summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-01 07:42:13 -0800
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-01 07:42:13 -0800
commitd0cede70db782993ec336295acfd4515243ce04f (patch)
tree28a1368697d8c4c87e5246d14f5159ed8417a161
Add 45965 from /home/DONE/45965.zip.2024-11-28
-rw-r--r--45965/45965-h.zipbin0 -> 140827 bytes
-rw-r--r--45965/45965-h/45965-h.htm6205
-rw-r--r--45965/45965-h/images/cover.jpgbin0 -> 42894 bytes
3 files changed, 6205 insertions, 0 deletions
diff --git a/45965/45965-h.zip b/45965/45965-h.zip
new file mode 100644
index 0000000..25430a4
--- /dev/null
+++ b/45965/45965-h.zip
Binary files differ
diff --git a/45965/45965-h/45965-h.htm b/45965/45965-h/45965-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..7a3b004
--- /dev/null
+++ b/45965/45965-h/45965-h.htm
@@ -0,0 +1,6205 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+ "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+
+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
+
+<head>
+<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
+<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
+
+<title>The Project Gutenberg eBook of Clementine, by Fanny Lewald</title>
+
+<link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
+<style type="text/css">
+body {margin-left: 10%; margin-right: 10%;}
+h1,h2,h3 {text-align: center; line-height: 1.5; font-weight: normal;}
+h1 {font-size: 250%; margin-top: 2em; letter-spacing: .1em;}
+h2 {font-size: 135%; margin-top: 4em; page-break-before: always;}
+h3 {font-size: 110%; margin-top: 2em; page-break-after: avoid;}
+p {text-indent: 1em; text-align: justify; margin-top: 0.75em; margin-bottom: 0.75em;}
+.centered {text-align: center; text-indent: 0;}
+.editor {line-height: 1.5; letter-spacing: .1em;}
+.fontlarge {font-size: 135%;}
+.fontsmall {font-size: 85%;}
+.gesperrt {letter-spacing: .15em; padding-left: .1em;}
+.letterdate {text-align: right; margin-right: 2em; text-indent: 0; font-size: 85%;}
+.marginbot6 {margin-bottom: 6em;}
+.margintop2 {margin-top: 2em;}
+.noindent {text-indent: 0;}
+.signature {text-align: right; margin-right: 2em; text-indent: 0; margin-bottom: 1.5em; page-break-before: avoid;}
+.smcaps {font-variant: small-caps;}
+.poetry-container {text-align: center; margin-top: 1em;}
+.poetry {display: inline-block; text-align: left;}
+@media handheld {.poetry {display: block; margin-left: 2.5em;}}
+.stanza {line-height: 1.3; font-size: 90%; margin-bottom: 0.7em; page-break-inside: avoid;}
+.verse {text-align: left;}
+.verseright {text-align: right;}
+.tnote {
+ padding: 10px;
+ background: rgb(220, 220, 220) none repeat scroll 0% 50%;
+ page-break-before: always;
+ }
+a[title].pagenum {position: absolute; right:3%;}
+a[title].pagenum:after {
+ content: attr(title);
+ border: 1px solid silver;
+ display: inline;
+ font-size: x-small;
+ text-align: right;
+ color: #808080;
+ background-color: inherit;
+ font-style: normal;
+ padding: 1px 4px 1px 4px;
+ font-variant: normal;
+ font-weight: normal;
+ text-decoration: none;
+ text-indent: 0;
+ letter-spacing: 0;
+}
+</style>
+</head>
+
+
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Clementine, by Fanny Lewald
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Clementine
+
+Author: Fanny Lewald
+
+Release Date: June 14, 2014 [EBook #45965]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CLEMENTINE ***
+
+
+
+
+Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
+images of public domain material from the Google Print
+project.)
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+<h1>Clementine.</h1>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry margintop2">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse"><i>Woman's love! how strong is it in its weakness,</i></div>
+ <div class="verse"><i>how beautiful in its guilt.</i></div>
+ <div class="verseright"><i><span class="smcaps">Bulwer</span>, Pelham.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="centered editor margintop2">Leipzig:<br />
+F. A. Brockhaus.<br />
+1843.</p>
+
+
+
+
+
+<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a>
+Erstes Kapitel.</h2>
+
+
+<p>Also weil der Herr Geheimrath mich gestern
+geistreich gefunden, soll und muß ich ihn heirathen?
+fragte Clementine und sah dabei lachend
+ihre jüngere Schwester, die Professor Reich, an,
+die ganz erhitzt auf dem Sopha ihres Wohnzimmers
+saß.</p>
+
+<p>Darum allein nicht, entgegnete diese, aber
+Du darfst diese Verbindung nicht ausschlagen,
+wie alle andern, die sich Dir boten. Der Geheimrath
+von Meining ist ein sehr geachteter,
+fein gebildeter und reicher Mann; er ist freilich
+50 Jahre, Du bist aber schon 27, was kann
+denn passender sein? Du hast mir selbst gesagt,
+daß Du an Dein früheres Verhältniß zu Robert
+<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a>
+Thalberg mit vollkommener Ruhe dächtest;
+warum also wieder ein Glück, ein wahrhaftes
+Glück von Dir weisen, das sich Dir vielleicht
+nie wieder bietet? Mein Mann wünscht diese
+Verbindung, die Tante, Deine letzte Instanz,
+dringt darauf, Meining erwartet das Glück seines
+Lebens davon und Du selbst hältst Meining
+nicht nur für einen liebenswürdigen, sondern
+auch für einen ehrenwerthen Mann; was
+willst Du denn eigentlich, Clementine?</p>
+
+<p>Ich will nicht lügen, Marie! Ich will, ich
+kann es nicht, und je achtungswerther mir der
+Geheimrath erscheint, um so weniger möchte ich
+ihn täuschen; ich kann nicht heirathen, quäle
+mich nicht.</p>
+
+<p>Beide Damen gingen fast erzürnt von einander;
+die kleine, rosige Professorin in die Arbeitsstube
+ihres Mannes, um ihm das vermuthliche
+Mislingen ihres Planes mitzutheilen; die
+ernste, schlanke Clementine auf ihr Zimmer, um
+<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
+den Sturm, den diese Unterhaltung in ihr erregt
+hatte, ruhig austoben zu lassen.</p>
+
+<p>Clementine und Marie Frei waren die Töchter
+eines hochgestellten preußischen Beamten.
+Sie hatten früh ihre Mutter verloren und eine
+Tante, Frau von Alven, eine kluge, feinfühlende
+Frau, die Witwe und deren einziges Kind früh
+gestorben war, hatte die Erziehung der beiden
+Mädchen im Frei'schen Hause übernommen.
+Nichts konnte aber verschiedener sein, als der
+Charakter dieser beiden Schwestern: Clementine,
+heftig, geistreich und zu tiefem Fühlen geneigt,
+wurde schnell von plötzlichen Eindrücken gefesselt,
+die sich dauernd ihrer Seele einprägten;
+was sie einmal ergriffen hatte, was ihr lieb geworden
+war, das konnte keine Macht ihr entreißen,
+das hielt sie fest fürs Leben. Aus diesem
+Gefühl entsprang die treue Anhänglichkeit
+für Frau von Alven, die innige Liebe für ihren
+Vater und die fast mütterliche Zärtlichkeit für
+<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
+die um sechs Jahre jüngere Marie; aber zugleich
+auch eine leidenschaftliche, unwandelbare
+Liebe für Robert Thalberg, einen jungen Mann,
+mit dem sie in ihrer ersten Jugend in allen befreundeten
+Familien zusammengetroffen war.</p>
+
+<p>Thalberg hatte in tausend Dingen die auffallendste
+Charakterähnlichkeit mit Clementinen.
+Auch auf ihn wirkten in seiner Jugend die Eindrücke
+des Moments, und obgleich mit dem schärfsten
+Verstande und ungewöhnlichem Geiste begabt,
+hatte sein leidenschaftliches Herz ihn häufig
+fortgerissen und er sich oft dadurch in eigenthümlich
+verwickelte Verhältnisse gebracht, die
+bald störend, bald fördernd auf ihn gewirkt.
+Ein ungebändigter Freiheitssinn, ein an Tollkühnheit
+grenzender Muth, eigensinniges Beharren
+auf seinem Willen und doch eine fast
+kindliche Weichheit gegen die Personen, die er
+liebte, machten ihn für die Frauen unwiderstehlich;
+besonders da ein imposantes, männlich
+<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
+schönes Aeußere gleich anfangs für ihn einnahm.
+Thalberg hatte der lebhaften, interessanten
+Clementine, wie alle jungen Leute ihres
+Kreises, seine Huldigungen dargebracht, weil sie
+hübsch und in der Mode war; bei näherer Bekanntschaft
+entdeckten Beide aber eine solche
+Aehnlichkeit in ihren Neigungen und Gesinnungen,
+sie begegneten sich so oft in ihrem Enthusiasmus
+für das Schöne, daß das gewöhnliche
+Wohlgefallen sich in eine wirkliche, ernste
+Neigung verwandelte und sie sich gegenseitig, ohne
+durch bestimmtes Versprechen an einander gebunden
+zu sein, als zu einander gehörend betrachteten.
+Clementinens Verwandte sahen ein
+Verhältniß, das für die Zukunft so viel Glück
+zu versprechen schien, ruhig wachsen, und als
+Thalberg Berlin verließ, nahm man allgemein
+an, daß das junge Paar längst einig und verlobt
+sei. Clementine selbst lebte jetzt nur in
+der Erinnerung an Robert; Alles, was ihr begegnete,
+<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
+was sie that, wurde im Geiste Robert's
+Urtheil unterworfen, der, um mehrere Jahre
+älter als sie, einen wesentlichen Einfluß auch
+auf ihre geistige Richtung ausgeübt hatte. Sie
+liebte Alles, was seinem Willen angemessen
+schien, verwarf Alles, was gegen seine Ansichten
+sein konnte, und lebte getrennt von ihm, mitten
+in der Gesellschaft, doch ganz allein mit
+dem fernen Geliebten; wie jene Nonnen, die,
+sich beständig unter den Augen ihres himmlischen
+Bräutigams wähnend, nur seinem Willen
+leben und kein anderes Gesetz kennen als
+das seine. Die Liebe zu dem Abwesenden war
+ein religiöser Cultus in ihrer Brust, und selbst
+der Gedanke, es könne ihr jemals möglich sein,
+den dringenden Bewerbungen anderer Männer
+die geringste Aufmerksamkeit zu gönnen, fiel
+ihr nie ein. Sie liebte die Ihrigen, half der
+Tante treulich die schöne Marie erziehen und
+bildete rastlos an sich fort, damit Robert, wenn
+<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
+er einst wiederkäme, sie nicht unter seinen Erwartungen
+fände.</p>
+
+<p>So waren ein paar Jahre vergangen, die
+kleine Marie war zu einem reizenden Mädchen
+herangewachsen und das harmloseste, unbefangenste
+Kind geblieben. Ihre Familie, ihre Toilette,
+die Bälle, ihre kleinen Abenteuer von
+gestern &ndash; das war die Welt, die sie kannte;
+man liebte sie allgemein und was konnte sie noch
+wünschen? Sie war das verzogene Kind des
+Hauses. Bald nach ihrem 16. Geburtstage
+hatte Professor Reich um ihre Hand geworben,
+hatte die Zustimmung des Vaters erhalten und
+die kleine Braut war mit der Myrthenkrone
+und dem weißen Schleier zum Altare mit demselben
+Gefühle gegangen, mit dem sie ein Jahr
+vorher, am Tage ihrer Confirmation, die Kirche
+betreten hatte. Sie hatte das Bewußtsein eines
+wichtigen Schrittes, ohne sich die Folgen desselben
+klar zu machen; und nachdem der schwere
+<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
+Abschied von Vater, Schwester und Tante vorüber
+war, folgte sie ihrem Manne, froh und
+sorglos wie ein Kind, nach Heidelberg, wo er
+angestellt war.</p>
+
+<p>Clementine blieb nun allein zurück. Sie war
+stiller und ernster geworden, von Robert hatte
+sie nur selten gehört, die Zeit seiner Rückkehr
+wurde von den Seinen immer weiter hinausgeschoben
+und sie konnte es sich nicht verhehlen,
+daß Robert's Wunsch, sie wiederzusehen, lange
+nicht mehr so lebhaft sein müsse, als in jener
+Stunde, wo sie unter den heißesten Thränen
+mit dem ersten glühenden Kusse von einander
+Abschied genommen hatten. In dieser Zeit erkrankte
+der Geheimrath Frei und nach wenig
+Wochen standen die Tante und Clementine an
+seinem Sarge; ihr ganzes Leben war nur ein
+Schrei des Schmerzes, der Robert herbeirief,
+um alles Leid an seinem Herzen auszuweinen,
+um alle Liebe, die der theuere Vater besessen
+<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
+hatte, auf den geliebten Freund zu vererben &ndash;
+aber Robert, obgleich ihm der Todesfall angezeigt
+worden, kam nicht; und seine Mutter äußerte
+gegen Frau von Alven, daß ihr Sohn
+wol sobald nicht zurückkehren würde, da Berufsverhältnisse
+und, wie sie glaube, auch eine
+kleine Neigung ihn an seinen jetzigen Aufenthalt
+fesselten. Frau von Alven erschrak, hielt
+es aber für ihre Pflicht, endlich einmal mit
+Clementinen offen über deren Zukunft zu sprechen.
+Sie war durch den Tod ihres Vaters
+unumschränkte Herrin ihrer Handlungen geworden;
+die Tante sehnte sich in ihre Vaterstadt
+zurück, und so trat sie eines Tages ganz plötzlich
+vor Clementine mit der Frage hin, welche
+Plane sie nun für die nächste Zeit gemacht habe?
+Sie theilte ihrer Nichte ihren Wunsch mit, Berlin
+zu verlassen, verschwieg ihr nicht, was Madame
+Thalberg ihr gesagt, und war nicht wenig
+überrascht, Clementine bei der Nachricht, die
+<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
+für sie ein Todesstoß sein mußte, anscheinend
+ganz ruhig zu finden.</p>
+
+<p>»Ich weiß es längst, gute Tante! sagte sie,
+daß Robert mich nicht liebt, sehr lange schon;
+und daß er jetzt für mich kein Wort des Trostes,
+der Theilnahme hat, keinen Gruß durch
+die Seinen, das nimmt mir mit dem letzten
+Zweifel die letzte Hoffnung; aber es ändert in
+meinen Gefühlen für ihn Nichts. Wir waren
+Beide durch keinen Eid an einander gebunden,
+Robert liebt mich nicht mehr, hat mich vielleicht
+nie geliebt, und ich habe sein Wohlwollen für
+Liebe gehalten &ndash; so glaubt er sich frei und ist
+es auch; denn nicht der Eid, sondern die Liebe
+bindet. Ich aber liebe ihn mehr als je, er ist
+Alles, Alles, was ich liebe, und darum bin ich
+sein, auch wenn wir uns nie wieder sehen sollten.
+Entgegne mir darauf Nichts, fuhr sie
+fort, als ihre Tante eine Einwendung machen
+wollte, ich weiß, wie gut Du es mit mir meinst;
+<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
+darum laß mich mir selbst. Dich aber länger
+von den Freunden und der Heimat zu trennen,
+wohin es Dich zieht, dazu habe ich kein Recht;
+Marie verlangt nach mir, ich werde nach Heidelberg
+gehen, werde ihr nützlich sein und in
+dem Kreise ihres Hauses meine Zukunft finden.
+Versprich mir aber, daß Du mir nie fehlen
+wirst, wenn ich Dein bedarf.«</p>
+
+<p>Frau von Alven weinte still; Clementine
+kniete vor ihr nieder, küßte ihre Hände und bat:
+»und nun noch Eins! Ich habe seit Jahren mehr
+gelitten, als ich zu leiden für möglich hielt; ich
+fürchte jede Berührung meiner tiefen Wunde
+mehr als den Tod; versprich mir, daß Robert's
+Name nicht mehr zwischen uns genannt wird
+und daß wir uns trennen ohne Abschied; wir
+bleiben ja doch ewig beisammen.«</p>
+
+<p>Die Tante gelobte Alles und wenig Wochen
+darauf rollte der Postwagen, welcher Frau von
+Alven in ihre Heimat führte, an Clementinens
+<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
+Wohnung vorüber, in der sie mit ihrem Schwager
+am Fenster stand, der gekommen war, sie
+nach Heidelberg abzuholen.</p>
+
+<p>Nach den schmerzlichen Aufregungen der letzten
+Zeit, dem wehmüthigen Gefühl, von den
+Räumen zu scheiden, die so lange stille Zeugen
+ihres Lebens waren, that die Ruhe im Hause
+der Professorin Clementinen anfänglich sehr
+wohl. Sie hatte die junge Frau fast unverändert
+gefunden; Marie liebte ihren Reich von
+Herzen, betete ihre beiden Kinder an, sorgte
+treulich für ihr Haus und war eine Frau, wie
+die Mehrzahl der Männer sie wünscht. Der
+Professor hielt regelmäßig seine Vorlesungen,
+arbeitete den Rest der Zeit emsig in seiner Studirstube
+und ließ sich während der Mahlzeiten
+mit der größten Theilnahme Alles erzählen, was
+in der Zwischenzeit von der Frau, den Kindern
+und den Dienstboten irgend zu erzählen war.
+Beide Eheleute waren durchaus zufrieden mit
+<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
+einander und wünschten nichts Besseres, als daß
+es immer so bliebe: ohne bestimmten Blick in
+die Zukunft, ohne lebhaftes Gedenken einer Vergangenheit,
+ging ein Tag nach dem andern
+hin und alle Abwechselung in Mariens Leben
+machte der Besuch gleichgestimmter Frauen und
+ein Spaziergang in der nächsten Umgebung. &ndash;
+Es dauerte auch nicht lange, bis Clementine
+sich äußerlich in diese Lebensart gefunden hatte,
+und bald war sie Allen unentbehrlich geworden;
+ihr ewig beweglicher Geist hatte tausend neue
+Spiele für die Kinder, manche Erleichterung für
+Marie, manche Bequemlichkeit für den Professor
+hervorgerufen; es machte ihr Vergnügen, die
+Ihrigen zu erfreuen &ndash; aber sie selbst fühlte
+sich einsamer als vorher. Getrennt von ihren
+gewohnten Umgebungen, von der Tante, der ihr
+ganzes Herz offen lag, in der gleichförmigen
+Lebensart im Reich'schen Hause, fühlte sie eine
+solche geistige Leere, daß nur die wunderbar
+<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
+schöne Natur Heidelbergs sie aus ihrer Apathie
+zu reißen vermochte. Um sich zu zerstreuen,
+suchte sie eifrig längst vernachlässigte Studien
+wieder hervor, sie schmückte ihr kleines Stübchen,
+das nach dem Neckar sah, auf das freundlichste;
+aber vergebens. Stundenlang saß sie
+mit dem Buche in der Hand, sah den schönen
+Strom vorüberfließen, blickte ernsthaft die kleinen
+Häuser von Weinheim an und sah doch
+Nichts, als Robert's Bild, wie er zuletzt vor
+ihr gestanden; dachte Nichts, als die tiefe Demüthigung,
+verschmäht zu sein.</p>
+
+<p>In einem kleinen Orte wie Heidelberg konnte
+eine Erscheinung, wie Clementine, nicht unbemerkt
+bleiben; ihre ganze Persönlichkeit flößte
+lebhaftes Interesse ein, während ihr nach Außen
+abgeschlossenes Wesen für Kälte und Stolz
+galt. Man hatte sie bei ihrer Ankunft in alle
+Zirkel eingeführt, und überall hatte sie einen
+neuen Reiz in die Gesellschaft gebracht; besonders
+<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
+waren es die jüngeren Mädchen und die
+älteren Männer, die sich ihr anschlossen. Die
+Mädchen, weil sie von ihr keine Beeinträchtigung
+zu fürchten hatten, da sie jede Annäherung
+und eben so fein als bestimmt
+zurückwies; die älteren Männer, weil
+in ihrer Unterhaltung so viel Belebendes und
+Anregendes lag, daß sie sich die glücklichen Bemerkungen,
+die Clementine sie machen ließ, unbedingt
+als ihr eigenstes Eigenthum zuschrieben.</p>
+
+<p>Unter diesen Männern war unstreitig der
+Geheimrath von Meining der Bedeutendste. Er
+galt für einen der ersten Aerzte Deutschlands,
+war ein stattlicher Mann von 50 Jahren und
+so wohl conservirt, daß er den Ansprüchen, auch
+durch sein Aeußeres zu gefallen, nicht ganz entsagt
+hatte. Man sah, daß er in der Jugend
+ein schöner Mann gewesen sein mußte, und mit
+einer bei älteren Männern nicht seltenen Eitelkeit
+ließ er bisweilen errathen, daß ihm das
+<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
+Glück bei den Frauen hold gewesen sei. Auch
+stand er noch jetzt in großer Gunst bei den Damen
+und wurde gern gesehen in jeder Gesellschaft.
+Manche Mutter hätte ihn, der ihr selbst
+früher den Hof gemacht, recht gern zum Schwiegersohne
+angenommen, und allerdings war er,
+vermöge seiner Stellung, Das, was man gewöhnlich
+eine gute Partie zu nennen pflegt. In
+seiner Jugend hatte er die Frauen zu sehr geliebt,
+um sich an Eine dauernd binden zu mögen;
+dann hatte diese Leidenschaft ernsten Studien
+Platz gemacht, er hatte Reichthum, Ehre
+und einen großen Ruf erworben, und der Gedanke,
+sich zu verheirathen, war allmälig ganz
+in den Hintergrund getreten, je mehr Reiz die
+materiellen Genüsse des Daseins für ihn gewannen
+und je mehr sich der eigenthümliche
+Egoismus aller Hagestolzen in ihm ausgebildet
+hatte. Doch war sein Gefühl für das Schöne
+und Gute niemals erloschen; er war in einzelnen
+<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
+Momenten einer Lebhaftigkeit und Hingebung
+fähig, die einem jüngeren Manne anzugehören
+schienen, und in dieser Stimmung
+konnte er die bedeutendsten Opfer bringen; dann
+fühlte er die Möglichkeit und den Wunsch, Andere
+an seinem Glücke Theil nehmen zu lassen,
+und hätte vielleicht daran gedacht, eine Frau
+zu nehmen, wenn es ihm nicht unbequem gewesen
+wäre, danach zu suchen. Doch ließ er
+sich die Neckereien über diesen Punkt recht gern
+gefallen und lächelte wohlgefällig, wenn man
+behauptete, an einem schönen Morgen werde er
+einst ganz plötzlich mit einer Braut angefahren
+kommen, die ein Phönix an Schönheit und Liebenswürdigkeit
+sein und ihm wie ein Ideal
+erscheinen werde; sowie sein Haus ihr das
+schönste, sein Rock der beste und überhaupt
+Alles, was sein eigen, ihr wie das Vollkommenste
+vorkomme.</p>
+
+<p>Als Freund des Professor Reich und als
+<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
+Arzt der Familie hatte er Clementine in ihrer
+Häuslichkeit kennen und schätzen gelernt. Er
+hatte durch Marien, noch vor Clementinens Ankunft,
+erfahren, daß diese dem Grame über eine
+unglückliche Liebe fast erlegen sei, und nun sah
+er sie selbst; noch schön, obgleich lange über die
+erste Jugend hinaus, und liebenswürdiger und
+geistreicher, als irgend eine Frau, die er kannte.
+Er sah das Mädchen, das der Mittelpunkt der
+Gesellschaft geworden, eben so liebenswürdig im
+Hause; sie hatte Rath für den Bedrängten und
+die zärtlichste Sorgfalt für den Leidenden; unermüdlich
+besorgt für Andere, schien sie zufrieden,
+ohne gerade froh zu sein, und ihre Ruhe
+wurde durch jene kleinen Veranlassungen, welche
+die meisten Frauen außer Fassung bringen, niemals
+erschüttert. Ihre äußeren Vorzüge zogen
+ihn an, und wenn er manchmal auf ihrem
+ausdrucksvollen Gesicht die Spuren eines tiefen
+Leidens, oder gar ihre Augen noch trübe von
+<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
+vergossenen Thränen sah, flößte sie ihm das
+lebhafteste Interesse ein. Er hatte einmal mit
+Reich über Clementine gesprochen, und dieser
+hatte geäußert, seine Schwägerin sei allerdings
+ein vortreffliches Mädchen, nur leider zu überspannt,
+und er wünsche Nichts sehnlicher, als
+daß sie bald einen vernünftigen Mann bekäme,
+den sie liebe; denn sonst würde sie sich aufreiben
+durch ihren selbgenährten Gram.</p>
+
+<p>Ob Reich diese Bemerkung absichtlich gemacht,
+ob eine Absicht in des Geheimraths Frage
+gelegen, lassen wir dahingestellt sein; nur das
+steht fest, daß von jenem Tage an in Meining
+der Gedanke an eine Verbindung mit Clementinen
+erwachte. Dieses Mädchen in seinem Hause
+walten zu sehen, von ihrem Geiste seine Mußestunden
+verschönen zu lassen, ihrer milden Pflege
+in kranken Tagen zu genießen und sie, der er
+von Herzen zugethan war, ihren Kummer vergessen
+zu machen, war bald sein Lieblingswunsch
+<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
+geworden; er hielt sich für den Mann, der sie
+über den verlorenen Geliebten zu trösten vermöchte,
+und je mehr und je länger er seine Bewerbungen
+um sie fortsetzte, je mehr verliebt wurde
+er in sie, je gewisser, daß er ihr nicht gleichgültig
+bleiben könne: so trat er denn, nachdem sie einen
+Abend vorher sich freundlich in Gesellschaft begegnet
+waren, am nächsten Morgen mit seiner Werbung
+um Clementinens Hand vor den Professor.</p>
+
+<p>Reich war sehr erfreut, Marie entzückt über
+das Glück, das sich ihrer Schwester bot; Clementine
+allein sprach ihr gewöhnliches: »ich kann
+und werde nicht heirathen.« Man schrieb der
+Tante, diese bestürmte die Arme mit den dringendsten
+Vorstellungen, Meining wollte ihr Zeit
+lassen, sich zu entschließen, und unterdessen nahmen
+die Ermahnungen und das Zureden des
+Professors und Mariens kein Ende; die Unterhaltungen,
+mochten sie mit Abdel Kadher oder
+mit den Kindern beginnen, endeten zu Clementinens
+<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
+Qual doch immer wieder mit dem Geheimrath
+von Meining.</p>
+
+<p>Bei einer solchen Scene fanden wir die Damen
+am Anfang unserer Erzählung, und es
+war nöthig so weit zurückzugehen, um den
+Leser mit den handelnden Personen bekannt zu
+machen, wobei wir uns zugleich das Recht vorbehalten,
+den Faden der Ereignisse, so oft es
+uns geeignet scheint, in den eigenhändigen Papieren
+und Briefen derselben zu verfolgen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
+Zweites Kapitel.</h2>
+
+
+<p>Sinnend stand Clementine am Fenster, als sie
+in ihr Stübchen getreten war; Gedanken zogen,
+wie Bilder eines Schattenspieles, schnell an
+ihrer Seele vorüber; sie wollte dem Zureden ein
+Ende machen und mit der Tante dabei beginnen:
+so setzte sie sich nieder und schrieb:</p>
+
+
+<h3>Clementine an Frau von Alven.</h3>
+
+<p>Dein Brief hat mir wehe gethan, Tante!
+Traust Du mir bei meinen Handlungen keine
+anderen Motive, als Ueberspannung oder Eigensinn
+zu? Hältst Du mich denn für ein Kind,
+das die Verhältnisse des Lebens verkennt?
+So gut als Ihr Alle weiß ich, daß nach den
+<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
+Begriffen der Welt die Stellung einer verheiratheten
+Frau ehrenvoller ist, als die eines
+Mädchens. Glaubt mir aber, daß es eine tiefe
+Nothwendigkeit ist, die mich abhält, den Schritt
+zu thun, zu dem Ihr Alle mich überreden möchtet.</p>
+
+<p>Ich hasse die Ehe nicht; im Gegentheil, ich
+halte sie so hoch, daß ich sie und zugleich mich
+zu erniedrigen fürchte, wenn ich dies heilige
+Band knüpfte, ohne daß mein Gefühl Theil
+daran hätte. Was kann es Beglückenderes
+geben, als mit einem geliebten Manne sein Leben
+zu verbringen? Für ihn zu sorgen, seine
+Freuden und Leiden zu theilen, zu wissen: Alles,
+was mein Herz bewegt, Alles, was mich berührt,
+theilt und fühlt mein bester Freund mit
+mir? Beide leben dann ein doppeltes Leben.
+O! ich habe mir das oft himmlisch schön gedacht,
+ich habe es heiß gewünscht, und ich halte
+heute noch die Ehe für den einzigen Weg, der
+den Menschen zu der größten Vollkommenheit
+<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
+führt, die seiner Individualität möglich ist.
+Darum aber kann ich den Gedanken an eine
+gleichgültige Ehe nicht ertragen, weil sie für
+mich eine unglückliche wäre; und ich habe es
+nie begreifen können, wie in der Ehe irgend
+Etwas die Menschen an einander kettet, als ihr
+Herz. Die Ehe ist in ihrer Reinheit die keuscheste,
+heiligste Verbindung, die gedacht werden
+kann; rein, wie ein Engel des Lichts, geht
+das Weib aus den Armen ihres <span class="gesperrt">geliebten</span>
+Gatten hervor, und wenn man mir, nach dem
+katholischen Ritus, die Madonna die reine
+Mutter Gottes nannte, hat für mich ein rührend
+tiefer Sinn darin gelegen, ein ganz anderer
+Gedanke, als die Kirche ihn will. Ja!
+die Ehe ist rein! und aus der Umarmung liebender
+Gatten kann ein göttlicher Mensch, ein
+Retter der Welt entstehen.</p>
+
+<p>Aber was hat man aus der Ehe gemacht?
+&ndash; ein Ding, bei dessen Nennung wohlerzogene
+<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
+Mädchen die Augen niederschlagen, über das
+Männer witzeln und Frauen sich heimlich lächelnd
+ansehen. Die Ehen, die ich täglich vor
+meinen Augen schließen sehe, sind schlimmer als
+Prostitution. Erschrick nicht vor dem Worte, da
+Du mich zu der That überreden möchtest, Tante!
+Ist es nicht gleich, ob ein leichtfertiges, sittlich
+verwahrlostes Mädchen sich für eitlen Putz dem
+Manne hingibt, oder ob Eltern ihr Kind für
+Millionen opfern? Der Kaufpreis ändert die
+Sache nicht; und ich gestehe Dir, ich würde das
+Weib, das augenblickliche Leidenschaft und heißer
+Sinnentaumel hinreißt, groß finden, gegen diejenige,
+die das Bild eines geliebten Mannes im
+Herzen, sich dem Ungeliebten ergibt, für den
+Preis seines Ranges und Namens. &ndash; Könnte
+ich glauben, der priesterliche Segen hätte Kraft
+zu binden und zu lösen, könnte das »Ja«, das
+ich spräche, eine ganze Vergangenheit aus meiner
+Seele tilgen, wer weiß, was ich thäte. So
+<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
+aber! &ndash; ich liebe Robert, der mich verschmäht,
+dem meine ganze, ungetheilte, anbetende Liebe
+kein Glück zu bieten vermochte, als ich jung
+und blühend war; und ich sollte einen Ehrenmann,
+der von mir die Freude seines Lebens
+erwartet, mit einem heiligen Eide betrügen?
+Ich sollte ihm ein Weib werden, das die Achtung
+vor sich selbst verloren hat? Das könnt
+Ihr nicht meinen, das kannst Du nicht wollen.
+Ich denke mit Ruhe an Robert, so lange ich
+mir selbst lebe, tritt aber der Gedanke, einem
+Anderen gehören zu sollen, vor mein Auge, dann
+sehe ich, daß ich nur in Robert lebe und daß
+mir der Traum der Vergangenheit mehr ist, als
+irgend eine Zukunft mir bieten könnte. Laß
+mir die Ruhe meines Bewußtseins.</p>
+
+<p class="signature"><span class="gesperrt">Clementine</span>.</p>
+
+
+<h3><a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
+Der Geheimrath v.&nbsp;Meining an Clementine
+Frei.</h3>
+
+<p>Mein theures Fräulein! Seit längerer Zeit
+erwarte ich Ihre Antwort auf eine Frage, die
+über meine Zukunft entscheiden soll. Sie wissen,
+wie werth Sie mir sind, lassen Sie mich offen
+sagen, wie warm und innig ich Sie liebe, wenn
+gleich es einem Manne reiferen Alters nicht anstehen
+mag, eine Leidenschaft zu bekennen, die
+der Jugend angehört. Ich habe in meinem
+Berufe Frauen in allen Verhältnissen kennen
+lernen, und ich achte das Weib; ich achte und
+liebe in Ihnen das Weib, das klar über sich
+selbst und das Leben, zu dem Gefühl seiner
+Würde gekommen ist. Clementine, ich bin
+nicht jung genug, Ihnen schwärmerische Schwüre
+zu leisten, aber ich biete Ihnen meine Hand
+mit offenem Herzen. Was ein besorgter Gatte,
+ein zärtlicher Freund Ihnen sein könnte, das
+schwöre ich, das sollen Sie in mir finden, und
+<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
+dadurch allein will ich Sie gewinnen; nur aus
+freier Neigung sollen Sie die Meine werden.</p>
+
+<p>Ich verlasse Heidelberg auf kurze Zeit: Sie
+sollen Ruhe haben, einen Entschluß zu fassen.
+Möge er zu meinen Gunsten sein! Der Ihrige.</p>
+
+<p class="signature">v. <span class="gesperrt">Meining</span>.</p>
+
+
+<h3>Frau v.&nbsp;Alven an Clementine.</h3>
+
+<p>Ich ehre Dein Gefühl, mein Kind! wenn
+gleich ich es nicht unbedingt richtig heißen kann,
+und es liegt mehr Egoismus darin, als Du
+glaubst. Du gefällst Dir darin, Dich als die
+Leidende, die Reine zu betrachten, und Du bist
+Beides. Ich weiß, was Du geduldet, kenne
+ganz Dein reines Herz; Du bist einmal das
+Opfer Deiner Liebe und Robert's geworden, ein
+zufälliges Opfer gegen Deinen Willen: das entbindet
+Dich nicht der Pflicht, Dich mit Bewußtsein,
+aus freier Wahl für das Wohl Anderer
+zu opfern. Das Weib ist geschaffen zu
+<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
+leiden und zu beglücken; thust Du das? Du
+glaubst Dich mit Deiner Pflicht abgefunden,
+wenn Du Marien Dein Leben widmest, ihr den
+Haushalt erleichterst, obgleich sie dessen nicht
+bedarf. Du nimmst Dich der Kinder an, wenn
+Du Neigung dazu hast, und glaubst sie zu erziehen,
+und der Menschheit, die an jeden von
+uns Rechte hat, damit Deine Schuld zu zahlen.
+Belüge Dich nicht selbst, meine liebe Tochter!
+Du, vor Vielen dazu berufen, einem
+Manne das Leben zu verschönen, mit dem unerschöpflichen
+Reichthum an Liebe und Nachsicht,
+Du willst das nicht, weil es Dir zu schwer
+scheint, ernst gegen eine Neigung zu kämpfen,
+deren Gegenstand diese Liebe gewiß nicht einmal
+wünscht und Deiner nicht mehr denkt. Und
+wenn Mariens Kinder, die Du so sehr liebst,
+heranwachsen; wenn Marie und die Kinder Deiner
+nicht mehr bedürfen werden, was wird dann die
+unvermeidliche Leere Deines Herzens ausfüllen? &ndash;</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
+Ich habe das Glück Mutter zu sein, nur
+wenige Tage gekannt, und doch wirft das Andenken
+daran ein verschönendes Licht über mein
+ganzes Leben; magst Du noch so scharf und
+richtig denken, noch so lebhaft fühlen, <span class="gesperrt">das</span>
+Glück kannst Du nicht begreifen, nicht ermessen,
+bis Du es gekannt. Ich selbst habe Alven
+ohne alle Neigung geheirathet, komme ich Dir
+deshalb wie eine Verworfene vor? Das aber
+schwöre ich Dir, so lieb mir Dein Glück ist,
+ich habe den Vater meines Kindes von Grund
+der Seele geliebt; wir haben uns in guten und
+bösen Stunden treu zur Seite gestanden, und
+ich habe nach seinem Tode mich nie entschließen
+können, zu einer zweiten Ehe zu schreiten, obgleich
+ich sehr jung war und es mir, wie Du
+weißt, an Bewerbern nicht fehlte.</p>
+
+<p>Ich mag Dir hart scheinen, aber ich bekenne
+es, ich werde irre an Dir. Du hältst
+so viel darauf, die Achtung vor Dir selbst nicht
+<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
+zu verlieren, weil Dir das leichter wird, als
+die unsere zu verdienen. <span class="gesperrt">Du</span> achtest Dich, wenn
+Du Deiner Liebe treu bleibst, das ist bequem
+und leicht &ndash; wir aber würden Dich achten,
+wenn Du dem Glücke eines Anderen, eines
+braven Mannes, Deine Neigungen zu opfern
+im Stande wärest. Zwingen kann man Dich
+nicht, Du bist reich und unabhängig in jeder
+Beziehung &ndash; aber ich appellire an Dein richtiges
+Urtheil, an Deine Wahrheitsliebe und an
+Dein Herz. Täusche Dich nicht selbst; täusche
+nicht die Erwartungen Deiner mütterlichen
+Freundin.</p>
+
+
+<h3>Clementine an den Geheimrath v.&nbsp;Meining.</h3>
+
+<p>Der Mann, der mir mit so ehrendem Vertrauen
+entgegenkommt, der mir seine Zukunft
+weihen will, muß wissen, an wen er sich gewandt
+hat; und wahr, wie gegen mich selbst,
+will ich gegen Sie sein.</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
+Eine heiße, tiefe Liebe hat seit meiner frühesten
+Jugend mein Herz erfüllt; diese Liebe ist
+nur flüchtig erwidert worden, sie hat mein Herz
+gebrochen. Einsam, mit meinem Schmerz nach
+innen gewiesen, sind mir Jahre des Leidens
+vergangen; ich habe mich gewöhnt allein zu
+stehen, ich habe es versucht, die Erinnerung
+an meine Liebe zu bekämpfen &ndash; es ist mir nicht
+gelungen; und so konnte es mir nie einfallen,
+den Bewerbungen, mit denen man mich ehrte,
+Folge zu leisten, besonders da die Mehrzahl
+jener Bewerber mir vollkommen gleichgültig,
+und ich ihnen fast ganz fremd war.</p>
+
+<p>Sie kennen mich lange und gut, und ich
+gestehe Ihnen gern, daß Ihre Freundschaft mir
+werth, daß mir an Ihrer Achtung gelegen war
+&ndash; aber niemals die Ihre zu werden, war noch
+vor wenig Tagen mein fester Entschluß; ich
+wollte mich nicht verheirathen. Nicht das Zureden
+meiner Schwester macht mich in meiner
+<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
+Gesinnung schwanken, sondern die ernsten Vorstellungen
+meiner Tante, die mich sehr ergriffen
+haben. Ich habe schwer mit mir gekämpft,
+und ich will die Ihre werden, wenn ich Ihnen
+nach diesen Geständnissen genüge. Ich erkenne
+vollkommen und freudig Ihren Werth,
+darum aber zweifle ich, daß ein gebrochenes
+Herz Ihrer würdig sei.</p>
+
+<p>Glauben Sie dennoch, daß ich zu Ihrem
+Glücke beitragen könne, so thue ich es von Herzen,
+und will streng über mich wachen, das
+Glück zu verdienen, das einer Frau an Ihrer
+Seite werden kann. Mit innigster Achtung.</p>
+
+<p class="signature"><span class="gesperrt">Clementine</span>.</p>
+
+
+<h3>Der Geheimrath v.&nbsp;Meining an Clementine.</h3>
+
+<p>Haben Sie Dank! wir werden glücklich sein.
+Armes, krankes Kind! Ist es denn nicht die
+Pflicht des Arztes zu heilen und zu lindern?
+Wie gern will ich Dich schonen, meine Clementine!
+<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
+wie sorgsam werde ich die wunde Seele
+meines kranken Weibes hüten und heilen. Wirf
+die Vergangenheit von Dir, insofern sie Dich
+schmerzt, bewahre jedes Andenken, das Dir
+werth ist; nur Eines versprich mir und nimm
+es als Beweis meines vollen Vertrauens &ndash;
+nenne mir <span class="gesperrt">nie</span> den Namen des Mannes, der
+Dich leiden machte, niemals Geliebte! Ich
+kenne Dich und traue Dir unbedingt. In drei
+Tagen kehre ich zurück; möge die Hoffnung auf
+dies Wiedersehen, meine holde, meine theure
+Braut! Dich so beglücken, als mich. Auf Wiedersehen
+denn, Geliebte! Der Deine.</p>
+
+<p class="signature"><span class="gesperrt">Meining</span>.</p>
+
+
+
+
+<h2><a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
+Drittes Kapitel.</h2>
+
+
+<p>Die Tage bis zur Rückkehr des Geheimraths
+vergingen Clementinen in der heftigsten Aufregung.
+Der Brief Ihrer Tante, die Bitten
+und Vorstellungen Reich's und Mariens hatten
+sie zu einem Entschlusse gebracht, dessen sie sich
+nie fähig gehalten hätte. Meining war ihr mit
+so edlem Vertrauen entgegengekommen; es hob
+sie momentan in ihren eigenen Augen, daß sie,
+deren Herz seine Jugend eingebüßt hatte, noch
+einen so bedeutenden Mann als Meining, fesseln
+und beglücken könne; sie wollte ein neues Leben
+beginnen, weil sie es nun einmal gelobt, ihre
+Vergangenheit zu opfern; und bei all' diesen
+Entwürfen zitterte sie vor dem Gedanken an
+<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
+Meining's Ankunft. Während der letzten Nacht,
+die sie schlaflos verbrachte, fiel ihr plötzlich ein,
+sie müsse eigentlich noch einmal an Robert schreiben,
+ihm ihre Verlobung anzeigen und ihm befehlen,
+sie ganz wie eine Fremde zu betrachten,
+wenn sie jemals sich begegnen sollten. Aber
+Robert schreiben? durfte das Meining's Braut!
+&ndash; ihm befehlen, sie zu meiden, hieße ja, ihm
+bekennen, daß er ihr theuer und gefährlich sei,
+und befehlen! &ndash; ihm befehlen, dessen Auge ihr
+Leitstern, dessen leisester Wunsch ihr unumstößlichstes
+Gesetz gewesen war? Alle Qualen,
+alle Gewissensbisse bestürmten sie, sie wollte für
+Meining leben und dachte nur an Robert. In
+wilden Fieberträumen verging der letzte Theil
+der Nacht; der Morgen sah hell und klar in
+ihr Fenster, als sie die schweren, müden Augenlieder
+aufschlug; sie war vollkommen ermattet,
+ließ sich theilnahmlos ankleiden und sah
+kalt wie eine Fremde den Anstalten zu, die
+<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
+Marie, mit unruhiger Freude, für die Ankunft
+des Geheimraths traf.</p>
+
+<p>Endlich erschien er. Clementine, die in entscheidenden
+Momenten eine große Gewalt über
+sich besaß, ging ihm bis zur Thüre entgegen
+und bot ihm ihre Hand zum Willkomm; Meining
+schloß sie herzlich in seine Arme, küßte
+ihre Stirne und der Bund war geschlossen.</p>
+
+<p>Es liegt im Charakter der Frauen, sich in
+unabwendbare Verhältnisse leichter zu fügen, als
+man es nach der Unruhe, die sie vor der Entscheidung
+peinigt, für möglich halten könnte.
+Jetzt war die neue Braut plötzlich zu einer
+Ruhe und Klarheit gekommen, die Meining entzückte,
+und ihrer Familie die Ueberzeugung gab,
+daß sie Recht gethan hätten, auf diese Verbindung
+zu dringen. Es war im Beginne des
+Frühjahres, und schon im Juni sollte die Hochzeit
+gefeiert werden. Clementine traf selbst die
+nöthigen Anstalten für den neuen Haushalt,
+<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
+hatte eine Menge Meldungsbriefe an entfernte
+Freunde zu schreiben, Glückwünsche zu beantworten
+und blieb dadurch in einer fortwährenden
+Thätigkeit, die ihr wenig Zeit zum Nachdenken
+übrig ließ. Ihr Bräutigam brachte jeden
+Abend und jede Stunde, die sein Beruf ihm
+frei ließ, in ihrer Gesellschaft zu und hatte
+aufgeregt durch die neuen Verhältnisse, eine
+Jugendlichkeit wieder gewonnen, die er längst
+verloren und deren er sich nicht mehr fähig geglaubt
+hatte. So war sie ihm von Herzen gut
+geworden, da sie mit jedem Tage seinen gebildeten,
+klaren Geist und seinen liebenswürdigen
+Charakter mehr kennen lernte, der sich freilich
+grade jetzt in seinem günstigsten Lichte zeigte,
+und darum Clementine die Hoffnung auf eine
+beglückende Zukunft gab.</p>
+
+<p>Indessen rückte endlich der Hochzeitstag heran,
+dessen Vorabend in einer befreundeten Familie,
+nach alter, deutscher Art, mit Poltern zugebracht
+<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
+werden sollte. Dem Brautpaare selbst war
+das nichts weniger als angenehm; man konnte
+sich aber dem wohlgemeinten Anerbieten der
+Freunde nicht füglich entziehen, und Meining
+äußerte lachend, am Ende sei auch eine ganze
+glückliche Zukunft mit ein paar lästigen Stunden
+nicht zu schwer erkauft. Sie fuhren zum
+Polterabende hin und Clementine fühlte sich auf
+das Unangenehmste berührt, von dem widrigen
+Wechsel possenhafter Scherze und ganz ernsthafter
+Gedanken; weil sie selbst so ernst, so
+feierlich gestimmt war, daß jeder Scherz sie verletzen
+mußte. Meining hingegen fand das Ganze
+nur eine langweilige Einrichtung, die man aber
+leicht aushalten könne, und mußte über manchen
+Einfall von Herzen lachen, obgleich er eben
+so froh war als seine Braut, als die Gesellschaft
+sich endlich gegen Morgen trennte. Nachdem
+er Clementine vor ihrem Hause aus dem
+Wagen gehoben und sie einen Augenblick vor
+<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
+der Thür weilend, sich nach dem Schlosse wendete,
+fielen die letzten matten Strahlen des
+Mondes zitternd darüber hin, und es schien ihr
+unmöglich, sich jetzt, mit dem übervollen Herzen,
+in die engen Räume eines Zimmers zu
+sperren.</p>
+
+<p>Lieber Meining! bat sie, wenn sie nicht zu
+müde sind, geben Sie heute noch einem, vielleicht
+extravaganten Einfalle nach; ich will dafür
+auch von morgen ab eine grundvernünftige
+Frau werden. Lassen Sie uns hinauf gehen
+auf's Schloß, es ist kaum eine Stunde bis Sonnenaufgang;
+wir wollen heute, an dem Tage,
+an dem uns Beiden ein neues Leben beginnt,
+auch den Tag beginnen sehen.</p>
+
+<p>Meining war es gern zufrieden; die Nacht
+war unbeschreiblich mild und schön. Schweigend
+stiegen sie den Weg hinan, der von der
+Hirschgasse aufwärts führt. Eine Welt von
+Gedanken zog durch Clementinens Brust, sie
+<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
+sah Meining an, und auch vor seinem geistigen
+Auge schien sein früheres Leben, ihre Zukunft
+vorüberzugehen. Es war ein feierlicher Gottesdienst
+in ihrem Herzen. Oben auf der Höhe
+angelangt, sah man nichts, als einen dichten,
+weißen Nebel, der die ganze Gegend verdeckte;
+die Luft wehte kühl und Meining hüllte besorgt
+die erbleichende Clementine in die wärmende
+Mantille. Gedankenvoll ließen sie sich auf der
+Bank vor dem Weingärtchen nieder &ndash; da plötzlich
+schmettert ein tausendstimmiger Lerchenchor
+gen Himmel, der Nebel zerreißt vor dem ersten
+Lichtblick der Sonne, und wie von unsichtbaren
+Geisterhänden fortgezogen, schwindet der dichte,
+weiße Schleier und das Neckarthal liegt vor den
+trunkenen Augen der Entzückten. Drüben das
+kleine Weinheim mit seinen in Laub versteckten,
+weißen Häusern; vor ihnen der lachende, jugendmuthige
+Strom mit Kähnen, die von Neckargemünd
+daherzogen, um sie her die Wipfel der
+<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
+Bäume, die am Fuße des Berges wurzeln,
+mit dem berauschenden Dufte der ganzen reichen
+Vegetation und zu ihren Füßen das kleine
+schlummernde Heidelberg. Clementine war selig
+vor Wonne, das reinste, heiligste Gefühl zog
+ihr Herz zu den Menschen, die Gott einer solchen
+Welt werth gehalten und mit Thränen der
+Begeisterung warf sie sich an Meining's Brust
+und sprach:</p>
+
+<p>Ach! laß uns schön sein, wie diese Welt,
+wahr und rein, wie dies Licht. Jetzt, jetzt, bin
+ich Dein und mehr als irgend ein Eid morgen
+am Altare bindet mich diese Stunde an Dich.
+Ja, wir wollen glücklich, wir wollen dieser Welt
+werth sein! Sieh, Guter! ich habe jetzt nichts,
+nichts auf der Welt als Dich; sei Du meine
+Welt, stehe mir bei, wenn ich wanke, und verlasse
+mich nie!</p>
+
+<p>Sie war während des Sonnenaufgangs plötzlich
+aufgestanden, nun in heftiger Bewegung
+<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
+vor Meining auf die Kniee hingesunken und
+badete seine Hände in Thränen. Er zog sie
+empor, gerührt und erschreckt durch ihre Leidenschaftlichkeit;
+preßte sie fest an seine Brust und
+der innige Druck seiner Hand, der Ton seiner
+Stimme hatte noch mehr Beruhigendes, als
+die Worte: Clementine! mein Leben, mein Weib!
+ich werde Dir nie fehlen, Du bist mein und
+nichts soll uns jemals trennen. &ndash; Eine Weile
+hielt er sie noch schweigend in den Armen, dann
+trieb er zum Aufbruch, denn Clementine schauerte
+in der leichten Kleidung; und um sie allmälig
+zu beruhigen, sagte er scherzend, komm, komm,
+mein Herz! daß uns die guten Heidelberger nicht
+zurückkehren sehen; was würden die von ihrem
+Aeskulap denken, wenn sie wüßten, daß er seine
+zarte Braut dem ungesunden Morgennebel preis
+gibt. So, unter freundlichen Gesprächen, führte
+er die leidenschaftlich Bewegte nach Hause.</p>
+
+
+
+
+<h2><a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
+Viertes Kapitel.</h2>
+
+
+<p>Nach einigen Monaten finden wir Clementinen
+wieder. Der Hochzeitstag, die Feste nach demselben
+waren vorüber, das eheliche Leben zu
+einer ruhigen Gewohnheit geworden. Meining
+war ungemein beschäftigt, seine Kranken, seine
+Collegia, ein größeres Werk, das er zu schreiben
+begonnen und das während des Brautstandes
+liegen geblieben war, nahmen seine ganze
+Zeit in Anspruch; während Clementine eigentlich
+ohne alle wirkliche Beschäftigung war und
+es ihr selbst an jenen wohlthätigen Zerstreuungen
+fehlte, die der Umgang mit Freunden bietet.
+Ihre Haushaltsangelegenheiten ließen sich
+in einer Stunde abthun; Meining war den ganzen
+<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
+Morgen außer dem Hause in Anspruch genommen;
+kehrte er Mittags zurück, so hatte ihn
+die große, angreifende Praxis so müde gemacht,
+daß er nothwendig eine Stunde der Ruhe haben
+mußte, um sich für die Geschäfte des Nachmittages
+zu stärken, und waren auch diese endlich
+beendet, dann ging es an ein so eifriges Arbeiten
+und Studiren, daß sogar Clementinens Vorschläge
+zu kleinen Ausflügen, zu denen die reizende
+Lage Heidelbergs sehr lockt, fast immer
+abgelehnt wurden. Führte das Abendessen sie
+wieder zusammen, so war Meining so zerstreut,
+so geistig beschäftigt und abgespannt, daß er
+oft um Entschuldigung bat und seinen Beruf
+verwünschte, der ihn ganz und gar absorbire,
+und ihm den ruhigen Genuß seiner Häuslichkeit
+unmöglich mache. Vor seiner Verheirathung
+hatte der Geheimrath oft mit Clementinen den
+Plan besprochen, sich von den größeren Gesellschaften,
+in denen er bisher fast jeden Abend
+<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
+zugebracht, fern zu halten, da er derselben überdrüssig
+geworden und auch Clementine keine
+besondere Freude daran gehabt hatte. Statt
+dessen wollten sie einen kleinen Kreis gewählter
+Freunde, wenigstens einmal in der Woche, bei
+sich versammeln, von deren traulichem Umgange
+sich Meining und Clementine viel Genuß versprachen,
+und den sie am Anfange des Winters
+wirklich mehrmals eingeladen hatte. Grade an
+solchen Abenden war dann ihr Mann aber zufällig
+abgerufen worden, nach einer Stunde zerstreut
+von dem Bette eines schwer Erkrankten
+wiedergekehrt, und eine nicht zu beschreibende
+Mißstimmung hatte sich dadurch der kleinen Gesellschaft
+bemächtigt, die der Wirthin freundlichste
+Aufmerksamkeit kaum zu bannen vermochte,
+so daß auch dieser Versuch bald aufgegeben werden
+mußte, besonders da Meining selbst auch
+daran keine Lust zu finden schien, und offen erklärte,
+er fände diese Art von Geselligkeit noch
+<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
+viel unbequemer, als die großen Zirkel, in denen
+man ungestört plaudern und unbeachtet
+schweigen könne; ja er fühle entschieden, daß er
+jetzt, wo er seine Clementine bei sich habe, erst
+die Sphäre gefunden, in der ihm nach der Arbeit
+wohl und behaglich werde. Glaube mir,
+pflegte er zu seiner Frau zu sagen, für mich
+beginnt in Dir ein neues Leben; ich arbeite
+zehnmal mehr und besser als früher, denn ich
+arbeite nicht für mich allein; und finde nach
+der Arbeit hier bei Dir mehr Freude und Genuß,
+als mir jemals die Salons boten, in denen
+ich stundenlang im Frack, den Hut in der
+Hand, Conversation machen und wahre Thorheiten
+anhören mußte. Wenn Du mir beistimmst,
+leben wir Beide nur für uns allein.</p>
+
+<p>Clementine willigte ein; ihre geselligen Verbindungen
+lösten sich fast ganz auf; sie sah es
+ziemlich gleichgültig an, weil Meining's Zufriedenheit
+ihr letztes Ziel war, und sie selbst in
+<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
+der Ehe mehr gesucht hatte, und Anderes, als
+ein glänzendes Leben in der Gesellschaft. Ihre
+ungewöhnliche geistige Regsamkeit, die Meining
+an dem Mädchen so interessant gefunden, war
+in der Zurückgezogenheit, in der sie lebten, doppelt
+groß geworden; der Kreis ihrer Gedanken
+hatte sich erweitert in den neuen Verhältnissen;
+sie fühlte sich berechtigt und werth, auch das
+geistige Leben ihres Mannes zu theilen und zu
+verschönen, und sehnte oft den Abend herbei,
+um mit Meining ein paar Stunden plaudern
+zu können, weil sie hoffte, er würde, wie als
+Bräutigam, Lust daran finden; er würde ihr
+die Ereignisse des Tages mit jener sicheren Klarheit,
+die ihm so eigenthümlich war, erzählen;
+ihr seine Gedanken darüber mittheilen, ihre Ansichten
+hören und berichtigen &ndash; mit einem Worte,
+er würde sie wie einen Freund betrachten, wie
+den vertrautesten Freund, dem jeder Gedanke
+enthüllt werden muß, weil er ihn versteht; weil
+<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
+er ihn liebt, um des Freundes willen, der ihn
+gedacht. Davon war aber gar nicht die Rede!
+Clementine sah nun ein, daß Meining ihre geistigen
+Eigenschaften jetzt am wenigsten schätze,
+daß er diese an seiner Gattin leicht entbehren,
+vielleicht gar nicht vermissen würde. Er bedurfte
+nur einer sorglichen Frau, einer freundlichen
+Gesellschafterin, mit der er sich über unbedeutende
+Dinge heiter unterhielt, wenn er
+nicht zu müde war, die er wirklich sehr lieb
+hatte und der er gern viel Freude bereitet hätte,
+wenn er vor übergroßer Beschäftigung Zeit gefunden,
+an Das zu denken, was sie erfreuen
+könnte. Vor Allem aber fühlte er sich sehr
+froh, ein so komfortables Haus und eine Frau
+zu besitzen, die jedem seiner Wünsche mit der
+größten Bereitwilligkeit zuvorkam. Er pries
+sich glücklich, grade diese Frau gewählt zu
+haben, und zweifelte nicht, daß sie sich zufrieden
+fühlte, weil er es war und es noch
+<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
+immer mehr wurde, je länger sie mit einander
+lebten.</p>
+
+<p>Ganz anders sah es aber nach Jahresfrist
+in der Seele der jungen Frau aus. Sie konnte
+nie jenen Sonnenaufgang an ihrem Hochzeitstage
+vergessen; und es schmerzte sie tief, daß
+trotz der Treue, mit welcher sie das Versprechen
+jener Stunde gehalten, ihr das Glück durchaus
+nicht geworden war, das sie damals hoffte; es
+schmerzte sie, daß das Leben, ohne unsre Schuld,
+so weit zurückbleibt hinter Dem, was es sein
+könnte; daß es uns nicht vergönnt ist, Das zu
+werden, wozu die Fähigkeit in uns liegt. Darum
+konnte Clementine niemals den Wunsch aufgeben,
+mehr von der Seele und dem Herzen ihres
+Mannes zu besitzen, als jene ruhige Neigung,
+die er für sie hatte; er hatte sich zuerst, das
+wußte sie, in ihr Aeußeres verliebt; er hatte
+ihren guten Willen, ihr wohlwollendes Herz und
+einen sittlichen, zuverlässigen Charakter in ihr
+<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
+erkannt, und diese Eigenschaften schätzte er an
+ihr. Sie aber wollte geliebt sein um ihres
+Herzens willen, sie wollte ihn durch den Reichthum
+ihrer Liebe an ihr innerstes Leben fesseln.
+Doch jener Schätze von Liebe und Hingebung,
+deren sie sich bewußt war, bedurfte der ruhige,
+ältere Mann nicht. Er war kein leidenschaftlicher
+Mensch, wie Robert, der heute die Geliebte
+auf's Tiefste kränkte und all ihre Nachsicht
+erforderte, während die Gluth seiner Liebe
+morgen ihre Thränen trocknet und eine Versöhnung
+herbeiführt, die durch keinen Schmerz
+zu theuer erkauft wird. Auch das war ihr,
+wie schon gesagt, unangenehm, daß Meining
+auf ihren Geist jetzt fast gar keinen Werth mehr
+zu legen schien; und obgleich sie sich ihm aus
+Ueberzeugung in dieser Hinsicht eben so freudig
+unterordnete, als in jeder andern, hätte sie
+es doch gern gesehen, daß er mehr Freude an
+demselben, den er früher so sehr bewunderte,
+<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
+gehabt hätte; und sie vermißte es oft schmerzlich,
+daß er ihren Enthusiasmus für das Schöne
+und Große zwar begreife, doch nicht lebhaft
+theile; ohne zu bedenken, daß sie von dem bejahrten
+Manne nicht die Leidenschaftlichkeit fordern
+könne, die ihr angeboren und durch ihre
+Liebe zu dem enthusiastischen Robert nur gesteigert
+worden war.</p>
+
+<p>Mag immerhin Egoismus in dem Gefühle
+liegen, Andere auf die Art und Weise beglücken
+zu wollen, die uns die beglückendste scheint;
+ohne zu fragen, ob es die Weise ist, die unsere
+Lieben wünschen &ndash; es ist ein Egoismus, von
+welchem nur wenige Menschen ganz frei sein
+möchten und der Clementine doppelt quälte, da
+sie sich in doppelter Hinsicht beeinträchtigt fand.
+Einmal weil sie sich nicht ausgefüllt fühlte und
+dann, weil sie nicht so glücklich zu machen
+glaubte, als sie gewünscht. Sie wollte ihrem
+Manne einen Himmel bereiten, sie traute es
+<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
+sich zu &ndash; und er begehrte nur ein ganz gewöhnliches
+Erdenglück, sodaß ihr oft in besonders
+traurigen Stunden der demüthigende Gedanke
+gekommen war, jede tüchtige, gutmüthige
+Haushälterin könne sie ihrem Manne ersetzen,
+ihm das Glück gewähren, das er in ihr finde,
+und obgleich sie ihm und sich damit Unrecht
+that, lag dennoch etwas Wahres darin. Sie
+machte an sich die Erfahrung, die sich täglich
+im Leben wiederholt, daß Altersverschiedenheit
+für das Glück der Ehe gefährlicher wird, als
+man gewöhnlich glaubt; auch dann, wenn der
+Mann der bedeutend Aeltere ist. Das Mädchen,
+wenngleich nicht mehr jung, bekommt
+durch die Ehe eine zweite Jugend, weil sie erst
+dadurch ihren wahren Beruf zu erfüllen beginnt,
+und man sieht häufig, selbst in körperlicher Beziehung,
+ganz passirte Mädchen zu schönen Frauen
+werden, die den Titel einer »jungen Frau«, den
+man ihnen allgemein gibt, vollkommen rechtfertigen.
+<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
+Während der ältere Mann, den man
+bis dahin einen Mann in den besten Jahren,
+einen galanten Mann nannte, plötzlich vom geselligen
+Schauplatz abgetreten, durch die Ehe
+zu einem alten Manne wird, wenn, wie es in
+der Regel geschieht, die ruhige Häuslichkeit ihn
+von der Mühe, jung und galant zu scheinen, befreit.
+Der ältere Mann, der sich verheirathet,
+will gewöhnlich ausruhen vom Leben; das ältere
+Mädchen, deren Gefühl nicht so durch das Leben
+üsirt ist, wie das der Männer, will nun
+erst zu leben beginnen, und natürlich kann es
+dabei an Täuschungen und Enttäuschungen nicht
+fehlen, die auch, wie wir sahen, bei Clementinen
+nicht ausblieben.</p>
+
+<p>In einer Art stummer Resignation gewöhnte
+sie sich wieder an das stille Innenleben, zu dem
+sie sehr geneigt war und das sie Jahre hindurch
+als Mädchen geführt hatte. Sie erfüllte auf's
+Strengste ihre Pflichten, suchte nach Beschäftigung
+<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
+umher, ergriff, der Billigung Meining's
+gewiß, bald dies bald jenes und fühlte sich immer
+unglücklicher, je länger dies Leben währte.
+Gar oft sehnte sie sich in jene Zeit zurück, wo
+sie einsam da gestanden und ungestört das Recht,
+zu leiden, gehabt hatte, weil Niemand mit ihr
+und durch sie litt. Jetzt war das vorüber &ndash;
+was sollte Meining denken, wenn er sie traurig,
+gar weinend fände? Hieße es nicht mit
+Undank seine ruhige, immer gleiche Güte lohnen,
+wenn er sie nicht zufrieden sähe? &ndash; ach!
+und Nichts ist so schwer, Nichts reibt den Körper
+so auf, als zufrieden und glücklich zu scheinen,
+weil die Vernunft es fordert, während das
+Herz keinen Theil daran hat und Nichts davon
+weiß. Eine krankhafte Abspannung bemächtigte
+sich Clementinens, die auch dem Auge ihres
+Gatten sichtbar werden mußte. Auf sein ängstliches
+Befragen erklärte sie, sie sei durchaus gesund,
+er sähe ja selbst, daß sie keinen Schmerz
+<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
+habe; es müsse ein zufälliges Unbehagen sein,
+das sich gewiß bald geben würde. Seinen Vorschlag,
+mit Marien und deren Kindern, die sie
+noch immer sehr liebte, das nahe Baden zu
+besuchen, schlug sie bestimmt ab, weil sie sich
+weder Heilung noch gerade Zerstreuung davon
+versprach und vor Allem Meining, der sich so
+sehr an sie gewöhnt hatte, daß er sie ungern
+vermißte, nicht allein lassen wollte. Es war
+ihr fester Vorsatz, wenigstens Meining glücklich
+zu machen, da sie selbst es nicht geworden.
+Darum nahm sie sich mehr als je vor, über sich
+zu wachen, schien auch wieder heiterer zu werden
+und neue Kraft zu gewinnen; Meining beruhigte
+sich über ihren Zustand, und es blieb
+Alles, wie es gewesen war.</p>
+
+<p>Wie konnte es auch anders sein! Clementine,
+aufgewachsen unter dem tropischen Himmel
+glühender Leidenschaft, hatte sich plötzlich in die
+gemäßigte, wenn auch noch milde Zone ruhiger
+<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
+Vernunft verpflanzt gefunden, wo ihr üppiges
+Seelenleben keine Nahrung fand, wie sie dieselbe
+bedurfte, und nicht freudig leben und treiben,
+sondern nur kränkelnd fortvegetiren konnte, ohne
+Farbe, ohne Blüthe, durch die angeborne Kraft
+ihres innern Markes.</p>
+
+
+
+
+<h2><a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
+Fünftes Kapitel.</h2>
+
+
+<p>Es war im Sommer am zweiten Jahrestage
+ihrer Hochzeit, als Clementine arbeitend in ihrem
+Zimmer saß, in einer jener Stimmungen,
+in denen das Leid der ganzen Welt auf uns
+zu ruhen scheint. Sie hatte am Morgen ihren
+Mann aufgesucht, ihn aber beschäftigt gefunden
+und ihn nicht sprechen können; dann hatte sie,
+weil ihr das Herz so übervoll war, ihrer Tante
+schreiben wollen; aber was konnte sie ihr sagen?
+Der Briefwechsel zwischen ihnen war sehr
+selten geworden. Unwahr gegen diese treue, mütterliche
+Freundin zu sein, hätte sie nicht vermocht
+und ein Wort der Klage, des Mismuthes laut
+werden zu lassen, wäre ihr wie ein Unrecht
+<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
+gegen Meining vorgekommen, das dieser nicht
+um sie verdient hatte. So war es kein bestimmter
+Schmerz, der sie drückte, aber eine
+Traurigkeit, eine Müdigkeit, die an Auflösung
+grenzte. Trübe Ahnungen einer freudlosen Zukunft
+wechselten mit wehmüthigen Erinnerungen
+an eine längst entschwundene Zeit. Sie dachte
+der Zuversicht, mit welcher sie vor zwei Jahren
+in dies Haus getreten war, und wie wenig sie
+das Glück gefunden, das sie gehofft; freilich
+war es nur ihre Schuld, denn ihr Mann war
+sich gleich geblieben, immer gut und freundlich
+gegen sie. Es sei eine Schwärmerei, sagte sie
+sich, daß sie nicht glücklich zu sein vermochte
+mit ihrem Loose, das hundert Frauen ihr beneidet
+hätten. Wie durfte sie auch von dem
+bejahrten Manne eine Leidenschaft fordern, die
+sie selbst nicht für ihn hatte? Ihre auf Achtung
+gegründete Neigung erwiederte er herzlich,
+aber Liebe, wie sie derselben bedurfte, konnte
+<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
+er nicht mehr empfinden, seine Frau konnte nicht
+sein ausschließlicher Gedanke sein, da er durch
+seinen Ruf und seine Berühmtheit ebenso und
+früher der ganzen Menschheit und der Welt gehört
+hatte, als ihr. Er hatte eine Frau genommen,
+um an ihrer Seite Ruhe zu finden
+nach der Arbeit des Tages. Dafür hatte sie
+Theil an seiner Ehre, trug seinen berühmten
+Namen und hatte ja selbst nur ein ruhiges
+Glück erwarten können, als sie die Seine geworden.
+Wie durfte sie mehr verlangen? Wie sich
+zurücksehnen nach den lebhaften, stürmischen Eindrücken
+ihrer Jugend? Sie klagte sich an, ungerecht
+gegen Meining zu sein; sie war unzufrieden
+mit sich selbst und versank zuletzt in ein
+dumpfes Hinbrüten, aus dem Meining's Tritte,
+die sie auf der Treppe hörte, sie aufschreckten.</p>
+
+<p>In der besten Laune trat er, mit einem
+großen Briefe in der Hand, in das Zimmer.
+Rathe, liebe Frau! sagte er, was ich Dir
+<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
+hier bringe? Aber rathe etwas Großes, Gutes,
+denn es übertrifft meine Erwartungen und wird
+auch Dich sicher sehr erfreuen!</p>
+
+<p>Clementine rieth mehrmals vergebens, bis
+der Geheimrath ihr den Brief zu lesen gab, der
+eine Anfrage des preußischen Ministeriums enthielt,
+ob Meining sich entschließen könne, seine
+heidelberger Verhältnisse mit einer Anstellung
+in Berlin zu vertauschen, die ihm unter den
+glänzendsten Bedingungen angetragen wurde.
+Diesen Brief habe ich vor 14 Tagen erhalten,
+fügte er hinzu, habe mir nun Alles reiflich
+überlegt und denke, heute an die preußischen
+Behörden zu schreiben, daß ich ihre Bedingungen
+annehme. Ich werde dort eine freie und glänzendere
+Stellung haben, als hier, und Du wirst
+in Deiner Vaterstadt Dich gewiß viel behaglicher
+fühlen, als in dem kleinen Heidelberg.</p>
+
+<p>Und das bescheerst Du, Lieber, mir heute zu
+unserm Hochzeitstage? fragte Clementine, sehr
+<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
+erfreut durch diese Aufmerksamkeit ihres Mannes
+und durch die Hoffnung einer Veränderung, die
+ihr augenblicklich erwünscht schien, weil es eben
+eine Veränderung war.</p>
+
+<p>Unser Hochzeitstag ist heute? Sieh, Clementine!
+das hatte ich bis in den Tod vergessen.
+Deshalb kamst Du wol auch heute so
+früh in mein Arbeitszimmer? Aber ich konnte
+Dich nicht sprechen, weil ich einen Kranken bei
+mir hatte. Nachher kamen gleich meine Studenten;
+dann wartete schon mein Wagen, ich
+mußte zu einem Consilium und konnte nicht
+mehr zu Dir kommen. Ach, armes Kind! und
+ich glaube gar, heute Morgen bin ich heftig gewesen!
+Sage mir selbst, war es nicht so?</p>
+
+<p>Clementine hatte es allerdings wehe gethan,
+daß ihr Mann sie mit einem recht unfreundlichen
+störe mich nicht, ich habe keine Zeit
+fortgeschickt hatte, als sie zu ihm ging, um ihn
+einen Augenblick zu sprechen; daß er auch den
+<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
+ganzen Vormittag nicht zu ihr gekommen war,
+was freilich öfter geschah; aber sie dachte, am
+Hochzeitstage hätte er kommen müssen, den hätte
+er nicht vergessen dürfen. Immer geneigt, die
+Schuld sich beizumessen und das Beste zu glauben,
+hatte sie Meining, als er ihr den Brief
+brachte, beschämt bekennen wollen, wie sie geglaubt,
+er hätte ihres Hochzeitstages nicht gedacht,
+ein Unrecht, das keine Frau so leicht vergibt;
+aber nun hörte sie es, es war ihm wirklich
+ganz und gar entfallen, und nur zufällig
+hatte er ihr heute den Brief gegeben. Seine
+Freundlichkeit vertrieb indeß den innern Verdruß
+gleich, und sie setzten sich Beide so fröhlich
+an die kleine Tafel, wie Clementine es lange
+nicht gewesen war. Meining war lebhaft, wie
+in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft; er machte
+die prächtigsten Plane für die Zukunft; er klagte
+sich an, daß er seine arme Clementine über die
+Gebühr vernachlässigt, daß er und sie ihr Leben
+<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
+gar nicht recht genossen hätten. Nun soll es
+anders werden, sagte er; mein Werk liegt gedruckt
+und hat schon seine erste Frucht, meine
+Berufung nach Berlin, getragen; aber nicht mir
+allein, der leidenden Menschheit muß und wird
+es nützen. Ich darf mir nun schon Etwas mehr
+Ruhe gönnen. Die Praxis gebe ich auf und
+beschäftige mich in Berlin nur mit theoretischen
+Arbeiten und mit der Klinik. Mögen meine
+Schüler den Weg verfolgen, den ich ihnen gebahnt;
+ich will anfangen auszuruhen. Nur eine
+praktische Erfahrung will ich machen, daß Du,
+meine liebe Clementine! eben so vortrefflich die
+Honneurs eines großen Hauses, als das Glück der
+engsten Häuslichkeit zu machen verstehst, daß Du
+überall gleich liebenswürdig, überall dieselbe bist.</p>
+
+<p>Bist Du der Einsamkeit denn müde, lieber
+Meining? Und wird Dir das Leben in der Gesellschaft
+Berlins behagen, da es Dir hier kein
+Vergnügen machte? fragte sie.</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
+Ganz gewiß! Darin bin ich sonderbar!
+Ich bedarf von Zeit zu Zeit gänzlicher Veränderung
+der Lebensweise; und wie ich vor zwei
+Jahren mich nach vollkommener Zurückgezogenheit
+sehnte und großes Glück darin fand, so
+freue ich mich jetzt der Abwechselung und verspreche
+mir viel davon, auch für Dich. Ich
+habe mir das Alles überdacht, schon meine Verhältnisse
+zum Hofe werden mich nöthigen, ein
+Haus zu machen, und was sollte uns daran
+hindern? Denn mir ist es Ernst damit, und
+daß Du Dich gleich jetzt davon überzeugst, lasse
+ich meine Collegia für den heutigen Abend absagen
+und wir bleiben zusammen.</p>
+
+<p>Clementine nahm den Vorschlag mit Dank
+an; sie glaubte nur zu gern an eine frohe Zukunft;
+nicht erwägend, daß unsere Entwürfe
+und Hoffnungen dem Balle gleichen, den frohe
+Kinder in die Luft werfen. Mag er noch so
+prächtig, noch so hoch steigen, das Gesetz der
+<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
+Schwere zieht ihn unwiderstehlich nieder, und
+man ist froh, wenn man ihn wieder in den
+Händen hält, mit denen man ihn emporwarf.
+So ist es fast keinem Menschen gegeben, sich
+lange in jener Stimmung zu erhalten, in die
+ein Moment der Aufregung uns versetzt; glücklich
+diejenigen Gemüther, denen das Andenken
+an solche Augenblicke nicht ganz entschwindet,
+denen es ein Höhenpunkt, ein Ziel bleibt, nach
+dem das Auge sich gern wendet, zu dem der
+Wunsch hinstrebt.</p>
+
+<p>Nach der ersten, freudigen Spannung, in
+welche diese Unterhaltung sie versetzt, fiel es
+Clementinen schwer auf's Herz, sie müsse das
+neue Glück mit der Trennung von Marien und
+den Kindern erkaufen, die ihr fast unentbehrlich
+waren, was ihr Mann wohl wußte. Aber daran
+hatte er gar nicht gedacht; er hatte mit keiner
+Sylbe gefragt, ob seine Frau eben so gern nach
+Berlin gehe, als er selbst, sondern es bestimmt
+<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
+vorausgesetzt, weil es ihm recht war. Eigen
+war es doch auch, ihr eine Ueberraschung zu
+bereiten durch einen Entschluß, der auf ihr
+ganzes Leben von so wesentlichem Einflusse war,
+der ihre ganze Zukunft in sich schloß. Meining
+konnte gewiß sein, daß sie sich keinem
+Plane entgegen zeigen würde, den er werth hielt,
+aber schon die gewöhnlichste Rücksicht hätte es
+verlangt, daß er seiner Frau die Berufung gleich
+mitgetheilt und wenigstens scheinbar um ihre
+Meinung gefragt hätte. Das war es eben, was
+sie auch oft drückte! Ihr Mann behandelte sie
+wie ein Kind, das man sehr liebt, dem man
+jeden Kummer ersparen möchte &ndash; aber sie war
+kein Kind, sie war seine Frau, die mit ihm
+seine Sorgen theilen wollte und seine Zurückhaltung
+für Geringschätzung auslegte. Meining
+hatte ihr nie etwas über seine früheren Verhältnisse
+gesagt, nie um die ihrigen gefragt; sie
+hatten Beide ihre sorglich verschwiegenen Geheimnisse
+<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
+und eigentlich Nichts gemeinsam, als
+die Gegenwart. Sie empfand das störend, es
+schien ihr eine Art von Gleichgültigkeit zu sein,
+und darum versuchte sie es auch an jenem Abende,
+nachdem sie von einer Fahrt in's Freie zurückgekehrt
+waren und ihr Mann wieder von Berlin,
+von seinen Entwürfen für die Zukunft
+sprach, einmal offen mit ihm über ihre frühere
+Neigung für Robert zu reden, was ihr jetzt,
+da sie in ihre Vaterstadt zurückkehren sollte, fast
+wie eine unerläßliche Pflicht schien.</p>
+
+<p>Kaum aber merkte Meining ihre Absicht, als
+er sie mit den Worten unterbrach: Ja! Du hast
+Recht, wir müssen uns einmal darüber verständigen.
+Ich weiß, mein Kind! daß Dir vielleicht
+Manches über mein früheres Leben erzählt
+worden ist, das Deine Besorgniß und,
+warum soll ich nicht die Wahrheit sagen? auch
+Deine Neugier erregt haben mag; aber....</p>
+
+<p>Lieber Meining! entgegnete Clementine, Neugier
+<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
+ist es wahrhaftig nicht. Ich habe aber oft
+gedacht, wenn ich Dich plötzlich, mitten in einer
+heitern Unterhaltung, ernsthaft oder nachdenkend
+werden sah, es möchten wol Erinnerungen aus
+vergangener Zeit sein, die Dich beschäftigten;
+und es hat mir dann leid gethan, nicht einmal
+ahnen zu können, was Dich bewegte. Eheleute
+dürfen keine Geheimnisse vor einander haben, und
+ich gestehe Dir offen, es liegt auch etwas Verletzendes,
+Trauriges darin, vor dem Leben seines
+Mannes, wie vor einem unlösbaren Räthsel
+zu stehen.</p>
+
+<p>Nun, ein für allemal, liebste Clementine!
+laß das Räthsel unerrathen! Es liegt in meiner
+Vergangenheit Nichts, dessen ich mich zu
+schämen hätte; Nichts, was ich bereue, und
+Nichts, was Deine oder meine Zukunft beunruhigen
+könnte &ndash; und was das Vertrauen zwischen
+Eheleuten betrifft, so halte ich das, ehrlich
+gesagt, wie Du es ansiehst, für eine unnöthige,
+<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
+kaum delikate Neugier. Mache kein
+böses Gesicht, liebe Frau, und überlege, ob ich
+nicht Recht habe?</p>
+
+<p>Aber, wandte sie ein, man beurtheilt den
+Menschen doch ganz anders, wenn man die
+Elemente kennt, die auf seine Bildung wirkten.</p>
+
+<p>Das sind ja Redensarten, mein Kind! Daß
+ich jung war, Leidenschaften hatte, wie jeder Andere,
+das kannst Du Dir denken, daß ich dabei
+eben so oft glücklich als unglücklich war, das
+versteht sich von selbst; und ob die Gegenstände
+dieser Liebe Malchen oder Rosamunde hießen,
+ob sie blond oder braun waren, das ist wol
+ziemlich gleichgültig, da sie jetzt jedenfalls alt
+und grau sind und Deine Eifersucht nicht mehr
+erregen können. Uebrigens, schloß er scherzend,
+übrigens kennst Du meine letzte, unwandelbare
+Neigung und Liebe für ein gewisses Fräulein
+Clementine Frei, das, einige überspannte Ideen
+<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
+abgerechnet, ein ganz vollkommenes Geschöpf ist.
+Von dieser Clementine hängt das Glück meiner
+Zukunft ab, und ich glaube an sie so unbedingt,
+daß mir ihr liebes, offenes Auge mehr Garantien
+gibt, als alles Erzählen aus der Vergangenheit.</p>
+
+<p>Clementine mußte lachen, schien aber doch
+nicht ganz zufrieden, so daß Meining wohl fühlte,
+heute müsse er sich ganz darüber aussprechen.
+Deshalb fuhr er plötzlich ernsthaft fort: Wenn
+ein verständiger Mann eine Frau nimmt, deren
+Vater er sein könnte, so muß es mit vollem Vertrauen
+auf den sittlichen Werth dieser Frau geschehen.
+Nicht um Dir aus meinen frühern
+Verhältnissen ein Geheimniß zu machen, vermeide
+ich die Berührung der Vergangenheit,
+sondern aus Schonung für uns Beide. Du
+hast mir, als ich um Dich warb, gesagt, daß
+Dein Herz nicht frei sei; ich habe dennoch gewünscht,
+Dich die Meine zu nennen, und es ist,
+<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
+bei Gott! nie ein Zweifel an Dir in meine
+Seele gekommen. Aber ich wiederhole Dir es
+heute, was ich Dir damals schrieb: ich will
+von Dir den Namen Deines frühern Geliebten
+<span class="gesperrt">niemals</span> wissen. Vielleicht begegnen wir ihm
+im Leben; glaubst Du, ich sei so ganz frei von
+Eifersucht, daß ich Dich nicht ängstlich beobachten,
+daß ich nicht ganz gleichgültige Dinge mißdeuten
+würde?</p>
+
+<p>Meining, bester Meining! Darum verlangtest
+Du, ich sollte gegen Dich schweigen? Kannst
+Du denn glauben, daß ich jemals....</p>
+
+<p>Ich glaube, daß ein Funke nie besser geborgen
+ist, als da, wo kein Luftzug ihn trifft.
+Die Liebe, der man entsagt hat, ruht am sichersten
+in tiefster Brust, ohne daß ein Wort ihr
+neues Leben gibt. Ich habe stets die Frauen
+belacht, die gegen eine Leidenschaft zu kämpfen
+behaupteten und, indem sie dies immerfort sagten,
+aller Welt von dieser Leidenschaft erzählten,
+<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
+von der sonst vielleicht Niemand etwas gewußt
+hätte. Darum also, um Dir den Sieg über
+eine Neigung, die Du selbst unterdrücken wolltest
+und mußtest, zu erleichtern, um mir das
+Ridikül eines Eifersüchtigen mit grauem Haare
+zu ersparen, darum wollte ich, daß nie von
+Deiner Jugendliebe zwischen uns die Rede sein
+sollte; darum wünsche ich es noch jetzt so. Ich
+weiß Dir Dank für das Glück, das ich in Dir
+gefunden; ich bin durchaus zufrieden, ich segne
+den heutigen Tag, meine Wahl und Dich &ndash;
+aber, ich bekenne Dir's offen, die Art von Vertrauen,
+die Du meinst, liebe ich nicht. Es liegt
+oft viel mehr Vertrauen zwischen Eheleuten im
+diskreten Schweigen, als in plauderhaften Mittheilungen.
+Ich denke, meine kluge Clementine,
+Du verstehst mich; wo nicht &ndash; nun so
+verlange ich, als strenger Herr, Gehorsam, wenn
+es selbst gegen Deine Ansicht wäre.</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
+Meining schien höchst aufgeregt; er stand
+auf und ging langsam im Zimmer auf und ab,
+bis er zuletzt gedankenvoll, die Stirne gegen
+die Scheiben gelehnt, am Fenster stehen blieb.
+Clementine war keines Wortes mächtig. Tief
+durchdrungen von ihres Mannes gütiger und
+kluger Liebe, that es ihr Leid, ein Gespräch herbeigeführt
+zu haben, das ihm unangenehm war
+und ihm den Abend eines Tages verdarb, der
+so freundlich begonnen hatte &ndash; und doch that
+ihr, trotz alle dem, Meining's augenblickliches
+Leiden unbeschreiblich wohl. Sie sah, daß er
+sie heftig liebe, daß er sie nicht entbehren könne,
+und sie fand eine Jugendlichkeit des Gefühls
+in seiner Liebe, die sie, ohne es selbst zu wissen,
+fortwährend vermißt hatte. Vergebens strebte
+sie den Anfang zu einer Unterhaltung zu finden,
+die ihren Mann zerstreuen könnte, ihn abzöge
+von den peinlichen Gedanken; sie war selbst so
+erschüttert, daß sie ihren Gefühlen Raum lassen
+<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
+mußte. Auch vermochte sie es nicht, nach Art
+mancher Frauen, über Dinge, die sie beschämen,
+mit verstellter Ruhe fortzugehen &ndash; darum stand
+sie auf, schlang ihren Arm durch Meining's Arm
+und sprach: Sei nicht böse, Lieber, wenn ich
+Unrecht hatte, und bleibe mir gut! Sage nur,
+Du böser, strenger Herr, wie Du es willst, ich
+werde schon gehorchen, und nun komme und
+stecke als Zeichen der Versöhnung die Friedenspfeife
+an. Indeß bereite ich den Thee und &ndash;
+das ist <span class="gesperrt">mein</span> Friedens- und Versöhnungspfand.</p>
+
+<p>Ein Kuß, den ihr Mann mit vielen andern
+erwiderte, war das Ende dieser Scene, und
+nachdem Meining den beabsichtigten Brief an
+das preußische Ministerium geschrieben, verging
+der Abend den Beiden auf das Angenehmste, wie
+er begonnen, in traulichem Plaudern über die
+künftigen Verhältnisse und langem Ueberlegen,
+wie es möglich sein würde, später auch dem
+<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
+Professor Reich in Berlin eine Anstellung zu
+verschaffen, damit Clementine und Marie nicht
+wieder getrennt würden, was beiden Schwestern
+gar schwer fiel.</p>
+
+
+
+
+<h2><a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
+Sechstes Kapitel.</h2>
+
+
+<p>Indessen kam die Zeit dieser Trennung, die für
+den Oktober festgesetzt war, schneller heran, als
+man es wünschte. Nun es dazu gekommen war,
+fiel der Abschied von Heidelberg dem Geheimrath
+und seiner Frau viel schwerer, als sie es
+geglaubt hatten. Sie waren an das mildere
+Klima, an den kürzern Winter gewöhnt. Meining
+hatte eine lange Reihe von Jahren dort
+gelebt und in manchem seiner Collegen einen
+Freund gefunden; Clementine konnte sich von
+Marien und namentlich von den Kindern nicht
+losreißen, und dadurch begann die Reise zu
+dem sehr ersehnten Ziele mit heißen Thränen und
+schwerem Herzen, wie es gar oft im Leben geschieht.</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
+Meining und Clementine hatten sich eigentlich
+auf die Reise selbst unbeschreiblich gefreut.
+Der Geheimrath hatte es sich zum Feste gemacht,
+seine junge, liebenswürdige Frau all
+seinen alten Freunden, die sie auf dem Wege
+besuchen wollten, zu präsentiren und ihrer Bewunderung
+zu genießen; während Clementine,
+die sehr reiselustig war, sich doppelten Genuß
+davon in der Gesellschaft ihres Mannes versprach.
+Es lag ein eigner Zauber für sie in
+dem Gedanken, mitten in der fremden Umgebung
+mit ihrem Manne allein zu sein, nur auf
+einander angewiesen, ganz auf sich selbst beschränkt.
+Sie wußte, daß ihr Herz weit und
+froh werde, so oft es ihr vergönnt war, wie
+ein leichter Zugvogel die Welt zu durchfliegen;
+sie hoffte dasselbe von Meining und war im
+Voraus entzückt über das Glück, das sie Beide
+in dieser Stimmung empfinden mußten. Leider
+aber verbitterte der Himmel selbst die erwartete
+<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
+Freude. Das Wetter war schon am Tage ihrer
+Abreise ungewöhnlich kühl und regnig geworden
+und blieb fast beständig schlecht. Man konnte
+kaum daran denken, den Wagen zu verlassen,
+fand es auf den Landstraßen neblig, trotz der
+noch frühen Jahreszeit; in den Städten still,
+weil der Regen die Leute zu Hause hielt. Meining,
+der sonst immer gesund war, hatte, darauf
+trotzend, sich eine Erkältung zugezogen, die,
+wenn auch unbedeutend, ihn doch mislaunig
+machte, und das Wiedersehen seiner frühern Bekannten
+trug noch dazu bei, ihn vollends zu
+verstimmen. Die Meisten hatten so gewaltig
+gealtert, daß ihr Anblick ihm peinlich war, weil
+es ihn selbst auf unangenehme Weise an seine
+vorgerückten Jahre mahnte. Er fand Einige
+mitten in einer großen Familie, gedrückt von
+Sorgen und nicht belohnt für ihr Leben, wie
+sie es verdienten, Andere untergegangen in Egoismus
+und Pedanterie, Wenige in zusagenden
+<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
+Verhältnissen, verheirathet mit Frauen ihres
+Alters und zufrieden mit ihrem Geschicke. Diese
+konnten es nicht unterlassen, ihn halb im Ernste,
+halb scherzend darauf aufmerksam zu machen,
+daß er doch eine gar junge Frau gewählt hätte,
+was, trotz ihrer Liebenswürdigkeit, immer bedenklich
+sei; Jene rührten ihn durch eine Masse
+von Klagen, durch Leiden, denen er nicht abhelfen
+konnte, und je mehr er Grund hatte
+glücklich zu sein, um so drückender wurde ihm
+die Lage seiner frühern Bekannten. Unwohl
+und niedergeschlagen, wie er es war, drang er
+auf die größte Beschleunigung der Reise und
+beschloß Tag und Nacht zu fahren, um schneller
+an das Ziel und zur Ruhe zu gelangen, womit
+seine Frau, unter diesen Verhältnissen, ganz
+einverstanden sein mußte.</p>
+
+<p>Bei der Eile, mit welcher die Reise zurückgelegt
+wurde, sah sich Clementine wie mit einem
+Zauberstabe in ihre geliebte Vaterstadt versetzt.
+<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
+Als sie zuerst die bekannten Plätze erblickte,
+überfiel sie eine so tiefe Wehmuth, daß
+ihr die Thränen aus den Augen stürzten und
+sie sich, wie ein banges Kind, an Meining
+schmiegte, nicht wissend, ob es Freude oder
+Schmerz, Hoffnung oder Furcht sei, was sie
+bewegte. Da ging die erste bekannte Person
+vorüber, und ein Gefühl von unbeschreiblichem
+Vergnügen trocknete die Thränen. Nun war
+es bald ein Dienstmädchen, das in ihrem elterlichen
+Hause gedient, ein Offizier, mit dem sie
+auf den Bällen getanzt, ein Fenster, an dem
+sie oft mit einer Freundin gestanden, ein Laden,
+in dem sie als kleines Kind ihr Spielzeug gekauft
+&ndash; kurz auf jedem Schritte neue Gegenstände
+der freudigsten Erinnerung. Sie war
+wieder zum frohen Kinde geworden, und Meining
+konnte gar nicht Alles sehen und bewundern,
+was ihm Clementine, als des Sehens und
+Bewunderns werth, zeigte. Er wurde selbst
+<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
+heiter, als er den Ort, an dem er zu wirken
+berufen war, so glänzend und bewegt vor sich
+sah, und die Freude seiner Frau erhöhte diese
+Stimmung bedeutend. Jetzt bog der Wagen
+in die Jägerstraße ein; Clementine zitterte &ndash;
+sie hielten vor ihrem Hause, vor dem Hause
+ihrer verstorbenen Eltern, in dem sie jetzt wieder
+wohnen sollte.</p>
+
+<p>Sie war immer im Besitze dieses Grundstückes
+geblieben, das ein Verwandter für sie
+verwaltet hatte, als sie Berlin verließ, und hatte
+sich das Quartier, welches ihre Eltern einst bewohnten,
+reserviren lassen, sobald sie die Nachricht
+von Meining's Berufung in ihre Vaterstadt
+erhalten. Jetzt trat sie in die wohlbekannten
+Räume. Es war ihr, als hätte sie sie eben
+verlassen, als kehre sie von einem Spaziergange
+zurück; aber wie war Alles so fremd, so öde!
+Die Zimmer, kaum nothdürftig möblirt, schallten
+wieder von der Stimme der Sprechenden;
+<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
+nur die Stimme des theuern Vaters, der herzliche
+Willkomm der Tante tönten nicht an ihr Ohr
+&ndash; sie waren todt, entfernt! und doch saß da
+drüben am Fenster noch die schöne, stattliche
+Frau mit dem Wachtelhündchen, vor der Thüre
+die alte Blumenverkäuferin mit dem ewigen
+Strickstrumpf; noch gingen die Offiziere und
+Referendare lorgnirend und grüßend an den Fenstern
+der gefeierten Sängerin vorüber; die Schauspieler
+eilten zur Probe in das nahe Theater;
+die Gourmands zogen zu Thiermann &ndash; es war
+Alles das Alte geblieben, nur Clementine war
+eine Andere, eine Fremde in der Heimat geworden.
+Mit diesen Gefühlen betrat sie ihr
+ehemaliges Stübchen und versank in tiefe Gedanken,
+aus denen das Fragen ihrer Jungfer
+und des Dieners sie rissen, die arrangiren, auspacken
+und placiren wollten. Dann kam Meining
+hinzu, die Wohnung wurde durchwandert,
+Rücksprache über die nöthigsten Erfordernisse genommen
+<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
+und das Treiben des Augenblickes machte
+sein Recht geltend für diesen Tag und die ganze
+nächste Zeit.</p>
+
+<p>Auch fanden sich jetzt wirklich eine Menge
+Geschäfte für sie. Meining wünschte sein Haus
+glänzend einzurichten, es zu dem Sammelplatz
+der geistigen Celebritäten zu machen, und in
+diesem Sinne mußten die Einrichtungen getroffen
+werden, wobei Clementinens geläuterter Geschmack,
+ihr angeborner Schönheitssinn ihm vortrefflich
+zu Statten kamen. In wenigen Wochen
+waren die öden Zimmer in die eleganteste
+Wohnung verwandelt, die trotz der modernen
+Pracht einfach und komfortable erschien, weil
+ihre Besitzerin heimisch darin und für diese Umgebung
+geschaffen war. Meining fand eine Freude
+daran, Clementine in diesen neuen Verhältnissen
+zu betrachten. Fast täglich wurden ihr Fremde
+vorgestellt. Ein großer Kreis fing an, sich um
+sie zu versammeln, und, obgleich das Alles sie
+<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
+augenblicklich zerstreute, vermißte sie doch gar
+sehr ihre früheren Bekannten, deren nur noch
+äußerst wenige in Berlin lebten. Von den
+Mädchen waren die meisten verheirathet und
+mit ihren Männern nach fernen Orten gezogen.
+Die alten Freunde ihres Vaters waren theils
+gestorben, theils, da sie dem Beamtenstande angehörten,
+ebenfalls versetzt; so, daß ihr eigentlich
+nur die Frau des Banquier Klenke von
+dem frühern Kreise geblieben war. Diese Marianne
+Klenke hatte Clementine erst ein Jahr
+vor ihrer Abreise von Berlin kennen gelernt,
+und Beide hatten sich, vielleicht grade wegen
+ihrer vollkommen unähnlichen Charaktere, mehr
+seitig angezogen. Clementine war damals schon
+traurig und unglücklich durch den Verlust ihres
+Robert's gewesen, und es hatte sie gefreut zu
+sehen, daß Jemand so lebensfroh, so vollkommen
+glücklich sein könne, als Marianne, deren
+gutmüthiges, offenes Wesen sie für dieselbe eingenommen
+<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
+hatte. Sie hatte Freude daran gefunden,
+Mariannen, die arm war und bei entfernten
+Verwandten lebte, Theil nehmen zu
+lassen an den Zerstreuungen und Genüssen, die
+ihr elterliches Haus fast täglich bot. Dort hatte
+Klenke, einer der reichsten Banquiers der Stadt,
+sie kennen gelernt, sich in sie verliebt und sie bald
+nach Clementinens Abreise geheirathet. Klenke
+hatte in der ersten Zeit seiner Ehe der jungen
+Frau in Allem den Willen gelassen, und diese
+hatte sich in ein Meer von Zerstreuungen gestürzt,
+die nicht ganz ohne nachtheiligen Einfluß
+auf sie geblieben waren. Eine Anlage zu Affektation
+und Koketterie, die Clementine oft an
+ihr getadelt, hatte sich mehr ausgebildet; da sie
+ihrem Manne aber auf's Innigste ergeben war
+und sehr glücklich mit ihrem kleinen Töchterchen,
+ließ Clementine die Hoffnung nicht schwinden,
+Marianne werde von den Thorheiten, die sie in den
+neuen Verhältnissen angenommen, zurückkommen,
+<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
+je mehr diese ihr zur gleichgültigen Gewohnheit
+und ihr Kind ihre Freude und Beschäftigung werden
+würde. So gab sie sich ohne Rückhalt dem
+Vergnügen hin, das ihr das Beisammensein mit
+Mariannen gewährte, die »außer sich vor Entzücken«
+über die Rückkehr ihrer Clementine schien,
+und beide Frauen beschlossen viel beisammen zu
+sein, weil ihre Männer durch Geschäfte gefesselt
+und sie dadurch oft allein waren.</p>
+
+<p>Meining hatte zwar anfangs seinen Vorsatz,
+keine Praxis zu übernehmen, durchaus festhalten
+wollen; konnte es aber nicht durchführen, da
+er bald von den ersten Familien in bedenklichen
+Fällen zu Rath gezogen wurde und die Hülfe,
+die der Vornehme und Reiche forderte, dem
+Armen nicht versagen konnte. Dadurch machte
+es sich ganz anders, als er es beschlossen hatte.
+Eine ungeheure Praxis absorbirte ihn so sehr,
+daß er kaum Zeit für die nöthigsten Vorbereitungen
+zu seinen Vorlesungen bei der Universität
+<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
+behielt, und die Folge davon war, daß Clementine
+ihn noch weniger sah, als in Heidelberg,
+da er sich in Berlin der Gesellschaft nicht entziehen
+konnte und wollte und somit auch die
+wenigen freien Abendstunden besetzt waren, die
+sie in Heidelberg doch immer mitsammen verlebt
+hatten. Oft traf es sich, daß die Eheleute, die
+sich Morgens nur flüchtig gesehen und gesprochen
+hatten, erst zur Stunde des Diners wieder
+zusammentrafen, das sie außer dem Hause oder
+in Gesellschaft im Hause einnahmen, und daß
+dann Meining seiner Frau dringend zuredete,
+den Abend, den er bei irgend einem Staatsmanne
+zubrachte, nicht allein zu verleben, sondern
+das Theater oder irgend einen Ort zu besuchen,
+an dem sie sich zu unterhalten hoffe.</p>
+
+<p>Das war auch der Fall, als sie einen Mittag
+in kleinerm Kreise im Klenke'schen Hause
+dinirt hatten. Die Gesellschaft war zeitig aus
+einander gegangen, und Madame Klenke beschwor
+<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
+Clementine, den Rest des Abends bei
+ihr zuzubringen, um, wie in der Mädchenzeit,
+<span class="gesperrt">ein wenig zu plaudern</span>, welches der Kunstausdruck
+der Damen für ihre vertrautesten Herzensergießungen
+ist. Später, zum Thee, sollten
+die Männer zurückkehren. Marianne hatte
+der Geheimräthin nie nahe genug gestanden, als
+daß diese geneigt sein konnte, mit ihr über die
+Verhältnisse ihrer Vergangenheit oder über ihre
+jetzige Lage zu sprechen, und obgleich sie sich
+deshalb von dem Abende keinen besondern Genuß
+versprach, willigte sie doch gern ein, ihn mit
+Marianne zu verleben, der viel daran gelegen zu
+sein schien. Nachdem die Männer sich entfernt
+hatten, zogen sich die beiden Damen in ein kleineres
+Zimmer zurück, setzten sich behaglich auf
+ein Sopha und begannen, wie gewöhnlich, mit
+den nahliegendsten Dingen. So tadelte Madame
+Klenke Clementinens Toilette.</p>
+
+<p>Du gehst wirklich wie eine Nonne, Clementine!
+<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
+sagte sie; schon als Mädchen haben Deine
+ewigen, dunkeln Kleider, Deine einfachen Hüte
+mich tödtlich gelangweilt; nun aber, wenn man
+Deine prachtvolle Equipage und die Diener in
+schönster Livree sieht, müßte man wirklich meinen,
+nun werde eine Dame in strahlender Toilette
+daraus hervorsehen &ndash; <i>mais non!</i> eine
+Herrnhutherin, eine <i>soeur grise</i> sieht heraus,
+mit edlen Zügen, dunkeln Augen, der interessantesten
+Blässe; und man erfährt verwundert, die
+Dame im schwarzen Kleide, <i>collet monté</i>, die
+in graziöser Nachlässigkeit in den Wagenkissen
+lehnt, sei die junge, reiche Geheimräthin von
+Meining, die Frau eines unserer berühmtesten
+Männer, der sie unaufhörlich mit Schmuck und
+Putz überhäuft. Und weißt Du, <i>dearest love</i>!
+Man muß in der That glauben, Du wärest
+nicht glücklich. Die junge, schöne Frau eines
+alten Mannes, die so <i>languissante</i> aussieht
+und jeden Schmuck verschmäht, muß durchaus
+<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
+unglücklich sein. Aber <i>plaisanterie à part!</i> bist
+Du denn glücklich verheirathet? Ich konnte mir
+gar nicht denken, daß Du jemals einen so alten
+Mann heirathen würdest. Wie lebst Du
+denn eigentlich, mein Herz?</p>
+
+<p>Siehst Du das nicht, Marianne? sehr zufrieden.
+Meining ist nicht mehr jung, aber er
+ist so gut, so geistreich, so brav und hat mich
+so lieb, daß mir gar Nichts zu wünschen bleiben
+kann. Und in der That! jung bin ich auch
+nicht mehr; Meining ist 53, aber ich bin auch
+schon dreißig Jahre, und damit ist man doch
+wirklich nicht mehr eine junge Frau.</p>
+
+<p>Marianne lachte laut auf. Als ob ich jünger
+wäre! und doch behandelt mich mein 34jähriger
+Mann ebenso wie unsere kleine Nanny, nur
+daß er gern möchte, die Kleine lernte sprechen
+und ich schweigen. Mutter und Tochter verrathen
+aber wenig Anlage zu den Eigenschaften,
+die man ihnen wünscht. Schade überhaupt, daß
+<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
+Du nicht meinen Mann geheirathet; er ist bezaubert
+von Deinem ruhigen Anstande, von
+Deinem verständigen, geistreichen Wesen, und
+als der Geheimrath neulich erzählte, daß Ihr
+in Heidelberg ganz wie die Einsiedler gelebt und
+wie häuslich Du eigentlich wärest, schien das
+meinem Manne <i>le comble du bonheur</i>, während
+ich mir fest vornahm, Dich für die fabelhafte
+Langeweile zu entschädigen. Was hast
+Du denn eigentlich dort angefangen?</p>
+
+<p>Mein Gott! ich habe ganz angenehm gelebt.
+Besonders scheint es mir in der Erinnerung so.
+Freilich war ich viel allein &ndash; aber hier sehe
+ich Meining fast gar nicht; und so sehr mich
+auch augenblicklich das Leben in der Gesellschaft
+unterhält, so werde ich es sehr bald müde werden
+und Meining vielleicht noch früher als ich.
+Dann beginnen wir wol unser stilles Leben wieder,
+und Du kannst selbst sehen kommen, wie
+wir es machen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
+Um Alles nicht! lieber Engel, damit bleibe
+mir fern. Sage mir nur in aller Welt, was
+Du den Tag hindurch angefangen hast; <i>quant
+à moi!</i> Ich stürbe bei dem bloßen Gedanken.</p>
+
+<p>Ich habe gelesen, liebste Marianne! Habe
+selbst den Haushalt besorgt, Mariens Kinder
+unterrichtet, und damit ist mir die Zeit vergangen.
+Du weißt, ich bin auch als Mädchen gern
+zu Hause gewesen.</p>
+
+<p>Madame Klenke sah plötzlich fest in Clementinens
+Augen und sagte mit schmeichelnder Stimme:
+Hören Sie, gnädige Frau! <i>je me méfie de
+votre sincérité</i> &ndash; mir ist es oft gewesen, als
+hätten Dero Gestrengen, was man so nennt,
+<i>une passion malheureuse</i> gehabt, und als
+hätten Sie sich nachher aus <i>dépit amoureux</i>
+verheirathet. Nein, sei nicht böse, süße, einzige
+Clementine, fuhr sie fort, als sie bemerkte, daß
+Letztere plötzlich glühendroth und sehr ernst wurde
+&ndash; ich habe es in der That geglaubt, als ich
+<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
+Dich kennen lernte, aber nie gewagt, Dich darum
+zu fragen; und Madame Thalberg, die ich, ehe
+sie Berlin verließ, einmal deshalb anging, weil
+Du mit ihr früher so bekannt warst, sagte mir,
+sie hätte nie davon gehört. Nun wollte ich Dich
+selbst heute einmal fragen, und da wirst Du
+böse! sei gut &ndash; ich weiß ja, Du bist ein Tugendspiegel;
+aber daß Du keinen Scherz verstehst,
+das ist doch schlecht von Dir.</p>
+
+<p>Clementine war schnell ihrer Aufwallung
+Meister geworden und bemühte sich, der peinlichen
+Unterhaltung ein Ende zu machen. Sie
+versuchte die Neckerei in derselben Art zu erwiedern,
+bat endlich, Marianne möge ihr die kleine
+Nanny holen lassen, und in dem Tändeln mit
+dem Kinde verging die Zeit bis zur Rückkehr
+der Männer. Meining fand seine Frau verstimmt;
+sie klagte über Ermüdung und trieb
+früher als gewöhnlich zum Aufbruch.</p>
+
+
+
+
+<h2><a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
+Siebentes Kapitel.</h2>
+
+
+<p>Das gesellige Leben bewegte sich rasch und bunt;
+Gesellschaften, Theater, Bälle und Concerte
+wechselten fast täglich mit einander ab. Meining,
+der in Heidelberg sich ganz in die engste
+Häuslichkeit zurückgezogen hatte, fand nun, wie
+er es selbst vorausgesehen, eine große Freude
+an der Gesellschaft. Die ehrenvolle und höchst
+schmeichelhafte Art, mit der ihm von allen Seiten
+gehuldigt ward, freute ihn und regte ihn
+an; dazu kam, daß er sich von seinen nähern
+Bekannten hatte überreden lassen, Karte spielen
+zu lernen, und er fand darin eine so angenehme
+Zerstreuung, ein so geistreiches Ausruhen nach
+der Arbeit, daß ihm schon darum die Gesellschaft
+<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
+lieb wurde, weil er sicher war, dort seine
+Partie Whist oder <i>L'hombre</i> nicht zu entbehren.
+Dadurch sah sich Clementine aus der abgeschlossensten
+Einförmigkeit schnell in eine ganz entgegengesetzte
+Sphäre versetzt. Der Name ihres
+Mannes, sein Rang und Reichthum und ihre
+eigne Liebenswürdigkeit zogen die Blicke auf sie.
+Man bemühte sich, sie in den Zirkeln zu haben,
+und der Nachsatz: kommen Sie, Frau von
+Meining ist auch bei uns, wurde mancher Einladung
+hinzugefügt. Clementine lächelte oft
+selbst, wenn sie bedachte, wie sie gar Nichts
+dazu thue, den Ruf unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit
+und des anmuthigsten Geistes zu verdienen;
+denn sie fühlte, daß das ganze Geheimniß
+der Kunst, zu gefallen, bei ihr darin läge,
+Jeden gewähren zu lassen. Sie sprach im Ganzen
+wenig und ruhig, hörte mit Verstand zu,
+konnte aber doch bisweilen, wenn ihr Gefühl
+angeregt wurde, zu dem lebhaftesten Gespräch
+<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
+hingerissen werden oder einen Streit durch eine
+geschickte Wendung beenden. Das nahm die
+Männer für sie ein. Und obgleich sie nach jener
+Unterhaltung mit Marianne mehr Sorgfalt auf
+die Eleganz ihrer Toilette verwendete, um zu
+keinen ähnlichen Bemerkungen Anlaß zu geben,
+machte ihr gänzliches Verzichten auf jene Bewunderung,
+die durch eigne Schönheit und Pracht
+der Kleidung hervorgerufen wird, den Neid und
+die Eifersucht der Frauen schweigen, die sonst
+sich leicht ihrer bemächtigt und ihre Ruhe
+gestört hätten. Meining's zärtliche Eitelkeit auf
+seine Clementine fand hier in dem größern
+Kreise die reichlichste Nahrung. Mehr als jemals
+entzückt von seiner Frau, hätte er gern
+alle Pracht und allen Luxus der Welt um sie
+vereinigt, um den Edelstein, den er in ihr besaß,
+auch in der glänzendsten Fassung zu zeigen.
+Hatte er sie früher geachtet und werth gehalten,
+so war er nun recht eigentlich verliebt in
+<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
+sie, wie er es nur jemals in frühster Jugend
+gewesen. Sie war ihm die treue Gefährtin von
+früher und doch eine ganz neue Erscheinung,
+und er hatte Nichts lieber, als wenn man ihn
+dieser Frau wegen glücklich pries. Dann unterließ
+er nie, ihre häuslichen Tugenden, von deren
+Ausübung jetzt gar nicht mehr die Rede war,
+auf das Eifrigste zu rühmen und hinzuzufügen,
+wie thöricht es sei, zu einer glücklichen Ehe
+Gleichheit des Alters als wesentliche Bedingung
+zu betrachten. Er sei fast noch einmal so alt,
+als seine Frau, und doch vollkommen glücklich.</p>
+
+<p>Und in der That, die Ehe des Geheimraths
+von Meining galt für ein Muster von Zufriedenheit,
+Eintracht und Glück. Denn daß Clementine
+unter den Spitzen und Perlen ihr Herz
+leer und sich mitten in der größten Gesellschaft
+häufig verlassen fühlte, das konnte die Welt
+nicht wissen. Sie sehnte sich, da ihre Ehe kinderlos
+zu bleiben schien, nach Mariens Kindern,
+<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
+mit denen sie sich in Heidelberg viel beschäftigt,
+und hätte Alles darum gegeben, wenn Marie
+ihr eines derselben anvertraut hätte, wozu aber
+weder Marie noch Meining, der das unruhige,
+kindliche Treiben nicht liebte, die geringste Neigung
+zeigten, sodaß sie auch diesen Wunsch
+bald aufgeben mußte und das tiefe Liebebedürfniß
+in ihrer Seele unbefriedigt blieb. Sie fühlte
+sich alt werden und arm in all' dem Reichthum,
+der sie umgab, und die Ueberzeugung, in ihrem
+Leben könne keine Freude mehr erblühen, faßte
+tiefer als je Wurzel in ihr. Dazu kam, daß
+die neue Lebensweise sie aufregte und angriff,
+und, was sie sich selbst kaum zu gestehen wagte,
+Robert's Bild trat hier, wo sie die schönste Zeit
+ihres Lebens mit ihm verlebt hatte, unaufhörlich
+vor ihr inneres Auge. Wenn sie bisweilen
+einsam und abgespannt in ihrem Mädchenstübchen
+saß, das sie sich jetzt zum Boudoir erwählt
+hatte, gedachte sie mit inniger Wehmuth an die
+<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
+Stunden, die sie hier in Robert's Andenken verträumt,
+und ein Gefühl gänzlicher Trostlosigkeit
+bemächtigte sich ihrer, ohne daß sie selbst sich
+dessen deutlich bewußt war.</p>
+
+<p>In dieser Stimmung traf sie in den ersten
+Tagen des Dezembers folgendes Billet von
+Frau von Stein, einer Dame, die für einige
+Zeit in Berlin lebte und in deren Hause der
+Geheimrath Arzt war, wodurch sie auch in
+nähern geselligen Beziehungen standen.</p>
+
+
+<h3>Frau v.&nbsp;Stein an die Geheimräthin
+v.&nbsp;Meining.</h3>
+
+<p>Liebste Meining! Ihr Mann verläßt mich
+eben, mit dem Versprechen, heute Mittag bei
+mir ein Diner <i>à l'improviste</i> anzunehmen, wenn
+Sie ihn begleiten wollen. Und wollen müssen
+Sie diesmal; wäre es nur, um den interessantesten
+Mann von der Welt, den <i>lion</i> der letzten
+marienbader <i>saison</i>, kennen zu lernen, der
+<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
+mich heute besuchte, und den ich eingeladen habe.
+Ich, die Fremde, habe ihm, der nur für wenige
+Tage hier ist, alles Schöne seiner Vaterstadt
+versprochen und ihm gesagt, er werde auch die
+geistreichste, liebenswürdigste Frau Berlins bei
+mir finden.</p>
+
+<p>Machen Sie mich nicht zur Lügnerin, Beste!
+und stellen Sie sich hübsch um vier Uhr ein.
+Der Geheimrath läßt Ihnen durch mich sagen,
+er werde Sie abholen kommen. Auf Wiedersehen
+also?</p>
+
+<p class="signature"><span class="gesperrt">Anna von Stein</span>.</p>
+
+<p>Clementine war um vier Uhr bereits fertig,
+als der Geheimrath nach Hause kam, um mit
+ihr zu dem Diner zu fahren. Sie fanden die
+aus wenig Personen bestehende Gesellschaft schon
+beisammen. Frau von Stein mit einer Dame
+im ersten Zimmer, die Herren in der Nebenstube,
+die eben angekommenen Zeitungen durchblätternd.
+<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
+Auch Meining trat in das Kabinet
+und kehrte nach einiger Zeit mit einem Herrn
+zurück, den Clementine, da sie mit dem Rücken
+gegen die Thüre gesessen, erst erblickte, als Meining
+ihn ihr mit den Worten vorstellte: Liebe
+Clementine! Herr Thalberg, der, wie ich eben
+höre, ein Freund Deines väterlichen Hauses war.</p>
+
+<p>Clementine war wie gelähmt; ein furchtbarer
+Schmerz durchzuckte ihre Brust, ihr Herz
+schlug so heftig, daß es sie betäubte, sie war
+keines Wortes mächtig, und ihre Aufregung wäre
+Niemand entgegen, wenn nicht Frau von Stein
+in komischem Verdruße ausgerufen hätte: Also
+Sie kennen einander? O! das ist himmelschreiendes
+Unrecht. Liebste Meining! das ist ja
+der marienbader <i>lion</i>, den ich Ihnen gemeldet
+hatte, und nun ist es ein ganz alter Bekannter
+Ihrer Familie, den Sie besser kennen, als ich.</p>
+
+<p>Clementine erwiederte den Scherz mit einem
+erzwungenen Lächeln und Robert entgegnete:
+<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
+Für mich, gnädige Frau! ist die Ueberraschung,
+die Sie mir zugedacht, um so größer, da ich
+Frau von Meining noch in Heidelberg vermuthete.
+In Wahrheit, wir Landleute werden so fremd
+in der großen Welt, daß wir auch von den
+glänzendsten Gestirnen an ihrem Horizonte wenig
+erfahren.</p>
+
+<p>Diese künstliche, kalte Galanterie brachte
+Clementine wieder zu sich. Es gelang ihr, eine
+gleichgültig höfliche Antwort zu geben. Sie fragte,
+ob Thalberg viel auf dem Lande lebe, und erfuhr,
+daß er, nach dem Tode eines Verwandten,
+dessen große Güter an der mecklenburger
+Grenze geerbt und dort seinen Wohnort gewählt
+habe, da ihm das Landleben und die damit verbundene
+Thätigkeit sehr zusage. Nur dann und
+wann, schloß er, verlasse ich meine kleine Residenz,
+wie im vorigen Jahre, um das Marienbad,
+und jetzt, um meine Vaterstadt nach mehrjähriger
+Abwesenheit zu besuchen. Doch denke
+<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
+ich höchstens ein paar Wochen hier zu verweilen.</p>
+
+<p>Ein Diener meldete, daß servirt sei, und
+die Gesellschaft begab sich zur Tafel. Clementine
+glaubte unter dem Einfluß eines schönen
+Traumes zu sein, dem sie ewige Dauer wünschte.
+Sie sah Robert wieder! Das war die stolze,
+hohe Gestalt, das befehlende Auge, die königliche,
+bleiche Stirne, das war der Mund, der
+so kalt und eisig spotten und so süß, so unwiderstehlich
+sein konnte, wenn er sich zu Bitten
+herabließ; das war das schöne, dunkle Haar
+mit der Fülle seiner reichen Locken, das bei ihrem
+Abschiede sich auf ihre Stirne gedrückt hatte.
+Jeder Laut seiner Stimme war ihr bekannt, aus
+jedem Worte sprach sie eine beseligende Vergangenheit
+an. Neues Leben schien für sie zu
+beginnen, ihr Gesicht glühte, ihr Herz schlug
+frei, &ndash; so mag es Dem zu Muthe sein, der nach
+langem Leiden und hoffnungsloser Krankheit
+<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
+aus winterlicher Nacht plötzlich gesund in den
+belebenden Strahl der Sonne geführt würde
+und rings umher Frühling sähe. Nicht der
+Vergangenheit, nicht der Zukunft gedachte sie,
+sie war glücklich im Moment.</p>
+
+<p>Während Clementine in seligen Empfindungen
+schwelgte, war die Unterhaltung bei Tisch
+lebhaft geworden; Meining sprach sich anerkennend
+über die ganze Richtung aus, die er in
+der preußischen Verwaltung gefunden, und die
+es ihm, außer manchen Andern, sehr lieb mache,
+seine jetzige Stellung angenommen zu haben.
+Er wunderte sich, daß Thalberg, der von seiner
+Familie für den Staatsdienst bestimmt worden
+und die ersten Schritte dazu mit Neigung gethan
+hatte, sich plötzlich aus der Carrière zurückgezogen
+habe, und fragte ihn, was ihn dazu
+bewogen hätte.</p>
+
+<p>Vor allen Dingen, entgegnete dieser, der
+Wunsch nach Unabhängigkeit. Man kann im
+<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
+Grunde den Staatsdienst doch nur von zwei
+Gesichtspunkten aus betrachten; einmal, als ein
+Mittel zu ehrenvoller, segensreicher Wirksamkeit,
+oder als Mittel zum Erwerb. Von beiden Seiten
+aber bot er mir keine Befriedigung.</p>
+
+<p>Und ich hätte grade geglaubt, daß der Wunsch
+nach Wirksamkeit in der Administration, der Sie
+sich gewidmet hatten, volle Genüge finden müsse,
+sagte Meining.</p>
+
+<p>Nicht im Geringsten, Herr Geheimrath! der
+Dienst bei der Verwaltung ist ein reines Maschinenwesen,
+und die niedern Beamten gleichen
+einer Uhr, die gehen muß, wenn sie aufgezogen
+wird. Glücklich genug, wenn der Uhrmacher
+sein Fach versteht und die Räder nicht zum
+Gehen zwingen will, nachdem er die Feder zerbrochen.</p>
+
+<p>Mich dünkt aber, daß es in Preußen an
+einsichtsvollen Dirigenten nicht fehle; dafür bürgt
+das allgemeine Fortschreiten des Staates. Wenigstens
+<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
+können Sie nicht leugnen, daß überall
+der beste Wille vorhanden ist! fuhr Meining
+fort.</p>
+
+<p>Das leugne ich auch nicht! entgegnete Thalberg.
+Die Frage für den Staatsdiener, der
+sich nicht zur Maschine hergeben will, ist nur
+die, ob seine Ansichten von Menschenglück, von
+Fortschritt mit denen übereinstimmen, die ihm
+zu verbreiten befohlen werden. Das war nun
+leider mein Fall nicht. Ich sah und erkannte
+manches Gute, das gefördert wurde; aber mir
+blieb das drückende Gefühl von Unvollständigkeit,
+das ich bei der polnischen Revolution empfand,
+in der die Edelleute um und für eine
+Freiheit kämpften, die sie ihren Bauern, die
+leibeigen blieben, vorenthielten. Diese Halbheit
+machte mir meinen Beruf unerträglich, weil
+ich für Halbheiten nicht mein ganzes Wirken
+opfern wollte.</p>
+
+<p>Und so sind auch Sie, ein geborner Preuße,
+<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
+ein Gegner Ihrer Regierung? fragte der Geheimrath.</p>
+
+<p>Durchaus nicht! war die Antwort. Ich habe
+jedesmal, wenn ich nach längerer Abwesenheit
+in mein Vaterland zurückkehrte, mich geborgen
+gefühlt und zufrieden; ich bin stolz auf manche
+unserer Institutionen, die eine herrliche Basis
+für die demokratische und constitutionelle Erziehung
+des Volkes geben; ich meine unsere
+Landwehr und die Städteverwaltung, von denen
+namentlich die erstere so tief in das Leben des
+Volkes gedrungen ist, daß keine Gewalt sie vernichten
+könnte. Aber daß sie nun auf halbem
+Wege stehen bleiben, daß man sich einbildet,
+stillstehen zu können und zu dürfen; das ist es,
+was ich tadle und wogegen wir kämpfen müssen.
+Der einzelne Beamte, wenn er nicht auf der
+ersten Stelle steht, vermag dies nicht, wol aber
+der unabhängige Mann. Nach einer der ersten
+Stellen im Staatsdienst zu ringen, fühlte ich
+<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
+keine Neigung, weil man sie, glücklichsten Falls,
+doch oft erst erreicht, wenn man müde vom
+Wege und Kampfe ist; &ndash; um den unbedeutenden
+Gelderwerb war es mir in meinen Verhältnissen
+nicht zu thun, und ich dachte bereits lange
+meine Entlassung zu fordern, als mir unerwartet
+der große Güterbesitz meines Onkels zufiel. Das
+entschied meinen Entschluß, der mich keinen Augenblick
+gereut hat.</p>
+
+<p>Wenn aber alle guten Köpfe so dächten wie
+Sie, Herr Thalberg, und sich im Unmuth zurückziehen
+wollten, so würde diese Art von Patriotismus
+der guten Sache keinen Vortheil bringen,
+wandte Meining fast tadelnd ein. Es
+scheint mir, als ob Die, denen es Ernst darum
+ist, sich selbst und ihre Neigung opfern müßten,
+um die stillstehende Staatsmaschine, wie Sie
+dieselbe nennen, wieder in Gang zu bringen.</p>
+
+<p>Und thun wir das nicht? rief Thalberg. Die
+schwerfällige Staatsmaschine hat an einem Hügel,
+<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
+der ihr ein gewaltiges Hinderniß ist, Halt
+gemacht und kann nicht vorwärts. Sie mit Gewalt
+darüber fortzuziehen, wäre Thorheit &ndash; aber
+wir tragen den Hügel ab, sodaß sie leicht darüber
+fortrollen kann. Ich ehre unser Königshaus
+und vor Allem den redlichen, durchaus
+achtungswerthen Willen unsers alten Königs;
+ich glaube, er hat die freisinnigsten, ehrlichsten
+Absichten; &ndash; aber er hält die Zeit noch nicht
+geeignet zu ihrer Ausführung, das Volk nicht
+reif dazu. Eine Revolution, die immer demoralisirend
+wirkt, würde Viel, wenn nicht Alles
+verderben; darum muß man nur schnell dazu
+thun, die Zeit herbeizuführen und dem Volke
+die reife Gesinnung zu geben, bei der es nicht
+nur möglich wird, ihm die verheißenen Freiheiten
+zu gewähren, sondern unmöglich, sie ihm
+vorzuenthalten. Von uns, den Gutsbesitzern, den
+Bauern, den Gewerbtreibenden, muß und wird
+die neue Zeit beginnen &ndash; nicht von der Aristokratie
+<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
+oder von der Intelligenz. Und ich hoffe,
+diese Erkenntniß und dieser Wille sind vorherrschend
+unter uns und werden ruhig und sicher
+zum Ziele führen, da wir nicht zerstören wollen,
+um neu zu bauen &ndash; sondern nur schon Vorhandenes,
+Gegründetes ausbauen, nach den Bedürfnissen
+unserer Zeit.</p>
+
+<p>So bewegte sich das Gespräch eine Weile
+fort. Die ganze kleine Gesellschaft nahm allmälig
+Theil daran; selbst die Damen mischten
+hin und her eine Bemerkung ein, und es fiel
+Frau von Stein auf, daß Clementine stiller als
+gewöhnlich war. Auf ihr Befragen entgegnete
+Clementine, daß ihr mit dem Wiedersehen von
+Thalberg das Andenken an ihre Jugend, an
+Entfernte und Gestorbene erwache und sie bewege,
+und bat, man möge es ihr zu gut halten.
+Aber auch Meining, der bisher auf das
+Eifrigste mit Thalberg gesprochen, sagte, als
+man sich vom Tische erhob: Aber sage mir in
+<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
+aller Welt, liebste Clementine! was hast Du
+heute? Herr Thalberg muß glauben, Du habest
+das Sprechen verschworen &ndash; oder wärest Du
+unwohl? Deine Hand ist in der That sehr
+kalt.</p>
+
+<p>Keines von Beidem! lieber Meining, antwortete
+sie, Du weißt ja, daß ich manchmal
+meine stillen Tage habe, und außerdem war mir
+die Unterhaltung so interessant, daß ich lieber
+hören als sprechen mochte und gern noch länger
+zugehört hätte.</p>
+
+<p>Nun, das soll Dir werden, mein Kind!
+Ich habe Herrn Thalberg eben gebeten, morgen
+den Abend bei uns allein zuzubringen, und ich
+denke, er schlägt es uns nicht ab, sagte Meining.</p>
+
+<p>Im Gegentheil, gnädige Frau! ich würde
+es mit Freuden annehmen, wenn ich nicht fürchten
+darf zu stören....</p>
+
+<p>Sie werden uns sehr willkommen sein, entgegnete
+endlich Clementine. Wir bewohnen
+<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
+wieder das Haus meiner verstorbenen Eltern,
+und ich werde mich freuen, Sie dort zu sehen.</p>
+
+<p>Nach einer Weile trennte sich die Gesellschaft.
+Meining fuhr gegen seine Gewohnheit gleich
+mit nach Hause und drang nochmals in seine
+Frau, ihm den Grund ihrer auffallenden Zerstreutheit
+und Theilnahmlosigkeit zu sagen. Sie
+entschuldigte sich wie gegen Frau von Stein und
+Meining ließ es ebenfalls gelten. Einen Augenblick
+hatte Clementine geschwankt, ob sie nicht
+Meining sagen solle: es ist Robert, mein Robert,
+nimm die Einladung für morgen zurück
+&ndash; dann aber fiel ihr die Unterredung ein, die
+sie einst mit Meining in dieser Beziehung gehabt.
+Sie bedachte, daß Thalberg nur wenige
+Tage in Berlin bleiben, daß sie ihn, außer
+morgen Abend, wahrscheinlich gar nicht mehr
+sehen werde; sie beschäftigte sich, um sich zu
+zerstreuen, den Rest des Abends mit tausend
+Dingen, die Meining angenehm sein konnten,
+<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
+und erhielt sich dadurch in einer Art Heiterkeit,
+die ihren Mann ganz ruhig über sie machte.</p>
+
+<p>Sie aber entschlief mit dem traurigen Bewußtsein,
+ihren Mann absichtlich getäuscht zu
+haben, und Robert's Bild, seine Anwesenheit
+waren ihr letzter Gedanke.</p>
+
+
+
+
+<h2><a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
+Achtes Kapitel.</h2>
+
+
+<h3>Robert Thalberg an den Hauptmann v.&nbsp;Feld.</h3>
+
+<p class="letterdate"><span class="gesperrt">Berlin</span>, d. 5. Dezember 1839.</p>
+
+<p>Seit vier Tagen bin ich hier, habe meine kleine
+Angelegenheit mit den Behörden arrangirt und
+die wenigen alten Bekannten, die ich noch gefunden,
+wieder einmal begrüßt. Es ist ein Unrecht
+von Dir, daß Du Deine langweilige Garnison
+nicht verläßt und die 20 Meilen herüberfährst,
+damit wir in Berlin, dem Schauplatz
+unsrer raschen Jugend, endlich noch einmal ein
+paar Tage zusammenleben. Mir ist hier Vieles
+fremd geworden in den drei Jahren meiner Abwesenheit,
+und ich könnte ganz ernsthafte Betrachtungen
+machen über das Leben und die
+<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
+Vergänglichkeit und Eile desselben, wenn ich
+sehe, wie eine ganze Generation, die ich früher
+gekannt, bereits gestorben, und eine neue, junge
+Welt herangewachsen, die mir fremd ist. Schade
+nur, daß diese Bemerkung, in der so viel
+Schmerzliches liegt, für Alle eben so alt, als
+für den Einzelnen immer neu ist. Für mich
+liegt darin jedesmal die dringende Aufforderung,
+das Leben intensiv so schnell und viel zu genießen,
+als ich es vermag, und Andern zu nützen,
+so gut es geht.</p>
+
+<p>Augenblicklich unterhält mich das Stadtleben
+wieder vortrefflich, und doch weiß ich, daß ich
+mich nach wenig Tagen zurücksehnen werde nach
+meinem lieben Hochberg, daß mir die <i>beau
+monde</i> fade, die Stadt eng vorkommen wird,
+und daß ich mit doppelter Lust zu meinen wintergrünen
+Wäldern, zu meinen gefrornen Seen
+zurückeilen werde. Auch habe ich, für den Fall,
+daß diese Lust mich plötzlich anwandelt, meine
+<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
+Einrichtungen getroffen. Die Bücher, Karten
+und Kupferstiche, die ich hier zu kaufen dachte,
+sind, wie die Flinten und die übrigen Dinge,
+besorgt, und ich glaube fast, länger als acht
+Tage halte ich es nicht aus, mich zu amüsiren.
+Es sei denn, Du träfest währenddessen hier ein.</p>
+
+<p>Denke Dir, welch sonderbares <i>rencontre</i>
+ich hier gehabt! Du erinnerst Dich wol der
+schönen Clementine Frei, der ich Dich zuerst
+auf einem Brühl'schen Balle vorstellte, und der
+Du bald, wie wir Alle, die Cour machtest, bis
+Du zufällig bemerktest, daß mich ein lebhafteres
+Interesse an sie fesselte. Damals war ich fest
+entschlossen, sie zu der Meinen zu machen, denn
+ich liebte sie oder glaubte es wenigstens, und
+unsre Verbindung war eine zwischen uns und
+den beiden Familien stillschweigend abgemachte
+Sache. Wie das aber manchmal geht, Zeit,
+Entfernung und neue Eindrücke verdrängten ihr
+Bild aus meiner Seele und &ndash; doch Du kennst
+<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
+die Vergangenheit mit ihren stürmischen Erinnerungen,
+die zwischen meinem Damals und
+Jetzt liegt. Genug also! ich habe Clementine
+unerwartet als Geheimräthin von Meining wieder
+gesehen und sie sehr verändert gefunden. Es
+ist, so scheint mir, nur noch die Spur von ihrer
+Schönheit vorhanden. Sie sieht leidend aus und
+älter, als sie ist; eine wehmüthige Ruhe, ein
+melancholischer Ausdruck der Augen, der durch
+die lieblichen Züge um den Mund nicht gemildert
+wird, lassen mich vermuthen, daß sie viel
+gelitten hat. Ihr Mann ist bedeutend älter,
+fast ein Greis. Er ist offenbar sehr eitel und
+stolz auf die Frau, die hier wieder sehr <i>en
+vogue</i> ist; übrigens ein angenehmer, geistreicher
+Mann, der mich für den heutigen Abend eingeladen
+hat. Mein Name und ich waren ihm
+fremd &ndash; wie ich Clementine kannte, wundert
+mich das eigentlich.</p>
+
+<p>Ich schreibe Dir nur so flüchtig, weil ich
+<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
+bestimmt voraussetze, Dich hier wiederzusehen.
+Laß mich bald von Dir hören, damit ich meinen
+Aufenthalt danach einrichte.</p>
+
+
+<h3>Derselbe an denselben.</h3>
+
+<p class="letterdate">Den 8. Dezember.</p>
+
+<p>Also bleibst Du wirklich Deinem Vorsatze
+treu, alter Freund! und wir sehen uns erst wieder,
+wenn die Entenjagd Dich, Du Nimrod,
+nach Hochberg führt? Es ist eine Thorheit, daß
+Du jetzt nicht kommst; aber lange nicht so thöricht,
+als Dein Vorschlag, daß ich länger in
+Berlin bleiben und mir unter den Töchtern des
+Landes eine Burgfrau für Schloß Hochberg
+suchen solle. Ich denke, über <span class="gesperrt">den</span> Punkt kennst
+Du meine Gesinnungen. Nach den Täuschungen,
+die ich erfahren, nach jener rasenden Leidenschaft,
+mit der ich an Caroline hing, und
+die verrathen ward für einen Laffen, bin ich
+mit der Liebe für immer fertig, und eine bloße
+<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
+Haushälterin &ndash; dazu bedarf ich keiner Frau,
+die ich behalten muß, wenn sich der geliebte,
+sentimentale Engel in eine exigeante, launenhafte
+Hausfrau verwandelt hat. Mit aller Weisheit
+lernt man seine Braut erst kennen, wenn
+sie zur Frau geworden ist; und mögen dann die
+Charaktere noch so elend zusammenpassen, man
+ist an einander gefesselt und schleppt die hemmende
+Last mit sich, wie der Gefangene die Kette. Ich
+kenne das! &ndash; und überlege Dir selbst, wie viele
+von unsern früheren Bekannten glücklich oder
+innerlich gefördert worden sind durch die Ehe,
+die ich übrigens nicht angreifen will. Sie paßt
+nur nicht für Jeden, und ich glaube, ich würde
+mich jetzt darin ausnehmen, als wenn ich mir
+die Kleider anzöge, die ich zu meinem Confirmationstage
+trug. Hätte ich zu 26 Jahren geheirathet,
+ich wäre nun vielleicht ein solider
+Hausvater, der seinen Kohl baut, die Frau Gemahlin
+Sonntags zur Kirche führt und die
+<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
+Jungen buchstabiren lehrt. Jetzt möchte das
+nicht mehr angehen. Nimm selbst den Fall, ich
+fände ein Weib, wie ich es wünschen müßte,
+das Wort und Probe hielte &ndash; wo wäre die
+Gewißheit, daß ich für sie paßte? In der Ehe
+wird gar zu oft nur Einer von den Gatten
+glücklich &ndash; das scheint mir auch bei Meining
+und der Frau der Fall zu sein, bei denen ich
+neulich einen Abend zubrachte. Er ist durchaus
+zufrieden &ndash; ob sie es ist? Ich zweifle. Auch ist
+sie in Wahrheit zu jung für den Mann, den
+Jeder für ihren Vater halten muß. Sie kann
+wirklich noch hübsch sein, gradezu hübsch; obgleich
+sie mir, als ich sie zuerst wiedersah, gewaltig
+verändert schien, finde ich mich jetzt in
+den bekannten Zügen zurück, erfreue mich an
+dem feinen Ausdruck ihres Gesichts und namentlich
+an ihrer schönen Farbe, wenn sie lebhaft
+spricht. Es ist nicht jenes plumpe Roth, das
+heißes Blut und die Sinne in die Wangen
+<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
+treiben, sondern der lichte, zarte Wiederschein
+einer glühenden Seele und ganz etwas Eigenthümliches
+an ihr. Sie ist überhaupt eine interessante
+Frau.</p>
+
+<p>Heute Abend noch einen Ball bei Klenke,
+morgen ein paar Besuche, und dann geht's
+bald nach Hochberg zurück.</p>
+
+
+<h3>Der Hauptmann Feld an Robert Thalberg.</h3>
+
+<p class="letterdate">d. 11. Dezember.</p>
+
+<p>Ich kenne Dich zu lange, um nicht zu wissen,
+daß ich diesen Brief in Gottes Namen
+nach Berlin richten kann, und daß er Dich dort
+finden wird. Fährst Du nicht wirklich sehr bald
+ab, liebster Thalberg, so bleibst Du lange dort,
+und willst Du wissen, was Dich festhalten wird?
+Die Geheimräthin von Meining. Ich habe
+immer die Ueberzeugung gehabt, daß Dir Clementine
+Frei mehr war, als Du nachher in
+Deiner Sturm- und Drangperiode selbst glaubtest;
+<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
+wo Du von Freundschaft, herzlicher Anerkennung
+und allem Teufelszeug fabeltest, während
+eine ganz gesunde, innige Liebe Dir im
+Herzen saß &ndash; bis jene unglückselige, aber doch
+göttlich schöne Caroline wie ein zerstörender
+Komet an Deinem Horizonte erschien und Dich
+in ihren Weltfahrten und Wirbeln mit fortriß.
+Es war eine tolle Zeit. Du bist übrigens mit
+den Weibern gar nicht so fertig, als Du glaubst,
+und wenn Du nicht bald eine vernünftige Frau
+nimmst, stehe ich für Nichts. Sei gescheut und
+mache aus Großmuth und Reue, »aus herzlicher
+Anerkennung und Freundschaft«, keine
+dummen Streiche.</p>
+
+<p>Das ist ein ehrlich Soldatenwort &ndash; kurz
+und bündig, wie ich es liebe.</p>
+
+
+<h3>Aus Clementinens Papieren.</h3>
+
+<p>D. 6. Dezember. Gott sei Dank! Der Abend
+ist vorüber. Der Mensch kann doch gewaltig
+<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
+viel über sich gewinnen. Nach dem Eindruck,
+nach dem Entzücken und der namenlosen Angst,
+mit der ich Robert gestern wiedersah, hätte ich
+es nicht für möglich gehalten, den heutigen Abend
+so ruhig mit ihm verleben zu können. Wie schlug
+mir das Herz, als er in unser Wohnzimmer
+trat, als ich ihn hier erblickte, wo ich einst an
+seinem Herzen die bittersten Thränen des Abschiedes
+weinte und doch einen Himmel von
+Hoffnungen in der Brust hatte. Auch ihn schien
+es zu bewegen, als er in die alte, bekannte
+Wohnung trat, die ihm doch fremd geworden
+sein muß, in den neuen Anordnungen, wie ich
+selbst es ihm bin. Seine Stimme klang unglaublich
+weich und mild, es lag die Versöhnung
+einer langen Vergangenheit darin &ndash; oder
+trog mich mein Wunsch? Er ist noch ganz der
+Alte, der seltene Mann, der er mir immer war;
+auch Meining scheint ihn besonders anziehend zu
+finden und hat ihn dringend zur Wiederkehr geladen,
+<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
+die ich aber nicht wünsche, weil sie mir
+den größten Zwang auferlegt. Es ist so schwer,
+gegen Jemand den gleichgültigen Ton der Gesellschaft
+zu finden, der uns einst so nahe stand,
+und dessen Stimme des Echo in unsrer Seele
+erweckt. Aber was man ernstlich will, muß man
+erreichen können; auch fährt Thalberg ja in den
+nächsten Tagen fort, und Alles bleibt wie es
+war. Er muß viel gedacht und erlebt haben,
+es klingt so Vieles aus seinen Reden hervor,
+was er nicht ausspricht und was ich dennoch
+höre und verstehe. Wenn ich nur nicht innerlich
+so aufgeregt wäre; ich fiebre und bebe unaufhörlich:
+so ein Frauenkörper ist ein gar gebrechlich
+Ding. Ich wollte doch, Robert wäre
+schon fort.</p>
+
+<p>D. 8. Dezember. Es ist fast zwei Uhr in
+der Nacht; ich komme eben von Mariannens Ball
+zurück, und ich glaube, ich gerathe wieder in
+die Kindheit, so munter und frisch bin ich. An
+<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
+Schlaf ist noch gar nicht zu denken. Das macht
+aber das erste, klare Winterwetter, das auf mich
+immer einen belebenden Einfluß geübt hat &ndash;
+sogar schreibelustig bin ich; habe ich doch vorgestern
+und heute meinen alten Vertrauten, das
+Tagebuch, vorgenommen, das mir seit Jahren
+fremd geworden ist. Meining sagt aber auch,
+Mariannens Fest sei ganz reizend gewesen, und
+ich möchte es mir zum Maßstab für unsern Ball
+nehmen. Das Leben in diesen Kreisen ist eigentlich
+doch interessanter, als es mir seit lange
+schien; und heute, wo ich alle jungen Frauen
+meiner Bekanntschaft tanzen sah, hat es mir
+fast leid gethan, daß ich es seit meiner Verheirathung
+aufgegeben habe. Robert Thalberg
+bat mich dringend, nur einmal zu walzen; er
+tanze sonst auch nicht mehr, wir müßten zusammen
+eine Ausnahme machen; ich mochte aber
+nicht. Als ich mich entschloß, Meining's Frau
+zu werden, habe ich durch die Verbindung mit
+<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
+einem so viel ältern Manne dergleichen Genüssen
+entsagt, indeß habe ich das nie bereut. Marianne
+fragte mich heute, als ich, während die Andern
+tanzten, hinter Meining's Stuhl stehend, dem
+Whist zusah und Thalberg neben mir war, ob
+wir nicht sehr glücklich wären, einander wieder
+zu sehen? Wir müßten doch alte Bekannte und
+Jugendfreunde sein. Robert antwortete: Ich bin
+es gewiß und wünsche nur, daß Frau von Meining
+mich nicht ungern wieder gesehen hat.
+Darauf kam Klenke und rief lachend: Ach! lieber
+Thalberg! keine Frau sieht einen alten Anbeter
+ungern wieder, so lange sie jung und schön ist;
+und von der Seite ist Frau von Meining sicher
+ohne Sorgen. Mir war die ganze Unterhaltung
+höchst zuwider, ich schämte mich und fürchtete,
+mein Mann könne es hören; der war aber so
+sehr in sein Spiel vertieft, daß er nicht auf das
+Geschwätz merkte. Endlich ging ich zu den alten
+Damen ins Nebenzimmer, aber auch dahin
+<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
+kam mir Marianne neckend nach; lachte, that
+geheimnisvoll und sagte: Also den Hof hast Du
+Dir doch auch machen lassen, <i>ma belle</i>! und
+der galante Thalberg hat das noch nicht vergessen.
+Denn als ich ihn heute Etwas ins
+Gebet nahm, gestand er, er halte Dich für eine
+höchst interessante und schöne Frau. Und darin
+hat er so unrecht nicht; denn heute, wo Du
+einmal trotz Deiner Einfachheit <i>in full dress</i>
+bist, siehst Du wirklich so <i>lady like</i>, so distinguirt
+aus, daß es jeder Einzelne bemerkt. Du
+hast immer ein gewisses <i>je ne sais quoi</i>, das
+man fühlt und sieht, aber nicht nachmachen
+kann &ndash; heute indeß bist Du ganz reizend! &ndash;
+Ah! da kommt wieder der schöne Thalberg &ndash; ich
+will nicht stören, <i>car l'on revient toujours
+à ses premiers amours</i>, nicht wahr Herr Thalberg?
+&ndash; und damit ging sie fort. Ich war
+in der peinlichsten Verlegenheit, nahm mich aber
+zusammen, und wir sprachen noch einen Moment
+<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
+über Marianne und ihre leichtfertige Weise,
+welche ihre trefflichen Eigenschaften oft ganz
+ungenießbar macht. Thalberg meinte, sie gliche
+frappant einem Kupferstiche, den er in diesen
+Tagen gekauft, und den er mir morgen zur Ansicht
+schicken wolle. Dann hatte Meining grade
+seine Partie beendet, und wir fuhren nach Hause,
+als man zum <i>souper</i> ging.</p>
+
+
+
+
+<h2><a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
+Neuntes Kapitel.</h2>
+
+
+<p>Am nächsten Morgen hatte Clementine eben
+ihren Wagen zu einer Fahrt in den Thiergarten
+vorfahren lassen, als man ihr Herrn Thalberg
+meldete. Sie empfing ihn, und er entschuldigte
+sich, daß er den Kupferstich selbst bringe; er
+habe sich aber das Vergnügen, sie zu sehen,
+nicht versagen können. Doch wolle er sie von
+ihrer Promenade nicht abhalten und bäte um
+die Erlaubniß, sie zu ihrem Wagen führen zu
+dürfen. So geschah es. Während sie die Treppe
+hinunterstiegen, überlegte Clementine, was sie
+nun eigentlich thun solle. Jeden Andern hätte
+sie augenblicklich aufgefordert, den Abend in
+ihrem Hause zuzubringen, und Thalberg darum
+<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
+zu bitten, konnte sie sich nicht überwinden. Was
+würde aber Meining dazu sagen, wenn sie ihm
+erzählte, wie flüchtig sie Thalberg abgefertigt
+hätte, und was würde dieser selbst von ihr denken?
+So entschloß sie sich, ihn für den Abend
+einzuladen, und Thalberg sagte freudig zu.</p>
+
+<p>Am Mittage erzählte sie dem Geheimrath
+von Thalberg's Besuch und ihrer Einladung, der
+sich derselben freute und hinzufügte, er habe
+den Obrist B. und den Maler R., die er zufällig
+gesprochen, zu einer Partie bei sich geladen.
+Wir machen dann ruhig erst unser Spiel,
+und Du mußt Deinen Gast, da er nicht spielt,
+selbst unterhalten, bis zum Abendessen.</p>
+
+<p>So waren denn, als die drei Herren sich
+zum Spiele gesetzt hatten, Robert und Clementine
+allein am Theetische. Die arme Frau fühlte
+eine mädchenhafte Scheu, als sie nun, nach
+langjähriger Trennung, zum erstenmal mit dem
+geliebten Manne, der ihr ein Fremder sein
+<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
+mußte, allein war. Allein in jenen Zimmern,
+in denen sie so oft in glücklicher Unbefangenheit
+und im Gefühl der wärmsten Liebe sich begegnet
+waren! Nun war das Alles anders. Ihre
+Befangenheit entging dem scharfen Auge Thalberg's
+nicht, dessen Blicke glühend auf ihr ruhten;
+denn auch er war von lebhaften Erinnerungen
+bewegt. Dadurch wollte anfangs kein
+rechtes Gespräch in den Gang kommen, und
+Thalberg blätterte in halber Zerstreutheit in
+einem Buche, das zufällig auf dem Sopha lag.
+Es war das Buch der Lieder von Heine, auf
+dessen Schriften sich nun die Unterhaltung wandte.</p>
+
+<p>Lieben Sie Heine noch so als früher? fragte
+Robert, ich weiß, daß Sie von den ersten
+Heine'schen Gedichten, die Sie kennen lernten,
+sehr entzückt waren; und wie mir dies Buch
+beweist, dauert diese Vorliebe fort.</p>
+
+<p>Nicht so unbedingt, als Sie glauben, entgegnete
+sie. Ich bekenne, daß mich das wahrhaft
+<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
+Poetische, das tief Gefühlte in den Liedern,
+die ich damals einzeln kennen lernte, lebhaft ergriff
+und anzog. Daß der Schmerz über eine
+verschmähte Liebe, dessen er sich schämt, sich in
+wilder Ironie verbirgt, das fand ich bei einem
+Manne eben so wahr als ergreifend &ndash; daß er
+aber später Nichts mehr schont, selbst nicht diese
+Liebe, nicht die Sitte, nicht Gott, das hat ihn
+mir verleidet.</p>
+
+<p>Ja freilich, <i>à l'usage de la jeunesse</i> ist
+er nicht geschrieben! bemerkte Robert, und ein
+Zug von eisigem Hohn wurde um seinen Mund
+sichtbar. Aber wüßten Sie, meine gnädige Frau,
+wie gewaltsam uns Männer das Leben enttäuscht,
+wie es oft grausam und unerbittlich die
+letzten Bande, die uns an unsre Kindheits- und
+Jugendwelt fesselten, zerreißt; wie es uns Alles
+raubt, Glück, Poesie und Glaube &ndash; Sie würden
+Heine vielleicht anders beurtheilen.</p>
+
+<p>Vielleicht! antwortete sie, ich müßte den Dichter
+<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
+beklagen, der so sehr an sich und der Menschheit
+irre werden konnte, daß er die Leidenschaft
+nur in ihren Tiefen aufsucht, wo sie der Unschönheit
+längst zum Raube geworden ist und
+dem reinen Gefühl einen Schauder des Entsetzens
+einflößt. Wenn ich von mir auf andre
+Frauen schließe, muß Heine's Zerrissenheit....</p>
+
+<p>Also auch Sie, auch Sie! sprechen es nach,
+Heine ist zerrissen! O! das klingt sehr groß,
+sehr vornehm. Aber wer ist denn ganz? &ndash; etwa
+die Leute, die in enger, dumpfer Beschränkung
+zwischen denselben vier Pfählen Wiege und Sarg
+haben? die aus Mangel an Temperament, aus
+Mangel an Leben keinen Reiz des Lebens, keine
+Verlockung der Sünde empfinden? Die Leute,
+die den heißesten Wunsch des Herzens, das einzige
+Glück ihres Daseins feige aufgeben, weil
+es gegen ein gemachtes, bürgerliches Gesetz anstößt?
+Die Leute also sind ganz, die sollen
+Heine beurtheilen? Glauben Sie mir, gnädige
+<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
+Frau! wer ein ganzer Mensch ist, ganz an
+Körper und Seele, von dieser in den Himmel
+gehoben, von jenem an die Erde gekettet, doppelt
+in seinen Wünschen und Bedürfnissen, auf der
+Erde ohne das ersehnte Glück, für den Himmel
+Nichts als eine unbestimmte Hoffnung &ndash; wer
+sich da von dem zwiefachen Getriebe nicht zerreißen
+läßt, wer sich nicht blutig stößt an den
+Barrieren und Hecken bürgerlicher und göttlicher
+Gesetze &ndash; der ist kein Mensch, der müßte ein
+Gott sein.</p>
+
+<p>Robert war, während er sprach, immer lebhafter
+geworden, und Clementine sah ihn in
+einer von jenen leidenschaftlichen Aufregungen,
+die sie so wohl kannte, und denen nur zu leicht
+ein Anfall tiefer Schwermuth folgte, wenn sie
+nicht durch Unterhaltung verbannt wurde. In
+solchen Augenblicken hatte sich früher oft ihr
+Einfluß auf sein Gemüth geltend gemacht, deshalb
+begann sie nach einer Pause, in der Robert
+<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
+in tiefes Denken versunken war: Nun wohl
+denn mir, daß ich kein Mann bin, daß mich
+das Leben nicht so hart enttäuscht hat, und daß
+mir mein bestimmter Weg vorgezeichnet ist.</p>
+
+<p>Und haben Sie diesen Weg nie schwer, nie
+rauh gefunden?</p>
+
+<p>O! doch, Herr Thalberg, schon der Weg
+zur Schule schien mir oft schwer, scherzte Clementine,
+um ihn von dem Gespräch abzuleiten.</p>
+
+<p>Und haben Sie nie die Neigung gehabt, von
+diesem vorgeschriebenen Wege abzuweichen, wenn
+er Ihnen unangenehm war?</p>
+
+<p>Niemals! &ndash; als Kind hätte ich es aus
+Furcht vor Vater und Tante nicht gethan; später
+hätte ich mich vor meinen Gefährten geschämt,
+und dann ist mir das eigne Gefühl ein
+guter Compaß geworden, dessen Nadel mir
+immer wieder den rechten Weg zeigte und nach
+Norden wies.</p>
+
+<p>Ja! nach Norden, sagte Thalberg, nach dem
+<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
+Norden der kalten Vernunft, in dem das heiße
+Blut erstarrt. Aber Sie erwähnten Ihrer Tante,
+sagte er plötzlich abbrechend, wie geht es Frau
+von Alven und wo lebt sie jetzt?</p>
+
+<p>Damit war die Unterhaltung über Heine
+beendet und ging zu gleichgültigen Dingen über,
+obgleich auch bei diesen ein Wiederhall des Sturmes
+bemerkbar war, der Robert's Seele bewegte.
+Endlich hörten die Herren zu spielen
+auf, man ging zu Tisch und sprach während
+der Mahlzeit unter Anderm auch bald wieder
+über die politischen Ereignisse des Tages. Robert
+hing, wie wir sahen, den freisinnigsten
+Meinungen an und wunderte sich heute, daß
+Clementine, die in früher Jugend, als seine
+gelehrige Schülerin, all' seine Ansichten theilte,
+jetzt bedeutend mehr der konservativen Richtung
+geneigt schien. Mich dünkt, sagte er, Sie hätten
+einst mit viel größerer Theilnahme den liberalen
+Ideen unsrer Zeit gehuldigt, und ich hätte Sie
+<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
+begeistert gesehen, als die Julitage uns eine
+neue Aera zu verkünden schienen. Was hat
+Sie denn unsrer Fahne abwendig gemacht?</p>
+
+<p>Und wer sagt Ihnen denn, daß mich die
+große Idee der Freiheit nicht noch eben so erwärmt,
+daß ich den Enthusiasmus der Männer
+dafür nicht begreife? antwortete sie. Damals
+glaubte ich nur, auch für uns Frauen sei die
+Freiheit, nach der die Männer streben, ebenfalls
+ein unerläßliches Gut, und es sei unsre
+Pflicht, mit ihnen für Freiheit zu schwärmen
+und über Politik zu sprechen &ndash; und nur von
+<span class="gesperrt">dem</span> Glauben bin ich zurückgekommen.</p>
+
+<p>Sehr mit Unrecht, gnädige Frau! sagte der
+Maler. Warum sollen die Frauen, die uns im
+Leben das höchste Glück gewähren, nicht auch
+mit uns Theil haben an den höchsten Schätzen,
+nach denen wir streben. Warum sollte ein Geschlecht,
+dem Eleonore Prohaska und das Mädchen
+von Saragossa angehörten, nicht eben so
+<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
+lebhaft den Sinn für Freiheit und Vaterland
+haben als wir?</p>
+
+<p>Für ein Vaterland, wandte Thalberg ein,
+haben die Frauen wirklich gar keinen Sinn und
+können ihn nicht haben, weil ihr Beruf sie nur
+zu oft der Heimat entfremdet und ihnen ein
+neues Vaterland gibt. Ich würde es gewiß
+meiner Frau, falls sie eine Französin oder Engländerin
+wäre, sehr verargen, wenn sie nicht mit
+mir von Herz und Seele eine Deutsche würde;
+und so sind die Frauen eigentlich geborne Kosmopoliten,
+die nur für allgemeine Weltfreiheit
+Interesse haben können, fügte er lächelnd hinzu.</p>
+
+<p>Wie sieht es denn nun mit Ihren Weltfreiheitsideen
+aus, gnädige Frau! fragte sie der Obrist.</p>
+
+<p>Ich sage Ihnen ja, antwortete sie, daß ich
+die demagogischen und liberalen Gesinnungen
+der Männer vollkommen begreife und achte, daß
+ich selbst aber eine gewaltige Aristokratin bin, und
+ich glaube, im Herzen sind wir Frauen es alle.
+<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
+Wir sind nicht gewöhnt, uns in die Menge zu
+verlieren; wir stehen abgesondert für uns und
+lassen uns von den Männern, denen wir, sobald
+wir sie lieben, ein ganz apartes Adelsdiplom
+zuerkennen, gern als treue Vasallen huldigen.
+Oder noch lieber beten wir den König unsres
+Herzens mit tiefster Demuth an, der uns viel
+mehr <i>un et indivisible</i> ist, als es den Franzosen
+jemals ihre Republik war.</p>
+
+<p>Alle lachten, und Meining sagte: Das sind
+auch die besten Grundsätze für Euch, denn Politik
+und Liberalismus kleiden die Damen nicht.
+Ich kannte selbst eine geistreiche Frau, die treue
+Freundin eines Mannes, der Deutschland die
+Freiheit predigte, bis sie ihn auf dem Montmartre
+begruben &ndash; und so angenehm ich sie
+sonst immer fand, so unerträglich schien sie mir,
+wenn sie jene Ideen von Freiheit aussprach, die
+im Munde ihres Freundes groß und prophetisch
+geklungen hatten.</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
+Darin stimme ich Ihnen bei, Herr Geheimrath!
+fuhr Thalberg fort, und ich glaube auch,
+daß die wahre Stellung des Weibes eine abhängige
+sein muß. Ich wünsche nur, daß sie
+von dem freien Manne abhänge, der in ihr den
+Menschen achtet. Unsre Liebe ist ihre Freiheit,
+die ihnen allen Schutz und alle Rechte zuerkennt,
+deren sie bedürfen. Sie müssen mit uns
+den Gedanken der Freiheit theilen, ohne sie selbst
+zu begehren, weil für sie dieselbe ein Unding ist.</p>
+
+<p>Im Ganzen, bemerkte der Maler, als Clementine
+ihre volle Zustimmung zu Thalberg's
+Aeußerung gab, werden nicht alle Damen dieser
+Meinung sein; denn, wenn sie auch die <i>femme
+libre</i> der St. Simonisten empörend finden, so
+ließen sie sich doch nur zu gern ein bischen
+emancipiren, und ich für meinen Theil wollte
+Nichts dagegen haben, wenn mir einige so recht
+schöne junge Mädchen als Collegen oder Schüler
+in mein Atelier geschickt würden.</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
+Wenn es so weit ist, meinte Meining, lasse
+ich mir meine Frau zum Assistenten ernennen!</p>
+
+<p>Und glaubst Du, Lieber, daß ich dazu nicht
+vortrefflich wäre? Glaubst Du, wenn man
+mich von Jugend auf in all' den Wissenschaften
+unterrichtet hätte, mit denen man die jungen
+Leute so früh bekannt macht, ich hätte das nicht
+auch erlernen können? fragte Clementine.</p>
+
+<p>Im Gegentheil; ich bin überzeugt, Du wärest
+der niedlichste Professor im Mousselinkleide geworden
+und würdest die interessantesten Vorträge
+gehalten haben. In Fällen, in denen
+psychische Leiden der Krankheit zum Grunde liegen,
+würde so ein feiner, weiblicher Medikus
+mit seiner liebenswürdigen Neugier vielleicht
+schneller die Quelle des Uebels errathen, als wir
+Männer; denn eine gewisse Art von Penetration
+besitzen die Frauen gewiß in höherm Grade
+als wir, ich meine den Scharfsinn des Herzens,
+der wirklich sehr groß bei ihnen ist.</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
+Nun denn in Gottes Namen losmarschirt
+auf die Emancipation der Frauen, sagte der alte
+Obrist, nur in mein Regiment kommen Sie
+nicht. Ich kann weder die Kanonen abschaffen,
+deren Donner Ihnen so sehr zuwider ist, noch
+die Pferde, vor denen Sie sich fürchten, und
+auch mein Adjutant wird bei aller Verehrung
+für Sie seine Hunde nicht entbehren wollen,
+die Ihnen ebenfalls Angst verursachen.</p>
+
+<p>Sind Sie denn wirklich so furchtsam, fragte
+der Maler, ihre Züge und Augen drücken Nichts
+davon aus.</p>
+
+<p>O da kennen Sie meine Frau nicht, rief
+Meining. Sie nimmt es im Geiste mit Himmel
+und Erde auf; in der Wirklichkeit aber flößt
+fast jedes Thier ihr eine ganz solide Angst ein,
+und wenn vollends der liebe Gott uns ein ordentliches
+Gewitter schickt, führt er mir damit
+jedesmal meine Frau ins Zimmer, die, glaube
+ich, viel lieber auf Emancipation verzichtet, ehe
+<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
+sie während eines Gewitters allein bleibt. Aber
+um darauf zurückzukommen! ich möchte wohl
+wissen, was Du, liebe Clementine! Dir z.&nbsp;B.
+unter der Emancipation der Frauen gedacht hast.</p>
+
+<p>Ich habe überhaupt nicht daran gedacht, antwortete
+sie, weil ich sie, meinem ganzen Wesen
+nach, für mich nie begehrenswerth fand. Emancipirt
+wird das Weib, wie Herr Thalberg sehr
+wahr bemerkte, durch die Liebe und in der Ehe.
+Da soll sie gleiche, oft schwerere Pflichten haben,
+als ihr Mann; aber auch gleiches oder
+wenigstens ähnliches Recht. Man soll sie nicht
+gewaltsam niederhalten und ihr nicht unnöthig
+Leid aufbürden, das sie nicht tragen kann, ohne
+zu unterliegen. Unsre Freiheit liegt in uns;
+wir müssen Herr sein über uns selbst, sonst
+über Niemand &ndash; und so denke ich, Alles, was
+die sogenannte Emancipation bezwecken könnte,
+wäre, eine Erziehung zu befördern, die uns für
+unsern Beruf tüchtiger machte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
+Also gleiches Recht vor Gericht und dergleichen
+schöne Dinge begehren Sie nicht? fragte
+der Obrist.</p>
+
+<p>Das mag vielleicht in manchen Fällen von
+Nutzen sein, die ich so augenblicklich nicht durchdenken
+kann &ndash; es aber als Schutz gegen die
+Seinen zu benutzen, gegen Brüder, Väter oder
+Mann, das scheint mir ein so schauderhaftes
+Recht, wie die Trennung einer Ehe, die, obgleich
+ich eine gute Protestantin bin, in meinen
+Augen ein Sakrament und unauflöslich ist.</p>
+
+<p>Und so verdammen Sie Jeden, wandte der
+Maler ein, der sich scheiden läßt, weil er vielleicht
+das Leben mit dem Gatten oder der Frau
+nicht ertragen konnte? weil Laster und Verderbtheit
+des einen Theils oder auch nur ganz verschiedene
+Gesinnungen ein Leben zur Hölle
+machten und ein Glück untergruben, das in
+einer neuen Ehe auf das Schönste für zwei
+Menschen erblühen könnte?</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
+Verdammen kann ich Niemand, sagte Clementine
+bewegt, nur das weiß ich bestimmt,
+daß ich lieber sterben möchte, als mein Wort
+brechen, und daß ich die Möglichkeit, wie eine
+Frau zur zweiten Ehe schreiten könne, durchaus
+nicht begreife.</p>
+
+<p>Mit den Worten hob sie die Tafel auf.
+Meining küßte sie, trotz der Anwesenheit der
+Fremden, herzlich; sie machte sich aber eilig von
+seinem Arme los und ging mit Thalberg, der
+zuletzt gar keinen Antheil an der Unterhaltung
+genommen hatte, voran in den Salon, worauf
+die Gesellschaft sich bald trennte.</p>
+
+
+
+
+<h2><a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
+Zehntes Kapitel.</h2>
+
+
+<p>Thalberg war allmälig ein täglicher Gast im
+Meining'schen Hause geworden, da der Geheimrath
+ein lebhaftes Interesse in seinem Umgange
+fand, und er selbst Alles hervorsuchte, was ihm
+einen Grund bot, seine Besuche zu wiederholen.
+Clementine, ganz beherrscht von dem Zauber, den
+er immer auf sie geübt, kämpfte unaufhörlich
+gegen eine Liebe, die nie in ihr erloschen und
+in Thalberg's Brust leidenschaftlicher, als je, erwacht
+war. So waren etwa 14 Tage vergangen,
+als Robert seinem Freunde folgenden Brief schrieb.</p>
+
+
+<h3>Thalberg an den Hauptmann v.&nbsp;Feld.</h3>
+
+<p class="letterdate">d. 18. Dezember.</p>
+
+<p>Du hast wahr prophezeit, mein Freund, ich
+bin noch immer in Berlin und bleibe wol auch
+<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
+noch einige Zeit hier. Was soll ich auch am
+Ende jetzt in Hochberg beginnen? Ich sitze dort
+an den langen Winterabenden allein, grüble
+über Gott und Menschen und reformire die Welt
+in Gedanken, ohne daß bis jetzt in der Wirklichkeit
+das Geringste gebessert wird. Augenblicklich
+bin ich auf meinen Gütern gar nicht
+beschäftigt; meine Anordnungen für die Realisirung
+meiner Zwecke sind getroffen und müssen
+nun ruhig fortwachsen, ungestört, um zu gedeihen.
+Meine Geschäfte besorgt mein Verwalter,
+auf den ich mich verlassen kann, und ich
+habe ihm heute die nöthigen Befehle zukommen
+lassen, mit der Weisung, daß ich die Weihnachtszeit,
+ja vielleicht den ganzen Winter hier
+zubringen würde, und daß er mir mein Reitpferd
+und ein Paar Schlittenpferde hersenden
+möge. Ich behalte mein Coupee, das ich zur
+Reise benutzte, hier und habe gestern einen Schlitten
+gekauft, der Dir sehr gefallen würde.</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
+Ich habe mir nun hier ein Quartier genommen,
+mich häuslich eingerichtet, die alten
+Verbindungen erneut und finde mich wieder
+einmal ganz heimisch in Berlin. Die Abende,
+welche nicht durch bestimmte Einladungen besetzt
+sind, bringe ich häufig bei Klenke oder bei
+Geheimrath Meining zu, wo in kleinem Zirkel
+die Zeit auf das Angenehmste vergeht. Sehr
+viel trägt dazu die Geheimräthin bei, die eine
+ganz charmante Frau ist, voller Geist und Gefühl;
+anregend, wie keine Andre; dabei die angenehmste
+Tournüre und die wohlwollendste Höflichkeit,
+die bei ihr aus dem Herzen kommt.
+Alles um sie her ist Grazie und weibliche Eleganz!
+Mich dünkt oft, wenn ich ihren Hut oder ihren
+Handschuh liegen sehe, ich müßte ihn aus hundert
+andern als den ihren erkennen. Es ist
+ein Zauber von Weiblichkeit und Reinheit in
+Allem, was zu ihr gehört; und obgleich ihr
+Haus ganz nach dem jetzigen Geschmack eingerichtet
+<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
+ist, sieht es doch vollkommen anders aus,
+als bei den Uebrigen. Mir wenigstens wird
+schon behaglich und heimisch, wenn ich im Vorzimmer
+den Duft von Reseda bemerke, den sie
+sehr liebt und der ihre Zimmer erfüllt. Wenn
+ich mir denke, daß diese noch junge Frau dem
+alten Manne gehört, den sie doch nur wie ihren
+Vater lieben kann, thut sie mir bitterleid; und
+ich gestehe Dir, mir ist oft der Gedanke gekommen,
+ich hätte ein Unrecht gegen sie gut zu
+machen, und sie wäre glücklicher gewesen, wenn
+sie mein geworden wäre. Fände ich eine Frau,
+die ihr gliche, in deren Seele ich so klar lesen
+könnte und die mich so vollkommen verstände,
+als die Geheimräthin, ich glaube, ich könnte
+mich noch entschließen, mich zu verheirathen.
+Das einsame Leben auf Hochberg hat doch etwas
+Trauriges, das fange ich erst hier wieder
+zu fühlen an.</p>
+
+<p>Du siehst, Dein guter Rath von neulich
+<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
+trägt vielleicht noch Früchte; willst Du ihn aber
+wirksam unterstützen, so benutze die treffliche
+Schlittenbahn, mich hier zu besuchen. Ich habe
+hinlänglich Platz für uns Beide.</p>
+
+<p class="signature"><span class="gesperrt">Thalberg</span>.</p>
+
+
+<h3>Derselbe an denselben.</h3>
+
+<p class="letterdate">Am zweiten Weihnachtstage.</p>
+
+<p>Ich kam gestern Abend zu Clementinen, um
+sie zu bitten, morgen bei einer Schlittenpartie,
+die wir am Vormittage bei Frau von Stein
+verabredet hatten, meine Dame zu sein. Es
+war etwa sechs Uhr. Der Diener, der mich
+melden ging, sagte mir gleich, Herr Geheimrath
+hätte außer dem Hause gespeist, die gnädige
+Frau sei allein, und er zweifle, daß sie mich
+annehmen würde. Dabei that er so geheimnißvoll,
+lächelte so pfiffig, daß ich neugierig wurde
+und ihm bis in den kleinen Salon folgte, der
+nur noch durch Clementinens Wohnzimmer von
+<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
+ihrem Boudoir getrennt ist, welches ich noch
+nicht kannte. Im Wohnzimmer brannte nur
+eine matte Lampe, und da der Diener nicht
+ahnte, daß ich ihm durch die dunkle Zimmerreihe
+gefolgt war, ließ er die Thüre offen, sodaß
+ich den reizendsten Anblick von der Welt hatte.
+Ich sah in ein höchst zierliches, kleines Gemach,
+mit grüner Seide tapeziert. Gegen das
+Fenster hin brannte ein Weihnachtsbaum mit
+seinen bunten Lichtern, eine Menge Spielzeug
+lag schon zerstreut umher, und ich hörte das
+jubelnde Lachen von Kinderstimmen, ehe ich die
+Kleinen sah. Eine der kleinen Stimmen rief
+grade: Aber Tante Clementine! Du bist die
+schönste und größte Puppe, wenn Du nur still
+halten möchtest.</p>
+
+<p>Endlich sah ich Clementine. Sie lag in einer
+grünen Couchette, die vor dem Kamin stand, und
+hielt ein engelschönes, zweijähriges Mädchen in
+den Armen. Zwei ältere Mädchen, etwa fünf-
+<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
+und siebenjährig, waren um sie beschäftigt, das
+eine ihr das Haar aufzuflechten, das andere ihr
+eine Masse von Corallen, die auf einem Tische
+vor ihnen lagen, umzubinden. Es war ein
+wundervolles Bild! Clementine war schöner,
+als ich sie je im Leben gesehen habe. Das
+glänzende, rabenschwarze Haar hing in aufgelösten
+Wellen herab, gemischt mit dicken Corallenschnüren,
+von denen ihr einige wie eine
+Binde über der Stirne lagen. Die Kinder
+hatten ihr die Aermel zurückgeschlagen, das
+Tuch abgebunden und sie mit mancherlei Schmuck
+behängt, den sie ihnen zum Spiele gegeben
+hatte. Hände, Hals und Arme waren marmorklar
+in der Beleuchtung und das fein geröthete
+Gesicht blendend schön in dem Ausdruck
+von Glück, das aus ihren Augen strahlte.</p>
+
+<p>Sie stand, als ich gemeldet wurde, rasch
+auf und gab dem Diener den Befehl, mich in
+ihr Wohnzimmer zu führen; sie würde gleich
+<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
+bereit sein, mich zu sehen. Die Thüren wurden
+zugemacht, ich ging schnell von meinem Lauscherposten
+zurück und wurde nach einigen Augenblicken
+in das Boudoir geführt, das nun
+einen ganz andern Anblick darbot.</p>
+
+<p>Die zerstreuten Spielsachen waren einigermaßen
+geordnet, die beiden größern Mädchen
+spielten seitwärts an dem Weihnachtsbaume, und
+nur das kleinste saß bei Clementine auf einer
+Causseuse. Sie selbst hatte in der Eile eine
+Haube aufgesetzt, sich in eine große, schwarze
+Mantille gewickelt und kam mir mit den Worten
+entgegen: Entschuldigen Sie mich, Herr
+Thalberg! daß ich Sie hier in der Unordnung
+empfange; ich habe mir aber für den heutigen
+Abend diese kleinen Gäste geladen und muß nun
+zusehen, daß sie keinen Schaden bei den Lichtern
+nehmen. Sie hielt das Kind, das sich ängstlich
+an sie schmiegte, auf dem Arme, während sie
+stand; nöthigte mich dann zum Sitzen und fragte
+<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
+nach meinem Begehr. Ich war so entzückt über
+die Scene, daß ich eigentlich Nichts begehrte,
+als sie anzusehen; die Schlittenfahrt hatte ich
+fast vergessen. Ich fragte, wer die Kinder wären,
+und erfuhr, es wären die Töchter von Madame
+T..., die hier im Hause wohne und die ihr
+die Kinder bisweilen überlasse. Es sind meine
+Gäste, fügte sie hinzu, wenn Meining nicht zu
+Hause ist, dem sie zu viel Geräusch machen,
+und ich habe sie mir heute geladen, um ihnen
+mit einem Weihnachtsbaume die Freude zu vergelten,
+die sie mir oft machen. Jetzt im Winter,
+wo die Natur uns keine Blume bietet, sind
+das meine lieben Pflänzchen, deren Wachsen und
+Gedeihen mich unsäglich freut. Sie glauben
+nicht, wie engelgut und gescheut solch ein unverdorbenes
+Kind ist. Halb mit mir, halb mit
+den Kindern beschäftigt, sprach sie abwechselnd
+scherzend mit uns.</p>
+
+<p>Ich hätte ihr ewig zuhören mögen. Plötzlich
+<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
+merkten wir ein helleres Aufflammen der
+Weihnachtslichter. Clementine, die sehr ängstlich
+besorgt für die Kinder schien, bat mich, die
+untern Lichter, an welche die Kinder reichen
+könnten, auszulöschen. Ich that es und nahm
+nun auch die beiden größern Mädchen zu uns
+hin. Nun ging es an ein Plaudern: Tante!
+wer ist der Herr? Ist das auch ein Onkel?
+Ja! Röschen, das ist der Onkel Thalberg.
+Warum bist Du nicht immer hier, Onkel? Weil
+ich nicht immer hier sein darf. Hast Du denn die
+Tante Clementine nicht lieb? O! sehr, sehr
+lieb! rief ich hingerissen aus. Kannst Du uns
+denn leiden? fragte die kleine Emma, unsre
+Wärterin sagt, der Onkel Geheimrath kann uns
+nicht leiden, weil er schon so alt ist. Tante,
+unterbrach Röschen, behalte lieber diesen Onkel
+hier und schicke den alten Onkel Meining fort.
+Ja! Tante! thue das, dieser Onkel ist so schön
+und freundlich wie Du, schicke den alten fort.
+<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
+Das Alles schwatzten die kleinen Dinger so
+schnell durch einander, daß man gar nicht Einhalt
+thun konnte.</p>
+
+<p>Clementine wurde glühendroth und gleich
+darauf sehr bleich; Thränen traten ihr in die
+Augen, die sie mir verbergen wollte, indem sie
+sich rasch zu Emma bückte und sagte: Schäme
+Dich, den guten, lieben Onkel Meining hast
+Du nicht lieb? Dann kann ich Dir auch nicht
+gut sein, wenn Du meinen lieben Meining nicht
+magst, und Du darfst nicht mehr herkommen,
+Du böses Kind! Ihre Stimme bebte, und ich
+sah, was sie litt &ndash; o! mein Gott! ich hätte
+ihr dies Leiden mit meinem Leben vergelten
+wollen; denn, was soll ich es Dir verbergen &ndash;
+ich liebe Clementine.</p>
+
+<p>Feld! wie spielt das Leben uns mit, und wie
+wenig verstehen wir unser Glück. Diese Frau
+war mein, und ich konnte sie verschmähen; sie
+liebt mich noch, und ich kann sie nicht besitzen.
+<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
+Ich habe ihr Leben zerstört, das fühle ich, und
+die Rache bleibt nicht aus; denn jetzt erst weiß
+ich, daß ich Nichts mehr vom Leben zu erwarten
+habe. Wie war es möglich, daß ich diese
+Liebe verkannte? Sie ist das einzige, wahre
+Gefühl meines Herzens gewesen, und ich selbst
+habe mich um das Glück gebracht; ihr und mein
+Unglück habe ich selbst bereitet.</p>
+
+<p>Um ihr nicht zu sagen, ich bete Dich an,
+um ihr nicht zu Füßen zu fallen, stand ich auf
+und brachte meine Schlittenfahrt in Vorschlag.
+Clementine refüsirte sie entschieden, da ihr Mann
+an dergleichen keinen Theil nähme und sie, ohne
+ihn, solche Partien nicht mitmache. Ich bekam
+einen Dank und empfahl mich &ndash; ein unvergeßliches
+Bild in der Seele. Es ist mir lieb,
+daß sie nicht mit mir fährt; sie hat Recht, sie
+soll Alles vermeiden, was sie dem Schatten eines
+Vorwurfs aussetzen könnte. Grade weil ich
+sie anbete, will ich selbst über sie wachen und
+<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
+fast könnte ich wünschen, sie liebte mich nicht
+mehr, damit der reine Friede ihres Herzens nicht
+getrübt werde &ndash; und doch scheint mir das Leben
+nur möglich in dem Bewußtsein ihrer Liebe.</p>
+
+<p>Daß ich bleibe &ndash; bedarf nun keiner Bestätigung.</p>
+
+<p class="signature"><span class="gesperrt">Thalberg</span>.</p>
+
+
+<h3>Der Hauptmann v.&nbsp;Feld an Robert Thalberg.</h3>
+
+<p class="letterdate">Den 27. Dezember.</p>
+
+<p>Unsinniger, was fängst Du an? Wirst Du
+denn niemals Ruhe finden? Denkst Du nicht
+mehr, daß Du Caroline eben so heiß geliebt,
+daß sie Dir auch das vollkommenste Weib geschienen?
+Rede mir nicht davon, daß Du bleiben
+willst; wenn Dir Clementinens Ruhe und
+Ehre werth sind, eile sie zu verlassen, ehe es
+für Euch Beide zu spät wird. Grade weil ich
+überzeugt bin, daß Clementine nie einen Andern
+liebte, als Dich, weil ich auch glaube, daß nur
+<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a>
+Vernunft und Pflicht sie an ihren Mann fesseln
+&ndash; weil ich ihre und Deine Leidenschaftlichkeit
+kenne und fürchte, grade darum mußt Du fort.</p>
+
+<p>Und was willst Du? Sie zwingen, noch unglücklicher
+zu werden, als sie es vielleicht schon
+ist? Vielleicht war es nur ihr reines Bewußtsein,
+das sie bisher aufrecht erhielt, willst Du
+ihr das rauben? Willst Du die Ehre ihres
+Mannes, der Dich gastlich aufgenommen, ihren
+häuslichen Frieden Deinen Wünschen opfern?
+Du wirst es thun, aber sage mir nie mehr, daß
+Du Clementine geliebt hast.</p>
+
+<p class="signature">Der Deinige v.&nbsp;<span class="gesperrt">Feld</span>.</p>
+
+
+<h3>Robert Thalberg an den Hauptmann v.&nbsp;Feld.</h3>
+
+<p class="letterdate">Den 29. Dezember.</p>
+
+<p>Deinen Brief habe ich erhalten, lieber Feld!
+Deine Vorwürfe vergebe ich Dir, weil ich sie
+nicht verdiene. Clementine ist mir heilig wie
+meine Ehre. Wie kannst Du aber Carolinens
+<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
+erwähnen, im Vergleich zu Clementinen? Jetzt
+fühle ich es mehr als je, daß nur Sinnlichkeit
+und Verblendung mich an Caroline fesselten.
+Als ich sie zuerst sah, als der entzückte, stürmische
+Beifall des Publikums sie über sich selbst
+erhob und sie alle Leidenschaften, die das Herz
+der Orsina durchtoben, selbst zu fühlen schien und
+nun dastand, ruhend in sich, abgeschlossen, fest
+und groß, mitten in einer untergehenden Welt,
+erschien sie mir so gewaltig, daß es mich trieb,
+dies Weib kennen zu lernen. Ich fand in ihr,
+was ich erwartet hatte, einen großen Charakter,
+ein glühendes Herz, versunken im Strudel des
+Lebens. Stunden des leidenschaftlichsten Entzückens
+hat sie mir gegeben. Liebe bedurfte sie
+nicht, flößte sie nicht ein. Ich war eitel darauf,
+<span class="gesperrt">sie</span> zu besitzen, die Alle mir beneideten; ich
+freute mich ihrer und schwelgte wie sie in ihren
+Triumphen. Wenn die Blicke der staunenden
+Menge trunken an ihr hingen und ihr kühnes
+<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
+Auge nur mich suchte; dann habe ich ein eigenthümliches
+Glück empfunden. Es liegt ein großer
+Reiz in der Hingebung einer Frau, die der
+Bühne, der Welt angehört; sie regte meine
+Phantasie mächtig an, meine Sinne waren in
+dem höchsten Aufruhr, ich war außer mir. Ich
+hätte sie und den Grafen ermorden können, als
+sie mit ihm entfloh &ndash; ich hätte mit ihr die
+Welt durchziehen, mich mit ihr vernichten mögen;
+aber nie ist es mir eingefallen, niemals,
+sie mir als meine Hausfrau zu denken, wie
+Clementine mir ewig vor Augen steht. Wäre
+Caroline mir treu gewesen, ich hätte vielleicht
+nie an Haus und Weib gedacht, sie hätte mich
+fortgerissen. An ihr unstätes Leben gekettet,
+hätte ich mich über mich selbst, über sie, über
+Alles noch lange, wer weiß, ob nicht fast für
+immer getäuscht; denn sie war eine Titanennatur,
+der man schwer widerstand. Nun aber!
+Hättest Du Clementine, die schöne Geliebte
+<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
+meiner ersten Jugend, gesehen, wie ich, in der
+züchtigen Haube, die Kinder um sie her und sie
+selbst ein frohes Kind mit ihnen: Du würdest
+wie ich keinen andern Gedanken haben, als sie.
+Wenn ich sie mir denke, als mein Weib, mit
+meinem Kinde, in den Zimmern meines Schlosses
+&ndash; ich wäre der seligste Mensch geworden. Ach!
+ich wollte unendlich glücklich sein oder unendlich
+elend &ndash; und jetzo bin ich elend.</p>
+
+<p>Sie verlassen kann ich nicht; genug, daß
+sie sich mir entzieht, so viel sie kann, daß ich
+sie fast nur in Gesellschaft sehe. Ich weiß es
+ihr Dank, daß sie mich flieht; grade die reine,
+versagende, milde Frau liebe ich in ihr. Ich
+bleibe hier; denn ich weiß, sie und ich, wir haben
+Beide keine Hoffnung auf Glück, als das,
+uns in flüchtigen Momenten zu begegnen, die
+abzukürzen ich nicht den Muth habe. Denke
+von mir, was Du willst; ich bleibe.</p>
+
+<p class="signature"><span class="gesperrt">Thalberg</span>.</p>
+
+
+
+
+<h2><a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
+Elftes Kapitel.</h2>
+
+
+<h3>Aus Clementinens Tagebuch.</h3>
+
+<p>Am zweiten Weihnachtsabend. Gott im Himmel!
+womit habe ich mein Loos verschuldet?
+Wie wage ich es noch, Meining in das Auge
+zu sehen, mich auf seinen Arm zu stützen, während
+mein Herz Nichts mehr kennt, als Robert
+und diese unglückselige Liebe? Ach, ich hätte mich
+so gern getäuscht; ich wollte mich überreden,
+daß ich ihn jetzt mit Ruhe sehen, daß er mir
+ein Freund werden, daß er mein armes, einsames
+Leben verschönen könne &ndash; und ein Kind
+mit seiner Einfalt muß mir die Falscheit meines
+Herzens aufdecken. Arme, kleine Emma! was
+kannst Du dafür?</p>
+
+<p>Ich wollte ihn nicht mehr sehen; aber wie
+soll ich das machen, ohne Meining's Aufmerksamkeit
+<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
+zu erregen? So muß ich ihm täglich
+begegnen, mich verstellen, lügen und kalt scheinen,
+während die heißeste Liebe mich zu ihm
+zieht, während ich fühle, wie er mich liebt.
+Ach, nun ist es zu spät, Alles vorbei für mich,
+und mir bleibt keine Wahl, als fortzuschreiten
+auf dem Wege des Trugs, damit Meining wenigstens
+seine Ruhe erhalten werde und Robert
+nicht wisse, wie ich ihn liebe, wie ich meine
+Pflicht verletze. Ein Weib, die Frau eines so
+edlen Mannes, die einen Andern liebt! Wer
+mir das je als möglich vorgestellt hätte! &ndash; und
+wie soll es enden.</p>
+
+<p>Den 28. Dezember. Der Wind tobt durch
+die Straßen und peitscht den Schnee vor sich
+her. Es ist so todt und kalt in der Luft; auch
+mir ist es fröstelnd und bang. Meining ist nicht
+zu Hause; ich wollte, er käme zurück und bliebe
+bei mir &ndash; denn ich fürchte mich allein, vor
+mir selbst. Ich wollte lesen und vermochte es
+<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
+nicht; die Kinder, die ich holen ließ, sprachen
+von Onkel Thalberg, von dem mein Herz laut
+genug spricht. Dann wollte ich mich zerstreuen
+und sah auf die Straße hinaus; eine arme
+Frau ging vorüber, starr und weinend vor Kälte;
+ich ließ sie hereinholen, wärmen, speisen und
+kleiden &ndash; wohl ihr, daß man ihr helfen kann.
+Mir kann Niemand helfen!</p>
+
+<p>Den 2. Januar. Mir träumte die ganze
+Nacht von Dir. Ich saß mit Dir und den
+Kindern, und wir sahen aus den Fenstern auf
+das Meer, das auf- und niederwogte, und Du
+wickeltest mein Haar zu Locken um Deine Hand,
+immer neue bildend und die frühern zerstörend.
+Darauf erzähltest Du von Deinen Reisen und
+Deinem Leben und sagtest: wir sind uns schon
+früher begegnet, da haben wir uns geliebt, und
+Du liebst mich noch, Clementine. Nun fing
+ich bitterlich an zu weinen. Du aber küßtest
+mein Haar und führtest mich hinab an's Meer.
+<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
+Schweigend und ruhend auf Deinem Arme,
+wandelte ich auf und ab mit Dir, und Du
+zogst lange, weiße Perlenschnüre aus den Wellen
+und schmücktest mein Haar, daß mir die vollen
+Perlenreihen bis an das Herz niederreichten.
+Da wurde mir entsetzlich bange, und ich sagte:
+aber Perlen bedeuten ja Angst und Thränen?
+und Du lächeltest trübe und sprachst: erwartest
+Du es anders, Geliebte?</p>
+
+<p>Ich wachte auf, in Thränen gebadet. Gott
+selbst wollte mich warnen im Traume. Was
+soll ich thun?</p>
+
+
+<h3>Clementine an Frau v.&nbsp;Alven.</h3>
+
+<p class="letterdate"><span class="gesperrt">Berlin</span>, d. 3. Januar 1840.</p>
+
+<p>Glück auf zum neuen Jahre, meine gute
+Tante! und möge es uns nichts Uebles bringen.
+Hast Du mich denn ganz vergessen, daß
+auch kein Wort von Dir mehr zu hören ist?
+Ich sprach noch gestern mit Meining davon, der
+<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a>
+Dich leider noch immer nicht kennt; und wir
+überlegten, ob es nicht möglich wäre, daß Du
+jetzt für einige Zeit zu uns kämest. Mir geschähe
+der größte Gefallen, denn ich habe seit
+Jahren Nichts so sehnlich gewünscht, als wieder
+mit Dir, Du treue Freundin, zusammenzusein.
+Auch weiß ich eigentlich nicht, was Dich davon
+abhalten könnte, recht bald zu kommen, damit
+Du noch einen Theil der Winterfreuden und
+das beginnende Frühjahr mit uns genießen
+könntest.</p>
+
+<p>Du hast es mir immer abgeschlagen, uns
+in Heidelberg zu besuchen, unter dem doppelten
+Vorwande, die Reise sei zu weit, und Eheleute
+müßten erst Jahr und Tag allein mitsammen
+leben, ehe sie an einen Hausgenossen
+denken dürften. Beide Rücksichten fallen jetzt
+weg, und ich fange getrost an, Deine Wohnung
+bei uns einzurichten. Du sollst die Zimmer
+haben, die Du früher bewohntest; Alles soll an
+<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
+der alten Stelle stehen, und Deine Clementine
+hat auch die alte Liebe für Dich.</p>
+
+<p>Komm Herzens-Tante! ich bin so viel allein,
+ich habe Grillen, die ich nicht bannen kann;
+ich muß Dir Vieles sagen, ich bedarf dringend
+Deines Rathes, also laß Dich nicht vergebens
+bitten und erwarten.</p>
+
+<p>In acht Tagen könntest Du hier sein, wenn
+Du noch die gute, flinke Tante wärest. Meining,
+der engelgut gegen mich ist, bittet mit
+mir um Deinen Besuch und empfiehlt sich Dir
+bestens; so auch die Generalin und alle Deine
+übrigen Freunde, die sich ein Fest daraus machen,
+Dich wiederzusehen. Schreibe mir, welchen
+Tag Du einzutreffen denkst, gute Tante!
+Wir kommen Dir, wenn es Meining's Geschäfte
+erlauben, bis zur ersten Station entgegen oder
+schicken Dir mindestens unsern Wagen und Diener.
+Aber komme bald, denn ich bedarf Deiner. Deine</p>
+
+<p class="signature"><span class="gesperrt">Clementine v.&nbsp;Meining</span>.</p>
+
+
+<h3><a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a>
+Frau v.&nbsp;Alven an die Geheimräthin
+v.&nbsp;Meining.</h3>
+
+<p class="letterdate">St...., d. 12. Januar 1840.</p>
+
+<p>Mein liebes Kind! ich wünsche gewiß ebenso
+sehr als Du, daß es uns vergönnt würde, eine
+Zeit mit einander zu verleben; leider müssen
+wir aber den Plan noch für eine Weile hinausschieben,
+da ich nicht wohl genug bin, jetzt an
+eine Reise zu denken. Indes will ich mich so
+rüsten, daß ich bei der nächsten gelinden Witterung
+mich auf den Weg mache, und so wollen
+wir Beide um einen milden Winter bitten.</p>
+
+<p>Was Du mir von Grillen und Klagen
+schreibst, das kann ich nach diesen unbestimmten
+Ausdrücken nicht verstehen; will es auch nicht,
+falls irgend etwas Deinen häuslichen Frieden
+gestört hätte. Dergleichen kommt wol in jeder
+Ehe vor, und man muß sich nur hüten, ein
+Wort davon, auch gegen die beste Freundin, laut
+werden zu lassen. Der Frieden stellt sich oft
+<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
+gar leicht wieder her; das ausgesprochene Wort
+kann aber nie zurückgenommen werden und ist
+nur zu oft eine Saat, die böse Früchte trägt.
+Meining ist, wie Du mir selbst sagst, gut und
+brav und liebt Dich &ndash; mußt Du Dich also
+aussprechen, ist es Dir Bedürfniß, so sei es
+gegen ihn. Suche mit ihm und Dir selbst in's
+Reine zu kommen, und &ndash; wenn Du dulden
+mußt, dulde schweigend. Das ist der einzige
+Rath, den ich für verheirathete Frauen habe.</p>
+
+<p>Im Frühjahr sehen wir uns, so Gott will,
+wieder; mögen dann mit dem Winter auch Deine
+Grillen verschwunden sein. Du warst ein kluges,
+kräftiges Mädchen; halte Dich, wie eine brave
+Frau soll, und schweige, mein Kind! damit Du
+in den Himmel kommst. Gott erhalte Dich,
+mein Töchterchen! und gebe uns ein frohes
+Wiedersehen, wie es herzlichst wünscht Deine
+treue Tante</p>
+
+<p class="signature"><span class="gesperrt">Albertine v.&nbsp;Alven</span>.</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a>
+Dieser Brief verursachte Clementinen die
+lebhafteste Betrübniß. Sie hatte in der Verwirrung
+ihrer Seele keinen andern Ausweg gewußt,
+als die Tante zu ihrem Beistande herbeizurufen.
+Robert gänzlich zu vermeiden, war
+in ihren Verhältnissen unmöglich, ohne daß
+Meining es bemerkte; fast täglich traf sie mit
+dem Geliebten zusammen und litt unsäglich,
+wenn sie ihren Gatten so freundlich gegen Thalberg
+sah. Sie hätte Meining Alles bekennen
+mögen, ihn bitten, mit ihr an das Ende der
+Welt zu fliehen, damit sie dieses Elends ledig
+würde. Je mehr ihr Herz an Robert hing, je
+mehr Liebe sie dadurch ihrem Manne entzog,
+je mehr fühlte sie das Bedürfniß, demselben,
+wenn man so sagen kann, dienstbar zu sein,
+sich vor ihm zu demüthigen und ihn durch jede
+mögliche Aufmerksamkeit für die entzogene Liebe
+zu entschädigen. Wenn dann Meining erfreut und
+dankbar für so viel Zuvorkommenheit und Güte,
+<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a>
+sie in seine Arme schloß oder sie küßte, hätte
+sie vor Scham vergehen mögen; besonders wenn
+sie bemerkte, wie dann Robert's Auge unaufhörlich
+auf ihr ruhte, wie er die Farbe wechsele
+und düster werde und nicht Ruhe finde, bis Meining
+sich entfernte.</p>
+
+<p>Auf die Tante war ihre letzte Hoffnung gerichtet.
+Dieser ruhigen Frau ihr Leiden zu klagen,
+schien ihr der einzige Trost, und da Frau
+von Alven nur wenig ausging, hoffte Clementine
+darin eine Entschuldigung zu finden, wenn
+sie selbst sich in ihre Häuslichkeit zurückzöge.
+Aber Frau von Alven kam nicht. Clementine
+blieb mit ihrem Kummer allein und wußte Nichts
+zu thun, als die Zirkel so wenig als möglich
+zu besuchen, in denen sie Robert zu begegnen
+glaubte.</p>
+
+<p>Anfänglich schien Thalberg das zu billigen,
+und nur das Entzücken, mit dem er sie jedesmal
+wiedersah, verrieth ihr, wie schwer er sie
+<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
+vermißt hatte. Grade das Entbehren aber reizte
+und steigerte seine Leidenschaft auf das Höchste,
+und bald versuchte er ebenso eifrig Clementinen
+zu begegnen, als sie ihn zu vermeiden strebte.
+Wo er sie nur irgend vermuthen konnte, fehlte
+er niemals, und wenn sie sich nur für einen
+Augenblick im Theater oder auf der Promenade
+zeigte, war er sicher an ihrer Seite. Gelang
+es ihm, trotz alle Dem, ein paar Tage hindurch
+nicht, sie zu sehen und zu sprechen,
+hatte sie seine häufiger werdenden Besuche
+nicht angenommen, so wußte er sich durch
+den Geheimrath selbst eine Einladung zu verschaffen,
+und Clementine hatte nicht den Muth,
+ihm deshalb zu grollen. War er doch so
+glücklich in ihrer Nähe. Sie hätte ihm mit
+Freuden ihr Leben geopfert und wagte nicht
+ihm einen Blick oder ein freundliches Wort
+zu gönnen, weil sie, unaufhörlich gegen ihr
+Herz kämpfend, den Glauben in sich zu erhalten
+<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
+suchte, sie werde Robert's mit Ruhe
+gedenken, wenn sie ihn nicht mehr sähe, und
+es werde ihr gelingen, sich ihrem Manne
+zu erhalten.</p>
+
+
+
+
+<h2><a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a>
+Zwölftes Kapitel.</h2>
+
+
+<p>Fast in jedem Winter sind es nur eine kleine
+Anzahl von Personen, welche zum Mittelpunkte
+der Gesellschaft werden und die allgemeine Aufmerksamkeit
+auf sich ziehen, Frauen sowol als
+Männer; und sind diese Letztern jung und liebenswürdig,
+so kann es nicht fehlen, daß sich
+die Augen der Mütter liebreich auf sie richten
+und die der Töchter sich schmachtend niederschlagen,
+wodurch die Stellung eines reichen Heirathskandidaten
+zu einer der unterhaltendsten von der
+Welt wird, wenn sein Herz frei und er in der
+Laune ist, die feinen Intriguen zu beobachten,
+die gesponnen werden, um ihn zu fesseln. Freundlichere
+Augen, süßeres Lächeln sah Rinaldo nicht
+<a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a>
+in Armidens Gärten, als sie jeden Abend Thalberg
+erblickte, wohin er trat. Seine Erscheinung
+hatte in der Damenwelt Epoche gemacht; und
+seine glänzende Equipage, seine prächtigen Pferde
+hatten nicht dazu beigetragen, das Interesse zu
+vermeiden, welches seine Persönlichkeit eingeflößt
+hatte. Leider schien es aber, als ob seine schönen,
+schwarzen Augen die junge Damenwelt gar
+nicht bemerkten. Kalt und höflich bewegte er
+sich in ihrer Mitte, ohne irgend Jemand auszuzeichnen,
+sodaß endlich eine der älteren Damen,
+welche eine einzige Tochter hatte, sich entschloß,
+sich hinsichtlich ihrer Wünsche in diesem
+Punkte gegen Clementine auszusprechen. Die
+Staatsräthin Ringer war reich, ihre Johanna,
+eine hübsche, frische Blondine, von der klugen
+Mutter auf das Sorgfältigste erzogen und mit
+einem Worte »eine vortreffliche Partie«. Die
+Staatsräthin sah, daß Thalberg viel im Meining'schen
+Hause und anscheinend mit Clementinen
+<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a>
+befreundet war; daher entdeckte sie ihr,
+nach einer ewig langen Einleitung, daß sie lebhaft
+wünsche, ihre Johanna, die nun siebenzehn
+Jahre alt sei, zu verheirathen. Sie ist, wenn
+ich einmal sterbe, sagte sie, ganz verwaist, und
+ich versichere Sie, beste Geheimräthin, daß mich
+dieser Gedanke oft sehr beunruhigt. Nun gestehe
+ich Ihnen, mich hat Herr Thalberg in
+jeder Beziehung so angezogen, sein feines, geistreiches
+Wesen ist dabei so zutrauenerweckend,
+daß ich Nichts sehnlicher wünschen könnte, als
+diesem Manne meine Johanna zu geben. Und
+grade Das, was manchen Frauen an Thalberg
+mißfällt, das kalte Betragen gegen junge Mädchen,
+ist mir ein Beweis mehr, daß er ein sehr
+guter Ehemann und seiner Frau sehr ergeben sein
+würde. Sehen Sie, Liebste! wenn Sie Thalberg
+gelegentlich meiner Johanna vorstellten, sie
+vielleicht einmal zusammen einladen möchten &ndash;
+damit sich die Leutchen näher kennen lernten &ndash;
+<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a>
+mein Gott! das verpflichtet ja Niemand &ndash; Thalberg
+selbst braucht es gar nicht zu wissen; und
+gelingt es, so haben wir zwei Menschen glücklich
+gemacht, und ich, liebste Freundin! bin Ihre
+ewige Schuldnerin.</p>
+
+<p>Sie hätte noch lange fortsprechen können,
+ohne von Clementinen unterbrochen zu werden,
+so erschrocken war diese anfangs bei dem Gedanken,
+Robert verheirathet zu wissen. Bald
+aber siegte ihre edlere Natur; es schien ihr, als
+zeige ihr der Himmel dadurch eine Möglichkeit,
+sich und Robert zu retten. Deshalb ging sie
+bereitwillig auf den Gedanken dieser Verbindung
+ein und versprach, so weit es in ihrer Macht
+stände, die nöthigen Schritte zu thun.</p>
+
+<p>Als aber die Staatsräthin sich entfernt hatte,
+warf sich Clementine mit heißen Thränen auf
+das Sopha; sie selbst sollte Robert eine Frau
+geben, sie sollte ihn veranlassen, ihrer zu vergessen,
+eine Andere zu lieben! &ndash; sie sollte ihn
+<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a>
+dann nicht mehr sehen &ndash; denn sicher würde er
+mit der jungen Frau gleich nach der Hochzeit
+nach Hochberg gehen. Eine entsetzliche Eifersucht
+bemächtigte sich ihrer; sie sah im Geiste
+Johanna schon in Hochberg walten; sie sah, wie
+Robert glücklich war mit der jungen Frau, wie
+er sie liebte &ndash; und ein Gefühl von Neid und
+Bitterkeit, wie sie es nie gekannt, machte sie
+erbeben bei dem Gedanken, daß eine Andere nun
+das einzige Glück besitzen würde, nach dem sie,
+Clementine, sich ihr Leben hindurch gesehnt, daß
+eine Fremde ihrem Robert die Wonne bereiten
+würde, die er einst in ihr zu finden gehofft &ndash;
+und wie glücklich müsse Robert mit seinem Herzen
+sein können! An dem Gedanken raffte sie
+sich empor. Des Geliebten Glück! das war ja
+Alles, was sie wollte. Sie selbst konnte ihm
+nur Schmerz, keine Freude bereiten; so sollte
+er glücklich werden, durch ein Mädchen, das sie
+ihm gewählt. Dann würde er freilich fortziehen,
+<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a>
+sie würde ihn entbehren und wie schwer
+entbehren! aber Robert würde glücklich sein, sie
+selbst ruhig werden in dem Bewußtsein des Unabänderlichen
+und durch die größte Hingebung
+würde sie ihr Unrecht gegen Meining zu sühnen
+versuchen.</p>
+
+<p>An dem Gelingen ihres Planes zweifelte sie
+keinen Augenblick. Ihre Eifersucht ließ sie in
+Johannen plötzlich eine unwiderstehliche Schönheit
+erblicken; sie fand sich selbst verblüht und
+alt; sie malte es sich aus, wie Robert frappirt
+sein würde durch Johannens jugendliche Reize;
+wie schnell er die arme Clementine wieder vergessen
+würde. Das aber sollte ihre gerechte
+Buße sein. Sie selbst wollte Johanna an sich
+ziehen und so weit sie es vermöchte, zu deren
+Ausbildung beitragen, damit Thalberg in seiner
+künftigen Frau all' das Glück fände, das Clementine
+ihm wünschte. So war in wenig Minuten
+aus einem jungen, fremden Mädchen,
+<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a>
+aus einem halben Kinde, das Nichts davon
+ahnte, ein Gegenstand des Hasses für Clementine
+geworden, dessen sie einen Augenblick später
+mit wehmüthiger, fast mütterlicher Rührung gedachte
+und an deren Zukunft sie mit den edelsten
+Gefühlen ihrer Seele hing.</p>
+
+<p>Eine Freude, wie nach guter That, belohnte
+sie für den Kampf dieser Stunde; sie fühlte sich
+ihrem Manne gegenüber durch ihr redliches Streben
+gerechtfertigt. Sie hatte Muth, ihm frei
+in das Auge zu sehen, und dachte mit weicher
+Ruhe an Robert, dessen Besuch sie an dem
+Abend erwartete, wo ihr Mann eine Partie mit
+dem Obrist und Klenke machen wollte und auch
+Marianne und Frau von Stein sich bei ihr angemeldet
+hatten.</p>
+
+<p>Man war schon am Ende des Februar; die
+Luft war mild, die Tage länger geworden. In
+dem Wohnzimmer der Geheimräthin waren die
+Fenster geöffnet, der leichte Abendwind bewegte
+<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a>
+die Blumen vor demselben auf und nieder und
+beugte die Blüthen einer mächtigen Cala, die
+in grünem Kübel neben dem Fauteuil stand, auf
+Clementinens schönes Haar. Ihre Nerven hatten
+durch die leidenschaftliche, unterdrückte Aufregung
+der letzten Zeit gelitten; sie fühlte sich angegriffen
+bis in das tiefste Herz und ruhte auch jetzt in
+ihrem Lehnsessel, damit ihre Gäste später Nichts
+von ihrer Schwäche gewahr würden. Sinnend
+blickte sie in den Kelch der weißen Blume und
+kühlte ihr Gesicht mit den großen, träumerischen
+Blättern. So mag wol die Lotosblume blühen,
+dachte sie, und sehnte sich hin nach den stillen
+Thälern einer fernen Welt, fort aus der Gesellschaft
+und aus Verhältnissen, die ihr zur Pein
+geworden waren, in eine Welt voll Frieden,
+Schönheit und Ruhe. Da wurde ihr Robert
+gemeldet, der, um sie wenigstens einen Augenblick
+allein zu sprechen, früher gekommen war,
+als sich die Gesellschaft in ihrem Hause zu versammeln
+<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a>
+pflegte. Sie hatten sich einige Tage
+hindurch nicht gesehen, Robert fand sie bleicher
+als sonst und fragte nach ihrem Befinden. Sie
+klagte über Ermüdung, drückte aber die Hoffnung
+aus, der Sommer werde sie herstellen,
+wenn sie erst ihre Wohnung im Thiergarten
+bezogen haben würde. Nur noch wenig Wochen,
+sagte sie, und wir wandern Alle aus und
+die Stadt wird leer; auch Sie gehen vermuthlich
+bald fort, lieber Thalberg?</p>
+
+<p>Ich weiß es selbst noch nicht, gnädige Frau,
+erwiederte er, Berlin ist mir so werth, so sehr
+Bedürfniß meiner Existenz geworden, daß sich
+meine bisherige Vorliebe für das Landleben bedeutend
+verringert hat; und es ist wol möglich,
+daß ich nur für eine Zeit nach Hochberg gehe,
+dort eine kleine Inspektion zu halten, und dann
+zurückkehre. Hochberg ist mir zu todt, zu still....</p>
+
+<p>Das finde ich begreiflich, entgegnete Clementine,
+der das Herz heftig schlug, in dem Gedanken
+<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a>
+an ihren Plan, das finde ich begreiflich,
+weil Sie dort so ganz allein sind. Sie sollten
+es aber deshalb nicht aufgeben und werden es
+auch nicht, bei den hohen Begriffen, die sie von
+dem Beruf des Gutsbesitzers in unsrer Zeit haben.
+Ihre Besitzungen haben ein Recht an Sie,
+Sie haben eine Pflicht gegen Ihre Leute und
+dürfen, denke ich, eben so wenig immer in Berlin
+bleiben, als ein König seine Krone zu seinem
+Vergnügen niederlegen dürfte. Aber Sie
+sollten sich das Leben auf Hochberg angenehmer
+zu machen suchen, Sie sollten....</p>
+
+<p>Gäste einladen? Wer kommt zu mir Einsamen?
+Freunde, welche die Jagd zu mir lockt,
+und dergleichen Gäste mehr. Ja, gnädige Frau!
+wenn ich Sie einmal dort sehen könnte, wenn
+Sie nur wenige Tage dort verweilen wollten!
+Sie glauben nicht, wie schön, wie paradiesisch
+schön mein liebes Hochberg ist! Aber Sie werden
+nicht kommen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a>
+Doch! antwortete Clementine leise und mit
+einer Eile, die ihr fremd war, so eilig wie Jemand
+eine schwere Last, die ihn erdrückt, von
+sich wirft, &ndash; doch! Sie müssen nur vorher eine
+Frau nehmen; das wollte ich Ihnen lange schon
+rathen.</p>
+
+<p>Sie! rief Thalberg wie außer sich, Sie wollten
+mir das rathen! O! mein Gott! wie wenig
+haben wir uns verstanden. Können Sie denken....</p>
+
+<p>Ich denke, sagte Clementine, die in tiefer
+Bewegung nach Fassung rang und sie durchaus
+gewinnen wollte, ich denke, bester Thalberg, daß
+Sie sich glücklich fühlen und glücklich machen
+sollen. Sie sind so gut, Sie fühlen den Werth
+der Häuslichkeit; warum wollen Sie einsam
+Ihr Leben verbringen? Ich selbst habe Ihnen
+eine Frau ausgesucht, es ist die erste Dame, der
+ich Sie heute über acht Tage auf meinem Balle
+vorstellen werde.</p>
+
+<p>Robert wollte sie mehrmals unterbrechen, sie
+<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a>
+ließ ihn aber nicht dazu kommen. Er war aufgestanden
+und ging heftig im Zimmer auf und
+ab. Beide schwiegen &ndash; es war eine bange
+Pause.</p>
+
+<p>Ja! sagte er endlich und lächelte höhnisch,
+Sie haben Recht, ich bin ein leidenschaftlicher
+Thor, ein unbequemer Gast, den man um jeden
+Preis von sich entfernen muß; auch wenn es
+mein einziges, letztes Glück zerstörte. Sie haben
+Recht, und es soll anders werden. Ich bin
+neugierig auf Ihre Wahl, meine Gnädige! ich
+sehne mich, die Auserkorene kennen zu lernen &ndash;
+ich bin grade in der Stimmung, einen liebenswürdigen
+Gatten zu machen. Aber freilich, eine
+Frau, die so viel Glück in der Ehe gefunden
+hat, als die Geheimräthin von Meining, will
+es Andern auch bereiten. O! über die großmüthigen
+Frauen!</p>
+
+<p>Wie ungerecht sind Sie, Thalberg! &ndash; war
+Alles, was Clementine den stürmischen, unwürdigen
+<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a>
+Worten entgegnete, aber ein paar große
+Thränen zitterten in ihren Augen.</p>
+
+<p>Plötzlich blieb Robert vor ihr stehen, er war
+todtenbleich, und auch sein Auge war von Thränen
+feucht. Er sah sie lange unverwandt an,
+faßte ihre Hände und sprach: Sei es so! &ndash; ja,
+gnädige Frau! Sie haben Recht, ich reise bald,
+weil Sie es wünschen. O! Sie sind rein und
+licht wie der Kelch dieser Blumen; tief wie in
+ihn, sehe ich in Ihr heiliges Herz. Machen Sie
+mit mir, was Sie wollen, ich habe keinen Willen
+als den Ihren. Damit bog er sich zu ihr nieder,
+daß er fast vor ihr kniete, küßte ihre Hände
+und ging eilig hinaus.</p>
+
+<p>Clementine war erschöpft. Sie schlug ihre
+Hände, wie betend, zusammen und blieb in
+schwermüthigem Hinbrüten, bis Marianne und
+die übrigen Gäste kamen. Dann nahm sie sich
+gewaltsam zusammen und verfiel dadurch in eine
+überreizte Laune, welche Frau von Stein und
+<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a>
+Marianne allerliebst und höchst unterhaltend fanden,
+und bei welcher der armen Frau fast das
+Herz brach und alle Nerven bebten. Auch war
+sie in den nächsten Tagen kaum im Stande, die
+nöthigen Einladungen und Besorgungen für ihren
+Ball anzuordnen; sie fühlte sich krank und bestand
+doch, trotz Meining's Abreden, darauf, den Ball
+am bestimmten Tage zu geben. Robert, der
+mehrmals hingekommen war, ließ sie, wie alle
+übrigen Besuche, abweisen und bat den Geheimrath,
+er möge ihr, da das gesellige Treiben sie
+wirklich angreife, ein paar Tage vollkommener
+Ruhe gönnen, deren sie nur bedürfe, um zu
+dem Balle frisch und gesund zu sein.</p>
+
+<p>Der verhängnißvolle Abend des 26. Februar
+kam heran. Die ganze Wohnung war glänzend
+geschmückt, alle Zimmer geöffnet, Blumen und
+Kerzen überall &ndash; große Spiegel und glänzende
+Vergoldungen strahlten die Gasflammen und
+Kerzen fröhlich wieder. Der Geheimrath war
+<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a>
+in der besten Laune, als er Alles so festlich und
+heiter um sich her sah. Die Wohnung glich
+einem Tempel der Freude und des Lichtes, aber
+in Clementinens Seele war es tiefe Nacht.
+Sie trug eine Robe von schwarzem Sammet
+und eine einzige Schnur großer Perlen. Ihr
+Haar, einst Robert's Entzücken, war glatt gescheitelt,
+ohne Blumen, ohne Schmuck, und
+doch war sie schön, trotz ihrer Blässe. Sie hatte
+den ganzen Tag gezittert bei dem Gedanken an
+diesen Abend, sie hatte unaufhörlich mit sich gerungen.
+Nun war sie ruhig, aber müde; glorreich
+müde, wie ein Sieger nach der Schlacht.</p>
+
+<p>Allmälig versammelte sich die Gesellschaft
+und die Staatsräthin Ringer mit ihrer Tochter
+war unter den Ersten, die sich einstellten. Clementine
+ging ihnen ein paar Schritte entgegen
+und ein zuckendes Weh fuhr durch ihre Brust, als
+sie das kleine, junge Mädchen erblickte, das in
+dem Kleide von rosa Krepp und mit einem vollen
+<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a>
+Strauße von Rosen in den hellblonden Locken
+wie ein Bild der Jugend und des Lebens aussah.
+Wie segnend küßte sie das blühende Kind
+auf die Stirne und bat: Bleiben Sie bei mir,
+mein liebes Fräulein! und helfen Sie mir die
+Wirthin machen; Ihnen übergebe ich die junge,
+tanzlustige Welt, und Sie sind mir Bürge, daß
+diese sich amüsirt. Johanna war selig. Sie
+fiel der Geheimräthin um den Hals, nannte sie
+die beste, liebenswürdigste Frau der Erde, einen
+wahren Engel und war noch an ihrer Seite,
+als Thalberg eintrat.</p>
+
+<p>Seit jenem Abende hatte er Clementine nicht
+gesehen; rasch ging er auf sie zu, um sie womöglich
+gleich zu sprechen, um sie zu versöhnen;
+denn er wußte, wie unrecht, wie unendlich wehe
+er ihr gethan, und mehr noch, als sie selbst, hatte
+er in dieser Zeit gelitten. Kaum hatte er sie
+aber begrüßt, als Clementine, die es zu keiner
+Unterredung kommen ließ, ihm ihren kleinen
+<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a>
+Schützling vorstellte. Er sah sie betroffen an,
+verbeugte sich kalt gegen Johanna und zog sich,
+da die Geheimräthin als Wirthin in Anspruch
+genommen war, mit einigen Herren plaudernd
+zurück. Vergebens versuchte er, sie einen Moment
+allein zu sprechen, immer fand er fremde
+Herren und Damen an ihrer Seite, die nicht
+weichen wollten und bald ihn, bald sie mit sich
+fortzogen, was ihn unsäglich peinigte. Die ganze
+Gesellschaft stimmte in der Bewunderung ihrer
+Schönheit überein, und einige Herren fragten ihn,
+ob er das prächtige Tableau bemerkt habe, das
+die imposante, ernste Schönheit der Geheimräthin
+von Meining und die liebliche Johanna Ringer
+gebildet, als sie am Anfange des Abends einmal
+neben einander gestanden hätten.</p>
+
+<p>Allmälig näherte der Ball sich seinem Ende;
+laut jubelnd tönten die Straus'schen Walzer
+durch den Saal, Frohsinn und Eleganz herrschten
+allerwegen. Johanna, die Schönheit des
+<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a>
+Festes, strahlte vor kindlicher Lust &ndash; nur Clementine
+und Robert theilten die Freude nicht.
+Um einen Augenblick zu ruhen, lehnte Clementine
+in der Brüstung eines Fensters und hörte
+theilnahmlos die faden Galanterien eines älteren
+Herrn an, während ihr Auge Robert und Johanna
+suchte. Da, als der Fremde sie endlich verließ,
+trat Robert eilig zu ihr: Sie sind krank gewesen,
+gnädige Frau! Sie haben gelitten, ich
+sehe es, sagte er, warum haben Sie mich bis
+heute verbannt? warum mir nicht gegönnt, Sie
+zu sehen, Ihnen zu sagen, wie tief mich mein
+Unrecht geschmerzt, das ich gegen Sie begangen?
+Wenn Sie wüßten, wie ich verlangte, Sie
+zu sprechen, Sie zu versöhnen, Sie würden mir
+längst vergeben haben.</p>
+
+<p>Denken Sie nicht daran, antwortete sie, ich hatte
+Nichts zu vergeben; sehen Sie lieber auf das fröhliche
+Leben um uns her, und sagen Sie mir auch, lieber
+Thalberg, wie Ihnen meine kleine Johanna gefällt?</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a>
+Robert schwieg einen Moment, dann sagte
+er ernst: Johanna Ringer ist ein schönes, glückliches
+Geschöpf; soll sie elend werden, wie ich?
+&ndash; wie .... Viele?</p>
+
+<p>Clementine bebte zusammen, und Thalberg
+fuhr fort: Ich habe Sie verstanden, gnädige
+Frau! aber soll ein frohes, schuldloses Mädchen
+das Opfer werden für mich? Es <span class="gesperrt">muß</span> ein Opfer
+gebracht werden, das fühle ich; so will <span class="gesperrt">ich</span> es
+bringen, indem ich Sie verlasse. Morgen schon
+gehe ich nach Hochberg zurück; ich habe es gestern
+bereits den Bekannten gesagt, auch der
+Geheimrath weiß es. Morgen schon werde ich
+gehen und nur, um Sie noch einmal zu sehen,
+um Ihnen Lebewohl zu sagen, bin ich heute
+hier. Mögen Sie glücklich sein! und haben Sie
+Dank, den innigsten, heißesten Dank, für das
+Glück, das ich in ihrer Nähe fand. Leben Sie
+wohl, gnädige Frau!</p>
+
+<p>Clementine dachte zu sterben. Noch einmal
+<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a>
+ruhten Auge in Auge; dann sah sie Thalberg's
+edle, hohe Gestalt sich durch die Menge bewegen
+und im Nebenzimmer verschwinden. Ihre
+Sonne war untergegangen, es war kalt und
+Nacht um sie her.</p>
+
+<p>Gleich nach Thalberg's Entfernung kam die
+Staatsräthin Ringer herbei, fragte neugierig
+nach allem Möglichen und erfuhr von Clementine,
+die den Zweck dieser Fragen wohl kannte,
+daß Thalberg ihre Johanna sehr hübsch finde,
+daß er aber für jetzt in Geschäften nach Hochberg
+reise. Dankbar entfernte sich die erfreute
+Mutter. Andre Gäste folgten Abschied nehmend,
+preisend und scherzend &ndash; Clementine vermochte
+nur mechanisch zu antworten. Es war
+ihr, als ob in wüstem Traume Larven und
+Masken in entsetzlichem Gewühl an ihr vorüberschwebten
+und mit Allgewalt auf sie einstürmten.
+Sie athmete erst auf, als die Zimmer leer
+wurden, als Meining ebenfalls sie verlassen hatte.
+<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a>
+Kalt sah sie um sich her, auf die matter brennenden
+Kerzen, auf die von der Wärme welkenden
+Blumen, die die Köpfchen sinken ließen,
+und sowie diese, gebrochen an Körper und Geist,
+zog sie sich zurück, und ein tiefer, lethargischer
+Schlaf sank auf ihre Augen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a>
+Dreizehntes Kapitel.</h2>
+
+
+<p>Mit dem Gefühl der vollkommensten Stumpfheit
+erwachte Clementine am nächsten Morgen.
+Tag oder Nacht, Leben, Sterben, ihr war Alles
+gleichgültig. Ein grauer Nebel schien ihr über
+die Welt gebreitet, die warme Frühlingssonne
+schien ihr kalt, der blaue Himmel farblos. Was
+konnte der Tag ihr noch bringen? wie endlos
+lang würde die Zeit ihr werden &ndash; was sollte
+sie denken überhaupt, was erwarten? wie das
+Leben ertragen? Fröstelnd bog sie sich in die
+Kissen zurück und wollte nochmals zu schlafen
+versuchen &ndash; ach! im Schlafe hatte Robert's
+Bild vor ihrer Seele gestanden und im Wachen
+an ihn zu denken, war ihr Sünde. Da öffnete
+<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a>
+Meining leise ihre Thüre und fragte: Bist Du
+schon wach, mein Kind? Ich muß um acht Uhr
+fort, komme erst spät zurück und wollte sehen,
+wie es Dir nach dem Balle geht?</p>
+
+<p>Clementine richtete sich empor; der rothe
+Schein der seidenen Vorhänge fiel auf ihr Gesicht,
+und sie sah dadurch so frisch, so rosig aus,
+daß Meining nicht aufhören konnte, ihr zu sagen,
+wie hübsch sie sei, sie zu herzen und zu
+küssen, während sie kalt und regungslos dasaß.
+Jetzt, das fühlte sie, stand sie so tief, als jene
+Frauen, die ihr immer den entschiedensten Abscheu
+eingeflößt hatten; sie mußte die Liebkosungen
+eines Mannes dulden, und ihre ganze Seele
+gehörte einem Andern. Ein eisiger Schauer flog
+durch ihre Glieder, sie sank ohnmächtig auf ihr
+Lager zurück. Meining schellte nach dem Mädchen
+und eilte selbst Essenzen und <i>Eau de Cologne</i>
+aus der Toilette herbeizuholen, um ihr
+beizustehen. Als seine Frau sich erholt und er
+<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a>
+sie verlassen hatte, befragte er das Mädchen, das
+seit Jahren bei ihr war, ob die Frau Geheimräthin
+vielleicht gestern schon geklagt, ob irgend
+Etwas vorgefallen wäre? erhielt aber nur den
+Bescheid, die gnädige Frau hätte gestern Abend
+sehr angestrengt geschienen, ihr befohlen, sie so
+schnell als möglich zu entkleiden und gleich das
+Licht auszulöschen, da sie nicht mehr lesen werde.
+Nur das wäre ihr aufgefallen, daß der gnädige
+Frau die Stimme beim Sprechen mehrmals versagt
+und daß sie ein immerwährendes Schauern
+gehabt hätte, als ob es sie kalt überliefe. Ueberhaupt,
+schloß sie, muß unsre gnädige Frau doch
+wol krank sein, obgleich sie es durchaus nicht
+wahr haben will; denn während sie in Heidelberg
+fortwährend las oder schrieb oder die Kinder
+von Professors bei sich hatte, kann sie jetzt
+schon seit vielen Wochen, Tage hindurch, wenn
+sie allein ist, aufgestützt sitzen und weinen oder
+mit gefalteten Händen starr auf einen Fleck
+<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a>
+sehen. Auch die Kinder dürfen nicht mehr zu
+ihr kommen. Und das dauert, bis der Herr
+Geheimrath nach Hause kommen; dann ist es
+plötzlich vorüber, die gnädige Frau erholt sich
+und wird wieder ganz munter.</p>
+
+<p>Dieser Bericht trug nicht dazu bei, Meining's
+Besorgniß zu beruhigen. Eine körperliche
+Störung war in der Gesundheit seiner Frau
+nicht vorhanden; allerdings hatte sie immer reizbare
+Nerven gehabt, aber ihre Energie hatte
+diese Reizbarkeit sonst glücklich und schnell überwunden.
+Auf mehrfach wiederholte Fragen deshalb
+hatte sie immer eine ausweichende oder
+ganz verneinende Antwort gegeben, und es blieb
+ihm daher nur die Vermuthung, daß irgend ein
+Seelenleiden seinen nachtheiligen Einfluß auf
+Clementine äußere. Vergebens aber sann er,
+was es sein könne. Er war es sich bewußt,
+seine Frau mit der herzlichsten Liebe umgeben
+zu haben, sie besaß Alles, was das Leben angenehm
+<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a>
+machen, es verschönen konnte; sie schien
+frei von Leidenschaften, die das Glück stören &ndash;
+er wußte keinen Grund für das plötzliche Schwinden
+der Gesundheit aufzufinden und beschloß, sich
+noch heute an Madame Klenke zu wenden, um
+vielleicht durch diese auf die rechte Spur geleitet
+zu werden, da der Zustand seiner Frau ihn im
+höchsten Grade beunruhigte.</p>
+
+<p>Aber auch diese konnte ihm keinen Aufschluß
+geben. Sehen Sie, bester Geheimrath! Ihre
+Frau war immer anders als wir Andre, stiller,
+sehr <i>posée</i>, vernünftiger und besser als wir.
+Schon als Mädchen hatte sie an Putz und Gesellschaft
+keine Freude und nun als Frau ist sie
+auch wieder nicht wie wir. Sie hat gewiß die
+nobelsten Grundsätze, aber sie exagerirt, daß sie
+z.&nbsp;B. nie tanzt, weil sie verheirathet ist &ndash; daß
+sie neulich nicht mit uns fuhr, als wir eine
+Schlittenpartie machten und wir Alle und Thalberg
+sie so sehr darum baten, nur darum nicht
+<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a>
+fuhr, weil Sie nicht daran Theil nahmen; das
+sind Alles eigenthümliche Ansichten, mit deren
+Ausübung sie uns Andre tadelt &ndash; und wir, ich
+an der Spitze, möchten es ihr übel nehmen, <i>mais
+comment faire</i>? Sie ist so gut, so zuvorkommend,
+daß es ganz unmöglich ist, nicht für
+sie eingenommen zu sein, und das sind wir Alle,
+Frauen und Männer und mein gestrenger Herr
+und Thalberg vor Allen. Denn diese Beiden
+rühmen sie noch nebenher als das Muster einer
+Ehefrau, und wirklich »Meining wünscht oder
+Meining möchte nicht gern« ist das A und O bei
+ihr. Machen Sie nur, daß sie sich erholt, denn
+sie sieht jetzt bisweilen übel aus <i>à faire pitié</i>.</p>
+
+<p>O! und heute ist sie leidender, als ich sie
+je gesehen! bemerkte Meining, hätte sie nur den
+verdammten Ball aufgeschoben, wozu ich selbst
+vor ein paar Tagen rieth. Aber da war kein
+Halten, kein Abreden, der Ball mußte durchaus
+gegeben werden, weil die Arrangements einmal
+<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a>
+getroffen waren. Nun haben wir leider die
+Folgen.</p>
+
+<p><i>As for the ball</i>, damit hat es seine eigne
+Bewandtniß, und da hat Clementine Ihnen nicht
+die Wahrheit gesagt. Die Arrangements ließen
+sich wol abändern, aber der Ball galt Thalberg
+und noch Jemand, sonst hätte sie ihn gewiß
+aufgeschoben, da sie sich, wie sie mir selbst
+sagte, sehr unwohl fühlte.</p>
+
+<p>Er galt Thalberg? Was soll das heißen?</p>
+
+<p>Sehen Sie, lieber Geheimrath! das rathe
+ich so, denn bestimmt weiß ich es nicht &ndash; <i>mais
+pas si bête qu'on voudrait me croire</i>! Als
+ich neulich bei Clementinen vorfuhr, wurde ich
+abgewiesen; es hieß, sie hätte ein <i>tête à tête</i>
+mit der Staatsräthin Ringer &ndash; was kann sie
+mit der fremden Frau haben? Nachher des
+Abends, als zuletzt die Partie bei Ihnen war,
+kam Thalberg, der erwartet wurde, nicht. Clementine
+sagte uns, er sei vorher bei ihr gewesen,
+<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a>
+sie hätte eine Weile mit ihm geplaudert
+und gestand mir, <i>en secrêt</i>, es sei die Rede
+von einer Verheirathung Thalberg's gewesen.
+Dabei war sie in der glücklichsten Laune, also
+hatte er gewiß eingewilligt. Nun kommt ihr
+Ball. Die kleine Ringer mußte die Tochter
+vom Hause machen, ich sah selbst, wie Thalberg
+ihr von Clementinen vorgestellt wurde, und
+<i>c'est une affaire finie</i>!</p>
+
+<p>Das eben nicht, beste Frau! denn Thalberg
+sagte mir vor einigen Tagen, daß er genöthigt
+sei, rasch nach Hochberg zu gehen, und er ist
+möglicher Weise schon fort, sagte Meining.</p>
+
+<p><i>Comment donc!</i> abgereist? <i>I do'nt believe!</i>
+rief Marianne.</p>
+
+<p>Glauben Sie es immer, Sie werden bald
+seinen Abschiedsbesuch oder seine Karten empfangen;
+indeß wußte er selbst nicht, wie lange er
+fort bleiben würde. Dabei fällt mir ein, daß
+ich sehr lange hier bin und mich Ihnen empfehlen
+<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a>
+muß. Gehen Sie immer eine Stunde zu
+Clementinen, schöne Freundin; es wird ihr gut
+sein, und mir erzeigen Sie einen wahren Dienst
+damit; denn sie muß Zerstreuung haben. Adieu!
+und reden Sie ihr recht zu, bald in den Thiergarten
+zu ziehen; sie muß Ruhe haben, frische Luft
+und Bewegung, das wird das Beste für sie sein.</p>
+
+<p>Diese Unterhaltung, bei der Marianne auch
+nicht im Entferntesten den Gedanken zu hegen
+schien, daß die Geheimräthin sich unglücklich oder
+nur unzufrieden fühle, beruhigte Meining bedeutend;
+er ging rüstig an seine Tagesgeschäfte
+und fand, als er Mittags nach Hause kam, seine
+Frau in zierlichem Negligée, heiter und freundlich
+seiner wartend. Sie hatte, weil Meining
+ihr die größte Stille empfohlen, in ihrer Stube
+serviren lassen, obgleich sie sich ziemlich wohl fühlte,
+und sie bemühte sich, den Schreck, den sie ihrem
+Manne am Morgen verursacht, so viel als möglich
+in den Hintergrund treten zu lassen; da sie
+<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a>
+von Mariannen erfahren, welch beunruhigenden
+Eindruck ihr Anfall auf ihn gemacht hätte.</p>
+
+<p>Als von dem Plan die Rede war, das Landhaus
+sehr zeitig zu beziehen, machte Clementine
+den Vorschlag, gleich heute hinauszufahren, sich
+dort eine Weile zu ergehen und zu überlegen,
+wie man sich daselbst am behaglichsten einrichten
+werde, womit der Geheimrath sehr zufrieden
+war. Die Bewegung in frischer Luft that
+ihr sehr wohl und lohnte ihr den Zwang, den
+sie sich ihrem Manne gegenüber auferlegt hatte,
+als sie die Fahrt, ohne die geringste Neigung
+dazu, in Anregung brachte. Dann ließ sich
+Meining zu einem Freunde fahren, dem er den
+Abend zugesagt hatte, rieth seiner Frau sich zeitig
+zur Ruhe zu begeben, vor der Nacht noch eine
+Arzenei zu nehmen, die er ihr verordnet hatte,
+und so trennten sie sich für den Tag wieder auf
+die freundlichste Weise.</p>
+
+
+
+
+<h2><a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a>
+Vierzehntes Kapitel.</h2>
+
+
+<h3>Aus Clementinens Tagebuch.</h3>
+
+<p>Den 27. Februar. Gott sei Dank! Der erste
+Tag ist vorüber! und noch ein Tag und noch
+einer, so geht das Leben hin. Armer Meining!
+sollst Du es büßen, daß Du mich geliebt, mir
+vertraut hast? Soll das der Lohn Deiner Arbeit,
+die Freude Deines Alters sein, daß Dich
+in Deinem Hause ein kränkelndes, mißmüthiges
+Geschöpf empfängt? Und wie gut Meining ist,
+wie er für mich sorgt, und wie elend ich ihm
+danke! Nur zur Pein lebe ich noch in der Welt,
+mir und Allen. Robert, der &ndash; &ndash; O! Gott!
+fort, fort mit den Gedanken. Ich bin Meining's
+Weib, sein Glück, sein Wohl allein dürfen
+mein Ziel sein, und Gott im Himmel wird
+<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a>
+mir Kraft geben, es zu erreichen, wenn er sieht,
+wie ich danach ringe.</p>
+
+<p>Den 3. März. Ich bin wohler, Meining
+ist ruhig über mich. Es kann, es wird Alles
+noch gut werden, und warum sollte es nicht?
+Konnte ich dafür, wenn ein Gefühl, welches ich
+nicht absichtlich hervorrief, sich nicht gleich unterdrücken
+ließ, daß es mich beherrschte? und habe ich
+nicht Alles versucht, was mir Pflicht und Recht geboten?
+Nun ist es vorüber, Thalberg ist fort &ndash;
+auch er wird Frieden finden und glücklich werden.
+Ich &ndash; muß es sein, weil ich nicht mir gehöre.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Im Thiergarten</span>, d. 2. April. So wäre
+ich denn hier eingerichtet! Krank, traurig und
+müde bis zum Tode. Es gibt Leiden, die, Gott
+sei Dank! den meisten Menschen unbekannt bleiben.
+Nicht alt zu sein, und hoffnungslos in
+das Leben zu blicken, ohne Aussicht, ohne Wunsch
+für die Zukunft, nicht einmal den, daß es jemals
+anders werden möge. Wo ist die erste,
+<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a>
+frohe Jugendzeit hin, in der ich reich an Muth,
+an Lust und so überreich an Liebe in das Leben
+sah? Ich fühlte mich glücklich in der Liebe
+meines Vaters, kein andres Gefühl in meiner
+Seele, als ihm Freude zu machen und gut zu
+sein, um des Guten willen. Damals, es war,
+ehe ich Robert kannte, war ich frei! Frei?
+wenn ich es endlich würde, wenn mein Tod
+endlich diesem Elend ein Ende machte &ndash; das
+wäre das Einzige, was ich wünschen darf, was
+ich wünsche. Dann würden Meining und Robert
+freundlich mein gedenken, und ich schliefe
+still, wie mein müdes Herz es bedarf.</p>
+
+<p>Den 10. April. Die Welt ist so schön,
+Alles scheint glücklich, warum kann ich es nicht
+sein? Dadurch kommt oft ein Gefühl von
+Bitterkeit in mein Herz, das mich erschreckt.
+Der Vogel darf glücklich und fröhlich von Blatt
+zu Blatt fliegen, die Blume findet Sonne und
+Regen, so viel sie bedarf, um schön zu erblühen;
+<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a>
+nur ich entbehre Das, was mein Dasein zum
+Leben machen könnte. Wenn ich Abends hinaufsehe,
+an das Firmament und die Milliarden
+Sterne in seliger Ruhe ihre ewige Bahn durchleuchten,
+so begreife ich nicht, wie nicht Ein
+Sternchen Mitleid fühlt mit mir, warum nicht
+Eines herunterkommt, mich zu trösten, oder
+warum es nicht heller hervorleuchtet, um mir
+ein Zeichen zu geben, daß es mich versteht, daß
+es mein Leiden, mein Sehnen, mein Verzagen
+kennt. Hätte ich meine Mutter noch, der ich
+Alles klagen dürfte, die würde mich nicht so
+kalt, so streng an meine Pflicht verweisen, als
+die Tante; sie würde ihr müdes Kind ausweinen
+lassen an ihrer Brust, sie würde mit mir
+weinen und mich beklagen.</p>
+
+<p>Pflicht! &ndash; hat denn irgend ein Geschöpf
+außer dem Menschen eine andre Pflicht, als
+glücklich zu werden? Freilich kann aber nur
+der Mensch in seinem wahnsinnigen Dünkel so
+<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a>
+selbstvermessen sein, sich Pflichten zu <span class="gesperrt">schaffen</span>,
+die ihm zu erfüllen fast unmöglich sind.</p>
+
+<p>Den 27. April. Nach mehrtägigem Ueberlegen
+und Zaudern hat Meining sich entschlossen,
+mit dem Prinzen zu gehen, und ist heute abgereist.
+Der Prinz hat dringend seine Begleitung
+gefordert, und er hat sie nicht ablehnen
+dürfen. Ich habe ihm angeboten, nachzufolgen,
+damit wir am Ziel der Reise zusammenträfen;
+ich wäre dann mit Marianne und ihrem Manne
+bis Wien gegangen und hätte den übrigen Theil
+der Reise allein mit meinem Mädchen und dem
+Diener meines Mannes fortgesetzt. Vielleicht
+hätte mir die Zerstreuung wohlgethan, und
+hauptsächlich hoffte ich Meining damit eine Freude
+zu machen, wenn er mich bald wieder um sich
+hätte und in K.... seine Häuslichkeit wieder
+fände, wo der Prinz sechs bis acht Wochen die
+Cur brauchen muß. Meining hat es aber nicht
+gewünscht, weil er glaubt, ich würde die Bergluft
+<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a>
+nicht ertragen können. Nun ist er abgereist
+und hat mit rührender Innigkeit mich mir
+selbst empfohlen; ich solle mich schonen, wie ich
+sein Leben schonen würde, mich pflegen, mich
+zerstreuen, damit er mich gesund und froh wiederfände,
+denn ich sei sein höchstes Gut! &ndash; Wie
+es mich demüthigte! Ich weinte vor Scham,
+und Meining glaubte, daß meine Thränen nur
+dem Abschiede von ihm galten &ndash; ich täusche
+ihn mit jedem Athemzuge! Elendes Dasein.
+Wenn er mein Vater wäre, wie könnte ich ihn
+lieben, ihn, der so gut, so gut ist; wie zufrieden
+würde er mit dem Gefühl von Verehrung
+sein, daß ich für ihn hege, wie würde er sich
+der Liebe seiner Tochter für Thalberg, den er
+so hoch hält, erfreuen. Jetzt aber!</p>
+
+<p>Den 4. Mai. Ich fühle mich freier, besser
+in Meining's Abwesenheit, weil ich mich nicht,
+wie ein harter Aufseher den widerspenstigen
+Sklaven, in jedem Augenblick zu bewachen, zu
+<a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a>
+strafen habe &ndash; weil ich nicht, wie ein feiger
+Sklave, Herz und Geist verstellen muß. Auch
+die vollkommene Stille um mich her thut mir
+wohl. Ich überschreite die Schwelle unsres
+Gartens kaum, ich ziehe mich ganz in mich
+selbst zurück, und es scheint mir, als ob dadurch
+mehr Klarheit und Friede in mein Gemüth
+käme. Nur noch einmal möchte ich Robert
+sehen, nur noch ein einzigesmal ihn sprechen!
+aber wozu auch? Könnte ich unter diesen
+schönen, säuselnden Bäumen schlafen, immerfort
+&ndash; bis zu Meining's Rückkehr; tief, tief
+schlafen und dann erwachen, und die ganze Vergangenheit
+wäre mir entschwunden, wie das
+Bewußtsein eines bösen Traumes, wenn man
+früh die Augen aufschlägt und der liebe, helle
+Tag fröhlich durch die Fenster grüßt.</p>
+
+<p>Den 5. Mai. Die Tante kommt noch immer
+nicht, obgleich ich sie nochmals darum bat.
+Erst im Juni darf ich sie erwarten.</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a>
+Den 8. Mai. Schon seit Tagen kommt
+wieder kein Gedanke in mir auf, als der an
+Robert. Ich kann sein Bild nicht aus meinem
+Herzen bannen, in dessen Pulsschlägen es seit
+meiner Kindheit lebt. Leben und Robert lieben
+ist mir Eins &ndash; wie konnte ich jemals wähnen,
+ich würde aufhören, ihn zu lieben? Wie hat
+man versuchen dürfen, mich zu einer Heirath
+zu überreden? Ich habe in der Zeit, die meiner
+Verlobung folgte, selbst geglaubt, ich müsse
+Robert ruhig wieder sehen können, weil er mein
+Gefühl, meinen Stolz so tief verletzt, ich würde
+ihn deshalb nicht mehr lieben. Thörichter Wahn!
+Jedes andre Empfinden ist ohnmächtig gegen
+Liebe &ndash; sie ist Alles, Demuth, Hingebung,
+Selbstverleugnung, Geist, Wahrheit und Stolz;
+aber nur Stolz auf den Besitz des Geliebten,
+Stolz auf das Glück, von ihm gewählt zu sein.
+Das Alles habe ich selbst in mir zerstört und
+keine Möglichkeit, es jemals zu ändern. Nun
+<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a>
+fühle ich die Folgen dieses Schrittes an der
+innern Zerstörtheit meines Daseins. Mit aller
+Gluth der Seele zieht es mich zu dem Geliebten,
+ich möchte ihn nur einmal sehen, nur den
+Ton seiner Stimme hören &ndash; ach und an seinem
+Herzen alles Elend vergessen und weinen.</p>
+
+<p>Den 12. Mai. Robert ist <span class="gesperrt">hier</span>; er ist hier,
+in meiner Nähe, ich habe seine Stimme im
+Vorzimmer nach mir fragen hören, ich sah ihn
+durch den Garten zurückkehren und hinaufblicken
+nach meinen Fenstern. Das ist Glück! Das
+ist Sonne und Frühling! Er hat mir geschrieben,
+und ich habe den Brief uneröffnet zurückgesandt;
+ich hätte es nicht thun sollen. Und doch
+weiß ich nicht, was er schreibt, was er begehrt,
+und kann ich es gewähren? Auch seinen Besuch
+habe ich abgelehnt, wie einen Ueberlästigen habe
+ich ihn abweisen lassen. Wie wird er lachen über
+die Feigheit, die sich nur sicher fühlt hinter gewaltsamem
+Schutz, wie verächtlich wird es ihm
+<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a>
+erscheinen. Ich habe verboten, mir irgend einen
+Besuch zu melden, weil ich Robert allein nicht
+zurückweisen konnte. Mehr vermag ich nicht.
+Alle meine Gedanken sind auf ihn gerichtet, mein
+Herz verlangt ihn, die Sehnsucht ist zum körperlichen
+Schmerz geworden; ich fühle mich der
+Verzweiflung, dem Wahnsinn nahe, so verwirren
+sich meine Gedanken. Ich möchte zu
+ihm eilen, ich möchte ihm sagen, daß ich ihn
+anbete; ich, die dreißigjährige Frau, das Weib
+eines Andern, ich breche mein Wort, die Treue,
+die Ehe.</p>
+
+<p>Gott, Gott! nur der Tod kann mich retten,
+gib ihn mir bald, und möge Meining nie ahnen,
+was ich an ihm gesündigt. Seine Zukunft soll
+und muß ruhig bleiben, und muß ich leben, elend
+wie ich bin, so will ich allein es tragen &ndash; allein,
+wie ich es fast immer war; Liebe und Freude
+entbehrend, allein leben und am liebsten &ndash; bald
+allein und einsam sterben.</p>
+
+
+<h3><a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a>
+Robert Thalberg an den Hauptmann
+v.&nbsp;Feld.</h3>
+
+<p class="letterdate"><span class="gesperrt">Berlin</span>, d. 16. Mai.</p>
+
+<p>Ich durfte nicht länger in Hochberg weilen,
+ich hielt es nicht aus, ohne sie, und bin wieder
+hier. Man hatte mir zufällig geschrieben, daß
+Clementine krank sei, daß ein Nervenleiden ihr
+Leben zu bedrohen scheine. Da litt es mich
+nicht länger dort, ich mußte sie sehen, ich eilte
+hieher. Begreifst Du es, Feld! Clementine leidet,
+sie stirbt, und ich bin ihr Mörder, wenn ich sie
+und mich nicht rette. Nun bin ich acht Tage
+hier, bin täglich bei ihr gewesen, aber niemals
+angenommen worden, weil sie sich zu angegriffen
+fühle, um Besuche anzunehmen. Was ich
+auch that, sie zu sehen, Alles war vergeblich,
+und es gibt Stunden, in denen ich mit Gewalt
+in ihr Zimmer dringen und sie zwingen möchte,
+mir nach Hochberg zu folgen und dort die Meine
+zu werden. Ich weiß es, an meiner tiefen Begeisterung
+<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a>
+für sie, daß sie mich liebt, daß sie
+für Meining nur kindliche Verehrung hat; warum
+sollen wir es büßen, daß sie sich unwürdige
+Fesseln anlegen ließ, die sie und mich erdrücken?
+Was kann der alte Mann an ihr lieben? Ja,
+der nicht weiß, was dieses große Herz bedarf,
+wie es geliebt werden muß, wie es zu lieben
+vermag. Und grade jetzt muß ich sie ungestört
+sprechen, mich mit ihr verständigen, da Meining
+nicht hier ist.</p>
+
+<p>Heute habe ich der Geliebten geschrieben;
+sie hat selbstquälerisch meinen Brief ungelesen
+zurückgesandt; ich möchte ihr diese Qualen, die
+sie sich vergrößert, ersparen und kann es nicht.
+Sie muß sie durchkämpfen, wie ich es that, um
+später die Ruhe in sich zu finden, deren sie bedarf.
+Sie muß es fühlen, wie ich, daß unsre
+Verbindung eine innere Nothwendigkeit ist, der
+zu widerstehen, außer dem Bereich der Natur
+und der Möglichkeit liegt. Waren je zwei Wesen
+<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a>
+für einander geschaffen, so ist es Clementine für
+mich; ich könnte sagen, sie sei der Weib gewordene
+Robert, sowie ich alle <span class="gesperrt">ihre</span> Gefühle,
+nur männlich stärker, in mir wiederfinde; und
+doch drückt es Das nicht aus, was wir einander
+sind. Plato hat Recht, die Natur schuf den
+Menschen und trennte ihn in Mann und Weib,
+damit beide Theile nach Vereinigung streben und
+ein doppelt glückliches Ganze werden, wenn
+sie nach schmerzlichem Entbehren sich zusammenfinden
+und harmonisch vollendet in Eins
+verschmelzen. Sie ist mein, mein anderes Ich,
+das ich nicht aufgeben kann, feige, wie der Selbstmörder
+sein Leben von sich wirft; sie ist die
+Liebe, der Duft, das Licht meiner Seele, der
+zarte Wiederhall alles Großen, das ich gedacht
+&ndash; sie war mein, sie soll es wieder werden.</p>
+
+<p>Wende mir nicht ein, daß ich selbst sie aufgegeben
+hätte; ich hatte sie vernachlässigt, wir
+hatten uns vom Wege verirrt, uns verloren;
+<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a>
+aber früh oder spät mußten wir uns wiederfinden,
+wie es geschah, weil wir Eins sind. Nichts,
+selbst ihr eigner Wille nicht, soll sie mir jetzt
+entreißen. Ich will mein Glück um jeden Preis!
+&ndash; nicht selbstsüchtig wie ein wilder Jüngling;
+ich will es, mit der ruhigen, kalten Ueberzeugung
+des Mannes, von Meining fordern und
+von Clementine, weil mein Glück das ihre ist
+und ihr Leben rettet.</p>
+
+<p>Warum weiset sie mich ab? Kann sie mich
+fürchten? So klein ist Clementine nicht, so
+gering kann sie von mir nicht denken. Glaubt
+sie mich zu überreden, daß es ihr gelingen werde,
+mich für Meining zu opfern, der mir mein Eigenthum,
+mein Leben geraubt hat? Nimmermehr!
+Hätte ich sie nur gesprochen &ndash; aber sie
+will lieber sterben, als abweichen von Dem,
+was sie für Pflicht hält; freiwillig wird sie mir
+die Gunst des Wiedersehens nicht gewähren, und
+Niemand ist hier, bei dem ich sie treffen könnte.
+<a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a>
+Marianne und Frau von Stein sind beide bereits
+verreist; sie verläßt ihr Haus nicht, seit
+Meining abwesend ist, und ich habe keine Wahl.
+Denke an mich; in wenig Stunden bin ich der
+seligste Mensch auf der Welt &ndash; selig in ihrem
+Anschauen, in ihrer Liebe und in ihrer Nähe.
+Lebewohl!</p>
+
+<p class="signature"><span class="gesperrt">Robert Thalberg</span>.</p>
+
+
+
+
+<h2><a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a>
+Funfzehntes Kapitel.</h2>
+
+
+<p>Es war ein schwüler, heißer Sonntagabend,
+ein Gewitter lag in der Luft und eine namenlose
+Beängstigung drückte Clementinens jetzt
+doppelt reizbare Nerven nieder. Ein Theil der
+Dienerschaft hatte die Erlaubniß, den Sonntag
+auswärts zuzubringen, benutzt; die Uebrigen
+hielten sich in einem der entlegensten Theile des
+Hauses auf, wo sich das Domestikenzimmer befand,
+da die Geheimräthin erklärt hatte, ihrer
+nicht zu bedürfen. Alles um sie her war still
+und einsam, sie saß lange in Nachdenken versunken
+allein. Der Himmel wurde trüber und
+trüber, wie ihre Stimmung; ihr Herz war unruhig
+und furchtsam, wie die Schwalben, die
+<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a>
+ängstlich hin und her flatterten. Eine Spinne
+hatte ihr Netz in einer Ecke aufgeschlagen und spann
+und spann den langen, gleichen Faden unermüdlich
+fort, so oft er abriß, ihn auf's Neue knüpfend &ndash;
+kein Laut in der Natur, außer dem heimlichen
+Flüstern der Bäume, die nicht aufzuathmen und
+sich zu regen wagten, bei der glühenden Luft.
+Die Wolken sanken immer tiefer zur Erde nieder,
+sie mußten Clementinen erdrücken, wenn es so
+fortging &ndash; sie hielt es nicht länger in den
+dumpfen Zimmern aus, sie hoffte frei aufzuathmen
+im Freien, sich selbst zu entfliehen und
+ging eilig hinab in die breiten Alleen des Gartens.
+Aber auch hier fand sie weder die Kühlung,
+noch die Beruhigung, deren sie bedurfte;
+sie wollte Bewegung, Leben, Menschen um sich
+sehen. Es trieb sie mit ungewohnter Hast, durch
+die schattigen Partien des Gartens, nach den
+offneren, freien Plätzen; sie näherte sich dabei
+der Straße und sah den Briefträger dem Thore
+<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a>
+zuschreiten, der ihr einen Brief des Geheimraths
+brachte.</p>
+
+<p>Es war fast zu dunkel geworden, ihn im
+Freien zu lesen und, da sie sich nicht entschließen
+konnte, in das Haus zurückzukehren, ging
+sie in den Pavillon, wo sie für den Abend zu
+bleiben dachte, zündete selbst die Lichter an und
+setzte sich nieder zum Lesen. Je länger sie las,
+je bewegter schien sie zu werden; endlich legte
+sie den Brief nieder, lehnte sich in den Divan
+zurück, das Gesicht in den Händen verbergend.
+Meining's zärtlicher, sehnsüchtiger Brief that
+ihr mehr wehe, als die härtesten Vorwürfe es
+vermocht hätten. Es ist so schwer, Lob zu ertragen,
+das man nicht verdient; Liebe zu empfangen,
+die man nicht erwiedern, und Vertrauen,
+das man nicht vergelten kann. Es
+wäre ihr nicht möglich gewesen, in dieser Stimmung
+den Brief zu beenden &ndash; er war nicht
+an sie gerichtet; er galt <span class="gesperrt">der</span> Clementine, die
+<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a>
+Meining's würdig war, die Anspruch hatte auf
+seine Achtung &ndash; das war sie nicht mehr. Hatte
+sie doch gestern noch Robert aufs Lebhafteste
+herbeigewünscht; wozu nützte der Kampf einzelner
+Stunden, wenn der Geliebte immer als Sieger
+hervorging? Sie warf sich vor, unredlich gegen
+sich selbst zu sein und &ndash; auch diesmal hafteten
+ihre Gedanken wieder an Robert's Namen, bis
+sie in jenen Zustand versank, der, eben so fern
+vom Schlummer, als vom Wachen, nerveuse
+Menschen nach starker, geistiger Aufregung oft
+befällt; indem alle Gedanken in einander fließen
+und verschwimmen und die ganze Welt wie
+ein nebelgraues, unbestimmtes Etwas, das uns
+fremd und vollkommen gleichgültig ist, vor unsern
+getrübten Blicken erscheint.</p>
+
+<p>Da öffnet sich plötzlich die Thüre &ndash; Clementine!
+ruft Robert's Stimme und mit einem Ausruf
+des höchsten Entzückens fliegt sie ihm entgegen
+und sinkt leichenblaß und bewußtlos in seine Arme.</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a>
+Unter den glühenden Küssen des Geliebten
+erwacht sie an seiner Brust, und die zärtlichsten
+Worte der Liebe, die süßesten Thränen sagen
+ihm, wie warm das Herz ihm schlägt, das an
+dem seinen klopft. Robert bat nicht um Liebe,
+er gelobte sie nicht, weil Beide es selig fühlten,
+daß ihr Wesen, ihr Athem &ndash; ihr Blick Liebe
+sei, und doch floß das Geständniß ihrer Liebe
+von Clementinens Munde, doch hörte Robert
+nicht auf, der Geliebten zu sagen, wie glücklich
+er sei. Ist doch auch in der Liebe Geben seliger
+denn Nehmen. Süßer als die Stimme der sehnsuchtbebenden
+Nachtigall klangen Clementinens
+Worte in Robert's Ohr. Er ruhte zu ihren
+Füßen, küßte ihre Hände, beugte ihr Haupt zu
+sich hernieder, und sie barg wieder ihr Gesicht in
+seinem dunkeln Haar, das sie spielend durch die
+feinen Finger gleiten ließ. So wechselten Worte,
+die dem Himmel angehörten, mit kindischem
+Spiele, wie nur die wahre Liebe es schuldlos kennt.</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a>
+Draußen war es fast Nacht geworden. Ein
+heftiger Regen fiel in großen, rauschenden Tropfen
+hernieder; fern leuchtende Blitze zuckten
+durch die grünen Glasfenster und warfen sonderbares
+Streiflicht in das kleine Gemach. Die
+ängstliche Clementine suchte Robert's Hand, wie
+Schutz erbittend, und er fand die zaghafte Frau
+lieblicher als je in dieser Schwäche. Sieh,
+meine Clementine! sprach er, so will ich Dich
+immer behüten, immer suche Zuflucht bei mir.
+Wie liebe ich Dich in dieser Bangigkeit, wie
+froh macht mich das Gefühl meiner Kraft, Dir,
+Du Zarte, Schwache! gegenüber. Glaube mir,
+alle Eure Gewalt liegt in Eurer Hülfslosigkeit;
+werde nie muthig, nie stark, meine Geliebte!
+niemals könnte ich, wie Meining, Deiner süßen
+Furchtsamkeit lachen; und jedes Gewitter, das
+über uns aufzieht, soll mir ein liebes Erinnern
+an diese Stunde sein, ich will es segnen, wenn
+es Dich, mein Leben, künftig in den kühlen
+<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a>
+Gemächern unsres Hauses, nach Schutz verlangend,
+in meine Arme führt.</p>
+
+<p>Und abermals wollte er Clementine an sein
+Herz ziehen, aber bebend machte sie sich los aus
+den Armen des Geliebten. Meining's Name
+hatte die Welt für sie verwandelt, das Paradies
+ihrer Wonne versank, und die Wirklichkeit machte
+ihr strenges Recht geltend. In dem Taumel
+des Entzückens, in welches das unverhoffte Wiedersehen
+des Geliebten sie versetzt, hatte sie Alles
+vergessen, hatte Nichts gedacht, als das unaussprechliche
+Glück, das sie ihr Leben hindurch ersehnt,
+von Robert's Munde diese Worte der
+Liebe zu hören und ihm zu sagen, wie er ihre
+Welt, ihr Schicksal, ihre Gottheit gewesen sei,
+von ihrer Jugend an. Nun kam das niederschmetternde
+Bewußtsein über sie, daß diese erste
+Stunde des Glückes auch sicher die einzige und
+letzte für sie sein werde und müsse. Aber das
+Räthsel ihres Lebens war gelöst; der ewig
+<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a>
+glühende Funke in ihrer Brust war, wenn auch
+nur für einen Augenblick, frei und schön zur
+hellen Flamme emporgelodert; der tief verborgene
+Keim war zum Lichte durchgedrungen und hatte
+geblüht, zur Freude des Geliebten. Das konnte
+ihr genügen für ein langes Leben.</p>
+
+<p>Verlasse mich, Robert! bat sie plötzlich und
+schlang doch ihre Arme fesselnd um seinen Hals,
+verlasse mich und laß uns scheiden für immer.
+Du selbst hast mit dem Namen meines Gatten
+mich an ihn erinnert, den ich so treulos verrathe,
+der es nicht ahnt, in liebendem Vertrauen,
+daß sein Weib Dich liebt und ihn und
+sich selbst in Deinen Armen, an Deinem Herzen
+beweint. Gehe, Robert, gehe, Geliebter, wenn
+Du mich liebst! &ndash; rief sie und ihre glühenden
+Thränen flossen auf seine Brust.</p>
+
+<p>Niemals, Clementine, verlasse ich Dich!
+Bist Du nicht mein? Mußt Du nicht mein
+sein und es ewig bleiben, weil Du es einmal
+<a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a>
+gewesen? Ich will nicht mehr leben ohne Dich,
+hörst Du, mein Herz! ich will es nicht &ndash; ich
+verlasse Dich nicht, und Du darfst nicht hinsterben
+in fruchtlosen Kämpfen. Leben sollst Du
+für mich, für mich allein, Du schöne, reine
+Lilie! Und denkst Du des Abends, als Dein
+müdes Haupt in den Blättern der Cala sich
+barg, wie hart ich war, wie ungerecht? Ach!
+ich war namenlos elend damals &ndash; ich fühlte
+es, daß Meining uns nicht trennen darf, da
+<span class="gesperrt">wir</span> unauflöslich gebunden sind, daß er Dich
+nicht tödten darf, indem er Dich mir noch länger
+raubt, und doch hatte ich nicht wie jetzt den
+festen Glauben, daß er selbst, wenn er Dich
+liebt, auf....</p>
+
+<p>Nicht weiter, ich beschwöre Dich, flehte Clementine,
+ach! Meining liebt mich, ich weiß es
+&ndash; dringe nicht in mich, jetzt nicht &ndash; verlasse
+mich nur jetzt, nur heute, mein einzig Geliebter
+&ndash; morgen hörst Du von mir &ndash; gewiß,
+<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a>
+nur jetzt gehe &ndash; eile, mein Robert, ich bitte
+Dich.</p>
+
+<p>Ich <span class="gesperrt">höre</span> von Dir? und werde ich Dich
+nicht sehen? Willst Du Dich mir nach so ewigem
+Entbehren, nach einer kurzen Minute des höchsten
+Glückes wieder entziehen? Glaubst Du,
+daß ich einwilligen werde, mir auch nur einen
+Augenblick die Wonne Deiner Gegenwart rauben
+zu lassen, jetzt da Du endlich mein bist?
+Nein, mein Herz! morgen in aller Frühe bin
+ich bei Dir, muß ich in Deinen dunklen Augen
+die Offenbarung meines Daseins lesen und an
+Deinem Herzen empfinden, daß die Welt die
+Mühe des Lebens vergelten, überreich vergelten
+kann, in einem Herzschlag. Nur in <span class="gesperrt">der</span> Hoffnung
+gehe ich von hier und so gute Nacht, mein
+schönes, holdes Glück. Bleibe mir auch im
+Traume treu &ndash; ist es mir doch wie ein Traum
+von Jenseits, daß ich Dich wieder gefunden,
+daß Du mir wieder leuchtest, Du lieber Stern
+<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a>
+meiner Jugend; gehe mir nie, nie wieder unter.
+Und nun lebe wohl und ruhe sanft, mein holdes,
+süßes Weib!</p>
+
+<p>Noch einmal sanken sie sich in die Arme,
+hob er die Geliebte zu sich empor und ruhte
+Herz an Herz, Mund an Mund. Noch ein
+langer, tiefer Kuß, den Clementine auf Robert's
+Stirne drückte, in den sie alle Gluth, alle
+Liebe ihres Lebens preßte, noch ein kurzer Moment
+voll Wonne, und Clementine war allein
+&ndash; allein mit der Ueberzeugung, auf dem Gipfel
+ihres Lebens gestanden zu haben; entschlossen
+den Weg, der ihr zu machen blieb, unerschütterlich
+fest fortzuwandeln, das Andenken an ihr
+Glück in tiefster Seele. Sie wußte, daß es
+die letzte Stunde gewesen, die sie mit Robert
+verlebt, und war doch glücklicher als je, obgleich
+der Schmerz des Abschiedes ihr Herz zusammenpreßte.
+Jetzt begriff sie, was das Leben
+sei, und dankte Gott aus vollem Herzen dafür;
+<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a>
+nur der Gedanke an Meining, nicht der an Robert's
+Scheiden, störte sie in ihrer Wonne und
+trat bald als allein herrschend hervor.</p>
+
+<p>Schlaflos verging ihr die Nacht, sie strebte
+zu einem Entschlusse zu kommen, ob sie nun
+nicht endlich ihrem Manne Alles bekennen, seine
+Vergebung erflehen und ihr Schicksal in seine
+Hände legen, oder ob sie nach wie vor schweigen
+solle und dürfe? Sie konnte es sich nicht
+verbergen, daß Robert auf ihre Trennung von
+Meining rechne, um sie zu seiner Gattin zu
+machen. Tausend himmlische Träume von Liebes-
+und Eheglück gingen an ihrem Geiste vorüber;
+sie sah sich in Hochberg neben und mit
+ihm wirken, sie empfing ihn, wenn er Abends
+zurückkehrte, sie theilte seine Leiden, seine Freuden,
+sie sah ihn strahlend von Glück an ihrer
+Seite und sich selbst selig in seinen Armen, und
+mußte doch immer wieder des verrathenen Meining's
+mit Thränen denken, in dessen Leben
+<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a>
+das ihre so fest gewurzelt hatte, daß sie sich
+seine Trennung von ihm nicht als möglich denken
+konnte. Er war ihr Gatte, hatte ihr in
+den Jahren, die sie mit einander verlebt, mit
+rührender Liebe angehangen; sie war seine Freude,
+sein Glück, er hatte sie geehrt mit vollem Vertrauen,
+sie schauderte vor dem Gedanken, er
+würde ein Recht haben, die Treulose zu verachten
+und zu verstoßen, und er würde doch
+unglücklich sein ohne sie &ndash; einsam und allein in
+seinem Alter, weil sie ihn verlassen, unglücklich
+zu werden, auf den Trümmern seines Glückes.
+Es war eine furchtbare Nacht für die Unglückliche
+&ndash; als aber der Tag und mit ihm die
+Herrschaft der Vernunft über die zügellosen
+Schöpfungen der Phantasie und des Herzens
+begann, war sie mit sich einig geworden.</p>
+
+<p>Der frühe Morgen brachte ihr folgenden
+Brief von Robert:</p>
+
+<p>Ich kann die Zeit nicht erwarten, Geliebte,
+<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a>
+in der ich Dich wiedersehen darf, ich muß Dein
+denken, mit Dir sprechen, um sie zu verkürzen.
+Jene Besorgniß, die uns überfällt, jene Unruhe,
+die uns aufregt, wenn wir nach langer
+Abwesenheit in die Heimat kehren und die bekannten
+Thürme der Vaterstadt uns sichtbar
+werden &ndash; dieser Unruhe kann ich jetzt nicht
+Herr werden, da ich mich endlich dem Ziele
+meines Lebens, der Erfüllung meiner sehnlichsten
+Hoffnungen, der geliebten Heimat meines Herzens
+nähere. Ich möchte bei Dir sein, Deine
+Hand in der meinen halten und in dem warmen
+Lichte Deiner Blicke die schöne Gewißheit Deines
+Besitzes fühlen. Wenn ich sonst tief in
+Deine unergründlichen Augen blickte und mein
+Bild so klein und beweglich sich darin wiederspiegeln
+sah, bin ich oft eifersüchtig geworden
+bei dem Gedanken, so klein und flüchtig könne
+mein Andenken in Deinem Herzen sein; nun
+aber verstehe ich das besser. So gewiß, so klar
+<a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a>
+und so deutlich mein Bild, in vollkommner Gleichheit
+mit mir selbst, mich aus Deinem Auge
+verschönert anblickt, so wird jeder Gedanke, jedes
+Gefühl meines Daseins, mir, vollkommen verstanden,
+gleich gefühlt und doch unendlich schöner
+wiedergegeben, wenn es durch die läuternde Atmosphäre
+Deines Herzens, Deines Geistes gegangen ist.
+Ja! mein theures Herz! unsre beiden
+Seelen sind nur Eine, nur zusammen können
+wir das höchste Ziel erreichen, das uns zu erreichen
+möglich ist. Und wie froh, wie frei
+macht mich das Gefühl, daß ich in Dir den
+schönsten Preis des Lebens, Dich, Dein Herz,
+Deine Liebe wieder errungen habe, die nun
+mein sind für ewig. Wie kann ich Dir danken,
+wie Dich die Jahre von Schmerz und
+Kummer vergessen machen, die ich in unglücklicher
+Verblendung über Dich verhängt hatte?
+Nur das beruhigt mich, daß eine Liebe, wahr
+und stark wie meine, Alles ausgleicht, daß es
+<a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a>
+kein Opfer gibt, <span class="gesperrt">keines</span>, meine Clementine!
+das ich Dir nicht mit Freuden zu bringen im
+Stande wäre, wenn Dein Glück es erheischt.</p>
+
+<p>Und nicht wahr? Du hast vergeben, Du
+denkst nur mit Liebe an mich? Glaube mir,
+jetzt ist Alles gut. Ich fühlte es gestern, als
+Du in meinen Armen ruhtest, als Dein müdes
+Haupt auf meine Schulter sank; die Nacht des
+Leidens ist vorüber, und eine schöne Zeit wird
+uns werden. Nun erst werde ich mein Land
+lieben, ganz anders lieben, weil es den heimischen
+Herd enthält, an dem Du waltest; mit
+ganz anderm Sinne werde ich für die Zukunft
+säen und wirken für ein Geschlecht, das nach
+uns lebt &ndash; o! eine schöne Zeit wird uns jetzt
+werden. Möge sie Dir mit dem heutigen Tage
+beginnen. Wirf Alles von Dir, was Dich
+ängstigt und quält, Geliebteste! Die Hindernisse
+irdischer Verhältnisse müssen vor der Gewalt
+unsrer Liebe schwinden. Noch wenig Tage
+<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a>
+vielleicht, und wir sind unzertrennlich vereint &ndash;
+fühlst Du wie ich die Wonne dieses Gedankens?
+An <span class="gesperrt">die</span> Zeit denke, wenn wir uns heute
+wieder sehen, meine Clementine! und wünsche
+sie so sehnlich herbei als ich, der nach Dir verlangt
+mit aller Gluth und Liebe, welcher ein
+Menschenherz fähig ist. Ich möchte ein Gott
+sein, wenn Götter stärker zu lieben vermögen,
+als wir, um Dich so glücklich zu machen durch
+meine Liebe, als ich es wünsche, um Dir das
+Geschenk Deines Herzens zu danken. Auf baldiges,
+seliges Wiedersehen, Geliebte! Adieu!
+meine Clementine! noch zwei Stunden, ehe ich
+Dich sehe &ndash; wie lange ist das noch und doch
+wie kurz gegen die lange Zeit, die ich Dich
+entbehrte. Ewig Dein</p>
+
+<p class="signature"><span class="gesperrt">Robert</span>.</p>
+
+<p>Ruhig, wie ein verklärter Geist auf die Erde
+blicken mag, sah Clementine auf diesen Brief;
+sie war unwandelbar entschlossen. Sie hatte
+<a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a>
+eine Stunde das höchste Glück des Lebens empfunden,
+nun fühlte sie die Kraft zu entsagen
+und beschloß Robert gleich jetzt zu antworten.</p>
+
+
+<h3>Clementine an Robert.</h3>
+
+<p>Die Worte Deiner Liebe, schrieb sie, haben
+mir unbeschreiblich wohl gethan und den reinsten
+Wiederhall in meiner Brust gefunden. Fest,
+wie an das Dasein Gottes, glaube ich an Deine
+Liebe und in diesem Vertrauen fordre ich von
+Dir ein Opfer, das mich das schwerste dünkt.
+Wir dürfen uns nicht wieder sehen, mein Freund!
+weil wir nicht für einander leben dürfen.</p>
+
+<p>Höre mich ruhig an, Du Geliebter! Mehr
+als ich es Dir sagen könnte, muß Dich gestern
+der Wonnetaumel, den mir Dein Wiedersehen
+bereitet, von meiner heißen Liebe überzeugt haben.
+Kein trüber Gedanke hat mir die Seligkeit
+gestört, das Geständniß Deiner Liebe von
+Deinem Munde zu hören, mein höchstes Glück
+<a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a>
+in Deiner Freude zu genießen. Was der sehnlichste,
+einzige Wunsch des Mädchenherzens, der
+Traum meiner Nächte, war, Deine Liebe, Du
+hast sie der Frau gewährt, die sie Dir nicht
+lohnen darf. In den Jahren, die unsrer Trennung
+folgten, von Zweifeln an Dir gequält,
+von Dir entfernt und mich selbst aufgebend,
+habe ich Tage des herbsten Schmerzes verbracht,
+die nun <span class="gesperrt">alle</span> ausgetilgt sind aus meinem Leben
+durch eine Stunde des Glückes, und diese werde
+ich Dir ewig danken; wie in dieser Stunde soll
+mir Dein geliebtes Bild gegenwärtig bleiben.</p>
+
+<p>Die Deine aber werde ich nie. Ich darf
+mein Glück nicht auf Kosten der Ruhe und Ehre
+eines Mannes erkaufen, der mir sein Glück und
+seine Ehre anvertraut, mir seinen unbefleckten
+Namen gegeben hat. Kann ich die Liebe, die
+er für mich hegt, gewaltsam seinem Herzen
+rauben? Darf ich, die Jahre hindurch seine
+Gefährtin war, ihn verlassen, da das Alter sich
+<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a>
+ihm naht? Soll ich ihn dem Gespötte preisgeben,
+das grausam jeden verrathenen Ehemann
+verfolgt? Soll die Welt ihn verlachen, weil er
+großmüthig mir vertraute, obgleich er durch
+mich selbst wußte, daß mein Herz nicht ihm
+allein gehören könne? Du weißt es nicht, wie
+zart, wie schonend er mich behandelt, wie vollkommen
+er meine Achtung, meinen Dank verdient
+hat. Ob er mir verzeihen wird? ich weiß
+es nicht &ndash; nur das fühle ich, daß ich mit mir
+gerungen habe, Tag und Nacht, mit festem
+Willen, um Dich aus meinem Herzen zu reißen,
+daß ich vor Gott mich schuldlos fühlen darf und
+selbst den seligen Abend nicht bereue, den ich
+gestern mit Dir verlebt, und der mich über eine
+freudlose Vergangenheit trösten, für eine schwere
+Zukunft entschädigen sollte.</p>
+
+<p>Ich lege mein Loos in Meining's Hände;
+er mag mir vergeben, mich von sich weisen &ndash;
+Dein werde ich nie, auch dann nicht, wenn es
+<a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a>
+mir beschieden wäre, meinen Gatten zu überleben.
+Sieh darin keine Schwärmerei, keine
+Ueberspannung: ich halte die Ehe, Du weißt
+es, für ein unauflösliches, ewig bindendes Band.
+Das Weib ist kein todter Besitz, der heute aus
+den Händen des Einen in die des Andern
+übergeht; ganz, ungetheilt, frei und frisch an
+Geist und Leib muß sie dem Manne gehören &ndash;
+daß ich mit getheiltem Herzen Meining's Frau
+wurde, das ist das Unrecht, welches mein Leben
+zerstört und alle meine Leiden und auch Deine
+hervorgerufen hat. Ich that es, weil man mich
+überredete, es sei Pflicht; weil ich glaubte, ich
+könne Dein vergessen und frei werden.</p>
+
+<p>Noch einmal einen gleichen Schritt zu thun,
+die gleiche Sünde gegen Dich zu begehen, bewahre
+mich Gott. Eben so wenig, als ich es
+vermocht, Dich zu vergessen, so wenig würde
+das Andenken an Meining je für mich aufhören.
+Könntest Du eine Frau lieben, die ihres
+<a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a>
+Gatten zu vergessen im Stande wäre? Willst
+Du ein Weib, das selbst in Deinen Armen an
+den Verrath denken würde, den es begangen?
+dem die Ruhe an Deinem Herzen durch Gewissensbisse
+vergällt wäre?</p>
+
+<p>Täusche Dich nicht, mein Robert! so würde
+es sein. Ich, gequält von innern Vorwürfen,
+Meining einsam und verhöhnt; sein Name, für
+dessen Ruhm er Jahre lang gearbeitet, den selbst
+Neid und Bosheit nicht anzutasten wagten, entehrt
+durch seine Frau &ndash; und Du? Robert,
+ich fühle, was ich Dir einst hätte sein können,
+kann und wird Dir keine Andre werden &ndash; was
+ich Dir jetzt noch werden könnte? Mein Herz
+zieht sich zusammen bei dem Gedanken, daß ich
+selbst mich um den Himmel gebracht, Dich so
+zu beglücken, als ich es gehofft. Jetzt wäre
+ich zweifach elend, denn ich würde Dich unglücklich
+sehen durch mich, und auch Deine Ehre
+wäre verloren. Oder ertrügest Du es ruhig,
+<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a>
+zu hören, das ist Thalberg, wegen dessen sich
+Meining von der Frau geschieden, die Thalberg
+jetzt geheirathet hat &ndash; und die lächelnden Blicke,
+welche solche Worte begleiten &ndash; o! es wäre
+ein Fluch, der über uns schwebte, gegen den
+wir keine Macht, auch nicht in unsern Herzen
+fänden.</p>
+
+<p>Traure um mich, Geliebter! wie ich Dich
+beweinen werde. Heute sterben wir für einander
+und nur, wie man der theuren Todten
+gedenkt, laß uns an einander denken. Die
+Thränen auf diesem Blatte zeigen Dir, ob ich
+das Opfer fühle, das ich bringe, das ich verlange.
+Es sind die letzten Augenblicke, die ich
+mit Dir verlebe. Ich möchte mein ganzes Herz
+Dir zeigen, wie es Dein ist und Dein war;
+Du weißt es und fühlst, wie schwer es mir
+wird, zu scheiden. Ich habe Dich so unaussprechlich
+lieb.</p>
+
+<p>Lebe denn wohl &ndash; Robert, mein Leben,
+<a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a>
+mein Glück! &ndash; ich nehme Dich bei dem Worte,
+daß kein Opfer Dir zu schwer sei für mich.
+&ndash; Versuche es nicht, mich zu überreden; es gelingt
+Dir nicht. Ich rechne darauf, daß Du
+noch heute Berlin verläßt, daß Du es nicht
+versuchst, mich wiederzusehen, weil Du mich liebst.</p>
+
+<p>Und nun Gottes schönster Segen über Dich!
+Möge eine reiche Zukunft Dich für den Schmerz
+dieses Scheidens entschädigen. Denke mein oft,
+wie einer Schwester, der Dein Glück tiefstes
+Bedürfnis ist; mögest Du das Glück finden,
+das Du von mir erwartet, mein heißgeliebter
+Robert! Lebe wohl, mein Robert! und denke
+ohne Sorge an mich &ndash; jetzt werde ich Ruhe
+haben. Ich habe das schönste Glück empfunden
+&ndash; ich konnte es besitzen und opfre es meiner
+Ueberzeugung &ndash; das wird mir Frieden geben.
+Gott sei mit Dir auf allen Deinen Wegen, mein
+Geliebter, mein Freund! und nun lebe wohl.</p>
+
+<p class="signature"><span class="gesperrt">Clementine</span>.</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a>
+Mit bebenden Händen wurde das Blatt gesiegelt
+und dem Diener übergeben. Es war geschehen
+&ndash; tief athmend ging Clementine auf
+und nieder, und ein Friede, wie sie ihn nie
+gekannt, machte sie den Schmerz, das tiefe Leid
+ihrer Seele leichter tragen. Jetzt wollte sie Alles
+beenden, Meining sollte jede Verirrung ihres
+Herzens kennen, darum schrieb sie ihm:</p>
+
+
+<h3>Clementine an Meining.</h3>
+
+<p>Ich habe gestern Deinen Brief aus K....
+erhalten, der mich tief gerührt und gedemüthigt
+hat &ndash; um so tiefer, da ich mich selbst vor Dir
+anklagen muß. Ich habe es nie vermocht,
+meine Fehler zu beschönigen, und so will ich
+auch vor Dir, vor meinem Manne, nicht besser
+scheinen, als ich es bin.</p>
+
+<p>Du weißt, als Du mir Deine Hand angetragen,
+zögerte ich, sie anzunehmen, nicht aus
+Mißtrauen gegen Dich, sondern gegen mich
+<a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a>
+selbst. Ich habe Dir es nicht verborgen, daß
+ich einen Andern geliebt, daß sein Andenken mir
+noch sehr theuer war &ndash; aber ich hatte Dir versprochen,
+dagegen zu kämpfen, und das habe
+ich redlich gethan. Trotz Deiner Liebe, trotz
+meines festen Willens, ist diese Leidenschaft nicht
+erstorben &ndash; sie ist neu erwacht, als ich den
+Gegenstand derselben, Robert Thalberg, wieder
+gesehen. Tausendmal hat das Geständniß auf
+meinen Lippen geschwebt, ich habe Dich um
+Schutz gegen mich anflehen wollen; aber Dein
+ausdrückliches Verbot, Dein Widerwillen gegen
+solches Vertrauen hat mich zurückgehalten, und
+mehr noch, daß ich Dich, den ich von Grund
+der Seele ehre und achte, nicht betrüben wollte.
+Deine Zufriedenheit, Dein Glück war der Zweck
+meines Lebens geworden, und ich mochte Dir
+nicht Schmerz bereiten, weil ich hoffte, allein
+den Sieg über mich zu gewinnen.</p>
+
+<p>Seit acht Tagen ist Thalberg zurückgekehrt
+<a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a>
+hat täglich versucht, mich zu sprechen, was ich
+ihm nur verweigerte, weil ich es mußte. Gestern
+ist er unerwartet zu mir gekommen; ich habe
+das Geständniß seiner Liebe gehört, ich habe
+ihm gesagt, daß ich ihn liebe, und ich bekenne
+Dir das offen, weil ich mich frei vor Gott und
+vor Dir fühle. Daß ich nicht willig dieser Leidenschaft
+gefröhnt, daß ich mit aller Gewalt
+mich zu befreien gestrebt, dafür bürgt Dir Deine
+Kenntniß meines Herzens, meine Achtung vor
+unsrer Ehe und meine gebrochene Gesundheit.
+Du hast ein Recht, die Treulose von Dir zu
+weisen, mir Deine Liebe zu entziehen, aber Du
+mußt mir Deine Achtung erhalten; denn ich
+selbst habe Robert entsagt und für immer. Halte
+das nicht für leere Worte, welche Dich bestechen
+sollen; erst jetzt bin ich ganz frei, erst jetzt bin
+ich mit reinem Bewußtsein Dein, während am
+Tage unsrer Hochzeit das Andenken an Thalberg
+störend zwischen Dir und mir stand. Ich
+<a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a>
+fühle mich unzertrennlich an Dich gebunden und
+würde mich noch als zu Dir gehörig betrachten,
+wenn Dein gekränkter Stolz mich verstieße.
+Dein Herz kann es nicht. Du kannst mich Das
+nicht wie ein Verbrechen büßen lassen, was ich
+gegen meinen Willen empfand; Du kannst mir
+Dein Vertrauen nicht entziehen, weil ich mich
+dessen durchaus würdig fühle.</p>
+
+<p>Und nun, mein Freund! mein guter, milder
+Freund! kennst und weißt Du Alles; gewähre
+mir Mitleid mit meiner Schwäche und erhalte
+mir, wenn Du es vermagst, Deine Liebe. Ich
+sage Dir nicht Alles, was ich für Dich fühle
+&ndash; nur an Dich selbst appellire ich, und ich
+wünsche und hoffe, Du werdest Deinem Weibe
+kein strengerer Richter werden, als Du es sonst
+dem Menschenherzen zu sein pflegtest. Eine
+schwere Krankheit hat lange in mir gelegen, die
+Krisis ist vorüber, und ich werde genesen, ich
+fühle es. Du, der mit der Kranken so viel
+<a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a>
+Nachsicht gehabt, Du wirst die Genesende nicht
+verlassen, die gesund werden will und wird, um
+für Dich zu leben.</p>
+
+<p>Vergib mir und sage mir bald, daß Dir
+mein Leben noch werth sei, daß Du meine Stütze
+und mein Freund bleiben willst &ndash; schreibe mir
+bald, ich verlange sehr nach diesem Briefe, und
+vergib mir Alles, mein guter Mann, was ich,
+wissentlich oder nicht, Unrecht an Dir that.
+Vergib es mir, weil ich mir selbst vergeben
+kann, und laß mich Deine Clementine bleiben.</p>
+
+<p>Auch diesen Brief wollte Clementine gleich
+befördern, doch fand es sich, daß die Post nach
+K.... erst am folgenden Tage abgehe und daß
+er also noch liegen bleiben müsse. Dadurch gewann
+sie Zeit, an den Eindruck zu denken, den
+er auf Meining hervorbringen würde, auf ihn,
+der vollkommen arglos an sie und ihre Liebe
+glaubte. Wie würde es ihn betrüben, wie unglücklich
+würde es ihn machen! Sie hatte den
+<a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a>
+Brief geschrieben, um sich selbst zufrieden zu
+stellen, sich genugzuthun; und sie empfand,
+daß in dieser Handlung viel mehr Egoismus
+als Tugend läge. Um sich zu beruhigen, um
+ihr Gewissen zu besänftigen, raubte sie Meining,
+von dessen Vergebung sie überzeugt sein
+konnte, die sie mit Recht zu verdienen glaubte,
+seine Ruhe. Was konnte die Folge von diesem
+Briefe sein? Meining würde traurig zurückkehren,
+mit der Gewißheit, das Unglück seiner
+Frau verursacht zu haben, indem er sie geheirathet;
+er würde argwöhnisch und verstimmt
+auf sie sehen, die sich ihm wie ein Muster von
+Entsagung, ein Opfer der Pflicht dargestellt
+hatte, nachdem sie wirklich Nichts als ihre
+Pflicht gethan. So beschloß sie, schweigend, wie
+sie gegen Meining gefehlt, auch zu ihm zurückzukehren.
+Niemand, außer Robert, sollte ahnen,
+was in ihrer Seele vorgegangen war. In dem
+Augenblick brachte man ihr diesen Brief von Robert.</p>
+
+
+<h3><a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a>
+Robert Thalberg an die Geheimräthin
+v.&nbsp;Meining.</h3>
+
+<p>Engel des Lichtes, großes, edles Herz! ich
+gehe. Ich scheide von Dir, weil Du es willst.
+Du hast Recht, jetzt ist's zu spät &ndash; ich habe
+einst freventlich den Himmel unsres Glückes
+vernichtet und vermag nicht mehr, ihn uns zu
+erbauen, obgleich ich Dich mehr liebe, stärker,
+heißer als je. Wie <span class="gesperrt">sehr</span> liebe ich Dich! &ndash; und
+muß ich erst nun, da die schwere Stunde ewiger
+Trennung uns naht, erkennen, daß Du noch
+viel reiner, edler und größer bist, als ich selbst
+in den begeistertsten Augenblicken es für möglich
+hielt? Warum, schöner Stern, scheinst Du
+mir in aller Pracht Deines Glanzes, wenn Du
+mir untergehen mußt für immer? Doch nein!
+Du bleibst! Du bleibst der feste Stern, auf den
+mein Auge blickt, der seine leuchtenden Strahlen
+in meine Seele wirft, wenn ich im Gewühl
+der Welt den Glauben an die Menschen zu verlieren
+<a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a>
+fürchte. Du bist! &ndash; und wer darf zweifeln
+an der Göttlichkeit des Menschen.</p>
+
+<p>Ich scheide von Dir! Du fühlst, wie ich,
+was dieses Wort bedeutet; was es heißt: zu
+entsagen. Darum soll kein Wort der Klage die
+heilige Stunde unsres Abschiedes beflecken. Wie
+jene selige Insel, die nur einmal in Jahrtausenden
+aus dem Meere taucht und deren Anblick
+dem Auserwählten Paradieses Wonne bereitet,
+dem sie zu schauen vergönnt ward, so taucht
+das Andenken an die Stunde dieser Nacht ewig
+beseligend aus dem Meere meines Lebens empor,
+und kein Sterblicher kann ermessen, was sie mir
+gebracht an Glück, an Wonne. Du hast mich
+überreich gemacht, Geliebte! überreich für immer
+&ndash; denn wer vermag zu lieben wie Du! &ndash;
+weh mir, daß ich selbst unsre Welt zerstört!</p>
+
+<p>Lebe denn wohl, Geliebte! laß mich Dir
+danken für die Gunst Deiner Liebe, für das
+Glück an Deinem Herzen. Unvergeßlich und
+<a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a>
+doch so flüchtig, gleicht es jener stolzen Blume,
+die nur eine Stunde blüht, wohl wissend, daß
+diese eine Stunde vollendeter Schönheit mehr
+ist, als das ganze, matte Leben aller andern
+Blumen. Lebe wohl, schöne, hohe Königin der
+Nacht, Geliebte meiner Jugend, Weib meiner
+Seele! laß uns fortgehen auf der Bahn, die
+Du für uns gewählt und die ich gleich Dir
+betrete. Wir haben die reinste Freude des Lebens
+gekannt &ndash; laß uns in Anderem das Glück
+suchen, das wir freiwillig opfern. O! nur noch
+einmal laß es mich sagen, nur noch dies eine Mal
+höre es an, daß ich Dich liebe, wie nur je ein
+Weib geliebt worden, daß ich Dich anbete, wie
+man die Gottheit anbetet, Dich, meine Clementine!
+ewig &ndash; wenn auch getrennt für immer. Lebe wohl!</p>
+
+<p class="signature"><span class="gesperrt">Robert</span>.</p>
+
+<p>Stumm drückte Clementine den Brief gegen
+ihr Herz und dankte Gott für die Kraft, die
+er ihr gegeben, zu siegen, wo sie es kaum gehofft.
+<a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a>
+Sie war wie zu neuem Leben geboren,
+sie dachte Robert's nicht mehr mit der stürmischen
+Unruhe der Leidenschaft, mit den peinigenden
+Vorwürfen des Gewissens, mit der
+Sehnsucht, die ihn herbeiwünschte und sich deshalb
+verdammte &ndash; sie weilte bei seinem Bilde
+mit der beglückenden Ueberzeugung, sich und ihn
+gerettet zu haben vom gemeinsamen Verderben;
+und selbst auf Meining's Rückkehr sah sie
+mit Zuversicht, weil sie sich seiner würdig fühlte.
+In dieser Stimmung legte sie Robert's Briefe
+und den, welchen sie für ihren Mann geschrieben,
+zusammen in die verborgenste Ecke ihres
+Schreibtisches &ndash; dort sollten sie unberührt liegen,
+wie jene Dokumente, die man in das Fundament
+großer Denkmale für die Nachwelt legt;
+denn auch sie fing an zu bauen für die Zukunft,
+mit dem frömmsten Sinne und der Hoffnung,
+daß sie einen Tempel des häuslichen Glückes
+begründe, zur Freude ihres Gatten.</p>
+
+<p><a class="pagenum" id="page_256" title="256"> </a>
+Am andern Tage, als sie, nicht ohne tiefe Wehmuth,
+den Pavillon wieder betrat, fand sie noch
+Meining's Brief dort liegen, den sie in der Aufregung
+jenes Abends nicht beendet und dort vergessen
+hatte. Mit welch andern Empfindungen
+las sie ihn jetzt! Ja, selbst die Nachricht, daß
+Meining früher zurückkehren würde, als er geglaubt,
+daß sie ihn in vierzehn Tagen erwarten
+könne, war ihr lieb, und sie fing an, Alles für
+seine Heimkehr vorzubereiten, obgleich die Ereignisse
+der letzten Tage noch lebhaft in ihr nachhallten
+und Robert's Name in dem Verzeichniß
+der Abgereisten sie in der Einsamkeit manche
+stille Thräne kostete.</p>
+
+<p>Die wiedergewonnene Ruhe des Gemüthes
+verfehlte nicht, ihren wohlthätigen Einfluß auf
+Clementine zu äußern; sie brachte ihren Nächten
+Schlaf und ihren Nerven die verlorene Stärke,
+sodaß, als nach Verlauf der vierzehn Tage der
+Geheimrath zurückkehrte und seine Frau ihm
+<a class="pagenum" id="page_257" title="257"> </a>
+freundlich, wenn auch mit heftig klopfendem
+Herzen, entgegenkam und ihm dann weinend um
+den Hals fiel, er sie viel wohler aussehen fand,
+als an dem Tage der Trennung. Er war ganz
+Glück, sie wieder zu sehen, und es verdroß ihn
+nur, wenn sie von Zeit zu Zeit seine Hand,
+die in der ihren ruhte, mit Innigkeit an ihre
+Lippen drückte, statt seine Küsse zu erwiedern.
+Es lag so viel Weiches, Demüthiges in ihrem
+Betragen, daß er sie unbeschreiblich liebenswürdig
+fand und es ihr tausendmal versicherte,
+wie froh er sei, sie wieder bei sich zu
+haben, und wie gar schwer ihm das Leben ohne
+sie geworden.</p>
+
+<p>Nun fand Clementine den Lohn für ihre Entsagung
+und schloß sich fester und fester an ihren
+Gatten an, je mehr sie Herr über sich selbst
+wurde. Als endlich im Juni Frau von Alven
+anlangte und das gute Einverständniß der Eheleute
+sah, konnte sie sich nicht enthalten, ihrer
+<a class="pagenum" id="page_258" title="258"> </a>
+Nichte im engsten Vertrauen zu bemerken, es
+käme nur darauf an, daß Mann und Frau sich
+verständigen wollten, und sie hätte sehr klug
+gethan, daß sie nicht früher gekommen sei. Du
+wärst mit keinem Manne so glücklich geworden,
+als mit Meining, sagte sie, selbst mit Thalberg
+nicht, der Dir bei Deiner Verheirathung doch
+noch sehr am Herzen lag. Clementine wurde
+roth und bat die Tante, Thalberg in dieser Beziehung
+nicht zu erwähnen, da er im letzten Winter
+oft in ihrem Hause gewesen sei und Meining
+Nichts von ihrem frühern Verhältniß zu Robert
+wisse.</p>
+
+<p>Meining's Einfluß erlangte etwa zwei Jahre
+später Reich's Berufung nach Berlin, und als
+Marie die Schwester wiedersah und das gegenseitige
+Fragen und Erzählen begann, war eine
+der ersten Neuigkeiten, die Marie mitbrachte:
+ich habe auch in Wiesbaden Thalberg gesehen;
+was für ein schöner Mann ist der geworden!
+<a class="pagenum" id="page_259" title="259"> </a>
+und seine Braut, ein Fräulein Ringer, die Dich
+tausendmal grüßen läßt, sagt mir, <span class="gesperrt">Du</span> hättest
+sie mit Thalberg bekannt gemacht. Sie werden
+gleich nach der Hochzeit auf Reisen gehen und
+ein paar Jahre fortbleiben; darauf besteht Thalberg,
+obgleich die Staatsräthin Ringer es nicht
+wünscht. Sehen Sie einmal, lieber Meining,
+wie ernsthaft Clementine wird! Wir Frauen
+sind doch närrische Geschöpfe; ich glaube, meine
+Schwester wundert sich heute noch, daß Thalberg,
+der in frühster Jugend eine große Passion
+für sie hatte, die sie theilte, sich schon entschließen
+kann, ein schönes, junges Mädchen zu heirathen.
+Sage einmal selbst, Clementine! ist's
+nicht so?</p>
+
+<p>Clementine schwieg, aber Meining drückte
+ihre Hand und sagte, als sie später allein
+waren, sehr bewegt: Armes Kind! jetzt weiß
+ich, woran Du vor zwei Jahren erkrankt, wie
+sehr Du gelitten hast &ndash; es ist vorbei, und
+<a class="pagenum" id="page_260" title="260"> </a>
+Gott gebe, daß ich Dir fortan jedes Leid ersparen
+könne. Eine herzliche Umarmung folgte
+diesen Worten, und Nichts hat fortan den Frieden
+dieser Ehe bedroht.</p>
+
+<p class="centered fontsmall margintop2 marginbot6">
+Druck von F. A. <span class="gesperrt">Brockhaus</span> in <span class="gesperrt">Leipzig</span>.</p>
+
+
+<div class="tnote margintop2">
+<p class="centered fontlarge margintop2">Hinweise zur Transkription</p>
+
+
+<p class="noindent">Das Buch ist ursprünglich in Fraktur gesetzt. Fremdsprachige Abschnitte,
+die abweichend in Antiqua gesetzt wurden, sind in der Transkription markiert (in
+kursiver Schrift). Der Name "Bulwer" auf der Titelseite ist in Kapitälchen.</p>
+
+<p class="noindent">Der Halbtitel "Clementine." wurde entfernt.</p>
+
+<p class="noindent">Geändert wurden</p>
+
+<p class="noindent">Seite <a href="#page_014">14</a>:<br />
+"Interresse" geändert in "Interesse"<br />
+(ihre ganze Persönlichkeit flößte lebhaftes Interesse ein)</p>
+
+<p class="noindent">Seite <a href="#page_015">15</a>:<br />
+"Berwerbung" geändert in "Bewerbung"<br />
+(da sie jede Annäherung und Bewerbung eben so fein)</p>
+
+<p class="noindent">Seite <a href="#page_021">21</a>:<br />
+"war, nöthig" geändert in "war nöthig"<br />
+(und es war nöthig so weit zurückzugehen, um)</p>
+
+<p class="noindent">Seite <a href="#page_070">70</a>:<br />
+"Frey" geändert in "Frei"<br />
+(Liebe für ein gewisses Fräulein Clementine Frei)</p>
+
+<p class="noindent">Seite <a href="#page_089">89</a>:<br />
+"gewöhlich" geändert in "gewöhnlich"<br />
+(und begannen, wie gewöhnlich, mit den)</p>
+
+<p class="noindent">Seite <a href="#page_099">99</a>:<br />
+"zeigten sodaß" geändert in "zeigten, sodaß"<br />
+(die geringste Neigung zeigten, sodaß sie auch diesen Wunsch)</p>
+
+<p class="noindent">Seite <a href="#page_103">103</a>:<br />
+"vermuhtete" geändert in "vermuthete"<br />
+(da ich Frau von Meining noch in Heidelberg vermuthete)</p>
+
+<p class="noindent">Seite <a href="#page_181">181</a>:<br />
+"so, weit" geändert in "so weit"<br />
+(an sich ziehen und so weit sie es vermöchte)</p>
+
+<p class="noindent">Seite <a href="#page_246">246</a>:<br />
+"anklangen" geändert in "anklagen"<br />
+(da ich mich selbst vor Dir anklagen muß)</p>
+
+<p class="noindent">Seite <a href="#page_249">249</a>:<br />
+"büssen" geändert in "büßen"<br />
+(nicht wie ein Verbrechen büßen lassen)</p>
+
+<p class="noindent">Nicht geändert wurden<br />
+unterschiedliche Schreibweisen des Verbs "erwidern"/"erwiedern".</p>
+
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Clementine, by Fanny Lewald
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CLEMENTINE ***
+
+***** This file should be named 45965-h.htm or 45965-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/4/5/9/6/45965/
+
+Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
+images of public domain material from the Google Print
+project.)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License available with this file or online at
+ www.gutenberg.org/license.
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation information page at www.gutenberg.org
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809
+North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
+contact links and up to date contact information can be found at the
+Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>
diff --git a/45965/45965-h/images/cover.jpg b/45965/45965-h/images/cover.jpg
new file mode 100644
index 0000000..fa6b1d3
--- /dev/null
+++ b/45965/45965-h/images/cover.jpg
Binary files differ