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-The Project Gutenberg EBook of Reise zu deutschen Front, by Ludwig Ganghofer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
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-
-Title: Reise zu deutschen Front
-
-Author: Ludwig Ganghofer
-
-Release Date: February 18, 2014 [EBook #44961]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE ZU DEUTSCHEN FRONT ***
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-Produced by Franz L Kuhlmann, Norbert H. Langkau and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- Ullstein
- Kriegsbücher
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-
- Reise zur
- deutschen Front
- 1915
-
-
- Reise zur
- deutschen Front
- 1915
-
- =von=
-
- Ludwig
- Ganghofer
-
- [Illustration]
-
- =1915=
- Verlag Ullstein & Co Berlin / Wien
-
- 150. bis 200. Tausend
-
- Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
- Amerikanisches Copyright 1915 by Ullstein & Co, Berlin.
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- 1.
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- 12. Januar 1915.
-
-Ich soll das Gesicht dieser großen Zeit mit eigenen Augen sehen. Die
-Erwartung brennt in mir wie ein Höhenfeuer.
-
-Gleich am ersten Abend der Reise, in Frankfurt, faßt mich ein starker
-Eindruck. Hier sieht der mächtige Bahnhof aus wie eine Festungshalle.
-Ein von Westen kommender Zug schüttet ein paar hundert Offiziere
-und Mannschaften aus. Meist sind es Leichtverwundete. Ein junger,
-bildhübscher Offizier, den geschienten, dick verbundenen Arm in
-der Schlinge, den Waffenrock umgehängt, macht sich vor dem Zug ein
-bißchen Bewegung und raucht dazu mit Behagen seine Zigarette. Ein
-Schwerverwundeter wird auf einem Wägelchen rasch vorübergefahren.
-Ich sehe ein abgezehrtes Leidensgesicht mit sehnsuchtsvollen Augen.
-Das Gezitter und Gewackel des Wägelchens, auf dem der Brave an mir
-vorbeigefahren wird, scheint ihm schwere Schmerzen zu verursachen.
-Ich höre sein leises, ein bißchen unwilliges »Ach!«. Dann dreht er
-langsam das Gesicht auf die andere Seite und schließt die Augen. Das
-Wägelchen verschwindet im Gewühl der Feldgrauen. Sehr viele von ihnen,
-Offiziere und Mannschaften, tragen das Eiserne Kreuz. Alle tragen es mit
-sichtlichem Stolz, jeder scheint sich still innerlich zu freuen, wenn
-es gesehen wird und einen dankbaren Blick erweckt. Ja! Dankbar müssen
-wir jedem sein, der dieses Zeichen der deutschen Ehre trägt. Und daß wir
-der Ausgezeichneten so viele sehen, das muß uns freudig stimmen, muß uns
-Vertrauen und Ruhe geben. Ein Heer von Helden! Wer, außer Gott, könnte
-uns besser schützen?
-
-Neben den Verwundeten sind viele, die nur heimkehren, um irgendeinen
-militärischen Auftrag auszuführen. Ihr Auftreten ist ernst und würdig,
-ihr Schritt rasch und beschwingt. Überaus wohltuend ist die Fürsorge,
-die man diese Offiziere den Mannschaften erweisen sieht. Wenn da ein
-Soldat steht, der etwas ratlos herumsieht und nicht weiß, was er
-beginnen soll, ist gleich ein Offizier bei ihm und fragt: »Was ist
-mit Ihnen, woher kommen Sie, wohin wollen Sie, haben Sie einen guten
-Platz?« Jedes Anliegen findet Hilfe. Ich sehe einen Offizier, der den
-Arm um einen blassen, müd und schwerfällig vorwärts tappenden Soldaten
-geschlungen hält und den Schaffner des Schlafwagens anruft: »Haben Sie
-noch Platz? Der Mann muß ein Bett haben.« Die Antwort: »Alles besetzt!«
-Und der Offizier sagt: »Dann geben Sie dem Mann mein Bett, er muß
-liegen, muß schlafen können, ich komme schon irgendwo unter.« --
-
-Früh, vor Tageserwachen, geht die Reise weiter. Ich bin der einzige
-Zivilist in dieser endlos scheinenden Wagenkette. Das zu wissen, ist
-unerquicklich. Die Zeit ist so, daß man als Nicht-Soldat immer in
-Versuchung gerät, sich seines bürgerlichen Rockes zu schämen. Außer
-mir und vielen hundert Soldaten ist nur noch ein junges Mädel im Zuge.
-Wahrhaftig, ich bin in großer Sorge um ihr Schicksal. Sie selbst ist
-vergnügt und plaudert lebhaft. Ihr Kupee ist überfüllt, und ein halbes
-Dutzend der Feldgrauen steht noch lachend um die Türe herum. Das mindert
-die Gefahr.
-
-Der Morgen beginnt zu grauen, während der Zug aus der mächtigen
-Frankfurter Bahnhofshalle hinausrollt. Gleich vielen großen
-Morgensternen hängen die hochmastigen Streckenlampen in der stahlblauen
-Luft. Die Häuser gleiten vorüber, mit Hunderten von erleuchteten
-Fenstern. Am Morgen hat ein erleuchtetes Fenster etwas Widersinniges;
-bei seinem Anblick hat man unwillkürlich das Gefühl: es ist nicht
-Morgen, es will Abend werden. Mir rinnt es bei diesem Gedanken heiß
-durch Seele und Knochen. Nein! In Deutschland geht es nicht einem Abend
-und nicht der Nacht entgegen; ein Morgen wird kommen, schöner als jeder
-Morgen, den das deutsche Volk noch jemals erlebte.
-
-Ein Dröhnen und Rauschen. Der Zug gleitet über die eiserne Brücke,
-und gleich einem wundervollen Silberband, das die Ferne mit der Nähe
-verknüpft, so glänzt der Mainstrom ins erwachende Land hinaus.
-
-Immer wieder übersetzt der Zug eine Straße und immer seh' ich das
-gleiche Bild: bei den Schlagbäumen stehen lange Züge von Soldaten,
-die auf ihrem Wege zum Exerzierplatz einige Minuten aufgehalten sind.
-Millionenheere stehen draußen im Kampfe, und noch immer wimmelt die
-ganze Heimat von Feldgrauen. Überall Soldaten, Soldaten, Soldaten! Und
-jeder von ihnen hat ein gesundes deutsches Herz und zwei kraftvolle
-Fäuste, jeder von ihnen ist ein Vertrauender, ein Lachender! --
-Deutschland! Nur die Törichten und Engherzigen können in Sorge geraten
-um deine Zukunft.
-
-Heller und heller wird der Morgen. Kleine Städte mit lieblichen
-Silhouetten huschen vorüber und Dörfer, in denen schon die Arbeit des
-Tages beginnt. Von außen klingt keine Stimme herein in den rauschenden
-Zug; aber man sieht eine ruhige Heiterkeit in allen Gesichtern.
-
-Gut gepflegte Wälder wechseln mit sauber abgeernteten Fluren, auf
-denen der milde Winter das Grün schon daumenhoch wachsen ließ. Dann
-wieder die braunen Spitzdächer zwischen großen Obstgärten, in denen
-die regelmäßigen Reihen der Apfelbäume mit den kalkweiß angestrichenen
-Stämmen aussehen wie Nymphenburger Tafelaufsätze.
-
-In der Nähe und in der Ferne mehren sich die hoch emporgestreckten
-Schornsteine der Industriestätten. So viele sind es, daß man glauben
-könnte, Gott hätte soeben durch diesen erwachenden Morgen vom Himmel
-herunter gerufen: »Fleißiges Volk der Deutschen, wo bist du?« Und
-unzählige riesige Steinfinger fuhren in die Höhe: »Da bin ich!«
-
-Unter dunstigen Schleiern schwingen sich drei mächtige Bogen über blaue
-Lufträume hinüber: eine Rheinbrücke!
-
-Rhein!
-
-Tausend deutsche Lieder klingen aus diesem Worte, tausend Bilder der
-Vergangenheit tauchen herauf aus der schimmernden Tiefe dieser einen
-Silbe. Von allen Zukunftsbildern, die sich mit dem Rhein verweben, seh'
-ich nur immer dieses Eine mit dem ewigen Eigenschaftsworte: =Deutsch=!
-
-Der Morgen ist klar geworden, mit einem weißen Himmel, aus dem wie ein
-winkender Feuerfinger das Mondviertel herausbrennt. Mit hell erwachenden
-Farben wellt sich die Umgebung von Mainz in die Ferne, eine reizende,
-liebenswürdig gegliederte Landschaft.
-
-Jetzt fahr' ich über die drei hohen Eisenbogen, die ich vor einer Weile
-gesehen. Wie eine wohlhabende und ordnungsliebende Hausfrau vor einem
-befreundeten Gast ihre Laden und Truhen öffnet, so kramt eine große,
-fleißige deutsche Stadt ihre Straßen, Gassen und Häuserfluchten vor mir
-aus.
-
-Der Zug taucht in den langen Tunnel hinein, der die alten Festungswerke
-durchschneidet. Die Finsternis endet, strahlendes Licht, wieder das
-weite Städtebild und in den Straßen die Menschen, von denen noch keiner
-einen Geißelschlag des tobenden Krieges zu fühlen bekam. Jeder fühlte
-nur den Segen der friedlichen Ruhe im Herzen des Deutschen Reiches.
-
-Nebel kämpfen, langgestreckte Wolkenzüge umwürgen die Weinberge und
-die Waldhöhen, und unter den Dunstfahnen des Himmels mischen sich die
-langen, braunen Rauchwimpel der Fabrikskamine.
-
-Jetzt ein entzückendes Bild! Die über weite Flurstrecken hinreichenden
-Krautgärten der Mainzer Vorstadt sind überflattert von einem weißen
-Möwengewimmel. Dahinter glänzt die lange Silberborte des Rheines mit
-gleitenden Schiffen in allen Farben.
-
-Ein kleines friedliches Dorf. Viele Frauen und Kinder. Alle lachen und
-rufen, alle winken mit weißen Tüchern -- aus den Fenstern meines Zuges
-gucken wohl viele, viele Soldatengesichter heraus? Immer aufs neue
-wiederholt sich dieses Bild der grüßenden Frauen, Mädchen und Kinder,
-das Bild dieser weißen Flattergrüße. Mir gelten sie nicht. Ich bin ein
-Überflüssiger, ein Nutzloser, ein Altgewordener ohne Waffe in der Faust!
-
-Nun fliegt an mir ein seltsames Bild vorüber, dessen Symbolik mich
-tief ergreift: Ein großes umzäuntes Flurgeviert, durchsetzt mit
-regelmäßigen Reihen kleiner, weiß bemalter Kreuze. Ein Friedhof?
-Eine Gräberstätte? Ein Garten des Todes? Nein! Es ist ein junger
-deutscher Weingarten mit sprossenden Reben, dessen blattlose, dem nahen
-Frühling entgegendürstende Ranken sich emporstrecken über die weißen,
-kreuzförmigen Stützen.
-
-Jetzt geht ein köstliches Funkeln und goldenes Erblitzen über alle Höhen
-und Tiefen der schönen deutschen Erde hin.
-
-Du friedsames, du verheißungsreiches, du sonnbeglänztes Land des
-heimatlichen Bodens! Alle Kräfte meiner Seele grüßen und lieben dich!
-Komm und nimm, was ich habe, komm und nimm, was ich bin! Dir will ich
-dienen, mein ganzes Leben soll nichts anderes sein als ein geduldiges
-Mich-Einfügen in dein Wachsen und Erblühen, nichts anderes als ein
-Samenkorn auf dem Acker deiner werdenden Größe! --
-
-Meine Augen trinken das Bild der friedlichen Landschaft. Schwärme von
-Wildenten rinnen auf den Altwässern und Kanälen des Rheines umher. Vor
-Bingen sieht man die Bogen einer neuen Brücke entstehen, die eben gebaut
-wird. Welch ein Gegensatz: der Gedanke an den Krieg, den wir führen --
-und das erhebende Bild dieses deutschen Friedensfleißes!
-
-Der rauschende Zug lenkt gegen Südwesten ab, und die Weinberge und das
-Silberband des Rheines gleiten von mir zurück. Scharf hebt sich noch
-der zierliche Umriß einer alten Burg vom sonnigen Himmel ab und fängt
-zu wandern an und verschwindet. Auf Wiedersehen, du deutscher Rhein, du
-flutende, rauschende Lebensader des Deutschtums!
-
-Die Fahrt geht durch ein enges Flußtal. Auf der einen Seite die
-Hügelkette mit den Weinbergen, deren Stabgewirre anzusehen ist wie
-ein endloser Zug von Lanzenreitern, die sich hinter braunen Erdwällen
-verbergen und nur die Spitzen ihrer Speere gewahren lassen; auf der
-anderen Seite der mit Dörfern und Städtchen besetzte und mit alten
-Steinbrücken überspannte Fluß, den die Regenmassen der letzten Wochen
-braun und reißend gemacht haben. Alle paar hundert Schritte stehen
-Fischer mit Angelstöcken oder Tauchnetzen, und Buben rennen mit
-Netztrichtern an langen Stangen. Alle sind sehr vergnügt. Die denken im
-sicheren Frieden ihrer Heimat wohl gar nicht an den Krieg, den irgendwo
-da draußen oder da hinten die Völker miteinander führen.
-
-Das enge Tal weitet sich zu schönen Geländen, durchblitzt von
-Wasserläufen, überwölbt von einem leuchtenden Himmel. Die Welt sieht
-aus, als möchte der Frühling um drei Monate früher kommen als sonst.
-Jeder Windhauch trägt mir den Wohlgeruch der bräutlichen Erde entgegen,
-auf allen sonnseitigen Hängen wuchert das frische Grün -- es fehlen in
-diesem verfrühten Frühlingsbilde nur die Schwärme der Wandervögel.
-Aber fliegt da nicht der lange feldgraue Wanderzug, in dessen Mitte ich
-selber mitflattere als brauner Kuckuck? Der Frühling des Deutschtums hat
-Wandervögel in unzählbarer Menge.
-
-Die Nähe von Metz verrät sich. Jeder Tunnel, jede Brücke, jede
-Wegübersetzung ist militärisch bewacht. In den Bahnhöfen, in denen Züge
-sich kreuzen, tauchen Soldaten auf, die aussehen, als hätten sie am
-Morgen noch in den lehmigen, von Regensumpf erfüllten Schützengräben
-gelegen. Stiefel, Uniform und Mantel, alles ist erdfarben, und bei
-manchem dieser Tapferen ist das Band des Eisernen Kreuzes anzusehen, als
-wär's eine österreichische Auszeichnung: schwarz-gelb.
-
-An der Bahnstrecke tauchen französische Namen auf: Remilly, Courcelles.
-Hier sieht man zuweilen an den Mauern frisch getünchte Stellen. Da
-standen französische Aufschriften, die man jetzt überstrich und durch
-deutsche Klänge ersetzte. Sehr erfreulich ist das! Ein Glück, daß man
-es endlich lernt, aller unpraktischen Duldung zu vergessen und dieses
-Inlands-Französische in gutes Deutsch zu verwandeln! Mit der hübschen
-Landschaft werden sich die deutschen Klänge ganz gut vertragen. Wälder
-und Fluren, wenn auch augenblicklich ein bißchen überschwemmt, haben
-jene Linie, die das deutsche Wesen und Volkstum ihnen gab vor vielen
-Jahrhunderten. Das bißchen französische Herrschaft inzwischen war nur,
-was der Österreicher ein »Übergangl« nennt.
-
-In einer Station mit französischem Namen guckt aus einem Fenster ein
-uniformierter Mann heraus, mit französischem Schnurrbart und mit einer
-spiegelblanken Glatze, die noch viel französischer ist. Seine Frau
-grüßt mit der Hand nach romanischer Art, so, wie die Italiener auf
-den Bahnhöfen winken, mit Handflächen und Fingerspitzen nach vorne.
-Frankreich scheint nimmer weit zu sein. Aber wo ist der Krieg? Ich sehe
-nur Bilder des Friedens und der ungestörten Ruhe, sehe nur lachende
-Gesichter.
-
-Entlang der Bahnstrecke taucht ab und zu eine soldatische Wache auf.
-Der Zug biegt um eine Waldecke, und plötzlich sieht man einen großen
-Häusersee mit turmloser Kathedrale. Die deutsche Festung Metz! Aber
-man sieht nur eine Stadt. Wo ist die Festung? Ich kann sie nicht
-finden. Im Bahnhof gleicht das Umsteigen von Zug zu Zug einem Sturm
-auf ein feindliches Fort. Kein Mittagessen, nicht so viel Zeit, um eine
-Schinkensemmel zu erwischen. Der Gedanke an unsere braven Soldaten,
-die unter dem Kugelregen tage- und nächtelang hungern müssen, macht
-mich geduldig und zufrieden. Auf einem Gepäckskarren werden vier hübsch
-gearbeitete Särge herbeigefahren. Sie kommen leer und werden beschwert
-in die Heimat zurückwandern.
-
-Der Zug fährt nordwärts durch reiche deutsche Industriebezirke, immer
-entlang der französischen Grenze, die sich hinzieht über dunkle
-Waldhügel. Hinter ihnen, gegen Westen, wallt es von dichten Nebeln, die
-den Mittagshimmel immer trüber umschleiern. Ein feiner Regen beginnt zu
-fallen und kleidet allen Wechsel der Landschaft in ein ruhiges Feldgrau.
-
-Aus einem großen Hüttenwerke leuchten rotstrahlende Glutaugen heraus.
-Sind es Essenfeuer oder glühende Eisenblöcke? Was immer, es sind
-strahlende Augen des deutschen Fleißes. Trotz allem Lärm des Zuges
-vernehme ich das Dröhnen mächtiger Stahlhämmer. Und aus hohen
-Schornsteinen wirbelt Rauch in drei Farben empor: tiefschwarz, nebelweiß
-und zinnoberrot. Eine Riesenfahne in deutschen Farben! Das war wohl
-immer so, seit vielen Jahren ruheloser Arbeit. So oft die Franzosen von
-den nahen Grenzbergen herunterguckten, mußten sie dieses wallende Banner
-der deutschen Rührsamkeit gewahren.
-
-Die Bahn macht eine Kurve und wendet sich gegen Westen. Es geht nach
-Frankreich hinein. Ein heißer Schauer rinnt mir durch die deutsche
-Seele, über die Haut, durch alle Glieder. Meine fiebernden Gedanken
-fliegen zurück über die Wege, auf denen ich von München hierher gekommen
-bin. Wo war der Krieg? Ich habe nur das blühende Leben der Heimat
-gesehen, sah nur unverwüstete Fluren, nur unbeschädigte Häuser, aus
-deren Fenstern die Ruhe eines verläßlich behüteten Glückes herausredete.
-Ich sah die tausend Zeugen unseres schöpferischen Fleißes, sah Jugend
-und männliche Kraft in unermeßbarer Fülle, sah Frauen und Mädchen mit
-frohen, gläubigen Augen, sah unbedrohten Besitz und sicheres Eigentum,
-sah alle Güter und Segnungen eines von eisernen Kräften beschützten
-Landes, und habe bis zur Stunde nur gesehen und empfunden, was Friede
-heißt, und was es für ein Volk bedeutet: so kraftvoll zu sein, daß es
-auch in kriegerischen Zeiten jeden kostbaren Wert des Friedens für sich
-erzwingen kann auf dem heiligen Boden, den es bewohnt!
-
-Ein suchender Blick durch die grauen Schleier des trüb gewordenen Tages.
-Und mir fährt ein Schreck in das Herz, so kalt wie Eis, und wieder so
-brennend wie der Stoß eines glühenden Dolches.
-
-Zwischen kahlen Höhen ein wogender Qualm. Neben dem Gleise liegt der
-wüste Trümmerhaufen eines zerschossenen Bahnwärterhäuschens, aus dessen
-wirrem Schutt noch die Reste von Dingen und Geräten hervorlugen, die
-einst einem freundlichen Leben dienten. Und hinter den zurückweichenden
-Hügeln taucht etwas Grauenvolles heraus, hinaufgestellt auf eine weithin
-sichtbare Höhe, wie eine Warnung, eine Mahnung und ein Wegweiser für
-alles deutsche Denken der Gegenwart.
-
-Lautlos und dennoch begabt mit einer schreienden Stimme, verlassen von
-allem Leben, ein steingewordenes Sterben, so steht dieses Fürchterliche
-da droben. Zerbrochene Mauern sind von Ruß geschwärzt, alle Fenster
-sind aus den Höhlen gerissen, nur manchmal hängen noch in grotesker
-Verrenkung die Reste von grün bemalten Läden an dem zerschmetterten
-Gemäuer. Kein Dach mehr. Alles, was Holz war, ist verbrannt, verkohlt.
-Kaminschächte, Giebel und aberwitzige Ruinenformen starren in die
-graue Regenluft empor wie Hunderte von verkrüppelten Riesenhänden mit
-gespreizten und zerkrümmten Steinfingern. Überall die Spuren eines
-wilden, gewaltigen und verzweifelten Kampfes, überall Tod, Vernichtung
-und Zerstörung, überall der hohläugige Schauder des Untergangs.
-
-Was ich da sehe, war einmal ein französisches Städtchen, war
-Audun-le-Roman.
-
-Mir zittern bei diesem Anblick alle Nerven. Das Grauen dieser
-Todesstätte befällt mich mit doppelter Macht nach allen ruhigen und
-fröhlichen Friedensbildern, die ich auf der Fahrt durch unsere Heimat
-immer und überall gesehen. Wie etwas grausam Quälendes ist in mir der
-Schrei: »So hätte es kommen können bei =uns=, so hätte von schwer zu
-schützenden Grenzmarken, die das Schaudervolle erleben mußten, der
-Untergang und jeder Todesschreck auf Vernichtungswegen sich hineinwühlen
-können bis ins innerste Herz unseres Landes, alles verwüstend und alles
-erwürgend!«
-
-Eine zornvolle, brennende Sehnsucht ist in mir. Ich möchte hundert,
-möchte tausend, möchte Millionen Fäuste haben, möchte zurückgreifen
-in alle Höhen und Tiefen unseres Volkes, in alle Straßen und Winkel
-unserer Heimat, und möchte hundert, möchte tausend, möchte Millionen der
-Daheimgebliebenen an den Armen fassen, möchte sie herziehen vor dieses
-grauenvolle Bild und möchte hineinschreien in ihre Herzen:
-
-»=Das seht euch an=! Das hat die eiserne Kraft des Deutschtums, das
-hat der unzerbrochene, unter freudigen Blutopfern glühende Heldenmut
-des deutschen Heeres im Westen euch erspart, euch und euren Kindern,
-eurem Gut und eurem Boden! =Das seht euch an=! Und vergleicht es mit
-dem, was ihr in heiterem Frieden noch immer besitzen dürft! Vergleicht
-es mit dem, was der Mut und die Treue des deutschen Heeres für euch
-erfocht von Anbeginn des Krieges bis zur heutigen Stunde! Dann prüft
-eure Seelen, prüft euer Heimatswerk! Und ihr werdet geduldig werden, ihr
-werdet gläubig sein und unerschütterlich in eurem deutschen Vertrauen!
-Und im siebenten, im zehnten und -- wenn es sein müßte -- auch noch im
-zwölften Monat eines Kampfes, den eine Welt von Widersachern und Neidern
-über uns heraufbeschworen, werdet ihr alle, die ihr euch Deutsche nennt,
-immer noch die gleichen sein, die unzerbrechbar Festen und Verläßlichen,
-die Geduldigen und Opferwilligen, die Ehrlichen und Starken, die von
-einem einzigen Gedanken der Kraft und Treue Durchbrausten, wie ihr alle
-es gewesen seid in den ersten Tagen und Wochen dieses heiligen deutschen
-Erlösungskrieges!«
-
-Da droben grinsen und drohen und warnen die schwarzen Ruinen!
-
-Ich wende die Augen ab, ich schaue heimwärts in die klare Redlichkeit
-und in die ausdauernde Kraft unseres Volkes. Und mir wird wohler und
-freier um die bedrückte Seele.
-
-
-
-
- 2.
-
-
- 15. Januar 1915.
-
-Weiter und weiter geht die Fahrt, immer neuen Bildern der kriegerischen
-Zerstörung entgegen, aber auch immer neuen Bildern, die es mit
-hinreißender Kraft verstehen, einem deutschen Herzen jeden notwendigen
-Glauben und alles Vertrauen einzureden.
-
-Von der Bahnstrecke ziehen sich liebenswürdige Buchentäler nach allen
-Seiten hin, mit vielfach geschlängelten Bachläufen -- eine Landschaft
-wie in Franken daheim.
-
-In einem Bachtal, das an den »kühlen Grund« des Volksliedes erinnert,
-huscht eine Mühle vorüber, sieben vergnügte Landstürmer stehen im Hof,
-und unter ihnen, auch nicht gerade traurig, steht eine dunkeläugige und
-schwarzhaarige Französin. Vielleicht spielt sich hier so was Ähnliches
-wie das deutsche Märchen vom Schneewittchen und den sieben Zwergen ab --
-ein Märlein vom Kohlschwärzchen und den sieben Riesen?
-
-Eine kleine Stadt -- Longuion. Vernichtung, wohin das Auge sieht. Am
-tiefsten erschüttert mich der Anblick eines kleinen, völlig verwüsteten
-Hauses, an dem noch einzelne Zeichen verraten, wie hübsch es einmal
-gewesen sein muß; im ersten Stock ein Balkon mit geschmiedetem Geländer;
-die eisernen Ranken und Blumen sind zu völlig sinnlosen Formen
-verzerrt, und rings um die leere, löchrig ausgefranste Balkontüre zieht
-sich ein großer, aus vielen Hunderten von weißen Punkten gebildeter
-Heiligenschein -- die Arbeit eines Maschinengewehres. Der Kampf um
-dieses kleine hübsche Haus und seine Balkontüre muß furchtbar gewesen
-sein.
-
-Man sieht in zerstörte und noch ganze Straßen hinein. Die meisten der
-Leute, die da herumwandern, sind Feldgraue, sind deutsche Soldaten.
-Außer ihnen noch ein paar an Ecken und in Winkeln umherstehende Greise
-mit kummervollen Gesichtern, mit den Händen in den Taschen der weiten
-Schlotterhosen; jeder hat die Kappe tief in die Stirn gezogen und trägt
-einen dicken Schlips um den Hals gewickelt. Ein paar Kinder sieht man,
-die harmlos und heiter spielen, mit etwas kreischenden Stimmchen;
-sieht junge Mädchen, die sehr hastig gehen, und sieht Frauen, von denen
-die einen immer die Augen gesenkt halten, während andere frech und
-unternehmungslustig umherspähen; dieser Blick des lukrativen Lasters
-ist nur eine Maske für den Blick des Hungers und der Not; es sind
-junge Mütter, die ihre darbenden Kinder ernähren müssen, gleichviel um
-welchen Preis! -- Vergeßt es niemals, ihr deutschen Frauen, vor welch
-entsetzlichen Dingen euch die treuen Blutopfer unseres Heeres behüteten!
-Ihr solltet diese Müttergesichter sehen, diese suchenden Weiberaugen!
-Wohl haben die Hände deutscher Wohltätigkeit und Fürsorge hier das
-Härteste der französischen Not schon gelindert; die Verzweiflung beginnt
-sich in stumpfe Ruhe zu verwandeln, aber aus allen Bildern, die man
-sieht, grinst unverkennbar noch immer der Schreck und das Grauen jener
-Stunden heraus, in denen die Dächer brannten, die Häuser zerbarsten, die
-Kanonen brüllten, die Maschinengewehre knatterten und zwischen rinnendem
-Blut alle Schmerzen des Lebens ihre erbitterten Flüche knirschten.
-
-Immer von neuem brennt der Gedanke in mir auf: »So könnt' es aussehen
-bei uns daheim!« Und noch immer kann solch ein Furchtbares uns befallen,
-wenn wir nicht stark und verläßlich bleiben, nicht gläubig und
-vertrauensvoll, nicht hilfsbereit und opferwillig bis zum Letzten!
-
-Plötzlich ist finstere Nacht um mich herum. Langsam und vorsichtig fährt
-der Zug durch einen von den Franzosen zerstörten Tunnel, den unsere
-wackeren deutschen Pioniere in unglaublich kurzer Zeit wieder wegbar
-gemacht haben. Kleine Lichter blitzen im Dunkel auf, die Gestalten der
-feldgrauen Arbeiter sind grell und grotesk beleuchtet, zwischen ihnen
-und den Insassen des Zuges werden heitere Zurufe gewechselt -- und nun
-fährt der Zug in den Tag hinaus. Es ist ein trüber Tag, schon nahe dem
-Abend, und dennoch wirkt sein Licht wie eine Himmelsglorie. Und neben
-der Bahnstrecke, im Höfchen einer Soldatenbaracke, stehen noch vom
-Heiligen Abend her die drei mit Silberfäden geschmückten Christbäume.
-Das unaufhörliche Regengepritschel der letzten Wochen hat sie freilich
-schon übel zugerichtet; dennoch sind sie noch immer umwoben von
-zärtlicher Heimatsehnsucht und lieblichen Erlösungsbildern.
-
-Überall gewahrt man arbeitende Soldatenschwärme; endlose Kolonnen
-knattern über die Wege hin; auf den Straßen sind Züge von französischen
-Gefangenen in roten Hosen damit beschäftigt, die von den Lastautomobilen
-ausgerissenen Stellen und die tiefen Granatenlöcher zu ebnen. Und in der
-Ferne, über weite und öde Felder, sieht man die zierlichen Figürchen
-feldgrauer Patrouillenreiter hintraben. Auch die Pferde, ob Rappen,
-Schimmel, Fuchsen oder Schecken, sind alle grau vom bodenlosen Morast
-dieser Regenzeit.
-
-Da kommt wieder ein Dorf, in das sich Überschwemmung und Zerstörung
-teilen. Inmitten der Verwüstung steht manchmal ein unversehrtes Haus,
-aus dessen Fenstern das Leben herausguckt mit den Augen einer scheuen
-Zufriedenheit -- Augen, welche sagen: »Auch das Dasein in Elend und
-Trauer ist noch ein besseres Ding als Tod und Verwesung.«
-
-Das Fort Montmédy, auf einer malerischen Höhe gelegen, zeichnet sich
-schwarz wie Tinte in den Abendhimmel. Der tiefere Stadtteil am Ufer
-des Stromes zeigt nur geringe Spuren von Zerstörung. Überall sieht man
-Baracken und Zelte der deutschen Landstürmer. Die nassen Tücher glänzen
-und pludern im Winde. Hier mag die Nachtruhe nicht sonderlich gemütlich
-sein. Mitten in den weiten Flächen der Überschwemmung stehen große Zelte
-bis zur halben Höhe unter Wasser. Hier kam die Überflutung in der Nacht
-so schnell, daß man die Zelte nimmer abbrechen, nur das Leben noch
-retten konnte. Mit Beschämung denke ich an mein behagliches und warmes
-Bett daheim; es ist wahr, ich habe viele Nachtstunden schlaflos in ihm
-verbracht, wachgehalten von der Sorge um Heimat und Heer; aber bei den
-Gedanken an das, was unser Heer im Felde leistet und was es an Mühsal
-zu ertragen hat, gab mir meine suchende Phantasie kaum ein annäherndes
-Bild der Wahrheit, wie ich sie jetzt zu sehen bekomme. Wir in der
-Heimat müssen noch viel, =viel= nachdenklicher werden, um den großen
-Unterschied zwischen der deutschen Heeresarbeit im Felde und unserem
-bescheidenen Hilfswerk in der Heimat mit ausreichender Dankbarkeit zu
-erfassen. Und =sehr= bescheiden müssen wir werden, müssen erkennen, daß
-alles, was wir tun, noch immer zu klein, noch immer zu wenig ist.
-
-Auf einem Bahnhof hält mein Zug neben einer langen, mit Tannenreis
-geschmückten Wagenreihe, vollgepfropft mit frischen Truppen, mit etwa
-tausend Bonner Burschen, jung, heiter und gesund. Jahrgang 1914. Alle
-Wagenwände sind bedeckt mit Kreidekarikaturen von Engländern und
-Franzosen. Drollige Inschriften:
-
-»Achtung! Deutsche Bluthunde!« -- »Platz frei, die Barbaren kommen!« --
-»Blaue Bohnen zur Fütterung britischer Löwen!« -- »Weinet nicht, ihr
-Bonner Mädels, wir kommen bald wieder!« Aus jedem Fenster guckt ein
-halbes Dutzend dieser frischen fröhlichen Gesichter heraus. Ich frage:
-»Wohin geht's?«
-
-Die kurze Antwort: »Dreschen helfen!«
-
-Von Wagenfenster zu Wagenfenster gibt es eine muntere Konversation, bis
-aus dem Wagen da drüben eine strenge Unteroffiziersstimme herausruft:
-»Vorsicht beim Antworten! Der olle Kunde fragt zu viel!«
-
-Weiter geht's. Es öffnet sich der Blick in eine lange, enge Stadtgasse.
-Nur Soldaten sieht man, Hunderte von Feldgrauen. Dazu zwei barmherzige
-Schwestern, schwarz, mit weißen Hauben. Und zahlreiche Rekonvaleszenten
-in Spitalkitteln erholen sich bei einem Spaziergang, ehe die Dämmerung
-kommen will.
-
-Wieder die öden Felder. Eine Arbeiterhütte mit weißblauem Fähnchen
-gleitet vorüber. Ich möchte beim Anblick dieser Heimatfarben vor Freude
-schreien. Bevor ich das Fenster aufbringe, ist die Hütte davongelaufen,
-das liebe Fähnchen verschwunden.
-
-Bei Chauvancy bauen deutsche Pioniere an einer von den Franzosen
-gesprengten Brücke. Ich brülle zum Fenster hinaus und winke mit beiden
-Händen. Die Pioniere gucken und lachen und fragen sich, was für ein Narr
-da im Zuge ist? Kein Narr! Ein Deutscher voll stürmischer Dankbarkeit
-und Bewunderung! Nur eine kurze Strecke feindlichen Landes hab' ich von
-der Grenze bis hierher durchfahren, kaum ein paar hundert Kilometer
-lang. Doch in jeder Minute fand ich reichlich Ursache, über das immense
-Maß von Arbeit zu staunen, das deutscher Fleiß und deutsche Intelligenz
-hier geleistet haben, um alles von den Franzosen und vom Krieg Zerstörte
-wieder zurückzugewinnen für die Bedürfnisse des deutschen Heeres und
-für den allgemeinen Verkehr. Wenn der kommende Friede unsere deutschen
-Helden mit Eichenlaub und Lorbeer bekränzen wird, muß er einen besonders
-schönen und reichverdienten Kranz für die deutschen Pioniere flechten.
-Wären die Pioniere, die ich da gesehen habe, nicht so feste, stramme und
-derbschlächtige Gestalten, ich möchte sie die lieben Heinzelmännchen
-des Deutschtums nennen! An ihnen besonders wollen wir Daheimgebliebenen
-uns ein Beispiel nehmen! Ein ganzes Volk von Pionieren wollen wir
-sein, von Pionieren des deutschen Gedankens, der deutschen Treue und
-Hilfsbereitschaft, der deutschen Ausdauer und Beharrlichkeit!
-
-Man muß, was unsere Pioniere entlang der Maas und im Wasser und Sumpf
-dieser meilenweiten Überschwemmungsgebiete geleistet haben, mit eigenen
-Augen sehen. Sonst glaubt man es nicht, sonst hält man das deutsche
-Arbeitswunder, das hier gewirkt wurde, für ein phantastisches Märchen.
-
-Immer trüber sinkt der Abend. Doch die Dunkelheit beendet das Werk
-dieses Fleißes nicht. Hunderte von Fackeln und Pechflammen brennen auf
--- leuchtende Sterne der deutschen Gewissenhaftigkeit!
-
-Jenseits einer mächtigen Wasserfläche, die aussieht wie ein großer,
-milchweißer See, steigt zwischen kleinen hübschen Wäldchen eine
-weitläufige Stadt über sanft geneigte Hügel empor -- =Sedan=!
-
-Du heiliger Name! Deine beiden Silben sind wie ein weihevoller Zauber,
-der eine Fülle von herrlichen Bildern in mir erweckt und mich träumen
-läßt von deutscher Kraft und Größe, von deutscher Vergangenheit und
-deutscher Zukunft.
-
-Der Bahnhof ist ein Gewühl von Soldaten. Tausende von Feldgrauen!
-Heimkehrende und Ankommende. Wohin man die Ohren dreht, überall hört
-man die lieben deutschen Laute. Sie wirken doppelt eindrucksvoll, hier,
-auf dem Boden der feindlichen Fremde, hier, auf dem Frühlingsacker des
-deutschen Werdens!
-
-Ganz unfaßbare Mengen von Postsäcken und Gepäckballen werden hin und her
-geschoben, ausgeladen und neu verstaut -- Wagenladungen mütterlicher
-Grüße und Zärtlichkeiten, Wagenladungen treuer Heimatsgedanken unserer
-Soldaten. Und der ganze Bahnhof ist ein unübersehbares Gewimmel von
-stehenden und kommenden Zügen, von qualmenden oder rastenden Lokomotiven.
-
-Weiter geht's. Die sinkende Nacht umhüllt mir alles Kommende. In der
-stahlblauen Dämmerung glänzen wieder die großen Streckenlaternen. Der
-Tag endet im Feindesland, wie er am Morgen in der Heimat begann: mit
-strahlenden Lichtern in der Dunkelheit.
-
-Unter strömendem Regen rauscht der Zug durch die Finsternis. Geht's über
-eine Brücke, so hört man das dumpfe Brausen des hochgestiegenen Stromes.
-Draußen ist wenig zu sehen: gleitende Laternen, pechschwarze Hügelketten
-und die matt blinkenden Wasserflächen der großen, noch immer wachsenden
-Überschwemmung.
-
-In einer Station bei längerem Aufenthalt kommt eine strenge Kontrolle
-aller Reisenden, die der Zug noch enthält. Der Offizier, der meinen
-Ausweis musterte, nickt mir freundlich zu: »Sie werden erwartet!«
-
-Noch eine kurze Fahrt und ich bin am ersten Ziel meiner Reise, im Großen
-Hauptquartier. Auf dem Bahnhof ein liebenswürdiger Empfang. Es ist
-sieben Uhr abends. Für acht Uhr bin ich zur kaiserlichen Tafel geladen.
-
-Das Wetter will sich klären. Der Regen hat aufgehört. Helle Sterne
-glänzen aus den Wolkenklüften, während ich den großen, stillen
-Bahnhofplatz überschreite. Ein Automobil mit Offizieren saust vorüber,
-und wie langgestreckte Lichtvögel flattern die Scheinbündel der
-Autolaternen in die Finsternis. Schlagbäume und Schilderhäuschen in den
-deutschen Farben leuchten auf, Wachen schreiten hin und her, und überall
-ist ein leises Klirren, ein Gefunkel von Metall.
-
-Hinter dem laublosen Astgewirre hoher Bäume strahlt eine Reihe von
-erleuchteten Fenstern.
-
-
-
-
- 3.
-
-
- 17. Januar 1915.
-
-Zwischen den hohen Bäumen eines stillen Parkes steht eine schmucke
-Villa. Ihre Besitzer sind geflohen, als das deutsche Heer erschien und
-das französische sich auch auf die Socken machte. Es waren wohlhabende
-Leute, die stolz waren auf ihr Haus; das merkt man schon am Äußern des
-Baues, an der Gepflegtheit des Parkes, den jetzt eine schweigsame Nacht
-umträumt, und an der etwas großtuenden Freitreppe, auf der jetzt im
-Flackerschein der Laternen zwei regungslose Schildwachen mit blanken
-Klingen stehen. Und es waren Leute, die es liebten, an regenreichen
-und stürmischen Winterabenden behaglich am Kamin zu sitzen und amüsant
-zu plaudern, vielleicht nach etwas altmodischem Stil, so ähnlich, wie
-Konversation in einem Lustspiel von Scribe oder Pailleron gemacht wird;
-das vermutet man beim Anblick der Räume, deren Komfort eine wunderliche
-Mischung von gutem Geschmack und provinzialer Anbequemung zeigt, von
-ererbter Gediegenheit und wahllos Gesammeltem.
-
-Diese Leute, die nicht mehr da sind und irgendwo im Süden von Frankreich
-sitzen, in Bordeaux oder bei Nizza, denken wohl in ruheloser Sorge an
-ihr verlassenes, unbeschütztes Haus und glauben es verwüstet durch
-alle »Barbarengreuel«, die sie in ihren Journalen als Zugabe zu jedem
-Frühstück genießen. Ihre Sorge ist ein Irrtum, ist eine von jenen halb
-grauenhaften und halb lächerlichen Verzerrungen der Wahrheit, wie
-sie rings um unsere Grenzen üblich wurden, »seit Deutschland diesen
-schaudervollen Krieg über die ganze Welt heraufbeschwor« -- so sagen
-unsere Feinde, obwohl sie es besser wissen. Das Haus dieser entflohenen
-Leute -- statt »entflohen« gebraucht man hier in Frankreich die mildere
-Wendung »abgereist« -- dieses Haus, das sie aller Verwüstung ausgesetzt
-vermuten, ist in Wahrheit sorglicher behütet, als sie selbst es vor
-jedem Vernichtungsschreck des Krieges hätten behüten können, wenn
-sie geblieben wären. Denn unter diesem verlassenen Dache, in dessen
-Räumen jetzt aus allen Richtungen der Erde die Fäden eines großen
-Weltgeschehens zusammenlaufen, wohnt heute der =Deutsche Kaiser=,
-der Führer unseres in Begeisterung und Lebenstrotz geeinten Volkes,
-der oberste Kriegsherr unseres siegreichen Millionenheeres, das der
-deutschen Heimat erspart, was unsere Feinde unter den Schlägen des von
-ihnen entfesselten Krieges zu leiden haben.
-
-Zwischen den Mauern dieses stillen, gutbehüteten Hauses ist nichts von
-einem großzügigen Hofhalt zu gewahren. In dieser ernsten Zeit ist auch
-das Leben des Kaisers von feldmäßiger Schlichtheit, ist wie gekleidet in
-ruhiges, unauffälliges Feldgrau.
-
-Die wenigen Gäste der Abendtafel versammeln sich in einem kleinen
-Empfangsraum. Schon das begrüßende Wort, das jeder Kommende mit den
-schon Anwesenden tauscht, ist der Beginn eines lebhaft bewegten
-Gespräches über die jüngsten Vorfälle des Krieges, über den
-verheißungsvollen Stand der Dinge im Osten, über den Fortschritt im
-Westen.
-
-Nun verstummt das Gespräch, und man tritt von der Türe zurück, die ein
-Diener öffnet.
-
-Heftig schlägt mir das Herz unter dem Touristenkittel, schlägt mir vor
-Erregung fast bis an den Hals herauf. Aller Wirbel meiner Gedanken
-drängt auf die Frage hin: »Wie wird der Kaiser aussehen, was werde ich
-lesen können aus seinen Zügen, was wird herausklingen aus seinen Worten,
-was werde ich fühlen müssen unter dem Blick seiner blanken Augen, jetzt,
-in dieser Zeit des Ringens, in der jedes deutsche Herz sich sehnt nach
-dem aufrichtenden Orakel eines Wissenden, nach einem Halt und einer
-Stütze in jenen beklommenen Minuten, die heute auch dem Gläubigsten und
-Vertrauensvollsten nicht völlig erspart bleiben können?«
-
-Es war mir seit einem Jahrzehnt vergönnt, den Kaiser zu sehen in
-manch einer heiteren Stunde des Friedens, den er liebte und bis zum
-äußersten zu erhalten suchte, er, der diese Friedensliebe durch ein
-Vierteljahrhundert in zahllosen Taten der Versöhnlichkeit und des
-Entgegenkommens erhärtete, und den unsere Feinde jetzt in grotesker
-Gehirnverwirrung als Friedensstörer und Eroberungslüstling bezeichnen,
-als Hunnenmogul und zweiten Attila.
-
-Immer hab ich am Kaiser das von jedem Schwanken freie Gleichmaß
-seiner aus Ernst und Frohsinn gemischten Art verehrt und bewundert,
-habe mich erfreut an dem klaren Seelenspiegel seines Blickes, an
-der temperamentvollen Offenheit seines Wortes, an seinem kräftigen
-Lachen, an der freien Menschlichkeit und Frische seines persönlichen
-Wesens, wie an der gesunden Innerlichkeit, die ihm eine besonnene,
-für jeden deutschen Bürger vorbildliche Lebensführung und sein
-unerschütterliches Vertrauen auf Gott, Welt und Menschen bis über
-die Reife des Mannesalters bewahrte. Mein Glaube an den Kaiser als
-Menschen vermittelte mir auch immer das Verständnis seiner Eigenart als
-Herrscher. Ich meine, das ist so unter dem Kronreif: Ganz ein Mensch
-bleiben, heißt ganz ein Fürst werden.
-
-Aber jetzt? Wie viel Hartes, wie viel gewaltsam Formendes mögen
-diese fünf Monate seit Kriegsbeginn über den Kaiser gebracht haben,
-an Verantwortung, an Gewissenskämpfen, auch an schmerzvollen
-Enttäuschungen? Was hat die Last und das Gewicht dieses Weltaufruhrs
-ihm gegeben, was ihm genommen? In dieser Zeit, in der die
-widersinnigsten Gerüchte -- aus Haß oder Liebe, aus Furcht oder Hoffnung
-geboren -- so unzählbar aufschnellen, wie die Heuschrecken aus dem Kraut
-einer Sommerwiese -- in dieser letzten Zeit hab ich oft erzählen hören:
-das Haar des Kaisers wäre weiß geworden, sein Gesicht und seine Haltung
-um Jahre gealtert. Ich habe das nie geglaubt. Gesunde und starke Bäume
-erfüllen ihre Zeit, trotz Sturm und Ungewitter. Und dennoch muß ich
-bekennen: Jetzt, vor dem Augenblick, in dem ich unter dem dröhnenden
-Glockenschlage einer über Wohl und Wehe unseres Reiches entscheidenden
-Zeit, hier, in Feindesland, auf erobertem Boden, den Kaiser des
-deutschen Volkes sehen sollte, befiel mich etwas Bedrückendes, eine
-fiebernde Erregung, fast eine quälende Angst. Wie werde ich ihn
-wiedersehen? Wird die frohe Güte, die immer aus ihm redete, gemindert
-sein, verwandelt in Zorn und Härte? Werden Mißmut, Zweifel und Sorge
-aus seinen sonst so gläubigen Augen sprechen? Haben die Fäuste des
-Geschehens ihn gefaßt, ihn umgemodelt, wie sie es mit vielen machen,
-die der Widerstandskraft entbehren und sich von den Ereignissen
-zerren lassen? Hat der heiße Atem des Krieges ihn angehaucht und in
-ihm geweckt, was nie noch in seinem Innern war? Ist in ihm unter dem
-Donnerdröhnen des Schlachtfeldes ein Neues entstanden, das man beklagen,
-vor dem man erschrecken müßte? --
-
-Da tritt er ein, in der feldgrauen Generalsuniform, mit dem gleichen
-ruhig-elastischen Schritt, den ich immer an ihm gesehen. Wohl wahr: sein
-Haar, mit der kleinen, trotzigen Welle über der rechten Schläfe, ist
-seit dem Frühjahr ein wenig grauer geworden, kaum merklich. Und eine
-Furchenlinie, die ich früher nie gewahren konnte, ist in seine Stirne
-geschnitten und schattet zwischen seinen Brauen. Aber nur eines einzigen
-Blickes in diese klaren und offen sprechenden Augen bedarf es -- und
-gleich einer glühenden Welle durchströmt mich der sehnsüchtige Wunsch:
-es möchten alle Tausendscharen der Deutschen, namentlich jene, in denen
-Sorge und Bangigkeit zu erwachen drohen, jetzt an meiner Stelle stehen!
-Dann würden sie in freudiger Ruhe aufatmen, wie ich!
-
-Unter allem Sturm dieser vierundzwanzig roten Wochen ist der Kaiser
-in jeder Wertlinie seines Wesens der gleiche geblieben -- nein, nicht
-der gleiche, er ist einer geworden, der gewann und nichts verlor. Der
-Kaiser ist ein durch die Zeit Erhöhter! Man empfindet es vor dem Bilde
-seiner Würde und Haltung, empfindet es bei seinem ruhigen Lächeln, vor
-seinem ruhigen Blick. Und bevor ich noch ein erstes Wort von ihm höre,
-strömt etwas Aufrichtendes in mich über. Ein frohes Gefühl der deutschen
-Sicherheit ist in mir, erneuter Glaube und erhöhtes Vertrauen. Ich weiß:
-bei =uns= ist die Wahrheit, bei =uns= das Recht, bei =uns= die Kraft und
-bei =uns= der Sieg!
-
-Ob der Kaiser ahnt, was in mir vorgeht? Er sieht mich plötzlich mit
-einem jener forschenden Blicke an, die in seinen stählernen Augen sein
-können. Dann nickt er freundlich, reicht mir die Hand und erhöht mir
-die Freude dieser Minute durch ein ebenso herzliches wie impulsives Lob
-meiner Landsleute: »=Na, Ganghofer, Ihre Bayern! Prachtvolle Leute! Die
-haben feste und tüchtige Arbeit gemacht! Und vorwärts geht es, überall,
-Gott sei Dank!=« Dann ein Erinnern an die letzte Begegnung im Frühjahr,
-wo zu Berlin im Palais des deutschen Kronprinzen meine kleine Dorfsatire
-»Tod und Leben« vor dem Kaiser aufgeführt wurde. Nun schweigt er eine
-Weile, und sein Lächeln mindert sich und verschwindet. Tief atmend sieht
-er mir ernst in die Augen und sagt mit einer langsamen und strengen
-Stimme: »=Wer hätte damals ahnen können, was jetzt gekommen ist? Und
-daß wir uns hier in Frankreich wiedersehen würden? So!=« -- In einem
-diplomatischen Aktenstücke, das die deutsche Schuldlosigkeit an diesem
-Kriege zu dokumentieren hat, können dieser Atemzug, dieser ernste Blick
-und diese Worte des Kaisers nicht aufgezählt werden. Aber Beweiskraft
-haben sie. Eine überzeugende.
-
-Man geht zur Tafel. Das Speisezimmer ist ein gemütlicher Raum, der mich
-weidmännisch anheimelt. Von den braunverschalten Wänden blinken die
-weißen Hauer wuchtiger Eberköpfe herunter -- Jagdtrophäen, die in den
-Argonnen erbeutet wurden.
-
-Nur wenige Diener. Und eine kurze, rasche Mahlzeit. Was zur Tafel kam,
-das weiß ich nimmer. Der Platz an der Seite des Kaisers und der Kreis
-seiner zehn Gäste, hoher Würdenträger des Heeres und Hofes, gibt mir
-so viel Beruhigendes, Erfreuliches und Fesselndes zu hören, daß ich
-der Mahlzeit völlig vergesse, obwohl ich so hungrig wie ein Wolf aus
-dem Eisenbahnwagen gekommen war und seit vierundzwanzig Stunden auf
-jagender Reise keinen verschlingbaren Bissen erwischt hatte. Aber wie
-feldmäßig einfach die Tafel des Kaisers bestellt ist, beweist eine
-Speisenfolge, die ich mir an einem anderen Abend als Erinnerung mitnahm.
-Auf dem kleinen Zettelchen, nicht größer als eine Visitenkarte, steht
-geschrieben:
-
- 11. Januar 1915
-
- =Königliche Abendtafel=
- Gebackene Seezungen
- Kaltes Fleisch, Kartoffeln in der Schale
- Obst
-
-Dazu als Getränk: französischer Landwein und Wasser. Und Kriegsbrot
-gibt es. =Nur= Kriegsbrot! Daran könnte sich mancher bei uns daheim,
-der unsere Soldaten im Felde kämpfen, leiden, bluten und siegen läßt,
-mit Strenge und Ungeduld die militärischen Tagesberichte kritisiert und
-nebenbei nicht die Heldenkraft oder nicht den Willen besitzt, sich die
-gewohnte Frühstückssemmel zu versagen, ein lehrreiches und mahnendes
-Beispiel nehmen! Wir müssen lernen, unsere kleinen Liebhabereien
-beiseite zu schieben, jeden der Allgemeinheit schädlichen Eigennutz
-aus uns herauszuklopfen und jedes Gefühl, jeden Gedanken und jede
-Lebenshandlung auf das Ziel einzustellen, das wir für Heimat und Volk
-erkämpfen müssen.
-
-Alles, was ich an des Kaisers einfacher Tafel sehe und höre, wird mir
-zur Ursache einer sprunghaften Gedankenteilung. Mit Ohr und Herz bin ich
-bei jedem Worte, das da gesprochen wird, und bin zugleich in der Heimat,
-um zu schauen und zu vergleichen. Und immer deutlicher wird es mir, daß
-manches, was wir Daheimgebliebenen zu denken und zu tun lieben, ganz
-wesentlich anders werden müßte, wenn wir gleichwertig werden wollen mit
-jenen, die bei harter Arbeit draußen stehen im Felde.
-
-Nach der Mahlzeit kommt eine ernste, manchmal auch von einem Lachen
-erhellte Plauderstunde in einem kleinen, netten Wintergarten, wie wir
-ihn auf der deutschen Bühne schon in vielen französischen Komödien
-gesehen haben. Zigaretten und kurze Pfeifen brennen, und in Kelchgläsern
-wird Münchner Bier gereicht. Auf dem Tisch, an dem sich der Kaiser
-niederläßt, stehen blühender Flieder und Rosen, die ihm die Kaiserin
-aus Berlin sandte. Alles Gespräch dreht sich um den Lauf der Dinge
-in der Heimat und um wichtige Episoden des Krieges. Das ist eine
-wesentlich andere Art, vom Kriege zu sprechen, als wir sie daheim bei
-unserm Bierbank- und Teetischklatsch zu hören bekommen. Hier wird
-nicht die Welt geteilt, hier werden nicht Länder genommen und Reiche
-verschenkt, hier gründet man nicht »Pufferstaaten« und korrigiert nicht
-die Landkarte von Europa mit einem anspruchsvollen Blaustift. Hier
-gilt alles Denken nur dem Ernst und den Notwendigkeiten der Gegenwart;
-von der Zukunft ist nicht die Rede. Unausgesprochen klingt aus allen
-bedeutsamen Worten, die ich höre, das feste und klare Zeitgesetz
-heraus: »Erst arbeiten und siegen. Alles weitere wird kommen, wie es
-kommen muß und wie wir es uns verdienen.«
-
--- Ich gestehe, daß ich da manchmal ein bißchen schamrot wurde. Und
-in meinem Inneren hab' ich heilig geschworen, niemals wieder in
-phantastischen Nächten meinen Handatlas durch ausschweifende Linien
-zu verunreinigen und nebulose Zukunftsgeographie von Mittelafrika zu
-betreiben. Und während ich hier, in einem hundekalten Stübchen zu
-Peronne, diesen heißen Schwur mit frierenden Fingern niederschreibe,
-klirrt unter meinem Fenster der feste Taktschritt deutscher Soldaten
-vorüber, die zu den Schützengräben marschieren, Automobile rasseln
-vorbei in sausender Fahrt, und unaufhörlich rollt von der nicht allzu
-weit entfernten Front das Murren schwerer Geschütze zu mir her. Die
-gaukelnden Kriegsvorstellungen, die ich aus der Heimat mitbrachte,
-beginnen sich jetzt unter den harten Wirklichkeitsbildern, die mich bei
-Tag und Nacht umwirbeln, sehr gründlich zu verändern. --
-
-Jener erste Abend, an dem ich Gast des Kaisers war, bescherte mir
-auch ein eindringliches Exempel der Art, wie im Großen Hauptquartier
-gearbeitet wird, bis spät in die Mitternacht hinein. Bevor ich davon
-erzähle -- d. h. erzählend alles verschweige -- will ich, man liebt
-als Poet die Kontraste, dem großen Zeitbilde noch ein niedlich-intimes
-Lichtchen aufsetzen.
-
-Die Gesellschaft im französischen Wintergarten hat sich nach der
-Mahlzeit noch um einen schweigsamen, höchst wohlerzogenen Gast vermehrt;
-das ist ein kleiner schwarzer Teckel mit gescheiten Augen, des Kaisers
-Lieblingshund, augenblicklich ein bißchen invalide, mit verbundener
-Pfote; so oft er will, darf er es sich auf dem Schoß seines Herrn bequem
-oder, richtiger gesagt, unbequem machen; manchmal nimmt er auf des
-Kaisers Knie höchst schwierige und bedrohsame Stellungen ein, die fast
-an die Kletterkünste einer Gemse erinnern -- und dann muß der Deutsche
-Kaiser so lange stillhalten, bis es dem zappeligen Teckelchen wieder
-beliebt, auf den Boden zu springen. Von der rührenden Geduld, die der
-Kaiser an dieser kleinen Quälkrabbe erweist, läßt sich eine Brücke zu
-einem tiefen Zug seines Charakterbildes hinüberschlagen. Denn er kann
-eine bewundernswerte Geduld auch mit Dingen und Menschen haben, die ihn
-viel gröber belästigen, als es der kleine, nette Teckel zu tun gewöhnt
-ist.
-
-Gegen die elfte Abendstunde wird für den Kaiser und eine Anzahl
-hoher Offiziere ein militärischer Vortrag angesagt. Eine Neuheit der
-Kriegstechnik soll in Projektionsbildern vorgeführt werden, die der
-begleitende Vortrag eines Offiziers erläutern wird.
-
-Durch die dunkle, schneelose Winternacht wandern die Gäste der stillen
-Villa zu einem nahen Hause hinüber. Der Himmel ist klar geworden und
-alle Sterne funkeln. Die kleine Stadt liegt in schwarzem Schweigen, ohne
-Lichter, wie ausgestorben. Nur ein scharf suchender Blick erkennt die
-regungslos in der Finsternis stehenden Wachen.
-
-Ein verdunkelter Saal, mit etwa vierzig Stühlen; hinter ihnen ein
-Vergrößerungsapparat mit elektrischen Schnüren, vor ihnen an der Mauer
-eine große Leinwand. Fest und gleichmäßig klingt in dem matten Zwielicht
-die Stimme des vortragenden Offiziers, während Ruck um Ruck eine lange
-Reihe von Bildern über die Leinwand gleitet. Die ersten sind für mich
-als Laien eine völlig unverständliche Sache; erst nach einer Weile lehrt
-das gesprochene Wort mich begreifen, was ich sehe, und ich beginne in
-erregter Spannung zu ahnen, daß es sich hier um eine neue, wichtige und
-für die Kriegführung hilfreiche Sache handelt. Immer wieder und wieder
-stellt der Kaiser mit raschen, knappen Worten eine Zwischenfrage; der
-Offizier gibt Antwort. Bis Mitternacht dauert das. Nach dem letzten
-Bilde glänzen die Flammen des Lüsters auf. Lebhaft tritt der Kaiser auf
-den jungen Offizier zu, der den Vortrag gehalten, reicht ihm die Hand
-und sagt:
-
-»=Ich danke Ihnen! Das ist eine gute Sache! Glauben Sie, daß uns die
-Franzosen das nachmachen können?=«
-
-Der junge Offizier in dem verwitterten Feldgrau lächelt: »So schnell
-=nicht=, Majestät! Wir haben das erst jetzt gefunden.«
-
-In dem erhellten Saal ein Zusammenstehen von Gruppen, eine mit
-halblauten Stimmen geführte Debatte.
-
-Während ich diese Gespräche höre, klingt in mir immer wieder das
-verheißungsvolle Wort, das der junge Offizier gesprochen: »Wir haben das
-jetzt gefunden!«
-
-=Wir=! Das sind wir Deutschen! Wir, bei denen das Recht und die Kraft
-ist, und bei denen der Sieg sein wird!
-
-Ich trage stolz und beglückt dieses Wort in mir davon durch die
-sternhelle Nacht -- dazu die mich heiß erfreuende Einladung: morgen im
-Auto mit dem Kaiser hinüberzufahren zum deutschen Kronprinzen.
-
-Von den tiefen, meinen deutschen Glauben und mein Vertrauen wie mit
-eisernen Stäben stärkenden Eindrücken dieses Abends schwirren mir
-Kopf und Herz, während ich das winzige Stübchen betrete, in dem ich
-einquartiert bin. Es ist, nach französischer Sparsamkeit mit dem Raume,
-so klein, daß man beim ersten Schritt über die Schwelle schon gleich
-mit dem Ellbogen an die Fensterscheibe stößt. Fast vier Fünftel dieses
-Grillenhäuschens ist bestellt mit dem großen, ganz famosen Bett. Wie
-herrlich werde ich da schlafen heute nacht, mit aller Verheißung der
-vergangenen Stunden in meiner Seele!
-
-Aber der Mensch hat neben der Seele auch einen Leib. Während ich im
-Dunkel liege und mit offenen Augen fröhlich träume, beginne ich, der ich
-an der Tafel des Deutschen Kaisers speiste -- nein, =nicht= speiste, nur
-lauschte -- einen nagenden Hunger zu fühlen. Und dann knappere ich mit
-Hochgenuß und Zärtlichkeit an dem Dutzend guter Weihnachtslebkuchen, die
-mir meine Frau vor der Abreise von München in die Handtasche steckte.
-
-»Wir! Wir Deutschen!«
-
-Mit diesem Wort im Herzen mache ich meine Augen zu. Und mit dem anderen:
-
-»Morgen!«
-
-
-
-
- 4.
-
-
- 19. Januar 1915.
-
-Der Deutsche Kaiser ist kein Frömmler, aber ein frommer, tiefgläubiger
-Christ, der seinen Tag mit Gott beginnt und mit Gott beendet.
-
-In der kleinen Stadt, die das Große Hauptquartier beherbergt, wurde ein
-großer Raum zu einer Feldkirche umgewandelt. Hier wird der Gottesdienst
-für den Kaiser und die Garnison des Hauptquartiers abgehalten. Den
-langen, mächtigen Hallenraum füllen in dichten Reihen die Soldaten,
-deren Abteilungen sich aus Linie, Reserve und Landsturm mischen, feste
-und stramme Gestalten, mit gesunden und ruhigen Bartgesichtern; dazu die
-kleine, aus allen Reiterregimentern der deutschen Bruderstämme gebildete
-Kavallerietruppe der kaiserlichen Wache; nahe dem Altar, zu beiden
-Seiten des auf den Kaiser wartenden Kirchenstuhles, sind die Plätze
-der Offiziere und des Orchesters, das aus Harmonium und acht Bläsern
-besteht.
-
-Das Bild des mit roten Tüchern ausgeschlagenen und durch drei Stufen
-erhöhten Altars hat etwas freudig Aufwärtsstrebendes. Zur Rechten
-und Linken schmücken ihn zwei große Banner in den deutschen Farben,
-zwischen denen das Kreuzbild des Erlösers auf die Reihen der Soldaten
-niederblickt. Das heilige Zeichen leuchtet freundlich in der durch die
-Fenster hereinflutenden Morgensonne. Und gleich einem Symbol des vor
-Gottes Antlitz ruhenden Krieges sind auf beiden Seiten des Altars die
-mit allen Landesfarben der deutschen Stämme bewimpelten Reiterlanzen zu
-schlanken, friedsamen Pyramiden aneinandergestellt.
-
-Ein Kommando. Das Zusammenklirren der Soldatenstiefel klingt wie ein
-einziger harter Eisenschlag. Auf dem Bretterboden die ruhigen Schritte
-eines einzelnen Mannes. Durch die Reihen der Soldaten schreitet der
-Kaiser zu seinem Kirchenstuhl. Sein Gesicht ist ernst, fast unbeweglich.
-Und immer, mit einem sinnenden Blick, sind seine Augen emporgehoben zum
-Bilde Gottes, auf dessen gerechte Hilfe er hofft und baut.
-
-Harmonium und Bläser beginnen den Choral, und Feldprediger =Goens= --
-eine Gestalt wie aus einem Holzschnitt des 17. Jahrhunderts in das Leben
-von heute herausgetreten -- steigt zum Altar empor. Mit gewaltiger,
-Herz und Nerven durchbrausender Tonwelle schwillt aus zweitausend
-deutschen Soldatenkehlen das alte fromme Kirchenlied durch die goldenen
-Sonnenbänder empor in das klingende Hallengewölbe. Und noch weiter,
-noch höher wird es tönen. Solch ein gläubiges Lied voll Kraft und
-Christentreue und Inbrunst muß der Himmel erhören. Der schöne machtvolle
-Klang erschüttert mich bis in die tiefste Seele, und alles Denken in mir
-ist deutsche Andacht.
-
-Der Prediger liest das Epiphanias-Evangelium, die Geschichte der
-morgenländischen Magier, die in gläubiger Sehnsucht auszogen, geführt
-von ihrem Sterne, und in Redlichkeit alle Tücke und Hinterlist des
-Herodes zuschanden machten und wieder heimkehrten in ihr Land,
-den gefundenen Gott im Herzen. Tief und warm, in einer ebenso zum
-anspruchsvollsten Verstande wie zu aller Einfalt der Volksseele
-sprechenden Weise deutet der Prediger die biblische Überlieferung
-zuerst in christlichem Sinne. Dann hebt er das Ewig-Menschliche aus
-dem schönen Gleichnis hervor: das ruhelose Wandern und Streben der
-irdischen Hoffnung nach allem Höheren und Besseren. Aus der wachsenden
-Flamme seines Wortes steigen die großen Bilder eines in Sehnsucht und
-Gottvertrauen suchenden Volkes empor, das in unübersehbaren Scharen
-und im Gefunkel seiner gesegneten Waffen auszog und Heimat und Herd
-verließ, um die Freiheit seines bedrohten Lebens zu beschützen. Geführt
-vom leuchtenden Stern der deutschen Hoffnung, von Wahrheit und Treue
-geleitet, wird dieses Volk durch Kampf und Prüfung einer Zeit der Blüte
-und Ernte entgegenschreiten und jede feindliche Tücke und herodianische
-Hinterlist zuschanden machen. Und heimkehren wird es in sein Land, mit
-dem Glauben an Gottes Kraft in der Seele, mit der Freude des gewahrten
-Rechts im Herzen, mit den Kränzen des Sieges an seinen Fahnen.
-
-Die heilige Verheißung, die von den Stufen des Altars hinausklang über
-den weiten, von Feldgrauen dicht erfüllten Raum, scheint wie ein
-frohes Feuer in diese zweitausend deutschen Soldatenbrüste zu fallen.
-Ihr Danklied braust wie das feierliche Spiel einer riesigen Orgel, und
-aus diesem machtvoll schwingenden Seelenliede hör' ich außer Andacht
-und Gottvertrauen noch andere Klänge heraus: heiße Sehnsucht nach
-der Heimat, zärtliche Grüße der Söhne an Väter und Mütter, dürstende
-Liebesträume junger Herzen, glühende Segenswünsche der Graubärtigen für
-ihre Kinder.
-
-Nun wird es still über alle Köpfe hin. Kein Scharren einer Sohle, kein
-Räuspern. Ein Schweigen, das lautlos ist. Der Kaiser hat sich erhoben
-und den Helm vom Haupte genommen. Warmes Leben ist in seinen Zügen,
-sein Gesicht und seine Augen sind froher und heller, als sie waren, da
-er kam; das Antlitz emporgehoben zum Kreuzbilde, betet der Deutsche
-Kaiser stumm zu dem gerechten Gotte, an den er glaubt. Um was er betet,
-das hört nur ein Einziger. Doch wir Deutschen, die wir ihn kennen, wir
-wissen alle: er betet als Vater für Frau und Kind, betet als Mensch für
-die Menschen, betet als Herrscher für Heimat und Volk und Heer.
-
-Immer mußte ich ihn ansehen. Mich erfüllt eine Stimmung voll schöner
-Weihe und ruhiger Zuversicht. Sie hält noch immer in mir an, während
-ich schon draußen in der Sonne stehe und die Truppen sich ordnen, um
-vor dem Kaiser zu defilieren. Trommeln und Pfeifen. Dann der alte, das
-Blut befeuernde Yorck-Marsch. Mit Klirren und Stampfen geht's vorüber,
-jeder Truppenteil wie ein festgeschlossener, unzerreißbarer Felsklotz.
-Die gesunden, straffen Gestalten erzittern von der Wucht des Marsches,
-und wie Eisenhämmer schlagen die gut deutschen Stiefelsohlen in den
-französischen Morast.
-
-Da hör' ich ein frohes Auflachen des Kaisers. Er winkt mir. »=Ganghofer!
-Haben Sie sich das angesehen? Wie großartig die Leute marschieren! Ganz
-famose Menschen!=« Wieder lacht der Kaiser, herzlicher als ich es jemals
-von ihm hörte. Und eine starke Freude glänzt in seinen Augen.
-
-Ein paar Minuten später beginnt die Fahrt im offenen Auto. Schade, daß
-jetzt die Sonne ein bißchen Verstecken spielt und nur zeitweilig durch
-die Klüfte der trüben Wolken hinausguckt. Über dem Lande, das ich sehen
-soll, liegt so viel dunkle Trauer, daß nur reichliche und ausdauernde
-Sonne sie etwas aufhellen könnte.
-
-Den Kaiser begleiten im Auto zwei Herren des militärischen Gefolges.
-Und zwei Militärkarabiner, mit den Patronentaschen daneben, lehnen in
-den Ecken des Wagens. Sonst kein Geleit, kein Schutz. Der Kaiser will
-es so. Auch haben die Deutschen alles okkupierte Land schon friedlich
-und ruhig gemacht und haben ihm reichliche Hilfe in seiner wachsenden
-Not geleistet. Mit flinker Fahrt geht es neben gesprengten Steinbogen
-über eine hölzerne Notbrücke, gegen deren Balken die rauschende Flut
-des hochgestiegenen Stromes anstürmt wie ein grimmiger Feind. Nur noch
-handbreit ist der Brückenbogen über dem schießenden Wasser. Das sieht
-aus, als müsse man Sorge um die Brücke haben; aber der Kaiser sagt: »=Da
-ist keine Gefahr. Was deutsche Pioniere bauen, das hält.=«
-
-Was ich an Landschaft zu sehen bekomme, hat liebenswürdige Linien. Doch
-keine Ferne will sich richtig aufklären.
-
-An kleinen Dörfern geht es vorüber, in die noch keine deutsche Granate
-gefallen ist. Auch unbeschädigt sehen sie abscheulich aus. Solch ein
-Bild von Verwahrlosung und gleichförmiger Geschmacklosigkeit, von
-Mangel an Hausfreude, von gartenloser Nüchternheit, von bedrückender
-Aneinanderpferchung, von Schmutz und Unordnung hab' ich außer hier
-in Nordfrankreich noch nie in einem Lande gesehen, das Anspruch auf
-Kultur erhebt. Wohin die Deutschen da kommen, überall müssen sie erst
-Ordnung schaffen und fegen und scheuern, bevor sie sich auf einen Sessel
-niedersetzen oder in einer Stube ruhen können.
-
-Und dieses Graue da drüben über dem Strom, dieses Leblose, von jedem
-Atemzug Verlassene, dieses Zerrissene und Zerfetzte, dieses widersinnnig
-Ausgefranste, durchschlungen von rauchschwarzen Zerrbildern? Was ist
-das? Wie ein anderes Pompeji sieht es aus, nur ohne Tempel und Säulen,
-alle Ruinen zu einem grauenhaften Schutthaufen übereinandergerüttelt
-durch ein neues Erdbeben?
-
-Das ist =Donchery= gewesen, um dessen Mauern einer der härtesten Kämpfe
-tobte.
-
-Heimat, Heimat, wehre dich mit allen Kräften deines Volkes, mit jeder
-Waffe deines Heeres und jedem Opfer deiner Bürger, um solch ein
-Furchtbares von dir abzuwenden! Dieses Grauen hat mit der Übermacht
-der Feinde schon hereingezüngelt über unsere Grenzen. Es soll nicht
-weiterschreiten, wir wollen uns stemmen dagegen mit unseren Leibern, mit
-unserem Gut, mit allem, was wir sind und was wir haben! Der Gedanke,
-daß unsere sieghaft vorschreitende Befreiung und Erlösung scheitern
-könnte am eigennützigen Kleinmut und am kurzsichtigen Egoismus Weniger
--- dieser Gedanke legt sich wie eine Klammer um mein Herz, wie ein
-quälender Eisenreif um meine Kehle.
-
-Gibt es Zufälle, die wie geheimnisvolle Gesetze sind? Während ich die
-Gedanken, die mich durchschüttern, stumm in mir verschließe, beginnt
-der Kaiser plötzlich, ohne jede Beziehung zu einem vorausgegangenen
-Worte, von dem herrlichen, wundervollen Zusammenhalt des ganzen
-deutschen Volkes zu sprechen, von der heiligen Begeisterungsflamme der
-ersten Augusttage. »=Es ist meine schönste Freude, daß ich das erleben
-durfte=.« Und nach kurzem, nachdenklichem Schweigen sagt er: »=Wenn es
-nicht so gewesen wäre --=« Er spricht diesen Satz nicht zu Ende, aber er
-atmet auf und sieht gegen Donchery zurück, dessen Trümmerstätte schon
-verschwunden ist.
-
-Mir wird leichter um die Brust. Auch die Landschaft, durch die wir
-fahren, bringt aufrichtende und verheißungsvolle Erinnerungsbilder.
-Historischer Boden! Heiliger Boden für uns Deutsche! Das
-Schlachtengelände von Sedan!
-
-»=Dort oben=«, sagt der Kaiser und deutet nach einer Feldhöhe, »=da ist
-mein Vater gestanden=.«
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-Neben der Landstraße huscht ein kleines, einsames Haus vorüber.
-
-»=Hier ist Napoleon mit Bismarck zusammengetroffen.=«
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-Aus einem hübschen, in seiner Laublosigkeit durchsichtigen Wäldchen
-lugen die Türme und Mauern eines zierlichen Schlosses heraus.
-
-»=Das ist Bellevue. Hier war die Unterredung meines Großvaters mit
-Napoleon.=«
-
-Diese Worte des Kaisers wecken in mir das Feuer eines frohen deutschen
-Stolzes. Gerne hätte ich haltgemacht und wäre ausgestiegen, um diese
-geweihten Stätten der Reichswerdung als Andächtiger zu besuchen. Aber
-ich nahm mir heilig vor, noch einmal hierher zurückzukehren.
-
-Nun geht es seitwärts, mitten durch das weite Überschwemmungsgebiet
-der Maas. Von der Straße wird es auf hohem Damm durchschnitten. Lange
-Proviantkolonnen knattern vorüber, feldgraue Radfahrer sausen vorbei.
-Die meisten der Soldaten grüßen, wie man unbekannte Offiziere grüßt,
-doch mancher, trotz der schnellen Fahrt des Autos, erkennt den Kaiser
-und ist mit jähem Ruck in eine unbewegliche Säule verwandelt, die zwei
-groß aufgerissene, freudige Augen hat.
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-Eine Ortschaft kommt, die sich hell abzeichnet auf dem dunklen
-Hintergrund des Waldes von Woevre. Und über die Mauer eines Parkes hebt
-sich ein schmuckes, kleines Schloß empor: das Ziel der Fahrt.
-
-Im Schloßhofe begrüßt der =deutsche Kronprinz= mit den sechs Herren
-seines Stabes den kaiserlichen Vater, der den Sohn herzlich umarmt.
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-Seit dem Frühjahr scheint sich die schlanke Gestalt des jungen
-Heerführers, den wir Deutschen jetzt den Sieger von Longwy nennen, noch
-gestreckt zu haben. Auch in ihm wirken die starken Mächte der großen
-Zeit. Die Sonne des Sommerfeldzuges und Wind und Wetter des Winters
-haben sein frisches, gesundes Gesicht gebräunt. Und seine frohen Augen
-glänzen in Freude -- kann er doch dem Vater von einem großen Erfolge
-der letzten Nacht erzählen. »Ein festes Stück vorwärts gekommen, und
-zwölfhundert Franzosen gefangen!« Die müssen auf dem Marsche zur Bahn in
-einer Stunde da vorbei kommen.
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-Mir hämmert es in der Brust. Eine Siegesnachricht, die so warm und neu
-aus dem Schützengraben heraufschnellt, wirkt wesentlich anders, als wenn
-man sie daheim an der Mauer oder in der Zeitung liest. Man hat auch da
-seine heiße Freude. Aber wie frischer, um so besser.
-
-Die gute Nachricht belebt und erwärmt die Stimmung am Frühstückstisch.
-Dem Kaiser schmeckt das Mahl, und scherzend sagt er zum Kronprinzen:
-»=Bei dir ißt man besser als bei mir. Ich muß mir das überlegen, ob ich
-nicht deinen Koch requirieren lasse?=«
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-Kaum ist an der Tafel das Obst gereicht, da heißt es: »Sie kommen!«
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-Die Straße hat sich schon zu beiden Seiten mit langen und dichten Reihen
-der Feldgrauen gefüllt. Durch diese Soldatengasse bewegt sich ein Zug
-von seltsam aussehenden Gestalten einher. Franzosen? Wo ist denn die
-berühmte rote Sache, die man die Hose von Frankreich nennt? Davon ist
-nichts zu sehen. Ein bißchen Blau sieht man, ein dunkles Blau, alles
-andere an diesen Kommenden ist gelb. So tappen und taumeln sie durch
-die Gasse her. Und ein Photograph hat sich auch schon eingefunden;
-glückselig dreht er die Kurbel seines Kinokastens, immer mit dem
-Objektiv gegen den Kaiser hin. Der sieht es, wird sehr unwillig, deutet
-auf den näherkommenden Zug der Gefangenen und ruft dem Photographen
-zu: »=Sie! Photographieren Sie doch das da! Die Soldaten! Nicht immer
-mich!=« Ich habe selten einen verlegeneren und hilfloseren Menschen
-gesehen als diesen aus allen Himmeln gerissenen Filmkünstler. Er
-dattert mit dem Apparat, rutscht hin und her, dreht an der Kurbel,
-stockt wieder -- und ich besorge, der Film ist gründlich mißlungen.
-Und wenn die deutschen Fürstenkritiker diese zerrupfte Sache sehen,
-werden sie sagen: »Wenn sich der Kaiser schon immer photographieren
-lassen will, soll er sich wenigstens einen geschickteren Photographen
-aussuchen.« So entsteht, was man als gerechtes und objektives Urteil
-bezeichnet. Es ist, wie im großen so auch im kleinen, immer wieder die
-Geschichte von Helgoland und Sansibar.
-
-Die heitere Stimmung, in die ich geraten bin, schlägt mir plötzlich
-um in eine schwere und tiefe Erschütterung. Mir scheint, ich muß mich
-erst an den Krieg gewöhnen. Unpolitisches Erbarmen ließ mich für einen
-Augenblick vergessen, daß ich Deutscher bin und daß diese Gelben, die
-da vorüberwandern, unsere erbitterten Feinde sind, die auf deutsche
-Soldaten schossen und stachen und schlugen. Das vergaß ich für einen
-Augenblick, weil die meisten dieser Menschen da grauenhaft aussehen,
-herzergreifend. Sehen =so= auch die =Unseren= im Schützengraben aus?
-Dann wissen wir in der Heimat noch immer nicht, was Krieg ist, und was
-unsere lieben, treuen Feldgrauen um unserer Sicherheit willen ertragen
-müssen.
-
-Was wir in der Heimat an Gefangenen sehen, ist etwas ganz anderes als
-hier; bis sie hinauskommen zu uns, hatten sie schon viele Tage Zeit,
-sich zu erholen, sind gut ausgeschlafen, sind gekräftigt, ordentlich
-genährt, sind gewaschen und gereinigt. Aber hier, im Felde, wo sie vor
-wenigen Stunden erst aus den Schützengräben herausgefischt wurden,
-stecken die meisten in Kleidern, die nimmer als soldatische Uniform zu
-erkennen sind, sondern von Nässe klatschen und von den Stiefeln bis
-hinauf zur Brust so dick mit Kot und Lehmklumpen behangen sind, daß
-alles gelb ist an ihnen. Einige sehen wohl besser und frischer aus,
-bewegen sich leicht und lebhaft, lassen sich ihr Pfeifchen oder die
-Zigarette schmecken und können sogar lachen, hochmütig und spöttisch.
-Aber die meisten sind schwer erschöpft, schleppen sich mühsam unter der
-Last dieses nassen Dreckes an ihrem Leib, sind bleich und verstört,
-haben abgezehrte Wangen und eingesunkene, trauervolle Augen. In vielen
-Gesichtern ist der seelenlose Stumpfsinn, den ein monatelanges Leiden
-in ihnen erzeugte. Einige sind leicht verwundet, schon verbunden. Viele
-gehen Arm in Arm gehängt, die noch Kräftigeren stützen die Schwächeren.
-Unter dem Tausend sind kaum hundert hoch und gut gewachsene Leute, von
-denen wir Deutschen sagen würden: Das sind Mannsbilder. Alle anderen
-sind klein, zart und schwächlich von Natur, dazu noch zerrieben von der
-Mühsal des Krieges, viele unterhalb unseres Militärmaßes, sogar von
-zwerghaft zurückgebliebenem Wuchs.
-
-So wandern sie vorbei -- nicht verspottet und verhöhnt, nicht beschimpft
-und mißhandelt, nicht bespien und mit Fußtritten regaliert, wie es
-deutschen Gefangenen in Frankreich erging. Unsre Feldgrauen stehen ernst
-und schweigsam, sie reden und lachen nicht. Und viele von ihnen, die
-doch unter dem Kugelregen der Franzosen gestanden und bedroht waren von
-Wunden und Tod -- vielen kann ich es an den Augen ansehen, daß in ihren
-»Hunnenseelen« das gleiche menschliche Erbarmen ist wie in mir, der ich
-mich an solche Bilder des Krieges erst noch gewöhnen muß und noch keine
-von seinen Gefahren verschmeckte.
-
-Während die Gefangenen am Kaiser und der Gruppe seiner Offiziere
-vorüberkommen, reden wunderlich verschiedene Dinge aus diesen
-französischen Augen: Gleichgültigkeit und Neugier, Hohn oder Haß. Aber
-es sind doch auch manche dabei, in denen der Zorn und die Pein der
-Stunde nicht völlig die Züge soldatischer Ritterlichkeit ersticken kann.
-Ob sie den Kaiser und den Kronprinzen erkennen? Oder ob sie nur glauben:
-das sind Generäle? Sie salutieren oder ziehen das Käppi herunter, und
-der Kaiser dankt.
-
-Die letzten verschwinden, und eine Gruppe von deutschen Lanzenreitern
-klirrt hinter ihnen her.
-
-Das Bild, das ich gesehen, beschäftigt mich noch lange, während
-die Fahrt im Auto gegen Süden geht. Der Kronprinz begleitet seinen
-kaiserlichen Vater eine Strecke Weges, will ihm eine Stelle mit weiter
-Fernsicht gegen die Argonnen zeigen. Das Gespräch der beiden, das sich
-immer um Dinge des Krieges dreht, ist ernst, aber die Stimmen bleiben
-durchhaucht von einer warmen Herzlichkeit.
-
-Nach einer halben Stunde hält das Auto. Mitten aus der welligen
-Landschaft erhebt sich ein großer, steiler Hügel, ein Kalvarienberg,
-gekrönt von einem mächtigen Kreuzbild.
-
-Der Weg da hinauf ist mit Schwierigkeiten verknüpft, denn die Regengüsse
-vieler Wochen haben den lehmigen Steilhang so durchweicht und versumpft,
-daß jeder Schritt ein Glitschen und Rutschen wird. Aber die Kletterei
-belohnt sich. Droben eine meilenweite, wundervolle Rundschau! Das
-große Stück Welt, das zu sehen ist, gleicht einem in den Wolken
-schwimmenden Riesenteller, der belegt ist mit Wäldern und Feldern, mit
-Städten und Dörfern, mit Strömen und Bächen. Und alles ist Land, das
-die Deutschen eroberten! Und gegen Südosten zieht sich durch das Grau
-des fernen Horizonts etwas hin, das einer schwarzen, langgestreckten
-Gigantenschlange gleicht. Das ist der Argonnenwald, der unserem Heere
-so blutig zu schaffen macht. Immer klingt aus jener Ferne ein dumpfes
-Murren her, ganz leise, kaum noch zu hören im Brausen des Windes,
-der den Hügel überweht. In der Höhe jagen zerrissene Wolken; und
-sieht man empor zu ihrem Flug, so scheint das mächtige Kreuzbild sich
-herabzuneigen, als möcht' es in Barmherzigkeit das Menschengeschlecht
-der Erde umarmen.
-
-Beim Niederstieg erweist sich der glitschige Boden noch feindseliger.
-Ich frage den Kaiser, ob ich ihn stützen darf. »Ja! Kommen Sie her!« Er
-faßt mich an der Schulter. So geht es langsam hinunter, und ich haue
-bei jedem Schritt den Stiefelhacken ein, wie bei Glatteis auf einer
-Gemsbirsche. Halb sind wir schon drunten. Da rutsche ich selber aus. Und
-der Kaiser mit seiner starken Faust hält mich aufrecht. Meinen etwas
-verlegenen Dank erwidert er mit dem lachenden Wort: »=Soldat und Bürger,
-die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!=« --
-
-Während der Rückfahrt durch die sinkende Dämmerung spinnen sich in
-meiner Seele hundert Gedanken und Bilder um dieses vieldeutige Wort des
-Kaisers. --
-
-Und ich glaube, daß man uns Deutschen in dieser Zeit von heute keine
-stärkere und tiefere Mahnung sagen kann als dieses Kaiserwort: »Soldat
-und Bürger, die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!«
-
-Geschieht es so -- nicht nur im ersten Feuerstrom des alle Herzen
-durchflammenden nationalen Glaubens, sondern auch in allen Wechselfällen
-eines langen und zähen Kampfes, der von Bürger und Soldat das letzte der
-deutschen Kraft verlangt -- dann werden wir als Volk nicht niedergleiten
-in Schmutz und Tiefe. Wir werden aufrecht stehen! Und gleich den
-gläubigen Magiern aus dem Morgenlande, die geführt wurden von ihrem
-leuchtenden Sterne, werden wir alle Tücke und Hinterlist des Herodes,
-der uns in Neid erwürgen will, zuschanden machen!
-
-
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- 5.
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- 22. Januar 1915.
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-Wir leben in einer gerechten Zeit, die es sich angelegen sein läßt,
-allerlei unzutreffende Urteile in den Köpfen und Herzen des deutschen
-Volkes richtigzustellen. Jetzt wissen wir, daß unser Entrüstungssturm
-über Zabern keine völlig objektive Sache war; daß uns eine kleine,
-wieder deutsch gewordene Insel in der Nordsee viel schutzreichere
-Dienste leistete als jenes größere Inselland an der ostafrikanischen
-Küste, dessen Abtausch an England wir mit leidenschaftlichem Kummer
-beklagten und als Diebstahl an der Schatztruhe des deutschen Michels
-bezeichneten; und seit unsere jungen Offiziere das Monokel fallen ließen
-und, ein befeuerndes Vorbild für die Mannschaft, mit Heldenruhe und
-heiligem Opfermut in den Bleihagel der Feinde schritten, wissen wir
-auch, daß wir alle Ursache haben, den Typus des deutschen Leutnants
-wesentlich anders und unabhängiger von Äußerlichkeiten zu konturieren,
-als dies noch in der letzten Juliwoche des vergangenen Jahres geschehen
-ist.
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-Ein langer Friede, und mag er an sich die schönste und begehrenswerteste
-Sache sein, ist doch auch ein diplomierter Pädagoge für Erziehung
-ungerechter Nörgelsucht, skrupellosen Haders und ausartenden Mißtrauens;
-unter der Engelsmaske schneidet sein Gesicht die Grimassen eines
-Verleumders und Lügners; mit dem Motto »Verwirf das Gute und begehre
-das Bessere!« zerbröselt er jene menschlichen Werte, deren wir in
-stürmischen Zeiten am dringendsten bedürfen, und die -- das mag zu
-seiner Entschuldigung gesagt sein -- auch nur in der Morgenröte großer
-Ereignisse ihre wahre Gestalt und ihr innerstes Wesen zu zeigen
-vermögen. Deutschland wäre ärmer geblieben um einen genialen Feldherrn,
-wenn es nicht reicher geworden wäre um diesen heiligen Krieg.
-
-Gewiß sind Witz und Satire zwei völlig unentbehrliche Waffen jeder
-Kultur, jeder ethischen und nationalen Entwickelung. Aber künstlerische
-Schöpferkraft ist nur dann in ihnen, wenn sie die Größe fördern und
-bejahen, die sie zu befehden scheinen. Fehlt es ihrem Maßstab an
-gerechtem Gewissen, verliert ihr Scheinbild =jede= Beziehung zum Bilde
-der Wirklichkeit, jeden positiven Boden, und wird es zur augenlosen
-Negation, die _à la mode_ einen vergnüglich mundenden Kaviar für das
-Volk bereitet, dann ist es mit Witz und Satire die gleiche Sache, wie
-wenn die völkerrechtlich zulässigen Mantelgeschosse durch sträfliche
-Manipulationen zu mörderisch wirkenden Dum-Dum-Kugeln verzwickt werden.
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-Man verzeihe mir dieses etwas philosophisch angehauchte Vorspiel. Es
-begann in mir zu klingen, als ich am dritten Tage meines Aufenthaltes im
-Großen Hauptquartier einen für uns Deutsche gerade jetzt sehr wichtigen
-Mann kennen und in gesteigertem Maße ehren lernte -- einen Mann, den wir
-immer als »Philosophen« zu besteckbriefen liebten -- wenigstens bis zu
-jenen Augusttagen, die uns eine gerechtere Meinung von ihm beibrachten.
-Ich hab ihn früher niemals so Aug' in Auge gesehen, immer nur aus der
-Ferne, wie auch Millionen andere ihn sahen. Nah und genau betrachtet,
-sieht er =ganz= anders aus. Ich muß gestehen, daß ich noch nie einen
-so krassen Widerspruch zwischen Lebenswahrheit und landläufiger
-Karikaturtype beobachtete.
-
-Die Natur hat diesen Mann nicht mit zwölf Kopflängen ausgestattet,
-wie den roten Theaterprinzen von Arkadien, und hat ihn auch nicht
-so hopfenstangenmager gebildet, wie er immer gezeichnet wird. Er
-sieht viel eher wie ein fester, wohlproportionierter, derbgesunder
-und breitschulteriger Forstmann aus, der seine Galauniform genau so
-bequem und selbstverständlich trägt wie sonst seine Waldjoppe. Dazu
-ein wuchtiger, strenggeschnittener Kopf, unter dessen hartknochiger
-Stirnwölbung sich kein Versteck für nebulose Theorien vermuten läßt. Was
-edles Metall ist, prägt sich anders als lindes Blei; und klare Formen
-sind immer eine Gewähr für die Eigenschaften des Inhalts. Bei seiner
-umfassenden Geistesbildung mag dieser kraftvoll aussehende Mann wohl
-mehr von philosophischen Dingen wissen als mancher unter jenen, die ihm
-den »Philosophen« anzukreiden pflegen. Aber er ist weder menschenferne
-und trocken wie der große Weise von Königsberg, noch gallig und moros
-wie Schopenhauer, noch ein wortschwelgerischer Systematikus wie Hegel,
-noch dithyrambisch-bärbeißig oder entrückt-melancholisch wie Nietzsche.
-Er ist und blickt und redet und geht und steht wie ein prachtvoll
-natürlicher Mensch, der ohne Mittel, nur durch sich selbst und durch
-die ruhige Festigkeit seines persönlichen Wesens gewinnt und erobert
--- wenn man sich nicht gewaltsam und eigensinnig dagegen sträubt, wie
-die meisten von uns Deutschen es getan haben, seit der ersten Stunde
-seiner Amtsführung. Aber dieser Widerstand ist wohl erledigt seit dem
-erhebenden Augusttage, an dem unser Reichskanzler sprach, was allen
-Deutschen aus der Seele gesprochen war, und an dem er sich als eine
-tragende Säule der festen, raschen und entscheidenden Tat erwies, die
-notwendig war für die Sicherheit und den Fortbestand unseres Reiches.
-Und nun wollen wir Deutschen das niemals wieder vergessen: daß Mißtrauen
-und anspruchsvolle Ungeduld aus Vergleichsmanie gefährliche und lähmende
-Kräfte sind. Das willige Vertrauen des Volkes formt den begabten
-Staatsmann, wie die Gelegenheit des Krieges den geborenen Feldherrn
-erscheinen und erkennen läßt. Wir von heute wissen, wie das deutsche
-Volk seinen Bismarck auf der Höhe seiner reifen Kraft und seines
-Erfolges nahm; aber nicht alle erinnern sich daran, wie er in den Jahren
-seiner Entwicklung genommen wurde, und daß man den Abgeordneten von
-Bismarck-Schönhausen bei seiner Jungfernrede verhöhnte und auslachte.
-Übrigens -- damals wurde viel davon gesprochen, was mit Polen geschehen
-soll. Was Bismarck in der Magdeburger Zeitung aussprach, und was in
-der Paulskirche der junge Dichter Wilhelm Jordan über Polen sagte, das
-sollte man heute nachlesen, sehr aufmerksam. Vieles davon stimmt auch
-heute noch und kann Wege zeigen. --
-
-Das Auswärtige Amt ist im Großen Hauptquartier untergebracht in dem
-Gartenhaus eines Bankiers, von dem es ebenfalls heißt: »_Il est parti!_«
--- zu deutsch: verduftet! Aber in dem Hause, aus dem er entfloh, ist
-ein Odeur seiner seltsam träumerischen Seele zurückgeblieben. Die
-Wohlhabenheit seines Besitzes läßt vermuten, daß er in seinem Bureau
-ein tüchtiger Finanzmann war. Doch in der Seele dieses erfolgreichen
-Geldsammlers muß ein Winkelchen gewesen sein, das angefüllt war: mit
-märchenzärtlicher Romantik. Das beweist die ganze Ausstattung seines
-Hauses, und vor allem beweist es der große, jetzt zur Arbeitskarte des
-deutschen Auswärtigen Amtes umgewandelte Salon, dessen wunderlichen
-Schmuck allerlei mechanische Spielwerke bilden. Der Träumer brauchte
-da nur in seinen Mußestunden ein paar Schlüssel zu drehen und ein
-paar stählerne Federn aufzuziehen: dann tanzte eine Bajadere, ein
-schöner Türke machte Gebetsverbeugungen, ein Schlangenbändiger gab eine
-Vorstellung und ein Affe fing zu klettern an und produzierte seine
-drolligen Kapriolen.
-
-Jetzt stehen diese Spielwerke still. Der deutsche Reichskanzler hat
-in dem okkupierten Salon viel notwendigere Dinge zu tun als Affen
-klettern und Bajaderen tanzen zu lassen. Doch ist zu vermuten, daß
-er wirksam damit beschäftigt ist, die giftige Schlangenschar der von
-unseren Feinden in die Welt geworfenen Lügen zu bändigen -- wobei das
-deutsche Heer mit nie ermüdendem Fleiß den Eisenschlüssel dreht und die
-stählernen Federn aufzieht.
-
-Zwischen den ruhenden Spielwerken stehen die Schreibtische, denen man
-es ansieht, wie ruhelos hier gearbeitet wird. In der Mitte des Raumes
-befindet sich der Schreibtisch des Reichskanzlers -- und unter den
-Büchern, die da liegen, gewahre ich einen Band Satiren von =Ludwig
-Thoma=. Es macht mir Freude, das Wohlgefallen des Reichskanzlers von
-Bethmann Hollweg am süddeutschen Klang bestätigt zu sehen. Ich äußere
-das, und er sagt in seiner warmen, freundlichen Art: »Ja, das ist im
-Feld und zwischen der Arbeit meine Lieblingslektüre. Dabei erhole ich
-mich und werde ruhig.«
-
-Ein Jagdausflug, den der Reichskanzler im Herbste 1913 nach Linderhof
-machte, gibt Veranlassung, von meiner Heimat, ihren Bergen und
-ihrem Volk zu sprechen. Wieder höre ich die gleiche Anerkennung der
-verläßlichen Tüchtigkeit unseres Bayernheeres, wie schon der Kaiser
-sie mir mitgeteilt hatte. Und das Gespräch leitet über auf den Gang
-der Dinge zu Hause, auf die Opferwilligkeit und auch auf die nervöse
-Ungeduld der Daheimgebliebenen, auf schwer fühlbare Härten der Zeit,
-auf akute Probleme der Industrie, des von Schwierigkeiten bedrückten
-geschäftlichen Verkehrs und der reichen vaterländischen Fürsorge. Was
-ich im Verlaufe dieses Gespräches hörte, läßt sich zusammenfassen in die
-Worte:
-
-»Bewundernswert ist es, was zu Hause an Opferwilligkeit geleistet wird!
-Aber die Unruhe, die sich daheim in manchen Erscheinungen äußert,
-begreift man hier im Felde nicht ganz. Zu irgendwelcher Unruhe ist doch
-nicht der geringste Grund vorhanden. Eine Zeit wie die jetzige ist immer
-schwer, für alle und für jeden. Das muß eben überwunden werden. Und wir
-=werden= es überwinden. Dann wird das Verlorene sich wieder ersetzen,
-doppelt. Wie es hier im Felde steht, das werden Sie mit eigenen Augen
-sehen. Erzählen Sie es nur daheim! Überall geht's voran, manchmal für
-die Ungeduld zu Hause nicht schnell genug, aber man muß einem zähen
-Feinde gegenüber vorsichtig sein und unnötige Opfer vermeiden, um Kraft
-für entscheidende Stunden zu sparen. Wenn man sieht, wie tüchtig und
-beharrlich im Felde gearbeitet wird, nicht nur an der Front, sondern
-auch =hinter= der Front und =zwischen= den Kämpfen, dann wird man
-ruhig, fühlt sich sicher und wird vertrauensvoll, auch in nötigem Maße
-geduldig.«
-
-Wenn man unseren Reichskanzler schon einen »Philosophen« nennt, so
-ist das eine Philosophie, die wir Deutschen uns alle zu eigen machen
-sollten, bis sie Stein und Bein in uns geworden. Ich habe vor kurzer
-Frist in der »Frankfurter Zeitung« ein starkes und tiefes Wort von
-Theobald Ziegler gelesen: »Der Sieg ist unser Schicksal, dem wir
-entgegenreifen.« Und neben dieses Wort will ich einen japanischen
-Ausspruch stellen, von dem wir in diesen Tagen gehört haben: »Wer im
-Kriege die Hilfe der anderen braucht, hat schon verloren.« Zwei Worte --
-in dem einen kristallisiert sich der Glaube, im anderen der Beweis. Bei
-uns ist die Kraft, bei uns der Sieg. Da sollte uns das bißchen Warten
-und Geduld doch so leicht werden wie ein Spiel, dessen stählerne Feder
-man mit keinem Schlüssel aufzuziehen braucht!
-
--- (Während ich das niederschreibe, marschiert unter meinem Fenster zu
-Peronne ein Bataillon des Münchner Leibregiments vorüber, marschiert
-in sausendem Wind und unter strömendem Regen zur Ablösung in die
-Schützengräben. An die tausend Feldgraue sind es. Und sie singen! Diese
-prächtigen Menschen! Ihr, die ihr zu Hause seid, ihr hört ja diese
-Lieder unter =eueren= Fenstern =auch=, fast täglich! Das klingt auch in
-der Heimat schön -- und dennoch anders! Hier, während in geringer Ferne
-die große Trommel der Geschütze dröhnt, klingt dieses kraftvolle Lied
-so ruhig und heiter, so gläubig und zuversichtlich, daß ich es nicht
-zu schildern vermag. Die Wirkung ist so mächtig -- man kann es nicht
-sagen, nur fühlen. Etwas Starkes und überwältigend Frohes ist in mir --
-aber ich muß für eine Weile die Feder fortlegen, weil ich zum Schreiben
-nimmer sehe.) --
-
--- -- Laßt mich wieder erzählen!
-
-Der klärende und erhebende Eindruck, den ich aus dem französischen
-Gartenhaus des deutschen Reichskanzlers mit mir fortnahm, sollte noch
-ein tragendes Fundament am Abend finden, als ich wieder in dem kleinen
-Wintergarten der stillen Villa war, im Kreise der den Kaiser umgebenden
-Offiziere.
-
-Ich sah und hörte da ein für uns alle sehr lehrreiches Beispiel von
-des Kaisers Geduld und Ruhe gegenüber den Verleumdungsbomben, die
-von unseren vielen Feinden mit sehr übel riechendem Pulver gegen uns
-abgeschossen werden. Diese Dinge erbittern ihn, daß ihm die Stirne
-brennt. Aber auch in der heißesten Erregung verliert er nie die
-Herrschaft über sein Wort. Ich hörte den Kaiser in einem solchen Falle
-sagen: »=Das ist stark! Aber dumm ist es auch! Ein Glück, daß die
-Wahrheit auf die Dauer immer klüger ist und die schnelleren Beine hat.=«
-
-Ritterliches Verhalten einzelner Gegner erfreut ihn. Und noch kaum einen
-zweiten Deutschen hab' ich über gute Eigenschaften, über zähe Tapferkeit
-und kriegstechnische Leistungen unserer Feinde so objektiv, so gerecht
-und anerkennend urteilen hören wie den Deutschen Kaiser. Das sollten
-einmal jene von ihm hören, die alle feindliche Welt jetzt erfüllen
-mit ihren urteilslosen Pamphleten wider ihn, mit den aberwitzigsten
-Karikaturen und den niedrigsten Beschimpfungen.
-
-Auch gegen England hörte ich vom Kaiser kein im Zorn maßloses Wort.
-Jedes Urteil, das er da ausspricht, bleibt doch, so streng es
-auch manchmal klingt, immer innerhalb der Grenzen einer vornehmen
-Zurückhaltung. Doch hört man, wenn von den Germanenvettern über dem
-Kanal die Rede ist, aus seiner Stimme ein leises, kaum merkliches
-Vibrieren. Dabei mischt sich seine Rede mit Bildern von scharfer
-Prägung, mit Gleichnissen von schlagender Kraft.
-
-Im Gespräch mit dem Vertreter eines neutralen Staates sagte der Kaiser:
-»=Sie sind doch Sportsmann? Wenn bei einem Wettrennen nach und nach alle
-schwächeren Konkurrenten ausscheiden, und es ringen nur noch die zwei
-stärksten Pferde um den Sieg -- haben Sie es da schon einmal gesehen,
-daß der Jockei des Pferdes, welches nachzulassen droht, mit der Peitsche
-nach dem Jockei des Pferdes schlägt, das ehrgeiziger und besser bei
-Kräften ist?=« Ein Kopfschütteln des Sportsmannes. »=Nun? Warum schlägt
-dann England nach uns? Warum schlägt es nicht auf seinen faulwerdenden
-Gaul?=«
-
-Und noch ein anderes Kaiserwort, von dem ich glaube, daß es festgehalten
-werden muß:
-
-»=Viele von den Leuten, die uns Deutsche immer nach Äußerlichkeiten des
-Schliffes beurteilen und uns immer Barbaren nennen, scheinen nicht zu
-wissen, daß zwischen Zivilisation und Kultur ein großer Unterschied ist.
-England ist gewiß eine höchst zivilisierte Nation. Im Salon merkt man
-das immer. Aber Kultur haben, bedeutet: tiefstes Gewissen und höchste
-Moral besitzen. Moral und Gewissen haben meine Deutschen. Wenn man im
-Ausland von mir sagt, ich hätte die Absicht, ein Weltreich zu gründen,
-so ist das der heiterste Unsinn, der je über mich geredet wurde. Aber in
-der Moral, im Gewissen und im Fleiß der Deutschen steckt eine erobernde
-Kraft, die sich die Welt erschließen wird!=«
-
-Unser Kaiser ist ein Deutscher im Sinne seines eigenen Wortes.
-
-Das alles durfte ich erzählen und glaubte es erzählen zu müssen. Wird
-auch den toll gewordenen Lästerhähnen aller uns feindlichen Länder
-der »zweite Attila« vorerst nicht auszureden sein, so werden diese
-Charakterzüge und Worte des Kaisers doch dazu beitragen, daß wir
-Deutschen sein innerstes Wesen richtig erkennen.
-
-Dieser Abend in dem kleinen französischen Wintergarten -- es waren
-außer dem Großadmiral von =Tirpitz= als Gäste noch zwei Offiziere da,
-von denen der eine als Kurier aus Konstantinopel, der andere als Kurier
-aus dem Osten, vom Heere des Feldmarschalls Hindenburg, gekommen war --
-dieser Abend gab mir auch noch andere Dinge zu hören, sehr erfreuliche
-und verheißungsvolle! Die muß ich in mir verschließen. Nur dieses eine
-darf ich sagen: =Als ich an diesem Abend unter rauschenden Regengüssen
-zu meinem engen Grillenhäuschen heimwanderte durch die finstere Nacht,
-da sah ich unsere deutsche Sonne glänzen, groß und schön!=
-
-
-
-
- 6.
-
-
- 24. Januar 1915.
-
-Alles ist grau in grau verschwommen. Der Regen plätschert, und was Strom
-oder Bach heißt, ist wie ein wildes Tier. Bei jeder Wasserpfütze, in die
-ich trete, bei jedem Schlammloch, in das ich hineintappe, muß ich an
-unsere Soldaten denken, die in den verpfuhlten Schützengräben liegen.
-Bei uns zu Hause geht man unter dem Regenschirm oder bleibt daheim oder
-sitzt im Kaffeehaus. Mag es so sein! Wenn wir nur des Unterschiedes nie
-vergessen!
-
-Gegen zehn Uhr morgens wird es ein bißchen heller. Im Auto, das mich
-abholte, geht's nach Bellevue hinaus. Eine Enttäuschung. Das Schloß,
-in dem Napoleon seinen Degen an den König von Preußen übergab, ist
-abgesperrt; es hat bei Beginn des Krieges schon empfindlich gelitten;
-nun soll diese heilige Gedächtnisstätte der Deutschen vor jeder weiteren
-Zeitgefahr behütet werden. Der Park ist umzogen von einem Zaun aus
-Stacheldraht, und ein deutscher Posten steht Wache. Das Schloß ist
-leer, seine Fenster sind mit Brettern verhüllt, sind geschlossene
-Augen. Ich will davongehen. Da befällt mich eine tiefe Erschütterung
--- ich sehe die ersten deutschen Soldatengräber dieses Krieges: kleine
-lehmgelbe Hügel, schwächliche Holzkreuze, die geheiligten Namen kunstlos
-daraufgeschrieben, geschmückt mit Kränzen und Tannengewinden, denen man
-es ansieht, daß sie von harten Männerfäusten geflochten sind.
-
-Lange steh' ich mit entblößtem Kopf. Und ich sehe nimmer die Gräber,
-nicht den Acker, nicht das Schloß und nimmer den triefenden Wald. Ich
-höre nur in der Morgenstille den leisen, ruhelosen Fall von unzählbar
-vielen Tropfen und sehe deutsche Städte und deutsche Dörfer, deutsche
-Straßen und deutsche Stuben, sehe Kinder, die froh sein möchten und
-verschüchtert sind, und sehe Mütter, Frauen und Mädchen, alle in
-schwarzen Kleidern, mit blassen Gesichtern und entzündeten Augen.
-Vieltausendfach ist der Tod über die Wiesen des deutschen Glückes
-hingegangen, und in der Heimat fallen der Tränen mehr als Tropfen da
-drüben in dem regennassen Wäldchen von Bellevue. Doch aus den blassen
-Gesichtern, die ich sehe, spricht etwas anderes heraus, als es sonst
-der Gram um versunkene Menschen ist, die uns teuer waren. Die Trauer,
-die ich sehe, ist gefaßter, edler und heiliger. Stolz und Schmerz sind
-verschwistert in ihr. Wir alle, die wir um der Heimat willen verlieren
-mußten, sei es an teuerem Leben oder an Gut, wir alle wissen, wofür wir
-es hingaben.
-
-Während ich die Gräber verlasse, bleibt in mir eine Stimmung wie
-nach dem Gottesdienste, bei dem vom sehnsüchtigen Auszug und von der
-gesegneten Heimkehr der Magier aus dem Morgenlande gepredigt wurde.
-So betrete ich auf der Landstraße zwischen Bellevue und Donchery
-das alte kleine Haus, in welchem Napoleon auf Bismarck wartete. Ein
-niederes, fast leeres Stübchen. Es steht da nur ein Glasschrank mit
-Erinnerungen und ein Tisch mit zwei Strohsesseln. Auf dem einen
-dieser Stühle hat Napoleon gesessen, auf dem anderen Bismarck. In dem
-Glaskasten zeigen kleine Blätter die Handschriften unseres Kaisers,
-des deutschen Kronprinzen und anderer Fürsten. Jedes Blatt ist an
-den Ecken beschwert mit den Zwanzigmarkstücken, welche die Hüterin
-dieses Hauses als Geschenk erhielt. Damals, am Sedanstag, war sie eine
-Sechsundzwanzigjährige, jetzt ist sie eine Greisin mit weißem Haar. In
-dem ruhigen Ton, mit dem die Kustoden von Kunstsammlungen zu sprechen
-pflegen, erzählt sie, wie sie während jener Schlacht mit ihrer Familie
-im Keller saß und die Granaten sausen hörte, die über das Hausdach
-hinüber und herüber flogen. Geradeso wäre es jetzt wieder gewesen, beim
-Kampf und bei der Zerstörung von Donchery. Von der freundlichen Güte
-unseres Kaisers erzählt sie und von den vielen hohen Gästen, die in ihr
-berühmtes Haus kommen. Von den tausend anderen, ungefürsteten Besuchern
-dieses Raumes erzählen die Wände, die Türbretter, die Fenstergesimse,
-sogar die Stubendecke -- alle Plätze, auf die man seinen Namen schreiben
-kann. Eine wunderliche und rührende Tapete: diese Tausende von deutschen
-Namenszügen!
-
-Beim Gehen, unter der Türe, sag' ich zerstreut: »Auf Wiedersehen!« Die
-Greisin erschrickt: »Nein, mein Herr, nein, nein! Da wäre doch =wieder=
-Krieg! Das muß der letzte sein!« Sie lächelt. »Kommt noch einer, so leb'
-ich nimmer!«
-
-Ein Anstieg über eine Feldhöhe. Niedergetretener Hafer und ungeerntete
-Rüben. Manchmal neben der Straße ein halb wieder zugeschütteter
-Schützengraben. Dürr gewordene Laubhütten, die den Soldaten als
-Unterstände bei Regen dienten. Und lange, breite Drahthindernisse, jetzt
-zerschlagen und zerstampft. Wie kleine dünne Schlangen ringeln sich
-überall die entzweigeschnittenen Drähte aus dem Kraut heraus.
-
-Hohe, von Gestrüpp überwucherte Erdwälle und hinter ihnen etwas sehr
-Sonderbares -- es sieht aus wie ein gewaltiger Termitenhaufen mit vielen
-Einschlupftrichtern: das von den Deutschen eroberte und zerstörte Fort
-des Aivelles, dessen Kommandant sich, als die Feste fiel, eine Kugel
-durch den Kopf jagte. In einem Föhrenwäldchen liegt das Grab, das ihm
-die Deutschen gruben, und das sie zur Ehrung dieses Braven in sinniger
-Weise schmückten. Die Hälfte seiner Besatzung war ihm davongelaufen,
-bevor die erste deutsche Granate kam -- noch heute liegen an vielen
-Stellen die roten Hosen umher, die diese Sorgenvollen herunterzogen, um
-sie durch minder gefährliche Bauernhosen zu ersetzen.
-
-Meinen Weg sperrt solch ein riesiger Termitentrichter: die
-Einschlagstelle eines deutschen Haubitzengeschosses. Ein Loch vom
-Umfang einer Stube, drei Meter tief, und drunten sieht man durch
-einen zerrissenen Schacht hinunter in einen schwarzen Keller, in
-die »granatensichere« Kasematte, deren Betondach der deutsche Schuß
-zertrümmerte. Überall Vernichtung; zwei Meter dicke Mauern sind zerrupft
-wie Fließpapier; nur die Torhalle hat standgehalten; hier liegt noch das
-französische Pulver in den Gewölben. Heiter schwatzende Landsturmmänner
-sind mit dem Sortieren des Beuterestes beschäftigt; alles wird
-gesammelt, was sich für deutsche Zwecke wieder verwenden läßt: Eisen,
-Kupfer, Messing, Zinkblech, Bleiröhren und Gummi. Über Trümmerhaufen und
-durch Granatenlöcher klettere ich hinauf zur Plattform des Forts. Die
-Kanonen, die hier stumm gemacht wurden, sind schon verschwunden, nach
-Deutschland gebracht. Nur die Verwüstung ist noch da, mit grauenvollem
-Gesicht, mit etwa vierzig Granatentrichtern, die aussehen wie tief
-eingesunkene Todesaugen. Ein Schuß hat den hohen eisernen Mast der
-französischen Flagge umgeworfen, hat die Spitze in den Grund gebohrt und
-den schweren Fuß in die Luft gehoben.
-
-Meine Augen irren über dieses stumme und doch schreiende Bild des
-Unterganges hin. Ein schmerzender Schauder überrieselt mich bei dem
-Gedanken, daß unsere deutschen Festungen so aussehen könnten wie dieser
-leblose Trümmerhaufen -- wenn wir nicht die Stärkeren wären und nicht
-die Ausdauer und den Willen hätten, es auch zu bleiben.
-
-Immer rieselt der Regen, dichte Wolken jagen über Hügel und Wälder hin,
-und graue, wogende Dünste verschleiern, was Landschaft heißt. Alles
-Französische scheint sich in deutsches Feldgrau verwandelt zu haben. Aus
-diesem unübersehbaren Heere lösen sich immer wieder einzelne Gestalten
-sichtbar ab: Soldaten, welche die Landstraßen und die Brücken bewachen.
-Bei jedem zweiten oder dritten Kilometer gibt's einen Aufenthalt der
-Fahrt, eine Schranke, eine Visitation. Mein Ausweis öffnet mir jeden
-Schlagbaum. So geht's in fünfstündiger Autohetze über Hirson und
-Guise nach St.-Quentin, in dem es wimmelt von deutschen Kriegern. Wo
-kommen sie nur alle her? Ganz märchenhaft ist ihre Menge. Und daheim,
-bei meiner Reise durch deutsches Land, war es ebenso! Sei gesegnet,
-meine Heimat, du unerschöpflichster aller Menschenbrunnen! Und England
-will uns vernichten? Uns? Wäre diese britische Sehnsucht nicht so
-verbrecherisch, sie müßte drollig wirken in ihrer Torheit.
-
-Bei sinkendem Abend erreiche ich die Stadt Peronne. Wieder dieses
-gleiche Soldatengewimmel, noch dichter als in St.-Quentin! Der große
-Stadtplatz, auf dem ein gutes Denkmal der Marie Fouré zu sehen ist,
-einer französischen Heimatsheldin vom Geiste der Jungfrau von Orleans --
-dieser Platz, den der stumpfköpfige, mit dem gallischen Hahn geschmückte
-Turm der Kathedrale überragt, sieht mit seiner Soldatenmenge aus wie
-daheim in München der Marienplatz nach einer Parade am Königstag. Aber
-bin ich denn in der Fremde? Bin ich nicht wirklich daheim? Überall
-bayerische Klänge. Münchner Laute! Ich fasse einen Feldgrauen am Arm:
-»Grüß Gott, Landsmann! Woher sind Sie denn?« -- »Von Hoadhausen!« --
-»Und wie geht's immer?« -- »Guat. Warum soll's denn schlecht gehn?« --
-»Aber eine aufregende Zeit das! Nicht?« -- Er sieht mich an, als hätte
-ich eine Sprache geredet, die er nicht versteht; dann lacht er ein
-bißchen: »Gell, Sö kommen grad von dahoam? Ja ja, da =san= d' Leut a
-so. I woaß net, warum?« -- Was dieser eine sagt, das gleiche lese ich
-aus allen Gesichtern und Augen, hör es aus allen Worten. Hier im Feld
-ist die Ruhe, das Bewußtsein der deutschen Kraft. Zapplig, ohne Geduld
-und aufgeregt sind nur wir zu Hause. -- »=I woaß net, warum?=« sagte
-der brave Feldgraue, der jetzt vier Tage Rast hat und dann wieder vier
-Tage im Schützengraben stehen muß. =Ohne= Regenschirm! Gäb' es einen,
-der ihm dienen könnte, so müßte es einer sein, der, statt mit Seide oder
-Baumwolle, mit daumendicken Stahlplatten bezogen ist. Und für =alle=
-fallenden Tropfen würde der =auch= nicht helfen!
-
-Mein erster Weg zu Peronne führt mich ins Kriegslazarett. Hier liegt
-ein junger deutscher Offizier, der mir lieb ist. Ein stummes, festes
-Umhalsen. Dann sitz' ich an seinem Bett, und seine fieberheiße Hand ruht
-in der meinen. Aber diese Sorge, die schon wieder verläßliche Hoffnung
-ist, gehört mir allein. Davon will ich nicht sprechen. Ich bin hier, um
-zu schauen und um der Heimat zu erzählen, wie meine Reise zur deutschen
-Front eine Reise zum deutschen Glauben wurde.
-
-Im Lazarett muß ich Bilder sehen, die hart sind und in die Seele
-schneiden. Ich will sie nicht schildern; wir alle wissen, was Leiden
-und Schmerz des Krieges heißt. Aber was ich sehe, predigt mir gleich in
-der ersten Stunde die dankbare Bewunderung für unsere deutschen Ärzte
-und für den stillen, geduldigen Opfermut unserer Schwestern vom Roten
-Kreuz. Und diese Blankheit des Lazarettes, diese Ordnung und Sauberkeit!
-Überall, wo unsere Ärzte einzogen, mußten sie wider den französischen
-Schmutz zuerst das Wunder der Reinlichkeit wirken.
-
-Aus einem Lazarettraum, an dessen halboffener Tür ich vorübergehe, hör'
-ich in der sonst tiefen Stille des Hauses einen fast kindlich klagenden
-Singlaut: »Oooohlala, ooohlala, ooohlala!« So ähnlich sangen einmal auf
-der Münchner Theresienwiese die Aschantimädchen. Ich frage einen Wärter:
-»Was ist denn das?«
-
-Er brummt: »=Ah mei', so a wehleidiger Franzos, der grad verbunden wird!
-Gar nix halten s' aus, allweil müssen s' wuiseln. Die Unsern beißen die
-Zähn übereinand, da hörst kein Laut net! Is halt doch an anderer Schlag,
-Gott sei Dank!=«
-
-Ich spreche ihm das in meinem Herzen nach: »Gott sei Dank!« -- Noch am
-gleichen Abend erzählt mir ein hoher Offizier, daß unsere Feldgrauen
-für die Franzosen diesen Spitznamen aufbrachten: »Der =Ohlala=!« Und
-noch einen anderen haben sie: »Der =Tuhlömong=!« Wo die feindlichen
-Schützengräben nahe bei den unseren liegen, kann man häufig das
-französische Kommando hören: »_Tout le monde, en avant!_« -- Das Ganze
-vor! Bleibt dieser Befehl ohne Folge, was häufig geschieht, dann sagen
-unsere Feldgrauen lachend: »Heut mag er net, der Tuhlömong!«
-
-Als ich aus dem Lazarett auf die Straße trete, fällt der gottverwünschte
-Regen schon wieder in dicken Schnüren. Nur dieses Rauschen; die
-Häuser der Stadt sind still und finster, alle Türen und Fensterläden
-geschlossen; nach Einbruch der Dunkelheit darf sich bei schwerer
-Strafe niemand von der einheimischen Bevölkerung mehr auf der Straße
-zeigen. Außer den einquartierten Soldaten wohnen da nur noch Greise und
-Knaben, Frauen, Mädchen und Kinder. Alle Wehrfähigen sind fortgeführt
-oder dienen im französischen Heer. Ob diese Dienenden noch leben,
-oder gefallen, oder gefangen sind, das weiß hier niemand. Seit vier
-Monaten sind die Einheimischen ohne Nachricht von ihren Vätern und
-Söhnen im Heer; jeder Briefverkehr mit Angehörigen jenseits der Front
-ist ihnen zur Verhütung von Spionage verboten. Krieg! Was mag hinter
-den geschlossenen Fensterläden, durch deren Ritzen das scheue Licht
-herausquillt in die Regennacht, aus verschlossenem Gram und Zorn
-geflüstert und geknirscht werden! -- Bei uns daheim ist es anders! Da
-ist Licht und Leben und unbedrückte Freiheit! Auch Leid und Schmerz,
-gewiß! Das hat seine harten, unvermeidlichen Gründe! -- Aber unsere
-nervöse Ungeduld, die sich manchmal versteigt zu sinnlosem Klatsch und
-zu Worten voll übler Ungerechtigkeit wider unser Heer und seine Führer?
--- Wie sagte der brave Feldgraue von Haidhausen? »I woaß net, warum?«
-
-Auf dem dunklen Stadtplatz, bei dessen wenigen Laternen die
-Wasserpfützen des Pflasters glitzern, nähert sich mir ein mächtiges
-Rollen, Schnauben und Knattern. Wie ein langer, langer Zug von schwarzen
-Ungetümen saust es aus der Nacht heraus und in die Nacht hinein. An
-die vierzig oder fünfzig Lastautomobile mit angehängten Wagen! Und
-alle sind vollgepfropft mit jungen deutschen Soldaten! Die rauchen ihr
-Pfeifchen, ihre Liebeszigarren, und lachen und schwatzen! Und meine
-grüßenden Zurufe erwidern sie lustig, mit gesundem Frohsinn! Als ging'
-es zu einem Feste! Und sie fahren doch in die schwarze, vom Regen
-durchpeitschte Nacht hinaus, der Richtung zu, aus der man seit dem Abend
-immer ein dumpfes Rollen wie von einem schweren, näherkommenden Gewitter
-hört!
-
-Ich bekomme eine kleine nette Quartierstube, völlig »undevastiert«,
-obwohl vor mir schon viele Deutsche da gewohnt haben. Der Kamin hat
-Geheimnisse -- man bringt ihn wohl dazu, daß er brennt, aber nicht, daß
-er heizt. Doch der Gedanke an die da draußen, die noch viel nässer sind
-und noch viel härter frieren, macht mich geduldig. Auch tröstet mich
-wieder das famose französische Bett. Ein Segen für uns, daß Frankreichs
-gute Armee nicht =so= gut ist, wie seine Betten sind. Da hätten unsere
-Feldgrauen noch viel härter zu beißen, und wir zu Hause müßten noch
-=viel= geduldiger sein, als wir jetzt schon -- =nicht= sind!
-
-Aller Güte dieses Bettes zum Trotze kann ich nicht schlafen. Immer
-rollt der Kanonendonner. Ein paarmal hör' ich den schweren Schlag einer
-explodierenden Mine. Die Fensterscheiben klirren und das ganze Hans
-zittert, obwohl ich etwa acht Kilometer vom Schusse bin. Spring' ich
-zum Fenster hin, so seh' ich die Lichtbündel der Scheinwerfer über die
-Wolken huschen. -- Wo sind die Minen aufgegangen? Sind Deutsche, sind
-Franzosen zerschmettert und zerrissen in die Luft geflogen? -- So sieht
-die »Ruhe« aus, die wir bei der Front vermuten, wenn die Depeschen
-melden: »=Nichts Neues!=« Wir müssen lernen, zwischen den Zeilen der
-Telegramme zu lesen. Mir ging es kalt durch die Adern, als ich heute von
-diesem Minenkrieg erzählen hörte, von dieser Maulwurfsarbeit des Todes
-unter der Erde, zwischen Schützengraben und Schützengraben. --
-
-Am Morgen regnet's, regnet's und regnet's. Ein Wetter, um beim Gedanken
-an unsere Truppen zu verzweifeln! Dabei ist es noch ein Glück, daß die
-Unseren von härterem »Schlag« sind als die Franzosen, denen die Nässe
-und der Schlamm noch viel empfindlicher an die Haut gehen. Dieses
-fürchterliche Wetter ist schließlich doch auch ein Bundesgenosse der
-deutschen Robustheit.
-
-Ich denke das, während ich aus der Haustür trete, und da erbringt
-mir die Wirklichkeit einen Beweis, der mir Herz und Leib mit Freude
-durchglüht.
-
-Durch die grob gepflasterte Straße stampft es herauf -- wie das
-Volkslied sagt: in gleichem Schritt und Tritt. Sind das Franzosen? Die
-gleichen Franzosen wieder, die von der Armee des deutschen Kronprinzen
-gefangen wurden? Nein! Die Leute sind größer, kräftiger. Auch sind das
-keine Gefangenen, sie sind nicht bewacht, und sie tragen Waffen! Aber
-die Gewehre sehen aus, als hätte man sie aus einer Pfütze gezogen;
-Patronentaschen, Bajonett und Schanzeisen sind mit Schlamm umwickelt;
-und genau so, wie jene tausend gefangenen Franzosen, die ich gesehen,
-sind diese fünf-, sechshundert Deutschen von den Stiefeln bis über die
-Brust hinauf, bis zu Schulter und Hals so dick in gelben, klumpigen Lehm
-gewickelt, daß von den feldgrauen Uniformen nur wenige unbekleckerte
-Lappen noch zu sehen sind. Nicht anders sehen Tornister und Mäntel aus.
-Viele von den Leuten tragen trotz der Kälte die Hälse nackt und haben
-die Liebesgabenschlipse um den Rand der Stiefelschäfte herumgewickelt,
-damit sie den Dreck nicht auch noch in die Stiefel bekämen! Aber
-frische, gesunde, gutgefärbte Gesichter haben sie! Alle! Gut genährt und
-kraftvoll sehen sie aus! Und aus ihren hellen, ruhig-frohen Augen redet
-eine wahrhaft stoische Zufriedenheit mit aller Mühsal, die sie erdulden
-müssen für Heil und Schutz der Heimat.
-
-Nein! Was wir manchmal in den amtlichen Depeschen lesen, vom
-Gesundheitszustand und der guten Verfassung unserer Truppen, das ist
-nicht Stimmungsmache! Das ist =weniger= als die wundervolle Wahrheit,
-die ich jetzt, beglückt bis ins Innerste meiner Seele, mit eigenen Augen
-zu sehen bekomme.
-
-Es sind Mannschaften des =Münchener Leibregiments=, die nach der
-Ablösung aus den Schützengräben kommen, um vier Tage Rast zu haben.
-Straff und strack marschieren sie in dem von Schlamm und Nässe
-klatschenden Zeug an mir vorüber -- und weil ihnen ein hoher Offizier
-begegnet, rucken sie ihre Körper plötzlich auf, und die Stiefel stechen
-und klingen wie bei festlichem Parademarsch. Hinter ihnen bleibt
-auf dem groben Pflaster eine lange gelbe Lehmschlange, die im Regen
-allmählich ersäuft und verschwindet.
-
-So, wie in dieser Minute, hab' ich noch nie im Leben die Notwendigkeit
-und stählende Kraft der militärischen Erziehung unseres Volkes
-verstanden. Und ich begreife nun auch die verzagte, hoffnungslose
-Trauer, die ich hier in den Augen der Einheimischen sehe, wenn sie einen
-Vorbeimarsch unserer Truppen betrachten; sie sprechen es nicht aus; aber
-man fühlt es, daß sie denken: »=Ihr seid die Sieger!=«
-
-Neben aller stolzen Freude zitterte mir doch auch eine Sorge im Herzen,
-und ich fragte den Offizier, der neben mir stehen geblieben war: »Um
-Gottes willen, die Leute haben doch nur die =eine Uniform=, wie werden
-sie denn wieder trocken und sauber?«
-
-Er lachte: »Ja, das weiß ich nicht. Aber morgen sind sie's wieder. Die
-meisten helfen sich so, daß sie sich in dem nassen Schmutz auf ihr Stroh
-legen und die Kleider am Leib trocknen lassen. Andere machen es anders.
-Neulich sah ich einen in einer eiskalten Pfütze stehen und die Kleider
-waschen, die er am Körper trug. Ich fragte: >Mensch, was machen Sie
-denn da?< Der Mann sagte: >Ja, mei', wie soll ich's denn machen? Mei'
-Zuig muß i endli amal sauber kriegen, nacket kann i mi net herstellen,
-muß i's halt =so= machen!< Er wusch und rippelte weiter! Und das
-Merkwürdigste an der Sache ist, daß wir noch nie so wenig Revierkranke
-gehabt haben wie jetzt.« --
-
-Ich glaubte bisher, vom ersten Tage des Krieges an, jede Pflicht gegen
-meine Heimat als Deutscher gewissenhaft erfüllt zu haben. Jetzt weiß
-ich, daß ich noch mehr hätte tun müssen, um als Bürger dem Soldaten zu
-helfen.
-
-
-
-
- 7.
-
-
- 27. Januar 1915.
-
-Vorgestern, bei Anbruch der Abenddämmerung, zur Vorfeier von Kaisers
-Geburtstag, war Kirchenkonzert in der alten Kathedrale von Peronne.
-Die Offiziere in den Chorstühlen. Und die drei Längsschiffe der Kirche
-dicht gefüllt mit deutschen Soldaten. An die Tausend waren es, alle
-gewaschen und sauber gebürstet. Unbeweglich, den Helm oder die Mütze
-vor der Brust, saßen sie und lauschten dem kunstvollen Spiel der Orgel
-und den ernsten Liedern, die gut gesungen wurden. Und als zum Schlusse
-des Konzerts die Orgel zusammen mit den Bläsern der Militärkapelle
--- wahrhaftig, ein »brausender Donnerhall« -- die Wacht am Rhein
-intonierte, erhoben sich die Tausend und das große deutsche Lied
-schwoll empor in die gotischen Gewölbe wie ein schönes, kraftvolles und
-inbrünstiges Gebet.
-
-Barbaren-Andacht! Ja! Die Franzosen sagen doch jetzt, daß wir spirituell
-minderwertig und zivilisatorisch zurückgeblieben wären, weil wir Musik
-haben, der Musik bedürfen und sie lieben! Wir sind ihnen wie giftige
-Schlangen, die sich durch Pfeifenspiel für Minuten bändigen lassen.
-Solchem Wahnwitz gegenüber muß man heiter werden und an den kropfigen
-Zillertaler denken, der einem makellos gewachsenen Fremden begegnet und
-dabei sein kropfiges Söhnchen ermahnt: »Tu nit spotten, sonst straft
-dich Gott, und du wirscht die gleiche Mißgeburt wie der!«
-
-Und gestern, am Vorabend des Kaisertages, als aus schwimmenden Nebeln
-eine dunkle Nacht herunterstieg, wurde auf dem großen Stadtplatz der
-Zapfenstreich geschlagen. Keine aufdringliche Feier. Ein militärisches
-Fest, würdig in Grenzen gehalten, einfach, vornehm, und gerade deshalb
-so schön und ergreifend, etwas herrlich Helles auf dem finsteren
-Hintergrunde der Zeit. Wie eine ruhige Leuchtwoge schwamm die vierfache
-Reihe der Fackeln über den schwarzen Stadtplatz her und formte ihren
-Flammenkreis um die Militärmusik. Außerhalb des Kreises standen die
-Soldaten. Kopf an Kopf, so weit man in der Nacht zu sehen vermochte.
-Die Jubelouvertüre. Noch ein paar andere, gutgewählte Musikstücke.
-Dann der alte bayerische Zapfenstreich; seine strengen, geheimnisvoll
-verhaltenen Trommelwirbel rütteln das Blut auf, seine munteren
-Bläserweisen besänftigen es wieder. Nun tiefe Stille über dem weiten
-Platz. Mit kurzen, markigen Worten brachte der Kommandierende des Korps,
-General v. Xylander, das Hurra auf unseren Kaiser aus. Und die tausend
-jauchzenden Soldatenstimmen klangen, als wär' es nur ein einziger
-Schrei, das stolze und frohe Aufjubeln eines Riesen. »Deutschland,
-Deutschland über alles!« Und die leuchtende Fackelwoge schwamm still
-davon, der Platz wurde finster.
-
-Während der Nacht vernahm ich immer den fernen Kanonendonner. Und noch
-etwas anderes hörte ich. Immer. Unter der Stube, in der mein Quartier
-ist, wohnen und schlafen der Besitzer des hübschen Hauses, seine
-greise Mutter und seine Magd in einer kleinen Kammer. Zwei Söhne und
-drei Brüder sind im französischen Heer; von denen haben sie seit Mitte
-September nichts mehr gehört. Die Leute sind freundlich zu mir; sie
-sagen nur Dinge, von denen sie hoffen, daß ich sie gerne höre. Ich weiß:
-was sie denken, verschweigen sie; und wenn sie zu lächeln versuchen,
-haben sie einen Zug voll Schmerzen um den Mund. So oft ich in die Küche
-trete, schrickt die greise Frau heftig zusammen. Vor =mir=! Sie glaubt
-nicht, daß ich lieber ihre runzelige Hand streicheln als sie erschrecken
-möchte. Und diese drei Leute hör' ich reden in jeder Nacht, unter meiner
-Stube, mit bebenden Stimmen, ganz leise. So hab' ich sie auch immer in
-dieser Nacht gehört, nach dem Zapfenstreich. Und die zitternden Stimmen
-erloschen nur, wenn draußen auf der Straße die Stahlschritte eines
-Soldatentrupps vorüberklirrten, der zur Ablösung in die Schützengräben
-zog.
-
-=Mich= sangen diese Lieder, die sich immer aufs neue wiederholten, in
-einen festen und ruhigen Schlaf. --
-
-Nun ist der Morgen da. Es regnet nicht. Aber der Himmel ist grau
-umdunstet. Sonne, Sonne, wo bleibst du denn? Bist du daheim in
-Deutschland?
-
-Eine Ruhe ist in mir, die ich nicht schildern kann. Ich empfinde sie,
-wie man die Luft des werdenden Frühlings fühlt. Alle Unzufriedenheit und
-Ungeduld, alles Nervöse und Zappelige, auch alle Sorge um materiellen
-Verlust ist abgestreift von mir. Das zählt nicht. Nur Arbeit und Kraft
-der Gegenwart zählen, nur unsere deutsche Zukunft!
-
-Mit vielen Soldaten hab' ich mich angefreundet. Was in ihren gesunden
-Knochen ist, fließt über in mich. Wir zu Hause, wir =glauben= im besten
-Falle an den Sieg -- hier im Felde =wissen= sie alle: wir siegen. Aber
-eines weiß ich jetzt auch schon: daß der Krieg etwas völlig anderes
-ist, als ich in der Heimat vermuten und sehen konnte. Er ist etwas viel
-Schrecklicheres, aber auch etwas viel, viel Schöneres!
-
-Was wird dieser neue Tag mir wieder zeigen?
-
-Die Fahrt geht am Ufer der Somme entlang. Auch unter den trüben
-Nebelschleiern ist es noch eine wundervolle Landschaft. Über eine Breite
-von vierhundert Meter verzweigen sich Kanäle, Strom, Altwasser und
-Sümpfe, durchsetzt von malerischen Röhrichtfeldern, in denen Schwärme
-von Wasserhühnern und Wildenten umherschlüpfen.
-
-Nun steh' ich vor einem Meisterwerk der deutschen Pionierkunst, vor
-der fast fünfhundert Meter langen Holzbrücke über die Sümpfe der
-=Somme=. Als der Bau begonnen wurde, verschwanden die ersten als
-Pfosten eingetriebenen Baumstämme vollständig im grundlosen Schlamm.
-Dennoch wurde dieses Sumpfhindernis, von dem die Franzosen erwartet
-hatten, daß es den Anmarsch der Deutschen um viele Wochen verzögern
-würde, von zwei bayerischen Pionierkompagnien durch den Bau dieser
-Brücke in =fünf Tagen= überwunden. Wie zierliches Filigranwerk sehen
-diese Holzverschränkungen aus und tragen Regimenter, schwere Geschütze
-und lange Züge von Lastautomobilen. Über den Kanälen hat die Brücke
-ausschwingbare Bogen zum Durchlaß der Schiffe! Und alles in fünf Tagen
-entstanden!
-
-Das Materialdepot dieser märchenhaften Arbeit, der Pionierpark,
-ist untergebracht in einer großen, zerschossenen und ausgebrannten
-Fabrik. Was da in kurzer Zeit durch deutschen Fleiß, deutsche
-Ordnung und deutsche Gründlichkeit entstand, das wirkt wie etwas
-völlig Unglaubhaftes. Man zweifelt noch, wenn man es mit eigenen
-Augen sieht. Das ganze Innere des zerstörten, nur noch von den kahlen
-Mauern umschlossenen Gebäudes ist durch Brettereinbauten in eine
-Reihe von Sälen, Stuben und Kammern verwandelt. Alle Räume sind mit
-hölzernem Fachwerk ausgefüllt und in peinlichster Genauigkeit mit
-allen Gattungen von Kriegsmaterial und Werkzeug vollgekramt. Alles ist
-da, vom Minenwerfer bis zum Schuhnagel. Ein lustiges Wunder ist der
-Schlafsaal, in dem ein paar hundert Pioniere und Soldaten ihr Quartier
-haben. In drei Reihen durchziehen den großen Raum die zweistöckigen
-Schlafschachteln -- ich finde keinen anderen Ausdruck -- die Hälfte der
-Leute schläft zu ebener Erde, die andere Hälfte im Oberstock dieser
-riesigen sechzigschläfrigen Bettladen. Heu und Stroh ersetzen die
-Matratzen, als Kopfkissen dient der Tornister. Ich frage: »Ist denn
-da gut zu liegen?« Alle lachen gleich, und einer sagt: »Ah, da is's
-gut, jetzt haben wir's fein!« In den Ecken stehen die eisernen Öfen
-und rings um die Mauern ziehen sich die hölzernen Tische und Bänke.
-Da sitzen die Leute, wenn sie Rast haben, und schreiben Briefe und
-Karten, oder essen, oder flicken ihr Zeug, oder spielen Tarock. Ein
-bisserl rauchig ist es in dem Raum, nicht von den Öfen -- die ziehen
-famos -- nur von den Pfeifen und Zigarren. Auch ein Badhaus ist da, und
-ein Duschraum, mit einem Fabrikskessel als Warmwasserreservoir und mit
-einer Feuerspritzenpumpe, die den »Hochdruck« liefert. Und der mächtige
-Hofraum ist ein Gewimmel von Soldaten, Pferden und Lastkarren, ein
-Durcheinanderhuschen von ruhelosem Fleiß.
-
-Weiter geht die Fahrt, über kahles Feld. Bald müssen wir halten -- das
-Auto kann oder darf aus irgendwelchem Grunde nimmer vorwärts. Ich stehe
-auf dem Acker, gucke herum und frage mich: »=Was ist da los?=« Nichts
-zu sehen, nur dieses stille, leblose Feld. Hinter dem Dunst des trüben
-Tages liegt da und dort ein Dorf. Und überall dunkle, kleine, niedliche
-Wäldchen. Ich denke mir noch: »Das müßte eine gute Fasanengegend sein!«
-Da hör' ich irgendwo in der Luft einen merkwürdigen Vogel singen. So
-ähnlich klingt es, wenn eine Radfahrersirene zu pfeifen anfängt. Mit
-uuuuh beginnt es, und mit iiiih hört es auf. Neben dem Saum eines nahen
-Wäldchens fährt weißer Dampf in die Höhe, der sich in schwarzen Rauch
-verwandelt und wie zum Qualm einer Brandstatt wird. Eine halbe Sekunde
-später ein schwerer Donnerschlag. Jetzt kapiere ich: was ich sehe und
-höre, ist der Einschlag einer französischen Granate. Alles ist schon
-lange vorüber, da hört man erst, acht oder zehn Sekunden später, den
-fernen Hall des feindlichen Geschützes.
-
-Auf dem weiten Felde ist kein Mensch zu gewahren. Doch! Mit dem Glas
-erkenne ich einen Soldaten, der nahe bei dem Wäldchen ruhig in einem
-Acker steht; er hat ein Notizbuch in der Hand und notiert etwas. Sehr
-friedlich sieht das aus. Wieder dieses Sausen in der Luft, wieder der
-aufwallende Rauch, ähnlich dem Atemzug eines vulkanischen Kraters,
-und wieder dieses Dröhnen. Eine um die andere kommt, über vier oder
-fünf Kilometer von der unsichtbaren feindlichen Stellung her. Und
-immer näher rücken sie gegen das Auto. Die beiden freundlichen
-Offiziere, deren Gast ich bin, wünschen sehr lebhaft, mich wieder im
-Auto zu sehen. In jagender Fahrt geht es davon. Hinter uns immer diese
-dumpfen Paukenschläge. Ob eine Granate zu der Stelle kam, wo unser
-Auto gestanden, weiß ich nicht. Wohl kaum. Die Beschießung gilt einer
-deutschen Batterie, die am Saum des Wäldchens vergraben liegt, aber
-an einer ganz anderen Stelle. Die Franzosen tasten seit Wochen in
-kostspieliger Munitionsverschwendung den ganzen Umkreis des Gehölzes mit
-Granaten ab, suchen immer diese fein versteckte Batterie und können sie
-nicht finden. Gott sei Dank!
-
-Die deutschen Kanonen bleiben stumm, und nach einer Viertelstunde
-schweigen auch die französischen Geschütze.
-
-Auf einem Umweg kehrt das Auto zu dem beschossenen Wäldchen zurück.
-Wir halten an der Somme, bei einer zerstörten Mühle, vor der eine von
-unseren berühmten =Feldküchen= dampft und sehr einladend duftet. Zum
-Kosten fehlt es an Zeit, wir müssen vorwärts. Überall Soldaten, überall
-Munitionswagen, überall Reiter und Radfahrer. Wir sind in der Nähe der
-deutschen Front. Durch Rübenfelder, deren ungeerntete Früchte schon
-wieder frische Blättchen zu treiben beginnen, blaßgrün wie junger Salat,
-kommen wir zu dem von den Franzosen angepulverten Wäldchen. Und jetzt
-soll =ich= die deutsche Batterie entdecken, die da steht! Ich habe
-ein Glas mit achtfacher Vergrößerung; immer gucke ich, aber ich finde
-nichts. Wohl sehe ich Prügelwege, die durch knietiefen Kot führen, sehe
-verschlammte Zufahrtswege und viele künstlich eingesteckte Bäumchen,
-aber keine Batterie. Man muß mich dicht vor das in die Erde eingegrabene
-Geschütz hinführen, damit ich merke, wo es steht. Die Höhlung ist
-bedeckt mit einem schön gewölbten Holzdach, das auf der Somme von einem
-französischen Schleppschiff abgenommen wurde. -- (Ganz wundervoll ist
-das, wie unsere Feldgrauen alles und jedes, was sie finden, für den
-besten und nützlichsten Zweck verwenden, dem es dienen kann. =Was=
-hier französisches Gut heißt, wird deutsche Wehr und Waffe.) -- Über
-dem Schiffsdeck ist wieder dicke Erde und wieder ein künstliches
-Gebüsch, als Deckung gegen die Späheraugen der Flieger. Unten nur ein
-schmaler Einschlupf, auf der anderen Seite die Ausschußöffnung für die
-Kanone. Zärtlich streiche ich das metallene Rohr, das für unser liebes
-Deutschland schon viele wirksame Donnerkeile aussandte. Und den klugen,
-lachenden Kanonieren drücke ich die Hände.
-
-Man zeigt mir ein deutsches Geschoß und ein belgisches von gleichem
-Kaliber -- die beiden sehen nebeneinander aus wie ein Mann und ein
-Kind. Solange die Sache nur Geplänkel ist, läßt man die belgischen
-Kinder fliegen, um deutsche Munition und deutsches Geld zu sparen.
-Wird's ernst, dann kommen unsere eisernen Männer dran. Ganz fürchterlich
-schlagen sie drein. In einem Kellerloch sind sie zu hohen Stößen
-aufgeschichtet, um ihrer Stunde zu warten.
-
-Nun spaziere ich am Waldsaum entlang, wo ich die französischen Granaten
-einschlagen sah. Zwischen fünfzehn Explosionstrichtern, die gegen die
-stubengroßen Granatenlöcher auf dem Fort des Aivelles aussehen wie
-Spucknäpfe, finde ich vier »Ausbläser« und drei »Blindgänger«.
-
-Durch Schlupfwege im verwüsteten Walde geht's zu einer Stelle, die
-genau so aussieht wie alles andere Gehölz. Hier soll ich abermals
-etwas entdecken. Erst nach längerem Spähen bemerke ich, daß aus einer
-Bodenstelle des gegen die französischen Linien gerichteten Waldsaumes
-etwas Bläuliches herauswirbelt. Dampft die Erde? Oder ist's Ofenrauch?
-Oder Zigarrenqualm? Über ein verstecktes Trepplein geht es hinunter.
-Das ist die Beobachtungsstelle der Batterie: ein Lehmsalon von etwa
-vier Quadratmeter; warm wie ein Backofen; immer schwitzen und triefen
-die Wände; ein Rauch, der die Augen zerbeißt; und ein Zwielicht,
-an das ich mich erst gewöhnen muß, bevor ich zu sehen beginne.
-Beim Ausguck steht das Scherenfernrohr; in die Lehmwand sind drei
-Telephonapparate eingebaut, und eine Ofenröhre dient als Sprachrohr.
-Ganz mystisch berührt es, wenn aus der Erde heraus die Stimmen quellen,
-die von der Batterie kommen, vom Unterstand der Mannschaft oder vom
-Offizierskellerchen. Mit uns dreien, die wir kamen, sind nun sieben
-Leute in dem kleinen Raum. Umdrehen kann man sich nimmer. Aber man
-plaudert und lacht -- und in dem kleinen Dreckloch ist ein frischer,
-gesunder Humor, den ich mit Herz und Händen fassen und heimschicken
-möchte.
-
-Ich sehe noch das feine Kellerchen, in dem der Batterie-Offizier
-sich aufhält. Das ist ein Lebenskünstler. Er hat ein Tischerl, ein
-Rokokofauteuilchen und ein zierliches Boudoirsofa, das ihm als Bett
-dient. Um darauf zu schlafen, ist es freilich viel zu kurz. -- »Aber«,
-sagt er, »wenn man die Beine gegen die Wand hinaufstellt, liegt man
-ganz ausgezeichnet!« Diese Wand ist mit persischen Teppichen bekleidet,
-die aus einer kaputtgeschossenen Villa stammen; immer dampfen sie im
-Kampf zwischen Wärme und Feuchtigkeit, und ihre Farben beginnen unter
-sprossendem Schimmel zu erlöschen. »Wenn 's Frühjahr wird,« sagt der
-junge Offizier mit seinem gesunden Lachen, »dann kann ich da Schwammerln
-züchten! Die eß ich gerne.«
-
-Durch einen Laufgraben, der nicht tief genug ist, um die Köpfe völlig zu
-schützen, müssen wir geduckt hinschleichen. Dieses stete Niederbeugen
-des Gesichtes hat etwas Gutes: man sieht immer ganz genau, wie tief
-die Stiefel in den vom Regen durchweichten Lehm hineinquatschen. --
-(Neulich versank ein allzu gewichtiger Reserveleutnant bis zu den
-Hüften; er selber konnte sich nimmer freimachen; als man ihn herauszog,
-hatte er keinen Stiefel mehr, nur noch =einen= Socken.)
-
-Immer ist ein feines Pfeifen in der Luft. Und von der Tiefe des
-Feldhanges, der sich hinuntersenkt gegen das Tal der Somme, klingt
-ununterbrochen ein lustiges Knallen herauf, als stände da drunten die
-Schießstätte des Münchner Oktoberfestes.
-
-Einmal, bei einer Biegung des Laufgrabens, sieht man hinunter ins
-Tal. Bis in weite Ferne kann ich mit dem Glas die aufgeworfenen Lehm-
-und Kreidesteinwälle der deutschen und französischen Schützengräben
-verfolgen. Manchmal nähern sie sich einander bis auf siebzig Meter
-und ziehen sich wieder auf drei-, vierhundert Meter zurück. Diese in
-die Ferne laufenden, gelben oder weißgrauen Striche bilden seltsame
-Ornamentlinien -- und diese kunstvolle Durchackerung der Natur läuft
-jetzt von der Kanalküste durch Nord- und Ostfrankreich bis gegen Basel.
-In diesen Ackerfurchen des Krieges liegt eine Million unserer Feldgrauen
-und wacht in verläßlicher Treue bei Tag und Finsternis, um unsere
-deutsche Heimat vor den Bildern der Vernichtung zu behüten, die ich
-hier auf französischem Boden sehe bei Schritt und Tritt. Seid dankbar,
-ihr Deutschen daheim! Bleibt ruhig, zuversichtlich und opferfreudig!
-Und denkt bei jedem Atemzuge an das Kaiserwort: »Soldat und Bürger, die
-beiden müssen einander helfen, so gut sie können!«
-
-Nirgends in der Landschaft ist ein Mensch zu sehen, alles öde, wie
-ausgestorben. Drunten im Tal, zwischen den deutschen und feindlichen
-Erdwällen, entdecke ich mit dem Glas auf einer fahlen Wiese zwei
-dunkelblaue Körper. Sie bewegen sich nicht, haben aber doch Menschenform
-und sehen aus wie friedliche Schläfer, die sich mit ihren Mänteln
-bedeckten: zwei gefallene Franzosen, die der Feind nicht zu holen und zu
-bergen wagte. So liegen die beiden schon seit dem 30. Oktober. Früher
-hatten sie vom Morgen bis zum Abend krächzende Gesellschaft; seit Wochen
-sind auch die Raben ausgeblieben.
-
-Der Laufgraben mündet in einen tiefen Lehmkessel. Früher war da eine
-französische Stellung, die zurückweichen mußte um zwei Kilometer;
-noch sieht man die Feuerlöcher und die aufgeschütteten Deckungen,
-Feldflaschen, Konservenbüchsen, auch eine rote, vom Regen fast farblos
-gewordene Reithose. Und zwischen Stauden guckt aus der Erde der stumme,
-grinsende Tod heraus. Ein gefallener Franzose! Seine Kameraden, denen
-nicht die Zeit blieb, ihn zu bestatten, haben ihn nur fußhoch mit Erde
-bedeckt. Der Regen hat die Schollen halb wieder davongeschwemmt. Eine
-skelettierte Hand, die noch im blauen Soldatenärmel steckt, greift
-sehnsüchtig heraus ins Leben, und der ganze Kopf liegt frei, fast schon
-ein Totenschädel, aber noch mit Augenbrauen und Haarbüscheln. Die
-Hirnschale ist völlig zertrümmert -- dieser Franzose hatte das Unglück,
-einem bayerischen Gewehrkolben in den Weg zu geraten.
-
-Das Bild, das sich da herausstahl, aus der gelben Erde, ist nicht
-widerlich, nicht ekelerregend. Nur ernst, tiefernst und erschütternd ist
-es.
-
-Du stiller Schläfer! Wer warst du? Wie klang dein Name? Wer weint
-um dich? Aus welchem Glück bist du herausgefallen, weil England es
-so begehrte von dir? Wir Deutschen hätten dir Leben und Namen und
-Glück gelassen. Aber England will bessere Geschäfte machen und seine
-Dividenden aufwärtsschrauben. Drum mußte dein Leben hinuntersinken!
-Bist du, früher ein Tor um Englands willen, jetzt unter der Erde ein
-Wissender geworden? Willst du wieder herauf in den Tag und die Hand
-erheben, um vor deinem Volk und Lande gegen den britischen Handelsmann
-zu klagen? -- Der Schläfer gibt keine Antwort. Er schweigt, wird ewig
-schweigen.
-
-Ich wende mich erschüttert ab. Weiter! Wieder in einen Laufgraben
-hinein, der sich immer tiefer in die Erde wühlt! Eine Wendung, und
-ich bin im Schützengraben. In langer Zeile seh' ich die Feldgrauen,
-nein, die Lehmgelben, bei den Schießscharten stehen. Scharf und hastig
-knallen die Schüsse, hin und her. Und immer wieder fliegt eines von den
-unsichtbaren Vögelchen, die so wunderlich pfeifen, über unsere Köpfe
-hinweg, surrt in die Erde hinein oder schlägt mit hellem Klirrton gegen
-einen Stahlschild.
-
-Etwas Heißes ist in mir. Der schwüle Atem des Krieges hat mich
-angehaucht.
-
-
-
-
- 8.
-
-
- 30. Januar 1915.
-
-Eine tiefe Erregung brennt mir in allen Nerven. Das Herz schlägt mir bis
-in den Hals herauf.
-
-Bei jedem Blick, bei jedem Schritt im Schützengraben seh' ich die
-tapfere Mühsal, die mutige Beharrlichkeit und treue Ausdauer unserer
-Feldgrauen, deren Uniformsfarbe völlig verschwindet unter dem gelben,
-klumpigen Lehmbehang.
-
-Alle zehn Schritte steht bei einem kleinen, mit Bohlen ausgelegten
-Guckloch oder bei den schmalen Schießscharten der Stahlschilde ein
-Wachtposten mit blitzenden Späheraugen, in den von Nässe und Kälte
-zerschrumpften Händen das schußbereite Gewehr. Immer wieder sticht
-dieses scharfe Knallen in die dunstige Luft, hier im Graben und drunten
-im Tal, und immer wieder geht dieses feine Pfeifen der Kugeln über
-unsere Köpfe weg. Keiner von den Wachtposten kümmert sich um uns, keiner
-salutiert die Offiziere, die mich führen, jeder ist mit gespannter
-Aufmerksamkeit bei den feindlichen Dingen, die da draußen sind.
-
-Von denen, die nicht auf Wache stehen, rasten die einen, die anderen
-arbeiten. Hier wird hastig geschaufelt, um den Schutt und Schlamm
-der vom Regen unterwaschenen und heruntergerutschten Lehmwände
-aus dem Graben zu werfen, eine Erdbewegung, die bei schlechtem
-Wetter ununterbrochen durch Tage und Nächte fortdauert. Dort werden
-Entwässerungskanäle gezogen und Löcher gegraben, in denen das Regen- und
-Sickerwasser versitzen kann.
-
-Der Boden des Grabens ist, weil es einen Tag lang nimmer geregnet hat,
-schon leidlich trocken; aber die mannshohen Wände sind so klebrig, daß
-sich bei jedem stützenden Griff alle Finger gelb umwickeln. Und so eng
-ist der Gang, daß man bald rechts und bald links mit Ellenbogen und
-Schultern, mit Knien und Hüften, beim Umdrehen und Ausweichen auch mit
-Brust oder Rücken an diesen Lehmteig anstreift.
-
-Jene Grabenschützen, die ein bißchen rasten können, sitzen oder liegen
-in den winzigen Schlupfen, die unterhalb der Schießscharten in die
-Lehmwände hineingehöhlt sind. Jedes Unterstandsloch hat knapp so viel
-Raum, daß zwei Soldaten sich nebeneinander zusammenhuscheln können;
-Wände und Decken sind manchmal, nicht immer, mit Brettern ausgepölzt;
-der Boden ist handhoch mit Stroh belegt, meist mit ungedroschenem
-Getreide, das von den Feldern weggerafft wurde; Mäntel, Zeltbahnen
-und Wolldecken, die in den Nächten vom Tropfwasser durchnäßt wurden,
-sind neben den Einschlupflöchern zum Trocknen aufgehängt; zuweilen
-ist in die Seitenwand der Löcher mit einigen Steinen ein kleiner,
-urweltlich ausschauender Ofen eingemauert, in dem die feuchten
-Prügelchen glühen und qualmen. Manche der Löcher sind mit Säcken
-verhängt, andere haben ein schützendes Türchen, das meist nur aus zwei
-oder drei zusammengenagelten Brettstücken besteht; aber auch feineres
-Material wurde zu diesem Zwecke verwendet: der grüne Fensterladen einer
-Villa, eine polierte Schranktüre, das bunt verglaste Fenster eines
-Gartenhäuschens; sogar die Kupeetür einer Droschke ist vertreten --
-alles herbeigeschleppt in finsteren Nächten, und an all diesen Dingen
-ist die Farbe halb verschwunden, alles ist gelb, alles gesprenkelt von
-den Griffen der lehmigen Hände.
-
-In diesen Löchern sitzen die Rastenden und schwatzen ruhig und heiter;
-jene, die in der Nacht bei den Schießscharten wachen mußten, liegen
-jetzt am Tag in einem so bleischweren Schlaf, daß kein lautes Wort und
-kein knallender Gewehrschuß sie zu wecken vermag; andere liegen auf
-dem Bauch, benützen den Tornister als Schreibtisch und kritzeln einen
-Kartengruß, der in die Heimat wandern soll.
-
-Von solch einem Schreibenden sah ich den Körper und die langsam bewegte,
-schwere Hand. Ich frage in das Loch hinein: »So? Wird an den Schatz
-geschrieben?« Da dreht sich ein blondbärtiges, strenges Gesicht herum,
-zwei blaue Mannsaugen sehen mich aus dem Zwielicht heraus sehr mißlaunig
-an, und eine unwillige Stimme sagt: »Was glaubst denn? An d' Frau!«
-
-Ich kann nicht schildern, wie dieses schöne grobe Wort auf mich wirkte.
-Es war mir wie ein wundervolles Lied von der redlichen Herzensreinheit
-dieses deutschen Mannes. Seine Frau, seine Kinder, seine Heimatstreue
-und seine Soldatenpflicht -- das ist seine Welt. Was anderes gibt es
-nicht für ihn. Und wie dieser eine, so sind Tausende, sind Millionen der
-Unseren. Wer will uns besiegen?
-
-Auf- und niederklimmend durch den engen Graben, stapfe ich an hundert
-Lehmgelben vorüber, an vielen Dutzenden von diesen Schlupfen und
-Löchern. Ich höre nimmer die Schüsse knallen, höre nimmer das Pfeifen
-der bleiernen Vögelchen, die über uns wegfliegen oder in die Lehmwälle
-preschen. Immer muß ich schauen, immer vergleichen zwischen der
-heldenhaften Geduld, die ich hier sehe auf Schritt und Tritt, und
-zwischen der nervösen und krittelnden Ungeduld, deren wir uns schuldig
-machen in der Heimat. Und immer muß ich rechnen: daß diese Tapferen seit
-Ende September, die mit Arbeit ausgefüllten »Ruhezeiten« abgerechnet, in
-diesem Graben und in diesen Lehmlöchern volle sechzig oder siebzig Tage
-und Nächte ausgehalten haben, ohne an Kraft und Gesundheit einzubüßen,
-ohne von ihrer treuen Beharrlichkeit, von ihrer geduldigen Ausdauer
-nur eine Faser zu verlieren. Nicht verloren haben sie, nein, sie haben
-noch gewonnen. Einer sagt zu mir: »Z'erst is mir's schon a bisserl hart
-worden. Jetzt kennt man sich besser aus und weiß, wie man's machen muß.
-Auf d'Letzt lernt der Mensch alles.«
-
-Mir werden die Augen feucht, und eine Weile vermag ich nimmer zu reden.
-Immer brennt die Frage in mir: »Was hat =der= da als Soldat geleistet,
-was =ich= als Bürger?« Ein bißchen gezahlt hab' ich, ein bißchen Geld
-eingebüßt, einen Teil meines Einkommens verloren, fast das ganze. Und
-da glaubte ich immer, was wunder ich leiste und trage und erdulde um
-meiner Heimat willen! Jetzt bin ich klein und stumm. Und eine heiße,
-schmerzende Scham ist in mir.
-
-Einer von den Gelben sitzt in seinem Lehmloch neben dem heftig
-rauchenden Steinherdchen. Er scheint sich sehr wohl zu fühlen, schneidet
-feine Scheibchen sorgfältig und liebevoll von einer heimatlichen
-Speckschwarte herunter und schmaust.
-
-Ich frage: »Schmeckt es?«
-
-Da nickt er lachend: »Ah ja! A bißl ebbes darf man sich schon vergunnen.
-Wer weiß, wie lang 's dauert?«
-
-Jetzt hör' ich plötzlich die Schüsse wieder, höre das Pfeifen der
-Kugeln. Und nicht weit von der Stelle, wo ich stehe, vernehm' ich einen
-wütenden Fluch: »Himi Herrgott Kreizteifi überanand!« Erschrocken
-springe ich hin. Ein langer Kerl mit zausigem Rotbart steht bei einer
-Schießscharte und repetiert das abgeschossene Gewehr. »Was ist denn,«
-frage ich, »sind Sie verwundet?«
-
-»I? Ah na! Aber da drunt, an dem roten Stadel, da is a Loch. Da schießt
-allerweil einer außi. Und dös Luder kann i net derwischen. Allweil
-pulver i ums Loch umanand. Nie bring' i's sauber hin.«
-
-Ich gucke neben dem Mann durch die Schießscharte hinaus und ins Tal
-hinunter. Der Ausschnitt der Landschaft, den ich sehe, ist wie ein
-Bild in hölzernem Rahmen: ein Stück Talgelände, die Erdwälle des
-französischen Schützengrabens und in der Mitte des Bildes ein halb
-in Schutt geschossenes, tot und öde liegendes Dorf mit umgestürztem
-Kirchturm und ausgebrannter Kirche. Alles, was Leben heißt, scheint
-erloschen da drunten. Aber Schüsse knallen, bald hier, bald dort; man
-sieht keinen Rauch, sieht keinen Feuerstrahl, weiß nicht, woher die
-pfeifenden Vögelchen kommen. Jetzt entdecke ich den »roten Stadel«; es
-ist ein plumper Bau aus Ziegelsteinen; und mitten in der roten Mauer
-ist ein kleiner, runder, schwarzer Fleck, ein in die Mauer geschlagenes
-Schießloch; von hier oben sieht es aus wie ein Tintenfleck, in
-Wirklichkeit mag es so groß sein wie ein Hut. Vierhundert Meter sind es
-bis dort hinunter. Eine feste Hand und ein sicheres Auge gehört dazu, um
-über solche Entfernung eine Kugel richtig auf den Fleck zu bringen. Ich
-gucke mit dem Feldstecher. In dem Loch ist nicht das geringste zu sehen,
-aber rings um den schwarzen Fleck herum erkenne ich an der roten Mauer
-die Einschlagtupfen der Kugeln, die umsonst da hinuntergeflogen sind.
-
-»Wart', Brüderl,« sagt der Rotbärtige, noch mit heißem Zorn in der
-Stimme, und schiebt den Gewehrlauf langsam durch die kleine Scharte des
-Stahlschildes hinaus, »jetzt wird amal aufpaßt, urdentli!«
-
-Drunten knallt es, der französische Vogel pfeift, und über unseren
-Köpfen spritzt der Lehm auseinander. Ich mache flink einen Schritt nach
-rückwärts, drehe mich um dabei -- und muß herzlich lachen. Neben einem
-Gängelchen, das seitwärts hinaus gegraben ist, seh' ich eine kleine
-Holztafel hängen mit der Inschrift: »Zur Latrine und zur Kochstelle!
-Bitte nicht verwechseln!«
-
-Solcher Heiterkeiten sind im Schützengraben neben der schlummerlosen
-Gefahr noch viele zu finden. Ein paar Dutzend Schritte weiter, neben
-dem Türchen, hinter dem der Unteroffizier seinen Nachtschlupf hat,
-steht angeschrieben: »Villa Granateneck«. Dieser Bezeichnung ist noch
-das lyrische Motto beigefügt: »Im tiefen Keller sitz' ich hier!« Und
-eine steil nach abwärts führende Stelle des Schützengrabens, die dem
-feindlichen Feuer ausgesetzt war und deshalb mit Wellblech und dick mit
-Erde überdeckt wurde, trägt die Inschrift: »Nordfranzösische Rodelbahn«.
-
-Solcher Humor in einer Luft, in der bei jedem Kugelpfiff der Tod auf
-dem Sprunge nach einem deutschen Leben steht, ist nicht allein als der
-Ausfluß derber Gesundheit und guter Rasse zu erklären. Der schöne, klare
-Brunnen solch unverwüstlicher Heiterkeit am Rande des immer harrenden
-Grabes kann nur aus dem kraftschenkenden Bewußtsein redlichster
-Pflichterfüllung strömen.
-
-Von dem Frohsinn, den ich hier sehe und höre, fliegen meine Gedanken
-immer heimwärts. Es ist wahr: wir in der Heimat leisten viel, Tausende
-leisten weit über ihre Kräfte, und gerade hier, auf erobertem Boden,
-höre ich immer wieder die herzlichste Anerkennung unseres Heimatwerkes.
-Aber neben den Opferwilligen gibt es auch Drückeberger, Vorsichtige,
-Zurückhaltende und Ängstliche. Täten wir =alle= daheim so bis zum
-letzten Atemzug unsere deutsche Pflicht, wie diese Getreuen hier im
-Schützengraben, dann wäre nicht ruhelose Ungeduld in vielen von uns,
-sondern Ruhe, Zuversicht und frohe Festigkeit wäre in uns allen. Da
-würde der Groschen nicht zählen, den wir verlieren, keine Bedrängnis
-unserer wirtschaftlichen Lage, keine nötige Einschränkung, keine Sorge
-und kein Opfer unseres Lebens! --
-
-Der Schützengraben macht eine Wendung und ich stehe vor einem Bilde,
-das mich tief ergreift. Außerhalb des Grabens, gegen die französische
-Seite hin, ragt zwischen laublosen Bäumen ein mächtiges Feldkreuz in die
-Luft. Nicht nur das schwarze Kreuzholz, sondern auch das farbig bemalte,
-überlebensgroße Schnitzwerk, das den Erlöser zeigt, ist von vielen
-Kugelschüssen durchsplittert, von Schüssen, die aus der französischen
-Stellung kamen. Und der zerschossene Leib der ewigen Güte hält die
-Arme ausgebreitet mit einer großen, heiligen Gebärde, aus der etwas
-Schützendes und Hilfreiches zu mir redet.
-
-Einer von den beiden Offizieren, die mich geführt haben, sagt nach einer
-Weile: »Es wird Abend. Irgendwo =müssen= wir umkehren. Das geht ja hier
-so weiter bis nach Ostende.«
-
-Auf dem Rückweg gibt's einen Aufenthalt. Eine Lehmwand ist
-heruntergebrochen und hat auf zehn Schritte weit den Graben
-verschüttet. Vier Soldaten schaufeln, daß ihnen der Schweiß von
-den Gesichtern tropft; mehr können bei der Enge des Grabens an der
-Ausbesserung des Schadens nicht arbeiten. Während wir wartend dastehen,
-schlüpft einer, der mich kennt, durch das Türloch seines Höhlchens
-heraus -- einer aus der Garmischer Gegend, der mich vor Jahren einmal
-auf die Alpspitze führte. Er begrüßt mich so herzlich und freudig,
-als wäre seine Heimat mit Haus und Berg zu ihm gekommen. Während wir
-schwatzen, immer von daheim, treten noch ein paar andere zu uns, jeder
-so gelb wie sein Kamerad, aber jeder mit dem gleichen, ruhigen, gesunden
-Gesicht. Allerlei Fragen richten sie an mich -- gar manche ist darunter,
-die zu beantworten mir schwer fällt. Einer, mit dürstender Sehnsucht in
-den Augen, fragt mich: »Was meinen S', wie lang wird's denn noch dauern?«
-
-Ich suche nach Worten. »Da bin ich überfragt. Es ist möglich, sogar
-wahrscheinlich, daß auf dem Festland die Hauptsache schon in sechs bis
-sieben Wochen zur Erledigung kommt. Aber es kann auch noch ebensoviele
-Monate dauern.«
-
-Nach kurzem Schweigen eine feste Soldatenstimme: »No ja, muß man halt
-aushalten! Durchreißen tun wir's alleweil, so oder so!«
-
-An dieses tapfere, zuversichtliche Wort schließt sich eine etwas
-wunderliche Frage, die mit dem vorausgegangenen Gespräch keinen
-Zusammenhang zu haben scheint. Dennoch ist eine Beziehung vorhanden.
-Eine sehr ernste.
-
-»Sie, sagen S' amal, ob dös wahr is, was die Meinige allweil schreibt:
-daß daheim in der Stadt die jungen Weibsbilder so ausg'schaamt in die
-Kaffeehäuser hocken, pariserisch anzogen, daß man d' Haxen sieht bis
-halbert zur Grattl auffi?«
-
-Trotz der derben Ausdrucksweise lacht keiner von den Lehmgelben; sie
-scheinen die Frage für eine sehr wichtige und würdevolle zu halten. Ich
-schüttle den Kopf. »Nein! So stimmt das nicht. Unsere deutschen Frauen
-und Mädchen sind da nicht gemeint. Nur ein paar dumme Modegänse, ein
-paar krankhafte Auslandsaffen. So was zählt doch nicht.«
-
-Einer sagt: »Dö sollten =uns= anschauen!« Ein anderer brummt: »Bal s'
-vier Nächt lang da im Graben hocken müßten, in der nassen Sooß, bis
-übers Knie nauf, i glaub, dö taaten si' bald an andre Montur verlangen!«
-Und ein dritter gibt den Rat: man sollte diesen Ausnahmen jeden Tag ein
-paarmal jene Sache vollhauen, die Goethe durch einen Gedankenstrich
-bezeichnete -- von diesem Gedankenstrich weiß natürlich der lehmgelbe
-Pädagoge nichts, er gebraucht im Ärger sehr ungeniert das übliche
-Volkswort.
-
-Der Weg ist ausgeschaufelt. Wir können weitergehen. Ich komme an dem
-Rotbärtigen vorüber, der das Gewehr im Anschlag hat und immer lauert,
-ganz unbeweglich.
-
-Nach wenigen Schritten gewahre ich etwas Seltsames. Beim Herweg fiel es
-mir nicht auf, erst jetzt entdecke ich's. Will mitten im harten Winter
-der grüne Frühling kommen? Eine Bodenstelle des Schützengrabens ist dick
-mit frischem, spannenlangem Gras überwuchert. Gras? Nein! Das ist junges
-Getreide. Von den ungedroschenen Garben, die ein Feldgrauer vor vier
-Monaten in seinen Unterschlupf hineinstreute, sind die Körner abgefallen
-und in die nasse Erde hineingetreten worden. Jetzt gehen sie auf.
-Ich sehe dieses frische, üppige Grün, und etwas Freudiges, Warmes und
-Hoffnungsvolles ist mir im Herzen.
-
-Drunten bei den Franzosen kracht ein Schuß. In der Luft das feine
-Singen. Und wenige Schritte hinter mir spritzen von der Holzversteifung
-einer Schießscharte die Splitter weg. Jetzt ein Schuß im deutschen
-Graben. Dann die ruhige Stimme des Rotbärtigen, den ich nimmer sehe: »No
-also! Endli amal!«
-
-Ich brauche nicht umzukehren. Auch ohne zu fragen, weiß ich, was der
-kurze, zufriedene Monolog des Rotbärtigen bedeutet. Wohl denke ich auch
-daran, daß jetzt da drunten im roten Stadel ein Leben verblutet; aber
-vor allem muß ich denken: daß unsere Feinde wieder weniger wurden um
-einen.
-
-Ein langer Weg noch, durch den Laufgraben und über die dämmernden
-Rübenfelder.
-
-Kanonenschüsse und Granatenschläge dröhnen in rascher Folge. Die
-Franzosen tasten wieder nach der deutschen Batterie umher und können sie
-nicht finden.
-
-Beim Einsteigen in den Wagen bemerke ich, daß ich nicht viel anders
-ausschaue als die Lehmgelben im Schützengraben. Ich fühle aber doch
-einen beträchtlichen Unterschied. So heiß, wie an diesem Abend, hat noch
-nie die Frage in mir gebrannt: »Was kann ich leisten als Bürger, wie
-kann ich nützen?«
-
-Im Westen ein leuchtender Streif und drüber ein zartes Blau und Weiß.
-Auch die Höhe klärt sich auf, und ich sehe den Schimmer des Vollmondes.
-Der Kaisertag hat gutes Wetter gebracht. Bleibt der Himmel so, dann
-werden es die Unseren im Schützengraben besser bekommen.
-
-
-
-
- 9.
-
-
- 3. Februar 1915.
-
-Das gute Wetter hat nur drei Tage gedauert, war also immerhin
-lebenskräftiger, als schöne Träume zu sein pflegen. Jetzt ist die Welt
-wieder grau umhangen.
-
-Den letzten Gutwettertag benutzten die Franzosen zu einer schweren
-Kanonade, die von den Deutschen nur mit einzelnen Meldeschüssen
-»=Wir sind noch immer da!=« erwidert wurde, um aus dem französischen
-Tagesbericht den Satz auszuschalten: »Eine deutsche Batterie
-wurde stumm gemacht und vernichtet.« Es waren im Hörbereich an
-die zwölfhundert Schüsse zu zählen. Dazu etwa zwanzig grobe
-Detonationen von Minenwerfern. So verpulverten die Franzosen an
-diesem Schönwettertage über eine Frontlänge von dreißig Kilometer ca.
-hundertfünfundzwanzigtausend Franken. Die auf deutscher Seite am Abend
-festgestellte »Verlustziffer« lautete: =kein= Toter, =kein= Verwundeter,
-=kein= Materialschaden. Gelitten hatten nur die französischen Dörfer
-und Äcker. Für Frankreich ein kostspieliges Vergnügen! Wenn die
-nordfranzösischen Bauern wieder einmal zu ihrer Scholle heimkehren,
-werden sie entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
-
-Was würden wohl die =deutschen= Bauern dazu sagen, wenn es bei =uns= so
-gekommen wäre, im ganzen Reich! Im Feuerbereich der Franzosen kein Haus
-mehr, keine gefüllte Scheune, kein Vieh! Jeder Wald verwüstet, die Zäune
-zerstampft, jeder Acker zerrissen von den Granatentrichtern, alles Feld
-zerschnitten, zerrupft, entzweigesägt und unterwühlt von Laufgängen,
-Schützengräben und Minenkellern! Jahre und Jahre werden nötig sein, bis
-hier wieder fruchtbares Feld und blühende Dörfer entstehen. Um unseren
-deutschen Bauern deutlich zu machen, was ihnen erspart blieb, sollte man
-sie mit Extrazügen hierherbringen und ihnen diese Vernichtungsbilder des
-Krieges zeigen. Da würde der Wille, die deutsche Kraft zu nähren und zu
-erhalten, baumdick in ihnen erwachsen.
-
-Jetzt eben sitze ich in einem der hohen, zweirädrigen Bauernwägelchen,
-wie sie hier in Nordfrankreich üblich sind. Der Bauer, dem das
-Wägelchen samt Gaul und Geschirr gehörte, ist »abgereist« -- zum
-Unterschied von seinen vornehmen Landsleuten tat er es nicht freiwillig.
-Solche Wagen sollten auch bei uns in Deutschland heimisch werden; sie
-sind billig, sind bequem, gleiten leicht dahin und strengen auch auf
-schlechten Wegen den Gaul nicht an. Auch sieht man nett in die Weite,
-wenn man so hoch oben sitzt. Heute ist's mit der Rundsicht freilich
-mager bestellt; es regnet nicht, aber alles ist grau verschleiert.
-
-Mein Kutscher, feldgrau natürlich, ist ein Hausmeister aus
-Fürstenfeldbruck, ein braver und ruhiger Mann, der gerne von seiner
-Frau und seinen Kindern erzählt. Aber er hat die cholerische Gewohnheit
-angenommen, jedesmal, so oft er das Wort »Franzosen« oder »Frankreich«
-gebraucht, den wütenden Zwischenruf zu machen: »So a Sauvolk auf der
-Welt!« Vor allem ärgert ihn der französische Mist in den Dörfern und
-Häusern. Und ganz besonders ergrimmt ihn die Pietätlosigkeit der
-französischen Soldaten, die viele ihrer gefallenen Kameraden seit
-Monaten unbestattet vor ihren Schützengräben liegen lassen. »So
-ebbes muß sich doch strafen an die Franzosen. Bal a Volk kein Respekt
-vor'm Heldentod von seine Brüder nimmer hat, so a Volk kommt seiner
-Lebtag nimmer in d'Höh, sag i! Dös gibt's einfach gar nicht, daß uns
-d'Franzosen besiegen kunnten!«
-
-Während dieses Ergusses hatte der Erbitterte eine Warnungstafel
-übersehen und war einer Straße nachgefahren, die nicht granatensicher
-ist. Ein fester Paukenschlag. Der französische Gaul will scheu werden,
-mein Fürstenfeldbrucker redet ihm freundlich zu -- »Ja ja, jetzt
-versteht er schon ganz gut Deutsch!« -- und richtig, der Gaul kehrt
-verständig um, und nun müssen wir einen weiten Umweg machen, um mein
-Ziel zu erreichen: den Schützengraben eines Münchner Regiments.
-
-Eine Wache gebietet Halt, mein Philosoph mit seinem deutschverständigen
-Rössel muß zurückbleiben, und geführt von einem jungen, freundlichen
-Kriegsfreiwilligen wate ich durch die Lehmsümpfe der verwüsteten Felder.
-Wenn es hier nach drei Schönwettertagen so aussieht, wie muß es aussehen
-nach einem Platzregen? Ich komme an Wagen und Karren vorüber, die bei
-ihren Nachtfahrten im Moraste stecken blieben. Neben einer Hecke duftet
-ein totes Pferd; sein Bauch ist wie ein buckliges Faß.
-
-Ein Rollen und Brüllen, bald nah, bald ferne; die Franzosen vertrödeln
-schon wieder ein Häuflein Staatsgelder. Über einen die Wegmulde
-sperrenden Rübenacker müssen wir flink und mit geduckten Köpfen
-hinüberspringen; das Feld sieht aus wie ein Sieb, dessen Boden ein
-bißchen unregelmäßig durchlöchert ist.
-
-Nun empfängt mich ein kleiner Wald; er hat einen neuen Namen bekommen:
-»das bayerische Hölzl«. In dem wirren Gezweige leuchten viele, viele
-blinkweiße Flecken: die Splitterwunden der von Granaten getroffenen
-Bäume. Vor dem Eingang in den Wald ist ein Damm aufgeschichtet, um
-das Regenwasser und die Schlammbäche abzuwehren. Jetzt geht es einen
-schmalen Weg entlang, der mit festen Prügeln belegt ist, damit man
-nicht bei jedem Schritte einsinkt bis über die Knöchel. Zur Rechten des
-Weges gucken aus der Lehmböschung kleine, trübe, gläserne Äugelchen
-heraus: die winzigen Fenster der in die Erde hineingegrabenen
-Offizierskellerchen und Mannschaftshütten. Hier wohnt und schläft und
-ißt und arbeitet, wer nicht Dienst im Schützengraben hat.
-
-Junge Offiziere empfangen mich, liebenswürdig und gastfreundlich. Wie
-alt muß ich schon sein, weil auch ein Major für mich noch aussieht
-wie ein Jüngling in Uniform! Ein flinker, prächtig mundender Imbiß in
-solch einem kleinen, ganz gemütlichen Kellerchen. Dann geht es hinaus.
-Überall, wohin meine Augen im Walde fliegen, seh' ich Arbeit, Arbeit und
-Arbeit. Wege werden gebaut und mit Prügeln gepflastert; hier gräbt man
-Rinnen zur Trockenlegung des Bodens und zur Ableitung des Wassers; eine
-steile, rutschige Waldtreppe wird ausgebessert -- es steht da auf einem
-Täfelchen: »Gasteiger Anlagen, Automobile fünfzehn Kilometer.« Hier baut
-man neue Unterstände für je dreißig Mann, überwölbt sie mit Wellblech
-und behütet das Dach mit dicker Lehmlage. Dort, im Gewirr der Stauden,
-geht es reihenweise hin und her, da schleppt man die Eisenbahnschwellen,
-die Bretter, die Balken und Pfähle, die Strohgarben und Lattenroste
-durch den Wald hinauf, und droben wird alles zurechtgelegt für die
-Nachtarbeit, bei der diese notwendigen Dinge auf Pfaden, die man am Tage
-wegen der singenden Vögelchen nicht begehen kann, in die Schützengräben
-wandern. Dieses Gewimmel fleißiger Arbeit -- das ist die »Ruhepause«
-unserer Feldgrauen! Schließt man die Augen und sieht diese schleppende
-Plage nimmer, so glaubt man wirklich an heitere Ruhe, denn immer hört
-man ein Lachen, überall klingen fröhliche Worte.
-
-Ich sehe zwei von unseren gesegneten Feldküchen am Werke; sie brodeln
-und qualmen und riechen gut und werden am Abend den gesunden Hunger
-der Unseren stillen. Wie eine liebe Freude ist dieser Gedanke in mir!
-Und da greift mir plötzlich etwas Hartes und doch etwas wunderbar
-Schönes an den Hals und tief in das Herz hinein -- ich stehe vor dem
-»Waldfriedhof«! So nennen sie diesen kleinen stillen Platz. Zwischen
-vier großen Eichen haben sie sauber gemacht, den Weg besandet und einen
-Zaun gezogen. Alles, was in dem schneelosen nordfranzösischen Winter
-immergrün ist, das haben sie weit in der ganzen Gegend gesammelt, haben
-es hier mit den Wurzeln eingepflanzt und haben es so sorgsam gepflegt,
-daß es schon jetzt zu treiben beginnt und neue Blätter bildet: Lorbeer
-und Stechpalme und Buchs und Efeu. Aus den zerschossenen Dörfern haben
-sie Marienstatuettchen und Kruzifixe herbeigetragen, eins für jedes Grab
--- und haben die Holzkreuze schön ausgeschnitten, haben sie bemalt,
-haben in hübscher Schrift die deutschen Heldennamen draufgeschrieben,
-haben rührend kindliche Verse gedichtet -- und haben so diesem ernsten
-Platz, auf dem die grün geschmückten Hügel in breiter Reihe liegen,
-etwas Heiligfrohes gegeben, etwas Frühlingshaftes in aller Kahlheit
-dieser Winterszeit. Das ist keine Stätte des Todes -- das ist ein grüner
-Tempel der Auferstehung und des ewig blühenden Lebens.
-
-Meine Deutschen! -- -- Wenn du von =denen= sprichst, du Philosoph aus
-Fürstenfeldbruck, dann mußt du =anders= sagen: »=So ein Prachtvolk
-auf der Welt!=« -- Solch ein Volk? Und untergehen? Nicht Sieger und
-Lebensgärtner auf Erden bleiben? Dieser Gedanke wäre Irrsinn oder
-verbrecherischer Zweifel an Gottes logischem Schöpferwillen!
-
-Das deutsche Bild, das ich gesehen, verläßt mich nimmer! Heiß zittert
-in mir die dankbare Ehrfurcht nach, während ich hinter den führenden
-Offizieren hinaufwate durch den engen, pfützigen Lehmgraben, dessen
-Boden und Wände mich einwickeln in gelben Schlamm. Immer weiter führt
-er hinaus in das vom schärfsten und gröbsten aller Pflüge, vom Pflug
-des Krieges, durchackerte Feld. Immer knallt es und dröhnt. Wieder muß
-ich an ein friedliches Schützenfest denken -- so pufft und donnert es
-immer, wenn gegen Abend die Schützen sich beeilen, und wenn im guten
-Büchsenlicht vor der Dämmerstunde bei vielen Punktschüssen die Böller
-gelöst werden.
-
-Jetzt stehe ich auf der Wallbank und spähe durch die Scharte eines
-Stahlschildes nach der feindlichen Stellung hinüber. Ein Grauen, das
-mir durch alle Knochen rieselt, macht mich schauern wie bei Frost. Da
-draußen liegen sie. Es sind nicht die ersten verwesenden Toten, die
-ich sehe. Aber in solcher Menge! Zorn und Ekel und Erbarmen kämpfen
-in mir. Dreiundfünfzig kann ich zählen. Jene, die am mutigsten waren,
-liegen weit voran, jeder für sich allein -- hinter ihnen die anderen,
-zuerst eine kurze, dann eine lange Reihe. Manche liegen wie behagliche
-Schläfer; manche sehen aus, als wollten sie eben aufstehen und hätten
-in den Beinen einen Krampf bekommen, der sie unbeweglich machte; andere
-haben die Füße hochgeschlagen, wie erstarrt inmitten eines Purzelbaumes;
-einer gleicht einem orientalischen Beter, der auf den Knien liegt und
-mit ausgebreiteten Armen die Stirne zur Erde beugt; und einer scheint
-wie in wildem Zorne stumm zu lachen und hält die beiden geballten Fäuste
-gegen den Himmel gestreckt. Ganz braun sind diese Fäuste, so braun wie
-die Fäuste eines Arabers. Und die gleiche braunschwarze Farbe liegt auch
-über allen Gesichtern dieser einst weiß gewesenen Europäer -- soweit
-ihre Gesichter noch vorhanden sind. Vögel und Mäuse haben da schon ihre
-abmindernde Arbeit getan. Die Farben der Mäntel und Uniformen sind
-verblichen; und jenen Toten, die beim Sturz das Käppi verloren, hat der
-wochenlange Regen das Haar über Stirn und Schläfe gekämmt. So liegen sie
-seit dem 18. Dezember; und ein Dutzend Schritte hinter diesen von aller
-Heimat Verlassenen, die doch tapfere Helden ihres Volkes waren, schlafen
-und essen und trinken im französischen Schützengraben ihre lebenden
-Brüder! Denen boten die Deutschen einen Waffenstillstand zur Bestattung
-ihrer Gefallenen an. Die Franzosen lehnten ihn ab. Warum? Weil sie darin
-einen Vorteil für die Deutschen witterten? Weil sie glaubten, der stete
-Anblick dieses Todes würde die Deutschen verzagt machen? Oder weil sie
-hofften, dieser Leichenwall würde ihr empfindliches Ohlala-Häutchen vor
-den bayerischen Gewehrkolben behüten? Oder nur, weil sie zu zivilisiert
-und zu faul waren, um eine etwas mühsame und unästhetische Pflicht der
-Pietät zu erfüllen?
-
-Fürstenfeldbrucker! Ich will beim Gedanken an diese verlassenen Toten
-dein zorniges Philosophenwort nicht nachsprechen. Aber =recht= hast du!
-
-Nach diesen Minuten des Schauders ist mir der Anblick unserer
-Feldgrauen, die den Waldfriedhof anlegten, wie Erlösung und Trost, wie
-aufatmende Befreiung.
-
-Der Schützengraben, in dem ich da stehe, ist einer der
-niederträchtigsten -- nur haltloser Lehm, immer in rutschender Bewegung,
-alles eine Spottgeburt aus Dreck und Wasser. Mit Spaten und Brettern,
-mit Flechtwerk und Lattenrost kann man dieses klebrigen, schleichenden
-Feindes nicht Herr werden -- nur mit Humor. Recht bezeichnend heißt
-eine Strecke dieses Schützengrabens das »Pfuiteufelgasserl«. Ein
-Verbindungsgang hat sogar einen variablen Namen: bei leidlich trockenem
-Wetter heißt er »König-Ludwig-Straße«; steigt das Grundwasser, so heißt
-er »König-Ludwigs-Kanal«. Und in einer Grabensenkung, die =immer=
-Wasser hat, bis übers Knie herauf, zeigt ein Täfelchen die Inschrift:
-»Bitte nicht auf den Boden spucken!« Man begreift da den Sänger aus
-dem feldgrauen Volke, der sich in einer lyrischen Schilderung des ihm
-geläufigen Milieus zu dem Verse verstieg:
-
- »Der Schützengraben, wenn ich nicht irr',
- Ist dem heiligen Peterl sein Nachtgeschirr!«
-
-In einem Höhlchen sitzen drei mit gekreuzten Beinen wie Türken und
-spielen Tarock. Einen hör' ich sagen: »Daheim ist daheim!« Nebenan
-spielt einer die Mundharmonika, sein Kamerad singt leise dazu, ein
-bißchen melancholisch -- und ich höre im Vorübergehen den Vers:
-
- »Jatz hot sie einen andern Buam!«
-
-Auf dem Türchen eines Schlupfes steht: »Meilerhütte« -- auf dem
-nächsten: »Arminshütte«; da hausen Mitglieder des Alpenvereins; einer
-ruft mir zu: »Dös weard jetzt wieder a schöner Roman, gelt?« Und weil
-ich auf dem Hirndach eine ziemlich dicke Mähne habe, die sich in meinen
-drei Feldwochen schon merklich streckte, winkt mir ein Lachender: »Sö,
-i bin Frisör, soll i Eahna vielleicht d' Haar stutzen?« Und beim Sausen
-eines Haubitzenschusses hör' ich, wie einer warnt: »Obacht, a Rollwagerl
-kimmt!«
-
-Einer sitzt ruhig in seinem Höhlchen und guckt aus der
-Liebesgabenkopfhaube heraus wie ein mittelalterlicher Ritter aus seinem
-Eisenhut. Ich frage: »Ist's warm da drinnen?« Er lacht: »Hundskalt!
-Aber halbert trocken, Gott sei Dank! Vor acht Tagen hast allweil gmoant,
-du mußt a Fisch wearn!« Ein anderer fällt ein: »Ah, dös is gut so!
-Früher, daheim, da is man so von eim Tag in andern einitorkelt, und nie
-hat man verstanden, was man hat vom Leben. Jetzt, bal i heimkomm, jetzt
-weiß i, was 's Leben wert is und wie man leben muß!«
-
-An dem meterbreiten Zwischenraum zweier Unterschlupfe ist eine
-Blechtafel befestigt: »Hier ruht in Gott ...« Ehe der Schützengraben
-ausgehoben wurde, begruben hier die Deutschen einen Unteroffizier; diese
-Erdstelle ließ man beim Bau des Grabens unberührt; zur Rechten und
-Linken des Todes wärmt sich jetzt und ruht und schlummert das gesunde
-Leben.
-
-Während des Weiterstapfens durch den Graben erzählen mir die Offiziere
-von dem mißglückten Durchbruchversuch der Franzosen am 18. Dezember.
-Mitten im heißesten Gefecht ereignete sich da ein heiteres Intermezzo.
-Ein Bayer, der mit dem Bajonett losrennen wollte, erkannte in seinem
-Feind einen »Spezi«, der drei Jahre in München als Kellner gedient
-hatte. »Jesses! Du? Was tust denn =Du= da?« Der Franzose antwortete im
-reinsten Münchnerisch: »Durchbrecha tean mer.« Und der Bayer lachte: »So
-so? Da gib nur glei' dei' G'wehr her!« Die Sache war erledigt.
-
-Im Unterstand eines Artillerieleutnants bekomme ich noch ein kleines,
-verheißungsvolles Stilleben zu sehen: das Fensterchen ist mit
-sprossenden Efeustöcken bestellt -- und die Blumentöpfe bestehen aus
-feindlichen »Ausbläsern«, aus den Stahlhülsen französischer Granaten,
-die keinen Schaden anrichteten.
-
-Steil geht's hinunter und drüben noch steiler hinauf; ein Drahtseil ist
-angebracht, wie bei einer gefährlichen Kletterstelle im Hochgebirge. In
-der Mulde ist der Wall Schulter an Schulter besetzt. Und drüben, wo es
-aufwärts geht, an etwas exponierter Stelle, warnt mich der Offizier:
-»Den Kopf ducken! Für die Stelle haben die Franzosen drüben einen
-Spezialisten.« Nicht weit von dieser Platte ist in der vergangenen Nacht
-ein junger Fähnrich bei einer Erkundung gefallen.
-
-Meine Führer wollen umkehren, wir sind an der Grenze ihres Gebietes;
-aber der junge freundliche Leutnant des Nachbargrabens erklärt: »Wir
-haben was da droben, das =muß= man sehen!« Mit flinker Kletterei geht es
-aufwärts.
-
-Ja! Das =mußte= ich sehen: =die Madonna im Schützengraben=! Früher
-stand sie draußen an einem Feldweg, zwischen der deutschen und der
-französischen Stellung, immer von den Kugeln bedroht. Vier stämmige
-Bayern haben sie in einer finsteren Nacht hereingeholt in den Graben:
-eine lebensgroße Mutter Maria mit dem Kinde, aus schwarzem Eisenguß.
-Der Schöpfer dieses Bildwerkes muß halb ein Künstler, halb ein Bauer
-gewesen sein. Etwas Naiv-Rührendes spricht aus dem zarten Schmalgesicht
-der Maria, wie aus der spielenden Geste des heiligen Kindes. Nun steht
-diese schwarze Madonna kugelsicher in einer Lehmnische des deutschen
-Schützengrabens, ist mit Buchs umkränzt, mit Efeu umwunden -- und unsere
-Feldgrauen, ehe sie sich schlafen legen, knien da, mit der Mütze vor der
-Brust.
-
-Die sinkende Dämmerung umwebt das Bildwerk mit immer dichter werdenden
-Schleiern. In mir ist ein Sinnen, so andächtig und froh, wie ein
-gläubiges Gebet. Dann steigen wir über das offene Feld zum »Bayerischen
-Hölzl« hinunter und brauchen dabei die Köpfe nimmer zu ducken; für den
-»Spezialisten« im französischen Schützengraben ist es bereits zu dunkel
-geworden.
-
-Eine deutsche Batterie gibt noch vier Schüsse ab. Ihr Hall und das
-Krachen der platzenden Granaten weckt ein langrollendes Echo an den
-Waldsäumen. Abendläuten im Felde!
-
-Ich werde bleiben bis zum Morgen, weil ich die »Nachtruhe« der
-Feldgrauen am eigenen Leib erfahren will. Was man würdigen soll, das muß
-man kennen.
-
- * * * * *
-
- 4. Februar 1915.
-
-Draußen die Nacht, von der man nicht sagen kann, daß sie still ist. Nur
-dunkel ist sie.
-
-Wir sitzen zu fünft bei einer schmackhaften Mahlzeit im
-»Offizierskasino« des Schützengrabens. Unter der Erde liegt es, ist
-zwei Meter breit und drei Meter lang. Steigt man aus der Oberwelt über
-das Trepplein herab, so muß man sich =sehr= tief bücken, sonst gibt es
-gleich =zwei= Beulen, eine an der Stirn und eine am Hinterkopf. Hat man
-aber diese Gefahr überwunden, dann wird die Sache ganz reizend.
-
-An die dreißig solcher Hütten und Kellerchen hab' ich schon besucht; in
-allen merkt man die gleiche deutsche Sehnsucht: ein Heim zu haben, in
-dem man sich gerne aufhält.
-
-Naturherd aus gedörrten Lehmpatzen oder eisernes Öfelchen, beide haben
-die verwandte Eigenschaft: sie rußen und rauchen. Aber das macht
-nichts. Den Ruß kann man wieder hinauskehren, und gegen den Rauch kann
-man die Tür aufmachen -- wenn's nicht gerade hereinpritschelt. Von
-den Lehmwänden schwitzt immer die Nässe durch; aber in der Wärme von
-Ofen und Menschen verdunstet sie wieder. Die nachrutschenden Erdmauern
-haben das beharrliche Bestreben, die Verschalungsbretter krumm zu
-biegen und herauszudrücken; dann werden sie eben wieder aufgepölzt
-und festgenagelt; das hilft mit Sicherheit einen oder zwei Tage. Daß
-es von oben hereinregnet, das ist ja eine ganz natürliche Sache; ein
-verständiger Mensch wird sich gegen die ewigen Gesetze der Schwere und
-des Falles nicht auflehnen. Etwas irritierend wird die Sache, wenn das
-Wasser von unten heraufquillt; na, da schöpft man eben und schöpft und
-schöpft -- und schließlich kommt man zu der beruhigenden Überzeugung,
-daß auch hier eine sehr alte Naturnotwendigkeit mitspielt: nämlich das
-Gesetz vom Gleichgewicht der Flüssigkeiten. Wir haben doch das in der
-Schule gelernt, daß das Wasser in den beiden Schenkeln einer gebogenen
-Glasröhre gleich =hoch= stehen muß. Wenn also draußen das Lehmwasser
-bis ans Fensterchen steigt, =muß= es sich einen Meter tiefer auf dem
-Stubenboden herinnen doch =auch= ein bißchen zeigen. Und da sucht sich
-der kluge Mensch eben nach Kräften zu schützen. Das ist das Wunderbare
-im Feld: man wird so ruhig, daß man mit allem einverstanden ist und mit
-allem fertig wird.
-
-Aber jetzt fragt einmal eine von unseren braven deutschen Hausfrauen
-daheim: ob sie nicht längst schon im Irrenhause wäre, wenn sie das
-vier Monate hätte mitmachen müssen. Sie wäre schon während der ersten
-vier =Tage= in Verzweiflung geraten über die sonderbaren Flecken, durch
-die bei solchen chronischen Wasserbewegungserscheinungen die Tapeten
-in den seltsamsten Ornamenten gesprenkelt werden. Man könnte der Frage
-nähertreten: ob man nicht einmal durch Parlamentsbeschluß die =Frauen=
-in den Krieg schicken sollte. Ich denke =sehr= gut von ihnen, bin
-aber doch überzeugt, daß sie =viel= nachsichtsvoller und geduldiger
-heimkehren würden, als sie waren, da sie auszogen.
-
-Ja, wahrhaftig, diese Kellerchen sind tapeziert! Manchmal nur mit
-Zeitungspapier und den Packbogen unterschiedlicher Liebesgaben. Zuweilen
-aber auch mit persischen Teppichen, die aus einer nordfranzösischen
-Villa stammen und -- wie ich bereits erzählte -- sich schon nach der
-zweiten oder dritten Woche durch lebhafte Pilzbildung auszeichnen,
-um sich schließlich in Warmbeete zur Züchtung von Schwammerlingen zu
-verwandeln.
-
-An derart gestalteten Wänden sind nun allerlei nette Dinge angebracht.
-Nie fehlt das Brettregal, auf das man die Schuhschmiere, das
-Liebesgabenklosettpapier oder sonstige Kulturgegenstände hinauflegen
-kann. Irgendwo ist immer ein möglichst wasserdicht gemachtes Archiv für
-Schreibmappe und militärische Akten angebracht. Die reiche, mit Sorgfalt
-und Liebe gesammelte Kunstgalerie besteht aus kolorierten Kupferstichen,
-die aus dem Schutt der niedergeschossenen Bauernhäuser herausgeholt
-wurden, aus den vielen Ansichtskarten, die von daheim gekommen, aus
-Titelblättern der »Jugend« und aus Kriegsbildern des »Simplicissimus«.
-In dem Offizierskasino, in dem ich mich augenblicklich befinde, ist
-sogar eine Schwarzwälderuhr vertreten; aber sie geht nicht; infolge der
-andauernden Feuchtigkeit ist das ganze Räderwerk zu einem unentwirrbaren
-Oxydklumpen zusammengerostet; so hat diese Uhr jetzt nur noch den
-einen Zweck, mit ihren eisernen Gewichten allerlei unangenehme Püffe
-auszuteilen und sich mit ihren Ketten in die Haare der Tischgäste zu
-verwickeln; aber -- »Eine Uhr im Zimmer, das sieht doch immer nett aus!
-Nicht?« So behauptet der Major mit einem zärtlichen Blick auf diese
-Kostbarkeit seines Bataillonskasinos.
-
-Geradezu vornehm ist die Beleuchtung. Es ist bekanntlich =viel= nobler,
-Kerzen zu brennen, als elektrisches Licht zu benützen. Diese im Felde
-selbst fabrizierten Talgkerzen haben jedoch bei ihrem aristokratischen
-Glanze zwei mißliche Eigenschaften; ist es kalt und zieht es durch
-Tür und Fenster herein, so brennen sie schief und tränen in die
-Suppenschüssel; und ist es so warm, daß man von »Bullenhitze« redet, so
-biegen sie sich in geschwungenen Barockformen über den Leuchter herunter
-und lassen ihre Fetttropfen auf das magere Kommißbrot fallen. Na ja,
-frische Alpenbutter wäre schmackhafter! --
-
--- Vielleicht erheben nachdenkliche Leser jetzt den Vorwurf gegen
-mich, daß ich mit unangebrachter Heiterkeit von Dingen rede, die man
-eigentlich doch sehr ernst nehmen sollte. Dieser Vorwurf wäre ungerecht.
-Ich glaube, daß man, was ich da erlebt und gesehen habe, =nur= heiter
-nehmen kann! Wollte ich =ernst= von der unbeschreiblichen Mühsal
-erzählen, die unsere Offiziere und Soldaten seit Monaten mit namenloser
-Geduld und entzückendem Humor ertragen, so würdet ihr in der Heimat bei
-jedem meiner ernsten Worte ein wehes Zittern in euren Herzen haben! Aber
-seid ohne Sorge! Ich =darf= heiter erzählen. Die Unseren im Felde sind
-von so gesundem Schlag, daß sie monatelang die ruhelose Marter dieses
-nassen Dreckes und die Drohung steter Gefahr für Leib und Leben ertragen
-und dabei doch immer noch lachen können.
-
-Gerade im Anschluß an dieses Wort bekenne ich, daß ich an diesem von
-Kerzentropfen und sonstigen Wirtschaftsrätseln bekleckerten Tische eine
-der schönsten, tiefsten und wertvollsten Stunden meines Lebens genießen
-durfte. Denn als wir gespeist hatten und der gute französische Landwein
-geheimnisvoll in den sehr verschiedenartigen Gläsern leuchtete, begannen
-sie zu erzählen, diese Feldgrauen; jeder von ihnen hat viel Hartes
-durchmachen müssen; und einer trägt zwei kleine rote Narbensternchen
-auf der Stirne -- wo die Kugel hinein und wieder hinaus gegangen, ohne
-diesen festen deutschen Jünglingsschädel zerbrechen zu können. Von den
-ersten schweren Wochen des Krieges erzählten sie, von den furchtbaren
-Tagen und Nächten in Lothringen und Belgien, von Stunden, in denen
-manchmal auch die Nerven des tapfersten Mannes zu versagen drohten. Ganz
-ruhig erzählten sie, fast so ruhig, wie man von einem beschwichtigten
-Ungewitter redet; nur ihre Worte wurden langsamer, ihre Stimmen leiser,
-innerlicher; sie gebrauchten keine aufputzenden Adjektiva, sie sagten
-jedes Ding so hart und streng vor sich hin, wie es geschehen war, und
-keiner redete von sich selbst, jeder nur immer von der großen Sache.
-Und während ich atemlos lauschte, an Herz und Knochen vom Grauen des
-Krieges gerüttelt, war es mir immer, als müßte ich etwas Dankbares aus
-mir herausschreien und müßte mit beiden Händen hinübergreifen über den
-Tisch, um diese jungen deutschen Mannsfäuste zu fassen und zu drücken.
-Hätten es mir diese drei Wochen im Felde noch =nie= gezeigt und gesagt,
-so hätt' ich es jetzt an diesem kleinen Tisch verstanden, was für uns
-Bürger in der Heimat das kraftvolle und sieghafte Wort bedeuten muß:
-ein deutscher Soldat, ein deutscher Offizier! -- Freilich, im Sinne
-eines Kunstgeschmackes, der die Abwechslung liebt, haben sie auch einen
-Mangel: in ihren besten und wesentlichsten Zügen sind sie alle gleich,
-da ist einer wie der andere! An vielen hundert kleinen Tischen dieser
-kleinen Lehmlöcher könnte ich ein Gleiches hören, wie ich es an =diesem=
-Tische vernahm.
-
-Es wirkte auf mich, daß ich lange wortkarg bleiben mußte, als es
-schon wieder heiter wurde, weil Besuch erschien. In Begleitung
-eines Reichsrates, den wir in München kennen und verehren, kam der
-Regimentskommandeur zur Besichtigung der Nachtarbeit im Schützengraben
--- als Vorgesetzter ein Freund und Vater seiner Soldaten. Davon sollte
-ich gleich eine Probe erfahren, die mir unvergeßlich bleiben wird.
-Der Kommandeur wollte bei diesem Nachtweg eine Beförderung verkünden.
-»Nach dem Regimentsschimmel müßte man's eigentlich anders machen. Aber
-was einer verdient, muß er bekommen. Den Lohn verschieben, heißt ihn
-entwerten.«
-
-Nun geht's hinaus in die dunkle Nacht, die geheimnisvoll durchklirrt
-ist von einem gedämpften Arbeitslärm. Manchmal ein Schuß in der
-Ferne, manchmal einer im nahen Schützengraben -- Schüsse, die bei
-der Finsternis nicht treffen können, nur sagen wollen: »Wir wachen!«
-Zuweilen leuchtet droben über dem Wald eine rote Helle auf und
-verschwindet wieder. Und herunten zwischen den Bäumen schreiten oder
-stehen schwarze Gestalten mit klumpigen Lasten auf den Schultern.
-Schritt um Schritt geht es über klappernde Prügel hin oder durch
-quatschenden Lehmteig. Bei etwas schwierigen Stellen leuchtet für einen
-Moment der Strahl eines elektrischen Lämpchens auf.
-
-Ein Kriegsfreiwilliger wird herbeigerufen. Kaum unterscheide ich in der
-Nacht den Umriß der schlanken, unbeweglich stehenden Gestalt.
-
-Die Stimme des Kommandeurs: »Lieber R.! Sie haben nicht nur zwei famose,
-schneidige Erkundungen gemacht, ich weiß auch, daß Sie in allen Stücken
-ein tüchtiger, verläßlicher Soldat sind! Nicht wahr, Sie streben den
-Offizier an?«
-
-»Jawohl, Herr Oberstleutnant!«
-
-»Sind Sie schon Fähnrich?«
-
-»Nein, Herr Oberstleutnant!«
-
-»Dann sind Sie es jetzt. Ich gratuliere Ihnen!«
-
-Da hör' ich einen leisen Laut -- wie von einem Jungen, dem beim Baden im
-Bach das kalte Wasser heraufsteigt an die Lenden. Dieser leise Laut --
-das war tiefste deutsche Soldatenfreude.
-
-Ich muß die Hand strecken. »Darf ich Ihnen auch gratulieren?« Keine
-Erwiderung. Aber den Händedruck hab' ich noch eine Stunde lang gespürt.
-
-Der Weg durch Laufgang und Schützengraben ist mit Schwierigkeiten
-verknüpft. Immer wandern die langen, endlos scheinenden Reihen der
-lastschleppenden Soldaten an uns vorüber. Beim Ausweichen muß ich immer
-den verwünschten Bauch in die nasse Lehmwand hineinquetschen. Oft komm'
-ich von diesem klebrigen Teige kaum mehr los. Pfundweis hängt er an
-meinen Händen. Was will man machen, man wischt ihn an der Hose ab.
-
-Überall im Schützengraben wird geschanzt, geschaufelt und gearbeitet,
-überall wird gebessert, was schlecht wurde, überall ausgetauscht, was
-unbrauchbar geworden.
-
-In ihren Schlupfen liegen die Abgelösten; keine Stimme, kein Öffnen des
-Türchens, kein Zug der kalten Nachtluft und auch kein Schuß vermag
-sie zu wecken. Sie schlafen, wie nur die Zufriedenen und Glücklichen
-schlummern. Wie Aschensäcke sehen sie aus, in ihre Mäntel gewickelt, die
-Zeltbahnen über die Köpfe gezogen.
-
-Die Schützen, die im Graben auf Wache sind, stehen regungslos bei
-ihren Scharten und spähen in die Nacht hinaus, die der Mond, hinter
-dicken Wolken verborgen, ein bißchen aufzuhellen beginnt. Oder gewöhnen
-sich nur die Augen an die Finsternis? Manchmal ein Schuß -- weil ein
-Wachtposten was gesehen hat oder was zu sehen glaubte. Und zuweilen,
-in den benachbarten Stellungen drüben, das Dröhnen einer platzenden
-Granate. Eine kann ich aufgehen sehen. Das sieht aus wie ein Strauß aus
-Feuerblumen, der eine schwarze Manschette hat.
-
-Durch den ganzen Schützengraben geht es. Die schußbereiten
-Maschinengewehre werden revidiert. In einen finsteren, engen Gang hinein
-und unter die Erde hinunter! Ganz vorne arbeitet einer wie ein Bergmann,
-ein zweiter karrt den ausgehobenen Lehm davon, ein dritter versteift den
-Minengang mit stützenden Bohlen.
-
-Wieder im Graben. Ein schönes, rotglänzendes Sternchen surrt in die Luft
-hinauf und fängt in der Höhe grell zu brennen an. Das ganze Gelände
-zwischen unseren und den feindlichen Gräben ist taghell beleuchtet.
-Drüben liegen die toten Franzosen als schwarze, unbewegliche Klumpen
--- aber ganz in der Nähe liegt etwas Lebendiges, das sich bewegt: ein
-deutscher Horchposten. Und ein Gewirre von Drähten ist zu sehen -- das
-sind die Stacheldrahthindernisse und die aus dem Graben hinausgerollten
-Spanischen Reiter. Ein letztes Lichtgezitter, alles versinkt wieder
-in undurchdringliche Finsternis, um nach wenigen Minuten wieder
-aufzuglänzen -- -- und wir daheim, wir sagen immer: »Was ist denn nur da
-draußen? Warum geschieht da nichts? Warum geht da nichts vorwärts?«
-
-Es ist Mitternacht geworden. Nun dürfen auch die letzten der Geplagten
-ein bißchen ruhen. Ehe der Morgen kommt, müssen sie wieder bei den
-Scharten stehen. Und Nässe und Schlamm an Rock und Stiefel und Hose
-müssen trocken geworden sein von der Wärme ihres eigenen Körpers. Seit
-dem 5. August haben sie dieses Soldatenkleid am Leib und haben es nur
-abgelegt, wenn sie hinter der Front im Ablösungsquartier die Wäsche
-wechseln und baden und sich säubern konnten. Und diese Gesundheit,
-dieser Humor, diese treue Beharrlichkeit, diese unzerbrechbare Geduld!
--- Und, wahrhaftig, da gibt es Leute in der Heimat, denen der deutsche
-Sieg nicht schnell genug in die warmen Betten läuft! --
-
-Im »Offizierskasino« noch ein kurzer Schwatz und ein Schlummertrunk. Im
-Felde nennt man ihn »heißes Wasser«. Natürlich ist etwas drin, etwas
-sehr Kräftiges!
-
-Und jetzt -- ins Bett. [+] [+] [+] Gott beschütze mich!
-
-Eine freundliche Ordonnanz zieht mir die zehn Pfund schweren Lehmgebilde
-von den Beinen herunter. »Gut Nacht, Herr Doktor!« Dann bin ich
-allein auf einer »Flur«, die alles andere ist, nur nicht »weit«. Das
-Lehmherdchen glutet noch ein bißchen und raucht sehr heftig. Also die
-Tür auf! Aber es hat zu regnen begonnen, und ein ungemütlicher Wind
-peitscht die Traufenfäden herein. Also die Tür wieder zu! Und in den
-Kleidern auf die Pritsche! Bevor ich das Kerzenstümpfchen auslösche,
-seh' ich noch etwas sehr Schönes: die ganze Bretterdecke meines
-Unterschlupfes ist behängt mit großen, blitzenden Diamanten. Jetzt
-lieg' ich im Dunkeln. Da fängt es auch schon zu tropfen an. Pitsch,
-pitsch, pitsch, pitsch! Ich ziehe, wie ich es bei den Soldaten gesehen,
-die Zeltbahn über den Kopf. Nach einer Viertelstunde bricht mir am
-ganzen Leib der Schweiß aus. Ich entkleide mich und krieche wieder
-unter das raschelnde Segeltuch. Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch! Nach
-einer halben Stunde friere ich, daß mir die Zähne klappern. Ich ziehe
-mich wieder an, und weil mir vom Rauch, der nach Erlöschen jeglicher
-Wärme reichlich zurückblieb, die Augen heftig brennen, mache ich wieder
-die Tür auf, drücke sie aber sofort sehr energisch zu. Ich liege
-wieder, und trotz der Dunkelheit bemerke ich an meinem nachlassenden
-Hustenreiz, daß der Rauch verschwindet. Aber das andere bleibt:
-Pitschpitschpitschpitschpitschpitsch ... jetzt klingt es viel schneller
-und ununterbrochen. Nicht nur von oben kommt der feuchte Segen, auch
-von unten her. Schon will ich in einem drohenden Tobsuchtsanfall
-fluchen wie ein Berserker. Aber da muß ich denken: »So machen es unsere
-Feldgrauen seit sechzig oder siebzig Nächten durch!« Wobei noch zu
-berücksichtigen ist, daß ich als Gast ein »Kavalierhüttl« bekam, also
-eine Sache, die so gut ist, wie sie sonst kein anderer hat! Ein Wunder
-geschieht -- ich, das nervöseste von allen nervösen Äsern, ich werde
-plötzlich so geduldig wie ein Lamm, drehe mich still auf die Seite und
-fange, um den Schlaf herbeizuschmeicheln, die fallenden Tropfen zu
-zählen an: Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch ...
-
-Ich glaube, bis nah' an siebenhundert kam ich. Ja, wahrhaftiger Gott:
-gegen drei Uhr bin ich zufrieden eingeschlafen. Ein paarmal erwachte
-ich, hatte rückwärts das Gefühl einer immer feuchter werdenden Unterlage
-und im Hirn eine seltsame Idiosynkrasie: ich vermutete immer, daß
-vor meinem Kavaliershüttl irgend jemand Holz hacke. Es waren die
-Gewehrschüsse, die vom Schützengraben herunterklangen. Und einmal fuhr
-ich sehr heftig auf und hörte noch ein doppeltes Rollen -- es war ein
-Granatenpärchen in den Wald geflogen. Ich drehte mich um und schlief
-wieder ein. Und habe geschlafen, bis im Ergrauen des Tages die Ordonnanz
-mich weckte und meine schöngeschmierten Stiefel brachte: »No, Herr
-Doktor, wie war's?«
-
-»Ganz gut! Ein bisserl feucht halt!«
-
-»Mein, da haben wir's jetzt noch wie im Himmel! Aber die vorig' Woch',
-da haben wir sechs Nächt lang im Wasser hocken müssen. Niederlegen
-hat man sich gar nimmer können. Auf'm Tornister hat man halt sitzen
-müssen. Da hat's die meisten von uns a bißl verdrossen. Alle haben wir
-g'schimpft, ja! Bloß an einziger is zufrieden g'wesen. Dös war a Tölzer
-Floßknecht. Der hat allweil g'sagt: >Dös bin i g'wohnt!< -- Da haben wir
-uns a guts Beispiel g'nommen.«
-
-Draußen rauschte der schwere Regen.
-
-Heißer Tee. Fünf Tassen. Dann hinauf in den Schützengraben. Hier sind
-im Morgengrau schon alle bei der Arbeit. Fast durch die ganze Länge des
-Grabens liegen die Lehmwände niedergebrochen. Alles, was Boden heißt,
-ist verschlammt und überschwemmt. Und den schanzenden Soldaten rinnt
-das Wasser über Gesichter, Rock und Hosen herunter. Und immer noch
-schwatzen sie lustig und machen jene kleinen, netten Späße, in denen
-eine große, tiefe Seele steckt -- die Seele des deutschen Volkes!
-
-Ist der Krieg im Regen ertrunken? Kein Schuß mehr. Den ganzen Vormittag
-bleibt es still. Doch am Nachmittage, während ich durch die klatschenden
-Regengüsse und unter peitschenden Windstößen zurückwandere zu meinem
-Fürstenfeldbrucker Philosophen, beginnen die Haubitzen wieder zu
-donnern, und von überall klingt das Knallen, das die pfeifenden
-Vögelchen fliegen macht.
-
-Mein ganzes Denken ist ein einziges heißes, inbrünstiges Gebet zur Sonne:
-
-»Komm! Und scheine den Unseren! Meinetwegen auch den andern! Wenn nur
-die Unseren trocken werden und sich wärmen können!«
-
-
-
-
- 10.
-
-
- 7. Februar 1915.
-
-Einen Tag lang war herrliches Wetter. Alles funkelte von Sonne. Die
-reinste Frühlingsstimmung! Dachte man an die Truppen, so fühlte
-man immer den gleichen Gedanken: »=Gott sei Dank, jetzt werden
-sie trocken!=« Wie eine tiefe Wohltat war's, mir vorzustellen,
-daß unsere Feldgrauen vor Wärme dampfen. Und mit Lachen mußte ich
-besonders an =einen= denken. Den hatte ich in seinem triefenden
-Schützengrabenhöhlchen knien sehen, mit einer ganz sonderbar
-verbuckelten Gestalt. »Um Gottes willen, was ist denn mit Ihnen?« hatte
-ich erschrocken gefragt, denn ich hielt ihn für einen Schwerverwundeten
-im Notverband. Aber nun kam eine heitere Lösung. Der kluge Mann hatte,
-um sich gegen die von unten heraufquellende Nässe zu schützen, =sieben=
-wollene Liebesgabenbauchbinden =hinten= herumgebunden. Er behauptete:
-das bewahre ihn bis zum Morgen vor dem tieferen Eindringen jeglicher
-Feuchtigkeit. Weil die äußerste dieser sieben wollenen Sitzfleischhäute
-zinnoberrot war -- möglicherweise aus dem ehemaligen Unterrock einer
-Dorfschönen geschnitten -- glich der Eingewickelte einem Pavian in der
-Paarungszeit. Wie feucht die sieben konträr verwendeten Bauchbinden
-auch geworden sein mögen -- jetzt konnte er sie einen Tag lang in die
-freundliche Sonne hängen.
-
-Die drollige Episode ist auch ein ernster Beweis für die opulente
-=Liebesgabenfülle=, mit der unsere Feldgrauen von der Heimat aus bedacht
-werden. Was sie mehrfach bekommen, wird oft in höchst sinniger Weise
-aufgebraucht. Einen sah ich, der vier Paar Kniewärmer zu ganz famosen,
-tütenförmig übereinandergreifenden Gamaschen zusammengenäht hatte; der
-Mann muß übrigens auch künstlerischen Geschmack haben, weil er bei
-Erzeugung dieses Meisterwerkes der Feldflickerei die Farben harmonisch
-gliederte: grau, braun, grau, braun. Überzählige Schlipse werden
-häufig als Lehmhindernisse oben um die Stiefelröhren herumgewickelt;
-entbehrliche Pulswärmer finden Verwendung als Zehenfutterale, und
-Kopfschläuche werden zu »Kniehösln« degradiert. Einstimmig ist bei
-allen Feldgrauen die =dankbare Anerkennung der Liebesgabenmenge=. Zu
-Dutzend Malen hörte ich in wechselnden Worten den gleichen Sinn: »=Die
-Leut daheim sind so viel gut! Jetzt haben wir's oft besser wie in der
-Friedenszeit.=«
-
-Die segensreichste von allen Liebesgabenspenderinnen ist aber doch
-die warme Sonne. Sie macht überflüssig, was Wolle heißt, und legt die
-Soldaten trocken wie liebe Kinderchen. Nur die Kanonen macht sie nervös;
-denn wenn die Nebel verschwinden und der Himmel blau wird, erscheinen
-die feindlichen Flieger. Vorgestern hörte man fast ununterbrochen vom
-Morgen bis zum Abend die Schrapnellschüsse krachen, die den Fliegern
-entgegenflammten und hinter ihnen herjagten. Das ist ein aufregendes
-Bild: wenn hoch droben im Blau dieser winzig aussehende Menschenvogel
-kreist, den das unbewaffnete Auge erst nach langem Spähen zu entdecken
-vermag. In so großer Höhe ist seine Bewegung eine kaum merkliche: oft
-scheint er völlig stillzustehen wie ein Falke, der auf seine Beute
-lauert. Und dann plötzlich springen aus dem blauen Himmel, während
-herunten auf der Welt die Schüsse krachen, kleine silbergraue kuglige
-Wölklein heraus, immer wieder und wieder eins, hinter dem Vogel,
-vor ihm, über ihm, unter ihm -- die Rauchklumpen der platzenden
-Schrapnellgeschosse. Ganz ruhig bleiben sie hängen im Blau, erweitern
-sich ein bißchen, werden zu weißen Himmelsschäfchen -- und wenn der
-Flieger schon lange verschwunden ist, hängen sie noch immer da droben
-und bezeichnen den Weg, den der feindliche Menschenvogel genommen hat.
-
-Schwebt der Flieger in zwei- bis dreitausend Meter Höhe, so ist er fast
-völlig sicher. Nur bei ganz besonderem Glücksfall -- der feindliche
-Vogel würde sich natürlich anders ausdrücken -- kann ihn ein Schuß
-herunterholen. Freilich, je höher der Flug, um so bescheidener auch
-das Resultat der Erkundung, trotz Photographie und Funkenspruch.
-Die vielen Schrapnellschüsse, die man hinaufschickt, bringen also
-immerhin den Gewinn, daß der französische Flieger, dem die glückliche
-Heimkehr wesentlich sympathischer als der Absturz ist, außerhalb
-einer ergebnisreicheren Spähweite gehalten wird. Trifft ein Schuß,
-so geht's dem Flugzeug noch lange nicht ans Leben; die Stellen, wo es
-sterblich ist, sind keine Scheunentore, sondern kleine Achillesfersen.
-Jeder Doppeldecker der deutschen Fliegerabteilung zu H., bei der ich
-einen mir unvergeßlichen Tag verbrachte, ist ausgezeichnet durch die
-Ehrenmale vieler Schußnarben; neben jenen ausgeheilten Wunden, die
-für das Flugzeug lebensgefährlich waren, steht unter dem Bild des
-Eisernen Kreuzes der sieghafte Tag angeschrieben, an welchem deutsche
-Unerschrockenheit und Geistesgegenwart eine drohende Todesstunde
-überstanden. Mit dankbarer Bewunderung hab' ich das Eiserne Kreuz
-erster Klasse unseres kühnen Fliegeroffiziers betrachtet, der auf einem
-ebenso verwegenen wie ergebnisreichen Erkundungsfluge schwer verwundet
-wurde und noch in äußerster Erschöpfung, auf dem Verdeck des Flugzeuges
-stehend, =ein Schußloch des rinnenden Benzinbehälters so lange mit dem
-Daumen verstopfte, bis der Doppeldecker innerhalb der deutschen Stellung
-glücklich zu landen vermochte=.
-
-Der Satz, den ich da niedergeschrieben habe, ist schnell gelesen. Doch
-wer die Ewigkeitsminuten eines solchen Nervenkampfes in den Lüften
-auszudenken vermag, wird einen atembeklemmenden Schauder empfinden und
-sich dabei doch aufrichten in deutschem Stolz. Vor Beginn des Krieges
-hatte das französische Flugwesen gegen das deutsche eine siebenfache
-Übermacht. Unsere Flieger haben sie ausgeglichen durch zähe Schulung und
-technisches Geschick, durch stählerne Herzhaftigkeit und erhöhten Mut.
-Wie man von altersher sagte: »Ein Mann, ein Wort« -- so wird man sagen:
-»Ein deutscher Flieger, ein deutscher Held!« -- Bei uns ist die Kraft,
-bei uns der Sieg! Alles was ich sehe und erlebe im Feld, klingt mir
-immer wieder aus in diesen herrlich läutenden Refrain.
-
-Neuer Nebel und Regen brachte mich gestern um den Anblick eines
-=Geschwaderfluges= der Unseren. Ein solcher Flug war geplant zur
-Begrüßung unseres Königs, der die bayerischen Armeeverbände an der Front
-besichtigte. Wetter und Wind verriegelten die Fliegerschuppen. Aber der
-Vorbeimarsch unseres =Leibregiments= sowie der anderen, auf Ablösung
-in den Stadtquartieren weilenden Truppen war auf dem großen Stadtplatz
-trotz Nebelreißen und spritzenden Pfützen eine ganz prachtvolle
-Sache. =Jede Schießscharte in unseren Schützengräben ist Schulter an
-Schulter besetzt -- und hinter der Front dieses fast unübersehbare
-Gewimmel unserer gesunden, hochgewachsenen, kraftvollen und tadellos
-ausgerüsteten Soldaten!= Im Gefühl der Zuversicht, die dieses Bild und
-der klingende Taktschritt vieler Tausende von festen deutschen Beinen
-mir einflößte, hätt' ich vor Freude immer schreien mögen. Das verbot
-nicht nur der militärische Ernst der Stunde, auch jeder Blick auf die
-Einheimischen, die in dichten Gruppen umherstanden; sie sprachen kein
-lautes, vernehmbares Wort; entweder blieben sie stumm oder flüsterten
-ganz leise miteinander; immer unruhiger irrten ihre Augen über diese
-festgefügten Soldatenzüge hin, und in ihren Gesichtern wurden Schreck
-und Staunen immer größer, je länger der Vorbeimarsch der Bataillone
-und Batterien dauerte. -- Neulich, als große Rekrutennachschübe hier
-eintrafen, tuschelten die Einheimischen mit glänzenden Augen einander
-zu: das wären fliehende, von den Franzosen aus den Schützengräben
-verjagte Deutsche. Gestern begriffen sie die Wahrheit und bekamen
-eine erschreckende Vorstellung von Deutschlands unerschöpflichem
-Menschenbrunnen. Und da war in ihren Augen die Trauer des Wissens:
-daß der Sieg ein unentreißbarer Besitz der Deutschen ist. Wenn die
-=Franzosen= zittern und Unruhe und Verzagtheit fühlen, so haben sie
-Grund dazu!
-
-Immer war im Blick und im Lachen unseres Königs die Freude zu sehen,
-die ihm das straffe Bild seiner Truppen bereitete. Bei dem Festmahl,
-dem als Gast der Generalfeldmarschall =von Bülow= beiwohnte, war der
-König in einer Stimmung, die ihn zu verjüngen schien. Aus seiner
-heiteren, lebhaften Unterhaltung war herauszuhören, was dieser von Kraft
-klirrende Tag ihm gezeigt hatte. Im Anschluß an ein Gespräch über meine
-Schilderungen des Hauptquartiers sagte der König: »=Wann dieser Krieg
-zu Ende sein wird, ob später oder früher, das weiß heute mit Sicherheit
-kein Mensch auf Erden. Aber wie er ausgehen wird, das wissen wir doch
-alle. Da kann man ruhig sein.=«
-
-Vorhin gebrauchte ich das Wort »Festmahl«. Das klingt ein bißchen
-wunderlich: ein Festmahl im Kriegslager. Man muß da nur wissen, wie
-es war. Eine Stimmung von festlicher Gehobenheit, gewiß! Aber dieses
-Mittagessen, an dem der König teilnahm, fand im zweiten Stockwerk
-eines hohen, schmalbrüstigen Hauses statt, dessen rechte Mauerseite
-ungestützt und ein bißchen schief in der Luft hängt. Das Nachbarhaus,
-das diese Mauer vor einigen Monaten noch tragen half, die Präfektur,
-ist niedergebrannt und in einen Schutthaufen verwandelt -- nicht von
-den Deutschen in Trümmer geschossen, sondern =vor= ihrem Einmarsch
-abgebrannt, nachdem die Staatsgelder, wie hier erzählt wird, auf
-unerklärliche Weise verschwunden waren. In diesem schmalbrüstigen, von
-seiner staatlichen Stütze jetzt völlig verlassenen Hause wurde im Juli
-des vergangenen Jahres, kurz vor Ausbruch des Krieges, ein Galadiner
-zu Ehren des Präsidenten der französischen Republik abgehalten. Von
-der Herrlichkeit dieses peronnesischen Nationalfestes unter Monsieur
-Poincarés Vorsitz ist nur das künstlerisch verzierte Menü noch übrig
-geblieben: ein Dutzend der leckersten Gänge mit einer Himmelsleiter
-aller besten französischen Weine! Bei dem Mittagessen, das gestern für
-unseren König und seine Offiziere gerichtet war, ging es einfacher zu;
-man trank dabei Bayerisches Bier und ein paar Gläser Sekt. Und als
-von der freihängenden Wand gesprochen wurde, die bei jedem schweren
-Kanonendonner sehr merklich wackelt, sagte der König lachend: »=Wo
-Deutsche sitzen, da hält schon alles!=«
-
-Ja! Wir Deutschen sitzen hier in erobertem Land! Und das hält. Sicher
-und fest.
-
- * * * * *
-
-Es war um die elfte Nachtstunde. Und plötzlich hörte ich ein Lied von
-vielen Soldaten, hörte den stahlfesten Hammerschlag marschierender
-Schritte, warf die Feder weg und sprang an das Fenster und riß die
-Scheiben auf.
-
-Über der laternenlosen Straße hing eine schwarze, finstere Nacht, in der
-mein Blick nur mühsam die Umrisse der gegenüberliegenden Hausdächer
-unterschied. Und ein heulender Sturmwind peitschte mir den Regen ins
-Gesicht.
-
-In solcher Nacht kamen sie heranmarschiert und sangen, kamen aus der
-Stadt und stampften hinaus zu den Schützengräben. Es müssen zwei
-Bataillone des =Leibregiments= gewesen sein. So finster war es, daß
-ich einzelne Gestalten nicht auszunehmen vermochte. Nur die großen,
-dichten Menschenklumpen unterschied ich. Das einzig Helle und deutlich
-Sichtbare waren die wehenden Glutfunken, die von den Zigarren oder aus
-den brennenden Pfeifen im Sturmwind davonflogen.
-
-Immer sangen die Soldaten, immer das gleiche Lied:
-
- »=In der Heimat, in der Heimat,
- Da gibt's ein Wiedersehn!=«
-
-Und dann kam etwas, was ich von singenden Soldaten noch nie gehört
-habe: als sie schon außerhalb der Stadt waren, außerhalb der alten,
-zerbrochenen Festungswerke, verwandelte sich das Ende ihres Liedes in
-ein mit wirren und hohen Stimmen durcheinanderklingendes Jauchzen und
-Jodeln, wie wir es kennen von unseren Hochlandsfesten bei strahlender
-Morgensonne.
-
-Ein Gedanke sagte mir noch: Du irrst dich, es hat nur der Sturmwind ihr
-Lied zerrissen, und drum tönt es so, wie wirr durcheinanderklingende
-Schreie! -- Aber nein! Ganz deutlich, jeder Täuschung entrückt, wahr
-und wirklich, klang es nun abermals durch die Finsternis aus der Ferne
-zu mir her! Sie jauchzten und jodelten wie junge Menschen in froher
-Trunkenheit! Und da war es in mir wie ein klares Sehen, wie ein festes
-und heiliges Wissen: daß Soldaten, die mit solchem Liede und mit solchem
-Jauchzen in eine stürmische Nacht hinausmarschieren, der Gefahr und
-dem drohenden Tod entgegen -- daß solche Soldaten siegen =müssen=!
-Gleichviel, wann!
-
-
-
-
- 11.
-
-
- 16. Februar 1915.
-
-Vor wenigen Tagen war es. Niemand sprach davon, daß man einen Angriff
-der Franzosen erwarte. Aber es lag was in der Luft, nicht nur deshalb,
-weil die feindlichen Geschütze seit zwei Tagen lebhafter als sonst über
-die fernen Waldhügel herüberdonnerten. Auch am Verhalten der Feldgrauen
-fiel mir etwas auf. Ich glaube, militärisch nennt man es »erhöhte
-Bereitschaft«.
-
-Mit Anbruch der Nacht war für mich der Besuch einer weit entlegenen
-Artilleriestellung verabredet, zu der es am Tage keine Zufahrt gibt.
--- Acht Uhr vorüber. Ich saß in einer engen, finsteren Sache, wie
-ein Sträfling in seinem Zellenwagen. Das kleine Kupee hatte keine
-Glasscheiben, sondern Brettfensterchen mit winzigen Ausschnitten, durch
-die ich manchmal ein wässeriges Sternchen flüchtig aufschimmern sah.
-
-Nach zwei Stunden hält der Wagen. Ich bin im Hof einer großen Ferme.
-Alle Läden geschlossen, nirgends ein Licht. Nur droben am klar
-gewordenen Himmel brennen die vielen Sterne. Die Haustür wird geöffnet,
-und die freundlichen Stimmen dunkler Gestalten begrüßen mich. Dann
-sitzen wir in der etwas schummerigen Stube, und der Zigarrenrauch
-schwimmt in geschlängelten Fäden um das sparsame Flämmchen der
-Petroleumlampe. Die Offiziere sind heiter wie sonst; in dieser
-Heiterkeit ist eine Ruhe, die alle Spannung meiner Nerven beschwichtigt.
-Mir ist sehr wohl an diesem Tisch. Im Geplauder frag' ich einmal: »Da
-ist doch hier in der Gegend eine von den Franzosen kaputt geschossene
-Villa, deren Turm neulich noch ganz war? Da droben sitzt doch immer ein
-Beobachter. Steht der Turm noch? Oder ...« Um den Tisch geht ein Lachen
-herum. Und der junge Artilleriehauptmann schmunzelt: »Gott sei Dank, er
-steht noch! Da droben sitze doch =ich= immer! Wenn Sie morgen nachmittag
-zu mir hinaufkommen wollen? Ich denke, da werden Sie etwas sehen!«
-
-Während wir weiterschwatzen, hör' ich etwas: manchmal klingt es wie eine
-Karfreitagsklapper; dann wieder, als kollerten viele Holzkugeln über
-eine steile Treppe herunter; oder als würden hundert Teppiche geklopft.
-Jede Sekunde klingt es anders und bleibt doch immer das gleiche. »Was
-ist das?« -- »Noch ist es kein Angriff. Aber möglich, daß es einer wird.«
-
-Wir treten in den schwarzen, vom Sternenhimmel überfunkelten Hof
-hinaus. Nun vernehm' ich es deutlich. So hatt' ich es noch =nie=
-gehört, auch nicht im Schützengraben. Was da so unregelmäßig hämmert
-in der Nacht, ist wie das Zähneklappern eines frierenden Riesen. Hoch
-über uns fahren kurze Zischlaute durch die Luft: die »Hochgänger«, die
-von den zerrissenen Salven der Franzosen zwei Kilometer weit über den
-schwarzen Waldgrat herüberfliegen. Auf dem Dach geht eine Schieferplatte
-in Scherben, und die Splitter bröseln in den Hof herunter. Dieses
-ziellose Gepulver in der Finsternis hat etwas unsagbar Aberwitziges.
-»Schießen denn da die Unseren =auch=?« -- »Nein. Die warten, bis es
-notwendig wird.« -- »Aber auf was schießen denn die Franzosen, jetzt,
-in der Nacht?« -- Ein Lachen. »Auf nichts. Vielleicht glauben sie,
-eine Patrouille zu sehen. Oder es ist wieder ein Bluff, mit dem sie uns
-herauslocken möchten. So machen sie es oft. Aber die Unseren sitzen fest
-und warten ruhig, bis die Franzosen kommen. Dann kracht es bei =uns=.
-Das hat einen ganz anderen Ton!« --
-
-Diese Erklärung gab mir ein äußerst behagliches Zufriedenheitsgefühl.
-Mit ihm vereinigte sich das Bild der Schützengräben, die ich gesehen --
-und die deutsche Seßhaftigkeit in diesem Maulwurfskriege begann mir als
-etwas sehr Notwendiges und Vorteilhaftes einzuleuchten. Bei gleichen
-Kräften eine unzerbrechbare Mauer verteidigen, ist schon der Sieg --
-mit dem Kopf gegen unbeugsame Steine rennen zu müssen, ist schon die
-Niederlage, noch ehe der letzte Kampf beginnt. Die festen Stellungen,
-die hier seit Monaten geschaffen und mit jedem Tage stärker ausgebaut
-wurden, können nur durch eine große Übermacht überrannt werden. Eine
-solche Übermacht werden die Franzosen auch mit englischer Hilfe niemals
-wieder haben! Aber =wir= werden sie haben! Bald! Dann wird die Stunde
-der Entscheidung im Westen gekommen sein! --
-
-Am Morgen schien die Sonne aus blauem Himmel heraus. War dem frierenden
-Riesen warm geworden? Er hatte seinen klapprigen Zähneschauer
-eingestellt. Nur ab und zu noch klangen einzelne Schüsse von der
-feindlichen Stellung herüber.
-
-Die Offiziere waren aus der Ferme verschwunden; ein junger Doktor sollte
-mich führen. Vor dem Hause ging es lebhaft zu. Feldgraue kamen über
-die Lehmwege hergewatet, jeder mit sechs kleinen Kesseln, um von der
-Feldküche das Frühstück für die Kameraden im Schützengraben zu holen.
-Die Schüsse, die sich noch hören ließen, wurden übertönt vom friedlichen
-Geräusch einer Dreschmaschine, die den französischen Weizen für den
-deutschen Appetit ausklopfte. Zwölf Bauernweiber lupften die Garben,
-bedienten die Maschinen und banden das ausgedroschene Stroh. Bei ihnen
-stand zur Aufsicht ein braunbärtiger deutscher Unteroffizier, der sein
-Pfeiflein rauchte und gemütlich dreinguckte, solange die Weiber tüchtig
-schafften; wurden sie faul, dann nahm er die Pfeife aus den Zähnen und
-sagte energisch: »Trawalliöh!« Worauf die Weiber wieder sehr fleißig
-wurden. -- Besser so, als daß ein französischer Korporal unseren
-deutschen Bauernfrauen befehlen dürfte: »Harbeiiitet!«
-
-Manchmal donnerte irgendwo ein Kanonenschuß, während wir in den
-glänzenden Vormittag hinauswanderten. Wir mußten gedeckte Schleichwege
-suchen, durch Pfützen waten, durch dornige Wäldchen kriechen. Auf einem
-großen Teiche sahen wir ein deutsches Idyll: eine mit Weizengarben
-beladene Zille kam auf dem Wasser herangeglitten; vier Feldgraue saßen
-auf der Strohladung des Schiffleins, und zu dieser netten Fahrt blies
-einer die Mundharmonika; warme Sonne umglänzte das hübsche Bild, das
-doppelt zu sehen war: in der Luft und im spiegelnden Wasser. Dazu der
-französische Kontrast: ein grauenvoll verwüstetes Gehöft! Welch ein
-entzückendes Landhaus mit Obstwiese und Blumengarten, mit Fischzucht und
-Weihern, mit Rosenhecken und Lauben muß das gewesen sein, ehe der Krieg
-begann! Und jetzt ein wüstes Durcheinander von verkohlten Balken, von
-Brandschutt und zerstückelten Mauern!
-
-Ein Rauschen in den Lüften -- ein Flieger! Ich fand ihn mit dem Glas.
-Ein deutscher Doppeldecker! Wie etwas ganz Feines und Zierliches flog
-er zweitausend Meter hoch im Blau. Da begann auch schon die Kanonade
-von der französischen Stellung her, ein feindliches Maschinengewehr
-erhob seine langsame Unkenstimme: »Tack, tack, tack, tack ...«, und
-neben der Sonne pufften in langer Reihe die grauen Kugelwölklein der
-Schrapnellschüsse aus dem blauen Nichts heraus. In meiner Seele war
-ein heißer Schrei: »Fliege, fliege, du deutscher Bruder da droben,
-erfülle deine kühne Pflicht, laß dich nicht herunterholen vom Haß deiner
-Feinde!« Er flog und flog, immer blieben die Explosionswölklein weit
-hinter ihm zurück. Geradhin und ruhig segelte er wie ein wilder Schwan,
-der die Tiefe verachtet. Keiner von den hundert Schüssen, die nach ihm
-abgefeuert wurden, konnte ihn auch nur zum leisesten Ausbiegen von der
-Richtung seines Erkundungsfluges zwingen. Im Glanz der Sonne, den meine
-Augen nimmer ertrugen, verschwand er. Ich mußte zwei Worte flüstern:
-»Deutscher Flug!« Aus diesen Silben und ihren Bildern wuchsen mir
-stolze, hoffnungsfrohe Gedanken heraus. --
-
-Ein zerrissener Wald, in den die Mittagssonne steil herunterglänzte.
-Hier sah ich etwas Neues: einen von den großen Mörsern, die vor wenigen
-Tagen hierhergebracht wurden. Steht ein Mensch neben solch einem
-metallenen Ungetüm, so sieht er aus wie ein Zwerg neben einem Nashorn.
-An der Kugel, die dieser deutsche Kampfgigant über zehn Kilometer
-schleudert, haben vier Feldgraue zu schleppen. Und solcher Kugeln stehen
-Hunderte aufgeschichtet, jede in ihrem binsenen Moseskörbchen! Ich
-frage: »Wird geschossen?« -- »Vor dem Abend kaum. Der Feuerbefehl muß
-von der Turmstelle kommen.« Also von dort, wo ich in einer Stunde sein
-werde!
-
-Bei dem weiten Umweg über die Felder zappelt mir die Ungeduld in den
-Beinen. Hinter einer Deckung erwarten uns die beiden Pferde. Wir reiten
-los. Da beginnt auf einem langgestreckten Höhenzuge der frierende Riese
-heftig mit den Zähnen zu klappern. Immer rascher klingt es ineinander,
-fast ist es schon ein ununterbrochenes Salvenrollen. Und in vielen
-Richtungen fangen die Geschütze zu dröhnen an, vorerst nur französische.
-Jeder Schuß ist ein doppelter Donner: Abschuß und Granatenschlag.
-Wir lassen die Pferde rennen, um so rasch wie möglich unser Ziel zu
-erreichen. -- Da ist es!
-
-Auf einem von winzigen Waldflecken umhuschelten Hügel stand einmal ein
-kleines Dorf. Jetzt ist es ein Schutthaufen, den alles Leben verlassen
-hat. Nicht weit davon liegt die Trümmerstätte der kastellartigen Villa
-mit dem hohen Turme, der noch immer steht. Wer diesen Turm erbauen ließ,
-muß Ritterträume gehabt haben _à la_ Don Quixote! Vom Haus ist nimmer
-viel übrig, und auch der Turm ist ausgebrannt bis in die zerrissene
-Blechkuppel hinauf. Sein Inneres ist eng und dunkel; von den vier
-verbrannten Turmböden sind nur noch ein paar verkohlte Balkenstümpfe
-vorhanden. In diesem leeren Mauerdarme haben die deutschen Pioniere
-acht Leitern hin und her übereinander gebunden. Draußen der ruhelose
-Geschützdonner, im Turme das Schweigen. Aber ganz in der Kuppel droben
-trillert ununterbrochen die Klingel eines Telephons. Und ruhige Stimmen
-tönen herunter; immer wieder höre ich die beiden Worte: »Turmstelle
-hier!«
-
-Während der Doktor die beiden Pferde irgendwo versorgt, beginn' ich zu
-klettern. Durch schießschartenähnliche Fensterchen fällt spärliches
-Licht herein; das hilft mir, die Leitergriffe zu finden. In der
-dunklen Höhe stoße ich mit dem Kopf gegen etwas Hartes. Über mir eine
-lachende Stimme: »Herein!« Ein schmales Falltürchen wird geöffnet.
-Zwei feste Hände greifen herunter und ziehen mich vollends hinauf. Ein
-freundlicher, aber kurzer Gruß des jungen Hauptmanns -- ich bekomme in
-dem kleinen Dachkäfig ein Winkelchen, wo ich stehen muß, ohne mich viel
-rühren zu können -- dann geht die ernste militärische Arbeit weiter,
-mit raschen und knappen Schlagworten, die mir, da fast immer in Zahlen
-geredet wird, eine unverständliche Sprache sind. Außer dem Hauptmann
-ist noch ein Leutnant da, ein Unteroffizier zur Bedienung des Telephons
-und einer zur Meßarbeit auf der Karte, die über ein Brett gespannt ist.
-Zwischen dem Mauerbord und der Dachkuppel ist eine handbreite Lücke; da
-kann man hinausgucken, kann sogar den Feldstecher dazwischenstecken. Und
-während bei jedem schweren Granatenschlag das Gemäuer des Turmes leise
-schüttert, beginne ich zu schauen, durchwühlt von einer heißen Erregung,
-die mir fast den Atem erwürgt.
-
-Was ich sehe, ist ein Bild von unsagbarer Schönheit, ein wundervolles,
-im Gold der Abendsonne leuchtendes Land. Als ich noch da drunten war, da
-sah ich Hügel und Wälder; jetzt seh' ich nur einen ebenen Felderschild
-mit dunklen Flecken, aus denen sich höhere Bäume zierlich oder seltsam
-geformt herausheben. Zerstörte Dörfer und zertrümmerte Gehöfte sehen
-aus wie kleine, gesprenkelte, sonderbare Blumen. Gleich den niederen
-Versatzstücken einer Theaterdekoration schieben sich die Konturen
-von Gehölzen und Ortschaften durch- und hintereinander, alles wie
-niedliches Spielzeug. Ich sehe geschlängelte Bäche und schnurgerade
-Straßenzüge, sehe weit in südlicher Ferne den blitzenden Lauf der Somme
-mit ihren Sümpfen und Kanälen, und sehe -- vergleichbar einem endlosen,
-vielgewundenen, doppelten Kupferkettchen -- die von Osten kommenden
-und gegen Norden ziehenden Linien der deutschen und feindlichen
-Schützengräben. Über allem der blaue Himmel mit seiner niedersteigenden
-Sonne; und in der Tiefe ein feines, wunderlich zu Streifen gestaltetes
-Nebelziehen, das sich unter dem ruhelosen Donner des Geschützkampfes
-mehr und mehr zu verstärken scheint.
-
-Dieses herrliche Land da drunten? Ist das ein Herzogtum ohne Volk?
-Nirgends ist ein Mensch zu entdecken, nirgends ein Bauer auf den
-Feldern, nirgends ein Wagen, der sich bewegt, nirgends ein Tier der
-Erde! Alle Schönheit da drunten ist leer und öde. Nur manchmal, unter
-dem aufschreckenden Granatendröhnen, flattern braune, dichte Schwärme
-von Wandervögeln nahe bei meinem Ausguck vorüber, wie Wolken von dürren
-Blättchen, die der Sturmwind treibt.
-
-Mir werden Lippen und Zunge trocken, und vor Erregung fiebert mir jeder
-Nerv im Leib. Immer spähe ich durch das Glas nach den Schützengräben,
-bei denen der Riese mit den Zähnen schauert. Ich gewahre nichts, nichts,
-nichts, keinen Rauch, keinen Feuerblitz, keine Bewegung, =nichts=! Und
-immer dieses Donnern und Brüllen in der Luft! Gierig suche ich mit dem
-Glas die bald umschleierte, bald wieder von Sonne leuchtende Leere
-ab. In weiter Ferne, auf etwa vierzehn Kilometer, gewahre ich vor
-einem Waldstreif vier kleine, weiße Punkte, als hätte man da ein paar
-Taschentücher zum Trocknen aufgehängt. Jetzt bewegen sie sich langsam
-und schweben aufwärts und werden größer, ein feindlicher Flieger. Das
-Telephon klingelt und die ruhige Stimme des jungen Hauptmanns, der
-beim Scherenfernrohr sitzt, gibt eine Meldung in Ziffern. Der Flieger,
-den ich mit dem Glas beobachte, macht plötzlich eine Schwenkung, und
-ich sehe einen zweiten erscheinen. Ist das ein Deutscher? Der den
-Franzosen verfolgt? Beide verschwinden im Dunst. Während ich suche,
-kommt mir eine kleine blaugraue Kugel mit langem Schwänzlein ins Glas:
-ein französischer Fesselballon. Unbeweglich hängt er in der Luft, etwa
-zwölf Kilometer von uns entfernt. Nun gleitet er zur Erde hinunter und
-verschwindet hinter einem Waldstreif. Beim Scherenfernrohr ein kurzes,
-heiteres Lachen: »Dem war unser Flieger nicht geheuer!«
-
-Allmählich wird der Geschützdonner seltener und verstummt beinahe ganz.
-Die grauen Dünste in der Landschaft zerflattern und verschwinden.
-Die Sonne ist rot geworden, Felder und Wälder gluten oder liegen in
-schwarzblauem Schatten. Das Telephon trillert, der Hauptmann wird zum
-Hörrohr gerufen. »Jawohl, Herr General, der Ballon ist niedergegangen.«
-Ein langes, leises Geräusch im Apparat, ähnlich dem Krächzen eines
-Grammophons, bevor es zu spielen beginnt. Da sieht der Leutnant, der den
-Platz am Scherenfernrohr einnahm, daß der Fesselballon wieder hochgeht.
-Die Meldung wird ins Telephon gegeben. Wieder beginnt im goldschönen
-Abend dieses Brüllen und Dröhnen, das die Lüfte erschüttert, gleich dem
-Donner eines grauenvollen Gewitters. Wieder die ruhige Zahlensprache und
-die kurzen Worte. Meldung um Meldung kommt, Meldung um Meldung fliegt
-zu den Batteriestellungen und zum Divisionsstabe. Ich möchte lauschen,
-möchte diese Ziffern und Worte deuten, aber immer muß ich schauen und
-suchen.
-
-Der Geschützkampf, der sich bisher in größerer Entfernung abspielte,
-scheint sich näher heranzuziehen. Auf zwei Kilometer steht plötzlich ein
-gewaltiger, grauschwarzer Rauchbaum in einem Acker. Ein Krachen, daß
-mir die Ohren klingen. Schlag um Schlag. Eine ganze Reihe von solchen
-Rauchbäumen fährt aus der Erde heraus, dicht bei einem Wallstrich
-unserer Schützengräben. Der Granatenregen kommt von zwei französischen
-Batterien; ihr Feuer wird vom Fesselballon geleitet; sie schießen gut;
-in gerader Zeile setzen sie eine Granate dicht neben die andere. Immer
-muß ich an die Unseren in dem mit Flammen und Eisen überschütteten
-Graben denken, und während mir das Gesicht brennt, rinnen mir kalte
-Schauer durch das Herz.
-
-Die Sonne ist schon drunten, immer grauer wird die Dämmerung, immer
-dichter dieses Dunstgewoge. In dem engen Dachkäfig des Turmes ist es
-schon so dunkel geworden, daß man die Karte beim Messen nimmer ablesen
-kann; man muß sie mit einem elektrischen Taschenlämpchen beleuchten.
-Die Worte, die ich höre, lassen mich vermuten, daß die eine der beiden
-feindlichen Batterien -- eine Waldbatterie -- jetzt gleich unter
-deutsches Feuer genommen wird. Nach der anderen sucht der Hauptmann
-mit dem Scherenfernrohr. »Da drüben, dreihundert Meter westlicher,
-muß sie stehen, aber die Stellung verschwimmt im Dunst.« Ich spähe
-durch mein Glas -- und ein Zufall will es, daß ich in der Dämmerung
-die Stichflamme eines feuernden Geschützes erkenne. Im Scherenfernrohr
-sieht der Hauptmann noch den Feuerstrahl von zwei weiteren Geschützen.
-Durchs Telephon fliegt der Bereitschaftsbefehl zu den Mörsern. Aber
-bis im Dunkel des Turmkäfigs bei Laternenschein die Richtung auf der
-Karte gemessen und die Entfernung, achttausend Meter, berechnet werden
-konnte, ist draußen der Abend schon so tief gesunken, daß das Feuer der
-Mörser dem Feind ihre Stellung verraten würde. Das Telephon trillert.
-»Die Mörser bleiben in Richtung. Schluß.« Eine andere Meldung geht zum
-Stab. Und plötzlich dröhnen viele deutsche Schüsse rasch ineinander --
-weit aus den Lüften hör' ich etwas wie das ferne Sausen eines wackligen
-Eisenbahnzuges -- und dort, wo die feindliche Waldbatterie gestanden,
-seh' ich etwas Furchtbares und Wildschönes aufbrennen. Sieben oder acht
-Granaten müssen es gewesen sein, die innerhalb zweier Sekunden auf die
-gleiche Stelle gefallen sind. Für meine Augen sah es aus, als wär's nur
-eine einzige Flamme, die wie ein riesiges Irrlicht zuckend und sinnlos
-umherhüpfte. Eine schwere Wolke wirbelt da drüben in die sinkende
-Nacht hinauf, die Stelle umhüllt sich mit Dunst -- und dann erst, da
-alles für den Blick schon verschwunden ist, hört man den dröhnenden
-Explosionsdonner und sein Echo.
-
-Eine ruhige Stimme sagt: »Die ist erledigt. Die andere kommt morgen
-dran!«
-
-Nun tiefes Schweigen in der Dunkelheit. Kein Schuß mehr. Nichts.
-
-Ich kann nicht sprechen. Ganz stumm bin ich. Und während ich mich in der
-Finsternis des Turmes über die Leitersprossen hinuntertaste, kommt mir
-eine Erinnerung aus meiner Kinderzeit. Damals, 1864, sah ich in einem
-Guckkasten die Beschießung der Düppeler Schanzen. Das war anders!
-
-Wir reiten durch die still gewordene Nacht. Zwischen den erwachenden
-Sternen glänzt die feine Goldspange des zunehmenden Mondes. Das ganze
-Rund seiner Scheibe ist als bläulicher Hauch zu erkennen. Sein Licht
-wird wachsen mit jedem Tag, wird schön und vollkommen werden. Ich fühle
-diesen Gedanken wie ein Gleichnis für den deutschen Sieg.
-
-Auf der dunklen Straße begegnen uns die langen Züge der zu ihren
-Quartieren heimkehrenden Verstärkungstruppen; ihr Eingreifen ist nicht
-nötig geworden; der Vorstoß, den die Franzosen versuchen wollten,
-zerflatterte, bevor er noch richtig begonnen hatte.
-
-Die Feldgrauen, die in der Finsternis an uns vorübermarschieren, singen
-nicht; sie reden mit ruhigen, halblauten Stimmen; und die Funken ihrer
-Zigarren und Pfeifen wehen leuchtend in die Dunkelheit hinaus, gleich
-schwärmenden Glühwürmchen einer Frühlingsnacht.
-
-
-
-
- 12.
-
-
- 21. Februar 1915.
-
-Wenn wir daheim den militärischen Tagesbericht studieren und dabei
-die häufig wiederkehrende Stelle finden: »Im Westen hat sich nichts
-Wesentliches ereignet« -- dann pflegen wir uns in Mißmut und Unbehagen
-mit der Erörterung von Dingen und Taten zu beschäftigen, die nach
-unserer Meinung notwendig geschehen müßten, aber unbegreiflicherweise
-unterlassen werden. Keine von unseren Vorstellungen vom Kriege
-ist so ungerecht wie diese! Gerade in den Zeiten, in denen wir
-Daheimgebliebenen nichts von Siegen zu hören glauben, wird hier im Felde
-so viel tüchtige, musterhafte und erfolgreiche Arbeit geleistet, daß ich
-Glücklicher, der ich diese rastlose deutsche Tat jetzt mit eigenen Augen
-sehen darf, jeden Tag mit dem frohen Gefühl beschließe: »Heute hab' ich
-wieder einen großen deutschen Sieg gesehen!«
-
-Wie die »Ruhepausen« in den Schützengräben aussehen, wie hier in
-bewundernswerter Ausdauer jede Minute bei Tag und Nacht benutzt wird,
-wie man schaufelt und schanzt und unsere Stellungen in unzerbrechbare
-Erdfestungen verwandelt, wie man mit äußerster Kraftanstrengung alles
-erzwingt, was die Gefahr für unsere Feldgrauen vermindern und ihre
-namenlose Mühsal etwas erträglicher machen kann -- davon habe ich
-schon erzählt. Nun laßt mich heute davon sprechen, wieviel stille
-deutsche Siege =hinter= der Front erfochten werden. Und je weniger
-Nervengeprickel in den Schilderungen dieser von keinem militärischen
-Tagesbericht verkündeten Siegesarbeit sein kann, um so aufmerksamer müßt
-ihr daheim gerade =diese= Bilder betrachten. Sind die Siege an der Front
-die weithin läutenden Türme unserer Kraft, so ist die Arbeit hinter der
-Front das Fundament, auf dem sie errichtet werden und das sie trägt.
-
-Vor allem will ich da erzählen, was unsere deutschen Mütter und Frauen
-mit tröstendem Aufatmen hören werden: in welcher Weise hier im Feld für
-Ernährung, Unterkunft und Gesundheit ihrer Söhne und Männer gesorgt
-wird. Wie es mit solchen Dingen bei den Heeren unserer Gegner gehalten
-wird, das weiß ich nicht. Aus eigener Anschauung muß ich aber glauben:
-=so, wie bei uns, kann es nirgends sein=! Was ich hier gesehen habe, das
-kann nur =deutsche= Schulung, nur deutsche Umsicht und Fürsorge fertig
-bringen!
-
-Ich will einen typischen, das Ganze im kleinen illustrierenden
-Einzelfall herausgreifen, den ich selbst mit angesehen habe. Ein
-Rekrutennachschub von dreitausendfünfhundert Mann war angemeldet, und es
-hieß: in =vier= Tagen kommen sie, und bis dahin muß alles Nötige für die
-Unterkunft der Leute fertig sein. Am Mittag des vierten Tages =war= es
-fertig! Die Bahnzüge kamen, einer flink hinter dem anderen, und entluden
-dieses junge Gewimmel der Feldfrischen. Hier, tief in Feindesland,
-sechs oder sieben Kilometer hinter der Front, an der gekämpft wird,
-funktioniert dieser gewaltige Bahnbetrieb mit der gleichen Ordnung und
-Pünktlichkeit, wie wir sie bei uns daheim in friedlichen Zeiten kennen.
-Eine lange Reise macht hungrig. Also das erste: die Leute müssen satt
-werden. In einer von allem Französischen gesäuberten Güterhalle sind
-in langen Reihen die hölzernen Tische und Bänke aufgeschlagen. Wer es
-sieht, denkt an einen Münchner Bräukeller. Die »Gulaschkanonen« dampfen,
-und in einem qualmenden Nebenraum sind Backsteinherde mit eisernen
-Kesseln gebaut -- in diesen Kesseln, die aus einer Spinnerei stammen,
-wurde früher die französische Seide gedünstet; jetzt siedet da drin für
-unsere Deutschen das belgische Ochsenfleisch. Der Krieg nimmt, was er
-brauchen kann und was ihm nützlich ist. Und nun sitzen die paar tausend
-Feldgrauen auf den langen Holzbänken, lachend und schwatzend, und jeder
-bekommt sein festes Mahl, jeder seinen Krug Bier, gutes Bier, das hier
-von deutschen Brauern für die Unseren gesotten wird.
-
-Vom Bahnhof marschieren die Gesättigten zu ihren Quartierstellen, und
-wenn sie von der nahen Front her den ersten Kanonendonner hören, blitzen
-ihre Augen vor Ungeduld. Wo sie hinkommen, in Häusern, Meierhöfen,
-Fabriken oder Schulen, finden sie alles zu ihrer Unterkunft bereit;
-auf jeder Türe steht angeschrieben, wieviel Mann hier wohnen sollen.
-Fünfzehnhundert werden untergebracht in einer großen Tuchfabrik. Vier
-riesige Webersäle mit guter Luft und hellen Oberlichtfenstern. Aus drei
-von diesen Sälen wurden die mechanischen Webstühle herausgeschleppt
-und im vierten dicht aneinander gerückt; ein bißchen schnell hat es
-gehen müssen; wenn der »abgereiste« Fabrikant dereinstens heimkehrt,
-wird er geraumer Zeit bedürfen, um diesen eisernen Hexenknäuel wieder
-auseinander zu dröseln. Die drei freigemachten Säle sind verwandelt
-in Schlafräume; was in der Umgegend an Bettstellen noch aufzutreiben
-war, wurde hier zusammengetragen; daneben lange Reihen von Lagerstätten
-auf dem mit Brettern belegten Boden: für jeden Mann ein doppelter
-Strohsack, eine wollene Decke, ein Kissen, ein Handtuch; jeder hat sein
-Brettregal für den kleinen Kram, und die ganzen Räume sind durchzogen
-von Lattengestellen für Waffen, Mäntel und Tornister. Jeder Feldwebel
-bekommt separat seinen Bretterverschlag, der verwandelt ist in ein
-wohnliches Stüberl. Auch die Kochherde mit Geschirr, die Waschküchen
-und Desinfektionsräume, alles steht schon zum Gebrauche bereit. Und das
-alles wurde herbeigeschafft und fertiggestellt in =vier= Tagen. Wie
-schwatzlustig man sein mag, beim Anblick einer solchen Arbeitsleistung
-wird man still.
-
-Ehe die Neugekommenen ruhen dürfen, müssen sie sich säubern. Und da
-hab' ich ein Bild gesehen, das mir mein Lebenlang in froher Erinnerung
-bleiben wird. Die Tuchfabrik, in der die Fünfzehnhundert einquartiert
-wurden, hat eine mächtige Wäschereihalle. Die Maschinen, die
-Rohrleitungen, die Transmissionen, die Treibriemen, alles ist noch da.
-Aber jede Wasserpumpe ist in eine Badebrause umgezaubert, und in den
-tiefen, halbstubengroßen Holzkufen, in denen früher die neugewobenen
-Tücher gesotten und ausgewaschen wurden, sitzen jetzt unsere deutschen
-Jungen im dampfenden Wasser, ein Dutzend in jeder Kufe, die Arme und
-Köpfe von Seifenschaum bedeckt, rippelnd und scheuernd und plätschernd,
-munter und schreivergnügt wie pritschelnde Dorfbuben.
-
-Aus diesem Bild redet eine so gesunde Lebensfreude heraus, daß ich sie
-nicht zu schildern vermag. Und beim Anblick dieser lustigen Köpfe und
-dieser blinkweißen Jünglingsschultern mußte ich mich der schwarzgrau
-gewordenen Gesichter und Fäuste jener dreiundfünfzig toten Franzosen
-erinnern, die seit acht Wochen vor dem feindlichen Schützengraben von
-Maricourt liegen, verlassen von ihren Brüdern, verlassen von ihrer
-pietätlosen Heimat! Wie zwischen einzelnen Menschen, so gibt es auch
-zwischen Völkern sieghafte Unterschiede. Aber wir, natürlich wir,
-sind die »Barbaren«, und Frankreich »marschiert an der Spitze der
-Zivilisation«!
-
-Wie ich Unterkunft, Verpflegung und Hygiene unserer Truppen hier an
-einem Einzelfall im kleinen geschildert habe, so wird es innerhalb der
-Möglichkeitsgrenzen im großen durch das ganze deutsche Heer gehalten,
-immer nach dem Grundsatz: Die Gesundheit des Soldaten ist sein Schild
-und seine stärkste Waffe.
-
-In =jedem= mit deutschen Truppen belegten Städtchen, sogar in
-jedem Dorfquartier wurde eine Badegelegenheit eingerichtet. Wo nur
-zwanzig Feldgraue beisammen sind, gibt es wenigstens ein mit Blech
-ausgeschlagenes Fußbad und eine Warmwasserdusche. In Peronne wurde
-eine militärische Badeanstalt installiert, in der immer hundert Mann
-gleichzeitig baden können. Ein Erquicken ist es, das anzusehen: wie
-die Leute, die nach der Ablösung aus dem Schützengraben dreckig da
-hineinwandern, frisch und sauber wieder herauskommen, jeder mit dem
-zusammengewickelten Handtuch unter dem Arm. In dieser Badeanstalt
-gibt es sogar ein =elektrisches Lichtbad= zur Bekämpfung der
-Schützengraben-Rheumatismen -- eine große Warenkiste, deren Deckel mit
-einem Halsausschnitt versehen ist, und deren Inneres mit Wachsleinwand
-tapeziert und mit Glühlampen behängt wurde.
-
-Dieser obligatorische und streng überwachte Badebetrieb ist ein
-gesegnetes Mittel gegen Krankheiten und Verlausung, ein wunderwirkender
-Erneuerungsbrunnen für die körperliche Spannkraft unserer Soldaten. Aber
-der Krieg schlägt Wunden, und die Mühsal des Dienstes ist eine so harte,
-daß sie trotz aller hygienischen Fürsorge schließlich doch manchem
-Feldgrauen die feste Gesundheit erschüttert. Wie diese Verwundeten und
-Erkrankten in unseren Feldlazaretten betreut werden, das glauben wir
-in der Heimat zu wissen. Es hat mich aber doch ein frohes, dankbares
-Staunen befallen, als ich dieser Tage das Lazarett von Caudry besuchte.
-Vor vier Monaten war das noch eine französische Spitzenfabrik. Jetzt
-steht da ein deutsches Lazarett von so mustergültiger Ordnung und
-Einrichtung, daß man Riesenkräfte haben möchte, um es vom französischen
-Boden wegzuheben und in eine deutsche Stadt hineinzustellen. Da
-sieht man =nichts= mehr, was den Anschein des in Eile und notdürftig
-Adaptierten hat, alles ist so, als wär' es von Anfang für sanitäre
-Zwecke gebaut und eingerichtet.
-
-Die vom üblichen französischen Schmutz versumpften Höfe wurden mit
-gepflasterten Wegen durchzogen, alle Gebäude und Räume spiegeln
-von Sauberkeit, alle Mauern sind weiß getüncht und sehen aus, als
-wären sie mit frischgewaschener Leinwand überzogen. Von der nächsten
-Bahnstation wurde ein Geleise bis vor die Tür des Lazaretts gelegt,
-damit die Verwundeten und Kranken ohne Gerüttel und Plage hergebracht
-werden können. Die innere Einrichtung ist gegliedert wie in jedem
-großen städtischen Spital. Neben der Amtsstube und den Zimmern der
-Ärzte und Schwestern ist die Apotheke, ein zahnärztliches Atelier,
-der Operationssaal und die Röntgen-Kammer. Alle Wirtschaftsräume,
-die appetitlichen Vorratshallen, die große Küche, die Spülkammer,
-die Wäscherei, der Trocknungsraum und die Bügelstube, das alles ist
-praktisch und bequem aneinander gereiht zu einem zusammenhängenden
-Ganzen. Im Oberstock sind die Nähstuben für Anfertigung der
-Lazarettkleidung und Bettwäsche, sowie die Handwerksräume, die
-Schneiderwerkstatt und Schusterei, wo die Uniformen und Stiefel der
-eingebrachten Verwundeten gesäubert und ausgebessert werden. In einem
-großen Dachraum liegen diese neu hergerichteten Soldatenhüllen mit
-Helmen und Waffen in langen Reihen, Nummer an Nummer, und warten auf
-das genesene Leben, das wieder in sie hineinschlüpfen und wieder dem
-Vaterlande dienen soll. Das stille Bild dieser Kriegsgarderobe hat etwas
-tief Ergreifendes. Und unter solch einem feldgrauen Kleiderbündelchen
-seh ich nur =einen= braunen Soldatenstiefel stehen. Wo mag der andere
-geblieben sein? Und der Fuß, der dazu gehörte?
-
-Das Lazarett hat zwölfhundert Betten. Alle waren schon in Gebrauch.
-Jetzt, Gott sei Dank, sind nur fünfhundertsiebzig belegt. Tritt man
-in einen dieser breiten und langen Bettsäle, so hat man nicht den
-Eindruck eines Krankenraumes. Man glaubt: das ist eine weiße, luftige
-Erholungshalle, durch deren große Deckenfenster eine Fülle ruhigen
-Lichtes hereinströmt. Die meisten der Genesenden sind schon außer Bett;
-sie plaudern oder schreiben Briefe, lesen oder spielen und tragen die
-hellen, sauberen Lazarettkittel, die aus requirierten belgischen Stoffen
-von französischen Näherinnen gefertigt wurden. Alle Betten sind weiß --
-gute eiserne Bettstellen mit Drahtfederung und dreiteiligen Matratzen --
-und zu Häupten eines jeden Bettes hängt ein Täfelchen mit dem Namen des
-Bettgastes und dem Datum seiner Ankunft. Nur in wenigen Gesichtern ist
-noch die Blässe des überstandenen Leidens, fast in allen schon die gute
-Farbe der wiederkehrenden Gesundheit. Ich spreche mit vielen, auch mit
-solchen, die noch liegen müssen. Nie hör' ich eine Klage, nie einen Laut
-des Mißmutes, höre nur gutmütige, herzhafte, auch heitere Antworten, und
-in allen, wie verschieden sie auch klingen, ist immer der gleiche Sinn:
-»Jetzt darf ich bald wieder antreten!«
-
-Bei einem von denen, die noch liegen, zeigt die weiße Bettdecke eine
-Form, als wäre unter ihr etwas nicht mehr vorhanden, was zu einem
-ganzen Menschen gehört. Ob es =der= ist, für den der einsam gewordene
-Stiefel aufbewahrt wird? Ich bring' es nicht fertig, diesen Kranken
-nach seiner Verwundung zu fragen, drücke stumm seine Hand und nicke
-ihm zu; auch er lächelt und nickt, aber seine Augen werden ein bißchen
-feucht. Und gleich beginnt eine Schwester heiter und herzlich mit ihm
-zu plaudern. Von solchen Schwestern in ihren dunklen Kleidern sind etwa
-zwanzig in dem großen weißen Saal -- ernste und dennoch freundliche
-Frauen- und Mädchengesichter mit guten Augen -- man möchte einer jeden
-in deutscher Dankbarkeit die hilfreichen Hände küssen.
-
-In mir ist eine Stimmung, die sich wunderlich mischt aus tiefer
-Erschütterung und glücklichem Aufatmen. Was könnte einen Deutschen
-froher machen, als mit eigenen Augen sehen zu dürfen: =so= werden unsere
-leidenden Soldaten gepflegt und wieder dem Leben entgegengeführt.
-
-Es fällt mir schwer, dieses weiße Heiligtum der deutschen
-Lebenserneuerung zu verlassen. Auf der Schwelle muß ich zögern, muß
-das Gesicht drehen. Und da fällt mir etwas auf, was ich vorher nicht
-bemerkt hatte, etwas mir Unverständliches; über die Decke des langen
-Saales, in welchem früher die Spitzenwebstühle standen, zieht sich
-eine Transmissionswelle mit vielen Riemenscheiben hin; und diese
-Welle =läuft=, ganz leer, ohne Riemen, lautlos. Mein liebenswürdiger
-Führer, General v. Nieber, der mit den Ärzten seiner Etappe dieses
-mustergültige Kriegslazarett geschaffen hat, erklärt mir die sonderbare
-und anscheinend zwecklose Sache: »Wenn die Welle längere Zeit
-unbeweglich liegt, rosten die Lager und verderben. Drum lassen wir alle
-Transmissionen abwechselnd jeden Tag eine Stunde lang laufen. Wenn der
-Besitzer dieser Fabrik wieder heimkommt, soll er sein Eigentum so weit
-in Ordnung finden, als es der Krieg und die Fürsorge für die Unseren
-erlaubte.«
-
-Ein deutsches Wort! Ob es von dem Fabrikbesitzer -- »_il est parti!_«
--- bei der Heimkehr den verdienten Dank erfahren wird? Ich besorge: der
-wird nur entdecken, was der Krieg ihm verdarb, und wird für das, was
-deutsche Gewissenhaftigkeit ihm unverdorben bewahrte, kein sehendes Auge
-haben.
-
-Nicht weit von Caudry, in Le Cateau, befinden sich die ebenso musterhaft
-eingerichteten Genesungsheime für Mannschaften und Offiziere, umgeben
-von einem lückenlosen Apparat für gute Ernährung. Da ist alles
-herbeigeschafft, was dem Erstarken der Gesundheit dienen kann. Und
-weil frische Eier für Rekonvaleszenten sehr bekömmlich, aber im
-geflügelverschlingenden Kriege und dazu noch im Winter äußerst selten
-sind -- es wurde einmal für dreißig Eier ein Automobil in Tausch gegeben
-und für ein halbes Pfund Butter ein ganzes Veloziped -- drum haben die
-deutschen Ärzte in Le Cateau eine geheizte Hühnerzucht installiert. Ein
-großer Scheunenraum wurde in ein Warmhaus für tausend Hennen verwandelt,
-und ein beharrlich glühender, von einem Drahtgitter umzogener Ofen redet
-dem gackernden Völklein der gefiederten Französinnen mit lieblichen
-Wärmestrahlen zu, recht viele, viele Eier für unsere genesenden
-Feldgrauen zu legen. Zwanzig gallische Hähne befördern das nützliche
-Werk. Überraschenderweise vertragen sie sich sehr gut miteinander; sie
-haben der Friedensarbeit so viel zu verrichten, daß sie der angeborenen
-Kriegslust völlig vergessen.
-
-Hinter diesem heiteren Bildchen steht eine ernste Wahrheit. Wieviel
-deutsche Hände mußten sich rühren in ruhelosem Fleiß, wieviel kluge
-Gedanken mußten in deutschen Gehirnen aufglänzen, wieviel Geduld mußte
-sich in hilfreiche Arbeit verwandeln und wieviel energischer Wille mußte
-umgesetzt werden in wirksame Tat, bis innerhalb weniger Monate ins
-Leben gerufen war, was ich auf Schritt und Tritt hier leuchten sehe als
-ruhmvollen Sieg der deutschen Regsamkeit und des deutschen Wesens.
-
-
- Verlag von =Adolf Bonz & Comp.= in Stuttgart
-
-
-
-
- $Eiserne Zither$
-
- Kriegslieder
- von =Ludwig Ganghofer=
-
- 1914/15
-
- Erster Teil -- 16. Tausend
- Zweiter Teil -- 10. Tausend
- Klein-Oktav. In Leinwand gebunden M. 1.--.
-
-
-=Auszüge aus Urteilen der Presse=:
-
-Wer diese weichen und doch herzhaften, diese poetischen und doch ganz
-realistischen Verse liest, der wird, wenn er ein Deutscher ist, seine
-Seele in ihnen wiederfühlen. Dr. St.
-
- (=München-Augsburger Abendzeitung=.)
-
-Das Buch kann als ein vorzügliches Werk der Kriegsliteratur bezeichnet
-werden. Sein Studium bereitet Genuß und ist zugleich Erbauung.
-
- (=Darmstädter Tagblatt=.)
-
-Vaterlandsliebe und heiliger Zorn haben ihm diese aus tiefster Seele
-flutenden Verse eingegeben; ungekünstelt, aber voll heißen Lebens
-klingen diese Verse, die aus der deutschen Not geboren und vom Glauben
-an Deutschlands Recht und Sieg durchzittert sind.
-
- (=Schwäbischer Merkur, Stuttgart=.)
-
-Gehaltvolle, geharnischte Lieder des berühmten kerndeutschen Erzählers.
-
- (=Braunschweigische Landeszeitung=.)
-
-Es sind zündende, poetisch schöne Gedichte über Kriegs- und damit
-zusammenhängende Ereignisse, welche der allgemein bekannte und beliebte
-Dichter uns bietet. Wir sind überzeugt, daß die hübsch ausgestattete
-Sammlung Begeisterung hervorrufen und in allen deutschen Landen guten
-Absatz finden wird.
-
- (=Volckmar's Weihnachts-Katalog=.)
-
-Diese Kriegslieder gehören mit zum Besten, was die eiserne Zeit bisher
-hervorgebracht hat. Sie reißen unwillkürlich mit fort und müssen auch
-den Sorgenvollen guten Mutes machen.
-
- (=Die Wartburg, Leipzig=.)
-
-
- Verlag von =Adolf Bonz & Comp.= in Stuttgart
-
-
-
-
- 1914 ist erschienen:
-
- $Der Ochsenkrieg$
-
- Roman aus dem 15. Jahrhundert
- von =Ludwig Ganghofer=
-
- 1. bis 15. Tausend
-
- 2 Bände. Oktav. Geheftet M. 8.-, fein gebunden M. 10.-.
-
-
-Ganghofer bietet das nicht alltägliche Schauspiel eines Dichters,
-der nach einer dreißigjährigen Produktion noch jugendfrisch, ohne
-Altersrunzeln der Ermüdung dasteht, und dessen jüngste Schöpfung im
-Glanz edler Meisterschaft alle Qualitäten seiner Dichternatur in
-unverminderter Kraft offenbart. In keinem seiner früheren Werke hat
-er seine kompositorische Kraft in so hohem Maße wie hier bewiesen. Er
-fesselt den Leser gleich mit dem dramatisch wuchtigen Auftakt des Romans
-und läßt ihn bis zur letzten Zeile nicht los. Das Mittelalter mit seiner
-wilden Brutalität, mit seiner derben Erotik, mit seinem Elend, seiner
-Pestilenz und mit seiner bei alldem doch urwüchsigen Kraft, steht, mit
-realistischen Mitteln hervorgezaubert, in leuchtenden Visionen vor uns.
-Markig sind die Hauptgestalten des Romans gezeichnet, mit überzeugendem
-Leben gefüllt. Eine Figur verdient ganz besonders hervorgehoben zu
-werden: der Söldner Malimmes, ein köstlicher Bursche, der in seiner
-Art das deutsche Wesen ebenso vollwichtig repräsentiert, wie Cyrano de
-Bergerac das Franzosentum. Hier hat ein Poet seine Löwenklauen gezeigt.
-Der »Ochsenkrieg« ist ein meisterhaftes Kulturgemälde; als Roman ist das
-Buch durch seine Naturschilderungen, durch seine Charakterzeichnung und
-durch die suggestive Kraft der Sprache dem Besten ebenbürtig, was die
-deutsche Kunst auf erzählendem Gebiet gezeitigt hat.
-
- (=Neues Wiener Tagblatt.=)
-
- [Illustration]
-
- Ullstein & Co
- Berlin SW 68
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Reise zu deutschen Front, by Ludwig Ganghofer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE ZU DEUTSCHEN FRONT ***
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-and the Foundation information page at www.gutenberg.org
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-Foundation
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