diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:23:47 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:23:47 -0700 |
| commit | 98518e498ae3803d6d7636d6a8d9f1f94f6736d9 (patch) | |
| tree | 6b170be4dc1744f7f478c3a3a20dac8292e8b1cc | |
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 3 | ||||
| -rw-r--r-- | 4601-0.txt | 1962 | ||||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 | ||||
| -rw-r--r-- | old/7papa10.zip | bin | 0 -> 36190 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/8papa10.zip | bin | 0 -> 36530 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/old-2024-06-13/4601-0.txt | 2348 | ||||
| -rw-r--r-- | old/old-2024-06-13/4601-8.txt | 2348 | ||||
| -rw-r--r-- | old/old-2024-06-13/4601-8.zip | bin | 0 -> 36467 bytes |
9 files changed, 6674 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/4601-0.txt b/4601-0.txt new file mode 100644 index 0000000..f2bd0da --- /dev/null +++ b/4601-0.txt @@ -0,0 +1,1962 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 4601 *** + +PAPA HAMLET + +von Arno Holz/Johannes Schlaf + +1889 + + + + + +I + + + + +Was? Das war Niels Thienwiebel? Niels Thienwiebel, der große, +unübertroffene Hamlet aus Trondhjem? Ich esse Luft und werde mit +Versprechungen gestopft? Man kann Kapaunen nicht besser mästen?... + +"He! Horatio!" + +"Gleich! Gleich, Nielchen! Wo brennt's denn? Soll ich auch die +Skatkarten mitbringen?" + +"N...nein! Das heißt..." + +--"Donnerwetter noch mal! Das, das ist ja eine, eine--Badewanne!" + +Der arme kleine Ole Nissen wäre in einem Haar über sie gestolpert. +Er hatte eben die Küche passiert und suchte jetzt auf allen vieren +nach seinem blauen Pincenez herum, das ihm wieder in der Eile von +der Nase gefallen war. + +"Hä? Was? Was sagste nu?!" + +"Was denn, Nielchen? Was denn? + +"Schafskopp!" + +"Aber Thiiienwiebel!" + +"Amalie?! Ich..." + +"Ai! Kieke da! Also döss!" + +"Hä?! Was?! Famoser Schlingel! Mein Schlingel! Mein Schlingel, +Amalie! Hä! Was?" + +Amalie lächelte. Etwas abgespannt. + +"Ein Prachtkerl!" + +"Ein Teufelsbraten! Mein Teufelsbraten! Mein Teufelsbraten! Hä! +Was, Amalie? Mein Teufelsbraten!" + +Amalie nickte. Etwas müde. + +"Ja doch, Herr Thienwiebel! Ja doch!" + +Aber Frau Wachtel mühte sich vergeblich ab. Herr Thienwiebel, der +große, unübertroffene Hamlet aus Trondhjem, wollte seinen Teufelsbraten +nicht wieder loslassen. + +"Hä, oller junge? Hä?" + +"In der Tat, Nielchen! In der Tat, ein... ein... Prachtinstitut! +Ein Prachtinstitut!" + +"Hoo, hoo, hoo, hopp!! Hoo, hoo, hoo, hopp Bumm!!!" + +Der große Thienwiebel schwelgte vor Wonne. Er hatte sich jetzt +sogar auf ein Bein gestellt. Hinten aus seinem karierten Schlafrock +klunkerten die Wattenstücken. + +"Aber Thiiienwiebel!"-- + + + + + +II + + + + +"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im +Gemüt, die Pfeil' und Schleudern Des wütenden Geschicks erdulden, +oder...oder?... Scheußlich! Der große Thienwiebel hielt wieder +inne. + +"Nicht zum Aushalten das! Nicht zum Aushalten!!" + +Die fünf kleinen gelben Lappen hinter dem Ofen die dort an einer +Waschleine zum Trocknen aufgehängt waren, hatten ihn wieder total +aus dem Konzept gebracht, + +"Ekelhaft!" + +Er hatte sich jetzt, die Hände in seinen Schlafrocktaschen vergraben, +erbittert vor das Fenster aufgepflanzt. + +Der Himmel drüben über den Dächern war tiefblau; in den nassen +Dachrinnen, von denen noch gerade der letzte Schnee tropfte, zankten +sich bereits die Spatzen; es war ein prachtvolles Wetter zum Ausgehn. + +"Armer Yorick!" + +Noch um eine Nuance verdüsterter hatte sich jetzt der große +Thienwiebel wieder rücklings über das kleine, niedrige, mit blauem +Kattun überspannte Sofa geworfen und starrte nun über die Spitzen +seiner grünen, ausgetretenen Pantoffeln weg melancholisch zu Amalien +hinüber. + +Ihre dünnen lehmfarbenen Haare waren noch nicht gemacht, ihre Nachtjacke +schien heute schmutziger als sonst und stand vorn natürlich wieder +offen; der kleine rote Spießbürger, den sie, auf ihr Fußbänkchen +gekauert, nachlässig aus einem Gummischlauch säugte, sah auf einmal +häßlich aus wie ein kleiner Frosch. + +"Armer Yorick!" + +Herr Thienwiebel hatte sich seufzend erhoben und setzte jetzt seine +Wanderung von vorhin wieder fort. + +"...oder? oder... Sich waffend gegen eine See von Plagen, Durch +Widerstand sie enden. --Sterben--schlafen--Nichts weiter!--" + +Vor dem Fenster konnte er sich jetzt wieder nicht versagen, eine +kleine Pause zu machen. + +Die Sonne draußen ging gerade unter. Die Dächer sahen fuchsrot aus. +Aber ein Blick auf seinen alten, abgenutzten Schlafrock unten ließ +ihn sich wieder zusammennehmen und seinen Monolog von neuem beginnen. + +"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im Gemüt +Ae, Quatsch!!" + +Mit einem Ruck war jetzt der Shakespeare, den er sich eben aus +seiner Schlafrocktasche gerissen, auf den Tisch geflogen, wo er +die Gesellschaft einer Spirituskochmaschine, eines braunirdenen +Milchtopfs ohne Henkel, eines alten, berußten Handtuchs, einer Glaslampe +und einer Photographie des großen Thienwiebel in Morarahrnen vorfand. + +"He! Horatio! Horatio!!... Nicht zu Hause! Nicht zu Hause..." + +Total vernichtet hatte er sich jetzt wieder auf das Sofa +zurückgeschleudert und vertiefte sich nun in den tragischen Anblick +eines schmutzigen Kinderhemdchens, das neben einer geplatzten +Schachtel schwedischer Zündhölzchen vor ihm unten auf dem Fußboden +lag. + +"Verwünscht! Wenn man wenigstens mal ausgehn könnte, Amalie! Aber +ich fürchte...ich fürchte...die Welt ist nicht vorurteilsfrei genug, +um einen Niels Thienwiebel im Schlafrock und Zylinder unbehelligt +seines Weges dahingehn zu lassen!" + +Aber Amalie antwortete nicht einmal. Der kleine Krebsrote nahm +ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sein Lutschen zog jetzt den +ganzen Schlauch zusammen. + +"Ja! Es ist so! Es ist so, Amalie! Aber sie schreiben mir noch +immer nicht! Sie haben da Leute, Leute--Leute? Pah! Stümp'rr! 0 +Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist!" + +jetzt hatte Amalie, die dies Thema bereits kannte, etwas aufgesehn. + +"Ja...es wäre am Ende doch gut, wenn du einmal ..." + +Ihre Stimme klang heiser, belegt. + +"Ja, so wird es kommen! Vielleicht...bei meiner Schwachheit und +Melancholie..." + +Der kleine Krebsrote schmatzte! Seine Flasche war jetzt so gut wie +leer. + +"Ich werde selbst hingehn müssen und fürliebnehmen mit dem, was +man mir anzubieten wagt! Das Leben ist brutal, Amalie! Verflucht! +Wenn man wenigstens einen Rock zum Ausgehen hätte!" + +Sein Tenor war jetzt übergeschnappt, er hatte sich wieder lang über +das Sofa zurückgeeselt. + +Große Pause... + +Die Dächer draußen hatten sich allmählich braun gefärbt. Die Sonne +an dem großen runden Schornstein drüben war verblichen. + +Frau Thienwiebel fing jetzt hinten in ihrer Ecke zu husten an. + +"Herr Gott, Niels! Ich muß ja inhalieren! Da, nimm doch mal das +Kind!" + +"Natürlich! Auch noch Kinderfrau! Oh, Ich reiße Possen wie kein +andrer! Was kann ein Mensch auch andres tun als lustig sein? Still, +Krabbe!! " Der kleine Krebsrote schwieg wieder. Er war noch nie so +verblüfft gewesen. + +"Da! Nimm's! Kau's! Friß! Verschluck's!" + +Der große Thienwiebel hatte es jetzt sogar über sich gewonnen, seinem +ungeratnen Sprößling auch den Schnuller in den Mund zu stopfen. +Mehr war unmöglich zu verlangen! + +Amalie hatte unterdessen die Ofenröhre aufgemacht und entnahm ihr +jetzt einen kleinen, grünglasierten Kochtopf. Ein nach Salbei +duftender Brodem entstieg ihm. Nachdem sie dann noch das kleine +Geschirr neben den Ofen auf einen Stuhl und sich selbst auf die +Fußbank davor gesetzt hatte, machte sie jetzt ihren Mund auf und +atmete das heiße Zeug langsam ein. + +Der große Thienwiebel, der sich unterdes mit seinem impertinenten +kleinen Krebsroten auf die Tischkante placiert hatte, sah ihr +nachdenklich zu. + +"Hm! Weißt du, Amalie? + +"Hm??" + +"Weißt du? Wir haben eigentlich eine ganz falsche Methode, das Kind +zu nähren, Amalie!" + +"Ach was!" + +"Ich sage, eine Methode! Eine verkehrte Methode, Amalie!" + +"Aber..." + +"Verlaß dich drauf! Eine unnatürliche, Amalie!" + +"Ja, du lieber Gott..." + +"Eine unnatürliche...Wir sollten das Kind nicht mit der Flasche +tränken!" + +"Nich? Na, womit denn sonst?" + +"Du selbst solltest es eben tränken!" + +"Ich?" + +"Gewiß, Amalie!" + +"Ach lieber Gott! Ich! Selbst!". + +"Nun! Warum nicht?" + +"Ich?? Bei meiner schwachen, kranken Brust jetzt?" + +"Ach was! Das bildest du dir ja nur ein, Amalie! Ich sage die, du +bist völlig gesund. Du bist völlig gesund, sag ich!...Übrigens: +Ein Kind kann ein für allemal nur dann gedeihen, wenn es die Mutter +selbst säugt!" + +Herr Thienwiebel war jetzt ganz eifrig geworden. Seine Langeweile +von vorhin schien er völlig vergessen zu haben. Er schien es sogar +nicht bemerkt zu haben, daß dem kleinen zappelnden Wurm auf seinen +Knien der Schnuller wieder heruntergekullert war. + +"Verlaß dich drauf, Amalie! Ich sage, die natürlichste Methode +ist immer die beste! Denk doch mal: was sollten denn sonst die +Negerweiber anfangen! Sie haben keine Flaschen! Sie nähren ihre +Kinder selbst, siehst du...und,und--nun ja! Und sie gedeihen dabei! +Gedeihen! Na?" + +"Ja, Niels, aber ich bin doch kein Negerweib!" + +Der große Thienwiebel lächelte überlegen. + +"Ja nun, du mußt...hehe! Du mußt mich eben verstehn, Amalie! He!" + +Amalie hatte sich wieder tief über ihren Salbeitopf gebückt. + +"Ich wollte dir damit eben nur durch ein...ein...nun sagen wir durch +ein Beispiel, andeuten, daß das Natürlichste immer das Vernünftigste +ist. Ich sehe eben durchaus nicht ein, warum die Negerweiber etwas +vor uns voraushaben sollten!" + +"Aber sie sind gesund!" + +"Ach was! Das bildest du dir ja nur ein, Amalie, daß du krank bist!" + +"Ich?" + +"Allerdings, Amalie! Ich behaupte..." + +Amalie war jetzt ein wenig ungeduldig geworden. + +"Ach was! Laß lieber das Kind nicht so schrein!" + +"Auch das ist wieder nur so ein Vorurteil von dir, Amalie! Was schadet +das! Ich habe gelesen, es ist nichts gesünder! Die Lungen weiten +sich dabei! Aber -- e...wie gesagt! Du solltest das Kind selbst +tränken! Die heutige Kultur freilich, die Kultur der europäischen +Welt..." + +Die Kultur überging Amalie. Sie hielt sich nur an die Ermahnungen, +die sie nun schon so oft zu hören bekommen hatte. + +"So! So! Jawoll doch! Gewiß! Bei unserm Leben! Den ganzen Tag lebt +man von Kaffee und Butterbrot! Ich möchte wissen, wie das arme Wurm +dabei gedeihen sollte!" + +"Ha! Zu leben im Schweiß und Brodem eines eklen Betts, gebrüht in +Fäulnis, buhlend und sich paarend über dem garst'gen Nest! Nicht +wahr? Du willst damit sagen, daß ich an unsrer Lage schuld bin, +Amalie!" + +"Na! Etwa ich?" + +"Weib!!" + +"Moi'n!" + +Die Tür, an der es schon eine ganze Weile vergeblich geklopft hatte, +wurde in diesem Augenblick weit aufgestoßen, und herein, in seinem +ewigen Havelock, der vor Zeiten wahrscheinlich einmal hechtgrau +gewesen war, den ungeheuren schwarzen Schlapphut tief in das kleine +fidele, blasse Gesichtchen gedrückt, tänzelte jetzt der kleine Ole +Nissen. + +"Moi'n! Also laßt euch nicht stören, Kinder! Bitte, bitte! Keine +Umstände, Nielchen! Keine Umstände! Weiß schon! Probiert 'ne neue +Szene ein! Also, wie gesagt ... Donnerwetter! Ist das Biest hart!" + +Er hatte sich eben mitten auf das kleine Kattun'ne plumpsen lassen +und dabei wieder in einem Haar seine Ägypter verloren, die er schief +zwischen die Zähne geklemmt hielt. + +"Also, wie gesagt! Laufe da eben ganz trübselig den Hafendamm +runter. Hä? Und wer begegnet mir da? Der Kanalinspektor! Na, wer +denn sonst? Der Kanalinspektor natürlich! Nobel verheiratet, Villa +in Bratsberg, no! etc. pp. Könnt euch ja denken! Schleift mich +also natürlich sofort zu Hiddersen und läßt vorfahren... Na, oller +Junge? Wie geht's?... Faul! sag ich also natürlich. Faul!...Hm! +Weißte was? KKönntest eigentlich meine Alte porträtieren!...Hm! Mit +Jenuß, Kind! Mit Jenuß! Aber--e...Farben, siehst du--he, Leinwand, +Rahmen also...Hä! Was? Nobles Putthuhn!!" + +Ole Nissen ließ jetzt die schönen, noblen Kronen in seinen Taschen +nur so klimpern. + +"Frau Wach-tel! Frau Wachtell!! Frau Wach-tellll!!!" + +Das Haus Thienwiebel schwamm wieder in Wonne. Sein Krach war wieder +auf eine Weile verschoben. + +"Hä! Und dies? Ist das Butter? Und dies? Hä? Ist das Schinken? Hä? +Und dies? Hä? Platz für das Silberzeug! Silentium!!" + +Der kleine Ole war heute wieder ganz aus dem Häuschen... + +Nachdem das "Silberzeug" dann endlich abgeräumt und die Punschbowle +zu zwei Dritteln bereits geleert war, mußte Frau Wachtel sogar noch +die Skatkarten "ranschleifen". Es war einfach herrlich! Der große +Thienwiebel hatte seinen türkischen Fez auf, Ole Nissen bot seine +Ägypter sogar galant der alten Madame Wachtel an, die sich aber +empört von ihnen wieder in ihre Küche zurückflüchtete, Amalie +rauchte tapfer mit. Ihre alten Opheliajahre waren wieder lebendig +in ihr geworden. + +"Ach, Thienwiebel! Niels!! Geliebter!!!" + +Der große Thienwiebel stand da und weinte. + +"Bin ich 'ne Memm'?--Ha! Rauft mir den Bart und werft ihn mir ins +Antlitz! Nein, reizende Ophelial Nein! Weine nicht! Mein Schicksal +ruft und macht die kleinste Ader meines Leibes so fest als Sehnen +des Nemeerlöwen!... Was, alter Jephta?...Nein, glaube nicht, daßich +dir schmeichle! Was für Befördrung hoff ich wohl von dir, der keine +Rent' als seinen muntren Geist, um sich zu nähren und zu kleiden +hat!" + +Seine Stimme brach ab, die Hand, die er ihm auf die Schulter gelegt +hatte, zitterte.-- + +Zuletzt, als die alte Glaslampe nur noch wie eine kleine Ölfunzel +brannte und die prachtvollen Ägypter um ihre grüne Glocke einen +schönen, silbergrauen, fingerdicken Nebelring gelegt hatten, wurde +auch der kleine Ole Nissen gerührt. + +Er hatte sich nach und nach zu der reizenden Ophelia auf das +kleine, blaue Kattunüberzogene gedrängt und titulierte sie nur +noch "Miezchen". Jetzt hatte er endlich auch ihre Hände zu fassen +bekommen und bedeckte sie nun mit seinen Küssen. + +Der große Thienwiebel erhob keine Einsprache. Er hatte segnend seine +Hände über sie gebreitet und konnte sein Herz nur noch stammelnd +ausschütten. + +"Der Kreis hier weiß, ihr hörtet's auch gewiß, wie ich mit schwerem +Trübsinn bin geplagt!" + +Der kleine Krebsrote hinten in seiner Ecke hatte unterdessen seine +Not mit sich gehabt. Schon verschiedene Male hatte er sich in den +Schlaf geweint. Jetzt aber war er wieder aufgewacht und konnte +absolut nicht mehr seinen Gummipfropfen finden. Die reizende Ophelia +hörte ihn nicht. Sie war längst in ihrer Sofaecke eingeschlafen. +Er schrie jetzt, als ob er am Spieße stak. + +Der große Thienwiebel hatte natürlich erst recht keine Zeit für +den Schurken. Er hatte den kleinen Ole Nissen, der jetzt kaum noch +seine kleinen, wasserblauen Augen aufhalten konnte, vorn an seinem +Rockkragen zu packen bekommen und deklamierte nur wieder: + +"Er ist eine Elster, Horatio! Eine Elster! Aber, wie ich dir sagte, +mit weitläufigen Besitzungen von--Kot gesegnet!" + + + + + +III + + + + +Es war nicht anders! Aber er hegte Taubenmut, der große Thienwiebel, +ihm fehlte es an Galle... + +Er hatte seit kurzem--er wußte nicht wodurch?--all seine Munterkeit +eingebüßt, seine gewohnten Übungen aufgegeben, und es stand in der +Tat so übel um seine Gemütslage, daß die Erde, dieser treffliche Bau, +ihm nur ein kahles Vorgebirge schien. Dieser herrliche Baldachin, +die Luft, dieses majestätische Dach mit goldnem Feuer ausgelegt: +kam es ihm doch nicht anders vor als ein fauler, verpesteter Haufe +von Dünsten. Welch ein Meisterwerk war der Mensch! Wie edel durch +Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung +wie bedeutend und wunderwürdig im Handeln, wie ähnlich einem Engel; +im Begreifen, wie ähnlich einem Gotte; die Zierde der Welt! Das +Vorbild der Lebendigen! Und doch: was war ihm diese Quintessenz +vom Staube? Er hatte keine Lust am Manne--und am Weibe auch nicht. +Die Zeit war aus den Fugen! War es zu glauben? Aber-e-man hatte +ihm noch immer nicht geschrieben. Man war undankbar in Christiania. +Armer Yorick! + +Sterben, schlafen...vielleicht auch träumen? + +Einstweilen jedoch hatte es allen Anschein, als ob gewisse +Rücksichten das Elend des armen Yorick noch zu hohen Jahren kommen +lassen wollten. Jedenfalls wenigstens durften jetzt die naseweisen +Aktschüler unten in der Akademie den großen unübertrefflichen Hamlet +aus Trondhjem schon seit vollen vierzehn Tagen in den schönen, +langen Vormittagsstunden als sterbenden Krieger kopieren. Das war +freilich eine Entwürdigung, aber sie brachte Geld ein. Nur genügte +es leider noch nicht. + +Wenn der "arme Yorick" jetzt mittags nach Hause kam und sich +mit einem Appetit, als hätte er eben vierundzwanzig Stunden lang +ohne aufzusehn Eichenkloben zerkleinert, über die große Schüssel +herstürzte, die ihm die reizende Ophelia schon vorsorglich verdeckt, +der Photographie des großen Thienwiebel grade gegenüber, auf den +Tisch gestellt hatte, fand sich meist nur eine etwas grün angelaufene, +dünne Kartoffelsuppe drin vor, in der höchstens hie und da noch ein +paar kleine, kohlschwarze Speckstückchen schwammen. Armer Yorick!... + +Amalie schien schon seit undenklichen Zeiten ihre Nachtjacke nicht +mehr in die Waschwanne gesteckt zu haben. Wozu auch große Toilette +machen? Man war ja zu Hause. + +"Nicht wahr, Thienwiebel?" + +Der große Thienwiebel hielt es für unter seiner Würde zu antworten. +Er hatte sich eben wieder in seinen alten, bequemen Schlafrock +geworfen, aus dem die Watte freilich, ihrer nur noch geringen +Quantität halber, nicht mehr recht klunkern konnte. + +Seinen William aufgeklappt, hatte er sich jetzt wieder tiefsinnig +rücklings über das kleine Blaukattunene geworfen. + + "Oh, schmölze doch dies allzu feste Fleisch, + Zerging' und löst' in einen Tau sich auf! + Oder hätte nicht der Ew'ge sein Gebot + Gerichtet gegen Selbstmord! 0 Gott! o Gott! Wie + ekel, schal und flach und unersprießlich Scheint + mir das ganze Treiben dieser Welt! + Pfui! Pfui darüber!" + +Amalie, die sich wieder auf ihre kleine, mollige Fußbank neben den +Ofen gesetzt und eben ihre Schmalzstulle in den Kaffee gestippt +hatte, sah jetzt etwas verwundert in die Höhe. Als aber der "arme +Yorick" dann nicht mehr weiterlas und, seinen William zugeklappt, +sich jetzt sogar, ganz wider seine sonstige Gewohnheit, mit dem +Kopfe gegen die Wand gedreht hatte, wurde ihr denn doch ein wenig +unbehaglich zumut. + +Eine Weile noch überlegte sie; dann aber, endlich, hatte sie sich +entschieden. Ihre Stimme klang noch kläglicher als sonst. + +"Ich will nähen gehn, Niels." + +"Nein, Amalie! Niemals! Niemals! Das werde ich nie dulden! Das wäre +eine unverzeihliche Vernachlässigung deiner heiligsten Mutterpflichten!" + +Er war wieder empört aufgesprungen. + +"Nein, Amalie! Nie! Niemals!...Solang Gedächtnis haust in +dem...zerstörten Ball hier!" + +Er hatte sich melodramatisch vor die Stirn gestoßen. Amalie fühlte +sich wieder beruhigt und biß jetzt herzhaft in ihre Schmalzstulle... + +"Herein?" + +Es war Frau Wachtel. Sie brachte wieder die Milch für den Kleinen. + +Der große Thienwiebel hatte es sich nicht versagen können, ihn auf +den Namen Fortinbras taufen zu lassen. + +"Na, Dickerchen? Langweilste dich? Oh, mein Mäuseken! Oh!" + +Sie fand nämlich, daß Amalie ihren heiligsten Mutterpflichten etwas +nachlässig oblag, und gestattete sich öfters eine kleine Kontrolle. + +Frau Rosine Wachtel war nämlich im Besitze eines guten Herzens. Und +das mußte wahr sein, denn sie sagte es selbst und vergoß jedesmal +Tränen dabei. Indessen war ihr dieser Besitz noch nicht allzu +gefährlich geworden. Denn es war ihr noch niemand durchgebrannt, +und sie war noch immer zu ihrem Geld gekommen; und das war oft +ein Stück Arbeit gewesen. Frau Rosine Wachtel konnte das jeden +versichern... + +"Ach, du Würmeken! Ach, mein Puttekent Hab'n se dir so in'n Korb +jestochen!" + +Die gute Frau Wachtel war ganz gerührt. Aber plötzlich, aus +irgendeinem Grunde, wahrscheinlich weil draußen auf dem Flur eben +jemand die Treppe heraufzukommen schien, hielt sie es jetzt doch +für besser, sich schnell noch mal nach ihrer Küche umzusehn... + +Der große Thienwiebel, der etwas ungeduldig gewartet hatte, bis ihr +runder, trivialer Rücken endlich hinter der Tür verschwunden war, +weil er wieder etwas wie einen Monolog in sich verspürte, war +jetzt tragisch auf das kleine runde Spiegelchen über der Kommode +zugetreten, aus dem ihm nun sein schöner, edelgeformter Apollokopf +melancholisch zunickte. + +"Armer Freund! Wie ist dein Gesicht betroddelt, seit ich dich +zuletzt sah!" + +Amalie bekümmerte sich nicht mehr um ihn. Sie kannte ihren großen +Gatten. + +"Armer Freund!" + +War das sein Haar? Sein schönes, berühmtes, blauschwarzes Haar? Eine +grausame Natur der Dinge hatte ihm nun schon seit Wochen verwehrt, +es sich brennen zu lassen. In die Stirn, in diese erhabene Wölbung +majestätischer Gedanken, fiel es ihm nun in Strähnen, dick und +feist, wie sie selber, diese schale, engbrüstige Zeit. + +"Armer Freund!" + +Nachdem er sich so zu der erhabenen Mission, die ihm vorschwebte, +genügend präpariert zu haben glaubte, drehte er sich jetzt gemessen +nach dem kleinen, gelben Korb um, der dicht neben dem Bett quer +über zwei Stühle gestellt war. + +"Armes kleines Menschenkind! Welch böser Stern verdammte dich in +dieses Elend!" + +Das arme kleine Menschenkind zappelte ihn an und lachte. + +"Aber still! Still! Ich will alles einsetzen! Ich will meine ganze +Kraft einsetzen! Ich werde arbeiten, Freund! Ich werde arbeiten! +Ich werde dem Schicksal die Stirn bieten; ich werde ihm ab trotzen, +daß du in dieser herben Welt dereinst jene Stellung einnimmst, +die deinen Talenten gebührt...ja! So macht Gewissen Feige aus uns +allen. Der angebornen Farbe der Entschließung wird des Gedankens +Blässe angekränkelt; und Unternehmungen voll Mark und Nachdruck, +durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt, verlieren so der Handlung +Namen!" + +Seine Stimme bebte, seine Schlafrocktroddeln hinter ihm, die er +sich zuzubinden vergessen hatte, zitterten. + +Amalie hatte jetzt ihr Schmalzbrot wieder beiseite gelegt. + +"Niels, ich will doch lieber nähen gehn!" + +"Nie! Nie! Sprich nicht davon, Amalia! Bei meinem Zorn! Sprich +nicht davon!" + +Amalie war wieder beruhigter denn je. + +Ihr schönes Schmalzbrot war, Gottseidank, noch nicht ganz alle. +Der große Thienwiebel, der einigermaßen aus seinem Konzept gekommen +war, hatte jetzt einige Mühe, wieder hineinzukommen. Den Shakespeare, +den er wieder von der Erde aufgelesen hatte, hinten in seinen +Wattenklunkern, die Finger krampfhaft um seinen roten Saffianrücken, +nickte er jetzt wieder schmerzlich auf das kleine, verwunderte +Bündelchen hinab. Es hatte die ganze Zeit über kaum zu mucksen +gewagt. + +"Ich weiß... ich werde sterben, Freund! Ich werde sterben!--Das +starke Gift bewältigt meinen Geist! Ich kann von England nicht +die Zeitung hören; doch prophezei ich, die Erwählung fällt auf +Fortinbras... Du lebst; erkläre mich und meine Sache den Unbefriedigten!" + +Der kleine Fortinbras war jetzt ganz ernsthaft geworden. Er hatte +seinen großen Papa noch nie so menschlich mit ihm reden hören. + +"Den Unbefriedigten" + +Der Regen draußen, der die braunen Dächer drüben schon seit +frühmorgens wie mit Glanzlack überzogen hatte, plätscherte, aus +dem Fensterblech, unter das die reizende Ophelia natürlich wieder +den Wasserkasten zu hängen vergessen hatte, war er jetzt allmählich +sogar die graue Tapete hinab bis mitten unter das kleine Blaukattunene +gekrochen. Auf seinem kleinen Teich drunter konnten die beiden +angebrannten Schwefelhölzchen bereits in aller Gemächlichkeit +rundherum Gondel fahren. + +Plötzlich schien den großen Thienwiebel wieder mal irgend etwas +unversehens gestochen zu haben. + +"Amalie! Amalie!" + +"Was denn schon wieder, Thienwiebel!" + +Sie hatte sich nicht einmal umgesehn. + +"Amalie, es ist nicht zu leugnen: das Kind hat ganz außergewöhnliche +Fähigkeiten! Es hat mich soeben angelacht. Es unterhält sich +ordentlich mit mir!" + +Amalie grunzte nur verdrießlich. + +"Ich wette, man kann ihm schon die Anfangsgründe des Sprechens +beibringen, Amalie!" + +"Hm? du! Sag mal: a! Na?! a-a-a..." + +Der kleine, gute Fortinbras wußte sich jetzt vor lauter Verdutztheit +gar nicht mehr zu lassen. Er hatte seine beiden dicken Händchen +rechts und links in den Korbrand gekrallt und ähte nun, seinen Kopf +nach hinten zurückgelegt, seinen großen Papa ganz vergnügt an. + +"Nicht ä, mein Junge! Sag a! A sollst du sagen! Also? Na? Aaaa!... " + +"Ach, laß doch! Das kann er ja noch nich!" + +Amalie hatte es endlich doch für angezeigt gehalten, sich ins Mittel +zu legen. + +"Was?! Das kann er nicht?! Sage das nicht, Amalie! Sage das nicht! +Dafür ist er mein Junge! Hä? Bist du mein Junge? Hä?" + +"Aber er ist ja erst kaum ein Vierteljahr alt!" + +"So? So? Nun, hm...Ich will nicht mit dir rechten, Amalie! Allein +du wirst doch vorhin bemerkt haben, daß er durchaus verstand, was +ich meinte!" + +Amalie gähnte. Sie gab es auf. Es hatte ja keinen Zweck! Es war ja +alles egal! So oder so! + +Der große Thienwiebel aber war damit noch nicht zufrieden. Er konnte +seine Idee noch nicht so leicht wieder fallenlassen. + +Nein, gewiß, Amalie! Der Junge berechtigt zu den besten Hoffnungen!" + +Ach... + +"Nun! Was ist denn da so Ungewöhnliches dabei, Amalie? Du weißt: +es gibt mehr. Ding' im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit +sich träumt, Amalie!" + +Amalie gähnte nur wieder. + + + "...und nun, ihr Lieben, + Wofern ihr Freunde seid, Mitschüler, Krieger, + Gewährt ein Kleines mir!" + + +Sie gewährten es ihm. + +Es war wirklich zu schön von dem großen Thienwiebel! Aber er +hatte sich jetzt tief über seinen kleinen, süßen Fortinbras, der zu +so großen Hoffnungen berechtigte, gebeugt und wollte ihn nun--oh, +zum ersten Mal, zum ersten Mal, seit langer, langer Zeit, Horatio! +wieder auf die kleine bleiche Stirn küssen. + +Aber es sollte nicht dazu kommen. Er war bereits wieder zurückgetaumelt, +noch ehe er seine schöne Tat zum Austrag gebracht hatte. + +"Ha!" + +Seine Augen rollten, seine Fäuste hatten sich geballt, die beiden +roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock schlotterten vor +Entrüstung. + +"Ha!" + +Das Rätsel von der alten, lieben, guten, geschäftigen Frau Wachtel +von vorhin hatte sich glänzend gelöst. + +Sei's Farbe der Natur, sei's Fleck des Zufalls, kurz und gut, aber +der kleine Prinz von Norwegen lag wieder seelenvergnügt mitten in +seinen weitläufigen Besitzungen da. + + + + + +IV + + + + +Seit die schöne Frau Kanalinspektor, sorgsam in Sackleinwand genäht, +endlich abgegangen war und weitere Promenaden am Hafendamm sich +nicht wieder ergiebig erwiesen hatten, war jetzt auch nebenan bei +dem kleinen Ole Nissen nichts mehr zu holen. Erneute Bohrversuche +bei dem famosen, noblen Putthuhn hatten auch nichts gefruchtet. Seine +"Alte" schien ihm nicht sonderlich imponiert zu haben. Wenigstens +hatte ihr kleiner "Tintoretto" sie bei seiner letzten offiziellen +Visite draußen vergeblich an den neuen, schöntapezierten Wänden +gesucht. Übrigens waren die Herrschaften gerade ausgegangen. Man +schien eben nicht bloß in Christiania allein undankbar zu sein. + +Keine Hummern bei Hiddersen mehr, keine Ägypter mehr, keine "Mieze" +mehr! Das letzte schmerzte den armen, kleinen Ole natürlich am +meisten. Aber man konnte es der Kleinen wirklich unmöglich verdenken. +Von aufgeweichten Brotkrusten ließ sich nicht satt werden. + +Der alten, lieben, guten Frau Wachtel aber war damit ein sehr großer +Stein vom Herzen gefallen. Sie hatte nämlich die niedliche kleine +Mieze einmal dabei ertappt, als sie dem abscheulichen Ole grade +Modell stand, und da sie hierfür wirklich auch nicht das mindeste +Verständnis besaß, ein gewisses, kleines Vorurteil gegen sie gefaßt. + +Ihr gutes Herz zu betätigen hatte sie in letzter Zeit leider nur zu +wenig Gelegenheit gehabt. Am unzufriedensten aber war sie jedenfalls +mit den dummen Thienwiebels. Was bei der alten Schlamperei dort +schließlich rauskommen mußte, konnte man sich ja an den Fingern +abzählen. + +Der alte, alberne Kerl flözte sich den ganzen Tag auf dem Sofa +rum und trieb Faxen, das faule, schwindsüchtige Frauenzimmer hatte +nicht einmal Zeit, seinem Schreisack das bißchen blaue Milch zu +geben, zu fressen hatten sie alle drei nichts, und die Miete--ach, +du lieber Gott! Wenn man nicht wenigstens noch die paar Sparkreeten +gehabt hätte... + +--Ja! Es war Wermut! Sein Verstand war krank! Es fehlte ihm +an Beförderung! Im Schoß des Glückes? Oh, sehr war! Sie ist eine +Metze! Was gibt es Neues? Als Roscius noch ein Schauspieler in Rom +war...Geharnischt, sagt Ihr? Sehr glaublich!--Ein Mann, der Stöß' +und Gaben mit gleichem Dank genommen, der zur Pfeife nicht Fortunen +diente, den Ton zu spielen, den ihr Finger griff, den Bettler, wie +er...Nichts mehr davon!! Sprich weiter, komm auf Hekuba! + +In der Tat, es ließ sich nicht mehr leugnen: er war jetzt wirklich +zu bedauern, der große Thienwiebel! + +Oh, welch ein Schurk' und niedrer Sklav' er war!! War's nicht +erstaunlich? War's zu glauben? War's möglich? War's nur durch +Angewohnheit, die den Schein gefäll'ger Sitten überrostet, war's +Übermaß in seines Blutes Mischung: kurz und gut, aber er kam jetzt +immer wieder auf sie zurück: auf nichts, auf Hekuba! + +Wozu sollten Gesellen wie er zwischen Himmel und Erde herumkriechen? +Dem Staub gepaart, dem er verwandt, so rings umstrickt mit +Bübereien...nicht doch, mein Fürst!! Die Mausefalle? Und wie das? +Metaphorisch! Ich bitte, spotte meiner nicht, mein Schulfreund; Du +kamst gewiß zu meiner Mutter Hochzeit! + +Armer Yorick! Denn wenn die Sonne Maden aus einem toten Hunde +ausbrütet, eine Gottheit, die Aas küßt...Armer Yorick! + +Sein Wahnsinn war des armen Hamlet Feind.-- + +Amalie, die endlich ihre Drohung wahrgemacht und in der Tat seit +einiger Zeit etwas zu tun angefangen hatte, was sie Trikottaillen +nähen nannte, ließ alles getrost über sich ergehen. Es hatte ja +keinen Zweck! Es war ja alles egal! So oder so. + +Der gute, kleine Ole Nissen war unendlich zarter besaitet. Da +Frau Wachtel so freundlich gewesen war und ihm nach so vielen +andern geliebten Gegenständen kürzlich auch noch seine schönen +leberwurstfarbenen Pantalons ins Leihhaus getragen hatte, war er +jetzt dazu verdammt, die ganzen Tage über in seinem Bett zu liegen +und durch die dünnen Bretterwände durch die ganze Wirtschaft mit +anzuhören. + +"Ha! Büberei! Auf, laßt die Türen schließen! Verrat! Sucht, wo er +steckt! Du betest schlecht! Ich bitt dich! Laß die Hand von meiner +Gurgel! Kennst du diese Mücke?!" + +Armer, kleiner Ole! War es Angst oder nur Langeweile? Aber der +Schweiß brach ihm oft tropfenweis durch die Stirn. + +Der große Thienwiebel schien es ordentlich auf ihn abgesehn zu haben! +Alle Nachmittag Punkt fünf Uhr versäumte er es jetzt nie, sogar +seine "Bude" zu inspizieren. Diese war freilich noch erbärmlicher +als seine eigene, aber sie besaß dafür den Vorzug, daß man aus ihrem +Fenster bequem unten auf das breite, platte, geteerte Nachbardach +klettern konnte, von dem man dann eine erfreuliche Aussicht auf die +verschwiegenen Brandmauern mehrerer Hinterhäuser genoß. Ein kleines +anspruchsloses Pflaumenbäumchen, dessen verkrüppelte Ästchen von +Raupen und Spatzen nur so wimmelten, vervollständigte das Idyll. +Der arme kleine Ole spürte die verhängnisvolle Zeit schon immer +eine ganze Weile vorher in seinen Knochen. Der große Thienwiebel +beliebte es dann nämlich immer, gewisse Unterhaltungen mit ihm +anzuknüpfen, die so geistvoll, ideentief und farbenreich waren, +daß dem kleinen Ole, den seine ewigen Brotkrusten schon ohnehin +arg mitgenommen hatten, nur so der Kopf danach brummte. + +"Ich will hier im Saale auf und ab gehn, wenn es Seiner Majestät +gefällt; es wird jetzt bei mir die Stunde, frische Luft zu schöpfen. +Laßt die Rapiere bringen." + +Die "Rapiere" waren zwei Leiterstücken, die man zusammenlegen und +von draußen her in das Fensterkreuz einhaken konnte. + +Wenn sie "gebracht" worden waren, endete die Geschichte natürlich +stets damit, daß man sie auch richtig einhakte und an ihnen +hinabkletterte. + +"Hic et ubique! Ändern wir die Stelle!" + +Dann war man in "Helsingör" und promenierte auf der "Terrasse". Der +große Thienwiebel in Fez und Schlafrock, der kleine Ole in Havelock +und Unterpantalons. + +Ich will die Lieb' Euch lohnen, lebt denn wohl, Horatio! Auf der +Terrasse zwischen elf und zwölf besuch ich Euch ... Nicht wahr? +Ihre...seid ein--Fischhändler?!" + +Scham, wo war dein Erröten! + +Der arme, kleine Ole wußte zuletzt selbst nicht mehr: war eigentlich +er verrückt, oder Nielchen. + +Aber er hätte sich nicht so zu härmen brauchen. Der große Thienwiebel +wußte nur zu gut, was er tat. Er war nur "toll aus Methode". Er +war nur toll bei Nordnordwest; wenn der Wind südlich war, konnte +er sehr wohl einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl unterscheiden. + +Die ewige Aktsteherei unten in der alten, dummen Akademie war ihm +eben nachgerade langweilig geworden, und da er der alten, lieben, +guten Frau Wachtel doch unmöglich zutrauen durfte, daß sie ihn noch +länger gratis beherbergte, wenn er sich jetzt die "Quelle köstlicher +Dukaten" so sans facon wieder zustopfte, war er eben eines schönen +Tages auf die großartige Idee verfallen, sich hier in dieser herben +Welt voll Müh' nach und nach für wirklich übergeschnappt auszugeben. + +"Ha! Heisa Junge! Komm, Vögelchen! Komm! Ich Muß nach England; wißt +Ihr's? Himmel und Erde! Es ist nur eine Torheit, aber es ist eine +Art von schlimmer Vorbedeutung, die vielleicht ein Weib ängstigen +würde. + +Was? Eine Ratte? Die Spitze auch vergiftet! Nein! Nein, schöne +Dame! Nicht nur mein düstrer Mantel, gute Mutter, noch die gewohnte +Tracht von ernstem Schwarz, noch stürmisches Geseufz beklemmten +Odems: nein: auch die Schmeichelsalb'! Ich hab's geschworen! +Weglöschen von der Tafel der Erinnerung will ich all jene törichten +Geschichten! Nie beuge sich dieses Knies gelenke Angel, wo Kriecherei +Gewinnn bringt! Ich trotze allen Vorbedeutungen: es waltet eine +besondere Vorsehung über dem Fall des Sperlings. In Bereitschaft +sein ist alles. Wetter! Dankt ihr, daß ich leichter zu spielen +bin als ein Flöte? Nennt mich, was für ein Instrument ihr wollt! +Ihr könnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen..." + +Ha! Was? Ein königliches Bubenstück! + +Dem kleinen Fortinbras schien dieses königliche Bubenstück am +wenigsten zu imponieren. Ja, aus gewissen Anzeichen glaubte sein +großer Papa manchmal sogar schließen zu dürfen, daß er noch nicht +einmal recht Notiz von ihm genommen hatte. + +Am auffälligsten zeigte sich dies aber regelmäßig dann, wenn es +sich um die "ersten Elemente der Gesangskunst" handelte. Denn der +"arme Yorick" war durchaus nicht gewillt, seinem schrecklichem +Wahnsinn zuliebe auch die seltnen Talente seines zu so großen +Hoffnungen berechtigenden Söhnchens verkümmern zu lassen. + +Es war ausgemacht! Es war ausgemacht, o reizende Ophelia! Ja! +Sagen wir Ophelia! Teufel! Warum sollten wir nicht Ophelia sagen? +Kurz und gut: es war ausgemacht. Es sollte ihn und seine Sache den +Unbefriedigten erklären...Den Unbefriedigten!... + +Sobald er daher nur irgendwie merkte, daß der kleine Ole nebenan +wieder einmal eingeschlafen und die gute Frau Wachtel wieder mal +ausgegangen war und so "die beiden, denen er wie Nattern traute," +eine Zeitlang wieder "unschädlich" gemacht waren, ging der Tanz +los. + +Seines Kummers "Kleid und Zier" war dann plötzlich wie abgefallen +von dem großen Thienwiebel. + +Seine "Einbildungen, schwarz wie Schmiedezeug Vulkans", hatten den +armen Yorick verlassen, er war wieder "zahmer Herr!" + +"Höhrt doch! Ich bin wieder zahm, Herr! Sprecht! Ich bin wieder +zahm!" + +Aber der kleine, verstockte Fortinbras wollte nicht. Er hatte sich +wieder nur in Ermangelung eines Gummipfropfens, dem ihm die reizende +Ophelia verbummelt hatte, seinen großen Zeh in den Mund gestopft +und sog nun, daß es ihm aus dem kleinen, mattrosa Mundwinkelchen +nur so tropfte. Die ersten Elemente der Gesangskunst ließen ihn +heute augenscheinlich noch kälter als sonst. + +Empört hatte sich jetzt der große Thienwiebel wieder in die Höhe +gerückt. Die beiden roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock +zuzubinden hatte er natürlich wieder vegesssen. + +"Amalie! Ich bemerke soeben zu meinem größten Erstaunen, Fortinbras +ist störrisch!" + +Amalie, die jetzt ihre kleine, mollige Fußbank der Trikottaillien +wegen zu ihrem großen Leidwesen vom Ofen ans Fenster hatte verlegen +müssen, war gerade dabei, sich ihre erste Nadel für heute einzufädeln. +Sie hatte wieder so lange inhalieren müssen... + +"Störrisch?" + +"Wie ich dir sage, Amalie! Störrisch!" + +"Ach, nich doch!" + +"Amalie? Ich sage dir noch einmal- störrisch! Fortinbras ist +störrisch. Stör-risch!!" + +"Ach, red doch nich! Wie soll er denn störrisch sein!" + +"Amalie?!" + +Amalie sah sich nicht einmal um. Sie zuckte kaum mit den Achseln. + +"So! So! Also glaubst du mir nicht mehr, wenn ich dir etwas sage! +Du mißtraust mir! In der Tat! In der Tat! Ich hätte mir das denken +können! Sag's doch lieber gleich! Wozu die Umstände! Du bedauerst, +daß ich mich nicht noch schneller aufreibe!" + +Amalie nieste. Sie wollte ihren Schnupfen gar nicht mehr loswerden. +Mitten im Sommer. + +"Natürlich! Wie sollte man auch nicht! Man vertreibt sich die +Zeit mit--Niesen! Man trinkt Kaffee und vertreibt sich die Zeit +mit--Niesen! In der Tat! In der Tat! Andre Leute mögen unterdes +zusehn, wie sie fertig werden!...Aber, ich werde es dir beweisen, +Amalie! Hörst du? Ich werde es dir beweisen, daß Fortinbras störrisch +ist!--Du! Sag a...a...Nun? Wird's bald?...Na?...A!...Du Schlingel! +A!...A!!...Ha! Siehst du?! Wie ich dir sagte, wie ich dir sagte, +Amalie! Der Lümmel brüllt, als wenn ihm der Kopf abgeschnitten +wird! Er ist störrisch! Habe ich recht gehabt?!--Willst du still +sein, du Zebra?! Gleich bist du still!" + +Jetzt endlich war Amalie an ihrem Fenster plötzlich etwas aufmerksamer +geworden. + +"Du willst ihn doch nicht etwa--schlagen?" + +"Gewiß will ich das, Amalie! Ein Kind darf nicht eigenwillig sein! +Ein Kind bedarf der Erziehung, Amalie! Eine leichte Züchtigung..." + +"Niels!?" + +"Ach was! Aus dem Weg! Aus dem Weg, sage ich! ... Da, du in-famer +Schlingel! Da, du in...Amaaalie!" + +"Gewiß, du alter Esel! Du glaubst wohl, du kannst hier am Ende tun, +was du Lust hast? Du gehörst ja in die Verrücktenanstalt! Wie kann +man denn 'n Kind von 'nem halben Jahr so malträtieren?! Wie kann +man es schlagen !" + +"Amaaalie!!" + +War's möglich?! War es zu glauben?! War das seine Backe?! + +"Amaaalie!!!..." + + + + + +V + + + + +"Wirtschaft, Horatio! Wirtschaft! Das Gebackne vom Leichenschmaus +gab kalte Hochzeitsschüsseln. E--doch, um auf der ebenen Heerstraße +der Freundschaft zu bleiben: was macht Ihr auf Helsingör?" + +Der große Thienwiebel hatte wieder gut auf der ebenen Heerstraße +der Freundschaft zu bleiben; was sollte der kleine Ole groß machen +auf Helsingör? Was er nun schon seit Wochen machte: Firmenschilder +pinseln! Das rentierte sich. nämlich famos, weißt du! + +Abel Gröndal: Materialwarenhandlung, auch Heringe-Lars Brodersen: +Canariensieen und Hanfsamen--Jacob Lorrensen: Alle Sorten Rauch-, +Schnupf- und Kautabak-etc. pp. Hä? Was? Noble Putthühner!! + +Die schönen Leberwurstfarbenen waren wieder zu Ehren gekommen, die +prachtvollen Ägypter wurden wieder nur so pfundweis verpafft, die +verteufelte kleine Mieze ließ die arme, liebe, alte, gute Frau +Wachtel kaum mehr vom Schlüsselloch wegkommen. + +Es war aber auch wirklich schrecklich, was es jetzt alles dort +drinnen zu sehn gab. Die vielen weißen Salbentöpfe, in die die +Farben nur so wie Butter reingequetscht waren, die merkwürdig großen +Maurerpinsel, die der geschäftige' kleine Ole kaum zu dirigieren +vermochte, die schönen, dicken, mannslangen Bretter, auf denen man +jetzt die wunderbarsten Sachen zu lesen bekam, und vor allen Dingen +auch jener große, geheimnisvolle, grüne Wandschirm dicht neben dem +Ofen, hinter dem sich immer die schändliche, kleine Mieze versteckt +hielt, das alles interessierte die alte, liebe, gute Frau Wachtel +auf das lebhafteste. Noch nie hatte sie sich mit ihrer Stellung +als Zimmervermieterin so zufrieden gefühlt. Die drückendsten alten +Rückstände waren wieder ausgeglichen, für die dösigen Thienwiebels +brauchte ihr jetzt auch nicht mehr so bange zu sein, ja, ja! Der +liebe Herrgott! + +Die reizende Ophelia war wieder in ihren alten Stumpfsinn +zurückverfallen. Sie bereute ihre Untat aufs tiefste. Das einzige, +was ihr so schließlich noch vom Leben übriggeblieben war, war ihr +Salbeitopf. + +Ihr großer Gatte verachtete sie nur noch...Geschrieben--e...hatte +man ihm zwar unterdessen bereits, aber--e...wie kam's daß sie +umherstreiften? Ein fester Aufenthalt war vorteilhafter für ihren +Ruf als ihre Einnahme! Kurz und gut, es war eben nur eine umherziehende +Truppe gewesen, und der große Thienwiebel hatte sich zu degradieren +gefürchtet. Solange noch der kleine Ole da nebenan da war...kurz +und gut: er tat, was Ihm Beruf und Neigung hieß! Denn...e...jeder +Mensch hat Neigung und Beruf! + +Am schlimmsten erging es jedoch entschieden dem kleinen Fortinbras. +Seine Zähnchen hatten ihm seinen schönen Gummipfropfen ganz verleidet. +Er hatte an nichts mehr Freude; nicht einmal am Schreien mehr. + +Er war ein vollendeter Pessimist geworden. An seinem künftigen +Beruf, seinen großen Vater den Unbefriedigten zu erklären, schien +ihm nur noch. wenig zu liegen. Sein kleines Züngchen war dick +belegt, seine Händchen sahen weiß wie Kuchenteig aus, er schlief +jetzt oft ganze Tage lang. + +Nur heute abend war er auffallend munter. + +Die beiden hellen Lampen auf dem Tische, die vielen Leute, der Skandal, +der merkwürdig große Zuckerkringel, den man ihm so unerwartet in +die Hand gesteckt hatte: er begriff das alles nicht. Nu bloß noch'n +bißchen Streupulver! + +Die Damen hatten auf dem Sofa Platz genommen, die kleine Mieze, die +sich zu den Mannsleuten rechnete, saß dem kleinen Ole vis-a-vis, +der große Thienwiebel präsidierte. Die großartige Gans mitten auf +dem Tisch in deren knusprigen Prachtrücken er eben energisch seine +blitzende Bratengabel gestoßen hatte, roch durch das ganze kleine +Zimmer. Die beiden Lampen rechts und links brannten durch ihren Dampf +wie durch einen Nebel. Frau Wachtel, die sich in ihrer Sofaecke +wie auf einem Präsentierteller vorkam, atmete schwer. Sie hatte +heute ihr "Seidnes". an. + +"Willkommen, all ihr Herrn! Wir wollen frisch daran, wie französische +Falkoniere, auf alles losfliegen, was uns vorkommt! Beim Himmel! +Den mach ich zum Gespenst, der mich zurückhält!...Ha! Seid Ihr +tugendhaft, schöne Dame?" + +"Thienwiebelchen?" + +Der kleine Ole , der sich eben über seinen pompösen Flügel hergemacht +hatte, blinzelte vor Entzücken. Die kleine Mieze war heute mal +wieder ordentlich zum Anknabbern! + +"Thienwiebelchen?!" + +Das reizende Grübchen in ihrem rosa Fingerchen kam jetzt so recht +zur Geltung. + +"Thienwiebelchen? Es gibt was!" + +Aber der große Thienwiebel, der sich jetzt auch die Serviette unter +sein blaues Doppelkinn gestopft hatte, fühlte sich wieder durchaus +auf der Höhe der Situation. + +"Meint Ihr, ich hätte erbauliche Dinge im Sinn? Ein schöner Gedanke, +zwischen den..." + +"Nielchen!!" + +Der kleine Ole hat es für die höchste Zeit gehalten. + +Er hatte sich jetzt auch seinen prachtvollen Porter eingeschenkt +und schwenkte ihn nun fidel gegen die neue Lampe. + +"Putthuhn Nro. 25!" + +Sein schönes Jubiläum sollte nicht so ohne weiteres zu Wasser +werden. + +"Putthuhn Nro. 25!" + +Die kleine Mieze war jetzt ganz rot vor Vergnügen. Die beiden kleinen, +silbernen Ringe in ihren Ohrläppchen blitzten, ihr Stumpfnäschen +sah wie aus Marzipan aus. + +"Bravo, Dickchen! Es soll leben! Putthuhn Nro. 25!" Sie hatte +ausgelassen mit ihm angestoßen. + +Frau Wachtel räusperte sich jetzt. Ihr Seidnes hatte sich eben +etwas geklemmt. + +"Etwas--etwas Soße gefällig, Frau Thienwiebel?" + +Amalie nickte. Ihr Teller schwamm zwar schon, aber: es war ja alles +egal. So oder so. + +Ihr großer Gatte drüben suchte eben wieder einzulenken. + +"Nun, nun, schöne Dame! Denn--e--wenn die Sonne Maden aus einem +toten Hund ausbrütet, eine Gottheit, die ... Ha! Wilde Hölle! Wer +ist, des Gram so voll Emphase tönt?!" + +Es war der kleine Fortinbras. Sein Zuckerkringel, war ihm eben über +den Korbrand weg auf die Stuhlkante gefallen, dort entzweigeschlagen +und lag nun in kleine Stücke zerbröckelt unten auf den schmutzigen +Dielen. + +Ha, mördrischer, blutschändrischer, verruchter Däne! Trink diesen +Trank aus! Ich will den Wanst ins nächste Zimmer schleppen!" + +Aber die besorgte kleine Mieze hatte ihre Gabel schon schnell wieder +auf ihren Teller klappen lassen. + +"Ach! Nicht doch, Thienwiebelchen! Nicht doch!" + +Sie war aufgesprungen und bückte sich jetzt zierlich über den +plumpen Korbrand. + +"0 mein Zuckerpüppchen! Mein Schatz! So ein niedliches kleines +Kerlchen! Nicht wahr, du willst auch was haben? Ach, mein Liebchen!!" + +Sie hatte sich jetzt den kleinen Fortinbras auf den Schoßgesetzt +und küßte ihn nur so. + +"Auch was haben, Dickerchen?" Kuß!--"Auch was haben, Dickerchen?" +Kuß! Kuß, Kuß, Kuß, Kuß!! + +Der kleine Fortinbras juchzte. Er hatte noch nie so etwas erlebt. +Er zappelte jetzt, daß es nur so eine Art hatte. Er lachte aus +vollem Halse! "Grrr...grrr...grrr...äh! Grrr...äh!" + +Der große Thienwiebel saß da. Die Weste unten aufgeknöpft, die +Augenbrauen tragisch in die Höhe gezogen. + +"Wie keck der--e--Bursch ist!...Wahrhaftig, Horatio! Ich habe +seit diesen drei Jahren darauf geachtet. Das Zeitalter wird so +spitzfindig, daß der Bauer dem Hofmann auf die Fersen tritt!" + +Aber der kleine Ole beachtete ihn kaum. Die kleine Mieze war ihm +jetzt weit interessanter. Sie sah jetzt ordentlich wie eine kleine +Hausmutter aus. + +"Na, Dickerchen?" + +Auch Frau Wachtel machte jetzt große Augen. Amalie pappte. + +"Ja, mein Junge! Sie essen alle, und mein Dickerchen soll gar nichts +haben! Wie?--Aber das läßt er sich nicht gefallen! Wie?--Ach, +bitte, Frau Thienwiebel! Reichen Sie mir doch das bißchen Biskuit +da von der Kommode her. Auch die Milch, bitte!" + +Frau Thienwiebel erhob sich schwerfällig und brachte das Verlangte. + +Die kleine Mieze hatte den Biskuit jetzt auf geweicht und fing +nun an, den kleinen Fortinbras damit zu füttern. Von ihrem Teller, +auf dem neben den drei gebratenen Äpfeln nur noch ein paar kleine +fettriefende Hautstückchen lagen, naschte sie kaum. + +Der kleine Fortinbras stöhnte vor Behagen. + +"He? Willst du noch mehr, Dickerchen? Noch mehr?" + +Der kleine Ole hatte sich jetzt neugierig über den Tischrand gebogen. +Sein Schnurrbärtchen duftete nach chinesischer Tusche. + +"Nein! Nein! Nu sieh doch bloß, Dickerchen! Wie es dem Balg +schmeckt!--Was?! Noch mehr?!--No! No! Nur nicht gleich schreien!--So!" + +Frau Wachtel war jetzt ordentlich bis zu Tränen gerührt. Und wenn +sie bis zu Tränen gerührt war, vergaß sie es auch nie, von ihrer +verstorbenen Pflegetochter zu erzählen. Und das kam ziemlich oft +vor. + +"Ja, sehn Sie! Sie war ein Engel, Frau Thienwiebel! Ein Engel!" + +Frau Thienwiebel kaute. + +Frau Wachtel beschrieb jetzt ausführlich die Krankheit des Engels, +und wie er dann gestorben war. Er hatte Malchen geheißen und war +dabei so himmlisch geduldig gewesen. + +"Ja, sehn Sie, Herr Nissen! Sie war mein Einz'ges! Sie tröstete +mich noch, als schon der Tod kam. Sie war ein Engel!" + +Sie hatte sich jetzt auch auf ihr Taschentuch besonnen und drückte +es sich nun abwechselnd in die Augen. + +"Ach, wein doch nicht, Mutterchen! Wein doch nicht! Nun komm ich +ja zum lieben Gott!" + +Sie weinte jetzt, daß ihr die Tränen nur so auf ihr Seidnes kullerten! + +Der kleine Ole war bereits eine ganze Zeit lang verlegen auf seinem +Stuhl hin und her gerutscht. Er hatte es unten auf das kleine, +niedliche Füßchen unterm Tisch abgesehn gehabt und war dabei eben +auf die alten, phlegmatischen Filzpantoffeln der reizenden Ophelia +gestoßen. + +Er war ordentlich rot darüber geworden. + +"Ja! Sehn Sie! Sie war mein Einziges!" + +Der kleine Fortinbras plantschte vor Wonne. + +"Grrr...grrr...grrr..." + +Dieses freundliche, frische Gesicht mit den hellen Augen und +den blonden Löckchen über ihm--er kam gar nicht mehr raus aus dem +Lachen! Sogar sein Streupulver hatte er vergessen! + +"Grrr...grrr...grrr...Aeh!" + +Seine Händchen hatten jetzt in die Höhe gegrapscht, die kleine +Mieze ließ von ihm ihre Stirnlöckchen zausen. + +"Nein, Dickchen! Nu sieh doch bloß! Nu sieh doch bloß!" + +Der kleine Ole schneuzte sich. Er war wie mit Blut übergossen. + +"Ja! Das glaub ich! Das hast du wohl noch nicht so gut gehabt, +Dickerchen! Wie?" + +Jetzt hatte sich endlich auch Frau Wachtel über ihn gebückt. Ihr +Taschentuch lag wieder sauber ausgefältelt auf ihrem Schoß, sie +kitzelte ihn wohlwollend unterm Kinn. + +"Ach, mein Putteken! Ach, mein Mäuseken! Hab'n se dir so lange +hungern lassen!" + +Ihre Stimme zitterte, sie sah noch ganz verweint aus. + +Amalie tunkte gerade ihre Soße auf. + +Der große Thienwiebel aber hatte sich nunmehr rücklings in seinen +Stuhl zurückgelehnt und starrte jetzt, die Hände in den Hosentaschen, +erhaben oben in die beiden gelben Lichtkleckse, die die Lampen +zitternd an die Decke malten. + +Denn, was ein armer Mann wie Hamlet ist... Nichts mehr davon! + +Der Rest war Schweigen ... + +Endlich war alles wieder abgeräumt. Frau Wachtel, die nicht Skat +spielte, hatte sich mit ihrem Seidnen, ihrem Taschentuch und ihrer +zweiten Lampe wieder hinten in ihre Küche zurückgerettet, Amalie +kauerte wieder auf ihrem Fußbänkchen neben dem Ofen. Sie hatte sich +noch nachträglich eine kleine Bratenschmalzstulle geschmiert. + +Es war ziemlich kalt im Zimmer. Das Feuer war ausgegangen, und +man hatte nichts mehr nachzulegen. Der große Thienwiebel, dessen +Schlafrock mit der Zeit aufgehört hatte, skatfähig zu sein, hatte +sich statt dessen in die rote Bettdecke eingewickelt. + +"Die Luft geht scharf; es ist entsetzlich kalt! Tourner, Horatio!" + +"Passez, Nielchen!" + +"Dito, Tienchen!" + +"Was denn, Schäfchen?" + +"Na, wird's bald?" + +"Ah so!--Da, Schäfchen!" + +"Na, endlich!" + +Sie hatte die Zigarette, die ihr der kleine, eifrige Ole gereicht +hatte, mit spitzen Fingern angefaßt und zog jetzt ein Gesicht, als +ob ihr der Rauch lästig g wäre. Sie wußte, daß ihr das ließ! Es +hatte auch sofort den Erfolg, daß ihr Dickchen einen Kuß mauste. + +"Nein doch! So eine Unverschämtheit!" + +Sie hatte ihn unterm Tisch mit dem Knie gestoßen. + +"Pique As! Nicht wahr, Wiebelchen?" + +"Sehr wohl, schöne Dame! Sehr wohl! Vortrefflich, meiner Treu! Was +wäre da zu fürchten? Ich--e selbst bin--e--hm!--leidlich tugendhaft." + +Der kleine Fortinbras war jetzt vollständig vergessen. "Voll Speis' +und Trank in seiner Sünden Maienblüte" lag er jetzt wieder "sicher +beigepackt" hinten in seiner dunklen Korbecke und starrte nun +trübselig drüben in den Zigarrenqualm, der in dicken Schichten um +die grüne Glocke wogte. Seit seiner Geburt war er nicht übermäßig +oft aus seinem Winkel hervorgeholt worden. Das unerwartete Glück +heute hatte ihn ganz sehnsüchtig nach dem Lichte dort gemacht. Der +Schoß, der Zuckerkringel, die Löckchen...er hatte wieder zu quäken +angefangen. + +Amalie rührte sich nicht. Der Bengel wollte bloß immer genommen +sein. Sie hatte schon an einmal genug. + +"Coeur Trumpf, Nielchen!" + +"Ihr sagtet?" + +"lch sagte: CoeurTrumpf, Nielchen! Coeur Trumpf!" + +"Ha, blut'ger kupplerischer Bube! Unmöglich, bei diesem verwünschten +Geschrei ein Wort zu verstehn! Wenn du nicht gleich still bist, du +infames Balg, dann schlag ich dich blitzblau wie eine Heidelbeere!" + +"Nicht doch! Das kneift ja, Ole! Au!" + +"Ach was, Schäfchen! Laß doch!" + +Das Sofa hatte in diesem Augenblick genug mit sich selbst zu tun. + +Amalie, die auf ihrer kleinen Fußbank schon wieder halb eingenickt +war, blinzelte kaum. Der große Thienwiebel war vor einer zweiten +Ohrfeige sicher. + +Er hatte sich jetzt in seiner roten Bettdecke ergrimmt vor den Korb +gestellt und brüllte nun wütend auf das arme, kleine Bündelchen +ein. + +"Willst du still sein, du--Lausbub!?" + +Aber der "Lausbub" war's nicht. Er wollte auch mal va banque spielen. +Er schrie jetzt, als wenn er seine kleinen Lungen auseinandersprengen +wollte. + +"Aber...Das ist doch wirklich unerhört!...Na, warte! Du...Du--Lindwurm, +du! Warte!" + +Er prügelte ihn jetzt, daß es nur so klitschte. Als aber auch das +nichts half, riß er das Kopfkissen unter ihm vor und preßte es +ihm auf das Gesicht. Der kleine Fortinbras war jetzt auf einen +Augenblick vollständig verstummt. Sein Geschrei war wie abgeschnitten. + +Aber der große Thienwiebel hatte noch nicht genug. + +"Nichtsnutziger Patron!" + +Er hatte ihm jetzt das Kissen noch fester aufgedrückt. + +Der kleine Ole hatte die kleine Mieze, die noch ganz rot vor Ärger +war, wieder losgelassen. Er war jetzt ordentlich ängstlich geworden. + +"Um Gottes willen, Nielchen! Er erstickt ja!" + +"Ach, Unsinn! So schnell geht das nicht!" + +Nein! So schnell ging das auch nicht! Denn als der große Thienwiebel +nach einiger Zeit das Kissen fortnahm, schnappte zwar der kleine +Fortinbras ein paar Augenblicke verzweifelt nach Luft, fing dann +aber sofort wieder von neuem an. + +"Ole!" + +Empört war die kleine Mieze jetzt aufgesprungen. Das schreckliche +Kopfkissen hatte den Kleinen von neuem zugedeckt. + +"Ole! Das leidst du?" + +"Ach was! Er weiß es ganz gut, der Lümmel! Er soll nicht schreien! +Es ist die reine Bosheit, Man bekommt das wirklich satt!" + +"Pfui! Ole, komm! Laß den alten"--Pavian. + +"Pa...Pa...Pa..." + +Der kleine Ole hatte jetzt verlegen nach seiner Uhr gesehn. + +"... Pavian?!!!" + +Endlich war der große Thienwiebel wieder zu sich gekommen! + +"Hinaus, sag ich!! Hinaus!!" + +Aber sie waren es bereits. Einen Augenblick lang noch hörte er +sie draußen durch die Küche tappen; dann, endlich, war nebenan bei +ihnen die Tür zugefallen. + +Er stand da! Um seine Schultern die rote Bettdecke, in seiner Rechten +das kleine blaugewürfelte Kopfkissen. Drüben, in der Ofenecke, +die reizende Ophelia. + +"Da! Nymphe!!" + +Er hatte ihr das Kissen ins Gesicht geschleudert. + + + + + +VI + + + + + +Seit ihr zweiter, unliebenswürdiger Gatte ihr vor ungefähr fünf +Jahren auf der "Dicken Selma" treulos nach Kanada ausgerückt war, +hatte die liebe, gute, alte Frau Wachtel keinen solchen Arger mehr +auszustehn gehabt. + +Nicht bloß, daß seine Stiefelabsätze noch überall auf dem Sofa +deutlich zu sehn waren, nicht bloß, daß das Fensterkreuz von den +dämlichen Leiterstücken, die jetzt natürlich zerbrochen unten auf +deim Pappdach lagen, total ruiniert war, bewahre: auch die ganze +Tapete von oben bis unten mit Ölfarben bekleckst! Der vermaledeite +knirpsige Schmierpeter schien sich die ganze Zeit dran seine +schweinschen Pinsel ausgequetscht zu haben. Pfui Deibel ja! + +Aber, das war ihr ganz recht! Warum hatte sie das ganze Pack +nicht schon längst an die Luft gesetzt! Wenn's wenigstens noch die +verrückten Thienwiebels gewesen wären. Aber die holte ja der Satan +nicht! Die hakten fest wie Kletten an ihr! + +Die alte, liebe, gute Frau Wachtel war ganz außer sich. Aber sie +hatte wirklich Pech mit ihren Mannsleuten. Der kleine Ole hatte +sich in der Tat nicht entblödet, ihr mit Hinterlassung einiger +alter "Schinken", deren Darstellungsobjekte es unmöglich zuließen, +daß man sie sich übers Sofa hing, auszukneifen. + +"Solch eine Tat, die alle Huld der Sittsamkeit entstellt, die +Tugend Heuchler schilt, die Rosen wegnimmt von unschuldvoller Liebe +schöner Stirn und Beulen hinsetzt ... Ha!" + +Aber der große Thienwiebel suchte sich jetzt vergeblich beliebt zu +machen. Seine "Schmeichelsalb" zog nicht mehr. Frau Rosine Wachtel +verlangte jetzt energisch ihre Miete. + +Heut war der Siebente: wenn ihr bis zum Vierzehnten nicht alles +bezahlt war:--raus!! + +Ja!...Sterben--schlafen--nichts weiter! Und zu wissen, daß ein +Schlaf das Herzweh und die tausend Stöße endet, die unsres Fleisches +Erbteil--'s ist ein Ziel, aufs innigste zu wünschen'...Ja! dies +war ehedem paradox! Paradox! ... Doch nun--bestätigte es die Zeit! +Armer Yorick! ... + +Der große Thienwiebel fühlte, daß es jetzt zu Ende war mit seiner +Kraft. Er wollte nun arbeiten, Freund! Arbeiten! Er wollte seine +ganze Kraft aufbieten. Er--er...er wollte ihn "suchen" gehn! "Laßt +mich! Er ist ermordet, Amalie! Er ist ermordet!" ... + +Er hatte sich jetzt wieder seinen alten, olivengrünen Leibrock +zurechtgeflickt und trieb sich nun ganze Tage lang im Hafenviertel +umher.--"Ha! Tot?! Für 'nen Dukaten, tot?!" + +...Er hatte wieder eine prachtvolle Ausrede. Ein BBubenstück! +Er brauchte jetzt kaum mehr die Nächte nach Hause zu kommen. Er +schnurrte sich herum, so gut es ging. Da gab es noch--e: Kollegen! +Leute! Leute? Pah, Stümp'rr! Aber--e...sie--e...Nun ja! Sie +sorgten für die Bewirtung der Schauspieler! Wetter! Es lag darin +etwas Übernatürliches! Wenn die Philosophie es nur hätte ausfindig +machen können! ... + +Aber die Philosophie machte es nicht ausfindig. Der große Thienwiebel +kam nie dahinter. + +Er hatte sich jetzt nach und nach bis unten in die Hafenspelunken +verirrt. Mehrere Sackträger waren bereits seine Duzbrüder geworden. +Bevor nicht "der Hahn, der als Trompete dient dem Morgen", bereits +mehrere Male nachdrücklich gekräht hatte, kam er jetzt selten mehr +die Treppen in die Höhe gestolpert. + +Amalie nähte noch immer die Trikottaillen. Der Stumpfsinn hatte +sie nach und nach zur reinen Maschine gemacht. Die reizende Ophelia +in ihr war jetzt endgültig begraben. Für alle Zeiten!...Ihre Brust +war noch schwächer geworden ... + +Dem kleinen Fortinbras ging es noch jämmerlicher. Sein ganzes +Gesichtchen war jetzt dicht mit roten Pusteln betupft. Ein +Schächtelchen Zinksalbe, zu dem sich die Familie im Anfang denn doch +noch aufgeschwungen hatte, lag jetzt zusammengequetscht, verstaubt +hinterm Ofen. Es war nicht mehr erneuert worden. + +Der große Thienwiebel hatte nicht so ganz unrecht: Die ganze +Wirtschaft bei ihm zu Hause war der Spiegel und die abgekürzte +Chronik des Zeitalters. + + + + + + +VII + + + + + +Zwölf! ... + +Erschöpft hatte sie sich wieder auf ihrem Fußbänkchen zurücksinken +lassen. Der Ofen hinter ihr war eiskalt. Durch ihre Nachtjacke +durch fühlte sie deutlich seine Kacheln Sie fröstelte! + +Die letzten Töne draußen brummten und zitterten noch, das kleine +Talglicht, das in eine leere, grüne Bierflasche gesteckt dicht vor +ihr auf dem umgekippten Kistchen mitten zwischen dem Nähzeug stand, +knitterte in der Kälte. + +Frau Wachtel nebenan schnarchte, der kleine Fortinbras hatte sich +drüben in seinem Korb wieder unruhig auf die andere Seite gewälzt. +Sein Atem ging rasselnd, stoßweis, als ob etwas in ihm zerbrochen +war. + +Draußen auf das Fensterblech war eben wieder ein Eiszapfen geprasselt. +Dicht davor, unterm Bett, jetzt deutlich das scharfe Nagen einer +Maus. + +Zwölf! + +Sie hatte ihr Nähzeug wieder fallen lassen. Ihre Finger waren krumm +zusammengezogen, sie konnte sie kaum noch aufkriegen. Um die Nägel +herum waren sie blau angelaufen. Sie hauchte jetzt in sie hinein. Ihr +Atem brodelte sich staubgrau um das kleine, zitternde Flämmchen. +Eine verspätete Fliege, die dicht neben dem schwarzen Docht +in den kleinen, runden Talgkessel drunter gefallen war, verkohlte +langsam. Ab und zu knisterte es + +"Halt ihn! Halt ihn! Hilfe!! Hilfe!!" + +Erschreckt war sie zusammengefahren. + +Sie sah jetzt auf. Ihr schlaffes, weißes Gesicht war noch stupider +geworden. + +"Hierher! Hierher! Hilfe!!" + +Der gelbe Lichtklecks vor ihr ließ jetzt das Zimmer dahinter noch +dunkler erscheinen. Nur vom Fenster her durch das eckige Loch in +der Bettdecke, von draußen, das matte Schneelicht. + +"Hilfe! Hilfe!!" + +Sie war aufgesprungen und ans Fenster gestürzt. Das kleine Talglicht +hinter ihr war erloschen. Es war umgekippt und lag jetzt unter dem +Nähzeug. + +"Wächter!! Wächter!! Halt ihn!! Jonas! Jonas!!" + +An allen Gliedern bebend hatte sie jetzt die alte Bettdecke in +die Höhe gerafft und suchte nun durch die wirbelnden Schneeflocken +draußen unten auf die Straße zu sehn. Ihre Zähne klapperten vor +Frost, die Schere, die sie noch fest in der Hand hielt, klirrte im +Takt gegen die Scheibe. + +Ein paar Dachgiebel hoben sich blaugrau drüben aus der Dunkelheit +ab. Irgendwo in einem Fenster flimmerte noch ein Licht. + +"Hurra! Papa Svendsen! Moi'n, oller junge! Prost Neujahr!!" + +Sie atmete auf. Es hatte laut gelacht. Jetzt: eine barsche Stimme, +ein Stock, der schnell noch eine Jalousie herunterrasselte, die +ganze Gesellschaft war wieder um die Ecke. + +Eine kleine Weile noch horchte sie. + +Ab und zu von den Dächern, polternd, der Schnee, in der Ferne, +leise, ein Schlittenglöckchen. + +Sie hatte die Decke wieder fallen lassen.-- + +Einen Augenblick lang stand sie da! Das ganze Zimmer war jetzt +schwarz. Nur hinter ihr, matt durch die Decke, das Schneelicht. + +Sie tappte sich auf den Tisch zu. + +Gegen die Kante stieß sie. Ein Fläschchen war umgeklirrt, es roch +nach Spiritus. Das Zündholzschächtelchen hatte jetzt geraschelt, +es flackerte auf! Sie leuchtete über den Tisch hin. Der schmale +Goldrand um die kleine Photographie glitzerte. Die Nachtlampe stand +auf dem alten, aufgeklappten Buch mitten zwischen dem Geschirr. + +Jetzt ein leises Sprühn und Knistern, der Docht hatte gefangen. +Über ihr, groß an der Decke, ihr Schatten. + +Frau Wachtel nebenan schnarchte, der kleine Fortinbras stöhnte. + +Sie hatte sich jetzt auf den Bettrand gesetzt. Die beiden Zipfel +des Kopfkissens, das sie um ihre Schultern gepackt hatte, drückte +sie vorn mit ihrem Kinn fest gegen ihre Brust zusammen. Ihre Arme +hatten sich gegen ihren Leib gekrampft, ihre hochgezogenen Knie +waren eng aneinandergepreßt. Sie zitterte über den ganzen Körper! +Ihr Gesicht hatte sich verzerrt, stumpf stierte sie vor sich hin. +Die Schere, die ihr vorhin vom Tisch runtergekippt war, lag unten +vor ihr auf den grauen Dielen. Sie flinkerte. + +Das Lämpchen auf dem Tisch hatte jetzt leise zu zittern angefangen, +die hellen, langgezogenen Kringel, die sein Wasser oben quer über +die Decke und ein Stück Tapete weg gelegt hatte, schaukelten. Das +Geschirr um das Glas hob sich schwarz aus ihnen ab. Die Kaffeekanne +reichte bis über die Decke. + +"Brrr...Ae!" + +Ihre Pantoffeln waren jetzt unter den Tisch geflogen, sie hatte +sich hastig unter das Deckbett gekuschelt. + +Die weißen Lichtringe fluteten und fluteten, das Öl auf dem Tisch +knatterte leise, ein kleines Fünkchen war eben von seinem Docht +abgespritzt und schwamm nun schwarz in der dicken, goldgelben Masse. + +Unter dem Deckbett drüben lag es jetzt wie ein Klumpen. An einer +Stelle sah noch ihr Unterrock vor ... + +"Still, Hund!...Ae!" + +Er hatte sich jetzt seinen alten Zylinder, auf dem noch der dicke +Schnee lag, vom Kopf gerissen und feuerte ihn nun wütend drüben +in die dunkle, schreiende Ecke, wo der Korb stand. Die Tür hinter +ihm war dröhnend ins Schloß gekracht. + +"Niels!!" + +Das Deckbett, das jetzt quer auf den Dielen lag, hatte zur Hälfte +den Stuhl mitgerissen. Sie kniete aufrecht mitten im Bett. Ihre +Nachtjacke vorn hatte sich ihr bis oben unter die Arme verschoben, +ihr Haar hing in Strähnen um ihr Gesicht. + +"Halt's Maul! Fang nicht auch noch an!" + +Er hatte sich jetzt auch seinen alten, abgeschabten Rock +runtergezerrt. Das kleine Spiegelchen über der Kommode, gegen das +er ihn geschleudert hatte, war runtergeschurrt und lag nun zersplittert +auf dem blinkernden Wachstuch. + +"Na, wird's bald?!" + +Der kleine Fortinbras jappte nur noch. + +"Na?!...Dein Glück, Kanaille!..." + +Seine Stiefeln waren jetzt dumpf gegen die kleine Kiste neben dem +Ofen gebullert. Der aufgeschlammte Schnee dran war naß gegen die +Kacheln geplatscht. Er suchte jetzt nach den Pantoffeln. + +"Ach was! Halt dein Maul, sag ich!...Die Ohren vollplärren...Könnte +mir noch grade passen!...Sind die Sachen gepackt?!" + +Das Schnarchen nebenan hatte aufgehört. Es schubberte jetzt deutlich +gegen die Tür. + +"Ob du gepackt hast?!" + +"Nein, Niels...ich.." + +Sie stotterte! + + +Man hat ja mal wieder zur Abwechslung die Schwindsuchtl...Bitte, +genieren Sie sich nicht, Frau Wachtel! Treten Sie näher! Heute +geht's ja woll noch!" + +Sein Schatten, der bis dahin kreuz und quer über die weiße Decke +geschossen war, war jetzt verschwunden. Er hatte sich unter den +Tisch gebückt. + +Vom Bett her hatte es eben laut zu husten angefangen. + +"Ach, du mein lieber Gott'...Ach Gott! Ach Gott! Die arme Frau!" + +Sie hatte jetzt ihr Gesicht in das Kissen gepreßt und weinte. + +"Nu ja! Nu ja! Nu heul doch noch'n bißchen! Das ist ja deine Force! +Weiter kannste ja woll nischt!" + +Er war eben in die Pantoffeln gefahren und suchte nun auf dem Tisch +herum. Ein Messer klapperte gegen die Kochmaschine, eine Tasse war +umgekippt. + +"Natürlich! Keen Fippschen mehr! Für deine Schwind sucht hast du +ja noch'n janz juten Appetit! ... Herrlich Das tut immer, als ob +es Poten saugt, uund frißt ein'm die Haare vom Kopp runter!" + +Er hatte sich seine Fäuste in die Hosentaschen gestopft und schnaubte +nun im Zimmer auf und ab. + +"So'ne Zucht! So eine--Zucht!!" + +Er hatte mit dem Fuß in die kleine, hohle Kiste mit dem Nähzeug +gestoßen. Die Flasche war auf den Boden geschlagen, das Licht bis +unters Bett gekullert. + +"Lächerlich!" + +Er hatte jetzt auch noch die Flasche druntergestoßen. "Lächerlich!!...Wirst +du still sein?!!" + +Der kleine Fortinbras hatte wieder laut zu schreien angefangen. + +"Bestie!" + +Mit einem Satz war er auf den Korb zu. + +"Bestie!!" + +Das Geschrei war wieder wie abgeschnitten. + +"Alberne Komödie!" + +Er hatte sich jetzt wieder nach dem Bett zu gedreht. Seine Fäuste +waren geballt. Unter den Kissen hervor hatte es deutlich geschluchzt. + +"Alte Heulsuse!" + +Die beiden dicken Falten um seine Nase waren jetzt noch tiefer +geworden, zwischen seinen verzerrten Lippen blitzten seine breiten +Zähne auf. + +"Ae!!" + +Über seinen Rücken war ein Frösteln gelaufen. + +"So'ne Kälte!" + +Er rückte sich jetzt geräuschvoll den Stuhl zurecht. + +"So'ne Kälte!! Nich mal'n paar lump'je Kohlen hat das! So'ne +Wirtschaft!" + +Seine Socken hatte er jetzt runtergestreift, der eine war mitten +auf den Tisch unter das Geschirr geflogen. + +"Na?! WiIlste so gut sein?!" + +Sie drückte sich noch weiter gegen die Wand. + +"Na! Endlich!" + +Er war jetzt zu ihr unter die Decke gekrochen, die Unterhosen hatte +er anbehalten. + +"Nicht mal Platz genug zum Schlafen hat man!" + +Er reckte und dehnte sich. + +"So'n Hundeleben! Nicht mal schlafen kann man!" + +Er hatte sich wieder auf die andre Seite gewälzt. Die Decke von +ihrer Schulter hatte er mit sich gedreht, sie lag jetzt fast bloß +da. + + + +Das Nachtlämpchen auf dem Tisch hatte jetzt zu zittern aufgehört. + +Die beschlagene, blaue Karaffe davor war von unzähligen Lichtpünktchen +wie übersät. Eine Seite aus dem Buch hatte sich schräg gegen das Glas +aufgeblättert. Mitten auf dem vergilbten Papier hob sich deutlich +die fette Schrift ab: "Ein Sommernachtstraum". Hinten auf der Wand, +übers Sofa weg, warf die kleine, glitzernde Photographie ihren +schwarzen, rechteckigen Schatten. + +Der kleine Fortinbras röchelte, nebenan hatte es wieder zu schnarchen +angefangen. + +"So'n Leben! So'n Leben!" + +Er hatte sich wieder zu ihr gedreht. Seine Stimme klang jetzt weich, +weinerlich. + +"Du sagst ja gar nichts!" + +"Sie schluchzte nur wieder. + +"Ach Gott, ja! So'n...Ae!! ..." + +Er hatte sich jetzt noch mehr auf die Kante zu gerückt. + +"Is ja noch Platz da! Was drückste dich denn so an die Wand! Hast +du ja gar nicht nötig!" + +Sie schüttelte sich. Ein fader Schnapsgeruch hatte sich allmählich +über das ganze Bett hin verbreitet. + +"So ein Leben! Man hat's wirklich weit gebracht! ... Nu sich noch +von so'ner alten Hexe rausschmeißen lassen! Reizend!! Na, was macht +man nu? Liegt man mor gen auf der Straße!...Nu sag doch?" + +Sie hatte sich jetzt noch fester gegen die Wand gedrückt. Ihr +Schluchzen hatte aufgehört, sie drehte ihn den Rücken zu. + +"Ich weiß ja! Du bist ja am Ende auch nicht schuld dran! Nu sag +doch!" + +Er war jetzt wieder auf kann zugerückt. + +"Nu sag doch!...Man kann doch nicht so--verhungern?!" + +Er lag Jetzt dicht hinter ihr. + +"Ich kann Ja auch nicht dafür!...Ich bin ja gar nicht so! Is auch +wahr! Man wird ganz zum Vieh bei solchem Leben! ... Du schläfst +doch nicht schon?" + +Sie hustete. + +"Ach Gott, ja! Und nu bist du auch noch so krank! Und das Kind! +Dies viele Nähen...Aber du schonst dich ja auch gar nicht...ich +sag's ja!" + +Sie hatte wieder zu schluchzen angefangen. + +"Du--hättest--doch lieber,--Niels.." + +"Ja...ja! Ich seh's ja jetzt ein ! Ich hätt's annehmen sollen! Ich +hätt' ja später immer noch...ich seh's ja ein! Es war unüberlegt! +ich hätte zugreifen sollen! Aber--nu sag doch!!" + +"Hast du ihn--denn nicht...denn nicht--wenigstens zu--Haus getroffen?" + +"Ach Gott, ja, aber...aber, du weißt ja! Er hat ja auch nichts! +Was macht man nu bloß? Man kann sich doch nicht das Leben nehmen?!" + +Er hatte jetzt ebenfalls zu weinen angefangen. + +"Ach Gott! Ach Gott!." + +Sein Gesicht lag jetzt mitten auf ihrer Brust., Sie zuckte! + +"Ach Gott! Ach Gott!!" + +Der dunkle Rand des Glases oben quer über der Decke hatte wieder +unruhig zu zittern begonnen, die Schatten, die das Geschirr warf, +schwankten, dazwischen glitzerten die Wasserstreifen. + + + +"Ach, nich doch Niels! Nich doch! Das Kind--ist ja schon wieder +auf! Das--Kind schreit ja! Das--Kind, Niels!...Geh doch mal hin! +Um Gottes willen!!" Ihre Ellbogen hinten hatte sie jetzt fest in +die Kissen gestemmt, ihre Nachtjacke vorn stand weit auf. + +Durch das dumpfe Gegurgel drüben war es jetzt wie ein dünnes, +heisres Gebell gebrochen. Aus den Lappen her wühlte es, der ganze +Korb war in ein Knacken geraten. + +"Sieh doch mal nach!!" + +"Natürlich! Das hat auch grade noch gefehlt! Wenn das Balg doch +der Deuwel holte! ..." + +Er war jetzt wieder in die Pantoffeln gefahren. + +"Nicht mal die Nacht mehr hat man Ruhe! Nicht mal die Nacht mehr!!" + +Das Geschirr auf dem Tisch hatte wieder zu klirren begonnen, die +Schatten oben über die Wand hin schaukelten. + +"Na? Du!! Was gibt's denn nu schon wieder? Na?...Wo ist er denn?...Ae, +Schweinerei!" + +Er hatte den Lutschpfropfen gefunden und wischte ihn sich nun an +den Unterhosen ab. + +"So'ne Kälte! Na? Wird's nu bald? Na? Nimm's doch, Kamel! Nimm's +doch! Na?!" + +Der kleine Fortinbras jappte! + +Sein Köpfchen hatte sich ihm hinten ins Genick gekrampft, er bohrte +es jetzt verzweifelt nach allen Seiten. + +"Na? Willst du nu, oder nich?!--- Bestie!!" + +"Aber--Niels! Um Gottes willen! Er hat ja wieder den--Anfall!" + +"Ach was! Anfall!--- Da! Friß!!" + +"Herrgott, Niels..." + +"Friß!!!" + +"Niels!" + +"Na? Bist du--nu still? Na?--Bist du--nu still? Na?! Na?! " + +"Ach Gott! Ach Gott, Niels, was, was--machst du denn bloß?! Er, +er--schreit ja gar nicht mehr! Er...Niels!!" + +Sie war unwillkürlich zurückgeprallt. Seine ganze Gestalt war +vornüber geduckt, seine knackenden Finger hatten sich krumm in den +Korbrand gekrallt. Er stierte sie an. Sein Gesicht war aschfahl. + +"Die... L-ampe! Die...L-ampe! Die...L-ampe!" + +"Niels!!!" + +Sie war rücklings vor ihm gegen die Wand getaumelt. + +"Still! Still!! K--lopft da nicht wer?" + +Ihre beiden Hände hinten hatten sich platt über die Tapete gespreizt, +ihre Knie schlotterten. + +"K--lopft da nicht wer?" + +Er hatte sich jetzt noch tiefer geduckt. Sein Schatten über ihm +pendelte, seine Augen sahen jetzt plötzlich weiß aus. + +Eine Diele knackte, das Öl knisterte, draußen auf die Dachrinne +tropfte das Tauwetter. + +Tipp............................................... + ...............Tipp ..................................... + +... Tipp ............................................. + +................. Tipp.................................. +............................................ + +Acht Tage später balancierte der kleine, buckelige Bäckerjunge +Tille Topperholt seinen Semmelkorb pfeifend durch das dunkle, +dichtverschneite Severingäßchen nach dem Hafen runter. Die Witterung +hatte wieder umgeschlagen, seine kleine Stupsnase sah zum Erbarmen +blau aus. + +"Heil dir, Svea! Mutter für uns alle!" + +Es hatte gerade fünf geschlagen. Vor dem neuen, großen Schnapsladen +an der Ecke der Petrikirche stolperte er. Jesus! Seine Semmeln +waren ihm in den Rinnstein geflogen, er war mitten in den Schnee +geschlagen, Aber er nahm sich nicht einmal die Zeit, sie wieder +aufzulesen. Er kam erst wieder zur Besinnung, als er sich bereits +drüben am Jakobiplatz mit beiden Händen an die große, dick beeiste +Glocke gehängt hatte, die denn auch sofort oben die ganze Polizeiwache +alarmierte. Jesus! Jesus!! + +Als der dicke Sieversen dann endlich angestapft kam, konstatierte +er, daß der Mann erfroren war. "Erfroren durch Suff!" Seinen +zerbeulten Zylinder hatte ihm der kleine, buckelige Tille vorhin +grade gegen die Laterne gequetscht. Aus seinen zerlumpten, apfelgrünen +Frackschößen sah noch die Flasche. + +Wohlan, eine pathetische Rede! + +Es war der große Thienwiebel. + +Und seine Seele? Seine Seele, die ein unsterblich Ding war? + +Lirumn, Larum! Das Leben ist brutal, Amalie! Verlaß dich +drauf! Aber--es war ja alles egal! So oder so! + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 4601 *** diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..2bef528 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #4601 (https://www.gutenberg.org/ebooks/4601) diff --git a/old/7papa10.zip b/old/7papa10.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4140e33 --- /dev/null +++ b/old/7papa10.zip diff --git a/old/8papa10.zip b/old/8papa10.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..29fb003 --- /dev/null +++ b/old/8papa10.zip diff --git a/old/old-2024-06-13/4601-0.txt b/old/old-2024-06-13/4601-0.txt new file mode 100644 index 0000000..9769395 --- /dev/null +++ b/old/old-2024-06-13/4601-0.txt @@ -0,0 +1,2348 @@ +The Project Gutenberg Etext of Papa Hamlet +by Arno Holz and Johannes Schlaf + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg file. + +Please do not remove this header information. + +This header should be the first thing seen when anyone starts to +view the eBook. Do not change or edit it without written permission. +The words are carefully chosen to provide users with the information +needed to understand what they may and may not do with the eBook. +To encourage this, we have moved most of the information to the end, +rather than having it all here at the beginning. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + +Information on contacting Project Gutenberg to get eBooks, and +further information, is included below. We need your donations. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a 501(c)(3) +organization with EIN [Employee Identification Number] 64-6221541 +Find out about how to make a donation at the bottom of this file. + + +Title: Papa Hamlet + +Author: Arno Holz and Johannes Schlaf + +Release Date: November, 2003 [Etext #4601] +[This file was first posted on February 13, 2002] +[Most recently updated March 30, 2004] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +The Project Gutenberg Etext of Papa Hamlet +by Arno Holz and Johannes Schlaf +******This file should be named 4601-8.txt or 4601-8.zip****** + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +The "legal small print" and other information about this book +may now be found at the end of this file. Please read this +important information, as it gives you specific rights and +tells you about restrictions in how the file may be used. + +*** +etext created by Norman Werner and proofed by William Fishburne + +PAPA HAMLET + +von Arno Holz/Johannes Schlaf + +1889 + + + + + +I + + + + +Was? Das war Niels Thienwiebel? Niels Thienwiebel, der große, +unübertroffene Hamlet aus Trondhjem? Ich esse Luft und werde mit +Versprechungen gestopft? Man kann Kapaunen nicht besser mästen?... + +"He! Horatio!" + +"Gleich! Gleich, Nielchen! Wo brennt's denn? Soll ich auch die +Skatkarten mitbringen?" + +"N...nein! Das heißt..." + +--"Donnerwetter noch mal! Das, das ist ja eine, eine--Badewanne!" + +Der arme kleine Ole Nissen wäre in einem Haar über sie gestolpert. +Er hatte eben die Küche passiert und suchte jetzt auf allen vieren +nach seinem blauen Pincenez herum, das ihm wieder in der Eile von +der Nase gefallen war. + +"Hä? Was? Was sagste nu?!" + +"Was denn, Nielchen? Was denn? + +"Schafskopp!" + +"Aber Thiiienwiebel!" + +"Amalie?! Ich..." + +"Ai! Kieke da! Also döss!" + +"Hä?! Was?! Famoser Schlingel! Mein Schlingel! Mein Schlingel, +Amalie! Hä! Was?" + +Amalie lächelte. Etwas abgespannt. + +"Ein Prachtkerl!" + +"Ein Teufelsbraten! Mein Teufelsbraten! Mein Teufelsbraten! Hä! +Was, Amalie? Mein Teufelsbraten!" + +Amalie nickte. Etwas müde. + +"Ja doch, Herr Thienwiebel! Ja doch!" + +Aber Frau Wachtel mühte sich vergeblich ab. Herr Thienwiebel, der +große, unübertroffene Hamlet aus Trondhjem, wollte seinen Teufelsbraten +nicht wieder loslassen. + +"Hä, oller junge? Hä?" + +"In der Tat, Nielchen! In der Tat, ein... ein... Prachtinstitut! +Ein Prachtinstitut!" + +"Hoo, hoo, hoo, hopp!! Hoo, hoo, hoo, hopp Bumm!!!" + +Der große Thienwiebel schwelgte vor Wonne. Er hatte sich jetzt +sogar auf ein Bein gestellt. Hinten aus seinem karierten Schlafrock +klunkerten die Wattenstücken. + +"Aber Thiiienwiebel!"-- + + + + + +II + + + + +"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im +Gemüt, die Pfeil' und Schleudern Des wütenden Geschicks erdulden, +oder...oder?... Scheußlich! Der große Thienwiebel hielt wieder +inne. + +"Nicht zum Aushalten das! Nicht zum Aushalten!!" + +Die fünf kleinen gelben Lappen hinter dem Ofen die dort an einer +Waschleine zum Trocknen aufgehängt waren, hatten ihn wieder total +aus dem Konzept gebracht, + +"Ekelhaft!" + +Er hatte sich jetzt, die Hände in seinen Schlafrocktaschen vergraben, +erbittert vor das Fenster aufgepflanzt. + +Der Himmel drüben über den Dächern war tiefblau; in den nassen +Dachrinnen, von denen noch gerade der letzte Schnee tropfte, zankten +sich bereits die Spatzen; es war ein prachtvolles Wetter zum Ausgehn. + +"Armer Yorick!" + +Noch um eine Nuance verdüsterter hatte sich jetzt der große +Thienwiebel wieder rücklings über das kleine, niedrige, mit blauem +Kattun überspannte Sofa geworfen und starrte nun über die Spitzen +seiner grünen, ausgetretenen Pantoffeln weg melancholisch zu Amalien +hinüber. + +Ihre dünnen lehmfarbenen Haare waren noch nicht gemacht, ihre Nachtjacke +schien heute schmutziger als sonst und stand vorn natürlich wieder +offen; der kleine rote Spießbürger, den sie, auf ihr Fußbänkchen +gekauert, nachlässig aus einem Gummischlauch säugte, sah auf einmal +häßlich aus wie ein kleiner Frosch. + +"Armer Yorick!" + +Herr Thienwiebel hatte sich seufzend erhoben und setzte jetzt seine +Wanderung von vorhin wieder fort. + +"...oder? oder... Sich waffend gegen eine See von Plagen, Durch +Widerstand sie enden. --Sterben--schlafen--Nichts weiter!--" + +Vor dem Fenster konnte er sich jetzt wieder nicht versagen, eine +kleine Pause zu machen. + +Die Sonne draußen ging gerade unter. Die Dächer sahen fuchsrot aus. +Aber ein Blick auf seinen alten, abgenutzten Schlafrock unten ließ +ihn sich wieder zusammennehmen und seinen Monolog von neuem beginnen. + +"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im Gemüt +Ae, Quatsch!!" + +Mit einem Ruck war jetzt der Shakespeare, den er sich eben aus +seiner Schlafrocktasche gerissen, auf den Tisch geflogen, wo er +die Gesellschaft einer Spirituskochmaschine, eines braunirdenen +Milchtopfs ohne Henkel, eines alten, berußten Handtuchs, einer Glaslampe +und einer Photographie des großen Thienwiebel in Morarahrnen vorfand. + +"He! Horatio! Horatio!!... Nicht zu Hause! Nicht zu Hause..." + +Total vernichtet hatte er sich jetzt wieder auf das Sofa +zurückgeschleudert und vertiefte sich nun in den tragischen Anblick +eines schmutzigen Kinderhemdchens, das neben einer geplatzten +Schachtel schwedischer Zündhölzchen vor ihm unten auf dem Fußboden +lag. + +"Verwünscht! Wenn man wenigstens mal ausgehn könnte, Amalie! Aber +ich fürchte...ich fürchte...die Welt ist nicht vorurteilsfrei genug, +um einen Niels Thienwiebel im Schlafrock und Zylinder unbehelligt +seines Weges dahingehn zu lassen!" + +Aber Amalie antwortete nicht einmal. Der kleine Krebsrote nahm +ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sein Lutschen zog jetzt den +ganzen Schlauch zusammen. + +"Ja! Es ist so! Es ist so, Amalie! Aber sie schreiben mir noch +immer nicht! Sie haben da Leute, Leute--Leute? Pah! Stümp'rr! 0 +Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist!" + +jetzt hatte Amalie, die dies Thema bereits kannte, etwas aufgesehn. + +"Ja...es wäre am Ende doch gut, wenn du einmal ..." + +Ihre Stimme klang heiser, belegt. + +"Ja, so wird es kommen! Vielleicht...bei meiner Schwachheit und +Melancholie..." + +Der kleine Krebsrote schmatzte! Seine Flasche war jetzt so gut wie +leer. + +"Ich werde selbst hingehn müssen und fürliebnehmen mit dem, was +man mir anzubieten wagt! Das Leben ist brutal, Amalie! Verflucht! +Wenn man wenigstens einen Rock zum Ausgehen hätte!" + +Sein Tenor war jetzt übergeschnappt, er hatte sich wieder lang über +das Sofa zurückgeeselt. + +Große Pause... + +Die Dächer draußen hatten sich allmählich braun gefärbt. Die Sonne +an dem großen runden Schornstein drüben war verblichen. + +Frau Thienwiebel fing jetzt hinten in ihrer Ecke zu husten an. + +"Herr Gott, Niels! Ich muß ja inhalieren! Da, nimm doch mal das +Kind!" + +"Natürlich! Auch noch Kinderfrau! Oh, Ich reiße Possen wie kein +andrer! Was kann ein Mensch auch andres tun als lustig sein? Still, +Krabbe!! " Der kleine Krebsrote schwieg wieder. Er war noch nie so +verblüfft gewesen. + +"Da! Nimm's! Kau's! Friß! Verschluck's!" + +Der große Thienwiebel hatte es jetzt sogar über sich gewonnen, seinem +ungeratnen Sprößling auch den Schnuller in den Mund zu stopfen. +Mehr war unmöglich zu verlangen! + +Amalie hatte unterdessen die Ofenröhre aufgemacht und entnahm ihr +jetzt einen kleinen, grünglasierten Kochtopf. Ein nach Salbei +duftender Brodem entstieg ihm. Nachdem sie dann noch das kleine +Geschirr neben den Ofen auf einen Stuhl und sich selbst auf die +Fußbank davor gesetzt hatte, machte sie jetzt ihren Mund auf und +atmete das heiße Zeug langsam ein. + +Der große Thienwiebel, der sich unterdes mit seinem impertinenten +kleinen Krebsroten auf die Tischkante placiert hatte, sah ihr +nachdenklich zu. + +"Hm! Weißt du, Amalie? + +"Hm??" + +"Weißt du? Wir haben eigentlich eine ganz falsche Methode, das Kind +zu nähren, Amalie!" + +"Ach was!" + +"Ich sage, eine Methode! Eine verkehrte Methode, Amalie!" + +"Aber..." + +"Verlaß dich drauf! Eine unnatürliche, Amalie!" + +"Ja, du lieber Gott..." + +"Eine unnatürliche...Wir sollten das Kind nicht mit der Flasche +tränken!" + +"Nich? Na, womit denn sonst?" + +"Du selbst solltest es eben tränken!" + +"Ich?" + +"Gewiß, Amalie!" + +"Ach lieber Gott! Ich! Selbst!". + +"Nun! Warum nicht?" + +"Ich?? Bei meiner schwachen, kranken Brust jetzt?" + +"Ach was! Das bildest du dir ja nur ein, Amalie! Ich sage die, du +bist völlig gesund. Du bist völlig gesund, sag ich!...Übrigens: +Ein Kind kann ein für allemal nur dann gedeihen, wenn es die Mutter +selbst säugt!" + +Herr Thienwiebel war jetzt ganz eifrig geworden. Seine Langeweile +von vorhin schien er völlig vergessen zu haben. Er schien es sogar +nicht bemerkt zu haben, daß dem kleinen zappelnden Wurm auf seinen +Knien der Schnuller wieder heruntergekullert war. + +"Verlaß dich drauf, Amalie! Ich sage, die natürlichste Methode +ist immer die beste! Denk doch mal: was sollten denn sonst die +Negerweiber anfangen! Sie haben keine Flaschen! Sie nähren ihre +Kinder selbst, siehst du...und,und--nun ja! Und sie gedeihen dabei! +Gedeihen! Na?" + +"Ja, Niels, aber ich bin doch kein Negerweib!" + +Der große Thienwiebel lächelte überlegen. + +"Ja nun, du mußt...hehe! Du mußt mich eben verstehn, Amalie! He!" + +Amalie hatte sich wieder tief über ihren Salbeitopf gebückt. + +"Ich wollte dir damit eben nur durch ein...ein...nun sagen wir durch +ein Beispiel, andeuten, daß das Natürlichste immer das Vernünftigste +ist. Ich sehe eben durchaus nicht ein, warum die Negerweiber etwas +vor uns voraushaben sollten!" + +"Aber sie sind gesund!" + +"Ach was! Das bildest du dir ja nur ein, Amalie, daß du krank bist!" + +"Ich?" + +"Allerdings, Amalie! Ich behaupte..." + +Amalie war jetzt ein wenig ungeduldig geworden. + +"Ach was! Laß lieber das Kind nicht so schrein!" + +"Auch das ist wieder nur so ein Vorurteil von dir, Amalie! Was schadet +das! Ich habe gelesen, es ist nichts gesünder! Die Lungen weiten +sich dabei! Aber -- e...wie gesagt! Du solltest das Kind selbst +tränken! Die heutige Kultur freilich, die Kultur der europäischen +Welt..." + +Die Kultur überging Amalie. Sie hielt sich nur an die Ermahnungen, +die sie nun schon so oft zu hören bekommen hatte. + +"So! So! Jawoll doch! Gewiß! Bei unserm Leben! Den ganzen Tag lebt +man von Kaffee und Butterbrot! Ich möchte wissen, wie das arme Wurm +dabei gedeihen sollte!" + +"Ha! Zu leben im Schweiß und Brodem eines eklen Betts, gebrüht in +Fäulnis, buhlend und sich paarend über dem garst'gen Nest! Nicht +wahr? Du willst damit sagen, daß ich an unsrer Lage schuld bin, +Amalie!" + +"Na! Etwa ich?" + +"Weib!!" + +"Moi'n!" + +Die Tür, an der es schon eine ganze Weile vergeblich geklopft hatte, +wurde in diesem Augenblick weit aufgestoßen, und herein, in seinem +ewigen Havelock, der vor Zeiten wahrscheinlich einmal hechtgrau +gewesen war, den ungeheuren schwarzen Schlapphut tief in das kleine +fidele, blasse Gesichtchen gedrückt, tänzelte jetzt der kleine Ole +Nissen. + +"Moi'n! Also laßt euch nicht stören, Kinder! Bitte, bitte! Keine +Umstände, Nielchen! Keine Umstände! Weiß schon! Probiert 'ne neue +Szene ein! Also, wie gesagt ... Donnerwetter! Ist das Biest hart!" + +Er hatte sich eben mitten auf das kleine Kattun'ne plumpsen lassen +und dabei wieder in einem Haar seine Ägypter verloren, die er schief +zwischen die Zähne geklemmt hielt. + +"Also, wie gesagt! Laufe da eben ganz trübselig den Hafendamm +runter. Hä? Und wer begegnet mir da? Der Kanalinspektor! Na, wer +denn sonst? Der Kanalinspektor natürlich! Nobel verheiratet, Villa +in Bratsberg, no! etc. pp. Könnt euch ja denken! Schleift mich +also natürlich sofort zu Hiddersen und läßt vorfahren... Na, oller +Junge? Wie geht's?... Faul! sag ich also natürlich. Faul!...Hm! +Weißte was? KKönntest eigentlich meine Alte porträtieren!...Hm! Mit +Jenuß, Kind! Mit Jenuß! Aber--e...Farben, siehst du--he, Leinwand, +Rahmen also...Hä! Was? Nobles Putthuhn!!" + +Ole Nissen ließ jetzt die schönen, noblen Kronen in seinen Taschen +nur so klimpern. + +"Frau Wach-tel! Frau Wachtell!! Frau Wach-tellll!!!" + +Das Haus Thienwiebel schwamm wieder in Wonne. Sein Krach war wieder +auf eine Weile verschoben. + +"Hä! Und dies? Ist das Butter? Und dies? Hä? Ist das Schinken? Hä? +Und dies? Hä? Platz für das Silberzeug! Silentium!!" + +Der kleine Ole war heute wieder ganz aus dem Häuschen... + +Nachdem das "Silberzeug" dann endlich abgeräumt und die Punschbowle +zu zwei Dritteln bereits geleert war, mußte Frau Wachtel sogar noch +die Skatkarten "ranschleifen". Es war einfach herrlich! Der große +Thienwiebel hatte seinen türkischen Fez auf, Ole Nissen bot seine +Ägypter sogar galant der alten Madame Wachtel an, die sich aber +empört von ihnen wieder in ihre Küche zurückflüchtete, Amalie +rauchte tapfer mit. Ihre alten Opheliajahre waren wieder lebendig +in ihr geworden. + +"Ach, Thienwiebel! Niels!! Geliebter!!!" + +Der große Thienwiebel stand da und weinte. + +"Bin ich 'ne Memm'?--Ha! Rauft mir den Bart und werft ihn mir ins +Antlitz! Nein, reizende Ophelial Nein! Weine nicht! Mein Schicksal +ruft und macht die kleinste Ader meines Leibes so fest als Sehnen +des Nemeerlöwen!... Was, alter Jephta?...Nein, glaube nicht, daßich +dir schmeichle! Was für Befördrung hoff ich wohl von dir, der keine +Rent' als seinen muntren Geist, um sich zu nähren und zu kleiden +hat!" + +Seine Stimme brach ab, die Hand, die er ihm auf die Schulter gelegt +hatte, zitterte.-- + +Zuletzt, als die alte Glaslampe nur noch wie eine kleine Ölfunzel +brannte und die prachtvollen Ägypter um ihre grüne Glocke einen +schönen, silbergrauen, fingerdicken Nebelring gelegt hatten, wurde +auch der kleine Ole Nissen gerührt. + +Er hatte sich nach und nach zu der reizenden Ophelia auf das +kleine, blaue Kattunüberzogene gedrängt und titulierte sie nur +noch "Miezchen". Jetzt hatte er endlich auch ihre Hände zu fassen +bekommen und bedeckte sie nun mit seinen Küssen. + +Der große Thienwiebel erhob keine Einsprache. Er hatte segnend seine +Hände über sie gebreitet und konnte sein Herz nur noch stammelnd +ausschütten. + +"Der Kreis hier weiß, ihr hörtet's auch gewiß, wie ich mit schwerem +Trübsinn bin geplagt!" + +Der kleine Krebsrote hinten in seiner Ecke hatte unterdessen seine +Not mit sich gehabt. Schon verschiedene Male hatte er sich in den +Schlaf geweint. Jetzt aber war er wieder aufgewacht und konnte +absolut nicht mehr seinen Gummipfropfen finden. Die reizende Ophelia +hörte ihn nicht. Sie war längst in ihrer Sofaecke eingeschlafen. +Er schrie jetzt, als ob er am Spieße stak. + +Der große Thienwiebel hatte natürlich erst recht keine Zeit für +den Schurken. Er hatte den kleinen Ole Nissen, der jetzt kaum noch +seine kleinen, wasserblauen Augen aufhalten konnte, vorn an seinem +Rockkragen zu packen bekommen und deklamierte nur wieder: + +"Er ist eine Elster, Horatio! Eine Elster! Aber, wie ich dir sagte, +mit weitläufigen Besitzungen von--Kot gesegnet!" + + + + + +III + + + + +Es war nicht anders! Aber er hegte Taubenmut, der große Thienwiebel, +ihm fehlte es an Galle... + +Er hatte seit kurzem--er wußte nicht wodurch?--all seine Munterkeit +eingebüßt, seine gewohnten Übungen aufgegeben, und es stand in der +Tat so übel um seine Gemütslage, daß die Erde, dieser treffliche Bau, +ihm nur ein kahles Vorgebirge schien. Dieser herrliche Baldachin, +die Luft, dieses majestätische Dach mit goldnem Feuer ausgelegt: +kam es ihm doch nicht anders vor als ein fauler, verpesteter Haufe +von Dünsten. Welch ein Meisterwerk war der Mensch! Wie edel durch +Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung +wie bedeutend und wunderwürdig im Handeln, wie ähnlich einem Engel; +im Begreifen, wie ähnlich einem Gotte; die Zierde der Welt! Das +Vorbild der Lebendigen! Und doch: was war ihm diese Quintessenz +vom Staube? Er hatte keine Lust am Manne--und am Weibe auch nicht. +Die Zeit war aus den Fugen! War es zu glauben? Aber-e-man hatte +ihm noch immer nicht geschrieben. Man war undankbar in Christiania. +Armer Yorick! + +Sterben, schlafen...vielleicht auch träumen? + +Einstweilen jedoch hatte es allen Anschein, als ob gewisse +Rücksichten das Elend des armen Yorick noch zu hohen Jahren kommen +lassen wollten. Jedenfalls wenigstens durften jetzt die naseweisen +Aktschüler unten in der Akademie den großen unübertrefflichen Hamlet +aus Trondhjem schon seit vollen vierzehn Tagen in den schönen, +langen Vormittagsstunden als sterbenden Krieger kopieren. Das war +freilich eine Entwürdigung, aber sie brachte Geld ein. Nur genügte +es leider noch nicht. + +Wenn der "arme Yorick" jetzt mittags nach Hause kam und sich +mit einem Appetit, als hätte er eben vierundzwanzig Stunden lang +ohne aufzusehn Eichenkloben zerkleinert, über die große Schüssel +herstürzte, die ihm die reizende Ophelia schon vorsorglich verdeckt, +der Photographie des großen Thienwiebel grade gegenüber, auf den +Tisch gestellt hatte, fand sich meist nur eine etwas grün angelaufene, +dünne Kartoffelsuppe drin vor, in der höchstens hie und da noch ein +paar kleine, kohlschwarze Speckstückchen schwammen. Armer Yorick!... + +Amalie schien schon seit undenklichen Zeiten ihre Nachtjacke nicht +mehr in die Waschwanne gesteckt zu haben. Wozu auch große Toilette +machen? Man war ja zu Hause. + +"Nicht wahr, Thienwiebel?" + +Der große Thienwiebel hielt es für unter seiner Würde zu antworten. +Er hatte sich eben wieder in seinen alten, bequemen Schlafrock +geworfen, aus dem die Watte freilich, ihrer nur noch geringen +Quantität halber, nicht mehr recht klunkern konnte. + +Seinen William aufgeklappt, hatte er sich jetzt wieder tiefsinnig +rücklings über das kleine Blaukattunene geworfen. + + "Oh, schmölze doch dies allzu feste Fleisch, + Zerging' und löst' in einen Tau sich auf! + Oder hätte nicht der Ew'ge sein Gebot + Gerichtet gegen Selbstmord! 0 Gott! o Gott! Wie + ekel, schal und flach und unersprießlich Scheint + mir das ganze Treiben dieser Welt! + Pfui! Pfui darüber!" + +Amalie, die sich wieder auf ihre kleine, mollige Fußbank neben den +Ofen gesetzt und eben ihre Schmalzstulle in den Kaffee gestippt +hatte, sah jetzt etwas verwundert in die Höhe. Als aber der "arme +Yorick" dann nicht mehr weiterlas und, seinen William zugeklappt, +sich jetzt sogar, ganz wider seine sonstige Gewohnheit, mit dem +Kopfe gegen die Wand gedreht hatte, wurde ihr denn doch ein wenig +unbehaglich zumut. + +Eine Weile noch überlegte sie; dann aber, endlich, hatte sie sich +entschieden. Ihre Stimme klang noch kläglicher als sonst. + +"Ich will nähen gehn, Niels." + +"Nein, Amalie! Niemals! Niemals! Das werde ich nie dulden! Das wäre +eine unverzeihliche Vernachlässigung deiner heiligsten Mutterpflichten!" + +Er war wieder empört aufgesprungen. + +"Nein, Amalie! Nie! Niemals!...Solang Gedächtnis haust in +dem...zerstörten Ball hier!" + +Er hatte sich melodramatisch vor die Stirn gestoßen. Amalie fühlte +sich wieder beruhigt und biß jetzt herzhaft in ihre Schmalzstulle... + +"Herein?" + +Es war Frau Wachtel. Sie brachte wieder die Milch für den Kleinen. + +Der große Thienwiebel hatte es sich nicht versagen können, ihn auf +den Namen Fortinbras taufen zu lassen. + +"Na, Dickerchen? Langweilste dich? Oh, mein Mäuseken! Oh!" + +Sie fand nämlich, daß Amalie ihren heiligsten Mutterpflichten etwas +nachlässig oblag, und gestattete sich öfters eine kleine Kontrolle. + +Frau Rosine Wachtel war nämlich im Besitze eines guten Herzens. Und +das mußte wahr sein, denn sie sagte es selbst und vergoß jedesmal +Tränen dabei. Indessen war ihr dieser Besitz noch nicht allzu +gefährlich geworden. Denn es war ihr noch niemand durchgebrannt, +und sie war noch immer zu ihrem Geld gekommen; und das war oft +ein Stück Arbeit gewesen. Frau Rosine Wachtel konnte das jeden +versichern... + +"Ach, du Würmeken! Ach, mein Puttekent Hab'n se dir so in'n Korb +jestochen!" + +Die gute Frau Wachtel war ganz gerührt. Aber plötzlich, aus +irgendeinem Grunde, wahrscheinlich weil draußen auf dem Flur eben +jemand die Treppe heraufzukommen schien, hielt sie es jetzt doch +für besser, sich schnell noch mal nach ihrer Küche umzusehn... + +Der große Thienwiebel, der etwas ungeduldig gewartet hatte, bis ihr +runder, trivialer Rücken endlich hinter der Tür verschwunden war, +weil er wieder etwas wie einen Monolog in sich verspürte, war +jetzt tragisch auf das kleine runde Spiegelchen über der Kommode +zugetreten, aus dem ihm nun sein schöner, edelgeformter Apollokopf +melancholisch zunickte. + +"Armer Freund! Wie ist dein Gesicht betroddelt, seit ich dich +zuletzt sah!" + +Amalie bekümmerte sich nicht mehr um ihn. Sie kannte ihren großen +Gatten. + +"Armer Freund!" + +War das sein Haar? Sein schönes, berühmtes, blauschwarzes Haar? Eine +grausame Natur der Dinge hatte ihm nun schon seit Wochen verwehrt, +es sich brennen zu lassen. In die Stirn, in diese erhabene Wölbung +majestätischer Gedanken, fiel es ihm nun in Strähnen, dick und +feist, wie sie selber, diese schale, engbrüstige Zeit. + +"Armer Freund!" + +Nachdem er sich so zu der erhabenen Mission, die ihm vorschwebte, +genügend präpariert zu haben glaubte, drehte er sich jetzt gemessen +nach dem kleinen, gelben Korb um, der dicht neben dem Bett quer +über zwei Stühle gestellt war. + +"Armes kleines Menschenkind! Welch böser Stern verdammte dich in +dieses Elend!" + +Das arme kleine Menschenkind zappelte ihn an und lachte. + +"Aber still! Still! Ich will alles einsetzen! Ich will meine ganze +Kraft einsetzen! Ich werde arbeiten, Freund! Ich werde arbeiten! +Ich werde dem Schicksal die Stirn bieten; ich werde ihm ab trotzen, +daß du in dieser herben Welt dereinst jene Stellung einnimmst, +die deinen Talenten gebührt...ja! So macht Gewissen Feige aus uns +allen. Der angebornen Farbe der Entschließung wird des Gedankens +Blässe angekränkelt; und Unternehmungen voll Mark und Nachdruck, +durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt, verlieren so der Handlung +Namen!" + +Seine Stimme bebte, seine Schlafrocktroddeln hinter ihm, die er +sich zuzubinden vergessen hatte, zitterten. + +Amalie hatte jetzt ihr Schmalzbrot wieder beiseite gelegt. + +"Niels, ich will doch lieber nähen gehn!" + +"Nie! Nie! Sprich nicht davon, Amalia! Bei meinem Zorn! Sprich +nicht davon!" + +Amalie war wieder beruhigter denn je. + +Ihr schönes Schmalzbrot war, Gottseidank, noch nicht ganz alle. +Der große Thienwiebel, der einigermaßen aus seinem Konzept gekommen +war, hatte jetzt einige Mühe, wieder hineinzukommen. Den Shakespeare, +den er wieder von der Erde aufgelesen hatte, hinten in seinen +Wattenklunkern, die Finger krampfhaft um seinen roten Saffianrücken, +nickte er jetzt wieder schmerzlich auf das kleine, verwunderte +Bündelchen hinab. Es hatte die ganze Zeit über kaum zu mucksen +gewagt. + +"Ich weiß... ich werde sterben, Freund! Ich werde sterben!--Das +starke Gift bewältigt meinen Geist! Ich kann von England nicht +die Zeitung hören; doch prophezei ich, die Erwählung fällt auf +Fortinbras... Du lebst; erkläre mich und meine Sache den Unbefriedigten!" + +Der kleine Fortinbras war jetzt ganz ernsthaft geworden. Er hatte +seinen großen Papa noch nie so menschlich mit ihm reden hören. + +"Den Unbefriedigten" + +Der Regen draußen, der die braunen Dächer drüben schon seit +frühmorgens wie mit Glanzlack überzogen hatte, plätscherte, aus +dem Fensterblech, unter das die reizende Ophelia natürlich wieder +den Wasserkasten zu hängen vergessen hatte, war er jetzt allmählich +sogar die graue Tapete hinab bis mitten unter das kleine Blaukattunene +gekrochen. Auf seinem kleinen Teich drunter konnten die beiden +angebrannten Schwefelhölzchen bereits in aller Gemächlichkeit +rundherum Gondel fahren. + +Plötzlich schien den großen Thienwiebel wieder mal irgend etwas +unversehens gestochen zu haben. + +"Amalie! Amalie!" + +"Was denn schon wieder, Thienwiebel!" + +Sie hatte sich nicht einmal umgesehn. + +"Amalie, es ist nicht zu leugnen: das Kind hat ganz außergewöhnliche +Fähigkeiten! Es hat mich soeben angelacht. Es unterhält sich +ordentlich mit mir!" + +Amalie grunzte nur verdrießlich. + +"Ich wette, man kann ihm schon die Anfangsgründe des Sprechens +beibringen, Amalie!" + +"Hm? du! Sag mal: a! Na?! a-a-a..." + +Der kleine, gute Fortinbras wußte sich jetzt vor lauter Verdutztheit +gar nicht mehr zu lassen. Er hatte seine beiden dicken Händchen +rechts und links in den Korbrand gekrallt und ähte nun, seinen Kopf +nach hinten zurückgelegt, seinen großen Papa ganz vergnügt an. + +"Nicht ä, mein Junge! Sag a! A sollst du sagen! Also? Na? Aaaa!... " + +"Ach, laß doch! Das kann er ja noch nich!" + +Amalie hatte es endlich doch für angezeigt gehalten, sich ins Mittel +zu legen. + +"Was?! Das kann er nicht?! Sage das nicht, Amalie! Sage das nicht! +Dafür ist er mein Junge! Hä? Bist du mein Junge? Hä?" + +"Aber er ist ja erst kaum ein Vierteljahr alt!" + +"So? So? Nun, hm...Ich will nicht mit dir rechten, Amalie! Allein +du wirst doch vorhin bemerkt haben, daß er durchaus verstand, was +ich meinte!" + +Amalie gähnte. Sie gab es auf. Es hatte ja keinen Zweck! Es war ja +alles egal! So oder so! + +Der große Thienwiebel aber war damit noch nicht zufrieden. Er konnte +seine Idee noch nicht so leicht wieder fallenlassen. + +Nein, gewiß, Amalie! Der Junge berechtigt zu den besten Hoffnungen!" + +Ach... + +"Nun! Was ist denn da so Ungewöhnliches dabei, Amalie? Du weißt: +es gibt mehr. Ding' im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit +sich träumt, Amalie!" + +Amalie gähnte nur wieder. + + + "...und nun, ihr Lieben, + Wofern ihr Freunde seid, Mitschüler, Krieger, + Gewährt ein Kleines mir!" + + +Sie gewährten es ihm. + +Es war wirklich zu schön von dem großen Thienwiebel! Aber er +hatte sich jetzt tief über seinen kleinen, süßen Fortinbras, der zu +so großen Hoffnungen berechtigte, gebeugt und wollte ihn nun--oh, +zum ersten Mal, zum ersten Mal, seit langer, langer Zeit, Horatio! +wieder auf die kleine bleiche Stirn küssen. + +Aber es sollte nicht dazu kommen. Er war bereits wieder zurückgetaumelt, +noch ehe er seine schöne Tat zum Austrag gebracht hatte. + +"Ha!" + +Seine Augen rollten, seine Fäuste hatten sich geballt, die beiden +roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock schlotterten vor +Entrüstung. + +"Ha!" + +Das Rätsel von der alten, lieben, guten, geschäftigen Frau Wachtel +von vorhin hatte sich glänzend gelöst. + +Sei's Farbe der Natur, sei's Fleck des Zufalls, kurz und gut, aber +der kleine Prinz von Norwegen lag wieder seelenvergnügt mitten in +seinen weitläufigen Besitzungen da. + + + + + +IV + + + + +Seit die schöne Frau Kanalinspektor, sorgsam in Sackleinwand genäht, +endlich abgegangen war und weitere Promenaden am Hafendamm sich +nicht wieder ergiebig erwiesen hatten, war jetzt auch nebenan bei +dem kleinen Ole Nissen nichts mehr zu holen. Erneute Bohrversuche +bei dem famosen, noblen Putthuhn hatten auch nichts gefruchtet. Seine +"Alte" schien ihm nicht sonderlich imponiert zu haben. Wenigstens +hatte ihr kleiner "Tintoretto" sie bei seiner letzten offiziellen +Visite draußen vergeblich an den neuen, schöntapezierten Wänden +gesucht. Übrigens waren die Herrschaften gerade ausgegangen. Man +schien eben nicht bloß in Christiania allein undankbar zu sein. + +Keine Hummern bei Hiddersen mehr, keine Ägypter mehr, keine "Mieze" +mehr! Das letzte schmerzte den armen, kleinen Ole natürlich am +meisten. Aber man konnte es der Kleinen wirklich unmöglich verdenken. +Von aufgeweichten Brotkrusten ließ sich nicht satt werden. + +Der alten, lieben, guten Frau Wachtel aber war damit ein sehr großer +Stein vom Herzen gefallen. Sie hatte nämlich die niedliche kleine +Mieze einmal dabei ertappt, als sie dem abscheulichen Ole grade +Modell stand, und da sie hierfür wirklich auch nicht das mindeste +Verständnis besaß, ein gewisses, kleines Vorurteil gegen sie gefaßt. + +Ihr gutes Herz zu betätigen hatte sie in letzter Zeit leider nur zu +wenig Gelegenheit gehabt. Am unzufriedensten aber war sie jedenfalls +mit den dummen Thienwiebels. Was bei der alten Schlamperei dort +schließlich rauskommen mußte, konnte man sich ja an den Fingern +abzählen. + +Der alte, alberne Kerl flözte sich den ganzen Tag auf dem Sofa +rum und trieb Faxen, das faule, schwindsüchtige Frauenzimmer hatte +nicht einmal Zeit, seinem Schreisack das bißchen blaue Milch zu +geben, zu fressen hatten sie alle drei nichts, und die Miete--ach, +du lieber Gott! Wenn man nicht wenigstens noch die paar Sparkreeten +gehabt hätte... + +--Ja! Es war Wermut! Sein Verstand war krank! Es fehlte ihm +an Beförderung! Im Schoß des Glückes? Oh, sehr war! Sie ist eine +Metze! Was gibt es Neues? Als Roscius noch ein Schauspieler in Rom +war...Geharnischt, sagt Ihr? Sehr glaublich!--Ein Mann, der Stöß' +und Gaben mit gleichem Dank genommen, der zur Pfeife nicht Fortunen +diente, den Ton zu spielen, den ihr Finger griff, den Bettler, wie +er...Nichts mehr davon!! Sprich weiter, komm auf Hekuba! + +In der Tat, es ließ sich nicht mehr leugnen: er war jetzt wirklich +zu bedauern, der große Thienwiebel! + +Oh, welch ein Schurk' und niedrer Sklav' er war!! War's nicht +erstaunlich? War's zu glauben? War's möglich? War's nur durch +Angewohnheit, die den Schein gefäll'ger Sitten überrostet, war's +Übermaß in seines Blutes Mischung: kurz und gut, aber er kam jetzt +immer wieder auf sie zurück: auf nichts, auf Hekuba! + +Wozu sollten Gesellen wie er zwischen Himmel und Erde herumkriechen? +Dem Staub gepaart, dem er verwandt, so rings umstrickt mit +Bübereien...nicht doch, mein Fürst!! Die Mausefalle? Und wie das? +Metaphorisch! Ich bitte, spotte meiner nicht, mein Schulfreund; Du +kamst gewiß zu meiner Mutter Hochzeit! + +Armer Yorick! Denn wenn die Sonne Maden aus einem toten Hunde +ausbrütet, eine Gottheit, die Aas küßt...Armer Yorick! + +Sein Wahnsinn war des armen Hamlet Feind.-- + +Amalie, die endlich ihre Drohung wahrgemacht und in der Tat seit +einiger Zeit etwas zu tun angefangen hatte, was sie Trikottaillen +nähen nannte, ließ alles getrost über sich ergehen. Es hatte ja +keinen Zweck! Es war ja alles egal! So oder so. + +Der gute, kleine Ole Nissen war unendlich zarter besaitet. Da +Frau Wachtel so freundlich gewesen war und ihm nach so vielen +andern geliebten Gegenständen kürzlich auch noch seine schönen +leberwurstfarbenen Pantalons ins Leihhaus getragen hatte, war er +jetzt dazu verdammt, die ganzen Tage über in seinem Bett zu liegen +und durch die dünnen Bretterwände durch die ganze Wirtschaft mit +anzuhören. + +"Ha! Büberei! Auf, laßt die Türen schließen! Verrat! Sucht, wo er +steckt! Du betest schlecht! Ich bitt dich! Laß die Hand von meiner +Gurgel! Kennst du diese Mücke?!" + +Armer, kleiner Ole! War es Angst oder nur Langeweile? Aber der +Schweiß brach ihm oft tropfenweis durch die Stirn. + +Der große Thienwiebel schien es ordentlich auf ihn abgesehn zu haben! +Alle Nachmittag Punkt fünf Uhr versäumte er es jetzt nie, sogar +seine "Bude" zu inspizieren. Diese war freilich noch erbärmlicher +als seine eigene, aber sie besaß dafür den Vorzug, daß man aus ihrem +Fenster bequem unten auf das breite, platte, geteerte Nachbardach +klettern konnte, von dem man dann eine erfreuliche Aussicht auf die +verschwiegenen Brandmauern mehrerer Hinterhäuser genoß. Ein kleines +anspruchsloses Pflaumenbäumchen, dessen verkrüppelte Ästchen von +Raupen und Spatzen nur so wimmelten, vervollständigte das Idyll. +Der arme kleine Ole spürte die verhängnisvolle Zeit schon immer +eine ganze Weile vorher in seinen Knochen. Der große Thienwiebel +beliebte es dann nämlich immer, gewisse Unterhaltungen mit ihm +anzuknüpfen, die so geistvoll, ideentief und farbenreich waren, +daß dem kleinen Ole, den seine ewigen Brotkrusten schon ohnehin +arg mitgenommen hatten, nur so der Kopf danach brummte. + +"Ich will hier im Saale auf und ab gehn, wenn es Seiner Majestät +gefällt; es wird jetzt bei mir die Stunde, frische Luft zu schöpfen. +Laßt die Rapiere bringen." + +Die "Rapiere" waren zwei Leiterstücken, die man zusammenlegen und +von draußen her in das Fensterkreuz einhaken konnte. + +Wenn sie "gebracht" worden waren, endete die Geschichte natürlich +stets damit, daß man sie auch richtig einhakte und an ihnen +hinabkletterte. + +"Hic et ubique! Ändern wir die Stelle!" + +Dann war man in "Helsingör" und promenierte auf der "Terrasse". Der +große Thienwiebel in Fez und Schlafrock, der kleine Ole in Havelock +und Unterpantalons. + +Ich will die Lieb' Euch lohnen, lebt denn wohl, Horatio! Auf der +Terrasse zwischen elf und zwölf besuch ich Euch ... Nicht wahr? +Ihre...seid ein--Fischhändler?!" + +Scham, wo war dein Erröten! + +Der arme, kleine Ole wußte zuletzt selbst nicht mehr: war eigentlich +er verrückt, oder Nielchen. + +Aber er hätte sich nicht so zu härmen brauchen. Der große Thienwiebel +wußte nur zu gut, was er tat. Er war nur "toll aus Methode". Er +war nur toll bei Nordnordwest; wenn der Wind südlich war, konnte +er sehr wohl einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl unterscheiden. + +Die ewige Aktsteherei unten in der alten, dummen Akademie war ihm +eben nachgerade langweilig geworden, und da er der alten, lieben, +guten Frau Wachtel doch unmöglich zutrauen durfte, daß sie ihn noch +länger gratis beherbergte, wenn er sich jetzt die "Quelle köstlicher +Dukaten" so sans facon wieder zustopfte, war er eben eines schönen +Tages auf die großartige Idee verfallen, sich hier in dieser herben +Welt voll Müh' nach und nach für wirklich übergeschnappt auszugeben. + +"Ha! Heisa Junge! Komm, Vögelchen! Komm! Ich Muß nach England; wißt +Ihr's? Himmel und Erde! Es ist nur eine Torheit, aber es ist eine +Art von schlimmer Vorbedeutung, die vielleicht ein Weib ängstigen +würde. + +Was? Eine Ratte? Die Spitze auch vergiftet! Nein! Nein, schöne +Dame! Nicht nur mein düstrer Mantel, gute Mutter, noch die gewohnte +Tracht von ernstem Schwarz, noch stürmisches Geseufz beklemmten +Odems: nein: auch die Schmeichelsalb'! Ich hab's geschworen! +Weglöschen von der Tafel der Erinnerung will ich all jene törichten +Geschichten! Nie beuge sich dieses Knies gelenke Angel, wo Kriecherei +Gewinnn bringt! Ich trotze allen Vorbedeutungen: es waltet eine +besondere Vorsehung über dem Fall des Sperlings. In Bereitschaft +sein ist alles. Wetter! Dankt ihr, daß ich leichter zu spielen +bin als ein Flöte? Nennt mich, was für ein Instrument ihr wollt! +Ihr könnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen..." + +Ha! Was? Ein königliches Bubenstück! + +Dem kleinen Fortinbras schien dieses königliche Bubenstück am +wenigsten zu imponieren. Ja, aus gewissen Anzeichen glaubte sein +großer Papa manchmal sogar schließen zu dürfen, daß er noch nicht +einmal recht Notiz von ihm genommen hatte. + +Am auffälligsten zeigte sich dies aber regelmäßig dann, wenn es +sich um die "ersten Elemente der Gesangskunst" handelte. Denn der +"arme Yorick" war durchaus nicht gewillt, seinem schrecklichem +Wahnsinn zuliebe auch die seltnen Talente seines zu so großen +Hoffnungen berechtigenden Söhnchens verkümmern zu lassen. + +Es war ausgemacht! Es war ausgemacht, o reizende Ophelia! Ja! +Sagen wir Ophelia! Teufel! Warum sollten wir nicht Ophelia sagen? +Kurz und gut: es war ausgemacht. Es sollte ihn und seine Sache den +Unbefriedigten erklären...Den Unbefriedigten!... + +Sobald er daher nur irgendwie merkte, daß der kleine Ole nebenan +wieder einmal eingeschlafen und die gute Frau Wachtel wieder mal +ausgegangen war und so "die beiden, denen er wie Nattern traute," +eine Zeitlang wieder "unschädlich" gemacht waren, ging der Tanz +los. + +Seines Kummers "Kleid und Zier" war dann plötzlich wie abgefallen +von dem großen Thienwiebel. + +Seine "Einbildungen, schwarz wie Schmiedezeug Vulkans", hatten den +armen Yorick verlassen, er war wieder "zahmer Herr!" + +"Höhrt doch! Ich bin wieder zahm, Herr! Sprecht! Ich bin wieder +zahm!" + +Aber der kleine, verstockte Fortinbras wollte nicht. Er hatte sich +wieder nur in Ermangelung eines Gummipfropfens, dem ihm die reizende +Ophelia verbummelt hatte, seinen großen Zeh in den Mund gestopft +und sog nun, daß es ihm aus dem kleinen, mattrosa Mundwinkelchen +nur so tropfte. Die ersten Elemente der Gesangskunst ließen ihn +heute augenscheinlich noch kälter als sonst. + +Empört hatte sich jetzt der große Thienwiebel wieder in die Höhe +gerückt. Die beiden roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock +zuzubinden hatte er natürlich wieder vegesssen. + +"Amalie! Ich bemerke soeben zu meinem größten Erstaunen, Fortinbras +ist störrisch!" + +Amalie, die jetzt ihre kleine, mollige Fußbank der Trikottaillien +wegen zu ihrem großen Leidwesen vom Ofen ans Fenster hatte verlegen +müssen, war gerade dabei, sich ihre erste Nadel für heute einzufädeln. +Sie hatte wieder so lange inhalieren müssen... + +"Störrisch?" + +"Wie ich dir sage, Amalie! Störrisch!" + +"Ach, nich doch!" + +"Amalie? Ich sage dir noch einmal- störrisch! Fortinbras ist +störrisch. Stör-risch!!" + +"Ach, red doch nich! Wie soll er denn störrisch sein!" + +"Amalie?!" + +Amalie sah sich nicht einmal um. Sie zuckte kaum mit den Achseln. + +"So! So! Also glaubst du mir nicht mehr, wenn ich dir etwas sage! +Du mißtraust mir! In der Tat! In der Tat! Ich hätte mir das denken +können! Sag's doch lieber gleich! Wozu die Umstände! Du bedauerst, +daß ich mich nicht noch schneller aufreibe!" + +Amalie nieste. Sie wollte ihren Schnupfen gar nicht mehr loswerden. +Mitten im Sommer. + +"Natürlich! Wie sollte man auch nicht! Man vertreibt sich die +Zeit mit--Niesen! Man trinkt Kaffee und vertreibt sich die Zeit +mit--Niesen! In der Tat! In der Tat! Andre Leute mögen unterdes +zusehn, wie sie fertig werden!...Aber, ich werde es dir beweisen, +Amalie! Hörst du? Ich werde es dir beweisen, daß Fortinbras störrisch +ist!--Du! Sag a...a...Nun? Wird's bald?...Na?...A!...Du Schlingel! +A!...A!!...Ha! Siehst du?! Wie ich dir sagte, wie ich dir sagte, +Amalie! Der Lümmel brüllt, als wenn ihm der Kopf abgeschnitten +wird! Er ist störrisch! Habe ich recht gehabt?!--Willst du still +sein, du Zebra?! Gleich bist du still!" + +Jetzt endlich war Amalie an ihrem Fenster plötzlich etwas aufmerksamer +geworden. + +"Du willst ihn doch nicht etwa--schlagen?" + +"Gewiß will ich das, Amalie! Ein Kind darf nicht eigenwillig sein! +Ein Kind bedarf der Erziehung, Amalie! Eine leichte Züchtigung..." + +"Niels!?" + +"Ach was! Aus dem Weg! Aus dem Weg, sage ich! ... Da, du in-famer +Schlingel! Da, du in...Amaaalie!" + +"Gewiß, du alter Esel! Du glaubst wohl, du kannst hier am Ende tun, +was du Lust hast? Du gehörst ja in die Verrücktenanstalt! Wie kann +man denn 'n Kind von 'nem halben Jahr so malträtieren?! Wie kann +man es schlagen !" + +"Amaaalie!!" + +War's möglich?! War es zu glauben?! War das seine Backe?! + +"Amaaalie!!!..." + + + + + +V + + + + +"Wirtschaft, Horatio! Wirtschaft! Das Gebackne vom Leichenschmaus +gab kalte Hochzeitsschüsseln. E--doch, um auf der ebenen Heerstraße +der Freundschaft zu bleiben: was macht Ihr auf Helsingör?" + +Der große Thienwiebel hatte wieder gut auf der ebenen Heerstraße +der Freundschaft zu bleiben; was sollte der kleine Ole groß machen +auf Helsingör? Was er nun schon seit Wochen machte: Firmenschilder +pinseln! Das rentierte sich. nämlich famos, weißt du! + +Abel Gröndal: Materialwarenhandlung, auch Heringe-Lars Brodersen: +Canariensieen und Hanfsamen--Jacob Lorrensen: Alle Sorten Rauch-, +Schnupf- und Kautabak-etc. pp. Hä? Was? Noble Putthühner!! + +Die schönen Leberwurstfarbenen waren wieder zu Ehren gekommen, die +prachtvollen Ägypter wurden wieder nur so pfundweis verpafft, die +verteufelte kleine Mieze ließ die arme, liebe, alte, gute Frau +Wachtel kaum mehr vom Schlüsselloch wegkommen. + +Es war aber auch wirklich schrecklich, was es jetzt alles dort +drinnen zu sehn gab. Die vielen weißen Salbentöpfe, in die die +Farben nur so wie Butter reingequetscht waren, die merkwürdig großen +Maurerpinsel, die der geschäftige' kleine Ole kaum zu dirigieren +vermochte, die schönen, dicken, mannslangen Bretter, auf denen man +jetzt die wunderbarsten Sachen zu lesen bekam, und vor allen Dingen +auch jener große, geheimnisvolle, grüne Wandschirm dicht neben dem +Ofen, hinter dem sich immer die schändliche, kleine Mieze versteckt +hielt, das alles interessierte die alte, liebe, gute Frau Wachtel +auf das lebhafteste. Noch nie hatte sie sich mit ihrer Stellung +als Zimmervermieterin so zufrieden gefühlt. Die drückendsten alten +Rückstände waren wieder ausgeglichen, für die dösigen Thienwiebels +brauchte ihr jetzt auch nicht mehr so bange zu sein, ja, ja! Der +liebe Herrgott! + +Die reizende Ophelia war wieder in ihren alten Stumpfsinn +zurückverfallen. Sie bereute ihre Untat aufs tiefste. Das einzige, +was ihr so schließlich noch vom Leben übriggeblieben war, war ihr +Salbeitopf. + +Ihr großer Gatte verachtete sie nur noch...Geschrieben--e...hatte +man ihm zwar unterdessen bereits, aber--e...wie kam's daß sie +umherstreiften? Ein fester Aufenthalt war vorteilhafter für ihren +Ruf als ihre Einnahme! Kurz und gut, es war eben nur eine umherziehende +Truppe gewesen, und der große Thienwiebel hatte sich zu degradieren +gefürchtet. Solange noch der kleine Ole da nebenan da war...kurz +und gut: er tat, was Ihm Beruf und Neigung hieß! Denn...e...jeder +Mensch hat Neigung und Beruf! + +Am schlimmsten erging es jedoch entschieden dem kleinen Fortinbras. +Seine Zähnchen hatten ihm seinen schönen Gummipfropfen ganz verleidet. +Er hatte an nichts mehr Freude; nicht einmal am Schreien mehr. + +Er war ein vollendeter Pessimist geworden. An seinem künftigen +Beruf, seinen großen Vater den Unbefriedigten zu erklären, schien +ihm nur noch. wenig zu liegen. Sein kleines Züngchen war dick +belegt, seine Händchen sahen weiß wie Kuchenteig aus, er schlief +jetzt oft ganze Tage lang. + +Nur heute abend war er auffallend munter. + +Die beiden hellen Lampen auf dem Tische, die vielen Leute, der Skandal, +der merkwürdig große Zuckerkringel, den man ihm so unerwartet in +die Hand gesteckt hatte: er begriff das alles nicht. Nu bloß noch'n +bißchen Streupulver! + +Die Damen hatten auf dem Sofa Platz genommen, die kleine Mieze, die +sich zu den Mannsleuten rechnete, saß dem kleinen Ole vis-a-vis, +der große Thienwiebel präsidierte. Die großartige Gans mitten auf +dem Tisch in deren knusprigen Prachtrücken er eben energisch seine +blitzende Bratengabel gestoßen hatte, roch durch das ganze kleine +Zimmer. Die beiden Lampen rechts und links brannten durch ihren Dampf +wie durch einen Nebel. Frau Wachtel, die sich in ihrer Sofaecke +wie auf einem Präsentierteller vorkam, atmete schwer. Sie hatte +heute ihr "Seidnes". an. + +"Willkommen, all ihr Herrn! Wir wollen frisch daran, wie französische +Falkoniere, auf alles losfliegen, was uns vorkommt! Beim Himmel! +Den mach ich zum Gespenst, der mich zurückhält!...Ha! Seid Ihr +tugendhaft, schöne Dame?" + +"Thienwiebelchen?" + +Der kleine Ole , der sich eben über seinen pompösen Flügel hergemacht +hatte, blinzelte vor Entzücken. Die kleine Mieze war heute mal +wieder ordentlich zum Anknabbern! + +"Thienwiebelchen?!" + +Das reizende Grübchen in ihrem rosa Fingerchen kam jetzt so recht +zur Geltung. + +"Thienwiebelchen? Es gibt was!" + +Aber der große Thienwiebel, der sich jetzt auch die Serviette unter +sein blaues Doppelkinn gestopft hatte, fühlte sich wieder durchaus +auf der Höhe der Situation. + +"Meint Ihr, ich hätte erbauliche Dinge im Sinn? Ein schöner Gedanke, +zwischen den..." + +"Nielchen!!" + +Der kleine Ole hat es für die höchste Zeit gehalten. + +Er hatte sich jetzt auch seinen prachtvollen Porter eingeschenkt +und schwenkte ihn nun fidel gegen die neue Lampe. + +"Putthuhn Nro. 25!" + +Sein schönes Jubiläum sollte nicht so ohne weiteres zu Wasser +werden. + +"Putthuhn Nro. 25!" + +Die kleine Mieze war jetzt ganz rot vor Vergnügen. Die beiden kleinen, +silbernen Ringe in ihren Ohrläppchen blitzten, ihr Stumpfnäschen +sah wie aus Marzipan aus. + +"Bravo, Dickchen! Es soll leben! Putthuhn Nro. 25!" Sie hatte +ausgelassen mit ihm angestoßen. + +Frau Wachtel räusperte sich jetzt. Ihr Seidnes hatte sich eben +etwas geklemmt. + +"Etwas--etwas Soße gefällig, Frau Thienwiebel?" + +Amalie nickte. Ihr Teller schwamm zwar schon, aber: es war ja alles +egal. So oder so. + +Ihr großer Gatte drüben suchte eben wieder einzulenken. + +"Nun, nun, schöne Dame! Denn--e--wenn die Sonne Maden aus einem +toten Hund ausbrütet, eine Gottheit, die ... Ha! Wilde Hölle! Wer +ist, des Gram so voll Emphase tönt?!" + +Es war der kleine Fortinbras. Sein Zuckerkringel, war ihm eben über +den Korbrand weg auf die Stuhlkante gefallen, dort entzweigeschlagen +und lag nun in kleine Stücke zerbröckelt unten auf den schmutzigen +Dielen. + +Ha, mördrischer, blutschändrischer, verruchter Däne! Trink diesen +Trank aus! Ich will den Wanst ins nächste Zimmer schleppen!" + +Aber die besorgte kleine Mieze hatte ihre Gabel schon schnell wieder +auf ihren Teller klappen lassen. + +"Ach! Nicht doch, Thienwiebelchen! Nicht doch!" + +Sie war aufgesprungen und bückte sich jetzt zierlich über den +plumpen Korbrand. + +"0 mein Zuckerpüppchen! Mein Schatz! So ein niedliches kleines +Kerlchen! Nicht wahr, du willst auch was haben? Ach, mein Liebchen!!" + +Sie hatte sich jetzt den kleinen Fortinbras auf den Schoßgesetzt +und küßte ihn nur so. + +"Auch was haben, Dickerchen?" Kuß!--"Auch was haben, Dickerchen?" +Kuß! Kuß, Kuß, Kuß, Kuß!! + +Der kleine Fortinbras juchzte. Er hatte noch nie so etwas erlebt. +Er zappelte jetzt, daß es nur so eine Art hatte. Er lachte aus +vollem Halse! "Grrr...grrr...grrr...äh! Grrr...äh!" + +Der große Thienwiebel saß da. Die Weste unten aufgeknöpft, die +Augenbrauen tragisch in die Höhe gezogen. + +"Wie keck der--e--Bursch ist!...Wahrhaftig, Horatio! Ich habe +seit diesen drei Jahren darauf geachtet. Das Zeitalter wird so +spitzfindig, daß der Bauer dem Hofmann auf die Fersen tritt!" + +Aber der kleine Ole beachtete ihn kaum. Die kleine Mieze war ihm +jetzt weit interessanter. Sie sah jetzt ordentlich wie eine kleine +Hausmutter aus. + +"Na, Dickerchen?" + +Auch Frau Wachtel machte jetzt große Augen. Amalie pappte. + +"Ja, mein Junge! Sie essen alle, und mein Dickerchen soll gar nichts +haben! Wie?--Aber das läßt er sich nicht gefallen! Wie?--Ach, +bitte, Frau Thienwiebel! Reichen Sie mir doch das bißchen Biskuit +da von der Kommode her. Auch die Milch, bitte!" + +Frau Thienwiebel erhob sich schwerfällig und brachte das Verlangte. + +Die kleine Mieze hatte den Biskuit jetzt auf geweicht und fing +nun an, den kleinen Fortinbras damit zu füttern. Von ihrem Teller, +auf dem neben den drei gebratenen Äpfeln nur noch ein paar kleine +fettriefende Hautstückchen lagen, naschte sie kaum. + +Der kleine Fortinbras stöhnte vor Behagen. + +"He? Willst du noch mehr, Dickerchen? Noch mehr?" + +Der kleine Ole hatte sich jetzt neugierig über den Tischrand gebogen. +Sein Schnurrbärtchen duftete nach chinesischer Tusche. + +"Nein! Nein! Nu sieh doch bloß, Dickerchen! Wie es dem Balg +schmeckt!--Was?! Noch mehr?!--No! No! Nur nicht gleich schreien!--So!" + +Frau Wachtel war jetzt ordentlich bis zu Tränen gerührt. Und wenn +sie bis zu Tränen gerührt war, vergaß sie es auch nie, von ihrer +verstorbenen Pflegetochter zu erzählen. Und das kam ziemlich oft +vor. + +"Ja, sehn Sie! Sie war ein Engel, Frau Thienwiebel! Ein Engel!" + +Frau Thienwiebel kaute. + +Frau Wachtel beschrieb jetzt ausführlich die Krankheit des Engels, +und wie er dann gestorben war. Er hatte Malchen geheißen und war +dabei so himmlisch geduldig gewesen. + +"Ja, sehn Sie, Herr Nissen! Sie war mein Einz'ges! Sie tröstete +mich noch, als schon der Tod kam. Sie war ein Engel!" + +Sie hatte sich jetzt auch auf ihr Taschentuch besonnen und drückte +es sich nun abwechselnd in die Augen. + +"Ach, wein doch nicht, Mutterchen! Wein doch nicht! Nun komm ich +ja zum lieben Gott!" + +Sie weinte jetzt, daß ihr die Tränen nur so auf ihr Seidnes kullerten! + +Der kleine Ole war bereits eine ganze Zeit lang verlegen auf seinem +Stuhl hin und her gerutscht. Er hatte es unten auf das kleine, +niedliche Füßchen unterm Tisch abgesehn gehabt und war dabei eben +auf die alten, phlegmatischen Filzpantoffeln der reizenden Ophelia +gestoßen. + +Er war ordentlich rot darüber geworden. + +"Ja! Sehn Sie! Sie war mein Einziges!" + +Der kleine Fortinbras plantschte vor Wonne. + +"Grrr...grrr...grrr..." + +Dieses freundliche, frische Gesicht mit den hellen Augen und +den blonden Löckchen über ihm--er kam gar nicht mehr raus aus dem +Lachen! Sogar sein Streupulver hatte er vergessen! + +"Grrr...grrr...grrr...Aeh!" + +Seine Händchen hatten jetzt in die Höhe gegrapscht, die kleine +Mieze ließ von ihm ihre Stirnlöckchen zausen. + +"Nein, Dickchen! Nu sieh doch bloß! Nu sieh doch bloß!" + +Der kleine Ole schneuzte sich. Er war wie mit Blut übergossen. + +"Ja! Das glaub ich! Das hast du wohl noch nicht so gut gehabt, +Dickerchen! Wie?" + +Jetzt hatte sich endlich auch Frau Wachtel über ihn gebückt. Ihr +Taschentuch lag wieder sauber ausgefältelt auf ihrem Schoß, sie +kitzelte ihn wohlwollend unterm Kinn. + +"Ach, mein Putteken! Ach, mein Mäuseken! Hab'n se dir so lange +hungern lassen!" + +Ihre Stimme zitterte, sie sah noch ganz verweint aus. + +Amalie tunkte gerade ihre Soße auf. + +Der große Thienwiebel aber hatte sich nunmehr rücklings in seinen +Stuhl zurückgelehnt und starrte jetzt, die Hände in den Hosentaschen, +erhaben oben in die beiden gelben Lichtkleckse, die die Lampen +zitternd an die Decke malten. + +Denn, was ein armer Mann wie Hamlet ist... Nichts mehr davon! + +Der Rest war Schweigen ... + +Endlich war alles wieder abgeräumt. Frau Wachtel, die nicht Skat +spielte, hatte sich mit ihrem Seidnen, ihrem Taschentuch und ihrer +zweiten Lampe wieder hinten in ihre Küche zurückgerettet, Amalie +kauerte wieder auf ihrem Fußbänkchen neben dem Ofen. Sie hatte sich +noch nachträglich eine kleine Bratenschmalzstulle geschmiert. + +Es war ziemlich kalt im Zimmer. Das Feuer war ausgegangen, und +man hatte nichts mehr nachzulegen. Der große Thienwiebel, dessen +Schlafrock mit der Zeit aufgehört hatte, skatfähig zu sein, hatte +sich statt dessen in die rote Bettdecke eingewickelt. + +"Die Luft geht scharf; es ist entsetzlich kalt! Tourner, Horatio!" + +"Passez, Nielchen!" + +"Dito, Tienchen!" + +"Was denn, Schäfchen?" + +"Na, wird's bald?" + +"Ah so!--Da, Schäfchen!" + +"Na, endlich!" + +Sie hatte die Zigarette, die ihr der kleine, eifrige Ole gereicht +hatte, mit spitzen Fingern angefaßt und zog jetzt ein Gesicht, als +ob ihr der Rauch lästig g wäre. Sie wußte, daß ihr das ließ! Es +hatte auch sofort den Erfolg, daß ihr Dickchen einen Kuß mauste. + +"Nein doch! So eine Unverschämtheit!" + +Sie hatte ihn unterm Tisch mit dem Knie gestoßen. + +"Pique As! Nicht wahr, Wiebelchen?" + +"Sehr wohl, schöne Dame! Sehr wohl! Vortrefflich, meiner Treu! Was +wäre da zu fürchten? Ich--e selbst bin--e--hm!--leidlich tugendhaft." + +Der kleine Fortinbras war jetzt vollständig vergessen. "Voll Speis' +und Trank in seiner Sünden Maienblüte" lag er jetzt wieder "sicher +beigepackt" hinten in seiner dunklen Korbecke und starrte nun +trübselig drüben in den Zigarrenqualm, der in dicken Schichten um +die grüne Glocke wogte. Seit seiner Geburt war er nicht übermäßig +oft aus seinem Winkel hervorgeholt worden. Das unerwartete Glück +heute hatte ihn ganz sehnsüchtig nach dem Lichte dort gemacht. Der +Schoß, der Zuckerkringel, die Löckchen...er hatte wieder zu quäken +angefangen. + +Amalie rührte sich nicht. Der Bengel wollte bloß immer genommen +sein. Sie hatte schon an einmal genug. + +"Coeur Trumpf, Nielchen!" + +"Ihr sagtet?" + +"lch sagte: CoeurTrumpf, Nielchen! Coeur Trumpf!" + +"Ha, blut'ger kupplerischer Bube! Unmöglich, bei diesem verwünschten +Geschrei ein Wort zu verstehn! Wenn du nicht gleich still bist, du +infames Balg, dann schlag ich dich blitzblau wie eine Heidelbeere!" + +"Nicht doch! Das kneift ja, Ole! Au!" + +"Ach was, Schäfchen! Laß doch!" + +Das Sofa hatte in diesem Augenblick genug mit sich selbst zu tun. + +Amalie, die auf ihrer kleinen Fußbank schon wieder halb eingenickt +war, blinzelte kaum. Der große Thienwiebel war vor einer zweiten +Ohrfeige sicher. + +Er hatte sich jetzt in seiner roten Bettdecke ergrimmt vor den Korb +gestellt und brüllte nun wütend auf das arme, kleine Bündelchen +ein. + +"Willst du still sein, du--Lausbub!?" + +Aber der "Lausbub" war's nicht. Er wollte auch mal va banque spielen. +Er schrie jetzt, als wenn er seine kleinen Lungen auseinandersprengen +wollte. + +"Aber...Das ist doch wirklich unerhört!...Na, warte! Du...Du--Lindwurm, +du! Warte!" + +Er prügelte ihn jetzt, daß es nur so klitschte. Als aber auch das +nichts half, riß er das Kopfkissen unter ihm vor und preßte es +ihm auf das Gesicht. Der kleine Fortinbras war jetzt auf einen +Augenblick vollständig verstummt. Sein Geschrei war wie abgeschnitten. + +Aber der große Thienwiebel hatte noch nicht genug. + +"Nichtsnutziger Patron!" + +Er hatte ihm jetzt das Kissen noch fester aufgedrückt. + +Der kleine Ole hatte die kleine Mieze, die noch ganz rot vor Ärger +war, wieder losgelassen. Er war jetzt ordentlich ängstlich geworden. + +"Um Gottes willen, Nielchen! Er erstickt ja!" + +"Ach, Unsinn! So schnell geht das nicht!" + +Nein! So schnell ging das auch nicht! Denn als der große Thienwiebel +nach einiger Zeit das Kissen fortnahm, schnappte zwar der kleine +Fortinbras ein paar Augenblicke verzweifelt nach Luft, fing dann +aber sofort wieder von neuem an. + +"Ole!" + +Empört war die kleine Mieze jetzt aufgesprungen. Das schreckliche +Kopfkissen hatte den Kleinen von neuem zugedeckt. + +"Ole! Das leidst du?" + +"Ach was! Er weiß es ganz gut, der Lümmel! Er soll nicht schreien! +Es ist die reine Bosheit, Man bekommt das wirklich satt!" + +"Pfui! Ole, komm! Laß den alten"--Pavian. + +"Pa...Pa...Pa..." + +Der kleine Ole hatte jetzt verlegen nach seiner Uhr gesehn. + +"... Pavian?!!!" + +Endlich war der große Thienwiebel wieder zu sich gekommen! + +"Hinaus, sag ich!! Hinaus!!" + +Aber sie waren es bereits. Einen Augenblick lang noch hörte er +sie draußen durch die Küche tappen; dann, endlich, war nebenan bei +ihnen die Tür zugefallen. + +Er stand da! Um seine Schultern die rote Bettdecke, in seiner Rechten +das kleine blaugewürfelte Kopfkissen. Drüben, in der Ofenecke, +die reizende Ophelia. + +"Da! Nymphe!!" + +Er hatte ihr das Kissen ins Gesicht geschleudert. + + + + + +VI + + + + + +Seit ihr zweiter, unliebenswürdiger Gatte ihr vor ungefähr fünf +Jahren auf der "Dicken Selma" treulos nach Kanada ausgerückt war, +hatte die liebe, gute, alte Frau Wachtel keinen solchen Arger mehr +auszustehn gehabt. + +Nicht bloß, daß seine Stiefelabsätze noch überall auf dem Sofa +deutlich zu sehn waren, nicht bloß, daß das Fensterkreuz von den +dämlichen Leiterstücken, die jetzt natürlich zerbrochen unten auf +deim Pappdach lagen, total ruiniert war, bewahre: auch die ganze +Tapete von oben bis unten mit Ölfarben bekleckst! Der vermaledeite +knirpsige Schmierpeter schien sich die ganze Zeit dran seine +schweinschen Pinsel ausgequetscht zu haben. Pfui Deibel ja! + +Aber, das war ihr ganz recht! Warum hatte sie das ganze Pack +nicht schon längst an die Luft gesetzt! Wenn's wenigstens noch die +verrückten Thienwiebels gewesen wären. Aber die holte ja der Satan +nicht! Die hakten fest wie Kletten an ihr! + +Die alte, liebe, gute Frau Wachtel war ganz außer sich. Aber sie +hatte wirklich Pech mit ihren Mannsleuten. Der kleine Ole hatte +sich in der Tat nicht entblödet, ihr mit Hinterlassung einiger +alter "Schinken", deren Darstellungsobjekte es unmöglich zuließen, +daß man sie sich übers Sofa hing, auszukneifen. + +"Solch eine Tat, die alle Huld der Sittsamkeit entstellt, die +Tugend Heuchler schilt, die Rosen wegnimmt von unschuldvoller Liebe +schöner Stirn und Beulen hinsetzt ... Ha!" + +Aber der große Thienwiebel suchte sich jetzt vergeblich beliebt zu +machen. Seine "Schmeichelsalb" zog nicht mehr. Frau Rosine Wachtel +verlangte jetzt energisch ihre Miete. + +Heut war der Siebente: wenn ihr bis zum Vierzehnten nicht alles +bezahlt war:--raus!! + +Ja!...Sterben--schlafen--nichts weiter! Und zu wissen, daß ein +Schlaf das Herzweh und die tausend Stöße endet, die unsres Fleisches +Erbteil--'s ist ein Ziel, aufs innigste zu wünschen'...Ja! dies +war ehedem paradox! Paradox! ... Doch nun--bestätigte es die Zeit! +Armer Yorick! ... + +Der große Thienwiebel fühlte, daß es jetzt zu Ende war mit seiner +Kraft. Er wollte nun arbeiten, Freund! Arbeiten! Er wollte seine +ganze Kraft aufbieten. Er--er...er wollte ihn "suchen" gehn! "Laßt +mich! Er ist ermordet, Amalie! Er ist ermordet!" ... + +Er hatte sich jetzt wieder seinen alten, olivengrünen Leibrock +zurechtgeflickt und trieb sich nun ganze Tage lang im Hafenviertel +umher.--"Ha! Tot?! Für 'nen Dukaten, tot?!" + +...Er hatte wieder eine prachtvolle Ausrede. Ein BBubenstück! +Er brauchte jetzt kaum mehr die Nächte nach Hause zu kommen. Er +schnurrte sich herum, so gut es ging. Da gab es noch--e: Kollegen! +Leute! Leute? Pah, Stümp'rr! Aber--e...sie--e...Nun ja! Sie +sorgten für die Bewirtung der Schauspieler! Wetter! Es lag darin +etwas Übernatürliches! Wenn die Philosophie es nur hätte ausfindig +machen können! ... + +Aber die Philosophie machte es nicht ausfindig. Der große Thienwiebel +kam nie dahinter. + +Er hatte sich jetzt nach und nach bis unten in die Hafenspelunken +verirrt. Mehrere Sackträger waren bereits seine Duzbrüder geworden. +Bevor nicht "der Hahn, der als Trompete dient dem Morgen", bereits +mehrere Male nachdrücklich gekräht hatte, kam er jetzt selten mehr +die Treppen in die Höhe gestolpert. + +Amalie nähte noch immer die Trikottaillen. Der Stumpfsinn hatte +sie nach und nach zur reinen Maschine gemacht. Die reizende Ophelia +in ihr war jetzt endgültig begraben. Für alle Zeiten!...Ihre Brust +war noch schwächer geworden ... + +Dem kleinen Fortinbras ging es noch jämmerlicher. Sein ganzes +Gesichtchen war jetzt dicht mit roten Pusteln betupft. Ein +Schächtelchen Zinksalbe, zu dem sich die Familie im Anfang denn doch +noch aufgeschwungen hatte, lag jetzt zusammengequetscht, verstaubt +hinterm Ofen. Es war nicht mehr erneuert worden. + +Der große Thienwiebel hatte nicht so ganz unrecht: Die ganze +Wirtschaft bei ihm zu Hause war der Spiegel und die abgekürzte +Chronik des Zeitalters. + + + + + + +VII + + + + + +Zwölf! ... + +Erschöpft hatte sie sich wieder auf ihrem Fußbänkchen zurücksinken +lassen. Der Ofen hinter ihr war eiskalt. Durch ihre Nachtjacke +durch fühlte sie deutlich seine Kacheln Sie fröstelte! + +Die letzten Töne draußen brummten und zitterten noch, das kleine +Talglicht, das in eine leere, grüne Bierflasche gesteckt dicht vor +ihr auf dem umgekippten Kistchen mitten zwischen dem Nähzeug stand, +knitterte in der Kälte. + +Frau Wachtel nebenan schnarchte, der kleine Fortinbras hatte sich +drüben in seinem Korb wieder unruhig auf die andere Seite gewälzt. +Sein Atem ging rasselnd, stoßweis, als ob etwas in ihm zerbrochen +war. + +Draußen auf das Fensterblech war eben wieder ein Eiszapfen geprasselt. +Dicht davor, unterm Bett, jetzt deutlich das scharfe Nagen einer +Maus. + +Zwölf! + +Sie hatte ihr Nähzeug wieder fallen lassen. Ihre Finger waren krumm +zusammengezogen, sie konnte sie kaum noch aufkriegen. Um die Nägel +herum waren sie blau angelaufen. Sie hauchte jetzt in sie hinein. Ihr +Atem brodelte sich staubgrau um das kleine, zitternde Flämmchen. +Eine verspätete Fliege, die dicht neben dem schwarzen Docht +in den kleinen, runden Talgkessel drunter gefallen war, verkohlte +langsam. Ab und zu knisterte es + +"Halt ihn! Halt ihn! Hilfe!! Hilfe!!" + +Erschreckt war sie zusammengefahren. + +Sie sah jetzt auf. Ihr schlaffes, weißes Gesicht war noch stupider +geworden. + +"Hierher! Hierher! Hilfe!!" + +Der gelbe Lichtklecks vor ihr ließ jetzt das Zimmer dahinter noch +dunkler erscheinen. Nur vom Fenster her durch das eckige Loch in +der Bettdecke, von draußen, das matte Schneelicht. + +"Hilfe! Hilfe!!" + +Sie war aufgesprungen und ans Fenster gestürzt. Das kleine Talglicht +hinter ihr war erloschen. Es war umgekippt und lag jetzt unter dem +Nähzeug. + +"Wächter!! Wächter!! Halt ihn!! Jonas! Jonas!!" + +An allen Gliedern bebend hatte sie jetzt die alte Bettdecke in +die Höhe gerafft und suchte nun durch die wirbelnden Schneeflocken +draußen unten auf die Straße zu sehn. Ihre Zähne klapperten vor +Frost, die Schere, die sie noch fest in der Hand hielt, klirrte im +Takt gegen die Scheibe. + +Ein paar Dachgiebel hoben sich blaugrau drüben aus der Dunkelheit +ab. Irgendwo in einem Fenster flimmerte noch ein Licht. + +"Hurra! Papa Svendsen! Moi'n, oller junge! Prost Neujahr!!" + +Sie atmete auf. Es hatte laut gelacht. Jetzt: eine barsche Stimme, +ein Stock, der schnell noch eine Jalousie herunterrasselte, die +ganze Gesellschaft war wieder um die Ecke. + +Eine kleine Weile noch horchte sie. + +Ab und zu von den Dächern, polternd, der Schnee, in der Ferne, +leise, ein Schlittenglöckchen. + +Sie hatte die Decke wieder fallen lassen.-- + +Einen Augenblick lang stand sie da! Das ganze Zimmer war jetzt +schwarz. Nur hinter ihr, matt durch die Decke, das Schneelicht. + +Sie tappte sich auf den Tisch zu. + +Gegen die Kante stieß sie. Ein Fläschchen war umgeklirrt, es roch +nach Spiritus. Das Zündholzschächtelchen hatte jetzt geraschelt, +es flackerte auf! Sie leuchtete über den Tisch hin. Der schmale +Goldrand um die kleine Photographie glitzerte. Die Nachtlampe stand +auf dem alten, aufgeklappten Buch mitten zwischen dem Geschirr. + +Jetzt ein leises Sprühn und Knistern, der Docht hatte gefangen. +Über ihr, groß an der Decke, ihr Schatten. + +Frau Wachtel nebenan schnarchte, der kleine Fortinbras stöhnte. + +Sie hatte sich jetzt auf den Bettrand gesetzt. Die beiden Zipfel +des Kopfkissens, das sie um ihre Schultern gepackt hatte, drückte +sie vorn mit ihrem Kinn fest gegen ihre Brust zusammen. Ihre Arme +hatten sich gegen ihren Leib gekrampft, ihre hochgezogenen Knie +waren eng aneinandergepreßt. Sie zitterte über den ganzen Körper! +Ihr Gesicht hatte sich verzerrt, stumpf stierte sie vor sich hin. +Die Schere, die ihr vorhin vom Tisch runtergekippt war, lag unten +vor ihr auf den grauen Dielen. Sie flinkerte. + +Das Lämpchen auf dem Tisch hatte jetzt leise zu zittern angefangen, +die hellen, langgezogenen Kringel, die sein Wasser oben quer über +die Decke und ein Stück Tapete weg gelegt hatte, schaukelten. Das +Geschirr um das Glas hob sich schwarz aus ihnen ab. Die Kaffeekanne +reichte bis über die Decke. + +"Brrr...Ae!" + +Ihre Pantoffeln waren jetzt unter den Tisch geflogen, sie hatte +sich hastig unter das Deckbett gekuschelt. + +Die weißen Lichtringe fluteten und fluteten, das Öl auf dem Tisch +knatterte leise, ein kleines Fünkchen war eben von seinem Docht +abgespritzt und schwamm nun schwarz in der dicken, goldgelben Masse. + +Unter dem Deckbett drüben lag es jetzt wie ein Klumpen. An einer +Stelle sah noch ihr Unterrock vor ... + +"Still, Hund!...Ae!" + +Er hatte sich jetzt seinen alten Zylinder, auf dem noch der dicke +Schnee lag, vom Kopf gerissen und feuerte ihn nun wütend drüben +in die dunkle, schreiende Ecke, wo der Korb stand. Die Tür hinter +ihm war dröhnend ins Schloß gekracht. + +"Niels!!" + +Das Deckbett, das jetzt quer auf den Dielen lag, hatte zur Hälfte +den Stuhl mitgerissen. Sie kniete aufrecht mitten im Bett. Ihre +Nachtjacke vorn hatte sich ihr bis oben unter die Arme verschoben, +ihr Haar hing in Strähnen um ihr Gesicht. + +"Halt's Maul! Fang nicht auch noch an!" + +Er hatte sich jetzt auch seinen alten, abgeschabten Rock +runtergezerrt. Das kleine Spiegelchen über der Kommode, gegen das +er ihn geschleudert hatte, war runtergeschurrt und lag nun zersplittert +auf dem blinkernden Wachstuch. + +"Na, wird's bald?!" + +Der kleine Fortinbras jappte nur noch. + +"Na?!...Dein Glück, Kanaille!..." + +Seine Stiefeln waren jetzt dumpf gegen die kleine Kiste neben dem +Ofen gebullert. Der aufgeschlammte Schnee dran war naß gegen die +Kacheln geplatscht. Er suchte jetzt nach den Pantoffeln. + +"Ach was! Halt dein Maul, sag ich!...Die Ohren vollplärren...Könnte +mir noch grade passen!...Sind die Sachen gepackt?!" + +Das Schnarchen nebenan hatte aufgehört. Es schubberte jetzt deutlich +gegen die Tür. + +"Ob du gepackt hast?!" + +"Nein, Niels...ich.." + +Sie stotterte! + + +Man hat ja mal wieder zur Abwechslung die Schwindsuchtl...Bitte, +genieren Sie sich nicht, Frau Wachtel! Treten Sie näher! Heute +geht's ja woll noch!" + +Sein Schatten, der bis dahin kreuz und quer über die weiße Decke +geschossen war, war jetzt verschwunden. Er hatte sich unter den +Tisch gebückt. + +Vom Bett her hatte es eben laut zu husten angefangen. + +"Ach, du mein lieber Gott'...Ach Gott! Ach Gott! Die arme Frau!" + +Sie hatte jetzt ihr Gesicht in das Kissen gepreßt und weinte. + +"Nu ja! Nu ja! Nu heul doch noch'n bißchen! Das ist ja deine Force! +Weiter kannste ja woll nischt!" + +Er war eben in die Pantoffeln gefahren und suchte nun auf dem Tisch +herum. Ein Messer klapperte gegen die Kochmaschine, eine Tasse war +umgekippt. + +"Natürlich! Keen Fippschen mehr! Für deine Schwind sucht hast du +ja noch'n janz juten Appetit! ... Herrlich Das tut immer, als ob +es Poten saugt, uund frißt ein'm die Haare vom Kopp runter!" + +Er hatte sich seine Fäuste in die Hosentaschen gestopft und schnaubte +nun im Zimmer auf und ab. + +"So'ne Zucht! So eine--Zucht!!" + +Er hatte mit dem Fuß in die kleine, hohle Kiste mit dem Nähzeug +gestoßen. Die Flasche war auf den Boden geschlagen, das Licht bis +unters Bett gekullert. + +"Lächerlich!" + +Er hatte jetzt auch noch die Flasche druntergestoßen. "Lächerlich!!...Wirst +du still sein?!!" + +Der kleine Fortinbras hatte wieder laut zu schreien angefangen. + +"Bestie!" + +Mit einem Satz war er auf den Korb zu. + +"Bestie!!" + +Das Geschrei war wieder wie abgeschnitten. + +"Alberne Komödie!" + +Er hatte sich jetzt wieder nach dem Bett zu gedreht. Seine Fäuste +waren geballt. Unter den Kissen hervor hatte es deutlich geschluchzt. + +"Alte Heulsuse!" + +Die beiden dicken Falten um seine Nase waren jetzt noch tiefer +geworden, zwischen seinen verzerrten Lippen blitzten seine breiten +Zähne auf. + +"Ae!!" + +Über seinen Rücken war ein Frösteln gelaufen. + +"So'ne Kälte!" + +Er rückte sich jetzt geräuschvoll den Stuhl zurecht. + +"So'ne Kälte!! Nich mal'n paar lump'je Kohlen hat das! So'ne +Wirtschaft!" + +Seine Socken hatte er jetzt runtergestreift, der eine war mitten +auf den Tisch unter das Geschirr geflogen. + +"Na?! WiIlste so gut sein?!" + +Sie drückte sich noch weiter gegen die Wand. + +"Na! Endlich!" + +Er war jetzt zu ihr unter die Decke gekrochen, die Unterhosen hatte +er anbehalten. + +"Nicht mal Platz genug zum Schlafen hat man!" + +Er reckte und dehnte sich. + +"So'n Hundeleben! Nicht mal schlafen kann man!" + +Er hatte sich wieder auf die andre Seite gewälzt. Die Decke von +ihrer Schulter hatte er mit sich gedreht, sie lag jetzt fast bloß +da. + + + +Das Nachtlämpchen auf dem Tisch hatte jetzt zu zittern aufgehört. + +Die beschlagene, blaue Karaffe davor war von unzähligen Lichtpünktchen +wie übersät. Eine Seite aus dem Buch hatte sich schräg gegen das Glas +aufgeblättert. Mitten auf dem vergilbten Papier hob sich deutlich +die fette Schrift ab: "Ein Sommernachtstraum". Hinten auf der Wand, +übers Sofa weg, warf die kleine, glitzernde Photographie ihren +schwarzen, rechteckigen Schatten. + +Der kleine Fortinbras röchelte, nebenan hatte es wieder zu schnarchen +angefangen. + +"So'n Leben! So'n Leben!" + +Er hatte sich wieder zu ihr gedreht. Seine Stimme klang jetzt weich, +weinerlich. + +"Du sagst ja gar nichts!" + +"Sie schluchzte nur wieder. + +"Ach Gott, ja! So'n...Ae!! ..." + +Er hatte sich jetzt noch mehr auf die Kante zu gerückt. + +"Is ja noch Platz da! Was drückste dich denn so an die Wand! Hast +du ja gar nicht nötig!" + +Sie schüttelte sich. Ein fader Schnapsgeruch hatte sich allmählich +über das ganze Bett hin verbreitet. + +"So ein Leben! Man hat's wirklich weit gebracht! ... Nu sich noch +von so'ner alten Hexe rausschmeißen lassen! Reizend!! Na, was macht +man nu? Liegt man mor gen auf der Straße!...Nu sag doch?" + +Sie hatte sich jetzt noch fester gegen die Wand gedrückt. Ihr +Schluchzen hatte aufgehört, sie drehte ihn den Rücken zu. + +"Ich weiß ja! Du bist ja am Ende auch nicht schuld dran! Nu sag +doch!" + +Er war jetzt wieder auf kann zugerückt. + +"Nu sag doch!...Man kann doch nicht so--verhungern?!" + +Er lag Jetzt dicht hinter ihr. + +"Ich kann Ja auch nicht dafür!...Ich bin ja gar nicht so! Is auch +wahr! Man wird ganz zum Vieh bei solchem Leben! ... Du schläfst +doch nicht schon?" + +Sie hustete. + +"Ach Gott, ja! Und nu bist du auch noch so krank! Und das Kind! +Dies viele Nähen...Aber du schonst dich ja auch gar nicht...ich +sag's ja!" + +Sie hatte wieder zu schluchzen angefangen. + +"Du--hättest--doch lieber,--Niels.." + +"Ja...ja! Ich seh's ja jetzt ein ! Ich hätt's annehmen sollen! Ich +hätt' ja später immer noch...ich seh's ja ein! Es war unüberlegt! +ich hätte zugreifen sollen! Aber--nu sag doch!!" + +"Hast du ihn--denn nicht...denn nicht--wenigstens zu--Haus getroffen?" + +"Ach Gott, ja, aber...aber, du weißt ja! Er hat ja auch nichts! +Was macht man nu bloß? Man kann sich doch nicht das Leben nehmen?!" + +Er hatte jetzt ebenfalls zu weinen angefangen. + +"Ach Gott! Ach Gott!." + +Sein Gesicht lag jetzt mitten auf ihrer Brust., Sie zuckte! + +"Ach Gott! Ach Gott!!" + +Der dunkle Rand des Glases oben quer über der Decke hatte wieder +unruhig zu zittern begonnen, die Schatten, die das Geschirr warf, +schwankten, dazwischen glitzerten die Wasserstreifen. + + + +"Ach, nich doch Niels! Nich doch! Das Kind--ist ja schon wieder +auf! Das--Kind schreit ja! Das--Kind, Niels!...Geh doch mal hin! +Um Gottes willen!!" Ihre Ellbogen hinten hatte sie jetzt fest in +die Kissen gestemmt, ihre Nachtjacke vorn stand weit auf. + +Durch das dumpfe Gegurgel drüben war es jetzt wie ein dünnes, +heisres Gebell gebrochen. Aus den Lappen her wühlte es, der ganze +Korb war in ein Knacken geraten. + +"Sieh doch mal nach!!" + +"Natürlich! Das hat auch grade noch gefehlt! Wenn das Balg doch +der Deuwel holte! ..." + +Er war jetzt wieder in die Pantoffeln gefahren. + +"Nicht mal die Nacht mehr hat man Ruhe! Nicht mal die Nacht mehr!!" + +Das Geschirr auf dem Tisch hatte wieder zu klirren begonnen, die +Schatten oben über die Wand hin schaukelten. + +"Na? Du!! Was gibt's denn nu schon wieder? Na?...Wo ist er denn?...Ae, +Schweinerei!" + +Er hatte den Lutschpfropfen gefunden und wischte ihn sich nun an +den Unterhosen ab. + +"So'ne Kälte! Na? Wird's nu bald? Na? Nimm's doch, Kamel! Nimm's +doch! Na?!" + +Der kleine Fortinbras jappte! + +Sein Köpfchen hatte sich ihm hinten ins Genick gekrampft, er bohrte +es jetzt verzweifelt nach allen Seiten. + +"Na? Willst du nu, oder nich?!--- Bestie!!" + +"Aber--Niels! Um Gottes willen! Er hat ja wieder den--Anfall!" + +"Ach was! Anfall!--- Da! Friß!!" + +"Herrgott, Niels..." + +"Friß!!!" + +"Niels!" + +"Na? Bist du--nu still? Na?--Bist du--nu still? Na?! Na?! " + +"Ach Gott! Ach Gott, Niels, was, was--machst du denn bloß?! Er, +er--schreit ja gar nicht mehr! Er...Niels!!" + +Sie war unwillkürlich zurückgeprallt. Seine ganze Gestalt war +vornüber geduckt, seine knackenden Finger hatten sich krumm in den +Korbrand gekrallt. Er stierte sie an. Sein Gesicht war aschfahl. + +"Die... L-ampe! Die...L-ampe! Die...L-ampe!" + +"Niels!!!" + +Sie war rücklings vor ihm gegen die Wand getaumelt. + +"Still! Still!! K--lopft da nicht wer?" + +Ihre beiden Hände hinten hatten sich platt über die Tapete gespreizt, +ihre Knie schlotterten. + +"K--lopft da nicht wer?" + +Er hatte sich jetzt noch tiefer geduckt. Sein Schatten über ihm +pendelte, seine Augen sahen jetzt plötzlich weiß aus. + +Eine Diele knackte, das Öl knisterte, draußen auf die Dachrinne +tropfte das Tauwetter. + +Tipp............................................... + ...............Tipp ..................................... + +... Tipp ............................................. + +................. Tipp.................................. +............................................ + +Acht Tage später balancierte der kleine, buckelige Bäckerjunge +Tille Topperholt seinen Semmelkorb pfeifend durch das dunkle, +dichtverschneite Severingäßchen nach dem Hafen runter. Die Witterung +hatte wieder umgeschlagen, seine kleine Stupsnase sah zum Erbarmen +blau aus. + +"Heil dir, Svea! Mutter für uns alle!" + +Es hatte gerade fünf geschlagen. Vor dem neuen, großen Schnapsladen +an der Ecke der Petrikirche stolperte er. Jesus! Seine Semmeln +waren ihm in den Rinnstein geflogen, er war mitten in den Schnee +geschlagen, Aber er nahm sich nicht einmal die Zeit, sie wieder +aufzulesen. Er kam erst wieder zur Besinnung, als er sich bereits +drüben am Jakobiplatz mit beiden Händen an die große, dick beeiste +Glocke gehängt hatte, die denn auch sofort oben die ganze Polizeiwache +alarmierte. Jesus! Jesus!! + +Als der dicke Sieversen dann endlich angestapft kam, konstatierte +er, daß der Mann erfroren war. "Erfroren durch Suff!" Seinen +zerbeulten Zylinder hatte ihm der kleine, buckelige Tille vorhin +grade gegen die Laterne gequetscht. Aus seinen zerlumpten, apfelgrünen +Frackschößen sah noch die Flasche. + +Wohlan, eine pathetische Rede! + +Es war der große Thienwiebel. + +Und seine Seele? Seine Seele, die ein unsterblich Ding war? + +Lirumn, Larum! Das Leben ist brutal, Amalie! Verlaß dich +drauf! Aber--es war ja alles egal! So oder so! +The Project Gutenberg Etext of Papa Hamlet +by Arno Holz and Johannes Schlaf +******This file should be named 8papa10.txt or 8papa10.zip****** + +Corrected EDITIONS of our etexts get a new NUMBER, 8papa11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8papa10a.txt + +etext created by Norman Werner and proofed by William Fishburne + +*** + +More information about this book is at the top of this file. + + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +https://gutenberg.org or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/eBook03 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/eBook03 + +Or /eBook02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +The most recent list of states, along with all methods for donations +(including credit card donations and international donations), may be +found online at https://www.gutenberg.org/donation.html + +Donations by check or money order may be sent to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information at: + +https://www.gutenberg.org/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. So, among other things, this "Small Print!" statement +disclaims most of our liability to you. It also tells you how +you may distribute copies of this eBook if you want to. + +*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK +By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm +eBook, you indicate that you understand, agree to and accept +this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive +a refund of the money (if any) you paid for this eBook by +sending a request within 30 days of receiving it to the person +you got it from. If you received this eBook on a physical +medium (such as a disk), you must return it with your request. + +ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS +This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks, +is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart +through the Project Gutenberg Association (the "Project"). +Among other things, this means that no one owns a United States copyright +on or for this work, so the Project (and you!) can copy and +distribute it in the United States without permission and +without paying copyright royalties. Special rules, set forth +below, apply if you wish to copy and distribute this eBook +under the "PROJECT GUTENBERG" trademark. + +Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market +any commercial products without permission. + +To create these eBooks, the Project expends considerable +efforts to identify, transcribe and proofread public domain +works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any +medium they may be on may contain "Defects". Among other +things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged +disk or other eBook medium, a computer virus, or computer +codes that damage or cannot be read by your equipment. + +LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES +But for the "Right of Replacement or Refund" described below, +[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may +receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims +all liability to you for damages, costs and expenses, including +legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR +UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT, +INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE +OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE +POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES. + +If you discover a Defect in this eBook within 90 days of +receiving it, you can receive a refund of the money (if any) +you paid for it by sending an explanatory note within that +time to the person you received it from. If you received it +on a physical medium, you must return it with your note, and +such person may choose to alternatively give you a replacement +copy. If you received it electronically, such person may +choose to alternatively give you a second opportunity to +receive it electronically. + +THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS +TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A +PARTICULAR PURPOSE. + +Some states do not allow disclaimers of implied warranties or +the exclusion or limitation of consequential damages, so the +above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you +may have other legal rights. + +INDEMNITY +You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation, +and its trustees and agents, and any volunteers associated +with the production and distribution of Project Gutenberg-tm +texts harmless, from all liability, cost and expense, including +legal fees, that arise directly or indirectly from any of the +following that you do or cause: [1] distribution of this eBook, +[2] alteration, modification, or addition to the eBook, +or [3] any Defect. + +DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm" +You may distribute copies of this eBook electronically, or by +disk, book or any other medium if you either delete this +"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg, +or: + +[1] Only give exact copies of it. Among other things, this + requires that you do not remove, alter or modify the + eBook or this "small print!" statement. You may however, + if you wish, distribute this eBook in machine readable + binary, compressed, mark-up, or proprietary form, + including any form resulting from conversion by word + processing or hypertext software, but only so long as + *EITHER*: + + [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and + does *not* contain characters other than those + intended by the author of the work, although tilde + (~), asterisk (*) and underline (_) characters may + be used to convey punctuation intended by the + author, and additional characters may be used to + indicate hypertext links; OR + + [*] The eBook may be readily converted by the reader at + no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent + form by the program that displays the eBook (as is + the case, for instance, with most word processors); + OR + + [*] You provide, or agree to also provide on request at + no additional cost, fee or expense, a copy of the + eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC + or other equivalent proprietary form). + +[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this + "Small Print!" statement. + +[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the + gross profits you derive calculated using the method you + already use to calculate your applicable taxes. If you + don't derive profits, no royalty is due. Royalties are + payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation" + the 60 days following each date you prepare (or were + legally required to prepare) your annual (or equivalent + periodic) tax return. Please contact us beforehand to + let us know your plans and to work out the details. + +WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO? +Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of +public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form. + +The Project gratefully accepts contributions of money, time, +public domain materials, or royalty free copyright licenses. +Money should be paid to the: +"Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +If you are interested in contributing scanning equipment or +software or other items, please contact Michael Hart at: +hart@pobox.com + +[Portions of this header are copyright (C) 2001 by Michael S. Hart +and may be reprinted only when these eBooks are free of all fees.] +[Project Gutenberg is a TradeMark and may not be used in any sales +of Project Gutenberg eBooks or other materials be they hardware or +software or any other related product without express permission.] + +*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END* + + + +End of The Project Gutenberg Etext of Papa Hamlet +by Arno Holz and Johannes Schlaf + diff --git a/old/old-2024-06-13/4601-8.txt b/old/old-2024-06-13/4601-8.txt new file mode 100644 index 0000000..9a07ba9 --- /dev/null +++ b/old/old-2024-06-13/4601-8.txt @@ -0,0 +1,2348 @@ +The Project Gutenberg Etext of Papa Hamlet +by Arno Holz and Johannes Schlaf + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg file. + +Please do not remove this header information. + +This header should be the first thing seen when anyone starts to +view the eBook. Do not change or edit it without written permission. +The words are carefully chosen to provide users with the information +needed to understand what they may and may not do with the eBook. +To encourage this, we have moved most of the information to the end, +rather than having it all here at the beginning. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + +Information on contacting Project Gutenberg to get eBooks, and +further information, is included below. We need your donations. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a 501(c)(3) +organization with EIN [Employee Identification Number] 64-6221541 +Find out about how to make a donation at the bottom of this file. + + +Title: Papa Hamlet + +Author: Arno Holz and Johannes Schlaf + +Release Date: November, 2003 [Etext #4601] +[This file was first posted on February 13, 2002] +[Most recently updated March 30, 2004] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +The Project Gutenberg Etext of Papa Hamlet +by Arno Holz and Johannes Schlaf +******This file should be named 4601-8.txt or 4601-8.zip****** + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +The "legal small print" and other information about this book +may now be found at the end of this file. Please read this +important information, as it gives you specific rights and +tells you about restrictions in how the file may be used. + +*** +etext created by Norman Werner and proofed by William Fishburne + +PAPA HAMLET + +von Arno Holz/Johannes Schlaf + +1889 + + + + + +I + + + + +Was? Das war Niels Thienwiebel? Niels Thienwiebel, der groe, +unbertroffene Hamlet aus Trondhjem? Ich esse Luft und werde mit +Versprechungen gestopft? Man kann Kapaunen nicht besser msten?... + +"He! Horatio!" + +"Gleich! Gleich, Nielchen! Wo brennt's denn? Soll ich auch die +Skatkarten mitbringen?" + +"N...nein! Das heit..." + +--"Donnerwetter noch mal! Das, das ist ja eine, eine--Badewanne!" + +Der arme kleine Ole Nissen wre in einem Haar ber sie gestolpert. +Er hatte eben die Kche passiert und suchte jetzt auf allen vieren +nach seinem blauen Pincenez herum, das ihm wieder in der Eile von +der Nase gefallen war. + +"H? Was? Was sagste nu?!" + +"Was denn, Nielchen? Was denn? + +"Schafskopp!" + +"Aber Thiiienwiebel!" + +"Amalie?! Ich..." + +"Ai! Kieke da! Also dss!" + +"H?! Was?! Famoser Schlingel! Mein Schlingel! Mein Schlingel, +Amalie! H! Was?" + +Amalie lchelte. Etwas abgespannt. + +"Ein Prachtkerl!" + +"Ein Teufelsbraten! Mein Teufelsbraten! Mein Teufelsbraten! H! +Was, Amalie? Mein Teufelsbraten!" + +Amalie nickte. Etwas mde. + +"Ja doch, Herr Thienwiebel! Ja doch!" + +Aber Frau Wachtel mhte sich vergeblich ab. Herr Thienwiebel, der +groe, unbertroffene Hamlet aus Trondhjem, wollte seinen Teufelsbraten +nicht wieder loslassen. + +"H, oller junge? H?" + +"In der Tat, Nielchen! In der Tat, ein... ein... Prachtinstitut! +Ein Prachtinstitut!" + +"Hoo, hoo, hoo, hopp!! Hoo, hoo, hoo, hopp Bumm!!!" + +Der groe Thienwiebel schwelgte vor Wonne. Er hatte sich jetzt +sogar auf ein Bein gestellt. Hinten aus seinem karierten Schlafrock +klunkerten die Wattenstcken. + +"Aber Thiiienwiebel!"-- + + + + + +II + + + + +"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im +Gemt, die Pfeil' und Schleudern Des wtenden Geschicks erdulden, +oder...oder?... Scheulich! Der groe Thienwiebel hielt wieder +inne. + +"Nicht zum Aushalten das! Nicht zum Aushalten!!" + +Die fnf kleinen gelben Lappen hinter dem Ofen die dort an einer +Waschleine zum Trocknen aufgehngt waren, hatten ihn wieder total +aus dem Konzept gebracht, + +"Ekelhaft!" + +Er hatte sich jetzt, die Hnde in seinen Schlafrocktaschen vergraben, +erbittert vor das Fenster aufgepflanzt. + +Der Himmel drben ber den Dchern war tiefblau; in den nassen +Dachrinnen, von denen noch gerade der letzte Schnee tropfte, zankten +sich bereits die Spatzen; es war ein prachtvolles Wetter zum Ausgehn. + +"Armer Yorick!" + +Noch um eine Nuance verdsterter hatte sich jetzt der groe +Thienwiebel wieder rcklings ber das kleine, niedrige, mit blauem +Kattun berspannte Sofa geworfen und starrte nun ber die Spitzen +seiner grnen, ausgetretenen Pantoffeln weg melancholisch zu Amalien +hinber. + +Ihre dnnen lehmfarbenen Haare waren noch nicht gemacht, ihre Nachtjacke +schien heute schmutziger als sonst und stand vorn natrlich wieder +offen; der kleine rote Spiebrger, den sie, auf ihr Fubnkchen +gekauert, nachlssig aus einem Gummischlauch sugte, sah auf einmal +hlich aus wie ein kleiner Frosch. + +"Armer Yorick!" + +Herr Thienwiebel hatte sich seufzend erhoben und setzte jetzt seine +Wanderung von vorhin wieder fort. + +"...oder? oder... Sich waffend gegen eine See von Plagen, Durch +Widerstand sie enden. --Sterben--schlafen--Nichts weiter!--" + +Vor dem Fenster konnte er sich jetzt wieder nicht versagen, eine +kleine Pause zu machen. + +Die Sonne drauen ging gerade unter. Die Dcher sahen fuchsrot aus. +Aber ein Blick auf seinen alten, abgenutzten Schlafrock unten lie +ihn sich wieder zusammennehmen und seinen Monolog von neuem beginnen. + +"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im Gemt +Ae, Quatsch!!" + +Mit einem Ruck war jetzt der Shakespeare, den er sich eben aus +seiner Schlafrocktasche gerissen, auf den Tisch geflogen, wo er +die Gesellschaft einer Spirituskochmaschine, eines braunirdenen +Milchtopfs ohne Henkel, eines alten, beruten Handtuchs, einer Glaslampe +und einer Photographie des groen Thienwiebel in Morarahrnen vorfand. + +"He! Horatio! Horatio!!... Nicht zu Hause! Nicht zu Hause..." + +Total vernichtet hatte er sich jetzt wieder auf das Sofa +zurckgeschleudert und vertiefte sich nun in den tragischen Anblick +eines schmutzigen Kinderhemdchens, das neben einer geplatzten +Schachtel schwedischer Zndhlzchen vor ihm unten auf dem Fuboden +lag. + +"Verwnscht! Wenn man wenigstens mal ausgehn knnte, Amalie! Aber +ich frchte...ich frchte...die Welt ist nicht vorurteilsfrei genug, +um einen Niels Thienwiebel im Schlafrock und Zylinder unbehelligt +seines Weges dahingehn zu lassen!" + +Aber Amalie antwortete nicht einmal. Der kleine Krebsrote nahm +ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sein Lutschen zog jetzt den +ganzen Schlauch zusammen. + +"Ja! Es ist so! Es ist so, Amalie! Aber sie schreiben mir noch +immer nicht! Sie haben da Leute, Leute--Leute? Pah! Stmp'rr! 0 +Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist!" + +jetzt hatte Amalie, die dies Thema bereits kannte, etwas aufgesehn. + +"Ja...es wre am Ende doch gut, wenn du einmal ..." + +Ihre Stimme klang heiser, belegt. + +"Ja, so wird es kommen! Vielleicht...bei meiner Schwachheit und +Melancholie..." + +Der kleine Krebsrote schmatzte! Seine Flasche war jetzt so gut wie +leer. + +"Ich werde selbst hingehn mssen und frliebnehmen mit dem, was +man mir anzubieten wagt! Das Leben ist brutal, Amalie! Verflucht! +Wenn man wenigstens einen Rock zum Ausgehen htte!" + +Sein Tenor war jetzt bergeschnappt, er hatte sich wieder lang ber +das Sofa zurckgeeselt. + +Groe Pause... + +Die Dcher drauen hatten sich allmhlich braun gefrbt. Die Sonne +an dem groen runden Schornstein drben war verblichen. + +Frau Thienwiebel fing jetzt hinten in ihrer Ecke zu husten an. + +"Herr Gott, Niels! Ich mu ja inhalieren! Da, nimm doch mal das +Kind!" + +"Natrlich! Auch noch Kinderfrau! Oh, Ich reie Possen wie kein +andrer! Was kann ein Mensch auch andres tun als lustig sein? Still, +Krabbe!! " Der kleine Krebsrote schwieg wieder. Er war noch nie so +verblfft gewesen. + +"Da! Nimm's! Kau's! Fri! Verschluck's!" + +Der groe Thienwiebel hatte es jetzt sogar ber sich gewonnen, seinem +ungeratnen Sprling auch den Schnuller in den Mund zu stopfen. +Mehr war unmglich zu verlangen! + +Amalie hatte unterdessen die Ofenrhre aufgemacht und entnahm ihr +jetzt einen kleinen, grnglasierten Kochtopf. Ein nach Salbei +duftender Brodem entstieg ihm. Nachdem sie dann noch das kleine +Geschirr neben den Ofen auf einen Stuhl und sich selbst auf die +Fubank davor gesetzt hatte, machte sie jetzt ihren Mund auf und +atmete das heie Zeug langsam ein. + +Der groe Thienwiebel, der sich unterdes mit seinem impertinenten +kleinen Krebsroten auf die Tischkante placiert hatte, sah ihr +nachdenklich zu. + +"Hm! Weit du, Amalie? + +"Hm??" + +"Weit du? Wir haben eigentlich eine ganz falsche Methode, das Kind +zu nhren, Amalie!" + +"Ach was!" + +"Ich sage, eine Methode! Eine verkehrte Methode, Amalie!" + +"Aber..." + +"Verla dich drauf! Eine unnatrliche, Amalie!" + +"Ja, du lieber Gott..." + +"Eine unnatrliche...Wir sollten das Kind nicht mit der Flasche +trnken!" + +"Nich? Na, womit denn sonst?" + +"Du selbst solltest es eben trnken!" + +"Ich?" + +"Gewi, Amalie!" + +"Ach lieber Gott! Ich! Selbst!". + +"Nun! Warum nicht?" + +"Ich?? Bei meiner schwachen, kranken Brust jetzt?" + +"Ach was! Das bildest du dir ja nur ein, Amalie! Ich sage die, du +bist vllig gesund. Du bist vllig gesund, sag ich!...brigens: +Ein Kind kann ein fr allemal nur dann gedeihen, wenn es die Mutter +selbst sugt!" + +Herr Thienwiebel war jetzt ganz eifrig geworden. Seine Langeweile +von vorhin schien er vllig vergessen zu haben. Er schien es sogar +nicht bemerkt zu haben, da dem kleinen zappelnden Wurm auf seinen +Knien der Schnuller wieder heruntergekullert war. + +"Verla dich drauf, Amalie! Ich sage, die natrlichste Methode +ist immer die beste! Denk doch mal: was sollten denn sonst die +Negerweiber anfangen! Sie haben keine Flaschen! Sie nhren ihre +Kinder selbst, siehst du...und,und--nun ja! Und sie gedeihen dabei! +Gedeihen! Na?" + +"Ja, Niels, aber ich bin doch kein Negerweib!" + +Der groe Thienwiebel lchelte berlegen. + +"Ja nun, du mut...hehe! Du mut mich eben verstehn, Amalie! He!" + +Amalie hatte sich wieder tief ber ihren Salbeitopf gebckt. + +"Ich wollte dir damit eben nur durch ein...ein...nun sagen wir durch +ein Beispiel, andeuten, da das Natrlichste immer das Vernnftigste +ist. Ich sehe eben durchaus nicht ein, warum die Negerweiber etwas +vor uns voraushaben sollten!" + +"Aber sie sind gesund!" + +"Ach was! Das bildest du dir ja nur ein, Amalie, da du krank bist!" + +"Ich?" + +"Allerdings, Amalie! Ich behaupte..." + +Amalie war jetzt ein wenig ungeduldig geworden. + +"Ach was! La lieber das Kind nicht so schrein!" + +"Auch das ist wieder nur so ein Vorurteil von dir, Amalie! Was schadet +das! Ich habe gelesen, es ist nichts gesnder! Die Lungen weiten +sich dabei! Aber -- e...wie gesagt! Du solltest das Kind selbst +trnken! Die heutige Kultur freilich, die Kultur der europischen +Welt..." + +Die Kultur berging Amalie. Sie hielt sich nur an die Ermahnungen, +die sie nun schon so oft zu hren bekommen hatte. + +"So! So! Jawoll doch! Gewi! Bei unserm Leben! Den ganzen Tag lebt +man von Kaffee und Butterbrot! Ich mchte wissen, wie das arme Wurm +dabei gedeihen sollte!" + +"Ha! Zu leben im Schwei und Brodem eines eklen Betts, gebrht in +Fulnis, buhlend und sich paarend ber dem garst'gen Nest! Nicht +wahr? Du willst damit sagen, da ich an unsrer Lage schuld bin, +Amalie!" + +"Na! Etwa ich?" + +"Weib!!" + +"Moi'n!" + +Die Tr, an der es schon eine ganze Weile vergeblich geklopft hatte, +wurde in diesem Augenblick weit aufgestoen, und herein, in seinem +ewigen Havelock, der vor Zeiten wahrscheinlich einmal hechtgrau +gewesen war, den ungeheuren schwarzen Schlapphut tief in das kleine +fidele, blasse Gesichtchen gedrckt, tnzelte jetzt der kleine Ole +Nissen. + +"Moi'n! Also lat euch nicht stren, Kinder! Bitte, bitte! Keine +Umstnde, Nielchen! Keine Umstnde! Wei schon! Probiert 'ne neue +Szene ein! Also, wie gesagt ... Donnerwetter! Ist das Biest hart!" + +Er hatte sich eben mitten auf das kleine Kattun'ne plumpsen lassen +und dabei wieder in einem Haar seine gypter verloren, die er schief +zwischen die Zhne geklemmt hielt. + +"Also, wie gesagt! Laufe da eben ganz trbselig den Hafendamm +runter. H? Und wer begegnet mir da? Der Kanalinspektor! Na, wer +denn sonst? Der Kanalinspektor natrlich! Nobel verheiratet, Villa +in Bratsberg, no! etc. pp. Knnt euch ja denken! Schleift mich +also natrlich sofort zu Hiddersen und lt vorfahren... Na, oller +Junge? Wie geht's?... Faul! sag ich also natrlich. Faul!...Hm! +Weite was? KKnntest eigentlich meine Alte portrtieren!...Hm! Mit +Jenu, Kind! Mit Jenu! Aber--e...Farben, siehst du--he, Leinwand, +Rahmen also...H! Was? Nobles Putthuhn!!" + +Ole Nissen lie jetzt die schnen, noblen Kronen in seinen Taschen +nur so klimpern. + +"Frau Wach-tel! Frau Wachtell!! Frau Wach-tellll!!!" + +Das Haus Thienwiebel schwamm wieder in Wonne. Sein Krach war wieder +auf eine Weile verschoben. + +"H! Und dies? Ist das Butter? Und dies? H? Ist das Schinken? H? +Und dies? H? Platz fr das Silberzeug! Silentium!!" + +Der kleine Ole war heute wieder ganz aus dem Huschen... + +Nachdem das "Silberzeug" dann endlich abgerumt und die Punschbowle +zu zwei Dritteln bereits geleert war, mute Frau Wachtel sogar noch +die Skatkarten "ranschleifen". Es war einfach herrlich! Der groe +Thienwiebel hatte seinen trkischen Fez auf, Ole Nissen bot seine +gypter sogar galant der alten Madame Wachtel an, die sich aber +emprt von ihnen wieder in ihre Kche zurckflchtete, Amalie +rauchte tapfer mit. Ihre alten Opheliajahre waren wieder lebendig +in ihr geworden. + +"Ach, Thienwiebel! Niels!! Geliebter!!!" + +Der groe Thienwiebel stand da und weinte. + +"Bin ich 'ne Memm'?--Ha! Rauft mir den Bart und werft ihn mir ins +Antlitz! Nein, reizende Ophelial Nein! Weine nicht! Mein Schicksal +ruft und macht die kleinste Ader meines Leibes so fest als Sehnen +des Nemeerlwen!... Was, alter Jephta?...Nein, glaube nicht, daich +dir schmeichle! Was fr Befrdrung hoff ich wohl von dir, der keine +Rent' als seinen muntren Geist, um sich zu nhren und zu kleiden +hat!" + +Seine Stimme brach ab, die Hand, die er ihm auf die Schulter gelegt +hatte, zitterte.-- + +Zuletzt, als die alte Glaslampe nur noch wie eine kleine lfunzel +brannte und die prachtvollen gypter um ihre grne Glocke einen +schnen, silbergrauen, fingerdicken Nebelring gelegt hatten, wurde +auch der kleine Ole Nissen gerhrt. + +Er hatte sich nach und nach zu der reizenden Ophelia auf das +kleine, blaue Kattunberzogene gedrngt und titulierte sie nur +noch "Miezchen". Jetzt hatte er endlich auch ihre Hnde zu fassen +bekommen und bedeckte sie nun mit seinen Kssen. + +Der groe Thienwiebel erhob keine Einsprache. Er hatte segnend seine +Hnde ber sie gebreitet und konnte sein Herz nur noch stammelnd +ausschtten. + +"Der Kreis hier wei, ihr hrtet's auch gewi, wie ich mit schwerem +Trbsinn bin geplagt!" + +Der kleine Krebsrote hinten in seiner Ecke hatte unterdessen seine +Not mit sich gehabt. Schon verschiedene Male hatte er sich in den +Schlaf geweint. Jetzt aber war er wieder aufgewacht und konnte +absolut nicht mehr seinen Gummipfropfen finden. Die reizende Ophelia +hrte ihn nicht. Sie war lngst in ihrer Sofaecke eingeschlafen. +Er schrie jetzt, als ob er am Spiee stak. + +Der groe Thienwiebel hatte natrlich erst recht keine Zeit fr +den Schurken. Er hatte den kleinen Ole Nissen, der jetzt kaum noch +seine kleinen, wasserblauen Augen aufhalten konnte, vorn an seinem +Rockkragen zu packen bekommen und deklamierte nur wieder: + +"Er ist eine Elster, Horatio! Eine Elster! Aber, wie ich dir sagte, +mit weitlufigen Besitzungen von--Kot gesegnet!" + + + + + +III + + + + +Es war nicht anders! Aber er hegte Taubenmut, der groe Thienwiebel, +ihm fehlte es an Galle... + +Er hatte seit kurzem--er wute nicht wodurch?--all seine Munterkeit +eingebt, seine gewohnten bungen aufgegeben, und es stand in der +Tat so bel um seine Gemtslage, da die Erde, dieser treffliche Bau, +ihm nur ein kahles Vorgebirge schien. Dieser herrliche Baldachin, +die Luft, dieses majesttische Dach mit goldnem Feuer ausgelegt: +kam es ihm doch nicht anders vor als ein fauler, verpesteter Haufe +von Dnsten. Welch ein Meisterwerk war der Mensch! Wie edel durch +Vernunft! Wie unbegrenzt an Fhigkeiten! In Gestalt und Bewegung +wie bedeutend und wunderwrdig im Handeln, wie hnlich einem Engel; +im Begreifen, wie hnlich einem Gotte; die Zierde der Welt! Das +Vorbild der Lebendigen! Und doch: was war ihm diese Quintessenz +vom Staube? Er hatte keine Lust am Manne--und am Weibe auch nicht. +Die Zeit war aus den Fugen! War es zu glauben? Aber-e-man hatte +ihm noch immer nicht geschrieben. Man war undankbar in Christiania. +Armer Yorick! + +Sterben, schlafen...vielleicht auch trumen? + +Einstweilen jedoch hatte es allen Anschein, als ob gewisse +Rcksichten das Elend des armen Yorick noch zu hohen Jahren kommen +lassen wollten. Jedenfalls wenigstens durften jetzt die naseweisen +Aktschler unten in der Akademie den groen unbertrefflichen Hamlet +aus Trondhjem schon seit vollen vierzehn Tagen in den schnen, +langen Vormittagsstunden als sterbenden Krieger kopieren. Das war +freilich eine Entwrdigung, aber sie brachte Geld ein. Nur gengte +es leider noch nicht. + +Wenn der "arme Yorick" jetzt mittags nach Hause kam und sich +mit einem Appetit, als htte er eben vierundzwanzig Stunden lang +ohne aufzusehn Eichenkloben zerkleinert, ber die groe Schssel +herstrzte, die ihm die reizende Ophelia schon vorsorglich verdeckt, +der Photographie des groen Thienwiebel grade gegenber, auf den +Tisch gestellt hatte, fand sich meist nur eine etwas grn angelaufene, +dnne Kartoffelsuppe drin vor, in der hchstens hie und da noch ein +paar kleine, kohlschwarze Speckstckchen schwammen. Armer Yorick!... + +Amalie schien schon seit undenklichen Zeiten ihre Nachtjacke nicht +mehr in die Waschwanne gesteckt zu haben. Wozu auch groe Toilette +machen? Man war ja zu Hause. + +"Nicht wahr, Thienwiebel?" + +Der groe Thienwiebel hielt es fr unter seiner Wrde zu antworten. +Er hatte sich eben wieder in seinen alten, bequemen Schlafrock +geworfen, aus dem die Watte freilich, ihrer nur noch geringen +Quantitt halber, nicht mehr recht klunkern konnte. + +Seinen William aufgeklappt, hatte er sich jetzt wieder tiefsinnig +rcklings ber das kleine Blaukattunene geworfen. + + "Oh, schmlze doch dies allzu feste Fleisch, + Zerging' und lst' in einen Tau sich auf! + Oder htte nicht der Ew'ge sein Gebot + Gerichtet gegen Selbstmord! 0 Gott! o Gott! Wie + ekel, schal und flach und unersprielich Scheint + mir das ganze Treiben dieser Welt! + Pfui! Pfui darber!" + +Amalie, die sich wieder auf ihre kleine, mollige Fubank neben den +Ofen gesetzt und eben ihre Schmalzstulle in den Kaffee gestippt +hatte, sah jetzt etwas verwundert in die Hhe. Als aber der "arme +Yorick" dann nicht mehr weiterlas und, seinen William zugeklappt, +sich jetzt sogar, ganz wider seine sonstige Gewohnheit, mit dem +Kopfe gegen die Wand gedreht hatte, wurde ihr denn doch ein wenig +unbehaglich zumut. + +Eine Weile noch berlegte sie; dann aber, endlich, hatte sie sich +entschieden. Ihre Stimme klang noch klglicher als sonst. + +"Ich will nhen gehn, Niels." + +"Nein, Amalie! Niemals! Niemals! Das werde ich nie dulden! Das wre +eine unverzeihliche Vernachlssigung deiner heiligsten Mutterpflichten!" + +Er war wieder emprt aufgesprungen. + +"Nein, Amalie! Nie! Niemals!...Solang Gedchtnis haust in +dem...zerstrten Ball hier!" + +Er hatte sich melodramatisch vor die Stirn gestoen. Amalie fhlte +sich wieder beruhigt und bi jetzt herzhaft in ihre Schmalzstulle... + +"Herein?" + +Es war Frau Wachtel. Sie brachte wieder die Milch fr den Kleinen. + +Der groe Thienwiebel hatte es sich nicht versagen knnen, ihn auf +den Namen Fortinbras taufen zu lassen. + +"Na, Dickerchen? Langweilste dich? Oh, mein Museken! Oh!" + +Sie fand nmlich, da Amalie ihren heiligsten Mutterpflichten etwas +nachlssig oblag, und gestattete sich fters eine kleine Kontrolle. + +Frau Rosine Wachtel war nmlich im Besitze eines guten Herzens. Und +das mute wahr sein, denn sie sagte es selbst und vergo jedesmal +Trnen dabei. Indessen war ihr dieser Besitz noch nicht allzu +gefhrlich geworden. Denn es war ihr noch niemand durchgebrannt, +und sie war noch immer zu ihrem Geld gekommen; und das war oft +ein Stck Arbeit gewesen. Frau Rosine Wachtel konnte das jeden +versichern... + +"Ach, du Wrmeken! Ach, mein Puttekent Hab'n se dir so in'n Korb +jestochen!" + +Die gute Frau Wachtel war ganz gerhrt. Aber pltzlich, aus +irgendeinem Grunde, wahrscheinlich weil drauen auf dem Flur eben +jemand die Treppe heraufzukommen schien, hielt sie es jetzt doch +fr besser, sich schnell noch mal nach ihrer Kche umzusehn... + +Der groe Thienwiebel, der etwas ungeduldig gewartet hatte, bis ihr +runder, trivialer Rcken endlich hinter der Tr verschwunden war, +weil er wieder etwas wie einen Monolog in sich versprte, war +jetzt tragisch auf das kleine runde Spiegelchen ber der Kommode +zugetreten, aus dem ihm nun sein schner, edelgeformter Apollokopf +melancholisch zunickte. + +"Armer Freund! Wie ist dein Gesicht betroddelt, seit ich dich +zuletzt sah!" + +Amalie bekmmerte sich nicht mehr um ihn. Sie kannte ihren groen +Gatten. + +"Armer Freund!" + +War das sein Haar? Sein schnes, berhmtes, blauschwarzes Haar? Eine +grausame Natur der Dinge hatte ihm nun schon seit Wochen verwehrt, +es sich brennen zu lassen. In die Stirn, in diese erhabene Wlbung +majesttischer Gedanken, fiel es ihm nun in Strhnen, dick und +feist, wie sie selber, diese schale, engbrstige Zeit. + +"Armer Freund!" + +Nachdem er sich so zu der erhabenen Mission, die ihm vorschwebte, +gengend prpariert zu haben glaubte, drehte er sich jetzt gemessen +nach dem kleinen, gelben Korb um, der dicht neben dem Bett quer +ber zwei Sthle gestellt war. + +"Armes kleines Menschenkind! Welch bser Stern verdammte dich in +dieses Elend!" + +Das arme kleine Menschenkind zappelte ihn an und lachte. + +"Aber still! Still! Ich will alles einsetzen! Ich will meine ganze +Kraft einsetzen! Ich werde arbeiten, Freund! Ich werde arbeiten! +Ich werde dem Schicksal die Stirn bieten; ich werde ihm ab trotzen, +da du in dieser herben Welt dereinst jene Stellung einnimmst, +die deinen Talenten gebhrt...ja! So macht Gewissen Feige aus uns +allen. Der angebornen Farbe der Entschlieung wird des Gedankens +Blsse angekrnkelt; und Unternehmungen voll Mark und Nachdruck, +durch diese Rcksicht aus der Bahn gelenkt, verlieren so der Handlung +Namen!" + +Seine Stimme bebte, seine Schlafrocktroddeln hinter ihm, die er +sich zuzubinden vergessen hatte, zitterten. + +Amalie hatte jetzt ihr Schmalzbrot wieder beiseite gelegt. + +"Niels, ich will doch lieber nhen gehn!" + +"Nie! Nie! Sprich nicht davon, Amalia! Bei meinem Zorn! Sprich +nicht davon!" + +Amalie war wieder beruhigter denn je. + +Ihr schnes Schmalzbrot war, Gottseidank, noch nicht ganz alle. +Der groe Thienwiebel, der einigermaen aus seinem Konzept gekommen +war, hatte jetzt einige Mhe, wieder hineinzukommen. Den Shakespeare, +den er wieder von der Erde aufgelesen hatte, hinten in seinen +Wattenklunkern, die Finger krampfhaft um seinen roten Saffianrcken, +nickte er jetzt wieder schmerzlich auf das kleine, verwunderte +Bndelchen hinab. Es hatte die ganze Zeit ber kaum zu mucksen +gewagt. + +"Ich wei... ich werde sterben, Freund! Ich werde sterben!--Das +starke Gift bewltigt meinen Geist! Ich kann von England nicht +die Zeitung hren; doch prophezei ich, die Erwhlung fllt auf +Fortinbras... Du lebst; erklre mich und meine Sache den Unbefriedigten!" + +Der kleine Fortinbras war jetzt ganz ernsthaft geworden. Er hatte +seinen groen Papa noch nie so menschlich mit ihm reden hren. + +"Den Unbefriedigten" + +Der Regen drauen, der die braunen Dcher drben schon seit +frhmorgens wie mit Glanzlack berzogen hatte, pltscherte, aus +dem Fensterblech, unter das die reizende Ophelia natrlich wieder +den Wasserkasten zu hngen vergessen hatte, war er jetzt allmhlich +sogar die graue Tapete hinab bis mitten unter das kleine Blaukattunene +gekrochen. Auf seinem kleinen Teich drunter konnten die beiden +angebrannten Schwefelhlzchen bereits in aller Gemchlichkeit +rundherum Gondel fahren. + +Pltzlich schien den groen Thienwiebel wieder mal irgend etwas +unversehens gestochen zu haben. + +"Amalie! Amalie!" + +"Was denn schon wieder, Thienwiebel!" + +Sie hatte sich nicht einmal umgesehn. + +"Amalie, es ist nicht zu leugnen: das Kind hat ganz auergewhnliche +Fhigkeiten! Es hat mich soeben angelacht. Es unterhlt sich +ordentlich mit mir!" + +Amalie grunzte nur verdrielich. + +"Ich wette, man kann ihm schon die Anfangsgrnde des Sprechens +beibringen, Amalie!" + +"Hm? du! Sag mal: a! Na?! a-a-a..." + +Der kleine, gute Fortinbras wute sich jetzt vor lauter Verdutztheit +gar nicht mehr zu lassen. Er hatte seine beiden dicken Hndchen +rechts und links in den Korbrand gekrallt und hte nun, seinen Kopf +nach hinten zurckgelegt, seinen groen Papa ganz vergngt an. + +"Nicht , mein Junge! Sag a! A sollst du sagen! Also? Na? Aaaa!... " + +"Ach, la doch! Das kann er ja noch nich!" + +Amalie hatte es endlich doch fr angezeigt gehalten, sich ins Mittel +zu legen. + +"Was?! Das kann er nicht?! Sage das nicht, Amalie! Sage das nicht! +Dafr ist er mein Junge! H? Bist du mein Junge? H?" + +"Aber er ist ja erst kaum ein Vierteljahr alt!" + +"So? So? Nun, hm...Ich will nicht mit dir rechten, Amalie! Allein +du wirst doch vorhin bemerkt haben, da er durchaus verstand, was +ich meinte!" + +Amalie ghnte. Sie gab es auf. Es hatte ja keinen Zweck! Es war ja +alles egal! So oder so! + +Der groe Thienwiebel aber war damit noch nicht zufrieden. Er konnte +seine Idee noch nicht so leicht wieder fallenlassen. + +Nein, gewi, Amalie! Der Junge berechtigt zu den besten Hoffnungen!" + +Ach... + +"Nun! Was ist denn da so Ungewhnliches dabei, Amalie? Du weit: +es gibt mehr. Ding' im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit +sich trumt, Amalie!" + +Amalie ghnte nur wieder. + + + "...und nun, ihr Lieben, + Wofern ihr Freunde seid, Mitschler, Krieger, + Gewhrt ein Kleines mir!" + + +Sie gewhrten es ihm. + +Es war wirklich zu schn von dem groen Thienwiebel! Aber er +hatte sich jetzt tief ber seinen kleinen, sen Fortinbras, der zu +so groen Hoffnungen berechtigte, gebeugt und wollte ihn nun--oh, +zum ersten Mal, zum ersten Mal, seit langer, langer Zeit, Horatio! +wieder auf die kleine bleiche Stirn kssen. + +Aber es sollte nicht dazu kommen. Er war bereits wieder zurckgetaumelt, +noch ehe er seine schne Tat zum Austrag gebracht hatte. + +"Ha!" + +Seine Augen rollten, seine Fuste hatten sich geballt, die beiden +roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock schlotterten vor +Entrstung. + +"Ha!" + +Das Rtsel von der alten, lieben, guten, geschftigen Frau Wachtel +von vorhin hatte sich glnzend gelst. + +Sei's Farbe der Natur, sei's Fleck des Zufalls, kurz und gut, aber +der kleine Prinz von Norwegen lag wieder seelenvergngt mitten in +seinen weitlufigen Besitzungen da. + + + + + +IV + + + + +Seit die schne Frau Kanalinspektor, sorgsam in Sackleinwand genht, +endlich abgegangen war und weitere Promenaden am Hafendamm sich +nicht wieder ergiebig erwiesen hatten, war jetzt auch nebenan bei +dem kleinen Ole Nissen nichts mehr zu holen. Erneute Bohrversuche +bei dem famosen, noblen Putthuhn hatten auch nichts gefruchtet. Seine +"Alte" schien ihm nicht sonderlich imponiert zu haben. Wenigstens +hatte ihr kleiner "Tintoretto" sie bei seiner letzten offiziellen +Visite drauen vergeblich an den neuen, schntapezierten Wnden +gesucht. brigens waren die Herrschaften gerade ausgegangen. Man +schien eben nicht blo in Christiania allein undankbar zu sein. + +Keine Hummern bei Hiddersen mehr, keine gypter mehr, keine "Mieze" +mehr! Das letzte schmerzte den armen, kleinen Ole natrlich am +meisten. Aber man konnte es der Kleinen wirklich unmglich verdenken. +Von aufgeweichten Brotkrusten lie sich nicht satt werden. + +Der alten, lieben, guten Frau Wachtel aber war damit ein sehr groer +Stein vom Herzen gefallen. Sie hatte nmlich die niedliche kleine +Mieze einmal dabei ertappt, als sie dem abscheulichen Ole grade +Modell stand, und da sie hierfr wirklich auch nicht das mindeste +Verstndnis besa, ein gewisses, kleines Vorurteil gegen sie gefat. + +Ihr gutes Herz zu bettigen hatte sie in letzter Zeit leider nur zu +wenig Gelegenheit gehabt. Am unzufriedensten aber war sie jedenfalls +mit den dummen Thienwiebels. Was bei der alten Schlamperei dort +schlielich rauskommen mute, konnte man sich ja an den Fingern +abzhlen. + +Der alte, alberne Kerl flzte sich den ganzen Tag auf dem Sofa +rum und trieb Faxen, das faule, schwindschtige Frauenzimmer hatte +nicht einmal Zeit, seinem Schreisack das bichen blaue Milch zu +geben, zu fressen hatten sie alle drei nichts, und die Miete--ach, +du lieber Gott! Wenn man nicht wenigstens noch die paar Sparkreeten +gehabt htte... + +--Ja! Es war Wermut! Sein Verstand war krank! Es fehlte ihm +an Befrderung! Im Scho des Glckes? Oh, sehr war! Sie ist eine +Metze! Was gibt es Neues? Als Roscius noch ein Schauspieler in Rom +war...Geharnischt, sagt Ihr? Sehr glaublich!--Ein Mann, der St' +und Gaben mit gleichem Dank genommen, der zur Pfeife nicht Fortunen +diente, den Ton zu spielen, den ihr Finger griff, den Bettler, wie +er...Nichts mehr davon!! Sprich weiter, komm auf Hekuba! + +In der Tat, es lie sich nicht mehr leugnen: er war jetzt wirklich +zu bedauern, der groe Thienwiebel! + +Oh, welch ein Schurk' und niedrer Sklav' er war!! War's nicht +erstaunlich? War's zu glauben? War's mglich? War's nur durch +Angewohnheit, die den Schein gefll'ger Sitten berrostet, war's +berma in seines Blutes Mischung: kurz und gut, aber er kam jetzt +immer wieder auf sie zurck: auf nichts, auf Hekuba! + +Wozu sollten Gesellen wie er zwischen Himmel und Erde herumkriechen? +Dem Staub gepaart, dem er verwandt, so rings umstrickt mit +Bbereien...nicht doch, mein Frst!! Die Mausefalle? Und wie das? +Metaphorisch! Ich bitte, spotte meiner nicht, mein Schulfreund; Du +kamst gewi zu meiner Mutter Hochzeit! + +Armer Yorick! Denn wenn die Sonne Maden aus einem toten Hunde +ausbrtet, eine Gottheit, die Aas kt...Armer Yorick! + +Sein Wahnsinn war des armen Hamlet Feind.-- + +Amalie, die endlich ihre Drohung wahrgemacht und in der Tat seit +einiger Zeit etwas zu tun angefangen hatte, was sie Trikottaillen +nhen nannte, lie alles getrost ber sich ergehen. Es hatte ja +keinen Zweck! Es war ja alles egal! So oder so. + +Der gute, kleine Ole Nissen war unendlich zarter besaitet. Da +Frau Wachtel so freundlich gewesen war und ihm nach so vielen +andern geliebten Gegenstnden krzlich auch noch seine schnen +leberwurstfarbenen Pantalons ins Leihhaus getragen hatte, war er +jetzt dazu verdammt, die ganzen Tage ber in seinem Bett zu liegen +und durch die dnnen Bretterwnde durch die ganze Wirtschaft mit +anzuhren. + +"Ha! Bberei! Auf, lat die Tren schlieen! Verrat! Sucht, wo er +steckt! Du betest schlecht! Ich bitt dich! La die Hand von meiner +Gurgel! Kennst du diese Mcke?!" + +Armer, kleiner Ole! War es Angst oder nur Langeweile? Aber der +Schwei brach ihm oft tropfenweis durch die Stirn. + +Der groe Thienwiebel schien es ordentlich auf ihn abgesehn zu haben! +Alle Nachmittag Punkt fnf Uhr versumte er es jetzt nie, sogar +seine "Bude" zu inspizieren. Diese war freilich noch erbrmlicher +als seine eigene, aber sie besa dafr den Vorzug, da man aus ihrem +Fenster bequem unten auf das breite, platte, geteerte Nachbardach +klettern konnte, von dem man dann eine erfreuliche Aussicht auf die +verschwiegenen Brandmauern mehrerer Hinterhuser geno. Ein kleines +anspruchsloses Pflaumenbumchen, dessen verkrppelte stchen von +Raupen und Spatzen nur so wimmelten, vervollstndigte das Idyll. +Der arme kleine Ole sprte die verhngnisvolle Zeit schon immer +eine ganze Weile vorher in seinen Knochen. Der groe Thienwiebel +beliebte es dann nmlich immer, gewisse Unterhaltungen mit ihm +anzuknpfen, die so geistvoll, ideentief und farbenreich waren, +da dem kleinen Ole, den seine ewigen Brotkrusten schon ohnehin +arg mitgenommen hatten, nur so der Kopf danach brummte. + +"Ich will hier im Saale auf und ab gehn, wenn es Seiner Majestt +gefllt; es wird jetzt bei mir die Stunde, frische Luft zu schpfen. +Lat die Rapiere bringen." + +Die "Rapiere" waren zwei Leiterstcken, die man zusammenlegen und +von drauen her in das Fensterkreuz einhaken konnte. + +Wenn sie "gebracht" worden waren, endete die Geschichte natrlich +stets damit, da man sie auch richtig einhakte und an ihnen +hinabkletterte. + +"Hic et ubique! ndern wir die Stelle!" + +Dann war man in "Helsingr" und promenierte auf der "Terrasse". Der +groe Thienwiebel in Fez und Schlafrock, der kleine Ole in Havelock +und Unterpantalons. + +Ich will die Lieb' Euch lohnen, lebt denn wohl, Horatio! Auf der +Terrasse zwischen elf und zwlf besuch ich Euch ... Nicht wahr? +Ihre...seid ein--Fischhndler?!" + +Scham, wo war dein Errten! + +Der arme, kleine Ole wute zuletzt selbst nicht mehr: war eigentlich +er verrckt, oder Nielchen. + +Aber er htte sich nicht so zu hrmen brauchen. Der groe Thienwiebel +wute nur zu gut, was er tat. Er war nur "toll aus Methode". Er +war nur toll bei Nordnordwest; wenn der Wind sdlich war, konnte +er sehr wohl einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl unterscheiden. + +Die ewige Aktsteherei unten in der alten, dummen Akademie war ihm +eben nachgerade langweilig geworden, und da er der alten, lieben, +guten Frau Wachtel doch unmglich zutrauen durfte, da sie ihn noch +lnger gratis beherbergte, wenn er sich jetzt die "Quelle kstlicher +Dukaten" so sans facon wieder zustopfte, war er eben eines schnen +Tages auf die groartige Idee verfallen, sich hier in dieser herben +Welt voll Mh' nach und nach fr wirklich bergeschnappt auszugeben. + +"Ha! Heisa Junge! Komm, Vgelchen! Komm! Ich Mu nach England; wit +Ihr's? Himmel und Erde! Es ist nur eine Torheit, aber es ist eine +Art von schlimmer Vorbedeutung, die vielleicht ein Weib ngstigen +wrde. + +Was? Eine Ratte? Die Spitze auch vergiftet! Nein! Nein, schne +Dame! Nicht nur mein dstrer Mantel, gute Mutter, noch die gewohnte +Tracht von ernstem Schwarz, noch strmisches Geseufz beklemmten +Odems: nein: auch die Schmeichelsalb'! Ich hab's geschworen! +Weglschen von der Tafel der Erinnerung will ich all jene trichten +Geschichten! Nie beuge sich dieses Knies gelenke Angel, wo Kriecherei +Gewinnn bringt! Ich trotze allen Vorbedeutungen: es waltet eine +besondere Vorsehung ber dem Fall des Sperlings. In Bereitschaft +sein ist alles. Wetter! Dankt ihr, da ich leichter zu spielen +bin als ein Flte? Nennt mich, was fr ein Instrument ihr wollt! +Ihr knnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen..." + +Ha! Was? Ein knigliches Bubenstck! + +Dem kleinen Fortinbras schien dieses knigliche Bubenstck am +wenigsten zu imponieren. Ja, aus gewissen Anzeichen glaubte sein +groer Papa manchmal sogar schlieen zu drfen, da er noch nicht +einmal recht Notiz von ihm genommen hatte. + +Am aufflligsten zeigte sich dies aber regelmig dann, wenn es +sich um die "ersten Elemente der Gesangskunst" handelte. Denn der +"arme Yorick" war durchaus nicht gewillt, seinem schrecklichem +Wahnsinn zuliebe auch die seltnen Talente seines zu so groen +Hoffnungen berechtigenden Shnchens verkmmern zu lassen. + +Es war ausgemacht! Es war ausgemacht, o reizende Ophelia! Ja! +Sagen wir Ophelia! Teufel! Warum sollten wir nicht Ophelia sagen? +Kurz und gut: es war ausgemacht. Es sollte ihn und seine Sache den +Unbefriedigten erklren...Den Unbefriedigten!... + +Sobald er daher nur irgendwie merkte, da der kleine Ole nebenan +wieder einmal eingeschlafen und die gute Frau Wachtel wieder mal +ausgegangen war und so "die beiden, denen er wie Nattern traute," +eine Zeitlang wieder "unschdlich" gemacht waren, ging der Tanz +los. + +Seines Kummers "Kleid und Zier" war dann pltzlich wie abgefallen +von dem groen Thienwiebel. + +Seine "Einbildungen, schwarz wie Schmiedezeug Vulkans", hatten den +armen Yorick verlassen, er war wieder "zahmer Herr!" + +"Hhrt doch! Ich bin wieder zahm, Herr! Sprecht! Ich bin wieder +zahm!" + +Aber der kleine, verstockte Fortinbras wollte nicht. Er hatte sich +wieder nur in Ermangelung eines Gummipfropfens, dem ihm die reizende +Ophelia verbummelt hatte, seinen groen Zeh in den Mund gestopft +und sog nun, da es ihm aus dem kleinen, mattrosa Mundwinkelchen +nur so tropfte. Die ersten Elemente der Gesangskunst lieen ihn +heute augenscheinlich noch klter als sonst. + +Emprt hatte sich jetzt der groe Thienwiebel wieder in die Hhe +gerckt. Die beiden roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock +zuzubinden hatte er natrlich wieder vegesssen. + +"Amalie! Ich bemerke soeben zu meinem grten Erstaunen, Fortinbras +ist strrisch!" + +Amalie, die jetzt ihre kleine, mollige Fubank der Trikottaillien +wegen zu ihrem groen Leidwesen vom Ofen ans Fenster hatte verlegen +mssen, war gerade dabei, sich ihre erste Nadel fr heute einzufdeln. +Sie hatte wieder so lange inhalieren mssen... + +"Strrisch?" + +"Wie ich dir sage, Amalie! Strrisch!" + +"Ach, nich doch!" + +"Amalie? Ich sage dir noch einmal- strrisch! Fortinbras ist +strrisch. Str-risch!!" + +"Ach, red doch nich! Wie soll er denn strrisch sein!" + +"Amalie?!" + +Amalie sah sich nicht einmal um. Sie zuckte kaum mit den Achseln. + +"So! So! Also glaubst du mir nicht mehr, wenn ich dir etwas sage! +Du mitraust mir! In der Tat! In der Tat! Ich htte mir das denken +knnen! Sag's doch lieber gleich! Wozu die Umstnde! Du bedauerst, +da ich mich nicht noch schneller aufreibe!" + +Amalie nieste. Sie wollte ihren Schnupfen gar nicht mehr loswerden. +Mitten im Sommer. + +"Natrlich! Wie sollte man auch nicht! Man vertreibt sich die +Zeit mit--Niesen! Man trinkt Kaffee und vertreibt sich die Zeit +mit--Niesen! In der Tat! In der Tat! Andre Leute mgen unterdes +zusehn, wie sie fertig werden!...Aber, ich werde es dir beweisen, +Amalie! Hrst du? Ich werde es dir beweisen, da Fortinbras strrisch +ist!--Du! Sag a...a...Nun? Wird's bald?...Na?...A!...Du Schlingel! +A!...A!!...Ha! Siehst du?! Wie ich dir sagte, wie ich dir sagte, +Amalie! Der Lmmel brllt, als wenn ihm der Kopf abgeschnitten +wird! Er ist strrisch! Habe ich recht gehabt?!--Willst du still +sein, du Zebra?! Gleich bist du still!" + +Jetzt endlich war Amalie an ihrem Fenster pltzlich etwas aufmerksamer +geworden. + +"Du willst ihn doch nicht etwa--schlagen?" + +"Gewi will ich das, Amalie! Ein Kind darf nicht eigenwillig sein! +Ein Kind bedarf der Erziehung, Amalie! Eine leichte Zchtigung..." + +"Niels!?" + +"Ach was! Aus dem Weg! Aus dem Weg, sage ich! ... Da, du in-famer +Schlingel! Da, du in...Amaaalie!" + +"Gewi, du alter Esel! Du glaubst wohl, du kannst hier am Ende tun, +was du Lust hast? Du gehrst ja in die Verrcktenanstalt! Wie kann +man denn 'n Kind von 'nem halben Jahr so maltrtieren?! Wie kann +man es schlagen !" + +"Amaaalie!!" + +War's mglich?! War es zu glauben?! War das seine Backe?! + +"Amaaalie!!!..." + + + + + +V + + + + +"Wirtschaft, Horatio! Wirtschaft! Das Gebackne vom Leichenschmaus +gab kalte Hochzeitsschsseln. E--doch, um auf der ebenen Heerstrae +der Freundschaft zu bleiben: was macht Ihr auf Helsingr?" + +Der groe Thienwiebel hatte wieder gut auf der ebenen Heerstrae +der Freundschaft zu bleiben; was sollte der kleine Ole gro machen +auf Helsingr? Was er nun schon seit Wochen machte: Firmenschilder +pinseln! Das rentierte sich. nmlich famos, weit du! + +Abel Grndal: Materialwarenhandlung, auch Heringe-Lars Brodersen: +Canariensieen und Hanfsamen--Jacob Lorrensen: Alle Sorten Rauch-, +Schnupf- und Kautabak-etc. pp. H? Was? Noble Putthhner!! + +Die schnen Leberwurstfarbenen waren wieder zu Ehren gekommen, die +prachtvollen gypter wurden wieder nur so pfundweis verpafft, die +verteufelte kleine Mieze lie die arme, liebe, alte, gute Frau +Wachtel kaum mehr vom Schlsselloch wegkommen. + +Es war aber auch wirklich schrecklich, was es jetzt alles dort +drinnen zu sehn gab. Die vielen weien Salbentpfe, in die die +Farben nur so wie Butter reingequetscht waren, die merkwrdig groen +Maurerpinsel, die der geschftige' kleine Ole kaum zu dirigieren +vermochte, die schnen, dicken, mannslangen Bretter, auf denen man +jetzt die wunderbarsten Sachen zu lesen bekam, und vor allen Dingen +auch jener groe, geheimnisvolle, grne Wandschirm dicht neben dem +Ofen, hinter dem sich immer die schndliche, kleine Mieze versteckt +hielt, das alles interessierte die alte, liebe, gute Frau Wachtel +auf das lebhafteste. Noch nie hatte sie sich mit ihrer Stellung +als Zimmervermieterin so zufrieden gefhlt. Die drckendsten alten +Rckstnde waren wieder ausgeglichen, fr die dsigen Thienwiebels +brauchte ihr jetzt auch nicht mehr so bange zu sein, ja, ja! Der +liebe Herrgott! + +Die reizende Ophelia war wieder in ihren alten Stumpfsinn +zurckverfallen. Sie bereute ihre Untat aufs tiefste. Das einzige, +was ihr so schlielich noch vom Leben briggeblieben war, war ihr +Salbeitopf. + +Ihr groer Gatte verachtete sie nur noch...Geschrieben--e...hatte +man ihm zwar unterdessen bereits, aber--e...wie kam's da sie +umherstreiften? Ein fester Aufenthalt war vorteilhafter fr ihren +Ruf als ihre Einnahme! Kurz und gut, es war eben nur eine umherziehende +Truppe gewesen, und der groe Thienwiebel hatte sich zu degradieren +gefrchtet. Solange noch der kleine Ole da nebenan da war...kurz +und gut: er tat, was Ihm Beruf und Neigung hie! Denn...e...jeder +Mensch hat Neigung und Beruf! + +Am schlimmsten erging es jedoch entschieden dem kleinen Fortinbras. +Seine Zhnchen hatten ihm seinen schnen Gummipfropfen ganz verleidet. +Er hatte an nichts mehr Freude; nicht einmal am Schreien mehr. + +Er war ein vollendeter Pessimist geworden. An seinem knftigen +Beruf, seinen groen Vater den Unbefriedigten zu erklren, schien +ihm nur noch. wenig zu liegen. Sein kleines Zngchen war dick +belegt, seine Hndchen sahen wei wie Kuchenteig aus, er schlief +jetzt oft ganze Tage lang. + +Nur heute abend war er auffallend munter. + +Die beiden hellen Lampen auf dem Tische, die vielen Leute, der Skandal, +der merkwrdig groe Zuckerkringel, den man ihm so unerwartet in +die Hand gesteckt hatte: er begriff das alles nicht. Nu blo noch'n +bichen Streupulver! + +Die Damen hatten auf dem Sofa Platz genommen, die kleine Mieze, die +sich zu den Mannsleuten rechnete, sa dem kleinen Ole vis-a-vis, +der groe Thienwiebel prsidierte. Die groartige Gans mitten auf +dem Tisch in deren knusprigen Prachtrcken er eben energisch seine +blitzende Bratengabel gestoen hatte, roch durch das ganze kleine +Zimmer. Die beiden Lampen rechts und links brannten durch ihren Dampf +wie durch einen Nebel. Frau Wachtel, die sich in ihrer Sofaecke +wie auf einem Prsentierteller vorkam, atmete schwer. Sie hatte +heute ihr "Seidnes". an. + +"Willkommen, all ihr Herrn! Wir wollen frisch daran, wie franzsische +Falkoniere, auf alles losfliegen, was uns vorkommt! Beim Himmel! +Den mach ich zum Gespenst, der mich zurckhlt!...Ha! Seid Ihr +tugendhaft, schne Dame?" + +"Thienwiebelchen?" + +Der kleine Ole , der sich eben ber seinen pompsen Flgel hergemacht +hatte, blinzelte vor Entzcken. Die kleine Mieze war heute mal +wieder ordentlich zum Anknabbern! + +"Thienwiebelchen?!" + +Das reizende Grbchen in ihrem rosa Fingerchen kam jetzt so recht +zur Geltung. + +"Thienwiebelchen? Es gibt was!" + +Aber der groe Thienwiebel, der sich jetzt auch die Serviette unter +sein blaues Doppelkinn gestopft hatte, fhlte sich wieder durchaus +auf der Hhe der Situation. + +"Meint Ihr, ich htte erbauliche Dinge im Sinn? Ein schner Gedanke, +zwischen den..." + +"Nielchen!!" + +Der kleine Ole hat es fr die hchste Zeit gehalten. + +Er hatte sich jetzt auch seinen prachtvollen Porter eingeschenkt +und schwenkte ihn nun fidel gegen die neue Lampe. + +"Putthuhn Nro. 25!" + +Sein schnes Jubilum sollte nicht so ohne weiteres zu Wasser +werden. + +"Putthuhn Nro. 25!" + +Die kleine Mieze war jetzt ganz rot vor Vergngen. Die beiden kleinen, +silbernen Ringe in ihren Ohrlppchen blitzten, ihr Stumpfnschen +sah wie aus Marzipan aus. + +"Bravo, Dickchen! Es soll leben! Putthuhn Nro. 25!" Sie hatte +ausgelassen mit ihm angestoen. + +Frau Wachtel rusperte sich jetzt. Ihr Seidnes hatte sich eben +etwas geklemmt. + +"Etwas--etwas Soe gefllig, Frau Thienwiebel?" + +Amalie nickte. Ihr Teller schwamm zwar schon, aber: es war ja alles +egal. So oder so. + +Ihr groer Gatte drben suchte eben wieder einzulenken. + +"Nun, nun, schne Dame! Denn--e--wenn die Sonne Maden aus einem +toten Hund ausbrtet, eine Gottheit, die ... Ha! Wilde Hlle! Wer +ist, des Gram so voll Emphase tnt?!" + +Es war der kleine Fortinbras. Sein Zuckerkringel, war ihm eben ber +den Korbrand weg auf die Stuhlkante gefallen, dort entzweigeschlagen +und lag nun in kleine Stcke zerbrckelt unten auf den schmutzigen +Dielen. + +Ha, mrdrischer, blutschndrischer, verruchter Dne! Trink diesen +Trank aus! Ich will den Wanst ins nchste Zimmer schleppen!" + +Aber die besorgte kleine Mieze hatte ihre Gabel schon schnell wieder +auf ihren Teller klappen lassen. + +"Ach! Nicht doch, Thienwiebelchen! Nicht doch!" + +Sie war aufgesprungen und bckte sich jetzt zierlich ber den +plumpen Korbrand. + +"0 mein Zuckerpppchen! Mein Schatz! So ein niedliches kleines +Kerlchen! Nicht wahr, du willst auch was haben? Ach, mein Liebchen!!" + +Sie hatte sich jetzt den kleinen Fortinbras auf den Schogesetzt +und kte ihn nur so. + +"Auch was haben, Dickerchen?" Ku!--"Auch was haben, Dickerchen?" +Ku! Ku, Ku, Ku, Ku!! + +Der kleine Fortinbras juchzte. Er hatte noch nie so etwas erlebt. +Er zappelte jetzt, da es nur so eine Art hatte. Er lachte aus +vollem Halse! "Grrr...grrr...grrr...h! Grrr...h!" + +Der groe Thienwiebel sa da. Die Weste unten aufgeknpft, die +Augenbrauen tragisch in die Hhe gezogen. + +"Wie keck der--e--Bursch ist!...Wahrhaftig, Horatio! Ich habe +seit diesen drei Jahren darauf geachtet. Das Zeitalter wird so +spitzfindig, da der Bauer dem Hofmann auf die Fersen tritt!" + +Aber der kleine Ole beachtete ihn kaum. Die kleine Mieze war ihm +jetzt weit interessanter. Sie sah jetzt ordentlich wie eine kleine +Hausmutter aus. + +"Na, Dickerchen?" + +Auch Frau Wachtel machte jetzt groe Augen. Amalie pappte. + +"Ja, mein Junge! Sie essen alle, und mein Dickerchen soll gar nichts +haben! Wie?--Aber das lt er sich nicht gefallen! Wie?--Ach, +bitte, Frau Thienwiebel! Reichen Sie mir doch das bichen Biskuit +da von der Kommode her. Auch die Milch, bitte!" + +Frau Thienwiebel erhob sich schwerfllig und brachte das Verlangte. + +Die kleine Mieze hatte den Biskuit jetzt auf geweicht und fing +nun an, den kleinen Fortinbras damit zu fttern. Von ihrem Teller, +auf dem neben den drei gebratenen pfeln nur noch ein paar kleine +fettriefende Hautstckchen lagen, naschte sie kaum. + +Der kleine Fortinbras sthnte vor Behagen. + +"He? Willst du noch mehr, Dickerchen? Noch mehr?" + +Der kleine Ole hatte sich jetzt neugierig ber den Tischrand gebogen. +Sein Schnurrbrtchen duftete nach chinesischer Tusche. + +"Nein! Nein! Nu sieh doch blo, Dickerchen! Wie es dem Balg +schmeckt!--Was?! Noch mehr?!--No! No! Nur nicht gleich schreien!--So!" + +Frau Wachtel war jetzt ordentlich bis zu Trnen gerhrt. Und wenn +sie bis zu Trnen gerhrt war, verga sie es auch nie, von ihrer +verstorbenen Pflegetochter zu erzhlen. Und das kam ziemlich oft +vor. + +"Ja, sehn Sie! Sie war ein Engel, Frau Thienwiebel! Ein Engel!" + +Frau Thienwiebel kaute. + +Frau Wachtel beschrieb jetzt ausfhrlich die Krankheit des Engels, +und wie er dann gestorben war. Er hatte Malchen geheien und war +dabei so himmlisch geduldig gewesen. + +"Ja, sehn Sie, Herr Nissen! Sie war mein Einz'ges! Sie trstete +mich noch, als schon der Tod kam. Sie war ein Engel!" + +Sie hatte sich jetzt auch auf ihr Taschentuch besonnen und drckte +es sich nun abwechselnd in die Augen. + +"Ach, wein doch nicht, Mutterchen! Wein doch nicht! Nun komm ich +ja zum lieben Gott!" + +Sie weinte jetzt, da ihr die Trnen nur so auf ihr Seidnes kullerten! + +Der kleine Ole war bereits eine ganze Zeit lang verlegen auf seinem +Stuhl hin und her gerutscht. Er hatte es unten auf das kleine, +niedliche Fchen unterm Tisch abgesehn gehabt und war dabei eben +auf die alten, phlegmatischen Filzpantoffeln der reizenden Ophelia +gestoen. + +Er war ordentlich rot darber geworden. + +"Ja! Sehn Sie! Sie war mein Einziges!" + +Der kleine Fortinbras plantschte vor Wonne. + +"Grrr...grrr...grrr..." + +Dieses freundliche, frische Gesicht mit den hellen Augen und +den blonden Lckchen ber ihm--er kam gar nicht mehr raus aus dem +Lachen! Sogar sein Streupulver hatte er vergessen! + +"Grrr...grrr...grrr...Aeh!" + +Seine Hndchen hatten jetzt in die Hhe gegrapscht, die kleine +Mieze lie von ihm ihre Stirnlckchen zausen. + +"Nein, Dickchen! Nu sieh doch blo! Nu sieh doch blo!" + +Der kleine Ole schneuzte sich. Er war wie mit Blut bergossen. + +"Ja! Das glaub ich! Das hast du wohl noch nicht so gut gehabt, +Dickerchen! Wie?" + +Jetzt hatte sich endlich auch Frau Wachtel ber ihn gebckt. Ihr +Taschentuch lag wieder sauber ausgefltelt auf ihrem Scho, sie +kitzelte ihn wohlwollend unterm Kinn. + +"Ach, mein Putteken! Ach, mein Museken! Hab'n se dir so lange +hungern lassen!" + +Ihre Stimme zitterte, sie sah noch ganz verweint aus. + +Amalie tunkte gerade ihre Soe auf. + +Der groe Thienwiebel aber hatte sich nunmehr rcklings in seinen +Stuhl zurckgelehnt und starrte jetzt, die Hnde in den Hosentaschen, +erhaben oben in die beiden gelben Lichtkleckse, die die Lampen +zitternd an die Decke malten. + +Denn, was ein armer Mann wie Hamlet ist... Nichts mehr davon! + +Der Rest war Schweigen ... + +Endlich war alles wieder abgerumt. Frau Wachtel, die nicht Skat +spielte, hatte sich mit ihrem Seidnen, ihrem Taschentuch und ihrer +zweiten Lampe wieder hinten in ihre Kche zurckgerettet, Amalie +kauerte wieder auf ihrem Fubnkchen neben dem Ofen. Sie hatte sich +noch nachtrglich eine kleine Bratenschmalzstulle geschmiert. + +Es war ziemlich kalt im Zimmer. Das Feuer war ausgegangen, und +man hatte nichts mehr nachzulegen. Der groe Thienwiebel, dessen +Schlafrock mit der Zeit aufgehrt hatte, skatfhig zu sein, hatte +sich statt dessen in die rote Bettdecke eingewickelt. + +"Die Luft geht scharf; es ist entsetzlich kalt! Tourner, Horatio!" + +"Passez, Nielchen!" + +"Dito, Tienchen!" + +"Was denn, Schfchen?" + +"Na, wird's bald?" + +"Ah so!--Da, Schfchen!" + +"Na, endlich!" + +Sie hatte die Zigarette, die ihr der kleine, eifrige Ole gereicht +hatte, mit spitzen Fingern angefat und zog jetzt ein Gesicht, als +ob ihr der Rauch lstig g wre. Sie wute, da ihr das lie! Es +hatte auch sofort den Erfolg, da ihr Dickchen einen Ku mauste. + +"Nein doch! So eine Unverschmtheit!" + +Sie hatte ihn unterm Tisch mit dem Knie gestoen. + +"Pique As! Nicht wahr, Wiebelchen?" + +"Sehr wohl, schne Dame! Sehr wohl! Vortrefflich, meiner Treu! Was +wre da zu frchten? Ich--e selbst bin--e--hm!--leidlich tugendhaft." + +Der kleine Fortinbras war jetzt vollstndig vergessen. "Voll Speis' +und Trank in seiner Snden Maienblte" lag er jetzt wieder "sicher +beigepackt" hinten in seiner dunklen Korbecke und starrte nun +trbselig drben in den Zigarrenqualm, der in dicken Schichten um +die grne Glocke wogte. Seit seiner Geburt war er nicht bermig +oft aus seinem Winkel hervorgeholt worden. Das unerwartete Glck +heute hatte ihn ganz sehnschtig nach dem Lichte dort gemacht. Der +Scho, der Zuckerkringel, die Lckchen...er hatte wieder zu quken +angefangen. + +Amalie rhrte sich nicht. Der Bengel wollte blo immer genommen +sein. Sie hatte schon an einmal genug. + +"Coeur Trumpf, Nielchen!" + +"Ihr sagtet?" + +"lch sagte: CoeurTrumpf, Nielchen! Coeur Trumpf!" + +"Ha, blut'ger kupplerischer Bube! Unmglich, bei diesem verwnschten +Geschrei ein Wort zu verstehn! Wenn du nicht gleich still bist, du +infames Balg, dann schlag ich dich blitzblau wie eine Heidelbeere!" + +"Nicht doch! Das kneift ja, Ole! Au!" + +"Ach was, Schfchen! La doch!" + +Das Sofa hatte in diesem Augenblick genug mit sich selbst zu tun. + +Amalie, die auf ihrer kleinen Fubank schon wieder halb eingenickt +war, blinzelte kaum. Der groe Thienwiebel war vor einer zweiten +Ohrfeige sicher. + +Er hatte sich jetzt in seiner roten Bettdecke ergrimmt vor den Korb +gestellt und brllte nun wtend auf das arme, kleine Bndelchen +ein. + +"Willst du still sein, du--Lausbub!?" + +Aber der "Lausbub" war's nicht. Er wollte auch mal va banque spielen. +Er schrie jetzt, als wenn er seine kleinen Lungen auseinandersprengen +wollte. + +"Aber...Das ist doch wirklich unerhrt!...Na, warte! Du...Du--Lindwurm, +du! Warte!" + +Er prgelte ihn jetzt, da es nur so klitschte. Als aber auch das +nichts half, ri er das Kopfkissen unter ihm vor und prete es +ihm auf das Gesicht. Der kleine Fortinbras war jetzt auf einen +Augenblick vollstndig verstummt. Sein Geschrei war wie abgeschnitten. + +Aber der groe Thienwiebel hatte noch nicht genug. + +"Nichtsnutziger Patron!" + +Er hatte ihm jetzt das Kissen noch fester aufgedrckt. + +Der kleine Ole hatte die kleine Mieze, die noch ganz rot vor rger +war, wieder losgelassen. Er war jetzt ordentlich ngstlich geworden. + +"Um Gottes willen, Nielchen! Er erstickt ja!" + +"Ach, Unsinn! So schnell geht das nicht!" + +Nein! So schnell ging das auch nicht! Denn als der groe Thienwiebel +nach einiger Zeit das Kissen fortnahm, schnappte zwar der kleine +Fortinbras ein paar Augenblicke verzweifelt nach Luft, fing dann +aber sofort wieder von neuem an. + +"Ole!" + +Emprt war die kleine Mieze jetzt aufgesprungen. Das schreckliche +Kopfkissen hatte den Kleinen von neuem zugedeckt. + +"Ole! Das leidst du?" + +"Ach was! Er wei es ganz gut, der Lmmel! Er soll nicht schreien! +Es ist die reine Bosheit, Man bekommt das wirklich satt!" + +"Pfui! Ole, komm! La den alten"--Pavian. + +"Pa...Pa...Pa..." + +Der kleine Ole hatte jetzt verlegen nach seiner Uhr gesehn. + +"... Pavian?!!!" + +Endlich war der groe Thienwiebel wieder zu sich gekommen! + +"Hinaus, sag ich!! Hinaus!!" + +Aber sie waren es bereits. Einen Augenblick lang noch hrte er +sie drauen durch die Kche tappen; dann, endlich, war nebenan bei +ihnen die Tr zugefallen. + +Er stand da! Um seine Schultern die rote Bettdecke, in seiner Rechten +das kleine blaugewrfelte Kopfkissen. Drben, in der Ofenecke, +die reizende Ophelia. + +"Da! Nymphe!!" + +Er hatte ihr das Kissen ins Gesicht geschleudert. + + + + + +VI + + + + + +Seit ihr zweiter, unliebenswrdiger Gatte ihr vor ungefhr fnf +Jahren auf der "Dicken Selma" treulos nach Kanada ausgerckt war, +hatte die liebe, gute, alte Frau Wachtel keinen solchen Arger mehr +auszustehn gehabt. + +Nicht blo, da seine Stiefelabstze noch berall auf dem Sofa +deutlich zu sehn waren, nicht blo, da das Fensterkreuz von den +dmlichen Leiterstcken, die jetzt natrlich zerbrochen unten auf +deim Pappdach lagen, total ruiniert war, bewahre: auch die ganze +Tapete von oben bis unten mit lfarben bekleckst! Der vermaledeite +knirpsige Schmierpeter schien sich die ganze Zeit dran seine +schweinschen Pinsel ausgequetscht zu haben. Pfui Deibel ja! + +Aber, das war ihr ganz recht! Warum hatte sie das ganze Pack +nicht schon lngst an die Luft gesetzt! Wenn's wenigstens noch die +verrckten Thienwiebels gewesen wren. Aber die holte ja der Satan +nicht! Die hakten fest wie Kletten an ihr! + +Die alte, liebe, gute Frau Wachtel war ganz auer sich. Aber sie +hatte wirklich Pech mit ihren Mannsleuten. Der kleine Ole hatte +sich in der Tat nicht entbldet, ihr mit Hinterlassung einiger +alter "Schinken", deren Darstellungsobjekte es unmglich zulieen, +da man sie sich bers Sofa hing, auszukneifen. + +"Solch eine Tat, die alle Huld der Sittsamkeit entstellt, die +Tugend Heuchler schilt, die Rosen wegnimmt von unschuldvoller Liebe +schner Stirn und Beulen hinsetzt ... Ha!" + +Aber der groe Thienwiebel suchte sich jetzt vergeblich beliebt zu +machen. Seine "Schmeichelsalb" zog nicht mehr. Frau Rosine Wachtel +verlangte jetzt energisch ihre Miete. + +Heut war der Siebente: wenn ihr bis zum Vierzehnten nicht alles +bezahlt war:--raus!! + +Ja!...Sterben--schlafen--nichts weiter! Und zu wissen, da ein +Schlaf das Herzweh und die tausend Ste endet, die unsres Fleisches +Erbteil--'s ist ein Ziel, aufs innigste zu wnschen'...Ja! dies +war ehedem paradox! Paradox! ... Doch nun--besttigte es die Zeit! +Armer Yorick! ... + +Der groe Thienwiebel fhlte, da es jetzt zu Ende war mit seiner +Kraft. Er wollte nun arbeiten, Freund! Arbeiten! Er wollte seine +ganze Kraft aufbieten. Er--er...er wollte ihn "suchen" gehn! "Lat +mich! Er ist ermordet, Amalie! Er ist ermordet!" ... + +Er hatte sich jetzt wieder seinen alten, olivengrnen Leibrock +zurechtgeflickt und trieb sich nun ganze Tage lang im Hafenviertel +umher.--"Ha! Tot?! Fr 'nen Dukaten, tot?!" + +...Er hatte wieder eine prachtvolle Ausrede. Ein BBubenstck! +Er brauchte jetzt kaum mehr die Nchte nach Hause zu kommen. Er +schnurrte sich herum, so gut es ging. Da gab es noch--e: Kollegen! +Leute! Leute? Pah, Stmp'rr! Aber--e...sie--e...Nun ja! Sie +sorgten fr die Bewirtung der Schauspieler! Wetter! Es lag darin +etwas bernatrliches! Wenn die Philosophie es nur htte ausfindig +machen knnen! ... + +Aber die Philosophie machte es nicht ausfindig. Der groe Thienwiebel +kam nie dahinter. + +Er hatte sich jetzt nach und nach bis unten in die Hafenspelunken +verirrt. Mehrere Sacktrger waren bereits seine Duzbrder geworden. +Bevor nicht "der Hahn, der als Trompete dient dem Morgen", bereits +mehrere Male nachdrcklich gekrht hatte, kam er jetzt selten mehr +die Treppen in die Hhe gestolpert. + +Amalie nhte noch immer die Trikottaillen. Der Stumpfsinn hatte +sie nach und nach zur reinen Maschine gemacht. Die reizende Ophelia +in ihr war jetzt endgltig begraben. Fr alle Zeiten!...Ihre Brust +war noch schwcher geworden ... + +Dem kleinen Fortinbras ging es noch jmmerlicher. Sein ganzes +Gesichtchen war jetzt dicht mit roten Pusteln betupft. Ein +Schchtelchen Zinksalbe, zu dem sich die Familie im Anfang denn doch +noch aufgeschwungen hatte, lag jetzt zusammengequetscht, verstaubt +hinterm Ofen. Es war nicht mehr erneuert worden. + +Der groe Thienwiebel hatte nicht so ganz unrecht: Die ganze +Wirtschaft bei ihm zu Hause war der Spiegel und die abgekrzte +Chronik des Zeitalters. + + + + + + +VII + + + + + +Zwlf! ... + +Erschpft hatte sie sich wieder auf ihrem Fubnkchen zurcksinken +lassen. Der Ofen hinter ihr war eiskalt. Durch ihre Nachtjacke +durch fhlte sie deutlich seine Kacheln Sie frstelte! + +Die letzten Tne drauen brummten und zitterten noch, das kleine +Talglicht, das in eine leere, grne Bierflasche gesteckt dicht vor +ihr auf dem umgekippten Kistchen mitten zwischen dem Nhzeug stand, +knitterte in der Klte. + +Frau Wachtel nebenan schnarchte, der kleine Fortinbras hatte sich +drben in seinem Korb wieder unruhig auf die andere Seite gewlzt. +Sein Atem ging rasselnd, stoweis, als ob etwas in ihm zerbrochen +war. + +Drauen auf das Fensterblech war eben wieder ein Eiszapfen geprasselt. +Dicht davor, unterm Bett, jetzt deutlich das scharfe Nagen einer +Maus. + +Zwlf! + +Sie hatte ihr Nhzeug wieder fallen lassen. Ihre Finger waren krumm +zusammengezogen, sie konnte sie kaum noch aufkriegen. Um die Ngel +herum waren sie blau angelaufen. Sie hauchte jetzt in sie hinein. Ihr +Atem brodelte sich staubgrau um das kleine, zitternde Flmmchen. +Eine versptete Fliege, die dicht neben dem schwarzen Docht +in den kleinen, runden Talgkessel drunter gefallen war, verkohlte +langsam. Ab und zu knisterte es + +"Halt ihn! Halt ihn! Hilfe!! Hilfe!!" + +Erschreckt war sie zusammengefahren. + +Sie sah jetzt auf. Ihr schlaffes, weies Gesicht war noch stupider +geworden. + +"Hierher! Hierher! Hilfe!!" + +Der gelbe Lichtklecks vor ihr lie jetzt das Zimmer dahinter noch +dunkler erscheinen. Nur vom Fenster her durch das eckige Loch in +der Bettdecke, von drauen, das matte Schneelicht. + +"Hilfe! Hilfe!!" + +Sie war aufgesprungen und ans Fenster gestrzt. Das kleine Talglicht +hinter ihr war erloschen. Es war umgekippt und lag jetzt unter dem +Nhzeug. + +"Wchter!! Wchter!! Halt ihn!! Jonas! Jonas!!" + +An allen Gliedern bebend hatte sie jetzt die alte Bettdecke in +die Hhe gerafft und suchte nun durch die wirbelnden Schneeflocken +drauen unten auf die Strae zu sehn. Ihre Zhne klapperten vor +Frost, die Schere, die sie noch fest in der Hand hielt, klirrte im +Takt gegen die Scheibe. + +Ein paar Dachgiebel hoben sich blaugrau drben aus der Dunkelheit +ab. Irgendwo in einem Fenster flimmerte noch ein Licht. + +"Hurra! Papa Svendsen! Moi'n, oller junge! Prost Neujahr!!" + +Sie atmete auf. Es hatte laut gelacht. Jetzt: eine barsche Stimme, +ein Stock, der schnell noch eine Jalousie herunterrasselte, die +ganze Gesellschaft war wieder um die Ecke. + +Eine kleine Weile noch horchte sie. + +Ab und zu von den Dchern, polternd, der Schnee, in der Ferne, +leise, ein Schlittenglckchen. + +Sie hatte die Decke wieder fallen lassen.-- + +Einen Augenblick lang stand sie da! Das ganze Zimmer war jetzt +schwarz. Nur hinter ihr, matt durch die Decke, das Schneelicht. + +Sie tappte sich auf den Tisch zu. + +Gegen die Kante stie sie. Ein Flschchen war umgeklirrt, es roch +nach Spiritus. Das Zndholzschchtelchen hatte jetzt geraschelt, +es flackerte auf! Sie leuchtete ber den Tisch hin. Der schmale +Goldrand um die kleine Photographie glitzerte. Die Nachtlampe stand +auf dem alten, aufgeklappten Buch mitten zwischen dem Geschirr. + +Jetzt ein leises Sprhn und Knistern, der Docht hatte gefangen. +ber ihr, gro an der Decke, ihr Schatten. + +Frau Wachtel nebenan schnarchte, der kleine Fortinbras sthnte. + +Sie hatte sich jetzt auf den Bettrand gesetzt. Die beiden Zipfel +des Kopfkissens, das sie um ihre Schultern gepackt hatte, drckte +sie vorn mit ihrem Kinn fest gegen ihre Brust zusammen. Ihre Arme +hatten sich gegen ihren Leib gekrampft, ihre hochgezogenen Knie +waren eng aneinandergepret. Sie zitterte ber den ganzen Krper! +Ihr Gesicht hatte sich verzerrt, stumpf stierte sie vor sich hin. +Die Schere, die ihr vorhin vom Tisch runtergekippt war, lag unten +vor ihr auf den grauen Dielen. Sie flinkerte. + +Das Lmpchen auf dem Tisch hatte jetzt leise zu zittern angefangen, +die hellen, langgezogenen Kringel, die sein Wasser oben quer ber +die Decke und ein Stck Tapete weg gelegt hatte, schaukelten. Das +Geschirr um das Glas hob sich schwarz aus ihnen ab. Die Kaffeekanne +reichte bis ber die Decke. + +"Brrr...Ae!" + +Ihre Pantoffeln waren jetzt unter den Tisch geflogen, sie hatte +sich hastig unter das Deckbett gekuschelt. + +Die weien Lichtringe fluteten und fluteten, das l auf dem Tisch +knatterte leise, ein kleines Fnkchen war eben von seinem Docht +abgespritzt und schwamm nun schwarz in der dicken, goldgelben Masse. + +Unter dem Deckbett drben lag es jetzt wie ein Klumpen. An einer +Stelle sah noch ihr Unterrock vor ... + +"Still, Hund!...Ae!" + +Er hatte sich jetzt seinen alten Zylinder, auf dem noch der dicke +Schnee lag, vom Kopf gerissen und feuerte ihn nun wtend drben +in die dunkle, schreiende Ecke, wo der Korb stand. Die Tr hinter +ihm war drhnend ins Schlo gekracht. + +"Niels!!" + +Das Deckbett, das jetzt quer auf den Dielen lag, hatte zur Hlfte +den Stuhl mitgerissen. Sie kniete aufrecht mitten im Bett. Ihre +Nachtjacke vorn hatte sich ihr bis oben unter die Arme verschoben, +ihr Haar hing in Strhnen um ihr Gesicht. + +"Halt's Maul! Fang nicht auch noch an!" + +Er hatte sich jetzt auch seinen alten, abgeschabten Rock +runtergezerrt. Das kleine Spiegelchen ber der Kommode, gegen das +er ihn geschleudert hatte, war runtergeschurrt und lag nun zersplittert +auf dem blinkernden Wachstuch. + +"Na, wird's bald?!" + +Der kleine Fortinbras jappte nur noch. + +"Na?!...Dein Glck, Kanaille!..." + +Seine Stiefeln waren jetzt dumpf gegen die kleine Kiste neben dem +Ofen gebullert. Der aufgeschlammte Schnee dran war na gegen die +Kacheln geplatscht. Er suchte jetzt nach den Pantoffeln. + +"Ach was! Halt dein Maul, sag ich!...Die Ohren vollplrren...Knnte +mir noch grade passen!...Sind die Sachen gepackt?!" + +Das Schnarchen nebenan hatte aufgehrt. Es schubberte jetzt deutlich +gegen die Tr. + +"Ob du gepackt hast?!" + +"Nein, Niels...ich.." + +Sie stotterte! + + +Man hat ja mal wieder zur Abwechslung die Schwindsuchtl...Bitte, +genieren Sie sich nicht, Frau Wachtel! Treten Sie nher! Heute +geht's ja woll noch!" + +Sein Schatten, der bis dahin kreuz und quer ber die weie Decke +geschossen war, war jetzt verschwunden. Er hatte sich unter den +Tisch gebckt. + +Vom Bett her hatte es eben laut zu husten angefangen. + +"Ach, du mein lieber Gott'...Ach Gott! Ach Gott! Die arme Frau!" + +Sie hatte jetzt ihr Gesicht in das Kissen gepret und weinte. + +"Nu ja! Nu ja! Nu heul doch noch'n bichen! Das ist ja deine Force! +Weiter kannste ja woll nischt!" + +Er war eben in die Pantoffeln gefahren und suchte nun auf dem Tisch +herum. Ein Messer klapperte gegen die Kochmaschine, eine Tasse war +umgekippt. + +"Natrlich! Keen Fippschen mehr! Fr deine Schwind sucht hast du +ja noch'n janz juten Appetit! ... Herrlich Das tut immer, als ob +es Poten saugt, uund frit ein'm die Haare vom Kopp runter!" + +Er hatte sich seine Fuste in die Hosentaschen gestopft und schnaubte +nun im Zimmer auf und ab. + +"So'ne Zucht! So eine--Zucht!!" + +Er hatte mit dem Fu in die kleine, hohle Kiste mit dem Nhzeug +gestoen. Die Flasche war auf den Boden geschlagen, das Licht bis +unters Bett gekullert. + +"Lcherlich!" + +Er hatte jetzt auch noch die Flasche druntergestoen. "Lcherlich!!...Wirst +du still sein?!!" + +Der kleine Fortinbras hatte wieder laut zu schreien angefangen. + +"Bestie!" + +Mit einem Satz war er auf den Korb zu. + +"Bestie!!" + +Das Geschrei war wieder wie abgeschnitten. + +"Alberne Komdie!" + +Er hatte sich jetzt wieder nach dem Bett zu gedreht. Seine Fuste +waren geballt. Unter den Kissen hervor hatte es deutlich geschluchzt. + +"Alte Heulsuse!" + +Die beiden dicken Falten um seine Nase waren jetzt noch tiefer +geworden, zwischen seinen verzerrten Lippen blitzten seine breiten +Zhne auf. + +"Ae!!" + +ber seinen Rcken war ein Frsteln gelaufen. + +"So'ne Klte!" + +Er rckte sich jetzt geruschvoll den Stuhl zurecht. + +"So'ne Klte!! Nich mal'n paar lump'je Kohlen hat das! So'ne +Wirtschaft!" + +Seine Socken hatte er jetzt runtergestreift, der eine war mitten +auf den Tisch unter das Geschirr geflogen. + +"Na?! WiIlste so gut sein?!" + +Sie drckte sich noch weiter gegen die Wand. + +"Na! Endlich!" + +Er war jetzt zu ihr unter die Decke gekrochen, die Unterhosen hatte +er anbehalten. + +"Nicht mal Platz genug zum Schlafen hat man!" + +Er reckte und dehnte sich. + +"So'n Hundeleben! Nicht mal schlafen kann man!" + +Er hatte sich wieder auf die andre Seite gewlzt. Die Decke von +ihrer Schulter hatte er mit sich gedreht, sie lag jetzt fast blo +da. + + + +Das Nachtlmpchen auf dem Tisch hatte jetzt zu zittern aufgehrt. + +Die beschlagene, blaue Karaffe davor war von unzhligen Lichtpnktchen +wie berst. Eine Seite aus dem Buch hatte sich schrg gegen das Glas +aufgeblttert. Mitten auf dem vergilbten Papier hob sich deutlich +die fette Schrift ab: "Ein Sommernachtstraum". Hinten auf der Wand, +bers Sofa weg, warf die kleine, glitzernde Photographie ihren +schwarzen, rechteckigen Schatten. + +Der kleine Fortinbras rchelte, nebenan hatte es wieder zu schnarchen +angefangen. + +"So'n Leben! So'n Leben!" + +Er hatte sich wieder zu ihr gedreht. Seine Stimme klang jetzt weich, +weinerlich. + +"Du sagst ja gar nichts!" + +"Sie schluchzte nur wieder. + +"Ach Gott, ja! So'n...Ae!! ..." + +Er hatte sich jetzt noch mehr auf die Kante zu gerckt. + +"Is ja noch Platz da! Was drckste dich denn so an die Wand! Hast +du ja gar nicht ntig!" + +Sie schttelte sich. Ein fader Schnapsgeruch hatte sich allmhlich +ber das ganze Bett hin verbreitet. + +"So ein Leben! Man hat's wirklich weit gebracht! ... Nu sich noch +von so'ner alten Hexe rausschmeien lassen! Reizend!! Na, was macht +man nu? Liegt man mor gen auf der Strae!...Nu sag doch?" + +Sie hatte sich jetzt noch fester gegen die Wand gedrckt. Ihr +Schluchzen hatte aufgehrt, sie drehte ihn den Rcken zu. + +"Ich wei ja! Du bist ja am Ende auch nicht schuld dran! Nu sag +doch!" + +Er war jetzt wieder auf kann zugerckt. + +"Nu sag doch!...Man kann doch nicht so--verhungern?!" + +Er lag Jetzt dicht hinter ihr. + +"Ich kann Ja auch nicht dafr!...Ich bin ja gar nicht so! Is auch +wahr! Man wird ganz zum Vieh bei solchem Leben! ... Du schlfst +doch nicht schon?" + +Sie hustete. + +"Ach Gott, ja! Und nu bist du auch noch so krank! Und das Kind! +Dies viele Nhen...Aber du schonst dich ja auch gar nicht...ich +sag's ja!" + +Sie hatte wieder zu schluchzen angefangen. + +"Du--httest--doch lieber,--Niels.." + +"Ja...ja! Ich seh's ja jetzt ein ! Ich htt's annehmen sollen! Ich +htt' ja spter immer noch...ich seh's ja ein! Es war unberlegt! +ich htte zugreifen sollen! Aber--nu sag doch!!" + +"Hast du ihn--denn nicht...denn nicht--wenigstens zu--Haus getroffen?" + +"Ach Gott, ja, aber...aber, du weit ja! Er hat ja auch nichts! +Was macht man nu blo? Man kann sich doch nicht das Leben nehmen?!" + +Er hatte jetzt ebenfalls zu weinen angefangen. + +"Ach Gott! Ach Gott!." + +Sein Gesicht lag jetzt mitten auf ihrer Brust., Sie zuckte! + +"Ach Gott! Ach Gott!!" + +Der dunkle Rand des Glases oben quer ber der Decke hatte wieder +unruhig zu zittern begonnen, die Schatten, die das Geschirr warf, +schwankten, dazwischen glitzerten die Wasserstreifen. + + + +"Ach, nich doch Niels! Nich doch! Das Kind--ist ja schon wieder +auf! Das--Kind schreit ja! Das--Kind, Niels!...Geh doch mal hin! +Um Gottes willen!!" Ihre Ellbogen hinten hatte sie jetzt fest in +die Kissen gestemmt, ihre Nachtjacke vorn stand weit auf. + +Durch das dumpfe Gegurgel drben war es jetzt wie ein dnnes, +heisres Gebell gebrochen. Aus den Lappen her whlte es, der ganze +Korb war in ein Knacken geraten. + +"Sieh doch mal nach!!" + +"Natrlich! Das hat auch grade noch gefehlt! Wenn das Balg doch +der Deuwel holte! ..." + +Er war jetzt wieder in die Pantoffeln gefahren. + +"Nicht mal die Nacht mehr hat man Ruhe! Nicht mal die Nacht mehr!!" + +Das Geschirr auf dem Tisch hatte wieder zu klirren begonnen, die +Schatten oben ber die Wand hin schaukelten. + +"Na? Du!! Was gibt's denn nu schon wieder? Na?...Wo ist er denn?...Ae, +Schweinerei!" + +Er hatte den Lutschpfropfen gefunden und wischte ihn sich nun an +den Unterhosen ab. + +"So'ne Klte! Na? Wird's nu bald? Na? Nimm's doch, Kamel! Nimm's +doch! Na?!" + +Der kleine Fortinbras jappte! + +Sein Kpfchen hatte sich ihm hinten ins Genick gekrampft, er bohrte +es jetzt verzweifelt nach allen Seiten. + +"Na? Willst du nu, oder nich?!--- Bestie!!" + +"Aber--Niels! Um Gottes willen! Er hat ja wieder den--Anfall!" + +"Ach was! Anfall!--- Da! Fri!!" + +"Herrgott, Niels..." + +"Fri!!!" + +"Niels!" + +"Na? Bist du--nu still? Na?--Bist du--nu still? Na?! Na?! " + +"Ach Gott! Ach Gott, Niels, was, was--machst du denn blo?! Er, +er--schreit ja gar nicht mehr! Er...Niels!!" + +Sie war unwillkrlich zurckgeprallt. Seine ganze Gestalt war +vornber geduckt, seine knackenden Finger hatten sich krumm in den +Korbrand gekrallt. Er stierte sie an. Sein Gesicht war aschfahl. + +"Die... L-ampe! Die...L-ampe! Die...L-ampe!" + +"Niels!!!" + +Sie war rcklings vor ihm gegen die Wand getaumelt. + +"Still! Still!! K--lopft da nicht wer?" + +Ihre beiden Hnde hinten hatten sich platt ber die Tapete gespreizt, +ihre Knie schlotterten. + +"K--lopft da nicht wer?" + +Er hatte sich jetzt noch tiefer geduckt. Sein Schatten ber ihm +pendelte, seine Augen sahen jetzt pltzlich wei aus. + +Eine Diele knackte, das l knisterte, drauen auf die Dachrinne +tropfte das Tauwetter. + +Tipp............................................... + ...............Tipp ..................................... + +... Tipp ............................................. + +................. Tipp.................................. +............................................ + +Acht Tage spter balancierte der kleine, buckelige Bckerjunge +Tille Topperholt seinen Semmelkorb pfeifend durch das dunkle, +dichtverschneite Severingchen nach dem Hafen runter. Die Witterung +hatte wieder umgeschlagen, seine kleine Stupsnase sah zum Erbarmen +blau aus. + +"Heil dir, Svea! Mutter fr uns alle!" + +Es hatte gerade fnf geschlagen. Vor dem neuen, groen Schnapsladen +an der Ecke der Petrikirche stolperte er. Jesus! Seine Semmeln +waren ihm in den Rinnstein geflogen, er war mitten in den Schnee +geschlagen, Aber er nahm sich nicht einmal die Zeit, sie wieder +aufzulesen. Er kam erst wieder zur Besinnung, als er sich bereits +drben am Jakobiplatz mit beiden Hnden an die groe, dick beeiste +Glocke gehngt hatte, die denn auch sofort oben die ganze Polizeiwache +alarmierte. Jesus! Jesus!! + +Als der dicke Sieversen dann endlich angestapft kam, konstatierte +er, da der Mann erfroren war. "Erfroren durch Suff!" Seinen +zerbeulten Zylinder hatte ihm der kleine, buckelige Tille vorhin +grade gegen die Laterne gequetscht. Aus seinen zerlumpten, apfelgrnen +Frackschen sah noch die Flasche. + +Wohlan, eine pathetische Rede! + +Es war der groe Thienwiebel. + +Und seine Seele? Seine Seele, die ein unsterblich Ding war? + +Lirumn, Larum! Das Leben ist brutal, Amalie! Verla dich +drauf! Aber--es war ja alles egal! So oder so! +The Project Gutenberg Etext of Papa Hamlet +by Arno Holz and Johannes Schlaf +******This file should be named 8papa10.txt or 8papa10.zip****** + +Corrected EDITIONS of our etexts get a new NUMBER, 8papa11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8papa10a.txt + +etext created by Norman Werner and proofed by William Fishburne + +*** + +More information about this book is at the top of this file. + + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +https://gutenberg.org or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/eBook03 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/eBook03 + +Or /eBook02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +The most recent list of states, along with all methods for donations +(including credit card donations and international donations), may be +found online at https://www.gutenberg.org/donation.html + +Donations by check or money order may be sent to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information at: + +https://www.gutenberg.org/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. So, among other things, this "Small Print!" statement +disclaims most of our liability to you. It also tells you how +you may distribute copies of this eBook if you want to. + +*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK +By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm +eBook, you indicate that you understand, agree to and accept +this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive +a refund of the money (if any) you paid for this eBook by +sending a request within 30 days of receiving it to the person +you got it from. If you received this eBook on a physical +medium (such as a disk), you must return it with your request. + +ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS +This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks, +is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart +through the Project Gutenberg Association (the "Project"). +Among other things, this means that no one owns a United States copyright +on or for this work, so the Project (and you!) can copy and +distribute it in the United States without permission and +without paying copyright royalties. Special rules, set forth +below, apply if you wish to copy and distribute this eBook +under the "PROJECT GUTENBERG" trademark. + +Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market +any commercial products without permission. + +To create these eBooks, the Project expends considerable +efforts to identify, transcribe and proofread public domain +works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any +medium they may be on may contain "Defects". Among other +things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged +disk or other eBook medium, a computer virus, or computer +codes that damage or cannot be read by your equipment. + +LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES +But for the "Right of Replacement or Refund" described below, +[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may +receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims +all liability to you for damages, costs and expenses, including +legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR +UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT, +INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE +OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE +POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES. + +If you discover a Defect in this eBook within 90 days of +receiving it, you can receive a refund of the money (if any) +you paid for it by sending an explanatory note within that +time to the person you received it from. If you received it +on a physical medium, you must return it with your note, and +such person may choose to alternatively give you a replacement +copy. If you received it electronically, such person may +choose to alternatively give you a second opportunity to +receive it electronically. + +THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS +TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A +PARTICULAR PURPOSE. + +Some states do not allow disclaimers of implied warranties or +the exclusion or limitation of consequential damages, so the +above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you +may have other legal rights. + +INDEMNITY +You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation, +and its trustees and agents, and any volunteers associated +with the production and distribution of Project Gutenberg-tm +texts harmless, from all liability, cost and expense, including +legal fees, that arise directly or indirectly from any of the +following that you do or cause: [1] distribution of this eBook, +[2] alteration, modification, or addition to the eBook, +or [3] any Defect. + +DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm" +You may distribute copies of this eBook electronically, or by +disk, book or any other medium if you either delete this +"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg, +or: + +[1] Only give exact copies of it. Among other things, this + requires that you do not remove, alter or modify the + eBook or this "small print!" statement. You may however, + if you wish, distribute this eBook in machine readable + binary, compressed, mark-up, or proprietary form, + including any form resulting from conversion by word + processing or hypertext software, but only so long as + *EITHER*: + + [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and + does *not* contain characters other than those + intended by the author of the work, although tilde + (~), asterisk (*) and underline (_) characters may + be used to convey punctuation intended by the + author, and additional characters may be used to + indicate hypertext links; OR + + [*] The eBook may be readily converted by the reader at + no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent + form by the program that displays the eBook (as is + the case, for instance, with most word processors); + OR + + [*] You provide, or agree to also provide on request at + no additional cost, fee or expense, a copy of the + eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC + or other equivalent proprietary form). + +[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this + "Small Print!" statement. + +[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the + gross profits you derive calculated using the method you + already use to calculate your applicable taxes. If you + don't derive profits, no royalty is due. Royalties are + payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation" + the 60 days following each date you prepare (or were + legally required to prepare) your annual (or equivalent + periodic) tax return. Please contact us beforehand to + let us know your plans and to work out the details. + +WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO? +Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of +public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form. + +The Project gratefully accepts contributions of money, time, +public domain materials, or royalty free copyright licenses. +Money should be paid to the: +"Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +If you are interested in contributing scanning equipment or +software or other items, please contact Michael Hart at: +hart@pobox.com + +[Portions of this header are copyright (C) 2001 by Michael S. Hart +and may be reprinted only when these eBooks are free of all fees.] +[Project Gutenberg is a TradeMark and may not be used in any sales +of Project Gutenberg eBooks or other materials be they hardware or +software or any other related product without express permission.] + +*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END* + + + +End of The Project Gutenberg Etext of Papa Hamlet +by Arno Holz and Johannes Schlaf + diff --git a/old/old-2024-06-13/4601-8.zip b/old/old-2024-06-13/4601-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..48a0167 --- /dev/null +++ b/old/old-2024-06-13/4601-8.zip |
