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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:23:47 -0700
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 4601 ***
+
+PAPA HAMLET
+
+von Arno Holz/Johannes Schlaf
+
+1889
+
+
+
+
+
+I
+
+
+
+
+Was? Das war Niels Thienwiebel? Niels Thienwiebel, der große,
+unübertroffene Hamlet aus Trondhjem? Ich esse Luft und werde mit
+Versprechungen gestopft? Man kann Kapaunen nicht besser mästen?...
+
+"He! Horatio!"
+
+"Gleich! Gleich, Nielchen! Wo brennt's denn? Soll ich auch die
+Skatkarten mitbringen?"
+
+"N...nein! Das heißt..."
+
+--"Donnerwetter noch mal! Das, das ist ja eine, eine--Badewanne!"
+
+Der arme kleine Ole Nissen wäre in einem Haar über sie gestolpert.
+Er hatte eben die Küche passiert und suchte jetzt auf allen vieren
+nach seinem blauen Pincenez herum, das ihm wieder in der Eile von
+der Nase gefallen war.
+
+"Hä? Was? Was sagste nu?!"
+
+"Was denn, Nielchen? Was denn?
+
+"Schafskopp!"
+
+"Aber Thiiienwiebel!"
+
+"Amalie?! Ich..."
+
+"Ai! Kieke da! Also döss!"
+
+"Hä?! Was?! Famoser Schlingel! Mein Schlingel! Mein Schlingel,
+Amalie! Hä! Was?"
+
+Amalie lächelte. Etwas abgespannt.
+
+"Ein Prachtkerl!"
+
+"Ein Teufelsbraten! Mein Teufelsbraten! Mein Teufelsbraten! Hä!
+Was, Amalie? Mein Teufelsbraten!"
+
+Amalie nickte. Etwas müde.
+
+"Ja doch, Herr Thienwiebel! Ja doch!"
+
+Aber Frau Wachtel mühte sich vergeblich ab. Herr Thienwiebel, der
+große, unübertroffene Hamlet aus Trondhjem, wollte seinen Teufelsbraten
+nicht wieder loslassen.
+
+"Hä, oller junge? Hä?"
+
+"In der Tat, Nielchen! In der Tat, ein... ein... Prachtinstitut!
+Ein Prachtinstitut!"
+
+"Hoo, hoo, hoo, hopp!! Hoo, hoo, hoo, hopp Bumm!!!"
+
+Der große Thienwiebel schwelgte vor Wonne. Er hatte sich jetzt
+sogar auf ein Bein gestellt. Hinten aus seinem karierten Schlafrock
+klunkerten die Wattenstücken.
+
+"Aber Thiiienwiebel!"--
+
+
+
+
+
+II
+
+
+
+
+"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im
+Gemüt, die Pfeil' und Schleudern Des wütenden Geschicks erdulden,
+oder...oder?... Scheußlich! Der große Thienwiebel hielt wieder
+inne.
+
+"Nicht zum Aushalten das! Nicht zum Aushalten!!"
+
+Die fünf kleinen gelben Lappen hinter dem Ofen die dort an einer
+Waschleine zum Trocknen aufgehängt waren, hatten ihn wieder total
+aus dem Konzept gebracht,
+
+"Ekelhaft!"
+
+Er hatte sich jetzt, die Hände in seinen Schlafrocktaschen vergraben,
+erbittert vor das Fenster aufgepflanzt.
+
+Der Himmel drüben über den Dächern war tiefblau; in den nassen
+Dachrinnen, von denen noch gerade der letzte Schnee tropfte, zankten
+sich bereits die Spatzen; es war ein prachtvolles Wetter zum Ausgehn.
+
+"Armer Yorick!"
+
+Noch um eine Nuance verdüsterter hatte sich jetzt der große
+Thienwiebel wieder rücklings über das kleine, niedrige, mit blauem
+Kattun überspannte Sofa geworfen und starrte nun über die Spitzen
+seiner grünen, ausgetretenen Pantoffeln weg melancholisch zu Amalien
+hinüber.
+
+Ihre dünnen lehmfarbenen Haare waren noch nicht gemacht, ihre Nachtjacke
+schien heute schmutziger als sonst und stand vorn natürlich wieder
+offen; der kleine rote Spießbürger, den sie, auf ihr Fußbänkchen
+gekauert, nachlässig aus einem Gummischlauch säugte, sah auf einmal
+häßlich aus wie ein kleiner Frosch.
+
+"Armer Yorick!"
+
+Herr Thienwiebel hatte sich seufzend erhoben und setzte jetzt seine
+Wanderung von vorhin wieder fort.
+
+"...oder? oder... Sich waffend gegen eine See von Plagen, Durch
+Widerstand sie enden. --Sterben--schlafen--Nichts weiter!--"
+
+Vor dem Fenster konnte er sich jetzt wieder nicht versagen, eine
+kleine Pause zu machen.
+
+Die Sonne draußen ging gerade unter. Die Dächer sahen fuchsrot aus.
+Aber ein Blick auf seinen alten, abgenutzten Schlafrock unten ließ
+ihn sich wieder zusammennehmen und seinen Monolog von neuem beginnen.
+
+"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im Gemüt
+Ae, Quatsch!!"
+
+Mit einem Ruck war jetzt der Shakespeare, den er sich eben aus
+seiner Schlafrocktasche gerissen, auf den Tisch geflogen, wo er
+die Gesellschaft einer Spirituskochmaschine, eines braunirdenen
+Milchtopfs ohne Henkel, eines alten, berußten Handtuchs, einer Glaslampe
+und einer Photographie des großen Thienwiebel in Morarahrnen vorfand.
+
+"He! Horatio! Horatio!!... Nicht zu Hause! Nicht zu Hause..."
+
+Total vernichtet hatte er sich jetzt wieder auf das Sofa
+zurückgeschleudert und vertiefte sich nun in den tragischen Anblick
+eines schmutzigen Kinderhemdchens, das neben einer geplatzten
+Schachtel schwedischer Zündhölzchen vor ihm unten auf dem Fußboden
+lag.
+
+"Verwünscht! Wenn man wenigstens mal ausgehn könnte, Amalie! Aber
+ich fürchte...ich fürchte...die Welt ist nicht vorurteilsfrei genug,
+um einen Niels Thienwiebel im Schlafrock und Zylinder unbehelligt
+seines Weges dahingehn zu lassen!"
+
+Aber Amalie antwortete nicht einmal. Der kleine Krebsrote nahm
+ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sein Lutschen zog jetzt den
+ganzen Schlauch zusammen.
+
+"Ja! Es ist so! Es ist so, Amalie! Aber sie schreiben mir noch
+immer nicht! Sie haben da Leute, Leute--Leute? Pah! Stümp'rr! 0
+Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist!"
+
+jetzt hatte Amalie, die dies Thema bereits kannte, etwas aufgesehn.
+
+"Ja...es wäre am Ende doch gut, wenn du einmal ..."
+
+Ihre Stimme klang heiser, belegt.
+
+"Ja, so wird es kommen! Vielleicht...bei meiner Schwachheit und
+Melancholie..."
+
+Der kleine Krebsrote schmatzte! Seine Flasche war jetzt so gut wie
+leer.
+
+"Ich werde selbst hingehn müssen und fürliebnehmen mit dem, was
+man mir anzubieten wagt! Das Leben ist brutal, Amalie! Verflucht!
+Wenn man wenigstens einen Rock zum Ausgehen hätte!"
+
+Sein Tenor war jetzt übergeschnappt, er hatte sich wieder lang über
+das Sofa zurückgeeselt.
+
+Große Pause...
+
+Die Dächer draußen hatten sich allmählich braun gefärbt. Die Sonne
+an dem großen runden Schornstein drüben war verblichen.
+
+Frau Thienwiebel fing jetzt hinten in ihrer Ecke zu husten an.
+
+"Herr Gott, Niels! Ich muß ja inhalieren! Da, nimm doch mal das
+Kind!"
+
+"Natürlich! Auch noch Kinderfrau! Oh, Ich reiße Possen wie kein
+andrer! Was kann ein Mensch auch andres tun als lustig sein? Still,
+Krabbe!! " Der kleine Krebsrote schwieg wieder. Er war noch nie so
+verblüfft gewesen.
+
+"Da! Nimm's! Kau's! Friß! Verschluck's!"
+
+Der große Thienwiebel hatte es jetzt sogar über sich gewonnen, seinem
+ungeratnen Sprößling auch den Schnuller in den Mund zu stopfen.
+Mehr war unmöglich zu verlangen!
+
+Amalie hatte unterdessen die Ofenröhre aufgemacht und entnahm ihr
+jetzt einen kleinen, grünglasierten Kochtopf. Ein nach Salbei
+duftender Brodem entstieg ihm. Nachdem sie dann noch das kleine
+Geschirr neben den Ofen auf einen Stuhl und sich selbst auf die
+Fußbank davor gesetzt hatte, machte sie jetzt ihren Mund auf und
+atmete das heiße Zeug langsam ein.
+
+Der große Thienwiebel, der sich unterdes mit seinem impertinenten
+kleinen Krebsroten auf die Tischkante placiert hatte, sah ihr
+nachdenklich zu.
+
+"Hm! Weißt du, Amalie?
+
+"Hm??"
+
+"Weißt du? Wir haben eigentlich eine ganz falsche Methode, das Kind
+zu nähren, Amalie!"
+
+"Ach was!"
+
+"Ich sage, eine Methode! Eine verkehrte Methode, Amalie!"
+
+"Aber..."
+
+"Verlaß dich drauf! Eine unnatürliche, Amalie!"
+
+"Ja, du lieber Gott..."
+
+"Eine unnatürliche...Wir sollten das Kind nicht mit der Flasche
+tränken!"
+
+"Nich? Na, womit denn sonst?"
+
+"Du selbst solltest es eben tränken!"
+
+"Ich?"
+
+"Gewiß, Amalie!"
+
+"Ach lieber Gott! Ich! Selbst!".
+
+"Nun! Warum nicht?"
+
+"Ich?? Bei meiner schwachen, kranken Brust jetzt?"
+
+"Ach was! Das bildest du dir ja nur ein, Amalie! Ich sage die, du
+bist völlig gesund. Du bist völlig gesund, sag ich!...Übrigens:
+Ein Kind kann ein für allemal nur dann gedeihen, wenn es die Mutter
+selbst säugt!"
+
+Herr Thienwiebel war jetzt ganz eifrig geworden. Seine Langeweile
+von vorhin schien er völlig vergessen zu haben. Er schien es sogar
+nicht bemerkt zu haben, daß dem kleinen zappelnden Wurm auf seinen
+Knien der Schnuller wieder heruntergekullert war.
+
+"Verlaß dich drauf, Amalie! Ich sage, die natürlichste Methode
+ist immer die beste! Denk doch mal: was sollten denn sonst die
+Negerweiber anfangen! Sie haben keine Flaschen! Sie nähren ihre
+Kinder selbst, siehst du...und,und--nun ja! Und sie gedeihen dabei!
+Gedeihen! Na?"
+
+"Ja, Niels, aber ich bin doch kein Negerweib!"
+
+Der große Thienwiebel lächelte überlegen.
+
+"Ja nun, du mußt...hehe! Du mußt mich eben verstehn, Amalie! He!"
+
+Amalie hatte sich wieder tief über ihren Salbeitopf gebückt.
+
+"Ich wollte dir damit eben nur durch ein...ein...nun sagen wir durch
+ein Beispiel, andeuten, daß das Natürlichste immer das Vernünftigste
+ist. Ich sehe eben durchaus nicht ein, warum die Negerweiber etwas
+vor uns voraushaben sollten!"
+
+"Aber sie sind gesund!"
+
+"Ach was! Das bildest du dir ja nur ein, Amalie, daß du krank bist!"
+
+"Ich?"
+
+"Allerdings, Amalie! Ich behaupte..."
+
+Amalie war jetzt ein wenig ungeduldig geworden.
+
+"Ach was! Laß lieber das Kind nicht so schrein!"
+
+"Auch das ist wieder nur so ein Vorurteil von dir, Amalie! Was schadet
+das! Ich habe gelesen, es ist nichts gesünder! Die Lungen weiten
+sich dabei! Aber -- e...wie gesagt! Du solltest das Kind selbst
+tränken! Die heutige Kultur freilich, die Kultur der europäischen
+Welt..."
+
+Die Kultur überging Amalie. Sie hielt sich nur an die Ermahnungen,
+die sie nun schon so oft zu hören bekommen hatte.
+
+"So! So! Jawoll doch! Gewiß! Bei unserm Leben! Den ganzen Tag lebt
+man von Kaffee und Butterbrot! Ich möchte wissen, wie das arme Wurm
+dabei gedeihen sollte!"
+
+"Ha! Zu leben im Schweiß und Brodem eines eklen Betts, gebrüht in
+Fäulnis, buhlend und sich paarend über dem garst'gen Nest! Nicht
+wahr? Du willst damit sagen, daß ich an unsrer Lage schuld bin,
+Amalie!"
+
+"Na! Etwa ich?"
+
+"Weib!!"
+
+"Moi'n!"
+
+Die Tür, an der es schon eine ganze Weile vergeblich geklopft hatte,
+wurde in diesem Augenblick weit aufgestoßen, und herein, in seinem
+ewigen Havelock, der vor Zeiten wahrscheinlich einmal hechtgrau
+gewesen war, den ungeheuren schwarzen Schlapphut tief in das kleine
+fidele, blasse Gesichtchen gedrückt, tänzelte jetzt der kleine Ole
+Nissen.
+
+"Moi'n! Also laßt euch nicht stören, Kinder! Bitte, bitte! Keine
+Umstände, Nielchen! Keine Umstände! Weiß schon! Probiert 'ne neue
+Szene ein! Also, wie gesagt ... Donnerwetter! Ist das Biest hart!"
+
+Er hatte sich eben mitten auf das kleine Kattun'ne plumpsen lassen
+und dabei wieder in einem Haar seine Ägypter verloren, die er schief
+zwischen die Zähne geklemmt hielt.
+
+"Also, wie gesagt! Laufe da eben ganz trübselig den Hafendamm
+runter. Hä? Und wer begegnet mir da? Der Kanalinspektor! Na, wer
+denn sonst? Der Kanalinspektor natürlich! Nobel verheiratet, Villa
+in Bratsberg, no! etc. pp. Könnt euch ja denken! Schleift mich
+also natürlich sofort zu Hiddersen und läßt vorfahren... Na, oller
+Junge? Wie geht's?... Faul! sag ich also natürlich. Faul!...Hm!
+Weißte was? KKönntest eigentlich meine Alte porträtieren!...Hm! Mit
+Jenuß, Kind! Mit Jenuß! Aber--e...Farben, siehst du--he, Leinwand,
+Rahmen also...Hä! Was? Nobles Putthuhn!!"
+
+Ole Nissen ließ jetzt die schönen, noblen Kronen in seinen Taschen
+nur so klimpern.
+
+"Frau Wach-tel! Frau Wachtell!! Frau Wach-tellll!!!"
+
+Das Haus Thienwiebel schwamm wieder in Wonne. Sein Krach war wieder
+auf eine Weile verschoben.
+
+"Hä! Und dies? Ist das Butter? Und dies? Hä? Ist das Schinken? Hä?
+Und dies? Hä? Platz für das Silberzeug! Silentium!!"
+
+Der kleine Ole war heute wieder ganz aus dem Häuschen...
+
+Nachdem das "Silberzeug" dann endlich abgeräumt und die Punschbowle
+zu zwei Dritteln bereits geleert war, mußte Frau Wachtel sogar noch
+die Skatkarten "ranschleifen". Es war einfach herrlich! Der große
+Thienwiebel hatte seinen türkischen Fez auf, Ole Nissen bot seine
+Ägypter sogar galant der alten Madame Wachtel an, die sich aber
+empört von ihnen wieder in ihre Küche zurückflüchtete, Amalie
+rauchte tapfer mit. Ihre alten Opheliajahre waren wieder lebendig
+in ihr geworden.
+
+"Ach, Thienwiebel! Niels!! Geliebter!!!"
+
+Der große Thienwiebel stand da und weinte.
+
+"Bin ich 'ne Memm'?--Ha! Rauft mir den Bart und werft ihn mir ins
+Antlitz! Nein, reizende Ophelial Nein! Weine nicht! Mein Schicksal
+ruft und macht die kleinste Ader meines Leibes so fest als Sehnen
+des Nemeerlöwen!... Was, alter Jephta?...Nein, glaube nicht, daßich
+dir schmeichle! Was für Befördrung hoff ich wohl von dir, der keine
+Rent' als seinen muntren Geist, um sich zu nähren und zu kleiden
+hat!"
+
+Seine Stimme brach ab, die Hand, die er ihm auf die Schulter gelegt
+hatte, zitterte.--
+
+Zuletzt, als die alte Glaslampe nur noch wie eine kleine Ölfunzel
+brannte und die prachtvollen Ägypter um ihre grüne Glocke einen
+schönen, silbergrauen, fingerdicken Nebelring gelegt hatten, wurde
+auch der kleine Ole Nissen gerührt.
+
+Er hatte sich nach und nach zu der reizenden Ophelia auf das
+kleine, blaue Kattunüberzogene gedrängt und titulierte sie nur
+noch "Miezchen". Jetzt hatte er endlich auch ihre Hände zu fassen
+bekommen und bedeckte sie nun mit seinen Küssen.
+
+Der große Thienwiebel erhob keine Einsprache. Er hatte segnend seine
+Hände über sie gebreitet und konnte sein Herz nur noch stammelnd
+ausschütten.
+
+"Der Kreis hier weiß, ihr hörtet's auch gewiß, wie ich mit schwerem
+Trübsinn bin geplagt!"
+
+Der kleine Krebsrote hinten in seiner Ecke hatte unterdessen seine
+Not mit sich gehabt. Schon verschiedene Male hatte er sich in den
+Schlaf geweint. Jetzt aber war er wieder aufgewacht und konnte
+absolut nicht mehr seinen Gummipfropfen finden. Die reizende Ophelia
+hörte ihn nicht. Sie war längst in ihrer Sofaecke eingeschlafen.
+Er schrie jetzt, als ob er am Spieße stak.
+
+Der große Thienwiebel hatte natürlich erst recht keine Zeit für
+den Schurken. Er hatte den kleinen Ole Nissen, der jetzt kaum noch
+seine kleinen, wasserblauen Augen aufhalten konnte, vorn an seinem
+Rockkragen zu packen bekommen und deklamierte nur wieder:
+
+"Er ist eine Elster, Horatio! Eine Elster! Aber, wie ich dir sagte,
+mit weitläufigen Besitzungen von--Kot gesegnet!"
+
+
+
+
+
+III
+
+
+
+
+Es war nicht anders! Aber er hegte Taubenmut, der große Thienwiebel,
+ihm fehlte es an Galle...
+
+Er hatte seit kurzem--er wußte nicht wodurch?--all seine Munterkeit
+eingebüßt, seine gewohnten Übungen aufgegeben, und es stand in der
+Tat so übel um seine Gemütslage, daß die Erde, dieser treffliche Bau,
+ihm nur ein kahles Vorgebirge schien. Dieser herrliche Baldachin,
+die Luft, dieses majestätische Dach mit goldnem Feuer ausgelegt:
+kam es ihm doch nicht anders vor als ein fauler, verpesteter Haufe
+von Dünsten. Welch ein Meisterwerk war der Mensch! Wie edel durch
+Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung
+wie bedeutend und wunderwürdig im Handeln, wie ähnlich einem Engel;
+im Begreifen, wie ähnlich einem Gotte; die Zierde der Welt! Das
+Vorbild der Lebendigen! Und doch: was war ihm diese Quintessenz
+vom Staube? Er hatte keine Lust am Manne--und am Weibe auch nicht.
+Die Zeit war aus den Fugen! War es zu glauben? Aber-e-man hatte
+ihm noch immer nicht geschrieben. Man war undankbar in Christiania.
+Armer Yorick!
+
+Sterben, schlafen...vielleicht auch träumen?
+
+Einstweilen jedoch hatte es allen Anschein, als ob gewisse
+Rücksichten das Elend des armen Yorick noch zu hohen Jahren kommen
+lassen wollten. Jedenfalls wenigstens durften jetzt die naseweisen
+Aktschüler unten in der Akademie den großen unübertrefflichen Hamlet
+aus Trondhjem schon seit vollen vierzehn Tagen in den schönen,
+langen Vormittagsstunden als sterbenden Krieger kopieren. Das war
+freilich eine Entwürdigung, aber sie brachte Geld ein. Nur genügte
+es leider noch nicht.
+
+Wenn der "arme Yorick" jetzt mittags nach Hause kam und sich
+mit einem Appetit, als hätte er eben vierundzwanzig Stunden lang
+ohne aufzusehn Eichenkloben zerkleinert, über die große Schüssel
+herstürzte, die ihm die reizende Ophelia schon vorsorglich verdeckt,
+der Photographie des großen Thienwiebel grade gegenüber, auf den
+Tisch gestellt hatte, fand sich meist nur eine etwas grün angelaufene,
+dünne Kartoffelsuppe drin vor, in der höchstens hie und da noch ein
+paar kleine, kohlschwarze Speckstückchen schwammen. Armer Yorick!...
+
+Amalie schien schon seit undenklichen Zeiten ihre Nachtjacke nicht
+mehr in die Waschwanne gesteckt zu haben. Wozu auch große Toilette
+machen? Man war ja zu Hause.
+
+"Nicht wahr, Thienwiebel?"
+
+Der große Thienwiebel hielt es für unter seiner Würde zu antworten.
+Er hatte sich eben wieder in seinen alten, bequemen Schlafrock
+geworfen, aus dem die Watte freilich, ihrer nur noch geringen
+Quantität halber, nicht mehr recht klunkern konnte.
+
+Seinen William aufgeklappt, hatte er sich jetzt wieder tiefsinnig
+rücklings über das kleine Blaukattunene geworfen.
+
+ "Oh, schmölze doch dies allzu feste Fleisch,
+ Zerging' und löst' in einen Tau sich auf!
+ Oder hätte nicht der Ew'ge sein Gebot
+ Gerichtet gegen Selbstmord! 0 Gott! o Gott! Wie
+ ekel, schal und flach und unersprießlich Scheint
+ mir das ganze Treiben dieser Welt!
+ Pfui! Pfui darüber!"
+
+Amalie, die sich wieder auf ihre kleine, mollige Fußbank neben den
+Ofen gesetzt und eben ihre Schmalzstulle in den Kaffee gestippt
+hatte, sah jetzt etwas verwundert in die Höhe. Als aber der "arme
+Yorick" dann nicht mehr weiterlas und, seinen William zugeklappt,
+sich jetzt sogar, ganz wider seine sonstige Gewohnheit, mit dem
+Kopfe gegen die Wand gedreht hatte, wurde ihr denn doch ein wenig
+unbehaglich zumut.
+
+Eine Weile noch überlegte sie; dann aber, endlich, hatte sie sich
+entschieden. Ihre Stimme klang noch kläglicher als sonst.
+
+"Ich will nähen gehn, Niels."
+
+"Nein, Amalie! Niemals! Niemals! Das werde ich nie dulden! Das wäre
+eine unverzeihliche Vernachlässigung deiner heiligsten Mutterpflichten!"
+
+Er war wieder empört aufgesprungen.
+
+"Nein, Amalie! Nie! Niemals!...Solang Gedächtnis haust in
+dem...zerstörten Ball hier!"
+
+Er hatte sich melodramatisch vor die Stirn gestoßen. Amalie fühlte
+sich wieder beruhigt und biß jetzt herzhaft in ihre Schmalzstulle...
+
+"Herein?"
+
+Es war Frau Wachtel. Sie brachte wieder die Milch für den Kleinen.
+
+Der große Thienwiebel hatte es sich nicht versagen können, ihn auf
+den Namen Fortinbras taufen zu lassen.
+
+"Na, Dickerchen? Langweilste dich? Oh, mein Mäuseken! Oh!"
+
+Sie fand nämlich, daß Amalie ihren heiligsten Mutterpflichten etwas
+nachlässig oblag, und gestattete sich öfters eine kleine Kontrolle.
+
+Frau Rosine Wachtel war nämlich im Besitze eines guten Herzens. Und
+das mußte wahr sein, denn sie sagte es selbst und vergoß jedesmal
+Tränen dabei. Indessen war ihr dieser Besitz noch nicht allzu
+gefährlich geworden. Denn es war ihr noch niemand durchgebrannt,
+und sie war noch immer zu ihrem Geld gekommen; und das war oft
+ein Stück Arbeit gewesen. Frau Rosine Wachtel konnte das jeden
+versichern...
+
+"Ach, du Würmeken! Ach, mein Puttekent Hab'n se dir so in'n Korb
+jestochen!"
+
+Die gute Frau Wachtel war ganz gerührt. Aber plötzlich, aus
+irgendeinem Grunde, wahrscheinlich weil draußen auf dem Flur eben
+jemand die Treppe heraufzukommen schien, hielt sie es jetzt doch
+für besser, sich schnell noch mal nach ihrer Küche umzusehn...
+
+Der große Thienwiebel, der etwas ungeduldig gewartet hatte, bis ihr
+runder, trivialer Rücken endlich hinter der Tür verschwunden war,
+weil er wieder etwas wie einen Monolog in sich verspürte, war
+jetzt tragisch auf das kleine runde Spiegelchen über der Kommode
+zugetreten, aus dem ihm nun sein schöner, edelgeformter Apollokopf
+melancholisch zunickte.
+
+"Armer Freund! Wie ist dein Gesicht betroddelt, seit ich dich
+zuletzt sah!"
+
+Amalie bekümmerte sich nicht mehr um ihn. Sie kannte ihren großen
+Gatten.
+
+"Armer Freund!"
+
+War das sein Haar? Sein schönes, berühmtes, blauschwarzes Haar? Eine
+grausame Natur der Dinge hatte ihm nun schon seit Wochen verwehrt,
+es sich brennen zu lassen. In die Stirn, in diese erhabene Wölbung
+majestätischer Gedanken, fiel es ihm nun in Strähnen, dick und
+feist, wie sie selber, diese schale, engbrüstige Zeit.
+
+"Armer Freund!"
+
+Nachdem er sich so zu der erhabenen Mission, die ihm vorschwebte,
+genügend präpariert zu haben glaubte, drehte er sich jetzt gemessen
+nach dem kleinen, gelben Korb um, der dicht neben dem Bett quer
+über zwei Stühle gestellt war.
+
+"Armes kleines Menschenkind! Welch böser Stern verdammte dich in
+dieses Elend!"
+
+Das arme kleine Menschenkind zappelte ihn an und lachte.
+
+"Aber still! Still! Ich will alles einsetzen! Ich will meine ganze
+Kraft einsetzen! Ich werde arbeiten, Freund! Ich werde arbeiten!
+Ich werde dem Schicksal die Stirn bieten; ich werde ihm ab trotzen,
+daß du in dieser herben Welt dereinst jene Stellung einnimmst,
+die deinen Talenten gebührt...ja! So macht Gewissen Feige aus uns
+allen. Der angebornen Farbe der Entschließung wird des Gedankens
+Blässe angekränkelt; und Unternehmungen voll Mark und Nachdruck,
+durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt, verlieren so der Handlung
+Namen!"
+
+Seine Stimme bebte, seine Schlafrocktroddeln hinter ihm, die er
+sich zuzubinden vergessen hatte, zitterten.
+
+Amalie hatte jetzt ihr Schmalzbrot wieder beiseite gelegt.
+
+"Niels, ich will doch lieber nähen gehn!"
+
+"Nie! Nie! Sprich nicht davon, Amalia! Bei meinem Zorn! Sprich
+nicht davon!"
+
+Amalie war wieder beruhigter denn je.
+
+Ihr schönes Schmalzbrot war, Gottseidank, noch nicht ganz alle.
+Der große Thienwiebel, der einigermaßen aus seinem Konzept gekommen
+war, hatte jetzt einige Mühe, wieder hineinzukommen. Den Shakespeare,
+den er wieder von der Erde aufgelesen hatte, hinten in seinen
+Wattenklunkern, die Finger krampfhaft um seinen roten Saffianrücken,
+nickte er jetzt wieder schmerzlich auf das kleine, verwunderte
+Bündelchen hinab. Es hatte die ganze Zeit über kaum zu mucksen
+gewagt.
+
+"Ich weiß... ich werde sterben, Freund! Ich werde sterben!--Das
+starke Gift bewältigt meinen Geist! Ich kann von England nicht
+die Zeitung hören; doch prophezei ich, die Erwählung fällt auf
+Fortinbras... Du lebst; erkläre mich und meine Sache den Unbefriedigten!"
+
+Der kleine Fortinbras war jetzt ganz ernsthaft geworden. Er hatte
+seinen großen Papa noch nie so menschlich mit ihm reden hören.
+
+"Den Unbefriedigten"
+
+Der Regen draußen, der die braunen Dächer drüben schon seit
+frühmorgens wie mit Glanzlack überzogen hatte, plätscherte, aus
+dem Fensterblech, unter das die reizende Ophelia natürlich wieder
+den Wasserkasten zu hängen vergessen hatte, war er jetzt allmählich
+sogar die graue Tapete hinab bis mitten unter das kleine Blaukattunene
+gekrochen. Auf seinem kleinen Teich drunter konnten die beiden
+angebrannten Schwefelhölzchen bereits in aller Gemächlichkeit
+rundherum Gondel fahren.
+
+Plötzlich schien den großen Thienwiebel wieder mal irgend etwas
+unversehens gestochen zu haben.
+
+"Amalie! Amalie!"
+
+"Was denn schon wieder, Thienwiebel!"
+
+Sie hatte sich nicht einmal umgesehn.
+
+"Amalie, es ist nicht zu leugnen: das Kind hat ganz außergewöhnliche
+Fähigkeiten! Es hat mich soeben angelacht. Es unterhält sich
+ordentlich mit mir!"
+
+Amalie grunzte nur verdrießlich.
+
+"Ich wette, man kann ihm schon die Anfangsgründe des Sprechens
+beibringen, Amalie!"
+
+"Hm? du! Sag mal: a! Na?! a-a-a..."
+
+Der kleine, gute Fortinbras wußte sich jetzt vor lauter Verdutztheit
+gar nicht mehr zu lassen. Er hatte seine beiden dicken Händchen
+rechts und links in den Korbrand gekrallt und ähte nun, seinen Kopf
+nach hinten zurückgelegt, seinen großen Papa ganz vergnügt an.
+
+"Nicht ä, mein Junge! Sag a! A sollst du sagen! Also? Na? Aaaa!... "
+
+"Ach, laß doch! Das kann er ja noch nich!"
+
+Amalie hatte es endlich doch für angezeigt gehalten, sich ins Mittel
+zu legen.
+
+"Was?! Das kann er nicht?! Sage das nicht, Amalie! Sage das nicht!
+Dafür ist er mein Junge! Hä? Bist du mein Junge? Hä?"
+
+"Aber er ist ja erst kaum ein Vierteljahr alt!"
+
+"So? So? Nun, hm...Ich will nicht mit dir rechten, Amalie! Allein
+du wirst doch vorhin bemerkt haben, daß er durchaus verstand, was
+ich meinte!"
+
+Amalie gähnte. Sie gab es auf. Es hatte ja keinen Zweck! Es war ja
+alles egal! So oder so!
+
+Der große Thienwiebel aber war damit noch nicht zufrieden. Er konnte
+seine Idee noch nicht so leicht wieder fallenlassen.
+
+Nein, gewiß, Amalie! Der Junge berechtigt zu den besten Hoffnungen!"
+
+Ach...
+
+"Nun! Was ist denn da so Ungewöhnliches dabei, Amalie? Du weißt:
+es gibt mehr. Ding' im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit
+sich träumt, Amalie!"
+
+Amalie gähnte nur wieder.
+
+
+ "...und nun, ihr Lieben,
+ Wofern ihr Freunde seid, Mitschüler, Krieger,
+ Gewährt ein Kleines mir!"
+
+
+Sie gewährten es ihm.
+
+Es war wirklich zu schön von dem großen Thienwiebel! Aber er
+hatte sich jetzt tief über seinen kleinen, süßen Fortinbras, der zu
+so großen Hoffnungen berechtigte, gebeugt und wollte ihn nun--oh,
+zum ersten Mal, zum ersten Mal, seit langer, langer Zeit, Horatio!
+wieder auf die kleine bleiche Stirn küssen.
+
+Aber es sollte nicht dazu kommen. Er war bereits wieder zurückgetaumelt,
+noch ehe er seine schöne Tat zum Austrag gebracht hatte.
+
+"Ha!"
+
+Seine Augen rollten, seine Fäuste hatten sich geballt, die beiden
+roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock schlotterten vor
+Entrüstung.
+
+"Ha!"
+
+Das Rätsel von der alten, lieben, guten, geschäftigen Frau Wachtel
+von vorhin hatte sich glänzend gelöst.
+
+Sei's Farbe der Natur, sei's Fleck des Zufalls, kurz und gut, aber
+der kleine Prinz von Norwegen lag wieder seelenvergnügt mitten in
+seinen weitläufigen Besitzungen da.
+
+
+
+
+
+IV
+
+
+
+
+Seit die schöne Frau Kanalinspektor, sorgsam in Sackleinwand genäht,
+endlich abgegangen war und weitere Promenaden am Hafendamm sich
+nicht wieder ergiebig erwiesen hatten, war jetzt auch nebenan bei
+dem kleinen Ole Nissen nichts mehr zu holen. Erneute Bohrversuche
+bei dem famosen, noblen Putthuhn hatten auch nichts gefruchtet. Seine
+"Alte" schien ihm nicht sonderlich imponiert zu haben. Wenigstens
+hatte ihr kleiner "Tintoretto" sie bei seiner letzten offiziellen
+Visite draußen vergeblich an den neuen, schöntapezierten Wänden
+gesucht. Übrigens waren die Herrschaften gerade ausgegangen. Man
+schien eben nicht bloß in Christiania allein undankbar zu sein.
+
+Keine Hummern bei Hiddersen mehr, keine Ägypter mehr, keine "Mieze"
+mehr! Das letzte schmerzte den armen, kleinen Ole natürlich am
+meisten. Aber man konnte es der Kleinen wirklich unmöglich verdenken.
+Von aufgeweichten Brotkrusten ließ sich nicht satt werden.
+
+Der alten, lieben, guten Frau Wachtel aber war damit ein sehr großer
+Stein vom Herzen gefallen. Sie hatte nämlich die niedliche kleine
+Mieze einmal dabei ertappt, als sie dem abscheulichen Ole grade
+Modell stand, und da sie hierfür wirklich auch nicht das mindeste
+Verständnis besaß, ein gewisses, kleines Vorurteil gegen sie gefaßt.
+
+Ihr gutes Herz zu betätigen hatte sie in letzter Zeit leider nur zu
+wenig Gelegenheit gehabt. Am unzufriedensten aber war sie jedenfalls
+mit den dummen Thienwiebels. Was bei der alten Schlamperei dort
+schließlich rauskommen mußte, konnte man sich ja an den Fingern
+abzählen.
+
+Der alte, alberne Kerl flözte sich den ganzen Tag auf dem Sofa
+rum und trieb Faxen, das faule, schwindsüchtige Frauenzimmer hatte
+nicht einmal Zeit, seinem Schreisack das bißchen blaue Milch zu
+geben, zu fressen hatten sie alle drei nichts, und die Miete--ach,
+du lieber Gott! Wenn man nicht wenigstens noch die paar Sparkreeten
+gehabt hätte...
+
+--Ja! Es war Wermut! Sein Verstand war krank! Es fehlte ihm
+an Beförderung! Im Schoß des Glückes? Oh, sehr war! Sie ist eine
+Metze! Was gibt es Neues? Als Roscius noch ein Schauspieler in Rom
+war...Geharnischt, sagt Ihr? Sehr glaublich!--Ein Mann, der Stöß'
+und Gaben mit gleichem Dank genommen, der zur Pfeife nicht Fortunen
+diente, den Ton zu spielen, den ihr Finger griff, den Bettler, wie
+er...Nichts mehr davon!! Sprich weiter, komm auf Hekuba!
+
+In der Tat, es ließ sich nicht mehr leugnen: er war jetzt wirklich
+zu bedauern, der große Thienwiebel!
+
+Oh, welch ein Schurk' und niedrer Sklav' er war!! War's nicht
+erstaunlich? War's zu glauben? War's möglich? War's nur durch
+Angewohnheit, die den Schein gefäll'ger Sitten überrostet, war's
+Übermaß in seines Blutes Mischung: kurz und gut, aber er kam jetzt
+immer wieder auf sie zurück: auf nichts, auf Hekuba!
+
+Wozu sollten Gesellen wie er zwischen Himmel und Erde herumkriechen?
+Dem Staub gepaart, dem er verwandt, so rings umstrickt mit
+Bübereien...nicht doch, mein Fürst!! Die Mausefalle? Und wie das?
+Metaphorisch! Ich bitte, spotte meiner nicht, mein Schulfreund; Du
+kamst gewiß zu meiner Mutter Hochzeit!
+
+Armer Yorick! Denn wenn die Sonne Maden aus einem toten Hunde
+ausbrütet, eine Gottheit, die Aas küßt...Armer Yorick!
+
+Sein Wahnsinn war des armen Hamlet Feind.--
+
+Amalie, die endlich ihre Drohung wahrgemacht und in der Tat seit
+einiger Zeit etwas zu tun angefangen hatte, was sie Trikottaillen
+nähen nannte, ließ alles getrost über sich ergehen. Es hatte ja
+keinen Zweck! Es war ja alles egal! So oder so.
+
+Der gute, kleine Ole Nissen war unendlich zarter besaitet. Da
+Frau Wachtel so freundlich gewesen war und ihm nach so vielen
+andern geliebten Gegenständen kürzlich auch noch seine schönen
+leberwurstfarbenen Pantalons ins Leihhaus getragen hatte, war er
+jetzt dazu verdammt, die ganzen Tage über in seinem Bett zu liegen
+und durch die dünnen Bretterwände durch die ganze Wirtschaft mit
+anzuhören.
+
+"Ha! Büberei! Auf, laßt die Türen schließen! Verrat! Sucht, wo er
+steckt! Du betest schlecht! Ich bitt dich! Laß die Hand von meiner
+Gurgel! Kennst du diese Mücke?!"
+
+Armer, kleiner Ole! War es Angst oder nur Langeweile? Aber der
+Schweiß brach ihm oft tropfenweis durch die Stirn.
+
+Der große Thienwiebel schien es ordentlich auf ihn abgesehn zu haben!
+Alle Nachmittag Punkt fünf Uhr versäumte er es jetzt nie, sogar
+seine "Bude" zu inspizieren. Diese war freilich noch erbärmlicher
+als seine eigene, aber sie besaß dafür den Vorzug, daß man aus ihrem
+Fenster bequem unten auf das breite, platte, geteerte Nachbardach
+klettern konnte, von dem man dann eine erfreuliche Aussicht auf die
+verschwiegenen Brandmauern mehrerer Hinterhäuser genoß. Ein kleines
+anspruchsloses Pflaumenbäumchen, dessen verkrüppelte Ästchen von
+Raupen und Spatzen nur so wimmelten, vervollständigte das Idyll.
+Der arme kleine Ole spürte die verhängnisvolle Zeit schon immer
+eine ganze Weile vorher in seinen Knochen. Der große Thienwiebel
+beliebte es dann nämlich immer, gewisse Unterhaltungen mit ihm
+anzuknüpfen, die so geistvoll, ideentief und farbenreich waren,
+daß dem kleinen Ole, den seine ewigen Brotkrusten schon ohnehin
+arg mitgenommen hatten, nur so der Kopf danach brummte.
+
+"Ich will hier im Saale auf und ab gehn, wenn es Seiner Majestät
+gefällt; es wird jetzt bei mir die Stunde, frische Luft zu schöpfen.
+Laßt die Rapiere bringen."
+
+Die "Rapiere" waren zwei Leiterstücken, die man zusammenlegen und
+von draußen her in das Fensterkreuz einhaken konnte.
+
+Wenn sie "gebracht" worden waren, endete die Geschichte natürlich
+stets damit, daß man sie auch richtig einhakte und an ihnen
+hinabkletterte.
+
+"Hic et ubique! Ändern wir die Stelle!"
+
+Dann war man in "Helsingör" und promenierte auf der "Terrasse". Der
+große Thienwiebel in Fez und Schlafrock, der kleine Ole in Havelock
+und Unterpantalons.
+
+Ich will die Lieb' Euch lohnen, lebt denn wohl, Horatio! Auf der
+Terrasse zwischen elf und zwölf besuch ich Euch ... Nicht wahr?
+Ihre...seid ein--Fischhändler?!"
+
+Scham, wo war dein Erröten!
+
+Der arme, kleine Ole wußte zuletzt selbst nicht mehr: war eigentlich
+er verrückt, oder Nielchen.
+
+Aber er hätte sich nicht so zu härmen brauchen. Der große Thienwiebel
+wußte nur zu gut, was er tat. Er war nur "toll aus Methode". Er
+war nur toll bei Nordnordwest; wenn der Wind südlich war, konnte
+er sehr wohl einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl unterscheiden.
+
+Die ewige Aktsteherei unten in der alten, dummen Akademie war ihm
+eben nachgerade langweilig geworden, und da er der alten, lieben,
+guten Frau Wachtel doch unmöglich zutrauen durfte, daß sie ihn noch
+länger gratis beherbergte, wenn er sich jetzt die "Quelle köstlicher
+Dukaten" so sans facon wieder zustopfte, war er eben eines schönen
+Tages auf die großartige Idee verfallen, sich hier in dieser herben
+Welt voll Müh' nach und nach für wirklich übergeschnappt auszugeben.
+
+"Ha! Heisa Junge! Komm, Vögelchen! Komm! Ich Muß nach England; wißt
+Ihr's? Himmel und Erde! Es ist nur eine Torheit, aber es ist eine
+Art von schlimmer Vorbedeutung, die vielleicht ein Weib ängstigen
+würde.
+
+Was? Eine Ratte? Die Spitze auch vergiftet! Nein! Nein, schöne
+Dame! Nicht nur mein düstrer Mantel, gute Mutter, noch die gewohnte
+Tracht von ernstem Schwarz, noch stürmisches Geseufz beklemmten
+Odems: nein: auch die Schmeichelsalb'! Ich hab's geschworen!
+Weglöschen von der Tafel der Erinnerung will ich all jene törichten
+Geschichten! Nie beuge sich dieses Knies gelenke Angel, wo Kriecherei
+Gewinnn bringt! Ich trotze allen Vorbedeutungen: es waltet eine
+besondere Vorsehung über dem Fall des Sperlings. In Bereitschaft
+sein ist alles. Wetter! Dankt ihr, daß ich leichter zu spielen
+bin als ein Flöte? Nennt mich, was für ein Instrument ihr wollt!
+Ihr könnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen..."
+
+Ha! Was? Ein königliches Bubenstück!
+
+Dem kleinen Fortinbras schien dieses königliche Bubenstück am
+wenigsten zu imponieren. Ja, aus gewissen Anzeichen glaubte sein
+großer Papa manchmal sogar schließen zu dürfen, daß er noch nicht
+einmal recht Notiz von ihm genommen hatte.
+
+Am auffälligsten zeigte sich dies aber regelmäßig dann, wenn es
+sich um die "ersten Elemente der Gesangskunst" handelte. Denn der
+"arme Yorick" war durchaus nicht gewillt, seinem schrecklichem
+Wahnsinn zuliebe auch die seltnen Talente seines zu so großen
+Hoffnungen berechtigenden Söhnchens verkümmern zu lassen.
+
+Es war ausgemacht! Es war ausgemacht, o reizende Ophelia! Ja!
+Sagen wir Ophelia! Teufel! Warum sollten wir nicht Ophelia sagen?
+Kurz und gut: es war ausgemacht. Es sollte ihn und seine Sache den
+Unbefriedigten erklären...Den Unbefriedigten!...
+
+Sobald er daher nur irgendwie merkte, daß der kleine Ole nebenan
+wieder einmal eingeschlafen und die gute Frau Wachtel wieder mal
+ausgegangen war und so "die beiden, denen er wie Nattern traute,"
+eine Zeitlang wieder "unschädlich" gemacht waren, ging der Tanz
+los.
+
+Seines Kummers "Kleid und Zier" war dann plötzlich wie abgefallen
+von dem großen Thienwiebel.
+
+Seine "Einbildungen, schwarz wie Schmiedezeug Vulkans", hatten den
+armen Yorick verlassen, er war wieder "zahmer Herr!"
+
+"Höhrt doch! Ich bin wieder zahm, Herr! Sprecht! Ich bin wieder
+zahm!"
+
+Aber der kleine, verstockte Fortinbras wollte nicht. Er hatte sich
+wieder nur in Ermangelung eines Gummipfropfens, dem ihm die reizende
+Ophelia verbummelt hatte, seinen großen Zeh in den Mund gestopft
+und sog nun, daß es ihm aus dem kleinen, mattrosa Mundwinkelchen
+nur so tropfte. Die ersten Elemente der Gesangskunst ließen ihn
+heute augenscheinlich noch kälter als sonst.
+
+Empört hatte sich jetzt der große Thienwiebel wieder in die Höhe
+gerückt. Die beiden roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock
+zuzubinden hatte er natürlich wieder vegesssen.
+
+"Amalie! Ich bemerke soeben zu meinem größten Erstaunen, Fortinbras
+ist störrisch!"
+
+Amalie, die jetzt ihre kleine, mollige Fußbank der Trikottaillien
+wegen zu ihrem großen Leidwesen vom Ofen ans Fenster hatte verlegen
+müssen, war gerade dabei, sich ihre erste Nadel für heute einzufädeln.
+Sie hatte wieder so lange inhalieren müssen...
+
+"Störrisch?"
+
+"Wie ich dir sage, Amalie! Störrisch!"
+
+"Ach, nich doch!"
+
+"Amalie? Ich sage dir noch einmal- störrisch! Fortinbras ist
+störrisch. Stör-risch!!"
+
+"Ach, red doch nich! Wie soll er denn störrisch sein!"
+
+"Amalie?!"
+
+Amalie sah sich nicht einmal um. Sie zuckte kaum mit den Achseln.
+
+"So! So! Also glaubst du mir nicht mehr, wenn ich dir etwas sage!
+Du mißtraust mir! In der Tat! In der Tat! Ich hätte mir das denken
+können! Sag's doch lieber gleich! Wozu die Umstände! Du bedauerst,
+daß ich mich nicht noch schneller aufreibe!"
+
+Amalie nieste. Sie wollte ihren Schnupfen gar nicht mehr loswerden.
+Mitten im Sommer.
+
+"Natürlich! Wie sollte man auch nicht! Man vertreibt sich die
+Zeit mit--Niesen! Man trinkt Kaffee und vertreibt sich die Zeit
+mit--Niesen! In der Tat! In der Tat! Andre Leute mögen unterdes
+zusehn, wie sie fertig werden!...Aber, ich werde es dir beweisen,
+Amalie! Hörst du? Ich werde es dir beweisen, daß Fortinbras störrisch
+ist!--Du! Sag a...a...Nun? Wird's bald?...Na?...A!...Du Schlingel!
+A!...A!!...Ha! Siehst du?! Wie ich dir sagte, wie ich dir sagte,
+Amalie! Der Lümmel brüllt, als wenn ihm der Kopf abgeschnitten
+wird! Er ist störrisch! Habe ich recht gehabt?!--Willst du still
+sein, du Zebra?! Gleich bist du still!"
+
+Jetzt endlich war Amalie an ihrem Fenster plötzlich etwas aufmerksamer
+geworden.
+
+"Du willst ihn doch nicht etwa--schlagen?"
+
+"Gewiß will ich das, Amalie! Ein Kind darf nicht eigenwillig sein!
+Ein Kind bedarf der Erziehung, Amalie! Eine leichte Züchtigung..."
+
+"Niels!?"
+
+"Ach was! Aus dem Weg! Aus dem Weg, sage ich! ... Da, du in-famer
+Schlingel! Da, du in...Amaaalie!"
+
+"Gewiß, du alter Esel! Du glaubst wohl, du kannst hier am Ende tun,
+was du Lust hast? Du gehörst ja in die Verrücktenanstalt! Wie kann
+man denn 'n Kind von 'nem halben Jahr so malträtieren?! Wie kann
+man es schlagen !"
+
+"Amaaalie!!"
+
+War's möglich?! War es zu glauben?! War das seine Backe?!
+
+"Amaaalie!!!..."
+
+
+
+
+
+V
+
+
+
+
+"Wirtschaft, Horatio! Wirtschaft! Das Gebackne vom Leichenschmaus
+gab kalte Hochzeitsschüsseln. E--doch, um auf der ebenen Heerstraße
+der Freundschaft zu bleiben: was macht Ihr auf Helsingör?"
+
+Der große Thienwiebel hatte wieder gut auf der ebenen Heerstraße
+der Freundschaft zu bleiben; was sollte der kleine Ole groß machen
+auf Helsingör? Was er nun schon seit Wochen machte: Firmenschilder
+pinseln! Das rentierte sich. nämlich famos, weißt du!
+
+Abel Gröndal: Materialwarenhandlung, auch Heringe-Lars Brodersen:
+Canariensieen und Hanfsamen--Jacob Lorrensen: Alle Sorten Rauch-,
+Schnupf- und Kautabak-etc. pp. Hä? Was? Noble Putthühner!!
+
+Die schönen Leberwurstfarbenen waren wieder zu Ehren gekommen, die
+prachtvollen Ägypter wurden wieder nur so pfundweis verpafft, die
+verteufelte kleine Mieze ließ die arme, liebe, alte, gute Frau
+Wachtel kaum mehr vom Schlüsselloch wegkommen.
+
+Es war aber auch wirklich schrecklich, was es jetzt alles dort
+drinnen zu sehn gab. Die vielen weißen Salbentöpfe, in die die
+Farben nur so wie Butter reingequetscht waren, die merkwürdig großen
+Maurerpinsel, die der geschäftige' kleine Ole kaum zu dirigieren
+vermochte, die schönen, dicken, mannslangen Bretter, auf denen man
+jetzt die wunderbarsten Sachen zu lesen bekam, und vor allen Dingen
+auch jener große, geheimnisvolle, grüne Wandschirm dicht neben dem
+Ofen, hinter dem sich immer die schändliche, kleine Mieze versteckt
+hielt, das alles interessierte die alte, liebe, gute Frau Wachtel
+auf das lebhafteste. Noch nie hatte sie sich mit ihrer Stellung
+als Zimmervermieterin so zufrieden gefühlt. Die drückendsten alten
+Rückstände waren wieder ausgeglichen, für die dösigen Thienwiebels
+brauchte ihr jetzt auch nicht mehr so bange zu sein, ja, ja! Der
+liebe Herrgott!
+
+Die reizende Ophelia war wieder in ihren alten Stumpfsinn
+zurückverfallen. Sie bereute ihre Untat aufs tiefste. Das einzige,
+was ihr so schließlich noch vom Leben übriggeblieben war, war ihr
+Salbeitopf.
+
+Ihr großer Gatte verachtete sie nur noch...Geschrieben--e...hatte
+man ihm zwar unterdessen bereits, aber--e...wie kam's daß sie
+umherstreiften? Ein fester Aufenthalt war vorteilhafter für ihren
+Ruf als ihre Einnahme! Kurz und gut, es war eben nur eine umherziehende
+Truppe gewesen, und der große Thienwiebel hatte sich zu degradieren
+gefürchtet. Solange noch der kleine Ole da nebenan da war...kurz
+und gut: er tat, was Ihm Beruf und Neigung hieß! Denn...e...jeder
+Mensch hat Neigung und Beruf!
+
+Am schlimmsten erging es jedoch entschieden dem kleinen Fortinbras.
+Seine Zähnchen hatten ihm seinen schönen Gummipfropfen ganz verleidet.
+Er hatte an nichts mehr Freude; nicht einmal am Schreien mehr.
+
+Er war ein vollendeter Pessimist geworden. An seinem künftigen
+Beruf, seinen großen Vater den Unbefriedigten zu erklären, schien
+ihm nur noch. wenig zu liegen. Sein kleines Züngchen war dick
+belegt, seine Händchen sahen weiß wie Kuchenteig aus, er schlief
+jetzt oft ganze Tage lang.
+
+Nur heute abend war er auffallend munter.
+
+Die beiden hellen Lampen auf dem Tische, die vielen Leute, der Skandal,
+der merkwürdig große Zuckerkringel, den man ihm so unerwartet in
+die Hand gesteckt hatte: er begriff das alles nicht. Nu bloß noch'n
+bißchen Streupulver!
+
+Die Damen hatten auf dem Sofa Platz genommen, die kleine Mieze, die
+sich zu den Mannsleuten rechnete, saß dem kleinen Ole vis-a-vis,
+der große Thienwiebel präsidierte. Die großartige Gans mitten auf
+dem Tisch in deren knusprigen Prachtrücken er eben energisch seine
+blitzende Bratengabel gestoßen hatte, roch durch das ganze kleine
+Zimmer. Die beiden Lampen rechts und links brannten durch ihren Dampf
+wie durch einen Nebel. Frau Wachtel, die sich in ihrer Sofaecke
+wie auf einem Präsentierteller vorkam, atmete schwer. Sie hatte
+heute ihr "Seidnes". an.
+
+"Willkommen, all ihr Herrn! Wir wollen frisch daran, wie französische
+Falkoniere, auf alles losfliegen, was uns vorkommt! Beim Himmel!
+Den mach ich zum Gespenst, der mich zurückhält!...Ha! Seid Ihr
+tugendhaft, schöne Dame?"
+
+"Thienwiebelchen?"
+
+Der kleine Ole , der sich eben über seinen pompösen Flügel hergemacht
+hatte, blinzelte vor Entzücken. Die kleine Mieze war heute mal
+wieder ordentlich zum Anknabbern!
+
+"Thienwiebelchen?!"
+
+Das reizende Grübchen in ihrem rosa Fingerchen kam jetzt so recht
+zur Geltung.
+
+"Thienwiebelchen? Es gibt was!"
+
+Aber der große Thienwiebel, der sich jetzt auch die Serviette unter
+sein blaues Doppelkinn gestopft hatte, fühlte sich wieder durchaus
+auf der Höhe der Situation.
+
+"Meint Ihr, ich hätte erbauliche Dinge im Sinn? Ein schöner Gedanke,
+zwischen den..."
+
+"Nielchen!!"
+
+Der kleine Ole hat es für die höchste Zeit gehalten.
+
+Er hatte sich jetzt auch seinen prachtvollen Porter eingeschenkt
+und schwenkte ihn nun fidel gegen die neue Lampe.
+
+"Putthuhn Nro. 25!"
+
+Sein schönes Jubiläum sollte nicht so ohne weiteres zu Wasser
+werden.
+
+"Putthuhn Nro. 25!"
+
+Die kleine Mieze war jetzt ganz rot vor Vergnügen. Die beiden kleinen,
+silbernen Ringe in ihren Ohrläppchen blitzten, ihr Stumpfnäschen
+sah wie aus Marzipan aus.
+
+"Bravo, Dickchen! Es soll leben! Putthuhn Nro. 25!" Sie hatte
+ausgelassen mit ihm angestoßen.
+
+Frau Wachtel räusperte sich jetzt. Ihr Seidnes hatte sich eben
+etwas geklemmt.
+
+"Etwas--etwas Soße gefällig, Frau Thienwiebel?"
+
+Amalie nickte. Ihr Teller schwamm zwar schon, aber: es war ja alles
+egal. So oder so.
+
+Ihr großer Gatte drüben suchte eben wieder einzulenken.
+
+"Nun, nun, schöne Dame! Denn--e--wenn die Sonne Maden aus einem
+toten Hund ausbrütet, eine Gottheit, die ... Ha! Wilde Hölle! Wer
+ist, des Gram so voll Emphase tönt?!"
+
+Es war der kleine Fortinbras. Sein Zuckerkringel, war ihm eben über
+den Korbrand weg auf die Stuhlkante gefallen, dort entzweigeschlagen
+und lag nun in kleine Stücke zerbröckelt unten auf den schmutzigen
+Dielen.
+
+Ha, mördrischer, blutschändrischer, verruchter Däne! Trink diesen
+Trank aus! Ich will den Wanst ins nächste Zimmer schleppen!"
+
+Aber die besorgte kleine Mieze hatte ihre Gabel schon schnell wieder
+auf ihren Teller klappen lassen.
+
+"Ach! Nicht doch, Thienwiebelchen! Nicht doch!"
+
+Sie war aufgesprungen und bückte sich jetzt zierlich über den
+plumpen Korbrand.
+
+"0 mein Zuckerpüppchen! Mein Schatz! So ein niedliches kleines
+Kerlchen! Nicht wahr, du willst auch was haben? Ach, mein Liebchen!!"
+
+Sie hatte sich jetzt den kleinen Fortinbras auf den Schoßgesetzt
+und küßte ihn nur so.
+
+"Auch was haben, Dickerchen?" Kuß!--"Auch was haben, Dickerchen?"
+Kuß! Kuß, Kuß, Kuß, Kuß!!
+
+Der kleine Fortinbras juchzte. Er hatte noch nie so etwas erlebt.
+Er zappelte jetzt, daß es nur so eine Art hatte. Er lachte aus
+vollem Halse! "Grrr...grrr...grrr...äh! Grrr...äh!"
+
+Der große Thienwiebel saß da. Die Weste unten aufgeknöpft, die
+Augenbrauen tragisch in die Höhe gezogen.
+
+"Wie keck der--e--Bursch ist!...Wahrhaftig, Horatio! Ich habe
+seit diesen drei Jahren darauf geachtet. Das Zeitalter wird so
+spitzfindig, daß der Bauer dem Hofmann auf die Fersen tritt!"
+
+Aber der kleine Ole beachtete ihn kaum. Die kleine Mieze war ihm
+jetzt weit interessanter. Sie sah jetzt ordentlich wie eine kleine
+Hausmutter aus.
+
+"Na, Dickerchen?"
+
+Auch Frau Wachtel machte jetzt große Augen. Amalie pappte.
+
+"Ja, mein Junge! Sie essen alle, und mein Dickerchen soll gar nichts
+haben! Wie?--Aber das läßt er sich nicht gefallen! Wie?--Ach,
+bitte, Frau Thienwiebel! Reichen Sie mir doch das bißchen Biskuit
+da von der Kommode her. Auch die Milch, bitte!"
+
+Frau Thienwiebel erhob sich schwerfällig und brachte das Verlangte.
+
+Die kleine Mieze hatte den Biskuit jetzt auf geweicht und fing
+nun an, den kleinen Fortinbras damit zu füttern. Von ihrem Teller,
+auf dem neben den drei gebratenen Äpfeln nur noch ein paar kleine
+fettriefende Hautstückchen lagen, naschte sie kaum.
+
+Der kleine Fortinbras stöhnte vor Behagen.
+
+"He? Willst du noch mehr, Dickerchen? Noch mehr?"
+
+Der kleine Ole hatte sich jetzt neugierig über den Tischrand gebogen.
+Sein Schnurrbärtchen duftete nach chinesischer Tusche.
+
+"Nein! Nein! Nu sieh doch bloß, Dickerchen! Wie es dem Balg
+schmeckt!--Was?! Noch mehr?!--No! No! Nur nicht gleich schreien!--So!"
+
+Frau Wachtel war jetzt ordentlich bis zu Tränen gerührt. Und wenn
+sie bis zu Tränen gerührt war, vergaß sie es auch nie, von ihrer
+verstorbenen Pflegetochter zu erzählen. Und das kam ziemlich oft
+vor.
+
+"Ja, sehn Sie! Sie war ein Engel, Frau Thienwiebel! Ein Engel!"
+
+Frau Thienwiebel kaute.
+
+Frau Wachtel beschrieb jetzt ausführlich die Krankheit des Engels,
+und wie er dann gestorben war. Er hatte Malchen geheißen und war
+dabei so himmlisch geduldig gewesen.
+
+"Ja, sehn Sie, Herr Nissen! Sie war mein Einz'ges! Sie tröstete
+mich noch, als schon der Tod kam. Sie war ein Engel!"
+
+Sie hatte sich jetzt auch auf ihr Taschentuch besonnen und drückte
+es sich nun abwechselnd in die Augen.
+
+"Ach, wein doch nicht, Mutterchen! Wein doch nicht! Nun komm ich
+ja zum lieben Gott!"
+
+Sie weinte jetzt, daß ihr die Tränen nur so auf ihr Seidnes kullerten!
+
+Der kleine Ole war bereits eine ganze Zeit lang verlegen auf seinem
+Stuhl hin und her gerutscht. Er hatte es unten auf das kleine,
+niedliche Füßchen unterm Tisch abgesehn gehabt und war dabei eben
+auf die alten, phlegmatischen Filzpantoffeln der reizenden Ophelia
+gestoßen.
+
+Er war ordentlich rot darüber geworden.
+
+"Ja! Sehn Sie! Sie war mein Einziges!"
+
+Der kleine Fortinbras plantschte vor Wonne.
+
+"Grrr...grrr...grrr..."
+
+Dieses freundliche, frische Gesicht mit den hellen Augen und
+den blonden Löckchen über ihm--er kam gar nicht mehr raus aus dem
+Lachen! Sogar sein Streupulver hatte er vergessen!
+
+"Grrr...grrr...grrr...Aeh!"
+
+Seine Händchen hatten jetzt in die Höhe gegrapscht, die kleine
+Mieze ließ von ihm ihre Stirnlöckchen zausen.
+
+"Nein, Dickchen! Nu sieh doch bloß! Nu sieh doch bloß!"
+
+Der kleine Ole schneuzte sich. Er war wie mit Blut übergossen.
+
+"Ja! Das glaub ich! Das hast du wohl noch nicht so gut gehabt,
+Dickerchen! Wie?"
+
+Jetzt hatte sich endlich auch Frau Wachtel über ihn gebückt. Ihr
+Taschentuch lag wieder sauber ausgefältelt auf ihrem Schoß, sie
+kitzelte ihn wohlwollend unterm Kinn.
+
+"Ach, mein Putteken! Ach, mein Mäuseken! Hab'n se dir so lange
+hungern lassen!"
+
+Ihre Stimme zitterte, sie sah noch ganz verweint aus.
+
+Amalie tunkte gerade ihre Soße auf.
+
+Der große Thienwiebel aber hatte sich nunmehr rücklings in seinen
+Stuhl zurückgelehnt und starrte jetzt, die Hände in den Hosentaschen,
+erhaben oben in die beiden gelben Lichtkleckse, die die Lampen
+zitternd an die Decke malten.
+
+Denn, was ein armer Mann wie Hamlet ist... Nichts mehr davon!
+
+Der Rest war Schweigen ...
+
+Endlich war alles wieder abgeräumt. Frau Wachtel, die nicht Skat
+spielte, hatte sich mit ihrem Seidnen, ihrem Taschentuch und ihrer
+zweiten Lampe wieder hinten in ihre Küche zurückgerettet, Amalie
+kauerte wieder auf ihrem Fußbänkchen neben dem Ofen. Sie hatte sich
+noch nachträglich eine kleine Bratenschmalzstulle geschmiert.
+
+Es war ziemlich kalt im Zimmer. Das Feuer war ausgegangen, und
+man hatte nichts mehr nachzulegen. Der große Thienwiebel, dessen
+Schlafrock mit der Zeit aufgehört hatte, skatfähig zu sein, hatte
+sich statt dessen in die rote Bettdecke eingewickelt.
+
+"Die Luft geht scharf; es ist entsetzlich kalt! Tourner, Horatio!"
+
+"Passez, Nielchen!"
+
+"Dito, Tienchen!"
+
+"Was denn, Schäfchen?"
+
+"Na, wird's bald?"
+
+"Ah so!--Da, Schäfchen!"
+
+"Na, endlich!"
+
+Sie hatte die Zigarette, die ihr der kleine, eifrige Ole gereicht
+hatte, mit spitzen Fingern angefaßt und zog jetzt ein Gesicht, als
+ob ihr der Rauch lästig g wäre. Sie wußte, daß ihr das ließ! Es
+hatte auch sofort den Erfolg, daß ihr Dickchen einen Kuß mauste.
+
+"Nein doch! So eine Unverschämtheit!"
+
+Sie hatte ihn unterm Tisch mit dem Knie gestoßen.
+
+"Pique As! Nicht wahr, Wiebelchen?"
+
+"Sehr wohl, schöne Dame! Sehr wohl! Vortrefflich, meiner Treu! Was
+wäre da zu fürchten? Ich--e selbst bin--e--hm!--leidlich tugendhaft."
+
+Der kleine Fortinbras war jetzt vollständig vergessen. "Voll Speis'
+und Trank in seiner Sünden Maienblüte" lag er jetzt wieder "sicher
+beigepackt" hinten in seiner dunklen Korbecke und starrte nun
+trübselig drüben in den Zigarrenqualm, der in dicken Schichten um
+die grüne Glocke wogte. Seit seiner Geburt war er nicht übermäßig
+oft aus seinem Winkel hervorgeholt worden. Das unerwartete Glück
+heute hatte ihn ganz sehnsüchtig nach dem Lichte dort gemacht. Der
+Schoß, der Zuckerkringel, die Löckchen...er hatte wieder zu quäken
+angefangen.
+
+Amalie rührte sich nicht. Der Bengel wollte bloß immer genommen
+sein. Sie hatte schon an einmal genug.
+
+"Coeur Trumpf, Nielchen!"
+
+"Ihr sagtet?"
+
+"lch sagte: CoeurTrumpf, Nielchen! Coeur Trumpf!"
+
+"Ha, blut'ger kupplerischer Bube! Unmöglich, bei diesem verwünschten
+Geschrei ein Wort zu verstehn! Wenn du nicht gleich still bist, du
+infames Balg, dann schlag ich dich blitzblau wie eine Heidelbeere!"
+
+"Nicht doch! Das kneift ja, Ole! Au!"
+
+"Ach was, Schäfchen! Laß doch!"
+
+Das Sofa hatte in diesem Augenblick genug mit sich selbst zu tun.
+
+Amalie, die auf ihrer kleinen Fußbank schon wieder halb eingenickt
+war, blinzelte kaum. Der große Thienwiebel war vor einer zweiten
+Ohrfeige sicher.
+
+Er hatte sich jetzt in seiner roten Bettdecke ergrimmt vor den Korb
+gestellt und brüllte nun wütend auf das arme, kleine Bündelchen
+ein.
+
+"Willst du still sein, du--Lausbub!?"
+
+Aber der "Lausbub" war's nicht. Er wollte auch mal va banque spielen.
+Er schrie jetzt, als wenn er seine kleinen Lungen auseinandersprengen
+wollte.
+
+"Aber...Das ist doch wirklich unerhört!...Na, warte! Du...Du--Lindwurm,
+du! Warte!"
+
+Er prügelte ihn jetzt, daß es nur so klitschte. Als aber auch das
+nichts half, riß er das Kopfkissen unter ihm vor und preßte es
+ihm auf das Gesicht. Der kleine Fortinbras war jetzt auf einen
+Augenblick vollständig verstummt. Sein Geschrei war wie abgeschnitten.
+
+Aber der große Thienwiebel hatte noch nicht genug.
+
+"Nichtsnutziger Patron!"
+
+Er hatte ihm jetzt das Kissen noch fester aufgedrückt.
+
+Der kleine Ole hatte die kleine Mieze, die noch ganz rot vor Ärger
+war, wieder losgelassen. Er war jetzt ordentlich ängstlich geworden.
+
+"Um Gottes willen, Nielchen! Er erstickt ja!"
+
+"Ach, Unsinn! So schnell geht das nicht!"
+
+Nein! So schnell ging das auch nicht! Denn als der große Thienwiebel
+nach einiger Zeit das Kissen fortnahm, schnappte zwar der kleine
+Fortinbras ein paar Augenblicke verzweifelt nach Luft, fing dann
+aber sofort wieder von neuem an.
+
+"Ole!"
+
+Empört war die kleine Mieze jetzt aufgesprungen. Das schreckliche
+Kopfkissen hatte den Kleinen von neuem zugedeckt.
+
+"Ole! Das leidst du?"
+
+"Ach was! Er weiß es ganz gut, der Lümmel! Er soll nicht schreien!
+Es ist die reine Bosheit, Man bekommt das wirklich satt!"
+
+"Pfui! Ole, komm! Laß den alten"--Pavian.
+
+"Pa...Pa...Pa..."
+
+Der kleine Ole hatte jetzt verlegen nach seiner Uhr gesehn.
+
+"... Pavian?!!!"
+
+Endlich war der große Thienwiebel wieder zu sich gekommen!
+
+"Hinaus, sag ich!! Hinaus!!"
+
+Aber sie waren es bereits. Einen Augenblick lang noch hörte er
+sie draußen durch die Küche tappen; dann, endlich, war nebenan bei
+ihnen die Tür zugefallen.
+
+Er stand da! Um seine Schultern die rote Bettdecke, in seiner Rechten
+das kleine blaugewürfelte Kopfkissen. Drüben, in der Ofenecke,
+die reizende Ophelia.
+
+"Da! Nymphe!!"
+
+Er hatte ihr das Kissen ins Gesicht geschleudert.
+
+
+
+
+
+VI
+
+
+
+
+
+Seit ihr zweiter, unliebenswürdiger Gatte ihr vor ungefähr fünf
+Jahren auf der "Dicken Selma" treulos nach Kanada ausgerückt war,
+hatte die liebe, gute, alte Frau Wachtel keinen solchen Arger mehr
+auszustehn gehabt.
+
+Nicht bloß, daß seine Stiefelabsätze noch überall auf dem Sofa
+deutlich zu sehn waren, nicht bloß, daß das Fensterkreuz von den
+dämlichen Leiterstücken, die jetzt natürlich zerbrochen unten auf
+deim Pappdach lagen, total ruiniert war, bewahre: auch die ganze
+Tapete von oben bis unten mit Ölfarben bekleckst! Der vermaledeite
+knirpsige Schmierpeter schien sich die ganze Zeit dran seine
+schweinschen Pinsel ausgequetscht zu haben. Pfui Deibel ja!
+
+Aber, das war ihr ganz recht! Warum hatte sie das ganze Pack
+nicht schon längst an die Luft gesetzt! Wenn's wenigstens noch die
+verrückten Thienwiebels gewesen wären. Aber die holte ja der Satan
+nicht! Die hakten fest wie Kletten an ihr!
+
+Die alte, liebe, gute Frau Wachtel war ganz außer sich. Aber sie
+hatte wirklich Pech mit ihren Mannsleuten. Der kleine Ole hatte
+sich in der Tat nicht entblödet, ihr mit Hinterlassung einiger
+alter "Schinken", deren Darstellungsobjekte es unmöglich zuließen,
+daß man sie sich übers Sofa hing, auszukneifen.
+
+"Solch eine Tat, die alle Huld der Sittsamkeit entstellt, die
+Tugend Heuchler schilt, die Rosen wegnimmt von unschuldvoller Liebe
+schöner Stirn und Beulen hinsetzt ... Ha!"
+
+Aber der große Thienwiebel suchte sich jetzt vergeblich beliebt zu
+machen. Seine "Schmeichelsalb" zog nicht mehr. Frau Rosine Wachtel
+verlangte jetzt energisch ihre Miete.
+
+Heut war der Siebente: wenn ihr bis zum Vierzehnten nicht alles
+bezahlt war:--raus!!
+
+Ja!...Sterben--schlafen--nichts weiter! Und zu wissen, daß ein
+Schlaf das Herzweh und die tausend Stöße endet, die unsres Fleisches
+Erbteil--'s ist ein Ziel, aufs innigste zu wünschen'...Ja! dies
+war ehedem paradox! Paradox! ... Doch nun--bestätigte es die Zeit!
+Armer Yorick! ...
+
+Der große Thienwiebel fühlte, daß es jetzt zu Ende war mit seiner
+Kraft. Er wollte nun arbeiten, Freund! Arbeiten! Er wollte seine
+ganze Kraft aufbieten. Er--er...er wollte ihn "suchen" gehn! "Laßt
+mich! Er ist ermordet, Amalie! Er ist ermordet!" ...
+
+Er hatte sich jetzt wieder seinen alten, olivengrünen Leibrock
+zurechtgeflickt und trieb sich nun ganze Tage lang im Hafenviertel
+umher.--"Ha! Tot?! Für 'nen Dukaten, tot?!"
+
+...Er hatte wieder eine prachtvolle Ausrede. Ein BBubenstück!
+Er brauchte jetzt kaum mehr die Nächte nach Hause zu kommen. Er
+schnurrte sich herum, so gut es ging. Da gab es noch--e: Kollegen!
+Leute! Leute? Pah, Stümp'rr! Aber--e...sie--e...Nun ja! Sie
+sorgten für die Bewirtung der Schauspieler! Wetter! Es lag darin
+etwas Übernatürliches! Wenn die Philosophie es nur hätte ausfindig
+machen können! ...
+
+Aber die Philosophie machte es nicht ausfindig. Der große Thienwiebel
+kam nie dahinter.
+
+Er hatte sich jetzt nach und nach bis unten in die Hafenspelunken
+verirrt. Mehrere Sackträger waren bereits seine Duzbrüder geworden.
+Bevor nicht "der Hahn, der als Trompete dient dem Morgen", bereits
+mehrere Male nachdrücklich gekräht hatte, kam er jetzt selten mehr
+die Treppen in die Höhe gestolpert.
+
+Amalie nähte noch immer die Trikottaillen. Der Stumpfsinn hatte
+sie nach und nach zur reinen Maschine gemacht. Die reizende Ophelia
+in ihr war jetzt endgültig begraben. Für alle Zeiten!...Ihre Brust
+war noch schwächer geworden ...
+
+Dem kleinen Fortinbras ging es noch jämmerlicher. Sein ganzes
+Gesichtchen war jetzt dicht mit roten Pusteln betupft. Ein
+Schächtelchen Zinksalbe, zu dem sich die Familie im Anfang denn doch
+noch aufgeschwungen hatte, lag jetzt zusammengequetscht, verstaubt
+hinterm Ofen. Es war nicht mehr erneuert worden.
+
+Der große Thienwiebel hatte nicht so ganz unrecht: Die ganze
+Wirtschaft bei ihm zu Hause war der Spiegel und die abgekürzte
+Chronik des Zeitalters.
+
+
+
+
+
+
+VII
+
+
+
+
+
+Zwölf! ...
+
+Erschöpft hatte sie sich wieder auf ihrem Fußbänkchen zurücksinken
+lassen. Der Ofen hinter ihr war eiskalt. Durch ihre Nachtjacke
+durch fühlte sie deutlich seine Kacheln Sie fröstelte!
+
+Die letzten Töne draußen brummten und zitterten noch, das kleine
+Talglicht, das in eine leere, grüne Bierflasche gesteckt dicht vor
+ihr auf dem umgekippten Kistchen mitten zwischen dem Nähzeug stand,
+knitterte in der Kälte.
+
+Frau Wachtel nebenan schnarchte, der kleine Fortinbras hatte sich
+drüben in seinem Korb wieder unruhig auf die andere Seite gewälzt.
+Sein Atem ging rasselnd, stoßweis, als ob etwas in ihm zerbrochen
+war.
+
+Draußen auf das Fensterblech war eben wieder ein Eiszapfen geprasselt.
+Dicht davor, unterm Bett, jetzt deutlich das scharfe Nagen einer
+Maus.
+
+Zwölf!
+
+Sie hatte ihr Nähzeug wieder fallen lassen. Ihre Finger waren krumm
+zusammengezogen, sie konnte sie kaum noch aufkriegen. Um die Nägel
+herum waren sie blau angelaufen. Sie hauchte jetzt in sie hinein. Ihr
+Atem brodelte sich staubgrau um das kleine, zitternde Flämmchen.
+Eine verspätete Fliege, die dicht neben dem schwarzen Docht
+in den kleinen, runden Talgkessel drunter gefallen war, verkohlte
+langsam. Ab und zu knisterte es
+
+"Halt ihn! Halt ihn! Hilfe!! Hilfe!!"
+
+Erschreckt war sie zusammengefahren.
+
+Sie sah jetzt auf. Ihr schlaffes, weißes Gesicht war noch stupider
+geworden.
+
+"Hierher! Hierher! Hilfe!!"
+
+Der gelbe Lichtklecks vor ihr ließ jetzt das Zimmer dahinter noch
+dunkler erscheinen. Nur vom Fenster her durch das eckige Loch in
+der Bettdecke, von draußen, das matte Schneelicht.
+
+"Hilfe! Hilfe!!"
+
+Sie war aufgesprungen und ans Fenster gestürzt. Das kleine Talglicht
+hinter ihr war erloschen. Es war umgekippt und lag jetzt unter dem
+Nähzeug.
+
+"Wächter!! Wächter!! Halt ihn!! Jonas! Jonas!!"
+
+An allen Gliedern bebend hatte sie jetzt die alte Bettdecke in
+die Höhe gerafft und suchte nun durch die wirbelnden Schneeflocken
+draußen unten auf die Straße zu sehn. Ihre Zähne klapperten vor
+Frost, die Schere, die sie noch fest in der Hand hielt, klirrte im
+Takt gegen die Scheibe.
+
+Ein paar Dachgiebel hoben sich blaugrau drüben aus der Dunkelheit
+ab. Irgendwo in einem Fenster flimmerte noch ein Licht.
+
+"Hurra! Papa Svendsen! Moi'n, oller junge! Prost Neujahr!!"
+
+Sie atmete auf. Es hatte laut gelacht. Jetzt: eine barsche Stimme,
+ein Stock, der schnell noch eine Jalousie herunterrasselte, die
+ganze Gesellschaft war wieder um die Ecke.
+
+Eine kleine Weile noch horchte sie.
+
+Ab und zu von den Dächern, polternd, der Schnee, in der Ferne,
+leise, ein Schlittenglöckchen.
+
+Sie hatte die Decke wieder fallen lassen.--
+
+Einen Augenblick lang stand sie da! Das ganze Zimmer war jetzt
+schwarz. Nur hinter ihr, matt durch die Decke, das Schneelicht.
+
+Sie tappte sich auf den Tisch zu.
+
+Gegen die Kante stieß sie. Ein Fläschchen war umgeklirrt, es roch
+nach Spiritus. Das Zündholzschächtelchen hatte jetzt geraschelt,
+es flackerte auf! Sie leuchtete über den Tisch hin. Der schmale
+Goldrand um die kleine Photographie glitzerte. Die Nachtlampe stand
+auf dem alten, aufgeklappten Buch mitten zwischen dem Geschirr.
+
+Jetzt ein leises Sprühn und Knistern, der Docht hatte gefangen.
+Über ihr, groß an der Decke, ihr Schatten.
+
+Frau Wachtel nebenan schnarchte, der kleine Fortinbras stöhnte.
+
+Sie hatte sich jetzt auf den Bettrand gesetzt. Die beiden Zipfel
+des Kopfkissens, das sie um ihre Schultern gepackt hatte, drückte
+sie vorn mit ihrem Kinn fest gegen ihre Brust zusammen. Ihre Arme
+hatten sich gegen ihren Leib gekrampft, ihre hochgezogenen Knie
+waren eng aneinandergepreßt. Sie zitterte über den ganzen Körper!
+Ihr Gesicht hatte sich verzerrt, stumpf stierte sie vor sich hin.
+Die Schere, die ihr vorhin vom Tisch runtergekippt war, lag unten
+vor ihr auf den grauen Dielen. Sie flinkerte.
+
+Das Lämpchen auf dem Tisch hatte jetzt leise zu zittern angefangen,
+die hellen, langgezogenen Kringel, die sein Wasser oben quer über
+die Decke und ein Stück Tapete weg gelegt hatte, schaukelten. Das
+Geschirr um das Glas hob sich schwarz aus ihnen ab. Die Kaffeekanne
+reichte bis über die Decke.
+
+"Brrr...Ae!"
+
+Ihre Pantoffeln waren jetzt unter den Tisch geflogen, sie hatte
+sich hastig unter das Deckbett gekuschelt.
+
+Die weißen Lichtringe fluteten und fluteten, das Öl auf dem Tisch
+knatterte leise, ein kleines Fünkchen war eben von seinem Docht
+abgespritzt und schwamm nun schwarz in der dicken, goldgelben Masse.
+
+Unter dem Deckbett drüben lag es jetzt wie ein Klumpen. An einer
+Stelle sah noch ihr Unterrock vor ...
+
+"Still, Hund!...Ae!"
+
+Er hatte sich jetzt seinen alten Zylinder, auf dem noch der dicke
+Schnee lag, vom Kopf gerissen und feuerte ihn nun wütend drüben
+in die dunkle, schreiende Ecke, wo der Korb stand. Die Tür hinter
+ihm war dröhnend ins Schloß gekracht.
+
+"Niels!!"
+
+Das Deckbett, das jetzt quer auf den Dielen lag, hatte zur Hälfte
+den Stuhl mitgerissen. Sie kniete aufrecht mitten im Bett. Ihre
+Nachtjacke vorn hatte sich ihr bis oben unter die Arme verschoben,
+ihr Haar hing in Strähnen um ihr Gesicht.
+
+"Halt's Maul! Fang nicht auch noch an!"
+
+Er hatte sich jetzt auch seinen alten, abgeschabten Rock
+runtergezerrt. Das kleine Spiegelchen über der Kommode, gegen das
+er ihn geschleudert hatte, war runtergeschurrt und lag nun zersplittert
+auf dem blinkernden Wachstuch.
+
+"Na, wird's bald?!"
+
+Der kleine Fortinbras jappte nur noch.
+
+"Na?!...Dein Glück, Kanaille!..."
+
+Seine Stiefeln waren jetzt dumpf gegen die kleine Kiste neben dem
+Ofen gebullert. Der aufgeschlammte Schnee dran war naß gegen die
+Kacheln geplatscht. Er suchte jetzt nach den Pantoffeln.
+
+"Ach was! Halt dein Maul, sag ich!...Die Ohren vollplärren...Könnte
+mir noch grade passen!...Sind die Sachen gepackt?!"
+
+Das Schnarchen nebenan hatte aufgehört. Es schubberte jetzt deutlich
+gegen die Tür.
+
+"Ob du gepackt hast?!"
+
+"Nein, Niels...ich.."
+
+Sie stotterte!
+
+
+Man hat ja mal wieder zur Abwechslung die Schwindsuchtl...Bitte,
+genieren Sie sich nicht, Frau Wachtel! Treten Sie näher! Heute
+geht's ja woll noch!"
+
+Sein Schatten, der bis dahin kreuz und quer über die weiße Decke
+geschossen war, war jetzt verschwunden. Er hatte sich unter den
+Tisch gebückt.
+
+Vom Bett her hatte es eben laut zu husten angefangen.
+
+"Ach, du mein lieber Gott'...Ach Gott! Ach Gott! Die arme Frau!"
+
+Sie hatte jetzt ihr Gesicht in das Kissen gepreßt und weinte.
+
+"Nu ja! Nu ja! Nu heul doch noch'n bißchen! Das ist ja deine Force!
+Weiter kannste ja woll nischt!"
+
+Er war eben in die Pantoffeln gefahren und suchte nun auf dem Tisch
+herum. Ein Messer klapperte gegen die Kochmaschine, eine Tasse war
+umgekippt.
+
+"Natürlich! Keen Fippschen mehr! Für deine Schwind sucht hast du
+ja noch'n janz juten Appetit! ... Herrlich Das tut immer, als ob
+es Poten saugt, uund frißt ein'm die Haare vom Kopp runter!"
+
+Er hatte sich seine Fäuste in die Hosentaschen gestopft und schnaubte
+nun im Zimmer auf und ab.
+
+"So'ne Zucht! So eine--Zucht!!"
+
+Er hatte mit dem Fuß in die kleine, hohle Kiste mit dem Nähzeug
+gestoßen. Die Flasche war auf den Boden geschlagen, das Licht bis
+unters Bett gekullert.
+
+"Lächerlich!"
+
+Er hatte jetzt auch noch die Flasche druntergestoßen. "Lächerlich!!...Wirst
+du still sein?!!"
+
+Der kleine Fortinbras hatte wieder laut zu schreien angefangen.
+
+"Bestie!"
+
+Mit einem Satz war er auf den Korb zu.
+
+"Bestie!!"
+
+Das Geschrei war wieder wie abgeschnitten.
+
+"Alberne Komödie!"
+
+Er hatte sich jetzt wieder nach dem Bett zu gedreht. Seine Fäuste
+waren geballt. Unter den Kissen hervor hatte es deutlich geschluchzt.
+
+"Alte Heulsuse!"
+
+Die beiden dicken Falten um seine Nase waren jetzt noch tiefer
+geworden, zwischen seinen verzerrten Lippen blitzten seine breiten
+Zähne auf.
+
+"Ae!!"
+
+Über seinen Rücken war ein Frösteln gelaufen.
+
+"So'ne Kälte!"
+
+Er rückte sich jetzt geräuschvoll den Stuhl zurecht.
+
+"So'ne Kälte!! Nich mal'n paar lump'je Kohlen hat das! So'ne
+Wirtschaft!"
+
+Seine Socken hatte er jetzt runtergestreift, der eine war mitten
+auf den Tisch unter das Geschirr geflogen.
+
+"Na?! WiIlste so gut sein?!"
+
+Sie drückte sich noch weiter gegen die Wand.
+
+"Na! Endlich!"
+
+Er war jetzt zu ihr unter die Decke gekrochen, die Unterhosen hatte
+er anbehalten.
+
+"Nicht mal Platz genug zum Schlafen hat man!"
+
+Er reckte und dehnte sich.
+
+"So'n Hundeleben! Nicht mal schlafen kann man!"
+
+Er hatte sich wieder auf die andre Seite gewälzt. Die Decke von
+ihrer Schulter hatte er mit sich gedreht, sie lag jetzt fast bloß
+da.
+
+
+
+Das Nachtlämpchen auf dem Tisch hatte jetzt zu zittern aufgehört.
+
+Die beschlagene, blaue Karaffe davor war von unzähligen Lichtpünktchen
+wie übersät. Eine Seite aus dem Buch hatte sich schräg gegen das Glas
+aufgeblättert. Mitten auf dem vergilbten Papier hob sich deutlich
+die fette Schrift ab: "Ein Sommernachtstraum". Hinten auf der Wand,
+übers Sofa weg, warf die kleine, glitzernde Photographie ihren
+schwarzen, rechteckigen Schatten.
+
+Der kleine Fortinbras röchelte, nebenan hatte es wieder zu schnarchen
+angefangen.
+
+"So'n Leben! So'n Leben!"
+
+Er hatte sich wieder zu ihr gedreht. Seine Stimme klang jetzt weich,
+weinerlich.
+
+"Du sagst ja gar nichts!"
+
+"Sie schluchzte nur wieder.
+
+"Ach Gott, ja! So'n...Ae!! ..."
+
+Er hatte sich jetzt noch mehr auf die Kante zu gerückt.
+
+"Is ja noch Platz da! Was drückste dich denn so an die Wand! Hast
+du ja gar nicht nötig!"
+
+Sie schüttelte sich. Ein fader Schnapsgeruch hatte sich allmählich
+über das ganze Bett hin verbreitet.
+
+"So ein Leben! Man hat's wirklich weit gebracht! ... Nu sich noch
+von so'ner alten Hexe rausschmeißen lassen! Reizend!! Na, was macht
+man nu? Liegt man mor gen auf der Straße!...Nu sag doch?"
+
+Sie hatte sich jetzt noch fester gegen die Wand gedrückt. Ihr
+Schluchzen hatte aufgehört, sie drehte ihn den Rücken zu.
+
+"Ich weiß ja! Du bist ja am Ende auch nicht schuld dran! Nu sag
+doch!"
+
+Er war jetzt wieder auf kann zugerückt.
+
+"Nu sag doch!...Man kann doch nicht so--verhungern?!"
+
+Er lag Jetzt dicht hinter ihr.
+
+"Ich kann Ja auch nicht dafür!...Ich bin ja gar nicht so! Is auch
+wahr! Man wird ganz zum Vieh bei solchem Leben! ... Du schläfst
+doch nicht schon?"
+
+Sie hustete.
+
+"Ach Gott, ja! Und nu bist du auch noch so krank! Und das Kind!
+Dies viele Nähen...Aber du schonst dich ja auch gar nicht...ich
+sag's ja!"
+
+Sie hatte wieder zu schluchzen angefangen.
+
+"Du--hättest--doch lieber,--Niels.."
+
+"Ja...ja! Ich seh's ja jetzt ein ! Ich hätt's annehmen sollen! Ich
+hätt' ja später immer noch...ich seh's ja ein! Es war unüberlegt!
+ich hätte zugreifen sollen! Aber--nu sag doch!!"
+
+"Hast du ihn--denn nicht...denn nicht--wenigstens zu--Haus getroffen?"
+
+"Ach Gott, ja, aber...aber, du weißt ja! Er hat ja auch nichts!
+Was macht man nu bloß? Man kann sich doch nicht das Leben nehmen?!"
+
+Er hatte jetzt ebenfalls zu weinen angefangen.
+
+"Ach Gott! Ach Gott!."
+
+Sein Gesicht lag jetzt mitten auf ihrer Brust., Sie zuckte!
+
+"Ach Gott! Ach Gott!!"
+
+Der dunkle Rand des Glases oben quer über der Decke hatte wieder
+unruhig zu zittern begonnen, die Schatten, die das Geschirr warf,
+schwankten, dazwischen glitzerten die Wasserstreifen.
+
+
+
+"Ach, nich doch Niels! Nich doch! Das Kind--ist ja schon wieder
+auf! Das--Kind schreit ja! Das--Kind, Niels!...Geh doch mal hin!
+Um Gottes willen!!" Ihre Ellbogen hinten hatte sie jetzt fest in
+die Kissen gestemmt, ihre Nachtjacke vorn stand weit auf.
+
+Durch das dumpfe Gegurgel drüben war es jetzt wie ein dünnes,
+heisres Gebell gebrochen. Aus den Lappen her wühlte es, der ganze
+Korb war in ein Knacken geraten.
+
+"Sieh doch mal nach!!"
+
+"Natürlich! Das hat auch grade noch gefehlt! Wenn das Balg doch
+der Deuwel holte! ..."
+
+Er war jetzt wieder in die Pantoffeln gefahren.
+
+"Nicht mal die Nacht mehr hat man Ruhe! Nicht mal die Nacht mehr!!"
+
+Das Geschirr auf dem Tisch hatte wieder zu klirren begonnen, die
+Schatten oben über die Wand hin schaukelten.
+
+"Na? Du!! Was gibt's denn nu schon wieder? Na?...Wo ist er denn?...Ae,
+Schweinerei!"
+
+Er hatte den Lutschpfropfen gefunden und wischte ihn sich nun an
+den Unterhosen ab.
+
+"So'ne Kälte! Na? Wird's nu bald? Na? Nimm's doch, Kamel! Nimm's
+doch! Na?!"
+
+Der kleine Fortinbras jappte!
+
+Sein Köpfchen hatte sich ihm hinten ins Genick gekrampft, er bohrte
+es jetzt verzweifelt nach allen Seiten.
+
+"Na? Willst du nu, oder nich?!--- Bestie!!"
+
+"Aber--Niels! Um Gottes willen! Er hat ja wieder den--Anfall!"
+
+"Ach was! Anfall!--- Da! Friß!!"
+
+"Herrgott, Niels..."
+
+"Friß!!!"
+
+"Niels!"
+
+"Na? Bist du--nu still? Na?--Bist du--nu still? Na?! Na?! "
+
+"Ach Gott! Ach Gott, Niels, was, was--machst du denn bloß?! Er,
+er--schreit ja gar nicht mehr! Er...Niels!!"
+
+Sie war unwillkürlich zurückgeprallt. Seine ganze Gestalt war
+vornüber geduckt, seine knackenden Finger hatten sich krumm in den
+Korbrand gekrallt. Er stierte sie an. Sein Gesicht war aschfahl.
+
+"Die... L-ampe! Die...L-ampe! Die...L-ampe!"
+
+"Niels!!!"
+
+Sie war rücklings vor ihm gegen die Wand getaumelt.
+
+"Still! Still!! K--lopft da nicht wer?"
+
+Ihre beiden Hände hinten hatten sich platt über die Tapete gespreizt,
+ihre Knie schlotterten.
+
+"K--lopft da nicht wer?"
+
+Er hatte sich jetzt noch tiefer geduckt. Sein Schatten über ihm
+pendelte, seine Augen sahen jetzt plötzlich weiß aus.
+
+Eine Diele knackte, das Öl knisterte, draußen auf die Dachrinne
+tropfte das Tauwetter.
+
+Tipp...............................................
+ ...............Tipp .....................................
+
+... Tipp .............................................
+
+................. Tipp..................................
+............................................
+
+Acht Tage später balancierte der kleine, buckelige Bäckerjunge
+Tille Topperholt seinen Semmelkorb pfeifend durch das dunkle,
+dichtverschneite Severingäßchen nach dem Hafen runter. Die Witterung
+hatte wieder umgeschlagen, seine kleine Stupsnase sah zum Erbarmen
+blau aus.
+
+"Heil dir, Svea! Mutter für uns alle!"
+
+Es hatte gerade fünf geschlagen. Vor dem neuen, großen Schnapsladen
+an der Ecke der Petrikirche stolperte er. Jesus! Seine Semmeln
+waren ihm in den Rinnstein geflogen, er war mitten in den Schnee
+geschlagen, Aber er nahm sich nicht einmal die Zeit, sie wieder
+aufzulesen. Er kam erst wieder zur Besinnung, als er sich bereits
+drüben am Jakobiplatz mit beiden Händen an die große, dick beeiste
+Glocke gehängt hatte, die denn auch sofort oben die ganze Polizeiwache
+alarmierte. Jesus! Jesus!!
+
+Als der dicke Sieversen dann endlich angestapft kam, konstatierte
+er, daß der Mann erfroren war. "Erfroren durch Suff!" Seinen
+zerbeulten Zylinder hatte ihm der kleine, buckelige Tille vorhin
+grade gegen die Laterne gequetscht. Aus seinen zerlumpten, apfelgrünen
+Frackschößen sah noch die Flasche.
+
+Wohlan, eine pathetische Rede!
+
+Es war der große Thienwiebel.
+
+Und seine Seele? Seine Seele, die ein unsterblich Ding war?
+
+Lirumn, Larum! Das Leben ist brutal, Amalie! Verlaß dich
+drauf! Aber--es war ja alles egal! So oder so!
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 4601 ***
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
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+The Project Gutenberg Etext of Papa Hamlet
+by Arno Holz and Johannes Schlaf
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+Title: Papa Hamlet
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+Author: Arno Holz and Johannes Schlaf
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+Release Date: November, 2003 [Etext #4601]
+[This file was first posted on February 13, 2002]
+[Most recently updated March 30, 2004]
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+Edition: 10
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+The Project Gutenberg Etext of Papa Hamlet
+by Arno Holz and Johannes Schlaf
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+***
+etext created by Norman Werner and proofed by William Fishburne
+
+PAPA HAMLET
+
+von Arno Holz/Johannes Schlaf
+
+1889
+
+
+
+
+
+I
+
+
+
+
+Was? Das war Niels Thienwiebel? Niels Thienwiebel, der große,
+unübertroffene Hamlet aus Trondhjem? Ich esse Luft und werde mit
+Versprechungen gestopft? Man kann Kapaunen nicht besser mästen?...
+
+"He! Horatio!"
+
+"Gleich! Gleich, Nielchen! Wo brennt's denn? Soll ich auch die
+Skatkarten mitbringen?"
+
+"N...nein! Das heißt..."
+
+--"Donnerwetter noch mal! Das, das ist ja eine, eine--Badewanne!"
+
+Der arme kleine Ole Nissen wäre in einem Haar über sie gestolpert.
+Er hatte eben die Küche passiert und suchte jetzt auf allen vieren
+nach seinem blauen Pincenez herum, das ihm wieder in der Eile von
+der Nase gefallen war.
+
+"Hä? Was? Was sagste nu?!"
+
+"Was denn, Nielchen? Was denn?
+
+"Schafskopp!"
+
+"Aber Thiiienwiebel!"
+
+"Amalie?! Ich..."
+
+"Ai! Kieke da! Also döss!"
+
+"Hä?! Was?! Famoser Schlingel! Mein Schlingel! Mein Schlingel,
+Amalie! Hä! Was?"
+
+Amalie lächelte. Etwas abgespannt.
+
+"Ein Prachtkerl!"
+
+"Ein Teufelsbraten! Mein Teufelsbraten! Mein Teufelsbraten! Hä!
+Was, Amalie? Mein Teufelsbraten!"
+
+Amalie nickte. Etwas müde.
+
+"Ja doch, Herr Thienwiebel! Ja doch!"
+
+Aber Frau Wachtel mühte sich vergeblich ab. Herr Thienwiebel, der
+große, unübertroffene Hamlet aus Trondhjem, wollte seinen Teufelsbraten
+nicht wieder loslassen.
+
+"Hä, oller junge? Hä?"
+
+"In der Tat, Nielchen! In der Tat, ein... ein... Prachtinstitut!
+Ein Prachtinstitut!"
+
+"Hoo, hoo, hoo, hopp!! Hoo, hoo, hoo, hopp Bumm!!!"
+
+Der große Thienwiebel schwelgte vor Wonne. Er hatte sich jetzt
+sogar auf ein Bein gestellt. Hinten aus seinem karierten Schlafrock
+klunkerten die Wattenstücken.
+
+"Aber Thiiienwiebel!"--
+
+
+
+
+
+II
+
+
+
+
+"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im
+Gemüt, die Pfeil' und Schleudern Des wütenden Geschicks erdulden,
+oder...oder?... Scheußlich! Der große Thienwiebel hielt wieder
+inne.
+
+"Nicht zum Aushalten das! Nicht zum Aushalten!!"
+
+Die fünf kleinen gelben Lappen hinter dem Ofen die dort an einer
+Waschleine zum Trocknen aufgehängt waren, hatten ihn wieder total
+aus dem Konzept gebracht,
+
+"Ekelhaft!"
+
+Er hatte sich jetzt, die Hände in seinen Schlafrocktaschen vergraben,
+erbittert vor das Fenster aufgepflanzt.
+
+Der Himmel drüben über den Dächern war tiefblau; in den nassen
+Dachrinnen, von denen noch gerade der letzte Schnee tropfte, zankten
+sich bereits die Spatzen; es war ein prachtvolles Wetter zum Ausgehn.
+
+"Armer Yorick!"
+
+Noch um eine Nuance verdüsterter hatte sich jetzt der große
+Thienwiebel wieder rücklings über das kleine, niedrige, mit blauem
+Kattun überspannte Sofa geworfen und starrte nun über die Spitzen
+seiner grünen, ausgetretenen Pantoffeln weg melancholisch zu Amalien
+hinüber.
+
+Ihre dünnen lehmfarbenen Haare waren noch nicht gemacht, ihre Nachtjacke
+schien heute schmutziger als sonst und stand vorn natürlich wieder
+offen; der kleine rote Spießbürger, den sie, auf ihr Fußbänkchen
+gekauert, nachlässig aus einem Gummischlauch säugte, sah auf einmal
+häßlich aus wie ein kleiner Frosch.
+
+"Armer Yorick!"
+
+Herr Thienwiebel hatte sich seufzend erhoben und setzte jetzt seine
+Wanderung von vorhin wieder fort.
+
+"...oder? oder... Sich waffend gegen eine See von Plagen, Durch
+Widerstand sie enden. --Sterben--schlafen--Nichts weiter!--"
+
+Vor dem Fenster konnte er sich jetzt wieder nicht versagen, eine
+kleine Pause zu machen.
+
+Die Sonne draußen ging gerade unter. Die Dächer sahen fuchsrot aus.
+Aber ein Blick auf seinen alten, abgenutzten Schlafrock unten ließ
+ihn sich wieder zusammennehmen und seinen Monolog von neuem beginnen.
+
+"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im Gemüt
+Ae, Quatsch!!"
+
+Mit einem Ruck war jetzt der Shakespeare, den er sich eben aus
+seiner Schlafrocktasche gerissen, auf den Tisch geflogen, wo er
+die Gesellschaft einer Spirituskochmaschine, eines braunirdenen
+Milchtopfs ohne Henkel, eines alten, berußten Handtuchs, einer Glaslampe
+und einer Photographie des großen Thienwiebel in Morarahrnen vorfand.
+
+"He! Horatio! Horatio!!... Nicht zu Hause! Nicht zu Hause..."
+
+Total vernichtet hatte er sich jetzt wieder auf das Sofa
+zurückgeschleudert und vertiefte sich nun in den tragischen Anblick
+eines schmutzigen Kinderhemdchens, das neben einer geplatzten
+Schachtel schwedischer Zündhölzchen vor ihm unten auf dem Fußboden
+lag.
+
+"Verwünscht! Wenn man wenigstens mal ausgehn könnte, Amalie! Aber
+ich fürchte...ich fürchte...die Welt ist nicht vorurteilsfrei genug,
+um einen Niels Thienwiebel im Schlafrock und Zylinder unbehelligt
+seines Weges dahingehn zu lassen!"
+
+Aber Amalie antwortete nicht einmal. Der kleine Krebsrote nahm
+ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sein Lutschen zog jetzt den
+ganzen Schlauch zusammen.
+
+"Ja! Es ist so! Es ist so, Amalie! Aber sie schreiben mir noch
+immer nicht! Sie haben da Leute, Leute--Leute? Pah! Stümp'rr! 0
+Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist!"
+
+jetzt hatte Amalie, die dies Thema bereits kannte, etwas aufgesehn.
+
+"Ja...es wäre am Ende doch gut, wenn du einmal ..."
+
+Ihre Stimme klang heiser, belegt.
+
+"Ja, so wird es kommen! Vielleicht...bei meiner Schwachheit und
+Melancholie..."
+
+Der kleine Krebsrote schmatzte! Seine Flasche war jetzt so gut wie
+leer.
+
+"Ich werde selbst hingehn müssen und fürliebnehmen mit dem, was
+man mir anzubieten wagt! Das Leben ist brutal, Amalie! Verflucht!
+Wenn man wenigstens einen Rock zum Ausgehen hätte!"
+
+Sein Tenor war jetzt übergeschnappt, er hatte sich wieder lang über
+das Sofa zurückgeeselt.
+
+Große Pause...
+
+Die Dächer draußen hatten sich allmählich braun gefärbt. Die Sonne
+an dem großen runden Schornstein drüben war verblichen.
+
+Frau Thienwiebel fing jetzt hinten in ihrer Ecke zu husten an.
+
+"Herr Gott, Niels! Ich muß ja inhalieren! Da, nimm doch mal das
+Kind!"
+
+"Natürlich! Auch noch Kinderfrau! Oh, Ich reiße Possen wie kein
+andrer! Was kann ein Mensch auch andres tun als lustig sein? Still,
+Krabbe!! " Der kleine Krebsrote schwieg wieder. Er war noch nie so
+verblüfft gewesen.
+
+"Da! Nimm's! Kau's! Friß! Verschluck's!"
+
+Der große Thienwiebel hatte es jetzt sogar über sich gewonnen, seinem
+ungeratnen Sprößling auch den Schnuller in den Mund zu stopfen.
+Mehr war unmöglich zu verlangen!
+
+Amalie hatte unterdessen die Ofenröhre aufgemacht und entnahm ihr
+jetzt einen kleinen, grünglasierten Kochtopf. Ein nach Salbei
+duftender Brodem entstieg ihm. Nachdem sie dann noch das kleine
+Geschirr neben den Ofen auf einen Stuhl und sich selbst auf die
+Fußbank davor gesetzt hatte, machte sie jetzt ihren Mund auf und
+atmete das heiße Zeug langsam ein.
+
+Der große Thienwiebel, der sich unterdes mit seinem impertinenten
+kleinen Krebsroten auf die Tischkante placiert hatte, sah ihr
+nachdenklich zu.
+
+"Hm! Weißt du, Amalie?
+
+"Hm??"
+
+"Weißt du? Wir haben eigentlich eine ganz falsche Methode, das Kind
+zu nähren, Amalie!"
+
+"Ach was!"
+
+"Ich sage, eine Methode! Eine verkehrte Methode, Amalie!"
+
+"Aber..."
+
+"Verlaß dich drauf! Eine unnatürliche, Amalie!"
+
+"Ja, du lieber Gott..."
+
+"Eine unnatürliche...Wir sollten das Kind nicht mit der Flasche
+tränken!"
+
+"Nich? Na, womit denn sonst?"
+
+"Du selbst solltest es eben tränken!"
+
+"Ich?"
+
+"Gewiß, Amalie!"
+
+"Ach lieber Gott! Ich! Selbst!".
+
+"Nun! Warum nicht?"
+
+"Ich?? Bei meiner schwachen, kranken Brust jetzt?"
+
+"Ach was! Das bildest du dir ja nur ein, Amalie! Ich sage die, du
+bist völlig gesund. Du bist völlig gesund, sag ich!...Übrigens:
+Ein Kind kann ein für allemal nur dann gedeihen, wenn es die Mutter
+selbst säugt!"
+
+Herr Thienwiebel war jetzt ganz eifrig geworden. Seine Langeweile
+von vorhin schien er völlig vergessen zu haben. Er schien es sogar
+nicht bemerkt zu haben, daß dem kleinen zappelnden Wurm auf seinen
+Knien der Schnuller wieder heruntergekullert war.
+
+"Verlaß dich drauf, Amalie! Ich sage, die natürlichste Methode
+ist immer die beste! Denk doch mal: was sollten denn sonst die
+Negerweiber anfangen! Sie haben keine Flaschen! Sie nähren ihre
+Kinder selbst, siehst du...und,und--nun ja! Und sie gedeihen dabei!
+Gedeihen! Na?"
+
+"Ja, Niels, aber ich bin doch kein Negerweib!"
+
+Der große Thienwiebel lächelte überlegen.
+
+"Ja nun, du mußt...hehe! Du mußt mich eben verstehn, Amalie! He!"
+
+Amalie hatte sich wieder tief über ihren Salbeitopf gebückt.
+
+"Ich wollte dir damit eben nur durch ein...ein...nun sagen wir durch
+ein Beispiel, andeuten, daß das Natürlichste immer das Vernünftigste
+ist. Ich sehe eben durchaus nicht ein, warum die Negerweiber etwas
+vor uns voraushaben sollten!"
+
+"Aber sie sind gesund!"
+
+"Ach was! Das bildest du dir ja nur ein, Amalie, daß du krank bist!"
+
+"Ich?"
+
+"Allerdings, Amalie! Ich behaupte..."
+
+Amalie war jetzt ein wenig ungeduldig geworden.
+
+"Ach was! Laß lieber das Kind nicht so schrein!"
+
+"Auch das ist wieder nur so ein Vorurteil von dir, Amalie! Was schadet
+das! Ich habe gelesen, es ist nichts gesünder! Die Lungen weiten
+sich dabei! Aber -- e...wie gesagt! Du solltest das Kind selbst
+tränken! Die heutige Kultur freilich, die Kultur der europäischen
+Welt..."
+
+Die Kultur überging Amalie. Sie hielt sich nur an die Ermahnungen,
+die sie nun schon so oft zu hören bekommen hatte.
+
+"So! So! Jawoll doch! Gewiß! Bei unserm Leben! Den ganzen Tag lebt
+man von Kaffee und Butterbrot! Ich möchte wissen, wie das arme Wurm
+dabei gedeihen sollte!"
+
+"Ha! Zu leben im Schweiß und Brodem eines eklen Betts, gebrüht in
+Fäulnis, buhlend und sich paarend über dem garst'gen Nest! Nicht
+wahr? Du willst damit sagen, daß ich an unsrer Lage schuld bin,
+Amalie!"
+
+"Na! Etwa ich?"
+
+"Weib!!"
+
+"Moi'n!"
+
+Die Tür, an der es schon eine ganze Weile vergeblich geklopft hatte,
+wurde in diesem Augenblick weit aufgestoßen, und herein, in seinem
+ewigen Havelock, der vor Zeiten wahrscheinlich einmal hechtgrau
+gewesen war, den ungeheuren schwarzen Schlapphut tief in das kleine
+fidele, blasse Gesichtchen gedrückt, tänzelte jetzt der kleine Ole
+Nissen.
+
+"Moi'n! Also laßt euch nicht stören, Kinder! Bitte, bitte! Keine
+Umstände, Nielchen! Keine Umstände! Weiß schon! Probiert 'ne neue
+Szene ein! Also, wie gesagt ... Donnerwetter! Ist das Biest hart!"
+
+Er hatte sich eben mitten auf das kleine Kattun'ne plumpsen lassen
+und dabei wieder in einem Haar seine Ägypter verloren, die er schief
+zwischen die Zähne geklemmt hielt.
+
+"Also, wie gesagt! Laufe da eben ganz trübselig den Hafendamm
+runter. Hä? Und wer begegnet mir da? Der Kanalinspektor! Na, wer
+denn sonst? Der Kanalinspektor natürlich! Nobel verheiratet, Villa
+in Bratsberg, no! etc. pp. Könnt euch ja denken! Schleift mich
+also natürlich sofort zu Hiddersen und läßt vorfahren... Na, oller
+Junge? Wie geht's?... Faul! sag ich also natürlich. Faul!...Hm!
+Weißte was? KKönntest eigentlich meine Alte porträtieren!...Hm! Mit
+Jenuß, Kind! Mit Jenuß! Aber--e...Farben, siehst du--he, Leinwand,
+Rahmen also...Hä! Was? Nobles Putthuhn!!"
+
+Ole Nissen ließ jetzt die schönen, noblen Kronen in seinen Taschen
+nur so klimpern.
+
+"Frau Wach-tel! Frau Wachtell!! Frau Wach-tellll!!!"
+
+Das Haus Thienwiebel schwamm wieder in Wonne. Sein Krach war wieder
+auf eine Weile verschoben.
+
+"Hä! Und dies? Ist das Butter? Und dies? Hä? Ist das Schinken? Hä?
+Und dies? Hä? Platz für das Silberzeug! Silentium!!"
+
+Der kleine Ole war heute wieder ganz aus dem Häuschen...
+
+Nachdem das "Silberzeug" dann endlich abgeräumt und die Punschbowle
+zu zwei Dritteln bereits geleert war, mußte Frau Wachtel sogar noch
+die Skatkarten "ranschleifen". Es war einfach herrlich! Der große
+Thienwiebel hatte seinen türkischen Fez auf, Ole Nissen bot seine
+Ägypter sogar galant der alten Madame Wachtel an, die sich aber
+empört von ihnen wieder in ihre Küche zurückflüchtete, Amalie
+rauchte tapfer mit. Ihre alten Opheliajahre waren wieder lebendig
+in ihr geworden.
+
+"Ach, Thienwiebel! Niels!! Geliebter!!!"
+
+Der große Thienwiebel stand da und weinte.
+
+"Bin ich 'ne Memm'?--Ha! Rauft mir den Bart und werft ihn mir ins
+Antlitz! Nein, reizende Ophelial Nein! Weine nicht! Mein Schicksal
+ruft und macht die kleinste Ader meines Leibes so fest als Sehnen
+des Nemeerlöwen!... Was, alter Jephta?...Nein, glaube nicht, daßich
+dir schmeichle! Was für Befördrung hoff ich wohl von dir, der keine
+Rent' als seinen muntren Geist, um sich zu nähren und zu kleiden
+hat!"
+
+Seine Stimme brach ab, die Hand, die er ihm auf die Schulter gelegt
+hatte, zitterte.--
+
+Zuletzt, als die alte Glaslampe nur noch wie eine kleine Ölfunzel
+brannte und die prachtvollen Ägypter um ihre grüne Glocke einen
+schönen, silbergrauen, fingerdicken Nebelring gelegt hatten, wurde
+auch der kleine Ole Nissen gerührt.
+
+Er hatte sich nach und nach zu der reizenden Ophelia auf das
+kleine, blaue Kattunüberzogene gedrängt und titulierte sie nur
+noch "Miezchen". Jetzt hatte er endlich auch ihre Hände zu fassen
+bekommen und bedeckte sie nun mit seinen Küssen.
+
+Der große Thienwiebel erhob keine Einsprache. Er hatte segnend seine
+Hände über sie gebreitet und konnte sein Herz nur noch stammelnd
+ausschütten.
+
+"Der Kreis hier weiß, ihr hörtet's auch gewiß, wie ich mit schwerem
+Trübsinn bin geplagt!"
+
+Der kleine Krebsrote hinten in seiner Ecke hatte unterdessen seine
+Not mit sich gehabt. Schon verschiedene Male hatte er sich in den
+Schlaf geweint. Jetzt aber war er wieder aufgewacht und konnte
+absolut nicht mehr seinen Gummipfropfen finden. Die reizende Ophelia
+hörte ihn nicht. Sie war längst in ihrer Sofaecke eingeschlafen.
+Er schrie jetzt, als ob er am Spieße stak.
+
+Der große Thienwiebel hatte natürlich erst recht keine Zeit für
+den Schurken. Er hatte den kleinen Ole Nissen, der jetzt kaum noch
+seine kleinen, wasserblauen Augen aufhalten konnte, vorn an seinem
+Rockkragen zu packen bekommen und deklamierte nur wieder:
+
+"Er ist eine Elster, Horatio! Eine Elster! Aber, wie ich dir sagte,
+mit weitläufigen Besitzungen von--Kot gesegnet!"
+
+
+
+
+
+III
+
+
+
+
+Es war nicht anders! Aber er hegte Taubenmut, der große Thienwiebel,
+ihm fehlte es an Galle...
+
+Er hatte seit kurzem--er wußte nicht wodurch?--all seine Munterkeit
+eingebüßt, seine gewohnten Übungen aufgegeben, und es stand in der
+Tat so übel um seine Gemütslage, daß die Erde, dieser treffliche Bau,
+ihm nur ein kahles Vorgebirge schien. Dieser herrliche Baldachin,
+die Luft, dieses majestätische Dach mit goldnem Feuer ausgelegt:
+kam es ihm doch nicht anders vor als ein fauler, verpesteter Haufe
+von Dünsten. Welch ein Meisterwerk war der Mensch! Wie edel durch
+Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung
+wie bedeutend und wunderwürdig im Handeln, wie ähnlich einem Engel;
+im Begreifen, wie ähnlich einem Gotte; die Zierde der Welt! Das
+Vorbild der Lebendigen! Und doch: was war ihm diese Quintessenz
+vom Staube? Er hatte keine Lust am Manne--und am Weibe auch nicht.
+Die Zeit war aus den Fugen! War es zu glauben? Aber-e-man hatte
+ihm noch immer nicht geschrieben. Man war undankbar in Christiania.
+Armer Yorick!
+
+Sterben, schlafen...vielleicht auch träumen?
+
+Einstweilen jedoch hatte es allen Anschein, als ob gewisse
+Rücksichten das Elend des armen Yorick noch zu hohen Jahren kommen
+lassen wollten. Jedenfalls wenigstens durften jetzt die naseweisen
+Aktschüler unten in der Akademie den großen unübertrefflichen Hamlet
+aus Trondhjem schon seit vollen vierzehn Tagen in den schönen,
+langen Vormittagsstunden als sterbenden Krieger kopieren. Das war
+freilich eine Entwürdigung, aber sie brachte Geld ein. Nur genügte
+es leider noch nicht.
+
+Wenn der "arme Yorick" jetzt mittags nach Hause kam und sich
+mit einem Appetit, als hätte er eben vierundzwanzig Stunden lang
+ohne aufzusehn Eichenkloben zerkleinert, über die große Schüssel
+herstürzte, die ihm die reizende Ophelia schon vorsorglich verdeckt,
+der Photographie des großen Thienwiebel grade gegenüber, auf den
+Tisch gestellt hatte, fand sich meist nur eine etwas grün angelaufene,
+dünne Kartoffelsuppe drin vor, in der höchstens hie und da noch ein
+paar kleine, kohlschwarze Speckstückchen schwammen. Armer Yorick!...
+
+Amalie schien schon seit undenklichen Zeiten ihre Nachtjacke nicht
+mehr in die Waschwanne gesteckt zu haben. Wozu auch große Toilette
+machen? Man war ja zu Hause.
+
+"Nicht wahr, Thienwiebel?"
+
+Der große Thienwiebel hielt es für unter seiner Würde zu antworten.
+Er hatte sich eben wieder in seinen alten, bequemen Schlafrock
+geworfen, aus dem die Watte freilich, ihrer nur noch geringen
+Quantität halber, nicht mehr recht klunkern konnte.
+
+Seinen William aufgeklappt, hatte er sich jetzt wieder tiefsinnig
+rücklings über das kleine Blaukattunene geworfen.
+
+ "Oh, schmölze doch dies allzu feste Fleisch,
+ Zerging' und löst' in einen Tau sich auf!
+ Oder hätte nicht der Ew'ge sein Gebot
+ Gerichtet gegen Selbstmord! 0 Gott! o Gott! Wie
+ ekel, schal und flach und unersprießlich Scheint
+ mir das ganze Treiben dieser Welt!
+ Pfui! Pfui darüber!"
+
+Amalie, die sich wieder auf ihre kleine, mollige Fußbank neben den
+Ofen gesetzt und eben ihre Schmalzstulle in den Kaffee gestippt
+hatte, sah jetzt etwas verwundert in die Höhe. Als aber der "arme
+Yorick" dann nicht mehr weiterlas und, seinen William zugeklappt,
+sich jetzt sogar, ganz wider seine sonstige Gewohnheit, mit dem
+Kopfe gegen die Wand gedreht hatte, wurde ihr denn doch ein wenig
+unbehaglich zumut.
+
+Eine Weile noch überlegte sie; dann aber, endlich, hatte sie sich
+entschieden. Ihre Stimme klang noch kläglicher als sonst.
+
+"Ich will nähen gehn, Niels."
+
+"Nein, Amalie! Niemals! Niemals! Das werde ich nie dulden! Das wäre
+eine unverzeihliche Vernachlässigung deiner heiligsten Mutterpflichten!"
+
+Er war wieder empört aufgesprungen.
+
+"Nein, Amalie! Nie! Niemals!...Solang Gedächtnis haust in
+dem...zerstörten Ball hier!"
+
+Er hatte sich melodramatisch vor die Stirn gestoßen. Amalie fühlte
+sich wieder beruhigt und biß jetzt herzhaft in ihre Schmalzstulle...
+
+"Herein?"
+
+Es war Frau Wachtel. Sie brachte wieder die Milch für den Kleinen.
+
+Der große Thienwiebel hatte es sich nicht versagen können, ihn auf
+den Namen Fortinbras taufen zu lassen.
+
+"Na, Dickerchen? Langweilste dich? Oh, mein Mäuseken! Oh!"
+
+Sie fand nämlich, daß Amalie ihren heiligsten Mutterpflichten etwas
+nachlässig oblag, und gestattete sich öfters eine kleine Kontrolle.
+
+Frau Rosine Wachtel war nämlich im Besitze eines guten Herzens. Und
+das mußte wahr sein, denn sie sagte es selbst und vergoß jedesmal
+Tränen dabei. Indessen war ihr dieser Besitz noch nicht allzu
+gefährlich geworden. Denn es war ihr noch niemand durchgebrannt,
+und sie war noch immer zu ihrem Geld gekommen; und das war oft
+ein Stück Arbeit gewesen. Frau Rosine Wachtel konnte das jeden
+versichern...
+
+"Ach, du Würmeken! Ach, mein Puttekent Hab'n se dir so in'n Korb
+jestochen!"
+
+Die gute Frau Wachtel war ganz gerührt. Aber plötzlich, aus
+irgendeinem Grunde, wahrscheinlich weil draußen auf dem Flur eben
+jemand die Treppe heraufzukommen schien, hielt sie es jetzt doch
+für besser, sich schnell noch mal nach ihrer Küche umzusehn...
+
+Der große Thienwiebel, der etwas ungeduldig gewartet hatte, bis ihr
+runder, trivialer Rücken endlich hinter der Tür verschwunden war,
+weil er wieder etwas wie einen Monolog in sich verspürte, war
+jetzt tragisch auf das kleine runde Spiegelchen über der Kommode
+zugetreten, aus dem ihm nun sein schöner, edelgeformter Apollokopf
+melancholisch zunickte.
+
+"Armer Freund! Wie ist dein Gesicht betroddelt, seit ich dich
+zuletzt sah!"
+
+Amalie bekümmerte sich nicht mehr um ihn. Sie kannte ihren großen
+Gatten.
+
+"Armer Freund!"
+
+War das sein Haar? Sein schönes, berühmtes, blauschwarzes Haar? Eine
+grausame Natur der Dinge hatte ihm nun schon seit Wochen verwehrt,
+es sich brennen zu lassen. In die Stirn, in diese erhabene Wölbung
+majestätischer Gedanken, fiel es ihm nun in Strähnen, dick und
+feist, wie sie selber, diese schale, engbrüstige Zeit.
+
+"Armer Freund!"
+
+Nachdem er sich so zu der erhabenen Mission, die ihm vorschwebte,
+genügend präpariert zu haben glaubte, drehte er sich jetzt gemessen
+nach dem kleinen, gelben Korb um, der dicht neben dem Bett quer
+über zwei Stühle gestellt war.
+
+"Armes kleines Menschenkind! Welch böser Stern verdammte dich in
+dieses Elend!"
+
+Das arme kleine Menschenkind zappelte ihn an und lachte.
+
+"Aber still! Still! Ich will alles einsetzen! Ich will meine ganze
+Kraft einsetzen! Ich werde arbeiten, Freund! Ich werde arbeiten!
+Ich werde dem Schicksal die Stirn bieten; ich werde ihm ab trotzen,
+daß du in dieser herben Welt dereinst jene Stellung einnimmst,
+die deinen Talenten gebührt...ja! So macht Gewissen Feige aus uns
+allen. Der angebornen Farbe der Entschließung wird des Gedankens
+Blässe angekränkelt; und Unternehmungen voll Mark und Nachdruck,
+durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt, verlieren so der Handlung
+Namen!"
+
+Seine Stimme bebte, seine Schlafrocktroddeln hinter ihm, die er
+sich zuzubinden vergessen hatte, zitterten.
+
+Amalie hatte jetzt ihr Schmalzbrot wieder beiseite gelegt.
+
+"Niels, ich will doch lieber nähen gehn!"
+
+"Nie! Nie! Sprich nicht davon, Amalia! Bei meinem Zorn! Sprich
+nicht davon!"
+
+Amalie war wieder beruhigter denn je.
+
+Ihr schönes Schmalzbrot war, Gottseidank, noch nicht ganz alle.
+Der große Thienwiebel, der einigermaßen aus seinem Konzept gekommen
+war, hatte jetzt einige Mühe, wieder hineinzukommen. Den Shakespeare,
+den er wieder von der Erde aufgelesen hatte, hinten in seinen
+Wattenklunkern, die Finger krampfhaft um seinen roten Saffianrücken,
+nickte er jetzt wieder schmerzlich auf das kleine, verwunderte
+Bündelchen hinab. Es hatte die ganze Zeit über kaum zu mucksen
+gewagt.
+
+"Ich weiß... ich werde sterben, Freund! Ich werde sterben!--Das
+starke Gift bewältigt meinen Geist! Ich kann von England nicht
+die Zeitung hören; doch prophezei ich, die Erwählung fällt auf
+Fortinbras... Du lebst; erkläre mich und meine Sache den Unbefriedigten!"
+
+Der kleine Fortinbras war jetzt ganz ernsthaft geworden. Er hatte
+seinen großen Papa noch nie so menschlich mit ihm reden hören.
+
+"Den Unbefriedigten"
+
+Der Regen draußen, der die braunen Dächer drüben schon seit
+frühmorgens wie mit Glanzlack überzogen hatte, plätscherte, aus
+dem Fensterblech, unter das die reizende Ophelia natürlich wieder
+den Wasserkasten zu hängen vergessen hatte, war er jetzt allmählich
+sogar die graue Tapete hinab bis mitten unter das kleine Blaukattunene
+gekrochen. Auf seinem kleinen Teich drunter konnten die beiden
+angebrannten Schwefelhölzchen bereits in aller Gemächlichkeit
+rundherum Gondel fahren.
+
+Plötzlich schien den großen Thienwiebel wieder mal irgend etwas
+unversehens gestochen zu haben.
+
+"Amalie! Amalie!"
+
+"Was denn schon wieder, Thienwiebel!"
+
+Sie hatte sich nicht einmal umgesehn.
+
+"Amalie, es ist nicht zu leugnen: das Kind hat ganz außergewöhnliche
+Fähigkeiten! Es hat mich soeben angelacht. Es unterhält sich
+ordentlich mit mir!"
+
+Amalie grunzte nur verdrießlich.
+
+"Ich wette, man kann ihm schon die Anfangsgründe des Sprechens
+beibringen, Amalie!"
+
+"Hm? du! Sag mal: a! Na?! a-a-a..."
+
+Der kleine, gute Fortinbras wußte sich jetzt vor lauter Verdutztheit
+gar nicht mehr zu lassen. Er hatte seine beiden dicken Händchen
+rechts und links in den Korbrand gekrallt und ähte nun, seinen Kopf
+nach hinten zurückgelegt, seinen großen Papa ganz vergnügt an.
+
+"Nicht ä, mein Junge! Sag a! A sollst du sagen! Also? Na? Aaaa!... "
+
+"Ach, laß doch! Das kann er ja noch nich!"
+
+Amalie hatte es endlich doch für angezeigt gehalten, sich ins Mittel
+zu legen.
+
+"Was?! Das kann er nicht?! Sage das nicht, Amalie! Sage das nicht!
+Dafür ist er mein Junge! Hä? Bist du mein Junge? Hä?"
+
+"Aber er ist ja erst kaum ein Vierteljahr alt!"
+
+"So? So? Nun, hm...Ich will nicht mit dir rechten, Amalie! Allein
+du wirst doch vorhin bemerkt haben, daß er durchaus verstand, was
+ich meinte!"
+
+Amalie gähnte. Sie gab es auf. Es hatte ja keinen Zweck! Es war ja
+alles egal! So oder so!
+
+Der große Thienwiebel aber war damit noch nicht zufrieden. Er konnte
+seine Idee noch nicht so leicht wieder fallenlassen.
+
+Nein, gewiß, Amalie! Der Junge berechtigt zu den besten Hoffnungen!"
+
+Ach...
+
+"Nun! Was ist denn da so Ungewöhnliches dabei, Amalie? Du weißt:
+es gibt mehr. Ding' im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit
+sich träumt, Amalie!"
+
+Amalie gähnte nur wieder.
+
+
+ "...und nun, ihr Lieben,
+ Wofern ihr Freunde seid, Mitschüler, Krieger,
+ Gewährt ein Kleines mir!"
+
+
+Sie gewährten es ihm.
+
+Es war wirklich zu schön von dem großen Thienwiebel! Aber er
+hatte sich jetzt tief über seinen kleinen, süßen Fortinbras, der zu
+so großen Hoffnungen berechtigte, gebeugt und wollte ihn nun--oh,
+zum ersten Mal, zum ersten Mal, seit langer, langer Zeit, Horatio!
+wieder auf die kleine bleiche Stirn küssen.
+
+Aber es sollte nicht dazu kommen. Er war bereits wieder zurückgetaumelt,
+noch ehe er seine schöne Tat zum Austrag gebracht hatte.
+
+"Ha!"
+
+Seine Augen rollten, seine Fäuste hatten sich geballt, die beiden
+roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock schlotterten vor
+Entrüstung.
+
+"Ha!"
+
+Das Rätsel von der alten, lieben, guten, geschäftigen Frau Wachtel
+von vorhin hatte sich glänzend gelöst.
+
+Sei's Farbe der Natur, sei's Fleck des Zufalls, kurz und gut, aber
+der kleine Prinz von Norwegen lag wieder seelenvergnügt mitten in
+seinen weitläufigen Besitzungen da.
+
+
+
+
+
+IV
+
+
+
+
+Seit die schöne Frau Kanalinspektor, sorgsam in Sackleinwand genäht,
+endlich abgegangen war und weitere Promenaden am Hafendamm sich
+nicht wieder ergiebig erwiesen hatten, war jetzt auch nebenan bei
+dem kleinen Ole Nissen nichts mehr zu holen. Erneute Bohrversuche
+bei dem famosen, noblen Putthuhn hatten auch nichts gefruchtet. Seine
+"Alte" schien ihm nicht sonderlich imponiert zu haben. Wenigstens
+hatte ihr kleiner "Tintoretto" sie bei seiner letzten offiziellen
+Visite draußen vergeblich an den neuen, schöntapezierten Wänden
+gesucht. Übrigens waren die Herrschaften gerade ausgegangen. Man
+schien eben nicht bloß in Christiania allein undankbar zu sein.
+
+Keine Hummern bei Hiddersen mehr, keine Ägypter mehr, keine "Mieze"
+mehr! Das letzte schmerzte den armen, kleinen Ole natürlich am
+meisten. Aber man konnte es der Kleinen wirklich unmöglich verdenken.
+Von aufgeweichten Brotkrusten ließ sich nicht satt werden.
+
+Der alten, lieben, guten Frau Wachtel aber war damit ein sehr großer
+Stein vom Herzen gefallen. Sie hatte nämlich die niedliche kleine
+Mieze einmal dabei ertappt, als sie dem abscheulichen Ole grade
+Modell stand, und da sie hierfür wirklich auch nicht das mindeste
+Verständnis besaß, ein gewisses, kleines Vorurteil gegen sie gefaßt.
+
+Ihr gutes Herz zu betätigen hatte sie in letzter Zeit leider nur zu
+wenig Gelegenheit gehabt. Am unzufriedensten aber war sie jedenfalls
+mit den dummen Thienwiebels. Was bei der alten Schlamperei dort
+schließlich rauskommen mußte, konnte man sich ja an den Fingern
+abzählen.
+
+Der alte, alberne Kerl flözte sich den ganzen Tag auf dem Sofa
+rum und trieb Faxen, das faule, schwindsüchtige Frauenzimmer hatte
+nicht einmal Zeit, seinem Schreisack das bißchen blaue Milch zu
+geben, zu fressen hatten sie alle drei nichts, und die Miete--ach,
+du lieber Gott! Wenn man nicht wenigstens noch die paar Sparkreeten
+gehabt hätte...
+
+--Ja! Es war Wermut! Sein Verstand war krank! Es fehlte ihm
+an Beförderung! Im Schoß des Glückes? Oh, sehr war! Sie ist eine
+Metze! Was gibt es Neues? Als Roscius noch ein Schauspieler in Rom
+war...Geharnischt, sagt Ihr? Sehr glaublich!--Ein Mann, der Stöß'
+und Gaben mit gleichem Dank genommen, der zur Pfeife nicht Fortunen
+diente, den Ton zu spielen, den ihr Finger griff, den Bettler, wie
+er...Nichts mehr davon!! Sprich weiter, komm auf Hekuba!
+
+In der Tat, es ließ sich nicht mehr leugnen: er war jetzt wirklich
+zu bedauern, der große Thienwiebel!
+
+Oh, welch ein Schurk' und niedrer Sklav' er war!! War's nicht
+erstaunlich? War's zu glauben? War's möglich? War's nur durch
+Angewohnheit, die den Schein gefäll'ger Sitten überrostet, war's
+Übermaß in seines Blutes Mischung: kurz und gut, aber er kam jetzt
+immer wieder auf sie zurück: auf nichts, auf Hekuba!
+
+Wozu sollten Gesellen wie er zwischen Himmel und Erde herumkriechen?
+Dem Staub gepaart, dem er verwandt, so rings umstrickt mit
+Bübereien...nicht doch, mein Fürst!! Die Mausefalle? Und wie das?
+Metaphorisch! Ich bitte, spotte meiner nicht, mein Schulfreund; Du
+kamst gewiß zu meiner Mutter Hochzeit!
+
+Armer Yorick! Denn wenn die Sonne Maden aus einem toten Hunde
+ausbrütet, eine Gottheit, die Aas küßt...Armer Yorick!
+
+Sein Wahnsinn war des armen Hamlet Feind.--
+
+Amalie, die endlich ihre Drohung wahrgemacht und in der Tat seit
+einiger Zeit etwas zu tun angefangen hatte, was sie Trikottaillen
+nähen nannte, ließ alles getrost über sich ergehen. Es hatte ja
+keinen Zweck! Es war ja alles egal! So oder so.
+
+Der gute, kleine Ole Nissen war unendlich zarter besaitet. Da
+Frau Wachtel so freundlich gewesen war und ihm nach so vielen
+andern geliebten Gegenständen kürzlich auch noch seine schönen
+leberwurstfarbenen Pantalons ins Leihhaus getragen hatte, war er
+jetzt dazu verdammt, die ganzen Tage über in seinem Bett zu liegen
+und durch die dünnen Bretterwände durch die ganze Wirtschaft mit
+anzuhören.
+
+"Ha! Büberei! Auf, laßt die Türen schließen! Verrat! Sucht, wo er
+steckt! Du betest schlecht! Ich bitt dich! Laß die Hand von meiner
+Gurgel! Kennst du diese Mücke?!"
+
+Armer, kleiner Ole! War es Angst oder nur Langeweile? Aber der
+Schweiß brach ihm oft tropfenweis durch die Stirn.
+
+Der große Thienwiebel schien es ordentlich auf ihn abgesehn zu haben!
+Alle Nachmittag Punkt fünf Uhr versäumte er es jetzt nie, sogar
+seine "Bude" zu inspizieren. Diese war freilich noch erbärmlicher
+als seine eigene, aber sie besaß dafür den Vorzug, daß man aus ihrem
+Fenster bequem unten auf das breite, platte, geteerte Nachbardach
+klettern konnte, von dem man dann eine erfreuliche Aussicht auf die
+verschwiegenen Brandmauern mehrerer Hinterhäuser genoß. Ein kleines
+anspruchsloses Pflaumenbäumchen, dessen verkrüppelte Ästchen von
+Raupen und Spatzen nur so wimmelten, vervollständigte das Idyll.
+Der arme kleine Ole spürte die verhängnisvolle Zeit schon immer
+eine ganze Weile vorher in seinen Knochen. Der große Thienwiebel
+beliebte es dann nämlich immer, gewisse Unterhaltungen mit ihm
+anzuknüpfen, die so geistvoll, ideentief und farbenreich waren,
+daß dem kleinen Ole, den seine ewigen Brotkrusten schon ohnehin
+arg mitgenommen hatten, nur so der Kopf danach brummte.
+
+"Ich will hier im Saale auf und ab gehn, wenn es Seiner Majestät
+gefällt; es wird jetzt bei mir die Stunde, frische Luft zu schöpfen.
+Laßt die Rapiere bringen."
+
+Die "Rapiere" waren zwei Leiterstücken, die man zusammenlegen und
+von draußen her in das Fensterkreuz einhaken konnte.
+
+Wenn sie "gebracht" worden waren, endete die Geschichte natürlich
+stets damit, daß man sie auch richtig einhakte und an ihnen
+hinabkletterte.
+
+"Hic et ubique! Ändern wir die Stelle!"
+
+Dann war man in "Helsingör" und promenierte auf der "Terrasse". Der
+große Thienwiebel in Fez und Schlafrock, der kleine Ole in Havelock
+und Unterpantalons.
+
+Ich will die Lieb' Euch lohnen, lebt denn wohl, Horatio! Auf der
+Terrasse zwischen elf und zwölf besuch ich Euch ... Nicht wahr?
+Ihre...seid ein--Fischhändler?!"
+
+Scham, wo war dein Erröten!
+
+Der arme, kleine Ole wußte zuletzt selbst nicht mehr: war eigentlich
+er verrückt, oder Nielchen.
+
+Aber er hätte sich nicht so zu härmen brauchen. Der große Thienwiebel
+wußte nur zu gut, was er tat. Er war nur "toll aus Methode". Er
+war nur toll bei Nordnordwest; wenn der Wind südlich war, konnte
+er sehr wohl einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl unterscheiden.
+
+Die ewige Aktsteherei unten in der alten, dummen Akademie war ihm
+eben nachgerade langweilig geworden, und da er der alten, lieben,
+guten Frau Wachtel doch unmöglich zutrauen durfte, daß sie ihn noch
+länger gratis beherbergte, wenn er sich jetzt die "Quelle köstlicher
+Dukaten" so sans facon wieder zustopfte, war er eben eines schönen
+Tages auf die großartige Idee verfallen, sich hier in dieser herben
+Welt voll Müh' nach und nach für wirklich übergeschnappt auszugeben.
+
+"Ha! Heisa Junge! Komm, Vögelchen! Komm! Ich Muß nach England; wißt
+Ihr's? Himmel und Erde! Es ist nur eine Torheit, aber es ist eine
+Art von schlimmer Vorbedeutung, die vielleicht ein Weib ängstigen
+würde.
+
+Was? Eine Ratte? Die Spitze auch vergiftet! Nein! Nein, schöne
+Dame! Nicht nur mein düstrer Mantel, gute Mutter, noch die gewohnte
+Tracht von ernstem Schwarz, noch stürmisches Geseufz beklemmten
+Odems: nein: auch die Schmeichelsalb'! Ich hab's geschworen!
+Weglöschen von der Tafel der Erinnerung will ich all jene törichten
+Geschichten! Nie beuge sich dieses Knies gelenke Angel, wo Kriecherei
+Gewinnn bringt! Ich trotze allen Vorbedeutungen: es waltet eine
+besondere Vorsehung über dem Fall des Sperlings. In Bereitschaft
+sein ist alles. Wetter! Dankt ihr, daß ich leichter zu spielen
+bin als ein Flöte? Nennt mich, was für ein Instrument ihr wollt!
+Ihr könnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen..."
+
+Ha! Was? Ein königliches Bubenstück!
+
+Dem kleinen Fortinbras schien dieses königliche Bubenstück am
+wenigsten zu imponieren. Ja, aus gewissen Anzeichen glaubte sein
+großer Papa manchmal sogar schließen zu dürfen, daß er noch nicht
+einmal recht Notiz von ihm genommen hatte.
+
+Am auffälligsten zeigte sich dies aber regelmäßig dann, wenn es
+sich um die "ersten Elemente der Gesangskunst" handelte. Denn der
+"arme Yorick" war durchaus nicht gewillt, seinem schrecklichem
+Wahnsinn zuliebe auch die seltnen Talente seines zu so großen
+Hoffnungen berechtigenden Söhnchens verkümmern zu lassen.
+
+Es war ausgemacht! Es war ausgemacht, o reizende Ophelia! Ja!
+Sagen wir Ophelia! Teufel! Warum sollten wir nicht Ophelia sagen?
+Kurz und gut: es war ausgemacht. Es sollte ihn und seine Sache den
+Unbefriedigten erklären...Den Unbefriedigten!...
+
+Sobald er daher nur irgendwie merkte, daß der kleine Ole nebenan
+wieder einmal eingeschlafen und die gute Frau Wachtel wieder mal
+ausgegangen war und so "die beiden, denen er wie Nattern traute,"
+eine Zeitlang wieder "unschädlich" gemacht waren, ging der Tanz
+los.
+
+Seines Kummers "Kleid und Zier" war dann plötzlich wie abgefallen
+von dem großen Thienwiebel.
+
+Seine "Einbildungen, schwarz wie Schmiedezeug Vulkans", hatten den
+armen Yorick verlassen, er war wieder "zahmer Herr!"
+
+"Höhrt doch! Ich bin wieder zahm, Herr! Sprecht! Ich bin wieder
+zahm!"
+
+Aber der kleine, verstockte Fortinbras wollte nicht. Er hatte sich
+wieder nur in Ermangelung eines Gummipfropfens, dem ihm die reizende
+Ophelia verbummelt hatte, seinen großen Zeh in den Mund gestopft
+und sog nun, daß es ihm aus dem kleinen, mattrosa Mundwinkelchen
+nur so tropfte. Die ersten Elemente der Gesangskunst ließen ihn
+heute augenscheinlich noch kälter als sonst.
+
+Empört hatte sich jetzt der große Thienwiebel wieder in die Höhe
+gerückt. Die beiden roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock
+zuzubinden hatte er natürlich wieder vegesssen.
+
+"Amalie! Ich bemerke soeben zu meinem größten Erstaunen, Fortinbras
+ist störrisch!"
+
+Amalie, die jetzt ihre kleine, mollige Fußbank der Trikottaillien
+wegen zu ihrem großen Leidwesen vom Ofen ans Fenster hatte verlegen
+müssen, war gerade dabei, sich ihre erste Nadel für heute einzufädeln.
+Sie hatte wieder so lange inhalieren müssen...
+
+"Störrisch?"
+
+"Wie ich dir sage, Amalie! Störrisch!"
+
+"Ach, nich doch!"
+
+"Amalie? Ich sage dir noch einmal- störrisch! Fortinbras ist
+störrisch. Stör-risch!!"
+
+"Ach, red doch nich! Wie soll er denn störrisch sein!"
+
+"Amalie?!"
+
+Amalie sah sich nicht einmal um. Sie zuckte kaum mit den Achseln.
+
+"So! So! Also glaubst du mir nicht mehr, wenn ich dir etwas sage!
+Du mißtraust mir! In der Tat! In der Tat! Ich hätte mir das denken
+können! Sag's doch lieber gleich! Wozu die Umstände! Du bedauerst,
+daß ich mich nicht noch schneller aufreibe!"
+
+Amalie nieste. Sie wollte ihren Schnupfen gar nicht mehr loswerden.
+Mitten im Sommer.
+
+"Natürlich! Wie sollte man auch nicht! Man vertreibt sich die
+Zeit mit--Niesen! Man trinkt Kaffee und vertreibt sich die Zeit
+mit--Niesen! In der Tat! In der Tat! Andre Leute mögen unterdes
+zusehn, wie sie fertig werden!...Aber, ich werde es dir beweisen,
+Amalie! Hörst du? Ich werde es dir beweisen, daß Fortinbras störrisch
+ist!--Du! Sag a...a...Nun? Wird's bald?...Na?...A!...Du Schlingel!
+A!...A!!...Ha! Siehst du?! Wie ich dir sagte, wie ich dir sagte,
+Amalie! Der Lümmel brüllt, als wenn ihm der Kopf abgeschnitten
+wird! Er ist störrisch! Habe ich recht gehabt?!--Willst du still
+sein, du Zebra?! Gleich bist du still!"
+
+Jetzt endlich war Amalie an ihrem Fenster plötzlich etwas aufmerksamer
+geworden.
+
+"Du willst ihn doch nicht etwa--schlagen?"
+
+"Gewiß will ich das, Amalie! Ein Kind darf nicht eigenwillig sein!
+Ein Kind bedarf der Erziehung, Amalie! Eine leichte Züchtigung..."
+
+"Niels!?"
+
+"Ach was! Aus dem Weg! Aus dem Weg, sage ich! ... Da, du in-famer
+Schlingel! Da, du in...Amaaalie!"
+
+"Gewiß, du alter Esel! Du glaubst wohl, du kannst hier am Ende tun,
+was du Lust hast? Du gehörst ja in die Verrücktenanstalt! Wie kann
+man denn 'n Kind von 'nem halben Jahr so malträtieren?! Wie kann
+man es schlagen !"
+
+"Amaaalie!!"
+
+War's möglich?! War es zu glauben?! War das seine Backe?!
+
+"Amaaalie!!!..."
+
+
+
+
+
+V
+
+
+
+
+"Wirtschaft, Horatio! Wirtschaft! Das Gebackne vom Leichenschmaus
+gab kalte Hochzeitsschüsseln. E--doch, um auf der ebenen Heerstraße
+der Freundschaft zu bleiben: was macht Ihr auf Helsingör?"
+
+Der große Thienwiebel hatte wieder gut auf der ebenen Heerstraße
+der Freundschaft zu bleiben; was sollte der kleine Ole groß machen
+auf Helsingör? Was er nun schon seit Wochen machte: Firmenschilder
+pinseln! Das rentierte sich. nämlich famos, weißt du!
+
+Abel Gröndal: Materialwarenhandlung, auch Heringe-Lars Brodersen:
+Canariensieen und Hanfsamen--Jacob Lorrensen: Alle Sorten Rauch-,
+Schnupf- und Kautabak-etc. pp. Hä? Was? Noble Putthühner!!
+
+Die schönen Leberwurstfarbenen waren wieder zu Ehren gekommen, die
+prachtvollen Ägypter wurden wieder nur so pfundweis verpafft, die
+verteufelte kleine Mieze ließ die arme, liebe, alte, gute Frau
+Wachtel kaum mehr vom Schlüsselloch wegkommen.
+
+Es war aber auch wirklich schrecklich, was es jetzt alles dort
+drinnen zu sehn gab. Die vielen weißen Salbentöpfe, in die die
+Farben nur so wie Butter reingequetscht waren, die merkwürdig großen
+Maurerpinsel, die der geschäftige' kleine Ole kaum zu dirigieren
+vermochte, die schönen, dicken, mannslangen Bretter, auf denen man
+jetzt die wunderbarsten Sachen zu lesen bekam, und vor allen Dingen
+auch jener große, geheimnisvolle, grüne Wandschirm dicht neben dem
+Ofen, hinter dem sich immer die schändliche, kleine Mieze versteckt
+hielt, das alles interessierte die alte, liebe, gute Frau Wachtel
+auf das lebhafteste. Noch nie hatte sie sich mit ihrer Stellung
+als Zimmervermieterin so zufrieden gefühlt. Die drückendsten alten
+Rückstände waren wieder ausgeglichen, für die dösigen Thienwiebels
+brauchte ihr jetzt auch nicht mehr so bange zu sein, ja, ja! Der
+liebe Herrgott!
+
+Die reizende Ophelia war wieder in ihren alten Stumpfsinn
+zurückverfallen. Sie bereute ihre Untat aufs tiefste. Das einzige,
+was ihr so schließlich noch vom Leben übriggeblieben war, war ihr
+Salbeitopf.
+
+Ihr großer Gatte verachtete sie nur noch...Geschrieben--e...hatte
+man ihm zwar unterdessen bereits, aber--e...wie kam's daß sie
+umherstreiften? Ein fester Aufenthalt war vorteilhafter für ihren
+Ruf als ihre Einnahme! Kurz und gut, es war eben nur eine umherziehende
+Truppe gewesen, und der große Thienwiebel hatte sich zu degradieren
+gefürchtet. Solange noch der kleine Ole da nebenan da war...kurz
+und gut: er tat, was Ihm Beruf und Neigung hieß! Denn...e...jeder
+Mensch hat Neigung und Beruf!
+
+Am schlimmsten erging es jedoch entschieden dem kleinen Fortinbras.
+Seine Zähnchen hatten ihm seinen schönen Gummipfropfen ganz verleidet.
+Er hatte an nichts mehr Freude; nicht einmal am Schreien mehr.
+
+Er war ein vollendeter Pessimist geworden. An seinem künftigen
+Beruf, seinen großen Vater den Unbefriedigten zu erklären, schien
+ihm nur noch. wenig zu liegen. Sein kleines Züngchen war dick
+belegt, seine Händchen sahen weiß wie Kuchenteig aus, er schlief
+jetzt oft ganze Tage lang.
+
+Nur heute abend war er auffallend munter.
+
+Die beiden hellen Lampen auf dem Tische, die vielen Leute, der Skandal,
+der merkwürdig große Zuckerkringel, den man ihm so unerwartet in
+die Hand gesteckt hatte: er begriff das alles nicht. Nu bloß noch'n
+bißchen Streupulver!
+
+Die Damen hatten auf dem Sofa Platz genommen, die kleine Mieze, die
+sich zu den Mannsleuten rechnete, saß dem kleinen Ole vis-a-vis,
+der große Thienwiebel präsidierte. Die großartige Gans mitten auf
+dem Tisch in deren knusprigen Prachtrücken er eben energisch seine
+blitzende Bratengabel gestoßen hatte, roch durch das ganze kleine
+Zimmer. Die beiden Lampen rechts und links brannten durch ihren Dampf
+wie durch einen Nebel. Frau Wachtel, die sich in ihrer Sofaecke
+wie auf einem Präsentierteller vorkam, atmete schwer. Sie hatte
+heute ihr "Seidnes". an.
+
+"Willkommen, all ihr Herrn! Wir wollen frisch daran, wie französische
+Falkoniere, auf alles losfliegen, was uns vorkommt! Beim Himmel!
+Den mach ich zum Gespenst, der mich zurückhält!...Ha! Seid Ihr
+tugendhaft, schöne Dame?"
+
+"Thienwiebelchen?"
+
+Der kleine Ole , der sich eben über seinen pompösen Flügel hergemacht
+hatte, blinzelte vor Entzücken. Die kleine Mieze war heute mal
+wieder ordentlich zum Anknabbern!
+
+"Thienwiebelchen?!"
+
+Das reizende Grübchen in ihrem rosa Fingerchen kam jetzt so recht
+zur Geltung.
+
+"Thienwiebelchen? Es gibt was!"
+
+Aber der große Thienwiebel, der sich jetzt auch die Serviette unter
+sein blaues Doppelkinn gestopft hatte, fühlte sich wieder durchaus
+auf der Höhe der Situation.
+
+"Meint Ihr, ich hätte erbauliche Dinge im Sinn? Ein schöner Gedanke,
+zwischen den..."
+
+"Nielchen!!"
+
+Der kleine Ole hat es für die höchste Zeit gehalten.
+
+Er hatte sich jetzt auch seinen prachtvollen Porter eingeschenkt
+und schwenkte ihn nun fidel gegen die neue Lampe.
+
+"Putthuhn Nro. 25!"
+
+Sein schönes Jubiläum sollte nicht so ohne weiteres zu Wasser
+werden.
+
+"Putthuhn Nro. 25!"
+
+Die kleine Mieze war jetzt ganz rot vor Vergnügen. Die beiden kleinen,
+silbernen Ringe in ihren Ohrläppchen blitzten, ihr Stumpfnäschen
+sah wie aus Marzipan aus.
+
+"Bravo, Dickchen! Es soll leben! Putthuhn Nro. 25!" Sie hatte
+ausgelassen mit ihm angestoßen.
+
+Frau Wachtel räusperte sich jetzt. Ihr Seidnes hatte sich eben
+etwas geklemmt.
+
+"Etwas--etwas Soße gefällig, Frau Thienwiebel?"
+
+Amalie nickte. Ihr Teller schwamm zwar schon, aber: es war ja alles
+egal. So oder so.
+
+Ihr großer Gatte drüben suchte eben wieder einzulenken.
+
+"Nun, nun, schöne Dame! Denn--e--wenn die Sonne Maden aus einem
+toten Hund ausbrütet, eine Gottheit, die ... Ha! Wilde Hölle! Wer
+ist, des Gram so voll Emphase tönt?!"
+
+Es war der kleine Fortinbras. Sein Zuckerkringel, war ihm eben über
+den Korbrand weg auf die Stuhlkante gefallen, dort entzweigeschlagen
+und lag nun in kleine Stücke zerbröckelt unten auf den schmutzigen
+Dielen.
+
+Ha, mördrischer, blutschändrischer, verruchter Däne! Trink diesen
+Trank aus! Ich will den Wanst ins nächste Zimmer schleppen!"
+
+Aber die besorgte kleine Mieze hatte ihre Gabel schon schnell wieder
+auf ihren Teller klappen lassen.
+
+"Ach! Nicht doch, Thienwiebelchen! Nicht doch!"
+
+Sie war aufgesprungen und bückte sich jetzt zierlich über den
+plumpen Korbrand.
+
+"0 mein Zuckerpüppchen! Mein Schatz! So ein niedliches kleines
+Kerlchen! Nicht wahr, du willst auch was haben? Ach, mein Liebchen!!"
+
+Sie hatte sich jetzt den kleinen Fortinbras auf den Schoßgesetzt
+und küßte ihn nur so.
+
+"Auch was haben, Dickerchen?" Kuß!--"Auch was haben, Dickerchen?"
+Kuß! Kuß, Kuß, Kuß, Kuß!!
+
+Der kleine Fortinbras juchzte. Er hatte noch nie so etwas erlebt.
+Er zappelte jetzt, daß es nur so eine Art hatte. Er lachte aus
+vollem Halse! "Grrr...grrr...grrr...äh! Grrr...äh!"
+
+Der große Thienwiebel saß da. Die Weste unten aufgeknöpft, die
+Augenbrauen tragisch in die Höhe gezogen.
+
+"Wie keck der--e--Bursch ist!...Wahrhaftig, Horatio! Ich habe
+seit diesen drei Jahren darauf geachtet. Das Zeitalter wird so
+spitzfindig, daß der Bauer dem Hofmann auf die Fersen tritt!"
+
+Aber der kleine Ole beachtete ihn kaum. Die kleine Mieze war ihm
+jetzt weit interessanter. Sie sah jetzt ordentlich wie eine kleine
+Hausmutter aus.
+
+"Na, Dickerchen?"
+
+Auch Frau Wachtel machte jetzt große Augen. Amalie pappte.
+
+"Ja, mein Junge! Sie essen alle, und mein Dickerchen soll gar nichts
+haben! Wie?--Aber das läßt er sich nicht gefallen! Wie?--Ach,
+bitte, Frau Thienwiebel! Reichen Sie mir doch das bißchen Biskuit
+da von der Kommode her. Auch die Milch, bitte!"
+
+Frau Thienwiebel erhob sich schwerfällig und brachte das Verlangte.
+
+Die kleine Mieze hatte den Biskuit jetzt auf geweicht und fing
+nun an, den kleinen Fortinbras damit zu füttern. Von ihrem Teller,
+auf dem neben den drei gebratenen Äpfeln nur noch ein paar kleine
+fettriefende Hautstückchen lagen, naschte sie kaum.
+
+Der kleine Fortinbras stöhnte vor Behagen.
+
+"He? Willst du noch mehr, Dickerchen? Noch mehr?"
+
+Der kleine Ole hatte sich jetzt neugierig über den Tischrand gebogen.
+Sein Schnurrbärtchen duftete nach chinesischer Tusche.
+
+"Nein! Nein! Nu sieh doch bloß, Dickerchen! Wie es dem Balg
+schmeckt!--Was?! Noch mehr?!--No! No! Nur nicht gleich schreien!--So!"
+
+Frau Wachtel war jetzt ordentlich bis zu Tränen gerührt. Und wenn
+sie bis zu Tränen gerührt war, vergaß sie es auch nie, von ihrer
+verstorbenen Pflegetochter zu erzählen. Und das kam ziemlich oft
+vor.
+
+"Ja, sehn Sie! Sie war ein Engel, Frau Thienwiebel! Ein Engel!"
+
+Frau Thienwiebel kaute.
+
+Frau Wachtel beschrieb jetzt ausführlich die Krankheit des Engels,
+und wie er dann gestorben war. Er hatte Malchen geheißen und war
+dabei so himmlisch geduldig gewesen.
+
+"Ja, sehn Sie, Herr Nissen! Sie war mein Einz'ges! Sie tröstete
+mich noch, als schon der Tod kam. Sie war ein Engel!"
+
+Sie hatte sich jetzt auch auf ihr Taschentuch besonnen und drückte
+es sich nun abwechselnd in die Augen.
+
+"Ach, wein doch nicht, Mutterchen! Wein doch nicht! Nun komm ich
+ja zum lieben Gott!"
+
+Sie weinte jetzt, daß ihr die Tränen nur so auf ihr Seidnes kullerten!
+
+Der kleine Ole war bereits eine ganze Zeit lang verlegen auf seinem
+Stuhl hin und her gerutscht. Er hatte es unten auf das kleine,
+niedliche Füßchen unterm Tisch abgesehn gehabt und war dabei eben
+auf die alten, phlegmatischen Filzpantoffeln der reizenden Ophelia
+gestoßen.
+
+Er war ordentlich rot darüber geworden.
+
+"Ja! Sehn Sie! Sie war mein Einziges!"
+
+Der kleine Fortinbras plantschte vor Wonne.
+
+"Grrr...grrr...grrr..."
+
+Dieses freundliche, frische Gesicht mit den hellen Augen und
+den blonden Löckchen über ihm--er kam gar nicht mehr raus aus dem
+Lachen! Sogar sein Streupulver hatte er vergessen!
+
+"Grrr...grrr...grrr...Aeh!"
+
+Seine Händchen hatten jetzt in die Höhe gegrapscht, die kleine
+Mieze ließ von ihm ihre Stirnlöckchen zausen.
+
+"Nein, Dickchen! Nu sieh doch bloß! Nu sieh doch bloß!"
+
+Der kleine Ole schneuzte sich. Er war wie mit Blut übergossen.
+
+"Ja! Das glaub ich! Das hast du wohl noch nicht so gut gehabt,
+Dickerchen! Wie?"
+
+Jetzt hatte sich endlich auch Frau Wachtel über ihn gebückt. Ihr
+Taschentuch lag wieder sauber ausgefältelt auf ihrem Schoß, sie
+kitzelte ihn wohlwollend unterm Kinn.
+
+"Ach, mein Putteken! Ach, mein Mäuseken! Hab'n se dir so lange
+hungern lassen!"
+
+Ihre Stimme zitterte, sie sah noch ganz verweint aus.
+
+Amalie tunkte gerade ihre Soße auf.
+
+Der große Thienwiebel aber hatte sich nunmehr rücklings in seinen
+Stuhl zurückgelehnt und starrte jetzt, die Hände in den Hosentaschen,
+erhaben oben in die beiden gelben Lichtkleckse, die die Lampen
+zitternd an die Decke malten.
+
+Denn, was ein armer Mann wie Hamlet ist... Nichts mehr davon!
+
+Der Rest war Schweigen ...
+
+Endlich war alles wieder abgeräumt. Frau Wachtel, die nicht Skat
+spielte, hatte sich mit ihrem Seidnen, ihrem Taschentuch und ihrer
+zweiten Lampe wieder hinten in ihre Küche zurückgerettet, Amalie
+kauerte wieder auf ihrem Fußbänkchen neben dem Ofen. Sie hatte sich
+noch nachträglich eine kleine Bratenschmalzstulle geschmiert.
+
+Es war ziemlich kalt im Zimmer. Das Feuer war ausgegangen, und
+man hatte nichts mehr nachzulegen. Der große Thienwiebel, dessen
+Schlafrock mit der Zeit aufgehört hatte, skatfähig zu sein, hatte
+sich statt dessen in die rote Bettdecke eingewickelt.
+
+"Die Luft geht scharf; es ist entsetzlich kalt! Tourner, Horatio!"
+
+"Passez, Nielchen!"
+
+"Dito, Tienchen!"
+
+"Was denn, Schäfchen?"
+
+"Na, wird's bald?"
+
+"Ah so!--Da, Schäfchen!"
+
+"Na, endlich!"
+
+Sie hatte die Zigarette, die ihr der kleine, eifrige Ole gereicht
+hatte, mit spitzen Fingern angefaßt und zog jetzt ein Gesicht, als
+ob ihr der Rauch lästig g wäre. Sie wußte, daß ihr das ließ! Es
+hatte auch sofort den Erfolg, daß ihr Dickchen einen Kuß mauste.
+
+"Nein doch! So eine Unverschämtheit!"
+
+Sie hatte ihn unterm Tisch mit dem Knie gestoßen.
+
+"Pique As! Nicht wahr, Wiebelchen?"
+
+"Sehr wohl, schöne Dame! Sehr wohl! Vortrefflich, meiner Treu! Was
+wäre da zu fürchten? Ich--e selbst bin--e--hm!--leidlich tugendhaft."
+
+Der kleine Fortinbras war jetzt vollständig vergessen. "Voll Speis'
+und Trank in seiner Sünden Maienblüte" lag er jetzt wieder "sicher
+beigepackt" hinten in seiner dunklen Korbecke und starrte nun
+trübselig drüben in den Zigarrenqualm, der in dicken Schichten um
+die grüne Glocke wogte. Seit seiner Geburt war er nicht übermäßig
+oft aus seinem Winkel hervorgeholt worden. Das unerwartete Glück
+heute hatte ihn ganz sehnsüchtig nach dem Lichte dort gemacht. Der
+Schoß, der Zuckerkringel, die Löckchen...er hatte wieder zu quäken
+angefangen.
+
+Amalie rührte sich nicht. Der Bengel wollte bloß immer genommen
+sein. Sie hatte schon an einmal genug.
+
+"Coeur Trumpf, Nielchen!"
+
+"Ihr sagtet?"
+
+"lch sagte: CoeurTrumpf, Nielchen! Coeur Trumpf!"
+
+"Ha, blut'ger kupplerischer Bube! Unmöglich, bei diesem verwünschten
+Geschrei ein Wort zu verstehn! Wenn du nicht gleich still bist, du
+infames Balg, dann schlag ich dich blitzblau wie eine Heidelbeere!"
+
+"Nicht doch! Das kneift ja, Ole! Au!"
+
+"Ach was, Schäfchen! Laß doch!"
+
+Das Sofa hatte in diesem Augenblick genug mit sich selbst zu tun.
+
+Amalie, die auf ihrer kleinen Fußbank schon wieder halb eingenickt
+war, blinzelte kaum. Der große Thienwiebel war vor einer zweiten
+Ohrfeige sicher.
+
+Er hatte sich jetzt in seiner roten Bettdecke ergrimmt vor den Korb
+gestellt und brüllte nun wütend auf das arme, kleine Bündelchen
+ein.
+
+"Willst du still sein, du--Lausbub!?"
+
+Aber der "Lausbub" war's nicht. Er wollte auch mal va banque spielen.
+Er schrie jetzt, als wenn er seine kleinen Lungen auseinandersprengen
+wollte.
+
+"Aber...Das ist doch wirklich unerhört!...Na, warte! Du...Du--Lindwurm,
+du! Warte!"
+
+Er prügelte ihn jetzt, daß es nur so klitschte. Als aber auch das
+nichts half, riß er das Kopfkissen unter ihm vor und preßte es
+ihm auf das Gesicht. Der kleine Fortinbras war jetzt auf einen
+Augenblick vollständig verstummt. Sein Geschrei war wie abgeschnitten.
+
+Aber der große Thienwiebel hatte noch nicht genug.
+
+"Nichtsnutziger Patron!"
+
+Er hatte ihm jetzt das Kissen noch fester aufgedrückt.
+
+Der kleine Ole hatte die kleine Mieze, die noch ganz rot vor Ärger
+war, wieder losgelassen. Er war jetzt ordentlich ängstlich geworden.
+
+"Um Gottes willen, Nielchen! Er erstickt ja!"
+
+"Ach, Unsinn! So schnell geht das nicht!"
+
+Nein! So schnell ging das auch nicht! Denn als der große Thienwiebel
+nach einiger Zeit das Kissen fortnahm, schnappte zwar der kleine
+Fortinbras ein paar Augenblicke verzweifelt nach Luft, fing dann
+aber sofort wieder von neuem an.
+
+"Ole!"
+
+Empört war die kleine Mieze jetzt aufgesprungen. Das schreckliche
+Kopfkissen hatte den Kleinen von neuem zugedeckt.
+
+"Ole! Das leidst du?"
+
+"Ach was! Er weiß es ganz gut, der Lümmel! Er soll nicht schreien!
+Es ist die reine Bosheit, Man bekommt das wirklich satt!"
+
+"Pfui! Ole, komm! Laß den alten"--Pavian.
+
+"Pa...Pa...Pa..."
+
+Der kleine Ole hatte jetzt verlegen nach seiner Uhr gesehn.
+
+"... Pavian?!!!"
+
+Endlich war der große Thienwiebel wieder zu sich gekommen!
+
+"Hinaus, sag ich!! Hinaus!!"
+
+Aber sie waren es bereits. Einen Augenblick lang noch hörte er
+sie draußen durch die Küche tappen; dann, endlich, war nebenan bei
+ihnen die Tür zugefallen.
+
+Er stand da! Um seine Schultern die rote Bettdecke, in seiner Rechten
+das kleine blaugewürfelte Kopfkissen. Drüben, in der Ofenecke,
+die reizende Ophelia.
+
+"Da! Nymphe!!"
+
+Er hatte ihr das Kissen ins Gesicht geschleudert.
+
+
+
+
+
+VI
+
+
+
+
+
+Seit ihr zweiter, unliebenswürdiger Gatte ihr vor ungefähr fünf
+Jahren auf der "Dicken Selma" treulos nach Kanada ausgerückt war,
+hatte die liebe, gute, alte Frau Wachtel keinen solchen Arger mehr
+auszustehn gehabt.
+
+Nicht bloß, daß seine Stiefelabsätze noch überall auf dem Sofa
+deutlich zu sehn waren, nicht bloß, daß das Fensterkreuz von den
+dämlichen Leiterstücken, die jetzt natürlich zerbrochen unten auf
+deim Pappdach lagen, total ruiniert war, bewahre: auch die ganze
+Tapete von oben bis unten mit Ölfarben bekleckst! Der vermaledeite
+knirpsige Schmierpeter schien sich die ganze Zeit dran seine
+schweinschen Pinsel ausgequetscht zu haben. Pfui Deibel ja!
+
+Aber, das war ihr ganz recht! Warum hatte sie das ganze Pack
+nicht schon längst an die Luft gesetzt! Wenn's wenigstens noch die
+verrückten Thienwiebels gewesen wären. Aber die holte ja der Satan
+nicht! Die hakten fest wie Kletten an ihr!
+
+Die alte, liebe, gute Frau Wachtel war ganz außer sich. Aber sie
+hatte wirklich Pech mit ihren Mannsleuten. Der kleine Ole hatte
+sich in der Tat nicht entblödet, ihr mit Hinterlassung einiger
+alter "Schinken", deren Darstellungsobjekte es unmöglich zuließen,
+daß man sie sich übers Sofa hing, auszukneifen.
+
+"Solch eine Tat, die alle Huld der Sittsamkeit entstellt, die
+Tugend Heuchler schilt, die Rosen wegnimmt von unschuldvoller Liebe
+schöner Stirn und Beulen hinsetzt ... Ha!"
+
+Aber der große Thienwiebel suchte sich jetzt vergeblich beliebt zu
+machen. Seine "Schmeichelsalb" zog nicht mehr. Frau Rosine Wachtel
+verlangte jetzt energisch ihre Miete.
+
+Heut war der Siebente: wenn ihr bis zum Vierzehnten nicht alles
+bezahlt war:--raus!!
+
+Ja!...Sterben--schlafen--nichts weiter! Und zu wissen, daß ein
+Schlaf das Herzweh und die tausend Stöße endet, die unsres Fleisches
+Erbteil--'s ist ein Ziel, aufs innigste zu wünschen'...Ja! dies
+war ehedem paradox! Paradox! ... Doch nun--bestätigte es die Zeit!
+Armer Yorick! ...
+
+Der große Thienwiebel fühlte, daß es jetzt zu Ende war mit seiner
+Kraft. Er wollte nun arbeiten, Freund! Arbeiten! Er wollte seine
+ganze Kraft aufbieten. Er--er...er wollte ihn "suchen" gehn! "Laßt
+mich! Er ist ermordet, Amalie! Er ist ermordet!" ...
+
+Er hatte sich jetzt wieder seinen alten, olivengrünen Leibrock
+zurechtgeflickt und trieb sich nun ganze Tage lang im Hafenviertel
+umher.--"Ha! Tot?! Für 'nen Dukaten, tot?!"
+
+...Er hatte wieder eine prachtvolle Ausrede. Ein BBubenstück!
+Er brauchte jetzt kaum mehr die Nächte nach Hause zu kommen. Er
+schnurrte sich herum, so gut es ging. Da gab es noch--e: Kollegen!
+Leute! Leute? Pah, Stümp'rr! Aber--e...sie--e...Nun ja! Sie
+sorgten für die Bewirtung der Schauspieler! Wetter! Es lag darin
+etwas Übernatürliches! Wenn die Philosophie es nur hätte ausfindig
+machen können! ...
+
+Aber die Philosophie machte es nicht ausfindig. Der große Thienwiebel
+kam nie dahinter.
+
+Er hatte sich jetzt nach und nach bis unten in die Hafenspelunken
+verirrt. Mehrere Sackträger waren bereits seine Duzbrüder geworden.
+Bevor nicht "der Hahn, der als Trompete dient dem Morgen", bereits
+mehrere Male nachdrücklich gekräht hatte, kam er jetzt selten mehr
+die Treppen in die Höhe gestolpert.
+
+Amalie nähte noch immer die Trikottaillen. Der Stumpfsinn hatte
+sie nach und nach zur reinen Maschine gemacht. Die reizende Ophelia
+in ihr war jetzt endgültig begraben. Für alle Zeiten!...Ihre Brust
+war noch schwächer geworden ...
+
+Dem kleinen Fortinbras ging es noch jämmerlicher. Sein ganzes
+Gesichtchen war jetzt dicht mit roten Pusteln betupft. Ein
+Schächtelchen Zinksalbe, zu dem sich die Familie im Anfang denn doch
+noch aufgeschwungen hatte, lag jetzt zusammengequetscht, verstaubt
+hinterm Ofen. Es war nicht mehr erneuert worden.
+
+Der große Thienwiebel hatte nicht so ganz unrecht: Die ganze
+Wirtschaft bei ihm zu Hause war der Spiegel und die abgekürzte
+Chronik des Zeitalters.
+
+
+
+
+
+
+VII
+
+
+
+
+
+Zwölf! ...
+
+Erschöpft hatte sie sich wieder auf ihrem Fußbänkchen zurücksinken
+lassen. Der Ofen hinter ihr war eiskalt. Durch ihre Nachtjacke
+durch fühlte sie deutlich seine Kacheln Sie fröstelte!
+
+Die letzten Töne draußen brummten und zitterten noch, das kleine
+Talglicht, das in eine leere, grüne Bierflasche gesteckt dicht vor
+ihr auf dem umgekippten Kistchen mitten zwischen dem Nähzeug stand,
+knitterte in der Kälte.
+
+Frau Wachtel nebenan schnarchte, der kleine Fortinbras hatte sich
+drüben in seinem Korb wieder unruhig auf die andere Seite gewälzt.
+Sein Atem ging rasselnd, stoßweis, als ob etwas in ihm zerbrochen
+war.
+
+Draußen auf das Fensterblech war eben wieder ein Eiszapfen geprasselt.
+Dicht davor, unterm Bett, jetzt deutlich das scharfe Nagen einer
+Maus.
+
+Zwölf!
+
+Sie hatte ihr Nähzeug wieder fallen lassen. Ihre Finger waren krumm
+zusammengezogen, sie konnte sie kaum noch aufkriegen. Um die Nägel
+herum waren sie blau angelaufen. Sie hauchte jetzt in sie hinein. Ihr
+Atem brodelte sich staubgrau um das kleine, zitternde Flämmchen.
+Eine verspätete Fliege, die dicht neben dem schwarzen Docht
+in den kleinen, runden Talgkessel drunter gefallen war, verkohlte
+langsam. Ab und zu knisterte es
+
+"Halt ihn! Halt ihn! Hilfe!! Hilfe!!"
+
+Erschreckt war sie zusammengefahren.
+
+Sie sah jetzt auf. Ihr schlaffes, weißes Gesicht war noch stupider
+geworden.
+
+"Hierher! Hierher! Hilfe!!"
+
+Der gelbe Lichtklecks vor ihr ließ jetzt das Zimmer dahinter noch
+dunkler erscheinen. Nur vom Fenster her durch das eckige Loch in
+der Bettdecke, von draußen, das matte Schneelicht.
+
+"Hilfe! Hilfe!!"
+
+Sie war aufgesprungen und ans Fenster gestürzt. Das kleine Talglicht
+hinter ihr war erloschen. Es war umgekippt und lag jetzt unter dem
+Nähzeug.
+
+"Wächter!! Wächter!! Halt ihn!! Jonas! Jonas!!"
+
+An allen Gliedern bebend hatte sie jetzt die alte Bettdecke in
+die Höhe gerafft und suchte nun durch die wirbelnden Schneeflocken
+draußen unten auf die Straße zu sehn. Ihre Zähne klapperten vor
+Frost, die Schere, die sie noch fest in der Hand hielt, klirrte im
+Takt gegen die Scheibe.
+
+Ein paar Dachgiebel hoben sich blaugrau drüben aus der Dunkelheit
+ab. Irgendwo in einem Fenster flimmerte noch ein Licht.
+
+"Hurra! Papa Svendsen! Moi'n, oller junge! Prost Neujahr!!"
+
+Sie atmete auf. Es hatte laut gelacht. Jetzt: eine barsche Stimme,
+ein Stock, der schnell noch eine Jalousie herunterrasselte, die
+ganze Gesellschaft war wieder um die Ecke.
+
+Eine kleine Weile noch horchte sie.
+
+Ab und zu von den Dächern, polternd, der Schnee, in der Ferne,
+leise, ein Schlittenglöckchen.
+
+Sie hatte die Decke wieder fallen lassen.--
+
+Einen Augenblick lang stand sie da! Das ganze Zimmer war jetzt
+schwarz. Nur hinter ihr, matt durch die Decke, das Schneelicht.
+
+Sie tappte sich auf den Tisch zu.
+
+Gegen die Kante stieß sie. Ein Fläschchen war umgeklirrt, es roch
+nach Spiritus. Das Zündholzschächtelchen hatte jetzt geraschelt,
+es flackerte auf! Sie leuchtete über den Tisch hin. Der schmale
+Goldrand um die kleine Photographie glitzerte. Die Nachtlampe stand
+auf dem alten, aufgeklappten Buch mitten zwischen dem Geschirr.
+
+Jetzt ein leises Sprühn und Knistern, der Docht hatte gefangen.
+Über ihr, groß an der Decke, ihr Schatten.
+
+Frau Wachtel nebenan schnarchte, der kleine Fortinbras stöhnte.
+
+Sie hatte sich jetzt auf den Bettrand gesetzt. Die beiden Zipfel
+des Kopfkissens, das sie um ihre Schultern gepackt hatte, drückte
+sie vorn mit ihrem Kinn fest gegen ihre Brust zusammen. Ihre Arme
+hatten sich gegen ihren Leib gekrampft, ihre hochgezogenen Knie
+waren eng aneinandergepreßt. Sie zitterte über den ganzen Körper!
+Ihr Gesicht hatte sich verzerrt, stumpf stierte sie vor sich hin.
+Die Schere, die ihr vorhin vom Tisch runtergekippt war, lag unten
+vor ihr auf den grauen Dielen. Sie flinkerte.
+
+Das Lämpchen auf dem Tisch hatte jetzt leise zu zittern angefangen,
+die hellen, langgezogenen Kringel, die sein Wasser oben quer über
+die Decke und ein Stück Tapete weg gelegt hatte, schaukelten. Das
+Geschirr um das Glas hob sich schwarz aus ihnen ab. Die Kaffeekanne
+reichte bis über die Decke.
+
+"Brrr...Ae!"
+
+Ihre Pantoffeln waren jetzt unter den Tisch geflogen, sie hatte
+sich hastig unter das Deckbett gekuschelt.
+
+Die weißen Lichtringe fluteten und fluteten, das Öl auf dem Tisch
+knatterte leise, ein kleines Fünkchen war eben von seinem Docht
+abgespritzt und schwamm nun schwarz in der dicken, goldgelben Masse.
+
+Unter dem Deckbett drüben lag es jetzt wie ein Klumpen. An einer
+Stelle sah noch ihr Unterrock vor ...
+
+"Still, Hund!...Ae!"
+
+Er hatte sich jetzt seinen alten Zylinder, auf dem noch der dicke
+Schnee lag, vom Kopf gerissen und feuerte ihn nun wütend drüben
+in die dunkle, schreiende Ecke, wo der Korb stand. Die Tür hinter
+ihm war dröhnend ins Schloß gekracht.
+
+"Niels!!"
+
+Das Deckbett, das jetzt quer auf den Dielen lag, hatte zur Hälfte
+den Stuhl mitgerissen. Sie kniete aufrecht mitten im Bett. Ihre
+Nachtjacke vorn hatte sich ihr bis oben unter die Arme verschoben,
+ihr Haar hing in Strähnen um ihr Gesicht.
+
+"Halt's Maul! Fang nicht auch noch an!"
+
+Er hatte sich jetzt auch seinen alten, abgeschabten Rock
+runtergezerrt. Das kleine Spiegelchen über der Kommode, gegen das
+er ihn geschleudert hatte, war runtergeschurrt und lag nun zersplittert
+auf dem blinkernden Wachstuch.
+
+"Na, wird's bald?!"
+
+Der kleine Fortinbras jappte nur noch.
+
+"Na?!...Dein Glück, Kanaille!..."
+
+Seine Stiefeln waren jetzt dumpf gegen die kleine Kiste neben dem
+Ofen gebullert. Der aufgeschlammte Schnee dran war naß gegen die
+Kacheln geplatscht. Er suchte jetzt nach den Pantoffeln.
+
+"Ach was! Halt dein Maul, sag ich!...Die Ohren vollplärren...Könnte
+mir noch grade passen!...Sind die Sachen gepackt?!"
+
+Das Schnarchen nebenan hatte aufgehört. Es schubberte jetzt deutlich
+gegen die Tür.
+
+"Ob du gepackt hast?!"
+
+"Nein, Niels...ich.."
+
+Sie stotterte!
+
+
+Man hat ja mal wieder zur Abwechslung die Schwindsuchtl...Bitte,
+genieren Sie sich nicht, Frau Wachtel! Treten Sie näher! Heute
+geht's ja woll noch!"
+
+Sein Schatten, der bis dahin kreuz und quer über die weiße Decke
+geschossen war, war jetzt verschwunden. Er hatte sich unter den
+Tisch gebückt.
+
+Vom Bett her hatte es eben laut zu husten angefangen.
+
+"Ach, du mein lieber Gott'...Ach Gott! Ach Gott! Die arme Frau!"
+
+Sie hatte jetzt ihr Gesicht in das Kissen gepreßt und weinte.
+
+"Nu ja! Nu ja! Nu heul doch noch'n bißchen! Das ist ja deine Force!
+Weiter kannste ja woll nischt!"
+
+Er war eben in die Pantoffeln gefahren und suchte nun auf dem Tisch
+herum. Ein Messer klapperte gegen die Kochmaschine, eine Tasse war
+umgekippt.
+
+"Natürlich! Keen Fippschen mehr! Für deine Schwind sucht hast du
+ja noch'n janz juten Appetit! ... Herrlich Das tut immer, als ob
+es Poten saugt, uund frißt ein'm die Haare vom Kopp runter!"
+
+Er hatte sich seine Fäuste in die Hosentaschen gestopft und schnaubte
+nun im Zimmer auf und ab.
+
+"So'ne Zucht! So eine--Zucht!!"
+
+Er hatte mit dem Fuß in die kleine, hohle Kiste mit dem Nähzeug
+gestoßen. Die Flasche war auf den Boden geschlagen, das Licht bis
+unters Bett gekullert.
+
+"Lächerlich!"
+
+Er hatte jetzt auch noch die Flasche druntergestoßen. "Lächerlich!!...Wirst
+du still sein?!!"
+
+Der kleine Fortinbras hatte wieder laut zu schreien angefangen.
+
+"Bestie!"
+
+Mit einem Satz war er auf den Korb zu.
+
+"Bestie!!"
+
+Das Geschrei war wieder wie abgeschnitten.
+
+"Alberne Komödie!"
+
+Er hatte sich jetzt wieder nach dem Bett zu gedreht. Seine Fäuste
+waren geballt. Unter den Kissen hervor hatte es deutlich geschluchzt.
+
+"Alte Heulsuse!"
+
+Die beiden dicken Falten um seine Nase waren jetzt noch tiefer
+geworden, zwischen seinen verzerrten Lippen blitzten seine breiten
+Zähne auf.
+
+"Ae!!"
+
+Über seinen Rücken war ein Frösteln gelaufen.
+
+"So'ne Kälte!"
+
+Er rückte sich jetzt geräuschvoll den Stuhl zurecht.
+
+"So'ne Kälte!! Nich mal'n paar lump'je Kohlen hat das! So'ne
+Wirtschaft!"
+
+Seine Socken hatte er jetzt runtergestreift, der eine war mitten
+auf den Tisch unter das Geschirr geflogen.
+
+"Na?! WiIlste so gut sein?!"
+
+Sie drückte sich noch weiter gegen die Wand.
+
+"Na! Endlich!"
+
+Er war jetzt zu ihr unter die Decke gekrochen, die Unterhosen hatte
+er anbehalten.
+
+"Nicht mal Platz genug zum Schlafen hat man!"
+
+Er reckte und dehnte sich.
+
+"So'n Hundeleben! Nicht mal schlafen kann man!"
+
+Er hatte sich wieder auf die andre Seite gewälzt. Die Decke von
+ihrer Schulter hatte er mit sich gedreht, sie lag jetzt fast bloß
+da.
+
+
+
+Das Nachtlämpchen auf dem Tisch hatte jetzt zu zittern aufgehört.
+
+Die beschlagene, blaue Karaffe davor war von unzähligen Lichtpünktchen
+wie übersät. Eine Seite aus dem Buch hatte sich schräg gegen das Glas
+aufgeblättert. Mitten auf dem vergilbten Papier hob sich deutlich
+die fette Schrift ab: "Ein Sommernachtstraum". Hinten auf der Wand,
+übers Sofa weg, warf die kleine, glitzernde Photographie ihren
+schwarzen, rechteckigen Schatten.
+
+Der kleine Fortinbras röchelte, nebenan hatte es wieder zu schnarchen
+angefangen.
+
+"So'n Leben! So'n Leben!"
+
+Er hatte sich wieder zu ihr gedreht. Seine Stimme klang jetzt weich,
+weinerlich.
+
+"Du sagst ja gar nichts!"
+
+"Sie schluchzte nur wieder.
+
+"Ach Gott, ja! So'n...Ae!! ..."
+
+Er hatte sich jetzt noch mehr auf die Kante zu gerückt.
+
+"Is ja noch Platz da! Was drückste dich denn so an die Wand! Hast
+du ja gar nicht nötig!"
+
+Sie schüttelte sich. Ein fader Schnapsgeruch hatte sich allmählich
+über das ganze Bett hin verbreitet.
+
+"So ein Leben! Man hat's wirklich weit gebracht! ... Nu sich noch
+von so'ner alten Hexe rausschmeißen lassen! Reizend!! Na, was macht
+man nu? Liegt man mor gen auf der Straße!...Nu sag doch?"
+
+Sie hatte sich jetzt noch fester gegen die Wand gedrückt. Ihr
+Schluchzen hatte aufgehört, sie drehte ihn den Rücken zu.
+
+"Ich weiß ja! Du bist ja am Ende auch nicht schuld dran! Nu sag
+doch!"
+
+Er war jetzt wieder auf kann zugerückt.
+
+"Nu sag doch!...Man kann doch nicht so--verhungern?!"
+
+Er lag Jetzt dicht hinter ihr.
+
+"Ich kann Ja auch nicht dafür!...Ich bin ja gar nicht so! Is auch
+wahr! Man wird ganz zum Vieh bei solchem Leben! ... Du schläfst
+doch nicht schon?"
+
+Sie hustete.
+
+"Ach Gott, ja! Und nu bist du auch noch so krank! Und das Kind!
+Dies viele Nähen...Aber du schonst dich ja auch gar nicht...ich
+sag's ja!"
+
+Sie hatte wieder zu schluchzen angefangen.
+
+"Du--hättest--doch lieber,--Niels.."
+
+"Ja...ja! Ich seh's ja jetzt ein ! Ich hätt's annehmen sollen! Ich
+hätt' ja später immer noch...ich seh's ja ein! Es war unüberlegt!
+ich hätte zugreifen sollen! Aber--nu sag doch!!"
+
+"Hast du ihn--denn nicht...denn nicht--wenigstens zu--Haus getroffen?"
+
+"Ach Gott, ja, aber...aber, du weißt ja! Er hat ja auch nichts!
+Was macht man nu bloß? Man kann sich doch nicht das Leben nehmen?!"
+
+Er hatte jetzt ebenfalls zu weinen angefangen.
+
+"Ach Gott! Ach Gott!."
+
+Sein Gesicht lag jetzt mitten auf ihrer Brust., Sie zuckte!
+
+"Ach Gott! Ach Gott!!"
+
+Der dunkle Rand des Glases oben quer über der Decke hatte wieder
+unruhig zu zittern begonnen, die Schatten, die das Geschirr warf,
+schwankten, dazwischen glitzerten die Wasserstreifen.
+
+
+
+"Ach, nich doch Niels! Nich doch! Das Kind--ist ja schon wieder
+auf! Das--Kind schreit ja! Das--Kind, Niels!...Geh doch mal hin!
+Um Gottes willen!!" Ihre Ellbogen hinten hatte sie jetzt fest in
+die Kissen gestemmt, ihre Nachtjacke vorn stand weit auf.
+
+Durch das dumpfe Gegurgel drüben war es jetzt wie ein dünnes,
+heisres Gebell gebrochen. Aus den Lappen her wühlte es, der ganze
+Korb war in ein Knacken geraten.
+
+"Sieh doch mal nach!!"
+
+"Natürlich! Das hat auch grade noch gefehlt! Wenn das Balg doch
+der Deuwel holte! ..."
+
+Er war jetzt wieder in die Pantoffeln gefahren.
+
+"Nicht mal die Nacht mehr hat man Ruhe! Nicht mal die Nacht mehr!!"
+
+Das Geschirr auf dem Tisch hatte wieder zu klirren begonnen, die
+Schatten oben über die Wand hin schaukelten.
+
+"Na? Du!! Was gibt's denn nu schon wieder? Na?...Wo ist er denn?...Ae,
+Schweinerei!"
+
+Er hatte den Lutschpfropfen gefunden und wischte ihn sich nun an
+den Unterhosen ab.
+
+"So'ne Kälte! Na? Wird's nu bald? Na? Nimm's doch, Kamel! Nimm's
+doch! Na?!"
+
+Der kleine Fortinbras jappte!
+
+Sein Köpfchen hatte sich ihm hinten ins Genick gekrampft, er bohrte
+es jetzt verzweifelt nach allen Seiten.
+
+"Na? Willst du nu, oder nich?!--- Bestie!!"
+
+"Aber--Niels! Um Gottes willen! Er hat ja wieder den--Anfall!"
+
+"Ach was! Anfall!--- Da! Friß!!"
+
+"Herrgott, Niels..."
+
+"Friß!!!"
+
+"Niels!"
+
+"Na? Bist du--nu still? Na?--Bist du--nu still? Na?! Na?! "
+
+"Ach Gott! Ach Gott, Niels, was, was--machst du denn bloß?! Er,
+er--schreit ja gar nicht mehr! Er...Niels!!"
+
+Sie war unwillkürlich zurückgeprallt. Seine ganze Gestalt war
+vornüber geduckt, seine knackenden Finger hatten sich krumm in den
+Korbrand gekrallt. Er stierte sie an. Sein Gesicht war aschfahl.
+
+"Die... L-ampe! Die...L-ampe! Die...L-ampe!"
+
+"Niels!!!"
+
+Sie war rücklings vor ihm gegen die Wand getaumelt.
+
+"Still! Still!! K--lopft da nicht wer?"
+
+Ihre beiden Hände hinten hatten sich platt über die Tapete gespreizt,
+ihre Knie schlotterten.
+
+"K--lopft da nicht wer?"
+
+Er hatte sich jetzt noch tiefer geduckt. Sein Schatten über ihm
+pendelte, seine Augen sahen jetzt plötzlich weiß aus.
+
+Eine Diele knackte, das Öl knisterte, draußen auf die Dachrinne
+tropfte das Tauwetter.
+
+Tipp...............................................
+ ...............Tipp .....................................
+
+... Tipp .............................................
+
+................. Tipp..................................
+............................................
+
+Acht Tage später balancierte der kleine, buckelige Bäckerjunge
+Tille Topperholt seinen Semmelkorb pfeifend durch das dunkle,
+dichtverschneite Severingäßchen nach dem Hafen runter. Die Witterung
+hatte wieder umgeschlagen, seine kleine Stupsnase sah zum Erbarmen
+blau aus.
+
+"Heil dir, Svea! Mutter für uns alle!"
+
+Es hatte gerade fünf geschlagen. Vor dem neuen, großen Schnapsladen
+an der Ecke der Petrikirche stolperte er. Jesus! Seine Semmeln
+waren ihm in den Rinnstein geflogen, er war mitten in den Schnee
+geschlagen, Aber er nahm sich nicht einmal die Zeit, sie wieder
+aufzulesen. Er kam erst wieder zur Besinnung, als er sich bereits
+drüben am Jakobiplatz mit beiden Händen an die große, dick beeiste
+Glocke gehängt hatte, die denn auch sofort oben die ganze Polizeiwache
+alarmierte. Jesus! Jesus!!
+
+Als der dicke Sieversen dann endlich angestapft kam, konstatierte
+er, daß der Mann erfroren war. "Erfroren durch Suff!" Seinen
+zerbeulten Zylinder hatte ihm der kleine, buckelige Tille vorhin
+grade gegen die Laterne gequetscht. Aus seinen zerlumpten, apfelgrünen
+Frackschößen sah noch die Flasche.
+
+Wohlan, eine pathetische Rede!
+
+Es war der große Thienwiebel.
+
+Und seine Seele? Seine Seele, die ein unsterblich Ding war?
+
+Lirumn, Larum! Das Leben ist brutal, Amalie! Verlaß dich
+drauf! Aber--es war ja alles egal! So oder so!
+The Project Gutenberg Etext of Papa Hamlet
+by Arno Holz and Johannes Schlaf
+******This file should be named 8papa10.txt or 8papa10.zip******
+
+Corrected EDITIONS of our etexts get a new NUMBER, 8papa11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8papa10a.txt
+
+etext created by Norman Werner and proofed by William Fishburne
+
+***
+
+More information about this book is at the top of this file.
+
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+https://gutenberg.org or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/eBook03 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/eBook03
+
+Or /eBook02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
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+(including credit card donations and international donations), may be
+found online at https://www.gutenberg.org/donation.html
+
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+Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+PMB 113
+1739 University Ave.
+Oxford, MS 38655-4109
+
+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
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+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
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+
+https://www.gutenberg.org/donation.html
+
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+you can always email directly to:
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+Prof. Hart will answer or forward your message.
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+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
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+TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
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+PARTICULAR PURPOSE.
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+ form by the program that displays the eBook (as is
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+ or other equivalent proprietary form).
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+ let us know your plans and to work out the details.
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+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
+public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form.
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+The Project gratefully accepts contributions of money, time,
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+Money should be paid to the:
+"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+If you are interested in contributing scanning equipment or
+software or other items, please contact Michael Hart at:
+hart@pobox.com
+
+[Portions of this header are copyright (C) 2001 by Michael S. Hart
+and may be reprinted only when these eBooks are free of all fees.]
+[Project Gutenberg is a TradeMark and may not be used in any sales
+of Project Gutenberg eBooks or other materials be they hardware or
+software or any other related product without express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
+
+
+End of The Project Gutenberg Etext of Papa Hamlet
+by Arno Holz and Johannes Schlaf
+
diff --git a/old/old-2024-06-13/4601-8.txt b/old/old-2024-06-13/4601-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..9a07ba9
--- /dev/null
+++ b/old/old-2024-06-13/4601-8.txt
@@ -0,0 +1,2348 @@
+The Project Gutenberg Etext of Papa Hamlet
+by Arno Holz and Johannes Schlaf
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg file.
+
+Please do not remove this header information.
+
+This header should be the first thing seen when anyone starts to
+view the eBook. Do not change or edit it without written permission.
+The words are carefully chosen to provide users with the information
+needed to understand what they may and may not do with the eBook.
+To encourage this, we have moved most of the information to the end,
+rather than having it all here at the beginning.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+Information on contacting Project Gutenberg to get eBooks, and
+further information, is included below. We need your donations.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a 501(c)(3)
+organization with EIN [Employee Identification Number] 64-6221541
+Find out about how to make a donation at the bottom of this file.
+
+
+Title: Papa Hamlet
+
+Author: Arno Holz and Johannes Schlaf
+
+Release Date: November, 2003 [Etext #4601]
+[This file was first posted on February 13, 2002]
+[Most recently updated March 30, 2004]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+The Project Gutenberg Etext of Papa Hamlet
+by Arno Holz and Johannes Schlaf
+******This file should be named 4601-8.txt or 4601-8.zip******
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+The "legal small print" and other information about this book
+may now be found at the end of this file. Please read this
+important information, as it gives you specific rights and
+tells you about restrictions in how the file may be used.
+
+***
+etext created by Norman Werner and proofed by William Fishburne
+
+PAPA HAMLET
+
+von Arno Holz/Johannes Schlaf
+
+1889
+
+
+
+
+
+I
+
+
+
+
+Was? Das war Niels Thienwiebel? Niels Thienwiebel, der groe,
+unbertroffene Hamlet aus Trondhjem? Ich esse Luft und werde mit
+Versprechungen gestopft? Man kann Kapaunen nicht besser msten?...
+
+"He! Horatio!"
+
+"Gleich! Gleich, Nielchen! Wo brennt's denn? Soll ich auch die
+Skatkarten mitbringen?"
+
+"N...nein! Das heit..."
+
+--"Donnerwetter noch mal! Das, das ist ja eine, eine--Badewanne!"
+
+Der arme kleine Ole Nissen wre in einem Haar ber sie gestolpert.
+Er hatte eben die Kche passiert und suchte jetzt auf allen vieren
+nach seinem blauen Pincenez herum, das ihm wieder in der Eile von
+der Nase gefallen war.
+
+"H? Was? Was sagste nu?!"
+
+"Was denn, Nielchen? Was denn?
+
+"Schafskopp!"
+
+"Aber Thiiienwiebel!"
+
+"Amalie?! Ich..."
+
+"Ai! Kieke da! Also dss!"
+
+"H?! Was?! Famoser Schlingel! Mein Schlingel! Mein Schlingel,
+Amalie! H! Was?"
+
+Amalie lchelte. Etwas abgespannt.
+
+"Ein Prachtkerl!"
+
+"Ein Teufelsbraten! Mein Teufelsbraten! Mein Teufelsbraten! H!
+Was, Amalie? Mein Teufelsbraten!"
+
+Amalie nickte. Etwas mde.
+
+"Ja doch, Herr Thienwiebel! Ja doch!"
+
+Aber Frau Wachtel mhte sich vergeblich ab. Herr Thienwiebel, der
+groe, unbertroffene Hamlet aus Trondhjem, wollte seinen Teufelsbraten
+nicht wieder loslassen.
+
+"H, oller junge? H?"
+
+"In der Tat, Nielchen! In der Tat, ein... ein... Prachtinstitut!
+Ein Prachtinstitut!"
+
+"Hoo, hoo, hoo, hopp!! Hoo, hoo, hoo, hopp Bumm!!!"
+
+Der groe Thienwiebel schwelgte vor Wonne. Er hatte sich jetzt
+sogar auf ein Bein gestellt. Hinten aus seinem karierten Schlafrock
+klunkerten die Wattenstcken.
+
+"Aber Thiiienwiebel!"--
+
+
+
+
+
+II
+
+
+
+
+"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im
+Gemt, die Pfeil' und Schleudern Des wtenden Geschicks erdulden,
+oder...oder?... Scheulich! Der groe Thienwiebel hielt wieder
+inne.
+
+"Nicht zum Aushalten das! Nicht zum Aushalten!!"
+
+Die fnf kleinen gelben Lappen hinter dem Ofen die dort an einer
+Waschleine zum Trocknen aufgehngt waren, hatten ihn wieder total
+aus dem Konzept gebracht,
+
+"Ekelhaft!"
+
+Er hatte sich jetzt, die Hnde in seinen Schlafrocktaschen vergraben,
+erbittert vor das Fenster aufgepflanzt.
+
+Der Himmel drben ber den Dchern war tiefblau; in den nassen
+Dachrinnen, von denen noch gerade der letzte Schnee tropfte, zankten
+sich bereits die Spatzen; es war ein prachtvolles Wetter zum Ausgehn.
+
+"Armer Yorick!"
+
+Noch um eine Nuance verdsterter hatte sich jetzt der groe
+Thienwiebel wieder rcklings ber das kleine, niedrige, mit blauem
+Kattun berspannte Sofa geworfen und starrte nun ber die Spitzen
+seiner grnen, ausgetretenen Pantoffeln weg melancholisch zu Amalien
+hinber.
+
+Ihre dnnen lehmfarbenen Haare waren noch nicht gemacht, ihre Nachtjacke
+schien heute schmutziger als sonst und stand vorn natrlich wieder
+offen; der kleine rote Spiebrger, den sie, auf ihr Fubnkchen
+gekauert, nachlssig aus einem Gummischlauch sugte, sah auf einmal
+hlich aus wie ein kleiner Frosch.
+
+"Armer Yorick!"
+
+Herr Thienwiebel hatte sich seufzend erhoben und setzte jetzt seine
+Wanderung von vorhin wieder fort.
+
+"...oder? oder... Sich waffend gegen eine See von Plagen, Durch
+Widerstand sie enden. --Sterben--schlafen--Nichts weiter!--"
+
+Vor dem Fenster konnte er sich jetzt wieder nicht versagen, eine
+kleine Pause zu machen.
+
+Die Sonne drauen ging gerade unter. Die Dcher sahen fuchsrot aus.
+Aber ein Blick auf seinen alten, abgenutzten Schlafrock unten lie
+ihn sich wieder zusammennehmen und seinen Monolog von neuem beginnen.
+
+"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im Gemt
+Ae, Quatsch!!"
+
+Mit einem Ruck war jetzt der Shakespeare, den er sich eben aus
+seiner Schlafrocktasche gerissen, auf den Tisch geflogen, wo er
+die Gesellschaft einer Spirituskochmaschine, eines braunirdenen
+Milchtopfs ohne Henkel, eines alten, beruten Handtuchs, einer Glaslampe
+und einer Photographie des groen Thienwiebel in Morarahrnen vorfand.
+
+"He! Horatio! Horatio!!... Nicht zu Hause! Nicht zu Hause..."
+
+Total vernichtet hatte er sich jetzt wieder auf das Sofa
+zurckgeschleudert und vertiefte sich nun in den tragischen Anblick
+eines schmutzigen Kinderhemdchens, das neben einer geplatzten
+Schachtel schwedischer Zndhlzchen vor ihm unten auf dem Fuboden
+lag.
+
+"Verwnscht! Wenn man wenigstens mal ausgehn knnte, Amalie! Aber
+ich frchte...ich frchte...die Welt ist nicht vorurteilsfrei genug,
+um einen Niels Thienwiebel im Schlafrock und Zylinder unbehelligt
+seines Weges dahingehn zu lassen!"
+
+Aber Amalie antwortete nicht einmal. Der kleine Krebsrote nahm
+ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sein Lutschen zog jetzt den
+ganzen Schlauch zusammen.
+
+"Ja! Es ist so! Es ist so, Amalie! Aber sie schreiben mir noch
+immer nicht! Sie haben da Leute, Leute--Leute? Pah! Stmp'rr! 0
+Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist!"
+
+jetzt hatte Amalie, die dies Thema bereits kannte, etwas aufgesehn.
+
+"Ja...es wre am Ende doch gut, wenn du einmal ..."
+
+Ihre Stimme klang heiser, belegt.
+
+"Ja, so wird es kommen! Vielleicht...bei meiner Schwachheit und
+Melancholie..."
+
+Der kleine Krebsrote schmatzte! Seine Flasche war jetzt so gut wie
+leer.
+
+"Ich werde selbst hingehn mssen und frliebnehmen mit dem, was
+man mir anzubieten wagt! Das Leben ist brutal, Amalie! Verflucht!
+Wenn man wenigstens einen Rock zum Ausgehen htte!"
+
+Sein Tenor war jetzt bergeschnappt, er hatte sich wieder lang ber
+das Sofa zurckgeeselt.
+
+Groe Pause...
+
+Die Dcher drauen hatten sich allmhlich braun gefrbt. Die Sonne
+an dem groen runden Schornstein drben war verblichen.
+
+Frau Thienwiebel fing jetzt hinten in ihrer Ecke zu husten an.
+
+"Herr Gott, Niels! Ich mu ja inhalieren! Da, nimm doch mal das
+Kind!"
+
+"Natrlich! Auch noch Kinderfrau! Oh, Ich reie Possen wie kein
+andrer! Was kann ein Mensch auch andres tun als lustig sein? Still,
+Krabbe!! " Der kleine Krebsrote schwieg wieder. Er war noch nie so
+verblfft gewesen.
+
+"Da! Nimm's! Kau's! Fri! Verschluck's!"
+
+Der groe Thienwiebel hatte es jetzt sogar ber sich gewonnen, seinem
+ungeratnen Sprling auch den Schnuller in den Mund zu stopfen.
+Mehr war unmglich zu verlangen!
+
+Amalie hatte unterdessen die Ofenrhre aufgemacht und entnahm ihr
+jetzt einen kleinen, grnglasierten Kochtopf. Ein nach Salbei
+duftender Brodem entstieg ihm. Nachdem sie dann noch das kleine
+Geschirr neben den Ofen auf einen Stuhl und sich selbst auf die
+Fubank davor gesetzt hatte, machte sie jetzt ihren Mund auf und
+atmete das heie Zeug langsam ein.
+
+Der groe Thienwiebel, der sich unterdes mit seinem impertinenten
+kleinen Krebsroten auf die Tischkante placiert hatte, sah ihr
+nachdenklich zu.
+
+"Hm! Weit du, Amalie?
+
+"Hm??"
+
+"Weit du? Wir haben eigentlich eine ganz falsche Methode, das Kind
+zu nhren, Amalie!"
+
+"Ach was!"
+
+"Ich sage, eine Methode! Eine verkehrte Methode, Amalie!"
+
+"Aber..."
+
+"Verla dich drauf! Eine unnatrliche, Amalie!"
+
+"Ja, du lieber Gott..."
+
+"Eine unnatrliche...Wir sollten das Kind nicht mit der Flasche
+trnken!"
+
+"Nich? Na, womit denn sonst?"
+
+"Du selbst solltest es eben trnken!"
+
+"Ich?"
+
+"Gewi, Amalie!"
+
+"Ach lieber Gott! Ich! Selbst!".
+
+"Nun! Warum nicht?"
+
+"Ich?? Bei meiner schwachen, kranken Brust jetzt?"
+
+"Ach was! Das bildest du dir ja nur ein, Amalie! Ich sage die, du
+bist vllig gesund. Du bist vllig gesund, sag ich!...brigens:
+Ein Kind kann ein fr allemal nur dann gedeihen, wenn es die Mutter
+selbst sugt!"
+
+Herr Thienwiebel war jetzt ganz eifrig geworden. Seine Langeweile
+von vorhin schien er vllig vergessen zu haben. Er schien es sogar
+nicht bemerkt zu haben, da dem kleinen zappelnden Wurm auf seinen
+Knien der Schnuller wieder heruntergekullert war.
+
+"Verla dich drauf, Amalie! Ich sage, die natrlichste Methode
+ist immer die beste! Denk doch mal: was sollten denn sonst die
+Negerweiber anfangen! Sie haben keine Flaschen! Sie nhren ihre
+Kinder selbst, siehst du...und,und--nun ja! Und sie gedeihen dabei!
+Gedeihen! Na?"
+
+"Ja, Niels, aber ich bin doch kein Negerweib!"
+
+Der groe Thienwiebel lchelte berlegen.
+
+"Ja nun, du mut...hehe! Du mut mich eben verstehn, Amalie! He!"
+
+Amalie hatte sich wieder tief ber ihren Salbeitopf gebckt.
+
+"Ich wollte dir damit eben nur durch ein...ein...nun sagen wir durch
+ein Beispiel, andeuten, da das Natrlichste immer das Vernnftigste
+ist. Ich sehe eben durchaus nicht ein, warum die Negerweiber etwas
+vor uns voraushaben sollten!"
+
+"Aber sie sind gesund!"
+
+"Ach was! Das bildest du dir ja nur ein, Amalie, da du krank bist!"
+
+"Ich?"
+
+"Allerdings, Amalie! Ich behaupte..."
+
+Amalie war jetzt ein wenig ungeduldig geworden.
+
+"Ach was! La lieber das Kind nicht so schrein!"
+
+"Auch das ist wieder nur so ein Vorurteil von dir, Amalie! Was schadet
+das! Ich habe gelesen, es ist nichts gesnder! Die Lungen weiten
+sich dabei! Aber -- e...wie gesagt! Du solltest das Kind selbst
+trnken! Die heutige Kultur freilich, die Kultur der europischen
+Welt..."
+
+Die Kultur berging Amalie. Sie hielt sich nur an die Ermahnungen,
+die sie nun schon so oft zu hren bekommen hatte.
+
+"So! So! Jawoll doch! Gewi! Bei unserm Leben! Den ganzen Tag lebt
+man von Kaffee und Butterbrot! Ich mchte wissen, wie das arme Wurm
+dabei gedeihen sollte!"
+
+"Ha! Zu leben im Schwei und Brodem eines eklen Betts, gebrht in
+Fulnis, buhlend und sich paarend ber dem garst'gen Nest! Nicht
+wahr? Du willst damit sagen, da ich an unsrer Lage schuld bin,
+Amalie!"
+
+"Na! Etwa ich?"
+
+"Weib!!"
+
+"Moi'n!"
+
+Die Tr, an der es schon eine ganze Weile vergeblich geklopft hatte,
+wurde in diesem Augenblick weit aufgestoen, und herein, in seinem
+ewigen Havelock, der vor Zeiten wahrscheinlich einmal hechtgrau
+gewesen war, den ungeheuren schwarzen Schlapphut tief in das kleine
+fidele, blasse Gesichtchen gedrckt, tnzelte jetzt der kleine Ole
+Nissen.
+
+"Moi'n! Also lat euch nicht stren, Kinder! Bitte, bitte! Keine
+Umstnde, Nielchen! Keine Umstnde! Wei schon! Probiert 'ne neue
+Szene ein! Also, wie gesagt ... Donnerwetter! Ist das Biest hart!"
+
+Er hatte sich eben mitten auf das kleine Kattun'ne plumpsen lassen
+und dabei wieder in einem Haar seine gypter verloren, die er schief
+zwischen die Zhne geklemmt hielt.
+
+"Also, wie gesagt! Laufe da eben ganz trbselig den Hafendamm
+runter. H? Und wer begegnet mir da? Der Kanalinspektor! Na, wer
+denn sonst? Der Kanalinspektor natrlich! Nobel verheiratet, Villa
+in Bratsberg, no! etc. pp. Knnt euch ja denken! Schleift mich
+also natrlich sofort zu Hiddersen und lt vorfahren... Na, oller
+Junge? Wie geht's?... Faul! sag ich also natrlich. Faul!...Hm!
+Weite was? KKnntest eigentlich meine Alte portrtieren!...Hm! Mit
+Jenu, Kind! Mit Jenu! Aber--e...Farben, siehst du--he, Leinwand,
+Rahmen also...H! Was? Nobles Putthuhn!!"
+
+Ole Nissen lie jetzt die schnen, noblen Kronen in seinen Taschen
+nur so klimpern.
+
+"Frau Wach-tel! Frau Wachtell!! Frau Wach-tellll!!!"
+
+Das Haus Thienwiebel schwamm wieder in Wonne. Sein Krach war wieder
+auf eine Weile verschoben.
+
+"H! Und dies? Ist das Butter? Und dies? H? Ist das Schinken? H?
+Und dies? H? Platz fr das Silberzeug! Silentium!!"
+
+Der kleine Ole war heute wieder ganz aus dem Huschen...
+
+Nachdem das "Silberzeug" dann endlich abgerumt und die Punschbowle
+zu zwei Dritteln bereits geleert war, mute Frau Wachtel sogar noch
+die Skatkarten "ranschleifen". Es war einfach herrlich! Der groe
+Thienwiebel hatte seinen trkischen Fez auf, Ole Nissen bot seine
+gypter sogar galant der alten Madame Wachtel an, die sich aber
+emprt von ihnen wieder in ihre Kche zurckflchtete, Amalie
+rauchte tapfer mit. Ihre alten Opheliajahre waren wieder lebendig
+in ihr geworden.
+
+"Ach, Thienwiebel! Niels!! Geliebter!!!"
+
+Der groe Thienwiebel stand da und weinte.
+
+"Bin ich 'ne Memm'?--Ha! Rauft mir den Bart und werft ihn mir ins
+Antlitz! Nein, reizende Ophelial Nein! Weine nicht! Mein Schicksal
+ruft und macht die kleinste Ader meines Leibes so fest als Sehnen
+des Nemeerlwen!... Was, alter Jephta?...Nein, glaube nicht, daich
+dir schmeichle! Was fr Befrdrung hoff ich wohl von dir, der keine
+Rent' als seinen muntren Geist, um sich zu nhren und zu kleiden
+hat!"
+
+Seine Stimme brach ab, die Hand, die er ihm auf die Schulter gelegt
+hatte, zitterte.--
+
+Zuletzt, als die alte Glaslampe nur noch wie eine kleine lfunzel
+brannte und die prachtvollen gypter um ihre grne Glocke einen
+schnen, silbergrauen, fingerdicken Nebelring gelegt hatten, wurde
+auch der kleine Ole Nissen gerhrt.
+
+Er hatte sich nach und nach zu der reizenden Ophelia auf das
+kleine, blaue Kattunberzogene gedrngt und titulierte sie nur
+noch "Miezchen". Jetzt hatte er endlich auch ihre Hnde zu fassen
+bekommen und bedeckte sie nun mit seinen Kssen.
+
+Der groe Thienwiebel erhob keine Einsprache. Er hatte segnend seine
+Hnde ber sie gebreitet und konnte sein Herz nur noch stammelnd
+ausschtten.
+
+"Der Kreis hier wei, ihr hrtet's auch gewi, wie ich mit schwerem
+Trbsinn bin geplagt!"
+
+Der kleine Krebsrote hinten in seiner Ecke hatte unterdessen seine
+Not mit sich gehabt. Schon verschiedene Male hatte er sich in den
+Schlaf geweint. Jetzt aber war er wieder aufgewacht und konnte
+absolut nicht mehr seinen Gummipfropfen finden. Die reizende Ophelia
+hrte ihn nicht. Sie war lngst in ihrer Sofaecke eingeschlafen.
+Er schrie jetzt, als ob er am Spiee stak.
+
+Der groe Thienwiebel hatte natrlich erst recht keine Zeit fr
+den Schurken. Er hatte den kleinen Ole Nissen, der jetzt kaum noch
+seine kleinen, wasserblauen Augen aufhalten konnte, vorn an seinem
+Rockkragen zu packen bekommen und deklamierte nur wieder:
+
+"Er ist eine Elster, Horatio! Eine Elster! Aber, wie ich dir sagte,
+mit weitlufigen Besitzungen von--Kot gesegnet!"
+
+
+
+
+
+III
+
+
+
+
+Es war nicht anders! Aber er hegte Taubenmut, der groe Thienwiebel,
+ihm fehlte es an Galle...
+
+Er hatte seit kurzem--er wute nicht wodurch?--all seine Munterkeit
+eingebt, seine gewohnten bungen aufgegeben, und es stand in der
+Tat so bel um seine Gemtslage, da die Erde, dieser treffliche Bau,
+ihm nur ein kahles Vorgebirge schien. Dieser herrliche Baldachin,
+die Luft, dieses majesttische Dach mit goldnem Feuer ausgelegt:
+kam es ihm doch nicht anders vor als ein fauler, verpesteter Haufe
+von Dnsten. Welch ein Meisterwerk war der Mensch! Wie edel durch
+Vernunft! Wie unbegrenzt an Fhigkeiten! In Gestalt und Bewegung
+wie bedeutend und wunderwrdig im Handeln, wie hnlich einem Engel;
+im Begreifen, wie hnlich einem Gotte; die Zierde der Welt! Das
+Vorbild der Lebendigen! Und doch: was war ihm diese Quintessenz
+vom Staube? Er hatte keine Lust am Manne--und am Weibe auch nicht.
+Die Zeit war aus den Fugen! War es zu glauben? Aber-e-man hatte
+ihm noch immer nicht geschrieben. Man war undankbar in Christiania.
+Armer Yorick!
+
+Sterben, schlafen...vielleicht auch trumen?
+
+Einstweilen jedoch hatte es allen Anschein, als ob gewisse
+Rcksichten das Elend des armen Yorick noch zu hohen Jahren kommen
+lassen wollten. Jedenfalls wenigstens durften jetzt die naseweisen
+Aktschler unten in der Akademie den groen unbertrefflichen Hamlet
+aus Trondhjem schon seit vollen vierzehn Tagen in den schnen,
+langen Vormittagsstunden als sterbenden Krieger kopieren. Das war
+freilich eine Entwrdigung, aber sie brachte Geld ein. Nur gengte
+es leider noch nicht.
+
+Wenn der "arme Yorick" jetzt mittags nach Hause kam und sich
+mit einem Appetit, als htte er eben vierundzwanzig Stunden lang
+ohne aufzusehn Eichenkloben zerkleinert, ber die groe Schssel
+herstrzte, die ihm die reizende Ophelia schon vorsorglich verdeckt,
+der Photographie des groen Thienwiebel grade gegenber, auf den
+Tisch gestellt hatte, fand sich meist nur eine etwas grn angelaufene,
+dnne Kartoffelsuppe drin vor, in der hchstens hie und da noch ein
+paar kleine, kohlschwarze Speckstckchen schwammen. Armer Yorick!...
+
+Amalie schien schon seit undenklichen Zeiten ihre Nachtjacke nicht
+mehr in die Waschwanne gesteckt zu haben. Wozu auch groe Toilette
+machen? Man war ja zu Hause.
+
+"Nicht wahr, Thienwiebel?"
+
+Der groe Thienwiebel hielt es fr unter seiner Wrde zu antworten.
+Er hatte sich eben wieder in seinen alten, bequemen Schlafrock
+geworfen, aus dem die Watte freilich, ihrer nur noch geringen
+Quantitt halber, nicht mehr recht klunkern konnte.
+
+Seinen William aufgeklappt, hatte er sich jetzt wieder tiefsinnig
+rcklings ber das kleine Blaukattunene geworfen.
+
+ "Oh, schmlze doch dies allzu feste Fleisch,
+ Zerging' und lst' in einen Tau sich auf!
+ Oder htte nicht der Ew'ge sein Gebot
+ Gerichtet gegen Selbstmord! 0 Gott! o Gott! Wie
+ ekel, schal und flach und unersprielich Scheint
+ mir das ganze Treiben dieser Welt!
+ Pfui! Pfui darber!"
+
+Amalie, die sich wieder auf ihre kleine, mollige Fubank neben den
+Ofen gesetzt und eben ihre Schmalzstulle in den Kaffee gestippt
+hatte, sah jetzt etwas verwundert in die Hhe. Als aber der "arme
+Yorick" dann nicht mehr weiterlas und, seinen William zugeklappt,
+sich jetzt sogar, ganz wider seine sonstige Gewohnheit, mit dem
+Kopfe gegen die Wand gedreht hatte, wurde ihr denn doch ein wenig
+unbehaglich zumut.
+
+Eine Weile noch berlegte sie; dann aber, endlich, hatte sie sich
+entschieden. Ihre Stimme klang noch klglicher als sonst.
+
+"Ich will nhen gehn, Niels."
+
+"Nein, Amalie! Niemals! Niemals! Das werde ich nie dulden! Das wre
+eine unverzeihliche Vernachlssigung deiner heiligsten Mutterpflichten!"
+
+Er war wieder emprt aufgesprungen.
+
+"Nein, Amalie! Nie! Niemals!...Solang Gedchtnis haust in
+dem...zerstrten Ball hier!"
+
+Er hatte sich melodramatisch vor die Stirn gestoen. Amalie fhlte
+sich wieder beruhigt und bi jetzt herzhaft in ihre Schmalzstulle...
+
+"Herein?"
+
+Es war Frau Wachtel. Sie brachte wieder die Milch fr den Kleinen.
+
+Der groe Thienwiebel hatte es sich nicht versagen knnen, ihn auf
+den Namen Fortinbras taufen zu lassen.
+
+"Na, Dickerchen? Langweilste dich? Oh, mein Museken! Oh!"
+
+Sie fand nmlich, da Amalie ihren heiligsten Mutterpflichten etwas
+nachlssig oblag, und gestattete sich fters eine kleine Kontrolle.
+
+Frau Rosine Wachtel war nmlich im Besitze eines guten Herzens. Und
+das mute wahr sein, denn sie sagte es selbst und vergo jedesmal
+Trnen dabei. Indessen war ihr dieser Besitz noch nicht allzu
+gefhrlich geworden. Denn es war ihr noch niemand durchgebrannt,
+und sie war noch immer zu ihrem Geld gekommen; und das war oft
+ein Stck Arbeit gewesen. Frau Rosine Wachtel konnte das jeden
+versichern...
+
+"Ach, du Wrmeken! Ach, mein Puttekent Hab'n se dir so in'n Korb
+jestochen!"
+
+Die gute Frau Wachtel war ganz gerhrt. Aber pltzlich, aus
+irgendeinem Grunde, wahrscheinlich weil drauen auf dem Flur eben
+jemand die Treppe heraufzukommen schien, hielt sie es jetzt doch
+fr besser, sich schnell noch mal nach ihrer Kche umzusehn...
+
+Der groe Thienwiebel, der etwas ungeduldig gewartet hatte, bis ihr
+runder, trivialer Rcken endlich hinter der Tr verschwunden war,
+weil er wieder etwas wie einen Monolog in sich versprte, war
+jetzt tragisch auf das kleine runde Spiegelchen ber der Kommode
+zugetreten, aus dem ihm nun sein schner, edelgeformter Apollokopf
+melancholisch zunickte.
+
+"Armer Freund! Wie ist dein Gesicht betroddelt, seit ich dich
+zuletzt sah!"
+
+Amalie bekmmerte sich nicht mehr um ihn. Sie kannte ihren groen
+Gatten.
+
+"Armer Freund!"
+
+War das sein Haar? Sein schnes, berhmtes, blauschwarzes Haar? Eine
+grausame Natur der Dinge hatte ihm nun schon seit Wochen verwehrt,
+es sich brennen zu lassen. In die Stirn, in diese erhabene Wlbung
+majesttischer Gedanken, fiel es ihm nun in Strhnen, dick und
+feist, wie sie selber, diese schale, engbrstige Zeit.
+
+"Armer Freund!"
+
+Nachdem er sich so zu der erhabenen Mission, die ihm vorschwebte,
+gengend prpariert zu haben glaubte, drehte er sich jetzt gemessen
+nach dem kleinen, gelben Korb um, der dicht neben dem Bett quer
+ber zwei Sthle gestellt war.
+
+"Armes kleines Menschenkind! Welch bser Stern verdammte dich in
+dieses Elend!"
+
+Das arme kleine Menschenkind zappelte ihn an und lachte.
+
+"Aber still! Still! Ich will alles einsetzen! Ich will meine ganze
+Kraft einsetzen! Ich werde arbeiten, Freund! Ich werde arbeiten!
+Ich werde dem Schicksal die Stirn bieten; ich werde ihm ab trotzen,
+da du in dieser herben Welt dereinst jene Stellung einnimmst,
+die deinen Talenten gebhrt...ja! So macht Gewissen Feige aus uns
+allen. Der angebornen Farbe der Entschlieung wird des Gedankens
+Blsse angekrnkelt; und Unternehmungen voll Mark und Nachdruck,
+durch diese Rcksicht aus der Bahn gelenkt, verlieren so der Handlung
+Namen!"
+
+Seine Stimme bebte, seine Schlafrocktroddeln hinter ihm, die er
+sich zuzubinden vergessen hatte, zitterten.
+
+Amalie hatte jetzt ihr Schmalzbrot wieder beiseite gelegt.
+
+"Niels, ich will doch lieber nhen gehn!"
+
+"Nie! Nie! Sprich nicht davon, Amalia! Bei meinem Zorn! Sprich
+nicht davon!"
+
+Amalie war wieder beruhigter denn je.
+
+Ihr schnes Schmalzbrot war, Gottseidank, noch nicht ganz alle.
+Der groe Thienwiebel, der einigermaen aus seinem Konzept gekommen
+war, hatte jetzt einige Mhe, wieder hineinzukommen. Den Shakespeare,
+den er wieder von der Erde aufgelesen hatte, hinten in seinen
+Wattenklunkern, die Finger krampfhaft um seinen roten Saffianrcken,
+nickte er jetzt wieder schmerzlich auf das kleine, verwunderte
+Bndelchen hinab. Es hatte die ganze Zeit ber kaum zu mucksen
+gewagt.
+
+"Ich wei... ich werde sterben, Freund! Ich werde sterben!--Das
+starke Gift bewltigt meinen Geist! Ich kann von England nicht
+die Zeitung hren; doch prophezei ich, die Erwhlung fllt auf
+Fortinbras... Du lebst; erklre mich und meine Sache den Unbefriedigten!"
+
+Der kleine Fortinbras war jetzt ganz ernsthaft geworden. Er hatte
+seinen groen Papa noch nie so menschlich mit ihm reden hren.
+
+"Den Unbefriedigten"
+
+Der Regen drauen, der die braunen Dcher drben schon seit
+frhmorgens wie mit Glanzlack berzogen hatte, pltscherte, aus
+dem Fensterblech, unter das die reizende Ophelia natrlich wieder
+den Wasserkasten zu hngen vergessen hatte, war er jetzt allmhlich
+sogar die graue Tapete hinab bis mitten unter das kleine Blaukattunene
+gekrochen. Auf seinem kleinen Teich drunter konnten die beiden
+angebrannten Schwefelhlzchen bereits in aller Gemchlichkeit
+rundherum Gondel fahren.
+
+Pltzlich schien den groen Thienwiebel wieder mal irgend etwas
+unversehens gestochen zu haben.
+
+"Amalie! Amalie!"
+
+"Was denn schon wieder, Thienwiebel!"
+
+Sie hatte sich nicht einmal umgesehn.
+
+"Amalie, es ist nicht zu leugnen: das Kind hat ganz auergewhnliche
+Fhigkeiten! Es hat mich soeben angelacht. Es unterhlt sich
+ordentlich mit mir!"
+
+Amalie grunzte nur verdrielich.
+
+"Ich wette, man kann ihm schon die Anfangsgrnde des Sprechens
+beibringen, Amalie!"
+
+"Hm? du! Sag mal: a! Na?! a-a-a..."
+
+Der kleine, gute Fortinbras wute sich jetzt vor lauter Verdutztheit
+gar nicht mehr zu lassen. Er hatte seine beiden dicken Hndchen
+rechts und links in den Korbrand gekrallt und hte nun, seinen Kopf
+nach hinten zurckgelegt, seinen groen Papa ganz vergngt an.
+
+"Nicht , mein Junge! Sag a! A sollst du sagen! Also? Na? Aaaa!... "
+
+"Ach, la doch! Das kann er ja noch nich!"
+
+Amalie hatte es endlich doch fr angezeigt gehalten, sich ins Mittel
+zu legen.
+
+"Was?! Das kann er nicht?! Sage das nicht, Amalie! Sage das nicht!
+Dafr ist er mein Junge! H? Bist du mein Junge? H?"
+
+"Aber er ist ja erst kaum ein Vierteljahr alt!"
+
+"So? So? Nun, hm...Ich will nicht mit dir rechten, Amalie! Allein
+du wirst doch vorhin bemerkt haben, da er durchaus verstand, was
+ich meinte!"
+
+Amalie ghnte. Sie gab es auf. Es hatte ja keinen Zweck! Es war ja
+alles egal! So oder so!
+
+Der groe Thienwiebel aber war damit noch nicht zufrieden. Er konnte
+seine Idee noch nicht so leicht wieder fallenlassen.
+
+Nein, gewi, Amalie! Der Junge berechtigt zu den besten Hoffnungen!"
+
+Ach...
+
+"Nun! Was ist denn da so Ungewhnliches dabei, Amalie? Du weit:
+es gibt mehr. Ding' im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit
+sich trumt, Amalie!"
+
+Amalie ghnte nur wieder.
+
+
+ "...und nun, ihr Lieben,
+ Wofern ihr Freunde seid, Mitschler, Krieger,
+ Gewhrt ein Kleines mir!"
+
+
+Sie gewhrten es ihm.
+
+Es war wirklich zu schn von dem groen Thienwiebel! Aber er
+hatte sich jetzt tief ber seinen kleinen, sen Fortinbras, der zu
+so groen Hoffnungen berechtigte, gebeugt und wollte ihn nun--oh,
+zum ersten Mal, zum ersten Mal, seit langer, langer Zeit, Horatio!
+wieder auf die kleine bleiche Stirn kssen.
+
+Aber es sollte nicht dazu kommen. Er war bereits wieder zurckgetaumelt,
+noch ehe er seine schne Tat zum Austrag gebracht hatte.
+
+"Ha!"
+
+Seine Augen rollten, seine Fuste hatten sich geballt, die beiden
+roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock schlotterten vor
+Entrstung.
+
+"Ha!"
+
+Das Rtsel von der alten, lieben, guten, geschftigen Frau Wachtel
+von vorhin hatte sich glnzend gelst.
+
+Sei's Farbe der Natur, sei's Fleck des Zufalls, kurz und gut, aber
+der kleine Prinz von Norwegen lag wieder seelenvergngt mitten in
+seinen weitlufigen Besitzungen da.
+
+
+
+
+
+IV
+
+
+
+
+Seit die schne Frau Kanalinspektor, sorgsam in Sackleinwand genht,
+endlich abgegangen war und weitere Promenaden am Hafendamm sich
+nicht wieder ergiebig erwiesen hatten, war jetzt auch nebenan bei
+dem kleinen Ole Nissen nichts mehr zu holen. Erneute Bohrversuche
+bei dem famosen, noblen Putthuhn hatten auch nichts gefruchtet. Seine
+"Alte" schien ihm nicht sonderlich imponiert zu haben. Wenigstens
+hatte ihr kleiner "Tintoretto" sie bei seiner letzten offiziellen
+Visite drauen vergeblich an den neuen, schntapezierten Wnden
+gesucht. brigens waren die Herrschaften gerade ausgegangen. Man
+schien eben nicht blo in Christiania allein undankbar zu sein.
+
+Keine Hummern bei Hiddersen mehr, keine gypter mehr, keine "Mieze"
+mehr! Das letzte schmerzte den armen, kleinen Ole natrlich am
+meisten. Aber man konnte es der Kleinen wirklich unmglich verdenken.
+Von aufgeweichten Brotkrusten lie sich nicht satt werden.
+
+Der alten, lieben, guten Frau Wachtel aber war damit ein sehr groer
+Stein vom Herzen gefallen. Sie hatte nmlich die niedliche kleine
+Mieze einmal dabei ertappt, als sie dem abscheulichen Ole grade
+Modell stand, und da sie hierfr wirklich auch nicht das mindeste
+Verstndnis besa, ein gewisses, kleines Vorurteil gegen sie gefat.
+
+Ihr gutes Herz zu bettigen hatte sie in letzter Zeit leider nur zu
+wenig Gelegenheit gehabt. Am unzufriedensten aber war sie jedenfalls
+mit den dummen Thienwiebels. Was bei der alten Schlamperei dort
+schlielich rauskommen mute, konnte man sich ja an den Fingern
+abzhlen.
+
+Der alte, alberne Kerl flzte sich den ganzen Tag auf dem Sofa
+rum und trieb Faxen, das faule, schwindschtige Frauenzimmer hatte
+nicht einmal Zeit, seinem Schreisack das bichen blaue Milch zu
+geben, zu fressen hatten sie alle drei nichts, und die Miete--ach,
+du lieber Gott! Wenn man nicht wenigstens noch die paar Sparkreeten
+gehabt htte...
+
+--Ja! Es war Wermut! Sein Verstand war krank! Es fehlte ihm
+an Befrderung! Im Scho des Glckes? Oh, sehr war! Sie ist eine
+Metze! Was gibt es Neues? Als Roscius noch ein Schauspieler in Rom
+war...Geharnischt, sagt Ihr? Sehr glaublich!--Ein Mann, der St'
+und Gaben mit gleichem Dank genommen, der zur Pfeife nicht Fortunen
+diente, den Ton zu spielen, den ihr Finger griff, den Bettler, wie
+er...Nichts mehr davon!! Sprich weiter, komm auf Hekuba!
+
+In der Tat, es lie sich nicht mehr leugnen: er war jetzt wirklich
+zu bedauern, der groe Thienwiebel!
+
+Oh, welch ein Schurk' und niedrer Sklav' er war!! War's nicht
+erstaunlich? War's zu glauben? War's mglich? War's nur durch
+Angewohnheit, die den Schein gefll'ger Sitten berrostet, war's
+berma in seines Blutes Mischung: kurz und gut, aber er kam jetzt
+immer wieder auf sie zurck: auf nichts, auf Hekuba!
+
+Wozu sollten Gesellen wie er zwischen Himmel und Erde herumkriechen?
+Dem Staub gepaart, dem er verwandt, so rings umstrickt mit
+Bbereien...nicht doch, mein Frst!! Die Mausefalle? Und wie das?
+Metaphorisch! Ich bitte, spotte meiner nicht, mein Schulfreund; Du
+kamst gewi zu meiner Mutter Hochzeit!
+
+Armer Yorick! Denn wenn die Sonne Maden aus einem toten Hunde
+ausbrtet, eine Gottheit, die Aas kt...Armer Yorick!
+
+Sein Wahnsinn war des armen Hamlet Feind.--
+
+Amalie, die endlich ihre Drohung wahrgemacht und in der Tat seit
+einiger Zeit etwas zu tun angefangen hatte, was sie Trikottaillen
+nhen nannte, lie alles getrost ber sich ergehen. Es hatte ja
+keinen Zweck! Es war ja alles egal! So oder so.
+
+Der gute, kleine Ole Nissen war unendlich zarter besaitet. Da
+Frau Wachtel so freundlich gewesen war und ihm nach so vielen
+andern geliebten Gegenstnden krzlich auch noch seine schnen
+leberwurstfarbenen Pantalons ins Leihhaus getragen hatte, war er
+jetzt dazu verdammt, die ganzen Tage ber in seinem Bett zu liegen
+und durch die dnnen Bretterwnde durch die ganze Wirtschaft mit
+anzuhren.
+
+"Ha! Bberei! Auf, lat die Tren schlieen! Verrat! Sucht, wo er
+steckt! Du betest schlecht! Ich bitt dich! La die Hand von meiner
+Gurgel! Kennst du diese Mcke?!"
+
+Armer, kleiner Ole! War es Angst oder nur Langeweile? Aber der
+Schwei brach ihm oft tropfenweis durch die Stirn.
+
+Der groe Thienwiebel schien es ordentlich auf ihn abgesehn zu haben!
+Alle Nachmittag Punkt fnf Uhr versumte er es jetzt nie, sogar
+seine "Bude" zu inspizieren. Diese war freilich noch erbrmlicher
+als seine eigene, aber sie besa dafr den Vorzug, da man aus ihrem
+Fenster bequem unten auf das breite, platte, geteerte Nachbardach
+klettern konnte, von dem man dann eine erfreuliche Aussicht auf die
+verschwiegenen Brandmauern mehrerer Hinterhuser geno. Ein kleines
+anspruchsloses Pflaumenbumchen, dessen verkrppelte stchen von
+Raupen und Spatzen nur so wimmelten, vervollstndigte das Idyll.
+Der arme kleine Ole sprte die verhngnisvolle Zeit schon immer
+eine ganze Weile vorher in seinen Knochen. Der groe Thienwiebel
+beliebte es dann nmlich immer, gewisse Unterhaltungen mit ihm
+anzuknpfen, die so geistvoll, ideentief und farbenreich waren,
+da dem kleinen Ole, den seine ewigen Brotkrusten schon ohnehin
+arg mitgenommen hatten, nur so der Kopf danach brummte.
+
+"Ich will hier im Saale auf und ab gehn, wenn es Seiner Majestt
+gefllt; es wird jetzt bei mir die Stunde, frische Luft zu schpfen.
+Lat die Rapiere bringen."
+
+Die "Rapiere" waren zwei Leiterstcken, die man zusammenlegen und
+von drauen her in das Fensterkreuz einhaken konnte.
+
+Wenn sie "gebracht" worden waren, endete die Geschichte natrlich
+stets damit, da man sie auch richtig einhakte und an ihnen
+hinabkletterte.
+
+"Hic et ubique! ndern wir die Stelle!"
+
+Dann war man in "Helsingr" und promenierte auf der "Terrasse". Der
+groe Thienwiebel in Fez und Schlafrock, der kleine Ole in Havelock
+und Unterpantalons.
+
+Ich will die Lieb' Euch lohnen, lebt denn wohl, Horatio! Auf der
+Terrasse zwischen elf und zwlf besuch ich Euch ... Nicht wahr?
+Ihre...seid ein--Fischhndler?!"
+
+Scham, wo war dein Errten!
+
+Der arme, kleine Ole wute zuletzt selbst nicht mehr: war eigentlich
+er verrckt, oder Nielchen.
+
+Aber er htte sich nicht so zu hrmen brauchen. Der groe Thienwiebel
+wute nur zu gut, was er tat. Er war nur "toll aus Methode". Er
+war nur toll bei Nordnordwest; wenn der Wind sdlich war, konnte
+er sehr wohl einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl unterscheiden.
+
+Die ewige Aktsteherei unten in der alten, dummen Akademie war ihm
+eben nachgerade langweilig geworden, und da er der alten, lieben,
+guten Frau Wachtel doch unmglich zutrauen durfte, da sie ihn noch
+lnger gratis beherbergte, wenn er sich jetzt die "Quelle kstlicher
+Dukaten" so sans facon wieder zustopfte, war er eben eines schnen
+Tages auf die groartige Idee verfallen, sich hier in dieser herben
+Welt voll Mh' nach und nach fr wirklich bergeschnappt auszugeben.
+
+"Ha! Heisa Junge! Komm, Vgelchen! Komm! Ich Mu nach England; wit
+Ihr's? Himmel und Erde! Es ist nur eine Torheit, aber es ist eine
+Art von schlimmer Vorbedeutung, die vielleicht ein Weib ngstigen
+wrde.
+
+Was? Eine Ratte? Die Spitze auch vergiftet! Nein! Nein, schne
+Dame! Nicht nur mein dstrer Mantel, gute Mutter, noch die gewohnte
+Tracht von ernstem Schwarz, noch strmisches Geseufz beklemmten
+Odems: nein: auch die Schmeichelsalb'! Ich hab's geschworen!
+Weglschen von der Tafel der Erinnerung will ich all jene trichten
+Geschichten! Nie beuge sich dieses Knies gelenke Angel, wo Kriecherei
+Gewinnn bringt! Ich trotze allen Vorbedeutungen: es waltet eine
+besondere Vorsehung ber dem Fall des Sperlings. In Bereitschaft
+sein ist alles. Wetter! Dankt ihr, da ich leichter zu spielen
+bin als ein Flte? Nennt mich, was fr ein Instrument ihr wollt!
+Ihr knnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen..."
+
+Ha! Was? Ein knigliches Bubenstck!
+
+Dem kleinen Fortinbras schien dieses knigliche Bubenstck am
+wenigsten zu imponieren. Ja, aus gewissen Anzeichen glaubte sein
+groer Papa manchmal sogar schlieen zu drfen, da er noch nicht
+einmal recht Notiz von ihm genommen hatte.
+
+Am aufflligsten zeigte sich dies aber regelmig dann, wenn es
+sich um die "ersten Elemente der Gesangskunst" handelte. Denn der
+"arme Yorick" war durchaus nicht gewillt, seinem schrecklichem
+Wahnsinn zuliebe auch die seltnen Talente seines zu so groen
+Hoffnungen berechtigenden Shnchens verkmmern zu lassen.
+
+Es war ausgemacht! Es war ausgemacht, o reizende Ophelia! Ja!
+Sagen wir Ophelia! Teufel! Warum sollten wir nicht Ophelia sagen?
+Kurz und gut: es war ausgemacht. Es sollte ihn und seine Sache den
+Unbefriedigten erklren...Den Unbefriedigten!...
+
+Sobald er daher nur irgendwie merkte, da der kleine Ole nebenan
+wieder einmal eingeschlafen und die gute Frau Wachtel wieder mal
+ausgegangen war und so "die beiden, denen er wie Nattern traute,"
+eine Zeitlang wieder "unschdlich" gemacht waren, ging der Tanz
+los.
+
+Seines Kummers "Kleid und Zier" war dann pltzlich wie abgefallen
+von dem groen Thienwiebel.
+
+Seine "Einbildungen, schwarz wie Schmiedezeug Vulkans", hatten den
+armen Yorick verlassen, er war wieder "zahmer Herr!"
+
+"Hhrt doch! Ich bin wieder zahm, Herr! Sprecht! Ich bin wieder
+zahm!"
+
+Aber der kleine, verstockte Fortinbras wollte nicht. Er hatte sich
+wieder nur in Ermangelung eines Gummipfropfens, dem ihm die reizende
+Ophelia verbummelt hatte, seinen groen Zeh in den Mund gestopft
+und sog nun, da es ihm aus dem kleinen, mattrosa Mundwinkelchen
+nur so tropfte. Die ersten Elemente der Gesangskunst lieen ihn
+heute augenscheinlich noch klter als sonst.
+
+Emprt hatte sich jetzt der groe Thienwiebel wieder in die Hhe
+gerckt. Die beiden roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock
+zuzubinden hatte er natrlich wieder vegesssen.
+
+"Amalie! Ich bemerke soeben zu meinem grten Erstaunen, Fortinbras
+ist strrisch!"
+
+Amalie, die jetzt ihre kleine, mollige Fubank der Trikottaillien
+wegen zu ihrem groen Leidwesen vom Ofen ans Fenster hatte verlegen
+mssen, war gerade dabei, sich ihre erste Nadel fr heute einzufdeln.
+Sie hatte wieder so lange inhalieren mssen...
+
+"Strrisch?"
+
+"Wie ich dir sage, Amalie! Strrisch!"
+
+"Ach, nich doch!"
+
+"Amalie? Ich sage dir noch einmal- strrisch! Fortinbras ist
+strrisch. Str-risch!!"
+
+"Ach, red doch nich! Wie soll er denn strrisch sein!"
+
+"Amalie?!"
+
+Amalie sah sich nicht einmal um. Sie zuckte kaum mit den Achseln.
+
+"So! So! Also glaubst du mir nicht mehr, wenn ich dir etwas sage!
+Du mitraust mir! In der Tat! In der Tat! Ich htte mir das denken
+knnen! Sag's doch lieber gleich! Wozu die Umstnde! Du bedauerst,
+da ich mich nicht noch schneller aufreibe!"
+
+Amalie nieste. Sie wollte ihren Schnupfen gar nicht mehr loswerden.
+Mitten im Sommer.
+
+"Natrlich! Wie sollte man auch nicht! Man vertreibt sich die
+Zeit mit--Niesen! Man trinkt Kaffee und vertreibt sich die Zeit
+mit--Niesen! In der Tat! In der Tat! Andre Leute mgen unterdes
+zusehn, wie sie fertig werden!...Aber, ich werde es dir beweisen,
+Amalie! Hrst du? Ich werde es dir beweisen, da Fortinbras strrisch
+ist!--Du! Sag a...a...Nun? Wird's bald?...Na?...A!...Du Schlingel!
+A!...A!!...Ha! Siehst du?! Wie ich dir sagte, wie ich dir sagte,
+Amalie! Der Lmmel brllt, als wenn ihm der Kopf abgeschnitten
+wird! Er ist strrisch! Habe ich recht gehabt?!--Willst du still
+sein, du Zebra?! Gleich bist du still!"
+
+Jetzt endlich war Amalie an ihrem Fenster pltzlich etwas aufmerksamer
+geworden.
+
+"Du willst ihn doch nicht etwa--schlagen?"
+
+"Gewi will ich das, Amalie! Ein Kind darf nicht eigenwillig sein!
+Ein Kind bedarf der Erziehung, Amalie! Eine leichte Zchtigung..."
+
+"Niels!?"
+
+"Ach was! Aus dem Weg! Aus dem Weg, sage ich! ... Da, du in-famer
+Schlingel! Da, du in...Amaaalie!"
+
+"Gewi, du alter Esel! Du glaubst wohl, du kannst hier am Ende tun,
+was du Lust hast? Du gehrst ja in die Verrcktenanstalt! Wie kann
+man denn 'n Kind von 'nem halben Jahr so maltrtieren?! Wie kann
+man es schlagen !"
+
+"Amaaalie!!"
+
+War's mglich?! War es zu glauben?! War das seine Backe?!
+
+"Amaaalie!!!..."
+
+
+
+
+
+V
+
+
+
+
+"Wirtschaft, Horatio! Wirtschaft! Das Gebackne vom Leichenschmaus
+gab kalte Hochzeitsschsseln. E--doch, um auf der ebenen Heerstrae
+der Freundschaft zu bleiben: was macht Ihr auf Helsingr?"
+
+Der groe Thienwiebel hatte wieder gut auf der ebenen Heerstrae
+der Freundschaft zu bleiben; was sollte der kleine Ole gro machen
+auf Helsingr? Was er nun schon seit Wochen machte: Firmenschilder
+pinseln! Das rentierte sich. nmlich famos, weit du!
+
+Abel Grndal: Materialwarenhandlung, auch Heringe-Lars Brodersen:
+Canariensieen und Hanfsamen--Jacob Lorrensen: Alle Sorten Rauch-,
+Schnupf- und Kautabak-etc. pp. H? Was? Noble Putthhner!!
+
+Die schnen Leberwurstfarbenen waren wieder zu Ehren gekommen, die
+prachtvollen gypter wurden wieder nur so pfundweis verpafft, die
+verteufelte kleine Mieze lie die arme, liebe, alte, gute Frau
+Wachtel kaum mehr vom Schlsselloch wegkommen.
+
+Es war aber auch wirklich schrecklich, was es jetzt alles dort
+drinnen zu sehn gab. Die vielen weien Salbentpfe, in die die
+Farben nur so wie Butter reingequetscht waren, die merkwrdig groen
+Maurerpinsel, die der geschftige' kleine Ole kaum zu dirigieren
+vermochte, die schnen, dicken, mannslangen Bretter, auf denen man
+jetzt die wunderbarsten Sachen zu lesen bekam, und vor allen Dingen
+auch jener groe, geheimnisvolle, grne Wandschirm dicht neben dem
+Ofen, hinter dem sich immer die schndliche, kleine Mieze versteckt
+hielt, das alles interessierte die alte, liebe, gute Frau Wachtel
+auf das lebhafteste. Noch nie hatte sie sich mit ihrer Stellung
+als Zimmervermieterin so zufrieden gefhlt. Die drckendsten alten
+Rckstnde waren wieder ausgeglichen, fr die dsigen Thienwiebels
+brauchte ihr jetzt auch nicht mehr so bange zu sein, ja, ja! Der
+liebe Herrgott!
+
+Die reizende Ophelia war wieder in ihren alten Stumpfsinn
+zurckverfallen. Sie bereute ihre Untat aufs tiefste. Das einzige,
+was ihr so schlielich noch vom Leben briggeblieben war, war ihr
+Salbeitopf.
+
+Ihr groer Gatte verachtete sie nur noch...Geschrieben--e...hatte
+man ihm zwar unterdessen bereits, aber--e...wie kam's da sie
+umherstreiften? Ein fester Aufenthalt war vorteilhafter fr ihren
+Ruf als ihre Einnahme! Kurz und gut, es war eben nur eine umherziehende
+Truppe gewesen, und der groe Thienwiebel hatte sich zu degradieren
+gefrchtet. Solange noch der kleine Ole da nebenan da war...kurz
+und gut: er tat, was Ihm Beruf und Neigung hie! Denn...e...jeder
+Mensch hat Neigung und Beruf!
+
+Am schlimmsten erging es jedoch entschieden dem kleinen Fortinbras.
+Seine Zhnchen hatten ihm seinen schnen Gummipfropfen ganz verleidet.
+Er hatte an nichts mehr Freude; nicht einmal am Schreien mehr.
+
+Er war ein vollendeter Pessimist geworden. An seinem knftigen
+Beruf, seinen groen Vater den Unbefriedigten zu erklren, schien
+ihm nur noch. wenig zu liegen. Sein kleines Zngchen war dick
+belegt, seine Hndchen sahen wei wie Kuchenteig aus, er schlief
+jetzt oft ganze Tage lang.
+
+Nur heute abend war er auffallend munter.
+
+Die beiden hellen Lampen auf dem Tische, die vielen Leute, der Skandal,
+der merkwrdig groe Zuckerkringel, den man ihm so unerwartet in
+die Hand gesteckt hatte: er begriff das alles nicht. Nu blo noch'n
+bichen Streupulver!
+
+Die Damen hatten auf dem Sofa Platz genommen, die kleine Mieze, die
+sich zu den Mannsleuten rechnete, sa dem kleinen Ole vis-a-vis,
+der groe Thienwiebel prsidierte. Die groartige Gans mitten auf
+dem Tisch in deren knusprigen Prachtrcken er eben energisch seine
+blitzende Bratengabel gestoen hatte, roch durch das ganze kleine
+Zimmer. Die beiden Lampen rechts und links brannten durch ihren Dampf
+wie durch einen Nebel. Frau Wachtel, die sich in ihrer Sofaecke
+wie auf einem Prsentierteller vorkam, atmete schwer. Sie hatte
+heute ihr "Seidnes". an.
+
+"Willkommen, all ihr Herrn! Wir wollen frisch daran, wie franzsische
+Falkoniere, auf alles losfliegen, was uns vorkommt! Beim Himmel!
+Den mach ich zum Gespenst, der mich zurckhlt!...Ha! Seid Ihr
+tugendhaft, schne Dame?"
+
+"Thienwiebelchen?"
+
+Der kleine Ole , der sich eben ber seinen pompsen Flgel hergemacht
+hatte, blinzelte vor Entzcken. Die kleine Mieze war heute mal
+wieder ordentlich zum Anknabbern!
+
+"Thienwiebelchen?!"
+
+Das reizende Grbchen in ihrem rosa Fingerchen kam jetzt so recht
+zur Geltung.
+
+"Thienwiebelchen? Es gibt was!"
+
+Aber der groe Thienwiebel, der sich jetzt auch die Serviette unter
+sein blaues Doppelkinn gestopft hatte, fhlte sich wieder durchaus
+auf der Hhe der Situation.
+
+"Meint Ihr, ich htte erbauliche Dinge im Sinn? Ein schner Gedanke,
+zwischen den..."
+
+"Nielchen!!"
+
+Der kleine Ole hat es fr die hchste Zeit gehalten.
+
+Er hatte sich jetzt auch seinen prachtvollen Porter eingeschenkt
+und schwenkte ihn nun fidel gegen die neue Lampe.
+
+"Putthuhn Nro. 25!"
+
+Sein schnes Jubilum sollte nicht so ohne weiteres zu Wasser
+werden.
+
+"Putthuhn Nro. 25!"
+
+Die kleine Mieze war jetzt ganz rot vor Vergngen. Die beiden kleinen,
+silbernen Ringe in ihren Ohrlppchen blitzten, ihr Stumpfnschen
+sah wie aus Marzipan aus.
+
+"Bravo, Dickchen! Es soll leben! Putthuhn Nro. 25!" Sie hatte
+ausgelassen mit ihm angestoen.
+
+Frau Wachtel rusperte sich jetzt. Ihr Seidnes hatte sich eben
+etwas geklemmt.
+
+"Etwas--etwas Soe gefllig, Frau Thienwiebel?"
+
+Amalie nickte. Ihr Teller schwamm zwar schon, aber: es war ja alles
+egal. So oder so.
+
+Ihr groer Gatte drben suchte eben wieder einzulenken.
+
+"Nun, nun, schne Dame! Denn--e--wenn die Sonne Maden aus einem
+toten Hund ausbrtet, eine Gottheit, die ... Ha! Wilde Hlle! Wer
+ist, des Gram so voll Emphase tnt?!"
+
+Es war der kleine Fortinbras. Sein Zuckerkringel, war ihm eben ber
+den Korbrand weg auf die Stuhlkante gefallen, dort entzweigeschlagen
+und lag nun in kleine Stcke zerbrckelt unten auf den schmutzigen
+Dielen.
+
+Ha, mrdrischer, blutschndrischer, verruchter Dne! Trink diesen
+Trank aus! Ich will den Wanst ins nchste Zimmer schleppen!"
+
+Aber die besorgte kleine Mieze hatte ihre Gabel schon schnell wieder
+auf ihren Teller klappen lassen.
+
+"Ach! Nicht doch, Thienwiebelchen! Nicht doch!"
+
+Sie war aufgesprungen und bckte sich jetzt zierlich ber den
+plumpen Korbrand.
+
+"0 mein Zuckerpppchen! Mein Schatz! So ein niedliches kleines
+Kerlchen! Nicht wahr, du willst auch was haben? Ach, mein Liebchen!!"
+
+Sie hatte sich jetzt den kleinen Fortinbras auf den Schogesetzt
+und kte ihn nur so.
+
+"Auch was haben, Dickerchen?" Ku!--"Auch was haben, Dickerchen?"
+Ku! Ku, Ku, Ku, Ku!!
+
+Der kleine Fortinbras juchzte. Er hatte noch nie so etwas erlebt.
+Er zappelte jetzt, da es nur so eine Art hatte. Er lachte aus
+vollem Halse! "Grrr...grrr...grrr...h! Grrr...h!"
+
+Der groe Thienwiebel sa da. Die Weste unten aufgeknpft, die
+Augenbrauen tragisch in die Hhe gezogen.
+
+"Wie keck der--e--Bursch ist!...Wahrhaftig, Horatio! Ich habe
+seit diesen drei Jahren darauf geachtet. Das Zeitalter wird so
+spitzfindig, da der Bauer dem Hofmann auf die Fersen tritt!"
+
+Aber der kleine Ole beachtete ihn kaum. Die kleine Mieze war ihm
+jetzt weit interessanter. Sie sah jetzt ordentlich wie eine kleine
+Hausmutter aus.
+
+"Na, Dickerchen?"
+
+Auch Frau Wachtel machte jetzt groe Augen. Amalie pappte.
+
+"Ja, mein Junge! Sie essen alle, und mein Dickerchen soll gar nichts
+haben! Wie?--Aber das lt er sich nicht gefallen! Wie?--Ach,
+bitte, Frau Thienwiebel! Reichen Sie mir doch das bichen Biskuit
+da von der Kommode her. Auch die Milch, bitte!"
+
+Frau Thienwiebel erhob sich schwerfllig und brachte das Verlangte.
+
+Die kleine Mieze hatte den Biskuit jetzt auf geweicht und fing
+nun an, den kleinen Fortinbras damit zu fttern. Von ihrem Teller,
+auf dem neben den drei gebratenen pfeln nur noch ein paar kleine
+fettriefende Hautstckchen lagen, naschte sie kaum.
+
+Der kleine Fortinbras sthnte vor Behagen.
+
+"He? Willst du noch mehr, Dickerchen? Noch mehr?"
+
+Der kleine Ole hatte sich jetzt neugierig ber den Tischrand gebogen.
+Sein Schnurrbrtchen duftete nach chinesischer Tusche.
+
+"Nein! Nein! Nu sieh doch blo, Dickerchen! Wie es dem Balg
+schmeckt!--Was?! Noch mehr?!--No! No! Nur nicht gleich schreien!--So!"
+
+Frau Wachtel war jetzt ordentlich bis zu Trnen gerhrt. Und wenn
+sie bis zu Trnen gerhrt war, verga sie es auch nie, von ihrer
+verstorbenen Pflegetochter zu erzhlen. Und das kam ziemlich oft
+vor.
+
+"Ja, sehn Sie! Sie war ein Engel, Frau Thienwiebel! Ein Engel!"
+
+Frau Thienwiebel kaute.
+
+Frau Wachtel beschrieb jetzt ausfhrlich die Krankheit des Engels,
+und wie er dann gestorben war. Er hatte Malchen geheien und war
+dabei so himmlisch geduldig gewesen.
+
+"Ja, sehn Sie, Herr Nissen! Sie war mein Einz'ges! Sie trstete
+mich noch, als schon der Tod kam. Sie war ein Engel!"
+
+Sie hatte sich jetzt auch auf ihr Taschentuch besonnen und drckte
+es sich nun abwechselnd in die Augen.
+
+"Ach, wein doch nicht, Mutterchen! Wein doch nicht! Nun komm ich
+ja zum lieben Gott!"
+
+Sie weinte jetzt, da ihr die Trnen nur so auf ihr Seidnes kullerten!
+
+Der kleine Ole war bereits eine ganze Zeit lang verlegen auf seinem
+Stuhl hin und her gerutscht. Er hatte es unten auf das kleine,
+niedliche Fchen unterm Tisch abgesehn gehabt und war dabei eben
+auf die alten, phlegmatischen Filzpantoffeln der reizenden Ophelia
+gestoen.
+
+Er war ordentlich rot darber geworden.
+
+"Ja! Sehn Sie! Sie war mein Einziges!"
+
+Der kleine Fortinbras plantschte vor Wonne.
+
+"Grrr...grrr...grrr..."
+
+Dieses freundliche, frische Gesicht mit den hellen Augen und
+den blonden Lckchen ber ihm--er kam gar nicht mehr raus aus dem
+Lachen! Sogar sein Streupulver hatte er vergessen!
+
+"Grrr...grrr...grrr...Aeh!"
+
+Seine Hndchen hatten jetzt in die Hhe gegrapscht, die kleine
+Mieze lie von ihm ihre Stirnlckchen zausen.
+
+"Nein, Dickchen! Nu sieh doch blo! Nu sieh doch blo!"
+
+Der kleine Ole schneuzte sich. Er war wie mit Blut bergossen.
+
+"Ja! Das glaub ich! Das hast du wohl noch nicht so gut gehabt,
+Dickerchen! Wie?"
+
+Jetzt hatte sich endlich auch Frau Wachtel ber ihn gebckt. Ihr
+Taschentuch lag wieder sauber ausgefltelt auf ihrem Scho, sie
+kitzelte ihn wohlwollend unterm Kinn.
+
+"Ach, mein Putteken! Ach, mein Museken! Hab'n se dir so lange
+hungern lassen!"
+
+Ihre Stimme zitterte, sie sah noch ganz verweint aus.
+
+Amalie tunkte gerade ihre Soe auf.
+
+Der groe Thienwiebel aber hatte sich nunmehr rcklings in seinen
+Stuhl zurckgelehnt und starrte jetzt, die Hnde in den Hosentaschen,
+erhaben oben in die beiden gelben Lichtkleckse, die die Lampen
+zitternd an die Decke malten.
+
+Denn, was ein armer Mann wie Hamlet ist... Nichts mehr davon!
+
+Der Rest war Schweigen ...
+
+Endlich war alles wieder abgerumt. Frau Wachtel, die nicht Skat
+spielte, hatte sich mit ihrem Seidnen, ihrem Taschentuch und ihrer
+zweiten Lampe wieder hinten in ihre Kche zurckgerettet, Amalie
+kauerte wieder auf ihrem Fubnkchen neben dem Ofen. Sie hatte sich
+noch nachtrglich eine kleine Bratenschmalzstulle geschmiert.
+
+Es war ziemlich kalt im Zimmer. Das Feuer war ausgegangen, und
+man hatte nichts mehr nachzulegen. Der groe Thienwiebel, dessen
+Schlafrock mit der Zeit aufgehrt hatte, skatfhig zu sein, hatte
+sich statt dessen in die rote Bettdecke eingewickelt.
+
+"Die Luft geht scharf; es ist entsetzlich kalt! Tourner, Horatio!"
+
+"Passez, Nielchen!"
+
+"Dito, Tienchen!"
+
+"Was denn, Schfchen?"
+
+"Na, wird's bald?"
+
+"Ah so!--Da, Schfchen!"
+
+"Na, endlich!"
+
+Sie hatte die Zigarette, die ihr der kleine, eifrige Ole gereicht
+hatte, mit spitzen Fingern angefat und zog jetzt ein Gesicht, als
+ob ihr der Rauch lstig g wre. Sie wute, da ihr das lie! Es
+hatte auch sofort den Erfolg, da ihr Dickchen einen Ku mauste.
+
+"Nein doch! So eine Unverschmtheit!"
+
+Sie hatte ihn unterm Tisch mit dem Knie gestoen.
+
+"Pique As! Nicht wahr, Wiebelchen?"
+
+"Sehr wohl, schne Dame! Sehr wohl! Vortrefflich, meiner Treu! Was
+wre da zu frchten? Ich--e selbst bin--e--hm!--leidlich tugendhaft."
+
+Der kleine Fortinbras war jetzt vollstndig vergessen. "Voll Speis'
+und Trank in seiner Snden Maienblte" lag er jetzt wieder "sicher
+beigepackt" hinten in seiner dunklen Korbecke und starrte nun
+trbselig drben in den Zigarrenqualm, der in dicken Schichten um
+die grne Glocke wogte. Seit seiner Geburt war er nicht bermig
+oft aus seinem Winkel hervorgeholt worden. Das unerwartete Glck
+heute hatte ihn ganz sehnschtig nach dem Lichte dort gemacht. Der
+Scho, der Zuckerkringel, die Lckchen...er hatte wieder zu quken
+angefangen.
+
+Amalie rhrte sich nicht. Der Bengel wollte blo immer genommen
+sein. Sie hatte schon an einmal genug.
+
+"Coeur Trumpf, Nielchen!"
+
+"Ihr sagtet?"
+
+"lch sagte: CoeurTrumpf, Nielchen! Coeur Trumpf!"
+
+"Ha, blut'ger kupplerischer Bube! Unmglich, bei diesem verwnschten
+Geschrei ein Wort zu verstehn! Wenn du nicht gleich still bist, du
+infames Balg, dann schlag ich dich blitzblau wie eine Heidelbeere!"
+
+"Nicht doch! Das kneift ja, Ole! Au!"
+
+"Ach was, Schfchen! La doch!"
+
+Das Sofa hatte in diesem Augenblick genug mit sich selbst zu tun.
+
+Amalie, die auf ihrer kleinen Fubank schon wieder halb eingenickt
+war, blinzelte kaum. Der groe Thienwiebel war vor einer zweiten
+Ohrfeige sicher.
+
+Er hatte sich jetzt in seiner roten Bettdecke ergrimmt vor den Korb
+gestellt und brllte nun wtend auf das arme, kleine Bndelchen
+ein.
+
+"Willst du still sein, du--Lausbub!?"
+
+Aber der "Lausbub" war's nicht. Er wollte auch mal va banque spielen.
+Er schrie jetzt, als wenn er seine kleinen Lungen auseinandersprengen
+wollte.
+
+"Aber...Das ist doch wirklich unerhrt!...Na, warte! Du...Du--Lindwurm,
+du! Warte!"
+
+Er prgelte ihn jetzt, da es nur so klitschte. Als aber auch das
+nichts half, ri er das Kopfkissen unter ihm vor und prete es
+ihm auf das Gesicht. Der kleine Fortinbras war jetzt auf einen
+Augenblick vollstndig verstummt. Sein Geschrei war wie abgeschnitten.
+
+Aber der groe Thienwiebel hatte noch nicht genug.
+
+"Nichtsnutziger Patron!"
+
+Er hatte ihm jetzt das Kissen noch fester aufgedrckt.
+
+Der kleine Ole hatte die kleine Mieze, die noch ganz rot vor rger
+war, wieder losgelassen. Er war jetzt ordentlich ngstlich geworden.
+
+"Um Gottes willen, Nielchen! Er erstickt ja!"
+
+"Ach, Unsinn! So schnell geht das nicht!"
+
+Nein! So schnell ging das auch nicht! Denn als der groe Thienwiebel
+nach einiger Zeit das Kissen fortnahm, schnappte zwar der kleine
+Fortinbras ein paar Augenblicke verzweifelt nach Luft, fing dann
+aber sofort wieder von neuem an.
+
+"Ole!"
+
+Emprt war die kleine Mieze jetzt aufgesprungen. Das schreckliche
+Kopfkissen hatte den Kleinen von neuem zugedeckt.
+
+"Ole! Das leidst du?"
+
+"Ach was! Er wei es ganz gut, der Lmmel! Er soll nicht schreien!
+Es ist die reine Bosheit, Man bekommt das wirklich satt!"
+
+"Pfui! Ole, komm! La den alten"--Pavian.
+
+"Pa...Pa...Pa..."
+
+Der kleine Ole hatte jetzt verlegen nach seiner Uhr gesehn.
+
+"... Pavian?!!!"
+
+Endlich war der groe Thienwiebel wieder zu sich gekommen!
+
+"Hinaus, sag ich!! Hinaus!!"
+
+Aber sie waren es bereits. Einen Augenblick lang noch hrte er
+sie drauen durch die Kche tappen; dann, endlich, war nebenan bei
+ihnen die Tr zugefallen.
+
+Er stand da! Um seine Schultern die rote Bettdecke, in seiner Rechten
+das kleine blaugewrfelte Kopfkissen. Drben, in der Ofenecke,
+die reizende Ophelia.
+
+"Da! Nymphe!!"
+
+Er hatte ihr das Kissen ins Gesicht geschleudert.
+
+
+
+
+
+VI
+
+
+
+
+
+Seit ihr zweiter, unliebenswrdiger Gatte ihr vor ungefhr fnf
+Jahren auf der "Dicken Selma" treulos nach Kanada ausgerckt war,
+hatte die liebe, gute, alte Frau Wachtel keinen solchen Arger mehr
+auszustehn gehabt.
+
+Nicht blo, da seine Stiefelabstze noch berall auf dem Sofa
+deutlich zu sehn waren, nicht blo, da das Fensterkreuz von den
+dmlichen Leiterstcken, die jetzt natrlich zerbrochen unten auf
+deim Pappdach lagen, total ruiniert war, bewahre: auch die ganze
+Tapete von oben bis unten mit lfarben bekleckst! Der vermaledeite
+knirpsige Schmierpeter schien sich die ganze Zeit dran seine
+schweinschen Pinsel ausgequetscht zu haben. Pfui Deibel ja!
+
+Aber, das war ihr ganz recht! Warum hatte sie das ganze Pack
+nicht schon lngst an die Luft gesetzt! Wenn's wenigstens noch die
+verrckten Thienwiebels gewesen wren. Aber die holte ja der Satan
+nicht! Die hakten fest wie Kletten an ihr!
+
+Die alte, liebe, gute Frau Wachtel war ganz auer sich. Aber sie
+hatte wirklich Pech mit ihren Mannsleuten. Der kleine Ole hatte
+sich in der Tat nicht entbldet, ihr mit Hinterlassung einiger
+alter "Schinken", deren Darstellungsobjekte es unmglich zulieen,
+da man sie sich bers Sofa hing, auszukneifen.
+
+"Solch eine Tat, die alle Huld der Sittsamkeit entstellt, die
+Tugend Heuchler schilt, die Rosen wegnimmt von unschuldvoller Liebe
+schner Stirn und Beulen hinsetzt ... Ha!"
+
+Aber der groe Thienwiebel suchte sich jetzt vergeblich beliebt zu
+machen. Seine "Schmeichelsalb" zog nicht mehr. Frau Rosine Wachtel
+verlangte jetzt energisch ihre Miete.
+
+Heut war der Siebente: wenn ihr bis zum Vierzehnten nicht alles
+bezahlt war:--raus!!
+
+Ja!...Sterben--schlafen--nichts weiter! Und zu wissen, da ein
+Schlaf das Herzweh und die tausend Ste endet, die unsres Fleisches
+Erbteil--'s ist ein Ziel, aufs innigste zu wnschen'...Ja! dies
+war ehedem paradox! Paradox! ... Doch nun--besttigte es die Zeit!
+Armer Yorick! ...
+
+Der groe Thienwiebel fhlte, da es jetzt zu Ende war mit seiner
+Kraft. Er wollte nun arbeiten, Freund! Arbeiten! Er wollte seine
+ganze Kraft aufbieten. Er--er...er wollte ihn "suchen" gehn! "Lat
+mich! Er ist ermordet, Amalie! Er ist ermordet!" ...
+
+Er hatte sich jetzt wieder seinen alten, olivengrnen Leibrock
+zurechtgeflickt und trieb sich nun ganze Tage lang im Hafenviertel
+umher.--"Ha! Tot?! Fr 'nen Dukaten, tot?!"
+
+...Er hatte wieder eine prachtvolle Ausrede. Ein BBubenstck!
+Er brauchte jetzt kaum mehr die Nchte nach Hause zu kommen. Er
+schnurrte sich herum, so gut es ging. Da gab es noch--e: Kollegen!
+Leute! Leute? Pah, Stmp'rr! Aber--e...sie--e...Nun ja! Sie
+sorgten fr die Bewirtung der Schauspieler! Wetter! Es lag darin
+etwas bernatrliches! Wenn die Philosophie es nur htte ausfindig
+machen knnen! ...
+
+Aber die Philosophie machte es nicht ausfindig. Der groe Thienwiebel
+kam nie dahinter.
+
+Er hatte sich jetzt nach und nach bis unten in die Hafenspelunken
+verirrt. Mehrere Sacktrger waren bereits seine Duzbrder geworden.
+Bevor nicht "der Hahn, der als Trompete dient dem Morgen", bereits
+mehrere Male nachdrcklich gekrht hatte, kam er jetzt selten mehr
+die Treppen in die Hhe gestolpert.
+
+Amalie nhte noch immer die Trikottaillen. Der Stumpfsinn hatte
+sie nach und nach zur reinen Maschine gemacht. Die reizende Ophelia
+in ihr war jetzt endgltig begraben. Fr alle Zeiten!...Ihre Brust
+war noch schwcher geworden ...
+
+Dem kleinen Fortinbras ging es noch jmmerlicher. Sein ganzes
+Gesichtchen war jetzt dicht mit roten Pusteln betupft. Ein
+Schchtelchen Zinksalbe, zu dem sich die Familie im Anfang denn doch
+noch aufgeschwungen hatte, lag jetzt zusammengequetscht, verstaubt
+hinterm Ofen. Es war nicht mehr erneuert worden.
+
+Der groe Thienwiebel hatte nicht so ganz unrecht: Die ganze
+Wirtschaft bei ihm zu Hause war der Spiegel und die abgekrzte
+Chronik des Zeitalters.
+
+
+
+
+
+
+VII
+
+
+
+
+
+Zwlf! ...
+
+Erschpft hatte sie sich wieder auf ihrem Fubnkchen zurcksinken
+lassen. Der Ofen hinter ihr war eiskalt. Durch ihre Nachtjacke
+durch fhlte sie deutlich seine Kacheln Sie frstelte!
+
+Die letzten Tne drauen brummten und zitterten noch, das kleine
+Talglicht, das in eine leere, grne Bierflasche gesteckt dicht vor
+ihr auf dem umgekippten Kistchen mitten zwischen dem Nhzeug stand,
+knitterte in der Klte.
+
+Frau Wachtel nebenan schnarchte, der kleine Fortinbras hatte sich
+drben in seinem Korb wieder unruhig auf die andere Seite gewlzt.
+Sein Atem ging rasselnd, stoweis, als ob etwas in ihm zerbrochen
+war.
+
+Drauen auf das Fensterblech war eben wieder ein Eiszapfen geprasselt.
+Dicht davor, unterm Bett, jetzt deutlich das scharfe Nagen einer
+Maus.
+
+Zwlf!
+
+Sie hatte ihr Nhzeug wieder fallen lassen. Ihre Finger waren krumm
+zusammengezogen, sie konnte sie kaum noch aufkriegen. Um die Ngel
+herum waren sie blau angelaufen. Sie hauchte jetzt in sie hinein. Ihr
+Atem brodelte sich staubgrau um das kleine, zitternde Flmmchen.
+Eine versptete Fliege, die dicht neben dem schwarzen Docht
+in den kleinen, runden Talgkessel drunter gefallen war, verkohlte
+langsam. Ab und zu knisterte es
+
+"Halt ihn! Halt ihn! Hilfe!! Hilfe!!"
+
+Erschreckt war sie zusammengefahren.
+
+Sie sah jetzt auf. Ihr schlaffes, weies Gesicht war noch stupider
+geworden.
+
+"Hierher! Hierher! Hilfe!!"
+
+Der gelbe Lichtklecks vor ihr lie jetzt das Zimmer dahinter noch
+dunkler erscheinen. Nur vom Fenster her durch das eckige Loch in
+der Bettdecke, von drauen, das matte Schneelicht.
+
+"Hilfe! Hilfe!!"
+
+Sie war aufgesprungen und ans Fenster gestrzt. Das kleine Talglicht
+hinter ihr war erloschen. Es war umgekippt und lag jetzt unter dem
+Nhzeug.
+
+"Wchter!! Wchter!! Halt ihn!! Jonas! Jonas!!"
+
+An allen Gliedern bebend hatte sie jetzt die alte Bettdecke in
+die Hhe gerafft und suchte nun durch die wirbelnden Schneeflocken
+drauen unten auf die Strae zu sehn. Ihre Zhne klapperten vor
+Frost, die Schere, die sie noch fest in der Hand hielt, klirrte im
+Takt gegen die Scheibe.
+
+Ein paar Dachgiebel hoben sich blaugrau drben aus der Dunkelheit
+ab. Irgendwo in einem Fenster flimmerte noch ein Licht.
+
+"Hurra! Papa Svendsen! Moi'n, oller junge! Prost Neujahr!!"
+
+Sie atmete auf. Es hatte laut gelacht. Jetzt: eine barsche Stimme,
+ein Stock, der schnell noch eine Jalousie herunterrasselte, die
+ganze Gesellschaft war wieder um die Ecke.
+
+Eine kleine Weile noch horchte sie.
+
+Ab und zu von den Dchern, polternd, der Schnee, in der Ferne,
+leise, ein Schlittenglckchen.
+
+Sie hatte die Decke wieder fallen lassen.--
+
+Einen Augenblick lang stand sie da! Das ganze Zimmer war jetzt
+schwarz. Nur hinter ihr, matt durch die Decke, das Schneelicht.
+
+Sie tappte sich auf den Tisch zu.
+
+Gegen die Kante stie sie. Ein Flschchen war umgeklirrt, es roch
+nach Spiritus. Das Zndholzschchtelchen hatte jetzt geraschelt,
+es flackerte auf! Sie leuchtete ber den Tisch hin. Der schmale
+Goldrand um die kleine Photographie glitzerte. Die Nachtlampe stand
+auf dem alten, aufgeklappten Buch mitten zwischen dem Geschirr.
+
+Jetzt ein leises Sprhn und Knistern, der Docht hatte gefangen.
+ber ihr, gro an der Decke, ihr Schatten.
+
+Frau Wachtel nebenan schnarchte, der kleine Fortinbras sthnte.
+
+Sie hatte sich jetzt auf den Bettrand gesetzt. Die beiden Zipfel
+des Kopfkissens, das sie um ihre Schultern gepackt hatte, drckte
+sie vorn mit ihrem Kinn fest gegen ihre Brust zusammen. Ihre Arme
+hatten sich gegen ihren Leib gekrampft, ihre hochgezogenen Knie
+waren eng aneinandergepret. Sie zitterte ber den ganzen Krper!
+Ihr Gesicht hatte sich verzerrt, stumpf stierte sie vor sich hin.
+Die Schere, die ihr vorhin vom Tisch runtergekippt war, lag unten
+vor ihr auf den grauen Dielen. Sie flinkerte.
+
+Das Lmpchen auf dem Tisch hatte jetzt leise zu zittern angefangen,
+die hellen, langgezogenen Kringel, die sein Wasser oben quer ber
+die Decke und ein Stck Tapete weg gelegt hatte, schaukelten. Das
+Geschirr um das Glas hob sich schwarz aus ihnen ab. Die Kaffeekanne
+reichte bis ber die Decke.
+
+"Brrr...Ae!"
+
+Ihre Pantoffeln waren jetzt unter den Tisch geflogen, sie hatte
+sich hastig unter das Deckbett gekuschelt.
+
+Die weien Lichtringe fluteten und fluteten, das l auf dem Tisch
+knatterte leise, ein kleines Fnkchen war eben von seinem Docht
+abgespritzt und schwamm nun schwarz in der dicken, goldgelben Masse.
+
+Unter dem Deckbett drben lag es jetzt wie ein Klumpen. An einer
+Stelle sah noch ihr Unterrock vor ...
+
+"Still, Hund!...Ae!"
+
+Er hatte sich jetzt seinen alten Zylinder, auf dem noch der dicke
+Schnee lag, vom Kopf gerissen und feuerte ihn nun wtend drben
+in die dunkle, schreiende Ecke, wo der Korb stand. Die Tr hinter
+ihm war drhnend ins Schlo gekracht.
+
+"Niels!!"
+
+Das Deckbett, das jetzt quer auf den Dielen lag, hatte zur Hlfte
+den Stuhl mitgerissen. Sie kniete aufrecht mitten im Bett. Ihre
+Nachtjacke vorn hatte sich ihr bis oben unter die Arme verschoben,
+ihr Haar hing in Strhnen um ihr Gesicht.
+
+"Halt's Maul! Fang nicht auch noch an!"
+
+Er hatte sich jetzt auch seinen alten, abgeschabten Rock
+runtergezerrt. Das kleine Spiegelchen ber der Kommode, gegen das
+er ihn geschleudert hatte, war runtergeschurrt und lag nun zersplittert
+auf dem blinkernden Wachstuch.
+
+"Na, wird's bald?!"
+
+Der kleine Fortinbras jappte nur noch.
+
+"Na?!...Dein Glck, Kanaille!..."
+
+Seine Stiefeln waren jetzt dumpf gegen die kleine Kiste neben dem
+Ofen gebullert. Der aufgeschlammte Schnee dran war na gegen die
+Kacheln geplatscht. Er suchte jetzt nach den Pantoffeln.
+
+"Ach was! Halt dein Maul, sag ich!...Die Ohren vollplrren...Knnte
+mir noch grade passen!...Sind die Sachen gepackt?!"
+
+Das Schnarchen nebenan hatte aufgehrt. Es schubberte jetzt deutlich
+gegen die Tr.
+
+"Ob du gepackt hast?!"
+
+"Nein, Niels...ich.."
+
+Sie stotterte!
+
+
+Man hat ja mal wieder zur Abwechslung die Schwindsuchtl...Bitte,
+genieren Sie sich nicht, Frau Wachtel! Treten Sie nher! Heute
+geht's ja woll noch!"
+
+Sein Schatten, der bis dahin kreuz und quer ber die weie Decke
+geschossen war, war jetzt verschwunden. Er hatte sich unter den
+Tisch gebckt.
+
+Vom Bett her hatte es eben laut zu husten angefangen.
+
+"Ach, du mein lieber Gott'...Ach Gott! Ach Gott! Die arme Frau!"
+
+Sie hatte jetzt ihr Gesicht in das Kissen gepret und weinte.
+
+"Nu ja! Nu ja! Nu heul doch noch'n bichen! Das ist ja deine Force!
+Weiter kannste ja woll nischt!"
+
+Er war eben in die Pantoffeln gefahren und suchte nun auf dem Tisch
+herum. Ein Messer klapperte gegen die Kochmaschine, eine Tasse war
+umgekippt.
+
+"Natrlich! Keen Fippschen mehr! Fr deine Schwind sucht hast du
+ja noch'n janz juten Appetit! ... Herrlich Das tut immer, als ob
+es Poten saugt, uund frit ein'm die Haare vom Kopp runter!"
+
+Er hatte sich seine Fuste in die Hosentaschen gestopft und schnaubte
+nun im Zimmer auf und ab.
+
+"So'ne Zucht! So eine--Zucht!!"
+
+Er hatte mit dem Fu in die kleine, hohle Kiste mit dem Nhzeug
+gestoen. Die Flasche war auf den Boden geschlagen, das Licht bis
+unters Bett gekullert.
+
+"Lcherlich!"
+
+Er hatte jetzt auch noch die Flasche druntergestoen. "Lcherlich!!...Wirst
+du still sein?!!"
+
+Der kleine Fortinbras hatte wieder laut zu schreien angefangen.
+
+"Bestie!"
+
+Mit einem Satz war er auf den Korb zu.
+
+"Bestie!!"
+
+Das Geschrei war wieder wie abgeschnitten.
+
+"Alberne Komdie!"
+
+Er hatte sich jetzt wieder nach dem Bett zu gedreht. Seine Fuste
+waren geballt. Unter den Kissen hervor hatte es deutlich geschluchzt.
+
+"Alte Heulsuse!"
+
+Die beiden dicken Falten um seine Nase waren jetzt noch tiefer
+geworden, zwischen seinen verzerrten Lippen blitzten seine breiten
+Zhne auf.
+
+"Ae!!"
+
+ber seinen Rcken war ein Frsteln gelaufen.
+
+"So'ne Klte!"
+
+Er rckte sich jetzt geruschvoll den Stuhl zurecht.
+
+"So'ne Klte!! Nich mal'n paar lump'je Kohlen hat das! So'ne
+Wirtschaft!"
+
+Seine Socken hatte er jetzt runtergestreift, der eine war mitten
+auf den Tisch unter das Geschirr geflogen.
+
+"Na?! WiIlste so gut sein?!"
+
+Sie drckte sich noch weiter gegen die Wand.
+
+"Na! Endlich!"
+
+Er war jetzt zu ihr unter die Decke gekrochen, die Unterhosen hatte
+er anbehalten.
+
+"Nicht mal Platz genug zum Schlafen hat man!"
+
+Er reckte und dehnte sich.
+
+"So'n Hundeleben! Nicht mal schlafen kann man!"
+
+Er hatte sich wieder auf die andre Seite gewlzt. Die Decke von
+ihrer Schulter hatte er mit sich gedreht, sie lag jetzt fast blo
+da.
+
+
+
+Das Nachtlmpchen auf dem Tisch hatte jetzt zu zittern aufgehrt.
+
+Die beschlagene, blaue Karaffe davor war von unzhligen Lichtpnktchen
+wie berst. Eine Seite aus dem Buch hatte sich schrg gegen das Glas
+aufgeblttert. Mitten auf dem vergilbten Papier hob sich deutlich
+die fette Schrift ab: "Ein Sommernachtstraum". Hinten auf der Wand,
+bers Sofa weg, warf die kleine, glitzernde Photographie ihren
+schwarzen, rechteckigen Schatten.
+
+Der kleine Fortinbras rchelte, nebenan hatte es wieder zu schnarchen
+angefangen.
+
+"So'n Leben! So'n Leben!"
+
+Er hatte sich wieder zu ihr gedreht. Seine Stimme klang jetzt weich,
+weinerlich.
+
+"Du sagst ja gar nichts!"
+
+"Sie schluchzte nur wieder.
+
+"Ach Gott, ja! So'n...Ae!! ..."
+
+Er hatte sich jetzt noch mehr auf die Kante zu gerckt.
+
+"Is ja noch Platz da! Was drckste dich denn so an die Wand! Hast
+du ja gar nicht ntig!"
+
+Sie schttelte sich. Ein fader Schnapsgeruch hatte sich allmhlich
+ber das ganze Bett hin verbreitet.
+
+"So ein Leben! Man hat's wirklich weit gebracht! ... Nu sich noch
+von so'ner alten Hexe rausschmeien lassen! Reizend!! Na, was macht
+man nu? Liegt man mor gen auf der Strae!...Nu sag doch?"
+
+Sie hatte sich jetzt noch fester gegen die Wand gedrckt. Ihr
+Schluchzen hatte aufgehrt, sie drehte ihn den Rcken zu.
+
+"Ich wei ja! Du bist ja am Ende auch nicht schuld dran! Nu sag
+doch!"
+
+Er war jetzt wieder auf kann zugerckt.
+
+"Nu sag doch!...Man kann doch nicht so--verhungern?!"
+
+Er lag Jetzt dicht hinter ihr.
+
+"Ich kann Ja auch nicht dafr!...Ich bin ja gar nicht so! Is auch
+wahr! Man wird ganz zum Vieh bei solchem Leben! ... Du schlfst
+doch nicht schon?"
+
+Sie hustete.
+
+"Ach Gott, ja! Und nu bist du auch noch so krank! Und das Kind!
+Dies viele Nhen...Aber du schonst dich ja auch gar nicht...ich
+sag's ja!"
+
+Sie hatte wieder zu schluchzen angefangen.
+
+"Du--httest--doch lieber,--Niels.."
+
+"Ja...ja! Ich seh's ja jetzt ein ! Ich htt's annehmen sollen! Ich
+htt' ja spter immer noch...ich seh's ja ein! Es war unberlegt!
+ich htte zugreifen sollen! Aber--nu sag doch!!"
+
+"Hast du ihn--denn nicht...denn nicht--wenigstens zu--Haus getroffen?"
+
+"Ach Gott, ja, aber...aber, du weit ja! Er hat ja auch nichts!
+Was macht man nu blo? Man kann sich doch nicht das Leben nehmen?!"
+
+Er hatte jetzt ebenfalls zu weinen angefangen.
+
+"Ach Gott! Ach Gott!."
+
+Sein Gesicht lag jetzt mitten auf ihrer Brust., Sie zuckte!
+
+"Ach Gott! Ach Gott!!"
+
+Der dunkle Rand des Glases oben quer ber der Decke hatte wieder
+unruhig zu zittern begonnen, die Schatten, die das Geschirr warf,
+schwankten, dazwischen glitzerten die Wasserstreifen.
+
+
+
+"Ach, nich doch Niels! Nich doch! Das Kind--ist ja schon wieder
+auf! Das--Kind schreit ja! Das--Kind, Niels!...Geh doch mal hin!
+Um Gottes willen!!" Ihre Ellbogen hinten hatte sie jetzt fest in
+die Kissen gestemmt, ihre Nachtjacke vorn stand weit auf.
+
+Durch das dumpfe Gegurgel drben war es jetzt wie ein dnnes,
+heisres Gebell gebrochen. Aus den Lappen her whlte es, der ganze
+Korb war in ein Knacken geraten.
+
+"Sieh doch mal nach!!"
+
+"Natrlich! Das hat auch grade noch gefehlt! Wenn das Balg doch
+der Deuwel holte! ..."
+
+Er war jetzt wieder in die Pantoffeln gefahren.
+
+"Nicht mal die Nacht mehr hat man Ruhe! Nicht mal die Nacht mehr!!"
+
+Das Geschirr auf dem Tisch hatte wieder zu klirren begonnen, die
+Schatten oben ber die Wand hin schaukelten.
+
+"Na? Du!! Was gibt's denn nu schon wieder? Na?...Wo ist er denn?...Ae,
+Schweinerei!"
+
+Er hatte den Lutschpfropfen gefunden und wischte ihn sich nun an
+den Unterhosen ab.
+
+"So'ne Klte! Na? Wird's nu bald? Na? Nimm's doch, Kamel! Nimm's
+doch! Na?!"
+
+Der kleine Fortinbras jappte!
+
+Sein Kpfchen hatte sich ihm hinten ins Genick gekrampft, er bohrte
+es jetzt verzweifelt nach allen Seiten.
+
+"Na? Willst du nu, oder nich?!--- Bestie!!"
+
+"Aber--Niels! Um Gottes willen! Er hat ja wieder den--Anfall!"
+
+"Ach was! Anfall!--- Da! Fri!!"
+
+"Herrgott, Niels..."
+
+"Fri!!!"
+
+"Niels!"
+
+"Na? Bist du--nu still? Na?--Bist du--nu still? Na?! Na?! "
+
+"Ach Gott! Ach Gott, Niels, was, was--machst du denn blo?! Er,
+er--schreit ja gar nicht mehr! Er...Niels!!"
+
+Sie war unwillkrlich zurckgeprallt. Seine ganze Gestalt war
+vornber geduckt, seine knackenden Finger hatten sich krumm in den
+Korbrand gekrallt. Er stierte sie an. Sein Gesicht war aschfahl.
+
+"Die... L-ampe! Die...L-ampe! Die...L-ampe!"
+
+"Niels!!!"
+
+Sie war rcklings vor ihm gegen die Wand getaumelt.
+
+"Still! Still!! K--lopft da nicht wer?"
+
+Ihre beiden Hnde hinten hatten sich platt ber die Tapete gespreizt,
+ihre Knie schlotterten.
+
+"K--lopft da nicht wer?"
+
+Er hatte sich jetzt noch tiefer geduckt. Sein Schatten ber ihm
+pendelte, seine Augen sahen jetzt pltzlich wei aus.
+
+Eine Diele knackte, das l knisterte, drauen auf die Dachrinne
+tropfte das Tauwetter.
+
+Tipp...............................................
+ ...............Tipp .....................................
+
+... Tipp .............................................
+
+................. Tipp..................................
+............................................
+
+Acht Tage spter balancierte der kleine, buckelige Bckerjunge
+Tille Topperholt seinen Semmelkorb pfeifend durch das dunkle,
+dichtverschneite Severingchen nach dem Hafen runter. Die Witterung
+hatte wieder umgeschlagen, seine kleine Stupsnase sah zum Erbarmen
+blau aus.
+
+"Heil dir, Svea! Mutter fr uns alle!"
+
+Es hatte gerade fnf geschlagen. Vor dem neuen, groen Schnapsladen
+an der Ecke der Petrikirche stolperte er. Jesus! Seine Semmeln
+waren ihm in den Rinnstein geflogen, er war mitten in den Schnee
+geschlagen, Aber er nahm sich nicht einmal die Zeit, sie wieder
+aufzulesen. Er kam erst wieder zur Besinnung, als er sich bereits
+drben am Jakobiplatz mit beiden Hnden an die groe, dick beeiste
+Glocke gehngt hatte, die denn auch sofort oben die ganze Polizeiwache
+alarmierte. Jesus! Jesus!!
+
+Als der dicke Sieversen dann endlich angestapft kam, konstatierte
+er, da der Mann erfroren war. "Erfroren durch Suff!" Seinen
+zerbeulten Zylinder hatte ihm der kleine, buckelige Tille vorhin
+grade gegen die Laterne gequetscht. Aus seinen zerlumpten, apfelgrnen
+Frackschen sah noch die Flasche.
+
+Wohlan, eine pathetische Rede!
+
+Es war der groe Thienwiebel.
+
+Und seine Seele? Seine Seele, die ein unsterblich Ding war?
+
+Lirumn, Larum! Das Leben ist brutal, Amalie! Verla dich
+drauf! Aber--es war ja alles egal! So oder so!
+The Project Gutenberg Etext of Papa Hamlet
+by Arno Holz and Johannes Schlaf
+******This file should be named 8papa10.txt or 8papa10.zip******
+
+Corrected EDITIONS of our etexts get a new NUMBER, 8papa11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8papa10a.txt
+
+etext created by Norman Werner and proofed by William Fishburne
+
+***
+
+More information about this book is at the top of this file.
+
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+Most people start at our Web sites at:
+https://gutenberg.org or
+http://promo.net/pg
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+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/eBook03 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/eBook03
+
+Or /eBook02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
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+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
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+[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
+ gross profits you derive calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. If you
+ don't derive profits, no royalty is due. Royalties are
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+ let us know your plans and to work out the details.
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+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
+public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form.
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+The Project gratefully accepts contributions of money, time,
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+If you are interested in contributing scanning equipment or
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+hart@pobox.com
+
+[Portions of this header are copyright (C) 2001 by Michael S. Hart
+and may be reprinted only when these eBooks are free of all fees.]
+[Project Gutenberg is a TradeMark and may not be used in any sales
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+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
+
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+End of The Project Gutenberg Etext of Papa Hamlet
+by Arno Holz and Johannes Schlaf
+
diff --git a/old/old-2024-06-13/4601-8.zip b/old/old-2024-06-13/4601-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..48a0167
--- /dev/null
+++ b/old/old-2024-06-13/4601-8.zip
Binary files differ