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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-04 23:28:31 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - - -Title: Aus halbvergessenem Lande - Culturbilder aus Dalmatien - - -Author: Theodor Schiff - - - -Release Date: October 13, 2015 [eBook #50197] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - - -***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS HALBVERGESSENEM LANDE*** - - -E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team -(http://www.pgdp.net) from page images generously made available by -Internet Archive (https://archive.org) - - - -Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this - file which includes the original illustrations. - See 50197-h.htm or 50197-h.zip: - (http://www.gutenberg.org/files/50197/50197-h/50197-h.htm) - or - (http://www.gutenberg.org/files/50197/50197-h.zip) - - - Images of the original pages are available through - Internet Archive. See - https://archive.org/details/aushalbvergessen00schi - -Anmerkungen zur Transkription - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Im Original fett gesetzter Text ist =so ausgezeichnet=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des - Buches. - - - - - -AUS HALBVERGESSENEM LANDE. - -Culturbilder aus Dalmatien - -von - -THEODOR SCHIFF. - -Mit Zeichnungen von K. Klíč und K. Žádnik. - - - - - - - -[Illustration] - -Wien, 1875. -Verlag von Klíč & Spitzer. - -(Alle Rechte vorbehalten.) - - - - -Inhaltsverzeichnis - - - Einleitung 3 - - Ein abgeschnittener Kopf. 7 - - Arme Seelen als Schiffsrheder. 15 - - Die Pestgräber von Botticelle. 25 - - Das Paternosterhaus. 34 - - Jacuve Ciciola und seine Liebe. 41 - - Wandelnde Kreuze. 48 - - Hippolytos und Phaedra. 57 - - Der Frau Mare Kargotic Gesang. 64 - - Türkischer Tabak. 70 - - Don Martine von Karakaschitza. 77 - - Ein Gerichtstag in der Morlakei. 87 - - Ein türkisches Schnupftuch. 95 - - Ein Richter in Bosnien. 103 - - Morlakischer Winter. 110 - - Die streitbaren Bocchesen. 118 - - Der Gouverneur von Scoglio Stipansko. 125 - - Wie die Agave zum Blühen kam. 135 - - Das Omblathal bei Ragusa. 141 - - Ein Fischzug bei Lesina. 149 - - Das Gigg des Kaisers. 155 - - - - -Ein schmaler Streifen Landes, lang gestreckt und dünn bevölkert, liegt -Dalmatien fernab vom emsigen Verkehre der Völker, eingeschlossen -zwischen dem massigen Gebirgsgrat der türkischen Grenze und den -ruhelosen Wogen des Meeres. - -Die Söhne des alten Hellas hatten einst seine Inseln bevölkert -- und -die heitere Sitte ihres Vaterlandes war mit ihnen eingezogen in die -neue Erde. Die stolze Roma hatte ihren wuchtigen Arm ausgestreckt -über die lachende Küste -- und wie mit einem Zauberschlage wuchsen -blühende, reich bevölkerte Städte, wuchsen riesige Paläste hervor, -und schöne Tempel in heiterem Säulenschmucke spiegelten sich in den -Fluthen der Adria. Barbarenhorden brachen in das Land, Schrecken, Tod -und Verderben in ihrem -- Gefolge und zugleich mit ihnen hielt das -Christenthum seinen stillen Einzug, siegreich in seiner holden Demuth, -freiheitkündend in seiner sanften göttlichen Lehre. Das finstere, -gewaltthätige Ritterthum entvölkerte mit seinen Kreuzzügen Europa -- -und Richard Löwenherz fand in Ragusa eine Freistatt. Der erste Napoleon -hatte das Land mit seinen Geierkrallen erfasst, und in den kurzen -Jahren seines Besitzes hoben sich der Handel und die Industrie des -Landes zu nie geahnter Blüthe. - -Und heute? - -Die erlauchte Krämer-Republik Venedig hat Dalmatiens Forste ausgerodet, --- türkische Barbarei in demselben ihre blutigen Zeichen gelassen, --- das reichbegabte und dabei so arme Volk verkümmert jetzt in -seiner Einsamkeit und das Gespenst des Hungers hält alljährlich -seinen Umzug durch die schauerlich nackten Felsengebirge. Heute hat -sich die Weltgeschichte abgewendet von dem schönen armen Lande, das -in unthätiger Ruhe langsam dahinsiecht, -- heute spricht man von -Dalmatien wie von einer sagenhaften Erde, und von seinem Volke wie von -verklungenen Geschlechtern. - -Darum habe ich es versucht, den Schleier zu lüften, der über Dalmatien -liegt und über seinen Bewohnern. Ich habe nichts erdichtet und nichts -erfunden, sondern einfach erzählt, was ich im Laufe langer Jahre dort -gesehen, und die Erinnerungen niedergeschrieben, die mir geblieben sind -aus dem Vaterlande meiner Kinder -- aus dem halbvergessenen Lande. - - +Wien+ im September 1875. - - Theodor Schiff. - -[Illustration] - - - - -AUS HALBVERGESSENEM LANDE. - -[Illustration: Die alte Zanetta.] - - - - -[Illustration] - - - - -Ein abgeschnittener Kopf. - - -Die alte Zanetta sass auf ihrem uralten Lehnstuhl und liess sich's -wohl geschehen. An einem spiessartigen Stück Holz, das sie durch das -Band der breiten grossblumigen Schürze gesteckt hatte, war der Flachs -befestigt, den sie mit den knöchernen Fingern ihrer linken Hand langsam -herabzupfte, und in der rechten Hand liess sie das länglichrunde Holz -»il fuso« kreisen, um das sich das gesponnene Garn wickelte. Auf ihrem -Kopfe lagen zwei grosse Krautblätter und über denselben ein viereckig -gefaltetes schneeweisses Tuch. Signora Zanetta behauptet seit dreissig -Jahren täglich, dass sie +heute+ Kopfschmerzen habe, und dass sie nur -frische Krautblätter durch vierundzwanzig Stunden auf den Kopf zu -legen brauche, um den Kopfschmerz für immer zu vertreiben. Und darum -trägt sie seit dreissig Jahren Krautblätter auf dem Kopf und darüber -das viereckig gefaltete weisse Tuch, was zusammen den Eindruck eines -bösartigen Turbans exotischer Herkunft hervorbringt. Ein von tausend -Runzeln durchfurchtes Gesicht, dessen Mund noch eine untadelhafte Reihe -blendend weisser Zähne zeigte, ein verblichenes, aber höchst sauber -gehaltenes Kleid, an den zusammengeschrumpften Füssen reine weisse -Strümpfe und ein paar türkische Schuhe von dickem rothen Leder, sass -die Signora Zanetta auf ihrem Lehnstuhl und um sie schwirrten die -Schwärme von Fliegen, wie sie die dreissig Grad Hitze eines Julitages -in Spalato zu erzeugen vermögen. - -Ein grosses Gemach mit niedriger Decke -- an den Wänden rohe -Alfresco-Malereien, sämmtlich Theile der Seeküste darstellend, an -welcher Herren und Damen in altväterischer Tracht lustwandeln, während -in der Ferne der ruhig glänzende Spiegel des Meeres sich endlos -erstreckt, -- in der Mitte des Zimmers ein ungeheurer Tisch aus -dunklem Holze, -- an den beiden Längsseiten des Zimmers zwei kleine, -schwerfällige, mit Flügelthüren versehene Kasten, auf denen mindestens -ein Dutzend blankpolirter messingener Oellampen stand, -- über dem -einen Kasten ein schauerlich gemaltes, den Kaiser Franz als Jüngling -vorstellendes Bild, dem gegenüber ein stark zerfressener Kupferstich -mit der Darstellung des bethlehemitischen Kindermordes hing, -- eine -alte Wanduhr in einem bis an die Decke reichenden Kasten, -- so sah das -Gemach aus, in welchem Signora Zanetta sass, spann und es sich wohl -geschehen liess. - -In Spalato ist Alles alt. Die Häuser, das Pflaster, die Familien, die -Kirchen, die Sprache, -- Alles ist uralt. Die Domkirche wurde zu Ende -des dritten Jahrhunderts von dem alten Christenverfolger Diocletian -dem Jupiter erbaut, -- die Sphinx vor derselben ist eine Kleinigkeit -älter und entstammt der achtzehnten Dynastie der Pharaonen, -- und das -am Meeresstrande befindliche Franziskaner-Kloster macht einen förmlich -modernen Eindruck, weil es erst im Jahre 1212 vom heiligen Franz -von Assisi gegründet wurde, -- ja, auf dem beliebtesten Spazierwege -Spalatos konnte man noch zu Ende der Sechziger-Jahre halb städtisch, -halb »national« gekleidete Bürger mit einem rückwärts herabbaumelnden -Zopfe sich ergehen sehen. Das Italienisch, das in allen Bürgerfamilien -gesprochen wird, ist genau dasselbe, das man in Venedig vor hundert -Jahren hörte und in Goldoni's Lustspielen noch heute lesen kann. Eine -Familie, die ihren sogenannten Adel erst von hundert oder zweihundert -Jahren herwärts datirt, wird so ziemlich als neugeadelt angesehen, -und ich kenne selbst in Spalato eine Familie, deren Mitglieder allen -Ernstes behaupten, dass ihre in +Salona+ ansässigen Vorfahren bereits -römische Patrizier gewesen seien. Salona wurde aber im Jahre 639 -nach Christi Geburt zerstört, und das mag der Grund sein, warum das -betreffende Adelsdiplom nicht aufgefunden werden konnte. - -Es ist überhaupt ein merkwürdiges Volk, das der Dalmatiner und -besonders der Spalatiner Adelsgeschlechter. In den engen Gassen der -Stadt, in den verstecktesten und übelriechendsten Winkeln derselben -sitzen sie in ihren Häusern, denkend der vergangenen Herrlichkeit, -als noch der »Conte« nicht viel weniger als ein Souverain und der -arme Morlake nicht viel mehr als ein Sklave war, und es für jede -Ungerechtigkeit, die der »Conte« beging, höchstens eine Geldstrafe -gab, für das Vergehen des armen Bauern aber nur das Ermessen und die -Willkür seines Herrn massgebend war. Sie haben nichts gelernt und -nichts vergessen, diese Conti, und so gut österreichisch sie auch im -Allgemeinen sein mögen, so denken sie doch noch immer an das verrottete -Pascha-Regiment der in ihrem Fett erstickten Republik von Venedig. Ja, --- sowie man heute noch allenthalben auf den Mauern und öffentlichen -Gebäuden der dalmatinischen Städte den Löwen des San Marco über -seine vergangene Herrlichkeit in steinerner Faulheit trauern sieht, -so würden sämmtliche »Conti« nicht im mindesten sich wundern, wenn -eines schönen Tages wieder einmal so ein Provveditore der Republik -auf einem altartigen Segelschiffe angefahren käme, um die verrottete -Zopfwirthschaft von neuem zu beginnen. - -So wie es unter depossedirten Fürsten üblich sein mag -- ich stelle es -mir wenigstens so vor, -- sich gegenseitig mit »Majestät« anzusprechen, -so hört man die Spalatiner alten Familien einander den Titel »Conte« -geben, ohne dass weder der eine noch der andere Theil das mindeste -Anrecht auf diese Bezeichnung hätte. Das »gemeine« Volk thut dann das -Gleiche in seinem Umgange mit den »Conti«, und so wird in Spalato, da -man dort nach altvenetianischer Weise die Leute bei ihrem Taufnamen -ruft, nur von einem Conte Mome[1], Conte Zane[2], Conte Toni, von einer -Contessa Mare[3], Contessa Lele[4] und Contessa Bare[5] gesprochen. - - [1] Hieronymus. - - [2] Giovanni. - - [3] Maria. - - [4] Helene. - - [5] Barbara. - -In dem Hause eines solchen Conte war es, wo ich der alten Zanetta -gegenüber sass, die spinnend und kopfnickend mir ihre Erinnerungen -erzählte. Da war sie als dreizehnjähriges Kind in die Familie -gekommen, in der sie jetzt als dreiundachtzigjährige Greisin das -Gnadenbrod ass. Ihren Herrn, den Conte Anastasio, der vor einem Jahre -als siebzigjähriger Greis gestorben, hatte sie damals auf den Armen -getragen, -- dessen Mutter, die Contessa Nene[6], war damals eben -erst seit zwei Jahren verheiratet gewesen und trotz ihrer Jugend eine -gar strenge Frau. »Ja, ja, damals hatten die Diener noch Respect vor -dem Herrn und der Frau, und wenn sie pfeifen hörten (denn in jener -Zeit gebrauchte man noch keine Glocken in den Zimmern), da stürzten -sie Alle holterpolter in's Zimmer, -- nicht wie jetzt, wo die Magd -hereinschleicht, als ob sie der Frau damit eine Gnade erwiese.« - - [6] Anna. - -»Damals,« so erzählte Zanetta, während sich ihre bleichen runzlichten -Wangen in Erinnerung an die vergangene Herrlichkeit rötheten, »damals -konnte der Herr noch den Diener strafen, ohne dass irgend ein Prätor -oder sonst ein Beamter sich unberufenerweise hineinmischte. Wenn das -heute geschehen wäre, dass man der seligen Lustrissima[7] ihr ganzes -Silbergeschirr stahl, wie es bald vor siebzig Jahren geschehen, wer -weiss, ob nicht der Joso[8], der Lump, noch frei ausgegangen wäre, aber -so hat er es bitter genug büssen müssen, -- unser Herrgott habe seine -Seele gnädig.« -- Und Signora Zanetta faltete die Hände und schien ein -Gebet für den »Joso« zu murmeln, so dass ich sie, so lange sie in ihrer -Andacht versunken war, nicht unterbrechen wollte. - - [7] Altvenetianischer Ausdruck, ungefähr so viel als »gnädige Frau«. - - [8] Josef. - -»Und wie war denn die Geschichte, Signora Zanetta, mit dem Joso und dem -Silbergeschirr und der Lustrissima?« - -»So, wissen Sie +das+ nicht? Hier weiss es Jedermann. Das heisst, -Jene, die es gewusst haben, sind eigentlich meistentheils todt, ich -aber erinnere mich noch gar gut daran. Damals war ich ein junges -Ding und eben erst von der Insel Brazza herübergekommen, weil mich -die selige Lustrissima als Magd wollte. Ich bin auch seit jener Zeit -nicht mehr aus dem Dienste der Familie ......* getreten, und so hat -auch mein Herr, der Conte Nico[9], als er vor dreissig Jahren starb, -es ausdrücklich im Testamente hinterlassen: La Signora Zanetta resta -calzata e vestita in casa ......*, monda e netta[10]. Auch arbeite -ich, was ich will, und seit zehn Jahren putze ich nur mehr alle Morgen -die Oellampen, denn das jetzige Volk von Mägden ist zu faul und zu -schmutzig zu einem solchen Geschäft. Also richtig, dass ich auf den -Joso komme, der war damals Knecht beim Conte Nico und wohnte draussen -in dem Hause von Lovrett, eine Viertelstunde vor der Stadt auf dem Wege -gegen Paludi. Dort hatte er die Felder zu bearbeiten, die auf weit und -breit um das Haus herum dem Conte Nico gehörten. Sie gehören auch jetzt -noch der Familie ......*« - - [9] Nicolaus. - - [10] Frau Zanetta bleibt beschuht und gekleidet, rein und sauber im - Hause ......* - -»Also, die Lustrissima lag in ihrem ersten Kindbett mit dem kleinen -Conte Anastasio, den Sie ja selbst noch gekannt haben und der erst im -vorigen Jahre gestorben, und weil es schon gegen zwölf Uhr Mittags war, -um welche Zeit gewöhnlich die anderen Frauen zur Lustrissima zu Besuche -kamen, so hatte ich den kleinen Conte Anastasio, der eingeschlafen war, -in seine schöne Wiege gelegt und putzte ein wenig den Staub von den -Möbeln des ersten vor dem Schlafzimmer der Lustrissima befindlichen -Zimmers. Da ruft die Lustrissima und sagt: »Zanetta, mir kommt vor, -als ob ich einen Geruch von Zwiebel verspürte, -- war gewiss der Joso -draussen im anderen Zimmer?« Der Joso, müssen Sie wissen, ass sehr -gerne frische Zwiebel und roch auch gewöhnlich danach. Sag' ich, nein, -Lustrissima, der Joso ist noch nicht zum Essen gekommen und in der -Küche draussen wird ihm die Minestra kalt. Sagt die Lustrissima: »Ich -weiss nicht, aber die ganze verflossene Nacht träumte mir von Melonen, -die mir der Joso brachte, das bedeutet einen Diebstahl. Nimm hier die -Schlüssel und sieh in der schwarzen Truhe nach, die draussen steht, -ob alles Silberzeug da ist.« Sage ich: Ja, Lustrissima! nehme den -Schlüssel und will die Truhe aufsperren, da fehlt aber etwas im Schloss -und ich kann nicht damit zu Stande kommen. Unterdessen kommt der Conte -Nico nach Hause, der lässt den Schlosser holen, und wie der Deckel -endlich aufspringt, ist die Kiste leer. Ja, -- von Melonen träumen -bedeutet immer Diebe im Hause.« - -»Der Conte Nico -- Gott hab' ihn selig! -- läuft selbst gleich zum -Municipium und es werden alle Rondari[11] avisirt und die Truhen von -uns Dienstleuten wurden alle durchsucht, aber es fand sich nichts und -die Rondari konnten auch keinem Diebe auf die Spur kommen. Da liess -der Conte Nico alle Dienstleute in's Zimmer kommen und wir mussten -niederknien und er machte alle Fenster auf. Einer nach dem Andern -mussten wir bei offenem Fenster schwören, dass wir es nicht gethan -hätten, -- und schliesslich sprach Niemand mehr davon.« - - [11] Eine Art Stadtwache. - -»Die Lustrissima aber hatte sich das schöne Silberzeug zu Herzen -genommen, wurde schwer krank und lag durch drei Monate im Bette, obwohl -man ihr nach und nach mindestens hundertundfünfzig Blutegel setzte und -der alte Doctor R., der Grossvater des jetzigen Doctor R., ihr viele -Male zu Ader liess. Wie es ihr schon besser geht, -- aber noch sehr -schwach war sie, -- kommen eines Morgens unsere beiden Knechte, die im -Hause wohnen, vom Feld herein und mit ihnen drei Rondari. Die tragen -etwas in einer Torba[12] und wollen mit der Lustrissima sprechen. Der -Conte Nico war schon zeitlich Früh nach Castelli geritten und weil -die Lustrissima noch so schwach war, so hatte ich gerade ein schönes -Stückchen Schöpsenfleisch für sie gebraten, das ich ihr mit einem Glase -Vugava[13] hineintragen wollte. Wie die Rondari und die Knechte aber -hören, dass der Conte Nico nicht zu Hause sei, liessen sie sich schon -gar nicht mehr halten und sagten, wenn ich sie nicht hineinführe zur -Lustrissima, so würden sie ohne mich zu ihr in's Zimmer gehen; sie -hätten etwas, das die Lustrissima zum Lachen bringen würde, und das -thäte ihr gewiss besser als alle Medicinen und Blutegel des Doctors.« - - [12] Schnappsack von Schafwolle. - - [13] Ein süsser Wein, der ausschliesslich auf der Insel Brazza wächst. - -»Die Lustrissima hatte uns sprechen gehört und rief mir zu, dass ich -die Leute nur hineinführen möchte zu ihr. Wie nun die Knechte in's -Zimmer treten, bemerke ich, dass der Eine, der Ive,[14] den Griff -seines Handjars und auch seine Hände ganz mit Blut beschmutzt hatte, -aber ich erschrak nicht, weil ich glaubte, er hätte vielleicht einen -Hammel geschlachtet oder sonst etwas. Da traten die Fünfe hin vor das -Bett der Lustrissima, und der Ive, der immer gut sprechen konnte, sagt -zu ihr: »Gospoja,[15] willst Du wissen, wo Dein Silberzeug ist?« Sagt -die Lustrissima: »Freilich möchte ich's gerne wissen, aber ich fürchte, -das ist schon lange in der Türkei.« Sagt der Ive: »Schau, Gospoja, -kennst Du das?« und zog unter der Jacke die grosse silberne Spuckschale -hervor, die noch heute drüben beim anderen Silberzeug steht. Dann -griffen die Anderen in ihre Jacken und Gürtel, und nach und nach lag -das ganze gestohlene Silberzeug auf dem Bette der Lustrissima zu ihren -Füssen.« - - [14] Johann. - - [15] Frau oder Herrin. - -[Illustration] - -»Wie das aber Alles ausgebreitet lag, sagt der Ive: »Weisst Du noch, -Gospoja, wie wir alle haben bei offenem Fenster schwören müssen? Ich -habe damals gar gut gesehen, wer blass geworden ist, als der Conte -Nico die Fenster aufmachte. Darum habe ich seit der Zeit dem Joso -aufgepasst, und jede Nacht ging ich um Lovrett herum seit dieser Zeit, -bis ich einmal ein Licht sah unter den Feigenbäumen vor dem Hause. Da -wusste ich, dass ein Schatz in der Erde sein musste, denn das Licht -verschwand, sobald ich näher kam. Und als ich heute Nacht wieder um -Lovrett herumschlich, da sah ich den Joso mit der Schaufel aus dem -Hause treten und gegen die Feigenbäume gehen. Da rief ich schnell -meinen Kameraden und auch die drei Rondari, die wir begegneten, und -als wir nach Lovrett kamen, da hatte gerade der Joso das ganze Silber -ausgegraben und wollte es in's Haus tragen. Wir aber fielen über ihn -her und nahmen es ihm weg. Hier hast Du Dein Silber, Gospoja, und da -ist noch etwas.« Und wie der Ive das gesagt hatte, griff er in die -Torba und zog den Kopf des Joso hervor, den sie ihm abgeschnitten -hatten -- --« - -»Die Lustrissima erschrak zwar, aber sie war eine gar tapfere Frau, --- ganz wie ein Mann. Darum beruhigte sie sich bald, liess den Kopf -hinaustragen und befahl mir, den Leuten Wein und Brod zu geben, bis der -Conte Nico käme. Der war anfangs böse darüber, weil damals schon die -Beamten anfingen, sich in Alles hineinzumischen und solche Dinge nicht -leiden wollten. Aber er sprach mit den Herren auf dem Municipium, die -hatten auch viel zu viel Respect vor der Familie ......*, als dass sie -etwas gethan hätten. Und so fragte Niemand mehr danach, der Joso bekam -eine schöne Leiche, und das Silberzeug kam auf seinen alten Platz in -die schwarze Truhe. Aber für den Joso wird seit dieser Zeit alle Jahre -an seinem Sterbetage, als sie ihm den Kopf abschnitten, eine heilige -Messe gelesen.« - -»Und wann ist die Lustrissima gestorben?« fragte ich. - -»Schon vor zwölf Jahren,« sagte Signora Zanetta, indem sie die Spindel -zur Erde gleiten liess, andächtig die Hände faltete und für die -Lustrissima zu beten schien. - -Die Signora Zanetta erzählte mir diese Geschichte genau an dem Tage, -als die Schlacht bei Sedan geschlagen wurde, und lebt noch zur Stunde, -in der ich dieses schreibe. - - - - -[Illustration] - - - - -Arme Seelen als Schiffsrheder. - - -Was die Dalmatiner von uns Deutschen sagen und wie sie von uns denken, -das lässt sich nicht in wenigen Worten wiedergeben, hauptsächlich -schon aus dem Grunde nicht, weil unter dem Worte »Dalmatiner« -zwei ganz verschiedene Nationalitäten zu verstehen sind, die -einander in der Sprache gar nicht gleichen, während ihre Sitten nur -Weniges mit einander gemein haben. In den Küstenstädten Nord- und -Mittel-Dalmatiens, in Zara, Sebenico, Spalato, Almissa und Makarska -ist die sogenannte bessere Classe, zu welcher sämmtliche »Conti«, -die besser gestellte Mittelclasse und verhältnissmässig nur wenige -Gewerbetreibende gehören, grösstentheils italienischer Herkunft; man -spricht in der Familie italienisch mit venetianischem Dialekt und hat -venetianische Sitten und Gebräuche mit einer merkwürdigen Zähigkeit -bis auf den heutigen Tag festgehalten. Im Inneren des Landes hingegen, -sowie in den südlicher gelegenen Städten Ragusa, Cattaro, Castelnuovo, -dann auf den Inseln, herrschen slavische Sprache, Sitten, Gebräuche -und Familien-Namen vor. Die Bewohner des inneren Gebirgslandes sind -ausschliesslich Slaven. - -Im Allgemeinen wird das Cultur-Element durch den italienisch -sprechenden Theil der Bevölkerung vertreten, während sich die -Dalmatiner Slaven -- mit alleiniger Ausnahme der Bevölkerung von -Ragusa -- noch in einem wenig beneidenswerthen Urzustande befinden. -Ich weiss zwar nicht, ob ich es als eine für uns Deutsche beschämende -Thatsache erklären soll, aber es steht fest, dass die Dalmatiner -Slaven von dem Daheim der Deutschen kaum mehr wissen als vielleicht -die Unterthanen Seiner Majestät des Schah's von Persien. Allenfalls -hört man von einem Morlaken hin und wieder Bec (Wien) erwähnen, wobei -übrigens die Frage nicht selten ist, welche Sprache denn in »Bec« -gesprochen werde. Darüber hinaus gehen aber die ethnografischen und -geografischen Begriffe eines Dalmatiner Bauers wohl selten. - -Anders verhält es sich mit den »gebildeten«, italienisch sprechenden -Dalmatinern. Diese haben noch von ihren Vorfahren oder Zwingherren, den -alten Venetianern, die ganze Verachtung für die deutschen Barbaren und -vielleicht von den modernen Italienern die Unkenntniss der Geografie -übernommen, die sie auch je nach den Abstufungen ihrer bessern oder -minder guten Erziehung ziemlich unverhüllt zur Schau tragen. Deutsche -Beamte sind in Dalmatien sehr selten, die Chefs der Landes-Regierung -sind und waren seit vielen Jahren der Militärgrenze oder sonst dem -croatischen Stamme entnommen, die Officiere der in Dalmatien liegenden -Truppen schliessen sich von dem Verkehr mit den Familien ab oder werden -vielmehr zu demselben gar nicht zugelassen: da ist es natürlich, dass -man mit dem Ausdrucke »Deutsch« nur einen sehr unbestimmten Begriff -verbindet, und es ist mir mehr als einmal vorgekommen, dass in einer -der abendlichen »Conversazioni« von einem »Deutschen aus Ungarn« oder -einer »Deutschen aus Böhmen« die Rede war, worunter man ungarisch oder -czechisch sprechende Leute verstand. - -Aber nicht nur Barbaren sind wir Deutsche für die echten Dalmatiner, -sondern auch Ketzer. -- Ketzer ohne alle Ausnahme. Daher erklärt -sich auch das mit einem guten Theil Misstrauen gemischte und etwas -zugeknöpfte Benehmen, mit welchem der Deutsche in Dalmatien von dem -Eingebornen italienischer Nationalität empfangen und im Umgange -behandelt wird. - -Man hat viel von den verrotteten, abergläubischen Ansichten der -Tiroler gesprochen und als Entschuldigungs- oder Erklärungsgrund den -Wall himmelanstürmender Berge angeführt, der Tirol bis vor Kurzem -von dem Verkehre mit der Aussenwelt so ziemlich abgeschlossen hielt. -Bei den Dalmatinern mag eine ähnliche Ursache die ähnliche Wirkung -hervorgebracht haben. Dalmatien liegt eben ausser dem Wege des -Völkerverkehrs und die befruchtenden Ideen der Neuzeit haben dort kaum -einen schwachen Widerhall gefunden in seinen Bergen, in den dumpfen -Häusern seiner alterthümlichen Städte und an seinen einsamen Küsten. - -Wer in Spalato während der Sommer-Monate Luft schnappen will, der -muss zeitlich aufstehen. Das ist nicht figürlich zu nehmen, sondern -wörtlich. Die Tage sind glühend, die Nächte heiss, -- aber in den -Morgenstunden, allenfalls von vier bis sechs Uhr, da liegt ein -prächtiger satter Schatten über der breiten Marine, dem schönen -Spaziergange, der sich zwischen den dem Hafen zugewendeten Häusern -der Stadt Spalato und dem Meeresufer hinzieht. Das Meer dehnt sich -still und glänzend aus bis zu den noch im Schatten liegenden Inseln -Brazza und Solta, die Barken am Ufer heben und senken sich in feierlich -rhythmischer Bewegung, der feine blaugraue Duft, den man nur am -Seegestade findet, mengt sich am weiten Horizont mit den violetten und -hellrothen Farben des Himmels, schöne Möven tauchen abwechselnd in -die rosige Himmelsgluth und den silberglänzenden Spiegel des Meeres. -Weit draussen kommen vielleicht ein Paar Fischerboote heran mit -braunrothen lateinischen Segeln, und dann blitzt plötzlich der erste -Morgensonnenstrahl über Segel, Inseln, Möven und Meeresspiegel. Dann -kriechen wohl einzelne Matrosen aus den Lucken ihrer Fahrzeuge, in -denen sie geschlafen, und machen ihre Morgen-Toilette im Meerwasser; -Weiber mit grossen Körben auf dem Kopfe bringen Milch und Gemüse zu -Markte, im nahen Franziskaner-Kloster läutet es zur Frühmesse, -- aber -der echte Spalatiner, besonders wenn er ein Conte ist, schläft noch, --- lässt sich von den Mücken stechen, deren es in den engen Gassen und -Häusern Millionen gibt, und schwitzt seine Morgenträume. - -Der alte Conte Lole[16] war zwar ein echter Spalatiner, aber heute -wich er ab von der Sitte seiner Väter und war schon um fünf Uhr -auf der Marine. Er schien auf etwas oder auf Jemanden zu warten, -denn er pflanzte sich, so lang er war, mitten hin vor das kleine -Sanitätsgebäude und musterte, die Hand als Schutz gegen die eben -aufgehende Sonne über die Augen haltend, die am Ufer verankerten -Barken. Meinen Gruss erwiderte er als jenen eines alten Bekannten -ziemlich flüchtig, freute sich aber doch, wie er sagte, mich so früh -auf und wohl zu sehen. »Der Ante Placibat,« hub er an, immer noch mit -der Hand über den Augen, »der Ante Placibat ist ein Faulpelz, -- ich -sehe weder ihn noch die Colombina. Und doch sollte er schon heute Früh -von der Brazza gekommen sein, um gleich wieder nach Zara abzufahren. -Ich bin nur seinetwegen am diese Stunde aufgestanden, um ihm Einiges -mitzugeben für meinen Bruder, den Conte Duje[17]. Auch weiss er recht -gut, dass der Don Beppo eigens seinetwegen heute schon um sechs Uhr -in unserer Capelle Messe liest für eine glückliche Fahrt. Ich möchte -Nichts sagen, wenn ihm die Messe nichts gelten würde, aber heute sind -gerade zwei von den Knechten auf dem Felde, da ist nur die Magd und der -eine Knecht bei der Messe und so kann der Kerl als Dritter zu einer -giltigen heiligen Messe kommen, weil ich ihn für einen meiner Diener -ausgeben kann. Er verdient's aber nicht, der ......!« - - [16] Lorenzo. - - [17] Abkürzung für Doimo, den Namen des Schutzheiligen von Dalmatien. - -Mir war die ganze Geschichte einigermassen unverständlich. Wer ist Ante -Placibat und wer die Colombina? Was ist das für eine Messe, die nur -für drei Dienstboten gilt, und wem gegenüber will Conte Lole den Ante -Placibat, der doch sein Knecht nicht zu sein scheint, für einen solchen -ausgeben? - -Ich erbat mir von Conte Lole eine diesbezügliche Erklärung, aber -in demselben Augenblicke kam ein Mann auf uns zu, der offenbar der -ersehnte Ante Placibat sein musste, denn er grüsste schon von Weitem -und Conte Lole rief ihm in halb scherzhaftem, halb ärgerlichem -Tone einige Flüche in illirischer Sprache zu. Der Mann trug ein -Paar weite Beinkleider von Segeltuch, die mit einer rothen Schärpe -um die Hüften befestigt waren, eine braune, vorne offene Jacke -und einen breiträndigen Strohhut. Sein Anzug und die hellgrauen -zusammengekniffenen Augen zeigten deutlich den Seemann. Der Conte Lole, -sagte er, möge sich nur nicht ereifern. Die Colombina (und dabei wies -er mit dem Daumen über die rechte Schulter) sei bereits um drei Uhr -Früh angekommen und vollkommen klar zur Abreise. Wenn der Conte Lole -ein wenig weiter gegen das Zollamt gehen wolle, so könne er sie hinter -dem grossen Trabakel[18] des Padron Ivicich liegen sehen. Auch habe er -bereits einen Matrosen mit dem Mozzo[19] in das Haus des Conte Lole -gesendet, um mitzunehmen, was mitzunehmen wäre. Und wenn der Conte -Lole und ich es erlauben, so lade er uns ein, unterdessen, bis die -Leute zurückkämen, mit ihm einen schwarzen Kaffee zu trinken, der im -Kaffeehause Troccoli ganz vorzüglich wäre. Und dabei machte er eine -tiefe Verbeugung vor uns Beiden. Aber der Conte Lole wollte von allen -dem nichts wissen, sondern trieb den Ante Placibat an, dass er jetzt -gleich mit ihm nach Hause und zur Messe käme. Auch mir, sagte er, könne -es nicht schaden, und wenn ich ihn begleiten wolle, so erweise ich ihm -eine Ehre, obwohl die Messe für mich nicht giltig sei, denn ich wäre -+ein Fremder+. - - [18] Ein grosses Küstenfahrzeug. - - [19] Schiffsjunge. - -Dass die »Colombina« eine Küstenbarke und Ante Placibat deren -Commandant (oder um in der Schiffersprache zu sprechen) ihr Padron war, -das hatte ich jetzt glücklich erfahren, aber welches Bewandtniss es mit -der »giltigen« Messe habe, die für mich +nicht+ galt, blieb mir immer -noch ein Geheimniss, das mir der Ergründung werth schien. Ich nahm -deshalb die Einladung des Conte an und begleitete ihn durch die noch -wenig belebten Gassen der Stadt, während Ante Placibat sich respectvoll -immer einen halben Schritt hinter uns hielt. - -Spalato ist nicht gross und um es in gerader Linie nach irgend -einer Richtung zu durchmessen, benöthigt man kaum mehr als zehn -Minuten. Beiläufig so lange brauchten wir auch, um zu dem Hause des -Conte zu gelangen, das, wie er mir unterwegs erzählte, bereits seit -zweihundert Jahren seiner Familie gehörte. Der Zugang zu demselben -war nicht vielverheissend, da wir uns durch ein Gewirr der engsten -und finstersten Gässchen durchwinden mussten, bis wir endlich durch -einen mächtigen, wahrscheinlich noch von dem Palaste Diocletian's -herstammenden Schwibbogen tretend, uns der Behausung des Conte -gegenüber befanden. - -Ein alterthümliches, roh in Stein gehauenes und mit grellen Farben -überklextes Wappen prangte über dem hohen, aber schmalen Thore. Die -weite, beinahe vollkommen finstere Vorhalle, die uns nun empfing, -entsandte einen eigenthümlich muffigen, mit mephitischen Dünsten -gemischten Duft, was auch der Conte zu bemerken schien, denn er -murmelte, während wir die Stiege hinaufschritten, etwas über die -Nachlässigkeit eines gewissen Sime[20], der des Abends das Thor nicht -rechtzeitig schliesse und dadurch die Schuld trage, dass sich die ganze -Nachbarschaft des Hauseinganges wie eines Anstandsortes bediene. Im -ersten Stocke angekommen, traten wir in eine Vorhalle, von der zwei -Thüren, wie es schien, in die Wohnzimmer und eine kleinere dritte in -die Capelle führte. Der Conte öffnete die Thüre. - - [20] Simeon. - -Eine merkwürdigere Capelle und eine sonderbarere Versammlung von -Andächtigen ist mir wohl niemals vorgekommen. Vor Allem trat uns -eine grosse, magere, streng und sauber aussehende Dame in einfachem -Hauskleide entgegen, welche durch die nichts weniger als artige -Strafpredigt, die sie wegen zu langem Ausbleiben an den Conte richtete, -sich als die Contessa kundgab. Als sie meiner ansichtig wurde, -verstummte sie, ohne übrigens im Geringsten verlegen zu werden, und -erwiderte meinen Gruss ziemlich gemessen, indem sie mir zugleich den -Eintritt freigab. Der Thür gegenüber, die in ein schmales, beiläufig -vier Klafter langes Gemach führte, stand ein Altar auf rohen, aus -Sandstein gemeisselten Säulen. Ober demselben prangte ein aus Holz -geschnitzter Heiliger und über demselben ein vergoldetes Osterlamm. -Zwei Reihen schmaler Betschemel, die kaum für je zwei Personen Platz -boten, liessen einen Gang frei bis zum Altare. Uralte Heiligenbilder, -alte Sträusse von künstlichen Blumen und einige Kupferstiche hingen an -den Wänden. Auf den Kniebänken der Betstühle sassen vier junge Damen -mit glänzenden Augen, höchst derouter Toilette und ungekämmten, aber -prachtvoll langen, dunkelschimmernden Haaren; sie kehrten dem Altar den -Rücken und schienen sich in zwanglosem Geplauder zu unterhalten. Das -waren die jungen Contessen. Ein beiläufig achtzehnjähriger Bursche, -der junge Conte, lehnte an der Thüre und sprach mit einem sehr behäbig -aussehenden kugelrunden geistlichen Herrn; ein Morlake und eine -städtisch gekleidete höchst schlumpig aussehende Magd standen in der -einen Ecke. Das war die Versammlung, welche den Conte Lole und mit ihm -den Anfang der Messe erwartete. - -Bei unserem Eintritte kam etwas Leben in die Versammlung. Der -geistliche Herr legte mit Hilfe des Hausherrn die Messgewänder an, die -jungen Damen trachteten die Mängel ihrer Morgen-Toilette so gut und so -schnell als möglich zu verdecken, männiglich setzte sich in andächtige -Positur und die Messe ward ohne weitere Störung gelesen, nur dass die -Contessa hin und wieder giftige Blicke auf Conte Lole schoss und etwas -brummte, was eben kein Gebet sein mochte. - -Als die Messe beendet und der Segen gegeben war, wurde der behäbige -geistliche Herr in die Wohnung der Familie escortirt, um dort seinen -Morgenkaffee einzunehmen. Ich aber verabschiedete mich von der -gestrengen alten Contessa, sowie den derouten jungen Contessen und gab -in Gesellschaft des Conte Lole dem Ante Placibat das Geleite gegen die -Marine. - -Ich weiss nicht, ob der Conte mir es an der Miene ablas, dass ich gerne -eine Erklärung über die geheimnissvolle Giltigkeit und Ungiltigkeit -der Messe im Hause ......* gehört hätte, oder ob er nur zeigen wollte, -welch' uralter Familie er angehöre, die noch solchen alten Brauch zu -hegen und zu pflegen das Recht habe, kurz, er erzählte mir Folgendes: - -Vor beiläufig zweihundert Jahren wurde der Theil des Hauses, in welchem -die Kapelle steht, durch einen Ahnherrn der Familie ......* erbaut. -Irgend ein Papst wurde durch irgend einen der Bischöfe von Spalato -gebeten, der Familie ......* das Recht zu geben, in ihrer Hauscapelle -Messe lesen zu lassen. Da die Familie ......* wohlhabend und im -Stande war, für den hochadeligen Luxus einer eigenen Hauscapelle auch -tüchtig zu zahlen, so erfolgte die erbetene Erlaubniss. Unter dem -Dachboden in irgend einer Kiste musste auch noch das päpstliche Breve -aufbewahrt sein. Der Conte hatte es nie gelesen, wohl aber sein Vater, -der vor dreissig Jahren gestorben, und ihm einmal sagte, das Breve -sei lateinisch. Und weil die Familie ......* seit jeher sich durch -Frömmigkeit ausgezeichnet habe, so habe die Capelle auch ganz besondere -Privilegien. Jeden Tag dürfe in derselben Messe gelesen werden, auch -gelte die Messe für alle Familien-Mitglieder, auch für Diejenigen, die -nur in die Familie geheiratet hatten, und ausserdem für drei männliche -oder weibliche Dienstboten, aber nicht ... - -Das war mir doch zu stark. Da stand ich trotz aller Erklärung wieder -vor dem ungelösten Räthsel, das ich doch ergründen wollte. - -»Entschuldigen Sie, Conte Lole, wie verstehen Sie das von dem Gelten -der Messe?« - -Der Conte streifte mich mit einem misstrauischen Seitenblick, als ob er -nicht recht im Klaren sei, ob ich denn nicht doch ein Ketzer und daher -der nöthigen Vorbildung zum Verständniss seiner Erklärung bar sei. -»Gelten heisst gelten,« sagte er tiefsinnig, »wenn Sie zum Beispiel -Sonntags in meiner Capelle die Messe hören, so haben sie keine Messe -gehört, wenn aber ich oder ein Mitglied meiner Familie in derselben -die Messe hören, dann haben wir sie gehört. Das Gleiche gilt für drei -meiner Dienstleute.« - -»Wenn aber vier von Ihren Dienstleuten der Messe beiwohnen, für welchen -von den Vieren gilt dann die Messe nicht, Conte Lole?« - -Der Conte dachte einen Augenblick nach und entschied dann rasch: »Für -den Letztgekommenen. -- Sehen Sie, Herr ......, ich weiss recht gut, -obwohl ich niemals aus Dalmatien hinausgekommen bin, dass man in der -Welt jetzt nicht mehr viel hält auf solche Dinge, aber in unserer -Familie, die von sehr altem Adel ist, war man auch immer fromm. Darum -hat man uns auch Privilegien gegeben von Rom, wenn wir darum baten, und -nicht genug, auch einen Cardinal haben wir schon in der Familie gehabt -und auch ein Wunder.« Und der Conte blickte in offenbar gehobenem -aristokratischem Selbstbewusstsein bei der Erinnerung an das Wunder -um sich, als erwartete er rings um sich plötzlich eine ganze Legion -adeliger Wappenschilde der Familie ......* auftauchen zu sehen. - -»Das Wunder ist wohl schon sehr alt?« wagte ich zu fragen. - -»Nein, es geschah vor fünfzig Jahren. Mein jüngerer Bruder Conte -Zandume[21] war mit einem kürzeren Fuss geboren und hinkte. So lange -er klein war, wurde das weniger beachtet; die Aerzte sagten, es gäbe -kein Mittel dagegen und seine Pesterna[22], die eine Morlakin aus -Imoschi war, zog ihn nur alle Abend tüchtig bei dem kürzeren Fuss, -dass er schrie, aber das half nichts. So war er zwanzig Jahre alt -geworden. Da verlobte ich ihn zu einer Wallfahrt in die Capelle des -San Dojmo bei Duimovaz. Es war am 7. Mai, dem Tage des San Dojmo, und -wir hatten uns etwas verspätet. Darum war es schon tüchtig heiss, als -wir in die Gegend von Duimovaz kamen und auf dem ganzen Wege hindurch -predigte ich in einemfort dem Zandume, er solle nur festen Glauben -hegen, dann werde Alles gut werden. Fede[23], Zandume, fede! rief ich -immer, aber der Zandume war schon müde, weil er hinkte, und sagte -nur: »Ja, Lole!« Endlich kamen wir zur Capelle selbst. Viele Kerzen -brannten drinnen und vor denselben lag eine Menge Morlaken, Weiber wie -Männer und sonst ordinäres Volk auf den Knien. Ich schob sie aber zur -Seite, packte meinen Bruder beim Arm, schob ihn voraus und rief in der -höchsten Aufregung »Fede, Zandume! fede, fede, Zandume, fede!« (-- Hier -folgte noch ein Fluch, der sich nicht in's Deutsche, wohl aber in das -Ungarische übertragen lässt --) -- -- -- »Da war das Wunder geschehen.« - - [21] Johann Doimo. - - [22] Kindsmädchen. - - [23] Glaube oder Vertrauen. - -»Konnte er jetzt gerade gehen?« fragte ich. - -»Nein,« sagte der Conte, »aber er fühlte sich besser, so lange er -lebte, und sprach davon bis zu seinem Tode. Vor zwei Jahren ist er -gestorben.« - -Unterdessen waren wir auf die Marine gekommen, von welcher der breite -Schatten gewichen war, da die Sonnenstrahlen sich jetzt kräftig und -heiss über dieselbe legten. Das Meer wippte in zitternder Bewegung vor -einer stetigen Landbrise und die »Colombina« tanzte mit den anderen -Barken gar lustig vor unseren Augen. Der Ante Placibat war auf einem -als Landungsbrücke dienenden Brette an Bord gegangen und hantirte mit -den Kisten, Fässern und Ballen herum, die auf dem Verdeck lagen, und -der Mozzo hockte bei einem kleinen am Bug des Schiffes angemachten -Kohlenfeuer um Kaffee zu kochen. - -Conte Lole schien doch das Bedürfniss zu fühlen, den etwas -zweifelhaften Eindruck, welchen die Erzählung von dem Wunder auf -mich gemacht, durch die Aufzählung irgend einer positiven Thatsache -abzuschwächen, denn er fragte plötzlich: »Wissen Sie, wem die -»Colombina« eigentlich gehört?« - -»Vermuthlich Ihnen, Conte Lole?« - -»Nein,« antwortete der Conte stolz, »sie gehört den armen Seelen. -Mein Grossvater hat sie bauen lassen. Früher war sie grösser und ist -auch bis Triest gefahren, jetzt aber fährt sie nur bis Zara. Von dem, -was sie einbringt, wird vorerst die Mannschaft gezahlt, dann werden -die Reparaturen besorgt und was übrig bleibt wird zu Seelenmessen für -die Verstorbenen unserer Familie verwendet. Davon wird der Don Beppo -bezahlt, der eben in der Capelle Messe las. Die Reparaturen fressen -am meisten und von der ursprünglichen »Colombina« ist kein Spahn mehr -da. Aber sie wird immer gut gehalten und frisch aufgezimmert, hat auch -immer ausserordentliches Glück gehabt. Weil die armen Seelen eigentlich -ihre Eigenthümer sind, brauche ich sie auch nicht zu assecuriren. -Schon oft war sie in der grössten Gefahr, -- jedes andere Schiff wäre -zu Grunde gegangen aber die »Colombina« -- -- halt! Da fährt sie ab. -Glückliche Reise, Ante! Grüsse mir die Freunde in Zara!!« - -Während die Brise sich sanft in die Segel legte, tanzte die »Colombina« -lustig hinaus über die glitzernde Fläche. Beim Steuerruder stand aber -Ante Placibat und schwenkte seinen Strohhut. - -Glückliche Reise, »Colombina,« glückliche Reise, Ante Placibat!! - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Die Pestgräber von Botticelle. - - -Hätte Herr Stipe Noncovich sein Dasein in irgend einer Stadt irgend -eines anderen Landes ausser Dalmatien hingebracht, so würde er -jedenfalls auf den Titel eines Commis Anspruch erhoben haben. Da er -aber in Spalato sich des Lebens freute, so hiess er einfach »Giovane«. - -Giovane ist Alles. Ein Schneidergeselle, ein Advocatenschreiber, ein -Schusterlehrjunge, ein Marqueur in einem Kaffeehause, und nicht minder -jene jungen Männer, die man im gemeinen Leben deutscher Nation unter -den Sammelnamen Ladenjünglinge zu bezeichnen pflegt -- sie Alle heissen -in ganz Italien und in allen Küstenstädten des italienischsprechenden -Dalmatiens »Giovane«, zu deutsch »junger Mann«. Wie alt ein derartiger -junger Mann sei, thut nicht das Mindeste zur Sache, denn nicht etwa das -jugendliche Alter des Betreffenden soll mit diesem Ausdrucke bezeichnet -werden, sondern das Abhängigkeits-Verhältniss, in welchem er zu seinem -Herrn steht. Und Herr Stipe Noncovich war ein »Giovane«, er verkaufte -Leinwand, Bänder, Schnüre, Vogelleim, abgelegenes Tuch, Schiesspulver, -Zucker, Kaffee, fertige Stiefel, Branntwein und noch tausend andere -Dinge in dem Laden seines verehrten Oheims und gestrengen Herrn. - -Wenn man von der Piazza Signori -- dem Herrenplatze -- der -freundlichen Stadt Spalato in der Richtung gegen den diocletianischen -Jupiter-Tempel geht, so stösst man an der Ecke des Platzes auf ein -höchst sonderbares Erzeugniss mittelalterlicher Bildhauerkunst. Es -sind zwei Bischöfe in vollem Ornate, welche, die Mitra auf dem Kopfe -und die respectiven rechten Hände wie zum Segen erhoben, in Sandstein -roh ausgemeisselt und in die Quadern des Eckhauses eingefügt sind. -Der eine dieser Bischöfe ist in mehr als Lebensgrösse dargestellt -- -der andere reicht dem ersten kaum bis zum Knie. Die nackten Füsse des -grossen und die von schwerfälligem Faltenwurfe überdeckten Knie des -kleinen Bischofs sind gleichmässig abgeschliffen und gewöhnlich mit -einer Schmutzkruste überzogen. Das hat seinen guten Grund. Der Morlake -sowie der Bewohner der Vorstädte Spalatos sieht in jeder alten Statue -ohneweiters einen Heiligen. Hat die Statue gar eine Bischofsmütze -auf dem Kopfe, so muss es schon ein ganz ausserordentlicher Heiliger -sein. Darum sind auch die beiden sandsteinernen Bischöfe heilig und -kein Morlake und kein Vorstadtbewohner versäumt es, im Vorübergehen -hinaufzulangen, die Füsse des grossen und die Knie des kleinen Bischofs -mit den Fingern anzurühren und dann seine Finger zu küssen. Daher die -Kruste. Manchesmal regnet es aber, und dann wird die Schmutzkruste vom -Regen abgewaschen. - -Fragt man einen zur gebildeten Classe zählenden Spalatiner um die -Bedeutung dieser beiden Bischofsbilder, so erhält man allerdings eine -Auskunft, die einigen Zweifel an der Heiligkeit der beiden Originale -zu erwecken geeignet ist. Es soll nämlich einmal im vierzehnten -oder fünfzehnten Jahrhundert der Bischof von Spalato mit dem -Bischofe von Traú ein kleines Zerwürfniss gehabt haben, was zu einem -Particularkriege zwischen den beiden Städten Spalato und Traú führte. -Bei der Schlacht oder bei dem Gefechte, welches sich die Bewohner -der beiden Städte lieferten, wurden die Unterthanen des Bischofs -von Traú mit blutigen Köpfen heimgeschickt, worauf dann die beiden -geistlichen Herren, wie billig, Frieden machten. Zum Andenken aber an -den erfochtenen Sieg und zum Zeichen, wie mächtig er selbst gegenüber -seinem Widersacher sei, liess der Bischof von Spalato den grossen und -den kleinen Bischof in Sandstein aushauen. Der grosse Bischof war er -selbst, -- jener winzig kleine der überwundene Bischof von Traú. Heute -sind sie Beide heilig und die Morlaken küssen ihnen -- da sie zu hoch -stehen -- symbolisch die Füsse, wie man anderwärts Leute, die man nicht -»hat«, in effigie hängt. - -An derselben Ecke, an welcher die beiden sandsteinernen Bischöfe mit -der periodischen Schmutzkruste an den Füssen prangen, mündet auch eine -zweite enge Gasse: die Calle Alberti. - -»Calle« heisst in der Venezianer Mundart, die in allen Küstenstädten -Dalmatiens gesprochen wird, eine enge Gasse, und Alberti ist der Name -einer geachteten Spalatiner Familie, die einmal in dieser Gasse ein -Haus besessen hat. Das erwähnte Haus gehört zwar heute einem Schneider, -aber die Gasse ist desswegen nicht breiter geworden, und wann zur Zeit -der Weinlese die mit bocksledernen Schläuchen beladenen Esel den edlen -Traubensaft durch die Calle Alberti schleppen, so müssen die Kaufleute -ihre Waaren, die sie anlockend vor ihren Kaufläden ausgehängt haben, -hübsch hereinnehmen, wenn dieselben nicht beschmutzt oder gar von einem -Esel mitgenommen werden sollen. Denn die Calle Alberti ist der grosse -Bazar von Spalato, in dessen Verkaufsgewölben Alles zu haben ist, was -nur Herz oder Sinn der männlichen und weiblichen Spalatiner erfreuen -mag. - -Und dort, in der Calle Alberti, nicht zu weit von dem ungleichen -sandsteinernen Bischofspaar, hatte Herr Stipe Noncovich senior seinen -Laden, und in demselben lebte, wirkte und verkaufte Herr Stipe -Noncovich junior, zugleich Neffe seines Herrn und »Giovane« seines -Oheims. - -Zu wenig Geld oder auch kein Geld haben kommt wie anderwärts auch in -Spalato vor, und bei Herrn Stipe Noncovich junior war dieser Umstand -beinahe chronisch geworden. Denn Herr Stipe Noncovich senior fühlte -sich doppelt verpflichtet, eine Abwechslung in dieser Beziehung nicht -herbeizuführen. Als Dienstgeber seines Neffen lag es nämlich in seinem -eigenen Interesse, dessen Lohn so karg als möglich zu halten, und als -Oheim seines Giovane fühlte er sich verpflichtet, darüber zu wachen, -dass der Letztere durch das lockende Bewusstsein einer vollen Börse -nicht auf Abwege verleitet werde. Darum hatte Herr Stipe Noncovich -junior kein Geld. Darum musste er seinen brennenden Wunsch unerfüllt -lassen, es den anderen jungen Leuten gleichzuthun, Abends vor dem Café -Troccoli seine Cigarrette zu rauchen oder fein geputzt und geschniegelt -bei den Damen den Galan zu spielen, wenn sie im Mondenschein auf der -wunderschönen Marine sich ergingen und riesige Staubwolken mit ihren -langen Schleppen aufwirbelten. Spalatiner Damen sind nämlich in den -Moden durchaus nicht oder höchstens um ein paar Jahre zurück, und eine -Schleppe zu tragen gehört dort zum guten Ton. Je länger die Schleppe, -desto besser der Ton. - -Richtig -- ich wollte eigentlich erzählen, wie Herr Stipe Noncovich -junior zu Gelde gekommen, ja sogar ein reicher Mann geworden ist. -Ganz genau weiss ich es freilich selbst nicht -- was ich aber darüber -erfahren konnte, das soll hier nicht verschwiegen werden. - -An der Ostküste des Gebietes von Spalato ragen die starren -Uferfelsen sägenartig gezackt in die spielenden Meereswogen hinaus. -Thurmhoch, senkrecht abfallend und trotzig gleich Ruinen einer -mittelalterlichen Burg fühlen sie den leisen Kuss der Wellen nicht, -die ihren Fuss umspielen und werden von der wildanstürmenden Brandung -nicht erschüttert, wenn der Scirocco gebrochene Wellenberge an sie -heranwirft. Sie haben die Griechen in ihren Schiffen landen gesehen -und die welterobernden Römer, sie standen so wie heute, als das -Christenthum lautlos und siegesfreudig zugleich seinen Einzug hielt -in das uralte Dalmaticum; der stiernackige Imperator Diocletian ist -auf ihrem breiten Rücken einhergeschritten und die barbarischen Rufe -der Avaren hallten aus ihren Klüften wieder. Schöne, lauschige, kleine -Buchten hat das Meer in ihren Riesenkörper hineingewaschen, hat den -feinsten Sand, so weich wie Sammt, spielend hineingetragen und winkt -dort mit silberklaren, leise scherzenden Wellen zu köstlichem Bade. Der -Rücken dieser Felsen, der sanft gegen die Stadt Spalato niedergleitet, -ist mit einer dünnen Humusschichte bedeckt, die Einsenkungen sind mit -Erde ausgefüllt und darüber wirft der Oelbaum seine schwermüthigen -Schatten, grünt der Feigenbaum, senkt sich die Rebe unter der schweren -Last der dunkeln saftstrotzenden Trauben. - -Jener Theil dieser lachenden und trotzigen Felsenhügel, der unmittelbar -an das Gebiet von Spalato grenzt, heisst Botticelle, und Botticelle -heisst auch die Bucht, die sich dort in das Land eingeschnitten. In -der Bucht badet zur Sommerabendzeit die ganze elegante, bürgerliche -und gemeine Welt von Spalato -- oben auf dem Felsenrücken, unter den -üppigen Reben liegen die Leichen von Pestkranken verscharrt und -- -dort ruhen auch die Schätze. Ja, wirkliche, ordentliche, klingende -Schätze in blankem Gold und Silber. Und wer's nicht glaubt, der gehe zu -nachtschlafender Zeit nach Botticelle, so um Neumond herum, wenn nur -das leise Rauschen des Meeres zu hören und einzelne Sterne durch die -feuchtheisse Atmosphäre herniederleuchten. Dann mag er die schlanken, -blauen Flammen spielen sehen zwischen den Reben und unter dem -dunkeln Schatten der Oelbäume, dann mag er es aufblitzen sehen in dem -thaufeuchten, warmen Dunkel, und dann -- ja, dann mag er es nochmals -behaupten, wenn er Lust und Muth dazu hat, dass in Botticelle keine -Schätze liegen. - -Eines weiss man nicht: wie die Schätze nach Botticelle gekommen und -wer sie dort vergraben hat. Dafür aber herrscht über die Herkunft -der Pestleichen nicht der geringste Zweifel. Als im Jahre 1784 -zum letztenmale die Pest durch türkische Caravanen nach Spalato -eingeschleppt wurde, da begrub man die an dieser Krankheit Verstorbenen -in einem grossen, in Stein gehauenen Schacht auf dem gemeinschaftlichen -Friedhofe San Stefano. Dort stehen heute noch zwei steinerne Kreuze -mit der Aufschrift: »Ob pestem Angelo Diedo Provisore 1784.« Die an -der Pest verstorbenen Türken aber verscharrte man ohne viel Ceremonie -gleich hinter der Stadt in Botticelle, weil erstens das Lazareth, wo -sie gestorben, in der Nähe lag oder vielmehr heute noch dort liegt, -und zweitens, weil man die ungetauften Türkenhunde nicht in geweihter -Erde und in dem geweihten Schachte begraben wollte. Und gerade dort, -über den verscharrten Leibern der pestkranken Türken, tanzen in dunkeln -Sommernächten die schlanken, blauen Flammen -- gerade dort liegen auch -die Schätze. - -Alle Welt weiss es. Auch Herr Stipe Noncovich junior wusste es, und -wenn er, oft Düten drehend oder die Elle handhabend, in dem dumpfen wie -ein Ei gefüllten Laden seines Brodherrn und Oheims stand, dann waren -seine Gedanken draussen in Botticelle und irrten dort hin und her, -gleich den schlanken, blauen Flammen zur Sommernachtszeit. - -Wer die Schätze heben könnte! Ach, welch' schöne Kleider wollte er -tragen, wie wollte er geschniegelt und gebügelt über die Marine -promeniren, bald mit der, bald mit jener Dame sprechen und dabei den -Galanten machen, dass es nur so eine Freude wäre. Und gerade solche mit -den allerlängsten Schleppen wollte er sich aussuchen, seinem verehrten -Oheim und Herrn zum Trotz, der die neumodischen Schleppen nicht -leiden konnte. Und dann hätte er sich vor das Café Troccoli gesetzt, -hätte sich Gefrornes geben lassen, den Hut -- einen schwarzglänzenden -Cylinder -- in den Nacken gerückt, und hätte sich eine Cigarrette um -die andere gedreht. Eine schwere goldene Uhrkette müsste er haben und -eine goldene Uhr, dann an jedem Finger mindestens Einen Ring, goldene -Hemdknöpfe, lackirte Stiefletten und die wunderbarsten dunkelblauen -Hosen müsste er tragen -- ganz wie der Conte Anastasio, der genau in -diesem Aufzuge jeden Abend vor dem Café Troccoli sass. Und während er -diese Luftschlösser baute und an all' die Herrlichkeiten dachte, musste -er im Kaufladen seines Oheims Düten drehen! - -Es war einmal ein Schneider in Spalato, dem es ganz ausserordentlich -schlecht ging. Der Mann war der Verzweiflung nahe, denn er hatte -nichts zu beissen und zu Hause riefen die Kinder um Brod. Da ging -er hinaus nach Botticelle -- wollte er sich die Felsen herab in's -Meer stürzen -- wollte er seinen Kummer verträumen -- wer weiss es? -Als er sich aber dort auf die Erde setzte und in unbewusster Wuth -eine handvoll Erde und Steine aufraffte, um sie fortzuschleudern, da -blieb ihm ein hellblinkender Ducaten in der Hand. Und dann fand er an -derselben Stelle noch einen und wieder einen und so fort, bis er blanke -sechsunddreissig Ducaten mit den Händen aus der Erde gescharrt hatte. -Mehr fand er nicht, obwohl er mit einem Spaten versehen zum zweitenmal -an Ort und Stelle kam und den ganzen Fleck umwühlte. Und das ist kein -Märchen, denn der Mann lebt heute noch und hat seinen eigenen Laden, wo -er mit drei Burschen den ganzen lieben Tag lang rothe Mützen näht und -sie an die Morlaken um gutes Geld verkauft. - -Was dem halbverzweifelten Schneider gelungen, das sollte ihm, Herrn -Stipe Noncovich junior, nicht möglich sein, -- ihm, der sich zu Höherem -geboren fühlte? - -Eine goldene Uhrkette, ein blank gebügelter Cylinder und die blauen -Hosen des Conte Anastasio tanzten vor seinen Augen einen wilden Reigen -und das Blut stieg ihm wie siedend zum Kopfe. - -Herr Noncovich senior aber hatte in diesem Augenblicke keine so üppigen -Träume wie sein hochaufstrebender Neffe und »Giovane«. - -Es vergeht selten ein Jahr, in welchem zur heissen Sommerszeit, wenn -die Früchte, wenn Melonen und Gurken in reichem Ueberflusse reifen, -nicht die Cholera einen kleinen Umzug hält durch das langgestreckte -Küstenland Dalmatiens. Auch in diesem Jahre war sie gekommen und Herr -Noncovich senior war einer der Ersten, bei dem sie Einkehr gehalten. -Weil aber der Verkaufsladen nicht leer stehen durfte und vielleicht -auch aus anderen Gründen, war es nicht der Neffe und Giovane, der -seinen Herrn und Oheim pflegte, sondern ein guter Freund und -weitschichtiger Vetter des Letztern, der Signor Beppo. - -Lange dauerte es nicht. Des Morgens hatte der alte Herr sich -niedergelegt, zwei Stunden darauf hatte man einen Franciskaner geholt, -der die Krankheit wegbeten sollte, Mittags kam der Arzt, um fünf Uhr -Nachmittags ging es dem Kranken besser (was die Folge des Wegbetens -war) und um zehn Uhr Abends war er eine Leiche. - -Der Signor Beppo hielt aber mit rührender Sorgfalt bei dem Kranken -aus, hegte und pflegte ihn und als er todt war, bestellte er selbst -die Männer und Weiber zur Leichenwache und besorgte in eigener Person -Schnaps und Brod für dieselben. Auch warf er den Herrn Stipe Noncovich -junior eigenhändig zur Thüre hinaus, als derselbe zu später Nachtstunde -in das Trauerhaus kam. Des andern Morgen kam die Gerichtssperre und -es wurde Alles hübsch ordentlich aufgenommen, was der alte Herr -hinterlassen. Es fand sich aber nicht viel. Ausser den Möbeln und -werthlosen Kleidern fand sich eigentlich nichts. Kleider und Möbel -sowie das gefüllte Verkaufsgewölbe in der Calle Alberti gingen in die -Hände einer in Sebenico lebenden Schwester des Verstorbenen über. Der -Herr Beppo, der ihn so treulich in seiner letzten Krankheit gepflegt, -bekam nichts. Und Herr Stipe Noncovich junior bekam auch nichts. -Darum schimpfte Herr Beppo weidlich über die Undankbarkeit seines -verstorbenen Freundes und Herr Stipe Noncovich, der Lebende, lungerte -den ganzen Tag in den Strassen der Spalatiner Vorstadt Pozzobuon herum. -Auch Abends sah man ihn dort, auf einem Stein sitzend mit einem Stücke -Polenta in der einen und einem gebratenen Fisch in der andern Hand. - -Warum in Pozzobuon? Vielleicht weil Pozzobuon in der Richtung gegen -Botticelle liegt, wo die Schätze vergraben? Oder weil in Pozzobuon Herr -Beppo wohnte, der Freund und Pfleger seines verstorbenen Oheims? - -Das hat keine lebende Seele je erfahren. - -Ja, wer ein schlankes blaues Flämmchen hätte sein können, wie sie zu -nachtschlafender Zeit über Botticelle tanzen, der hätte in der Vorstadt -Pozzobuon so gegen Mitternacht herum etwas sehen können. Da stand das -Haus des Herrn Beppo und hinter demselben dessen Garten, ein grosses -mit Paradiesäpfelstauden, Misthaufen, Granatbüschen und Zwiebelbeeten -bedecktes Stück Erde. Wer da ein blaues Flämmchen hätte sein können -und sich hinter den Granatbüschen verborgen hätte, der hätte in der -pechfinstern, feuchten, heissen Nacht Jemanden aus Herrn Beppo's Thür -treten gesehen, der auf der linken Schulter eine Kiste und in der -rechten Hand einen Spaten trug. Und der hätte sehen können, wie dieser -Jemand in der unmittelbaren Nähe zweier Misthaufen und eines prächtigen -alten Feigenbaumes eine Grube machte und darin die Kiste begrub und -dann wieder Alles hübsch zudeckte und Mist darüber streute und dann -wieder in das Haus ging. Der hätte auch sehen können, wie dann aus den -Granatbüschen heraus eine andere Gestalt hervorschlich, die auch einen -Spaten hatte, aber mit demselben gerade die entgegengesetzte Arbeit -verrichtete. Denn die Gestalt grub genau an derselben Stelle nach, wo -die Kiste verscharrt worden war. Dann nahm die Gestalt die Kiste wieder -heraus, deckte die Grube wieder fein säuberlich zu, hob die Kiste auf -die Achsel und trollte sich damit fort. Wohin? - -Neuigkeiten sind in Spalato selten. Kommt einmal eine solche vor, -so wird sie darum desto begieriger von Alt und Jung aufgegriffen, -besprochen und herumgetragen. Und heute gab es etwas Neues. Herr Stipe -Noncovich junior war gestern Abends vor dem Café Troccoli gesehen -worden. Dort hatte er sich ein Gefrornes geben lassen und sehr viele -Cigarretten geraucht. Er hatte einen funkelnagelneuen Cylinder auf dem -Kopfe und trug denselben stark nach hinten gerückt, -- von allen seinen -dicken Fingern blitzten Ringe und um den Hals schlang sich eine schwere -goldene Kette. Gold -- nicht Talmi. Dazu hatte er ein spanisches Rohr -mit einem grossen goldenen Knopf und ein Paar prachtvolle dunkelblaue -Hosen. Er war in seinem Auftreten ein genaues Conterfei des Conte -Anastasio. Und als er sein Gefrornes zahlte, das zwölf Kreuzer kostete, -liess er eine Hundertgulden-Note wechseln, was dem »Giovane« des Café -Trocolli bald eine Ohnmacht zugezogen hätte, und zeigte eine prächtige -mit Banknoten gefüllte Brieftasche. Mit Einem Worte: Herr Stipe -Noncovich junior war ein reicher Herr geworden. - -Er hatte Spalato vor vierzehn Tagen als Passagier dritter Classe eines -Lloyddampfers verlassen. Seine ganzen Habseligkeiten bestanden in einer -kleinen hölzernen Kiste, die mit Stricken zugeschnürt war. Und gestern -war er von Triest zurückgekehrt -- wenn nicht ein Adonis, so doch ein -zweiter Conte Anastasio. - -Lange hat es ihn aber in Spalato nicht gelitten. Er war blasirt. Dann -wollten auch die Damen nichts von ihm wissen, wenn sie Abends mit den -langen Schleppen über die Marine fegten und er den Galanten bei ihnen -zu spielen versuchte, weil, wie sie sagten, er schliesslich doch nur -ein »Giovane di Bottega« sei. Darum schiffte er sich eines schönen -Morgens wieder auf einem Lloyddampfer ein und reiste fort. Heute hat -er sich in Buenos Ayres etablirt, wo er einen schwungvollen Handel -betreibt. Dorthin liess er sich auch seine Schwester nachkommen, die -früher ein armes Schneidermädchen war. - -Möchtest Du auch Schätze finden, lieber Leser? Gehe hin nach Spalato -zur Sommerszeit, wenn die Granatäpfel glühen, die Traube dunkelt, die -köstliche Feige vom Baume winkt. Zur Nachtszeit, bei Neumond, wenn -die Nacht schwarz, heiss und feucht über Meer und Felsen hängt, dann -ersteige die Höhen von Botticelle, wo unter dunkeln Oelbäumen und -fruchtschweren Reben die Leiber der pestkranken ungetauften Türkenhunde -ruhen. Siehst Du dann schlanke blaue Flämmchen aufzüngeln und im Tacte -der Wogen tanzen, die tief unten den Fuss der jäh abstürzenden zackigen -Felsen schmeichelnd küssen, so merke Dir den Punkt ganz genau. Dort -liegen die Schätze. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Das Paternosterhaus. - - -Ein altes Zauberland ist dieses Dalmatien. Die Engel, welche die -berühmte Kirche von Loretto seinerzeit nach Italien transportirten, -hatten es nicht verschmäht auf ihrer luftigen Reise in Dalmatien -Halt zu machen und dort die Kirche, bei Tersate, auf einige Jahre -zu deponiren. Wer es je versucht hat, ein schweres Möbel oder eine -tüchtige Kiste auf den Schultern fortzutragen, wird den Engeln die Rast -von Herzen gönnen; auch glaube ich nicht, dass es auf der weiten Welt -einen Dienstmann oder Packträger gibt, der ihnen nicht sachverständig -beistimmte. Früher schon hatte der heilige Domnius -- recte Domnionus -und nicht zu verwechseln mit dem officiellen Schutzpatron der Stadt -Spalato, Dominius -- bis zu seinem seligen Ende und noch über -dasselbe hinaus die Zauberei in Dalmatien geübt. Bolandus erzählt die -Geschichte und Archidiaconus Thomas ist sein Gewährsmann. Besagter -Domnionus war Hofbeamter Maximinian's, des Mitregenten Diocletian's -und ein heimlicher Christ. Als solcher ermahnte er die christlichen -Märtyrer, die sich damals in Dalmatien befanden, bei ihrem Glauben -auszuharren; er selbst aber floh gegen Rom, als es bekannt wurde, dass -auch er den neuen Glauben bekenne. Auf der Claudischen Strasse, unweit -der Stadt Julia Chrysopolis und an dem Ufer des Flusses Sytirion, -holten ihn die Häscher Maximinian's ein, banden ihn mit Stricken und -enthaupteten ihn. Da hob er sein abgeschlagenes Haupt auf, ging mit -demselben festen Schrittes über den Fluss und legte es am anderen -Ufer nieder, wo er auch sammt seinem Haupte begraben worden ist. Den -Grund dieses sonderbaren Benehmens weiss weder Archidiaconus Thomas -noch Bolandus anzugeben, aber aus dem Ganzen geht hervor, dass nur -Maximinian's Häscher selbst das Geschehene weiter erzählt haben können, -welcher Umstand immerhin als höchst achtenswerthes Zeugniss für die -Glaubwürdigkeit dieser Geschichte gelten mag. - -Was während des Mittelalters in puncto Zauberei in Dalmatien geleistet -wurde, darüber ist nicht viel bekannt, da aus naheliegenden Gründen -sehr wenige geschriebene Chroniken aus jener Zeit existiren. Wer sich -aber die Mühe nehmen wollte, heute eine Hexen- oder Zauberchronik -über Dalmatien und speciell über die Morlakei zu schreiben, der würde -des krankmachenden Unsinns genug finden, um einen recht anständigen -Band damit zu füllen. Die Hebamme ist die erste Zauberin, die mit -ihren Künsten an das frisch in die Welt gesetzte Kind herantritt. -Sie vergisst nie, wenn sie zu einer Wöchnerin gerufen wird, eine -»Rose von Jericho« mitzubringen, ein Distelgewächs, welches sie in -ein Glas Wasser steckt bis dasselbe, das Wasser aufsaugend, die -früher zusammengeballten Wurzeln öffnet. Dann bekommt das Kind einen -»Zapis« um den Hals gehängt, den gedruckten oder geschriebenen in -Leinwandfetzen und Schafleder eingenähten Zaubersegen, den der Pfarrer -oder das nächste Franciscanerkloster liefern muss. Wächst das Kind -heran, so ist es die Mutter oder die Grossmutter, deren Hauptaugenmerk -darauf gerichtet ist, den Einfluss der Hexen und bösen Geister von -demselben abzuhalten. In den Klüften des wild zerrissenen Gebirges, auf -den Höhen der felsigen Berge, in Wald und Sumpf, in jeder Ecke einer -verfallenen Hütte und in jedem Wasser, das in eiligem Laufe dem Meere -zustürzt, stecken die leidigen Hexen. Die »Viscizza« wandelt als altes -Weib im Dorfe herum, macht die Kinder krank, behext die Kühe und treibt -ihren Unfug, bis sie nicht eine Tracht Schläge erhält oder durch ein -Geschenk begütigt wird. Die »Morina« quält die Menschen im Schlafe und -benimmt ihnen den Athem. Der »Macich« versteckt sich in den Häusern, -poliert in der Stille der Nacht, zerrt an den Kirchenglocken, singt, -lacht, weint und verschwindet dann, wenn er seinen Muthwillen gekühlt -hat, indem er sich in einen Ochsen, einen Esel, ein Maulthier oder in -ein anderes Vieh verwandelt. Die »Vukodlaci« schleichen bei finsterer -Nacht in den Dörfern herum, verführen die Weiber, bringen Krankheiten -über Menschen und Vieh und nehmen, wenn verfolgt, die Gestalt von -Verstorbenen an. Die »Vile« entführen Knaben und Mädchen, um sie an -ihren nächtlichen Reigen theilnehmen zu lassen. Sie verlieben sich auch -in Pferde, welche dann weder Sattel noch Reiter dulden, ausser -- man -hängt ihnen einen Zapis um den Hals. Oel im Hause verschütten, bedeutet -den baldigen Tod eines Familien-Mitgliedes; ein umgestossenes Salzfass -bringt Krankheit in die Familie; ein Hund, der vor dem Hause heult, -bedeutet Unglück. - -Gegen Alles das, gegen Tod und Weiberverführung, gegen Viehseuche und -den bösen Blick der Hexen, gegen Krankheit und Ungemach aller Art, das -durch Zauberkünste heraufbeschworen wurde, gibt es zwei untrügliche -Mittel: den Zapis und -- den Zaubersegen des Priesters. Ja, der -eigentliche und rechte Anti-Zauberer ist der Pfarrer. Dieser muss -den Zapis schreiben, wenn er ihn gedruckt nicht vorräthig hält, muss -die Würmer und Raupen verfluchen, muss die Heuschrecken vertreiben, -Krankheiten bei Menschen und Vieh heilen und nöthigenfalls auch das -Wetter machen. Wie er das Alles anstellt, das ist seine Sache. In -neuester Zeit haben die Bischöfe angefangen den zaubernden Pfarrern -ein wenig auf die Finger zu sehen und wohl auch auf die Finger zu -klopfen, aber gerade nur so viel, als zur Erhaltung des bischöflichen -Decorums nothwendig ist. Mein Gott! Der Morlake ist nun einmal auf den -verdammten Zauber versessen und der Pfarrer will leben -- sieht der -Bischof aber nicht ein wenig durch die Finger, so holt der Teufel den -Zauber und des Pfarrers Lebensunterhalt dazu. - -Willst Du, lieber Leser, einen solchen Zauberer in seiner Höhle -besuchen? Komm' mit mir! - -Der altehrwürdige Palast des Römerkaisers Diocletian spiegelt sich -heute noch stumm und altersgrau in den blaugekräuselten Wellen des -schönen Hafens von Spalato. Die Quadermauern des Palastes stehen -heute, nach anderthalb Jahrtausenden, noch fest und stämmig, die -Granit- und Marmorsäulen ragen heute noch ungebrochen, und die kühnen -Wölbungen der gedeckten Gänge, die zu dem Atrium des alten jetzt als -Domkirche dienenden Jupitertempels führen, tragen auf ihren wuchtigen -Schultern heute noch die Häuser, welche, zwischen Marmorsäulen und -Quadermauern hineingebaut, die Stadt Spalato bilden. Rings um die Stadt -dehnen sich im weiten Halbkreise die Vorstädte, selbst wieder von -felsigen Meeresbuchten und üppigen Pflanzungen umzogen, in denen die -Traube zwischen Feigenbäumen reift und Oelbäume ihre fahlen ernsten -Schatten werfen. Weiter hinaus schliessen nackte, hochaufstrebende, -felszerklüftete Berge den Horizont und über dem Ganzen ruht der -tiefblaue Himmel, fluthet die feuchtwarme Meeresluft, zittern die -heissen, gelbleuchtenden Strahlen der dalmatinischen Sonne. - -Durch die Porta Aurea, das goldene Thor des alten Palastes, hinaus -führt uns der Weg, vorbei vor den Ruinen der Festungsmauern, über -denen noch immer der venezianische Löwe mit halberhobenen Flügeln in -lächerlicher Faulheit thront. Die staubige Strasse dreht sich gegen -Nordost, immer von den Ruinen der Festungsmauern links und von den in -morlakischer Weise gebauten Häusern rechts begleitet. Jetzt treten -wir auf einen freieren Platz. Eine kleine Kirche und ein grosses -Kloster zeigen ihre nackten, ungeschlachten Mauern. Es ist das -Franciscanerkloster, aus dem so viele »Zapis« hinausflattern unter -die Vorstadtbewohner und in die Morlakei. Ein Brunnen steht da, von -wasserholenden Mägden umlagert, der einzige Brunnen in Spalato, dessen -süsses Wasser beinahe durch das ganze Jahr nicht versiegt. Darum heisst -der Brunnen Pozzobuon, das Kloster und die Kirche heissen Pozzobuon -und die ganze Vorstadt, durch welche wir schreiten, heisst Pozzobuon --- zu Deutsch: Guter Brunnen. Auch die Franciscaner im Kloster heissen -»Frati di Pozzobuon« und die Zapis, die sie verkaufen, kennt man unter -dem Namen der Zapis von Pozzobuon. Alles Pozzobuon. Schräge hinüber -vom Kloster ist ein grosses in die Erde gegrabenes Bassin. Es ist mit -Quadern ausgemauert, die vor dreissig Jahren aus Salona hieher geführt -worden sind. Um das Bassin herum stehen altrömische Sarkophage, halb in -die Erde versenkt. Auch diese sind aus Salona. - -In dem Bassin schwappt ein dicktrübes Brakwasser von einer Schicht -grüner Sumpfpflanzen überdeckt, das auf weit und breit die Luft mit -ekelhaftem Gestanke verpestet. Milliarden von Mücken schweben über -demselben. Aus dem Bassin wird das Sumpfwasser mit hölzernen Kübeln -in die halb vergrabenen Sarkophage geschöpft, um die Eseln, Pferde -und Schweine zu tränken, die zu diesem Behufe Abends herbeigetrieben -werden. In der Nacht zieht sich dann wieder die grüne Decke über den -Stellen zusammen, an denen die Kübel eingetaucht wurden, und des -Morgens gleicht die Wasserfläche wieder einem schmutziggrünen Anger. - -Vorbei. Der Weg dreht sich abermals nach rechts, die in morlakischer -Weise gebauten Häuschen werden seltener, die Düngerhaufen und -Kohlgärten um dieselben häufiger und grösser. Links ein grosser -Anger, von der Garnison Spalatos »die Flegelwiese« benannt, weil er -als Exercirplatz dient -- die italienisch sprechenden Spalatiner -nennen ihn höflicher »il Campo Marzo«, das Marsfeld. Rechts beginnen -die Weingärten. Dunkelblaue, mächtiggrosse Trauben verhüllen in -ihrer strotzenden Fülle die wenigen halbvertrockneten Blätter der -Reben. Alte Feigenbäume senken ihre schwerbeladenen Aeste zu Boden. -Hochaufgeschossener Mais zeitigt seine dicken Kolben und spielt -mit seinen schöngeschnittenen Blättern in dem leisen Hauche des -Abendwindes. Granatapfelbäume säumen den staubigen Weg -- aus ihrem -saftigen Grün heraus leuchten die feurigrothen Früchte. Wo ein -Stückchen Erde sich zeigt, schiessen wilde Schlingpflanzen heraus -und ringeln sich Schlangen gleich um Wein und Feigen, Oelbäume und -Granatäpfel. Die Luft ist heiss und feucht. Da gedeiht Alles -- auch -Zauberer. - -Durch das dunkle Grün der üppigen Cultur schimmern die schneeweissen -Mauern eines ebenerdigen Hauses. Die mit weissen Vorhängen versehenen -Fenster blinken rein und behäbig auf die Strasse. In die Mauern sind -Bruchstücke antiker Reliefs eingefügt, und altrömische Inschriften, im -Laufe vieler Jahrhunderte halb verwischt, sagen uns, dass »hier« die -vielgeliebte Gattin des Titus Sempronius oder sonst eines Patriciers -des alten Salona ruhe. Nebenan besagt eine Votivtafel, dass ein -glücklicher Bräutigam dieselbe der Venus victrix -- der siegreichen -Venus gewidmet. Warum? Unbekannt. An der Gartenthüre, durch die man in -das Haus gelangt, prangen schlanke Marmorsäulen, von denen die eine -nicht zur anderen passt, und vor uns öffnet sich die Thüre -- -- zu des -Zauberers Höhle. - -Da steht er selbst. Ein dickes spanisches Rohr mit einem mächtigen -Messingknopf stemmt sich auf den Boden, als ob es da Wurzel fassen -sollte. Eine fleischige Faust mit wulstigen kurzen Fingern umklammert -das Rohr. Der lange und enge Aermel, in dem die Faust halb versteckt, -gehört zu einem dunklen, aus grobem Tuche gefertigten Rock, der weit -herabfallend ein Paar unmässig grosser Kanonenstiefel theilweise -verhüllt. Für die fette und breite Brust, die auch aus Salona zu -stammen und einem römischen Gladiator zu gehören scheint, ist der Rock -offenbar zu enge. Dafür stützt der hohe Kragen zwei kolossale, wie -aus Marmor gehauene Ohren sowie das doppelte Kinn und ein unmässig -breites Gesicht, dessen kleine Augen unter den buschigen Augenbrauen -mit listiger Schärfe hervorblitzen. Der halbgeöffnete Mund erinnert -an die Oeffnung eines Klingenbeutels. Auf dem Kopfe aber sitzt -ehrfurchtsgebietend das Abzeichen des dalmatinischen Pfarrers, der -schwarze, dreifach gestülpte Schäferhut. Das ist Don Malachia, der -Zauberer von Spalato, und das Haus -- +sein+ Haus -- vor dessen Eingang -er steht, ist das Paternosterhaus. - -Wie er Pfarrer und Zauberer geworden? Das ist bald erzählt. In die -Schule ist er +nicht+ gegangen. Er hat seine Lehrzeit bei einem -morlakischen Landpfarrer durchgemacht, der ihn in die Geheimnisse des -Schreibens und Lesens eingeweiht und, als er das konnte, ihm auch -das Messelesen beigebracht. Dann hatte er die Weihen erhalten und -war Priester geworden. Und da er jetzt slavisch schreiben und lesen, -nebstbei auch die Messe celebriren konnte -- da er die Tonsur auf -dem Kopfe und über derselben den dreifach gestülpten Hut trug, so -war der morlakische Pfarrer fertig und er ward irgendwo im Gebirge -installirt, auf Stunden im Umkreise allein mit der ihm anvertrauten -Heerde. So ist er Pfarrer geworden. Was aber das Zaubern betrifft, so -hat er es eigentlich von Niemanden gelernt. In dieser Beziehung ist -er Autodidakt. Das Gebahren mit den »Zapis« hat er allerdings seinen -Amtsbrüdern abgelauscht. Diese -- die Zapis -- kann man in Spalato -bogenweise gedruckt kaufen und er brauchte nur eine Papierscheere, um -die einzelnen Zapis abzulösen und sie den Morlaken als unfehlbares -Mittel gegen alles mögliche und unmögliche Ungemach zu verkaufen. -Das gab ihm die Sauce zum Braten. Um aber den Braten selbst sich zu -verschaffen, dazu erfand er sich einen eigenen Sport. Sehr einfach. Nur -das Vaterunser. - -Ja -- das fromme schlichte Gebet, das seit anderthalb Jahrtausenden -in schwerer Trübsal, in Noth und Bedrängniss von Millionen und -Millionen hinaufgesendet wird zum Schöpfer des Himmels und der Erde -- -das Gebet, das die Mutter dem Kinde lehrt, wenn es kaum zu stammeln -beginnt -- das Gebet, das in dem ernsten und feierlichen Momente, in -welchem der Geist des Vaters, der Mutter, sich losringt von diesem -Erdenungemach, schluchzend von der knienden Kinderschaar als letzter -Gruss dem Scheidenden mitgegeben wird -- das Gebet, das die Herzen -rührt und erschüttert seit jener fernen Zeit, in welcher der schöne -Christenglauben seinen stillen, siegreichen Einzug gehalten in die Welt --- das Vaterunser -- ist der Sport des Don Malachia. - -Er selber glaubt nicht daran. Hätte die Bitte, »sondern erlöse uns von -dem Uebel« je Wirkung gehabt, so wäre Don Malachia nicht mehr möglich. -So aber erfreut er sich des prächtigsten vierschrötigen Wohlseins -und betreibt seinen Sport wie früher. Um zehn Kreuzer betet er ein -Vaterunser. Das wirkt oder soll doch wirken. Was immer der Morlake -wünschen mag, Gutes für sich, Schlimmes für den Nachbar, Regen, Wind, -Trockenheit, Genesung von Krankheiten, Vermehrung seines Viehstandes, -Fruchtbarkeit seines Weibes -- für Alles das betet Don Malachia ein -Vaterunser um zehn Kreuzer. - -Früher hatte er, was die Fruchtbarkeit der Weiber anbelangt, ein -anderes Zaubermittel in Anwendung gebracht, und zwar mit dem besten -Erfolge. Die Morlaken zahlten auch dafür. Aber der Bischof, dem man -sehr viel davon zu erzählen wusste, wollte dessen Anwendung nicht -mehr leiden, umsoweniger, als durch eine merkwürdige Verkettung von -Umständen Don Malachia statt des erhofften Geldes oder der Victualien -von den Morlaken manchmal für seine Zaubermittel Prügel erhalten hatte. -Auch erschiessen wollten sie ihn zuweilen. Darunter aber leidet die -Standesehre und desswegen wurde er seines Postens als Pfarrer entsetzt -und privatisirte fortan in Spalato. Jetzt betreibt er nur mehr den -Vaterunser-Sport. Wie viel Vaterunser ein normal organisirter Mensch im -Laufe eines Tages herunterzusagen vermag, ist bis heute wohl noch nicht -berechnet worden. Es müssen aber viele sein, denn mit den Vaterunsern, -oder, besser gesagt, mit der Bezahlung von zehn Kreuzern für jedes -Vaterunser unterhält Don Malachia sich selbst in seiner vierschrötigen -Wohlbeleibtheit, seine ziemlich zahlreiche Familie und -- mit diesem -Gelde hat er sich das hübsche Häuschen erbaut, das so weiss und -freundlich durch die blühende Wildniss schimmert. Das Volk kennt die -erzählten Umstände ganz genau, lässt aber immer wieder seine Vaterunser -um zehn Kreuzer per Stück durch Don Malachia beten. Der Bischof weiss -es auch, aber Vaterunserbeten ist nichts Unrechtes -- und so lässt sich -wenig dagegen einwenden. Im Volksmund aber heisst das Haus: »Kuća od -Otčenašah« -- das Paternosterhaus. - -»Sondern erlöse uns von dem Uebel! Amen.« - - - - -[Illustration] - - - - -Jacuve Ciciola und seine Liebe. - - -Jacuve heisst Jacob -- Ciciola ist ein Spitzname und heisst gar nichts, --- welches Wesen aber so glücklich war, die Liebe des Jacuve Ciciola zu -erringen, das will ich lieber erst am Ende dieser meiner armen Zeilen -erzählen, weil es immer gut ist, sich für alle Fälle zu decken und -dafür zu sorgen, dass dergleichen Dinge auch bis zu Ende gelesen werden. - -Vielleicht war ich nicht ganz exact, als ich dem Namen meines Helden -eine negative Bedeutung zusprach. »Ciciare« ist ein Wort, das zwar -meines Wissens in keinem Wörterbuche zu finden ist, dafür aber im -Dialekte der untersten Venezianer-Volksclassen »saugen« bedeutet, ganz -entsprechend dem wunderbar schönen Wiener Ausdrucke »zuzeln«. Gibt -man aber die Richtigkeit dieser etymologischen Abstammung zu, so ist -auch damit die logische Berechtigung anerkannt, meinen Helden eben -Ciciola und nicht anders zu nennen, denn der Herr, der diesen äusserst -romantisch klingenden Namen trägt, hat die ebenso angenehme als -nützliche Gewohnheit, zwei oder drei junge Zwiebelpflanzen von der Art, -die man in Italien und Dalmatien Scalogna, in deutschen Landen aber -Schalotte nennt, in der Hand zu halten und mit sichtbarem Behagen daran -zu saugen. - -[Illustration: Jacuve Ciciola.] - -Ausser den eben erwähnten hat Jacuve Ciciola keine besonders luxuriösen -Gewohnheiten. Ein Paar alte Schuhe, +keine+ Strümpfe, blaue, -zerrissene türkische Pumphosen, ein Hemd und ein langer brauner -Mantel, der an den Lenden durch einen Strick zusammengefasst ist, -bilden seine Bekleidung; auf dem kraushaarigen, dicken Kopfe trägt er -eine rothe morlakische Mütze, und in einem Loche, das er in die linke -Brustseite des Mantels eigens gerissen, steckt ein kurzer Tschibuk. Er -schläft, wo er kann, er isst, was man ihm schenkt, und trinkt Wasser, -wann und wo er es findet. - -Mit dem Wasser hapert's manchesmal im Sommer; denn Spalato, die Vater- -und Residenzstadt Jacuve Ciciola's, besass wohl vor dreizehnhundert -Jahren eine prachtvolle aus Quadern gebaute Wasserleitung, welche das -frische Quellwasser eine Stunde weit aus Salona nach Spalato führte, -aber diese liegt heutzutage in Trümmern. Heute hat man in Spalato nur -Regenwasser aus Cisternen; versiegt dieses aber im Hochsommer, was -beinahe jedes Jahr der Fall ist, dann müssen die Spalatiner wieder zu -dem frischen Quellwasser in Salona greifen, nur läuft dasselbe heute -nicht mehr von selbst nach Spalato, sondern es wird in Fässern dahin -getragen -- auf Eseln. - -Man kann nicht sagen, dass Spalato von der Natur stiefmütterlich -behandelt sei. Im Sommer hat man dort zu essen und im Winter -- wenn -es regnet -- zu trinken. Unangenehm bleibt es aber, dass, je nach der -Jahreszeit, die gleichzeitige Befriedigung beider Bedürfnisse mit -Schwierigkeiten verbunden ist, wenigstens für die arme Classe, und -Jacuve Ciciola gehört nicht zu den Reichen. - -Nur drei Stunden von Spalato entfernt liegt der District Poglizza, noch -unter der Herrschaft der Venezianer ein reiches blühendes Stück Landes, -das feines Obst und Tabak in solcher Menge und solcher Güte erzeugte, -dass die Poglizzaner ein berittenes Corps von dreihundert Reitern -auf eigene Kosten ausrüsten und erhalten konnten, wenn die erlauchte -Republik Krieg führte. Und die erlauchte Republik führte ziemlich oft -Krieg. Heute dürfen die Poglizzaner keinen Tabak mehr bauen, darum -können sie auch keinen verkaufen und darum sind sie auch mit ihrer -Obstcultur, mit Respect zu sagen, auf den Hund gekommen. Weil aber in -den Ritzen und Schluchten des glühenden gelben Gesteins, aus welchem -der Boden der Poglizza besteht, wohl Tabak und Obst, aber kein Getreide -gedeiht, so haben sie in der Poglizza überhaupt nichts oder beinahe -nichts zu essen. Ihre gewöhnliche Nahrung besteht aus Maisbrod und -wildwachsenden Kräutern, die sie mit etwas Essig geniessbar machen. War -das vergangene Jahr ein schlechtes -- und das Jahr kommt, Gott sei's -geklagt, oft vor -- so mischen sie das Mehl mit gestampfter Baumrinde -und backen Brod daraus. Gegen Ende des Winters, wenn das Mehl alle -geworden und nur mehr die Baumrinde übrig geblieben, dann ziehen sie -einzeln und zu Haufen nach Spalato und betteln. Gelbe pergamentartige -Gesichter, schlotternde Gestalten, in Fetzen gehüllt, auf dem Kopfe -ein rothes Käppchen und an den Füssen Sandalen aus ungegärbtem Leder, -den Bettelstab in der Hand, so schwanken sie in der Winterkälte durch -Spalatos Strassen und strecken die zitternden Hände aus mit dem -stereotypen »bog vam da« -- »Gott vergelt's!« - -+Viel+ besser ist eben Jacuve Ciciola auch nicht d'ran, aber er erspart -wenigstens den weiten Weg von der Poglizza bis nach Spalato. Und -dann bat er auch seine gewissen und regelmässigen Einkünfte, die ihn -immerhin vor allzu grossem Elende bewahren. Da stehen zum Beispiel -hinter dem Platze, der den volltönenden Titel »Herrenplatz« -- Piazza -Signori -- führt, gewisse alte, halbzerfallene Häuser. In Spalato ist -eben Alles alt und die meisten Häuser zeigen eine bedenkliche Neigung, -ihr ehrwürdiges Alter durch eine gewisse Hinfälligkeit zu manifestiren. -Um eine bestimmte Stunde werden da aus bestimmten Fenstern die -Ueberreste der Mahlzeit, die allerdings gewöhnlichen Menschen nicht -mehr recht geniessbar erscheinen wollen, einfach auf die Strasse -geworfen. Das weiss der Jacuve Ciciola und findet sich regelmässig ein, -um das in Empfang zu nehmen, was er als eine ihm mit Recht gebührende -Abgabe betrachtet. Hunde, die ihm die Beute streitig machen wollen, -verjagt er. Auch kennen ihn dieselben schon und sehen nur aus gehöriger -Entfernung mit lüsternen Augen zu, wie der Jacuve Ciciola speist. -Offenbar thun sie es in der Erwartung, dass er doch vielleicht etwas -übrig lassen könnte, aber diese Erwartung wird oft getäuscht, denn -Jacuve Ciciola hat die Kinnbacken eines Esels und das weisse funkelnde -Gebiss eines Raubthieres. Den Appetit hat er von beiden. Und so muss -ein Bein schon +sehr+ hart sein, wenn Jacuve Ciciola es nicht sollte -zermalmen können. Zudem ist Jacuve Ciciola von riesiger Stärke und wäre -im Stande, den Hund ohneweiters zu zerreissen, der es wagen würde, mit -ihm anzubinden. Das wissen die Hunde. - -Das Bedürfniss, Kaffee zu trinken, hat Jacuve Ciciola ebenfalls nicht, -und ich bezweifle, dass er überhaupt je diesen Trank verkostet, -hingegen ist er ein grosser Freund des Tabaks und weiss sich ihn auch -billig zu verschaffen. Wenn er gespeist hat, sind auch so ziemlich -alle anderen Leute mit dem Mittagmahle fertig und vor dem auf der -Piazza Signori befindlichen Kaffeehause Troccoli sitzen die Officiere -der Garnison, die in Spalato ihren Standort hat. Dorthin schleicht -Jacuve Ciciola und glotzt so lange die Officiere an, bis sie ihm ein -paar Finger voll Tabak oder ein Stückchen Cigarre gereicht. Dann zieht -er den kurzen Tschibuk, der wie ein toll gewordener Orden auf seiner -linken Brust prangt, aus dem Loche, in dem er gesteckt, und fängt -an zu rauchen. Wohin er jetzt geht? Natürlich zum Meere, und zwar -gerade an jenen Punkt des Quais, der zum Landungsplatze der anlegenden -Dampfer bestimmt ist. Dort sitzt er stundenlang, mit den Füssen über -die Quaimauer hinabbaumelnd und mit den Wellen sprechend, die unter -ihm an das Gestein klatschen. Ist der Tabak zu Ende, so zieht er aus -irgend einer verborgenen Tasche seines braunen Mantels einige Zwiebel -hervor und saugt daran, bis der Abend gekommen -- darum heisst er eben -Ciciola. Ueberkommt ihn dann der Schlaf, so zieht er sich aus der -grossartigen Einsamkeit seines Observatoriums zurück und geht zu Bette. - -Zu Bette. -- Längs des Hafens von Spalato zieht sich eine schöne, -breite Strasse, die gegen Westen durch die Gebäude des Zollamtes -und der Finanzdirection, im Osten durch einen Complex neu erbauter -Häuser begrenzt wird, in deren Rücken der Monte Margliano sich im -Meere spiegelt. Diese Häuser, welche der Arkaden wegen, mit denen sie -versehen sind, den Namen »procuratie nuove« führen, beherbergen unter -Andern ein Gasthaus, dessen Küche sich im Souterrain befindet. Auf dem -Boden der Vorhalle ist ein horizontales Eisengitter angebracht, durch -welches die heissen Dünste der Küche hinausströmen. Dieses Gitter ist -Jacuve Ciciola's Winterbett. Dort schläft er. Trotz seiner sonstigen -Gutmüthigkeit gibt er es aber nicht zu, dass einer der armen, vor Kälte -zitternden Morlaken, die des Bettelns wegen aus der Poglizza nach -Spalato gekommen, sein Lager theile. Es würden deren zu Viele kommen -und dann hätte er selbst nicht mehr Platz. Darum verjagt er sie, sobald -sie sich blicken lassen. - -Im Sommer, da ist es anders und weit besser für Jacuve Ciciola und -die bettelnden Morlaken aus der Poglizza. Vor Allem hungern von den -Letzteren nicht mehr so Viele. Denn zu Ende des Winters oder im -Frühjahre, wenn sie absolut nichts mehr zu essen haben und in Spalato -auch nichts mehr erbetteln können, da hält gewöhnlich der Hungertyphus -seinen glorreichen Einzug in den District Poglizza, und wer den einmal -gehabt, der hungert selten mehr. Dann wächst auch in den Schluchten -und Klüften allerhand Kraut, das sie als Speise benützen, und -schliesslich finden sie doch eine oder die andere Arbeit, so dass die -Uebriggebliebenen dem Hunger und der Baumrinde des nächsten Winters mit -ruhigerem Gemüthe entgegensehen können. - -Jacuve Ciciola ist dann in seinem Element. Mit dem Sommer kommt -allerhand Obst und Gemüse auf den Markt und er waltet dann seines -selbstgewählten Amtes als eine Art Aasgeier. Angefaulte Rüben, -weggeworfene Melonenschalen und dergleichen Dinge bilden dann eine -angenehme und nahrhafte Zukost zu dem Futter, das man ihm aus -dem Fenster zuschüttet. Er schläft nicht mehr auf dem Gitter der -Wirthshausküche, von wo mit der wohlthuenden Wärme ihm auch der -sättigende Geruch der Speisen zuströmte -- jetzt gehört Spalato ihm, -und keinen Winkel des alten Kaiserpalastes gibt es, wo er nicht, wenn -es ihm beliebt, sein Nachtquartier aufschlagen könnte. Die Siesta aber, -die hält er jetzt täglich versunken in dem Anblick -- seiner Liebe. Ja. -Da wäre ich glücklich bei dem zarten Gegenstand angekommen, den ich -gleich Anfangs erwähnt, und bin bereit, mein Wort zu lösen. - -Als der alte Kaiser und Christenverfolger Diocletian sich den -prachtvollen marmorstrotzenden Palast erbaute, in dessen Mauern hinein -später die Häuser der Stadt Spalato genistet wurden, da liess er es -sich wohl kaum träumen, dass gerade die ihm so verhasste Secte der -Christen durch ihren Religionscultus den prachtvollen Jupitertempel -erhalten werde, der das Atrium seines Palastes schmückte. Während -allenthalben die Prachtbauten der alten römischen Kaiser nur in mehr -oder weniger gut erhaltenen Bruchstücken noch Zeugniss geben von -dem Kunstsinne ihres Erbauers, steht heute noch der Jupitertempel -Diocletian's in seiner vollen ehrfurchtgebietenden Schönheit, er heisst -heute die Domkirche, und das Atrium ist zur »piazza del duomo« geworden. - -Seit fünfzehn Jahrhunderten ragen die mächtigen Säulen aus egyptischem -Granit und tragen den weissmarmornen Sims und die schön gewölbte -Kuppel, die seinerzeit auf Diocletian herabgesehen, als er dem -»Vater der Götter und Menschen« sein Opfer darbrachte. Seit fünfzehn -Jahrhunderten prangen noch immer unversehrt die in weissem Marmor -ausgeführten Jagdscenen, die, als Fries um die Kuppel laufend, die -keusche Göttin zeigen, wie sie mit der Lanze in der Hand und von -dem Trosse der leichtgeschürzten Gespielinnen gefolgt, hinter dem -erschreckten Wilde einherstürmt. Und am Fusse der breiten Treppe, die -von dem Atrium zum Tempel führt, liegt heute noch auf steinernem Sockel -wie vor fünfzehn Jahrhunderten die mächtige aus egyptischem Granit -gehauene Sphinx, den schönen Leib in prächtigen Formen hingegossen, mit -dem schönen Frauenantlitz und den geheimnissvoll starrenden Augen. Was -im Laufe der fünfzehn Jahrhunderte an ihr vorübergeglitten, das scheint -in diesem stummen Antlitz und in den unergründlichen Augen verborgen -zu ruhen, bis sie es vielleicht einmal später kommenden Geschlechtern -erzählt. Für jetzt aber spricht sie nicht und ihre Hände -- schöne -menschliche Hände -- ruhen fest gekreuzt unter dem strebenden Busen. -Vielleicht erzählt sie dann einmal, nach abermals fünfzehnhundert -Jahren, auch von dem Elende, das sie gesehen, und von den schlotternden -bettelnden Morlaken, die Brod aus Baumrinde assen! - -Ob Jacuve Ciciola sich wohl etwas Aehnliches denken mag, wenn er -auf dem gegenüberliegenden Sockel sich in den Schatten legt, den -Leib gestreckt wie die Sphinx und die Augen fest auf das schöne -zweitausendjährige Bild gerichtet? Das ist +sein+ Geheimniss. Das -aber ist sicher, dass er stundenlang auf den Quadern liegen kann, um -die Sphinx anzustarren, während er an seiner Scalogna saugt, und dass -manchmal etwas wie Rührung aus seinen Glotzaugen blitzt, wenn er sie -anblickt -- denn die Sphinx ist Jacuve Ciciola's Liebe. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Wandelnde Kreuze. - - -Seitdem es den österreichischen Nachbarn der schwarzen Berge -eingefallen war im trauten Vereine mit den Montenegrinern einen kleinen -Feldzug gegen Oesterreich zu eröffnen, in dessen Verlaufe gleichwohl -mehr Nasen abgeschnitten wurden als in sämmtlich anderen vom Beginne -des dreissigjährigen Krieges bis jetzt gelieferten Schlachten, hat -man sich daran gewöhnt Dalmatien als ein Land zu betrachten, das ein -Fremder, ohne für seine Nase das Aergste befürchten zu müssen, nicht -leicht betreten könne. Morlake, Dalmatiner und Nasenabschneider, -das sind für die Meisten ganz homogene Begriffe geworden, und wenn -es je einmal Mode gewesen wäre, Vergnügungsreisen nach Dalmatien -zu machen: nach dem Aufstande in der Bocca di Cattaro hätte gewiss -Niemand mehr daran gedacht, aus einem anderen Grunde als der zwingenden -Nothwendigkeit wegen dorthin zu reisen. - -Zum Glücke für Dalmatiner und Dalmatinerinnen sind derlei Vorstellungen -nicht nur im Allgemeinen grundfalsch, sondern auch in puncto Geographie -vollkommen unrichtig, denn man vergisst gewöhnlich darauf Bedacht -zu nehmen, dass Dalmatien zwar ein sehr schmales, aber auch sehr -langgedehntes Stück Landes ist, und dass es von der Bocca di Cattaro -bis zur Landeshauptstadt Zara ebenso weit oder mit Berücksichtigung -der mangelhaften Communications-Mittel noch weiter sei, als -beispielsweise von Triest nach Wien. Darum wird der Fremde, der zum -ersten Male Dalmatiens Küsten im nördlichen oder mittleren Theile -desselben, vielleicht bei Spalato betritt, erstaunt sein, einen ganz -anderen Schlag von Menschen und andere Sitten zu finden, als seine von -dem Anhören nasenabschneiderischer Geschichten erhitzte Phantasie ihm -vorgespiegelt hat, -- des Ausserordentlichen und von den Sitten anderer -Völker Abweichenden findet er immerhin zur Genüge. - -Als seinerzeit venezianische Bürger um des Erwerbes willen in das -damals rein slavische Land Dalmatien übersiedelten oder von der -Republik als Beamte dorthin gesendet wurden, da entsprach es ganz der -Regierungspolitik dieses gleich einer zusammenbröckelnden Ruine aus -dem Mittelalter in die Neuzeit hineinragenden Staates, die eigenen -Angehörigen als Feudalherren über die Einwohner der durch Krieg und -Schacher erworbenen Provinzen zu setzen. Gewohnt, zu Hause unter dem -stetigen aber schweren Drucke zu seufzen, den eine ausschliesslich in -den Händen weniger bevorzugter Patricierfamilien ruhende Regierung -auf sie ausübte, fanden es diese Leute um desto angenehmer, wenn sie -plötzlich in die Lage kamen nun ihrerseits die kleinen Tyrannen zu -spielen; sie traten mit desto mehr Genuss, je lebhafter sie sich an die -erhaltenen Tritte noch erinnerten. Die Verhältnisse, die sie in dem arg -vernachlässigten Lande vorfanden, waren auch ganz darnach angethan ihre -kleinlichen Herrschergelüste eher anzufachen, als denselben hemmend -entgegenzutreten. - -Um das Land in aussichtsloser Abhängigkeit zu erhalten, hatte die -erlauchte Republik nicht nur den materiellen Wohlstand desselben -unterdrückt, die Wälder systematisch ausgerodet, die Anlegung von -Strassen geradezu verhindert und die Schiffahrt möglichst erschwert, -sondern sich auch bemüht die Bevölkerung auf der tiefsten Stufe der -Rohheit und Unwissenheit zu erhalten. Letzteres war eben so leicht als -mit geringen Kosten verbunden: man errichtete eben nirgends Schulen. -Wollte einmal ein Dalmatiner ausnahmsweise seinem Sohne eine bessere -Erziehung angedeihen lassen, so war er genöthigt, ihn nach Venedig oder -Padua zu senden, -- nicht genug, selbst dort unterschied man zwischen -Dalmatiner und anderen Studenten und hütete sich wohl, den Ersteren zu -viele Kenntnisse beizubringen. Das mag barok und übertrieben klingen, -ist aber nichtsdestoweniger wörtlich wahr. - -Noch vor dreissig Jahren lebten in Spalato zwei »Dalmatiner Advocaten.« -Was ein »Dalmatiner Advocat« ist? Ich will es erklären. Die erlauchte -Republik gestattete es den Dalmatinern, an der Universität Padua ohne -vorhergängige Studien eine Prüfung abzulegen, welche denselben das -Recht, den Doctortitel zu führen und die Advocatie auszuüben verlieh. -Wohlgemerkt! nicht in Venedig oder einer der venetianischen Städte, -sondern +nur in Dalmatien+ durften dieselben Advocaten sein. Die für -diese Prüfung zu erlegende Taxe bestand in einer kleinen Geldsumme -und +dreissig Schinken+. Natürlich war die Prüfung Nebensache, die -Geldsumme aber und die dreissig Schinken Hauptsache, daher sich der -Gebrauch ergeben konnte, dass Einzelne mehrmals und immer unter anderen -Namen ihr Doctorexamen in Padua ablegen konnten. Einer der beiden oben -erwähnten »Dalmatiner Advocaten«, dessen Sohn heute noch in einer Stadt -Dalmatiens die Advocatur ausübt, machte diese Prüfung +fünf Mal+ immer -mit der Börse in der einen und den dreissig Schinken in der andern -Hand, und vier Personen ausser ihm, die sich nie aus ihrer Geburtsstadt -entfernt hatten, erhielten auf Grund dieser Prüfungen, des Geldes und -der hundertzwanzig Schinken die Erlaubniss, als Sachverwalter vor den -Schranken +dalmatinischer+ Gerichte aufzutreten. - -[Illustration: Bäuerin aus Macarsca.] - -Italien und speciell die »erlauchte« Republik Venedig befanden -sich, als letztere in dem Trubel der politischen Ereignisse ihr -wohlverdientes Ende erreichte, mitten in der schönsten Blüthe -der Zopfzeit und die Cultur der Zopfzeit war es, welche von den -venetianischen Ansiedlern nach Dalmatien getragen wurde. Die -Südslaven waren damals und sind auch heute noch lange nicht bei der -Zopfzeit angelangt und so ergab sich aus dem Gemische der beiden -Nationalitäten eine merkwürdige Verquickung der Sitten und der Cultur, -die bis zum heutigen Tage besteht und voraussichtlich noch durch -lange Jahre ihren Einfluss zeigen wird. Slavischer Aberglaube und -romanische Ueberschwenglichkeit, italienische Selbstüberhebung und -der südslavische Charakterzug, sich dem Unvermeidlichen mit stummer -Ergebenheit zu beugen, reichten sich da die Hände. Darum wird ein -Italiener, der heute die Küstenstädte Nord- und Mitteldalmatiens -besucht, vorwiegend slavische Städte zu finden glauben, während ein -Slave, wenn er aufrichtig sein will, in Zara, Sebenico, Spalato, -Macarsca und Almissa italienische Sitten und Gebräuche ebenso bestimmt -finden, als in dem breitgedehnten Dialecte ihrer Bewohner die -venetianische Volkssprache wiedererkennen wird. - -Eine Eigenschaft haben beide Nationalitäten mit einander gemein: die -Sucht zu glänzen. Der Italiener, dem die tausendjährige Cultur seiner -Voreltern in den Gliedern steckt, thut es, indem er sich womöglich -einen Orden verschafft, ihn so viel als thunlich heraushängt und -sich vor aller Welt als »Cavaliere« ansprechen lässt, -- der Slave, -und zwar besonders der Südslave, indem er in seiner Nationaltracht -die schreiensten Farben nebeneinander zur Schau trägt, die ihm -zugänglich sind. Darum findet man auch kaum in einem Lande eine -solch' ausgesprochene Sucht bei jeder sich ergebenden Gelegenheit den -möglichsten, meistens sehr abgeschmackten und verschossenen Prunk zu -entwickeln, der sich bis zum fratzenhaften steigert, wenn der Anlass -dazu ein religiöser war. - -In dem östlichen Theile des diocletianischen Kaiserpalastes, in dessen -Ruinen hinein die Stadt Spalato gebaut ist, bildeten die vielfach -sich kreuzenden von mächtigen Mauern eingefassten Gänge einen kleinen -Platz, der in das östliche Thor des Palastes mündete. Unmittelbar neben -dem heute noch bestehenden Thore, da, wo seinerzeit vermuthlich ein -Wach- oder Vertheidigungsthurm gestanden haben mag, befindet sich eine -kleine schwerfällig und offenbar in gar keinem Style gebaute Kirche, -welche »alla buona morte« (zum guten Tod) heisst. Die einfache, ja -ärmliche Ausschmückung der Kirche von Innen entspricht der mehr als -ungekünstelten Aussenseite und hauptsächlich sind es nur ganz arme -Leute, die in derselben dem Gottesdienste beiwohnen. - -Sonntags und Donnerstags wird in derselben die Schulmesse für das -Obergymnasium abgehalten und wenn die Schüler in der Kirche vollzählig -versammelt sind, schliesst der Pedell ohne Weiteres die Thüre mit einem -mächtigen Riegel. An der Längenseite der Kirche ist von Aussen eine -kleine Marmortafel in der Mauer eingefügt, welche die Umrisse eines -stark verwischten Todtenkopfes zeigt, den die meisten Vorübergehenden -in Erfüllung eines mir völlig unbekannten religiösen Bedürfnisses mit -der Hand betasten. Ob sich die Leute unter dem marmornen Todtenkopf -etwas Heiliges vorstellen, habe ich niemals ergründen können. Dort in -der Kirche »alla buona morte« beginnt das unheimliche Schattenspiel, -das alljährlich am Charfreitage durch die Gassen und Plätze der Stadt -Spalato seinen mystischen Gaukel treibt. - -Die vierzigtägigen Fasten werden in ganz Dalmatien und vorzüglich in -Spalato mit absonderlicher Strenge gehalten. Bischöfliche Dispensen, -wie sie in andern nördlicher gelegenen Ländern eine regelmässige -Ausnahme bilden, kommen dort nicht vor. Die Kirche gebietet Fasten und -es wird einfach gefastet. Einer deutschen Hausfrau würden allerdings -die Haare und womöglich auch der Chignon zu Berge stehen, wenn sie -einmal in die Lage käme durch vierzig Tage dreimal wöchentlich mit -den wenigen Dingen ein Mittagmahl herstellen zu müssen, die durch das -Fastengebot nicht verpönt sind. Mittwochs, Freitags und Samstags darf -nicht nur kein Fleisch gegessen werden, sondern Butter, Schmalz, Milch -und Eier sind ebenfalls verpönt. Die Leute kochen Fische und bereiten -alles mit Oel, so dass ich, als ich einmal gezwungenermassen eine -derartige Fastenzeit in Spalato durchgemacht hatte, am Ende derselben -das Gefühl hatte, als brauchte ich nur ein Endchen Baumwolldocht in den -Mund zu nehmen und anzuzünden, um ein Paar Tage lang einer Oellampe -gleich zu brennen. Die Domkirche bietet während dieser Zeit zweimal -wöchentlich den jungen Leuten beiderlei Geschlechts die erwünschte -Gelegenheit sich ziemlich ungestört sehen und sprechen zu können, -- -sind doch die Fastpredigten, die immer Abends in der zweifelhaften -Dämmerung der hohen Kirche abgehalten werden, so sehr als gewöhnliches -Stelldichein bekannt, dass man einmal den Schülern der höheren Classen -des Gymnasiums es verbieten musste dieselben zu besuchen. Aus demselben -Grunde heisst dort auch die vierzigtägige Fasten im Volksmunde, »il -carnevaletto delle donne« -- der kleine Frauenfasching. Wenn aber -diese Zeit zu Ende geht und die Charwoche herannaht, dann beginnt ein -eigenthümliches Drängen und Werben unter der Classe der Handwerker und -Bauern, dessen Gegenstand der Pfarrer ist, -- der Pfarrer der Kirche -»alla buona morte.« - -Des Abends kann man da dunkle Gestalten verstohlen und heimlich in das -Haus schlüpfen sehen, das der Herr Pfarrer bewohnt. Dann kann man aus -dessen Zimmer zuerst die leise wispernden Stimmen eines Zwiegespräches -hören, das allmälig in ein Brüllen ausartet, denn ein rechter -Dalmatiner kann nicht sprechen -- nur schreien. Die dunkle Gestalt -bittet um etwas, der Pfarrer will es verweigern, -- wiederholtes -inständiges Bitten -- zögerndes Nachgeben des Pfarrers -- endlich sind -sie handelseinig, -- leise und geräuschlos wie sie gekommen, aber -offenbar zufriedener und mit leichterem elastischen Tritt verschwindet -die dunkle Gestalt, sorgfältig ihr Gesicht vor einer anderen -verbergend, die vielleicht vor der Thüre in derselben Angelegenheit -harrt. - -Des folgendes Tages marschiren, -- nicht zusammen, sondern jeder für -sich, blos von seinem Treiber begleitet, -- verschiedene Esel vor der -Wohnung des Herrn Pfarrers auf und verschiedene variciaki[24] mit -Weizen werden abgeladen. Das Getreide gehört aber nicht dem Herrn -Pfarrer, sondern der Kirche »alla buona morte.« Auch von der besseren -Gesellschaft kann man eines Abends einen, aber nur einen! Herrn zum -Pfarrer schleichen sehen, der dann mit verlegenem Gesichte und fromm -verdrehten Augen eine kurze Botschaft dem Pfarrer mitzutheilen hat -und wieder fortschleicht. Und nicht nur der Pfarrer, sondern auch der -Küster von der Kirche »alla buona morte« beginnen ein absonderlich -wichtiges und verschwiegenes Gesicht zur Schau zu tragen und mancher -arme Teufel, der vor Jahren auch zur Dämmerstunde hinaufgeschlichen ist -in die Wohnung des Pfarrers, sieht die Beiden an und fühlt ein Schauern -über den Rücken laufen wie ein abgestrafter Russe beim Anblick der -Knute. - - [24] Ein wollener Sack, der ein bestimmtes Getreidemass enthält. - -Charfreitag ist herangekommen und ein Gefühl festlicher Trauer hat sich -der Bewohner Spalatos bemächtigt. Allenthalben werden schwarze Tücher, -manchmal nach Umständen auch nur schwarze Fetzen hervorgesucht, welche -bestimmt sind des Abends zu den Fenstern des Hauses herausgehängt zu -werden, vor welchen die Procession vorüberziehen wird. Oellämpchen -werden geputzt, schwarze Kleider aus den Schränken geholt, die Weiber -putzen sich mit Schleiern und schwarzen Bändern, die Männer ziehen -himmelschreiende Fracks an's Tageslicht und wer sich weder an der -Procession zu betheiligen gedenkt, noch so glücklich ist ein Haus zu -bewohnen, an welchem die Procession vorüber ziehen muss, der trachtet -bei Bekannten ein Plätzchen an einem Fenster zu erlangen. Denn Spalato -ist stolz auf seine Charfreitags-Procession, und »nur in Rom sieht -man etwas Aehnliches« versichert jeder Spalatiner mit vaterländischem -Stolze. - -Es schlägt sieben Uhr, -- früher darf die Procession nicht beginnen, -denn die Tageshelle würde ihr einen guten Theil des Schauerlichen -benehmen, das ihren grössten Reiz ausmacht. Vor allen Fenstern hängen -die schwarzen Lappen, über allen Lappen brennen dämmerige Oellämpchen -und hinter allen dämmerigen Oellämpchen stehen dichtgedrängte -schwarzgekleidete Gestalten. Aus den weitgeöffneten Pforten der -uralten Domkirche, -- des alten Jupitertempels, -- an der egyptischen -Sphinx vorüber, die mit ihren blinden granitenen Augen herausstarrt -auf das ungewohnte Getreibe, über die breiten Stufen herab bewegt -sich der Zug. Voran die Waisenkinder, die man hier wie überall als -eine Merkwürdigkeit zu betrachten scheint, die als abschreckendes -Beispiel bei keinem öffentlichen Aufzuge fehlen darf, -- dann die -Männer und Weiber des Versorgungshauses, die in ihrem krüppelhaften -Siechthum an und für sich abschreckend genug sind, -- dann eine -Schaar zehn- und zwölfjähriger Bursche, die Eleven des bischöflichen -Seminars, welche als Priester maskirt mit ihren schwarzen Talaren, -weissen Chorhemden, lilafarbenen Kragen und ebensolchen dreieckigen -Baretten Diminutiv-Cardinälen ähnlich sehen, -- dann die verschiedenen -Leichenvereine und Betbruderschaften in langen, blauen und weissen -Kitteln, -- alles mit Fackeln in den Händen. Dann kommen die -»Herren«, dann Handwerker im Sonntagsstaate, Bewohner der Vorstädte -im National-Costüme, Alle mit riesigen Wachskerzen in den Händen und -neben jeder Wachskerze ein zerlumpter, barfüssiger Bursche, der in der -hohlen Hand die herabfallenden Wachstropfen auffängt, -- hinter den -Männern die Frauen und Mädchen in schwarzen Kleidern, das Gesicht mit -schwarzen Schleiern verhüllt. Und dann? Ja, -- jetzt kommt das, worauf -die Spalatiner stolz sind. - -+Ein lebendes Kreuz+ kommt, -- ein zweites, -- ein drittes, -- ein -viertes, fünftes, sechstes. Ein Mann schreitet einher, in einem -langen schwarzen Kittel gehüllt. Den Kopf und das Gesicht verdeckt -eine schwarze Kapuze, in der zwei kleine Oeffnungen für die Augen -gelassen sind. Die Füsse sind nackt und wenn die Erscheinung zwischen -dem Beschauer und einer Wachskerze durchgeht, so kann man durch den -dünnen schwarzen Stoff hindurch auch die nackten Glieder des Mannes -sehen. In dem einen Aermel hinein, hinter dem Rücken vorbei und bei -dem andern Aermel heraus, steckt ein tüchtiger Stock, so dass der -Unglückliche einem lebenden Kreuze gleich mit wagrecht ausgestreckten -Armen gehen muss. Und die Procession dauert länger als eine Stunde! -Und so wie er, so sind seine Kameraden nackt in ihren schwarzen Kittel -mit ausgestreckten Armen und alle bestreben sich den schwankenden Gang -eines zum Tode Erschöpften nachzuahmen und torkeln rechts und links, -die Kreuz und die Quer, bis ihre Erschöpfung keine gekünstelte mehr ist -und sie zuletzt wirklich zusammen zu sinken drohen. -- -- -- - -Das sind die dunkeln Gestalten, die zum Pfarrer der Kirche »alla buona -morte« hineinschlüpften, um mit ihm zu verhandeln und gegen Erlag -einiger variciaki Weizen die Erlaubniss zu bekommen, am Charfreitage -als »Kreuz« die Procession zu begleiten. Hinter diesen tänzelnden und -schwankenden Jammergestalten folgt aber noch eine Andere. Schwarz vom -Kopf bis zu den nackten Füssen, tief gebeugt unter der Last eines -grossen hölzernen Kreuzes, das, um sein Gewicht zu erhöhen, +hohl und -mit Sand ausgefüllt ist+, schwankt eine Gestalt vor dem nachfolgenden -Thronhimmel einher. Das Gesicht ist verhüllt, -- Niemand kennt ihn, -als der Pfarrer der Kirche »alla buona morte« und sein Küster. Sechs -stämmige Bauern mit Windlichtern begleiten ihn und sehen mit peinlicher -Aufmerksamkeit darauf, dass das untere Ende des Kreuzes, das er über -der linken Schulter trägt, den Boden nicht berühre. Geschieht es -dennoch, +so gilt es nicht+! Was? Die Busse! Denn der geheimnissvolle -Mann, der das grosse, über einen Centner schwere Kreuz trägt, +ist -der grösste Sünder, der dem Dompfarrer im Laufe des letzten Jahres -gelegentlich des Beichthörens vorgekommen+. - -In Spalato erzählt man allgemein, der Conte C. habe vor einigen Jahren -das grosse Kreuz getragen! - - - - -[Illustration] - - - - -Hippolytos und Phaedra. - - -Nördlich von Spalato und von demselben eine gute Stunde entfernt, dehnt -sich ein mächtiger natürlicher Hafen, der beste, grösste und schönste -im ganzen adriatischen Meere. Gegen Südwesten begrenzt ihn die Insel -Solta, auf allen anderen Seiten umsäumt ihn das Festland von Dalmatien -mit den bizarren Formen seiner Küste, und wenn der Südwind seine Wellen -kräuselnd aufdämmt, so hängen wohl klare Tropfen von Meerwasser an -den dunkeln Olivenbäumen und den traubenbedeckten Reben, die sich bis -unmittelbar an die Grenze der kühlen Fluth hinabziehen. Die auf den -glühenden Kalkfelsen schütter gelagerte Erde, die prächtige Seeluft, -der tiefblaue Himmel und die strahlende Sonne erzeugen in ihrem -Zusammenwirken eben keine schlechten Producte auf diesem gottgesegneten -Stückchen Erde. Der feurigste Wein, die süssesten Feigen, das beste -Oel, weite Felder voll prächtiger Melonen, das schönste Gemüse in -Hülle und Fülle -- das sind die Erzeugnisse des reizenden Geländes, -das, von den schroffaufstarrenden nackten Bergen des Mossor gegen -die Bora geschützt, in ruhigathmender Schönheit zu den Füssen des -Beschauers ruht. Es ist dies die Bucht und das Gestade der »Sette -Castelli«, so genannt von sieben alterthümlichen Burgen, die früher -längs der Küste zu deren Vertheidigung erbaut waren und jetzt eben -so viele Mittelpuncte von freundlichen Dörfern bilden. Und wie um in -die Schönheit der Landschaft keinen Misston zu bringen, bilden auch -die Bewohner dieser Sette Castelli den schönsten Menschenschlag, der -in Dalmatien zu finden. Ernstdreinschauende, hohe und kräftige Männer, -dunkeläugige Frauen mit Madonnengesichtern und schweren braunen Zöpfen -hegen und pflegen dort den dankbaren Boden. - -Dass die Menschen in den Sette Castelli so auffallend schön gerathen, -das hängt freilich weniger von dem reichen Erträgnisse ihrer Felder -und Gärten ab, sondern von einem anderen Umstande: die Race ist dort -gekreuzt. Als nämlich im ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts die -Franzosen Dalmatien besetzten, hielt es der Marschall Marmont für -nothwendig eine das ganze Land durchziehende Strasse zu bauen, welche -es möglich machte zwischen dem Süden und Norden Dalmatiens Verbindungen -zu unterhalten, ohne zur See von feindlichen Kreuzern belästigt zu -werden. Die Strasse wurde ausgeführt, besteht heute noch und heisst -noch immer im Volksmunde »Strada Marmont«. Ueberhaupt möge hier die -Bemerkung ihren Platz finden, dass die Franzosen in der kurzen Zeit, -während welcher das »illirische Königreich« bestand, für Dalmatien -beinahe mehr thaten, als Oesterreich bis vor wenigen Jahren zu thun -unterliess. Das Resultat dieser Gleichung zu suchen, sei Anderen -überlassen. Erzählt man doch in Dalmatien hierüber eine bezeichnende -Aeusserung des Kaisers Franz, der in den zwanziger Jahren das Land -bereiste. - -»Wer hat dieses Gebäude erbaut?« fragte der Kaiser. - -»Die Franzosen, Majestät«, hiess es. - -»Und wer hat diesen Garten angelegt?« - -»Die Franzosen, Majestät.« - -»Und die Strasse?« - -»Die Franzosen, Majestät.« - -»Und diese Seidenspinnerei?« - -»Die Franzosen, Majestät.« - -»So?« sagte der Kaiser, in seiner bekannten glatten Manier, »mir -scheint, hier haben Alles die Franzosen gemacht, da ist es schade, dass -sie nicht ein paar Jahre länger hier geblieben sind.« - -Um also nun wieder auf die Strada Marmont und die veredelte Race -der Sette Castelli zu kommen, so liess Marschall Marmont gerade das -Stück Strasse, das sich von Traù längs der Küste der Sette Castelli -bis gegen Spalato zieht, durch die Mannschaft des 72. französischen -Infanterie-Regiments bauen. Die Soldaten arbeiteten des Tags, schliefen -des Nachts bei den Bauern -- und die Folge war eine schöne Strasse und -ein prächtiger Menschenschlag -- -- -- ernstblickende hohe und kräftige -Männer, dunkeläugige Frauen mit Madonnengesichtern und schweren braunen -Zöpfen. - -Zwischen dem Gestade der Sette Castelli und der Stadt Spalato, eine -halbe Stunde von Ersterem und eine Stunde von der Letzteren entfernt, -liegen die Ruinen der einst mächtigen und blühenden Römerstadt Salona, -die, theilweise von der durch zwölfhundert Jahre angesammelten -Humusschicht befreit, heute noch ihre Bäder und Tempel, ihren Circus -und ihr Forum in trübseliger säulenkränzter Schönheit dem Beschauer -weisen. Grimmige Mauern umziehen im weiten Halbkreise das Ganze und -erstrecken sich epheubewachsen bis an das Meer, auf welchem einst -die Bewohner vor den herandrängenden Barbaren flüchteten. Ausserhalb -dieser Ruinen liegt das Dorf Salona, durchwegs aus Säulenstücken und -Steintrümmern des alten Salona erbaut. Marmorne Reliefs, römische -und griechische Inschriften findet man da beinahe an jedem Hause -- -oft verkehrt eingemauert -- und umgestürzte Marmorsarkophage dienen -den Bauern als Steintische vor ihren Häusern. Aus einer Höhle des -Mossor-Gebirges, kaum eine Stunde weit von dem Dorfe Salona, entspringt -der Fluss Jadro, der seine krystallhellen und eiskalten Fluthen in -ungestümer Eile dem Meere zujagt, nachdem er im Dorfe Salona eine -Anzahl Mühlen getrieben. Wiesen, die ihr saftiges Grün durch das ganze -Jahr behalten, schlanke Pappeln, mächtige Buchen und rebenumrankte -Maulbeerbäume säumen seine Ufer ein und zwischen dem dunkeln Laube -schimmern die weissen Dächer der Mühlen hinaus in die Ferne. - -Unter einer dalmatischen Mühle möge man sich nur ja nicht das mächtige -Getriebe von Räderwerk und Hebeln vorstellen, aus denen in civilisirten -Ländern eine Mühle zu bestehen pflegt. Die Dalmatiner sind eben ein -genügsames Volk und ihre Mühlen stehen womöglich noch ein wenig weiter -zurück in der Cultur als die Eingebornen selbst. Das Getreide oder der -Mais wird dort auf einem Esel in die Mühle geschleppt, schlecht und -recht gemahlen und auf demselben Esel wieder nach Hause befördert. Eine -Absonderung des Mehles von der Kleie kommt da nicht vor, das muss Jeder -zu Hause selbst vornehmen, wenn er es nicht vorzieht die Kleie mit dem -Mehl zu verzehren. Der Müller bekommt einen Theil des Getreides als -Mahllohn, dort »minella« genannt, betrügt dabei so viel als möglich und -so sind beide Theile zufrieden. -- -- -- - -Ein Ereigniss gehört in Spalato nicht zu den häufig vorkommenden -Dingen, desto grösser aber ist die allgemeine Erregtheit, wenn je -einmal das tägliche Einerlei durch irgend Etwas eine angenehme -Abwechslung erfährt. In Salona hatte man einen Fund gemacht. Ein Bauer -hatte ausserhalb der mächtigen Umfassungsmauern von Salona die Wurzeln -eines alten Weinstockes ausgraben wollen und war dabei auf etwas Hartes -gestossen. Er grub weiter und fand einen Marmor, der aber zu gross und -zu schwer war, als dass er ihn hätte herausheben können. Bei weiterem -Nachsuchen zeigte es sich, dass es der Deckel eines Sarkophages war, -und dass ein stämmiger Oelbaum, der gerade über demselben seine -immergrünen Zweige mit den Reben des abgestorbenen Weinstockes -verflochten hatte, die weitere Bloslegung des Sarkophages hinderte. Da -schüttete der Bauer die Grube wieder zu, um seinem Oelbaume nicht zu -schaden und der Sarkophag hätte ruhig ein weiteres Jahrtausend ruhen -können, wenn nicht der Bauer zufällig einen Process gehabt hätte und -in die Gelegenheit gekommen wäre mit einem Advocaten in Spalato zu -verkehren. - -Wie Bauern schon sind, die niemals einen Gegenstand besprechen können, -ohne bei dieser Gelegenheit von Allem und Jedem, von ihrem Vieh und -Acker, vom Hause und vom Urgrossvater zu schwatzen, so kam auch dieser -auf den Deckel zu sprechen, den er unter dem Oelbaume bemerkt hatte. -Der Advocat veranlasste ihn, abermals den Deckel und ein Stückchen des -darunter liegenden Sarkophages bloszulegen und kaufte dann Deckel und -Sarkophag um fünfzig Gulden. Weil aber beide viel zu massig waren, um -so leicht gehoben werden zu können, so blieben sie bis auf Weiteres an -ihrem Fundorte, halb von Erde bedeckt unter den Wurzeln des Baumes. - -Einige Jahre darauf -- es war im Jahre 1871 -- war der Professor -des Obergymnasiums in Spalato, Glavinic, ein lieber Freund, den bei -dieser Gelegenheit herzlich zu grüssen mir gestattet sei, Custos des -in Spalato bestehenden Museums für Alterthümer. Als nun der Professor -für Archäologie an der Wiener Universität, Herr Contze, auf einer -Ferienreise in Spalato eintraf, führte ihn Professor Glavinic unter -Anderm auch zu dem erwähnten Oelbaume bei Salona. Professor Contze -sah nur den wuchtigen Deckel und den Kopf einer der Figuren, die -an der Vorderseite des Sarkophages in erhabener Arbeit ausgeführt -sind, und erklärte auf den ersten Blick den Letzteren für den Kopf -einer Phaedra. Bei seiner Rückkunft nach Wien veranlasste derselbe, -dass die Regierung den Sarkophag ankaufte; derselbe wurde durch -Artilleriemannschaft mit Hilfe von Hebzeugen gehoben, auf einen starken -Karren gepackt und in das Museum nach Spalato überführt. Dort steht er -jetzt noch und wer von meinen Lesern einmal das freundliche Spalato -besuchen will, kann ihn dort sehen. - -Es ist des alten Euripides berühmte Tragödie Hippolytos und -Phaedra, die auf der Vorderseite des aus einem Stücke parischen -Marmors gehauenen riesigen Sarkophages dargestellt ist. Zur Linken -des Beschauers ruht Phaedra von dem durch Zeltwände angedeuteten -Frauengemache, während ihre Mägde beschäftigt sind, sie ihres -königlichen Schmuckes, des Diadems zu entkleiden. Zur Rechten sitzt -Theseus, der beleidigte Vater, im ernsten Gespräche mit seinen -Freunden, von denen einer bemüht zu sein scheint, den schrecklichen -Verdacht zu zerstreuen, den er dem unschuldigen blühenden Sohn -gegenüber Raum gegeben. In der Mitte steht Hippolytos, völlig nackt, -mit dem Speer in der Faust, zur Jagd gerüstet, in ätherischer Schönheit --- zu seiner Seite das Ross, von den Göttern zum Werkzeuge seines -Unterganges bestimmt, indem es ihn über die Klippen zu Tode schleifen -sollte. In der einen Hand hält Hippolytos die Rolle, den Befehl des -erzürnten Königs und Vaters, der ihn in die Verbannung schickt. -Ein Cupido zu den Füssen Phaedra's und die alte Amme zur Seite des -Hippolytos, die nach Ammenart als Kupplerin gedient, vervollständigen -die Gruppe. Als der Sarkophag, von sechs Ochsen gezogen und mit grünem -Reisig geschmückt, seinen Einzug in Spalato hielt, da war Alles auf -den Beinen, um ihn anzustaunen und man konnte da aus der Menge des -umstehenden Volkes die sonderbarsten Erklärungen über die figurenreiche -Gruppe hören, die an seiner Vorderseite prangt. - -Aber eine ganz eigenthümliche Anschauung sollte sich über den antiken -Fund und seine Bedeutung noch im Volke verbreiten. Zur selben Zeit, als -man in den Räumen des +alten+ Salona den Sarkophag hob und ihn nach -Spalato überführte, starb in dem +Dorfe+ Salona ein Müller. Weib und -Kinder blieben natürlich im Besitze der Mühle und nichts hätte Anlass -gegeben des Müllers Tod mit der Hebung des Sarkophages in Verbindung -zu bringen, wenn nicht unmittelbar in der Nähe der Mühle eine neu -auftretende oder erst jetzt bemerkte Erscheinung die Aufmerksamkeit der -Leute erregt hätte. - -Der Graben, in welchem das Wasser des Flusses Jadro der erwähnten -Mühle zugeleitet wird, verengt sich plötzlich unmittelbar vor der -Mühle und stürzt durch drei jäh abfallende Rinnen auf die Mühlräder. -In einer dieser Rinnen zeigte sich nun von Zeit zu Zeit, nämlich in -Zwischenräumen von einigen Minuten ein silberheller Streifen, der am -Boden der hölzernen Rinne sich fortbewegend eine entfernte Aehnlichkeit -mit einer Schlange hatte, die gegen den Strom des Wassers schwamm. Dann -verschwand die Erscheinung, um nach Kurzem sich wieder zu zeigen. Nun -ist es ein Erfahrungssatz, dass die Leute, je weniger Geist sie haben, -destomehr das Bedürfniss fühlen, sich mit Geistern zu beschäftigen, -daher denn auch binnen wenigen Tagen ganz Spalato, oder wenigstens ein -guter Theil desselben, sowie sämmtliche Bauern in der Runde von dem -»Geiste des Müllers« sprachen, der sich bei der Mühlenschleusse zeige. -Auch +warum+ der Geist sich zeige, war bald kein Geheimniss mehr, -- -mir wurde es durch eine »Contessa« enthüllt. - -Dass die Blüthe der alten Stadt Salona mit der Verbreitung des -Christenthums in Dalmatien so ziemlich zusammen falle, davon haben -Alle in jenen Gegenden eine, wenn auch nur sehr unbestimmte Ahnung. -Die Meisten jedoch, -- und dazu gehören nicht nur sämmtliche Bauern, -sondern auch das weitverbreitete Geschlecht der Vettern und Frau Basen -in Spalato, -- zweifelt nicht einen Augenblick daran, dass sämmtliche -Särge, deren man bei Salona eine grosse Menge unter der angeschütteten -Erde fand und noch findet, +die Särge von Heiligen seien+. Nun war der -Zusammenhang zwischen dem verstorbenen Müller, dem marmornen Sarkophage -und der glänzenden Erscheinung im Mühlbache bald hergestellt. Die arme -Seele des Müllers fand keine Ruhe und musste so lange als Schlange im -Mühlbach Allotria treiben, bis der Sarg des »Heiligen«, der bei Salona -gehoben, wieder an seine alte Stelle zurückgebracht sei. Die Müllerin -war stolz auf den Zulauf, den ihre Mühle von den Neugierigen erfuhr, -stolz auf den offenbar regen Zusammenhang zwischen ihrem verstorbenen -Manne und dem unbekannten Heiligen. Die Einwohner des Dorfes Salona -waren nicht minder stolz auf die mittelbar ihnen selbst wiederfahrene -Ehre, dass so ein uralter Heiliger sich um ihren jüngstverschiedenen -Mitbürger und Landsmann in so augenfälliger Weise kümmere und wer weiss -ob nicht eine Massendeputation der guten Salonitaner die Rückverführung -des Sarkophages an seine alte Stelle in mehr oder weniger turbulenter -Weise verlangt hätte, wenn nicht -- das Wunder eines schönen Tages -aufgehört hätte. Der Müllerbursche schlug ein neues Brett an Stelle -eines schadhaft gewordenen in das Rinnsal des Mühlbaches und von diesem -Augenblicke an war der Geist des Müllers verschwunden. - -Ich selbst war seinerzeit eigens von Spalato nach Salona gepilgert, -um das Wunder mitanzusehen und erlaubte mir gegenüber einem jungen -Spalatiner Aristokraten, der mich begleitete, die schüchterne -Bemerkung, dass die »silberne Schlange« wahrscheinlich aus Luft -bestehe, die, von dem rasch strömenden Wasser mitgerissen, die -Reflexerscheinung bildete. Mein Begleiter zuckte aber die Achseln und -erklärte mit höchst verächtlicher Miene und offenbar im Bewusstsein -seiner besseren Einsicht gegenüber einem »deutschen Barbaren«, dass er -die Erscheinung für eine »+Quecksilberquelle+« halte. Dabei liess ich -ihn. - -Der Sarkophag aber mit dem beleidigten Theseus, der lüsternen Phaedra -und dem schönen armen Hippolytos, er ruht nun in dem langen Saale des -Museums von Spalato, -- zu seinen Füssen steht eine schöne Statue -der siegreichen Venus, welche dem Amor lächelnd den gefüllten Köcher -reicht. Oft und oft standen wir, mein Freund Glavinic und ich, in -Anschauung der Kunstwerke einer längstentschwundenen Zeit versunken vor -den schönen, marmornen, lebensgrossen Gebilden, aber wir konnten uns -nie zu der Ansicht eines Spassvogels bekehren, der in unserem Bunde -der Dritte, uns immer versichern wollte, die siegreiche marmorne Venus -steige des Nachts regelmässig von ihrem Piedestale herab, um mit dem -armen Hippolytos einen schauderhaften Cancan zu tanzen. - - - - -Der Frau Mare Kargotic Gesang. - - -Allerseelen war vor der Thür. - -Kein Nebel, keine Bora, kein langweiliger Regen. Der feine braune -Duft, der sich des Nachts über die Insel gelegt und über die -unendliche glatte Fläche des Meeres, der hebt sich beim ersten -Morgenlüftchen und streicht wie ein loser Schleier hin über das -Wasser. Die lateinischen Segel der Fischerboote tauchen dann langsam -auf unter dem fliehenden Schleier, dann treten die Bergspitzen der -herumliegenden kleineren Inseln und des Festlandes hervor, dann zeigt -sich vielleicht ein hochgethürmtes, schneeweisses Gewölk, das langsam -und stetig vorüberzieht -- die mächtigen Segel eines in der Morgenkühle -herankommenden Schiffes -- dann glüht es auf über der Spitze des Berges -Biokovo, der von der Festlandsküste nackt und jäh abstürzt gegen das -Meer, als ob er beständig im Begriffe wäre, ein Seebad zu nehmen --- dann schiessen breite Feuergarben über Inseln, Schiffe und die -tiefgrüne ruhig athmende Fläche des Meeres, die Sonne tritt siegreich -hervor und wie hingezaubert erscheint urplötzlich die langgestreckte -Insel Brazza, umspielt von den fluthenden Wellen. Ihre weissglänzenden -Kalkberge ragen hoch und strenge zum wolkenlosen Himmel, ihre Abhänge -sind von sanftgrauen Oelbäumen begrenzt und dann steht Rebe an Rebe eng -und dicht, nur von niederen Feigenbäumen unterbrochen bis herab zum -Meere, bis in die Bucht, an deren felsigem Strande die weissgetünchten -Häuser des Dorfes San Giovanni im Morgensonnenscheine funkeln. - -Allerseelen war vor der Thür. - -Der prächtigste Herbstmorgen lagerte über Land und Meer. In dem kleinen -einstöckigen Häuschen, dessen weinumrankte Fenster hinausblicken -über die glänzende Fläche bis auf die Festlandsküste, von der das -freundliche Spalato herüberwinkt, schafft und waltet Frau Mare -Kargotic. Wer es nicht sieht, der mag es hören. Ganz San Giovanni -hört es, denn San Giovanni ist nicht gross und Frau Mare hat eine gar -kräftige Stimme. Mitunter flucht sie auch, aber nur selten. Natürlich --- ihr Gebieter und Ehegemal (er ist Gebieter, wenn er +nicht+ zu Hause -ist) fährt in der weiten Welt herum auf seiner hübschen Brigg »San -Cristoforo« und lässt sich, wenn es gut geht, einmal im Jahre zu Hause -sehen. - -Während der Capitano Luka Kargotic draussen gegen schwere Stürme -ankämpft, oder in trostloser Windstille irgendwo tagelang auf einem -Flecke liegt, oder in irgend einem Tausende von Meilen entfernten Hafen -auf Rückfracht wartet, muss Frau Mare des Hauses Regiment mit kräftiger -Hand führen, sich ärgern und plagen. Und da raunt ihr freilich -manchmal ein böser Dämon in's Ohr, dass vielleicht der Herr Luka gar -irgendwo in einer Hafenstadt, die er angelaufen, sich gut, +sehr+ gut -unterhalte. Dann -- -- nun, die Kinder und die Dienstleute wissen davon -zu erzählen, was sie dann thut und was sie dann spricht. Das sind die -Momente, in welchen sie -- aber nur +sehr+ selten! flucht, -- sonst ist -sie die beste Frau der Welt. - -Auch eine hübsche Frau ist sie, trotz ihrer etwas stark entwickelten -Formen, trotz ihrer zweiunddreissig Jahre und trotz der feinen -Seemannsrunzeln, die sich -- der liebe Herrgott weiss, woher das -kommt -- um ihre Augenwinkel herum zeigen, als ob sie selbst ein -Schiffskapitän wäre. Wirklich und wahrhaftig hübsch, besonders wenn sie -im Feiertagskleide ist, wie heute. - -In dem kleinen Hafen draussen schaukelt sich eine ganz anständige -Barke, bereits zur Hälfte angefüllt mit dem Gottessegen, den Frau Mare -in diesem Jahre eingeheimst. Wein, Oel und getrocknete Feigen bilden -die Fracht, und die Barke muss bis Mittags fix und fertig sein, um -nach Spalato abzufahren, wo alle diese guten Sachen auf den Dampfer -übergeladen werden zur Ueberfuhr nach Triest. Der älteste Knabe, der -auch Luka heisst wie sein Vater und bereits zwölf Jahre zählt, hat in -der Schule lesen und schreiben gelernt -- was Frau Mare leider nicht -von sich sagen kann -- und notirt mit gravitätischer Miene jedes Fass, -das hinabgerollt wird zur Barke. Seine sieben jüngeren Geschwister -sitzen in sehr defecter Morgentoilette mit ihrer Bonne, einer jungen -Morlakin, im Hofraume und verzehren ihr Frühstück: getrocknete -Feigen und Brod. Die Knechte schaffen und poltern mit den Fässern -und Kisten in rüstiger Emsigkeit und zwei Mägde scheuern im Hause, -denn Allerheiligen fällt heuer auf einen Montag. Darum gibt es zwei -Feiertage hintereinander und Frau Mare hält etwas darauf, dass dann -Alles im Hause hübsch rein und nett sei. - -Dass Frau Mare heute in aller Gottesfrüh schon im Festtagsgewande ist, -damit hat es aber sein eigenes Bewandtniss. Es wird nämlich heute in -der Pfarrkirche vor dem Altar des San Nicoló eine Extramesse gelesen, -die sie bezahlt hat. Natürlich hat sie für eine solche besondere -Auslage auch ihre besonderen Gründe. Einestheils gehen eben die Feigen, -das Oel und der Wein nach Triest, für welche sie die möglichst besten -Preise erzielen will. Dafür gibt es kein besseres Mittel als eine -Messe. Es handelt sich aber nur um einen möglichst hohen Preis, nicht -auch um die Sicherheit der Beförderung, da der Lloyd seine Frachten -selbst assecurirt. Frau Mare ist eben practisch und belästigt unsern -Herrgott nicht mit Dingen, die auch der Triester Lloyd besorgen kann. -Für heute hat sie jedoch noch ein besonderes Anliegen, so wichtig und -so geheim, dass es vorderhand ein Geheimniss zwischen ihr und unserm -Herrgott bleiben muss. Darum hat sie auch dem Pfarrer, als sie die -Messe bezahlte, gesagt, selbe sei für den guten Verkauf des Weines, der -Feigen und des Oeles, ferner »für ihre besondere Intention« zu lesen, -was der Pfarrer auch zusagte. - -Seit Jahren vollzog sich das eheliche und Familienleben der Familie -Kargotic in beinahe unwandelbarer Regelmässigkeit. Frau Mare -regierte im Hause und der Capitano Luka befuhr das Meer. Jedes Jahr -kam der Capitano auf zwei oder drei Wochen nach Hause, bei welcher -Gelegenheit er immer allerhand Schönes und Werthvolles mitbrachte. -Goldene Ohrgehänge, silberne Leibgürtel, schöne Kleider von schwerer -Seide, feine Leinwand, kunstvolle Spitzen, ein Kind, ein paar hübsche -Ringe, feine Venezianer Goldketten -- das waren so seine gewöhnlichen -Angebinde. Das heisst, das Kind brachte er eigentlich nicht mit, aber -merkwürdigerweise fügte es sich immer, dass nach einer ganz bestimmten -Reihe von Monaten, die seit seiner Anwesenheit verflossen, ein Kind -sich wie von selbst einstellte. Störche gibt es in Dalmatien nicht, --- dort holt die Hebamme die Kinder vom Berge herab und zahlt sie mit -einem Gulden per Stück. - -Die Kostbarkeiten hielt Frau Mare in einer schweren geschnitzten Truhe -unter Schloss und Riegel, die Kinder -- es waren ihrer nach und -nach acht geworden -- wuchsen tapfer und fröhlich heran, das Beste, -was sie unter so bewandten Umständen thun konnten. Zwischen einem -Besuche des Capitano Luka und dem andern liefen auch wohl Briefe von -ihm ein, aus Odessa, aus Queenstown, aus Marseille und Kronstadt oder -aus sonst einem Hafen. Kinder waren niemals in den Briefen, wohl aber -feine schöne in- und ausländische Banknoten oder kleine Röllchen mit -glänzenden Goldstücken. Die wanderten dann in die Truhe zu den anderen -Kostbarkeiten. - -Diesmal aber waren schon anderthalb Jahre verflossen, dass der Capitano -Luka sich nicht zu Hause hatte sehen lassen. Er war allerdings etwas -weit gefahren. Sein letzter Brief trug den Poststempel San Francisco -in Californien. Auch war demselben eine ansehnliche Anweisung auf den -Banquier Porlitz in Spalato beigelegen, die derselbe mit gewichtigen -Goldstücken honorirte. Aber Frau Mare war nicht ruhig. Seeleute sind -gar manchen Gefahren ausgesetzt, nicht nur auf dem tückischen Meere, -sondern auch in den Hafenstädten, die sie anlaufen. Da gibt es lockere -Gesellschaft und kecke Weiber -- Frau Mare fühlte sich versucht, ein -wenig zu fluchen, aber sie besann sich eines Besseren und bezahlte dem -Pfarrer eine Messe vor dem Altare des San Nicoló »auf +ihre+ Intention« -und -- da es schon in Einem ging -- für den guten Verkauf der heurigen -Fechsung. Darum war sie heute, am Werktage, schon in aller Gottesfrüh -in festtäglichem Staate, mit dem schwarzen Seidenrock und dem -blauseidenen offenen Jäckchen über dem rothen Mieder, mit dem silbernen -Gürtel um die Hüfte, mit zwölf silbernen Zitternadeln in den dunkeln -Zöpfen und +drei+ schweren goldenen Ohrgehängen an jedem Ohr. - -Der heilige Nicoló -- er ist der Schutzpatron der Seefahrer -- der -heilige Nicoló in der Pfarrkirche von San Giovanni ist immer im -Festtagsgewande. Er ist über und über mit silbernen Armen, Händen, -Füssen, ausserdem mit einigen goldenen Münzen behangen und sieht aus -wie ein hoher Staatswürdenträger am Frohnleichnamstage. Der kleine -Altar, über welchem der San Nicoló prangt, ist heute vollständig -mit Kerzen besteckt und der Herr Pfarrer feiert auch die Messe vor -demselben mit einer ganz besonderen Inbrunst. Und jedesmal, wenn er -sich zu einem Dominus vobiscum umdreht, fallen seine Augen mit einem -so wehmüthigen Ausdruck auf die an den Stufen des Altars knieende, -im Sonntagsstaate prangende Frau Mare, dass ihr ganz sonderbar um's -Herz wird und sie sich beinahe schämt, als ob der Herr Pfarrer ihre -»Intention« hätte errathen können. - -Als aber die Messe zu Ende, der Herr Pfarrer seinen Segen gegeben -und in die Sacristei verschwunden war, als Frau Mare noch immer vor -dem Altare kniete, in der Ungewissheit, ob sie in der Kirche beten -oder zu Hause ein wenig -- nur ganz wenig! -- fluchen solle, da kommt -der blondhaarige baarfüssige Junge, der dem Herrn Pfarrer ministrirt -hatte und sagt, der Herr Pfarrer lasse die Frau Mare bitten, in die -Sacristei zu kommen. Und wie sie hineintritt, da sieht sie durch den -Weihrauchnebel den Herrn Pfarrer stehen, der ein Papier in der Hand -hält und sie wieder so sonderbar ansieht als wie beim Dominus vobiscum. -Dann winkt er ihr näher zu treten und bietet ihr einen Stuhl. Dann -spricht er etwas -- sie kann durch den dicken Weihrauchnebel nicht -recht verstehen, was er sagt -- er spricht etwas von Gottvertrauen und -Fassung und dergleichen Dingen. Die Frau Mare möge nicht erschrecken -und tapfer sein, wie sie es immer gewesen. Denn der Capitano Luka -käme nicht mehr heim. Er hat ein schönes Seemannsende gefunden, ein -echtes, schönes Seemannsende. Der »San Cristoforo« war an der Küste -von Californien bei Nacht und Nebel an einen Dampfer angefahren und -untergegangen. Die Matrosen hatten sich gerettet und der Steuermann -dem Herrn Pfarrer geschrieben. Da, -- der Herr Pfarrer klopfte mit -der verkehrten Hand auf das Papier, -- da steht Alles zu lesen. Der -Patron Luka hätte sich auch retten können, aber er verlor seine Zeit -damit, dass er den kleinen Schiffsjungen beim Kragen packte und in -das Rettungsboot warf, das schon vom sinkenden Schiff abstiess. Er -war immer eigensinnig gewesen, der arme Patron Luka, und wenn er sich -einmal etwas in den Kopf gesetzt, so -- -- nun, die Frau Mare wisse das -ja selbst am besten. Nun also, -- dann war das Schiff untergegangen und -er mit dem Schiffe. Vielleicht hat er an seinen ältesten Buben gedacht, -als er mit dem kleinen Schiffsjungen seine Zeit verlor. Aber die Frau -Mare solle Gottvertrauen und Fassung haben und sich ihren Kindern -erhalten. Die Frau Mare möge -- -- -- - -Die Frau Mare hat sich kurzweg umgedreht, ist festen Schrittes aus -der Sacristei, aus der Kirche und nach Hause gegangen. Dort hat -sie der Magd, die einen Kübel mit Oel im Hofe verschüttet, eine -Ohrfeige gegeben. Oel verschütten bedeutet Unglück. Dann war sie im -Feiertagsgewande, wie sie war, hinaufgestiegen in die Stube, wo die -schwere Truhe mit den Kostbarkeiten steht und ein Hausaltar mit dem -schöngeschnitzten Modell der Brigg »San Cristoforo« vor demselben. Dort -hat sie sich in einen Winkel gekauert und hat angefangen zu singen. -Denn eine Dalmatinerin weint nie um einen Todten -- sie singt um ihn. - -Was Frau Mare Kargotic sang? - -Aus der oberen Stube klang es herab in langgezogenen schwermüthigen -Tönen und die Kinder mit ihrer morlakischen Bonne drängten sich -schauernd und erschreckt zusammen unter dem offenen Fenster: - -»Luka, Luka! Du kommst nicht wieder. Da bin ich, da sind Deine acht -Kinder -- unten stehen Deine Feigen, Dein Oel und Dein Wein -- der -ganze reiche Gottessegen -- und Du kommst nicht wieder! Wer hat es so -wie Du verstanden, das Steuer zu führen, wenn der Wind einher brauste -und die Wellen über den »San Cristoforo« schlugen? Wer verstand es wie -Du, sein Hab und Gut zu wahren und für die Frau zu sorgen und die armen -Kinder? Ein Eimerfass hubst Du allein mit Deinen starken Armen; wo die -Kräfte der Matrosen nicht ausreichten, da genügte Deine kräftige Hand -ganz allein -- ganz allein. Und jetzt liegst Du am Meeresgrund und die -Wellen spielen mit Deinem Haar und Du kommst nicht wieder! Luka, Luka! -ich habe Dich schwer beleidigt! Ich glaubte etwas Unrechtes von Dir -und liess heute erst eine Messe auf meine Intention lesen. O wüsstest -Du, was meine Intention war! Verzeih', mein Luka, und bete dort oben -für mich und für unsere Kinder. Wie Du das letztemal weggingst, waren -es sieben und heute sind ihrer acht! O Luka, Luka! Weisst Du noch, -wie Du mich einstmals in Deinen starken Armen aufgehoben, als ich zu -Tode krank daniederlag? Ach möchtest Du mir, möchtest Du uns allen -entgegenkommen, wenn wir einmal einziehen sollen in's ewige Leben und -uns auf Deinen Armen, o Luka, auf Deinen kräftigen Armen hineintragen -in die Pforten des Paradieses!« - -So singt Frau Mare Kargotic in ihrer Stube und unten schaffen die -Knechte mit Kisten und Fässern. Denn um zwölf Uhr muss die Barke fix -und fertig geladen sein und Allerseelen ist vor der Thür, Allerseelen, -wo Wein und Feigen und Oel am besten verkauft werden. - -Dafür war die Messe bezahlt, aber es ist immer besser auch selbst -vorzusorgen. Und Punct zwölf Uhr stösst die Barke ab von San Giovanni -und ein frischer Wind treibt sie fort über die sonnenfunkelnde Fläche -des Meeres. - -Droben im Stübchen singt Frau Mare Kargotic. - - - - -[Illustration] - - - - -Türkischer Tabak. - - -Eine schwere Hand, oder wahrscheinlicher eine schwere Faust klopfte an -meine Zimmerthüre, denn der dumpfe Schlag, der sie erzittern machte, -konnte nicht leicht von einem menschlichen Knöchel geführt worden sein. - -»Herein!« - -Die Thüre öffnete sich langsam und herein schob sich Duje Braidovich. - -Erinnere Dich gefälligst, theuerer Leser, dass man das »ch« oder »c« -am Ende dalmatinischer Namen wie »tsch« ausspreche, und lies den Namen -Duje Braidovich noch einmal mit gehöriger Berücksichtigung des diesem -Herrn eigenthümlichen Nationalgefühles. So. Jetzt will ich versuchen, -diese interessante Persönlichkeit etwas näher zu schildern. - -Duje Braidovich ist, was seinen Stand betrifft, eigentlich Nichts -- in -seinen freien Stunden beschäftigt er sich jedoch mit Tabakschwärzen. -Duje Braidovich kann Tage und Wochen lang mit einem halblangen Tschibuk -im Munde auf dem Platze des Marktfleckens Sign, seines Geburtsortes, -herumlungern, Tage und Wochen lang sich von Polenta nähren und pures -Wasser dazu trinken, Tage und Wochen lang mit der gemüthlichsten -Ungenirtheit von der Welt jeden Vorübergehenden, der seiner Tracht -nach nicht Morlake ist, um »zwei Kreuzer auf Tabak« ansprechen; ja -ich habe ihn sogar im Verdacht, dass er zuweilen mehr als einen Tag -lang gar nichts isst und sich höchstens des Nachts an den halbreifen -Getreideähren und den Krautköpfen der umliegenden Felder schadlos hält. - -Dafür kommen aber dann wieder Tage, in denen Duje Braidovich seiner -Unthätigkeit völlig entsagt. Dann kann man ihn mit seinen, allen -Morlaken eigenthümlichen langen Schritten in dieses und jenes Haus -eintreten sehen, wo er eifrige Gespräche mit seinen Bekannten hält -und beim Heraustreten eine Hand voll silberner Zehnkreuzerstücke, in -Dalmatien »Banovizze« genannt, in einen schmierigen bocksledernen -Beutel steckt. Er nimmt auf diese Weise seinen Credit in Anspruch -und sammelt Capital zu einem grösseren Unternehmen. Duje Braidovich -ist dann immer in einem Zustande angenehmer Aufregung, sehr vergnügt -und offenbar grosser Entwürfe voll. Zugleich scheint dann in ihm -eine geheimnissvolle und schwer zu erklärende Sympathie für die k. -k. Finanzwache sich fühlbar zu machen, denn er geht dann des Tages -unzählige Male vor deren Kaserne vorbei, wirft immer schielende Blicke -in das halbgeöffnete Thor und sitzt in der Abenddämmerung vor dem -Hausthore des gegenüberstehenden Hauses, wo er abwechselnd mit einer -ziemlich schmierigen morlakischen Magd und einem schönen schneeweissen -Hühnerhunde spricht, welcher dort ebenfalls seinen gewöhnlichen -Standort hat und auf den hübschen Namen Colombo hört. - -Dabei lässt er aber die gegenüberliegende Finanzwachkaserne oder -deren Inwohner nicht aus den Augen, und wenn er auch nicht gerade in -sämmtliche Grünröcke vom Commissär bis zum letzten Wachmann hinab -verliebt ist, so muss er wenigstens ein grosses Interesse daran haben, -deren Treiben zu beobachten. - -Eines Tages, oder vielleicht zur Nachtzeit, bricht ein Trupp -Finanzwache auf, um an irgend welchem Grenzpuncte irgend welche -Schwärzerkaravane abzufangen. Dann macht sich aber auch Duje Braidovich -auf die Füsse, -- mit dem Unterschiede, dass er consequenter Weise jede -Reisegesellschaft zu fliehen scheint. Schwenkt die Finanzwache nach -rechts, so geht er links, -- zieht jene gegen Süden, so biegt er nach -Norden ein. Nach Westen geht er nie, denn da käme er an die Küste; -er hat aber an der Küste vorderhand nichts zu thun, sondern seine -Geschäfte rufen ihn auf das nahe türkische Gebiet, nach Bosnien. Sodann -lässt sich Duje Braidovich zwei, vielleicht drei Tage lang weder in -dem Marktflecken Sign, noch in dessen Weichbilde sehen, bis er eines -schönen Tages plötzlich wieder auftaucht, etwas mehr gebräunt als -gewöhnlich, seine Sandalen (Opanche) stark abgelaufen, seine sonstige -Toilette in sehr deroutem Zustande, aber sonst offenbar in gehobenem -Selbstbewusstsein. - -Duje Braidovich lungert jetzt nicht mehr müssig herum auf dem -Platze, auch verlangt er nicht mehr »zwei Kreuzer auf Tabak« von den -Vorübergehenden, ebensowenig als er sich halbreifer Getreidekörner -und grüner Kohlstrunke als Palliativmittel gegen ungelegenen Appetit -bedient. Duje Braidovich zwinkert jetzt allen seinen Bekannten (und er -kennt sämmtliche Bewohner Signs, sowie jene eines guten Theiles der -Umgebung auf fünf Meilen in der Runde) mit gar pfiffigem Augenblinzeln -zu, und fischt aus allen Theilen seines halb-türkischen Anzuges kleine -blaue Papierchen mit Tabakproben heraus, die er ihnen halbverstohlen -zusteckt. Hierauf verschwindet er ab und zu auf eine Viertelstunde und -geht dann frei und mit erhobenem Kopfe vor der Finanzwache vorbei, -anscheinend nichts als seinen Tschibuk in der Hand, in das und in -jenes Haus. Und ist die Thüre hinter ihm zugeklinkt, so übergibt er, -wie ein Taschenspieler seine Sträusschen, dem harrenden »Bekannten« -einen aus blauem Papier gefertigten, mit Schnüren aus Ziegenhaaren -zusammengenähten Sack, der eine Oka (zwei und ein Viertel Pfund) -türkischen Tabak enthält. - -Wo er ihn hatte, als er mit erhobenem Kopfe vor der Finanzwache -vorbeistolzirte? Wahrscheinlich in den sackähnlichen Falten, welche -seine türkischen Hosen rückwärts bilden und die bei jedem Schritte -gegen seine Beine schlenkern. Der »Bekannte« denkt aber nach Weise des -alten Römerkaisers »non olet« und zählt für die Oka Tabak zwei Gulden -in klingenden »Banovizzen« in Duje Braidovich' schwielige Hand. Und -wenn ganz Sign und Umgegend mit türkischem Tabak versehen sind, dann -versinkt Duje Braidovich wieder in seine frühere Apathie, lungert -wieder auf dem Platze herum, zehrt wieder von seinem Fette und verlangt -wieder »zwei Kreuzer auf Tabak«, bis eines schönen Tages wieder einmal -sein geheimnissvolles Interesse für die Finanzwache, die schmierige -morlakische Magd und den schönen schneeweissen Colombo erwacht und er -von Neuem seinen Argonautenzug unternimmt in das nahe Bosnien. - -Das ist Duje Braidovich, der im Anfang der Sechziger-Jahre in dem zwei -Stunden von der türkischen Grenze entfernten Marktflecken Sign an meine -Zimmerthür klopfte. - -»Herein!« - -Duje Braidovich ist ein Mensch, der auf einen gewissen Grad von -Wohlerzogenheit Anspruch macht, darum steckte er vorderhand nur seinen -mit einem rothen Käppchen bedeckten Kopf in's Zimmer, spuckte auf den -Boden und fragte in seinem stark mit Slavisch versetzten Italienisch, -ob es ihm erlaubt sei, hereinzutreten. Auf meine bejahende Antwort -schob er sich allmälig vorwärts, schloss behutsam die Thüre und zog -aus dem oben erwähnten, an dem rückwärtigen Theile seiner Hosen -befindlichen tragbaren Magazine eine Oka feinen türkischen Tabak -hervor. Der Handel war bald geschlossen. Ich nahm den Tabak, er seine -zwanzig Banovizze und extra ein kleines Trinkgeld, weil der Tabak -»sopraffino« -- vom Allerfeinsten -- war. Dann nahm er seinen in -die Ecke gestellten Tschibuk wieder zur Hand und verschwand, wie er -gekommen. - -Es gibt wohl kein Kronland der österreichischen Monarchie, in welchem -geschwärzter Tabak mit solcher Unbefangenheit öffentlich verraucht -wird, als in Dalmatien. Das Schwärzen des Tabaks ist allerdings -verboten wie anderwärts, aber der Besitz des einmal glücklich über -die Grenze gebrachten Krautes wird von Niemandem mehr angefochten. -In Zara, der Landeshauptstadt, ist man wohl etwas vorsichtiger und -zeigt wenigstens auf der Gasse oder in den Kaffeehäusern nicht gerne -einen mit türkischem Tabak gefüllten Beutel, aber je weiter man nach -Süden kommt, desto leichter ist es, sich mit dem verpönten Kraut zu -versorgen, ohne in eine mit dem kaiserlichen Adler versehene Bude zu -treten, und desto unbekümmerter wird auf der Gasse, in allen Kaffee- -und Wirthshäusern der geschwärzte Tabak geraucht. Ja, im Gebirge, wie -zum Beispiele in Sign und an den südlicher gelegenen Küstenorten, -in Sebenico, Spalato, Macarsca, Ragusa, Cattaro, gehört ein rother, -goldgestickter und mit Tabak angefüllter Beutel, der an den Flanken -seines Besitzers baumelt, recht eigentlich zur Nationaltracht. - -Das Schwärzen des Tabaks wird übrigens bei Denen, die es betreiben, wie -das Wildern in den Tiroler und baierischen Bergen, zur Leidenschaft. -Jährlich kommen Fälle vor, dass nicht nur ganze aus zwanzig bis -dreissig Pferden bestehende Karavanen mit Tabak von der Finanzwache -abgefangen werden, sondern es entspinnt sich auch nur zu häufig -zwischen den Schwärzern und der Finanzwache ein Kampf, der nicht -selten Verwundungen, oft auch Verluste an Menschenleben auf einer -oder der anderen Seite zur Folge hat. Trägt sich das in Nord- oder -Mittel-Dalmatien zu, so kräht kein Hahn mehr darnach, wird aber ein -Eingeborner im Süden, in den Bocche di Cattaro, bei einer dieser -Expeditionen getödtet, dann tritt die Blutrache in ihr schauerliches -Recht und die Behörden wissen sich in solchem Falle nicht anders zu -helfen, als indem sie den Finanzwachmann, dem das Unglück passirt ist -einen Schwärzer todtzuschiessen, so schnell als möglich aus dem Bezirke -entfernen. - -Da ich gerade von den Abenteuern der dalmatinischen Schwärzer spreche, -so mag es am Platze sein, des Endes zu gedenken, das die Kreuz- und -Querzüge meines Tabaklieferanten Duje Braidovich genommen. - -Es war an einem bitter kalten Decemberabende des Jahres 186* und die -Bora brauste mit ihrer allesdurchdringenden, schneidenden Kraft durch -die schlechtverwahrten Fenster und die liederlich gezimmerten Thüren -der Wohnung, die ich in dem besten Hause des Marktfleckens Sign inne -hatte, als, diesmal ohne vorhergehendes Anklopfen, die Zimmerthüre -sich leise öffnete und das wettergebräunte Gesicht meines Freundes -Duje Braidovich sich zeigte. Duje Braidovich war augenscheinlich zu -einer seiner Expeditionen in's türkische Gebiet gerüstet, denn er hatte -seine Torba[25] auf dem Rücken und in seinem breiten Ledergürtel staken -Handjar und Pistolen. Er hatte etwas auf dem Herzen. Zuerst fragte -er mich höchst unnöthiger Weise, wie mir das Wetter gefiele, dann, -wie es meiner Familie gehe und schliesslich bat er mich ohne weiteren -Uebergang, ob ich ihm nicht einen Ducaten leihen wollte. In drei Tagen -werde er mir denselben zurückstellen. Er hätte ein Geschäft in Livno, -bei dem er ein hübsches Stück Geld verdienen könne und dazu fehlte ihm -gerade ein Ducaten. - - [25] Eine Art Schnappsack, der, aus selbstgewirkter Schafwolle - bestehend, von den Morlaken auf dem Rücken getragen wird. - -Ich hatte dem armen Teufel schon öfter derlei Gefälligkeiten erwiesen -und ihn immer höchst ehrlich und pünktlich befunden, daher ich auch -keinen Anstand nahm, ihm das Verlangte zu geben. Natürlich hütete ich -mich, ihn um den Zweck seiner Expedition zu befragen, machte aber doch -die Bemerkung, dass heute eine böse Nacht wäre und es schlimm sein -müsste, bei solcher Bora den Prolog, -- das Grenzgebirge zwischen -Dalmatien und Bosnien -- zu übersteigen. - -Da fingen die Augen des armen Duje Braidovich sonderbar an zu -funkeln und zu rollen. »Für mich und für meine Reise ist das Wetter -gerade recht,« sagte er, indem er seine braune Jacke über die Brust -zusammenzog und mit einem raschen Wurfe den Mantel sich zurechtlegte, -»aber ich habe andere Sorgen. Der Zapis, den ich am Halse getragen, -seitdem ich mich erinnere, ist mir in Verlust gerathen und wenn ich -wüsste, dass es der (hier folgte ein schauerlicher Fluch) Finanzwächter -*...... wäre, der mir ihn stehlen liess, während ich gestern Mittags -vor der Kirchenthüre schlief, so hätte er wohl am längsten gelebt. -Mit dem Zapis fürchte ich Niemand, -- +ohne+ Zapis kann mich nur die -Muttergottes allein vor Unheil bewahren.« - -Wer da weiss, in welch' hohem Ansehen ein Zapis (Amulet) bei der -dalmatinischen Landbevölkerung, besonders aber bei dem Morlaken steht, -der wird begreifen, dass all' mein Bemühen, den armen Teufel über den -Verlust seines Zapis zu trösten, umsonst war. Ich musste mich darauf -beschränken, meinem ganz verstört dreinsehenden Tabaklieferanten den -guten Rath zu geben, der bösen Bora wegen zu Hause zu bleiben und, -bis besseres Wetter käme, sich um einen neuen Zapis umzusehen. Aber -auch dieser Rath wollte nicht verfangen. Einen neuen Zapis wolle er -sich allerdings kaufen, meinte Duje Braidovich, aber heute müsse er -eben ohne Zapis fort, denn seine Kameraden erwarteten ihn in Kula -(einem bereits auf türkischem Gebiete liegenden einsamen Gehöfte) um -in Gesellschaft aus Livno »Ochsen« zu holen. Damit empfahl sich Duje -Braidovich in seiner höflich linkischen Weise und trollte davon. - -Auf mich hatte die so deutlich zur Schau getragene Angst des sonst -lebensfrohen und gutmüthigen Burschen einen eigenthümlichen Eindruck -gemacht und ich verbrachte den grössten Theil der Nacht in unruhigen -Träumen, in welchen mit Zapis behangene Pferdegerippe, kämpfende -Morlaken und grosse Säcke mit Tabak ein wundervolles Chaos bildeten. - -Als ich des Morgens erwachte und das Haus unter der andrängenden -Macht der Bora erzittern fühlte, die heulend vom Norden herbrauste, -da war mein erster Gedanke jener an Duje Braidovich, der jetzt eben -die unwirthlichen Felszacken des Prolog hinabsteigen musste. Die -Bora hielt noch den ganzen Tag und die nächstfolgende Nacht an. Dann -legte sie sich. Und als ich am zweiten Tage Morgens früh ausging -und auf den Bazar -- den Marktplatz -- kam, der sich am Südende des -Marktfleckens Sign befindet, da stand, eine seltene Erscheinung, ein -Wagen zur Abfahrt bereit. Dr. Z......, der einzige Arzt des Ortes, ging -frostgeschüttelt vor demselben auf und ab. Dann kam der Prätor mit -einem untergeordneten Beamten, -- gleich darauf der Finanzcommissär. - -Wohin die Herren in aller Frühe fuhren? Am Fusse des Prolog, auf der -österreichischen Seite desselben, hatte in der vergangenen Nacht -die Patrouille der Finanzwache eine mit Tabak beladene Karavane -aufgegriffen. Die Treiber liessen ihre Pferde im Stiche und flohen. Nur -einer hatte sich zur Wehre setzen wollen, den hatte die Finanzwache -erschossen. Das war Duje Braidovich. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Don Martine von Karakaschitza. - - -Es ist mir völlig unbekannt, von welchen Grundsätzen die Herren -Bischöfe Dalmatiens sich bei der Auswahl, der Erziehung und Ordinirung -der jungen Geistlichkeit leiten lassen, oder ob ihnen überhaupt dabei -besondere Grundsätze vorschweben. Das ist sicher, dass der dalmatiner -niedere Clerus im Grossen und Ganzen sich nicht ganz vortheilheilhaft -vor jenem anderer Länder unterscheidet und selbst die italienische -Geistlichkeit an Unwissenheit bedeutend überragt. - -In der Nähe der Stadt Almissa, wo die Cettina sich in's Meer ergiesst, -stand oder steht vielmehr heute noch eine eigenthümliche Anstalt für -heranwachsende Priester, die Brieko heisst. Dort lernte man seinerzeit -einfach Messe lesen. Wenn irgend ein Morlake oder sonst ein Bauer, auch -schon in vorgerückten Jahren, das Bedürfniss fühlte Priester zu werden, -so meldete er sich bei dem Bischof, der ihn nach Brieko steckte. Dort -wurde ihm durch drei, höchstens vier Jahre lesen, schreiben, rechnen -und -- Messe lesen gelehrt. Natürlich Alles in slavischer Sprache. -Dann wurde er ausgeweiht, erhielt eine Art Breve, das ihm gestattete, -die Messe in slavischer, mit glagolitischen Buchstaben geschriebener -Sprache zu lesen und kam sofort als Pfarrverweser in ein morlakisches -Dorf. - -Heute ist Brieko kein theologisches Treibhaus mehr, sondern eine -Ablegestätte für verdorbene Gymnasiasten. Macht nämlich ein -Gymnasialschüler an irgend einem Gymnasium Dalmatiens derartige -Fortschritte, dass sein Aufsteigen in eine höhere Classe unmöglich -wird, und gibt er die Neigung kund, sich dem geistlichen Stande zu -widmen, so kommt er nach Brieko, wo er gut oder übel Einiges von dem -lernt, was er im Gymnasium nicht erlernen konnte; dann wird ihm am -bischöflichen Seminare in Zara von der Theologie so viel eingetrichtert -als eben in seinem Kopfe Platz hat und dann wird er ebenfalls Priester -und liest seine Messe in slavischer Sprache. Hin und wieder macht man -auch rühmenswerthe Ausnahmen. - -So wurde vor einigen Jahren der Messner einer kleinen in Castel -Cambio bei Spalato befindlichen Capelle in Folge Protection seines -Patrons, des Conte C., zum Priester gemacht, ebenso erhielt kurze -Zeit darauf der Portier des bischöflichen Knabenseminars von Spalato -ohne viel Umstände die priesterliche Weihe. Der Unterschied zwischen -derlei Priestern und solchen, welche ihre ordentlichen theologischen -Studien in der Landeshauptstadt Zara absolvirt haben, ist der, dass -die Ersteren von der Regierung nur eine kleine jährliche Bezahlung -(ich glaube 80 fl.) und wenn sie dienstunfähig werden, +keine+ Pension -bekommen. Ihren Unterhalt beziehen sie von der Gemeinde, deren -Seelenheil ihnen anvertraut ist, in der Form von Schafen, wollenen -Strümpfen und Truthühnern, die ihnen zu Ostern, Weihnachten und -Pfingsten von jeder Familie gespendet werden. Die Strümpfe, Schafe -und Truthühner, die der Herr Pfarrer nicht selbst aufbrauchen kann, -verkauft er gelegentlich auf dem Markte irgend eines näher gelegenen -grösseren Ortes und lebt, da er auch ein Stück Feld und ein Haus -besitzt, ohne Sorgen und gewöhnlich umso zufriedener mit seinem Lose, -als er von der Welt nichts und von ihren verfeinerten Bedürfnissen -beinahe so viel als nichts kennen gelernt. - -[Illustration: Don Martine, der Pfarrer von Karakaschitza.] - -Ein frischer sonniger Herbstnachmittag hatte mich aus meiner Behausung -herausgelockt in's Freie. Mit der Flinte auf der Schulter, um für den -längeren Spaziergang einen Vorwand zu haben, schlenderte ich auf der -von dem morlakischen Marktflecken Sign gegen Verlicca führenden Strasse -und bog dann rechts in einen der holprigen Feldwege ein, die ziemlich -steil aufsteigend die Abhänge der dinarischen Alpen und deren Ausläufer -mit der Landstrasse verbinden. Stein und Gerölle war der Weg, der -sich in einer schluchtartigen Vertiefung hinaufwand, Stein und Gerölle -bildeten die Aussicht, wenn hie und da die Ränder der Schlucht eine -solche gestatteten. Das einzige lebende Wesen um mich herum war mein -Hund, der anfangs lustig in dem Gestein herumschnupperte, dann aber, -als hätte er sich überzeugt, dass sein Suchen auf +diesem+ Boden -unmöglich Erfolg haben könne, mit gesenkten Ohren meinen Schritten -folgte. - -Ich überlegte eben, ob ich nicht den Weg verlassen und querfeldein -gegen meine Behausung abschwenken sollte, als ich den Weg herauf -das mir wohlbekannte Getrappel eines Pferdes vernahm, das, von den -Stössen der eckigen Steigbügel angetrieben und von dem scharfen Gebiss -zurückgerissen, in jener eigentümlich tänzelnden und verzweifelten -Gangart herankam, die, ein Mittelding zwischen Schritt, Trab und Galop, -den unglücklichen dalmatiner Pferden eigenthümlich ist. Gleich darauf -erschien an der letzten Krümmung des Weges eine Gestalt, die ich der -blendenden Sonnenstrahlen wegen erst erkennen konnte, als sie mir näher -gekommen war und mich mit rauher und lustiger Stimme anrief: »Oho, -Gospodine, schön, dass Sie einmal kommen! Ein Glück, dass ich Sie -treffe, sonst wäre ich beim cume Mate[26] abgestiegen und Sie hätten -mich nicht zu Hause gefunden. Evalá[27] Gospodine! Wie geht's Ihnen?!« - - [26] Gevatter Mathias. - - [27] Ein türkischer, in der Morlakei üblicher Gruss. - -Auf einem fuchsrothen, türkisch gezäumten, mit einem unmässig hohen -Sattel versehenen Rösslein, dessen Augen unter einem krausen Busch -zerzauster Haare hervorblitzten, während seine Mähnen wahrscheinlich -noch nie einen Kamm gesehen, sass eine kurze stämmige Gestalt. Die -hohen, plumpen, vorne mit einer Quaste versehenen Röhrenstiefel, -die hellblaue Halsbinde und der dreieckige Hut bezeichneten den -morlakischen Pfarrer. Ein dunkler Rock mit unmässig hohem Kragen und -fürchterlich engen Aermeln liess seine mächtigen Schösse bis an die -Steigbügeln flattern und von der ganzen Gestalt nichts erkennen als -ein paar knochige Fäuste und ein von tausend Runzeln durchzogenes -Gesicht, dessen kleine dunkle Augen von dichten stahlgrauen Augenbrauen -beschattet wurden. In der linken Hand hielt der Reiter die Zügel des -Pferdes und einen halblangen Tschibuk, in der rechten ruhte die kurze, -derbe Peitsche. Es war -- Don Martine, der Pfarrer von Karakaschitza. - -Ich erwiderte den freundlichen Gruss und erstattete auf sein Befragen -auch pflichtgemäss Bericht über das Befinden meiner Frau und meiner -Kinder, versicherte jedoch, dass es nicht meine Absicht gewesen wäre, -heute ihm einen Besuch zu machen, sondern dass ich mir dieses Vergnügen -für ein anderes Mal vorbehalte. Don Martine wollte aber davon nichts -wissen. In zehn Minuten wären wir bei seinem Hause, sagte er, und wenn -ich es wünsche, so liesse er mich Abends, der vielen Hunde wegen, die -manchmal böse wären, wenn sie eine »civil« gekleidete Person sähen, -durch den Messner bis auf die Strasse begleiten -- jetzt müsse ich aber -mit ihm kommen, seine Schinken und seinen Wein kosten -- er schnalzte -dabei mit der Zunge -- und einen fröhlichen Abend mit ihm zubringen. -Obwohl ich ganz genau wusste, welches Bewandtniss es mit den zehn -Minuten habe, da wir nach meiner Schätzung noch eine gute halbe Stunde -von der Behausung des Don Martine entfernt sein mussten, so willigte -ich nichtsdestoweniger ein, wenn aus keinem andern Grunde, so doch, um -einmal das Leben und Treiben eines morlakischen Pfarrers mir in der -Nähe ansehen zu können. Don Martine trug mir an, hinter ihm als Zweiter -auf sein Pferdchen aufzusitzen, was ich aber dankbar ablehnte. Und so -klommen wir, er zu Pferde, ich zu Fuss, den steinigen Weg hinan, der -immer steiler wurde, je mehr wir uns dem Dorfe Karakaschitza näherten. - -»Jetzt sagen Sie mir,« eröffnete ich das Gespräch, »woher Sie -eigentlich kommen; Sie sind ja über und über bestaubt. Wohl von -Spalato, he?« - -»Richtig, Gospodine,« erwiderte er, »ich ritt gestern Mittags fort und -dachte schon früher heimzukehren, aber der verd... Pfarrer von Dizmo -lässt Niemanden ungeschoren vorüber; so musste ich denn mit ihm ein -Glas Wein trinken und komme jetzt seinetwegen erst Abends statt Mittags -nach Hause.« - -Er schien wirklich böse über die Verzögerung zu sein, denn er gab -seinem Pferdchen einen Stoss mit beiden scharfen Bügeln, dass es -plötzlich einen Satz vorwärts machte, was bei der Beschaffenheit des -Bodens nicht eben ungefährlich war. - -»Sachte, sachte, Don Martine! Das Glas Wein muss übrigens ziemlich tief -gewesen sein, wie? Auch ist meines Wissens der Wein in Dizmo nicht -schlecht, seitdem man ihn dort selbst baut.« - -»Nein,« erwiderte mein Begleiter lebhaft, »der Wein aus Dizmo kann sich -mit jedem andern Wein in Dalmatien messen. Die Bauern werden reich, -seitdem sie angefangen haben, ihn zu bauen und dem Pfarrer geht es, -chwala bogu[28], auch nicht schlecht dabei. Sehr gute Leute in Dizmo, -prächtige Leute, viel besser als meine eigenen hier in Karakaschitza. -Ich bin dort fremd, denn wenn ich auch jede Seele von ihnen kenne, -meine Pfarrkinder sind es immerhin nicht, und doch, was glauben Sie, -bringt mir der Petar Serdarich, weil ich heute im Vorübergehen sein -Kind gesund gemacht habe? Zwei Barili[29] Wein und einen hübschen -Hammel. Ho ho! wenn Sie in der nächsten Woche mich besuchen wollen, -können Sie den Wein kosten und den Hammel sehen.« - - [28] Gott sei Dank. - - [29] Ein Mass, etwas grösser als ein Eimer. - -»Das meine ich auch, Don Martine,« sagte ich lachend, »die Leute in -Dizmo sind wahre Engel, seitdem der Wald um das Dorf niedergehauen und -die Kerle nicht mehr vom Walde aus die Vorüberreisenden anfallen und -ausrauben können, wie sie es früher gethan. Jetzt haben sie statt des -Waldes dort eine Kaserne mit sechs tüchtigen Gendarmen und es wird -Niemand mehr ausgeplündert, der durch Dizmo kommt, -- was hat denn dem -Kinde des Petar Serdarich eigentlich gefehlt, das Sie im Vorübergehen -geheilt haben?« - -Die Frage schien dem Don Martine nicht recht zu gefallen, denn er -räusperte sich und stiess einige Hm! Hm! aus, ehe er die rechte Antwort -finden konnte. »Wissen Sie,« sagte er endlich, »unsere Leute da sind -ärger als das liebe Vieh. Da hat der Petar Serdarich in der vergangenen -Woche seine Mutter begraben und, weil er ein reicher Mann ist, das -halbe Dorf zum Leichenschmaus eingeladen. Ein sehr schönes Essen, wie -mir mein Kamerad, der Pfarrer von Dizmo, erzählte. Wein, Branntwein -und Schöpsenfleisch so viel Einer wollte und dazu weisses Brod, wie -es die Herren in Spalato essen. Das dauerte drei Tage, denn der Petar -Serdarich ist ein reicher Mann. Seinem Buben aber, dem Mate, der jetzt -acht Jahre alt ist, dem steckten die Weiber so viel Wein, Braten und -Branntwein zu, dass sich der Bursche überessen hatte und dalag wie -ein halbkrepirtes Kalb. Wie mich nun der Petar Serdarich bei meinem -Kameraden, dem Pfarrer von Dizmo, anhalten sieht, läuft er auf mich zu -und sagt, ich möchte doch zu ihm kommen und über dem Kinde beten; der -Pfarrer von Dizmo (mein Kamerad) hätte es wohl schon gethan, aber es -hätte nichts geholfen. Nun, ich denke, schaden kann es nicht, reite -also hin zum Hause des Petar Serdarich, gebe ihm mein Pferd zu halten -und gehe hinein. Da liegt der Bube, hat ein elendes Fieber und um ihn -herum stehen eine Menge Weiber, die heulen und flennen, dass es eine -Schande ist. Ich, nicht faul, bete über ihm und gebe ihm einen Zapis, -dann kehre ich wieder zu meinem Kameraden, dem Pfarrer zurück, bleibe -ein paar Stunden bei ihm und wie ich wieder aufs Pferd steigen will, -um nach Hause zu reiten, kommt der Petar Serdarich und sagt mir, dass -es dem Buben besser gehe. Und die nächste Woche kommt er und bringt -mir meinen Wein und einen schönen zweijährigen Schöpsen.« Dabei gab er -seinem Pferdchen wieder einen Stoss mit den beiden Bügeln. - -»Was mag denn dem Buben eigentlich geholfen haben?« fragte ich, »das -Beten oder der Zapis?« - -»Ich glaube,« entgegnete Don Martine mit gar weiser Miene, »vor Allem -der Zapis. Beten ist gewiss auch gut, aber ich sage Ihnen ja, dass der -Pfarrer von Dizmo, mein Kamerad, schon über dem Buben gebetet hatte, -ohne dass es geholfen hätte. Darum gab ich ihm auch den Zapis. Ich -weiss schon, dass unsere gelehrten Herren Vorgesetzten und gar der -Bischof nichts von dem Zapis wissen wollen. Sie mögen vielleicht auch -Recht haben, und der Bischof ist ein gar braver und gescheidter Herr. -Aber manchmal ist er zu streng. Und so ein Herr isst und trinkt gut und -fährt in einem Wagen spazieren mit einem Kutscher und zwei Bedienten. -Was meinen Sie da, woher er wissen sollte, was uns Bauern gut thut? -Ich hatte mir gerade aus Spalato ein Buch Zapis geholt und zwei Pfund -Ricinusöl. Ich nehme immer Ricinusöl, wenn ich nicht wohl bin; manchmal -gebe ich davon auch Anderen. Auch dem Buben gab ich eine tüchtige -Dosis, aber nur so -- zur Vorsorge. Am besten hat ihm jedenfalls der -Zapis gethan.« - -Was ein Zapis eigentlich sei, will ich hier erklären. »Zapis« heisst so -viel als »Etwas Geschriebenes«. In der Buchdruckerei eines gewissen G. -in Spalato werden als Accidenzarbeit (wie es die Buchdrucker nennen) -grosse Bogen Papier gedruckt und verkauft, welche durch Linien in -kleine Quadrate abgetheilt sind. In jedem Quadrat steht ein Gebet in -lateinischer, slavischer oder italienischer Sprache. Manchmal ist die -Sprache gemischt und das Gebet besteht dann aus einem Gallimathias von -italienischen, slavischen und lateinischen Phrasen. Die Gebete haben -die verschiedensten und oft sonderbarsten Anliegen zum Vorwurfe. Da -gibt es deren, die um Schutz vor Hagel und Blitz flehen, andere um -Genesung von den Blattern, wieder andere um Fruchtbarkeit der Kühe -oder -- Weiber, dann wieder eines um Heilung von der Rinderpest, kurz -alle Wünsche, die ein Morlake möglicher- und billigerweise an unsern -Herrgott haben kann, finden in diesen Gebeten ihren unverblümten -Ausdruck. Hat nun ein Morlake ein Anliegen an den Himmel, so geht -er entweder zum Pfarrer oder in das nächste Franciscanerkloster und -lässt sich einen derlei Zapis geben, der zuerst in seinem Beisein -geweiht, dann in Leinwand und Schafleder eingenäht und schliesslich -seinem Weibe, seiner Kuh, seinem Kinde oder dem Leithammel seiner -Herde, je nach Umständen, um den Hals gehängt wird. Dafür zahlt der -Morlake selten in Geld, -- gewöhnlich in Schafen, Wein, Truthühner oder -Getreide. Die Zapis der Pfarrer sind gut, jene der Franciscaner sind -aber besser. Darum kosten sie auch mehr. So stand vor einigen Jahren -ein Pater des Franciscanerklosters zu Sign in besonderem Rufe, dass -er über die »Würmer« grosse Gewalt habe; wenn daher ein Morlake fand, -oder zu finden glaubte, dass ihm Würmer oder Insecten auf seinem Felde -grossen Schaden anrichteten, so ging er sicher oft viele Stunden weit -in das Franciscanerkloster zu Sign zu dem frommen Wundermann, um sich -einen Wurmzapis abzuholen. - -Wir hatten uns plaudernd dem Dorfe Karakaschitza genähert und bei einer -jähen Biegung des Weges lag plötzlich die roh gebaute unscheinbare -Kirche und neben ihr die Wohnung des Don Martine vor unseren Augen. -Vor dem kleinen ebenerdigen Hause, dessen Vorderseite von den Ranken -eines mächtigen Weinstockes ganz bedeckt war, tummelten sich Hühner, -Schweine, Truthühner und Enten ganz vergnüglich in dem freundlichen -Elemente einiger grosser Düngerhaufen und Pfützen, während eine Stute, -die mit ihrem Fohlen ganz frei neben dem Hause weidete, uns lustig -entgegenwieherte. Aus dem Hause kam auf den Ruf des Don Martine ein -Knecht und eine Magd, von denen der Erstere dem Don Martine beim -Absteigen behilflich war, während die Letztere verschiedene Päcke in -Empfang nahm, die Don Martine vom Sattel, wo sie aufgehangen waren, -loshakte oder aus seinen unergründlich tiefen Rocktaschen hervorzog. - -Mein Begleiter schüttelte sich förmlich vor Vergnügen und -Behaglichkeit, als er sich in der gewohnten Umgebung seiner -Häuslichkeit sah, und trat nach einem prüfenden Blicke über die -geflügelten und ungeflügelten Insassen seines Hofes zur Thüre. - -»Frisch Gospodine, jetzt sollen Sie ein Glas Wein kosten, wie ihn auch -der Monsignor Bischof nicht besser hat, und dazu einen Schinken, wie -ihn eben ein armer Pfarrer bieten kann. Antune! binde das Pferd an und -gib ihm nichts zu saufen, bis es sich abgekühlt, und Du, Ivanizza[30], -bringe Wein und die zwei neuen Gläser, die mir der Gevatter Stipe[31] -aus Spalato gebracht, und den aufgeschnittenen Schinken! Schnell! sonst -... Hereinspaziert. Gospodine; Gott sei Dank, wir sind zu Hause!« - - [30] Johanna -- Hannchen. - - [31] Stephan. - -Wir traten in das Haus, dessen erstes grosses Gemach zugleich das -Schlaf- und Arbeitszimmer des Pfarrers zu sein schien. In einer Ecke -stand ein plumpes, aus weichem Holz gezimmertes Bett mit einem riesigen -Strohsacke und einigen unordentlich darüber geworfenen Decken. An der -Wand hingen mehrere grell gemalte Heiligenbilder und eine Ansicht -der Stadt Spalato von der Seeseite. Eine grosse vielfarbige Kiste -in der anderen Ecke, ein Tisch und vier Stühle bildeten die übrige -Einrichtung. Ueber dem Tische hingen zwei Jagdgewehre, eine alte -Pistole und ein Handjar. - -Und auf dem Lehmboden des Zimmers hockte eine Gesellschaft, bestehend -aus zwei Knaben und einem Mädchen im Alter von beiläufig zehn bis zwölf -Jahren, alle drei nur mit je einem langen Hemde und einem rothwollenen -Leibgürtel bekleidet, um eine grosse Schüssel mit Gemüse. Neben ihnen -sass, aufmerksam auf seinen Antheil wartend, ein grosser, weisser Hund. - -Die Kinder assen. Sie hielten ihren hölzernen Löffel mit +beiden+ -Händen. Sie hatten keine Finger an denselben, -- ihre Hände waren -unförmliche Stumpfen. Der nackte Fuss des einen Knaben war ebenso -verstümmelt, ihm fehlten die Zehen. - -»Um Gotteswillen, Don Martine, was ist denn das, wer sind denn diese -armen Kinder und wie wurden sie so grässlich verstümmelt?« - -»Ah, Sie meinen ihre Finger und Zehen, Gospodine? Ja, das kommt bei uns -oft vor. Wissen Sie, da gehen die Eltern auf das Feld und lassen die -Kleinen zu Hause. Da geschieht es nun, dass die Schweine -- mit Respect -zu sagen -- aus dem Verschlag ausbrechen, weil unsere Bauern, diese -verd... Hunde, -- mit Respect zu sagen -- sie gewöhnlich in demselben -Raume halten, wo sie selbst wohnen -- und dann geschieht es bisweilen, -dass die Kinder von den Schweinen gefressen werden. Gewöhnlich fangen -die Bestien bei den Händen oder Füssen an; da schreien die Kinder und -werden manchmal gerettet, falls sie nämlich Jemand hört.« - -»Darum findet man bei uns in allen Dörfern Leute ohne Finger und -ohne Zehen. Die Drei, die Sie da sehen, Gospodine, gehören drei ganz -miserablen Familien an, die ihnen nichts zu essen geben, vielweniger -auf sie Acht geben konnten. Darum nahm ich sie zu mir, wie sie noch -ganz klein waren, sonst hätte sie vielleicht später das Schwein ganz -aufgefressen. Ha, ha, ha! Sind aber gute Geschöpfe und helfen im Hause, -wo sie können. Da, der Aelteste, dem habe ich lesen gelernt, und er -liest Ihnen, dass es eine Pracht ist. Ivanizza, faules Thier! kommt der -Wein oder nicht?« -- -- -- - -Don Martine starb im darauffolgenden Jahre an den Blattern. Man hatte -ihn zu dem Blatternkranken eines fremden Dorfes geholt, dem er einen -Zapis umhängte. Bei dieser Gelegenheit bekam er selbst die Krankheit. -Es war aber kein zweiter Don Martine da, der ihm einen wirksamen Zapis -hätte geben können, und seinen eigenen Zapis wollte er nicht benützen --- ganz wie es gewisse Aerzte mit ihren eigenen Recepten thun. - -Ein roher, unwissender und abergläubischer Mensch ist er gewesen, -der Don Martine, und vielleicht auch ein Betrüger, denn Niemand hat -je erfahren können, ob er selbst an die Wirksamkeit seiner Zapis -glaubte oder nicht. Aber es wäre doch möglich, dass er mit seinem -gutmüthigen Lächeln jetzt zufrieden von dort oben heruntersähe auf -sein altes Pfarrhaus mit den Enten, Hühnern, Pferden und Schweinen, -die in den Pfützen sich gütlich thun. Und dann sind im morlakischen -Dorfe Karakaschitza drei arme Wesen mit fingerlosen Händen und -Klumpfüssen, drei Wesen, die er gekleidet, gespeist und erzogen hat -in seiner bäuerisch rohen Weise. Und sechs Hände ohne Finger heben -sich allabendlich zum Himmel, und drei verstümmelte unglückliche Wesen -rufen heute noch schluchzend: »Wärest Du, ach! wärest Du doch bei uns -geblieben; ach! könntest Du doch wieder kommen, Don Martine, -- wir -sind so sehr, so gränzenlos elend. Wir haben Hunger!« - - - - -[Illustration] - - - - -Ein Gerichtstag in der Morlakei. - - -Wenn ein Maler darauf ausginge zu zeigen, welch' unermessliche Menge -von Farbentönen sein Pinsel hervorzubringen im Stande sei, und dabei -mit ungeregelter Fantasie gerade die schreiendsten Gegensätze an -Farben nebeneinander auf die Leinwand klecksen wollte: er könnte -kaum ein krauseres Bild zu Stande bringen, als es der Platz vor dem -Bezirksgerichte in Sign an einem Gerichtstage aufweist. Männer, Weiber, -Kinder, Pferde, Truthühner, Esel, Schafe, alles lagert da kraus -durcheinander auf dem kleinen Platze, von dem zwei Stufen in die Räume -des Bezirksgerichtes führen. Unter dem Thore steht der Gerichtsdiener -mit einem Stocke in der Hand und wehrt vorläufig den Eingang, denn die -»udienza« (Gerichtsverhandlung) beginnt nicht vor neun Uhr. - -Drei Marksteine waren in dem Dorfe Vucenovich von der Stelle gerückt -worden. In Folge dessen hatte sich zwischen den Eigenthümern der beiden -Aecker, wovon der eine angab übervortheilt worden zu sein, während -der andere jede Uebervortheilung ableugnete, ein Streit entsponnen, -dessen Schlichtung um so schwieriger wurde, als eigentlich weder der -eine Acker dem einen, noch der andere dem zweiten Streitführenden -gehörte. Beide Aecker waren noch vor wenigen Jahren unfruchtbarer -öder Steinboden und gehörten dem Staate. Beide streitende Parteien -hatten mit Mühe und Schweiss jeder für sich ein Stück fremden Bodens -fruchtbar gemacht, indem sie allmälig die Felstrümmer aushackten -und, da sie dieselben auf einen Ort zusammentrugen, eine Art moderne -Cyklopenmauer herstellten. Und als sie weiter arbeiteten, geriethen sie -endlich mit der Haue und dann mit den Köpfen aneinander. Dann setzten -sie die Marksteine. Diese waren verrückt worden. Und weil weder der -Harambascha[32], noch der Pfarrer die Sache zu schlichten vermochten, -sondern gerade im Gegentheile ein Paar Pistolenschüsse oder Hiebe mit -dem Handjar ordentlich in der Luft lagen, so bequemten sie sich dazu, -ihren Streit vor Gericht auszutragen. - - [32] Ortsvorsteher. - -Heute ist in Dalmatien sowie anderwärts im Bereiche des -österreichischen Staates die Trennung der politischen von der -Gerichtsverwaltung durchgeführt; zur Zeit, in welcher unsere -Gerichtsscene spielt, das ist im Anfange der sechziger Jahre, war aber -der Prätor zugleich Richter und politischer Chef eines Bezirkes. In -+Sign+ war der Amtssitz eines solchen Prätors. Den Anschauungen der -Morlaken entsprach diese Einrichtung viel mehr und besser, als die -jetzt strenge gesonderte Wirksamkeit des Bezirksrichters von jener -des politischen Chefs oder Bezirkshauptmannes. Bestehen doch heute -noch in der angrenzenden türkischen Provinz Bosnien noch ganz ähnliche -Verhältnisse, wo sogar der politische Chef eines Bezirkes, der Richter -und auch der Steuereinnehmer in der Person des Muhdir's vereinigt -sind. Nun fühlt sich zwar der Morlake keineswegs als Türke, aber er -beobachtet türkische Sitten und Einführungen mit einer ehrerbietigen -zur Nachahmung geneigten Aufmerksamkeit, weil ihm dieselben materiell -und moralisch viel näher liegen, als die einen gewissen Grad von Cultur -voraussetzenden gesetzlichen Zustände eines civilisirten Staates. - -Ob damals, -- noch vor wenigen Jahren -- der Prätor mehr Pascha oder -mehr Patriarch sein wollte, das hing rein von seinen individuellen -Neigungen oder oft von seiner augenblicklichen Gemüthsstimmung ab. -Einer Verantwortlichkeit konnte sich derselbe um so leichter entziehen, -als er in seiner Eigenschaft als Richter von dem Landesgerichte, -in jener eines politischen Bezirkschefs aber von der vorgesetzten -politischen Behörde abhing. Darum war der Prätor ein gar gefürchteter -Herr, dessen Machtspruch von den Morlaken mit derselben Ehrerbietung -aufgenommen wurde, wie jener seines internationalen Amtsbruders, des -nach dem Koran richtenden Muhdir's, von den benachbarten Türken. - -Man darf sich unter einem morlakischen Gebirgsdorfe nicht die -Vorstellung machen, die man im Allgemeinen mit dem Begriffe Dorf -verbindet. Ein kleines ebenerdiges Haus ist an der Südseite irgend -eines Hügels aus mächtigen halbbehauenen Quadern aufgeführt. Das mit -Stroh oder rohen Schieferplatten gedeckte Dach zeigt in der Mitte eine -grosse Oeffnung durch welche der Rauch entweicht und bei Regengüssen -das Wasser eindringt. Den Boden dieses Hauses bildet die nackte Erde. -Ein mit seinen vier Füssen in den Boden gerammter Tisch, zwei Bänke und -eine in grellen Farben bemalte Truhe bilden die Einrichtungsstücke. -Längs der einen Wand liegt Stroh aufgeschüttet, das manchmal mit einem -groben Linnen bedeckt ist. Das ist das Bett. Ein Brett, ähnlich den -Schlagbäumen in den Pferdeställen trennt das Lager der männlichen von -jenem der weiblichen Familienmitglieder. Die gegenüberliegende Seite -der Hütte dient als Stall für Pferde, Schafe und Kühe. In der Mitte ist -auf einer Steinunterlage der Feuerherd angebracht, über dem an schwerer -Kette ein mächtiger Kessel schwebt. Lange Flinten, silberbeschlagene -Pistolen und krumme Handjars hängen an den Wänden. Vor dem Hause stehen -gewöhnlich ein Paar Nussbäume oder Buchen. Zur Seite desselben ist -der aus Steinen erbaute Schweinstall. Das ist ein Haus des Dorfes. -Vielleicht steht auf Büchsenschussweite ein zweites, drittes oder -viertes. Vielleicht aber ist es eine gute halbe Stunde bis zum nächsten -Hause, das mit peinlicher Genauigkeit dem erstbeschriebenen gleicht. -Zwölf oder fünfzehn solche Häuser bilden ein Dorf. Ein solches Dorf ist -Vucenovich. - -[Illustration: Morlakische Familie auf dem Wege zur Prätur in Sign.] - -Der Harambascha und der Pfarrer hatten einen heissen Nachmittag -gehabt. Der Pfarrer hatte sein türkisches Pferdchen gesattelt und sein -rothes Regendach hervorgeholt, um die beiden streitenden Parteien, die -jeder in einer anderen Richtung eine Stunde vom Pfarrhause entfernt -wohnten, womöglich zu einem Vergleiche zu bewegen. Mit ihm war der -Harambascha gegangen, mit einem Arsenal voll Waffen im Gürtel und einer -unmässig langen Flinte auf der Achsel. In beiden Häusern hatte man sie -mit jener aufmerksamen Zuvorkommenheit empfangen, die zwei solchen -Standespersonen gebührt. Hüben und drüben hatte der Domachin[33] sie -eingeladen auf der Steinbank vor dem Hause Platz zu nehmen und der -Domachizza[34] aufgetragen, Kaffee zu bereiten. Hüben und drüben hatten -die Zwei mit dem Domachin lange und ernste Gespräche gehalten, die von -Seite des Harambascha und des Domachin mit unterschiedlichen Flüchen -gewürzt wurden, aber hüben und drüben hatten sie nichts erreicht. »Der -Gospodine[35] Prätor soll entscheiden,« hiess es immer wieder, und -was er bestimmen würde, solle geschehen. So konnten die Beiden nichts -thun, als die Vereinbarung treffen, dass die eine Partei um drei, die -andere um vier Uhr Früh vom Hause aufbreche, sonst möchte es noch -Pistolenschüsse oder Hiebe mit dem Handjar geben, wenn sie auf der -Strasse zusammenkämen. Das wurde zugesagt. Und so geschah es. -- -- -- - - [33] Hausherr. - - [34] Hausfrau. - - [35] Herr. - -Mit dem ersten Morgengrauen bewegt sich aus dem kleinen Hause heraus -die Caravane. Voran der Domachin in seinem schönsten Gewande. Er hat -das rothe silbergestickte Leibchen an und über die Achsel die braune -Jacke von grober Schafwolle, deren Ecken vorn mit grünem Tuch besetzt -und mit rothen Troddeln verziert sind. Um seine niedere rothe Mütze ist -ein schmieriger vielfarbiger Turban gewunden. Ein langer Zopf baumelt -ihm rückwärts herab, den die Domachizza gestern noch mit frischer -Butter tüchtig gesalbt hat, -- am Ende desselben sind schwarze Schnüre -eingeflochten, die kleine Bleikugeln tragen. Weite, weisse Hemdärmel -flattern um seine nervigen behaarten Arme. In den Fächern des breiten -ledernen Gürtels stecken ein Paar silberbeschlagene Pistolen und ein -krummgebogener Handjar nebst einem kurzen, scharfen Messer. Blaue -türkische Beinkleider und Sandalen von rohem Leder vervollständigen -seinen Anzug. Seinen Mantel hat er über den plumpen Holzsattel des -kleinen Pferdes geworfen, die Fersen in zwei Schlingen gesteckt, die -vom Sattel herabhängen und ihm als Steigbügel dienen. Ueber die rechte -Schulter ragt die lange mit Steinschloss versehene Flinte, in der -linken Hand hält er den unvermeidlichen Tschibuk. Zu beiden Seiten des -Sattels baumelt je ein Paar fest an den Füssen zusammengeschnürter -Hühner und an dem Schwanze des Pferdes ist an einem Stricke ein Schaf -angehängt, das meckernd und widerwillig hinterherläuft. Hinter dem -Schafe wandelt die Domachizza. Ein bis an die halben Waden reichendes -auf der Brust offenes Hemd, ein eben solcher leinwandener Unterrock -und ein langes Kleid von weissem, selbst gewebtem Schafwollstoffe, -das, da es vorne ganz offen ist, eine entfernte Aehnlichkeit mit einem -riesigen Frack hat, ist ihre Bekleidung. Auf dem Kopfe trägt sie ein -rundes Gefäss von dünnem Holze, das einer Schachtel ohne Deckel und -Boden gleicht, über dasselbe ist ein weisses Tuch unter dem Kinn -zusammengebunden. Am linken Arme hängt ihr ein Körbchen mit Eiern, in -dem bunten Gürtel, der sich um ihre Hüfte schlingt, steckt ein langes -in einen Dreizack auslaufendes Holz, das ihr als Rocken dient und einen -Busch Schafwolle trägt. In der rechten Hand hält sie ein mit einer -kleinen Scheibe versehenes rundes Holz, das sie mit den Fingern in -drehende Bewegung setzt. So spinnt sie während des ganzen Marsches. Mit -ihr laufen zwei Kinder von acht bis zwölf Jahren. Man weiss nicht, ob -es Knaben oder Mädchen sind, denn ihre Bekleidung besteht gleichmässig -aus einem langen Hemde, einem rothen Gürtel und einem gleichfalls -rothen Käppchen. So ziehen sie fünf Stunden weit zu Gericht, nach Sign, -zuerst im Morgengrauen, dann in der sengenden Sonnenhitze, ohne je Halt -zu machen, ohne ein Wort zu sprechen, der Mann zu Pferd und rauchend, -das Weib hinter ihm ausschreitend und spinnend. So sind die Familien -mit Kind und Kegel herangezogen von allen Seiten zum Gerichtstage und -so haben sie sich zusammengefunden vor der Prätur in Sign. -- -- -- - -Es schlägt neun Uhr und der Gerichtsdiener schiebt sich etwas beiseite, -um die Leute einzulassen. Flinte, Pistolen, Handjar und Messer werden -jedem Einzelnen abgenommen und aufbewahrt, dann treten sie in das weite -Vorgemach des Gerichtshauses. Die Männer wickeln sich langsam den -Turban vom Kopfe, um beim Eintritte in das Zimmer auch die rothe Kappe -abnehmen zu können, -- die Weiber, die allenfalls vorgeladen sind, -nehmen das Körbchen mit den Eiern mit sich. Die Männer rauchen, die -Weiber spinnen. - -Die Thüre des Zimmers öffnet sich und der Gerichtsdiener ruft in die -Versammlung: »Mate Vucenovich!« - -Zwei baumstarke Morlaken, wahre Hünengestalten, erheben sich -gleichzeitig von der um das Zimmer laufenden Bank und antworten: -»Evo!«[36] - - [36] Hier! - -Der Gerichtsdiener wirft einen Blick auf das Blatt Papier, das er in -den Händen hält, und ruft abermals, indem er sich deutlicher erklärt: -»Mate Vucenovich, Sohn des Ilia!«[37] - - [37] Elias. - -Abermals antworten ihm die +beiden+ kräftigen Stimmen: »Evo!« - -Das ist dem Gerichtsdiener wohl schon häufig vorgekommen. +Sämmtliche+ -Einwohner des Dorfes Vucenovich heissen nämlich Vucenovich, +beide+ -Vorgeladenen heissen Mate[38] und beider Väter hiessen Ilia. Es ist -ein verwickelter Fall, aber der Mann weiss sich zu helfen. »Mate -Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Ante!« erschallt der an die Bibel -mahnende Ruf, -- und dies Mal ist es nur Einer, der ihm antwortet. - - [38] Mathias. - -Der Prätor hat einen Uniformrock auf dem Leibe und eine schwarze -Sammetmütze auf dem Kopfe. Er ist zufälligerweise nicht Pascha, sondern -Patriarch. Darum empfängt er den Kläger mit einem derben Schlag auf die -Schulter und fragt ihn, wie sich die Ernte angelassen. Mate Vucenovich, -Sohn des Ilia, Sohnes des Ante fühlt sich überaus geehrt durch solchen -Empfang und hegt überdies die Meinung, dass ein Prätor, der ihn so -vertraulich empfängt, ihm unmöglich Unrecht geben kann. Darum steckt -er seinen Tschibuk verkehrt zwischen Haut und Hemde in den Rücken, so -dass die Pfeife gleich einem Wahrzeichen über seinem halbrasirten Kopf -hinaussieht und fängt an den Casus zu erklären. Der Prätor lässt ihn -ruhig aussprechen und gibt ihm immer Recht. Und da er fertig ist, wird -wieder die Thüre geöffnet und dies Mal der »Mate Vucenovich, Sohn des -Ilia, Sohnes des Pave«[39] gerufen. - - [39] Paul. - -Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Pave, wird bei seinem -demüthigen Eintreten ganz wie sein Widersacher von dem Prätor -empfangen. Ganz wie dem Ersteren nickt ihm der Prätor seine Zustimmung -bei jedem Absatze der langen Rede zu, und ganz wie jener möchte Mate -Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Pave, darauf schwören, dass -Gospodine Prätor, der so freundlich mit ihm ist, ihm unmöglich Unrecht -geben könne. Soweit verläuft alles hübsch ruhig und friedlich. Als aber -jetzt der erste Mate dem zweiten Mate antworten will, erheben Beide -ihre mächtigen Stimmen, dass die Fenster klirren, und wer an derlei -Scenen nicht gewöhnt wäre, wie es der Prätor ist, der würde kaum -glauben, dass es ohne Mord und Todtschlag abgehen könne. Das käme -vielleicht auch vor, aber Pistolen und Handjars und Messer ruhen beim -Gerichtsdiener! - -Jeder Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, behauptet unter grässlichen -Flüchen, dass er die Gerechtigkeit seiner Sache feierlich beschwören -könne. Jeder von ihnen lässt Drohworte ertönen, zwischen denen man -ordentlich die Pistolen knallen hört und den Handjar blitzen sieht. - -Da legt sich der Prätor in's Mittel. »Wem hat das Feld gehört, ehe Ihr -es zu bearbeiten anfingt?« - -Beide verstummen. - -»Ich glaube, Ihr lasst die Marksteine stehen, wo sie sind,« sagt der -Prätor, »und wenn Ihr nicht in Ruhe und Frieden nach Hause geht, so -werden wir im Steueramte fragen, wem eigentlich das Feld gehört. Seid -Ihr's zufrieden?« - -Die Köpfe der beiden Mate hängen zu Boden, ihre Zöpfe richten sich auf. - -»Brate,«[40] sagt Mate Vucenovich des Ilia und des Ante zum Mate -Vucenovich des Ilia und Pave, willst Du Frieden machen? Ich gebe ein -Lamm und Du gibst den Wein, willst Du?« - - [40] Bruder. - -»Brate, Du hast Recht,« antwortet der Enkel des Pave und sie -umarmen und küssen sich und möchten auch dem Prätor in ihrer -Freudenbegeisterung dasselbe thun, der sich aber hinter den Tisch -zurückzieht. - -»Falavi, Falavi, Gospodine Pretur,«[41] tönt es von Beiden und unter -linkischen Bücklingen entfernen sich die versöhnten Widersacher aus der -Gerichtsstube. -- -- -- - - [41] Danke, danke, Herr Prätor. - -Es kommt aber ein Nachspiel. Die beiden Weiber der beiden Mate drängen -sich über die Stiege hinauf. Sie halten Jede ein Körbchen Eier in der -Hand und Jede von ihnen zieht ein meckerndes Schaf an einem Stricke -nach sich. Das wollen sie dem Prätor für sein Urtheil schenken und -deswegen haben sie beides mitgebracht. Sie drängen sich auch richtig -in's Gerichtszimmer, aus welchem sie jedoch der Prätor hinauswerfen -lässt, die Weiber, die Schafe und die Eier. - -Die Marksteine bleiben aber wo sie sind und morgen ist grosses Gastmahl -in Vucenovich, gegeben von Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des -Ante und von Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Pave. - - - - -Ein türkisches Schnupftuch. - - -Ehrsame Frauen, sowie nicht minder Jungfrauen, bei denen die -Sittsamkeit als selbstverständlich vorausgesetzt wird, mögen ohne alle -Scheu diese bescheidenen Zeilen zu Ende lesen, sie werden, wenn auch -ein türkisches Schnupftuch den Gegenstand derselben bildet, keineswegs -darin jener verfänglichen Ceremonie oder gar der Folgen dieser -letzteren Erwähnung finden, die einem althergebrachten, darum aber -nichtsdestoweniger unwahren Gerüchten zufolge zwischen Sr. Majestät -dem Sultan und seiner jeweiligen Auserwählten stattfindet und deren -an und für sich höchst unschuldige Einleitung in dem Zuwerfen eines -Schnupftuches besteht. - -Ich sehe es noch vor mir, ein langes und schmales Stück durchsichtigen -Gewebes, den Rand mit sonderbar krausen, tausendfach verschlungenen -Arabesken bedeckt, die eine kunstgeübte Frauenhand in Seide darauf -gestickt! Gold- und Silberfäden schlängeln sich, als ob sie verfolgt -würden, in sichtbarer Hast durch das farbenglühende Labyrinth, um -nach langer Suche ihren glitzernden Lauf wieder da aufzunehmen, -wo sie ihn eigentlich enden sollten. Und was mich durch das feine -Gewebe anblickt, sind viele, viele unschuldige Kinderaugen, die, -überrascht und erschreckt vom ersten Anblicke der Aussenwelt, es noch -nicht ahnen können, dass die wirren, von dem gleissenden Silberfaden -durchschlungenen Windungen der krausen Arabesken ein Bild ihres eigenen -zukünftigen Erdenwallens seien. - -Wie ich das Schnupftuch erhalten und was daraus geworden, das will ich -klar und bündig erzählen. - -Von einem langen und beschwerlichen Ritte ermüdet, hatte ich die ganze -Nacht so fest geschlafen, dass weder der empfindliche Frost, noch -die dicken Regentropfen, die durch die Risse meines Schlafgemachs -eindrangen, mich hatten erwecken können. Was Kälte und Nässe nicht -vermocht hatten, das bewirkte aber die kräftige Stimme meines Wirthes -vor der Thüre des Gemaches mit ihrem »Dobro dan, gospodine«![42] -Die Thüre öffnete sich und vor mir stand, mir die Hand nach -abendländischer Weise zum Grusse bietend, eine hohe, etwas vorwärts -gebeugte Gestalt, von deren Schulter ein langer dunkelrother Mantel -in malerischen Falten bis zur Erde floss. Auf dem von der Stirne bis -zum Scheitel rasirten Kopfe sass der Fez, der rückwärts eine Fülle -blonden Haares herausgleiten liess; dunkle, von scharfgezeichneten -Augenbrauen beschattete Augen, ein kleiner Schnurrbart in dem offenbar -nicht mehr als fünfundzwanzigjährigen Gesichte, eine reich mit Gold -gestickte blaue Jacke, ein paar Pistolen und ein langes Messer in dem -buntseidenen Gürtel, weitfaltige rothe Beinkleider und die nackten -Füsse in gelbledernen Pantoffeln -- das war mein Hauswirth und Freund -+Mahmud Firdus Beg+. - - [42] »Guten Tag, Herr!« - -[Illustration: Ritt durch die Waldungen von Mahmud Firdus Beg.] - -Mein Aufenthalt in +Sign+ hatte mir die Gelegenheit verschafft, -Mahmud Firdus Beg's Bekanntschaft zu machen. Einmal einen lebendigen -türkischen Pascha zu sehen, war immer meine Jugendsehnsucht gewesen. -Nun war mein Freund Mahmud zwar kein Pascha, wohl aber der Sohn eines -solchen, eines Paschas, der in den Vierziger-Jahren als Gouverneur -von Bosnien bei einer kleinen Revolution ermordet worden war. Der -alte Firdus mochte gut und echt türkisch gewirthschaftet haben, denn -er hinterliess seinem Sohne Mahmud ein Besitzthum, gross genug, um -mit seinem Erträgnisse besser leben und mehr Aufwand machen zu können -als irgend ein anderer bosnischer Grundbesitzer. Mahmud Firdus Beg -suchte aus seinem ausgedehnten Besitze so viel herauszuschlagen als -nur immer möglich; er lieferte Baumrinde, Harz und Eicheln aus seinen -Wäldern, Getreide von seinen Feldern und Häute nach Spalato an irgend -einen pfiffigen Griechen, der natürlich das Menschenmöglichste that, -ihn zu übervortheilen; er hielt sich ein Heer von faullenzenden, in -Roth und Gold gekleideten, bis an die Zähne bewaffneten Dienern, -einen prächtigen Marstall, -- hatte aber nur +eine+ Frau in seinem -Harem, denn Mahmud Firdus Beg war ein aufgeklärter Türke, oder wollte -wenigstens für einen solchen gelten; darum richtete er sich nach dem -Grundsatze: »Je weniger Weiber, desto mehr Aufklärung« -- und machte -jährlich eine Reise -- mindestens bis Triest. Einmal war er sogar in -Wien, »u becu«, wie er mir slavisch erzählte, aber dort gefiel es ihm -nicht. - -Wenn man vom Schicksale dazu auserlesen ist, in einem Orte wie Sign, -dem nordöstlich von Spalato und nahe an der türkischen Grenze gelegenen -Vororte der eigentlichen Morlakei, zu leben, so ist man eben nicht -wählerisch in seinem Umgange. Und so war Mahmud Firdus Beg mein Freund -geworden und hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, mich jedesmal zu -besuchen, so oft er bei seinen häufigen Reisen nach oder von Spalato -Sign passirte. Bei dieser Einkehr hatte ich ihn auch meiner Frau -vorgestellt und so kam es, dass er vorläufig unser Gast war und durch -sein mit nahezu kindischer Urwüchsigkeit vorgebrachtes Geplauder uns -über die Eintönigkeit so mancher Abendstunde hinweghalf. - -Einmal überraschte er uns, indem er gegen alle türkische Sitte uns -Grüsse von seiner Frau und die Ankündigung überbrachte, dass dieselbe -seit Wochen mit dem Sticken eines Schnupftuches für meine Ehegesponsin -beschäftigt sei. Zugleich lud er mich ein, ihn selbst einmal zu -besuchen, oder vielmehr die Reise in seiner Gesellschaft zu machen und -das erwähnte Schnupftuch abzuholen. Seine Frau, meinte er, könnte ich -allerdings nicht sehen, weil die türkischen Sitten das nicht zugäben; -selbst das Haus, in welchem er mit seiner Frau wohne, dürfte ich nicht -betreten, dafür aber würde er mir das Gebäude zeigen, das er für seine -Dienerschaft errichtet, den Stall, seine Aecker und, wenn ich wollte, -auch seine Wälder. - -Mich hatte es schon lange verlangt, einen Blick in die bosnische -Wildniss zu werfen, und so nahm ich die Einladung nicht ungern an. - -Am darauffolgenden Tage waren wir kurz nach Mittag aufgebrochen, hatten -über das Gebirge Prolog, über welches damals, in den Sechsziger-Jahren, -noch keine Strasse führte, bergauf, bergab, durch zerrissenes -Felsengeklüfte einen halsbrechenden Ritt gemacht, waren bei Einbruch -der Nacht in der weiten, wasserdurchzogenen Ebene von Livno angekommen, -rasteten in einem türkischen »Han«, in welchem wir nichts als schwarzen -Kaffee und Feuer für unsere Tschibuks fanden, wurden in pechfinsterer -Nacht von den Wolfshunden einer Schafheerde angegriffen, von denen -Mahmud ohneweiters einen niederschoss, und kamen endlich bei dem einsam -liegenden Besitzthum meines Freundes an, als ich, von der Kälte der -Octobernacht und dem fein herabrieselnden Regen halb erstarrt, mich -kaum noch auf meinem Pferde halten konnte und schon sämmtliche Türken, -gestickte Schnupftücher und bosnische Ebenen in das Land verwünscht -hatte, wo der Pfeffer wächst. - -Ein Dutzend in rothe, goldgestickte Jacken und blaue Pumphosen -gekleidete Gestalten, von denen jede eine Kienfackel schwang, empfing -uns vor einem thurmähnlichen Gebäude, dessen unterstes Geschoss dem -Geruche nach einen Pferdestall zu enthalten schien, und geleitete uns -über eine hölzerne, von Aussen angebrachte Treppe in ein vollkommen -kreisrundes Gemach, das von einer in der Mitte desselben aufgehängten -Oellampe und von dem Feuer erleuchtet wurde, welches in einem offenen -Camine flackerte. Vor letzterem kniete ein martialisch aussehender -graubärtiger Türke, -- wie ich später erfuhr, ein ehemaliger türkischer -Gendarm, -- und kochte in einer grossen kupfernen Pfanne Kaffee. Rund -um die roh angeworfene Wand lief ein gegen dieselbe sanft aufsteigender -Bretterboden, der mit grossen Teppichen bedeckt war -- der Dienerschaft -Lagerstätte -- und zahlreiche, wirr durcheinandergeworfene Polster -dienten als Kopfkissen. - -Die Diener -- ich zählte deren sechsundzwanzig -- nahmen mir und -ihrem Herrn die Reisekleider ab und präsentirten Jedem von uns einen -Tschibuk. Mahmud Firdus Beg nahm auf zwei übereinandergelegten -Polstern in der Mitte des Zimmers mit untergeschlagenen Beinen Platz -und lud mich mit höchst würdevoller Handbewegung ein, das Gleiche zu -thun. Hierauf credenzte uns der Graubart auf einer grossen silbernen -Untertasse zwei winzige Becher mit schwarzem Kaffee und bediente sodann -ebenso der Reihe nach sämmtliche Diener, welche, nachdem wir uns -gesetzt hatten, mit der grössten Ungenirtheit ihre Tschibuks zur Hand -nahmen und rauchten, als ob sie unter sich wären. - -Während ich noch mit Interesse das Gemach, meine Umgebung und die -prächtigen Waffen musterte, die an der Wand hingen, überraschte mich -mein Freund und Gastwirth mit der sehr unangenehmen Bemerkung, dass -es bei ihnen nicht Sitte sei, des Abends etwas anderes als schwarzen -Kaffee zu nehmen, dass er jedoch hoffe, ich werde mir morgen das -- -Mittagmahl desto besser schmecken lassen. Das war allerdings ein -sehr windiger Trost für meinen knurrenden Magen, aber ich konnte, um -nicht unhöflich zu erscheinen, nichts anderes thun, als mich in das -Unvermeidliche fügen und sofort mein Schlafgemach aufzusuchen. Mahmud -schritt voran, steckte vor der Thüre seine blossen Füsse wieder in die -gelben Pantoffel, die er draussen stehen gelassen und führte mich mit -ruhig feierlichem Wesen, als ob sich von Augenblick zu Augenblick ein -Prachtgemach meinen erstaunten Blicken darbieten sollte, über eine -zweite wacklige Treppe in einen Raum, der dem inneren Theil einer -Kuppel ähnlich sah und der, wenn er die eine oder andere lückenartige -Oeffnung gehabt hätte, für ein Taubenhaus hätte gehalten werden können. -So aber konnte ich ausser der Thüre, durch die wir eingetreten, -keine Oeffnung bemerken, als die fingerbreiten Risse in den Bretern, -aus denen dieses Denkmal neutürkischer Baukunst gezimmert war, und -durch welche der Regen hereinfliessen sollte, der mich windelweich -durchnässte. Und drum war ich ganz froh und glücklich, als mich des -anderen Tages der frühe Morgengruss meines Freundes Mahmud Firdus Beg -weckte. - -Ich sprang auf und folgte der Einladung meines Gastwirthes, im Gelasse -der Diener den Morgenkaffee einzunehmen, der uns wieder von dem -graubärtigen Türken unter Zugabe des obligaten Tschibuks geboten wurde. -Mahmud sagte mir während des Frühstücks in gebrochenem Italienisch -- -um von den Dienern nicht verstanden zu werden -- dass seine Frau ihm -aufgetragen, mir Grüsse an meine Frau aufzugeben, und dass sie der -Letzteren vielmals für das Zuckerwerk danke, welches ich ihr in einer -grossen Schachtel, die während unseres Rittes an dem Sattelknopfe des -Pferdes eines der Diener baumelte, mitgebracht hatte. - -Unterdessen wieherten die Pferde, die unten vor der Stiege für uns -bereit standen, um einen Ritt durch die Besitzung meines Gastfreundes -zu machen. - -Traurig und öde genug war das, was sich meinen Augen bot -- -langgestreckte, stundenweit sich ausdehnende Gründe, die nicht -bearbeitet waren und die nicht werden besäet werden, bis eine andere -als die türkische Regierung über das Wohl und Weh jener jungfräulichen -Länder zu entscheiden haben wird -- prächtige Eichenwälder in -ungebrochenem Bestande, in denen hie und da die alten Baumriesen todt -und halbverfault auf dem Boden lagen, während aus ihrem ehrwürdigen -Leibe ganze Generationen jungen Nachwuchses hervorspriessen -- -ungeschlachte, elende, halbnackte Bauern, beinahe durchwegs bosnische -Christen (wie ihr Anzug wies), deren Verkommenheit ihnen kaum erlaubt, -dort des Lebens dringendste Nothdurft einzuheimsen, wo der Natur -verschwenderisch ausgestreute Fülle sich ihren blöden Augen bietet -- -elende Lehmhütten über die Ebene sparsam zerstreut, in deren jeder -eine ganze Familie mit ihrem Viehstande haust -- über das Ganze die -grauen Regenwolken eines trüben Octobertages, einförmig, schier endlos -ausgespannt über die weite Ebene und durch nichts unterbrochen, als -durch eine unzählbare Menge schwarzer Punkte, -- Falken, die, ruhig an -einer Stelle schwebend ihres Raubes harrten! - -Und wie wir so dahinsprengten durch die düstere Landschaft, mein Wirth -auf seinem Rappen mit dem im Winde von seinen Schultern flatternden -dunkelrothen Mantel, ich mit trüben Gedanken die trostlose Wirthschaft -betrachtend und hinter uns ein kleiner affenartig aussehender Mohr auf -unmässig hohem Gaule, da schien es mir selbst beinahe, als ob wir nicht -von Fleisch und Blut wären, sondern als gespenstische Reiter in den -Wind hinein ritten über die unabsehbare, öde Ebene. - -Was ich sonst noch im Heim Mahmud Firdus Beg's gesehen, wie wir -gegessen und was wir gesprochen, übergehe ich, um endlich zum -Schnupftuche zurückzukehren und zu berichten, was mit demselben -geschehen ist. - -Nun, die Sache verhält sich viel einfacher als meine Leser vielleicht -nach so langer Einleitung voraussetzen mögen. Meine liebe Frau hat mir -acht Kinder geschenkt, unser Herrgott erhalte sie! Die beiden Aeltesten -sind Dalmatiner, haben aber bisher noch Keinem die Nase abgeschnitten; -die späteren sind anderwärts zur Welt gekommen -- Alle aber wurden mit -des Türken Schnupftuch zugedeckt, als man sie zur Taufe trug. Es war -auch das Beste, was man mit dem farbenschillernden Nichts thun konnte, -denn zum Nasenreinigen nach abendländischen Begriffen taugte es einmal -durchaus nicht. Anders freilich ist's bei einem Türken; der benützt die -Hand dort, wo wir ein Schnupftuch brauchen und reinigt sie dann an dem -seidengestickten Gewebe. - -Als aber mein achtes Kind zur Taufe getragen war und eine holdselige -und wunderschöne Dame Pathenstelle bei demselben vertreten hatte, da -wickelte ich Mahmud Firdus Beg's Tuch fein säuberlich zusammen, ging -zur schönen Pathin und sprach: »Verehrte, gnädige Frau! Wenn in alten -Zeiten ein Raub- oder anderer Ritter nach langen Kreuz- und Querzügen, -nach so und so vielen Schlachten und Gefechten heimgekehrt war in seine -Burg, da pflegte er wohl Waffen und Rüstzeug zu nehmen und sie vor -irgend einem mehr oder weniger wunderthätigen Gnadenbilde aufzuhängen. -Ich bin kein Ritter und habe weder Waffen noch Rüstzeug -- aber nachdem -bereits mein achtes Kind mit diesem farbenbunten Gewebe auf seinem -ersten Gange zur Kirche verhüllt gewesen, erlaube ich mir, Ihnen Mahmud -Firdus Beg's Schnupftuch zu Füssen zu legen.« - -Die holdselige und wunderschöne Dame erröthete ganz prachtvoll und -sagte mir, ich möge meine Frau recht herzlich grüssen. Ihr Lächeln -schwebt mir aber noch heute vor. - - - - -Ein Richter in Bosnien. - - -Es war mir nach und nach eine dunkle Idee aufgedämmert, als ob der -arabische Hengst, der mich in gleichmässigem, langgestrecktem Galop -durch das Thal von Livno trug, viel edler sei als ich selbst. Mein -Begleiter und neuerworbener türkischer Freund Mahmud Firdus Beg hatte -mir wenigstens die letzte halbe Stunde von nichts gesprochen, als von -dem Adel des Thieres unter mir, und Mesrour -- so hiess der edle Hengst --- hatte jedesmal die Ohren gespitzt so oft er seinen Namen aussprechen -hörte. Mich nahm das, offen gesagt, nicht im mindesten Wunder, -weil es mir bekannt war, dass vorzugsweise in Pferdeställen derlei -genealogisches Selbstgefühl zum Ausdrucke kommt. - -Der Octobertag war wunderbar schön. Die Gipfel des hohen, zu unserer -Rechten liegenden Berges Prolog, den ich Tags zuvor überschritten, -waren in leichte Nebelschleier gehüllt, die, ab und zu vom Winde -gehoben und verschoben, sich dann wieder an anderer Stelle über -die Hänge des Berges fein und duftig herabsenkten. Zwischen durch -schimmerte das kräftige Roth und Braun der im Herbstschmucke prangenden -Wälder und durch das struppige Unterholz durch, über das rauhe Gestein -herab sprangen und stürzten kleine Wildbäche, die sich dann in der -breiten grünen Thalsohle sammelten und sie gleich breiten Silberbändern -durchzogen. Dass sie dort tief genug und frisch genug waren, das -hatte ich am vorigen Abende erfahren, als ich, von Sign in Dalmatien -kommend und gegen die Behausung des Mahmud Firdus Beg reitend, eines -dieser Flüsschen zu Pferde passirte und mein Thier plötzlich anfing zu -schwimmen, so dass mir das Wasser bis unter die Arme reichte. - -Zu unserer Linken begleitete uns eine andere Kette von Bergen -- -ebenfalls Ausläufer der dinarischen Alpen -- die vom Gipfel bis weit -herab in die Ebene mit prachtvollen Wäldern bedeckt sind, und vor uns -dehnte sich das lange Thal, an dessen südlichem Ende Livno, das Ziel -meiner heutigen Reise, lag. - -Mahmud Firdus Beg sagte mir, dass der grössere Theil jener Wälder, die -auf dem Berge aus Eichen und Buchen, am Fusse desselben aus Aepfel-, -Kastanien- und Zwetschken-Bäumen bestehen, sein Eigenthum sei. Auch -der Grund und Boden, auf dem wir dahinritten, sei sein Eigenthum. Aber -es trage nicht viel. Er hat wohl im Walde mehrere Brettermühlen durch -einen Croaten bauen lassen und füttere mit dem Ertrage der Obstbäume -grosse Heerden von Schweinen, doch bekäme er für Schweine sowohl als -Bretter sehr wenig Geld, denn in Bosnien kaufe sie Niemand, und bis -sie auf den Markt nach Sign oder Spalato kommen, haben die Kosten des -Transportes den Werth der Waare verzehrt. »Am besten bezahlen sich -noch die Schweine, denn diese kaufen zuweilen auch unsere Giauren -- -wenn sie Geld haben,« fügte Mahmud Firdus Beg hinzu, indem er zugleich -feierlich ausspuckte, aber nicht nach der Seite, auf welcher ich ritt, -denn dazu war er zu höflich und dann war ich auch sein Gastfreund. - -Vielleicht hatte ihn auch der Anblick der vier Rajahs -- bosnischen -Christen -- welche abseits unseres Weges um ein kleines Feuer sassen -und ganze Maiskolben an demselben brieten, zu dieser symbolischen -Gefühlsäusserung veranlasst. Die Leute standen auf, als wir uns ihnen -näherten, und grüssten demüthigst auf türkische Art, indem sie mit der -rechten Hand Brust, Mund und Stirne berührten. Mahmud Firdus Beg lachte -ihnen hämisch entgegen, liess aber den Gruss unerwidert. - -Ich habe mich später erkundigt, woher Mahmud Firdus Beg zu seinem -Reichthum und zu dem Titel Beg, der ja eine Art Adelstitel ist, gelangt -sei. Für Beides hatte man in echt türkischer Anschauungsweise nur Eine -Erklärung: Der Vater des Mahmud Firdus Beg war einst Gouverneur von -Bosnien. Daher der Titel, daher der Reichthum. Er hatte die Rajahs -so lange geschunden und geplagt, bis sie in ihrer Verzweiflung sich -einmal empörten und ihn, wie schon einmal erwähnt, ermordeten. Da ging -der Titel Beg und der Reichthum auf seine beiden Söhne über und so -ward Mahmud Firdus zum Beg und kam in den Besitz all der prachtvollen -Wälder, die sich auf den Hängen der dinarischen Alpen zur Rechten und -Linken hinzogen. Der Boden, auf dem wir ritten, gehörte nicht weniger -dem Mahmud Firdus Beg. Hin und wieder war ein Stückchen desselben -roh bearbeitet und zeigten gelbe Stoppeln oder kleine aus den Wurzeln -getriebene verspätete Pflanzen, dass da Weizen oder Tabak gebaut und -eingeheimst worden war. - -Es hat mit dem Bodenbau sein eigenes Bewandtniss in Bosnien. Der Grund -und Boden gehört niemals Jenem, der ihn bebaut. Die Begs -- gewöhnlich -Nachkommen der im siebzehnten Jahrhunderte zum Islam übergetretenen -slavischen Adelsgeschlechter -- haben den Boden durch einfache -Besitznahme, zuweilen auch durch Mord und Raub erworben. Zuweilen -ist das Besitzrecht auch der Preis für den seinerzeit erfolgten -Uebertritt zum Islam. Ein Kataster, ein Grundbuch, eine nachweisbare -oder ersichtliche Besitzgrenze gehören in den Ebenen und auf den -Bergen Bosniens zu den unbekannten Dingen. Der Bauer -- Grieche oder -Katholik, aber immer Slave -- dessen elende Hütte in einer der in den -Berg hineinlaufenden Mulden steht, hat Weib und Kind, aber nichts zu -essen. Darum spannt er, wenn das Frühjahr gekommen, seine Ochsen ein -und bearbeitet ein Stück Land. Das bestellt er mit Getreide oder Tabak -und nährt sich bis zur Ernte kümmerlich von halbwilden Früchten und in -der Asche gebratenen Maiskolben. Vielleicht hat er auch ein Paar Hammel --- dann gehört er schon zu den Wohlhabenden. Kommt nun die Zeit der -Ernte, so steht es ganz in der Hand des Begs, ob er selbst oder der -Bauer dieselbe heimbringen soll. Vergleicht sich der Bauer mit dem Beg --- leistet er von der Ernte dem Beg eine Abgabe, die dessen Ansprüchen -genügt, so kann er sich den Rest nach Hause schaffen und hat bei der -ausserordentlichen Fruchtbarkeit des beinahe jungfräulichen Bodens und -bei seiner unglaublichen Mässigkeit die nöthige Atzung bis zum nächsten -Jahre. Gelingt es ihm aber nicht, sich mit dem Beg zu vergleichen, so -erklärt dieser einfach, dass der Grund und Boden sein Eigenthum sei, -dass der verfluchte Giaur ohne jede Erlaubniss denselben bebaut habe -und lässt die Ernte durch seine Diener heimführen. Zuweilen kommen auch -noch andere Verhältnisse mit in's Spiel. - -Die bosnischen Türken machen von ihrem Rechte zur Vielweiberei nicht -immer oder nur einen sehr mässigen Gebrauch. Sie sind eben der -Abstammung nach keine Moslems und finden schwer die nöthige echt -orientalische Gelassenheit, die dazu gehört, es mit mehr als +einem+ -Weibe auszuhalten. Aber die Bauern, die Giaurs, haben oft hübsche -Weiber und erwachsene Töchter und -- der Beg ist der Herr! Da kommen -oft Meinungsverschiedenheiten vor und ich sollte heute noch eine -kleine Probe davon sehen. - -Der österreichische Consular-Agent in Livno war, wie mir bekannt, nach -Mostar gereist und der Mudir, die höchste obrigkeitliche Person in -jener Stadt, hatte mir Tags zuvor durch einen Diener Mahmud Firdus Begs -seinen Gruss entbieten lassen und mich eingeladen, ihn zu besuchen. -Seit mehr als einer halben Stunde schon zeigte sich uns im Süden der -Ebene auf einem Hügel, der wie ein Vorgebirge in dieselbe hineinragte, -das alte zerfallene Castell, um welches herum die Stadt Livno liegt. -Wir mussten einen kleinen Umweg machen, weil gerade vor uns eine -zahlreiche Heerde von riesigen Büffeln weidete, durch welche zu reiten -sehr bedenklich gewesen wäre. Als wir in einem kleinen Halbkreise um -dieselben herum geritten waren, befanden wir uns auch am Fusse der -Anhöhe und unmittelbar vor den ersten erbärmlich gebauten Häusern -der Stadt. Mahmud Firdus Beg stemmte das Pfeifenrohr auf den rechten -Schenkel und stiess seinem Pferde die scharfen tellerartigen Bügel in -die Weichen. Ein Türke reitet nie anders in eine Stadt als im Galop. -Und so sprengten wir denn den mit runden Steinen gepflasterten Weg -im scharfen Galop bergan, dass die Funken stoben und das Pferd eines -unserer Diener elend auf Knie und Nase stürzte, während der Reiter über -den Kopf desselben ein paar Schritte weit bergauf flog. - -Vor einem altertümlichen einstöckigen Gebäude machten wir Halt. -Dasselbe war aus Quadern gebaut, hatte im Erdgeschosse auf kurzen -starken Säulen ruhende Laubgänge und war offenbar nicht türkischen -Ursprungs. Es mochte wohl noch aus dem vierzehnten oder fünfzehnten -Jahrhundert stammen, als die Slaven Herren des Landes waren und -italienischer oder deutscher Kunstsinn auch auf ihre Bauten seinen -Einfluss übte. Dass es jetzt in türkischen Händen ist, dafür zeugten -die Rundbogenfenster des ersten Stockwerkes, die zur Hälfte mit roh -behauenen Steinen vermauert waren. - -Wir übergaben die Pferde den Dienern und schritten die sehr schmutzige -Wendeltreppe hinan. Vor der Thüre entledigte sich Mahmud Firdus Beg -seiner gelben Reitstiefel, und schritt, ohne anzuklopfen, in das -Zimmer -- mir als einem fremden »Effendi« war es gestattet meine -Fussbekleidung zu behalten. - -Ein grosses Gemach mit zwei Thüren und einem breiten Fenster. An der -einen Seite desselben ein hoher schwerer, aus irgend einem schönen -Holze ohne jede Kunstfertigkeit gezimmerter Glaskasten, in welchem -Pistolen, Gewehre, Handjare, dann mit Silber beschlagene Kopfgestelle -für Pferde hingen und der die eine Wand des Zimmers vollständig -einnahm. Längs der anderen drei Wände ein niederer, sanft gegen die -Mauer aufsteigender Bretterverschlag, ähnlich den sogenannten Pritschen -unserer Wachstuben, mit Teppichen belegt, auf demselben eine grosse -Menge von Pölstern: der Divan. Ueber dem Steinboden des Zimmers ein -sehr schöner Teppich. Von sonstigen Einrichtungsstücken keine Spur. Das -war das Amtszimmer des Mudirs von Livno. - -Der Mudir selbst sass mit unterschlagenen Beinen gerade der Thüre -gegenüber auf dem Divan und hatte den Schlauch einer türkischen -Wasserpfeife -- des Nargilés -- in der Hand, mit dessen Mundstück -er nachlässig spielte. Rothe Pumphosen, ein rothes silberverziertes -Leibchen und über demselben eine grüne, mit Silberknöpfen verzierte -und mit Pelz ausgeschlagene Jacke bildeten seine Bekleidung. Auf dem -Kopfe trug er einen Fess ohne Turban, die Füsse waren nackt. Neben ihm -sass ein anderer -- ein »civilisirter« Türke. Er war mit schwarzen -Pantalons und einem schwarzen verschnürten Rock bekleidet, wie ihn die -Beamten in Konstantinopel zu tragen pflegen. Auch trug er lackirte -Schuhe und rauchte keinen Tschibuk, sondern eine Cigarrette. Das ist -die türkische Civilisation, wie sie im Buche steht. Beiläufig gesagt, -erfuhr ich später, dass der »civilisirte« Türke aus Konstantinopel -gekommen war, um die Steuercasse des Mudir zu scontriren und bei -dieser Gelegenheit einen Abgang von zweihunderttausend Piastern -gefunden habe. Ob der Mudir die Summe ersetzte oder nicht, ist mir -nicht bekannt geworden, nur erfuhr ich, dass er später in Folge dieser -kleinen Unregelmässigkeit nach Damascus versetzt wurde. Da ein Mudir -Ortsvorstand, Steuereinnehmer, Richter und politische Behörde -- alles -in Einer Person -- ist, so lässt sich die rücksichtsvolle Behandlung -eines so wichtigen Beamten wohl erklären. - -Der Mudir und sein Gast grüssten uns höflich ohne aufzustehen, und -nachdem wir Beide Platz genommen, bot mir, als dem fremden »Effendi«, -der Mudir den Schlauch seines eigenen Nargilés an, während er sich -selbst einen Tschibuk geben liess. Da gerade eine gerichtliche -Verhandlung vorgenommen werden sollte, ersuchte mich der Mudir, ihm zu -erlauben, dass er dieselbe beendige, worauf er mir zu Diensten stehen, -oder -- wie er sich ausdrückte -- sich meiner Anwesenheit erfreuen -wolle. Darauf klatschte er in die Hände und zwei Diener traten -ein. Der eine derselben zog aus dem Gürtel ein kleines metallenes -Tintenzeug, das er stehend seinem Gebieter hinhielt, der Andere schob -einen sehr defect gekleideten alten Bauer vor sich her, der einen -durchlöcherten Fess in den Händen hielt, während von seinem von den -Schläfen bis zum Scheitel glattrasirten Kopf rückwärts ein dünner -Zopf herabbaumelte. Ein Mädchen im Alter von dreizehn oder vierzehn -Jahren folgte. Sie trug weite Pumphosen von blauer Leinwand, keine -Schuhe oder Strümpfe, und ein enges, vorne offenes gleichfalls blaues -Jäckchen. Zwei prachtvolle braune Zöpfe hingen ihr fettgetränkt -über den Schultern. Hände und Füsse waren roth vom Einflusse der -wechselnden Witterung und vielleicht der schweren Arbeit, aber ihr -feingeschnittenes Gesicht war das einer Juno und ihr Wuchs der einer -Hebe. Sie weinte. - -Die Verhandlung spielte sich sehr glatt ab. Ein gewisser Hussein Beg -hatte dem Bauer den Tabak wegnehmen lassen, den derselbe geerntet und -zubereitet hatte. Dazu hatte er das Recht, denn der Tabak war auf -seinem, Hussein Beg's, Grund und Boden gewachsen. Vielleicht hätte -der Beg Erbarmen gehabt mit dem unglücklichen Bauer. Aber es war ein -kleiner Zwischenfall dazu getreten. Die Jele (Helene), die Tochter des -Bauers, hatte in der Nähe von Hussein Beg's Wohnhaus Schafe gehütet. -Und als Hussein Beg Abends nach Hause kam, gab er ihr beim Absitzen -die Zügel des Pferdes mit dem Auftrage, es in den Stall zu führen. -Als aber Jele im Stalle war, da kamen zwei Diener des Hussein Beg und -schleppten sie in dessen Haus. Des andern Morgens wurde sie entlassen -und weil sie einen Bündel von Maiskolben nicht annehmen wollte, die -ihr Hussein hatte verabfolgen lassen, so tractirten sie die Diener mit -Faustschlägen. Tags darauf liess Hussein Beg den Tabak aus des Bauers -Hütte wegschleppen, seinen, des Hussein Beg's, Tabak. - -Das Alles kam umständlich und klar an den Tag. Hussein Beg war nicht -zur Verhandlung erschienen, weil er vor zwei Tagen eine Reise nach -Sarajevo unternommen hatte. Der Mudir befragte den Bauer und die Jele -und notirte Einiges in die Schreibtafel, die er in der linken Hand -hielt. Dann sprach er das Urtheil. Der Bauer musste wegen Usurpirung -fremden Bodens fünfzig Piaster (fünf Gulden) Strafe zahlen. Wenn er -sie nicht zahlen könne, so möge man ihm drei Hammel confisciren und -da er und die Jele anfingen zu weinen, so wurden sie beide zur Thüre -hinausgeworfen. Dann steckte der Mudir seine Schreibtafel wieder in den -Gürtel und die Diener brachten uns prächtig duftenden schwarzen Kaffee. - -Es gibt viele Husseins, viele Bauern und sehr viel unbebautes Land in -Bosnien. Auch haben viele Bauern hübsche Töchter, aber kein Bauer hat -ein Feld, kein Bauer irgend ein Eigenthum. Wenn man darum von Unruhen -in Bosnien hört, so möge man doch den richtigen Massstab anlegen und -bedenken, dass Aehnliches, wie ich es jetzt erzählte, dort alle Tage -vorkommt. Die Folgerungen sind dann leicht. - - - - -Morlakischer Winter. - - -An ein Felsstück gelehnt, von rauhem, zackigem Gestein umgeben, sass -der Antune, das verkleinerte Bild eines herabgekommenen Morlaken, und -sein Bruder Ilia lag ruhig ausgestreckt zu seinen Füssen. Was den -Antune im Augenblicke am meisten ärgert, ist, dass die Thonpfeife, die -er zwischen den Zähnen hält, seit mehreren Tagen nicht gefüllt wurde. -Männern, wenn sie Morlaken sind, ziemt zu rauchen, und Antune zählt -bereits dreizehn Jahre. Ausserdem vertritt er gegenwärtig Vaterstelle -bei seinem noch nicht siebenjährigen Bruder Ilia und waltet als -Hausherr in dem einer Hütte ähnlichen Trümmerhaufen, der höchstens drei -Stunden von hier entfernt, an dem Südhange eines steinigen Hügels steht. - -Hausherren und Familienväter haben ihre Sorgen, darum denkt Antune -emsig darüber nach, wie er es machen solle, um den Bruder Ilia mit dem -gleichen Kleiderschmuck zu versehen, den er selbst trägt. Denn der -Antune hat eine rothe Mütze und um dieselbe herum einen durchlöcherten -Lappen als Turban; Antune besitzt einen kleinen Zopf, der, durch -Bindfaden verlängert und mit kleinen Bleikugeln beschwert, ihm -rückwärts gar stattlich herabhängt. Antune ist mit blauen, zerrissenen, -türkischen Hosen und mit einer etwas zu klein gewordenen, aber grün und -roth benähten braunen Jacke bekleidet; um des Antune Leib prangt ein -schwerer Ledergürtel, in dem zwei mächtige Messer stecken. Antune hat -eine, wenn auch leere Pfeife zwischen den Zähnen und Ilia -- besitzt -nur ein langes weisses Hemd und eine rothwollene Leibbinde, sonst -nichts. - -[Illustration: Antune und Ilia.] - -Ilia ist ja noch ein Kind und trank bis gestern die Muttermilch, denn -ein ordentliches Morlakenkind wird nicht der Mutterbrust entwöhnt, ehe -es sieben Jahre alt ist. Der Antune aber ist ein Mann, er hat aus der -fünf Fuss langen Flinte seines Vaters auf Hasen und Schnepfen schon -mehr Pulver verschossen, als Andere von seinem Alter gesehen; er hat -selbst und ganz allein schon einen Hammel geschlachtet; er wusste den -schweren Holzsattel auf das alte Pferd zu legen und war mehr als einmal -mit einem halben Dutzend Hühner am Sattel und einem Fluch auf der -Zunge, -- so oft nämlich der magere Gaul stolperte, -- auf den Markt -nach Sign geritten. Vor Allem ist er jetzt Hausherr und Familienvater. -Mit dem erhebenden Bewusstsein des Besitzes ist aber auch die Sorge -bei ihm eingezogen, denn gegenwärtig hat er nichts zu rauchen und sein -Bruder nichts zu trinken; die fünf Schuh lange Flinte, seinen Stolz, -haben die Gendarmen mitgenommen, und mit der Flinte den Vater und mit -dem Vater die Mutter. - -Dass die amtliche Wiener-Zeitung eines schönen Tages unter den von -der Rinderpest heimgesuchten Bezirken auch jenen aufgeführt hatte, -in welchem die halbverfallene Hütte des Grgur Staricic steht, war -Letzterem ein Geheimniss geblieben, denn eine Zeitung und eine -Eisenbahn waren Dinge, deren Dasein er bis jetzt nicht einmal ahnte. -Ausserdem stand in gut gemessenem Umkreise von einer Stunde kein Haus -in der Nähe des seinigen und da konnte Grgur Staricic nicht viel -mit Nachbarn verkehren, die ihm die Neuigkeit von der Rinderpest -mitgetheilt hätten. Da war aber eines schönen Tages der Harambascha[43] -gekommen und hatte sich zu dem Feuer gesetzt, das mitten in der -Hütte am Boden flackerte. Der hatte ihm von Dem und Jenem erzählt, -wie nämlich die Zeiten so schlecht und die Polenta immer seltener -würde, wie aus dem nahen Bosnien herüber Räuber gekommen und eine -Caravane ausgeraubt hätten, die gegen Spalato gezogen, wie der Herr -Steuereinnehmer so viele Leute pfänden lasse, trotzdem im Bezirke seit -Monaten die Hungersnoth herrsche und schliesslich wie allenthalben eine -böse Krankheit das Vieh befalle und viele Bekannte um ihren ganzen -Viehstand gekommen seien. Darauf hatte der Grgur entgegnet, wie es ihm -auch nicht besser ginge, wie er vor vierzehn Tage seinen lahmen Gaul -und die letzten zwei Schafe verkauft habe und nichts mehr hätte als -die einzige Kuh. Bei diesen Worten hatte sein Weib, die Mande[44], -die bisher spinnend im Winkel gesessen, aufgeseufzt und die Bemerkung -hingeworfen, dass die Kuh seit zwei Tagen nicht mehr fressen wolle und -wohl krank sein müsse. Ja, -- krank, und unser Herrgott besser's. - - [43] Ortsvorstand. - - [44] Magdalena. - -Grgur Staricic war aber ein guter Hausvater und hielt etwas auf Schick -und Sitte. Darum rief er seinem Weibe, das sich unterstanden hatte, in -Gegenwart von Männern zu sprechen, einen Fluch zu. Das hinderte jedoch -nicht, dass er und der Harambascha hinausgingen zu der kranken Kuh, -die hinter der Thür auf dem Boden lag. Und da hatte der Harambascha, -der, ein sehr gescheidter Mann, sogar ein Mittel wider Schlangenbiss -und Fieber wusste, gesagt, die Kuh hätte die Rinderpest und müsse -erschlagen und verscharrt werden. Darüber aber ergrimmte der Grgur und -schwor, er werde den Harambascha niederschiessen, wenn er ihn oder -seine Kuh noch einmal verunglimpfe. - -Nun, der Harambascha fluchte auch nicht wenig und ging fort, indem er -seine Flinte über die Schulter warf und im Fortgehen dem Grgur einen -bösen Blick zusendete. Und Tags darauf kam eine ganze Cavalcade, ein -Beamter in Uniform, der Bezirksarzt und der Gerichtsdiener zu Pferde, -dann zwei Gendarmen zu Fuss. Die untersuchten die Kuh und fanden sie -erkrankt; der Grgur musste sie selbst schlachten und dann eine tiefe -Grube graben, wobei ihm Mande und der Antune getreulich, aber grollend -halfen. Da hinein wurde der Cadaver geworfen, Erde darüber gestampft -und der Grgur dafür verantwortlich gemacht, dass Niemand die verpestete -Grube öffne. Dann ging die Commission wie sie gekommen war. - -Es war aber Weihnachten und Neujahr vor der Thür, die heilige Zeit, -die sich in Dalmatien nicht in dem hellen schneeschimmernden Kleide -zeigt, wie bei uns zu Hause. Wenn im Norden der Winter über die Flur -streicht und die Nebelflocken hinfegen über die kalte Erde, dann -schleicht oft ein zweiter falscher Frühling über die steingepanzerten -Dalmatiner Berge. Die Sonne steigt dann glanzvoll aus dem feinen -duftigblauen Nebel, den die Nacht über Berg und Thal gebreitet, -und giesst in verschwenderischer Pracht ihre funkelnden Lichter -über das gelbschimmernde Gestein. Wo den langen Sommer über die -brennend heissen, kaum je vom Regen genetzten Felsen in kahler Dürre -starrten, da locken jetzt die täglichen Niederschläge und die im Boden -haftende Wärme eine späte Vegetation hervor, das Trugbild eines rasch -vorübergleitenden Frühlings. - -Für den Morlaken sind das prächtige Tage. Er kann sein Vieh auf die -zerklüfteten Bergabhänge treiben, wo es nach Monaten wieder frisches -Futter findet; er kann sich faul hinauslegen vor seine Hütte mit dem -Pfeifenstummel im Munde, während sein Weib, das beste Lastthier, das -er besitzt, verkümmertes Reisig einsammelt für den Winterbedarf; hin -und wieder gelingt es ihm auch, eine Gans, oder eine Ente oder sonst -einen Zugvogel zu erlegen, der über die steinerne Wildniss gegen den -Süden streicht, und Trinkwasser, das sein Weib den Sommer über aus -einer zwei Stunden weit entfernten Pfütze nach Hause schleppen musste, -das findet er und sein Vieh jetzt im Ueberfluss. In der Hütte stehen -auf einem hohen Verschlage, -- damit die genäschigen Ziegen nicht dazu -gelangen, -- ein Paar Säcke mit Moorhirse und Mais, sein Brod für den -Winter; mit dem Gelde, das er für einen Hammel erhalten, hat er die -Steuern gezahlt; einige Ziegen und Schafe, vielleicht auch ein Schwein, -theilen mit ihm das schützende Dach seiner Hütte und schützen ihn und -die Seinigen den Winter über vor Hunger. - -Freilich stört dann die eisige Bora manchmal sein Stillleben, wenn sie -durch die nackten Gebirgsschluchten einherbraust und in wenigen Stunden -das trügerisch hervorgelockte Frühlingsbild verscheucht. Dann wickelt -der Morlake sich in seinen braunen Mantel und streckt sich, so lang er -ist, neben dem Feuer aus, das mitten in der Hütte brennt. Die Pfeife -im Munde überlässt er sich dann träumerischem Behagen und denkt an die -nahenden Weihnachten. Vielleicht gestattet er dann auch seinem Weibe, -wenn es von der Holzsuche oder mit dem gefüllten Wassereimer auf dem -Rücken halberstarrt in die Hütte tritt, sich neben ihm zum Feuer zu -hocken und die erstarrten Glieder zu wärmen -- +vielleicht+, denn das -Weib ist dem Morlaken ein tief unter ihm stehendes Geschöpf, dem es -+nie+ gestattet ist seinen Platz am Tische und nur selten das wärmende -Feuer mit ihm zu theilen. - -Dieses Jahr hatte sich aber gar schlecht angelassen für die Morlaken -auf weit und breit in der Runde. Der Harambascha hatte Recht gehabt -und Grgur Staricic wusste es, ehe der Harambascha es ihm erzählte, -dass kein Mais und kein Moorhirse in den Hütten zu finden sei, dass die -Schafe und Ziegen schon vor Monaten auf den Markt wandern mussten, dass -ihm das Mehl für den Winter und das Saatkorn für das Frühjahr fehle, -und dass es ihm ganz verteufelt schlecht gehen werde. Und die Festtage -waren vor der Thüre! Festtage ohne Schafbraten, ohne Wein und ohne -Schnaps, die ihm doch sonst niemals gemangelt! - -Kein Braten, kein Wein, kein Branntwein, kein Pulver mehr im Hause -und keinen Tabak im Beutel -- aber hundert Schritte hinter dem Hause -die frisch vergrabene Kuh. Grgur Staricic versteht es besser als der -Prätor, der Bezirksarzt und alle diese Herren miteinander. Darum -rief er der Mande und ging hin zur frisch gefüllten Grube. Die Mande -schleppte zwei Spaten herbei und dann gruben die Zwei, bis der Cadaver -wieder an's Tageslicht kam. Der wurde zerstückt in's Haus geschleppt. -Braten, guten frischen Braten, hätten sie jetzt in Hülle und Fülle -- -wenn nicht gerade während der Arbeit wieder die leidigen Gendarmen -gekommen wären, die gar wohl ihre Leute kennen mochten. - -Da war aber der Grgur Staricic wild aufgefahren und hatte sich mit -der Hacke zur Wehre gesetzt als die Gendarmen ihm seinen Festbraten -nehmen wollten; und als sie ihn überwunden, da feuerte die Mande aus -der Hütte auf die Gendarmen -- zum Glück, ohne sie zu treffen, denn die -Kugel durchlöcherte nur des Einen Mantel. Darum hatten die Gendarmen -den Grgur Staricic mit einem soliden Handeisen an die theure Mande -gefesselt, die Flinte mitgenommen und alle Drei, den Grgur, die Mande -und die Flinte dem nächsten Bezirksgerichte übergeben. - -Das ist die Ursache, warum der Antune jetzt Hausherr und Familienvater -ist und der Ilia nichts zu trinken hat. Damit er und sein Bruder zu -essen hätten, bequemte er sich, die Schafe des Pfarrers, der nur -eine Stunde entfernt wohnte, zur Weide zu treiben. Da konnte der -Ilia bei ihm bleiben. Des Nachts schliefen sie im Schafstalle, des -Morgens bekamen sie Jeder ein grosses Stück Maisbrod mit auf den Weg -und Abends fehlte es auch nicht an einem Bissen. Und dabei konnte er -hin und wieder in seiner Hütte nachsehen. Es war zwar nichts da, das -fortgenommen werden konnte, aber das Bewusstsein der Verantwortlichkeit -machte sich doch geltend. - -Weil das Wetter so schön und die Luft so lau, hatte er heute, am -Weihnachtsabende, seine Schafe weit hinausgetrieben über die steinige -Wüste. Dort sprosst junges Gras aus den Steinritzen, dort grünt noch -ein oder das andere Blatt an einsam stehenden verkrüppelten Bäumen und -Sträuchern, dort sitzt er auch sonst gerne mit dem Ilia, weil er den -ganzen Tag über keines Menschen ansichtig wird und nachbrüten kann über -das ihm unbekannte Schicksal des Vaters und der Mutter. Er denkt auch -gerne daran, wie er an den Gendarmen sich rächen könne, aber früher -müssen Vater, Mutter und Flinte wieder in der halbverfallenen Hütte -sein. - -[Illustration: Die Hirtenknaben am Weihnachtsabend.] - -Halt! Was war das? Ein dröhnendes Pfeifen tönt aus der Schlucht -die jene beiden Felsen trennt -- ein Rauschen folgt nach, als ob -Millionen von kleinen Steinchen gegen den Felsboden geworfen würden --- die Schafe, die weit zerstreut ihre magere Atzung suchten, drängen -sich herbei gegen die schützende Felswand und ein eisigkalter Luftstrom -braust über den Felsboden hin durch die grün und roth ausgenähte Jacke -des Antune und durch das Hemd des Ilia. - -Die Bora ist's, die Bora, wie man sie nur in Dalmatiens felsigen Bergen -kennt, wo sie plötzlich hereinbricht mit Riesenkraft und Donnergeheul, -wo sie Bäume entwurzelt, Felsstücke hinabrollt über die Berge, Hütten -wegfegt und das kletternde Vieh hinabstürzt in gähnende Gründe. Die -Bora ist's mit ihrem eisigen Hauch, der in wenigen Stunden die jungen -Triebe, die ein falscher Frühling hervorgelockt, farblos hinlegt auf -den Boden als wenn sie verbrannt wären und glitzernde Eiskrystalle über -Berg und Thal zaubert. - -Jetzt nach Hause treiben? Nein -- das thut der Antune nicht -- denn er -ist ein Mann und weiss, dass ihm seine Schafe hinabgefegt würden über -den Berg wie die Strohhalme. Er weiss auch, dass er vor fünf Stunden -nicht nach Hause käme, während die Sonne in zwei Stunden bereits hinter -den Berg sinken müsse. Er thut Besseres: er wälzt Steine zusammen gegen -die Felswand, die ihm den Rücken wider die Bora schützt. - -Ein Haus kann er flugs nicht bauen, aber eine kleine Cyklopenmauer -kann er aufführen von ungefügen Steinen und sich auf diese Weise gegen -zwei Seiten hin schützen. Das thut er auch mit festverbissenen Zähnen, -ohne ein Wort zu sprechen. Der Ilia hilft ihm weinend. Dann treiben -sie die Schafe näher zusammen und als die Sonne zu Rüste geht, setzen -sie sich hin, Antune an die Felswand gelehnt und den Ilia mit beiden -Armen umfangend. Früher hat er dem Ilia seine Jacke angezogen. Er und -Ilia haben zwei Schafe bei ihrem Vliess gepackt und enger an sich -herangezogen. Dann geht die Sonne unter. Dann brüllt die Bora und mit -ihr zieht Frost und der heilige Abend in das Land. Antune und Ilia -drückten sich enger zusammen. - -Sie schlafen. Ob der Antune von der Rache träumte, die er an den -Gendarmen nehmen will? oder der siebenjährige Ilia von der Muttermilch, -die er so schmerzlich entbehrt? Das hat man nie erfahren. - -Am Christtage fand man die Schafe noch immer zitternd zusammengedrängt -unter der Felswand, die Hirten aber schliefen für immer. - - - - -Die streitbaren Bocchesen. - - -Der heilige Tryphon ist ein grosser Heiliger, war aber auch ein -wehrhafter und tüchtiger Mann: er hat seinerzeit dem Teufel den Schwanz -ausgerissen. - -Jedenfalls steht es fest, dass man die sonderbarsten Heiligen der Welt -in Dalmatien findet. Nicht in dem Sinne, in welchem man gewöhnlich -den Ausdruck »sonderbarer Heiliger« gebraucht, sondern weil es in -Dalmatien Heilige gibt, deren Namen kein Mensch kennt, der nicht -die neununddreissig Quartbände der Bolandisten durchgelesen, oder -Dalmatien seine Heimat nennt. Ein in ganz Dalmatien hochverehrter -Heiliger ist der heilige Dojmo: ausser Dalmatien unbekannt -- der -Specialschutzheilige der Stadt und des Gebietes Cattaro ist der heilige -Tryphon -- nicht einmal in ganz Dalmatien, geschweige denn über -dasselbe hinaus bekannt. - -Wenn man die lange eintönige Kette hoher, grösstentheils schroff -aufsteigender und unbewaldeter Berge vorüberfährt, welche das unter -dem Namen Bocca di Cattaro bekannte Gewirr von Buchten, Meerengen und -Canälen zu beiden Seiten begleiten, so findet das Auge gleichwohl -schöne, grünschimmernde Ruhepunkte. An beiden Ufern schwingen sich -in den kleinen Raum, der zwischen dem Fusse der mächtigen Berge und -dem Meeresufer frei geblieben, anmuthige Ortschaften mit netten -weissglänzenden Gebäuden; dazwischen sind Gärtchen zerstreut, rings -herum ein Anflug von Grün auf dem Bergesabhang oder gar eine schöne -üppige Vegetation, wie bei Castelnuovo. Die Häuser stehen meistens -hart am Meere, deren Eigenthümer sind Schiffscapitäne, die gar oft mit -dem eigenen Schiffe bis vor ihr Hausthor fahren und, von weiter Fahrt -heimkehrend, nur einen Sprung vom Verdecke auf das Land zu machen -brauchen, um Weib und Kinder zu umarmen. - -In dem gegen Süden laufenden eigentlichen Canal von Cattaro ist das -am östlichen Ufer liegende Dobrota der letzte Ort, der den erwähnten -anmuthigen Eindruck macht. Dann erweitert sich der Canal zu einer -Bucht, die keine weitere Ausfahrt bietet. Die Berge werden höher und -schroffer, sie fallen so jäh ab, dass man jeden Augenblick fürchten -möchte, einer der mächtigen Felsblöcke werde herabkollern und im -Niedersturze ein Häuschen begraben, das am Meeresufer steht, oder ein -im Canal hinauffahrendes Schiff zerschmettern. Die Farbe des Gesteins -wird schwarzgrau, tiefe Schatten breiten sich über die Bucht, in -welcher des Winters erst zwei Stunden vor Mittag die Sonne aufgeht; -riesige Felskuppen spiegeln sich in der dunklen Fluth -- es sind die -Spitzen der berühmten schwarzen Berge -- montenegrinisches Gebiet. -Am Ende dieser unheimlich düstern Bucht liegt eine kleine Masse von -dunklen alterthümlichen Häusern, von alten Festungsmauern umgeben, von -einem auf vorspringender Kuppe des Felsens erbauten Fort überragt -- es -ist Cattaro. - -Düster wie das Meer und die dasselbe umrahmenden Berge ist die -Stadt -- düster die alten aus Quadern erbauten Häuser -- düster -die alterthümlichen, vielfach von Erdbeben beschädigten Kirchen -- -düster die Menschen, die hier wohnen. Und so mag es denn auch nicht -Wunder nehmen, wenn sich die Cattareser einen so düstern Heiligen zum -Schutzpatron erkoren haben, wie es der heilige Tryphon ist, den in -der ganzen übrigen Welt Niemand kennt, und der dem Teufel den Schwanz -ausgerissen hat. - -In der uralten Domkirche, die um das Jahr 900 erbaut wurde, und deren -ganze mächtige Wölbung auf vier Granit- und Marmorsäulen ruht, zeigt -ein ober dem Hochaltar angebrachtes Marmorfries die Thaten des Kirchen- -und Schutzpatrons. Der heilige Tryphon war nach der Legende ein Mensch, -der, zu Kampsade bei Apamea in Phrygien geboren, schon seit seiner -frühesten Jugend sich mit Teufelaustreiben beschäftigte und diese -Beschäftigung auch nicht aufgab, bis er unter dem Kaiser Philippus -von dem Präfecten Aquilinus gemartert und schliesslich geköpft wurde. -In der Schatzkammer der Domkirche sind sehr schöne Marmorsculpturen, -welche des Heiligen Martern darstellen; der erwähnte Fries ober dem -Hochaltar aber zeigt die Wunder des Heiligen, die er an verschiedenen -Besessenen durch Austreibung böser Geister geübt hat -- schliesslich -flieht ein entsetzlich aussehender Teufel mit Fledermausflügeln und -Krallen, während Tryphon ihm eben den Schweif ausreisst. - -Ein so tapferer Mann konnte und musste den kriegerischen Bocchesen als -der richtige Heilige erscheinen. Als daher die Venezianer im Jahre 809 -seinen Körper nach Cattaro brachten, war das Volk hocherfreut darüber, -erbaute ihm zu Ehren die Kirche und begab sich unter sein Protectorat. -Was aber die pfiffigen Venezianer als Gegenleistung dafür verlangten, -dass sie den heiligen Körper von Nicäa auf einem eigenen Schiffe hieher -geführt, das weiss man heute nicht mehr -- wenigstens konnte ich es -ebensowenig in Erfahrung bringen als den Grund, aus welchem hier -Jedermann mit einem kleinen Arsenal von Waffen im Gürtel herumgeht. - -Nicht weniger wehrhaft als die Männer scheinen die Boccheser Frauen zu -sein. - -An dem Canale von Cattaro, kaum eine halbe Stunde von dieser Stadt -entfernt, liegt Dobrota, ein grosser, hübscher Ort, grösser und viel -schöner als Cattaro selbst. Jedes Gebäude dieses Orts bildet für sich -eine kleine Festung, ist von den Nachbarhäusern durch einen Garten -und tüchtige mit Schiessscharten versehenen Mauern abgesondert. Die -Eingänge zu diesen Häusern sind gewölbt, die Thüren von massivem Holz -und mit Eisen beschlagen. Neben jeder Hausthüre sind wieder zwei -Schiessscharten und unter jedem Fenster sind durch die Mauer zwei -Löcher von beiläufig zwei Zoll im Durchmesser gebohrt. Ich konnte -lange nicht mit mir in's Reine kommen, welchen Zweck diese ungefähr -einen Fuss ober dem Fussboden des Zimmers angebrachten und schräg -nach abwärts durch die Mauer laufenden dünnen Canäle haben sollten. -Da brachte mir ein günstiges Geschick angenehme Gesellschaft und die -gewünschte Erklärung. Beides zugleich. - -Wo die Natur so arm und die Umgebung so wild ist, da kann auch der -Charakter der Bewohner nicht anders als düster sein. Das ist auch in -der Bocca di Cattaro der Fall. Die heitere Beweglichkeit, die hellen -Farben in der Kleidung, das laute, lärmende, öffentliche Leben, Dinge, -die allerwärts den Süden so schön und seine Bewohner so anmuthig -erscheinen lassen, sie fehlen in der Bocca gänzlich. Der richtige -Bocchese ist entweder zur See oder er hat sich auf seinen Seereisen ein -Stück Geld erworben und heimgebracht; dann geht er in dunkler, halb -städtischer, halb slavisch nationaler Kleidung, mit dem langen Tschibuk -in der Hand, gemessenen Schrittes durch die Strassen, sitzt mit seinen -Genossen plaudernd in irgend einem der kleinen Kaffeehäuser oder späht -auf der Marina unter den ankernden Küstenfahrern herum, ob sich nicht -in irgend einer Weise ein vortheilhaftes Geschäft, irgend ein Handel -machen lasse. Sein Weib und seine Tochter aber, die bleiben unter allen -Umständen zu Hause, -- es wäre eine Schande, wenn sie sich auf der -Strasse sehen und von fremden Männern ansehen liessen, eine Schande für -den Herrn des Hauses, für die Weiber, für die Familie. Man ist hier an -der Grenze des Orients. - -Zwischen dem Bewohner der Stadt und dem sogenannten Bauer gibt es in -dieser Beziehung wenig oder keinen Unterschied. Beide tragen dieselbe -finstere Würde zur Schau, wenn sie sich auf der Gasse zeigen, -- beide -halten die Arbeit für unvereinbar mit der Würde eines freigebornen -Mannes. »Die Arbeit ist für die Sclaven«, das ist ihr Losungswort. -Leider gibt es in der Bocca di Cattaro keine Sclaven mehr und so bleibt -die Arbeit eben liegen. Es geht auch ohne dem. - -Ich hatte in Cattaro die Bekanntschaft eines jungen Schiffscapitäns -gemacht. Der Mann war, so jung er schien, weit herumgekommen in -der Welt und hatte vieles von der trockenen und rauhen Aussenseite -abgeschliffen, die seinen Landsleuten sonst in so hohem Grade eigen -ist. Ja, -- selbst über gewisse Vorurtheile vermochte er sich -hinauszusetzen, denn er sprach mir von seiner Schwester, einem jungen -Mädchen, das nach dem Tode der Aeltern im Hause die Wirthschaft führte. -Er sprach von ihr ohne früher um Entschuldigung zu bitten, als ob er -von einem unreinen oder ekelhaften Gegenstande gesprochen hätte, und -lud mich sogar ein ihn in seinem Hauswesen zu besuchen. Er wohne in -Dobrota, eine halbe Stunde von hier entfernt, und wenn ich wolle, sei -er bereit mich hinauszuführen. Ich willigte ein. - -Die Sonne warf eben ihre letzten Strahlen wie flüssiges Gold über -die Kuppen der hohen Berge und der breite Canal kleidete sich in -schwarzblaue Tinten. Kleine Fischerboote fuhren bei kaum merkbarem -Winde hin über die dunkle Fläche und eine tiefe Frühlingsabendstille -senkte sich über die schwarzen Berge und die tiefdunkle See. - -Diese feierliche Stille wurde kaum unterbrochen, als wir nach kurzem -Gange nach Dobrota kamen. Dobrota ist nur von Schiffscapitänen -bevölkert. Folge davon ist, dass man in ganz Dobrota kaum eines -erwachsenen Mannes ansichtig wird. Früher erlernten die Dobrotaner die -Führung eines Schiffes nur practisch und konnten selten schreiben und -lesen. Seitdem der Staat aber die Ausstellung eines Capitän-Patents -von dem Erfolge einer theoretischen und practischen Prüfung abhängig -macht, besuchen sämmtliche Jungen die nautische Schule, lernen etwas -Tüchtiges und gehen dann auf die See. Natürlich sind sie immer auf -kleinen Reisen begriffen, schicken Briefe aus New-York, Marseille, -London, St. Francisco, Hongkong und Gott weiss woher sonst noch, aber -nach Dobrota kommen sie alle zwei oder drei Jahre einmal auf wenige -Tage. - -Früher traf es sich hin und wieder, dass aus den schwarzen Bergen -herab eine kleine nächtliche Expedition unternommen wurde, um von -den Familien der abwesenden Schiffscapitäne ein wenig von all' den -schönen Sachen, den glänzenden Goldstücken und dem hübschen Geschmeide -zu holen, das die in der Welt herumfahrenden Hausväter heimgesendet -oder gelegentlich mitgebracht hatten. In den Häusern waren nur Weiber -und Kinder, höchstens noch ein Knecht. Wenn nun verdächtiges Gesindel -den Eingang des Nachts erzwingen wollte, so wurden lange Gewehre mit -erweiterter Mündung durch die unter den Fenstern angebrachten Canäle -gesteckt, von welchen ich früher erzählte, und ohne zu zielen einfach -abgefeuert. Denn die Canäle sind so gebohrt, dass immer einer die -Eingangspforte des von Mauerwerk aufgeführten, von der Gasse gegen das -Haus führenden Ganges bestreicht, der andere die Hausthüre selbst. - -Wir kamen an das Haus meines Freundes. Ein Knecht öffnete uns -nachdem wir an der Pforte geläutet, und wir schritten einen langen -zwischen zwei hohen Mauern im Zikzak laufenden Gang entlang gegen -das eigentliche Wohngebäude. Der Gang erinnerte einigermassen an -den gedeckten Weg einer Festung und mochte auch ungefähr dieselbe -Bestimmung haben. An der Thüre des Hauses abermaliges Läuten, darauf -eilende Schritte von Innen, -- die Thüre öffnete sich und vor uns stand -die Schwester meines Freundes. - -Ein schönes, schlankes Mädchen mit prachtvollen dunkeln Augen und -reichem schwarzen Haare, stand sie in einfachem schwarzen Kleide unter -der Thüre und wurde nicht im mindesten verlegen, als ihr Bruder uns -einander vorstellte. Ja, sie bot mir die Hand mit der einfachen und -unbewussten Eleganz einer Weltdame und übernahm es augenblicklich mir -Garten und Haus zu zeigen, während der Bruder einige alte Prachtwaffen -herbeiholte, von denen er mir früher schon gesprochen hatte. - -Während wir die höchst reinlich gehaltenen mit tüchtigen Fensterbalken -und Schiesscanälen versehenen Zimmer durchschritten, erzählte mir -meine schöne Führerin, wie ihre Grossmutter, die erst im vorigen Jahre -beinahe achtzig Jahre alt gestorben, als deren Kinder noch klein waren -und sie mit zwei Mägden und einem Knechte die ganze Besatzung des -Hauses bildete, einmal dasselbe vor Nachtszeit gegen einen von mehr als -dreissig Räubern unternommenen Ueberfall vertheidigte. Das Mädchen wies -mir die Schiessscharten, durch welche die Grossmutter gefeuert hatte -und schleppte ein unsinnig langes Trombon herbei, um mir zu zeigen, wie -dasselbe, mit mehreren Kugeln oder gehacktem Blei geladen und einfach -durch den Schusscanal gesteckt, unfehlbar Jeden treffen musste, der -durch das Thor eindringen wollte. Als sie mir das Alles erzählte, -blitzten ihre wunderschönen Augen und sie redete sich in eine förmliche -Begeisterung hinein, während ihre hübschen Finger fieberhaft mit dem -alten Steinschlosse des Trombons spielten. Jedenfalls scheint die -Enkelin der Grossmutter nachgerathen zu sein -- wehe dem Räuber, der es -einmal wagen sollte, diese Festung zu stürmen -- ich glaube, das alte -Trombon thäte heute noch seine Schuldigkeit. - -Das Mädchen wurde gar leutselig und gesprächig, als sie und ihr älterer -Bruder, der sich von überstandener Krankheit in der Heimat erholte, -mich durch den Garten des Hauses führte. Sie war -- wie sie mir -erzählte -- nur viermal in ihrem Leben in Cattaro gewesen, ausserdem -hatte sie noch nie Dobrota verlassen. Das elegante schwarze Kleid, das -sie trug, hat sie selbst verfertigt. Sie hält sich ein Modejournal. -Früher war sie national gekleidet, aber seitdem Vater und Mutter todt -sind, kleidet sie sich »europäisch«, wie sie bezeichnend und lächelnd -sagte. Sie ist Braut. Ihr Bräutigam ist natürlich Schiffscapitän und -weilt gegenwärtig in Genua. Das Schiff, das er commandirt, ist +ihr+ -Eigenthum und sie bringt es ihm als Morgengabe mit. Sobald Schiff -und Bräutigam zurückkehren, giebt's Hochzeit und dann macht sie mit -ihrem Schiff und ihrem Gemal eine Hochzeitsreise nach New-York, wohin -das Schiff Ladung bekommen. +Er+, der Bräutigam, hat auf +ihrem+ -Schiff bereits eine extra schöne Cajüte bauen und einrichten lassen, -sämmtliche Möbel sind von dem Holze eines Birnbaumes in Buenos Ayres, -das so feine Adern hat »wie ein Christenmensch« und sich anfühlt wie -Sammt. Mit demselben Holze ist auch die Cajüte getäfelt und die Schöne -freute sich unsinnig auf Cajüte, Bräutigam, Schiff und Reise. - -Als wir später wieder in das Haus hinaufgingen und sie der Magd die -Tasse mit schwarzem Kaffee abnahm, um dem Bruder und mir denselben -zu credenzen, war sie nicht zu bewegen, selbst auch Kaffee zu nehmen -oder sich auch nur an den Tisch zu setzen. Es schicke sich nicht, -meinte sie, dass ein Frauenzimmer und gar ein Mädchen in Gesellschaft -von Männern esse oder trinke, und der Bruder bestätigte ruhig diese -Ansicht. Zum Abschiede gab sie mir aber ohne jede Ziererei wieder die -Hand und wünschte mir eine recht glückliche Reise. Die meinige werde -wohl kürzer sein, sagte sie lächelnd, als die ihrige. In vier Wochen -dürfte sie bereits verheiratet sein und dann geht's zu Schiffe. Zurück -kehrt sie erst, wenn sie das erste Kind bekommen. Das sagte sie, -ohne im mindesten zu erröthen und dabei blickten ihre prachtvollen, -schwarzen Augen mit einem eigenthümlichen Ausdrucke hinaus, als ob sie -über das Meer sehen könnten bis nach New-York und in die Zukunft bis -zur Ankunft des ersten Kindes. - - - - -Der Gouverneur von Scoglio Stipansko. - - -Der Patron Zuanin Dedich drehte unser lateinisches Segel etwas mehr -gegen den frischen Ostwind und that einen Ruck am Steuerruder. Folge -davon war, dass sich unsere Barke auf die Seite legte, dass ferner -beide Damen laut aufschrien und dass ich ein Glas Wein zur Hälfte -verschüttete, welches ich eben gefüllt in der Hand hielt. - -»Keine Furcht!« sagte Patron Zuanin ruhig, »ich halte etwas vom Winde -ab, weil die Barke am besten »mezza nave« fährt und da hinten ein -Wetter heraufkommt. Je eher wir nach Stipansko kommen, desto besser. -Wenn's gut geht, bleiben wir über Nacht dort. Ich habe mir's ohnehin -gedacht -- aber mit Weibern ist nicht zu reden, wenn sie sich einmal -etwas in den Kopf gesetzt haben. Sie wissen ja!« - -Mit seiner Hand, welche die Grösse eines massigen Tellers hatte, -veranschaulichte uns dabei Patron Zuanin, dass »mezza nave« eine -schiefe Stellung des Schiffes bedeute, wobei der Wind und die klemmende -Kraft des Steuerruders unter einem spitzen Winkel sich kreuzen. - -Die despectirliche Aeusserung bezüglich der Damen fühlte er sich -durchaus nicht bewogen, zu entschuldigen. Nachdem er seinen -Orakelspruch zum Besten gegeben, sass er wieder unbeweglich auf seinem -Kranz von Stricken, hielt das Steuerruder umfasst und blickte mit -seinen hellgrauen Seemannsaugen unverwandt auf die Felsen, die aus den -sanftbewegten Wellen vom Sonnenschein übergossen vor uns auftauchten. - -Wenn wir auf einer Felsen-Insel übernachten mussten, so war Niemand -daran Schuld als der selige Joachim Heinrich Campe mit seinem Robinson -Crusoe. Die beiden im Boote befindlichen Damen -- die Frau meines -Freundes und meine eigene -- hatten sich urplötzlich an Robinson's -Felsen-Insel erinnert, als sie nach Spalato gekommen, und hingen -so lange und so fest an dem Wunsche, einmal auch ein wirkliches -Riff-Eiland zu sehen und zu betreten, bis die Partie zu Stande kam, -die uns nach Scoglio Stipansko führte. - -Scoglio heisst Riff- oder Felsen-Insel. Längs der dalmatinischen Küste -liegt eine grosse Menge dieser öden Eilande, vom Meer umflossen, vom -Sturm gepeitscht, im Sonnenbrande glühend, nackt oder von spärlichem -Pflanzenwuchs bedeckt, zerklüftet und zerrissen, einsam und unbewohnt. -Zur Sommerszeit, wenn die sengende Hitze auf den grösseren Inseln und -auf dem Festlande Alles ausgetrocknet und verbrannt hat, findet sich -wohl einer und der andere der armen Bauern von Lesina, Lissa, Solta -oder Zirona, der ein paar Stücke Vieh in einer Barke auf den Scoglio -übersetzt, eine Art Hütte aufschlägt und bis zu Winters Anfang dort -haust. Ein- oder zweimal des Monats fährt er dann nach Hause zur -nächstgelegenen bewohnten Insel, bringt Ziegen- oder Schafkäse zum -Verkaufe mit, den er bereitet hat, und holt sich das Nothwendigste zum -Leben. Dann bleibt er wieder wochenlang allein auf dem Scoglio. - -In der Nähe von Zara, im Canale della Morlacca, gibt es grössere -Scogli, welche Bäume und Rebenpflanzungen, sowie Hütten aufweisen und -das ganze Jahr bewohnt sind. Im Westen der südlichen grossen Inseln -aber, bei den Inseln Lesina, Lissa, Curzola, Zirona, Solta, da findet -man nur kleinere Scogli zerstreut, meistens weit hinausgeschoben in das -adriatische Meer, so arm und nackt, dass sie oft nicht einmal einen -Eigenthümer haben; Niemand begehrt sie. - -Weil aber der Scoglio Stipansko im Stande ist, einige Stücke Vieh -durch einige Wochen zu ernähren, so hat er auch einen Eigenthümer, die -Familie Stipanovich in Oliveto auf der Insel Solta. Und der Scoglio -Stipansko war das Ziel unserer Reise, die wir von Spalato aus auf der -Barke »Le sorelle allegre«, Patron Zuanin Dedich, unternommen. - -Das Gewitter, das vom Osten herankam, hatte angefangen sich fühlbar zu -machen. Noch hatten wir hellen glänzenden Sonnenschein, aber das Meer -wurde immer unruhiger, die Wogen hoben und senkten unsere kleine Barke, -die keck »mezza nave« dahinglitt und der Ostwind, der unser Segel -vollauf schwellte, war feucht und frisch von dem über die grosse Insel -Brazza niedergehenden Regen. - -»Werden wir hier anlegen können, Patron Zuanin?« fragte ich, als die -Felsen des Scoglio Stipansko steil und beinahe unmittelbar vor uns aus -den weissen Kämmen der Wogen aufstiegen. - -»Hier nicht, Herr,« lautete die Antwort. »Hier gibt's keinen Schutz und -keinen Ankergrund. Und wenn das Wetter so fortmacht, so geht mir hier -über Nacht die Barke in Trümmer. Mit dem Zurückfahren ist's aber für -heute entschieden nichts, denn +dieser+ Wind hält an«. Dabei drehte -Patron Zuanin das Steuer und wir flogen, um die felsige Küste des -Scoglio herum, dessen Westende zu. - -Die Felsenabhänge wurden immer niederer, je mehr wir der Nordwestspitze -des Scoglio uns näherten, und als wir dieselbe nach zehn Minuten in -scharfer Wendung umschifft hatten, befanden wir uns unter dem todten -Winde in einer kleinen sandigen Bucht, in welcher einzelne Felstrümmer -zerstreut aus dem Wasser hervorsahen. Patron Zuanin schlang das Ende -eines Seiles um eines dieser Felstrümmer, die Barke lag still und das -Segel schlug in schlappen Falten an die Stange. - -Der Kiel unserer Barke knirschte bereits im Sande und wir waren -wenigstens noch fünfundzwanzig Schritte vom Ufer entfernt. Es blieb uns -also nichts übrig, als uns unserer Fussbekleidung zu entledigen, die -Beinkleider hinaufzuschürzen und -- Jeder von uns mit seiner Frau in -den Armen -- das Trockene zu gewinnen. - -Wir möchten nur geradeaus gehen, hatte Patron Zuanin gesagt, bis wir -das »Haus« des Joso vor uns hätten. Er, Zuanin, werde unterdessen den -Proviant an's Land schaffen, die mitgenommenen Decken und auch das -Segel, das wir vielleicht des Nachts brauchen könnten. - -Vom Ufer aus bedeckte noch auf wenige Schritte trockener Meeressand den -Felsboden, wie ihn die hochgehende Fluth oder ein tüchtiger Weststurm -heraufgeworfen hatte; dann aber sahen wir nichts vor uns, als eine -Art felsiger Mulde, ohne jede Spur eines Pflanzenwuchses, ohne Spur -eines lebenden Wesens. Die zerbröckelten scharfen Steine schnitten -uns in die Füsse und wir konnten nur langsam vorwärts kommen auf -unserer Suche nach dem »Hause« des Joso. Mächtige Steinblöcke hatten -sich von den mauerartigen Uferfelsen der Insel losgerissen, waren in -das Innere der Insel gekollert und hemmten von Zeit zu Zeit unseren -Weg. Wir stiegen bergan. Die hohen Felsen schoben sich näher zusammen -und zeigten in ihren Rissen und Sprüngen einen spärlichen Graswuchs. -Dazwischen ragten die stacheligen Blätter von Aloëstauden, und als uns -ein leises Geräusch aufblicken machte, sahen wir zwei Ziegen, die, in -kühnen Sätzen gleich Gemsen von Stein zur Spitze springend, vor uns -flohen. Noch einige Minuten dauerte unser beschwerlicher Weg. Dann -kamen wir auf eine Art Plateau, aus dessen steinigem Boden gleichwohl -dünner Graswuchs sprosste. Zwei magere Kühe und etwa ein Dutzend -Schafe weideten da, die bei unserem Anblicke gleich den beiden Ziegen -Reissaus nahmen. Zur linker Hand -- gegen Norden -- erhob sich eine -Felswand. Ein herabgestürzter Riesenblock lag da, an den Hang gelehnt. -Wir mussten an demselben vorüber und kaum hatten wir ihn erreicht, so -stand urplötzlich, wie aus dem Felsen selbst herausgesprungen, eine -menschliche Gestalt vor uns -- -- es war der Gouverneur von Scoglio -Stipansko. - -Rohe Sandalen an den Füssen, blaue Beinkleider, die an den Hüften mit -einer rothwollenen Schärpe befestigt waren, und ein +weisses+ Hemd -sowie ein Strohhut waren seine Bekleidung. Ein wettergebräuntes Gesicht -mit einem Paar hellgrauer, finsterblickender und fernsehender Augen, -das von tausend feinen Runzeln gefurcht war, blickte uns trotzig und -ruhig an. Seine linke Hand hielt das Rohr einer langen Flinte umspannt. -Der Felsen hinter ihm zeigte eine tiefe Kluft, eine Art Höhle. Ueber -den Eingang derselben und den oberen Theil des Felsenblockes, der -sich an die Wand lehnt, waren knorrige Baumäste und einige alte Ruder -geschichtet. Darüber lag Reisig mit trockenem Laub, dann eine Lage -getrockneter Seealgen. Auf dem Ganzen ruhten schwere Steine. Thür war -keine vorhanden. Das war die Residenz. Und der Mann, der, auf die alte, -lange Flinte gestützt, vor deren Eingang stand, war Joso Grancic, der -Gouverneur von Scoglio Stipansko. - -Nur Gouverneur? Nein, mehr als das, einziger unumschränkter Gebieter -über Alles, was da lebt und webt auf dem Scoglio -- nicht ausser, -aber über dem Gesetze -- nur gebietend, aber Niemandem gehorchend: so -waltete Joso Grancic vom Mai bis October jeden Jahres auf dem Scoglio, -fernab vom Getriebe der Menschen -- nur zwei Stunden von der nächsten -dalmatinischen Insel entfernt und doch so einsam, als wäre er auf einem -Korallenriffe der Südsee. - -Ob er immer so allein gewesen? Nein, wir hörten es später, wer ihm -Gesellschaft geleistet. Wir hörten auch, warum er jetzt allein war. -Sein Tschibuk trug die Schuld, nicht er. - -Der Abend war herangebrochen und der Sturm kam vom Osten her über die -Wogen geflogen, so dass sie sich mit weissem Gischte krönten und wild -anbrausten an die Felsen. Die zwei mageren Kühe, die Schafe und die -Ziegen hatten sich unter die überhängenden Felswände geflüchtet vor dem -strömenden Regen. - -Wir hatten unser mitgebrachtes Nachtmal eingenommen. In der Höhle -hatten wir aus dem Segel und einigen Decken ein Nachtlager für die -beiden Frauen bereitet, auf welchem sie, ermüdet von der frischen -Seeluft, süss und ruhig schliefen. Wir Männer sassen unter dem -Vordache der Hütte zwischen dem Felsenblocke und der Steinwand um ein -kleines Feuer aus Kohlen und trockenem Ginster im Kreise. Wir hatten -köstlichen Wein aus Solta und den wunderbarsten Tabak, der nur je über -die bosnisch-dalmatinische Grenze geschwärzt wurde. Und da wir gut -genachtmalt hatten, so ging uns nichts ab zum traulichen Gespräche am -gastlichen Feuer. So mögen die Flüchtlinge aus Troja, so der kluge -Ulysses mit seinen Gefährten am Feuer gesessen sein, des Tages Müh' und -der fremden Umgebung Eigenart besprechend. Nur fehlte jenen der Tabak. - -Jose Grancic war gastfreundlich wie alle Dalmatiner. Er hatte uns zu -Ehren ein Lamm schlachten wollen, was wir aber nicht zugaben. Und -so hatte er wenigstens frischen Käse und Milch und Polenta zu dem -gemeinschaftlichen Nachtmal beigesteuert und sass jetzt, langsam seinen -Wein schlürfend und den Tschibuk in der Linken, mit unterschlagenen -Beinen bei uns am Feuer. - -Anfangs war Jose Grancic einsilbig und trocken. Er sprach so selten -mit Menschen, da musste er das Reden schier verlernt haben. Dann aber -löste ihm der feurige Soltaner Wein die Zunge und er erzählte uns wie -es gekommen, dass er jetzt allein sei auf dem Scoglio Stipansko und wie -er's früher nicht gewesen. - -Ganz im Anfang war er allerdings auch allein. Denn er war noch nicht -fünfzehn Jahr alt, als ihn sein Vater zu Beginn des Frühlings mit dem -Vieh nach dem Scoglio sendete, wo er den Sommer über blieb. Die Höhle -hatte er vor vierzig Jahren auszumeisseln begonnen und auch das Vordach -vor derselben war sein Werk. Auch die kleinen Cisternen hatte er in den -felsigen Grund gegraben, die ihm und seinem Vieh Wasser lieferten. - -[Illustration: Joso Grancic, der Gouverneur von Scoglio Stipansko.] - -Drüben auf der Ostseite hatte er so manchen Spalt des Gesteins langsam -und mühselig urbar gemacht. Die Erde hatte er mit den Händen aus den -Felsritzen gescharrt und auf seinem Rücken zusammengetragen. Darum ist -es +sein+ Kohl und +sein+ Gemüse, das er jetzt baut. Auch eine Rebe, -eine einzige, war ihm gelungen, zu ziehen. Diese hat ihre Wurzeln in -den Stein getrieben und ist im Verlauf der Jahre ein mächtiger Baum -geworden, der eine ganze Felswand überdacht. Darum ist es +seine+ -Rebe. Früher waren Vipern auf dem Scoglio in schwerer Menge. Eine hat -ihn einmal in den Fuss gebissen. Er hat sich aber die Wunde mit einem -glühenden Eisennagel ausgebrannt und ist genesen. Heute ist dieses -Gezücht auf dem Scoglio nicht mehr zu finden. Er hat es ausgerottet. In -vierzig Jahren! - -Vor beiläufig dreissig Jahren -- er weiss es nicht ganz genau -- hatte -Jose Grancic geheiratet. Die Luce (Lucia) war ein ganz armes Bauernkind -aus Milna auf der Insel Brazza. Der Vater des Jose hat aber einmal dem -Vater der Luce das Leben gerettet, als der Letztere in seinem Boote auf -dem Canale dei Castelli umschlug und dem Ertrinken nahe war. Damals -hatten die beiden vereinbart, dass ihre Kinder sich einmal heiraten -sollten. Das geschah. Die Luce war sehr schön und unter den Burschen -von Milna waren viele, die sie gerne zur Frau genommen hätten. Da war -auch der Andre Lovric, der sie zur Frau begehrte. Weil die Väter es -aber so abgemacht hatten, so heiratete der Jose die Luce. - -Schlimm genug, denn sie hatten Beide Nichts. Aber der Jose war doch -zufrieden, denn die Luce war sehr schön, er konnte sie mit sich nehmen, -wenn er, wie alljährlich, den Scoglio Stipansko mit seinem Vieh bezog, -und sie konnte ihm die gröbere Arbeit abnehmen. Denn wozu sonst hat man -eine Frau? - -Von da ab fuhren der Jose und die Luce abwechselnd mit dem fertigen -Käse nach Solta. Denn es gibt keine Frau auf den dalmatinischen Inseln, -die im Nothfalle nicht ein Segel zu stellen und das Steuerruder zu -führen wüsste. - -Nun war aber wieder einmal der Jose gefahren. Nicht nach Solta, sondern -diesmal viel weiter, nach Spalato. Er musste dort bei Gericht als Zeuge -erscheinen wegen eines Messerstiches, den zur Winterszeit ein Matrose -in Solta einem Bauer in Jose's Gegenwart versetzt hatte. - -In Spalato wurde er aufgehalten. »Bis Morgen« -- hiess es bei Gericht. -Dann noch einmal »bis Morgen.« Und dazu hatte er in Spalato den Andre -Lovric gesehen, der die Luce hatte heiraten wollen! Aber nur am ersten -Tage sah er ihn, dann nicht wieder. - -Endlich war er fertig. Er konnte nach Hause fahren. Er kaufte der Luce -ein Paar hübsche messingene Knöpfe für ihr Jäckchen und überdies eine -Flasche Branntwein. Dann bestieg er sein Boot und fuhr wohlgemuth gegen -Scoglio Stipansko. - -Der Wind war günstig und in fünf Stunden konnte er zu Hause sein bei -der Luce. Da kam aber ein Wetter wie heute; der Sturm überfiel ihn -zwischen Brazza und Solta und er musste froh sein, noch mit heiler -Haut auf Solta landen zu können. Des andern Morgens fuhr er wieder ab, -hungrig und müde, denn er hatte nichts als ein Stück kalter Polenta und -die Flasche Branntwein. Und als er gegen Scoglio Stipansko herankam, -wer fuhr da in einem Boote, kaum zweihundert Klafter entfernt, an ihm -vorüber? War es nicht der Andre Lovric, der die Luce hatte heiraten -wollen? Und kam der nicht geradewegs von Scoglio Stipansko -- -- --? - -Jose hat auf den Andre nicht geschossen, weil es zu weit war und keine -Kugel auf zweihundert Klafter trägt. Er ist nach Hause gekommen und -hat die Luce gefragt, ob der Andre da gewesen. Die Luce ist zuerst -glühend roth, dann leichenblass geworden. Er hat ihr nichts gethan. -Er hat sie nicht angerührt. Denn er fürchtete, sie zu tödten, und er -brauchte ein Weib. Aber aus der Hütte hat er sie gejagt und von dem -Augenblicke an musste sie im Freien schlafen -- bei jedem Wetter -- wie -das Vieh. Auch hat er sie gar nicht mehr geschont und hat sie ganz als -Lastthier benützt. War sie nicht sein Weib? - -Einmal aber, als schon der Spätherbst herangekommen war, zog ein -furchtbares Gewitter herauf, welches das Meer in den Tiefen aufwühlte -und die brüllenden Wogen gegen die Felsen warf. Es war Nacht geworden -und das Vieh hatte sich, zitternd vor Kälte und Nässe, an die Felswände -gedrängt. Auch die Luce. Der Jose sass in seiner Hütte bei einem -kleinen Feuer und brütete vor sich hin. Da fiel ihm ein, dass er droben -auf dem Felsen, der so jäh gegen Süden in's Meer abfällt, seinen -Tschibuk habe liegen gelassen. Ohne Tschibuk konnte er aber nicht -rauchen. Und so rief er hinaus in die finstere Nacht, in den brüllenden -Sturm und den strömenden Regen nach der Luce. Diese kam, gehorsam wie -immer, zitternd vor Kälte und durchnässt vom Regen. Und er befahl -ihr, von der Felsenspitze, die sie gut kannte, ihm seinen Tschibuk zu -bringen. - -[Illustration: Luce und Joso Grancic.] - -Gehorsam war die Luce, das ist wahr, aber diesmal wurde sie blass wie -der Tod als sie den Befehl vernahm, und schlug ein Kreuz, ehe sie -ging. - -Sie ist nicht mehr wiedergekommen und auch der Tschibuk blieb verloren, -sie muss ihn gefunden haben und mit demselben hinabgestürzt sein in's -Meer. - -Damals hat Jose zehn Tage lang nicht rauchen können, bis er wieder mit -Käse nach Solta fuhr und sich dort einen neuen Tschibuk kaufte. - -Und seit jener Zeit ist er allein auf dem Scoglio Stipansko, -unumschränkter Herr und Gebieter über Alles, was dort lebt und webt. - -Unser Feuer war ausgebrannt und durch die zerrissenen sturmgepeitschten -Wolken warf der Mond sein bleiches Licht auf das Vordach der Hütte -und auf das harte wettergebräunte Gesicht des Gouverneurs von Scoglio -Stipansko. - - - - -Wie die Agave zum Blühen kam. - - -»Caro Renzo! Ti volevo da molto tempo scrivere, ma credo, che non mi -ami più. Sai, che ho a dirti, che t'amo molto. Non so più che mandarti -mille baci arditi. Addio, Renzo, per sempre addio! L'ora s'affretta pel -partir mio. Tua affettissima Pierina. - -Vigilia del Natale del 1874.« - -Das Italienisch, in welchem dieser Brief geschrieben, ist weder -classisch noch elegant. Auch hätte es seine Schwierigkeiten gehabt, das -Schreiben der Post zur Beförderung zu übergeben, denn die obigen Zeilen -waren auf dem Blatte einer Agave eingeritzt, das, beinahe einen Fuss -breit und gegen vier Fuss lang, in einem prangenden Wust von ähnlichen -Blättern halb verborgen, auf einer steinigen Uferklippe der Insel -Lesina in die erbarmungslos heisse Luft hineinragte. Die Blätter waren -aber alle trotz ihres fleischigen Baues und der kräftigen Stacheln, mit -denen sie bewehrt waren, schlapp und welk. Warum? Weil die Agave, zu -welcher sie gehörten, im vorigen Jahre geblüht hatte. - -Und wenn eine Agave geblüht hat, dann stirbt sie. - -Die Pierina war nichts weniger als eine Morlakin. Auch keine Bäuerin. - -An den Küsten Dalmatiens und auf den grösseren zu Dalmatien gehörigen -Inseln findet man allenthalben Städte, die, wenn auch jetzt verwahrlost -und zerfallen, doch noch in ihrem Aeussern das Bild der einstigen -Bedeutung bieten, die sie unter den früheren Besitzern des Landes -gehabt. So die Stadt Lesina. Ein prächtiges Rathhaus, in venezianischem -Style erbaut, öffnet seine weiten Säle den Sitzungen des jetzigen -Gemeinderathes. Eine wunderschöne Loggia blickt arcadengeschmückt -hinaus über den freundlichen Hafen und das unendliche Meer. Heute nennt -man die Loggia Curhaus. Es sind aber keine Curgäste darinnen, sondern -nur hin und wieder ein ehrsamer Bewohner der Stadt Lesina, der seinen -wohlfeilen schwarzen Kaffee dort nimmt. Ein Winterhafen, bestehend in -einem riesigen, gewölbten, ebenerdigen Saale, in welchen die Galeeren -der Venezianer zur Winterszeit einfuhren um dort vor Wind und Wetter -und Piraten gesichert zu sein, ist heute gegen das Meer abgedämmt und -auf seinem steinernen Estrich werden Sardellen in Fässer verpackt. Von -den prächtigen Marmorpalästen, welche die eigentliche Stadt bildend -einst den venezianischen Patrizierfamilien gehörten, stehen kaum mehr -die äussern Mauern. Drinnen in dem kahlen Raume hat Mutter Natur sich's -bequem gemacht, -- dort wuchern jetzt Feige, Lorbeer und Rebe, und -durch das Gitter der arabeskengeschmückten Rundbogenfenster blickt -vielleicht eine Ziege heraus, neugierig die Aussenwelt betrachtend und -gemächlich wiederkäuend. - -Und wie die Häuser, so die Menschen. Die aufgezwungene Zopf-Cultur -der Republik Venedig hat mit dem Falle der letzteren auch ihre -Lebensfähigkeit verloren. Der äussere Schliff ist geblieben, -die venezianische Sprache, die höflichen Umgangsformen. Aber in -Wirklichkeit sind die Menschen wieder zur Natur zurückgekehrt. Die -Männer trocknen Feigen, fischen Sardellen und pflegen ihre Weingärten -so gut sie es vermögen. Und die Weiber wissen sich hübsch zu verbeugen, -kleiden sich städtisch, haben flammende venezianische Augen und können -meistens etwas schreiben und lesen. Sonst schaffen sie im Hause und -verfertigen hin und wieder reizende Netzarbeiten aus den Fasern der -Agave. Sie leben -- Männer und Weiber -- ausserordentlich mässig und -begnügen sich mit Allem. +Alles+ will hier so viel heissen als: sehr -wenig. - -Niemand konnte der Pierina nachsagen, dass sie an Erziehung oder an -gefälliger Schönheit den andern Mädchen Lesinas nachgestanden wäre. -Sie hatte lesen und schreiben gelernt, hatte selbst ein paar Bücher -von Anfang bis zu Ende durchgelesen, die ihr der Zufall in die Hände -gespielt, und verstand es merkwürdig gut sich gefällig zu kleiden. -Auch einen Brief vermochte sie ziemlich gut zu schreiben, -- wenn -auch nicht schön, so doch verständlich. Weil aber im Hause die Mutter -und zwei ältere Schwestern walteten, so wurde sie dort nicht viel in -Anspruch genommen. Und weil sie bereits volle vierzehn Jahre zählte, -so hatte es auch mit dem Unterricht schon lange ein Ende gehabt. Darum -war sie mehr oder weniger Herrin ihrer Zeit, und wenn nicht gerade ein -seltener Regen über die Insel niederging oder der kurze Winter mit -seinen Borastürmen über Dalmatien hinbrauste, konnte sie ruhig und -halbe Tage lang weit draussen auf einem steinigen Vorgebirge unter dem -dichten Schatten eines alten Johannisbrotbaumes sitzen -- vor sich die -plätschernden Wellen des Meeres, die nackten Klippen und auf denselben -eine einzelne riesige Agave. Dort verfertigte sie feine, traumhaft -schöne Spitzen aus den Fasern der Agave. - -Sie nahm aber die Agavenblätter, deren sie bedurfte, niemals von jener -riesigen Pflanze, die einsam auf der Klippe vor ihr in die Luft ragte. -Wozu auch? Agaven finden sich auf der ganzen Insel Lesina mehr als -übergenug. Und gerade die eine riesige Agave auf der nackten Klippe war -ihr heilig. Warum? Das wusste sie nicht. Dalmatinerinnen sind nicht -oder höchstens ausnahmsweise sentimental. - -Die Leute nennen diese Pflanze Aloë, die Gelehrten sagen, es sei die -Agave americana. Wahrscheinlich haben die Gelehrten Recht. Wie sie aus -Amerika nach Dalmatien, wie sie vom Festlande auf die Insel Lesina -gekommen, ist ein Geheimniss. Die Gelehrten sagen, dass es eine Zeit -gegeben, zu welcher die Insel Lesina gar keine Insel war, sondern mit -dem Festlande zusammenhing. Damit glauben die Gelehrten das Geheimniss -theilweise gelöst zu haben, und wahrscheinlich haben sie auch diesmal -Recht. Die Pierina wusste zwar nichts von den Annahmen der Gelehrten, -aber sie wusste, dass sie als ganz kleines Kind schon auf diesem Platze -unter dem Johannisbrotbaume so gerne gesessen, und dass sie damals -schon davon gehört habe, wie die Agave fünfzig Jahre brauche, um zu -blühen und wenn sie geblüht habe -- sterbe. Das wollte sie sehen. In -ihrem einfältigen, kindlichen Kopfe kam es ihr manchmal vor, als ob sie -selbst eine Agave oder mit der Agave auf der einsamen, nackten Klippe -Eins wäre. Das war aber nur so eine Einbildung, sie selbst glaubte es -nicht ernstlich. - -Fünfzig Jahre und vierzehn! Das reimt sich wohl schlecht zusammen, aber -die prächtige Agave -- +ihre+ Agave -- war schon ein mächtiges Gewächs, -als Pierina noch ein kleines Kind gewesen. Darum hofft sie noch immer -darauf, gerade diese Agave blühen und -- sterben zu sehen. Es war aber -nicht Bosheit, sondern nur Neugierde. - -Im verflossenen Jahre, als sie anfing verständiger zu werden und es in -ihrem eigenen kleinen Köpfchen so ganz sonderbar zu rumoren und summen -begann, als ob sie jetzt erst erwacht wäre und die ersten zwölf Jahre -ihres Lebens im Traum zugebracht hätte, -- da weinte sie an einem -wunderschönen Frühlingsabend bei dem Gedanken, dass die arme Agave nun -werde bald sterben müssen. Wenn man aber kaum vierzehn Jahre zählt, so -tröstet man sich über derlei Dinge leicht und Pierina lächelte bereits -wieder, als ihr die letzte Thräne in das Spitzengewebe fiel, an dem sie -eben arbeitete. - -Es geht aber mit dem Leben einer Pflanze kaum anders als mit dem -Menschenleben: man weiss nicht recht, wann es beginnt und man bemerkt -selten sein wirkliches Ende. In eine kleine kaum sichtbare Spalte der -nackten Klippe hat der Zufall das Pflänzchen eingenistet. Drei oder -vier lanzenförmige Blättchen zeigten sich an ihrem Rande, mit weichen -biegsamen Stacheln eingefasst. Im nächsten Jahre haben sich ein paar -neue Blätter dazu gefunden, im abernächsten Jahre wieder. Es bildet -sich in der Mitte ein grösserer, schlank verlaufender, an der Spitze -mit einem grossen Dorn bewehrter Zapfen, und von diesem lösen sich dann -alljährlich ein oder zwei Blätter ab. Diese werden immer grösser und -stärker, die Dornen, mit denen sie bewehrt sind, immer härter, und nach -vielleicht fünfzehn oder zwanzig Jahren prangt das Gewächs in einer -Fülle von mächtigen, saftstrotzenden, am Rande mit furchtbaren Stacheln -bewehrten Blättern, die in schöngeschwungener Beugung den schlanken -Zapfen umfassen, von dem sie sich eines um das andere losgelöst und den -sie jetzt mit ihren starken Dornen beschützen. - -In diesem Jahre hoffte Pierina ihren Lieblingswunsch erfüllt zu -sehen. Es entwickelte sich in der prachtvollen Pflanze vor ihr ein -eigenthümlich geheimnissvolles Leben. Der mächtige Zapfen mit dem -furchtbaren Dorn schwoll an und weitete sich mehr, als es sonst -geschehen war. Er strebte und drängte heraus aus seiner Blätterhülle -- -und eines Tages war diese gesprengt und es kam der grüne, starke Schaft -des Blüthenstieles zum Vorschein. - -Schade! Gerade zur Zeit, als diese geheimnissvolle Wandlung sich mit -der Agave vollzog, wurde die Aufmerksamkeit Pierina's von derselben -abgelenkt. Es war ein fremder junger Mann nach Lesina gekommen, der -dem Vater Pierina's empfohlen war. Der strich durch viele Stunden des -Tages über Klippen und Gestein und brachte Pflanzen mit nach Hause. Die -trocknete er zwischen Blättern von Papier. Dann schrieb er auch viel. -Aber es blieb ihm immerhin Zeit genug, die vierzehnjährige Pierina auf -ihrem einsamen Liebesplätzchen zu besuchen. Da sprach er mit ihr vom -Meer und von den Pflanzen und wie die Natur so wunderschön und doch -wieder so geheimnissvoll sei, gerade so wie die unergründlichen Augen -Pierina's. - -Vielleicht hat er auch von Liebe mit ihr gesprochen, das ist aber -niemals bekannt geworden. Von ihnen Beiden hat Keines etwas davon einer -andern Menschenseele erzählt und der einzige Zeuge ihrer Gespräche war -eine Agaveblüthe. - -Die Agave hatte gehalten, was sie versprochen und was Pierina seit -ihren Kinderjahren erwartet und erhofft. Ein mächtiger Stamm, über -dreissig Fuss hoch, war aus dem trotzigen Blattbüschel in der kurzen -Zeit von zwei Monaten herausgeschossen, hatte Zweige nach allen -Richtungen hinausgesendet und diese Zweige waren über und über mit -zarten in gelb und weiss prangenden Blüthen bedeckt. Und wenn die -jungen Leute dort beisammen sassen, da trug der kühlende Seewind den -berauschenden Duft der Blüthen gerade hin zu dem jungen Paar. - -Blumenduft ist gefährlich, er berauscht so leicht. - -Und doch dachte Pierina jetzt weniger an die Agave als je. In -ihrem Innern schien auch eine Blüthe aufgegangen zu sein, obwohl -sie beiweitem nicht das Alter der Agave hatte. Bei Mädchen geht es -schneller und Pierina zählte noch nicht fünfzehn. Und als der Herbst -gekommen, da fielen die Blüthen der Agave langsam ab. Der Wind trug sie -in die Wellen. Auch der junge Mann -- Lorenzo hiess er -- schnürte sein -Bündel und zog wieder fort über das Meer, auf dem er gekommen. Er hatte -ihr zum Abschied gesagt, dass sie ein gutes und liebes Mädchen sei, nur -schade, dass sie eben in Lesina aufwachsen musste, wo Frauen so gar -nichts von den Sitten der grossen Welt -- seiner Welt! -- lernen und -wissen. - -Pierina hatte beim Abschied nicht geweint. Sie sass jetzt wie früher -auf ihrem Lieblingsplätzchen unter dem Johannisbrotbaume, vor sich -die nackte Klippe mit der mächtigen Agave und weiter draussen das -unendliche Meer. Jetzt kam es ihr wieder so vor wie in frühern Jahren, -als ob sie Eins mit der Agave vor sich wäre. Denn auch sie blühte -nicht mehr. Ihre Wangen wurden täglich blässer und ihre flammenden -Augen täglich grösser. Das Ende der Agave hat sie aber nicht mehr mit -ansehen können, denn als der Winter mit seinen ersten Borastürmen über -Dalmatien hinraste, da war die Pierina gestorben. - -Auch die Agave starb im nächsten Jahre -- ihre mächtigen Blätter -wurden welk und fielen zu Boden. Und auf einem derselben fanden sich -einige Zeilen eingeritzt -- dieselben, die zu Anfang dieser Erzählung -wiedergegeben sind. Sie lauten zu deutsch: - -»Lieber Renzo! Ich wollte Dir schon seit langer Zeit schreiben, aber -ich glaube, dass Du mich nicht mehr liebst. Du musst wissen, dass ich -Dir zu sagen habe, wie sehr ich Dich liebe. Ich kann nichts mehr thun, -als Dir tausend glühende Küsse senden. Lebe wohl, Renzo, auf immer lebe -wohl. Auch für +meine+ Abreise hat die Stunde geschlagen. Deine Dich -liebende Pierina.« - -»Am Weihnachtsabende des Jahres 1874.« - - - - -Das Omblathal bei Ragusa. - - -Ein ruhig sonnenheller Tag liegt über den Bergen, schimmert über die -im Frühlingsschmucke prangende Küste, zittert über das weite Meer. Auf -der schönen Strasse, die von Ragusa nordwärts gegen den eigentlichen -Hafen, gegen Gravosa, führt, haben sich die zu beiden Seiten derselben -gepflanzten jungen Bäumchen mit zarten Blättern geschmückt, am Fusse -der gegen die Küste sanft zu verlaufenden Berge stehen die Gärten im -Frühlingsblüthenschmuck, hohe Palmen bewegen ihre fächerartigen Zweige -im Westwind, trotzige Aloën recken ihre fleischigen dornbewehrten -Blätter, Rosen und wildwachsende Levkoyen blühen dazwischen, die Berge -im Hintergrunde deckt der Oelbaum. Draussen aber im Hafen wiegt sich -die Möve. - -Es ist nicht der traute, weissgraue Vogel, der, den Matrosen heilig, -in langsamen Fluge über das Meer streicht, seine Nahrung suchend und -in den Wellen findend, sondern Sr. Majestät Kriegsdampfer »Möve«, der -in Gravosa vor Anker liegt. Die schlanken kühnen Formen werden von den -Wellen sanft geküsst, die mächtigen Masten ragen gegen den Himmel, -die Raen und das Tauwerk heben sich fein und zart vom durchsichtigen -Blau des Horizontes ab. Auf der Brücke steht der Wachoffizier, mit -der schwarzgelben Feldbinde umgürtet und dem Fernrohr in der Hand. -Waffen führt er keine, obwohl er im Dienste ist. Eine Schildwache mit -gezogenem breiten Pallasch geht langsam auf und ab. Auf dem Vorderdecke -steht eine kleine Gruppe von Matrosen, untersetzte kräftige Gestalten, -in ihren kleidsamen blauen Jacken mit dem weit ausgeschlagenen -Hemdkragen; sie sprechen leise zusammen. - -An Bord eines Kriegsschiffes, und zwar eines österreichischen -Kriegsschiffes, geschieht Alles leise. Ein kurzer Commandoruf, ein -schrilles Pfeifen, vielleicht einmal ein Hornsignal, das ist Alles. -Sonst thut Jeder seine Pflicht, wagt sein Leben, übt, lernt, arbeitet -hoch im Takelwerk, auf dem Verdeck, unten im Schiffsraume, stirbt, -wenn es nothwendig ist, aber er schweigt. »Muss Sieg von Lissa -heissen!« so lautet der lakonische Befehl, mit welchem Tegetthoff -das tausendstimmige Brüllen der Kanonen entfesselte und das grosse -markerschütternde Drama einleitete. Nur fünf Worte. Und -- es hiess -wirklich Sieg von Lissa! - -An der Steuerbordseite der »Möve«, gegen das Land zu, durch den -Schiffskörper verborgen, schaukelte das feingeschnittene schöne -Gigg des Commandanten. Sechs Gasten sassen drinnen, auf ihre Riemen -gestützt. Sie warteten des Commandanten und seiner Gäste, welche noch -unten in der Cajüte bei einem Glase Sherry weilten. Heute, wo diese -Zeilen gedruckt zu lesen, heute trennt mich bereits lange wieder -Land und Meer von den lieben alten Freunden, von dem Commandanten -Sr. Majestät Kriegsdampfer »Möve« und dessen zweitem Gaste, einem -unserer tüchtigsten Flotten-Officiere. Und so sei es mir gestattet, -ihnen hier einen freundlichen Gruss zu entbieten und ihnen Beiden die -schönen Stunden in's Gedächtniss zu rufen, die wir vor Zeiten mitsammen -zugebracht, die schönen Stunden, die wir zuletzt in der traulichen -Commandanten-Cajüte der »Möve« zusammen verlebt und den reizenden -Ausflug, den wir unternommen in das Thal der Ombla bei Ragusa. Und es -sei mir auch gestattet, hier der österreichischen Marine-Officiere -überhaupt zu gedenken -- es ist mir ein Herzensbedürfniss -- ihres -freundlichen Entgegenkommens, ihrer anspruchlosen, liebenswürdigen, -herzgewinnenden Bescheidenheit, ihrer still betriebenen Studien, ihres -umfangreichen Wissens, ihrer Weltkenntniss und ihres wackern, durch -und durch ehrenhaften Wesens. Alle Provinzen des weiten Kaiserstaates -sind in dem Officiercorps der österreichischen Marine vertreten, alle -Sprachen des polyglotten Oesterreich werden unter ihnen gesprochen, -aber dort verschwindet jede nationale Färbung und ich habe mich niemals -so sehr als Oesterreicher gefühlt als an Bord eines österreichischen -Kriegsschiffes, unter dem Schatten der vom hohen Maste flatternden -österreichischen Flagge! - -Wir klommen von der Cajüte an Deck und bestiegen sodann das schaukelnde -Gigg. Die Fallreep-Pfiffe schrillten -- die Ehrenbezeugung für den das -Schiff verlassenden Commandanten -- am Bug des Giggs flatterte das -Wimpel, am Achter die Flagge. »Stosst ab! Vorwärts!« und unter den -tactmässigen Schlägen von sechs Rudern flog das leichte Boot in kühner -Schwenkung um den Körper der »Möve« herum, hinauf gegen die Mündung der -Ombla. - -Wenn man, vom Norden kommend, durch den Canale di Calamotta in den -Hafen von Gravosa einfährt, so treten gegen Osten, gerade gegenüber -der Halbinsel Lapad, die Berge, die bis dahin in ununterbrochener -Reihenfolge die Küste begleiten, klaffend auseinander und bieten die -Aussicht frei auf ein reizendes Thal. In der Mitte desselben strömt -ein breiter Fluss von süssem, kristallhellem Wasser, tief genug, um -selbst grösseren Schiffen Einlauf zu gewähren, in das Meer. Es ist die -Ombla. Etwa eine Viertelstunde von der Mündung des Flusses aufwärts -hat derselbe durch angeschwemmte Steine und Erdreich eine flache -Insel gebildet, die, mit Binsen und Röhricht überwachsen, ein schönes -gleichmässiges grünes Dreieck bildet, dessen eine Spitze gegen das Meer -gekehrt ist. Zu beiden Seiten des Flusses steigen die Ufer rascher -gegen die bewaldeten Berge, mit prachtvoller fremdartiger, südlicher -Vegetation bedeckt. Wieder stehen da Palme und Lorbeer, Myrthe und -Aloë, hochstämmiger Rosmarin, Oel- und Feigenbaum und die schlanke, -dunkle Cypresse. - -In der blühenden Wildniss sind längs der Ufer kleine Gruppen von -bewohnten Häusern und einzelne Ruinen zerstreut. Von den letzteren -stehen gewöhnlich die Mauern der oft zweistöckigen Villen gänzlich -unversehrt, die Fensteröffnungen sind mit schön gearbeiteten Simsen -versehen, aber das Dach fehlt, die Häuser sind ausgebrannt und -mitten im Hausraume, wo einst das traute Heim glücklicher Menschen -war und vielleicht fröhliche Kinder sich tummelten, wuchert jetzt -Lorbeer und Rebe. Es waren die Russen im Vereine mit Montenegrinern -und Herzegowinern, welche im Jahre 1806, als der französische -General Lauriston die Stadt besetzt hielt, Ragusa angriffen und im -ganzen Umkreise der Stadt alles verwüsteten, niederbrannten und -zerstörten. Die Einwohner flüchteten damals; als aber die Russen mit -ihren Verbündeten abgezogen waren, da war die Bevölkerung durch die -Zerstörung ihres Besitzstandes zu arm geworden, um ihre Häuser wieder -aufzubauen, und so ist heute noch ganz Ragusa mit Ruinen zerstörter -Villen umgeben. - -Besonders eine dieser Villen -- sie ist am linken Ufer der Ombla -gelegen -- ist bemerkenswerth. Wir legten an der prächtigen, drei -Klafter breiten Treppe an, die bis an den Wasserspiegel führt. Ein -grosses, weitgedehntes Gebäude lag vor uns in mittelalterlicher -Bauart. Schöne Säulen aus Marmor und Sandstein tragen die Bogen einer -riesigen, gegen den Fluss offenen Halle. An den Wänden der letzteren -prangen Fresken in wunderschönen, lebhaften Farben, als ob sie gestern -erst vollendet worden wären. Sie stellen einzelne Scenen aus der -Aeneide dar. Schon auf der Stiege hatten wir den süssen, betäubenden -Geruch von Lorbeerblättern verspürt und sahen jetzt die grosse Halle -mindestens zwei Fuss hoch mit trockenen Lorbeerblättern bedeckt. -Mehrere Männer in der kleidsamen halbtürkischen Tracht der Bauern -aus der Umgebung von Ragusa waren damit beschäftigt die trockenen -Blätter in grosse Säcke zu füllen. Unter dem Thore stand ein Esel und -schnupperte mit der Nase unter den vielen Lorbeerblättern, die noch -nicht zum Kranz gewunden waren, und die auch diese Bestimmung offenbar -nicht erwarten. - -Lorbeerblätter in Säcken und ein Esel dabei! Pah -- ist doch Alles -nichtig in dieser Welt -- selbst Lorbeern! - -Auf dem einen Felde der Wand war eine schöne Dido dargestellt mit -Aeneas zu ihren Füssen. Die Bauern machten uns auf das Bild aufmerksam -und sagten uns, es sei eine Muttergottes mit dem heiligen Antonius von -Padua; wer sie aber gemalt habe, wem das Haus gehöre mit dem schönen -Parke, der sich in Serpentinen hinter dem Hause bergan zieht, das -wussten sie nicht. Sie wussten nur, dass ein sehr reicher Herr der -Eigenthümer des Hauses gewesen, dass die Russen und Montenegriner -dasselbe zerstörten, dass der Park ober dem Hause jetzt gänzlich -verwildert sei und dass das ganze Besitzthum jetzt kaum etwas abwerfe, -als ein wenig Oliven und die Lorbeerblätter, die wir sahen. Dafür aber -führten sie uns über eine halsbrecherische Holzstiege in das zweite -Stockwerk und zeigten uns da eine merkwürdige sechseckige Badestube -ganz ohne Fenster und mit einer so niederen Thür, dass man -- wörtlich -genommen -- auf allen Vieren hineinkriechen muss. - -[Illustration: Mädchen aus Sette Castelli.] - -Wir stöberten und krochen noch lange in dem alten Hause und in der -blühenden Wildniss herum, von der es umgeben war, ohne von den Leuten -eine weitere Auskunft über den Eigenthümer des Hauses erhalten zu -können. Der Eigenthümer sei ein reicher Herr, -- hiess es -- und lebe -nicht in Ragusa, das Haus sei verpachtet, und dessen Räume dienen jetzt -nur zum Trocknen der Lorbeerblätter. Der Esel dort und noch einige -Eseln tragen die Lorbeerblätter sackweise nach Ragusa und von dort aus -werden sie weiter verschifft, -- nach Triest. - -Das musste uns genügen, wesshalb wir unser Gigg wieder bestiegen und -stromaufwärts gegen die Quellen der Ombla fuhren. - -Wenn man auf der Bergfahrt die Hälfte des nur eine halbe Stunde langen -Flusses hinter sich hat, so verschliesst ein ungeheuerer Felsen, -von welchem her die Ombla zu Thal fliesst, die Aussieht. Man fragt -sich vergebens, aus welcher Schlucht denn das Becken der Ombla sich -hervorwinden könne; es ist eben Alles von zackigen Felsen, die einen -weiten Halbkreis bilden, eingeschlossen und nur aus der weissen Farbe -des Flusses erkennt man, dass seine Wasser hier irgendwo mit Gewalt -herausbrechen oder durch eine plötzlich verengte Schlucht gezwängt -werden. - -Es scheint, dass Beides der Fall ist. Man sagt nämlich -- und ich -weiss nicht, ob irgend Jemand sich darüber Gewissheit verschafft -habe -- dass der bosnische Fluss Trebinschizza, welcher nicht weit -von der österreichisch-türkischen Grenze sich in einen Steinschlund -verliert, an der Sohle des Omblathales wieder zu Tage trete. Wie dem -auch sei, so viel ist gewiss, dass es einen überraschenden Anblick -gewährt, die schäumenden und tosenden Wassermassen aus tausend Ritzen -und Sprüngen des nackten Felsen in gewaltiger Wucht mit schneeweissem -Gischt herauskochen zu sehen, zu sehen, wie sie unmittelbar darauf -in wilder Eile über die Räder der dort befindlichen Mühle stürzen -um dann beruhigt und geklärt im majestätischen Laufe sich dem Meere -entgegenzurollen. - -Bei der Rückfahrt besuchten wir ein einsam am rechten Ufer der Ombla -liegendes Franciscanerkloster. Wir mussten lange an der Thüre klopfen, -bis uns ein steinalter Laienbruder öffnete, dessen übermässige -Magerkeit die Vorstellung Lügen strafte, die man sich gewöhnlich von -dem behäbigen Aussehen der in frommem Nichtsthun dahinlebenden Mönche -macht. Er zeigte uns bereitwilligst das ganze uralte Klostergebäude, -das, wie aus einer alten Inschrift ersichtlich, durch das Erdbeben -des Jahres 1666 halb zerstört worden war. In dem riesigen, von einem -prächtigen Säulengang umgebenen Hofe lagen und standen einzelne -Capitäle und abgebrochene Säulenschafte, das Gras wucherte aus -den Fugen der Steinplatten und ein in der Ecke stehender riesiger -Lorbeerbaum verdeckte drei oder vier der vergitterten Fenster. Wir -waren noch mit dem Lesen einiger alter auf Grabmälern angebrachter -Inschriften beschäftigt, als ein zweiter Klosterbruder herabkam. Es war -der Pater Guardian; er und der magere Laienbruder bildeten zusammen -die ganze »Besatzung« des ausgedehnten Klosters. - -Der Pater Guardian war sehr dick und roch unangenehm nach Wein und -frischen Zwiebeln. Er führte uns zuerst in ein riesiges Refectorium -und dann in die ärmliche Kirche. Wenn man die winzige Kirche mit -ihren wenigen Betstühlen und den engen Gängen zwischen denselben -mit dem grossartig angelegten Refectorium verglich, so mochte man -sich wohl die Frage stellen, wie denn die Mönche, welche ehedem das -Refectorium füllten, doch in der Kirche Platz finden konnten. Ich -wagte sogar eine derartige Frage an unseren dicken Guardian, der mir -aber salbungsvoll erwiderte, dass im Refectorium nicht nur gegessen, -sondern auch gebetet wird. Damit war ich geschlagen. Im Refectorium -waren weitlaufende altersschwarze Tische aufgestellt, an denen -mindestens hundertfünfzig Personen Platz nehmen konnten. Dort speiste -der dicke Prior und der magere Laienbruder allein -- »wenn sie etwas -hatten« -- sagte der alte Herr. Der Laienbruder hielt sich demüthig im -Hintergrunde. - -In einer Ecke des Refectoriums war eine Art Fenster in der Mauer -angebracht, das in eine dunkle Küche führt. Um das Fenster herum -stand der wohl zu beherzigende Spruch: aequa divisio non conturbat -fratres[45]. Ob die »divisio« auch heutzutage noch so gleichmässig sei, -wollte uns schier zweifelhaft scheinen, wenn wir den dicken Guardian -und den mageren Laienbruder ansahen. Der Guardian machte uns hierauf -auf ein rohes alfresco-Gemälde aufmerksam, das sich ebenfalls an der -Wand befand. Es stellt einen dicken Fisch vor, der bestrebt ist, einen -vor ihm befindlichen mageren Fisch zu verschlingen. Wir glaubten -anfangs eine allegorische Anspielung auf den dicken Guardian und den -mageren Laienbruder zu sehen, wurden aber bald eines Bessern belehrt. - - [45] Eine gleichmässige Vertheilung stört die Einigkeit der Brüder - nicht. - -»Es ist eigentlich ein Wunder,« sagte der Guardian, »wenn es auch -Manche nicht glauben wollen. Es war im Jahre 1589 -- sehen Sie, -da steht es drunter geschrieben, 1589 addi 12 Novembre -- als ein -Klosterbruder ausging, um Almosen zu sammeln. Es war aber ein -schlechtes Jahr gewesen und die Leute hatten selbst nichts -- so ging -also der Bruder mit seinem leeren Esel traurig dahin am Ufer der Ombla. -Da hörte er plötzlich ein Geräusch -- -- ein kleiner Fisch sprang an -das Land -- ein anderer grosser Fisch, der den kleinen fressen wollte, -ihm nach. Und der Bruder fing alle beide, so dass alle Brüder zu essen -hatten, denn der grosse Fisch war ein Thunfisch und wog achtzig Pfund. -Darum sind beide hier aufgemalt. Jetzt sind wir nur unser Zwei im -Kloster und brauchten kein so grosses Wunder -- aber ein kleines Wunder -thäte uns gut, denn wir haben wohl Wein und Oel für Beide, aber sonst -gar wenig zu essen.« - -Einer meiner Begleiter warf die Bemerkung hin, es wäre ein in der -Welt ziemlich häufig vorkommender Fall, dass die kleinen Fische von -den grossen gefressen werden, aber diese Betrachtung schien dem -dicken Guardian zu subtil und er wiederholte nur den Wunsch, dass der -liebe Gott recht bald ein Wunder zu Gunsten des Klosters und seiner -»Besatzung« wirken möge. - -Der magere Laienbruder seufzte. - -Wir baten den Guardian, ein kleines Scherflein für die Bedürfnisse des -Klosters von uns anzunehmen und empfahlen uns. Eine Minute darauf flog -unser Gigg stromabwärts dem Meere zu, auf dem die schöne »Möve« im -Abendsonnenschein sich wiegte. - - - - -Ein Fischzug bei Lesina. - - -Vom Himmel herab flimmerten die Sterne und spiegelten sich in der -unbewegten Fläche des Meeres. Unser Boot flog, von zwei Rudern -getrieben, still dahin und die kleinen Wasserberge, die vor dem Bug -sich aufwarfen, schossen helle Silberstrahlen hinauf gegen den dunkeln -Himmel, so dass sich Sternengold und flüssiges Silber in schönen -Wellenlinien zu begegnen schienen. Auch von den Rudern herab floss -es in tausend Silberfäden und leuchtende Perlen schwammen in unserm -Kielwasser. Sonst war das Meer weithin schwarz und regungslos, denn -die Frühlingsnacht hatte sich warm und schwer darübergelegt und heute -leuchtete kein Mond. Bei Mondenschein gibt es keinen Sardellenfang, -und um den Sardellenfang zu sehen, schossen wir hinaus in die -sternenflimmernde Nacht und in die dunkle See. - -Wir fuhren aus dem Hafen von Lesina. Blumenduft gab uns das Geleite -und zog hinter uns her über die See. Rosmarin, Orange, Lorbeer und -die dalmatinische Föhre dufteten von den Anhöhen, welche die Bucht -umsäumen und tausend aromatische Kräuter mischten ihren Blüthenhauch -drein. Bäume, Blüthen und Berge waren aber von Nacht bedeckt. Nur -selten zeigte sich an halber Himmelshöhe eine zackige, dunkle, von -einem feinen, hellern Streifen begleitete Linie -- es waren die Kuppeln -des Höhenzuges, der die Bucht von Lesina gegen Nord und Ost in weitem -Schwunge bekränzt. Wir glitten rasch weiter in die Nacht hinein mit dem -schwarzen Meeresspiegel vor uns und dem silbern dämmernden Kielwasser -unseres Bootes im Rücken. - -Eine Stunde dauerte die Fahrt. Von Zeit zu Zeit tauchten zur Rechten -und Linken massive dunkle Flecke auf; es waren Kuppen oder grössere -Felsen-Inseln, zwischen welchen hindurch unser Weg uns führte. -Dann lag wieder die weite dunkle Fläche glatt vor uns mit dem -Sternengefunkel drinnen. - -»Jetzt fahren wir um den Scoglio Trauna herum, zwischen Karbun und -Klebuk durch -- und dann sind wir auch bei den Fischern. Heute muss -es wieder einen guten Zug geben, denn die See hat sich gegen Abend -abgekühlt. Es gab eine ordentliche Landbrise.« So sprach nach einer -Stunde absoluter Schweigsamkeit der ältere unserer Ruderer. Der Mann -hatte zur See gedient und war bei Lissa gewesen, wie er uns später -erzählte. - -Vor uns zeigte sich ein dunkelrother Schein, von dem sich eine Reihe -von Klippen scharf abhob. Das Boot machte eine Wendung, die Klippen zu -unserer Rechten verschwanden und ein breiter Lichtstrahl drang zu uns -her, der Alles rings herum in noch tiefere Nacht hüllte und nur die -Fischerbarke beleuchtete, von der er ausging und zwei andere, die in -ihrer Nähe lagen. Es waren die Fischer. - -An Bord der Barken war Alles in lebhafter Bewegung. Die eine derselben -hatte an einer starken Eisenstange, die über den Rand des Fahrzeuges -hinausragte, ein halbrundes Eisengitter als Rost befestigt, auf -welchem grosse Stücke Föhrenholz brannten. Die Flamme war blutroth -und der Rauch strich, von der schweren Luft niedergedrückt, über -das Wasser hin. Als unsere Augen sich an den blendenden Schein der -Flamme und die grelle Beleuchtung etwas gewöhnt hatten, konnten wir, -näher kommend, allgemach die einzelnen Personen unterscheiden, die -in den Barken sich befanden. Ein alter Mann mit von tausend Runzeln -durchzogenem wettergebräuntem Gesichte und schneeweissen Haaren stand -am Bug neben dem Feuer und blickte angelegentlich in das Wasser. Zwei -Andere stützten sich auf die langen Ruder, die sie in gleichmässigem -Tacte, aber langsam bewegten. Niemand von ihnen sprach ein Wort. -Eine zweite Barke bewegte sich, gleichen Schritt haltend, in einiger -Entfernung neben der ersten hin und im Hintergrunde schaukelte sich -ruhig eine dritte, auf welcher zwei Männer, scheinbar unthätig, aber -mit gespannter Aufmerksamkeit dem Fischzuge folgend, sassen. - -Plötzlich erschollen aus der Richtung her, gegen welche die Barken sich -bewegten, einzelne Rufe in slavischer Sprache, kurz und abgemessen -wie ein Commando. Sie kamen vom Lande her, von dem Ufer einer kleinen -Felsen-Insel, die vor uns lag und eine Bucht bildete, in welche wir, -ohne es zu bemerken, eingefahren waren. Auf jeden Commandoruf hob sich -etwas Langes von der Wasserfläche, um gleich darauf wieder plätschernd -zurückzufallen. Es waren, wie unser Führer uns belehrte, die Seile, an -welchen das Netz an's Land gezogen wurde. - -»Sind denn wohl Sardellen im Netz?« fragte ich verwundert, denn ich -dachte, dass das eigentliche Fischen noch nicht begonnen hätte. - -»Sardellen? natürlich! -- Sehen Sie nicht, wie sie davonspringen? -Das sind jene, die aus dem Netz entkommen, bevor es noch vollkommen -geschlossen ist -- jetzt aber ist es bald beisammen und dann entkommt -auch nicht eine mehr.« - -Wirklich sahen wir nun einzelne helle Streifen, die silbernen Pfeilen -gleich, sich aus dem Wasser hoben, um, einen Augenblick an der -Oberfläche dahinschiessend, gleich wieder in demselben zu verschwinden. -Es waren Sardellen, die sich flüchteten; immer aber schossen sie gerade -auf das Leuchtfeuer der Barke zu. Wäre dort ein zweites Netz gewesen, -so würden sie in dasselbe gerathen sein, nachdem sie der ersten Gefahr -glücklich entronnen. - -Jetzt zeigten sich an der Einfahrt der Bucht zwei andere Barken, die -langsam auf uns zukamen. Die Fischer in den drei Barken blickten -besorgt auf die neuen Ankömmlinge. Wir erfuhren, dass es sich da um -etwas handle, was man im gewöhnlichen Leben eine Gewerbsstörung nennt. - -Nicht jeder Platz ist zum Sardellenfang geeignet. Der Schwarm der im -offenen Meere ziehenden Sardellen wird durch das weithin sichtbare -Leuchtfeuer der Barke zuerst nur angelockt. Sobald die Fischer bemerkt -haben, dass die Fische dem Feuer folgen, bewegen sie sich langsam der -Küste zu, wo in irgend einer Bucht der sandige, allmälig verlaufende -Grund gestattet, das feine Netz darüber hinzuziehen. Denn auf felsigem -Boden würde das Netz hängen bleiben und zerreissen. Damit aber die -Sardellen das Feuer bemerken, muss die Nacht möglichst finster sein, -daher der Fang nur bei Neumond vor sich gehen kann. Ferner dürfen die -Fische nicht beunruhigt werden, weil sonst der Schwarm nach allen -Richtungen zerstöbe. Da man nun jeden Fleck der Küste genau kennt, an -welchem ein Auswerfen der Sacknetze möglich ist, so versammeln sich, um -Streitigkeiten zu verhüten, vor jedem Neumonde vom Mai bis September -die aus je zwölf bis fünfzehn Mann bestehenden Partien der Fischer bei -der politischen Behörde und losen um den Fischplatz für die nächsten -mondlosen Nächte. - -Das gilt für das Fischen mit Leuchtfeuer und Sacknetz. Andere Fischer -aber, die ohne Feuer und nur mit einem senkrecht herabhängenden -Streifnetze fischen, pflegen dann dem Leuchtfeuer nachzufahren, wodurch -der Zug der Sardellen gehemmt, auch theilweise abgehalten wird, dem -leuchtenden Magnet zu folgen. Da gibt es oft böse Worte und nicht -selten auch Aergeres als Worte. Denn ein guter Zug mit dem Sacknetze -kann genug Sardellen einbringen um tausend Fässchen damit zu füllen und -tausend Fässchen entsprechen einem Werthe von mehr als zwölftausend -Gulden, so dass der Gewinn eines einzelnen Fischers in einer einzigen -Nacht fünfhundert bis tausend Gulden betragen kann. Aber Glück müssen -die nächtlichen Meeresarbeiter haben und dürfen durch Streifnetze nicht -gestört werden. - -Alle Fischer sind fromm, während sie das Handwerk üben. Vom Strande her -ertönt das Commando: »In Gottes Namen zieht die erste Leine!« oder: »In -Gottes Namens zieht die zweite Leine!« Dann wieder: »Gott geb' es, -- -sie sind drinnen -- zieht beide Leinen!« - -Und dabei näherten sich die Barken immer mehr dem Ufer und immer näher -kamen die unbeleuchteten Barken mit den räuberischen Streifnetzen. -Plötzlich unterbrach ein kleines Intermezzo die Reihen der frommen -Commandos. Die Barken mit den Streifnetzen waren in dem Dunkel auf -etwa fünfzig Schritte herangekommen, als von den anderen Barken ein -wahrer Hagel von Flüchen und Verwünschungen losbrach. Und um die Flüche -noch kräftiger zu machen, flogen dicke Prügel von Brennholz, wohl -gezielt, hinüber, so dass man sie heftig an den Bord der Fahrzeuge -anschlagen hörte. Flüche und hölzerne Wurfgeschosse wurden auch drüben -nicht gespart und schon wollten wir uns zurückziehen, um nicht in ein -unangenehmes Kreuzfeuer von fliegenden Holzstücken zu kommen, als mit -einemmale Alles still wurde. Der kritische Moment war vorüber -- das -Sacknetz streift den Grund -- die Leinen waren völlig angezogen und die -drei Barken fuhren völlig zusammen um die Beute aus der Tiefe zu heben. -Die Barken mit dem Streifnetze suchten das Weite und wir legten uns -mit unserem Boote hart an die Fischerbarken, die mit ihren Längsseiten -ein Dreieck bildeten, an dessen einem Winkel das Leuchtfeuer hellauf -flammte, die Barken und deren Bemannung mit einem Gluthscheine -übergiessend. - -Die Seitenwände des Netzes waren über den Bord der drei Barken -heraufgezogen und auf der Fläche, die ringsum von den feinen Maschen -begrenzt war, war Alles Leben und Bewegung. Es sprudelte und kochte und -plätscherte mit einem betäubenden Geräusche, gerade als ob ein heftiger -Platzregen auf Steinplatten fiele. Es waren die Sardellen, die endlich --- aber zu spät -- sich ihrer Verblendung bewusst wurden und nun in -wahnsinnigen Sprüngen sich über das Wasser zu heben und zu entkommen -suchten. - -Die Männer tauchten Handnetze in das Gewühle der zappelnden -silberglänzenden Fische und leerten eines nach dem andern in den Boden -der Barken. Zwei Barken füllten sich bis hoch hinauf mit den kleinen -zarten Geschöpfen, die, schon im Trockenen, noch immer zappelten und -sprangen und sich gegen das ungewohnte Element wehrten. Es waren ihrer, -wie die Leute mit kundigem Auge schätzten, genug, um gegen zweihundert -Fässer damit zu füllen -- also ein guter und schöner Zug, der Alle -zufriedenstellte. Als der alte Fischer uns einen Korb frischer, noch -lebender Sardellen in das Boot hinüberreichte, that er es auch mit -einem »Gott sei die Ehre für den heutigen Fang!« aber unterliess es -doch nicht, gleich darauf den davonfahrenden Barken mit dem Streifnetze -einen kräftigen Fluch nachzusenden über das dunkle, leise athmende -Meer. - -[Illustration: Morlake aus Nord-Dalmatien.] - - - - -Das Gigg des Kaisers. - - -Römische Machtausdehnung, italienischer Kunstsinn, venezianische -Tyrannei, Türkenkriege, kühne Fahrten über das ungemessene Meer, -Seeräuber, Erdbeben, Hungersnoth, orientalische Pest und die treibende, -ewig drängende und schaffende Kraft des wunderbaren südlichen Klimas, -das sind die Elemente, aus denen sich die Chronik dalmatinischen -Landes und dalmatinischer Städte zusammensetzt, das die Factoren, die -Dalmatien bald aufblühen machten mitten in dem wirren Chaos römischer -Kriegszüge und mittelalterlicher Fehden, bald zurückbleiben in dem -Wettkampfe der Völker auf der Bahn des Fortschrittes. Gegenwärtig -ist Dalmatien weit, sehr weit zurückgeblieben in seiner physischen -und moralischen Entwicklung -- die Ruinen seiner Städte und die -prachtvollen, aber halbzerfallenen Ueberreste seiner römischen und -venezianischen Baudenkmale bieten einen beinahe ebenso traurigen -Anblick wie die hellen Spitzen seiner entwaldeten Berge. - -Was hier von Dalmatien im Allgemeinen gesagt ist, das findet im -Besonderen seine Anwendung auf die Stadt und Insel Curzola. Corcyra -Nigra hiess die Insel bei den Römern von der dunkeln Farbe, welche die -auf den Bergen prangenden Nadelwälder der Insel gaben; -- heute könnte -man sie beinahe mit demselben Recht »die weisse« nennen, mit welchem -sie einst »die schwarze« hiess, denn ihre Wälder sind bis auf wenige -kleine Bruchtheile verschwunden, ihre Quellen sind versiegt und mit -ihnen der Reichthum, der von Oben kommt. Heute sind die Curzolaner nur -mehr auf das Meer angewiesen, das eben das alte geblieben, und man kann -ihnen nicht nachsagen, dass sie diese letzte ihrer Hilfsquellen nicht -emsig genug benützen. - -Am Nordende der Insel erstreckt sich eine winzig kleine Halbinsel -beinahe kreisrund in das Meer, nur mittels einer dünnen Landenge -mit dem Eiland in Verbindung. Diese Halbinsel bildet einen -vollkommen abgerundeten regelmässigen Kegel, der mit alten, bereits -halbzerfallenen Palästen bedeckt ist. Eine noch ganz erhaltene, mit -Thürmen versehene Mauer umgibt die Stadt -- Curzola -- und auf dem -Gipfel des Hügels steht die alterthümliche, im gothisch-byzantinischen -Style erbaute Domkirche, die das Gewirre der engen, den Berg -anstrebenden Gässchen krönt. Vom Meere aus gesehen, bietet die Stadt -den schönen Anblick, der allen Bauwerken der Venezianer eigen, -- -von Innen mahnt sie nur gar zu deutlich an die Vergänglichkeit alles -Irdischen. Die Häuser mit den prächtigen, altvenezianischen Portalen -und Gesimsen stehen leer -- die Stockwerke sind einfach durchgefallen -und wenn man durch eines der Fenster in das Innere blickt, so sieht -man die hohen, mächtigen Mauern über und über mit wucherndem Epheu -bewachsen. Um den Eindruck noch öder zu machen, sind selbst die Thore -mit Bruchstücken von Säulen und alten Ziegeln vermauert, so dass man -eher einen Friedhof als die Wohnstätte lebender Menschen zu sehen -glaubt. - -Uebrigens ist die Stadt reinlich und ebenso auch ihre Bewohner. -Es steckt noch etwas altrepublikanische Zucht in den Leuten, die -seinerzeit gelernt hatten, die Strassen rein zu halten, weil einer -der hochgebornen Herren Patrizier durch dieselbe seines Weges kommen -konnte, und nett gekleidet zu sein, wenn sie vor dem hohen Rathe zu -erscheinen hatten. - -Die alten Curzolaner verstanden keinen Spass und hielten etwas darauf, -dass ordentliche Gesetze gegeben und auch gehalten wurden. In der -Bibliothek des kaiserlichen Real-Gymnasiums wird heute noch das einzig -übrige, auf Pergament geschriebene und aus dem Jahre 1214 stammende -Exemplar des Statutes aufbewahrt, welches der Freistaat Curzola sich -selbst gegeben. Die gesetzlichen Bestimmungen dieses Statuts sind von -einem humanen Geiste durchweht, den man im Anfange des dreizehnten -Jahrhunderts wohl vergeblich in irgend einem der heute so hoch -civilisirten Länder des übrigen Europas gesucht hätte. Es ist dies ein -merkwürdiger Beweis für die Richtigkeit des bekannten Ausspruches, -dass Bildung und gute Sitte sich in Spirallinien fortbewegen, des -öftern scheinbar zurückschreitend und doch im Ganzen vorwärtsstrebend. -Dass heute Dalmatien sich in der Epoche des scheinbaren Rückschrittes -befinde, wird kaum Jemand leugnen, der die jetzige Bildungsstufe -der Landbevölkerung mit den Bestimmungen vergleicht, die vor bald -sechshundert Jahren in dem Statute des Freistaates Curzola enthalten -waren. Da heisst es: - -»Capitel 11. Von den Richtern, welche schlagen.« - -»Und so befehlen und verordnen wir. Wenn einer von den höheren Richtern -irgend eine Person auf irgend eine Weise mit der Hand, mit dem Beil, -mit einem Eisen, mit dem Schwerte oder mit dem Messer schlägt oder -derselben die Kopfhaare ausreisst oder sie irgendwie in beleidigender -Weise geschlagen hat, so soll er (der Richter) mit dem Doppelten der -Strafe belegt werden, welcher nach den obigen Statuten jede andere -Person verfallen wäre. Und von der Strafe soll der Ankläger den vierten -Theil haben und drei Viertheile sollen der Gemeinde anheimfallen; -dabei soll immer noch dem Geschlagenen sein Recht gewahrt bleiben auf -die Entschädigung, die ihm nach den Bestimmungen dieses Statutes für -den erlittenen Schaden, die angewendeten Arzneien und den Zeitverlust -gebührt.« - -»Capitel 18. Von den Schlägen unter Weibern.« - -»Und so befehlen und verordnen wir. Wenn die Weiber untereinander sich -mit Steinen oder dem Beile schlagen oder Eine die Andere schlagen -liesse, so soll Jene, die schuldig befunden wird, sechs Perpera[46] -verlieren. Und wenn sie nicht zahlen kann, so soll sie im Kerker -bleiben, bis sie bezahlt hat. Und wenn die Geschlagene stirbt, so soll -Jene, welche geschlagen hat, als Todtschlägerin verurtheilt werden. -Und wenn Eine die Andere beschimpft, so sei sie, wenn es durch einen -geeigneten Zeugen bewiesen werden kann, um einen Perperum gestraft und -die Beschimpfte möge die Hälfte des Strafgeldes erhalten. Und wenn die -Geschlagene irgend ein Glied verliert, so möge sie verhört werden und -die Thäterin sei nach den Bestimmungen zu strafen, welche in diesem -Statute bezüglich des Verlustes von Gliedern festgesetzt wurden.« - - [46] Eine alte Münze. - -Der Handel mit Menschenfleisch, der in dem freien Amerika erst vor -wenigen Jahren durch einen blutigen und langwierigen Krieg unterdrückt -werden konnte, wurde bereits im Jahre 1418 für Curzola durch den -regierenden Rath aufgehoben. Denn am 9. März des genannten Jahres -erliess der Rath ein Gesetz, in welchem es heisst: »In demselben -Jahrtausend und Jahrhundert (1418) und zwar am 9. des Monats März, -wurde vorgeschlagen, beschlossen und verordnet: Wenn von jetzt an -irgend Jemand, welchen Standes, Ranges oder Geschlechts immer, sei -er ein Curzolaner oder ein in Curzola wohnender Fremder, auf irgend -eine Weise Sclavenhandel treibt, oder Briefe verfasst, schreibt, -übersetzt oder veranlasst, welche sich auf zu kaufende Sclaven -oder Sclavinnen beziehen, oder wenn Jemand zu diesem Zwecke das -Gemeindesiegel von Curzola missbraucht -- und wenn Einer, der diesem -Verbote zuwiderhandelt, dabei betroffen oder dessen angeklagt und -durch wenigstens zwei Zeugen überwiesen oder durch das Gerücht dessen -beinzichtigt wird, so soll er ohne Nachsicht gehalten sein, hundert -Ducaten in Gold zu erlegen, von welchen zwei Theile der Gemeinde von -Curzola gehören und gebühren, während einer, nämlich der dritte Theil -dem Ankläger gehört und gebührt, der diese Sünde angezeigt hat. Und -diese Verordnung und Vorschrift wollen wir, dass sie von heute an für -immer gehalten werde, und wenn Einer nicht so viel hätte, um die Strafe -zu bezahlen, +so geht es um seine Hand+ ...! Und diese Verordnung wurde -durch Stimmkugeln angenommen und beschlossen mit 58 gegen genau 3.« - -Gesetze gegen den Sclavenhandel werden heute in Curzola nicht mehr -häufig übertreten. Die Bevölkerung hat, seitdem die Landwirthschaft -so arg daniederliegt, sich auf einen andern nicht minder nützlichen -Erwerbszweig geworfen, auf den Schiffsbau. Und da sind es besonders -kleine Boote, welche von den Handwerkern Curzolas so elegant und schön, -wie kaum irgendwo, gebaut werden. Eines dieser Fahrzeuge, ein Gigg von -geradezu feenhaft schönen Dimensionen, das die Schiffsbauer von Curzola -im Jahre 1863 dem Kaiser verehrten, gab den Anlass zur Einführung einer -der nützlichsten und in Dalmatien doch so seltenen Institutionen. - -Der Kaiser, der das Geschenk gnädigst angenommen hatte, liess den -Erbauern des Giggs ein Geschenk von 100 Ducaten zukommen. Dieselben -fassten aber den practischen Entschluss, das Geld nicht unter sich -zu vertheilen, sondern es als Stammcapital eines zu errichtenden -Spar- und Vorschussvereins für Schiffbauer zu verwenden. Gedacht, -gethan! Die hundert kaiserlichen Ducaten hatten dem Unternehmen Glück -gebracht. Die Leute fingen an zu sparen und ihr erspartes Geld in die -Gesellschaftscasse zu legen, und heute verfügt der Verein über ein -eigenes schönes Capital. Heute findet ein armer Schiffszimmermann, der -alt oder bei der Arbeit zum Krüppel geworden, des Lebens dringendsten -Unterhalt bei dem Vereine, und Bettler gehören in Curzola zu den -seltensten Erscheinungen. - -Das haben des Kaisers hundert Ducaten gethan. - - - - - =Specialitäten= - im illustrirt-humoristischen und beletristischen Genre. - - In der =Verlags-Buchhandlung von Klíč & Spitzer in Wien= - sind erschienen und durch alle Buchhandlungen des In- und - Auslandes zu beziehen: - - =Bilderbuch für Hagestolze= von =E. M. Vacano=, mit =100= - Federzeichnungen von =K. Klíč=. =4. Auflage.= In originellster - Ausstattung. Einband: Mahagonyholz. Preis =2 fl. 50 kr. ö. W. = 5 - Mark=. - - =Der Roman der Adelina Patti= von =E. M. Vacano=, illustrirt =von K. - Klíč=. Einband: Ahornholz. Preis =2 fl. 50 kr. ö. W. = 5 Mark=. - - =200 Bilderspässe= von =Hanns Bohrloch=. Preis =1 fl. 50 kr. ö. W. = - 3 Mark=. - - Das =lebensgrosse= Portrait von =Charles Darwin=, - Original-Kreidezeichnung von =K. Klíč=. Preis =4 fl. ö. W. = 8 - Mark=. - - =»Humoristische Blätter von K. Klíč«,= - illustrirt-satyrisch-politisches Wochenblatt, 3. Jahrgang, mit - der Beilage »=Neue Fliegende=«, humoristisches Familien-Journal. - Oesterreich-Ungarn: Vierteljährig =2 fl. ö. W.= Deutschland: =5 - Mark=. »=Neue Fliegende=« allein =1 fl. 30 kr. ö. W. = 2 Mark 60 - Pf=. - - - Bis zu Weihnachten 1875 erscheinen: - - =2. Band= vom =Bilderbuch für Hagestolze= von =E. M. Vacano=, mit 100 - neuen Original-Federzeichnungen von =K. Klíč=. - - =Dorfbilder= von =E. M. Vacano=, illustrirt von =K. Klíč= und =K. - Žadnik=. - - =Nur für brave Kinder.= =Deklamationen der kleinen Marie=, - illustrirte Kinderpoesien. - - =Bilder aus dem Harem.= Humoristischer Roman von =E. M. Vacano=, - reich illustrirt von =K. Klíč=. - - - Druck von Wilh. Zoeller in Wien. - - - - - * * * * * * - - - - -Weitere Anmerkungen zur Transkription - - Ein Inhaltsverzeichnis wurde zur besseren Orientierung ergänzt. - - Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend - korrigiert. - - Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Die inkonsistente Schreibweise wurde beibehalten, sofern nicht bei - den Korrekturen aufgeführt. - - Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen): - - S. 16: überkommen → übernommen - den modernen Italienern die Unkenntniss der Geografie {übernommen} - - S. 30: Damatiens → Dalmatiens - das langgestreckte Küstenland {Dalmatiens} - - S. 31: Peppo → Beppo - Da stand das Haus des Herrn {Beppo} - - S. 52: starkt → stark - die Umrisse eines {stark} verwischten Todtenkopfes zeigt - - S. 53: donnne → donne - »il carnevaletto delle {donne}« - - S. 54: musss → muss - an welchem die Procession vorüber ziehen {muss} - - S. 54: nnd → und - {und} hinter allen dämmerigen Oellämpchen - - S. 55: ausgestrekten → ausgestreckten - mit wagrecht {ausgestreckten} Armen gehen muss - - S. 56: Aufmerksam → Aufmerksamkeit - sehen mit peinlicher {Aufmerksamkeit} darauf - - S. 58: Damatien → Dalmatien - Erzählt man doch in {Dalmatien} hierüber - - S. 59: Merre → Meere - eiskalten Fluthen in ungestümer Eile dem {Meere} zujagt - - S. 60: seinen → seinem - um {seinem} Oelbaume nicht zu schaden - - S. 65: welchem → welchen - Das sind die Momente, in {welchen} sie - - S. 65: graviätischer → gravitätischer - und notirt mit {gravitätischer} Miene jedes Fass - - S. 65: und und → und - im Hofraume {und} verzehren ihr Frühstück - - S. 74: Tabakliferanten → Tabaklieferanten - Querzüge meines {Tabaklieferanten} Duje Braidovich - - S. 76: österreichichen → österreichischen - auf der {österreichischen} Seite desselben - - S. 77: Grundsäszen → Grundsätzen - von welchen {Grundsätzen} die Herren Bischöfe Dalmatiens - - S. 81: mus → muss - Das Glas Wein {muss} übrigens ziemlich tief gewesen sein - - S. 93: gewähnt → gewöhnt - und wer an derlei Scenen nicht {gewöhnt} wäre - - S. 109: Aehnlishes → Aehnliches - dass {Aehnliches}, wie ich es jetzt erzählte - - S. 110: lagen → langen - der fünf Fuss {langen} Flinte seines Vaters - - S. 112: dieser → diesen - Bei {diesen} Worten hatte sein Weib - - S. 113: zerklüfteteten → zerklüfteten - Vieh auf die {zerklüfteten} Bergabhänge treiben - - S. 114: Glieden → Glieder - und die erstarrten {Glieder} zu wärmen - - S. 114: Harnmbascha → Harambascha - ehe der {Harambascha} es ihm erzählte - - S. 120: die → di - in der Bocca {di} Cattaro der Fall - - S. 126: nnd → und - die Wogen hoben {und} senkten unsere kleine Barke - - S. 132: oh → ob - hat die Luce gefragt, {ob} der Andre da gewesen - - S. 147: erwiederte → erwiderte - der mir aber salbungsvoll {erwiederte} - - S. 152: aher → aber - Andere Fischer {aber}, die ohne Feuer - - - -***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS HALBVERGESSENEM LANDE*** - - -******* This file should be named 50197-0.txt or 50197-0.zip ******* - - -This and all associated files of various formats will be found in: -http://www.gutenberg.org/dirs/5/0/1/9/50197 - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Žádnik</h1> -<p>This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States -and most other parts of the world at no cost and with almost no -restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it -under the terms of the Project Gutenberg License included with this -eBook or online at <a -href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you are not -located in the United States, you'll have to check the laws of the -country where you are located before using this ebook.</p> -<p>Title: Aus halbvergessenem Lande</p> -<p> Culturbilder aus Dalmatien</p> -<p>Author: Theodor Schiff</p> -<p>Release Date: October 13, 2015 [eBook #50197]</p> -<p>Language: German</p> -<p>Character set encoding: UTF-8</p> -<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS HALBVERGESSENEM LANDE***</p> -<p> </p> -<h4>E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team<br /> - (<a href="http://www.pgdp.net">http://www.pgdp.net</a>)<br /> - from page images generously made available by<br /> - Internet Archive<br /> - (<a href="https://archive.org">https://archive.org</a>)</h4> -<p> </p> -<table border="0" style="background-color: #ccccff;margin: 0 auto;" cellpadding="10"> - <tr> - <td valign="top"> - Note: - </td> - <td> - Images of the original pages are available through - Internet Archive. See - <a href="https://archive.org/details/aushalbvergessen00schi"> - https://archive.org/details/aushalbvergessen00schi</a> - </td> - </tr> -</table> -<p> </p> -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> -<hr class="pg" /> -<p> </p> -<p> </p> -<p> </p> - -<h1> -<span class="smcap">Aus Halbvergessenem Lande.</span></h1> -<p class="center"> -CULTURBILDER AUS DALMATIEN<br /> -<span class="smaller smcap">von</span></p> -<p class="center"> -<span class="larger smcap">Theodor Schiff</span>.</p> -<p class="center p2 smaller smcap"> -MIT ZEICHNUNGEN VON K. KLÍČ UND K. ŽÁDNIK.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="" /> -</div> - -<p class="center p2"> -<span class="larger">WIEN, 1875.</span><br /> -VERLAG VON KLÍČ & SPITZER.</p> -<p class="center smaller"> -(Alle Rechte vorbehalten.) -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span></p> - -<h2>Inhaltsverzeichnis</h2> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td>Einleitung</td><td class="tdr"><a href="#Einleitung">3</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Ein abgeschnittener Kopf.</td> - <td class="tdr"><a href="#Ein_abgeschnittener_Kopf">7</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Arme Seelen als Schiffsrheder.</td> - <td class="tdr"><a href="#Arme_Seelen_als_Schiffsrheder">15</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Pestgräber von Botticelle.</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Pestgraeber_von_Botticelle">25</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Paternosterhaus.</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_Paternosterhaus">34</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Jacuve Ciciola und seine Liebe.</td> - <td class="tdr"><a href="#Jacuve_Ciciola_und_seine_Liebe">41</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Wandelnde Kreuze.</td> - <td class="tdr"><a href="#Wandelnde_Kreuze">48</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Hippolytos und Phaedra.</td> - <td class="tdr"><a href="#Hippolytos_und_Phaedra">57</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Frau Mare Kargotic Gesang.</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Frau_Mare_Kargotic_Gesang">64</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Türkischer Tabak.</td> - <td class="tdr"><a href="#Tuerkischer_Tabak">70</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Don Martine von Karakaschitza.</td> - <td class="tdr"><a href="#Don_Martine_von_Karakaschitza">77</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Ein Gerichtstag in der Morlakei.</td> - <td class="tdr"><a href="#Ein_Gerichtstag_in_der_Morlakei">87</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Ein türkisches Schnupftuch.</td> - <td class="tdr"><a href="#Ein_tuerkisches_Schnupftuch">95</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Ein Richter in Bosnien.</td> - <td class="tdr"><a href="#Ein_Richter_in_Bosnien">103</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Morlakischer Winter.</td> - <td class="tdr"><a href="#Morlakischer_Winter">110</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die streitbaren Bocchesen.</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_streitbaren_Bocchesen">118</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Gouverneur von Scoglio Stipansko.</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Gouverneur_von_Scoglio_Stipansko">125</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Wie die Agave zum Blühen kam.</td> - <td class="tdr"><a href="#Wie_die_Agave_zum_Bluehen_kam">135</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Omblathal bei Ragusa.</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_Omblathal_bei_Ragusa">141</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Ein Fischzug bei Lesina.</td> - <td class="tdr"><a href="#Ein_Fischzug_bei_Lesina">149</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Gigg des Kaisers.</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_Gigg_des_Kaisers">155</a></td> -</tr> -</table> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p> - -<h2 class="hidden" id="Einleitung">Einleitung</h2> - -<p class="drop">Ein schmaler Streifen Landes, lang gestreckt und dünn -bevölkert, liegt Dalmatien fernab vom emsigen Verkehre der -Völker, eingeschlossen zwischen dem massigen Gebirgsgrat der -türkischen Grenze und den ruhelosen Wogen des Meeres.</p> - -<p>Die Söhne des alten Hellas hatten einst seine Inseln bevölkert -– und die heitere Sitte ihres Vaterlandes war mit ihnen -eingezogen in die neue Erde. Die stolze Roma hatte ihren wuchtigen -Arm ausgestreckt über die lachende Küste – und wie mit -einem Zauberschlage wuchsen blühende, reich bevölkerte Städte, -wuchsen riesige Paläste hervor, und schöne Tempel in heiterem -Säulenschmucke spiegelten sich in den Fluthen der Adria. -Barbarenhorden brachen in das Land, Schrecken, Tod und Verderben -in ihrem – Gefolge und zugleich mit ihnen hielt das -Christenthum seinen stillen Einzug, siegreich in seiner holden -Demuth, freiheitkündend in seiner sanften göttlichen Lehre. Das -finstere, gewaltthätige Ritterthum entvölkerte mit seinen Kreuzzügen -Europa – und Richard Löwenherz fand in Ragusa eine -Freistatt. Der erste Napoleon hatte das Land mit seinen Geierkrallen -erfasst, und in den kurzen Jahren seines Besitzes hoben -sich der Handel und die Industrie des Landes zu nie geahnter -Blüthe.</p> - -<p>Und heute?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span></p> - -<p>Die erlauchte Krämer-Republik Venedig hat Dalmatiens -Forste ausgerodet, – türkische Barbarei in demselben ihre blutigen -Zeichen gelassen, – das reichbegabte und dabei so arme -Volk verkümmert jetzt in seiner Einsamkeit und das Gespenst -des Hungers hält alljährlich seinen Umzug durch die schauerlich -nackten Felsengebirge. Heute hat sich die Weltgeschichte abgewendet -von dem schönen armen Lande, das in unthätiger Ruhe -langsam dahinsiecht, – heute spricht man von Dalmatien wie -von einer sagenhaften Erde, und von seinem Volke wie von verklungenen -Geschlechtern.</p> - -<p>Darum habe ich es versucht, den Schleier zu lüften, der -über Dalmatien liegt und über seinen Bewohnern. Ich habe -nichts erdichtet und nichts erfunden, sondern einfach erzählt, was -ich im Laufe langer Jahre dort gesehen, und die Erinnerungen -niedergeschrieben, die mir geblieben sind aus dem Vaterlande -meiner Kinder – aus dem halbvergessenen Lande.</p> - -<p class="smaller"> -<em class="gesperrt">Wien</em> im September 1875.</p> -<p class="right"> -<b>Theodor Schiff.</b> -</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-004.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p> - -<p class="h2"><span class="smcap">Aus halbvergessenem Lande.</span></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-006.png" alt="" /> -<div class="caption">Die alte Zanetta.</div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p> - -<h2 id="Ein_abgeschnittener_Kopf"> -<img src="images/illu-007.png" alt="" /><br /> -Ein abgeschnittener Kopf.</h2> - -<p class="drop">Die alte Zanetta sass auf ihrem uralten Lehnstuhl und liess sich's -wohl geschehen. An einem spiessartigen Stück Holz, das sie durch das Band -der breiten grossblumigen Schürze gesteckt hatte, war der Flachs befestigt, -den sie mit den knöchernen Fingern ihrer linken Hand langsam herabzupfte, -und in der rechten Hand liess sie das länglichrunde Holz »il fuso« -kreisen, um das sich das gesponnene Garn wickelte. Auf ihrem Kopfe lagen -zwei grosse Krautblätter und über denselben ein viereckig gefaltetes schneeweisses -Tuch. Signora Zanetta behauptet seit dreissig Jahren täglich, dass -sie <em class="gesperrt">heute</em> Kopfschmerzen habe, und dass sie nur frische Krautblätter durch -vierundzwanzig Stunden auf den Kopf zu legen brauche, um den Kopfschmerz -für immer zu vertreiben. Und darum trägt sie seit dreissig Jahren -Krautblätter auf dem Kopf und darüber das viereckig gefaltete weisse -Tuch, was zusammen den Eindruck eines bösartigen Turbans exotischer -Herkunft hervorbringt. Ein von tausend Runzeln durchfurchtes Gesicht, -dessen Mund noch eine untadelhafte Reihe blendend weisser Zähne zeigte, -ein verblichenes, aber höchst sauber gehaltenes Kleid, an den zusammengeschrumpften -Füssen reine weisse Strümpfe und ein paar türkische Schuhe -von dickem rothen Leder, sass die Signora Zanetta auf ihrem Lehnstuhl<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span> -und um sie schwirrten die Schwärme von Fliegen, wie sie die dreissig -Grad Hitze eines Julitages in Spalato zu erzeugen vermögen.</p> - -<p>Ein grosses Gemach mit niedriger Decke – an den Wänden rohe -Alfresco-Malereien, sämmtlich Theile der Seeküste darstellend, an welcher -Herren und Damen in altväterischer Tracht lustwandeln, während in der -Ferne der ruhig glänzende Spiegel des Meeres sich endlos erstreckt, – in -der Mitte des Zimmers ein ungeheurer Tisch aus dunklem Holze, – an -den beiden Längsseiten des Zimmers zwei kleine, schwerfällige, mit Flügelthüren -versehene Kasten, auf denen mindestens ein Dutzend blankpolirter -messingener Oellampen stand, – über dem einen Kasten ein schauerlich -gemaltes, den Kaiser Franz als Jüngling vorstellendes Bild, dem gegenüber -ein stark zerfressener Kupferstich mit der Darstellung des bethlehemitischen -Kindermordes hing, – eine alte Wanduhr in einem bis an die Decke -reichenden Kasten, – so sah das Gemach aus, in welchem Signora Zanetta -sass, spann und es sich wohl geschehen liess.</p> - -<p>In Spalato ist Alles alt. Die Häuser, das Pflaster, die Familien, die -Kirchen, die Sprache, – Alles ist uralt. Die Domkirche wurde zu Ende -des dritten Jahrhunderts von dem alten Christenverfolger Diocletian dem -Jupiter erbaut, – die Sphinx vor derselben ist eine Kleinigkeit älter und -entstammt der achtzehnten Dynastie der Pharaonen, – und das am Meeresstrande -befindliche Franziskaner-Kloster macht einen förmlich modernen -Eindruck, weil es erst im Jahre 1212 vom heiligen Franz von Assisi gegründet -wurde, – ja, auf dem beliebtesten Spazierwege Spalatos konnte -man noch zu Ende der Sechziger-Jahre halb städtisch, halb »national« gekleidete -Bürger mit einem rückwärts herabbaumelnden Zopfe sich ergehen -sehen. Das Italienisch, das in allen Bürgerfamilien gesprochen wird, ist -genau dasselbe, das man in Venedig vor hundert Jahren hörte und in -Goldoni's Lustspielen noch heute lesen kann. Eine Familie, die ihren sogenannten -Adel erst von hundert oder zweihundert Jahren herwärts datirt, -wird so ziemlich als neugeadelt angesehen, und ich kenne selbst in Spalato -eine Familie, deren Mitglieder allen Ernstes behaupten, dass ihre in <em class="gesperrt">Salona</em> -ansässigen Vorfahren bereits römische Patrizier gewesen seien. Salona -wurde aber im Jahre 639 nach Christi Geburt zerstört, und das mag der -Grund sein, warum das betreffende Adelsdiplom nicht aufgefunden werden -konnte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p> - -<p>Es ist überhaupt ein merkwürdiges Volk, das der Dalmatiner und -besonders der Spalatiner Adelsgeschlechter. In den engen Gassen der Stadt, -in den verstecktesten und übelriechendsten Winkeln derselben sitzen sie in -ihren Häusern, denkend der vergangenen Herrlichkeit, als noch der »Conte« -nicht viel weniger als ein Souverain und der arme Morlake nicht viel -mehr als ein Sklave war, und es für jede Ungerechtigkeit, die der »Conte« -beging, höchstens eine Geldstrafe gab, für das Vergehen des armen Bauern -aber nur das Ermessen und die Willkür seines Herrn massgebend war. -Sie haben nichts gelernt und nichts vergessen, diese Conti, und so gut -österreichisch sie auch im Allgemeinen sein mögen, so denken sie doch -noch immer an das verrottete Pascha-Regiment der in ihrem Fett erstickten -Republik von Venedig. Ja, – sowie man heute noch allenthalben auf -den Mauern und öffentlichen Gebäuden der dalmatinischen Städte den Löwen -des San Marco über seine vergangene Herrlichkeit in steinerner Faulheit -trauern sieht, so würden sämmtliche »Conti« nicht im mindesten sich -wundern, wenn eines schönen Tages wieder einmal so ein Provveditore -der Republik auf einem altartigen Segelschiffe angefahren käme, um die -verrottete Zopfwirthschaft von neuem zu beginnen.</p> - -<p>So wie es unter depossedirten Fürsten üblich sein mag – ich stelle -es mir wenigstens so vor, – sich gegenseitig mit »Majestät« anzusprechen, -so hört man die Spalatiner alten Familien einander den Titel »Conte« geben, -ohne dass weder der eine noch der andere Theil das mindeste Anrecht -auf diese Bezeichnung hätte. Das »gemeine« Volk thut dann das -Gleiche in seinem Umgange mit den »Conti«, und so wird in Spalato, da -man dort nach altvenetianischer Weise die Leute bei ihrem Taufnamen -ruft, nur von einem Conte Mome<a id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">1</a>, Conte Zane<a id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">2</a>, Conte Toni, von einer -Contessa Mare<a id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">3</a>, Contessa Lele<a id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">4</a> und Contessa Bare<a id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">5</a> gesprochen.</p> - -<p>In dem Hause eines solchen Conte war es, wo ich der alten Zanetta -gegenüber sass, die spinnend und kopfnickend mir ihre Erinnerungen erzählte. -Da war sie als dreizehnjähriges Kind in die Familie gekommen, in der -sie jetzt als dreiundachtzigjährige Greisin das Gnadenbrod ass. Ihren Herrn, -den Conte Anastasio, der vor einem Jahre als siebzigjähriger Greis gestorben,<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -hatte sie damals auf den Armen getragen, – dessen Mutter, die Contessa -Nene<a id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">6</a>, war damals eben erst seit zwei Jahren verheiratet gewesen und -trotz ihrer Jugend eine gar strenge Frau. »Ja, ja, damals hatten die Diener -noch Respect vor dem Herrn und der Frau, und wenn sie pfeifen hörten -(denn in jener Zeit gebrauchte man noch keine Glocken in den Zimmern), -da stürzten sie Alle holterpolter in's Zimmer, – nicht wie jetzt, wo die -Magd hereinschleicht, als ob sie der Frau damit eine Gnade erwiese.«</p> - -<p>»Damals,« so erzählte Zanetta, während sich ihre bleichen runzlichten -Wangen in Erinnerung an die vergangene Herrlichkeit rötheten, »damals -konnte der Herr noch den Diener strafen, ohne dass irgend ein Prätor -oder sonst ein Beamter sich unberufenerweise hineinmischte. Wenn -das heute geschehen wäre, dass man der seligen Lustrissima<a id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">7</a> ihr ganzes -Silbergeschirr stahl, wie es bald vor siebzig Jahren geschehen, wer weiss, -ob nicht der Joso<a id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">8</a>, der Lump, noch frei ausgegangen wäre, aber so hat -er es bitter genug büssen müssen, – unser Herrgott habe seine Seele -gnädig.« – Und Signora Zanetta faltete die Hände und schien ein Gebet -für den »Joso« zu murmeln, so dass ich sie, so lange sie in ihrer Andacht -versunken war, nicht unterbrechen wollte.</p> - -<p>»Und wie war denn die Geschichte, Signora Zanetta, mit dem Joso -und dem Silbergeschirr und der Lustrissima?«</p> - -<p>»So, wissen Sie <em class="gesperrt">das</em> nicht? Hier weiss es Jedermann. Das heisst, -Jene, die es gewusst haben, sind eigentlich meistentheils todt, ich aber -erinnere mich noch gar gut daran. Damals war ich ein junges Ding und -eben erst von der Insel Brazza herübergekommen, weil mich die selige -Lustrissima als Magd wollte. Ich bin auch seit jener Zeit nicht mehr aus -dem Dienste der Familie ……* getreten, und so hat auch mein Herr, -der Conte Nico<a id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">9</a>, als er vor dreissig Jahren starb, es ausdrücklich im -Testamente hinterlassen: La Signora Zanetta resta calzata e vestita in -casa ……*, monda e netta<a id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">10</a>. Auch arbeite ich, was ich will, und seit -zehn Jahren putze ich nur mehr alle Morgen die Oellampen, denn das -jetzige Volk von Mägden ist zu faul und zu schmutzig zu einem solchen -Geschäft. Also richtig, dass ich auf den Joso komme, der war damals<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span> -Knecht beim Conte Nico und wohnte draussen in dem Hause von Lovrett, -eine Viertelstunde vor der Stadt auf dem Wege gegen Paludi. Dort hatte -er die Felder zu bearbeiten, die auf weit und breit um das Haus herum dem -Conte Nico gehörten. Sie gehören auch jetzt noch der Familie ……*«</p> - -<p>»Also, die Lustrissima lag in ihrem ersten Kindbett mit dem kleinen -Conte Anastasio, den Sie ja selbst noch gekannt haben und der erst im -vorigen Jahre gestorben, und weil es schon gegen zwölf Uhr Mittags war, -um welche Zeit gewöhnlich die anderen Frauen zur Lustrissima zu Besuche -kamen, so hatte ich den kleinen Conte Anastasio, der eingeschlafen -war, in seine schöne Wiege gelegt und putzte ein wenig den Staub von den -Möbeln des ersten vor dem Schlafzimmer der Lustrissima befindlichen Zimmers. -Da ruft die Lustrissima und sagt: »Zanetta, mir kommt vor, als ob -ich einen Geruch von Zwiebel verspürte, – war gewiss der Joso draussen -im anderen Zimmer?« Der Joso, müssen Sie wissen, ass sehr gerne -frische Zwiebel und roch auch gewöhnlich danach. Sag' ich, nein, Lustrissima, -der Joso ist noch nicht zum Essen gekommen und in der Küche -draussen wird ihm die Minestra kalt. Sagt die Lustrissima: »Ich weiss -nicht, aber die ganze verflossene Nacht träumte mir von Melonen, die mir -der Joso brachte, das bedeutet einen Diebstahl. Nimm hier die Schlüssel -und sieh in der schwarzen Truhe nach, die draussen steht, ob alles Silberzeug -da ist.« Sage ich: Ja, Lustrissima! nehme den Schlüssel und will -die Truhe aufsperren, da fehlt aber etwas im Schloss und ich kann nicht -damit zu Stande kommen. Unterdessen kommt der Conte Nico nach Hause, -der lässt den Schlosser holen, und wie der Deckel endlich aufspringt, ist -die Kiste leer. Ja, – von Melonen träumen bedeutet immer Diebe im -Hause.«</p> - -<p>»Der Conte Nico – Gott hab' ihn selig! – läuft selbst gleich zum -Municipium und es werden alle Rondari<a id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">11</a> avisirt und die Truhen von uns -Dienstleuten wurden alle durchsucht, aber es fand sich nichts und die -Rondari konnten auch keinem Diebe auf die Spur kommen. Da liess der -Conte Nico alle Dienstleute in's Zimmer kommen und wir mussten niederknien -und er machte alle Fenster auf. Einer nach dem Andern mussten -wir bei offenem Fenster schwören, dass wir es nicht gethan hätten, – und -schliesslich sprach Niemand mehr davon.«</p> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span></p> -<p>»Die Lustrissima aber hatte sich das schöne Silberzeug zu Herzen -genommen, wurde schwer krank und lag durch drei Monate im Bette, obwohl -man ihr nach und nach mindestens hundertundfünfzig Blutegel setzte -und der alte Doctor R., der Grossvater des jetzigen Doctor R., ihr viele -Male zu Ader liess. Wie es ihr schon besser geht, – aber noch sehr -schwach war sie, – kommen eines Morgens unsere beiden Knechte, die -im Hause wohnen, vom Feld herein und mit ihnen drei Rondari. Die tragen -etwas in einer Torba<a id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">12</a> und wollen mit der Lustrissima sprechen. -Der Conte Nico war schon zeitlich Früh nach Castelli geritten und weil -die Lustrissima noch so schwach war, so hatte ich gerade ein schönes -Stückchen Schöpsenfleisch für sie gebraten, das ich ihr mit einem Glase -Vugava<a id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">13</a> hineintragen wollte. Wie die Rondari und die Knechte aber -hören, dass der Conte Nico nicht zu Hause sei, liessen sie sich schon -gar nicht mehr halten und sagten, wenn ich sie nicht hineinführe zur -Lustrissima, so würden sie ohne mich zu ihr in's Zimmer gehen; sie hätten -etwas, das die Lustrissima zum Lachen bringen würde, und das thäte ihr -gewiss besser als alle Medicinen und Blutegel des Doctors.«</p> - -<p>»Die Lustrissima hatte uns sprechen gehört und rief mir zu, dass -ich die Leute nur hineinführen möchte zu ihr. Wie nun die Knechte in's -Zimmer treten, bemerke ich, dass der Eine, der Ive,<a id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">14</a> den Griff seines -Handjars und auch seine Hände ganz mit Blut beschmutzt hatte, aber ich -erschrak nicht, weil ich glaubte, er hätte vielleicht einen Hammel geschlachtet -oder sonst etwas. Da traten die Fünfe hin vor das Bett der -Lustrissima, und der Ive, der immer gut sprechen konnte, sagt zu ihr: -»Gospoja,<a id="FNAnker_15_15"></a><a href="#Fussnote_15_15" class="fnanchor">15</a> willst Du wissen, wo Dein Silberzeug ist?« Sagt die Lustrissima: -»Freilich möchte ich's gerne wissen, aber ich fürchte, das ist schon -lange in der Türkei.« Sagt der Ive: »Schau, Gospoja, kennst Du das?« -und zog unter der Jacke die grosse silberne Spuckschale hervor, die noch -heute drüben beim anderen Silberzeug steht. Dann griffen die Anderen in -ihre Jacken und Gürtel, und nach und nach lag das ganze gestohlene -Silberzeug auf dem Bette der Lustrissima zu ihren Füssen.«</p> -<p> -<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-013.png" alt="" /> -</div> - -<p>»Wie das aber Alles ausgebreitet lag, sagt der Ive: »Weisst Du noch, -Gospoja, wie wir alle haben bei offenem Fenster schwören müssen? Ich -habe<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span> -damals gar gut gesehen, wer blass geworden ist, als der Conte Nico die -Fenster aufmachte. Darum habe ich seit der Zeit dem Joso aufgepasst, -und jede Nacht ging ich um Lovrett herum seit dieser Zeit, bis ich einmal -ein Licht sah unter den Feigenbäumen vor dem Hause. Da wusste -ich, dass ein Schatz in der Erde sein musste, denn das Licht verschwand, -sobald ich näher kam. Und als ich heute Nacht wieder um Lovrett herumschlich, -da sah ich den Joso mit der Schaufel aus dem Hause treten -und gegen die Feigenbäume gehen. Da rief ich schnell meinen Kameraden -und auch die drei Rondari, die wir begegneten, und als wir nach Lovrett -kamen, da hatte gerade der Joso das ganze Silber ausgegraben und wollte -es in's Haus tragen. Wir aber fielen über ihn her und nahmen es ihm -weg. Hier hast Du Dein Silber, Gospoja, und da ist noch etwas.« Und -wie der Ive das gesagt hatte, griff er in die Torba und zog den Kopf -des Joso hervor, den sie ihm abgeschnitten hatten – –«</p> - -<p>»Die Lustrissima erschrak zwar, aber sie war eine gar tapfere Frau, -– ganz wie ein Mann. Darum beruhigte sie sich bald, liess den Kopf -hinaustragen und befahl mir, den Leuten Wein und Brod zu geben, bis -der Conte Nico käme. Der war anfangs böse darüber, weil damals schon -die Beamten anfingen, sich in Alles hineinzumischen und solche Dinge nicht -leiden wollten. Aber er sprach mit den Herren auf dem Municipium, die -hatten auch viel zu viel Respect vor der Familie ……*, als dass sie -etwas gethan hätten. Und so fragte Niemand mehr danach, der Joso bekam -eine schöne Leiche, und das Silberzeug kam auf seinen alten Platz -in die schwarze Truhe. Aber für den Joso wird seit dieser Zeit alle Jahre -an seinem Sterbetage, als sie ihm den Kopf abschnitten, eine heilige Messe -gelesen.«</p> - -<p>»Und wann ist die Lustrissima gestorben?« fragte ich.</p> - -<p>»Schon vor zwölf Jahren,« sagte Signora Zanetta, indem sie die -Spindel zur Erde gleiten liess, andächtig die Hände faltete und für die -Lustrissima zu beten schien.</p> - -<p>Die Signora Zanetta erzählte mir diese Geschichte genau an dem -Tage, als die Schlacht bei Sedan geschlagen wurde, und lebt noch zur -Stunde, in der ich dieses schreibe.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p> - -<h2 id="Arme_Seelen_als_Schiffsrheder"> -<img src="images/illu-015.png" alt="" /><br /> -Arme Seelen als Schiffsrheder.</h2> - -<p class="drop">Was die Dalmatiner von uns Deutschen sagen und wie sie von -uns denken, das lässt sich nicht in wenigen Worten wiedergeben, hauptsächlich -schon aus dem Grunde nicht, weil unter dem Worte »Dalmatiner« -zwei ganz verschiedene Nationalitäten zu verstehen sind, die einander in -der Sprache gar nicht gleichen, während ihre Sitten nur Weniges mit einander -gemein haben. In den Küstenstädten Nord- und Mittel-Dalmatiens, -in Zara, Sebenico, Spalato, Almissa und Makarska ist die sogenannte -bessere Classe, zu welcher sämmtliche »Conti«, die besser gestellte Mittelclasse -und verhältnissmässig nur wenige Gewerbetreibende gehören, grösstentheils -italienischer Herkunft; man spricht in der Familie italienisch mit -venetianischem Dialekt und hat venetianische Sitten und Gebräuche mit -einer merkwürdigen Zähigkeit bis auf den heutigen Tag festgehalten. Im -Inneren des Landes hingegen, sowie in den südlicher gelegenen Städten -Ragusa, Cattaro, Castelnuovo, dann auf den Inseln, herrschen slavische -Sprache, Sitten, Gebräuche und Familien-Namen vor. Die Bewohner des -inneren Gebirgslandes sind ausschliesslich Slaven.</p> - -<p>Im Allgemeinen wird das Cultur-Element durch den italienisch sprechenden -Theil der Bevölkerung vertreten, während sich die Dalmatiner<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -Slaven – mit alleiniger Ausnahme der Bevölkerung von Ragusa – noch -in einem wenig beneidenswerthen Urzustande befinden. Ich weiss zwar -nicht, ob ich es als eine für uns Deutsche beschämende Thatsache erklären -soll, aber es steht fest, dass die Dalmatiner Slaven von dem Daheim der -Deutschen kaum mehr wissen als vielleicht die Unterthanen Seiner Majestät -des Schah's von Persien. Allenfalls hört man von einem Morlaken hin und -wieder Bec (Wien) erwähnen, wobei übrigens die Frage nicht selten ist, -welche Sprache denn in »Bec« gesprochen werde. Darüber hinaus gehen -aber die ethnografischen und geografischen Begriffe eines Dalmatiner Bauers -wohl selten.</p> - -<p>Anders verhält es sich mit den »gebildeten«, italienisch sprechenden -Dalmatinern. Diese haben noch von ihren Vorfahren oder Zwingherren, -den alten Venetianern, die ganze Verachtung für die deutschen Barbaren -und vielleicht von den modernen Italienern die Unkenntniss der Geografie -<span id="corr016">übernommen</span>, die sie auch je nach den Abstufungen ihrer bessern oder -minder guten Erziehung ziemlich unverhüllt zur Schau tragen. Deutsche -Beamte sind in Dalmatien sehr selten, die Chefs der Landes-Regierung -sind und waren seit vielen Jahren der Militärgrenze oder sonst dem croatischen -Stamme entnommen, die Officiere der in Dalmatien liegenden Truppen -schliessen sich von dem Verkehr mit den Familien ab oder werden -vielmehr zu demselben gar nicht zugelassen: da ist es natürlich, dass -man mit dem Ausdrucke »Deutsch« nur einen sehr unbestimmten Begriff -verbindet, und es ist mir mehr als einmal vorgekommen, dass in einer -der abendlichen »Conversazioni« von einem »Deutschen aus Ungarn« oder -einer »Deutschen aus Böhmen« die Rede war, worunter man ungarisch -oder czechisch sprechende Leute verstand.</p> - -<p>Aber nicht nur Barbaren sind wir Deutsche für die echten Dalmatiner, -sondern auch Ketzer. – Ketzer ohne alle Ausnahme. Daher erklärt -sich auch das mit einem guten Theil Misstrauen gemischte und etwas zugeknöpfte -Benehmen, mit welchem der Deutsche in Dalmatien von dem -Eingebornen italienischer Nationalität empfangen und im Umgange behandelt -wird.</p> - -<p>Man hat viel von den verrotteten, abergläubischen Ansichten der -Tiroler gesprochen und als Entschuldigungs- oder Erklärungsgrund den -Wall himmelanstürmender Berge angeführt, der Tirol bis vor Kurzem von -dem Verkehre mit der Aussenwelt so ziemlich abgeschlossen hielt. Bei den<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -Dalmatinern mag eine ähnliche Ursache die ähnliche Wirkung hervorgebracht -haben. Dalmatien liegt eben ausser dem Wege des Völkerverkehrs -und die befruchtenden Ideen der Neuzeit haben dort kaum einen schwachen -Widerhall gefunden in seinen Bergen, in den dumpfen Häusern -seiner alterthümlichen Städte und an seinen einsamen Küsten.</p> - -<p>Wer in Spalato während der Sommer-Monate Luft schnappen will, -der muss zeitlich aufstehen. Das ist nicht figürlich zu nehmen, sondern -wörtlich. Die Tage sind glühend, die Nächte heiss, – aber in den Morgenstunden, -allenfalls von vier bis sechs Uhr, da liegt ein prächtiger satter -Schatten über der breiten Marine, dem schönen Spaziergange, der sich -zwischen den dem Hafen zugewendeten Häusern der Stadt Spalato und -dem Meeresufer hinzieht. Das Meer dehnt sich still und glänzend aus bis -zu den noch im Schatten liegenden Inseln Brazza und Solta, die Barken -am Ufer heben und senken sich in feierlich rhythmischer Bewegung, der -feine blaugraue Duft, den man nur am Seegestade findet, mengt sich am -weiten Horizont mit den violetten und hellrothen Farben des Himmels, -schöne Möven tauchen abwechselnd in die rosige Himmelsgluth und den -silberglänzenden Spiegel des Meeres. Weit draussen kommen vielleicht ein -Paar Fischerboote heran mit braunrothen lateinischen Segeln, und dann -blitzt plötzlich der erste Morgensonnenstrahl über Segel, Inseln, Möven -und Meeresspiegel. Dann kriechen wohl einzelne Matrosen aus den Lucken -ihrer Fahrzeuge, in denen sie geschlafen, und machen ihre Morgen-Toilette -im Meerwasser; Weiber mit grossen Körben auf dem Kopfe bringen Milch -und Gemüse zu Markte, im nahen Franziskaner-Kloster läutet es zur Frühmesse, -– aber der echte Spalatiner, besonders wenn er ein Conte ist, -schläft noch, – lässt sich von den Mücken stechen, deren es in den engen -Gassen und Häusern Millionen gibt, und schwitzt seine Morgenträume.</p> - -<p>Der alte Conte Lole<a id="FNAnker_16_16"></a><a href="#Fussnote_16_16" class="fnanchor">16</a> war zwar ein echter Spalatiner, aber heute -wich er ab von der Sitte seiner Väter und war schon um fünf Uhr auf -der Marine. Er schien auf etwas oder auf Jemanden zu warten, denn er -pflanzte sich, so lang er war, mitten hin vor das kleine Sanitätsgebäude -und musterte, die Hand als Schutz gegen die eben aufgehende Sonne -über die Augen haltend, die am Ufer verankerten Barken. Meinen Gruss -erwiderte er als jenen eines alten Bekannten ziemlich flüchtig, freute<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -sich aber doch, wie er sagte, mich so früh auf und wohl zu sehen. »Der -Ante Placibat,« hub er an, immer noch mit der Hand über den Augen, -»der Ante Placibat ist ein Faulpelz, – ich sehe weder ihn noch die Colombina. -Und doch sollte er schon heute Früh von der Brazza gekommen -sein, um gleich wieder nach Zara abzufahren. Ich bin nur seinetwegen -am diese Stunde aufgestanden, um ihm Einiges mitzugeben für meinen -Bruder, den Conte Duje<a id="FNAnker_17_17"></a><a href="#Fussnote_17_17" class="fnanchor">17</a>. Auch weiss er recht gut, dass der Don Beppo -eigens seinetwegen heute schon um sechs Uhr in unserer Capelle Messe -liest für eine glückliche Fahrt. Ich möchte Nichts sagen, wenn ihm die -Messe nichts gelten würde, aber heute sind gerade zwei von den Knechten -auf dem Felde, da ist nur die Magd und der eine Knecht bei der -Messe und so kann der Kerl als Dritter zu einer giltigen heiligen Messe -kommen, weil ich ihn für einen meiner Diener ausgeben kann. Er verdient's -aber nicht, der ……!«</p> - -<p>Mir war die ganze Geschichte einigermassen unverständlich. Wer ist -Ante Placibat und wer die Colombina? Was ist das für eine Messe, die nur für -drei Dienstboten gilt, und wem gegenüber will Conte Lole den Ante Placibat, -der doch sein Knecht nicht zu sein scheint, für einen solchen ausgeben?</p> - -<p>Ich erbat mir von Conte Lole eine diesbezügliche Erklärung, aber -in demselben Augenblicke kam ein Mann auf uns zu, der offenbar der -ersehnte Ante Placibat sein musste, denn er grüsste schon von Weitem -und Conte Lole rief ihm in halb scherzhaftem, halb ärgerlichem Tone -einige Flüche in illirischer Sprache zu. Der Mann trug ein Paar weite -Beinkleider von Segeltuch, die mit einer rothen Schärpe um die Hüften -befestigt waren, eine braune, vorne offene Jacke und einen breiträndigen -Strohhut. Sein Anzug und die hellgrauen zusammengekniffenen Augen -zeigten deutlich den Seemann. Der Conte Lole, sagte er, möge sich nur -nicht ereifern. Die Colombina (und dabei wies er mit dem Daumen über -die rechte Schulter) sei bereits um drei Uhr Früh angekommen und vollkommen -klar zur Abreise. Wenn der Conte Lole ein wenig weiter gegen -das Zollamt gehen wolle, so könne er sie hinter dem grossen Trabakel<a id="FNAnker_18_18"></a><a href="#Fussnote_18_18" class="fnanchor">18</a> -des Padron Ivicich liegen sehen. Auch habe er bereits einen Matrosen -mit dem Mozzo<a id="FNAnker_19_19"></a><a href="#Fussnote_19_19" class="fnanchor">19</a> in das Haus des Conte Lole gesendet, um mitzunehmen, -was mitzunehmen wäre. Und wenn der Conte Lole und ich es erlauben, so<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -lade er uns ein, unterdessen, bis die Leute zurückkämen, mit ihm einen -schwarzen Kaffee zu trinken, der im Kaffeehause Troccoli ganz vorzüglich -wäre. Und dabei machte er eine tiefe Verbeugung vor uns Beiden. Aber -der Conte Lole wollte von allen dem nichts wissen, sondern trieb den -Ante Placibat an, dass er jetzt gleich mit ihm nach Hause und zur Messe -käme. Auch mir, sagte er, könne es nicht schaden, und wenn ich ihn begleiten -wolle, so erweise ich ihm eine Ehre, obwohl die Messe für mich -nicht giltig sei, denn ich wäre <em class="gesperrt">ein Fremder</em>.</p> - -<p>Dass die »Colombina« eine Küstenbarke und Ante Placibat deren -Commandant (oder um in der Schiffersprache zu sprechen) ihr Padron war, -das hatte ich jetzt glücklich erfahren, aber welches Bewandtniss es mit der -»giltigen« Messe habe, die für mich <em class="gesperrt">nicht</em> galt, blieb mir immer noch -ein Geheimniss, das mir der Ergründung werth schien. Ich nahm deshalb -die Einladung des Conte an und begleitete ihn durch die noch wenig belebten -Gassen der Stadt, während Ante Placibat sich respectvoll immer -einen halben Schritt hinter uns hielt.</p> - -<p>Spalato ist nicht gross und um es in gerader Linie nach irgend -einer Richtung zu durchmessen, benöthigt man kaum mehr als zehn Minuten. -Beiläufig so lange brauchten wir auch, um zu dem Hause des Conte -zu gelangen, das, wie er mir unterwegs erzählte, bereits seit zweihundert -Jahren seiner Familie gehörte. Der Zugang zu demselben war nicht vielverheissend, -da wir uns durch ein Gewirr der engsten und finstersten -Gässchen durchwinden mussten, bis wir endlich durch einen mächtigen, -wahrscheinlich noch von dem Palaste Diocletian's herstammenden Schwibbogen -tretend, uns der Behausung des Conte gegenüber befanden.</p> - -<p>Ein alterthümliches, roh in Stein gehauenes und mit grellen Farben -überklextes Wappen prangte über dem hohen, aber schmalen Thore. Die -weite, beinahe vollkommen finstere Vorhalle, die uns nun empfing, entsandte -einen eigenthümlich muffigen, mit mephitischen Dünsten gemischten -Duft, was auch der Conte zu bemerken schien, denn er murmelte, während -wir die Stiege hinaufschritten, etwas über die Nachlässigkeit eines gewissen -Sime<a id="FNAnker_20_20"></a><a href="#Fussnote_20_20" class="fnanchor">20</a>, der des Abends das Thor nicht rechtzeitig schliesse und dadurch -die Schuld trage, dass sich die ganze Nachbarschaft des Hauseinganges -wie eines Anstandsortes bediene. Im ersten Stocke angekommen, traten<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -wir in eine Vorhalle, von der zwei Thüren, wie es schien, in die Wohnzimmer -und eine kleinere dritte in die Capelle führte. Der Conte öffnete -die Thüre.</p> - -<p>Eine merkwürdigere Capelle und eine sonderbarere Versammlung -von Andächtigen ist mir wohl niemals vorgekommen. Vor Allem trat uns -eine grosse, magere, streng und sauber aussehende Dame in einfachem -Hauskleide entgegen, welche durch die nichts weniger als artige Strafpredigt, -die sie wegen zu langem Ausbleiben an den Conte richtete, sich -als die Contessa kundgab. Als sie meiner ansichtig wurde, verstummte sie, -ohne übrigens im Geringsten verlegen zu werden, und erwiderte meinen -Gruss ziemlich gemessen, indem sie mir zugleich den Eintritt freigab. Der -Thür gegenüber, die in ein schmales, beiläufig vier Klafter langes Gemach -führte, stand ein Altar auf rohen, aus Sandstein gemeisselten Säulen. Ober -demselben prangte ein aus Holz geschnitzter Heiliger und über demselben -ein vergoldetes Osterlamm. Zwei Reihen schmaler Betschemel, die kaum -für je zwei Personen Platz boten, liessen einen Gang frei bis zum Altare. -Uralte Heiligenbilder, alte Sträusse von künstlichen Blumen und einige -Kupferstiche hingen an den Wänden. Auf den Kniebänken der Betstühle -sassen vier junge Damen mit glänzenden Augen, höchst derouter Toilette -und ungekämmten, aber prachtvoll langen, dunkelschimmernden Haaren; -sie kehrten dem Altar den Rücken und schienen sich in zwanglosem Geplauder -zu unterhalten. Das waren die jungen Contessen. Ein beiläufig -achtzehnjähriger Bursche, der junge Conte, lehnte an der Thüre und sprach -mit einem sehr behäbig aussehenden kugelrunden geistlichen Herrn; ein -Morlake und eine städtisch gekleidete höchst schlumpig aussehende Magd -standen in der einen Ecke. Das war die Versammlung, welche den Conte -Lole und mit ihm den Anfang der Messe erwartete.</p> - -<p>Bei unserem Eintritte kam etwas Leben in die Versammlung. Der -geistliche Herr legte mit Hilfe des Hausherrn die Messgewänder an, die -jungen Damen trachteten die Mängel ihrer Morgen-Toilette so gut und -so schnell als möglich zu verdecken, männiglich setzte sich in andächtige -Positur und die Messe ward ohne weitere Störung gelesen, nur dass die -Contessa hin und wieder giftige Blicke auf Conte Lole schoss und etwas -brummte, was eben kein Gebet sein mochte.</p> - -<p>Als die Messe beendet und der Segen gegeben war, wurde der behäbige -geistliche Herr in die Wohnung der Familie escortirt, um dort<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span> -seinen Morgenkaffee einzunehmen. Ich aber verabschiedete mich von der -gestrengen alten Contessa, sowie den derouten jungen Contessen und gab -in Gesellschaft des Conte Lole dem Ante Placibat das Geleite gegen die -Marine.</p> - -<p>Ich weiss nicht, ob der Conte mir es an der Miene ablas, dass ich -gerne eine Erklärung über die geheimnissvolle Giltigkeit und Ungiltigkeit -der Messe im Hause ……* gehört hätte, oder ob er nur zeigen -wollte, welch' uralter Familie er angehöre, die noch solchen alten Brauch -zu hegen und zu pflegen das Recht habe, kurz, er erzählte mir Folgendes:</p> - -<p>Vor beiläufig zweihundert Jahren wurde der Theil des Hauses, in -welchem die Kapelle steht, durch einen Ahnherrn der Familie ……* -erbaut. Irgend ein Papst wurde durch irgend einen der Bischöfe von Spalato -gebeten, der Familie ……* das Recht zu geben, in ihrer Hauscapelle -Messe lesen zu lassen. Da die Familie ……* wohlhabend und -im Stande war, für den hochadeligen Luxus einer eigenen Hauscapelle -auch tüchtig zu zahlen, so erfolgte die erbetene Erlaubniss. Unter dem -Dachboden in irgend einer Kiste musste auch noch das päpstliche Breve -aufbewahrt sein. Der Conte hatte es nie gelesen, wohl aber sein Vater, der -vor dreissig Jahren gestorben, und ihm einmal sagte, das Breve sei lateinisch. -Und weil die Familie ……* seit jeher sich durch Frömmigkeit -ausgezeichnet habe, so habe die Capelle auch ganz besondere Privilegien. -Jeden Tag dürfe in derselben Messe gelesen werden, auch gelte die Messe -für alle Familien-Mitglieder, auch für Diejenigen, die nur in die Familie -geheiratet hatten, und ausserdem für drei männliche oder weibliche Dienstboten, -aber nicht …</p> - -<p>Das war mir doch zu stark. Da stand ich trotz aller Erklärung wieder -vor dem ungelösten Räthsel, das ich doch ergründen wollte.</p> - -<p>»Entschuldigen Sie, Conte Lole, wie verstehen Sie das von dem Gelten -der Messe?«</p> - -<p>Der Conte streifte mich mit einem misstrauischen Seitenblick, als -ob er nicht recht im Klaren sei, ob ich denn nicht doch ein Ketzer und -daher der nöthigen Vorbildung zum Verständniss seiner Erklärung bar -sei. »Gelten heisst gelten,« sagte er tiefsinnig, »wenn Sie zum Beispiel -Sonntags in meiner Capelle die Messe hören, so haben sie keine Messe -gehört, wenn aber ich oder ein Mitglied meiner Familie in derselben die<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -Messe hören, dann haben wir sie gehört. Das Gleiche gilt für drei meiner -Dienstleute.«</p> - -<p>»Wenn aber vier von Ihren Dienstleuten der Messe beiwohnen, für -welchen von den Vieren gilt dann die Messe nicht, Conte Lole?«</p> - -<p>Der Conte dachte einen Augenblick nach und entschied dann rasch: -»Für den Letztgekommenen. – Sehen Sie, Herr ……, ich weiss -recht gut, obwohl ich niemals aus Dalmatien hinausgekommen bin, dass -man in der Welt jetzt nicht mehr viel hält auf solche Dinge, aber in -unserer Familie, die von sehr altem Adel ist, war man auch immer fromm. -Darum hat man uns auch Privilegien gegeben von Rom, wenn wir darum -baten, und nicht genug, auch einen Cardinal haben wir schon in der -Familie gehabt und auch ein Wunder.« Und der Conte blickte in offenbar -gehobenem aristokratischem Selbstbewusstsein bei der Erinnerung an das -Wunder um sich, als erwartete er rings um sich plötzlich eine ganze -Legion adeliger Wappenschilde der Familie ……* auftauchen zu sehen.</p> - -<p>»Das Wunder ist wohl schon sehr alt?« wagte ich zu fragen.</p> - -<p>»Nein, es geschah vor fünfzig Jahren. Mein jüngerer Bruder Conte -Zandume<a id="FNAnker_21_21"></a><a href="#Fussnote_21_21" class="fnanchor">21</a> war mit einem kürzeren Fuss geboren und hinkte. So lange -er klein war, wurde das weniger beachtet; die Aerzte sagten, es gäbe -kein Mittel dagegen und seine Pesterna<a id="FNAnker_22_22"></a><a href="#Fussnote_22_22" class="fnanchor">22</a>, die eine Morlakin aus Imoschi -war, zog ihn nur alle Abend tüchtig bei dem kürzeren Fuss, dass er -schrie, aber das half nichts. So war er zwanzig Jahre alt geworden. Da -verlobte ich ihn zu einer Wallfahrt in die Capelle des San Dojmo bei -Duimovaz. Es war am 7. Mai, dem Tage des San Dojmo, und wir hatten -uns etwas verspätet. Darum war es schon tüchtig heiss, als wir in die -Gegend von Duimovaz kamen und auf dem ganzen Wege hindurch predigte -ich in einemfort dem Zandume, er solle nur festen Glauben hegen, dann -werde Alles gut werden. Fede<a id="FNAnker_23_23"></a><a href="#Fussnote_23_23" class="fnanchor">23</a>, Zandume, fede! rief ich immer, aber der -Zandume war schon müde, weil er hinkte, und sagte nur: »Ja, Lole!« -Endlich kamen wir zur Capelle selbst. Viele Kerzen brannten drinnen und -vor denselben lag eine Menge Morlaken, Weiber wie Männer und sonst -ordinäres Volk auf den Knien. Ich schob sie aber zur Seite, packte meinen -Bruder beim Arm, schob ihn voraus und rief in der höchsten Aufregung -»Fede, Zandume! fede, fede, Zandume, fede!« (– Hier folgte noch ein Fluch,<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -der sich nicht in's Deutsche, wohl aber in das Ungarische übertragen -lässt –) – – – »Da war das Wunder geschehen.«</p> - -<p>»Konnte er jetzt gerade gehen?« fragte ich.</p> - -<p>»Nein,« sagte der Conte, »aber er fühlte sich besser, so lange er -lebte, und sprach davon bis zu seinem Tode. Vor zwei Jahren ist er -gestorben.«</p> - -<p>Unterdessen waren wir auf die Marine gekommen, von welcher der -breite Schatten gewichen war, da die Sonnenstrahlen sich jetzt kräftig -und heiss über dieselbe legten. Das Meer wippte in zitternder Bewegung -vor einer stetigen Landbrise und die »Colombina« tanzte mit den anderen -Barken gar lustig vor unseren Augen. Der Ante Placibat war auf einem -als Landungsbrücke dienenden Brette an Bord gegangen und hantirte -mit den Kisten, Fässern und Ballen herum, die auf dem Verdeck lagen, -und der Mozzo hockte bei einem kleinen am Bug des Schiffes angemachten -Kohlenfeuer um Kaffee zu kochen.</p> - -<p>Conte Lole schien doch das Bedürfniss zu fühlen, den etwas zweifelhaften -Eindruck, welchen die Erzählung von dem Wunder auf mich gemacht, -durch die Aufzählung irgend einer positiven Thatsache abzuschwächen, -denn er fragte plötzlich: »Wissen Sie, wem die »Colombina« -eigentlich gehört?«</p> - -<p>»Vermuthlich Ihnen, Conte Lole?«</p> - -<p>»Nein,« antwortete der Conte stolz, »sie gehört den armen Seelen. -Mein Grossvater hat sie bauen lassen. Früher war sie grösser und ist -auch bis Triest gefahren, jetzt aber fährt sie nur bis Zara. Von dem, was -sie einbringt, wird vorerst die Mannschaft gezahlt, dann werden die Reparaturen -besorgt und was übrig bleibt wird zu Seelenmessen für die Verstorbenen -unserer Familie verwendet. Davon wird der Don Beppo bezahlt, -der eben in der Capelle Messe las. Die Reparaturen fressen am meisten und -von der ursprünglichen »Colombina« ist kein Spahn mehr da. Aber sie -wird immer gut gehalten und frisch aufgezimmert, hat auch immer ausserordentliches -Glück gehabt. Weil die armen Seelen eigentlich ihre Eigenthümer -sind, brauche ich sie auch nicht zu assecuriren. Schon oft war sie -in der grössten Gefahr, – jedes andere Schiff wäre zu Grunde gegangen -aber die »Colombina« – – halt! Da fährt sie ab. Glückliche Reise, Ante! -Grüsse mir die Freunde in Zara!!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span></p> - -<p>Während die Brise sich sanft in die Segel legte, tanzte die »Colombina« -lustig hinaus über die glitzernde Fläche. Beim Steuerruder stand -aber Ante Placibat und schwenkte seinen Strohhut.</p> - -<p>Glückliche Reise, »Colombina,« glückliche Reise, Ante Placibat!!</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-024.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Pestgraeber_von_Botticelle"> -<img src="images/illu-025.png" alt="" /><br /> -Die Pestgräber von Botticelle.</h2> - -<p class="drop">Hätte Herr Stipe Noncovich sein Dasein in irgend einer Stadt irgend -eines anderen Landes ausser Dalmatien hingebracht, so würde er jedenfalls -auf den Titel eines Commis Anspruch erhoben haben. Da er aber -in Spalato sich des Lebens freute, so hiess er einfach »Giovane«.</p> - -<p>Giovane ist Alles. Ein Schneidergeselle, ein Advocatenschreiber, ein -Schusterlehrjunge, ein Marqueur in einem Kaffeehause, und nicht minder -jene jungen Männer, die man im gemeinen Leben deutscher Nation unter -den Sammelnamen Ladenjünglinge zu bezeichnen pflegt – sie Alle heissen -in ganz Italien und in allen Küstenstädten des italienischsprechenden Dalmatiens -»Giovane«, zu deutsch »junger Mann«. Wie alt ein derartiger -junger Mann sei, thut nicht das Mindeste zur Sache, denn nicht etwa das -jugendliche Alter des Betreffenden soll mit diesem Ausdrucke bezeichnet -werden, sondern das Abhängigkeits-Verhältniss, in welchem er zu seinem -Herrn steht. Und Herr Stipe Noncovich war ein »Giovane«, er verkaufte -Leinwand, Bänder, Schnüre, Vogelleim, abgelegenes Tuch, Schiesspulver, -Zucker, Kaffee, fertige Stiefel, Branntwein und noch tausend andere Dinge -in dem Laden seines verehrten Oheims und gestrengen Herrn.</p> - -<p>Wenn man von der Piazza Signori – dem Herrenplatze – der -freundlichen Stadt Spalato in der Richtung gegen den diocletianischen<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -Jupiter-Tempel geht, so stösst man an der Ecke des Platzes auf ein -höchst sonderbares Erzeugniss mittelalterlicher Bildhauerkunst. Es sind -zwei Bischöfe in vollem Ornate, welche, die Mitra auf dem Kopfe und die -respectiven rechten Hände wie zum Segen erhoben, in Sandstein roh ausgemeisselt -und in die Quadern des Eckhauses eingefügt sind. Der eine -dieser Bischöfe ist in mehr als Lebensgrösse dargestellt – der andere -reicht dem ersten kaum bis zum Knie. Die nackten Füsse des grossen -und die von schwerfälligem Faltenwurfe überdeckten Knie des kleinen -Bischofs sind gleichmässig abgeschliffen und gewöhnlich mit einer Schmutzkruste -überzogen. Das hat seinen guten Grund. Der Morlake sowie der -Bewohner der Vorstädte Spalatos sieht in jeder alten Statue ohneweiters -einen Heiligen. Hat die Statue gar eine Bischofsmütze auf dem Kopfe, so -muss es schon ein ganz ausserordentlicher Heiliger sein. Darum sind auch -die beiden sandsteinernen Bischöfe heilig und kein Morlake und kein Vorstadtbewohner -versäumt es, im Vorübergehen hinaufzulangen, die Füsse -des grossen und die Knie des kleinen Bischofs mit den Fingern anzurühren -und dann seine Finger zu küssen. Daher die Kruste. Manchesmal -regnet es aber, und dann wird die Schmutzkruste vom Regen abgewaschen.</p> - -<p>Fragt man einen zur gebildeten Classe zählenden Spalatiner um die -Bedeutung dieser beiden Bischofsbilder, so erhält man allerdings eine -Auskunft, die einigen Zweifel an der Heiligkeit der beiden Originale zu -erwecken geeignet ist. Es soll nämlich einmal im vierzehnten oder fünfzehnten -Jahrhundert der Bischof von Spalato mit dem Bischofe von Traú -ein kleines Zerwürfniss gehabt haben, was zu einem Particularkriege zwischen -den beiden Städten Spalato und Traú führte. Bei der Schlacht oder -bei dem Gefechte, welches sich die Bewohner der beiden Städte lieferten, -wurden die Unterthanen des Bischofs von Traú mit blutigen Köpfen heimgeschickt, -worauf dann die beiden geistlichen Herren, wie billig, Frieden -machten. Zum Andenken aber an den erfochtenen Sieg und zum Zeichen, -wie mächtig er selbst gegenüber seinem Widersacher sei, liess der Bischof -von Spalato den grossen und den kleinen Bischof in Sandstein aushauen. -Der grosse Bischof war er selbst, – jener winzig kleine der überwundene -Bischof von Traú. Heute sind sie Beide heilig und die Morlaken -küssen ihnen – da sie zu hoch stehen – symbolisch die Füsse, wie man -anderwärts Leute, die man nicht »hat«, in effigie hängt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p> - -<p>An derselben Ecke, an welcher die beiden sandsteinernen Bischöfe -mit der periodischen Schmutzkruste an den Füssen prangen, mündet auch -eine zweite enge Gasse: die Calle Alberti.</p> - -<p>»Calle« heisst in der Venezianer Mundart, die in allen Küstenstädten -Dalmatiens gesprochen wird, eine enge Gasse, und Alberti ist der -Name einer geachteten Spalatiner Familie, die einmal in dieser Gasse ein -Haus besessen hat. Das erwähnte Haus gehört zwar heute einem Schneider, -aber die Gasse ist desswegen nicht breiter geworden, und wann zur -Zeit der Weinlese die mit bocksledernen Schläuchen beladenen Esel den -edlen Traubensaft durch die Calle Alberti schleppen, so müssen die Kaufleute -ihre Waaren, die sie anlockend vor ihren Kaufläden ausgehängt -haben, hübsch hereinnehmen, wenn dieselben nicht beschmutzt oder gar -von einem Esel mitgenommen werden sollen. Denn die Calle Alberti ist -der grosse Bazar von Spalato, in dessen Verkaufsgewölben Alles zu haben -ist, was nur Herz oder Sinn der männlichen und weiblichen Spalatiner -erfreuen mag.</p> - -<p>Und dort, in der Calle Alberti, nicht zu weit von dem ungleichen -sandsteinernen Bischofspaar, hatte Herr Stipe Noncovich senior seinen -Laden, und in demselben lebte, wirkte und verkaufte Herr Stipe Noncovich -junior, zugleich Neffe seines Herrn und »Giovane« seines Oheims.</p> - -<p>Zu wenig Geld oder auch kein Geld haben kommt wie anderwärts -auch in Spalato vor, und bei Herrn Stipe Noncovich junior war dieser Umstand -beinahe chronisch geworden. Denn Herr Stipe Noncovich senior -fühlte sich doppelt verpflichtet, eine Abwechslung in dieser Beziehung nicht -herbeizuführen. Als Dienstgeber seines Neffen lag es nämlich in seinem -eigenen Interesse, dessen Lohn so karg als möglich zu halten, und als -Oheim seines Giovane fühlte er sich verpflichtet, darüber zu wachen, dass -der Letztere durch das lockende Bewusstsein einer vollen Börse nicht -auf Abwege verleitet werde. Darum hatte Herr Stipe Noncovich junior -kein Geld. Darum musste er seinen brennenden Wunsch unerfüllt lassen, -es den anderen jungen Leuten gleichzuthun, Abends vor dem Café Troccoli -seine Cigarrette zu rauchen oder fein geputzt und geschniegelt bei den -Damen den Galan zu spielen, wenn sie im Mondenschein auf der wunderschönen -Marine sich ergingen und riesige Staubwolken mit ihren langen -Schleppen aufwirbelten. Spalatiner Damen sind nämlich in den Moden durchaus -nicht oder höchstens um ein paar Jahre zurück, und eine Schleppe zu<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span> -tragen gehört dort zum guten Ton. Je länger die Schleppe, desto besser -der Ton.</p> - -<p>Richtig – ich wollte eigentlich erzählen, wie Herr Stipe Noncovich -junior zu Gelde gekommen, ja sogar ein reicher Mann geworden ist. Ganz -genau weiss ich es freilich selbst nicht – was ich aber darüber erfahren -konnte, das soll hier nicht verschwiegen werden.</p> - -<p>An der Ostküste des Gebietes von Spalato ragen die starren Uferfelsen -sägenartig gezackt in die spielenden Meereswogen hinaus. Thurmhoch, senkrecht -abfallend und trotzig gleich Ruinen einer mittelalterlichen Burg -fühlen sie den leisen Kuss der Wellen nicht, die ihren Fuss umspielen -und werden von der wildanstürmenden Brandung nicht erschüttert, wenn -der Scirocco gebrochene Wellenberge an sie heranwirft. Sie haben die -Griechen in ihren Schiffen landen gesehen und die welterobernden Römer, -sie standen so wie heute, als das Christenthum lautlos und siegesfreudig -zugleich seinen Einzug hielt in das uralte Dalmaticum; der stiernackige -Imperator Diocletian ist auf ihrem breiten Rücken einhergeschritten und -die barbarischen Rufe der Avaren hallten aus ihren Klüften wieder. Schöne, -lauschige, kleine Buchten hat das Meer in ihren Riesenkörper hineingewaschen, -hat den feinsten Sand, so weich wie Sammt, spielend hineingetragen -und winkt dort mit silberklaren, leise scherzenden Wellen zu köstlichem -Bade. Der Rücken dieser Felsen, der sanft gegen die Stadt Spalato -niedergleitet, ist mit einer dünnen Humusschichte bedeckt, die Einsenkungen -sind mit Erde ausgefüllt und darüber wirft der Oelbaum seine schwermüthigen -Schatten, grünt der Feigenbaum, senkt sich die Rebe unter der -schweren Last der dunkeln saftstrotzenden Trauben.</p> - -<p>Jener Theil dieser lachenden und trotzigen Felsenhügel, der unmittelbar -an das Gebiet von Spalato grenzt, heisst Botticelle, und Botticelle -heisst auch die Bucht, die sich dort in das Land eingeschnitten. -In der Bucht badet zur Sommerabendzeit die ganze elegante, bürgerliche -und gemeine Welt von Spalato – oben auf dem Felsenrücken, unter den -üppigen Reben liegen die Leichen von Pestkranken verscharrt und – -dort ruhen auch die Schätze. Ja, wirkliche, ordentliche, klingende Schätze -in blankem Gold und Silber. Und wer's nicht glaubt, der gehe zu nachtschlafender -Zeit nach Botticelle, so um Neumond herum, wenn nur das -leise Rauschen des Meeres zu hören und einzelne Sterne durch die feuchtheisse -Atmosphäre herniederleuchten. Dann mag er die schlanken, blauen<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -Flammen spielen sehen zwischen den Reben und unter dem dunkeln -Schatten der Oelbäume, dann mag er es aufblitzen sehen in dem thaufeuchten, -warmen Dunkel, und dann – ja, dann mag er es nochmals -behaupten, wenn er Lust und Muth dazu hat, dass in Botticelle keine -Schätze liegen.</p> - -<p>Eines weiss man nicht: wie die Schätze nach Botticelle gekommen -und wer sie dort vergraben hat. Dafür aber herrscht über die Herkunft -der Pestleichen nicht der geringste Zweifel. Als im Jahre 1784 zum letztenmale -die Pest durch türkische Caravanen nach Spalato eingeschleppt -wurde, da begrub man die an dieser Krankheit Verstorbenen in einem -grossen, in Stein gehauenen Schacht auf dem gemeinschaftlichen Friedhofe -San Stefano. Dort stehen heute noch zwei steinerne Kreuze mit der Aufschrift: -»Ob pestem Angelo Diedo Provisore 1784.« Die an der Pest verstorbenen -Türken aber verscharrte man ohne viel Ceremonie gleich hinter -der Stadt in Botticelle, weil erstens das Lazareth, wo sie gestorben, in -der Nähe lag oder vielmehr heute noch dort liegt, und zweitens, weil -man die ungetauften Türkenhunde nicht in geweihter Erde und in dem -geweihten Schachte begraben wollte. Und gerade dort, über den verscharrten -Leibern der pestkranken Türken, tanzen in dunkeln Sommernächten -die schlanken, blauen Flammen – gerade dort liegen auch die Schätze.</p> - -<p>Alle Welt weiss es. Auch Herr Stipe Noncovich junior wusste es, -und wenn er, oft Düten drehend oder die Elle handhabend, in dem dumpfen -wie ein Ei gefüllten Laden seines Brodherrn und Oheims stand, dann -waren seine Gedanken draussen in Botticelle und irrten dort hin und her, -gleich den schlanken, blauen Flammen zur Sommernachtszeit.</p> - -<p>Wer die Schätze heben könnte! Ach, welch' schöne Kleider wollte -er tragen, wie wollte er geschniegelt und gebügelt über die Marine promeniren, -bald mit der, bald mit jener Dame sprechen und dabei den -Galanten machen, dass es nur so eine Freude wäre. Und gerade solche -mit den allerlängsten Schleppen wollte er sich aussuchen, seinem verehrten -Oheim und Herrn zum Trotz, der die neumodischen Schleppen nicht -leiden konnte. Und dann hätte er sich vor das Café Troccoli gesetzt, -hätte sich Gefrornes geben lassen, den Hut – einen schwarzglänzenden -Cylinder – in den Nacken gerückt, und hätte sich eine Cigarrette um -die andere gedreht. Eine schwere goldene Uhrkette müsste er haben und -eine goldene Uhr, dann an jedem Finger mindestens Einen Ring, goldene<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span> -Hemdknöpfe, lackirte Stiefletten und die wunderbarsten dunkelblauen Hosen -müsste er tragen – ganz wie der Conte Anastasio, der genau in diesem -Aufzuge jeden Abend vor dem Café Troccoli sass. Und während er diese -Luftschlösser baute und an all' die Herrlichkeiten dachte, musste er im -Kaufladen seines Oheims Düten drehen!</p> - -<p>Es war einmal ein Schneider in Spalato, dem es ganz ausserordentlich -schlecht ging. Der Mann war der Verzweiflung nahe, denn er hatte -nichts zu beissen und zu Hause riefen die Kinder um Brod. Da ging er -hinaus nach Botticelle – wollte er sich die Felsen herab in's Meer stürzen -– wollte er seinen Kummer verträumen – wer weiss es? Als er -sich aber dort auf die Erde setzte und in unbewusster Wuth eine handvoll -Erde und Steine aufraffte, um sie fortzuschleudern, da blieb ihm ein -hellblinkender Ducaten in der Hand. Und dann fand er an derselben Stelle -noch einen und wieder einen und so fort, bis er blanke sechsunddreissig -Ducaten mit den Händen aus der Erde gescharrt hatte. Mehr fand er -nicht, obwohl er mit einem Spaten versehen zum zweitenmal an Ort und -Stelle kam und den ganzen Fleck umwühlte. Und das ist kein Märchen, -denn der Mann lebt heute noch und hat seinen eigenen Laden, wo er mit -drei Burschen den ganzen lieben Tag lang rothe Mützen näht und sie an -die Morlaken um gutes Geld verkauft.</p> - -<p>Was dem halbverzweifelten Schneider gelungen, das sollte ihm, Herrn -Stipe Noncovich junior, nicht möglich sein, – ihm, der sich zu Höherem -geboren fühlte?</p> - -<p>Eine goldene Uhrkette, ein blank gebügelter Cylinder und die blauen -Hosen des Conte Anastasio tanzten vor seinen Augen einen wilden Reigen -und das Blut stieg ihm wie siedend zum Kopfe.</p> - -<p>Herr Noncovich senior aber hatte in diesem Augenblicke keine so -üppigen Träume wie sein hochaufstrebender Neffe und »Giovane«.</p> - -<p>Es vergeht selten ein Jahr, in welchem zur heissen Sommerszeit, -wenn die Früchte, wenn Melonen und Gurken in reichem Ueberflusse -reifen, nicht die Cholera einen kleinen Umzug hält durch das langgestreckte -Küstenland <span id="corr030">Dalmatiens</span>. Auch in diesem Jahre war sie gekommen und Herr -Noncovich senior war einer der Ersten, bei dem sie Einkehr gehalten. -Weil aber der Verkaufsladen nicht leer stehen durfte und vielleicht auch -aus anderen Gründen, war es nicht der Neffe und Giovane, der seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -Herrn und Oheim pflegte, sondern ein guter Freund und weitschichtiger -Vetter des Letztern, der Signor Beppo.</p> - -<p>Lange dauerte es nicht. Des Morgens hatte der alte Herr sich niedergelegt, -zwei Stunden darauf hatte man einen Franciskaner geholt, der -die Krankheit wegbeten sollte, Mittags kam der Arzt, um fünf Uhr Nachmittags -ging es dem Kranken besser (was die Folge des Wegbetens war) -und um zehn Uhr Abends war er eine Leiche.</p> - -<p>Der Signor Beppo hielt aber mit rührender Sorgfalt bei dem Kranken -aus, hegte und pflegte ihn und als er todt war, bestellte er selbst -die Männer und Weiber zur Leichenwache und besorgte in eigener Person -Schnaps und Brod für dieselben. Auch warf er den Herrn Stipe Noncovich -junior eigenhändig zur Thüre hinaus, als derselbe zu später Nachtstunde -in das Trauerhaus kam. Des andern Morgen kam die Gerichtssperre und -es wurde Alles hübsch ordentlich aufgenommen, was der alte Herr hinterlassen. -Es fand sich aber nicht viel. Ausser den Möbeln und werthlosen -Kleidern fand sich eigentlich nichts. Kleider und Möbel sowie das gefüllte -Verkaufsgewölbe in der Calle Alberti gingen in die Hände einer in Sebenico -lebenden Schwester des Verstorbenen über. Der Herr Beppo, der ihn so -treulich in seiner letzten Krankheit gepflegt, bekam nichts. Und Herr Stipe -Noncovich junior bekam auch nichts. Darum schimpfte Herr Beppo weidlich -über die Undankbarkeit seines verstorbenen Freundes und Herr Stipe -Noncovich, der Lebende, lungerte den ganzen Tag in den Strassen der -Spalatiner Vorstadt Pozzobuon herum. Auch Abends sah man ihn dort, -auf einem Stein sitzend mit einem Stücke Polenta in der einen und -einem gebratenen Fisch in der andern Hand.</p> - -<p>Warum in Pozzobuon? Vielleicht weil Pozzobuon in der Richtung -gegen Botticelle liegt, wo die Schätze vergraben? Oder weil in Pozzobuon -Herr Beppo wohnte, der Freund und Pfleger seines verstorbenen Oheims?</p> - -<p>Das hat keine lebende Seele je erfahren.</p> - -<p>Ja, wer ein schlankes blaues Flämmchen hätte sein können, wie sie -zu nachtschlafender Zeit über Botticelle tanzen, der hätte in der Vorstadt -Pozzobuon so gegen Mitternacht herum etwas sehen können. Da stand -das Haus des Herrn <span id="corr031">Beppo</span> und hinter demselben dessen Garten, ein -grosses mit Paradiesäpfelstauden, Misthaufen, Granatbüschen und Zwiebelbeeten -bedecktes Stück Erde. Wer da ein blaues Flämmchen hätte sein -können und sich hinter den Granatbüschen verborgen hätte, der hätte in<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -der pechfinstern, feuchten, heissen Nacht Jemanden aus Herrn Beppo's -Thür treten gesehen, der auf der linken Schulter eine Kiste und in der -rechten Hand einen Spaten trug. Und der hätte sehen können, wie dieser -Jemand in der unmittelbaren Nähe zweier Misthaufen und eines prächtigen -alten Feigenbaumes eine Grube machte und darin die Kiste begrub und dann -wieder Alles hübsch zudeckte und Mist darüber streute und dann wieder -in das Haus ging. Der hätte auch sehen können, wie dann aus den Granatbüschen -heraus eine andere Gestalt hervorschlich, die auch einen Spaten -hatte, aber mit demselben gerade die entgegengesetzte Arbeit verrichtete. -Denn die Gestalt grub genau an derselben Stelle nach, wo die Kiste verscharrt -worden war. Dann nahm die Gestalt die Kiste wieder heraus, -deckte die Grube wieder fein säuberlich zu, hob die Kiste auf die Achsel -und trollte sich damit fort. Wohin?</p> - -<p>Neuigkeiten sind in Spalato selten. Kommt einmal eine solche vor, -so wird sie darum desto begieriger von Alt und Jung aufgegriffen, besprochen -und herumgetragen. Und heute gab es etwas Neues. Herr Stipe -Noncovich junior war gestern Abends vor dem Café Troccoli gesehen -worden. Dort hatte er sich ein Gefrornes geben lassen und sehr viele -Cigarretten geraucht. Er hatte einen funkelnagelneuen Cylinder auf dem -Kopfe und trug denselben stark nach hinten gerückt, – von allen seinen -dicken Fingern blitzten Ringe und um den Hals schlang sich eine schwere -goldene Kette. Gold – nicht Talmi. Dazu hatte er ein spanisches Rohr mit -einem grossen goldenen Knopf und ein Paar prachtvolle dunkelblaue Hosen. -Er war in seinem Auftreten ein genaues Conterfei des Conte Anastasio. -Und als er sein Gefrornes zahlte, das zwölf Kreuzer kostete, liess er eine -Hundertgulden-Note wechseln, was dem »Giovane« des Café Trocolli bald -eine Ohnmacht zugezogen hätte, und zeigte eine prächtige mit Banknoten -gefüllte Brieftasche. Mit Einem Worte: Herr Stipe Noncovich junior war -ein reicher Herr geworden.</p> - -<p>Er hatte Spalato vor vierzehn Tagen als Passagier dritter Classe -eines Lloyddampfers verlassen. Seine ganzen Habseligkeiten bestanden in -einer kleinen hölzernen Kiste, die mit Stricken zugeschnürt war. Und -gestern war er von Triest zurückgekehrt – wenn nicht ein Adonis, so -doch ein zweiter Conte Anastasio.</p> - -<p>Lange hat es ihn aber in Spalato nicht gelitten. Er war blasirt. -Dann wollten auch die Damen nichts von ihm wissen, wenn sie Abends<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -mit den langen Schleppen über die Marine fegten und er den Galanten -bei ihnen zu spielen versuchte, weil, wie sie sagten, er schliesslich doch -nur ein »Giovane di Bottega« sei. Darum schiffte er sich eines schönen -Morgens wieder auf einem Lloyddampfer ein und reiste fort. Heute hat er -sich in Buenos Ayres etablirt, wo er einen schwungvollen Handel betreibt. -Dorthin liess er sich auch seine Schwester nachkommen, die früher ein -armes Schneidermädchen war.</p> - -<p>Möchtest Du auch Schätze finden, lieber Leser? Gehe hin nach -Spalato zur Sommerszeit, wenn die Granatäpfel glühen, die Traube dunkelt, -die köstliche Feige vom Baume winkt. Zur Nachtszeit, bei Neumond, wenn -die Nacht schwarz, heiss und feucht über Meer und Felsen hängt, dann -ersteige die Höhen von Botticelle, wo unter dunkeln Oelbäumen und -fruchtschweren Reben die Leiber der pestkranken ungetauften Türkenhunde -ruhen. Siehst Du dann schlanke blaue Flämmchen aufzüngeln und -im Tacte der Wogen tanzen, die tief unten den Fuss der jäh abstürzenden -zackigen Felsen schmeichelnd küssen, so merke Dir den Punkt ganz -genau. Dort liegen die Schätze.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-033.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Paternosterhaus"> -<img src="images/illu-034.png" alt="" /><br /> -Das Paternosterhaus.</h2> - -<p class="drop">Ein altes Zauberland ist dieses Dalmatien. Die Engel, welche die -berühmte Kirche von Loretto seinerzeit nach Italien transportirten, hatten -es nicht verschmäht auf ihrer luftigen Reise in Dalmatien Halt zu machen -und dort die Kirche, bei Tersate, auf einige Jahre zu deponiren. Wer es -je versucht hat, ein schweres Möbel oder eine tüchtige Kiste auf den -Schultern fortzutragen, wird den Engeln die Rast von Herzen gönnen; -auch glaube ich nicht, dass es auf der weiten Welt einen Dienstmann -oder Packträger gibt, der ihnen nicht sachverständig beistimmte. Früher -schon hatte der heilige Domnius – recte Domnionus und nicht zu verwechseln -mit dem officiellen Schutzpatron der Stadt Spalato, Dominius – -bis zu seinem seligen Ende und noch über dasselbe hinaus die Zauberei in -Dalmatien geübt. Bolandus erzählt die Geschichte und Archidiaconus Thomas -ist sein Gewährsmann. Besagter Domnionus war Hofbeamter Maximinian's, -des Mitregenten Diocletian's und ein heimlicher Christ. Als solcher ermahnte -er die christlichen Märtyrer, die sich damals in Dalmatien befanden,<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span> -bei ihrem Glauben auszuharren; er selbst aber floh gegen Rom, als -es bekannt wurde, dass auch er den neuen Glauben bekenne. Auf der -Claudischen Strasse, unweit der Stadt Julia Chrysopolis und an dem Ufer -des Flusses Sytirion, holten ihn die Häscher Maximinian's ein, banden ihn -mit Stricken und enthaupteten ihn. Da hob er sein abgeschlagenes Haupt -auf, ging mit demselben festen Schrittes über den Fluss und legte es am -anderen Ufer nieder, wo er auch sammt seinem Haupte begraben worden -ist. Den Grund dieses sonderbaren Benehmens weiss weder Archidiaconus -Thomas noch Bolandus anzugeben, aber aus dem Ganzen geht hervor, -dass nur Maximinian's Häscher selbst das Geschehene weiter erzählt haben -können, welcher Umstand immerhin als höchst achtenswerthes Zeugniss -für die Glaubwürdigkeit dieser Geschichte gelten mag.</p> - -<p>Was während des Mittelalters in puncto Zauberei in Dalmatien geleistet -wurde, darüber ist nicht viel bekannt, da aus naheliegenden Gründen -sehr wenige geschriebene Chroniken aus jener Zeit existiren. Wer -sich aber die Mühe nehmen wollte, heute eine Hexen- oder Zauberchronik -über Dalmatien und speciell über die Morlakei zu schreiben, der würde -des krankmachenden Unsinns genug finden, um einen recht anständigen -Band damit zu füllen. Die Hebamme ist die erste Zauberin, die mit ihren -Künsten an das frisch in die Welt gesetzte Kind herantritt. Sie vergisst -nie, wenn sie zu einer Wöchnerin gerufen wird, eine »Rose von Jericho« -mitzubringen, ein Distelgewächs, welches sie in ein Glas Wasser steckt -bis dasselbe, das Wasser aufsaugend, die früher zusammengeballten Wurzeln -öffnet. Dann bekommt das Kind einen »Zapis« um den Hals gehängt, den -gedruckten oder geschriebenen in Leinwandfetzen und Schafleder eingenähten -Zaubersegen, den der Pfarrer oder das nächste Franciscanerkloster -liefern muss. Wächst das Kind heran, so ist es die Mutter oder die Grossmutter, -deren Hauptaugenmerk darauf gerichtet ist, den Einfluss der Hexen -und bösen Geister von demselben abzuhalten. In den Klüften des wild -zerrissenen Gebirges, auf den Höhen der felsigen Berge, in Wald und -Sumpf, in jeder Ecke einer verfallenen Hütte und in jedem Wasser, das -in eiligem Laufe dem Meere zustürzt, stecken die leidigen Hexen. Die -»Viscizza« wandelt als altes Weib im Dorfe herum, macht die Kinder -krank, behext die Kühe und treibt ihren Unfug, bis sie nicht eine Tracht -Schläge erhält oder durch ein Geschenk begütigt wird. Die »Morina« quält -die Menschen im Schlafe und benimmt ihnen den Athem. Der »Macich«<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -versteckt sich in den Häusern, poliert in der Stille der Nacht, zerrt an -den Kirchenglocken, singt, lacht, weint und verschwindet dann, wenn er -seinen Muthwillen gekühlt hat, indem er sich in einen Ochsen, einen -Esel, ein Maulthier oder in ein anderes Vieh verwandelt. Die »Vukodlaci« -schleichen bei finsterer Nacht in den Dörfern herum, verführen die Weiber, -bringen Krankheiten über Menschen und Vieh und nehmen, wenn -verfolgt, die Gestalt von Verstorbenen an. Die »Vile« entführen Knaben -und Mädchen, um sie an ihren nächtlichen Reigen theilnehmen zu lassen. -Sie verlieben sich auch in Pferde, welche dann weder Sattel noch Reiter -dulden, ausser – man hängt ihnen einen Zapis um den Hals. Oel im -Hause verschütten, bedeutet den baldigen Tod eines Familien-Mitgliedes; -ein umgestossenes Salzfass bringt Krankheit in die Familie; ein Hund, der -vor dem Hause heult, bedeutet Unglück.</p> - -<p>Gegen Alles das, gegen Tod und Weiberverführung, gegen Viehseuche -und den bösen Blick der Hexen, gegen Krankheit und Ungemach aller -Art, das durch Zauberkünste heraufbeschworen wurde, gibt es zwei untrügliche -Mittel: den Zapis und – den Zaubersegen des Priesters. Ja, -der eigentliche und rechte Anti-Zauberer ist der Pfarrer. Dieser muss den -Zapis schreiben, wenn er ihn gedruckt nicht vorräthig hält, muss die -Würmer und Raupen verfluchen, muss die Heuschrecken vertreiben, Krankheiten -bei Menschen und Vieh heilen und nöthigenfalls auch das Wetter -machen. Wie er das Alles anstellt, das ist seine Sache. In neuester Zeit -haben die Bischöfe angefangen den zaubernden Pfarrern ein wenig auf die -Finger zu sehen und wohl auch auf die Finger zu klopfen, aber gerade -nur so viel, als zur Erhaltung des bischöflichen Decorums nothwendig ist. -Mein Gott! Der Morlake ist nun einmal auf den verdammten Zauber versessen -und der Pfarrer will leben – sieht der Bischof aber nicht ein -wenig durch die Finger, so holt der Teufel den Zauber und des Pfarrers -Lebensunterhalt dazu.</p> - -<p>Willst Du, lieber Leser, einen solchen Zauberer in seiner Höhle besuchen? -Komm' mit mir!</p> - -<p>Der altehrwürdige Palast des Römerkaisers Diocletian spiegelt sich -heute noch stumm und altersgrau in den blaugekräuselten Wellen des -schönen Hafens von Spalato. Die Quadermauern des Palastes stehen heute, -nach anderthalb Jahrtausenden, noch fest und stämmig, die Granit- und -Marmorsäulen ragen heute noch ungebrochen, und die kühnen Wölbungen<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -der gedeckten Gänge, die zu dem Atrium des alten jetzt als Domkirche -dienenden Jupitertempels führen, tragen auf ihren wuchtigen Schultern -heute noch die Häuser, welche, zwischen Marmorsäulen und Quadermauern -hineingebaut, die Stadt Spalato bilden. Rings um die Stadt dehnen sich -im weiten Halbkreise die Vorstädte, selbst wieder von felsigen Meeresbuchten -und üppigen Pflanzungen umzogen, in denen die Traube zwischen -Feigenbäumen reift und Oelbäume ihre fahlen ernsten Schatten werfen. -Weiter hinaus schliessen nackte, hochaufstrebende, felszerklüftete Berge -den Horizont und über dem Ganzen ruht der tiefblaue Himmel, fluthet -die feuchtwarme Meeresluft, zittern die heissen, gelbleuchtenden Strahlen -der dalmatinischen Sonne.</p> - -<p>Durch die Porta Aurea, das goldene Thor des alten Palastes, hinaus -führt uns der Weg, vorbei vor den Ruinen der Festungsmauern, über -denen noch immer der venezianische Löwe mit halberhobenen Flügeln in -lächerlicher Faulheit thront. Die staubige Strasse dreht sich gegen Nordost, -immer von den Ruinen der Festungsmauern links und von den in -morlakischer Weise gebauten Häusern rechts begleitet. Jetzt treten wir -auf einen freieren Platz. Eine kleine Kirche und ein grosses Kloster zeigen -ihre nackten, ungeschlachten Mauern. Es ist das Franciscanerkloster, -aus dem so viele »Zapis« hinausflattern unter die Vorstadtbewohner und -in die Morlakei. Ein Brunnen steht da, von wasserholenden Mägden umlagert, -der einzige Brunnen in Spalato, dessen süsses Wasser beinahe durch -das ganze Jahr nicht versiegt. Darum heisst der Brunnen Pozzobuon, das -Kloster und die Kirche heissen Pozzobuon und die ganze Vorstadt, durch -welche wir schreiten, heisst Pozzobuon – zu Deutsch: Guter Brunnen. Auch -die Franciscaner im Kloster heissen »Frati di Pozzobuon« und die Zapis, -die sie verkaufen, kennt man unter dem Namen der Zapis von Pozzobuon. -Alles Pozzobuon. Schräge hinüber vom Kloster ist ein grosses in die Erde -gegrabenes Bassin. Es ist mit Quadern ausgemauert, die vor dreissig Jahren -aus Salona hieher geführt worden sind. Um das Bassin herum stehen altrömische -Sarkophage, halb in die Erde versenkt. Auch diese sind aus Salona.</p> - -<p>In dem Bassin schwappt ein dicktrübes Brakwasser von einer Schicht -grüner Sumpfpflanzen überdeckt, das auf weit und breit die Luft mit -ekelhaftem Gestanke verpestet. Milliarden von Mücken schweben über -demselben. Aus dem Bassin wird das Sumpfwasser mit hölzernen Kübeln -in die halb vergrabenen Sarkophage geschöpft, um die Eseln, Pferde<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span> -und Schweine zu tränken, die zu diesem Behufe Abends herbeigetrieben -werden. In der Nacht zieht sich dann wieder die grüne Decke über den -Stellen zusammen, an denen die Kübel eingetaucht wurden, und des Morgens -gleicht die Wasserfläche wieder einem schmutziggrünen Anger.</p> - -<p>Vorbei. Der Weg dreht sich abermals nach rechts, die in morlakischer -Weise gebauten Häuschen werden seltener, die Düngerhaufen und Kohlgärten -um dieselben häufiger und grösser. Links ein grosser Anger, von -der Garnison Spalatos »die Flegelwiese« benannt, weil er als Exercirplatz -dient – die italienisch sprechenden Spalatiner nennen ihn höflicher »il -Campo Marzo«, das Marsfeld. Rechts beginnen die Weingärten. Dunkelblaue, -mächtiggrosse Trauben verhüllen in ihrer strotzenden Fülle die -wenigen halbvertrockneten Blätter der Reben. Alte Feigenbäume senken -ihre schwerbeladenen Aeste zu Boden. Hochaufgeschossener Mais zeitigt -seine dicken Kolben und spielt mit seinen schöngeschnittenen Blättern in -dem leisen Hauche des Abendwindes. Granatapfelbäume säumen den staubigen -Weg – aus ihrem saftigen Grün heraus leuchten die feurigrothen -Früchte. Wo ein Stückchen Erde sich zeigt, schiessen wilde Schlingpflanzen -heraus und ringeln sich Schlangen gleich um Wein und Feigen, Oelbäume und -Granatäpfel. Die Luft ist heiss und feucht. Da gedeiht Alles – auch Zauberer.</p> - -<p>Durch das dunkle Grün der üppigen Cultur schimmern die schneeweissen -Mauern eines ebenerdigen Hauses. Die mit weissen Vorhängen -versehenen Fenster blinken rein und behäbig auf die Strasse. In die -Mauern sind Bruchstücke antiker Reliefs eingefügt, und altrömische Inschriften, -im Laufe vieler Jahrhunderte halb verwischt, sagen uns, dass -»hier« die vielgeliebte Gattin des Titus Sempronius oder sonst eines -Patriciers des alten Salona ruhe. Nebenan besagt eine Votivtafel, dass ein -glücklicher Bräutigam dieselbe der Venus victrix – der siegreichen Venus gewidmet. -Warum? Unbekannt. An der Gartenthüre, durch die man in das Haus -gelangt, prangen schlanke Marmorsäulen, von denen die eine nicht zur anderen -passt, und vor uns öffnet sich die Thüre – – zu des Zauberers Höhle.</p> - -<p>Da steht er selbst. Ein dickes spanisches Rohr mit einem mächtigen -Messingknopf stemmt sich auf den Boden, als ob es da Wurzel fassen -sollte. Eine fleischige Faust mit wulstigen kurzen Fingern umklammert -das Rohr. Der lange und enge Aermel, in dem die Faust halb versteckt, -gehört zu einem dunklen, aus grobem Tuche gefertigten Rock, der weit -herabfallend ein Paar unmässig grosser Kanonenstiefel theilweise verhüllt.<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span> -Für die fette und breite Brust, die auch aus Salona zu stammen und -einem römischen Gladiator zu gehören scheint, ist der Rock offenbar zu -enge. Dafür stützt der hohe Kragen zwei kolossale, wie aus Marmor gehauene -Ohren sowie das doppelte Kinn und ein unmässig breites Gesicht, -dessen kleine Augen unter den buschigen Augenbrauen mit listiger Schärfe -hervorblitzen. Der halbgeöffnete Mund erinnert an die Oeffnung eines -Klingenbeutels. Auf dem Kopfe aber sitzt ehrfurchtsgebietend das Abzeichen -des dalmatinischen Pfarrers, der schwarze, dreifach gestülpte Schäferhut. -Das ist Don Malachia, der Zauberer von Spalato, und das Haus – <em class="gesperrt">sein</em> -Haus – vor dessen Eingang er steht, ist das Paternosterhaus.</p> - -<p>Wie er Pfarrer und Zauberer geworden? Das ist bald erzählt. In -die Schule ist er <em class="gesperrt">nicht</em> gegangen. Er hat seine Lehrzeit bei einem morlakischen -Landpfarrer durchgemacht, der ihn in die Geheimnisse des Schreibens -und Lesens eingeweiht und, als er das konnte, ihm auch das Messelesen -beigebracht. Dann hatte er die Weihen erhalten und war Priester geworden. -Und da er jetzt slavisch schreiben und lesen, nebstbei auch die Messe -celebriren konnte – da er die Tonsur auf dem Kopfe und über derselben -den dreifach gestülpten Hut trug, so war der morlakische Pfarrer fertig -und er ward irgendwo im Gebirge installirt, auf Stunden im Umkreise -allein mit der ihm anvertrauten Heerde. So ist er Pfarrer geworden. Was -aber das Zaubern betrifft, so hat er es eigentlich von Niemanden gelernt. -In dieser Beziehung ist er Autodidakt. Das Gebahren mit den »Zapis« -hat er allerdings seinen Amtsbrüdern abgelauscht. Diese – die Zapis – -kann man in Spalato bogenweise gedruckt kaufen und er brauchte nur eine -Papierscheere, um die einzelnen Zapis abzulösen und sie den Morlaken als -unfehlbares Mittel gegen alles mögliche und unmögliche Ungemach zu -verkaufen. Das gab ihm die Sauce zum Braten. Um aber den Braten selbst -sich zu verschaffen, dazu erfand er sich einen eigenen Sport. Sehr einfach. -Nur das Vaterunser.</p> - -<p>Ja – das fromme schlichte Gebet, das seit anderthalb Jahrtausenden -in schwerer Trübsal, in Noth und Bedrängniss von Millionen und -Millionen hinaufgesendet wird zum Schöpfer des Himmels und der Erde -– das Gebet, das die Mutter dem Kinde lehrt, wenn es kaum zu stammeln -beginnt – das Gebet, das in dem ernsten und feierlichen Momente, in -welchem der Geist des Vaters, der Mutter, sich losringt von diesem Erdenungemach, -schluchzend von der knienden Kinderschaar als letzter Gruss -dem Scheidenden mitgegeben wird – das Gebet, das die Herzen rührt und<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -erschüttert seit jener fernen Zeit, in welcher der schöne Christenglauben -seinen stillen, siegreichen Einzug gehalten in die Welt – das Vaterunser -– ist der Sport des Don Malachia.</p> - -<p>Er selber glaubt nicht daran. Hätte die Bitte, »sondern erlöse uns von -dem Uebel« je Wirkung gehabt, so wäre Don Malachia nicht mehr möglich. -So aber erfreut er sich des prächtigsten vierschrötigen Wohlseins und betreibt -seinen Sport wie früher. Um zehn Kreuzer betet er ein Vaterunser. Das -wirkt oder soll doch wirken. Was immer der Morlake wünschen mag, Gutes -für sich, Schlimmes für den Nachbar, Regen, Wind, Trockenheit, Genesung -von Krankheiten, Vermehrung seines Viehstandes, Fruchtbarkeit seines Weibes -– für Alles das betet Don Malachia ein Vaterunser um zehn Kreuzer.</p> - -<p>Früher hatte er, was die Fruchtbarkeit der Weiber anbelangt, ein -anderes Zaubermittel in Anwendung gebracht, und zwar mit dem besten -Erfolge. Die Morlaken zahlten auch dafür. Aber der Bischof, dem man -sehr viel davon zu erzählen wusste, wollte dessen Anwendung nicht mehr -leiden, umsoweniger, als durch eine merkwürdige Verkettung von Umständen -Don Malachia statt des erhofften Geldes oder der Victualien von den -Morlaken manchmal für seine Zaubermittel Prügel erhalten hatte. Auch -erschiessen wollten sie ihn zuweilen. Darunter aber leidet die Standesehre -und desswegen wurde er seines Postens als Pfarrer entsetzt und privatisirte -fortan in Spalato. Jetzt betreibt er nur mehr den Vaterunser-Sport. -Wie viel Vaterunser ein normal organisirter Mensch im Laufe eines Tages -herunterzusagen vermag, ist bis heute wohl noch nicht berechnet worden. -Es müssen aber viele sein, denn mit den Vaterunsern, oder, besser gesagt, -mit der Bezahlung von zehn Kreuzern für jedes Vaterunser unterhält -Don Malachia sich selbst in seiner vierschrötigen Wohlbeleibtheit, -seine ziemlich zahlreiche Familie und – mit diesem Gelde hat er sich -das hübsche Häuschen erbaut, das so weiss und freundlich durch die -blühende Wildniss schimmert. Das Volk kennt die erzählten Umstände -ganz genau, lässt aber immer wieder seine Vaterunser um zehn Kreuzer -per Stück durch Don Malachia beten. Der Bischof weiss es auch, aber -Vaterunserbeten ist nichts Unrechtes – und so lässt sich wenig dagegen -einwenden. Im Volksmund aber heisst das Haus: »Kuća od Otčenašah« -– das Paternosterhaus.</p> - -<p>»Sondern erlöse uns von dem Uebel! Amen.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span></p> - -<h2 id="Jacuve_Ciciola_und_seine_Liebe"> -<img src="images/illu-041.png" alt="" /><br /> -Jacuve Ciciola und seine Liebe.</h2> - -<p class="drop">Jacuve heisst Jacob – Ciciola ist ein Spitzname und heisst gar -nichts, – welches Wesen aber so glücklich war, die Liebe des Jacuve -Ciciola zu erringen, das will ich lieber erst am Ende dieser meiner armen -Zeilen erzählen, weil es immer gut ist, sich für alle Fälle zu decken und -dafür zu sorgen, dass dergleichen Dinge auch bis zu Ende gelesen werden.</p> - -<p>Vielleicht war ich nicht ganz exact, als ich dem Namen meines -Helden eine negative Bedeutung zusprach. »Ciciare« ist ein Wort, das -zwar meines Wissens in keinem Wörterbuche zu finden ist, dafür aber -im Dialekte der untersten Venezianer-Volksclassen »saugen« bedeutet, ganz -entsprechend dem wunderbar schönen Wiener Ausdrucke »zuzeln«. Gibt -man aber die Richtigkeit dieser etymologischen Abstammung zu, so ist -auch damit die logische Berechtigung anerkannt, meinen Helden eben -Ciciola und nicht anders zu nennen, denn der Herr, der diesen äusserst -romantisch klingenden Namen trägt, hat die ebenso angenehme als nützliche -Gewohnheit, zwei oder drei junge Zwiebelpflanzen von der Art, die -man in Italien und Dalmatien Scalogna, in deutschen Landen aber Schalotte -nennt, in der Hand zu halten und mit sichtbarem Behagen daran zu saugen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span></p> -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-042.png" alt="" /> -<div class="caption">Jacuve Ciciola.</div> -</div> - -<p>Ausser den eben erwähnten hat Jacuve Ciciola keine besonders luxuriösen -Gewohnheiten. Ein Paar alte Schuhe, <em class="gesperrt">keine</em> Strümpfe, blaue, -zerrissene<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -türkische Pumphosen, ein Hemd und ein langer brauner Mantel, der an -den Lenden durch einen Strick zusammengefasst ist, bilden seine Bekleidung; -auf dem kraushaarigen, dicken Kopfe trägt er eine rothe morlakische -Mütze, und in einem Loche, das er in die linke Brustseite des Mantels -eigens gerissen, steckt ein kurzer Tschibuk. Er schläft, wo er kann, er -isst, was man ihm schenkt, und trinkt Wasser, wann und wo er es findet.</p> - -<p>Mit dem Wasser hapert's manchesmal im Sommer; denn Spalato, die -Vater- und Residenzstadt Jacuve Ciciola's, besass wohl vor dreizehnhundert -Jahren eine prachtvolle aus Quadern gebaute Wasserleitung, welche -das frische Quellwasser eine Stunde weit aus Salona nach Spalato führte, -aber diese liegt heutzutage in Trümmern. Heute hat man in Spalato nur -Regenwasser aus Cisternen; versiegt dieses aber im Hochsommer, was beinahe -jedes Jahr der Fall ist, dann müssen die Spalatiner wieder zu dem -frischen Quellwasser in Salona greifen, nur läuft dasselbe heute nicht mehr von -selbst nach Spalato, sondern es wird in Fässern dahin getragen – auf Eseln.</p> - -<p>Man kann nicht sagen, dass Spalato von der Natur stiefmütterlich -behandelt sei. Im Sommer hat man dort zu essen und im Winter – wenn -es regnet – zu trinken. Unangenehm bleibt es aber, dass, je nach der -Jahreszeit, die gleichzeitige Befriedigung beider Bedürfnisse mit Schwierigkeiten -verbunden ist, wenigstens für die arme Classe, und Jacuve Ciciola -gehört nicht zu den Reichen.</p> - -<p>Nur drei Stunden von Spalato entfernt liegt der District Poglizza, -noch unter der Herrschaft der Venezianer ein reiches blühendes Stück -Landes, das feines Obst und Tabak in solcher Menge und solcher Güte -erzeugte, dass die Poglizzaner ein berittenes Corps von dreihundert Reitern -auf eigene Kosten ausrüsten und erhalten konnten, wenn die erlauchte -Republik Krieg führte. Und die erlauchte Republik führte ziemlich -oft Krieg. Heute dürfen die Poglizzaner keinen Tabak mehr bauen, -darum können sie auch keinen verkaufen und darum sind sie auch mit -ihrer Obstcultur, mit Respect zu sagen, auf den Hund gekommen. Weil -aber in den Ritzen und Schluchten des glühenden gelben Gesteins, aus -welchem der Boden der Poglizza besteht, wohl Tabak und Obst, aber -kein Getreide gedeiht, so haben sie in der Poglizza überhaupt nichts oder -beinahe nichts zu essen. Ihre gewöhnliche Nahrung besteht aus Maisbrod -und wildwachsenden Kräutern, die sie mit etwas Essig geniessbar machen. -War das vergangene Jahr ein schlechtes – und das Jahr kommt, Gott<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -sei's geklagt, oft vor – so mischen sie das Mehl mit gestampfter Baumrinde -und backen Brod daraus. Gegen Ende des Winters, wenn das Mehl -alle geworden und nur mehr die Baumrinde übrig geblieben, dann ziehen -sie einzeln und zu Haufen nach Spalato und betteln. Gelbe pergamentartige -Gesichter, schlotternde Gestalten, in Fetzen gehüllt, auf dem Kopfe -ein rothes Käppchen und an den Füssen Sandalen aus ungegärbtem Leder, -den Bettelstab in der Hand, so schwanken sie in der Winterkälte durch -Spalatos Strassen und strecken die zitternden Hände aus mit dem stereotypen -»bog vam da« – »Gott vergelt's!«</p> - -<p><em class="gesperrt">Viel</em> besser ist eben Jacuve Ciciola auch nicht d'ran, aber er erspart -wenigstens den weiten Weg von der Poglizza bis nach Spalato. Und -dann bat er auch seine gewissen und regelmässigen Einkünfte, die ihn -immerhin vor allzu grossem Elende bewahren. Da stehen zum Beispiel hinter -dem Platze, der den volltönenden Titel »Herrenplatz« – Piazza Signori -– führt, gewisse alte, halbzerfallene Häuser. In Spalato ist eben Alles -alt und die meisten Häuser zeigen eine bedenkliche Neigung, ihr ehrwürdiges -Alter durch eine gewisse Hinfälligkeit zu manifestiren. Um eine -bestimmte Stunde werden da aus bestimmten Fenstern die Ueberreste der -Mahlzeit, die allerdings gewöhnlichen Menschen nicht mehr recht geniessbar -erscheinen wollen, einfach auf die Strasse geworfen. Das weiss der Jacuve -Ciciola und findet sich regelmässig ein, um das in Empfang zu nehmen, -was er als eine ihm mit Recht gebührende Abgabe betrachtet. Hunde, -die ihm die Beute streitig machen wollen, verjagt er. Auch kennen ihn -dieselben schon und sehen nur aus gehöriger Entfernung mit lüsternen -Augen zu, wie der Jacuve Ciciola speist. Offenbar thun sie es in der Erwartung, -dass er doch vielleicht etwas übrig lassen könnte, aber diese -Erwartung wird oft getäuscht, denn Jacuve Ciciola hat die Kinnbacken -eines Esels und das weisse funkelnde Gebiss eines Raubthieres. Den -Appetit hat er von beiden. Und so muss ein Bein schon <em class="gesperrt">sehr</em> hart sein, -wenn Jacuve Ciciola es nicht sollte zermalmen können. Zudem ist Jacuve -Ciciola von riesiger Stärke und wäre im Stande, den Hund ohneweiters -zu zerreissen, der es wagen würde, mit ihm anzubinden. Das wissen die -Hunde.</p> - -<p>Das Bedürfniss, Kaffee zu trinken, hat Jacuve Ciciola ebenfalls nicht, -und ich bezweifle, dass er überhaupt je diesen Trank verkostet, hingegen -ist er ein grosser Freund des Tabaks und weiss sich ihn auch billig zu<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -verschaffen. Wenn er gespeist hat, sind auch so ziemlich alle anderen -Leute mit dem Mittagmahle fertig und vor dem auf der Piazza Signori -befindlichen Kaffeehause Troccoli sitzen die Officiere der Garnison, die -in Spalato ihren Standort hat. Dorthin schleicht Jacuve Ciciola und -glotzt so lange die Officiere an, bis sie ihm ein paar Finger voll Tabak -oder ein Stückchen Cigarre gereicht. Dann zieht er den kurzen Tschibuk, -der wie ein toll gewordener Orden auf seiner linken Brust prangt, aus -dem Loche, in dem er gesteckt, und fängt an zu rauchen. Wohin er jetzt -geht? Natürlich zum Meere, und zwar gerade an jenen Punkt des Quais, -der zum Landungsplatze der anlegenden Dampfer bestimmt ist. Dort sitzt -er stundenlang, mit den Füssen über die Quaimauer hinabbaumelnd und -mit den Wellen sprechend, die unter ihm an das Gestein klatschen. Ist -der Tabak zu Ende, so zieht er aus irgend einer verborgenen Tasche seines -braunen Mantels einige Zwiebel hervor und saugt daran, bis der Abend -gekommen – darum heisst er eben Ciciola. Ueberkommt ihn dann der -Schlaf, so zieht er sich aus der grossartigen Einsamkeit seines Observatoriums -zurück und geht zu Bette.</p> - -<p>Zu Bette. – Längs des Hafens von Spalato zieht sich eine schöne, -breite Strasse, die gegen Westen durch die Gebäude des Zollamtes und -der Finanzdirection, im Osten durch einen Complex neu erbauter Häuser -begrenzt wird, in deren Rücken der Monte Margliano sich im Meere -spiegelt. Diese Häuser, welche der Arkaden wegen, mit denen sie versehen -sind, den Namen »procuratie nuove« führen, beherbergen unter -Andern ein Gasthaus, dessen Küche sich im Souterrain befindet. Auf dem -Boden der Vorhalle ist ein horizontales Eisengitter angebracht, durch -welches die heissen Dünste der Küche hinausströmen. Dieses Gitter ist -Jacuve Ciciola's Winterbett. Dort schläft er. Trotz seiner sonstigen Gutmüthigkeit -gibt er es aber nicht zu, dass einer der armen, vor Kälte -zitternden Morlaken, die des Bettelns wegen aus der Poglizza nach Spalato -gekommen, sein Lager theile. Es würden deren zu Viele kommen und -dann hätte er selbst nicht mehr Platz. Darum verjagt er sie, sobald sie -sich blicken lassen.</p> - -<p>Im Sommer, da ist es anders und weit besser für Jacuve Ciciola -und die bettelnden Morlaken aus der Poglizza. Vor Allem hungern von -den Letzteren nicht mehr so Viele. Denn zu Ende des Winters oder im -Frühjahre, wenn sie absolut nichts mehr zu essen haben und in Spalato<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -auch nichts mehr erbetteln können, da hält gewöhnlich der Hungertyphus -seinen glorreichen Einzug in den District Poglizza, und wer den einmal -gehabt, der hungert selten mehr. Dann wächst auch in den Schluchten -und Klüften allerhand Kraut, das sie als Speise benützen, und schliesslich -finden sie doch eine oder die andere Arbeit, so dass die Uebriggebliebenen -dem Hunger und der Baumrinde des nächsten Winters mit ruhigerem -Gemüthe entgegensehen können.</p> - -<p>Jacuve Ciciola ist dann in seinem Element. Mit dem Sommer kommt -allerhand Obst und Gemüse auf den Markt und er waltet dann seines -selbstgewählten Amtes als eine Art Aasgeier. Angefaulte Rüben, weggeworfene -Melonenschalen und dergleichen Dinge bilden dann eine angenehme und -nahrhafte Zukost zu dem Futter, das man ihm aus dem Fenster zuschüttet. -Er schläft nicht mehr auf dem Gitter der Wirthshausküche, von wo mit -der wohlthuenden Wärme ihm auch der sättigende Geruch der Speisen -zuströmte – jetzt gehört Spalato ihm, und keinen Winkel des alten Kaiserpalastes -gibt es, wo er nicht, wenn es ihm beliebt, sein Nachtquartier -aufschlagen könnte. Die Siesta aber, die hält er jetzt täglich versunken -in dem Anblick – seiner Liebe. Ja. Da wäre ich glücklich bei dem zarten -Gegenstand angekommen, den ich gleich Anfangs erwähnt, und bin bereit, -mein Wort zu lösen.</p> - -<p>Als der alte Kaiser und Christenverfolger Diocletian sich den prachtvollen -marmorstrotzenden Palast erbaute, in dessen Mauern hinein später -die Häuser der Stadt Spalato genistet wurden, da liess er es sich wohl -kaum träumen, dass gerade die ihm so verhasste Secte der Christen durch -ihren Religionscultus den prachtvollen Jupitertempel erhalten werde, der -das Atrium seines Palastes schmückte. Während allenthalben die Prachtbauten -der alten römischen Kaiser nur in mehr oder weniger gut erhaltenen -Bruchstücken noch Zeugniss geben von dem Kunstsinne ihres Erbauers, -steht heute noch der Jupitertempel Diocletian's in seiner vollen ehrfurchtgebietenden -Schönheit, er heisst heute die Domkirche, und das Atrium ist -zur »piazza del duomo« geworden.</p> - -<p>Seit fünfzehn Jahrhunderten ragen die mächtigen Säulen aus egyptischem -Granit und tragen den weissmarmornen Sims und die schön gewölbte -Kuppel, die seinerzeit auf Diocletian herabgesehen, als er dem »Vater der -Götter und Menschen« sein Opfer darbrachte. Seit fünfzehn Jahrhunderten -prangen noch immer unversehrt die in weissem Marmor ausgeführten<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -Jagdscenen, die, als Fries um die Kuppel laufend, die keusche Göttin -zeigen, wie sie mit der Lanze in der Hand und von dem Trosse der -leichtgeschürzten Gespielinnen gefolgt, hinter dem erschreckten Wilde einherstürmt. -Und am Fusse der breiten Treppe, die von dem Atrium zum -Tempel führt, liegt heute noch auf steinernem Sockel wie vor fünfzehn -Jahrhunderten die mächtige aus egyptischem Granit gehauene Sphinx, den -schönen Leib in prächtigen Formen hingegossen, mit dem schönen Frauenantlitz -und den geheimnissvoll starrenden Augen. Was im Laufe der fünfzehn -Jahrhunderte an ihr vorübergeglitten, das scheint in diesem stummen Antlitz -und in den unergründlichen Augen verborgen zu ruhen, bis sie es vielleicht -einmal später kommenden Geschlechtern erzählt. Für jetzt aber -spricht sie nicht und ihre Hände – schöne menschliche Hände – ruhen fest -gekreuzt unter dem strebenden Busen. Vielleicht erzählt sie dann einmal, -nach abermals fünfzehnhundert Jahren, auch von dem Elende, das sie gesehen, -und von den schlotternden bettelnden Morlaken, die Brod aus Baumrinde -assen!</p> - -<p>Ob Jacuve Ciciola sich wohl etwas Aehnliches denken mag, wenn -er auf dem gegenüberliegenden Sockel sich in den Schatten legt, den Leib -gestreckt wie die Sphinx und die Augen fest auf das schöne zweitausendjährige -Bild gerichtet? Das ist <em class="gesperrt">sein</em> Geheimniss. Das aber ist sicher, dass -er stundenlang auf den Quadern liegen kann, um die Sphinx anzustarren, -während er an seiner Scalogna saugt, und dass manchmal etwas wie -Rührung aus seinen Glotzaugen blitzt, wenn er sie anblickt – denn die -Sphinx ist Jacuve Ciciola's Liebe.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-047.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span></p> - -<h2 id="Wandelnde_Kreuze"> -<img src="images/illu-048.png" alt="" /><br /> -Wandelnde Kreuze.</h2> - -<p class="drop">Seitdem es den österreichischen Nachbarn der schwarzen Berge eingefallen -war im trauten Vereine mit den Montenegrinern einen kleinen -Feldzug gegen Oesterreich zu eröffnen, in dessen Verlaufe gleichwohl mehr -Nasen abgeschnitten wurden als in sämmtlich anderen vom Beginne des -dreissigjährigen Krieges bis jetzt gelieferten Schlachten, hat man sich daran -gewöhnt Dalmatien als ein Land zu betrachten, das ein Fremder, ohne -für seine Nase das Aergste befürchten zu müssen, nicht leicht betreten -könne. Morlake, Dalmatiner und Nasenabschneider, das sind für die Meisten -ganz homogene Begriffe geworden, und wenn es je einmal Mode gewesen -wäre, Vergnügungsreisen nach Dalmatien zu machen: nach dem Aufstande -in der Bocca di Cattaro hätte gewiss Niemand mehr daran gedacht, aus -einem anderen Grunde als der zwingenden Nothwendigkeit wegen dorthin -zu reisen.</p> - -<p>Zum Glücke für Dalmatiner und Dalmatinerinnen sind derlei Vorstellungen -nicht nur im Allgemeinen grundfalsch, sondern auch in puncto -Geographie vollkommen unrichtig, denn man vergisst gewöhnlich darauf -Bedacht zu nehmen, dass Dalmatien zwar ein sehr schmales, aber auch -sehr langgedehntes Stück Landes ist, und dass es von der Bocca di Cattaro -bis zur Landeshauptstadt Zara ebenso weit oder mit Berücksichtigung der<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -mangelhaften Communications-Mittel noch weiter sei, als beispielsweise von -Triest nach Wien. Darum wird der Fremde, der zum ersten Male Dalmatiens -Küsten im nördlichen oder mittleren Theile desselben, vielleicht bei -Spalato betritt, erstaunt sein, einen ganz anderen Schlag von Menschen und -andere Sitten zu finden, als seine von dem Anhören nasenabschneiderischer -Geschichten erhitzte Phantasie ihm vorgespiegelt hat, – des Ausserordentlichen -und von den Sitten anderer Völker Abweichenden findet er immerhin -zur Genüge.</p> - -<p>Als seinerzeit venezianische Bürger um des Erwerbes willen in das -damals rein slavische Land Dalmatien übersiedelten oder von der Republik -als Beamte dorthin gesendet wurden, da entsprach es ganz der Regierungspolitik -dieses gleich einer zusammenbröckelnden Ruine aus dem Mittelalter -in die Neuzeit hineinragenden Staates, die eigenen Angehörigen als -Feudalherren über die Einwohner der durch Krieg und Schacher erworbenen -Provinzen zu setzen. Gewohnt, zu Hause unter dem stetigen aber -schweren Drucke zu seufzen, den eine ausschliesslich in den Händen -weniger bevorzugter Patricierfamilien ruhende Regierung auf sie ausübte, -fanden es diese Leute um desto angenehmer, wenn sie plötzlich in die -Lage kamen nun ihrerseits die kleinen Tyrannen zu spielen; sie traten -mit desto mehr Genuss, je lebhafter sie sich an die erhaltenen Tritte noch -erinnerten. Die Verhältnisse, die sie in dem arg vernachlässigten Lande -vorfanden, waren auch ganz darnach angethan ihre kleinlichen Herrschergelüste -eher anzufachen, als denselben hemmend entgegenzutreten.</p> - -<p>Um das Land in aussichtsloser Abhängigkeit zu erhalten, hatte die -erlauchte Republik nicht nur den materiellen Wohlstand desselben unterdrückt, -die Wälder systematisch ausgerodet, die Anlegung von Strassen -geradezu verhindert und die Schiffahrt möglichst erschwert, sondern sich -auch bemüht die Bevölkerung auf der tiefsten Stufe der Rohheit und Unwissenheit -zu erhalten. Letzteres war eben so leicht als mit geringen -Kosten verbunden: man errichtete eben nirgends Schulen. Wollte einmal -ein Dalmatiner ausnahmsweise seinem Sohne eine bessere Erziehung angedeihen -lassen, so war er genöthigt, ihn nach Venedig oder Padua zu senden, -– nicht genug, selbst dort unterschied man zwischen Dalmatiner und -anderen Studenten und hütete sich wohl, den Ersteren zu viele Kenntnisse -beizubringen. Das mag barok und übertrieben klingen, ist aber nichtsdestoweniger -wörtlich wahr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span></p> - -<p>Noch vor dreissig Jahren lebten in Spalato zwei »Dalmatiner Advocaten.« -Was ein »Dalmatiner Advocat« ist? Ich will es erklären. Die -erlauchte Republik gestattete es den Dalmatinern, an der Universität Padua -ohne vorhergängige Studien eine Prüfung abzulegen, welche denselben -das Recht, den Doctortitel zu führen und die Advocatie auszuüben verlieh. -Wohlgemerkt! nicht in Venedig oder einer der venetianischen Städte, -sondern <em class="gesperrt">nur in Dalmatien</em> durften dieselben Advocaten sein. Die für -diese Prüfung zu erlegende Taxe bestand in einer kleinen Geldsumme -und <em class="gesperrt">dreissig Schinken</em>. Natürlich war die Prüfung Nebensache, die -Geldsumme aber und die dreissig Schinken Hauptsache, daher sich der -Gebrauch ergeben konnte, dass Einzelne mehrmals und immer unter anderen -Namen ihr Doctorexamen in Padua ablegen konnten. Einer der beiden -oben erwähnten »Dalmatiner Advocaten«, dessen Sohn heute noch in einer -Stadt Dalmatiens die Advocatur ausübt, machte diese Prüfung <em class="gesperrt">fünf Mal</em> -immer mit der Börse in der einen und den dreissig Schinken in der -andern Hand, und vier Personen ausser ihm, die sich nie aus ihrer Geburtsstadt -entfernt hatten, erhielten auf Grund dieser Prüfungen, des -Geldes und der hundertzwanzig Schinken die Erlaubniss, als Sachverwalter -vor den Schranken <em class="gesperrt">dalmatinischer</em> Gerichte aufzutreten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-051.png" alt="" /> -<div class="caption">Bäuerin aus Macarsca.</div> -</div> - -<p>Italien und speciell die »erlauchte« Republik Venedig befanden sich, -als letztere in dem Trubel der politischen Ereignisse ihr wohlverdientes -Ende erreichte, mitten in der schönsten Blüthe der Zopfzeit und die Cultur -der Zopfzeit war es, welche von den venetianischen Ansiedlern nach Dalmatien -getragen wurde. Die Südslaven waren damals und sind auch heute -noch lange nicht bei der Zopfzeit angelangt und so ergab sich aus dem Gemische -der beiden Nationalitäten eine merkwürdige Verquickung der Sitten -und der Cultur, die bis zum heutigen Tage besteht und voraussichtlich -noch durch lange Jahre ihren Einfluss zeigen wird. Slavischer Aberglaube -und romanische Ueberschwenglichkeit, italienische Selbstüberhebung und -der südslavische Charakterzug, sich dem Unvermeidlichen mit stummer Ergebenheit -zu beugen, reichten sich da die Hände. Darum wird ein Italiener, -der heute die Küstenstädte Nord- und Mitteldalmatiens besucht, vorwiegend -slavische Städte zu finden glauben, während ein Slave, wenn er aufrichtig -sein will, in Zara, Sebenico, Spalato, Macarsca und Almissa italienische -Sitten und Gebräuche ebenso bestimmt finden, als in dem breitgedehnten -Dialecte ihrer Bewohner die venetianische Volkssprache wiedererkennen wird.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span></p> - -<p>Eine Eigenschaft haben beide Nationalitäten mit einander gemein: -die Sucht zu glänzen. Der Italiener, dem die tausendjährige Cultur seiner -Voreltern in den Gliedern steckt, thut es, indem er sich womöglich einen -Orden verschafft, ihn so viel als thunlich heraushängt und sich vor aller -Welt als »Cavaliere« ansprechen lässt, – der Slave, und zwar besonders -der Südslave, indem er in seiner Nationaltracht die schreiensten Farben -nebeneinander zur Schau trägt, die ihm zugänglich sind. Darum findet man -auch kaum in einem Lande eine solch' ausgesprochene Sucht bei jeder -sich ergebenden Gelegenheit den möglichsten, meistens sehr abgeschmackten -und verschossenen Prunk zu entwickeln, der sich bis zum fratzenhaften -steigert, wenn der Anlass dazu ein religiöser war.</p> - -<p>In dem östlichen Theile des diocletianischen Kaiserpalastes, in dessen -Ruinen hinein die Stadt Spalato gebaut ist, bildeten die vielfach sich -kreuzenden von mächtigen Mauern eingefassten Gänge einen kleinen Platz, -der in das östliche Thor des Palastes mündete. Unmittelbar neben dem -heute noch bestehenden Thore, da, wo seinerzeit vermuthlich ein Wach- -oder Vertheidigungsthurm gestanden haben mag, befindet sich eine kleine -schwerfällig und offenbar in gar keinem Style gebaute Kirche, welche -»alla buona morte« (zum guten Tod) heisst. Die einfache, ja ärmliche -Ausschmückung der Kirche von Innen entspricht der mehr als ungekünstelten -Aussenseite und hauptsächlich sind es nur ganz arme Leute, -die in derselben dem Gottesdienste beiwohnen.</p> - -<p>Sonntags und Donnerstags wird in derselben die Schulmesse für das -Obergymnasium abgehalten und wenn die Schüler in der Kirche vollzählig -versammelt sind, schliesst der Pedell ohne Weiteres die Thüre mit einem -mächtigen Riegel. An der Längenseite der Kirche ist von Aussen eine -kleine Marmortafel in der Mauer eingefügt, welche die Umrisse eines -<span id="corr052">stark</span> verwischten Todtenkopfes zeigt, den die meisten Vorübergehenden -in Erfüllung eines mir völlig unbekannten religiösen Bedürfnisses mit -der Hand betasten. Ob sich die Leute unter dem marmornen Todtenkopf -etwas Heiliges vorstellen, habe ich niemals ergründen können. Dort -in der Kirche »alla buona morte« beginnt das unheimliche Schattenspiel, -das alljährlich am Charfreitage durch die Gassen und Plätze der Stadt -Spalato seinen mystischen Gaukel treibt.</p> - -<p>Die vierzigtägigen Fasten werden in ganz Dalmatien und vorzüglich -in Spalato mit absonderlicher Strenge gehalten. Bischöfliche Dispensen,<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -wie sie in andern nördlicher gelegenen Ländern eine regelmässige Ausnahme -bilden, kommen dort nicht vor. Die Kirche gebietet Fasten und es -wird einfach gefastet. Einer deutschen Hausfrau würden allerdings die -Haare und womöglich auch der Chignon zu Berge stehen, wenn sie einmal -in die Lage käme durch vierzig Tage dreimal wöchentlich mit den -wenigen Dingen ein Mittagmahl herstellen zu müssen, die durch das Fastengebot -nicht verpönt sind. Mittwochs, Freitags und Samstags darf nicht nur -kein Fleisch gegessen werden, sondern Butter, Schmalz, Milch und Eier -sind ebenfalls verpönt. Die Leute kochen Fische und bereiten alles mit -Oel, so dass ich, als ich einmal gezwungenermassen eine derartige Fastenzeit -in Spalato durchgemacht hatte, am Ende derselben das Gefühl hatte, -als brauchte ich nur ein Endchen Baumwolldocht in den Mund zu nehmen -und anzuzünden, um ein Paar Tage lang einer Oellampe gleich zu brennen. -Die Domkirche bietet während dieser Zeit zweimal wöchentlich den jungen -Leuten beiderlei Geschlechts die erwünschte Gelegenheit sich ziemlich -ungestört sehen und sprechen zu können, – sind doch die Fastpredigten, -die immer Abends in der zweifelhaften Dämmerung der hohen Kirche abgehalten -werden, so sehr als gewöhnliches Stelldichein bekannt, dass man -einmal den Schülern der höheren Classen des Gymnasiums es verbieten -musste dieselben zu besuchen. Aus demselben Grunde heisst dort auch -die vierzigtägige Fasten im Volksmunde, »il carnevaletto delle -<span id="corr053">donne</span>« – -der kleine Frauenfasching. Wenn aber diese Zeit zu Ende geht und die -Charwoche herannaht, dann beginnt ein eigenthümliches Drängen und -Werben unter der Classe der Handwerker und Bauern, dessen Gegenstand -der Pfarrer ist, – der Pfarrer der Kirche »alla buona morte.«</p> - -<p>Des Abends kann man da dunkle Gestalten verstohlen und heimlich -in das Haus schlüpfen sehen, das der Herr Pfarrer bewohnt. Dann kann -man aus dessen Zimmer zuerst die leise wispernden Stimmen eines Zwiegespräches -hören, das allmälig in ein Brüllen ausartet, denn ein rechter -Dalmatiner kann nicht sprechen – nur schreien. Die dunkle Gestalt bittet -um etwas, der Pfarrer will es verweigern, – wiederholtes inständiges Bitten -– zögerndes Nachgeben des Pfarrers – endlich sind sie handelseinig, – -leise und geräuschlos wie sie gekommen, aber offenbar zufriedener und -mit leichterem elastischen Tritt verschwindet die dunkle Gestalt, sorgfältig -ihr Gesicht vor einer anderen verbergend, die vielleicht vor der Thüre in -derselben Angelegenheit harrt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p> - -<p>Des folgendes Tages marschiren, – nicht zusammen, sondern jeder -für sich, blos von seinem Treiber begleitet, – verschiedene Esel vor der -Wohnung des Herrn Pfarrers auf und verschiedene variciaki<a id="FNAnker_24_24"></a><a href="#Fussnote_24_24" class="fnanchor">24</a> mit Weizen -werden abgeladen. Das Getreide gehört aber nicht dem Herrn Pfarrer, -sondern der Kirche »alla buona morte.« Auch von der besseren Gesellschaft -kann man eines Abends einen, aber nur einen! Herrn zum Pfarrer -schleichen sehen, der dann mit verlegenem Gesichte und fromm verdrehten -Augen eine kurze Botschaft dem Pfarrer mitzutheilen hat und -wieder fortschleicht. Und nicht nur der Pfarrer, sondern auch der Küster -von der Kirche »alla buona morte« beginnen ein absonderlich wichtiges -und verschwiegenes Gesicht zur Schau zu tragen und mancher arme -Teufel, der vor Jahren auch zur Dämmerstunde hinaufgeschlichen ist in -die Wohnung des Pfarrers, sieht die Beiden an und fühlt ein Schauern -über den Rücken laufen wie ein abgestrafter Russe beim Anblick der -Knute.</p> - -<p>Charfreitag ist herangekommen und ein Gefühl festlicher Trauer -hat sich der Bewohner Spalatos bemächtigt. Allenthalben werden schwarze -Tücher, manchmal nach Umständen auch nur schwarze Fetzen hervorgesucht, -welche bestimmt sind des Abends zu den Fenstern des Hauses -herausgehängt zu werden, vor welchen die Procession vorüberziehen wird. -Oellämpchen werden geputzt, schwarze Kleider aus den Schränken geholt, -die Weiber putzen sich mit Schleiern und schwarzen Bändern, die Männer -ziehen himmelschreiende Fracks an's Tageslicht und wer sich weder an -der Procession zu betheiligen gedenkt, noch so glücklich ist ein Haus zu -bewohnen, an welchem die Procession vorüber ziehen <span id="corr054a">muss</span>, der trachtet -bei Bekannten ein Plätzchen an einem Fenster zu erlangen. Denn Spalato -ist stolz auf seine Charfreitags-Procession, und »nur in Rom sieht man -etwas Aehnliches« versichert jeder Spalatiner mit vaterländischem Stolze.</p> - -<p>Es schlägt sieben Uhr, – früher darf die Procession nicht beginnen, -denn die Tageshelle würde ihr einen guten Theil des Schauerlichen benehmen, -das ihren grössten Reiz ausmacht. Vor allen Fenstern hängen -die schwarzen Lappen, über allen Lappen brennen dämmerige Oellämpchen -<span id="corr054b">und</span> hinter allen dämmerigen Oellämpchen stehen dichtgedrängte schwarzgekleidete -Gestalten. Aus den weitgeöffneten Pforten der uralten Domkirche,<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span> -– des alten Jupitertempels, – an der egyptischen Sphinx vorüber, die -mit ihren blinden granitenen Augen herausstarrt auf das ungewohnte -Getreibe, über die breiten Stufen herab bewegt sich der Zug. Voran die -Waisenkinder, die man hier wie überall als eine Merkwürdigkeit zu betrachten -scheint, die als abschreckendes Beispiel bei keinem öffentlichen -Aufzuge fehlen darf, – dann die Männer und Weiber des Versorgungshauses, -die in ihrem krüppelhaften Siechthum an und für sich abschreckend -genug sind, – dann eine Schaar zehn- und zwölfjähriger Bursche, die -Eleven des bischöflichen Seminars, welche als Priester maskirt mit ihren -schwarzen Talaren, weissen Chorhemden, lilafarbenen Kragen und ebensolchen -dreieckigen Baretten Diminutiv-Cardinälen ähnlich sehen, – dann -die verschiedenen Leichenvereine und Betbruderschaften in langen, blauen -und weissen Kitteln, – alles mit Fackeln in den Händen. Dann kommen -die »Herren«, dann Handwerker im Sonntagsstaate, Bewohner der Vorstädte -im National-Costüme, Alle mit riesigen Wachskerzen in den Händen -und neben jeder Wachskerze ein zerlumpter, barfüssiger Bursche, der in -der hohlen Hand die herabfallenden Wachstropfen auffängt, – hinter den -Männern die Frauen und Mädchen in schwarzen Kleidern, das Gesicht mit -schwarzen Schleiern verhüllt. Und dann? Ja, – jetzt kommt das, worauf -die Spalatiner stolz sind.</p> - -<p><em class="gesperrt">Ein lebendes Kreuz</em> kommt, – ein zweites, – ein drittes, – -ein viertes, fünftes, sechstes. Ein Mann schreitet einher, in einem langen -schwarzen Kittel gehüllt. Den Kopf und das Gesicht verdeckt eine schwarze -Kapuze, in der zwei kleine Oeffnungen für die Augen gelassen sind. Die -Füsse sind nackt und wenn die Erscheinung zwischen dem Beschauer und -einer Wachskerze durchgeht, so kann man durch den dünnen schwarzen -Stoff hindurch auch die nackten Glieder des Mannes sehen. In dem einen -Aermel hinein, hinter dem Rücken vorbei und bei dem andern Aermel -heraus, steckt ein tüchtiger Stock, so dass der Unglückliche einem lebenden -Kreuze gleich mit wagrecht <span id="corr055">ausgestreckten</span> Armen gehen muss. Und -die Procession dauert länger als eine Stunde! Und so wie er, so sind -seine Kameraden nackt in ihren schwarzen Kittel mit ausgestreckten Armen -und alle bestreben sich den schwankenden Gang eines zum Tode Erschöpften -nachzuahmen und torkeln rechts und links, die Kreuz und die Quer, -bis ihre Erschöpfung keine gekünstelte mehr ist und sie zuletzt wirklich -zusammen zu sinken drohen. – – –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span></p> - -<p>Das sind die dunkeln Gestalten, die zum Pfarrer der Kirche »alla -buona morte« hineinschlüpften, um mit ihm zu verhandeln und gegen Erlag -einiger variciaki Weizen die Erlaubniss zu bekommen, am Charfreitage -als »Kreuz« die Procession zu begleiten. Hinter diesen tänzelnden und -schwankenden Jammergestalten folgt aber noch eine Andere. Schwarz vom -Kopf bis zu den nackten Füssen, tief gebeugt unter der Last eines grossen -hölzernen Kreuzes, das, um sein Gewicht zu erhöhen, <em class="gesperrt">hohl und mit -Sand ausgefüllt ist</em>, schwankt eine Gestalt vor dem nachfolgenden -Thronhimmel einher. Das Gesicht ist verhüllt, – Niemand kennt ihn, als -der Pfarrer der Kirche »alla buona morte« und sein Küster. Sechs stämmige -Bauern mit Windlichtern begleiten ihn und sehen mit peinlicher <span id="corr056">Aufmerksamkeit</span> -darauf, dass das untere Ende des Kreuzes, das er über der linken -Schulter trägt, den Boden nicht berühre. Geschieht es dennoch, <em class="gesperrt">so gilt -es nicht</em>! Was? Die Busse! Denn der geheimnissvolle Mann, der das -grosse, über einen Centner schwere Kreuz trägt, <em class="gesperrt">ist der grösste Sünder, -der dem Dompfarrer im Laufe des letzten Jahres gelegentlich -des Beichthörens vorgekommen</em>.</p> - -<p>In Spalato erzählt man allgemein, der Conte C. habe vor einigen -Jahren das grosse Kreuz getragen!</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p> - -<h2 id="Hippolytos_und_Phaedra"> -<img src="images/illu-057.png" alt="" /><br /> -Hippolytos und Phaedra.</h2> - -<p class="drop">Nördlich von Spalato und von demselben eine gute Stunde entfernt, -dehnt sich ein mächtiger natürlicher Hafen, der beste, grösste und schönste -im ganzen adriatischen Meere. Gegen Südwesten begrenzt ihn die Insel -Solta, auf allen anderen Seiten umsäumt ihn das Festland von Dalmatien -mit den bizarren Formen seiner Küste, und wenn der Südwind seine Wellen -kräuselnd aufdämmt, so hängen wohl klare Tropfen von Meerwasser an -den dunkeln Olivenbäumen und den traubenbedeckten Reben, die sich bis -unmittelbar an die Grenze der kühlen Fluth hinabziehen. Die auf den -glühenden Kalkfelsen schütter gelagerte Erde, die prächtige Seeluft, der -tiefblaue Himmel und die strahlende Sonne erzeugen in ihrem Zusammenwirken -eben keine schlechten Producte auf diesem gottgesegneten Stückchen -Erde. Der feurigste Wein, die süssesten Feigen, das beste Oel, weite -Felder voll prächtiger Melonen, das schönste Gemüse in Hülle und Fülle -– das sind die Erzeugnisse des reizenden Geländes, das, von den schroffaufstarrenden -nackten Bergen des Mossor gegen die Bora geschützt, in -ruhigathmender Schönheit zu den Füssen des Beschauers ruht. Es ist dies -die Bucht und das Gestade der »Sette Castelli«, so genannt von sieben -alterthümlichen Burgen, die früher längs der Küste zu deren Vertheidigung<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -erbaut waren und jetzt eben so viele Mittelpuncte von freundlichen -Dörfern bilden. Und wie um in die Schönheit der Landschaft keinen Misston -zu bringen, bilden auch die Bewohner dieser Sette Castelli den schönsten -Menschenschlag, der in Dalmatien zu finden. Ernstdreinschauende, -hohe und kräftige Männer, dunkeläugige Frauen mit Madonnengesichtern -und schweren braunen Zöpfen hegen und pflegen dort den dankbaren Boden.</p> - -<p>Dass die Menschen in den Sette Castelli so auffallend schön gerathen, -das hängt freilich weniger von dem reichen Erträgnisse ihrer Felder und -Gärten ab, sondern von einem anderen Umstande: die Race ist dort gekreuzt. -Als nämlich im ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts die Franzosen -Dalmatien besetzten, hielt es der Marschall Marmont für nothwendig -eine das ganze Land durchziehende Strasse zu bauen, welche es möglich -machte zwischen dem Süden und Norden Dalmatiens Verbindungen zu -unterhalten, ohne zur See von feindlichen Kreuzern belästigt zu werden. Die -Strasse wurde ausgeführt, besteht heute noch und heisst noch immer im -Volksmunde »Strada Marmont«. Ueberhaupt möge hier die Bemerkung -ihren Platz finden, dass die Franzosen in der kurzen Zeit, während welcher -das »illirische Königreich« bestand, für Dalmatien beinahe mehr thaten, -als Oesterreich bis vor wenigen Jahren zu thun unterliess. Das Resultat -dieser Gleichung zu suchen, sei Anderen überlassen. Erzählt man doch in -<span id="corr058">Dalmatien</span> hierüber eine bezeichnende Aeusserung des Kaisers Franz, der in -den zwanziger Jahren das Land bereiste.</p> - -<p>»Wer hat dieses Gebäude erbaut?« fragte der Kaiser.</p> - -<p>»Die Franzosen, Majestät«, hiess es.</p> - -<p>»Und wer hat diesen Garten angelegt?«</p> - -<p>»Die Franzosen, Majestät.«</p> - -<p>»Und die Strasse?«</p> - -<p>»Die Franzosen, Majestät.«</p> - -<p>»Und diese Seidenspinnerei?«</p> - -<p>»Die Franzosen, Majestät.«</p> - -<p>»So?« sagte der Kaiser, in seiner bekannten glatten Manier, »mir -scheint, hier haben Alles die Franzosen gemacht, da ist es schade, dass -sie nicht ein paar Jahre länger hier geblieben sind.«</p> - -<p>Um also nun wieder auf die Strada Marmont und die veredelte Race -der Sette Castelli zu kommen, so liess Marschall Marmont gerade das -Stück Strasse, das sich von Traù längs der Küste der Sette Castelli bis<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -gegen Spalato zieht, durch die Mannschaft des 72. französischen Infanterie-Regiments -bauen. Die Soldaten arbeiteten des Tags, schliefen des Nachts -bei den Bauern – und die Folge war eine schöne Strasse und ein prächtiger -Menschenschlag – – – ernstblickende hohe und kräftige Männer, -dunkeläugige Frauen mit Madonnengesichtern und schweren braunen Zöpfen.</p> - -<p>Zwischen dem Gestade der Sette Castelli und der Stadt Spalato, -eine halbe Stunde von Ersterem und eine Stunde von der Letzteren entfernt, -liegen die Ruinen der einst mächtigen und blühenden Römerstadt -Salona, die, theilweise von der durch zwölfhundert Jahre angesammelten -Humusschicht befreit, heute noch ihre Bäder und Tempel, ihren Circus -und ihr Forum in trübseliger säulenkränzter Schönheit dem Beschauer -weisen. Grimmige Mauern umziehen im weiten Halbkreise das Ganze -und erstrecken sich epheubewachsen bis an das Meer, auf welchem einst -die Bewohner vor den herandrängenden Barbaren flüchteten. Ausserhalb -dieser Ruinen liegt das Dorf Salona, durchwegs aus Säulenstücken und -Steintrümmern des alten Salona erbaut. Marmorne Reliefs, römische und -griechische Inschriften findet man da beinahe an jedem Hause – oft verkehrt -eingemauert – und umgestürzte Marmorsarkophage dienen den -Bauern als Steintische vor ihren Häusern. Aus einer Höhle des Mossor-Gebirges, -kaum eine Stunde weit von dem Dorfe Salona, entspringt der -Fluss Jadro, der seine krystallhellen und eiskalten Fluthen in ungestümer -Eile dem <span id="corr059">Meere</span> zujagt, nachdem er im Dorfe Salona eine Anzahl Mühlen -getrieben. Wiesen, die ihr saftiges Grün durch das ganze Jahr behalten, -schlanke Pappeln, mächtige Buchen und rebenumrankte Maulbeerbäume -säumen seine Ufer ein und zwischen dem dunkeln Laube schimmern die -weissen Dächer der Mühlen hinaus in die Ferne.</p> - -<p>Unter einer dalmatischen Mühle möge man sich nur ja nicht das -mächtige Getriebe von Räderwerk und Hebeln vorstellen, aus denen in -civilisirten Ländern eine Mühle zu bestehen pflegt. Die Dalmatiner sind -eben ein genügsames Volk und ihre Mühlen stehen womöglich noch ein -wenig weiter zurück in der Cultur als die Eingebornen selbst. Das Getreide -oder der Mais wird dort auf einem Esel in die Mühle geschleppt, -schlecht und recht gemahlen und auf demselben Esel wieder nach Hause -befördert. Eine Absonderung des Mehles von der Kleie kommt da nicht -vor, das muss Jeder zu Hause selbst vornehmen, wenn er es nicht vorzieht -die Kleie mit dem Mehl zu verzehren. Der Müller bekommt einen<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -Theil des Getreides als Mahllohn, dort »minella« genannt, betrügt dabei -so viel als möglich und so sind beide Theile zufrieden. – – –</p> - -<p>Ein Ereigniss gehört in Spalato nicht zu den häufig vorkommenden -Dingen, desto grösser aber ist die allgemeine Erregtheit, wenn je einmal -das tägliche Einerlei durch irgend Etwas eine angenehme Abwechslung -erfährt. In Salona hatte man einen Fund gemacht. Ein Bauer hatte ausserhalb -der mächtigen Umfassungsmauern von Salona die Wurzeln eines alten -Weinstockes ausgraben wollen und war dabei auf etwas Hartes gestossen. -Er grub weiter und fand einen Marmor, der aber zu gross und zu schwer -war, als dass er ihn hätte herausheben können. Bei weiterem Nachsuchen -zeigte es sich, dass es der Deckel eines Sarkophages war, und dass ein -stämmiger Oelbaum, der gerade über demselben seine immergrünen Zweige -mit den Reben des abgestorbenen Weinstockes verflochten hatte, die weitere -Bloslegung des Sarkophages hinderte. Da schüttete der Bauer die -Grube wieder zu, um <span id="corr060">seinem</span> Oelbaume nicht zu schaden und der Sarkophag -hätte ruhig ein weiteres Jahrtausend ruhen können, wenn nicht der Bauer -zufällig einen Process gehabt hätte und in die Gelegenheit gekommen -wäre mit einem Advocaten in Spalato zu verkehren.</p> - -<p>Wie Bauern schon sind, die niemals einen Gegenstand besprechen -können, ohne bei dieser Gelegenheit von Allem und Jedem, von ihrem -Vieh und Acker, vom Hause und vom Urgrossvater zu schwatzen, so kam -auch dieser auf den Deckel zu sprechen, den er unter dem Oelbaume bemerkt -hatte. Der Advocat veranlasste ihn, abermals den Deckel und ein Stückchen -des darunter liegenden Sarkophages bloszulegen und kaufte dann Deckel -und Sarkophag um fünfzig Gulden. Weil aber beide viel zu massig waren, um -so leicht gehoben werden zu können, so blieben sie bis auf Weiteres an -ihrem Fundorte, halb von Erde bedeckt unter den Wurzeln des Baumes.</p> - -<p>Einige Jahre darauf – es war im Jahre 1871 – war der Professor -des Obergymnasiums in Spalato, Glavinic, ein lieber Freund, den bei dieser -Gelegenheit herzlich zu grüssen mir gestattet sei, Custos des in Spalato -bestehenden Museums für Alterthümer. Als nun der Professor für Archäologie -an der Wiener Universität, Herr Contze, auf einer Ferienreise in -Spalato eintraf, führte ihn Professor Glavinic unter Anderm auch zu dem -erwähnten Oelbaume bei Salona. Professor Contze sah nur den wuchtigen -Deckel und den Kopf einer der Figuren, die an der Vorderseite des Sarkophages -in erhabener Arbeit ausgeführt sind, und erklärte auf den ersten<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -Blick den Letzteren für den Kopf einer Phaedra. Bei seiner Rückkunft -nach Wien veranlasste derselbe, dass die Regierung den Sarkophag ankaufte; -derselbe wurde durch Artilleriemannschaft mit Hilfe von Hebzeugen -gehoben, auf einen starken Karren gepackt und in das Museum nach Spalato -überführt. Dort steht er jetzt noch und wer von meinen Lesern einmal -das freundliche Spalato besuchen will, kann ihn dort sehen.</p> - -<p>Es ist des alten Euripides berühmte Tragödie Hippolytos und Phaedra, -die auf der Vorderseite des aus einem Stücke parischen Marmors gehauenen -riesigen Sarkophages dargestellt ist. Zur Linken des Beschauers ruht -Phaedra von dem durch Zeltwände angedeuteten Frauengemache, während -ihre Mägde beschäftigt sind, sie ihres königlichen Schmuckes, des Diadems -zu entkleiden. Zur Rechten sitzt Theseus, der beleidigte Vater, im ernsten -Gespräche mit seinen Freunden, von denen einer bemüht zu sein scheint, -den schrecklichen Verdacht zu zerstreuen, den er dem unschuldigen blühenden -Sohn gegenüber Raum gegeben. In der Mitte steht Hippolytos, -völlig nackt, mit dem Speer in der Faust, zur Jagd gerüstet, in ätherischer -Schönheit – zu seiner Seite das Ross, von den Göttern zum Werkzeuge -seines Unterganges bestimmt, indem es ihn über die Klippen zu Tode -schleifen sollte. In der einen Hand hält Hippolytos die Rolle, den Befehl -des erzürnten Königs und Vaters, der ihn in die Verbannung schickt. Ein -Cupido zu den Füssen Phaedra's und die alte Amme zur Seite des Hippolytos, -die nach Ammenart als Kupplerin gedient, vervollständigen die Gruppe. -Als der Sarkophag, von sechs Ochsen gezogen und mit grünem Reisig geschmückt, -seinen Einzug in Spalato hielt, da war Alles auf den Beinen, -um ihn anzustaunen und man konnte da aus der Menge des umstehenden -Volkes die sonderbarsten Erklärungen über die figurenreiche Gruppe hören, -die an seiner Vorderseite prangt.</p> - -<p>Aber eine ganz eigenthümliche Anschauung sollte sich über den antiken -Fund und seine Bedeutung noch im Volke verbreiten. Zur selben -Zeit, als man in den Räumen des <em class="gesperrt">alten</em> Salona den Sarkophag hob und -ihn nach Spalato überführte, starb in dem <em class="gesperrt">Dorfe</em> Salona ein Müller. Weib -und Kinder blieben natürlich im Besitze der Mühle und nichts hätte Anlass -gegeben des Müllers Tod mit der Hebung des Sarkophages in Verbindung -zu bringen, wenn nicht unmittelbar in der Nähe der Mühle eine -neu auftretende oder erst jetzt bemerkte Erscheinung die Aufmerksamkeit -der Leute erregt hätte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p> - -<p>Der Graben, in welchem das Wasser des Flusses Jadro der erwähnten -Mühle zugeleitet wird, verengt sich plötzlich unmittelbar vor der Mühle -und stürzt durch drei jäh abfallende Rinnen auf die Mühlräder. In einer -dieser Rinnen zeigte sich nun von Zeit zu Zeit, nämlich in Zwischenräumen -von einigen Minuten ein silberheller Streifen, der am Boden der hölzernen -Rinne sich fortbewegend eine entfernte Aehnlichkeit mit einer Schlange -hatte, die gegen den Strom des Wassers schwamm. Dann verschwand die -Erscheinung, um nach Kurzem sich wieder zu zeigen. Nun ist es ein Erfahrungssatz, -dass die Leute, je weniger Geist sie haben, destomehr das -Bedürfniss fühlen, sich mit Geistern zu beschäftigen, daher denn auch -binnen wenigen Tagen ganz Spalato, oder wenigstens ein guter Theil desselben, -sowie sämmtliche Bauern in der Runde von dem »Geiste des Müllers« -sprachen, der sich bei der Mühlenschleusse zeige. Auch <em class="gesperrt">warum</em> der -Geist sich zeige, war bald kein Geheimniss mehr, – mir wurde es durch -eine »Contessa« enthüllt.</p> - -<p>Dass die Blüthe der alten Stadt Salona mit der Verbreitung des -Christenthums in Dalmatien so ziemlich zusammen falle, davon haben Alle -in jenen Gegenden eine, wenn auch nur sehr unbestimmte Ahnung. Die -Meisten jedoch, – und dazu gehören nicht nur sämmtliche Bauern, sondern -auch das weitverbreitete Geschlecht der Vettern und Frau Basen in Spalato, -– zweifelt nicht einen Augenblick daran, dass sämmtliche Särge, -deren man bei Salona eine grosse Menge unter der angeschütteten Erde -fand und noch findet, <em class="gesperrt">die Särge von Heiligen seien</em>. Nun war der -Zusammenhang zwischen dem verstorbenen Müller, dem marmornen Sarkophage -und der glänzenden Erscheinung im Mühlbache bald hergestellt. -Die arme Seele des Müllers fand keine Ruhe und musste so lange als -Schlange im Mühlbach Allotria treiben, bis der Sarg des »Heiligen«, der -bei Salona gehoben, wieder an seine alte Stelle zurückgebracht sei. Die -Müllerin war stolz auf den Zulauf, den ihre Mühle von den Neugierigen -erfuhr, stolz auf den offenbar regen Zusammenhang zwischen ihrem verstorbenen -Manne und dem unbekannten Heiligen. Die Einwohner des Dorfes -Salona waren nicht minder stolz auf die mittelbar ihnen selbst wiederfahrene -Ehre, dass so ein uralter Heiliger sich um ihren jüngstverschiedenen -Mitbürger und Landsmann in so augenfälliger Weise kümmere und -wer weiss ob nicht eine Massendeputation der guten Salonitaner die Rückverführung -des Sarkophages an seine alte Stelle in mehr oder weniger<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -turbulenter Weise verlangt hätte, wenn nicht – das Wunder eines schönen -Tages aufgehört hätte. Der Müllerbursche schlug ein neues Brett an Stelle -eines schadhaft gewordenen in das Rinnsal des Mühlbaches und von diesem -Augenblicke an war der Geist des Müllers verschwunden.</p> - -<p>Ich selbst war seinerzeit eigens von Spalato nach Salona gepilgert, um -das Wunder mitanzusehen und erlaubte mir gegenüber einem jungen Spalatiner -Aristokraten, der mich begleitete, die schüchterne Bemerkung, dass die -»silberne Schlange« wahrscheinlich aus Luft bestehe, die, von dem rasch -strömenden Wasser mitgerissen, die Reflexerscheinung bildete. Mein Begleiter -zuckte aber die Achseln und erklärte mit höchst verächtlicher Miene -und offenbar im Bewusstsein seiner besseren Einsicht gegenüber einem -»deutschen Barbaren«, dass er die Erscheinung für eine »<em class="gesperrt">Quecksilberquelle</em>« -halte. Dabei liess ich ihn.</p> - -<p>Der Sarkophag aber mit dem beleidigten Theseus, der lüsternen -Phaedra und dem schönen armen Hippolytos, er ruht nun in dem langen -Saale des Museums von Spalato, – zu seinen Füssen steht eine schöne -Statue der siegreichen Venus, welche dem Amor lächelnd den gefüllten -Köcher reicht. Oft und oft standen wir, mein Freund Glavinic und ich, -in Anschauung der Kunstwerke einer längstentschwundenen Zeit versunken -vor den schönen, marmornen, lebensgrossen Gebilden, aber wir konnten -uns nie zu der Ansicht eines Spassvogels bekehren, der in unserem Bunde -der Dritte, uns immer versichern wollte, die siegreiche marmorne Venus -steige des Nachts regelmässig von ihrem Piedestale herab, um mit dem -armen Hippolytos einen schauderhaften Cancan zu tanzen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Frau_Mare_Kargotic_Gesang">Der Frau Mare Kargotic Gesang.</h2> - -<p class="drop">Allerseelen war vor der Thür.</p> - -<p>Kein Nebel, keine Bora, kein langweiliger Regen. Der feine braune -Duft, der sich des Nachts über die Insel gelegt und über die unendliche -glatte Fläche des Meeres, der hebt sich beim ersten Morgenlüftchen und -streicht wie ein loser Schleier hin über das Wasser. Die lateinischen Segel -der Fischerboote tauchen dann langsam auf unter dem fliehenden Schleier, -dann treten die Bergspitzen der herumliegenden kleineren Inseln und des -Festlandes hervor, dann zeigt sich vielleicht ein hochgethürmtes, schneeweisses -Gewölk, das langsam und stetig vorüberzieht – die mächtigen -Segel eines in der Morgenkühle herankommenden Schiffes – dann glüht -es auf über der Spitze des Berges Biokovo, der von der Festlandsküste -nackt und jäh abstürzt gegen das Meer, als ob er beständig im Begriffe -wäre, ein Seebad zu nehmen – dann schiessen breite Feuergarben über -Inseln, Schiffe und die tiefgrüne ruhig athmende Fläche des Meeres, die -Sonne tritt siegreich hervor und wie hingezaubert erscheint urplötzlich -die langgestreckte Insel Brazza, umspielt von den fluthenden Wellen. Ihre -weissglänzenden Kalkberge ragen hoch und strenge zum wolkenlosen Himmel, -ihre Abhänge sind von sanftgrauen Oelbäumen begrenzt und dann steht -Rebe an Rebe eng und dicht, nur von niederen Feigenbäumen unterbrochen -bis herab zum Meere, bis in die Bucht, an deren felsigem Strande -die weissgetünchten Häuser des Dorfes San Giovanni im Morgensonnenscheine -funkeln.</p> - -<p>Allerseelen war vor der Thür.</p> - -<p>Der prächtigste Herbstmorgen lagerte über Land und Meer. In -dem kleinen einstöckigen Häuschen, dessen weinumrankte Fenster hinausblicken -über die glänzende Fläche bis auf die Festlandsküste, von der das<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -freundliche Spalato herüberwinkt, schafft und waltet Frau Mare Kargotic. -Wer es nicht sieht, der mag es hören. Ganz San Giovanni hört es, denn -San Giovanni ist nicht gross und Frau Mare hat eine gar kräftige Stimme. -Mitunter flucht sie auch, aber nur selten. Natürlich – ihr Gebieter und -Ehegemal (er ist Gebieter, wenn er <em class="gesperrt">nicht</em> zu Hause ist) fährt in der -weiten Welt herum auf seiner hübschen Brigg »San Cristoforo« und lässt -sich, wenn es gut geht, einmal im Jahre zu Hause sehen.</p> - -<p>Während der Capitano Luka Kargotic draussen gegen schwere Stürme -ankämpft, oder in trostloser Windstille irgendwo tagelang auf einem Flecke -liegt, oder in irgend einem Tausende von Meilen entfernten Hafen auf -Rückfracht wartet, muss Frau Mare des Hauses Regiment mit kräftiger -Hand führen, sich ärgern und plagen. Und da raunt ihr freilich manchmal -ein böser Dämon in's Ohr, dass vielleicht der Herr Luka gar irgendwo in -einer Hafenstadt, die er angelaufen, sich gut, <em class="gesperrt">sehr</em> gut unterhalte. Dann -– – nun, die Kinder und die Dienstleute wissen davon zu erzählen, was sie -dann thut und was sie dann spricht. Das sind die Momente, in <span id="corr065a">welchen</span> -sie – aber nur <em class="gesperrt">sehr</em> selten! flucht, – sonst ist sie die beste Frau -der Welt.</p> - -<p>Auch eine hübsche Frau ist sie, trotz ihrer etwas stark entwickelten -Formen, trotz ihrer zweiunddreissig Jahre und trotz der feinen Seemannsrunzeln, -die sich – der liebe Herrgott weiss, woher das kommt – -um ihre Augenwinkel herum zeigen, als ob sie selbst ein Schiffskapitän wäre. -Wirklich und wahrhaftig hübsch, besonders wenn sie im Feiertagskleide -ist, wie heute.</p> - -<p>In dem kleinen Hafen draussen schaukelt sich eine ganz anständige -Barke, bereits zur Hälfte angefüllt mit dem Gottessegen, den Frau Mare -in diesem Jahre eingeheimst. Wein, Oel und getrocknete Feigen bilden -die Fracht, und die Barke muss bis Mittags fix und fertig sein, um nach -Spalato abzufahren, wo alle diese guten Sachen auf den Dampfer übergeladen -werden zur Ueberfuhr nach Triest. Der älteste Knabe, der auch Luka -heisst wie sein Vater und bereits zwölf Jahre zählt, hat in der Schule -lesen und schreiben gelernt – was Frau Mare leider nicht von sich sagen -kann – und notirt mit <span id="corr065b">gravitätischer</span> Miene jedes Fass, das hinabgerollt -wird zur Barke. Seine sieben jüngeren Geschwister sitzen in sehr defecter -Morgentoilette mit ihrer Bonne, einer jungen Morlakin, im Hofraume <span id="corr065c">und</span> -verzehren ihr Frühstück: getrocknete Feigen und Brod. Die Knechte<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -schaffen und poltern mit den Fässern und Kisten in rüstiger Emsigkeit -und zwei Mägde scheuern im Hause, denn Allerheiligen fällt heuer auf -einen Montag. Darum gibt es zwei Feiertage hintereinander und Frau -Mare hält etwas darauf, dass dann Alles im Hause hübsch rein und -nett sei.</p> - -<p>Dass Frau Mare heute in aller Gottesfrüh schon im Festtagsgewande -ist, damit hat es aber sein eigenes Bewandtniss. Es wird nämlich heute -in der Pfarrkirche vor dem Altar des San Nicoló eine Extramesse gelesen, -die sie bezahlt hat. Natürlich hat sie für eine solche besondere Auslage -auch ihre besonderen Gründe. Einestheils gehen eben die Feigen, das -Oel und der Wein nach Triest, für welche sie die möglichst besten Preise -erzielen will. Dafür gibt es kein besseres Mittel als eine Messe. Es handelt -sich aber nur um einen möglichst hohen Preis, nicht auch um die Sicherheit -der Beförderung, da der Lloyd seine Frachten selbst assecurirt. Frau -Mare ist eben practisch und belästigt unsern Herrgott nicht mit Dingen, -die auch der Triester Lloyd besorgen kann. Für heute hat sie jedoch -noch ein besonderes Anliegen, so wichtig und so geheim, dass es vorderhand -ein Geheimniss zwischen ihr und unserm Herrgott bleiben muss. -Darum hat sie auch dem Pfarrer, als sie die Messe bezahlte, gesagt, selbe -sei für den guten Verkauf des Weines, der Feigen und des Oeles, ferner -»für ihre besondere Intention« zu lesen, was der Pfarrer auch zusagte.</p> - -<p>Seit Jahren vollzog sich das eheliche und Familienleben der Familie -Kargotic in beinahe unwandelbarer Regelmässigkeit. Frau Mare regierte -im Hause und der Capitano Luka befuhr das Meer. Jedes Jahr kam der -Capitano auf zwei oder drei Wochen nach Hause, bei welcher Gelegenheit -er immer allerhand Schönes und Werthvolles mitbrachte. Goldene Ohrgehänge, -silberne Leibgürtel, schöne Kleider von schwerer Seide, feine Leinwand, -kunstvolle Spitzen, ein Kind, ein paar hübsche Ringe, feine Venezianer -Goldketten – das waren so seine gewöhnlichen Angebinde. Das -heisst, das Kind brachte er eigentlich nicht mit, aber merkwürdigerweise -fügte es sich immer, dass nach einer ganz bestimmten Reihe von Monaten, -die seit seiner Anwesenheit verflossen, ein Kind sich wie von selbst -einstellte. Störche gibt es in Dalmatien nicht, – dort holt die Hebamme -die Kinder vom Berge herab und zahlt sie mit einem Gulden per Stück.</p> - -<p>Die Kostbarkeiten hielt Frau Mare in einer schweren geschnitzten -Truhe unter Schloss und Riegel, die Kinder – es waren ihrer nach und<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span> -nach acht geworden – wuchsen tapfer und fröhlich heran, das Beste, was -sie unter so bewandten Umständen thun konnten. Zwischen einem Besuche -des Capitano Luka und dem andern liefen auch wohl Briefe von ihm ein, -aus Odessa, aus Queenstown, aus Marseille und Kronstadt oder aus sonst -einem Hafen. Kinder waren niemals in den Briefen, wohl aber feine schöne -in- und ausländische Banknoten oder kleine Röllchen mit glänzenden Goldstücken. -Die wanderten dann in die Truhe zu den anderen Kostbarkeiten.</p> - -<p>Diesmal aber waren schon anderthalb Jahre verflossen, dass der -Capitano Luka sich nicht zu Hause hatte sehen lassen. Er war allerdings -etwas weit gefahren. Sein letzter Brief trug den Poststempel San Francisco -in Californien. Auch war demselben eine ansehnliche Anweisung auf den -Banquier Porlitz in Spalato beigelegen, die derselbe mit gewichtigen Goldstücken -honorirte. Aber Frau Mare war nicht ruhig. Seeleute sind gar -manchen Gefahren ausgesetzt, nicht nur auf dem tückischen Meere, sondern -auch in den Hafenstädten, die sie anlaufen. Da gibt es lockere Gesellschaft -und kecke Weiber – Frau Mare fühlte sich versucht, ein wenig -zu fluchen, aber sie besann sich eines Besseren und bezahlte dem Pfarrer -eine Messe vor dem Altare des San Nicoló »auf <em class="gesperrt">ihre</em> Intention« und – -da es schon in Einem ging – für den guten Verkauf der heurigen -Fechsung. Darum war sie heute, am Werktage, schon in aller Gottesfrüh -in festtäglichem Staate, mit dem schwarzen Seidenrock und dem blauseidenen -offenen Jäckchen über dem rothen Mieder, mit dem silbernen -Gürtel um die Hüfte, mit zwölf silbernen Zitternadeln in den dunkeln -Zöpfen und <em class="gesperrt">drei</em> schweren goldenen Ohrgehängen an jedem Ohr.</p> - -<p>Der heilige Nicoló – er ist der Schutzpatron der Seefahrer – der -heilige Nicoló in der Pfarrkirche von San Giovanni ist immer im Festtagsgewande. -Er ist über und über mit silbernen Armen, Händen, Füssen, -ausserdem mit einigen goldenen Münzen behangen und sieht aus wie ein -hoher Staatswürdenträger am Frohnleichnamstage. Der kleine Altar, über -welchem der San Nicoló prangt, ist heute vollständig mit Kerzen besteckt -und der Herr Pfarrer feiert auch die Messe vor demselben mit einer ganz -besonderen Inbrunst. Und jedesmal, wenn er sich zu einem Dominus -vobiscum umdreht, fallen seine Augen mit einem so wehmüthigen Ausdruck -auf die an den Stufen des Altars knieende, im Sonntagsstaate prangende -Frau Mare, dass ihr ganz sonderbar um's Herz wird und sie sich beinahe -schämt, als ob der Herr Pfarrer ihre »Intention« hätte errathen können.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p> - -<p>Als aber die Messe zu Ende, der Herr Pfarrer seinen Segen gegeben -und in die Sacristei verschwunden war, als Frau Mare noch immer vor -dem Altare kniete, in der Ungewissheit, ob sie in der Kirche beten oder -zu Hause ein wenig – nur ganz wenig! – fluchen solle, da kommt der -blondhaarige baarfüssige Junge, der dem Herrn Pfarrer ministrirt hatte -und sagt, der Herr Pfarrer lasse die Frau Mare bitten, in die Sacristei -zu kommen. Und wie sie hineintritt, da sieht sie durch den Weihrauchnebel -den Herrn Pfarrer stehen, der ein Papier in der Hand hält und sie -wieder so sonderbar ansieht als wie beim Dominus vobiscum. Dann winkt er -ihr näher zu treten und bietet ihr einen Stuhl. Dann spricht er etwas -– sie kann durch den dicken Weihrauchnebel nicht recht verstehen, was -er sagt – er spricht etwas von Gottvertrauen und Fassung und dergleichen -Dingen. Die Frau Mare möge nicht erschrecken und tapfer sein, -wie sie es immer gewesen. Denn der Capitano Luka käme nicht mehr -heim. Er hat ein schönes Seemannsende gefunden, ein echtes, schönes -Seemannsende. Der »San Cristoforo« war an der Küste von Californien -bei Nacht und Nebel an einen Dampfer angefahren und untergegangen. -Die Matrosen hatten sich gerettet und der Steuermann dem Herrn Pfarrer -geschrieben. Da, – der Herr Pfarrer klopfte mit der verkehrten Hand -auf das Papier, – da steht Alles zu lesen. Der Patron Luka hätte sich -auch retten können, aber er verlor seine Zeit damit, dass er den kleinen -Schiffsjungen beim Kragen packte und in das Rettungsboot warf, das schon -vom sinkenden Schiff abstiess. Er war immer eigensinnig gewesen, der arme -Patron Luka, und wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt, so – -– nun, die Frau Mare wisse das ja selbst am besten. Nun also, – dann -war das Schiff untergegangen und er mit dem Schiffe. Vielleicht hat er -an seinen ältesten Buben gedacht, als er mit dem kleinen Schiffsjungen -seine Zeit verlor. Aber die Frau Mare solle Gottvertrauen und Fassung -haben und sich ihren Kindern erhalten. Die Frau Mare möge – – –</p> - -<p>Die Frau Mare hat sich kurzweg umgedreht, ist festen Schrittes aus der -Sacristei, aus der Kirche und nach Hause gegangen. Dort hat sie der Magd, -die einen Kübel mit Oel im Hofe verschüttet, eine Ohrfeige gegeben. Oel -verschütten bedeutet Unglück. Dann war sie im Feiertagsgewande, wie sie -war, hinaufgestiegen in die Stube, wo die schwere Truhe mit den Kostbarkeiten -steht und ein Hausaltar mit dem schöngeschnitzten Modell der -Brigg »San Cristoforo« vor demselben. Dort hat sie sich in einen Winkel<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -gekauert und hat angefangen zu singen. Denn eine Dalmatinerin weint nie -um einen Todten – sie singt um ihn.</p> - -<p>Was Frau Mare Kargotic sang?</p> - -<p>Aus der oberen Stube klang es herab in langgezogenen schwermüthigen -Tönen und die Kinder mit ihrer morlakischen Bonne drängten sich -schauernd und erschreckt zusammen unter dem offenen Fenster:</p> - -<p>»Luka, Luka! Du kommst nicht wieder. Da bin ich, da sind Deine -acht Kinder – unten stehen Deine Feigen, Dein Oel und Dein Wein – -der ganze reiche Gottessegen – und Du kommst nicht wieder! Wer hat es -so wie Du verstanden, das Steuer zu führen, wenn der Wind einher brauste -und die Wellen über den »San Cristoforo« schlugen? Wer verstand es wie -Du, sein Hab und Gut zu wahren und für die Frau zu sorgen und die -armen Kinder? Ein Eimerfass hubst Du allein mit Deinen starken Armen; -wo die Kräfte der Matrosen nicht ausreichten, da genügte Deine kräftige -Hand ganz allein – ganz allein. Und jetzt liegst Du am Meeresgrund -und die Wellen spielen mit Deinem Haar und Du kommst nicht wieder! -Luka, Luka! ich habe Dich schwer beleidigt! Ich glaubte etwas Unrechtes -von Dir und liess heute erst eine Messe auf meine Intention lesen. O -wüsstest Du, was meine Intention war! Verzeih', mein Luka, und bete dort -oben für mich und für unsere Kinder. Wie Du das letztemal weggingst, -waren es sieben und heute sind ihrer acht! O Luka, Luka! Weisst Du -noch, wie Du mich einstmals in Deinen starken Armen aufgehoben, als -ich zu Tode krank daniederlag? Ach möchtest Du mir, möchtest Du uns -allen entgegenkommen, wenn wir einmal einziehen sollen in's ewige Leben -und uns auf Deinen Armen, o Luka, auf Deinen kräftigen Armen hineintragen -in die Pforten des Paradieses!«</p> - -<p>So singt Frau Mare Kargotic in ihrer Stube und unten schaffen die -Knechte mit Kisten und Fässern. Denn um zwölf Uhr muss die Barke fix und -fertig geladen sein und Allerseelen ist vor der Thür, Allerseelen, wo Wein -und Feigen und Oel am besten verkauft werden.</p> - -<p>Dafür war die Messe bezahlt, aber es ist immer besser auch selbst -vorzusorgen. Und Punct zwölf Uhr stösst die Barke ab von San Giovanni -und ein frischer Wind treibt sie fort über die sonnenfunkelnde Fläche -des Meeres.</p> - -<p>Droben im Stübchen singt Frau Mare Kargotic.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span></p> - -<h2 id="Tuerkischer_Tabak"> -<img src="images/illu-070.png" alt="" /><br /> -Türkischer Tabak.</h2> - -<p class="drop">Eine schwere Hand, oder wahrscheinlicher eine schwere Faust klopfte -an meine Zimmerthüre, denn der dumpfe Schlag, der sie erzittern machte, -konnte nicht leicht von einem menschlichen Knöchel geführt worden sein.</p> - -<p>»Herein!«</p> - -<p>Die Thüre öffnete sich langsam und herein schob sich Duje Braidovich.</p> - -<p>Erinnere Dich gefälligst, theuerer Leser, dass man das »ch« oder »c« -am Ende dalmatinischer Namen wie »tsch« ausspreche, und lies den Namen -Duje Braidovich noch einmal mit gehöriger Berücksichtigung des diesem -Herrn eigenthümlichen Nationalgefühles. So. Jetzt will ich versuchen, diese -interessante Persönlichkeit etwas näher zu schildern.</p> - -<p>Duje Braidovich ist, was seinen Stand betrifft, eigentlich Nichts – -in seinen freien Stunden beschäftigt er sich jedoch mit Tabakschwärzen. -Duje Braidovich kann Tage und Wochen lang mit einem halblangen Tschibuk -im Munde auf dem Platze des Marktfleckens Sign, seines Geburtsortes,<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span> -herumlungern, Tage und Wochen lang sich von Polenta nähren und pures -Wasser dazu trinken, Tage und Wochen lang mit der gemüthlichsten Ungenirtheit -von der Welt jeden Vorübergehenden, der seiner Tracht nach -nicht Morlake ist, um »zwei Kreuzer auf Tabak« ansprechen; ja ich -habe ihn sogar im Verdacht, dass er zuweilen mehr als einen Tag lang -gar nichts isst und sich höchstens des Nachts an den halbreifen Getreideähren -und den Krautköpfen der umliegenden Felder schadlos hält.</p> - -<p>Dafür kommen aber dann wieder Tage, in denen Duje Braidovich -seiner Unthätigkeit völlig entsagt. Dann kann man ihn mit seinen, allen -Morlaken eigenthümlichen langen Schritten in dieses und jenes Haus eintreten -sehen, wo er eifrige Gespräche mit seinen Bekannten hält und beim Heraustreten -eine Hand voll silberner Zehnkreuzerstücke, in Dalmatien »Banovizze« -genannt, in einen schmierigen bocksledernen Beutel steckt. Er nimmt -auf diese Weise seinen Credit in Anspruch und sammelt Capital zu einem -grösseren Unternehmen. Duje Braidovich ist dann immer in einem Zustande -angenehmer Aufregung, sehr vergnügt und offenbar grosser Entwürfe -voll. Zugleich scheint dann in ihm eine geheimnissvolle und schwer -zu erklärende Sympathie für die k. k. Finanzwache sich fühlbar zu machen, -denn er geht dann des Tages unzählige Male vor deren Kaserne vorbei, -wirft immer schielende Blicke in das halbgeöffnete Thor und sitzt in -der Abenddämmerung vor dem Hausthore des gegenüberstehenden Hauses, -wo er abwechselnd mit einer ziemlich schmierigen morlakischen Magd und -einem schönen schneeweissen Hühnerhunde spricht, welcher dort ebenfalls -seinen gewöhnlichen Standort hat und auf den hübschen Namen Colombo hört.</p> - -<p>Dabei lässt er aber die gegenüberliegende Finanzwachkaserne oder -deren Inwohner nicht aus den Augen, und wenn er auch nicht gerade in -sämmtliche Grünröcke vom Commissär bis zum letzten Wachmann hinab -verliebt ist, so muss er wenigstens ein grosses Interesse daran haben, -deren Treiben zu beobachten.</p> - -<p>Eines Tages, oder vielleicht zur Nachtzeit, bricht ein Trupp Finanzwache -auf, um an irgend welchem Grenzpuncte irgend welche Schwärzerkaravane -abzufangen. Dann macht sich aber auch Duje Braidovich auf die -Füsse, – mit dem Unterschiede, dass er consequenter Weise jede Reisegesellschaft -zu fliehen scheint. Schwenkt die Finanzwache nach rechts, so -geht er links, – zieht jene gegen Süden, so biegt er nach Norden ein. -Nach Westen geht er nie, denn da käme er an die Küste; er hat aber<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -an der Küste vorderhand nichts zu thun, sondern seine Geschäfte rufen -ihn auf das nahe türkische Gebiet, nach Bosnien. Sodann lässt sich Duje Braidovich -zwei, vielleicht drei Tage lang weder in dem Marktflecken Sign, -noch in dessen Weichbilde sehen, bis er eines schönen Tages plötzlich -wieder auftaucht, etwas mehr gebräunt als gewöhnlich, seine Sandalen -(Opanche) stark abgelaufen, seine sonstige Toilette in sehr deroutem Zustande, -aber sonst offenbar in gehobenem Selbstbewusstsein.</p> - -<p>Duje Braidovich lungert jetzt nicht mehr müssig herum auf dem -Platze, auch verlangt er nicht mehr »zwei Kreuzer auf Tabak« von den -Vorübergehenden, ebensowenig als er sich halbreifer Getreidekörner und -grüner Kohlstrunke als Palliativmittel gegen ungelegenen Appetit bedient. -Duje Braidovich zwinkert jetzt allen seinen Bekannten (und er kennt sämmtliche -Bewohner Signs, sowie jene eines guten Theiles der Umgebung auf -fünf Meilen in der Runde) mit gar pfiffigem Augenblinzeln zu, und fischt -aus allen Theilen seines halb-türkischen Anzuges kleine blaue Papierchen mit -Tabakproben heraus, die er ihnen halbverstohlen zusteckt. Hierauf verschwindet -er ab und zu auf eine Viertelstunde und geht dann frei und mit erhobenem -Kopfe vor der Finanzwache vorbei, anscheinend nichts als seinen Tschibuk -in der Hand, in das und in jenes Haus. Und ist die Thüre hinter ihm -zugeklinkt, so übergibt er, wie ein Taschenspieler seine Sträusschen, dem -harrenden »Bekannten« einen aus blauem Papier gefertigten, mit Schnüren -aus Ziegenhaaren zusammengenähten Sack, der eine Oka (zwei und ein -Viertel Pfund) türkischen Tabak enthält.</p> - -<p>Wo er ihn hatte, als er mit erhobenem Kopfe vor der Finanzwache -vorbeistolzirte? Wahrscheinlich in den sackähnlichen Falten, welche seine -türkischen Hosen rückwärts bilden und die bei jedem Schritte gegen seine -Beine schlenkern. Der »Bekannte« denkt aber nach Weise des alten Römerkaisers -»non olet« und zählt für die Oka Tabak zwei Gulden in klingenden -»Banovizzen« in Duje Braidovich' schwielige Hand. Und wenn ganz -Sign und Umgegend mit türkischem Tabak versehen sind, dann versinkt -Duje Braidovich wieder in seine frühere Apathie, lungert wieder auf dem -Platze herum, zehrt wieder von seinem Fette und verlangt wieder »zwei -Kreuzer auf Tabak«, bis eines schönen Tages wieder einmal sein geheimnissvolles -Interesse für die Finanzwache, die schmierige morlakische Magd -und den schönen schneeweissen Colombo erwacht und er von Neuem seinen -Argonautenzug unternimmt in das nahe Bosnien.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p> - -<p>Das ist Duje Braidovich, der im Anfang der Sechziger-Jahre in dem -zwei Stunden von der türkischen Grenze entfernten Marktflecken Sign an -meine Zimmerthür klopfte.</p> - -<p>»Herein!«</p> - -<p>Duje Braidovich ist ein Mensch, der auf einen gewissen Grad von -Wohlerzogenheit Anspruch macht, darum steckte er vorderhand nur seinen -mit einem rothen Käppchen bedeckten Kopf in's Zimmer, spuckte auf den -Boden und fragte in seinem stark mit Slavisch versetzten Italienisch, ob -es ihm erlaubt sei, hereinzutreten. Auf meine bejahende Antwort schob er -sich allmälig vorwärts, schloss behutsam die Thüre und zog aus dem oben -erwähnten, an dem rückwärtigen Theile seiner Hosen befindlichen tragbaren -Magazine eine Oka feinen türkischen Tabak hervor. Der Handel war bald -geschlossen. Ich nahm den Tabak, er seine zwanzig Banovizze und extra -ein kleines Trinkgeld, weil der Tabak »sopraffino« – vom Allerfeinsten – -war. Dann nahm er seinen in die Ecke gestellten Tschibuk wieder zur -Hand und verschwand, wie er gekommen.</p> - -<p>Es gibt wohl kein Kronland der österreichischen Monarchie, in welchem -geschwärzter Tabak mit solcher Unbefangenheit öffentlich verraucht wird, -als in Dalmatien. Das Schwärzen des Tabaks ist allerdings verboten wie -anderwärts, aber der Besitz des einmal glücklich über die Grenze gebrachten -Krautes wird von Niemandem mehr angefochten. In Zara, der Landeshauptstadt, -ist man wohl etwas vorsichtiger und zeigt wenigstens auf der -Gasse oder in den Kaffeehäusern nicht gerne einen mit türkischem Tabak -gefüllten Beutel, aber je weiter man nach Süden kommt, desto leichter -ist es, sich mit dem verpönten Kraut zu versorgen, ohne in eine mit dem -kaiserlichen Adler versehene Bude zu treten, und desto unbekümmerter -wird auf der Gasse, in allen Kaffee- und Wirthshäusern der geschwärzte -Tabak geraucht. Ja, im Gebirge, wie zum Beispiele in Sign und an den -südlicher gelegenen Küstenorten, in Sebenico, Spalato, Macarsca, Ragusa, -Cattaro, gehört ein rother, goldgestickter und mit Tabak angefüllter Beutel, -der an den Flanken seines Besitzers baumelt, recht eigentlich zur Nationaltracht.</p> - -<p>Das Schwärzen des Tabaks wird übrigens bei Denen, die es betreiben, -wie das Wildern in den Tiroler und baierischen Bergen, zur Leidenschaft. -Jährlich kommen Fälle vor, dass nicht nur ganze aus zwanzig bis dreissig -Pferden bestehende Karavanen mit Tabak von der Finanzwache abgefangen<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -werden, sondern es entspinnt sich auch nur zu häufig zwischen den Schwärzern -und der Finanzwache ein Kampf, der nicht selten Verwundungen, oft -auch Verluste an Menschenleben auf einer oder der anderen Seite zur -Folge hat. Trägt sich das in Nord- oder Mittel-Dalmatien zu, so kräht -kein Hahn mehr darnach, wird aber ein Eingeborner im Süden, in -den Bocche di Cattaro, bei einer dieser Expeditionen getödtet, dann tritt -die Blutrache in ihr schauerliches Recht und die Behörden wissen sich -in solchem Falle nicht anders zu helfen, als indem sie den Finanzwachmann, -dem das Unglück passirt ist einen Schwärzer todtzuschiessen, so -schnell als möglich aus dem Bezirke entfernen.</p> - -<p>Da ich gerade von den Abenteuern der dalmatinischen Schwärzer -spreche, so mag es am Platze sein, des Endes zu gedenken, das die Kreuz- -und Querzüge meines <span id="corr074">Tabaklieferanten</span> Duje Braidovich genommen.</p> - -<p>Es war an einem bitter kalten Decemberabende des Jahres 186* -und die Bora brauste mit ihrer allesdurchdringenden, schneidenden Kraft -durch die schlechtverwahrten Fenster und die liederlich gezimmerten Thüren -der Wohnung, die ich in dem besten Hause des Marktfleckens Sign inne -hatte, als, diesmal ohne vorhergehendes Anklopfen, die Zimmerthüre sich -leise öffnete und das wettergebräunte Gesicht meines Freundes Duje -Braidovich sich zeigte. Duje Braidovich war augenscheinlich zu einer seiner -Expeditionen in's türkische Gebiet gerüstet, denn er hatte seine Torba<a id="FNAnker_25_25"></a><a href="#Fussnote_25_25" class="fnanchor">25</a> -auf dem Rücken und in seinem breiten Ledergürtel staken Handjar und Pistolen. -Er hatte etwas auf dem Herzen. Zuerst fragte er mich höchst -unnöthiger Weise, wie mir das Wetter gefiele, dann, wie es meiner -Familie gehe und schliesslich bat er mich ohne weiteren Uebergang, ob -ich ihm nicht einen Ducaten leihen wollte. In drei Tagen werde er mir -denselben zurückstellen. Er hätte ein Geschäft in Livno, bei dem er ein -hübsches Stück Geld verdienen könne und dazu fehlte ihm gerade ein -Ducaten.</p> -<p> -Ich hatte dem armen Teufel schon öfter derlei Gefälligkeiten erwiesen -und ihn immer höchst ehrlich und pünktlich befunden, daher ich auch -keinen Anstand nahm, ihm das Verlangte zu geben. Natürlich hütete ich -mich, ihn um den Zweck seiner Expedition zu befragen, machte aber doch -die Bemerkung, dass heute eine böse Nacht wäre und es schlimm sein -müsste, bei solcher Bora den Prolog, – das Grenzgebirge zwischen Dalmatien<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span> -und Bosnien – zu übersteigen.</p> - - -<p>Da fingen die Augen des armen Duje Braidovich sonderbar an zu -funkeln und zu rollen. »Für mich und für meine Reise ist das Wetter -gerade recht,« sagte er, indem er seine braune Jacke über die Brust zusammenzog -und mit einem raschen Wurfe den Mantel sich zurechtlegte, -»aber ich habe andere Sorgen. Der Zapis, den ich am Halse getragen, -seitdem ich mich erinnere, ist mir in Verlust gerathen und wenn ich -wüsste, dass es der (hier folgte ein schauerlicher Fluch) Finanzwächter -*…… wäre, der mir ihn stehlen liess, während ich gestern Mittags -vor der Kirchenthüre schlief, so hätte er wohl am längsten gelebt. Mit dem -Zapis fürchte ich Niemand, – <em class="gesperrt">ohne</em> Zapis kann mich nur die Muttergottes -allein vor Unheil bewahren.«</p> - -<p>Wer da weiss, in welch' hohem Ansehen ein Zapis (Amulet) bei der -dalmatinischen Landbevölkerung, besonders aber bei dem Morlaken steht, -der wird begreifen, dass all' mein Bemühen, den armen Teufel über den Verlust -seines Zapis zu trösten, umsonst war. Ich musste mich darauf beschränken, -meinem ganz verstört dreinsehenden Tabaklieferanten den -guten Rath zu geben, der bösen Bora wegen zu Hause zu bleiben und, bis -besseres Wetter käme, sich um einen neuen Zapis umzusehen. Aber auch -dieser Rath wollte nicht verfangen. Einen neuen Zapis wolle er sich allerdings -kaufen, meinte Duje Braidovich, aber heute müsse er eben ohne -Zapis fort, denn seine Kameraden erwarteten ihn in Kula (einem bereits auf -türkischem Gebiete liegenden einsamen Gehöfte) um in Gesellschaft aus -Livno »Ochsen« zu holen. Damit empfahl sich Duje Braidovich in seiner -höflich linkischen Weise und trollte davon.</p> - -<p>Auf mich hatte die so deutlich zur Schau getragene Angst des sonst -lebensfrohen und gutmüthigen Burschen einen eigenthümlichen Eindruck -gemacht und ich verbrachte den grössten Theil der Nacht in unruhigen -Träumen, in welchen mit Zapis behangene Pferdegerippe, kämpfende Morlaken -und grosse Säcke mit Tabak ein wundervolles Chaos bildeten.</p> - -<p>Als ich des Morgens erwachte und das Haus unter der andrängenden -Macht der Bora erzittern fühlte, die heulend vom Norden herbrauste, -da war mein erster Gedanke jener an Duje Braidovich, der jetzt eben -die unwirthlichen Felszacken des Prolog hinabsteigen musste. Die Bora -hielt noch den ganzen Tag und die nächstfolgende Nacht an. Dann legte<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -sie sich. Und als ich am zweiten Tage Morgens früh ausging und auf den -Bazar – den Marktplatz – kam, der sich am Südende des Marktfleckens -Sign befindet, da stand, eine seltene Erscheinung, ein Wagen zur Abfahrt -bereit. Dr. Z……, der einzige Arzt des Ortes, ging frostgeschüttelt vor -demselben auf und ab. Dann kam der Prätor mit einem untergeordneten -Beamten, – gleich darauf der Finanzcommissär.</p> - -<p>Wohin die Herren in aller Frühe fuhren? Am Fusse des Prolog, -auf der <span id="corr076">österreichischen</span> Seite desselben, hatte in der vergangenen Nacht -die Patrouille der Finanzwache eine mit Tabak beladene Karavane aufgegriffen. -Die Treiber liessen ihre Pferde im Stiche und flohen. Nur einer -hatte sich zur Wehre setzen wollen, den hatte die Finanzwache erschossen. -Das war Duje Braidovich.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-076.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p> - -<h2 id="Don_Martine_von_Karakaschitza"> -<img src="images/illu-077.png" alt="" /><br /> -Don Martine von Karakaschitza.</h2> - -<p class="drop">Es ist mir völlig unbekannt, von welchen <span id="corr077">Grundsätzen</span> die Herren -Bischöfe Dalmatiens sich bei der Auswahl, der Erziehung und Ordinirung -der jungen Geistlichkeit leiten lassen, oder ob ihnen überhaupt dabei besondere -Grundsätze vorschweben. Das ist sicher, dass der dalmatiner niedere -Clerus im Grossen und Ganzen sich nicht ganz vortheilheilhaft vor -jenem anderer Länder unterscheidet und selbst die italienische Geistlichkeit -an Unwissenheit bedeutend überragt.</p> - -<p>In der Nähe der Stadt Almissa, wo die Cettina sich in's Meer ergiesst, -stand oder steht vielmehr heute noch eine eigenthümliche Anstalt -für heranwachsende Priester, die Brieko heisst. Dort lernte man seinerzeit -einfach Messe lesen. Wenn irgend ein Morlake oder sonst ein Bauer, -auch schon in vorgerückten Jahren, das Bedürfniss fühlte Priester zu -werden, so meldete er sich bei dem Bischof, der ihn nach Brieko steckte. -Dort wurde ihm durch drei, höchstens vier Jahre lesen, schreiben, rechnen -und – Messe lesen gelehrt. Natürlich Alles in slavischer Sprache. Dann -wurde er ausgeweiht, erhielt eine Art Breve, das ihm gestattete, die Messe -in slavischer, mit glagolitischen Buchstaben geschriebener Sprache zu lesen -und kam sofort als Pfarrverweser in ein morlakisches Dorf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span></p> - -<p>Heute ist Brieko kein theologisches Treibhaus mehr, sondern eine -Ablegestätte für verdorbene Gymnasiasten. Macht nämlich ein Gymnasialschüler -an irgend einem Gymnasium Dalmatiens derartige Fortschritte, -dass sein Aufsteigen in eine höhere Classe unmöglich wird, und gibt er -die Neigung kund, sich dem geistlichen Stande zu widmen, so kommt er -nach Brieko, wo er gut oder übel Einiges von dem lernt, was er im -Gymnasium nicht erlernen konnte; dann wird ihm am bischöflichen Seminare -in Zara von der Theologie so viel eingetrichtert als eben in seinem Kopfe -Platz hat und dann wird er ebenfalls Priester und liest seine Messe in -slavischer Sprache. Hin und wieder macht man auch rühmenswerthe -Ausnahmen.</p> - -<p>So wurde vor einigen Jahren der Messner einer kleinen in Castel -Cambio bei Spalato befindlichen Capelle in Folge Protection seines Patrons, -des Conte C., zum Priester gemacht, ebenso erhielt kurze Zeit darauf der -Portier des bischöflichen Knabenseminars von Spalato ohne viel Umstände -die priesterliche Weihe. Der Unterschied zwischen derlei Priestern und -solchen, welche ihre ordentlichen theologischen Studien in der Landeshauptstadt -Zara absolvirt haben, ist der, dass die Ersteren von der Regierung -nur eine kleine jährliche Bezahlung (ich glaube 80 fl.) und wenn sie -dienstunfähig werden, <em class="gesperrt">keine</em> Pension bekommen. Ihren Unterhalt beziehen -sie von der Gemeinde, deren Seelenheil ihnen anvertraut ist, in der Form -von Schafen, wollenen Strümpfen und Truthühnern, die ihnen zu Ostern, -Weihnachten und Pfingsten von jeder Familie gespendet werden. Die -Strümpfe, Schafe und Truthühner, die der Herr Pfarrer nicht selbst aufbrauchen -kann, verkauft er gelegentlich auf dem Markte irgend eines -näher gelegenen grösseren Ortes und lebt, da er auch ein Stück Feld und -ein Haus besitzt, ohne Sorgen und gewöhnlich umso zufriedener mit seinem -Lose, als er von der Welt nichts und von ihren verfeinerten Bedürfnissen -beinahe so viel als nichts kennen gelernt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span></p> -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-079.png" alt="" /> -<div class="caption">Don Martine, der Pfarrer von Karakaschitza.</div> -</div> - -<p>Ein frischer sonniger Herbstnachmittag hatte mich aus meiner Behausung -herausgelockt in's Freie. Mit der Flinte auf der Schulter, um für -den längeren Spaziergang einen Vorwand zu haben, schlenderte ich auf -der von dem morlakischen Marktflecken Sign gegen Verlicca führenden -Strasse und bog dann rechts in einen der holprigen Feldwege ein, die -ziemlich steil aufsteigend die Abhänge der dinarischen Alpen und deren -Ausläufer mit der Landstrasse verbinden. Stein und Gerölle war der -Weg,<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -der sich in einer schluchtartigen Vertiefung hinaufwand, Stein und Gerölle -bildeten die Aussicht, wenn hie und da die Ränder der Schlucht eine -solche gestatteten. Das einzige lebende Wesen um mich herum war mein -Hund, der anfangs lustig in dem Gestein herumschnupperte, dann aber, -als hätte er sich überzeugt, dass sein Suchen auf <em class="gesperrt">diesem</em> Boden unmöglich -Erfolg haben könne, mit gesenkten Ohren meinen Schritten folgte.</p> - -<p>Ich überlegte eben, ob ich nicht den Weg verlassen und querfeldein -gegen meine Behausung abschwenken sollte, als ich den Weg herauf das -mir wohlbekannte Getrappel eines Pferdes vernahm, das, von den Stössen -der eckigen Steigbügel angetrieben und von dem scharfen Gebiss zurückgerissen, -in jener eigentümlich tänzelnden und verzweifelten Gangart -herankam, die, ein Mittelding zwischen Schritt, Trab und Galop, den unglücklichen -dalmatiner Pferden eigenthümlich ist. Gleich darauf erschien -an der letzten Krümmung des Weges eine Gestalt, die ich der blendenden -Sonnenstrahlen wegen erst erkennen konnte, als sie mir näher gekommen -war und mich mit rauher und lustiger Stimme anrief: »Oho, Gospodine, -schön, dass Sie einmal kommen! Ein Glück, dass ich Sie treffe, sonst -wäre ich beim cume Mate<a id="FNAnker_26_26"></a><a href="#Fussnote_26_26" class="fnanchor">26</a> abgestiegen und Sie hätten mich nicht zu -Hause gefunden. Evalá<a id="FNAnker_27_27"></a><a href="#Fussnote_27_27" class="fnanchor">27</a> Gospodine! Wie geht's Ihnen?!«</p> - -<p>Auf einem fuchsrothen, türkisch gezäumten, mit einem unmässig -hohen Sattel versehenen Rösslein, dessen Augen unter einem krausen -Busch zerzauster Haare hervorblitzten, während seine Mähnen wahrscheinlich -noch nie einen Kamm gesehen, sass eine kurze stämmige Gestalt. Die -hohen, plumpen, vorne mit einer Quaste versehenen Röhrenstiefel, die hellblaue -Halsbinde und der dreieckige Hut bezeichneten den morlakischen -Pfarrer. Ein dunkler Rock mit unmässig hohem Kragen und fürchterlich -engen Aermeln liess seine mächtigen Schösse bis an die Steigbügeln -flattern und von der ganzen Gestalt nichts erkennen als ein paar knochige -Fäuste und ein von tausend Runzeln durchzogenes Gesicht, dessen kleine -dunkle Augen von dichten stahlgrauen Augenbrauen beschattet wurden. In -der linken Hand hielt der Reiter die Zügel des Pferdes und einen halblangen -Tschibuk, in der rechten ruhte die kurze, derbe Peitsche. Es war -– Don Martine, der Pfarrer von Karakaschitza.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p> - -<p>Ich erwiderte den freundlichen Gruss und erstattete auf sein Befragen -auch pflichtgemäss Bericht über das Befinden meiner Frau und meiner -Kinder, versicherte jedoch, dass es nicht meine Absicht gewesen wäre, -heute ihm einen Besuch zu machen, sondern dass ich mir dieses Vergnügen -für ein anderes Mal vorbehalte. Don Martine wollte aber davon nichts -wissen. In zehn Minuten wären wir bei seinem Hause, sagte er, und wenn -ich es wünsche, so liesse er mich Abends, der vielen Hunde wegen, die -manchmal böse wären, wenn sie eine »civil« gekleidete Person sähen, -durch den Messner bis auf die Strasse begleiten – jetzt müsse ich aber -mit ihm kommen, seine Schinken und seinen Wein kosten – er schnalzte -dabei mit der Zunge – und einen fröhlichen Abend mit ihm zubringen. -Obwohl ich ganz genau wusste, welches Bewandtniss es mit den zehn -Minuten habe, da wir nach meiner Schätzung noch eine gute halbe Stunde -von der Behausung des Don Martine entfernt sein mussten, so willigte -ich nichtsdestoweniger ein, wenn aus keinem andern Grunde, so doch, um -einmal das Leben und Treiben eines morlakischen Pfarrers mir in der -Nähe ansehen zu können. Don Martine trug mir an, hinter ihm als Zweiter -auf sein Pferdchen aufzusitzen, was ich aber dankbar ablehnte. Und -so klommen wir, er zu Pferde, ich zu Fuss, den steinigen Weg hinan, der -immer steiler wurde, je mehr wir uns dem Dorfe Karakaschitza näherten.</p> - -<p>»Jetzt sagen Sie mir,« eröffnete ich das Gespräch, »woher Sie eigentlich -kommen; Sie sind ja über und über bestaubt. Wohl von Spalato, he?«</p> - -<p>»Richtig, Gospodine,« erwiderte er, »ich ritt gestern Mittags fort -und dachte schon früher heimzukehren, aber der verd… Pfarrer von -Dizmo lässt Niemanden ungeschoren vorüber; so musste ich denn mit ihm -ein Glas Wein trinken und komme jetzt seinetwegen erst Abends statt -Mittags nach Hause.«</p> - -<p>Er schien wirklich böse über die Verzögerung zu sein, denn er gab -seinem Pferdchen einen Stoss mit beiden scharfen Bügeln, dass es plötzlich -einen Satz vorwärts machte, was bei der Beschaffenheit des Bodens -nicht eben ungefährlich war.</p> - -<p>»Sachte, sachte, Don Martine! Das Glas Wein <span id="corr081">muss</span> übrigens ziemlich -tief gewesen sein, wie? Auch ist meines Wissens der Wein in Dizmo -nicht schlecht, seitdem man ihn dort selbst baut.«</p> - -<p>»Nein,« erwiderte mein Begleiter lebhaft, »der Wein aus Dizmo -kann sich mit jedem andern Wein in Dalmatien messen. Die Bauern werden<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -reich, seitdem sie angefangen haben, ihn zu bauen und dem Pfarrer geht -es, chwala bogu<a id="FNAnker_28_28"></a><a href="#Fussnote_28_28" class="fnanchor">28</a>, auch nicht schlecht dabei. Sehr gute Leute in Dizmo, -prächtige Leute, viel besser als meine eigenen hier in Karakaschitza. Ich -bin dort fremd, denn wenn ich auch jede Seele von ihnen kenne, meine -Pfarrkinder sind es immerhin nicht, und doch, was glauben Sie, bringt mir -der Petar Serdarich, weil ich heute im Vorübergehen sein Kind gesund -gemacht habe? Zwei Barili<a id="FNAnker_29_29"></a><a href="#Fussnote_29_29" class="fnanchor">29</a> Wein und einen hübschen Hammel. Ho ho! -wenn Sie in der nächsten Woche mich besuchen wollen, können Sie den -Wein kosten und den Hammel sehen.«</p> - -<p>»Das meine ich auch, Don Martine,« sagte ich lachend, »die Leute -in Dizmo sind wahre Engel, seitdem der Wald um das Dorf niedergehauen -und die Kerle nicht mehr vom Walde aus die Vorüberreisenden -anfallen und ausrauben können, wie sie es früher gethan. Jetzt haben sie -statt des Waldes dort eine Kaserne mit sechs tüchtigen Gendarmen und -es wird Niemand mehr ausgeplündert, der durch Dizmo kommt, – was hat -denn dem Kinde des Petar Serdarich eigentlich gefehlt, das Sie im Vorübergehen -geheilt haben?«</p> - -<p>Die Frage schien dem Don Martine nicht recht zu gefallen, denn er -räusperte sich und stiess einige Hm! Hm! aus, ehe er die rechte Antwort -finden konnte. »Wissen Sie,« sagte er endlich, »unsere Leute da sind -ärger als das liebe Vieh. Da hat der Petar Serdarich in der vergangenen -Woche seine Mutter begraben und, weil er ein reicher Mann ist, das -halbe Dorf zum Leichenschmaus eingeladen. Ein sehr schönes Essen, wie -mir mein Kamerad, der Pfarrer von Dizmo, erzählte. Wein, Branntwein -und Schöpsenfleisch so viel Einer wollte und dazu weisses Brod, wie -es die Herren in Spalato essen. Das dauerte drei Tage, denn der Petar -Serdarich ist ein reicher Mann. Seinem Buben aber, dem Mate, der jetzt -acht Jahre alt ist, dem steckten die Weiber so viel Wein, Braten und -Branntwein zu, dass sich der Bursche überessen hatte und dalag wie ein -halbkrepirtes Kalb. Wie mich nun der Petar Serdarich bei meinem Kameraden, -dem Pfarrer von Dizmo, anhalten sieht, läuft er auf mich zu und -sagt, ich möchte doch zu ihm kommen und über dem Kinde beten; der -Pfarrer von Dizmo (mein Kamerad) hätte es wohl schon gethan, aber es -hätte nichts geholfen. Nun, ich denke, schaden kann es nicht, reite also<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -hin zum Hause des Petar Serdarich, gebe ihm mein Pferd zu halten und -gehe hinein. Da liegt der Bube, hat ein elendes Fieber und um ihn herum -stehen eine Menge Weiber, die heulen und flennen, dass es eine -Schande ist. Ich, nicht faul, bete über ihm und gebe ihm einen Zapis, -dann kehre ich wieder zu meinem Kameraden, dem Pfarrer zurück, bleibe -ein paar Stunden bei ihm und wie ich wieder aufs Pferd steigen will, um -nach Hause zu reiten, kommt der Petar Serdarich und sagt mir, dass es -dem Buben besser gehe. Und die nächste Woche kommt er und bringt -mir meinen Wein und einen schönen zweijährigen Schöpsen.« Dabei gab -er seinem Pferdchen wieder einen Stoss mit den beiden Bügeln.</p> - -<p>»Was mag denn dem Buben eigentlich geholfen haben?« fragte ich, -»das Beten oder der Zapis?«</p> - -<p>»Ich glaube,« entgegnete Don Martine mit gar weiser Miene, »vor -Allem der Zapis. Beten ist gewiss auch gut, aber ich sage Ihnen ja, dass -der Pfarrer von Dizmo, mein Kamerad, schon über dem Buben gebetet -hatte, ohne dass es geholfen hätte. Darum gab ich ihm auch den Zapis. -Ich weiss schon, dass unsere gelehrten Herren Vorgesetzten und gar der -Bischof nichts von dem Zapis wissen wollen. Sie mögen vielleicht auch -Recht haben, und der Bischof ist ein gar braver und gescheidter Herr. -Aber manchmal ist er zu streng. Und so ein Herr isst und trinkt gut und -fährt in einem Wagen spazieren mit einem Kutscher und zwei Bedienten. -Was meinen Sie da, woher er wissen sollte, was uns Bauern gut thut? -Ich hatte mir gerade aus Spalato ein Buch Zapis geholt und zwei Pfund -Ricinusöl. Ich nehme immer Ricinusöl, wenn ich nicht wohl bin; manchmal -gebe ich davon auch Anderen. Auch dem Buben gab ich eine tüchtige Dosis, -aber nur so – zur Vorsorge. Am besten hat ihm jedenfalls der Zapis -gethan.«</p> - -<p>Was ein Zapis eigentlich sei, will ich hier erklären. »Zapis« heisst -so viel als »Etwas Geschriebenes«. In der Buchdruckerei eines gewissen -G. in Spalato werden als Accidenzarbeit (wie es die Buchdrucker nennen) -grosse Bogen Papier gedruckt und verkauft, welche durch Linien in kleine -Quadrate abgetheilt sind. In jedem Quadrat steht ein Gebet in lateinischer, -slavischer oder italienischer Sprache. Manchmal ist die Sprache gemischt -und das Gebet besteht dann aus einem Gallimathias von italienischen, -slavischen und lateinischen Phrasen. Die Gebete haben die verschiedensten -und oft sonderbarsten Anliegen zum Vorwurfe. Da gibt es deren, die um<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span> -Schutz vor Hagel und Blitz flehen, andere um Genesung von den Blattern, -wieder andere um Fruchtbarkeit der Kühe oder – Weiber, dann wieder -eines um Heilung von der Rinderpest, kurz alle Wünsche, die ein Morlake -möglicher- und billigerweise an unsern Herrgott haben kann, finden in -diesen Gebeten ihren unverblümten Ausdruck. Hat nun ein Morlake ein -Anliegen an den Himmel, so geht er entweder zum Pfarrer oder in das -nächste Franciscanerkloster und lässt sich einen derlei Zapis geben, der -zuerst in seinem Beisein geweiht, dann in Leinwand und Schafleder eingenäht -und schliesslich seinem Weibe, seiner Kuh, seinem Kinde oder dem -Leithammel seiner Herde, je nach Umständen, um den Hals gehängt -wird. Dafür zahlt der Morlake selten in Geld, – gewöhnlich in Schafen, -Wein, Truthühner oder Getreide. Die Zapis der Pfarrer sind gut, jene der -Franciscaner sind aber besser. Darum kosten sie auch mehr. So stand -vor einigen Jahren ein Pater des Franciscanerklosters zu Sign in besonderem -Rufe, dass er über die »Würmer« grosse Gewalt habe; wenn daher -ein Morlake fand, oder zu finden glaubte, dass ihm Würmer oder Insecten -auf seinem Felde grossen Schaden anrichteten, so ging er sicher oft -viele Stunden weit in das Franciscanerkloster zu Sign zu dem frommen -Wundermann, um sich einen Wurmzapis abzuholen.</p> - -<p>Wir hatten uns plaudernd dem Dorfe Karakaschitza genähert und -bei einer jähen Biegung des Weges lag plötzlich die roh gebaute unscheinbare -Kirche und neben ihr die Wohnung des Don Martine vor unseren -Augen. Vor dem kleinen ebenerdigen Hause, dessen Vorderseite von den -Ranken eines mächtigen Weinstockes ganz bedeckt war, tummelten sich -Hühner, Schweine, Truthühner und Enten ganz vergnüglich in dem freundlichen -Elemente einiger grosser Düngerhaufen und Pfützen, während eine -Stute, die mit ihrem Fohlen ganz frei neben dem Hause weidete, uns -lustig entgegenwieherte. Aus dem Hause kam auf den Ruf des Don Martine -ein Knecht und eine Magd, von denen der Erstere dem Don Martine -beim Absteigen behilflich war, während die Letztere verschiedene Päcke -in Empfang nahm, die Don Martine vom Sattel, wo sie aufgehangen waren, -loshakte oder aus seinen unergründlich tiefen Rocktaschen hervorzog.</p> - -<p>Mein Begleiter schüttelte sich förmlich vor Vergnügen und Behaglichkeit, -als er sich in der gewohnten Umgebung seiner Häuslichkeit sah, und -trat nach einem prüfenden Blicke über die geflügelten und ungeflügelten -Insassen seines Hofes zur Thüre.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span></p> - -<p>»Frisch Gospodine, jetzt sollen Sie ein Glas Wein kosten, wie ihn -auch der Monsignor Bischof nicht besser hat, und dazu einen Schinken, -wie ihn eben ein armer Pfarrer bieten kann. Antune! binde das Pferd an -und gib ihm nichts zu saufen, bis es sich abgekühlt, und Du, Ivanizza<a id="FNAnker_30_30"></a><a href="#Fussnote_30_30" class="fnanchor">30</a>, -bringe Wein und die zwei neuen Gläser, die mir der Gevatter Stipe<a id="FNAnker_31_31"></a><a href="#Fussnote_31_31" class="fnanchor">31</a> -aus Spalato gebracht, und den aufgeschnittenen Schinken! Schnell! -sonst … Hereinspaziert. Gospodine; Gott sei Dank, wir sind zu Hause!«</p> - -<p>Wir traten in das Haus, dessen erstes grosses Gemach zugleich das -Schlaf- und Arbeitszimmer des Pfarrers zu sein schien. In einer Ecke stand -ein plumpes, aus weichem Holz gezimmertes Bett mit einem riesigen Strohsacke -und einigen unordentlich darüber geworfenen Decken. An der Wand -hingen mehrere grell gemalte Heiligenbilder und eine Ansicht der Stadt -Spalato von der Seeseite. Eine grosse vielfarbige Kiste in der anderen -Ecke, ein Tisch und vier Stühle bildeten die übrige Einrichtung. Ueber -dem Tische hingen zwei Jagdgewehre, eine alte Pistole und ein Handjar.</p> - -<p>Und auf dem Lehmboden des Zimmers hockte eine Gesellschaft, bestehend -aus zwei Knaben und einem Mädchen im Alter von beiläufig zehn -bis zwölf Jahren, alle drei nur mit je einem langen Hemde und einem -rothwollenen Leibgürtel bekleidet, um eine grosse Schüssel mit Gemüse. -Neben ihnen sass, aufmerksam auf seinen Antheil wartend, ein grosser, -weisser Hund.</p> - -<p>Die Kinder assen. Sie hielten ihren hölzernen Löffel mit <em class="gesperrt">beiden</em> -Händen. Sie hatten keine Finger an denselben, – ihre Hände waren unförmliche -Stumpfen. Der nackte Fuss des einen Knaben war ebenso verstümmelt, -ihm fehlten die Zehen.</p> - -<p>»Um Gotteswillen, Don Martine, was ist denn das, wer sind denn -diese armen Kinder und wie wurden sie so grässlich verstümmelt?«</p> - -<p>»Ah, Sie meinen ihre Finger und Zehen, Gospodine? Ja, das kommt -bei uns oft vor. Wissen Sie, da gehen die Eltern auf das Feld und lassen die -Kleinen zu Hause. Da geschieht es nun, dass die Schweine – mit Respect -zu sagen – aus dem Verschlag ausbrechen, weil unsere Bauern, diese -verd… Hunde, – mit Respect zu sagen – sie gewöhnlich in demselben -Raume halten, wo sie selbst wohnen – und dann geschieht es bisweilen, -dass die Kinder von den Schweinen gefressen werden. Gewöhnlich fangen<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -die Bestien bei den Händen oder Füssen an; da schreien die Kinder und -werden manchmal gerettet, falls sie nämlich Jemand hört.«</p> - -<p>»Darum findet man bei uns in allen Dörfern Leute ohne Finger und -ohne Zehen. Die Drei, die Sie da sehen, Gospodine, gehören drei ganz -miserablen Familien an, die ihnen nichts zu essen geben, vielweniger auf -sie Acht geben konnten. Darum nahm ich sie zu mir, wie sie noch ganz -klein waren, sonst hätte sie vielleicht später das Schwein ganz aufgefressen. -Ha, ha, ha! Sind aber gute Geschöpfe und helfen im Hause, wo -sie können. Da, der Aelteste, dem habe ich lesen gelernt, und er liest -Ihnen, dass es eine Pracht ist. Ivanizza, faules Thier! kommt der Wein -oder nicht?« – – –</p> - -<p>Don Martine starb im darauffolgenden Jahre an den Blattern. Man -hatte ihn zu dem Blatternkranken eines fremden Dorfes geholt, dem er -einen Zapis umhängte. Bei dieser Gelegenheit bekam er selbst die Krankheit. -Es war aber kein zweiter Don Martine da, der ihm einen wirksamen -Zapis hätte geben können, und seinen eigenen Zapis wollte er nicht benützen -– ganz wie es gewisse Aerzte mit ihren eigenen Recepten thun.</p> - -<p>Ein roher, unwissender und abergläubischer Mensch ist er gewesen, -der Don Martine, und vielleicht auch ein Betrüger, denn Niemand hat je -erfahren können, ob er selbst an die Wirksamkeit seiner Zapis glaubte -oder nicht. Aber es wäre doch möglich, dass er mit seinem gutmüthigen -Lächeln jetzt zufrieden von dort oben heruntersähe auf sein altes Pfarrhaus -mit den Enten, Hühnern, Pferden und Schweinen, die in den Pfützen -sich gütlich thun. Und dann sind im morlakischen Dorfe Karakaschitza -drei arme Wesen mit fingerlosen Händen und Klumpfüssen, drei Wesen, -die er gekleidet, gespeist und erzogen hat in seiner bäuerisch rohen -Weise. Und sechs Hände ohne Finger heben sich allabendlich zum Himmel, -und drei verstümmelte unglückliche Wesen rufen heute noch schluchzend: -»Wärest Du, ach! wärest Du doch bei uns geblieben; ach! könntest Du -doch wieder kommen, Don Martine, – wir sind so sehr, so gränzenlos -elend. Wir haben Hunger!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span></p> - -<h2 id="Ein_Gerichtstag_in_der_Morlakei"> -<img src="images/illu-087.png" alt="" /><br /> -Ein Gerichtstag in der Morlakei.</h2> - -<p class="drop">Wenn ein Maler darauf ausginge zu zeigen, welch' unermessliche -Menge von Farbentönen sein Pinsel hervorzubringen im Stande sei, und -dabei mit ungeregelter Fantasie gerade die schreiendsten Gegensätze an -Farben nebeneinander auf die Leinwand klecksen wollte: er könnte kaum -ein krauseres Bild zu Stande bringen, als es der Platz vor dem Bezirksgerichte -in Sign an einem Gerichtstage aufweist. Männer, Weiber, Kinder, -Pferde, Truthühner, Esel, Schafe, alles lagert da kraus durcheinander auf -dem kleinen Platze, von dem zwei Stufen in die Räume des Bezirksgerichtes -führen. Unter dem Thore steht der Gerichtsdiener mit einem -Stocke in der Hand und wehrt vorläufig den Eingang, denn die »udienza« -(Gerichtsverhandlung) beginnt nicht vor neun Uhr.</p> - -<p>Drei Marksteine waren in dem Dorfe Vucenovich von der Stelle gerückt -worden. In Folge dessen hatte sich zwischen den Eigenthümern der -beiden Aecker, wovon der eine angab übervortheilt worden zu sein, während -der andere jede Uebervortheilung ableugnete, ein Streit entsponnen, dessen -Schlichtung um so schwieriger wurde, als eigentlich weder der eine Acker -dem einen, noch der andere dem zweiten Streitführenden gehörte. Beide -Aecker waren noch vor wenigen Jahren unfruchtbarer öder Steinboden und<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -gehörten dem Staate. Beide streitende Parteien hatten mit Mühe und -Schweiss jeder für sich ein Stück fremden Bodens fruchtbar gemacht, indem -sie allmälig die Felstrümmer aushackten und, da sie dieselben auf -einen Ort zusammentrugen, eine Art moderne Cyklopenmauer herstellten. -Und als sie weiter arbeiteten, geriethen sie endlich mit der Haue und -dann mit den Köpfen aneinander. Dann setzten sie die Marksteine. Diese -waren verrückt worden. Und weil weder der Harambascha<a id="FNAnker_32_32"></a><a href="#Fussnote_32_32" class="fnanchor">32</a>, noch der -Pfarrer die Sache zu schlichten vermochten, sondern gerade im Gegentheile -ein Paar Pistolenschüsse oder Hiebe mit dem Handjar ordentlich in der -Luft lagen, so bequemten sie sich dazu, ihren Streit vor Gericht auszutragen.</p> - -<p>Heute ist in Dalmatien sowie anderwärts im Bereiche des österreichischen -Staates die Trennung der politischen von der Gerichtsverwaltung -durchgeführt; zur Zeit, in welcher unsere Gerichtsscene spielt, das ist im -Anfange der sechziger Jahre, war aber der Prätor zugleich Richter und -politischer Chef eines Bezirkes. In <em class="gesperrt">Sign</em> war der Amtssitz eines solchen -Prätors. Den Anschauungen der Morlaken entsprach diese Einrichtung -viel mehr und besser, als die jetzt strenge gesonderte Wirksamkeit des -Bezirksrichters von jener des politischen Chefs oder Bezirkshauptmannes. -Bestehen doch heute noch in der angrenzenden türkischen Provinz Bosnien -noch ganz ähnliche Verhältnisse, wo sogar der politische Chef eines Bezirkes, -der Richter und auch der Steuereinnehmer in der Person des -Muhdir's vereinigt sind. Nun fühlt sich zwar der Morlake keineswegs als -Türke, aber er beobachtet türkische Sitten und Einführungen mit einer -ehrerbietigen zur Nachahmung geneigten Aufmerksamkeit, weil ihm dieselben -materiell und moralisch viel näher liegen, als die einen gewissen -Grad von Cultur voraussetzenden gesetzlichen Zustände eines civilisirten -Staates.</p> - -<p>Ob damals, – noch vor wenigen Jahren – der Prätor mehr Pascha -oder mehr Patriarch sein wollte, das hing rein von seinen individuellen -Neigungen oder oft von seiner augenblicklichen Gemüthsstimmung ab. Einer -Verantwortlichkeit konnte sich derselbe um so leichter entziehen, als er -in seiner Eigenschaft als Richter von dem Landesgerichte, in jener eines -politischen Bezirkschefs aber von der vorgesetzten politischen Behörde<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -abhing. Darum war der Prätor ein gar gefürchteter Herr, dessen Machtspruch -von den Morlaken mit derselben Ehrerbietung aufgenommen wurde, -wie jener seines internationalen Amtsbruders, des nach dem Koran richtenden -Muhdir's, von den benachbarten Türken.</p> - -<p>Man darf sich unter einem morlakischen Gebirgsdorfe nicht die Vorstellung -machen, die man im Allgemeinen mit dem Begriffe Dorf verbindet. -Ein kleines ebenerdiges Haus ist an der Südseite irgend eines Hügels aus -mächtigen halbbehauenen Quadern aufgeführt. Das mit Stroh oder rohen -Schieferplatten gedeckte Dach zeigt in der Mitte eine grosse Oeffnung -durch welche der Rauch entweicht und bei Regengüssen das Wasser eindringt. -Den Boden dieses Hauses bildet die nackte Erde. Ein mit seinen -vier Füssen in den Boden gerammter Tisch, zwei Bänke und eine in grellen -Farben bemalte Truhe bilden die Einrichtungsstücke. Längs der einen Wand -liegt Stroh aufgeschüttet, das manchmal mit einem groben Linnen bedeckt ist. -Das ist das Bett. Ein Brett, ähnlich den Schlagbäumen in den Pferdeställen -trennt das Lager der männlichen von jenem der weiblichen Familienmitglieder. -Die gegenüberliegende Seite der Hütte dient als Stall für Pferde, Schafe -und Kühe. In der Mitte ist auf einer Steinunterlage der Feuerherd angebracht, -über dem an schwerer Kette ein mächtiger Kessel schwebt. Lange Flinten, -silberbeschlagene Pistolen und krumme Handjars hängen an den Wänden. -Vor dem Hause stehen gewöhnlich ein Paar Nussbäume oder Buchen. Zur -Seite desselben ist der aus Steinen erbaute Schweinstall. Das ist ein Haus -des Dorfes. Vielleicht steht auf Büchsenschussweite ein zweites, drittes oder -viertes. Vielleicht aber ist es eine gute halbe Stunde bis zum nächsten Hause, -das mit peinlicher Genauigkeit dem erstbeschriebenen gleicht. Zwölf oder -fünfzehn solche Häuser bilden ein Dorf. Ein solches Dorf ist Vucenovich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span></p> -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-090.png" alt="" /> -<div class="caption">Morlakische Familie auf dem Wege zur Prätur in Sign.</div> -</div> - -<p>Der Harambascha und der Pfarrer hatten einen heissen Nachmittag -gehabt. Der Pfarrer hatte sein türkisches Pferdchen gesattelt und sein -rothes Regendach hervorgeholt, um die beiden streitenden Parteien, die -jeder in einer anderen Richtung eine Stunde vom Pfarrhause entfernt -wohnten, womöglich zu einem Vergleiche zu bewegen. Mit ihm war der -Harambascha gegangen, mit einem Arsenal voll Waffen im Gürtel und einer -unmässig langen Flinte auf der Achsel. In beiden Häusern hatte man sie -mit jener aufmerksamen Zuvorkommenheit empfangen, die zwei solchen -Standespersonen gebührt. Hüben und drüben hatte der Domachin<a id="FNAnker_33_33"></a><a href="#Fussnote_33_33" class="fnanchor">33</a> -sie<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -eingeladen auf der Steinbank vor dem Hause Platz zu nehmen und der -Domachizza<a id="FNAnker_34_34"></a><a href="#Fussnote_34_34" class="fnanchor">34</a> aufgetragen, Kaffee zu bereiten. Hüben und drüben hatten -die Zwei mit dem Domachin lange und ernste Gespräche gehalten, die von -Seite des Harambascha und des Domachin mit unterschiedlichen Flüchen -gewürzt wurden, aber hüben und drüben hatten sie nichts erreicht. »Der -Gospodine<a id="FNAnker_35_35"></a><a href="#Fussnote_35_35" class="fnanchor">35</a> Prätor soll entscheiden,« hiess es immer wieder, und was er -bestimmen würde, solle geschehen. So konnten die Beiden nichts thun, als -die Vereinbarung treffen, dass die eine Partei um drei, die andere um -vier Uhr Früh vom Hause aufbreche, sonst möchte es noch Pistolenschüsse -oder Hiebe mit dem Handjar geben, wenn sie auf der Strasse zusammenkämen. -Das wurde zugesagt. Und so geschah es. – – –</p> - -<p>Mit dem ersten Morgengrauen bewegt sich aus dem kleinen Hause -heraus die Caravane. Voran der Domachin in seinem schönsten Gewande. -Er hat das rothe silbergestickte Leibchen an und über die Achsel die -braune Jacke von grober Schafwolle, deren Ecken vorn mit grünem Tuch -besetzt und mit rothen Troddeln verziert sind. Um seine niedere rothe -Mütze ist ein schmieriger vielfarbiger Turban gewunden. Ein langer Zopf -baumelt ihm rückwärts herab, den die Domachizza gestern noch mit frischer -Butter tüchtig gesalbt hat, – am Ende desselben sind schwarze Schnüre -eingeflochten, die kleine Bleikugeln tragen. Weite, weisse Hemdärmel flattern -um seine nervigen behaarten Arme. In den Fächern des breiten ledernen -Gürtels stecken ein Paar silberbeschlagene Pistolen und ein krummgebogener -Handjar nebst einem kurzen, scharfen Messer. Blaue türkische -Beinkleider und Sandalen von rohem Leder vervollständigen seinen Anzug. -Seinen Mantel hat er über den plumpen Holzsattel des kleinen Pferdes -geworfen, die Fersen in zwei Schlingen gesteckt, die vom Sattel herabhängen -und ihm als Steigbügel dienen. Ueber die rechte Schulter ragt die -lange mit Steinschloss versehene Flinte, in der linken Hand hält er den -unvermeidlichen Tschibuk. Zu beiden Seiten des Sattels baumelt je ein -Paar fest an den Füssen zusammengeschnürter Hühner und an dem Schwanze -des Pferdes ist an einem Stricke ein Schaf angehängt, das meckernd und -widerwillig hinterherläuft. Hinter dem Schafe wandelt die Domachizza. Ein -bis an die halben Waden reichendes auf der Brust offenes Hemd, ein -eben solcher leinwandener Unterrock und ein langes Kleid von weissem,<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span> -selbst gewebtem Schafwollstoffe, das, da es vorne ganz offen ist, eine entfernte -Aehnlichkeit mit einem riesigen Frack hat, ist ihre Bekleidung. Auf -dem Kopfe trägt sie ein rundes Gefäss von dünnem Holze, das einer -Schachtel ohne Deckel und Boden gleicht, über dasselbe ist ein weisses -Tuch unter dem Kinn zusammengebunden. Am linken Arme hängt ihr ein -Körbchen mit Eiern, in dem bunten Gürtel, der sich um ihre Hüfte schlingt, -steckt ein langes in einen Dreizack auslaufendes Holz, das ihr als Rocken -dient und einen Busch Schafwolle trägt. In der rechten Hand hält sie ein -mit einer kleinen Scheibe versehenes rundes Holz, das sie mit den Fingern -in drehende Bewegung setzt. So spinnt sie während des ganzen Marsches. -Mit ihr laufen zwei Kinder von acht bis zwölf Jahren. Man weiss nicht, -ob es Knaben oder Mädchen sind, denn ihre Bekleidung besteht gleichmässig -aus einem langen Hemde, einem rothen Gürtel und einem gleichfalls -rothen Käppchen. So ziehen sie fünf Stunden weit zu Gericht, nach -Sign, zuerst im Morgengrauen, dann in der sengenden Sonnenhitze, ohne -je Halt zu machen, ohne ein Wort zu sprechen, der Mann zu Pferd und -rauchend, das Weib hinter ihm ausschreitend und spinnend. So sind die -Familien mit Kind und Kegel herangezogen von allen Seiten zum Gerichtstage -und so haben sie sich zusammengefunden vor der Prätur in -Sign. – – –</p> - -<p>Es schlägt neun Uhr und der Gerichtsdiener schiebt sich etwas beiseite, -um die Leute einzulassen. Flinte, Pistolen, Handjar und Messer werden -jedem Einzelnen abgenommen und aufbewahrt, dann treten sie in das -weite Vorgemach des Gerichtshauses. Die Männer wickeln sich langsam -den Turban vom Kopfe, um beim Eintritte in das Zimmer auch die rothe -Kappe abnehmen zu können, – die Weiber, die allenfalls vorgeladen sind, -nehmen das Körbchen mit den Eiern mit sich. Die Männer rauchen, die -Weiber spinnen.</p> - -<p>Die Thüre des Zimmers öffnet sich und der Gerichtsdiener ruft in -die Versammlung: »Mate Vucenovich!«</p> - -<p>Zwei baumstarke Morlaken, wahre Hünengestalten, erheben sich -gleichzeitig von der um das Zimmer laufenden Bank und antworten: -»Evo!«<a id="FNAnker_36_36"></a><a href="#Fussnote_36_36" class="fnanchor">36</a></p> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p> -<p>Der Gerichtsdiener wirft einen Blick auf das Blatt Papier, das er in -den Händen hält, und ruft abermals, indem er sich deutlicher erklärt: -»Mate Vucenovich, Sohn des Ilia!«<a id="FNAnker_37_37"></a><a href="#Fussnote_37_37" class="fnanchor">37</a></p> - -<p>Abermals antworten ihm die <em class="gesperrt">beiden</em> kräftigen Stimmen: »Evo!«</p> - -<p>Das ist dem Gerichtsdiener wohl schon häufig vorgekommen. <em class="gesperrt">Sämmtliche</em> -Einwohner des Dorfes Vucenovich heissen nämlich Vucenovich, <em class="gesperrt">beide</em> -Vorgeladenen heissen Mate<a id="FNAnker_38_38"></a><a href="#Fussnote_38_38" class="fnanchor">38</a> und beider Väter hiessen Ilia. Es ist ein verwickelter -Fall, aber der Mann weiss sich zu helfen. »Mate Vucenovich, -Sohn des Ilia, Sohnes des Ante!« erschallt der an die Bibel mahnende Ruf, -– und dies Mal ist es nur Einer, der ihm antwortet.</p> - -<p>Der Prätor hat einen Uniformrock auf dem Leibe und eine schwarze -Sammetmütze auf dem Kopfe. Er ist zufälligerweise nicht Pascha, sondern -Patriarch. Darum empfängt er den Kläger mit einem derben Schlag auf -die Schulter und fragt ihn, wie sich die Ernte angelassen. Mate Vucenovich, -Sohn des Ilia, Sohnes des Ante fühlt sich überaus geehrt durch solchen -Empfang und hegt überdies die Meinung, dass ein Prätor, der ihn so vertraulich -empfängt, ihm unmöglich Unrecht geben kann. Darum steckt er seinen -Tschibuk verkehrt zwischen Haut und Hemde in den Rücken, so dass die -Pfeife gleich einem Wahrzeichen über seinem halbrasirten Kopf hinaussieht -und fängt an den Casus zu erklären. Der Prätor lässt ihn ruhig aussprechen -und gibt ihm immer Recht. Und da er fertig ist, wird wieder die Thüre -geöffnet und dies Mal der »Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des -Pave«<a id="FNAnker_39_39"></a><a href="#Fussnote_39_39" class="fnanchor">39</a> gerufen.</p> - -<p>Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Pave, wird bei seinem -demüthigen Eintreten ganz wie sein Widersacher von dem Prätor empfangen. -Ganz wie dem Ersteren nickt ihm der Prätor seine Zustimmung bei jedem -Absatze der langen Rede zu, und ganz wie jener möchte Mate Vucenovich, -Sohn des Ilia, Sohnes des Pave, darauf schwören, dass Gospodine Prätor, -der so freundlich mit ihm ist, ihm unmöglich Unrecht geben könne. Soweit -verläuft alles hübsch ruhig und friedlich. Als aber jetzt der erste Mate -dem zweiten Mate antworten will, erheben Beide ihre mächtigen Stimmen, -dass die Fenster klirren, und wer an derlei Scenen nicht <span id="corr093">gewöhnt</span> wäre, -wie es der Prätor ist, der würde kaum glauben, dass es ohne Mord und<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -Todtschlag abgehen könne. Das käme vielleicht auch vor, aber Pistolen -und Handjars und Messer ruhen beim Gerichtsdiener!</p> - -<p>Jeder Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, behauptet unter grässlichen -Flüchen, dass er die Gerechtigkeit seiner Sache feierlich beschwören könne. -Jeder von ihnen lässt Drohworte ertönen, zwischen denen man ordentlich -die Pistolen knallen hört und den Handjar blitzen sieht.</p> - -<p>Da legt sich der Prätor in's Mittel. »Wem hat das Feld gehört, ehe -Ihr es zu bearbeiten anfingt?«</p> - -<p>Beide verstummen.</p> - -<p>»Ich glaube, Ihr lasst die Marksteine stehen, wo sie sind,« sagt der -Prätor, »und wenn Ihr nicht in Ruhe und Frieden nach Hause geht, so -werden wir im Steueramte fragen, wem eigentlich das Feld gehört. Seid -Ihr's zufrieden?«</p> - -<p>Die Köpfe der beiden Mate hängen zu Boden, ihre Zöpfe richten -sich auf.</p> - -<p>»Brate,«<a id="FNAnker_40_40"></a><a href="#Fussnote_40_40" class="fnanchor">40</a> sagt Mate Vucenovich des Ilia und des Ante zum Mate -Vucenovich des Ilia und Pave, willst Du Frieden machen? Ich gebe ein -Lamm und Du gibst den Wein, willst Du?«</p> - -<p>»Brate, Du hast Recht,« antwortet der Enkel des Pave und sie umarmen -und küssen sich und möchten auch dem Prätor in ihrer Freudenbegeisterung -dasselbe thun, der sich aber hinter den Tisch zurückzieht.</p> - -<p>»Falavi, Falavi, Gospodine Pretur,«<a id="FNAnker_41_41"></a><a href="#Fussnote_41_41" class="fnanchor">41</a> tönt es von Beiden und unter -linkischen Bücklingen entfernen sich die versöhnten Widersacher aus der -Gerichtsstube. – – –</p> - -<p>Es kommt aber ein Nachspiel. Die beiden Weiber der beiden Mate -drängen sich über die Stiege hinauf. Sie halten Jede ein Körbchen Eier in -der Hand und Jede von ihnen zieht ein meckerndes Schaf an einem Stricke -nach sich. Das wollen sie dem Prätor für sein Urtheil schenken und deswegen -haben sie beides mitgebracht. Sie drängen sich auch richtig in's Gerichtszimmer, -aus welchem sie jedoch der Prätor hinauswerfen lässt, die Weiber, -die Schafe und die Eier.</p> - -<p>Die Marksteine bleiben aber wo sie sind und morgen ist grosses Gastmahl -in Vucenovich, gegeben von Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes -des Ante und von Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Pave.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span></p> - -<h2 id="Ein_tuerkisches_Schnupftuch">Ein türkisches Schnupftuch.</h2> - -<p class="drop">Ehrsame Frauen, sowie nicht minder Jungfrauen, bei denen die -Sittsamkeit als selbstverständlich vorausgesetzt wird, mögen ohne alle -Scheu diese bescheidenen Zeilen zu Ende lesen, sie werden, wenn auch -ein türkisches Schnupftuch den Gegenstand derselben bildet, keineswegs -darin jener verfänglichen Ceremonie oder gar der Folgen dieser letzteren -Erwähnung finden, die einem althergebrachten, darum aber nichtsdestoweniger -unwahren Gerüchten zufolge zwischen Sr. Majestät dem Sultan -und seiner jeweiligen Auserwählten stattfindet und deren an und für -sich höchst unschuldige Einleitung in dem Zuwerfen eines Schnupftuches -besteht.</p> - -<p>Ich sehe es noch vor mir, ein langes und schmales Stück durchsichtigen -Gewebes, den Rand mit sonderbar krausen, tausendfach verschlungenen -Arabesken bedeckt, die eine kunstgeübte Frauenhand in Seide -darauf gestickt! Gold- und Silberfäden schlängeln sich, als ob sie verfolgt -würden, in sichtbarer Hast durch das farbenglühende Labyrinth, um nach -langer Suche ihren glitzernden Lauf wieder da aufzunehmen, wo sie ihn -eigentlich enden sollten. Und was mich durch das feine Gewebe anblickt, -sind viele, viele unschuldige Kinderaugen, die, überrascht und erschreckt -vom ersten Anblicke der Aussenwelt, es noch nicht ahnen können, dass die -wirren, von dem gleissenden Silberfaden durchschlungenen Windungen der -krausen Arabesken ein Bild ihres eigenen zukünftigen Erdenwallens seien.</p> - -<p>Wie ich das Schnupftuch erhalten und was daraus geworden, das -will ich klar und bündig erzählen.</p> - -<p>Von einem langen und beschwerlichen Ritte ermüdet, hatte ich die -ganze Nacht so fest geschlafen, dass weder der empfindliche Frost, noch -die dicken Regentropfen, die durch die Risse meines Schlafgemachs eindrangen,<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -mich hatten erwecken können. Was Kälte und Nässe nicht vermocht -hatten, das bewirkte aber die kräftige Stimme meines Wirthes vor -der Thüre des Gemaches mit ihrem »Dobro dan, gospodine«!<a id="FNAnker_42_42"></a><a href="#Fussnote_42_42" class="fnanchor">42</a> Die Thüre -öffnete sich und vor mir stand, mir die Hand nach abendländischer Weise -zum Grusse bietend, eine hohe, etwas vorwärts gebeugte Gestalt, von -deren Schulter ein langer dunkelrother Mantel in malerischen Falten bis -zur Erde floss. Auf dem von der Stirne bis zum Scheitel rasirten Kopfe -sass der Fez, der rückwärts eine Fülle blonden Haares herausgleiten liess; -dunkle, von scharfgezeichneten Augenbrauen beschattete Augen, ein -kleiner Schnurrbart in dem offenbar nicht mehr als fünfundzwanzigjährigen -Gesichte, eine reich mit Gold gestickte blaue Jacke, ein paar Pistolen -und ein langes Messer in dem buntseidenen Gürtel, weitfaltige rothe Beinkleider -und die nackten Füsse in gelbledernen Pantoffeln – das war mein -Hauswirth und Freund <em class="gesperrt">Mahmud Firdus Beg</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-097.png" alt="" /> -<div class="caption">Ritt durch die Waldungen von Mahmud Firdus Beg.</div> -</div> - -<p>Mein Aufenthalt in <em class="gesperrt">Sign</em> hatte mir die Gelegenheit verschafft, Mahmud -Firdus Beg's Bekanntschaft zu machen. Einmal einen lebendigen türkischen -Pascha zu sehen, war immer meine Jugendsehnsucht gewesen. Nun -war mein Freund Mahmud zwar kein Pascha, wohl aber der Sohn eines -solchen, eines Paschas, der in den Vierziger-Jahren als Gouverneur von -Bosnien bei einer kleinen Revolution ermordet worden war. Der alte -Firdus mochte gut und echt türkisch gewirthschaftet haben, denn er hinterliess -seinem Sohne Mahmud ein Besitzthum, gross genug, um mit seinem -Erträgnisse besser leben und mehr Aufwand machen zu können als irgend -ein anderer bosnischer Grundbesitzer. Mahmud Firdus Beg suchte aus -seinem ausgedehnten Besitze so viel herauszuschlagen als nur immer möglich; -er lieferte Baumrinde, Harz und Eicheln aus seinen Wäldern, Getreide -von seinen Feldern und Häute nach Spalato an irgend einen pfiffigen -Griechen, der natürlich das Menschenmöglichste that, ihn zu übervortheilen; -er hielt sich ein Heer von faullenzenden, in Roth und Gold gekleideten, -bis an die Zähne bewaffneten Dienern, einen prächtigen Marstall, – hatte -aber nur <em class="gesperrt">eine</em> Frau in seinem Harem, denn Mahmud Firdus Beg war -ein aufgeklärter Türke, oder wollte wenigstens für einen solchen gelten; -darum richtete er sich nach dem Grundsatze: »Je weniger Weiber, desto -mehr Aufklärung« – und machte jährlich eine Reise – mindestens bis -Triest.<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -Einmal war er sogar in Wien, »u becu«, wie er mir slavisch erzählte, -aber dort gefiel es ihm nicht.</p> - -<p>Wenn man vom Schicksale dazu auserlesen ist, in einem Orte wie -Sign, dem nordöstlich von Spalato und nahe an der türkischen Grenze -gelegenen Vororte der eigentlichen Morlakei, zu leben, so ist man eben -nicht wählerisch in seinem Umgange. Und so war Mahmud Firdus Beg -mein Freund geworden und hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, mich -jedesmal zu besuchen, so oft er bei seinen häufigen Reisen nach oder von -Spalato Sign passirte. Bei dieser Einkehr hatte ich ihn auch meiner Frau -vorgestellt und so kam es, dass er vorläufig unser Gast war und durch -sein mit nahezu kindischer Urwüchsigkeit vorgebrachtes Geplauder uns -über die Eintönigkeit so mancher Abendstunde hinweghalf.</p> - -<p>Einmal überraschte er uns, indem er gegen alle türkische Sitte uns -Grüsse von seiner Frau und die Ankündigung überbrachte, dass dieselbe -seit Wochen mit dem Sticken eines Schnupftuches für meine Ehegesponsin -beschäftigt sei. Zugleich lud er mich ein, ihn selbst einmal zu besuchen, -oder vielmehr die Reise in seiner Gesellschaft zu machen und das erwähnte -Schnupftuch abzuholen. Seine Frau, meinte er, könnte ich allerdings -nicht sehen, weil die türkischen Sitten das nicht zugäben; selbst das Haus, -in welchem er mit seiner Frau wohne, dürfte ich nicht betreten, dafür -aber würde er mir das Gebäude zeigen, das er für seine Dienerschaft -errichtet, den Stall, seine Aecker und, wenn ich wollte, auch seine Wälder.</p> - -<p>Mich hatte es schon lange verlangt, einen Blick in die bosnische -Wildniss zu werfen, und so nahm ich die Einladung nicht ungern an.</p> - -<p>Am darauffolgenden Tage waren wir kurz nach Mittag aufgebrochen, -hatten über das Gebirge Prolog, über welches damals, in den Sechsziger-Jahren, -noch keine Strasse führte, bergauf, bergab, durch zerrissenes Felsengeklüfte -einen halsbrechenden Ritt gemacht, waren bei Einbruch der Nacht -in der weiten, wasserdurchzogenen Ebene von Livno angekommen, rasteten -in einem türkischen »Han«, in welchem wir nichts als schwarzen Kaffee -und Feuer für unsere Tschibuks fanden, wurden in pechfinsterer Nacht -von den Wolfshunden einer Schafheerde angegriffen, von denen Mahmud -ohneweiters einen niederschoss, und kamen endlich bei dem einsam liegenden -Besitzthum meines Freundes an, als ich, von der Kälte der Octobernacht -und dem fein herabrieselnden Regen halb erstarrt, mich kaum noch -auf meinem Pferde halten konnte und schon sämmtliche Türken, gestickte<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -Schnupftücher und bosnische Ebenen in das Land verwünscht hatte, wo -der Pfeffer wächst.</p> - -<p>Ein Dutzend in rothe, goldgestickte Jacken und blaue Pumphosen -gekleidete Gestalten, von denen jede eine Kienfackel schwang, empfing -uns vor einem thurmähnlichen Gebäude, dessen unterstes Geschoss dem Geruche -nach einen Pferdestall zu enthalten schien, und geleitete uns über -eine hölzerne, von Aussen angebrachte Treppe in ein vollkommen kreisrundes -Gemach, das von einer in der Mitte desselben aufgehängten Oellampe -und von dem Feuer erleuchtet wurde, welches in einem offenen -Camine flackerte. Vor letzterem kniete ein martialisch aussehender graubärtiger -Türke, – wie ich später erfuhr, ein ehemaliger türkischer Gendarm, -– und kochte in einer grossen kupfernen Pfanne Kaffee. Rund um die -roh angeworfene Wand lief ein gegen dieselbe sanft aufsteigender Bretterboden, -der mit grossen Teppichen bedeckt war – der Dienerschaft -Lagerstätte – und zahlreiche, wirr durcheinandergeworfene Polster dienten -als Kopfkissen.</p> - -<p>Die Diener – ich zählte deren sechsundzwanzig – nahmen mir -und ihrem Herrn die Reisekleider ab und präsentirten Jedem von uns -einen Tschibuk. Mahmud Firdus Beg nahm auf zwei übereinandergelegten -Polstern in der Mitte des Zimmers mit untergeschlagenen Beinen Platz -und lud mich mit höchst würdevoller Handbewegung ein, das Gleiche zu -thun. Hierauf credenzte uns der Graubart auf einer grossen silbernen -Untertasse zwei winzige Becher mit schwarzem Kaffee und bediente sodann -ebenso der Reihe nach sämmtliche Diener, welche, nachdem wir uns gesetzt -hatten, mit der grössten Ungenirtheit ihre Tschibuks zur Hand nahmen -und rauchten, als ob sie unter sich wären.</p> - -<p>Während ich noch mit Interesse das Gemach, meine Umgebung und -die prächtigen Waffen musterte, die an der Wand hingen, überraschte -mich mein Freund und Gastwirth mit der sehr unangenehmen Bemerkung, -dass es bei ihnen nicht Sitte sei, des Abends etwas anderes als schwarzen -Kaffee zu nehmen, dass er jedoch hoffe, ich werde mir morgen das – -Mittagmahl desto besser schmecken lassen. Das war allerdings ein sehr -windiger Trost für meinen knurrenden Magen, aber ich konnte, um nicht -unhöflich zu erscheinen, nichts anderes thun, als mich in das Unvermeidliche -fügen und sofort mein Schlafgemach aufzusuchen. Mahmud schritt -voran, steckte vor der Thüre seine blossen Füsse wieder in die gelben<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span> -Pantoffel, die er draussen stehen gelassen und führte mich mit ruhig -feierlichem Wesen, als ob sich von Augenblick zu Augenblick ein Prachtgemach -meinen erstaunten Blicken darbieten sollte, über eine zweite wacklige -Treppe in einen Raum, der dem inneren Theil einer Kuppel ähnlich -sah und der, wenn er die eine oder andere lückenartige Oeffnung gehabt -hätte, für ein Taubenhaus hätte gehalten werden können. So aber konnte -ich ausser der Thüre, durch die wir eingetreten, keine Oeffnung bemerken, -als die fingerbreiten Risse in den Bretern, aus denen dieses Denkmal -neutürkischer Baukunst gezimmert war, und durch welche der Regen hereinfliessen -sollte, der mich windelweich durchnässte. Und drum war ich -ganz froh und glücklich, als mich des anderen Tages der frühe Morgengruss -meines Freundes Mahmud Firdus Beg weckte.</p> - -<p>Ich sprang auf und folgte der Einladung meines Gastwirthes, im Gelasse -der Diener den Morgenkaffee einzunehmen, der uns wieder von dem -graubärtigen Türken unter Zugabe des obligaten Tschibuks geboten wurde. -Mahmud sagte mir während des Frühstücks in gebrochenem Italienisch – -um von den Dienern nicht verstanden zu werden – dass seine Frau ihm -aufgetragen, mir Grüsse an meine Frau aufzugeben, und dass sie der -Letzteren vielmals für das Zuckerwerk danke, welches ich ihr in einer -grossen Schachtel, die während unseres Rittes an dem Sattelknopfe des -Pferdes eines der Diener baumelte, mitgebracht hatte.</p> - -<p>Unterdessen wieherten die Pferde, die unten vor der Stiege für uns -bereit standen, um einen Ritt durch die Besitzung meines Gastfreundes -zu machen.</p> - -<p>Traurig und öde genug war das, was sich meinen Augen bot – -langgestreckte, stundenweit sich ausdehnende Gründe, die nicht bearbeitet -waren und die nicht werden besäet werden, bis eine andere als die türkische -Regierung über das Wohl und Weh jener jungfräulichen Länder -zu entscheiden haben wird – prächtige Eichenwälder in ungebrochenem -Bestande, in denen hie und da die alten Baumriesen todt und halbverfault -auf dem Boden lagen, während aus ihrem ehrwürdigen Leibe ganze Generationen -jungen Nachwuchses hervorspriessen – ungeschlachte, elende, -halbnackte Bauern, beinahe durchwegs bosnische Christen (wie ihr Anzug -wies), deren Verkommenheit ihnen kaum erlaubt, dort des Lebens dringendste -Nothdurft einzuheimsen, wo der Natur verschwenderisch ausgestreute -Fülle sich ihren blöden Augen bietet – elende Lehmhütten über<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span> -die Ebene sparsam zerstreut, in deren jeder eine ganze Familie mit ihrem -Viehstande haust – über das Ganze die grauen Regenwolken eines trüben -Octobertages, einförmig, schier endlos ausgespannt über die weite Ebene -und durch nichts unterbrochen, als durch eine unzählbare Menge schwarzer -Punkte, – Falken, die, ruhig an einer Stelle schwebend ihres -Raubes harrten!</p> - -<p>Und wie wir so dahinsprengten durch die düstere Landschaft, mein -Wirth auf seinem Rappen mit dem im Winde von seinen Schultern flatternden -dunkelrothen Mantel, ich mit trüben Gedanken die trostlose Wirthschaft -betrachtend und hinter uns ein kleiner affenartig aussehender Mohr -auf unmässig hohem Gaule, da schien es mir selbst beinahe, als ob wir -nicht von Fleisch und Blut wären, sondern als gespenstische Reiter in den -Wind hinein ritten über die unabsehbare, öde Ebene.</p> - -<p>Was ich sonst noch im Heim Mahmud Firdus Beg's gesehen, wie -wir gegessen und was wir gesprochen, übergehe ich, um endlich zum -Schnupftuche zurückzukehren und zu berichten, was mit demselben geschehen -ist.</p> - -<p>Nun, die Sache verhält sich viel einfacher als meine Leser vielleicht -nach so langer Einleitung voraussetzen mögen. Meine liebe Frau hat mir -acht Kinder geschenkt, unser Herrgott erhalte sie! Die beiden Aeltesten -sind Dalmatiner, haben aber bisher noch Keinem die Nase abgeschnitten; -die späteren sind anderwärts zur Welt gekommen – Alle aber wurden -mit des Türken Schnupftuch zugedeckt, als man sie zur Taufe trug. Es -war auch das Beste, was man mit dem farbenschillernden Nichts thun -konnte, denn zum Nasenreinigen nach abendländischen Begriffen taugte -es einmal durchaus nicht. Anders freilich ist's bei einem Türken; der benützt -die Hand dort, wo wir ein Schnupftuch brauchen und reinigt sie -dann an dem seidengestickten Gewebe.</p> - -<p>Als aber mein achtes Kind zur Taufe getragen war und eine -holdselige und wunderschöne Dame Pathenstelle bei demselben vertreten -hatte, da wickelte ich Mahmud Firdus Beg's Tuch fein säuberlich zusammen, -ging zur schönen Pathin und sprach: »Verehrte, gnädige Frau! -Wenn in alten Zeiten ein Raub- oder anderer Ritter nach langen Kreuz- -und Querzügen, nach so und so vielen Schlachten und Gefechten heimgekehrt -war in seine Burg, da pflegte er wohl Waffen und Rüstzeug zu -nehmen und sie vor irgend einem mehr oder weniger wunderthätigen<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span> -Gnadenbilde aufzuhängen. Ich bin kein Ritter und habe weder Waffen -noch Rüstzeug – aber nachdem bereits mein achtes Kind mit diesem -farbenbunten Gewebe auf seinem ersten Gange zur Kirche verhüllt gewesen, -erlaube ich mir, Ihnen Mahmud Firdus Beg's Schnupftuch zu -Füssen zu legen.«</p> - -<p>Die holdselige und wunderschöne Dame erröthete ganz prachtvoll -und sagte mir, ich möge meine Frau recht herzlich grüssen. Ihr Lächeln -schwebt mir aber noch heute vor.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span></p> - -<h2 id="Ein_Richter_in_Bosnien">Ein Richter in Bosnien.</h2> - -<p class="drop">Es war mir nach und nach eine dunkle Idee aufgedämmert, als ob -der arabische Hengst, der mich in gleichmässigem, langgestrecktem Galop -durch das Thal von Livno trug, viel edler sei als ich selbst. Mein Begleiter -und neuerworbener türkischer Freund Mahmud Firdus Beg hatte mir -wenigstens die letzte halbe Stunde von nichts gesprochen, als von dem -Adel des Thieres unter mir, und Mesrour – so hiess der edle Hengst – -hatte jedesmal die Ohren gespitzt so oft er seinen Namen aussprechen -hörte. Mich nahm das, offen gesagt, nicht im mindesten Wunder, weil es -mir bekannt war, dass vorzugsweise in Pferdeställen derlei genealogisches -Selbstgefühl zum Ausdrucke kommt.</p> - -<p>Der Octobertag war wunderbar schön. Die Gipfel des hohen, zu -unserer Rechten liegenden Berges Prolog, den ich Tags zuvor überschritten, -waren in leichte Nebelschleier gehüllt, die, ab und zu vom Winde -gehoben und verschoben, sich dann wieder an anderer Stelle über die -Hänge des Berges fein und duftig herabsenkten. Zwischen durch schimmerte -das kräftige Roth und Braun der im Herbstschmucke prangenden -Wälder und durch das struppige Unterholz durch, über das rauhe Gestein -herab sprangen und stürzten kleine Wildbäche, die sich dann in der breiten -grünen Thalsohle sammelten und sie gleich breiten Silberbändern -durchzogen. Dass sie dort tief genug und frisch genug waren, das hatte -ich am vorigen Abende erfahren, als ich, von Sign in Dalmatien kommend -und gegen die Behausung des Mahmud Firdus Beg reitend, eines dieser -Flüsschen zu Pferde passirte und mein Thier plötzlich anfing zu schwimmen, -so dass mir das Wasser bis unter die Arme reichte.</p> - -<p>Zu unserer Linken begleitete uns eine andere Kette von Bergen – -ebenfalls Ausläufer der dinarischen Alpen – die vom Gipfel bis weit<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -herab in die Ebene mit prachtvollen Wäldern bedeckt sind, und vor uns -dehnte sich das lange Thal, an dessen südlichem Ende Livno, das Ziel -meiner heutigen Reise, lag.</p> - -<p>Mahmud Firdus Beg sagte mir, dass der grössere Theil jener Wälder, -die auf dem Berge aus Eichen und Buchen, am Fusse desselben aus -Aepfel-, Kastanien- und Zwetschken-Bäumen bestehen, sein Eigenthum sei. -Auch der Grund und Boden, auf dem wir dahinritten, sei sein Eigenthum. -Aber es trage nicht viel. Er hat wohl im Walde mehrere Brettermühlen -durch einen Croaten bauen lassen und füttere mit dem Ertrage der Obstbäume -grosse Heerden von Schweinen, doch bekäme er für Schweine sowohl -als Bretter sehr wenig Geld, denn in Bosnien kaufe sie Niemand, -und bis sie auf den Markt nach Sign oder Spalato kommen, haben die -Kosten des Transportes den Werth der Waare verzehrt. »Am besten bezahlen -sich noch die Schweine, denn diese kaufen zuweilen auch unsere Giauren – -wenn sie Geld haben,« fügte Mahmud Firdus Beg hinzu, indem er zugleich -feierlich ausspuckte, aber nicht nach der Seite, auf welcher ich ritt, denn -dazu war er zu höflich und dann war ich auch sein Gastfreund.</p> - -<p>Vielleicht hatte ihn auch der Anblick der vier Rajahs – bosnischen -Christen – welche abseits unseres Weges um ein kleines Feuer sassen -und ganze Maiskolben an demselben brieten, zu dieser symbolischen Gefühlsäusserung -veranlasst. Die Leute standen auf, als wir uns ihnen näherten, -und grüssten demüthigst auf türkische Art, indem sie mit der rechten -Hand Brust, Mund und Stirne berührten. Mahmud Firdus Beg lachte -ihnen hämisch entgegen, liess aber den Gruss unerwidert.</p> - -<p>Ich habe mich später erkundigt, woher Mahmud Firdus Beg zu -seinem Reichthum und zu dem Titel Beg, der ja eine Art Adelstitel ist, -gelangt sei. Für Beides hatte man in echt türkischer Anschauungsweise -nur Eine Erklärung: Der Vater des Mahmud Firdus Beg war einst Gouverneur -von Bosnien. Daher der Titel, daher der Reichthum. Er hatte die -Rajahs so lange geschunden und geplagt, bis sie in ihrer Verzweiflung sich -einmal empörten und ihn, wie schon einmal erwähnt, ermordeten. Da ging -der Titel Beg und der Reichthum auf seine beiden Söhne über und so -ward Mahmud Firdus zum Beg und kam in den Besitz all der prachtvollen -Wälder, die sich auf den Hängen der dinarischen Alpen zur Rechten -und Linken hinzogen. Der Boden, auf dem wir ritten, gehörte nicht -weniger dem Mahmud Firdus Beg. Hin und wieder war ein Stückchen<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span> -desselben roh bearbeitet und zeigten gelbe Stoppeln oder kleine aus den -Wurzeln getriebene verspätete Pflanzen, dass da Weizen oder Tabak gebaut -und eingeheimst worden war.</p> - -<p>Es hat mit dem Bodenbau sein eigenes Bewandtniss in Bosnien. Der -Grund und Boden gehört niemals Jenem, der ihn bebaut. Die Begs – -gewöhnlich Nachkommen der im siebzehnten Jahrhunderte zum Islam übergetretenen -slavischen Adelsgeschlechter – haben den Boden durch einfache -Besitznahme, zuweilen auch durch Mord und Raub erworben. Zuweilen -ist das Besitzrecht auch der Preis für den seinerzeit erfolgten -Uebertritt zum Islam. Ein Kataster, ein Grundbuch, eine nachweisbare -oder ersichtliche Besitzgrenze gehören in den Ebenen und auf den Bergen -Bosniens zu den unbekannten Dingen. Der Bauer – Grieche oder Katholik, -aber immer Slave – dessen elende Hütte in einer der in den Berg hineinlaufenden -Mulden steht, hat Weib und Kind, aber nichts zu essen. -Darum spannt er, wenn das Frühjahr gekommen, seine Ochsen ein und -bearbeitet ein Stück Land. Das bestellt er mit Getreide oder Tabak und -nährt sich bis zur Ernte kümmerlich von halbwilden Früchten und in der -Asche gebratenen Maiskolben. Vielleicht hat er auch ein Paar Hammel -– dann gehört er schon zu den Wohlhabenden. Kommt nun die Zeit der -Ernte, so steht es ganz in der Hand des Begs, ob er selbst oder der -Bauer dieselbe heimbringen soll. Vergleicht sich der Bauer mit dem Beg -– leistet er von der Ernte dem Beg eine Abgabe, die dessen Ansprüchen -genügt, so kann er sich den Rest nach Hause schaffen und hat bei der -ausserordentlichen Fruchtbarkeit des beinahe jungfräulichen Bodens und -bei seiner unglaublichen Mässigkeit die nöthige Atzung bis zum nächsten -Jahre. Gelingt es ihm aber nicht, sich mit dem Beg zu vergleichen, so -erklärt dieser einfach, dass der Grund und Boden sein Eigenthum sei, -dass der verfluchte Giaur ohne jede Erlaubniss denselben bebaut habe -und lässt die Ernte durch seine Diener heimführen. Zuweilen kommen -auch noch andere Verhältnisse mit in's Spiel.</p> - -<p>Die bosnischen Türken machen von ihrem Rechte zur Vielweiberei -nicht immer oder nur einen sehr mässigen Gebrauch. Sie sind eben der -Abstammung nach keine Moslems und finden schwer die nöthige echt -orientalische Gelassenheit, die dazu gehört, es mit mehr als <em class="gesperrt">einem</em> Weibe -auszuhalten. Aber die Bauern, die Giaurs, haben oft hübsche Weiber und -erwachsene Töchter und – der Beg ist der Herr! Da kommen oft Meinungsverschiedenheiten<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span> -vor und ich sollte heute noch eine kleine Probe davon -sehen.</p> - -<p>Der österreichische Consular-Agent in Livno war, wie mir bekannt, -nach Mostar gereist und der Mudir, die höchste obrigkeitliche Person in -jener Stadt, hatte mir Tags zuvor durch einen Diener Mahmud Firdus -Begs seinen Gruss entbieten lassen und mich eingeladen, ihn zu besuchen. -Seit mehr als einer halben Stunde schon zeigte sich uns im Süden der -Ebene auf einem Hügel, der wie ein Vorgebirge in dieselbe hineinragte, -das alte zerfallene Castell, um welches herum die Stadt Livno liegt. Wir -mussten einen kleinen Umweg machen, weil gerade vor uns eine zahlreiche -Heerde von riesigen Büffeln weidete, durch welche zu reiten sehr -bedenklich gewesen wäre. Als wir in einem kleinen Halbkreise um dieselben -herum geritten waren, befanden wir uns auch am Fusse der Anhöhe -und unmittelbar vor den ersten erbärmlich gebauten Häusern der -Stadt. Mahmud Firdus Beg stemmte das Pfeifenrohr auf den rechten -Schenkel und stiess seinem Pferde die scharfen tellerartigen Bügel in die -Weichen. Ein Türke reitet nie anders in eine Stadt als im Galop. Und -so sprengten wir denn den mit runden Steinen gepflasterten Weg im -scharfen Galop bergan, dass die Funken stoben und das Pferd eines unserer -Diener elend auf Knie und Nase stürzte, während der Reiter über den -Kopf desselben ein paar Schritte weit bergauf flog.</p> - -<p>Vor einem altertümlichen einstöckigen Gebäude machten wir Halt. -Dasselbe war aus Quadern gebaut, hatte im Erdgeschosse auf kurzen starken -Säulen ruhende Laubgänge und war offenbar nicht türkischen Ursprungs. -Es mochte wohl noch aus dem vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert -stammen, als die Slaven Herren des Landes waren und italienischer oder -deutscher Kunstsinn auch auf ihre Bauten seinen Einfluss übte. Dass es jetzt -in türkischen Händen ist, dafür zeugten die Rundbogenfenster des ersten -Stockwerkes, die zur Hälfte mit roh behauenen Steinen vermauert waren.</p> - -<p>Wir übergaben die Pferde den Dienern und schritten die sehr -schmutzige Wendeltreppe hinan. Vor der Thüre entledigte sich Mahmud -Firdus Beg seiner gelben Reitstiefel, und schritt, ohne anzuklopfen, in das -Zimmer – mir als einem fremden »Effendi« war es gestattet meine Fussbekleidung -zu behalten.</p> - -<p>Ein grosses Gemach mit zwei Thüren und einem breiten Fenster. -An der einen Seite desselben ein hoher schwerer, aus irgend einem schönen<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span> -Holze ohne jede Kunstfertigkeit gezimmerter Glaskasten, in welchem -Pistolen, Gewehre, Handjare, dann mit Silber beschlagene Kopfgestelle für -Pferde hingen und der die eine Wand des Zimmers vollständig einnahm. -Längs der anderen drei Wände ein niederer, sanft gegen die Mauer aufsteigender -Bretterverschlag, ähnlich den sogenannten Pritschen unserer -Wachstuben, mit Teppichen belegt, auf demselben eine grosse Menge von -Pölstern: der Divan. Ueber dem Steinboden des Zimmers ein sehr schöner -Teppich. Von sonstigen Einrichtungsstücken keine Spur. Das war das Amtszimmer -des Mudirs von Livno.</p> - -<p>Der Mudir selbst sass mit unterschlagenen Beinen gerade der Thüre -gegenüber auf dem Divan und hatte den Schlauch einer türkischen Wasserpfeife -– des Nargilés – in der Hand, mit dessen Mundstück er nachlässig -spielte. Rothe Pumphosen, ein rothes silberverziertes Leibchen und -über demselben eine grüne, mit Silberknöpfen verzierte und mit Pelz ausgeschlagene -Jacke bildeten seine Bekleidung. Auf dem Kopfe trug er einen -Fess ohne Turban, die Füsse waren nackt. Neben ihm sass ein anderer -– ein »civilisirter« Türke. Er war mit schwarzen Pantalons und einem -schwarzen verschnürten Rock bekleidet, wie ihn die Beamten in Konstantinopel -zu tragen pflegen. Auch trug er lackirte Schuhe und rauchte keinen -Tschibuk, sondern eine Cigarrette. Das ist die türkische Civilisation, wie -sie im Buche steht. Beiläufig gesagt, erfuhr ich später, dass der »civilisirte« -Türke aus Konstantinopel gekommen war, um die Steuercasse des -Mudir zu scontriren und bei dieser Gelegenheit einen Abgang von zweihunderttausend -Piastern gefunden habe. Ob der Mudir die Summe ersetzte -oder nicht, ist mir nicht bekannt geworden, nur erfuhr ich, dass er später -in Folge dieser kleinen Unregelmässigkeit nach Damascus versetzt wurde. -Da ein Mudir Ortsvorstand, Steuereinnehmer, Richter und politische Behörde -– alles in Einer Person – ist, so lässt sich die rücksichtsvolle -Behandlung eines so wichtigen Beamten wohl erklären.</p> - -<p>Der Mudir und sein Gast grüssten uns höflich ohne aufzustehen, und -nachdem wir Beide Platz genommen, bot mir, als dem fremden »Effendi«, -der Mudir den Schlauch seines eigenen Nargilés an, während er sich selbst -einen Tschibuk geben liess. Da gerade eine gerichtliche Verhandlung vorgenommen -werden sollte, ersuchte mich der Mudir, ihm zu erlauben, dass -er dieselbe beendige, worauf er mir zu Diensten stehen, oder – wie er -sich ausdrückte – sich meiner Anwesenheit erfreuen wolle. Darauf klatschte<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span> -er in die Hände und zwei Diener traten ein. Der eine derselben zog aus -dem Gürtel ein kleines metallenes Tintenzeug, das er stehend seinem Gebieter -hinhielt, der Andere schob einen sehr defect gekleideten alten -Bauer vor sich her, der einen durchlöcherten Fess in den Händen hielt, -während von seinem von den Schläfen bis zum Scheitel glattrasirten Kopf -rückwärts ein dünner Zopf herabbaumelte. Ein Mädchen im Alter von -dreizehn oder vierzehn Jahren folgte. Sie trug weite Pumphosen von blauer -Leinwand, keine Schuhe oder Strümpfe, und ein enges, vorne offenes gleichfalls -blaues Jäckchen. Zwei prachtvolle braune Zöpfe hingen ihr fettgetränkt -über den Schultern. Hände und Füsse waren roth vom Einflusse -der wechselnden Witterung und vielleicht der schweren Arbeit, aber ihr -feingeschnittenes Gesicht war das einer Juno und ihr Wuchs der einer -Hebe. Sie weinte.</p> - -<p>Die Verhandlung spielte sich sehr glatt ab. Ein gewisser Hussein -Beg hatte dem Bauer den Tabak wegnehmen lassen, den derselbe geerntet -und zubereitet hatte. Dazu hatte er das Recht, denn der Tabak -war auf seinem, Hussein Beg's, Grund und Boden gewachsen. Vielleicht -hätte der Beg Erbarmen gehabt mit dem unglücklichen Bauer. Aber es -war ein kleiner Zwischenfall dazu getreten. Die Jele (Helene), die Tochter -des Bauers, hatte in der Nähe von Hussein Beg's Wohnhaus Schafe -gehütet. Und als Hussein Beg Abends nach Hause kam, gab er ihr beim -Absitzen die Zügel des Pferdes mit dem Auftrage, es in den Stall zu -führen. Als aber Jele im Stalle war, da kamen zwei Diener des Hussein -Beg und schleppten sie in dessen Haus. Des andern Morgens wurde sie -entlassen und weil sie einen Bündel von Maiskolben nicht annehmen wollte, -die ihr Hussein hatte verabfolgen lassen, so tractirten sie die Diener mit -Faustschlägen. Tags darauf liess Hussein Beg den Tabak aus des Bauers -Hütte wegschleppen, seinen, des Hussein Beg's, Tabak.</p> - -<p>Das Alles kam umständlich und klar an den Tag. Hussein Beg war -nicht zur Verhandlung erschienen, weil er vor zwei Tagen eine Reise -nach Sarajevo unternommen hatte. Der Mudir befragte den Bauer und -die Jele und notirte Einiges in die Schreibtafel, die er in der linken -Hand hielt. Dann sprach er das Urtheil. Der Bauer musste wegen Usurpirung -fremden Bodens fünfzig Piaster (fünf Gulden) Strafe zahlen. -Wenn er sie nicht zahlen könne, so möge man ihm drei Hammel confisciren -und da er und die Jele anfingen zu weinen, so wurden sie beide<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -zur Thüre hinausgeworfen. Dann steckte der Mudir seine Schreibtafel -wieder in den Gürtel und die Diener brachten uns prächtig duftenden -schwarzen Kaffee.</p> - -<p>Es gibt viele Husseins, viele Bauern und sehr viel unbebautes Land -in Bosnien. Auch haben viele Bauern hübsche Töchter, aber kein Bauer -hat ein Feld, kein Bauer irgend ein Eigenthum. Wenn man darum von -Unruhen in Bosnien hört, so möge man doch den richtigen Massstab anlegen -und bedenken, dass <span id="corr109">Aehnliches</span>, wie ich es jetzt erzählte, dort alle -Tage vorkommt. Die Folgerungen sind dann leicht.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span></p> - -<h2 id="Morlakischer_Winter">Morlakischer Winter.</h2> - -<p class="drop">An ein Felsstück gelehnt, von rauhem, zackigem Gestein umgeben, -sass der Antune, das verkleinerte Bild eines herabgekommenen Morlaken, und -sein Bruder Ilia lag ruhig ausgestreckt zu seinen Füssen. Was den Antune -im Augenblicke am meisten ärgert, ist, dass die Thonpfeife, die er zwischen -den Zähnen hält, seit mehreren Tagen nicht gefüllt wurde. Männern, wenn -sie Morlaken sind, ziemt zu rauchen, und Antune zählt bereits dreizehn -Jahre. Ausserdem vertritt er gegenwärtig Vaterstelle bei seinem noch nicht -siebenjährigen Bruder Ilia und waltet als Hausherr in dem einer Hütte -ähnlichen Trümmerhaufen, der höchstens drei Stunden von hier entfernt, -an dem Südhange eines steinigen Hügels steht.</p> - -<p>Hausherren und Familienväter haben ihre Sorgen, darum denkt -Antune emsig darüber nach, wie er es machen solle, um den Bruder Ilia -mit dem gleichen Kleiderschmuck zu versehen, den er selbst trägt. Denn -der Antune hat eine rothe Mütze und um dieselbe herum einen durchlöcherten -Lappen als Turban; Antune besitzt einen kleinen Zopf, der, -durch Bindfaden verlängert und mit kleinen Bleikugeln beschwert, ihm -rückwärts gar stattlich herabhängt. Antune ist mit blauen, zerrissenen, türkischen -Hosen und mit einer etwas zu klein gewordenen, aber grün und -roth benähten braunen Jacke bekleidet; um des Antune Leib prangt ein -schwerer Ledergürtel, in dem zwei mächtige Messer stecken. Antune hat -eine, wenn auch leere Pfeife zwischen den Zähnen und Ilia – besitzt nur -ein langes weisses Hemd und eine rothwollene Leibbinde, sonst nichts.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-111.png" alt="" /> -<div class="caption">Antune und Ilia.</div> -</div> - -<p>Ilia ist ja noch ein Kind und trank bis gestern die Muttermilch, -denn ein ordentliches Morlakenkind wird nicht der Mutterbrust entwöhnt, -ehe es sieben Jahre alt ist. Der Antune aber ist ein Mann, er hat aus -der fünf Fuss <span id="corr110">langen</span> Flinte seines Vaters auf Hasen und Schnepfen -schon<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -mehr Pulver verschossen, als Andere von seinem Alter gesehen; er hat -selbst und ganz allein schon einen Hammel geschlachtet; er wusste den -schweren Holzsattel auf das alte Pferd zu legen und war mehr als einmal -mit einem halben Dutzend Hühner am Sattel und einem Fluch auf der -Zunge, – so oft nämlich der magere Gaul stolperte, – auf den Markt -nach Sign geritten. Vor Allem ist er jetzt Hausherr und Familienvater. Mit -dem erhebenden Bewusstsein des Besitzes ist aber auch die Sorge bei ihm -eingezogen, denn gegenwärtig hat er nichts zu rauchen und sein Bruder nichts -zu trinken; die fünf Schuh lange Flinte, seinen Stolz, haben die Gendarmen -mitgenommen, und mit der Flinte den Vater und mit dem Vater die Mutter.</p> - -<p>Dass die amtliche Wiener-Zeitung eines schönen Tages unter den -von der Rinderpest heimgesuchten Bezirken auch jenen aufgeführt hatte, -in welchem die halbverfallene Hütte des Grgur Staricic steht, war Letzterem -ein Geheimniss geblieben, denn eine Zeitung und eine Eisenbahn waren -Dinge, deren Dasein er bis jetzt nicht einmal ahnte. Ausserdem stand -in gut gemessenem Umkreise von einer Stunde kein Haus in der Nähe -des seinigen und da konnte Grgur Staricic nicht viel mit Nachbarn verkehren, -die ihm die Neuigkeit von der Rinderpest mitgetheilt hätten. Da -war aber eines schönen Tages der Harambascha<a id="FNAnker_43_43"></a><a href="#Fussnote_43_43" class="fnanchor">43</a> gekommen und hatte -sich zu dem Feuer gesetzt, das mitten in der Hütte am Boden flackerte. -Der hatte ihm von Dem und Jenem erzählt, wie nämlich die Zeiten so -schlecht und die Polenta immer seltener würde, wie aus dem nahen -Bosnien herüber Räuber gekommen und eine Caravane ausgeraubt hätten, -die gegen Spalato gezogen, wie der Herr Steuereinnehmer so viele Leute -pfänden lasse, trotzdem im Bezirke seit Monaten die Hungersnoth herrsche -und schliesslich wie allenthalben eine böse Krankheit das Vieh befalle -und viele Bekannte um ihren ganzen Viehstand gekommen seien. Darauf -hatte der Grgur entgegnet, wie es ihm auch nicht besser ginge, wie er -vor vierzehn Tage seinen lahmen Gaul und die letzten zwei Schafe verkauft -habe und nichts mehr hätte als die einzige Kuh. Bei <span id="corr112">diesen</span> Worten -hatte sein Weib, die Mande<a id="FNAnker_44_44"></a><a href="#Fussnote_44_44" class="fnanchor">44</a>, die bisher spinnend im Winkel gesessen, -aufgeseufzt und die Bemerkung hingeworfen, dass die Kuh seit zwei Tagen -nicht mehr fressen wolle und wohl krank sein müsse. Ja, – krank, und -unser Herrgott besser's.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span></p> - -<p>Grgur Staricic war aber ein guter Hausvater und hielt etwas auf -Schick und Sitte. Darum rief er seinem Weibe, das sich unterstanden -hatte, in Gegenwart von Männern zu sprechen, einen Fluch zu. Das hinderte -jedoch nicht, dass er und der Harambascha hinausgingen zu der -kranken Kuh, die hinter der Thür auf dem Boden lag. Und da hatte der -Harambascha, der, ein sehr gescheidter Mann, sogar ein Mittel wider -Schlangenbiss und Fieber wusste, gesagt, die Kuh hätte die Rinderpest -und müsse erschlagen und verscharrt werden. Darüber aber ergrimmte der -Grgur und schwor, er werde den Harambascha niederschiessen, wenn er -ihn oder seine Kuh noch einmal verunglimpfe.</p> - -<p>Nun, der Harambascha fluchte auch nicht wenig und ging fort, indem -er seine Flinte über die Schulter warf und im Fortgehen dem Grgur einen -bösen Blick zusendete. Und Tags darauf kam eine ganze Cavalcade, ein -Beamter in Uniform, der Bezirksarzt und der Gerichtsdiener zu Pferde, -dann zwei Gendarmen zu Fuss. Die untersuchten die Kuh und fanden sie -erkrankt; der Grgur musste sie selbst schlachten und dann eine tiefe -Grube graben, wobei ihm Mande und der Antune getreulich, aber grollend -halfen. Da hinein wurde der Cadaver geworfen, Erde darüber gestampft -und der Grgur dafür verantwortlich gemacht, dass Niemand die verpestete -Grube öffne. Dann ging die Commission wie sie gekommen war.</p> - -<p>Es war aber Weihnachten und Neujahr vor der Thür, die heilige -Zeit, die sich in Dalmatien nicht in dem hellen schneeschimmernden Kleide -zeigt, wie bei uns zu Hause. Wenn im Norden der Winter über die Flur -streicht und die Nebelflocken hinfegen über die kalte Erde, dann schleicht -oft ein zweiter falscher Frühling über die steingepanzerten Dalmatiner -Berge. Die Sonne steigt dann glanzvoll aus dem feinen duftigblauen Nebel, -den die Nacht über Berg und Thal gebreitet, und giesst in verschwenderischer -Pracht ihre funkelnden Lichter über das gelbschimmernde Gestein. -Wo den langen Sommer über die brennend heissen, kaum je vom Regen -genetzten Felsen in kahler Dürre starrten, da locken jetzt die täglichen -Niederschläge und die im Boden haftende Wärme eine späte Vegetation -hervor, das Trugbild eines rasch vorübergleitenden Frühlings.</p> - -<p>Für den Morlaken sind das prächtige Tage. Er kann sein Vieh auf -die <span id="corr113">zerklüfteten</span> Bergabhänge treiben, wo es nach Monaten wieder -frisches Futter findet; er kann sich faul hinauslegen vor seine Hütte mit -dem Pfeifenstummel im Munde, während sein Weib, das beste Lastthier,<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span> -das er besitzt, verkümmertes Reisig einsammelt für den Winterbedarf; -hin und wieder gelingt es ihm auch, eine Gans, oder eine Ente oder sonst -einen Zugvogel zu erlegen, der über die steinerne Wildniss gegen den -Süden streicht, und Trinkwasser, das sein Weib den Sommer über aus -einer zwei Stunden weit entfernten Pfütze nach Hause schleppen musste, -das findet er und sein Vieh jetzt im Ueberfluss. In der Hütte stehen auf -einem hohen Verschlage, – damit die genäschigen Ziegen nicht dazu -gelangen, – ein Paar Säcke mit Moorhirse und Mais, sein Brod für den -Winter; mit dem Gelde, das er für einen Hammel erhalten, hat er die -Steuern gezahlt; einige Ziegen und Schafe, vielleicht auch ein Schwein, -theilen mit ihm das schützende Dach seiner Hütte und schützen ihn und -die Seinigen den Winter über vor Hunger.</p> - -<p>Freilich stört dann die eisige Bora manchmal sein Stillleben, wenn -sie durch die nackten Gebirgsschluchten einherbraust und in wenigen -Stunden das trügerisch hervorgelockte Frühlingsbild verscheucht. Dann -wickelt der Morlake sich in seinen braunen Mantel und streckt sich, so -lang er ist, neben dem Feuer aus, das mitten in der Hütte brennt. Die -Pfeife im Munde überlässt er sich dann träumerischem Behagen und denkt -an die nahenden Weihnachten. Vielleicht gestattet er dann auch seinem -Weibe, wenn es von der Holzsuche oder mit dem gefüllten Wassereimer -auf dem Rücken halberstarrt in die Hütte tritt, sich neben ihm zum -Feuer zu hocken und die erstarrten <span id="corr114a">Glieder</span> zu wärmen – <em class="gesperrt">vielleicht</em>, -denn das Weib ist dem Morlaken ein tief unter ihm stehendes Geschöpf, -dem es <em class="gesperrt">nie</em> gestattet ist seinen Platz am Tische und nur selten das -wärmende Feuer mit ihm zu theilen.</p> - -<p>Dieses Jahr hatte sich aber gar schlecht angelassen für die Morlaken -auf weit und breit in der Runde. Der Harambascha hatte Recht gehabt -und Grgur Staricic wusste es, ehe der <span id="corr114b">Harambascha</span> es ihm erzählte, dass -kein Mais und kein Moorhirse in den Hütten zu finden sei, dass die Schafe -und Ziegen schon vor Monaten auf den Markt wandern mussten, dass ihm -das Mehl für den Winter und das Saatkorn für das Frühjahr fehle, und -dass es ihm ganz verteufelt schlecht gehen werde. Und die Festtage waren -vor der Thüre! Festtage ohne Schafbraten, ohne Wein und ohne Schnaps, -die ihm doch sonst niemals gemangelt!</p> - -<p>Kein Braten, kein Wein, kein Branntwein, kein Pulver mehr im -Hause und keinen Tabak im Beutel – aber hundert Schritte hinter dem<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -Hause die frisch vergrabene Kuh. Grgur Staricic versteht es besser als der -Prätor, der Bezirksarzt und alle diese Herren miteinander. Darum rief er -der Mande und ging hin zur frisch gefüllten Grube. Die Mande schleppte -zwei Spaten herbei und dann gruben die Zwei, bis der Cadaver wieder -an's Tageslicht kam. Der wurde zerstückt in's Haus geschleppt. Braten, -guten frischen Braten, hätten sie jetzt in Hülle und Fülle – wenn nicht -gerade während der Arbeit wieder die leidigen Gendarmen gekommen -wären, die gar wohl ihre Leute kennen mochten.</p> - -<p>Da war aber der Grgur Staricic wild aufgefahren und hatte sich mit -der Hacke zur Wehre gesetzt als die Gendarmen ihm seinen Festbraten -nehmen wollten; und als sie ihn überwunden, da feuerte die Mande aus -der Hütte auf die Gendarmen – zum Glück, ohne sie zu treffen, denn -die Kugel durchlöcherte nur des Einen Mantel. Darum hatten die Gendarmen -den Grgur Staricic mit einem soliden Handeisen an die theure -Mande gefesselt, die Flinte mitgenommen und alle Drei, den Grgur, die -Mande und die Flinte dem nächsten Bezirksgerichte übergeben.</p> - -<p>Das ist die Ursache, warum der Antune jetzt Hausherr und Familienvater -ist und der Ilia nichts zu trinken hat. Damit er und sein Bruder -zu essen hätten, bequemte er sich, die Schafe des Pfarrers, der nur eine -Stunde entfernt wohnte, zur Weide zu treiben. Da konnte der Ilia bei -ihm bleiben. Des Nachts schliefen sie im Schafstalle, des Morgens bekamen -sie Jeder ein grosses Stück Maisbrod mit auf den Weg und Abends fehlte -es auch nicht an einem Bissen. Und dabei konnte er hin und wieder in -seiner Hütte nachsehen. Es war zwar nichts da, das fortgenommen werden -konnte, aber das Bewusstsein der Verantwortlichkeit machte sich doch geltend.</p> - -<p>Weil das Wetter so schön und die Luft so lau, hatte er heute, am -Weihnachtsabende, seine Schafe weit hinausgetrieben über die steinige -Wüste. Dort sprosst junges Gras aus den Steinritzen, dort grünt noch ein -oder das andere Blatt an einsam stehenden verkrüppelten Bäumen und -Sträuchern, dort sitzt er auch sonst gerne mit dem Ilia, weil er den ganzen -Tag über keines Menschen ansichtig wird und nachbrüten kann über das -ihm unbekannte Schicksal des Vaters und der Mutter. Er denkt auch gerne -daran, wie er an den Gendarmen sich rächen könne, aber früher müssen -Vater, Mutter und Flinte wieder in der halbverfallenen Hütte sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-116.png" alt="" /> -<div class="caption">Die Hirtenknaben am Weihnachtsabend.</div> -</div> - -<p>Halt! Was war das? Ein dröhnendes Pfeifen tönt aus der Schlucht -die jene beiden Felsen trennt – ein Rauschen folgt nach, als ob -Millionen<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span> -von kleinen Steinchen gegen den Felsboden geworfen würden – die -Schafe, die weit zerstreut ihre magere Atzung suchten, drängen sich herbei -gegen die schützende Felswand und ein eisigkalter Luftstrom braust über -den Felsboden hin durch die grün und roth ausgenähte Jacke des Antune -und durch das Hemd des Ilia.</p> - -<p>Die Bora ist's, die Bora, wie man sie nur in Dalmatiens felsigen -Bergen kennt, wo sie plötzlich hereinbricht mit Riesenkraft und Donnergeheul, -wo sie Bäume entwurzelt, Felsstücke hinabrollt über die Berge, -Hütten wegfegt und das kletternde Vieh hinabstürzt in gähnende Gründe. -Die Bora ist's mit ihrem eisigen Hauch, der in wenigen Stunden die jungen -Triebe, die ein falscher Frühling hervorgelockt, farblos hinlegt auf den -Boden als wenn sie verbrannt wären und glitzernde Eiskrystalle über Berg -und Thal zaubert.</p> - -<p>Jetzt nach Hause treiben? Nein – das thut der Antune nicht – -denn er ist ein Mann und weiss, dass ihm seine Schafe hinabgefegt würden -über den Berg wie die Strohhalme. Er weiss auch, dass er vor fünf -Stunden nicht nach Hause käme, während die Sonne in zwei Stunden bereits -hinter den Berg sinken müsse. Er thut Besseres: er wälzt Steine -zusammen gegen die Felswand, die ihm den Rücken wider die Bora -schützt.</p> - -<p>Ein Haus kann er flugs nicht bauen, aber eine kleine Cyklopenmauer -kann er aufführen von ungefügen Steinen und sich auf diese Weise gegen -zwei Seiten hin schützen. Das thut er auch mit festverbissenen Zähnen, -ohne ein Wort zu sprechen. Der Ilia hilft ihm weinend. Dann treiben sie -die Schafe näher zusammen und als die Sonne zu Rüste geht, setzen sie -sich hin, Antune an die Felswand gelehnt und den Ilia mit beiden Armen -umfangend. Früher hat er dem Ilia seine Jacke angezogen. Er und Ilia haben -zwei Schafe bei ihrem Vliess gepackt und enger an sich herangezogen. Dann -geht die Sonne unter. Dann brüllt die Bora und mit ihr zieht Frost und der -heilige Abend in das Land. Antune und Ilia drückten sich enger zusammen.</p> - -<p>Sie schlafen. Ob der Antune von der Rache träumte, die er an den -Gendarmen nehmen will? oder der siebenjährige Ilia von der Muttermilch, -die er so schmerzlich entbehrt? Das hat man nie erfahren.</p> - -<p>Am Christtage fand man die Schafe noch immer zitternd zusammengedrängt -unter der Felswand, die Hirten aber schliefen für immer.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span></p> - -<h2 id="Die_streitbaren_Bocchesen">Die streitbaren Bocchesen.</h2> - -<p class="drop">Der heilige Tryphon ist ein grosser Heiliger, war aber auch ein -wehrhafter und tüchtiger Mann: er hat seinerzeit dem Teufel den Schwanz -ausgerissen.</p> - -<p>Jedenfalls steht es fest, dass man die sonderbarsten Heiligen der -Welt in Dalmatien findet. Nicht in dem Sinne, in welchem man gewöhnlich -den Ausdruck »sonderbarer Heiliger« gebraucht, sondern weil es in Dalmatien -Heilige gibt, deren Namen kein Mensch kennt, der nicht die neununddreissig -Quartbände der Bolandisten durchgelesen, oder Dalmatien seine -Heimat nennt. Ein in ganz Dalmatien hochverehrter Heiliger ist der heilige -Dojmo: ausser Dalmatien unbekannt – der Specialschutzheilige der -Stadt und des Gebietes Cattaro ist der heilige Tryphon – nicht einmal -in ganz Dalmatien, geschweige denn über dasselbe hinaus bekannt.</p> - -<p>Wenn man die lange eintönige Kette hoher, grösstentheils schroff -aufsteigender und unbewaldeter Berge vorüberfährt, welche das unter dem -Namen Bocca di Cattaro bekannte Gewirr von Buchten, Meerengen und -Canälen zu beiden Seiten begleiten, so findet das Auge gleichwohl schöne, -grünschimmernde Ruhepunkte. An beiden Ufern schwingen sich in den -kleinen Raum, der zwischen dem Fusse der mächtigen Berge und dem -Meeresufer frei geblieben, anmuthige Ortschaften mit netten weissglänzenden -Gebäuden; dazwischen sind Gärtchen zerstreut, rings herum ein Anflug -von Grün auf dem Bergesabhang oder gar eine schöne üppige Vegetation, -wie bei Castelnuovo. Die Häuser stehen meistens hart am Meere, -deren Eigenthümer sind Schiffscapitäne, die gar oft mit dem eigenen -Schiffe bis vor ihr Hausthor fahren und, von weiter Fahrt heimkehrend, -nur einen Sprung vom Verdecke auf das Land zu machen brauchen, um -Weib und Kinder zu umarmen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span></p> - -<p>In dem gegen Süden laufenden eigentlichen Canal von Cattaro ist -das am östlichen Ufer liegende Dobrota der letzte Ort, der den erwähnten -anmuthigen Eindruck macht. Dann erweitert sich der Canal zu einer Bucht, -die keine weitere Ausfahrt bietet. Die Berge werden höher und schroffer, -sie fallen so jäh ab, dass man jeden Augenblick fürchten möchte, einer -der mächtigen Felsblöcke werde herabkollern und im Niedersturze ein -Häuschen begraben, das am Meeresufer steht, oder ein im Canal hinauffahrendes -Schiff zerschmettern. Die Farbe des Gesteins wird schwarzgrau, -tiefe Schatten breiten sich über die Bucht, in welcher des Winters erst -zwei Stunden vor Mittag die Sonne aufgeht; riesige Felskuppen spiegeln -sich in der dunklen Fluth – es sind die Spitzen der berühmten schwarzen -Berge – montenegrinisches Gebiet. Am Ende dieser unheimlich düstern -Bucht liegt eine kleine Masse von dunklen alterthümlichen Häusern, von -alten Festungsmauern umgeben, von einem auf vorspringender Kuppe des -Felsens erbauten Fort überragt – es ist Cattaro.</p> - -<p>Düster wie das Meer und die dasselbe umrahmenden Berge ist die -Stadt – düster die alten aus Quadern erbauten Häuser – düster die -alterthümlichen, vielfach von Erdbeben beschädigten Kirchen – düster -die Menschen, die hier wohnen. Und so mag es denn auch nicht Wunder -nehmen, wenn sich die Cattareser einen so düstern Heiligen zum Schutzpatron -erkoren haben, wie es der heilige Tryphon ist, den in der ganzen übrigen -Welt Niemand kennt, und der dem Teufel den Schwanz ausgerissen hat.</p> - -<p>In der uralten Domkirche, die um das Jahr 900 erbaut wurde, und -deren ganze mächtige Wölbung auf vier Granit- und Marmorsäulen ruht, -zeigt ein ober dem Hochaltar angebrachtes Marmorfries die Thaten des -Kirchen- und Schutzpatrons. Der heilige Tryphon war nach der Legende -ein Mensch, der, zu Kampsade bei Apamea in Phrygien geboren, schon -seit seiner frühesten Jugend sich mit Teufelaustreiben beschäftigte und -diese Beschäftigung auch nicht aufgab, bis er unter dem Kaiser Philippus -von dem Präfecten Aquilinus gemartert und schliesslich geköpft wurde. In -der Schatzkammer der Domkirche sind sehr schöne Marmorsculpturen, welche -des Heiligen Martern darstellen; der erwähnte Fries ober dem Hochaltar aber -zeigt die Wunder des Heiligen, die er an verschiedenen Besessenen durch -Austreibung böser Geister geübt hat – schliesslich flieht ein entsetzlich -aussehender Teufel mit Fledermausflügeln und Krallen, während Tryphon -ihm eben den Schweif ausreisst.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p> - -<p>Ein so tapferer Mann konnte und musste den kriegerischen Bocchesen -als der richtige Heilige erscheinen. Als daher die Venezianer im Jahre 809 -seinen Körper nach Cattaro brachten, war das Volk hocherfreut darüber, erbaute -ihm zu Ehren die Kirche und begab sich unter sein Protectorat. Was -aber die pfiffigen Venezianer als Gegenleistung dafür verlangten, dass sie -den heiligen Körper von Nicäa auf einem eigenen Schiffe hieher geführt, das -weiss man heute nicht mehr – wenigstens konnte ich es ebensowenig in -Erfahrung bringen als den Grund, aus welchem hier Jedermann mit einem -kleinen Arsenal von Waffen im Gürtel herumgeht.</p> - -<p>Nicht weniger wehrhaft als die Männer scheinen die Boccheser Frauen -zu sein.</p> - -<p>An dem Canale von Cattaro, kaum eine halbe Stunde von dieser -Stadt entfernt, liegt Dobrota, ein grosser, hübscher Ort, grösser und viel -schöner als Cattaro selbst. Jedes Gebäude dieses Orts bildet für sich eine -kleine Festung, ist von den Nachbarhäusern durch einen Garten und tüchtige -mit Schiessscharten versehenen Mauern abgesondert. Die Eingänge zu -diesen Häusern sind gewölbt, die Thüren von massivem Holz und mit -Eisen beschlagen. Neben jeder Hausthüre sind wieder zwei Schiessscharten -und unter jedem Fenster sind durch die Mauer zwei Löcher von beiläufig -zwei Zoll im Durchmesser gebohrt. Ich konnte lange nicht mit mir in's -Reine kommen, welchen Zweck diese ungefähr einen Fuss ober dem Fussboden -des Zimmers angebrachten und schräg nach abwärts durch die Mauer -laufenden dünnen Canäle haben sollten. Da brachte mir ein günstiges -Geschick angenehme Gesellschaft und die gewünschte Erklärung. Beides -zugleich.</p> - -<p>Wo die Natur so arm und die Umgebung so wild ist, da kann auch -der Charakter der Bewohner nicht anders als düster sein. Das ist auch -in der Bocca <span id="corr120">di</span> Cattaro der Fall. Die heitere Beweglichkeit, die hellen -Farben in der Kleidung, das laute, lärmende, öffentliche Leben, Dinge, -die allerwärts den Süden so schön und seine Bewohner so anmuthig erscheinen -lassen, sie fehlen in der Bocca gänzlich. Der richtige Bocchese -ist entweder zur See oder er hat sich auf seinen Seereisen ein Stück Geld -erworben und heimgebracht; dann geht er in dunkler, halb städtischer, -halb slavisch nationaler Kleidung, mit dem langen Tschibuk in der Hand, -gemessenen Schrittes durch die Strassen, sitzt mit seinen Genossen plaudernd -in irgend einem der kleinen Kaffeehäuser oder späht auf der Marina<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span> -unter den ankernden Küstenfahrern herum, ob sich nicht in irgend einer -Weise ein vortheilhaftes Geschäft, irgend ein Handel machen lasse. Sein -Weib und seine Tochter aber, die bleiben unter allen Umständen zu -Hause, – es wäre eine Schande, wenn sie sich auf der Strasse sehen -und von fremden Männern ansehen liessen, eine Schande für den Herrn -des Hauses, für die Weiber, für die Familie. Man ist hier an der Grenze -des Orients.</p> - -<p>Zwischen dem Bewohner der Stadt und dem sogenannten Bauer gibt -es in dieser Beziehung wenig oder keinen Unterschied. Beide tragen dieselbe -finstere Würde zur Schau, wenn sie sich auf der Gasse zeigen, – -beide halten die Arbeit für unvereinbar mit der Würde eines freigebornen -Mannes. »Die Arbeit ist für die Sclaven«, das ist ihr Losungswort. Leider -gibt es in der Bocca di Cattaro keine Sclaven mehr und so bleibt die -Arbeit eben liegen. Es geht auch ohne dem.</p> - -<p>Ich hatte in Cattaro die Bekanntschaft eines jungen Schiffscapitäns -gemacht. Der Mann war, so jung er schien, weit herumgekommen in der -Welt und hatte vieles von der trockenen und rauhen Aussenseite abgeschliffen, -die seinen Landsleuten sonst in so hohem Grade eigen ist. Ja, -– selbst über gewisse Vorurtheile vermochte er sich hinauszusetzen, denn -er sprach mir von seiner Schwester, einem jungen Mädchen, das nach dem -Tode der Aeltern im Hause die Wirthschaft führte. Er sprach von ihr -ohne früher um Entschuldigung zu bitten, als ob er von einem unreinen -oder ekelhaften Gegenstande gesprochen hätte, und lud mich sogar ein -ihn in seinem Hauswesen zu besuchen. Er wohne in Dobrota, eine halbe -Stunde von hier entfernt, und wenn ich wolle, sei er bereit mich hinauszuführen. -Ich willigte ein.</p> - -<p>Die Sonne warf eben ihre letzten Strahlen wie flüssiges Gold über -die Kuppen der hohen Berge und der breite Canal kleidete sich in schwarzblaue -Tinten. Kleine Fischerboote fuhren bei kaum merkbarem Winde hin -über die dunkle Fläche und eine tiefe Frühlingsabendstille senkte sich -über die schwarzen Berge und die tiefdunkle See.</p> - -<p>Diese feierliche Stille wurde kaum unterbrochen, als wir nach kurzem -Gange nach Dobrota kamen. Dobrota ist nur von Schiffscapitänen bevölkert. -Folge davon ist, dass man in ganz Dobrota kaum eines erwachsenen Mannes -ansichtig wird. Früher erlernten die Dobrotaner die Führung eines Schiffes -nur practisch und konnten selten schreiben und lesen. Seitdem der Staat<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span> -aber die Ausstellung eines Capitän-Patents von dem Erfolge einer theoretischen -und practischen Prüfung abhängig macht, besuchen sämmtliche -Jungen die nautische Schule, lernen etwas Tüchtiges und gehen dann auf -die See. Natürlich sind sie immer auf kleinen Reisen begriffen, schicken -Briefe aus New-York, Marseille, London, St. Francisco, Hongkong und Gott -weiss woher sonst noch, aber nach Dobrota kommen sie alle zwei oder -drei Jahre einmal auf wenige Tage.</p> - -<p>Früher traf es sich hin und wieder, dass aus den schwarzen Bergen -herab eine kleine nächtliche Expedition unternommen wurde, um von den -Familien der abwesenden Schiffscapitäne ein wenig von all' den schönen -Sachen, den glänzenden Goldstücken und dem hübschen Geschmeide zu -holen, das die in der Welt herumfahrenden Hausväter heimgesendet oder -gelegentlich mitgebracht hatten. In den Häusern waren nur Weiber und -Kinder, höchstens noch ein Knecht. Wenn nun verdächtiges Gesindel den -Eingang des Nachts erzwingen wollte, so wurden lange Gewehre mit erweiterter -Mündung durch die unter den Fenstern angebrachten Canäle -gesteckt, von welchen ich früher erzählte, und ohne zu zielen einfach abgefeuert. -Denn die Canäle sind so gebohrt, dass immer einer die Eingangspforte -des von Mauerwerk aufgeführten, von der Gasse gegen das Haus -führenden Ganges bestreicht, der andere die Hausthüre selbst.</p> - -<p>Wir kamen an das Haus meines Freundes. Ein Knecht öffnete uns -nachdem wir an der Pforte geläutet, und wir schritten einen langen zwischen -zwei hohen Mauern im Zikzak laufenden Gang entlang gegen das eigentliche -Wohngebäude. Der Gang erinnerte einigermassen an den gedeckten Weg -einer Festung und mochte auch ungefähr dieselbe Bestimmung haben. An -der Thüre des Hauses abermaliges Läuten, darauf eilende Schritte von Innen, -– die Thüre öffnete sich und vor uns stand die Schwester meines Freundes.</p> - -<p>Ein schönes, schlankes Mädchen mit prachtvollen dunkeln Augen und -reichem schwarzen Haare, stand sie in einfachem schwarzen Kleide unter -der Thüre und wurde nicht im mindesten verlegen, als ihr Bruder uns -einander vorstellte. Ja, sie bot mir die Hand mit der einfachen und unbewussten -Eleganz einer Weltdame und übernahm es augenblicklich mir -Garten und Haus zu zeigen, während der Bruder einige alte Prachtwaffen -herbeiholte, von denen er mir früher schon gesprochen hatte.</p> - -<p>Während wir die höchst reinlich gehaltenen mit tüchtigen Fensterbalken -und Schiesscanälen versehenen Zimmer durchschritten, erzählte mir<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span> -meine schöne Führerin, wie ihre Grossmutter, die erst im vorigen Jahre beinahe -achtzig Jahre alt gestorben, als deren Kinder noch klein waren und -sie mit zwei Mägden und einem Knechte die ganze Besatzung des Hauses -bildete, einmal dasselbe vor Nachtszeit gegen einen von mehr als dreissig -Räubern unternommenen Ueberfall vertheidigte. Das Mädchen wies mir die -Schiessscharten, durch welche die Grossmutter gefeuert hatte und schleppte -ein unsinnig langes Trombon herbei, um mir zu zeigen, wie dasselbe, mit -mehreren Kugeln oder gehacktem Blei geladen und einfach durch den -Schusscanal gesteckt, unfehlbar Jeden treffen musste, der durch das Thor -eindringen wollte. Als sie mir das Alles erzählte, blitzten ihre wunderschönen -Augen und sie redete sich in eine förmliche Begeisterung hinein, während -ihre hübschen Finger fieberhaft mit dem alten Steinschlosse des Trombons -spielten. Jedenfalls scheint die Enkelin der Grossmutter nachgerathen zu sein -– wehe dem Räuber, der es einmal wagen sollte, diese Festung zu stürmen -– ich glaube, das alte Trombon thäte heute noch seine Schuldigkeit.</p> - -<p>Das Mädchen wurde gar leutselig und gesprächig, als sie und ihr -älterer Bruder, der sich von überstandener Krankheit in der Heimat erholte, -mich durch den Garten des Hauses führte. Sie war – wie sie mir -erzählte – nur viermal in ihrem Leben in Cattaro gewesen, ausserdem hatte -sie noch nie Dobrota verlassen. Das elegante schwarze Kleid, das sie trug, -hat sie selbst verfertigt. Sie hält sich ein Modejournal. Früher war sie -national gekleidet, aber seitdem Vater und Mutter todt sind, kleidet sie -sich »europäisch«, wie sie bezeichnend und lächelnd sagte. Sie ist Braut. -Ihr Bräutigam ist natürlich Schiffscapitän und weilt gegenwärtig in Genua. -Das Schiff, das er commandirt, ist <em class="gesperrt">ihr</em> Eigenthum und sie bringt es ihm -als Morgengabe mit. Sobald Schiff und Bräutigam zurückkehren, giebt's -Hochzeit und dann macht sie mit ihrem Schiff und ihrem Gemal eine -Hochzeitsreise nach New-York, wohin das Schiff Ladung bekommen. <em class="gesperrt">Er</em>, -der Bräutigam, hat auf <em class="gesperrt">ihrem</em> Schiff bereits eine extra schöne Cajüte -bauen und einrichten lassen, sämmtliche Möbel sind von dem Holze eines -Birnbaumes in Buenos Ayres, das so feine Adern hat »wie ein Christenmensch« -und sich anfühlt wie Sammt. Mit demselben Holze ist auch die -Cajüte getäfelt und die Schöne freute sich unsinnig auf Cajüte, Bräutigam, -Schiff und Reise.</p> - -<p>Als wir später wieder in das Haus hinaufgingen und sie der Magd -die Tasse mit schwarzem Kaffee abnahm, um dem Bruder und mir denselben<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span> -zu credenzen, war sie nicht zu bewegen, selbst auch Kaffee zu nehmen -oder sich auch nur an den Tisch zu setzen. Es schicke sich nicht, meinte -sie, dass ein Frauenzimmer und gar ein Mädchen in Gesellschaft von -Männern esse oder trinke, und der Bruder bestätigte ruhig diese Ansicht. -Zum Abschiede gab sie mir aber ohne jede Ziererei wieder die Hand und -wünschte mir eine recht glückliche Reise. Die meinige werde wohl kürzer -sein, sagte sie lächelnd, als die ihrige. In vier Wochen dürfte sie bereits -verheiratet sein und dann geht's zu Schiffe. Zurück kehrt sie erst, wenn -sie das erste Kind bekommen. Das sagte sie, ohne im mindesten zu erröthen -und dabei blickten ihre prachtvollen, schwarzen Augen mit einem -eigenthümlichen Ausdrucke hinaus, als ob sie über das Meer sehen könnten -bis nach New-York und in die Zukunft bis zur Ankunft des ersten -Kindes.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Gouverneur_von_Scoglio_Stipansko">Der Gouverneur von Scoglio Stipansko.</h2> - -<p class="drop">Der Patron Zuanin Dedich drehte unser lateinisches Segel etwas -mehr gegen den frischen Ostwind und that einen Ruck am Steuerruder. -Folge davon war, dass sich unsere Barke auf die Seite legte, dass ferner -beide Damen laut aufschrien und dass ich ein Glas Wein zur Hälfte verschüttete, -welches ich eben gefüllt in der Hand hielt.</p> - -<p>»Keine Furcht!« sagte Patron Zuanin ruhig, »ich halte etwas vom -Winde ab, weil die Barke am besten »mezza nave« fährt und da hinten ein -Wetter heraufkommt. Je eher wir nach Stipansko kommen, desto besser. -Wenn's gut geht, bleiben wir über Nacht dort. Ich habe mir's ohnehin -gedacht – aber mit Weibern ist nicht zu reden, wenn sie sich einmal -etwas in den Kopf gesetzt haben. Sie wissen ja!«</p> - -<p>Mit seiner Hand, welche die Grösse eines massigen Tellers hatte, -veranschaulichte uns dabei Patron Zuanin, dass »mezza nave« eine schiefe -Stellung des Schiffes bedeute, wobei der Wind und die klemmende Kraft -des Steuerruders unter einem spitzen Winkel sich kreuzen.</p> - -<p>Die despectirliche Aeusserung bezüglich der Damen fühlte er sich -durchaus nicht bewogen, zu entschuldigen. Nachdem er seinen Orakelspruch -zum Besten gegeben, sass er wieder unbeweglich auf seinem Kranz -von Stricken, hielt das Steuerruder umfasst und blickte mit seinen hellgrauen -Seemannsaugen unverwandt auf die Felsen, die aus den sanftbewegten -Wellen vom Sonnenschein übergossen vor uns auftauchten.</p> - -<p>Wenn wir auf einer Felsen-Insel übernachten mussten, so war Niemand -daran Schuld als der selige Joachim Heinrich Campe mit seinem -Robinson Crusoe. Die beiden im Boote befindlichen Damen – die Frau -meines Freundes und meine eigene – hatten sich urplötzlich an Robinson's -Felsen-Insel erinnert, als sie nach Spalato gekommen, und hingen so lange -und so fest an dem Wunsche, einmal auch ein wirkliches Riff-Eiland zu<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -sehen und zu betreten, bis die Partie zu Stande kam, die uns nach Scoglio -Stipansko führte.</p> - -<p>Scoglio heisst Riff- oder Felsen-Insel. Längs der dalmatinischen Küste -liegt eine grosse Menge dieser öden Eilande, vom Meer umflossen, vom -Sturm gepeitscht, im Sonnenbrande glühend, nackt oder von spärlichem -Pflanzenwuchs bedeckt, zerklüftet und zerrissen, einsam und unbewohnt. -Zur Sommerszeit, wenn die sengende Hitze auf den grösseren Inseln und -auf dem Festlande Alles ausgetrocknet und verbrannt hat, findet sich -wohl einer und der andere der armen Bauern von Lesina, Lissa, Solta -oder Zirona, der ein paar Stücke Vieh in einer Barke auf den Scoglio übersetzt, -eine Art Hütte aufschlägt und bis zu Winters Anfang dort haust. -Ein- oder zweimal des Monats fährt er dann nach Hause zur nächstgelegenen -bewohnten Insel, bringt Ziegen- oder Schafkäse zum Verkaufe mit, -den er bereitet hat, und holt sich das Nothwendigste zum Leben. Dann -bleibt er wieder wochenlang allein auf dem Scoglio.</p> - -<p>In der Nähe von Zara, im Canale della Morlacca, gibt es grössere -Scogli, welche Bäume und Rebenpflanzungen, sowie Hütten aufweisen -und das ganze Jahr bewohnt sind. Im Westen der südlichen grossen Inseln -aber, bei den Inseln Lesina, Lissa, Curzola, Zirona, Solta, da findet man -nur kleinere Scogli zerstreut, meistens weit hinausgeschoben in das adriatische -Meer, so arm und nackt, dass sie oft nicht einmal einen Eigenthümer -haben; Niemand begehrt sie.</p> - -<p>Weil aber der Scoglio Stipansko im Stande ist, einige Stücke Vieh -durch einige Wochen zu ernähren, so hat er auch einen Eigenthümer, die -Familie Stipanovich in Oliveto auf der Insel Solta. Und der Scoglio -Stipansko war das Ziel unserer Reise, die wir von Spalato aus auf der -Barke »Le sorelle allegre«, Patron Zuanin Dedich, unternommen.</p> - -<p>Das Gewitter, das vom Osten herankam, hatte angefangen sich fühlbar -zu machen. Noch hatten wir hellen glänzenden Sonnenschein, aber -das Meer wurde immer unruhiger, die Wogen hoben <span id="corr126">und</span> senkten unsere -kleine Barke, die keck »mezza nave« dahinglitt und der Ostwind, der -unser Segel vollauf schwellte, war feucht und frisch von dem über die -grosse Insel Brazza niedergehenden Regen.</p> - -<p>»Werden wir hier anlegen können, Patron Zuanin?« fragte ich, als -die Felsen des Scoglio Stipansko steil und beinahe unmittelbar vor uns -aus den weissen Kämmen der Wogen aufstiegen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p> - -<p>»Hier nicht, Herr,« lautete die Antwort. »Hier gibt's keinen Schutz -und keinen Ankergrund. Und wenn das Wetter so fortmacht, so geht mir -hier über Nacht die Barke in Trümmer. Mit dem Zurückfahren ist's aber -für heute entschieden nichts, denn <em class="gesperrt">dieser</em> Wind hält an«. Dabei drehte -Patron Zuanin das Steuer und wir flogen, um die felsige Küste des Scoglio -herum, dessen Westende zu.</p> - -<p>Die Felsenabhänge wurden immer niederer, je mehr wir der Nordwestspitze -des Scoglio uns näherten, und als wir dieselbe nach zehn Minuten -in scharfer Wendung umschifft hatten, befanden wir uns unter dem -todten Winde in einer kleinen sandigen Bucht, in welcher einzelne Felstrümmer -zerstreut aus dem Wasser hervorsahen. Patron Zuanin schlang das -Ende eines Seiles um eines dieser Felstrümmer, die Barke lag still und -das Segel schlug in schlappen Falten an die Stange.</p> - -<p>Der Kiel unserer Barke knirschte bereits im Sande und wir waren -wenigstens noch fünfundzwanzig Schritte vom Ufer entfernt. Es blieb uns -also nichts übrig, als uns unserer Fussbekleidung zu entledigen, die Beinkleider -hinaufzuschürzen und – Jeder von uns mit seiner Frau in den -Armen – das Trockene zu gewinnen.</p> - -<p>Wir möchten nur geradeaus gehen, hatte Patron Zuanin gesagt, bis -wir das »Haus« des Joso vor uns hätten. Er, Zuanin, werde unterdessen -den Proviant an's Land schaffen, die mitgenommenen Decken und auch das -Segel, das wir vielleicht des Nachts brauchen könnten.</p> - -<p>Vom Ufer aus bedeckte noch auf wenige Schritte trockener Meeressand -den Felsboden, wie ihn die hochgehende Fluth oder ein tüchtiger -Weststurm heraufgeworfen hatte; dann aber sahen wir nichts vor uns, als -eine Art felsiger Mulde, ohne jede Spur eines Pflanzenwuchses, ohne Spur -eines lebenden Wesens. Die zerbröckelten scharfen Steine schnitten uns -in die Füsse und wir konnten nur langsam vorwärts kommen auf unserer -Suche nach dem »Hause« des Joso. Mächtige Steinblöcke hatten sich von -den mauerartigen Uferfelsen der Insel losgerissen, waren in das Innere -der Insel gekollert und hemmten von Zeit zu Zeit unseren Weg. Wir -stiegen bergan. Die hohen Felsen schoben sich näher zusammen und zeigten -in ihren Rissen und Sprüngen einen spärlichen Graswuchs. Dazwischen -ragten die stacheligen Blätter von Aloëstauden, und als uns ein leises -Geräusch aufblicken machte, sahen wir zwei Ziegen, die, in kühnen Sätzen -gleich Gemsen von Stein zur Spitze springend, vor uns flohen. Noch einige<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span> -Minuten dauerte unser beschwerlicher Weg. Dann kamen wir auf eine Art -Plateau, aus dessen steinigem Boden gleichwohl dünner Graswuchs sprosste. -Zwei magere Kühe und etwa ein Dutzend Schafe weideten da, die bei -unserem Anblicke gleich den beiden Ziegen Reissaus nahmen. Zur linker -Hand – gegen Norden – erhob sich eine Felswand. Ein herabgestürzter -Riesenblock lag da, an den Hang gelehnt. Wir mussten an demselben vorüber -und kaum hatten wir ihn erreicht, so stand urplötzlich, wie aus dem -Felsen selbst herausgesprungen, eine menschliche Gestalt vor uns – – -es war der Gouverneur von Scoglio Stipansko.</p> - -<p>Rohe Sandalen an den Füssen, blaue Beinkleider, die an den Hüften -mit einer rothwollenen Schärpe befestigt waren, und ein <em class="gesperrt">weisses</em> Hemd -sowie ein Strohhut waren seine Bekleidung. Ein wettergebräuntes Gesicht -mit einem Paar hellgrauer, finsterblickender und fernsehender Augen, das -von tausend feinen Runzeln gefurcht war, blickte uns trotzig und ruhig -an. Seine linke Hand hielt das Rohr einer langen Flinte umspannt. Der -Felsen hinter ihm zeigte eine tiefe Kluft, eine Art Höhle. Ueber den Eingang -derselben und den oberen Theil des Felsenblockes, der sich an die -Wand lehnt, waren knorrige Baumäste und einige alte Ruder geschichtet. -Darüber lag Reisig mit trockenem Laub, dann eine Lage getrockneter -Seealgen. Auf dem Ganzen ruhten schwere Steine. Thür war keine vorhanden. -Das war die Residenz. Und der Mann, der, auf die alte, lange -Flinte gestützt, vor deren Eingang stand, war Joso Grancic, der Gouverneur -von Scoglio Stipansko.</p> - -<p>Nur Gouverneur? Nein, mehr als das, einziger unumschränkter Gebieter -über Alles, was da lebt und webt auf dem Scoglio – nicht ausser, -aber über dem Gesetze – nur gebietend, aber Niemandem gehorchend: -so waltete Joso Grancic vom Mai bis October jeden Jahres auf dem Scoglio, -fernab vom Getriebe der Menschen – nur zwei Stunden von der nächsten -dalmatinischen Insel entfernt und doch so einsam, als wäre er auf einem -Korallenriffe der Südsee.</p> - -<p>Ob er immer so allein gewesen? Nein, wir hörten es später, wer -ihm Gesellschaft geleistet. Wir hörten auch, warum er jetzt allein war. -Sein Tschibuk trug die Schuld, nicht er.</p> - -<p>Der Abend war herangebrochen und der Sturm kam vom Osten her -über die Wogen geflogen, so dass sie sich mit weissem Gischte krönten -und wild anbrausten an die Felsen. Die zwei mageren Kühe, die Schafe<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span> -und die Ziegen hatten sich unter die überhängenden Felswände geflüchtet -vor dem strömenden Regen.</p> - -<p>Wir hatten unser mitgebrachtes Nachtmal eingenommen. In der Höhle -hatten wir aus dem Segel und einigen Decken ein Nachtlager für die -beiden Frauen bereitet, auf welchem sie, ermüdet von der frischen Seeluft, -süss und ruhig schliefen. Wir Männer sassen unter dem Vordache -der Hütte zwischen dem Felsenblocke und der Steinwand um ein kleines -Feuer aus Kohlen und trockenem Ginster im Kreise. Wir hatten köstlichen -Wein aus Solta und den wunderbarsten Tabak, der nur je über die bosnisch-dalmatinische -Grenze geschwärzt wurde. Und da wir gut genachtmalt -hatten, so ging uns nichts ab zum traulichen Gespräche am gastlichen -Feuer. So mögen die Flüchtlinge aus Troja, so der kluge Ulysses -mit seinen Gefährten am Feuer gesessen sein, des Tages Müh' und der -fremden Umgebung Eigenart besprechend. Nur fehlte jenen der Tabak.</p> - -<p>Jose Grancic war gastfreundlich wie alle Dalmatiner. Er hatte uns zu -Ehren ein Lamm schlachten wollen, was wir aber nicht zugaben. Und so -hatte er wenigstens frischen Käse und Milch und Polenta zu dem gemeinschaftlichen -Nachtmal beigesteuert und sass jetzt, langsam seinen Wein -schlürfend und den Tschibuk in der Linken, mit unterschlagenen Beinen -bei uns am Feuer.</p> - -<p>Anfangs war Jose Grancic einsilbig und trocken. Er sprach so selten -mit Menschen, da musste er das Reden schier verlernt haben. Dann -aber löste ihm der feurige Soltaner Wein die Zunge und er erzählte uns -wie es gekommen, dass er jetzt allein sei auf dem Scoglio Stipansko und -wie er's früher nicht gewesen.</p> - -<p>Ganz im Anfang war er allerdings auch allein. Denn er war noch -nicht fünfzehn Jahr alt, als ihn sein Vater zu Beginn des Frühlings mit -dem Vieh nach dem Scoglio sendete, wo er den Sommer über blieb. Die -Höhle hatte er vor vierzig Jahren auszumeisseln begonnen und auch das -Vordach vor derselben war sein Werk. Auch die kleinen Cisternen hatte -er in den felsigen Grund gegraben, die ihm und seinem Vieh Wasser -lieferten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span></p> -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-130.png" alt="" /> -<div class="caption">Joso Grancic, der Gouverneur von Scoglio Stipansko.</div> -</div> - -<p>Drüben auf der Ostseite hatte er so manchen Spalt des Gesteins -langsam und mühselig urbar gemacht. Die Erde hatte er mit den Händen -aus den Felsritzen gescharrt und auf seinem Rücken zusammengetragen. -Darum ist es <em class="gesperrt">sein</em> Kohl und <em class="gesperrt">sein</em> Gemüse, das er jetzt baut. Auch -eine<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span> -Rebe, eine einzige, war ihm gelungen, zu ziehen. Diese hat ihre Wurzeln -in den Stein getrieben und ist im Verlauf der Jahre ein mächtiger Baum -geworden, der eine ganze Felswand überdacht. Darum ist es <em class="gesperrt">seine</em> Rebe. -Früher waren Vipern auf dem Scoglio in schwerer Menge. Eine hat ihn -einmal in den Fuss gebissen. Er hat sich aber die Wunde mit einem -glühenden Eisennagel ausgebrannt und ist genesen. Heute ist dieses Gezücht -auf dem Scoglio nicht mehr zu finden. Er hat es ausgerottet. In -vierzig Jahren!</p> - -<p>Vor beiläufig dreissig Jahren – er weiss es nicht ganz genau – -hatte Jose Grancic geheiratet. Die Luce (Lucia) war ein ganz armes -Bauernkind aus Milna auf der Insel Brazza. Der Vater des Jose hat aber -einmal dem Vater der Luce das Leben gerettet, als der Letztere in seinem -Boote auf dem Canale dei Castelli umschlug und dem Ertrinken nahe -war. Damals hatten die beiden vereinbart, dass ihre Kinder sich einmal -heiraten sollten. Das geschah. Die Luce war sehr schön und unter den -Burschen von Milna waren viele, die sie gerne zur Frau genommen hätten. -Da war auch der Andre Lovric, der sie zur Frau begehrte. Weil die -Väter es aber so abgemacht hatten, so heiratete der Jose die Luce.</p> - -<p>Schlimm genug, denn sie hatten Beide Nichts. Aber der Jose war -doch zufrieden, denn die Luce war sehr schön, er konnte sie mit sich -nehmen, wenn er, wie alljährlich, den Scoglio Stipansko mit seinem Vieh -bezog, und sie konnte ihm die gröbere Arbeit abnehmen. Denn wozu sonst -hat man eine Frau?</p> - -<p>Von da ab fuhren der Jose und die Luce abwechselnd mit dem fertigen -Käse nach Solta. Denn es gibt keine Frau auf den dalmatinischen -Inseln, die im Nothfalle nicht ein Segel zu stellen und das Steuerruder -zu führen wüsste.</p> - -<p>Nun war aber wieder einmal der Jose gefahren. Nicht nach Solta, -sondern diesmal viel weiter, nach Spalato. Er musste dort bei Gericht als -Zeuge erscheinen wegen eines Messerstiches, den zur Winterszeit ein -Matrose in Solta einem Bauer in Jose's Gegenwart versetzt hatte.</p> - -<p>In Spalato wurde er aufgehalten. »Bis Morgen« – hiess es bei Gericht. -Dann noch einmal »bis Morgen.« Und dazu hatte er in Spalato den -Andre Lovric gesehen, der die Luce hatte heiraten wollen! Aber nur am -ersten Tage sah er ihn, dann nicht wieder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span></p> - -<p>Endlich war er fertig. Er konnte nach Hause fahren. Er kaufte der -Luce ein Paar hübsche messingene Knöpfe für ihr Jäckchen und überdies -eine Flasche Branntwein. Dann bestieg er sein Boot und fuhr wohlgemuth -gegen Scoglio Stipansko.</p> - -<p>Der Wind war günstig und in fünf Stunden konnte er zu Hause sein -bei der Luce. Da kam aber ein Wetter wie heute; der Sturm überfiel ihn -zwischen Brazza und Solta und er musste froh sein, noch mit heiler Haut -auf Solta landen zu können. Des andern Morgens fuhr er wieder ab, -hungrig und müde, denn er hatte nichts als ein Stück kalter Polenta und -die Flasche Branntwein. Und als er gegen Scoglio Stipansko herankam, -wer fuhr da in einem Boote, kaum zweihundert Klafter entfernt, an ihm -vorüber? War es nicht der Andre Lovric, der die Luce hatte heiraten -wollen? Und kam der nicht geradewegs von Scoglio Stipansko – – –?</p> - -<p>Jose hat auf den Andre nicht geschossen, weil es zu weit war und -keine Kugel auf zweihundert Klafter trägt. Er ist nach Hause gekommen -und hat die Luce gefragt, <span id="corr132">ob</span> der Andre da gewesen. Die Luce ist zuerst -glühend roth, dann leichenblass geworden. Er hat ihr nichts gethan. Er -hat sie nicht angerührt. Denn er fürchtete, sie zu tödten, und er brauchte -ein Weib. Aber aus der Hütte hat er sie gejagt und von dem Augenblicke -an musste sie im Freien schlafen – bei jedem Wetter – wie das Vieh. -Auch hat er sie gar nicht mehr geschont und hat sie ganz als Lastthier -benützt. War sie nicht sein Weib?</p> - -<p>Einmal aber, als schon der Spätherbst herangekommen war, zog ein -furchtbares Gewitter herauf, welches das Meer in den Tiefen aufwühlte -und die brüllenden Wogen gegen die Felsen warf. Es war Nacht geworden -und das Vieh hatte sich, zitternd vor Kälte und Nässe, an die Felswände -gedrängt. Auch die Luce. Der Jose sass in seiner Hütte bei einem -kleinen Feuer und brütete vor sich hin. Da fiel ihm ein, dass er droben -auf dem Felsen, der so jäh gegen Süden in's Meer abfällt, seinen Tschibuk -habe liegen gelassen. Ohne Tschibuk konnte er aber nicht rauchen. -Und so rief er hinaus in die finstere Nacht, in den brüllenden Sturm und -den strömenden Regen nach der Luce. Diese kam, gehorsam wie immer, -zitternd vor Kälte und durchnässt vom Regen. Und er befahl ihr, von der -Felsenspitze, die sie gut kannte, ihm seinen Tschibuk zu bringen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-133.png" alt="" /> -<div class="caption">Luce und Joso Grancic.</div> -</div> - -<p>Gehorsam war die Luce, das ist wahr, aber diesmal wurde sie blass wie -der Tod als sie den Befehl vernahm, und schlug ein Kreuz, ehe sie ging.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span></p> - -<p>Sie ist nicht mehr wiedergekommen und auch der Tschibuk blieb -verloren, sie muss ihn gefunden haben und mit demselben hinabgestürzt -sein in's Meer.</p> - -<p>Damals hat Jose zehn Tage lang nicht rauchen können, bis er wieder -mit Käse nach Solta fuhr und sich dort einen neuen Tschibuk kaufte.</p> - -<p>Und seit jener Zeit ist er allein auf dem Scoglio Stipansko, unumschränkter -Herr und Gebieter über Alles, was dort lebt und webt.</p> - -<p>Unser Feuer war ausgebrannt und durch die zerrissenen sturmgepeitschten -Wolken warf der Mond sein bleiches Licht auf das Vordach -der Hütte und auf das harte wettergebräunte Gesicht des Gouverneurs -von Scoglio Stipansko.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span></p> - -<h2 id="Wie_die_Agave_zum_Bluehen_kam">Wie die Agave zum Blühen kam.</h2> - -<p class="drop">»Caro Renzo! Ti volevo da molto tempo scrivere, ma credo, che -non mi ami più. Sai, che ho a dirti, che t'amo molto. Non so più che -mandarti mille baci arditi. Addio, Renzo, per sempre addio! L'ora s'affretta -pel partir mio. Tua affettissima Pierina.</p> - -<p>Vigilia del Natale del 1874.«</p> - -<p>Das Italienisch, in welchem dieser Brief geschrieben, ist weder -classisch noch elegant. Auch hätte es seine Schwierigkeiten gehabt, das -Schreiben der Post zur Beförderung zu übergeben, denn die obigen Zeilen -waren auf dem Blatte einer Agave eingeritzt, das, beinahe einen Fuss -breit und gegen vier Fuss lang, in einem prangenden Wust von ähnlichen -Blättern halb verborgen, auf einer steinigen Uferklippe der Insel Lesina -in die erbarmungslos heisse Luft hineinragte. Die Blätter waren aber alle -trotz ihres fleischigen Baues und der kräftigen Stacheln, mit denen sie -bewehrt waren, schlapp und welk. Warum? Weil die Agave, zu welcher -sie gehörten, im vorigen Jahre geblüht hatte.</p> - -<p>Und wenn eine Agave geblüht hat, dann stirbt sie.</p> - -<p>Die Pierina war nichts weniger als eine Morlakin. Auch keine Bäuerin.</p> - -<p>An den Küsten Dalmatiens und auf den grösseren zu Dalmatien gehörigen -Inseln findet man allenthalben Städte, die, wenn auch jetzt verwahrlost -und zerfallen, doch noch in ihrem Aeussern das Bild der einstigen -Bedeutung bieten, die sie unter den früheren Besitzern des Landes -gehabt. So die Stadt Lesina. Ein prächtiges Rathhaus, in venezianischem -Style erbaut, öffnet seine weiten Säle den Sitzungen des jetzigen Gemeinderathes. -Eine wunderschöne Loggia blickt arcadengeschmückt hinaus über -den freundlichen Hafen und das unendliche Meer. Heute nennt man die -Loggia Curhaus. Es sind aber keine Curgäste darinnen, sondern nur hin<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span> -und wieder ein ehrsamer Bewohner der Stadt Lesina, der seinen wohlfeilen -schwarzen Kaffee dort nimmt. Ein Winterhafen, bestehend in einem -riesigen, gewölbten, ebenerdigen Saale, in welchen die Galeeren der -Venezianer zur Winterszeit einfuhren um dort vor Wind und Wetter -und Piraten gesichert zu sein, ist heute gegen das Meer abgedämmt und -auf seinem steinernen Estrich werden Sardellen in Fässer verpackt. Von -den prächtigen Marmorpalästen, welche die eigentliche Stadt bildend einst -den venezianischen Patrizierfamilien gehörten, stehen kaum mehr die äussern -Mauern. Drinnen in dem kahlen Raume hat Mutter Natur sich's bequem -gemacht, – dort wuchern jetzt Feige, Lorbeer und Rebe, und durch das -Gitter der arabeskengeschmückten Rundbogenfenster blickt vielleicht eine -Ziege heraus, neugierig die Aussenwelt betrachtend und gemächlich wiederkäuend.</p> - -<p>Und wie die Häuser, so die Menschen. Die aufgezwungene Zopf-Cultur -der Republik Venedig hat mit dem Falle der letzteren auch ihre -Lebensfähigkeit verloren. Der äussere Schliff ist geblieben, die venezianische -Sprache, die höflichen Umgangsformen. Aber in Wirklichkeit sind die Menschen -wieder zur Natur zurückgekehrt. Die Männer trocknen Feigen, -fischen Sardellen und pflegen ihre Weingärten so gut sie es vermögen. -Und die Weiber wissen sich hübsch zu verbeugen, kleiden sich städtisch, -haben flammende venezianische Augen und können meistens etwas schreiben -und lesen. Sonst schaffen sie im Hause und verfertigen hin und wieder -reizende Netzarbeiten aus den Fasern der Agave. Sie leben – Männer -und Weiber – ausserordentlich mässig und begnügen sich mit Allem. -<em class="gesperrt">Alles</em> will hier so viel heissen als: sehr wenig.</p> - -<p>Niemand konnte der Pierina nachsagen, dass sie an Erziehung oder -an gefälliger Schönheit den andern Mädchen Lesinas nachgestanden wäre. -Sie hatte lesen und schreiben gelernt, hatte selbst ein paar Bücher von -Anfang bis zu Ende durchgelesen, die ihr der Zufall in die Hände gespielt, -und verstand es merkwürdig gut sich gefällig zu kleiden. Auch einen Brief -vermochte sie ziemlich gut zu schreiben, – wenn auch nicht schön, so doch -verständlich. Weil aber im Hause die Mutter und zwei ältere Schwestern -walteten, so wurde sie dort nicht viel in Anspruch genommen. Und weil -sie bereits volle vierzehn Jahre zählte, so hatte es auch mit dem Unterricht -schon lange ein Ende gehabt. Darum war sie mehr oder weniger -Herrin ihrer Zeit, und wenn nicht gerade ein seltener Regen über die<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -Insel niederging oder der kurze Winter mit seinen Borastürmen über Dalmatien -hinbrauste, konnte sie ruhig und halbe Tage lang weit draussen -auf einem steinigen Vorgebirge unter dem dichten Schatten eines alten -Johannisbrotbaumes sitzen – vor sich die plätschernden Wellen des Meeres, -die nackten Klippen und auf denselben eine einzelne riesige Agave. Dort -verfertigte sie feine, traumhaft schöne Spitzen aus den Fasern der Agave.</p> - -<p>Sie nahm aber die Agavenblätter, deren sie bedurfte, niemals von -jener riesigen Pflanze, die einsam auf der Klippe vor ihr in die Luft -ragte. Wozu auch? Agaven finden sich auf der ganzen Insel Lesina mehr -als übergenug. Und gerade die eine riesige Agave auf der nackten Klippe -war ihr heilig. Warum? Das wusste sie nicht. Dalmatinerinnen sind nicht -oder höchstens ausnahmsweise sentimental.</p> - -<p>Die Leute nennen diese Pflanze Aloë, die Gelehrten sagen, es sei -die Agave americana. Wahrscheinlich haben die Gelehrten Recht. Wie sie -aus Amerika nach Dalmatien, wie sie vom Festlande auf die Insel Lesina -gekommen, ist ein Geheimniss. Die Gelehrten sagen, dass es eine Zeit -gegeben, zu welcher die Insel Lesina gar keine Insel war, sondern mit -dem Festlande zusammenhing. Damit glauben die Gelehrten das Geheimniss -theilweise gelöst zu haben, und wahrscheinlich haben sie auch diesmal -Recht. Die Pierina wusste zwar nichts von den Annahmen der Gelehrten, -aber sie wusste, dass sie als ganz kleines Kind schon auf diesem -Platze unter dem Johannisbrotbaume so gerne gesessen, und dass sie damals -schon davon gehört habe, wie die Agave fünfzig Jahre brauche, um -zu blühen und wenn sie geblüht habe – sterbe. Das wollte sie sehen. -In ihrem einfältigen, kindlichen Kopfe kam es ihr manchmal vor, als ob -sie selbst eine Agave oder mit der Agave auf der einsamen, nackten -Klippe Eins wäre. Das war aber nur so eine Einbildung, sie selbst glaubte -es nicht ernstlich.</p> - -<p>Fünfzig Jahre und vierzehn! Das reimt sich wohl schlecht zusammen, -aber die prächtige Agave – <em class="gesperrt">ihre</em> Agave – war schon ein mächtiges Gewächs, -als Pierina noch ein kleines Kind gewesen. Darum hofft sie noch -immer darauf, gerade diese Agave blühen und – sterben zu sehen. Es -war aber nicht Bosheit, sondern nur Neugierde.</p> - -<p>Im verflossenen Jahre, als sie anfing verständiger zu werden und es -in ihrem eigenen kleinen Köpfchen so ganz sonderbar zu rumoren und -summen begann, als ob sie jetzt erst erwacht wäre und die ersten zwölf<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -Jahre ihres Lebens im Traum zugebracht hätte, – da weinte sie an einem -wunderschönen Frühlingsabend bei dem Gedanken, dass die arme Agave -nun werde bald sterben müssen. Wenn man aber kaum vierzehn Jahre -zählt, so tröstet man sich über derlei Dinge leicht und Pierina lächelte -bereits wieder, als ihr die letzte Thräne in das Spitzengewebe fiel, an dem -sie eben arbeitete.</p> - -<p>Es geht aber mit dem Leben einer Pflanze kaum anders als mit -dem Menschenleben: man weiss nicht recht, wann es beginnt und man -bemerkt selten sein wirkliches Ende. In eine kleine kaum sichtbare Spalte -der nackten Klippe hat der Zufall das Pflänzchen eingenistet. Drei oder -vier lanzenförmige Blättchen zeigten sich an ihrem Rande, mit weichen -biegsamen Stacheln eingefasst. Im nächsten Jahre haben sich ein paar -neue Blätter dazu gefunden, im abernächsten Jahre wieder. Es bildet sich -in der Mitte ein grösserer, schlank verlaufender, an der Spitze mit einem -grossen Dorn bewehrter Zapfen, und von diesem lösen sich dann alljährlich -ein oder zwei Blätter ab. Diese werden immer grösser und stärker, -die Dornen, mit denen sie bewehrt sind, immer härter, und nach vielleicht -fünfzehn oder zwanzig Jahren prangt das Gewächs in einer Fülle von -mächtigen, saftstrotzenden, am Rande mit furchtbaren Stacheln bewehrten -Blättern, die in schöngeschwungener Beugung den schlanken Zapfen umfassen, -von dem sie sich eines um das andere losgelöst und den sie jetzt -mit ihren starken Dornen beschützen.</p> - -<p>In diesem Jahre hoffte Pierina ihren Lieblingswunsch erfüllt zu sehen. -Es entwickelte sich in der prachtvollen Pflanze vor ihr ein eigenthümlich -geheimnissvolles Leben. Der mächtige Zapfen mit dem furchtbaren Dorn -schwoll an und weitete sich mehr, als es sonst geschehen war. Er strebte -und drängte heraus aus seiner Blätterhülle – und eines Tages war diese -gesprengt und es kam der grüne, starke Schaft des Blüthenstieles zum -Vorschein.</p> - -<p>Schade! Gerade zur Zeit, als diese geheimnissvolle Wandlung sich -mit der Agave vollzog, wurde die Aufmerksamkeit Pierina's von derselben -abgelenkt. Es war ein fremder junger Mann nach Lesina gekommen, der -dem Vater Pierina's empfohlen war. Der strich durch viele Stunden des -Tages über Klippen und Gestein und brachte Pflanzen mit nach Hause. -Die trocknete er zwischen Blättern von Papier. Dann schrieb er auch viel. -Aber es blieb ihm immerhin Zeit genug, die vierzehnjährige Pierina auf<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -ihrem einsamen Liebesplätzchen zu besuchen. Da sprach er mit ihr vom -Meer und von den Pflanzen und wie die Natur so wunderschön und -doch wieder so geheimnissvoll sei, gerade so wie die unergründlichen -Augen Pierina's.</p> - -<p>Vielleicht hat er auch von Liebe mit ihr gesprochen, das ist aber -niemals bekannt geworden. Von ihnen Beiden hat Keines etwas davon -einer andern Menschenseele erzählt und der einzige Zeuge ihrer Gespräche -war eine Agaveblüthe.</p> - -<p>Die Agave hatte gehalten, was sie versprochen und was Pierina seit -ihren Kinderjahren erwartet und erhofft. Ein mächtiger Stamm, über dreissig -Fuss hoch, war aus dem trotzigen Blattbüschel in der kurzen Zeit von -zwei Monaten herausgeschossen, hatte Zweige nach allen Richtungen hinausgesendet -und diese Zweige waren über und über mit zarten in gelb -und weiss prangenden Blüthen bedeckt. Und wenn die jungen Leute dort -beisammen sassen, da trug der kühlende Seewind den berauschenden Duft -der Blüthen gerade hin zu dem jungen Paar.</p> - -<p>Blumenduft ist gefährlich, er berauscht so leicht.</p> - -<p>Und doch dachte Pierina jetzt weniger an die Agave als je. In ihrem -Innern schien auch eine Blüthe aufgegangen zu sein, obwohl sie beiweitem -nicht das Alter der Agave hatte. Bei Mädchen geht es schneller und Pierina -zählte noch nicht fünfzehn. Und als der Herbst gekommen, da fielen die -Blüthen der Agave langsam ab. Der Wind trug sie in die Wellen. Auch -der junge Mann – Lorenzo hiess er – schnürte sein Bündel und zog -wieder fort über das Meer, auf dem er gekommen. Er hatte ihr zum Abschied -gesagt, dass sie ein gutes und liebes Mädchen sei, nur schade, dass -sie eben in Lesina aufwachsen musste, wo Frauen so gar nichts von den -Sitten der grossen Welt – seiner Welt! – lernen und wissen.</p> - -<p>Pierina hatte beim Abschied nicht geweint. Sie sass jetzt wie früher -auf ihrem Lieblingsplätzchen unter dem Johannisbrotbaume, vor sich die -nackte Klippe mit der mächtigen Agave und weiter draussen das unendliche -Meer. Jetzt kam es ihr wieder so vor wie in frühern Jahren, als ob sie -Eins mit der Agave vor sich wäre. Denn auch sie blühte nicht mehr. -Ihre Wangen wurden täglich blässer und ihre flammenden Augen täglich -grösser. Das Ende der Agave hat sie aber nicht mehr mit ansehen können, -denn als der Winter mit seinen ersten Borastürmen über Dalmatien hinraste, -da war die Pierina gestorben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p> - -<p>Auch die Agave starb im nächsten Jahre – ihre mächtigen Blätter -wurden welk und fielen zu Boden. Und auf einem derselben fanden sich -einige Zeilen eingeritzt – dieselben, die zu Anfang dieser Erzählung -wiedergegeben sind. Sie lauten zu deutsch:</p> - -<p>»Lieber Renzo! Ich wollte Dir schon seit langer Zeit schreiben, aber -ich glaube, dass Du mich nicht mehr liebst. Du musst wissen, dass ich -Dir zu sagen habe, wie sehr ich Dich liebe. Ich kann nichts mehr thun, -als Dir tausend glühende Küsse senden. Lebe wohl, Renzo, auf immer lebe -wohl. Auch für <em class="gesperrt">meine</em> Abreise hat die Stunde geschlagen. Deine Dich -liebende Pierina.«</p> - -<p>»Am Weihnachtsabende des Jahres 1874.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Omblathal_bei_Ragusa">Das Omblathal bei Ragusa.</h2> - -<p class="drop">Ein ruhig sonnenheller Tag liegt über den Bergen, schimmert über -die im Frühlingsschmucke prangende Küste, zittert über das weite Meer. -Auf der schönen Strasse, die von Ragusa nordwärts gegen den eigentlichen -Hafen, gegen Gravosa, führt, haben sich die zu beiden Seiten derselben -gepflanzten jungen Bäumchen mit zarten Blättern geschmückt, am Fusse -der gegen die Küste sanft zu verlaufenden Berge stehen die Gärten im -Frühlingsblüthenschmuck, hohe Palmen bewegen ihre fächerartigen Zweige -im Westwind, trotzige Aloën recken ihre fleischigen dornbewehrten Blätter, -Rosen und wildwachsende Levkoyen blühen dazwischen, die Berge im Hintergrunde -deckt der Oelbaum. Draussen aber im Hafen wiegt sich die Möve.</p> - -<p>Es ist nicht der traute, weissgraue Vogel, der, den Matrosen heilig, -in langsamen Fluge über das Meer streicht, seine Nahrung suchend und -in den Wellen findend, sondern Sr. Majestät Kriegsdampfer »Möve«, der -in Gravosa vor Anker liegt. Die schlanken kühnen Formen werden von -den Wellen sanft geküsst, die mächtigen Masten ragen gegen den Himmel, -die Raen und das Tauwerk heben sich fein und zart vom durchsichtigen -Blau des Horizontes ab. Auf der Brücke steht der Wachoffizier, mit der -schwarzgelben Feldbinde umgürtet und dem Fernrohr in der Hand. Waffen -führt er keine, obwohl er im Dienste ist. Eine Schildwache mit gezogenem -breiten Pallasch geht langsam auf und ab. Auf dem Vorderdecke steht -eine kleine Gruppe von Matrosen, untersetzte kräftige Gestalten, in ihren -kleidsamen blauen Jacken mit dem weit ausgeschlagenen Hemdkragen; -sie sprechen leise zusammen.</p> - -<p>An Bord eines Kriegsschiffes, und zwar eines österreichischen Kriegsschiffes, -geschieht Alles leise. Ein kurzer Commandoruf, ein schrilles Pfeifen, -vielleicht einmal ein Hornsignal, das ist Alles. Sonst thut Jeder seine<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -Pflicht, wagt sein Leben, übt, lernt, arbeitet hoch im Takelwerk, auf dem -Verdeck, unten im Schiffsraume, stirbt, wenn es nothwendig ist, aber er -schweigt. »Muss Sieg von Lissa heissen!« so lautet der lakonische Befehl, -mit welchem Tegetthoff das tausendstimmige Brüllen der Kanonen entfesselte -und das grosse markerschütternde Drama einleitete. Nur fünf -Worte. Und – es hiess wirklich Sieg von Lissa!</p> - -<p>An der Steuerbordseite der »Möve«, gegen das Land zu, durch den -Schiffskörper verborgen, schaukelte das feingeschnittene schöne Gigg des -Commandanten. Sechs Gasten sassen drinnen, auf ihre Riemen gestützt. -Sie warteten des Commandanten und seiner Gäste, welche noch unten in -der Cajüte bei einem Glase Sherry weilten. Heute, wo diese Zeilen gedruckt -zu lesen, heute trennt mich bereits lange wieder Land und Meer -von den lieben alten Freunden, von dem Commandanten Sr. Majestät -Kriegsdampfer »Möve« und dessen zweitem Gaste, einem unserer tüchtigsten -Flotten-Officiere. Und so sei es mir gestattet, ihnen hier einen freundlichen -Gruss zu entbieten und ihnen Beiden die schönen Stunden in's Gedächtniss -zu rufen, die wir vor Zeiten mitsammen zugebracht, die schönen -Stunden, die wir zuletzt in der traulichen Commandanten-Cajüte der »Möve« -zusammen verlebt und den reizenden Ausflug, den wir unternommen in -das Thal der Ombla bei Ragusa. Und es sei mir auch gestattet, hier der -österreichischen Marine-Officiere überhaupt zu gedenken – es ist mir ein -Herzensbedürfniss – ihres freundlichen Entgegenkommens, ihrer anspruchlosen, -liebenswürdigen, herzgewinnenden Bescheidenheit, ihrer still betriebenen -Studien, ihres umfangreichen Wissens, ihrer Weltkenntniss und ihres -wackern, durch und durch ehrenhaften Wesens. Alle Provinzen des weiten -Kaiserstaates sind in dem Officiercorps der österreichischen Marine vertreten, -alle Sprachen des polyglotten Oesterreich werden unter ihnen gesprochen, -aber dort verschwindet jede nationale Färbung und ich habe -mich niemals so sehr als Oesterreicher gefühlt als an Bord eines österreichischen -Kriegsschiffes, unter dem Schatten der vom hohen Maste flatternden -österreichischen Flagge!</p> - -<p>Wir klommen von der Cajüte an Deck und bestiegen sodann das -schaukelnde Gigg. Die Fallreep-Pfiffe schrillten – die Ehrenbezeugung für -den das Schiff verlassenden Commandanten – am Bug des Giggs flatterte -das Wimpel, am Achter die Flagge. »Stosst ab! Vorwärts!« und unter den -tactmässigen Schlägen von sechs Rudern flog das leichte Boot in kühner<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span> -Schwenkung um den Körper der »Möve« herum, hinauf gegen die Mündung -der Ombla.</p> - -<p>Wenn man, vom Norden kommend, durch den Canale di Calamotta -in den Hafen von Gravosa einfährt, so treten gegen Osten, gerade gegenüber -der Halbinsel Lapad, die Berge, die bis dahin in ununterbrochener -Reihenfolge die Küste begleiten, klaffend auseinander und bieten die Aussicht -frei auf ein reizendes Thal. In der Mitte desselben strömt ein breiter -Fluss von süssem, kristallhellem Wasser, tief genug, um selbst grösseren -Schiffen Einlauf zu gewähren, in das Meer. Es ist die Ombla. Etwa eine -Viertelstunde von der Mündung des Flusses aufwärts hat derselbe durch -angeschwemmte Steine und Erdreich eine flache Insel gebildet, die, mit -Binsen und Röhricht überwachsen, ein schönes gleichmässiges grünes Dreieck -bildet, dessen eine Spitze gegen das Meer gekehrt ist. Zu beiden -Seiten des Flusses steigen die Ufer rascher gegen die bewaldeten Berge, -mit prachtvoller fremdartiger, südlicher Vegetation bedeckt. Wieder stehen -da Palme und Lorbeer, Myrthe und Aloë, hochstämmiger Rosmarin, Oel- -und Feigenbaum und die schlanke, dunkle Cypresse.</p> - -<p>In der blühenden Wildniss sind längs der Ufer kleine Gruppen von -bewohnten Häusern und einzelne Ruinen zerstreut. Von den letzteren stehen -gewöhnlich die Mauern der oft zweistöckigen Villen gänzlich unversehrt, -die Fensteröffnungen sind mit schön gearbeiteten Simsen versehen, aber -das Dach fehlt, die Häuser sind ausgebrannt und mitten im Hausraume, -wo einst das traute Heim glücklicher Menschen war und vielleicht fröhliche -Kinder sich tummelten, wuchert jetzt Lorbeer und Rebe. Es waren die -Russen im Vereine mit Montenegrinern und Herzegowinern, welche im -Jahre 1806, als der französische General Lauriston die Stadt besetzt hielt, -Ragusa angriffen und im ganzen Umkreise der Stadt alles verwüsteten, -niederbrannten und zerstörten. Die Einwohner flüchteten damals; als aber -die Russen mit ihren Verbündeten abgezogen waren, da war die Bevölkerung -durch die Zerstörung ihres Besitzstandes zu arm geworden, um ihre Häuser -wieder aufzubauen, und so ist heute noch ganz Ragusa mit Ruinen zerstörter -Villen umgeben.</p> - -<p>Besonders eine dieser Villen – sie ist am linken Ufer der Ombla -gelegen – ist bemerkenswerth. Wir legten an der prächtigen, drei Klafter -breiten Treppe an, die bis an den Wasserspiegel führt. Ein grosses, weitgedehntes -Gebäude lag vor uns in mittelalterlicher Bauart. Schöne Säulen<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span> -aus Marmor und Sandstein tragen die Bogen einer riesigen, gegen den -Fluss offenen Halle. An den Wänden der letzteren prangen Fresken in -wunderschönen, lebhaften Farben, als ob sie gestern erst vollendet worden -wären. Sie stellen einzelne Scenen aus der Aeneide dar. Schon auf der -Stiege hatten wir den süssen, betäubenden Geruch von Lorbeerblättern -verspürt und sahen jetzt die grosse Halle mindestens zwei Fuss hoch mit -trockenen Lorbeerblättern bedeckt. Mehrere Männer in der kleidsamen halbtürkischen -Tracht der Bauern aus der Umgebung von Ragusa waren damit -beschäftigt die trockenen Blätter in grosse Säcke zu füllen. Unter dem -Thore stand ein Esel und schnupperte mit der Nase unter den vielen -Lorbeerblättern, die noch nicht zum Kranz gewunden waren, und die auch -diese Bestimmung offenbar nicht erwarten.</p> - -<p>Lorbeerblätter in Säcken und ein Esel dabei! Pah – ist doch Alles -nichtig in dieser Welt – selbst Lorbeern!</p> - -<p>Auf dem einen Felde der Wand war eine schöne Dido dargestellt -mit Aeneas zu ihren Füssen. Die Bauern machten uns auf das Bild aufmerksam -und sagten uns, es sei eine Muttergottes mit dem heiligen Antonius -von Padua; wer sie aber gemalt habe, wem das Haus gehöre mit -dem schönen Parke, der sich in Serpentinen hinter dem Hause bergan -zieht, das wussten sie nicht. Sie wussten nur, dass ein sehr reicher Herr -der Eigenthümer des Hauses gewesen, dass die Russen und Montenegriner -dasselbe zerstörten, dass der Park ober dem Hause jetzt gänzlich verwildert -sei und dass das ganze Besitzthum jetzt kaum etwas abwerfe, als -ein wenig Oliven und die Lorbeerblätter, die wir sahen. Dafür aber führten -sie uns über eine halsbrecherische Holzstiege in das zweite Stockwerk -und zeigten uns da eine merkwürdige sechseckige Badestube ganz ohne -Fenster und mit einer so niederen Thür, dass man – wörtlich genommen -– auf allen Vieren hineinkriechen muss.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-145.png" alt="" /> -<div class="caption">Mädchen aus Sette Castelli.</div> -</div> - -<p>Wir stöberten und krochen noch lange in dem alten Hause und in -der blühenden Wildniss herum, von der es umgeben war, ohne von den -Leuten eine weitere Auskunft über den Eigenthümer des Hauses erhalten -zu können. Der Eigenthümer sei ein reicher Herr, – hiess es – und -lebe nicht in Ragusa, das Haus sei verpachtet, und dessen Räume dienen -jetzt nur zum Trocknen der Lorbeerblätter. Der Esel dort und noch einige -Eseln tragen die Lorbeerblätter sackweise nach Ragusa und von dort aus -werden sie weiter verschifft, – nach Triest.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span></p> - -<p>Das musste uns genügen, wesshalb wir unser Gigg wieder bestiegen -und stromaufwärts gegen die Quellen der Ombla fuhren.</p> - -<p>Wenn man auf der Bergfahrt die Hälfte des nur eine halbe Stunde -langen Flusses hinter sich hat, so verschliesst ein ungeheuerer Felsen, -von welchem her die Ombla zu Thal fliesst, die Aussieht. Man fragt -sich vergebens, aus welcher Schlucht denn das Becken der Ombla sich -hervorwinden könne; es ist eben Alles von zackigen Felsen, die einen -weiten Halbkreis bilden, eingeschlossen und nur aus der weissen Farbe -des Flusses erkennt man, dass seine Wasser hier irgendwo mit Gewalt -herausbrechen oder durch eine plötzlich verengte Schlucht gezwängt -werden.</p> - -<p>Es scheint, dass Beides der Fall ist. Man sagt nämlich – und ich -weiss nicht, ob irgend Jemand sich darüber Gewissheit verschafft habe – -dass der bosnische Fluss Trebinschizza, welcher nicht weit von der österreichisch-türkischen -Grenze sich in einen Steinschlund verliert, an der -Sohle des Omblathales wieder zu Tage trete. Wie dem auch sei, so viel ist -gewiss, dass es einen überraschenden Anblick gewährt, die schäumenden -und tosenden Wassermassen aus tausend Ritzen und Sprüngen des nackten -Felsen in gewaltiger Wucht mit schneeweissem Gischt herauskochen -zu sehen, zu sehen, wie sie unmittelbar darauf in wilder Eile über die -Räder der dort befindlichen Mühle stürzen um dann beruhigt und geklärt -im majestätischen Laufe sich dem Meere entgegenzurollen.</p> - -<p>Bei der Rückfahrt besuchten wir ein einsam am rechten Ufer der -Ombla liegendes Franciscanerkloster. Wir mussten lange an der Thüre -klopfen, bis uns ein steinalter Laienbruder öffnete, dessen übermässige -Magerkeit die Vorstellung Lügen strafte, die man sich gewöhnlich von -dem behäbigen Aussehen der in frommem Nichtsthun dahinlebenden Mönche -macht. Er zeigte uns bereitwilligst das ganze uralte Klostergebäude, das, -wie aus einer alten Inschrift ersichtlich, durch das Erdbeben des Jahres -1666 halb zerstört worden war. In dem riesigen, von einem prächtigen -Säulengang umgebenen Hofe lagen und standen einzelne Capitäle und abgebrochene -Säulenschafte, das Gras wucherte aus den Fugen der Steinplatten -und ein in der Ecke stehender riesiger Lorbeerbaum verdeckte -drei oder vier der vergitterten Fenster. Wir waren noch mit dem Lesen -einiger alter auf Grabmälern angebrachter Inschriften beschäftigt, als ein -zweiter Klosterbruder herabkam. Es war der Pater Guardian; er und der<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span> -magere Laienbruder bildeten zusammen die ganze »Besatzung« des ausgedehnten -Klosters.</p> - -<p>Der Pater Guardian war sehr dick und roch unangenehm nach Wein -und frischen Zwiebeln. Er führte uns zuerst in ein riesiges Refectorium -und dann in die ärmliche Kirche. Wenn man die winzige Kirche mit ihren -wenigen Betstühlen und den engen Gängen zwischen denselben mit dem -grossartig angelegten Refectorium verglich, so mochte man sich wohl die -Frage stellen, wie denn die Mönche, welche ehedem das Refectorium füllten, -doch in der Kirche Platz finden konnten. Ich wagte sogar eine derartige -Frage an unseren dicken Guardian, der mir aber salbungsvoll <span id="corr147">erwiderte</span>, -dass im Refectorium nicht nur gegessen, sondern auch gebetet -wird. Damit war ich geschlagen. Im Refectorium waren weitlaufende altersschwarze -Tische aufgestellt, an denen mindestens hundertfünfzig Personen -Platz nehmen konnten. Dort speiste der dicke Prior und der magere -Laienbruder allein – »wenn sie etwas hatten« – sagte der alte Herr. -Der Laienbruder hielt sich demüthig im Hintergrunde.</p> - -<p>In einer Ecke des Refectoriums war eine Art Fenster in der Mauer -angebracht, das in eine dunkle Küche führt. Um das Fenster herum stand -der wohl zu beherzigende Spruch: aequa divisio non conturbat fratres<a id="FNAnker_45_45"></a><a href="#Fussnote_45_45" class="fnanchor">45</a>. Ob -die »divisio« auch heutzutage noch so gleichmässig sei, wollte uns schier -zweifelhaft scheinen, wenn wir den dicken Guardian und den mageren -Laienbruder ansahen. Der Guardian machte uns hierauf auf ein rohes alfresco-Gemälde -aufmerksam, das sich ebenfalls an der Wand befand. Es -stellt einen dicken Fisch vor, der bestrebt ist, einen vor ihm befindlichen -mageren Fisch zu verschlingen. Wir glaubten anfangs eine allegorische -Anspielung auf den dicken Guardian und den mageren Laienbruder zu -sehen, wurden aber bald eines Bessern belehrt.</p> - -<p>»Es ist eigentlich ein Wunder,« sagte der Guardian, »wenn es auch -Manche nicht glauben wollen. Es war im Jahre 1589 – sehen Sie, da -steht es drunter geschrieben, 1589 addi 12 Novembre – als ein Klosterbruder -ausging, um Almosen zu sammeln. Es war aber ein schlechtes -Jahr gewesen und die Leute hatten selbst nichts – so ging also der -Bruder mit seinem leeren Esel traurig dahin am Ufer der Ombla. Da hörte -er plötzlich ein Geräusch – – ein kleiner Fisch sprang an das Land –<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -ein anderer grosser Fisch, der den kleinen fressen wollte, ihm nach. Und -der Bruder fing alle beide, so dass alle Brüder zu essen hatten, denn der -grosse Fisch war ein Thunfisch und wog achtzig Pfund. Darum sind beide -hier aufgemalt. Jetzt sind wir nur unser Zwei im Kloster und brauchten -kein so grosses Wunder – aber ein kleines Wunder thäte uns gut, denn -wir haben wohl Wein und Oel für Beide, aber sonst gar wenig zu essen.«</p> - -<p>Einer meiner Begleiter warf die Bemerkung hin, es wäre ein in der -Welt ziemlich häufig vorkommender Fall, dass die kleinen Fische von den -grossen gefressen werden, aber diese Betrachtung schien dem dicken -Guardian zu subtil und er wiederholte nur den Wunsch, dass der liebe -Gott recht bald ein Wunder zu Gunsten des Klosters und seiner »Besatzung« -wirken möge.</p> - -<p>Der magere Laienbruder seufzte.</p> - -<p>Wir baten den Guardian, ein kleines Scherflein für die Bedürfnisse -des Klosters von uns anzunehmen und empfahlen uns. Eine Minute darauf -flog unser Gigg stromabwärts dem Meere zu, auf dem die schöne »Möve« -im Abendsonnenschein sich wiegte.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span></p> - -<h2 id="Ein_Fischzug_bei_Lesina">Ein Fischzug bei Lesina.</h2> - -<p class="drop">Vom Himmel herab flimmerten die Sterne und spiegelten sich in der -unbewegten Fläche des Meeres. Unser Boot flog, von zwei Rudern getrieben, -still dahin und die kleinen Wasserberge, die vor dem Bug sich -aufwarfen, schossen helle Silberstrahlen hinauf gegen den dunkeln Himmel, -so dass sich Sternengold und flüssiges Silber in schönen Wellenlinien zu -begegnen schienen. Auch von den Rudern herab floss es in tausend Silberfäden -und leuchtende Perlen schwammen in unserm Kielwasser. Sonst -war das Meer weithin schwarz und regungslos, denn die Frühlingsnacht -hatte sich warm und schwer darübergelegt und heute leuchtete kein Mond. -Bei Mondenschein gibt es keinen Sardellenfang, und um den Sardellenfang -zu sehen, schossen wir hinaus in die sternenflimmernde Nacht und -in die dunkle See.</p> - -<p>Wir fuhren aus dem Hafen von Lesina. Blumenduft gab uns das -Geleite und zog hinter uns her über die See. Rosmarin, Orange, Lorbeer -und die dalmatinische Föhre dufteten von den Anhöhen, welche die Bucht -umsäumen und tausend aromatische Kräuter mischten ihren Blüthenhauch -drein. Bäume, Blüthen und Berge waren aber von Nacht bedeckt. Nur -selten zeigte sich an halber Himmelshöhe eine zackige, dunkle, von einem -feinen, hellern Streifen begleitete Linie – es waren die Kuppeln des -Höhenzuges, der die Bucht von Lesina gegen Nord und Ost in weitem -Schwunge bekränzt. Wir glitten rasch weiter in die Nacht hinein mit dem -schwarzen Meeresspiegel vor uns und dem silbern dämmernden Kielwasser -unseres Bootes im Rücken.</p> - -<p>Eine Stunde dauerte die Fahrt. Von Zeit zu Zeit tauchten zur Rechten -und Linken massive dunkle Flecke auf; es waren Kuppen oder grössere -Felsen-Inseln, zwischen welchen hindurch unser Weg uns führte. Dann lag<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span> -wieder die weite dunkle Fläche glatt vor uns mit dem Sternengefunkel -drinnen.</p> - -<p>»Jetzt fahren wir um den Scoglio Trauna herum, zwischen Karbun -und Klebuk durch – und dann sind wir auch bei den Fischern. Heute -muss es wieder einen guten Zug geben, denn die See hat sich gegen -Abend abgekühlt. Es gab eine ordentliche Landbrise.« So sprach nach -einer Stunde absoluter Schweigsamkeit der ältere unserer Ruderer. Der -Mann hatte zur See gedient und war bei Lissa gewesen, wie er uns später -erzählte.</p> - -<p>Vor uns zeigte sich ein dunkelrother Schein, von dem sich eine -Reihe von Klippen scharf abhob. Das Boot machte eine Wendung, die -Klippen zu unserer Rechten verschwanden und ein breiter Lichtstrahl drang -zu uns her, der Alles rings herum in noch tiefere Nacht hüllte und nur -die Fischerbarke beleuchtete, von der er ausging und zwei andere, die in -ihrer Nähe lagen. Es waren die Fischer.</p> - -<p>An Bord der Barken war Alles in lebhafter Bewegung. Die eine derselben -hatte an einer starken Eisenstange, die über den Rand des Fahrzeuges -hinausragte, ein halbrundes Eisengitter als Rost befestigt, auf -welchem grosse Stücke Föhrenholz brannten. Die Flamme war blutroth -und der Rauch strich, von der schweren Luft niedergedrückt, über das -Wasser hin. Als unsere Augen sich an den blendenden Schein der Flamme -und die grelle Beleuchtung etwas gewöhnt hatten, konnten wir, näher -kommend, allgemach die einzelnen Personen unterscheiden, die in den -Barken sich befanden. Ein alter Mann mit von tausend Runzeln durchzogenem -wettergebräuntem Gesichte und schneeweissen Haaren stand am -Bug neben dem Feuer und blickte angelegentlich in das Wasser. Zwei -Andere stützten sich auf die langen Ruder, die sie in gleichmässigem Tacte, -aber langsam bewegten. Niemand von ihnen sprach ein Wort. Eine zweite -Barke bewegte sich, gleichen Schritt haltend, in einiger Entfernung neben -der ersten hin und im Hintergrunde schaukelte sich ruhig eine dritte, auf -welcher zwei Männer, scheinbar unthätig, aber mit gespannter Aufmerksamkeit -dem Fischzuge folgend, sassen.</p> - -<p>Plötzlich erschollen aus der Richtung her, gegen welche die Barken -sich bewegten, einzelne Rufe in slavischer Sprache, kurz und abgemessen -wie ein Commando. Sie kamen vom Lande her, von dem Ufer einer kleinen -Felsen-Insel, die vor uns lag und eine Bucht bildete, in welche wir,<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span> -ohne es zu bemerken, eingefahren waren. Auf jeden Commandoruf hob -sich etwas Langes von der Wasserfläche, um gleich darauf wieder plätschernd -zurückzufallen. Es waren, wie unser Führer uns belehrte, die Seile, -an welchen das Netz an's Land gezogen wurde.</p> - -<p>»Sind denn wohl Sardellen im Netz?« fragte ich verwundert, denn -ich dachte, dass das eigentliche Fischen noch nicht begonnen hätte.</p> - -<p>»Sardellen? natürlich! – Sehen Sie nicht, wie sie davonspringen? -Das sind jene, die aus dem Netz entkommen, bevor es noch vollkommen -geschlossen ist – jetzt aber ist es bald beisammen und dann entkommt -auch nicht eine mehr.«</p> - -<p>Wirklich sahen wir nun einzelne helle Streifen, die silbernen Pfeilen -gleich, sich aus dem Wasser hoben, um, einen Augenblick an der Oberfläche -dahinschiessend, gleich wieder in demselben zu verschwinden. Es waren -Sardellen, die sich flüchteten; immer aber schossen sie gerade auf das Leuchtfeuer -der Barke zu. Wäre dort ein zweites Netz gewesen, so würden sie in -dasselbe gerathen sein, nachdem sie der ersten Gefahr glücklich entronnen.</p> - -<p>Jetzt zeigten sich an der Einfahrt der Bucht zwei andere Barken, -die langsam auf uns zukamen. Die Fischer in den drei Barken blickten -besorgt auf die neuen Ankömmlinge. Wir erfuhren, dass es sich da um -etwas handle, was man im gewöhnlichen Leben eine Gewerbsstörung nennt.</p> - -<p>Nicht jeder Platz ist zum Sardellenfang geeignet. Der Schwarm der -im offenen Meere ziehenden Sardellen wird durch das weithin sichtbare -Leuchtfeuer der Barke zuerst nur angelockt. Sobald die Fischer bemerkt -haben, dass die Fische dem Feuer folgen, bewegen sie sich langsam der -Küste zu, wo in irgend einer Bucht der sandige, allmälig verlaufende -Grund gestattet, das feine Netz darüber hinzuziehen. Denn auf felsigem -Boden würde das Netz hängen bleiben und zerreissen. Damit aber die -Sardellen das Feuer bemerken, muss die Nacht möglichst finster sein, daher -der Fang nur bei Neumond vor sich gehen kann. Ferner dürfen die -Fische nicht beunruhigt werden, weil sonst der Schwarm nach allen Richtungen -zerstöbe. Da man nun jeden Fleck der Küste genau kennt, an -welchem ein Auswerfen der Sacknetze möglich ist, so versammeln sich, -um Streitigkeiten zu verhüten, vor jedem Neumonde vom Mai bis September -die aus je zwölf bis fünfzehn Mann bestehenden Partien der Fischer -bei der politischen Behörde und losen um den Fischplatz für die nächsten -mondlosen Nächte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p> - -<p>Das gilt für das Fischen mit Leuchtfeuer und Sacknetz. Andere -Fischer <span id="corr152">aber</span>, die ohne Feuer und nur mit einem senkrecht herabhängenden -Streifnetze fischen, pflegen dann dem Leuchtfeuer nachzufahren, wodurch -der Zug der Sardellen gehemmt, auch theilweise abgehalten wird, -dem leuchtenden Magnet zu folgen. Da gibt es oft böse Worte und nicht -selten auch Aergeres als Worte. Denn ein guter Zug mit dem Sacknetze -kann genug Sardellen einbringen um tausend Fässchen damit zu füllen -und tausend Fässchen entsprechen einem Werthe von mehr als zwölftausend -Gulden, so dass der Gewinn eines einzelnen Fischers in einer einzigen -Nacht fünfhundert bis tausend Gulden betragen kann. Aber Glück -müssen die nächtlichen Meeresarbeiter haben und dürfen durch Streifnetze -nicht gestört werden.</p> - -<p>Alle Fischer sind fromm, während sie das Handwerk üben. Vom -Strande her ertönt das Commando: »In Gottes Namen zieht die erste -Leine!« oder: »In Gottes Namens zieht die zweite Leine!« Dann wieder: -»Gott geb' es, – sie sind drinnen – zieht beide Leinen!«</p> - -<p>Und dabei näherten sich die Barken immer mehr dem Ufer und -immer näher kamen die unbeleuchteten Barken mit den räuberischen -Streifnetzen. Plötzlich unterbrach ein kleines Intermezzo die Reihen der -frommen Commandos. Die Barken mit den Streifnetzen waren in dem -Dunkel auf etwa fünfzig Schritte herangekommen, als von den anderen -Barken ein wahrer Hagel von Flüchen und Verwünschungen losbrach. Und -um die Flüche noch kräftiger zu machen, flogen dicke Prügel von Brennholz, -wohl gezielt, hinüber, so dass man sie heftig an den Bord der Fahrzeuge -anschlagen hörte. Flüche und hölzerne Wurfgeschosse wurden auch -drüben nicht gespart und schon wollten wir uns zurückziehen, um nicht -in ein unangenehmes Kreuzfeuer von fliegenden Holzstücken zu kommen, -als mit einemmale Alles still wurde. Der kritische Moment war vorüber – -das Sacknetz streift den Grund – die Leinen waren völlig angezogen und die -drei Barken fuhren völlig zusammen um die Beute aus der Tiefe zu heben. -Die Barken mit dem Streifnetze suchten das Weite und wir legten uns mit -unserem Boote hart an die Fischerbarken, die mit ihren Längsseiten ein -Dreieck bildeten, an dessen einem Winkel das Leuchtfeuer hellauf flammte, -die Barken und deren Bemannung mit einem Gluthscheine übergiessend.</p> - -<p>Die Seitenwände des Netzes waren über den Bord der drei Barken -heraufgezogen und auf der Fläche, die ringsum von den feinen Maschen<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span> -begrenzt war, war Alles Leben und Bewegung. Es sprudelte und kochte -und plätscherte mit einem betäubenden Geräusche, gerade als ob ein -heftiger Platzregen auf Steinplatten fiele. Es waren die Sardellen, die endlich -– aber zu spät – sich ihrer Verblendung bewusst wurden und nun -in wahnsinnigen Sprüngen sich über das Wasser zu heben und zu entkommen -suchten.</p> - -<p>Die Männer tauchten Handnetze in das Gewühle der zappelnden -silberglänzenden Fische und leerten eines nach dem andern in den Boden -der Barken. Zwei Barken füllten sich bis hoch hinauf mit den kleinen -zarten Geschöpfen, die, schon im Trockenen, noch immer zappelten und -sprangen und sich gegen das ungewohnte Element wehrten. Es waren -ihrer, wie die Leute mit kundigem Auge schätzten, genug, um gegen -zweihundert Fässer damit zu füllen – also ein guter und schöner Zug, -der Alle zufriedenstellte. Als der alte Fischer uns einen Korb frischer, -noch lebender Sardellen in das Boot hinüberreichte, that er es auch mit -einem »Gott sei die Ehre für den heutigen Fang!« aber unterliess es -doch nicht, gleich darauf den davonfahrenden Barken mit dem Streifnetze -einen kräftigen Fluch nachzusenden über das dunkle, leise athmende -Meer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-154.png" alt="" /> -<div class="caption">Morlake aus Nord-Dalmatien.</div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Gigg_des_Kaisers">Das Gigg des Kaisers.</h2> - -<p class="drop">Römische Machtausdehnung, italienischer Kunstsinn, venezianische -Tyrannei, Türkenkriege, kühne Fahrten über das ungemessene Meer, Seeräuber, -Erdbeben, Hungersnoth, orientalische Pest und die treibende, ewig -drängende und schaffende Kraft des wunderbaren südlichen Klimas, das -sind die Elemente, aus denen sich die Chronik dalmatinischen Landes -und dalmatinischer Städte zusammensetzt, das die Factoren, die Dalmatien -bald aufblühen machten mitten in dem wirren Chaos römischer Kriegszüge -und mittelalterlicher Fehden, bald zurückbleiben in dem Wettkampfe -der Völker auf der Bahn des Fortschrittes. Gegenwärtig ist Dalmatien -weit, sehr weit zurückgeblieben in seiner physischen und moralischen -Entwicklung – die Ruinen seiner Städte und die prachtvollen, aber halbzerfallenen -Ueberreste seiner römischen und venezianischen Baudenkmale -bieten einen beinahe ebenso traurigen Anblick wie die hellen Spitzen seiner -entwaldeten Berge.</p> - -<p>Was hier von Dalmatien im Allgemeinen gesagt ist, das findet im -Besonderen seine Anwendung auf die Stadt und Insel Curzola. Corcyra -Nigra hiess die Insel bei den Römern von der dunkeln Farbe, welche -die auf den Bergen prangenden Nadelwälder der Insel gaben; – heute -könnte man sie beinahe mit demselben Recht »die weisse« nennen, mit -welchem sie einst »die schwarze« hiess, denn ihre Wälder sind bis auf -wenige kleine Bruchtheile verschwunden, ihre Quellen sind versiegt und -mit ihnen der Reichthum, der von Oben kommt. Heute sind die Curzolaner -nur mehr auf das Meer angewiesen, das eben das alte geblieben, und man -kann ihnen nicht nachsagen, dass sie diese letzte ihrer Hilfsquellen nicht -emsig genug benützen.</p> - -<p>Am Nordende der Insel erstreckt sich eine winzig kleine Halbinsel -beinahe kreisrund in das Meer, nur mittels einer dünnen Landenge mit -dem Eiland in Verbindung. Diese Halbinsel bildet einen vollkommen abgerundeten<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -regelmässigen Kegel, der mit alten, bereits halbzerfallenen -Palästen bedeckt ist. Eine noch ganz erhaltene, mit Thürmen versehene -Mauer umgibt die Stadt – Curzola – und auf dem Gipfel des Hügels -steht die alterthümliche, im gothisch-byzantinischen Style erbaute Domkirche, -die das Gewirre der engen, den Berg anstrebenden Gässchen krönt. -Vom Meere aus gesehen, bietet die Stadt den schönen Anblick, der allen -Bauwerken der Venezianer eigen, – von Innen mahnt sie nur gar zu -deutlich an die Vergänglichkeit alles Irdischen. Die Häuser mit den prächtigen, -altvenezianischen Portalen und Gesimsen stehen leer – die Stockwerke -sind einfach durchgefallen und wenn man durch eines der Fenster -in das Innere blickt, so sieht man die hohen, mächtigen Mauern über und -über mit wucherndem Epheu bewachsen. Um den Eindruck noch öder zu -machen, sind selbst die Thore mit Bruchstücken von Säulen und alten -Ziegeln vermauert, so dass man eher einen Friedhof als die Wohnstätte -lebender Menschen zu sehen glaubt.</p> - -<p>Uebrigens ist die Stadt reinlich und ebenso auch ihre Bewohner. -Es steckt noch etwas altrepublikanische Zucht in den Leuten, die seinerzeit -gelernt hatten, die Strassen rein zu halten, weil einer der hochgebornen -Herren Patrizier durch dieselbe seines Weges kommen konnte, und -nett gekleidet zu sein, wenn sie vor dem hohen Rathe zu erscheinen hatten.</p> - -<p>Die alten Curzolaner verstanden keinen Spass und hielten etwas -darauf, dass ordentliche Gesetze gegeben und auch gehalten wurden. In -der Bibliothek des kaiserlichen Real-Gymnasiums wird heute noch das -einzig übrige, auf Pergament geschriebene und aus dem Jahre 1214 stammende -Exemplar des Statutes aufbewahrt, welches der Freistaat Curzola -sich selbst gegeben. Die gesetzlichen Bestimmungen dieses Statuts sind -von einem humanen Geiste durchweht, den man im Anfange des dreizehnten -Jahrhunderts wohl vergeblich in irgend einem der heute so hoch -civilisirten Länder des übrigen Europas gesucht hätte. Es ist dies ein -merkwürdiger Beweis für die Richtigkeit des bekannten Ausspruches, dass -Bildung und gute Sitte sich in Spirallinien fortbewegen, des öftern scheinbar -zurückschreitend und doch im Ganzen vorwärtsstrebend. Dass heute -Dalmatien sich in der Epoche des scheinbaren Rückschrittes befinde, wird -kaum Jemand leugnen, der die jetzige Bildungsstufe der Landbevölkerung -mit den Bestimmungen vergleicht, die vor bald sechshundert Jahren in -dem Statute des Freistaates Curzola enthalten waren. Da heisst es:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p> - -<p>»Capitel 11. Von den Richtern, welche schlagen.«</p> - -<p>»Und so befehlen und verordnen wir. Wenn einer von den höheren -Richtern irgend eine Person auf irgend eine Weise mit der Hand, mit -dem Beil, mit einem Eisen, mit dem Schwerte oder mit dem Messer -schlägt oder derselben die Kopfhaare ausreisst oder sie irgendwie in beleidigender -Weise geschlagen hat, so soll er (der Richter) mit dem Doppelten -der Strafe belegt werden, welcher nach den obigen Statuten jede -andere Person verfallen wäre. Und von der Strafe soll der Ankläger den -vierten Theil haben und drei Viertheile sollen der Gemeinde anheimfallen; -dabei soll immer noch dem Geschlagenen sein Recht gewahrt bleiben auf -die Entschädigung, die ihm nach den Bestimmungen dieses Statutes für -den erlittenen Schaden, die angewendeten Arzneien und den Zeitverlust -gebührt.«</p> - -<p>»Capitel 18. Von den Schlägen unter Weibern.«</p> - -<p>»Und so befehlen und verordnen wir. Wenn die Weiber untereinander -sich mit Steinen oder dem Beile schlagen oder Eine die Andere schlagen -liesse, so soll Jene, die schuldig befunden wird, sechs Perpera<a id="FNAnker_46_46"></a><a href="#Fussnote_46_46" class="fnanchor">46</a> verlieren. -Und wenn sie nicht zahlen kann, so soll sie im Kerker bleiben, bis sie -bezahlt hat. Und wenn die Geschlagene stirbt, so soll Jene, welche geschlagen -hat, als Todtschlägerin verurtheilt werden. Und wenn Eine die -Andere beschimpft, so sei sie, wenn es durch einen geeigneten Zeugen -bewiesen werden kann, um einen Perperum gestraft und die Beschimpfte -möge die Hälfte des Strafgeldes erhalten. Und wenn die Geschlagene irgend -ein Glied verliert, so möge sie verhört werden und die Thäterin sei nach -den Bestimmungen zu strafen, welche in diesem Statute bezüglich des Verlustes -von Gliedern festgesetzt wurden.«</p> - -<p>Der Handel mit Menschenfleisch, der in dem freien Amerika erst -vor wenigen Jahren durch einen blutigen und langwierigen Krieg unterdrückt -werden konnte, wurde bereits im Jahre 1418 für Curzola durch -den regierenden Rath aufgehoben. Denn am 9. März des genannten Jahres -erliess der Rath ein Gesetz, in welchem es heisst: »In demselben Jahrtausend -und Jahrhundert (1418) und zwar am 9. des Monats März, wurde -vorgeschlagen, beschlossen und verordnet: Wenn von jetzt an irgend Jemand, -welchen Standes, Ranges oder Geschlechts immer, sei er ein Curzolaner -oder ein in Curzola wohnender Fremder, auf irgend eine Weise<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -Sclavenhandel treibt, oder Briefe verfasst, schreibt, übersetzt oder veranlasst, -welche sich auf zu kaufende Sclaven oder Sclavinnen beziehen, oder -wenn Jemand zu diesem Zwecke das Gemeindesiegel von Curzola missbraucht -– und wenn Einer, der diesem Verbote zuwiderhandelt, dabei -betroffen oder dessen angeklagt und durch wenigstens zwei Zeugen überwiesen -oder durch das Gerücht dessen beinzichtigt wird, so soll er ohne -Nachsicht gehalten sein, hundert Ducaten in Gold zu erlegen, von welchen -zwei Theile der Gemeinde von Curzola gehören und gebühren, während -einer, nämlich der dritte Theil dem Ankläger gehört und gebührt, der -diese Sünde angezeigt hat. Und diese Verordnung und Vorschrift wollen -wir, dass sie von heute an für immer gehalten werde, und wenn Einer -nicht so viel hätte, um die Strafe zu bezahlen, <em class="gesperrt">so geht es um seine -Hand</em> …! Und diese Verordnung wurde durch Stimmkugeln angenommen -und beschlossen mit 58 gegen genau 3.«</p> - -<p>Gesetze gegen den Sclavenhandel werden heute in Curzola nicht -mehr häufig übertreten. Die Bevölkerung hat, seitdem die Landwirthschaft -so arg daniederliegt, sich auf einen andern nicht minder nützlichen Erwerbszweig -geworfen, auf den Schiffsbau. Und da sind es besonders kleine -Boote, welche von den Handwerkern Curzolas so elegant und schön, wie -kaum irgendwo, gebaut werden. Eines dieser Fahrzeuge, ein Gigg von -geradezu feenhaft schönen Dimensionen, das die Schiffsbauer von Curzola -im Jahre 1863 dem Kaiser verehrten, gab den Anlass zur Einführung -einer der nützlichsten und in Dalmatien doch so seltenen Institutionen.</p> - -<p>Der Kaiser, der das Geschenk gnädigst angenommen hatte, liess den -Erbauern des Giggs ein Geschenk von 100 Ducaten zukommen. Dieselben -fassten aber den practischen Entschluss, das Geld nicht unter sich zu vertheilen, -sondern es als Stammcapital eines zu errichtenden Spar- und -Vorschussvereins für Schiffbauer zu verwenden. Gedacht, gethan! Die -hundert kaiserlichen Ducaten hatten dem Unternehmen Glück gebracht. -Die Leute fingen an zu sparen und ihr erspartes Geld in die Gesellschaftscasse -zu legen, und heute verfügt der Verein über ein eigenes schönes -Capital. Heute findet ein armer Schiffszimmermann, der alt oder bei der -Arbeit zum Krüppel geworden, des Lebens dringendsten Unterhalt bei dem -Vereine, und Bettler gehören in Curzola zu den seltensten Erscheinungen.</p> - -<p>Das haben des Kaisers hundert Ducaten gethan.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="footnotes"> -<p class="h2">Fußnoten:</p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">1</span></a> Hieronymus.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">2</span></a> Giovanni.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">3</span></a> Maria.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">4</span></a> Helene.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">5</span></a> Barbara.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">6</span></a> Anna.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">7</span></a> Altvenetianischer Ausdruck, ungefähr so viel als »gnädige Frau«.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">8</span></a> Josef.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">9</span></a> Nicolaus.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">10</span></a> Frau Zanetta bleibt beschuht und gekleidet, rein und sauber im Hause ……*</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">11</span></a> Eine Art Stadtwache.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">12</span></a> Schnappsack von Schafwolle.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">13</span></a> Ein süsser Wein, der ausschliesslich auf der Insel Brazza wächst.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">14</span></a> Johann.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_15_15"></a><a href="#FNAnker_15_15"><span class="label">15</span></a> Frau oder Herrin.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_16_16"></a><a href="#FNAnker_16_16"><span class="label">16</span></a> Lorenzo.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_17_17"></a><a href="#FNAnker_17_17"><span class="label">17</span></a> Abkürzung für Doimo, den Namen des Schutzheiligen von Dalmatien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_18_18"></a><a href="#FNAnker_18_18"><span class="label">18</span></a> Ein grosses Küstenfahrzeug.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_19_19"></a><a href="#FNAnker_19_19"><span class="label">19</span></a> Schiffsjunge.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_20_20"></a><a href="#FNAnker_20_20"><span class="label">20</span></a> Simeon.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_21_21"></a><a href="#FNAnker_21_21"><span class="label">21</span></a> Johann Doimo.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_22_22"></a><a href="#FNAnker_22_22"><span class="label">22</span></a> Kindsmädchen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_23_23"></a><a href="#FNAnker_23_23"><span class="label">23</span></a> Glaube oder Vertrauen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_24_24"></a><a href="#FNAnker_24_24"><span class="label">24</span></a> Ein wollener Sack, der ein bestimmtes Getreidemass enthält.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_25_25"></a><a href="#FNAnker_25_25"><span class="label">25</span></a> Eine Art Schnappsack, der, -aus selbstgewirkter Schafwolle bestehend, von den Morlaken -auf dem Rücken getragen wird.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_26_26"></a><a href="#FNAnker_26_26"><span class="label">26</span></a> Gevatter Mathias.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_27_27"></a><a href="#FNAnker_27_27"><span class="label">27</span></a> Ein türkischer, in der Morlakei üblicher Gruss.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_28_28"></a><a href="#FNAnker_28_28"><span class="label">28</span></a> Gott sei Dank.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_29_29"></a><a href="#FNAnker_29_29"><span class="label">29</span></a> Ein Mass, etwas grösser als ein Eimer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_30_30"></a><a href="#FNAnker_30_30"><span class="label">30</span></a> Johanna – Hannchen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_31_31"></a><a href="#FNAnker_31_31"><span class="label">31</span></a> Stephan.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_32_32"></a><a href="#FNAnker_32_32"><span class="label">32</span></a> Ortsvorsteher.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_33_33"></a><a href="#FNAnker_33_33"><span class="label">33</span></a> Hausherr.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_34_34"></a><a href="#FNAnker_34_34"><span class="label">34</span></a> Hausfrau.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_35_35"></a><a href="#FNAnker_35_35"><span class="label">35</span></a> Herr.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_36_36"></a><a href="#FNAnker_36_36"><span class="label">36</span></a> Hier!</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_37_37"></a><a href="#FNAnker_37_37"><span class="label">37</span></a> Elias.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_38_38"></a><a href="#FNAnker_38_38"><span class="label">38</span></a> Mathias.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_39_39"></a><a href="#FNAnker_39_39"><span class="label">39</span></a> Paul.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_40_40"></a><a href="#FNAnker_40_40"><span class="label">40</span></a> Bruder.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_41_41"></a><a href="#FNAnker_41_41"><span class="label">41</span></a> Danke, danke, Herr Prätor.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_42_42"></a><a href="#FNAnker_42_42"><span class="label">42</span></a> »Guten Tag, Herr!«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_43_43"></a><a href="#FNAnker_43_43"><span class="label">43</span></a> Ortsvorstand.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_44_44"></a><a href="#FNAnker_44_44"><span class="label">44</span></a> Magdalena.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_45_45"></a><a href="#FNAnker_45_45"><span class="label">45</span></a> Eine gleichmässige Vertheilung stört die Einigkeit der Brüder nicht.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_46_46"></a><a href="#FNAnker_46_46"><span class="label">46</span></a> Eine alte Münze.</p></div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span></p> - -<div class="adv"> -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-159.png" alt="" /> -</div> - -<p class="center larger"> -<b>Specialitäten</b><br /> -<span class="antiqua">im illustrirt-humoristischen und beletristischen Genre.</span></p> - -<hr class="full" /> - -<p>In der <b>Verlags-Buchhandlung von <span class="larger">Klíč & Spitzer</span> -in Wien</b> sind erschienen und durch alle Buchhandlungen des -In- und Auslandes zu beziehen:</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Bilderbuch für Hagestolze</b> von <b>E. M. -Vacano</b>, mit <b>100</b> Federzeichnungen von <b>K. Klíč</b>. -<b>4. Auflage.</b> In originellster Ausstattung. -Einband: Mahagonyholz. Preis <b>2 fl. 50 kr. ö. W. = 5 Mark</b>.</p> - -<p><b>Der Roman der Adelina Patti</b> von -<b>E. M. Vacano</b>, illustrirt <b>von K. Klíč</b>. Einband: Ahornholz. -Preis <b>2 fl. 50 kr. ö. W. = 5 Mark</b>.</p> - -<p><b>200 Bilderspässe</b> von <b>Hanns Bohrloch</b>. Preis <b>1 fl. 50 kr. -ö. W. = 3 Mark</b>.</p> - -<p>Das <b>lebensgrosse</b> Portrait von <b>Charles Darwin</b>, -Original-Kreidezeichnung von <b>K. Klíč</b>. Preis <b>4 fl. ö. W. = -8 Mark</b>.</p> - -<p><b>»Humoristische Blätter von K. Klíč«,</b> -illustrirt-satyrisch-politisches Wochenblatt, 3. Jahrgang, -mit der Beilage »<b>Neue Fliegende</b>«, humoristisches -Familien-Journal. Oesterreich-Ungarn: Vierteljährig -<b>2 fl. ö. W.</b> Deutschland: <b>5 Mark</b>. »<b>Neue Fliegende</b>« -allein <b>1 fl. 30 kr. ö. W. = 2 Mark 60 Pf</b>.</p></div> - -<p class="center larger p2"> -Bis zu Weihnachten 1875 erscheinen:<br /> -</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>2. Band</b> vom <b>Bilderbuch für Hagestolze</b> -von <b>E. M. Vacano</b>, mit 100 neuen Original-Federzeichnungen -von <b>K. Klíč</b>.</p> - -<p><b>Dorfbilder</b> von <b>E. M. Vacano</b>, illustrirt von <b>K. Klíč</b> -und <b>K. Žadnik</b>.</p> - -<p><b>Nur für brave Kinder.</b> <b>Deklamationen der -kleinen Marie</b>, illustrirte Kinderpoesien.</p> - -<p><b>Bilder aus dem Harem.</b> Humoristischer -Roman von <b>E. M. Vacano</b>, reich illustrirt von <b>K. Klíč</b>.</p></div> - -<p class="center smaller"> -Druck von Wilh. Zoeller in Wien.<br /> -</p> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<div class="transnote" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Ein Inhaltsverzeichnis wurde zur besseren Orientierung ergänzt.</p> - -<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.</p> - -<p>Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Die inkonsistente Schreibweise wurde beibehalten, sofern nicht bei den -Korrekturen aufgeführt.</p> - -<p>Korrekturen:</p> - -<div class="corr"> -<p> -S. 16: überkommen → übernommen<br /> -den modernen Italienern die Unkenntniss der Geografie <a href="#corr016">übernommen</a></p> -<p> -S. 30: Damatiens → Dalmatiens<br /> -das langgestreckte Küstenland <a href="#corr030">Dalmatiens</a></p> -<p> -S. 31: Peppo → Beppo<br /> -Da stand das Haus des Herrn <a href="#corr031">Beppo</a></p> -<p> -S. 52: starkt → stark<br /> -die Umrisse eines <a href="#corr052">stark</a> verwischten Todtenkopfes zeigt</p> -<p> -S. 53: donnne → donne<br /> -»il carnevaletto delle <a href="#corr053">donne</a>«</p> -<p> -S. 54: musss → muss<br /> -an welchem die Procession vorüber ziehen <a href="#corr054a">muss</a></p> -<p> -S. 54: nnd → und<br /> -<a href="#corr054b">und</a> hinter allen dämmerigen Oellämpchen</p> -<p> -S. 55: ausgestrekten → ausgestreckten<br /> -mit wagrecht <a href="#corr055">ausgestreckten</a> Armen gehen muss</p> -<p> -S. 56: Aufmerksam → Aufmerksamkeit<br /> -sehen mit peinlicher <a href="#corr056">Aufmerksamkeit</a> darauf</p> -<p> -S. 58: Damatien → Dalmatien<br /> -Erzählt man doch in <a href="#corr058">Dalmatien</a> hierüber</p> -<p> -S. 59: Merre → Meere<br /> -eiskalten Fluthen in ungestümer Eile dem <a href="#corr059">Meere</a> zujagt</p> -<p> -S. 60: seinen → seinem<br /> -um <a href="#corr060">seinem</a> Oelbaume nicht zu schaden</p> -<p> -S. 65: welchem → welchen<br /> -Das sind die Momente, in <a href="#corr065a">welchen</a> sie</p> -<p> -S. 65: graviätischer → gravitätischer<br /> -und notirt mit <a href="#corr065b">gravitätischer</a> Miene jedes Fass</p> -<p> -S. 65: und und → und<br /> -im Hofraume <a href="#corr065c">und</a> verzehren ihr Frühstück</p> -<p> -S. 74: Tabakliferanten → Tabaklieferanten<br /> -Querzüge meines <a href="#corr074">Tabaklieferanten</a> Duje Braidovich</p> -<p> -S. 76: österreichichen → österreichischen<br /> -auf der <a href="#corr076">österreichischen</a> Seite desselben</p> -<p> -S. 77: Grundsäszen → Grundsätzen<br /> -von welchen <a href="#corr077">Grundsätzen</a> die Herren Bischöfe Dalmatiens</p> -<p> -S. 81: mus → muss<br /> -Das Glas Wein <a href="#corr081">muss</a> übrigens ziemlich tief gewesen sein</p> -<p> -S. 93: gewähnt → gewöhnt<br /> -und wer an derlei Scenen nicht <a href="#corr093">gewöhnt</a> wäre</p> -<p> -S. 109: Aehnlishes → Aehnliches<br /> -dass <a href="#corr109">Aehnliches</a>, wie ich es jetzt erzählte</p> -<p> -S. 110: lagen → langen<br /> - der fünf Fuss <a href="#corr110">langen</a> Flinte seines Vaters</p> -<p> -S. 112: dieser → diesen<br /> -Bei <a href="#corr112">diesen</a> Worten hatte sein Weib</p> -<p> -S. 113: zerklüfteteten → zerklüfteten<br /> -Vieh auf die <a href="#corr113">zerklüfteten</a> Bergabhänge treiben</p> -<p> -S. 114: Glieden → Glieder<br /> -und die erstarrten <a href="#corr114a">Glieder</a> zu wärmen</p> -<p> -S. 114: Harnmbascha → Harambascha<br /> -ehe der <a href="#corr114b">Harambascha</a> es ihm erzählte</p> -<p> -S. 120: die → di<br /> -in der Bocca <a href="#corr120">di</a> Cattaro der Fall</p> -<p> -S. 126: nnd → und<br /> -die Wogen hoben <a href="#corr126">und</a> senkten unsere kleine Barke</p> -<p> -S. 132: oh → ob<br /> -hat die Luce gefragt, <a href="#corr132">ob</a> der Andre da gewesen</p> -<p> -S. 147: erwiederte → erwiderte<br /> -der mir aber salbungsvoll <a href="#corr147">erwiederte</a></p> -<p> -S. 152: aher → aber<br /> -Andere Fischer <a href="#corr152">aber</a>, die ohne Feuer</p> -</div> -</div> - -<p> </p> -<p> </p> -<hr class="pg" /> -<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS HALBVERGESSENEM LANDE***</p> -<p>******* This file should be named 50197-h.htm or 50197-h.zip *******</p> -<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> -<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/5/0/1/9/50197">http://www.gutenberg.org/5/0/1/9/50197</a></p> -<p> -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed.</p> - -<p>Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.</p> - -<p>1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.</p> - -<p>1.E.8. 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Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.</p> - -<p>1.F.</p> - -<p>1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment.</p> - -<p>1.F.2. 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LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem.</p> - -<p>1.F.4. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. </p> - -<h3>Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm</h3> - -<p>Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life.</p> - -<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org.</p> - -<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation</h3> - -<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws.</p> - -<p>The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact</p> - -<p>For additional contact information:</p> - -<p> Dr. Gregory B. Newby<br /> - Chief Executive and Director<br /> - gbnewby@pglaf.org</p> - -<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation</h3> - -<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS.</p> - -<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit <a href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a>.</p> - -<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate.</p> - -<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p> - -<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate</p> - -<h3>Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.</h3> - -<p>Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support.</p> - -<p>Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition.</p> - -<p>Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org</p> - -<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p> - -</body> -</html> - diff --git a/old/50197-h/images/cover.jpg b/old/50197-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 779af34..0000000 --- a/old/50197-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50197-h/images/illu-004.png b/old/50197-h/images/illu-004.png Binary files differdeleted file mode 100644 index b4dba67..0000000 --- a/old/50197-h/images/illu-004.png +++ /dev/null diff --git a/old/50197-h/images/illu-006.png b/old/50197-h/images/illu-006.png Binary files differdeleted file mode 100644 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