summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/44961-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '44961-0.txt')
-rw-r--r--44961-0.txt4017
1 files changed, 4017 insertions, 0 deletions
diff --git a/44961-0.txt b/44961-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..ce93251
--- /dev/null
+++ b/44961-0.txt
@@ -0,0 +1,4017 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44961 ***
+
+ [* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *]
+ [* Anmerkungen zur Transkription: *]
+ [* Es stehen *]
+ [* _ - Zeichen für "non-Fraktur" -in diesem Text- *]
+ [* für "fremdsprachliche" Phrasen *]
+ [* = - Zeichen für "gesperrte" Phrasen *]
+ [* $ - Zeichen für "fett gedruckte" Phrasen *]
+ [* [+] - Zeichenfolge für Kreuzsymbol *]
+ [* [Illustration] für das Logo des Ullstein Verlags *]
+ [* *]
+ [* Der Text ist unverändert aus dem Original übernommen. *]
+ [* Ausnahme: "stummgemacht" geändert in "stumm gemacht" *]
+ [* (Falsches Trennzeichen bei Zeilen- UND *]
+ [* Seitenumbruch im Original) *]
+ [* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *]
+
+
+
+
+ Ullstein
+ Kriegsbücher
+
+
+
+
+ Reise zur
+ deutschen Front
+ 1915
+
+
+ Reise zur
+ deutschen Front
+ 1915
+
+ =von=
+
+ Ludwig
+ Ganghofer
+
+ [Illustration]
+
+ =1915=
+ Verlag Ullstein & Co Berlin / Wien
+
+ 150. bis 200. Tausend
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
+ Amerikanisches Copyright 1915 by Ullstein & Co, Berlin.
+
+
+
+
+ 1.
+
+
+ 12. Januar 1915.
+
+Ich soll das Gesicht dieser großen Zeit mit eigenen Augen sehen. Die
+Erwartung brennt in mir wie ein Höhenfeuer.
+
+Gleich am ersten Abend der Reise, in Frankfurt, faßt mich ein starker
+Eindruck. Hier sieht der mächtige Bahnhof aus wie eine Festungshalle.
+Ein von Westen kommender Zug schüttet ein paar hundert Offiziere
+und Mannschaften aus. Meist sind es Leichtverwundete. Ein junger,
+bildhübscher Offizier, den geschienten, dick verbundenen Arm in
+der Schlinge, den Waffenrock umgehängt, macht sich vor dem Zug ein
+bißchen Bewegung und raucht dazu mit Behagen seine Zigarette. Ein
+Schwerverwundeter wird auf einem Wägelchen rasch vorübergefahren.
+Ich sehe ein abgezehrtes Leidensgesicht mit sehnsuchtsvollen Augen.
+Das Gezitter und Gewackel des Wägelchens, auf dem der Brave an mir
+vorbeigefahren wird, scheint ihm schwere Schmerzen zu verursachen.
+Ich höre sein leises, ein bißchen unwilliges »Ach!«. Dann dreht er
+langsam das Gesicht auf die andere Seite und schließt die Augen. Das
+Wägelchen verschwindet im Gewühl der Feldgrauen. Sehr viele von ihnen,
+Offiziere und Mannschaften, tragen das Eiserne Kreuz. Alle tragen es mit
+sichtlichem Stolz, jeder scheint sich still innerlich zu freuen, wenn
+es gesehen wird und einen dankbaren Blick erweckt. Ja! Dankbar müssen
+wir jedem sein, der dieses Zeichen der deutschen Ehre trägt. Und daß wir
+der Ausgezeichneten so viele sehen, das muß uns freudig stimmen, muß uns
+Vertrauen und Ruhe geben. Ein Heer von Helden! Wer, außer Gott, könnte
+uns besser schützen?
+
+Neben den Verwundeten sind viele, die nur heimkehren, um irgendeinen
+militärischen Auftrag auszuführen. Ihr Auftreten ist ernst und würdig,
+ihr Schritt rasch und beschwingt. Überaus wohltuend ist die Fürsorge,
+die man diese Offiziere den Mannschaften erweisen sieht. Wenn da ein
+Soldat steht, der etwas ratlos herumsieht und nicht weiß, was er
+beginnen soll, ist gleich ein Offizier bei ihm und fragt: »Was ist
+mit Ihnen, woher kommen Sie, wohin wollen Sie, haben Sie einen guten
+Platz?« Jedes Anliegen findet Hilfe. Ich sehe einen Offizier, der den
+Arm um einen blassen, müd und schwerfällig vorwärts tappenden Soldaten
+geschlungen hält und den Schaffner des Schlafwagens anruft: »Haben Sie
+noch Platz? Der Mann muß ein Bett haben.« Die Antwort: »Alles besetzt!«
+Und der Offizier sagt: »Dann geben Sie dem Mann mein Bett, er muß
+liegen, muß schlafen können, ich komme schon irgendwo unter.« --
+
+Früh, vor Tageserwachen, geht die Reise weiter. Ich bin der einzige
+Zivilist in dieser endlos scheinenden Wagenkette. Das zu wissen, ist
+unerquicklich. Die Zeit ist so, daß man als Nicht-Soldat immer in
+Versuchung gerät, sich seines bürgerlichen Rockes zu schämen. Außer
+mir und vielen hundert Soldaten ist nur noch ein junges Mädel im Zuge.
+Wahrhaftig, ich bin in großer Sorge um ihr Schicksal. Sie selbst ist
+vergnügt und plaudert lebhaft. Ihr Kupee ist überfüllt, und ein halbes
+Dutzend der Feldgrauen steht noch lachend um die Türe herum. Das mindert
+die Gefahr.
+
+Der Morgen beginnt zu grauen, während der Zug aus der mächtigen
+Frankfurter Bahnhofshalle hinausrollt. Gleich vielen großen
+Morgensternen hängen die hochmastigen Streckenlampen in der stahlblauen
+Luft. Die Häuser gleiten vorüber, mit Hunderten von erleuchteten
+Fenstern. Am Morgen hat ein erleuchtetes Fenster etwas Widersinniges;
+bei seinem Anblick hat man unwillkürlich das Gefühl: es ist nicht
+Morgen, es will Abend werden. Mir rinnt es bei diesem Gedanken heiß
+durch Seele und Knochen. Nein! In Deutschland geht es nicht einem Abend
+und nicht der Nacht entgegen; ein Morgen wird kommen, schöner als jeder
+Morgen, den das deutsche Volk noch jemals erlebte.
+
+Ein Dröhnen und Rauschen. Der Zug gleitet über die eiserne Brücke,
+und gleich einem wundervollen Silberband, das die Ferne mit der Nähe
+verknüpft, so glänzt der Mainstrom ins erwachende Land hinaus.
+
+Immer wieder übersetzt der Zug eine Straße und immer seh' ich das
+gleiche Bild: bei den Schlagbäumen stehen lange Züge von Soldaten,
+die auf ihrem Wege zum Exerzierplatz einige Minuten aufgehalten sind.
+Millionenheere stehen draußen im Kampfe, und noch immer wimmelt die
+ganze Heimat von Feldgrauen. Überall Soldaten, Soldaten, Soldaten! Und
+jeder von ihnen hat ein gesundes deutsches Herz und zwei kraftvolle
+Fäuste, jeder von ihnen ist ein Vertrauender, ein Lachender! --
+Deutschland! Nur die Törichten und Engherzigen können in Sorge geraten
+um deine Zukunft.
+
+Heller und heller wird der Morgen. Kleine Städte mit lieblichen
+Silhouetten huschen vorüber und Dörfer, in denen schon die Arbeit des
+Tages beginnt. Von außen klingt keine Stimme herein in den rauschenden
+Zug; aber man sieht eine ruhige Heiterkeit in allen Gesichtern.
+
+Gut gepflegte Wälder wechseln mit sauber abgeernteten Fluren, auf
+denen der milde Winter das Grün schon daumenhoch wachsen ließ. Dann
+wieder die braunen Spitzdächer zwischen großen Obstgärten, in denen
+die regelmäßigen Reihen der Apfelbäume mit den kalkweiß angestrichenen
+Stämmen aussehen wie Nymphenburger Tafelaufsätze.
+
+In der Nähe und in der Ferne mehren sich die hoch emporgestreckten
+Schornsteine der Industriestätten. So viele sind es, daß man glauben
+könnte, Gott hätte soeben durch diesen erwachenden Morgen vom Himmel
+herunter gerufen: »Fleißiges Volk der Deutschen, wo bist du?« Und
+unzählige riesige Steinfinger fuhren in die Höhe: »Da bin ich!«
+
+Unter dunstigen Schleiern schwingen sich drei mächtige Bogen über blaue
+Lufträume hinüber: eine Rheinbrücke!
+
+Rhein!
+
+Tausend deutsche Lieder klingen aus diesem Worte, tausend Bilder der
+Vergangenheit tauchen herauf aus der schimmernden Tiefe dieser einen
+Silbe. Von allen Zukunftsbildern, die sich mit dem Rhein verweben, seh'
+ich nur immer dieses Eine mit dem ewigen Eigenschaftsworte: =Deutsch=!
+
+Der Morgen ist klar geworden, mit einem weißen Himmel, aus dem wie ein
+winkender Feuerfinger das Mondviertel herausbrennt. Mit hell erwachenden
+Farben wellt sich die Umgebung von Mainz in die Ferne, eine reizende,
+liebenswürdig gegliederte Landschaft.
+
+Jetzt fahr' ich über die drei hohen Eisenbogen, die ich vor einer Weile
+gesehen. Wie eine wohlhabende und ordnungsliebende Hausfrau vor einem
+befreundeten Gast ihre Laden und Truhen öffnet, so kramt eine große,
+fleißige deutsche Stadt ihre Straßen, Gassen und Häuserfluchten vor mir
+aus.
+
+Der Zug taucht in den langen Tunnel hinein, der die alten Festungswerke
+durchschneidet. Die Finsternis endet, strahlendes Licht, wieder das
+weite Städtebild und in den Straßen die Menschen, von denen noch keiner
+einen Geißelschlag des tobenden Krieges zu fühlen bekam. Jeder fühlte
+nur den Segen der friedlichen Ruhe im Herzen des Deutschen Reiches.
+
+Nebel kämpfen, langgestreckte Wolkenzüge umwürgen die Weinberge und
+die Waldhöhen, und unter den Dunstfahnen des Himmels mischen sich die
+langen, braunen Rauchwimpel der Fabrikskamine.
+
+Jetzt ein entzückendes Bild! Die über weite Flurstrecken hinreichenden
+Krautgärten der Mainzer Vorstadt sind überflattert von einem weißen
+Möwengewimmel. Dahinter glänzt die lange Silberborte des Rheines mit
+gleitenden Schiffen in allen Farben.
+
+Ein kleines friedliches Dorf. Viele Frauen und Kinder. Alle lachen und
+rufen, alle winken mit weißen Tüchern -- aus den Fenstern meines Zuges
+gucken wohl viele, viele Soldatengesichter heraus? Immer aufs neue
+wiederholt sich dieses Bild der grüßenden Frauen, Mädchen und Kinder,
+das Bild dieser weißen Flattergrüße. Mir gelten sie nicht. Ich bin ein
+Überflüssiger, ein Nutzloser, ein Altgewordener ohne Waffe in der Faust!
+
+Nun fliegt an mir ein seltsames Bild vorüber, dessen Symbolik mich
+tief ergreift: Ein großes umzäuntes Flurgeviert, durchsetzt mit
+regelmäßigen Reihen kleiner, weiß bemalter Kreuze. Ein Friedhof?
+Eine Gräberstätte? Ein Garten des Todes? Nein! Es ist ein junger
+deutscher Weingarten mit sprossenden Reben, dessen blattlose, dem nahen
+Frühling entgegendürstende Ranken sich emporstrecken über die weißen,
+kreuzförmigen Stützen.
+
+Jetzt geht ein köstliches Funkeln und goldenes Erblitzen über alle Höhen
+und Tiefen der schönen deutschen Erde hin.
+
+Du friedsames, du verheißungsreiches, du sonnbeglänztes Land des
+heimatlichen Bodens! Alle Kräfte meiner Seele grüßen und lieben dich!
+Komm und nimm, was ich habe, komm und nimm, was ich bin! Dir will ich
+dienen, mein ganzes Leben soll nichts anderes sein als ein geduldiges
+Mich-Einfügen in dein Wachsen und Erblühen, nichts anderes als ein
+Samenkorn auf dem Acker deiner werdenden Größe! --
+
+Meine Augen trinken das Bild der friedlichen Landschaft. Schwärme von
+Wildenten rinnen auf den Altwässern und Kanälen des Rheines umher. Vor
+Bingen sieht man die Bogen einer neuen Brücke entstehen, die eben gebaut
+wird. Welch ein Gegensatz: der Gedanke an den Krieg, den wir führen --
+und das erhebende Bild dieses deutschen Friedensfleißes!
+
+Der rauschende Zug lenkt gegen Südwesten ab, und die Weinberge und das
+Silberband des Rheines gleiten von mir zurück. Scharf hebt sich noch
+der zierliche Umriß einer alten Burg vom sonnigen Himmel ab und fängt
+zu wandern an und verschwindet. Auf Wiedersehen, du deutscher Rhein, du
+flutende, rauschende Lebensader des Deutschtums!
+
+Die Fahrt geht durch ein enges Flußtal. Auf der einen Seite die
+Hügelkette mit den Weinbergen, deren Stabgewirre anzusehen ist wie
+ein endloser Zug von Lanzenreitern, die sich hinter braunen Erdwällen
+verbergen und nur die Spitzen ihrer Speere gewahren lassen; auf der
+anderen Seite der mit Dörfern und Städtchen besetzte und mit alten
+Steinbrücken überspannte Fluß, den die Regenmassen der letzten Wochen
+braun und reißend gemacht haben. Alle paar hundert Schritte stehen
+Fischer mit Angelstöcken oder Tauchnetzen, und Buben rennen mit
+Netztrichtern an langen Stangen. Alle sind sehr vergnügt. Die denken im
+sicheren Frieden ihrer Heimat wohl gar nicht an den Krieg, den irgendwo
+da draußen oder da hinten die Völker miteinander führen.
+
+Das enge Tal weitet sich zu schönen Geländen, durchblitzt von
+Wasserläufen, überwölbt von einem leuchtenden Himmel. Die Welt sieht
+aus, als möchte der Frühling um drei Monate früher kommen als sonst.
+Jeder Windhauch trägt mir den Wohlgeruch der bräutlichen Erde entgegen,
+auf allen sonnseitigen Hängen wuchert das frische Grün -- es fehlen in
+diesem verfrühten Frühlingsbilde nur die Schwärme der Wandervögel.
+Aber fliegt da nicht der lange feldgraue Wanderzug, in dessen Mitte ich
+selber mitflattere als brauner Kuckuck? Der Frühling des Deutschtums hat
+Wandervögel in unzählbarer Menge.
+
+Die Nähe von Metz verrät sich. Jeder Tunnel, jede Brücke, jede
+Wegübersetzung ist militärisch bewacht. In den Bahnhöfen, in denen Züge
+sich kreuzen, tauchen Soldaten auf, die aussehen, als hätten sie am
+Morgen noch in den lehmigen, von Regensumpf erfüllten Schützengräben
+gelegen. Stiefel, Uniform und Mantel, alles ist erdfarben, und bei
+manchem dieser Tapferen ist das Band des Eisernen Kreuzes anzusehen, als
+wär's eine österreichische Auszeichnung: schwarz-gelb.
+
+An der Bahnstrecke tauchen französische Namen auf: Remilly, Courcelles.
+Hier sieht man zuweilen an den Mauern frisch getünchte Stellen. Da
+standen französische Aufschriften, die man jetzt überstrich und durch
+deutsche Klänge ersetzte. Sehr erfreulich ist das! Ein Glück, daß man
+es endlich lernt, aller unpraktischen Duldung zu vergessen und dieses
+Inlands-Französische in gutes Deutsch zu verwandeln! Mit der hübschen
+Landschaft werden sich die deutschen Klänge ganz gut vertragen. Wälder
+und Fluren, wenn auch augenblicklich ein bißchen überschwemmt, haben
+jene Linie, die das deutsche Wesen und Volkstum ihnen gab vor vielen
+Jahrhunderten. Das bißchen französische Herrschaft inzwischen war nur,
+was der Österreicher ein »Übergangl« nennt.
+
+In einer Station mit französischem Namen guckt aus einem Fenster ein
+uniformierter Mann heraus, mit französischem Schnurrbart und mit einer
+spiegelblanken Glatze, die noch viel französischer ist. Seine Frau
+grüßt mit der Hand nach romanischer Art, so, wie die Italiener auf
+den Bahnhöfen winken, mit Handflächen und Fingerspitzen nach vorne.
+Frankreich scheint nimmer weit zu sein. Aber wo ist der Krieg? Ich sehe
+nur Bilder des Friedens und der ungestörten Ruhe, sehe nur lachende
+Gesichter.
+
+Entlang der Bahnstrecke taucht ab und zu eine soldatische Wache auf.
+Der Zug biegt um eine Waldecke, und plötzlich sieht man einen großen
+Häusersee mit turmloser Kathedrale. Die deutsche Festung Metz! Aber
+man sieht nur eine Stadt. Wo ist die Festung? Ich kann sie nicht
+finden. Im Bahnhof gleicht das Umsteigen von Zug zu Zug einem Sturm
+auf ein feindliches Fort. Kein Mittagessen, nicht so viel Zeit, um eine
+Schinkensemmel zu erwischen. Der Gedanke an unsere braven Soldaten,
+die unter dem Kugelregen tage- und nächtelang hungern müssen, macht
+mich geduldig und zufrieden. Auf einem Gepäckskarren werden vier hübsch
+gearbeitete Särge herbeigefahren. Sie kommen leer und werden beschwert
+in die Heimat zurückwandern.
+
+Der Zug fährt nordwärts durch reiche deutsche Industriebezirke, immer
+entlang der französischen Grenze, die sich hinzieht über dunkle
+Waldhügel. Hinter ihnen, gegen Westen, wallt es von dichten Nebeln, die
+den Mittagshimmel immer trüber umschleiern. Ein feiner Regen beginnt zu
+fallen und kleidet allen Wechsel der Landschaft in ein ruhiges Feldgrau.
+
+Aus einem großen Hüttenwerke leuchten rotstrahlende Glutaugen heraus.
+Sind es Essenfeuer oder glühende Eisenblöcke? Was immer, es sind
+strahlende Augen des deutschen Fleißes. Trotz allem Lärm des Zuges
+vernehme ich das Dröhnen mächtiger Stahlhämmer. Und aus hohen
+Schornsteinen wirbelt Rauch in drei Farben empor: tiefschwarz, nebelweiß
+und zinnoberrot. Eine Riesenfahne in deutschen Farben! Das war wohl
+immer so, seit vielen Jahren ruheloser Arbeit. So oft die Franzosen von
+den nahen Grenzbergen herunterguckten, mußten sie dieses wallende Banner
+der deutschen Rührsamkeit gewahren.
+
+Die Bahn macht eine Kurve und wendet sich gegen Westen. Es geht nach
+Frankreich hinein. Ein heißer Schauer rinnt mir durch die deutsche
+Seele, über die Haut, durch alle Glieder. Meine fiebernden Gedanken
+fliegen zurück über die Wege, auf denen ich von München hierher gekommen
+bin. Wo war der Krieg? Ich habe nur das blühende Leben der Heimat
+gesehen, sah nur unverwüstete Fluren, nur unbeschädigte Häuser, aus
+deren Fenstern die Ruhe eines verläßlich behüteten Glückes herausredete.
+Ich sah die tausend Zeugen unseres schöpferischen Fleißes, sah Jugend
+und männliche Kraft in unermeßbarer Fülle, sah Frauen und Mädchen mit
+frohen, gläubigen Augen, sah unbedrohten Besitz und sicheres Eigentum,
+sah alle Güter und Segnungen eines von eisernen Kräften beschützten
+Landes, und habe bis zur Stunde nur gesehen und empfunden, was Friede
+heißt, und was es für ein Volk bedeutet: so kraftvoll zu sein, daß es
+auch in kriegerischen Zeiten jeden kostbaren Wert des Friedens für sich
+erzwingen kann auf dem heiligen Boden, den es bewohnt!
+
+Ein suchender Blick durch die grauen Schleier des trüb gewordenen Tages.
+Und mir fährt ein Schreck in das Herz, so kalt wie Eis, und wieder so
+brennend wie der Stoß eines glühenden Dolches.
+
+Zwischen kahlen Höhen ein wogender Qualm. Neben dem Gleise liegt der
+wüste Trümmerhaufen eines zerschossenen Bahnwärterhäuschens, aus dessen
+wirrem Schutt noch die Reste von Dingen und Geräten hervorlugen, die
+einst einem freundlichen Leben dienten. Und hinter den zurückweichenden
+Hügeln taucht etwas Grauenvolles heraus, hinaufgestellt auf eine weithin
+sichtbare Höhe, wie eine Warnung, eine Mahnung und ein Wegweiser für
+alles deutsche Denken der Gegenwart.
+
+Lautlos und dennoch begabt mit einer schreienden Stimme, verlassen von
+allem Leben, ein steingewordenes Sterben, so steht dieses Fürchterliche
+da droben. Zerbrochene Mauern sind von Ruß geschwärzt, alle Fenster
+sind aus den Höhlen gerissen, nur manchmal hängen noch in grotesker
+Verrenkung die Reste von grün bemalten Läden an dem zerschmetterten
+Gemäuer. Kein Dach mehr. Alles, was Holz war, ist verbrannt, verkohlt.
+Kaminschächte, Giebel und aberwitzige Ruinenformen starren in die
+graue Regenluft empor wie Hunderte von verkrüppelten Riesenhänden mit
+gespreizten und zerkrümmten Steinfingern. Überall die Spuren eines
+wilden, gewaltigen und verzweifelten Kampfes, überall Tod, Vernichtung
+und Zerstörung, überall der hohläugige Schauder des Untergangs.
+
+Was ich da sehe, war einmal ein französisches Städtchen, war
+Audun-le-Roman.
+
+Mir zittern bei diesem Anblick alle Nerven. Das Grauen dieser
+Todesstätte befällt mich mit doppelter Macht nach allen ruhigen und
+fröhlichen Friedensbildern, die ich auf der Fahrt durch unsere Heimat
+immer und überall gesehen. Wie etwas grausam Quälendes ist in mir der
+Schrei: »So hätte es kommen können bei =uns=, so hätte von schwer zu
+schützenden Grenzmarken, die das Schaudervolle erleben mußten, der
+Untergang und jeder Todesschreck auf Vernichtungswegen sich hineinwühlen
+können bis ins innerste Herz unseres Landes, alles verwüstend und alles
+erwürgend!«
+
+Eine zornvolle, brennende Sehnsucht ist in mir. Ich möchte hundert,
+möchte tausend, möchte Millionen Fäuste haben, möchte zurückgreifen
+in alle Höhen und Tiefen unseres Volkes, in alle Straßen und Winkel
+unserer Heimat, und möchte hundert, möchte tausend, möchte Millionen der
+Daheimgebliebenen an den Armen fassen, möchte sie herziehen vor dieses
+grauenvolle Bild und möchte hineinschreien in ihre Herzen:
+
+»=Das seht euch an=! Das hat die eiserne Kraft des Deutschtums, das
+hat der unzerbrochene, unter freudigen Blutopfern glühende Heldenmut
+des deutschen Heeres im Westen euch erspart, euch und euren Kindern,
+eurem Gut und eurem Boden! =Das seht euch an=! Und vergleicht es mit
+dem, was ihr in heiterem Frieden noch immer besitzen dürft! Vergleicht
+es mit dem, was der Mut und die Treue des deutschen Heeres für euch
+erfocht von Anbeginn des Krieges bis zur heutigen Stunde! Dann prüft
+eure Seelen, prüft euer Heimatswerk! Und ihr werdet geduldig werden, ihr
+werdet gläubig sein und unerschütterlich in eurem deutschen Vertrauen!
+Und im siebenten, im zehnten und -- wenn es sein müßte -- auch noch im
+zwölften Monat eines Kampfes, den eine Welt von Widersachern und Neidern
+über uns heraufbeschworen, werdet ihr alle, die ihr euch Deutsche nennt,
+immer noch die gleichen sein, die unzerbrechbar Festen und Verläßlichen,
+die Geduldigen und Opferwilligen, die Ehrlichen und Starken, die von
+einem einzigen Gedanken der Kraft und Treue Durchbrausten, wie ihr alle
+es gewesen seid in den ersten Tagen und Wochen dieses heiligen deutschen
+Erlösungskrieges!«
+
+Da droben grinsen und drohen und warnen die schwarzen Ruinen!
+
+Ich wende die Augen ab, ich schaue heimwärts in die klare Redlichkeit
+und in die ausdauernde Kraft unseres Volkes. Und mir wird wohler und
+freier um die bedrückte Seele.
+
+
+
+
+ 2.
+
+
+ 15. Januar 1915.
+
+Weiter und weiter geht die Fahrt, immer neuen Bildern der kriegerischen
+Zerstörung entgegen, aber auch immer neuen Bildern, die es mit
+hinreißender Kraft verstehen, einem deutschen Herzen jeden notwendigen
+Glauben und alles Vertrauen einzureden.
+
+Von der Bahnstrecke ziehen sich liebenswürdige Buchentäler nach allen
+Seiten hin, mit vielfach geschlängelten Bachläufen -- eine Landschaft
+wie in Franken daheim.
+
+In einem Bachtal, das an den »kühlen Grund« des Volksliedes erinnert,
+huscht eine Mühle vorüber, sieben vergnügte Landstürmer stehen im Hof,
+und unter ihnen, auch nicht gerade traurig, steht eine dunkeläugige und
+schwarzhaarige Französin. Vielleicht spielt sich hier so was Ähnliches
+wie das deutsche Märchen vom Schneewittchen und den sieben Zwergen ab --
+ein Märlein vom Kohlschwärzchen und den sieben Riesen?
+
+Eine kleine Stadt -- Longuion. Vernichtung, wohin das Auge sieht. Am
+tiefsten erschüttert mich der Anblick eines kleinen, völlig verwüsteten
+Hauses, an dem noch einzelne Zeichen verraten, wie hübsch es einmal
+gewesen sein muß; im ersten Stock ein Balkon mit geschmiedetem Geländer;
+die eisernen Ranken und Blumen sind zu völlig sinnlosen Formen
+verzerrt, und rings um die leere, löchrig ausgefranste Balkontüre zieht
+sich ein großer, aus vielen Hunderten von weißen Punkten gebildeter
+Heiligenschein -- die Arbeit eines Maschinengewehres. Der Kampf um
+dieses kleine hübsche Haus und seine Balkontüre muß furchtbar gewesen
+sein.
+
+Man sieht in zerstörte und noch ganze Straßen hinein. Die meisten der
+Leute, die da herumwandern, sind Feldgraue, sind deutsche Soldaten.
+Außer ihnen noch ein paar an Ecken und in Winkeln umherstehende Greise
+mit kummervollen Gesichtern, mit den Händen in den Taschen der weiten
+Schlotterhosen; jeder hat die Kappe tief in die Stirn gezogen und trägt
+einen dicken Schlips um den Hals gewickelt. Ein paar Kinder sieht man,
+die harmlos und heiter spielen, mit etwas kreischenden Stimmchen;
+sieht junge Mädchen, die sehr hastig gehen, und sieht Frauen, von denen
+die einen immer die Augen gesenkt halten, während andere frech und
+unternehmungslustig umherspähen; dieser Blick des lukrativen Lasters
+ist nur eine Maske für den Blick des Hungers und der Not; es sind
+junge Mütter, die ihre darbenden Kinder ernähren müssen, gleichviel um
+welchen Preis! -- Vergeßt es niemals, ihr deutschen Frauen, vor welch
+entsetzlichen Dingen euch die treuen Blutopfer unseres Heeres behüteten!
+Ihr solltet diese Müttergesichter sehen, diese suchenden Weiberaugen!
+Wohl haben die Hände deutscher Wohltätigkeit und Fürsorge hier das
+Härteste der französischen Not schon gelindert; die Verzweiflung beginnt
+sich in stumpfe Ruhe zu verwandeln, aber aus allen Bildern, die man
+sieht, grinst unverkennbar noch immer der Schreck und das Grauen jener
+Stunden heraus, in denen die Dächer brannten, die Häuser zerbarsten, die
+Kanonen brüllten, die Maschinengewehre knatterten und zwischen rinnendem
+Blut alle Schmerzen des Lebens ihre erbitterten Flüche knirschten.
+
+Immer von neuem brennt der Gedanke in mir auf: »So könnt' es aussehen
+bei uns daheim!« Und noch immer kann solch ein Furchtbares uns befallen,
+wenn wir nicht stark und verläßlich bleiben, nicht gläubig und
+vertrauensvoll, nicht hilfsbereit und opferwillig bis zum Letzten!
+
+Plötzlich ist finstere Nacht um mich herum. Langsam und vorsichtig fährt
+der Zug durch einen von den Franzosen zerstörten Tunnel, den unsere
+wackeren deutschen Pioniere in unglaublich kurzer Zeit wieder wegbar
+gemacht haben. Kleine Lichter blitzen im Dunkel auf, die Gestalten der
+feldgrauen Arbeiter sind grell und grotesk beleuchtet, zwischen ihnen
+und den Insassen des Zuges werden heitere Zurufe gewechselt -- und nun
+fährt der Zug in den Tag hinaus. Es ist ein trüber Tag, schon nahe dem
+Abend, und dennoch wirkt sein Licht wie eine Himmelsglorie. Und neben
+der Bahnstrecke, im Höfchen einer Soldatenbaracke, stehen noch vom
+Heiligen Abend her die drei mit Silberfäden geschmückten Christbäume.
+Das unaufhörliche Regengepritschel der letzten Wochen hat sie freilich
+schon übel zugerichtet; dennoch sind sie noch immer umwoben von
+zärtlicher Heimatsehnsucht und lieblichen Erlösungsbildern.
+
+Überall gewahrt man arbeitende Soldatenschwärme; endlose Kolonnen
+knattern über die Wege hin; auf den Straßen sind Züge von französischen
+Gefangenen in roten Hosen damit beschäftigt, die von den Lastautomobilen
+ausgerissenen Stellen und die tiefen Granatenlöcher zu ebnen. Und in der
+Ferne, über weite und öde Felder, sieht man die zierlichen Figürchen
+feldgrauer Patrouillenreiter hintraben. Auch die Pferde, ob Rappen,
+Schimmel, Fuchsen oder Schecken, sind alle grau vom bodenlosen Morast
+dieser Regenzeit.
+
+Da kommt wieder ein Dorf, in das sich Überschwemmung und Zerstörung
+teilen. Inmitten der Verwüstung steht manchmal ein unversehrtes Haus,
+aus dessen Fenstern das Leben herausguckt mit den Augen einer scheuen
+Zufriedenheit -- Augen, welche sagen: »Auch das Dasein in Elend und
+Trauer ist noch ein besseres Ding als Tod und Verwesung.«
+
+Das Fort Montmédy, auf einer malerischen Höhe gelegen, zeichnet sich
+schwarz wie Tinte in den Abendhimmel. Der tiefere Stadtteil am Ufer
+des Stromes zeigt nur geringe Spuren von Zerstörung. Überall sieht man
+Baracken und Zelte der deutschen Landstürmer. Die nassen Tücher glänzen
+und pludern im Winde. Hier mag die Nachtruhe nicht sonderlich gemütlich
+sein. Mitten in den weiten Flächen der Überschwemmung stehen große Zelte
+bis zur halben Höhe unter Wasser. Hier kam die Überflutung in der Nacht
+so schnell, daß man die Zelte nimmer abbrechen, nur das Leben noch
+retten konnte. Mit Beschämung denke ich an mein behagliches und warmes
+Bett daheim; es ist wahr, ich habe viele Nachtstunden schlaflos in ihm
+verbracht, wachgehalten von der Sorge um Heimat und Heer; aber bei den
+Gedanken an das, was unser Heer im Felde leistet und was es an Mühsal
+zu ertragen hat, gab mir meine suchende Phantasie kaum ein annäherndes
+Bild der Wahrheit, wie ich sie jetzt zu sehen bekomme. Wir in der
+Heimat müssen noch viel, =viel= nachdenklicher werden, um den großen
+Unterschied zwischen der deutschen Heeresarbeit im Felde und unserem
+bescheidenen Hilfswerk in der Heimat mit ausreichender Dankbarkeit zu
+erfassen. Und =sehr= bescheiden müssen wir werden, müssen erkennen, daß
+alles, was wir tun, noch immer zu klein, noch immer zu wenig ist.
+
+Auf einem Bahnhof hält mein Zug neben einer langen, mit Tannenreis
+geschmückten Wagenreihe, vollgepfropft mit frischen Truppen, mit etwa
+tausend Bonner Burschen, jung, heiter und gesund. Jahrgang 1914. Alle
+Wagenwände sind bedeckt mit Kreidekarikaturen von Engländern und
+Franzosen. Drollige Inschriften:
+
+»Achtung! Deutsche Bluthunde!« -- »Platz frei, die Barbaren kommen!« --
+»Blaue Bohnen zur Fütterung britischer Löwen!« -- »Weinet nicht, ihr
+Bonner Mädels, wir kommen bald wieder!« Aus jedem Fenster guckt ein
+halbes Dutzend dieser frischen fröhlichen Gesichter heraus. Ich frage:
+»Wohin geht's?«
+
+Die kurze Antwort: »Dreschen helfen!«
+
+Von Wagenfenster zu Wagenfenster gibt es eine muntere Konversation, bis
+aus dem Wagen da drüben eine strenge Unteroffiziersstimme herausruft:
+»Vorsicht beim Antworten! Der olle Kunde fragt zu viel!«
+
+Weiter geht's. Es öffnet sich der Blick in eine lange, enge Stadtgasse.
+Nur Soldaten sieht man, Hunderte von Feldgrauen. Dazu zwei barmherzige
+Schwestern, schwarz, mit weißen Hauben. Und zahlreiche Rekonvaleszenten
+in Spitalkitteln erholen sich bei einem Spaziergang, ehe die Dämmerung
+kommen will.
+
+Wieder die öden Felder. Eine Arbeiterhütte mit weißblauem Fähnchen
+gleitet vorüber. Ich möchte beim Anblick dieser Heimatfarben vor Freude
+schreien. Bevor ich das Fenster aufbringe, ist die Hütte davongelaufen,
+das liebe Fähnchen verschwunden.
+
+Bei Chauvancy bauen deutsche Pioniere an einer von den Franzosen
+gesprengten Brücke. Ich brülle zum Fenster hinaus und winke mit beiden
+Händen. Die Pioniere gucken und lachen und fragen sich, was für ein Narr
+da im Zuge ist? Kein Narr! Ein Deutscher voll stürmischer Dankbarkeit
+und Bewunderung! Nur eine kurze Strecke feindlichen Landes hab' ich von
+der Grenze bis hierher durchfahren, kaum ein paar hundert Kilometer
+lang. Doch in jeder Minute fand ich reichlich Ursache, über das immense
+Maß von Arbeit zu staunen, das deutscher Fleiß und deutsche Intelligenz
+hier geleistet haben, um alles von den Franzosen und vom Krieg Zerstörte
+wieder zurückzugewinnen für die Bedürfnisse des deutschen Heeres und
+für den allgemeinen Verkehr. Wenn der kommende Friede unsere deutschen
+Helden mit Eichenlaub und Lorbeer bekränzen wird, muß er einen besonders
+schönen und reichverdienten Kranz für die deutschen Pioniere flechten.
+Wären die Pioniere, die ich da gesehen habe, nicht so feste, stramme und
+derbschlächtige Gestalten, ich möchte sie die lieben Heinzelmännchen
+des Deutschtums nennen! An ihnen besonders wollen wir Daheimgebliebenen
+uns ein Beispiel nehmen! Ein ganzes Volk von Pionieren wollen wir
+sein, von Pionieren des deutschen Gedankens, der deutschen Treue und
+Hilfsbereitschaft, der deutschen Ausdauer und Beharrlichkeit!
+
+Man muß, was unsere Pioniere entlang der Maas und im Wasser und Sumpf
+dieser meilenweiten Überschwemmungsgebiete geleistet haben, mit eigenen
+Augen sehen. Sonst glaubt man es nicht, sonst hält man das deutsche
+Arbeitswunder, das hier gewirkt wurde, für ein phantastisches Märchen.
+
+Immer trüber sinkt der Abend. Doch die Dunkelheit beendet das Werk
+dieses Fleißes nicht. Hunderte von Fackeln und Pechflammen brennen auf
+-- leuchtende Sterne der deutschen Gewissenhaftigkeit!
+
+Jenseits einer mächtigen Wasserfläche, die aussieht wie ein großer,
+milchweißer See, steigt zwischen kleinen hübschen Wäldchen eine
+weitläufige Stadt über sanft geneigte Hügel empor -- =Sedan=!
+
+Du heiliger Name! Deine beiden Silben sind wie ein weihevoller Zauber,
+der eine Fülle von herrlichen Bildern in mir erweckt und mich träumen
+läßt von deutscher Kraft und Größe, von deutscher Vergangenheit und
+deutscher Zukunft.
+
+Der Bahnhof ist ein Gewühl von Soldaten. Tausende von Feldgrauen!
+Heimkehrende und Ankommende. Wohin man die Ohren dreht, überall hört
+man die lieben deutschen Laute. Sie wirken doppelt eindrucksvoll, hier,
+auf dem Boden der feindlichen Fremde, hier, auf dem Frühlingsacker des
+deutschen Werdens!
+
+Ganz unfaßbare Mengen von Postsäcken und Gepäckballen werden hin und her
+geschoben, ausgeladen und neu verstaut -- Wagenladungen mütterlicher
+Grüße und Zärtlichkeiten, Wagenladungen treuer Heimatsgedanken unserer
+Soldaten. Und der ganze Bahnhof ist ein unübersehbares Gewimmel von
+stehenden und kommenden Zügen, von qualmenden oder rastenden Lokomotiven.
+
+Weiter geht's. Die sinkende Nacht umhüllt mir alles Kommende. In der
+stahlblauen Dämmerung glänzen wieder die großen Streckenlaternen. Der
+Tag endet im Feindesland, wie er am Morgen in der Heimat begann: mit
+strahlenden Lichtern in der Dunkelheit.
+
+Unter strömendem Regen rauscht der Zug durch die Finsternis. Geht's über
+eine Brücke, so hört man das dumpfe Brausen des hochgestiegenen Stromes.
+Draußen ist wenig zu sehen: gleitende Laternen, pechschwarze Hügelketten
+und die matt blinkenden Wasserflächen der großen, noch immer wachsenden
+Überschwemmung.
+
+In einer Station bei längerem Aufenthalt kommt eine strenge Kontrolle
+aller Reisenden, die der Zug noch enthält. Der Offizier, der meinen
+Ausweis musterte, nickt mir freundlich zu: »Sie werden erwartet!«
+
+Noch eine kurze Fahrt und ich bin am ersten Ziel meiner Reise, im Großen
+Hauptquartier. Auf dem Bahnhof ein liebenswürdiger Empfang. Es ist
+sieben Uhr abends. Für acht Uhr bin ich zur kaiserlichen Tafel geladen.
+
+Das Wetter will sich klären. Der Regen hat aufgehört. Helle Sterne
+glänzen aus den Wolkenklüften, während ich den großen, stillen
+Bahnhofplatz überschreite. Ein Automobil mit Offizieren saust vorüber,
+und wie langgestreckte Lichtvögel flattern die Scheinbündel der
+Autolaternen in die Finsternis. Schlagbäume und Schilderhäuschen in den
+deutschen Farben leuchten auf, Wachen schreiten hin und her, und überall
+ist ein leises Klirren, ein Gefunkel von Metall.
+
+Hinter dem laublosen Astgewirre hoher Bäume strahlt eine Reihe von
+erleuchteten Fenstern.
+
+
+
+
+ 3.
+
+
+ 17. Januar 1915.
+
+Zwischen den hohen Bäumen eines stillen Parkes steht eine schmucke
+Villa. Ihre Besitzer sind geflohen, als das deutsche Heer erschien und
+das französische sich auch auf die Socken machte. Es waren wohlhabende
+Leute, die stolz waren auf ihr Haus; das merkt man schon am Äußern des
+Baues, an der Gepflegtheit des Parkes, den jetzt eine schweigsame Nacht
+umträumt, und an der etwas großtuenden Freitreppe, auf der jetzt im
+Flackerschein der Laternen zwei regungslose Schildwachen mit blanken
+Klingen stehen. Und es waren Leute, die es liebten, an regenreichen
+und stürmischen Winterabenden behaglich am Kamin zu sitzen und amüsant
+zu plaudern, vielleicht nach etwas altmodischem Stil, so ähnlich, wie
+Konversation in einem Lustspiel von Scribe oder Pailleron gemacht wird;
+das vermutet man beim Anblick der Räume, deren Komfort eine wunderliche
+Mischung von gutem Geschmack und provinzialer Anbequemung zeigt, von
+ererbter Gediegenheit und wahllos Gesammeltem.
+
+Diese Leute, die nicht mehr da sind und irgendwo im Süden von Frankreich
+sitzen, in Bordeaux oder bei Nizza, denken wohl in ruheloser Sorge an
+ihr verlassenes, unbeschütztes Haus und glauben es verwüstet durch
+alle »Barbarengreuel«, die sie in ihren Journalen als Zugabe zu jedem
+Frühstück genießen. Ihre Sorge ist ein Irrtum, ist eine von jenen halb
+grauenhaften und halb lächerlichen Verzerrungen der Wahrheit, wie
+sie rings um unsere Grenzen üblich wurden, »seit Deutschland diesen
+schaudervollen Krieg über die ganze Welt heraufbeschwor« -- so sagen
+unsere Feinde, obwohl sie es besser wissen. Das Haus dieser entflohenen
+Leute -- statt »entflohen« gebraucht man hier in Frankreich die mildere
+Wendung »abgereist« -- dieses Haus, das sie aller Verwüstung ausgesetzt
+vermuten, ist in Wahrheit sorglicher behütet, als sie selbst es vor
+jedem Vernichtungsschreck des Krieges hätten behüten können, wenn
+sie geblieben wären. Denn unter diesem verlassenen Dache, in dessen
+Räumen jetzt aus allen Richtungen der Erde die Fäden eines großen
+Weltgeschehens zusammenlaufen, wohnt heute der =Deutsche Kaiser=,
+der Führer unseres in Begeisterung und Lebenstrotz geeinten Volkes,
+der oberste Kriegsherr unseres siegreichen Millionenheeres, das der
+deutschen Heimat erspart, was unsere Feinde unter den Schlägen des von
+ihnen entfesselten Krieges zu leiden haben.
+
+Zwischen den Mauern dieses stillen, gutbehüteten Hauses ist nichts von
+einem großzügigen Hofhalt zu gewahren. In dieser ernsten Zeit ist auch
+das Leben des Kaisers von feldmäßiger Schlichtheit, ist wie gekleidet in
+ruhiges, unauffälliges Feldgrau.
+
+Die wenigen Gäste der Abendtafel versammeln sich in einem kleinen
+Empfangsraum. Schon das begrüßende Wort, das jeder Kommende mit den
+schon Anwesenden tauscht, ist der Beginn eines lebhaft bewegten
+Gespräches über die jüngsten Vorfälle des Krieges, über den
+verheißungsvollen Stand der Dinge im Osten, über den Fortschritt im
+Westen.
+
+Nun verstummt das Gespräch, und man tritt von der Türe zurück, die ein
+Diener öffnet.
+
+Heftig schlägt mir das Herz unter dem Touristenkittel, schlägt mir vor
+Erregung fast bis an den Hals herauf. Aller Wirbel meiner Gedanken
+drängt auf die Frage hin: »Wie wird der Kaiser aussehen, was werde ich
+lesen können aus seinen Zügen, was wird herausklingen aus seinen Worten,
+was werde ich fühlen müssen unter dem Blick seiner blanken Augen, jetzt,
+in dieser Zeit des Ringens, in der jedes deutsche Herz sich sehnt nach
+dem aufrichtenden Orakel eines Wissenden, nach einem Halt und einer
+Stütze in jenen beklommenen Minuten, die heute auch dem Gläubigsten und
+Vertrauensvollsten nicht völlig erspart bleiben können?«
+
+Es war mir seit einem Jahrzehnt vergönnt, den Kaiser zu sehen in
+manch einer heiteren Stunde des Friedens, den er liebte und bis zum
+äußersten zu erhalten suchte, er, der diese Friedensliebe durch ein
+Vierteljahrhundert in zahllosen Taten der Versöhnlichkeit und des
+Entgegenkommens erhärtete, und den unsere Feinde jetzt in grotesker
+Gehirnverwirrung als Friedensstörer und Eroberungslüstling bezeichnen,
+als Hunnenmogul und zweiten Attila.
+
+Immer hab ich am Kaiser das von jedem Schwanken freie Gleichmaß
+seiner aus Ernst und Frohsinn gemischten Art verehrt und bewundert,
+habe mich erfreut an dem klaren Seelenspiegel seines Blickes, an
+der temperamentvollen Offenheit seines Wortes, an seinem kräftigen
+Lachen, an der freien Menschlichkeit und Frische seines persönlichen
+Wesens, wie an der gesunden Innerlichkeit, die ihm eine besonnene,
+für jeden deutschen Bürger vorbildliche Lebensführung und sein
+unerschütterliches Vertrauen auf Gott, Welt und Menschen bis über
+die Reife des Mannesalters bewahrte. Mein Glaube an den Kaiser als
+Menschen vermittelte mir auch immer das Verständnis seiner Eigenart als
+Herrscher. Ich meine, das ist so unter dem Kronreif: Ganz ein Mensch
+bleiben, heißt ganz ein Fürst werden.
+
+Aber jetzt? Wie viel Hartes, wie viel gewaltsam Formendes mögen
+diese fünf Monate seit Kriegsbeginn über den Kaiser gebracht haben,
+an Verantwortung, an Gewissenskämpfen, auch an schmerzvollen
+Enttäuschungen? Was hat die Last und das Gewicht dieses Weltaufruhrs
+ihm gegeben, was ihm genommen? In dieser Zeit, in der die
+widersinnigsten Gerüchte -- aus Haß oder Liebe, aus Furcht oder Hoffnung
+geboren -- so unzählbar aufschnellen, wie die Heuschrecken aus dem Kraut
+einer Sommerwiese -- in dieser letzten Zeit hab ich oft erzählen hören:
+das Haar des Kaisers wäre weiß geworden, sein Gesicht und seine Haltung
+um Jahre gealtert. Ich habe das nie geglaubt. Gesunde und starke Bäume
+erfüllen ihre Zeit, trotz Sturm und Ungewitter. Und dennoch muß ich
+bekennen: Jetzt, vor dem Augenblick, in dem ich unter dem dröhnenden
+Glockenschlage einer über Wohl und Wehe unseres Reiches entscheidenden
+Zeit, hier, in Feindesland, auf erobertem Boden, den Kaiser des
+deutschen Volkes sehen sollte, befiel mich etwas Bedrückendes, eine
+fiebernde Erregung, fast eine quälende Angst. Wie werde ich ihn
+wiedersehen? Wird die frohe Güte, die immer aus ihm redete, gemindert
+sein, verwandelt in Zorn und Härte? Werden Mißmut, Zweifel und Sorge
+aus seinen sonst so gläubigen Augen sprechen? Haben die Fäuste des
+Geschehens ihn gefaßt, ihn umgemodelt, wie sie es mit vielen machen,
+die der Widerstandskraft entbehren und sich von den Ereignissen
+zerren lassen? Hat der heiße Atem des Krieges ihn angehaucht und in
+ihm geweckt, was nie noch in seinem Innern war? Ist in ihm unter dem
+Donnerdröhnen des Schlachtfeldes ein Neues entstanden, das man beklagen,
+vor dem man erschrecken müßte? --
+
+Da tritt er ein, in der feldgrauen Generalsuniform, mit dem gleichen
+ruhig-elastischen Schritt, den ich immer an ihm gesehen. Wohl wahr: sein
+Haar, mit der kleinen, trotzigen Welle über der rechten Schläfe, ist
+seit dem Frühjahr ein wenig grauer geworden, kaum merklich. Und eine
+Furchenlinie, die ich früher nie gewahren konnte, ist in seine Stirne
+geschnitten und schattet zwischen seinen Brauen. Aber nur eines einzigen
+Blickes in diese klaren und offen sprechenden Augen bedarf es -- und
+gleich einer glühenden Welle durchströmt mich der sehnsüchtige Wunsch:
+es möchten alle Tausendscharen der Deutschen, namentlich jene, in denen
+Sorge und Bangigkeit zu erwachen drohen, jetzt an meiner Stelle stehen!
+Dann würden sie in freudiger Ruhe aufatmen, wie ich!
+
+Unter allem Sturm dieser vierundzwanzig roten Wochen ist der Kaiser
+in jeder Wertlinie seines Wesens der gleiche geblieben -- nein, nicht
+der gleiche, er ist einer geworden, der gewann und nichts verlor. Der
+Kaiser ist ein durch die Zeit Erhöhter! Man empfindet es vor dem Bilde
+seiner Würde und Haltung, empfindet es bei seinem ruhigen Lächeln, vor
+seinem ruhigen Blick. Und bevor ich noch ein erstes Wort von ihm höre,
+strömt etwas Aufrichtendes in mich über. Ein frohes Gefühl der deutschen
+Sicherheit ist in mir, erneuter Glaube und erhöhtes Vertrauen. Ich weiß:
+bei =uns= ist die Wahrheit, bei =uns= das Recht, bei =uns= die Kraft und
+bei =uns= der Sieg!
+
+Ob der Kaiser ahnt, was in mir vorgeht? Er sieht mich plötzlich mit
+einem jener forschenden Blicke an, die in seinen stählernen Augen sein
+können. Dann nickt er freundlich, reicht mir die Hand und erhöht mir
+die Freude dieser Minute durch ein ebenso herzliches wie impulsives Lob
+meiner Landsleute: »=Na, Ganghofer, Ihre Bayern! Prachtvolle Leute! Die
+haben feste und tüchtige Arbeit gemacht! Und vorwärts geht es, überall,
+Gott sei Dank!=« Dann ein Erinnern an die letzte Begegnung im Frühjahr,
+wo zu Berlin im Palais des deutschen Kronprinzen meine kleine Dorfsatire
+»Tod und Leben« vor dem Kaiser aufgeführt wurde. Nun schweigt er eine
+Weile, und sein Lächeln mindert sich und verschwindet. Tief atmend sieht
+er mir ernst in die Augen und sagt mit einer langsamen und strengen
+Stimme: »=Wer hätte damals ahnen können, was jetzt gekommen ist? Und
+daß wir uns hier in Frankreich wiedersehen würden? So!=« -- In einem
+diplomatischen Aktenstücke, das die deutsche Schuldlosigkeit an diesem
+Kriege zu dokumentieren hat, können dieser Atemzug, dieser ernste Blick
+und diese Worte des Kaisers nicht aufgezählt werden. Aber Beweiskraft
+haben sie. Eine überzeugende.
+
+Man geht zur Tafel. Das Speisezimmer ist ein gemütlicher Raum, der mich
+weidmännisch anheimelt. Von den braunverschalten Wänden blinken die
+weißen Hauer wuchtiger Eberköpfe herunter -- Jagdtrophäen, die in den
+Argonnen erbeutet wurden.
+
+Nur wenige Diener. Und eine kurze, rasche Mahlzeit. Was zur Tafel kam,
+das weiß ich nimmer. Der Platz an der Seite des Kaisers und der Kreis
+seiner zehn Gäste, hoher Würdenträger des Heeres und Hofes, gibt mir
+so viel Beruhigendes, Erfreuliches und Fesselndes zu hören, daß ich
+der Mahlzeit völlig vergesse, obwohl ich so hungrig wie ein Wolf aus
+dem Eisenbahnwagen gekommen war und seit vierundzwanzig Stunden auf
+jagender Reise keinen verschlingbaren Bissen erwischt hatte. Aber wie
+feldmäßig einfach die Tafel des Kaisers bestellt ist, beweist eine
+Speisenfolge, die ich mir an einem anderen Abend als Erinnerung mitnahm.
+Auf dem kleinen Zettelchen, nicht größer als eine Visitenkarte, steht
+geschrieben:
+
+ 11. Januar 1915
+
+ =Königliche Abendtafel=
+ Gebackene Seezungen
+ Kaltes Fleisch, Kartoffeln in der Schale
+ Obst
+
+Dazu als Getränk: französischer Landwein und Wasser. Und Kriegsbrot
+gibt es. =Nur= Kriegsbrot! Daran könnte sich mancher bei uns daheim,
+der unsere Soldaten im Felde kämpfen, leiden, bluten und siegen läßt,
+mit Strenge und Ungeduld die militärischen Tagesberichte kritisiert und
+nebenbei nicht die Heldenkraft oder nicht den Willen besitzt, sich die
+gewohnte Frühstückssemmel zu versagen, ein lehrreiches und mahnendes
+Beispiel nehmen! Wir müssen lernen, unsere kleinen Liebhabereien
+beiseite zu schieben, jeden der Allgemeinheit schädlichen Eigennutz
+aus uns herauszuklopfen und jedes Gefühl, jeden Gedanken und jede
+Lebenshandlung auf das Ziel einzustellen, das wir für Heimat und Volk
+erkämpfen müssen.
+
+Alles, was ich an des Kaisers einfacher Tafel sehe und höre, wird mir
+zur Ursache einer sprunghaften Gedankenteilung. Mit Ohr und Herz bin ich
+bei jedem Worte, das da gesprochen wird, und bin zugleich in der Heimat,
+um zu schauen und zu vergleichen. Und immer deutlicher wird es mir, daß
+manches, was wir Daheimgebliebenen zu denken und zu tun lieben, ganz
+wesentlich anders werden müßte, wenn wir gleichwertig werden wollen mit
+jenen, die bei harter Arbeit draußen stehen im Felde.
+
+Nach der Mahlzeit kommt eine ernste, manchmal auch von einem Lachen
+erhellte Plauderstunde in einem kleinen, netten Wintergarten, wie wir
+ihn auf der deutschen Bühne schon in vielen französischen Komödien
+gesehen haben. Zigaretten und kurze Pfeifen brennen, und in Kelchgläsern
+wird Münchner Bier gereicht. Auf dem Tisch, an dem sich der Kaiser
+niederläßt, stehen blühender Flieder und Rosen, die ihm die Kaiserin
+aus Berlin sandte. Alles Gespräch dreht sich um den Lauf der Dinge
+in der Heimat und um wichtige Episoden des Krieges. Das ist eine
+wesentlich andere Art, vom Kriege zu sprechen, als wir sie daheim bei
+unserm Bierbank- und Teetischklatsch zu hören bekommen. Hier wird
+nicht die Welt geteilt, hier werden nicht Länder genommen und Reiche
+verschenkt, hier gründet man nicht »Pufferstaaten« und korrigiert nicht
+die Landkarte von Europa mit einem anspruchsvollen Blaustift. Hier
+gilt alles Denken nur dem Ernst und den Notwendigkeiten der Gegenwart;
+von der Zukunft ist nicht die Rede. Unausgesprochen klingt aus allen
+bedeutsamen Worten, die ich höre, das feste und klare Zeitgesetz
+heraus: »Erst arbeiten und siegen. Alles weitere wird kommen, wie es
+kommen muß und wie wir es uns verdienen.«
+
+-- Ich gestehe, daß ich da manchmal ein bißchen schamrot wurde. Und
+in meinem Inneren hab' ich heilig geschworen, niemals wieder in
+phantastischen Nächten meinen Handatlas durch ausschweifende Linien
+zu verunreinigen und nebulose Zukunftsgeographie von Mittelafrika zu
+betreiben. Und während ich hier, in einem hundekalten Stübchen zu
+Peronne, diesen heißen Schwur mit frierenden Fingern niederschreibe,
+klirrt unter meinem Fenster der feste Taktschritt deutscher Soldaten
+vorüber, die zu den Schützengräben marschieren, Automobile rasseln
+vorbei in sausender Fahrt, und unaufhörlich rollt von der nicht allzu
+weit entfernten Front das Murren schwerer Geschütze zu mir her. Die
+gaukelnden Kriegsvorstellungen, die ich aus der Heimat mitbrachte,
+beginnen sich jetzt unter den harten Wirklichkeitsbildern, die mich bei
+Tag und Nacht umwirbeln, sehr gründlich zu verändern. --
+
+Jener erste Abend, an dem ich Gast des Kaisers war, bescherte mir
+auch ein eindringliches Exempel der Art, wie im Großen Hauptquartier
+gearbeitet wird, bis spät in die Mitternacht hinein. Bevor ich davon
+erzähle -- d. h. erzählend alles verschweige -- will ich, man liebt
+als Poet die Kontraste, dem großen Zeitbilde noch ein niedlich-intimes
+Lichtchen aufsetzen.
+
+Die Gesellschaft im französischen Wintergarten hat sich nach der
+Mahlzeit noch um einen schweigsamen, höchst wohlerzogenen Gast vermehrt;
+das ist ein kleiner schwarzer Teckel mit gescheiten Augen, des Kaisers
+Lieblingshund, augenblicklich ein bißchen invalide, mit verbundener
+Pfote; so oft er will, darf er es sich auf dem Schoß seines Herrn bequem
+oder, richtiger gesagt, unbequem machen; manchmal nimmt er auf des
+Kaisers Knie höchst schwierige und bedrohsame Stellungen ein, die fast
+an die Kletterkünste einer Gemse erinnern -- und dann muß der Deutsche
+Kaiser so lange stillhalten, bis es dem zappeligen Teckelchen wieder
+beliebt, auf den Boden zu springen. Von der rührenden Geduld, die der
+Kaiser an dieser kleinen Quälkrabbe erweist, läßt sich eine Brücke zu
+einem tiefen Zug seines Charakterbildes hinüberschlagen. Denn er kann
+eine bewundernswerte Geduld auch mit Dingen und Menschen haben, die ihn
+viel gröber belästigen, als es der kleine, nette Teckel zu tun gewöhnt
+ist.
+
+Gegen die elfte Abendstunde wird für den Kaiser und eine Anzahl
+hoher Offiziere ein militärischer Vortrag angesagt. Eine Neuheit der
+Kriegstechnik soll in Projektionsbildern vorgeführt werden, die der
+begleitende Vortrag eines Offiziers erläutern wird.
+
+Durch die dunkle, schneelose Winternacht wandern die Gäste der stillen
+Villa zu einem nahen Hause hinüber. Der Himmel ist klar geworden und
+alle Sterne funkeln. Die kleine Stadt liegt in schwarzem Schweigen, ohne
+Lichter, wie ausgestorben. Nur ein scharf suchender Blick erkennt die
+regungslos in der Finsternis stehenden Wachen.
+
+Ein verdunkelter Saal, mit etwa vierzig Stühlen; hinter ihnen ein
+Vergrößerungsapparat mit elektrischen Schnüren, vor ihnen an der Mauer
+eine große Leinwand. Fest und gleichmäßig klingt in dem matten Zwielicht
+die Stimme des vortragenden Offiziers, während Ruck um Ruck eine lange
+Reihe von Bildern über die Leinwand gleitet. Die ersten sind für mich
+als Laien eine völlig unverständliche Sache; erst nach einer Weile lehrt
+das gesprochene Wort mich begreifen, was ich sehe, und ich beginne in
+erregter Spannung zu ahnen, daß es sich hier um eine neue, wichtige und
+für die Kriegführung hilfreiche Sache handelt. Immer wieder und wieder
+stellt der Kaiser mit raschen, knappen Worten eine Zwischenfrage; der
+Offizier gibt Antwort. Bis Mitternacht dauert das. Nach dem letzten
+Bilde glänzen die Flammen des Lüsters auf. Lebhaft tritt der Kaiser auf
+den jungen Offizier zu, der den Vortrag gehalten, reicht ihm die Hand
+und sagt:
+
+»=Ich danke Ihnen! Das ist eine gute Sache! Glauben Sie, daß uns die
+Franzosen das nachmachen können?=«
+
+Der junge Offizier in dem verwitterten Feldgrau lächelt: »So schnell
+=nicht=, Majestät! Wir haben das erst jetzt gefunden.«
+
+In dem erhellten Saal ein Zusammenstehen von Gruppen, eine mit
+halblauten Stimmen geführte Debatte.
+
+Während ich diese Gespräche höre, klingt in mir immer wieder das
+verheißungsvolle Wort, das der junge Offizier gesprochen: »Wir haben das
+jetzt gefunden!«
+
+=Wir=! Das sind wir Deutschen! Wir, bei denen das Recht und die Kraft
+ist, und bei denen der Sieg sein wird!
+
+Ich trage stolz und beglückt dieses Wort in mir davon durch die
+sternhelle Nacht -- dazu die mich heiß erfreuende Einladung: morgen im
+Auto mit dem Kaiser hinüberzufahren zum deutschen Kronprinzen.
+
+Von den tiefen, meinen deutschen Glauben und mein Vertrauen wie mit
+eisernen Stäben stärkenden Eindrücken dieses Abends schwirren mir
+Kopf und Herz, während ich das winzige Stübchen betrete, in dem ich
+einquartiert bin. Es ist, nach französischer Sparsamkeit mit dem Raume,
+so klein, daß man beim ersten Schritt über die Schwelle schon gleich
+mit dem Ellbogen an die Fensterscheibe stößt. Fast vier Fünftel dieses
+Grillenhäuschens ist bestellt mit dem großen, ganz famosen Bett. Wie
+herrlich werde ich da schlafen heute nacht, mit aller Verheißung der
+vergangenen Stunden in meiner Seele!
+
+Aber der Mensch hat neben der Seele auch einen Leib. Während ich im
+Dunkel liege und mit offenen Augen fröhlich träume, beginne ich, der ich
+an der Tafel des Deutschen Kaisers speiste -- nein, =nicht= speiste, nur
+lauschte -- einen nagenden Hunger zu fühlen. Und dann knappere ich mit
+Hochgenuß und Zärtlichkeit an dem Dutzend guter Weihnachtslebkuchen, die
+mir meine Frau vor der Abreise von München in die Handtasche steckte.
+
+»Wir! Wir Deutschen!«
+
+Mit diesem Wort im Herzen mache ich meine Augen zu. Und mit dem anderen:
+
+»Morgen!«
+
+
+
+
+ 4.
+
+
+ 19. Januar 1915.
+
+Der Deutsche Kaiser ist kein Frömmler, aber ein frommer, tiefgläubiger
+Christ, der seinen Tag mit Gott beginnt und mit Gott beendet.
+
+In der kleinen Stadt, die das Große Hauptquartier beherbergt, wurde ein
+großer Raum zu einer Feldkirche umgewandelt. Hier wird der Gottesdienst
+für den Kaiser und die Garnison des Hauptquartiers abgehalten. Den
+langen, mächtigen Hallenraum füllen in dichten Reihen die Soldaten,
+deren Abteilungen sich aus Linie, Reserve und Landsturm mischen, feste
+und stramme Gestalten, mit gesunden und ruhigen Bartgesichtern; dazu die
+kleine, aus allen Reiterregimentern der deutschen Bruderstämme gebildete
+Kavallerietruppe der kaiserlichen Wache; nahe dem Altar, zu beiden
+Seiten des auf den Kaiser wartenden Kirchenstuhles, sind die Plätze
+der Offiziere und des Orchesters, das aus Harmonium und acht Bläsern
+besteht.
+
+Das Bild des mit roten Tüchern ausgeschlagenen und durch drei Stufen
+erhöhten Altars hat etwas freudig Aufwärtsstrebendes. Zur Rechten
+und Linken schmücken ihn zwei große Banner in den deutschen Farben,
+zwischen denen das Kreuzbild des Erlösers auf die Reihen der Soldaten
+niederblickt. Das heilige Zeichen leuchtet freundlich in der durch die
+Fenster hereinflutenden Morgensonne. Und gleich einem Symbol des vor
+Gottes Antlitz ruhenden Krieges sind auf beiden Seiten des Altars die
+mit allen Landesfarben der deutschen Stämme bewimpelten Reiterlanzen zu
+schlanken, friedsamen Pyramiden aneinandergestellt.
+
+Ein Kommando. Das Zusammenklirren der Soldatenstiefel klingt wie ein
+einziger harter Eisenschlag. Auf dem Bretterboden die ruhigen Schritte
+eines einzelnen Mannes. Durch die Reihen der Soldaten schreitet der
+Kaiser zu seinem Kirchenstuhl. Sein Gesicht ist ernst, fast unbeweglich.
+Und immer, mit einem sinnenden Blick, sind seine Augen emporgehoben zum
+Bilde Gottes, auf dessen gerechte Hilfe er hofft und baut.
+
+Harmonium und Bläser beginnen den Choral, und Feldprediger =Goens= --
+eine Gestalt wie aus einem Holzschnitt des 17. Jahrhunderts in das Leben
+von heute herausgetreten -- steigt zum Altar empor. Mit gewaltiger,
+Herz und Nerven durchbrausender Tonwelle schwillt aus zweitausend
+deutschen Soldatenkehlen das alte fromme Kirchenlied durch die goldenen
+Sonnenbänder empor in das klingende Hallengewölbe. Und noch weiter,
+noch höher wird es tönen. Solch ein gläubiges Lied voll Kraft und
+Christentreue und Inbrunst muß der Himmel erhören. Der schöne machtvolle
+Klang erschüttert mich bis in die tiefste Seele, und alles Denken in mir
+ist deutsche Andacht.
+
+Der Prediger liest das Epiphanias-Evangelium, die Geschichte der
+morgenländischen Magier, die in gläubiger Sehnsucht auszogen, geführt
+von ihrem Sterne, und in Redlichkeit alle Tücke und Hinterlist des
+Herodes zuschanden machten und wieder heimkehrten in ihr Land,
+den gefundenen Gott im Herzen. Tief und warm, in einer ebenso zum
+anspruchsvollsten Verstande wie zu aller Einfalt der Volksseele
+sprechenden Weise deutet der Prediger die biblische Überlieferung
+zuerst in christlichem Sinne. Dann hebt er das Ewig-Menschliche aus
+dem schönen Gleichnis hervor: das ruhelose Wandern und Streben der
+irdischen Hoffnung nach allem Höheren und Besseren. Aus der wachsenden
+Flamme seines Wortes steigen die großen Bilder eines in Sehnsucht und
+Gottvertrauen suchenden Volkes empor, das in unübersehbaren Scharen
+und im Gefunkel seiner gesegneten Waffen auszog und Heimat und Herd
+verließ, um die Freiheit seines bedrohten Lebens zu beschützen. Geführt
+vom leuchtenden Stern der deutschen Hoffnung, von Wahrheit und Treue
+geleitet, wird dieses Volk durch Kampf und Prüfung einer Zeit der Blüte
+und Ernte entgegenschreiten und jede feindliche Tücke und herodianische
+Hinterlist zuschanden machen. Und heimkehren wird es in sein Land, mit
+dem Glauben an Gottes Kraft in der Seele, mit der Freude des gewahrten
+Rechts im Herzen, mit den Kränzen des Sieges an seinen Fahnen.
+
+Die heilige Verheißung, die von den Stufen des Altars hinausklang über
+den weiten, von Feldgrauen dicht erfüllten Raum, scheint wie ein
+frohes Feuer in diese zweitausend deutschen Soldatenbrüste zu fallen.
+Ihr Danklied braust wie das feierliche Spiel einer riesigen Orgel, und
+aus diesem machtvoll schwingenden Seelenliede hör' ich außer Andacht
+und Gottvertrauen noch andere Klänge heraus: heiße Sehnsucht nach
+der Heimat, zärtliche Grüße der Söhne an Väter und Mütter, dürstende
+Liebesträume junger Herzen, glühende Segenswünsche der Graubärtigen für
+ihre Kinder.
+
+Nun wird es still über alle Köpfe hin. Kein Scharren einer Sohle, kein
+Räuspern. Ein Schweigen, das lautlos ist. Der Kaiser hat sich erhoben
+und den Helm vom Haupte genommen. Warmes Leben ist in seinen Zügen,
+sein Gesicht und seine Augen sind froher und heller, als sie waren, da
+er kam; das Antlitz emporgehoben zum Kreuzbilde, betet der Deutsche
+Kaiser stumm zu dem gerechten Gotte, an den er glaubt. Um was er betet,
+das hört nur ein Einziger. Doch wir Deutschen, die wir ihn kennen, wir
+wissen alle: er betet als Vater für Frau und Kind, betet als Mensch für
+die Menschen, betet als Herrscher für Heimat und Volk und Heer.
+
+Immer mußte ich ihn ansehen. Mich erfüllt eine Stimmung voll schöner
+Weihe und ruhiger Zuversicht. Sie hält noch immer in mir an, während
+ich schon draußen in der Sonne stehe und die Truppen sich ordnen, um
+vor dem Kaiser zu defilieren. Trommeln und Pfeifen. Dann der alte, das
+Blut befeuernde Yorck-Marsch. Mit Klirren und Stampfen geht's vorüber,
+jeder Truppenteil wie ein festgeschlossener, unzerreißbarer Felsklotz.
+Die gesunden, straffen Gestalten erzittern von der Wucht des Marsches,
+und wie Eisenhämmer schlagen die gut deutschen Stiefelsohlen in den
+französischen Morast.
+
+Da hör' ich ein frohes Auflachen des Kaisers. Er winkt mir. »=Ganghofer!
+Haben Sie sich das angesehen? Wie großartig die Leute marschieren! Ganz
+famose Menschen!=« Wieder lacht der Kaiser, herzlicher als ich es jemals
+von ihm hörte. Und eine starke Freude glänzt in seinen Augen.
+
+Ein paar Minuten später beginnt die Fahrt im offenen Auto. Schade, daß
+jetzt die Sonne ein bißchen Verstecken spielt und nur zeitweilig durch
+die Klüfte der trüben Wolken hinausguckt. Über dem Lande, das ich sehen
+soll, liegt so viel dunkle Trauer, daß nur reichliche und ausdauernde
+Sonne sie etwas aufhellen könnte.
+
+Den Kaiser begleiten im Auto zwei Herren des militärischen Gefolges.
+Und zwei Militärkarabiner, mit den Patronentaschen daneben, lehnen in
+den Ecken des Wagens. Sonst kein Geleit, kein Schutz. Der Kaiser will
+es so. Auch haben die Deutschen alles okkupierte Land schon friedlich
+und ruhig gemacht und haben ihm reichliche Hilfe in seiner wachsenden
+Not geleistet. Mit flinker Fahrt geht es neben gesprengten Steinbogen
+über eine hölzerne Notbrücke, gegen deren Balken die rauschende Flut
+des hochgestiegenen Stromes anstürmt wie ein grimmiger Feind. Nur noch
+handbreit ist der Brückenbogen über dem schießenden Wasser. Das sieht
+aus, als müsse man Sorge um die Brücke haben; aber der Kaiser sagt: »=Da
+ist keine Gefahr. Was deutsche Pioniere bauen, das hält.=«
+
+Was ich an Landschaft zu sehen bekomme, hat liebenswürdige Linien. Doch
+keine Ferne will sich richtig aufklären.
+
+An kleinen Dörfern geht es vorüber, in die noch keine deutsche Granate
+gefallen ist. Auch unbeschädigt sehen sie abscheulich aus. Solch ein
+Bild von Verwahrlosung und gleichförmiger Geschmacklosigkeit, von
+Mangel an Hausfreude, von gartenloser Nüchternheit, von bedrückender
+Aneinanderpferchung, von Schmutz und Unordnung hab' ich außer hier
+in Nordfrankreich noch nie in einem Lande gesehen, das Anspruch auf
+Kultur erhebt. Wohin die Deutschen da kommen, überall müssen sie erst
+Ordnung schaffen und fegen und scheuern, bevor sie sich auf einen Sessel
+niedersetzen oder in einer Stube ruhen können.
+
+Und dieses Graue da drüben über dem Strom, dieses Leblose, von jedem
+Atemzug Verlassene, dieses Zerrissene und Zerfetzte, dieses widersinnnig
+Ausgefranste, durchschlungen von rauchschwarzen Zerrbildern? Was ist
+das? Wie ein anderes Pompeji sieht es aus, nur ohne Tempel und Säulen,
+alle Ruinen zu einem grauenhaften Schutthaufen übereinandergerüttelt
+durch ein neues Erdbeben?
+
+Das ist =Donchery= gewesen, um dessen Mauern einer der härtesten Kämpfe
+tobte.
+
+Heimat, Heimat, wehre dich mit allen Kräften deines Volkes, mit jeder
+Waffe deines Heeres und jedem Opfer deiner Bürger, um solch ein
+Furchtbares von dir abzuwenden! Dieses Grauen hat mit der Übermacht
+der Feinde schon hereingezüngelt über unsere Grenzen. Es soll nicht
+weiterschreiten, wir wollen uns stemmen dagegen mit unseren Leibern, mit
+unserem Gut, mit allem, was wir sind und was wir haben! Der Gedanke,
+daß unsere sieghaft vorschreitende Befreiung und Erlösung scheitern
+könnte am eigennützigen Kleinmut und am kurzsichtigen Egoismus Weniger
+-- dieser Gedanke legt sich wie eine Klammer um mein Herz, wie ein
+quälender Eisenreif um meine Kehle.
+
+Gibt es Zufälle, die wie geheimnisvolle Gesetze sind? Während ich die
+Gedanken, die mich durchschüttern, stumm in mir verschließe, beginnt
+der Kaiser plötzlich, ohne jede Beziehung zu einem vorausgegangenen
+Worte, von dem herrlichen, wundervollen Zusammenhalt des ganzen
+deutschen Volkes zu sprechen, von der heiligen Begeisterungsflamme der
+ersten Augusttage. »=Es ist meine schönste Freude, daß ich das erleben
+durfte=.« Und nach kurzem, nachdenklichem Schweigen sagt er: »=Wenn es
+nicht so gewesen wäre --=« Er spricht diesen Satz nicht zu Ende, aber er
+atmet auf und sieht gegen Donchery zurück, dessen Trümmerstätte schon
+verschwunden ist.
+
+Mir wird leichter um die Brust. Auch die Landschaft, durch die wir
+fahren, bringt aufrichtende und verheißungsvolle Erinnerungsbilder.
+Historischer Boden! Heiliger Boden für uns Deutsche! Das
+Schlachtengelände von Sedan!
+
+»=Dort oben=«, sagt der Kaiser und deutet nach einer Feldhöhe, »=da ist
+mein Vater gestanden=.«
+
+Neben der Landstraße huscht ein kleines, einsames Haus vorüber.
+
+»=Hier ist Napoleon mit Bismarck zusammengetroffen.=«
+
+Aus einem hübschen, in seiner Laublosigkeit durchsichtigen Wäldchen
+lugen die Türme und Mauern eines zierlichen Schlosses heraus.
+
+»=Das ist Bellevue. Hier war die Unterredung meines Großvaters mit
+Napoleon.=«
+
+Diese Worte des Kaisers wecken in mir das Feuer eines frohen deutschen
+Stolzes. Gerne hätte ich haltgemacht und wäre ausgestiegen, um diese
+geweihten Stätten der Reichswerdung als Andächtiger zu besuchen. Aber
+ich nahm mir heilig vor, noch einmal hierher zurückzukehren.
+
+Nun geht es seitwärts, mitten durch das weite Überschwemmungsgebiet
+der Maas. Von der Straße wird es auf hohem Damm durchschnitten. Lange
+Proviantkolonnen knattern vorüber, feldgraue Radfahrer sausen vorbei.
+Die meisten der Soldaten grüßen, wie man unbekannte Offiziere grüßt,
+doch mancher, trotz der schnellen Fahrt des Autos, erkennt den Kaiser
+und ist mit jähem Ruck in eine unbewegliche Säule verwandelt, die zwei
+groß aufgerissene, freudige Augen hat.
+
+Eine Ortschaft kommt, die sich hell abzeichnet auf dem dunklen
+Hintergrund des Waldes von Woevre. Und über die Mauer eines Parkes hebt
+sich ein schmuckes, kleines Schloß empor: das Ziel der Fahrt.
+
+Im Schloßhofe begrüßt der =deutsche Kronprinz= mit den sechs Herren
+seines Stabes den kaiserlichen Vater, der den Sohn herzlich umarmt.
+
+Seit dem Frühjahr scheint sich die schlanke Gestalt des jungen
+Heerführers, den wir Deutschen jetzt den Sieger von Longwy nennen, noch
+gestreckt zu haben. Auch in ihm wirken die starken Mächte der großen
+Zeit. Die Sonne des Sommerfeldzuges und Wind und Wetter des Winters
+haben sein frisches, gesundes Gesicht gebräunt. Und seine frohen Augen
+glänzen in Freude -- kann er doch dem Vater von einem großen Erfolge
+der letzten Nacht erzählen. »Ein festes Stück vorwärts gekommen, und
+zwölfhundert Franzosen gefangen!« Die müssen auf dem Marsche zur Bahn in
+einer Stunde da vorbei kommen.
+
+Mir hämmert es in der Brust. Eine Siegesnachricht, die so warm und neu
+aus dem Schützengraben heraufschnellt, wirkt wesentlich anders, als wenn
+man sie daheim an der Mauer oder in der Zeitung liest. Man hat auch da
+seine heiße Freude. Aber wie frischer, um so besser.
+
+Die gute Nachricht belebt und erwärmt die Stimmung am Frühstückstisch.
+Dem Kaiser schmeckt das Mahl, und scherzend sagt er zum Kronprinzen:
+»=Bei dir ißt man besser als bei mir. Ich muß mir das überlegen, ob ich
+nicht deinen Koch requirieren lasse?=«
+
+Kaum ist an der Tafel das Obst gereicht, da heißt es: »Sie kommen!«
+
+Die Straße hat sich schon zu beiden Seiten mit langen und dichten Reihen
+der Feldgrauen gefüllt. Durch diese Soldatengasse bewegt sich ein Zug
+von seltsam aussehenden Gestalten einher. Franzosen? Wo ist denn die
+berühmte rote Sache, die man die Hose von Frankreich nennt? Davon ist
+nichts zu sehen. Ein bißchen Blau sieht man, ein dunkles Blau, alles
+andere an diesen Kommenden ist gelb. So tappen und taumeln sie durch
+die Gasse her. Und ein Photograph hat sich auch schon eingefunden;
+glückselig dreht er die Kurbel seines Kinokastens, immer mit dem
+Objektiv gegen den Kaiser hin. Der sieht es, wird sehr unwillig, deutet
+auf den näherkommenden Zug der Gefangenen und ruft dem Photographen
+zu: »=Sie! Photographieren Sie doch das da! Die Soldaten! Nicht immer
+mich!=« Ich habe selten einen verlegeneren und hilfloseren Menschen
+gesehen als diesen aus allen Himmeln gerissenen Filmkünstler. Er
+dattert mit dem Apparat, rutscht hin und her, dreht an der Kurbel,
+stockt wieder -- und ich besorge, der Film ist gründlich mißlungen.
+Und wenn die deutschen Fürstenkritiker diese zerrupfte Sache sehen,
+werden sie sagen: »Wenn sich der Kaiser schon immer photographieren
+lassen will, soll er sich wenigstens einen geschickteren Photographen
+aussuchen.« So entsteht, was man als gerechtes und objektives Urteil
+bezeichnet. Es ist, wie im großen so auch im kleinen, immer wieder die
+Geschichte von Helgoland und Sansibar.
+
+Die heitere Stimmung, in die ich geraten bin, schlägt mir plötzlich
+um in eine schwere und tiefe Erschütterung. Mir scheint, ich muß mich
+erst an den Krieg gewöhnen. Unpolitisches Erbarmen ließ mich für einen
+Augenblick vergessen, daß ich Deutscher bin und daß diese Gelben, die
+da vorüberwandern, unsere erbitterten Feinde sind, die auf deutsche
+Soldaten schossen und stachen und schlugen. Das vergaß ich für einen
+Augenblick, weil die meisten dieser Menschen da grauenhaft aussehen,
+herzergreifend. Sehen =so= auch die =Unseren= im Schützengraben aus?
+Dann wissen wir in der Heimat noch immer nicht, was Krieg ist, und was
+unsere lieben, treuen Feldgrauen um unserer Sicherheit willen ertragen
+müssen.
+
+Was wir in der Heimat an Gefangenen sehen, ist etwas ganz anderes als
+hier; bis sie hinauskommen zu uns, hatten sie schon viele Tage Zeit,
+sich zu erholen, sind gut ausgeschlafen, sind gekräftigt, ordentlich
+genährt, sind gewaschen und gereinigt. Aber hier, im Felde, wo sie vor
+wenigen Stunden erst aus den Schützengräben herausgefischt wurden,
+stecken die meisten in Kleidern, die nimmer als soldatische Uniform zu
+erkennen sind, sondern von Nässe klatschen und von den Stiefeln bis
+hinauf zur Brust so dick mit Kot und Lehmklumpen behangen sind, daß
+alles gelb ist an ihnen. Einige sehen wohl besser und frischer aus,
+bewegen sich leicht und lebhaft, lassen sich ihr Pfeifchen oder die
+Zigarette schmecken und können sogar lachen, hochmütig und spöttisch.
+Aber die meisten sind schwer erschöpft, schleppen sich mühsam unter der
+Last dieses nassen Dreckes an ihrem Leib, sind bleich und verstört,
+haben abgezehrte Wangen und eingesunkene, trauervolle Augen. In vielen
+Gesichtern ist der seelenlose Stumpfsinn, den ein monatelanges Leiden
+in ihnen erzeugte. Einige sind leicht verwundet, schon verbunden. Viele
+gehen Arm in Arm gehängt, die noch Kräftigeren stützen die Schwächeren.
+Unter dem Tausend sind kaum hundert hoch und gut gewachsene Leute, von
+denen wir Deutschen sagen würden: Das sind Mannsbilder. Alle anderen
+sind klein, zart und schwächlich von Natur, dazu noch zerrieben von der
+Mühsal des Krieges, viele unterhalb unseres Militärmaßes, sogar von
+zwerghaft zurückgebliebenem Wuchs.
+
+So wandern sie vorbei -- nicht verspottet und verhöhnt, nicht beschimpft
+und mißhandelt, nicht bespien und mit Fußtritten regaliert, wie es
+deutschen Gefangenen in Frankreich erging. Unsre Feldgrauen stehen ernst
+und schweigsam, sie reden und lachen nicht. Und viele von ihnen, die
+doch unter dem Kugelregen der Franzosen gestanden und bedroht waren von
+Wunden und Tod -- vielen kann ich es an den Augen ansehen, daß in ihren
+»Hunnenseelen« das gleiche menschliche Erbarmen ist wie in mir, der ich
+mich an solche Bilder des Krieges erst noch gewöhnen muß und noch keine
+von seinen Gefahren verschmeckte.
+
+Während die Gefangenen am Kaiser und der Gruppe seiner Offiziere
+vorüberkommen, reden wunderlich verschiedene Dinge aus diesen
+französischen Augen: Gleichgültigkeit und Neugier, Hohn oder Haß. Aber
+es sind doch auch manche dabei, in denen der Zorn und die Pein der
+Stunde nicht völlig die Züge soldatischer Ritterlichkeit ersticken kann.
+Ob sie den Kaiser und den Kronprinzen erkennen? Oder ob sie nur glauben:
+das sind Generäle? Sie salutieren oder ziehen das Käppi herunter, und
+der Kaiser dankt.
+
+Die letzten verschwinden, und eine Gruppe von deutschen Lanzenreitern
+klirrt hinter ihnen her.
+
+Das Bild, das ich gesehen, beschäftigt mich noch lange, während
+die Fahrt im Auto gegen Süden geht. Der Kronprinz begleitet seinen
+kaiserlichen Vater eine Strecke Weges, will ihm eine Stelle mit weiter
+Fernsicht gegen die Argonnen zeigen. Das Gespräch der beiden, das sich
+immer um Dinge des Krieges dreht, ist ernst, aber die Stimmen bleiben
+durchhaucht von einer warmen Herzlichkeit.
+
+Nach einer halben Stunde hält das Auto. Mitten aus der welligen
+Landschaft erhebt sich ein großer, steiler Hügel, ein Kalvarienberg,
+gekrönt von einem mächtigen Kreuzbild.
+
+Der Weg da hinauf ist mit Schwierigkeiten verknüpft, denn die Regengüsse
+vieler Wochen haben den lehmigen Steilhang so durchweicht und versumpft,
+daß jeder Schritt ein Glitschen und Rutschen wird. Aber die Kletterei
+belohnt sich. Droben eine meilenweite, wundervolle Rundschau! Das
+große Stück Welt, das zu sehen ist, gleicht einem in den Wolken
+schwimmenden Riesenteller, der belegt ist mit Wäldern und Feldern, mit
+Städten und Dörfern, mit Strömen und Bächen. Und alles ist Land, das
+die Deutschen eroberten! Und gegen Südosten zieht sich durch das Grau
+des fernen Horizonts etwas hin, das einer schwarzen, langgestreckten
+Gigantenschlange gleicht. Das ist der Argonnenwald, der unserem Heere
+so blutig zu schaffen macht. Immer klingt aus jener Ferne ein dumpfes
+Murren her, ganz leise, kaum noch zu hören im Brausen des Windes,
+der den Hügel überweht. In der Höhe jagen zerrissene Wolken; und
+sieht man empor zu ihrem Flug, so scheint das mächtige Kreuzbild sich
+herabzuneigen, als möcht' es in Barmherzigkeit das Menschengeschlecht
+der Erde umarmen.
+
+Beim Niederstieg erweist sich der glitschige Boden noch feindseliger.
+Ich frage den Kaiser, ob ich ihn stützen darf. »Ja! Kommen Sie her!« Er
+faßt mich an der Schulter. So geht es langsam hinunter, und ich haue
+bei jedem Schritt den Stiefelhacken ein, wie bei Glatteis auf einer
+Gemsbirsche. Halb sind wir schon drunten. Da rutsche ich selber aus. Und
+der Kaiser mit seiner starken Faust hält mich aufrecht. Meinen etwas
+verlegenen Dank erwidert er mit dem lachenden Wort: »=Soldat und Bürger,
+die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!=« --
+
+Während der Rückfahrt durch die sinkende Dämmerung spinnen sich in
+meiner Seele hundert Gedanken und Bilder um dieses vieldeutige Wort des
+Kaisers. --
+
+Und ich glaube, daß man uns Deutschen in dieser Zeit von heute keine
+stärkere und tiefere Mahnung sagen kann als dieses Kaiserwort: »Soldat
+und Bürger, die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!«
+
+Geschieht es so -- nicht nur im ersten Feuerstrom des alle Herzen
+durchflammenden nationalen Glaubens, sondern auch in allen Wechselfällen
+eines langen und zähen Kampfes, der von Bürger und Soldat das letzte der
+deutschen Kraft verlangt -- dann werden wir als Volk nicht niedergleiten
+in Schmutz und Tiefe. Wir werden aufrecht stehen! Und gleich den
+gläubigen Magiern aus dem Morgenlande, die geführt wurden von ihrem
+leuchtenden Sterne, werden wir alle Tücke und Hinterlist des Herodes,
+der uns in Neid erwürgen will, zuschanden machen!
+
+
+
+
+ 5.
+
+
+ 22. Januar 1915.
+
+Wir leben in einer gerechten Zeit, die es sich angelegen sein läßt,
+allerlei unzutreffende Urteile in den Köpfen und Herzen des deutschen
+Volkes richtigzustellen. Jetzt wissen wir, daß unser Entrüstungssturm
+über Zabern keine völlig objektive Sache war; daß uns eine kleine,
+wieder deutsch gewordene Insel in der Nordsee viel schutzreichere
+Dienste leistete als jenes größere Inselland an der ostafrikanischen
+Küste, dessen Abtausch an England wir mit leidenschaftlichem Kummer
+beklagten und als Diebstahl an der Schatztruhe des deutschen Michels
+bezeichneten; und seit unsere jungen Offiziere das Monokel fallen ließen
+und, ein befeuerndes Vorbild für die Mannschaft, mit Heldenruhe und
+heiligem Opfermut in den Bleihagel der Feinde schritten, wissen wir
+auch, daß wir alle Ursache haben, den Typus des deutschen Leutnants
+wesentlich anders und unabhängiger von Äußerlichkeiten zu konturieren,
+als dies noch in der letzten Juliwoche des vergangenen Jahres geschehen
+ist.
+
+Ein langer Friede, und mag er an sich die schönste und begehrenswerteste
+Sache sein, ist doch auch ein diplomierter Pädagoge für Erziehung
+ungerechter Nörgelsucht, skrupellosen Haders und ausartenden Mißtrauens;
+unter der Engelsmaske schneidet sein Gesicht die Grimassen eines
+Verleumders und Lügners; mit dem Motto »Verwirf das Gute und begehre
+das Bessere!« zerbröselt er jene menschlichen Werte, deren wir in
+stürmischen Zeiten am dringendsten bedürfen, und die -- das mag zu
+seiner Entschuldigung gesagt sein -- auch nur in der Morgenröte großer
+Ereignisse ihre wahre Gestalt und ihr innerstes Wesen zu zeigen
+vermögen. Deutschland wäre ärmer geblieben um einen genialen Feldherrn,
+wenn es nicht reicher geworden wäre um diesen heiligen Krieg.
+
+Gewiß sind Witz und Satire zwei völlig unentbehrliche Waffen jeder
+Kultur, jeder ethischen und nationalen Entwickelung. Aber künstlerische
+Schöpferkraft ist nur dann in ihnen, wenn sie die Größe fördern und
+bejahen, die sie zu befehden scheinen. Fehlt es ihrem Maßstab an
+gerechtem Gewissen, verliert ihr Scheinbild =jede= Beziehung zum Bilde
+der Wirklichkeit, jeden positiven Boden, und wird es zur augenlosen
+Negation, die _à la mode_ einen vergnüglich mundenden Kaviar für das
+Volk bereitet, dann ist es mit Witz und Satire die gleiche Sache, wie
+wenn die völkerrechtlich zulässigen Mantelgeschosse durch sträfliche
+Manipulationen zu mörderisch wirkenden Dum-Dum-Kugeln verzwickt werden.
+
+Man verzeihe mir dieses etwas philosophisch angehauchte Vorspiel. Es
+begann in mir zu klingen, als ich am dritten Tage meines Aufenthaltes im
+Großen Hauptquartier einen für uns Deutsche gerade jetzt sehr wichtigen
+Mann kennen und in gesteigertem Maße ehren lernte -- einen Mann, den wir
+immer als »Philosophen« zu besteckbriefen liebten -- wenigstens bis zu
+jenen Augusttagen, die uns eine gerechtere Meinung von ihm beibrachten.
+Ich hab ihn früher niemals so Aug' in Auge gesehen, immer nur aus der
+Ferne, wie auch Millionen andere ihn sahen. Nah und genau betrachtet,
+sieht er =ganz= anders aus. Ich muß gestehen, daß ich noch nie einen
+so krassen Widerspruch zwischen Lebenswahrheit und landläufiger
+Karikaturtype beobachtete.
+
+Die Natur hat diesen Mann nicht mit zwölf Kopflängen ausgestattet,
+wie den roten Theaterprinzen von Arkadien, und hat ihn auch nicht
+so hopfenstangenmager gebildet, wie er immer gezeichnet wird. Er
+sieht viel eher wie ein fester, wohlproportionierter, derbgesunder
+und breitschulteriger Forstmann aus, der seine Galauniform genau so
+bequem und selbstverständlich trägt wie sonst seine Waldjoppe. Dazu
+ein wuchtiger, strenggeschnittener Kopf, unter dessen hartknochiger
+Stirnwölbung sich kein Versteck für nebulose Theorien vermuten läßt. Was
+edles Metall ist, prägt sich anders als lindes Blei; und klare Formen
+sind immer eine Gewähr für die Eigenschaften des Inhalts. Bei seiner
+umfassenden Geistesbildung mag dieser kraftvoll aussehende Mann wohl
+mehr von philosophischen Dingen wissen als mancher unter jenen, die ihm
+den »Philosophen« anzukreiden pflegen. Aber er ist weder menschenferne
+und trocken wie der große Weise von Königsberg, noch gallig und moros
+wie Schopenhauer, noch ein wortschwelgerischer Systematikus wie Hegel,
+noch dithyrambisch-bärbeißig oder entrückt-melancholisch wie Nietzsche.
+Er ist und blickt und redet und geht und steht wie ein prachtvoll
+natürlicher Mensch, der ohne Mittel, nur durch sich selbst und durch
+die ruhige Festigkeit seines persönlichen Wesens gewinnt und erobert
+-- wenn man sich nicht gewaltsam und eigensinnig dagegen sträubt, wie
+die meisten von uns Deutschen es getan haben, seit der ersten Stunde
+seiner Amtsführung. Aber dieser Widerstand ist wohl erledigt seit dem
+erhebenden Augusttage, an dem unser Reichskanzler sprach, was allen
+Deutschen aus der Seele gesprochen war, und an dem er sich als eine
+tragende Säule der festen, raschen und entscheidenden Tat erwies, die
+notwendig war für die Sicherheit und den Fortbestand unseres Reiches.
+Und nun wollen wir Deutschen das niemals wieder vergessen: daß Mißtrauen
+und anspruchsvolle Ungeduld aus Vergleichsmanie gefährliche und lähmende
+Kräfte sind. Das willige Vertrauen des Volkes formt den begabten
+Staatsmann, wie die Gelegenheit des Krieges den geborenen Feldherrn
+erscheinen und erkennen läßt. Wir von heute wissen, wie das deutsche
+Volk seinen Bismarck auf der Höhe seiner reifen Kraft und seines
+Erfolges nahm; aber nicht alle erinnern sich daran, wie er in den Jahren
+seiner Entwicklung genommen wurde, und daß man den Abgeordneten von
+Bismarck-Schönhausen bei seiner Jungfernrede verhöhnte und auslachte.
+Übrigens -- damals wurde viel davon gesprochen, was mit Polen geschehen
+soll. Was Bismarck in der Magdeburger Zeitung aussprach, und was in
+der Paulskirche der junge Dichter Wilhelm Jordan über Polen sagte, das
+sollte man heute nachlesen, sehr aufmerksam. Vieles davon stimmt auch
+heute noch und kann Wege zeigen. --
+
+Das Auswärtige Amt ist im Großen Hauptquartier untergebracht in dem
+Gartenhaus eines Bankiers, von dem es ebenfalls heißt: »_Il est parti!_«
+-- zu deutsch: verduftet! Aber in dem Hause, aus dem er entfloh, ist
+ein Odeur seiner seltsam träumerischen Seele zurückgeblieben. Die
+Wohlhabenheit seines Besitzes läßt vermuten, daß er in seinem Bureau
+ein tüchtiger Finanzmann war. Doch in der Seele dieses erfolgreichen
+Geldsammlers muß ein Winkelchen gewesen sein, das angefüllt war: mit
+märchenzärtlicher Romantik. Das beweist die ganze Ausstattung seines
+Hauses, und vor allem beweist es der große, jetzt zur Arbeitskarte des
+deutschen Auswärtigen Amtes umgewandelte Salon, dessen wunderlichen
+Schmuck allerlei mechanische Spielwerke bilden. Der Träumer brauchte
+da nur in seinen Mußestunden ein paar Schlüssel zu drehen und ein
+paar stählerne Federn aufzuziehen: dann tanzte eine Bajadere, ein
+schöner Türke machte Gebetsverbeugungen, ein Schlangenbändiger gab eine
+Vorstellung und ein Affe fing zu klettern an und produzierte seine
+drolligen Kapriolen.
+
+Jetzt stehen diese Spielwerke still. Der deutsche Reichskanzler hat
+in dem okkupierten Salon viel notwendigere Dinge zu tun als Affen
+klettern und Bajaderen tanzen zu lassen. Doch ist zu vermuten, daß
+er wirksam damit beschäftigt ist, die giftige Schlangenschar der von
+unseren Feinden in die Welt geworfenen Lügen zu bändigen -- wobei das
+deutsche Heer mit nie ermüdendem Fleiß den Eisenschlüssel dreht und die
+stählernen Federn aufzieht.
+
+Zwischen den ruhenden Spielwerken stehen die Schreibtische, denen man
+es ansieht, wie ruhelos hier gearbeitet wird. In der Mitte des Raumes
+befindet sich der Schreibtisch des Reichskanzlers -- und unter den
+Büchern, die da liegen, gewahre ich einen Band Satiren von =Ludwig
+Thoma=. Es macht mir Freude, das Wohlgefallen des Reichskanzlers von
+Bethmann Hollweg am süddeutschen Klang bestätigt zu sehen. Ich äußere
+das, und er sagt in seiner warmen, freundlichen Art: »Ja, das ist im
+Feld und zwischen der Arbeit meine Lieblingslektüre. Dabei erhole ich
+mich und werde ruhig.«
+
+Ein Jagdausflug, den der Reichskanzler im Herbste 1913 nach Linderhof
+machte, gibt Veranlassung, von meiner Heimat, ihren Bergen und
+ihrem Volk zu sprechen. Wieder höre ich die gleiche Anerkennung der
+verläßlichen Tüchtigkeit unseres Bayernheeres, wie schon der Kaiser
+sie mir mitgeteilt hatte. Und das Gespräch leitet über auf den Gang
+der Dinge zu Hause, auf die Opferwilligkeit und auch auf die nervöse
+Ungeduld der Daheimgebliebenen, auf schwer fühlbare Härten der Zeit,
+auf akute Probleme der Industrie, des von Schwierigkeiten bedrückten
+geschäftlichen Verkehrs und der reichen vaterländischen Fürsorge. Was
+ich im Verlaufe dieses Gespräches hörte, läßt sich zusammenfassen in die
+Worte:
+
+»Bewundernswert ist es, was zu Hause an Opferwilligkeit geleistet wird!
+Aber die Unruhe, die sich daheim in manchen Erscheinungen äußert,
+begreift man hier im Felde nicht ganz. Zu irgendwelcher Unruhe ist doch
+nicht der geringste Grund vorhanden. Eine Zeit wie die jetzige ist immer
+schwer, für alle und für jeden. Das muß eben überwunden werden. Und wir
+=werden= es überwinden. Dann wird das Verlorene sich wieder ersetzen,
+doppelt. Wie es hier im Felde steht, das werden Sie mit eigenen Augen
+sehen. Erzählen Sie es nur daheim! Überall geht's voran, manchmal für
+die Ungeduld zu Hause nicht schnell genug, aber man muß einem zähen
+Feinde gegenüber vorsichtig sein und unnötige Opfer vermeiden, um Kraft
+für entscheidende Stunden zu sparen. Wenn man sieht, wie tüchtig und
+beharrlich im Felde gearbeitet wird, nicht nur an der Front, sondern
+auch =hinter= der Front und =zwischen= den Kämpfen, dann wird man
+ruhig, fühlt sich sicher und wird vertrauensvoll, auch in nötigem Maße
+geduldig.«
+
+Wenn man unseren Reichskanzler schon einen »Philosophen« nennt, so
+ist das eine Philosophie, die wir Deutschen uns alle zu eigen machen
+sollten, bis sie Stein und Bein in uns geworden. Ich habe vor kurzer
+Frist in der »Frankfurter Zeitung« ein starkes und tiefes Wort von
+Theobald Ziegler gelesen: »Der Sieg ist unser Schicksal, dem wir
+entgegenreifen.« Und neben dieses Wort will ich einen japanischen
+Ausspruch stellen, von dem wir in diesen Tagen gehört haben: »Wer im
+Kriege die Hilfe der anderen braucht, hat schon verloren.« Zwei Worte --
+in dem einen kristallisiert sich der Glaube, im anderen der Beweis. Bei
+uns ist die Kraft, bei uns der Sieg. Da sollte uns das bißchen Warten
+und Geduld doch so leicht werden wie ein Spiel, dessen stählerne Feder
+man mit keinem Schlüssel aufzuziehen braucht!
+
+-- (Während ich das niederschreibe, marschiert unter meinem Fenster zu
+Peronne ein Bataillon des Münchner Leibregiments vorüber, marschiert
+in sausendem Wind und unter strömendem Regen zur Ablösung in die
+Schützengräben. An die tausend Feldgraue sind es. Und sie singen! Diese
+prächtigen Menschen! Ihr, die ihr zu Hause seid, ihr hört ja diese
+Lieder unter =eueren= Fenstern =auch=, fast täglich! Das klingt auch in
+der Heimat schön -- und dennoch anders! Hier, während in geringer Ferne
+die große Trommel der Geschütze dröhnt, klingt dieses kraftvolle Lied
+so ruhig und heiter, so gläubig und zuversichtlich, daß ich es nicht
+zu schildern vermag. Die Wirkung ist so mächtig -- man kann es nicht
+sagen, nur fühlen. Etwas Starkes und überwältigend Frohes ist in mir --
+aber ich muß für eine Weile die Feder fortlegen, weil ich zum Schreiben
+nimmer sehe.) --
+
+-- -- Laßt mich wieder erzählen!
+
+Der klärende und erhebende Eindruck, den ich aus dem französischen
+Gartenhaus des deutschen Reichskanzlers mit mir fortnahm, sollte noch
+ein tragendes Fundament am Abend finden, als ich wieder in dem kleinen
+Wintergarten der stillen Villa war, im Kreise der den Kaiser umgebenden
+Offiziere.
+
+Ich sah und hörte da ein für uns alle sehr lehrreiches Beispiel von
+des Kaisers Geduld und Ruhe gegenüber den Verleumdungsbomben, die
+von unseren vielen Feinden mit sehr übel riechendem Pulver gegen uns
+abgeschossen werden. Diese Dinge erbittern ihn, daß ihm die Stirne
+brennt. Aber auch in der heißesten Erregung verliert er nie die
+Herrschaft über sein Wort. Ich hörte den Kaiser in einem solchen Falle
+sagen: »=Das ist stark! Aber dumm ist es auch! Ein Glück, daß die
+Wahrheit auf die Dauer immer klüger ist und die schnelleren Beine hat.=«
+
+Ritterliches Verhalten einzelner Gegner erfreut ihn. Und noch kaum einen
+zweiten Deutschen hab' ich über gute Eigenschaften, über zähe Tapferkeit
+und kriegstechnische Leistungen unserer Feinde so objektiv, so gerecht
+und anerkennend urteilen hören wie den Deutschen Kaiser. Das sollten
+einmal jene von ihm hören, die alle feindliche Welt jetzt erfüllen
+mit ihren urteilslosen Pamphleten wider ihn, mit den aberwitzigsten
+Karikaturen und den niedrigsten Beschimpfungen.
+
+Auch gegen England hörte ich vom Kaiser kein im Zorn maßloses Wort.
+Jedes Urteil, das er da ausspricht, bleibt doch, so streng es
+auch manchmal klingt, immer innerhalb der Grenzen einer vornehmen
+Zurückhaltung. Doch hört man, wenn von den Germanenvettern über dem
+Kanal die Rede ist, aus seiner Stimme ein leises, kaum merkliches
+Vibrieren. Dabei mischt sich seine Rede mit Bildern von scharfer
+Prägung, mit Gleichnissen von schlagender Kraft.
+
+Im Gespräch mit dem Vertreter eines neutralen Staates sagte der Kaiser:
+»=Sie sind doch Sportsmann? Wenn bei einem Wettrennen nach und nach alle
+schwächeren Konkurrenten ausscheiden, und es ringen nur noch die zwei
+stärksten Pferde um den Sieg -- haben Sie es da schon einmal gesehen,
+daß der Jockei des Pferdes, welches nachzulassen droht, mit der Peitsche
+nach dem Jockei des Pferdes schlägt, das ehrgeiziger und besser bei
+Kräften ist?=« Ein Kopfschütteln des Sportsmannes. »=Nun? Warum schlägt
+dann England nach uns? Warum schlägt es nicht auf seinen faulwerdenden
+Gaul?=«
+
+Und noch ein anderes Kaiserwort, von dem ich glaube, daß es festgehalten
+werden muß:
+
+»=Viele von den Leuten, die uns Deutsche immer nach Äußerlichkeiten des
+Schliffes beurteilen und uns immer Barbaren nennen, scheinen nicht zu
+wissen, daß zwischen Zivilisation und Kultur ein großer Unterschied ist.
+England ist gewiß eine höchst zivilisierte Nation. Im Salon merkt man
+das immer. Aber Kultur haben, bedeutet: tiefstes Gewissen und höchste
+Moral besitzen. Moral und Gewissen haben meine Deutschen. Wenn man im
+Ausland von mir sagt, ich hätte die Absicht, ein Weltreich zu gründen,
+so ist das der heiterste Unsinn, der je über mich geredet wurde. Aber in
+der Moral, im Gewissen und im Fleiß der Deutschen steckt eine erobernde
+Kraft, die sich die Welt erschließen wird!=«
+
+Unser Kaiser ist ein Deutscher im Sinne seines eigenen Wortes.
+
+Das alles durfte ich erzählen und glaubte es erzählen zu müssen. Wird
+auch den toll gewordenen Lästerhähnen aller uns feindlichen Länder
+der »zweite Attila« vorerst nicht auszureden sein, so werden diese
+Charakterzüge und Worte des Kaisers doch dazu beitragen, daß wir
+Deutschen sein innerstes Wesen richtig erkennen.
+
+Dieser Abend in dem kleinen französischen Wintergarten -- es waren
+außer dem Großadmiral von =Tirpitz= als Gäste noch zwei Offiziere da,
+von denen der eine als Kurier aus Konstantinopel, der andere als Kurier
+aus dem Osten, vom Heere des Feldmarschalls Hindenburg, gekommen war --
+dieser Abend gab mir auch noch andere Dinge zu hören, sehr erfreuliche
+und verheißungsvolle! Die muß ich in mir verschließen. Nur dieses eine
+darf ich sagen: =Als ich an diesem Abend unter rauschenden Regengüssen
+zu meinem engen Grillenhäuschen heimwanderte durch die finstere Nacht,
+da sah ich unsere deutsche Sonne glänzen, groß und schön!=
+
+
+
+
+ 6.
+
+
+ 24. Januar 1915.
+
+Alles ist grau in grau verschwommen. Der Regen plätschert, und was Strom
+oder Bach heißt, ist wie ein wildes Tier. Bei jeder Wasserpfütze, in die
+ich trete, bei jedem Schlammloch, in das ich hineintappe, muß ich an
+unsere Soldaten denken, die in den verpfuhlten Schützengräben liegen.
+Bei uns zu Hause geht man unter dem Regenschirm oder bleibt daheim oder
+sitzt im Kaffeehaus. Mag es so sein! Wenn wir nur des Unterschiedes nie
+vergessen!
+
+Gegen zehn Uhr morgens wird es ein bißchen heller. Im Auto, das mich
+abholte, geht's nach Bellevue hinaus. Eine Enttäuschung. Das Schloß,
+in dem Napoleon seinen Degen an den König von Preußen übergab, ist
+abgesperrt; es hat bei Beginn des Krieges schon empfindlich gelitten;
+nun soll diese heilige Gedächtnisstätte der Deutschen vor jeder weiteren
+Zeitgefahr behütet werden. Der Park ist umzogen von einem Zaun aus
+Stacheldraht, und ein deutscher Posten steht Wache. Das Schloß ist
+leer, seine Fenster sind mit Brettern verhüllt, sind geschlossene
+Augen. Ich will davongehen. Da befällt mich eine tiefe Erschütterung
+-- ich sehe die ersten deutschen Soldatengräber dieses Krieges: kleine
+lehmgelbe Hügel, schwächliche Holzkreuze, die geheiligten Namen kunstlos
+daraufgeschrieben, geschmückt mit Kränzen und Tannengewinden, denen man
+es ansieht, daß sie von harten Männerfäusten geflochten sind.
+
+Lange steh' ich mit entblößtem Kopf. Und ich sehe nimmer die Gräber,
+nicht den Acker, nicht das Schloß und nimmer den triefenden Wald. Ich
+höre nur in der Morgenstille den leisen, ruhelosen Fall von unzählbar
+vielen Tropfen und sehe deutsche Städte und deutsche Dörfer, deutsche
+Straßen und deutsche Stuben, sehe Kinder, die froh sein möchten und
+verschüchtert sind, und sehe Mütter, Frauen und Mädchen, alle in
+schwarzen Kleidern, mit blassen Gesichtern und entzündeten Augen.
+Vieltausendfach ist der Tod über die Wiesen des deutschen Glückes
+hingegangen, und in der Heimat fallen der Tränen mehr als Tropfen da
+drüben in dem regennassen Wäldchen von Bellevue. Doch aus den blassen
+Gesichtern, die ich sehe, spricht etwas anderes heraus, als es sonst
+der Gram um versunkene Menschen ist, die uns teuer waren. Die Trauer,
+die ich sehe, ist gefaßter, edler und heiliger. Stolz und Schmerz sind
+verschwistert in ihr. Wir alle, die wir um der Heimat willen verlieren
+mußten, sei es an teuerem Leben oder an Gut, wir alle wissen, wofür wir
+es hingaben.
+
+Während ich die Gräber verlasse, bleibt in mir eine Stimmung wie
+nach dem Gottesdienste, bei dem vom sehnsüchtigen Auszug und von der
+gesegneten Heimkehr der Magier aus dem Morgenlande gepredigt wurde.
+So betrete ich auf der Landstraße zwischen Bellevue und Donchery
+das alte kleine Haus, in welchem Napoleon auf Bismarck wartete. Ein
+niederes, fast leeres Stübchen. Es steht da nur ein Glasschrank mit
+Erinnerungen und ein Tisch mit zwei Strohsesseln. Auf dem einen
+dieser Stühle hat Napoleon gesessen, auf dem anderen Bismarck. In dem
+Glaskasten zeigen kleine Blätter die Handschriften unseres Kaisers,
+des deutschen Kronprinzen und anderer Fürsten. Jedes Blatt ist an
+den Ecken beschwert mit den Zwanzigmarkstücken, welche die Hüterin
+dieses Hauses als Geschenk erhielt. Damals, am Sedanstag, war sie eine
+Sechsundzwanzigjährige, jetzt ist sie eine Greisin mit weißem Haar. In
+dem ruhigen Ton, mit dem die Kustoden von Kunstsammlungen zu sprechen
+pflegen, erzählt sie, wie sie während jener Schlacht mit ihrer Familie
+im Keller saß und die Granaten sausen hörte, die über das Hausdach
+hinüber und herüber flogen. Geradeso wäre es jetzt wieder gewesen, beim
+Kampf und bei der Zerstörung von Donchery. Von der freundlichen Güte
+unseres Kaisers erzählt sie und von den vielen hohen Gästen, die in ihr
+berühmtes Haus kommen. Von den tausend anderen, ungefürsteten Besuchern
+dieses Raumes erzählen die Wände, die Türbretter, die Fenstergesimse,
+sogar die Stubendecke -- alle Plätze, auf die man seinen Namen schreiben
+kann. Eine wunderliche und rührende Tapete: diese Tausende von deutschen
+Namenszügen!
+
+Beim Gehen, unter der Türe, sag' ich zerstreut: »Auf Wiedersehen!« Die
+Greisin erschrickt: »Nein, mein Herr, nein, nein! Da wäre doch =wieder=
+Krieg! Das muß der letzte sein!« Sie lächelt. »Kommt noch einer, so leb'
+ich nimmer!«
+
+Ein Anstieg über eine Feldhöhe. Niedergetretener Hafer und ungeerntete
+Rüben. Manchmal neben der Straße ein halb wieder zugeschütteter
+Schützengraben. Dürr gewordene Laubhütten, die den Soldaten als
+Unterstände bei Regen dienten. Und lange, breite Drahthindernisse, jetzt
+zerschlagen und zerstampft. Wie kleine dünne Schlangen ringeln sich
+überall die entzweigeschnittenen Drähte aus dem Kraut heraus.
+
+Hohe, von Gestrüpp überwucherte Erdwälle und hinter ihnen etwas sehr
+Sonderbares -- es sieht aus wie ein gewaltiger Termitenhaufen mit vielen
+Einschlupftrichtern: das von den Deutschen eroberte und zerstörte Fort
+des Aivelles, dessen Kommandant sich, als die Feste fiel, eine Kugel
+durch den Kopf jagte. In einem Föhrenwäldchen liegt das Grab, das ihm
+die Deutschen gruben, und das sie zur Ehrung dieses Braven in sinniger
+Weise schmückten. Die Hälfte seiner Besatzung war ihm davongelaufen,
+bevor die erste deutsche Granate kam -- noch heute liegen an vielen
+Stellen die roten Hosen umher, die diese Sorgenvollen herunterzogen, um
+sie durch minder gefährliche Bauernhosen zu ersetzen.
+
+Meinen Weg sperrt solch ein riesiger Termitentrichter: die
+Einschlagstelle eines deutschen Haubitzengeschosses. Ein Loch vom
+Umfang einer Stube, drei Meter tief, und drunten sieht man durch
+einen zerrissenen Schacht hinunter in einen schwarzen Keller, in
+die »granatensichere« Kasematte, deren Betondach der deutsche Schuß
+zertrümmerte. Überall Vernichtung; zwei Meter dicke Mauern sind zerrupft
+wie Fließpapier; nur die Torhalle hat standgehalten; hier liegt noch das
+französische Pulver in den Gewölben. Heiter schwatzende Landsturmmänner
+sind mit dem Sortieren des Beuterestes beschäftigt; alles wird
+gesammelt, was sich für deutsche Zwecke wieder verwenden läßt: Eisen,
+Kupfer, Messing, Zinkblech, Bleiröhren und Gummi. Über Trümmerhaufen und
+durch Granatenlöcher klettere ich hinauf zur Plattform des Forts. Die
+Kanonen, die hier stumm gemacht wurden, sind schon verschwunden, nach
+Deutschland gebracht. Nur die Verwüstung ist noch da, mit grauenvollem
+Gesicht, mit etwa vierzig Granatentrichtern, die aussehen wie tief
+eingesunkene Todesaugen. Ein Schuß hat den hohen eisernen Mast der
+französischen Flagge umgeworfen, hat die Spitze in den Grund gebohrt und
+den schweren Fuß in die Luft gehoben.
+
+Meine Augen irren über dieses stumme und doch schreiende Bild des
+Unterganges hin. Ein schmerzender Schauder überrieselt mich bei dem
+Gedanken, daß unsere deutschen Festungen so aussehen könnten wie dieser
+leblose Trümmerhaufen -- wenn wir nicht die Stärkeren wären und nicht
+die Ausdauer und den Willen hätten, es auch zu bleiben.
+
+Immer rieselt der Regen, dichte Wolken jagen über Hügel und Wälder hin,
+und graue, wogende Dünste verschleiern, was Landschaft heißt. Alles
+Französische scheint sich in deutsches Feldgrau verwandelt zu haben. Aus
+diesem unübersehbaren Heere lösen sich immer wieder einzelne Gestalten
+sichtbar ab: Soldaten, welche die Landstraßen und die Brücken bewachen.
+Bei jedem zweiten oder dritten Kilometer gibt's einen Aufenthalt der
+Fahrt, eine Schranke, eine Visitation. Mein Ausweis öffnet mir jeden
+Schlagbaum. So geht's in fünfstündiger Autohetze über Hirson und
+Guise nach St.-Quentin, in dem es wimmelt von deutschen Kriegern. Wo
+kommen sie nur alle her? Ganz märchenhaft ist ihre Menge. Und daheim,
+bei meiner Reise durch deutsches Land, war es ebenso! Sei gesegnet,
+meine Heimat, du unerschöpflichster aller Menschenbrunnen! Und England
+will uns vernichten? Uns? Wäre diese britische Sehnsucht nicht so
+verbrecherisch, sie müßte drollig wirken in ihrer Torheit.
+
+Bei sinkendem Abend erreiche ich die Stadt Peronne. Wieder dieses
+gleiche Soldatengewimmel, noch dichter als in St.-Quentin! Der große
+Stadtplatz, auf dem ein gutes Denkmal der Marie Fouré zu sehen ist,
+einer französischen Heimatsheldin vom Geiste der Jungfrau von Orleans --
+dieser Platz, den der stumpfköpfige, mit dem gallischen Hahn geschmückte
+Turm der Kathedrale überragt, sieht mit seiner Soldatenmenge aus wie
+daheim in München der Marienplatz nach einer Parade am Königstag. Aber
+bin ich denn in der Fremde? Bin ich nicht wirklich daheim? Überall
+bayerische Klänge. Münchner Laute! Ich fasse einen Feldgrauen am Arm:
+»Grüß Gott, Landsmann! Woher sind Sie denn?« -- »Von Hoadhausen!« --
+»Und wie geht's immer?« -- »Guat. Warum soll's denn schlecht gehn?« --
+»Aber eine aufregende Zeit das! Nicht?« -- Er sieht mich an, als hätte
+ich eine Sprache geredet, die er nicht versteht; dann lacht er ein
+bißchen: »Gell, Sö kommen grad von dahoam? Ja ja, da =san= d' Leut a
+so. I woaß net, warum?« -- Was dieser eine sagt, das gleiche lese ich
+aus allen Gesichtern und Augen, hör es aus allen Worten. Hier im Feld
+ist die Ruhe, das Bewußtsein der deutschen Kraft. Zapplig, ohne Geduld
+und aufgeregt sind nur wir zu Hause. -- »=I woaß net, warum?=« sagte
+der brave Feldgraue, der jetzt vier Tage Rast hat und dann wieder vier
+Tage im Schützengraben stehen muß. =Ohne= Regenschirm! Gäb' es einen,
+der ihm dienen könnte, so müßte es einer sein, der, statt mit Seide oder
+Baumwolle, mit daumendicken Stahlplatten bezogen ist. Und für =alle=
+fallenden Tropfen würde der =auch= nicht helfen!
+
+Mein erster Weg zu Peronne führt mich ins Kriegslazarett. Hier liegt
+ein junger deutscher Offizier, der mir lieb ist. Ein stummes, festes
+Umhalsen. Dann sitz' ich an seinem Bett, und seine fieberheiße Hand ruht
+in der meinen. Aber diese Sorge, die schon wieder verläßliche Hoffnung
+ist, gehört mir allein. Davon will ich nicht sprechen. Ich bin hier, um
+zu schauen und um der Heimat zu erzählen, wie meine Reise zur deutschen
+Front eine Reise zum deutschen Glauben wurde.
+
+Im Lazarett muß ich Bilder sehen, die hart sind und in die Seele
+schneiden. Ich will sie nicht schildern; wir alle wissen, was Leiden
+und Schmerz des Krieges heißt. Aber was ich sehe, predigt mir gleich in
+der ersten Stunde die dankbare Bewunderung für unsere deutschen Ärzte
+und für den stillen, geduldigen Opfermut unserer Schwestern vom Roten
+Kreuz. Und diese Blankheit des Lazarettes, diese Ordnung und Sauberkeit!
+Überall, wo unsere Ärzte einzogen, mußten sie wider den französischen
+Schmutz zuerst das Wunder der Reinlichkeit wirken.
+
+Aus einem Lazarettraum, an dessen halboffener Tür ich vorübergehe, hör'
+ich in der sonst tiefen Stille des Hauses einen fast kindlich klagenden
+Singlaut: »Oooohlala, ooohlala, ooohlala!« So ähnlich sangen einmal auf
+der Münchner Theresienwiese die Aschantimädchen. Ich frage einen Wärter:
+»Was ist denn das?«
+
+Er brummt: »=Ah mei', so a wehleidiger Franzos, der grad verbunden wird!
+Gar nix halten s' aus, allweil müssen s' wuiseln. Die Unsern beißen die
+Zähn übereinand, da hörst kein Laut net! Is halt doch an anderer Schlag,
+Gott sei Dank!=«
+
+Ich spreche ihm das in meinem Herzen nach: »Gott sei Dank!« -- Noch am
+gleichen Abend erzählt mir ein hoher Offizier, daß unsere Feldgrauen
+für die Franzosen diesen Spitznamen aufbrachten: »Der =Ohlala=!« Und
+noch einen anderen haben sie: »Der =Tuhlömong=!« Wo die feindlichen
+Schützengräben nahe bei den unseren liegen, kann man häufig das
+französische Kommando hören: »_Tout le monde, en avant!_« -- Das Ganze
+vor! Bleibt dieser Befehl ohne Folge, was häufig geschieht, dann sagen
+unsere Feldgrauen lachend: »Heut mag er net, der Tuhlömong!«
+
+Als ich aus dem Lazarett auf die Straße trete, fällt der gottverwünschte
+Regen schon wieder in dicken Schnüren. Nur dieses Rauschen; die
+Häuser der Stadt sind still und finster, alle Türen und Fensterläden
+geschlossen; nach Einbruch der Dunkelheit darf sich bei schwerer
+Strafe niemand von der einheimischen Bevölkerung mehr auf der Straße
+zeigen. Außer den einquartierten Soldaten wohnen da nur noch Greise und
+Knaben, Frauen, Mädchen und Kinder. Alle Wehrfähigen sind fortgeführt
+oder dienen im französischen Heer. Ob diese Dienenden noch leben,
+oder gefallen, oder gefangen sind, das weiß hier niemand. Seit vier
+Monaten sind die Einheimischen ohne Nachricht von ihren Vätern und
+Söhnen im Heer; jeder Briefverkehr mit Angehörigen jenseits der Front
+ist ihnen zur Verhütung von Spionage verboten. Krieg! Was mag hinter
+den geschlossenen Fensterläden, durch deren Ritzen das scheue Licht
+herausquillt in die Regennacht, aus verschlossenem Gram und Zorn
+geflüstert und geknirscht werden! -- Bei uns daheim ist es anders! Da
+ist Licht und Leben und unbedrückte Freiheit! Auch Leid und Schmerz,
+gewiß! Das hat seine harten, unvermeidlichen Gründe! -- Aber unsere
+nervöse Ungeduld, die sich manchmal versteigt zu sinnlosem Klatsch und
+zu Worten voll übler Ungerechtigkeit wider unser Heer und seine Führer?
+-- Wie sagte der brave Feldgraue von Haidhausen? »I woaß net, warum?«
+
+Auf dem dunklen Stadtplatz, bei dessen wenigen Laternen die
+Wasserpfützen des Pflasters glitzern, nähert sich mir ein mächtiges
+Rollen, Schnauben und Knattern. Wie ein langer, langer Zug von schwarzen
+Ungetümen saust es aus der Nacht heraus und in die Nacht hinein. An
+die vierzig oder fünfzig Lastautomobile mit angehängten Wagen! Und
+alle sind vollgepfropft mit jungen deutschen Soldaten! Die rauchen ihr
+Pfeifchen, ihre Liebeszigarren, und lachen und schwatzen! Und meine
+grüßenden Zurufe erwidern sie lustig, mit gesundem Frohsinn! Als ging'
+es zu einem Feste! Und sie fahren doch in die schwarze, vom Regen
+durchpeitschte Nacht hinaus, der Richtung zu, aus der man seit dem Abend
+immer ein dumpfes Rollen wie von einem schweren, näherkommenden Gewitter
+hört!
+
+Ich bekomme eine kleine nette Quartierstube, völlig »undevastiert«,
+obwohl vor mir schon viele Deutsche da gewohnt haben. Der Kamin hat
+Geheimnisse -- man bringt ihn wohl dazu, daß er brennt, aber nicht, daß
+er heizt. Doch der Gedanke an die da draußen, die noch viel nässer sind
+und noch viel härter frieren, macht mich geduldig. Auch tröstet mich
+wieder das famose französische Bett. Ein Segen für uns, daß Frankreichs
+gute Armee nicht =so= gut ist, wie seine Betten sind. Da hätten unsere
+Feldgrauen noch viel härter zu beißen, und wir zu Hause müßten noch
+=viel= geduldiger sein, als wir jetzt schon -- =nicht= sind!
+
+Aller Güte dieses Bettes zum Trotze kann ich nicht schlafen. Immer
+rollt der Kanonendonner. Ein paarmal hör' ich den schweren Schlag einer
+explodierenden Mine. Die Fensterscheiben klirren und das ganze Hans
+zittert, obwohl ich etwa acht Kilometer vom Schusse bin. Spring' ich
+zum Fenster hin, so seh' ich die Lichtbündel der Scheinwerfer über die
+Wolken huschen. -- Wo sind die Minen aufgegangen? Sind Deutsche, sind
+Franzosen zerschmettert und zerrissen in die Luft geflogen? -- So sieht
+die »Ruhe« aus, die wir bei der Front vermuten, wenn die Depeschen
+melden: »=Nichts Neues!=« Wir müssen lernen, zwischen den Zeilen der
+Telegramme zu lesen. Mir ging es kalt durch die Adern, als ich heute von
+diesem Minenkrieg erzählen hörte, von dieser Maulwurfsarbeit des Todes
+unter der Erde, zwischen Schützengraben und Schützengraben. --
+
+Am Morgen regnet's, regnet's und regnet's. Ein Wetter, um beim Gedanken
+an unsere Truppen zu verzweifeln! Dabei ist es noch ein Glück, daß die
+Unseren von härterem »Schlag« sind als die Franzosen, denen die Nässe
+und der Schlamm noch viel empfindlicher an die Haut gehen. Dieses
+fürchterliche Wetter ist schließlich doch auch ein Bundesgenosse der
+deutschen Robustheit.
+
+Ich denke das, während ich aus der Haustür trete, und da erbringt
+mir die Wirklichkeit einen Beweis, der mir Herz und Leib mit Freude
+durchglüht.
+
+Durch die grob gepflasterte Straße stampft es herauf -- wie das
+Volkslied sagt: in gleichem Schritt und Tritt. Sind das Franzosen? Die
+gleichen Franzosen wieder, die von der Armee des deutschen Kronprinzen
+gefangen wurden? Nein! Die Leute sind größer, kräftiger. Auch sind das
+keine Gefangenen, sie sind nicht bewacht, und sie tragen Waffen! Aber
+die Gewehre sehen aus, als hätte man sie aus einer Pfütze gezogen;
+Patronentaschen, Bajonett und Schanzeisen sind mit Schlamm umwickelt;
+und genau so, wie jene tausend gefangenen Franzosen, die ich gesehen,
+sind diese fünf-, sechshundert Deutschen von den Stiefeln bis über die
+Brust hinauf, bis zu Schulter und Hals so dick in gelben, klumpigen Lehm
+gewickelt, daß von den feldgrauen Uniformen nur wenige unbekleckerte
+Lappen noch zu sehen sind. Nicht anders sehen Tornister und Mäntel aus.
+Viele von den Leuten tragen trotz der Kälte die Hälse nackt und haben
+die Liebesgabenschlipse um den Rand der Stiefelschäfte herumgewickelt,
+damit sie den Dreck nicht auch noch in die Stiefel bekämen! Aber
+frische, gesunde, gutgefärbte Gesichter haben sie! Alle! Gut genährt und
+kraftvoll sehen sie aus! Und aus ihren hellen, ruhig-frohen Augen redet
+eine wahrhaft stoische Zufriedenheit mit aller Mühsal, die sie erdulden
+müssen für Heil und Schutz der Heimat.
+
+Nein! Was wir manchmal in den amtlichen Depeschen lesen, vom
+Gesundheitszustand und der guten Verfassung unserer Truppen, das ist
+nicht Stimmungsmache! Das ist =weniger= als die wundervolle Wahrheit,
+die ich jetzt, beglückt bis ins Innerste meiner Seele, mit eigenen Augen
+zu sehen bekomme.
+
+Es sind Mannschaften des =Münchener Leibregiments=, die nach der
+Ablösung aus den Schützengräben kommen, um vier Tage Rast zu haben.
+Straff und strack marschieren sie in dem von Schlamm und Nässe
+klatschenden Zeug an mir vorüber -- und weil ihnen ein hoher Offizier
+begegnet, rucken sie ihre Körper plötzlich auf, und die Stiefel stechen
+und klingen wie bei festlichem Parademarsch. Hinter ihnen bleibt
+auf dem groben Pflaster eine lange gelbe Lehmschlange, die im Regen
+allmählich ersäuft und verschwindet.
+
+So, wie in dieser Minute, hab' ich noch nie im Leben die Notwendigkeit
+und stählende Kraft der militärischen Erziehung unseres Volkes
+verstanden. Und ich begreife nun auch die verzagte, hoffnungslose
+Trauer, die ich hier in den Augen der Einheimischen sehe, wenn sie einen
+Vorbeimarsch unserer Truppen betrachten; sie sprechen es nicht aus; aber
+man fühlt es, daß sie denken: »=Ihr seid die Sieger!=«
+
+Neben aller stolzen Freude zitterte mir doch auch eine Sorge im Herzen,
+und ich fragte den Offizier, der neben mir stehen geblieben war: »Um
+Gottes willen, die Leute haben doch nur die =eine Uniform=, wie werden
+sie denn wieder trocken und sauber?«
+
+Er lachte: »Ja, das weiß ich nicht. Aber morgen sind sie's wieder. Die
+meisten helfen sich so, daß sie sich in dem nassen Schmutz auf ihr Stroh
+legen und die Kleider am Leib trocknen lassen. Andere machen es anders.
+Neulich sah ich einen in einer eiskalten Pfütze stehen und die Kleider
+waschen, die er am Körper trug. Ich fragte: >Mensch, was machen Sie
+denn da?< Der Mann sagte: >Ja, mei', wie soll ich's denn machen? Mei'
+Zuig muß i endli amal sauber kriegen, nacket kann i mi net herstellen,
+muß i's halt =so= machen!< Er wusch und rippelte weiter! Und das
+Merkwürdigste an der Sache ist, daß wir noch nie so wenig Revierkranke
+gehabt haben wie jetzt.« --
+
+Ich glaubte bisher, vom ersten Tage des Krieges an, jede Pflicht gegen
+meine Heimat als Deutscher gewissenhaft erfüllt zu haben. Jetzt weiß
+ich, daß ich noch mehr hätte tun müssen, um als Bürger dem Soldaten zu
+helfen.
+
+
+
+
+ 7.
+
+
+ 27. Januar 1915.
+
+Vorgestern, bei Anbruch der Abenddämmerung, zur Vorfeier von Kaisers
+Geburtstag, war Kirchenkonzert in der alten Kathedrale von Peronne.
+Die Offiziere in den Chorstühlen. Und die drei Längsschiffe der Kirche
+dicht gefüllt mit deutschen Soldaten. An die Tausend waren es, alle
+gewaschen und sauber gebürstet. Unbeweglich, den Helm oder die Mütze
+vor der Brust, saßen sie und lauschten dem kunstvollen Spiel der Orgel
+und den ernsten Liedern, die gut gesungen wurden. Und als zum Schlusse
+des Konzerts die Orgel zusammen mit den Bläsern der Militärkapelle
+-- wahrhaftig, ein »brausender Donnerhall« -- die Wacht am Rhein
+intonierte, erhoben sich die Tausend und das große deutsche Lied
+schwoll empor in die gotischen Gewölbe wie ein schönes, kraftvolles und
+inbrünstiges Gebet.
+
+Barbaren-Andacht! Ja! Die Franzosen sagen doch jetzt, daß wir spirituell
+minderwertig und zivilisatorisch zurückgeblieben wären, weil wir Musik
+haben, der Musik bedürfen und sie lieben! Wir sind ihnen wie giftige
+Schlangen, die sich durch Pfeifenspiel für Minuten bändigen lassen.
+Solchem Wahnwitz gegenüber muß man heiter werden und an den kropfigen
+Zillertaler denken, der einem makellos gewachsenen Fremden begegnet und
+dabei sein kropfiges Söhnchen ermahnt: »Tu nit spotten, sonst straft
+dich Gott, und du wirscht die gleiche Mißgeburt wie der!«
+
+Und gestern, am Vorabend des Kaisertages, als aus schwimmenden Nebeln
+eine dunkle Nacht herunterstieg, wurde auf dem großen Stadtplatz der
+Zapfenstreich geschlagen. Keine aufdringliche Feier. Ein militärisches
+Fest, würdig in Grenzen gehalten, einfach, vornehm, und gerade deshalb
+so schön und ergreifend, etwas herrlich Helles auf dem finsteren
+Hintergrunde der Zeit. Wie eine ruhige Leuchtwoge schwamm die vierfache
+Reihe der Fackeln über den schwarzen Stadtplatz her und formte ihren
+Flammenkreis um die Militärmusik. Außerhalb des Kreises standen die
+Soldaten. Kopf an Kopf, so weit man in der Nacht zu sehen vermochte.
+Die Jubelouvertüre. Noch ein paar andere, gutgewählte Musikstücke.
+Dann der alte bayerische Zapfenstreich; seine strengen, geheimnisvoll
+verhaltenen Trommelwirbel rütteln das Blut auf, seine munteren
+Bläserweisen besänftigen es wieder. Nun tiefe Stille über dem weiten
+Platz. Mit kurzen, markigen Worten brachte der Kommandierende des Korps,
+General v. Xylander, das Hurra auf unseren Kaiser aus. Und die tausend
+jauchzenden Soldatenstimmen klangen, als wär' es nur ein einziger
+Schrei, das stolze und frohe Aufjubeln eines Riesen. »Deutschland,
+Deutschland über alles!« Und die leuchtende Fackelwoge schwamm still
+davon, der Platz wurde finster.
+
+Während der Nacht vernahm ich immer den fernen Kanonendonner. Und noch
+etwas anderes hörte ich. Immer. Unter der Stube, in der mein Quartier
+ist, wohnen und schlafen der Besitzer des hübschen Hauses, seine
+greise Mutter und seine Magd in einer kleinen Kammer. Zwei Söhne und
+drei Brüder sind im französischen Heer; von denen haben sie seit Mitte
+September nichts mehr gehört. Die Leute sind freundlich zu mir; sie
+sagen nur Dinge, von denen sie hoffen, daß ich sie gerne höre. Ich weiß:
+was sie denken, verschweigen sie; und wenn sie zu lächeln versuchen,
+haben sie einen Zug voll Schmerzen um den Mund. So oft ich in die Küche
+trete, schrickt die greise Frau heftig zusammen. Vor =mir=! Sie glaubt
+nicht, daß ich lieber ihre runzelige Hand streicheln als sie erschrecken
+möchte. Und diese drei Leute hör' ich reden in jeder Nacht, unter meiner
+Stube, mit bebenden Stimmen, ganz leise. So hab' ich sie auch immer in
+dieser Nacht gehört, nach dem Zapfenstreich. Und die zitternden Stimmen
+erloschen nur, wenn draußen auf der Straße die Stahlschritte eines
+Soldatentrupps vorüberklirrten, der zur Ablösung in die Schützengräben
+zog.
+
+=Mich= sangen diese Lieder, die sich immer aufs neue wiederholten, in
+einen festen und ruhigen Schlaf. --
+
+Nun ist der Morgen da. Es regnet nicht. Aber der Himmel ist grau
+umdunstet. Sonne, Sonne, wo bleibst du denn? Bist du daheim in
+Deutschland?
+
+Eine Ruhe ist in mir, die ich nicht schildern kann. Ich empfinde sie,
+wie man die Luft des werdenden Frühlings fühlt. Alle Unzufriedenheit und
+Ungeduld, alles Nervöse und Zappelige, auch alle Sorge um materiellen
+Verlust ist abgestreift von mir. Das zählt nicht. Nur Arbeit und Kraft
+der Gegenwart zählen, nur unsere deutsche Zukunft!
+
+Mit vielen Soldaten hab' ich mich angefreundet. Was in ihren gesunden
+Knochen ist, fließt über in mich. Wir zu Hause, wir =glauben= im besten
+Falle an den Sieg -- hier im Felde =wissen= sie alle: wir siegen. Aber
+eines weiß ich jetzt auch schon: daß der Krieg etwas völlig anderes
+ist, als ich in der Heimat vermuten und sehen konnte. Er ist etwas viel
+Schrecklicheres, aber auch etwas viel, viel Schöneres!
+
+Was wird dieser neue Tag mir wieder zeigen?
+
+Die Fahrt geht am Ufer der Somme entlang. Auch unter den trüben
+Nebelschleiern ist es noch eine wundervolle Landschaft. Über eine Breite
+von vierhundert Meter verzweigen sich Kanäle, Strom, Altwasser und
+Sümpfe, durchsetzt von malerischen Röhrichtfeldern, in denen Schwärme
+von Wasserhühnern und Wildenten umherschlüpfen.
+
+Nun steh' ich vor einem Meisterwerk der deutschen Pionierkunst, vor
+der fast fünfhundert Meter langen Holzbrücke über die Sümpfe der
+=Somme=. Als der Bau begonnen wurde, verschwanden die ersten als
+Pfosten eingetriebenen Baumstämme vollständig im grundlosen Schlamm.
+Dennoch wurde dieses Sumpfhindernis, von dem die Franzosen erwartet
+hatten, daß es den Anmarsch der Deutschen um viele Wochen verzögern
+würde, von zwei bayerischen Pionierkompagnien durch den Bau dieser
+Brücke in =fünf Tagen= überwunden. Wie zierliches Filigranwerk sehen
+diese Holzverschränkungen aus und tragen Regimenter, schwere Geschütze
+und lange Züge von Lastautomobilen. Über den Kanälen hat die Brücke
+ausschwingbare Bogen zum Durchlaß der Schiffe! Und alles in fünf Tagen
+entstanden!
+
+Das Materialdepot dieser märchenhaften Arbeit, der Pionierpark,
+ist untergebracht in einer großen, zerschossenen und ausgebrannten
+Fabrik. Was da in kurzer Zeit durch deutschen Fleiß, deutsche
+Ordnung und deutsche Gründlichkeit entstand, das wirkt wie etwas
+völlig Unglaubhaftes. Man zweifelt noch, wenn man es mit eigenen
+Augen sieht. Das ganze Innere des zerstörten, nur noch von den kahlen
+Mauern umschlossenen Gebäudes ist durch Brettereinbauten in eine
+Reihe von Sälen, Stuben und Kammern verwandelt. Alle Räume sind mit
+hölzernem Fachwerk ausgefüllt und in peinlichster Genauigkeit mit
+allen Gattungen von Kriegsmaterial und Werkzeug vollgekramt. Alles ist
+da, vom Minenwerfer bis zum Schuhnagel. Ein lustiges Wunder ist der
+Schlafsaal, in dem ein paar hundert Pioniere und Soldaten ihr Quartier
+haben. In drei Reihen durchziehen den großen Raum die zweistöckigen
+Schlafschachteln -- ich finde keinen anderen Ausdruck -- die Hälfte der
+Leute schläft zu ebener Erde, die andere Hälfte im Oberstock dieser
+riesigen sechzigschläfrigen Bettladen. Heu und Stroh ersetzen die
+Matratzen, als Kopfkissen dient der Tornister. Ich frage: »Ist denn
+da gut zu liegen?« Alle lachen gleich, und einer sagt: »Ah, da is's
+gut, jetzt haben wir's fein!« In den Ecken stehen die eisernen Öfen
+und rings um die Mauern ziehen sich die hölzernen Tische und Bänke.
+Da sitzen die Leute, wenn sie Rast haben, und schreiben Briefe und
+Karten, oder essen, oder flicken ihr Zeug, oder spielen Tarock. Ein
+bisserl rauchig ist es in dem Raum, nicht von den Öfen -- die ziehen
+famos -- nur von den Pfeifen und Zigarren. Auch ein Badhaus ist da, und
+ein Duschraum, mit einem Fabrikskessel als Warmwasserreservoir und mit
+einer Feuerspritzenpumpe, die den »Hochdruck« liefert. Und der mächtige
+Hofraum ist ein Gewimmel von Soldaten, Pferden und Lastkarren, ein
+Durcheinanderhuschen von ruhelosem Fleiß.
+
+Weiter geht die Fahrt, über kahles Feld. Bald müssen wir halten -- das
+Auto kann oder darf aus irgendwelchem Grunde nimmer vorwärts. Ich stehe
+auf dem Acker, gucke herum und frage mich: »=Was ist da los?=« Nichts
+zu sehen, nur dieses stille, leblose Feld. Hinter dem Dunst des trüben
+Tages liegt da und dort ein Dorf. Und überall dunkle, kleine, niedliche
+Wäldchen. Ich denke mir noch: »Das müßte eine gute Fasanengegend sein!«
+Da hör' ich irgendwo in der Luft einen merkwürdigen Vogel singen. So
+ähnlich klingt es, wenn eine Radfahrersirene zu pfeifen anfängt. Mit
+uuuuh beginnt es, und mit iiiih hört es auf. Neben dem Saum eines nahen
+Wäldchens fährt weißer Dampf in die Höhe, der sich in schwarzen Rauch
+verwandelt und wie zum Qualm einer Brandstatt wird. Eine halbe Sekunde
+später ein schwerer Donnerschlag. Jetzt kapiere ich: was ich sehe und
+höre, ist der Einschlag einer französischen Granate. Alles ist schon
+lange vorüber, da hört man erst, acht oder zehn Sekunden später, den
+fernen Hall des feindlichen Geschützes.
+
+Auf dem weiten Felde ist kein Mensch zu gewahren. Doch! Mit dem Glas
+erkenne ich einen Soldaten, der nahe bei dem Wäldchen ruhig in einem
+Acker steht; er hat ein Notizbuch in der Hand und notiert etwas. Sehr
+friedlich sieht das aus. Wieder dieses Sausen in der Luft, wieder der
+aufwallende Rauch, ähnlich dem Atemzug eines vulkanischen Kraters,
+und wieder dieses Dröhnen. Eine um die andere kommt, über vier oder
+fünf Kilometer von der unsichtbaren feindlichen Stellung her. Und
+immer näher rücken sie gegen das Auto. Die beiden freundlichen
+Offiziere, deren Gast ich bin, wünschen sehr lebhaft, mich wieder im
+Auto zu sehen. In jagender Fahrt geht es davon. Hinter uns immer diese
+dumpfen Paukenschläge. Ob eine Granate zu der Stelle kam, wo unser
+Auto gestanden, weiß ich nicht. Wohl kaum. Die Beschießung gilt einer
+deutschen Batterie, die am Saum des Wäldchens vergraben liegt, aber
+an einer ganz anderen Stelle. Die Franzosen tasten seit Wochen in
+kostspieliger Munitionsverschwendung den ganzen Umkreis des Gehölzes mit
+Granaten ab, suchen immer diese fein versteckte Batterie und können sie
+nicht finden. Gott sei Dank!
+
+Die deutschen Kanonen bleiben stumm, und nach einer Viertelstunde
+schweigen auch die französischen Geschütze.
+
+Auf einem Umweg kehrt das Auto zu dem beschossenen Wäldchen zurück.
+Wir halten an der Somme, bei einer zerstörten Mühle, vor der eine von
+unseren berühmten =Feldküchen= dampft und sehr einladend duftet. Zum
+Kosten fehlt es an Zeit, wir müssen vorwärts. Überall Soldaten, überall
+Munitionswagen, überall Reiter und Radfahrer. Wir sind in der Nähe der
+deutschen Front. Durch Rübenfelder, deren ungeerntete Früchte schon
+wieder frische Blättchen zu treiben beginnen, blaßgrün wie junger Salat,
+kommen wir zu dem von den Franzosen angepulverten Wäldchen. Und jetzt
+soll =ich= die deutsche Batterie entdecken, die da steht! Ich habe
+ein Glas mit achtfacher Vergrößerung; immer gucke ich, aber ich finde
+nichts. Wohl sehe ich Prügelwege, die durch knietiefen Kot führen, sehe
+verschlammte Zufahrtswege und viele künstlich eingesteckte Bäumchen,
+aber keine Batterie. Man muß mich dicht vor das in die Erde eingegrabene
+Geschütz hinführen, damit ich merke, wo es steht. Die Höhlung ist
+bedeckt mit einem schön gewölbten Holzdach, das auf der Somme von einem
+französischen Schleppschiff abgenommen wurde. -- (Ganz wundervoll ist
+das, wie unsere Feldgrauen alles und jedes, was sie finden, für den
+besten und nützlichsten Zweck verwenden, dem es dienen kann. =Was=
+hier französisches Gut heißt, wird deutsche Wehr und Waffe.) -- Über
+dem Schiffsdeck ist wieder dicke Erde und wieder ein künstliches
+Gebüsch, als Deckung gegen die Späheraugen der Flieger. Unten nur ein
+schmaler Einschlupf, auf der anderen Seite die Ausschußöffnung für die
+Kanone. Zärtlich streiche ich das metallene Rohr, das für unser liebes
+Deutschland schon viele wirksame Donnerkeile aussandte. Und den klugen,
+lachenden Kanonieren drücke ich die Hände.
+
+Man zeigt mir ein deutsches Geschoß und ein belgisches von gleichem
+Kaliber -- die beiden sehen nebeneinander aus wie ein Mann und ein
+Kind. Solange die Sache nur Geplänkel ist, läßt man die belgischen
+Kinder fliegen, um deutsche Munition und deutsches Geld zu sparen.
+Wird's ernst, dann kommen unsere eisernen Männer dran. Ganz fürchterlich
+schlagen sie drein. In einem Kellerloch sind sie zu hohen Stößen
+aufgeschichtet, um ihrer Stunde zu warten.
+
+Nun spaziere ich am Waldsaum entlang, wo ich die französischen Granaten
+einschlagen sah. Zwischen fünfzehn Explosionstrichtern, die gegen die
+stubengroßen Granatenlöcher auf dem Fort des Aivelles aussehen wie
+Spucknäpfe, finde ich vier »Ausbläser« und drei »Blindgänger«.
+
+Durch Schlupfwege im verwüsteten Walde geht's zu einer Stelle, die
+genau so aussieht wie alles andere Gehölz. Hier soll ich abermals
+etwas entdecken. Erst nach längerem Spähen bemerke ich, daß aus einer
+Bodenstelle des gegen die französischen Linien gerichteten Waldsaumes
+etwas Bläuliches herauswirbelt. Dampft die Erde? Oder ist's Ofenrauch?
+Oder Zigarrenqualm? Über ein verstecktes Trepplein geht es hinunter.
+Das ist die Beobachtungsstelle der Batterie: ein Lehmsalon von etwa
+vier Quadratmeter; warm wie ein Backofen; immer schwitzen und triefen
+die Wände; ein Rauch, der die Augen zerbeißt; und ein Zwielicht,
+an das ich mich erst gewöhnen muß, bevor ich zu sehen beginne.
+Beim Ausguck steht das Scherenfernrohr; in die Lehmwand sind drei
+Telephonapparate eingebaut, und eine Ofenröhre dient als Sprachrohr.
+Ganz mystisch berührt es, wenn aus der Erde heraus die Stimmen quellen,
+die von der Batterie kommen, vom Unterstand der Mannschaft oder vom
+Offizierskellerchen. Mit uns dreien, die wir kamen, sind nun sieben
+Leute in dem kleinen Raum. Umdrehen kann man sich nimmer. Aber man
+plaudert und lacht -- und in dem kleinen Dreckloch ist ein frischer,
+gesunder Humor, den ich mit Herz und Händen fassen und heimschicken
+möchte.
+
+Ich sehe noch das feine Kellerchen, in dem der Batterie-Offizier
+sich aufhält. Das ist ein Lebenskünstler. Er hat ein Tischerl, ein
+Rokokofauteuilchen und ein zierliches Boudoirsofa, das ihm als Bett
+dient. Um darauf zu schlafen, ist es freilich viel zu kurz. -- »Aber«,
+sagt er, »wenn man die Beine gegen die Wand hinaufstellt, liegt man
+ganz ausgezeichnet!« Diese Wand ist mit persischen Teppichen bekleidet,
+die aus einer kaputtgeschossenen Villa stammen; immer dampfen sie im
+Kampf zwischen Wärme und Feuchtigkeit, und ihre Farben beginnen unter
+sprossendem Schimmel zu erlöschen. »Wenn 's Frühjahr wird,« sagt der
+junge Offizier mit seinem gesunden Lachen, »dann kann ich da Schwammerln
+züchten! Die eß ich gerne.«
+
+Durch einen Laufgraben, der nicht tief genug ist, um die Köpfe völlig zu
+schützen, müssen wir geduckt hinschleichen. Dieses stete Niederbeugen
+des Gesichtes hat etwas Gutes: man sieht immer ganz genau, wie tief
+die Stiefel in den vom Regen durchweichten Lehm hineinquatschen. --
+(Neulich versank ein allzu gewichtiger Reserveleutnant bis zu den
+Hüften; er selber konnte sich nimmer freimachen; als man ihn herauszog,
+hatte er keinen Stiefel mehr, nur noch =einen= Socken.)
+
+Immer ist ein feines Pfeifen in der Luft. Und von der Tiefe des
+Feldhanges, der sich hinuntersenkt gegen das Tal der Somme, klingt
+ununterbrochen ein lustiges Knallen herauf, als stände da drunten die
+Schießstätte des Münchner Oktoberfestes.
+
+Einmal, bei einer Biegung des Laufgrabens, sieht man hinunter ins
+Tal. Bis in weite Ferne kann ich mit dem Glas die aufgeworfenen Lehm-
+und Kreidesteinwälle der deutschen und französischen Schützengräben
+verfolgen. Manchmal nähern sie sich einander bis auf siebzig Meter
+und ziehen sich wieder auf drei-, vierhundert Meter zurück. Diese in
+die Ferne laufenden, gelben oder weißgrauen Striche bilden seltsame
+Ornamentlinien -- und diese kunstvolle Durchackerung der Natur läuft
+jetzt von der Kanalküste durch Nord- und Ostfrankreich bis gegen Basel.
+In diesen Ackerfurchen des Krieges liegt eine Million unserer Feldgrauen
+und wacht in verläßlicher Treue bei Tag und Finsternis, um unsere
+deutsche Heimat vor den Bildern der Vernichtung zu behüten, die ich
+hier auf französischem Boden sehe bei Schritt und Tritt. Seid dankbar,
+ihr Deutschen daheim! Bleibt ruhig, zuversichtlich und opferfreudig!
+Und denkt bei jedem Atemzuge an das Kaiserwort: »Soldat und Bürger, die
+beiden müssen einander helfen, so gut sie können!«
+
+Nirgends in der Landschaft ist ein Mensch zu sehen, alles öde, wie
+ausgestorben. Drunten im Tal, zwischen den deutschen und feindlichen
+Erdwällen, entdecke ich mit dem Glas auf einer fahlen Wiese zwei
+dunkelblaue Körper. Sie bewegen sich nicht, haben aber doch Menschenform
+und sehen aus wie friedliche Schläfer, die sich mit ihren Mänteln
+bedeckten: zwei gefallene Franzosen, die der Feind nicht zu holen und zu
+bergen wagte. So liegen die beiden schon seit dem 30. Oktober. Früher
+hatten sie vom Morgen bis zum Abend krächzende Gesellschaft; seit Wochen
+sind auch die Raben ausgeblieben.
+
+Der Laufgraben mündet in einen tiefen Lehmkessel. Früher war da eine
+französische Stellung, die zurückweichen mußte um zwei Kilometer;
+noch sieht man die Feuerlöcher und die aufgeschütteten Deckungen,
+Feldflaschen, Konservenbüchsen, auch eine rote, vom Regen fast farblos
+gewordene Reithose. Und zwischen Stauden guckt aus der Erde der stumme,
+grinsende Tod heraus. Ein gefallener Franzose! Seine Kameraden, denen
+nicht die Zeit blieb, ihn zu bestatten, haben ihn nur fußhoch mit Erde
+bedeckt. Der Regen hat die Schollen halb wieder davongeschwemmt. Eine
+skelettierte Hand, die noch im blauen Soldatenärmel steckt, greift
+sehnsüchtig heraus ins Leben, und der ganze Kopf liegt frei, fast schon
+ein Totenschädel, aber noch mit Augenbrauen und Haarbüscheln. Die
+Hirnschale ist völlig zertrümmert -- dieser Franzose hatte das Unglück,
+einem bayerischen Gewehrkolben in den Weg zu geraten.
+
+Das Bild, das sich da herausstahl, aus der gelben Erde, ist nicht
+widerlich, nicht ekelerregend. Nur ernst, tiefernst und erschütternd ist
+es.
+
+Du stiller Schläfer! Wer warst du? Wie klang dein Name? Wer weint
+um dich? Aus welchem Glück bist du herausgefallen, weil England es
+so begehrte von dir? Wir Deutschen hätten dir Leben und Namen und
+Glück gelassen. Aber England will bessere Geschäfte machen und seine
+Dividenden aufwärtsschrauben. Drum mußte dein Leben hinuntersinken!
+Bist du, früher ein Tor um Englands willen, jetzt unter der Erde ein
+Wissender geworden? Willst du wieder herauf in den Tag und die Hand
+erheben, um vor deinem Volk und Lande gegen den britischen Handelsmann
+zu klagen? -- Der Schläfer gibt keine Antwort. Er schweigt, wird ewig
+schweigen.
+
+Ich wende mich erschüttert ab. Weiter! Wieder in einen Laufgraben
+hinein, der sich immer tiefer in die Erde wühlt! Eine Wendung, und
+ich bin im Schützengraben. In langer Zeile seh' ich die Feldgrauen,
+nein, die Lehmgelben, bei den Schießscharten stehen. Scharf und hastig
+knallen die Schüsse, hin und her. Und immer wieder fliegt eines von den
+unsichtbaren Vögelchen, die so wunderlich pfeifen, über unsere Köpfe
+hinweg, surrt in die Erde hinein oder schlägt mit hellem Klirrton gegen
+einen Stahlschild.
+
+Etwas Heißes ist in mir. Der schwüle Atem des Krieges hat mich
+angehaucht.
+
+
+
+
+ 8.
+
+
+ 30. Januar 1915.
+
+Eine tiefe Erregung brennt mir in allen Nerven. Das Herz schlägt mir bis
+in den Hals herauf.
+
+Bei jedem Blick, bei jedem Schritt im Schützengraben seh' ich die
+tapfere Mühsal, die mutige Beharrlichkeit und treue Ausdauer unserer
+Feldgrauen, deren Uniformsfarbe völlig verschwindet unter dem gelben,
+klumpigen Lehmbehang.
+
+Alle zehn Schritte steht bei einem kleinen, mit Bohlen ausgelegten
+Guckloch oder bei den schmalen Schießscharten der Stahlschilde ein
+Wachtposten mit blitzenden Späheraugen, in den von Nässe und Kälte
+zerschrumpften Händen das schußbereite Gewehr. Immer wieder sticht
+dieses scharfe Knallen in die dunstige Luft, hier im Graben und drunten
+im Tal, und immer wieder geht dieses feine Pfeifen der Kugeln über
+unsere Köpfe weg. Keiner von den Wachtposten kümmert sich um uns, keiner
+salutiert die Offiziere, die mich führen, jeder ist mit gespannter
+Aufmerksamkeit bei den feindlichen Dingen, die da draußen sind.
+
+Von denen, die nicht auf Wache stehen, rasten die einen, die anderen
+arbeiten. Hier wird hastig geschaufelt, um den Schutt und Schlamm
+der vom Regen unterwaschenen und heruntergerutschten Lehmwände
+aus dem Graben zu werfen, eine Erdbewegung, die bei schlechtem
+Wetter ununterbrochen durch Tage und Nächte fortdauert. Dort werden
+Entwässerungskanäle gezogen und Löcher gegraben, in denen das Regen- und
+Sickerwasser versitzen kann.
+
+Der Boden des Grabens ist, weil es einen Tag lang nimmer geregnet hat,
+schon leidlich trocken; aber die mannshohen Wände sind so klebrig, daß
+sich bei jedem stützenden Griff alle Finger gelb umwickeln. Und so eng
+ist der Gang, daß man bald rechts und bald links mit Ellenbogen und
+Schultern, mit Knien und Hüften, beim Umdrehen und Ausweichen auch mit
+Brust oder Rücken an diesen Lehmteig anstreift.
+
+Jene Grabenschützen, die ein bißchen rasten können, sitzen oder liegen
+in den winzigen Schlupfen, die unterhalb der Schießscharten in die
+Lehmwände hineingehöhlt sind. Jedes Unterstandsloch hat knapp so viel
+Raum, daß zwei Soldaten sich nebeneinander zusammenhuscheln können;
+Wände und Decken sind manchmal, nicht immer, mit Brettern ausgepölzt;
+der Boden ist handhoch mit Stroh belegt, meist mit ungedroschenem
+Getreide, das von den Feldern weggerafft wurde; Mäntel, Zeltbahnen
+und Wolldecken, die in den Nächten vom Tropfwasser durchnäßt wurden,
+sind neben den Einschlupflöchern zum Trocknen aufgehängt; zuweilen
+ist in die Seitenwand der Löcher mit einigen Steinen ein kleiner,
+urweltlich ausschauender Ofen eingemauert, in dem die feuchten
+Prügelchen glühen und qualmen. Manche der Löcher sind mit Säcken
+verhängt, andere haben ein schützendes Türchen, das meist nur aus zwei
+oder drei zusammengenagelten Brettstücken besteht; aber auch feineres
+Material wurde zu diesem Zwecke verwendet: der grüne Fensterladen einer
+Villa, eine polierte Schranktüre, das bunt verglaste Fenster eines
+Gartenhäuschens; sogar die Kupeetür einer Droschke ist vertreten --
+alles herbeigeschleppt in finsteren Nächten, und an all diesen Dingen
+ist die Farbe halb verschwunden, alles ist gelb, alles gesprenkelt von
+den Griffen der lehmigen Hände.
+
+In diesen Löchern sitzen die Rastenden und schwatzen ruhig und heiter;
+jene, die in der Nacht bei den Schießscharten wachen mußten, liegen
+jetzt am Tag in einem so bleischweren Schlaf, daß kein lautes Wort und
+kein knallender Gewehrschuß sie zu wecken vermag; andere liegen auf
+dem Bauch, benützen den Tornister als Schreibtisch und kritzeln einen
+Kartengruß, der in die Heimat wandern soll.
+
+Von solch einem Schreibenden sah ich den Körper und die langsam bewegte,
+schwere Hand. Ich frage in das Loch hinein: »So? Wird an den Schatz
+geschrieben?« Da dreht sich ein blondbärtiges, strenges Gesicht herum,
+zwei blaue Mannsaugen sehen mich aus dem Zwielicht heraus sehr mißlaunig
+an, und eine unwillige Stimme sagt: »Was glaubst denn? An d' Frau!«
+
+Ich kann nicht schildern, wie dieses schöne grobe Wort auf mich wirkte.
+Es war mir wie ein wundervolles Lied von der redlichen Herzensreinheit
+dieses deutschen Mannes. Seine Frau, seine Kinder, seine Heimatstreue
+und seine Soldatenpflicht -- das ist seine Welt. Was anderes gibt es
+nicht für ihn. Und wie dieser eine, so sind Tausende, sind Millionen der
+Unseren. Wer will uns besiegen?
+
+Auf- und niederklimmend durch den engen Graben, stapfe ich an hundert
+Lehmgelben vorüber, an vielen Dutzenden von diesen Schlupfen und
+Löchern. Ich höre nimmer die Schüsse knallen, höre nimmer das Pfeifen
+der bleiernen Vögelchen, die über uns wegfliegen oder in die Lehmwälle
+preschen. Immer muß ich schauen, immer vergleichen zwischen der
+heldenhaften Geduld, die ich hier sehe auf Schritt und Tritt, und
+zwischen der nervösen und krittelnden Ungeduld, deren wir uns schuldig
+machen in der Heimat. Und immer muß ich rechnen: daß diese Tapferen seit
+Ende September, die mit Arbeit ausgefüllten »Ruhezeiten« abgerechnet, in
+diesem Graben und in diesen Lehmlöchern volle sechzig oder siebzig Tage
+und Nächte ausgehalten haben, ohne an Kraft und Gesundheit einzubüßen,
+ohne von ihrer treuen Beharrlichkeit, von ihrer geduldigen Ausdauer
+nur eine Faser zu verlieren. Nicht verloren haben sie, nein, sie haben
+noch gewonnen. Einer sagt zu mir: »Z'erst is mir's schon a bisserl hart
+worden. Jetzt kennt man sich besser aus und weiß, wie man's machen muß.
+Auf d'Letzt lernt der Mensch alles.«
+
+Mir werden die Augen feucht, und eine Weile vermag ich nimmer zu reden.
+Immer brennt die Frage in mir: »Was hat =der= da als Soldat geleistet,
+was =ich= als Bürger?« Ein bißchen gezahlt hab' ich, ein bißchen Geld
+eingebüßt, einen Teil meines Einkommens verloren, fast das ganze. Und
+da glaubte ich immer, was wunder ich leiste und trage und erdulde um
+meiner Heimat willen! Jetzt bin ich klein und stumm. Und eine heiße,
+schmerzende Scham ist in mir.
+
+Einer von den Gelben sitzt in seinem Lehmloch neben dem heftig
+rauchenden Steinherdchen. Er scheint sich sehr wohl zu fühlen, schneidet
+feine Scheibchen sorgfältig und liebevoll von einer heimatlichen
+Speckschwarte herunter und schmaust.
+
+Ich frage: »Schmeckt es?«
+
+Da nickt er lachend: »Ah ja! A bißl ebbes darf man sich schon vergunnen.
+Wer weiß, wie lang 's dauert?«
+
+Jetzt hör' ich plötzlich die Schüsse wieder, höre das Pfeifen der
+Kugeln. Und nicht weit von der Stelle, wo ich stehe, vernehm' ich einen
+wütenden Fluch: »Himi Herrgott Kreizteifi überanand!« Erschrocken
+springe ich hin. Ein langer Kerl mit zausigem Rotbart steht bei einer
+Schießscharte und repetiert das abgeschossene Gewehr. »Was ist denn,«
+frage ich, »sind Sie verwundet?«
+
+»I? Ah na! Aber da drunt, an dem roten Stadel, da is a Loch. Da schießt
+allerweil einer außi. Und dös Luder kann i net derwischen. Allweil
+pulver i ums Loch umanand. Nie bring' i's sauber hin.«
+
+Ich gucke neben dem Mann durch die Schießscharte hinaus und ins Tal
+hinunter. Der Ausschnitt der Landschaft, den ich sehe, ist wie ein
+Bild in hölzernem Rahmen: ein Stück Talgelände, die Erdwälle des
+französischen Schützengrabens und in der Mitte des Bildes ein halb
+in Schutt geschossenes, tot und öde liegendes Dorf mit umgestürztem
+Kirchturm und ausgebrannter Kirche. Alles, was Leben heißt, scheint
+erloschen da drunten. Aber Schüsse knallen, bald hier, bald dort; man
+sieht keinen Rauch, sieht keinen Feuerstrahl, weiß nicht, woher die
+pfeifenden Vögelchen kommen. Jetzt entdecke ich den »roten Stadel«; es
+ist ein plumper Bau aus Ziegelsteinen; und mitten in der roten Mauer
+ist ein kleiner, runder, schwarzer Fleck, ein in die Mauer geschlagenes
+Schießloch; von hier oben sieht es aus wie ein Tintenfleck, in
+Wirklichkeit mag es so groß sein wie ein Hut. Vierhundert Meter sind es
+bis dort hinunter. Eine feste Hand und ein sicheres Auge gehört dazu, um
+über solche Entfernung eine Kugel richtig auf den Fleck zu bringen. Ich
+gucke mit dem Feldstecher. In dem Loch ist nicht das geringste zu sehen,
+aber rings um den schwarzen Fleck herum erkenne ich an der roten Mauer
+die Einschlagtupfen der Kugeln, die umsonst da hinuntergeflogen sind.
+
+»Wart', Brüderl,« sagt der Rotbärtige, noch mit heißem Zorn in der
+Stimme, und schiebt den Gewehrlauf langsam durch die kleine Scharte des
+Stahlschildes hinaus, »jetzt wird amal aufpaßt, urdentli!«
+
+Drunten knallt es, der französische Vogel pfeift, und über unseren
+Köpfen spritzt der Lehm auseinander. Ich mache flink einen Schritt nach
+rückwärts, drehe mich um dabei -- und muß herzlich lachen. Neben einem
+Gängelchen, das seitwärts hinaus gegraben ist, seh' ich eine kleine
+Holztafel hängen mit der Inschrift: »Zur Latrine und zur Kochstelle!
+Bitte nicht verwechseln!«
+
+Solcher Heiterkeiten sind im Schützengraben neben der schlummerlosen
+Gefahr noch viele zu finden. Ein paar Dutzend Schritte weiter, neben
+dem Türchen, hinter dem der Unteroffizier seinen Nachtschlupf hat,
+steht angeschrieben: »Villa Granateneck«. Dieser Bezeichnung ist noch
+das lyrische Motto beigefügt: »Im tiefen Keller sitz' ich hier!« Und
+eine steil nach abwärts führende Stelle des Schützengrabens, die dem
+feindlichen Feuer ausgesetzt war und deshalb mit Wellblech und dick mit
+Erde überdeckt wurde, trägt die Inschrift: »Nordfranzösische Rodelbahn«.
+
+Solcher Humor in einer Luft, in der bei jedem Kugelpfiff der Tod auf
+dem Sprunge nach einem deutschen Leben steht, ist nicht allein als der
+Ausfluß derber Gesundheit und guter Rasse zu erklären. Der schöne, klare
+Brunnen solch unverwüstlicher Heiterkeit am Rande des immer harrenden
+Grabes kann nur aus dem kraftschenkenden Bewußtsein redlichster
+Pflichterfüllung strömen.
+
+Von dem Frohsinn, den ich hier sehe und höre, fliegen meine Gedanken
+immer heimwärts. Es ist wahr: wir in der Heimat leisten viel, Tausende
+leisten weit über ihre Kräfte, und gerade hier, auf erobertem Boden,
+höre ich immer wieder die herzlichste Anerkennung unseres Heimatwerkes.
+Aber neben den Opferwilligen gibt es auch Drückeberger, Vorsichtige,
+Zurückhaltende und Ängstliche. Täten wir =alle= daheim so bis zum
+letzten Atemzug unsere deutsche Pflicht, wie diese Getreuen hier im
+Schützengraben, dann wäre nicht ruhelose Ungeduld in vielen von uns,
+sondern Ruhe, Zuversicht und frohe Festigkeit wäre in uns allen. Da
+würde der Groschen nicht zählen, den wir verlieren, keine Bedrängnis
+unserer wirtschaftlichen Lage, keine nötige Einschränkung, keine Sorge
+und kein Opfer unseres Lebens! --
+
+Der Schützengraben macht eine Wendung und ich stehe vor einem Bilde,
+das mich tief ergreift. Außerhalb des Grabens, gegen die französische
+Seite hin, ragt zwischen laublosen Bäumen ein mächtiges Feldkreuz in die
+Luft. Nicht nur das schwarze Kreuzholz, sondern auch das farbig bemalte,
+überlebensgroße Schnitzwerk, das den Erlöser zeigt, ist von vielen
+Kugelschüssen durchsplittert, von Schüssen, die aus der französischen
+Stellung kamen. Und der zerschossene Leib der ewigen Güte hält die
+Arme ausgebreitet mit einer großen, heiligen Gebärde, aus der etwas
+Schützendes und Hilfreiches zu mir redet.
+
+Einer von den beiden Offizieren, die mich geführt haben, sagt nach einer
+Weile: »Es wird Abend. Irgendwo =müssen= wir umkehren. Das geht ja hier
+so weiter bis nach Ostende.«
+
+Auf dem Rückweg gibt's einen Aufenthalt. Eine Lehmwand ist
+heruntergebrochen und hat auf zehn Schritte weit den Graben
+verschüttet. Vier Soldaten schaufeln, daß ihnen der Schweiß von
+den Gesichtern tropft; mehr können bei der Enge des Grabens an der
+Ausbesserung des Schadens nicht arbeiten. Während wir wartend dastehen,
+schlüpft einer, der mich kennt, durch das Türloch seines Höhlchens
+heraus -- einer aus der Garmischer Gegend, der mich vor Jahren einmal
+auf die Alpspitze führte. Er begrüßt mich so herzlich und freudig,
+als wäre seine Heimat mit Haus und Berg zu ihm gekommen. Während wir
+schwatzen, immer von daheim, treten noch ein paar andere zu uns, jeder
+so gelb wie sein Kamerad, aber jeder mit dem gleichen, ruhigen, gesunden
+Gesicht. Allerlei Fragen richten sie an mich -- gar manche ist darunter,
+die zu beantworten mir schwer fällt. Einer, mit dürstender Sehnsucht in
+den Augen, fragt mich: »Was meinen S', wie lang wird's denn noch dauern?«
+
+Ich suche nach Worten. »Da bin ich überfragt. Es ist möglich, sogar
+wahrscheinlich, daß auf dem Festland die Hauptsache schon in sechs bis
+sieben Wochen zur Erledigung kommt. Aber es kann auch noch ebensoviele
+Monate dauern.«
+
+Nach kurzem Schweigen eine feste Soldatenstimme: »No ja, muß man halt
+aushalten! Durchreißen tun wir's alleweil, so oder so!«
+
+An dieses tapfere, zuversichtliche Wort schließt sich eine etwas
+wunderliche Frage, die mit dem vorausgegangenen Gespräch keinen
+Zusammenhang zu haben scheint. Dennoch ist eine Beziehung vorhanden.
+Eine sehr ernste.
+
+»Sie, sagen S' amal, ob dös wahr is, was die Meinige allweil schreibt:
+daß daheim in der Stadt die jungen Weibsbilder so ausg'schaamt in die
+Kaffeehäuser hocken, pariserisch anzogen, daß man d' Haxen sieht bis
+halbert zur Grattl auffi?«
+
+Trotz der derben Ausdrucksweise lacht keiner von den Lehmgelben; sie
+scheinen die Frage für eine sehr wichtige und würdevolle zu halten. Ich
+schüttle den Kopf. »Nein! So stimmt das nicht. Unsere deutschen Frauen
+und Mädchen sind da nicht gemeint. Nur ein paar dumme Modegänse, ein
+paar krankhafte Auslandsaffen. So was zählt doch nicht.«
+
+Einer sagt: »Dö sollten =uns= anschauen!« Ein anderer brummt: »Bal s'
+vier Nächt lang da im Graben hocken müßten, in der nassen Sooß, bis
+übers Knie nauf, i glaub, dö taaten si' bald an andre Montur verlangen!«
+Und ein dritter gibt den Rat: man sollte diesen Ausnahmen jeden Tag ein
+paarmal jene Sache vollhauen, die Goethe durch einen Gedankenstrich
+bezeichnete -- von diesem Gedankenstrich weiß natürlich der lehmgelbe
+Pädagoge nichts, er gebraucht im Ärger sehr ungeniert das übliche
+Volkswort.
+
+Der Weg ist ausgeschaufelt. Wir können weitergehen. Ich komme an dem
+Rotbärtigen vorüber, der das Gewehr im Anschlag hat und immer lauert,
+ganz unbeweglich.
+
+Nach wenigen Schritten gewahre ich etwas Seltsames. Beim Herweg fiel es
+mir nicht auf, erst jetzt entdecke ich's. Will mitten im harten Winter
+der grüne Frühling kommen? Eine Bodenstelle des Schützengrabens ist dick
+mit frischem, spannenlangem Gras überwuchert. Gras? Nein! Das ist junges
+Getreide. Von den ungedroschenen Garben, die ein Feldgrauer vor vier
+Monaten in seinen Unterschlupf hineinstreute, sind die Körner abgefallen
+und in die nasse Erde hineingetreten worden. Jetzt gehen sie auf.
+Ich sehe dieses frische, üppige Grün, und etwas Freudiges, Warmes und
+Hoffnungsvolles ist mir im Herzen.
+
+Drunten bei den Franzosen kracht ein Schuß. In der Luft das feine
+Singen. Und wenige Schritte hinter mir spritzen von der Holzversteifung
+einer Schießscharte die Splitter weg. Jetzt ein Schuß im deutschen
+Graben. Dann die ruhige Stimme des Rotbärtigen, den ich nimmer sehe: »No
+also! Endli amal!«
+
+Ich brauche nicht umzukehren. Auch ohne zu fragen, weiß ich, was der
+kurze, zufriedene Monolog des Rotbärtigen bedeutet. Wohl denke ich auch
+daran, daß jetzt da drunten im roten Stadel ein Leben verblutet; aber
+vor allem muß ich denken: daß unsere Feinde wieder weniger wurden um
+einen.
+
+Ein langer Weg noch, durch den Laufgraben und über die dämmernden
+Rübenfelder.
+
+Kanonenschüsse und Granatenschläge dröhnen in rascher Folge. Die
+Franzosen tasten wieder nach der deutschen Batterie umher und können sie
+nicht finden.
+
+Beim Einsteigen in den Wagen bemerke ich, daß ich nicht viel anders
+ausschaue als die Lehmgelben im Schützengraben. Ich fühle aber doch
+einen beträchtlichen Unterschied. So heiß, wie an diesem Abend, hat noch
+nie die Frage in mir gebrannt: »Was kann ich leisten als Bürger, wie
+kann ich nützen?«
+
+Im Westen ein leuchtender Streif und drüber ein zartes Blau und Weiß.
+Auch die Höhe klärt sich auf, und ich sehe den Schimmer des Vollmondes.
+Der Kaisertag hat gutes Wetter gebracht. Bleibt der Himmel so, dann
+werden es die Unseren im Schützengraben besser bekommen.
+
+
+
+
+ 9.
+
+
+ 3. Februar 1915.
+
+Das gute Wetter hat nur drei Tage gedauert, war also immerhin
+lebenskräftiger, als schöne Träume zu sein pflegen. Jetzt ist die Welt
+wieder grau umhangen.
+
+Den letzten Gutwettertag benutzten die Franzosen zu einer schweren
+Kanonade, die von den Deutschen nur mit einzelnen Meldeschüssen
+»=Wir sind noch immer da!=« erwidert wurde, um aus dem französischen
+Tagesbericht den Satz auszuschalten: »Eine deutsche Batterie
+wurde stumm gemacht und vernichtet.« Es waren im Hörbereich an
+die zwölfhundert Schüsse zu zählen. Dazu etwa zwanzig grobe
+Detonationen von Minenwerfern. So verpulverten die Franzosen an
+diesem Schönwettertage über eine Frontlänge von dreißig Kilometer ca.
+hundertfünfundzwanzigtausend Franken. Die auf deutscher Seite am Abend
+festgestellte »Verlustziffer« lautete: =kein= Toter, =kein= Verwundeter,
+=kein= Materialschaden. Gelitten hatten nur die französischen Dörfer
+und Äcker. Für Frankreich ein kostspieliges Vergnügen! Wenn die
+nordfranzösischen Bauern wieder einmal zu ihrer Scholle heimkehren,
+werden sie entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
+
+Was würden wohl die =deutschen= Bauern dazu sagen, wenn es bei =uns= so
+gekommen wäre, im ganzen Reich! Im Feuerbereich der Franzosen kein Haus
+mehr, keine gefüllte Scheune, kein Vieh! Jeder Wald verwüstet, die Zäune
+zerstampft, jeder Acker zerrissen von den Granatentrichtern, alles Feld
+zerschnitten, zerrupft, entzweigesägt und unterwühlt von Laufgängen,
+Schützengräben und Minenkellern! Jahre und Jahre werden nötig sein, bis
+hier wieder fruchtbares Feld und blühende Dörfer entstehen. Um unseren
+deutschen Bauern deutlich zu machen, was ihnen erspart blieb, sollte man
+sie mit Extrazügen hierherbringen und ihnen diese Vernichtungsbilder des
+Krieges zeigen. Da würde der Wille, die deutsche Kraft zu nähren und zu
+erhalten, baumdick in ihnen erwachsen.
+
+Jetzt eben sitze ich in einem der hohen, zweirädrigen Bauernwägelchen,
+wie sie hier in Nordfrankreich üblich sind. Der Bauer, dem das
+Wägelchen samt Gaul und Geschirr gehörte, ist »abgereist« -- zum
+Unterschied von seinen vornehmen Landsleuten tat er es nicht freiwillig.
+Solche Wagen sollten auch bei uns in Deutschland heimisch werden; sie
+sind billig, sind bequem, gleiten leicht dahin und strengen auch auf
+schlechten Wegen den Gaul nicht an. Auch sieht man nett in die Weite,
+wenn man so hoch oben sitzt. Heute ist's mit der Rundsicht freilich
+mager bestellt; es regnet nicht, aber alles ist grau verschleiert.
+
+Mein Kutscher, feldgrau natürlich, ist ein Hausmeister aus
+Fürstenfeldbruck, ein braver und ruhiger Mann, der gerne von seiner
+Frau und seinen Kindern erzählt. Aber er hat die cholerische Gewohnheit
+angenommen, jedesmal, so oft er das Wort »Franzosen« oder »Frankreich«
+gebraucht, den wütenden Zwischenruf zu machen: »So a Sauvolk auf der
+Welt!« Vor allem ärgert ihn der französische Mist in den Dörfern und
+Häusern. Und ganz besonders ergrimmt ihn die Pietätlosigkeit der
+französischen Soldaten, die viele ihrer gefallenen Kameraden seit
+Monaten unbestattet vor ihren Schützengräben liegen lassen. »So
+ebbes muß sich doch strafen an die Franzosen. Bal a Volk kein Respekt
+vor'm Heldentod von seine Brüder nimmer hat, so a Volk kommt seiner
+Lebtag nimmer in d'Höh, sag i! Dös gibt's einfach gar nicht, daß uns
+d'Franzosen besiegen kunnten!«
+
+Während dieses Ergusses hatte der Erbitterte eine Warnungstafel
+übersehen und war einer Straße nachgefahren, die nicht granatensicher
+ist. Ein fester Paukenschlag. Der französische Gaul will scheu werden,
+mein Fürstenfeldbrucker redet ihm freundlich zu -- »Ja ja, jetzt
+versteht er schon ganz gut Deutsch!« -- und richtig, der Gaul kehrt
+verständig um, und nun müssen wir einen weiten Umweg machen, um mein
+Ziel zu erreichen: den Schützengraben eines Münchner Regiments.
+
+Eine Wache gebietet Halt, mein Philosoph mit seinem deutschverständigen
+Rössel muß zurückbleiben, und geführt von einem jungen, freundlichen
+Kriegsfreiwilligen wate ich durch die Lehmsümpfe der verwüsteten Felder.
+Wenn es hier nach drei Schönwettertagen so aussieht, wie muß es aussehen
+nach einem Platzregen? Ich komme an Wagen und Karren vorüber, die bei
+ihren Nachtfahrten im Moraste stecken blieben. Neben einer Hecke duftet
+ein totes Pferd; sein Bauch ist wie ein buckliges Faß.
+
+Ein Rollen und Brüllen, bald nah, bald ferne; die Franzosen vertrödeln
+schon wieder ein Häuflein Staatsgelder. Über einen die Wegmulde
+sperrenden Rübenacker müssen wir flink und mit geduckten Köpfen
+hinüberspringen; das Feld sieht aus wie ein Sieb, dessen Boden ein
+bißchen unregelmäßig durchlöchert ist.
+
+Nun empfängt mich ein kleiner Wald; er hat einen neuen Namen bekommen:
+»das bayerische Hölzl«. In dem wirren Gezweige leuchten viele, viele
+blinkweiße Flecken: die Splitterwunden der von Granaten getroffenen
+Bäume. Vor dem Eingang in den Wald ist ein Damm aufgeschichtet, um
+das Regenwasser und die Schlammbäche abzuwehren. Jetzt geht es einen
+schmalen Weg entlang, der mit festen Prügeln belegt ist, damit man
+nicht bei jedem Schritte einsinkt bis über die Knöchel. Zur Rechten des
+Weges gucken aus der Lehmböschung kleine, trübe, gläserne Äugelchen
+heraus: die winzigen Fenster der in die Erde hineingegrabenen
+Offizierskellerchen und Mannschaftshütten. Hier wohnt und schläft und
+ißt und arbeitet, wer nicht Dienst im Schützengraben hat.
+
+Junge Offiziere empfangen mich, liebenswürdig und gastfreundlich. Wie
+alt muß ich schon sein, weil auch ein Major für mich noch aussieht
+wie ein Jüngling in Uniform! Ein flinker, prächtig mundender Imbiß in
+solch einem kleinen, ganz gemütlichen Kellerchen. Dann geht es hinaus.
+Überall, wohin meine Augen im Walde fliegen, seh' ich Arbeit, Arbeit und
+Arbeit. Wege werden gebaut und mit Prügeln gepflastert; hier gräbt man
+Rinnen zur Trockenlegung des Bodens und zur Ableitung des Wassers; eine
+steile, rutschige Waldtreppe wird ausgebessert -- es steht da auf einem
+Täfelchen: »Gasteiger Anlagen, Automobile fünfzehn Kilometer.« Hier baut
+man neue Unterstände für je dreißig Mann, überwölbt sie mit Wellblech
+und behütet das Dach mit dicker Lehmlage. Dort, im Gewirr der Stauden,
+geht es reihenweise hin und her, da schleppt man die Eisenbahnschwellen,
+die Bretter, die Balken und Pfähle, die Strohgarben und Lattenroste
+durch den Wald hinauf, und droben wird alles zurechtgelegt für die
+Nachtarbeit, bei der diese notwendigen Dinge auf Pfaden, die man am Tage
+wegen der singenden Vögelchen nicht begehen kann, in die Schützengräben
+wandern. Dieses Gewimmel fleißiger Arbeit -- das ist die »Ruhepause«
+unserer Feldgrauen! Schließt man die Augen und sieht diese schleppende
+Plage nimmer, so glaubt man wirklich an heitere Ruhe, denn immer hört
+man ein Lachen, überall klingen fröhliche Worte.
+
+Ich sehe zwei von unseren gesegneten Feldküchen am Werke; sie brodeln
+und qualmen und riechen gut und werden am Abend den gesunden Hunger
+der Unseren stillen. Wie eine liebe Freude ist dieser Gedanke in mir!
+Und da greift mir plötzlich etwas Hartes und doch etwas wunderbar
+Schönes an den Hals und tief in das Herz hinein -- ich stehe vor dem
+»Waldfriedhof«! So nennen sie diesen kleinen stillen Platz. Zwischen
+vier großen Eichen haben sie sauber gemacht, den Weg besandet und einen
+Zaun gezogen. Alles, was in dem schneelosen nordfranzösischen Winter
+immergrün ist, das haben sie weit in der ganzen Gegend gesammelt, haben
+es hier mit den Wurzeln eingepflanzt und haben es so sorgsam gepflegt,
+daß es schon jetzt zu treiben beginnt und neue Blätter bildet: Lorbeer
+und Stechpalme und Buchs und Efeu. Aus den zerschossenen Dörfern haben
+sie Marienstatuettchen und Kruzifixe herbeigetragen, eins für jedes Grab
+-- und haben die Holzkreuze schön ausgeschnitten, haben sie bemalt,
+haben in hübscher Schrift die deutschen Heldennamen draufgeschrieben,
+haben rührend kindliche Verse gedichtet -- und haben so diesem ernsten
+Platz, auf dem die grün geschmückten Hügel in breiter Reihe liegen,
+etwas Heiligfrohes gegeben, etwas Frühlingshaftes in aller Kahlheit
+dieser Winterszeit. Das ist keine Stätte des Todes -- das ist ein grüner
+Tempel der Auferstehung und des ewig blühenden Lebens.
+
+Meine Deutschen! -- -- Wenn du von =denen= sprichst, du Philosoph aus
+Fürstenfeldbruck, dann mußt du =anders= sagen: »=So ein Prachtvolk
+auf der Welt!=« -- Solch ein Volk? Und untergehen? Nicht Sieger und
+Lebensgärtner auf Erden bleiben? Dieser Gedanke wäre Irrsinn oder
+verbrecherischer Zweifel an Gottes logischem Schöpferwillen!
+
+Das deutsche Bild, das ich gesehen, verläßt mich nimmer! Heiß zittert
+in mir die dankbare Ehrfurcht nach, während ich hinter den führenden
+Offizieren hinaufwate durch den engen, pfützigen Lehmgraben, dessen
+Boden und Wände mich einwickeln in gelben Schlamm. Immer weiter führt
+er hinaus in das vom schärfsten und gröbsten aller Pflüge, vom Pflug
+des Krieges, durchackerte Feld. Immer knallt es und dröhnt. Wieder muß
+ich an ein friedliches Schützenfest denken -- so pufft und donnert es
+immer, wenn gegen Abend die Schützen sich beeilen, und wenn im guten
+Büchsenlicht vor der Dämmerstunde bei vielen Punktschüssen die Böller
+gelöst werden.
+
+Jetzt stehe ich auf der Wallbank und spähe durch die Scharte eines
+Stahlschildes nach der feindlichen Stellung hinüber. Ein Grauen, das
+mir durch alle Knochen rieselt, macht mich schauern wie bei Frost. Da
+draußen liegen sie. Es sind nicht die ersten verwesenden Toten, die
+ich sehe. Aber in solcher Menge! Zorn und Ekel und Erbarmen kämpfen
+in mir. Dreiundfünfzig kann ich zählen. Jene, die am mutigsten waren,
+liegen weit voran, jeder für sich allein -- hinter ihnen die anderen,
+zuerst eine kurze, dann eine lange Reihe. Manche liegen wie behagliche
+Schläfer; manche sehen aus, als wollten sie eben aufstehen und hätten
+in den Beinen einen Krampf bekommen, der sie unbeweglich machte; andere
+haben die Füße hochgeschlagen, wie erstarrt inmitten eines Purzelbaumes;
+einer gleicht einem orientalischen Beter, der auf den Knien liegt und
+mit ausgebreiteten Armen die Stirne zur Erde beugt; und einer scheint
+wie in wildem Zorne stumm zu lachen und hält die beiden geballten Fäuste
+gegen den Himmel gestreckt. Ganz braun sind diese Fäuste, so braun wie
+die Fäuste eines Arabers. Und die gleiche braunschwarze Farbe liegt auch
+über allen Gesichtern dieser einst weiß gewesenen Europäer -- soweit
+ihre Gesichter noch vorhanden sind. Vögel und Mäuse haben da schon ihre
+abmindernde Arbeit getan. Die Farben der Mäntel und Uniformen sind
+verblichen; und jenen Toten, die beim Sturz das Käppi verloren, hat der
+wochenlange Regen das Haar über Stirn und Schläfe gekämmt. So liegen sie
+seit dem 18. Dezember; und ein Dutzend Schritte hinter diesen von aller
+Heimat Verlassenen, die doch tapfere Helden ihres Volkes waren, schlafen
+und essen und trinken im französischen Schützengraben ihre lebenden
+Brüder! Denen boten die Deutschen einen Waffenstillstand zur Bestattung
+ihrer Gefallenen an. Die Franzosen lehnten ihn ab. Warum? Weil sie darin
+einen Vorteil für die Deutschen witterten? Weil sie glaubten, der stete
+Anblick dieses Todes würde die Deutschen verzagt machen? Oder weil sie
+hofften, dieser Leichenwall würde ihr empfindliches Ohlala-Häutchen vor
+den bayerischen Gewehrkolben behüten? Oder nur, weil sie zu zivilisiert
+und zu faul waren, um eine etwas mühsame und unästhetische Pflicht der
+Pietät zu erfüllen?
+
+Fürstenfeldbrucker! Ich will beim Gedanken an diese verlassenen Toten
+dein zorniges Philosophenwort nicht nachsprechen. Aber =recht= hast du!
+
+Nach diesen Minuten des Schauders ist mir der Anblick unserer
+Feldgrauen, die den Waldfriedhof anlegten, wie Erlösung und Trost, wie
+aufatmende Befreiung.
+
+Der Schützengraben, in dem ich da stehe, ist einer der
+niederträchtigsten -- nur haltloser Lehm, immer in rutschender Bewegung,
+alles eine Spottgeburt aus Dreck und Wasser. Mit Spaten und Brettern,
+mit Flechtwerk und Lattenrost kann man dieses klebrigen, schleichenden
+Feindes nicht Herr werden -- nur mit Humor. Recht bezeichnend heißt
+eine Strecke dieses Schützengrabens das »Pfuiteufelgasserl«. Ein
+Verbindungsgang hat sogar einen variablen Namen: bei leidlich trockenem
+Wetter heißt er »König-Ludwig-Straße«; steigt das Grundwasser, so heißt
+er »König-Ludwigs-Kanal«. Und in einer Grabensenkung, die =immer=
+Wasser hat, bis übers Knie herauf, zeigt ein Täfelchen die Inschrift:
+»Bitte nicht auf den Boden spucken!« Man begreift da den Sänger aus
+dem feldgrauen Volke, der sich in einer lyrischen Schilderung des ihm
+geläufigen Milieus zu dem Verse verstieg:
+
+ »Der Schützengraben, wenn ich nicht irr',
+ Ist dem heiligen Peterl sein Nachtgeschirr!«
+
+In einem Höhlchen sitzen drei mit gekreuzten Beinen wie Türken und
+spielen Tarock. Einen hör' ich sagen: »Daheim ist daheim!« Nebenan
+spielt einer die Mundharmonika, sein Kamerad singt leise dazu, ein
+bißchen melancholisch -- und ich höre im Vorübergehen den Vers:
+
+ »Jatz hot sie einen andern Buam!«
+
+Auf dem Türchen eines Schlupfes steht: »Meilerhütte« -- auf dem
+nächsten: »Arminshütte«; da hausen Mitglieder des Alpenvereins; einer
+ruft mir zu: »Dös weard jetzt wieder a schöner Roman, gelt?« Und weil
+ich auf dem Hirndach eine ziemlich dicke Mähne habe, die sich in meinen
+drei Feldwochen schon merklich streckte, winkt mir ein Lachender: »Sö,
+i bin Frisör, soll i Eahna vielleicht d' Haar stutzen?« Und beim Sausen
+eines Haubitzenschusses hör' ich, wie einer warnt: »Obacht, a Rollwagerl
+kimmt!«
+
+Einer sitzt ruhig in seinem Höhlchen und guckt aus der
+Liebesgabenkopfhaube heraus wie ein mittelalterlicher Ritter aus seinem
+Eisenhut. Ich frage: »Ist's warm da drinnen?« Er lacht: »Hundskalt!
+Aber halbert trocken, Gott sei Dank! Vor acht Tagen hast allweil gmoant,
+du mußt a Fisch wearn!« Ein anderer fällt ein: »Ah, dös is gut so!
+Früher, daheim, da is man so von eim Tag in andern einitorkelt, und nie
+hat man verstanden, was man hat vom Leben. Jetzt, bal i heimkomm, jetzt
+weiß i, was 's Leben wert is und wie man leben muß!«
+
+An dem meterbreiten Zwischenraum zweier Unterschlupfe ist eine
+Blechtafel befestigt: »Hier ruht in Gott ...« Ehe der Schützengraben
+ausgehoben wurde, begruben hier die Deutschen einen Unteroffizier; diese
+Erdstelle ließ man beim Bau des Grabens unberührt; zur Rechten und
+Linken des Todes wärmt sich jetzt und ruht und schlummert das gesunde
+Leben.
+
+Während des Weiterstapfens durch den Graben erzählen mir die Offiziere
+von dem mißglückten Durchbruchversuch der Franzosen am 18. Dezember.
+Mitten im heißesten Gefecht ereignete sich da ein heiteres Intermezzo.
+Ein Bayer, der mit dem Bajonett losrennen wollte, erkannte in seinem
+Feind einen »Spezi«, der drei Jahre in München als Kellner gedient
+hatte. »Jesses! Du? Was tust denn =Du= da?« Der Franzose antwortete im
+reinsten Münchnerisch: »Durchbrecha tean mer.« Und der Bayer lachte: »So
+so? Da gib nur glei' dei' G'wehr her!« Die Sache war erledigt.
+
+Im Unterstand eines Artillerieleutnants bekomme ich noch ein kleines,
+verheißungsvolles Stilleben zu sehen: das Fensterchen ist mit
+sprossenden Efeustöcken bestellt -- und die Blumentöpfe bestehen aus
+feindlichen »Ausbläsern«, aus den Stahlhülsen französischer Granaten,
+die keinen Schaden anrichteten.
+
+Steil geht's hinunter und drüben noch steiler hinauf; ein Drahtseil ist
+angebracht, wie bei einer gefährlichen Kletterstelle im Hochgebirge. In
+der Mulde ist der Wall Schulter an Schulter besetzt. Und drüben, wo es
+aufwärts geht, an etwas exponierter Stelle, warnt mich der Offizier:
+»Den Kopf ducken! Für die Stelle haben die Franzosen drüben einen
+Spezialisten.« Nicht weit von dieser Platte ist in der vergangenen Nacht
+ein junger Fähnrich bei einer Erkundung gefallen.
+
+Meine Führer wollen umkehren, wir sind an der Grenze ihres Gebietes;
+aber der junge freundliche Leutnant des Nachbargrabens erklärt: »Wir
+haben was da droben, das =muß= man sehen!« Mit flinker Kletterei geht es
+aufwärts.
+
+Ja! Das =mußte= ich sehen: =die Madonna im Schützengraben=! Früher
+stand sie draußen an einem Feldweg, zwischen der deutschen und der
+französischen Stellung, immer von den Kugeln bedroht. Vier stämmige
+Bayern haben sie in einer finsteren Nacht hereingeholt in den Graben:
+eine lebensgroße Mutter Maria mit dem Kinde, aus schwarzem Eisenguß.
+Der Schöpfer dieses Bildwerkes muß halb ein Künstler, halb ein Bauer
+gewesen sein. Etwas Naiv-Rührendes spricht aus dem zarten Schmalgesicht
+der Maria, wie aus der spielenden Geste des heiligen Kindes. Nun steht
+diese schwarze Madonna kugelsicher in einer Lehmnische des deutschen
+Schützengrabens, ist mit Buchs umkränzt, mit Efeu umwunden -- und unsere
+Feldgrauen, ehe sie sich schlafen legen, knien da, mit der Mütze vor der
+Brust.
+
+Die sinkende Dämmerung umwebt das Bildwerk mit immer dichter werdenden
+Schleiern. In mir ist ein Sinnen, so andächtig und froh, wie ein
+gläubiges Gebet. Dann steigen wir über das offene Feld zum »Bayerischen
+Hölzl« hinunter und brauchen dabei die Köpfe nimmer zu ducken; für den
+»Spezialisten« im französischen Schützengraben ist es bereits zu dunkel
+geworden.
+
+Eine deutsche Batterie gibt noch vier Schüsse ab. Ihr Hall und das
+Krachen der platzenden Granaten weckt ein langrollendes Echo an den
+Waldsäumen. Abendläuten im Felde!
+
+Ich werde bleiben bis zum Morgen, weil ich die »Nachtruhe« der
+Feldgrauen am eigenen Leib erfahren will. Was man würdigen soll, das muß
+man kennen.
+
+ * * * * *
+
+ 4. Februar 1915.
+
+Draußen die Nacht, von der man nicht sagen kann, daß sie still ist. Nur
+dunkel ist sie.
+
+Wir sitzen zu fünft bei einer schmackhaften Mahlzeit im
+»Offizierskasino« des Schützengrabens. Unter der Erde liegt es, ist
+zwei Meter breit und drei Meter lang. Steigt man aus der Oberwelt über
+das Trepplein herab, so muß man sich =sehr= tief bücken, sonst gibt es
+gleich =zwei= Beulen, eine an der Stirn und eine am Hinterkopf. Hat man
+aber diese Gefahr überwunden, dann wird die Sache ganz reizend.
+
+An die dreißig solcher Hütten und Kellerchen hab' ich schon besucht; in
+allen merkt man die gleiche deutsche Sehnsucht: ein Heim zu haben, in
+dem man sich gerne aufhält.
+
+Naturherd aus gedörrten Lehmpatzen oder eisernes Öfelchen, beide haben
+die verwandte Eigenschaft: sie rußen und rauchen. Aber das macht
+nichts. Den Ruß kann man wieder hinauskehren, und gegen den Rauch kann
+man die Tür aufmachen -- wenn's nicht gerade hereinpritschelt. Von
+den Lehmwänden schwitzt immer die Nässe durch; aber in der Wärme von
+Ofen und Menschen verdunstet sie wieder. Die nachrutschenden Erdmauern
+haben das beharrliche Bestreben, die Verschalungsbretter krumm zu
+biegen und herauszudrücken; dann werden sie eben wieder aufgepölzt
+und festgenagelt; das hilft mit Sicherheit einen oder zwei Tage. Daß
+es von oben hereinregnet, das ist ja eine ganz natürliche Sache; ein
+verständiger Mensch wird sich gegen die ewigen Gesetze der Schwere und
+des Falles nicht auflehnen. Etwas irritierend wird die Sache, wenn das
+Wasser von unten heraufquillt; na, da schöpft man eben und schöpft und
+schöpft -- und schließlich kommt man zu der beruhigenden Überzeugung,
+daß auch hier eine sehr alte Naturnotwendigkeit mitspielt: nämlich das
+Gesetz vom Gleichgewicht der Flüssigkeiten. Wir haben doch das in der
+Schule gelernt, daß das Wasser in den beiden Schenkeln einer gebogenen
+Glasröhre gleich =hoch= stehen muß. Wenn also draußen das Lehmwasser
+bis ans Fensterchen steigt, =muß= es sich einen Meter tiefer auf dem
+Stubenboden herinnen doch =auch= ein bißchen zeigen. Und da sucht sich
+der kluge Mensch eben nach Kräften zu schützen. Das ist das Wunderbare
+im Feld: man wird so ruhig, daß man mit allem einverstanden ist und mit
+allem fertig wird.
+
+Aber jetzt fragt einmal eine von unseren braven deutschen Hausfrauen
+daheim: ob sie nicht längst schon im Irrenhause wäre, wenn sie das
+vier Monate hätte mitmachen müssen. Sie wäre schon während der ersten
+vier =Tage= in Verzweiflung geraten über die sonderbaren Flecken, durch
+die bei solchen chronischen Wasserbewegungserscheinungen die Tapeten
+in den seltsamsten Ornamenten gesprenkelt werden. Man könnte der Frage
+nähertreten: ob man nicht einmal durch Parlamentsbeschluß die =Frauen=
+in den Krieg schicken sollte. Ich denke =sehr= gut von ihnen, bin
+aber doch überzeugt, daß sie =viel= nachsichtsvoller und geduldiger
+heimkehren würden, als sie waren, da sie auszogen.
+
+Ja, wahrhaftig, diese Kellerchen sind tapeziert! Manchmal nur mit
+Zeitungspapier und den Packbogen unterschiedlicher Liebesgaben. Zuweilen
+aber auch mit persischen Teppichen, die aus einer nordfranzösischen
+Villa stammen und -- wie ich bereits erzählte -- sich schon nach der
+zweiten oder dritten Woche durch lebhafte Pilzbildung auszeichnen,
+um sich schließlich in Warmbeete zur Züchtung von Schwammerlingen zu
+verwandeln.
+
+An derart gestalteten Wänden sind nun allerlei nette Dinge angebracht.
+Nie fehlt das Brettregal, auf das man die Schuhschmiere, das
+Liebesgabenklosettpapier oder sonstige Kulturgegenstände hinauflegen
+kann. Irgendwo ist immer ein möglichst wasserdicht gemachtes Archiv für
+Schreibmappe und militärische Akten angebracht. Die reiche, mit Sorgfalt
+und Liebe gesammelte Kunstgalerie besteht aus kolorierten Kupferstichen,
+die aus dem Schutt der niedergeschossenen Bauernhäuser herausgeholt
+wurden, aus den vielen Ansichtskarten, die von daheim gekommen, aus
+Titelblättern der »Jugend« und aus Kriegsbildern des »Simplicissimus«.
+In dem Offizierskasino, in dem ich mich augenblicklich befinde, ist
+sogar eine Schwarzwälderuhr vertreten; aber sie geht nicht; infolge der
+andauernden Feuchtigkeit ist das ganze Räderwerk zu einem unentwirrbaren
+Oxydklumpen zusammengerostet; so hat diese Uhr jetzt nur noch den
+einen Zweck, mit ihren eisernen Gewichten allerlei unangenehme Püffe
+auszuteilen und sich mit ihren Ketten in die Haare der Tischgäste zu
+verwickeln; aber -- »Eine Uhr im Zimmer, das sieht doch immer nett aus!
+Nicht?« So behauptet der Major mit einem zärtlichen Blick auf diese
+Kostbarkeit seines Bataillonskasinos.
+
+Geradezu vornehm ist die Beleuchtung. Es ist bekanntlich =viel= nobler,
+Kerzen zu brennen, als elektrisches Licht zu benützen. Diese im Felde
+selbst fabrizierten Talgkerzen haben jedoch bei ihrem aristokratischen
+Glanze zwei mißliche Eigenschaften; ist es kalt und zieht es durch
+Tür und Fenster herein, so brennen sie schief und tränen in die
+Suppenschüssel; und ist es so warm, daß man von »Bullenhitze« redet, so
+biegen sie sich in geschwungenen Barockformen über den Leuchter herunter
+und lassen ihre Fetttropfen auf das magere Kommißbrot fallen. Na ja,
+frische Alpenbutter wäre schmackhafter! --
+
+-- Vielleicht erheben nachdenkliche Leser jetzt den Vorwurf gegen
+mich, daß ich mit unangebrachter Heiterkeit von Dingen rede, die man
+eigentlich doch sehr ernst nehmen sollte. Dieser Vorwurf wäre ungerecht.
+Ich glaube, daß man, was ich da erlebt und gesehen habe, =nur= heiter
+nehmen kann! Wollte ich =ernst= von der unbeschreiblichen Mühsal
+erzählen, die unsere Offiziere und Soldaten seit Monaten mit namenloser
+Geduld und entzückendem Humor ertragen, so würdet ihr in der Heimat bei
+jedem meiner ernsten Worte ein wehes Zittern in euren Herzen haben! Aber
+seid ohne Sorge! Ich =darf= heiter erzählen. Die Unseren im Felde sind
+von so gesundem Schlag, daß sie monatelang die ruhelose Marter dieses
+nassen Dreckes und die Drohung steter Gefahr für Leib und Leben ertragen
+und dabei doch immer noch lachen können.
+
+Gerade im Anschluß an dieses Wort bekenne ich, daß ich an diesem von
+Kerzentropfen und sonstigen Wirtschaftsrätseln bekleckerten Tische eine
+der schönsten, tiefsten und wertvollsten Stunden meines Lebens genießen
+durfte. Denn als wir gespeist hatten und der gute französische Landwein
+geheimnisvoll in den sehr verschiedenartigen Gläsern leuchtete, begannen
+sie zu erzählen, diese Feldgrauen; jeder von ihnen hat viel Hartes
+durchmachen müssen; und einer trägt zwei kleine rote Narbensternchen
+auf der Stirne -- wo die Kugel hinein und wieder hinaus gegangen, ohne
+diesen festen deutschen Jünglingsschädel zerbrechen zu können. Von den
+ersten schweren Wochen des Krieges erzählten sie, von den furchtbaren
+Tagen und Nächten in Lothringen und Belgien, von Stunden, in denen
+manchmal auch die Nerven des tapfersten Mannes zu versagen drohten. Ganz
+ruhig erzählten sie, fast so ruhig, wie man von einem beschwichtigten
+Ungewitter redet; nur ihre Worte wurden langsamer, ihre Stimmen leiser,
+innerlicher; sie gebrauchten keine aufputzenden Adjektiva, sie sagten
+jedes Ding so hart und streng vor sich hin, wie es geschehen war, und
+keiner redete von sich selbst, jeder nur immer von der großen Sache.
+Und während ich atemlos lauschte, an Herz und Knochen vom Grauen des
+Krieges gerüttelt, war es mir immer, als müßte ich etwas Dankbares aus
+mir herausschreien und müßte mit beiden Händen hinübergreifen über den
+Tisch, um diese jungen deutschen Mannsfäuste zu fassen und zu drücken.
+Hätten es mir diese drei Wochen im Felde noch =nie= gezeigt und gesagt,
+so hätt' ich es jetzt an diesem kleinen Tisch verstanden, was für uns
+Bürger in der Heimat das kraftvolle und sieghafte Wort bedeuten muß:
+ein deutscher Soldat, ein deutscher Offizier! -- Freilich, im Sinne
+eines Kunstgeschmackes, der die Abwechslung liebt, haben sie auch einen
+Mangel: in ihren besten und wesentlichsten Zügen sind sie alle gleich,
+da ist einer wie der andere! An vielen hundert kleinen Tischen dieser
+kleinen Lehmlöcher könnte ich ein Gleiches hören, wie ich es an =diesem=
+Tische vernahm.
+
+Es wirkte auf mich, daß ich lange wortkarg bleiben mußte, als es
+schon wieder heiter wurde, weil Besuch erschien. In Begleitung
+eines Reichsrates, den wir in München kennen und verehren, kam der
+Regimentskommandeur zur Besichtigung der Nachtarbeit im Schützengraben
+-- als Vorgesetzter ein Freund und Vater seiner Soldaten. Davon sollte
+ich gleich eine Probe erfahren, die mir unvergeßlich bleiben wird.
+Der Kommandeur wollte bei diesem Nachtweg eine Beförderung verkünden.
+»Nach dem Regimentsschimmel müßte man's eigentlich anders machen. Aber
+was einer verdient, muß er bekommen. Den Lohn verschieben, heißt ihn
+entwerten.«
+
+Nun geht's hinaus in die dunkle Nacht, die geheimnisvoll durchklirrt
+ist von einem gedämpften Arbeitslärm. Manchmal ein Schuß in der
+Ferne, manchmal einer im nahen Schützengraben -- Schüsse, die bei
+der Finsternis nicht treffen können, nur sagen wollen: »Wir wachen!«
+Zuweilen leuchtet droben über dem Wald eine rote Helle auf und
+verschwindet wieder. Und herunten zwischen den Bäumen schreiten oder
+stehen schwarze Gestalten mit klumpigen Lasten auf den Schultern.
+Schritt um Schritt geht es über klappernde Prügel hin oder durch
+quatschenden Lehmteig. Bei etwas schwierigen Stellen leuchtet für einen
+Moment der Strahl eines elektrischen Lämpchens auf.
+
+Ein Kriegsfreiwilliger wird herbeigerufen. Kaum unterscheide ich in der
+Nacht den Umriß der schlanken, unbeweglich stehenden Gestalt.
+
+Die Stimme des Kommandeurs: »Lieber R.! Sie haben nicht nur zwei famose,
+schneidige Erkundungen gemacht, ich weiß auch, daß Sie in allen Stücken
+ein tüchtiger, verläßlicher Soldat sind! Nicht wahr, Sie streben den
+Offizier an?«
+
+»Jawohl, Herr Oberstleutnant!«
+
+»Sind Sie schon Fähnrich?«
+
+»Nein, Herr Oberstleutnant!«
+
+»Dann sind Sie es jetzt. Ich gratuliere Ihnen!«
+
+Da hör' ich einen leisen Laut -- wie von einem Jungen, dem beim Baden im
+Bach das kalte Wasser heraufsteigt an die Lenden. Dieser leise Laut --
+das war tiefste deutsche Soldatenfreude.
+
+Ich muß die Hand strecken. »Darf ich Ihnen auch gratulieren?« Keine
+Erwiderung. Aber den Händedruck hab' ich noch eine Stunde lang gespürt.
+
+Der Weg durch Laufgang und Schützengraben ist mit Schwierigkeiten
+verknüpft. Immer wandern die langen, endlos scheinenden Reihen der
+lastschleppenden Soldaten an uns vorüber. Beim Ausweichen muß ich immer
+den verwünschten Bauch in die nasse Lehmwand hineinquetschen. Oft komm'
+ich von diesem klebrigen Teige kaum mehr los. Pfundweis hängt er an
+meinen Händen. Was will man machen, man wischt ihn an der Hose ab.
+
+Überall im Schützengraben wird geschanzt, geschaufelt und gearbeitet,
+überall wird gebessert, was schlecht wurde, überall ausgetauscht, was
+unbrauchbar geworden.
+
+In ihren Schlupfen liegen die Abgelösten; keine Stimme, kein Öffnen des
+Türchens, kein Zug der kalten Nachtluft und auch kein Schuß vermag
+sie zu wecken. Sie schlafen, wie nur die Zufriedenen und Glücklichen
+schlummern. Wie Aschensäcke sehen sie aus, in ihre Mäntel gewickelt, die
+Zeltbahnen über die Köpfe gezogen.
+
+Die Schützen, die im Graben auf Wache sind, stehen regungslos bei
+ihren Scharten und spähen in die Nacht hinaus, die der Mond, hinter
+dicken Wolken verborgen, ein bißchen aufzuhellen beginnt. Oder gewöhnen
+sich nur die Augen an die Finsternis? Manchmal ein Schuß -- weil ein
+Wachtposten was gesehen hat oder was zu sehen glaubte. Und zuweilen,
+in den benachbarten Stellungen drüben, das Dröhnen einer platzenden
+Granate. Eine kann ich aufgehen sehen. Das sieht aus wie ein Strauß aus
+Feuerblumen, der eine schwarze Manschette hat.
+
+Durch den ganzen Schützengraben geht es. Die schußbereiten
+Maschinengewehre werden revidiert. In einen finsteren, engen Gang hinein
+und unter die Erde hinunter! Ganz vorne arbeitet einer wie ein Bergmann,
+ein zweiter karrt den ausgehobenen Lehm davon, ein dritter versteift den
+Minengang mit stützenden Bohlen.
+
+Wieder im Graben. Ein schönes, rotglänzendes Sternchen surrt in die Luft
+hinauf und fängt in der Höhe grell zu brennen an. Das ganze Gelände
+zwischen unseren und den feindlichen Gräben ist taghell beleuchtet.
+Drüben liegen die toten Franzosen als schwarze, unbewegliche Klumpen
+-- aber ganz in der Nähe liegt etwas Lebendiges, das sich bewegt: ein
+deutscher Horchposten. Und ein Gewirre von Drähten ist zu sehen -- das
+sind die Stacheldrahthindernisse und die aus dem Graben hinausgerollten
+Spanischen Reiter. Ein letztes Lichtgezitter, alles versinkt wieder
+in undurchdringliche Finsternis, um nach wenigen Minuten wieder
+aufzuglänzen -- -- und wir daheim, wir sagen immer: »Was ist denn nur da
+draußen? Warum geschieht da nichts? Warum geht da nichts vorwärts?«
+
+Es ist Mitternacht geworden. Nun dürfen auch die letzten der Geplagten
+ein bißchen ruhen. Ehe der Morgen kommt, müssen sie wieder bei den
+Scharten stehen. Und Nässe und Schlamm an Rock und Stiefel und Hose
+müssen trocken geworden sein von der Wärme ihres eigenen Körpers. Seit
+dem 5. August haben sie dieses Soldatenkleid am Leib und haben es nur
+abgelegt, wenn sie hinter der Front im Ablösungsquartier die Wäsche
+wechseln und baden und sich säubern konnten. Und diese Gesundheit,
+dieser Humor, diese treue Beharrlichkeit, diese unzerbrechbare Geduld!
+-- Und, wahrhaftig, da gibt es Leute in der Heimat, denen der deutsche
+Sieg nicht schnell genug in die warmen Betten läuft! --
+
+Im »Offizierskasino« noch ein kurzer Schwatz und ein Schlummertrunk. Im
+Felde nennt man ihn »heißes Wasser«. Natürlich ist etwas drin, etwas
+sehr Kräftiges!
+
+Und jetzt -- ins Bett. [+] [+] [+] Gott beschütze mich!
+
+Eine freundliche Ordonnanz zieht mir die zehn Pfund schweren Lehmgebilde
+von den Beinen herunter. »Gut Nacht, Herr Doktor!« Dann bin ich
+allein auf einer »Flur«, die alles andere ist, nur nicht »weit«. Das
+Lehmherdchen glutet noch ein bißchen und raucht sehr heftig. Also die
+Tür auf! Aber es hat zu regnen begonnen, und ein ungemütlicher Wind
+peitscht die Traufenfäden herein. Also die Tür wieder zu! Und in den
+Kleidern auf die Pritsche! Bevor ich das Kerzenstümpfchen auslösche,
+seh' ich noch etwas sehr Schönes: die ganze Bretterdecke meines
+Unterschlupfes ist behängt mit großen, blitzenden Diamanten. Jetzt
+lieg' ich im Dunkeln. Da fängt es auch schon zu tropfen an. Pitsch,
+pitsch, pitsch, pitsch! Ich ziehe, wie ich es bei den Soldaten gesehen,
+die Zeltbahn über den Kopf. Nach einer Viertelstunde bricht mir am
+ganzen Leib der Schweiß aus. Ich entkleide mich und krieche wieder
+unter das raschelnde Segeltuch. Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch! Nach
+einer halben Stunde friere ich, daß mir die Zähne klappern. Ich ziehe
+mich wieder an, und weil mir vom Rauch, der nach Erlöschen jeglicher
+Wärme reichlich zurückblieb, die Augen heftig brennen, mache ich wieder
+die Tür auf, drücke sie aber sofort sehr energisch zu. Ich liege
+wieder, und trotz der Dunkelheit bemerke ich an meinem nachlassenden
+Hustenreiz, daß der Rauch verschwindet. Aber das andere bleibt:
+Pitschpitschpitschpitschpitschpitsch ... jetzt klingt es viel schneller
+und ununterbrochen. Nicht nur von oben kommt der feuchte Segen, auch
+von unten her. Schon will ich in einem drohenden Tobsuchtsanfall
+fluchen wie ein Berserker. Aber da muß ich denken: »So machen es unsere
+Feldgrauen seit sechzig oder siebzig Nächten durch!« Wobei noch zu
+berücksichtigen ist, daß ich als Gast ein »Kavalierhüttl« bekam, also
+eine Sache, die so gut ist, wie sie sonst kein anderer hat! Ein Wunder
+geschieht -- ich, das nervöseste von allen nervösen Äsern, ich werde
+plötzlich so geduldig wie ein Lamm, drehe mich still auf die Seite und
+fange, um den Schlaf herbeizuschmeicheln, die fallenden Tropfen zu
+zählen an: Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch ...
+
+Ich glaube, bis nah' an siebenhundert kam ich. Ja, wahrhaftiger Gott:
+gegen drei Uhr bin ich zufrieden eingeschlafen. Ein paarmal erwachte
+ich, hatte rückwärts das Gefühl einer immer feuchter werdenden Unterlage
+und im Hirn eine seltsame Idiosynkrasie: ich vermutete immer, daß
+vor meinem Kavaliershüttl irgend jemand Holz hacke. Es waren die
+Gewehrschüsse, die vom Schützengraben herunterklangen. Und einmal fuhr
+ich sehr heftig auf und hörte noch ein doppeltes Rollen -- es war ein
+Granatenpärchen in den Wald geflogen. Ich drehte mich um und schlief
+wieder ein. Und habe geschlafen, bis im Ergrauen des Tages die Ordonnanz
+mich weckte und meine schöngeschmierten Stiefel brachte: »No, Herr
+Doktor, wie war's?«
+
+»Ganz gut! Ein bisserl feucht halt!«
+
+»Mein, da haben wir's jetzt noch wie im Himmel! Aber die vorig' Woch',
+da haben wir sechs Nächt lang im Wasser hocken müssen. Niederlegen
+hat man sich gar nimmer können. Auf'm Tornister hat man halt sitzen
+müssen. Da hat's die meisten von uns a bißl verdrossen. Alle haben wir
+g'schimpft, ja! Bloß an einziger is zufrieden g'wesen. Dös war a Tölzer
+Floßknecht. Der hat allweil g'sagt: >Dös bin i g'wohnt!< -- Da haben wir
+uns a guts Beispiel g'nommen.«
+
+Draußen rauschte der schwere Regen.
+
+Heißer Tee. Fünf Tassen. Dann hinauf in den Schützengraben. Hier sind
+im Morgengrau schon alle bei der Arbeit. Fast durch die ganze Länge des
+Grabens liegen die Lehmwände niedergebrochen. Alles, was Boden heißt,
+ist verschlammt und überschwemmt. Und den schanzenden Soldaten rinnt
+das Wasser über Gesichter, Rock und Hosen herunter. Und immer noch
+schwatzen sie lustig und machen jene kleinen, netten Späße, in denen
+eine große, tiefe Seele steckt -- die Seele des deutschen Volkes!
+
+Ist der Krieg im Regen ertrunken? Kein Schuß mehr. Den ganzen Vormittag
+bleibt es still. Doch am Nachmittage, während ich durch die klatschenden
+Regengüsse und unter peitschenden Windstößen zurückwandere zu meinem
+Fürstenfeldbrucker Philosophen, beginnen die Haubitzen wieder zu
+donnern, und von überall klingt das Knallen, das die pfeifenden
+Vögelchen fliegen macht.
+
+Mein ganzes Denken ist ein einziges heißes, inbrünstiges Gebet zur Sonne:
+
+»Komm! Und scheine den Unseren! Meinetwegen auch den andern! Wenn nur
+die Unseren trocken werden und sich wärmen können!«
+
+
+
+
+ 10.
+
+
+ 7. Februar 1915.
+
+Einen Tag lang war herrliches Wetter. Alles funkelte von Sonne. Die
+reinste Frühlingsstimmung! Dachte man an die Truppen, so fühlte
+man immer den gleichen Gedanken: »=Gott sei Dank, jetzt werden
+sie trocken!=« Wie eine tiefe Wohltat war's, mir vorzustellen,
+daß unsere Feldgrauen vor Wärme dampfen. Und mit Lachen mußte ich
+besonders an =einen= denken. Den hatte ich in seinem triefenden
+Schützengrabenhöhlchen knien sehen, mit einer ganz sonderbar
+verbuckelten Gestalt. »Um Gottes willen, was ist denn mit Ihnen?« hatte
+ich erschrocken gefragt, denn ich hielt ihn für einen Schwerverwundeten
+im Notverband. Aber nun kam eine heitere Lösung. Der kluge Mann hatte,
+um sich gegen die von unten heraufquellende Nässe zu schützen, =sieben=
+wollene Liebesgabenbauchbinden =hinten= herumgebunden. Er behauptete:
+das bewahre ihn bis zum Morgen vor dem tieferen Eindringen jeglicher
+Feuchtigkeit. Weil die äußerste dieser sieben wollenen Sitzfleischhäute
+zinnoberrot war -- möglicherweise aus dem ehemaligen Unterrock einer
+Dorfschönen geschnitten -- glich der Eingewickelte einem Pavian in der
+Paarungszeit. Wie feucht die sieben konträr verwendeten Bauchbinden
+auch geworden sein mögen -- jetzt konnte er sie einen Tag lang in die
+freundliche Sonne hängen.
+
+Die drollige Episode ist auch ein ernster Beweis für die opulente
+=Liebesgabenfülle=, mit der unsere Feldgrauen von der Heimat aus bedacht
+werden. Was sie mehrfach bekommen, wird oft in höchst sinniger Weise
+aufgebraucht. Einen sah ich, der vier Paar Kniewärmer zu ganz famosen,
+tütenförmig übereinandergreifenden Gamaschen zusammengenäht hatte; der
+Mann muß übrigens auch künstlerischen Geschmack haben, weil er bei
+Erzeugung dieses Meisterwerkes der Feldflickerei die Farben harmonisch
+gliederte: grau, braun, grau, braun. Überzählige Schlipse werden
+häufig als Lehmhindernisse oben um die Stiefelröhren herumgewickelt;
+entbehrliche Pulswärmer finden Verwendung als Zehenfutterale, und
+Kopfschläuche werden zu »Kniehösln« degradiert. Einstimmig ist bei
+allen Feldgrauen die =dankbare Anerkennung der Liebesgabenmenge=. Zu
+Dutzend Malen hörte ich in wechselnden Worten den gleichen Sinn: »=Die
+Leut daheim sind so viel gut! Jetzt haben wir's oft besser wie in der
+Friedenszeit.=«
+
+Die segensreichste von allen Liebesgabenspenderinnen ist aber doch
+die warme Sonne. Sie macht überflüssig, was Wolle heißt, und legt die
+Soldaten trocken wie liebe Kinderchen. Nur die Kanonen macht sie nervös;
+denn wenn die Nebel verschwinden und der Himmel blau wird, erscheinen
+die feindlichen Flieger. Vorgestern hörte man fast ununterbrochen vom
+Morgen bis zum Abend die Schrapnellschüsse krachen, die den Fliegern
+entgegenflammten und hinter ihnen herjagten. Das ist ein aufregendes
+Bild: wenn hoch droben im Blau dieser winzig aussehende Menschenvogel
+kreist, den das unbewaffnete Auge erst nach langem Spähen zu entdecken
+vermag. In so großer Höhe ist seine Bewegung eine kaum merkliche: oft
+scheint er völlig stillzustehen wie ein Falke, der auf seine Beute
+lauert. Und dann plötzlich springen aus dem blauen Himmel, während
+herunten auf der Welt die Schüsse krachen, kleine silbergraue kuglige
+Wölklein heraus, immer wieder und wieder eins, hinter dem Vogel,
+vor ihm, über ihm, unter ihm -- die Rauchklumpen der platzenden
+Schrapnellgeschosse. Ganz ruhig bleiben sie hängen im Blau, erweitern
+sich ein bißchen, werden zu weißen Himmelsschäfchen -- und wenn der
+Flieger schon lange verschwunden ist, hängen sie noch immer da droben
+und bezeichnen den Weg, den der feindliche Menschenvogel genommen hat.
+
+Schwebt der Flieger in zwei- bis dreitausend Meter Höhe, so ist er fast
+völlig sicher. Nur bei ganz besonderem Glücksfall -- der feindliche
+Vogel würde sich natürlich anders ausdrücken -- kann ihn ein Schuß
+herunterholen. Freilich, je höher der Flug, um so bescheidener auch
+das Resultat der Erkundung, trotz Photographie und Funkenspruch.
+Die vielen Schrapnellschüsse, die man hinaufschickt, bringen also
+immerhin den Gewinn, daß der französische Flieger, dem die glückliche
+Heimkehr wesentlich sympathischer als der Absturz ist, außerhalb
+einer ergebnisreicheren Spähweite gehalten wird. Trifft ein Schuß,
+so geht's dem Flugzeug noch lange nicht ans Leben; die Stellen, wo es
+sterblich ist, sind keine Scheunentore, sondern kleine Achillesfersen.
+Jeder Doppeldecker der deutschen Fliegerabteilung zu H., bei der ich
+einen mir unvergeßlichen Tag verbrachte, ist ausgezeichnet durch die
+Ehrenmale vieler Schußnarben; neben jenen ausgeheilten Wunden, die
+für das Flugzeug lebensgefährlich waren, steht unter dem Bild des
+Eisernen Kreuzes der sieghafte Tag angeschrieben, an welchem deutsche
+Unerschrockenheit und Geistesgegenwart eine drohende Todesstunde
+überstanden. Mit dankbarer Bewunderung hab' ich das Eiserne Kreuz
+erster Klasse unseres kühnen Fliegeroffiziers betrachtet, der auf einem
+ebenso verwegenen wie ergebnisreichen Erkundungsfluge schwer verwundet
+wurde und noch in äußerster Erschöpfung, auf dem Verdeck des Flugzeuges
+stehend, =ein Schußloch des rinnenden Benzinbehälters so lange mit dem
+Daumen verstopfte, bis der Doppeldecker innerhalb der deutschen Stellung
+glücklich zu landen vermochte=.
+
+Der Satz, den ich da niedergeschrieben habe, ist schnell gelesen. Doch
+wer die Ewigkeitsminuten eines solchen Nervenkampfes in den Lüften
+auszudenken vermag, wird einen atembeklemmenden Schauder empfinden und
+sich dabei doch aufrichten in deutschem Stolz. Vor Beginn des Krieges
+hatte das französische Flugwesen gegen das deutsche eine siebenfache
+Übermacht. Unsere Flieger haben sie ausgeglichen durch zähe Schulung und
+technisches Geschick, durch stählerne Herzhaftigkeit und erhöhten Mut.
+Wie man von altersher sagte: »Ein Mann, ein Wort« -- so wird man sagen:
+»Ein deutscher Flieger, ein deutscher Held!« -- Bei uns ist die Kraft,
+bei uns der Sieg! Alles was ich sehe und erlebe im Feld, klingt mir
+immer wieder aus in diesen herrlich läutenden Refrain.
+
+Neuer Nebel und Regen brachte mich gestern um den Anblick eines
+=Geschwaderfluges= der Unseren. Ein solcher Flug war geplant zur
+Begrüßung unseres Königs, der die bayerischen Armeeverbände an der Front
+besichtigte. Wetter und Wind verriegelten die Fliegerschuppen. Aber der
+Vorbeimarsch unseres =Leibregiments= sowie der anderen, auf Ablösung
+in den Stadtquartieren weilenden Truppen war auf dem großen Stadtplatz
+trotz Nebelreißen und spritzenden Pfützen eine ganz prachtvolle
+Sache. =Jede Schießscharte in unseren Schützengräben ist Schulter an
+Schulter besetzt -- und hinter der Front dieses fast unübersehbare
+Gewimmel unserer gesunden, hochgewachsenen, kraftvollen und tadellos
+ausgerüsteten Soldaten!= Im Gefühl der Zuversicht, die dieses Bild und
+der klingende Taktschritt vieler Tausende von festen deutschen Beinen
+mir einflößte, hätt' ich vor Freude immer schreien mögen. Das verbot
+nicht nur der militärische Ernst der Stunde, auch jeder Blick auf die
+Einheimischen, die in dichten Gruppen umherstanden; sie sprachen kein
+lautes, vernehmbares Wort; entweder blieben sie stumm oder flüsterten
+ganz leise miteinander; immer unruhiger irrten ihre Augen über diese
+festgefügten Soldatenzüge hin, und in ihren Gesichtern wurden Schreck
+und Staunen immer größer, je länger der Vorbeimarsch der Bataillone
+und Batterien dauerte. -- Neulich, als große Rekrutennachschübe hier
+eintrafen, tuschelten die Einheimischen mit glänzenden Augen einander
+zu: das wären fliehende, von den Franzosen aus den Schützengräben
+verjagte Deutsche. Gestern begriffen sie die Wahrheit und bekamen
+eine erschreckende Vorstellung von Deutschlands unerschöpflichem
+Menschenbrunnen. Und da war in ihren Augen die Trauer des Wissens:
+daß der Sieg ein unentreißbarer Besitz der Deutschen ist. Wenn die
+=Franzosen= zittern und Unruhe und Verzagtheit fühlen, so haben sie
+Grund dazu!
+
+Immer war im Blick und im Lachen unseres Königs die Freude zu sehen,
+die ihm das straffe Bild seiner Truppen bereitete. Bei dem Festmahl,
+dem als Gast der Generalfeldmarschall =von Bülow= beiwohnte, war der
+König in einer Stimmung, die ihn zu verjüngen schien. Aus seiner
+heiteren, lebhaften Unterhaltung war herauszuhören, was dieser von Kraft
+klirrende Tag ihm gezeigt hatte. Im Anschluß an ein Gespräch über meine
+Schilderungen des Hauptquartiers sagte der König: »=Wann dieser Krieg
+zu Ende sein wird, ob später oder früher, das weiß heute mit Sicherheit
+kein Mensch auf Erden. Aber wie er ausgehen wird, das wissen wir doch
+alle. Da kann man ruhig sein.=«
+
+Vorhin gebrauchte ich das Wort »Festmahl«. Das klingt ein bißchen
+wunderlich: ein Festmahl im Kriegslager. Man muß da nur wissen, wie
+es war. Eine Stimmung von festlicher Gehobenheit, gewiß! Aber dieses
+Mittagessen, an dem der König teilnahm, fand im zweiten Stockwerk
+eines hohen, schmalbrüstigen Hauses statt, dessen rechte Mauerseite
+ungestützt und ein bißchen schief in der Luft hängt. Das Nachbarhaus,
+das diese Mauer vor einigen Monaten noch tragen half, die Präfektur,
+ist niedergebrannt und in einen Schutthaufen verwandelt -- nicht von
+den Deutschen in Trümmer geschossen, sondern =vor= ihrem Einmarsch
+abgebrannt, nachdem die Staatsgelder, wie hier erzählt wird, auf
+unerklärliche Weise verschwunden waren. In diesem schmalbrüstigen, von
+seiner staatlichen Stütze jetzt völlig verlassenen Hause wurde im Juli
+des vergangenen Jahres, kurz vor Ausbruch des Krieges, ein Galadiner
+zu Ehren des Präsidenten der französischen Republik abgehalten. Von
+der Herrlichkeit dieses peronnesischen Nationalfestes unter Monsieur
+Poincarés Vorsitz ist nur das künstlerisch verzierte Menü noch übrig
+geblieben: ein Dutzend der leckersten Gänge mit einer Himmelsleiter
+aller besten französischen Weine! Bei dem Mittagessen, das gestern für
+unseren König und seine Offiziere gerichtet war, ging es einfacher zu;
+man trank dabei Bayerisches Bier und ein paar Gläser Sekt. Und als
+von der freihängenden Wand gesprochen wurde, die bei jedem schweren
+Kanonendonner sehr merklich wackelt, sagte der König lachend: »=Wo
+Deutsche sitzen, da hält schon alles!=«
+
+Ja! Wir Deutschen sitzen hier in erobertem Land! Und das hält. Sicher
+und fest.
+
+ * * * * *
+
+Es war um die elfte Nachtstunde. Und plötzlich hörte ich ein Lied von
+vielen Soldaten, hörte den stahlfesten Hammerschlag marschierender
+Schritte, warf die Feder weg und sprang an das Fenster und riß die
+Scheiben auf.
+
+Über der laternenlosen Straße hing eine schwarze, finstere Nacht, in der
+mein Blick nur mühsam die Umrisse der gegenüberliegenden Hausdächer
+unterschied. Und ein heulender Sturmwind peitschte mir den Regen ins
+Gesicht.
+
+In solcher Nacht kamen sie heranmarschiert und sangen, kamen aus der
+Stadt und stampften hinaus zu den Schützengräben. Es müssen zwei
+Bataillone des =Leibregiments= gewesen sein. So finster war es, daß
+ich einzelne Gestalten nicht auszunehmen vermochte. Nur die großen,
+dichten Menschenklumpen unterschied ich. Das einzig Helle und deutlich
+Sichtbare waren die wehenden Glutfunken, die von den Zigarren oder aus
+den brennenden Pfeifen im Sturmwind davonflogen.
+
+Immer sangen die Soldaten, immer das gleiche Lied:
+
+ »=In der Heimat, in der Heimat,
+ Da gibt's ein Wiedersehn!=«
+
+Und dann kam etwas, was ich von singenden Soldaten noch nie gehört
+habe: als sie schon außerhalb der Stadt waren, außerhalb der alten,
+zerbrochenen Festungswerke, verwandelte sich das Ende ihres Liedes in
+ein mit wirren und hohen Stimmen durcheinanderklingendes Jauchzen und
+Jodeln, wie wir es kennen von unseren Hochlandsfesten bei strahlender
+Morgensonne.
+
+Ein Gedanke sagte mir noch: Du irrst dich, es hat nur der Sturmwind ihr
+Lied zerrissen, und drum tönt es so, wie wirr durcheinanderklingende
+Schreie! -- Aber nein! Ganz deutlich, jeder Täuschung entrückt, wahr
+und wirklich, klang es nun abermals durch die Finsternis aus der Ferne
+zu mir her! Sie jauchzten und jodelten wie junge Menschen in froher
+Trunkenheit! Und da war es in mir wie ein klares Sehen, wie ein festes
+und heiliges Wissen: daß Soldaten, die mit solchem Liede und mit solchem
+Jauchzen in eine stürmische Nacht hinausmarschieren, der Gefahr und
+dem drohenden Tod entgegen -- daß solche Soldaten siegen =müssen=!
+Gleichviel, wann!
+
+
+
+
+ 11.
+
+
+ 16. Februar 1915.
+
+Vor wenigen Tagen war es. Niemand sprach davon, daß man einen Angriff
+der Franzosen erwarte. Aber es lag was in der Luft, nicht nur deshalb,
+weil die feindlichen Geschütze seit zwei Tagen lebhafter als sonst über
+die fernen Waldhügel herüberdonnerten. Auch am Verhalten der Feldgrauen
+fiel mir etwas auf. Ich glaube, militärisch nennt man es »erhöhte
+Bereitschaft«.
+
+Mit Anbruch der Nacht war für mich der Besuch einer weit entlegenen
+Artilleriestellung verabredet, zu der es am Tage keine Zufahrt gibt.
+-- Acht Uhr vorüber. Ich saß in einer engen, finsteren Sache, wie
+ein Sträfling in seinem Zellenwagen. Das kleine Kupee hatte keine
+Glasscheiben, sondern Brettfensterchen mit winzigen Ausschnitten, durch
+die ich manchmal ein wässeriges Sternchen flüchtig aufschimmern sah.
+
+Nach zwei Stunden hält der Wagen. Ich bin im Hof einer großen Ferme.
+Alle Läden geschlossen, nirgends ein Licht. Nur droben am klar
+gewordenen Himmel brennen die vielen Sterne. Die Haustür wird geöffnet,
+und die freundlichen Stimmen dunkler Gestalten begrüßen mich. Dann
+sitzen wir in der etwas schummerigen Stube, und der Zigarrenrauch
+schwimmt in geschlängelten Fäden um das sparsame Flämmchen der
+Petroleumlampe. Die Offiziere sind heiter wie sonst; in dieser
+Heiterkeit ist eine Ruhe, die alle Spannung meiner Nerven beschwichtigt.
+Mir ist sehr wohl an diesem Tisch. Im Geplauder frag' ich einmal: »Da
+ist doch hier in der Gegend eine von den Franzosen kaputt geschossene
+Villa, deren Turm neulich noch ganz war? Da droben sitzt doch immer ein
+Beobachter. Steht der Turm noch? Oder ...« Um den Tisch geht ein Lachen
+herum. Und der junge Artilleriehauptmann schmunzelt: »Gott sei Dank, er
+steht noch! Da droben sitze doch =ich= immer! Wenn Sie morgen nachmittag
+zu mir hinaufkommen wollen? Ich denke, da werden Sie etwas sehen!«
+
+Während wir weiterschwatzen, hör' ich etwas: manchmal klingt es wie eine
+Karfreitagsklapper; dann wieder, als kollerten viele Holzkugeln über
+eine steile Treppe herunter; oder als würden hundert Teppiche geklopft.
+Jede Sekunde klingt es anders und bleibt doch immer das gleiche. »Was
+ist das?« -- »Noch ist es kein Angriff. Aber möglich, daß es einer wird.«
+
+Wir treten in den schwarzen, vom Sternenhimmel überfunkelten Hof
+hinaus. Nun vernehm' ich es deutlich. So hatt' ich es noch =nie=
+gehört, auch nicht im Schützengraben. Was da so unregelmäßig hämmert
+in der Nacht, ist wie das Zähneklappern eines frierenden Riesen. Hoch
+über uns fahren kurze Zischlaute durch die Luft: die »Hochgänger«, die
+von den zerrissenen Salven der Franzosen zwei Kilometer weit über den
+schwarzen Waldgrat herüberfliegen. Auf dem Dach geht eine Schieferplatte
+in Scherben, und die Splitter bröseln in den Hof herunter. Dieses
+ziellose Gepulver in der Finsternis hat etwas unsagbar Aberwitziges.
+»Schießen denn da die Unseren =auch=?« -- »Nein. Die warten, bis es
+notwendig wird.« -- »Aber auf was schießen denn die Franzosen, jetzt,
+in der Nacht?« -- Ein Lachen. »Auf nichts. Vielleicht glauben sie,
+eine Patrouille zu sehen. Oder es ist wieder ein Bluff, mit dem sie uns
+herauslocken möchten. So machen sie es oft. Aber die Unseren sitzen fest
+und warten ruhig, bis die Franzosen kommen. Dann kracht es bei =uns=.
+Das hat einen ganz anderen Ton!« --
+
+Diese Erklärung gab mir ein äußerst behagliches Zufriedenheitsgefühl.
+Mit ihm vereinigte sich das Bild der Schützengräben, die ich gesehen --
+und die deutsche Seßhaftigkeit in diesem Maulwurfskriege begann mir als
+etwas sehr Notwendiges und Vorteilhaftes einzuleuchten. Bei gleichen
+Kräften eine unzerbrechbare Mauer verteidigen, ist schon der Sieg --
+mit dem Kopf gegen unbeugsame Steine rennen zu müssen, ist schon die
+Niederlage, noch ehe der letzte Kampf beginnt. Die festen Stellungen,
+die hier seit Monaten geschaffen und mit jedem Tage stärker ausgebaut
+wurden, können nur durch eine große Übermacht überrannt werden. Eine
+solche Übermacht werden die Franzosen auch mit englischer Hilfe niemals
+wieder haben! Aber =wir= werden sie haben! Bald! Dann wird die Stunde
+der Entscheidung im Westen gekommen sein! --
+
+Am Morgen schien die Sonne aus blauem Himmel heraus. War dem frierenden
+Riesen warm geworden? Er hatte seinen klapprigen Zähneschauer
+eingestellt. Nur ab und zu noch klangen einzelne Schüsse von der
+feindlichen Stellung herüber.
+
+Die Offiziere waren aus der Ferme verschwunden; ein junger Doktor sollte
+mich führen. Vor dem Hause ging es lebhaft zu. Feldgraue kamen über
+die Lehmwege hergewatet, jeder mit sechs kleinen Kesseln, um von der
+Feldküche das Frühstück für die Kameraden im Schützengraben zu holen.
+Die Schüsse, die sich noch hören ließen, wurden übertönt vom friedlichen
+Geräusch einer Dreschmaschine, die den französischen Weizen für den
+deutschen Appetit ausklopfte. Zwölf Bauernweiber lupften die Garben,
+bedienten die Maschinen und banden das ausgedroschene Stroh. Bei ihnen
+stand zur Aufsicht ein braunbärtiger deutscher Unteroffizier, der sein
+Pfeiflein rauchte und gemütlich dreinguckte, solange die Weiber tüchtig
+schafften; wurden sie faul, dann nahm er die Pfeife aus den Zähnen und
+sagte energisch: »Trawalliöh!« Worauf die Weiber wieder sehr fleißig
+wurden. -- Besser so, als daß ein französischer Korporal unseren
+deutschen Bauernfrauen befehlen dürfte: »Harbeiiitet!«
+
+Manchmal donnerte irgendwo ein Kanonenschuß, während wir in den
+glänzenden Vormittag hinauswanderten. Wir mußten gedeckte Schleichwege
+suchen, durch Pfützen waten, durch dornige Wäldchen kriechen. Auf einem
+großen Teiche sahen wir ein deutsches Idyll: eine mit Weizengarben
+beladene Zille kam auf dem Wasser herangeglitten; vier Feldgraue saßen
+auf der Strohladung des Schiffleins, und zu dieser netten Fahrt blies
+einer die Mundharmonika; warme Sonne umglänzte das hübsche Bild, das
+doppelt zu sehen war: in der Luft und im spiegelnden Wasser. Dazu der
+französische Kontrast: ein grauenvoll verwüstetes Gehöft! Welch ein
+entzückendes Landhaus mit Obstwiese und Blumengarten, mit Fischzucht und
+Weihern, mit Rosenhecken und Lauben muß das gewesen sein, ehe der Krieg
+begann! Und jetzt ein wüstes Durcheinander von verkohlten Balken, von
+Brandschutt und zerstückelten Mauern!
+
+Ein Rauschen in den Lüften -- ein Flieger! Ich fand ihn mit dem Glas.
+Ein deutscher Doppeldecker! Wie etwas ganz Feines und Zierliches flog
+er zweitausend Meter hoch im Blau. Da begann auch schon die Kanonade
+von der französischen Stellung her, ein feindliches Maschinengewehr
+erhob seine langsame Unkenstimme: »Tack, tack, tack, tack ...«, und
+neben der Sonne pufften in langer Reihe die grauen Kugelwölklein der
+Schrapnellschüsse aus dem blauen Nichts heraus. In meiner Seele war
+ein heißer Schrei: »Fliege, fliege, du deutscher Bruder da droben,
+erfülle deine kühne Pflicht, laß dich nicht herunterholen vom Haß deiner
+Feinde!« Er flog und flog, immer blieben die Explosionswölklein weit
+hinter ihm zurück. Geradhin und ruhig segelte er wie ein wilder Schwan,
+der die Tiefe verachtet. Keiner von den hundert Schüssen, die nach ihm
+abgefeuert wurden, konnte ihn auch nur zum leisesten Ausbiegen von der
+Richtung seines Erkundungsfluges zwingen. Im Glanz der Sonne, den meine
+Augen nimmer ertrugen, verschwand er. Ich mußte zwei Worte flüstern:
+»Deutscher Flug!« Aus diesen Silben und ihren Bildern wuchsen mir
+stolze, hoffnungsfrohe Gedanken heraus. --
+
+Ein zerrissener Wald, in den die Mittagssonne steil herunterglänzte.
+Hier sah ich etwas Neues: einen von den großen Mörsern, die vor wenigen
+Tagen hierhergebracht wurden. Steht ein Mensch neben solch einem
+metallenen Ungetüm, so sieht er aus wie ein Zwerg neben einem Nashorn.
+An der Kugel, die dieser deutsche Kampfgigant über zehn Kilometer
+schleudert, haben vier Feldgraue zu schleppen. Und solcher Kugeln stehen
+Hunderte aufgeschichtet, jede in ihrem binsenen Moseskörbchen! Ich
+frage: »Wird geschossen?« -- »Vor dem Abend kaum. Der Feuerbefehl muß
+von der Turmstelle kommen.« Also von dort, wo ich in einer Stunde sein
+werde!
+
+Bei dem weiten Umweg über die Felder zappelt mir die Ungeduld in den
+Beinen. Hinter einer Deckung erwarten uns die beiden Pferde. Wir reiten
+los. Da beginnt auf einem langgestreckten Höhenzuge der frierende Riese
+heftig mit den Zähnen zu klappern. Immer rascher klingt es ineinander,
+fast ist es schon ein ununterbrochenes Salvenrollen. Und in vielen
+Richtungen fangen die Geschütze zu dröhnen an, vorerst nur französische.
+Jeder Schuß ist ein doppelter Donner: Abschuß und Granatenschlag.
+Wir lassen die Pferde rennen, um so rasch wie möglich unser Ziel zu
+erreichen. -- Da ist es!
+
+Auf einem von winzigen Waldflecken umhuschelten Hügel stand einmal ein
+kleines Dorf. Jetzt ist es ein Schutthaufen, den alles Leben verlassen
+hat. Nicht weit davon liegt die Trümmerstätte der kastellartigen Villa
+mit dem hohen Turme, der noch immer steht. Wer diesen Turm erbauen ließ,
+muß Ritterträume gehabt haben _à la_ Don Quixote! Vom Haus ist nimmer
+viel übrig, und auch der Turm ist ausgebrannt bis in die zerrissene
+Blechkuppel hinauf. Sein Inneres ist eng und dunkel; von den vier
+verbrannten Turmböden sind nur noch ein paar verkohlte Balkenstümpfe
+vorhanden. In diesem leeren Mauerdarme haben die deutschen Pioniere
+acht Leitern hin und her übereinander gebunden. Draußen der ruhelose
+Geschützdonner, im Turme das Schweigen. Aber ganz in der Kuppel droben
+trillert ununterbrochen die Klingel eines Telephons. Und ruhige Stimmen
+tönen herunter; immer wieder höre ich die beiden Worte: »Turmstelle
+hier!«
+
+Während der Doktor die beiden Pferde irgendwo versorgt, beginn' ich zu
+klettern. Durch schießschartenähnliche Fensterchen fällt spärliches
+Licht herein; das hilft mir, die Leitergriffe zu finden. In der
+dunklen Höhe stoße ich mit dem Kopf gegen etwas Hartes. Über mir eine
+lachende Stimme: »Herein!« Ein schmales Falltürchen wird geöffnet.
+Zwei feste Hände greifen herunter und ziehen mich vollends hinauf. Ein
+freundlicher, aber kurzer Gruß des jungen Hauptmanns -- ich bekomme in
+dem kleinen Dachkäfig ein Winkelchen, wo ich stehen muß, ohne mich viel
+rühren zu können -- dann geht die ernste militärische Arbeit weiter,
+mit raschen und knappen Schlagworten, die mir, da fast immer in Zahlen
+geredet wird, eine unverständliche Sprache sind. Außer dem Hauptmann
+ist noch ein Leutnant da, ein Unteroffizier zur Bedienung des Telephons
+und einer zur Meßarbeit auf der Karte, die über ein Brett gespannt ist.
+Zwischen dem Mauerbord und der Dachkuppel ist eine handbreite Lücke; da
+kann man hinausgucken, kann sogar den Feldstecher dazwischenstecken. Und
+während bei jedem schweren Granatenschlag das Gemäuer des Turmes leise
+schüttert, beginne ich zu schauen, durchwühlt von einer heißen Erregung,
+die mir fast den Atem erwürgt.
+
+Was ich sehe, ist ein Bild von unsagbarer Schönheit, ein wundervolles,
+im Gold der Abendsonne leuchtendes Land. Als ich noch da drunten war, da
+sah ich Hügel und Wälder; jetzt seh' ich nur einen ebenen Felderschild
+mit dunklen Flecken, aus denen sich höhere Bäume zierlich oder seltsam
+geformt herausheben. Zerstörte Dörfer und zertrümmerte Gehöfte sehen
+aus wie kleine, gesprenkelte, sonderbare Blumen. Gleich den niederen
+Versatzstücken einer Theaterdekoration schieben sich die Konturen
+von Gehölzen und Ortschaften durch- und hintereinander, alles wie
+niedliches Spielzeug. Ich sehe geschlängelte Bäche und schnurgerade
+Straßenzüge, sehe weit in südlicher Ferne den blitzenden Lauf der Somme
+mit ihren Sümpfen und Kanälen, und sehe -- vergleichbar einem endlosen,
+vielgewundenen, doppelten Kupferkettchen -- die von Osten kommenden
+und gegen Norden ziehenden Linien der deutschen und feindlichen
+Schützengräben. Über allem der blaue Himmel mit seiner niedersteigenden
+Sonne; und in der Tiefe ein feines, wunderlich zu Streifen gestaltetes
+Nebelziehen, das sich unter dem ruhelosen Donner des Geschützkampfes
+mehr und mehr zu verstärken scheint.
+
+Dieses herrliche Land da drunten? Ist das ein Herzogtum ohne Volk?
+Nirgends ist ein Mensch zu entdecken, nirgends ein Bauer auf den
+Feldern, nirgends ein Wagen, der sich bewegt, nirgends ein Tier der
+Erde! Alle Schönheit da drunten ist leer und öde. Nur manchmal, unter
+dem aufschreckenden Granatendröhnen, flattern braune, dichte Schwärme
+von Wandervögeln nahe bei meinem Ausguck vorüber, wie Wolken von dürren
+Blättchen, die der Sturmwind treibt.
+
+Mir werden Lippen und Zunge trocken, und vor Erregung fiebert mir jeder
+Nerv im Leib. Immer spähe ich durch das Glas nach den Schützengräben,
+bei denen der Riese mit den Zähnen schauert. Ich gewahre nichts, nichts,
+nichts, keinen Rauch, keinen Feuerblitz, keine Bewegung, =nichts=! Und
+immer dieses Donnern und Brüllen in der Luft! Gierig suche ich mit dem
+Glas die bald umschleierte, bald wieder von Sonne leuchtende Leere
+ab. In weiter Ferne, auf etwa vierzehn Kilometer, gewahre ich vor
+einem Waldstreif vier kleine, weiße Punkte, als hätte man da ein paar
+Taschentücher zum Trocknen aufgehängt. Jetzt bewegen sie sich langsam
+und schweben aufwärts und werden größer, ein feindlicher Flieger. Das
+Telephon klingelt und die ruhige Stimme des jungen Hauptmanns, der
+beim Scherenfernrohr sitzt, gibt eine Meldung in Ziffern. Der Flieger,
+den ich mit dem Glas beobachte, macht plötzlich eine Schwenkung, und
+ich sehe einen zweiten erscheinen. Ist das ein Deutscher? Der den
+Franzosen verfolgt? Beide verschwinden im Dunst. Während ich suche,
+kommt mir eine kleine blaugraue Kugel mit langem Schwänzlein ins Glas:
+ein französischer Fesselballon. Unbeweglich hängt er in der Luft, etwa
+zwölf Kilometer von uns entfernt. Nun gleitet er zur Erde hinunter und
+verschwindet hinter einem Waldstreif. Beim Scherenfernrohr ein kurzes,
+heiteres Lachen: »Dem war unser Flieger nicht geheuer!«
+
+Allmählich wird der Geschützdonner seltener und verstummt beinahe ganz.
+Die grauen Dünste in der Landschaft zerflattern und verschwinden.
+Die Sonne ist rot geworden, Felder und Wälder gluten oder liegen in
+schwarzblauem Schatten. Das Telephon trillert, der Hauptmann wird zum
+Hörrohr gerufen. »Jawohl, Herr General, der Ballon ist niedergegangen.«
+Ein langes, leises Geräusch im Apparat, ähnlich dem Krächzen eines
+Grammophons, bevor es zu spielen beginnt. Da sieht der Leutnant, der den
+Platz am Scherenfernrohr einnahm, daß der Fesselballon wieder hochgeht.
+Die Meldung wird ins Telephon gegeben. Wieder beginnt im goldschönen
+Abend dieses Brüllen und Dröhnen, das die Lüfte erschüttert, gleich dem
+Donner eines grauenvollen Gewitters. Wieder die ruhige Zahlensprache und
+die kurzen Worte. Meldung um Meldung kommt, Meldung um Meldung fliegt
+zu den Batteriestellungen und zum Divisionsstabe. Ich möchte lauschen,
+möchte diese Ziffern und Worte deuten, aber immer muß ich schauen und
+suchen.
+
+Der Geschützkampf, der sich bisher in größerer Entfernung abspielte,
+scheint sich näher heranzuziehen. Auf zwei Kilometer steht plötzlich ein
+gewaltiger, grauschwarzer Rauchbaum in einem Acker. Ein Krachen, daß
+mir die Ohren klingen. Schlag um Schlag. Eine ganze Reihe von solchen
+Rauchbäumen fährt aus der Erde heraus, dicht bei einem Wallstrich
+unserer Schützengräben. Der Granatenregen kommt von zwei französischen
+Batterien; ihr Feuer wird vom Fesselballon geleitet; sie schießen gut;
+in gerader Zeile setzen sie eine Granate dicht neben die andere. Immer
+muß ich an die Unseren in dem mit Flammen und Eisen überschütteten
+Graben denken, und während mir das Gesicht brennt, rinnen mir kalte
+Schauer durch das Herz.
+
+Die Sonne ist schon drunten, immer grauer wird die Dämmerung, immer
+dichter dieses Dunstgewoge. In dem engen Dachkäfig des Turmes ist es
+schon so dunkel geworden, daß man die Karte beim Messen nimmer ablesen
+kann; man muß sie mit einem elektrischen Taschenlämpchen beleuchten.
+Die Worte, die ich höre, lassen mich vermuten, daß die eine der beiden
+feindlichen Batterien -- eine Waldbatterie -- jetzt gleich unter
+deutsches Feuer genommen wird. Nach der anderen sucht der Hauptmann
+mit dem Scherenfernrohr. »Da drüben, dreihundert Meter westlicher,
+muß sie stehen, aber die Stellung verschwimmt im Dunst.« Ich spähe
+durch mein Glas -- und ein Zufall will es, daß ich in der Dämmerung
+die Stichflamme eines feuernden Geschützes erkenne. Im Scherenfernrohr
+sieht der Hauptmann noch den Feuerstrahl von zwei weiteren Geschützen.
+Durchs Telephon fliegt der Bereitschaftsbefehl zu den Mörsern. Aber
+bis im Dunkel des Turmkäfigs bei Laternenschein die Richtung auf der
+Karte gemessen und die Entfernung, achttausend Meter, berechnet werden
+konnte, ist draußen der Abend schon so tief gesunken, daß das Feuer der
+Mörser dem Feind ihre Stellung verraten würde. Das Telephon trillert.
+»Die Mörser bleiben in Richtung. Schluß.« Eine andere Meldung geht zum
+Stab. Und plötzlich dröhnen viele deutsche Schüsse rasch ineinander --
+weit aus den Lüften hör' ich etwas wie das ferne Sausen eines wackligen
+Eisenbahnzuges -- und dort, wo die feindliche Waldbatterie gestanden,
+seh' ich etwas Furchtbares und Wildschönes aufbrennen. Sieben oder acht
+Granaten müssen es gewesen sein, die innerhalb zweier Sekunden auf die
+gleiche Stelle gefallen sind. Für meine Augen sah es aus, als wär's nur
+eine einzige Flamme, die wie ein riesiges Irrlicht zuckend und sinnlos
+umherhüpfte. Eine schwere Wolke wirbelt da drüben in die sinkende
+Nacht hinauf, die Stelle umhüllt sich mit Dunst -- und dann erst, da
+alles für den Blick schon verschwunden ist, hört man den dröhnenden
+Explosionsdonner und sein Echo.
+
+Eine ruhige Stimme sagt: »Die ist erledigt. Die andere kommt morgen
+dran!«
+
+Nun tiefes Schweigen in der Dunkelheit. Kein Schuß mehr. Nichts.
+
+Ich kann nicht sprechen. Ganz stumm bin ich. Und während ich mich in der
+Finsternis des Turmes über die Leitersprossen hinuntertaste, kommt mir
+eine Erinnerung aus meiner Kinderzeit. Damals, 1864, sah ich in einem
+Guckkasten die Beschießung der Düppeler Schanzen. Das war anders!
+
+Wir reiten durch die still gewordene Nacht. Zwischen den erwachenden
+Sternen glänzt die feine Goldspange des zunehmenden Mondes. Das ganze
+Rund seiner Scheibe ist als bläulicher Hauch zu erkennen. Sein Licht
+wird wachsen mit jedem Tag, wird schön und vollkommen werden. Ich fühle
+diesen Gedanken wie ein Gleichnis für den deutschen Sieg.
+
+Auf der dunklen Straße begegnen uns die langen Züge der zu ihren
+Quartieren heimkehrenden Verstärkungstruppen; ihr Eingreifen ist nicht
+nötig geworden; der Vorstoß, den die Franzosen versuchen wollten,
+zerflatterte, bevor er noch richtig begonnen hatte.
+
+Die Feldgrauen, die in der Finsternis an uns vorübermarschieren, singen
+nicht; sie reden mit ruhigen, halblauten Stimmen; und die Funken ihrer
+Zigarren und Pfeifen wehen leuchtend in die Dunkelheit hinaus, gleich
+schwärmenden Glühwürmchen einer Frühlingsnacht.
+
+
+
+
+ 12.
+
+
+ 21. Februar 1915.
+
+Wenn wir daheim den militärischen Tagesbericht studieren und dabei
+die häufig wiederkehrende Stelle finden: »Im Westen hat sich nichts
+Wesentliches ereignet« -- dann pflegen wir uns in Mißmut und Unbehagen
+mit der Erörterung von Dingen und Taten zu beschäftigen, die nach
+unserer Meinung notwendig geschehen müßten, aber unbegreiflicherweise
+unterlassen werden. Keine von unseren Vorstellungen vom Kriege
+ist so ungerecht wie diese! Gerade in den Zeiten, in denen wir
+Daheimgebliebenen nichts von Siegen zu hören glauben, wird hier im Felde
+so viel tüchtige, musterhafte und erfolgreiche Arbeit geleistet, daß ich
+Glücklicher, der ich diese rastlose deutsche Tat jetzt mit eigenen Augen
+sehen darf, jeden Tag mit dem frohen Gefühl beschließe: »Heute hab' ich
+wieder einen großen deutschen Sieg gesehen!«
+
+Wie die »Ruhepausen« in den Schützengräben aussehen, wie hier in
+bewundernswerter Ausdauer jede Minute bei Tag und Nacht benutzt wird,
+wie man schaufelt und schanzt und unsere Stellungen in unzerbrechbare
+Erdfestungen verwandelt, wie man mit äußerster Kraftanstrengung alles
+erzwingt, was die Gefahr für unsere Feldgrauen vermindern und ihre
+namenlose Mühsal etwas erträglicher machen kann -- davon habe ich
+schon erzählt. Nun laßt mich heute davon sprechen, wieviel stille
+deutsche Siege =hinter= der Front erfochten werden. Und je weniger
+Nervengeprickel in den Schilderungen dieser von keinem militärischen
+Tagesbericht verkündeten Siegesarbeit sein kann, um so aufmerksamer müßt
+ihr daheim gerade =diese= Bilder betrachten. Sind die Siege an der Front
+die weithin läutenden Türme unserer Kraft, so ist die Arbeit hinter der
+Front das Fundament, auf dem sie errichtet werden und das sie trägt.
+
+Vor allem will ich da erzählen, was unsere deutschen Mütter und Frauen
+mit tröstendem Aufatmen hören werden: in welcher Weise hier im Feld für
+Ernährung, Unterkunft und Gesundheit ihrer Söhne und Männer gesorgt
+wird. Wie es mit solchen Dingen bei den Heeren unserer Gegner gehalten
+wird, das weiß ich nicht. Aus eigener Anschauung muß ich aber glauben:
+=so, wie bei uns, kann es nirgends sein=! Was ich hier gesehen habe, das
+kann nur =deutsche= Schulung, nur deutsche Umsicht und Fürsorge fertig
+bringen!
+
+Ich will einen typischen, das Ganze im kleinen illustrierenden
+Einzelfall herausgreifen, den ich selbst mit angesehen habe. Ein
+Rekrutennachschub von dreitausendfünfhundert Mann war angemeldet, und es
+hieß: in =vier= Tagen kommen sie, und bis dahin muß alles Nötige für die
+Unterkunft der Leute fertig sein. Am Mittag des vierten Tages =war= es
+fertig! Die Bahnzüge kamen, einer flink hinter dem anderen, und entluden
+dieses junge Gewimmel der Feldfrischen. Hier, tief in Feindesland,
+sechs oder sieben Kilometer hinter der Front, an der gekämpft wird,
+funktioniert dieser gewaltige Bahnbetrieb mit der gleichen Ordnung und
+Pünktlichkeit, wie wir sie bei uns daheim in friedlichen Zeiten kennen.
+Eine lange Reise macht hungrig. Also das erste: die Leute müssen satt
+werden. In einer von allem Französischen gesäuberten Güterhalle sind
+in langen Reihen die hölzernen Tische und Bänke aufgeschlagen. Wer es
+sieht, denkt an einen Münchner Bräukeller. Die »Gulaschkanonen« dampfen,
+und in einem qualmenden Nebenraum sind Backsteinherde mit eisernen
+Kesseln gebaut -- in diesen Kesseln, die aus einer Spinnerei stammen,
+wurde früher die französische Seide gedünstet; jetzt siedet da drin für
+unsere Deutschen das belgische Ochsenfleisch. Der Krieg nimmt, was er
+brauchen kann und was ihm nützlich ist. Und nun sitzen die paar tausend
+Feldgrauen auf den langen Holzbänken, lachend und schwatzend, und jeder
+bekommt sein festes Mahl, jeder seinen Krug Bier, gutes Bier, das hier
+von deutschen Brauern für die Unseren gesotten wird.
+
+Vom Bahnhof marschieren die Gesättigten zu ihren Quartierstellen, und
+wenn sie von der nahen Front her den ersten Kanonendonner hören, blitzen
+ihre Augen vor Ungeduld. Wo sie hinkommen, in Häusern, Meierhöfen,
+Fabriken oder Schulen, finden sie alles zu ihrer Unterkunft bereit;
+auf jeder Türe steht angeschrieben, wieviel Mann hier wohnen sollen.
+Fünfzehnhundert werden untergebracht in einer großen Tuchfabrik. Vier
+riesige Webersäle mit guter Luft und hellen Oberlichtfenstern. Aus drei
+von diesen Sälen wurden die mechanischen Webstühle herausgeschleppt
+und im vierten dicht aneinander gerückt; ein bißchen schnell hat es
+gehen müssen; wenn der »abgereiste« Fabrikant dereinstens heimkehrt,
+wird er geraumer Zeit bedürfen, um diesen eisernen Hexenknäuel wieder
+auseinander zu dröseln. Die drei freigemachten Säle sind verwandelt
+in Schlafräume; was in der Umgegend an Bettstellen noch aufzutreiben
+war, wurde hier zusammengetragen; daneben lange Reihen von Lagerstätten
+auf dem mit Brettern belegten Boden: für jeden Mann ein doppelter
+Strohsack, eine wollene Decke, ein Kissen, ein Handtuch; jeder hat sein
+Brettregal für den kleinen Kram, und die ganzen Räume sind durchzogen
+von Lattengestellen für Waffen, Mäntel und Tornister. Jeder Feldwebel
+bekommt separat seinen Bretterverschlag, der verwandelt ist in ein
+wohnliches Stüberl. Auch die Kochherde mit Geschirr, die Waschküchen
+und Desinfektionsräume, alles steht schon zum Gebrauche bereit. Und das
+alles wurde herbeigeschafft und fertiggestellt in =vier= Tagen. Wie
+schwatzlustig man sein mag, beim Anblick einer solchen Arbeitsleistung
+wird man still.
+
+Ehe die Neugekommenen ruhen dürfen, müssen sie sich säubern. Und da
+hab' ich ein Bild gesehen, das mir mein Lebenlang in froher Erinnerung
+bleiben wird. Die Tuchfabrik, in der die Fünfzehnhundert einquartiert
+wurden, hat eine mächtige Wäschereihalle. Die Maschinen, die
+Rohrleitungen, die Transmissionen, die Treibriemen, alles ist noch da.
+Aber jede Wasserpumpe ist in eine Badebrause umgezaubert, und in den
+tiefen, halbstubengroßen Holzkufen, in denen früher die neugewobenen
+Tücher gesotten und ausgewaschen wurden, sitzen jetzt unsere deutschen
+Jungen im dampfenden Wasser, ein Dutzend in jeder Kufe, die Arme und
+Köpfe von Seifenschaum bedeckt, rippelnd und scheuernd und plätschernd,
+munter und schreivergnügt wie pritschelnde Dorfbuben.
+
+Aus diesem Bild redet eine so gesunde Lebensfreude heraus, daß ich sie
+nicht zu schildern vermag. Und beim Anblick dieser lustigen Köpfe und
+dieser blinkweißen Jünglingsschultern mußte ich mich der schwarzgrau
+gewordenen Gesichter und Fäuste jener dreiundfünfzig toten Franzosen
+erinnern, die seit acht Wochen vor dem feindlichen Schützengraben von
+Maricourt liegen, verlassen von ihren Brüdern, verlassen von ihrer
+pietätlosen Heimat! Wie zwischen einzelnen Menschen, so gibt es auch
+zwischen Völkern sieghafte Unterschiede. Aber wir, natürlich wir,
+sind die »Barbaren«, und Frankreich »marschiert an der Spitze der
+Zivilisation«!
+
+Wie ich Unterkunft, Verpflegung und Hygiene unserer Truppen hier an
+einem Einzelfall im kleinen geschildert habe, so wird es innerhalb der
+Möglichkeitsgrenzen im großen durch das ganze deutsche Heer gehalten,
+immer nach dem Grundsatz: Die Gesundheit des Soldaten ist sein Schild
+und seine stärkste Waffe.
+
+In =jedem= mit deutschen Truppen belegten Städtchen, sogar in
+jedem Dorfquartier wurde eine Badegelegenheit eingerichtet. Wo nur
+zwanzig Feldgraue beisammen sind, gibt es wenigstens ein mit Blech
+ausgeschlagenes Fußbad und eine Warmwasserdusche. In Peronne wurde
+eine militärische Badeanstalt installiert, in der immer hundert Mann
+gleichzeitig baden können. Ein Erquicken ist es, das anzusehen: wie
+die Leute, die nach der Ablösung aus dem Schützengraben dreckig da
+hineinwandern, frisch und sauber wieder herauskommen, jeder mit dem
+zusammengewickelten Handtuch unter dem Arm. In dieser Badeanstalt
+gibt es sogar ein =elektrisches Lichtbad= zur Bekämpfung der
+Schützengraben-Rheumatismen -- eine große Warenkiste, deren Deckel mit
+einem Halsausschnitt versehen ist, und deren Inneres mit Wachsleinwand
+tapeziert und mit Glühlampen behängt wurde.
+
+Dieser obligatorische und streng überwachte Badebetrieb ist ein
+gesegnetes Mittel gegen Krankheiten und Verlausung, ein wunderwirkender
+Erneuerungsbrunnen für die körperliche Spannkraft unserer Soldaten. Aber
+der Krieg schlägt Wunden, und die Mühsal des Dienstes ist eine so harte,
+daß sie trotz aller hygienischen Fürsorge schließlich doch manchem
+Feldgrauen die feste Gesundheit erschüttert. Wie diese Verwundeten und
+Erkrankten in unseren Feldlazaretten betreut werden, das glauben wir
+in der Heimat zu wissen. Es hat mich aber doch ein frohes, dankbares
+Staunen befallen, als ich dieser Tage das Lazarett von Caudry besuchte.
+Vor vier Monaten war das noch eine französische Spitzenfabrik. Jetzt
+steht da ein deutsches Lazarett von so mustergültiger Ordnung und
+Einrichtung, daß man Riesenkräfte haben möchte, um es vom französischen
+Boden wegzuheben und in eine deutsche Stadt hineinzustellen. Da
+sieht man =nichts= mehr, was den Anschein des in Eile und notdürftig
+Adaptierten hat, alles ist so, als wär' es von Anfang für sanitäre
+Zwecke gebaut und eingerichtet.
+
+Die vom üblichen französischen Schmutz versumpften Höfe wurden mit
+gepflasterten Wegen durchzogen, alle Gebäude und Räume spiegeln
+von Sauberkeit, alle Mauern sind weiß getüncht und sehen aus, als
+wären sie mit frischgewaschener Leinwand überzogen. Von der nächsten
+Bahnstation wurde ein Geleise bis vor die Tür des Lazaretts gelegt,
+damit die Verwundeten und Kranken ohne Gerüttel und Plage hergebracht
+werden können. Die innere Einrichtung ist gegliedert wie in jedem
+großen städtischen Spital. Neben der Amtsstube und den Zimmern der
+Ärzte und Schwestern ist die Apotheke, ein zahnärztliches Atelier,
+der Operationssaal und die Röntgen-Kammer. Alle Wirtschaftsräume,
+die appetitlichen Vorratshallen, die große Küche, die Spülkammer,
+die Wäscherei, der Trocknungsraum und die Bügelstube, das alles ist
+praktisch und bequem aneinander gereiht zu einem zusammenhängenden
+Ganzen. Im Oberstock sind die Nähstuben für Anfertigung der
+Lazarettkleidung und Bettwäsche, sowie die Handwerksräume, die
+Schneiderwerkstatt und Schusterei, wo die Uniformen und Stiefel der
+eingebrachten Verwundeten gesäubert und ausgebessert werden. In einem
+großen Dachraum liegen diese neu hergerichteten Soldatenhüllen mit
+Helmen und Waffen in langen Reihen, Nummer an Nummer, und warten auf
+das genesene Leben, das wieder in sie hineinschlüpfen und wieder dem
+Vaterlande dienen soll. Das stille Bild dieser Kriegsgarderobe hat etwas
+tief Ergreifendes. Und unter solch einem feldgrauen Kleiderbündelchen
+seh ich nur =einen= braunen Soldatenstiefel stehen. Wo mag der andere
+geblieben sein? Und der Fuß, der dazu gehörte?
+
+Das Lazarett hat zwölfhundert Betten. Alle waren schon in Gebrauch.
+Jetzt, Gott sei Dank, sind nur fünfhundertsiebzig belegt. Tritt man
+in einen dieser breiten und langen Bettsäle, so hat man nicht den
+Eindruck eines Krankenraumes. Man glaubt: das ist eine weiße, luftige
+Erholungshalle, durch deren große Deckenfenster eine Fülle ruhigen
+Lichtes hereinströmt. Die meisten der Genesenden sind schon außer Bett;
+sie plaudern oder schreiben Briefe, lesen oder spielen und tragen die
+hellen, sauberen Lazarettkittel, die aus requirierten belgischen Stoffen
+von französischen Näherinnen gefertigt wurden. Alle Betten sind weiß --
+gute eiserne Bettstellen mit Drahtfederung und dreiteiligen Matratzen --
+und zu Häupten eines jeden Bettes hängt ein Täfelchen mit dem Namen des
+Bettgastes und dem Datum seiner Ankunft. Nur in wenigen Gesichtern ist
+noch die Blässe des überstandenen Leidens, fast in allen schon die gute
+Farbe der wiederkehrenden Gesundheit. Ich spreche mit vielen, auch mit
+solchen, die noch liegen müssen. Nie hör' ich eine Klage, nie einen Laut
+des Mißmutes, höre nur gutmütige, herzhafte, auch heitere Antworten, und
+in allen, wie verschieden sie auch klingen, ist immer der gleiche Sinn:
+»Jetzt darf ich bald wieder antreten!«
+
+Bei einem von denen, die noch liegen, zeigt die weiße Bettdecke eine
+Form, als wäre unter ihr etwas nicht mehr vorhanden, was zu einem
+ganzen Menschen gehört. Ob es =der= ist, für den der einsam gewordene
+Stiefel aufbewahrt wird? Ich bring' es nicht fertig, diesen Kranken
+nach seiner Verwundung zu fragen, drücke stumm seine Hand und nicke
+ihm zu; auch er lächelt und nickt, aber seine Augen werden ein bißchen
+feucht. Und gleich beginnt eine Schwester heiter und herzlich mit ihm
+zu plaudern. Von solchen Schwestern in ihren dunklen Kleidern sind etwa
+zwanzig in dem großen weißen Saal -- ernste und dennoch freundliche
+Frauen- und Mädchengesichter mit guten Augen -- man möchte einer jeden
+in deutscher Dankbarkeit die hilfreichen Hände küssen.
+
+In mir ist eine Stimmung, die sich wunderlich mischt aus tiefer
+Erschütterung und glücklichem Aufatmen. Was könnte einen Deutschen
+froher machen, als mit eigenen Augen sehen zu dürfen: =so= werden unsere
+leidenden Soldaten gepflegt und wieder dem Leben entgegengeführt.
+
+Es fällt mir schwer, dieses weiße Heiligtum der deutschen
+Lebenserneuerung zu verlassen. Auf der Schwelle muß ich zögern, muß
+das Gesicht drehen. Und da fällt mir etwas auf, was ich vorher nicht
+bemerkt hatte, etwas mir Unverständliches; über die Decke des langen
+Saales, in welchem früher die Spitzenwebstühle standen, zieht sich
+eine Transmissionswelle mit vielen Riemenscheiben hin; und diese
+Welle =läuft=, ganz leer, ohne Riemen, lautlos. Mein liebenswürdiger
+Führer, General v. Nieber, der mit den Ärzten seiner Etappe dieses
+mustergültige Kriegslazarett geschaffen hat, erklärt mir die sonderbare
+und anscheinend zwecklose Sache: »Wenn die Welle längere Zeit
+unbeweglich liegt, rosten die Lager und verderben. Drum lassen wir alle
+Transmissionen abwechselnd jeden Tag eine Stunde lang laufen. Wenn der
+Besitzer dieser Fabrik wieder heimkommt, soll er sein Eigentum so weit
+in Ordnung finden, als es der Krieg und die Fürsorge für die Unseren
+erlaubte.«
+
+Ein deutsches Wort! Ob es von dem Fabrikbesitzer -- »_il est parti!_«
+-- bei der Heimkehr den verdienten Dank erfahren wird? Ich besorge: der
+wird nur entdecken, was der Krieg ihm verdarb, und wird für das, was
+deutsche Gewissenhaftigkeit ihm unverdorben bewahrte, kein sehendes Auge
+haben.
+
+Nicht weit von Caudry, in Le Cateau, befinden sich die ebenso musterhaft
+eingerichteten Genesungsheime für Mannschaften und Offiziere, umgeben
+von einem lückenlosen Apparat für gute Ernährung. Da ist alles
+herbeigeschafft, was dem Erstarken der Gesundheit dienen kann. Und
+weil frische Eier für Rekonvaleszenten sehr bekömmlich, aber im
+geflügelverschlingenden Kriege und dazu noch im Winter äußerst selten
+sind -- es wurde einmal für dreißig Eier ein Automobil in Tausch gegeben
+und für ein halbes Pfund Butter ein ganzes Veloziped -- drum haben die
+deutschen Ärzte in Le Cateau eine geheizte Hühnerzucht installiert. Ein
+großer Scheunenraum wurde in ein Warmhaus für tausend Hennen verwandelt,
+und ein beharrlich glühender, von einem Drahtgitter umzogener Ofen redet
+dem gackernden Völklein der gefiederten Französinnen mit lieblichen
+Wärmestrahlen zu, recht viele, viele Eier für unsere genesenden
+Feldgrauen zu legen. Zwanzig gallische Hähne befördern das nützliche
+Werk. Überraschenderweise vertragen sie sich sehr gut miteinander; sie
+haben der Friedensarbeit so viel zu verrichten, daß sie der angeborenen
+Kriegslust völlig vergessen.
+
+Hinter diesem heiteren Bildchen steht eine ernste Wahrheit. Wieviel
+deutsche Hände mußten sich rühren in ruhelosem Fleiß, wieviel kluge
+Gedanken mußten in deutschen Gehirnen aufglänzen, wieviel Geduld mußte
+sich in hilfreiche Arbeit verwandeln und wieviel energischer Wille mußte
+umgesetzt werden in wirksame Tat, bis innerhalb weniger Monate ins
+Leben gerufen war, was ich auf Schritt und Tritt hier leuchten sehe als
+ruhmvollen Sieg der deutschen Regsamkeit und des deutschen Wesens.
+
+
+ Verlag von =Adolf Bonz & Comp.= in Stuttgart
+
+
+
+
+ $Eiserne Zither$
+
+ Kriegslieder
+ von =Ludwig Ganghofer=
+
+ 1914/15
+
+ Erster Teil -- 16. Tausend
+ Zweiter Teil -- 10. Tausend
+ Klein-Oktav. In Leinwand gebunden M. 1.--.
+
+
+=Auszüge aus Urteilen der Presse=:
+
+Wer diese weichen und doch herzhaften, diese poetischen und doch ganz
+realistischen Verse liest, der wird, wenn er ein Deutscher ist, seine
+Seele in ihnen wiederfühlen. Dr. St.
+
+ (=München-Augsburger Abendzeitung=.)
+
+Das Buch kann als ein vorzügliches Werk der Kriegsliteratur bezeichnet
+werden. Sein Studium bereitet Genuß und ist zugleich Erbauung.
+
+ (=Darmstädter Tagblatt=.)
+
+Vaterlandsliebe und heiliger Zorn haben ihm diese aus tiefster Seele
+flutenden Verse eingegeben; ungekünstelt, aber voll heißen Lebens
+klingen diese Verse, die aus der deutschen Not geboren und vom Glauben
+an Deutschlands Recht und Sieg durchzittert sind.
+
+ (=Schwäbischer Merkur, Stuttgart=.)
+
+Gehaltvolle, geharnischte Lieder des berühmten kerndeutschen Erzählers.
+
+ (=Braunschweigische Landeszeitung=.)
+
+Es sind zündende, poetisch schöne Gedichte über Kriegs- und damit
+zusammenhängende Ereignisse, welche der allgemein bekannte und beliebte
+Dichter uns bietet. Wir sind überzeugt, daß die hübsch ausgestattete
+Sammlung Begeisterung hervorrufen und in allen deutschen Landen guten
+Absatz finden wird.
+
+ (=Volckmar's Weihnachts-Katalog=.)
+
+Diese Kriegslieder gehören mit zum Besten, was die eiserne Zeit bisher
+hervorgebracht hat. Sie reißen unwillkürlich mit fort und müssen auch
+den Sorgenvollen guten Mutes machen.
+
+ (=Die Wartburg, Leipzig=.)
+
+
+ Verlag von =Adolf Bonz & Comp.= in Stuttgart
+
+
+
+
+ 1914 ist erschienen:
+
+ $Der Ochsenkrieg$
+
+ Roman aus dem 15. Jahrhundert
+ von =Ludwig Ganghofer=
+
+ 1. bis 15. Tausend
+
+ 2 Bände. Oktav. Geheftet M. 8.-, fein gebunden M. 10.-.
+
+
+Ganghofer bietet das nicht alltägliche Schauspiel eines Dichters,
+der nach einer dreißigjährigen Produktion noch jugendfrisch, ohne
+Altersrunzeln der Ermüdung dasteht, und dessen jüngste Schöpfung im
+Glanz edler Meisterschaft alle Qualitäten seiner Dichternatur in
+unverminderter Kraft offenbart. In keinem seiner früheren Werke hat
+er seine kompositorische Kraft in so hohem Maße wie hier bewiesen. Er
+fesselt den Leser gleich mit dem dramatisch wuchtigen Auftakt des Romans
+und läßt ihn bis zur letzten Zeile nicht los. Das Mittelalter mit seiner
+wilden Brutalität, mit seiner derben Erotik, mit seinem Elend, seiner
+Pestilenz und mit seiner bei alldem doch urwüchsigen Kraft, steht, mit
+realistischen Mitteln hervorgezaubert, in leuchtenden Visionen vor uns.
+Markig sind die Hauptgestalten des Romans gezeichnet, mit überzeugendem
+Leben gefüllt. Eine Figur verdient ganz besonders hervorgehoben zu
+werden: der Söldner Malimmes, ein köstlicher Bursche, der in seiner
+Art das deutsche Wesen ebenso vollwichtig repräsentiert, wie Cyrano de
+Bergerac das Franzosentum. Hier hat ein Poet seine Löwenklauen gezeigt.
+Der »Ochsenkrieg« ist ein meisterhaftes Kulturgemälde; als Roman ist das
+Buch durch seine Naturschilderungen, durch seine Charakterzeichnung und
+durch die suggestive Kraft der Sprache dem Besten ebenbürtig, was die
+deutsche Kunst auf erzählendem Gebiet gezeitigt hat.
+
+ (=Neues Wiener Tagblatt.=)
+
+ [Illustration]
+
+ Ullstein & Co
+ Berlin SW 68
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Reise zu deutschen Front, by Ludwig Ganghofer
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44961 ***