
- [7] Altvenetianischer Ausdruck, ungefähr so viel als »gnädige Frau«.
-
- [8] Josef.
-
-»Und wie war denn die Geschichte, Signora Zanetta, mit dem Joso und dem
-Silbergeschirr und der Lustrissima?«
-
-»So, wissen Sie +das+ nicht? Hier weiss es Jedermann. Das heisst,
-Jene, die es gewusst haben, sind eigentlich meistentheils todt, ich
-aber erinnere mich noch gar gut daran. Damals war ich ein junges
-Ding und eben erst von der Insel Brazza herübergekommen, weil mich
-die selige Lustrissima als Magd wollte. Ich bin auch seit jener Zeit
-nicht mehr aus dem Dienste der Familie ......* getreten, und so hat
-auch mein Herr, der Conte Nico[9], als er vor dreissig Jahren starb,
-es ausdrücklich im Testamente hinterlassen: La Signora Zanetta resta
-calzata e vestita in casa ......*, monda e netta[10]. Auch arbeite
-ich, was ich will, und seit zehn Jahren putze ich nur mehr alle Morgen
-die Oellampen, denn das jetzige Volk von Mägden ist zu faul und zu
-schmutzig zu einem solchen Geschäft. Also richtig, dass ich auf den
-Joso komme, der war damals Knecht beim Conte Nico und wohnte draussen
-in dem Hause von Lovrett, eine Viertelstunde vor der Stadt auf dem Wege
-gegen Paludi. Dort hatte er die Felder zu bearbeiten, die auf weit und
-breit um das Haus herum dem Conte Nico gehörten. Sie gehören auch jetzt
-noch der Familie ......*«
-
- [9] Nicolaus.
-
- [10] Frau Zanetta bleibt beschuht und gekleidet, rein und sauber im
- Hause ......*
-
-»Also, die Lustrissima lag in ihrem ersten Kindbett mit dem kleinen
-Conte Anastasio, den Sie ja selbst noch gekannt haben und der erst im
-vorigen Jahre gestorben, und weil es schon gegen zwölf Uhr Mittags war,
-um welche Zeit gewöhnlich die anderen Frauen zur Lustrissima zu Besuche
-kamen, so hatte ich den kleinen Conte Anastasio, der eingeschlafen war,
-in seine schöne Wiege gelegt und putzte ein wenig den Staub von den
-Möbeln des ersten vor dem Schlafzimmer der Lustrissima befindlichen
-Zimmers. Da ruft die Lustrissima und sagt: »Zanetta, mir kommt vor,
-als ob ich einen Geruch von Zwiebel verspürte, -- war gewiss der Joso
-draussen im anderen Zimmer?« Der Joso, müssen Sie wissen, ass sehr
-gerne frische Zwiebel und roch auch gewöhnlich danach. Sag' ich, nein,
-Lustrissima, der Joso ist noch nicht zum Essen gekommen und in der
-Küche draussen wird ihm die Minestra kalt. Sagt die Lustrissima: »Ich
-weiss nicht, aber die ganze verflossene Nacht träumte mir von Melonen,
-die mir der Joso brachte, das bedeutet einen Diebstahl. Nimm hier die
-Schlüssel und sieh in der schwarzen Truhe nach, die draussen steht,
-ob alles Silberzeug da ist.« Sage ich: Ja, Lustrissima! nehme den
-Schlüssel und will die Truhe aufsperren, da fehlt aber etwas im Schloss
-und ich kann nicht damit zu Stande kommen. Unterdessen kommt der Conte
-Nico nach Hause, der lässt den Schlosser holen, und wie der Deckel
-endlich aufspringt, ist die Kiste leer. Ja, -- von Melonen träumen
-bedeutet immer Diebe im Hause.«
-
-»Der Conte Nico -- Gott hab' ihn selig! -- läuft selbst gleich zum
-Municipium und es werden alle Rondari[11] avisirt und die Truhen von
-uns Dienstleuten wurden alle durchsucht, aber es fand sich nichts und
-die Rondari konnten auch keinem Diebe auf die Spur kommen. Da liess
-der Conte Nico alle Dienstleute in's Zimmer kommen und wir mussten
-niederknien und er machte alle Fenster auf. Einer nach dem Andern
-mussten wir bei offenem Fenster schwören, dass wir es nicht gethan
-hätten, -- und schliesslich sprach Niemand mehr davon.«
-
- [11] Eine Art Stadtwache.
-
-»Die Lustrissima aber hatte sich das schöne Silberzeug zu Herzen
-genommen, wurde schwer krank und lag durch drei Monate im Bette, obwohl
-man ihr nach und nach mindestens hundertundfünfzig Blutegel setzte und
-der alte Doctor R., der Grossvater des jetzigen Doctor R., ihr viele
-Male zu Ader liess. Wie es ihr schon besser geht, -- aber noch sehr
-schwach war sie, -- kommen eines Morgens unsere beiden Knechte, die im
-Hause wohnen, vom Feld herein und mit ihnen drei Rondari. Die tragen
-etwas in einer Torba[12] und wollen mit der Lustrissima sprechen. Der
-Conte Nico war schon zeitlich Früh nach Castelli geritten und weil
-die Lustrissima noch so schwach war, so hatte ich gerade ein schönes
-Stückchen Schöpsenfleisch für sie gebraten, das ich ihr mit einem Glase
-Vugava[13] hineintragen wollte. Wie die Rondari und die Knechte aber
-hören, dass der Conte Nico nicht zu Hause sei, liessen sie sich schon
-gar nicht mehr halten und sagten, wenn ich sie nicht hineinführe zur
-Lustrissima, so würden sie ohne mich zu ihr in's Zimmer gehen; sie
-hätten etwas, das die Lustrissima zum Lachen bringen würde, und das
-thäte ihr gewiss besser als alle Medicinen und Blutegel des Doctors.«
-
- [12] Schnappsack von Schafwolle.
-
- [13] Ein süsser Wein, der ausschliesslich auf der Insel Brazza wächst.
-
-»Die Lustrissima hatte uns sprechen gehört und rief mir zu, dass ich
-die Leute nur hineinführen möchte zu ihr. Wie nun die Knechte in's
-Zimmer treten, bemerke ich, dass der Eine, der Ive,[14] den Griff
-seines Handjars und auch seine Hände ganz mit Blut beschmutzt hatte,
-aber ich erschrak nicht, weil ich glaubte, er hätte vielleicht einen
-Hammel geschlachtet oder sonst etwas. Da traten die Fünfe hin vor das
-Bett der Lustrissima, und der Ive, der immer gut sprechen konnte, sagt
-zu ihr: »Gospoja,[15] willst Du wissen, wo Dein Silberzeug ist?« Sagt
-die Lustrissima: »Freilich möchte ich's gerne wissen, aber ich fürchte,
-das ist schon lange in der Türkei.« Sagt der Ive: »Schau, Gospoja,
-kennst Du das?« und zog unter der Jacke die grosse silberne Spuckschale
-hervor, die noch heute drüben beim anderen Silberzeug steht. Dann
-griffen die Anderen in ihre Jacken und Gürtel, und nach und nach lag
-das ganze gestohlene Silberzeug auf dem Bette der Lustrissima zu ihren
-Füssen.«
-
- [14] Johann.
-
- [15] Frau oder Herrin.
-
-[Illustration]
-
-»Wie das aber Alles ausgebreitet lag, sagt der Ive: »Weisst Du noch,
-Gospoja, wie wir alle haben bei offenem Fenster schwören müssen? Ich
-habe damals gar gut gesehen, wer blass geworden ist, als der Conte
-Nico die Fenster aufmachte. Darum habe ich seit der Zeit dem Joso
-aufgepasst, und jede Nacht ging ich um Lovrett herum seit dieser Zeit,
-bis ich einmal ein Licht sah unter den Feigenbäumen vor dem Hause. Da
-wusste ich, dass ein Schatz in der Erde sein musste, denn das Licht
-verschwand, sobald ich näher kam. Und als ich heute Nacht wieder um
-Lovrett herumschlich, da sah ich den Joso mit der Schaufel aus dem
-Hause treten und gegen die Feigenbäume gehen. Da rief ich schnell
-meinen Kameraden und auch die drei Rondari, die wir begegneten, und
-als wir nach Lovrett kamen, da hatte gerade der Joso das ganze Silber
-ausgegraben und wollte es in's Haus tragen. Wir aber fielen über ihn
-her und nahmen es ihm weg. Hier hast Du Dein Silber, Gospoja, und da
-ist noch etwas.« Und wie der Ive das gesagt hatte, griff er in die
-Torba und zog den Kopf des Joso hervor, den sie ihm abgeschnitten
-hatten -- --«
-
-»Die Lustrissima erschrak zwar, aber sie war eine gar tapfere Frau,
--- ganz wie ein Mann. Darum beruhigte sie sich bald, liess den Kopf
-hinaustragen und befahl mir, den Leuten Wein und Brod zu geben, bis der
-Conte Nico käme. Der war anfangs böse darüber, weil damals schon die
-Beamten anfingen, sich in Alles hineinzumischen und solche Dinge nicht
-leiden wollten. Aber er sprach mit den Herren auf dem Municipium, die
-hatten auch viel zu viel Respect vor der Familie ......*, als dass sie
-etwas gethan hätten. Und so fragte Niemand mehr danach, der Joso bekam
-eine schöne Leiche, und das Silberzeug kam auf seinen alten Platz in
-die schwarze Truhe. Aber für den Joso wird seit dieser Zeit alle Jahre
-an seinem Sterbetage, als sie ihm den Kopf abschnitten, eine heilige
-Messe gelesen.«
-
-»Und wann ist die Lustrissima gestorben?« fragte ich.
-
-»Schon vor zwölf Jahren,« sagte Signora Zanetta, indem sie die Spindel
-zur Erde gleiten liess, andächtig die Hände faltete und für die
-Lustrissima zu beten schien.
-
-Die Signora Zanetta erzählte mir diese Geschichte genau an dem Tage,
-als die Schlacht bei Sedan geschlagen wurde, und lebt noch zur Stunde,
-in der ich dieses schreibe.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Arme Seelen als Schiffsrheder.
-
-
-Was die Dalmatiner von uns Deutschen sagen und wie sie von uns denken,
-das lässt sich nicht in wenigen Worten wiedergeben, hauptsächlich
-schon aus dem Grunde nicht, weil unter dem Worte »Dalmatiner«
-zwei ganz verschiedene Nationalitäten zu verstehen sind, die
-einander in der Sprache gar nicht gleichen, während ihre Sitten nur
-Weniges mit einander gemein haben. In den Küstenstädten Nord- und
-Mittel-Dalmatiens, in Zara, Sebenico, Spalato, Almissa und Makarska
-ist die sogenannte bessere Classe, zu welcher sämmtliche »Conti«,
-die besser gestellte Mittelclasse und verhältnissmässig nur wenige
-Gewerbetreibende gehören, grösstentheils italienischer Herkunft; man
-spricht in der Familie italienisch mit venetianischem Dialekt und hat
-venetianische Sitten und Gebräuche mit einer merkwürdigen Zähigkeit
-bis auf den heutigen Tag festgehalten. Im Inneren des Landes hingegen,
-sowie in den südlicher gelegenen Städten Ragusa, Cattaro, Castelnuovo,
-dann auf den Inseln, herrschen slavische Sprache, Sitten, Gebräuche
-und Familien-Namen vor. Die Bewohner des inneren Gebirgslandes sind
-ausschliesslich Slaven.
-
-Im Allgemeinen wird das Cultur-Element durch den italienisch
-sprechenden Theil der Bevölkerung vertreten, während sich die
-Dalmatiner Slaven -- mit alleiniger Ausnahme der Bevölkerung von
-Ragusa -- noch in einem wenig beneidenswerthen Urzustande befinden.
-Ich weiss zwar nicht, ob ich es als eine für uns Deutsche beschämende
-Thatsache erklären soll, aber es steht fest, dass die Dalmatiner
-Slaven von dem Daheim der Deutschen kaum mehr wissen als vielleicht
-die Unterthanen Seiner Majestät des Schah's von Persien. Allenfalls
-hört man von einem Morlaken hin und wieder Bec (Wien) erwähnen, wobei
-übrigens die Frage nicht selten ist, welche Sprache denn in »Bec«
-gesprochen werde. Darüber hinaus gehen aber die ethnografischen und
-geografischen Begriffe eines Dalmatiner Bauers wohl selten.
-
-Anders verhält es sich mit den »gebildeten«, italienisch sprechenden
-Dalmatinern. Diese haben noch von ihren Vorfahren oder Zwingherren, den
-alten Venetianern, die ganze Verachtung für die deutschen Barbaren und
-vielleicht von den modernen Italienern die Unkenntniss der Geografie
-übernommen, die sie auch je nach den Abstufungen ihrer bessern oder
-minder guten Erziehung ziemlich unverhüllt zur Schau tragen. Deutsche
-Beamte sind in Dalmatien sehr selten, die Chefs der Landes-Regierung
-sind und waren seit vielen Jahren der Militärgrenze oder sonst dem
-croatischen Stamme entnommen, die Officiere der in Dalmatien liegenden
-Truppen schliessen sich von dem Verkehr mit den Familien ab oder werden
-vielmehr zu demselben gar nicht zugelassen: da ist es natürlich, dass
-man mit dem Ausdrucke »Deutsch« nur einen sehr unbestimmten Begriff
-verbindet, und es ist mir mehr als einmal vorgekommen, dass in einer
-der abendlichen »Conversazioni« von einem »Deutschen aus Ungarn« oder
-einer »Deutschen aus Böhmen« die Rede war, worunter man ungarisch oder
-czechisch sprechende Leute verstand.
-
-Aber nicht nur Barbaren sind wir Deutsche für die echten Dalmatiner,
-sondern auch Ketzer. -- Ketzer ohne alle Ausnahme. Daher erklärt
-sich auch das mit einem guten Theil Misstrauen gemischte und etwas
-zugeknöpfte Benehmen, mit welchem der Deutsche in Dalmatien von dem
-Eingebornen italienischer Nationalität empfangen und im Umgange
-behandelt wird.
-
-Man hat viel von den verrotteten, abergläubischen Ansichten der
-Tiroler gesprochen und als Entschuldigungs- oder Erklärungsgrund den
-Wall himmelanstürmender Berge angeführt, der Tirol bis vor Kurzem
-von dem Verkehre mit der Aussenwelt so ziemlich abgeschlossen hielt.
-Bei den Dalmatinern mag eine ähnliche Ursache die ähnliche Wirkung
-hervorgebracht haben. Dalmatien liegt eben ausser dem Wege des
-Völkerverkehrs und die befruchtenden Ideen der Neuzeit haben dort kaum
-einen schwachen Widerhall gefunden in seinen Bergen, in den dumpfen
-Häusern seiner alterthümlichen Städte und an seinen einsamen Küsten.
-
-Wer in Spalato während der Sommer-Monate Luft schnappen will, der
-muss zeitlich aufstehen. Das ist nicht figürlich zu nehmen, sondern
-wörtlich. Die Tage sind glühend, die Nächte heiss, -- aber in den
-Morgenstunden, allenfalls von vier bis sechs Uhr, da liegt ein
-prächtiger satter Schatten über der breiten Marine, dem schönen
-Spaziergange, der sich zwischen den dem Hafen zugewendeten Häusern
-der Stadt Spalato und dem Meeresufer hinzieht. Das Meer dehnt sich
-still und glänzend aus bis zu den noch im Schatten liegenden Inseln
-Brazza und Solta, die Barken am Ufer heben und senken sich in feierlich
-rhythmischer Bewegung, der feine blaugraue Duft, den man nur am
-Seegestade findet, mengt sich am weiten Horizont mit den violetten und
-hellrothen Farben des Himmels, schöne Möven tauchen abwechselnd in
-die rosige Himmelsgluth und den silberglänzenden Spiegel des Meeres.
-Weit draussen kommen vielleicht ein Paar Fischerboote heran mit
-braunrothen lateinischen Segeln, und dann blitzt plötzlich der erste
-Morgensonnenstrahl über Segel, Inseln, Möven und Meeresspiegel. Dann
-kriechen wohl einzelne Matrosen aus den Lucken ihrer Fahrzeuge, in
-denen sie geschlafen, und machen ihre Morgen-Toilette im Meerwasser;
-Weiber mit grossen Körben auf dem Kopfe bringen Milch und Gemüse zu
-Markte, im nahen Franziskaner-Kloster läutet es zur Frühmesse, -- aber
-der echte Spalatiner, besonders wenn er ein Conte ist, schläft noch,
--- lässt sich von den Mücken stechen, deren es in den engen Gassen und
-Häusern Millionen gibt, und schwitzt seine Morgenträume.
-
-Der alte Conte Lole[16] war zwar ein echter Spalatiner, aber heute
-wich er ab von der Sitte seiner Väter und war schon um fünf Uhr
-auf der Marine. Er schien auf etwas oder auf Jemanden zu warten,
-denn er pflanzte sich, so lang er war, mitten hin vor das kleine
-Sanitätsgebäude und musterte, die Hand als Schutz gegen die eben
-aufgehende Sonne über die Augen haltend, die am Ufer verankerten
-Barken. Meinen Gruss erwiderte er als jenen eines alten Bekannten
-ziemlich flüchtig, freute sich aber doch, wie er sagte, mich so früh
-auf und wohl zu sehen. »Der Ante Placibat,« hub er an, immer noch mit
-der Hand über den Augen, »der Ante Placibat ist ein Faulpelz, -- ich
-sehe weder ihn noch die Colombina. Und doch sollte er schon heute Früh
-von der Brazza gekommen sein, um gleich wieder nach Zara abzufahren.
-Ich bin nur seinetwegen am diese Stunde aufgestanden, um ihm Einiges
-mitzugeben für meinen Bruder, den Conte Duje[17]. Auch weiss er recht
-gut, dass der Don Beppo eigens seinetwegen heute schon um sechs Uhr
-in unserer Capelle Messe liest für eine glückliche Fahrt. Ich möchte
-Nichts sagen, wenn ihm die Messe nichts gelten würde, aber heute sind
-gerade zwei von den Knechten auf dem Felde, da ist nur die Magd und der
-eine Knecht bei der Messe und so kann der Kerl als Dritter zu einer
-giltigen heiligen Messe kommen, weil ich ihn für einen meiner Diener
-ausgeben kann. Er verdient's aber nicht, der ......!«
-
- [16] Lorenzo.
-
- [17] Abkürzung für Doimo, den Namen des Schutzheiligen von Dalmatien.
-
-Mir war die ganze Geschichte einigermassen unverständlich. Wer ist Ante
-Placibat und wer die Colombina? Was ist das für eine Messe, die nur
-für drei Dienstboten gilt, und wem gegenüber will Conte Lole den Ante
-Placibat, der doch sein Knecht nicht zu sein scheint, für einen solchen
-ausgeben?
-
-Ich erbat mir von Conte Lole eine diesbezügliche Erklärung, aber
-in demselben Augenblicke kam ein Mann auf uns zu, der offenbar der
-ersehnte Ante Placibat sein musste, denn er grüsste schon von Weitem
-und Conte Lole rief ihm in halb scherzhaftem, halb ärgerlichem
-Tone einige Flüche in illirischer Sprache zu. Der Mann trug ein
-Paar weite Beinkleider von Segeltuch, die mit einer rothen Schärpe
-um die Hüften befestigt waren, eine braune, vorne offene Jacke
-und einen breiträndigen Strohhut. Sein Anzug und die hellgrauen
-zusammengekniffenen Augen zeigten deutlich den Seemann. Der Conte Lole,
-sagte er, möge sich nur nicht ereifern. Die Colombina (und dabei wies
-er mit dem Daumen über die rechte Schulter) sei bereits um drei Uhr
-Früh angekommen und vollkommen klar zur Abreise. Wenn der Conte Lole
-ein wenig weiter gegen das Zollamt gehen wolle, so könne er sie hinter
-dem grossen Trabakel[18] des Padron Ivicich liegen sehen. Auch habe er
-bereits einen Matrosen mit dem Mozzo[19] in das Haus des Conte Lole
-gesendet, um mitzunehmen, was mitzunehmen wäre. Und wenn der Conte
-Lole und ich es erlauben, so lade er uns ein, unterdessen, bis die
-Leute zurückkämen, mit ihm einen schwarzen Kaffee zu trinken, der im
-Kaffeehause Troccoli ganz vorzüglich wäre. Und dabei machte er eine
-tiefe Verbeugung vor uns Beiden. Aber der Conte Lole wollte von allen
-dem nichts wissen, sondern trieb den Ante Placibat an, dass er jetzt
-gleich mit ihm nach Hause und zur Messe käme. Auch mir, sagte er, könne
-es nicht schaden, und wenn ich ihn begleiten wolle, so erweise ich ihm
-eine Ehre, obwohl die Messe für mich nicht giltig sei, denn ich wäre
-+ein Fremder+.
-
- [18] Ein grosses Küstenfahrzeug.
-
- [19] Schiffsjunge.
-
-Dass die »Colombina« eine Küstenbarke und Ante Placibat deren
-Commandant (oder um in der Schiffersprache zu sprechen) ihr Padron war,
-das hatte ich jetzt glücklich erfahren, aber welches Bewandtniss es mit
-der »giltigen« Messe habe, die für mich +nicht+ galt, blieb mir immer
-noch ein Geheimniss, das mir der Ergründung werth schien. Ich nahm
-deshalb die Einladung des Conte an und begleitete ihn durch die noch
-wenig belebten Gassen der Stadt, während Ante Placibat sich respectvoll
-immer einen halben Schritt hinter uns hielt.
-
-Spalato ist nicht gross und um es in gerader Linie nach irgend
-einer Richtung zu durchmessen, benöthigt man kaum mehr als zehn
-Minuten. Beiläufig so lange brauchten wir auch, um zu dem Hause des
-Conte zu gelangen, das, wie er mir unterwegs erzählte, bereits seit
-zweihundert Jahren seiner Familie gehörte. Der Zugang zu demselben
-war nicht vielverheissend, da wir uns durch ein Gewirr der engsten
-und finstersten Gässchen durchwinden mussten, bis wir endlich durch
-einen mächtigen, wahrscheinlich noch von dem Palaste Diocletian's
-herstammenden Schwibbogen tretend, uns der Behausung des Conte
-gegenüber befanden.
-
-Ein alterthümliches, roh in Stein gehauenes und mit grellen Farben
-überklextes Wappen prangte über dem hohen, aber schmalen Thore. Die
-weite, beinahe vollkommen finstere Vorhalle, die uns nun empfing,
-entsandte einen eigenthümlich muffigen, mit mephitischen Dünsten
-gemischten Duft, was auch der Conte zu bemerken schien, denn er
-murmelte, während wir die Stiege hinaufschritten, etwas über die
-Nachlässigkeit eines gewissen Sime[20], der des Abends das Thor nicht
-rechtzeitig schliesse und dadurch die Schuld trage, dass sich die ganze
-Nachbarschaft des Hauseinganges wie eines Anstandsortes bediene. Im
-ersten Stocke angekommen, traten wir in eine Vorhalle, von der zwei
-Thüren, wie es schien, in die Wohnzimmer und eine kleinere dritte in
-die Capelle führte. Der Conte öffnete die Thüre.
-
- [20] Simeon.
-
-Eine merkwürdigere Capelle und eine sonderbarere Versammlung von
-Andächtigen ist mir wohl niemals vorgekommen. Vor Allem trat uns
-eine grosse, magere, streng und sauber aussehende Dame in einfachem
-Hauskleide entgegen, welche durch die nichts weniger als artige
-Strafpredigt, die sie wegen zu langem Ausbleiben an den Conte richtete,
-sich als die Contessa kundgab. Als sie meiner ansichtig wurde,
-verstummte sie, ohne übrigens im Geringsten verlegen zu werden, und
-erwiderte meinen Gruss ziemlich gemessen, indem sie mir zugleich den
-Eintritt freigab. Der Thür gegenüber, die in ein schmales, beiläufig
-vier Klafter langes Gemach führte, stand ein Altar auf rohen, aus
-Sandstein gemeisselten Säulen. Ober demselben prangte ein aus Holz
-geschnitzter Heiliger und über demselben ein vergoldetes Osterlamm.
-Zwei Reihen schmaler Betschemel, die kaum für je zwei Personen Platz
-boten, liessen einen Gang frei bis zum Altare. Uralte Heiligenbilder,
-alte Sträusse von künstlichen Blumen und einige Kupferstiche hingen an
-den Wänden. Auf den Kniebänken der Betstühle sassen vier junge Damen
-mit glänzenden Augen, höchst derouter Toilette und ungekämmten, aber
-prachtvoll langen, dunkelschimmernden Haaren; sie kehrten dem Altar den
-Rücken und schienen sich in zwanglosem Geplauder zu unterhalten. Das
-waren die jungen Contessen. Ein beiläufig achtzehnjähriger Bursche,
-der junge Conte, lehnte an der Thüre und sprach mit einem sehr behäbig
-aussehenden kugelrunden geistlichen Herrn; ein Morlake und eine
-städtisch gekleidete höchst schlumpig aussehende Magd standen in der
-einen Ecke. Das war die Versammlung, welche den Conte Lole und mit ihm
-den Anfang der Messe erwartete.
-
-Bei unserem Eintritte kam etwas Leben in die Versammlung. Der
-geistliche Herr legte mit Hilfe des Hausherrn die Messgewänder an, die
-jungen Damen trachteten die Mängel ihrer Morgen-Toilette so gut und so
-schnell als möglich zu verdecken, männiglich setzte sich in andächtige
-Positur und die Messe ward ohne weitere Störung gelesen, nur dass die
-Contessa hin und wieder giftige Blicke auf Conte Lole schoss und etwas
-brummte, was eben kein Gebet sein mochte.
-
-Als die Messe beendet und der Segen gegeben war, wurde der behäbige
-geistliche Herr in die Wohnung der Familie escortirt, um dort seinen
-Morgenkaffee einzunehmen. Ich aber verabschiedete mich von der
-gestrengen alten Contessa, sowie den derouten jungen Contessen und gab
-in Gesellschaft des Conte Lole dem Ante Placibat das Geleite gegen die
-Marine.
-
-Ich weiss nicht, ob der Conte mir es an der Miene ablas, dass ich gerne
-eine Erklärung über die geheimnissvolle Giltigkeit und Ungiltigkeit
-der Messe im Hause ......* gehört hätte, oder ob er nur zeigen wollte,
-welch' uralter Familie er angehöre, die noch solchen alten Brauch zu
-hegen und zu pflegen das Recht habe, kurz, er erzählte mir Folgendes:
-
-Vor beiläufig zweihundert Jahren wurde der Theil des Hauses, in welchem
-die Kapelle steht, durch einen Ahnherrn der Familie ......* erbaut.
-Irgend ein Papst wurde durch irgend einen der Bischöfe von Spalato
-gebeten, der Familie ......* das Recht zu geben, in ihrer Hauscapelle
-Messe lesen zu lassen. Da die Familie ......* wohlhabend und im
-Stande war, für den hochadeligen Luxus einer eigenen Hauscapelle auch
-tüchtig zu zahlen, so erfolgte die erbetene Erlaubniss. Unter dem
-Dachboden in irgend einer Kiste musste auch noch das päpstliche Breve
-aufbewahrt sein. Der Conte hatte es nie gelesen, wohl aber sein Vater,
-der vor dreissig Jahren gestorben, und ihm einmal sagte, das Breve
-sei lateinisch. Und weil die Familie ......* seit jeher sich durch
-Frömmigkeit ausgezeichnet habe, so habe die Capelle auch ganz besondere
-Privilegien. Jeden Tag dürfe in derselben Messe gelesen werden, auch
-gelte die Messe für alle Familien-Mitglieder, auch für Diejenigen, die
-nur in die Familie geheiratet hatten, und ausserdem für drei männliche
-oder weibliche Dienstboten, aber nicht ...
-
-Das war mir doch zu stark. Da stand ich trotz aller Erklärung wieder
-vor dem ungelösten Räthsel, das ich doch ergründen wollte.
-
-»Entschuldigen Sie, Conte Lole, wie verstehen Sie das von dem Gelten
-der Messe?«
-
-Der Conte streifte mich mit einem misstrauischen Seitenblick, als ob er
-nicht recht im Klaren sei, ob ich denn nicht doch ein Ketzer und daher
-der nöthigen Vorbildung zum Verständniss seiner Erklärung bar sei.
-»Gelten heisst gelten,« sagte er tiefsinnig, »wenn Sie zum Beispiel
-Sonntags in meiner Capelle die Messe hören, so haben sie keine Messe
-gehört, wenn aber ich oder ein Mitglied meiner Familie in derselben
-die Messe hören, dann haben wir sie gehört. Das Gleiche gilt für drei
-meiner Dienstleute.«
-
-»Wenn aber vier von Ihren Dienstleuten der Messe beiwohnen, für welchen
-von den Vieren gilt dann die Messe nicht, Conte Lole?«
-
-Der Conte dachte einen Augenblick nach und entschied dann rasch: »Für
-den Letztgekommenen. -- Sehen Sie, Herr ......, ich weiss recht gut,
-obwohl ich niemals aus Dalmatien hinausgekommen bin, dass man in der
-Welt jetzt nicht mehr viel hält auf solche Dinge, aber in unserer
-Familie, die von sehr altem Adel ist, war man auch immer fromm. Darum
-hat man uns auch Privilegien gegeben von Rom, wenn wir darum baten, und
-nicht genug, auch einen Cardinal haben wir schon in der Familie gehabt
-und auch ein Wunder.« Und der Conte blickte in offenbar gehobenem
-aristokratischem Selbstbewusstsein bei der Erinnerung an das Wunder
-um sich, als erwartete er rings um sich plötzlich eine ganze Legion
-adeliger Wappenschilde der Familie ......* auftauchen zu sehen.
-
-»Das Wunder ist wohl schon sehr alt?« wagte ich zu fragen.
-
-»Nein, es geschah vor fünfzig Jahren. Mein jüngerer Bruder Conte
-Zandume[21] war mit einem kürzeren Fuss geboren und hinkte. So lange
-er klein war, wurde das weniger beachtet; die Aerzte sagten, es gäbe
-kein Mittel dagegen und seine Pesterna[22], die eine Morlakin aus
-Imoschi war, zog ihn nur alle Abend tüchtig bei dem kürzeren Fuss,
-dass er schrie, aber das half nichts. So war er zwanzig Jahre alt
-geworden. Da verlobte ich ihn zu einer Wallfahrt in die Capelle des
-San Dojmo bei Duimovaz. Es war am 7. Mai, dem Tage des San Dojmo, und
-wir hatten uns etwas verspätet. Darum war es schon tüchtig heiss, als
-wir in die Gegend von Duimovaz kamen und auf dem ganzen Wege hindurch
-predigte ich in einemfort dem Zandume, er solle nur festen Glauben
-hegen, dann werde Alles gut werden. Fede[23], Zandume, fede! rief ich
-immer, aber der Zandume war schon müde, weil er hinkte, und sagte
-nur: »Ja, Lole!« Endlich kamen wir zur Capelle selbst. Viele Kerzen
-brannten drinnen und vor denselben lag eine Menge Morlaken, Weiber wie
-Männer und sonst ordinäres Volk auf den Knien. Ich schob sie aber zur
-Seite, packte meinen Bruder beim Arm, schob ihn voraus und rief in der
-höchsten Aufregung »Fede, Zandume! fede, fede, Zandume, fede!« (-- Hier
-folgte noch ein Fluch, der sich nicht in's Deutsche, wohl aber in das
-Ungarische übertragen lässt --) -- -- -- »Da war das Wunder geschehen.«
-
- [21] Johann Doimo.
-
- [22] Kindsmädchen.
-
- [23] Glaube oder Vertrauen.
-
-»Konnte er jetzt gerade gehen?« fragte ich.
-
-»Nein,« sagte der Conte, »aber er fühlte sich besser, so lange er
-lebte, und sprach davon bis zu seinem Tode. Vor zwei Jahren ist er
-gestorben.«
-
-Unterdessen waren wir auf die Marine gekommen, von welcher der breite
-Schatten gewichen war, da die Sonnenstrahlen sich jetzt kräftig und
-heiss über dieselbe legten. Das Meer wippte in zitternder Bewegung vor
-einer stetigen Landbrise und die »Colombina« tanzte mit den anderen
-Barken gar lustig vor unseren Augen. Der Ante Placibat war auf einem
-als Landungsbrücke dienenden Brette an Bord gegangen und hantirte mit
-den Kisten, Fässern und Ballen herum, die auf dem Verdeck lagen, und
-der Mozzo hockte bei einem kleinen am Bug des Schiffes angemachten
-Kohlenfeuer um Kaffee zu kochen.
-
-Conte Lole schien doch das Bedürfniss zu fühlen, den etwas
-zweifelhaften Eindruck, welchen die Erzählung von dem Wunder auf
-mich gemacht, durch die Aufzählung irgend einer positiven Thatsache
-abzuschwächen, denn er fragte plötzlich: »Wissen Sie, wem die
-»Colombina« eigentlich gehört?«
-
-»Vermuthlich Ihnen, Conte Lole?«
-
-»Nein,« antwortete der Conte stolz, »sie gehört den armen Seelen.
-Mein Grossvater hat sie bauen lassen. Früher war sie grösser und ist
-auch bis Triest gefahren, jetzt aber fährt sie nur bis Zara. Von dem,
-was sie einbringt, wird vorerst die Mannschaft gezahlt, dann werden
-die Reparaturen besorgt und was übrig bleibt wird zu Seelenmessen für
-die Verstorbenen unserer Familie verwendet. Davon wird der Don Beppo
-bezahlt, der eben in der Capelle Messe las. Die Reparaturen fressen
-am meisten und von der ursprünglichen »Colombina« ist kein Spahn mehr
-da. Aber sie wird immer gut gehalten und frisch aufgezimmert, hat auch
-immer ausserordentliches Glück gehabt. Weil die armen Seelen eigentlich
-ihre Eigenthümer sind, brauche ich sie auch nicht zu assecuriren.
-Schon oft war sie in der grössten Gefahr, -- jedes andere Schiff wäre
-zu Grunde gegangen aber die »Colombina« -- -- halt! Da fährt sie ab.
-Glückliche Reise, Ante! Grüsse mir die Freunde in Zara!!«
-
-Während die Brise sich sanft in die Segel legte, tanzte die »Colombina«
-lustig hinaus über die glitzernde Fläche. Beim Steuerruder stand aber
-Ante Placibat und schwenkte seinen Strohhut.
-
-Glückliche Reise, »Colombina,« glückliche Reise, Ante Placibat!!
-
-[Illustration]
-
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-[Illustration]
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-
-Die Pestgräber von Botticelle.
-
-
-Hätte Herr Stipe Noncovich sein Dasein in irgend einer Stadt irgend
-eines anderen Landes ausser Dalmatien hingebracht, so würde er
-jedenfalls auf den Titel eines Commis Anspruch erhoben haben. Da er
-aber in Spalato sich des Lebens freute, so hiess er einfach »Giovane«.
-
-Giovane ist Alles. Ein Schneidergeselle, ein Advocatenschreiber, ein
-Schusterlehrjunge, ein Marqueur in einem Kaffeehause, und nicht minder
-jene jungen Männer, die man im gemeinen Leben deutscher Nation unter
-den Sammelnamen Ladenjünglinge zu bezeichnen pflegt -- sie Alle heissen
-in ganz Italien und in allen Küstenstädten des italienischsprechenden
-Dalmatiens »Giovane«, zu deutsch »junger Mann«. Wie alt ein derartiger
-junger Mann sei, thut nicht das Mindeste zur Sache, denn nicht etwa das
-jugendliche Alter des Betreffenden soll mit diesem Ausdrucke bezeichnet
-werden, sondern das Abhängigkeits-Verhältniss, in welchem er zu seinem
-Herrn steht. Und Herr Stipe Noncovich war ein »Giovane«, er verkaufte
-Leinwand, Bänder, Schnüre, Vogelleim, abgelegenes Tuch, Schiesspulver,
-Zucker, Kaffee, fertige Stiefel, Branntwein und noch tausend andere
-Dinge in dem Laden seines verehrten Oheims und gestrengen Herrn.
-
-Wenn man von der Piazza Signori -- dem Herrenplatze -- der
-freundlichen Stadt Spalato in der Richtung gegen den diocletianischen
-Jupiter-Tempel geht, so stösst man an der Ecke des Platzes auf ein
-höchst sonderbares Erzeugniss mittelalterlicher Bildhauerkunst. Es
-sind zwei Bischöfe in vollem Ornate, welche, die Mitra auf dem Kopfe
-und die respectiven rechten Hände wie zum Segen erhoben, in Sandstein
-roh ausgemeisselt und in die Quadern des Eckhauses eingefügt sind.
-Der eine dieser Bischöfe ist in mehr als Lebensgrösse dargestellt --
-der andere reicht dem ersten kaum bis zum Knie. Die nackten Füsse des
-grossen und die von schwerfälligem Faltenwurfe überdeckten Knie des
-kleinen Bischofs sind gleichmässig abgeschliffen und gewöhnlich mit
-einer Schmutzkruste überzogen. Das hat seinen guten Grund. Der Morlake
-sowie der Bewohner der Vorstädte Spalatos sieht in jeder alten Statue
-ohneweiters einen Heiligen. Hat die Statue gar eine Bischofsmütze
-auf dem Kopfe, so muss es schon ein ganz ausserordentlicher Heiliger
-sein. Darum sind auch die beiden sandsteinernen Bischöfe heilig und
-kein Morlake und kein Vorstadtbewohner versäumt es, im Vorübergehen
-hinaufzulangen, die Füsse des grossen und die Knie des kleinen Bischofs
-mit den Fingern anzurühren und dann seine Finger zu küssen. Daher die
-Kruste. Manchesmal regnet es aber, und dann wird die Schmutzkruste vom
-Regen abgewaschen.
-
-Fragt man einen zur gebildeten Classe zählenden Spalatiner um die
-Bedeutung dieser beiden Bischofsbilder, so erhält man allerdings eine
-Auskunft, die einigen Zweifel an der Heiligkeit der beiden Originale
-zu erwecken geeignet ist. Es soll nämlich einmal im vierzehnten
-oder fünfzehnten Jahrhundert der Bischof von Spalato mit dem
-Bischofe von Traú ein kleines Zerwürfniss gehabt haben, was zu einem
-Particularkriege zwischen den beiden Städten Spalato und Traú führte.
-Bei der Schlacht oder bei dem Gefechte, welches sich die Bewohner
-der beiden Städte lieferten, wurden die Unterthanen des Bischofs
-von Traú mit blutigen Köpfen heimgeschickt, worauf dann die beiden
-geistlichen Herren, wie billig, Frieden machten. Zum Andenken aber an
-den erfochtenen Sieg und zum Zeichen, wie mächtig er selbst gegenüber
-seinem Widersacher sei, liess der Bischof von Spalato den grossen und
-den kleinen Bischof in Sandstein aushauen. Der grosse Bischof war er
-selbst, -- jener winzig kleine der überwundene Bischof von Traú. Heute
-sind sie Beide heilig und die Morlaken küssen ihnen -- da sie zu hoch
-stehen -- symbolisch die Füsse, wie man anderwärts Leute, die man nicht
-»hat«, in effigie hängt.
-
-An derselben Ecke, an welcher die beiden sandsteinernen Bischöfe mit
-der periodischen Schmutzkruste an den Füssen prangen, mündet auch eine
-zweite enge Gasse: die Calle Alberti.
-
-»Calle« heisst in der Venezianer Mundart, die in allen Küstenstädten
-Dalmatiens gesprochen wird, eine enge Gasse, und Alberti ist der Name
-einer geachteten Spalatiner Familie, die einmal in dieser Gasse ein
-Haus besessen hat. Das erwähnte Haus gehört zwar heute einem Schneider,
-aber die Gasse ist desswegen nicht breiter geworden, und wann zur Zeit
-der Weinlese die mit bocksledernen Schläuchen beladenen Esel den edlen
-Traubensaft durch die Calle Alberti schleppen, so müssen die Kaufleute
-ihre Waaren, die sie anlockend vor ihren Kaufläden ausgehängt haben,
-hübsch hereinnehmen, wenn dieselben nicht beschmutzt oder gar von einem
-Esel mitgenommen werden sollen. Denn die Calle Alberti ist der grosse
-Bazar von Spalato, in dessen Verkaufsgewölben Alles zu haben ist, was
-nur Herz oder Sinn der männlichen und weiblichen Spalatiner erfreuen
-mag.
-
-Und dort, in der Calle Alberti, nicht zu weit von dem ungleichen
-sandsteinernen Bischofspaar, hatte Herr Stipe Noncovich senior seinen
-Laden, und in demselben lebte, wirkte und verkaufte Herr Stipe
-Noncovich junior, zugleich Neffe seines Herrn und »Giovane« seines
-Oheims.
-
-Zu wenig Geld oder auch kein Geld haben kommt wie anderwärts auch in
-Spalato vor, und bei Herrn Stipe Noncovich junior war dieser Umstand
-beinahe chronisch geworden. Denn Herr Stipe Noncovich senior fühlte
-sich doppelt verpflichtet, eine Abwechslung in dieser Beziehung nicht
-herbeizuführen. Als Dienstgeber seines Neffen lag es nämlich in seinem
-eigenen Interesse, dessen Lohn so karg als möglich zu halten, und als
-Oheim seines Giovane fühlte er sich verpflichtet, darüber zu wachen,
-dass der Letztere durch das lockende Bewusstsein einer vollen Börse
-nicht auf Abwege verleitet werde. Darum hatte Herr Stipe Noncovich
-junior kein Geld. Darum musste er seinen brennenden Wunsch unerfüllt
-lassen, es den anderen jungen Leuten gleichzuthun, Abends vor dem Café
-Troccoli seine Cigarrette zu rauchen oder fein geputzt und geschniegelt
-bei den Damen den Galan zu spielen, wenn sie im Mondenschein auf der
-wunderschönen Marine sich ergingen und riesige Staubwolken mit ihren
-langen Schleppen aufwirbelten. Spalatiner Damen sind nämlich in den
-Moden durchaus nicht oder höchstens um ein paar Jahre zurück, und eine
-Schleppe zu tragen gehört dort zum guten Ton. Je länger die Schleppe,
-desto besser der Ton.
-
-Richtig -- ich wollte eigentlich erzählen, wie Herr Stipe Noncovich
-junior zu Gelde gekommen, ja sogar ein reicher Mann geworden ist.
-Ganz genau weiss ich es freilich selbst nicht -- was ich aber darüber
-erfahren konnte, das soll hier nicht verschwiegen werden.
-
-An der Ostküste des Gebietes von Spalato ragen die starren
-Uferfelsen sägenartig gezackt in die spielenden Meereswogen hinaus.
-Thurmhoch, senkrecht abfallend und trotzig gleich Ruinen einer
-mittelalterlichen Burg fühlen sie den leisen Kuss der Wellen nicht,
-die ihren Fuss umspielen und werden von der wildanstürmenden Brandung
-nicht erschüttert, wenn der Scirocco gebrochene Wellenberge an sie
-heranwirft. Sie haben die Griechen in ihren Schiffen landen gesehen
-und die welterobernden Römer, sie standen so wie heute, als das
-Christenthum lautlos und siegesfreudig zugleich seinen Einzug hielt
-in das uralte Dalmaticum; der stiernackige Imperator Diocletian ist
-auf ihrem breiten Rücken einhergeschritten und die barbarischen Rufe
-der Avaren hallten aus ihren Klüften wieder. Schöne, lauschige, kleine
-Buchten hat das Meer in ihren Riesenkörper hineingewaschen, hat den
-feinsten Sand, so weich wie Sammt, spielend hineingetragen und winkt
-dort mit silberklaren, leise scherzenden Wellen zu köstlichem Bade. Der
-Rücken dieser Felsen, der sanft gegen die Stadt Spalato niedergleitet,
-ist mit einer dünnen Humusschichte bedeckt, die Einsenkungen sind mit
-Erde ausgefüllt und darüber wirft der Oelbaum seine schwermüthigen
-Schatten, grünt der Feigenbaum, senkt sich die Rebe unter der schweren
-Last der dunkeln saftstrotzenden Trauben.
-
-Jener Theil dieser lachenden und trotzigen Felsenhügel, der unmittelbar
-an das Gebiet von Spalato grenzt, heisst Botticelle, und Botticelle
-heisst auch die Bucht, die sich dort in das Land eingeschnitten. In
-der Bucht badet zur Sommerabendzeit die ganze elegante, bürgerliche
-und gemeine Welt von Spalato -- oben auf dem Felsenrücken, unter den
-üppigen Reben liegen die Leichen von Pestkranken verscharrt und --
-dort ruhen auch die Schätze. Ja, wirkliche, ordentliche, klingende
-Schätze in blankem Gold und Silber. Und wer's nicht glaubt, der gehe zu
-nachtschlafender Zeit nach Botticelle, so um Neumond herum, wenn nur
-das leise Rauschen des Meeres zu hören und einzelne Sterne durch die
-feuchtheisse Atmosphäre herniederleuchten. Dann mag er die schlanken,
-blauen Flammen spielen sehen zwischen den Reben und unter dem
-dunkeln Schatten der Oelbäume, dann mag er es aufblitzen sehen in dem
-thaufeuchten, warmen Dunkel, und dann -- ja, dann mag er es nochmals
-behaupten, wenn er Lust und Muth dazu hat, dass in Botticelle keine
-Schätze liegen.
-
-Eines weiss man nicht: wie die Schätze nach Botticelle gekommen und
-wer sie dort vergraben hat. Dafür aber herrscht über die Herkunft
-der Pestleichen nicht der geringste Zweifel. Als im Jahre 1784
-zum letztenmale die Pest durch türkische Caravanen nach Spalato
-eingeschleppt wurde, da begrub man die an dieser Krankheit Verstorbenen
-in einem grossen, in Stein gehauenen Schacht auf dem gemeinschaftlichen
-Friedhofe San Stefano. Dort stehen heute noch zwei steinerne Kreuze
-mit der Aufschrift: »Ob pestem Angelo Diedo Provisore 1784.« Die an
-der Pest verstorbenen Türken aber verscharrte man ohne viel Ceremonie
-gleich hinter der Stadt in Botticelle, weil erstens das Lazareth, wo
-sie gestorben, in der Nähe lag oder vielmehr heute noch dort liegt,
-und zweitens, weil man die ungetauften Türkenhunde nicht in geweihter
-Erde und in dem geweihten Schachte begraben wollte. Und gerade dort,
-über den verscharrten Leibern der pestkranken Türken, tanzen in dunkeln
-Sommernächten die schlanken, blauen Flammen -- gerade dort liegen auch
-die Schätze.
-
-Alle Welt weiss es. Auch Herr Stipe Noncovich junior wusste es, und
-wenn er, oft Düten drehend oder die Elle handhabend, in dem dumpfen wie
-ein Ei gefüllten Laden seines Brodherrn und Oheims stand, dann waren
-seine Gedanken draussen in Botticelle und irrten dort hin und her,
-gleich den schlanken, blauen Flammen zur Sommernachtszeit.
-
-Wer die Schätze heben könnte! Ach, welch' schöne Kleider wollte er
-tragen, wie wollte er geschniegelt und gebügelt über die Marine
-promeniren, bald mit der, bald mit jener Dame sprechen und dabei den
-Galanten machen, dass es nur so eine Freude wäre. Und gerade solche mit
-den allerlängsten Schleppen wollte er sich aussuchen, seinem verehrten
-Oheim und Herrn zum Trotz, der die neumodischen Schleppen nicht
-leiden konnte. Und dann hätte er sich vor das Café Troccoli gesetzt,
-hätte sich Gefrornes geben lassen, den Hut -- einen schwarzglänzenden
-Cylinder -- in den Nacken gerückt, und hätte sich eine Cigarrette um
-die andere gedreht. Eine schwere goldene Uhrkette müsste er haben und
-eine goldene Uhr, dann an jedem Finger mindestens Einen Ring, goldene
-Hemdknöpfe, lackirte Stiefletten und die wunderbarsten dunkelblauen
-Hosen müsste er tragen -- ganz wie der Conte Anastasio, der genau in
-diesem Aufzuge jeden Abend vor dem Café Troccoli sass. Und während er
-diese Luftschlösser baute und an all' die Herrlichkeiten dachte, musste
-er im Kaufladen seines Oheims Düten drehen!
-
-Es war einmal ein Schneider in Spalato, dem es ganz ausserordentlich
-schlecht ging. Der Mann war der Verzweiflung nahe, denn er hatte
-nichts zu beissen und zu Hause riefen die Kinder um Brod. Da ging
-er hinaus nach Botticelle -- wollte er sich die Felsen herab in's
-Meer stürzen -- wollte er seinen Kummer verträumen -- wer weiss es?
-Als er sich aber dort auf die Erde setzte und in unbewusster Wuth
-eine handvoll Erde und Steine aufraffte, um sie fortzuschleudern, da
-blieb ihm ein hellblinkender Ducaten in der Hand. Und dann fand er an
-derselben Stelle noch einen und wieder einen und so fort, bis er blanke
-sechsunddreissig Ducaten mit den Händen aus der Erde gescharrt hatte.
-Mehr fand er nicht, obwohl er mit einem Spaten versehen zum zweitenmal
-an Ort und Stelle kam und den ganzen Fleck umwühlte. Und das ist kein
-Märchen, denn der Mann lebt heute noch und hat seinen eigenen Laden, wo
-er mit drei Burschen den ganzen lieben Tag lang rothe Mützen näht und
-sie an die Morlaken um gutes Geld verkauft.
-
-Was dem halbverzweifelten Schneider gelungen, das sollte ihm, Herrn
-Stipe Noncovich junior, nicht möglich sein, -- ihm, der sich zu Höherem
-geboren fühlte?
-
-Eine goldene Uhrkette, ein blank gebügelter Cylinder und die blauen
-Hosen des Conte Anastasio tanzten vor seinen Augen einen wilden Reigen
-und das Blut stieg ihm wie siedend zum Kopfe.
-
-Herr Noncovich senior aber hatte in diesem Augenblicke keine so üppigen
-Träume wie sein hochaufstrebender Neffe und »Giovane«.
-
-Es vergeht selten ein Jahr, in welchem zur heissen Sommerszeit, wenn
-die Früchte, wenn Melonen und Gurken in reichem Ueberflusse reifen,
-nicht die Cholera einen kleinen Umzug hält durch das langgestreckte
-Küstenland Dalmatiens. Auch in diesem Jahre war sie gekommen und Herr
-Noncovich senior war einer der Ersten, bei dem sie Einkehr gehalten.
-Weil aber der Verkaufsladen nicht leer stehen durfte und vielleicht
-auch aus anderen Gründen, war es nicht der Neffe und Giovane, der
-seinen Herrn und Oheim pflegte, sondern ein guter Freund und
-weitschichtiger Vetter des Letztern, der Signor Beppo.
-
-Lange dauerte es nicht. Des Morgens hatte der alte Herr sich
-niedergelegt, zwei Stunden darauf hatte man einen Franciskaner geholt,
-der die Krankheit wegbeten sollte, Mittags kam der Arzt, um fünf Uhr
-Nachmittags ging es dem Kranken besser (was die Folge des Wegbetens
-war) und um zehn Uhr Abends war er eine Leiche.
-
-Der Signor Beppo hielt aber mit rührender Sorgfalt bei dem Kranken
-aus, hegte und pflegte ihn und als er todt war, bestellte er selbst
-die Männer und Weiber zur Leichenwache und besorgte in eigener Person
-Schnaps und Brod für dieselben. Auch warf er den Herrn Stipe Noncovich
-junior eigenhändig zur Thüre hinaus, als derselbe zu später Nachtstunde
-in das Trauerhaus kam. Des andern Morgen kam die Gerichtssperre und
-es wurde Alles hübsch ordentlich aufgenommen, was der alte Herr
-hinterlassen. Es fand sich aber nicht viel. Ausser den Möbeln und
-werthlosen Kleidern fand sich eigentlich nichts. Kleider und Möbel
-sowie das gefüllte Verkaufsgewölbe in der Calle Alberti gingen in die
-Hände einer in Sebenico lebenden Schwester des Verstorbenen über. Der
-Herr Beppo, der ihn so treulich in seiner letzten Krankheit gepflegt,
-bekam nichts. Und Herr Stipe Noncovich junior bekam auch nichts.
-Darum schimpfte Herr Beppo weidlich über die Undankbarkeit seines
-verstorbenen Freundes und Herr Stipe Noncovich, der Lebende, lungerte
-den ganzen Tag in den Strassen der Spalatiner Vorstadt Pozzobuon herum.
-Auch Abends sah man ihn dort, auf einem Stein sitzend mit einem Stücke
-Polenta in der einen und einem gebratenen Fisch in der andern Hand.
-
-Warum in Pozzobuon? Vielleicht weil Pozzobuon in der Richtung gegen
-Botticelle liegt, wo die Schätze vergraben? Oder weil in Pozzobuon Herr
-Beppo wohnte, der Freund und Pfleger seines verstorbenen Oheims?
-
-Das hat keine lebende Seele je erfahren.
-
-Ja, wer ein schlankes blaues Flämmchen hätte sein können, wie sie zu
-nachtschlafender Zeit über Botticelle tanzen, der hätte in der Vorstadt
-Pozzobuon so gegen Mitternacht herum etwas sehen können. Da stand das
-Haus des Herrn Beppo und hinter demselben dessen Garten, ein grosses
-mit Paradiesäpfelstauden, Misthaufen, Granatbüschen und Zwiebelbeeten
-bedecktes Stück Erde. Wer da ein blaues Flämmchen hätte sein können
-und sich hinter den Granatbüschen verborgen hätte, der hätte in der
-pechfinstern, feuchten, heissen Nacht Jemanden aus Herrn Beppo's Thür
-treten gesehen, der auf der linken Schulter eine Kiste und in der
-rechten Hand einen Spaten trug. Und der hätte sehen können, wie dieser
-Jemand in der unmittelbaren Nähe zweier Misthaufen und eines prächtigen
-alten Feigenbaumes eine Grube machte und darin die Kiste begrub und
-dann wieder Alles hübsch zudeckte und Mist darüber streute und dann
-wieder in das Haus ging. Der hätte auch sehen können, wie dann aus den
-Granatbüschen heraus eine andere Gestalt hervorschlich, die auch einen
-Spaten hatte, aber mit demselben gerade die entgegengesetzte Arbeit
-verrichtete. Denn die Gestalt grub genau an derselben Stelle nach, wo
-die Kiste verscharrt worden war. Dann nahm die Gestalt die Kiste wieder
-heraus, deckte die Grube wieder fein säuberlich zu, hob die Kiste auf
-die Achsel und trollte sich damit fort. Wohin?
-
-Neuigkeiten sind in Spalato selten. Kommt einmal eine solche vor,
-so wird sie darum desto begieriger von Alt und Jung aufgegriffen,
-besprochen und herumgetragen. Und heute gab es etwas Neues. Herr Stipe
-Noncovich junior war gestern Abends vor dem Café Troccoli gesehen
-worden. Dort hatte er sich ein Gefrornes geben lassen und sehr viele
-Cigarretten geraucht. Er hatte einen funkelnagelneuen Cylinder auf dem
-Kopfe und trug denselben stark nach hinten gerückt, -- von allen seinen
-dicken Fingern blitzten Ringe und um den Hals schlang sich eine schwere
-goldene Kette. Gold -- nicht Talmi. Dazu hatte er ein spanisches Rohr
-mit einem grossen goldenen Knopf und ein Paar prachtvolle dunkelblaue
-Hosen. Er war in seinem Auftreten ein genaues Conterfei des Conte
-Anastasio. Und als er sein Gefrornes zahlte, das zwölf Kreuzer kostete,
-liess er eine Hundertgulden-Note wechseln, was dem »Giovane« des Café
-Trocolli bald eine Ohnmacht zugezogen hätte, und zeigte eine prächtige
-mit Banknoten gefüllte Brieftasche. Mit Einem Worte: Herr Stipe
-Noncovich junior war ein reicher Herr geworden.
-
-Er hatte Spalato vor vierzehn Tagen als Passagier dritter Classe eines
-Lloyddampfers verlassen. Seine ganzen Habseligkeiten bestanden in einer
-kleinen hölzernen Kiste, die mit Stricken zugeschnürt war. Und gestern
-war er von Triest zurückgekehrt -- wenn nicht ein Adonis, so doch ein
-zweiter Conte Anastasio.
-
-Lange hat es ihn aber in Spalato nicht gelitten. Er war blasirt. Dann
-wollten auch die Damen nichts von ihm wissen, wenn sie Abends mit den
-langen Schleppen über die Marine fegten und er den Galanten bei ihnen
-zu spielen versuchte, weil, wie sie sagten, er schliesslich doch nur
-ein »Giovane di Bottega« sei. Darum schiffte er sich eines schönen
-Morgens wieder auf einem Lloyddampfer ein und reiste fort. Heute hat
-er sich in Buenos Ayres etablirt, wo er einen schwungvollen Handel
-betreibt. Dorthin liess er sich auch seine Schwester nachkommen, die
-früher ein armes Schneidermädchen war.
-
-Möchtest Du auch Schätze finden, lieber Leser? Gehe hin nach Spalato
-zur Sommerszeit, wenn die Granatäpfel glühen, die Traube dunkelt, die
-köstliche Feige vom Baume winkt. Zur Nachtszeit, bei Neumond, wenn
-die Nacht schwarz, heiss und feucht über Meer und Felsen hängt, dann
-ersteige die Höhen von Botticelle, wo unter dunkeln Oelbäumen und
-fruchtschweren Reben die Leiber der pestkranken ungetauften Türkenhunde
-ruhen. Siehst Du dann schlanke blaue Flämmchen aufzüngeln und im Tacte
-der Wogen tanzen, die tief unten den Fuss der jäh abstürzenden zackigen
-Felsen schmeichelnd küssen, so merke Dir den Punkt ganz genau. Dort
-liegen die Schätze.
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-[Illustration]
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-[Illustration]
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-Das Paternosterhaus.
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-Ein altes Zauberland ist dieses Dalmatien. Die Engel, welche die
-berühmte Kirche von Loretto seinerzeit nach Italien transportirten,
-hatten es nicht verschmäht auf ihrer luftigen Reise in Dalmatien
-Halt zu machen und dort die Kirche, bei Tersate, auf einige Jahre
-zu deponiren. Wer es je versucht hat, ein schweres Möbel oder eine
-tüchtige Kiste auf den Schultern fortzutragen, wird den Engeln die Rast
-von Herzen gönnen; auch glaube ich nicht, dass es auf der weiten Welt
-einen Dienstmann oder Packträger gibt, der ihnen nicht sachverständig
-beistimmte. Früher schon hatte der heilige Domnius -- recte Domnionus
-und nicht zu verwechseln mit dem officiellen Schutzpatron der Stadt
-Spalato, Dominius -- bis zu seinem seligen Ende und noch über
-dasselbe hinaus die Zauberei in Dalmatien geübt. Bolandus erzählt die
-Geschichte und Archidiaconus Thomas ist sein Gewährsmann. Besagter
-Domnionus war Hofbeamter Maximinian's, des Mitregenten Diocletian's
-und ein heimlicher Christ. Als solcher ermahnte er die christlichen
-Märtyrer, die sich damals in Dalmatien befanden, bei ihrem Glauben
-auszuharren; er selbst aber floh gegen Rom, als es bekannt wurde, dass
-auch er den neuen Glauben bekenne. Auf der Claudischen Strasse, unweit
-der Stadt Julia Chrysopolis und an dem Ufer des Flusses Sytirion,
-holten ihn die Häscher Maximinian's ein, banden ihn mit Stricken und
-enthaupteten ihn. Da hob er sein abgeschlagenes Haupt auf, ging mit
-demselben festen Schrittes über den Fluss und legte es am anderen
-Ufer nieder, wo er auch sammt seinem Haupte begraben worden ist. Den
-Grund dieses sonderbaren Benehmens weiss weder Archidiaconus Thomas
-noch Bolandus anzugeben, aber aus dem Ganzen geht hervor, dass nur
-Maximinian's Häscher selbst das Geschehene weiter erzählt haben können,
-welcher Umstand immerhin als höchst achtenswerthes Zeugniss für die
-Glaubwürdigkeit dieser Geschichte gelten mag.
-
-Was während des Mittelalters in puncto Zauberei in Dalmatien geleistet
-wurde, darüber ist nicht viel bekannt, da aus naheliegenden Gründen
-sehr wenige geschriebene Chroniken aus jener Zeit existiren. Wer sich
-aber die Mühe nehmen wollte, heute eine Hexen- oder Zauberchronik
-über Dalmatien und speciell über die Morlakei zu schreiben, der würde
-des krankmachenden Unsinns genug finden, um einen recht anständigen
-Band damit zu füllen. Die Hebamme ist die erste Zauberin, die mit
-ihren Künsten an das frisch in die Welt gesetzte Kind herantritt.
-Sie vergisst nie, wenn sie zu einer Wöchnerin gerufen wird, eine
-»Rose von Jericho« mitzubringen, ein Distelgewächs, welches sie in
-ein Glas Wasser steckt bis dasselbe, das Wasser aufsaugend, die
-früher zusammengeballten Wurzeln öffnet. Dann bekommt das Kind einen
-»Zapis« um den Hals gehängt, den gedruckten oder geschriebenen in
-Leinwandfetzen und Schafleder eingenähten Zaubersegen, den der Pfarrer
-oder das nächste Franciscanerkloster liefern muss. Wächst das Kind
-heran, so ist es die Mutter oder die Grossmutter, deren Hauptaugenmerk
-darauf gerichtet ist, den Einfluss der Hexen und bösen Geister von
-demselben abzuhalten. In den Klüften des wild zerrissenen Gebirges, auf
-den Höhen der felsigen Berge, in Wald und Sumpf, in jeder Ecke einer
-verfallenen Hütte und in jedem Wasser, das in eiligem Laufe dem Meere
-zustürzt, stecken die leidigen Hexen. Die »Viscizza« wandelt als altes
-Weib im Dorfe herum, macht die Kinder krank, behext die Kühe und treibt
-ihren Unfug, bis sie nicht eine Tracht Schläge erhält oder durch ein
-Geschenk begütigt wird. Die »Morina« quält die Menschen im Schlafe und
-benimmt ihnen den Athem. Der »Macich« versteckt sich in den Häusern,
-poliert in der Stille der Nacht, zerrt an den Kirchenglocken, singt,
-lacht, weint und verschwindet dann, wenn er seinen Muthwillen gekühlt
-hat, indem er sich in einen Ochsen, einen Esel, ein Maulthier oder in
-ein anderes Vieh verwandelt. Die »Vukodlaci« schleichen bei finsterer
-Nacht in den Dörfern herum, verführen die Weiber, bringen Krankheiten
-über Menschen und Vieh und nehmen, wenn verfolgt, die Gestalt von
-Verstorbenen an. Die »Vile« entführen Knaben und Mädchen, um sie an
-ihren nächtlichen Reigen theilnehmen zu lassen. Sie verlieben sich auch
-in Pferde, welche dann weder Sattel noch Reiter dulden, ausser -- man
-hängt ihnen einen Zapis um den Hals. Oel im Hause verschütten, bedeutet
-den baldigen Tod eines Familien-Mitgliedes; ein umgestossenes Salzfass
-bringt Krankheit in die Familie; ein Hund, der vor dem Hause heult,
-bedeutet Unglück.
-
-Gegen Alles das, gegen Tod und Weiberverführung, gegen Viehseuche und
-den bösen Blick der Hexen, gegen Krankheit und Ungemach aller Art, das
-durch Zauberkünste heraufbeschworen wurde, gibt es zwei untrügliche
-Mittel: den Zapis und -- den Zaubersegen des Priesters. Ja, der
-eigentliche und rechte Anti-Zauberer ist der Pfarrer. Dieser muss
-den Zapis schreiben, wenn er ihn gedruckt nicht vorräthig hält, muss
-die Würmer und Raupen verfluchen, muss die Heuschrecken vertreiben,
-Krankheiten bei Menschen und Vieh heilen und nöthigenfalls auch das
-Wetter machen. Wie er das Alles anstellt, das ist seine Sache. In
-neuester Zeit haben die Bischöfe angefangen den zaubernden Pfarrern
-ein wenig auf die Finger zu sehen und wohl auch auf die Finger zu
-klopfen, aber gerade nur so viel, als zur Erhaltung des bischöflichen
-Decorums nothwendig ist. Mein Gott! Der Morlake ist nun einmal auf den
-verdammten Zauber versessen und der Pfarrer will leben -- sieht der
-Bischof aber nicht ein wenig durch die Finger, so holt der Teufel den
-Zauber und des Pfarrers Lebensunterhalt dazu.
-
-Willst Du, lieber Leser, einen solchen Zauberer in seiner Höhle
-besuchen? Komm' mit mir!
-
-Der altehrwürdige Palast des Römerkaisers Diocletian spiegelt sich
-heute noch stumm und altersgrau in den blaugekräuselten Wellen des
-schönen Hafens von Spalato. Die Quadermauern des Palastes stehen
-heute, nach anderthalb Jahrtausenden, noch fest und stämmig, die
-Granit- und Marmorsäulen ragen heute noch ungebrochen, und die kühnen
-Wölbungen der gedeckten Gänge, die zu dem Atrium des alten jetzt als
-Domkirche dienenden Jupitertempels führen, tragen auf ihren wuchtigen
-Schultern heute noch die Häuser, welche, zwischen Marmorsäulen und
-Quadermauern hineingebaut, die Stadt Spalato bilden. Rings um die Stadt
-dehnen sich im weiten Halbkreise die Vorstädte, selbst wieder von
-felsigen Meeresbuchten und üppigen Pflanzungen umzogen, in denen die
-Traube zwischen Feigenbäumen reift und Oelbäume ihre fahlen ernsten
-Schatten werfen. Weiter hinaus schliessen nackte, hochaufstrebende,
-felszerklüftete Berge den Horizont und über dem Ganzen ruht der
-tiefblaue Himmel, fluthet die feuchtwarme Meeresluft, zittern die
-heissen, gelbleuchtenden Strahlen der dalmatinischen Sonne.
-
-Durch die Porta Aurea, das goldene Thor des alten Palastes, hinaus
-führt uns der Weg, vorbei vor den Ruinen der Festungsmauern, über
-denen noch immer der venezianische Löwe mit halberhobenen Flügeln in
-lächerlicher Faulheit thront. Die staubige Strasse dreht sich gegen
-Nordost, immer von den Ruinen der Festungsmauern links und von den in
-morlakischer Weise gebauten Häusern rechts begleitet. Jetzt treten
-wir auf einen freieren Platz. Eine kleine Kirche und ein grosses
-Kloster zeigen ihre nackten, ungeschlachten Mauern. Es ist das
-Franciscanerkloster, aus dem so viele »Zapis« hinausflattern unter
-die Vorstadtbewohner und in die Morlakei. Ein Brunnen steht da, von
-wasserholenden Mägden umlagert, der einzige Brunnen in Spalato, dessen
-süsses Wasser beinahe durch das ganze Jahr nicht versiegt. Darum heisst
-der Brunnen Pozzobuon, das Kloster und die Kirche heissen Pozzobuon
-und die ganze Vorstadt, durch welche wir schreiten, heisst Pozzobuon
--- zu Deutsch: Guter Brunnen. Auch die Franciscaner im Kloster heissen
-»Frati di Pozzobuon« und die Zapis, die sie verkaufen, kennt man unter
-dem Namen der Zapis von Pozzobuon. Alles Pozzobuon. Schräge hinüber
-vom Kloster ist ein grosses in die Erde gegrabenes Bassin. Es ist mit
-Quadern ausgemauert, die vor dreissig Jahren aus Salona hieher geführt
-worden sind. Um das Bassin herum stehen altrömische Sarkophage, halb in
-die Erde versenkt. Auch diese sind aus Salona.
-
-In dem Bassin schwappt ein dicktrübes Brakwasser von einer Schicht
-grüner Sumpfpflanzen überdeckt, das auf weit und breit die Luft mit
-ekelhaftem Gestanke verpestet. Milliarden von Mücken schweben über
-demselben. Aus dem Bassin wird das Sumpfwasser mit hölzernen Kübeln
-in die halb vergrabenen Sarkophage geschöpft, um die Eseln, Pferde
-und Schweine zu tränken, die zu diesem Behufe Abends herbeigetrieben
-werden. In der Nacht zieht sich dann wieder die grüne Decke über den
-Stellen zusammen, an denen die Kübel eingetaucht wurden, und des
-Morgens gleicht die Wasserfläche wieder einem schmutziggrünen Anger.
-
-Vorbei. Der Weg dreht sich abermals nach rechts, die in morlakischer
-Weise gebauten Häuschen werden seltener, die Düngerhaufen und
-Kohlgärten um dieselben häufiger und grösser. Links ein grosser
-Anger, von der Garnison Spalatos »die Flegelwiese« benannt, weil er
-als Exercirplatz dient -- die italienisch sprechenden Spalatiner
-nennen ihn höflicher »il Campo Marzo«, das Marsfeld. Rechts beginnen
-die Weingärten. Dunkelblaue, mächtiggrosse Trauben verhüllen in
-ihrer strotzenden Fülle die wenigen halbvertrockneten Blätter der
-Reben. Alte Feigenbäume senken ihre schwerbeladenen Aeste zu Boden.
-Hochaufgeschossener Mais zeitigt seine dicken Kolben und spielt
-mit seinen schöngeschnittenen Blättern in dem leisen Hauche des
-Abendwindes. Granatapfelbäume säumen den staubigen Weg -- aus ihrem
-saftigen Grün heraus leuchten die feurigrothen Früchte. Wo ein
-Stückchen Erde sich zeigt, schiessen wilde Schlingpflanzen heraus
-und ringeln sich Schlangen gleich um Wein und Feigen, Oelbäume und
-Granatäpfel. Die Luft ist heiss und feucht. Da gedeiht Alles -- auch
-Zauberer.
-
-Durch das dunkle Grün der üppigen Cultur schimmern die schneeweissen
-Mauern eines ebenerdigen Hauses. Die mit weissen Vorhängen versehenen
-Fenster blinken rein und behäbig auf die Strasse. In die Mauern sind
-Bruchstücke antiker Reliefs eingefügt, und altrömische Inschriften, im
-Laufe vieler Jahrhunderte halb verwischt, sagen uns, dass »hier« die
-vielgeliebte Gattin des Titus Sempronius oder sonst eines Patriciers
-des alten Salona ruhe. Nebenan besagt eine Votivtafel, dass ein
-glücklicher Bräutigam dieselbe der Venus victrix -- der siegreichen
-Venus gewidmet. Warum? Unbekannt. An der Gartenthüre, durch die man in
-das Haus gelangt, prangen schlanke Marmorsäulen, von denen die eine
-nicht zur anderen passt, und vor uns öffnet sich die Thüre -- -- zu des
-Zauberers Höhle.
-
-Da steht er selbst. Ein dickes spanisches Rohr mit einem mächtigen
-Messingknopf stemmt sich auf den Boden, als ob es da Wurzel fassen
-sollte. Eine fleischige Faust mit wulstigen kurzen Fingern umklammert
-das Rohr. Der lange und enge Aermel, in dem die Faust halb versteckt,
-gehört zu einem dunklen, aus grobem Tuche gefertigten Rock, der weit
-herabfallend ein Paar unmässig grosser Kanonenstiefel theilweise
-verhüllt. Für die fette und breite Brust, die auch aus Salona zu
-stammen und einem römischen Gladiator zu gehören scheint, ist der Rock
-offenbar zu enge. Dafür stützt der hohe Kragen zwei kolossale, wie
-aus Marmor gehauene Ohren sowie das doppelte Kinn und ein unmässig
-breites Gesicht, dessen kleine Augen unter den buschigen Augenbrauen
-mit listiger Schärfe hervorblitzen. Der halbgeöffnete Mund erinnert
-an die Oeffnung eines Klingenbeutels. Auf dem Kopfe aber sitzt
-ehrfurchtsgebietend das Abzeichen des dalmatinischen Pfarrers, der
-schwarze, dreifach gestülpte Schäferhut. Das ist Don Malachia, der
-Zauberer von Spalato, und das Haus -- +sein+ Haus -- vor dessen Eingang
-er steht, ist das Paternosterhaus.
-
-Wie er Pfarrer und Zauberer geworden? Das ist bald erzählt. In die
-Schule ist er +nicht+ gegangen. Er hat seine Lehrzeit bei einem
-morlakischen Landpfarrer durchgemacht, der ihn in die Geheimnisse des
-Schreibens und Lesens eingeweiht und, als er das konnte, ihm auch
-das Messelesen beigebracht. Dann hatte er die Weihen erhalten und
-war Priester geworden. Und da er jetzt slavisch schreiben und lesen,
-nebstbei auch die Messe celebriren konnte -- da er die Tonsur auf
-dem Kopfe und über derselben den dreifach gestülpten Hut trug, so
-war der morlakische Pfarrer fertig und er ward irgendwo im Gebirge
-installirt, auf Stunden im Umkreise allein mit der ihm anvertrauten
-Heerde. So ist er Pfarrer geworden. Was aber das Zaubern betrifft, so
-hat er es eigentlich von Niemanden gelernt. In dieser Beziehung ist
-er Autodidakt. Das Gebahren mit den »Zapis« hat er allerdings seinen
-Amtsbrüdern abgelauscht. Diese -- die Zapis -- kann man in Spalato
-bogenweise gedruckt kaufen und er brauchte nur eine Papierscheere, um
-die einzelnen Zapis abzulösen und sie den Morlaken als unfehlbares
-Mittel gegen alles mögliche und unmögliche Ungemach zu verkaufen.
-Das gab ihm die Sauce zum Braten. Um aber den Braten selbst sich zu
-verschaffen, dazu erfand er sich einen eigenen Sport. Sehr einfach. Nur
-das Vaterunser.
-
-Ja -- das fromme schlichte Gebet, das seit anderthalb Jahrtausenden
-in schwerer Trübsal, in Noth und Bedrängniss von Millionen und
-Millionen hinaufgesendet wird zum Schöpfer des Himmels und der Erde --
-das Gebet, das die Mutter dem Kinde lehrt, wenn es kaum zu stammeln
-beginnt -- das Gebet, das in dem ernsten und feierlichen Momente, in
-welchem der Geist des Vaters, der Mutter, sich losringt von diesem
-Erdenungemach, schluchzend von der knienden Kinderschaar als letzter
-Gruss dem Scheidenden mitgegeben wird -- das Gebet, das die Herzen
-rührt und erschüttert seit jener fernen Zeit, in welcher der schöne
-Christenglauben seinen stillen, siegreichen Einzug gehalten in die Welt
--- das Vaterunser -- ist der Sport des Don Malachia.
-
-Er selber glaubt nicht daran. Hätte die Bitte, »sondern erlöse uns von
-dem Uebel« je Wirkung gehabt, so wäre Don Malachia nicht mehr möglich.
-So aber erfreut er sich des prächtigsten vierschrötigen Wohlseins
-und betreibt seinen Sport wie früher. Um zehn Kreuzer betet er ein
-Vaterunser. Das wirkt oder soll doch wirken. Was immer der Morlake
-wünschen mag, Gutes für sich, Schlimmes für den Nachbar, Regen, Wind,
-Trockenheit, Genesung von Krankheiten, Vermehrung seines Viehstandes,
-Fruchtbarkeit seines Weibes -- für Alles das betet Don Malachia ein
-Vaterunser um zehn Kreuzer.
-
-Früher hatte er, was die Fruchtbarkeit der Weiber anbelangt, ein
-anderes Zaubermittel in Anwendung gebracht, und zwar mit dem besten
-Erfolge. Die Morlaken zahlten auch dafür. Aber der Bischof, dem man
-sehr viel davon zu erzählen wusste, wollte dessen Anwendung nicht
-mehr leiden, umsoweniger, als durch eine merkwürdige Verkettung von
-Umständen Don Malachia statt des erhofften Geldes oder der Victualien
-von den Morlaken manchmal für seine Zaubermittel Prügel erhalten hatte.
-Auch erschiessen wollten sie ihn zuweilen. Darunter aber leidet die
-Standesehre und desswegen wurde er seines Postens als Pfarrer entsetzt
-und privatisirte fortan in Spalato. Jetzt betreibt er nur mehr den
-Vaterunser-Sport. Wie viel Vaterunser ein normal organisirter Mensch im
-Laufe eines Tages herunterzusagen vermag, ist bis heute wohl noch nicht
-berechnet worden. Es müssen aber viele sein, denn mit den Vaterunsern,
-oder, besser gesagt, mit der Bezahlung von zehn Kreuzern für jedes
-Vaterunser unterhält Don Malachia sich selbst in seiner vierschrötigen
-Wohlbeleibtheit, seine ziemlich zahlreiche Familie und -- mit diesem
-Gelde hat er sich das hübsche Häuschen erbaut, das so weiss und
-freundlich durch die blühende Wildniss schimmert. Das Volk kennt die
-erzählten Umstände ganz genau, lässt aber immer wieder seine Vaterunser
-um zehn Kreuzer per Stück durch Don Malachia beten. Der Bischof weiss
-es auch, aber Vaterunserbeten ist nichts Unrechtes -- und so lässt sich
-wenig dagegen einwenden. Im Volksmund aber heisst das Haus: »Kuća od
-Otčenašah« -- das Paternosterhaus.
-
-»Sondern erlöse uns von dem Uebel! Amen.«
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Jacuve Ciciola und seine Liebe.
-
-
-Jacuve heisst Jacob -- Ciciola ist ein Spitzname und heisst gar nichts,
--- welches Wesen aber so glücklich war, die Liebe des Jacuve Ciciola zu
-erringen, das will ich lieber erst am Ende dieser meiner armen Zeilen
-erzählen, weil es immer gut ist, sich für alle Fälle zu decken und
-dafür zu sorgen, dass dergleichen Dinge auch bis zu Ende gelesen werden.
-
-Vielleicht war ich nicht ganz exact, als ich dem Namen meines Helden
-eine negative Bedeutung zusprach. »Ciciare« ist ein Wort, das zwar
-meines Wissens in keinem Wörterbuche zu finden ist, dafür aber im
-Dialekte der untersten Venezianer-Volksclassen »saugen« bedeutet, ganz
-entsprechend dem wunderbar schönen Wiener Ausdrucke »zuzeln«. Gibt
-man aber die Richtigkeit dieser etymologischen Abstammung zu, so ist
-auch damit die logische Berechtigung anerkannt, meinen Helden eben
-Ciciola und nicht anders zu nennen, denn der Herr, der diesen äusserst
-romantisch klingenden Namen trägt, hat die ebenso angenehme als
-nützliche Gewohnheit, zwei oder drei junge Zwiebelpflanzen von der Art,
-die man in Italien und Dalmatien Scalogna, in deutschen Landen aber
-Schalotte nennt, in der Hand zu halten und mit sichtbarem Behagen daran
-zu saugen.
-
-[Illustration: Jacuve Ciciola.]
-
-Ausser den eben erwähnten hat Jacuve Ciciola keine besonders luxuriösen
-Gewohnheiten. Ein Paar alte Schuhe, +keine+ Strümpfe, blaue,
-zerrissene türkische Pumphosen, ein Hemd und ein langer brauner
-Mantel, der an den Lenden durch einen Strick zusammengefasst ist,
-bilden seine Bekleidung; auf dem kraushaarigen, dicken Kopfe trägt er
-eine rothe morlakische Mütze, und in einem Loche, das er in die linke
-Brustseite des Mantels eigens gerissen, steckt ein kurzer Tschibuk. Er
-schläft, wo er kann, er isst, was man ihm schenkt, und trinkt Wasser,
-wann und wo er es findet.
-
-Mit dem Wasser hapert's manchesmal im Sommer; denn Spalato, die Vater-
-und Residenzstadt Jacuve Ciciola's, besass wohl vor dreizehnhundert
-Jahren eine prachtvolle aus Quadern gebaute Wasserleitung, welche das
-frische Quellwasser eine Stunde weit aus Salona nach Spalato führte,
-aber diese liegt heutzutage in Trümmern. Heute hat man in Spalato nur
-Regenwasser aus Cisternen; versiegt dieses aber im Hochsommer, was
-beinahe jedes Jahr der Fall ist, dann müssen die Spalatiner wieder zu
-dem frischen Quellwasser in Salona greifen, nur läuft dasselbe heute
-nicht mehr von selbst nach Spalato, sondern es wird in Fässern dahin
-getragen -- auf Eseln.
-
-Man kann nicht sagen, dass Spalato von der Natur stiefmütterlich
-behandelt sei. Im Sommer hat man dort zu essen und im Winter -- wenn
-es regnet -- zu trinken. Unangenehm bleibt es aber, dass, je nach der
-Jahreszeit, die gleichzeitige Befriedigung beider Bedürfnisse mit
-Schwierigkeiten verbunden ist, wenigstens für die arme Classe, und
-Jacuve Ciciola gehört nicht zu den Reichen.
-
-Nur drei Stunden von Spalato entfernt liegt der District Poglizza, noch
-unter der Herrschaft der Venezianer ein reiches blühendes Stück Landes,
-das feines Obst und Tabak in solcher Menge und solcher Güte erzeugte,
-dass die Poglizzaner ein berittenes Corps von dreihundert Reitern
-auf eigene Kosten ausrüsten und erhalten konnten, wenn die erlauchte
-Republik Krieg führte. Und die erlauchte Republik führte ziemlich oft
-Krieg. Heute dürfen die Poglizzaner keinen Tabak mehr bauen, darum
-können sie auch keinen verkaufen und darum sind sie auch mit ihrer
-Obstcultur, mit Respect zu sagen, auf den Hund gekommen. Weil aber in
-den Ritzen und Schluchten des glühenden gelben Gesteins, aus welchem
-der Boden der Poglizza besteht, wohl Tabak und Obst, aber kein Getreide
-gedeiht, so haben sie in der Poglizza überhaupt nichts oder beinahe
-nichts zu essen. Ihre gewöhnliche Nahrung besteht aus Maisbrod und
-wildwachsenden Kräutern, die sie mit etwas Essig geniessbar machen. War
-das vergangene Jahr ein schlechtes -- und das Jahr kommt, Gott sei's
-geklagt, oft vor -- so mischen sie das Mehl mit gestampfter Baumrinde
-und backen Brod daraus. Gegen Ende des Winters, wenn das Mehl alle
-geworden und nur mehr die Baumrinde übrig geblieben, dann ziehen sie
-einzeln und zu Haufen nach Spalato und betteln. Gelbe pergamentartige
-Gesichter, schlotternde Gestalten, in Fetzen gehüllt, auf dem Kopfe
-ein rothes Käppchen und an den Füssen Sandalen aus ungegärbtem Leder,
-den Bettelstab in der Hand, so schwanken sie in der Winterkälte durch
-Spalatos Strassen und strecken die zitternden Hände aus mit dem
-stereotypen »bog vam da« -- »Gott vergelt's!«
-
-+Viel+ besser ist eben Jacuve Ciciola auch nicht d'ran, aber er erspart
-wenigstens den weiten Weg von der Poglizza bis nach Spalato. Und
-dann bat er auch seine gewissen und regelmässigen Einkünfte, die ihn
-immerhin vor allzu grossem Elende bewahren. Da stehen zum Beispiel
-hinter dem Platze, der den volltönenden Titel »Herrenplatz« -- Piazza
-Signori -- führt, gewisse alte, halbzerfallene Häuser. In Spalato ist
-eben Alles alt und die meisten Häuser zeigen eine bedenkliche Neigung,
-ihr ehrwürdiges Alter durch eine gewisse Hinfälligkeit zu manifestiren.
-Um eine bestimmte Stunde werden da aus bestimmten Fenstern die
-Ueberreste der Mahlzeit, die allerdings gewöhnlichen Menschen nicht
-mehr recht geniessbar erscheinen wollen, einfach auf die Strasse
-geworfen. Das weiss der Jacuve Ciciola und findet sich regelmässig ein,
-um das in Empfang zu nehmen, was er als eine ihm mit Recht gebührende
-Abgabe betrachtet. Hunde, die ihm die Beute streitig machen wollen,
-verjagt er. Auch kennen ihn dieselben schon und sehen nur aus gehöriger
-Entfernung mit lüsternen Augen zu, wie der Jacuve Ciciola speist.
-Offenbar thun sie es in der Erwartung, dass er doch vielleicht etwas
-übrig lassen könnte, aber diese Erwartung wird oft getäuscht, denn
-Jacuve Ciciola hat die Kinnbacken eines Esels und das weisse funkelnde
-Gebiss eines Raubthieres. Den Appetit hat er von beiden. Und so muss
-ein Bein schon +sehr+ hart sein, wenn Jacuve Ciciola es nicht sollte
-zermalmen können. Zudem ist Jacuve Ciciola von riesiger Stärke und wäre
-im Stande, den Hund ohneweiters zu zerreissen, der es wagen würde, mit
-ihm anzubinden. Das wissen die Hunde.
-
-Das Bedürfniss, Kaffee zu trinken, hat Jacuve Ciciola ebenfalls nicht,
-und ich bezweifle, dass er überhaupt je diesen Trank verkostet,
-hingegen ist er ein grosser Freund des Tabaks und weiss sich ihn auch
-billig zu verschaffen. Wenn er gespeist hat, sind auch so ziemlich
-alle anderen Leute mit dem Mittagmahle fertig und vor dem auf der
-Piazza Signori befindlichen Kaffeehause Troccoli sitzen die Officiere
-der Garnison, die in Spalato ihren Standort hat. Dorthin schleicht
-Jacuve Ciciola und glotzt so lange die Officiere an, bis sie ihm ein
-paar Finger voll Tabak oder ein Stückchen Cigarre gereicht. Dann zieht
-er den kurzen Tschibuk, der wie ein toll gewordener Orden auf seiner
-linken Brust prangt, aus dem Loche, in dem er gesteckt, und fängt
-an zu rauchen. Wohin er jetzt geht? Natürlich zum Meere, und zwar
-gerade an jenen Punkt des Quais, der zum Landungsplatze der anlegenden
-Dampfer bestimmt ist. Dort sitzt er stundenlang, mit den Füssen über
-die Quaimauer hinabbaumelnd und mit den Wellen sprechend, die unter
-ihm an das Gestein klatschen. Ist der Tabak zu Ende, so zieht er aus
-irgend einer verborgenen Tasche seines braunen Mantels einige Zwiebel
-hervor und saugt daran, bis der Abend gekommen -- darum heisst er eben
-Ciciola. Ueberkommt ihn dann der Schlaf, so zieht er sich aus der
-grossartigen Einsamkeit seines Observatoriums zurück und geht zu Bette.
-
-Zu Bette. -- Längs des Hafens von Spalato zieht sich eine schöne,
-breite Strasse, die gegen Westen durch die Gebäude des Zollamtes
-und der Finanzdirection, im Osten durch einen Complex neu erbauter
-Häuser begrenzt wird, in deren Rücken der Monte Margliano sich im
-Meere spiegelt. Diese Häuser, welche der Arkaden wegen, mit denen sie
-versehen sind, den Namen »procuratie nuove« führen, beherbergen unter
-Andern ein Gasthaus, dessen Küche sich im Souterrain befindet. Auf dem
-Boden der Vorhalle ist ein horizontales Eisengitter angebracht, durch
-welches die heissen Dünste der Küche hinausströmen. Dieses Gitter ist
-Jacuve Ciciola's Winterbett. Dort schläft er. Trotz seiner sonstigen
-Gutmüthigkeit gibt er es aber nicht zu, dass einer der armen, vor Kälte
-zitternden Morlaken, die des Bettelns wegen aus der Poglizza nach
-Spalato gekommen, sein Lager theile. Es würden deren zu Viele kommen
-und dann hätte er selbst nicht mehr Platz. Darum verjagt er sie, sobald
-sie sich blicken lassen.
-
-Im Sommer, da ist es anders und weit besser für Jacuve Ciciola und
-die bettelnden Morlaken aus der Poglizza. Vor Allem hungern von den
-Letzteren nicht mehr so Viele. Denn zu Ende des Winters oder im
-Frühjahre, wenn sie absolut nichts mehr zu essen haben und in Spalato
-auch nichts mehr erbetteln können, da hält gewöhnlich der Hungertyphus
-seinen glorreichen Einzug in den District Poglizza, und wer den einmal
-gehabt, der hungert selten mehr. Dann wächst auch in den Schluchten
-und Klüften allerhand Kraut, das sie als Speise benützen, und
-schliesslich finden sie doch eine oder die andere Arbeit, so dass die
-Uebriggebliebenen dem Hunger und der Baumrinde des nächsten Winters mit
-ruhigerem Gemüthe entgegensehen können.
-
-Jacuve Ciciola ist dann in seinem Element. Mit dem Sommer kommt
-allerhand Obst und Gemüse auf den Markt und er waltet dann seines
-selbstgewählten Amtes als eine Art Aasgeier. Angefaulte Rüben,
-weggeworfene Melonenschalen und dergleichen Dinge bilden dann eine
-angenehme und nahrhafte Zukost zu dem Futter, das man ihm aus
-dem Fenster zuschüttet. Er schläft nicht mehr auf dem Gitter der
-Wirthshausküche, von wo mit der wohlthuenden Wärme ihm auch der
-sättigende Geruch der Speisen zuströmte -- jetzt gehört Spalato ihm,
-und keinen Winkel des alten Kaiserpalastes gibt es, wo er nicht, wenn
-es ihm beliebt, sein Nachtquartier aufschlagen könnte. Die Siesta aber,
-die hält er jetzt täglich versunken in dem Anblick -- seiner Liebe. Ja.
-Da wäre ich glücklich bei dem zarten Gegenstand angekommen, den ich
-gleich Anfangs erwähnt, und bin bereit, mein Wort zu lösen.
-
-Als der alte Kaiser und Christenverfolger Diocletian sich den
-prachtvollen marmorstrotzenden Palast erbaute, in dessen Mauern hinein
-später die Häuser der Stadt Spalato genistet wurden, da liess er es
-sich wohl kaum träumen, dass gerade die ihm so verhasste Secte der
-Christen durch ihren Religionscultus den prachtvollen Jupitertempel
-erhalten werde, der das Atrium seines Palastes schmückte. Während
-allenthalben die Prachtbauten der alten römischen Kaiser nur in mehr
-oder weniger gut erhaltenen Bruchstücken noch Zeugniss geben von
-dem Kunstsinne ihres Erbauers, steht heute noch der Jupitertempel
-Diocletian's in seiner vollen ehrfurchtgebietenden Schönheit, er heisst
-heute die Domkirche, und das Atrium ist zur »piazza del duomo« geworden.
-
-Seit fünfzehn Jahrhunderten ragen die mächtigen Säulen aus egyptischem
-Granit und tragen den weissmarmornen Sims und die schön gewölbte
-Kuppel, die seinerzeit auf Diocletian herabgesehen, als er dem
-»Vater der Götter und Menschen« sein Opfer darbrachte. Seit fünfzehn
-Jahrhunderten prangen noch immer unversehrt die in weissem Marmor
-ausgeführten Jagdscenen, die, als Fries um die Kuppel laufend, die
-keusche Göttin zeigen, wie sie mit der Lanze in der Hand und von
-dem Trosse der leichtgeschürzten Gespielinnen gefolgt, hinter dem
-erschreckten Wilde einherstürmt. Und am Fusse der breiten Treppe, die
-von dem Atrium zum Tempel führt, liegt heute noch auf steinernem Sockel
-wie vor fünfzehn Jahrhunderten die mächtige aus egyptischem Granit
-gehauene Sphinx, den schönen Leib in prächtigen Formen hingegossen, mit
-dem schönen Frauenantlitz und den geheimnissvoll starrenden Augen. Was
-im Laufe der fünfzehn Jahrhunderte an ihr vorübergeglitten, das scheint
-in diesem stummen Antlitz und in den unergründlichen Augen verborgen
-zu ruhen, bis sie es vielleicht einmal später kommenden Geschlechtern
-erzählt. Für jetzt aber spricht sie nicht und ihre Hände -- schöne
-menschliche Hände -- ruhen fest gekreuzt unter dem strebenden Busen.
-Vielleicht erzählt sie dann einmal, nach abermals fünfzehnhundert
-Jahren, auch von dem Elende, das sie gesehen, und von den schlotternden
-bettelnden Morlaken, die Brod aus Baumrinde assen!
-
-Ob Jacuve Ciciola sich wohl etwas Aehnliches denken mag, wenn er
-auf dem gegenüberliegenden Sockel sich in den Schatten legt, den
-Leib gestreckt wie die Sphinx und die Augen fest auf das schöne
-zweitausendjährige Bild gerichtet? Das ist +sein+ Geheimniss. Das
-aber ist sicher, dass er stundenlang auf den Quadern liegen kann, um
-die Sphinx anzustarren, während er an seiner Scalogna saugt, und dass
-manchmal etwas wie Rührung aus seinen Glotzaugen blitzt, wenn er sie
-anblickt -- denn die Sphinx ist Jacuve Ciciola's Liebe.
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-[Illustration]
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-[Illustration]
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-Wandelnde Kreuze.
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-Seitdem es den österreichischen Nachbarn der schwarzen Berge
-eingefallen war im trauten Vereine mit den Montenegrinern einen kleinen
-Feldzug gegen Oesterreich zu eröffnen, in dessen Verlaufe gleichwohl
-mehr Nasen abgeschnitten wurden als in sämmtlich anderen vom Beginne
-des dreissigjährigen Krieges bis jetzt gelieferten Schlachten, hat
-man sich daran gewöhnt Dalmatien als ein Land zu betrachten, das ein
-Fremder, ohne für seine Nase das Aergste befürchten zu müssen, nicht
-leicht betreten könne. Morlake, Dalmatiner und Nasenabschneider,
-das sind für die Meisten ganz homogene Begriffe geworden, und wenn
-es je einmal Mode gewesen wäre, Vergnügungsreisen nach Dalmatien
-zu machen: nach dem Aufstande in der Bocca di Cattaro hätte gewiss
-Niemand mehr daran gedacht, aus einem anderen Grunde als der zwingenden
-Nothwendigkeit wegen dorthin zu reisen.
-
-Zum Glücke für Dalmatiner und Dalmatinerinnen sind derlei Vorstellungen
-nicht nur im Allgemeinen grundfalsch, sondern auch in puncto Geographie
-vollkommen unrichtig, denn man vergisst gewöhnlich darauf Bedacht
-zu nehmen, dass Dalmatien zwar ein sehr schmales, aber auch sehr
-langgedehntes Stück Landes ist, und dass es von der Bocca di Cattaro
-bis zur Landeshauptstadt Zara ebenso weit oder mit Berücksichtigung
-der mangelhaften Communications-Mittel noch weiter sei, als
-beispielsweise von Triest nach Wien. Darum wird der Fremde, der zum
-ersten Male Dalmatiens Küsten im nördlichen oder mittleren Theile
-desselben, vielleicht bei Spalato betritt, erstaunt sein, einen ganz
-anderen Schlag von Menschen und andere Sitten zu finden, als seine von
-dem Anhören nasenabschneiderischer Geschichten erhitzte Phantasie ihm
-vorgespiegelt hat, -- des Ausserordentlichen und von den Sitten anderer
-Völker Abweichenden findet er immerhin zur Genüge.
-
-Als seinerzeit venezianische Bürger um des Erwerbes willen in das
-damals rein slavische Land Dalmatien übersiedelten oder von der
-Republik als Beamte dorthin gesendet wurden, da entsprach es ganz der
-Regierungspolitik dieses gleich einer zusammenbröckelnden Ruine aus
-dem Mittelalter in die Neuzeit hineinragenden Staates, die eigenen
-Angehörigen als Feudalherren über die Einwohner der durch Krieg und
-Schacher erworbenen Provinzen zu setzen. Gewohnt, zu Hause unter dem
-stetigen aber schweren Drucke zu seufzen, den eine ausschliesslich in
-den Händen weniger bevorzugter Patricierfamilien ruhende Regierung
-auf sie ausübte, fanden es diese Leute um desto angenehmer, wenn sie
-plötzlich in die Lage kamen nun ihrerseits die kleinen Tyrannen zu
-spielen; sie traten mit desto mehr Genuss, je lebhafter sie sich an die
-erhaltenen Tritte noch erinnerten. Die Verhältnisse, die sie in dem arg
-vernachlässigten Lande vorfanden, waren auch ganz darnach angethan ihre
-kleinlichen Herrschergelüste eher anzufachen, als denselben hemmend
-entgegenzutreten.
-
-Um das Land in aussichtsloser Abhängigkeit zu erhalten, hatte die
-erlauchte Republik nicht nur den materiellen Wohlstand desselben
-unterdrückt, die Wälder systematisch ausgerodet, die Anlegung von
-Strassen geradezu verhindert und die Schiffahrt möglichst erschwert,
-sondern sich auch bemüht die Bevölkerung auf der tiefsten Stufe der
-Rohheit und Unwissenheit zu erhalten. Letzteres war eben so leicht als
-mit geringen Kosten verbunden: man errichtete eben nirgends Schulen.
-Wollte einmal ein Dalmatiner ausnahmsweise seinem Sohne eine bessere
-Erziehung angedeihen lassen, so war er genöthigt, ihn nach Venedig oder
-Padua zu senden, -- nicht genug, selbst dort unterschied man zwischen
-Dalmatiner und anderen Studenten und hütete sich wohl, den Ersteren zu
-viele Kenntnisse beizubringen. Das mag barok und übertrieben klingen,
-ist aber nichtsdestoweniger wörtlich wahr.
-
-Noch vor dreissig Jahren lebten in Spalato zwei »Dalmatiner Advocaten.«
-Was ein »Dalmatiner Advocat« ist? Ich will es erklären. Die erlauchte
-Republik gestattete es den Dalmatinern, an der Universität Padua ohne
-vorhergängige Studien eine Prüfung abzulegen, welche denselben das
-Recht, den Doctortitel zu führen und die Advocatie auszuüben verlieh.
-Wohlgemerkt! nicht in Venedig oder einer der venetianischen Städte,
-sondern +nur in Dalmatien+ durften dieselben Advocaten sein. Die für
-diese Prüfung zu erlegende Taxe bestand in einer kleinen Geldsumme
-und +dreissig Schinken+. Natürlich war die Prüfung Nebensache, die
-Geldsumme aber und die dreissig Schinken Hauptsache, daher sich der
-Gebrauch ergeben konnte, dass Einzelne mehrmals und immer unter anderen
-Namen ihr Doctorexamen in Padua ablegen konnten. Einer der beiden oben
-erwähnten »Dalmatiner Advocaten«, dessen Sohn heute noch in einer Stadt
-Dalmatiens die Advocatur ausübt, machte diese Prüfung +fünf Mal+ immer
-mit der Börse in der einen und den dreissig Schinken in der andern
-Hand, und vier Personen ausser ihm, die sich nie aus ihrer Geburtsstadt
-entfernt hatten, erhielten auf Grund dieser Prüfungen, des Geldes und
-der hundertzwanzig Schinken die Erlaubniss, als Sachverwalter vor den
-Schranken +dalmatinischer+ Gerichte aufzutreten.
-
-[Illustration: Bäuerin aus Macarsca.]
-
-Italien und speciell die »erlauchte« Republik Venedig befanden
-sich, als letztere in dem Trubel der politischen Ereignisse ihr
-wohlverdientes Ende erreichte, mitten in der schönsten Blüthe
-der Zopfzeit und die Cultur der Zopfzeit war es, welche von den
-venetianischen Ansiedlern nach Dalmatien getragen wurde. Die
-Südslaven waren damals und sind auch heute noch lange nicht bei der
-Zopfzeit angelangt und so ergab sich aus dem Gemische der beiden
-Nationalitäten eine merkwürdige Verquickung der Sitten und der Cultur,
-die bis zum heutigen Tage besteht und voraussichtlich noch durch
-lange Jahre ihren Einfluss zeigen wird. Slavischer Aberglaube und
-romanische Ueberschwenglichkeit, italienische Selbstüberhebung und
-der südslavische Charakterzug, sich dem Unvermeidlichen mit stummer
-Ergebenheit zu beugen, reichten sich da die Hände. Darum wird ein
-Italiener, der heute die Küstenstädte Nord- und Mitteldalmatiens
-besucht, vorwiegend slavische Städte zu finden glauben, während ein
-Slave, wenn er aufrichtig sein will, in Zara, Sebenico, Spalato,
-Macarsca und Almissa italienische Sitten und Gebräuche ebenso bestimmt
-finden, als in dem breitgedehnten Dialecte ihrer Bewohner die
-venetianische Volkssprache wiedererkennen wird.
-
-Eine Eigenschaft haben beide Nationalitäten mit einander gemein: die
-Sucht zu glänzen. Der Italiener, dem die tausendjährige Cultur seiner
-Voreltern in den Gliedern steckt, thut es, indem er sich womöglich
-einen Orden verschafft, ihn so viel als thunlich heraushängt und
-sich vor aller Welt als »Cavaliere« ansprechen lässt, -- der Slave,
-und zwar besonders der Südslave, indem er in seiner Nationaltracht
-die schreiensten Farben nebeneinander zur Schau trägt, die ihm
-zugänglich sind. Darum findet man auch kaum in einem Lande eine
-solch' ausgesprochene Sucht bei jeder sich ergebenden Gelegenheit den
-möglichsten, meistens sehr abgeschmackten und verschossenen Prunk zu
-entwickeln, der sich bis zum fratzenhaften steigert, wenn der Anlass
-dazu ein religiöser war.
-
-In dem östlichen Theile des diocletianischen Kaiserpalastes, in dessen
-Ruinen hinein die Stadt Spalato gebaut ist, bildeten die vielfach
-sich kreuzenden von mächtigen Mauern eingefassten Gänge einen kleinen
-Platz, der in das östliche Thor des Palastes mündete. Unmittelbar neben
-dem heute noch bestehenden Thore, da, wo seinerzeit vermuthlich ein
-Wach- oder Vertheidigungsthurm gestanden haben mag, befindet sich eine
-kleine schwerfällig und offenbar in gar keinem Style gebaute Kirche,
-welche »alla buona morte« (zum guten Tod) heisst. Die einfache, ja
-ärmliche Ausschmückung der Kirche von Innen entspricht der mehr als
-ungekünstelten Aussenseite und hauptsächlich sind es nur ganz arme
-Leute, die in derselben dem Gottesdienste beiwohnen.
-
-Sonntags und Donnerstags wird in derselben die Schulmesse für das
-Obergymnasium abgehalten und wenn die Schüler in der Kirche vollzählig
-versammelt sind, schliesst der Pedell ohne Weiteres die Thüre mit einem
-mächtigen Riegel. An der Längenseite der Kirche ist von Aussen eine
-kleine Marmortafel in der Mauer eingefügt, welche die Umrisse eines
-stark verwischten Todtenkopfes zeigt, den die meisten Vorübergehenden
-in Erfüllung eines mir völlig unbekannten religiösen Bedürfnisses mit
-der Hand betasten. Ob sich die Leute unter dem marmornen Todtenkopf
-etwas Heiliges vorstellen, habe ich niemals ergründen können. Dort in
-der Kirche »alla buona morte« beginnt das unheimliche Schattenspiel,
-das alljährlich am Charfreitage durch die Gassen und Plätze der Stadt
-Spalato seinen mystischen Gaukel treibt.
-
-Die vierzigtägigen Fasten werden in ganz Dalmatien und vorzüglich in
-Spalato mit absonderlicher Strenge gehalten. Bischöfliche Dispensen,
-wie sie in andern nördlicher gelegenen Ländern eine regelmässige
-Ausnahme bilden, kommen dort nicht vor. Die Kirche gebietet Fasten und
-es wird einfach gefastet. Einer deutschen Hausfrau würden allerdings
-die Haare und womöglich auch der Chignon zu Berge stehen, wenn sie
-einmal in die Lage käme durch vierzig Tage dreimal wöchentlich mit
-den wenigen Dingen ein Mittagmahl herstellen zu müssen, die durch das
-Fastengebot nicht verpönt sind. Mittwochs, Freitags und Samstags darf
-nicht nur kein Fleisch gegessen werden, sondern Butter, Schmalz, Milch
-und Eier sind ebenfalls verpönt. Die Leute kochen Fische und bereiten
-alles mit Oel, so dass ich, als ich einmal gezwungenermassen eine
-derartige Fastenzeit in Spalato durchgemacht hatte, am Ende derselben
-das Gefühl hatte, als brauchte ich nur ein Endchen Baumwolldocht in den
-Mund zu nehmen und anzuzünden, um ein Paar Tage lang einer Oellampe
-gleich zu brennen. Die Domkirche bietet während dieser Zeit zweimal
-wöchentlich den jungen Leuten beiderlei Geschlechts die erwünschte
-Gelegenheit sich ziemlich ungestört sehen und sprechen zu können, --
-sind doch die Fastpredigten, die immer Abends in der zweifelhaften
-Dämmerung der hohen Kirche abgehalten werden, so sehr als gewöhnliches
-Stelldichein bekannt, dass man einmal den Schülern der höheren Classen
-des Gymnasiums es verbieten musste dieselben zu besuchen. Aus demselben
-Grunde heisst dort auch die vierzigtägige Fasten im Volksmunde, »il
-carnevaletto delle donne« -- der kleine Frauenfasching. Wenn aber
-diese Zeit zu Ende geht und die Charwoche herannaht, dann beginnt ein
-eigenthümliches Drängen und Werben unter der Classe der Handwerker und
-Bauern, dessen Gegenstand der Pfarrer ist, -- der Pfarrer der Kirche
-»alla buona morte.«
-
-Des Abends kann man da dunkle Gestalten verstohlen und heimlich in das
-Haus schlüpfen sehen, das der Herr Pfarrer bewohnt. Dann kann man aus
-dessen Zimmer zuerst die leise wispernden Stimmen eines Zwiegespräches
-hören, das allmälig in ein Brüllen ausartet, denn ein rechter
-Dalmatiner kann nicht sprechen -- nur schreien. Die dunkle Gestalt
-bittet um etwas, der Pfarrer will es verweigern, -- wiederholtes
-inständiges Bitten -- zögerndes Nachgeben des Pfarrers -- endlich sind
-sie handelseinig, -- leise und geräuschlos wie sie gekommen, aber
-offenbar zufriedener und mit leichterem elastischen Tritt verschwindet
-die dunkle Gestalt, sorgfältig ihr Gesicht vor einer anderen
-verbergend, die vielleicht vor der Thüre in derselben Angelegenheit
-harrt.
-
-Des folgendes Tages marschiren, -- nicht zusammen, sondern jeder für
-sich, blos von seinem Treiber begleitet, -- verschiedene Esel vor der
-Wohnung des Herrn Pfarrers auf und verschiedene variciaki[24] mit
-Weizen werden abgeladen. Das Getreide gehört aber nicht dem Herrn
-Pfarrer, sondern der Kirche »alla buona morte.« Auch von der besseren
-Gesellschaft kann man eines Abends einen, aber nur einen! Herrn zum
-Pfarrer schleichen sehen, der dann mit verlegenem Gesichte und fromm
-verdrehten Augen eine kurze Botschaft dem Pfarrer mitzutheilen hat
-und wieder fortschleicht. Und nicht nur der Pfarrer, sondern auch der
-Küster von der Kirche »alla buona morte« beginnen ein absonderlich
-wichtiges und verschwiegenes Gesicht zur Schau zu tragen und mancher
-arme Teufel, der vor Jahren auch zur Dämmerstunde hinaufgeschlichen ist
-in die Wohnung des Pfarrers, sieht die Beiden an und fühlt ein Schauern
-über den Rücken laufen wie ein abgestrafter Russe beim Anblick der
-Knute.
-
- [24] Ein wollener Sack, der ein bestimmtes Getreidemass enthält.
-
-Charfreitag ist herangekommen und ein Gefühl festlicher Trauer hat sich
-der Bewohner Spalatos bemächtigt. Allenthalben werden schwarze Tücher,
-manchmal nach Umständen auch nur schwarze Fetzen hervorgesucht, welche
-bestimmt sind des Abends zu den Fenstern des Hauses herausgehängt zu
-werden, vor welchen die Procession vorüberziehen wird. Oellämpchen
-werden geputzt, schwarze Kleider aus den Schränken geholt, die Weiber
-putzen sich mit Schleiern und schwarzen Bändern, die Männer ziehen
-himmelschreiende Fracks an's Tageslicht und wer sich weder an der
-Procession zu betheiligen gedenkt, noch so glücklich ist ein Haus zu
-bewohnen, an welchem die Procession vorüber ziehen muss, der trachtet
-bei Bekannten ein Plätzchen an einem Fenster zu erlangen. Denn Spalato
-ist stolz auf seine Charfreitags-Procession, und »nur in Rom sieht
-man etwas Aehnliches« versichert jeder Spalatiner mit vaterländischem
-Stolze.
-
-Es schlägt sieben Uhr, -- früher darf die Procession nicht beginnen,
-denn die Tageshelle würde ihr einen guten Theil des Schauerlichen
-benehmen, das ihren grössten Reiz ausmacht. Vor allen Fenstern hängen
-die schwarzen Lappen, über allen Lappen brennen dämmerige Oellämpchen
-und hinter allen dämmerigen Oellämpchen stehen dichtgedrängte
-schwarzgekleidete Gestalten. Aus den weitgeöffneten Pforten der
-uralten Domkirche, -- des alten Jupitertempels, -- an der egyptischen
-Sphinx vorüber, die mit ihren blinden granitenen Augen herausstarrt
-auf das ungewohnte Getreibe, über die breiten Stufen herab bewegt
-sich der Zug. Voran die Waisenkinder, die man hier wie überall als
-eine Merkwürdigkeit zu betrachten scheint, die als abschreckendes
-Beispiel bei keinem öffentlichen Aufzuge fehlen darf, -- dann die
-Männer und Weiber des Versorgungshauses, die in ihrem krüppelhaften
-Siechthum an und für sich abschreckend genug sind, -- dann eine
-Schaar zehn- und zwölfjähriger Bursche, die Eleven des bischöflichen
-Seminars, welche als Priester maskirt mit ihren schwarzen Talaren,
-weissen Chorhemden, lilafarbenen Kragen und ebensolchen dreieckigen
-Baretten Diminutiv-Cardinälen ähnlich sehen, -- dann die verschiedenen
-Leichenvereine und Betbruderschaften in langen, blauen und weissen
-Kitteln, -- alles mit Fackeln in den Händen. Dann kommen die
-»Herren«, dann Handwerker im Sonntagsstaate, Bewohner der Vorstädte
-im National-Costüme, Alle mit riesigen Wachskerzen in den Händen und
-neben jeder Wachskerze ein zerlumpter, barfüssiger Bursche, der in der
-hohlen Hand die herabfallenden Wachstropfen auffängt, -- hinter den
-Männern die Frauen und Mädchen in schwarzen Kleidern, das Gesicht mit
-schwarzen Schleiern verhüllt. Und dann? Ja, -- jetzt kommt das, worauf
-die Spalatiner stolz sind.
-
-+Ein lebendes Kreuz+ kommt, -- ein zweites, -- ein drittes, -- ein
-viertes, fünftes, sechstes. Ein Mann schreitet einher, in einem
-langen schwarzen Kittel gehüllt. Den Kopf und das Gesicht verdeckt
-eine schwarze Kapuze, in der zwei kleine Oeffnungen für die Augen
-gelassen sind. Die Füsse sind nackt und wenn die Erscheinung zwischen
-dem Beschauer und einer Wachskerze durchgeht, so kann man durch den
-dünnen schwarzen Stoff hindurch auch die nackten Glieder des Mannes
-sehen. In dem einen Aermel hinein, hinter dem Rücken vorbei und bei
-dem andern Aermel heraus, steckt ein tüchtiger Stock, so dass der
-Unglückliche einem lebenden Kreuze gleich mit wagrecht ausgestreckten
-Armen gehen muss. Und die Procession dauert länger als eine Stunde!
-Und so wie er, so sind seine Kameraden nackt in ihren schwarzen Kittel
-mit ausgestreckten Armen und alle bestreben sich den schwankenden Gang
-eines zum Tode Erschöpften nachzuahmen und torkeln rechts und links,
-die Kreuz und die Quer, bis ihre Erschöpfung keine gekünstelte mehr ist
-und sie zuletzt wirklich zusammen zu sinken drohen. -- -- --
-
-Das sind die dunkeln Gestalten, die zum Pfarrer der Kirche »alla buona
-morte« hineinschlüpften, um mit ihm zu verhandeln und gegen Erlag
-einiger variciaki Weizen die Erlaubniss zu bekommen, am Charfreitage
-als »Kreuz« die Procession zu begleiten. Hinter diesen tänzelnden und
-schwankenden Jammergestalten folgt aber noch eine Andere. Schwarz vom
-Kopf bis zu den nackten Füssen, tief gebeugt unter der Last eines
-grossen hölzernen Kreuzes, das, um sein Gewicht zu erhöhen, +hohl und
-mit Sand ausgefüllt ist+, schwankt eine Gestalt vor dem nachfolgenden
-Thronhimmel einher. Das Gesicht ist verhüllt, -- Niemand kennt ihn,
-als der Pfarrer der Kirche »alla buona morte« und sein Küster. Sechs
-stämmige Bauern mit Windlichtern begleiten ihn und sehen mit peinlicher
-Aufmerksamkeit darauf, dass das untere Ende des Kreuzes, das er über
-der linken Schulter trägt, den Boden nicht berühre. Geschieht es
-dennoch, +so gilt es nicht+! Was? Die Busse! Denn der geheimnissvolle
-Mann, der das grosse, über einen Centner schwere Kreuz trägt, +ist
-der grösste Sünder, der dem Dompfarrer im Laufe des letzten Jahres
-gelegentlich des Beichthörens vorgekommen+.
-
-In Spalato erzählt man allgemein, der Conte C. habe vor einigen Jahren
-das grosse Kreuz getragen!
-
-
-
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-[Illustration]
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-Hippolytos und Phaedra.
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-Nördlich von Spalato und von demselben eine gute Stunde entfernt, dehnt
-sich ein mächtiger natürlicher Hafen, der beste, grösste und schönste
-im ganzen adriatischen Meere. Gegen Südwesten begrenzt ihn die Insel
-Solta, auf allen anderen Seiten umsäumt ihn das Festland von Dalmatien
-mit den bizarren Formen seiner Küste, und wenn der Südwind seine Wellen
-kräuselnd aufdämmt, so hängen wohl klare Tropfen von Meerwasser an
-den dunkeln Olivenbäumen und den traubenbedeckten Reben, die sich bis
-unmittelbar an die Grenze der kühlen Fluth hinabziehen. Die auf den
-glühenden Kalkfelsen schütter gelagerte Erde, die prächtige Seeluft,
-der tiefblaue Himmel und die strahlende Sonne erzeugen in ihrem
-Zusammenwirken eben keine schlechten Producte auf diesem gottgesegneten
-Stückchen Erde. Der feurigste Wein, die süssesten Feigen, das beste
-Oel, weite Felder voll prächtiger Melonen, das schönste Gemüse in
-Hülle und Fülle -- das sind die Erzeugnisse des reizenden Geländes,
-das, von den schroffaufstarrenden nackten Bergen des Mossor gegen
-die Bora geschützt, in ruhigathmender Schönheit zu den Füssen des
-Beschauers ruht. Es ist dies die Bucht und das Gestade der »Sette
-Castelli«, so genannt von sieben alterthümlichen Burgen, die früher
-längs der Küste zu deren Vertheidigung erbaut waren und jetzt eben
-so viele Mittelpuncte von freundlichen Dörfern bilden. Und wie um in
-die Schönheit der Landschaft keinen Misston zu bringen, bilden auch
-die Bewohner dieser Sette Castelli den schönsten Menschenschlag, der
-in Dalmatien zu finden. Ernstdreinschauende, hohe und kräftige Männer,
-dunkeläugige Frauen mit Madonnengesichtern und schweren braunen Zöpfen
-hegen und pflegen dort den dankbaren Boden.
-
-Dass die Menschen in den Sette Castelli so auffallend schön gerathen,
-das hängt freilich weniger von dem reichen Erträgnisse ihrer Felder
-und Gärten ab, sondern von einem anderen Umstande: die Race ist dort
-gekreuzt. Als nämlich im ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts die
-Franzosen Dalmatien besetzten, hielt es der Marschall Marmont für
-nothwendig eine das ganze Land durchziehende Strasse zu bauen, welche
-es möglich machte zwischen dem Süden und Norden Dalmatiens Verbindungen
-zu unterhalten, ohne zur See von feindlichen Kreuzern belästigt zu
-werden. Die Strasse wurde ausgeführt, besteht heute noch und heisst
-noch immer im Volksmunde »Strada Marmont«. Ueberhaupt möge hier die
-Bemerkung ihren Platz finden, dass die Franzosen in der kurzen Zeit,
-während welcher das »illirische Königreich« bestand, für Dalmatien
-beinahe mehr thaten, als Oesterreich bis vor wenigen Jahren zu thun
-unterliess. Das Resultat dieser Gleichung zu suchen, sei Anderen
-überlassen. Erzählt man doch in Dalmatien hierüber eine bezeichnende
-Aeusserung des Kaisers Franz, der in den zwanziger Jahren das Land
-bereiste.
-
-»Wer hat dieses Gebäude erbaut?« fragte der Kaiser.
-
-»Die Franzosen, Majestät«, hiess es.
-
-»Und wer hat diesen Garten angelegt?«
-
-»Die Franzosen, Majestät.«
-
-»Und die Strasse?«
-
-»Die Franzosen, Majestät.«
-
-»Und diese Seidenspinnerei?«
-
-»Die Franzosen, Majestät.«
-
-»So?« sagte der Kaiser, in seiner bekannten glatten Manier, »mir
-scheint, hier haben Alles die Franzosen gemacht, da ist es schade, dass
-sie nicht ein paar Jahre länger hier geblieben sind.«
-
-Um also nun wieder auf die Strada Marmont und die veredelte Race
-der Sette Castelli zu kommen, so liess Marschall Marmont gerade das
-Stück Strasse, das sich von Traù längs der Küste der Sette Castelli
-bis gegen Spalato zieht, durch die Mannschaft des 72. französischen
-Infanterie-Regiments bauen. Die Soldaten arbeiteten des Tags, schliefen
-des Nachts bei den Bauern -- und die Folge war eine schöne Strasse und
-ein prächtiger Menschenschlag -- -- -- ernstblickende hohe und kräftige
-Männer, dunkeläugige Frauen mit Madonnengesichtern und schweren braunen
-Zöpfen.
-
-Zwischen dem Gestade der Sette Castelli und der Stadt Spalato, eine
-halbe Stunde von Ersterem und eine Stunde von der Letzteren entfernt,
-liegen die Ruinen der einst mächtigen und blühenden Römerstadt Salona,
-die, theilweise von der durch zwölfhundert Jahre angesammelten
-Humusschicht befreit, heute noch ihre Bäder und Tempel, ihren Circus
-und ihr Forum in trübseliger säulenkränzter Schönheit dem Beschauer
-weisen. Grimmige Mauern umziehen im weiten Halbkreise das Ganze und
-erstrecken sich epheubewachsen bis an das Meer, auf welchem einst
-die Bewohner vor den herandrängenden Barbaren flüchteten. Ausserhalb
-dieser Ruinen liegt das Dorf Salona, durchwegs aus Säulenstücken und
-Steintrümmern des alten Salona erbaut. Marmorne Reliefs, römische
-und griechische Inschriften findet man da beinahe an jedem Hause --
-oft verkehrt eingemauert -- und umgestürzte Marmorsarkophage dienen
-den Bauern als Steintische vor ihren Häusern. Aus einer Höhle des
-Mossor-Gebirges, kaum eine Stunde weit von dem Dorfe Salona, entspringt
-der Fluss Jadro, der seine krystallhellen und eiskalten Fluthen in
-ungestümer Eile dem Meere zujagt, nachdem er im Dorfe Salona eine
-Anzahl Mühlen getrieben. Wiesen, die ihr saftiges Grün durch das ganze
-Jahr behalten, schlanke Pappeln, mächtige Buchen und rebenumrankte
-Maulbeerbäume säumen seine Ufer ein und zwischen dem dunkeln Laube
-schimmern die weissen Dächer der Mühlen hinaus in die Ferne.
-
-Unter einer dalmatischen Mühle möge man sich nur ja nicht das mächtige
-Getriebe von Räderwerk und Hebeln vorstellen, aus denen in civilisirten
-Ländern eine Mühle zu bestehen pflegt. Die Dalmatiner sind eben ein
-genügsames Volk und ihre Mühlen stehen womöglich noch ein wenig weiter
-zurück in der Cultur als die Eingebornen selbst. Das Getreide oder der
-Mais wird dort auf einem Esel in die Mühle geschleppt, schlecht und
-recht gemahlen und auf demselben Esel wieder nach Hause befördert. Eine
-Absonderung des Mehles von der Kleie kommt da nicht vor, das muss Jeder
-zu Hause selbst vornehmen, wenn er es nicht vorzieht die Kleie mit dem
-Mehl zu verzehren. Der Müller bekommt einen Theil des Getreides als
-Mahllohn, dort »minella« genannt, betrügt dabei so viel als möglich und
-so sind beide Theile zufrieden. -- -- --
-
-Ein Ereigniss gehört in Spalato nicht zu den häufig vorkommenden
-Dingen, desto grösser aber ist die allgemeine Erregtheit, wenn je
-einmal das tägliche Einerlei durch irgend Etwas eine angenehme
-Abwechslung erfährt. In Salona hatte man einen Fund gemacht. Ein Bauer
-hatte ausserhalb der mächtigen Umfassungsmauern von Salona die Wurzeln
-eines alten Weinstockes ausgraben wollen und war dabei auf etwas Hartes
-gestossen. Er grub weiter und fand einen Marmor, der aber zu gross und
-zu schwer war, als dass er ihn hätte herausheben können. Bei weiterem
-Nachsuchen zeigte es sich, dass es der Deckel eines Sarkophages war,
-und dass ein stämmiger Oelbaum, der gerade über demselben seine
-immergrünen Zweige mit den Reben des abgestorbenen Weinstockes
-verflochten hatte, die weitere Bloslegung des Sarkophages hinderte. Da
-schüttete der Bauer die Grube wieder zu, um seinem Oelbaume nicht zu
-schaden und der Sarkophag hätte ruhig ein weiteres Jahrtausend ruhen
-können, wenn nicht der Bauer zufällig einen Process gehabt hätte und
-in die Gelegenheit gekommen wäre mit einem Advocaten in Spalato zu
-verkehren.
-
-Wie Bauern schon sind, die niemals einen Gegenstand besprechen können,
-ohne bei dieser Gelegenheit von Allem und Jedem, von ihrem Vieh und
-Acker, vom Hause und vom Urgrossvater zu schwatzen, so kam auch dieser
-auf den Deckel zu sprechen, den er unter dem Oelbaume bemerkt hatte.
-Der Advocat veranlasste ihn, abermals den Deckel und ein Stückchen des
-darunter liegenden Sarkophages bloszulegen und kaufte dann Deckel und
-Sarkophag um fünfzig Gulden. Weil aber beide viel zu massig waren, um
-so leicht gehoben werden zu können, so blieben sie bis auf Weiteres an
-ihrem Fundorte, halb von Erde bedeckt unter den Wurzeln des Baumes.
-
-Einige Jahre darauf -- es war im Jahre 1871 -- war der Professor
-des Obergymnasiums in Spalato, Glavinic, ein lieber Freund, den bei
-dieser Gelegenheit herzlich zu grüssen mir gestattet sei, Custos des
-in Spalato bestehenden Museums für Alterthümer. Als nun der Professor
-für Archäologie an der Wiener Universität, Herr Contze, auf einer
-Ferienreise in Spalato eintraf, führte ihn Professor Glavinic unter
-Anderm auch zu dem erwähnten Oelbaume bei Salona. Professor Contze
-sah nur den wuchtigen Deckel und den Kopf einer der Figuren, die
-an der Vorderseite des Sarkophages in erhabener Arbeit ausgeführt
-sind, und erklärte auf den ersten Blick den Letzteren für den Kopf
-einer Phaedra. Bei seiner Rückkunft nach Wien veranlasste derselbe,
-dass die Regierung den Sarkophag ankaufte; derselbe wurde durch
-Artilleriemannschaft mit Hilfe von Hebzeugen gehoben, auf einen starken
-Karren gepackt und in das Museum nach Spalato überführt. Dort steht er
-jetzt noch und wer von meinen Lesern einmal das freundliche Spalato
-besuchen will, kann ihn dort sehen.
-
-Es ist des alten Euripides berühmte Tragödie Hippolytos und
-Phaedra, die auf der Vorderseite des aus einem Stücke parischen
-Marmors gehauenen riesigen Sarkophages dargestellt ist. Zur Linken
-des Beschauers ruht Phaedra von dem durch Zeltwände angedeuteten
-Frauengemache, während ihre Mägde beschäftigt sind, sie ihres
-königlichen Schmuckes, des Diadems zu entkleiden. Zur Rechten sitzt
-Theseus, der beleidigte Vater, im ernsten Gespräche mit seinen
-Freunden, von denen einer bemüht zu sein scheint, den schrecklichen
-Verdacht zu zerstreuen, den er dem unschuldigen blühenden Sohn
-gegenüber Raum gegeben. In der Mitte steht Hippolytos, völlig nackt,
-mit dem Speer in der Faust, zur Jagd gerüstet, in ätherischer Schönheit
--- zu seiner Seite das Ross, von den Göttern zum Werkzeuge seines
-Unterganges bestimmt, indem es ihn über die Klippen zu Tode schleifen
-sollte. In der einen Hand hält Hippolytos die Rolle, den Befehl des
-erzürnten Königs und Vaters, der ihn in die Verbannung schickt.
-Ein Cupido zu den Füssen Phaedra's und die alte Amme zur Seite des
-Hippolytos, die nach Ammenart als Kupplerin gedient, vervollständigen
-die Gruppe. Als der Sarkophag, von sechs Ochsen gezogen und mit grünem
-Reisig geschmückt, seinen Einzug in Spalato hielt, da war Alles auf
-den Beinen, um ihn anzustaunen und man konnte da aus der Menge des
-umstehenden Volkes die sonderbarsten Erklärungen über die figurenreiche
-Gruppe hören, die an seiner Vorderseite prangt.
-
-Aber eine ganz eigenthümliche Anschauung sollte sich über den antiken
-Fund und seine Bedeutung noch im Volke verbreiten. Zur selben Zeit, als
-man in den Räumen des +alten+ Salona den Sarkophag hob und ihn nach
-Spalato überführte, starb in dem +Dorfe+ Salona ein Müller. Weib und
-Kinder blieben natürlich im Besitze der Mühle und nichts hätte Anlass
-gegeben des Müllers Tod mit der Hebung des Sarkophages in Verbindung
-zu bringen, wenn nicht unmittelbar in der Nähe der Mühle eine neu
-auftretende oder erst jetzt bemerkte Erscheinung die Aufmerksamkeit der
-Leute erregt hätte.
-
-Der Graben, in welchem das Wasser des Flusses Jadro der erwähnten
-Mühle zugeleitet wird, verengt sich plötzlich unmittelbar vor der
-Mühle und stürzt durch drei jäh abfallende Rinnen auf die Mühlräder.
-In einer dieser Rinnen zeigte sich nun von Zeit zu Zeit, nämlich in
-Zwischenräumen von einigen Minuten ein silberheller Streifen, der am
-Boden der hölzernen Rinne sich fortbewegend eine entfernte Aehnlichkeit
-mit einer Schlange hatte, die gegen den Strom des Wassers schwamm. Dann
-verschwand die Erscheinung, um nach Kurzem sich wieder zu zeigen. Nun
-ist es ein Erfahrungssatz, dass die Leute, je weniger Geist sie haben,
-destomehr das Bedürfniss fühlen, sich mit Geistern zu beschäftigen,
-daher denn auch binnen wenigen Tagen ganz Spalato, oder wenigstens ein
-guter Theil desselben, sowie sämmtliche Bauern in der Runde von dem
-»Geiste des Müllers« sprachen, der sich bei der Mühlenschleusse zeige.
-Auch +warum+ der Geist sich zeige, war bald kein Geheimniss mehr, --
-mir wurde es durch eine »Contessa« enthüllt.
-
-Dass die Blüthe der alten Stadt Salona mit der Verbreitung des
-Christenthums in Dalmatien so ziemlich zusammen falle, davon haben
-Alle in jenen Gegenden eine, wenn auch nur sehr unbestimmte Ahnung.
-Die Meisten jedoch, -- und dazu gehören nicht nur sämmtliche Bauern,
-sondern auch das weitverbreitete Geschlecht der Vettern und Frau Basen
-in Spalato, -- zweifelt nicht einen Augenblick daran, dass sämmtliche
-Särge, deren man bei Salona eine grosse Menge unter der angeschütteten
-Erde fand und noch findet, +die Särge von Heiligen seien+. Nun war der
-Zusammenhang zwischen dem verstorbenen Müller, dem marmornen Sarkophage
-und der glänzenden Erscheinung im Mühlbache bald hergestellt. Die arme
-Seele des Müllers fand keine Ruhe und musste so lange als Schlange im
-Mühlbach Allotria treiben, bis der Sarg des »Heiligen«, der bei Salona
-gehoben, wieder an seine alte Stelle zurückgebracht sei. Die Müllerin
-war stolz auf den Zulauf, den ihre Mühle von den Neugierigen erfuhr,
-stolz auf den offenbar regen Zusammenhang zwischen ihrem verstorbenen
-Manne und dem unbekannten Heiligen. Die Einwohner des Dorfes Salona
-waren nicht minder stolz auf die mittelbar ihnen selbst wiederfahrene
-Ehre, dass so ein uralter Heiliger sich um ihren jüngstverschiedenen
-Mitbürger und Landsmann in so augenfälliger Weise kümmere und wer weiss
-ob nicht eine Massendeputation der guten Salonitaner die Rückverführung
-des Sarkophages an seine alte Stelle in mehr oder weniger turbulenter
-Weise verlangt hätte, wenn nicht -- das Wunder eines schönen Tages
-aufgehört hätte. Der Müllerbursche schlug ein neues Brett an Stelle
-eines schadhaft gewordenen in das Rinnsal des Mühlbaches und von diesem
-Augenblicke an war der Geist des Müllers verschwunden.
-
-Ich selbst war seinerzeit eigens von Spalato nach Salona gepilgert,
-um das Wunder mitanzusehen und erlaubte mir gegenüber einem jungen
-Spalatiner Aristokraten, der mich begleitete, die schüchterne
-Bemerkung, dass die »silberne Schlange« wahrscheinlich aus Luft
-bestehe, die, von dem rasch strömenden Wasser mitgerissen, die
-Reflexerscheinung bildete. Mein Begleiter zuckte aber die Achseln und
-erklärte mit höchst verächtlicher Miene und offenbar im Bewusstsein
-seiner besseren Einsicht gegenüber einem »deutschen Barbaren«, dass er
-die Erscheinung für eine »+Quecksilberquelle+« halte. Dabei liess ich
-ihn.
-
-Der Sarkophag aber mit dem beleidigten Theseus, der lüsternen Phaedra
-und dem schönen armen Hippolytos, er ruht nun in dem langen Saale des
-Museums von Spalato, -- zu seinen Füssen steht eine schöne Statue
-der siegreichen Venus, welche dem Amor lächelnd den gefüllten Köcher
-reicht. Oft und oft standen wir, mein Freund Glavinic und ich, in
-Anschauung der Kunstwerke einer längstentschwundenen Zeit versunken vor
-den schönen, marmornen, lebensgrossen Gebilden, aber wir konnten uns
-nie zu der Ansicht eines Spassvogels bekehren, der in unserem Bunde
-der Dritte, uns immer versichern wollte, die siegreiche marmorne Venus
-steige des Nachts regelmässig von ihrem Piedestale herab, um mit dem
-armen Hippolytos einen schauderhaften Cancan zu tanzen.
-
-
-
-
-Der Frau Mare Kargotic Gesang.
-
-
-Allerseelen war vor der Thür.
-
-Kein Nebel, keine Bora, kein langweiliger Regen. Der feine braune
-Duft, der sich des Nachts über die Insel gelegt und über die
-unendliche glatte Fläche des Meeres, der hebt sich beim ersten
-Morgenlüftchen und streicht wie ein loser Schleier hin über das
-Wasser. Die lateinischen Segel der Fischerboote tauchen dann langsam
-auf unter dem fliehenden Schleier, dann treten die Bergspitzen der
-herumliegenden kleineren Inseln und des Festlandes hervor, dann zeigt
-sich vielleicht ein hochgethürmtes, schneeweisses Gewölk, das langsam
-und stetig vorüberzieht -- die mächtigen Segel eines in der Morgenkühle
-herankommenden Schiffes -- dann glüht es auf über der Spitze des Berges
-Biokovo, der von der Festlandsküste nackt und jäh abstürzt gegen das
-Meer, als ob er beständig im Begriffe wäre, ein Seebad zu nehmen
--- dann schiessen breite Feuergarben über Inseln, Schiffe und die
-tiefgrüne ruhig athmende Fläche des Meeres, die Sonne tritt siegreich
-hervor und wie hingezaubert erscheint urplötzlich die langgestreckte
-Insel Brazza, umspielt von den fluthenden Wellen. Ihre weissglänzenden
-Kalkberge ragen hoch und strenge zum wolkenlosen Himmel, ihre Abhänge
-sind von sanftgrauen Oelbäumen begrenzt und dann steht Rebe an Rebe eng
-und dicht, nur von niederen Feigenbäumen unterbrochen bis herab zum
-Meere, bis in die Bucht, an deren felsigem Strande die weissgetünchten
-Häuser des Dorfes San Giovanni im Morgensonnenscheine funkeln.
-
-Allerseelen war vor der Thür.
-
-Der prächtigste Herbstmorgen lagerte über Land und Meer. In dem kleinen
-einstöckigen Häuschen, dessen weinumrankte Fenster hinausblicken
-über die glänzende Fläche bis auf die Festlandsküste, von der das
-freundliche Spalato herüberwinkt, schafft und waltet Frau Mare
-Kargotic. Wer es nicht sieht, der mag es hören. Ganz San Giovanni
-hört es, denn San Giovanni ist nicht gross und Frau Mare hat eine gar
-kräftige Stimme. Mitunter flucht sie auch, aber nur selten. Natürlich
--- ihr Gebieter und Ehegemal (er ist Gebieter, wenn er +nicht+ zu Hause
-ist) fährt in der weiten Welt herum auf seiner hübschen Brigg »San
-Cristoforo« und lässt sich, wenn es gut geht, einmal im Jahre zu Hause
-sehen.
-
-Während der Capitano Luka Kargotic draussen gegen schwere Stürme
-ankämpft, oder in trostloser Windstille irgendwo tagelang auf einem
-Flecke liegt, oder in irgend einem Tausende von Meilen entfernten Hafen
-auf Rückfracht wartet, muss Frau Mare des Hauses Regiment mit kräftiger
-Hand führen, sich ärgern und plagen. Und da raunt ihr freilich
-manchmal ein böser Dämon in's Ohr, dass vielleicht der Herr Luka gar
-irgendwo in einer Hafenstadt, die er angelaufen, sich gut, +sehr+ gut
-unterhalte. Dann -- -- nun, die Kinder und die Dienstleute wissen davon
-zu erzählen, was sie dann thut und was sie dann spricht. Das sind die
-Momente, in welchen sie -- aber nur +sehr+ selten! flucht, -- sonst ist
-sie die beste Frau der Welt.
-
-Auch eine hübsche Frau ist sie, trotz ihrer etwas stark entwickelten
-Formen, trotz ihrer zweiunddreissig Jahre und trotz der feinen
-Seemannsrunzeln, die sich -- der liebe Herrgott weiss, woher das
-kommt -- um ihre Augenwinkel herum zeigen, als ob sie selbst ein
-Schiffskapitän wäre. Wirklich und wahrhaftig hübsch, besonders wenn sie
-im Feiertagskleide ist, wie heute.
-
-In dem kleinen Hafen draussen schaukelt sich eine ganz anständige
-Barke, bereits zur Hälfte angefüllt mit dem Gottessegen, den Frau Mare
-in diesem Jahre eingeheimst. Wein, Oel und getrocknete Feigen bilden
-die Fracht, und die Barke muss bis Mittags fix und fertig sein, um
-nach Spalato abzufahren, wo alle diese guten Sachen auf den Dampfer
-übergeladen werden zur Ueberfuhr nach Triest. Der älteste Knabe, der
-auch Luka heisst wie sein Vater und bereits zwölf Jahre zählt, hat in
-der Schule lesen und schreiben gelernt -- was Frau Mare leider nicht
-von sich sagen kann -- und notirt mit gravitätischer Miene jedes Fass,
-das hinabgerollt wird zur Barke. Seine sieben jüngeren Geschwister
-sitzen in sehr defecter Morgentoilette mit ihrer Bonne, einer jungen
-Morlakin, im Hofraume und verzehren ihr Frühstück: getrocknete
-Feigen und Brod. Die Knechte schaffen und poltern mit den Fässern
-und Kisten in rüstiger Emsigkeit und zwei Mägde scheuern im Hause,
-denn Allerheiligen fällt heuer auf einen Montag. Darum gibt es zwei
-Feiertage hintereinander und Frau Mare hält etwas darauf, dass dann
-Alles im Hause hübsch rein und nett sei.
-
-Dass Frau Mare heute in aller Gottesfrüh schon im Festtagsgewande ist,
-damit hat es aber sein eigenes Bewandtniss. Es wird nämlich heute in
-der Pfarrkirche vor dem Altar des San Nicoló eine Extramesse gelesen,
-die sie bezahlt hat. Natürlich hat sie für eine solche besondere
-Auslage auch ihre besonderen Gründe. Einestheils gehen eben die Feigen,
-das Oel und der Wein nach Triest, für welche sie die möglichst besten
-Preise erzielen will. Dafür gibt es kein besseres Mittel als eine
-Messe. Es handelt sich aber nur um einen möglichst hohen Preis, nicht
-auch um die Sicherheit der Beförderung, da der Lloyd seine Frachten
-selbst assecurirt. Frau Mare ist eben practisch und belästigt unsern
-Herrgott nicht mit Dingen, die auch der Triester Lloyd besorgen kann.
-Für heute hat sie jedoch noch ein besonderes Anliegen, so wichtig und
-so geheim, dass es vorderhand ein Geheimniss zwischen ihr und unserm
-Herrgott bleiben muss. Darum hat sie auch dem Pfarrer, als sie die
-Messe bezahlte, gesagt, selbe sei für den guten Verkauf des Weines, der
-Feigen und des Oeles, ferner »für ihre besondere Intention« zu lesen,
-was der Pfarrer auch zusagte.
-
-Seit Jahren vollzog sich das eheliche und Familienleben der Familie
-Kargotic in beinahe unwandelbarer Regelmässigkeit. Frau Mare
-regierte im Hause und der Capitano Luka befuhr das Meer. Jedes Jahr
-kam der Capitano auf zwei oder drei Wochen nach Hause, bei welcher
-Gelegenheit er immer allerhand Schönes und Werthvolles mitbrachte.
-Goldene Ohrgehänge, silberne Leibgürtel, schöne Kleider von schwerer
-Seide, feine Leinwand, kunstvolle Spitzen, ein Kind, ein paar hübsche
-Ringe, feine Venezianer Goldketten -- das waren so seine gewöhnlichen
-Angebinde. Das heisst, das Kind brachte er eigentlich nicht mit, aber
-merkwürdigerweise fügte es sich immer, dass nach einer ganz bestimmten
-Reihe von Monaten, die seit seiner Anwesenheit verflossen, ein Kind
-sich wie von selbst einstellte. Störche gibt es in Dalmatien nicht,
--- dort holt die Hebamme die Kinder vom Berge herab und zahlt sie mit
-einem Gulden per Stück.
-
-Die Kostbarkeiten hielt Frau Mare in einer schweren geschnitzten Truhe
-unter Schloss und Riegel, die Kinder -- es waren ihrer nach und
-nach acht geworden -- wuchsen tapfer und fröhlich heran, das Beste,
-was sie unter so bewandten Umständen thun konnten. Zwischen einem
-Besuche des Capitano Luka und dem andern liefen auch wohl Briefe von
-ihm ein, aus Odessa, aus Queenstown, aus Marseille und Kronstadt oder
-aus sonst einem Hafen. Kinder waren niemals in den Briefen, wohl aber
-feine schöne in- und ausländische Banknoten oder kleine Röllchen mit
-glänzenden Goldstücken. Die wanderten dann in die Truhe zu den anderen
-Kostbarkeiten.
-
-Diesmal aber waren schon anderthalb Jahre verflossen, dass der Capitano
-Luka sich nicht zu Hause hatte sehen lassen. Er war allerdings etwas
-weit gefahren. Sein letzter Brief trug den Poststempel San Francisco
-in Californien. Auch war demselben eine ansehnliche Anweisung auf den
-Banquier Porlitz in Spalato beigelegen, die derselbe mit gewichtigen
-Goldstücken honorirte. Aber Frau Mare war nicht ruhig. Seeleute sind
-gar manchen Gefahren ausgesetzt, nicht nur auf dem tückischen Meere,
-sondern auch in den Hafenstädten, die sie anlaufen. Da gibt es lockere
-Gesellschaft und kecke Weiber -- Frau Mare fühlte sich versucht, ein
-wenig zu fluchen, aber sie besann sich eines Besseren und bezahlte dem
-Pfarrer eine Messe vor dem Altare des San Nicoló »auf +ihre+ Intention«
-und -- da es schon in Einem ging -- für den guten Verkauf der heurigen
-Fechsung. Darum war sie heute, am Werktage, schon in aller Gottesfrüh
-in festtäglichem Staate, mit dem schwarzen Seidenrock und dem
-blauseidenen offenen Jäckchen über dem rothen Mieder, mit dem silbernen
-Gürtel um die Hüfte, mit zwölf silbernen Zitternadeln in den dunkeln
-Zöpfen und +drei+ schweren goldenen Ohrgehängen an jedem Ohr.
-
-Der heilige Nicoló -- er ist der Schutzpatron der Seefahrer -- der
-heilige Nicoló in der Pfarrkirche von San Giovanni ist immer im
-Festtagsgewande. Er ist über und über mit silbernen Armen, Händen,
-Füssen, ausserdem mit einigen goldenen Münzen behangen und sieht aus
-wie ein hoher Staatswürdenträger am Frohnleichnamstage. Der kleine
-Altar, über welchem der San Nicoló prangt, ist heute vollständig
-mit Kerzen besteckt und der Herr Pfarrer feiert auch die Messe vor
-demselben mit einer ganz besonderen Inbrunst. Und jedesmal, wenn er
-sich zu einem Dominus vobiscum umdreht, fallen seine Augen mit einem
-so wehmüthigen Ausdruck auf die an den Stufen des Altars knieende,
-im Sonntagsstaate prangende Frau Mare, dass ihr ganz sonderbar um's
-Herz wird und sie sich beinahe schämt, als ob der Herr Pfarrer ihre
-»Intention« hätte errathen können.
-
-Als aber die Messe zu Ende, der Herr Pfarrer seinen Segen gegeben
-und in die Sacristei verschwunden war, als Frau Mare noch immer vor
-dem Altare kniete, in der Ungewissheit, ob sie in der Kirche beten
-oder zu Hause ein wenig -- nur ganz wenig! -- fluchen solle, da kommt
-der blondhaarige baarfüssige Junge, der dem Herrn Pfarrer ministrirt
-hatte und sagt, der Herr Pfarrer lasse die Frau Mare bitten, in die
-Sacristei zu kommen. Und wie sie hineintritt, da sieht sie durch den
-Weihrauchnebel den Herrn Pfarrer stehen, der ein Papier in der Hand
-hält und sie wieder so sonderbar ansieht als wie beim Dominus vobiscum.
-Dann winkt er ihr näher zu treten und bietet ihr einen Stuhl. Dann
-spricht er etwas -- sie kann durch den dicken Weihrauchnebel nicht
-recht verstehen, was er sagt -- er spricht etwas von Gottvertrauen und
-Fassung und dergleichen Dingen. Die Frau Mare möge nicht erschrecken
-und tapfer sein, wie sie es immer gewesen. Denn der Capitano Luka
-käme nicht mehr heim. Er hat ein schönes Seemannsende gefunden, ein
-echtes, schönes Seemannsende. Der »San Cristoforo« war an der Küste
-von Californien bei Nacht und Nebel an einen Dampfer angefahren und
-untergegangen. Die Matrosen hatten sich gerettet und der Steuermann
-dem Herrn Pfarrer geschrieben. Da, -- der Herr Pfarrer klopfte mit
-der verkehrten Hand auf das Papier, -- da steht Alles zu lesen. Der
-Patron Luka hätte sich auch retten können, aber er verlor seine Zeit
-damit, dass er den kleinen Schiffsjungen beim Kragen packte und in
-das Rettungsboot warf, das schon vom sinkenden Schiff abstiess. Er
-war immer eigensinnig gewesen, der arme Patron Luka, und wenn er sich
-einmal etwas in den Kopf gesetzt, so -- -- nun, die Frau Mare wisse das
-ja selbst am besten. Nun also, -- dann war das Schiff untergegangen und
-er mit dem Schiffe. Vielleicht hat er an seinen ältesten Buben gedacht,
-als er mit dem kleinen Schiffsjungen seine Zeit verlor. Aber die Frau
-Mare solle Gottvertrauen und Fassung haben und sich ihren Kindern
-erhalten. Die Frau Mare möge -- -- --
-
-Die Frau Mare hat sich kurzweg umgedreht, ist festen Schrittes aus
-der Sacristei, aus der Kirche und nach Hause gegangen. Dort hat
-sie der Magd, die einen Kübel mit Oel im Hofe verschüttet, eine
-Ohrfeige gegeben. Oel verschütten bedeutet Unglück. Dann war sie im
-Feiertagsgewande, wie sie war, hinaufgestiegen in die Stube, wo die
-schwere Truhe mit den Kostbarkeiten steht und ein Hausaltar mit dem
-schöngeschnitzten Modell der Brigg »San Cristoforo« vor demselben. Dort
-hat sie sich in einen Winkel gekauert und hat angefangen zu singen.
-Denn eine Dalmatinerin weint nie um einen Todten -- sie singt um ihn.
-
-Was Frau Mare Kargotic sang?
-
-Aus der oberen Stube klang es herab in langgezogenen schwermüthigen
-Tönen und die Kinder mit ihrer morlakischen Bonne drängten sich
-schauernd und erschreckt zusammen unter dem offenen Fenster:
-
-»Luka, Luka! Du kommst nicht wieder. Da bin ich, da sind Deine acht
-Kinder -- unten stehen Deine Feigen, Dein Oel und Dein Wein -- der
-ganze reiche Gottessegen -- und Du kommst nicht wieder! Wer hat es so
-wie Du verstanden, das Steuer zu führen, wenn der Wind einher brauste
-und die Wellen über den »San Cristoforo« schlugen? Wer verstand es wie
-Du, sein Hab und Gut zu wahren und für die Frau zu sorgen und die armen
-Kinder? Ein Eimerfass hubst Du allein mit Deinen starken Armen; wo die
-Kräfte der Matrosen nicht ausreichten, da genügte Deine kräftige Hand
-ganz allein -- ganz allein. Und jetzt liegst Du am Meeresgrund und die
-Wellen spielen mit Deinem Haar und Du kommst nicht wieder! Luka, Luka!
-ich habe Dich schwer beleidigt! Ich glaubte etwas Unrechtes von Dir
-und liess heute erst eine Messe auf meine Intention lesen. O wüsstest
-Du, was meine Intention war! Verzeih', mein Luka, und bete dort oben
-für mich und für unsere Kinder. Wie Du das letztemal weggingst, waren
-es sieben und heute sind ihrer acht! O Luka, Luka! Weisst Du noch,
-wie Du mich einstmals in Deinen starken Armen aufgehoben, als ich zu
-Tode krank daniederlag? Ach möchtest Du mir, möchtest Du uns allen
-entgegenkommen, wenn wir einmal einziehen sollen in's ewige Leben und
-uns auf Deinen Armen, o Luka, auf Deinen kräftigen Armen hineintragen
-in die Pforten des Paradieses!«
-
-So singt Frau Mare Kargotic in ihrer Stube und unten schaffen die
-Knechte mit Kisten und Fässern. Denn um zwölf Uhr muss die Barke fix
-und fertig geladen sein und Allerseelen ist vor der Thür, Allerseelen,
-wo Wein und Feigen und Oel am besten verkauft werden.
-
-Dafür war die Messe bezahlt, aber es ist immer besser auch selbst
-vorzusorgen. Und Punct zwölf Uhr stösst die Barke ab von San Giovanni
-und ein frischer Wind treibt sie fort über die sonnenfunkelnde Fläche
-des Meeres.
-
-Droben im Stübchen singt Frau Mare Kargotic.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Türkischer Tabak.
-
-
-Eine schwere Hand, oder wahrscheinlicher eine schwere Faust klopfte an
-meine Zimmerthüre, denn der dumpfe Schlag, der sie erzittern machte,
-konnte nicht leicht von einem menschlichen Knöchel geführt worden sein.
-
-»Herein!«
-
-Die Thüre öffnete sich langsam und herein schob sich Duje Braidovich.
-
-Erinnere Dich gefälligst, theuerer Leser, dass man das »ch« oder »c«
-am Ende dalmatinischer Namen wie »tsch« ausspreche, und lies den Namen
-Duje Braidovich noch einmal mit gehöriger Berücksichtigung des diesem
-Herrn eigenthümlichen Nationalgefühles. So. Jetzt will ich versuchen,
-diese interessante Persönlichkeit etwas näher zu schildern.
-
-Duje Braidovich ist, was seinen Stand betrifft, eigentlich Nichts -- in
-seinen freien Stunden beschäftigt er sich jedoch mit Tabakschwärzen.
-Duje Braidovich kann Tage und Wochen lang mit einem halblangen Tschibuk
-im Munde auf dem Platze des Marktfleckens Sign, seines Geburtsortes,
-herumlungern, Tage und Wochen lang sich von Polenta nähren und pures
-Wasser dazu trinken, Tage und Wochen lang mit der gemüthlichsten
-Ungenirtheit von der Welt jeden Vorübergehenden, der seiner Tracht
-nach nicht Morlake ist, um »zwei Kreuzer auf Tabak« ansprechen; ja
-ich habe ihn sogar im Verdacht, dass er zuweilen mehr als einen Tag
-lang gar nichts isst und sich höchstens des Nachts an den halbreifen
-Getreideähren und den Krautköpfen der umliegenden Felder schadlos hält.
-
-Dafür kommen aber dann wieder Tage, in denen Duje Braidovich seiner
-Unthätigkeit völlig entsagt. Dann kann man ihn mit seinen, allen
-Morlaken eigenthümlichen langen Schritten in dieses und jenes Haus
-eintreten sehen, wo er eifrige Gespräche mit seinen Bekannten hält
-und beim Heraustreten eine Hand voll silberner Zehnkreuzerstücke, in
-Dalmatien »Banovizze« genannt, in einen schmierigen bocksledernen
-Beutel steckt. Er nimmt auf diese Weise seinen Credit in Anspruch
-und sammelt Capital zu einem grösseren Unternehmen. Duje Braidovich
-ist dann immer in einem Zustande angenehmer Aufregung, sehr vergnügt
-und offenbar grosser Entwürfe voll. Zugleich scheint dann in ihm
-eine geheimnissvolle und schwer zu erklärende Sympathie für die k.
-k. Finanzwache sich fühlbar zu machen, denn er geht dann des Tages
-unzählige Male vor deren Kaserne vorbei, wirft immer schielende Blicke
-in das halbgeöffnete Thor und sitzt in der Abenddämmerung vor dem
-Hausthore des gegenüberstehenden Hauses, wo er abwechselnd mit einer
-ziemlich schmierigen morlakischen Magd und einem schönen schneeweissen
-Hühnerhunde spricht, welcher dort ebenfalls seinen gewöhnlichen
-Standort hat und auf den hübschen Namen Colombo hört.
-
-Dabei lässt er aber die gegenüberliegende Finanzwachkaserne oder
-deren Inwohner nicht aus den Augen, und wenn er auch nicht gerade in
-sämmtliche Grünröcke vom Commissär bis zum letzten Wachmann hinab
-verliebt ist, so muss er wenigstens ein grosses Interesse daran haben,
-deren Treiben zu beobachten.
-
-Eines Tages, oder vielleicht zur Nachtzeit, bricht ein Trupp
-Finanzwache auf, um an irgend welchem Grenzpuncte irgend welche
-Schwärzerkaravane abzufangen. Dann macht sich aber auch Duje Braidovich
-auf die Füsse, -- mit dem Unterschiede, dass er consequenter Weise jede
-Reisegesellschaft zu fliehen scheint. Schwenkt die Finanzwache nach
-rechts, so geht er links, -- zieht jene gegen Süden, so biegt er nach
-Norden ein. Nach Westen geht er nie, denn da käme er an die Küste;
-er hat aber an der Küste vorderhand nichts zu thun, sondern seine
-Geschäfte rufen ihn auf das nahe türkische Gebiet, nach Bosnien. Sodann
-lässt sich Duje Braidovich zwei, vielleicht drei Tage lang weder in
-dem Marktflecken Sign, noch in dessen Weichbilde sehen, bis er eines
-schönen Tages plötzlich wieder auftaucht, etwas mehr gebräunt als
-gewöhnlich, seine Sandalen (Opanche) stark abgelaufen, seine sonstige
-Toilette in sehr deroutem Zustande, aber sonst offenbar in gehobenem
-Selbstbewusstsein.
-
-Duje Braidovich lungert jetzt nicht mehr müssig herum auf dem
-Platze, auch verlangt er nicht mehr »zwei Kreuzer auf Tabak« von den
-Vorübergehenden, ebensowenig als er sich halbreifer Getreidekörner
-und grüner Kohlstrunke als Palliativmittel gegen ungelegenen Appetit
-bedient. Duje Braidovich zwinkert jetzt allen seinen Bekannten (und er
-kennt sämmtliche Bewohner Signs, sowie jene eines guten Theiles der
-Umgebung auf fünf Meilen in der Runde) mit gar pfiffigem Augenblinzeln
-zu, und fischt aus allen Theilen seines halb-türkischen Anzuges kleine
-blaue Papierchen mit Tabakproben heraus, die er ihnen halbverstohlen
-zusteckt. Hierauf verschwindet er ab und zu auf eine Viertelstunde und
-geht dann frei und mit erhobenem Kopfe vor der Finanzwache vorbei,
-anscheinend nichts als seinen Tschibuk in der Hand, in das und in
-jenes Haus. Und ist die Thüre hinter ihm zugeklinkt, so übergibt er,
-wie ein Taschenspieler seine Sträusschen, dem harrenden »Bekannten«
-einen aus blauem Papier gefertigten, mit Schnüren aus Ziegenhaaren
-zusammengenähten Sack, der eine Oka (zwei und ein Viertel Pfund)
-türkischen Tabak enthält.
-
-Wo er ihn hatte, als er mit erhobenem Kopfe vor der Finanzwache
-vorbeistolzirte? Wahrscheinlich in den sackähnlichen Falten, welche
-seine türkischen Hosen rückwärts bilden und die bei jedem Schritte
-gegen seine Beine schlenkern. Der »Bekannte« denkt aber nach Weise des
-alten Römerkaisers »non olet« und zählt für die Oka Tabak zwei Gulden
-in klingenden »Banovizzen« in Duje Braidovich' schwielige Hand. Und
-wenn ganz Sign und Umgegend mit türkischem Tabak versehen sind, dann
-versinkt Duje Braidovich wieder in seine frühere Apathie, lungert
-wieder auf dem Platze herum, zehrt wieder von seinem Fette und verlangt
-wieder »zwei Kreuzer auf Tabak«, bis eines schönen Tages wieder einmal
-sein geheimnissvolles Interesse für die Finanzwache, die schmierige
-morlakische Magd und den schönen schneeweissen Colombo erwacht und er
-von Neuem seinen Argonautenzug unternimmt in das nahe Bosnien.
-
-Das ist Duje Braidovich, der im Anfang der Sechziger-Jahre in dem zwei
-Stunden von der türkischen Grenze entfernten Marktflecken Sign an meine
-Zimmerthür klopfte.
-
-»Herein!«
-
-Duje Braidovich ist ein Mensch, der auf einen gewissen Grad von
-Wohlerzogenheit Anspruch macht, darum steckte er vorderhand nur seinen
-mit einem rothen Käppchen bedeckten Kopf in's Zimmer, spuckte auf den
-Boden und fragte in seinem stark mit Slavisch versetzten Italienisch,
-ob es ihm erlaubt sei, hereinzutreten. Auf meine bejahende Antwort
-schob er sich allmälig vorwärts, schloss behutsam die Thüre und zog
-aus dem oben erwähnten, an dem rückwärtigen Theile seiner Hosen
-befindlichen tragbaren Magazine eine Oka feinen türkischen Tabak
-hervor. Der Handel war bald geschlossen. Ich nahm den Tabak, er seine
-zwanzig Banovizze und extra ein kleines Trinkgeld, weil der Tabak
-»sopraffino« -- vom Allerfeinsten -- war. Dann nahm er seinen in
-die Ecke gestellten Tschibuk wieder zur Hand und verschwand, wie er
-gekommen.
-
-Es gibt wohl kein Kronland der österreichischen Monarchie, in welchem
-geschwärzter Tabak mit solcher Unbefangenheit öffentlich verraucht
-wird, als in Dalmatien. Das Schwärzen des Tabaks ist allerdings
-verboten wie anderwärts, aber der Besitz des einmal glücklich über
-die Grenze gebrachten Krautes wird von Niemandem mehr angefochten.
-In Zara, der Landeshauptstadt, ist man wohl etwas vorsichtiger und
-zeigt wenigstens auf der Gasse oder in den Kaffeehäusern nicht gerne
-einen mit türkischem Tabak gefüllten Beutel, aber je weiter man nach
-Süden kommt, desto leichter ist es, sich mit dem verpönten Kraut zu
-versorgen, ohne in eine mit dem kaiserlichen Adler versehene Bude zu
-treten, und desto unbekümmerter wird auf der Gasse, in allen Kaffee-
-und Wirthshäusern der geschwärzte Tabak geraucht. Ja, im Gebirge, wie
-zum Beispiele in Sign und an den südlicher gelegenen Küstenorten,
-in Sebenico, Spalato, Macarsca, Ragusa, Cattaro, gehört ein rother,
-goldgestickter und mit Tabak angefüllter Beutel, der an den Flanken
-seines Besitzers baumelt, recht eigentlich zur Nationaltracht.
-
-Das Schwärzen des Tabaks wird übrigens bei Denen, die es betreiben, wie
-das Wildern in den Tiroler und baierischen Bergen, zur Leidenschaft.
-Jährlich kommen Fälle vor, dass nicht nur ganze aus zwanzig bis
-dreissig Pferden bestehende Karavanen mit Tabak von der Finanzwache
-abgefangen werden, sondern es entspinnt sich auch nur zu häufig
-zwischen den Schwärzern und der Finanzwache ein Kampf, der nicht
-selten Verwundungen, oft auch Verluste an Menschenleben auf einer
-oder der anderen Seite zur Folge hat. Trägt sich das in Nord- oder
-Mittel-Dalmatien zu, so kräht kein Hahn mehr darnach, wird aber ein
-Eingeborner im Süden, in den Bocche di Cattaro, bei einer dieser
-Expeditionen getödtet, dann tritt die Blutrache in ihr schauerliches
-Recht und die Behörden wissen sich in solchem Falle nicht anders zu
-helfen, als indem sie den Finanzwachmann, dem das Unglück passirt ist
-einen Schwärzer todtzuschiessen, so schnell als möglich aus dem Bezirke
-entfernen.
-
-Da ich gerade von den Abenteuern der dalmatinischen Schwärzer spreche,
-so mag es am Platze sein, des Endes zu gedenken, das die Kreuz- und
-Querzüge meines Tabaklieferanten Duje Braidovich genommen.
-
-Es war an einem bitter kalten Decemberabende des Jahres 186* und die
-Bora brauste mit ihrer allesdurchdringenden, schneidenden Kraft durch
-die schlechtverwahrten Fenster und die liederlich gezimmerten Thüren
-der Wohnung, die ich in dem besten Hause des Marktfleckens Sign inne
-hatte, als, diesmal ohne vorhergehendes Anklopfen, die Zimmerthüre
-sich leise öffnete und das wettergebräunte Gesicht meines Freundes
-Duje Braidovich sich zeigte. Duje Braidovich war augenscheinlich zu
-einer seiner Expeditionen in's türkische Gebiet gerüstet, denn er hatte
-seine Torba[25] auf dem Rücken und in seinem breiten Ledergürtel staken
-Handjar und Pistolen. Er hatte etwas auf dem Herzen. Zuerst fragte
-er mich höchst unnöthiger Weise, wie mir das Wetter gefiele, dann,
-wie es meiner Familie gehe und schliesslich bat er mich ohne weiteren
-Uebergang, ob ich ihm nicht einen Ducaten leihen wollte. In drei Tagen
-werde er mir denselben zurückstellen. Er hätte ein Geschäft in Livno,
-bei dem er ein hübsches Stück Geld verdienen könne und dazu fehlte ihm
-gerade ein Ducaten.
-
- [25] Eine Art Schnappsack, der, aus selbstgewirkter Schafwolle
- bestehend, von den Morlaken auf dem Rücken getragen wird.
-
-Ich hatte dem armen Teufel schon öfter derlei Gefälligkeiten erwiesen
-und ihn immer höchst ehrlich und pünktlich befunden, daher ich auch
-keinen Anstand nahm, ihm das Verlangte zu geben. Natürlich hütete ich
-mich, ihn um den Zweck seiner Expedition zu befragen, machte aber doch
-die Bemerkung, dass heute eine böse Nacht wäre und es schlimm sein
-müsste, bei solcher Bora den Prolog, -- das Grenzgebirge zwischen
-Dalmatien und Bosnien -- zu übersteigen.
-
-Da fingen die Augen des armen Duje Braidovich sonderbar an zu
-funkeln und zu rollen. »Für mich und für meine Reise ist das Wetter
-gerade recht,« sagte er, indem er seine braune Jacke über die Brust
-zusammenzog und mit einem raschen Wurfe den Mantel sich zurechtlegte,
-»aber ich habe andere Sorgen. Der Zapis, den ich am Halse getragen,
-seitdem ich mich erinnere, ist mir in Verlust gerathen und wenn ich
-wüsste, dass es der (hier folgte ein schauerlicher Fluch) Finanzwächter
-*...... wäre, der mir ihn stehlen liess, während ich gestern Mittags
-vor der Kirchenthüre schlief, so hätte er wohl am längsten gelebt.
-Mit dem Zapis fürchte ich Niemand, -- +ohne+ Zapis kann mich nur die
-Muttergottes allein vor Unheil bewahren.«
-
-Wer da weiss, in welch' hohem Ansehen ein Zapis (Amulet) bei der
-dalmatinischen Landbevölkerung, besonders aber bei dem Morlaken steht,
-der wird begreifen, dass all' mein Bemühen, den armen Teufel über den
-Verlust seines Zapis zu trösten, umsonst war. Ich musste mich darauf
-beschränken, meinem ganz verstört dreinsehenden Tabaklieferanten den
-guten Rath zu geben, der bösen Bora wegen zu Hause zu bleiben und,
-bis besseres Wetter käme, sich um einen neuen Zapis umzusehen. Aber
-auch dieser Rath wollte nicht verfangen. Einen neuen Zapis wolle er
-sich allerdings kaufen, meinte Duje Braidovich, aber heute müsse er
-eben ohne Zapis fort, denn seine Kameraden erwarteten ihn in Kula
-(einem bereits auf türkischem Gebiete liegenden einsamen Gehöfte) um
-in Gesellschaft aus Livno »Ochsen« zu holen. Damit empfahl sich Duje
-Braidovich in seiner höflich linkischen Weise und trollte davon.
-
-Auf mich hatte die so deutlich zur Schau getragene Angst des sonst
-lebensfrohen und gutmüthigen Burschen einen eigenthümlichen Eindruck
-gemacht und ich verbrachte den grössten Theil der Nacht in unruhigen
-Träumen, in welchen mit Zapis behangene Pferdegerippe, kämpfende
-Morlaken und grosse Säcke mit Tabak ein wundervolles Chaos bildeten.
-
-Als ich des Morgens erwachte und das Haus unter der andrängenden
-Macht der Bora erzittern fühlte, die heulend vom Norden herbrauste,
-da war mein erster Gedanke jener an Duje Braidovich, der jetzt eben
-die unwirthlichen Felszacken des Prolog hinabsteigen musste. Die
-Bora hielt noch den ganzen Tag und die nächstfolgende Nacht an. Dann
-legte sie sich. Und als ich am zweiten Tage Morgens früh ausging
-und auf den Bazar -- den Marktplatz -- kam, der sich am Südende des
-Marktfleckens Sign befindet, da stand, eine seltene Erscheinung, ein
-Wagen zur Abfahrt bereit. Dr. Z......, der einzige Arzt des Ortes, ging
-frostgeschüttelt vor demselben auf und ab. Dann kam der Prätor mit
-einem untergeordneten Beamten, -- gleich darauf der Finanzcommissär.
-
-Wohin die Herren in aller Frühe fuhren? Am Fusse des Prolog, auf der
-österreichischen Seite desselben, hatte in der vergangenen Nacht
-die Patrouille der Finanzwache eine mit Tabak beladene Karavane
-aufgegriffen. Die Treiber liessen ihre Pferde im Stiche und flohen. Nur
-einer hatte sich zur Wehre setzen wollen, den hatte die Finanzwache
-erschossen. Das war Duje Braidovich.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Don Martine von Karakaschitza.
-
-
-Es ist mir völlig unbekannt, von welchen Grundsätzen die Herren
-Bischöfe Dalmatiens sich bei der Auswahl, der Erziehung und Ordinirung
-der jungen Geistlichkeit leiten lassen, oder ob ihnen überhaupt dabei
-besondere Grundsätze vorschweben. Das ist sicher, dass der dalmatiner
-niedere Clerus im Grossen und Ganzen sich nicht ganz vortheilheilhaft
-vor jenem anderer Länder unterscheidet und selbst die italienische
-Geistlichkeit an Unwissenheit bedeutend überragt.
-
-In der Nähe der Stadt Almissa, wo die Cettina sich in's Meer ergiesst,
-stand oder steht vielmehr heute noch eine eigenthümliche Anstalt für
-heranwachsende Priester, die Brieko heisst. Dort lernte man seinerzeit
-einfach Messe lesen. Wenn irgend ein Morlake oder sonst ein Bauer, auch
-schon in vorgerückten Jahren, das Bedürfniss fühlte Priester zu werden,
-so meldete er sich bei dem Bischof, der ihn nach Brieko steckte. Dort
-wurde ihm durch drei, höchstens vier Jahre lesen, schreiben, rechnen
-und -- Messe lesen gelehrt. Natürlich Alles in slavischer Sprache.
-Dann wurde er ausgeweiht, erhielt eine Art Breve, das ihm gestattete,
-die Messe in slavischer, mit glagolitischen Buchstaben geschriebener
-Sprache zu lesen und kam sofort als Pfarrverweser in ein morlakisches
-Dorf.
-
-Heute ist Brieko kein theologisches Treibhaus mehr, sondern eine
-Ablegestätte für verdorbene Gymnasiasten. Macht nämlich ein
-Gymnasialschüler an irgend einem Gymnasium Dalmatiens derartige
-Fortschritte, dass sein Aufsteigen in eine höhere Classe unmöglich
-wird, und gibt er die Neigung kund, sich dem geistlichen Stande zu
-widmen, so kommt er nach Brieko, wo er gut oder übel Einiges von dem
-lernt, was er im Gymnasium nicht erlernen konnte; dann wird ihm am
-bischöflichen Seminare in Zara von der Theologie so viel eingetrichtert
-als eben in seinem Kopfe Platz hat und dann wird er ebenfalls Priester
-und liest seine Messe in slavischer Sprache. Hin und wieder macht man
-auch rühmenswerthe Ausnahmen.
-
-So wurde vor einigen Jahren der Messner einer kleinen in Castel
-Cambio bei Spalato befindlichen Capelle in Folge Protection seines
-Patrons, des Conte C., zum Priester gemacht, ebenso erhielt kurze
-Zeit darauf der Portier des bischöflichen Knabenseminars von Spalato
-ohne viel Umstände die priesterliche Weihe. Der Unterschied zwischen
-derlei Priestern und solchen, welche ihre ordentlichen theologischen
-Studien in der Landeshauptstadt Zara absolvirt haben, ist der, dass
-die Ersteren von der Regierung nur eine kleine jährliche Bezahlung
-(ich glaube 80 fl.) und wenn sie dienstunfähig werden, +keine+ Pension
-bekommen. Ihren Unterhalt beziehen sie von der Gemeinde, deren
-Seelenheil ihnen anvertraut ist, in der Form von Schafen, wollenen
-Strümpfen und Truthühnern, die ihnen zu Ostern, Weihnachten und
-Pfingsten von jeder Familie gespendet werden. Die Strümpfe, Schafe
-und Truthühner, die der Herr Pfarrer nicht selbst aufbrauchen kann,
-verkauft er gelegentlich auf dem Markte irgend eines näher gelegenen
-grösseren Ortes und lebt, da er auch ein Stück Feld und ein Haus
-besitzt, ohne Sorgen und gewöhnlich umso zufriedener mit seinem Lose,
-als er von der Welt nichts und von ihren verfeinerten Bedürfnissen
-beinahe so viel als nichts kennen gelernt.
-
-[Illustration: Don Martine, der Pfarrer von Karakaschitza.]
-
-Ein frischer sonniger Herbstnachmittag hatte mich aus meiner Behausung
-herausgelockt in's Freie. Mit der Flinte auf der Schulter, um für den
-längeren Spaziergang einen Vorwand zu haben, schlenderte ich auf der
-von dem morlakischen Marktflecken Sign gegen Verlicca führenden Strasse
-und bog dann rechts in einen der holprigen Feldwege ein, die ziemlich
-steil aufsteigend die Abhänge der dinarischen Alpen und deren Ausläufer
-mit der Landstrasse verbinden. Stein und Gerölle war der Weg, der
-sich in einer schluchtartigen Vertiefung hinaufwand, Stein und Gerölle
-bildeten die Aussicht, wenn hie und da die Ränder der Schlucht eine
-solche gestatteten. Das einzige lebende Wesen um mich herum war mein
-Hund, der anfangs lustig in dem Gestein herumschnupperte, dann aber,
-als hätte er sich überzeugt, dass sein Suchen auf +diesem+ Boden
-unmöglich Erfolg haben könne, mit gesenkten Ohren meinen Schritten
-folgte.
-
-Ich überlegte eben, ob ich nicht den Weg verlassen und querfeldein
-gegen meine Behausung abschwenken sollte, als ich den Weg herauf
-das mir wohlbekannte Getrappel eines Pferdes vernahm, das, von den
-Stössen der eckigen Steigbügel angetrieben und von dem scharfen Gebiss
-zurückgerissen, in jener eigentümlich tänzelnden und verzweifelten
-Gangart herankam, die, ein Mittelding zwischen Schritt, Trab und Galop,
-den unglücklichen dalmatiner Pferden eigenthümlich ist. Gleich darauf
-erschien an der letzten Krümmung des Weges eine Gestalt, die ich der
-blendenden Sonnenstrahlen wegen erst erkennen konnte, als sie mir näher
-gekommen war und mich mit rauher und lustiger Stimme anrief: »Oho,
-Gospodine, schön, dass Sie einmal kommen! Ein Glück, dass ich Sie
-treffe, sonst wäre ich beim cume Mate[26] abgestiegen und Sie hätten
-mich nicht zu Hause gefunden. Evalá[27] Gospodine! Wie geht's Ihnen?!«
-
- [26] Gevatter Mathias.
-
- [27] Ein türkischer, in der Morlakei üblicher Gruss.
-
-Auf einem fuchsrothen, türkisch gezäumten, mit einem unmässig hohen
-Sattel versehenen Rösslein, dessen Augen unter einem krausen Busch
-zerzauster Haare hervorblitzten, während seine Mähnen wahrscheinlich
-noch nie einen Kamm gesehen, sass eine kurze stämmige Gestalt. Die
-hohen, plumpen, vorne mit einer Quaste versehenen Röhrenstiefel,
-die hellblaue Halsbinde und der dreieckige Hut bezeichneten den
-morlakischen Pfarrer. Ein dunkler Rock mit unmässig hohem Kragen und
-fürchterlich engen Aermeln liess seine mächtigen Schösse bis an die
-Steigbügeln flattern und von der ganzen Gestalt nichts erkennen als
-ein paar knochige Fäuste und ein von tausend Runzeln durchzogenes
-Gesicht, dessen kleine dunkle Augen von dichten stahlgrauen Augenbrauen
-beschattet wurden. In der linken Hand hielt der Reiter die Zügel des
-Pferdes und einen halblangen Tschibuk, in der rechten ruhte die kurze,
-derbe Peitsche. Es war -- Don Martine, der Pfarrer von Karakaschitza.
-
-Ich erwiderte den freundlichen Gruss und erstattete auf sein Befragen
-auch pflichtgemäss Bericht über das Befinden meiner Frau und meiner
-Kinder, versicherte jedoch, dass es nicht meine Absicht gewesen wäre,
-heute ihm einen Besuch zu machen, sondern dass ich mir dieses Vergnügen
-für ein anderes Mal vorbehalte. Don Martine wollte aber davon nichts
-wissen. In zehn Minuten wären wir bei seinem Hause, sagte er, und wenn
-ich es wünsche, so liesse er mich Abends, der vielen Hunde wegen, die
-manchmal böse wären, wenn sie eine »civil« gekleidete Person sähen,
-durch den Messner bis auf die Strasse begleiten -- jetzt müsse ich aber
-mit ihm kommen, seine Schinken und seinen Wein kosten -- er schnalzte
-dabei mit der Zunge -- und einen fröhlichen Abend mit ihm zubringen.
-Obwohl ich ganz genau wusste, welches Bewandtniss es mit den zehn
-Minuten habe, da wir nach meiner Schätzung noch eine gute halbe Stunde
-von der Behausung des Don Martine entfernt sein mussten, so willigte
-ich nichtsdestoweniger ein, wenn aus keinem andern Grunde, so doch, um
-einmal das Leben und Treiben eines morlakischen Pfarrers mir in der
-Nähe ansehen zu können. Don Martine trug mir an, hinter ihm als Zweiter
-auf sein Pferdchen aufzusitzen, was ich aber dankbar ablehnte. Und so
-klommen wir, er zu Pferde, ich zu Fuss, den steinigen Weg hinan, der
-immer steiler wurde, je mehr wir uns dem Dorfe Karakaschitza näherten.
-
-»Jetzt sagen Sie mir,« eröffnete ich das Gespräch, »woher Sie
-eigentlich kommen; Sie sind ja über und über bestaubt. Wohl von
-Spalato, he?«
-
-»Richtig, Gospodine,« erwiderte er, »ich ritt gestern Mittags fort und
-dachte schon früher heimzukehren, aber der verd... Pfarrer von Dizmo
-lässt Niemanden ungeschoren vorüber; so musste ich denn mit ihm ein
-Glas Wein trinken und komme jetzt seinetwegen erst Abends statt Mittags
-nach Hause.«
-
-Er schien wirklich böse über die Verzögerung zu sein, denn er gab
-seinem Pferdchen einen Stoss mit beiden scharfen Bügeln, dass es
-plötzlich einen Satz vorwärts machte, was bei der Beschaffenheit des
-Bodens nicht eben ungefährlich war.
-
-»Sachte, sachte, Don Martine! Das Glas Wein muss übrigens ziemlich tief
-gewesen sein, wie? Auch ist meines Wissens der Wein in Dizmo nicht
-schlecht, seitdem man ihn dort selbst baut.«
-
-»Nein,« erwiderte mein Begleiter lebhaft, »der Wein aus Dizmo kann sich
-mit jedem andern Wein in Dalmatien messen. Die Bauern werden reich,
-seitdem sie angefangen haben, ihn zu bauen und dem Pfarrer geht es,
-chwala bogu[28], auch nicht schlecht dabei. Sehr gute Leute in Dizmo,
-prächtige Leute, viel besser als meine eigenen hier in Karakaschitza.
-Ich bin dort fremd, denn wenn ich auch jede Seele von ihnen kenne,
-meine Pfarrkinder sind es immerhin nicht, und doch, was glauben Sie,
-bringt mir der Petar Serdarich, weil ich heute im Vorübergehen sein
-Kind gesund gemacht habe? Zwei Barili[29] Wein und einen hübschen
-Hammel. Ho ho! wenn Sie in der nächsten Woche mich besuchen wollen,
-können Sie den Wein kosten und den Hammel sehen.«
-
- [28] Gott sei Dank.
-
- [29] Ein Mass, etwas grösser als ein Eimer.
-
-»Das meine ich auch, Don Martine,« sagte ich lachend, »die Leute in
-Dizmo sind wahre Engel, seitdem der Wald um das Dorf niedergehauen und
-die Kerle nicht mehr vom Walde aus die Vorüberreisenden anfallen und
-ausrauben können, wie sie es früher gethan. Jetzt haben sie statt des
-Waldes dort eine Kaserne mit sechs tüchtigen Gendarmen und es wird
-Niemand mehr ausgeplündert, der durch Dizmo kommt, -- was hat denn dem
-Kinde des Petar Serdarich eigentlich gefehlt, das Sie im Vorübergehen
-geheilt haben?«
-
-Die Frage schien dem Don Martine nicht recht zu gefallen, denn er
-räusperte sich und stiess einige Hm! Hm! aus, ehe er die rechte Antwort
-finden konnte. »Wissen Sie,« sagte er endlich, »unsere Leute da sind
-ärger als das liebe Vieh. Da hat der Petar Serdarich in der vergangenen
-Woche seine Mutter begraben und, weil er ein reicher Mann ist, das
-halbe Dorf zum Leichenschmaus eingeladen. Ein sehr schönes Essen, wie
-mir mein Kamerad, der Pfarrer von Dizmo, erzählte. Wein, Branntwein
-und Schöpsenfleisch so viel Einer wollte und dazu weisses Brod, wie
-es die Herren in Spalato essen. Das dauerte drei Tage, denn der Petar
-Serdarich ist ein reicher Mann. Seinem Buben aber, dem Mate, der jetzt
-acht Jahre alt ist, dem steckten die Weiber so viel Wein, Braten und
-Branntwein zu, dass sich der Bursche überessen hatte und dalag wie
-ein halbkrepirtes Kalb. Wie mich nun der Petar Serdarich bei meinem
-Kameraden, dem Pfarrer von Dizmo, anhalten sieht, läuft er auf mich zu
-und sagt, ich möchte doch zu ihm kommen und über dem Kinde beten; der
-Pfarrer von Dizmo (mein Kamerad) hätte es wohl schon gethan, aber es
-hätte nichts geholfen. Nun, ich denke, schaden kann es nicht, reite
-also hin zum Hause des Petar Serdarich, gebe ihm mein Pferd zu halten
-und gehe hinein. Da liegt der Bube, hat ein elendes Fieber und um ihn
-herum stehen eine Menge Weiber, die heulen und flennen, dass es eine
-Schande ist. Ich, nicht faul, bete über ihm und gebe ihm einen Zapis,
-dann kehre ich wieder zu meinem Kameraden, dem Pfarrer zurück, bleibe
-ein paar Stunden bei ihm und wie ich wieder aufs Pferd steigen will,
-um nach Hause zu reiten, kommt der Petar Serdarich und sagt mir, dass
-es dem Buben besser gehe. Und die nächste Woche kommt er und bringt
-mir meinen Wein und einen schönen zweijährigen Schöpsen.« Dabei gab er
-seinem Pferdchen wieder einen Stoss mit den beiden Bügeln.
-
-»Was mag denn dem Buben eigentlich geholfen haben?« fragte ich, »das
-Beten oder der Zapis?«
-
-»Ich glaube,« entgegnete Don Martine mit gar weiser Miene, »vor Allem
-der Zapis. Beten ist gewiss auch gut, aber ich sage Ihnen ja, dass der
-Pfarrer von Dizmo, mein Kamerad, schon über dem Buben gebetet hatte,
-ohne dass es geholfen hätte. Darum gab ich ihm auch den Zapis. Ich
-weiss schon, dass unsere gelehrten Herren Vorgesetzten und gar der
-Bischof nichts von dem Zapis wissen wollen. Sie mögen vielleicht auch
-Recht haben, und der Bischof ist ein gar braver und gescheidter Herr.
-Aber manchmal ist er zu streng. Und so ein Herr isst und trinkt gut und
-fährt in einem Wagen spazieren mit einem Kutscher und zwei Bedienten.
-Was meinen Sie da, woher er wissen sollte, was uns Bauern gut thut?
-Ich hatte mir gerade aus Spalato ein Buch Zapis geholt und zwei Pfund
-Ricinusöl. Ich nehme immer Ricinusöl, wenn ich nicht wohl bin; manchmal
-gebe ich davon auch Anderen. Auch dem Buben gab ich eine tüchtige
-Dosis, aber nur so -- zur Vorsorge. Am besten hat ihm jedenfalls der
-Zapis gethan.«
-
-Was ein Zapis eigentlich sei, will ich hier erklären. »Zapis« heisst so
-viel als »Etwas Geschriebenes«. In der Buchdruckerei eines gewissen G.
-in Spalato werden als Accidenzarbeit (wie es die Buchdrucker nennen)
-grosse Bogen Papier gedruckt und verkauft, welche durch Linien in
-kleine Quadrate abgetheilt sind. In jedem Quadrat steht ein Gebet in
-lateinischer, slavischer oder italienischer Sprache. Manchmal ist die
-Sprache gemischt und das Gebet besteht dann aus einem Gallimathias von
-italienischen, slavischen und lateinischen Phrasen. Die Gebete haben
-die verschiedensten und oft sonderbarsten Anliegen zum Vorwurfe. Da
-gibt es deren, die um Schutz vor Hagel und Blitz flehen, andere um
-Genesung von den Blattern, wieder andere um Fruchtbarkeit der Kühe
-oder -- Weiber, dann wieder eines um Heilung von der Rinderpest, kurz
-alle Wünsche, die ein Morlake möglicher- und billigerweise an unsern
-Herrgott haben kann, finden in diesen Gebeten ihren unverblümten
-Ausdruck. Hat nun ein Morlake ein Anliegen an den Himmel, so geht
-er entweder zum Pfarrer oder in das nächste Franciscanerkloster und
-lässt sich einen derlei Zapis geben, der zuerst in seinem Beisein
-geweiht, dann in Leinwand und Schafleder eingenäht und schliesslich
-seinem Weibe, seiner Kuh, seinem Kinde oder dem Leithammel seiner
-Herde, je nach Umständen, um den Hals gehängt wird. Dafür zahlt der
-Morlake selten in Geld, -- gewöhnlich in Schafen, Wein, Truthühner oder
-Getreide. Die Zapis der Pfarrer sind gut, jene der Franciscaner sind
-aber besser. Darum kosten sie auch mehr. So stand vor einigen Jahren
-ein Pater des Franciscanerklosters zu Sign in besonderem Rufe, dass
-er über die »Würmer« grosse Gewalt habe; wenn daher ein Morlake fand,
-oder zu finden glaubte, dass ihm Würmer oder Insecten auf seinem Felde
-grossen Schaden anrichteten, so ging er sicher oft viele Stunden weit
-in das Franciscanerkloster zu Sign zu dem frommen Wundermann, um sich
-einen Wurmzapis abzuholen.
-
-Wir hatten uns plaudernd dem Dorfe Karakaschitza genähert und bei einer
-jähen Biegung des Weges lag plötzlich die roh gebaute unscheinbare
-Kirche und neben ihr die Wohnung des Don Martine vor unseren Augen.
-Vor dem kleinen ebenerdigen Hause, dessen Vorderseite von den Ranken
-eines mächtigen Weinstockes ganz bedeckt war, tummelten sich Hühner,
-Schweine, Truthühner und Enten ganz vergnüglich in dem freundlichen
-Elemente einiger grosser Düngerhaufen und Pfützen, während eine Stute,
-die mit ihrem Fohlen ganz frei neben dem Hause weidete, uns lustig
-entgegenwieherte. Aus dem Hause kam auf den Ruf des Don Martine ein
-Knecht und eine Magd, von denen der Erstere dem Don Martine beim
-Absteigen behilflich war, während die Letztere verschiedene Päcke in
-Empfang nahm, die Don Martine vom Sattel, wo sie aufgehangen waren,
-loshakte oder aus seinen unergründlich tiefen Rocktaschen hervorzog.
-
-Mein Begleiter schüttelte sich förmlich vor Vergnügen und
-Behaglichkeit, als er sich in der gewohnten Umgebung seiner
-Häuslichkeit sah, und trat nach einem prüfenden Blicke über die
-geflügelten und ungeflügelten Insassen seines Hofes zur Thüre.
-
-»Frisch Gospodine, jetzt sollen Sie ein Glas Wein kosten, wie ihn auch
-der Monsignor Bischof nicht besser hat, und dazu einen Schinken, wie
-ihn eben ein armer Pfarrer bieten kann. Antune! binde das Pferd an und
-gib ihm nichts zu saufen, bis es sich abgekühlt, und Du, Ivanizza[30],
-bringe Wein und die zwei neuen Gläser, die mir der Gevatter Stipe[31]
-aus Spalato gebracht, und den aufgeschnittenen Schinken! Schnell! sonst
-... Hereinspaziert. Gospodine; Gott sei Dank, wir sind zu Hause!«
-
- [30] Johanna -- Hannchen.
-
- [31] Stephan.
-
-Wir traten in das Haus, dessen erstes grosses Gemach zugleich das
-Schlaf- und Arbeitszimmer des Pfarrers zu sein schien. In einer Ecke
-stand ein plumpes, aus weichem Holz gezimmertes Bett mit einem riesigen
-Strohsacke und einigen unordentlich darüber geworfenen Decken. An der
-Wand hingen mehrere grell gemalte Heiligenbilder und eine Ansicht
-der Stadt Spalato von der Seeseite. Eine grosse vielfarbige Kiste
-in der anderen Ecke, ein Tisch und vier Stühle bildeten die übrige
-Einrichtung. Ueber dem Tische hingen zwei Jagdgewehre, eine alte
-Pistole und ein Handjar.
-
-Und auf dem Lehmboden des Zimmers hockte eine Gesellschaft, bestehend
-aus zwei Knaben und einem Mädchen im Alter von beiläufig zehn bis zwölf
-Jahren, alle drei nur mit je einem langen Hemde und einem rothwollenen
-Leibgürtel bekleidet, um eine grosse Schüssel mit Gemüse. Neben ihnen
-sass, aufmerksam auf seinen Antheil wartend, ein grosser, weisser Hund.
-
-Die Kinder assen. Sie hielten ihren hölzernen Löffel mit +beiden+
-Händen. Sie hatten keine Finger an denselben, -- ihre Hände waren
-unförmliche Stumpfen. Der nackte Fuss des einen Knaben war ebenso
-verstümmelt, ihm fehlten die Zehen.
-
-»Um Gotteswillen, Don Martine, was ist denn das, wer sind denn diese
-armen Kinder und wie wurden sie so grässlich verstümmelt?«
-
-»Ah, Sie meinen ihre Finger und Zehen, Gospodine? Ja, das kommt bei uns
-oft vor. Wissen Sie, da gehen die Eltern auf das Feld und lassen die
-Kleinen zu Hause. Da geschieht es nun, dass die Schweine -- mit Respect
-zu sagen -- aus dem Verschlag ausbrechen, weil unsere Bauern, diese
-verd... Hunde, -- mit Respect zu sagen -- sie gewöhnlich in demselben
-Raume halten, wo sie selbst wohnen -- und dann geschieht es bisweilen,
-dass die Kinder von den Schweinen gefressen werden. Gewöhnlich fangen
-die Bestien bei den Händen oder Füssen an; da schreien die Kinder und
-werden manchmal gerettet, falls sie nämlich Jemand hört.«
-
-»Darum findet man bei uns in allen Dörfern Leute ohne Finger und
-ohne Zehen. Die Drei, die Sie da sehen, Gospodine, gehören drei ganz
-miserablen Familien an, die ihnen nichts zu essen geben, vielweniger
-auf sie Acht geben konnten. Darum nahm ich sie zu mir, wie sie noch
-ganz klein waren, sonst hätte sie vielleicht später das Schwein ganz
-aufgefressen. Ha, ha, ha! Sind aber gute Geschöpfe und helfen im Hause,
-wo sie können. Da, der Aelteste, dem habe ich lesen gelernt, und er
-liest Ihnen, dass es eine Pracht ist. Ivanizza, faules Thier! kommt der
-Wein oder nicht?« -- -- --
-
-Don Martine starb im darauffolgenden Jahre an den Blattern. Man hatte
-ihn zu dem Blatternkranken eines fremden Dorfes geholt, dem er einen
-Zapis umhängte. Bei dieser Gelegenheit bekam er selbst die Krankheit.
-Es war aber kein zweiter Don Martine da, der ihm einen wirksamen Zapis
-hätte geben können, und seinen eigenen Zapis wollte er nicht benützen
--- ganz wie es gewisse Aerzte mit ihren eigenen Recepten thun.
-
-Ein roher, unwissender und abergläubischer Mensch ist er gewesen,
-der Don Martine, und vielleicht auch ein Betrüger, denn Niemand hat
-je erfahren können, ob er selbst an die Wirksamkeit seiner Zapis
-glaubte oder nicht. Aber es wäre doch möglich, dass er mit seinem
-gutmüthigen Lächeln jetzt zufrieden von dort oben heruntersähe auf
-sein altes Pfarrhaus mit den Enten, Hühnern, Pferden und Schweinen,
-die in den Pfützen sich gütlich thun. Und dann sind im morlakischen
-Dorfe Karakaschitza drei arme Wesen mit fingerlosen Händen und
-Klumpfüssen, drei Wesen, die er gekleidet, gespeist und erzogen hat
-in seiner bäuerisch rohen Weise. Und sechs Hände ohne Finger heben
-sich allabendlich zum Himmel, und drei verstümmelte unglückliche Wesen
-rufen heute noch schluchzend: »Wärest Du, ach! wärest Du doch bei uns
-geblieben; ach! könntest Du doch wieder kommen, Don Martine, -- wir
-sind so sehr, so gränzenlos elend. Wir haben Hunger!«
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Ein Gerichtstag in der Morlakei.
-
-
-Wenn ein Maler darauf ausginge zu zeigen, welch' unermessliche Menge
-von Farbentönen sein Pinsel hervorzubringen im Stande sei, und dabei
-mit ungeregelter Fantasie gerade die schreiendsten Gegensätze an
-Farben nebeneinander auf die Leinwand klecksen wollte: er könnte
-kaum ein krauseres Bild zu Stande bringen, als es der Platz vor dem
-Bezirksgerichte in Sign an einem Gerichtstage aufweist. Männer, Weiber,
-Kinder, Pferde, Truthühner, Esel, Schafe, alles lagert da kraus
-durcheinander auf dem kleinen Platze, von dem zwei Stufen in die Räume
-des Bezirksgerichtes führen. Unter dem Thore steht der Gerichtsdiener
-mit einem Stocke in der Hand und wehrt vorläufig den Eingang, denn die
-»udienza« (Gerichtsverhandlung) beginnt nicht vor neun Uhr.
-
-Drei Marksteine waren in dem Dorfe Vucenovich von der Stelle gerückt
-worden. In Folge dessen hatte sich zwischen den Eigenthümern der beiden
-Aecker, wovon der eine angab übervortheilt worden zu sein, während
-der andere jede Uebervortheilung ableugnete, ein Streit entsponnen,
-dessen Schlichtung um so schwieriger wurde, als eigentlich weder der
-eine Acker dem einen, noch der andere dem zweiten Streitführenden
-gehörte. Beide Aecker waren noch vor wenigen Jahren unfruchtbarer
-öder Steinboden und gehörten dem Staate. Beide streitende Parteien
-hatten mit Mühe und Schweiss jeder für sich ein Stück fremden Bodens
-fruchtbar gemacht, indem sie allmälig die Felstrümmer aushackten
-und, da sie dieselben auf einen Ort zusammentrugen, eine Art moderne
-Cyklopenmauer herstellten. Und als sie weiter arbeiteten, geriethen sie
-endlich mit der Haue und dann mit den Köpfen aneinander. Dann setzten
-sie die Marksteine. Diese waren verrückt worden. Und weil weder der
-Harambascha[32], noch der Pfarrer die Sache zu schlichten vermochten,
-sondern gerade im Gegentheile ein Paar Pistolenschüsse oder Hiebe mit
-dem Handjar ordentlich in der Luft lagen, so bequemten sie sich dazu,
-ihren Streit vor Gericht auszutragen.
-
- [32] Ortsvorsteher.
-
-Heute ist in Dalmatien sowie anderwärts im Bereiche des
-österreichischen Staates die Trennung der politischen von der
-Gerichtsverwaltung durchgeführt; zur Zeit, in welcher unsere
-Gerichtsscene spielt, das ist im Anfange der sechziger Jahre, war aber
-der Prätor zugleich Richter und politischer Chef eines Bezirkes. In
-+Sign+ war der Amtssitz eines solchen Prätors. Den Anschauungen der
-Morlaken entsprach diese Einrichtung viel mehr und besser, als die
-jetzt strenge gesonderte Wirksamkeit des Bezirksrichters von jener
-des politischen Chefs oder Bezirkshauptmannes. Bestehen doch heute
-noch in der angrenzenden türkischen Provinz Bosnien noch ganz ähnliche
-Verhältnisse, wo sogar der politische Chef eines Bezirkes, der Richter
-und auch der Steuereinnehmer in der Person des Muhdir's vereinigt
-sind. Nun fühlt sich zwar der Morlake keineswegs als Türke, aber er
-beobachtet türkische Sitten und Einführungen mit einer ehrerbietigen
-zur Nachahmung geneigten Aufmerksamkeit, weil ihm dieselben materiell
-und moralisch viel näher liegen, als die einen gewissen Grad von Cultur
-voraussetzenden gesetzlichen Zustände eines civilisirten Staates.
-
-Ob damals, -- noch vor wenigen Jahren -- der Prätor mehr Pascha oder
-mehr Patriarch sein wollte, das hing rein von seinen individuellen
-Neigungen oder oft von seiner augenblicklichen Gemüthsstimmung ab.
-Einer Verantwortlichkeit konnte sich derselbe um so leichter entziehen,
-als er in seiner Eigenschaft als Richter von dem Landesgerichte,
-in jener eines politischen Bezirkschefs aber von der vorgesetzten
-politischen Behörde abhing. Darum war der Prätor ein gar gefürchteter
-Herr, dessen Machtspruch von den Morlaken mit derselben Ehrerbietung
-aufgenommen wurde, wie jener seines internationalen Amtsbruders, des
-nach dem Koran richtenden Muhdir's, von den benachbarten Türken.
-
-Man darf sich unter einem morlakischen Gebirgsdorfe nicht die
-Vorstellung machen, die man im Allgemeinen mit dem Begriffe Dorf
-verbindet. Ein kleines ebenerdiges Haus ist an der Südseite irgend
-eines Hügels aus mächtigen halbbehauenen Quadern aufgeführt. Das mit
-Stroh oder rohen Schieferplatten gedeckte Dach zeigt in der Mitte eine
-grosse Oeffnung durch welche der Rauch entweicht und bei Regengüssen
-das Wasser eindringt. Den Boden dieses Hauses bildet die nackte Erde.
-Ein mit seinen vier Füssen in den Boden gerammter Tisch, zwei Bänke und
-eine in grellen Farben bemalte Truhe bilden die Einrichtungsstücke.
-Längs der einen Wand liegt Stroh aufgeschüttet, das manchmal mit einem
-groben Linnen bedeckt ist. Das ist das Bett. Ein Brett, ähnlich den
-Schlagbäumen in den Pferdeställen trennt das Lager der männlichen von
-jenem der weiblichen Familienmitglieder. Die gegenüberliegende Seite
-der Hütte dient als Stall für Pferde, Schafe und Kühe. In der Mitte ist
-auf einer Steinunterlage der Feuerherd angebracht, über dem an schwerer
-Kette ein mächtiger Kessel schwebt. Lange Flinten, silberbeschlagene
-Pistolen und krumme Handjars hängen an den Wänden. Vor dem Hause stehen
-gewöhnlich ein Paar Nussbäume oder Buchen. Zur Seite desselben ist
-der aus Steinen erbaute Schweinstall. Das ist ein Haus des Dorfes.
-Vielleicht steht auf Büchsenschussweite ein zweites, drittes oder
-viertes. Vielleicht aber ist es eine gute halbe Stunde bis zum nächsten
-Hause, das mit peinlicher Genauigkeit dem erstbeschriebenen gleicht.
-Zwölf oder fünfzehn solche Häuser bilden ein Dorf. Ein solches Dorf ist
-Vucenovich.
-
-[Illustration: Morlakische Familie auf dem Wege zur Prätur in Sign.]
-
-Der Harambascha und der Pfarrer hatten einen heissen Nachmittag
-gehabt. Der Pfarrer hatte sein türkisches Pferdchen gesattelt und sein
-rothes Regendach hervorgeholt, um die beiden streitenden Parteien, die
-jeder in einer anderen Richtung eine Stunde vom Pfarrhause entfernt
-wohnten, womöglich zu einem Vergleiche zu bewegen. Mit ihm war der
-Harambascha gegangen, mit einem Arsenal voll Waffen im Gürtel und einer
-unmässig langen Flinte auf der Achsel. In beiden Häusern hatte man sie
-mit jener aufmerksamen Zuvorkommenheit empfangen, die zwei solchen
-Standespersonen gebührt. Hüben und drüben hatte der Domachin[33] sie
-eingeladen auf der Steinbank vor dem Hause Platz zu nehmen und der
-Domachizza[34] aufgetragen, Kaffee zu bereiten. Hüben und drüben hatten
-die Zwei mit dem Domachin lange und ernste Gespräche gehalten, die von
-Seite des Harambascha und des Domachin mit unterschiedlichen Flüchen
-gewürzt wurden, aber hüben und drüben hatten sie nichts erreicht. »Der
-Gospodine[35] Prätor soll entscheiden,« hiess es immer wieder, und
-was er bestimmen würde, solle geschehen. So konnten die Beiden nichts
-thun, als die Vereinbarung treffen, dass die eine Partei um drei, die
-andere um vier Uhr Früh vom Hause aufbreche, sonst möchte es noch
-Pistolenschüsse oder Hiebe mit dem Handjar geben, wenn sie auf der
-Strasse zusammenkämen. Das wurde zugesagt. Und so geschah es. -- -- --
-
- [33] Hausherr.
-
- [34] Hausfrau.
-
- [35] Herr.
-
-Mit dem ersten Morgengrauen bewegt sich aus dem kleinen Hause heraus
-die Caravane. Voran der Domachin in seinem schönsten Gewande. Er hat
-das rothe silbergestickte Leibchen an und über die Achsel die braune
-Jacke von grober Schafwolle, deren Ecken vorn mit grünem Tuch besetzt
-und mit rothen Troddeln verziert sind. Um seine niedere rothe Mütze ist
-ein schmieriger vielfarbiger Turban gewunden. Ein langer Zopf baumelt
-ihm rückwärts herab, den die Domachizza gestern noch mit frischer
-Butter tüchtig gesalbt hat, -- am Ende desselben sind schwarze Schnüre
-eingeflochten, die kleine Bleikugeln tragen. Weite, weisse Hemdärmel
-flattern um seine nervigen behaarten Arme. In den Fächern des breiten
-ledernen Gürtels stecken ein Paar silberbeschlagene Pistolen und ein
-krummgebogener Handjar nebst einem kurzen, scharfen Messer. Blaue
-türkische Beinkleider und Sandalen von rohem Leder vervollständigen
-seinen Anzug. Seinen Mantel hat er über den plumpen Holzsattel des
-kleinen Pferdes geworfen, die Fersen in zwei Schlingen gesteckt, die
-vom Sattel herabhängen und ihm als Steigbügel dienen. Ueber die rechte
-Schulter ragt die lange mit Steinschloss versehene Flinte, in der
-linken Hand hält er den unvermeidlichen Tschibuk. Zu beiden Seiten des
-Sattels baumelt je ein Paar fest an den Füssen zusammengeschnürter
-Hühner und an dem Schwanze des Pferdes ist an einem Stricke ein Schaf
-angehängt, das meckernd und widerwillig hinterherläuft. Hinter dem
-Schafe wandelt die Domachizza. Ein bis an die halben Waden reichendes
-auf der Brust offenes Hemd, ein eben solcher leinwandener Unterrock
-und ein langes Kleid von weissem, selbst gewebtem Schafwollstoffe,
-das, da es vorne ganz offen ist, eine entfernte Aehnlichkeit mit einem
-riesigen Frack hat, ist ihre Bekleidung. Auf dem Kopfe trägt sie ein
-rundes Gefäss von dünnem Holze, das einer Schachtel ohne Deckel und
-Boden gleicht, über dasselbe ist ein weisses Tuch unter dem Kinn
-zusammengebunden. Am linken Arme hängt ihr ein Körbchen mit Eiern, in
-dem bunten Gürtel, der sich um ihre Hüfte schlingt, steckt ein langes
-in einen Dreizack auslaufendes Holz, das ihr als Rocken dient und einen
-Busch Schafwolle trägt. In der rechten Hand hält sie ein mit einer
-kleinen Scheibe versehenes rundes Holz, das sie mit den Fingern in
-drehende Bewegung setzt. So spinnt sie während des ganzen Marsches. Mit
-ihr laufen zwei Kinder von acht bis zwölf Jahren. Man weiss nicht, ob
-es Knaben oder Mädchen sind, denn ihre Bekleidung besteht gleichmässig
-aus einem langen Hemde, einem rothen Gürtel und einem gleichfalls
-rothen Käppchen. So ziehen sie fünf Stunden weit zu Gericht, nach Sign,
-zuerst im Morgengrauen, dann in der sengenden Sonnenhitze, ohne je Halt
-zu machen, ohne ein Wort zu sprechen, der Mann zu Pferd und rauchend,
-das Weib hinter ihm ausschreitend und spinnend. So sind die Familien
-mit Kind und Kegel herangezogen von allen Seiten zum Gerichtstage und
-so haben sie sich zusammengefunden vor der Prätur in Sign. -- -- --
-
-Es schlägt neun Uhr und der Gerichtsdiener schiebt sich etwas beiseite,
-um die Leute einzulassen. Flinte, Pistolen, Handjar und Messer werden
-jedem Einzelnen abgenommen und aufbewahrt, dann treten sie in das weite
-Vorgemach des Gerichtshauses. Die Männer wickeln sich langsam den
-Turban vom Kopfe, um beim Eintritte in das Zimmer auch die rothe Kappe
-abnehmen zu können, -- die Weiber, die allenfalls vorgeladen sind,
-nehmen das Körbchen mit den Eiern mit sich. Die Männer rauchen, die
-Weiber spinnen.
-
-Die Thüre des Zimmers öffnet sich und der Gerichtsdiener ruft in die
-Versammlung: »Mate Vucenovich!«
-
-Zwei baumstarke Morlaken, wahre Hünengestalten, erheben sich
-gleichzeitig von der um das Zimmer laufenden Bank und antworten:
-»Evo!«[36]
-
- [36] Hier!
-
-Der Gerichtsdiener wirft einen Blick auf das Blatt Papier, das er in
-den Händen hält, und ruft abermals, indem er sich deutlicher erklärt:
-»Mate Vucenovich, Sohn des Ilia!«[37]
-
- [37] Elias.
-
-Abermals antworten ihm die +beiden+ kräftigen Stimmen: »Evo!«
-
-Das ist dem Gerichtsdiener wohl schon häufig vorgekommen. +Sämmtliche+
-Einwohner des Dorfes Vucenovich heissen nämlich Vucenovich, +beide+
-Vorgeladenen heissen Mate[38] und beider Väter hiessen Ilia. Es ist
-ein verwickelter Fall, aber der Mann weiss sich zu helfen. »Mate
-Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Ante!« erschallt der an die Bibel
-mahnende Ruf, -- und dies Mal ist es nur Einer, der ihm antwortet.
-
- [38] Mathias.
-
-Der Prätor hat einen Uniformrock auf dem Leibe und eine schwarze
-Sammetmütze auf dem Kopfe. Er ist zufälligerweise nicht Pascha, sondern
-Patriarch. Darum empfängt er den Kläger mit einem derben Schlag auf die
-Schulter und fragt ihn, wie sich die Ernte angelassen. Mate Vucenovich,
-Sohn des Ilia, Sohnes des Ante fühlt sich überaus geehrt durch solchen
-Empfang und hegt überdies die Meinung, dass ein Prätor, der ihn so
-vertraulich empfängt, ihm unmöglich Unrecht geben kann. Darum steckt
-er seinen Tschibuk verkehrt zwischen Haut und Hemde in den Rücken, so
-dass die Pfeife gleich einem Wahrzeichen über seinem halbrasirten Kopf
-hinaussieht und fängt an den Casus zu erklären. Der Prätor lässt ihn
-ruhig aussprechen und gibt ihm immer Recht. Und da er fertig ist, wird
-wieder die Thüre geöffnet und dies Mal der »Mate Vucenovich, Sohn des
-Ilia, Sohnes des Pave«[39] gerufen.
-
- [39] Paul.
-
-Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Pave, wird bei seinem
-demüthigen Eintreten ganz wie sein Widersacher von dem Prätor
-empfangen. Ganz wie dem Ersteren nickt ihm der Prätor seine Zustimmung
-bei jedem Absatze der langen Rede zu, und ganz wie jener möchte Mate
-Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Pave, darauf schwören, dass
-Gospodine Prätor, der so freundlich mit ihm ist, ihm unmöglich Unrecht
-geben könne. Soweit verläuft alles hübsch ruhig und friedlich. Als aber
-jetzt der erste Mate dem zweiten Mate antworten will, erheben Beide
-ihre mächtigen Stimmen, dass die Fenster klirren, und wer an derlei
-Scenen nicht gewöhnt wäre, wie es der Prätor ist, der würde kaum
-glauben, dass es ohne Mord und Todtschlag abgehen könne. Das käme
-vielleicht auch vor, aber Pistolen und Handjars und Messer ruhen beim
-Gerichtsdiener!
-
-Jeder Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, behauptet unter grässlichen
-Flüchen, dass er die Gerechtigkeit seiner Sache feierlich beschwören
-könne. Jeder von ihnen lässt Drohworte ertönen, zwischen denen man
-ordentlich die Pistolen knallen hört und den Handjar blitzen sieht.
-
-Da legt sich der Prätor in's Mittel. »Wem hat das Feld gehört, ehe Ihr
-es zu bearbeiten anfingt?«
-
-Beide verstummen.
-
-»Ich glaube, Ihr lasst die Marksteine stehen, wo sie sind,« sagt der
-Prätor, »und wenn Ihr nicht in Ruhe und Frieden nach Hause geht, so
-werden wir im Steueramte fragen, wem eigentlich das Feld gehört. Seid
-Ihr's zufrieden?«
-
-Die Köpfe der beiden Mate hängen zu Boden, ihre Zöpfe richten sich auf.
-
-»Brate,«[40] sagt Mate Vucenovich des Ilia und des Ante zum Mate
-Vucenovich des Ilia und Pave, willst Du Frieden machen? Ich gebe ein
-Lamm und Du gibst den Wein, willst Du?«
-
- [40] Bruder.
-
-»Brate, Du hast Recht,« antwortet der Enkel des Pave und sie
-umarmen und küssen sich und möchten auch dem Prätor in ihrer
-Freudenbegeisterung dasselbe thun, der sich aber hinter den Tisch
-zurückzieht.
-
-»Falavi, Falavi, Gospodine Pretur,«[41] tönt es von Beiden und unter
-linkischen Bücklingen entfernen sich die versöhnten Widersacher aus der
-Gerichtsstube. -- -- --
-
- [41] Danke, danke, Herr Prätor.
-
-Es kommt aber ein Nachspiel. Die beiden Weiber der beiden Mate drängen
-sich über die Stiege hinauf. Sie halten Jede ein Körbchen Eier in der
-Hand und Jede von ihnen zieht ein meckerndes Schaf an einem Stricke
-nach sich. Das wollen sie dem Prätor für sein Urtheil schenken und
-deswegen haben sie beides mitgebracht. Sie drängen sich auch richtig
-in's Gerichtszimmer, aus welchem sie jedoch der Prätor hinauswerfen
-lässt, die Weiber, die Schafe und die Eier.
-
-Die Marksteine bleiben aber wo sie sind und morgen ist grosses Gastmahl
-in Vucenovich, gegeben von Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des
-Ante und von Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Pave.
-
-
-
-
-Ein türkisches Schnupftuch.
-
-
-Ehrsame Frauen, sowie nicht minder Jungfrauen, bei denen die
-Sittsamkeit als selbstverständlich vorausgesetzt wird, mögen ohne alle
-Scheu diese bescheidenen Zeilen zu Ende lesen, sie werden, wenn auch
-ein türkisches Schnupftuch den Gegenstand derselben bildet, keineswegs
-darin jener verfänglichen Ceremonie oder gar der Folgen dieser
-letzteren Erwähnung finden, die einem althergebrachten, darum aber
-nichtsdestoweniger unwahren Gerüchten zufolge zwischen Sr. Majestät
-dem Sultan und seiner jeweiligen Auserwählten stattfindet und deren
-an und für sich höchst unschuldige Einleitung in dem Zuwerfen eines
-Schnupftuches besteht.
-
-Ich sehe es noch vor mir, ein langes und schmales Stück durchsichtigen
-Gewebes, den Rand mit sonderbar krausen, tausendfach verschlungenen
-Arabesken bedeckt, die eine kunstgeübte Frauenhand in Seide darauf
-gestickt! Gold- und Silberfäden schlängeln sich, als ob sie verfolgt
-würden, in sichtbarer Hast durch das farbenglühende Labyrinth, um
-nach langer Suche ihren glitzernden Lauf wieder da aufzunehmen,
-wo sie ihn eigentlich enden sollten. Und was mich durch das feine
-Gewebe anblickt, sind viele, viele unschuldige Kinderaugen, die,
-überrascht und erschreckt vom ersten Anblicke der Aussenwelt, es noch
-nicht ahnen können, dass die wirren, von dem gleissenden Silberfaden
-durchschlungenen Windungen der krausen Arabesken ein Bild ihres eigenen
-zukünftigen Erdenwallens seien.
-
-Wie ich das Schnupftuch erhalten und was daraus geworden, das will ich
-klar und bündig erzählen.
-
-Von einem langen und beschwerlichen Ritte ermüdet, hatte ich die ganze
-Nacht so fest geschlafen, dass weder der empfindliche Frost, noch
-die dicken Regentropfen, die durch die Risse meines Schlafgemachs
-eindrangen, mich hatten erwecken können. Was Kälte und Nässe nicht
-vermocht hatten, das bewirkte aber die kräftige Stimme meines Wirthes
-vor der Thüre des Gemaches mit ihrem »Dobro dan, gospodine«![42]
-Die Thüre öffnete sich und vor mir stand, mir die Hand nach
-abendländischer Weise zum Grusse bietend, eine hohe, etwas vorwärts
-gebeugte Gestalt, von deren Schulter ein langer dunkelrother Mantel
-in malerischen Falten bis zur Erde floss. Auf dem von der Stirne bis
-zum Scheitel rasirten Kopfe sass der Fez, der rückwärts eine Fülle
-blonden Haares herausgleiten liess; dunkle, von scharfgezeichneten
-Augenbrauen beschattete Augen, ein kleiner Schnurrbart in dem offenbar
-nicht mehr als fünfundzwanzigjährigen Gesichte, eine reich mit Gold
-gestickte blaue Jacke, ein paar Pistolen und ein langes Messer in dem
-buntseidenen Gürtel, weitfaltige rothe Beinkleider und die nackten
-Füsse in gelbledernen Pantoffeln -- das war mein Hauswirth und Freund
-+Mahmud Firdus Beg+.
-
- [42] »Guten Tag, Herr!«
-
-[Illustration: Ritt durch die Waldungen von Mahmud Firdus Beg.]
-
-Mein Aufenthalt in +Sign+ hatte mir die Gelegenheit verschafft,
-Mahmud Firdus Beg's Bekanntschaft zu machen. Einmal einen lebendigen
-türkischen Pascha zu sehen, war immer meine Jugendsehnsucht gewesen.
-Nun war mein Freund Mahmud zwar kein Pascha, wohl aber der Sohn eines
-solchen, eines Paschas, der in den Vierziger-Jahren als Gouverneur
-von Bosnien bei einer kleinen Revolution ermordet worden war. Der
-alte Firdus mochte gut und echt türkisch gewirthschaftet haben, denn
-er hinterliess seinem Sohne Mahmud ein Besitzthum, gross genug, um
-mit seinem Erträgnisse besser leben und mehr Aufwand machen zu können
-als irgend ein anderer bosnischer Grundbesitzer. Mahmud Firdus Beg
-suchte aus seinem ausgedehnten Besitze so viel herauszuschlagen als
-nur immer möglich; er lieferte Baumrinde, Harz und Eicheln aus seinen
-Wäldern, Getreide von seinen Feldern und Häute nach Spalato an irgend
-einen pfiffigen Griechen, der natürlich das Menschenmöglichste that,
-ihn zu übervortheilen; er hielt sich ein Heer von faullenzenden, in
-Roth und Gold gekleideten, bis an die Zähne bewaffneten Dienern,
-einen prächtigen Marstall, -- hatte aber nur +eine+ Frau in seinem
-Harem, denn Mahmud Firdus Beg war ein aufgeklärter Türke, oder wollte
-wenigstens für einen solchen gelten; darum richtete er sich nach dem
-Grundsatze: »Je weniger Weiber, desto mehr Aufklärung« -- und machte
-jährlich eine Reise -- mindestens bis Triest. Einmal war er sogar in
-Wien, »u becu«, wie er mir slavisch erzählte, aber dort gefiel es ihm
-nicht.
-
-Wenn man vom Schicksale dazu auserlesen ist, in einem Orte wie Sign,
-dem nordöstlich von Spalato und nahe an der türkischen Grenze gelegenen
-Vororte der eigentlichen Morlakei, zu leben, so ist man eben nicht
-wählerisch in seinem Umgange. Und so war Mahmud Firdus Beg mein Freund
-geworden und hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, mich jedesmal zu
-besuchen, so oft er bei seinen häufigen Reisen nach oder von Spalato
-Sign passirte. Bei dieser Einkehr hatte ich ihn auch meiner Frau
-vorgestellt und so kam es, dass er vorläufig unser Gast war und durch
-sein mit nahezu kindischer Urwüchsigkeit vorgebrachtes Geplauder uns
-über die Eintönigkeit so mancher Abendstunde hinweghalf.
-
-Einmal überraschte er uns, indem er gegen alle türkische Sitte uns
-Grüsse von seiner Frau und die Ankündigung überbrachte, dass dieselbe
-seit Wochen mit dem Sticken eines Schnupftuches für meine Ehegesponsin
-beschäftigt sei. Zugleich lud er mich ein, ihn selbst einmal zu
-besuchen, oder vielmehr die Reise in seiner Gesellschaft zu machen und
-das erwähnte Schnupftuch abzuholen. Seine Frau, meinte er, könnte ich
-allerdings nicht sehen, weil die türkischen Sitten das nicht zugäben;
-selbst das Haus, in welchem er mit seiner Frau wohne, dürfte ich nicht
-betreten, dafür aber würde er mir das Gebäude zeigen, das er für seine
-Dienerschaft errichtet, den Stall, seine Aecker und, wenn ich wollte,
-auch seine Wälder.
-
-Mich hatte es schon lange verlangt, einen Blick in die bosnische
-Wildniss zu werfen, und so nahm ich die Einladung nicht ungern an.
-
-Am darauffolgenden Tage waren wir kurz nach Mittag aufgebrochen, hatten
-über das Gebirge Prolog, über welches damals, in den Sechsziger-Jahren,
-noch keine Strasse führte, bergauf, bergab, durch zerrissenes
-Felsengeklüfte einen halsbrechenden Ritt gemacht, waren bei Einbruch
-der Nacht in der weiten, wasserdurchzogenen Ebene von Livno angekommen,
-rasteten in einem türkischen »Han«, in welchem wir nichts als schwarzen
-Kaffee und Feuer für unsere Tschibuks fanden, wurden in pechfinsterer
-Nacht von den Wolfshunden einer Schafheerde angegriffen, von denen
-Mahmud ohneweiters einen niederschoss, und kamen endlich bei dem einsam
-liegenden Besitzthum meines Freundes an, als ich, von der Kälte der
-Octobernacht und dem fein herabrieselnden Regen halb erstarrt, mich
-kaum noch auf meinem Pferde halten konnte und schon sämmtliche Türken,
-gestickte Schnupftücher und bosnische Ebenen in das Land verwünscht
-hatte, wo der Pfeffer wächst.
-
-Ein Dutzend in rothe, goldgestickte Jacken und blaue Pumphosen
-gekleidete Gestalten, von denen jede eine Kienfackel schwang, empfing
-uns vor einem thurmähnlichen Gebäude, dessen unterstes Geschoss dem
-Geruche nach einen Pferdestall zu enthalten schien, und geleitete uns
-über eine hölzerne, von Aussen angebrachte Treppe in ein vollkommen
-kreisrundes Gemach, das von einer in der Mitte desselben aufgehängten
-Oellampe und von dem Feuer erleuchtet wurde, welches in einem offenen
-Camine flackerte. Vor letzterem kniete ein martialisch aussehender
-graubärtiger Türke, -- wie ich später erfuhr, ein ehemaliger türkischer
-Gendarm, -- und kochte in einer grossen kupfernen Pfanne Kaffee. Rund
-um die roh angeworfene Wand lief ein gegen dieselbe sanft aufsteigender
-Bretterboden, der mit grossen Teppichen bedeckt war -- der Dienerschaft
-Lagerstätte -- und zahlreiche, wirr durcheinandergeworfene Polster
-dienten als Kopfkissen.
-
-Die Diener -- ich zählte deren sechsundzwanzig -- nahmen mir und
-ihrem Herrn die Reisekleider ab und präsentirten Jedem von uns einen
-Tschibuk. Mahmud Firdus Beg nahm auf zwei übereinandergelegten
-Polstern in der Mitte des Zimmers mit untergeschlagenen Beinen Platz
-und lud mich mit höchst würdevoller Handbewegung ein, das Gleiche zu
-thun. Hierauf credenzte uns der Graubart auf einer grossen silbernen
-Untertasse zwei winzige Becher mit schwarzem Kaffee und bediente sodann
-ebenso der Reihe nach sämmtliche Diener, welche, nachdem wir uns
-gesetzt hatten, mit der grössten Ungenirtheit ihre Tschibuks zur Hand
-nahmen und rauchten, als ob sie unter sich wären.
-
-Während ich noch mit Interesse das Gemach, meine Umgebung und die
-prächtigen Waffen musterte, die an der Wand hingen, überraschte mich
-mein Freund und Gastwirth mit der sehr unangenehmen Bemerkung, dass
-es bei ihnen nicht Sitte sei, des Abends etwas anderes als schwarzen
-Kaffee zu nehmen, dass er jedoch hoffe, ich werde mir morgen das --
-Mittagmahl desto besser schmecken lassen. Das war allerdings ein
-sehr windiger Trost für meinen knurrenden Magen, aber ich konnte, um
-nicht unhöflich zu erscheinen, nichts anderes thun, als mich in das
-Unvermeidliche fügen und sofort mein Schlafgemach aufzusuchen. Mahmud
-schritt voran, steckte vor der Thüre seine blossen Füsse wieder in die
-gelben Pantoffel, die er draussen stehen gelassen und führte mich mit
-ruhig feierlichem Wesen, als ob sich von Augenblick zu Augenblick ein
-Prachtgemach meinen erstaunten Blicken darbieten sollte, über eine
-zweite wacklige Treppe in einen Raum, der dem inneren Theil einer
-Kuppel ähnlich sah und der, wenn er die eine oder andere lückenartige
-Oeffnung gehabt hätte, für ein Taubenhaus hätte gehalten werden können.
-So aber konnte ich ausser der Thüre, durch die wir eingetreten,
-keine Oeffnung bemerken, als die fingerbreiten Risse in den Bretern,
-aus denen dieses Denkmal neutürkischer Baukunst gezimmert war, und
-durch welche der Regen hereinfliessen sollte, der mich windelweich
-durchnässte. Und drum war ich ganz froh und glücklich, als mich des
-anderen Tages der frühe Morgengruss meines Freundes Mahmud Firdus Beg
-weckte.
-
-Ich sprang auf und folgte der Einladung meines Gastwirthes, im Gelasse
-der Diener den Morgenkaffee einzunehmen, der uns wieder von dem
-graubärtigen Türken unter Zugabe des obligaten Tschibuks geboten wurde.
-Mahmud sagte mir während des Frühstücks in gebrochenem Italienisch --
-um von den Dienern nicht verstanden zu werden -- dass seine Frau ihm
-aufgetragen, mir Grüsse an meine Frau aufzugeben, und dass sie der
-Letzteren vielmals für das Zuckerwerk danke, welches ich ihr in einer
-grossen Schachtel, die während unseres Rittes an dem Sattelknopfe des
-Pferdes eines der Diener baumelte, mitgebracht hatte.
-
-Unterdessen wieherten die Pferde, die unten vor der Stiege für uns
-bereit standen, um einen Ritt durch die Besitzung meines Gastfreundes
-zu machen.
-
-Traurig und öde genug war das, was sich meinen Augen bot --
-langgestreckte, stundenweit sich ausdehnende Gründe, die nicht
-bearbeitet waren und die nicht werden besäet werden, bis eine andere
-als die türkische Regierung über das Wohl und Weh jener jungfräulichen
-Länder zu entscheiden haben wird -- prächtige Eichenwälder in
-ungebrochenem Bestande, in denen hie und da die alten Baumriesen todt
-und halbverfault auf dem Boden lagen, während aus ihrem ehrwürdigen
-Leibe ganze Generationen jungen Nachwuchses hervorspriessen --
-ungeschlachte, elende, halbnackte Bauern, beinahe durchwegs bosnische
-Christen (wie ihr Anzug wies), deren Verkommenheit ihnen kaum erlaubt,
-dort des Lebens dringendste Nothdurft einzuheimsen, wo der Natur
-verschwenderisch ausgestreute Fülle sich ihren blöden Augen bietet --
-elende Lehmhütten über die Ebene sparsam zerstreut, in deren jeder
-eine ganze Familie mit ihrem Viehstande haust -- über das Ganze die
-grauen Regenwolken eines trüben Octobertages, einförmig, schier endlos
-ausgespannt über die weite Ebene und durch nichts unterbrochen, als
-durch eine unzählbare Menge schwarzer Punkte, -- Falken, die, ruhig an
-einer Stelle schwebend ihres Raubes harrten!
-
-Und wie wir so dahinsprengten durch die düstere Landschaft, mein Wirth
-auf seinem Rappen mit dem im Winde von seinen Schultern flatternden
-dunkelrothen Mantel, ich mit trüben Gedanken die trostlose Wirthschaft
-betrachtend und hinter uns ein kleiner affenartig aussehender Mohr auf
-unmässig hohem Gaule, da schien es mir selbst beinahe, als ob wir nicht
-von Fleisch und Blut wären, sondern als gespenstische Reiter in den
-Wind hinein ritten über die unabsehbare, öde Ebene.
-
-Was ich sonst noch im Heim Mahmud Firdus Beg's gesehen, wie wir
-gegessen und was wir gesprochen, übergehe ich, um endlich zum
-Schnupftuche zurückzukehren und zu berichten, was mit demselben
-geschehen ist.
-
-Nun, die Sache verhält sich viel einfacher als meine Leser vielleicht
-nach so langer Einleitung voraussetzen mögen. Meine liebe Frau hat mir
-acht Kinder geschenkt, unser Herrgott erhalte sie! Die beiden Aeltesten
-sind Dalmatiner, haben aber bisher noch Keinem die Nase abgeschnitten;
-die späteren sind anderwärts zur Welt gekommen -- Alle aber wurden mit
-des Türken Schnupftuch zugedeckt, als man sie zur Taufe trug. Es war
-auch das Beste, was man mit dem farbenschillernden Nichts thun konnte,
-denn zum Nasenreinigen nach abendländischen Begriffen taugte es einmal
-durchaus nicht. Anders freilich ist's bei einem Türken; der benützt die
-Hand dort, wo wir ein Schnupftuch brauchen und reinigt sie dann an dem
-seidengestickten Gewebe.
-
-Als aber mein achtes Kind zur Taufe getragen war und eine holdselige
-und wunderschöne Dame Pathenstelle bei demselben vertreten hatte, da
-wickelte ich Mahmud Firdus Beg's Tuch fein säuberlich zusammen, ging
-zur schönen Pathin und sprach: »Verehrte, gnädige Frau! Wenn in alten
-Zeiten ein Raub- oder anderer Ritter nach langen Kreuz- und Querzügen,
-nach so und so vielen Schlachten und Gefechten heimgekehrt war in seine
-Burg, da pflegte er wohl Waffen und Rüstzeug zu nehmen und sie vor
-irgend einem mehr oder weniger wunderthätigen Gnadenbilde aufzuhängen.
-Ich bin kein Ritter und habe weder Waffen noch Rüstzeug -- aber nachdem
-bereits mein achtes Kind mit diesem farbenbunten Gewebe auf seinem
-ersten Gange zur Kirche verhüllt gewesen, erlaube ich mir, Ihnen Mahmud
-Firdus Beg's Schnupftuch zu Füssen zu legen.«
-
-Die holdselige und wunderschöne Dame erröthete ganz prachtvoll und
-sagte mir, ich möge meine Frau recht herzlich grüssen. Ihr Lächeln
-schwebt mir aber noch heute vor.
-
-
-
-
-Ein Richter in Bosnien.
-
-
-Es war mir nach und nach eine dunkle Idee aufgedämmert, als ob der
-arabische Hengst, der mich in gleichmässigem, langgestrecktem Galop
-durch das Thal von Livno trug, viel edler sei als ich selbst. Mein
-Begleiter und neuerworbener türkischer Freund Mahmud Firdus Beg hatte
-mir wenigstens die letzte halbe Stunde von nichts gesprochen, als von
-dem Adel des Thieres unter mir, und Mesrour -- so hiess der edle Hengst
--- hatte jedesmal die Ohren gespitzt so oft er seinen Namen aussprechen
-hörte. Mich nahm das, offen gesagt, nicht im mindesten Wunder,
-weil es mir bekannt war, dass vorzugsweise in Pferdeställen derlei
-genealogisches Selbstgefühl zum Ausdrucke kommt.
-
-Der Octobertag war wunderbar schön. Die Gipfel des hohen, zu unserer
-Rechten liegenden Berges Prolog, den ich Tags zuvor überschritten,
-waren in leichte Nebelschleier gehüllt, die, ab und zu vom Winde
-gehoben und verschoben, sich dann wieder an anderer Stelle über
-die Hänge des Berges fein und duftig herabsenkten. Zwischen durch
-schimmerte das kräftige Roth und Braun der im Herbstschmucke prangenden
-Wälder und durch das struppige Unterholz durch, über das rauhe Gestein
-herab sprangen und stürzten kleine Wildbäche, die sich dann in der
-breiten grünen Thalsohle sammelten und sie gleich breiten Silberbändern
-durchzogen. Dass sie dort tief genug und frisch genug waren, das
-hatte ich am vorigen Abende erfahren, als ich, von Sign in Dalmatien
-kommend und gegen die Behausung des Mahmud Firdus Beg reitend, eines
-dieser Flüsschen zu Pferde passirte und mein Thier plötzlich anfing zu
-schwimmen, so dass mir das Wasser bis unter die Arme reichte.
-
-Zu unserer Linken begleitete uns eine andere Kette von Bergen --
-ebenfalls Ausläufer der dinarischen Alpen -- die vom Gipfel bis weit
-herab in die Ebene mit prachtvollen Wäldern bedeckt sind, und vor uns
-dehnte sich das lange Thal, an dessen südlichem Ende Livno, das Ziel
-meiner heutigen Reise, lag.
-
-Mahmud Firdus Beg sagte mir, dass der grössere Theil jener Wälder, die
-auf dem Berge aus Eichen und Buchen, am Fusse desselben aus Aepfel-,
-Kastanien- und Zwetschken-Bäumen bestehen, sein Eigenthum sei. Auch
-der Grund und Boden, auf dem wir dahinritten, sei sein Eigenthum. Aber
-es trage nicht viel. Er hat wohl im Walde mehrere Brettermühlen durch
-einen Croaten bauen lassen und füttere mit dem Ertrage der Obstbäume
-grosse Heerden von Schweinen, doch bekäme er für Schweine sowohl als
-Bretter sehr wenig Geld, denn in Bosnien kaufe sie Niemand, und bis
-sie auf den Markt nach Sign oder Spalato kommen, haben die Kosten des
-Transportes den Werth der Waare verzehrt. »Am besten bezahlen sich
-noch die Schweine, denn diese kaufen zuweilen auch unsere Giauren --
-wenn sie Geld haben,« fügte Mahmud Firdus Beg hinzu, indem er zugleich
-feierlich ausspuckte, aber nicht nach der Seite, auf welcher ich ritt,
-denn dazu war er zu höflich und dann war ich auch sein Gastfreund.
-
-Vielleicht hatte ihn auch der Anblick der vier Rajahs -- bosnischen
-Christen -- welche abseits unseres Weges um ein kleines Feuer sassen
-und ganze Maiskolben an demselben brieten, zu dieser symbolischen
-Gefühlsäusserung veranlasst. Die Leute standen auf, als wir uns ihnen
-näherten, und grüssten demüthigst auf türkische Art, indem sie mit der
-rechten Hand Brust, Mund und Stirne berührten. Mahmud Firdus Beg lachte
-ihnen hämisch entgegen, liess aber den Gruss unerwidert.
-
-Ich habe mich später erkundigt, woher Mahmud Firdus Beg zu seinem
-Reichthum und zu dem Titel Beg, der ja eine Art Adelstitel ist, gelangt
-sei. Für Beides hatte man in echt türkischer Anschauungsweise nur Eine
-Erklärung: Der Vater des Mahmud Firdus Beg war einst Gouverneur von
-Bosnien. Daher der Titel, daher der Reichthum. Er hatte die Rajahs
-so lange geschunden und geplagt, bis sie in ihrer Verzweiflung sich
-einmal empörten und ihn, wie schon einmal erwähnt, ermordeten. Da ging
-der Titel Beg und der Reichthum auf seine beiden Söhne über und so
-ward Mahmud Firdus zum Beg und kam in den Besitz all der prachtvollen
-Wälder, die sich auf den Hängen der dinarischen Alpen zur Rechten und
-Linken hinzogen. Der Boden, auf dem wir ritten, gehörte nicht weniger
-dem Mahmud Firdus Beg. Hin und wieder war ein Stückchen desselben
-roh bearbeitet und zeigten gelbe Stoppeln oder kleine aus den Wurzeln
-getriebene verspätete Pflanzen, dass da Weizen oder Tabak gebaut und
-eingeheimst worden war.
-
-Es hat mit dem Bodenbau sein eigenes Bewandtniss in Bosnien. Der Grund
-und Boden gehört niemals Jenem, der ihn bebaut. Die Begs -- gewöhnlich
-Nachkommen der im siebzehnten Jahrhunderte zum Islam übergetretenen
-slavischen Adelsgeschlechter -- haben den Boden durch einfache
-Besitznahme, zuweilen auch durch Mord und Raub erworben. Zuweilen
-ist das Besitzrecht auch der Preis für den seinerzeit erfolgten
-Uebertritt zum Islam. Ein Kataster, ein Grundbuch, eine nachweisbare
-oder ersichtliche Besitzgrenze gehören in den Ebenen und auf den
-Bergen Bosniens zu den unbekannten Dingen. Der Bauer -- Grieche oder
-Katholik, aber immer Slave -- dessen elende Hütte in einer der in den
-Berg hineinlaufenden Mulden steht, hat Weib und Kind, aber nichts zu
-essen. Darum spannt er, wenn das Frühjahr gekommen, seine Ochsen ein
-und bearbeitet ein Stück Land. Das bestellt er mit Getreide oder Tabak
-und nährt sich bis zur Ernte kümmerlich von halbwilden Früchten und in
-der Asche gebratenen Maiskolben. Vielleicht hat er auch ein Paar Hammel
--- dann gehört er schon zu den Wohlhabenden. Kommt nun die Zeit der
-Ernte, so steht es ganz in der Hand des Begs, ob er selbst oder der
-Bauer dieselbe heimbringen soll. Vergleicht sich der Bauer mit dem Beg
--- leistet er von der Ernte dem Beg eine Abgabe, die dessen Ansprüchen
-genügt, so kann er sich den Rest nach Hause schaffen und hat bei der
-ausserordentlichen Fruchtbarkeit des beinahe jungfräulichen Bodens und
-bei seiner unglaublichen Mässigkeit die nöthige Atzung bis zum nächsten
-Jahre. Gelingt es ihm aber nicht, sich mit dem Beg zu vergleichen, so
-erklärt dieser einfach, dass der Grund und Boden sein Eigenthum sei,
-dass der verfluchte Giaur ohne jede Erlaubniss denselben bebaut habe
-und lässt die Ernte durch seine Diener heimführen. Zuweilen kommen auch
-noch andere Verhältnisse mit in's Spiel.
-
-Die bosnischen Türken machen von ihrem Rechte zur Vielweiberei nicht
-immer oder nur einen sehr mässigen Gebrauch. Sie sind eben der
-Abstammung nach keine Moslems und finden schwer die nöthige echt
-orientalische Gelassenheit, die dazu gehört, es mit mehr als +einem+
-Weibe auszuhalten. Aber die Bauern, die Giaurs, haben oft hübsche
-Weiber und erwachsene Töchter und -- der Beg ist der Herr! Da kommen
-oft Meinungsverschiedenheiten vor und ich sollte heute noch eine
-kleine Probe davon sehen.
-
-Der österreichische Consular-Agent in Livno war, wie mir bekannt, nach
-Mostar gereist und der Mudir, die höchste obrigkeitliche Person in
-jener Stadt, hatte mir Tags zuvor durch einen Diener Mahmud Firdus Begs
-seinen Gruss entbieten lassen und mich eingeladen, ihn zu besuchen.
-Seit mehr als einer halben Stunde schon zeigte sich uns im Süden der
-Ebene auf einem Hügel, der wie ein Vorgebirge in dieselbe hineinragte,
-das alte zerfallene Castell, um welches herum die Stadt Livno liegt.
-Wir mussten einen kleinen Umweg machen, weil gerade vor uns eine
-zahlreiche Heerde von riesigen Büffeln weidete, durch welche zu reiten
-sehr bedenklich gewesen wäre. Als wir in einem kleinen Halbkreise um
-dieselben herum geritten waren, befanden wir uns auch am Fusse der
-Anhöhe und unmittelbar vor den ersten erbärmlich gebauten Häusern
-der Stadt. Mahmud Firdus Beg stemmte das Pfeifenrohr auf den rechten
-Schenkel und stiess seinem Pferde die scharfen tellerartigen Bügel in
-die Weichen. Ein Türke reitet nie anders in eine Stadt als im Galop.
-Und so sprengten wir denn den mit runden Steinen gepflasterten Weg
-im scharfen Galop bergan, dass die Funken stoben und das Pferd eines
-unserer Diener elend auf Knie und Nase stürzte, während der Reiter über
-den Kopf desselben ein paar Schritte weit bergauf flog.
-
-Vor einem altertümlichen einstöckigen Gebäude machten wir Halt.
-Dasselbe war aus Quadern gebaut, hatte im Erdgeschosse auf kurzen
-starken Säulen ruhende Laubgänge und war offenbar nicht türkischen
-Ursprungs. Es mochte wohl noch aus dem vierzehnten oder fünfzehnten
-Jahrhundert stammen, als die Slaven Herren des Landes waren und
-italienischer oder deutscher Kunstsinn auch auf ihre Bauten seinen
-Einfluss übte. Dass es jetzt in türkischen Händen ist, dafür zeugten
-die Rundbogenfenster des ersten Stockwerkes, die zur Hälfte mit roh
-behauenen Steinen vermauert waren.
-
-Wir übergaben die Pferde den Dienern und schritten die sehr schmutzige
-Wendeltreppe hinan. Vor der Thüre entledigte sich Mahmud Firdus Beg
-seiner gelben Reitstiefel, und schritt, ohne anzuklopfen, in das
-Zimmer -- mir als einem fremden »Effendi« war es gestattet meine
-Fussbekleidung zu behalten.
-
-Ein grosses Gemach mit zwei Thüren und einem breiten Fenster. An der
-einen Seite desselben ein hoher schwerer, aus irgend einem schönen
-Holze ohne jede Kunstfertigkeit gezimmerter Glaskasten, in welchem
-Pistolen, Gewehre, Handjare, dann mit Silber beschlagene Kopfgestelle
-für Pferde hingen und der die eine Wand des Zimmers vollständig
-einnahm. Längs der anderen drei Wände ein niederer, sanft gegen die
-Mauer aufsteigender Bretterverschlag, ähnlich den sogenannten Pritschen
-unserer Wachstuben, mit Teppichen belegt, auf demselben eine grosse
-Menge von Pölstern: der Divan. Ueber dem Steinboden des Zimmers ein
-sehr schöner Teppich. Von sonstigen Einrichtungsstücken keine Spur. Das
-war das Amtszimmer des Mudirs von Livno.
-
-Der Mudir selbst sass mit unterschlagenen Beinen gerade der Thüre
-gegenüber auf dem Divan und hatte den Schlauch einer türkischen
-Wasserpfeife -- des Nargilés -- in der Hand, mit dessen Mundstück
-er nachlässig spielte. Rothe Pumphosen, ein rothes silberverziertes
-Leibchen und über demselben eine grüne, mit Silberknöpfen verzierte
-und mit Pelz ausgeschlagene Jacke bildeten seine Bekleidung. Auf dem
-Kopfe trug er einen Fess ohne Turban, die Füsse waren nackt. Neben ihm
-sass ein anderer -- ein »civilisirter« Türke. Er war mit schwarzen
-Pantalons und einem schwarzen verschnürten Rock bekleidet, wie ihn die
-Beamten in Konstantinopel zu tragen pflegen. Auch trug er lackirte
-Schuhe und rauchte keinen Tschibuk, sondern eine Cigarrette. Das ist
-die türkische Civilisation, wie sie im Buche steht. Beiläufig gesagt,
-erfuhr ich später, dass der »civilisirte« Türke aus Konstantinopel
-gekommen war, um die Steuercasse des Mudir zu scontriren und bei
-dieser Gelegenheit einen Abgang von zweihunderttausend Piastern
-gefunden habe. Ob der Mudir die Summe ersetzte oder nicht, ist mir
-nicht bekannt geworden, nur erfuhr ich, dass er später in Folge dieser
-kleinen Unregelmässigkeit nach Damascus versetzt wurde. Da ein Mudir
-Ortsvorstand, Steuereinnehmer, Richter und politische Behörde -- alles
-in Einer Person -- ist, so lässt sich die rücksichtsvolle Behandlung
-eines so wichtigen Beamten wohl erklären.
-
-Der Mudir und sein Gast grüssten uns höflich ohne aufzustehen, und
-nachdem wir Beide Platz genommen, bot mir, als dem fremden »Effendi«,
-der Mudir den Schlauch seines eigenen Nargilés an, während er sich
-selbst einen Tschibuk geben liess. Da gerade eine gerichtliche
-Verhandlung vorgenommen werden sollte, ersuchte mich der Mudir, ihm zu
-erlauben, dass er dieselbe beendige, worauf er mir zu Diensten stehen,
-oder -- wie er sich ausdrückte -- sich meiner Anwesenheit erfreuen
-wolle. Darauf klatschte er in die Hände und zwei Diener traten
-ein. Der eine derselben zog aus dem Gürtel ein kleines metallenes
-Tintenzeug, das er stehend seinem Gebieter hinhielt, der Andere schob
-einen sehr defect gekleideten alten Bauer vor sich her, der einen
-durchlöcherten Fess in den Händen hielt, während von seinem von den
-Schläfen bis zum Scheitel glattrasirten Kopf rückwärts ein dünner
-Zopf herabbaumelte. Ein Mädchen im Alter von dreizehn oder vierzehn
-Jahren folgte. Sie trug weite Pumphosen von blauer Leinwand, keine
-Schuhe oder Strümpfe, und ein enges, vorne offenes gleichfalls blaues
-Jäckchen. Zwei prachtvolle braune Zöpfe hingen ihr fettgetränkt
-über den Schultern. Hände und Füsse waren roth vom Einflusse der
-wechselnden Witterung und vielleicht der schweren Arbeit, aber ihr
-feingeschnittenes Gesicht war das einer Juno und ihr Wuchs der einer
-Hebe. Sie weinte.
-
-Die Verhandlung spielte sich sehr glatt ab. Ein gewisser Hussein Beg
-hatte dem Bauer den Tabak wegnehmen lassen, den derselbe geerntet und
-zubereitet hatte. Dazu hatte er das Recht, denn der Tabak war auf
-seinem, Hussein Beg's, Grund und Boden gewachsen. Vielleicht hätte
-der Beg Erbarmen gehabt mit dem unglücklichen Bauer. Aber es war ein
-kleiner Zwischenfall dazu getreten. Die Jele (Helene), die Tochter des
-Bauers, hatte in der Nähe von Hussein Beg's Wohnhaus Schafe gehütet.
-Und als Hussein Beg Abends nach Hause kam, gab er ihr beim Absitzen
-die Zügel des Pferdes mit dem Auftrage, es in den Stall zu führen.
-Als aber Jele im Stalle war, da kamen zwei Diener des Hussein Beg und
-schleppten sie in dessen Haus. Des andern Morgens wurde sie entlassen
-und weil sie einen Bündel von Maiskolben nicht annehmen wollte, die
-ihr Hussein hatte verabfolgen lassen, so tractirten sie die Diener mit
-Faustschlägen. Tags darauf liess Hussein Beg den Tabak aus des Bauers
-Hütte wegschleppen, seinen, des Hussein Beg's, Tabak.
-
-Das Alles kam umständlich und klar an den Tag. Hussein Beg war nicht
-zur Verhandlung erschienen, weil er vor zwei Tagen eine Reise nach
-Sarajevo unternommen hatte. Der Mudir befragte den Bauer und die Jele
-und notirte Einiges in die Schreibtafel, die er in der linken Hand
-hielt. Dann sprach er das Urtheil. Der Bauer musste wegen Usurpirung
-fremden Bodens fünfzig Piaster (fünf Gulden) Strafe zahlen. Wenn er
-sie nicht zahlen könne, so möge man ihm drei Hammel confisciren und
-da er und die Jele anfingen zu weinen, so wurden sie beide zur Thüre
-hinausgeworfen. Dann steckte der Mudir seine Schreibtafel wieder in den
-Gürtel und die Diener brachten uns prächtig duftenden schwarzen Kaffee.
-
-Es gibt viele Husseins, viele Bauern und sehr viel unbebautes Land in
-Bosnien. Auch haben viele Bauern hübsche Töchter, aber kein Bauer hat
-ein Feld, kein Bauer irgend ein Eigenthum. Wenn man darum von Unruhen
-in Bosnien hört, so möge man doch den richtigen Massstab anlegen und
-bedenken, dass Aehnliches, wie ich es jetzt erzählte, dort alle Tage
-vorkommt. Die Folgerungen sind dann leicht.
-
-
-
-
-Morlakischer Winter.
-
-
-An ein Felsstück gelehnt, von rauhem, zackigem Gestein umgeben, sass
-der Antune, das verkleinerte Bild eines herabgekommenen Morlaken, und
-sein Bruder Ilia lag ruhig ausgestreckt zu seinen Füssen. Was den
-Antune im Augenblicke am meisten ärgert, ist, dass die Thonpfeife, die
-er zwischen den Zähnen hält, seit mehreren Tagen nicht gefüllt wurde.
-Männern, wenn sie Morlaken sind, ziemt zu rauchen, und Antune zählt
-bereits dreizehn Jahre. Ausserdem vertritt er gegenwärtig Vaterstelle
-bei seinem noch nicht siebenjährigen Bruder Ilia und waltet als
-Hausherr in dem einer Hütte ähnlichen Trümmerhaufen, der höchstens drei
-Stunden von hier entfernt, an dem Südhange eines steinigen Hügels steht.
-
-Hausherren und Familienväter haben ihre Sorgen, darum denkt Antune
-emsig darüber nach, wie er es machen solle, um den Bruder Ilia mit dem
-gleichen Kleiderschmuck zu versehen, den er selbst trägt. Denn der
-Antune hat eine rothe Mütze und um dieselbe herum einen durchlöcherten
-Lappen als Turban; Antune besitzt einen kleinen Zopf, der, durch
-Bindfaden verlängert und mit kleinen Bleikugeln beschwert, ihm
-rückwärts gar stattlich herabhängt. Antune ist mit blauen, zerrissenen,
-türkischen Hosen und mit einer etwas zu klein gewordenen, aber grün und
-roth benähten braunen Jacke bekleidet; um des Antune Leib prangt ein
-schwerer Ledergürtel, in dem zwei mächtige Messer stecken. Antune hat
-eine, wenn auch leere Pfeife zwischen den Zähnen und Ilia -- besitzt
-nur ein langes weisses Hemd und eine rothwollene Leibbinde, sonst
-nichts.
-
-[Illustration: Antune und Ilia.]
-
-Ilia ist ja noch ein Kind und trank bis gestern die Muttermilch, denn
-ein ordentliches Morlakenkind wird nicht der Mutterbrust entwöhnt, ehe
-es sieben Jahre alt ist. Der Antune aber ist ein Mann, er hat aus der
-fünf Fuss langen Flinte seines Vaters auf Hasen und Schnepfen schon
-mehr Pulver verschossen, als Andere von seinem Alter gesehen; er hat
-selbst und ganz allein schon einen Hammel geschlachtet; er wusste den
-schweren Holzsattel auf das alte Pferd zu legen und war mehr als einmal
-mit einem halben Dutzend Hühner am Sattel und einem Fluch auf der
-Zunge, -- so oft nämlich der magere Gaul stolperte, -- auf den Markt
-nach Sign geritten. Vor Allem ist er jetzt Hausherr und Familienvater.
-Mit dem erhebenden Bewusstsein des Besitzes ist aber auch die Sorge
-bei ihm eingezogen, denn gegenwärtig hat er nichts zu rauchen und sein
-Bruder nichts zu trinken; die fünf Schuh lange Flinte, seinen Stolz,
-haben die Gendarmen mitgenommen, und mit der Flinte den Vater und mit
-dem Vater die Mutter.
-
-Dass die amtliche Wiener-Zeitung eines schönen Tages unter den von
-der Rinderpest heimgesuchten Bezirken auch jenen aufgeführt hatte,
-in welchem die halbverfallene Hütte des Grgur Staricic steht, war
-Letzterem ein Geheimniss geblieben, denn eine Zeitung und eine
-Eisenbahn waren Dinge, deren Dasein er bis jetzt nicht einmal ahnte.
-Ausserdem stand in gut gemessenem Umkreise von einer Stunde kein Haus
-in der Nähe des seinigen und da konnte Grgur Staricic nicht viel
-mit Nachbarn verkehren, die ihm die Neuigkeit von der Rinderpest
-mitgetheilt hätten. Da war aber eines schönen Tages der Harambascha[43]
-gekommen und hatte sich zu dem Feuer gesetzt, das mitten in der
-Hütte am Boden flackerte. Der hatte ihm von Dem und Jenem erzählt,
-wie nämlich die Zeiten so schlecht und die Polenta immer seltener
-würde, wie aus dem nahen Bosnien herüber Räuber gekommen und eine
-Caravane ausgeraubt hätten, die gegen Spalato gezogen, wie der Herr
-Steuereinnehmer so viele Leute pfänden lasse, trotzdem im Bezirke seit
-Monaten die Hungersnoth herrsche und schliesslich wie allenthalben eine
-böse Krankheit das Vieh befalle und viele Bekannte um ihren ganzen
-Viehstand gekommen seien. Darauf hatte der Grgur entgegnet, wie es ihm
-auch nicht besser ginge, wie er vor vierzehn Tage seinen lahmen Gaul
-und die letzten zwei Schafe verkauft habe und nichts mehr hätte als
-die einzige Kuh. Bei diesen Worten hatte sein Weib, die Mande[44],
-die bisher spinnend im Winkel gesessen, aufgeseufzt und die Bemerkung
-hingeworfen, dass die Kuh seit zwei Tagen nicht mehr fressen wolle und
-wohl krank sein müsse. Ja, -- krank, und unser Herrgott besser's.
-
- [43] Ortsvorstand.
-
- [44] Magdalena.
-
-Grgur Staricic war aber ein guter Hausvater und hielt etwas auf Schick
-und Sitte. Darum rief er seinem Weibe, das sich unterstanden hatte, in
-Gegenwart von Männern zu sprechen, einen Fluch zu. Das hinderte jedoch
-nicht, dass er und der Harambascha hinausgingen zu der kranken Kuh,
-die hinter der Thür auf dem Boden lag. Und da hatte der Harambascha,
-der, ein sehr gescheidter Mann, sogar ein Mittel wider Schlangenbiss
-und Fieber wusste, gesagt, die Kuh hätte die Rinderpest und müsse
-erschlagen und verscharrt werden. Darüber aber ergrimmte der Grgur und
-schwor, er werde den Harambascha niederschiessen, wenn er ihn oder
-seine Kuh noch einmal verunglimpfe.
-
-Nun, der Harambascha fluchte auch nicht wenig und ging fort, indem er
-seine Flinte über die Schulter warf und im Fortgehen dem Grgur einen
-bösen Blick zusendete. Und Tags darauf kam eine ganze Cavalcade, ein
-Beamter in Uniform, der Bezirksarzt und der Gerichtsdiener zu Pferde,
-dann zwei Gendarmen zu Fuss. Die untersuchten die Kuh und fanden sie
-erkrankt; der Grgur musste sie selbst schlachten und dann eine tiefe
-Grube graben, wobei ihm Mande und der Antune getreulich, aber grollend
-halfen. Da hinein wurde der Cadaver geworfen, Erde darüber gestampft
-und der Grgur dafür verantwortlich gemacht, dass Niemand die verpestete
-Grube öffne. Dann ging die Commission wie sie gekommen war.
-
-Es war aber Weihnachten und Neujahr vor der Thür, die heilige Zeit,
-die sich in Dalmatien nicht in dem hellen schneeschimmernden Kleide
-zeigt, wie bei uns zu Hause. Wenn im Norden der Winter über die Flur
-streicht und die Nebelflocken hinfegen über die kalte Erde, dann
-schleicht oft ein zweiter falscher Frühling über die steingepanzerten
-Dalmatiner Berge. Die Sonne steigt dann glanzvoll aus dem feinen
-duftigblauen Nebel, den die Nacht über Berg und Thal gebreitet,
-und giesst in verschwenderischer Pracht ihre funkelnden Lichter
-über das gelbschimmernde Gestein. Wo den langen Sommer über die
-brennend heissen, kaum je vom Regen genetzten Felsen in kahler Dürre
-starrten, da locken jetzt die täglichen Niederschläge und die im Boden
-haftende Wärme eine späte Vegetation hervor, das Trugbild eines rasch
-vorübergleitenden Frühlings.
-
-Für den Morlaken sind das prächtige Tage. Er kann sein Vieh auf die
-zerklüfteten Bergabhänge treiben, wo es nach Monaten wieder frisches
-Futter findet; er kann sich faul hinauslegen vor seine Hütte mit dem
-Pfeifenstummel im Munde, während sein Weib, das beste Lastthier, das
-er besitzt, verkümmertes Reisig einsammelt für den Winterbedarf; hin
-und wieder gelingt es ihm auch, eine Gans, oder eine Ente oder sonst
-einen Zugvogel zu erlegen, der über die steinerne Wildniss gegen den
-Süden streicht, und Trinkwasser, das sein Weib den Sommer über aus
-einer zwei Stunden weit entfernten Pfütze nach Hause schleppen musste,
-das findet er und sein Vieh jetzt im Ueberfluss. In der Hütte stehen
-auf einem hohen Verschlage, -- damit die genäschigen Ziegen nicht dazu
-gelangen, -- ein Paar Säcke mit Moorhirse und Mais, sein Brod für den
-Winter; mit dem Gelde, das er für einen Hammel erhalten, hat er die
-Steuern gezahlt; einige Ziegen und Schafe, vielleicht auch ein Schwein,
-theilen mit ihm das schützende Dach seiner Hütte und schützen ihn und
-die Seinigen den Winter über vor Hunger.
-
-Freilich stört dann die eisige Bora manchmal sein Stillleben, wenn sie
-durch die nackten Gebirgsschluchten einherbraust und in wenigen Stunden
-das trügerisch hervorgelockte Frühlingsbild verscheucht. Dann wickelt
-der Morlake sich in seinen braunen Mantel und streckt sich, so lang er
-ist, neben dem Feuer aus, das mitten in der Hütte brennt. Die Pfeife
-im Munde überlässt er sich dann träumerischem Behagen und denkt an die
-nahenden Weihnachten. Vielleicht gestattet er dann auch seinem Weibe,
-wenn es von der Holzsuche oder mit dem gefüllten Wassereimer auf dem
-Rücken halberstarrt in die Hütte tritt, sich neben ihm zum Feuer zu
-hocken und die erstarrten Glieder zu wärmen -- +vielleicht+, denn das
-Weib ist dem Morlaken ein tief unter ihm stehendes Geschöpf, dem es
-+nie+ gestattet ist seinen Platz am Tische und nur selten das wärmende
-Feuer mit ihm zu theilen.
-
-Dieses Jahr hatte sich aber gar schlecht angelassen für die Morlaken
-auf weit und breit in der Runde. Der Harambascha hatte Recht gehabt
-und Grgur Staricic wusste es, ehe der Harambascha es ihm erzählte,
-dass kein Mais und kein Moorhirse in den Hütten zu finden sei, dass die
-Schafe und Ziegen schon vor Monaten auf den Markt wandern mussten, dass
-ihm das Mehl für den Winter und das Saatkorn für das Frühjahr fehle,
-und dass es ihm ganz verteufelt schlecht gehen werde. Und die Festtage
-waren vor der Thüre! Festtage ohne Schafbraten, ohne Wein und ohne
-Schnaps, die ihm doch sonst niemals gemangelt!
-
-Kein Braten, kein Wein, kein Branntwein, kein Pulver mehr im Hause
-und keinen Tabak im Beutel -- aber hundert Schritte hinter dem Hause
-die frisch vergrabene Kuh. Grgur Staricic versteht es besser als der
-Prätor, der Bezirksarzt und alle diese Herren miteinander. Darum
-rief er der Mande und ging hin zur frisch gefüllten Grube. Die Mande
-schleppte zwei Spaten herbei und dann gruben die Zwei, bis der Cadaver
-wieder an's Tageslicht kam. Der wurde zerstückt in's Haus geschleppt.
-Braten, guten frischen Braten, hätten sie jetzt in Hülle und Fülle --
-wenn nicht gerade während der Arbeit wieder die leidigen Gendarmen
-gekommen wären, die gar wohl ihre Leute kennen mochten.
-
-Da war aber der Grgur Staricic wild aufgefahren und hatte sich mit
-der Hacke zur Wehre gesetzt als die Gendarmen ihm seinen Festbraten
-nehmen wollten; und als sie ihn überwunden, da feuerte die Mande aus
-der Hütte auf die Gendarmen -- zum Glück, ohne sie zu treffen, denn die
-Kugel durchlöcherte nur des Einen Mantel. Darum hatten die Gendarmen
-den Grgur Staricic mit einem soliden Handeisen an die theure Mande
-gefesselt, die Flinte mitgenommen und alle Drei, den Grgur, die Mande
-und die Flinte dem nächsten Bezirksgerichte übergeben.
-
-Das ist die Ursache, warum der Antune jetzt Hausherr und Familienvater
-ist und der Ilia nichts zu trinken hat. Damit er und sein Bruder zu
-essen hätten, bequemte er sich, die Schafe des Pfarrers, der nur
-eine Stunde entfernt wohnte, zur Weide zu treiben. Da konnte der
-Ilia bei ihm bleiben. Des Nachts schliefen sie im Schafstalle, des
-Morgens bekamen sie Jeder ein grosses Stück Maisbrod mit auf den Weg
-und Abends fehlte es auch nicht an einem Bissen. Und dabei konnte er
-hin und wieder in seiner Hütte nachsehen. Es war zwar nichts da, das
-fortgenommen werden konnte, aber das Bewusstsein der Verantwortlichkeit
-machte sich doch geltend.
-
-Weil das Wetter so schön und die Luft so lau, hatte er heute, am
-Weihnachtsabende, seine Schafe weit hinausgetrieben über die steinige
-Wüste. Dort sprosst junges Gras aus den Steinritzen, dort grünt noch
-ein oder das andere Blatt an einsam stehenden verkrüppelten Bäumen und
-Sträuchern, dort sitzt er auch sonst gerne mit dem Ilia, weil er den
-ganzen Tag über keines Menschen ansichtig wird und nachbrüten kann über
-das ihm unbekannte Schicksal des Vaters und der Mutter. Er denkt auch
-gerne daran, wie er an den Gendarmen sich rächen könne, aber früher
-müssen Vater, Mutter und Flinte wieder in der halbverfallenen Hütte
-sein.
-
-[Illustration: Die Hirtenknaben am Weihnachtsabend.]
-
-Halt! Was war das? Ein dröhnendes Pfeifen tönt aus der Schlucht
-die jene beiden Felsen trennt -- ein Rauschen folgt nach, als ob
-Millionen von kleinen Steinchen gegen den Felsboden geworfen würden
--- die Schafe, die weit zerstreut ihre magere Atzung suchten, drängen
-sich herbei gegen die schützende Felswand und ein eisigkalter Luftstrom
-braust über den Felsboden hin durch die grün und roth ausgenähte Jacke
-des Antune und durch das Hemd des Ilia.
-
-Die Bora ist's, die Bora, wie man sie nur in Dalmatiens felsigen Bergen
-kennt, wo sie plötzlich hereinbricht mit Riesenkraft und Donnergeheul,
-wo sie Bäume entwurzelt, Felsstücke hinabrollt über die Berge, Hütten
-wegfegt und das kletternde Vieh hinabstürzt in gähnende Gründe. Die
-Bora ist's mit ihrem eisigen Hauch, der in wenigen Stunden die jungen
-Triebe, die ein falscher Frühling hervorgelockt, farblos hinlegt auf
-den Boden als wenn sie verbrannt wären und glitzernde Eiskrystalle über
-Berg und Thal zaubert.
-
-Jetzt nach Hause treiben? Nein -- das thut der Antune nicht -- denn er
-ist ein Mann und weiss, dass ihm seine Schafe hinabgefegt würden über
-den Berg wie die Strohhalme. Er weiss auch, dass er vor fünf Stunden
-nicht nach Hause käme, während die Sonne in zwei Stunden bereits hinter
-den Berg sinken müsse. Er thut Besseres: er wälzt Steine zusammen gegen
-die Felswand, die ihm den Rücken wider die Bora schützt.
-
-Ein Haus kann er flugs nicht bauen, aber eine kleine Cyklopenmauer
-kann er aufführen von ungefügen Steinen und sich auf diese Weise gegen
-zwei Seiten hin schützen. Das thut er auch mit festverbissenen Zähnen,
-ohne ein Wort zu sprechen. Der Ilia hilft ihm weinend. Dann treiben
-sie die Schafe näher zusammen und als die Sonne zu Rüste geht, setzen
-sie sich hin, Antune an die Felswand gelehnt und den Ilia mit beiden
-Armen umfangend. Früher hat er dem Ilia seine Jacke angezogen. Er und
-Ilia haben zwei Schafe bei ihrem Vliess gepackt und enger an sich
-herangezogen. Dann geht die Sonne unter. Dann brüllt die Bora und mit
-ihr zieht Frost und der heilige Abend in das Land. Antune und Ilia
-drückten sich enger zusammen.
-
-Sie schlafen. Ob der Antune von der Rache träumte, die er an den
-Gendarmen nehmen will? oder der siebenjährige Ilia von der Muttermilch,
-die er so schmerzlich entbehrt? Das hat man nie erfahren.
-
-Am Christtage fand man die Schafe noch immer zitternd zusammengedrängt
-unter der Felswand, die Hirten aber schliefen für immer.
-
-
-
-
-Die streitbaren Bocchesen.
-
-
-Der heilige Tryphon ist ein grosser Heiliger, war aber auch ein
-wehrhafter und tüchtiger Mann: er hat seinerzeit dem Teufel den Schwanz
-ausgerissen.
-
-Jedenfalls steht es fest, dass man die sonderbarsten Heiligen der Welt
-in Dalmatien findet. Nicht in dem Sinne, in welchem man gewöhnlich
-den Ausdruck »sonderbarer Heiliger« gebraucht, sondern weil es in
-Dalmatien Heilige gibt, deren Namen kein Mensch kennt, der nicht
-die neununddreissig Quartbände der Bolandisten durchgelesen, oder
-Dalmatien seine Heimat nennt. Ein in ganz Dalmatien hochverehrter
-Heiliger ist der heilige Dojmo: ausser Dalmatien unbekannt -- der
-Specialschutzheilige der Stadt und des Gebietes Cattaro ist der heilige
-Tryphon -- nicht einmal in ganz Dalmatien, geschweige denn über
-dasselbe hinaus bekannt.
-
-Wenn man die lange eintönige Kette hoher, grösstentheils schroff
-aufsteigender und unbewaldeter Berge vorüberfährt, welche das unter
-dem Namen Bocca di Cattaro bekannte Gewirr von Buchten, Meerengen und
-Canälen zu beiden Seiten begleiten, so findet das Auge gleichwohl
-schöne, grünschimmernde Ruhepunkte. An beiden Ufern schwingen sich
-in den kleinen Raum, der zwischen dem Fusse der mächtigen Berge und
-dem Meeresufer frei geblieben, anmuthige Ortschaften mit netten
-weissglänzenden Gebäuden; dazwischen sind Gärtchen zerstreut, rings
-herum ein Anflug von Grün auf dem Bergesabhang oder gar eine schöne
-üppige Vegetation, wie bei Castelnuovo. Die Häuser stehen meistens
-hart am Meere, deren Eigenthümer sind Schiffscapitäne, die gar oft mit
-dem eigenen Schiffe bis vor ihr Hausthor fahren und, von weiter Fahrt
-heimkehrend, nur einen Sprung vom Verdecke auf das Land zu machen
-brauchen, um Weib und Kinder zu umarmen.
-
-In dem gegen Süden laufenden eigentlichen Canal von Cattaro ist das
-am östlichen Ufer liegende Dobrota der letzte Ort, der den erwähnten
-anmuthigen Eindruck macht. Dann erweitert sich der Canal zu einer
-Bucht, die keine weitere Ausfahrt bietet. Die Berge werden höher und
-schroffer, sie fallen so jäh ab, dass man jeden Augenblick fürchten
-möchte, einer der mächtigen Felsblöcke werde herabkollern und im
-Niedersturze ein Häuschen begraben, das am Meeresufer steht, oder ein
-im Canal hinauffahrendes Schiff zerschmettern. Die Farbe des Gesteins
-wird schwarzgrau, tiefe Schatten breiten sich über die Bucht, in
-welcher des Winters erst zwei Stunden vor Mittag die Sonne aufgeht;
-riesige Felskuppen spiegeln sich in der dunklen Fluth -- es sind die
-Spitzen der berühmten schwarzen Berge -- montenegrinisches Gebiet.
-Am Ende dieser unheimlich düstern Bucht liegt eine kleine Masse von
-dunklen alterthümlichen Häusern, von alten Festungsmauern umgeben, von
-einem auf vorspringender Kuppe des Felsens erbauten Fort überragt -- es
-ist Cattaro.
-
-Düster wie das Meer und die dasselbe umrahmenden Berge ist die
-Stadt -- düster die alten aus Quadern erbauten Häuser -- düster
-die alterthümlichen, vielfach von Erdbeben beschädigten Kirchen --
-düster die Menschen, die hier wohnen. Und so mag es denn auch nicht
-Wunder nehmen, wenn sich die Cattareser einen so düstern Heiligen zum
-Schutzpatron erkoren haben, wie es der heilige Tryphon ist, den in
-der ganzen übrigen Welt Niemand kennt, und der dem Teufel den Schwanz
-ausgerissen hat.
-
-In der uralten Domkirche, die um das Jahr 900 erbaut wurde, und deren
-ganze mächtige Wölbung auf vier Granit- und Marmorsäulen ruht, zeigt
-ein ober dem Hochaltar angebrachtes Marmorfries die Thaten des Kirchen-
-und Schutzpatrons. Der heilige Tryphon war nach der Legende ein Mensch,
-der, zu Kampsade bei Apamea in Phrygien geboren, schon seit seiner
-frühesten Jugend sich mit Teufelaustreiben beschäftigte und diese
-Beschäftigung auch nicht aufgab, bis er unter dem Kaiser Philippus
-von dem Präfecten Aquilinus gemartert und schliesslich geköpft wurde.
-In der Schatzkammer der Domkirche sind sehr schöne Marmorsculpturen,
-welche des Heiligen Martern darstellen; der erwähnte Fries ober dem
-Hochaltar aber zeigt die Wunder des Heiligen, die er an verschiedenen
-Besessenen durch Austreibung böser Geister geübt hat -- schliesslich
-flieht ein entsetzlich aussehender Teufel mit Fledermausflügeln und
-Krallen, während Tryphon ihm eben den Schweif ausreisst.
-
-Ein so tapferer Mann konnte und musste den kriegerischen Bocchesen als
-der richtige Heilige erscheinen. Als daher die Venezianer im Jahre 809
-seinen Körper nach Cattaro brachten, war das Volk hocherfreut darüber,
-erbaute ihm zu Ehren die Kirche und begab sich unter sein Protectorat.
-Was aber die pfiffigen Venezianer als Gegenleistung dafür verlangten,
-dass sie den heiligen Körper von Nicäa auf einem eigenen Schiffe hieher
-geführt, das weiss man heute nicht mehr -- wenigstens konnte ich es
-ebensowenig in Erfahrung bringen als den Grund, aus welchem hier
-Jedermann mit einem kleinen Arsenal von Waffen im Gürtel herumgeht.
-
-Nicht weniger wehrhaft als die Männer scheinen die Boccheser Frauen zu
-sein.
-
-An dem Canale von Cattaro, kaum eine halbe Stunde von dieser Stadt
-entfernt, liegt Dobrota, ein grosser, hübscher Ort, grösser und viel
-schöner als Cattaro selbst. Jedes Gebäude dieses Orts bildet für sich
-eine kleine Festung, ist von den Nachbarhäusern durch einen Garten
-und tüchtige mit Schiessscharten versehenen Mauern abgesondert. Die
-Eingänge zu diesen Häusern sind gewölbt, die Thüren von massivem Holz
-und mit Eisen beschlagen. Neben jeder Hausthüre sind wieder zwei
-Schiessscharten und unter jedem Fenster sind durch die Mauer zwei
-Löcher von beiläufig zwei Zoll im Durchmesser gebohrt. Ich konnte
-lange nicht mit mir in's Reine kommen, welchen Zweck diese ungefähr
-einen Fuss ober dem Fussboden des Zimmers angebrachten und schräg
-nach abwärts durch die Mauer laufenden dünnen Canäle haben sollten.
-Da brachte mir ein günstiges Geschick angenehme Gesellschaft und die
-gewünschte Erklärung. Beides zugleich.
-
-Wo die Natur so arm und die Umgebung so wild ist, da kann auch der
-Charakter der Bewohner nicht anders als düster sein. Das ist auch in
-der Bocca di Cattaro der Fall. Die heitere Beweglichkeit, die hellen
-Farben in der Kleidung, das laute, lärmende, öffentliche Leben, Dinge,
-die allerwärts den Süden so schön und seine Bewohner so anmuthig
-erscheinen lassen, sie fehlen in der Bocca gänzlich. Der richtige
-Bocchese ist entweder zur See oder er hat sich auf seinen Seereisen ein
-Stück Geld erworben und heimgebracht; dann geht er in dunkler, halb
-städtischer, halb slavisch nationaler Kleidung, mit dem langen Tschibuk
-in der Hand, gemessenen Schrittes durch die Strassen, sitzt mit seinen
-Genossen plaudernd in irgend einem der kleinen Kaffeehäuser oder späht
-auf der Marina unter den ankernden Küstenfahrern herum, ob sich nicht
-in irgend einer Weise ein vortheilhaftes Geschäft, irgend ein Handel
-machen lasse. Sein Weib und seine Tochter aber, die bleiben unter allen
-Umständen zu Hause, -- es wäre eine Schande, wenn sie sich auf der
-Strasse sehen und von fremden Männern ansehen liessen, eine Schande für
-den Herrn des Hauses, für die Weiber, für die Familie. Man ist hier an
-der Grenze des Orients.
-
-Zwischen dem Bewohner der Stadt und dem sogenannten Bauer gibt es in
-dieser Beziehung wenig oder keinen Unterschied. Beide tragen dieselbe
-finstere Würde zur Schau, wenn sie sich auf der Gasse zeigen, -- beide
-halten die Arbeit für unvereinbar mit der Würde eines freigebornen
-Mannes. »Die Arbeit ist für die Sclaven«, das ist ihr Losungswort.
-Leider gibt es in der Bocca di Cattaro keine Sclaven mehr und so bleibt
-die Arbeit eben liegen. Es geht auch ohne dem.
-
-Ich hatte in Cattaro die Bekanntschaft eines jungen Schiffscapitäns
-gemacht. Der Mann war, so jung er schien, weit herumgekommen in
-der Welt und hatte vieles von der trockenen und rauhen Aussenseite
-abgeschliffen, die seinen Landsleuten sonst in so hohem Grade eigen
-ist. Ja, -- selbst über gewisse Vorurtheile vermochte er sich
-hinauszusetzen, denn er sprach mir von seiner Schwester, einem jungen
-Mädchen, das nach dem Tode der Aeltern im Hause die Wirthschaft führte.
-Er sprach von ihr ohne früher um Entschuldigung zu bitten, als ob er
-von einem unreinen oder ekelhaften Gegenstande gesprochen hätte, und
-lud mich sogar ein ihn in seinem Hauswesen zu besuchen. Er wohne in
-Dobrota, eine halbe Stunde von hier entfernt, und wenn ich wolle, sei
-er bereit mich hinauszuführen. Ich willigte ein.
-
-Die Sonne warf eben ihre letzten Strahlen wie flüssiges Gold über
-die Kuppen der hohen Berge und der breite Canal kleidete sich in
-schwarzblaue Tinten. Kleine Fischerboote fuhren bei kaum merkbarem
-Winde hin über die dunkle Fläche und eine tiefe Frühlingsabendstille
-senkte sich über die schwarzen Berge und die tiefdunkle See.
-
-Diese feierliche Stille wurde kaum unterbrochen, als wir nach kurzem
-Gange nach Dobrota kamen. Dobrota ist nur von Schiffscapitänen
-bevölkert. Folge davon ist, dass man in ganz Dobrota kaum eines
-erwachsenen Mannes ansichtig wird. Früher erlernten die Dobrotaner die
-Führung eines Schiffes nur practisch und konnten selten schreiben und
-lesen. Seitdem der Staat aber die Ausstellung eines Capitän-Patents
-von dem Erfolge einer theoretischen und practischen Prüfung abhängig
-macht, besuchen sämmtliche Jungen die nautische Schule, lernen etwas
-Tüchtiges und gehen dann auf die See. Natürlich sind sie immer auf
-kleinen Reisen begriffen, schicken Briefe aus New-York, Marseille,
-London, St. Francisco, Hongkong und Gott weiss woher sonst noch, aber
-nach Dobrota kommen sie alle zwei oder drei Jahre einmal auf wenige
-Tage.
-
-Früher traf es sich hin und wieder, dass aus den schwarzen Bergen
-herab eine kleine nächtliche Expedition unternommen wurde, um von
-den Familien der abwesenden Schiffscapitäne ein wenig von all' den
-schönen Sachen, den glänzenden Goldstücken und dem hübschen Geschmeide
-zu holen, das die in der Welt herumfahrenden Hausväter heimgesendet
-oder gelegentlich mitgebracht hatten. In den Häusern waren nur Weiber
-und Kinder, höchstens noch ein Knecht. Wenn nun verdächtiges Gesindel
-den Eingang des Nachts erzwingen wollte, so wurden lange Gewehre mit
-erweiterter Mündung durch die unter den Fenstern angebrachten Canäle
-gesteckt, von welchen ich früher erzählte, und ohne zu zielen einfach
-abgefeuert. Denn die Canäle sind so gebohrt, dass immer einer die
-Eingangspforte des von Mauerwerk aufgeführten, von der Gasse gegen das
-Haus führenden Ganges bestreicht, der andere die Hausthüre selbst.
-
-Wir kamen an das Haus meines Freundes. Ein Knecht öffnete uns
-nachdem wir an der Pforte geläutet, und wir schritten einen langen
-zwischen zwei hohen Mauern im Zikzak laufenden Gang entlang gegen
-das eigentliche Wohngebäude. Der Gang erinnerte einigermassen an
-den gedeckten Weg einer Festung und mochte auch ungefähr dieselbe
-Bestimmung haben. An der Thüre des Hauses abermaliges Läuten, darauf
-eilende Schritte von Innen, -- die Thüre öffnete sich und vor uns stand
-die Schwester meines Freundes.
-
-Ein schönes, schlankes Mädchen mit prachtvollen dunkeln Augen und
-reichem schwarzen Haare, stand sie in einfachem schwarzen Kleide unter
-der Thüre und wurde nicht im mindesten verlegen, als ihr Bruder uns
-einander vorstellte. Ja, sie bot mir die Hand mit der einfachen und
-unbewussten Eleganz einer Weltdame und übernahm es augenblicklich mir
-Garten und Haus zu zeigen, während der Bruder einige alte Prachtwaffen
-herbeiholte, von denen er mir früher schon gesprochen hatte.
-
-Während wir die höchst reinlich gehaltenen mit tüchtigen Fensterbalken
-und Schiesscanälen versehenen Zimmer durchschritten, erzählte mir
-meine schöne Führerin, wie ihre Grossmutter, die erst im vorigen Jahre
-beinahe achtzig Jahre alt gestorben, als deren Kinder noch klein waren
-und sie mit zwei Mägden und einem Knechte die ganze Besatzung des
-Hauses bildete, einmal dasselbe vor Nachtszeit gegen einen von mehr als
-dreissig Räubern unternommenen Ueberfall vertheidigte. Das Mädchen wies
-mir die Schiessscharten, durch welche die Grossmutter gefeuert hatte
-und schleppte ein unsinnig langes Trombon herbei, um mir zu zeigen, wie
-dasselbe, mit mehreren Kugeln oder gehacktem Blei geladen und einfach
-durch den Schusscanal gesteckt, unfehlbar Jeden treffen musste, der
-durch das Thor eindringen wollte. Als sie mir das Alles erzählte,
-blitzten ihre wunderschönen Augen und sie redete sich in eine förmliche
-Begeisterung hinein, während ihre hübschen Finger fieberhaft mit dem
-alten Steinschlosse des Trombons spielten. Jedenfalls scheint die
-Enkelin der Grossmutter nachgerathen zu sein -- wehe dem Räuber, der es
-einmal wagen sollte, diese Festung zu stürmen -- ich glaube, das alte
-Trombon thäte heute noch seine Schuldigkeit.
-
-Das Mädchen wurde gar leutselig und gesprächig, als sie und ihr älterer
-Bruder, der sich von überstandener Krankheit in der Heimat erholte,
-mich durch den Garten des Hauses führte. Sie war -- wie sie mir
-erzählte -- nur viermal in ihrem Leben in Cattaro gewesen, ausserdem
-hatte sie noch nie Dobrota verlassen. Das elegante schwarze Kleid, das
-sie trug, hat sie selbst verfertigt. Sie hält sich ein Modejournal.
-Früher war sie national gekleidet, aber seitdem Vater und Mutter todt
-sind, kleidet sie sich »europäisch«, wie sie bezeichnend und lächelnd
-sagte. Sie ist Braut. Ihr Bräutigam ist natürlich Schiffscapitän und
-weilt gegenwärtig in Genua. Das Schiff, das er commandirt, ist +ihr+
-Eigenthum und sie bringt es ihm als Morgengabe mit. Sobald Schiff
-und Bräutigam zurückkehren, giebt's Hochzeit und dann macht sie mit
-ihrem Schiff und ihrem Gemal eine Hochzeitsreise nach New-York, wohin
-das Schiff Ladung bekommen. +Er+, der Bräutigam, hat auf +ihrem+
-Schiff bereits eine extra schöne Cajüte bauen und einrichten lassen,
-sämmtliche Möbel sind von dem Holze eines Birnbaumes in Buenos Ayres,
-das so feine Adern hat »wie ein Christenmensch« und sich anfühlt wie
-Sammt. Mit demselben Holze ist auch die Cajüte getäfelt und die Schöne
-freute sich unsinnig auf Cajüte, Bräutigam, Schiff und Reise.
-
-Als wir später wieder in das Haus hinaufgingen und sie der Magd die
-Tasse mit schwarzem Kaffee abnahm, um dem Bruder und mir denselben
-zu credenzen, war sie nicht zu bewegen, selbst auch Kaffee zu nehmen
-oder sich auch nur an den Tisch zu setzen. Es schicke sich nicht,
-meinte sie, dass ein Frauenzimmer und gar ein Mädchen in Gesellschaft
-von Männern esse oder trinke, und der Bruder bestätigte ruhig diese
-Ansicht. Zum Abschiede gab sie mir aber ohne jede Ziererei wieder die
-Hand und wünschte mir eine recht glückliche Reise. Die meinige werde
-wohl kürzer sein, sagte sie lächelnd, als die ihrige. In vier Wochen
-dürfte sie bereits verheiratet sein und dann geht's zu Schiffe. Zurück
-kehrt sie erst, wenn sie das erste Kind bekommen. Das sagte sie,
-ohne im mindesten zu erröthen und dabei blickten ihre prachtvollen,
-schwarzen Augen mit einem eigenthümlichen Ausdrucke hinaus, als ob sie
-über das Meer sehen könnten bis nach New-York und in die Zukunft bis
-zur Ankunft des ersten Kindes.
-
-
-
-
-Der Gouverneur von Scoglio Stipansko.
-
-
-Der Patron Zuanin Dedich drehte unser lateinisches Segel etwas mehr
-gegen den frischen Ostwind und that einen Ruck am Steuerruder. Folge
-davon war, dass sich unsere Barke auf die Seite legte, dass ferner
-beide Damen laut aufschrien und dass ich ein Glas Wein zur Hälfte
-verschüttete, welches ich eben gefüllt in der Hand hielt.
-
-»Keine Furcht!« sagte Patron Zuanin ruhig, »ich halte etwas vom Winde
-ab, weil die Barke am besten »mezza nave« fährt und da hinten ein
-Wetter heraufkommt. Je eher wir nach Stipansko kommen, desto besser.
-Wenn's gut geht, bleiben wir über Nacht dort. Ich habe mir's ohnehin
-gedacht -- aber mit Weibern ist nicht zu reden, wenn sie sich einmal
-etwas in den Kopf gesetzt haben. Sie wissen ja!«
-
-Mit seiner Hand, welche die Grösse eines massigen Tellers hatte,
-veranschaulichte uns dabei Patron Zuanin, dass »mezza nave« eine
-schiefe Stellung des Schiffes bedeute, wobei der Wind und die klemmende
-Kraft des Steuerruders unter einem spitzen Winkel sich kreuzen.
-
-Die despectirliche Aeusserung bezüglich der Damen fühlte er sich
-durchaus nicht bewogen, zu entschuldigen. Nachdem er seinen
-Orakelspruch zum Besten gegeben, sass er wieder unbeweglich auf seinem
-Kranz von Stricken, hielt das Steuerruder umfasst und blickte mit
-seinen hellgrauen Seemannsaugen unverwandt auf die Felsen, die aus den
-sanftbewegten Wellen vom Sonnenschein übergossen vor uns auftauchten.
-
-Wenn wir auf einer Felsen-Insel übernachten mussten, so war Niemand
-daran Schuld als der selige Joachim Heinrich Campe mit seinem Robinson
-Crusoe. Die beiden im Boote befindlichen Damen -- die Frau meines
-Freundes und meine eigene -- hatten sich urplötzlich an Robinson's
-Felsen-Insel erinnert, als sie nach Spalato gekommen, und hingen
-so lange und so fest an dem Wunsche, einmal auch ein wirkliches
-Riff-Eiland zu sehen und zu betreten, bis die Partie zu Stande kam,
-die uns nach Scoglio Stipansko führte.
-
-Scoglio heisst Riff- oder Felsen-Insel. Längs der dalmatinischen Küste
-liegt eine grosse Menge dieser öden Eilande, vom Meer umflossen, vom
-Sturm gepeitscht, im Sonnenbrande glühend, nackt oder von spärlichem
-Pflanzenwuchs bedeckt, zerklüftet und zerrissen, einsam und unbewohnt.
-Zur Sommerszeit, wenn die sengende Hitze auf den grösseren Inseln und
-auf dem Festlande Alles ausgetrocknet und verbrannt hat, findet sich
-wohl einer und der andere der armen Bauern von Lesina, Lissa, Solta
-oder Zirona, der ein paar Stücke Vieh in einer Barke auf den Scoglio
-übersetzt, eine Art Hütte aufschlägt und bis zu Winters Anfang dort
-haust. Ein- oder zweimal des Monats fährt er dann nach Hause zur
-nächstgelegenen bewohnten Insel, bringt Ziegen- oder Schafkäse zum
-Verkaufe mit, den er bereitet hat, und holt sich das Nothwendigste zum
-Leben. Dann bleibt er wieder wochenlang allein auf dem Scoglio.
-
-In der Nähe von Zara, im Canale della Morlacca, gibt es grössere
-Scogli, welche Bäume und Rebenpflanzungen, sowie Hütten aufweisen und
-das ganze Jahr bewohnt sind. Im Westen der südlichen grossen Inseln
-aber, bei den Inseln Lesina, Lissa, Curzola, Zirona, Solta, da findet
-man nur kleinere Scogli zerstreut, meistens weit hinausgeschoben in das
-adriatische Meer, so arm und nackt, dass sie oft nicht einmal einen
-Eigenthümer haben; Niemand begehrt sie.
-
-Weil aber der Scoglio Stipansko im Stande ist, einige Stücke Vieh
-durch einige Wochen zu ernähren, so hat er auch einen Eigenthümer, die
-Familie Stipanovich in Oliveto auf der Insel Solta. Und der Scoglio
-Stipansko war das Ziel unserer Reise, die wir von Spalato aus auf der
-Barke »Le sorelle allegre«, Patron Zuanin Dedich, unternommen.
-
-Das Gewitter, das vom Osten herankam, hatte angefangen sich fühlbar zu
-machen. Noch hatten wir hellen glänzenden Sonnenschein, aber das Meer
-wurde immer unruhiger, die Wogen hoben und senkten unsere kleine Barke,
-die keck »mezza nave« dahinglitt und der Ostwind, der unser Segel
-vollauf schwellte, war feucht und frisch von dem über die grosse Insel
-Brazza niedergehenden Regen.
-
-»Werden wir hier anlegen können, Patron Zuanin?« fragte ich, als die
-Felsen des Scoglio Stipansko steil und beinahe unmittelbar vor uns aus
-den weissen Kämmen der Wogen aufstiegen.
-
-»Hier nicht, Herr,« lautete die Antwort. »Hier gibt's keinen Schutz und
-keinen Ankergrund. Und wenn das Wetter so fortmacht, so geht mir hier
-über Nacht die Barke in Trümmer. Mit dem Zurückfahren ist's aber für
-heute entschieden nichts, denn +dieser+ Wind hält an«. Dabei drehte
-Patron Zuanin das Steuer und wir flogen, um die felsige Küste des
-Scoglio herum, dessen Westende zu.
-
-Die Felsenabhänge wurden immer niederer, je mehr wir der Nordwestspitze
-des Scoglio uns näherten, und als wir dieselbe nach zehn Minuten in
-scharfer Wendung umschifft hatten, befanden wir uns unter dem todten
-Winde in einer kleinen sandigen Bucht, in welcher einzelne Felstrümmer
-zerstreut aus dem Wasser hervorsahen. Patron Zuanin schlang das Ende
-eines Seiles um eines dieser Felstrümmer, die Barke lag still und das
-Segel schlug in schlappen Falten an die Stange.
-
-Der Kiel unserer Barke knirschte bereits im Sande und wir waren
-wenigstens noch fünfundzwanzig Schritte vom Ufer entfernt. Es blieb uns
-also nichts übrig, als uns unserer Fussbekleidung zu entledigen, die
-Beinkleider hinaufzuschürzen und -- Jeder von uns mit seiner Frau in
-den Armen -- das Trockene zu gewinnen.
-
-Wir möchten nur geradeaus gehen, hatte Patron Zuanin gesagt, bis wir
-das »Haus« des Joso vor uns hätten. Er, Zuanin, werde unterdessen den
-Proviant an's Land schaffen, die mitgenommenen Decken und auch das
-Segel, das wir vielleicht des Nachts brauchen könnten.
-
-Vom Ufer aus bedeckte noch auf wenige Schritte trockener Meeressand den
-Felsboden, wie ihn die hochgehende Fluth oder ein tüchtiger Weststurm
-heraufgeworfen hatte; dann aber sahen wir nichts vor uns, als eine
-Art felsiger Mulde, ohne jede Spur eines Pflanzenwuchses, ohne Spur
-eines lebenden Wesens. Die zerbröckelten scharfen Steine schnitten
-uns in die Füsse und wir konnten nur langsam vorwärts kommen auf
-unserer Suche nach dem »Hause« des Joso. Mächtige Steinblöcke hatten
-sich von den mauerartigen Uferfelsen der Insel losgerissen, waren in
-das Innere der Insel gekollert und hemmten von Zeit zu Zeit unseren
-Weg. Wir stiegen bergan. Die hohen Felsen schoben sich näher zusammen
-und zeigten in ihren Rissen und Sprüngen einen spärlichen Graswuchs.
-Dazwischen ragten die stacheligen Blätter von Aloëstauden, und als uns
-ein leises Geräusch aufblicken machte, sahen wir zwei Ziegen, die, in
-kühnen Sätzen gleich Gemsen von Stein zur Spitze springend, vor uns
-flohen. Noch einige Minuten dauerte unser beschwerlicher Weg. Dann
-kamen wir auf eine Art Plateau, aus dessen steinigem Boden gleichwohl
-dünner Graswuchs sprosste. Zwei magere Kühe und etwa ein Dutzend
-Schafe weideten da, die bei unserem Anblicke gleich den beiden Ziegen
-Reissaus nahmen. Zur linker Hand -- gegen Norden -- erhob sich eine
-Felswand. Ein herabgestürzter Riesenblock lag da, an den Hang gelehnt.
-Wir mussten an demselben vorüber und kaum hatten wir ihn erreicht, so
-stand urplötzlich, wie aus dem Felsen selbst herausgesprungen, eine
-menschliche Gestalt vor uns -- -- es war der Gouverneur von Scoglio
-Stipansko.
-
-Rohe Sandalen an den Füssen, blaue Beinkleider, die an den Hüften mit
-einer rothwollenen Schärpe befestigt waren, und ein +weisses+ Hemd
-sowie ein Strohhut waren seine Bekleidung. Ein wettergebräuntes Gesicht
-mit einem Paar hellgrauer, finsterblickender und fernsehender Augen,
-das von tausend feinen Runzeln gefurcht war, blickte uns trotzig und
-ruhig an. Seine linke Hand hielt das Rohr einer langen Flinte umspannt.
-Der Felsen hinter ihm zeigte eine tiefe Kluft, eine Art Höhle. Ueber
-den Eingang derselben und den oberen Theil des Felsenblockes, der
-sich an die Wand lehnt, waren knorrige Baumäste und einige alte Ruder
-geschichtet. Darüber lag Reisig mit trockenem Laub, dann eine Lage
-getrockneter Seealgen. Auf dem Ganzen ruhten schwere Steine. Thür war
-keine vorhanden. Das war die Residenz. Und der Mann, der, auf die alte,
-lange Flinte gestützt, vor deren Eingang stand, war Joso Grancic, der
-Gouverneur von Scoglio Stipansko.
-
-Nur Gouverneur? Nein, mehr als das, einziger unumschränkter Gebieter
-über Alles, was da lebt und webt auf dem Scoglio -- nicht ausser,
-aber über dem Gesetze -- nur gebietend, aber Niemandem gehorchend: so
-waltete Joso Grancic vom Mai bis October jeden Jahres auf dem Scoglio,
-fernab vom Getriebe der Menschen -- nur zwei Stunden von der nächsten
-dalmatinischen Insel entfernt und doch so einsam, als wäre er auf einem
-Korallenriffe der Südsee.
-
-Ob er immer so allein gewesen? Nein, wir hörten es später, wer ihm
-Gesellschaft geleistet. Wir hörten auch, warum er jetzt allein war.
-Sein Tschibuk trug die Schuld, nicht er.
-
-Der Abend war herangebrochen und der Sturm kam vom Osten her über die
-Wogen geflogen, so dass sie sich mit weissem Gischte krönten und wild
-anbrausten an die Felsen. Die zwei mageren Kühe, die Schafe und die
-Ziegen hatten sich unter die überhängenden Felswände geflüchtet vor dem
-strömenden Regen.
-
-Wir hatten unser mitgebrachtes Nachtmal eingenommen. In der Höhle
-hatten wir aus dem Segel und einigen Decken ein Nachtlager für die
-beiden Frauen bereitet, auf welchem sie, ermüdet von der frischen
-Seeluft, süss und ruhig schliefen. Wir Männer sassen unter dem
-Vordache der Hütte zwischen dem Felsenblocke und der Steinwand um ein
-kleines Feuer aus Kohlen und trockenem Ginster im Kreise. Wir hatten
-köstlichen Wein aus Solta und den wunderbarsten Tabak, der nur je über
-die bosnisch-dalmatinische Grenze geschwärzt wurde. Und da wir gut
-genachtmalt hatten, so ging uns nichts ab zum traulichen Gespräche am
-gastlichen Feuer. So mögen die Flüchtlinge aus Troja, so der kluge
-Ulysses mit seinen Gefährten am Feuer gesessen sein, des Tages Müh' und
-der fremden Umgebung Eigenart besprechend. Nur fehlte jenen der Tabak.
-
-Jose Grancic war gastfreundlich wie alle Dalmatiner. Er hatte uns zu
-Ehren ein Lamm schlachten wollen, was wir aber nicht zugaben. Und
-so hatte er wenigstens frischen Käse und Milch und Polenta zu dem
-gemeinschaftlichen Nachtmal beigesteuert und sass jetzt, langsam seinen
-Wein schlürfend und den Tschibuk in der Linken, mit unterschlagenen
-Beinen bei uns am Feuer.
-
-Anfangs war Jose Grancic einsilbig und trocken. Er sprach so selten
-mit Menschen, da musste er das Reden schier verlernt haben. Dann aber
-löste ihm der feurige Soltaner Wein die Zunge und er erzählte uns wie
-es gekommen, dass er jetzt allein sei auf dem Scoglio Stipansko und wie
-er's früher nicht gewesen.
-
-Ganz im Anfang war er allerdings auch allein. Denn er war noch nicht
-fünfzehn Jahr alt, als ihn sein Vater zu Beginn des Frühlings mit dem
-Vieh nach dem Scoglio sendete, wo er den Sommer über blieb. Die Höhle
-hatte er vor vierzig Jahren auszumeisseln begonnen und auch das Vordach
-vor derselben war sein Werk. Auch die kleinen Cisternen hatte er in den
-felsigen Grund gegraben, die ihm und seinem Vieh Wasser lieferten.
-
-[Illustration: Joso Grancic, der Gouverneur von Scoglio Stipansko.]
-
-Drüben auf der Ostseite hatte er so manchen Spalt des Gesteins langsam
-und mühselig urbar gemacht. Die Erde hatte er mit den Händen aus den
-Felsritzen gescharrt und auf seinem Rücken zusammengetragen. Darum ist
-es +sein+ Kohl und +sein+ Gemüse, das er jetzt baut. Auch eine Rebe,
-eine einzige, war ihm gelungen, zu ziehen. Diese hat ihre Wurzeln in
-den Stein getrieben und ist im Verlauf der Jahre ein mächtiger Baum
-geworden, der eine ganze Felswand überdacht. Darum ist es +seine+
-Rebe. Früher waren Vipern auf dem Scoglio in schwerer Menge. Eine hat
-ihn einmal in den Fuss gebissen. Er hat sich aber die Wunde mit einem
-glühenden Eisennagel ausgebrannt und ist genesen. Heute ist dieses
-Gezücht auf dem Scoglio nicht mehr zu finden. Er hat es ausgerottet. In
-vierzig Jahren!
-
-Vor beiläufig dreissig Jahren -- er weiss es nicht ganz genau -- hatte
-Jose Grancic geheiratet. Die Luce (Lucia) war ein ganz armes Bauernkind
-aus Milna auf der Insel Brazza. Der Vater des Jose hat aber einmal dem
-Vater der Luce das Leben gerettet, als der Letztere in seinem Boote auf
-dem Canale dei Castelli umschlug und dem Ertrinken nahe war. Damals
-hatten die beiden vereinbart, dass ihre Kinder sich einmal heiraten
-sollten. Das geschah. Die Luce war sehr schön und unter den Burschen
-von Milna waren viele, die sie gerne zur Frau genommen hätten. Da war
-auch der Andre Lovric, der sie zur Frau begehrte. Weil die Väter es
-aber so abgemacht hatten, so heiratete der Jose die Luce.
-
-Schlimm genug, denn sie hatten Beide Nichts. Aber der Jose war doch
-zufrieden, denn die Luce war sehr schön, er konnte sie mit sich nehmen,
-wenn er, wie alljährlich, den Scoglio Stipansko mit seinem Vieh bezog,
-und sie konnte ihm die gröbere Arbeit abnehmen. Denn wozu sonst hat man
-eine Frau?
-
-Von da ab fuhren der Jose und die Luce abwechselnd mit dem fertigen
-Käse nach Solta. Denn es gibt keine Frau auf den dalmatinischen Inseln,
-die im Nothfalle nicht ein Segel zu stellen und das Steuerruder zu
-führen wüsste.
-
-Nun war aber wieder einmal der Jose gefahren. Nicht nach Solta, sondern
-diesmal viel weiter, nach Spalato. Er musste dort bei Gericht als Zeuge
-erscheinen wegen eines Messerstiches, den zur Winterszeit ein Matrose
-in Solta einem Bauer in Jose's Gegenwart versetzt hatte.
-
-In Spalato wurde er aufgehalten. »Bis Morgen« -- hiess es bei Gericht.
-Dann noch einmal »bis Morgen.« Und dazu hatte er in Spalato den Andre
-Lovric gesehen, der die Luce hatte heiraten wollen! Aber nur am ersten
-Tage sah er ihn, dann nicht wieder.
-
-Endlich war er fertig. Er konnte nach Hause fahren. Er kaufte der Luce
-ein Paar hübsche messingene Knöpfe für ihr Jäckchen und überdies eine
-Flasche Branntwein. Dann bestieg er sein Boot und fuhr wohlgemuth gegen
-Scoglio Stipansko.
-
-Der Wind war günstig und in fünf Stunden konnte er zu Hause sein bei
-der Luce. Da kam aber ein Wetter wie heute; der Sturm überfiel ihn
-zwischen Brazza und Solta und er musste froh sein, noch mit heiler
-Haut auf Solta landen zu können. Des andern Morgens fuhr er wieder ab,
-hungrig und müde, denn er hatte nichts als ein Stück kalter Polenta und
-die Flasche Branntwein. Und als er gegen Scoglio Stipansko herankam,
-wer fuhr da in einem Boote, kaum zweihundert Klafter entfernt, an ihm
-vorüber? War es nicht der Andre Lovric, der die Luce hatte heiraten
-wollen? Und kam der nicht geradewegs von Scoglio Stipansko -- -- --?
-
-Jose hat auf den Andre nicht geschossen, weil es zu weit war und keine
-Kugel auf zweihundert Klafter trägt. Er ist nach Hause gekommen und
-hat die Luce gefragt, ob der Andre da gewesen. Die Luce ist zuerst
-glühend roth, dann leichenblass geworden. Er hat ihr nichts gethan.
-Er hat sie nicht angerührt. Denn er fürchtete, sie zu tödten, und er
-brauchte ein Weib. Aber aus der Hütte hat er sie gejagt und von dem
-Augenblicke an musste sie im Freien schlafen -- bei jedem Wetter -- wie
-das Vieh. Auch hat er sie gar nicht mehr geschont und hat sie ganz als
-Lastthier benützt. War sie nicht sein Weib?
-
-Einmal aber, als schon der Spätherbst herangekommen war, zog ein
-furchtbares Gewitter herauf, welches das Meer in den Tiefen aufwühlte
-und die brüllenden Wogen gegen die Felsen warf. Es war Nacht geworden
-und das Vieh hatte sich, zitternd vor Kälte und Nässe, an die Felswände
-gedrängt. Auch die Luce. Der Jose sass in seiner Hütte bei einem
-kleinen Feuer und brütete vor sich hin. Da fiel ihm ein, dass er droben
-auf dem Felsen, der so jäh gegen Süden in's Meer abfällt, seinen
-Tschibuk habe liegen gelassen. Ohne Tschibuk konnte er aber nicht
-rauchen. Und so rief er hinaus in die finstere Nacht, in den brüllenden
-Sturm und den strömenden Regen nach der Luce. Diese kam, gehorsam wie
-immer, zitternd vor Kälte und durchnässt vom Regen. Und er befahl
-ihr, von der Felsenspitze, die sie gut kannte, ihm seinen Tschibuk zu
-bringen.
-
-[Illustration: Luce und Joso Grancic.]
-
-Gehorsam war die Luce, das ist wahr, aber diesmal wurde sie blass wie
-der Tod als sie den Befehl vernahm, und schlug ein Kreuz, ehe sie
-ging.
-
-Sie ist nicht mehr wiedergekommen und auch der Tschibuk blieb verloren,
-sie muss ihn gefunden haben und mit demselben hinabgestürzt sein in's
-Meer.
-
-Damals hat Jose zehn Tage lang nicht rauchen können, bis er wieder mit
-Käse nach Solta fuhr und sich dort einen neuen Tschibuk kaufte.
-
-Und seit jener Zeit ist er allein auf dem Scoglio Stipansko,
-unumschränkter Herr und Gebieter über Alles, was dort lebt und webt.
-
-Unser Feuer war ausgebrannt und durch die zerrissenen sturmgepeitschten
-Wolken warf der Mond sein bleiches Licht auf das Vordach der Hütte
-und auf das harte wettergebräunte Gesicht des Gouverneurs von Scoglio
-Stipansko.
-
-
-
-
-Wie die Agave zum Blühen kam.
-
-
-»Caro Renzo! Ti volevo da molto tempo scrivere, ma credo, che non mi
-ami più. Sai, che ho a dirti, che t'amo molto. Non so più che mandarti
-mille baci arditi. Addio, Renzo, per sempre addio! L'ora s'affretta pel
-partir mio. Tua affettissima Pierina.
-
-Vigilia del Natale del 1874.«
-
-Das Italienisch, in welchem dieser Brief geschrieben, ist weder
-classisch noch elegant. Auch hätte es seine Schwierigkeiten gehabt, das
-Schreiben der Post zur Beförderung zu übergeben, denn die obigen Zeilen
-waren auf dem Blatte einer Agave eingeritzt, das, beinahe einen Fuss
-breit und gegen vier Fuss lang, in einem prangenden Wust von ähnlichen
-Blättern halb verborgen, auf einer steinigen Uferklippe der Insel
-Lesina in die erbarmungslos heisse Luft hineinragte. Die Blätter waren
-aber alle trotz ihres fleischigen Baues und der kräftigen Stacheln, mit
-denen sie bewehrt waren, schlapp und welk. Warum? Weil die Agave, zu
-welcher sie gehörten, im vorigen Jahre geblüht hatte.
-
-Und wenn eine Agave geblüht hat, dann stirbt sie.
-
-Die Pierina war nichts weniger als eine Morlakin. Auch keine Bäuerin.
-
-An den Küsten Dalmatiens und auf den grösseren zu Dalmatien gehörigen
-Inseln findet man allenthalben Städte, die, wenn auch jetzt verwahrlost
-und zerfallen, doch noch in ihrem Aeussern das Bild der einstigen
-Bedeutung bieten, die sie unter den früheren Besitzern des Landes
-gehabt. So die Stadt Lesina. Ein prächtiges Rathhaus, in venezianischem
-Style erbaut, öffnet seine weiten Säle den Sitzungen des jetzigen
-Gemeinderathes. Eine wunderschöne Loggia blickt arcadengeschmückt
-hinaus über den freundlichen Hafen und das unendliche Meer. Heute nennt
-man die Loggia Curhaus. Es sind aber keine Curgäste darinnen, sondern
-nur hin und wieder ein ehrsamer Bewohner der Stadt Lesina, der seinen
-wohlfeilen schwarzen Kaffee dort nimmt. Ein Winterhafen, bestehend in
-einem riesigen, gewölbten, ebenerdigen Saale, in welchen die Galeeren
-der Venezianer zur Winterszeit einfuhren um dort vor Wind und Wetter
-und Piraten gesichert zu sein, ist heute gegen das Meer abgedämmt und
-auf seinem steinernen Estrich werden Sardellen in Fässer verpackt. Von
-den prächtigen Marmorpalästen, welche die eigentliche Stadt bildend
-einst den venezianischen Patrizierfamilien gehörten, stehen kaum mehr
-die äussern Mauern. Drinnen in dem kahlen Raume hat Mutter Natur sich's
-bequem gemacht, -- dort wuchern jetzt Feige, Lorbeer und Rebe, und
-durch das Gitter der arabeskengeschmückten Rundbogenfenster blickt
-vielleicht eine Ziege heraus, neugierig die Aussenwelt betrachtend und
-gemächlich wiederkäuend.
-
-Und wie die Häuser, so die Menschen. Die aufgezwungene Zopf-Cultur
-der Republik Venedig hat mit dem Falle der letzteren auch ihre
-Lebensfähigkeit verloren. Der äussere Schliff ist geblieben,
-die venezianische Sprache, die höflichen Umgangsformen. Aber in
-Wirklichkeit sind die Menschen wieder zur Natur zurückgekehrt. Die
-Männer trocknen Feigen, fischen Sardellen und pflegen ihre Weingärten
-so gut sie es vermögen. Und die Weiber wissen sich hübsch zu verbeugen,
-kleiden sich städtisch, haben flammende venezianische Augen und können
-meistens etwas schreiben und lesen. Sonst schaffen sie im Hause und
-verfertigen hin und wieder reizende Netzarbeiten aus den Fasern der
-Agave. Sie leben -- Männer und Weiber -- ausserordentlich mässig und
-begnügen sich mit Allem. +Alles+ will hier so viel heissen als: sehr
-wenig.
-
-Niemand konnte der Pierina nachsagen, dass sie an Erziehung oder an
-gefälliger Schönheit den andern Mädchen Lesinas nachgestanden wäre.
-Sie hatte lesen und schreiben gelernt, hatte selbst ein paar Bücher
-von Anfang bis zu Ende durchgelesen, die ihr der Zufall in die Hände
-gespielt, und verstand es merkwürdig gut sich gefällig zu kleiden.
-Auch einen Brief vermochte sie ziemlich gut zu schreiben, -- wenn
-auch nicht schön, so doch verständlich. Weil aber im Hause die Mutter
-und zwei ältere Schwestern walteten, so wurde sie dort nicht viel in
-Anspruch genommen. Und weil sie bereits volle vierzehn Jahre zählte,
-so hatte es auch mit dem Unterricht schon lange ein Ende gehabt. Darum
-war sie mehr oder weniger Herrin ihrer Zeit, und wenn nicht gerade ein
-seltener Regen über die Insel niederging oder der kurze Winter mit
-seinen Borastürmen über Dalmatien hinbrauste, konnte sie ruhig und
-halbe Tage lang weit draussen auf einem steinigen Vorgebirge unter dem
-dichten Schatten eines alten Johannisbrotbaumes sitzen -- vor sich die
-plätschernden Wellen des Meeres, die nackten Klippen und auf denselben
-eine einzelne riesige Agave. Dort verfertigte sie feine, traumhaft
-schöne Spitzen aus den Fasern der Agave.
-
-Sie nahm aber die Agavenblätter, deren sie bedurfte, niemals von jener
-riesigen Pflanze, die einsam auf der Klippe vor ihr in die Luft ragte.
-Wozu auch? Agaven finden sich auf der ganzen Insel Lesina mehr als
-übergenug. Und gerade die eine riesige Agave auf der nackten Klippe war
-ihr heilig. Warum? Das wusste sie nicht. Dalmatinerinnen sind nicht
-oder höchstens ausnahmsweise sentimental.
-
-Die Leute nennen diese Pflanze Aloë, die Gelehrten sagen, es sei die
-Agave americana. Wahrscheinlich haben die Gelehrten Recht. Wie sie aus
-Amerika nach Dalmatien, wie sie vom Festlande auf die Insel Lesina
-gekommen, ist ein Geheimniss. Die Gelehrten sagen, dass es eine Zeit
-gegeben, zu welcher die Insel Lesina gar keine Insel war, sondern mit
-dem Festlande zusammenhing. Damit glauben die Gelehrten das Geheimniss
-theilweise gelöst zu haben, und wahrscheinlich haben sie auch diesmal
-Recht. Die Pierina wusste zwar nichts von den Annahmen der Gelehrten,
-aber sie wusste, dass sie als ganz kleines Kind schon auf diesem Platze
-unter dem Johannisbrotbaume so gerne gesessen, und dass sie damals
-schon davon gehört habe, wie die Agave fünfzig Jahre brauche, um zu
-blühen und wenn sie geblüht habe -- sterbe. Das wollte sie sehen. In
-ihrem einfältigen, kindlichen Kopfe kam es ihr manchmal vor, als ob sie
-selbst eine Agave oder mit der Agave auf der einsamen, nackten Klippe
-Eins wäre. Das war aber nur so eine Einbildung, sie selbst glaubte es
-nicht ernstlich.
-
-Fünfzig Jahre und vierzehn! Das reimt sich wohl schlecht zusammen, aber
-die prächtige Agave -- +ihre+ Agave -- war schon ein mächtiges Gewächs,
-als Pierina noch ein kleines Kind gewesen. Darum hofft sie noch immer
-darauf, gerade diese Agave blühen und -- sterben zu sehen. Es war aber
-nicht Bosheit, sondern nur Neugierde.
-
-Im verflossenen Jahre, als sie anfing verständiger zu werden und es in
-ihrem eigenen kleinen Köpfchen so ganz sonderbar zu rumoren und summen
-begann, als ob sie jetzt erst erwacht wäre und die ersten zwölf Jahre
-ihres Lebens im Traum zugebracht hätte, -- da weinte sie an einem
-wunderschönen Frühlingsabend bei dem Gedanken, dass die arme Agave nun
-werde bald sterben müssen. Wenn man aber kaum vierzehn Jahre zählt, so
-tröstet man sich über derlei Dinge leicht und Pierina lächelte bereits
-wieder, als ihr die letzte Thräne in das Spitzengewebe fiel, an dem sie
-eben arbeitete.
-
-Es geht aber mit dem Leben einer Pflanze kaum anders als mit dem
-Menschenleben: man weiss nicht recht, wann es beginnt und man bemerkt
-selten sein wirkliches Ende. In eine kleine kaum sichtbare Spalte der
-nackten Klippe hat der Zufall das Pflänzchen eingenistet. Drei oder
-vier lanzenförmige Blättchen zeigten sich an ihrem Rande, mit weichen
-biegsamen Stacheln eingefasst. Im nächsten Jahre haben sich ein paar
-neue Blätter dazu gefunden, im abernächsten Jahre wieder. Es bildet
-sich in der Mitte ein grösserer, schlank verlaufender, an der Spitze
-mit einem grossen Dorn bewehrter Zapfen, und von diesem lösen sich dann
-alljährlich ein oder zwei Blätter ab. Diese werden immer grösser und
-stärker, die Dornen, mit denen sie bewehrt sind, immer härter, und nach
-vielleicht fünfzehn oder zwanzig Jahren prangt das Gewächs in einer
-Fülle von mächtigen, saftstrotzenden, am Rande mit furchtbaren Stacheln
-bewehrten Blättern, die in schöngeschwungener Beugung den schlanken
-Zapfen umfassen, von dem sie sich eines um das andere losgelöst und den
-sie jetzt mit ihren starken Dornen beschützen.
-
-In diesem Jahre hoffte Pierina ihren Lieblingswunsch erfüllt zu
-sehen. Es entwickelte sich in der prachtvollen Pflanze vor ihr ein
-eigenthümlich geheimnissvolles Leben. Der mächtige Zapfen mit dem
-furchtbaren Dorn schwoll an und weitete sich mehr, als es sonst
-geschehen war. Er strebte und drängte heraus aus seiner Blätterhülle --
-und eines Tages war diese gesprengt und es kam der grüne, starke Schaft
-des Blüthenstieles zum Vorschein.
-
-Schade! Gerade zur Zeit, als diese geheimnissvolle Wandlung sich mit
-der Agave vollzog, wurde die Aufmerksamkeit Pierina's von derselben
-abgelenkt. Es war ein fremder junger Mann nach Lesina gekommen, der
-dem Vater Pierina's empfohlen war. Der strich durch viele Stunden des
-Tages über Klippen und Gestein und brachte Pflanzen mit nach Hause. Die
-trocknete er zwischen Blättern von Papier. Dann schrieb er auch viel.
-Aber es blieb ihm immerhin Zeit genug, die vierzehnjährige Pierina auf
-ihrem einsamen Liebesplätzchen zu besuchen. Da sprach er mit ihr vom
-Meer und von den Pflanzen und wie die Natur so wunderschön und doch
-wieder so geheimnissvoll sei, gerade so wie die unergründlichen Augen
-Pierina's.
-
-Vielleicht hat er auch von Liebe mit ihr gesprochen, das ist aber
-niemals bekannt geworden. Von ihnen Beiden hat Keines etwas davon einer
-andern Menschenseele erzählt und der einzige Zeuge ihrer Gespräche war
-eine Agaveblüthe.
-
-Die Agave hatte gehalten, was sie versprochen und was Pierina seit
-ihren Kinderjahren erwartet und erhofft. Ein mächtiger Stamm, über
-dreissig Fuss hoch, war aus dem trotzigen Blattbüschel in der kurzen
-Zeit von zwei Monaten herausgeschossen, hatte Zweige nach allen
-Richtungen hinausgesendet und diese Zweige waren über und über mit
-zarten in gelb und weiss prangenden Blüthen bedeckt. Und wenn die
-jungen Leute dort beisammen sassen, da trug der kühlende Seewind den
-berauschenden Duft der Blüthen gerade hin zu dem jungen Paar.
-
-Blumenduft ist gefährlich, er berauscht so leicht.
-
-Und doch dachte Pierina jetzt weniger an die Agave als je. In
-ihrem Innern schien auch eine Blüthe aufgegangen zu sein, obwohl
-sie beiweitem nicht das Alter der Agave hatte. Bei Mädchen geht es
-schneller und Pierina zählte noch nicht fünfzehn. Und als der Herbst
-gekommen, da fielen die Blüthen der Agave langsam ab. Der Wind trug sie
-in die Wellen. Auch der junge Mann -- Lorenzo hiess er -- schnürte sein
-Bündel und zog wieder fort über das Meer, auf dem er gekommen. Er hatte
-ihr zum Abschied gesagt, dass sie ein gutes und liebes Mädchen sei, nur
-schade, dass sie eben in Lesina aufwachsen musste, wo Frauen so gar
-nichts von den Sitten der grossen Welt -- seiner Welt! -- lernen und
-wissen.
-
-Pierina hatte beim Abschied nicht geweint. Sie sass jetzt wie früher
-auf ihrem Lieblingsplätzchen unter dem Johannisbrotbaume, vor sich
-die nackte Klippe mit der mächtigen Agave und weiter draussen das
-unendliche Meer. Jetzt kam es ihr wieder so vor wie in frühern Jahren,
-als ob sie Eins mit der Agave vor sich wäre. Denn auch sie blühte
-nicht mehr. Ihre Wangen wurden täglich blässer und ihre flammenden
-Augen täglich grösser. Das Ende der Agave hat sie aber nicht mehr mit
-ansehen können, denn als der Winter mit seinen ersten Borastürmen über
-Dalmatien hinraste, da war die Pierina gestorben.
-
-Auch die Agave starb im nächsten Jahre -- ihre mächtigen Blätter
-wurden welk und fielen zu Boden. Und auf einem derselben fanden sich
-einige Zeilen eingeritzt -- dieselben, die zu Anfang dieser Erzählung
-wiedergegeben sind. Sie lauten zu deutsch:
-
-»Lieber Renzo! Ich wollte Dir schon seit langer Zeit schreiben, aber
-ich glaube, dass Du mich nicht mehr liebst. Du musst wissen, dass ich
-Dir zu sagen habe, wie sehr ich Dich liebe. Ich kann nichts mehr thun,
-als Dir tausend glühende Küsse senden. Lebe wohl, Renzo, auf immer lebe
-wohl. Auch für +meine+ Abreise hat die Stunde geschlagen. Deine Dich
-liebende Pierina.«
-
-»Am Weihnachtsabende des Jahres 1874.«
-
-
-
-
-Das Omblathal bei Ragusa.
-
-
-Ein ruhig sonnenheller Tag liegt über den Bergen, schimmert über die
-im Frühlingsschmucke prangende Küste, zittert über das weite Meer. Auf
-der schönen Strasse, die von Ragusa nordwärts gegen den eigentlichen
-Hafen, gegen Gravosa, führt, haben sich die zu beiden Seiten derselben
-gepflanzten jungen Bäumchen mit zarten Blättern geschmückt, am Fusse
-der gegen die Küste sanft zu verlaufenden Berge stehen die Gärten im
-Frühlingsblüthenschmuck, hohe Palmen bewegen ihre fächerartigen Zweige
-im Westwind, trotzige Aloën recken ihre fleischigen dornbewehrten
-Blätter, Rosen und wildwachsende Levkoyen blühen dazwischen, die Berge
-im Hintergrunde deckt der Oelbaum. Draussen aber im Hafen wiegt sich
-die Möve.
-
-Es ist nicht der traute, weissgraue Vogel, der, den Matrosen heilig,
-in langsamen Fluge über das Meer streicht, seine Nahrung suchend und
-in den Wellen findend, sondern Sr. Majestät Kriegsdampfer »Möve«, der
-in Gravosa vor Anker liegt. Die schlanken kühnen Formen werden von den
-Wellen sanft geküsst, die mächtigen Masten ragen gegen den Himmel,
-die Raen und das Tauwerk heben sich fein und zart vom durchsichtigen
-Blau des Horizontes ab. Auf der Brücke steht der Wachoffizier, mit
-der schwarzgelben Feldbinde umgürtet und dem Fernrohr in der Hand.
-Waffen führt er keine, obwohl er im Dienste ist. Eine Schildwache mit
-gezogenem breiten Pallasch geht langsam auf und ab. Auf dem Vorderdecke
-steht eine kleine Gruppe von Matrosen, untersetzte kräftige Gestalten,
-in ihren kleidsamen blauen Jacken mit dem weit ausgeschlagenen
-Hemdkragen; sie sprechen leise zusammen.
-
-An Bord eines Kriegsschiffes, und zwar eines österreichischen
-Kriegsschiffes, geschieht Alles leise. Ein kurzer Commandoruf, ein
-schrilles Pfeifen, vielleicht einmal ein Hornsignal, das ist Alles.
-Sonst thut Jeder seine Pflicht, wagt sein Leben, übt, lernt, arbeitet
-hoch im Takelwerk, auf dem Verdeck, unten im Schiffsraume, stirbt,
-wenn es nothwendig ist, aber er schweigt. »Muss Sieg von Lissa
-heissen!« so lautet der lakonische Befehl, mit welchem Tegetthoff
-das tausendstimmige Brüllen der Kanonen entfesselte und das grosse
-markerschütternde Drama einleitete. Nur fünf Worte. Und -- es hiess
-wirklich Sieg von Lissa!
-
-An der Steuerbordseite der »Möve«, gegen das Land zu, durch den
-Schiffskörper verborgen, schaukelte das feingeschnittene schöne
-Gigg des Commandanten. Sechs Gasten sassen drinnen, auf ihre Riemen
-gestützt. Sie warteten des Commandanten und seiner Gäste, welche noch
-unten in der Cajüte bei einem Glase Sherry weilten. Heute, wo diese
-Zeilen gedruckt zu lesen, heute trennt mich bereits lange wieder
-Land und Meer von den lieben alten Freunden, von dem Commandanten
-Sr. Majestät Kriegsdampfer »Möve« und dessen zweitem Gaste, einem
-unserer tüchtigsten Flotten-Officiere. Und so sei es mir gestattet,
-ihnen hier einen freundlichen Gruss zu entbieten und ihnen Beiden die
-schönen Stunden in's Gedächtniss zu rufen, die wir vor Zeiten mitsammen
-zugebracht, die schönen Stunden, die wir zuletzt in der traulichen
-Commandanten-Cajüte der »Möve« zusammen verlebt und den reizenden
-Ausflug, den wir unternommen in das Thal der Ombla bei Ragusa. Und es
-sei mir auch gestattet, hier der österreichischen Marine-Officiere
-überhaupt zu gedenken -- es ist mir ein Herzensbedürfniss -- ihres
-freundlichen Entgegenkommens, ihrer anspruchlosen, liebenswürdigen,
-herzgewinnenden Bescheidenheit, ihrer still betriebenen Studien, ihres
-umfangreichen Wissens, ihrer Weltkenntniss und ihres wackern, durch
-und durch ehrenhaften Wesens. Alle Provinzen des weiten Kaiserstaates
-sind in dem Officiercorps der österreichischen Marine vertreten, alle
-Sprachen des polyglotten Oesterreich werden unter ihnen gesprochen,
-aber dort verschwindet jede nationale Färbung und ich habe mich niemals
-so sehr als Oesterreicher gefühlt als an Bord eines österreichischen
-Kriegsschiffes, unter dem Schatten der vom hohen Maste flatternden
-österreichischen Flagge!
-
-Wir klommen von der Cajüte an Deck und bestiegen sodann das schaukelnde
-Gigg. Die Fallreep-Pfiffe schrillten -- die Ehrenbezeugung für den das
-Schiff verlassenden Commandanten -- am Bug des Giggs flatterte das
-Wimpel, am Achter die Flagge. »Stosst ab! Vorwärts!« und unter den
-tactmässigen Schlägen von sechs Rudern flog das leichte Boot in kühner
-Schwenkung um den Körper der »Möve« herum, hinauf gegen die Mündung der
-Ombla.
-
-Wenn man, vom Norden kommend, durch den Canale di Calamotta in den
-Hafen von Gravosa einfährt, so treten gegen Osten, gerade gegenüber
-der Halbinsel Lapad, die Berge, die bis dahin in ununterbrochener
-Reihenfolge die Küste begleiten, klaffend auseinander und bieten die
-Aussicht frei auf ein reizendes Thal. In der Mitte desselben strömt
-ein breiter Fluss von süssem, kristallhellem Wasser, tief genug, um
-selbst grösseren Schiffen Einlauf zu gewähren, in das Meer. Es ist die
-Ombla. Etwa eine Viertelstunde von der Mündung des Flusses aufwärts
-hat derselbe durch angeschwemmte Steine und Erdreich eine flache
-Insel gebildet, die, mit Binsen und Röhricht überwachsen, ein schönes
-gleichmässiges grünes Dreieck bildet, dessen eine Spitze gegen das Meer
-gekehrt ist. Zu beiden Seiten des Flusses steigen die Ufer rascher
-gegen die bewaldeten Berge, mit prachtvoller fremdartiger, südlicher
-Vegetation bedeckt. Wieder stehen da Palme und Lorbeer, Myrthe und
-Aloë, hochstämmiger Rosmarin, Oel- und Feigenbaum und die schlanke,
-dunkle Cypresse.
-
-In der blühenden Wildniss sind längs der Ufer kleine Gruppen von
-bewohnten Häusern und einzelne Ruinen zerstreut. Von den letzteren
-stehen gewöhnlich die Mauern der oft zweistöckigen Villen gänzlich
-unversehrt, die Fensteröffnungen sind mit schön gearbeiteten Simsen
-versehen, aber das Dach fehlt, die Häuser sind ausgebrannt und
-mitten im Hausraume, wo einst das traute Heim glücklicher Menschen
-war und vielleicht fröhliche Kinder sich tummelten, wuchert jetzt
-Lorbeer und Rebe. Es waren die Russen im Vereine mit Montenegrinern
-und Herzegowinern, welche im Jahre 1806, als der französische
-General Lauriston die Stadt besetzt hielt, Ragusa angriffen und im
-ganzen Umkreise der Stadt alles verwüsteten, niederbrannten und
-zerstörten. Die Einwohner flüchteten damals; als aber die Russen mit
-ihren Verbündeten abgezogen waren, da war die Bevölkerung durch die
-Zerstörung ihres Besitzstandes zu arm geworden, um ihre Häuser wieder
-aufzubauen, und so ist heute noch ganz Ragusa mit Ruinen zerstörter
-Villen umgeben.
-
-Besonders eine dieser Villen -- sie ist am linken Ufer der Ombla
-gelegen -- ist bemerkenswerth. Wir legten an der prächtigen, drei
-Klafter breiten Treppe an, die bis an den Wasserspiegel führt. Ein
-grosses, weitgedehntes Gebäude lag vor uns in mittelalterlicher
-Bauart. Schöne Säulen aus Marmor und Sandstein tragen die Bogen einer
-riesigen, gegen den Fluss offenen Halle. An den Wänden der letzteren
-prangen Fresken in wunderschönen, lebhaften Farben, als ob sie gestern
-erst vollendet worden wären. Sie stellen einzelne Scenen aus der
-Aeneide dar. Schon auf der Stiege hatten wir den süssen, betäubenden
-Geruch von Lorbeerblättern verspürt und sahen jetzt die grosse Halle
-mindestens zwei Fuss hoch mit trockenen Lorbeerblättern bedeckt.
-Mehrere Männer in der kleidsamen halbtürkischen Tracht der Bauern
-aus der Umgebung von Ragusa waren damit beschäftigt die trockenen
-Blätter in grosse Säcke zu füllen. Unter dem Thore stand ein Esel und
-schnupperte mit der Nase unter den vielen Lorbeerblättern, die noch
-nicht zum Kranz gewunden waren, und die auch diese Bestimmung offenbar
-nicht erwarten.
-
-Lorbeerblätter in Säcken und ein Esel dabei! Pah -- ist doch Alles
-nichtig in dieser Welt -- selbst Lorbeern!
-
-Auf dem einen Felde der Wand war eine schöne Dido dargestellt mit
-Aeneas zu ihren Füssen. Die Bauern machten uns auf das Bild aufmerksam
-und sagten uns, es sei eine Muttergottes mit dem heiligen Antonius von
-Padua; wer sie aber gemalt habe, wem das Haus gehöre mit dem schönen
-Parke, der sich in Serpentinen hinter dem Hause bergan zieht, das
-wussten sie nicht. Sie wussten nur, dass ein sehr reicher Herr der
-Eigenthümer des Hauses gewesen, dass die Russen und Montenegriner
-dasselbe zerstörten, dass der Park ober dem Hause jetzt gänzlich
-verwildert sei und dass das ganze Besitzthum jetzt kaum etwas abwerfe,
-als ein wenig Oliven und die Lorbeerblätter, die wir sahen. Dafür aber
-führten sie uns über eine halsbrecherische Holzstiege in das zweite
-Stockwerk und zeigten uns da eine merkwürdige sechseckige Badestube
-ganz ohne Fenster und mit einer so niederen Thür, dass man -- wörtlich
-genommen -- auf allen Vieren hineinkriechen muss.
-
-[Illustration: Mädchen aus Sette Castelli.]
-
-Wir stöberten und krochen noch lange in dem alten Hause und in der
-blühenden Wildniss herum, von der es umgeben war, ohne von den Leuten
-eine weitere Auskunft über den Eigenthümer des Hauses erhalten zu
-können. Der Eigenthümer sei ein reicher Herr, -- hiess es -- und lebe
-nicht in Ragusa, das Haus sei verpachtet, und dessen Räume dienen jetzt
-nur zum Trocknen der Lorbeerblätter. Der Esel dort und noch einige
-Eseln tragen die Lorbeerblätter sackweise nach Ragusa und von dort aus
-werden sie weiter verschifft, -- nach Triest.
-
-Das musste uns genügen, wesshalb wir unser Gigg wieder bestiegen und
-stromaufwärts gegen die Quellen der Ombla fuhren.
-
-Wenn man auf der Bergfahrt die Hälfte des nur eine halbe Stunde langen
-Flusses hinter sich hat, so verschliesst ein ungeheuerer Felsen,
-von welchem her die Ombla zu Thal fliesst, die Aussieht. Man fragt
-sich vergebens, aus welcher Schlucht denn das Becken der Ombla sich
-hervorwinden könne; es ist eben Alles von zackigen Felsen, die einen
-weiten Halbkreis bilden, eingeschlossen und nur aus der weissen Farbe
-des Flusses erkennt man, dass seine Wasser hier irgendwo mit Gewalt
-herausbrechen oder durch eine plötzlich verengte Schlucht gezwängt
-werden.
-
-Es scheint, dass Beides der Fall ist. Man sagt nämlich -- und ich
-weiss nicht, ob irgend Jemand sich darüber Gewissheit verschafft
-habe -- dass der bosnische Fluss Trebinschizza, welcher nicht weit
-von der österreichisch-türkischen Grenze sich in einen Steinschlund
-verliert, an der Sohle des Omblathales wieder zu Tage trete. Wie dem
-auch sei, so viel ist gewiss, dass es einen überraschenden Anblick
-gewährt, die schäumenden und tosenden Wassermassen aus tausend Ritzen
-und Sprüngen des nackten Felsen in gewaltiger Wucht mit schneeweissem
-Gischt herauskochen zu sehen, zu sehen, wie sie unmittelbar darauf
-in wilder Eile über die Räder der dort befindlichen Mühle stürzen
-um dann beruhigt und geklärt im majestätischen Laufe sich dem Meere
-entgegenzurollen.
-
-Bei der Rückfahrt besuchten wir ein einsam am rechten Ufer der Ombla
-liegendes Franciscanerkloster. Wir mussten lange an der Thüre klopfen,
-bis uns ein steinalter Laienbruder öffnete, dessen übermässige
-Magerkeit die Vorstellung Lügen strafte, die man sich gewöhnlich von
-dem behäbigen Aussehen der in frommem Nichtsthun dahinlebenden Mönche
-macht. Er zeigte uns bereitwilligst das ganze uralte Klostergebäude,
-das, wie aus einer alten Inschrift ersichtlich, durch das Erdbeben
-des Jahres 1666 halb zerstört worden war. In dem riesigen, von einem
-prächtigen Säulengang umgebenen Hofe lagen und standen einzelne
-Capitäle und abgebrochene Säulenschafte, das Gras wucherte aus
-den Fugen der Steinplatten und ein in der Ecke stehender riesiger
-Lorbeerbaum verdeckte drei oder vier der vergitterten Fenster. Wir
-waren noch mit dem Lesen einiger alter auf Grabmälern angebrachter
-Inschriften beschäftigt, als ein zweiter Klosterbruder herabkam. Es war
-der Pater Guardian; er und der magere Laienbruder bildeten zusammen
-die ganze »Besatzung« des ausgedehnten Klosters.
-
-Der Pater Guardian war sehr dick und roch unangenehm nach Wein und
-frischen Zwiebeln. Er führte uns zuerst in ein riesiges Refectorium
-und dann in die ärmliche Kirche. Wenn man die winzige Kirche mit
-ihren wenigen Betstühlen und den engen Gängen zwischen denselben
-mit dem grossartig angelegten Refectorium verglich, so mochte man
-sich wohl die Frage stellen, wie denn die Mönche, welche ehedem das
-Refectorium füllten, doch in der Kirche Platz finden konnten. Ich
-wagte sogar eine derartige Frage an unseren dicken Guardian, der mir
-aber salbungsvoll erwiderte, dass im Refectorium nicht nur gegessen,
-sondern auch gebetet wird. Damit war ich geschlagen. Im Refectorium
-waren weitlaufende altersschwarze Tische aufgestellt, an denen
-mindestens hundertfünfzig Personen Platz nehmen konnten. Dort speiste
-der dicke Prior und der magere Laienbruder allein -- »wenn sie etwas
-hatten« -- sagte der alte Herr. Der Laienbruder hielt sich demüthig im
-Hintergrunde.
-
-In einer Ecke des Refectoriums war eine Art Fenster in der Mauer
-angebracht, das in eine dunkle Küche führt. Um das Fenster herum
-stand der wohl zu beherzigende Spruch: aequa divisio non conturbat
-fratres[45]. Ob die »divisio« auch heutzutage noch so gleichmässig sei,
-wollte uns schier zweifelhaft scheinen, wenn wir den dicken Guardian
-und den mageren Laienbruder ansahen. Der Guardian machte uns hierauf
-auf ein rohes alfresco-Gemälde aufmerksam, das sich ebenfalls an der
-Wand befand. Es stellt einen dicken Fisch vor, der bestrebt ist, einen
-vor ihm befindlichen mageren Fisch zu verschlingen. Wir glaubten
-anfangs eine allegorische Anspielung auf den dicken Guardian und den
-mageren Laienbruder zu sehen, wurden aber bald eines Bessern belehrt.
-
- [45] Eine gleichmässige Vertheilung stört die Einigkeit der Brüder
- nicht.
-
-»Es ist eigentlich ein Wunder,« sagte der Guardian, »wenn es auch
-Manche nicht glauben wollen. Es war im Jahre 1589 -- sehen Sie,
-da steht es drunter geschrieben, 1589 addi 12 Novembre -- als ein
-Klosterbruder ausging, um Almosen zu sammeln. Es war aber ein
-schlechtes Jahr gewesen und die Leute hatten selbst nichts -- so ging
-also der Bruder mit seinem leeren Esel traurig dahin am Ufer der Ombla.
-Da hörte er plötzlich ein Geräusch -- -- ein kleiner Fisch sprang an
-das Land -- ein anderer grosser Fisch, der den kleinen fressen wollte,
-ihm nach. Und der Bruder fing alle beide, so dass alle Brüder zu essen
-hatten, denn der grosse Fisch war ein Thunfisch und wog achtzig Pfund.
-Darum sind beide hier aufgemalt. Jetzt sind wir nur unser Zwei im
-Kloster und brauchten kein so grosses Wunder -- aber ein kleines Wunder
-thäte uns gut, denn wir haben wohl Wein und Oel für Beide, aber sonst
-gar wenig zu essen.«
-
-Einer meiner Begleiter warf die Bemerkung hin, es wäre ein in der
-Welt ziemlich häufig vorkommender Fall, dass die kleinen Fische von
-den grossen gefressen werden, aber diese Betrachtung schien dem
-dicken Guardian zu subtil und er wiederholte nur den Wunsch, dass der
-liebe Gott recht bald ein Wunder zu Gunsten des Klosters und seiner
-»Besatzung« wirken möge.
-
-Der magere Laienbruder seufzte.
-
-Wir baten den Guardian, ein kleines Scherflein für die Bedürfnisse des
-Klosters von uns anzunehmen und empfahlen uns. Eine Minute darauf flog
-unser Gigg stromabwärts dem Meere zu, auf dem die schöne »Möve« im
-Abendsonnenschein sich wiegte.
-
-
-
-
-Ein Fischzug bei Lesina.
-
-
-Vom Himmel herab flimmerten die Sterne und spiegelten sich in der
-unbewegten Fläche des Meeres. Unser Boot flog, von zwei Rudern
-getrieben, still dahin und die kleinen Wasserberge, die vor dem Bug
-sich aufwarfen, schossen helle Silberstrahlen hinauf gegen den dunkeln
-Himmel, so dass sich Sternengold und flüssiges Silber in schönen
-Wellenlinien zu begegnen schienen. Auch von den Rudern herab floss
-es in tausend Silberfäden und leuchtende Perlen schwammen in unserm
-Kielwasser. Sonst war das Meer weithin schwarz und regungslos, denn
-die Frühlingsnacht hatte sich warm und schwer darübergelegt und heute
-leuchtete kein Mond. Bei Mondenschein gibt es keinen Sardellenfang,
-und um den Sardellenfang zu sehen, schossen wir hinaus in die
-sternenflimmernde Nacht und in die dunkle See.
-
-Wir fuhren aus dem Hafen von Lesina. Blumenduft gab uns das Geleite
-und zog hinter uns her über die See. Rosmarin, Orange, Lorbeer und
-die dalmatinische Föhre dufteten von den Anhöhen, welche die Bucht
-umsäumen und tausend aromatische Kräuter mischten ihren Blüthenhauch
-drein. Bäume, Blüthen und Berge waren aber von Nacht bedeckt. Nur
-selten zeigte sich an halber Himmelshöhe eine zackige, dunkle, von
-einem feinen, hellern Streifen begleitete Linie -- es waren die Kuppeln
-des Höhenzuges, der die Bucht von Lesina gegen Nord und Ost in weitem
-Schwunge bekränzt. Wir glitten rasch weiter in die Nacht hinein mit dem
-schwarzen Meeresspiegel vor uns und dem silbern dämmernden Kielwasser
-unseres Bootes im Rücken.
-
-Eine Stunde dauerte die Fahrt. Von Zeit zu Zeit tauchten zur Rechten
-und Linken massive dunkle Flecke auf; es waren Kuppen oder grössere
-Felsen-Inseln, zwischen welchen hindurch unser Weg uns führte.
-Dann lag wieder die weite dunkle Fläche glatt vor uns mit dem
-Sternengefunkel drinnen.
-
-»Jetzt fahren wir um den Scoglio Trauna herum, zwischen Karbun und
-Klebuk durch -- und dann sind wir auch bei den Fischern. Heute muss
-es wieder einen guten Zug geben, denn die See hat sich gegen Abend
-abgekühlt. Es gab eine ordentliche Landbrise.« So sprach nach einer
-Stunde absoluter Schweigsamkeit der ältere unserer Ruderer. Der Mann
-hatte zur See gedient und war bei Lissa gewesen, wie er uns später
-erzählte.
-
-Vor uns zeigte sich ein dunkelrother Schein, von dem sich eine Reihe
-von Klippen scharf abhob. Das Boot machte eine Wendung, die Klippen zu
-unserer Rechten verschwanden und ein breiter Lichtstrahl drang zu uns
-her, der Alles rings herum in noch tiefere Nacht hüllte und nur die
-Fischerbarke beleuchtete, von der er ausging und zwei andere, die in
-ihrer Nähe lagen. Es waren die Fischer.
-
-An Bord der Barken war Alles in lebhafter Bewegung. Die eine derselben
-hatte an einer starken Eisenstange, die über den Rand des Fahrzeuges
-hinausragte, ein halbrundes Eisengitter als Rost befestigt, auf
-welchem grosse Stücke Föhrenholz brannten. Die Flamme war blutroth
-und der Rauch strich, von der schweren Luft niedergedrückt, über
-das Wasser hin. Als unsere Augen sich an den blendenden Schein der
-Flamme und die grelle Beleuchtung etwas gewöhnt hatten, konnten wir,
-näher kommend, allgemach die einzelnen Personen unterscheiden, die
-in den Barken sich befanden. Ein alter Mann mit von tausend Runzeln
-durchzogenem wettergebräuntem Gesichte und schneeweissen Haaren stand
-am Bug neben dem Feuer und blickte angelegentlich in das Wasser. Zwei
-Andere stützten sich auf die langen Ruder, die sie in gleichmässigem
-Tacte, aber langsam bewegten. Niemand von ihnen sprach ein Wort.
-Eine zweite Barke bewegte sich, gleichen Schritt haltend, in einiger
-Entfernung neben der ersten hin und im Hintergrunde schaukelte sich
-ruhig eine dritte, auf welcher zwei Männer, scheinbar unthätig, aber
-mit gespannter Aufmerksamkeit dem Fischzuge folgend, sassen.
-
-Plötzlich erschollen aus der Richtung her, gegen welche die Barken sich
-bewegten, einzelne Rufe in slavischer Sprache, kurz und abgemessen
-wie ein Commando. Sie kamen vom Lande her, von dem Ufer einer kleinen
-Felsen-Insel, die vor uns lag und eine Bucht bildete, in welche wir,
-ohne es zu bemerken, eingefahren waren. Auf jeden Commandoruf hob sich
-etwas Langes von der Wasserfläche, um gleich darauf wieder plätschernd
-zurückzufallen. Es waren, wie unser Führer uns belehrte, die Seile, an
-welchen das Netz an's Land gezogen wurde.
-
-»Sind denn wohl Sardellen im Netz?« fragte ich verwundert, denn ich
-dachte, dass das eigentliche Fischen noch nicht begonnen hätte.
-
-»Sardellen? natürlich! -- Sehen Sie nicht, wie sie davonspringen?
-Das sind jene, die aus dem Netz entkommen, bevor es noch vollkommen
-geschlossen ist -- jetzt aber ist es bald beisammen und dann entkommt
-auch nicht eine mehr.«
-
-Wirklich sahen wir nun einzelne helle Streifen, die silbernen Pfeilen
-gleich, sich aus dem Wasser hoben, um, einen Augenblick an der
-Oberfläche dahinschiessend, gleich wieder in demselben zu verschwinden.
-Es waren Sardellen, die sich flüchteten; immer aber schossen sie gerade
-auf das Leuchtfeuer der Barke zu. Wäre dort ein zweites Netz gewesen,
-so würden sie in dasselbe gerathen sein, nachdem sie der ersten Gefahr
-glücklich entronnen.
-
-Jetzt zeigten sich an der Einfahrt der Bucht zwei andere Barken, die
-langsam auf uns zukamen. Die Fischer in den drei Barken blickten
-besorgt auf die neuen Ankömmlinge. Wir erfuhren, dass es sich da um
-etwas handle, was man im gewöhnlichen Leben eine Gewerbsstörung nennt.
-
-Nicht jeder Platz ist zum Sardellenfang geeignet. Der Schwarm der im
-offenen Meere ziehenden Sardellen wird durch das weithin sichtbare
-Leuchtfeuer der Barke zuerst nur angelockt. Sobald die Fischer bemerkt
-haben, dass die Fische dem Feuer folgen, bewegen sie sich langsam der
-Küste zu, wo in irgend einer Bucht der sandige, allmälig verlaufende
-Grund gestattet, das feine Netz darüber hinzuziehen. Denn auf felsigem
-Boden würde das Netz hängen bleiben und zerreissen. Damit aber die
-Sardellen das Feuer bemerken, muss die Nacht möglichst finster sein,
-daher der Fang nur bei Neumond vor sich gehen kann. Ferner dürfen die
-Fische nicht beunruhigt werden, weil sonst der Schwarm nach allen
-Richtungen zerstöbe. Da man nun jeden Fleck der Küste genau kennt, an
-welchem ein Auswerfen der Sacknetze möglich ist, so versammeln sich, um
-Streitigkeiten zu verhüten, vor jedem Neumonde vom Mai bis September
-die aus je zwölf bis fünfzehn Mann bestehenden Partien der Fischer bei
-der politischen Behörde und losen um den Fischplatz für die nächsten
-mondlosen Nächte.
-
-Das gilt für das Fischen mit Leuchtfeuer und Sacknetz. Andere Fischer
-aber, die ohne Feuer und nur mit einem senkrecht herabhängenden
-Streifnetze fischen, pflegen dann dem Leuchtfeuer nachzufahren, wodurch
-der Zug der Sardellen gehemmt, auch theilweise abgehalten wird, dem
-leuchtenden Magnet zu folgen. Da gibt es oft böse Worte und nicht
-selten auch Aergeres als Worte. Denn ein guter Zug mit dem Sacknetze
-kann genug Sardellen einbringen um tausend Fässchen damit zu füllen und
-tausend Fässchen entsprechen einem Werthe von mehr als zwölftausend
-Gulden, so dass der Gewinn eines einzelnen Fischers in einer einzigen
-Nacht fünfhundert bis tausend Gulden betragen kann. Aber Glück müssen
-die nächtlichen Meeresarbeiter haben und dürfen durch Streifnetze nicht
-gestört werden.
-
-Alle Fischer sind fromm, während sie das Handwerk üben. Vom Strande her
-ertönt das Commando: »In Gottes Namen zieht die erste Leine!« oder: »In
-Gottes Namens zieht die zweite Leine!« Dann wieder: »Gott geb' es, --
-sie sind drinnen -- zieht beide Leinen!«
-
-Und dabei näherten sich die Barken immer mehr dem Ufer und immer näher
-kamen die unbeleuchteten Barken mit den räuberischen Streifnetzen.
-Plötzlich unterbrach ein kleines Intermezzo die Reihen der frommen
-Commandos. Die Barken mit den Streifnetzen waren in dem Dunkel auf
-etwa fünfzig Schritte herangekommen, als von den anderen Barken ein
-wahrer Hagel von Flüchen und Verwünschungen losbrach. Und um die Flüche
-noch kräftiger zu machen, flogen dicke Prügel von Brennholz, wohl
-gezielt, hinüber, so dass man sie heftig an den Bord der Fahrzeuge
-anschlagen hörte. Flüche und hölzerne Wurfgeschosse wurden auch drüben
-nicht gespart und schon wollten wir uns zurückziehen, um nicht in ein
-unangenehmes Kreuzfeuer von fliegenden Holzstücken zu kommen, als mit
-einemmale Alles still wurde. Der kritische Moment war vorüber -- das
-Sacknetz streift den Grund -- die Leinen waren völlig angezogen und die
-drei Barken fuhren völlig zusammen um die Beute aus der Tiefe zu heben.
-Die Barken mit dem Streifnetze suchten das Weite und wir legten uns
-mit unserem Boote hart an die Fischerbarken, die mit ihren Längsseiten
-ein Dreieck bildeten, an dessen einem Winkel das Leuchtfeuer hellauf
-flammte, die Barken und deren Bemannung mit einem Gluthscheine
-übergiessend.
-
-Die Seitenwände des Netzes waren über den Bord der drei Barken
-heraufgezogen und auf der Fläche, die ringsum von den feinen Maschen
-begrenzt war, war Alles Leben und Bewegung. Es sprudelte und kochte und
-plätscherte mit einem betäubenden Geräusche, gerade als ob ein heftiger
-Platzregen auf Steinplatten fiele. Es waren die Sardellen, die endlich
--- aber zu spät -- sich ihrer Verblendung bewusst wurden und nun in
-wahnsinnigen Sprüngen sich über das Wasser zu heben und zu entkommen
-suchten.
-
-Die Männer tauchten Handnetze in das Gewühle der zappelnden
-silberglänzenden Fische und leerten eines nach dem andern in den Boden
-der Barken. Zwei Barken füllten sich bis hoch hinauf mit den kleinen
-zarten Geschöpfen, die, schon im Trockenen, noch immer zappelten und
-sprangen und sich gegen das ungewohnte Element wehrten. Es waren ihrer,
-wie die Leute mit kundigem Auge schätzten, genug, um gegen zweihundert
-Fässer damit zu füllen -- also ein guter und schöner Zug, der Alle
-zufriedenstellte. Als der alte Fischer uns einen Korb frischer, noch
-lebender Sardellen in das Boot hinüberreichte, that er es auch mit
-einem »Gott sei die Ehre für den heutigen Fang!« aber unterliess es
-doch nicht, gleich darauf den davonfahrenden Barken mit dem Streifnetze
-einen kräftigen Fluch nachzusenden über das dunkle, leise athmende
-Meer.
-
-[Illustration: Morlake aus Nord-Dalmatien.]
-
-
-
-
-Das Gigg des Kaisers.
-
-
-Römische Machtausdehnung, italienischer Kunstsinn, venezianische
-Tyrannei, Türkenkriege, kühne Fahrten über das ungemessene Meer,
-Seeräuber, Erdbeben, Hungersnoth, orientalische Pest und die treibende,
-ewig drängende und schaffende Kraft des wunderbaren südlichen Klimas,
-das sind die Elemente, aus denen sich die Chronik dalmatinischen
-Landes und dalmatinischer Städte zusammensetzt, das die Factoren, die
-Dalmatien bald aufblühen machten mitten in dem wirren Chaos römischer
-Kriegszüge und mittelalterlicher Fehden, bald zurückbleiben in dem
-Wettkampfe der Völker auf der Bahn des Fortschrittes. Gegenwärtig
-ist Dalmatien weit, sehr weit zurückgeblieben in seiner physischen
-und moralischen Entwicklung -- die Ruinen seiner Städte und die
-prachtvollen, aber halbzerfallenen Ueberreste seiner römischen und
-venezianischen Baudenkmale bieten einen beinahe ebenso traurigen
-Anblick wie die hellen Spitzen seiner entwaldeten Berge.
-
-Was hier von Dalmatien im Allgemeinen gesagt ist, das findet im
-Besonderen seine Anwendung auf die Stadt und Insel Curzola. Corcyra
-Nigra hiess die Insel bei den Römern von der dunkeln Farbe, welche die
-auf den Bergen prangenden Nadelwälder der Insel gaben; -- heute könnte
-man sie beinahe mit demselben Recht »die weisse« nennen, mit welchem
-sie einst »die schwarze« hiess, denn ihre Wälder sind bis auf wenige
-kleine Bruchtheile verschwunden, ihre Quellen sind versiegt und mit
-ihnen der Reichthum, der von Oben kommt. Heute sind die Curzolaner nur
-mehr auf das Meer angewiesen, das eben das alte geblieben, und man kann
-ihnen nicht nachsagen, dass sie diese letzte ihrer Hilfsquellen nicht
-emsig genug benützen.
-
-Am Nordende der Insel erstreckt sich eine winzig kleine Halbinsel
-beinahe kreisrund in das Meer, nur mittels einer dünnen Landenge
-mit dem Eiland in Verbindung. Diese Halbinsel bildet einen
-vollkommen abgerundeten regelmässigen Kegel, der mit alten, bereits
-halbzerfallenen Palästen bedeckt ist. Eine noch ganz erhaltene, mit
-Thürmen versehene Mauer umgibt die Stadt -- Curzola -- und auf dem
-Gipfel des Hügels steht die alterthümliche, im gothisch-byzantinischen
-Style erbaute Domkirche, die das Gewirre der engen, den Berg
-anstrebenden Gässchen krönt. Vom Meere aus gesehen, bietet die Stadt
-den schönen Anblick, der allen Bauwerken der Venezianer eigen, --
-von Innen mahnt sie nur gar zu deutlich an die Vergänglichkeit alles
-Irdischen. Die Häuser mit den prächtigen, altvenezianischen Portalen
-und Gesimsen stehen leer -- die Stockwerke sind einfach durchgefallen
-und wenn man durch eines der Fenster in das Innere blickt, so sieht
-man die hohen, mächtigen Mauern über und über mit wucherndem Epheu
-bewachsen. Um den Eindruck noch öder zu machen, sind selbst die Thore
-mit Bruchstücken von Säulen und alten Ziegeln vermauert, so dass man
-eher einen Friedhof als die Wohnstätte lebender Menschen zu sehen
-glaubt.
-
-Uebrigens ist die Stadt reinlich und ebenso auch ihre Bewohner.
-Es steckt noch etwas altrepublikanische Zucht in den Leuten, die
-seinerzeit gelernt hatten, die Strassen rein zu halten, weil einer
-der hochgebornen Herren Patrizier durch dieselbe seines Weges kommen
-konnte, und nett gekleidet zu sein, wenn sie vor dem hohen Rathe zu
-erscheinen hatten.
-
-Die alten Curzolaner verstanden keinen Spass und hielten etwas darauf,
-dass ordentliche Gesetze gegeben und auch gehalten wurden. In der
-Bibliothek des kaiserlichen Real-Gymnasiums wird heute noch das einzig
-übrige, auf Pergament geschriebene und aus dem Jahre 1214 stammende
-Exemplar des Statutes aufbewahrt, welches der Freistaat Curzola sich
-selbst gegeben. Die gesetzlichen Bestimmungen dieses Statuts sind von
-einem humanen Geiste durchweht, den man im Anfange des dreizehnten
-Jahrhunderts wohl vergeblich in irgend einem der heute so hoch
-civilisirten Länder des übrigen Europas gesucht hätte. Es ist dies ein
-merkwürdiger Beweis für die Richtigkeit des bekannten Ausspruches,
-dass Bildung und gute Sitte sich in Spirallinien fortbewegen, des
-öftern scheinbar zurückschreitend und doch im Ganzen vorwärtsstrebend.
-Dass heute Dalmatien sich in der Epoche des scheinbaren Rückschrittes
-befinde, wird kaum Jemand leugnen, der die jetzige Bildungsstufe
-der Landbevölkerung mit den Bestimmungen vergleicht, die vor bald
-sechshundert Jahren in dem Statute des Freistaates Curzola enthalten
-waren. Da heisst es:
-
-»Capitel 11. Von den Richtern, welche schlagen.«
-
-»Und so befehlen und verordnen wir. Wenn einer von den höheren Richtern
-irgend eine Person auf irgend eine Weise mit der Hand, mit dem Beil,
-mit einem Eisen, mit dem Schwerte oder mit dem Messer schlägt oder
-derselben die Kopfhaare ausreisst oder sie irgendwie in beleidigender
-Weise geschlagen hat, so soll er (der Richter) mit dem Doppelten der
-Strafe belegt werden, welcher nach den obigen Statuten jede andere
-Person verfallen wäre. Und von der Strafe soll der Ankläger den vierten
-Theil haben und drei Viertheile sollen der Gemeinde anheimfallen;
-dabei soll immer noch dem Geschlagenen sein Recht gewahrt bleiben auf
-die Entschädigung, die ihm nach den Bestimmungen dieses Statutes für
-den erlittenen Schaden, die angewendeten Arzneien und den Zeitverlust
-gebührt.«
-
-»Capitel 18. Von den Schlägen unter Weibern.«
-
-»Und so befehlen und verordnen wir. Wenn die Weiber untereinander sich
-mit Steinen oder dem Beile schlagen oder Eine die Andere schlagen
-liesse, so soll Jene, die schuldig befunden wird, sechs Perpera[46]
-verlieren. Und wenn sie nicht zahlen kann, so soll sie im Kerker
-bleiben, bis sie bezahlt hat. Und wenn die Geschlagene stirbt, so soll
-Jene, welche geschlagen hat, als Todtschlägerin verurtheilt werden.
-Und wenn Eine die Andere beschimpft, so sei sie, wenn es durch einen
-geeigneten Zeugen bewiesen werden kann, um einen Perperum gestraft und
-die Beschimpfte möge die Hälfte des Strafgeldes erhalten. Und wenn die
-Geschlagene irgend ein Glied verliert, so möge sie verhört werden und
-die Thäterin sei nach den Bestimmungen zu strafen, welche in diesem
-Statute bezüglich des Verlustes von Gliedern festgesetzt wurden.«
-
- [46] Eine alte Münze.
-
-Der Handel mit Menschenfleisch, der in dem freien Amerika erst vor
-wenigen Jahren durch einen blutigen und langwierigen Krieg unterdrückt
-werden konnte, wurde bereits im Jahre 1418 für Curzola durch den
-regierenden Rath aufgehoben. Denn am 9. März des genannten Jahres
-erliess der Rath ein Gesetz, in welchem es heisst: »In demselben
-Jahrtausend und Jahrhundert (1418) und zwar am 9. des Monats März,
-wurde vorgeschlagen, beschlossen und verordnet: Wenn von jetzt an
-irgend Jemand, welchen Standes, Ranges oder Geschlechts immer, sei
-er ein Curzolaner oder ein in Curzola wohnender Fremder, auf irgend
-eine Weise Sclavenhandel treibt, oder Briefe verfasst, schreibt,
-übersetzt oder veranlasst, welche sich auf zu kaufende Sclaven
-oder Sclavinnen beziehen, oder wenn Jemand zu diesem Zwecke das
-Gemeindesiegel von Curzola missbraucht -- und wenn Einer, der diesem
-Verbote zuwiderhandelt, dabei betroffen oder dessen angeklagt und
-durch wenigstens zwei Zeugen überwiesen oder durch das Gerücht dessen
-beinzichtigt wird, so soll er ohne Nachsicht gehalten sein, hundert
-Ducaten in Gold zu erlegen, von welchen zwei Theile der Gemeinde von
-Curzola gehören und gebühren, während einer, nämlich der dritte Theil
-dem Ankläger gehört und gebührt, der diese Sünde angezeigt hat. Und
-diese Verordnung und Vorschrift wollen wir, dass sie von heute an für
-immer gehalten werde, und wenn Einer nicht so viel hätte, um die Strafe
-zu bezahlen, +so geht es um seine Hand+ ...! Und diese Verordnung wurde
-durch Stimmkugeln angenommen und beschlossen mit 58 gegen genau 3.«
-
-Gesetze gegen den Sclavenhandel werden heute in Curzola nicht mehr
-häufig übertreten. Die Bevölkerung hat, seitdem die Landwirthschaft
-so arg daniederliegt, sich auf einen andern nicht minder nützlichen
-Erwerbszweig geworfen, auf den Schiffsbau. Und da sind es besonders
-kleine Boote, welche von den Handwerkern Curzolas so elegant und schön,
-wie kaum irgendwo, gebaut werden. Eines dieser Fahrzeuge, ein Gigg von
-geradezu feenhaft schönen Dimensionen, das die Schiffsbauer von Curzola
-im Jahre 1863 dem Kaiser verehrten, gab den Anlass zur Einführung einer
-der nützlichsten und in Dalmatien doch so seltenen Institutionen.
-
-Der Kaiser, der das Geschenk gnädigst angenommen hatte, liess den
-Erbauern des Giggs ein Geschenk von 100 Ducaten zukommen. Dieselben
-fassten aber den practischen Entschluss, das Geld nicht unter sich
-zu vertheilen, sondern es als Stammcapital eines zu errichtenden
-Spar- und Vorschussvereins für Schiffbauer zu verwenden. Gedacht,
-gethan! Die hundert kaiserlichen Ducaten hatten dem Unternehmen Glück
-gebracht. Die Leute fingen an zu sparen und ihr erspartes Geld in die
-Gesellschaftscasse zu legen, und heute verfügt der Verein über ein
-eigenes schönes Capital. Heute findet ein armer Schiffszimmermann, der
-alt oder bei der Arbeit zum Krüppel geworden, des Lebens dringendsten
-Unterhalt bei dem Vereine, und Bettler gehören in Curzola zu den
-seltensten Erscheinungen.
-
-Das haben des Kaisers hundert Ducaten gethan.
-
-
-
-
- =Specialitäten=
- im illustrirt-humoristischen und beletristischen Genre.
-
- In der =Verlags-Buchhandlung von Klíč & Spitzer in Wien=
- sind erschienen und durch alle Buchhandlungen des In- und
- Auslandes zu beziehen:
-
- =Bilderbuch für Hagestolze= von =E. M. Vacano=, mit =100=
- Federzeichnungen von =K. Klíč=. =4. Auflage.= In originellster
- Ausstattung. Einband: Mahagonyholz. Preis =2 fl. 50 kr. ö. W. = 5
- Mark=.
-
- =Der Roman der Adelina Patti= von =E. M. Vacano=, illustrirt =von K.
- Klíč=. Einband: Ahornholz. Preis =2 fl. 50 kr. ö. W. = 5 Mark=.
-
- =200 Bilderspässe= von =Hanns Bohrloch=. Preis =1 fl. 50 kr. ö. W. =
- 3 Mark=.
-
- Das =lebensgrosse= Portrait von =Charles Darwin=,
- Original-Kreidezeichnung von =K. Klíč=. Preis =4 fl. ö. W. = 8
- Mark=.
-
- =»Humoristische Blätter von K. Klíč«,=
- illustrirt-satyrisch-politisches Wochenblatt, 3. Jahrgang, mit
- der Beilage »=Neue Fliegende=«, humoristisches Familien-Journal.
- Oesterreich-Ungarn: Vierteljährig =2 fl. ö. W.= Deutschland: =5
- Mark=. »=Neue Fliegende=« allein =1 fl. 30 kr. ö. W. = 2 Mark 60
- Pf=.
-
-
- Bis zu Weihnachten 1875 erscheinen:
-
- =2. Band= vom =Bilderbuch für Hagestolze= von =E. M. Vacano=, mit 100
- neuen Original-Federzeichnungen von =K. Klíč=.
-
- =Dorfbilder= von =E. M. Vacano=, illustrirt von =K. Klíč= und =K.
- Žadnik=.
-
- =Nur für brave Kinder.= =Deklamationen der kleinen Marie=,
- illustrirte Kinderpoesien.
-
- =Bilder aus dem Harem.= Humoristischer Roman von =E. M. Vacano=,
- reich illustrirt von =K. Klíč=.
-
-
- Druck von Wilh. Zoeller in Wien.
-
-
-
-
- * * * * * *
-
-
-
-
-Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
- Ein Inhaltsverzeichnis wurde zur besseren Orientierung ergänzt.
-
- Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
- korrigiert.
-
- Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Die inkonsistente Schreibweise wurde beibehalten, sofern nicht bei
- den Korrekturen aufgeführt.
-
- Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
-
- S. 16: überkommen → übernommen
- den modernen Italienern die Unkenntniss der Geografie {übernommen}
-
- S. 30: Damatiens → Dalmatiens
- das langgestreckte Küstenland {Dalmatiens}
-
- S. 31: Peppo → Beppo
- Da stand das Haus des Herrn {Beppo}
-
- S. 52: starkt → stark
- die Umrisse eines {stark} verwischten Todtenkopfes zeigt
-
- S. 53: donnne → donne
- »il carnevaletto delle {donne}«
-
- S. 54: musss → muss
- an welchem die Procession vorüber ziehen {muss}
-
- S. 54: nnd → und
- {und} hinter allen dämmerigen Oellämpchen
-
- S. 55: ausgestrekten → ausgestreckten
- mit wagrecht {ausgestreckten} Armen gehen muss
-
- S. 56: Aufmerksam → Aufmerksamkeit
- sehen mit peinlicher {Aufmerksamkeit} darauf
-
- S. 58: Damatien → Dalmatien
- Erzählt man doch in {Dalmatien} hierüber
-
- S. 59: Merre → Meere
- eiskalten Fluthen in ungestümer Eile dem {Meere} zujagt
-
- S. 60: seinen → seinem
- um {seinem} Oelbaume nicht zu schaden
-
- S. 65: welchem → welchen
- Das sind die Momente, in {welchen} sie
-
- S. 65: graviätischer → gravitätischer
- und notirt mit {gravitätischer} Miene jedes Fass
-
- S. 65: und und → und
- im Hofraume {und} verzehren ihr Frühstück
-
- S. 74: Tabakliferanten → Tabaklieferanten
- Querzüge meines {Tabaklieferanten} Duje Braidovich
-
- S. 76: österreichichen → österreichischen
- auf der {österreichischen} Seite desselben
-
- S. 77: Grundsäszen → Grundsätzen
- von welchen {Grundsätzen} die Herren Bischöfe Dalmatiens
-
- S. 81: mus → muss
- Das Glas Wein {muss} übrigens ziemlich tief gewesen sein
-
- S. 93: gewähnt → gewöhnt
- und wer an derlei Scenen nicht {gewöhnt} wäre
-
- S. 109: Aehnlishes → Aehnliches
- dass {Aehnliches}, wie ich es jetzt erzählte
-
- S. 110: lagen → langen
- der fünf Fuss {langen} Flinte seines Vaters
-
- S. 112: dieser → diesen
- Bei {diesen} Worten hatte sein Weib
-
- S. 113: zerklüfteteten → zerklüfteten
- Vieh auf die {zerklüfteten} Bergabhänge treiben
-
- S. 114: Glieden → Glieder
- und die erstarrten {Glieder} zu wärmen
-
- S. 114: Harnmbascha → Harambascha
- ehe der {Harambascha} es ihm erzählte
-
- S. 120: die → di
- in der Bocca {di} Cattaro der Fall
-
- S. 126: nnd → und
- die Wogen hoben {und} senkten unsere kleine Barke
-
- S. 132: oh → ob
- hat die Luce gefragt, {ob} der Andre da gewesen
-
- S. 147: erwiederte → erwiderte
- der mir aber salbungsvoll {erwiederte}
-
- S. 152: aher → aber
- Andere Fischer {aber}, die ohne Feuer
-
-
-
-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS HALBVERGESSENEM LANDE***
-
-
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-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
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-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
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-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
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-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
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-violates the law of the state applicable to this agreement, the
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-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
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-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
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-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
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-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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