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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Setma, das türkische Mädchen - Eine Erzählung für Christenkinder - -Author: Christian Gottlob Barth - -Release Date: October 11, 2015 [EBook #50182] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SETMA, DAS TÜRKISCHE MÄDCHEN *** - - - - -Produced by Heiko Evermann, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This -book was produced from scanned images of public domain -material from the Google Books project. - - - - - - - - - - Setma, - das türkische Mädchen. - - - Eine Erzählung für Christenkinder. - - Vom Verfasser des >armen Heinrich<. - - Fünfte Auflage. - - Stuttgart, 1869. - Druck und Verlag von J. F. Steinkopf. - - - - - Liebe Kinder! - - -Ich soll euch wieder etwas erzählen, haben einige Leute gesagt, und zwar -haben sie gesagt, ich soll auch einmal eine Geschichte von einem Mädchen -erzählen, nicht immer nur von Knaben. Nun weiß ich eine schöne -Geschichte, und die auch wahr ist, aber von einem _türkischen_ Mädchen. -In den letzten Jahren habt ihr wohl immer viel von den Türken gehört, -was das für wilde grausame Leute sind; aber vor diesem Mädchen dürft ihr -euch deßwegen nicht fürchten, die ist gar sanft und gutmüthig, und hat -viel mehr Angst vor den Christen ausgestanden, als ihr je vor den -Türken. Ich denke also, ich will euch diese Geschichte erzählen, und -wenn sie euch nicht gefallen sollte, so ist mir's leid, und ich will's -ein ander Mal besser machen, wenn ich noch lebe. Manches von euch liest -wohl heuer zum letzten Mal ein Weihnachtbüchlein, und ist über's Jahr -nicht mehr da. Was meinet ihr, liebe Kinder! wie viele von denen, die -den »armen Heinrich« vor drei Jahren gelesen haben, seitdem in die -andere Welt hinübergegangen sind? Wenn ich's wüßte, wollte ich es euch -sagen, und ihr würdet erstaunen. Wie bald kann's auch uns treffen! -Bedenket dieß! - -Nun so lebet denn wohl, ihr Lebenden! und sterbet wohl, ihr Sterbenden! -Es kommt ein Tag, da wir uns wiedersehen. - - Der Verfasser. - - - - - Erstes Kapitel. - Setma und Guly in Belgrad. - - -Wo die Save in die Donau fließt, an der Grenze des türkischen Reiches -gegen Oestreich, liegt die große Handelsstadt und Festung _Belgrad_, -sonst auch _Griechisch-Weißenburg_ genannt. Sie hat 30,000 Einwohner, -und hundert türkische Moscheen oder Bethäuser stehen innerhalb ihrer -Mauern. Die Einwohner sind größtentheils Servier, doch wohnen auch viele -Türken darin, da die Stadt unter türkischer Botmäßigkeit steht, obgleich -sie schon mehrere Mal von den Christen erobert worden ist. In dieser -Stadt wurde im Jahr Christi 1671 das Mädchen geboren, dessen Geschichte -euch in diesem Büchlein erzählt werden soll. Sie erhielt den Namen -_Setma_. Fast hätt' ich gesagt: bei der Taufe; und doch wurde sie nicht -getauft: denn ihre Eltern bekannten sich zur muhamedanischen Religion. -Ihr Vater war ein türkischer Kaufmann, Namens _Osman_, der ein -beträchtliches Vermögen besaß, und sein Geschäft mit Schiffen auf der -Donau trieb. Er hatte das Amt eines Baschi oder türkischen -Ober-Commissärs, und stand überdieß noch deßwegen in großem Ansehen, -weil er ein Hadschi war, d. h. weil er eine Wallfahrt nach Jerusalem und -nach Mekka, dem Geburtsort Muhameds, gemacht hatte. Er wurde daher -gewöhnlich _Hadsch'-Osman_ genannt. - -Nun soll euch Setma selber weiter erzählen: - -In stiller Zurückgezogenheit bin ich aufgewachsen, und nicht viel unter -die Leute gekommen: denn mein Vater war ein sehr ernsthafter und -strenger Mann, und meine Mutter starb, da ich kaum drei Jahre alt war. -Ich wurde hierauf der Aufsicht einer verständigen Sklavin übergeben, -welche schon bei Jahren war und unsere Haushaltung besorgte. Im Lesen -und Schreiben wurde ich nicht unterrichtet; das Einzige, was man mich -lehrte, waren einige Gebete und Sprüche, wie sie bei den Muhamedanern -gebräuchlich sind. Doch lernte ich auch einige weibliche Arbeiten. Mein -Vater hatte einen deutschen Sklaven aus Böhmen; von dem lernte ich zum -Zeitvertreib etwas deutsch. Ach wer hätte es damals glauben sollen, daß -ich das einst so gut würde brauchen können! Aber die Wege Gottes mit -Seinen Menschenkindern sind wunderbar, und oft bereitet Er sie lange -vorher auf etwas vor, das sie später erfahren sollen. Ehe der Weber sein -Gewebe anfängt, sind schon die rothen und blauen Fäden zugerüstet, -welche hineingewoben werden sollen; aber Niemand als er allein weiß -zuvor, wo sie hineinkommen, und was für ein Bild daraus werden wird. - -Ich hatte eine Gespielin von meinem Alter, Namens _Guly_, welche täglich -zu mir kam, und mit welcher ich nach und nach zur innigsten Freundschaft -verbunden wurde. Wir unterhielten uns, wenn wir zusammenkamen, mit -Kinderspielen: denn von Gott und göttlichen Dingen wußten wir nichts zu -reden, weil wir zu wenig davon verstanden. O wie glücklich sind doch -Christenkinder, die von Kindheit auf mit dem Heiland und mit so vielen -schönen Geschichten, welche in der Bibel stehen, bekannt gemacht werden! -Die können ihre Zeit viel besser zubringen. Wenn sie es nur auch immer -thäten! Wie froh wären wir gewesen, wenn wir die schönen Erzählungen von -Joseph, Mose, Samuel, David, Jesus selbst und den Aposteln gewußt -hätten, und hätten sie einander erzählen können! Da hätte uns die Zeit -nie lang werden können. Das Liebste war uns, wenn der Vater, der oft in -Geschäften verreisen mußte, nicht zu Hause war, und die Aufseherin Zeit -hatte, sich mit uns abzugeben und uns allerlei Geschichten, Mährchen und -Fabeln zu erzählen. Das war freilich nichts Christliches; aber doch war -zuweilen etwas Gutes und Lehrreiches darunter. Ich erinnere mich noch -einer Fabel, die sie uns oft erzählen mußte, weil wir immer große Freude -daran hatten. Es war - - - die Fabel vom Frosch und von der Haselmaus: - -»Vor vielen, vielen Jahren lebte eine Haselmaus mit sehr weichen Füßchen -und hellen Aeuglein in einer kleinen Höhle nahe an dem Fuß eines -Felsens. Die kleinen Kinder, welche von einigen benachbarten Hütten -herbeikamen, um auf einem Moosplatz unter diesem Felsen zu spielen, -konnten die Höhle nicht sehen, weil ein Zweig von Epheu darüber -hergewachsen war; und da der Epheu das ganze Jahr grün blieb, so -gewährte er der Haselmaus ein beständiges Obdach. Nicht weit von der -Höhle der Haselmaus, in einem sumpfigen Platz unter dem Felsen lebte -eine Familie von Fröschen, welche sich in den dunkeln Stunden der Nacht -durch ihr Gequake der Nachbarschaft kund gaben, so daß Jeder, der -vorbeigieng, sie leicht ausfindig machen konnte, wenn er sich die Mühe -nehmen wollte. Nun geschah es in einer hellen Mondnacht, daß eine Anzahl -roher Knaben, welche vom Felde in ihre Hütten zurückgiengen, zufällig -das Quaken dieser Frösche hörte, worauf sie dem Schalle nachgiengen bis -zu ihrem Aufenthaltsort, und anfiengen, sie mit Steinen zu werfen. -Dadurch wurden die kleinen Thiere bewogen, sich zu flüchten, so gut sie -konnten, und einer von ihnen nahm seine Zuflucht zu der Wohnung der -Haselmaus, wo er sich hinter die grüne Thüre von Epheu setzte, und um -Erlaubniß bat, unter diesem Obdach zu bleiben, bis die Gefahr vorüber -wäre. Die Haselmaus, als sie von den Umständen unterrichtet war, hieß -den Frosch sehr freundlich willkommen, und sagte zu ihm, obgleich ihre -Höhle sehr klein sei, so stehe ihm doch die Hälfte derselben zu Dienst. -Der Frosch war sehr dankbar für dieses gütige Anerbieten, schob sich in -die Höhle hinein, kauerte sich auf eine Seite so eng zusammen, als er -konnte, und wartete ganz ruhig, bis der Lärm der Knaben aufhören würde. -Es wurde sonst kein Laut in den Wäldern gehört, als das Zirpen einiger -Grillen, die sich in der Nähe aufhielten, und das Plätschern einer -kühlen Quelle, welche über den Felsen herabrann. - -Als seine Furcht nachgelassen hatte, fieng der Frosch an, nach seiner -Gewohnheit sich zu blähen und aufzublasen, und ließ seiner üblen Laune -freien Lauf. »In der That, Nachbarin Haselmaus« -- sagte er -- »du hast -da eine sehr bequeme Wohnung, ob sie gleich für unser zwei kaum geräumig -genug ist, und dennoch könnte ich sehr froh sein, den Rest meines Lebens -hier zuzubringen.« - -»Ja« -- erwiederte die Haselmaus -- »die Wohnung ist allerdings sehr -bequem, und ist schon lange ein Eigenthum unserer Familie.« - -»Wirklich« -- fuhr der Frosch fort -- »ich wünschte nur, daß sie ein -bischen größer wäre: denn ich fürchte, du wirst schon finden, daß du in -deinem Winkel kaum Platz genug hast.« -- Damit fieng er an, seine -faltige Haut so aufzublasen, daß die kleine Haselmaus ganz an die Wand -gedrückt wurde, und da sie merkte, daß es vergeblich sein würde, sich -mit einem so gehässigen Thiere in einen Streit einzulassen, flüchtete -sie sich aus der Höhle, lief einen großen Theil der Nacht hindurch, und -kam vor der Morgendämmerung wohlbehalten am andern Ende des Waldes bei -einer bequemen Wohnung an, welche ihrem Bruder gehörte. Unterdessen -blieb der Frosch in der Höhle, und da er in einem Winkel derselben einen -Vorrath von Lebensmitteln fand, welche die Haselmaus für den Winter -aufgespeichert hatte, ließ er sich diese Leckerbissen so gut schmecken, -bis er so breit und dick wurde, daß er nicht mehr durch die Oeffnung der -Höhle hindurch konnte. Nach und nach verschlossen Erdstückchen und -Steinchen, die vom Felsen herabfielen, den Eingang vollends, und da das -Wasser, welches über die Felsen rieselte, eine versteinernde Eigenschaft -hatte, so wurde der Frosch in seiner Höhle eingeschlossen, wie in einem -Grab, und ohne Luft schöpfen zu können, mußte er darin bleiben bis vor -ungefähr dreißig Jahren. Da wurde von einigen Steinbrechern der Fels, -der aus Kalkstein bestand, gebrochen; sein Grab ward geöffnet; er -athmete noch ein paar Mal, und starb.« - -Damals verstand ich den Sinn dieser Fabel nicht, und ergötzte mich nur -an der Erzählung selber; später aber fiel sie mir oft ein, wenn ich sah, -wie übel es einem Menschen gehen kann, der einen Andern gewaltthätig aus -seinem Eigenthume vertreibt, und sich zum Besitzer davon macht, -besonders aber, wenn ich darauf Acht hatte, welch' trauriges Ende der -Undank nimmt. O du armer Mann! dachte ich da, du hast auch nichts vom -Unglück des Frosches gehört! - -So lebte ich nun unter glücklichen Umständen in leichtem Kindersinne -dahin bis in's eilfte Jahr; da hatte ich die erste schmerzhafte -Erfahrung zu machen. Mein Vater wurde gefährlich krank, und man sagte -mir bald, daß an seine Genesung nicht mehr zu denken sei. Ich war -untröstlich, denn ob er gleich ein strenger Mann gewesen, so hatte ich -ihn doch herzlich lieb, und konnte mich nicht in die Trennung von ihm -schicken. Ich kniete oft an seinem Krankenlager und weinte. Er war ganz -ruhig und in sein Schicksal ergeben. »Jedem Menschen,« sagte er, »ist -seine Stunde bestimmt, und er kann ihr nicht entrinnen. Die meinige ist -nun gekommen, und ich fürchte sie nicht. Ich hoffe, in das Paradies -einzugehen. Allah akbar! (d. h. Gott ist groß!)« Mein Vater verließ sich -darauf, daß er in Mekka gewesen, und glaubte deßwegen, die Seligkeit -könne ihm nicht fehlen. Als ich nachher zur Erkenntniß der christlichen -Wahrheit kam, war ich oft wegen seines Schicksals in der Ewigkeit sehr -bekümmert, bis mich Gott nach Seiner großen Barmherzigkeit auch darüber -innerlich beruhigte. Am siebenten Tage nach dem Anfang seiner Krankheit -starb mein Vater. Nach der Beerdigung übernahm mein Bruder das -Handlungsgeschäft und die Haushaltung. Sonst blieb Alles beim Alten. -Guly besuchte mich alle Tage, und wir brachten die meiste Zeit bei -einander zu. Zwar gab's ein Jahr darauf einen schweren Krieg. Eine -türkische Armee zog bis nach Wien, und belagerte diese Stadt neun Wochen -lang, wurde aber geschlagen, und mußte in Eilmärschen sich bis nach -Belgrad zurückziehen. Da kamen auch viele Tausende gefangener -Christensklaven durch die Stadt, welche durch ihr jammervolles Aussehen -manches türkische Herz zum Mitleiden bewegten. Aber Alles das gieng -vorüber, und war für Kinder meines Alters mehr ein unterhaltendes -Schauspiel als ein Gegenstand ernsthafter Ueberlegung. Sonst gieng ein -Tag dahin wie der andere, mit wenig Abwechslung in unserem kleinen -häuslichen Kreise. Was ich wünschte, bekam ich im Ueberfluß; Plage hatte -ich keine als manchmal Langeweile; zu fürchten hatte ich auch nichts als -die Trennung von meiner Guly, welche ich wie eine Schwester liebte. Dieß -ist Alles, was ich von meiner Jugendzeit bis in's siebenzehnte Jahr -meines Alters zu erzählen weiß. Als ich dasselbe angetreten hatte, -gefiel es meinem Bruder, dem ich wie einem Vater gehorchen mußte, mich -mit einem seiner Freunde, einem türkischen Kriegs-Commmissär und -Zahlmeister bei den Janitscharen, zu verloben. Ich kannte ihn nicht, war -auch nicht darum befragt worden, und das Widerstreben hätte nichts -geholfen: ich mußte mich also darein ergeben. Was mir diese Veränderung -am meisten erschwerte, war die Besorgniß, in Zukunft die Gesellschaft -meiner lieben Guly entbehren zu müssen, an die ich mich so sehr gewöhnt -hatte. Aber wie ganz anders gieng's! Mein Bruder hatte beschlossen, ehe -die Heirath wirklich vollzogen würde, noch eine große Geschäftsreise -nach Tiflis und Ispahan zu machen, und trat diese Reise im Juni des -Jahres 1688 wirklich an. Ich nahm Abschied von ihm, ohne daran zu -denken, daß wir uns zum letzten Mal gesehen hätten. Aber bald hieß es, -Belgrad solle belagert werden, und schon im Anfang des August rückten -die Deutschen, unter der Anführung des tapfern Kurfürsten von Bayern, -Maximilian Emanuel, gegen die Stadt an. Im Anfang hatten die Türken gar -wenig Furcht, und hielten es fast für unmöglich, daß die Stadt -eingenommen werden könnte; deßwegen wurde auch Niemanden gestattet, aus -der Stadt zu flüchten. Aber am 10. August merkte man aus den Anstalten, -welche die Deutschen trafen, daß es ihnen mit der Belagerung Ernst sei, -und nun bekamen die Einwohner der Stadt Erlaubniß, auf ihre Rettung -bedacht zu sein. Viele Personen brachten nun ihr bestes Eigenthum auf -die Schiffe, und fuhren damit die Donau hinunter. Aus allen Straßen -drängten sich Leute herzu, welche ihr Leben vor dem Christenschwert, und -ihre Habe vor den räuberischen Christenhänden in Sicherheit bringen -wollten. Aber noch war nicht die Hälfte der Fliehenden eingeschifft, als -sich ein ungemein heftiger Sturmwind erhob, der die übrigen vom Strome -hinweg in ihre Häuser trieb, um auf den morgenden Tag zu warten, denn -während des Sturmes war es nicht möglich, die Schiffe zu laden und -fortzubringen. Unter diesen Flüchtlingen, die wieder in die Stadt -zurückkehren mußten, war auch ich. Mit zwei Sklavinnen und einem -Bedienten hatte ich mein väterliches Haus verlassen, und nichts mit mir -genommen, als eine kleine Kasse voll Goldstücke und mein -Juwelenkästchen. Aber ich war zu spät an den Haven gekommen, um noch mit -den ersten Schiffen abfahren zu können, und als ich schon mit einem -andern Schiffer für mich und meine Leute akkordirt hatte, was mein -Bedienter besorgte, da kam jener Sturm, und trieb uns in die Stadt -zurück. Es war eine angstvolle Nacht, und kein Schlaf kam in meine -Augen. Der Sturm wehte heftig fort, und wenn er morgen nicht aufhörte, -so war zu befürchten, daß uns der einzig noch offene Weg zu entkommen, -auch vollends verschlossen werde. Endlich nach Mitternacht wurde es -ruhig, der Sturm hatte aufgehört, und ich faßte wieder neuen Muth und -neue Hoffnung. Die Augenblicke wurden mir zu Stunden, bis der Tag -anbrach, und ich das Haus verlassen konnte, um zum Haven in das rettende -Schiff zu eilen. Zuerst gieng ich nach dem Hause meiner Freundin _Guly_, -deren Familie sich, wie ich erst spät in der Nacht hörte, endlich auch -noch entschlossen hatte, zu fliehen. Aber schon dort hörte ich, was den -muthigsten Flüchtling in Angst und Schrecken setzen mußte, daß nämlich -die Stadt umher von den Deutschen völlig berennt und eingeschlossen sei; -kein Ausweg zur Flucht sei mehr offen, und ein Jedes müsse sich nun auf -das Schicksal gefaßt machen, das auf die Einwohner einer belagerten und -eroberten Stadt warte. Unglückselige Botschaft! Da stand ich, von allen -meinen Hoffnungen herabgeworfen zu der traurigen Nothwendigkeit, in die -Hände christlicher Sieger zu fallen, die an den Türken so viel erlittene -Mißhandlung und Grausamkeit zu rächen hatten. Ich fiel meiner Freundin -um den Hals und weinte, und sie weinte mit. O die armen kurzsichtigen -Menschen, die sich so viele vergebliche Sorgen machen! O die noch -ärmeren, die keinen lebendigen Gott kennen, auf den sie ihr Vertrauen -setzen dürften, und daher in Verzweiflung gerathen, sobald es dunkel -wird um sie her! So war ich damals. Die erbarmende Liebe Gottes, welche -etwas Besseres für mich ausersehen hatte, machte mir das Entrinnen -unmöglich, und ich war darüber höchst unzufrieden und schmerzlich -betrübt. Er wollte mir zur wahren Freiheit helfen, und mir graute nur -vor Ketten und Banden des Leibes. O Er hielt mich damals schon fest mit -Seilen der Liebe. Lobe den Herrn, meine Seele! - - - - - Zweites Kapitel. - Der Besuch in Wien. - - -So nahm denn am 11. August die eigentliche Belagerung der Stadt ihren -Anfang, und weil ich in der Vorstadt an der Oberstadt wohnte, so mußte -ich meine Wohnung gleich den Feinden überlassen, und mich auf die andere -Seite in die Wasserstadt flüchten, wo ich in dem Hause meiner Freundin -_Guly_ freundliche Aufnahme fand. Das war eine Zeit großer Angst und -Furcht, in welcher eine Schreckensbotschaft die andere ablöste, die Tage -ohne Ruhe und die Nächte ohne Schlaf dahingiengen, und jeder Lebende nur -Einen Nachbar hatte, nämlich den Tod. O hätte ich damals recht beten -können, wie viel leichter wäre mir das Alles zu tragen gewesen! In den -sechs und zwanzig Tagen der Belagerung wuchs die Noth und Beängstigung -von Tag zu Tage mehr. Alle Nachrichten von den täglichen Fortschritten -der Feinde überzeugten uns, daß nichts Anderes als die Einnahme der -Stadt zu erwarten sei. Endlich am 6. September wurde, ungeachtet der -verzweifelten Gegenwehr von türkischer Seite, durch die unglaubliche -Tapferkeit der Christen die Stadt und Festung mit stürmender Hand -erobert, und in der ersten Hitze Alles niedergemacht. Da die -Wasserstadt, wo wir wohnten, am weitesten von dem Anlauf entfernt war, -so mußten wir auch länger in der Todesangst schweben. Immer näher wälzte -sich das brüllende Geschrei der Sieger und das jammernde Wehklagen der -Mißhandelten und Sterbenden; ich hatte mich darauf gefaßt gemacht zu -sterben, und es war noch mein einziger Wunsch, nur nicht den Barbaren -als Sklavin in die Hände zu fallen. Aber was ich auf's Aeußerste -fürchtete, gerade das widerfuhr mir. Ein vornehmer Offizier nahm mich -gefangen, ergriff mich bei der Hand, und riß mich in größter Eile mit -sich fort. So gieng's denn durch das Gedränge von Menschen und Pferden, -über Todte und Verwundete hinüber, durch Bäche von Blut, unter -herzzerreißendem Geschrei von allen Seiten, der Sklaverei zu, vor der -mir's tausendmal mehr schauderte, als vor dem Tode. Welche Bestürzung, -welches Entsetzen mich damals ergriffen hatte, kann man sich denken. -Etlichemal suchte ich, wenn wir in's Gedränge kamen, mich loszureißen, -und wollte lieber von den Pferden zertreten werden, als eine Gefangene -der Christen sein. Aber ich wurde fest bei der Hand gehalten, und mußte -folgen, wohin ich nicht wollte, bis ich, von fremdem Blut fast ganz -überzogen, endlich mit großer Mühe in's feindliche Lager gebracht war. - -So mußte ich denn Sklavin sein unter einem Volke, das ich aufs Aeußerste -verabscheute, nicht blos, weil mir von Kindheit an ein Haß gegen die -christliche Religion eingepflanzt war, sondern auch, weil ich sehen, -hören und erfahren mußte, wie diejenigen, die sich rühmten, Christen zu -sein, eben so arg und noch ärger als die Türken lebten, und sich mit den -gräulichsten Lastern befleckten. Das konnte dann freilich bei mir und -andern Türken keinen andern Eindruck machen, als daß ihre Religion ganz -falsch, und sie ferne sein müssen von der Furcht des wahren Gottes. -Nachher erst lernte ich auch Christen von einer besseren Beschaffenheit -kennen, die mich anders denken lehrten. - -Indessen war bei mir keine Wahl; ich mußte folgen, wohin mich der, den -mir Gott zum Herrn und Gebieter gegeben hatte, haben wollte. Als nun der -Kurfürst von Baiern nach der Eroberung Belgrads so schnell zurückeilte, -daß er schon den 4. Oktober in seiner Residenz zu München ankam, so -mußten ihm auch seine christlichen Truppen schleunigst folgen, und so -wurde auch ich noch denselben Herbst von meinem Gebieter, dem bairischen -Obristlieutenant _Burget_, durch Ungarn und Oestreich nach Baiern -geführt, und in die Stadt Landshut gebracht. Unterwegs machte mein Herr -einen Besuch bei seinem Bruder in Wien, der östreichischen Hauptstadt, -welche die Türken _Beks_ nennen. Dieser war ein kaiserlicher Hofrath und -wohnte in der Annagasse, nicht weit vom Kärnthner Thor. Mein Herr durfte -nur drei Tage in Wien bleiben, was ihm sehr ärgerlich war, und mir wo -möglich noch mehr. Denn hier lernte ich zum ersten Mal einen Christen -kennen, der diesen Namen verdiente. Es war ein alter Legationsrath, -der im Hause des Hofraths wohnte, und schon mehrfach als -Gesandtschafts-Sekretär gedient hatte. Er kam jedesmal zum Essen, und -ich verstand so viel Deutsch, um aus seinen Erzählungen zu merken, daß -in ihm ein frommes Gemüth sei, das für alle Erfahrungen, die er in -seinem Leben gemacht, Gott die Ehre gab, und Ihm für Seine Güte dankte. -Das war mir etwas ganz Neues und Seltsames, und ich war sehr aufmerksam, -um kein Wort zu verlieren, das dieser gute alte Mann sagte. Einmal bei -Gelegenheit einer Nachricht, daß an mehreren Orten auf der türkischen -Grenze die Pest ausgebrochen sei, theilte er seine eigenen Erfahrungen -mit, die in uns Allen einen tiefen Eindruck von der schrecklichen Gewalt -dieser Krankheit zurückließen. Ich will es mit seinen Worten wieder -erzählen: - -»Als ich,« sagte er, »vor drei und zwanzig Jahren Gesandschafts-Sekretär -in London war, brach dort die große Pest aus, die vielen tausend -Menschen das Leben kostete. Diese Krankheit machte nicht viele Umstände: -in der kürzesten Zeit raffte sie die vorher gesundesten Menschen hinweg. -Manchmal fiel ein Mann oder eine Frau mitten auf dem Marktplatz todt -darnieder: denn viele Leute, welche die Pest hatten, wußten nichts -davon, bis ihre Lebensgeister angegriffen wurden und sie in wenig -Augenblicken starben. Häufig fielen Leute auf diese Weise auf den -Straßen ohne irgend ein Vorzeichen plötzlich um, und waren auf der -Stelle todt. Andere hatten etwa noch Zeit, bis zur nächsten Bude oder -Thorhalle zu gehen, und setzten sich nieder und starben. Diese Vorfälle -waren auf den Straßen so häufig, daß man kaum Jemand wandeln sah, wohl -aber hie und da einen Leichnam auf dem Boden liegen. Im Anfang standen -die Vorübergehenden still, wenn sie so einen Todten antrafen, und riefen -den Nachbarsleuten zu, sie sollten herbeikommen; aber nachher, als die -Fälle so häufig wurden, und die Angst eines Jeden für sein eigenes Leben -immer größer, nahm man gar keine Notiz mehr davon. Fand Jemand unterwegs -einen Leichnam liegen, so gieng er quer über den Weg, um ihm -auszuweichen; und war es in einer engen Gasse, so kehrte er um und -machte einen andern Weg. Da blieben denn die Leichname so liegen, bis -die Polizei Nachricht hatte und sie wegschaffen ließ, oder bis in die -Nacht, wo sie der Todtenkarren, der durch die ganze Stadt fuhr, auflud.« - -»Auf meinen Wanderungen mußte ich manchen traurigen Auftritt mit ansehen -von Leuten, welche in den Straßen todt niederfielen, oder das furchtbare -Angstgeschrei der Frauen anhören, welche im Todeskampf noch die Fenster -öffneten, und auf eine erschreckliche Weise herausschrieen. Eines Tages, -als ich durch Tokenhouse Yard gieng, wurde plötzlich gerade über mir ein -Fensterflügel heftig aufgerissen, und eine Frau stieß drei furchtbare -Schreie aus, und rief: O Tod! Tod! Tod! in einem schreckenerregenden -Tone, der mir das Blut gerinnen machte. Es war Niemand auf der Straße zu -sehen, öffnete auch Niemand ein Fenster: denn die Leute hatten alle -Neugierde verloren. In Whitechapel kannte ich eine Familie von zehn -Personen: sie waren alle anscheinend wohl am Montag; am Samstag -Nachmittag waren alle todt, und das Haus stand leer.« - -»Ein sonderbarer Vorfall begegnete nur eines Abends, als ich über City -Road gieng. Es war schon halb Abenddämmerung, und ein dichter Nebel, der -kaum zehn Schritte weit sehen ließ. Ich hatte mich verspätet, und eilte, -um noch bei Tage meine Wohnung zu erreichen, ohne Jemand zu berühren. -Niemand begegnete mir. Niemand zeigte sich auf der Straße. Auf einmal -sah ich vor mir eine Gestalt, die sich bewegte, und blieb stehen. Bei -genauerer Betrachtung fand ich, daß es ein Mensch war, der sich bemühte, -einen andern zu Boden gefallenen, und also wahrscheinlich todten -Menschen aufzurichten. Ich rief ihm zu: »»Freund! bedenket Ihr auch, was -Ihr thut? Ihr rühret einen Menschen an, der ohne Zweifel an der Pest -gestorben ist, und müßt doch wissen, daß eine solche Berührung das Leben -kostet!«« -- Der Mann richtete sich langsam auf, und entgegnete mit -einer hohlen Stimme: »»Kamerad! für mich darfst du keine Sorge haben; -ich bin schon einmal an der Pest gestorben, mir thut sie nichts mehr; -aber den da hat sie scharf gepackt.«« -- Die Stimme klang so tief -herauf, ihr Inhalt war so sonderbar, Alles umher so still, alle Umstände -waren so aufregend, und die Gestalt stand im Nebel so feierlich da, daß -es mir zu verzeihen gewesen wäre, wenn ich wirklich geglaubt hätte, -einen Geist aus der andern Welt zu hören; aber indem ich überlegte, was -ich aus der Sache machen sollte, fiel die lange Gestalt mit einem Schrei -zu Boden, und war auch todt. Nachher hörte ich, daß es ein Wahnsinniger -gewesen, der durch die Abwesenheit seines Wächters, welcher etwas holen -wollte, Gelegenheit gefunden hatte, sich los zu machen und auf die -Straße zu gehen. Da traf er denn seinen Wächter an, den die Pest -unterwegs ergriffen und getödtet.« - -»Zu dieser Zeit lebte auch Lord Craven in London. Sein Haus war in dem -Theil der Stadt, der seitdem Craven Buildings heißt. Als die Pest -allgemein wurde, entschloß sich der Lord, auf seinen Landsitz zu ziehen, -um der Gefahr zu entgehen. Als er durch sein Schloß gieng, den Hut auf, -seine Handschuhe anziehend, um eben in die Kutsche zu steigen, hörte er -seinen Kutscher, der ein Neger war, zu einem andern Bedienten sagen: -»»Ich denke, da mein Herr London verläßt, um der Pest zu entfliehen, so -muß sein Gott auf dem Lande leben, und nicht in der Stadt.«« -- Der arme -Schwarze sagte dieß in der Einfalt seines Herzens, weil er wirklich -glaubte, daß es verschiedene Götter gebe, die an verschiedenen Orten -Macht haben. Dieses Gespräch machte aber auf Lord Craven einen solchen -Eindruck, daß er in London blieb, wo er in dieser Zeit der Noth sehr -thätig und nützlich war, und Gott war so gnädig, sein Leben zu -erhalten.« - -So erzählte der Legationsrath, und setzte hinzu: »Lasset uns Gott -bitten, daß diese fürchterliche Plage nicht auch zu uns herüberdringe. -Wir hätten's wohl verdient mit unsern Sünden.« - -Wie gerne hätte ich diesem Manne mein Herz geöffnet, wenn die Umstände -es erlaubt hätten, und unser Aufenthalt in Wien von längerer Dauer -gewesen wäre. Aber nach drei Tagen mußte ich auch diesen Ruhepunkt -wieder verlassen, und meine betrübte Reise weiter fortsetzen. O wie -schmerzlich war das! Vom Vaterlande immer weiter hinweg, ohne Hoffnung, -wieder in dasselbe zurückzukommen, oder jemals Eines von den Meinigen -wieder zu sehen; und hinein unter ein Volk, gegen welches ich die größte -Abneigung hatte, und von dem ich nichts als Verachtung, Mangel und -harten Dienst zu erwarten hatte. Als wir Wien verließen, hörten wir dort -schon ein Volkslied auf die Eroberung von Belgrad singen, das also -anfieng: - - Sechszehnhundert acht und achtzig - Hobn's Belgrad eing'nomme; - Die Türke, die seyn g'loffe, - Wie der Maxel is komme &c. - -Das war auch wieder eine Erinnerung an mein Unglück, die mich -schmerzlich verwundete; und so war auch meine Lage in Landshut nicht -dazu geeignet, mich dasselbe vergessen zu lassen. Mein Herr war zwar ein -gutmüthiger, rechtschaffener Mann; aber seine Frau, aus Böhmen gebürtig, -war streng und unbarmherzig, führte einen ungeordneten Lebenswandel, war -besonders dem Weintrinken ergeben, und plagte und mißhandelte mich oft -über die Maßen. Wie oft seufzte ich nach Erlösung; aber es schien, als -ob kein Ohr auf meine Bitten hörte. Nirgends fand ich eine Freundin oder -Vertraute, vor welcher ich hätte mein Herz ausleeren können, und Guly -- -ach! ich habe ganz vergessen, von ihrem Schicksal etwas zu sagen. Wir -hatten uns fest an einander geschlossen, um mit einander zu sterben; als -aber der Obristlieutenant Burget in unser Haus eindrang und mich -gefangen nahm, kam von der andern Seite ein anderer feindlicher -Hauptmann, der Guly am Arme ergriff, und trotz ihrem Schreien und -Sträuben von mir losriß. Ich habe sie nicht wieder gesehen. So gieng -mir's denn hart und schwer; endlich aber kam doch auch eine Zeit der -Erquickung. - - - - - Drittes Kapitel. - Der Vogt in Liebenzell. - - -Es war noch in demselbigen Winter, daß der Krieg am Oberrhein ausbrach, -und der Kurfürst von Baiern war der Erste, der gegen Frankreich in's -Feld zog. Da mußte denn auch ich mit meinem Obristlieutenant und seiner -Frau, die ich zu bedienen hatte, noch im Winter des Jahrs 1689 weiter -nach Schwaben hinein, und namentlich in's Herzogthum Württemberg, -ziehen. So geschah es, daß ich zum ersten Mal das Land zu sehen bekam, -in welchem so viel Segen meiner wartete. Unser Weg gieng über Würzburg -und Heilbronn nach Pforzheim, und von da in das württembergische -Städtchen Liebenzell. Da mußte ich, während meine Herrschaft weiter zog, -bleiben, so lange der Feldzug währte, und wurde dem damaligen Vogt oder -Amtmann daselbst, Namens _Frisch_, in die Kost gegeben. Nun war ich auf -eine Zeit lang aus meinem Kerker los, und konnte wieder freier athmen. -Das Städtchen liegt in einem tiefen, engen Thale des Schwarzwaldes an -dem Nagoldflusse, und lehnt sich an einen Hügel, welchen die Trümmer -einer alten Ritterburg krönen, malerisch an. Hier ist's das ganze Jahr -ruhig und geräuschlos; die Straße, welche von Calw und Hirschau durch's -Thal herunter führt, ist nicht sehr belebt; auf allen Seiten steigen -hohe, steile Berge, die mit Weißtannen und Eichen bewachsen sind, -himmelan, und das Städtchen selbst wird nur in den Sommermonaten -lebendiger, wo die dort befindlichen warmen Bäder stark besucht werden. -Was mir aber mehr werth war, als dieß, das war die Erfahrung, welche ich -bald machen durfte, daß ich in eine wahrhaft christliche Familie -gekommen sei. In Wien hatte ich die vorübergehende Erscheinung eines -wahren Christen gesehen; hier konnte ich das ruhige, liebliche Bild -eines ganzen christlichen Hauskreises täglich von allen Seiten -beobachten. Da erst fieng ich an, eine bessere Meinung von den Christen -und ihrer Religion zu bekommen. Die Predigten, welche ich von dem -Stadtpfarrer _Mack_ und dem Helfer _Moseder_ hörte, und die -Freundlichkeit und Liebe, welche ich von der lieben Familie des Herrn -Vogts erfuhr, machten zum ersten Mal den Gedanken in mir rege, daß ein -Christ doch besser sei als ein Türke, und daß ich mich wohl auch noch -entschließen könnte, eine Christin zu werden. Vor allen Dingen aber -wollte ich das Wort Gottes selbst kennen lernen: denn ich hatte einmal -den Spruch in der Kirche gehört: »So ihr bleiben werdet an _meiner_ -Rede, so seid ihr meine rechten Jünger, und werdet die Wahrheit -erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.« Dieser Spruch hat -mich sehr gefreut; denn wenn man einem Gefangenen sagt, wie er frei -werden könne, so lacht ihm das Herz. An die Freiheit, welche Christus -meint, dachte ich dabei nicht, denn von dieser verstand ich noch nichts. -Aber ich hatte von da an eine mächtige Begierde in mir, das Neue -Testament durchzulesen. Zwar hörte ich in der Kirche manchen Abschnitt -daraus, auch wurde in unserm Hause bei der Morgen-Andacht jeden Tag ein -Kapitel aus der Bibel vom Herrn Vogt selbst vorgelesen; aber das Alles -genügte mir nicht, ich wäre gern selbst an der Quelle gewesen, um mit -vollen Zügen daraus zu trinken. Allein vor dieser Quelle hieng ein -Schloß. _Ich konnte nicht lesen._ Ich dachte aber, lernen sei keine -Schande, und bat die zwölfjährige Tochter des Vogts, mich im Lesen zu -unterrichten. Da ich mit großem Ernst und Eifer an dieses Geschäft -gieng, so war ich auch in wenig Wochen damit im Reinen, und nun konnte -ich meinen Durst befriedigen, und war unbeschreiblich froh, dieses -verschlossene Heiligthum nun vor mir eröffnet zu sehen. Freilich kam ich -da an Manches, was ich nicht so bald verstand; aber ich hatte Jemand, an -den ich mich wenden durfte: das war die Schwester des Herrn Vogts, Frau -Doktor _Commerell_ aus Stuttgart, eine sehr liebreiche und äußerst -verständige Frau, die während der Sommermonate das Bad in Liebenzell -gebrauchte und in unserem Hause wohnte. Diese nahm sich meiner wahrhaft -mütterlich an, und gewann durch ihre Freundlichkeit mein ganzes -Vertrauen, so daß ich sie über Alles fragen konnte, was mir dunkel war, -und nie von ihr abgewiesen wurde. Das war mir viel werth. - -Eine besondere Freude hatte ich mit den liebenswürdigen Kindern des -Vogts, die alle einen sehr aufgeweckten und lebhaften Verstand zeigten. -Wir ergötzten uns oft an ihren kindlichen Einfällen, deren mir immer -noch einige erinnerlich sind. - -Der fünfjährige Theodor war eines Morgens früh wach geworden, als eben -der Vater sich rüstete, eine Reise nach Wildbad zu machen. Es war ein -schöner Aprilmorgen; die Sonne war eben aufgegangen und schien hell in's -Zimmer herein. Theodor fragte: »Warum hat denn heute die Sonne so früh -ausgeschlafen? Nicht wahr, Vater! sie ist so früh aufgestanden, um dir -auf dem Wege nach Wildbad zu leuchten?« - -Ein ander Mal auf einem Abendspaziergang, als der Mond abwechselnd -hinter den Wolken war, und der Stern Jupiter in seiner Nähe, sagte -Theodor: »Sieh', Vater, der Mond will den Stern fangen.« - -Als die Großmutter krank war, fragte er sie: »Warum bist du krank?« Sie -sagte: »Ja, das weiß nur der liebe Gott.« Er fuhr fort: »Darf man Ihn -denn fragen?« -- »Nein,« antwortete die Großmutter, »man muß mit Allem -zufrieden sein, was Gott thut.« -- Theodor fragte weiter: »Darf man denn -den lieben Gott fragen, wenn man zu Ihm in den Himmel kommt, warum Er -einen hier krank werden läßt?« -- »O!« war die Antwort, »im Himmel bei -Gott ist man dann so froh, daß man dann noch besser weiß, man solle -nicht so fragen.« - -Einmal fragte er: »Warum blühen die Birnbäume weiß, und die Apfelbäume -roth? nicht wahr, weil jene weiße Birnen und diese Aepfel mit rothen -Backen tragen?« - -Ein ander Mal sagte er: »Man sollte die Männer _Nauspersonen_ heißen, -weil so viele auf der Straße vorbeigehen; die Frauen aber -_Stubenpersonen_, weil sie mehr im Zimmer bleiben.« - -Die sanft aussehende, aber manchmal etwas eigensinnige _Lina_ fragte die -Mutter: »Warum tadelst du mich denn so oft, und fremde Leute loben mich -doch immer?« -- Man sieht daraus, wie vorsichtig man mit seinen -Aeußerungen auch über kleine Kinder sein muß, wenn sie dabei sind. - -Von den Fliegen sagte Lina, sie seien Müßiggänger und Schmarotzer. Ein -ander Mal aber, als sie sah, daß die Kindsmagd das Tischtuch in's Feuer -ausschüttelte, sagte sie zu ihr: »Ei, Regina! weißt du nicht, daß Gott -für die Sperlinge sorgt, und muß es Ihm nicht mißfallen, wenn du so -manche Brosamen zu Grunde gehen lässest, welche ein Frühstück für die -Sperlinge hätten geben können?« - -Ihren Großvater, der ziemlich übel hörte, fragte sie: »nicht wahr, -Großvater, du hörst nicht wohl, weil du so alt bist?« -- »Ja!« -- »Aber -du bist doch nicht älter als der liebe Gott, und der hört doch Alles!« - -Aehnliche Aeußerungen kamen fast täglich vor, und machten uns manche -fröhliche Stunde. - -Der Vogt hatte auch zwei Knaben von neun und zehn Jahren, die bei großer -Munterkeit sehr viel Gutmüthigkeit zeigten, und wenn die Lebhaftigkeit -zuweilen in Wildheit ausartete, doch das Gute hatten, daß sie dem -elterlichen Befehl auf der Stelle gehorchten. Wir hatten an einem -schönen Nachmittag im Mai einen Spaziergang in das nur eine Stunde -entlegene Kloster Hirschau gemacht, um von dem frommen Abt Matthäus -_Aulber_, der seinem Ende nahe war, Abschied zu nehmen. Er wurde -weggerafft vor dem Unglück, das drei Jahre später dieses große und -schöne Kloster traf, als die Franzosen es durch Brand zerstörten. Wir -waren Alle voll von dem Eindruck, welchen das Bild dieses sterbenden, -ehrwürdigen Dieners Christi in unsern Herzen zurückließ, und als bei -unserem Weggehen die großen Fenster des hochgelegenen Prälaturgebäudes -im letzten Strahl der Abendsonne glänzten, so ergriff uns der Gedanke, -daß auch drinnen ein helles Licht der Kirche im Verlöschen sei, dessen -letzte Strahlen wir aus den Fenstern seiner Augen hatten schimmern -sehen. Ernst gestimmt wandelten wir das enge Thal hinunter, dem Fluß -entlang. Ein paar böse Knaben begegneten uns, die einem armen alten Mann -nachspotteten, weil sein alter brauner Tuchrock mit weißer Leinwand -geflickt war. Die beiden Knaben des Vogts waren auch in Versuchung, in -das Gelächter einzustimmen; aber ein scharfer Blick vom Vater verwies es -ihnen sogleich, und etwas später fragte er sie: »Kinder! warum ist's -nicht recht, über jenen armen Mann zu lachen?« -- »Wir haben ja nicht -über den Mann gelacht, sondern nur über seinen Rock,« antwortete Ernst. - -»Ei! was soll das heißen?« fuhr der Vater fort. »Ist der Rock -lächerlich, so ist auch der Mann lächerlich, daß er den lächerlichen -Rock anzieht!« - -»Aber,« sagte Gottfried, »der Mann kann ja nichts dafür, daß sein Rock -so geflickt ist; er wird eben kein anderes Tuch gehabt haben.« - -Der Vater stand still. »Seht ihr wohl, daß keiner von beiden das -Auslachen verdient, weder der Mann noch sein Rock! Der arme Mann kann -nichts dafür, daß sein Rock so geflickt ist, weil er kein anderes Tuch -hatte, und der Rock ist ohnehin unschuldig. Aber wißt ihr denn auch, was -hier besser am Ort gewesen wäre, als auslachen?« - -Beschämt sagten Beide mit einander: »Mitleiden mit dem armen Manne, daß -er keinen bessern Rock hat.« - -»Nun,« erwiederte der Vater, »merkt euch dieß für ein anderes Mal, und -nennet mir eine Geschichte aus dem Alten Testament, an die man in -solchen Fällen denken muß.« - -_Gottfried._ O ich weiß schon, du meinst die Geschichte von den bösen -Knaben aus Bethel, die im zweiten Buch der Könige steht. - -_Vater._ Recht, die meine ich, und wenn wir nach Hause kommen, will ich -sie euch vorlesen. - -_Ernst._ O, aber aus dem Bilderbuch! - -_Vater._ Gut. - -Als wir nach Hause gekommen waren, wurde gleich das Bilderbuch geholt, -und die Geschichte aufgeschlagen. Der Vater las: - - Elias war im Feuerwagen, - Empor in's Reich des Lichts getragen, - Und staunend blickt Elisa nach. - D'rauf greift er nach Eliä Mantel, - Zertheilt des Jordans tiefen Bach, - Und schickt sich zum Propheten-Wandel. - Mit Salz beginnet er sein Amt, - Die bösen Wasser rein zu machen, -- - Und sehet, wie sein Eifer flammt, - Als böse Buben ihn verlachen! - Von Bethel sie gekommen waren, - Woher der Kälberdienst gestammt, - Und wild, als wie die rothen Kamt- - schadalen, rufen ihre Schaaren: - »Komm her, du Kahlkopf! Komm herauf, - Kahlkopf!« -- und machen ihn zum Spott. - Und er die wilde Brut verdammt - Im Namen des Herrn Zebaoth, - Und setzt dann weiter seinen Lauf. - Und eh' ihr euch umgesehen habt, - Und Elisa auf den Carmel kommt, - Da ist der Fluch schon eingetroffen: - Im nahen Eichwald dumpf es brummt, - Und es kommen zwei Bären einhergetrabt, - Den schrecklichen Rachen grimmig offen. - Nun hört man ein Jammern und Zettergeschrei, - Der Eine flieht da, der Andere dort, - Aber das Fliehen ist bald vorbei: - Die Meisten ergreift der blutige Mord, - Und zweiundvierzig Knaben zerrissen, - Die Strafe der Bosheit leiden müssen. - Doch haben die Bären keinen verzehrt; - Nicht Hunger sie trieb, sondern Gottes Schwert. - Sie gehen nun langsam wieder heim, - Und suchen sich Bäume mit Honigseim. - -Zuweilen machte der Vogt einen Besuch bei seinem Freunde, dem Pfarrer -Roth in Möttlingen, einem kleinen Dorfe östlich von Liebenzell. Er war -damals schon neunzehn Jahre Pfarrer auf diesem Dorfe, und blieb nachher -noch neunundzwanzig Jahre daselbst. Da der Vogt gewohnt war, bei solchen -Besuchen immer seine ganze Familie mitzunehmen, zu welcher ich auch -gezählt wurde, so durfte ich jedesmal auch mitgehen, was mir eine -besondere Freude machte, da ich den Pfarrer Roth, einen sehr -unterhaltenden Mann, so gern erzählen hörte. Ich hatte ein rechtes Herz -zu ihm, und konnte ihm meine Gedanken und Empfindungen ganz offen -mittheilen. Er verstand mich gleich, und wußte mir immer etwas Passendes -zu antworten. Einmal z. B. sagte er mir: »Weißt du denn auch, wie die -Bauernweiber bei uns es machen, ehe sie zu Bette gehen?« -- »Nein,« -sagte ich. -- »Nun sieh, damit sie nicht am Morgen die Mühe haben, erst -Feuer anzumachen, kehren sie am Abend die Glut auf dem Heerd zusammen -und bedecken sie mit Asche, dann haben sie am andern Morgen gleich -wieder Feuer. Nun mach' du's auch so. Wenn du Abends zu Bette gehst, so -bitte den Heiland, daß Er die guten Gedanken in deiner Seele -zusammenkehre, damit du sie am Morgen gleich wieder findest, und dein -erster Gedanke beim Erwachen Jesus sei.« Diesen Rath habe ich denn auch -befolgt, und großen Nutzen davon gehabt. - -Ein anderes Mal äußerte ich gegen ihn, wie bang es mir sei, wenn ich nun -bald wieder in den Dienst meiner Herrschaft zurücktreten müsse, wo ich -nichts als Spott und Verachtung zu erfahren haben würde, wenn ich meinen -Glauben an Jesum bekennen wollte, und wo es mir schmerzlich ahnd thun -werde nach dem christlichen Umgang und Unterricht, den ich in meiner -jetzigen Lage in so reichem Maße genieße. Bei dieser Gelegenheit -erzählte er mir, zur Ermunterung meiner Standhaftigkeit, die Geschichte -von dem jungen christlichen Märtyrer - - - Cyrillus. - -»In Cäsärea bewies im Jahr 258 nach Christi Geburt ein Kind, Namens -_Cyrillus_, eine ungemeine Beharrlichkeit. Er rief ununterbrochen den -Namen Christi an, und Mißhandlungen und Schläge konnten ihn nicht von -einem offenen Bekenntniß des Christenthums abschrecken. Verschiedene -Kinder von gleichem Alter verfolgten ihn, und sein eigener Vater trieb -ihn aus dem Hause, worüber ihm viele Leute wegen seines Eifers für das -Heidenthum Lob ertheilten. Der Richter ließ den Knaben vor sich kommen -und sagte zu ihm: »»Mein Kind! ich will dir deine Fehler verzeihen, und -dein Vater soll dich wieder aufnehmen. Es steht in deiner Macht, in den -Genuß der Güter deines Vaters gesetzt zu werden, wenn du nämlich klug -bist, und dein Glück nicht mit Füßen trittst.«« -- »»Ich trage Eure -Vorwürfe gern«« -- erwiederte das Kind. -- »»Gott wird mich aufnehmen. -Es macht mir keinen Kummer, daß ich aus meinem väterlichen Hause -vertrieben bin: ich werde eine bessere Wohnung bekommen. Ich fürchte den -Tod nicht: denn er wird mich in ein besseres Leben führen.«« -- Nachdem -ihn die Gnade Gottes gestärkt hatte, dieses gute Bekenntniß abzulegen, -ließ man ihn binden und zur Hinrichtung führen. Der Richter hatte -geheime Befehle gegeben, ihn zurückzuführen, weil er hoffte, der Anblick -des Feuers könnte seinen Entschluß überwältigen. Cyrill blieb -unbeweglich. Die Menschlichkeit des Richters versuchte immer wieder -auf's Neue, Gegenvorstellungen zu machen. »»Euer Feuer und Euer -Schwert«« -- sagte der junge Märtyrer -- »»sind unbedeutend. Ich gehe in -ein besseres Haus, zu vortrefflicheren Reichthümern. Laßt mich lieber -gleich sterben, daß ich zu ihrem Genuß gelange.«« Die Zuschauer weinten -vor Rührung. »»Ihr solltet euch lieber freuen,«« -- sagte er -- »»wenn -Ihr mich zum Tode führet. Ihr wisset nicht, was für eine Stadt ich -bewohnen werde, und was für eine Hoffnung ich besitze.«« So gieng er -seinem Tode entgegen und war die Bewunderung der ganzen Stadt. Aus dem -Munde der Kinder hat Gott sich ein Lob zubereitet!« -- - -Ich schämte mich bei dieser Erzählung herzlich über meine Schwachheit -und Furchtsamkeit; aber doch konnte ich mich, so oft ich an eine -Trennung von der mir so lieb gewordenen Familie in Liebenzell dachte, -eines heimlichen Schauders nicht erwehren, und sah auch keinen Ausweg, -um dieser schmerzlichen Veränderung zu entgehen. Das Spätjahr kam mit -schnellen Schritten herbei, der Feldzug hatte ein Ende, meine Herrschaft -zog in die Winterquartiere nach Baiern zurück, und ich mußte mit. Bei -dem herzverwundenden Abschied von meinen Freunden in Liebenzell blieb -mir zur Aufrichtung nur die Hoffnung, sie etwa im nächsten Feldzug -wieder zu sehen. - - - - - Viertes Kapitel. - Der Adler in Weilerstadt. - - -Was ich gehofft hatte, geschah -- nur halb. Der Feldzug fieng zwar im -nächsten Jahre frühzeitig wieder an, und ich mußte wieder mit meiner -Herrschaft nach Württemberg reisen; aber dieß Mal gieng's nicht nach -Liebenzell, sondern nach der kleinen Reichsstadt Weil (gewöhnlich -Weilerstadt genannt), wo der Obrist-Lieutenant seine Frau, und mich zur -Bedienung derselben, zurückließ. Da hatte ich es nun freilich nicht so -gut, wie in Liebenzell; kein Freund und Vertrauter war da, dem ich meine -Noth hätte klagen, kein Bibelbuch, aus dem ich hätte Trost schöpfen -können. Wie gern hätte ich einen, wenn auch nur kurzen Besuch bei dem -Pfarrer Roth in Möttlingen gemacht, das nur eine Stunde von Weilerstadt -entfernt ist; aber auch das wurde mir nicht gestattet. Ich hatte unter -dem Druck meiner Gebieterin herbe und schwere Tage durchzumachen, und -würde vergangen sein in meiner Noth, wenn mich nicht Gott von Zeit zu -Zeit durch einen Spruch aus der Bibel auf mein tiefes Seufzen hin -erquickt hätte. - -Eines Tages hatte mich meine Frau Obrist-Lieutenant sehr hart -mißhandelt, und war darauf aus dem Hause zu einer Gesellschaft gegangen. -Ich stellte mich an ein Fenster im Hause, und weinte bitterlich. Meine -Seele schrie zu Gott: Du, der Du doch Alles siehest und hörest, -himmlischer Vater! kannst Du denn das Alles so ruhig mit ansehen und -anhören, und weißt doch, daß ich unschuldig bin? Willst Du mir denn -nicht auch einmal helfen, da ich Dich schon so oft darum angerufen habe, -und mich frei machen aus dieser Knechtschaft, wo ich immer unter Angst -und Furcht leben muß? O Vater! erbarme Dich über mich! -- Indem ich -innerlich so seufzte und jammerte, kam der Hauswirth (es war der -Gastgeber zum schwarzen Adler in Weilerstadt) zu mir her, und sah meine -Thränen. Weil er von der üblen Aufführung meiner Frau wußte, und selbst -ärgerlich darüber war, mochte er sich schon denken können, warum ich so -traurig sei, und da ich sah, daß er Mitleiden mit mir hatte, so war ich -offen gegen ihn, schilderte ihm meine betrübte Lage, und gab ihm zu -verstehen, daß ich Gelegenheit wünschte, von diesem Elende loszukommen -und davon zu laufen. Er erkundigte sich, ob ich keine Bekannten im Lande -habe, zu denen ich meine Zuflucht nehmen könnte. Ich wußte ihm Niemand -zu nennen als Herrn Vogt Frisch in Liebenzell und seine Schwester, Frau -Doktorin _Commerell_ in Stuttgart. Der letztere Name gefiel ihm, und -sein Entschluß war bald gefaßt. Ohne Jemand in seinem Hause ein Wort -davon zu sagen, verschloß er mich in eine Kammer, die gerade über dem -Gemach meiner Gebieterin war, so daß man alle ihre Reden vernehmen, und -durch eine Oeffnung sogar hinunter sehen konnte. Nachdem er mich nun -erinnert hatte, daß ich auf ihre Reden gut Acht haben möchte (sie sprach -nämlich Böhmisch, was ich schon ziemlich gut verstand), nahm er den -Schlüssel zu sich, und erwartete unten, wie ich oben, die Heimkunft -meiner Gebieterin. Wie mir da zu Muthe gewesen, kann ich nicht wohl -beschreiben; es war in meinem Gemüth ein sonderbares Gemisch von Furcht, -Angst, Hoffnung und Freude, von denen immer wieder eins das andere -verdrängte, und eine Zeit lang die Oberhand behielt. Jene angstvolle -Entscheidungszeit hat sich aber meinem Gemüth und meinen Nerven so fest -eingedrückt, daß mir noch lange nachher, so oft ich in einem -verschlossenen Gemach mich allein befand, in der Erinnerung an jene -Angststunden übel zu Muthe wurde, und mich ein unwillkürliches Zittern -in allen Gliedern anwandelte. Mit der Zeit hörte auch dieses auf, -nachdem ich die rechte Ruhe in Gott gefunden. Endlich kam sie spät in -der Nacht, ziemlich betrunken, wie wir wohl vermuthet hatten, und ob sie -gleich nach mir fragte, gab sie sich doch bald zur Ruhe. Ich konnte in -dieser Nacht nicht viel schlafen, und wenn ich über meinen kummervollen -Gedanken einschlummerte, so weckten mich ängstliche Träume wieder auf. -Die Besorgniß, es möchte der Anschlag des Wirths, von dem ich bis jetzt -nichts Genaueres wußte, mißlingen, raubte mir alle Ruhe. Wie leicht -war's möglich, daß ich in meinem Versteck ausfindig gemacht oder -verrathen wurde, und was hatte ich dann zu erwarten! Meine Gebieterin, -eine heftige, zornmüthige Frau, hätte mir das nie vergeben, ich hätte es -gewiß schwer empfinden müssen, und meine Lage wäre mehr als um's -Doppelte verschlimmert worden. -- Am Morgen, als sie aus ihrem schweren -Schlafe erwachte, gieng's nicht so gut ab. Lange rief sie vergebens, und -ließ nach mir fragen; es wollte keine Setma kommen. Endlich forderte sie -den Wirth vor sich; der sagte ihr, man hätte mich seit gestern -Nachmittag im Hause nicht gesehen. Da fieng sie an zu muthmaßen, was an -der Sache sei; sie fluchte und tobte, daß mir die Haut schauderte; sie -ließ allenthalben scharfe Nachsuchungen anstellen, und weil ihr einfiel, -daß ich nirgends als zu Liebenzell bekannt sei, schickte sie -unverzüglich einen Reitenden dahin. Das hatte der kluge Wirth -vorhergesehen, und mir deßwegen den Weg nach Liebenzell abgerathen. Als -nun dieser Bote ohne Nachricht wieder zurückkam, und auch sonst nichts -zu erfahren war, gieng das Toben, besonders über den Wirth, von Neuem -an, und ich hörte sie zu ihrer anderen Dienerin auf Böhmisch sagen, ich -müsse nur im Hause heimlich verborgen sein, aber morgen mit Tagesanbruch -wolle sie das ganze Haus durchsuchen lassen. Natürlich erschrack ich -darüber sehr, und als der Wirth später kam, um mir heimlich etwas Speise -zu bringen, theilte ich ihm diese Nachricht sogleich mit. Dem war denn -auch nicht länger wohl bei der Sache; er kam daher nach Mitternacht, da -Alles im Hause still war, und führte mich, an dem Zimmer meiner -Gebieterin vorbei, unter Angst und Zittern zum Hause hinaus zu seiner -Mutter, welche ziemlich weit vom Adler entfernt wohnte. Hier mußte er -noch eine gute Weile klopfen, bis uns aufgemacht wurde, obgleich schon -Alles mit der alten Frau verabredet war. Der Wirth fragte mich, ob ich -Geld habe. Ich hatte mein ganzes Vermögen bei mir, welches in drei -Gulden bestand; die zog ich heraus. Er gab einen davon seiner Mutter, -die zwei andern stellte er mir wieder zu, zum deutlichen Beweis seiner -Redlichkeit und Uneigennützigkeit. Blos aus herzlichem Mitleiden hatte -er sich entschlossen, mich mit eigener großer Gefahr zu erretten. Nach -der Zeit habe ich nichts mehr von ihm erfahren können, als daß er -gestorben sei. Möge ihm der Herr, der keinen Trunk kalten Wassers -unvergolten läßt, seine Barmherzigkeit und Treue an jenem Tage reichlich -lohnen! - -Ich mußte nun auf seine Anweisung die wenige türkische Oberkleidung, -welche ich noch anhatte, ablegen, und dagegen eine geringe Magd- oder -Bauern-Kleidung anziehen, die schon in Bereitschaft war. Als nun der Tag -schon von fernher zu dämmern anfieng, mußte ich ohne weiteren -Zeitverlust mit der alten Frau zum Thor hinaus, und Stuttgart zuwandern. -Durch die Wache am Thor kam ich mit Hilfe meiner alten Mutter, obwohl -unter großer Angst, glücklich hindurch; aber unterwegs hatte ich noch -einmal eine schreckliche Verlegenheit durchzumachen. Als wir nämlich in -der Gegend von Magstatt auf dem freien Felde waren, und der Tag schon -völlig angebrochen, kam ein Wachtmeister meines Obristlieutenants zu -Pferd auf uns zu, den ich gleich von ferne erkannte. Kaum hatte ich in -meinem großen Schrecken noch Zeit, meiner Führerin die Gefahr zu -bezeichnen, daß sie mit mir auf einen Seitenweg einlenkte, und der -Wachtmeister, ohne auf uns zu achten, vorüberritt. So hatte mich die -gute Hand Gottes auch dießmal gerettet, daß ich unerkannt blieb, und ich -durfte es, noch ehe ich Ihn recht erkannte, schon deutlich und -mannigfaltig erfahren, was die Schrift sagt: »Sein Rath ist -wunderbarlich, und Er führet es herrlich hinaus!« - -Aber ach! wie sauer wurde es mir, den weiten Weg von fünf starken -Stunden zu Fuß zurückzulegen. Ich war des Gehens gänzlich ungewohnt. So -lange ich daheim in Belgrad war, hatte ich nie auch nur eine Stunde zu -Fuß gemacht. Ich besaß alle Bequemlichkeiten reicher und vornehmer -Personen; eine Schaar von Sklaven und Sklavinnen wartete auf meine -Befehle, und da die türkischen Frauenzimmer überhaupt gewöhnlich ihre -Zeit in der Stille ihrer Wohnungen zubringen, so war mir das längere -Gehen etwas ganz Neues. Auch während meiner Gefangenschaft und der -Reisen mit meiner Herrschaft waren wir immer gefahren, und erst in -Liebenzell hatte ich gelernt, kürzere oder längere Spaziergänge zu Fuß -zu machen, von denen ich jedoch jedesmal sehr ermüdet zurückkam. Und nun -sollte ich auf einmal einen so weiten Weg in ungewohnter Kleidung unter -ermüdender Angst, von Nachtwachen ermattet, zu Fuß machen. Das war -beinahe zu viel gefordert. Meine Füße wurden bald wund, und jeder Tritt -machte mir die empfindlichsten Schmerzen. So kam es, daß wir erst gegen -Abend die ersehnte Residenzstadt Stuttgart erreichten, welche ich nach -großer Angst und Trübsal als eine liebe Frei- und Ruhe-Stadt begrüßte. -Als wir auf der Höhe des Hasenberges ankamen, von welcher man das schöne -Kesselthal und die fernen Hügelreihen überblickt, lag die Stadt im Gold -der Abendsonne vor uns; die blühenden Obstbäume waren roth angeschienen -wie die Mandelbäume in unserem Garten zu Belgrad; auch der Tannenwald -schimmerte röthlich, und noch mehr die Weinberge; die fernen Hügel, von -denen einer das Württembergische Stammschloß trägt, waren in einen -violetten Duft getaucht, und am Himmel schwammen rothe Wölkchen in Menge -herum, die mir viel schöner dünkten, als ich sie je gesehen, denn sie -trugen die Farbe der Freiheit, in deren Genuß mir's jetzt bei allen -Schmerzen so unbeschreiblich wohl war. - -Die Noth war indessen noch nicht zu Ende. Als ich mit großer Mühe -endlich am Rothenbühlthor anlangte, wurden wir da, weil es eben -Kriegszeit war, nicht eingelassen, und mußten noch einen großen -viertelstündigen Umweg bis zum Hauptstätter Thore machen. Es war mir -fast nicht möglich, mit meinen wunden Füßen mich noch so weit zu -schleppen; aber die Noth zwang mich, und wenn ich vor Ermattung -niedersinken wollte, so nahm mich meine Führerin wieder beim Arm und -sprach mir Muth zu. Aber ihr eigener Muth sollte nun auch geprüft -werden. Die äußere Wache des Hauptstätter Thors ließ uns ungehindert -ein; aber desto strenger wurden wir von der inneren Wache angehalten und -ausgefragt, so daß meine Führerin, welcher man am hitzigsten zusetzte, -endlich hinausschlüpfte und sich aus dem Staube machte. Ich habe sie -auch nachher nicht mehr gesehen, noch etwas von ihr gehört, ohne Zweifel -ist sie aber glücklich wieder nach Hause gekommen. Nun stand ich allem -da unter den wilden Soldaten, denen mich meine Sprache schon als einen -Fremdling verrathen mußte; und ich weiß nicht, ob ich diese angstvolle -Beklemmung noch länger würde ausgehalten haben, ohne in Ohnmacht zu -fallen, wenn mir nicht Gott so schnell Hilfe geschickt hätte. Aber Er -wachte über Seinem Kinde, dem Er so große Gnade zugedacht hatte, und -ließ es nicht zu, daß mir auch nur ein Haar gekrümmt worden wäre. Eben -als die Soldaten auf's Neue über mich herfallen wollten, kam von -ungefähr, d. h. durch die Schickung Gottes, die Frau eines Ipsers, -welche ganz nahe beim Hauptstätter Thor wohnte, und riß mich fast mit -Gewalt aus den Händen der Soldaten los, denen Gott nicht erlaubte, es zu -verwehren. Kaum hatte ich ihre Stube erreicht, so sank ich kraftlos -zusammen und bat die gute Frau, sie möchte mir nur ein Lager anweisen, -auf dem ich ausruhen könne; denn ich sei nicht mehr im Stande, auf -meinen Füßen zu stehen. Sie war äußerst besorgt um mich, und behandelte -mich so freundlich, als hätte sie mich schon lange gekannt. Sie richtete -mir ein gutes Bett zu, kleidete mich selbst aus und legte mich hinein. -Darauf untersuchte sie meine Füße, die sehr übel zugerichtet waren, und -legte eine kühlende weiße Salbe darauf, welche bald ihren wohlthätigen -Einfluß mich empfinden ließ, indem sie die große Hitze herauszog. Dann -kochte sie mir eine gute Suppe, und gab mir ein Glas Wein zu trinken. -Die große Müdigkeit ließ mich bald einschlafen und die ganze Nacht sanft -ruhen. Zwei Tage mußte ich bei der guten Frau bleiben, und wegen meiner -kranken Füße das Bett hüten: ihr Mann war auf Arbeit in einem -benachbarten Städtchen. Als ich mich ein wenig erholt hatte, wozu es -meine Hauswirthin an Pflege nicht fehlen ließ, sagte ich dieser, daß ich -mit Frau Doktorin Commerell bekannt sei, und sie gern sehen möchte. Sie -traf dann auch sogleich Anstalt, daß die Frau Doktorin erfuhr, ich sei -in ihrem Hause. Alsbald kam sie zu mir, erkannte mich auf der Stelle, -und da ich ihr erzählte, wie es mir bisher gegangen, nahm sie den -herzlichsten Antheil an meinem Schicksal, und sagte zu mir, ich solle -nur mit ihr in ihr Haus kommen, welches auf dem Spitalplatz war. Von -Stund' an war meiner Noth abgeholfen. Diese treffliche Frau erzeigte mir -unaussprechlich viel Liebe und Wohlthaten nach Leib und Seele, und hielt -mich wie eine Tochter, so daß ich für alle bisherigen traurigen -Erfahrungen reichlich getröstet wurde und hinlänglichen Ersatz fand. - - - - - Fünftes Kapitel. - Der Gasthof zum Bären in Stuttgart. - - -Das Erste, wornach ich fragte, und was ich mir wünschte, nachdem ich -meinen neuen Wohnsitz bezogen hatte, war -- eine Bibel. Bisher konnte -ich nicht dazu kommen, eine eigene Bibel oder auch nur ein eigenes -Testament zu besitzen; nun aber hatte ich Gelegenheit dazu, und meine -Bitte war auch nicht vergeblich. Frau Doktorin Commerell, die ich von -nun an immer _Mutter_ nannte, schenkte mir eine schöne neue Handbibel, -die in Wittenberg gedruckt war, und mir nach und nach so lieb wurde, daß -ich sie, wenn mir Jemand mein Juwelenkästchen aus Belgrad gebracht und -dafür angeboten hätte, nicht würde darum vertauscht haben. Alle die -Sprüche, welche mir bei früheren Gelegenheiten wichtig und zum Segen -geworden waren, oder nachher wurden, pflegte ich mit rother Tinte zu -unterstreichen. Wenn ich dann später einen solchen unterstrichenen -Spruch wieder fand, so fiel mir auch die Erfahrung wieder ein, bei -welcher er mir seiner Zeit gedient hatte, die Gebetserhörung, die -Bewahrung, die Errettung, die Demüthigung; kurz Alles, was Gott schon an -mir gethan, und das war mir denn eine vielfache Aufforderung zum Dank -und Lob Gottes, und zum festen Vertrauen auf Ihn. Mein ganzes Leben seit -meiner Bekanntschaft mit Gott und Seinem Wort stand so in lauter -Sprüchen verzeichnet vor mir, und manche Seite meiner Bibel war in -späteren Jahren ganz roth. Kam ich z. B. an den Spruch: »Denen, die Gott -lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen;« so war er roth -unterstrichen zur Erinnerung an einige Angststunden, die ich in Landshut -erlebte, als ich den Schatullenschlüssel meiner Frau verloren hatte. -Damals fiel mir dieser Spruch ein, und tröstete mich so, daß ich mich -von meiner Verlegenheit erholen und nüchtern besinnen konnte, wo ich den -Schlüssel hingelegt hatte. Oder kam ich zu dem Spruch: »der Herr weiß -die Gerechten zu erlösen &c.«; so war er unterstrichen zum Andenken an -meine Befreiung aus der Gefangenschaft. Die Stelle: »der Herr will nicht -den Tod des Sünders, sondern daß sich der Sünder bekehre und lebe;« -erinnerte mich daran, wie ich in Belgrad so sehr gewünscht hatte zu -sterben, als die Stadt erobert war, und wie gut es Gott gemacht, daß Er -mich wider meinen Willen hieher führte, wo ich Ihn und Seinen Sohn -kennen lernte. So wurde mir mein Bibelbuch von Tag zu Tag theurer, ich -lernte es als den größten Schatz ansehen, den ein Mensch besitzen kann, -und wunderte mich nicht wenig, wenn ich zuweilen in ein Christenhaus -kam, wo die Bibel auf dem Schrank und der Staub auf der Bibel lag.« -- - -Hier, liebe Kinder! muß ich die Erzählerin, die gute Setma, die ihr -gewiß schon Alle lieb gewonnen habt, ein wenig unterbrechen, um euch -eine kleine Geschichte zu erzählen, welche die Setma noch nicht wissen -konnte, weil sie sich erst neulich und zwar in England zugetragen hat. -Ich habe euch diese Geschichte aus dem Englischen übersetzt, denn es -wäre gar schön, wenn auch deutsche Kinder ihre Bibel so lieb hätten. - - - Die kleinen Wanderer. - Eine wahre Geschichte. - - Zwei kleine Knaben kamen einst, - Von Kummer bleich gemacht, - Zu einem Haus, und baten dort - Um Obdach für die Nacht. - - Als sie erzählt ihr Mißgeschick, - Trieb's Manchem Thränen aus: - Ihr Angesicht so offen war, - Die Wahrheit blickte d'raus. - - Die Eltern waren weggerafft - Durch schweren Fiebers Macht; - Zu armen Waisen wurden sie - An Einem Tag gemacht. - - Nicht Freund noch Heimat hatten sie, - Kein Stücklein grobes Brod; - Sie suchten einen fernen Ohm - In ihrer großen Noth. - - All' ihre ird'sche Habe schloß - Ein kleines Bündel ein; - Der And're wohlverwahret trug - Die Bibel hintend'rein. - - Der Hausherr sagte zu dem Kind: - »Euch mangelt Geld und Speis'; - Verkaufe deine Bibel mir; - Ein Thaler sei der Preis.« - - »O nein,« sprach er, und floßen ihm - Der Thränen viel' herab: - »Eh' ich verkaufe dieses Buch, - Sei lieber hier mein Grab.« -- - - »Es gibt ja and're Bücher noch, - Gibt Bibeln nicht allein.« -- - »Ja,« sprach er, »aber keines kann - Mir je so nützlich sein. - - »Sie ward mir in der Schul geschenkt, - Eh' mich die Noth vertrieb; - Da lernt' ich lesen in dem Buch, - Und ich gewann es lieb. - - »Ich sah, obschon ich noch so jung, - Mein böses Herz darin; - Sie lehrte mich, wie Jesus starb, - Und starb -- auch für Edwin. - - »Oft in der Drangsal stärkte sie - Den Muth mir, wenn er sank; - Ich setzte müd' und matt mich hin, - Und fand d'rin Speis' und Trank. - - »Die Psalmen brachten Licht und Ruh', - Und milderten den Schmerz; - Erfrischende Verheißungen - Fand mein verschmachtet Herz.« -- - - Zwei Thaler bot der Hausherr nun, - Und brachte sie herein. - Er aber schlug sie standhaft aus, - Und ließ sich nicht d'rauf ein. - - Man fragte: »Wie? wenn nun der Ohm - Nicht mehr am Leben ist, - Und in der weiten Welt umher - Ihr hilflos irren müßt?« - - Vor seiner Antwort möchte wohl - Erröthen mancher Christ: - -- »Wenn Eltern, Freund' und Heimat flieh'n, - Dann Gott mein Führer ist.« - - Hier schwieg der Hausherr ganz erstaunt, - Und Alle weinten d'rob; - Er dachte: »Aus der Kinder Mund - Bereitet Gott sich Lob!« - - Die kleinen Pilger beugten Nachts - Ihr Knie vor dem, der mild - Die Raben speiset, wenn sie schrei'n, - Und Waisenthränen stillt. - - Am andern Morgen traten sie - Die Reise wieder an. - Der Waisen Vater wolle sie - Geleiten auf der Bahn! - -Nun lasse ich Setma weiter erzählen. - -»Meine getreue Mutter und Pflegerin war nun nach ihrer Klugheit und -Vorsicht vor allen Dingen für Schutz und Sicherheit meiner Person -besorgt, und machte solche Personen, welche Einfluß hatten, mit meiner -Geschichte bekannt. Namentlich geschah dieß bei der damaligen Frau -Oberhofmeisterin _v. Wachenheim_, welche sich dann bei der Frau Herzogin -_Magdalena Sibylla_, damaliger Mitregentin und Landesmutter für mich -verwendete. Die Herzogin schenkte mir gnädigst ihre Huld, versicherte -mich ihres Schutzes, und bewies mir von da an bis zu ihrem Ende -unzählige Wohlthaten, was ihr der Herr in Seinem Lichte reichlich und -ewig vergelten wolle. - -Dieser mächtige Schutz war mir aber auch sehr nöthig, und kam mir wohl -zu Statten, als kurze Zeit hernach mein vormaliger Gebieter, der -Obrist-Lieutenant Burget, von ungefähr nach Stuttgart kam, und, ich weiß -nicht auf welchem Wege, auskundschaftete, daß ich mich in Stuttgart -aufhalte. Gleich noch in der Nacht schickte er einen seiner Diener, den -ich wohl kannte, in das Haus der Frau Doktorin, und ließ mich hart -bedrohen. Zum Unglück befand sich gerade Niemand zu Hause, als ich und -der Sohn der Frau Doktorin, der damals Magister war, und so wurde ich -sehr in Angst und Schrecken gesetzt. Sobald meine Mutter nach Hause kam, -erzählte ich ihr den Vorfall, und sie wußte gleich Rath. Den andern -Morgen schickte sie früh zur Frau v. Wachenheim und ließ ihr sagen, was -vorgefallen sei. Diese gieng sogleich zur Herzogin, und bat sie, die -nöthigen Maßregeln zu treffen, damit ich vor den Ansprüchen des -Obristlieutenants geschützt werde. Die Herzogin nahm sich unverweilt der -Sache thätig an, und schickte einen ihrer Kammerherren zu ihm, der wegen -meiner Loskaufung mit ihm unterhandeln sollte. Hierauf ließ sie den -Obristlieutenant zur herzoglichen Tafel laden, und behandelte ihn da mit -so viel Auszeichnung und Herablassung, daß er nachgiebigeren Sinnes -wurde, und mich der Herzogin um einige Eimer Wein zu eigen überließ. -Darein mußte denn endlich auch seine Frau willigen, obwohl sehr ungern: -denn viel lieber hätte sie ihre Rachgier an mir ausgelassen. Am liebsten -wäre es mir freilich gewesen, sie gar nicht wieder sehen zu müssen; aber -das konnte ich nicht verhindern. Ich mußte mich, auf ihre Einladung und -den Befehl der Herzogin, im Gasthof zum Bären, wo sie logirten, auf eine -Mahlzeit bei ihnen einfinden, und konnte nicht ohne Angst und Zittern -hingehen; aber da ich nun ein Eigenthum der Herzogin war, durfte sie es -nicht wagen, anders mit mir zu reden als freundlich. Von der Art und -Weise, wie ich entkommen, wurde gar nicht gesprochen, und das ersparte -mir die Verlegenheit, den Adlerwirth, der sich so großmüthig meiner -angenommen, verrathen zu müssen. Man fragte mich blos, wie es mir in -Stuttgart gefalle, was ich für Beschäftigung habe, ob ich schon im -Schloß gewesen, und dergleichen. Als ich Abschied von ihnen nahm, dankte -ich noch für alles Gute, was sie, und besonders er, mir von Anfang an -erwiesen. Damit war mir's Ernst. Er hätte mich ja auch an einen andern -Ort verkaufen, oder noch mehr mißhandeln können; ich war ja in seiner -Gewalt. Aber der HErr war es, der unsichtbar meinen Odem bewahrte, meine -Schritte und Tritte leitete, und Seine Hand über mir hielt, daß mich -kein Uebel anrühren durfte. Und das Schmerzliche, was ich erfahren -mußte, das war gewiß nothwendig und wohlthätig für mich, wär's auch nur -deßwegen, weil ich so die Errettung um so mehr schätzen und dafür danken -lernte. - -Als ich aus dem Bären wieder heraus war, da fühlte ich mich so froh wie -Jonas, da ihn der Wallfisch wieder an's Land spie. Den langen Weg von da -bis zum Spitalplatz hatte ich, mehr fliegend als gehend, in wenigen -Minuten zurückgelegt, und als ich heim kam, warf ich mich in die Arme -meiner treuen Pflegerin und rief: »Aber nun sollen sie mich nicht wieder -hier wegreißen!« -- »Nein, das sollen sie auch nicht,« erwiederte die -Mutter, »Gott selbst hat dich auf wunderbaren Wegen frei gemacht. Vergiß -nicht, Ihm zu danken.« - - Ja, ich bleibe stets an Dir, - Du hältst mich bei meiner Rechten; - Deine Hand wird mich verfechten, - Und mich leiten für und für - Nach dem Rathschluß Deiner Treue, - Bis ich mich mit Ehren freue. - - - - - Sechstes Kapitel. - Die Stiftskirche in Stuttgart. - - -So lebte ich nun in der Gemeinschaft und im Umgang mit wahren Christen; -aber ich selbst war noch keine Christin, ich war noch eine -Muhamedanerin. Das konnte und durfte nicht so bleiben, da ich doch an -die Bibel und den darin geoffenbarten lebendigen Gott und Seinen Sohn -Jesum Christum von Herzen glaubte, und aus vielfacher Erfahrung wußte, -wie kräftig und trostreich dieses Wort dem Herzen ist. Ich äußerte daher -gegen meine Pflegemutter den Wunsch, ich möchte gern durch die Taufe in -die christliche Kirche aufgenommen werden. Sie hatte das erwartet, und -war mir mit Freuden dazu behilflich. Ihr Sohn, der damals Repetent in -Stuttgart war, und nachher als Spezial in Urach starb, gab sich dazu -her, mir alle Tage regelmäßigen Unterricht in der christlichen Religion -zu ertheilen, und den Segen dieser Unterrichtsstunden, die er mit Gebet -anfieng und endigte, werde ich nicht vergessen und hoffentlich auch -nicht verlieren. Das Wort Gottes wurde mir durch ihn so deutlich und -klar, daß ich vom Lesen desselben viel mehr Genuß hatte als vorher, und -daß es mir immer leid war, wenn ich durch häusliche Arbeiten, welche -doch auch nicht versäumt werden durften, in der Betrachtung der heiligen -Schrift unterbrochen wurde. Er besaß nicht nur die Gabe der -Deutlichkeit, sondern behandelte auch seinen Unterricht mit großer -Genauigkeit. Einiges aus meiner Erinnerung an seinen Unterricht möge -hier stehen. - -Wenn er von der heiligen Geschichte und von dem Rathschlusse Gottes mit -der Welt redete, war es ihm hauptsächlich angelegen, nachzuweisen, wie -Gott überall Sich nach allen Seinen Eigenschaften geoffenbaret habe und -offenbare. Dieß pflegte er an solchen Beispielen zu zeigen, welche beim -ersten Anblick das Gegentheil zu sagen scheinen. Die Sündfluth, welche -die leichtsinnigen Zeitgenossen Noah's hinwegraffte, das Feuer, welches -die gottlosen Menschen zu Sodom und Gomorrha verzehrte, waren ihm nicht -blos Beweise der strafenden Gerechtigkeit Gottes, sondern auch Seiner -Liebe: denn, sagte er, es wurde ihnen dadurch die Möglichkeit benommen, -sich noch mehr zu versündigen, und so ihre Verdammniß noch schwerer zu -machen. An Pharao, behauptete er, habe sich nicht blos die Macht, -sondern auch die Liebe und Barmherzigkeit Gottes verherrlicht; denn wenn -er nur _gewollt_ hätte, so würden ihn die vielfachen Thatbeweise der -Allmacht Jehovah's, die Gott vor seinen Augen geschehen ließ, gewiß zum -Glauben und zur Furcht Gottes, und damit zur Seligkeit gebracht haben. -Dagegen sagte er aber auch: Gott beweise bei der Sündenvergebung nicht -blos Seine Liebe und Gnade, sondern auch Seine Gerechtigkeit nach dem -Spruch in der ersten Epistel des _Johannes_: »_So wir unsere Sünde -bekennen, so ist Gott getreu und gerecht, daß Er uns die Sünde vergibt, -und reiniget uns von aller Untugend._« -- Gegen den Heiland hatte mein -Lehrer einen tiefen, kindlichen Respekt, und doch zugleich eine innige, -herzliche Liebe. Ich hörte ihn nie, wie es gewöhnlich ist, sagen: »_der -HErr Jesus_,« oder: »_der HErr Christus_;« das sei, meinte er, wie wenn -man sagte: »der Herr Pfarrer,« oder: »der Herr Doktor.« Das »Herr,« wenn -es von Christo gebraucht werde, sei nicht blos eine Titulatur, wie sie -bei uns dem Namen eines jeden etwas vornehmeren Mannes vorangesetzt -werde, sondern habe eine viel größere Bedeutung. Christus _heiße_ nicht -blos _Herr_, sondern sei es auch wirklich, weil Ihm Gott die Regierung -der ganzen Welt anvertraut habe. Er sagte deßwegen immer: »_Unser HErr -Jesus_ &c.« oder: »_der HErr Jesus Christus_ &c.« - -Von der christlichen Kirche und den wahren Christen hielt er große -Stücke. »Wenn einmal« -- sagte er -- »die christliche Kirche -zusammenbricht, dann mag sich die Welt um andere Stützen umsehen.« Die -wahren Christen nämlich nannte er, mit Berufung auf das Gespräch -Abrahams mit dem Herrn wegen Sodom, die Weltträger, weil sie durch ihr -Gebet das Gericht über die verdorbene Welt noch aufhalten. - -In einer seiner Unterrichtsstunden redete er von der Wahrheitsliebe, und -stellte da das Beispiel Jesu vor dem Hohenpriester und vor Pilatus, und -das Beispiel des Petrus bei dem Kohlfeuer einander gegenüber. Auf einmal -fragte er mich: »Welche Lügen sind erlaubt?« -- Unüberlegt, weil ich von -seiner Frage überrascht war, antwortete ich: »Die Nothlügen.« - -_Lehrer._ Das wollen wir sehen. Was ist die Lüge vor Gott? - -_Ich._ Eine Sünde. - -_Lehrer._ Was müßte also auch erlaubt sein, wenn deine Antwort richtig -wäre? - -_Ich._ Nothsünden. - -_Lehrer._ Ist das denkbar? - -_Ich._ Nein. - -_Lehrer._ Warum nicht? - -_Ich._ Weil jede Sünde, sei sie aus Noth oder ohne Noth begangen, -verboten ist. 1 Joh. 5, 17. 18. - -_Lehrer._ Wenn z. B. Einer aus Noth stiehlt, um sein Leben zu erhalten, -ist das auch Sünde? - -_Ich._ Warum denn nicht? Er hätte sollen seinen Nächsten darum bitten. - -_Lehrer._ Wenn er aber das gethan hat, und es ist vergeblich gewesen? - -_Ich._ Dann hätte er sollen Gott bitten, der hätte ihn ohne Diebstahl -durchbringen können. - -_Lehrer._ Was gehört aber zum Gebet? - -_Ich._ Glaube. - -_Lehrer._ Warum hat also der Mensch gestohlen? - -_Ich._ Aus Unglauben. - -_Lehrer._ Ein anderer Fall: der holländische Schiffskapitän Wilhelm -Isbrand _Bontekoe_ (l. Bonteku) verlor sein Schiff im indischen Meere -durch Brand. Er entkam mit einem Theile der Mannschaft auf einem offenen -Boote; aber alle hatten vergessen, Lebensmittel mit sich zu nehmen. Bald -entstand die größte Hungersnoth. In den gierigen Blicken der Matrosen -las man schon den Vorsatz, den sie bald auch wirklich aussprachen, daß -sie einige von der Mannschaft tödten, und dann ihr Fleisch verzehren -wollten. Wäre das erlaubt gewesen? - -_Ich._ Nein; denn im fünften Gebot ist das Tödten ohne Unterschied -verboten. - -_Lehrer._ Aber wenn nun die Noth so groß war, daß kein anderes Mittel -mehr übrig blieb; sollten sie dann lieber Alle umkommen, da sie -vielleicht durch die Aufopferung weniger Personen die andern retten -konnten? - -_Ich._ Ich denke, wer Gottes Gebot hält, mit dem läßt's Gott nie so weit -kommen, daß er verzweifeln müßte. Und am Ende doch lieber sterben, als -wider Gott sündigen. - -_Lehrer._ Worauf gründen sich aber diese Ueberzeugungen? - -_Ich._ Auf den Glauben, daß es Gott nicht an Mitteln und an Wegen fehlt, -zu helfen, auch wo die kurzsichtigen Menschen keinen Ausweg mehr -erblicken; und daß dieses zeitliche Leben nicht so viel werth sei, daß -man das Leben seiner Seele dafür aufopfern sollte. - -_Lehrer._ Ja, und daß, wenn ich dieses irdische Leben auch nur mit Einer -Sünde erkaufen müßte, der Preis doch viel zu hoch wäre. Siehe, diese -Ueberzeugung hatte auch Bontekoe. In dem Vertrauen zu Gott, daß Er -helfen werde, bat er seine Reisegefährten, ihren blutigen Vorsatz nur -noch drei Tage aufzuschieben, weil er hoffe, in dieser Zeit Land zu -erreichen. Und seine Hoffnung täuschte ihn nicht. Der HErr half ihm -wunderbar aus allen seinen Nöthen, wie Er allen Denen hilft, die auf Ihn -trauen. -- Wo haben denn nun auch die Nothlügen ihren Grund? - -_Ich._ Im Unglauben. - -_Lehrer._ Inwiefern? - -_Ich._ Weil man im Glauben es dem HErrn zutraut, daß Er diejenigen, -welche aus Ehrfurcht vor Ihm bei der Wahrheit bleiben, auch aus der Noth -und Verlegenheit erretten wird. -- Aber wie ist's denn nun mit den -heiligen Männern Abraham, Isaak, Jakob, David, von denen stehen doch -auch Nothlügen in der Schrift? - -_Lehrer._ Diese Männer waren auch Menschen, welche sündigten, und denen -wir also nur das nachmachen dürfen, was gut ist an ihnen. Ihre Fehler -aber stehen für uns zur Warnung und Demüthigung da. Es ist nur ein -Einziger da, der nichts Böses that, und von dem ausdrücklich versichert -wird, daß kein _Betrug_ in Seinem Munde erfunden worden sei, also auch -keine Nothlüge. Wenn jene heiligen Männer sich Nothlügen erlaubten, so -geschah es in den Augenblicken des Unglaubens; Jesus aber war beständig -stark im Glauben, und darum konnte er alle Versuchungen überwinden. - -Ein anderes Mal sprach er wieder mit mir über diesen Gegenstand; Obiges -kann aber hinreichen, um zu zeigen, wie seine Lehrweise war. - -Ich genoß seinen Unterricht etwas länger als ein halbes Jahr, und -brachte es unter dem Segen Gottes in dieser Zeit zu einer geordneten und -vollständigen Erkenntniß der Religionswahrheiten, so daß ich am Ende des -Jahres 1690 von dem damaligen Herrn Spezial _Meurer_ und Herrn Helfer -_Clemm_ nach einer vorgenommenen Prüfung für fähig erklärt wurde, durch -die Taufe in die christliche Kirche aufgenommen zu werden. Diese -Erklärung brachte meinem Herzen große Freude, und ich betete nun täglich -zu Gott, daß Er mir die rechte Gemüthsfassung für diese heilige Handlung -schenken wolle, damit ich auch den vollen Segen derselben empfange. Auf -Weihnachten schenkte mir die Herzogin eine große silberne Denkmünze. Es -war auf derselben eine Abbildung, wie Jesus von Johannes im Jordan -getauft wird, und auf der andern Seite war die Geschichte des -Pfingstfestes bildlich dargestellt. Auf jener Seite standen nur die -Worte: _ohne Maaß!_ auf dieser stand: _ohne Zahl!_ Ich bat meine -Pflegemutter um Erklärung dieser Inschriften. Diese gab sie gern. »Die -Worte: »»_ohne Maaß!_«« -- sagte sie -- »gehen auf den Herrn Jesus, der -mit dem heiligen Geist ohne Maaß, d. h. mit einer überschwenglichen -Fülle des Geistes, gesalbt worden ist, und darum auch der _Gesalbte_, -Christus, heißt (Joh. 3, 34.). Die Worte: »»_ohne Zahl!_«« gehen auf die -Christen, welche die Gabe des heiligen Geistes empfangen, und deren Zahl -so groß werden soll wie die Zahl der Sterne am Himmel. Zu dieser -zahllosen Schaar sollst auch du kommen, und es muß dir diese gnädige -Berufung doppelt wichtig sein, da du durch die wunderbare Hand des HErrn -aus einem Volke herausgezogen worden bist, das bis jetzt noch keinen -Antheil genommen hat an den Segnungen des Geistes Christi, das aber -hoffentlich einst auch noch herbeikommen und seine Kniee beugen wird vor -dem Gekreuzigten.« - -Ich sagte: »Amen, möge diese Zeit bald kommen!« - -Meine Taufe war auf den sechsten Januar, als auf das Fest der -Erscheinung Christi unter den Heiden, festgesetzt, und sollte nach dem -Willen der Herzogin in der Stiftskirche in Stuttgart auf eine feierliche -Weise vorgenommen werden. Ein feierlicher Kirchgang wurde von dem -Schlosse aus zur Stiftskirche gehalten. Voran giengen die Taufzeugen, -welche aus freiwilliger christlicher Liebe diese Stelle vertreten -wollten, nämlich: die Frau Herzogin Wittwe _Magdalena Sibylla_, der -Erbprinz, nachmaliger Herzog, _Eberhard Ludwig_, die Frau -Oberhofmeisterin _von Wachenheim_, Herr Consistorial-Direktor _Bardili_, -Frau Doktorin _Commerell_, Frau Kammerrath _Faber_ und Herr -Kanzlei-Advokat Dr. _Stierlin_. Hierauf kam ich, von zwei adeligen -jungen Herren begleitet, und dann folgten alle die Personen, welche zum -herzoglichen Hofe gehörten. - -Als wir uns in der von den Zuhörern angefüllten Kirche auf unsere Plätze -begeben hatten, wurden einige Verse aus dem Liede von Paul _Gerhard_ -gesungen: - - O du allersüßte Freude, - O du allerschönstes Licht! u. s. w. - -Hierauf predigte der Stifts-Prediger _Schmidlin_ über das Evangelium des -Tages _Matth._ 2, und verglich die Reise der Weisen aus Jerusalem mit -meiner wunderbaren Führung von Belgrad nach Stuttgart. Die Predigt -währte ziemlich lange; ich war aber mit innerlichem Seufzen und Flehen -zu sehr beschäftigt, als daß ich viel davon hätte fassen können. Zum -Anfang der Taufhandlung wurde der Vers gesungen: - - O Gott und Vater gnadenvoll &c. - -Dann legte ich öffentlich mein Glaubensbekenntniß ab, wozu mir der -Heiland ein reiches Maß von Freudigkeit verlieh, wiewohl mir vorher sehr -angst gewesen. So bald ich aufstand und anfieng zu reden, war alle Angst -wie weggehaucht; ich sah nicht mehr auf die Menschenmenge, sondern -dachte allein an Gott, der in das Herz sieht und weiß, ob unser -Bekenntniß aufrichtig und lauter ist. Hierauf kniete ich nieder, wurde -im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes getauft, -und erhielt die Namen _Christiana Magdalena Eberhardina_, welchen -hernachmals noch der Name _Gottliebin_ als Zuname beigegeben wurde. Der -türkische Name _Setma_ war der letzte Ueberrest von meinem türkischen -Vaterland, den ich vollends abzulegen hatte. Vaterland, Familie, -Freunde, Erbschaft, Religion, Sprache, Sitten, Kleider hatte ich Alles -schon längst verlassen und abgelegt; aber auch nach der Verheißung Jesu -hundertfältig wieder gefunden schon in dieser Zeit. Warum hätte ich -nicht gern auch meinen Namen vollends hergeben sollen, um auch äußerlich -darzustellen, was ich innerlich zu erfahren wünschte: -- eine gänzliche -Wiedergeburt! Gott aber sei Dank, der nach und nach Alles vollends -hinwegnimmt, was nicht in Sein Reich hineintaugt! - -Nach der Taufe, während welcher mir unbeschreiblich wohl war, wurden die -zwei letzten Verse gesungen aus dem Lied des seligen Dr. _Luther_: - - Christ, unser HErr, zum Jordan kam &c. - -Das war denn der Tag meiner höchsten Ehren, da ich aus der Zahl der -Ungläubigen feierlich herausgenommen, und als ein Kind und Eigenthum -Gottes erklärt wurde, ein Glück, das nicht hoch genug zu schätzen ist, -und für das so viele Christen, die schon in den ersten Tagen ihres -Lebens diese Gnade erfahren, bei weitem dankbarer sein würden, wenn sie -recht überlegten, wie viel Mühe es mich gekostet, wie manchen sauren, ja -ich darf wohl sagen, blutigen Tritt es mich gekostet, bis ich so weit -kam, und wie so mancher Heide sich's noch viel mehr kosten lassen würde, -wenn er Gelegenheit hätte, zu diesem hohen Vorzug zu gelangen. - -Von der Kirche aus gieng der Zug wieder in das herzogliche Schloß, wo -ich in Anwesenheit des ganzen Hofes der Herzogin meinen fußfälligen Dank -sagte. Sie aber erklärte vor dem ganzen Hof, daß sie mir, als einer -Christin, nunmehr meine Freiheit schenke, und das, was sie meine -Loskaufung gekostet, mir als Taufpfennig anrechnen wolle. Zugleich -machte sie mir das gnädigste Anerbieten, ob ich in Zukunft in ihren -Diensten bleiben wolle. Beides nahm ich natürlich mit großer Freude und -unterthänigstem Danke an, bat aber zunächst nur um die Erlaubniß, mich -für heute ganz in die Stille zurückziehen zu dürfen, weil ich -befürchtete, in der großen Zerstreuung von dem reichlich empfangenen -geistlichen Segen etwas zu verlieren. Wie leicht ist ein volles Gefäß -verschüttet, wenn man damit hin und her geht oder gar rennt! Ich suchte -deßwegen die Stille im Hause meiner gütigen Pflegemutter, welche mich -mit inniger Freude von dem Herzen der ewigen Liebe empfieng, und an ihr -mütterlich-liebendes Herz drückte. Den ganzen Tag wollte ich Niemand -mehr sehen noch sprechen, sondern blieb auf meiner Stube, las bald -einige Verse im Wort Gottes, bald ein schönes Lied, bald überließ ich -mich dem Jubel meiner innerlichen Freude, bald schickte ich ein -frohlockendes Dankgebet zum Throne Gottes hinauf. Ich ließ die ganze -wunderbare Geschichte meines Lebens und den reichen Segen des heutigen -Tages mehr als einmal vor meinem Gemüthe vorübergehen, und fand jedes -Mal neue Ursache, Den zu preisen und zu erheben, der Wunderbar heißt und -wunderbar ist. Ich fand, daß der stille Nachgenuß eines solchen Festes -fast noch süßer und lieblicher werden kann als die Festfeier selbst, bei -welcher man durch manche beengende oder zerstreuende Umstände von außen -gestört wird. Zugleich kann ich es nicht verhehlen, daß, so groß das -Glück ist, schon als Kind in den Bund mit Gott aufgenommen zu werden, -doch auch ein besonderer Segen darin liegt, bei dieser Aufnahme selbst -mit Bewußtsein empfinden zu dürfen und überlegen zu können, wie groß die -Gnadengüter sind, die Gott Seinen Kindern anbietet.« - -Ich muß hier unsere Erzählerin wieder einen Augenblick unterbrechen, um -zu dem so eben Gesagten eine kurze Bemerkung zu machen. Damals, als -Setma, oder, wie sie von jetzt an heißt, Gottliebin, dieses -niederschrieb, war die Confirmation bei uns noch nicht eingeführt. Durch -diese ist ein Ersatz gegeben für das, was _Gottliebin_ bei der -Kindertaufe vermißte. Und möchten nur alle unsere Konfirmanden ihrem -Rathe folgen, und die Stunden nach der heiligen Handlung nicht mit -eiteln Zerstreuungen verderben, unter denen der empfangene Segen wieder -verloren geht, sondern vielmehr in der Stille zubringen in der Gegenwart -Dessen, der der beste Gesellschafter ist, und aus dessen Nähe man nie -leer zurückkommt! - -Nun lasse ich unsere Neugetaufte weiter erzählen. - -»Am folgenden Tage nahm ich unter tausend Thränen und wiederholten -Danksagungen für alle Mutterliebe und Treue von meiner bisherigen -Pflegemutter Abschied, und bezog ein Zimmer im herzoglichen Schlosse, wo -ich der Aufsicht der Frau Oberhofmeisterin _v. Wachenheim_, einer -gottseligen und verständigen Dame, übergeben ward, welche mich durch -Lehre und Beispiel immer weiter zum wahren Christenthum anleitete und -förderte. Meine Beschäftigung bestand hauptsächlich im Sticken, welches -ich schon in meinem väterlichen Hause erlernt und fleißig geübt hatte. - -Nachher schenkte mir die Prinzessin _Eberhardine Louise_ ihre besondere -Gnade, und nahm mich mit Genehmigung der Herzogin Mutter in ihre -Dienste, in denen ich auch blieb bis an ihren frühen Tod. Sie war von -Natur sehr lebhaft, aber von Herzen fromm, und unterhielt sich mit mir -meistens über das Wort Gottes und über Herzenserfahrungen. Zuweilen -hörte ich von ihr folgende von einer englischen Prinzessin gedichteten -Verse: - - Ich war so eitel, wild und jung; - Ich lachte, tanzte, spielt' und sung: - Ich war gesund, mein freies Herz - Wußt' nichts von Sorge, Müh' und Schmerz; - In solchen frohen Stunden meinte ich, - Die ganze Welt wär' nur gemacht für mich. - - Doch wenn die Noth zum Herzen drang, - Wenn Krankheit ihre Geißel schwang, - Die Lust der Eitelkeit verschwand, - Ich nicht mehr singen und tanzen konnt': - Dann fiel mir ein, wie schlimm es würde sein, - Wär' diese Welt nur da für mich allein. - -Das frühzeitige Hinscheiden dieser trefflichen Prinzessin setzte das -ganze fürstliche Haus in tiefe Trauer, und war auch für mich ein -schmerzlicher Schlag, da ich bei der herablassenden Freundlichkeit der -Prinzessin nicht wie eine Dienerin, sondern wie eine Freundin von ihr -angesehen wurde. Die reichlichen Geschenke, mit denen meine geringe -Treue im Dienst der Entschlafenen nach ihrem Abscheiden belohnt wurde, -konnten meinen Schmerz nicht einschläfern. Eine andere Erquickung war -mir aufgehoben. - - - - - Siebentes Kapitel. - Kirchheim unter Teck. - - -Nach dem Tode der Prinzessin Eberhardine Louise hatte mich die Herzogin -Mutter selbst unmittelbar in ihre Dienste genommen, und mir die -Bedienung ihrer eigenen Person übertragen. Sie war meine größte -Wohlthäterin, ihr wollte ich auch am liebsten dienen. Nach wenigen Tagen -trat noch eine Kammerfrau in den Dienst, welche der Herzogin von Sachsen -aus empfohlen worden war, und _Christiana Maria Weisse_ hieß. Als sie -dem Hof vorgestellt wurde, fühlte sich mein Herz sehr zu ihrer sanften -Gestalt hingezogen, und sobald wir allein waren, drückte ich ihr meine -Freude darüber aus, daß wir in Zukunft neben einander dienen sollten, -weil ich die lebhafte Hoffnung in mir hätte, daß unsere Herzen sich bald -gegenseitig verstehen würden. Sie äußerte dasselbige, und versicherte, -es sei ihr so, als hätten wir schon Jahre lang mit einander gelebt, und -wären nur eine Zeit lang im Schlafe gelegen. »_Guly!_« rief ich, und sie -im nämlichen Moment: »_Setma!_« und wir lagen einander in den Armen, und -hielten uns fest umschlossen. Der Eindruck von den verschiedenartigen -Auftritten, deren Bilder jetzt so schnell an meiner Seele vorüberzogen, -war aber so stark und heftig, daß ich unwillkürlich in ein lautes Weinen -gerieth, das wohl eine Viertelstunde anhielt, und während dessen ich -kein Wort reden konnte. Guly weinte mit, war aber gefaßter als ich, und -sagte: »ein anderes Mal will ich dir meine Geschichte erzählen, heute -bist du zu schwach dazu.« -- Ich war damit einverstanden, und in der -überfließenden Freude meines Herzens stand mir nur Eines klar vor Augen: -ich wollte so bald als möglich darüber Gewißheit erhalten, ob Guly eine -Christin geworden, ob sie eine _wahre_ Christin sei, die den Heiland von -Herzen lieb habe. Um meine Freude völlig zu machen, durfte ich mich auch -davon überzeugen, daß sie an christlicher Erkenntniß und Erfahrung -weiter war als ich, und mir eine Stütze werden konnte, der ich sehr -bedürftig war. Das Herz verläßt sich auf Gott, aber die Hand sucht einen -Stab. David setzte seine Zuversicht auf den Allmächtigen, aber er hatte -auch einen Jonathan, und weinte um ihn, als er ihn verlor. Paulus, der -muthige Glaubenszeuge, klagt wehmüthig, daß ihn in Rom Alle verlassen -haben, und er nun allein stehe. Wer wollte mir's übel nehmen, daß mein -Herz bei der Entdeckung, was es in Zukunft an Guly haben werde, vor -Freuden jauchzte. Ach die Tage der Trauer bleiben ja doch nicht aus; das -habe ich auch sattsam erfahren. -- Nach einigen Tagen nahm mich Guly, -als wir eine ruhige Stunde hatten, am Arm, und gieng mit mir in den -herzoglichen Lustgarten, wo wir uns auf einer Rasenbank niederließen, -und nun erzählte sie mir ihre Geschichte: - -»Meine Empfindungen, als wir nach der Eroberung unserer Vaterstadt so -unerwartet von einander gerissen wurden, darf ich dir nicht erst -beschreiben; sie sind ja auch die deinigen gewesen. Ich war fast ganz -besinnungslos, als mich der General, welcher mich gefangen genommen -hatte, in's Lager schleppte. Er war schon ein bejahrter Mann, sehr mild -und leutselig, und hatte mit mir nichts Anderes im Sinn, als mich seiner -Tochter zur Gesellschafterin zu bringen. Das erfuhr ich aber erst -später: denn er konnte nicht türkisch und ich nicht deutsch, und so -mußte ich mich einstweilen mit seiner freundlichen Behandlung begnügen, -welche ganz über meine Erwartung war. Da der Feldzug bald zu Ende gieng, -so durfte ich nicht lange im Lager bleiben, und der General, der außer -der Kriegszeit auf seinem Landgut in Schlesien wohnte, nahm mich mit -dahin, wo er von seiner Tochter mit der größten Freude empfangen wurde. -Er sagte ihr, was ich freilich nicht verstand, aber aus seinen -Bewegungen schließen konnte, daß er mich für sie zur Aufwartung und -Unterhaltung mitgebracht habe, worüber sie sehr vergnügt zu sein schien. -Die Freude stockte aber bald wieder, als sie merkte, daß ich nichts von -ihrer Sprache verstand. Indessen wurde sie nicht unwillig, sondern -unterrichtete mich mit vieler Geduld und Angelegenheit im Deutschreden -und Lesen. Letzteres gieng mir schwerer als das Erstere; indessen hatte -ich es doch in einem halben Jahre so weit, daß ich mich Jedermann im -Hause verständlich machen und ziemlich deutlich in der Bibel lesen -konnte. Diese hatte man mir zum Lesebuch gegeben, denn der General war -ein von Herzen frommer Mann, -- und da ich im Anfang noch nicht wußte, -was darinnen stand, und daß dieß das Religionsbuch der Christen sei, so -ließ ich es mir gefallen, was ich nimmermehr gethan haben würde, wäre -mir jenes bekannt gewesen; denn meine väterliche Religion zu verlassen, -hatte ich keineswegs im Sinn. Je mehr ich aber nun verstehen lernte, was -ich las, desto mehr gefiel mir das Buch, und wie ich endlich an die -Geschichte Jesu kam, und nun merkte, woran ich war, da hatte mich die -Wahrheit und Lieblichkeit dieser Gottesworte schon so gefangen genommen -und gefesselt, daß ich nicht mehr zurück konnte. Ich las also die -Geschichte Jesu vollends durch, las die Apostelgeschichte, die Briefe, -las Alles bis an's Ende, und da war es in meinem Herzen felsenfeste -Gewißheit: Das ist ein wahrhaftiges Wort! Das ist Gottes Wort! Noch ehe -ich die deutsche Sprache recht gelernt hatte, nahm ich schon die -deutsche Religion an, und ehe ich eine unparteiische Vergleichung des -Christenthums und des Muhamedanismus anstellen konnte, hatte Christus -schon Besitz von meinem Herzen genommen. O da erfuhr ich große Gnade und -Seligkeit! -- Der General und seine Tochter merkten, daß etwas -Besonderes mit mir vorgehe; aber sie wollten den freien Gang der -Entwicklung nicht stören, bis ich endlich selbst ihnen mit dem -Geständniß entgegenkam, daß ich glaube an Christum, den Heiland der -Welt. Sie waren sehr erfreut darüber, und theilten ihre Freude auch -sogleich dem Prediger _Rothe_ mit, der in dem zum Gut gehörigen Dorfe -angestellt war. Dieser kam, und ließ sich von mir erzählen, wie ich zu -diesem Glauben gekommen sei; dann stand er auf, ein ehrwürdiger -achtzigjähriger Greis mit schneeweißen Haaren, richtete seine Augen gen -Himmel, hob die gefalteten Hände empor, und rief: »HErr! nun lässest Du -Deinen Diener in Frieden fahren; denn meine Augen haben gesehen, daß -sich eine Seele aus Ismael zu Dir bekehret hat.« -- Dieser alte Knecht -Christi hatte sich's nämlich zum besondern Anliegen gemacht, um die -Bekehrung der Muhamedaner zu beten, und seufzte täglich zum HErrn, Er -möchte doch einmal Seinen Geist unter sie senden, und ihre verblendeten -Augen aufthun. Um so erwünschter war ihm daher das Beispiel einer zu -Christo gekommenen Muhamedanerin, und er nahm es als ein Unterpfand der -Erhörung seiner Gebete an, die ja auch wohl noch in Erfüllung gehen -können. Er nahm mich nun in besonderen Unterricht, und gab sich alle -Mühe, mir die christliche Wahrheit recht süß und lieblich, Jesum recht -groß, mein Verderben recht tief, und die ewige Seligkeit recht herrlich -vorzustellen. Seine Worte fielen auf einen empfänglichen offenen Boden; -mein Herz war begierig, recht viel von Jesus und von den himmlischen -Dingen zu hören, und ich machte oft Fragen an ihn, auf die er mir gar -keine Antwort gab, sondern sagte: »Du mußt nicht Alles wissen; halte -fest, was du hast.« Am Weihnachtstage wurde ich getauft, und erhielt die -Namen:_ Maria Christiana_. Ich fand aber nicht das, was ich erwartet -hatte. Mein Herz war ziemlich kalt und ungefühlig, meine Aufmerksamkeit -mehr auf das Aeußere gerichtet, meine Andacht mehr gezwungen als -lebendig. Ich merkte es zeitig, seufzte und betete, so gut ich konnte; -aber es blieb so. Ich setzte das Beten den ganzen Tag fort, und siehe -da, am folgenden Tage kamen alle die Segen, die ich heute nicht genossen -hatte, stromweise über mich. Der Friede Gottes erfüllte mein Herz, und -ein solches Wohlsein kehrte bei mir ein, daß ich mich nicht enthalten -konnte, laut zu jauchzen. Der General sagte: »Maria, nimm dich in Acht: -wenn der Himmel glüht, gibt's gern Regen. Es könnte auch anders kommen.« --- Der alte Prediger aber sagte: »Laßt sie doch in ihrer Freude, und -gönnet ihr's. Die Hochzeitleute können nicht fasten, so lange der -Bräutigam bei ihnen ist. Freilich wird's einmal anders kommen; aber dann -ist's noch Zeit genug, das Gesicht in Falten zu legen.« - -Der gute Mann hatte Recht, ich dachte oft an ihn. Nun ruht er schon -lange in seinem Grabe, und neben ihm der alte General. Ach, er starb im -Frühjahr nach meiner Taufe! Die ersten Schlüsselblümchen schienen sein -Grab aufgeschlossen zu haben. Er starb schnell dahin, nicht wie eine -Eiche, die nach und nach abfault; sondern wie eine hohe Fichte, die von -den gewaltigen Schlägen der Axt schnell zu Boden gelegt wird. Er starb -gern. »Wenn man nur eine Stunde Zahnweh hat,« sagte er, »so hat man -schon das Leben satt, und in einem Lebenslauf von 64 Jahren kommt -manches Weh an den Erdenpilger. Ich hoffe einen guten Tausch zu treffen. -Mein HErr und Heiland hat mir eine Stätte bereitet. Meine Menschensünden -und meine Soldatensünden, und meine Generalssünden hat Er mir alle -vergeben; ich habe Gnade erlangt.« Vor seinem Ende ließ er sich noch -folgende Verse vorlesen: - - Ich geh' dem schönen Land - Voll Freud' und Segen zu, - Dem heil'gen Friedensland, - Dem Land der ew'gen Ruh'; - Wo Oel und Wein mir blüh'n, - Wo Milch und Honig fließt, - Aus Lebensbäumen ewig grün - Mir Gnade sprießt: - - Wo unser König wohnt, - Der Herr der Heiligkeit, - Der über Welt und Sünde thront - Im Friedenskleid. - Auf Zion's sel'gen Höh'n - Hat Er sein Reich erricht't, - Und herrscht mit Seinen Heiligen - Im ew'gen Licht. - - Der Herr der Ehren schwor - (Sein Eid fällt nicht dahin): - Ich soll mit Adlersflug empor - Zum Himmel zieh'n. - Ich soll sein Antlitz seh'n, - Anbeten Seine Macht, - Und Seiner Wunder Preis erhöh'n - In ew'ger Pracht! - -Dann sagte er, als er uns weinen sah: »Weinet nicht, Kinder! ein Soldat -hat schon etwas Uebriges, wenn er auf dem Bett sterben darf, und was -noch mehr ist: ein sterbender Christ tauscht mit keinem lebenden König.« - - »Ich bin selig, reich und satt, - Weil mein Herz den Heiland hat.« - -»Laßt mich im Frieden ziehen?« Darauf faltete er die Hände, schloß die -Augen und schlief ein wie ein Kind, das am Morgen wieder erwachen wird. - -Nach seinem Tode nahm sein Sohn, ein Hauptmann in sächsischen Diensten, -seinen Abschied, um das väterliche Gut zu übernehmen. Er war ebenfalls -ein edler, christlicher Mann, und sicherte mir gleich am ersten Tage den -ungehinderten Aufenthalt bei ihm und seiner Schwester zu. Aber ehe ein -ganzes Jahr verfloß, kam er zu mir mit dem überraschenden Antrag, ich -solle seine Gattin werden. Ich machte viele Einwendungen, und bat mir -Bedenkzeit aus. Durch vieles Zureden von seiner und seiner Schwester -Seite, und weil ich keine innere Freudigkeit hatte, ihn abzuweisen, ließ -ich mich endlich bewegen, in seinen Wunsch zu willigen. Wir Drei lebten -nun bei einander wie die Kinder so vergnügt, und Eines suchte dem Andern -auf dem Wege zum Leben behilflich zu sein. Nach drei Jahren sah sich -mein Gatte durch allerlei Umstände genöthigt, seine Güter in Schlesien -zu verkaufen, und kaufte ein kleines Landgut in Sachsen in der Gegend -von Budissin. Guten Muthes traten wir die Reise dorthin an. Gleich auf -der ersten Tagreise aber wurde mein Gatte krank, so daß wir langsam -reisen und oft unterwegs stille halten mußten. Du kannst dir denken, wie -beschwert mein Herz auf dieser Reise war, wie viele Thränen ich im -Verborgenen vergoß, und wie viele Seufzer hinaufstiegen zu Dem, der die -Liebe ist, auch wenn Er schlägt. Als wir in der Gegend der Landskrone -bei Görlitz ankamen, ließen wir still halten, und setzten uns im -Abendsonnenschein auf einen grünen Rasen. Nicht weit davon saß ein Hirte -bei seiner Schafheerde unter einem Baum und sang folgendes Lied: - - Kommt, Lämmlein, weidet nur - Hier auf der fetten Flur, - Wo stille Bächlein zieh'n - Durch Gras und Blumen hin. - Nah' ist des Hirten Stab und Arm; - Ruht friedlich hier ohn' Furcht und Harm! - - Ihr Lämmer, lauft nicht weg, - Und bleibt mir im Gehäg': - Der wilde Wolf wird nah'n, - Fällt irre Schäflein an. - Hier ruhet auf der schönen Waid' - In Fülle, Fried' und Sicherheit. - - Kann sich ein Lamm erfreu'n, - Das nicht will folgsam sein? - Das die Gefahren kennt, - Und doch in's Weite rennt? - Der Wolf erhascht's, in Herzensnoth - Schreit's laut und jammert, und -- ist todt. - - O liebes Lämmlein! flieh' - Aus meiner Pflege nie! - Bleib' auf dem reichen Feld, - Das dir dein Hirt' erwählt. - Ich will dich schützen Tag und Nacht; - D'rum bleib' in deines Hirten Wacht! - - Ihr Lämmlein in der Hürd'! - Mich waidet auch ein Hirt', - Führt mich auf rechter Straß', - Und liebt mich ohne Maaß': - Sein Stab und Stecken hilft in Noth. - Mein Hirte ist mein Heiland, Gott! - -Die Worte: »Führt mich auf rechter Straß', und liebt mich ohne Maaß'« -- -giengen mir tief in's Herz, und mein Glaube mußte fest stehen, um bei -den nachherigen Erfahrungen sie nicht aus dem Gesicht zu verlieren. Laß -mich schnell darüber weggehen. Nach einem Jahre starb mein Gatte in -meinen Armen. Seine Schwester folgte ihm bald nach in's Grab. Das Gut -fiel dem Staate heim, weil keine Erben da waren. Ich wurde mit einer -kleinen Summe Geldes abgefunden. Mit Empfehlungen an die Herzogin -versehen, reiste ich nach Württemberg, um einige Verwandte meines sel. -Gatten aufzusuchen. Sie waren gestorben. So benützte ich denn meine -Empfehlungen, um bei der Herzogin Dienste zu suchen.« - -So weit erzählte Guly, die jetzt Maria heißt, und ich sah nun mit Dank -gegen Gott, daß mein Weg noch lange nicht der schwerste gewesen sei. -Später erzählte sie mir Manches noch ausführlicher, und ich erstaunte -über die schweren Prüfungen, welche Gott ihr auferlegt, und über die -Geduld und Demuth, welche sie unter denselbigen gelernt hatte. Sie -beschämte mich oft, wenn ich unzufrieden oder kleinmüthig war, durch -ihre Stille und Gelassenheit, und durch ihr festes Vertrauen auf Gott, -und ich kann nicht sagen, wie wohlthätig die Verbindung mit ihr für mein -Herz war. Unsere gegenseitige Liebe, die schon in früher Jugend -gepflanzt worden, nahm von Tag zu Tag zu, und wir durften den Segen -einer durch Christum geheiligten Freundschaft und Gemeinschaft reichlich -erfahren. Als unsere gnädigste Frau, die Herzogin _Magdalena Sibylla_, -auf ihren Wittwensitz nach Kirchheim unter Teck zog, waren wir froh, aus -dem geräuschvollen und zerstreuenden Leben in der Residenz in die Stille -eines Landstädtchens zu kommen. Wir fanden auch dort christliche fromme -Menschen, in deren Umgang wir uns erbauen konnten, und brachten unsere -Zeit im Segen zu. Mit Genehmigung der Herzogin hielten wir eine kleine -Arbeitsschule für Töchter aus der Stadt von vierzehn bis zwanzig Jahren, -welche wir im Nähen, Stricken und Sticken unterrichteten, und denen wir -zugleich durch christliche Gespräche nützlich zu werden suchten. Jedes -Mal wurde ein Kapitel aus der Bibel gelesen und während der Arbeit -darüber gesprochen. Dazwischen wurden schöne christliche Lieder -gesungen, und zuweilen benützten wir, um das Nachdenken unserer Zöglinge -anzuregen, und sie zu einer genauen Bekanntschaft und einem fleißigen -Umgang mit der Bibel zu veranlassen, ein altes Buch, in welchem -mancherlei biblische Räthsel standen, die wir von ihnen auflösen ließen. -Hier sind einige davon: - -In welchem Jahre war die Erde unfruchtbar, und entstand doch keine -Theurung? - -Wer hat einen Fingerring getrunken? - -Was ist das für eine Frau, welche in der Schrift in Verbindung mit den -Zahlen 3, 10 und 12 vorkommt? - -Wer ist das, der etwas fand, das er nicht suchte, der zu arm war, es zu -kaufen, und doch noch etwas dazu kaufte? - -Was ist das für ein Haus? -- es steht nicht auf dem Fels und nicht auf -dem Sand; es hat keine Mauern und keine Fenster; es wohnen mehr Familien -darin als Menschen; im Januar steht's im Thal und im Dezember auf dem -Berg. - -Welches ist das größte Gefäß, das in der Bibel vorkommt? - -Was war das für ein Mann, der auf dem Gebirge geboren wurde, am Wasser -lebte und in einer Vestung starb? Er war kleiner als die Kleinen und -größer als die Großen. - -Wie hieß der Mann, der am Morgen den Schwachen fürchtete, und bei Nacht -den Stärksten überwand? - -Wie hießen die vier Männer, die von oben herab auf den höchsten Berg des -Landes kamen? - -Wer war das, der sich darüber freute, daß er immer kleiner wurde, und -deßwegen so groß ist? - -Wo wurde das Zeichen der herzlichsten Liebe aus Haß gegeben? - -Wie hieß die Frau, die ihr Kostbarstes und ihr Schlechtestes an einem -Orte verbarg? - -Was ist das für ein Thorwart, der nie geboren ist und nie sterben wird? - -Wer waren die Männer, die eine theure Waare für Geld kauften, und doch -umsonst bekamen? - -Was ist das für ein Kleid, das kein Schneider gemacht hat, und doch ein -Weber gewoben? - -Was war das für ein Redner, der nur Einmal in seinem Leben gesprochen, -und der nur Einen Zuhörer hatte? - -Was war das für ein Holz, das 600 Männer mehr fürchteten als zwei -Ochsen? - - Was ist so klein und wird so groß, - Verbirgt so viel und ist so blos? - -Gern hätten wir es uns gefallen lassen, bis an unser Lebensende in dem -freundlichen Kirchheim zu bleiben; aber da am 11. August 1712 die -Herzogin, meine große Wohlthäterin, starb, so mußten wir wieder nach -Stuttgart ziehen. -- - -So weit erzählte Setma selbst. Sie erhielt von dem Herzog _Eberhard -Ludwig_ auf Empfehlung der verstorbenen Herzogin Kost und Wohnung -lebenslänglich in der herzoglichen Hofhaltung, lag im Jahr 1714 an einer -schweren Krankheit darnieder, von der sie sich nie ganz erholte, und wie -lang sie dann noch gelebt hat, weiß ich nicht. Sie hat an Armen und -Kranken nach Vermögen viel Gutes gethan, und vielen Sterbenden durch -frommen Zuspruch ihre letzten Stunden erleichtert. Unsere Großeltern in -Stuttgart hörten noch manchmal von der _frommen Jungfer Gottliebin_ -erzählen, und wenn auch unsere Enkel nichts mehr von ihr wissen werden, -so werden sie doch unsere Engel um so besser kennen. - - - - - Bei J. F. Steinkopf in Stuttgart sind - ferner erschienen: - - - Barth, Dr. C. G., Kleinere Erzählungen für die christliche - Jugend. - - I. Bändchen. 3. Aufl. 8. geb. 1 fl. od. 20 sgr. - - Inhalt: 1. Der Apotheker und sein Arzt. 2. Die Geschichte des - Peter Trom. 3. Das Rubinenkreuz. 4. Das Frauenkreuz. 5. Die - Wachsfigur. 6. Das Stöberwetter. 7. Die Geschichte des Michel - von Breitenfurth. 8. Das Concilium Nepomucenum. 9. Geschichte - einer Sturmhaube. 10. Das Kutschenrad. - - II. Bändchen. 2. Aufl. 8. geb. 1 fl. od. 20 sgr. - - Inhalt: 1. Der Bernhardskrebs. 2. Die Geschichte vom Sternwirth. - 3. Das verlorene Kind. 4. Die vier Brüder. 5. Die drei Häuser. 6. - Der Sacktuchhändler. 7. Der seltsame Appetit. 8. Die - Schatzgräber. 9. Der blaue Herr. 10. Das Rettungshaus auf dem - Arlberge. - - III. Bändchen. 8. geb. 1 fl. od. 20 sgr. - - Inhalt: 1. Zwei Schiffsjungen. 2. Der Kontrast. 3. Nilus und - Theodulus. 4. Die Winternacht. 5. Das Joch in der Jugend. 6. Der - kleine Schornsteinfeger. 7. Der Knabe im Ledersack. 8. Die - Pistolenkugel. 9. Glück aus Todesfurcht. 10. Die Erscheinung. 11. - Die Nacht am Tage. - - IV. Bändchen. 8. geb. 1 fl. od. 20 sgr. - - Inhalt: 1. Das verlorene Kind. 2. Das maurische Gold. 3. Jusqu' à - la mer. 4. Jusqu' à l'amère. 5. Poccahontas. 6. Züge aus dem Bild - eines Menschenfreundes. 7. Der Apostel der Maoris. 8. Der - verwaiste Knabe. 9. Die himmlische Prinzessin. 10. Viktor von - Upflamör. 11. Graf Hubert von Calw. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original -g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ -gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt waren, -wurden ^so^ markiert. - -Die Schreibweise und Grammatik der Vorlage wurden weitgehend -beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier -aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 21]: - ... ein Haß gegen die christliche Religon eingepflanzt ... - ... ein Haß gegen die christliche Religion eingepflanzt ... - - [S. 26]: - ... so still, alle Umstände waren so anfregend, ... - ... so still, alle Umstände waren so aufregend, ... - - [S. 35]: - ... Zimmer beiben.« ... - ... Zimmer bleiben.« ... - - [S. 68]: - ... in der Betrachtuug der heiligen Schrift ... - ... in der Betrachtung der heiligen Schrift ... - - [S. 74]: - ... erretten wird. -- Aber wie ist's denu nun ... - ... erretten wird. -- Aber wie ist's denn nun ... - - [S. 84]: - ... folgende von einer englischen Prinzessin gedichtete ... - ... folgende von einer englischen Prinzessin gedichteten ... - - [S. 91]: - ... Angen aufthun. Um so erwünschter ... - ... Augen aufthun. Um so erwünschter ... - - [S. 97]: - ... Mich waidet anch ein Hirt', ... - ... Mich waidet auch ein Hirt', ... - - [S. 104]: - ... l'amère. 5. Poccahoutas. 6. Züge aus dem Bild ... - ... l'amère. 5. Poccahontas. 6. Züge aus dem Bild ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Setma, das türkische Mädchen, by -Christian Gottlob Barth - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SETMA, DAS TÜRKISCHE MÄDCHEN *** - -***** This file should be named 50182-8.txt or 50182-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/1/8/50182/ - -Produced by Heiko Evermann, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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