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Langkau and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - [* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *] - [* Anmerkungen zur Transkription: *] - [* Es stehen *] - [* _ - Zeichen für "non-Fraktur" -in diesem Text- *] - [* für "fremdsprachliche" Phrasen *] - [* = - Zeichen für "gesperrte" Phrasen *] - [* $ - Zeichen für "fett gedruckte" Phrasen *] - [* [+] - Zeichenfolge für Kreuzsymbol *] - [* [Illustration] für das Logo des Ullstein Verlags *] - [* *] - [* Der Text ist unverändert aus dem Original übernommen. *] - [* Ausnahme: "stummgemacht" geändert in "stumm gemacht" *] - [* (Falsches Trennzeichen bei Zeilen- UND *] - [* Seitenumbruch im Original) *] - [* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *] - - - - - Ullstein - Kriegsbücher - - - - - Reise zur - deutschen Front - 1915 - - - Reise zur - deutschen Front - 1915 - - =von= - - Ludwig - Ganghofer - - [Illustration] - - =1915= - Verlag Ullstein & Co Berlin / Wien - - 150. bis 200. Tausend - - Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. - Amerikanisches Copyright 1915 by Ullstein & Co, Berlin. - - - - - 1. - - - 12. Januar 1915. - -Ich soll das Gesicht dieser großen Zeit mit eigenen Augen sehen. Die -Erwartung brennt in mir wie ein Höhenfeuer. - -Gleich am ersten Abend der Reise, in Frankfurt, faßt mich ein starker -Eindruck. Hier sieht der mächtige Bahnhof aus wie eine Festungshalle. -Ein von Westen kommender Zug schüttet ein paar hundert Offiziere -und Mannschaften aus. Meist sind es Leichtverwundete. Ein junger, -bildhübscher Offizier, den geschienten, dick verbundenen Arm in -der Schlinge, den Waffenrock umgehängt, macht sich vor dem Zug ein -bißchen Bewegung und raucht dazu mit Behagen seine Zigarette. Ein -Schwerverwundeter wird auf einem Wägelchen rasch vorübergefahren. -Ich sehe ein abgezehrtes Leidensgesicht mit sehnsuchtsvollen Augen. -Das Gezitter und Gewackel des Wägelchens, auf dem der Brave an mir -vorbeigefahren wird, scheint ihm schwere Schmerzen zu verursachen. -Ich höre sein leises, ein bißchen unwilliges »Ach!«. Dann dreht er -langsam das Gesicht auf die andere Seite und schließt die Augen. Das -Wägelchen verschwindet im Gewühl der Feldgrauen. Sehr viele von ihnen, -Offiziere und Mannschaften, tragen das Eiserne Kreuz. Alle tragen es mit -sichtlichem Stolz, jeder scheint sich still innerlich zu freuen, wenn -es gesehen wird und einen dankbaren Blick erweckt. Ja! Dankbar müssen -wir jedem sein, der dieses Zeichen der deutschen Ehre trägt. Und daß wir -der Ausgezeichneten so viele sehen, das muß uns freudig stimmen, muß uns -Vertrauen und Ruhe geben. Ein Heer von Helden! Wer, außer Gott, könnte -uns besser schützen? - -Neben den Verwundeten sind viele, die nur heimkehren, um irgendeinen -militärischen Auftrag auszuführen. Ihr Auftreten ist ernst und würdig, -ihr Schritt rasch und beschwingt. Überaus wohltuend ist die Fürsorge, -die man diese Offiziere den Mannschaften erweisen sieht. Wenn da ein -Soldat steht, der etwas ratlos herumsieht und nicht weiß, was er -beginnen soll, ist gleich ein Offizier bei ihm und fragt: »Was ist -mit Ihnen, woher kommen Sie, wohin wollen Sie, haben Sie einen guten -Platz?« Jedes Anliegen findet Hilfe. Ich sehe einen Offizier, der den -Arm um einen blassen, müd und schwerfällig vorwärts tappenden Soldaten -geschlungen hält und den Schaffner des Schlafwagens anruft: »Haben Sie -noch Platz? Der Mann muß ein Bett haben.« Die Antwort: »Alles besetzt!« -Und der Offizier sagt: »Dann geben Sie dem Mann mein Bett, er muß -liegen, muß schlafen können, ich komme schon irgendwo unter.« -- - -Früh, vor Tageserwachen, geht die Reise weiter. Ich bin der einzige -Zivilist in dieser endlos scheinenden Wagenkette. Das zu wissen, ist -unerquicklich. Die Zeit ist so, daß man als Nicht-Soldat immer in -Versuchung gerät, sich seines bürgerlichen Rockes zu schämen. Außer -mir und vielen hundert Soldaten ist nur noch ein junges Mädel im Zuge. -Wahrhaftig, ich bin in großer Sorge um ihr Schicksal. Sie selbst ist -vergnügt und plaudert lebhaft. Ihr Kupee ist überfüllt, und ein halbes -Dutzend der Feldgrauen steht noch lachend um die Türe herum. Das mindert -die Gefahr. - -Der Morgen beginnt zu grauen, während der Zug aus der mächtigen -Frankfurter Bahnhofshalle hinausrollt. Gleich vielen großen -Morgensternen hängen die hochmastigen Streckenlampen in der stahlblauen -Luft. Die Häuser gleiten vorüber, mit Hunderten von erleuchteten -Fenstern. Am Morgen hat ein erleuchtetes Fenster etwas Widersinniges; -bei seinem Anblick hat man unwillkürlich das Gefühl: es ist nicht -Morgen, es will Abend werden. Mir rinnt es bei diesem Gedanken heiß -durch Seele und Knochen. Nein! In Deutschland geht es nicht einem Abend -und nicht der Nacht entgegen; ein Morgen wird kommen, schöner als jeder -Morgen, den das deutsche Volk noch jemals erlebte. - -Ein Dröhnen und Rauschen. Der Zug gleitet über die eiserne Brücke, -und gleich einem wundervollen Silberband, das die Ferne mit der Nähe -verknüpft, so glänzt der Mainstrom ins erwachende Land hinaus. - -Immer wieder übersetzt der Zug eine Straße und immer seh' ich das -gleiche Bild: bei den Schlagbäumen stehen lange Züge von Soldaten, -die auf ihrem Wege zum Exerzierplatz einige Minuten aufgehalten sind. -Millionenheere stehen draußen im Kampfe, und noch immer wimmelt die -ganze Heimat von Feldgrauen. Überall Soldaten, Soldaten, Soldaten! Und -jeder von ihnen hat ein gesundes deutsches Herz und zwei kraftvolle -Fäuste, jeder von ihnen ist ein Vertrauender, ein Lachender! -- -Deutschland! Nur die Törichten und Engherzigen können in Sorge geraten -um deine Zukunft. - -Heller und heller wird der Morgen. Kleine Städte mit lieblichen -Silhouetten huschen vorüber und Dörfer, in denen schon die Arbeit des -Tages beginnt. Von außen klingt keine Stimme herein in den rauschenden -Zug; aber man sieht eine ruhige Heiterkeit in allen Gesichtern. - -Gut gepflegte Wälder wechseln mit sauber abgeernteten Fluren, auf -denen der milde Winter das Grün schon daumenhoch wachsen ließ. Dann -wieder die braunen Spitzdächer zwischen großen Obstgärten, in denen -die regelmäßigen Reihen der Apfelbäume mit den kalkweiß angestrichenen -Stämmen aussehen wie Nymphenburger Tafelaufsätze. - -In der Nähe und in der Ferne mehren sich die hoch emporgestreckten -Schornsteine der Industriestätten. So viele sind es, daß man glauben -könnte, Gott hätte soeben durch diesen erwachenden Morgen vom Himmel -herunter gerufen: »Fleißiges Volk der Deutschen, wo bist du?« Und -unzählige riesige Steinfinger fuhren in die Höhe: »Da bin ich!« - -Unter dunstigen Schleiern schwingen sich drei mächtige Bogen über blaue -Lufträume hinüber: eine Rheinbrücke! - -Rhein! - -Tausend deutsche Lieder klingen aus diesem Worte, tausend Bilder der -Vergangenheit tauchen herauf aus der schimmernden Tiefe dieser einen -Silbe. Von allen Zukunftsbildern, die sich mit dem Rhein verweben, seh' -ich nur immer dieses Eine mit dem ewigen Eigenschaftsworte: =Deutsch=! - -Der Morgen ist klar geworden, mit einem weißen Himmel, aus dem wie ein -winkender Feuerfinger das Mondviertel herausbrennt. Mit hell erwachenden -Farben wellt sich die Umgebung von Mainz in die Ferne, eine reizende, -liebenswürdig gegliederte Landschaft. - -Jetzt fahr' ich über die drei hohen Eisenbogen, die ich vor einer Weile -gesehen. Wie eine wohlhabende und ordnungsliebende Hausfrau vor einem -befreundeten Gast ihre Laden und Truhen öffnet, so kramt eine große, -fleißige deutsche Stadt ihre Straßen, Gassen und Häuserfluchten vor mir -aus. - -Der Zug taucht in den langen Tunnel hinein, der die alten Festungswerke -durchschneidet. Die Finsternis endet, strahlendes Licht, wieder das -weite Städtebild und in den Straßen die Menschen, von denen noch keiner -einen Geißelschlag des tobenden Krieges zu fühlen bekam. Jeder fühlte -nur den Segen der friedlichen Ruhe im Herzen des Deutschen Reiches. - -Nebel kämpfen, langgestreckte Wolkenzüge umwürgen die Weinberge und -die Waldhöhen, und unter den Dunstfahnen des Himmels mischen sich die -langen, braunen Rauchwimpel der Fabrikskamine. - -Jetzt ein entzückendes Bild! Die über weite Flurstrecken hinreichenden -Krautgärten der Mainzer Vorstadt sind überflattert von einem weißen -Möwengewimmel. Dahinter glänzt die lange Silberborte des Rheines mit -gleitenden Schiffen in allen Farben. - -Ein kleines friedliches Dorf. Viele Frauen und Kinder. Alle lachen und -rufen, alle winken mit weißen Tüchern -- aus den Fenstern meines Zuges -gucken wohl viele, viele Soldatengesichter heraus? Immer aufs neue -wiederholt sich dieses Bild der grüßenden Frauen, Mädchen und Kinder, -das Bild dieser weißen Flattergrüße. Mir gelten sie nicht. Ich bin ein -Überflüssiger, ein Nutzloser, ein Altgewordener ohne Waffe in der Faust! - -Nun fliegt an mir ein seltsames Bild vorüber, dessen Symbolik mich -tief ergreift: Ein großes umzäuntes Flurgeviert, durchsetzt mit -regelmäßigen Reihen kleiner, weiß bemalter Kreuze. Ein Friedhof? -Eine Gräberstätte? Ein Garten des Todes? Nein! Es ist ein junger -deutscher Weingarten mit sprossenden Reben, dessen blattlose, dem nahen -Frühling entgegendürstende Ranken sich emporstrecken über die weißen, -kreuzförmigen Stützen. - -Jetzt geht ein köstliches Funkeln und goldenes Erblitzen über alle Höhen -und Tiefen der schönen deutschen Erde hin. - -Du friedsames, du verheißungsreiches, du sonnbeglänztes Land des -heimatlichen Bodens! Alle Kräfte meiner Seele grüßen und lieben dich! -Komm und nimm, was ich habe, komm und nimm, was ich bin! Dir will ich -dienen, mein ganzes Leben soll nichts anderes sein als ein geduldiges -Mich-Einfügen in dein Wachsen und Erblühen, nichts anderes als ein -Samenkorn auf dem Acker deiner werdenden Größe! -- - -Meine Augen trinken das Bild der friedlichen Landschaft. Schwärme von -Wildenten rinnen auf den Altwässern und Kanälen des Rheines umher. Vor -Bingen sieht man die Bogen einer neuen Brücke entstehen, die eben gebaut -wird. Welch ein Gegensatz: der Gedanke an den Krieg, den wir führen -- -und das erhebende Bild dieses deutschen Friedensfleißes! - -Der rauschende Zug lenkt gegen Südwesten ab, und die Weinberge und das -Silberband des Rheines gleiten von mir zurück. Scharf hebt sich noch -der zierliche Umriß einer alten Burg vom sonnigen Himmel ab und fängt -zu wandern an und verschwindet. Auf Wiedersehen, du deutscher Rhein, du -flutende, rauschende Lebensader des Deutschtums! - -Die Fahrt geht durch ein enges Flußtal. Auf der einen Seite die -Hügelkette mit den Weinbergen, deren Stabgewirre anzusehen ist wie -ein endloser Zug von Lanzenreitern, die sich hinter braunen Erdwällen -verbergen und nur die Spitzen ihrer Speere gewahren lassen; auf der -anderen Seite der mit Dörfern und Städtchen besetzte und mit alten -Steinbrücken überspannte Fluß, den die Regenmassen der letzten Wochen -braun und reißend gemacht haben. Alle paar hundert Schritte stehen -Fischer mit Angelstöcken oder Tauchnetzen, und Buben rennen mit -Netztrichtern an langen Stangen. Alle sind sehr vergnügt. Die denken im -sicheren Frieden ihrer Heimat wohl gar nicht an den Krieg, den irgendwo -da draußen oder da hinten die Völker miteinander führen. - -Das enge Tal weitet sich zu schönen Geländen, durchblitzt von -Wasserläufen, überwölbt von einem leuchtenden Himmel. Die Welt sieht -aus, als möchte der Frühling um drei Monate früher kommen als sonst. -Jeder Windhauch trägt mir den Wohlgeruch der bräutlichen Erde entgegen, -auf allen sonnseitigen Hängen wuchert das frische Grün -- es fehlen in -diesem verfrühten Frühlingsbilde nur die Schwärme der Wandervögel. -Aber fliegt da nicht der lange feldgraue Wanderzug, in dessen Mitte ich -selber mitflattere als brauner Kuckuck? Der Frühling des Deutschtums hat -Wandervögel in unzählbarer Menge. - -Die Nähe von Metz verrät sich. Jeder Tunnel, jede Brücke, jede -Wegübersetzung ist militärisch bewacht. In den Bahnhöfen, in denen Züge -sich kreuzen, tauchen Soldaten auf, die aussehen, als hätten sie am -Morgen noch in den lehmigen, von Regensumpf erfüllten Schützengräben -gelegen. Stiefel, Uniform und Mantel, alles ist erdfarben, und bei -manchem dieser Tapferen ist das Band des Eisernen Kreuzes anzusehen, als -wär's eine österreichische Auszeichnung: schwarz-gelb. - -An der Bahnstrecke tauchen französische Namen auf: Remilly, Courcelles. -Hier sieht man zuweilen an den Mauern frisch getünchte Stellen. Da -standen französische Aufschriften, die man jetzt überstrich und durch -deutsche Klänge ersetzte. Sehr erfreulich ist das! Ein Glück, daß man -es endlich lernt, aller unpraktischen Duldung zu vergessen und dieses -Inlands-Französische in gutes Deutsch zu verwandeln! Mit der hübschen -Landschaft werden sich die deutschen Klänge ganz gut vertragen. Wälder -und Fluren, wenn auch augenblicklich ein bißchen überschwemmt, haben -jene Linie, die das deutsche Wesen und Volkstum ihnen gab vor vielen -Jahrhunderten. Das bißchen französische Herrschaft inzwischen war nur, -was der Österreicher ein »Übergangl« nennt. - -In einer Station mit französischem Namen guckt aus einem Fenster ein -uniformierter Mann heraus, mit französischem Schnurrbart und mit einer -spiegelblanken Glatze, die noch viel französischer ist. Seine Frau -grüßt mit der Hand nach romanischer Art, so, wie die Italiener auf -den Bahnhöfen winken, mit Handflächen und Fingerspitzen nach vorne. -Frankreich scheint nimmer weit zu sein. Aber wo ist der Krieg? Ich sehe -nur Bilder des Friedens und der ungestörten Ruhe, sehe nur lachende -Gesichter. - -Entlang der Bahnstrecke taucht ab und zu eine soldatische Wache auf. -Der Zug biegt um eine Waldecke, und plötzlich sieht man einen großen -Häusersee mit turmloser Kathedrale. Die deutsche Festung Metz! Aber -man sieht nur eine Stadt. Wo ist die Festung? Ich kann sie nicht -finden. Im Bahnhof gleicht das Umsteigen von Zug zu Zug einem Sturm -auf ein feindliches Fort. Kein Mittagessen, nicht so viel Zeit, um eine -Schinkensemmel zu erwischen. Der Gedanke an unsere braven Soldaten, -die unter dem Kugelregen tage- und nächtelang hungern müssen, macht -mich geduldig und zufrieden. Auf einem Gepäckskarren werden vier hübsch -gearbeitete Särge herbeigefahren. Sie kommen leer und werden beschwert -in die Heimat zurückwandern. - -Der Zug fährt nordwärts durch reiche deutsche Industriebezirke, immer -entlang der französischen Grenze, die sich hinzieht über dunkle -Waldhügel. Hinter ihnen, gegen Westen, wallt es von dichten Nebeln, die -den Mittagshimmel immer trüber umschleiern. Ein feiner Regen beginnt zu -fallen und kleidet allen Wechsel der Landschaft in ein ruhiges Feldgrau. - -Aus einem großen Hüttenwerke leuchten rotstrahlende Glutaugen heraus. -Sind es Essenfeuer oder glühende Eisenblöcke? Was immer, es sind -strahlende Augen des deutschen Fleißes. Trotz allem Lärm des Zuges -vernehme ich das Dröhnen mächtiger Stahlhämmer. Und aus hohen -Schornsteinen wirbelt Rauch in drei Farben empor: tiefschwarz, nebelweiß -und zinnoberrot. Eine Riesenfahne in deutschen Farben! Das war wohl -immer so, seit vielen Jahren ruheloser Arbeit. So oft die Franzosen von -den nahen Grenzbergen herunterguckten, mußten sie dieses wallende Banner -der deutschen Rührsamkeit gewahren. - -Die Bahn macht eine Kurve und wendet sich gegen Westen. Es geht nach -Frankreich hinein. Ein heißer Schauer rinnt mir durch die deutsche -Seele, über die Haut, durch alle Glieder. Meine fiebernden Gedanken -fliegen zurück über die Wege, auf denen ich von München hierher gekommen -bin. Wo war der Krieg? Ich habe nur das blühende Leben der Heimat -gesehen, sah nur unverwüstete Fluren, nur unbeschädigte Häuser, aus -deren Fenstern die Ruhe eines verläßlich behüteten Glückes herausredete. -Ich sah die tausend Zeugen unseres schöpferischen Fleißes, sah Jugend -und männliche Kraft in unermeßbarer Fülle, sah Frauen und Mädchen mit -frohen, gläubigen Augen, sah unbedrohten Besitz und sicheres Eigentum, -sah alle Güter und Segnungen eines von eisernen Kräften beschützten -Landes, und habe bis zur Stunde nur gesehen und empfunden, was Friede -heißt, und was es für ein Volk bedeutet: so kraftvoll zu sein, daß es -auch in kriegerischen Zeiten jeden kostbaren Wert des Friedens für sich -erzwingen kann auf dem heiligen Boden, den es bewohnt! - -Ein suchender Blick durch die grauen Schleier des trüb gewordenen Tages. -Und mir fährt ein Schreck in das Herz, so kalt wie Eis, und wieder so -brennend wie der Stoß eines glühenden Dolches. - -Zwischen kahlen Höhen ein wogender Qualm. Neben dem Gleise liegt der -wüste Trümmerhaufen eines zerschossenen Bahnwärterhäuschens, aus dessen -wirrem Schutt noch die Reste von Dingen und Geräten hervorlugen, die -einst einem freundlichen Leben dienten. Und hinter den zurückweichenden -Hügeln taucht etwas Grauenvolles heraus, hinaufgestellt auf eine weithin -sichtbare Höhe, wie eine Warnung, eine Mahnung und ein Wegweiser für -alles deutsche Denken der Gegenwart. - -Lautlos und dennoch begabt mit einer schreienden Stimme, verlassen von -allem Leben, ein steingewordenes Sterben, so steht dieses Fürchterliche -da droben. Zerbrochene Mauern sind von Ruß geschwärzt, alle Fenster -sind aus den Höhlen gerissen, nur manchmal hängen noch in grotesker -Verrenkung die Reste von grün bemalten Läden an dem zerschmetterten -Gemäuer. Kein Dach mehr. Alles, was Holz war, ist verbrannt, verkohlt. -Kaminschächte, Giebel und aberwitzige Ruinenformen starren in die -graue Regenluft empor wie Hunderte von verkrüppelten Riesenhänden mit -gespreizten und zerkrümmten Steinfingern. Überall die Spuren eines -wilden, gewaltigen und verzweifelten Kampfes, überall Tod, Vernichtung -und Zerstörung, überall der hohläugige Schauder des Untergangs. - -Was ich da sehe, war einmal ein französisches Städtchen, war -Audun-le-Roman. - -Mir zittern bei diesem Anblick alle Nerven. Das Grauen dieser -Todesstätte befällt mich mit doppelter Macht nach allen ruhigen und -fröhlichen Friedensbildern, die ich auf der Fahrt durch unsere Heimat -immer und überall gesehen. Wie etwas grausam Quälendes ist in mir der -Schrei: »So hätte es kommen können bei =uns=, so hätte von schwer zu -schützenden Grenzmarken, die das Schaudervolle erleben mußten, der -Untergang und jeder Todesschreck auf Vernichtungswegen sich hineinwühlen -können bis ins innerste Herz unseres Landes, alles verwüstend und alles -erwürgend!« - -Eine zornvolle, brennende Sehnsucht ist in mir. Ich möchte hundert, -möchte tausend, möchte Millionen Fäuste haben, möchte zurückgreifen -in alle Höhen und Tiefen unseres Volkes, in alle Straßen und Winkel -unserer Heimat, und möchte hundert, möchte tausend, möchte Millionen der -Daheimgebliebenen an den Armen fassen, möchte sie herziehen vor dieses -grauenvolle Bild und möchte hineinschreien in ihre Herzen: - -»=Das seht euch an=! Das hat die eiserne Kraft des Deutschtums, das -hat der unzerbrochene, unter freudigen Blutopfern glühende Heldenmut -des deutschen Heeres im Westen euch erspart, euch und euren Kindern, -eurem Gut und eurem Boden! =Das seht euch an=! Und vergleicht es mit -dem, was ihr in heiterem Frieden noch immer besitzen dürft! Vergleicht -es mit dem, was der Mut und die Treue des deutschen Heeres für euch -erfocht von Anbeginn des Krieges bis zur heutigen Stunde! Dann prüft -eure Seelen, prüft euer Heimatswerk! Und ihr werdet geduldig werden, ihr -werdet gläubig sein und unerschütterlich in eurem deutschen Vertrauen! -Und im siebenten, im zehnten und -- wenn es sein müßte -- auch noch im -zwölften Monat eines Kampfes, den eine Welt von Widersachern und Neidern -über uns heraufbeschworen, werdet ihr alle, die ihr euch Deutsche nennt, -immer noch die gleichen sein, die unzerbrechbar Festen und Verläßlichen, -die Geduldigen und Opferwilligen, die Ehrlichen und Starken, die von -einem einzigen Gedanken der Kraft und Treue Durchbrausten, wie ihr alle -es gewesen seid in den ersten Tagen und Wochen dieses heiligen deutschen -Erlösungskrieges!« - -Da droben grinsen und drohen und warnen die schwarzen Ruinen! - -Ich wende die Augen ab, ich schaue heimwärts in die klare Redlichkeit -und in die ausdauernde Kraft unseres Volkes. Und mir wird wohler und -freier um die bedrückte Seele. - - - - - 2. - - - 15. Januar 1915. - -Weiter und weiter geht die Fahrt, immer neuen Bildern der kriegerischen -Zerstörung entgegen, aber auch immer neuen Bildern, die es mit -hinreißender Kraft verstehen, einem deutschen Herzen jeden notwendigen -Glauben und alles Vertrauen einzureden. - -Von der Bahnstrecke ziehen sich liebenswürdige Buchentäler nach allen -Seiten hin, mit vielfach geschlängelten Bachläufen -- eine Landschaft -wie in Franken daheim. - -In einem Bachtal, das an den »kühlen Grund« des Volksliedes erinnert, -huscht eine Mühle vorüber, sieben vergnügte Landstürmer stehen im Hof, -und unter ihnen, auch nicht gerade traurig, steht eine dunkeläugige und -schwarzhaarige Französin. Vielleicht spielt sich hier so was Ähnliches -wie das deutsche Märchen vom Schneewittchen und den sieben Zwergen ab -- -ein Märlein vom Kohlschwärzchen und den sieben Riesen? - -Eine kleine Stadt -- Longuion. Vernichtung, wohin das Auge sieht. Am -tiefsten erschüttert mich der Anblick eines kleinen, völlig verwüsteten -Hauses, an dem noch einzelne Zeichen verraten, wie hübsch es einmal -gewesen sein muß; im ersten Stock ein Balkon mit geschmiedetem Geländer; -die eisernen Ranken und Blumen sind zu völlig sinnlosen Formen -verzerrt, und rings um die leere, löchrig ausgefranste Balkontüre zieht -sich ein großer, aus vielen Hunderten von weißen Punkten gebildeter -Heiligenschein -- die Arbeit eines Maschinengewehres. Der Kampf um -dieses kleine hübsche Haus und seine Balkontüre muß furchtbar gewesen -sein. - -Man sieht in zerstörte und noch ganze Straßen hinein. Die meisten der -Leute, die da herumwandern, sind Feldgraue, sind deutsche Soldaten. -Außer ihnen noch ein paar an Ecken und in Winkeln umherstehende Greise -mit kummervollen Gesichtern, mit den Händen in den Taschen der weiten -Schlotterhosen; jeder hat die Kappe tief in die Stirn gezogen und trägt -einen dicken Schlips um den Hals gewickelt. Ein paar Kinder sieht man, -die harmlos und heiter spielen, mit etwas kreischenden Stimmchen; -sieht junge Mädchen, die sehr hastig gehen, und sieht Frauen, von denen -die einen immer die Augen gesenkt halten, während andere frech und -unternehmungslustig umherspähen; dieser Blick des lukrativen Lasters -ist nur eine Maske für den Blick des Hungers und der Not; es sind -junge Mütter, die ihre darbenden Kinder ernähren müssen, gleichviel um -welchen Preis! -- Vergeßt es niemals, ihr deutschen Frauen, vor welch -entsetzlichen Dingen euch die treuen Blutopfer unseres Heeres behüteten! -Ihr solltet diese Müttergesichter sehen, diese suchenden Weiberaugen! -Wohl haben die Hände deutscher Wohltätigkeit und Fürsorge hier das -Härteste der französischen Not schon gelindert; die Verzweiflung beginnt -sich in stumpfe Ruhe zu verwandeln, aber aus allen Bildern, die man -sieht, grinst unverkennbar noch immer der Schreck und das Grauen jener -Stunden heraus, in denen die Dächer brannten, die Häuser zerbarsten, die -Kanonen brüllten, die Maschinengewehre knatterten und zwischen rinnendem -Blut alle Schmerzen des Lebens ihre erbitterten Flüche knirschten. - -Immer von neuem brennt der Gedanke in mir auf: »So könnt' es aussehen -bei uns daheim!« Und noch immer kann solch ein Furchtbares uns befallen, -wenn wir nicht stark und verläßlich bleiben, nicht gläubig und -vertrauensvoll, nicht hilfsbereit und opferwillig bis zum Letzten! - -Plötzlich ist finstere Nacht um mich herum. Langsam und vorsichtig fährt -der Zug durch einen von den Franzosen zerstörten Tunnel, den unsere -wackeren deutschen Pioniere in unglaublich kurzer Zeit wieder wegbar -gemacht haben. Kleine Lichter blitzen im Dunkel auf, die Gestalten der -feldgrauen Arbeiter sind grell und grotesk beleuchtet, zwischen ihnen -und den Insassen des Zuges werden heitere Zurufe gewechselt -- und nun -fährt der Zug in den Tag hinaus. Es ist ein trüber Tag, schon nahe dem -Abend, und dennoch wirkt sein Licht wie eine Himmelsglorie. Und neben -der Bahnstrecke, im Höfchen einer Soldatenbaracke, stehen noch vom -Heiligen Abend her die drei mit Silberfäden geschmückten Christbäume. -Das unaufhörliche Regengepritschel der letzten Wochen hat sie freilich -schon übel zugerichtet; dennoch sind sie noch immer umwoben von -zärtlicher Heimatsehnsucht und lieblichen Erlösungsbildern. - -Überall gewahrt man arbeitende Soldatenschwärme; endlose Kolonnen -knattern über die Wege hin; auf den Straßen sind Züge von französischen -Gefangenen in roten Hosen damit beschäftigt, die von den Lastautomobilen -ausgerissenen Stellen und die tiefen Granatenlöcher zu ebnen. Und in der -Ferne, über weite und öde Felder, sieht man die zierlichen Figürchen -feldgrauer Patrouillenreiter hintraben. Auch die Pferde, ob Rappen, -Schimmel, Fuchsen oder Schecken, sind alle grau vom bodenlosen Morast -dieser Regenzeit. - -Da kommt wieder ein Dorf, in das sich Überschwemmung und Zerstörung -teilen. Inmitten der Verwüstung steht manchmal ein unversehrtes Haus, -aus dessen Fenstern das Leben herausguckt mit den Augen einer scheuen -Zufriedenheit -- Augen, welche sagen: »Auch das Dasein in Elend und -Trauer ist noch ein besseres Ding als Tod und Verwesung.« - -Das Fort Montmédy, auf einer malerischen Höhe gelegen, zeichnet sich -schwarz wie Tinte in den Abendhimmel. Der tiefere Stadtteil am Ufer -des Stromes zeigt nur geringe Spuren von Zerstörung. Überall sieht man -Baracken und Zelte der deutschen Landstürmer. Die nassen Tücher glänzen -und pludern im Winde. Hier mag die Nachtruhe nicht sonderlich gemütlich -sein. Mitten in den weiten Flächen der Überschwemmung stehen große Zelte -bis zur halben Höhe unter Wasser. Hier kam die Überflutung in der Nacht -so schnell, daß man die Zelte nimmer abbrechen, nur das Leben noch -retten konnte. Mit Beschämung denke ich an mein behagliches und warmes -Bett daheim; es ist wahr, ich habe viele Nachtstunden schlaflos in ihm -verbracht, wachgehalten von der Sorge um Heimat und Heer; aber bei den -Gedanken an das, was unser Heer im Felde leistet und was es an Mühsal -zu ertragen hat, gab mir meine suchende Phantasie kaum ein annäherndes -Bild der Wahrheit, wie ich sie jetzt zu sehen bekomme. Wir in der -Heimat müssen noch viel, =viel= nachdenklicher werden, um den großen -Unterschied zwischen der deutschen Heeresarbeit im Felde und unserem -bescheidenen Hilfswerk in der Heimat mit ausreichender Dankbarkeit zu -erfassen. Und =sehr= bescheiden müssen wir werden, müssen erkennen, daß -alles, was wir tun, noch immer zu klein, noch immer zu wenig ist. - -Auf einem Bahnhof hält mein Zug neben einer langen, mit Tannenreis -geschmückten Wagenreihe, vollgepfropft mit frischen Truppen, mit etwa -tausend Bonner Burschen, jung, heiter und gesund. Jahrgang 1914. Alle -Wagenwände sind bedeckt mit Kreidekarikaturen von Engländern und -Franzosen. Drollige Inschriften: - -»Achtung! Deutsche Bluthunde!« -- »Platz frei, die Barbaren kommen!« -- -»Blaue Bohnen zur Fütterung britischer Löwen!« -- »Weinet nicht, ihr -Bonner Mädels, wir kommen bald wieder!« Aus jedem Fenster guckt ein -halbes Dutzend dieser frischen fröhlichen Gesichter heraus. Ich frage: -»Wohin geht's?« - -Die kurze Antwort: »Dreschen helfen!« - -Von Wagenfenster zu Wagenfenster gibt es eine muntere Konversation, bis -aus dem Wagen da drüben eine strenge Unteroffiziersstimme herausruft: -»Vorsicht beim Antworten! Der olle Kunde fragt zu viel!« - -Weiter geht's. Es öffnet sich der Blick in eine lange, enge Stadtgasse. -Nur Soldaten sieht man, Hunderte von Feldgrauen. Dazu zwei barmherzige -Schwestern, schwarz, mit weißen Hauben. Und zahlreiche Rekonvaleszenten -in Spitalkitteln erholen sich bei einem Spaziergang, ehe die Dämmerung -kommen will. - -Wieder die öden Felder. Eine Arbeiterhütte mit weißblauem Fähnchen -gleitet vorüber. Ich möchte beim Anblick dieser Heimatfarben vor Freude -schreien. Bevor ich das Fenster aufbringe, ist die Hütte davongelaufen, -das liebe Fähnchen verschwunden. - -Bei Chauvancy bauen deutsche Pioniere an einer von den Franzosen -gesprengten Brücke. Ich brülle zum Fenster hinaus und winke mit beiden -Händen. Die Pioniere gucken und lachen und fragen sich, was für ein Narr -da im Zuge ist? Kein Narr! Ein Deutscher voll stürmischer Dankbarkeit -und Bewunderung! Nur eine kurze Strecke feindlichen Landes hab' ich von -der Grenze bis hierher durchfahren, kaum ein paar hundert Kilometer -lang. Doch in jeder Minute fand ich reichlich Ursache, über das immense -Maß von Arbeit zu staunen, das deutscher Fleiß und deutsche Intelligenz -hier geleistet haben, um alles von den Franzosen und vom Krieg Zerstörte -wieder zurückzugewinnen für die Bedürfnisse des deutschen Heeres und -für den allgemeinen Verkehr. Wenn der kommende Friede unsere deutschen -Helden mit Eichenlaub und Lorbeer bekränzen wird, muß er einen besonders -schönen und reichverdienten Kranz für die deutschen Pioniere flechten. -Wären die Pioniere, die ich da gesehen habe, nicht so feste, stramme und -derbschlächtige Gestalten, ich möchte sie die lieben Heinzelmännchen -des Deutschtums nennen! An ihnen besonders wollen wir Daheimgebliebenen -uns ein Beispiel nehmen! Ein ganzes Volk von Pionieren wollen wir -sein, von Pionieren des deutschen Gedankens, der deutschen Treue und -Hilfsbereitschaft, der deutschen Ausdauer und Beharrlichkeit! - -Man muß, was unsere Pioniere entlang der Maas und im Wasser und Sumpf -dieser meilenweiten Überschwemmungsgebiete geleistet haben, mit eigenen -Augen sehen. Sonst glaubt man es nicht, sonst hält man das deutsche -Arbeitswunder, das hier gewirkt wurde, für ein phantastisches Märchen. - -Immer trüber sinkt der Abend. Doch die Dunkelheit beendet das Werk -dieses Fleißes nicht. Hunderte von Fackeln und Pechflammen brennen auf --- leuchtende Sterne der deutschen Gewissenhaftigkeit! - -Jenseits einer mächtigen Wasserfläche, die aussieht wie ein großer, -milchweißer See, steigt zwischen kleinen hübschen Wäldchen eine -weitläufige Stadt über sanft geneigte Hügel empor -- =Sedan=! - -Du heiliger Name! Deine beiden Silben sind wie ein weihevoller Zauber, -der eine Fülle von herrlichen Bildern in mir erweckt und mich träumen -läßt von deutscher Kraft und Größe, von deutscher Vergangenheit und -deutscher Zukunft. - -Der Bahnhof ist ein Gewühl von Soldaten. Tausende von Feldgrauen! -Heimkehrende und Ankommende. Wohin man die Ohren dreht, überall hört -man die lieben deutschen Laute. Sie wirken doppelt eindrucksvoll, hier, -auf dem Boden der feindlichen Fremde, hier, auf dem Frühlingsacker des -deutschen Werdens! - -Ganz unfaßbare Mengen von Postsäcken und Gepäckballen werden hin und her -geschoben, ausgeladen und neu verstaut -- Wagenladungen mütterlicher -Grüße und Zärtlichkeiten, Wagenladungen treuer Heimatsgedanken unserer -Soldaten. Und der ganze Bahnhof ist ein unübersehbares Gewimmel von -stehenden und kommenden Zügen, von qualmenden oder rastenden Lokomotiven. - -Weiter geht's. Die sinkende Nacht umhüllt mir alles Kommende. In der -stahlblauen Dämmerung glänzen wieder die großen Streckenlaternen. Der -Tag endet im Feindesland, wie er am Morgen in der Heimat begann: mit -strahlenden Lichtern in der Dunkelheit. - -Unter strömendem Regen rauscht der Zug durch die Finsternis. Geht's über -eine Brücke, so hört man das dumpfe Brausen des hochgestiegenen Stromes. -Draußen ist wenig zu sehen: gleitende Laternen, pechschwarze Hügelketten -und die matt blinkenden Wasserflächen der großen, noch immer wachsenden -Überschwemmung. - -In einer Station bei längerem Aufenthalt kommt eine strenge Kontrolle -aller Reisenden, die der Zug noch enthält. Der Offizier, der meinen -Ausweis musterte, nickt mir freundlich zu: »Sie werden erwartet!« - -Noch eine kurze Fahrt und ich bin am ersten Ziel meiner Reise, im Großen -Hauptquartier. Auf dem Bahnhof ein liebenswürdiger Empfang. Es ist -sieben Uhr abends. Für acht Uhr bin ich zur kaiserlichen Tafel geladen. - -Das Wetter will sich klären. Der Regen hat aufgehört. Helle Sterne -glänzen aus den Wolkenklüften, während ich den großen, stillen -Bahnhofplatz überschreite. Ein Automobil mit Offizieren saust vorüber, -und wie langgestreckte Lichtvögel flattern die Scheinbündel der -Autolaternen in die Finsternis. Schlagbäume und Schilderhäuschen in den -deutschen Farben leuchten auf, Wachen schreiten hin und her, und überall -ist ein leises Klirren, ein Gefunkel von Metall. - -Hinter dem laublosen Astgewirre hoher Bäume strahlt eine Reihe von -erleuchteten Fenstern. - - - - - 3. - - - 17. Januar 1915. - -Zwischen den hohen Bäumen eines stillen Parkes steht eine schmucke -Villa. Ihre Besitzer sind geflohen, als das deutsche Heer erschien und -das französische sich auch auf die Socken machte. Es waren wohlhabende -Leute, die stolz waren auf ihr Haus; das merkt man schon am Äußern des -Baues, an der Gepflegtheit des Parkes, den jetzt eine schweigsame Nacht -umträumt, und an der etwas großtuenden Freitreppe, auf der jetzt im -Flackerschein der Laternen zwei regungslose Schildwachen mit blanken -Klingen stehen. Und es waren Leute, die es liebten, an regenreichen -und stürmischen Winterabenden behaglich am Kamin zu sitzen und amüsant -zu plaudern, vielleicht nach etwas altmodischem Stil, so ähnlich, wie -Konversation in einem Lustspiel von Scribe oder Pailleron gemacht wird; -das vermutet man beim Anblick der Räume, deren Komfort eine wunderliche -Mischung von gutem Geschmack und provinzialer Anbequemung zeigt, von -ererbter Gediegenheit und wahllos Gesammeltem. - -Diese Leute, die nicht mehr da sind und irgendwo im Süden von Frankreich -sitzen, in Bordeaux oder bei Nizza, denken wohl in ruheloser Sorge an -ihr verlassenes, unbeschütztes Haus und glauben es verwüstet durch -alle »Barbarengreuel«, die sie in ihren Journalen als Zugabe zu jedem -Frühstück genießen. Ihre Sorge ist ein Irrtum, ist eine von jenen halb -grauenhaften und halb lächerlichen Verzerrungen der Wahrheit, wie -sie rings um unsere Grenzen üblich wurden, »seit Deutschland diesen -schaudervollen Krieg über die ganze Welt heraufbeschwor« -- so sagen -unsere Feinde, obwohl sie es besser wissen. Das Haus dieser entflohenen -Leute -- statt »entflohen« gebraucht man hier in Frankreich die mildere -Wendung »abgereist« -- dieses Haus, das sie aller Verwüstung ausgesetzt -vermuten, ist in Wahrheit sorglicher behütet, als sie selbst es vor -jedem Vernichtungsschreck des Krieges hätten behüten können, wenn -sie geblieben wären. Denn unter diesem verlassenen Dache, in dessen -Räumen jetzt aus allen Richtungen der Erde die Fäden eines großen -Weltgeschehens zusammenlaufen, wohnt heute der =Deutsche Kaiser=, -der Führer unseres in Begeisterung und Lebenstrotz geeinten Volkes, -der oberste Kriegsherr unseres siegreichen Millionenheeres, das der -deutschen Heimat erspart, was unsere Feinde unter den Schlägen des von -ihnen entfesselten Krieges zu leiden haben. - -Zwischen den Mauern dieses stillen, gutbehüteten Hauses ist nichts von -einem großzügigen Hofhalt zu gewahren. In dieser ernsten Zeit ist auch -das Leben des Kaisers von feldmäßiger Schlichtheit, ist wie gekleidet in -ruhiges, unauffälliges Feldgrau. - -Die wenigen Gäste der Abendtafel versammeln sich in einem kleinen -Empfangsraum. Schon das begrüßende Wort, das jeder Kommende mit den -schon Anwesenden tauscht, ist der Beginn eines lebhaft bewegten -Gespräches über die jüngsten Vorfälle des Krieges, über den -verheißungsvollen Stand der Dinge im Osten, über den Fortschritt im -Westen. - -Nun verstummt das Gespräch, und man tritt von der Türe zurück, die ein -Diener öffnet. - -Heftig schlägt mir das Herz unter dem Touristenkittel, schlägt mir vor -Erregung fast bis an den Hals herauf. Aller Wirbel meiner Gedanken -drängt auf die Frage hin: »Wie wird der Kaiser aussehen, was werde ich -lesen können aus seinen Zügen, was wird herausklingen aus seinen Worten, -was werde ich fühlen müssen unter dem Blick seiner blanken Augen, jetzt, -in dieser Zeit des Ringens, in der jedes deutsche Herz sich sehnt nach -dem aufrichtenden Orakel eines Wissenden, nach einem Halt und einer -Stütze in jenen beklommenen Minuten, die heute auch dem Gläubigsten und -Vertrauensvollsten nicht völlig erspart bleiben können?« - -Es war mir seit einem Jahrzehnt vergönnt, den Kaiser zu sehen in -manch einer heiteren Stunde des Friedens, den er liebte und bis zum -äußersten zu erhalten suchte, er, der diese Friedensliebe durch ein -Vierteljahrhundert in zahllosen Taten der Versöhnlichkeit und des -Entgegenkommens erhärtete, und den unsere Feinde jetzt in grotesker -Gehirnverwirrung als Friedensstörer und Eroberungslüstling bezeichnen, -als Hunnenmogul und zweiten Attila. - -Immer hab ich am Kaiser das von jedem Schwanken freie Gleichmaß -seiner aus Ernst und Frohsinn gemischten Art verehrt und bewundert, -habe mich erfreut an dem klaren Seelenspiegel seines Blickes, an -der temperamentvollen Offenheit seines Wortes, an seinem kräftigen -Lachen, an der freien Menschlichkeit und Frische seines persönlichen -Wesens, wie an der gesunden Innerlichkeit, die ihm eine besonnene, -für jeden deutschen Bürger vorbildliche Lebensführung und sein -unerschütterliches Vertrauen auf Gott, Welt und Menschen bis über -die Reife des Mannesalters bewahrte. Mein Glaube an den Kaiser als -Menschen vermittelte mir auch immer das Verständnis seiner Eigenart als -Herrscher. Ich meine, das ist so unter dem Kronreif: Ganz ein Mensch -bleiben, heißt ganz ein Fürst werden. - -Aber jetzt? Wie viel Hartes, wie viel gewaltsam Formendes mögen -diese fünf Monate seit Kriegsbeginn über den Kaiser gebracht haben, -an Verantwortung, an Gewissenskämpfen, auch an schmerzvollen -Enttäuschungen? Was hat die Last und das Gewicht dieses Weltaufruhrs -ihm gegeben, was ihm genommen? In dieser Zeit, in der die -widersinnigsten Gerüchte -- aus Haß oder Liebe, aus Furcht oder Hoffnung -geboren -- so unzählbar aufschnellen, wie die Heuschrecken aus dem Kraut -einer Sommerwiese -- in dieser letzten Zeit hab ich oft erzählen hören: -das Haar des Kaisers wäre weiß geworden, sein Gesicht und seine Haltung -um Jahre gealtert. Ich habe das nie geglaubt. Gesunde und starke Bäume -erfüllen ihre Zeit, trotz Sturm und Ungewitter. Und dennoch muß ich -bekennen: Jetzt, vor dem Augenblick, in dem ich unter dem dröhnenden -Glockenschlage einer über Wohl und Wehe unseres Reiches entscheidenden -Zeit, hier, in Feindesland, auf erobertem Boden, den Kaiser des -deutschen Volkes sehen sollte, befiel mich etwas Bedrückendes, eine -fiebernde Erregung, fast eine quälende Angst. Wie werde ich ihn -wiedersehen? Wird die frohe Güte, die immer aus ihm redete, gemindert -sein, verwandelt in Zorn und Härte? Werden Mißmut, Zweifel und Sorge -aus seinen sonst so gläubigen Augen sprechen? Haben die Fäuste des -Geschehens ihn gefaßt, ihn umgemodelt, wie sie es mit vielen machen, -die der Widerstandskraft entbehren und sich von den Ereignissen -zerren lassen? Hat der heiße Atem des Krieges ihn angehaucht und in -ihm geweckt, was nie noch in seinem Innern war? Ist in ihm unter dem -Donnerdröhnen des Schlachtfeldes ein Neues entstanden, das man beklagen, -vor dem man erschrecken müßte? -- - -Da tritt er ein, in der feldgrauen Generalsuniform, mit dem gleichen -ruhig-elastischen Schritt, den ich immer an ihm gesehen. Wohl wahr: sein -Haar, mit der kleinen, trotzigen Welle über der rechten Schläfe, ist -seit dem Frühjahr ein wenig grauer geworden, kaum merklich. Und eine -Furchenlinie, die ich früher nie gewahren konnte, ist in seine Stirne -geschnitten und schattet zwischen seinen Brauen. Aber nur eines einzigen -Blickes in diese klaren und offen sprechenden Augen bedarf es -- und -gleich einer glühenden Welle durchströmt mich der sehnsüchtige Wunsch: -es möchten alle Tausendscharen der Deutschen, namentlich jene, in denen -Sorge und Bangigkeit zu erwachen drohen, jetzt an meiner Stelle stehen! -Dann würden sie in freudiger Ruhe aufatmen, wie ich! - -Unter allem Sturm dieser vierundzwanzig roten Wochen ist der Kaiser -in jeder Wertlinie seines Wesens der gleiche geblieben -- nein, nicht -der gleiche, er ist einer geworden, der gewann und nichts verlor. Der -Kaiser ist ein durch die Zeit Erhöhter! Man empfindet es vor dem Bilde -seiner Würde und Haltung, empfindet es bei seinem ruhigen Lächeln, vor -seinem ruhigen Blick. Und bevor ich noch ein erstes Wort von ihm höre, -strömt etwas Aufrichtendes in mich über. Ein frohes Gefühl der deutschen -Sicherheit ist in mir, erneuter Glaube und erhöhtes Vertrauen. Ich weiß: -bei =uns= ist die Wahrheit, bei =uns= das Recht, bei =uns= die Kraft und -bei =uns= der Sieg! - -Ob der Kaiser ahnt, was in mir vorgeht? Er sieht mich plötzlich mit -einem jener forschenden Blicke an, die in seinen stählernen Augen sein -können. Dann nickt er freundlich, reicht mir die Hand und erhöht mir -die Freude dieser Minute durch ein ebenso herzliches wie impulsives Lob -meiner Landsleute: »=Na, Ganghofer, Ihre Bayern! Prachtvolle Leute! Die -haben feste und tüchtige Arbeit gemacht! Und vorwärts geht es, überall, -Gott sei Dank!=« Dann ein Erinnern an die letzte Begegnung im Frühjahr, -wo zu Berlin im Palais des deutschen Kronprinzen meine kleine Dorfsatire -»Tod und Leben« vor dem Kaiser aufgeführt wurde. Nun schweigt er eine -Weile, und sein Lächeln mindert sich und verschwindet. Tief atmend sieht -er mir ernst in die Augen und sagt mit einer langsamen und strengen -Stimme: »=Wer hätte damals ahnen können, was jetzt gekommen ist? Und -daß wir uns hier in Frankreich wiedersehen würden? So!=« -- In einem -diplomatischen Aktenstücke, das die deutsche Schuldlosigkeit an diesem -Kriege zu dokumentieren hat, können dieser Atemzug, dieser ernste Blick -und diese Worte des Kaisers nicht aufgezählt werden. Aber Beweiskraft -haben sie. Eine überzeugende. - -Man geht zur Tafel. Das Speisezimmer ist ein gemütlicher Raum, der mich -weidmännisch anheimelt. Von den braunverschalten Wänden blinken die -weißen Hauer wuchtiger Eberköpfe herunter -- Jagdtrophäen, die in den -Argonnen erbeutet wurden. - -Nur wenige Diener. Und eine kurze, rasche Mahlzeit. Was zur Tafel kam, -das weiß ich nimmer. Der Platz an der Seite des Kaisers und der Kreis -seiner zehn Gäste, hoher Würdenträger des Heeres und Hofes, gibt mir -so viel Beruhigendes, Erfreuliches und Fesselndes zu hören, daß ich -der Mahlzeit völlig vergesse, obwohl ich so hungrig wie ein Wolf aus -dem Eisenbahnwagen gekommen war und seit vierundzwanzig Stunden auf -jagender Reise keinen verschlingbaren Bissen erwischt hatte. Aber wie -feldmäßig einfach die Tafel des Kaisers bestellt ist, beweist eine -Speisenfolge, die ich mir an einem anderen Abend als Erinnerung mitnahm. -Auf dem kleinen Zettelchen, nicht größer als eine Visitenkarte, steht -geschrieben: - - 11. Januar 1915 - - =Königliche Abendtafel= - Gebackene Seezungen - Kaltes Fleisch, Kartoffeln in der Schale - Obst - -Dazu als Getränk: französischer Landwein und Wasser. Und Kriegsbrot -gibt es. =Nur= Kriegsbrot! Daran könnte sich mancher bei uns daheim, -der unsere Soldaten im Felde kämpfen, leiden, bluten und siegen läßt, -mit Strenge und Ungeduld die militärischen Tagesberichte kritisiert und -nebenbei nicht die Heldenkraft oder nicht den Willen besitzt, sich die -gewohnte Frühstückssemmel zu versagen, ein lehrreiches und mahnendes -Beispiel nehmen! Wir müssen lernen, unsere kleinen Liebhabereien -beiseite zu schieben, jeden der Allgemeinheit schädlichen Eigennutz -aus uns herauszuklopfen und jedes Gefühl, jeden Gedanken und jede -Lebenshandlung auf das Ziel einzustellen, das wir für Heimat und Volk -erkämpfen müssen. - -Alles, was ich an des Kaisers einfacher Tafel sehe und höre, wird mir -zur Ursache einer sprunghaften Gedankenteilung. Mit Ohr und Herz bin ich -bei jedem Worte, das da gesprochen wird, und bin zugleich in der Heimat, -um zu schauen und zu vergleichen. Und immer deutlicher wird es mir, daß -manches, was wir Daheimgebliebenen zu denken und zu tun lieben, ganz -wesentlich anders werden müßte, wenn wir gleichwertig werden wollen mit -jenen, die bei harter Arbeit draußen stehen im Felde. - -Nach der Mahlzeit kommt eine ernste, manchmal auch von einem Lachen -erhellte Plauderstunde in einem kleinen, netten Wintergarten, wie wir -ihn auf der deutschen Bühne schon in vielen französischen Komödien -gesehen haben. Zigaretten und kurze Pfeifen brennen, und in Kelchgläsern -wird Münchner Bier gereicht. Auf dem Tisch, an dem sich der Kaiser -niederläßt, stehen blühender Flieder und Rosen, die ihm die Kaiserin -aus Berlin sandte. Alles Gespräch dreht sich um den Lauf der Dinge -in der Heimat und um wichtige Episoden des Krieges. Das ist eine -wesentlich andere Art, vom Kriege zu sprechen, als wir sie daheim bei -unserm Bierbank- und Teetischklatsch zu hören bekommen. Hier wird -nicht die Welt geteilt, hier werden nicht Länder genommen und Reiche -verschenkt, hier gründet man nicht »Pufferstaaten« und korrigiert nicht -die Landkarte von Europa mit einem anspruchsvollen Blaustift. Hier -gilt alles Denken nur dem Ernst und den Notwendigkeiten der Gegenwart; -von der Zukunft ist nicht die Rede. Unausgesprochen klingt aus allen -bedeutsamen Worten, die ich höre, das feste und klare Zeitgesetz -heraus: »Erst arbeiten und siegen. Alles weitere wird kommen, wie es -kommen muß und wie wir es uns verdienen.« - --- Ich gestehe, daß ich da manchmal ein bißchen schamrot wurde. Und -in meinem Inneren hab' ich heilig geschworen, niemals wieder in -phantastischen Nächten meinen Handatlas durch ausschweifende Linien -zu verunreinigen und nebulose Zukunftsgeographie von Mittelafrika zu -betreiben. Und während ich hier, in einem hundekalten Stübchen zu -Peronne, diesen heißen Schwur mit frierenden Fingern niederschreibe, -klirrt unter meinem Fenster der feste Taktschritt deutscher Soldaten -vorüber, die zu den Schützengräben marschieren, Automobile rasseln -vorbei in sausender Fahrt, und unaufhörlich rollt von der nicht allzu -weit entfernten Front das Murren schwerer Geschütze zu mir her. Die -gaukelnden Kriegsvorstellungen, die ich aus der Heimat mitbrachte, -beginnen sich jetzt unter den harten Wirklichkeitsbildern, die mich bei -Tag und Nacht umwirbeln, sehr gründlich zu verändern. -- - -Jener erste Abend, an dem ich Gast des Kaisers war, bescherte mir -auch ein eindringliches Exempel der Art, wie im Großen Hauptquartier -gearbeitet wird, bis spät in die Mitternacht hinein. Bevor ich davon -erzähle -- d. h. erzählend alles verschweige -- will ich, man liebt -als Poet die Kontraste, dem großen Zeitbilde noch ein niedlich-intimes -Lichtchen aufsetzen. - -Die Gesellschaft im französischen Wintergarten hat sich nach der -Mahlzeit noch um einen schweigsamen, höchst wohlerzogenen Gast vermehrt; -das ist ein kleiner schwarzer Teckel mit gescheiten Augen, des Kaisers -Lieblingshund, augenblicklich ein bißchen invalide, mit verbundener -Pfote; so oft er will, darf er es sich auf dem Schoß seines Herrn bequem -oder, richtiger gesagt, unbequem machen; manchmal nimmt er auf des -Kaisers Knie höchst schwierige und bedrohsame Stellungen ein, die fast -an die Kletterkünste einer Gemse erinnern -- und dann muß der Deutsche -Kaiser so lange stillhalten, bis es dem zappeligen Teckelchen wieder -beliebt, auf den Boden zu springen. Von der rührenden Geduld, die der -Kaiser an dieser kleinen Quälkrabbe erweist, läßt sich eine Brücke zu -einem tiefen Zug seines Charakterbildes hinüberschlagen. Denn er kann -eine bewundernswerte Geduld auch mit Dingen und Menschen haben, die ihn -viel gröber belästigen, als es der kleine, nette Teckel zu tun gewöhnt -ist. - -Gegen die elfte Abendstunde wird für den Kaiser und eine Anzahl -hoher Offiziere ein militärischer Vortrag angesagt. Eine Neuheit der -Kriegstechnik soll in Projektionsbildern vorgeführt werden, die der -begleitende Vortrag eines Offiziers erläutern wird. - -Durch die dunkle, schneelose Winternacht wandern die Gäste der stillen -Villa zu einem nahen Hause hinüber. Der Himmel ist klar geworden und -alle Sterne funkeln. Die kleine Stadt liegt in schwarzem Schweigen, ohne -Lichter, wie ausgestorben. Nur ein scharf suchender Blick erkennt die -regungslos in der Finsternis stehenden Wachen. - -Ein verdunkelter Saal, mit etwa vierzig Stühlen; hinter ihnen ein -Vergrößerungsapparat mit elektrischen Schnüren, vor ihnen an der Mauer -eine große Leinwand. Fest und gleichmäßig klingt in dem matten Zwielicht -die Stimme des vortragenden Offiziers, während Ruck um Ruck eine lange -Reihe von Bildern über die Leinwand gleitet. Die ersten sind für mich -als Laien eine völlig unverständliche Sache; erst nach einer Weile lehrt -das gesprochene Wort mich begreifen, was ich sehe, und ich beginne in -erregter Spannung zu ahnen, daß es sich hier um eine neue, wichtige und -für die Kriegführung hilfreiche Sache handelt. Immer wieder und wieder -stellt der Kaiser mit raschen, knappen Worten eine Zwischenfrage; der -Offizier gibt Antwort. Bis Mitternacht dauert das. Nach dem letzten -Bilde glänzen die Flammen des Lüsters auf. Lebhaft tritt der Kaiser auf -den jungen Offizier zu, der den Vortrag gehalten, reicht ihm die Hand -und sagt: - -»=Ich danke Ihnen! Das ist eine gute Sache! Glauben Sie, daß uns die -Franzosen das nachmachen können?=« - -Der junge Offizier in dem verwitterten Feldgrau lächelt: »So schnell -=nicht=, Majestät! Wir haben das erst jetzt gefunden.« - -In dem erhellten Saal ein Zusammenstehen von Gruppen, eine mit -halblauten Stimmen geführte Debatte. - -Während ich diese Gespräche höre, klingt in mir immer wieder das -verheißungsvolle Wort, das der junge Offizier gesprochen: »Wir haben das -jetzt gefunden!« - -=Wir=! Das sind wir Deutschen! Wir, bei denen das Recht und die Kraft -ist, und bei denen der Sieg sein wird! - -Ich trage stolz und beglückt dieses Wort in mir davon durch die -sternhelle Nacht -- dazu die mich heiß erfreuende Einladung: morgen im -Auto mit dem Kaiser hinüberzufahren zum deutschen Kronprinzen. - -Von den tiefen, meinen deutschen Glauben und mein Vertrauen wie mit -eisernen Stäben stärkenden Eindrücken dieses Abends schwirren mir -Kopf und Herz, während ich das winzige Stübchen betrete, in dem ich -einquartiert bin. Es ist, nach französischer Sparsamkeit mit dem Raume, -so klein, daß man beim ersten Schritt über die Schwelle schon gleich -mit dem Ellbogen an die Fensterscheibe stößt. Fast vier Fünftel dieses -Grillenhäuschens ist bestellt mit dem großen, ganz famosen Bett. Wie -herrlich werde ich da schlafen heute nacht, mit aller Verheißung der -vergangenen Stunden in meiner Seele! - -Aber der Mensch hat neben der Seele auch einen Leib. Während ich im -Dunkel liege und mit offenen Augen fröhlich träume, beginne ich, der ich -an der Tafel des Deutschen Kaisers speiste -- nein, =nicht= speiste, nur -lauschte -- einen nagenden Hunger zu fühlen. Und dann knappere ich mit -Hochgenuß und Zärtlichkeit an dem Dutzend guter Weihnachtslebkuchen, die -mir meine Frau vor der Abreise von München in die Handtasche steckte. - -»Wir! Wir Deutschen!« - -Mit diesem Wort im Herzen mache ich meine Augen zu. Und mit dem anderen: - -»Morgen!« - - - - - 4. - - - 19. Januar 1915. - -Der Deutsche Kaiser ist kein Frömmler, aber ein frommer, tiefgläubiger -Christ, der seinen Tag mit Gott beginnt und mit Gott beendet. - -In der kleinen Stadt, die das Große Hauptquartier beherbergt, wurde ein -großer Raum zu einer Feldkirche umgewandelt. Hier wird der Gottesdienst -für den Kaiser und die Garnison des Hauptquartiers abgehalten. Den -langen, mächtigen Hallenraum füllen in dichten Reihen die Soldaten, -deren Abteilungen sich aus Linie, Reserve und Landsturm mischen, feste -und stramme Gestalten, mit gesunden und ruhigen Bartgesichtern; dazu die -kleine, aus allen Reiterregimentern der deutschen Bruderstämme gebildete -Kavallerietruppe der kaiserlichen Wache; nahe dem Altar, zu beiden -Seiten des auf den Kaiser wartenden Kirchenstuhles, sind die Plätze -der Offiziere und des Orchesters, das aus Harmonium und acht Bläsern -besteht. - -Das Bild des mit roten Tüchern ausgeschlagenen und durch drei Stufen -erhöhten Altars hat etwas freudig Aufwärtsstrebendes. Zur Rechten -und Linken schmücken ihn zwei große Banner in den deutschen Farben, -zwischen denen das Kreuzbild des Erlösers auf die Reihen der Soldaten -niederblickt. Das heilige Zeichen leuchtet freundlich in der durch die -Fenster hereinflutenden Morgensonne. Und gleich einem Symbol des vor -Gottes Antlitz ruhenden Krieges sind auf beiden Seiten des Altars die -mit allen Landesfarben der deutschen Stämme bewimpelten Reiterlanzen zu -schlanken, friedsamen Pyramiden aneinandergestellt. - -Ein Kommando. Das Zusammenklirren der Soldatenstiefel klingt wie ein -einziger harter Eisenschlag. Auf dem Bretterboden die ruhigen Schritte -eines einzelnen Mannes. Durch die Reihen der Soldaten schreitet der -Kaiser zu seinem Kirchenstuhl. Sein Gesicht ist ernst, fast unbeweglich. -Und immer, mit einem sinnenden Blick, sind seine Augen emporgehoben zum -Bilde Gottes, auf dessen gerechte Hilfe er hofft und baut. - -Harmonium und Bläser beginnen den Choral, und Feldprediger =Goens= -- -eine Gestalt wie aus einem Holzschnitt des 17. Jahrhunderts in das Leben -von heute herausgetreten -- steigt zum Altar empor. Mit gewaltiger, -Herz und Nerven durchbrausender Tonwelle schwillt aus zweitausend -deutschen Soldatenkehlen das alte fromme Kirchenlied durch die goldenen -Sonnenbänder empor in das klingende Hallengewölbe. Und noch weiter, -noch höher wird es tönen. Solch ein gläubiges Lied voll Kraft und -Christentreue und Inbrunst muß der Himmel erhören. Der schöne machtvolle -Klang erschüttert mich bis in die tiefste Seele, und alles Denken in mir -ist deutsche Andacht. - -Der Prediger liest das Epiphanias-Evangelium, die Geschichte der -morgenländischen Magier, die in gläubiger Sehnsucht auszogen, geführt -von ihrem Sterne, und in Redlichkeit alle Tücke und Hinterlist des -Herodes zuschanden machten und wieder heimkehrten in ihr Land, -den gefundenen Gott im Herzen. Tief und warm, in einer ebenso zum -anspruchsvollsten Verstande wie zu aller Einfalt der Volksseele -sprechenden Weise deutet der Prediger die biblische Überlieferung -zuerst in christlichem Sinne. Dann hebt er das Ewig-Menschliche aus -dem schönen Gleichnis hervor: das ruhelose Wandern und Streben der -irdischen Hoffnung nach allem Höheren und Besseren. Aus der wachsenden -Flamme seines Wortes steigen die großen Bilder eines in Sehnsucht und -Gottvertrauen suchenden Volkes empor, das in unübersehbaren Scharen -und im Gefunkel seiner gesegneten Waffen auszog und Heimat und Herd -verließ, um die Freiheit seines bedrohten Lebens zu beschützen. Geführt -vom leuchtenden Stern der deutschen Hoffnung, von Wahrheit und Treue -geleitet, wird dieses Volk durch Kampf und Prüfung einer Zeit der Blüte -und Ernte entgegenschreiten und jede feindliche Tücke und herodianische -Hinterlist zuschanden machen. Und heimkehren wird es in sein Land, mit -dem Glauben an Gottes Kraft in der Seele, mit der Freude des gewahrten -Rechts im Herzen, mit den Kränzen des Sieges an seinen Fahnen. - -Die heilige Verheißung, die von den Stufen des Altars hinausklang über -den weiten, von Feldgrauen dicht erfüllten Raum, scheint wie ein -frohes Feuer in diese zweitausend deutschen Soldatenbrüste zu fallen. -Ihr Danklied braust wie das feierliche Spiel einer riesigen Orgel, und -aus diesem machtvoll schwingenden Seelenliede hör' ich außer Andacht -und Gottvertrauen noch andere Klänge heraus: heiße Sehnsucht nach -der Heimat, zärtliche Grüße der Söhne an Väter und Mütter, dürstende -Liebesträume junger Herzen, glühende Segenswünsche der Graubärtigen für -ihre Kinder. - -Nun wird es still über alle Köpfe hin. Kein Scharren einer Sohle, kein -Räuspern. Ein Schweigen, das lautlos ist. Der Kaiser hat sich erhoben -und den Helm vom Haupte genommen. Warmes Leben ist in seinen Zügen, -sein Gesicht und seine Augen sind froher und heller, als sie waren, da -er kam; das Antlitz emporgehoben zum Kreuzbilde, betet der Deutsche -Kaiser stumm zu dem gerechten Gotte, an den er glaubt. Um was er betet, -das hört nur ein Einziger. Doch wir Deutschen, die wir ihn kennen, wir -wissen alle: er betet als Vater für Frau und Kind, betet als Mensch für -die Menschen, betet als Herrscher für Heimat und Volk und Heer. - -Immer mußte ich ihn ansehen. Mich erfüllt eine Stimmung voll schöner -Weihe und ruhiger Zuversicht. Sie hält noch immer in mir an, während -ich schon draußen in der Sonne stehe und die Truppen sich ordnen, um -vor dem Kaiser zu defilieren. Trommeln und Pfeifen. Dann der alte, das -Blut befeuernde Yorck-Marsch. Mit Klirren und Stampfen geht's vorüber, -jeder Truppenteil wie ein festgeschlossener, unzerreißbarer Felsklotz. -Die gesunden, straffen Gestalten erzittern von der Wucht des Marsches, -und wie Eisenhämmer schlagen die gut deutschen Stiefelsohlen in den -französischen Morast. - -Da hör' ich ein frohes Auflachen des Kaisers. Er winkt mir. »=Ganghofer! -Haben Sie sich das angesehen? Wie großartig die Leute marschieren! Ganz -famose Menschen!=« Wieder lacht der Kaiser, herzlicher als ich es jemals -von ihm hörte. Und eine starke Freude glänzt in seinen Augen. - -Ein paar Minuten später beginnt die Fahrt im offenen Auto. Schade, daß -jetzt die Sonne ein bißchen Verstecken spielt und nur zeitweilig durch -die Klüfte der trüben Wolken hinausguckt. Über dem Lande, das ich sehen -soll, liegt so viel dunkle Trauer, daß nur reichliche und ausdauernde -Sonne sie etwas aufhellen könnte. - -Den Kaiser begleiten im Auto zwei Herren des militärischen Gefolges. -Und zwei Militärkarabiner, mit den Patronentaschen daneben, lehnen in -den Ecken des Wagens. Sonst kein Geleit, kein Schutz. Der Kaiser will -es so. Auch haben die Deutschen alles okkupierte Land schon friedlich -und ruhig gemacht und haben ihm reichliche Hilfe in seiner wachsenden -Not geleistet. Mit flinker Fahrt geht es neben gesprengten Steinbogen -über eine hölzerne Notbrücke, gegen deren Balken die rauschende Flut -des hochgestiegenen Stromes anstürmt wie ein grimmiger Feind. Nur noch -handbreit ist der Brückenbogen über dem schießenden Wasser. Das sieht -aus, als müsse man Sorge um die Brücke haben; aber der Kaiser sagt: »=Da -ist keine Gefahr. Was deutsche Pioniere bauen, das hält.=« - -Was ich an Landschaft zu sehen bekomme, hat liebenswürdige Linien. Doch -keine Ferne will sich richtig aufklären. - -An kleinen Dörfern geht es vorüber, in die noch keine deutsche Granate -gefallen ist. Auch unbeschädigt sehen sie abscheulich aus. Solch ein -Bild von Verwahrlosung und gleichförmiger Geschmacklosigkeit, von -Mangel an Hausfreude, von gartenloser Nüchternheit, von bedrückender -Aneinanderpferchung, von Schmutz und Unordnung hab' ich außer hier -in Nordfrankreich noch nie in einem Lande gesehen, das Anspruch auf -Kultur erhebt. Wohin die Deutschen da kommen, überall müssen sie erst -Ordnung schaffen und fegen und scheuern, bevor sie sich auf einen Sessel -niedersetzen oder in einer Stube ruhen können. - -Und dieses Graue da drüben über dem Strom, dieses Leblose, von jedem -Atemzug Verlassene, dieses Zerrissene und Zerfetzte, dieses widersinnnig -Ausgefranste, durchschlungen von rauchschwarzen Zerrbildern? Was ist -das? Wie ein anderes Pompeji sieht es aus, nur ohne Tempel und Säulen, -alle Ruinen zu einem grauenhaften Schutthaufen übereinandergerüttelt -durch ein neues Erdbeben? - -Das ist =Donchery= gewesen, um dessen Mauern einer der härtesten Kämpfe -tobte. - -Heimat, Heimat, wehre dich mit allen Kräften deines Volkes, mit jeder -Waffe deines Heeres und jedem Opfer deiner Bürger, um solch ein -Furchtbares von dir abzuwenden! Dieses Grauen hat mit der Übermacht -der Feinde schon hereingezüngelt über unsere Grenzen. Es soll nicht -weiterschreiten, wir wollen uns stemmen dagegen mit unseren Leibern, mit -unserem Gut, mit allem, was wir sind und was wir haben! Der Gedanke, -daß unsere sieghaft vorschreitende Befreiung und Erlösung scheitern -könnte am eigennützigen Kleinmut und am kurzsichtigen Egoismus Weniger --- dieser Gedanke legt sich wie eine Klammer um mein Herz, wie ein -quälender Eisenreif um meine Kehle. - -Gibt es Zufälle, die wie geheimnisvolle Gesetze sind? Während ich die -Gedanken, die mich durchschüttern, stumm in mir verschließe, beginnt -der Kaiser plötzlich, ohne jede Beziehung zu einem vorausgegangenen -Worte, von dem herrlichen, wundervollen Zusammenhalt des ganzen -deutschen Volkes zu sprechen, von der heiligen Begeisterungsflamme der -ersten Augusttage. »=Es ist meine schönste Freude, daß ich das erleben -durfte=.« Und nach kurzem, nachdenklichem Schweigen sagt er: »=Wenn es -nicht so gewesen wäre --=« Er spricht diesen Satz nicht zu Ende, aber er -atmet auf und sieht gegen Donchery zurück, dessen Trümmerstätte schon -verschwunden ist. - -Mir wird leichter um die Brust. Auch die Landschaft, durch die wir -fahren, bringt aufrichtende und verheißungsvolle Erinnerungsbilder. -Historischer Boden! Heiliger Boden für uns Deutsche! Das -Schlachtengelände von Sedan! - -»=Dort oben=«, sagt der Kaiser und deutet nach einer Feldhöhe, »=da ist -mein Vater gestanden=.« - -Neben der Landstraße huscht ein kleines, einsames Haus vorüber. - -»=Hier ist Napoleon mit Bismarck zusammengetroffen.=« - -Aus einem hübschen, in seiner Laublosigkeit durchsichtigen Wäldchen -lugen die Türme und Mauern eines zierlichen Schlosses heraus. - -»=Das ist Bellevue. Hier war die Unterredung meines Großvaters mit -Napoleon.=« - -Diese Worte des Kaisers wecken in mir das Feuer eines frohen deutschen -Stolzes. Gerne hätte ich haltgemacht und wäre ausgestiegen, um diese -geweihten Stätten der Reichswerdung als Andächtiger zu besuchen. Aber -ich nahm mir heilig vor, noch einmal hierher zurückzukehren. - -Nun geht es seitwärts, mitten durch das weite Überschwemmungsgebiet -der Maas. Von der Straße wird es auf hohem Damm durchschnitten. Lange -Proviantkolonnen knattern vorüber, feldgraue Radfahrer sausen vorbei. -Die meisten der Soldaten grüßen, wie man unbekannte Offiziere grüßt, -doch mancher, trotz der schnellen Fahrt des Autos, erkennt den Kaiser -und ist mit jähem Ruck in eine unbewegliche Säule verwandelt, die zwei -groß aufgerissene, freudige Augen hat. - -Eine Ortschaft kommt, die sich hell abzeichnet auf dem dunklen -Hintergrund des Waldes von Woevre. Und über die Mauer eines Parkes hebt -sich ein schmuckes, kleines Schloß empor: das Ziel der Fahrt. - -Im Schloßhofe begrüßt der =deutsche Kronprinz= mit den sechs Herren -seines Stabes den kaiserlichen Vater, der den Sohn herzlich umarmt. - -Seit dem Frühjahr scheint sich die schlanke Gestalt des jungen -Heerführers, den wir Deutschen jetzt den Sieger von Longwy nennen, noch -gestreckt zu haben. Auch in ihm wirken die starken Mächte der großen -Zeit. Die Sonne des Sommerfeldzuges und Wind und Wetter des Winters -haben sein frisches, gesundes Gesicht gebräunt. Und seine frohen Augen -glänzen in Freude -- kann er doch dem Vater von einem großen Erfolge -der letzten Nacht erzählen. »Ein festes Stück vorwärts gekommen, und -zwölfhundert Franzosen gefangen!« Die müssen auf dem Marsche zur Bahn in -einer Stunde da vorbei kommen. - -Mir hämmert es in der Brust. Eine Siegesnachricht, die so warm und neu -aus dem Schützengraben heraufschnellt, wirkt wesentlich anders, als wenn -man sie daheim an der Mauer oder in der Zeitung liest. Man hat auch da -seine heiße Freude. Aber wie frischer, um so besser. - -Die gute Nachricht belebt und erwärmt die Stimmung am Frühstückstisch. -Dem Kaiser schmeckt das Mahl, und scherzend sagt er zum Kronprinzen: -»=Bei dir ißt man besser als bei mir. Ich muß mir das überlegen, ob ich -nicht deinen Koch requirieren lasse?=« - -Kaum ist an der Tafel das Obst gereicht, da heißt es: »Sie kommen!« - -Die Straße hat sich schon zu beiden Seiten mit langen und dichten Reihen -der Feldgrauen gefüllt. Durch diese Soldatengasse bewegt sich ein Zug -von seltsam aussehenden Gestalten einher. Franzosen? Wo ist denn die -berühmte rote Sache, die man die Hose von Frankreich nennt? Davon ist -nichts zu sehen. Ein bißchen Blau sieht man, ein dunkles Blau, alles -andere an diesen Kommenden ist gelb. So tappen und taumeln sie durch -die Gasse her. Und ein Photograph hat sich auch schon eingefunden; -glückselig dreht er die Kurbel seines Kinokastens, immer mit dem -Objektiv gegen den Kaiser hin. Der sieht es, wird sehr unwillig, deutet -auf den näherkommenden Zug der Gefangenen und ruft dem Photographen -zu: »=Sie! Photographieren Sie doch das da! Die Soldaten! Nicht immer -mich!=« Ich habe selten einen verlegeneren und hilfloseren Menschen -gesehen als diesen aus allen Himmeln gerissenen Filmkünstler. Er -dattert mit dem Apparat, rutscht hin und her, dreht an der Kurbel, -stockt wieder -- und ich besorge, der Film ist gründlich mißlungen. -Und wenn die deutschen Fürstenkritiker diese zerrupfte Sache sehen, -werden sie sagen: »Wenn sich der Kaiser schon immer photographieren -lassen will, soll er sich wenigstens einen geschickteren Photographen -aussuchen.« So entsteht, was man als gerechtes und objektives Urteil -bezeichnet. Es ist, wie im großen so auch im kleinen, immer wieder die -Geschichte von Helgoland und Sansibar. - -Die heitere Stimmung, in die ich geraten bin, schlägt mir plötzlich -um in eine schwere und tiefe Erschütterung. Mir scheint, ich muß mich -erst an den Krieg gewöhnen. Unpolitisches Erbarmen ließ mich für einen -Augenblick vergessen, daß ich Deutscher bin und daß diese Gelben, die -da vorüberwandern, unsere erbitterten Feinde sind, die auf deutsche -Soldaten schossen und stachen und schlugen. Das vergaß ich für einen -Augenblick, weil die meisten dieser Menschen da grauenhaft aussehen, -herzergreifend. Sehen =so= auch die =Unseren= im Schützengraben aus? -Dann wissen wir in der Heimat noch immer nicht, was Krieg ist, und was -unsere lieben, treuen Feldgrauen um unserer Sicherheit willen ertragen -müssen. - -Was wir in der Heimat an Gefangenen sehen, ist etwas ganz anderes als -hier; bis sie hinauskommen zu uns, hatten sie schon viele Tage Zeit, -sich zu erholen, sind gut ausgeschlafen, sind gekräftigt, ordentlich -genährt, sind gewaschen und gereinigt. Aber hier, im Felde, wo sie vor -wenigen Stunden erst aus den Schützengräben herausgefischt wurden, -stecken die meisten in Kleidern, die nimmer als soldatische Uniform zu -erkennen sind, sondern von Nässe klatschen und von den Stiefeln bis -hinauf zur Brust so dick mit Kot und Lehmklumpen behangen sind, daß -alles gelb ist an ihnen. Einige sehen wohl besser und frischer aus, -bewegen sich leicht und lebhaft, lassen sich ihr Pfeifchen oder die -Zigarette schmecken und können sogar lachen, hochmütig und spöttisch. -Aber die meisten sind schwer erschöpft, schleppen sich mühsam unter der -Last dieses nassen Dreckes an ihrem Leib, sind bleich und verstört, -haben abgezehrte Wangen und eingesunkene, trauervolle Augen. In vielen -Gesichtern ist der seelenlose Stumpfsinn, den ein monatelanges Leiden -in ihnen erzeugte. Einige sind leicht verwundet, schon verbunden. Viele -gehen Arm in Arm gehängt, die noch Kräftigeren stützen die Schwächeren. -Unter dem Tausend sind kaum hundert hoch und gut gewachsene Leute, von -denen wir Deutschen sagen würden: Das sind Mannsbilder. Alle anderen -sind klein, zart und schwächlich von Natur, dazu noch zerrieben von der -Mühsal des Krieges, viele unterhalb unseres Militärmaßes, sogar von -zwerghaft zurückgebliebenem Wuchs. - -So wandern sie vorbei -- nicht verspottet und verhöhnt, nicht beschimpft -und mißhandelt, nicht bespien und mit Fußtritten regaliert, wie es -deutschen Gefangenen in Frankreich erging. Unsre Feldgrauen stehen ernst -und schweigsam, sie reden und lachen nicht. Und viele von ihnen, die -doch unter dem Kugelregen der Franzosen gestanden und bedroht waren von -Wunden und Tod -- vielen kann ich es an den Augen ansehen, daß in ihren -»Hunnenseelen« das gleiche menschliche Erbarmen ist wie in mir, der ich -mich an solche Bilder des Krieges erst noch gewöhnen muß und noch keine -von seinen Gefahren verschmeckte. - -Während die Gefangenen am Kaiser und der Gruppe seiner Offiziere -vorüberkommen, reden wunderlich verschiedene Dinge aus diesen -französischen Augen: Gleichgültigkeit und Neugier, Hohn oder Haß. Aber -es sind doch auch manche dabei, in denen der Zorn und die Pein der -Stunde nicht völlig die Züge soldatischer Ritterlichkeit ersticken kann. -Ob sie den Kaiser und den Kronprinzen erkennen? Oder ob sie nur glauben: -das sind Generäle? Sie salutieren oder ziehen das Käppi herunter, und -der Kaiser dankt. - -Die letzten verschwinden, und eine Gruppe von deutschen Lanzenreitern -klirrt hinter ihnen her. - -Das Bild, das ich gesehen, beschäftigt mich noch lange, während -die Fahrt im Auto gegen Süden geht. Der Kronprinz begleitet seinen -kaiserlichen Vater eine Strecke Weges, will ihm eine Stelle mit weiter -Fernsicht gegen die Argonnen zeigen. Das Gespräch der beiden, das sich -immer um Dinge des Krieges dreht, ist ernst, aber die Stimmen bleiben -durchhaucht von einer warmen Herzlichkeit. - -Nach einer halben Stunde hält das Auto. Mitten aus der welligen -Landschaft erhebt sich ein großer, steiler Hügel, ein Kalvarienberg, -gekrönt von einem mächtigen Kreuzbild. - -Der Weg da hinauf ist mit Schwierigkeiten verknüpft, denn die Regengüsse -vieler Wochen haben den lehmigen Steilhang so durchweicht und versumpft, -daß jeder Schritt ein Glitschen und Rutschen wird. Aber die Kletterei -belohnt sich. Droben eine meilenweite, wundervolle Rundschau! Das -große Stück Welt, das zu sehen ist, gleicht einem in den Wolken -schwimmenden Riesenteller, der belegt ist mit Wäldern und Feldern, mit -Städten und Dörfern, mit Strömen und Bächen. Und alles ist Land, das -die Deutschen eroberten! Und gegen Südosten zieht sich durch das Grau -des fernen Horizonts etwas hin, das einer schwarzen, langgestreckten -Gigantenschlange gleicht. Das ist der Argonnenwald, der unserem Heere -so blutig zu schaffen macht. Immer klingt aus jener Ferne ein dumpfes -Murren her, ganz leise, kaum noch zu hören im Brausen des Windes, -der den Hügel überweht. In der Höhe jagen zerrissene Wolken; und -sieht man empor zu ihrem Flug, so scheint das mächtige Kreuzbild sich -herabzuneigen, als möcht' es in Barmherzigkeit das Menschengeschlecht -der Erde umarmen. - -Beim Niederstieg erweist sich der glitschige Boden noch feindseliger. -Ich frage den Kaiser, ob ich ihn stützen darf. »Ja! Kommen Sie her!« Er -faßt mich an der Schulter. So geht es langsam hinunter, und ich haue -bei jedem Schritt den Stiefelhacken ein, wie bei Glatteis auf einer -Gemsbirsche. Halb sind wir schon drunten. Da rutsche ich selber aus. Und -der Kaiser mit seiner starken Faust hält mich aufrecht. Meinen etwas -verlegenen Dank erwidert er mit dem lachenden Wort: »=Soldat und Bürger, -die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!=« -- - -Während der Rückfahrt durch die sinkende Dämmerung spinnen sich in -meiner Seele hundert Gedanken und Bilder um dieses vieldeutige Wort des -Kaisers. -- - -Und ich glaube, daß man uns Deutschen in dieser Zeit von heute keine -stärkere und tiefere Mahnung sagen kann als dieses Kaiserwort: »Soldat -und Bürger, die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!« - -Geschieht es so -- nicht nur im ersten Feuerstrom des alle Herzen -durchflammenden nationalen Glaubens, sondern auch in allen Wechselfällen -eines langen und zähen Kampfes, der von Bürger und Soldat das letzte der -deutschen Kraft verlangt -- dann werden wir als Volk nicht niedergleiten -in Schmutz und Tiefe. Wir werden aufrecht stehen! Und gleich den -gläubigen Magiern aus dem Morgenlande, die geführt wurden von ihrem -leuchtenden Sterne, werden wir alle Tücke und Hinterlist des Herodes, -der uns in Neid erwürgen will, zuschanden machen! - - - - - 5. - - - 22. Januar 1915. - -Wir leben in einer gerechten Zeit, die es sich angelegen sein läßt, -allerlei unzutreffende Urteile in den Köpfen und Herzen des deutschen -Volkes richtigzustellen. Jetzt wissen wir, daß unser Entrüstungssturm -über Zabern keine völlig objektive Sache war; daß uns eine kleine, -wieder deutsch gewordene Insel in der Nordsee viel schutzreichere -Dienste leistete als jenes größere Inselland an der ostafrikanischen -Küste, dessen Abtausch an England wir mit leidenschaftlichem Kummer -beklagten und als Diebstahl an der Schatztruhe des deutschen Michels -bezeichneten; und seit unsere jungen Offiziere das Monokel fallen ließen -und, ein befeuerndes Vorbild für die Mannschaft, mit Heldenruhe und -heiligem Opfermut in den Bleihagel der Feinde schritten, wissen wir -auch, daß wir alle Ursache haben, den Typus des deutschen Leutnants -wesentlich anders und unabhängiger von Äußerlichkeiten zu konturieren, -als dies noch in der letzten Juliwoche des vergangenen Jahres geschehen -ist. - -Ein langer Friede, und mag er an sich die schönste und begehrenswerteste -Sache sein, ist doch auch ein diplomierter Pädagoge für Erziehung -ungerechter Nörgelsucht, skrupellosen Haders und ausartenden Mißtrauens; -unter der Engelsmaske schneidet sein Gesicht die Grimassen eines -Verleumders und Lügners; mit dem Motto »Verwirf das Gute und begehre -das Bessere!« zerbröselt er jene menschlichen Werte, deren wir in -stürmischen Zeiten am dringendsten bedürfen, und die -- das mag zu -seiner Entschuldigung gesagt sein -- auch nur in der Morgenröte großer -Ereignisse ihre wahre Gestalt und ihr innerstes Wesen zu zeigen -vermögen. Deutschland wäre ärmer geblieben um einen genialen Feldherrn, -wenn es nicht reicher geworden wäre um diesen heiligen Krieg. - -Gewiß sind Witz und Satire zwei völlig unentbehrliche Waffen jeder -Kultur, jeder ethischen und nationalen Entwickelung. Aber künstlerische -Schöpferkraft ist nur dann in ihnen, wenn sie die Größe fördern und -bejahen, die sie zu befehden scheinen. Fehlt es ihrem Maßstab an -gerechtem Gewissen, verliert ihr Scheinbild =jede= Beziehung zum Bilde -der Wirklichkeit, jeden positiven Boden, und wird es zur augenlosen -Negation, die _à la mode_ einen vergnüglich mundenden Kaviar für das -Volk bereitet, dann ist es mit Witz und Satire die gleiche Sache, wie -wenn die völkerrechtlich zulässigen Mantelgeschosse durch sträfliche -Manipulationen zu mörderisch wirkenden Dum-Dum-Kugeln verzwickt werden. - -Man verzeihe mir dieses etwas philosophisch angehauchte Vorspiel. Es -begann in mir zu klingen, als ich am dritten Tage meines Aufenthaltes im -Großen Hauptquartier einen für uns Deutsche gerade jetzt sehr wichtigen -Mann kennen und in gesteigertem Maße ehren lernte -- einen Mann, den wir -immer als »Philosophen« zu besteckbriefen liebten -- wenigstens bis zu -jenen Augusttagen, die uns eine gerechtere Meinung von ihm beibrachten. -Ich hab ihn früher niemals so Aug' in Auge gesehen, immer nur aus der -Ferne, wie auch Millionen andere ihn sahen. Nah und genau betrachtet, -sieht er =ganz= anders aus. Ich muß gestehen, daß ich noch nie einen -so krassen Widerspruch zwischen Lebenswahrheit und landläufiger -Karikaturtype beobachtete. - -Die Natur hat diesen Mann nicht mit zwölf Kopflängen ausgestattet, -wie den roten Theaterprinzen von Arkadien, und hat ihn auch nicht -so hopfenstangenmager gebildet, wie er immer gezeichnet wird. Er -sieht viel eher wie ein fester, wohlproportionierter, derbgesunder -und breitschulteriger Forstmann aus, der seine Galauniform genau so -bequem und selbstverständlich trägt wie sonst seine Waldjoppe. Dazu -ein wuchtiger, strenggeschnittener Kopf, unter dessen hartknochiger -Stirnwölbung sich kein Versteck für nebulose Theorien vermuten läßt. Was -edles Metall ist, prägt sich anders als lindes Blei; und klare Formen -sind immer eine Gewähr für die Eigenschaften des Inhalts. Bei seiner -umfassenden Geistesbildung mag dieser kraftvoll aussehende Mann wohl -mehr von philosophischen Dingen wissen als mancher unter jenen, die ihm -den »Philosophen« anzukreiden pflegen. Aber er ist weder menschenferne -und trocken wie der große Weise von Königsberg, noch gallig und moros -wie Schopenhauer, noch ein wortschwelgerischer Systematikus wie Hegel, -noch dithyrambisch-bärbeißig oder entrückt-melancholisch wie Nietzsche. -Er ist und blickt und redet und geht und steht wie ein prachtvoll -natürlicher Mensch, der ohne Mittel, nur durch sich selbst und durch -die ruhige Festigkeit seines persönlichen Wesens gewinnt und erobert --- wenn man sich nicht gewaltsam und eigensinnig dagegen sträubt, wie -die meisten von uns Deutschen es getan haben, seit der ersten Stunde -seiner Amtsführung. Aber dieser Widerstand ist wohl erledigt seit dem -erhebenden Augusttage, an dem unser Reichskanzler sprach, was allen -Deutschen aus der Seele gesprochen war, und an dem er sich als eine -tragende Säule der festen, raschen und entscheidenden Tat erwies, die -notwendig war für die Sicherheit und den Fortbestand unseres Reiches. -Und nun wollen wir Deutschen das niemals wieder vergessen: daß Mißtrauen -und anspruchsvolle Ungeduld aus Vergleichsmanie gefährliche und lähmende -Kräfte sind. Das willige Vertrauen des Volkes formt den begabten -Staatsmann, wie die Gelegenheit des Krieges den geborenen Feldherrn -erscheinen und erkennen läßt. Wir von heute wissen, wie das deutsche -Volk seinen Bismarck auf der Höhe seiner reifen Kraft und seines -Erfolges nahm; aber nicht alle erinnern sich daran, wie er in den Jahren -seiner Entwicklung genommen wurde, und daß man den Abgeordneten von -Bismarck-Schönhausen bei seiner Jungfernrede verhöhnte und auslachte. -Übrigens -- damals wurde viel davon gesprochen, was mit Polen geschehen -soll. Was Bismarck in der Magdeburger Zeitung aussprach, und was in -der Paulskirche der junge Dichter Wilhelm Jordan über Polen sagte, das -sollte man heute nachlesen, sehr aufmerksam. Vieles davon stimmt auch -heute noch und kann Wege zeigen. -- - -Das Auswärtige Amt ist im Großen Hauptquartier untergebracht in dem -Gartenhaus eines Bankiers, von dem es ebenfalls heißt: »_Il est parti!_« --- zu deutsch: verduftet! Aber in dem Hause, aus dem er entfloh, ist -ein Odeur seiner seltsam träumerischen Seele zurückgeblieben. Die -Wohlhabenheit seines Besitzes läßt vermuten, daß er in seinem Bureau -ein tüchtiger Finanzmann war. Doch in der Seele dieses erfolgreichen -Geldsammlers muß ein Winkelchen gewesen sein, das angefüllt war: mit -märchenzärtlicher Romantik. Das beweist die ganze Ausstattung seines -Hauses, und vor allem beweist es der große, jetzt zur Arbeitskarte des -deutschen Auswärtigen Amtes umgewandelte Salon, dessen wunderlichen -Schmuck allerlei mechanische Spielwerke bilden. Der Träumer brauchte -da nur in seinen Mußestunden ein paar Schlüssel zu drehen und ein -paar stählerne Federn aufzuziehen: dann tanzte eine Bajadere, ein -schöner Türke machte Gebetsverbeugungen, ein Schlangenbändiger gab eine -Vorstellung und ein Affe fing zu klettern an und produzierte seine -drolligen Kapriolen. - -Jetzt stehen diese Spielwerke still. Der deutsche Reichskanzler hat -in dem okkupierten Salon viel notwendigere Dinge zu tun als Affen -klettern und Bajaderen tanzen zu lassen. Doch ist zu vermuten, daß -er wirksam damit beschäftigt ist, die giftige Schlangenschar der von -unseren Feinden in die Welt geworfenen Lügen zu bändigen -- wobei das -deutsche Heer mit nie ermüdendem Fleiß den Eisenschlüssel dreht und die -stählernen Federn aufzieht. - -Zwischen den ruhenden Spielwerken stehen die Schreibtische, denen man -es ansieht, wie ruhelos hier gearbeitet wird. In der Mitte des Raumes -befindet sich der Schreibtisch des Reichskanzlers -- und unter den -Büchern, die da liegen, gewahre ich einen Band Satiren von =Ludwig -Thoma=. Es macht mir Freude, das Wohlgefallen des Reichskanzlers von -Bethmann Hollweg am süddeutschen Klang bestätigt zu sehen. Ich äußere -das, und er sagt in seiner warmen, freundlichen Art: »Ja, das ist im -Feld und zwischen der Arbeit meine Lieblingslektüre. Dabei erhole ich -mich und werde ruhig.« - -Ein Jagdausflug, den der Reichskanzler im Herbste 1913 nach Linderhof -machte, gibt Veranlassung, von meiner Heimat, ihren Bergen und -ihrem Volk zu sprechen. Wieder höre ich die gleiche Anerkennung der -verläßlichen Tüchtigkeit unseres Bayernheeres, wie schon der Kaiser -sie mir mitgeteilt hatte. Und das Gespräch leitet über auf den Gang -der Dinge zu Hause, auf die Opferwilligkeit und auch auf die nervöse -Ungeduld der Daheimgebliebenen, auf schwer fühlbare Härten der Zeit, -auf akute Probleme der Industrie, des von Schwierigkeiten bedrückten -geschäftlichen Verkehrs und der reichen vaterländischen Fürsorge. Was -ich im Verlaufe dieses Gespräches hörte, läßt sich zusammenfassen in die -Worte: - -»Bewundernswert ist es, was zu Hause an Opferwilligkeit geleistet wird! -Aber die Unruhe, die sich daheim in manchen Erscheinungen äußert, -begreift man hier im Felde nicht ganz. Zu irgendwelcher Unruhe ist doch -nicht der geringste Grund vorhanden. Eine Zeit wie die jetzige ist immer -schwer, für alle und für jeden. Das muß eben überwunden werden. Und wir -=werden= es überwinden. Dann wird das Verlorene sich wieder ersetzen, -doppelt. Wie es hier im Felde steht, das werden Sie mit eigenen Augen -sehen. Erzählen Sie es nur daheim! Überall geht's voran, manchmal für -die Ungeduld zu Hause nicht schnell genug, aber man muß einem zähen -Feinde gegenüber vorsichtig sein und unnötige Opfer vermeiden, um Kraft -für entscheidende Stunden zu sparen. Wenn man sieht, wie tüchtig und -beharrlich im Felde gearbeitet wird, nicht nur an der Front, sondern -auch =hinter= der Front und =zwischen= den Kämpfen, dann wird man -ruhig, fühlt sich sicher und wird vertrauensvoll, auch in nötigem Maße -geduldig.« - -Wenn man unseren Reichskanzler schon einen »Philosophen« nennt, so -ist das eine Philosophie, die wir Deutschen uns alle zu eigen machen -sollten, bis sie Stein und Bein in uns geworden. Ich habe vor kurzer -Frist in der »Frankfurter Zeitung« ein starkes und tiefes Wort von -Theobald Ziegler gelesen: »Der Sieg ist unser Schicksal, dem wir -entgegenreifen.« Und neben dieses Wort will ich einen japanischen -Ausspruch stellen, von dem wir in diesen Tagen gehört haben: »Wer im -Kriege die Hilfe der anderen braucht, hat schon verloren.« Zwei Worte -- -in dem einen kristallisiert sich der Glaube, im anderen der Beweis. Bei -uns ist die Kraft, bei uns der Sieg. Da sollte uns das bißchen Warten -und Geduld doch so leicht werden wie ein Spiel, dessen stählerne Feder -man mit keinem Schlüssel aufzuziehen braucht! - --- (Während ich das niederschreibe, marschiert unter meinem Fenster zu -Peronne ein Bataillon des Münchner Leibregiments vorüber, marschiert -in sausendem Wind und unter strömendem Regen zur Ablösung in die -Schützengräben. An die tausend Feldgraue sind es. Und sie singen! Diese -prächtigen Menschen! Ihr, die ihr zu Hause seid, ihr hört ja diese -Lieder unter =eueren= Fenstern =auch=, fast täglich! Das klingt auch in -der Heimat schön -- und dennoch anders! Hier, während in geringer Ferne -die große Trommel der Geschütze dröhnt, klingt dieses kraftvolle Lied -so ruhig und heiter, so gläubig und zuversichtlich, daß ich es nicht -zu schildern vermag. Die Wirkung ist so mächtig -- man kann es nicht -sagen, nur fühlen. Etwas Starkes und überwältigend Frohes ist in mir -- -aber ich muß für eine Weile die Feder fortlegen, weil ich zum Schreiben -nimmer sehe.) -- - --- -- Laßt mich wieder erzählen! - -Der klärende und erhebende Eindruck, den ich aus dem französischen -Gartenhaus des deutschen Reichskanzlers mit mir fortnahm, sollte noch -ein tragendes Fundament am Abend finden, als ich wieder in dem kleinen -Wintergarten der stillen Villa war, im Kreise der den Kaiser umgebenden -Offiziere. - -Ich sah und hörte da ein für uns alle sehr lehrreiches Beispiel von -des Kaisers Geduld und Ruhe gegenüber den Verleumdungsbomben, die -von unseren vielen Feinden mit sehr übel riechendem Pulver gegen uns -abgeschossen werden. Diese Dinge erbittern ihn, daß ihm die Stirne -brennt. Aber auch in der heißesten Erregung verliert er nie die -Herrschaft über sein Wort. Ich hörte den Kaiser in einem solchen Falle -sagen: »=Das ist stark! Aber dumm ist es auch! Ein Glück, daß die -Wahrheit auf die Dauer immer klüger ist und die schnelleren Beine hat.=« - -Ritterliches Verhalten einzelner Gegner erfreut ihn. Und noch kaum einen -zweiten Deutschen hab' ich über gute Eigenschaften, über zähe Tapferkeit -und kriegstechnische Leistungen unserer Feinde so objektiv, so gerecht -und anerkennend urteilen hören wie den Deutschen Kaiser. Das sollten -einmal jene von ihm hören, die alle feindliche Welt jetzt erfüllen -mit ihren urteilslosen Pamphleten wider ihn, mit den aberwitzigsten -Karikaturen und den niedrigsten Beschimpfungen. - -Auch gegen England hörte ich vom Kaiser kein im Zorn maßloses Wort. -Jedes Urteil, das er da ausspricht, bleibt doch, so streng es -auch manchmal klingt, immer innerhalb der Grenzen einer vornehmen -Zurückhaltung. Doch hört man, wenn von den Germanenvettern über dem -Kanal die Rede ist, aus seiner Stimme ein leises, kaum merkliches -Vibrieren. Dabei mischt sich seine Rede mit Bildern von scharfer -Prägung, mit Gleichnissen von schlagender Kraft. - -Im Gespräch mit dem Vertreter eines neutralen Staates sagte der Kaiser: -»=Sie sind doch Sportsmann? Wenn bei einem Wettrennen nach und nach alle -schwächeren Konkurrenten ausscheiden, und es ringen nur noch die zwei -stärksten Pferde um den Sieg -- haben Sie es da schon einmal gesehen, -daß der Jockei des Pferdes, welches nachzulassen droht, mit der Peitsche -nach dem Jockei des Pferdes schlägt, das ehrgeiziger und besser bei -Kräften ist?=« Ein Kopfschütteln des Sportsmannes. »=Nun? Warum schlägt -dann England nach uns? Warum schlägt es nicht auf seinen faulwerdenden -Gaul?=« - -Und noch ein anderes Kaiserwort, von dem ich glaube, daß es festgehalten -werden muß: - -»=Viele von den Leuten, die uns Deutsche immer nach Äußerlichkeiten des -Schliffes beurteilen und uns immer Barbaren nennen, scheinen nicht zu -wissen, daß zwischen Zivilisation und Kultur ein großer Unterschied ist. -England ist gewiß eine höchst zivilisierte Nation. Im Salon merkt man -das immer. Aber Kultur haben, bedeutet: tiefstes Gewissen und höchste -Moral besitzen. Moral und Gewissen haben meine Deutschen. Wenn man im -Ausland von mir sagt, ich hätte die Absicht, ein Weltreich zu gründen, -so ist das der heiterste Unsinn, der je über mich geredet wurde. Aber in -der Moral, im Gewissen und im Fleiß der Deutschen steckt eine erobernde -Kraft, die sich die Welt erschließen wird!=« - -Unser Kaiser ist ein Deutscher im Sinne seines eigenen Wortes. - -Das alles durfte ich erzählen und glaubte es erzählen zu müssen. Wird -auch den toll gewordenen Lästerhähnen aller uns feindlichen Länder -der »zweite Attila« vorerst nicht auszureden sein, so werden diese -Charakterzüge und Worte des Kaisers doch dazu beitragen, daß wir -Deutschen sein innerstes Wesen richtig erkennen. - -Dieser Abend in dem kleinen französischen Wintergarten -- es waren -außer dem Großadmiral von =Tirpitz= als Gäste noch zwei Offiziere da, -von denen der eine als Kurier aus Konstantinopel, der andere als Kurier -aus dem Osten, vom Heere des Feldmarschalls Hindenburg, gekommen war -- -dieser Abend gab mir auch noch andere Dinge zu hören, sehr erfreuliche -und verheißungsvolle! Die muß ich in mir verschließen. Nur dieses eine -darf ich sagen: =Als ich an diesem Abend unter rauschenden Regengüssen -zu meinem engen Grillenhäuschen heimwanderte durch die finstere Nacht, -da sah ich unsere deutsche Sonne glänzen, groß und schön!= - - - - - 6. - - - 24. Januar 1915. - -Alles ist grau in grau verschwommen. Der Regen plätschert, und was Strom -oder Bach heißt, ist wie ein wildes Tier. Bei jeder Wasserpfütze, in die -ich trete, bei jedem Schlammloch, in das ich hineintappe, muß ich an -unsere Soldaten denken, die in den verpfuhlten Schützengräben liegen. -Bei uns zu Hause geht man unter dem Regenschirm oder bleibt daheim oder -sitzt im Kaffeehaus. Mag es so sein! Wenn wir nur des Unterschiedes nie -vergessen! - -Gegen zehn Uhr morgens wird es ein bißchen heller. Im Auto, das mich -abholte, geht's nach Bellevue hinaus. Eine Enttäuschung. Das Schloß, -in dem Napoleon seinen Degen an den König von Preußen übergab, ist -abgesperrt; es hat bei Beginn des Krieges schon empfindlich gelitten; -nun soll diese heilige Gedächtnisstätte der Deutschen vor jeder weiteren -Zeitgefahr behütet werden. Der Park ist umzogen von einem Zaun aus -Stacheldraht, und ein deutscher Posten steht Wache. Das Schloß ist -leer, seine Fenster sind mit Brettern verhüllt, sind geschlossene -Augen. Ich will davongehen. Da befällt mich eine tiefe Erschütterung --- ich sehe die ersten deutschen Soldatengräber dieses Krieges: kleine -lehmgelbe Hügel, schwächliche Holzkreuze, die geheiligten Namen kunstlos -daraufgeschrieben, geschmückt mit Kränzen und Tannengewinden, denen man -es ansieht, daß sie von harten Männerfäusten geflochten sind. - -Lange steh' ich mit entblößtem Kopf. Und ich sehe nimmer die Gräber, -nicht den Acker, nicht das Schloß und nimmer den triefenden Wald. Ich -höre nur in der Morgenstille den leisen, ruhelosen Fall von unzählbar -vielen Tropfen und sehe deutsche Städte und deutsche Dörfer, deutsche -Straßen und deutsche Stuben, sehe Kinder, die froh sein möchten und -verschüchtert sind, und sehe Mütter, Frauen und Mädchen, alle in -schwarzen Kleidern, mit blassen Gesichtern und entzündeten Augen. -Vieltausendfach ist der Tod über die Wiesen des deutschen Glückes -hingegangen, und in der Heimat fallen der Tränen mehr als Tropfen da -drüben in dem regennassen Wäldchen von Bellevue. Doch aus den blassen -Gesichtern, die ich sehe, spricht etwas anderes heraus, als es sonst -der Gram um versunkene Menschen ist, die uns teuer waren. Die Trauer, -die ich sehe, ist gefaßter, edler und heiliger. Stolz und Schmerz sind -verschwistert in ihr. Wir alle, die wir um der Heimat willen verlieren -mußten, sei es an teuerem Leben oder an Gut, wir alle wissen, wofür wir -es hingaben. - -Während ich die Gräber verlasse, bleibt in mir eine Stimmung wie -nach dem Gottesdienste, bei dem vom sehnsüchtigen Auszug und von der -gesegneten Heimkehr der Magier aus dem Morgenlande gepredigt wurde. -So betrete ich auf der Landstraße zwischen Bellevue und Donchery -das alte kleine Haus, in welchem Napoleon auf Bismarck wartete. Ein -niederes, fast leeres Stübchen. Es steht da nur ein Glasschrank mit -Erinnerungen und ein Tisch mit zwei Strohsesseln. Auf dem einen -dieser Stühle hat Napoleon gesessen, auf dem anderen Bismarck. In dem -Glaskasten zeigen kleine Blätter die Handschriften unseres Kaisers, -des deutschen Kronprinzen und anderer Fürsten. Jedes Blatt ist an -den Ecken beschwert mit den Zwanzigmarkstücken, welche die Hüterin -dieses Hauses als Geschenk erhielt. Damals, am Sedanstag, war sie eine -Sechsundzwanzigjährige, jetzt ist sie eine Greisin mit weißem Haar. In -dem ruhigen Ton, mit dem die Kustoden von Kunstsammlungen zu sprechen -pflegen, erzählt sie, wie sie während jener Schlacht mit ihrer Familie -im Keller saß und die Granaten sausen hörte, die über das Hausdach -hinüber und herüber flogen. Geradeso wäre es jetzt wieder gewesen, beim -Kampf und bei der Zerstörung von Donchery. Von der freundlichen Güte -unseres Kaisers erzählt sie und von den vielen hohen Gästen, die in ihr -berühmtes Haus kommen. Von den tausend anderen, ungefürsteten Besuchern -dieses Raumes erzählen die Wände, die Türbretter, die Fenstergesimse, -sogar die Stubendecke -- alle Plätze, auf die man seinen Namen schreiben -kann. Eine wunderliche und rührende Tapete: diese Tausende von deutschen -Namenszügen! - -Beim Gehen, unter der Türe, sag' ich zerstreut: »Auf Wiedersehen!« Die -Greisin erschrickt: »Nein, mein Herr, nein, nein! Da wäre doch =wieder= -Krieg! Das muß der letzte sein!« Sie lächelt. »Kommt noch einer, so leb' -ich nimmer!« - -Ein Anstieg über eine Feldhöhe. Niedergetretener Hafer und ungeerntete -Rüben. Manchmal neben der Straße ein halb wieder zugeschütteter -Schützengraben. Dürr gewordene Laubhütten, die den Soldaten als -Unterstände bei Regen dienten. Und lange, breite Drahthindernisse, jetzt -zerschlagen und zerstampft. Wie kleine dünne Schlangen ringeln sich -überall die entzweigeschnittenen Drähte aus dem Kraut heraus. - -Hohe, von Gestrüpp überwucherte Erdwälle und hinter ihnen etwas sehr -Sonderbares -- es sieht aus wie ein gewaltiger Termitenhaufen mit vielen -Einschlupftrichtern: das von den Deutschen eroberte und zerstörte Fort -des Aivelles, dessen Kommandant sich, als die Feste fiel, eine Kugel -durch den Kopf jagte. In einem Föhrenwäldchen liegt das Grab, das ihm -die Deutschen gruben, und das sie zur Ehrung dieses Braven in sinniger -Weise schmückten. Die Hälfte seiner Besatzung war ihm davongelaufen, -bevor die erste deutsche Granate kam -- noch heute liegen an vielen -Stellen die roten Hosen umher, die diese Sorgenvollen herunterzogen, um -sie durch minder gefährliche Bauernhosen zu ersetzen. - -Meinen Weg sperrt solch ein riesiger Termitentrichter: die -Einschlagstelle eines deutschen Haubitzengeschosses. Ein Loch vom -Umfang einer Stube, drei Meter tief, und drunten sieht man durch -einen zerrissenen Schacht hinunter in einen schwarzen Keller, in -die »granatensichere« Kasematte, deren Betondach der deutsche Schuß -zertrümmerte. Überall Vernichtung; zwei Meter dicke Mauern sind zerrupft -wie Fließpapier; nur die Torhalle hat standgehalten; hier liegt noch das -französische Pulver in den Gewölben. Heiter schwatzende Landsturmmänner -sind mit dem Sortieren des Beuterestes beschäftigt; alles wird -gesammelt, was sich für deutsche Zwecke wieder verwenden läßt: Eisen, -Kupfer, Messing, Zinkblech, Bleiröhren und Gummi. Über Trümmerhaufen und -durch Granatenlöcher klettere ich hinauf zur Plattform des Forts. Die -Kanonen, die hier stumm gemacht wurden, sind schon verschwunden, nach -Deutschland gebracht. Nur die Verwüstung ist noch da, mit grauenvollem -Gesicht, mit etwa vierzig Granatentrichtern, die aussehen wie tief -eingesunkene Todesaugen. Ein Schuß hat den hohen eisernen Mast der -französischen Flagge umgeworfen, hat die Spitze in den Grund gebohrt und -den schweren Fuß in die Luft gehoben. - -Meine Augen irren über dieses stumme und doch schreiende Bild des -Unterganges hin. Ein schmerzender Schauder überrieselt mich bei dem -Gedanken, daß unsere deutschen Festungen so aussehen könnten wie dieser -leblose Trümmerhaufen -- wenn wir nicht die Stärkeren wären und nicht -die Ausdauer und den Willen hätten, es auch zu bleiben. - -Immer rieselt der Regen, dichte Wolken jagen über Hügel und Wälder hin, -und graue, wogende Dünste verschleiern, was Landschaft heißt. Alles -Französische scheint sich in deutsches Feldgrau verwandelt zu haben. Aus -diesem unübersehbaren Heere lösen sich immer wieder einzelne Gestalten -sichtbar ab: Soldaten, welche die Landstraßen und die Brücken bewachen. -Bei jedem zweiten oder dritten Kilometer gibt's einen Aufenthalt der -Fahrt, eine Schranke, eine Visitation. Mein Ausweis öffnet mir jeden -Schlagbaum. So geht's in fünfstündiger Autohetze über Hirson und -Guise nach St.-Quentin, in dem es wimmelt von deutschen Kriegern. Wo -kommen sie nur alle her? Ganz märchenhaft ist ihre Menge. Und daheim, -bei meiner Reise durch deutsches Land, war es ebenso! Sei gesegnet, -meine Heimat, du unerschöpflichster aller Menschenbrunnen! Und England -will uns vernichten? Uns? Wäre diese britische Sehnsucht nicht so -verbrecherisch, sie müßte drollig wirken in ihrer Torheit. - -Bei sinkendem Abend erreiche ich die Stadt Peronne. Wieder dieses -gleiche Soldatengewimmel, noch dichter als in St.-Quentin! Der große -Stadtplatz, auf dem ein gutes Denkmal der Marie Fouré zu sehen ist, -einer französischen Heimatsheldin vom Geiste der Jungfrau von Orleans -- -dieser Platz, den der stumpfköpfige, mit dem gallischen Hahn geschmückte -Turm der Kathedrale überragt, sieht mit seiner Soldatenmenge aus wie -daheim in München der Marienplatz nach einer Parade am Königstag. Aber -bin ich denn in der Fremde? Bin ich nicht wirklich daheim? Überall -bayerische Klänge. Münchner Laute! Ich fasse einen Feldgrauen am Arm: -»Grüß Gott, Landsmann! Woher sind Sie denn?« -- »Von Hoadhausen!« -- -»Und wie geht's immer?« -- »Guat. Warum soll's denn schlecht gehn?« -- -»Aber eine aufregende Zeit das! Nicht?« -- Er sieht mich an, als hätte -ich eine Sprache geredet, die er nicht versteht; dann lacht er ein -bißchen: »Gell, Sö kommen grad von dahoam? Ja ja, da =san= d' Leut a -so. I woaß net, warum?« -- Was dieser eine sagt, das gleiche lese ich -aus allen Gesichtern und Augen, hör es aus allen Worten. Hier im Feld -ist die Ruhe, das Bewußtsein der deutschen Kraft. Zapplig, ohne Geduld -und aufgeregt sind nur wir zu Hause. -- »=I woaß net, warum?=« sagte -der brave Feldgraue, der jetzt vier Tage Rast hat und dann wieder vier -Tage im Schützengraben stehen muß. =Ohne= Regenschirm! Gäb' es einen, -der ihm dienen könnte, so müßte es einer sein, der, statt mit Seide oder -Baumwolle, mit daumendicken Stahlplatten bezogen ist. Und für =alle= -fallenden Tropfen würde der =auch= nicht helfen! - -Mein erster Weg zu Peronne führt mich ins Kriegslazarett. Hier liegt -ein junger deutscher Offizier, der mir lieb ist. Ein stummes, festes -Umhalsen. Dann sitz' ich an seinem Bett, und seine fieberheiße Hand ruht -in der meinen. Aber diese Sorge, die schon wieder verläßliche Hoffnung -ist, gehört mir allein. Davon will ich nicht sprechen. Ich bin hier, um -zu schauen und um der Heimat zu erzählen, wie meine Reise zur deutschen -Front eine Reise zum deutschen Glauben wurde. - -Im Lazarett muß ich Bilder sehen, die hart sind und in die Seele -schneiden. Ich will sie nicht schildern; wir alle wissen, was Leiden -und Schmerz des Krieges heißt. Aber was ich sehe, predigt mir gleich in -der ersten Stunde die dankbare Bewunderung für unsere deutschen Ärzte -und für den stillen, geduldigen Opfermut unserer Schwestern vom Roten -Kreuz. Und diese Blankheit des Lazarettes, diese Ordnung und Sauberkeit! -Überall, wo unsere Ärzte einzogen, mußten sie wider den französischen -Schmutz zuerst das Wunder der Reinlichkeit wirken. - -Aus einem Lazarettraum, an dessen halboffener Tür ich vorübergehe, hör' -ich in der sonst tiefen Stille des Hauses einen fast kindlich klagenden -Singlaut: »Oooohlala, ooohlala, ooohlala!« So ähnlich sangen einmal auf -der Münchner Theresienwiese die Aschantimädchen. Ich frage einen Wärter: -»Was ist denn das?« - -Er brummt: »=Ah mei', so a wehleidiger Franzos, der grad verbunden wird! -Gar nix halten s' aus, allweil müssen s' wuiseln. Die Unsern beißen die -Zähn übereinand, da hörst kein Laut net! Is halt doch an anderer Schlag, -Gott sei Dank!=« - -Ich spreche ihm das in meinem Herzen nach: »Gott sei Dank!« -- Noch am -gleichen Abend erzählt mir ein hoher Offizier, daß unsere Feldgrauen -für die Franzosen diesen Spitznamen aufbrachten: »Der =Ohlala=!« Und -noch einen anderen haben sie: »Der =Tuhlömong=!« Wo die feindlichen -Schützengräben nahe bei den unseren liegen, kann man häufig das -französische Kommando hören: »_Tout le monde, en avant!_« -- Das Ganze -vor! Bleibt dieser Befehl ohne Folge, was häufig geschieht, dann sagen -unsere Feldgrauen lachend: »Heut mag er net, der Tuhlömong!« - -Als ich aus dem Lazarett auf die Straße trete, fällt der gottverwünschte -Regen schon wieder in dicken Schnüren. Nur dieses Rauschen; die -Häuser der Stadt sind still und finster, alle Türen und Fensterläden -geschlossen; nach Einbruch der Dunkelheit darf sich bei schwerer -Strafe niemand von der einheimischen Bevölkerung mehr auf der Straße -zeigen. Außer den einquartierten Soldaten wohnen da nur noch Greise und -Knaben, Frauen, Mädchen und Kinder. Alle Wehrfähigen sind fortgeführt -oder dienen im französischen Heer. Ob diese Dienenden noch leben, -oder gefallen, oder gefangen sind, das weiß hier niemand. Seit vier -Monaten sind die Einheimischen ohne Nachricht von ihren Vätern und -Söhnen im Heer; jeder Briefverkehr mit Angehörigen jenseits der Front -ist ihnen zur Verhütung von Spionage verboten. Krieg! Was mag hinter -den geschlossenen Fensterläden, durch deren Ritzen das scheue Licht -herausquillt in die Regennacht, aus verschlossenem Gram und Zorn -geflüstert und geknirscht werden! -- Bei uns daheim ist es anders! Da -ist Licht und Leben und unbedrückte Freiheit! Auch Leid und Schmerz, -gewiß! Das hat seine harten, unvermeidlichen Gründe! -- Aber unsere -nervöse Ungeduld, die sich manchmal versteigt zu sinnlosem Klatsch und -zu Worten voll übler Ungerechtigkeit wider unser Heer und seine Führer? --- Wie sagte der brave Feldgraue von Haidhausen? »I woaß net, warum?« - -Auf dem dunklen Stadtplatz, bei dessen wenigen Laternen die -Wasserpfützen des Pflasters glitzern, nähert sich mir ein mächtiges -Rollen, Schnauben und Knattern. Wie ein langer, langer Zug von schwarzen -Ungetümen saust es aus der Nacht heraus und in die Nacht hinein. An -die vierzig oder fünfzig Lastautomobile mit angehängten Wagen! Und -alle sind vollgepfropft mit jungen deutschen Soldaten! Die rauchen ihr -Pfeifchen, ihre Liebeszigarren, und lachen und schwatzen! Und meine -grüßenden Zurufe erwidern sie lustig, mit gesundem Frohsinn! Als ging' -es zu einem Feste! Und sie fahren doch in die schwarze, vom Regen -durchpeitschte Nacht hinaus, der Richtung zu, aus der man seit dem Abend -immer ein dumpfes Rollen wie von einem schweren, näherkommenden Gewitter -hört! - -Ich bekomme eine kleine nette Quartierstube, völlig »undevastiert«, -obwohl vor mir schon viele Deutsche da gewohnt haben. Der Kamin hat -Geheimnisse -- man bringt ihn wohl dazu, daß er brennt, aber nicht, daß -er heizt. Doch der Gedanke an die da draußen, die noch viel nässer sind -und noch viel härter frieren, macht mich geduldig. Auch tröstet mich -wieder das famose französische Bett. Ein Segen für uns, daß Frankreichs -gute Armee nicht =so= gut ist, wie seine Betten sind. Da hätten unsere -Feldgrauen noch viel härter zu beißen, und wir zu Hause müßten noch -=viel= geduldiger sein, als wir jetzt schon -- =nicht= sind! - -Aller Güte dieses Bettes zum Trotze kann ich nicht schlafen. Immer -rollt der Kanonendonner. Ein paarmal hör' ich den schweren Schlag einer -explodierenden Mine. Die Fensterscheiben klirren und das ganze Hans -zittert, obwohl ich etwa acht Kilometer vom Schusse bin. Spring' ich -zum Fenster hin, so seh' ich die Lichtbündel der Scheinwerfer über die -Wolken huschen. -- Wo sind die Minen aufgegangen? Sind Deutsche, sind -Franzosen zerschmettert und zerrissen in die Luft geflogen? -- So sieht -die »Ruhe« aus, die wir bei der Front vermuten, wenn die Depeschen -melden: »=Nichts Neues!=« Wir müssen lernen, zwischen den Zeilen der -Telegramme zu lesen. Mir ging es kalt durch die Adern, als ich heute von -diesem Minenkrieg erzählen hörte, von dieser Maulwurfsarbeit des Todes -unter der Erde, zwischen Schützengraben und Schützengraben. -- - -Am Morgen regnet's, regnet's und regnet's. Ein Wetter, um beim Gedanken -an unsere Truppen zu verzweifeln! Dabei ist es noch ein Glück, daß die -Unseren von härterem »Schlag« sind als die Franzosen, denen die Nässe -und der Schlamm noch viel empfindlicher an die Haut gehen. Dieses -fürchterliche Wetter ist schließlich doch auch ein Bundesgenosse der -deutschen Robustheit. - -Ich denke das, während ich aus der Haustür trete, und da erbringt -mir die Wirklichkeit einen Beweis, der mir Herz und Leib mit Freude -durchglüht. - -Durch die grob gepflasterte Straße stampft es herauf -- wie das -Volkslied sagt: in gleichem Schritt und Tritt. Sind das Franzosen? Die -gleichen Franzosen wieder, die von der Armee des deutschen Kronprinzen -gefangen wurden? Nein! Die Leute sind größer, kräftiger. Auch sind das -keine Gefangenen, sie sind nicht bewacht, und sie tragen Waffen! Aber -die Gewehre sehen aus, als hätte man sie aus einer Pfütze gezogen; -Patronentaschen, Bajonett und Schanzeisen sind mit Schlamm umwickelt; -und genau so, wie jene tausend gefangenen Franzosen, die ich gesehen, -sind diese fünf-, sechshundert Deutschen von den Stiefeln bis über die -Brust hinauf, bis zu Schulter und Hals so dick in gelben, klumpigen Lehm -gewickelt, daß von den feldgrauen Uniformen nur wenige unbekleckerte -Lappen noch zu sehen sind. Nicht anders sehen Tornister und Mäntel aus. -Viele von den Leuten tragen trotz der Kälte die Hälse nackt und haben -die Liebesgabenschlipse um den Rand der Stiefelschäfte herumgewickelt, -damit sie den Dreck nicht auch noch in die Stiefel bekämen! Aber -frische, gesunde, gutgefärbte Gesichter haben sie! Alle! Gut genährt und -kraftvoll sehen sie aus! Und aus ihren hellen, ruhig-frohen Augen redet -eine wahrhaft stoische Zufriedenheit mit aller Mühsal, die sie erdulden -müssen für Heil und Schutz der Heimat. - -Nein! Was wir manchmal in den amtlichen Depeschen lesen, vom -Gesundheitszustand und der guten Verfassung unserer Truppen, das ist -nicht Stimmungsmache! Das ist =weniger= als die wundervolle Wahrheit, -die ich jetzt, beglückt bis ins Innerste meiner Seele, mit eigenen Augen -zu sehen bekomme. - -Es sind Mannschaften des =Münchener Leibregiments=, die nach der -Ablösung aus den Schützengräben kommen, um vier Tage Rast zu haben. -Straff und strack marschieren sie in dem von Schlamm und Nässe -klatschenden Zeug an mir vorüber -- und weil ihnen ein hoher Offizier -begegnet, rucken sie ihre Körper plötzlich auf, und die Stiefel stechen -und klingen wie bei festlichem Parademarsch. Hinter ihnen bleibt -auf dem groben Pflaster eine lange gelbe Lehmschlange, die im Regen -allmählich ersäuft und verschwindet. - -So, wie in dieser Minute, hab' ich noch nie im Leben die Notwendigkeit -und stählende Kraft der militärischen Erziehung unseres Volkes -verstanden. Und ich begreife nun auch die verzagte, hoffnungslose -Trauer, die ich hier in den Augen der Einheimischen sehe, wenn sie einen -Vorbeimarsch unserer Truppen betrachten; sie sprechen es nicht aus; aber -man fühlt es, daß sie denken: »=Ihr seid die Sieger!=« - -Neben aller stolzen Freude zitterte mir doch auch eine Sorge im Herzen, -und ich fragte den Offizier, der neben mir stehen geblieben war: »Um -Gottes willen, die Leute haben doch nur die =eine Uniform=, wie werden -sie denn wieder trocken und sauber?« - -Er lachte: »Ja, das weiß ich nicht. Aber morgen sind sie's wieder. Die -meisten helfen sich so, daß sie sich in dem nassen Schmutz auf ihr Stroh -legen und die Kleider am Leib trocknen lassen. Andere machen es anders. -Neulich sah ich einen in einer eiskalten Pfütze stehen und die Kleider -waschen, die er am Körper trug. Ich fragte: >Mensch, was machen Sie -denn da?< Der Mann sagte: >Ja, mei', wie soll ich's denn machen? Mei' -Zuig muß i endli amal sauber kriegen, nacket kann i mi net herstellen, -muß i's halt =so= machen!< Er wusch und rippelte weiter! Und das -Merkwürdigste an der Sache ist, daß wir noch nie so wenig Revierkranke -gehabt haben wie jetzt.« -- - -Ich glaubte bisher, vom ersten Tage des Krieges an, jede Pflicht gegen -meine Heimat als Deutscher gewissenhaft erfüllt zu haben. Jetzt weiß -ich, daß ich noch mehr hätte tun müssen, um als Bürger dem Soldaten zu -helfen. - - - - - 7. - - - 27. Januar 1915. - -Vorgestern, bei Anbruch der Abenddämmerung, zur Vorfeier von Kaisers -Geburtstag, war Kirchenkonzert in der alten Kathedrale von Peronne. -Die Offiziere in den Chorstühlen. Und die drei Längsschiffe der Kirche -dicht gefüllt mit deutschen Soldaten. An die Tausend waren es, alle -gewaschen und sauber gebürstet. Unbeweglich, den Helm oder die Mütze -vor der Brust, saßen sie und lauschten dem kunstvollen Spiel der Orgel -und den ernsten Liedern, die gut gesungen wurden. Und als zum Schlusse -des Konzerts die Orgel zusammen mit den Bläsern der Militärkapelle --- wahrhaftig, ein »brausender Donnerhall« -- die Wacht am Rhein -intonierte, erhoben sich die Tausend und das große deutsche Lied -schwoll empor in die gotischen Gewölbe wie ein schönes, kraftvolles und -inbrünstiges Gebet. - -Barbaren-Andacht! Ja! Die Franzosen sagen doch jetzt, daß wir spirituell -minderwertig und zivilisatorisch zurückgeblieben wären, weil wir Musik -haben, der Musik bedürfen und sie lieben! Wir sind ihnen wie giftige -Schlangen, die sich durch Pfeifenspiel für Minuten bändigen lassen. -Solchem Wahnwitz gegenüber muß man heiter werden und an den kropfigen -Zillertaler denken, der einem makellos gewachsenen Fremden begegnet und -dabei sein kropfiges Söhnchen ermahnt: »Tu nit spotten, sonst straft -dich Gott, und du wirscht die gleiche Mißgeburt wie der!« - -Und gestern, am Vorabend des Kaisertages, als aus schwimmenden Nebeln -eine dunkle Nacht herunterstieg, wurde auf dem großen Stadtplatz der -Zapfenstreich geschlagen. Keine aufdringliche Feier. Ein militärisches -Fest, würdig in Grenzen gehalten, einfach, vornehm, und gerade deshalb -so schön und ergreifend, etwas herrlich Helles auf dem finsteren -Hintergrunde der Zeit. Wie eine ruhige Leuchtwoge schwamm die vierfache -Reihe der Fackeln über den schwarzen Stadtplatz her und formte ihren -Flammenkreis um die Militärmusik. Außerhalb des Kreises standen die -Soldaten. Kopf an Kopf, so weit man in der Nacht zu sehen vermochte. -Die Jubelouvertüre. Noch ein paar andere, gutgewählte Musikstücke. -Dann der alte bayerische Zapfenstreich; seine strengen, geheimnisvoll -verhaltenen Trommelwirbel rütteln das Blut auf, seine munteren -Bläserweisen besänftigen es wieder. Nun tiefe Stille über dem weiten -Platz. Mit kurzen, markigen Worten brachte der Kommandierende des Korps, -General v. Xylander, das Hurra auf unseren Kaiser aus. Und die tausend -jauchzenden Soldatenstimmen klangen, als wär' es nur ein einziger -Schrei, das stolze und frohe Aufjubeln eines Riesen. »Deutschland, -Deutschland über alles!« Und die leuchtende Fackelwoge schwamm still -davon, der Platz wurde finster. - -Während der Nacht vernahm ich immer den fernen Kanonendonner. Und noch -etwas anderes hörte ich. Immer. Unter der Stube, in der mein Quartier -ist, wohnen und schlafen der Besitzer des hübschen Hauses, seine -greise Mutter und seine Magd in einer kleinen Kammer. Zwei Söhne und -drei Brüder sind im französischen Heer; von denen haben sie seit Mitte -September nichts mehr gehört. Die Leute sind freundlich zu mir; sie -sagen nur Dinge, von denen sie hoffen, daß ich sie gerne höre. Ich weiß: -was sie denken, verschweigen sie; und wenn sie zu lächeln versuchen, -haben sie einen Zug voll Schmerzen um den Mund. So oft ich in die Küche -trete, schrickt die greise Frau heftig zusammen. Vor =mir=! Sie glaubt -nicht, daß ich lieber ihre runzelige Hand streicheln als sie erschrecken -möchte. Und diese drei Leute hör' ich reden in jeder Nacht, unter meiner -Stube, mit bebenden Stimmen, ganz leise. So hab' ich sie auch immer in -dieser Nacht gehört, nach dem Zapfenstreich. Und die zitternden Stimmen -erloschen nur, wenn draußen auf der Straße die Stahlschritte eines -Soldatentrupps vorüberklirrten, der zur Ablösung in die Schützengräben -zog. - -=Mich= sangen diese Lieder, die sich immer aufs neue wiederholten, in -einen festen und ruhigen Schlaf. -- - -Nun ist der Morgen da. Es regnet nicht. Aber der Himmel ist grau -umdunstet. Sonne, Sonne, wo bleibst du denn? Bist du daheim in -Deutschland? - -Eine Ruhe ist in mir, die ich nicht schildern kann. Ich empfinde sie, -wie man die Luft des werdenden Frühlings fühlt. Alle Unzufriedenheit und -Ungeduld, alles Nervöse und Zappelige, auch alle Sorge um materiellen -Verlust ist abgestreift von mir. Das zählt nicht. Nur Arbeit und Kraft -der Gegenwart zählen, nur unsere deutsche Zukunft! - -Mit vielen Soldaten hab' ich mich angefreundet. Was in ihren gesunden -Knochen ist, fließt über in mich. Wir zu Hause, wir =glauben= im besten -Falle an den Sieg -- hier im Felde =wissen= sie alle: wir siegen. Aber -eines weiß ich jetzt auch schon: daß der Krieg etwas völlig anderes -ist, als ich in der Heimat vermuten und sehen konnte. Er ist etwas viel -Schrecklicheres, aber auch etwas viel, viel Schöneres! - -Was wird dieser neue Tag mir wieder zeigen? - -Die Fahrt geht am Ufer der Somme entlang. Auch unter den trüben -Nebelschleiern ist es noch eine wundervolle Landschaft. Über eine Breite -von vierhundert Meter verzweigen sich Kanäle, Strom, Altwasser und -Sümpfe, durchsetzt von malerischen Röhrichtfeldern, in denen Schwärme -von Wasserhühnern und Wildenten umherschlüpfen. - -Nun steh' ich vor einem Meisterwerk der deutschen Pionierkunst, vor -der fast fünfhundert Meter langen Holzbrücke über die Sümpfe der -=Somme=. Als der Bau begonnen wurde, verschwanden die ersten als -Pfosten eingetriebenen Baumstämme vollständig im grundlosen Schlamm. -Dennoch wurde dieses Sumpfhindernis, von dem die Franzosen erwartet -hatten, daß es den Anmarsch der Deutschen um viele Wochen verzögern -würde, von zwei bayerischen Pionierkompagnien durch den Bau dieser -Brücke in =fünf Tagen= überwunden. Wie zierliches Filigranwerk sehen -diese Holzverschränkungen aus und tragen Regimenter, schwere Geschütze -und lange Züge von Lastautomobilen. Über den Kanälen hat die Brücke -ausschwingbare Bogen zum Durchlaß der Schiffe! Und alles in fünf Tagen -entstanden! - -Das Materialdepot dieser märchenhaften Arbeit, der Pionierpark, -ist untergebracht in einer großen, zerschossenen und ausgebrannten -Fabrik. Was da in kurzer Zeit durch deutschen Fleiß, deutsche -Ordnung und deutsche Gründlichkeit entstand, das wirkt wie etwas -völlig Unglaubhaftes. Man zweifelt noch, wenn man es mit eigenen -Augen sieht. Das ganze Innere des zerstörten, nur noch von den kahlen -Mauern umschlossenen Gebäudes ist durch Brettereinbauten in eine -Reihe von Sälen, Stuben und Kammern verwandelt. Alle Räume sind mit -hölzernem Fachwerk ausgefüllt und in peinlichster Genauigkeit mit -allen Gattungen von Kriegsmaterial und Werkzeug vollgekramt. Alles ist -da, vom Minenwerfer bis zum Schuhnagel. Ein lustiges Wunder ist der -Schlafsaal, in dem ein paar hundert Pioniere und Soldaten ihr Quartier -haben. In drei Reihen durchziehen den großen Raum die zweistöckigen -Schlafschachteln -- ich finde keinen anderen Ausdruck -- die Hälfte der -Leute schläft zu ebener Erde, die andere Hälfte im Oberstock dieser -riesigen sechzigschläfrigen Bettladen. Heu und Stroh ersetzen die -Matratzen, als Kopfkissen dient der Tornister. Ich frage: »Ist denn -da gut zu liegen?« Alle lachen gleich, und einer sagt: »Ah, da is's -gut, jetzt haben wir's fein!« In den Ecken stehen die eisernen Öfen -und rings um die Mauern ziehen sich die hölzernen Tische und Bänke. -Da sitzen die Leute, wenn sie Rast haben, und schreiben Briefe und -Karten, oder essen, oder flicken ihr Zeug, oder spielen Tarock. Ein -bisserl rauchig ist es in dem Raum, nicht von den Öfen -- die ziehen -famos -- nur von den Pfeifen und Zigarren. Auch ein Badhaus ist da, und -ein Duschraum, mit einem Fabrikskessel als Warmwasserreservoir und mit -einer Feuerspritzenpumpe, die den »Hochdruck« liefert. Und der mächtige -Hofraum ist ein Gewimmel von Soldaten, Pferden und Lastkarren, ein -Durcheinanderhuschen von ruhelosem Fleiß. - -Weiter geht die Fahrt, über kahles Feld. Bald müssen wir halten -- das -Auto kann oder darf aus irgendwelchem Grunde nimmer vorwärts. Ich stehe -auf dem Acker, gucke herum und frage mich: »=Was ist da los?=« Nichts -zu sehen, nur dieses stille, leblose Feld. Hinter dem Dunst des trüben -Tages liegt da und dort ein Dorf. Und überall dunkle, kleine, niedliche -Wäldchen. Ich denke mir noch: »Das müßte eine gute Fasanengegend sein!« -Da hör' ich irgendwo in der Luft einen merkwürdigen Vogel singen. So -ähnlich klingt es, wenn eine Radfahrersirene zu pfeifen anfängt. Mit -uuuuh beginnt es, und mit iiiih hört es auf. Neben dem Saum eines nahen -Wäldchens fährt weißer Dampf in die Höhe, der sich in schwarzen Rauch -verwandelt und wie zum Qualm einer Brandstatt wird. Eine halbe Sekunde -später ein schwerer Donnerschlag. Jetzt kapiere ich: was ich sehe und -höre, ist der Einschlag einer französischen Granate. Alles ist schon -lange vorüber, da hört man erst, acht oder zehn Sekunden später, den -fernen Hall des feindlichen Geschützes. - -Auf dem weiten Felde ist kein Mensch zu gewahren. Doch! Mit dem Glas -erkenne ich einen Soldaten, der nahe bei dem Wäldchen ruhig in einem -Acker steht; er hat ein Notizbuch in der Hand und notiert etwas. Sehr -friedlich sieht das aus. Wieder dieses Sausen in der Luft, wieder der -aufwallende Rauch, ähnlich dem Atemzug eines vulkanischen Kraters, -und wieder dieses Dröhnen. Eine um die andere kommt, über vier oder -fünf Kilometer von der unsichtbaren feindlichen Stellung her. Und -immer näher rücken sie gegen das Auto. Die beiden freundlichen -Offiziere, deren Gast ich bin, wünschen sehr lebhaft, mich wieder im -Auto zu sehen. In jagender Fahrt geht es davon. Hinter uns immer diese -dumpfen Paukenschläge. Ob eine Granate zu der Stelle kam, wo unser -Auto gestanden, weiß ich nicht. Wohl kaum. Die Beschießung gilt einer -deutschen Batterie, die am Saum des Wäldchens vergraben liegt, aber -an einer ganz anderen Stelle. Die Franzosen tasten seit Wochen in -kostspieliger Munitionsverschwendung den ganzen Umkreis des Gehölzes mit -Granaten ab, suchen immer diese fein versteckte Batterie und können sie -nicht finden. Gott sei Dank! - -Die deutschen Kanonen bleiben stumm, und nach einer Viertelstunde -schweigen auch die französischen Geschütze. - -Auf einem Umweg kehrt das Auto zu dem beschossenen Wäldchen zurück. -Wir halten an der Somme, bei einer zerstörten Mühle, vor der eine von -unseren berühmten =Feldküchen= dampft und sehr einladend duftet. Zum -Kosten fehlt es an Zeit, wir müssen vorwärts. Überall Soldaten, überall -Munitionswagen, überall Reiter und Radfahrer. Wir sind in der Nähe der -deutschen Front. Durch Rübenfelder, deren ungeerntete Früchte schon -wieder frische Blättchen zu treiben beginnen, blaßgrün wie junger Salat, -kommen wir zu dem von den Franzosen angepulverten Wäldchen. Und jetzt -soll =ich= die deutsche Batterie entdecken, die da steht! Ich habe -ein Glas mit achtfacher Vergrößerung; immer gucke ich, aber ich finde -nichts. Wohl sehe ich Prügelwege, die durch knietiefen Kot führen, sehe -verschlammte Zufahrtswege und viele künstlich eingesteckte Bäumchen, -aber keine Batterie. Man muß mich dicht vor das in die Erde eingegrabene -Geschütz hinführen, damit ich merke, wo es steht. Die Höhlung ist -bedeckt mit einem schön gewölbten Holzdach, das auf der Somme von einem -französischen Schleppschiff abgenommen wurde. -- (Ganz wundervoll ist -das, wie unsere Feldgrauen alles und jedes, was sie finden, für den -besten und nützlichsten Zweck verwenden, dem es dienen kann. =Was= -hier französisches Gut heißt, wird deutsche Wehr und Waffe.) -- Über -dem Schiffsdeck ist wieder dicke Erde und wieder ein künstliches -Gebüsch, als Deckung gegen die Späheraugen der Flieger. Unten nur ein -schmaler Einschlupf, auf der anderen Seite die Ausschußöffnung für die -Kanone. Zärtlich streiche ich das metallene Rohr, das für unser liebes -Deutschland schon viele wirksame Donnerkeile aussandte. Und den klugen, -lachenden Kanonieren drücke ich die Hände. - -Man zeigt mir ein deutsches Geschoß und ein belgisches von gleichem -Kaliber -- die beiden sehen nebeneinander aus wie ein Mann und ein -Kind. Solange die Sache nur Geplänkel ist, läßt man die belgischen -Kinder fliegen, um deutsche Munition und deutsches Geld zu sparen. -Wird's ernst, dann kommen unsere eisernen Männer dran. Ganz fürchterlich -schlagen sie drein. In einem Kellerloch sind sie zu hohen Stößen -aufgeschichtet, um ihrer Stunde zu warten. - -Nun spaziere ich am Waldsaum entlang, wo ich die französischen Granaten -einschlagen sah. Zwischen fünfzehn Explosionstrichtern, die gegen die -stubengroßen Granatenlöcher auf dem Fort des Aivelles aussehen wie -Spucknäpfe, finde ich vier »Ausbläser« und drei »Blindgänger«. - -Durch Schlupfwege im verwüsteten Walde geht's zu einer Stelle, die -genau so aussieht wie alles andere Gehölz. Hier soll ich abermals -etwas entdecken. Erst nach längerem Spähen bemerke ich, daß aus einer -Bodenstelle des gegen die französischen Linien gerichteten Waldsaumes -etwas Bläuliches herauswirbelt. Dampft die Erde? Oder ist's Ofenrauch? -Oder Zigarrenqualm? Über ein verstecktes Trepplein geht es hinunter. -Das ist die Beobachtungsstelle der Batterie: ein Lehmsalon von etwa -vier Quadratmeter; warm wie ein Backofen; immer schwitzen und triefen -die Wände; ein Rauch, der die Augen zerbeißt; und ein Zwielicht, -an das ich mich erst gewöhnen muß, bevor ich zu sehen beginne. -Beim Ausguck steht das Scherenfernrohr; in die Lehmwand sind drei -Telephonapparate eingebaut, und eine Ofenröhre dient als Sprachrohr. -Ganz mystisch berührt es, wenn aus der Erde heraus die Stimmen quellen, -die von der Batterie kommen, vom Unterstand der Mannschaft oder vom -Offizierskellerchen. Mit uns dreien, die wir kamen, sind nun sieben -Leute in dem kleinen Raum. Umdrehen kann man sich nimmer. Aber man -plaudert und lacht -- und in dem kleinen Dreckloch ist ein frischer, -gesunder Humor, den ich mit Herz und Händen fassen und heimschicken -möchte. - -Ich sehe noch das feine Kellerchen, in dem der Batterie-Offizier -sich aufhält. Das ist ein Lebenskünstler. Er hat ein Tischerl, ein -Rokokofauteuilchen und ein zierliches Boudoirsofa, das ihm als Bett -dient. Um darauf zu schlafen, ist es freilich viel zu kurz. -- »Aber«, -sagt er, »wenn man die Beine gegen die Wand hinaufstellt, liegt man -ganz ausgezeichnet!« Diese Wand ist mit persischen Teppichen bekleidet, -die aus einer kaputtgeschossenen Villa stammen; immer dampfen sie im -Kampf zwischen Wärme und Feuchtigkeit, und ihre Farben beginnen unter -sprossendem Schimmel zu erlöschen. »Wenn 's Frühjahr wird,« sagt der -junge Offizier mit seinem gesunden Lachen, »dann kann ich da Schwammerln -züchten! Die eß ich gerne.« - -Durch einen Laufgraben, der nicht tief genug ist, um die Köpfe völlig zu -schützen, müssen wir geduckt hinschleichen. Dieses stete Niederbeugen -des Gesichtes hat etwas Gutes: man sieht immer ganz genau, wie tief -die Stiefel in den vom Regen durchweichten Lehm hineinquatschen. -- -(Neulich versank ein allzu gewichtiger Reserveleutnant bis zu den -Hüften; er selber konnte sich nimmer freimachen; als man ihn herauszog, -hatte er keinen Stiefel mehr, nur noch =einen= Socken.) - -Immer ist ein feines Pfeifen in der Luft. Und von der Tiefe des -Feldhanges, der sich hinuntersenkt gegen das Tal der Somme, klingt -ununterbrochen ein lustiges Knallen herauf, als stände da drunten die -Schießstätte des Münchner Oktoberfestes. - -Einmal, bei einer Biegung des Laufgrabens, sieht man hinunter ins -Tal. Bis in weite Ferne kann ich mit dem Glas die aufgeworfenen Lehm- -und Kreidesteinwälle der deutschen und französischen Schützengräben -verfolgen. Manchmal nähern sie sich einander bis auf siebzig Meter -und ziehen sich wieder auf drei-, vierhundert Meter zurück. Diese in -die Ferne laufenden, gelben oder weißgrauen Striche bilden seltsame -Ornamentlinien -- und diese kunstvolle Durchackerung der Natur läuft -jetzt von der Kanalküste durch Nord- und Ostfrankreich bis gegen Basel. -In diesen Ackerfurchen des Krieges liegt eine Million unserer Feldgrauen -und wacht in verläßlicher Treue bei Tag und Finsternis, um unsere -deutsche Heimat vor den Bildern der Vernichtung zu behüten, die ich -hier auf französischem Boden sehe bei Schritt und Tritt. Seid dankbar, -ihr Deutschen daheim! Bleibt ruhig, zuversichtlich und opferfreudig! -Und denkt bei jedem Atemzuge an das Kaiserwort: »Soldat und Bürger, die -beiden müssen einander helfen, so gut sie können!« - -Nirgends in der Landschaft ist ein Mensch zu sehen, alles öde, wie -ausgestorben. Drunten im Tal, zwischen den deutschen und feindlichen -Erdwällen, entdecke ich mit dem Glas auf einer fahlen Wiese zwei -dunkelblaue Körper. Sie bewegen sich nicht, haben aber doch Menschenform -und sehen aus wie friedliche Schläfer, die sich mit ihren Mänteln -bedeckten: zwei gefallene Franzosen, die der Feind nicht zu holen und zu -bergen wagte. So liegen die beiden schon seit dem 30. Oktober. Früher -hatten sie vom Morgen bis zum Abend krächzende Gesellschaft; seit Wochen -sind auch die Raben ausgeblieben. - -Der Laufgraben mündet in einen tiefen Lehmkessel. Früher war da eine -französische Stellung, die zurückweichen mußte um zwei Kilometer; -noch sieht man die Feuerlöcher und die aufgeschütteten Deckungen, -Feldflaschen, Konservenbüchsen, auch eine rote, vom Regen fast farblos -gewordene Reithose. Und zwischen Stauden guckt aus der Erde der stumme, -grinsende Tod heraus. Ein gefallener Franzose! Seine Kameraden, denen -nicht die Zeit blieb, ihn zu bestatten, haben ihn nur fußhoch mit Erde -bedeckt. Der Regen hat die Schollen halb wieder davongeschwemmt. Eine -skelettierte Hand, die noch im blauen Soldatenärmel steckt, greift -sehnsüchtig heraus ins Leben, und der ganze Kopf liegt frei, fast schon -ein Totenschädel, aber noch mit Augenbrauen und Haarbüscheln. Die -Hirnschale ist völlig zertrümmert -- dieser Franzose hatte das Unglück, -einem bayerischen Gewehrkolben in den Weg zu geraten. - -Das Bild, das sich da herausstahl, aus der gelben Erde, ist nicht -widerlich, nicht ekelerregend. Nur ernst, tiefernst und erschütternd ist -es. - -Du stiller Schläfer! Wer warst du? Wie klang dein Name? Wer weint -um dich? Aus welchem Glück bist du herausgefallen, weil England es -so begehrte von dir? Wir Deutschen hätten dir Leben und Namen und -Glück gelassen. Aber England will bessere Geschäfte machen und seine -Dividenden aufwärtsschrauben. Drum mußte dein Leben hinuntersinken! -Bist du, früher ein Tor um Englands willen, jetzt unter der Erde ein -Wissender geworden? Willst du wieder herauf in den Tag und die Hand -erheben, um vor deinem Volk und Lande gegen den britischen Handelsmann -zu klagen? -- Der Schläfer gibt keine Antwort. Er schweigt, wird ewig -schweigen. - -Ich wende mich erschüttert ab. Weiter! Wieder in einen Laufgraben -hinein, der sich immer tiefer in die Erde wühlt! Eine Wendung, und -ich bin im Schützengraben. In langer Zeile seh' ich die Feldgrauen, -nein, die Lehmgelben, bei den Schießscharten stehen. Scharf und hastig -knallen die Schüsse, hin und her. Und immer wieder fliegt eines von den -unsichtbaren Vögelchen, die so wunderlich pfeifen, über unsere Köpfe -hinweg, surrt in die Erde hinein oder schlägt mit hellem Klirrton gegen -einen Stahlschild. - -Etwas Heißes ist in mir. Der schwüle Atem des Krieges hat mich -angehaucht. - - - - - 8. - - - 30. Januar 1915. - -Eine tiefe Erregung brennt mir in allen Nerven. Das Herz schlägt mir bis -in den Hals herauf. - -Bei jedem Blick, bei jedem Schritt im Schützengraben seh' ich die -tapfere Mühsal, die mutige Beharrlichkeit und treue Ausdauer unserer -Feldgrauen, deren Uniformsfarbe völlig verschwindet unter dem gelben, -klumpigen Lehmbehang. - -Alle zehn Schritte steht bei einem kleinen, mit Bohlen ausgelegten -Guckloch oder bei den schmalen Schießscharten der Stahlschilde ein -Wachtposten mit blitzenden Späheraugen, in den von Nässe und Kälte -zerschrumpften Händen das schußbereite Gewehr. Immer wieder sticht -dieses scharfe Knallen in die dunstige Luft, hier im Graben und drunten -im Tal, und immer wieder geht dieses feine Pfeifen der Kugeln über -unsere Köpfe weg. Keiner von den Wachtposten kümmert sich um uns, keiner -salutiert die Offiziere, die mich führen, jeder ist mit gespannter -Aufmerksamkeit bei den feindlichen Dingen, die da draußen sind. - -Von denen, die nicht auf Wache stehen, rasten die einen, die anderen -arbeiten. Hier wird hastig geschaufelt, um den Schutt und Schlamm -der vom Regen unterwaschenen und heruntergerutschten Lehmwände -aus dem Graben zu werfen, eine Erdbewegung, die bei schlechtem -Wetter ununterbrochen durch Tage und Nächte fortdauert. Dort werden -Entwässerungskanäle gezogen und Löcher gegraben, in denen das Regen- und -Sickerwasser versitzen kann. - -Der Boden des Grabens ist, weil es einen Tag lang nimmer geregnet hat, -schon leidlich trocken; aber die mannshohen Wände sind so klebrig, daß -sich bei jedem stützenden Griff alle Finger gelb umwickeln. Und so eng -ist der Gang, daß man bald rechts und bald links mit Ellenbogen und -Schultern, mit Knien und Hüften, beim Umdrehen und Ausweichen auch mit -Brust oder Rücken an diesen Lehmteig anstreift. - -Jene Grabenschützen, die ein bißchen rasten können, sitzen oder liegen -in den winzigen Schlupfen, die unterhalb der Schießscharten in die -Lehmwände hineingehöhlt sind. Jedes Unterstandsloch hat knapp so viel -Raum, daß zwei Soldaten sich nebeneinander zusammenhuscheln können; -Wände und Decken sind manchmal, nicht immer, mit Brettern ausgepölzt; -der Boden ist handhoch mit Stroh belegt, meist mit ungedroschenem -Getreide, das von den Feldern weggerafft wurde; Mäntel, Zeltbahnen -und Wolldecken, die in den Nächten vom Tropfwasser durchnäßt wurden, -sind neben den Einschlupflöchern zum Trocknen aufgehängt; zuweilen -ist in die Seitenwand der Löcher mit einigen Steinen ein kleiner, -urweltlich ausschauender Ofen eingemauert, in dem die feuchten -Prügelchen glühen und qualmen. Manche der Löcher sind mit Säcken -verhängt, andere haben ein schützendes Türchen, das meist nur aus zwei -oder drei zusammengenagelten Brettstücken besteht; aber auch feineres -Material wurde zu diesem Zwecke verwendet: der grüne Fensterladen einer -Villa, eine polierte Schranktüre, das bunt verglaste Fenster eines -Gartenhäuschens; sogar die Kupeetür einer Droschke ist vertreten -- -alles herbeigeschleppt in finsteren Nächten, und an all diesen Dingen -ist die Farbe halb verschwunden, alles ist gelb, alles gesprenkelt von -den Griffen der lehmigen Hände. - -In diesen Löchern sitzen die Rastenden und schwatzen ruhig und heiter; -jene, die in der Nacht bei den Schießscharten wachen mußten, liegen -jetzt am Tag in einem so bleischweren Schlaf, daß kein lautes Wort und -kein knallender Gewehrschuß sie zu wecken vermag; andere liegen auf -dem Bauch, benützen den Tornister als Schreibtisch und kritzeln einen -Kartengruß, der in die Heimat wandern soll. - -Von solch einem Schreibenden sah ich den Körper und die langsam bewegte, -schwere Hand. Ich frage in das Loch hinein: »So? Wird an den Schatz -geschrieben?« Da dreht sich ein blondbärtiges, strenges Gesicht herum, -zwei blaue Mannsaugen sehen mich aus dem Zwielicht heraus sehr mißlaunig -an, und eine unwillige Stimme sagt: »Was glaubst denn? An d' Frau!« - -Ich kann nicht schildern, wie dieses schöne grobe Wort auf mich wirkte. -Es war mir wie ein wundervolles Lied von der redlichen Herzensreinheit -dieses deutschen Mannes. Seine Frau, seine Kinder, seine Heimatstreue -und seine Soldatenpflicht -- das ist seine Welt. Was anderes gibt es -nicht für ihn. Und wie dieser eine, so sind Tausende, sind Millionen der -Unseren. Wer will uns besiegen? - -Auf- und niederklimmend durch den engen Graben, stapfe ich an hundert -Lehmgelben vorüber, an vielen Dutzenden von diesen Schlupfen und -Löchern. Ich höre nimmer die Schüsse knallen, höre nimmer das Pfeifen -der bleiernen Vögelchen, die über uns wegfliegen oder in die Lehmwälle -preschen. Immer muß ich schauen, immer vergleichen zwischen der -heldenhaften Geduld, die ich hier sehe auf Schritt und Tritt, und -zwischen der nervösen und krittelnden Ungeduld, deren wir uns schuldig -machen in der Heimat. Und immer muß ich rechnen: daß diese Tapferen seit -Ende September, die mit Arbeit ausgefüllten »Ruhezeiten« abgerechnet, in -diesem Graben und in diesen Lehmlöchern volle sechzig oder siebzig Tage -und Nächte ausgehalten haben, ohne an Kraft und Gesundheit einzubüßen, -ohne von ihrer treuen Beharrlichkeit, von ihrer geduldigen Ausdauer -nur eine Faser zu verlieren. Nicht verloren haben sie, nein, sie haben -noch gewonnen. Einer sagt zu mir: »Z'erst is mir's schon a bisserl hart -worden. Jetzt kennt man sich besser aus und weiß, wie man's machen muß. -Auf d'Letzt lernt der Mensch alles.« - -Mir werden die Augen feucht, und eine Weile vermag ich nimmer zu reden. -Immer brennt die Frage in mir: »Was hat =der= da als Soldat geleistet, -was =ich= als Bürger?« Ein bißchen gezahlt hab' ich, ein bißchen Geld -eingebüßt, einen Teil meines Einkommens verloren, fast das ganze. Und -da glaubte ich immer, was wunder ich leiste und trage und erdulde um -meiner Heimat willen! Jetzt bin ich klein und stumm. Und eine heiße, -schmerzende Scham ist in mir. - -Einer von den Gelben sitzt in seinem Lehmloch neben dem heftig -rauchenden Steinherdchen. Er scheint sich sehr wohl zu fühlen, schneidet -feine Scheibchen sorgfältig und liebevoll von einer heimatlichen -Speckschwarte herunter und schmaust. - -Ich frage: »Schmeckt es?« - -Da nickt er lachend: »Ah ja! A bißl ebbes darf man sich schon vergunnen. -Wer weiß, wie lang 's dauert?« - -Jetzt hör' ich plötzlich die Schüsse wieder, höre das Pfeifen der -Kugeln. Und nicht weit von der Stelle, wo ich stehe, vernehm' ich einen -wütenden Fluch: »Himi Herrgott Kreizteifi überanand!« Erschrocken -springe ich hin. Ein langer Kerl mit zausigem Rotbart steht bei einer -Schießscharte und repetiert das abgeschossene Gewehr. »Was ist denn,« -frage ich, »sind Sie verwundet?« - -»I? Ah na! Aber da drunt, an dem roten Stadel, da is a Loch. Da schießt -allerweil einer außi. Und dös Luder kann i net derwischen. Allweil -pulver i ums Loch umanand. Nie bring' i's sauber hin.« - -Ich gucke neben dem Mann durch die Schießscharte hinaus und ins Tal -hinunter. Der Ausschnitt der Landschaft, den ich sehe, ist wie ein -Bild in hölzernem Rahmen: ein Stück Talgelände, die Erdwälle des -französischen Schützengrabens und in der Mitte des Bildes ein halb -in Schutt geschossenes, tot und öde liegendes Dorf mit umgestürztem -Kirchturm und ausgebrannter Kirche. Alles, was Leben heißt, scheint -erloschen da drunten. Aber Schüsse knallen, bald hier, bald dort; man -sieht keinen Rauch, sieht keinen Feuerstrahl, weiß nicht, woher die -pfeifenden Vögelchen kommen. Jetzt entdecke ich den »roten Stadel«; es -ist ein plumper Bau aus Ziegelsteinen; und mitten in der roten Mauer -ist ein kleiner, runder, schwarzer Fleck, ein in die Mauer geschlagenes -Schießloch; von hier oben sieht es aus wie ein Tintenfleck, in -Wirklichkeit mag es so groß sein wie ein Hut. Vierhundert Meter sind es -bis dort hinunter. Eine feste Hand und ein sicheres Auge gehört dazu, um -über solche Entfernung eine Kugel richtig auf den Fleck zu bringen. Ich -gucke mit dem Feldstecher. In dem Loch ist nicht das geringste zu sehen, -aber rings um den schwarzen Fleck herum erkenne ich an der roten Mauer -die Einschlagtupfen der Kugeln, die umsonst da hinuntergeflogen sind. - -»Wart', Brüderl,« sagt der Rotbärtige, noch mit heißem Zorn in der -Stimme, und schiebt den Gewehrlauf langsam durch die kleine Scharte des -Stahlschildes hinaus, »jetzt wird amal aufpaßt, urdentli!« - -Drunten knallt es, der französische Vogel pfeift, und über unseren -Köpfen spritzt der Lehm auseinander. Ich mache flink einen Schritt nach -rückwärts, drehe mich um dabei -- und muß herzlich lachen. Neben einem -Gängelchen, das seitwärts hinaus gegraben ist, seh' ich eine kleine -Holztafel hängen mit der Inschrift: »Zur Latrine und zur Kochstelle! -Bitte nicht verwechseln!« - -Solcher Heiterkeiten sind im Schützengraben neben der schlummerlosen -Gefahr noch viele zu finden. Ein paar Dutzend Schritte weiter, neben -dem Türchen, hinter dem der Unteroffizier seinen Nachtschlupf hat, -steht angeschrieben: »Villa Granateneck«. Dieser Bezeichnung ist noch -das lyrische Motto beigefügt: »Im tiefen Keller sitz' ich hier!« Und -eine steil nach abwärts führende Stelle des Schützengrabens, die dem -feindlichen Feuer ausgesetzt war und deshalb mit Wellblech und dick mit -Erde überdeckt wurde, trägt die Inschrift: »Nordfranzösische Rodelbahn«. - -Solcher Humor in einer Luft, in der bei jedem Kugelpfiff der Tod auf -dem Sprunge nach einem deutschen Leben steht, ist nicht allein als der -Ausfluß derber Gesundheit und guter Rasse zu erklären. Der schöne, klare -Brunnen solch unverwüstlicher Heiterkeit am Rande des immer harrenden -Grabes kann nur aus dem kraftschenkenden Bewußtsein redlichster -Pflichterfüllung strömen. - -Von dem Frohsinn, den ich hier sehe und höre, fliegen meine Gedanken -immer heimwärts. Es ist wahr: wir in der Heimat leisten viel, Tausende -leisten weit über ihre Kräfte, und gerade hier, auf erobertem Boden, -höre ich immer wieder die herzlichste Anerkennung unseres Heimatwerkes. -Aber neben den Opferwilligen gibt es auch Drückeberger, Vorsichtige, -Zurückhaltende und Ängstliche. Täten wir =alle= daheim so bis zum -letzten Atemzug unsere deutsche Pflicht, wie diese Getreuen hier im -Schützengraben, dann wäre nicht ruhelose Ungeduld in vielen von uns, -sondern Ruhe, Zuversicht und frohe Festigkeit wäre in uns allen. Da -würde der Groschen nicht zählen, den wir verlieren, keine Bedrängnis -unserer wirtschaftlichen Lage, keine nötige Einschränkung, keine Sorge -und kein Opfer unseres Lebens! -- - -Der Schützengraben macht eine Wendung und ich stehe vor einem Bilde, -das mich tief ergreift. Außerhalb des Grabens, gegen die französische -Seite hin, ragt zwischen laublosen Bäumen ein mächtiges Feldkreuz in die -Luft. Nicht nur das schwarze Kreuzholz, sondern auch das farbig bemalte, -überlebensgroße Schnitzwerk, das den Erlöser zeigt, ist von vielen -Kugelschüssen durchsplittert, von Schüssen, die aus der französischen -Stellung kamen. Und der zerschossene Leib der ewigen Güte hält die -Arme ausgebreitet mit einer großen, heiligen Gebärde, aus der etwas -Schützendes und Hilfreiches zu mir redet. - -Einer von den beiden Offizieren, die mich geführt haben, sagt nach einer -Weile: »Es wird Abend. Irgendwo =müssen= wir umkehren. Das geht ja hier -so weiter bis nach Ostende.« - -Auf dem Rückweg gibt's einen Aufenthalt. Eine Lehmwand ist -heruntergebrochen und hat auf zehn Schritte weit den Graben -verschüttet. Vier Soldaten schaufeln, daß ihnen der Schweiß von -den Gesichtern tropft; mehr können bei der Enge des Grabens an der -Ausbesserung des Schadens nicht arbeiten. Während wir wartend dastehen, -schlüpft einer, der mich kennt, durch das Türloch seines Höhlchens -heraus -- einer aus der Garmischer Gegend, der mich vor Jahren einmal -auf die Alpspitze führte. Er begrüßt mich so herzlich und freudig, -als wäre seine Heimat mit Haus und Berg zu ihm gekommen. Während wir -schwatzen, immer von daheim, treten noch ein paar andere zu uns, jeder -so gelb wie sein Kamerad, aber jeder mit dem gleichen, ruhigen, gesunden -Gesicht. Allerlei Fragen richten sie an mich -- gar manche ist darunter, -die zu beantworten mir schwer fällt. Einer, mit dürstender Sehnsucht in -den Augen, fragt mich: »Was meinen S', wie lang wird's denn noch dauern?« - -Ich suche nach Worten. »Da bin ich überfragt. Es ist möglich, sogar -wahrscheinlich, daß auf dem Festland die Hauptsache schon in sechs bis -sieben Wochen zur Erledigung kommt. Aber es kann auch noch ebensoviele -Monate dauern.« - -Nach kurzem Schweigen eine feste Soldatenstimme: »No ja, muß man halt -aushalten! Durchreißen tun wir's alleweil, so oder so!« - -An dieses tapfere, zuversichtliche Wort schließt sich eine etwas -wunderliche Frage, die mit dem vorausgegangenen Gespräch keinen -Zusammenhang zu haben scheint. Dennoch ist eine Beziehung vorhanden. -Eine sehr ernste. - -»Sie, sagen S' amal, ob dös wahr is, was die Meinige allweil schreibt: -daß daheim in der Stadt die jungen Weibsbilder so ausg'schaamt in die -Kaffeehäuser hocken, pariserisch anzogen, daß man d' Haxen sieht bis -halbert zur Grattl auffi?« - -Trotz der derben Ausdrucksweise lacht keiner von den Lehmgelben; sie -scheinen die Frage für eine sehr wichtige und würdevolle zu halten. Ich -schüttle den Kopf. »Nein! So stimmt das nicht. Unsere deutschen Frauen -und Mädchen sind da nicht gemeint. Nur ein paar dumme Modegänse, ein -paar krankhafte Auslandsaffen. So was zählt doch nicht.« - -Einer sagt: »Dö sollten =uns= anschauen!« Ein anderer brummt: »Bal s' -vier Nächt lang da im Graben hocken müßten, in der nassen Sooß, bis -übers Knie nauf, i glaub, dö taaten si' bald an andre Montur verlangen!« -Und ein dritter gibt den Rat: man sollte diesen Ausnahmen jeden Tag ein -paarmal jene Sache vollhauen, die Goethe durch einen Gedankenstrich -bezeichnete -- von diesem Gedankenstrich weiß natürlich der lehmgelbe -Pädagoge nichts, er gebraucht im Ärger sehr ungeniert das übliche -Volkswort. - -Der Weg ist ausgeschaufelt. Wir können weitergehen. Ich komme an dem -Rotbärtigen vorüber, der das Gewehr im Anschlag hat und immer lauert, -ganz unbeweglich. - -Nach wenigen Schritten gewahre ich etwas Seltsames. Beim Herweg fiel es -mir nicht auf, erst jetzt entdecke ich's. Will mitten im harten Winter -der grüne Frühling kommen? Eine Bodenstelle des Schützengrabens ist dick -mit frischem, spannenlangem Gras überwuchert. Gras? Nein! Das ist junges -Getreide. Von den ungedroschenen Garben, die ein Feldgrauer vor vier -Monaten in seinen Unterschlupf hineinstreute, sind die Körner abgefallen -und in die nasse Erde hineingetreten worden. Jetzt gehen sie auf. -Ich sehe dieses frische, üppige Grün, und etwas Freudiges, Warmes und -Hoffnungsvolles ist mir im Herzen. - -Drunten bei den Franzosen kracht ein Schuß. In der Luft das feine -Singen. Und wenige Schritte hinter mir spritzen von der Holzversteifung -einer Schießscharte die Splitter weg. Jetzt ein Schuß im deutschen -Graben. Dann die ruhige Stimme des Rotbärtigen, den ich nimmer sehe: »No -also! Endli amal!« - -Ich brauche nicht umzukehren. Auch ohne zu fragen, weiß ich, was der -kurze, zufriedene Monolog des Rotbärtigen bedeutet. Wohl denke ich auch -daran, daß jetzt da drunten im roten Stadel ein Leben verblutet; aber -vor allem muß ich denken: daß unsere Feinde wieder weniger wurden um -einen. - -Ein langer Weg noch, durch den Laufgraben und über die dämmernden -Rübenfelder. - -Kanonenschüsse und Granatenschläge dröhnen in rascher Folge. Die -Franzosen tasten wieder nach der deutschen Batterie umher und können sie -nicht finden. - -Beim Einsteigen in den Wagen bemerke ich, daß ich nicht viel anders -ausschaue als die Lehmgelben im Schützengraben. Ich fühle aber doch -einen beträchtlichen Unterschied. So heiß, wie an diesem Abend, hat noch -nie die Frage in mir gebrannt: »Was kann ich leisten als Bürger, wie -kann ich nützen?« - -Im Westen ein leuchtender Streif und drüber ein zartes Blau und Weiß. -Auch die Höhe klärt sich auf, und ich sehe den Schimmer des Vollmondes. -Der Kaisertag hat gutes Wetter gebracht. Bleibt der Himmel so, dann -werden es die Unseren im Schützengraben besser bekommen. - - - - - 9. - - - 3. Februar 1915. - -Das gute Wetter hat nur drei Tage gedauert, war also immerhin -lebenskräftiger, als schöne Träume zu sein pflegen. Jetzt ist die Welt -wieder grau umhangen. - -Den letzten Gutwettertag benutzten die Franzosen zu einer schweren -Kanonade, die von den Deutschen nur mit einzelnen Meldeschüssen -»=Wir sind noch immer da!=« erwidert wurde, um aus dem französischen -Tagesbericht den Satz auszuschalten: »Eine deutsche Batterie -wurde stumm gemacht und vernichtet.« Es waren im Hörbereich an -die zwölfhundert Schüsse zu zählen. Dazu etwa zwanzig grobe -Detonationen von Minenwerfern. So verpulverten die Franzosen an -diesem Schönwettertage über eine Frontlänge von dreißig Kilometer ca. -hundertfünfundzwanzigtausend Franken. Die auf deutscher Seite am Abend -festgestellte »Verlustziffer« lautete: =kein= Toter, =kein= Verwundeter, -=kein= Materialschaden. Gelitten hatten nur die französischen Dörfer -und Äcker. Für Frankreich ein kostspieliges Vergnügen! Wenn die -nordfranzösischen Bauern wieder einmal zu ihrer Scholle heimkehren, -werden sie entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. - -Was würden wohl die =deutschen= Bauern dazu sagen, wenn es bei =uns= so -gekommen wäre, im ganzen Reich! Im Feuerbereich der Franzosen kein Haus -mehr, keine gefüllte Scheune, kein Vieh! Jeder Wald verwüstet, die Zäune -zerstampft, jeder Acker zerrissen von den Granatentrichtern, alles Feld -zerschnitten, zerrupft, entzweigesägt und unterwühlt von Laufgängen, -Schützengräben und Minenkellern! Jahre und Jahre werden nötig sein, bis -hier wieder fruchtbares Feld und blühende Dörfer entstehen. Um unseren -deutschen Bauern deutlich zu machen, was ihnen erspart blieb, sollte man -sie mit Extrazügen hierherbringen und ihnen diese Vernichtungsbilder des -Krieges zeigen. Da würde der Wille, die deutsche Kraft zu nähren und zu -erhalten, baumdick in ihnen erwachsen. - -Jetzt eben sitze ich in einem der hohen, zweirädrigen Bauernwägelchen, -wie sie hier in Nordfrankreich üblich sind. Der Bauer, dem das -Wägelchen samt Gaul und Geschirr gehörte, ist »abgereist« -- zum -Unterschied von seinen vornehmen Landsleuten tat er es nicht freiwillig. -Solche Wagen sollten auch bei uns in Deutschland heimisch werden; sie -sind billig, sind bequem, gleiten leicht dahin und strengen auch auf -schlechten Wegen den Gaul nicht an. Auch sieht man nett in die Weite, -wenn man so hoch oben sitzt. Heute ist's mit der Rundsicht freilich -mager bestellt; es regnet nicht, aber alles ist grau verschleiert. - -Mein Kutscher, feldgrau natürlich, ist ein Hausmeister aus -Fürstenfeldbruck, ein braver und ruhiger Mann, der gerne von seiner -Frau und seinen Kindern erzählt. Aber er hat die cholerische Gewohnheit -angenommen, jedesmal, so oft er das Wort »Franzosen« oder »Frankreich« -gebraucht, den wütenden Zwischenruf zu machen: »So a Sauvolk auf der -Welt!« Vor allem ärgert ihn der französische Mist in den Dörfern und -Häusern. Und ganz besonders ergrimmt ihn die Pietätlosigkeit der -französischen Soldaten, die viele ihrer gefallenen Kameraden seit -Monaten unbestattet vor ihren Schützengräben liegen lassen. »So -ebbes muß sich doch strafen an die Franzosen. Bal a Volk kein Respekt -vor'm Heldentod von seine Brüder nimmer hat, so a Volk kommt seiner -Lebtag nimmer in d'Höh, sag i! Dös gibt's einfach gar nicht, daß uns -d'Franzosen besiegen kunnten!« - -Während dieses Ergusses hatte der Erbitterte eine Warnungstafel -übersehen und war einer Straße nachgefahren, die nicht granatensicher -ist. Ein fester Paukenschlag. Der französische Gaul will scheu werden, -mein Fürstenfeldbrucker redet ihm freundlich zu -- »Ja ja, jetzt -versteht er schon ganz gut Deutsch!« -- und richtig, der Gaul kehrt -verständig um, und nun müssen wir einen weiten Umweg machen, um mein -Ziel zu erreichen: den Schützengraben eines Münchner Regiments. - -Eine Wache gebietet Halt, mein Philosoph mit seinem deutschverständigen -Rössel muß zurückbleiben, und geführt von einem jungen, freundlichen -Kriegsfreiwilligen wate ich durch die Lehmsümpfe der verwüsteten Felder. -Wenn es hier nach drei Schönwettertagen so aussieht, wie muß es aussehen -nach einem Platzregen? Ich komme an Wagen und Karren vorüber, die bei -ihren Nachtfahrten im Moraste stecken blieben. Neben einer Hecke duftet -ein totes Pferd; sein Bauch ist wie ein buckliges Faß. - -Ein Rollen und Brüllen, bald nah, bald ferne; die Franzosen vertrödeln -schon wieder ein Häuflein Staatsgelder. Über einen die Wegmulde -sperrenden Rübenacker müssen wir flink und mit geduckten Köpfen -hinüberspringen; das Feld sieht aus wie ein Sieb, dessen Boden ein -bißchen unregelmäßig durchlöchert ist. - -Nun empfängt mich ein kleiner Wald; er hat einen neuen Namen bekommen: -»das bayerische Hölzl«. In dem wirren Gezweige leuchten viele, viele -blinkweiße Flecken: die Splitterwunden der von Granaten getroffenen -Bäume. Vor dem Eingang in den Wald ist ein Damm aufgeschichtet, um -das Regenwasser und die Schlammbäche abzuwehren. Jetzt geht es einen -schmalen Weg entlang, der mit festen Prügeln belegt ist, damit man -nicht bei jedem Schritte einsinkt bis über die Knöchel. Zur Rechten des -Weges gucken aus der Lehmböschung kleine, trübe, gläserne Äugelchen -heraus: die winzigen Fenster der in die Erde hineingegrabenen -Offizierskellerchen und Mannschaftshütten. Hier wohnt und schläft und -ißt und arbeitet, wer nicht Dienst im Schützengraben hat. - -Junge Offiziere empfangen mich, liebenswürdig und gastfreundlich. Wie -alt muß ich schon sein, weil auch ein Major für mich noch aussieht -wie ein Jüngling in Uniform! Ein flinker, prächtig mundender Imbiß in -solch einem kleinen, ganz gemütlichen Kellerchen. Dann geht es hinaus. -Überall, wohin meine Augen im Walde fliegen, seh' ich Arbeit, Arbeit und -Arbeit. Wege werden gebaut und mit Prügeln gepflastert; hier gräbt man -Rinnen zur Trockenlegung des Bodens und zur Ableitung des Wassers; eine -steile, rutschige Waldtreppe wird ausgebessert -- es steht da auf einem -Täfelchen: »Gasteiger Anlagen, Automobile fünfzehn Kilometer.« Hier baut -man neue Unterstände für je dreißig Mann, überwölbt sie mit Wellblech -und behütet das Dach mit dicker Lehmlage. Dort, im Gewirr der Stauden, -geht es reihenweise hin und her, da schleppt man die Eisenbahnschwellen, -die Bretter, die Balken und Pfähle, die Strohgarben und Lattenroste -durch den Wald hinauf, und droben wird alles zurechtgelegt für die -Nachtarbeit, bei der diese notwendigen Dinge auf Pfaden, die man am Tage -wegen der singenden Vögelchen nicht begehen kann, in die Schützengräben -wandern. Dieses Gewimmel fleißiger Arbeit -- das ist die »Ruhepause« -unserer Feldgrauen! Schließt man die Augen und sieht diese schleppende -Plage nimmer, so glaubt man wirklich an heitere Ruhe, denn immer hört -man ein Lachen, überall klingen fröhliche Worte. - -Ich sehe zwei von unseren gesegneten Feldküchen am Werke; sie brodeln -und qualmen und riechen gut und werden am Abend den gesunden Hunger -der Unseren stillen. Wie eine liebe Freude ist dieser Gedanke in mir! -Und da greift mir plötzlich etwas Hartes und doch etwas wunderbar -Schönes an den Hals und tief in das Herz hinein -- ich stehe vor dem -»Waldfriedhof«! So nennen sie diesen kleinen stillen Platz. Zwischen -vier großen Eichen haben sie sauber gemacht, den Weg besandet und einen -Zaun gezogen. Alles, was in dem schneelosen nordfranzösischen Winter -immergrün ist, das haben sie weit in der ganzen Gegend gesammelt, haben -es hier mit den Wurzeln eingepflanzt und haben es so sorgsam gepflegt, -daß es schon jetzt zu treiben beginnt und neue Blätter bildet: Lorbeer -und Stechpalme und Buchs und Efeu. Aus den zerschossenen Dörfern haben -sie Marienstatuettchen und Kruzifixe herbeigetragen, eins für jedes Grab --- und haben die Holzkreuze schön ausgeschnitten, haben sie bemalt, -haben in hübscher Schrift die deutschen Heldennamen draufgeschrieben, -haben rührend kindliche Verse gedichtet -- und haben so diesem ernsten -Platz, auf dem die grün geschmückten Hügel in breiter Reihe liegen, -etwas Heiligfrohes gegeben, etwas Frühlingshaftes in aller Kahlheit -dieser Winterszeit. Das ist keine Stätte des Todes -- das ist ein grüner -Tempel der Auferstehung und des ewig blühenden Lebens. - -Meine Deutschen! -- -- Wenn du von =denen= sprichst, du Philosoph aus -Fürstenfeldbruck, dann mußt du =anders= sagen: »=So ein Prachtvolk -auf der Welt!=« -- Solch ein Volk? Und untergehen? Nicht Sieger und -Lebensgärtner auf Erden bleiben? Dieser Gedanke wäre Irrsinn oder -verbrecherischer Zweifel an Gottes logischem Schöpferwillen! - -Das deutsche Bild, das ich gesehen, verläßt mich nimmer! Heiß zittert -in mir die dankbare Ehrfurcht nach, während ich hinter den führenden -Offizieren hinaufwate durch den engen, pfützigen Lehmgraben, dessen -Boden und Wände mich einwickeln in gelben Schlamm. Immer weiter führt -er hinaus in das vom schärfsten und gröbsten aller Pflüge, vom Pflug -des Krieges, durchackerte Feld. Immer knallt es und dröhnt. Wieder muß -ich an ein friedliches Schützenfest denken -- so pufft und donnert es -immer, wenn gegen Abend die Schützen sich beeilen, und wenn im guten -Büchsenlicht vor der Dämmerstunde bei vielen Punktschüssen die Böller -gelöst werden. - -Jetzt stehe ich auf der Wallbank und spähe durch die Scharte eines -Stahlschildes nach der feindlichen Stellung hinüber. Ein Grauen, das -mir durch alle Knochen rieselt, macht mich schauern wie bei Frost. Da -draußen liegen sie. Es sind nicht die ersten verwesenden Toten, die -ich sehe. Aber in solcher Menge! Zorn und Ekel und Erbarmen kämpfen -in mir. Dreiundfünfzig kann ich zählen. Jene, die am mutigsten waren, -liegen weit voran, jeder für sich allein -- hinter ihnen die anderen, -zuerst eine kurze, dann eine lange Reihe. Manche liegen wie behagliche -Schläfer; manche sehen aus, als wollten sie eben aufstehen und hätten -in den Beinen einen Krampf bekommen, der sie unbeweglich machte; andere -haben die Füße hochgeschlagen, wie erstarrt inmitten eines Purzelbaumes; -einer gleicht einem orientalischen Beter, der auf den Knien liegt und -mit ausgebreiteten Armen die Stirne zur Erde beugt; und einer scheint -wie in wildem Zorne stumm zu lachen und hält die beiden geballten Fäuste -gegen den Himmel gestreckt. Ganz braun sind diese Fäuste, so braun wie -die Fäuste eines Arabers. Und die gleiche braunschwarze Farbe liegt auch -über allen Gesichtern dieser einst weiß gewesenen Europäer -- soweit -ihre Gesichter noch vorhanden sind. Vögel und Mäuse haben da schon ihre -abmindernde Arbeit getan. Die Farben der Mäntel und Uniformen sind -verblichen; und jenen Toten, die beim Sturz das Käppi verloren, hat der -wochenlange Regen das Haar über Stirn und Schläfe gekämmt. So liegen sie -seit dem 18. Dezember; und ein Dutzend Schritte hinter diesen von aller -Heimat Verlassenen, die doch tapfere Helden ihres Volkes waren, schlafen -und essen und trinken im französischen Schützengraben ihre lebenden -Brüder! Denen boten die Deutschen einen Waffenstillstand zur Bestattung -ihrer Gefallenen an. Die Franzosen lehnten ihn ab. Warum? Weil sie darin -einen Vorteil für die Deutschen witterten? Weil sie glaubten, der stete -Anblick dieses Todes würde die Deutschen verzagt machen? Oder weil sie -hofften, dieser Leichenwall würde ihr empfindliches Ohlala-Häutchen vor -den bayerischen Gewehrkolben behüten? Oder nur, weil sie zu zivilisiert -und zu faul waren, um eine etwas mühsame und unästhetische Pflicht der -Pietät zu erfüllen? - -Fürstenfeldbrucker! Ich will beim Gedanken an diese verlassenen Toten -dein zorniges Philosophenwort nicht nachsprechen. Aber =recht= hast du! - -Nach diesen Minuten des Schauders ist mir der Anblick unserer -Feldgrauen, die den Waldfriedhof anlegten, wie Erlösung und Trost, wie -aufatmende Befreiung. - -Der Schützengraben, in dem ich da stehe, ist einer der -niederträchtigsten -- nur haltloser Lehm, immer in rutschender Bewegung, -alles eine Spottgeburt aus Dreck und Wasser. Mit Spaten und Brettern, -mit Flechtwerk und Lattenrost kann man dieses klebrigen, schleichenden -Feindes nicht Herr werden -- nur mit Humor. Recht bezeichnend heißt -eine Strecke dieses Schützengrabens das »Pfuiteufelgasserl«. Ein -Verbindungsgang hat sogar einen variablen Namen: bei leidlich trockenem -Wetter heißt er »König-Ludwig-Straße«; steigt das Grundwasser, so heißt -er »König-Ludwigs-Kanal«. Und in einer Grabensenkung, die =immer= -Wasser hat, bis übers Knie herauf, zeigt ein Täfelchen die Inschrift: -»Bitte nicht auf den Boden spucken!« Man begreift da den Sänger aus -dem feldgrauen Volke, der sich in einer lyrischen Schilderung des ihm -geläufigen Milieus zu dem Verse verstieg: - - »Der Schützengraben, wenn ich nicht irr', - Ist dem heiligen Peterl sein Nachtgeschirr!« - -In einem Höhlchen sitzen drei mit gekreuzten Beinen wie Türken und -spielen Tarock. Einen hör' ich sagen: »Daheim ist daheim!« Nebenan -spielt einer die Mundharmonika, sein Kamerad singt leise dazu, ein -bißchen melancholisch -- und ich höre im Vorübergehen den Vers: - - »Jatz hot sie einen andern Buam!« - -Auf dem Türchen eines Schlupfes steht: »Meilerhütte« -- auf dem -nächsten: »Arminshütte«; da hausen Mitglieder des Alpenvereins; einer -ruft mir zu: »Dös weard jetzt wieder a schöner Roman, gelt?« Und weil -ich auf dem Hirndach eine ziemlich dicke Mähne habe, die sich in meinen -drei Feldwochen schon merklich streckte, winkt mir ein Lachender: »Sö, -i bin Frisör, soll i Eahna vielleicht d' Haar stutzen?« Und beim Sausen -eines Haubitzenschusses hör' ich, wie einer warnt: »Obacht, a Rollwagerl -kimmt!« - -Einer sitzt ruhig in seinem Höhlchen und guckt aus der -Liebesgabenkopfhaube heraus wie ein mittelalterlicher Ritter aus seinem -Eisenhut. Ich frage: »Ist's warm da drinnen?« Er lacht: »Hundskalt! -Aber halbert trocken, Gott sei Dank! Vor acht Tagen hast allweil gmoant, -du mußt a Fisch wearn!« Ein anderer fällt ein: »Ah, dös is gut so! -Früher, daheim, da is man so von eim Tag in andern einitorkelt, und nie -hat man verstanden, was man hat vom Leben. Jetzt, bal i heimkomm, jetzt -weiß i, was 's Leben wert is und wie man leben muß!« - -An dem meterbreiten Zwischenraum zweier Unterschlupfe ist eine -Blechtafel befestigt: »Hier ruht in Gott ...« Ehe der Schützengraben -ausgehoben wurde, begruben hier die Deutschen einen Unteroffizier; diese -Erdstelle ließ man beim Bau des Grabens unberührt; zur Rechten und -Linken des Todes wärmt sich jetzt und ruht und schlummert das gesunde -Leben. - -Während des Weiterstapfens durch den Graben erzählen mir die Offiziere -von dem mißglückten Durchbruchversuch der Franzosen am 18. Dezember. -Mitten im heißesten Gefecht ereignete sich da ein heiteres Intermezzo. -Ein Bayer, der mit dem Bajonett losrennen wollte, erkannte in seinem -Feind einen »Spezi«, der drei Jahre in München als Kellner gedient -hatte. »Jesses! Du? Was tust denn =Du= da?« Der Franzose antwortete im -reinsten Münchnerisch: »Durchbrecha tean mer.« Und der Bayer lachte: »So -so? Da gib nur glei' dei' G'wehr her!« Die Sache war erledigt. - -Im Unterstand eines Artillerieleutnants bekomme ich noch ein kleines, -verheißungsvolles Stilleben zu sehen: das Fensterchen ist mit -sprossenden Efeustöcken bestellt -- und die Blumentöpfe bestehen aus -feindlichen »Ausbläsern«, aus den Stahlhülsen französischer Granaten, -die keinen Schaden anrichteten. - -Steil geht's hinunter und drüben noch steiler hinauf; ein Drahtseil ist -angebracht, wie bei einer gefährlichen Kletterstelle im Hochgebirge. In -der Mulde ist der Wall Schulter an Schulter besetzt. Und drüben, wo es -aufwärts geht, an etwas exponierter Stelle, warnt mich der Offizier: -»Den Kopf ducken! Für die Stelle haben die Franzosen drüben einen -Spezialisten.« Nicht weit von dieser Platte ist in der vergangenen Nacht -ein junger Fähnrich bei einer Erkundung gefallen. - -Meine Führer wollen umkehren, wir sind an der Grenze ihres Gebietes; -aber der junge freundliche Leutnant des Nachbargrabens erklärt: »Wir -haben was da droben, das =muß= man sehen!« Mit flinker Kletterei geht es -aufwärts. - -Ja! Das =mußte= ich sehen: =die Madonna im Schützengraben=! Früher -stand sie draußen an einem Feldweg, zwischen der deutschen und der -französischen Stellung, immer von den Kugeln bedroht. Vier stämmige -Bayern haben sie in einer finsteren Nacht hereingeholt in den Graben: -eine lebensgroße Mutter Maria mit dem Kinde, aus schwarzem Eisenguß. -Der Schöpfer dieses Bildwerkes muß halb ein Künstler, halb ein Bauer -gewesen sein. Etwas Naiv-Rührendes spricht aus dem zarten Schmalgesicht -der Maria, wie aus der spielenden Geste des heiligen Kindes. Nun steht -diese schwarze Madonna kugelsicher in einer Lehmnische des deutschen -Schützengrabens, ist mit Buchs umkränzt, mit Efeu umwunden -- und unsere -Feldgrauen, ehe sie sich schlafen legen, knien da, mit der Mütze vor der -Brust. - -Die sinkende Dämmerung umwebt das Bildwerk mit immer dichter werdenden -Schleiern. In mir ist ein Sinnen, so andächtig und froh, wie ein -gläubiges Gebet. Dann steigen wir über das offene Feld zum »Bayerischen -Hölzl« hinunter und brauchen dabei die Köpfe nimmer zu ducken; für den -»Spezialisten« im französischen Schützengraben ist es bereits zu dunkel -geworden. - -Eine deutsche Batterie gibt noch vier Schüsse ab. Ihr Hall und das -Krachen der platzenden Granaten weckt ein langrollendes Echo an den -Waldsäumen. Abendläuten im Felde! - -Ich werde bleiben bis zum Morgen, weil ich die »Nachtruhe« der -Feldgrauen am eigenen Leib erfahren will. Was man würdigen soll, das muß -man kennen. - - * * * * * - - 4. Februar 1915. - -Draußen die Nacht, von der man nicht sagen kann, daß sie still ist. Nur -dunkel ist sie. - -Wir sitzen zu fünft bei einer schmackhaften Mahlzeit im -»Offizierskasino« des Schützengrabens. Unter der Erde liegt es, ist -zwei Meter breit und drei Meter lang. Steigt man aus der Oberwelt über -das Trepplein herab, so muß man sich =sehr= tief bücken, sonst gibt es -gleich =zwei= Beulen, eine an der Stirn und eine am Hinterkopf. Hat man -aber diese Gefahr überwunden, dann wird die Sache ganz reizend. - -An die dreißig solcher Hütten und Kellerchen hab' ich schon besucht; in -allen merkt man die gleiche deutsche Sehnsucht: ein Heim zu haben, in -dem man sich gerne aufhält. - -Naturherd aus gedörrten Lehmpatzen oder eisernes Öfelchen, beide haben -die verwandte Eigenschaft: sie rußen und rauchen. Aber das macht -nichts. Den Ruß kann man wieder hinauskehren, und gegen den Rauch kann -man die Tür aufmachen -- wenn's nicht gerade hereinpritschelt. Von -den Lehmwänden schwitzt immer die Nässe durch; aber in der Wärme von -Ofen und Menschen verdunstet sie wieder. Die nachrutschenden Erdmauern -haben das beharrliche Bestreben, die Verschalungsbretter krumm zu -biegen und herauszudrücken; dann werden sie eben wieder aufgepölzt -und festgenagelt; das hilft mit Sicherheit einen oder zwei Tage. Daß -es von oben hereinregnet, das ist ja eine ganz natürliche Sache; ein -verständiger Mensch wird sich gegen die ewigen Gesetze der Schwere und -des Falles nicht auflehnen. Etwas irritierend wird die Sache, wenn das -Wasser von unten heraufquillt; na, da schöpft man eben und schöpft und -schöpft -- und schließlich kommt man zu der beruhigenden Überzeugung, -daß auch hier eine sehr alte Naturnotwendigkeit mitspielt: nämlich das -Gesetz vom Gleichgewicht der Flüssigkeiten. Wir haben doch das in der -Schule gelernt, daß das Wasser in den beiden Schenkeln einer gebogenen -Glasröhre gleich =hoch= stehen muß. Wenn also draußen das Lehmwasser -bis ans Fensterchen steigt, =muß= es sich einen Meter tiefer auf dem -Stubenboden herinnen doch =auch= ein bißchen zeigen. Und da sucht sich -der kluge Mensch eben nach Kräften zu schützen. Das ist das Wunderbare -im Feld: man wird so ruhig, daß man mit allem einverstanden ist und mit -allem fertig wird. - -Aber jetzt fragt einmal eine von unseren braven deutschen Hausfrauen -daheim: ob sie nicht längst schon im Irrenhause wäre, wenn sie das -vier Monate hätte mitmachen müssen. Sie wäre schon während der ersten -vier =Tage= in Verzweiflung geraten über die sonderbaren Flecken, durch -die bei solchen chronischen Wasserbewegungserscheinungen die Tapeten -in den seltsamsten Ornamenten gesprenkelt werden. Man könnte der Frage -nähertreten: ob man nicht einmal durch Parlamentsbeschluß die =Frauen= -in den Krieg schicken sollte. Ich denke =sehr= gut von ihnen, bin -aber doch überzeugt, daß sie =viel= nachsichtsvoller und geduldiger -heimkehren würden, als sie waren, da sie auszogen. - -Ja, wahrhaftig, diese Kellerchen sind tapeziert! Manchmal nur mit -Zeitungspapier und den Packbogen unterschiedlicher Liebesgaben. Zuweilen -aber auch mit persischen Teppichen, die aus einer nordfranzösischen -Villa stammen und -- wie ich bereits erzählte -- sich schon nach der -zweiten oder dritten Woche durch lebhafte Pilzbildung auszeichnen, -um sich schließlich in Warmbeete zur Züchtung von Schwammerlingen zu -verwandeln. - -An derart gestalteten Wänden sind nun allerlei nette Dinge angebracht. -Nie fehlt das Brettregal, auf das man die Schuhschmiere, das -Liebesgabenklosettpapier oder sonstige Kulturgegenstände hinauflegen -kann. Irgendwo ist immer ein möglichst wasserdicht gemachtes Archiv für -Schreibmappe und militärische Akten angebracht. Die reiche, mit Sorgfalt -und Liebe gesammelte Kunstgalerie besteht aus kolorierten Kupferstichen, -die aus dem Schutt der niedergeschossenen Bauernhäuser herausgeholt -wurden, aus den vielen Ansichtskarten, die von daheim gekommen, aus -Titelblättern der »Jugend« und aus Kriegsbildern des »Simplicissimus«. -In dem Offizierskasino, in dem ich mich augenblicklich befinde, ist -sogar eine Schwarzwälderuhr vertreten; aber sie geht nicht; infolge der -andauernden Feuchtigkeit ist das ganze Räderwerk zu einem unentwirrbaren -Oxydklumpen zusammengerostet; so hat diese Uhr jetzt nur noch den -einen Zweck, mit ihren eisernen Gewichten allerlei unangenehme Püffe -auszuteilen und sich mit ihren Ketten in die Haare der Tischgäste zu -verwickeln; aber -- »Eine Uhr im Zimmer, das sieht doch immer nett aus! -Nicht?« So behauptet der Major mit einem zärtlichen Blick auf diese -Kostbarkeit seines Bataillonskasinos. - -Geradezu vornehm ist die Beleuchtung. Es ist bekanntlich =viel= nobler, -Kerzen zu brennen, als elektrisches Licht zu benützen. Diese im Felde -selbst fabrizierten Talgkerzen haben jedoch bei ihrem aristokratischen -Glanze zwei mißliche Eigenschaften; ist es kalt und zieht es durch -Tür und Fenster herein, so brennen sie schief und tränen in die -Suppenschüssel; und ist es so warm, daß man von »Bullenhitze« redet, so -biegen sie sich in geschwungenen Barockformen über den Leuchter herunter -und lassen ihre Fetttropfen auf das magere Kommißbrot fallen. Na ja, -frische Alpenbutter wäre schmackhafter! -- - --- Vielleicht erheben nachdenkliche Leser jetzt den Vorwurf gegen -mich, daß ich mit unangebrachter Heiterkeit von Dingen rede, die man -eigentlich doch sehr ernst nehmen sollte. Dieser Vorwurf wäre ungerecht. -Ich glaube, daß man, was ich da erlebt und gesehen habe, =nur= heiter -nehmen kann! Wollte ich =ernst= von der unbeschreiblichen Mühsal -erzählen, die unsere Offiziere und Soldaten seit Monaten mit namenloser -Geduld und entzückendem Humor ertragen, so würdet ihr in der Heimat bei -jedem meiner ernsten Worte ein wehes Zittern in euren Herzen haben! Aber -seid ohne Sorge! Ich =darf= heiter erzählen. Die Unseren im Felde sind -von so gesundem Schlag, daß sie monatelang die ruhelose Marter dieses -nassen Dreckes und die Drohung steter Gefahr für Leib und Leben ertragen -und dabei doch immer noch lachen können. - -Gerade im Anschluß an dieses Wort bekenne ich, daß ich an diesem von -Kerzentropfen und sonstigen Wirtschaftsrätseln bekleckerten Tische eine -der schönsten, tiefsten und wertvollsten Stunden meines Lebens genießen -durfte. Denn als wir gespeist hatten und der gute französische Landwein -geheimnisvoll in den sehr verschiedenartigen Gläsern leuchtete, begannen -sie zu erzählen, diese Feldgrauen; jeder von ihnen hat viel Hartes -durchmachen müssen; und einer trägt zwei kleine rote Narbensternchen -auf der Stirne -- wo die Kugel hinein und wieder hinaus gegangen, ohne -diesen festen deutschen Jünglingsschädel zerbrechen zu können. Von den -ersten schweren Wochen des Krieges erzählten sie, von den furchtbaren -Tagen und Nächten in Lothringen und Belgien, von Stunden, in denen -manchmal auch die Nerven des tapfersten Mannes zu versagen drohten. Ganz -ruhig erzählten sie, fast so ruhig, wie man von einem beschwichtigten -Ungewitter redet; nur ihre Worte wurden langsamer, ihre Stimmen leiser, -innerlicher; sie gebrauchten keine aufputzenden Adjektiva, sie sagten -jedes Ding so hart und streng vor sich hin, wie es geschehen war, und -keiner redete von sich selbst, jeder nur immer von der großen Sache. -Und während ich atemlos lauschte, an Herz und Knochen vom Grauen des -Krieges gerüttelt, war es mir immer, als müßte ich etwas Dankbares aus -mir herausschreien und müßte mit beiden Händen hinübergreifen über den -Tisch, um diese jungen deutschen Mannsfäuste zu fassen und zu drücken. -Hätten es mir diese drei Wochen im Felde noch =nie= gezeigt und gesagt, -so hätt' ich es jetzt an diesem kleinen Tisch verstanden, was für uns -Bürger in der Heimat das kraftvolle und sieghafte Wort bedeuten muß: -ein deutscher Soldat, ein deutscher Offizier! -- Freilich, im Sinne -eines Kunstgeschmackes, der die Abwechslung liebt, haben sie auch einen -Mangel: in ihren besten und wesentlichsten Zügen sind sie alle gleich, -da ist einer wie der andere! An vielen hundert kleinen Tischen dieser -kleinen Lehmlöcher könnte ich ein Gleiches hören, wie ich es an =diesem= -Tische vernahm. - -Es wirkte auf mich, daß ich lange wortkarg bleiben mußte, als es -schon wieder heiter wurde, weil Besuch erschien. In Begleitung -eines Reichsrates, den wir in München kennen und verehren, kam der -Regimentskommandeur zur Besichtigung der Nachtarbeit im Schützengraben --- als Vorgesetzter ein Freund und Vater seiner Soldaten. Davon sollte -ich gleich eine Probe erfahren, die mir unvergeßlich bleiben wird. -Der Kommandeur wollte bei diesem Nachtweg eine Beförderung verkünden. -»Nach dem Regimentsschimmel müßte man's eigentlich anders machen. Aber -was einer verdient, muß er bekommen. Den Lohn verschieben, heißt ihn -entwerten.« - -Nun geht's hinaus in die dunkle Nacht, die geheimnisvoll durchklirrt -ist von einem gedämpften Arbeitslärm. Manchmal ein Schuß in der -Ferne, manchmal einer im nahen Schützengraben -- Schüsse, die bei -der Finsternis nicht treffen können, nur sagen wollen: »Wir wachen!« -Zuweilen leuchtet droben über dem Wald eine rote Helle auf und -verschwindet wieder. Und herunten zwischen den Bäumen schreiten oder -stehen schwarze Gestalten mit klumpigen Lasten auf den Schultern. -Schritt um Schritt geht es über klappernde Prügel hin oder durch -quatschenden Lehmteig. Bei etwas schwierigen Stellen leuchtet für einen -Moment der Strahl eines elektrischen Lämpchens auf. - -Ein Kriegsfreiwilliger wird herbeigerufen. Kaum unterscheide ich in der -Nacht den Umriß der schlanken, unbeweglich stehenden Gestalt. - -Die Stimme des Kommandeurs: »Lieber R.! Sie haben nicht nur zwei famose, -schneidige Erkundungen gemacht, ich weiß auch, daß Sie in allen Stücken -ein tüchtiger, verläßlicher Soldat sind! Nicht wahr, Sie streben den -Offizier an?« - -»Jawohl, Herr Oberstleutnant!« - -»Sind Sie schon Fähnrich?« - -»Nein, Herr Oberstleutnant!« - -»Dann sind Sie es jetzt. Ich gratuliere Ihnen!« - -Da hör' ich einen leisen Laut -- wie von einem Jungen, dem beim Baden im -Bach das kalte Wasser heraufsteigt an die Lenden. Dieser leise Laut -- -das war tiefste deutsche Soldatenfreude. - -Ich muß die Hand strecken. »Darf ich Ihnen auch gratulieren?« Keine -Erwiderung. Aber den Händedruck hab' ich noch eine Stunde lang gespürt. - -Der Weg durch Laufgang und Schützengraben ist mit Schwierigkeiten -verknüpft. Immer wandern die langen, endlos scheinenden Reihen der -lastschleppenden Soldaten an uns vorüber. Beim Ausweichen muß ich immer -den verwünschten Bauch in die nasse Lehmwand hineinquetschen. Oft komm' -ich von diesem klebrigen Teige kaum mehr los. Pfundweis hängt er an -meinen Händen. Was will man machen, man wischt ihn an der Hose ab. - -Überall im Schützengraben wird geschanzt, geschaufelt und gearbeitet, -überall wird gebessert, was schlecht wurde, überall ausgetauscht, was -unbrauchbar geworden. - -In ihren Schlupfen liegen die Abgelösten; keine Stimme, kein Öffnen des -Türchens, kein Zug der kalten Nachtluft und auch kein Schuß vermag -sie zu wecken. Sie schlafen, wie nur die Zufriedenen und Glücklichen -schlummern. Wie Aschensäcke sehen sie aus, in ihre Mäntel gewickelt, die -Zeltbahnen über die Köpfe gezogen. - -Die Schützen, die im Graben auf Wache sind, stehen regungslos bei -ihren Scharten und spähen in die Nacht hinaus, die der Mond, hinter -dicken Wolken verborgen, ein bißchen aufzuhellen beginnt. Oder gewöhnen -sich nur die Augen an die Finsternis? Manchmal ein Schuß -- weil ein -Wachtposten was gesehen hat oder was zu sehen glaubte. Und zuweilen, -in den benachbarten Stellungen drüben, das Dröhnen einer platzenden -Granate. Eine kann ich aufgehen sehen. Das sieht aus wie ein Strauß aus -Feuerblumen, der eine schwarze Manschette hat. - -Durch den ganzen Schützengraben geht es. Die schußbereiten -Maschinengewehre werden revidiert. In einen finsteren, engen Gang hinein -und unter die Erde hinunter! Ganz vorne arbeitet einer wie ein Bergmann, -ein zweiter karrt den ausgehobenen Lehm davon, ein dritter versteift den -Minengang mit stützenden Bohlen. - -Wieder im Graben. Ein schönes, rotglänzendes Sternchen surrt in die Luft -hinauf und fängt in der Höhe grell zu brennen an. Das ganze Gelände -zwischen unseren und den feindlichen Gräben ist taghell beleuchtet. -Drüben liegen die toten Franzosen als schwarze, unbewegliche Klumpen --- aber ganz in der Nähe liegt etwas Lebendiges, das sich bewegt: ein -deutscher Horchposten. Und ein Gewirre von Drähten ist zu sehen -- das -sind die Stacheldrahthindernisse und die aus dem Graben hinausgerollten -Spanischen Reiter. Ein letztes Lichtgezitter, alles versinkt wieder -in undurchdringliche Finsternis, um nach wenigen Minuten wieder -aufzuglänzen -- -- und wir daheim, wir sagen immer: »Was ist denn nur da -draußen? Warum geschieht da nichts? Warum geht da nichts vorwärts?« - -Es ist Mitternacht geworden. Nun dürfen auch die letzten der Geplagten -ein bißchen ruhen. Ehe der Morgen kommt, müssen sie wieder bei den -Scharten stehen. Und Nässe und Schlamm an Rock und Stiefel und Hose -müssen trocken geworden sein von der Wärme ihres eigenen Körpers. Seit -dem 5. August haben sie dieses Soldatenkleid am Leib und haben es nur -abgelegt, wenn sie hinter der Front im Ablösungsquartier die Wäsche -wechseln und baden und sich säubern konnten. Und diese Gesundheit, -dieser Humor, diese treue Beharrlichkeit, diese unzerbrechbare Geduld! --- Und, wahrhaftig, da gibt es Leute in der Heimat, denen der deutsche -Sieg nicht schnell genug in die warmen Betten läuft! -- - -Im »Offizierskasino« noch ein kurzer Schwatz und ein Schlummertrunk. Im -Felde nennt man ihn »heißes Wasser«. Natürlich ist etwas drin, etwas -sehr Kräftiges! - -Und jetzt -- ins Bett. [+] [+] [+] Gott beschütze mich! - -Eine freundliche Ordonnanz zieht mir die zehn Pfund schweren Lehmgebilde -von den Beinen herunter. »Gut Nacht, Herr Doktor!« Dann bin ich -allein auf einer »Flur«, die alles andere ist, nur nicht »weit«. Das -Lehmherdchen glutet noch ein bißchen und raucht sehr heftig. Also die -Tür auf! Aber es hat zu regnen begonnen, und ein ungemütlicher Wind -peitscht die Traufenfäden herein. Also die Tür wieder zu! Und in den -Kleidern auf die Pritsche! Bevor ich das Kerzenstümpfchen auslösche, -seh' ich noch etwas sehr Schönes: die ganze Bretterdecke meines -Unterschlupfes ist behängt mit großen, blitzenden Diamanten. Jetzt -lieg' ich im Dunkeln. Da fängt es auch schon zu tropfen an. Pitsch, -pitsch, pitsch, pitsch! Ich ziehe, wie ich es bei den Soldaten gesehen, -die Zeltbahn über den Kopf. Nach einer Viertelstunde bricht mir am -ganzen Leib der Schweiß aus. Ich entkleide mich und krieche wieder -unter das raschelnde Segeltuch. Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch! Nach -einer halben Stunde friere ich, daß mir die Zähne klappern. Ich ziehe -mich wieder an, und weil mir vom Rauch, der nach Erlöschen jeglicher -Wärme reichlich zurückblieb, die Augen heftig brennen, mache ich wieder -die Tür auf, drücke sie aber sofort sehr energisch zu. Ich liege -wieder, und trotz der Dunkelheit bemerke ich an meinem nachlassenden -Hustenreiz, daß der Rauch verschwindet. Aber das andere bleibt: -Pitschpitschpitschpitschpitschpitsch ... jetzt klingt es viel schneller -und ununterbrochen. Nicht nur von oben kommt der feuchte Segen, auch -von unten her. Schon will ich in einem drohenden Tobsuchtsanfall -fluchen wie ein Berserker. Aber da muß ich denken: »So machen es unsere -Feldgrauen seit sechzig oder siebzig Nächten durch!« Wobei noch zu -berücksichtigen ist, daß ich als Gast ein »Kavalierhüttl« bekam, also -eine Sache, die so gut ist, wie sie sonst kein anderer hat! Ein Wunder -geschieht -- ich, das nervöseste von allen nervösen Äsern, ich werde -plötzlich so geduldig wie ein Lamm, drehe mich still auf die Seite und -fange, um den Schlaf herbeizuschmeicheln, die fallenden Tropfen zu -zählen an: Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch ... - -Ich glaube, bis nah' an siebenhundert kam ich. Ja, wahrhaftiger Gott: -gegen drei Uhr bin ich zufrieden eingeschlafen. Ein paarmal erwachte -ich, hatte rückwärts das Gefühl einer immer feuchter werdenden Unterlage -und im Hirn eine seltsame Idiosynkrasie: ich vermutete immer, daß -vor meinem Kavaliershüttl irgend jemand Holz hacke. Es waren die -Gewehrschüsse, die vom Schützengraben herunterklangen. Und einmal fuhr -ich sehr heftig auf und hörte noch ein doppeltes Rollen -- es war ein -Granatenpärchen in den Wald geflogen. Ich drehte mich um und schlief -wieder ein. Und habe geschlafen, bis im Ergrauen des Tages die Ordonnanz -mich weckte und meine schöngeschmierten Stiefel brachte: »No, Herr -Doktor, wie war's?« - -»Ganz gut! Ein bisserl feucht halt!« - -»Mein, da haben wir's jetzt noch wie im Himmel! Aber die vorig' Woch', -da haben wir sechs Nächt lang im Wasser hocken müssen. Niederlegen -hat man sich gar nimmer können. Auf'm Tornister hat man halt sitzen -müssen. Da hat's die meisten von uns a bißl verdrossen. Alle haben wir -g'schimpft, ja! Bloß an einziger is zufrieden g'wesen. Dös war a Tölzer -Floßknecht. Der hat allweil g'sagt: >Dös bin i g'wohnt!< -- Da haben wir -uns a guts Beispiel g'nommen.« - -Draußen rauschte der schwere Regen. - -Heißer Tee. Fünf Tassen. Dann hinauf in den Schützengraben. Hier sind -im Morgengrau schon alle bei der Arbeit. Fast durch die ganze Länge des -Grabens liegen die Lehmwände niedergebrochen. Alles, was Boden heißt, -ist verschlammt und überschwemmt. Und den schanzenden Soldaten rinnt -das Wasser über Gesichter, Rock und Hosen herunter. Und immer noch -schwatzen sie lustig und machen jene kleinen, netten Späße, in denen -eine große, tiefe Seele steckt -- die Seele des deutschen Volkes! - -Ist der Krieg im Regen ertrunken? Kein Schuß mehr. Den ganzen Vormittag -bleibt es still. Doch am Nachmittage, während ich durch die klatschenden -Regengüsse und unter peitschenden Windstößen zurückwandere zu meinem -Fürstenfeldbrucker Philosophen, beginnen die Haubitzen wieder zu -donnern, und von überall klingt das Knallen, das die pfeifenden -Vögelchen fliegen macht. - -Mein ganzes Denken ist ein einziges heißes, inbrünstiges Gebet zur Sonne: - -»Komm! Und scheine den Unseren! Meinetwegen auch den andern! Wenn nur -die Unseren trocken werden und sich wärmen können!« - - - - - 10. - - - 7. Februar 1915. - -Einen Tag lang war herrliches Wetter. Alles funkelte von Sonne. Die -reinste Frühlingsstimmung! Dachte man an die Truppen, so fühlte -man immer den gleichen Gedanken: »=Gott sei Dank, jetzt werden -sie trocken!=« Wie eine tiefe Wohltat war's, mir vorzustellen, -daß unsere Feldgrauen vor Wärme dampfen. Und mit Lachen mußte ich -besonders an =einen= denken. Den hatte ich in seinem triefenden -Schützengrabenhöhlchen knien sehen, mit einer ganz sonderbar -verbuckelten Gestalt. »Um Gottes willen, was ist denn mit Ihnen?« hatte -ich erschrocken gefragt, denn ich hielt ihn für einen Schwerverwundeten -im Notverband. Aber nun kam eine heitere Lösung. Der kluge Mann hatte, -um sich gegen die von unten heraufquellende Nässe zu schützen, =sieben= -wollene Liebesgabenbauchbinden =hinten= herumgebunden. Er behauptete: -das bewahre ihn bis zum Morgen vor dem tieferen Eindringen jeglicher -Feuchtigkeit. Weil die äußerste dieser sieben wollenen Sitzfleischhäute -zinnoberrot war -- möglicherweise aus dem ehemaligen Unterrock einer -Dorfschönen geschnitten -- glich der Eingewickelte einem Pavian in der -Paarungszeit. Wie feucht die sieben konträr verwendeten Bauchbinden -auch geworden sein mögen -- jetzt konnte er sie einen Tag lang in die -freundliche Sonne hängen. - -Die drollige Episode ist auch ein ernster Beweis für die opulente -=Liebesgabenfülle=, mit der unsere Feldgrauen von der Heimat aus bedacht -werden. Was sie mehrfach bekommen, wird oft in höchst sinniger Weise -aufgebraucht. Einen sah ich, der vier Paar Kniewärmer zu ganz famosen, -tütenförmig übereinandergreifenden Gamaschen zusammengenäht hatte; der -Mann muß übrigens auch künstlerischen Geschmack haben, weil er bei -Erzeugung dieses Meisterwerkes der Feldflickerei die Farben harmonisch -gliederte: grau, braun, grau, braun. Überzählige Schlipse werden -häufig als Lehmhindernisse oben um die Stiefelröhren herumgewickelt; -entbehrliche Pulswärmer finden Verwendung als Zehenfutterale, und -Kopfschläuche werden zu »Kniehösln« degradiert. Einstimmig ist bei -allen Feldgrauen die =dankbare Anerkennung der Liebesgabenmenge=. Zu -Dutzend Malen hörte ich in wechselnden Worten den gleichen Sinn: »=Die -Leut daheim sind so viel gut! Jetzt haben wir's oft besser wie in der -Friedenszeit.=« - -Die segensreichste von allen Liebesgabenspenderinnen ist aber doch -die warme Sonne. Sie macht überflüssig, was Wolle heißt, und legt die -Soldaten trocken wie liebe Kinderchen. Nur die Kanonen macht sie nervös; -denn wenn die Nebel verschwinden und der Himmel blau wird, erscheinen -die feindlichen Flieger. Vorgestern hörte man fast ununterbrochen vom -Morgen bis zum Abend die Schrapnellschüsse krachen, die den Fliegern -entgegenflammten und hinter ihnen herjagten. Das ist ein aufregendes -Bild: wenn hoch droben im Blau dieser winzig aussehende Menschenvogel -kreist, den das unbewaffnete Auge erst nach langem Spähen zu entdecken -vermag. In so großer Höhe ist seine Bewegung eine kaum merkliche: oft -scheint er völlig stillzustehen wie ein Falke, der auf seine Beute -lauert. Und dann plötzlich springen aus dem blauen Himmel, während -herunten auf der Welt die Schüsse krachen, kleine silbergraue kuglige -Wölklein heraus, immer wieder und wieder eins, hinter dem Vogel, -vor ihm, über ihm, unter ihm -- die Rauchklumpen der platzenden -Schrapnellgeschosse. Ganz ruhig bleiben sie hängen im Blau, erweitern -sich ein bißchen, werden zu weißen Himmelsschäfchen -- und wenn der -Flieger schon lange verschwunden ist, hängen sie noch immer da droben -und bezeichnen den Weg, den der feindliche Menschenvogel genommen hat. - -Schwebt der Flieger in zwei- bis dreitausend Meter Höhe, so ist er fast -völlig sicher. Nur bei ganz besonderem Glücksfall -- der feindliche -Vogel würde sich natürlich anders ausdrücken -- kann ihn ein Schuß -herunterholen. Freilich, je höher der Flug, um so bescheidener auch -das Resultat der Erkundung, trotz Photographie und Funkenspruch. -Die vielen Schrapnellschüsse, die man hinaufschickt, bringen also -immerhin den Gewinn, daß der französische Flieger, dem die glückliche -Heimkehr wesentlich sympathischer als der Absturz ist, außerhalb -einer ergebnisreicheren Spähweite gehalten wird. Trifft ein Schuß, -so geht's dem Flugzeug noch lange nicht ans Leben; die Stellen, wo es -sterblich ist, sind keine Scheunentore, sondern kleine Achillesfersen. -Jeder Doppeldecker der deutschen Fliegerabteilung zu H., bei der ich -einen mir unvergeßlichen Tag verbrachte, ist ausgezeichnet durch die -Ehrenmale vieler Schußnarben; neben jenen ausgeheilten Wunden, die -für das Flugzeug lebensgefährlich waren, steht unter dem Bild des -Eisernen Kreuzes der sieghafte Tag angeschrieben, an welchem deutsche -Unerschrockenheit und Geistesgegenwart eine drohende Todesstunde -überstanden. Mit dankbarer Bewunderung hab' ich das Eiserne Kreuz -erster Klasse unseres kühnen Fliegeroffiziers betrachtet, der auf einem -ebenso verwegenen wie ergebnisreichen Erkundungsfluge schwer verwundet -wurde und noch in äußerster Erschöpfung, auf dem Verdeck des Flugzeuges -stehend, =ein Schußloch des rinnenden Benzinbehälters so lange mit dem -Daumen verstopfte, bis der Doppeldecker innerhalb der deutschen Stellung -glücklich zu landen vermochte=. - -Der Satz, den ich da niedergeschrieben habe, ist schnell gelesen. Doch -wer die Ewigkeitsminuten eines solchen Nervenkampfes in den Lüften -auszudenken vermag, wird einen atembeklemmenden Schauder empfinden und -sich dabei doch aufrichten in deutschem Stolz. Vor Beginn des Krieges -hatte das französische Flugwesen gegen das deutsche eine siebenfache -Übermacht. Unsere Flieger haben sie ausgeglichen durch zähe Schulung und -technisches Geschick, durch stählerne Herzhaftigkeit und erhöhten Mut. -Wie man von altersher sagte: »Ein Mann, ein Wort« -- so wird man sagen: -»Ein deutscher Flieger, ein deutscher Held!« -- Bei uns ist die Kraft, -bei uns der Sieg! Alles was ich sehe und erlebe im Feld, klingt mir -immer wieder aus in diesen herrlich läutenden Refrain. - -Neuer Nebel und Regen brachte mich gestern um den Anblick eines -=Geschwaderfluges= der Unseren. Ein solcher Flug war geplant zur -Begrüßung unseres Königs, der die bayerischen Armeeverbände an der Front -besichtigte. Wetter und Wind verriegelten die Fliegerschuppen. Aber der -Vorbeimarsch unseres =Leibregiments= sowie der anderen, auf Ablösung -in den Stadtquartieren weilenden Truppen war auf dem großen Stadtplatz -trotz Nebelreißen und spritzenden Pfützen eine ganz prachtvolle -Sache. =Jede Schießscharte in unseren Schützengräben ist Schulter an -Schulter besetzt -- und hinter der Front dieses fast unübersehbare -Gewimmel unserer gesunden, hochgewachsenen, kraftvollen und tadellos -ausgerüsteten Soldaten!= Im Gefühl der Zuversicht, die dieses Bild und -der klingende Taktschritt vieler Tausende von festen deutschen Beinen -mir einflößte, hätt' ich vor Freude immer schreien mögen. Das verbot -nicht nur der militärische Ernst der Stunde, auch jeder Blick auf die -Einheimischen, die in dichten Gruppen umherstanden; sie sprachen kein -lautes, vernehmbares Wort; entweder blieben sie stumm oder flüsterten -ganz leise miteinander; immer unruhiger irrten ihre Augen über diese -festgefügten Soldatenzüge hin, und in ihren Gesichtern wurden Schreck -und Staunen immer größer, je länger der Vorbeimarsch der Bataillone -und Batterien dauerte. -- Neulich, als große Rekrutennachschübe hier -eintrafen, tuschelten die Einheimischen mit glänzenden Augen einander -zu: das wären fliehende, von den Franzosen aus den Schützengräben -verjagte Deutsche. Gestern begriffen sie die Wahrheit und bekamen -eine erschreckende Vorstellung von Deutschlands unerschöpflichem -Menschenbrunnen. Und da war in ihren Augen die Trauer des Wissens: -daß der Sieg ein unentreißbarer Besitz der Deutschen ist. Wenn die -=Franzosen= zittern und Unruhe und Verzagtheit fühlen, so haben sie -Grund dazu! - -Immer war im Blick und im Lachen unseres Königs die Freude zu sehen, -die ihm das straffe Bild seiner Truppen bereitete. Bei dem Festmahl, -dem als Gast der Generalfeldmarschall =von Bülow= beiwohnte, war der -König in einer Stimmung, die ihn zu verjüngen schien. Aus seiner -heiteren, lebhaften Unterhaltung war herauszuhören, was dieser von Kraft -klirrende Tag ihm gezeigt hatte. Im Anschluß an ein Gespräch über meine -Schilderungen des Hauptquartiers sagte der König: »=Wann dieser Krieg -zu Ende sein wird, ob später oder früher, das weiß heute mit Sicherheit -kein Mensch auf Erden. Aber wie er ausgehen wird, das wissen wir doch -alle. Da kann man ruhig sein.=« - -Vorhin gebrauchte ich das Wort »Festmahl«. Das klingt ein bißchen -wunderlich: ein Festmahl im Kriegslager. Man muß da nur wissen, wie -es war. Eine Stimmung von festlicher Gehobenheit, gewiß! Aber dieses -Mittagessen, an dem der König teilnahm, fand im zweiten Stockwerk -eines hohen, schmalbrüstigen Hauses statt, dessen rechte Mauerseite -ungestützt und ein bißchen schief in der Luft hängt. Das Nachbarhaus, -das diese Mauer vor einigen Monaten noch tragen half, die Präfektur, -ist niedergebrannt und in einen Schutthaufen verwandelt -- nicht von -den Deutschen in Trümmer geschossen, sondern =vor= ihrem Einmarsch -abgebrannt, nachdem die Staatsgelder, wie hier erzählt wird, auf -unerklärliche Weise verschwunden waren. In diesem schmalbrüstigen, von -seiner staatlichen Stütze jetzt völlig verlassenen Hause wurde im Juli -des vergangenen Jahres, kurz vor Ausbruch des Krieges, ein Galadiner -zu Ehren des Präsidenten der französischen Republik abgehalten. Von -der Herrlichkeit dieses peronnesischen Nationalfestes unter Monsieur -Poincarés Vorsitz ist nur das künstlerisch verzierte Menü noch übrig -geblieben: ein Dutzend der leckersten Gänge mit einer Himmelsleiter -aller besten französischen Weine! Bei dem Mittagessen, das gestern für -unseren König und seine Offiziere gerichtet war, ging es einfacher zu; -man trank dabei Bayerisches Bier und ein paar Gläser Sekt. Und als -von der freihängenden Wand gesprochen wurde, die bei jedem schweren -Kanonendonner sehr merklich wackelt, sagte der König lachend: »=Wo -Deutsche sitzen, da hält schon alles!=« - -Ja! Wir Deutschen sitzen hier in erobertem Land! Und das hält. Sicher -und fest. - - * * * * * - -Es war um die elfte Nachtstunde. Und plötzlich hörte ich ein Lied von -vielen Soldaten, hörte den stahlfesten Hammerschlag marschierender -Schritte, warf die Feder weg und sprang an das Fenster und riß die -Scheiben auf. - -Über der laternenlosen Straße hing eine schwarze, finstere Nacht, in der -mein Blick nur mühsam die Umrisse der gegenüberliegenden Hausdächer -unterschied. Und ein heulender Sturmwind peitschte mir den Regen ins -Gesicht. - -In solcher Nacht kamen sie heranmarschiert und sangen, kamen aus der -Stadt und stampften hinaus zu den Schützengräben. Es müssen zwei -Bataillone des =Leibregiments= gewesen sein. So finster war es, daß -ich einzelne Gestalten nicht auszunehmen vermochte. Nur die großen, -dichten Menschenklumpen unterschied ich. Das einzig Helle und deutlich -Sichtbare waren die wehenden Glutfunken, die von den Zigarren oder aus -den brennenden Pfeifen im Sturmwind davonflogen. - -Immer sangen die Soldaten, immer das gleiche Lied: - - »=In der Heimat, in der Heimat, - Da gibt's ein Wiedersehn!=« - -Und dann kam etwas, was ich von singenden Soldaten noch nie gehört -habe: als sie schon außerhalb der Stadt waren, außerhalb der alten, -zerbrochenen Festungswerke, verwandelte sich das Ende ihres Liedes in -ein mit wirren und hohen Stimmen durcheinanderklingendes Jauchzen und -Jodeln, wie wir es kennen von unseren Hochlandsfesten bei strahlender -Morgensonne. - -Ein Gedanke sagte mir noch: Du irrst dich, es hat nur der Sturmwind ihr -Lied zerrissen, und drum tönt es so, wie wirr durcheinanderklingende -Schreie! -- Aber nein! Ganz deutlich, jeder Täuschung entrückt, wahr -und wirklich, klang es nun abermals durch die Finsternis aus der Ferne -zu mir her! Sie jauchzten und jodelten wie junge Menschen in froher -Trunkenheit! Und da war es in mir wie ein klares Sehen, wie ein festes -und heiliges Wissen: daß Soldaten, die mit solchem Liede und mit solchem -Jauchzen in eine stürmische Nacht hinausmarschieren, der Gefahr und -dem drohenden Tod entgegen -- daß solche Soldaten siegen =müssen=! -Gleichviel, wann! - - - - - 11. - - - 16. Februar 1915. - -Vor wenigen Tagen war es. Niemand sprach davon, daß man einen Angriff -der Franzosen erwarte. Aber es lag was in der Luft, nicht nur deshalb, -weil die feindlichen Geschütze seit zwei Tagen lebhafter als sonst über -die fernen Waldhügel herüberdonnerten. Auch am Verhalten der Feldgrauen -fiel mir etwas auf. Ich glaube, militärisch nennt man es »erhöhte -Bereitschaft«. - -Mit Anbruch der Nacht war für mich der Besuch einer weit entlegenen -Artilleriestellung verabredet, zu der es am Tage keine Zufahrt gibt. --- Acht Uhr vorüber. Ich saß in einer engen, finsteren Sache, wie -ein Sträfling in seinem Zellenwagen. Das kleine Kupee hatte keine -Glasscheiben, sondern Brettfensterchen mit winzigen Ausschnitten, durch -die ich manchmal ein wässeriges Sternchen flüchtig aufschimmern sah. - -Nach zwei Stunden hält der Wagen. Ich bin im Hof einer großen Ferme. -Alle Läden geschlossen, nirgends ein Licht. Nur droben am klar -gewordenen Himmel brennen die vielen Sterne. Die Haustür wird geöffnet, -und die freundlichen Stimmen dunkler Gestalten begrüßen mich. Dann -sitzen wir in der etwas schummerigen Stube, und der Zigarrenrauch -schwimmt in geschlängelten Fäden um das sparsame Flämmchen der -Petroleumlampe. Die Offiziere sind heiter wie sonst; in dieser -Heiterkeit ist eine Ruhe, die alle Spannung meiner Nerven beschwichtigt. -Mir ist sehr wohl an diesem Tisch. Im Geplauder frag' ich einmal: »Da -ist doch hier in der Gegend eine von den Franzosen kaputt geschossene -Villa, deren Turm neulich noch ganz war? Da droben sitzt doch immer ein -Beobachter. Steht der Turm noch? Oder ...« Um den Tisch geht ein Lachen -herum. Und der junge Artilleriehauptmann schmunzelt: »Gott sei Dank, er -steht noch! Da droben sitze doch =ich= immer! Wenn Sie morgen nachmittag -zu mir hinaufkommen wollen? Ich denke, da werden Sie etwas sehen!« - -Während wir weiterschwatzen, hör' ich etwas: manchmal klingt es wie eine -Karfreitagsklapper; dann wieder, als kollerten viele Holzkugeln über -eine steile Treppe herunter; oder als würden hundert Teppiche geklopft. -Jede Sekunde klingt es anders und bleibt doch immer das gleiche. »Was -ist das?« -- »Noch ist es kein Angriff. Aber möglich, daß es einer wird.« - -Wir treten in den schwarzen, vom Sternenhimmel überfunkelten Hof -hinaus. Nun vernehm' ich es deutlich. So hatt' ich es noch =nie= -gehört, auch nicht im Schützengraben. Was da so unregelmäßig hämmert -in der Nacht, ist wie das Zähneklappern eines frierenden Riesen. Hoch -über uns fahren kurze Zischlaute durch die Luft: die »Hochgänger«, die -von den zerrissenen Salven der Franzosen zwei Kilometer weit über den -schwarzen Waldgrat herüberfliegen. Auf dem Dach geht eine Schieferplatte -in Scherben, und die Splitter bröseln in den Hof herunter. Dieses -ziellose Gepulver in der Finsternis hat etwas unsagbar Aberwitziges. -»Schießen denn da die Unseren =auch=?« -- »Nein. Die warten, bis es -notwendig wird.« -- »Aber auf was schießen denn die Franzosen, jetzt, -in der Nacht?« -- Ein Lachen. »Auf nichts. Vielleicht glauben sie, -eine Patrouille zu sehen. Oder es ist wieder ein Bluff, mit dem sie uns -herauslocken möchten. So machen sie es oft. Aber die Unseren sitzen fest -und warten ruhig, bis die Franzosen kommen. Dann kracht es bei =uns=. -Das hat einen ganz anderen Ton!« -- - -Diese Erklärung gab mir ein äußerst behagliches Zufriedenheitsgefühl. -Mit ihm vereinigte sich das Bild der Schützengräben, die ich gesehen -- -und die deutsche Seßhaftigkeit in diesem Maulwurfskriege begann mir als -etwas sehr Notwendiges und Vorteilhaftes einzuleuchten. Bei gleichen -Kräften eine unzerbrechbare Mauer verteidigen, ist schon der Sieg -- -mit dem Kopf gegen unbeugsame Steine rennen zu müssen, ist schon die -Niederlage, noch ehe der letzte Kampf beginnt. Die festen Stellungen, -die hier seit Monaten geschaffen und mit jedem Tage stärker ausgebaut -wurden, können nur durch eine große Übermacht überrannt werden. Eine -solche Übermacht werden die Franzosen auch mit englischer Hilfe niemals -wieder haben! Aber =wir= werden sie haben! Bald! Dann wird die Stunde -der Entscheidung im Westen gekommen sein! -- - -Am Morgen schien die Sonne aus blauem Himmel heraus. War dem frierenden -Riesen warm geworden? Er hatte seinen klapprigen Zähneschauer -eingestellt. Nur ab und zu noch klangen einzelne Schüsse von der -feindlichen Stellung herüber. - -Die Offiziere waren aus der Ferme verschwunden; ein junger Doktor sollte -mich führen. Vor dem Hause ging es lebhaft zu. Feldgraue kamen über -die Lehmwege hergewatet, jeder mit sechs kleinen Kesseln, um von der -Feldküche das Frühstück für die Kameraden im Schützengraben zu holen. -Die Schüsse, die sich noch hören ließen, wurden übertönt vom friedlichen -Geräusch einer Dreschmaschine, die den französischen Weizen für den -deutschen Appetit ausklopfte. Zwölf Bauernweiber lupften die Garben, -bedienten die Maschinen und banden das ausgedroschene Stroh. Bei ihnen -stand zur Aufsicht ein braunbärtiger deutscher Unteroffizier, der sein -Pfeiflein rauchte und gemütlich dreinguckte, solange die Weiber tüchtig -schafften; wurden sie faul, dann nahm er die Pfeife aus den Zähnen und -sagte energisch: »Trawalliöh!« Worauf die Weiber wieder sehr fleißig -wurden. -- Besser so, als daß ein französischer Korporal unseren -deutschen Bauernfrauen befehlen dürfte: »Harbeiiitet!« - -Manchmal donnerte irgendwo ein Kanonenschuß, während wir in den -glänzenden Vormittag hinauswanderten. Wir mußten gedeckte Schleichwege -suchen, durch Pfützen waten, durch dornige Wäldchen kriechen. Auf einem -großen Teiche sahen wir ein deutsches Idyll: eine mit Weizengarben -beladene Zille kam auf dem Wasser herangeglitten; vier Feldgraue saßen -auf der Strohladung des Schiffleins, und zu dieser netten Fahrt blies -einer die Mundharmonika; warme Sonne umglänzte das hübsche Bild, das -doppelt zu sehen war: in der Luft und im spiegelnden Wasser. Dazu der -französische Kontrast: ein grauenvoll verwüstetes Gehöft! Welch ein -entzückendes Landhaus mit Obstwiese und Blumengarten, mit Fischzucht und -Weihern, mit Rosenhecken und Lauben muß das gewesen sein, ehe der Krieg -begann! Und jetzt ein wüstes Durcheinander von verkohlten Balken, von -Brandschutt und zerstückelten Mauern! - -Ein Rauschen in den Lüften -- ein Flieger! Ich fand ihn mit dem Glas. -Ein deutscher Doppeldecker! Wie etwas ganz Feines und Zierliches flog -er zweitausend Meter hoch im Blau. Da begann auch schon die Kanonade -von der französischen Stellung her, ein feindliches Maschinengewehr -erhob seine langsame Unkenstimme: »Tack, tack, tack, tack ...«, und -neben der Sonne pufften in langer Reihe die grauen Kugelwölklein der -Schrapnellschüsse aus dem blauen Nichts heraus. In meiner Seele war -ein heißer Schrei: »Fliege, fliege, du deutscher Bruder da droben, -erfülle deine kühne Pflicht, laß dich nicht herunterholen vom Haß deiner -Feinde!« Er flog und flog, immer blieben die Explosionswölklein weit -hinter ihm zurück. Geradhin und ruhig segelte er wie ein wilder Schwan, -der die Tiefe verachtet. Keiner von den hundert Schüssen, die nach ihm -abgefeuert wurden, konnte ihn auch nur zum leisesten Ausbiegen von der -Richtung seines Erkundungsfluges zwingen. Im Glanz der Sonne, den meine -Augen nimmer ertrugen, verschwand er. Ich mußte zwei Worte flüstern: -»Deutscher Flug!« Aus diesen Silben und ihren Bildern wuchsen mir -stolze, hoffnungsfrohe Gedanken heraus. -- - -Ein zerrissener Wald, in den die Mittagssonne steil herunterglänzte. -Hier sah ich etwas Neues: einen von den großen Mörsern, die vor wenigen -Tagen hierhergebracht wurden. Steht ein Mensch neben solch einem -metallenen Ungetüm, so sieht er aus wie ein Zwerg neben einem Nashorn. -An der Kugel, die dieser deutsche Kampfgigant über zehn Kilometer -schleudert, haben vier Feldgraue zu schleppen. Und solcher Kugeln stehen -Hunderte aufgeschichtet, jede in ihrem binsenen Moseskörbchen! Ich -frage: »Wird geschossen?« -- »Vor dem Abend kaum. Der Feuerbefehl muß -von der Turmstelle kommen.« Also von dort, wo ich in einer Stunde sein -werde! - -Bei dem weiten Umweg über die Felder zappelt mir die Ungeduld in den -Beinen. Hinter einer Deckung erwarten uns die beiden Pferde. Wir reiten -los. Da beginnt auf einem langgestreckten Höhenzuge der frierende Riese -heftig mit den Zähnen zu klappern. Immer rascher klingt es ineinander, -fast ist es schon ein ununterbrochenes Salvenrollen. Und in vielen -Richtungen fangen die Geschütze zu dröhnen an, vorerst nur französische. -Jeder Schuß ist ein doppelter Donner: Abschuß und Granatenschlag. -Wir lassen die Pferde rennen, um so rasch wie möglich unser Ziel zu -erreichen. -- Da ist es! - -Auf einem von winzigen Waldflecken umhuschelten Hügel stand einmal ein -kleines Dorf. Jetzt ist es ein Schutthaufen, den alles Leben verlassen -hat. Nicht weit davon liegt die Trümmerstätte der kastellartigen Villa -mit dem hohen Turme, der noch immer steht. Wer diesen Turm erbauen ließ, -muß Ritterträume gehabt haben _à la_ Don Quixote! Vom Haus ist nimmer -viel übrig, und auch der Turm ist ausgebrannt bis in die zerrissene -Blechkuppel hinauf. Sein Inneres ist eng und dunkel; von den vier -verbrannten Turmböden sind nur noch ein paar verkohlte Balkenstümpfe -vorhanden. In diesem leeren Mauerdarme haben die deutschen Pioniere -acht Leitern hin und her übereinander gebunden. Draußen der ruhelose -Geschützdonner, im Turme das Schweigen. Aber ganz in der Kuppel droben -trillert ununterbrochen die Klingel eines Telephons. Und ruhige Stimmen -tönen herunter; immer wieder höre ich die beiden Worte: »Turmstelle -hier!« - -Während der Doktor die beiden Pferde irgendwo versorgt, beginn' ich zu -klettern. Durch schießschartenähnliche Fensterchen fällt spärliches -Licht herein; das hilft mir, die Leitergriffe zu finden. In der -dunklen Höhe stoße ich mit dem Kopf gegen etwas Hartes. Über mir eine -lachende Stimme: »Herein!« Ein schmales Falltürchen wird geöffnet. -Zwei feste Hände greifen herunter und ziehen mich vollends hinauf. Ein -freundlicher, aber kurzer Gruß des jungen Hauptmanns -- ich bekomme in -dem kleinen Dachkäfig ein Winkelchen, wo ich stehen muß, ohne mich viel -rühren zu können -- dann geht die ernste militärische Arbeit weiter, -mit raschen und knappen Schlagworten, die mir, da fast immer in Zahlen -geredet wird, eine unverständliche Sprache sind. Außer dem Hauptmann -ist noch ein Leutnant da, ein Unteroffizier zur Bedienung des Telephons -und einer zur Meßarbeit auf der Karte, die über ein Brett gespannt ist. -Zwischen dem Mauerbord und der Dachkuppel ist eine handbreite Lücke; da -kann man hinausgucken, kann sogar den Feldstecher dazwischenstecken. Und -während bei jedem schweren Granatenschlag das Gemäuer des Turmes leise -schüttert, beginne ich zu schauen, durchwühlt von einer heißen Erregung, -die mir fast den Atem erwürgt. - -Was ich sehe, ist ein Bild von unsagbarer Schönheit, ein wundervolles, -im Gold der Abendsonne leuchtendes Land. Als ich noch da drunten war, da -sah ich Hügel und Wälder; jetzt seh' ich nur einen ebenen Felderschild -mit dunklen Flecken, aus denen sich höhere Bäume zierlich oder seltsam -geformt herausheben. Zerstörte Dörfer und zertrümmerte Gehöfte sehen -aus wie kleine, gesprenkelte, sonderbare Blumen. Gleich den niederen -Versatzstücken einer Theaterdekoration schieben sich die Konturen -von Gehölzen und Ortschaften durch- und hintereinander, alles wie -niedliches Spielzeug. Ich sehe geschlängelte Bäche und schnurgerade -Straßenzüge, sehe weit in südlicher Ferne den blitzenden Lauf der Somme -mit ihren Sümpfen und Kanälen, und sehe -- vergleichbar einem endlosen, -vielgewundenen, doppelten Kupferkettchen -- die von Osten kommenden -und gegen Norden ziehenden Linien der deutschen und feindlichen -Schützengräben. Über allem der blaue Himmel mit seiner niedersteigenden -Sonne; und in der Tiefe ein feines, wunderlich zu Streifen gestaltetes -Nebelziehen, das sich unter dem ruhelosen Donner des Geschützkampfes -mehr und mehr zu verstärken scheint. - -Dieses herrliche Land da drunten? Ist das ein Herzogtum ohne Volk? -Nirgends ist ein Mensch zu entdecken, nirgends ein Bauer auf den -Feldern, nirgends ein Wagen, der sich bewegt, nirgends ein Tier der -Erde! Alle Schönheit da drunten ist leer und öde. Nur manchmal, unter -dem aufschreckenden Granatendröhnen, flattern braune, dichte Schwärme -von Wandervögeln nahe bei meinem Ausguck vorüber, wie Wolken von dürren -Blättchen, die der Sturmwind treibt. - -Mir werden Lippen und Zunge trocken, und vor Erregung fiebert mir jeder -Nerv im Leib. Immer spähe ich durch das Glas nach den Schützengräben, -bei denen der Riese mit den Zähnen schauert. Ich gewahre nichts, nichts, -nichts, keinen Rauch, keinen Feuerblitz, keine Bewegung, =nichts=! Und -immer dieses Donnern und Brüllen in der Luft! Gierig suche ich mit dem -Glas die bald umschleierte, bald wieder von Sonne leuchtende Leere -ab. In weiter Ferne, auf etwa vierzehn Kilometer, gewahre ich vor -einem Waldstreif vier kleine, weiße Punkte, als hätte man da ein paar -Taschentücher zum Trocknen aufgehängt. Jetzt bewegen sie sich langsam -und schweben aufwärts und werden größer, ein feindlicher Flieger. Das -Telephon klingelt und die ruhige Stimme des jungen Hauptmanns, der -beim Scherenfernrohr sitzt, gibt eine Meldung in Ziffern. Der Flieger, -den ich mit dem Glas beobachte, macht plötzlich eine Schwenkung, und -ich sehe einen zweiten erscheinen. Ist das ein Deutscher? Der den -Franzosen verfolgt? Beide verschwinden im Dunst. Während ich suche, -kommt mir eine kleine blaugraue Kugel mit langem Schwänzlein ins Glas: -ein französischer Fesselballon. Unbeweglich hängt er in der Luft, etwa -zwölf Kilometer von uns entfernt. Nun gleitet er zur Erde hinunter und -verschwindet hinter einem Waldstreif. Beim Scherenfernrohr ein kurzes, -heiteres Lachen: »Dem war unser Flieger nicht geheuer!« - -Allmählich wird der Geschützdonner seltener und verstummt beinahe ganz. -Die grauen Dünste in der Landschaft zerflattern und verschwinden. -Die Sonne ist rot geworden, Felder und Wälder gluten oder liegen in -schwarzblauem Schatten. Das Telephon trillert, der Hauptmann wird zum -Hörrohr gerufen. »Jawohl, Herr General, der Ballon ist niedergegangen.« -Ein langes, leises Geräusch im Apparat, ähnlich dem Krächzen eines -Grammophons, bevor es zu spielen beginnt. Da sieht der Leutnant, der den -Platz am Scherenfernrohr einnahm, daß der Fesselballon wieder hochgeht. -Die Meldung wird ins Telephon gegeben. Wieder beginnt im goldschönen -Abend dieses Brüllen und Dröhnen, das die Lüfte erschüttert, gleich dem -Donner eines grauenvollen Gewitters. Wieder die ruhige Zahlensprache und -die kurzen Worte. Meldung um Meldung kommt, Meldung um Meldung fliegt -zu den Batteriestellungen und zum Divisionsstabe. Ich möchte lauschen, -möchte diese Ziffern und Worte deuten, aber immer muß ich schauen und -suchen. - -Der Geschützkampf, der sich bisher in größerer Entfernung abspielte, -scheint sich näher heranzuziehen. Auf zwei Kilometer steht plötzlich ein -gewaltiger, grauschwarzer Rauchbaum in einem Acker. Ein Krachen, daß -mir die Ohren klingen. Schlag um Schlag. Eine ganze Reihe von solchen -Rauchbäumen fährt aus der Erde heraus, dicht bei einem Wallstrich -unserer Schützengräben. Der Granatenregen kommt von zwei französischen -Batterien; ihr Feuer wird vom Fesselballon geleitet; sie schießen gut; -in gerader Zeile setzen sie eine Granate dicht neben die andere. Immer -muß ich an die Unseren in dem mit Flammen und Eisen überschütteten -Graben denken, und während mir das Gesicht brennt, rinnen mir kalte -Schauer durch das Herz. - -Die Sonne ist schon drunten, immer grauer wird die Dämmerung, immer -dichter dieses Dunstgewoge. In dem engen Dachkäfig des Turmes ist es -schon so dunkel geworden, daß man die Karte beim Messen nimmer ablesen -kann; man muß sie mit einem elektrischen Taschenlämpchen beleuchten. -Die Worte, die ich höre, lassen mich vermuten, daß die eine der beiden -feindlichen Batterien -- eine Waldbatterie -- jetzt gleich unter -deutsches Feuer genommen wird. Nach der anderen sucht der Hauptmann -mit dem Scherenfernrohr. »Da drüben, dreihundert Meter westlicher, -muß sie stehen, aber die Stellung verschwimmt im Dunst.« Ich spähe -durch mein Glas -- und ein Zufall will es, daß ich in der Dämmerung -die Stichflamme eines feuernden Geschützes erkenne. Im Scherenfernrohr -sieht der Hauptmann noch den Feuerstrahl von zwei weiteren Geschützen. -Durchs Telephon fliegt der Bereitschaftsbefehl zu den Mörsern. Aber -bis im Dunkel des Turmkäfigs bei Laternenschein die Richtung auf der -Karte gemessen und die Entfernung, achttausend Meter, berechnet werden -konnte, ist draußen der Abend schon so tief gesunken, daß das Feuer der -Mörser dem Feind ihre Stellung verraten würde. Das Telephon trillert. -»Die Mörser bleiben in Richtung. Schluß.« Eine andere Meldung geht zum -Stab. Und plötzlich dröhnen viele deutsche Schüsse rasch ineinander -- -weit aus den Lüften hör' ich etwas wie das ferne Sausen eines wackligen -Eisenbahnzuges -- und dort, wo die feindliche Waldbatterie gestanden, -seh' ich etwas Furchtbares und Wildschönes aufbrennen. Sieben oder acht -Granaten müssen es gewesen sein, die innerhalb zweier Sekunden auf die -gleiche Stelle gefallen sind. Für meine Augen sah es aus, als wär's nur -eine einzige Flamme, die wie ein riesiges Irrlicht zuckend und sinnlos -umherhüpfte. Eine schwere Wolke wirbelt da drüben in die sinkende -Nacht hinauf, die Stelle umhüllt sich mit Dunst -- und dann erst, da -alles für den Blick schon verschwunden ist, hört man den dröhnenden -Explosionsdonner und sein Echo. - -Eine ruhige Stimme sagt: »Die ist erledigt. Die andere kommt morgen -dran!« - -Nun tiefes Schweigen in der Dunkelheit. Kein Schuß mehr. Nichts. - -Ich kann nicht sprechen. Ganz stumm bin ich. Und während ich mich in der -Finsternis des Turmes über die Leitersprossen hinuntertaste, kommt mir -eine Erinnerung aus meiner Kinderzeit. Damals, 1864, sah ich in einem -Guckkasten die Beschießung der Düppeler Schanzen. Das war anders! - -Wir reiten durch die still gewordene Nacht. Zwischen den erwachenden -Sternen glänzt die feine Goldspange des zunehmenden Mondes. Das ganze -Rund seiner Scheibe ist als bläulicher Hauch zu erkennen. Sein Licht -wird wachsen mit jedem Tag, wird schön und vollkommen werden. Ich fühle -diesen Gedanken wie ein Gleichnis für den deutschen Sieg. - -Auf der dunklen Straße begegnen uns die langen Züge der zu ihren -Quartieren heimkehrenden Verstärkungstruppen; ihr Eingreifen ist nicht -nötig geworden; der Vorstoß, den die Franzosen versuchen wollten, -zerflatterte, bevor er noch richtig begonnen hatte. - -Die Feldgrauen, die in der Finsternis an uns vorübermarschieren, singen -nicht; sie reden mit ruhigen, halblauten Stimmen; und die Funken ihrer -Zigarren und Pfeifen wehen leuchtend in die Dunkelheit hinaus, gleich -schwärmenden Glühwürmchen einer Frühlingsnacht. - - - - - 12. - - - 21. Februar 1915. - -Wenn wir daheim den militärischen Tagesbericht studieren und dabei -die häufig wiederkehrende Stelle finden: »Im Westen hat sich nichts -Wesentliches ereignet« -- dann pflegen wir uns in Mißmut und Unbehagen -mit der Erörterung von Dingen und Taten zu beschäftigen, die nach -unserer Meinung notwendig geschehen müßten, aber unbegreiflicherweise -unterlassen werden. Keine von unseren Vorstellungen vom Kriege -ist so ungerecht wie diese! Gerade in den Zeiten, in denen wir -Daheimgebliebenen nichts von Siegen zu hören glauben, wird hier im Felde -so viel tüchtige, musterhafte und erfolgreiche Arbeit geleistet, daß ich -Glücklicher, der ich diese rastlose deutsche Tat jetzt mit eigenen Augen -sehen darf, jeden Tag mit dem frohen Gefühl beschließe: »Heute hab' ich -wieder einen großen deutschen Sieg gesehen!« - -Wie die »Ruhepausen« in den Schützengräben aussehen, wie hier in -bewundernswerter Ausdauer jede Minute bei Tag und Nacht benutzt wird, -wie man schaufelt und schanzt und unsere Stellungen in unzerbrechbare -Erdfestungen verwandelt, wie man mit äußerster Kraftanstrengung alles -erzwingt, was die Gefahr für unsere Feldgrauen vermindern und ihre -namenlose Mühsal etwas erträglicher machen kann -- davon habe ich -schon erzählt. Nun laßt mich heute davon sprechen, wieviel stille -deutsche Siege =hinter= der Front erfochten werden. Und je weniger -Nervengeprickel in den Schilderungen dieser von keinem militärischen -Tagesbericht verkündeten Siegesarbeit sein kann, um so aufmerksamer müßt -ihr daheim gerade =diese= Bilder betrachten. Sind die Siege an der Front -die weithin läutenden Türme unserer Kraft, so ist die Arbeit hinter der -Front das Fundament, auf dem sie errichtet werden und das sie trägt. - -Vor allem will ich da erzählen, was unsere deutschen Mütter und Frauen -mit tröstendem Aufatmen hören werden: in welcher Weise hier im Feld für -Ernährung, Unterkunft und Gesundheit ihrer Söhne und Männer gesorgt -wird. Wie es mit solchen Dingen bei den Heeren unserer Gegner gehalten -wird, das weiß ich nicht. Aus eigener Anschauung muß ich aber glauben: -=so, wie bei uns, kann es nirgends sein=! Was ich hier gesehen habe, das -kann nur =deutsche= Schulung, nur deutsche Umsicht und Fürsorge fertig -bringen! - -Ich will einen typischen, das Ganze im kleinen illustrierenden -Einzelfall herausgreifen, den ich selbst mit angesehen habe. Ein -Rekrutennachschub von dreitausendfünfhundert Mann war angemeldet, und es -hieß: in =vier= Tagen kommen sie, und bis dahin muß alles Nötige für die -Unterkunft der Leute fertig sein. Am Mittag des vierten Tages =war= es -fertig! Die Bahnzüge kamen, einer flink hinter dem anderen, und entluden -dieses junge Gewimmel der Feldfrischen. Hier, tief in Feindesland, -sechs oder sieben Kilometer hinter der Front, an der gekämpft wird, -funktioniert dieser gewaltige Bahnbetrieb mit der gleichen Ordnung und -Pünktlichkeit, wie wir sie bei uns daheim in friedlichen Zeiten kennen. -Eine lange Reise macht hungrig. Also das erste: die Leute müssen satt -werden. In einer von allem Französischen gesäuberten Güterhalle sind -in langen Reihen die hölzernen Tische und Bänke aufgeschlagen. Wer es -sieht, denkt an einen Münchner Bräukeller. Die »Gulaschkanonen« dampfen, -und in einem qualmenden Nebenraum sind Backsteinherde mit eisernen -Kesseln gebaut -- in diesen Kesseln, die aus einer Spinnerei stammen, -wurde früher die französische Seide gedünstet; jetzt siedet da drin für -unsere Deutschen das belgische Ochsenfleisch. Der Krieg nimmt, was er -brauchen kann und was ihm nützlich ist. Und nun sitzen die paar tausend -Feldgrauen auf den langen Holzbänken, lachend und schwatzend, und jeder -bekommt sein festes Mahl, jeder seinen Krug Bier, gutes Bier, das hier -von deutschen Brauern für die Unseren gesotten wird. - -Vom Bahnhof marschieren die Gesättigten zu ihren Quartierstellen, und -wenn sie von der nahen Front her den ersten Kanonendonner hören, blitzen -ihre Augen vor Ungeduld. Wo sie hinkommen, in Häusern, Meierhöfen, -Fabriken oder Schulen, finden sie alles zu ihrer Unterkunft bereit; -auf jeder Türe steht angeschrieben, wieviel Mann hier wohnen sollen. -Fünfzehnhundert werden untergebracht in einer großen Tuchfabrik. Vier -riesige Webersäle mit guter Luft und hellen Oberlichtfenstern. Aus drei -von diesen Sälen wurden die mechanischen Webstühle herausgeschleppt -und im vierten dicht aneinander gerückt; ein bißchen schnell hat es -gehen müssen; wenn der »abgereiste« Fabrikant dereinstens heimkehrt, -wird er geraumer Zeit bedürfen, um diesen eisernen Hexenknäuel wieder -auseinander zu dröseln. Die drei freigemachten Säle sind verwandelt -in Schlafräume; was in der Umgegend an Bettstellen noch aufzutreiben -war, wurde hier zusammengetragen; daneben lange Reihen von Lagerstätten -auf dem mit Brettern belegten Boden: für jeden Mann ein doppelter -Strohsack, eine wollene Decke, ein Kissen, ein Handtuch; jeder hat sein -Brettregal für den kleinen Kram, und die ganzen Räume sind durchzogen -von Lattengestellen für Waffen, Mäntel und Tornister. Jeder Feldwebel -bekommt separat seinen Bretterverschlag, der verwandelt ist in ein -wohnliches Stüberl. Auch die Kochherde mit Geschirr, die Waschküchen -und Desinfektionsräume, alles steht schon zum Gebrauche bereit. Und das -alles wurde herbeigeschafft und fertiggestellt in =vier= Tagen. Wie -schwatzlustig man sein mag, beim Anblick einer solchen Arbeitsleistung -wird man still. - -Ehe die Neugekommenen ruhen dürfen, müssen sie sich säubern. Und da -hab' ich ein Bild gesehen, das mir mein Lebenlang in froher Erinnerung -bleiben wird. Die Tuchfabrik, in der die Fünfzehnhundert einquartiert -wurden, hat eine mächtige Wäschereihalle. Die Maschinen, die -Rohrleitungen, die Transmissionen, die Treibriemen, alles ist noch da. -Aber jede Wasserpumpe ist in eine Badebrause umgezaubert, und in den -tiefen, halbstubengroßen Holzkufen, in denen früher die neugewobenen -Tücher gesotten und ausgewaschen wurden, sitzen jetzt unsere deutschen -Jungen im dampfenden Wasser, ein Dutzend in jeder Kufe, die Arme und -Köpfe von Seifenschaum bedeckt, rippelnd und scheuernd und plätschernd, -munter und schreivergnügt wie pritschelnde Dorfbuben. - -Aus diesem Bild redet eine so gesunde Lebensfreude heraus, daß ich sie -nicht zu schildern vermag. Und beim Anblick dieser lustigen Köpfe und -dieser blinkweißen Jünglingsschultern mußte ich mich der schwarzgrau -gewordenen Gesichter und Fäuste jener dreiundfünfzig toten Franzosen -erinnern, die seit acht Wochen vor dem feindlichen Schützengraben von -Maricourt liegen, verlassen von ihren Brüdern, verlassen von ihrer -pietätlosen Heimat! Wie zwischen einzelnen Menschen, so gibt es auch -zwischen Völkern sieghafte Unterschiede. Aber wir, natürlich wir, -sind die »Barbaren«, und Frankreich »marschiert an der Spitze der -Zivilisation«! - -Wie ich Unterkunft, Verpflegung und Hygiene unserer Truppen hier an -einem Einzelfall im kleinen geschildert habe, so wird es innerhalb der -Möglichkeitsgrenzen im großen durch das ganze deutsche Heer gehalten, -immer nach dem Grundsatz: Die Gesundheit des Soldaten ist sein Schild -und seine stärkste Waffe. - -In =jedem= mit deutschen Truppen belegten Städtchen, sogar in -jedem Dorfquartier wurde eine Badegelegenheit eingerichtet. Wo nur -zwanzig Feldgraue beisammen sind, gibt es wenigstens ein mit Blech -ausgeschlagenes Fußbad und eine Warmwasserdusche. In Peronne wurde -eine militärische Badeanstalt installiert, in der immer hundert Mann -gleichzeitig baden können. Ein Erquicken ist es, das anzusehen: wie -die Leute, die nach der Ablösung aus dem Schützengraben dreckig da -hineinwandern, frisch und sauber wieder herauskommen, jeder mit dem -zusammengewickelten Handtuch unter dem Arm. In dieser Badeanstalt -gibt es sogar ein =elektrisches Lichtbad= zur Bekämpfung der -Schützengraben-Rheumatismen -- eine große Warenkiste, deren Deckel mit -einem Halsausschnitt versehen ist, und deren Inneres mit Wachsleinwand -tapeziert und mit Glühlampen behängt wurde. - -Dieser obligatorische und streng überwachte Badebetrieb ist ein -gesegnetes Mittel gegen Krankheiten und Verlausung, ein wunderwirkender -Erneuerungsbrunnen für die körperliche Spannkraft unserer Soldaten. Aber -der Krieg schlägt Wunden, und die Mühsal des Dienstes ist eine so harte, -daß sie trotz aller hygienischen Fürsorge schließlich doch manchem -Feldgrauen die feste Gesundheit erschüttert. Wie diese Verwundeten und -Erkrankten in unseren Feldlazaretten betreut werden, das glauben wir -in der Heimat zu wissen. Es hat mich aber doch ein frohes, dankbares -Staunen befallen, als ich dieser Tage das Lazarett von Caudry besuchte. -Vor vier Monaten war das noch eine französische Spitzenfabrik. Jetzt -steht da ein deutsches Lazarett von so mustergültiger Ordnung und -Einrichtung, daß man Riesenkräfte haben möchte, um es vom französischen -Boden wegzuheben und in eine deutsche Stadt hineinzustellen. Da -sieht man =nichts= mehr, was den Anschein des in Eile und notdürftig -Adaptierten hat, alles ist so, als wär' es von Anfang für sanitäre -Zwecke gebaut und eingerichtet. - -Die vom üblichen französischen Schmutz versumpften Höfe wurden mit -gepflasterten Wegen durchzogen, alle Gebäude und Räume spiegeln -von Sauberkeit, alle Mauern sind weiß getüncht und sehen aus, als -wären sie mit frischgewaschener Leinwand überzogen. Von der nächsten -Bahnstation wurde ein Geleise bis vor die Tür des Lazaretts gelegt, -damit die Verwundeten und Kranken ohne Gerüttel und Plage hergebracht -werden können. Die innere Einrichtung ist gegliedert wie in jedem -großen städtischen Spital. Neben der Amtsstube und den Zimmern der -Ärzte und Schwestern ist die Apotheke, ein zahnärztliches Atelier, -der Operationssaal und die Röntgen-Kammer. Alle Wirtschaftsräume, -die appetitlichen Vorratshallen, die große Küche, die Spülkammer, -die Wäscherei, der Trocknungsraum und die Bügelstube, das alles ist -praktisch und bequem aneinander gereiht zu einem zusammenhängenden -Ganzen. Im Oberstock sind die Nähstuben für Anfertigung der -Lazarettkleidung und Bettwäsche, sowie die Handwerksräume, die -Schneiderwerkstatt und Schusterei, wo die Uniformen und Stiefel der -eingebrachten Verwundeten gesäubert und ausgebessert werden. In einem -großen Dachraum liegen diese neu hergerichteten Soldatenhüllen mit -Helmen und Waffen in langen Reihen, Nummer an Nummer, und warten auf -das genesene Leben, das wieder in sie hineinschlüpfen und wieder dem -Vaterlande dienen soll. Das stille Bild dieser Kriegsgarderobe hat etwas -tief Ergreifendes. Und unter solch einem feldgrauen Kleiderbündelchen -seh ich nur =einen= braunen Soldatenstiefel stehen. Wo mag der andere -geblieben sein? Und der Fuß, der dazu gehörte? - -Das Lazarett hat zwölfhundert Betten. Alle waren schon in Gebrauch. -Jetzt, Gott sei Dank, sind nur fünfhundertsiebzig belegt. Tritt man -in einen dieser breiten und langen Bettsäle, so hat man nicht den -Eindruck eines Krankenraumes. Man glaubt: das ist eine weiße, luftige -Erholungshalle, durch deren große Deckenfenster eine Fülle ruhigen -Lichtes hereinströmt. Die meisten der Genesenden sind schon außer Bett; -sie plaudern oder schreiben Briefe, lesen oder spielen und tragen die -hellen, sauberen Lazarettkittel, die aus requirierten belgischen Stoffen -von französischen Näherinnen gefertigt wurden. Alle Betten sind weiß -- -gute eiserne Bettstellen mit Drahtfederung und dreiteiligen Matratzen -- -und zu Häupten eines jeden Bettes hängt ein Täfelchen mit dem Namen des -Bettgastes und dem Datum seiner Ankunft. Nur in wenigen Gesichtern ist -noch die Blässe des überstandenen Leidens, fast in allen schon die gute -Farbe der wiederkehrenden Gesundheit. Ich spreche mit vielen, auch mit -solchen, die noch liegen müssen. Nie hör' ich eine Klage, nie einen Laut -des Mißmutes, höre nur gutmütige, herzhafte, auch heitere Antworten, und -in allen, wie verschieden sie auch klingen, ist immer der gleiche Sinn: -»Jetzt darf ich bald wieder antreten!« - -Bei einem von denen, die noch liegen, zeigt die weiße Bettdecke eine -Form, als wäre unter ihr etwas nicht mehr vorhanden, was zu einem -ganzen Menschen gehört. Ob es =der= ist, für den der einsam gewordene -Stiefel aufbewahrt wird? Ich bring' es nicht fertig, diesen Kranken -nach seiner Verwundung zu fragen, drücke stumm seine Hand und nicke -ihm zu; auch er lächelt und nickt, aber seine Augen werden ein bißchen -feucht. Und gleich beginnt eine Schwester heiter und herzlich mit ihm -zu plaudern. Von solchen Schwestern in ihren dunklen Kleidern sind etwa -zwanzig in dem großen weißen Saal -- ernste und dennoch freundliche -Frauen- und Mädchengesichter mit guten Augen -- man möchte einer jeden -in deutscher Dankbarkeit die hilfreichen Hände küssen. - -In mir ist eine Stimmung, die sich wunderlich mischt aus tiefer -Erschütterung und glücklichem Aufatmen. Was könnte einen Deutschen -froher machen, als mit eigenen Augen sehen zu dürfen: =so= werden unsere -leidenden Soldaten gepflegt und wieder dem Leben entgegengeführt. - -Es fällt mir schwer, dieses weiße Heiligtum der deutschen -Lebenserneuerung zu verlassen. Auf der Schwelle muß ich zögern, muß -das Gesicht drehen. Und da fällt mir etwas auf, was ich vorher nicht -bemerkt hatte, etwas mir Unverständliches; über die Decke des langen -Saales, in welchem früher die Spitzenwebstühle standen, zieht sich -eine Transmissionswelle mit vielen Riemenscheiben hin; und diese -Welle =läuft=, ganz leer, ohne Riemen, lautlos. Mein liebenswürdiger -Führer, General v. Nieber, der mit den Ärzten seiner Etappe dieses -mustergültige Kriegslazarett geschaffen hat, erklärt mir die sonderbare -und anscheinend zwecklose Sache: »Wenn die Welle längere Zeit -unbeweglich liegt, rosten die Lager und verderben. Drum lassen wir alle -Transmissionen abwechselnd jeden Tag eine Stunde lang laufen. Wenn der -Besitzer dieser Fabrik wieder heimkommt, soll er sein Eigentum so weit -in Ordnung finden, als es der Krieg und die Fürsorge für die Unseren -erlaubte.« - -Ein deutsches Wort! Ob es von dem Fabrikbesitzer -- »_il est parti!_« --- bei der Heimkehr den verdienten Dank erfahren wird? Ich besorge: der -wird nur entdecken, was der Krieg ihm verdarb, und wird für das, was -deutsche Gewissenhaftigkeit ihm unverdorben bewahrte, kein sehendes Auge -haben. - -Nicht weit von Caudry, in Le Cateau, befinden sich die ebenso musterhaft -eingerichteten Genesungsheime für Mannschaften und Offiziere, umgeben -von einem lückenlosen Apparat für gute Ernährung. Da ist alles -herbeigeschafft, was dem Erstarken der Gesundheit dienen kann. Und -weil frische Eier für Rekonvaleszenten sehr bekömmlich, aber im -geflügelverschlingenden Kriege und dazu noch im Winter äußerst selten -sind -- es wurde einmal für dreißig Eier ein Automobil in Tausch gegeben -und für ein halbes Pfund Butter ein ganzes Veloziped -- drum haben die -deutschen Ärzte in Le Cateau eine geheizte Hühnerzucht installiert. Ein -großer Scheunenraum wurde in ein Warmhaus für tausend Hennen verwandelt, -und ein beharrlich glühender, von einem Drahtgitter umzogener Ofen redet -dem gackernden Völklein der gefiederten Französinnen mit lieblichen -Wärmestrahlen zu, recht viele, viele Eier für unsere genesenden -Feldgrauen zu legen. Zwanzig gallische Hähne befördern das nützliche -Werk. Überraschenderweise vertragen sie sich sehr gut miteinander; sie -haben der Friedensarbeit so viel zu verrichten, daß sie der angeborenen -Kriegslust völlig vergessen. - -Hinter diesem heiteren Bildchen steht eine ernste Wahrheit. Wieviel -deutsche Hände mußten sich rühren in ruhelosem Fleiß, wieviel kluge -Gedanken mußten in deutschen Gehirnen aufglänzen, wieviel Geduld mußte -sich in hilfreiche Arbeit verwandeln und wieviel energischer Wille mußte -umgesetzt werden in wirksame Tat, bis innerhalb weniger Monate ins -Leben gerufen war, was ich auf Schritt und Tritt hier leuchten sehe als -ruhmvollen Sieg der deutschen Regsamkeit und des deutschen Wesens. - - - Verlag von =Adolf Bonz & Comp.= in Stuttgart - - - - - $Eiserne Zither$ - - Kriegslieder - von =Ludwig Ganghofer= - - 1914/15 - - Erster Teil -- 16. Tausend - Zweiter Teil -- 10. Tausend - Klein-Oktav. In Leinwand gebunden M. 1.--. - - -=Auszüge aus Urteilen der Presse=: - -Wer diese weichen und doch herzhaften, diese poetischen und doch ganz -realistischen Verse liest, der wird, wenn er ein Deutscher ist, seine -Seele in ihnen wiederfühlen. Dr. St. - - (=München-Augsburger Abendzeitung=.) - -Das Buch kann als ein vorzügliches Werk der Kriegsliteratur bezeichnet -werden. Sein Studium bereitet Genuß und ist zugleich Erbauung. - - (=Darmstädter Tagblatt=.) - -Vaterlandsliebe und heiliger Zorn haben ihm diese aus tiefster Seele -flutenden Verse eingegeben; ungekünstelt, aber voll heißen Lebens -klingen diese Verse, die aus der deutschen Not geboren und vom Glauben -an Deutschlands Recht und Sieg durchzittert sind. - - (=Schwäbischer Merkur, Stuttgart=.) - -Gehaltvolle, geharnischte Lieder des berühmten kerndeutschen Erzählers. - - (=Braunschweigische Landeszeitung=.) - -Es sind zündende, poetisch schöne Gedichte über Kriegs- und damit -zusammenhängende Ereignisse, welche der allgemein bekannte und beliebte -Dichter uns bietet. Wir sind überzeugt, daß die hübsch ausgestattete -Sammlung Begeisterung hervorrufen und in allen deutschen Landen guten -Absatz finden wird. - - (=Volckmar's Weihnachts-Katalog=.) - -Diese Kriegslieder gehören mit zum Besten, was die eiserne Zeit bisher -hervorgebracht hat. Sie reißen unwillkürlich mit fort und müssen auch -den Sorgenvollen guten Mutes machen. - - (=Die Wartburg, Leipzig=.) - - - Verlag von =Adolf Bonz & Comp.= in Stuttgart - - - - - 1914 ist erschienen: - - $Der Ochsenkrieg$ - - Roman aus dem 15. Jahrhundert - von =Ludwig Ganghofer= - - 1. bis 15. Tausend - - 2 Bände. Oktav. Geheftet M. 8.-, fein gebunden M. 10.-. - - -Ganghofer bietet das nicht alltägliche Schauspiel eines Dichters, -der nach einer dreißigjährigen Produktion noch jugendfrisch, ohne -Altersrunzeln der Ermüdung dasteht, und dessen jüngste Schöpfung im -Glanz edler Meisterschaft alle Qualitäten seiner Dichternatur in -unverminderter Kraft offenbart. In keinem seiner früheren Werke hat -er seine kompositorische Kraft in so hohem Maße wie hier bewiesen. Er -fesselt den Leser gleich mit dem dramatisch wuchtigen Auftakt des Romans -und läßt ihn bis zur letzten Zeile nicht los. Das Mittelalter mit seiner -wilden Brutalität, mit seiner derben Erotik, mit seinem Elend, seiner -Pestilenz und mit seiner bei alldem doch urwüchsigen Kraft, steht, mit -realistischen Mitteln hervorgezaubert, in leuchtenden Visionen vor uns. -Markig sind die Hauptgestalten des Romans gezeichnet, mit überzeugendem -Leben gefüllt. Eine Figur verdient ganz besonders hervorgehoben zu -werden: der Söldner Malimmes, ein köstlicher Bursche, der in seiner -Art das deutsche Wesen ebenso vollwichtig repräsentiert, wie Cyrano de -Bergerac das Franzosentum. Hier hat ein Poet seine Löwenklauen gezeigt. -Der »Ochsenkrieg« ist ein meisterhaftes Kulturgemälde; als Roman ist das -Buch durch seine Naturschilderungen, durch seine Charakterzeichnung und -durch die suggestive Kraft der Sprache dem Besten ebenbürtig, was die -deutsche Kunst auf erzählendem Gebiet gezeitigt hat. - - (=Neues Wiener Tagblatt.=) - - [Illustration] - - Ullstein & Co - Berlin SW 68 - - - - - -End of Project Gutenberg's Reise zu deutschen Front, by Ludwig Ganghofer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE ZU DEUTSCHEN FRONT *** - -***** This file should be named 44961-8.txt or 44961-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/4/9/6/44961/ - -Produced by Franz L Kuhlmann, Norbert H. 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