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Tausend + + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. + Amerikanisches Copyright 1915 by Ullstein & Co, Berlin. + + + + + 1. + + + 12. Januar 1915. + +Ich soll das Gesicht dieser großen Zeit mit eigenen Augen sehen. Die +Erwartung brennt in mir wie ein Höhenfeuer. + +Gleich am ersten Abend der Reise, in Frankfurt, faßt mich ein starker +Eindruck. Hier sieht der mächtige Bahnhof aus wie eine Festungshalle. +Ein von Westen kommender Zug schüttet ein paar hundert Offiziere +und Mannschaften aus. Meist sind es Leichtverwundete. Ein junger, +bildhübscher Offizier, den geschienten, dick verbundenen Arm in +der Schlinge, den Waffenrock umgehängt, macht sich vor dem Zug ein +bißchen Bewegung und raucht dazu mit Behagen seine Zigarette. Ein +Schwerverwundeter wird auf einem Wägelchen rasch vorübergefahren. +Ich sehe ein abgezehrtes Leidensgesicht mit sehnsuchtsvollen Augen. +Das Gezitter und Gewackel des Wägelchens, auf dem der Brave an mir +vorbeigefahren wird, scheint ihm schwere Schmerzen zu verursachen. +Ich höre sein leises, ein bißchen unwilliges »Ach!«. Dann dreht er +langsam das Gesicht auf die andere Seite und schließt die Augen. Das +Wägelchen verschwindet im Gewühl der Feldgrauen. Sehr viele von ihnen, +Offiziere und Mannschaften, tragen das Eiserne Kreuz. Alle tragen es mit +sichtlichem Stolz, jeder scheint sich still innerlich zu freuen, wenn +es gesehen wird und einen dankbaren Blick erweckt. Ja! Dankbar müssen +wir jedem sein, der dieses Zeichen der deutschen Ehre trägt. Und daß wir +der Ausgezeichneten so viele sehen, das muß uns freudig stimmen, muß uns +Vertrauen und Ruhe geben. Ein Heer von Helden! Wer, außer Gott, könnte +uns besser schützen? + +Neben den Verwundeten sind viele, die nur heimkehren, um irgendeinen +militärischen Auftrag auszuführen. Ihr Auftreten ist ernst und würdig, +ihr Schritt rasch und beschwingt. Überaus wohltuend ist die Fürsorge, +die man diese Offiziere den Mannschaften erweisen sieht. Wenn da ein +Soldat steht, der etwas ratlos herumsieht und nicht weiß, was er +beginnen soll, ist gleich ein Offizier bei ihm und fragt: »Was ist +mit Ihnen, woher kommen Sie, wohin wollen Sie, haben Sie einen guten +Platz?« Jedes Anliegen findet Hilfe. Ich sehe einen Offizier, der den +Arm um einen blassen, müd und schwerfällig vorwärts tappenden Soldaten +geschlungen hält und den Schaffner des Schlafwagens anruft: »Haben Sie +noch Platz? Der Mann muß ein Bett haben.« Die Antwort: »Alles besetzt!« +Und der Offizier sagt: »Dann geben Sie dem Mann mein Bett, er muß +liegen, muß schlafen können, ich komme schon irgendwo unter.« -- + +Früh, vor Tageserwachen, geht die Reise weiter. Ich bin der einzige +Zivilist in dieser endlos scheinenden Wagenkette. Das zu wissen, ist +unerquicklich. Die Zeit ist so, daß man als Nicht-Soldat immer in +Versuchung gerät, sich seines bürgerlichen Rockes zu schämen. Außer +mir und vielen hundert Soldaten ist nur noch ein junges Mädel im Zuge. +Wahrhaftig, ich bin in großer Sorge um ihr Schicksal. Sie selbst ist +vergnügt und plaudert lebhaft. Ihr Kupee ist überfüllt, und ein halbes +Dutzend der Feldgrauen steht noch lachend um die Türe herum. Das mindert +die Gefahr. + +Der Morgen beginnt zu grauen, während der Zug aus der mächtigen +Frankfurter Bahnhofshalle hinausrollt. Gleich vielen großen +Morgensternen hängen die hochmastigen Streckenlampen in der stahlblauen +Luft. Die Häuser gleiten vorüber, mit Hunderten von erleuchteten +Fenstern. Am Morgen hat ein erleuchtetes Fenster etwas Widersinniges; +bei seinem Anblick hat man unwillkürlich das Gefühl: es ist nicht +Morgen, es will Abend werden. Mir rinnt es bei diesem Gedanken heiß +durch Seele und Knochen. Nein! In Deutschland geht es nicht einem Abend +und nicht der Nacht entgegen; ein Morgen wird kommen, schöner als jeder +Morgen, den das deutsche Volk noch jemals erlebte. + +Ein Dröhnen und Rauschen. Der Zug gleitet über die eiserne Brücke, +und gleich einem wundervollen Silberband, das die Ferne mit der Nähe +verknüpft, so glänzt der Mainstrom ins erwachende Land hinaus. + +Immer wieder übersetzt der Zug eine Straße und immer seh' ich das +gleiche Bild: bei den Schlagbäumen stehen lange Züge von Soldaten, +die auf ihrem Wege zum Exerzierplatz einige Minuten aufgehalten sind. +Millionenheere stehen draußen im Kampfe, und noch immer wimmelt die +ganze Heimat von Feldgrauen. Überall Soldaten, Soldaten, Soldaten! Und +jeder von ihnen hat ein gesundes deutsches Herz und zwei kraftvolle +Fäuste, jeder von ihnen ist ein Vertrauender, ein Lachender! -- +Deutschland! Nur die Törichten und Engherzigen können in Sorge geraten +um deine Zukunft. + +Heller und heller wird der Morgen. Kleine Städte mit lieblichen +Silhouetten huschen vorüber und Dörfer, in denen schon die Arbeit des +Tages beginnt. Von außen klingt keine Stimme herein in den rauschenden +Zug; aber man sieht eine ruhige Heiterkeit in allen Gesichtern. + +Gut gepflegte Wälder wechseln mit sauber abgeernteten Fluren, auf +denen der milde Winter das Grün schon daumenhoch wachsen ließ. Dann +wieder die braunen Spitzdächer zwischen großen Obstgärten, in denen +die regelmäßigen Reihen der Apfelbäume mit den kalkweiß angestrichenen +Stämmen aussehen wie Nymphenburger Tafelaufsätze. + +In der Nähe und in der Ferne mehren sich die hoch emporgestreckten +Schornsteine der Industriestätten. So viele sind es, daß man glauben +könnte, Gott hätte soeben durch diesen erwachenden Morgen vom Himmel +herunter gerufen: »Fleißiges Volk der Deutschen, wo bist du?« Und +unzählige riesige Steinfinger fuhren in die Höhe: »Da bin ich!« + +Unter dunstigen Schleiern schwingen sich drei mächtige Bogen über blaue +Lufträume hinüber: eine Rheinbrücke! + +Rhein! + +Tausend deutsche Lieder klingen aus diesem Worte, tausend Bilder der +Vergangenheit tauchen herauf aus der schimmernden Tiefe dieser einen +Silbe. Von allen Zukunftsbildern, die sich mit dem Rhein verweben, seh' +ich nur immer dieses Eine mit dem ewigen Eigenschaftsworte: =Deutsch=! + +Der Morgen ist klar geworden, mit einem weißen Himmel, aus dem wie ein +winkender Feuerfinger das Mondviertel herausbrennt. Mit hell erwachenden +Farben wellt sich die Umgebung von Mainz in die Ferne, eine reizende, +liebenswürdig gegliederte Landschaft. + +Jetzt fahr' ich über die drei hohen Eisenbogen, die ich vor einer Weile +gesehen. Wie eine wohlhabende und ordnungsliebende Hausfrau vor einem +befreundeten Gast ihre Laden und Truhen öffnet, so kramt eine große, +fleißige deutsche Stadt ihre Straßen, Gassen und Häuserfluchten vor mir +aus. + +Der Zug taucht in den langen Tunnel hinein, der die alten Festungswerke +durchschneidet. Die Finsternis endet, strahlendes Licht, wieder das +weite Städtebild und in den Straßen die Menschen, von denen noch keiner +einen Geißelschlag des tobenden Krieges zu fühlen bekam. Jeder fühlte +nur den Segen der friedlichen Ruhe im Herzen des Deutschen Reiches. + +Nebel kämpfen, langgestreckte Wolkenzüge umwürgen die Weinberge und +die Waldhöhen, und unter den Dunstfahnen des Himmels mischen sich die +langen, braunen Rauchwimpel der Fabrikskamine. + +Jetzt ein entzückendes Bild! Die über weite Flurstrecken hinreichenden +Krautgärten der Mainzer Vorstadt sind überflattert von einem weißen +Möwengewimmel. Dahinter glänzt die lange Silberborte des Rheines mit +gleitenden Schiffen in allen Farben. + +Ein kleines friedliches Dorf. Viele Frauen und Kinder. Alle lachen und +rufen, alle winken mit weißen Tüchern -- aus den Fenstern meines Zuges +gucken wohl viele, viele Soldatengesichter heraus? Immer aufs neue +wiederholt sich dieses Bild der grüßenden Frauen, Mädchen und Kinder, +das Bild dieser weißen Flattergrüße. Mir gelten sie nicht. Ich bin ein +Überflüssiger, ein Nutzloser, ein Altgewordener ohne Waffe in der Faust! + +Nun fliegt an mir ein seltsames Bild vorüber, dessen Symbolik mich +tief ergreift: Ein großes umzäuntes Flurgeviert, durchsetzt mit +regelmäßigen Reihen kleiner, weiß bemalter Kreuze. Ein Friedhof? +Eine Gräberstätte? Ein Garten des Todes? Nein! Es ist ein junger +deutscher Weingarten mit sprossenden Reben, dessen blattlose, dem nahen +Frühling entgegendürstende Ranken sich emporstrecken über die weißen, +kreuzförmigen Stützen. + +Jetzt geht ein köstliches Funkeln und goldenes Erblitzen über alle Höhen +und Tiefen der schönen deutschen Erde hin. + +Du friedsames, du verheißungsreiches, du sonnbeglänztes Land des +heimatlichen Bodens! Alle Kräfte meiner Seele grüßen und lieben dich! +Komm und nimm, was ich habe, komm und nimm, was ich bin! Dir will ich +dienen, mein ganzes Leben soll nichts anderes sein als ein geduldiges +Mich-Einfügen in dein Wachsen und Erblühen, nichts anderes als ein +Samenkorn auf dem Acker deiner werdenden Größe! -- + +Meine Augen trinken das Bild der friedlichen Landschaft. Schwärme von +Wildenten rinnen auf den Altwässern und Kanälen des Rheines umher. Vor +Bingen sieht man die Bogen einer neuen Brücke entstehen, die eben gebaut +wird. Welch ein Gegensatz: der Gedanke an den Krieg, den wir führen -- +und das erhebende Bild dieses deutschen Friedensfleißes! + +Der rauschende Zug lenkt gegen Südwesten ab, und die Weinberge und das +Silberband des Rheines gleiten von mir zurück. Scharf hebt sich noch +der zierliche Umriß einer alten Burg vom sonnigen Himmel ab und fängt +zu wandern an und verschwindet. Auf Wiedersehen, du deutscher Rhein, du +flutende, rauschende Lebensader des Deutschtums! + +Die Fahrt geht durch ein enges Flußtal. Auf der einen Seite die +Hügelkette mit den Weinbergen, deren Stabgewirre anzusehen ist wie +ein endloser Zug von Lanzenreitern, die sich hinter braunen Erdwällen +verbergen und nur die Spitzen ihrer Speere gewahren lassen; auf der +anderen Seite der mit Dörfern und Städtchen besetzte und mit alten +Steinbrücken überspannte Fluß, den die Regenmassen der letzten Wochen +braun und reißend gemacht haben. Alle paar hundert Schritte stehen +Fischer mit Angelstöcken oder Tauchnetzen, und Buben rennen mit +Netztrichtern an langen Stangen. Alle sind sehr vergnügt. Die denken im +sicheren Frieden ihrer Heimat wohl gar nicht an den Krieg, den irgendwo +da draußen oder da hinten die Völker miteinander führen. + +Das enge Tal weitet sich zu schönen Geländen, durchblitzt von +Wasserläufen, überwölbt von einem leuchtenden Himmel. Die Welt sieht +aus, als möchte der Frühling um drei Monate früher kommen als sonst. +Jeder Windhauch trägt mir den Wohlgeruch der bräutlichen Erde entgegen, +auf allen sonnseitigen Hängen wuchert das frische Grün -- es fehlen in +diesem verfrühten Frühlingsbilde nur die Schwärme der Wandervögel. +Aber fliegt da nicht der lange feldgraue Wanderzug, in dessen Mitte ich +selber mitflattere als brauner Kuckuck? Der Frühling des Deutschtums hat +Wandervögel in unzählbarer Menge. + +Die Nähe von Metz verrät sich. Jeder Tunnel, jede Brücke, jede +Wegübersetzung ist militärisch bewacht. In den Bahnhöfen, in denen Züge +sich kreuzen, tauchen Soldaten auf, die aussehen, als hätten sie am +Morgen noch in den lehmigen, von Regensumpf erfüllten Schützengräben +gelegen. Stiefel, Uniform und Mantel, alles ist erdfarben, und bei +manchem dieser Tapferen ist das Band des Eisernen Kreuzes anzusehen, als +wär's eine österreichische Auszeichnung: schwarz-gelb. + +An der Bahnstrecke tauchen französische Namen auf: Remilly, Courcelles. +Hier sieht man zuweilen an den Mauern frisch getünchte Stellen. Da +standen französische Aufschriften, die man jetzt überstrich und durch +deutsche Klänge ersetzte. Sehr erfreulich ist das! Ein Glück, daß man +es endlich lernt, aller unpraktischen Duldung zu vergessen und dieses +Inlands-Französische in gutes Deutsch zu verwandeln! Mit der hübschen +Landschaft werden sich die deutschen Klänge ganz gut vertragen. Wälder +und Fluren, wenn auch augenblicklich ein bißchen überschwemmt, haben +jene Linie, die das deutsche Wesen und Volkstum ihnen gab vor vielen +Jahrhunderten. Das bißchen französische Herrschaft inzwischen war nur, +was der Österreicher ein »Übergangl« nennt. + +In einer Station mit französischem Namen guckt aus einem Fenster ein +uniformierter Mann heraus, mit französischem Schnurrbart und mit einer +spiegelblanken Glatze, die noch viel französischer ist. Seine Frau +grüßt mit der Hand nach romanischer Art, so, wie die Italiener auf +den Bahnhöfen winken, mit Handflächen und Fingerspitzen nach vorne. +Frankreich scheint nimmer weit zu sein. Aber wo ist der Krieg? Ich sehe +nur Bilder des Friedens und der ungestörten Ruhe, sehe nur lachende +Gesichter. + +Entlang der Bahnstrecke taucht ab und zu eine soldatische Wache auf. +Der Zug biegt um eine Waldecke, und plötzlich sieht man einen großen +Häusersee mit turmloser Kathedrale. Die deutsche Festung Metz! Aber +man sieht nur eine Stadt. Wo ist die Festung? Ich kann sie nicht +finden. Im Bahnhof gleicht das Umsteigen von Zug zu Zug einem Sturm +auf ein feindliches Fort. Kein Mittagessen, nicht so viel Zeit, um eine +Schinkensemmel zu erwischen. Der Gedanke an unsere braven Soldaten, +die unter dem Kugelregen tage- und nächtelang hungern müssen, macht +mich geduldig und zufrieden. Auf einem Gepäckskarren werden vier hübsch +gearbeitete Särge herbeigefahren. Sie kommen leer und werden beschwert +in die Heimat zurückwandern. + +Der Zug fährt nordwärts durch reiche deutsche Industriebezirke, immer +entlang der französischen Grenze, die sich hinzieht über dunkle +Waldhügel. Hinter ihnen, gegen Westen, wallt es von dichten Nebeln, die +den Mittagshimmel immer trüber umschleiern. Ein feiner Regen beginnt zu +fallen und kleidet allen Wechsel der Landschaft in ein ruhiges Feldgrau. + +Aus einem großen Hüttenwerke leuchten rotstrahlende Glutaugen heraus. +Sind es Essenfeuer oder glühende Eisenblöcke? Was immer, es sind +strahlende Augen des deutschen Fleißes. Trotz allem Lärm des Zuges +vernehme ich das Dröhnen mächtiger Stahlhämmer. Und aus hohen +Schornsteinen wirbelt Rauch in drei Farben empor: tiefschwarz, nebelweiß +und zinnoberrot. Eine Riesenfahne in deutschen Farben! Das war wohl +immer so, seit vielen Jahren ruheloser Arbeit. So oft die Franzosen von +den nahen Grenzbergen herunterguckten, mußten sie dieses wallende Banner +der deutschen Rührsamkeit gewahren. + +Die Bahn macht eine Kurve und wendet sich gegen Westen. Es geht nach +Frankreich hinein. Ein heißer Schauer rinnt mir durch die deutsche +Seele, über die Haut, durch alle Glieder. Meine fiebernden Gedanken +fliegen zurück über die Wege, auf denen ich von München hierher gekommen +bin. Wo war der Krieg? Ich habe nur das blühende Leben der Heimat +gesehen, sah nur unverwüstete Fluren, nur unbeschädigte Häuser, aus +deren Fenstern die Ruhe eines verläßlich behüteten Glückes herausredete. +Ich sah die tausend Zeugen unseres schöpferischen Fleißes, sah Jugend +und männliche Kraft in unermeßbarer Fülle, sah Frauen und Mädchen mit +frohen, gläubigen Augen, sah unbedrohten Besitz und sicheres Eigentum, +sah alle Güter und Segnungen eines von eisernen Kräften beschützten +Landes, und habe bis zur Stunde nur gesehen und empfunden, was Friede +heißt, und was es für ein Volk bedeutet: so kraftvoll zu sein, daß es +auch in kriegerischen Zeiten jeden kostbaren Wert des Friedens für sich +erzwingen kann auf dem heiligen Boden, den es bewohnt! + +Ein suchender Blick durch die grauen Schleier des trüb gewordenen Tages. +Und mir fährt ein Schreck in das Herz, so kalt wie Eis, und wieder so +brennend wie der Stoß eines glühenden Dolches. + +Zwischen kahlen Höhen ein wogender Qualm. Neben dem Gleise liegt der +wüste Trümmerhaufen eines zerschossenen Bahnwärterhäuschens, aus dessen +wirrem Schutt noch die Reste von Dingen und Geräten hervorlugen, die +einst einem freundlichen Leben dienten. Und hinter den zurückweichenden +Hügeln taucht etwas Grauenvolles heraus, hinaufgestellt auf eine weithin +sichtbare Höhe, wie eine Warnung, eine Mahnung und ein Wegweiser für +alles deutsche Denken der Gegenwart. + +Lautlos und dennoch begabt mit einer schreienden Stimme, verlassen von +allem Leben, ein steingewordenes Sterben, so steht dieses Fürchterliche +da droben. Zerbrochene Mauern sind von Ruß geschwärzt, alle Fenster +sind aus den Höhlen gerissen, nur manchmal hängen noch in grotesker +Verrenkung die Reste von grün bemalten Läden an dem zerschmetterten +Gemäuer. Kein Dach mehr. Alles, was Holz war, ist verbrannt, verkohlt. +Kaminschächte, Giebel und aberwitzige Ruinenformen starren in die +graue Regenluft empor wie Hunderte von verkrüppelten Riesenhänden mit +gespreizten und zerkrümmten Steinfingern. Überall die Spuren eines +wilden, gewaltigen und verzweifelten Kampfes, überall Tod, Vernichtung +und Zerstörung, überall der hohläugige Schauder des Untergangs. + +Was ich da sehe, war einmal ein französisches Städtchen, war +Audun-le-Roman. + +Mir zittern bei diesem Anblick alle Nerven. Das Grauen dieser +Todesstätte befällt mich mit doppelter Macht nach allen ruhigen und +fröhlichen Friedensbildern, die ich auf der Fahrt durch unsere Heimat +immer und überall gesehen. Wie etwas grausam Quälendes ist in mir der +Schrei: »So hätte es kommen können bei =uns=, so hätte von schwer zu +schützenden Grenzmarken, die das Schaudervolle erleben mußten, der +Untergang und jeder Todesschreck auf Vernichtungswegen sich hineinwühlen +können bis ins innerste Herz unseres Landes, alles verwüstend und alles +erwürgend!« + +Eine zornvolle, brennende Sehnsucht ist in mir. Ich möchte hundert, +möchte tausend, möchte Millionen Fäuste haben, möchte zurückgreifen +in alle Höhen und Tiefen unseres Volkes, in alle Straßen und Winkel +unserer Heimat, und möchte hundert, möchte tausend, möchte Millionen der +Daheimgebliebenen an den Armen fassen, möchte sie herziehen vor dieses +grauenvolle Bild und möchte hineinschreien in ihre Herzen: + +»=Das seht euch an=! Das hat die eiserne Kraft des Deutschtums, das +hat der unzerbrochene, unter freudigen Blutopfern glühende Heldenmut +des deutschen Heeres im Westen euch erspart, euch und euren Kindern, +eurem Gut und eurem Boden! =Das seht euch an=! Und vergleicht es mit +dem, was ihr in heiterem Frieden noch immer besitzen dürft! Vergleicht +es mit dem, was der Mut und die Treue des deutschen Heeres für euch +erfocht von Anbeginn des Krieges bis zur heutigen Stunde! Dann prüft +eure Seelen, prüft euer Heimatswerk! Und ihr werdet geduldig werden, ihr +werdet gläubig sein und unerschütterlich in eurem deutschen Vertrauen! +Und im siebenten, im zehnten und -- wenn es sein müßte -- auch noch im +zwölften Monat eines Kampfes, den eine Welt von Widersachern und Neidern +über uns heraufbeschworen, werdet ihr alle, die ihr euch Deutsche nennt, +immer noch die gleichen sein, die unzerbrechbar Festen und Verläßlichen, +die Geduldigen und Opferwilligen, die Ehrlichen und Starken, die von +einem einzigen Gedanken der Kraft und Treue Durchbrausten, wie ihr alle +es gewesen seid in den ersten Tagen und Wochen dieses heiligen deutschen +Erlösungskrieges!« + +Da droben grinsen und drohen und warnen die schwarzen Ruinen! + +Ich wende die Augen ab, ich schaue heimwärts in die klare Redlichkeit +und in die ausdauernde Kraft unseres Volkes. Und mir wird wohler und +freier um die bedrückte Seele. + + + + + 2. + + + 15. Januar 1915. + +Weiter und weiter geht die Fahrt, immer neuen Bildern der kriegerischen +Zerstörung entgegen, aber auch immer neuen Bildern, die es mit +hinreißender Kraft verstehen, einem deutschen Herzen jeden notwendigen +Glauben und alles Vertrauen einzureden. + +Von der Bahnstrecke ziehen sich liebenswürdige Buchentäler nach allen +Seiten hin, mit vielfach geschlängelten Bachläufen -- eine Landschaft +wie in Franken daheim. + +In einem Bachtal, das an den »kühlen Grund« des Volksliedes erinnert, +huscht eine Mühle vorüber, sieben vergnügte Landstürmer stehen im Hof, +und unter ihnen, auch nicht gerade traurig, steht eine dunkeläugige und +schwarzhaarige Französin. Vielleicht spielt sich hier so was Ähnliches +wie das deutsche Märchen vom Schneewittchen und den sieben Zwergen ab -- +ein Märlein vom Kohlschwärzchen und den sieben Riesen? + +Eine kleine Stadt -- Longuion. Vernichtung, wohin das Auge sieht. Am +tiefsten erschüttert mich der Anblick eines kleinen, völlig verwüsteten +Hauses, an dem noch einzelne Zeichen verraten, wie hübsch es einmal +gewesen sein muß; im ersten Stock ein Balkon mit geschmiedetem Geländer; +die eisernen Ranken und Blumen sind zu völlig sinnlosen Formen +verzerrt, und rings um die leere, löchrig ausgefranste Balkontüre zieht +sich ein großer, aus vielen Hunderten von weißen Punkten gebildeter +Heiligenschein -- die Arbeit eines Maschinengewehres. Der Kampf um +dieses kleine hübsche Haus und seine Balkontüre muß furchtbar gewesen +sein. + +Man sieht in zerstörte und noch ganze Straßen hinein. Die meisten der +Leute, die da herumwandern, sind Feldgraue, sind deutsche Soldaten. +Außer ihnen noch ein paar an Ecken und in Winkeln umherstehende Greise +mit kummervollen Gesichtern, mit den Händen in den Taschen der weiten +Schlotterhosen; jeder hat die Kappe tief in die Stirn gezogen und trägt +einen dicken Schlips um den Hals gewickelt. Ein paar Kinder sieht man, +die harmlos und heiter spielen, mit etwas kreischenden Stimmchen; +sieht junge Mädchen, die sehr hastig gehen, und sieht Frauen, von denen +die einen immer die Augen gesenkt halten, während andere frech und +unternehmungslustig umherspähen; dieser Blick des lukrativen Lasters +ist nur eine Maske für den Blick des Hungers und der Not; es sind +junge Mütter, die ihre darbenden Kinder ernähren müssen, gleichviel um +welchen Preis! -- Vergeßt es niemals, ihr deutschen Frauen, vor welch +entsetzlichen Dingen euch die treuen Blutopfer unseres Heeres behüteten! +Ihr solltet diese Müttergesichter sehen, diese suchenden Weiberaugen! +Wohl haben die Hände deutscher Wohltätigkeit und Fürsorge hier das +Härteste der französischen Not schon gelindert; die Verzweiflung beginnt +sich in stumpfe Ruhe zu verwandeln, aber aus allen Bildern, die man +sieht, grinst unverkennbar noch immer der Schreck und das Grauen jener +Stunden heraus, in denen die Dächer brannten, die Häuser zerbarsten, die +Kanonen brüllten, die Maschinengewehre knatterten und zwischen rinnendem +Blut alle Schmerzen des Lebens ihre erbitterten Flüche knirschten. + +Immer von neuem brennt der Gedanke in mir auf: »So könnt' es aussehen +bei uns daheim!« Und noch immer kann solch ein Furchtbares uns befallen, +wenn wir nicht stark und verläßlich bleiben, nicht gläubig und +vertrauensvoll, nicht hilfsbereit und opferwillig bis zum Letzten! + +Plötzlich ist finstere Nacht um mich herum. Langsam und vorsichtig fährt +der Zug durch einen von den Franzosen zerstörten Tunnel, den unsere +wackeren deutschen Pioniere in unglaublich kurzer Zeit wieder wegbar +gemacht haben. Kleine Lichter blitzen im Dunkel auf, die Gestalten der +feldgrauen Arbeiter sind grell und grotesk beleuchtet, zwischen ihnen +und den Insassen des Zuges werden heitere Zurufe gewechselt -- und nun +fährt der Zug in den Tag hinaus. Es ist ein trüber Tag, schon nahe dem +Abend, und dennoch wirkt sein Licht wie eine Himmelsglorie. Und neben +der Bahnstrecke, im Höfchen einer Soldatenbaracke, stehen noch vom +Heiligen Abend her die drei mit Silberfäden geschmückten Christbäume. +Das unaufhörliche Regengepritschel der letzten Wochen hat sie freilich +schon übel zugerichtet; dennoch sind sie noch immer umwoben von +zärtlicher Heimatsehnsucht und lieblichen Erlösungsbildern. + +Überall gewahrt man arbeitende Soldatenschwärme; endlose Kolonnen +knattern über die Wege hin; auf den Straßen sind Züge von französischen +Gefangenen in roten Hosen damit beschäftigt, die von den Lastautomobilen +ausgerissenen Stellen und die tiefen Granatenlöcher zu ebnen. Und in der +Ferne, über weite und öde Felder, sieht man die zierlichen Figürchen +feldgrauer Patrouillenreiter hintraben. Auch die Pferde, ob Rappen, +Schimmel, Fuchsen oder Schecken, sind alle grau vom bodenlosen Morast +dieser Regenzeit. + +Da kommt wieder ein Dorf, in das sich Überschwemmung und Zerstörung +teilen. Inmitten der Verwüstung steht manchmal ein unversehrtes Haus, +aus dessen Fenstern das Leben herausguckt mit den Augen einer scheuen +Zufriedenheit -- Augen, welche sagen: »Auch das Dasein in Elend und +Trauer ist noch ein besseres Ding als Tod und Verwesung.« + +Das Fort Montmédy, auf einer malerischen Höhe gelegen, zeichnet sich +schwarz wie Tinte in den Abendhimmel. Der tiefere Stadtteil am Ufer +des Stromes zeigt nur geringe Spuren von Zerstörung. Überall sieht man +Baracken und Zelte der deutschen Landstürmer. Die nassen Tücher glänzen +und pludern im Winde. Hier mag die Nachtruhe nicht sonderlich gemütlich +sein. Mitten in den weiten Flächen der Überschwemmung stehen große Zelte +bis zur halben Höhe unter Wasser. Hier kam die Überflutung in der Nacht +so schnell, daß man die Zelte nimmer abbrechen, nur das Leben noch +retten konnte. Mit Beschämung denke ich an mein behagliches und warmes +Bett daheim; es ist wahr, ich habe viele Nachtstunden schlaflos in ihm +verbracht, wachgehalten von der Sorge um Heimat und Heer; aber bei den +Gedanken an das, was unser Heer im Felde leistet und was es an Mühsal +zu ertragen hat, gab mir meine suchende Phantasie kaum ein annäherndes +Bild der Wahrheit, wie ich sie jetzt zu sehen bekomme. Wir in der +Heimat müssen noch viel, =viel= nachdenklicher werden, um den großen +Unterschied zwischen der deutschen Heeresarbeit im Felde und unserem +bescheidenen Hilfswerk in der Heimat mit ausreichender Dankbarkeit zu +erfassen. Und =sehr= bescheiden müssen wir werden, müssen erkennen, daß +alles, was wir tun, noch immer zu klein, noch immer zu wenig ist. + +Auf einem Bahnhof hält mein Zug neben einer langen, mit Tannenreis +geschmückten Wagenreihe, vollgepfropft mit frischen Truppen, mit etwa +tausend Bonner Burschen, jung, heiter und gesund. Jahrgang 1914. Alle +Wagenwände sind bedeckt mit Kreidekarikaturen von Engländern und +Franzosen. Drollige Inschriften: + +»Achtung! Deutsche Bluthunde!« -- »Platz frei, die Barbaren kommen!« -- +»Blaue Bohnen zur Fütterung britischer Löwen!« -- »Weinet nicht, ihr +Bonner Mädels, wir kommen bald wieder!« Aus jedem Fenster guckt ein +halbes Dutzend dieser frischen fröhlichen Gesichter heraus. Ich frage: +»Wohin geht's?« + +Die kurze Antwort: »Dreschen helfen!« + +Von Wagenfenster zu Wagenfenster gibt es eine muntere Konversation, bis +aus dem Wagen da drüben eine strenge Unteroffiziersstimme herausruft: +»Vorsicht beim Antworten! Der olle Kunde fragt zu viel!« + +Weiter geht's. Es öffnet sich der Blick in eine lange, enge Stadtgasse. +Nur Soldaten sieht man, Hunderte von Feldgrauen. Dazu zwei barmherzige +Schwestern, schwarz, mit weißen Hauben. Und zahlreiche Rekonvaleszenten +in Spitalkitteln erholen sich bei einem Spaziergang, ehe die Dämmerung +kommen will. + +Wieder die öden Felder. Eine Arbeiterhütte mit weißblauem Fähnchen +gleitet vorüber. Ich möchte beim Anblick dieser Heimatfarben vor Freude +schreien. Bevor ich das Fenster aufbringe, ist die Hütte davongelaufen, +das liebe Fähnchen verschwunden. + +Bei Chauvancy bauen deutsche Pioniere an einer von den Franzosen +gesprengten Brücke. Ich brülle zum Fenster hinaus und winke mit beiden +Händen. Die Pioniere gucken und lachen und fragen sich, was für ein Narr +da im Zuge ist? Kein Narr! Ein Deutscher voll stürmischer Dankbarkeit +und Bewunderung! Nur eine kurze Strecke feindlichen Landes hab' ich von +der Grenze bis hierher durchfahren, kaum ein paar hundert Kilometer +lang. Doch in jeder Minute fand ich reichlich Ursache, über das immense +Maß von Arbeit zu staunen, das deutscher Fleiß und deutsche Intelligenz +hier geleistet haben, um alles von den Franzosen und vom Krieg Zerstörte +wieder zurückzugewinnen für die Bedürfnisse des deutschen Heeres und +für den allgemeinen Verkehr. Wenn der kommende Friede unsere deutschen +Helden mit Eichenlaub und Lorbeer bekränzen wird, muß er einen besonders +schönen und reichverdienten Kranz für die deutschen Pioniere flechten. +Wären die Pioniere, die ich da gesehen habe, nicht so feste, stramme und +derbschlächtige Gestalten, ich möchte sie die lieben Heinzelmännchen +des Deutschtums nennen! An ihnen besonders wollen wir Daheimgebliebenen +uns ein Beispiel nehmen! Ein ganzes Volk von Pionieren wollen wir +sein, von Pionieren des deutschen Gedankens, der deutschen Treue und +Hilfsbereitschaft, der deutschen Ausdauer und Beharrlichkeit! + +Man muß, was unsere Pioniere entlang der Maas und im Wasser und Sumpf +dieser meilenweiten Überschwemmungsgebiete geleistet haben, mit eigenen +Augen sehen. Sonst glaubt man es nicht, sonst hält man das deutsche +Arbeitswunder, das hier gewirkt wurde, für ein phantastisches Märchen. + +Immer trüber sinkt der Abend. Doch die Dunkelheit beendet das Werk +dieses Fleißes nicht. Hunderte von Fackeln und Pechflammen brennen auf +-- leuchtende Sterne der deutschen Gewissenhaftigkeit! + +Jenseits einer mächtigen Wasserfläche, die aussieht wie ein großer, +milchweißer See, steigt zwischen kleinen hübschen Wäldchen eine +weitläufige Stadt über sanft geneigte Hügel empor -- =Sedan=! + +Du heiliger Name! Deine beiden Silben sind wie ein weihevoller Zauber, +der eine Fülle von herrlichen Bildern in mir erweckt und mich träumen +läßt von deutscher Kraft und Größe, von deutscher Vergangenheit und +deutscher Zukunft. + +Der Bahnhof ist ein Gewühl von Soldaten. Tausende von Feldgrauen! +Heimkehrende und Ankommende. Wohin man die Ohren dreht, überall hört +man die lieben deutschen Laute. Sie wirken doppelt eindrucksvoll, hier, +auf dem Boden der feindlichen Fremde, hier, auf dem Frühlingsacker des +deutschen Werdens! + +Ganz unfaßbare Mengen von Postsäcken und Gepäckballen werden hin und her +geschoben, ausgeladen und neu verstaut -- Wagenladungen mütterlicher +Grüße und Zärtlichkeiten, Wagenladungen treuer Heimatsgedanken unserer +Soldaten. Und der ganze Bahnhof ist ein unübersehbares Gewimmel von +stehenden und kommenden Zügen, von qualmenden oder rastenden Lokomotiven. + +Weiter geht's. Die sinkende Nacht umhüllt mir alles Kommende. In der +stahlblauen Dämmerung glänzen wieder die großen Streckenlaternen. Der +Tag endet im Feindesland, wie er am Morgen in der Heimat begann: mit +strahlenden Lichtern in der Dunkelheit. + +Unter strömendem Regen rauscht der Zug durch die Finsternis. Geht's über +eine Brücke, so hört man das dumpfe Brausen des hochgestiegenen Stromes. +Draußen ist wenig zu sehen: gleitende Laternen, pechschwarze Hügelketten +und die matt blinkenden Wasserflächen der großen, noch immer wachsenden +Überschwemmung. + +In einer Station bei längerem Aufenthalt kommt eine strenge Kontrolle +aller Reisenden, die der Zug noch enthält. Der Offizier, der meinen +Ausweis musterte, nickt mir freundlich zu: »Sie werden erwartet!« + +Noch eine kurze Fahrt und ich bin am ersten Ziel meiner Reise, im Großen +Hauptquartier. Auf dem Bahnhof ein liebenswürdiger Empfang. Es ist +sieben Uhr abends. Für acht Uhr bin ich zur kaiserlichen Tafel geladen. + +Das Wetter will sich klären. Der Regen hat aufgehört. Helle Sterne +glänzen aus den Wolkenklüften, während ich den großen, stillen +Bahnhofplatz überschreite. Ein Automobil mit Offizieren saust vorüber, +und wie langgestreckte Lichtvögel flattern die Scheinbündel der +Autolaternen in die Finsternis. Schlagbäume und Schilderhäuschen in den +deutschen Farben leuchten auf, Wachen schreiten hin und her, und überall +ist ein leises Klirren, ein Gefunkel von Metall. + +Hinter dem laublosen Astgewirre hoher Bäume strahlt eine Reihe von +erleuchteten Fenstern. + + + + + 3. + + + 17. Januar 1915. + +Zwischen den hohen Bäumen eines stillen Parkes steht eine schmucke +Villa. Ihre Besitzer sind geflohen, als das deutsche Heer erschien und +das französische sich auch auf die Socken machte. Es waren wohlhabende +Leute, die stolz waren auf ihr Haus; das merkt man schon am Äußern des +Baues, an der Gepflegtheit des Parkes, den jetzt eine schweigsame Nacht +umträumt, und an der etwas großtuenden Freitreppe, auf der jetzt im +Flackerschein der Laternen zwei regungslose Schildwachen mit blanken +Klingen stehen. Und es waren Leute, die es liebten, an regenreichen +und stürmischen Winterabenden behaglich am Kamin zu sitzen und amüsant +zu plaudern, vielleicht nach etwas altmodischem Stil, so ähnlich, wie +Konversation in einem Lustspiel von Scribe oder Pailleron gemacht wird; +das vermutet man beim Anblick der Räume, deren Komfort eine wunderliche +Mischung von gutem Geschmack und provinzialer Anbequemung zeigt, von +ererbter Gediegenheit und wahllos Gesammeltem. + +Diese Leute, die nicht mehr da sind und irgendwo im Süden von Frankreich +sitzen, in Bordeaux oder bei Nizza, denken wohl in ruheloser Sorge an +ihr verlassenes, unbeschütztes Haus und glauben es verwüstet durch +alle »Barbarengreuel«, die sie in ihren Journalen als Zugabe zu jedem +Frühstück genießen. Ihre Sorge ist ein Irrtum, ist eine von jenen halb +grauenhaften und halb lächerlichen Verzerrungen der Wahrheit, wie +sie rings um unsere Grenzen üblich wurden, »seit Deutschland diesen +schaudervollen Krieg über die ganze Welt heraufbeschwor« -- so sagen +unsere Feinde, obwohl sie es besser wissen. Das Haus dieser entflohenen +Leute -- statt »entflohen« gebraucht man hier in Frankreich die mildere +Wendung »abgereist« -- dieses Haus, das sie aller Verwüstung ausgesetzt +vermuten, ist in Wahrheit sorglicher behütet, als sie selbst es vor +jedem Vernichtungsschreck des Krieges hätten behüten können, wenn +sie geblieben wären. Denn unter diesem verlassenen Dache, in dessen +Räumen jetzt aus allen Richtungen der Erde die Fäden eines großen +Weltgeschehens zusammenlaufen, wohnt heute der =Deutsche Kaiser=, +der Führer unseres in Begeisterung und Lebenstrotz geeinten Volkes, +der oberste Kriegsherr unseres siegreichen Millionenheeres, das der +deutschen Heimat erspart, was unsere Feinde unter den Schlägen des von +ihnen entfesselten Krieges zu leiden haben. + +Zwischen den Mauern dieses stillen, gutbehüteten Hauses ist nichts von +einem großzügigen Hofhalt zu gewahren. In dieser ernsten Zeit ist auch +das Leben des Kaisers von feldmäßiger Schlichtheit, ist wie gekleidet in +ruhiges, unauffälliges Feldgrau. + +Die wenigen Gäste der Abendtafel versammeln sich in einem kleinen +Empfangsraum. Schon das begrüßende Wort, das jeder Kommende mit den +schon Anwesenden tauscht, ist der Beginn eines lebhaft bewegten +Gespräches über die jüngsten Vorfälle des Krieges, über den +verheißungsvollen Stand der Dinge im Osten, über den Fortschritt im +Westen. + +Nun verstummt das Gespräch, und man tritt von der Türe zurück, die ein +Diener öffnet. + +Heftig schlägt mir das Herz unter dem Touristenkittel, schlägt mir vor +Erregung fast bis an den Hals herauf. Aller Wirbel meiner Gedanken +drängt auf die Frage hin: »Wie wird der Kaiser aussehen, was werde ich +lesen können aus seinen Zügen, was wird herausklingen aus seinen Worten, +was werde ich fühlen müssen unter dem Blick seiner blanken Augen, jetzt, +in dieser Zeit des Ringens, in der jedes deutsche Herz sich sehnt nach +dem aufrichtenden Orakel eines Wissenden, nach einem Halt und einer +Stütze in jenen beklommenen Minuten, die heute auch dem Gläubigsten und +Vertrauensvollsten nicht völlig erspart bleiben können?« + +Es war mir seit einem Jahrzehnt vergönnt, den Kaiser zu sehen in +manch einer heiteren Stunde des Friedens, den er liebte und bis zum +äußersten zu erhalten suchte, er, der diese Friedensliebe durch ein +Vierteljahrhundert in zahllosen Taten der Versöhnlichkeit und des +Entgegenkommens erhärtete, und den unsere Feinde jetzt in grotesker +Gehirnverwirrung als Friedensstörer und Eroberungslüstling bezeichnen, +als Hunnenmogul und zweiten Attila. + +Immer hab ich am Kaiser das von jedem Schwanken freie Gleichmaß +seiner aus Ernst und Frohsinn gemischten Art verehrt und bewundert, +habe mich erfreut an dem klaren Seelenspiegel seines Blickes, an +der temperamentvollen Offenheit seines Wortes, an seinem kräftigen +Lachen, an der freien Menschlichkeit und Frische seines persönlichen +Wesens, wie an der gesunden Innerlichkeit, die ihm eine besonnene, +für jeden deutschen Bürger vorbildliche Lebensführung und sein +unerschütterliches Vertrauen auf Gott, Welt und Menschen bis über +die Reife des Mannesalters bewahrte. Mein Glaube an den Kaiser als +Menschen vermittelte mir auch immer das Verständnis seiner Eigenart als +Herrscher. Ich meine, das ist so unter dem Kronreif: Ganz ein Mensch +bleiben, heißt ganz ein Fürst werden. + +Aber jetzt? Wie viel Hartes, wie viel gewaltsam Formendes mögen +diese fünf Monate seit Kriegsbeginn über den Kaiser gebracht haben, +an Verantwortung, an Gewissenskämpfen, auch an schmerzvollen +Enttäuschungen? Was hat die Last und das Gewicht dieses Weltaufruhrs +ihm gegeben, was ihm genommen? In dieser Zeit, in der die +widersinnigsten Gerüchte -- aus Haß oder Liebe, aus Furcht oder Hoffnung +geboren -- so unzählbar aufschnellen, wie die Heuschrecken aus dem Kraut +einer Sommerwiese -- in dieser letzten Zeit hab ich oft erzählen hören: +das Haar des Kaisers wäre weiß geworden, sein Gesicht und seine Haltung +um Jahre gealtert. Ich habe das nie geglaubt. Gesunde und starke Bäume +erfüllen ihre Zeit, trotz Sturm und Ungewitter. Und dennoch muß ich +bekennen: Jetzt, vor dem Augenblick, in dem ich unter dem dröhnenden +Glockenschlage einer über Wohl und Wehe unseres Reiches entscheidenden +Zeit, hier, in Feindesland, auf erobertem Boden, den Kaiser des +deutschen Volkes sehen sollte, befiel mich etwas Bedrückendes, eine +fiebernde Erregung, fast eine quälende Angst. Wie werde ich ihn +wiedersehen? Wird die frohe Güte, die immer aus ihm redete, gemindert +sein, verwandelt in Zorn und Härte? Werden Mißmut, Zweifel und Sorge +aus seinen sonst so gläubigen Augen sprechen? Haben die Fäuste des +Geschehens ihn gefaßt, ihn umgemodelt, wie sie es mit vielen machen, +die der Widerstandskraft entbehren und sich von den Ereignissen +zerren lassen? Hat der heiße Atem des Krieges ihn angehaucht und in +ihm geweckt, was nie noch in seinem Innern war? Ist in ihm unter dem +Donnerdröhnen des Schlachtfeldes ein Neues entstanden, das man beklagen, +vor dem man erschrecken müßte? -- + +Da tritt er ein, in der feldgrauen Generalsuniform, mit dem gleichen +ruhig-elastischen Schritt, den ich immer an ihm gesehen. Wohl wahr: sein +Haar, mit der kleinen, trotzigen Welle über der rechten Schläfe, ist +seit dem Frühjahr ein wenig grauer geworden, kaum merklich. Und eine +Furchenlinie, die ich früher nie gewahren konnte, ist in seine Stirne +geschnitten und schattet zwischen seinen Brauen. Aber nur eines einzigen +Blickes in diese klaren und offen sprechenden Augen bedarf es -- und +gleich einer glühenden Welle durchströmt mich der sehnsüchtige Wunsch: +es möchten alle Tausendscharen der Deutschen, namentlich jene, in denen +Sorge und Bangigkeit zu erwachen drohen, jetzt an meiner Stelle stehen! +Dann würden sie in freudiger Ruhe aufatmen, wie ich! + +Unter allem Sturm dieser vierundzwanzig roten Wochen ist der Kaiser +in jeder Wertlinie seines Wesens der gleiche geblieben -- nein, nicht +der gleiche, er ist einer geworden, der gewann und nichts verlor. Der +Kaiser ist ein durch die Zeit Erhöhter! Man empfindet es vor dem Bilde +seiner Würde und Haltung, empfindet es bei seinem ruhigen Lächeln, vor +seinem ruhigen Blick. Und bevor ich noch ein erstes Wort von ihm höre, +strömt etwas Aufrichtendes in mich über. Ein frohes Gefühl der deutschen +Sicherheit ist in mir, erneuter Glaube und erhöhtes Vertrauen. Ich weiß: +bei =uns= ist die Wahrheit, bei =uns= das Recht, bei =uns= die Kraft und +bei =uns= der Sieg! + +Ob der Kaiser ahnt, was in mir vorgeht? Er sieht mich plötzlich mit +einem jener forschenden Blicke an, die in seinen stählernen Augen sein +können. Dann nickt er freundlich, reicht mir die Hand und erhöht mir +die Freude dieser Minute durch ein ebenso herzliches wie impulsives Lob +meiner Landsleute: »=Na, Ganghofer, Ihre Bayern! Prachtvolle Leute! Die +haben feste und tüchtige Arbeit gemacht! Und vorwärts geht es, überall, +Gott sei Dank!=« Dann ein Erinnern an die letzte Begegnung im Frühjahr, +wo zu Berlin im Palais des deutschen Kronprinzen meine kleine Dorfsatire +»Tod und Leben« vor dem Kaiser aufgeführt wurde. Nun schweigt er eine +Weile, und sein Lächeln mindert sich und verschwindet. Tief atmend sieht +er mir ernst in die Augen und sagt mit einer langsamen und strengen +Stimme: »=Wer hätte damals ahnen können, was jetzt gekommen ist? Und +daß wir uns hier in Frankreich wiedersehen würden? So!=« -- In einem +diplomatischen Aktenstücke, das die deutsche Schuldlosigkeit an diesem +Kriege zu dokumentieren hat, können dieser Atemzug, dieser ernste Blick +und diese Worte des Kaisers nicht aufgezählt werden. Aber Beweiskraft +haben sie. Eine überzeugende. + +Man geht zur Tafel. Das Speisezimmer ist ein gemütlicher Raum, der mich +weidmännisch anheimelt. Von den braunverschalten Wänden blinken die +weißen Hauer wuchtiger Eberköpfe herunter -- Jagdtrophäen, die in den +Argonnen erbeutet wurden. + +Nur wenige Diener. Und eine kurze, rasche Mahlzeit. Was zur Tafel kam, +das weiß ich nimmer. Der Platz an der Seite des Kaisers und der Kreis +seiner zehn Gäste, hoher Würdenträger des Heeres und Hofes, gibt mir +so viel Beruhigendes, Erfreuliches und Fesselndes zu hören, daß ich +der Mahlzeit völlig vergesse, obwohl ich so hungrig wie ein Wolf aus +dem Eisenbahnwagen gekommen war und seit vierundzwanzig Stunden auf +jagender Reise keinen verschlingbaren Bissen erwischt hatte. Aber wie +feldmäßig einfach die Tafel des Kaisers bestellt ist, beweist eine +Speisenfolge, die ich mir an einem anderen Abend als Erinnerung mitnahm. +Auf dem kleinen Zettelchen, nicht größer als eine Visitenkarte, steht +geschrieben: + + 11. Januar 1915 + + =Königliche Abendtafel= + Gebackene Seezungen + Kaltes Fleisch, Kartoffeln in der Schale + Obst + +Dazu als Getränk: französischer Landwein und Wasser. Und Kriegsbrot +gibt es. =Nur= Kriegsbrot! Daran könnte sich mancher bei uns daheim, +der unsere Soldaten im Felde kämpfen, leiden, bluten und siegen läßt, +mit Strenge und Ungeduld die militärischen Tagesberichte kritisiert und +nebenbei nicht die Heldenkraft oder nicht den Willen besitzt, sich die +gewohnte Frühstückssemmel zu versagen, ein lehrreiches und mahnendes +Beispiel nehmen! Wir müssen lernen, unsere kleinen Liebhabereien +beiseite zu schieben, jeden der Allgemeinheit schädlichen Eigennutz +aus uns herauszuklopfen und jedes Gefühl, jeden Gedanken und jede +Lebenshandlung auf das Ziel einzustellen, das wir für Heimat und Volk +erkämpfen müssen. + +Alles, was ich an des Kaisers einfacher Tafel sehe und höre, wird mir +zur Ursache einer sprunghaften Gedankenteilung. Mit Ohr und Herz bin ich +bei jedem Worte, das da gesprochen wird, und bin zugleich in der Heimat, +um zu schauen und zu vergleichen. Und immer deutlicher wird es mir, daß +manches, was wir Daheimgebliebenen zu denken und zu tun lieben, ganz +wesentlich anders werden müßte, wenn wir gleichwertig werden wollen mit +jenen, die bei harter Arbeit draußen stehen im Felde. + +Nach der Mahlzeit kommt eine ernste, manchmal auch von einem Lachen +erhellte Plauderstunde in einem kleinen, netten Wintergarten, wie wir +ihn auf der deutschen Bühne schon in vielen französischen Komödien +gesehen haben. Zigaretten und kurze Pfeifen brennen, und in Kelchgläsern +wird Münchner Bier gereicht. Auf dem Tisch, an dem sich der Kaiser +niederläßt, stehen blühender Flieder und Rosen, die ihm die Kaiserin +aus Berlin sandte. Alles Gespräch dreht sich um den Lauf der Dinge +in der Heimat und um wichtige Episoden des Krieges. Das ist eine +wesentlich andere Art, vom Kriege zu sprechen, als wir sie daheim bei +unserm Bierbank- und Teetischklatsch zu hören bekommen. Hier wird +nicht die Welt geteilt, hier werden nicht Länder genommen und Reiche +verschenkt, hier gründet man nicht »Pufferstaaten« und korrigiert nicht +die Landkarte von Europa mit einem anspruchsvollen Blaustift. Hier +gilt alles Denken nur dem Ernst und den Notwendigkeiten der Gegenwart; +von der Zukunft ist nicht die Rede. Unausgesprochen klingt aus allen +bedeutsamen Worten, die ich höre, das feste und klare Zeitgesetz +heraus: »Erst arbeiten und siegen. Alles weitere wird kommen, wie es +kommen muß und wie wir es uns verdienen.« + +-- Ich gestehe, daß ich da manchmal ein bißchen schamrot wurde. Und +in meinem Inneren hab' ich heilig geschworen, niemals wieder in +phantastischen Nächten meinen Handatlas durch ausschweifende Linien +zu verunreinigen und nebulose Zukunftsgeographie von Mittelafrika zu +betreiben. Und während ich hier, in einem hundekalten Stübchen zu +Peronne, diesen heißen Schwur mit frierenden Fingern niederschreibe, +klirrt unter meinem Fenster der feste Taktschritt deutscher Soldaten +vorüber, die zu den Schützengräben marschieren, Automobile rasseln +vorbei in sausender Fahrt, und unaufhörlich rollt von der nicht allzu +weit entfernten Front das Murren schwerer Geschütze zu mir her. Die +gaukelnden Kriegsvorstellungen, die ich aus der Heimat mitbrachte, +beginnen sich jetzt unter den harten Wirklichkeitsbildern, die mich bei +Tag und Nacht umwirbeln, sehr gründlich zu verändern. -- + +Jener erste Abend, an dem ich Gast des Kaisers war, bescherte mir +auch ein eindringliches Exempel der Art, wie im Großen Hauptquartier +gearbeitet wird, bis spät in die Mitternacht hinein. Bevor ich davon +erzähle -- d. h. erzählend alles verschweige -- will ich, man liebt +als Poet die Kontraste, dem großen Zeitbilde noch ein niedlich-intimes +Lichtchen aufsetzen. + +Die Gesellschaft im französischen Wintergarten hat sich nach der +Mahlzeit noch um einen schweigsamen, höchst wohlerzogenen Gast vermehrt; +das ist ein kleiner schwarzer Teckel mit gescheiten Augen, des Kaisers +Lieblingshund, augenblicklich ein bißchen invalide, mit verbundener +Pfote; so oft er will, darf er es sich auf dem Schoß seines Herrn bequem +oder, richtiger gesagt, unbequem machen; manchmal nimmt er auf des +Kaisers Knie höchst schwierige und bedrohsame Stellungen ein, die fast +an die Kletterkünste einer Gemse erinnern -- und dann muß der Deutsche +Kaiser so lange stillhalten, bis es dem zappeligen Teckelchen wieder +beliebt, auf den Boden zu springen. Von der rührenden Geduld, die der +Kaiser an dieser kleinen Quälkrabbe erweist, läßt sich eine Brücke zu +einem tiefen Zug seines Charakterbildes hinüberschlagen. Denn er kann +eine bewundernswerte Geduld auch mit Dingen und Menschen haben, die ihn +viel gröber belästigen, als es der kleine, nette Teckel zu tun gewöhnt +ist. + +Gegen die elfte Abendstunde wird für den Kaiser und eine Anzahl +hoher Offiziere ein militärischer Vortrag angesagt. Eine Neuheit der +Kriegstechnik soll in Projektionsbildern vorgeführt werden, die der +begleitende Vortrag eines Offiziers erläutern wird. + +Durch die dunkle, schneelose Winternacht wandern die Gäste der stillen +Villa zu einem nahen Hause hinüber. Der Himmel ist klar geworden und +alle Sterne funkeln. Die kleine Stadt liegt in schwarzem Schweigen, ohne +Lichter, wie ausgestorben. Nur ein scharf suchender Blick erkennt die +regungslos in der Finsternis stehenden Wachen. + +Ein verdunkelter Saal, mit etwa vierzig Stühlen; hinter ihnen ein +Vergrößerungsapparat mit elektrischen Schnüren, vor ihnen an der Mauer +eine große Leinwand. Fest und gleichmäßig klingt in dem matten Zwielicht +die Stimme des vortragenden Offiziers, während Ruck um Ruck eine lange +Reihe von Bildern über die Leinwand gleitet. Die ersten sind für mich +als Laien eine völlig unverständliche Sache; erst nach einer Weile lehrt +das gesprochene Wort mich begreifen, was ich sehe, und ich beginne in +erregter Spannung zu ahnen, daß es sich hier um eine neue, wichtige und +für die Kriegführung hilfreiche Sache handelt. Immer wieder und wieder +stellt der Kaiser mit raschen, knappen Worten eine Zwischenfrage; der +Offizier gibt Antwort. Bis Mitternacht dauert das. Nach dem letzten +Bilde glänzen die Flammen des Lüsters auf. Lebhaft tritt der Kaiser auf +den jungen Offizier zu, der den Vortrag gehalten, reicht ihm die Hand +und sagt: + +»=Ich danke Ihnen! Das ist eine gute Sache! Glauben Sie, daß uns die +Franzosen das nachmachen können?=« + +Der junge Offizier in dem verwitterten Feldgrau lächelt: »So schnell +=nicht=, Majestät! Wir haben das erst jetzt gefunden.« + +In dem erhellten Saal ein Zusammenstehen von Gruppen, eine mit +halblauten Stimmen geführte Debatte. + +Während ich diese Gespräche höre, klingt in mir immer wieder das +verheißungsvolle Wort, das der junge Offizier gesprochen: »Wir haben das +jetzt gefunden!« + +=Wir=! Das sind wir Deutschen! Wir, bei denen das Recht und die Kraft +ist, und bei denen der Sieg sein wird! + +Ich trage stolz und beglückt dieses Wort in mir davon durch die +sternhelle Nacht -- dazu die mich heiß erfreuende Einladung: morgen im +Auto mit dem Kaiser hinüberzufahren zum deutschen Kronprinzen. + +Von den tiefen, meinen deutschen Glauben und mein Vertrauen wie mit +eisernen Stäben stärkenden Eindrücken dieses Abends schwirren mir +Kopf und Herz, während ich das winzige Stübchen betrete, in dem ich +einquartiert bin. Es ist, nach französischer Sparsamkeit mit dem Raume, +so klein, daß man beim ersten Schritt über die Schwelle schon gleich +mit dem Ellbogen an die Fensterscheibe stößt. Fast vier Fünftel dieses +Grillenhäuschens ist bestellt mit dem großen, ganz famosen Bett. Wie +herrlich werde ich da schlafen heute nacht, mit aller Verheißung der +vergangenen Stunden in meiner Seele! + +Aber der Mensch hat neben der Seele auch einen Leib. Während ich im +Dunkel liege und mit offenen Augen fröhlich träume, beginne ich, der ich +an der Tafel des Deutschen Kaisers speiste -- nein, =nicht= speiste, nur +lauschte -- einen nagenden Hunger zu fühlen. Und dann knappere ich mit +Hochgenuß und Zärtlichkeit an dem Dutzend guter Weihnachtslebkuchen, die +mir meine Frau vor der Abreise von München in die Handtasche steckte. + +»Wir! Wir Deutschen!« + +Mit diesem Wort im Herzen mache ich meine Augen zu. Und mit dem anderen: + +»Morgen!« + + + + + 4. + + + 19. Januar 1915. + +Der Deutsche Kaiser ist kein Frömmler, aber ein frommer, tiefgläubiger +Christ, der seinen Tag mit Gott beginnt und mit Gott beendet. + +In der kleinen Stadt, die das Große Hauptquartier beherbergt, wurde ein +großer Raum zu einer Feldkirche umgewandelt. Hier wird der Gottesdienst +für den Kaiser und die Garnison des Hauptquartiers abgehalten. Den +langen, mächtigen Hallenraum füllen in dichten Reihen die Soldaten, +deren Abteilungen sich aus Linie, Reserve und Landsturm mischen, feste +und stramme Gestalten, mit gesunden und ruhigen Bartgesichtern; dazu die +kleine, aus allen Reiterregimentern der deutschen Bruderstämme gebildete +Kavallerietruppe der kaiserlichen Wache; nahe dem Altar, zu beiden +Seiten des auf den Kaiser wartenden Kirchenstuhles, sind die Plätze +der Offiziere und des Orchesters, das aus Harmonium und acht Bläsern +besteht. + +Das Bild des mit roten Tüchern ausgeschlagenen und durch drei Stufen +erhöhten Altars hat etwas freudig Aufwärtsstrebendes. Zur Rechten +und Linken schmücken ihn zwei große Banner in den deutschen Farben, +zwischen denen das Kreuzbild des Erlösers auf die Reihen der Soldaten +niederblickt. Das heilige Zeichen leuchtet freundlich in der durch die +Fenster hereinflutenden Morgensonne. Und gleich einem Symbol des vor +Gottes Antlitz ruhenden Krieges sind auf beiden Seiten des Altars die +mit allen Landesfarben der deutschen Stämme bewimpelten Reiterlanzen zu +schlanken, friedsamen Pyramiden aneinandergestellt. + +Ein Kommando. Das Zusammenklirren der Soldatenstiefel klingt wie ein +einziger harter Eisenschlag. Auf dem Bretterboden die ruhigen Schritte +eines einzelnen Mannes. Durch die Reihen der Soldaten schreitet der +Kaiser zu seinem Kirchenstuhl. Sein Gesicht ist ernst, fast unbeweglich. +Und immer, mit einem sinnenden Blick, sind seine Augen emporgehoben zum +Bilde Gottes, auf dessen gerechte Hilfe er hofft und baut. + +Harmonium und Bläser beginnen den Choral, und Feldprediger =Goens= -- +eine Gestalt wie aus einem Holzschnitt des 17. Jahrhunderts in das Leben +von heute herausgetreten -- steigt zum Altar empor. Mit gewaltiger, +Herz und Nerven durchbrausender Tonwelle schwillt aus zweitausend +deutschen Soldatenkehlen das alte fromme Kirchenlied durch die goldenen +Sonnenbänder empor in das klingende Hallengewölbe. Und noch weiter, +noch höher wird es tönen. Solch ein gläubiges Lied voll Kraft und +Christentreue und Inbrunst muß der Himmel erhören. Der schöne machtvolle +Klang erschüttert mich bis in die tiefste Seele, und alles Denken in mir +ist deutsche Andacht. + +Der Prediger liest das Epiphanias-Evangelium, die Geschichte der +morgenländischen Magier, die in gläubiger Sehnsucht auszogen, geführt +von ihrem Sterne, und in Redlichkeit alle Tücke und Hinterlist des +Herodes zuschanden machten und wieder heimkehrten in ihr Land, +den gefundenen Gott im Herzen. Tief und warm, in einer ebenso zum +anspruchsvollsten Verstande wie zu aller Einfalt der Volksseele +sprechenden Weise deutet der Prediger die biblische Überlieferung +zuerst in christlichem Sinne. Dann hebt er das Ewig-Menschliche aus +dem schönen Gleichnis hervor: das ruhelose Wandern und Streben der +irdischen Hoffnung nach allem Höheren und Besseren. Aus der wachsenden +Flamme seines Wortes steigen die großen Bilder eines in Sehnsucht und +Gottvertrauen suchenden Volkes empor, das in unübersehbaren Scharen +und im Gefunkel seiner gesegneten Waffen auszog und Heimat und Herd +verließ, um die Freiheit seines bedrohten Lebens zu beschützen. Geführt +vom leuchtenden Stern der deutschen Hoffnung, von Wahrheit und Treue +geleitet, wird dieses Volk durch Kampf und Prüfung einer Zeit der Blüte +und Ernte entgegenschreiten und jede feindliche Tücke und herodianische +Hinterlist zuschanden machen. Und heimkehren wird es in sein Land, mit +dem Glauben an Gottes Kraft in der Seele, mit der Freude des gewahrten +Rechts im Herzen, mit den Kränzen des Sieges an seinen Fahnen. + +Die heilige Verheißung, die von den Stufen des Altars hinausklang über +den weiten, von Feldgrauen dicht erfüllten Raum, scheint wie ein +frohes Feuer in diese zweitausend deutschen Soldatenbrüste zu fallen. +Ihr Danklied braust wie das feierliche Spiel einer riesigen Orgel, und +aus diesem machtvoll schwingenden Seelenliede hör' ich außer Andacht +und Gottvertrauen noch andere Klänge heraus: heiße Sehnsucht nach +der Heimat, zärtliche Grüße der Söhne an Väter und Mütter, dürstende +Liebesträume junger Herzen, glühende Segenswünsche der Graubärtigen für +ihre Kinder. + +Nun wird es still über alle Köpfe hin. Kein Scharren einer Sohle, kein +Räuspern. Ein Schweigen, das lautlos ist. Der Kaiser hat sich erhoben +und den Helm vom Haupte genommen. Warmes Leben ist in seinen Zügen, +sein Gesicht und seine Augen sind froher und heller, als sie waren, da +er kam; das Antlitz emporgehoben zum Kreuzbilde, betet der Deutsche +Kaiser stumm zu dem gerechten Gotte, an den er glaubt. Um was er betet, +das hört nur ein Einziger. Doch wir Deutschen, die wir ihn kennen, wir +wissen alle: er betet als Vater für Frau und Kind, betet als Mensch für +die Menschen, betet als Herrscher für Heimat und Volk und Heer. + +Immer mußte ich ihn ansehen. Mich erfüllt eine Stimmung voll schöner +Weihe und ruhiger Zuversicht. Sie hält noch immer in mir an, während +ich schon draußen in der Sonne stehe und die Truppen sich ordnen, um +vor dem Kaiser zu defilieren. Trommeln und Pfeifen. Dann der alte, das +Blut befeuernde Yorck-Marsch. Mit Klirren und Stampfen geht's vorüber, +jeder Truppenteil wie ein festgeschlossener, unzerreißbarer Felsklotz. +Die gesunden, straffen Gestalten erzittern von der Wucht des Marsches, +und wie Eisenhämmer schlagen die gut deutschen Stiefelsohlen in den +französischen Morast. + +Da hör' ich ein frohes Auflachen des Kaisers. Er winkt mir. »=Ganghofer! +Haben Sie sich das angesehen? Wie großartig die Leute marschieren! Ganz +famose Menschen!=« Wieder lacht der Kaiser, herzlicher als ich es jemals +von ihm hörte. Und eine starke Freude glänzt in seinen Augen. + +Ein paar Minuten später beginnt die Fahrt im offenen Auto. Schade, daß +jetzt die Sonne ein bißchen Verstecken spielt und nur zeitweilig durch +die Klüfte der trüben Wolken hinausguckt. Über dem Lande, das ich sehen +soll, liegt so viel dunkle Trauer, daß nur reichliche und ausdauernde +Sonne sie etwas aufhellen könnte. + +Den Kaiser begleiten im Auto zwei Herren des militärischen Gefolges. +Und zwei Militärkarabiner, mit den Patronentaschen daneben, lehnen in +den Ecken des Wagens. Sonst kein Geleit, kein Schutz. Der Kaiser will +es so. Auch haben die Deutschen alles okkupierte Land schon friedlich +und ruhig gemacht und haben ihm reichliche Hilfe in seiner wachsenden +Not geleistet. Mit flinker Fahrt geht es neben gesprengten Steinbogen +über eine hölzerne Notbrücke, gegen deren Balken die rauschende Flut +des hochgestiegenen Stromes anstürmt wie ein grimmiger Feind. Nur noch +handbreit ist der Brückenbogen über dem schießenden Wasser. Das sieht +aus, als müsse man Sorge um die Brücke haben; aber der Kaiser sagt: »=Da +ist keine Gefahr. Was deutsche Pioniere bauen, das hält.=« + +Was ich an Landschaft zu sehen bekomme, hat liebenswürdige Linien. Doch +keine Ferne will sich richtig aufklären. + +An kleinen Dörfern geht es vorüber, in die noch keine deutsche Granate +gefallen ist. Auch unbeschädigt sehen sie abscheulich aus. Solch ein +Bild von Verwahrlosung und gleichförmiger Geschmacklosigkeit, von +Mangel an Hausfreude, von gartenloser Nüchternheit, von bedrückender +Aneinanderpferchung, von Schmutz und Unordnung hab' ich außer hier +in Nordfrankreich noch nie in einem Lande gesehen, das Anspruch auf +Kultur erhebt. Wohin die Deutschen da kommen, überall müssen sie erst +Ordnung schaffen und fegen und scheuern, bevor sie sich auf einen Sessel +niedersetzen oder in einer Stube ruhen können. + +Und dieses Graue da drüben über dem Strom, dieses Leblose, von jedem +Atemzug Verlassene, dieses Zerrissene und Zerfetzte, dieses widersinnnig +Ausgefranste, durchschlungen von rauchschwarzen Zerrbildern? Was ist +das? Wie ein anderes Pompeji sieht es aus, nur ohne Tempel und Säulen, +alle Ruinen zu einem grauenhaften Schutthaufen übereinandergerüttelt +durch ein neues Erdbeben? + +Das ist =Donchery= gewesen, um dessen Mauern einer der härtesten Kämpfe +tobte. + +Heimat, Heimat, wehre dich mit allen Kräften deines Volkes, mit jeder +Waffe deines Heeres und jedem Opfer deiner Bürger, um solch ein +Furchtbares von dir abzuwenden! Dieses Grauen hat mit der Übermacht +der Feinde schon hereingezüngelt über unsere Grenzen. Es soll nicht +weiterschreiten, wir wollen uns stemmen dagegen mit unseren Leibern, mit +unserem Gut, mit allem, was wir sind und was wir haben! Der Gedanke, +daß unsere sieghaft vorschreitende Befreiung und Erlösung scheitern +könnte am eigennützigen Kleinmut und am kurzsichtigen Egoismus Weniger +-- dieser Gedanke legt sich wie eine Klammer um mein Herz, wie ein +quälender Eisenreif um meine Kehle. + +Gibt es Zufälle, die wie geheimnisvolle Gesetze sind? Während ich die +Gedanken, die mich durchschüttern, stumm in mir verschließe, beginnt +der Kaiser plötzlich, ohne jede Beziehung zu einem vorausgegangenen +Worte, von dem herrlichen, wundervollen Zusammenhalt des ganzen +deutschen Volkes zu sprechen, von der heiligen Begeisterungsflamme der +ersten Augusttage. »=Es ist meine schönste Freude, daß ich das erleben +durfte=.« Und nach kurzem, nachdenklichem Schweigen sagt er: »=Wenn es +nicht so gewesen wäre --=« Er spricht diesen Satz nicht zu Ende, aber er +atmet auf und sieht gegen Donchery zurück, dessen Trümmerstätte schon +verschwunden ist. + +Mir wird leichter um die Brust. Auch die Landschaft, durch die wir +fahren, bringt aufrichtende und verheißungsvolle Erinnerungsbilder. +Historischer Boden! Heiliger Boden für uns Deutsche! Das +Schlachtengelände von Sedan! + +»=Dort oben=«, sagt der Kaiser und deutet nach einer Feldhöhe, »=da ist +mein Vater gestanden=.« + +Neben der Landstraße huscht ein kleines, einsames Haus vorüber. + +»=Hier ist Napoleon mit Bismarck zusammengetroffen.=« + +Aus einem hübschen, in seiner Laublosigkeit durchsichtigen Wäldchen +lugen die Türme und Mauern eines zierlichen Schlosses heraus. + +»=Das ist Bellevue. Hier war die Unterredung meines Großvaters mit +Napoleon.=« + +Diese Worte des Kaisers wecken in mir das Feuer eines frohen deutschen +Stolzes. Gerne hätte ich haltgemacht und wäre ausgestiegen, um diese +geweihten Stätten der Reichswerdung als Andächtiger zu besuchen. Aber +ich nahm mir heilig vor, noch einmal hierher zurückzukehren. + +Nun geht es seitwärts, mitten durch das weite Überschwemmungsgebiet +der Maas. Von der Straße wird es auf hohem Damm durchschnitten. Lange +Proviantkolonnen knattern vorüber, feldgraue Radfahrer sausen vorbei. +Die meisten der Soldaten grüßen, wie man unbekannte Offiziere grüßt, +doch mancher, trotz der schnellen Fahrt des Autos, erkennt den Kaiser +und ist mit jähem Ruck in eine unbewegliche Säule verwandelt, die zwei +groß aufgerissene, freudige Augen hat. + +Eine Ortschaft kommt, die sich hell abzeichnet auf dem dunklen +Hintergrund des Waldes von Woevre. Und über die Mauer eines Parkes hebt +sich ein schmuckes, kleines Schloß empor: das Ziel der Fahrt. + +Im Schloßhofe begrüßt der =deutsche Kronprinz= mit den sechs Herren +seines Stabes den kaiserlichen Vater, der den Sohn herzlich umarmt. + +Seit dem Frühjahr scheint sich die schlanke Gestalt des jungen +Heerführers, den wir Deutschen jetzt den Sieger von Longwy nennen, noch +gestreckt zu haben. Auch in ihm wirken die starken Mächte der großen +Zeit. Die Sonne des Sommerfeldzuges und Wind und Wetter des Winters +haben sein frisches, gesundes Gesicht gebräunt. Und seine frohen Augen +glänzen in Freude -- kann er doch dem Vater von einem großen Erfolge +der letzten Nacht erzählen. »Ein festes Stück vorwärts gekommen, und +zwölfhundert Franzosen gefangen!« Die müssen auf dem Marsche zur Bahn in +einer Stunde da vorbei kommen. + +Mir hämmert es in der Brust. Eine Siegesnachricht, die so warm und neu +aus dem Schützengraben heraufschnellt, wirkt wesentlich anders, als wenn +man sie daheim an der Mauer oder in der Zeitung liest. Man hat auch da +seine heiße Freude. Aber wie frischer, um so besser. + +Die gute Nachricht belebt und erwärmt die Stimmung am Frühstückstisch. +Dem Kaiser schmeckt das Mahl, und scherzend sagt er zum Kronprinzen: +»=Bei dir ißt man besser als bei mir. Ich muß mir das überlegen, ob ich +nicht deinen Koch requirieren lasse?=« + +Kaum ist an der Tafel das Obst gereicht, da heißt es: »Sie kommen!« + +Die Straße hat sich schon zu beiden Seiten mit langen und dichten Reihen +der Feldgrauen gefüllt. Durch diese Soldatengasse bewegt sich ein Zug +von seltsam aussehenden Gestalten einher. Franzosen? Wo ist denn die +berühmte rote Sache, die man die Hose von Frankreich nennt? Davon ist +nichts zu sehen. Ein bißchen Blau sieht man, ein dunkles Blau, alles +andere an diesen Kommenden ist gelb. So tappen und taumeln sie durch +die Gasse her. Und ein Photograph hat sich auch schon eingefunden; +glückselig dreht er die Kurbel seines Kinokastens, immer mit dem +Objektiv gegen den Kaiser hin. Der sieht es, wird sehr unwillig, deutet +auf den näherkommenden Zug der Gefangenen und ruft dem Photographen +zu: »=Sie! Photographieren Sie doch das da! Die Soldaten! Nicht immer +mich!=« Ich habe selten einen verlegeneren und hilfloseren Menschen +gesehen als diesen aus allen Himmeln gerissenen Filmkünstler. Er +dattert mit dem Apparat, rutscht hin und her, dreht an der Kurbel, +stockt wieder -- und ich besorge, der Film ist gründlich mißlungen. +Und wenn die deutschen Fürstenkritiker diese zerrupfte Sache sehen, +werden sie sagen: »Wenn sich der Kaiser schon immer photographieren +lassen will, soll er sich wenigstens einen geschickteren Photographen +aussuchen.« So entsteht, was man als gerechtes und objektives Urteil +bezeichnet. Es ist, wie im großen so auch im kleinen, immer wieder die +Geschichte von Helgoland und Sansibar. + +Die heitere Stimmung, in die ich geraten bin, schlägt mir plötzlich +um in eine schwere und tiefe Erschütterung. Mir scheint, ich muß mich +erst an den Krieg gewöhnen. Unpolitisches Erbarmen ließ mich für einen +Augenblick vergessen, daß ich Deutscher bin und daß diese Gelben, die +da vorüberwandern, unsere erbitterten Feinde sind, die auf deutsche +Soldaten schossen und stachen und schlugen. Das vergaß ich für einen +Augenblick, weil die meisten dieser Menschen da grauenhaft aussehen, +herzergreifend. Sehen =so= auch die =Unseren= im Schützengraben aus? +Dann wissen wir in der Heimat noch immer nicht, was Krieg ist, und was +unsere lieben, treuen Feldgrauen um unserer Sicherheit willen ertragen +müssen. + +Was wir in der Heimat an Gefangenen sehen, ist etwas ganz anderes als +hier; bis sie hinauskommen zu uns, hatten sie schon viele Tage Zeit, +sich zu erholen, sind gut ausgeschlafen, sind gekräftigt, ordentlich +genährt, sind gewaschen und gereinigt. Aber hier, im Felde, wo sie vor +wenigen Stunden erst aus den Schützengräben herausgefischt wurden, +stecken die meisten in Kleidern, die nimmer als soldatische Uniform zu +erkennen sind, sondern von Nässe klatschen und von den Stiefeln bis +hinauf zur Brust so dick mit Kot und Lehmklumpen behangen sind, daß +alles gelb ist an ihnen. Einige sehen wohl besser und frischer aus, +bewegen sich leicht und lebhaft, lassen sich ihr Pfeifchen oder die +Zigarette schmecken und können sogar lachen, hochmütig und spöttisch. +Aber die meisten sind schwer erschöpft, schleppen sich mühsam unter der +Last dieses nassen Dreckes an ihrem Leib, sind bleich und verstört, +haben abgezehrte Wangen und eingesunkene, trauervolle Augen. In vielen +Gesichtern ist der seelenlose Stumpfsinn, den ein monatelanges Leiden +in ihnen erzeugte. Einige sind leicht verwundet, schon verbunden. Viele +gehen Arm in Arm gehängt, die noch Kräftigeren stützen die Schwächeren. +Unter dem Tausend sind kaum hundert hoch und gut gewachsene Leute, von +denen wir Deutschen sagen würden: Das sind Mannsbilder. Alle anderen +sind klein, zart und schwächlich von Natur, dazu noch zerrieben von der +Mühsal des Krieges, viele unterhalb unseres Militärmaßes, sogar von +zwerghaft zurückgebliebenem Wuchs. + +So wandern sie vorbei -- nicht verspottet und verhöhnt, nicht beschimpft +und mißhandelt, nicht bespien und mit Fußtritten regaliert, wie es +deutschen Gefangenen in Frankreich erging. Unsre Feldgrauen stehen ernst +und schweigsam, sie reden und lachen nicht. Und viele von ihnen, die +doch unter dem Kugelregen der Franzosen gestanden und bedroht waren von +Wunden und Tod -- vielen kann ich es an den Augen ansehen, daß in ihren +»Hunnenseelen« das gleiche menschliche Erbarmen ist wie in mir, der ich +mich an solche Bilder des Krieges erst noch gewöhnen muß und noch keine +von seinen Gefahren verschmeckte. + +Während die Gefangenen am Kaiser und der Gruppe seiner Offiziere +vorüberkommen, reden wunderlich verschiedene Dinge aus diesen +französischen Augen: Gleichgültigkeit und Neugier, Hohn oder Haß. Aber +es sind doch auch manche dabei, in denen der Zorn und die Pein der +Stunde nicht völlig die Züge soldatischer Ritterlichkeit ersticken kann. +Ob sie den Kaiser und den Kronprinzen erkennen? Oder ob sie nur glauben: +das sind Generäle? Sie salutieren oder ziehen das Käppi herunter, und +der Kaiser dankt. + +Die letzten verschwinden, und eine Gruppe von deutschen Lanzenreitern +klirrt hinter ihnen her. + +Das Bild, das ich gesehen, beschäftigt mich noch lange, während +die Fahrt im Auto gegen Süden geht. Der Kronprinz begleitet seinen +kaiserlichen Vater eine Strecke Weges, will ihm eine Stelle mit weiter +Fernsicht gegen die Argonnen zeigen. Das Gespräch der beiden, das sich +immer um Dinge des Krieges dreht, ist ernst, aber die Stimmen bleiben +durchhaucht von einer warmen Herzlichkeit. + +Nach einer halben Stunde hält das Auto. Mitten aus der welligen +Landschaft erhebt sich ein großer, steiler Hügel, ein Kalvarienberg, +gekrönt von einem mächtigen Kreuzbild. + +Der Weg da hinauf ist mit Schwierigkeiten verknüpft, denn die Regengüsse +vieler Wochen haben den lehmigen Steilhang so durchweicht und versumpft, +daß jeder Schritt ein Glitschen und Rutschen wird. Aber die Kletterei +belohnt sich. Droben eine meilenweite, wundervolle Rundschau! Das +große Stück Welt, das zu sehen ist, gleicht einem in den Wolken +schwimmenden Riesenteller, der belegt ist mit Wäldern und Feldern, mit +Städten und Dörfern, mit Strömen und Bächen. Und alles ist Land, das +die Deutschen eroberten! Und gegen Südosten zieht sich durch das Grau +des fernen Horizonts etwas hin, das einer schwarzen, langgestreckten +Gigantenschlange gleicht. Das ist der Argonnenwald, der unserem Heere +so blutig zu schaffen macht. Immer klingt aus jener Ferne ein dumpfes +Murren her, ganz leise, kaum noch zu hören im Brausen des Windes, +der den Hügel überweht. In der Höhe jagen zerrissene Wolken; und +sieht man empor zu ihrem Flug, so scheint das mächtige Kreuzbild sich +herabzuneigen, als möcht' es in Barmherzigkeit das Menschengeschlecht +der Erde umarmen. + +Beim Niederstieg erweist sich der glitschige Boden noch feindseliger. +Ich frage den Kaiser, ob ich ihn stützen darf. »Ja! Kommen Sie her!« Er +faßt mich an der Schulter. So geht es langsam hinunter, und ich haue +bei jedem Schritt den Stiefelhacken ein, wie bei Glatteis auf einer +Gemsbirsche. Halb sind wir schon drunten. Da rutsche ich selber aus. Und +der Kaiser mit seiner starken Faust hält mich aufrecht. Meinen etwas +verlegenen Dank erwidert er mit dem lachenden Wort: »=Soldat und Bürger, +die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!=« -- + +Während der Rückfahrt durch die sinkende Dämmerung spinnen sich in +meiner Seele hundert Gedanken und Bilder um dieses vieldeutige Wort des +Kaisers. -- + +Und ich glaube, daß man uns Deutschen in dieser Zeit von heute keine +stärkere und tiefere Mahnung sagen kann als dieses Kaiserwort: »Soldat +und Bürger, die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!« + +Geschieht es so -- nicht nur im ersten Feuerstrom des alle Herzen +durchflammenden nationalen Glaubens, sondern auch in allen Wechselfällen +eines langen und zähen Kampfes, der von Bürger und Soldat das letzte der +deutschen Kraft verlangt -- dann werden wir als Volk nicht niedergleiten +in Schmutz und Tiefe. Wir werden aufrecht stehen! Und gleich den +gläubigen Magiern aus dem Morgenlande, die geführt wurden von ihrem +leuchtenden Sterne, werden wir alle Tücke und Hinterlist des Herodes, +der uns in Neid erwürgen will, zuschanden machen! + + + + + 5. + + + 22. Januar 1915. + +Wir leben in einer gerechten Zeit, die es sich angelegen sein läßt, +allerlei unzutreffende Urteile in den Köpfen und Herzen des deutschen +Volkes richtigzustellen. Jetzt wissen wir, daß unser Entrüstungssturm +über Zabern keine völlig objektive Sache war; daß uns eine kleine, +wieder deutsch gewordene Insel in der Nordsee viel schutzreichere +Dienste leistete als jenes größere Inselland an der ostafrikanischen +Küste, dessen Abtausch an England wir mit leidenschaftlichem Kummer +beklagten und als Diebstahl an der Schatztruhe des deutschen Michels +bezeichneten; und seit unsere jungen Offiziere das Monokel fallen ließen +und, ein befeuerndes Vorbild für die Mannschaft, mit Heldenruhe und +heiligem Opfermut in den Bleihagel der Feinde schritten, wissen wir +auch, daß wir alle Ursache haben, den Typus des deutschen Leutnants +wesentlich anders und unabhängiger von Äußerlichkeiten zu konturieren, +als dies noch in der letzten Juliwoche des vergangenen Jahres geschehen +ist. + +Ein langer Friede, und mag er an sich die schönste und begehrenswerteste +Sache sein, ist doch auch ein diplomierter Pädagoge für Erziehung +ungerechter Nörgelsucht, skrupellosen Haders und ausartenden Mißtrauens; +unter der Engelsmaske schneidet sein Gesicht die Grimassen eines +Verleumders und Lügners; mit dem Motto »Verwirf das Gute und begehre +das Bessere!« zerbröselt er jene menschlichen Werte, deren wir in +stürmischen Zeiten am dringendsten bedürfen, und die -- das mag zu +seiner Entschuldigung gesagt sein -- auch nur in der Morgenröte großer +Ereignisse ihre wahre Gestalt und ihr innerstes Wesen zu zeigen +vermögen. Deutschland wäre ärmer geblieben um einen genialen Feldherrn, +wenn es nicht reicher geworden wäre um diesen heiligen Krieg. + +Gewiß sind Witz und Satire zwei völlig unentbehrliche Waffen jeder +Kultur, jeder ethischen und nationalen Entwickelung. Aber künstlerische +Schöpferkraft ist nur dann in ihnen, wenn sie die Größe fördern und +bejahen, die sie zu befehden scheinen. Fehlt es ihrem Maßstab an +gerechtem Gewissen, verliert ihr Scheinbild =jede= Beziehung zum Bilde +der Wirklichkeit, jeden positiven Boden, und wird es zur augenlosen +Negation, die _à la mode_ einen vergnüglich mundenden Kaviar für das +Volk bereitet, dann ist es mit Witz und Satire die gleiche Sache, wie +wenn die völkerrechtlich zulässigen Mantelgeschosse durch sträfliche +Manipulationen zu mörderisch wirkenden Dum-Dum-Kugeln verzwickt werden. + +Man verzeihe mir dieses etwas philosophisch angehauchte Vorspiel. Es +begann in mir zu klingen, als ich am dritten Tage meines Aufenthaltes im +Großen Hauptquartier einen für uns Deutsche gerade jetzt sehr wichtigen +Mann kennen und in gesteigertem Maße ehren lernte -- einen Mann, den wir +immer als »Philosophen« zu besteckbriefen liebten -- wenigstens bis zu +jenen Augusttagen, die uns eine gerechtere Meinung von ihm beibrachten. +Ich hab ihn früher niemals so Aug' in Auge gesehen, immer nur aus der +Ferne, wie auch Millionen andere ihn sahen. Nah und genau betrachtet, +sieht er =ganz= anders aus. Ich muß gestehen, daß ich noch nie einen +so krassen Widerspruch zwischen Lebenswahrheit und landläufiger +Karikaturtype beobachtete. + +Die Natur hat diesen Mann nicht mit zwölf Kopflängen ausgestattet, +wie den roten Theaterprinzen von Arkadien, und hat ihn auch nicht +so hopfenstangenmager gebildet, wie er immer gezeichnet wird. Er +sieht viel eher wie ein fester, wohlproportionierter, derbgesunder +und breitschulteriger Forstmann aus, der seine Galauniform genau so +bequem und selbstverständlich trägt wie sonst seine Waldjoppe. Dazu +ein wuchtiger, strenggeschnittener Kopf, unter dessen hartknochiger +Stirnwölbung sich kein Versteck für nebulose Theorien vermuten läßt. Was +edles Metall ist, prägt sich anders als lindes Blei; und klare Formen +sind immer eine Gewähr für die Eigenschaften des Inhalts. Bei seiner +umfassenden Geistesbildung mag dieser kraftvoll aussehende Mann wohl +mehr von philosophischen Dingen wissen als mancher unter jenen, die ihm +den »Philosophen« anzukreiden pflegen. Aber er ist weder menschenferne +und trocken wie der große Weise von Königsberg, noch gallig und moros +wie Schopenhauer, noch ein wortschwelgerischer Systematikus wie Hegel, +noch dithyrambisch-bärbeißig oder entrückt-melancholisch wie Nietzsche. +Er ist und blickt und redet und geht und steht wie ein prachtvoll +natürlicher Mensch, der ohne Mittel, nur durch sich selbst und durch +die ruhige Festigkeit seines persönlichen Wesens gewinnt und erobert +-- wenn man sich nicht gewaltsam und eigensinnig dagegen sträubt, wie +die meisten von uns Deutschen es getan haben, seit der ersten Stunde +seiner Amtsführung. Aber dieser Widerstand ist wohl erledigt seit dem +erhebenden Augusttage, an dem unser Reichskanzler sprach, was allen +Deutschen aus der Seele gesprochen war, und an dem er sich als eine +tragende Säule der festen, raschen und entscheidenden Tat erwies, die +notwendig war für die Sicherheit und den Fortbestand unseres Reiches. +Und nun wollen wir Deutschen das niemals wieder vergessen: daß Mißtrauen +und anspruchsvolle Ungeduld aus Vergleichsmanie gefährliche und lähmende +Kräfte sind. Das willige Vertrauen des Volkes formt den begabten +Staatsmann, wie die Gelegenheit des Krieges den geborenen Feldherrn +erscheinen und erkennen läßt. Wir von heute wissen, wie das deutsche +Volk seinen Bismarck auf der Höhe seiner reifen Kraft und seines +Erfolges nahm; aber nicht alle erinnern sich daran, wie er in den Jahren +seiner Entwicklung genommen wurde, und daß man den Abgeordneten von +Bismarck-Schönhausen bei seiner Jungfernrede verhöhnte und auslachte. +Übrigens -- damals wurde viel davon gesprochen, was mit Polen geschehen +soll. Was Bismarck in der Magdeburger Zeitung aussprach, und was in +der Paulskirche der junge Dichter Wilhelm Jordan über Polen sagte, das +sollte man heute nachlesen, sehr aufmerksam. Vieles davon stimmt auch +heute noch und kann Wege zeigen. -- + +Das Auswärtige Amt ist im Großen Hauptquartier untergebracht in dem +Gartenhaus eines Bankiers, von dem es ebenfalls heißt: »_Il est parti!_« +-- zu deutsch: verduftet! Aber in dem Hause, aus dem er entfloh, ist +ein Odeur seiner seltsam träumerischen Seele zurückgeblieben. Die +Wohlhabenheit seines Besitzes läßt vermuten, daß er in seinem Bureau +ein tüchtiger Finanzmann war. Doch in der Seele dieses erfolgreichen +Geldsammlers muß ein Winkelchen gewesen sein, das angefüllt war: mit +märchenzärtlicher Romantik. Das beweist die ganze Ausstattung seines +Hauses, und vor allem beweist es der große, jetzt zur Arbeitskarte des +deutschen Auswärtigen Amtes umgewandelte Salon, dessen wunderlichen +Schmuck allerlei mechanische Spielwerke bilden. Der Träumer brauchte +da nur in seinen Mußestunden ein paar Schlüssel zu drehen und ein +paar stählerne Federn aufzuziehen: dann tanzte eine Bajadere, ein +schöner Türke machte Gebetsverbeugungen, ein Schlangenbändiger gab eine +Vorstellung und ein Affe fing zu klettern an und produzierte seine +drolligen Kapriolen. + +Jetzt stehen diese Spielwerke still. Der deutsche Reichskanzler hat +in dem okkupierten Salon viel notwendigere Dinge zu tun als Affen +klettern und Bajaderen tanzen zu lassen. Doch ist zu vermuten, daß +er wirksam damit beschäftigt ist, die giftige Schlangenschar der von +unseren Feinden in die Welt geworfenen Lügen zu bändigen -- wobei das +deutsche Heer mit nie ermüdendem Fleiß den Eisenschlüssel dreht und die +stählernen Federn aufzieht. + +Zwischen den ruhenden Spielwerken stehen die Schreibtische, denen man +es ansieht, wie ruhelos hier gearbeitet wird. In der Mitte des Raumes +befindet sich der Schreibtisch des Reichskanzlers -- und unter den +Büchern, die da liegen, gewahre ich einen Band Satiren von =Ludwig +Thoma=. Es macht mir Freude, das Wohlgefallen des Reichskanzlers von +Bethmann Hollweg am süddeutschen Klang bestätigt zu sehen. Ich äußere +das, und er sagt in seiner warmen, freundlichen Art: »Ja, das ist im +Feld und zwischen der Arbeit meine Lieblingslektüre. Dabei erhole ich +mich und werde ruhig.« + +Ein Jagdausflug, den der Reichskanzler im Herbste 1913 nach Linderhof +machte, gibt Veranlassung, von meiner Heimat, ihren Bergen und +ihrem Volk zu sprechen. Wieder höre ich die gleiche Anerkennung der +verläßlichen Tüchtigkeit unseres Bayernheeres, wie schon der Kaiser +sie mir mitgeteilt hatte. Und das Gespräch leitet über auf den Gang +der Dinge zu Hause, auf die Opferwilligkeit und auch auf die nervöse +Ungeduld der Daheimgebliebenen, auf schwer fühlbare Härten der Zeit, +auf akute Probleme der Industrie, des von Schwierigkeiten bedrückten +geschäftlichen Verkehrs und der reichen vaterländischen Fürsorge. Was +ich im Verlaufe dieses Gespräches hörte, läßt sich zusammenfassen in die +Worte: + +»Bewundernswert ist es, was zu Hause an Opferwilligkeit geleistet wird! +Aber die Unruhe, die sich daheim in manchen Erscheinungen äußert, +begreift man hier im Felde nicht ganz. Zu irgendwelcher Unruhe ist doch +nicht der geringste Grund vorhanden. Eine Zeit wie die jetzige ist immer +schwer, für alle und für jeden. Das muß eben überwunden werden. Und wir +=werden= es überwinden. Dann wird das Verlorene sich wieder ersetzen, +doppelt. Wie es hier im Felde steht, das werden Sie mit eigenen Augen +sehen. Erzählen Sie es nur daheim! Überall geht's voran, manchmal für +die Ungeduld zu Hause nicht schnell genug, aber man muß einem zähen +Feinde gegenüber vorsichtig sein und unnötige Opfer vermeiden, um Kraft +für entscheidende Stunden zu sparen. Wenn man sieht, wie tüchtig und +beharrlich im Felde gearbeitet wird, nicht nur an der Front, sondern +auch =hinter= der Front und =zwischen= den Kämpfen, dann wird man +ruhig, fühlt sich sicher und wird vertrauensvoll, auch in nötigem Maße +geduldig.« + +Wenn man unseren Reichskanzler schon einen »Philosophen« nennt, so +ist das eine Philosophie, die wir Deutschen uns alle zu eigen machen +sollten, bis sie Stein und Bein in uns geworden. Ich habe vor kurzer +Frist in der »Frankfurter Zeitung« ein starkes und tiefes Wort von +Theobald Ziegler gelesen: »Der Sieg ist unser Schicksal, dem wir +entgegenreifen.« Und neben dieses Wort will ich einen japanischen +Ausspruch stellen, von dem wir in diesen Tagen gehört haben: »Wer im +Kriege die Hilfe der anderen braucht, hat schon verloren.« Zwei Worte -- +in dem einen kristallisiert sich der Glaube, im anderen der Beweis. Bei +uns ist die Kraft, bei uns der Sieg. Da sollte uns das bißchen Warten +und Geduld doch so leicht werden wie ein Spiel, dessen stählerne Feder +man mit keinem Schlüssel aufzuziehen braucht! + +-- (Während ich das niederschreibe, marschiert unter meinem Fenster zu +Peronne ein Bataillon des Münchner Leibregiments vorüber, marschiert +in sausendem Wind und unter strömendem Regen zur Ablösung in die +Schützengräben. An die tausend Feldgraue sind es. Und sie singen! Diese +prächtigen Menschen! Ihr, die ihr zu Hause seid, ihr hört ja diese +Lieder unter =eueren= Fenstern =auch=, fast täglich! Das klingt auch in +der Heimat schön -- und dennoch anders! Hier, während in geringer Ferne +die große Trommel der Geschütze dröhnt, klingt dieses kraftvolle Lied +so ruhig und heiter, so gläubig und zuversichtlich, daß ich es nicht +zu schildern vermag. Die Wirkung ist so mächtig -- man kann es nicht +sagen, nur fühlen. Etwas Starkes und überwältigend Frohes ist in mir -- +aber ich muß für eine Weile die Feder fortlegen, weil ich zum Schreiben +nimmer sehe.) -- + +-- -- Laßt mich wieder erzählen! + +Der klärende und erhebende Eindruck, den ich aus dem französischen +Gartenhaus des deutschen Reichskanzlers mit mir fortnahm, sollte noch +ein tragendes Fundament am Abend finden, als ich wieder in dem kleinen +Wintergarten der stillen Villa war, im Kreise der den Kaiser umgebenden +Offiziere. + +Ich sah und hörte da ein für uns alle sehr lehrreiches Beispiel von +des Kaisers Geduld und Ruhe gegenüber den Verleumdungsbomben, die +von unseren vielen Feinden mit sehr übel riechendem Pulver gegen uns +abgeschossen werden. Diese Dinge erbittern ihn, daß ihm die Stirne +brennt. Aber auch in der heißesten Erregung verliert er nie die +Herrschaft über sein Wort. Ich hörte den Kaiser in einem solchen Falle +sagen: »=Das ist stark! Aber dumm ist es auch! Ein Glück, daß die +Wahrheit auf die Dauer immer klüger ist und die schnelleren Beine hat.=« + +Ritterliches Verhalten einzelner Gegner erfreut ihn. Und noch kaum einen +zweiten Deutschen hab' ich über gute Eigenschaften, über zähe Tapferkeit +und kriegstechnische Leistungen unserer Feinde so objektiv, so gerecht +und anerkennend urteilen hören wie den Deutschen Kaiser. Das sollten +einmal jene von ihm hören, die alle feindliche Welt jetzt erfüllen +mit ihren urteilslosen Pamphleten wider ihn, mit den aberwitzigsten +Karikaturen und den niedrigsten Beschimpfungen. + +Auch gegen England hörte ich vom Kaiser kein im Zorn maßloses Wort. +Jedes Urteil, das er da ausspricht, bleibt doch, so streng es +auch manchmal klingt, immer innerhalb der Grenzen einer vornehmen +Zurückhaltung. Doch hört man, wenn von den Germanenvettern über dem +Kanal die Rede ist, aus seiner Stimme ein leises, kaum merkliches +Vibrieren. Dabei mischt sich seine Rede mit Bildern von scharfer +Prägung, mit Gleichnissen von schlagender Kraft. + +Im Gespräch mit dem Vertreter eines neutralen Staates sagte der Kaiser: +»=Sie sind doch Sportsmann? Wenn bei einem Wettrennen nach und nach alle +schwächeren Konkurrenten ausscheiden, und es ringen nur noch die zwei +stärksten Pferde um den Sieg -- haben Sie es da schon einmal gesehen, +daß der Jockei des Pferdes, welches nachzulassen droht, mit der Peitsche +nach dem Jockei des Pferdes schlägt, das ehrgeiziger und besser bei +Kräften ist?=« Ein Kopfschütteln des Sportsmannes. »=Nun? Warum schlägt +dann England nach uns? Warum schlägt es nicht auf seinen faulwerdenden +Gaul?=« + +Und noch ein anderes Kaiserwort, von dem ich glaube, daß es festgehalten +werden muß: + +»=Viele von den Leuten, die uns Deutsche immer nach Äußerlichkeiten des +Schliffes beurteilen und uns immer Barbaren nennen, scheinen nicht zu +wissen, daß zwischen Zivilisation und Kultur ein großer Unterschied ist. +England ist gewiß eine höchst zivilisierte Nation. Im Salon merkt man +das immer. Aber Kultur haben, bedeutet: tiefstes Gewissen und höchste +Moral besitzen. Moral und Gewissen haben meine Deutschen. Wenn man im +Ausland von mir sagt, ich hätte die Absicht, ein Weltreich zu gründen, +so ist das der heiterste Unsinn, der je über mich geredet wurde. Aber in +der Moral, im Gewissen und im Fleiß der Deutschen steckt eine erobernde +Kraft, die sich die Welt erschließen wird!=« + +Unser Kaiser ist ein Deutscher im Sinne seines eigenen Wortes. + +Das alles durfte ich erzählen und glaubte es erzählen zu müssen. Wird +auch den toll gewordenen Lästerhähnen aller uns feindlichen Länder +der »zweite Attila« vorerst nicht auszureden sein, so werden diese +Charakterzüge und Worte des Kaisers doch dazu beitragen, daß wir +Deutschen sein innerstes Wesen richtig erkennen. + +Dieser Abend in dem kleinen französischen Wintergarten -- es waren +außer dem Großadmiral von =Tirpitz= als Gäste noch zwei Offiziere da, +von denen der eine als Kurier aus Konstantinopel, der andere als Kurier +aus dem Osten, vom Heere des Feldmarschalls Hindenburg, gekommen war -- +dieser Abend gab mir auch noch andere Dinge zu hören, sehr erfreuliche +und verheißungsvolle! Die muß ich in mir verschließen. Nur dieses eine +darf ich sagen: =Als ich an diesem Abend unter rauschenden Regengüssen +zu meinem engen Grillenhäuschen heimwanderte durch die finstere Nacht, +da sah ich unsere deutsche Sonne glänzen, groß und schön!= + + + + + 6. + + + 24. Januar 1915. + +Alles ist grau in grau verschwommen. Der Regen plätschert, und was Strom +oder Bach heißt, ist wie ein wildes Tier. Bei jeder Wasserpfütze, in die +ich trete, bei jedem Schlammloch, in das ich hineintappe, muß ich an +unsere Soldaten denken, die in den verpfuhlten Schützengräben liegen. +Bei uns zu Hause geht man unter dem Regenschirm oder bleibt daheim oder +sitzt im Kaffeehaus. Mag es so sein! Wenn wir nur des Unterschiedes nie +vergessen! + +Gegen zehn Uhr morgens wird es ein bißchen heller. Im Auto, das mich +abholte, geht's nach Bellevue hinaus. Eine Enttäuschung. Das Schloß, +in dem Napoleon seinen Degen an den König von Preußen übergab, ist +abgesperrt; es hat bei Beginn des Krieges schon empfindlich gelitten; +nun soll diese heilige Gedächtnisstätte der Deutschen vor jeder weiteren +Zeitgefahr behütet werden. Der Park ist umzogen von einem Zaun aus +Stacheldraht, und ein deutscher Posten steht Wache. Das Schloß ist +leer, seine Fenster sind mit Brettern verhüllt, sind geschlossene +Augen. Ich will davongehen. Da befällt mich eine tiefe Erschütterung +-- ich sehe die ersten deutschen Soldatengräber dieses Krieges: kleine +lehmgelbe Hügel, schwächliche Holzkreuze, die geheiligten Namen kunstlos +daraufgeschrieben, geschmückt mit Kränzen und Tannengewinden, denen man +es ansieht, daß sie von harten Männerfäusten geflochten sind. + +Lange steh' ich mit entblößtem Kopf. Und ich sehe nimmer die Gräber, +nicht den Acker, nicht das Schloß und nimmer den triefenden Wald. Ich +höre nur in der Morgenstille den leisen, ruhelosen Fall von unzählbar +vielen Tropfen und sehe deutsche Städte und deutsche Dörfer, deutsche +Straßen und deutsche Stuben, sehe Kinder, die froh sein möchten und +verschüchtert sind, und sehe Mütter, Frauen und Mädchen, alle in +schwarzen Kleidern, mit blassen Gesichtern und entzündeten Augen. +Vieltausendfach ist der Tod über die Wiesen des deutschen Glückes +hingegangen, und in der Heimat fallen der Tränen mehr als Tropfen da +drüben in dem regennassen Wäldchen von Bellevue. Doch aus den blassen +Gesichtern, die ich sehe, spricht etwas anderes heraus, als es sonst +der Gram um versunkene Menschen ist, die uns teuer waren. Die Trauer, +die ich sehe, ist gefaßter, edler und heiliger. Stolz und Schmerz sind +verschwistert in ihr. Wir alle, die wir um der Heimat willen verlieren +mußten, sei es an teuerem Leben oder an Gut, wir alle wissen, wofür wir +es hingaben. + +Während ich die Gräber verlasse, bleibt in mir eine Stimmung wie +nach dem Gottesdienste, bei dem vom sehnsüchtigen Auszug und von der +gesegneten Heimkehr der Magier aus dem Morgenlande gepredigt wurde. +So betrete ich auf der Landstraße zwischen Bellevue und Donchery +das alte kleine Haus, in welchem Napoleon auf Bismarck wartete. Ein +niederes, fast leeres Stübchen. Es steht da nur ein Glasschrank mit +Erinnerungen und ein Tisch mit zwei Strohsesseln. Auf dem einen +dieser Stühle hat Napoleon gesessen, auf dem anderen Bismarck. In dem +Glaskasten zeigen kleine Blätter die Handschriften unseres Kaisers, +des deutschen Kronprinzen und anderer Fürsten. Jedes Blatt ist an +den Ecken beschwert mit den Zwanzigmarkstücken, welche die Hüterin +dieses Hauses als Geschenk erhielt. Damals, am Sedanstag, war sie eine +Sechsundzwanzigjährige, jetzt ist sie eine Greisin mit weißem Haar. In +dem ruhigen Ton, mit dem die Kustoden von Kunstsammlungen zu sprechen +pflegen, erzählt sie, wie sie während jener Schlacht mit ihrer Familie +im Keller saß und die Granaten sausen hörte, die über das Hausdach +hinüber und herüber flogen. Geradeso wäre es jetzt wieder gewesen, beim +Kampf und bei der Zerstörung von Donchery. Von der freundlichen Güte +unseres Kaisers erzählt sie und von den vielen hohen Gästen, die in ihr +berühmtes Haus kommen. Von den tausend anderen, ungefürsteten Besuchern +dieses Raumes erzählen die Wände, die Türbretter, die Fenstergesimse, +sogar die Stubendecke -- alle Plätze, auf die man seinen Namen schreiben +kann. Eine wunderliche und rührende Tapete: diese Tausende von deutschen +Namenszügen! + +Beim Gehen, unter der Türe, sag' ich zerstreut: »Auf Wiedersehen!« Die +Greisin erschrickt: »Nein, mein Herr, nein, nein! Da wäre doch =wieder= +Krieg! Das muß der letzte sein!« Sie lächelt. »Kommt noch einer, so leb' +ich nimmer!« + +Ein Anstieg über eine Feldhöhe. Niedergetretener Hafer und ungeerntete +Rüben. Manchmal neben der Straße ein halb wieder zugeschütteter +Schützengraben. Dürr gewordene Laubhütten, die den Soldaten als +Unterstände bei Regen dienten. Und lange, breite Drahthindernisse, jetzt +zerschlagen und zerstampft. Wie kleine dünne Schlangen ringeln sich +überall die entzweigeschnittenen Drähte aus dem Kraut heraus. + +Hohe, von Gestrüpp überwucherte Erdwälle und hinter ihnen etwas sehr +Sonderbares -- es sieht aus wie ein gewaltiger Termitenhaufen mit vielen +Einschlupftrichtern: das von den Deutschen eroberte und zerstörte Fort +des Aivelles, dessen Kommandant sich, als die Feste fiel, eine Kugel +durch den Kopf jagte. In einem Föhrenwäldchen liegt das Grab, das ihm +die Deutschen gruben, und das sie zur Ehrung dieses Braven in sinniger +Weise schmückten. Die Hälfte seiner Besatzung war ihm davongelaufen, +bevor die erste deutsche Granate kam -- noch heute liegen an vielen +Stellen die roten Hosen umher, die diese Sorgenvollen herunterzogen, um +sie durch minder gefährliche Bauernhosen zu ersetzen. + +Meinen Weg sperrt solch ein riesiger Termitentrichter: die +Einschlagstelle eines deutschen Haubitzengeschosses. Ein Loch vom +Umfang einer Stube, drei Meter tief, und drunten sieht man durch +einen zerrissenen Schacht hinunter in einen schwarzen Keller, in +die »granatensichere« Kasematte, deren Betondach der deutsche Schuß +zertrümmerte. Überall Vernichtung; zwei Meter dicke Mauern sind zerrupft +wie Fließpapier; nur die Torhalle hat standgehalten; hier liegt noch das +französische Pulver in den Gewölben. Heiter schwatzende Landsturmmänner +sind mit dem Sortieren des Beuterestes beschäftigt; alles wird +gesammelt, was sich für deutsche Zwecke wieder verwenden läßt: Eisen, +Kupfer, Messing, Zinkblech, Bleiröhren und Gummi. Über Trümmerhaufen und +durch Granatenlöcher klettere ich hinauf zur Plattform des Forts. Die +Kanonen, die hier stumm gemacht wurden, sind schon verschwunden, nach +Deutschland gebracht. Nur die Verwüstung ist noch da, mit grauenvollem +Gesicht, mit etwa vierzig Granatentrichtern, die aussehen wie tief +eingesunkene Todesaugen. Ein Schuß hat den hohen eisernen Mast der +französischen Flagge umgeworfen, hat die Spitze in den Grund gebohrt und +den schweren Fuß in die Luft gehoben. + +Meine Augen irren über dieses stumme und doch schreiende Bild des +Unterganges hin. Ein schmerzender Schauder überrieselt mich bei dem +Gedanken, daß unsere deutschen Festungen so aussehen könnten wie dieser +leblose Trümmerhaufen -- wenn wir nicht die Stärkeren wären und nicht +die Ausdauer und den Willen hätten, es auch zu bleiben. + +Immer rieselt der Regen, dichte Wolken jagen über Hügel und Wälder hin, +und graue, wogende Dünste verschleiern, was Landschaft heißt. Alles +Französische scheint sich in deutsches Feldgrau verwandelt zu haben. Aus +diesem unübersehbaren Heere lösen sich immer wieder einzelne Gestalten +sichtbar ab: Soldaten, welche die Landstraßen und die Brücken bewachen. +Bei jedem zweiten oder dritten Kilometer gibt's einen Aufenthalt der +Fahrt, eine Schranke, eine Visitation. Mein Ausweis öffnet mir jeden +Schlagbaum. So geht's in fünfstündiger Autohetze über Hirson und +Guise nach St.-Quentin, in dem es wimmelt von deutschen Kriegern. Wo +kommen sie nur alle her? Ganz märchenhaft ist ihre Menge. Und daheim, +bei meiner Reise durch deutsches Land, war es ebenso! Sei gesegnet, +meine Heimat, du unerschöpflichster aller Menschenbrunnen! Und England +will uns vernichten? Uns? Wäre diese britische Sehnsucht nicht so +verbrecherisch, sie müßte drollig wirken in ihrer Torheit. + +Bei sinkendem Abend erreiche ich die Stadt Peronne. Wieder dieses +gleiche Soldatengewimmel, noch dichter als in St.-Quentin! Der große +Stadtplatz, auf dem ein gutes Denkmal der Marie Fouré zu sehen ist, +einer französischen Heimatsheldin vom Geiste der Jungfrau von Orleans -- +dieser Platz, den der stumpfköpfige, mit dem gallischen Hahn geschmückte +Turm der Kathedrale überragt, sieht mit seiner Soldatenmenge aus wie +daheim in München der Marienplatz nach einer Parade am Königstag. Aber +bin ich denn in der Fremde? Bin ich nicht wirklich daheim? Überall +bayerische Klänge. Münchner Laute! Ich fasse einen Feldgrauen am Arm: +»Grüß Gott, Landsmann! Woher sind Sie denn?« -- »Von Hoadhausen!« -- +»Und wie geht's immer?« -- »Guat. Warum soll's denn schlecht gehn?« -- +»Aber eine aufregende Zeit das! Nicht?« -- Er sieht mich an, als hätte +ich eine Sprache geredet, die er nicht versteht; dann lacht er ein +bißchen: »Gell, Sö kommen grad von dahoam? Ja ja, da =san= d' Leut a +so. I woaß net, warum?« -- Was dieser eine sagt, das gleiche lese ich +aus allen Gesichtern und Augen, hör es aus allen Worten. Hier im Feld +ist die Ruhe, das Bewußtsein der deutschen Kraft. Zapplig, ohne Geduld +und aufgeregt sind nur wir zu Hause. -- »=I woaß net, warum?=« sagte +der brave Feldgraue, der jetzt vier Tage Rast hat und dann wieder vier +Tage im Schützengraben stehen muß. =Ohne= Regenschirm! Gäb' es einen, +der ihm dienen könnte, so müßte es einer sein, der, statt mit Seide oder +Baumwolle, mit daumendicken Stahlplatten bezogen ist. Und für =alle= +fallenden Tropfen würde der =auch= nicht helfen! + +Mein erster Weg zu Peronne führt mich ins Kriegslazarett. Hier liegt +ein junger deutscher Offizier, der mir lieb ist. Ein stummes, festes +Umhalsen. Dann sitz' ich an seinem Bett, und seine fieberheiße Hand ruht +in der meinen. Aber diese Sorge, die schon wieder verläßliche Hoffnung +ist, gehört mir allein. Davon will ich nicht sprechen. Ich bin hier, um +zu schauen und um der Heimat zu erzählen, wie meine Reise zur deutschen +Front eine Reise zum deutschen Glauben wurde. + +Im Lazarett muß ich Bilder sehen, die hart sind und in die Seele +schneiden. Ich will sie nicht schildern; wir alle wissen, was Leiden +und Schmerz des Krieges heißt. Aber was ich sehe, predigt mir gleich in +der ersten Stunde die dankbare Bewunderung für unsere deutschen Ärzte +und für den stillen, geduldigen Opfermut unserer Schwestern vom Roten +Kreuz. Und diese Blankheit des Lazarettes, diese Ordnung und Sauberkeit! +Überall, wo unsere Ärzte einzogen, mußten sie wider den französischen +Schmutz zuerst das Wunder der Reinlichkeit wirken. + +Aus einem Lazarettraum, an dessen halboffener Tür ich vorübergehe, hör' +ich in der sonst tiefen Stille des Hauses einen fast kindlich klagenden +Singlaut: »Oooohlala, ooohlala, ooohlala!« So ähnlich sangen einmal auf +der Münchner Theresienwiese die Aschantimädchen. Ich frage einen Wärter: +»Was ist denn das?« + +Er brummt: »=Ah mei', so a wehleidiger Franzos, der grad verbunden wird! +Gar nix halten s' aus, allweil müssen s' wuiseln. Die Unsern beißen die +Zähn übereinand, da hörst kein Laut net! Is halt doch an anderer Schlag, +Gott sei Dank!=« + +Ich spreche ihm das in meinem Herzen nach: »Gott sei Dank!« -- Noch am +gleichen Abend erzählt mir ein hoher Offizier, daß unsere Feldgrauen +für die Franzosen diesen Spitznamen aufbrachten: »Der =Ohlala=!« Und +noch einen anderen haben sie: »Der =Tuhlömong=!« Wo die feindlichen +Schützengräben nahe bei den unseren liegen, kann man häufig das +französische Kommando hören: »_Tout le monde, en avant!_« -- Das Ganze +vor! Bleibt dieser Befehl ohne Folge, was häufig geschieht, dann sagen +unsere Feldgrauen lachend: »Heut mag er net, der Tuhlömong!« + +Als ich aus dem Lazarett auf die Straße trete, fällt der gottverwünschte +Regen schon wieder in dicken Schnüren. Nur dieses Rauschen; die +Häuser der Stadt sind still und finster, alle Türen und Fensterläden +geschlossen; nach Einbruch der Dunkelheit darf sich bei schwerer +Strafe niemand von der einheimischen Bevölkerung mehr auf der Straße +zeigen. Außer den einquartierten Soldaten wohnen da nur noch Greise und +Knaben, Frauen, Mädchen und Kinder. Alle Wehrfähigen sind fortgeführt +oder dienen im französischen Heer. Ob diese Dienenden noch leben, +oder gefallen, oder gefangen sind, das weiß hier niemand. Seit vier +Monaten sind die Einheimischen ohne Nachricht von ihren Vätern und +Söhnen im Heer; jeder Briefverkehr mit Angehörigen jenseits der Front +ist ihnen zur Verhütung von Spionage verboten. Krieg! Was mag hinter +den geschlossenen Fensterläden, durch deren Ritzen das scheue Licht +herausquillt in die Regennacht, aus verschlossenem Gram und Zorn +geflüstert und geknirscht werden! -- Bei uns daheim ist es anders! Da +ist Licht und Leben und unbedrückte Freiheit! Auch Leid und Schmerz, +gewiß! Das hat seine harten, unvermeidlichen Gründe! -- Aber unsere +nervöse Ungeduld, die sich manchmal versteigt zu sinnlosem Klatsch und +zu Worten voll übler Ungerechtigkeit wider unser Heer und seine Führer? +-- Wie sagte der brave Feldgraue von Haidhausen? »I woaß net, warum?« + +Auf dem dunklen Stadtplatz, bei dessen wenigen Laternen die +Wasserpfützen des Pflasters glitzern, nähert sich mir ein mächtiges +Rollen, Schnauben und Knattern. Wie ein langer, langer Zug von schwarzen +Ungetümen saust es aus der Nacht heraus und in die Nacht hinein. An +die vierzig oder fünfzig Lastautomobile mit angehängten Wagen! Und +alle sind vollgepfropft mit jungen deutschen Soldaten! Die rauchen ihr +Pfeifchen, ihre Liebeszigarren, und lachen und schwatzen! Und meine +grüßenden Zurufe erwidern sie lustig, mit gesundem Frohsinn! Als ging' +es zu einem Feste! Und sie fahren doch in die schwarze, vom Regen +durchpeitschte Nacht hinaus, der Richtung zu, aus der man seit dem Abend +immer ein dumpfes Rollen wie von einem schweren, näherkommenden Gewitter +hört! + +Ich bekomme eine kleine nette Quartierstube, völlig »undevastiert«, +obwohl vor mir schon viele Deutsche da gewohnt haben. Der Kamin hat +Geheimnisse -- man bringt ihn wohl dazu, daß er brennt, aber nicht, daß +er heizt. Doch der Gedanke an die da draußen, die noch viel nässer sind +und noch viel härter frieren, macht mich geduldig. Auch tröstet mich +wieder das famose französische Bett. Ein Segen für uns, daß Frankreichs +gute Armee nicht =so= gut ist, wie seine Betten sind. Da hätten unsere +Feldgrauen noch viel härter zu beißen, und wir zu Hause müßten noch +=viel= geduldiger sein, als wir jetzt schon -- =nicht= sind! + +Aller Güte dieses Bettes zum Trotze kann ich nicht schlafen. Immer +rollt der Kanonendonner. Ein paarmal hör' ich den schweren Schlag einer +explodierenden Mine. Die Fensterscheiben klirren und das ganze Hans +zittert, obwohl ich etwa acht Kilometer vom Schusse bin. Spring' ich +zum Fenster hin, so seh' ich die Lichtbündel der Scheinwerfer über die +Wolken huschen. -- Wo sind die Minen aufgegangen? Sind Deutsche, sind +Franzosen zerschmettert und zerrissen in die Luft geflogen? -- So sieht +die »Ruhe« aus, die wir bei der Front vermuten, wenn die Depeschen +melden: »=Nichts Neues!=« Wir müssen lernen, zwischen den Zeilen der +Telegramme zu lesen. Mir ging es kalt durch die Adern, als ich heute von +diesem Minenkrieg erzählen hörte, von dieser Maulwurfsarbeit des Todes +unter der Erde, zwischen Schützengraben und Schützengraben. -- + +Am Morgen regnet's, regnet's und regnet's. Ein Wetter, um beim Gedanken +an unsere Truppen zu verzweifeln! Dabei ist es noch ein Glück, daß die +Unseren von härterem »Schlag« sind als die Franzosen, denen die Nässe +und der Schlamm noch viel empfindlicher an die Haut gehen. Dieses +fürchterliche Wetter ist schließlich doch auch ein Bundesgenosse der +deutschen Robustheit. + +Ich denke das, während ich aus der Haustür trete, und da erbringt +mir die Wirklichkeit einen Beweis, der mir Herz und Leib mit Freude +durchglüht. + +Durch die grob gepflasterte Straße stampft es herauf -- wie das +Volkslied sagt: in gleichem Schritt und Tritt. Sind das Franzosen? Die +gleichen Franzosen wieder, die von der Armee des deutschen Kronprinzen +gefangen wurden? Nein! Die Leute sind größer, kräftiger. Auch sind das +keine Gefangenen, sie sind nicht bewacht, und sie tragen Waffen! Aber +die Gewehre sehen aus, als hätte man sie aus einer Pfütze gezogen; +Patronentaschen, Bajonett und Schanzeisen sind mit Schlamm umwickelt; +und genau so, wie jene tausend gefangenen Franzosen, die ich gesehen, +sind diese fünf-, sechshundert Deutschen von den Stiefeln bis über die +Brust hinauf, bis zu Schulter und Hals so dick in gelben, klumpigen Lehm +gewickelt, daß von den feldgrauen Uniformen nur wenige unbekleckerte +Lappen noch zu sehen sind. Nicht anders sehen Tornister und Mäntel aus. +Viele von den Leuten tragen trotz der Kälte die Hälse nackt und haben +die Liebesgabenschlipse um den Rand der Stiefelschäfte herumgewickelt, +damit sie den Dreck nicht auch noch in die Stiefel bekämen! Aber +frische, gesunde, gutgefärbte Gesichter haben sie! Alle! Gut genährt und +kraftvoll sehen sie aus! Und aus ihren hellen, ruhig-frohen Augen redet +eine wahrhaft stoische Zufriedenheit mit aller Mühsal, die sie erdulden +müssen für Heil und Schutz der Heimat. + +Nein! Was wir manchmal in den amtlichen Depeschen lesen, vom +Gesundheitszustand und der guten Verfassung unserer Truppen, das ist +nicht Stimmungsmache! Das ist =weniger= als die wundervolle Wahrheit, +die ich jetzt, beglückt bis ins Innerste meiner Seele, mit eigenen Augen +zu sehen bekomme. + +Es sind Mannschaften des =Münchener Leibregiments=, die nach der +Ablösung aus den Schützengräben kommen, um vier Tage Rast zu haben. +Straff und strack marschieren sie in dem von Schlamm und Nässe +klatschenden Zeug an mir vorüber -- und weil ihnen ein hoher Offizier +begegnet, rucken sie ihre Körper plötzlich auf, und die Stiefel stechen +und klingen wie bei festlichem Parademarsch. Hinter ihnen bleibt +auf dem groben Pflaster eine lange gelbe Lehmschlange, die im Regen +allmählich ersäuft und verschwindet. + +So, wie in dieser Minute, hab' ich noch nie im Leben die Notwendigkeit +und stählende Kraft der militärischen Erziehung unseres Volkes +verstanden. Und ich begreife nun auch die verzagte, hoffnungslose +Trauer, die ich hier in den Augen der Einheimischen sehe, wenn sie einen +Vorbeimarsch unserer Truppen betrachten; sie sprechen es nicht aus; aber +man fühlt es, daß sie denken: »=Ihr seid die Sieger!=« + +Neben aller stolzen Freude zitterte mir doch auch eine Sorge im Herzen, +und ich fragte den Offizier, der neben mir stehen geblieben war: »Um +Gottes willen, die Leute haben doch nur die =eine Uniform=, wie werden +sie denn wieder trocken und sauber?« + +Er lachte: »Ja, das weiß ich nicht. Aber morgen sind sie's wieder. Die +meisten helfen sich so, daß sie sich in dem nassen Schmutz auf ihr Stroh +legen und die Kleider am Leib trocknen lassen. Andere machen es anders. +Neulich sah ich einen in einer eiskalten Pfütze stehen und die Kleider +waschen, die er am Körper trug. Ich fragte: >Mensch, was machen Sie +denn da?< Der Mann sagte: >Ja, mei', wie soll ich's denn machen? Mei' +Zuig muß i endli amal sauber kriegen, nacket kann i mi net herstellen, +muß i's halt =so= machen!< Er wusch und rippelte weiter! Und das +Merkwürdigste an der Sache ist, daß wir noch nie so wenig Revierkranke +gehabt haben wie jetzt.« -- + +Ich glaubte bisher, vom ersten Tage des Krieges an, jede Pflicht gegen +meine Heimat als Deutscher gewissenhaft erfüllt zu haben. Jetzt weiß +ich, daß ich noch mehr hätte tun müssen, um als Bürger dem Soldaten zu +helfen. + + + + + 7. + + + 27. Januar 1915. + +Vorgestern, bei Anbruch der Abenddämmerung, zur Vorfeier von Kaisers +Geburtstag, war Kirchenkonzert in der alten Kathedrale von Peronne. +Die Offiziere in den Chorstühlen. Und die drei Längsschiffe der Kirche +dicht gefüllt mit deutschen Soldaten. An die Tausend waren es, alle +gewaschen und sauber gebürstet. Unbeweglich, den Helm oder die Mütze +vor der Brust, saßen sie und lauschten dem kunstvollen Spiel der Orgel +und den ernsten Liedern, die gut gesungen wurden. Und als zum Schlusse +des Konzerts die Orgel zusammen mit den Bläsern der Militärkapelle +-- wahrhaftig, ein »brausender Donnerhall« -- die Wacht am Rhein +intonierte, erhoben sich die Tausend und das große deutsche Lied +schwoll empor in die gotischen Gewölbe wie ein schönes, kraftvolles und +inbrünstiges Gebet. + +Barbaren-Andacht! Ja! Die Franzosen sagen doch jetzt, daß wir spirituell +minderwertig und zivilisatorisch zurückgeblieben wären, weil wir Musik +haben, der Musik bedürfen und sie lieben! Wir sind ihnen wie giftige +Schlangen, die sich durch Pfeifenspiel für Minuten bändigen lassen. +Solchem Wahnwitz gegenüber muß man heiter werden und an den kropfigen +Zillertaler denken, der einem makellos gewachsenen Fremden begegnet und +dabei sein kropfiges Söhnchen ermahnt: »Tu nit spotten, sonst straft +dich Gott, und du wirscht die gleiche Mißgeburt wie der!« + +Und gestern, am Vorabend des Kaisertages, als aus schwimmenden Nebeln +eine dunkle Nacht herunterstieg, wurde auf dem großen Stadtplatz der +Zapfenstreich geschlagen. Keine aufdringliche Feier. Ein militärisches +Fest, würdig in Grenzen gehalten, einfach, vornehm, und gerade deshalb +so schön und ergreifend, etwas herrlich Helles auf dem finsteren +Hintergrunde der Zeit. Wie eine ruhige Leuchtwoge schwamm die vierfache +Reihe der Fackeln über den schwarzen Stadtplatz her und formte ihren +Flammenkreis um die Militärmusik. Außerhalb des Kreises standen die +Soldaten. Kopf an Kopf, so weit man in der Nacht zu sehen vermochte. +Die Jubelouvertüre. Noch ein paar andere, gutgewählte Musikstücke. +Dann der alte bayerische Zapfenstreich; seine strengen, geheimnisvoll +verhaltenen Trommelwirbel rütteln das Blut auf, seine munteren +Bläserweisen besänftigen es wieder. Nun tiefe Stille über dem weiten +Platz. Mit kurzen, markigen Worten brachte der Kommandierende des Korps, +General v. Xylander, das Hurra auf unseren Kaiser aus. Und die tausend +jauchzenden Soldatenstimmen klangen, als wär' es nur ein einziger +Schrei, das stolze und frohe Aufjubeln eines Riesen. »Deutschland, +Deutschland über alles!« Und die leuchtende Fackelwoge schwamm still +davon, der Platz wurde finster. + +Während der Nacht vernahm ich immer den fernen Kanonendonner. Und noch +etwas anderes hörte ich. Immer. Unter der Stube, in der mein Quartier +ist, wohnen und schlafen der Besitzer des hübschen Hauses, seine +greise Mutter und seine Magd in einer kleinen Kammer. Zwei Söhne und +drei Brüder sind im französischen Heer; von denen haben sie seit Mitte +September nichts mehr gehört. Die Leute sind freundlich zu mir; sie +sagen nur Dinge, von denen sie hoffen, daß ich sie gerne höre. Ich weiß: +was sie denken, verschweigen sie; und wenn sie zu lächeln versuchen, +haben sie einen Zug voll Schmerzen um den Mund. So oft ich in die Küche +trete, schrickt die greise Frau heftig zusammen. Vor =mir=! Sie glaubt +nicht, daß ich lieber ihre runzelige Hand streicheln als sie erschrecken +möchte. Und diese drei Leute hör' ich reden in jeder Nacht, unter meiner +Stube, mit bebenden Stimmen, ganz leise. So hab' ich sie auch immer in +dieser Nacht gehört, nach dem Zapfenstreich. Und die zitternden Stimmen +erloschen nur, wenn draußen auf der Straße die Stahlschritte eines +Soldatentrupps vorüberklirrten, der zur Ablösung in die Schützengräben +zog. + +=Mich= sangen diese Lieder, die sich immer aufs neue wiederholten, in +einen festen und ruhigen Schlaf. -- + +Nun ist der Morgen da. Es regnet nicht. Aber der Himmel ist grau +umdunstet. Sonne, Sonne, wo bleibst du denn? Bist du daheim in +Deutschland? + +Eine Ruhe ist in mir, die ich nicht schildern kann. Ich empfinde sie, +wie man die Luft des werdenden Frühlings fühlt. Alle Unzufriedenheit und +Ungeduld, alles Nervöse und Zappelige, auch alle Sorge um materiellen +Verlust ist abgestreift von mir. Das zählt nicht. Nur Arbeit und Kraft +der Gegenwart zählen, nur unsere deutsche Zukunft! + +Mit vielen Soldaten hab' ich mich angefreundet. Was in ihren gesunden +Knochen ist, fließt über in mich. Wir zu Hause, wir =glauben= im besten +Falle an den Sieg -- hier im Felde =wissen= sie alle: wir siegen. Aber +eines weiß ich jetzt auch schon: daß der Krieg etwas völlig anderes +ist, als ich in der Heimat vermuten und sehen konnte. Er ist etwas viel +Schrecklicheres, aber auch etwas viel, viel Schöneres! + +Was wird dieser neue Tag mir wieder zeigen? + +Die Fahrt geht am Ufer der Somme entlang. Auch unter den trüben +Nebelschleiern ist es noch eine wundervolle Landschaft. Über eine Breite +von vierhundert Meter verzweigen sich Kanäle, Strom, Altwasser und +Sümpfe, durchsetzt von malerischen Röhrichtfeldern, in denen Schwärme +von Wasserhühnern und Wildenten umherschlüpfen. + +Nun steh' ich vor einem Meisterwerk der deutschen Pionierkunst, vor +der fast fünfhundert Meter langen Holzbrücke über die Sümpfe der +=Somme=. Als der Bau begonnen wurde, verschwanden die ersten als +Pfosten eingetriebenen Baumstämme vollständig im grundlosen Schlamm. +Dennoch wurde dieses Sumpfhindernis, von dem die Franzosen erwartet +hatten, daß es den Anmarsch der Deutschen um viele Wochen verzögern +würde, von zwei bayerischen Pionierkompagnien durch den Bau dieser +Brücke in =fünf Tagen= überwunden. Wie zierliches Filigranwerk sehen +diese Holzverschränkungen aus und tragen Regimenter, schwere Geschütze +und lange Züge von Lastautomobilen. Über den Kanälen hat die Brücke +ausschwingbare Bogen zum Durchlaß der Schiffe! Und alles in fünf Tagen +entstanden! + +Das Materialdepot dieser märchenhaften Arbeit, der Pionierpark, +ist untergebracht in einer großen, zerschossenen und ausgebrannten +Fabrik. Was da in kurzer Zeit durch deutschen Fleiß, deutsche +Ordnung und deutsche Gründlichkeit entstand, das wirkt wie etwas +völlig Unglaubhaftes. Man zweifelt noch, wenn man es mit eigenen +Augen sieht. Das ganze Innere des zerstörten, nur noch von den kahlen +Mauern umschlossenen Gebäudes ist durch Brettereinbauten in eine +Reihe von Sälen, Stuben und Kammern verwandelt. Alle Räume sind mit +hölzernem Fachwerk ausgefüllt und in peinlichster Genauigkeit mit +allen Gattungen von Kriegsmaterial und Werkzeug vollgekramt. Alles ist +da, vom Minenwerfer bis zum Schuhnagel. Ein lustiges Wunder ist der +Schlafsaal, in dem ein paar hundert Pioniere und Soldaten ihr Quartier +haben. In drei Reihen durchziehen den großen Raum die zweistöckigen +Schlafschachteln -- ich finde keinen anderen Ausdruck -- die Hälfte der +Leute schläft zu ebener Erde, die andere Hälfte im Oberstock dieser +riesigen sechzigschläfrigen Bettladen. Heu und Stroh ersetzen die +Matratzen, als Kopfkissen dient der Tornister. Ich frage: »Ist denn +da gut zu liegen?« Alle lachen gleich, und einer sagt: »Ah, da is's +gut, jetzt haben wir's fein!« In den Ecken stehen die eisernen Öfen +und rings um die Mauern ziehen sich die hölzernen Tische und Bänke. +Da sitzen die Leute, wenn sie Rast haben, und schreiben Briefe und +Karten, oder essen, oder flicken ihr Zeug, oder spielen Tarock. Ein +bisserl rauchig ist es in dem Raum, nicht von den Öfen -- die ziehen +famos -- nur von den Pfeifen und Zigarren. Auch ein Badhaus ist da, und +ein Duschraum, mit einem Fabrikskessel als Warmwasserreservoir und mit +einer Feuerspritzenpumpe, die den »Hochdruck« liefert. Und der mächtige +Hofraum ist ein Gewimmel von Soldaten, Pferden und Lastkarren, ein +Durcheinanderhuschen von ruhelosem Fleiß. + +Weiter geht die Fahrt, über kahles Feld. Bald müssen wir halten -- das +Auto kann oder darf aus irgendwelchem Grunde nimmer vorwärts. Ich stehe +auf dem Acker, gucke herum und frage mich: »=Was ist da los?=« Nichts +zu sehen, nur dieses stille, leblose Feld. Hinter dem Dunst des trüben +Tages liegt da und dort ein Dorf. Und überall dunkle, kleine, niedliche +Wäldchen. Ich denke mir noch: »Das müßte eine gute Fasanengegend sein!« +Da hör' ich irgendwo in der Luft einen merkwürdigen Vogel singen. So +ähnlich klingt es, wenn eine Radfahrersirene zu pfeifen anfängt. Mit +uuuuh beginnt es, und mit iiiih hört es auf. Neben dem Saum eines nahen +Wäldchens fährt weißer Dampf in die Höhe, der sich in schwarzen Rauch +verwandelt und wie zum Qualm einer Brandstatt wird. Eine halbe Sekunde +später ein schwerer Donnerschlag. Jetzt kapiere ich: was ich sehe und +höre, ist der Einschlag einer französischen Granate. Alles ist schon +lange vorüber, da hört man erst, acht oder zehn Sekunden später, den +fernen Hall des feindlichen Geschützes. + +Auf dem weiten Felde ist kein Mensch zu gewahren. Doch! Mit dem Glas +erkenne ich einen Soldaten, der nahe bei dem Wäldchen ruhig in einem +Acker steht; er hat ein Notizbuch in der Hand und notiert etwas. Sehr +friedlich sieht das aus. Wieder dieses Sausen in der Luft, wieder der +aufwallende Rauch, ähnlich dem Atemzug eines vulkanischen Kraters, +und wieder dieses Dröhnen. Eine um die andere kommt, über vier oder +fünf Kilometer von der unsichtbaren feindlichen Stellung her. Und +immer näher rücken sie gegen das Auto. Die beiden freundlichen +Offiziere, deren Gast ich bin, wünschen sehr lebhaft, mich wieder im +Auto zu sehen. In jagender Fahrt geht es davon. Hinter uns immer diese +dumpfen Paukenschläge. Ob eine Granate zu der Stelle kam, wo unser +Auto gestanden, weiß ich nicht. Wohl kaum. Die Beschießung gilt einer +deutschen Batterie, die am Saum des Wäldchens vergraben liegt, aber +an einer ganz anderen Stelle. Die Franzosen tasten seit Wochen in +kostspieliger Munitionsverschwendung den ganzen Umkreis des Gehölzes mit +Granaten ab, suchen immer diese fein versteckte Batterie und können sie +nicht finden. Gott sei Dank! + +Die deutschen Kanonen bleiben stumm, und nach einer Viertelstunde +schweigen auch die französischen Geschütze. + +Auf einem Umweg kehrt das Auto zu dem beschossenen Wäldchen zurück. +Wir halten an der Somme, bei einer zerstörten Mühle, vor der eine von +unseren berühmten =Feldküchen= dampft und sehr einladend duftet. Zum +Kosten fehlt es an Zeit, wir müssen vorwärts. Überall Soldaten, überall +Munitionswagen, überall Reiter und Radfahrer. Wir sind in der Nähe der +deutschen Front. Durch Rübenfelder, deren ungeerntete Früchte schon +wieder frische Blättchen zu treiben beginnen, blaßgrün wie junger Salat, +kommen wir zu dem von den Franzosen angepulverten Wäldchen. Und jetzt +soll =ich= die deutsche Batterie entdecken, die da steht! Ich habe +ein Glas mit achtfacher Vergrößerung; immer gucke ich, aber ich finde +nichts. Wohl sehe ich Prügelwege, die durch knietiefen Kot führen, sehe +verschlammte Zufahrtswege und viele künstlich eingesteckte Bäumchen, +aber keine Batterie. Man muß mich dicht vor das in die Erde eingegrabene +Geschütz hinführen, damit ich merke, wo es steht. Die Höhlung ist +bedeckt mit einem schön gewölbten Holzdach, das auf der Somme von einem +französischen Schleppschiff abgenommen wurde. -- (Ganz wundervoll ist +das, wie unsere Feldgrauen alles und jedes, was sie finden, für den +besten und nützlichsten Zweck verwenden, dem es dienen kann. =Was= +hier französisches Gut heißt, wird deutsche Wehr und Waffe.) -- Über +dem Schiffsdeck ist wieder dicke Erde und wieder ein künstliches +Gebüsch, als Deckung gegen die Späheraugen der Flieger. Unten nur ein +schmaler Einschlupf, auf der anderen Seite die Ausschußöffnung für die +Kanone. Zärtlich streiche ich das metallene Rohr, das für unser liebes +Deutschland schon viele wirksame Donnerkeile aussandte. Und den klugen, +lachenden Kanonieren drücke ich die Hände. + +Man zeigt mir ein deutsches Geschoß und ein belgisches von gleichem +Kaliber -- die beiden sehen nebeneinander aus wie ein Mann und ein +Kind. Solange die Sache nur Geplänkel ist, läßt man die belgischen +Kinder fliegen, um deutsche Munition und deutsches Geld zu sparen. +Wird's ernst, dann kommen unsere eisernen Männer dran. Ganz fürchterlich +schlagen sie drein. In einem Kellerloch sind sie zu hohen Stößen +aufgeschichtet, um ihrer Stunde zu warten. + +Nun spaziere ich am Waldsaum entlang, wo ich die französischen Granaten +einschlagen sah. Zwischen fünfzehn Explosionstrichtern, die gegen die +stubengroßen Granatenlöcher auf dem Fort des Aivelles aussehen wie +Spucknäpfe, finde ich vier »Ausbläser« und drei »Blindgänger«. + +Durch Schlupfwege im verwüsteten Walde geht's zu einer Stelle, die +genau so aussieht wie alles andere Gehölz. Hier soll ich abermals +etwas entdecken. Erst nach längerem Spähen bemerke ich, daß aus einer +Bodenstelle des gegen die französischen Linien gerichteten Waldsaumes +etwas Bläuliches herauswirbelt. Dampft die Erde? Oder ist's Ofenrauch? +Oder Zigarrenqualm? Über ein verstecktes Trepplein geht es hinunter. +Das ist die Beobachtungsstelle der Batterie: ein Lehmsalon von etwa +vier Quadratmeter; warm wie ein Backofen; immer schwitzen und triefen +die Wände; ein Rauch, der die Augen zerbeißt; und ein Zwielicht, +an das ich mich erst gewöhnen muß, bevor ich zu sehen beginne. +Beim Ausguck steht das Scherenfernrohr; in die Lehmwand sind drei +Telephonapparate eingebaut, und eine Ofenröhre dient als Sprachrohr. +Ganz mystisch berührt es, wenn aus der Erde heraus die Stimmen quellen, +die von der Batterie kommen, vom Unterstand der Mannschaft oder vom +Offizierskellerchen. Mit uns dreien, die wir kamen, sind nun sieben +Leute in dem kleinen Raum. Umdrehen kann man sich nimmer. Aber man +plaudert und lacht -- und in dem kleinen Dreckloch ist ein frischer, +gesunder Humor, den ich mit Herz und Händen fassen und heimschicken +möchte. + +Ich sehe noch das feine Kellerchen, in dem der Batterie-Offizier +sich aufhält. Das ist ein Lebenskünstler. Er hat ein Tischerl, ein +Rokokofauteuilchen und ein zierliches Boudoirsofa, das ihm als Bett +dient. Um darauf zu schlafen, ist es freilich viel zu kurz. -- »Aber«, +sagt er, »wenn man die Beine gegen die Wand hinaufstellt, liegt man +ganz ausgezeichnet!« Diese Wand ist mit persischen Teppichen bekleidet, +die aus einer kaputtgeschossenen Villa stammen; immer dampfen sie im +Kampf zwischen Wärme und Feuchtigkeit, und ihre Farben beginnen unter +sprossendem Schimmel zu erlöschen. »Wenn 's Frühjahr wird,« sagt der +junge Offizier mit seinem gesunden Lachen, »dann kann ich da Schwammerln +züchten! Die eß ich gerne.« + +Durch einen Laufgraben, der nicht tief genug ist, um die Köpfe völlig zu +schützen, müssen wir geduckt hinschleichen. Dieses stete Niederbeugen +des Gesichtes hat etwas Gutes: man sieht immer ganz genau, wie tief +die Stiefel in den vom Regen durchweichten Lehm hineinquatschen. -- +(Neulich versank ein allzu gewichtiger Reserveleutnant bis zu den +Hüften; er selber konnte sich nimmer freimachen; als man ihn herauszog, +hatte er keinen Stiefel mehr, nur noch =einen= Socken.) + +Immer ist ein feines Pfeifen in der Luft. Und von der Tiefe des +Feldhanges, der sich hinuntersenkt gegen das Tal der Somme, klingt +ununterbrochen ein lustiges Knallen herauf, als stände da drunten die +Schießstätte des Münchner Oktoberfestes. + +Einmal, bei einer Biegung des Laufgrabens, sieht man hinunter ins +Tal. Bis in weite Ferne kann ich mit dem Glas die aufgeworfenen Lehm- +und Kreidesteinwälle der deutschen und französischen Schützengräben +verfolgen. Manchmal nähern sie sich einander bis auf siebzig Meter +und ziehen sich wieder auf drei-, vierhundert Meter zurück. Diese in +die Ferne laufenden, gelben oder weißgrauen Striche bilden seltsame +Ornamentlinien -- und diese kunstvolle Durchackerung der Natur läuft +jetzt von der Kanalküste durch Nord- und Ostfrankreich bis gegen Basel. +In diesen Ackerfurchen des Krieges liegt eine Million unserer Feldgrauen +und wacht in verläßlicher Treue bei Tag und Finsternis, um unsere +deutsche Heimat vor den Bildern der Vernichtung zu behüten, die ich +hier auf französischem Boden sehe bei Schritt und Tritt. Seid dankbar, +ihr Deutschen daheim! Bleibt ruhig, zuversichtlich und opferfreudig! +Und denkt bei jedem Atemzuge an das Kaiserwort: »Soldat und Bürger, die +beiden müssen einander helfen, so gut sie können!« + +Nirgends in der Landschaft ist ein Mensch zu sehen, alles öde, wie +ausgestorben. Drunten im Tal, zwischen den deutschen und feindlichen +Erdwällen, entdecke ich mit dem Glas auf einer fahlen Wiese zwei +dunkelblaue Körper. Sie bewegen sich nicht, haben aber doch Menschenform +und sehen aus wie friedliche Schläfer, die sich mit ihren Mänteln +bedeckten: zwei gefallene Franzosen, die der Feind nicht zu holen und zu +bergen wagte. So liegen die beiden schon seit dem 30. Oktober. Früher +hatten sie vom Morgen bis zum Abend krächzende Gesellschaft; seit Wochen +sind auch die Raben ausgeblieben. + +Der Laufgraben mündet in einen tiefen Lehmkessel. Früher war da eine +französische Stellung, die zurückweichen mußte um zwei Kilometer; +noch sieht man die Feuerlöcher und die aufgeschütteten Deckungen, +Feldflaschen, Konservenbüchsen, auch eine rote, vom Regen fast farblos +gewordene Reithose. Und zwischen Stauden guckt aus der Erde der stumme, +grinsende Tod heraus. Ein gefallener Franzose! Seine Kameraden, denen +nicht die Zeit blieb, ihn zu bestatten, haben ihn nur fußhoch mit Erde +bedeckt. Der Regen hat die Schollen halb wieder davongeschwemmt. Eine +skelettierte Hand, die noch im blauen Soldatenärmel steckt, greift +sehnsüchtig heraus ins Leben, und der ganze Kopf liegt frei, fast schon +ein Totenschädel, aber noch mit Augenbrauen und Haarbüscheln. Die +Hirnschale ist völlig zertrümmert -- dieser Franzose hatte das Unglück, +einem bayerischen Gewehrkolben in den Weg zu geraten. + +Das Bild, das sich da herausstahl, aus der gelben Erde, ist nicht +widerlich, nicht ekelerregend. Nur ernst, tiefernst und erschütternd ist +es. + +Du stiller Schläfer! Wer warst du? Wie klang dein Name? Wer weint +um dich? Aus welchem Glück bist du herausgefallen, weil England es +so begehrte von dir? Wir Deutschen hätten dir Leben und Namen und +Glück gelassen. Aber England will bessere Geschäfte machen und seine +Dividenden aufwärtsschrauben. Drum mußte dein Leben hinuntersinken! +Bist du, früher ein Tor um Englands willen, jetzt unter der Erde ein +Wissender geworden? Willst du wieder herauf in den Tag und die Hand +erheben, um vor deinem Volk und Lande gegen den britischen Handelsmann +zu klagen? -- Der Schläfer gibt keine Antwort. Er schweigt, wird ewig +schweigen. + +Ich wende mich erschüttert ab. Weiter! Wieder in einen Laufgraben +hinein, der sich immer tiefer in die Erde wühlt! Eine Wendung, und +ich bin im Schützengraben. In langer Zeile seh' ich die Feldgrauen, +nein, die Lehmgelben, bei den Schießscharten stehen. Scharf und hastig +knallen die Schüsse, hin und her. Und immer wieder fliegt eines von den +unsichtbaren Vögelchen, die so wunderlich pfeifen, über unsere Köpfe +hinweg, surrt in die Erde hinein oder schlägt mit hellem Klirrton gegen +einen Stahlschild. + +Etwas Heißes ist in mir. Der schwüle Atem des Krieges hat mich +angehaucht. + + + + + 8. + + + 30. Januar 1915. + +Eine tiefe Erregung brennt mir in allen Nerven. Das Herz schlägt mir bis +in den Hals herauf. + +Bei jedem Blick, bei jedem Schritt im Schützengraben seh' ich die +tapfere Mühsal, die mutige Beharrlichkeit und treue Ausdauer unserer +Feldgrauen, deren Uniformsfarbe völlig verschwindet unter dem gelben, +klumpigen Lehmbehang. + +Alle zehn Schritte steht bei einem kleinen, mit Bohlen ausgelegten +Guckloch oder bei den schmalen Schießscharten der Stahlschilde ein +Wachtposten mit blitzenden Späheraugen, in den von Nässe und Kälte +zerschrumpften Händen das schußbereite Gewehr. Immer wieder sticht +dieses scharfe Knallen in die dunstige Luft, hier im Graben und drunten +im Tal, und immer wieder geht dieses feine Pfeifen der Kugeln über +unsere Köpfe weg. Keiner von den Wachtposten kümmert sich um uns, keiner +salutiert die Offiziere, die mich führen, jeder ist mit gespannter +Aufmerksamkeit bei den feindlichen Dingen, die da draußen sind. + +Von denen, die nicht auf Wache stehen, rasten die einen, die anderen +arbeiten. Hier wird hastig geschaufelt, um den Schutt und Schlamm +der vom Regen unterwaschenen und heruntergerutschten Lehmwände +aus dem Graben zu werfen, eine Erdbewegung, die bei schlechtem +Wetter ununterbrochen durch Tage und Nächte fortdauert. Dort werden +Entwässerungskanäle gezogen und Löcher gegraben, in denen das Regen- und +Sickerwasser versitzen kann. + +Der Boden des Grabens ist, weil es einen Tag lang nimmer geregnet hat, +schon leidlich trocken; aber die mannshohen Wände sind so klebrig, daß +sich bei jedem stützenden Griff alle Finger gelb umwickeln. Und so eng +ist der Gang, daß man bald rechts und bald links mit Ellenbogen und +Schultern, mit Knien und Hüften, beim Umdrehen und Ausweichen auch mit +Brust oder Rücken an diesen Lehmteig anstreift. + +Jene Grabenschützen, die ein bißchen rasten können, sitzen oder liegen +in den winzigen Schlupfen, die unterhalb der Schießscharten in die +Lehmwände hineingehöhlt sind. Jedes Unterstandsloch hat knapp so viel +Raum, daß zwei Soldaten sich nebeneinander zusammenhuscheln können; +Wände und Decken sind manchmal, nicht immer, mit Brettern ausgepölzt; +der Boden ist handhoch mit Stroh belegt, meist mit ungedroschenem +Getreide, das von den Feldern weggerafft wurde; Mäntel, Zeltbahnen +und Wolldecken, die in den Nächten vom Tropfwasser durchnäßt wurden, +sind neben den Einschlupflöchern zum Trocknen aufgehängt; zuweilen +ist in die Seitenwand der Löcher mit einigen Steinen ein kleiner, +urweltlich ausschauender Ofen eingemauert, in dem die feuchten +Prügelchen glühen und qualmen. Manche der Löcher sind mit Säcken +verhängt, andere haben ein schützendes Türchen, das meist nur aus zwei +oder drei zusammengenagelten Brettstücken besteht; aber auch feineres +Material wurde zu diesem Zwecke verwendet: der grüne Fensterladen einer +Villa, eine polierte Schranktüre, das bunt verglaste Fenster eines +Gartenhäuschens; sogar die Kupeetür einer Droschke ist vertreten -- +alles herbeigeschleppt in finsteren Nächten, und an all diesen Dingen +ist die Farbe halb verschwunden, alles ist gelb, alles gesprenkelt von +den Griffen der lehmigen Hände. + +In diesen Löchern sitzen die Rastenden und schwatzen ruhig und heiter; +jene, die in der Nacht bei den Schießscharten wachen mußten, liegen +jetzt am Tag in einem so bleischweren Schlaf, daß kein lautes Wort und +kein knallender Gewehrschuß sie zu wecken vermag; andere liegen auf +dem Bauch, benützen den Tornister als Schreibtisch und kritzeln einen +Kartengruß, der in die Heimat wandern soll. + +Von solch einem Schreibenden sah ich den Körper und die langsam bewegte, +schwere Hand. Ich frage in das Loch hinein: »So? Wird an den Schatz +geschrieben?« Da dreht sich ein blondbärtiges, strenges Gesicht herum, +zwei blaue Mannsaugen sehen mich aus dem Zwielicht heraus sehr mißlaunig +an, und eine unwillige Stimme sagt: »Was glaubst denn? An d' Frau!« + +Ich kann nicht schildern, wie dieses schöne grobe Wort auf mich wirkte. +Es war mir wie ein wundervolles Lied von der redlichen Herzensreinheit +dieses deutschen Mannes. Seine Frau, seine Kinder, seine Heimatstreue +und seine Soldatenpflicht -- das ist seine Welt. Was anderes gibt es +nicht für ihn. Und wie dieser eine, so sind Tausende, sind Millionen der +Unseren. Wer will uns besiegen? + +Auf- und niederklimmend durch den engen Graben, stapfe ich an hundert +Lehmgelben vorüber, an vielen Dutzenden von diesen Schlupfen und +Löchern. Ich höre nimmer die Schüsse knallen, höre nimmer das Pfeifen +der bleiernen Vögelchen, die über uns wegfliegen oder in die Lehmwälle +preschen. Immer muß ich schauen, immer vergleichen zwischen der +heldenhaften Geduld, die ich hier sehe auf Schritt und Tritt, und +zwischen der nervösen und krittelnden Ungeduld, deren wir uns schuldig +machen in der Heimat. Und immer muß ich rechnen: daß diese Tapferen seit +Ende September, die mit Arbeit ausgefüllten »Ruhezeiten« abgerechnet, in +diesem Graben und in diesen Lehmlöchern volle sechzig oder siebzig Tage +und Nächte ausgehalten haben, ohne an Kraft und Gesundheit einzubüßen, +ohne von ihrer treuen Beharrlichkeit, von ihrer geduldigen Ausdauer +nur eine Faser zu verlieren. Nicht verloren haben sie, nein, sie haben +noch gewonnen. Einer sagt zu mir: »Z'erst is mir's schon a bisserl hart +worden. Jetzt kennt man sich besser aus und weiß, wie man's machen muß. +Auf d'Letzt lernt der Mensch alles.« + +Mir werden die Augen feucht, und eine Weile vermag ich nimmer zu reden. +Immer brennt die Frage in mir: »Was hat =der= da als Soldat geleistet, +was =ich= als Bürger?« Ein bißchen gezahlt hab' ich, ein bißchen Geld +eingebüßt, einen Teil meines Einkommens verloren, fast das ganze. Und +da glaubte ich immer, was wunder ich leiste und trage und erdulde um +meiner Heimat willen! Jetzt bin ich klein und stumm. Und eine heiße, +schmerzende Scham ist in mir. + +Einer von den Gelben sitzt in seinem Lehmloch neben dem heftig +rauchenden Steinherdchen. Er scheint sich sehr wohl zu fühlen, schneidet +feine Scheibchen sorgfältig und liebevoll von einer heimatlichen +Speckschwarte herunter und schmaust. + +Ich frage: »Schmeckt es?« + +Da nickt er lachend: »Ah ja! A bißl ebbes darf man sich schon vergunnen. +Wer weiß, wie lang 's dauert?« + +Jetzt hör' ich plötzlich die Schüsse wieder, höre das Pfeifen der +Kugeln. Und nicht weit von der Stelle, wo ich stehe, vernehm' ich einen +wütenden Fluch: »Himi Herrgott Kreizteifi überanand!« Erschrocken +springe ich hin. Ein langer Kerl mit zausigem Rotbart steht bei einer +Schießscharte und repetiert das abgeschossene Gewehr. »Was ist denn,« +frage ich, »sind Sie verwundet?« + +»I? Ah na! Aber da drunt, an dem roten Stadel, da is a Loch. Da schießt +allerweil einer außi. Und dös Luder kann i net derwischen. Allweil +pulver i ums Loch umanand. Nie bring' i's sauber hin.« + +Ich gucke neben dem Mann durch die Schießscharte hinaus und ins Tal +hinunter. Der Ausschnitt der Landschaft, den ich sehe, ist wie ein +Bild in hölzernem Rahmen: ein Stück Talgelände, die Erdwälle des +französischen Schützengrabens und in der Mitte des Bildes ein halb +in Schutt geschossenes, tot und öde liegendes Dorf mit umgestürztem +Kirchturm und ausgebrannter Kirche. Alles, was Leben heißt, scheint +erloschen da drunten. Aber Schüsse knallen, bald hier, bald dort; man +sieht keinen Rauch, sieht keinen Feuerstrahl, weiß nicht, woher die +pfeifenden Vögelchen kommen. Jetzt entdecke ich den »roten Stadel«; es +ist ein plumper Bau aus Ziegelsteinen; und mitten in der roten Mauer +ist ein kleiner, runder, schwarzer Fleck, ein in die Mauer geschlagenes +Schießloch; von hier oben sieht es aus wie ein Tintenfleck, in +Wirklichkeit mag es so groß sein wie ein Hut. Vierhundert Meter sind es +bis dort hinunter. Eine feste Hand und ein sicheres Auge gehört dazu, um +über solche Entfernung eine Kugel richtig auf den Fleck zu bringen. Ich +gucke mit dem Feldstecher. In dem Loch ist nicht das geringste zu sehen, +aber rings um den schwarzen Fleck herum erkenne ich an der roten Mauer +die Einschlagtupfen der Kugeln, die umsonst da hinuntergeflogen sind. + +»Wart', Brüderl,« sagt der Rotbärtige, noch mit heißem Zorn in der +Stimme, und schiebt den Gewehrlauf langsam durch die kleine Scharte des +Stahlschildes hinaus, »jetzt wird amal aufpaßt, urdentli!« + +Drunten knallt es, der französische Vogel pfeift, und über unseren +Köpfen spritzt der Lehm auseinander. Ich mache flink einen Schritt nach +rückwärts, drehe mich um dabei -- und muß herzlich lachen. Neben einem +Gängelchen, das seitwärts hinaus gegraben ist, seh' ich eine kleine +Holztafel hängen mit der Inschrift: »Zur Latrine und zur Kochstelle! +Bitte nicht verwechseln!« + +Solcher Heiterkeiten sind im Schützengraben neben der schlummerlosen +Gefahr noch viele zu finden. Ein paar Dutzend Schritte weiter, neben +dem Türchen, hinter dem der Unteroffizier seinen Nachtschlupf hat, +steht angeschrieben: »Villa Granateneck«. Dieser Bezeichnung ist noch +das lyrische Motto beigefügt: »Im tiefen Keller sitz' ich hier!« Und +eine steil nach abwärts führende Stelle des Schützengrabens, die dem +feindlichen Feuer ausgesetzt war und deshalb mit Wellblech und dick mit +Erde überdeckt wurde, trägt die Inschrift: »Nordfranzösische Rodelbahn«. + +Solcher Humor in einer Luft, in der bei jedem Kugelpfiff der Tod auf +dem Sprunge nach einem deutschen Leben steht, ist nicht allein als der +Ausfluß derber Gesundheit und guter Rasse zu erklären. Der schöne, klare +Brunnen solch unverwüstlicher Heiterkeit am Rande des immer harrenden +Grabes kann nur aus dem kraftschenkenden Bewußtsein redlichster +Pflichterfüllung strömen. + +Von dem Frohsinn, den ich hier sehe und höre, fliegen meine Gedanken +immer heimwärts. Es ist wahr: wir in der Heimat leisten viel, Tausende +leisten weit über ihre Kräfte, und gerade hier, auf erobertem Boden, +höre ich immer wieder die herzlichste Anerkennung unseres Heimatwerkes. +Aber neben den Opferwilligen gibt es auch Drückeberger, Vorsichtige, +Zurückhaltende und Ängstliche. Täten wir =alle= daheim so bis zum +letzten Atemzug unsere deutsche Pflicht, wie diese Getreuen hier im +Schützengraben, dann wäre nicht ruhelose Ungeduld in vielen von uns, +sondern Ruhe, Zuversicht und frohe Festigkeit wäre in uns allen. Da +würde der Groschen nicht zählen, den wir verlieren, keine Bedrängnis +unserer wirtschaftlichen Lage, keine nötige Einschränkung, keine Sorge +und kein Opfer unseres Lebens! -- + +Der Schützengraben macht eine Wendung und ich stehe vor einem Bilde, +das mich tief ergreift. Außerhalb des Grabens, gegen die französische +Seite hin, ragt zwischen laublosen Bäumen ein mächtiges Feldkreuz in die +Luft. Nicht nur das schwarze Kreuzholz, sondern auch das farbig bemalte, +überlebensgroße Schnitzwerk, das den Erlöser zeigt, ist von vielen +Kugelschüssen durchsplittert, von Schüssen, die aus der französischen +Stellung kamen. Und der zerschossene Leib der ewigen Güte hält die +Arme ausgebreitet mit einer großen, heiligen Gebärde, aus der etwas +Schützendes und Hilfreiches zu mir redet. + +Einer von den beiden Offizieren, die mich geführt haben, sagt nach einer +Weile: »Es wird Abend. Irgendwo =müssen= wir umkehren. Das geht ja hier +so weiter bis nach Ostende.« + +Auf dem Rückweg gibt's einen Aufenthalt. Eine Lehmwand ist +heruntergebrochen und hat auf zehn Schritte weit den Graben +verschüttet. Vier Soldaten schaufeln, daß ihnen der Schweiß von +den Gesichtern tropft; mehr können bei der Enge des Grabens an der +Ausbesserung des Schadens nicht arbeiten. Während wir wartend dastehen, +schlüpft einer, der mich kennt, durch das Türloch seines Höhlchens +heraus -- einer aus der Garmischer Gegend, der mich vor Jahren einmal +auf die Alpspitze führte. Er begrüßt mich so herzlich und freudig, +als wäre seine Heimat mit Haus und Berg zu ihm gekommen. Während wir +schwatzen, immer von daheim, treten noch ein paar andere zu uns, jeder +so gelb wie sein Kamerad, aber jeder mit dem gleichen, ruhigen, gesunden +Gesicht. Allerlei Fragen richten sie an mich -- gar manche ist darunter, +die zu beantworten mir schwer fällt. Einer, mit dürstender Sehnsucht in +den Augen, fragt mich: »Was meinen S', wie lang wird's denn noch dauern?« + +Ich suche nach Worten. »Da bin ich überfragt. Es ist möglich, sogar +wahrscheinlich, daß auf dem Festland die Hauptsache schon in sechs bis +sieben Wochen zur Erledigung kommt. Aber es kann auch noch ebensoviele +Monate dauern.« + +Nach kurzem Schweigen eine feste Soldatenstimme: »No ja, muß man halt +aushalten! Durchreißen tun wir's alleweil, so oder so!« + +An dieses tapfere, zuversichtliche Wort schließt sich eine etwas +wunderliche Frage, die mit dem vorausgegangenen Gespräch keinen +Zusammenhang zu haben scheint. Dennoch ist eine Beziehung vorhanden. +Eine sehr ernste. + +»Sie, sagen S' amal, ob dös wahr is, was die Meinige allweil schreibt: +daß daheim in der Stadt die jungen Weibsbilder so ausg'schaamt in die +Kaffeehäuser hocken, pariserisch anzogen, daß man d' Haxen sieht bis +halbert zur Grattl auffi?« + +Trotz der derben Ausdrucksweise lacht keiner von den Lehmgelben; sie +scheinen die Frage für eine sehr wichtige und würdevolle zu halten. Ich +schüttle den Kopf. »Nein! So stimmt das nicht. Unsere deutschen Frauen +und Mädchen sind da nicht gemeint. Nur ein paar dumme Modegänse, ein +paar krankhafte Auslandsaffen. So was zählt doch nicht.« + +Einer sagt: »Dö sollten =uns= anschauen!« Ein anderer brummt: »Bal s' +vier Nächt lang da im Graben hocken müßten, in der nassen Sooß, bis +übers Knie nauf, i glaub, dö taaten si' bald an andre Montur verlangen!« +Und ein dritter gibt den Rat: man sollte diesen Ausnahmen jeden Tag ein +paarmal jene Sache vollhauen, die Goethe durch einen Gedankenstrich +bezeichnete -- von diesem Gedankenstrich weiß natürlich der lehmgelbe +Pädagoge nichts, er gebraucht im Ärger sehr ungeniert das übliche +Volkswort. + +Der Weg ist ausgeschaufelt. Wir können weitergehen. Ich komme an dem +Rotbärtigen vorüber, der das Gewehr im Anschlag hat und immer lauert, +ganz unbeweglich. + +Nach wenigen Schritten gewahre ich etwas Seltsames. Beim Herweg fiel es +mir nicht auf, erst jetzt entdecke ich's. Will mitten im harten Winter +der grüne Frühling kommen? Eine Bodenstelle des Schützengrabens ist dick +mit frischem, spannenlangem Gras überwuchert. Gras? Nein! Das ist junges +Getreide. Von den ungedroschenen Garben, die ein Feldgrauer vor vier +Monaten in seinen Unterschlupf hineinstreute, sind die Körner abgefallen +und in die nasse Erde hineingetreten worden. Jetzt gehen sie auf. +Ich sehe dieses frische, üppige Grün, und etwas Freudiges, Warmes und +Hoffnungsvolles ist mir im Herzen. + +Drunten bei den Franzosen kracht ein Schuß. In der Luft das feine +Singen. Und wenige Schritte hinter mir spritzen von der Holzversteifung +einer Schießscharte die Splitter weg. Jetzt ein Schuß im deutschen +Graben. Dann die ruhige Stimme des Rotbärtigen, den ich nimmer sehe: »No +also! Endli amal!« + +Ich brauche nicht umzukehren. Auch ohne zu fragen, weiß ich, was der +kurze, zufriedene Monolog des Rotbärtigen bedeutet. Wohl denke ich auch +daran, daß jetzt da drunten im roten Stadel ein Leben verblutet; aber +vor allem muß ich denken: daß unsere Feinde wieder weniger wurden um +einen. + +Ein langer Weg noch, durch den Laufgraben und über die dämmernden +Rübenfelder. + +Kanonenschüsse und Granatenschläge dröhnen in rascher Folge. Die +Franzosen tasten wieder nach der deutschen Batterie umher und können sie +nicht finden. + +Beim Einsteigen in den Wagen bemerke ich, daß ich nicht viel anders +ausschaue als die Lehmgelben im Schützengraben. Ich fühle aber doch +einen beträchtlichen Unterschied. So heiß, wie an diesem Abend, hat noch +nie die Frage in mir gebrannt: »Was kann ich leisten als Bürger, wie +kann ich nützen?« + +Im Westen ein leuchtender Streif und drüber ein zartes Blau und Weiß. +Auch die Höhe klärt sich auf, und ich sehe den Schimmer des Vollmondes. +Der Kaisertag hat gutes Wetter gebracht. Bleibt der Himmel so, dann +werden es die Unseren im Schützengraben besser bekommen. + + + + + 9. + + + 3. Februar 1915. + +Das gute Wetter hat nur drei Tage gedauert, war also immerhin +lebenskräftiger, als schöne Träume zu sein pflegen. Jetzt ist die Welt +wieder grau umhangen. + +Den letzten Gutwettertag benutzten die Franzosen zu einer schweren +Kanonade, die von den Deutschen nur mit einzelnen Meldeschüssen +»=Wir sind noch immer da!=« erwidert wurde, um aus dem französischen +Tagesbericht den Satz auszuschalten: »Eine deutsche Batterie +wurde stumm gemacht und vernichtet.« Es waren im Hörbereich an +die zwölfhundert Schüsse zu zählen. Dazu etwa zwanzig grobe +Detonationen von Minenwerfern. So verpulverten die Franzosen an +diesem Schönwettertage über eine Frontlänge von dreißig Kilometer ca. +hundertfünfundzwanzigtausend Franken. Die auf deutscher Seite am Abend +festgestellte »Verlustziffer« lautete: =kein= Toter, =kein= Verwundeter, +=kein= Materialschaden. Gelitten hatten nur die französischen Dörfer +und Äcker. Für Frankreich ein kostspieliges Vergnügen! Wenn die +nordfranzösischen Bauern wieder einmal zu ihrer Scholle heimkehren, +werden sie entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. + +Was würden wohl die =deutschen= Bauern dazu sagen, wenn es bei =uns= so +gekommen wäre, im ganzen Reich! Im Feuerbereich der Franzosen kein Haus +mehr, keine gefüllte Scheune, kein Vieh! Jeder Wald verwüstet, die Zäune +zerstampft, jeder Acker zerrissen von den Granatentrichtern, alles Feld +zerschnitten, zerrupft, entzweigesägt und unterwühlt von Laufgängen, +Schützengräben und Minenkellern! Jahre und Jahre werden nötig sein, bis +hier wieder fruchtbares Feld und blühende Dörfer entstehen. Um unseren +deutschen Bauern deutlich zu machen, was ihnen erspart blieb, sollte man +sie mit Extrazügen hierherbringen und ihnen diese Vernichtungsbilder des +Krieges zeigen. Da würde der Wille, die deutsche Kraft zu nähren und zu +erhalten, baumdick in ihnen erwachsen. + +Jetzt eben sitze ich in einem der hohen, zweirädrigen Bauernwägelchen, +wie sie hier in Nordfrankreich üblich sind. Der Bauer, dem das +Wägelchen samt Gaul und Geschirr gehörte, ist »abgereist« -- zum +Unterschied von seinen vornehmen Landsleuten tat er es nicht freiwillig. +Solche Wagen sollten auch bei uns in Deutschland heimisch werden; sie +sind billig, sind bequem, gleiten leicht dahin und strengen auch auf +schlechten Wegen den Gaul nicht an. Auch sieht man nett in die Weite, +wenn man so hoch oben sitzt. Heute ist's mit der Rundsicht freilich +mager bestellt; es regnet nicht, aber alles ist grau verschleiert. + +Mein Kutscher, feldgrau natürlich, ist ein Hausmeister aus +Fürstenfeldbruck, ein braver und ruhiger Mann, der gerne von seiner +Frau und seinen Kindern erzählt. Aber er hat die cholerische Gewohnheit +angenommen, jedesmal, so oft er das Wort »Franzosen« oder »Frankreich« +gebraucht, den wütenden Zwischenruf zu machen: »So a Sauvolk auf der +Welt!« Vor allem ärgert ihn der französische Mist in den Dörfern und +Häusern. Und ganz besonders ergrimmt ihn die Pietätlosigkeit der +französischen Soldaten, die viele ihrer gefallenen Kameraden seit +Monaten unbestattet vor ihren Schützengräben liegen lassen. »So +ebbes muß sich doch strafen an die Franzosen. Bal a Volk kein Respekt +vor'm Heldentod von seine Brüder nimmer hat, so a Volk kommt seiner +Lebtag nimmer in d'Höh, sag i! Dös gibt's einfach gar nicht, daß uns +d'Franzosen besiegen kunnten!« + +Während dieses Ergusses hatte der Erbitterte eine Warnungstafel +übersehen und war einer Straße nachgefahren, die nicht granatensicher +ist. Ein fester Paukenschlag. Der französische Gaul will scheu werden, +mein Fürstenfeldbrucker redet ihm freundlich zu -- »Ja ja, jetzt +versteht er schon ganz gut Deutsch!« -- und richtig, der Gaul kehrt +verständig um, und nun müssen wir einen weiten Umweg machen, um mein +Ziel zu erreichen: den Schützengraben eines Münchner Regiments. + +Eine Wache gebietet Halt, mein Philosoph mit seinem deutschverständigen +Rössel muß zurückbleiben, und geführt von einem jungen, freundlichen +Kriegsfreiwilligen wate ich durch die Lehmsümpfe der verwüsteten Felder. +Wenn es hier nach drei Schönwettertagen so aussieht, wie muß es aussehen +nach einem Platzregen? Ich komme an Wagen und Karren vorüber, die bei +ihren Nachtfahrten im Moraste stecken blieben. Neben einer Hecke duftet +ein totes Pferd; sein Bauch ist wie ein buckliges Faß. + +Ein Rollen und Brüllen, bald nah, bald ferne; die Franzosen vertrödeln +schon wieder ein Häuflein Staatsgelder. Über einen die Wegmulde +sperrenden Rübenacker müssen wir flink und mit geduckten Köpfen +hinüberspringen; das Feld sieht aus wie ein Sieb, dessen Boden ein +bißchen unregelmäßig durchlöchert ist. + +Nun empfängt mich ein kleiner Wald; er hat einen neuen Namen bekommen: +»das bayerische Hölzl«. In dem wirren Gezweige leuchten viele, viele +blinkweiße Flecken: die Splitterwunden der von Granaten getroffenen +Bäume. Vor dem Eingang in den Wald ist ein Damm aufgeschichtet, um +das Regenwasser und die Schlammbäche abzuwehren. Jetzt geht es einen +schmalen Weg entlang, der mit festen Prügeln belegt ist, damit man +nicht bei jedem Schritte einsinkt bis über die Knöchel. Zur Rechten des +Weges gucken aus der Lehmböschung kleine, trübe, gläserne Äugelchen +heraus: die winzigen Fenster der in die Erde hineingegrabenen +Offizierskellerchen und Mannschaftshütten. Hier wohnt und schläft und +ißt und arbeitet, wer nicht Dienst im Schützengraben hat. + +Junge Offiziere empfangen mich, liebenswürdig und gastfreundlich. Wie +alt muß ich schon sein, weil auch ein Major für mich noch aussieht +wie ein Jüngling in Uniform! Ein flinker, prächtig mundender Imbiß in +solch einem kleinen, ganz gemütlichen Kellerchen. Dann geht es hinaus. +Überall, wohin meine Augen im Walde fliegen, seh' ich Arbeit, Arbeit und +Arbeit. Wege werden gebaut und mit Prügeln gepflastert; hier gräbt man +Rinnen zur Trockenlegung des Bodens und zur Ableitung des Wassers; eine +steile, rutschige Waldtreppe wird ausgebessert -- es steht da auf einem +Täfelchen: »Gasteiger Anlagen, Automobile fünfzehn Kilometer.« Hier baut +man neue Unterstände für je dreißig Mann, überwölbt sie mit Wellblech +und behütet das Dach mit dicker Lehmlage. Dort, im Gewirr der Stauden, +geht es reihenweise hin und her, da schleppt man die Eisenbahnschwellen, +die Bretter, die Balken und Pfähle, die Strohgarben und Lattenroste +durch den Wald hinauf, und droben wird alles zurechtgelegt für die +Nachtarbeit, bei der diese notwendigen Dinge auf Pfaden, die man am Tage +wegen der singenden Vögelchen nicht begehen kann, in die Schützengräben +wandern. Dieses Gewimmel fleißiger Arbeit -- das ist die »Ruhepause« +unserer Feldgrauen! Schließt man die Augen und sieht diese schleppende +Plage nimmer, so glaubt man wirklich an heitere Ruhe, denn immer hört +man ein Lachen, überall klingen fröhliche Worte. + +Ich sehe zwei von unseren gesegneten Feldküchen am Werke; sie brodeln +und qualmen und riechen gut und werden am Abend den gesunden Hunger +der Unseren stillen. Wie eine liebe Freude ist dieser Gedanke in mir! +Und da greift mir plötzlich etwas Hartes und doch etwas wunderbar +Schönes an den Hals und tief in das Herz hinein -- ich stehe vor dem +»Waldfriedhof«! So nennen sie diesen kleinen stillen Platz. Zwischen +vier großen Eichen haben sie sauber gemacht, den Weg besandet und einen +Zaun gezogen. Alles, was in dem schneelosen nordfranzösischen Winter +immergrün ist, das haben sie weit in der ganzen Gegend gesammelt, haben +es hier mit den Wurzeln eingepflanzt und haben es so sorgsam gepflegt, +daß es schon jetzt zu treiben beginnt und neue Blätter bildet: Lorbeer +und Stechpalme und Buchs und Efeu. Aus den zerschossenen Dörfern haben +sie Marienstatuettchen und Kruzifixe herbeigetragen, eins für jedes Grab +-- und haben die Holzkreuze schön ausgeschnitten, haben sie bemalt, +haben in hübscher Schrift die deutschen Heldennamen draufgeschrieben, +haben rührend kindliche Verse gedichtet -- und haben so diesem ernsten +Platz, auf dem die grün geschmückten Hügel in breiter Reihe liegen, +etwas Heiligfrohes gegeben, etwas Frühlingshaftes in aller Kahlheit +dieser Winterszeit. Das ist keine Stätte des Todes -- das ist ein grüner +Tempel der Auferstehung und des ewig blühenden Lebens. + +Meine Deutschen! -- -- Wenn du von =denen= sprichst, du Philosoph aus +Fürstenfeldbruck, dann mußt du =anders= sagen: »=So ein Prachtvolk +auf der Welt!=« -- Solch ein Volk? Und untergehen? Nicht Sieger und +Lebensgärtner auf Erden bleiben? Dieser Gedanke wäre Irrsinn oder +verbrecherischer Zweifel an Gottes logischem Schöpferwillen! + +Das deutsche Bild, das ich gesehen, verläßt mich nimmer! Heiß zittert +in mir die dankbare Ehrfurcht nach, während ich hinter den führenden +Offizieren hinaufwate durch den engen, pfützigen Lehmgraben, dessen +Boden und Wände mich einwickeln in gelben Schlamm. Immer weiter führt +er hinaus in das vom schärfsten und gröbsten aller Pflüge, vom Pflug +des Krieges, durchackerte Feld. Immer knallt es und dröhnt. Wieder muß +ich an ein friedliches Schützenfest denken -- so pufft und donnert es +immer, wenn gegen Abend die Schützen sich beeilen, und wenn im guten +Büchsenlicht vor der Dämmerstunde bei vielen Punktschüssen die Böller +gelöst werden. + +Jetzt stehe ich auf der Wallbank und spähe durch die Scharte eines +Stahlschildes nach der feindlichen Stellung hinüber. Ein Grauen, das +mir durch alle Knochen rieselt, macht mich schauern wie bei Frost. Da +draußen liegen sie. Es sind nicht die ersten verwesenden Toten, die +ich sehe. Aber in solcher Menge! Zorn und Ekel und Erbarmen kämpfen +in mir. Dreiundfünfzig kann ich zählen. Jene, die am mutigsten waren, +liegen weit voran, jeder für sich allein -- hinter ihnen die anderen, +zuerst eine kurze, dann eine lange Reihe. Manche liegen wie behagliche +Schläfer; manche sehen aus, als wollten sie eben aufstehen und hätten +in den Beinen einen Krampf bekommen, der sie unbeweglich machte; andere +haben die Füße hochgeschlagen, wie erstarrt inmitten eines Purzelbaumes; +einer gleicht einem orientalischen Beter, der auf den Knien liegt und +mit ausgebreiteten Armen die Stirne zur Erde beugt; und einer scheint +wie in wildem Zorne stumm zu lachen und hält die beiden geballten Fäuste +gegen den Himmel gestreckt. Ganz braun sind diese Fäuste, so braun wie +die Fäuste eines Arabers. Und die gleiche braunschwarze Farbe liegt auch +über allen Gesichtern dieser einst weiß gewesenen Europäer -- soweit +ihre Gesichter noch vorhanden sind. Vögel und Mäuse haben da schon ihre +abmindernde Arbeit getan. Die Farben der Mäntel und Uniformen sind +verblichen; und jenen Toten, die beim Sturz das Käppi verloren, hat der +wochenlange Regen das Haar über Stirn und Schläfe gekämmt. So liegen sie +seit dem 18. Dezember; und ein Dutzend Schritte hinter diesen von aller +Heimat Verlassenen, die doch tapfere Helden ihres Volkes waren, schlafen +und essen und trinken im französischen Schützengraben ihre lebenden +Brüder! Denen boten die Deutschen einen Waffenstillstand zur Bestattung +ihrer Gefallenen an. Die Franzosen lehnten ihn ab. Warum? Weil sie darin +einen Vorteil für die Deutschen witterten? Weil sie glaubten, der stete +Anblick dieses Todes würde die Deutschen verzagt machen? Oder weil sie +hofften, dieser Leichenwall würde ihr empfindliches Ohlala-Häutchen vor +den bayerischen Gewehrkolben behüten? Oder nur, weil sie zu zivilisiert +und zu faul waren, um eine etwas mühsame und unästhetische Pflicht der +Pietät zu erfüllen? + +Fürstenfeldbrucker! Ich will beim Gedanken an diese verlassenen Toten +dein zorniges Philosophenwort nicht nachsprechen. Aber =recht= hast du! + +Nach diesen Minuten des Schauders ist mir der Anblick unserer +Feldgrauen, die den Waldfriedhof anlegten, wie Erlösung und Trost, wie +aufatmende Befreiung. + +Der Schützengraben, in dem ich da stehe, ist einer der +niederträchtigsten -- nur haltloser Lehm, immer in rutschender Bewegung, +alles eine Spottgeburt aus Dreck und Wasser. Mit Spaten und Brettern, +mit Flechtwerk und Lattenrost kann man dieses klebrigen, schleichenden +Feindes nicht Herr werden -- nur mit Humor. Recht bezeichnend heißt +eine Strecke dieses Schützengrabens das »Pfuiteufelgasserl«. Ein +Verbindungsgang hat sogar einen variablen Namen: bei leidlich trockenem +Wetter heißt er »König-Ludwig-Straße«; steigt das Grundwasser, so heißt +er »König-Ludwigs-Kanal«. Und in einer Grabensenkung, die =immer= +Wasser hat, bis übers Knie herauf, zeigt ein Täfelchen die Inschrift: +»Bitte nicht auf den Boden spucken!« Man begreift da den Sänger aus +dem feldgrauen Volke, der sich in einer lyrischen Schilderung des ihm +geläufigen Milieus zu dem Verse verstieg: + + »Der Schützengraben, wenn ich nicht irr', + Ist dem heiligen Peterl sein Nachtgeschirr!« + +In einem Höhlchen sitzen drei mit gekreuzten Beinen wie Türken und +spielen Tarock. Einen hör' ich sagen: »Daheim ist daheim!« Nebenan +spielt einer die Mundharmonika, sein Kamerad singt leise dazu, ein +bißchen melancholisch -- und ich höre im Vorübergehen den Vers: + + »Jatz hot sie einen andern Buam!« + +Auf dem Türchen eines Schlupfes steht: »Meilerhütte« -- auf dem +nächsten: »Arminshütte«; da hausen Mitglieder des Alpenvereins; einer +ruft mir zu: »Dös weard jetzt wieder a schöner Roman, gelt?« Und weil +ich auf dem Hirndach eine ziemlich dicke Mähne habe, die sich in meinen +drei Feldwochen schon merklich streckte, winkt mir ein Lachender: »Sö, +i bin Frisör, soll i Eahna vielleicht d' Haar stutzen?« Und beim Sausen +eines Haubitzenschusses hör' ich, wie einer warnt: »Obacht, a Rollwagerl +kimmt!« + +Einer sitzt ruhig in seinem Höhlchen und guckt aus der +Liebesgabenkopfhaube heraus wie ein mittelalterlicher Ritter aus seinem +Eisenhut. Ich frage: »Ist's warm da drinnen?« Er lacht: »Hundskalt! +Aber halbert trocken, Gott sei Dank! Vor acht Tagen hast allweil gmoant, +du mußt a Fisch wearn!« Ein anderer fällt ein: »Ah, dös is gut so! +Früher, daheim, da is man so von eim Tag in andern einitorkelt, und nie +hat man verstanden, was man hat vom Leben. Jetzt, bal i heimkomm, jetzt +weiß i, was 's Leben wert is und wie man leben muß!« + +An dem meterbreiten Zwischenraum zweier Unterschlupfe ist eine +Blechtafel befestigt: »Hier ruht in Gott ...« Ehe der Schützengraben +ausgehoben wurde, begruben hier die Deutschen einen Unteroffizier; diese +Erdstelle ließ man beim Bau des Grabens unberührt; zur Rechten und +Linken des Todes wärmt sich jetzt und ruht und schlummert das gesunde +Leben. + +Während des Weiterstapfens durch den Graben erzählen mir die Offiziere +von dem mißglückten Durchbruchversuch der Franzosen am 18. Dezember. +Mitten im heißesten Gefecht ereignete sich da ein heiteres Intermezzo. +Ein Bayer, der mit dem Bajonett losrennen wollte, erkannte in seinem +Feind einen »Spezi«, der drei Jahre in München als Kellner gedient +hatte. »Jesses! Du? Was tust denn =Du= da?« Der Franzose antwortete im +reinsten Münchnerisch: »Durchbrecha tean mer.« Und der Bayer lachte: »So +so? Da gib nur glei' dei' G'wehr her!« Die Sache war erledigt. + +Im Unterstand eines Artillerieleutnants bekomme ich noch ein kleines, +verheißungsvolles Stilleben zu sehen: das Fensterchen ist mit +sprossenden Efeustöcken bestellt -- und die Blumentöpfe bestehen aus +feindlichen »Ausbläsern«, aus den Stahlhülsen französischer Granaten, +die keinen Schaden anrichteten. + +Steil geht's hinunter und drüben noch steiler hinauf; ein Drahtseil ist +angebracht, wie bei einer gefährlichen Kletterstelle im Hochgebirge. In +der Mulde ist der Wall Schulter an Schulter besetzt. Und drüben, wo es +aufwärts geht, an etwas exponierter Stelle, warnt mich der Offizier: +»Den Kopf ducken! Für die Stelle haben die Franzosen drüben einen +Spezialisten.« Nicht weit von dieser Platte ist in der vergangenen Nacht +ein junger Fähnrich bei einer Erkundung gefallen. + +Meine Führer wollen umkehren, wir sind an der Grenze ihres Gebietes; +aber der junge freundliche Leutnant des Nachbargrabens erklärt: »Wir +haben was da droben, das =muß= man sehen!« Mit flinker Kletterei geht es +aufwärts. + +Ja! Das =mußte= ich sehen: =die Madonna im Schützengraben=! Früher +stand sie draußen an einem Feldweg, zwischen der deutschen und der +französischen Stellung, immer von den Kugeln bedroht. Vier stämmige +Bayern haben sie in einer finsteren Nacht hereingeholt in den Graben: +eine lebensgroße Mutter Maria mit dem Kinde, aus schwarzem Eisenguß. +Der Schöpfer dieses Bildwerkes muß halb ein Künstler, halb ein Bauer +gewesen sein. Etwas Naiv-Rührendes spricht aus dem zarten Schmalgesicht +der Maria, wie aus der spielenden Geste des heiligen Kindes. Nun steht +diese schwarze Madonna kugelsicher in einer Lehmnische des deutschen +Schützengrabens, ist mit Buchs umkränzt, mit Efeu umwunden -- und unsere +Feldgrauen, ehe sie sich schlafen legen, knien da, mit der Mütze vor der +Brust. + +Die sinkende Dämmerung umwebt das Bildwerk mit immer dichter werdenden +Schleiern. In mir ist ein Sinnen, so andächtig und froh, wie ein +gläubiges Gebet. Dann steigen wir über das offene Feld zum »Bayerischen +Hölzl« hinunter und brauchen dabei die Köpfe nimmer zu ducken; für den +»Spezialisten« im französischen Schützengraben ist es bereits zu dunkel +geworden. + +Eine deutsche Batterie gibt noch vier Schüsse ab. Ihr Hall und das +Krachen der platzenden Granaten weckt ein langrollendes Echo an den +Waldsäumen. Abendläuten im Felde! + +Ich werde bleiben bis zum Morgen, weil ich die »Nachtruhe« der +Feldgrauen am eigenen Leib erfahren will. Was man würdigen soll, das muß +man kennen. + + * * * * * + + 4. Februar 1915. + +Draußen die Nacht, von der man nicht sagen kann, daß sie still ist. Nur +dunkel ist sie. + +Wir sitzen zu fünft bei einer schmackhaften Mahlzeit im +»Offizierskasino« des Schützengrabens. Unter der Erde liegt es, ist +zwei Meter breit und drei Meter lang. Steigt man aus der Oberwelt über +das Trepplein herab, so muß man sich =sehr= tief bücken, sonst gibt es +gleich =zwei= Beulen, eine an der Stirn und eine am Hinterkopf. Hat man +aber diese Gefahr überwunden, dann wird die Sache ganz reizend. + +An die dreißig solcher Hütten und Kellerchen hab' ich schon besucht; in +allen merkt man die gleiche deutsche Sehnsucht: ein Heim zu haben, in +dem man sich gerne aufhält. + +Naturherd aus gedörrten Lehmpatzen oder eisernes Öfelchen, beide haben +die verwandte Eigenschaft: sie rußen und rauchen. Aber das macht +nichts. Den Ruß kann man wieder hinauskehren, und gegen den Rauch kann +man die Tür aufmachen -- wenn's nicht gerade hereinpritschelt. Von +den Lehmwänden schwitzt immer die Nässe durch; aber in der Wärme von +Ofen und Menschen verdunstet sie wieder. Die nachrutschenden Erdmauern +haben das beharrliche Bestreben, die Verschalungsbretter krumm zu +biegen und herauszudrücken; dann werden sie eben wieder aufgepölzt +und festgenagelt; das hilft mit Sicherheit einen oder zwei Tage. Daß +es von oben hereinregnet, das ist ja eine ganz natürliche Sache; ein +verständiger Mensch wird sich gegen die ewigen Gesetze der Schwere und +des Falles nicht auflehnen. Etwas irritierend wird die Sache, wenn das +Wasser von unten heraufquillt; na, da schöpft man eben und schöpft und +schöpft -- und schließlich kommt man zu der beruhigenden Überzeugung, +daß auch hier eine sehr alte Naturnotwendigkeit mitspielt: nämlich das +Gesetz vom Gleichgewicht der Flüssigkeiten. Wir haben doch das in der +Schule gelernt, daß das Wasser in den beiden Schenkeln einer gebogenen +Glasröhre gleich =hoch= stehen muß. Wenn also draußen das Lehmwasser +bis ans Fensterchen steigt, =muß= es sich einen Meter tiefer auf dem +Stubenboden herinnen doch =auch= ein bißchen zeigen. Und da sucht sich +der kluge Mensch eben nach Kräften zu schützen. Das ist das Wunderbare +im Feld: man wird so ruhig, daß man mit allem einverstanden ist und mit +allem fertig wird. + +Aber jetzt fragt einmal eine von unseren braven deutschen Hausfrauen +daheim: ob sie nicht längst schon im Irrenhause wäre, wenn sie das +vier Monate hätte mitmachen müssen. Sie wäre schon während der ersten +vier =Tage= in Verzweiflung geraten über die sonderbaren Flecken, durch +die bei solchen chronischen Wasserbewegungserscheinungen die Tapeten +in den seltsamsten Ornamenten gesprenkelt werden. Man könnte der Frage +nähertreten: ob man nicht einmal durch Parlamentsbeschluß die =Frauen= +in den Krieg schicken sollte. Ich denke =sehr= gut von ihnen, bin +aber doch überzeugt, daß sie =viel= nachsichtsvoller und geduldiger +heimkehren würden, als sie waren, da sie auszogen. + +Ja, wahrhaftig, diese Kellerchen sind tapeziert! Manchmal nur mit +Zeitungspapier und den Packbogen unterschiedlicher Liebesgaben. Zuweilen +aber auch mit persischen Teppichen, die aus einer nordfranzösischen +Villa stammen und -- wie ich bereits erzählte -- sich schon nach der +zweiten oder dritten Woche durch lebhafte Pilzbildung auszeichnen, +um sich schließlich in Warmbeete zur Züchtung von Schwammerlingen zu +verwandeln. + +An derart gestalteten Wänden sind nun allerlei nette Dinge angebracht. +Nie fehlt das Brettregal, auf das man die Schuhschmiere, das +Liebesgabenklosettpapier oder sonstige Kulturgegenstände hinauflegen +kann. Irgendwo ist immer ein möglichst wasserdicht gemachtes Archiv für +Schreibmappe und militärische Akten angebracht. Die reiche, mit Sorgfalt +und Liebe gesammelte Kunstgalerie besteht aus kolorierten Kupferstichen, +die aus dem Schutt der niedergeschossenen Bauernhäuser herausgeholt +wurden, aus den vielen Ansichtskarten, die von daheim gekommen, aus +Titelblättern der »Jugend« und aus Kriegsbildern des »Simplicissimus«. +In dem Offizierskasino, in dem ich mich augenblicklich befinde, ist +sogar eine Schwarzwälderuhr vertreten; aber sie geht nicht; infolge der +andauernden Feuchtigkeit ist das ganze Räderwerk zu einem unentwirrbaren +Oxydklumpen zusammengerostet; so hat diese Uhr jetzt nur noch den +einen Zweck, mit ihren eisernen Gewichten allerlei unangenehme Püffe +auszuteilen und sich mit ihren Ketten in die Haare der Tischgäste zu +verwickeln; aber -- »Eine Uhr im Zimmer, das sieht doch immer nett aus! +Nicht?« So behauptet der Major mit einem zärtlichen Blick auf diese +Kostbarkeit seines Bataillonskasinos. + +Geradezu vornehm ist die Beleuchtung. Es ist bekanntlich =viel= nobler, +Kerzen zu brennen, als elektrisches Licht zu benützen. Diese im Felde +selbst fabrizierten Talgkerzen haben jedoch bei ihrem aristokratischen +Glanze zwei mißliche Eigenschaften; ist es kalt und zieht es durch +Tür und Fenster herein, so brennen sie schief und tränen in die +Suppenschüssel; und ist es so warm, daß man von »Bullenhitze« redet, so +biegen sie sich in geschwungenen Barockformen über den Leuchter herunter +und lassen ihre Fetttropfen auf das magere Kommißbrot fallen. Na ja, +frische Alpenbutter wäre schmackhafter! -- + +-- Vielleicht erheben nachdenkliche Leser jetzt den Vorwurf gegen +mich, daß ich mit unangebrachter Heiterkeit von Dingen rede, die man +eigentlich doch sehr ernst nehmen sollte. Dieser Vorwurf wäre ungerecht. +Ich glaube, daß man, was ich da erlebt und gesehen habe, =nur= heiter +nehmen kann! Wollte ich =ernst= von der unbeschreiblichen Mühsal +erzählen, die unsere Offiziere und Soldaten seit Monaten mit namenloser +Geduld und entzückendem Humor ertragen, so würdet ihr in der Heimat bei +jedem meiner ernsten Worte ein wehes Zittern in euren Herzen haben! Aber +seid ohne Sorge! Ich =darf= heiter erzählen. Die Unseren im Felde sind +von so gesundem Schlag, daß sie monatelang die ruhelose Marter dieses +nassen Dreckes und die Drohung steter Gefahr für Leib und Leben ertragen +und dabei doch immer noch lachen können. + +Gerade im Anschluß an dieses Wort bekenne ich, daß ich an diesem von +Kerzentropfen und sonstigen Wirtschaftsrätseln bekleckerten Tische eine +der schönsten, tiefsten und wertvollsten Stunden meines Lebens genießen +durfte. Denn als wir gespeist hatten und der gute französische Landwein +geheimnisvoll in den sehr verschiedenartigen Gläsern leuchtete, begannen +sie zu erzählen, diese Feldgrauen; jeder von ihnen hat viel Hartes +durchmachen müssen; und einer trägt zwei kleine rote Narbensternchen +auf der Stirne -- wo die Kugel hinein und wieder hinaus gegangen, ohne +diesen festen deutschen Jünglingsschädel zerbrechen zu können. Von den +ersten schweren Wochen des Krieges erzählten sie, von den furchtbaren +Tagen und Nächten in Lothringen und Belgien, von Stunden, in denen +manchmal auch die Nerven des tapfersten Mannes zu versagen drohten. Ganz +ruhig erzählten sie, fast so ruhig, wie man von einem beschwichtigten +Ungewitter redet; nur ihre Worte wurden langsamer, ihre Stimmen leiser, +innerlicher; sie gebrauchten keine aufputzenden Adjektiva, sie sagten +jedes Ding so hart und streng vor sich hin, wie es geschehen war, und +keiner redete von sich selbst, jeder nur immer von der großen Sache. +Und während ich atemlos lauschte, an Herz und Knochen vom Grauen des +Krieges gerüttelt, war es mir immer, als müßte ich etwas Dankbares aus +mir herausschreien und müßte mit beiden Händen hinübergreifen über den +Tisch, um diese jungen deutschen Mannsfäuste zu fassen und zu drücken. +Hätten es mir diese drei Wochen im Felde noch =nie= gezeigt und gesagt, +so hätt' ich es jetzt an diesem kleinen Tisch verstanden, was für uns +Bürger in der Heimat das kraftvolle und sieghafte Wort bedeuten muß: +ein deutscher Soldat, ein deutscher Offizier! -- Freilich, im Sinne +eines Kunstgeschmackes, der die Abwechslung liebt, haben sie auch einen +Mangel: in ihren besten und wesentlichsten Zügen sind sie alle gleich, +da ist einer wie der andere! An vielen hundert kleinen Tischen dieser +kleinen Lehmlöcher könnte ich ein Gleiches hören, wie ich es an =diesem= +Tische vernahm. + +Es wirkte auf mich, daß ich lange wortkarg bleiben mußte, als es +schon wieder heiter wurde, weil Besuch erschien. In Begleitung +eines Reichsrates, den wir in München kennen und verehren, kam der +Regimentskommandeur zur Besichtigung der Nachtarbeit im Schützengraben +-- als Vorgesetzter ein Freund und Vater seiner Soldaten. Davon sollte +ich gleich eine Probe erfahren, die mir unvergeßlich bleiben wird. +Der Kommandeur wollte bei diesem Nachtweg eine Beförderung verkünden. +»Nach dem Regimentsschimmel müßte man's eigentlich anders machen. Aber +was einer verdient, muß er bekommen. Den Lohn verschieben, heißt ihn +entwerten.« + +Nun geht's hinaus in die dunkle Nacht, die geheimnisvoll durchklirrt +ist von einem gedämpften Arbeitslärm. Manchmal ein Schuß in der +Ferne, manchmal einer im nahen Schützengraben -- Schüsse, die bei +der Finsternis nicht treffen können, nur sagen wollen: »Wir wachen!« +Zuweilen leuchtet droben über dem Wald eine rote Helle auf und +verschwindet wieder. Und herunten zwischen den Bäumen schreiten oder +stehen schwarze Gestalten mit klumpigen Lasten auf den Schultern. +Schritt um Schritt geht es über klappernde Prügel hin oder durch +quatschenden Lehmteig. Bei etwas schwierigen Stellen leuchtet für einen +Moment der Strahl eines elektrischen Lämpchens auf. + +Ein Kriegsfreiwilliger wird herbeigerufen. Kaum unterscheide ich in der +Nacht den Umriß der schlanken, unbeweglich stehenden Gestalt. + +Die Stimme des Kommandeurs: »Lieber R.! Sie haben nicht nur zwei famose, +schneidige Erkundungen gemacht, ich weiß auch, daß Sie in allen Stücken +ein tüchtiger, verläßlicher Soldat sind! Nicht wahr, Sie streben den +Offizier an?« + +»Jawohl, Herr Oberstleutnant!« + +»Sind Sie schon Fähnrich?« + +»Nein, Herr Oberstleutnant!« + +»Dann sind Sie es jetzt. Ich gratuliere Ihnen!« + +Da hör' ich einen leisen Laut -- wie von einem Jungen, dem beim Baden im +Bach das kalte Wasser heraufsteigt an die Lenden. Dieser leise Laut -- +das war tiefste deutsche Soldatenfreude. + +Ich muß die Hand strecken. »Darf ich Ihnen auch gratulieren?« Keine +Erwiderung. Aber den Händedruck hab' ich noch eine Stunde lang gespürt. + +Der Weg durch Laufgang und Schützengraben ist mit Schwierigkeiten +verknüpft. Immer wandern die langen, endlos scheinenden Reihen der +lastschleppenden Soldaten an uns vorüber. Beim Ausweichen muß ich immer +den verwünschten Bauch in die nasse Lehmwand hineinquetschen. Oft komm' +ich von diesem klebrigen Teige kaum mehr los. Pfundweis hängt er an +meinen Händen. Was will man machen, man wischt ihn an der Hose ab. + +Überall im Schützengraben wird geschanzt, geschaufelt und gearbeitet, +überall wird gebessert, was schlecht wurde, überall ausgetauscht, was +unbrauchbar geworden. + +In ihren Schlupfen liegen die Abgelösten; keine Stimme, kein Öffnen des +Türchens, kein Zug der kalten Nachtluft und auch kein Schuß vermag +sie zu wecken. Sie schlafen, wie nur die Zufriedenen und Glücklichen +schlummern. Wie Aschensäcke sehen sie aus, in ihre Mäntel gewickelt, die +Zeltbahnen über die Köpfe gezogen. + +Die Schützen, die im Graben auf Wache sind, stehen regungslos bei +ihren Scharten und spähen in die Nacht hinaus, die der Mond, hinter +dicken Wolken verborgen, ein bißchen aufzuhellen beginnt. Oder gewöhnen +sich nur die Augen an die Finsternis? Manchmal ein Schuß -- weil ein +Wachtposten was gesehen hat oder was zu sehen glaubte. Und zuweilen, +in den benachbarten Stellungen drüben, das Dröhnen einer platzenden +Granate. Eine kann ich aufgehen sehen. Das sieht aus wie ein Strauß aus +Feuerblumen, der eine schwarze Manschette hat. + +Durch den ganzen Schützengraben geht es. Die schußbereiten +Maschinengewehre werden revidiert. In einen finsteren, engen Gang hinein +und unter die Erde hinunter! Ganz vorne arbeitet einer wie ein Bergmann, +ein zweiter karrt den ausgehobenen Lehm davon, ein dritter versteift den +Minengang mit stützenden Bohlen. + +Wieder im Graben. Ein schönes, rotglänzendes Sternchen surrt in die Luft +hinauf und fängt in der Höhe grell zu brennen an. Das ganze Gelände +zwischen unseren und den feindlichen Gräben ist taghell beleuchtet. +Drüben liegen die toten Franzosen als schwarze, unbewegliche Klumpen +-- aber ganz in der Nähe liegt etwas Lebendiges, das sich bewegt: ein +deutscher Horchposten. Und ein Gewirre von Drähten ist zu sehen -- das +sind die Stacheldrahthindernisse und die aus dem Graben hinausgerollten +Spanischen Reiter. Ein letztes Lichtgezitter, alles versinkt wieder +in undurchdringliche Finsternis, um nach wenigen Minuten wieder +aufzuglänzen -- -- und wir daheim, wir sagen immer: »Was ist denn nur da +draußen? Warum geschieht da nichts? Warum geht da nichts vorwärts?« + +Es ist Mitternacht geworden. Nun dürfen auch die letzten der Geplagten +ein bißchen ruhen. Ehe der Morgen kommt, müssen sie wieder bei den +Scharten stehen. Und Nässe und Schlamm an Rock und Stiefel und Hose +müssen trocken geworden sein von der Wärme ihres eigenen Körpers. Seit +dem 5. August haben sie dieses Soldatenkleid am Leib und haben es nur +abgelegt, wenn sie hinter der Front im Ablösungsquartier die Wäsche +wechseln und baden und sich säubern konnten. Und diese Gesundheit, +dieser Humor, diese treue Beharrlichkeit, diese unzerbrechbare Geduld! +-- Und, wahrhaftig, da gibt es Leute in der Heimat, denen der deutsche +Sieg nicht schnell genug in die warmen Betten läuft! -- + +Im »Offizierskasino« noch ein kurzer Schwatz und ein Schlummertrunk. Im +Felde nennt man ihn »heißes Wasser«. Natürlich ist etwas drin, etwas +sehr Kräftiges! + +Und jetzt -- ins Bett. [+] [+] [+] Gott beschütze mich! + +Eine freundliche Ordonnanz zieht mir die zehn Pfund schweren Lehmgebilde +von den Beinen herunter. »Gut Nacht, Herr Doktor!« Dann bin ich +allein auf einer »Flur«, die alles andere ist, nur nicht »weit«. Das +Lehmherdchen glutet noch ein bißchen und raucht sehr heftig. Also die +Tür auf! Aber es hat zu regnen begonnen, und ein ungemütlicher Wind +peitscht die Traufenfäden herein. Also die Tür wieder zu! Und in den +Kleidern auf die Pritsche! Bevor ich das Kerzenstümpfchen auslösche, +seh' ich noch etwas sehr Schönes: die ganze Bretterdecke meines +Unterschlupfes ist behängt mit großen, blitzenden Diamanten. Jetzt +lieg' ich im Dunkeln. Da fängt es auch schon zu tropfen an. Pitsch, +pitsch, pitsch, pitsch! Ich ziehe, wie ich es bei den Soldaten gesehen, +die Zeltbahn über den Kopf. Nach einer Viertelstunde bricht mir am +ganzen Leib der Schweiß aus. Ich entkleide mich und krieche wieder +unter das raschelnde Segeltuch. Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch! Nach +einer halben Stunde friere ich, daß mir die Zähne klappern. Ich ziehe +mich wieder an, und weil mir vom Rauch, der nach Erlöschen jeglicher +Wärme reichlich zurückblieb, die Augen heftig brennen, mache ich wieder +die Tür auf, drücke sie aber sofort sehr energisch zu. Ich liege +wieder, und trotz der Dunkelheit bemerke ich an meinem nachlassenden +Hustenreiz, daß der Rauch verschwindet. Aber das andere bleibt: +Pitschpitschpitschpitschpitschpitsch ... jetzt klingt es viel schneller +und ununterbrochen. Nicht nur von oben kommt der feuchte Segen, auch +von unten her. Schon will ich in einem drohenden Tobsuchtsanfall +fluchen wie ein Berserker. Aber da muß ich denken: »So machen es unsere +Feldgrauen seit sechzig oder siebzig Nächten durch!« Wobei noch zu +berücksichtigen ist, daß ich als Gast ein »Kavalierhüttl« bekam, also +eine Sache, die so gut ist, wie sie sonst kein anderer hat! Ein Wunder +geschieht -- ich, das nervöseste von allen nervösen Äsern, ich werde +plötzlich so geduldig wie ein Lamm, drehe mich still auf die Seite und +fange, um den Schlaf herbeizuschmeicheln, die fallenden Tropfen zu +zählen an: Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch ... + +Ich glaube, bis nah' an siebenhundert kam ich. Ja, wahrhaftiger Gott: +gegen drei Uhr bin ich zufrieden eingeschlafen. Ein paarmal erwachte +ich, hatte rückwärts das Gefühl einer immer feuchter werdenden Unterlage +und im Hirn eine seltsame Idiosynkrasie: ich vermutete immer, daß +vor meinem Kavaliershüttl irgend jemand Holz hacke. Es waren die +Gewehrschüsse, die vom Schützengraben herunterklangen. Und einmal fuhr +ich sehr heftig auf und hörte noch ein doppeltes Rollen -- es war ein +Granatenpärchen in den Wald geflogen. Ich drehte mich um und schlief +wieder ein. Und habe geschlafen, bis im Ergrauen des Tages die Ordonnanz +mich weckte und meine schöngeschmierten Stiefel brachte: »No, Herr +Doktor, wie war's?« + +»Ganz gut! Ein bisserl feucht halt!« + +»Mein, da haben wir's jetzt noch wie im Himmel! Aber die vorig' Woch', +da haben wir sechs Nächt lang im Wasser hocken müssen. Niederlegen +hat man sich gar nimmer können. Auf'm Tornister hat man halt sitzen +müssen. Da hat's die meisten von uns a bißl verdrossen. Alle haben wir +g'schimpft, ja! Bloß an einziger is zufrieden g'wesen. Dös war a Tölzer +Floßknecht. Der hat allweil g'sagt: >Dös bin i g'wohnt!< -- Da haben wir +uns a guts Beispiel g'nommen.« + +Draußen rauschte der schwere Regen. + +Heißer Tee. Fünf Tassen. Dann hinauf in den Schützengraben. Hier sind +im Morgengrau schon alle bei der Arbeit. Fast durch die ganze Länge des +Grabens liegen die Lehmwände niedergebrochen. Alles, was Boden heißt, +ist verschlammt und überschwemmt. Und den schanzenden Soldaten rinnt +das Wasser über Gesichter, Rock und Hosen herunter. Und immer noch +schwatzen sie lustig und machen jene kleinen, netten Späße, in denen +eine große, tiefe Seele steckt -- die Seele des deutschen Volkes! + +Ist der Krieg im Regen ertrunken? Kein Schuß mehr. Den ganzen Vormittag +bleibt es still. Doch am Nachmittage, während ich durch die klatschenden +Regengüsse und unter peitschenden Windstößen zurückwandere zu meinem +Fürstenfeldbrucker Philosophen, beginnen die Haubitzen wieder zu +donnern, und von überall klingt das Knallen, das die pfeifenden +Vögelchen fliegen macht. + +Mein ganzes Denken ist ein einziges heißes, inbrünstiges Gebet zur Sonne: + +»Komm! Und scheine den Unseren! Meinetwegen auch den andern! Wenn nur +die Unseren trocken werden und sich wärmen können!« + + + + + 10. + + + 7. Februar 1915. + +Einen Tag lang war herrliches Wetter. Alles funkelte von Sonne. Die +reinste Frühlingsstimmung! Dachte man an die Truppen, so fühlte +man immer den gleichen Gedanken: »=Gott sei Dank, jetzt werden +sie trocken!=« Wie eine tiefe Wohltat war's, mir vorzustellen, +daß unsere Feldgrauen vor Wärme dampfen. Und mit Lachen mußte ich +besonders an =einen= denken. Den hatte ich in seinem triefenden +Schützengrabenhöhlchen knien sehen, mit einer ganz sonderbar +verbuckelten Gestalt. »Um Gottes willen, was ist denn mit Ihnen?« hatte +ich erschrocken gefragt, denn ich hielt ihn für einen Schwerverwundeten +im Notverband. Aber nun kam eine heitere Lösung. Der kluge Mann hatte, +um sich gegen die von unten heraufquellende Nässe zu schützen, =sieben= +wollene Liebesgabenbauchbinden =hinten= herumgebunden. Er behauptete: +das bewahre ihn bis zum Morgen vor dem tieferen Eindringen jeglicher +Feuchtigkeit. Weil die äußerste dieser sieben wollenen Sitzfleischhäute +zinnoberrot war -- möglicherweise aus dem ehemaligen Unterrock einer +Dorfschönen geschnitten -- glich der Eingewickelte einem Pavian in der +Paarungszeit. Wie feucht die sieben konträr verwendeten Bauchbinden +auch geworden sein mögen -- jetzt konnte er sie einen Tag lang in die +freundliche Sonne hängen. + +Die drollige Episode ist auch ein ernster Beweis für die opulente +=Liebesgabenfülle=, mit der unsere Feldgrauen von der Heimat aus bedacht +werden. Was sie mehrfach bekommen, wird oft in höchst sinniger Weise +aufgebraucht. Einen sah ich, der vier Paar Kniewärmer zu ganz famosen, +tütenförmig übereinandergreifenden Gamaschen zusammengenäht hatte; der +Mann muß übrigens auch künstlerischen Geschmack haben, weil er bei +Erzeugung dieses Meisterwerkes der Feldflickerei die Farben harmonisch +gliederte: grau, braun, grau, braun. Überzählige Schlipse werden +häufig als Lehmhindernisse oben um die Stiefelröhren herumgewickelt; +entbehrliche Pulswärmer finden Verwendung als Zehenfutterale, und +Kopfschläuche werden zu »Kniehösln« degradiert. Einstimmig ist bei +allen Feldgrauen die =dankbare Anerkennung der Liebesgabenmenge=. Zu +Dutzend Malen hörte ich in wechselnden Worten den gleichen Sinn: »=Die +Leut daheim sind so viel gut! Jetzt haben wir's oft besser wie in der +Friedenszeit.=« + +Die segensreichste von allen Liebesgabenspenderinnen ist aber doch +die warme Sonne. Sie macht überflüssig, was Wolle heißt, und legt die +Soldaten trocken wie liebe Kinderchen. Nur die Kanonen macht sie nervös; +denn wenn die Nebel verschwinden und der Himmel blau wird, erscheinen +die feindlichen Flieger. Vorgestern hörte man fast ununterbrochen vom +Morgen bis zum Abend die Schrapnellschüsse krachen, die den Fliegern +entgegenflammten und hinter ihnen herjagten. Das ist ein aufregendes +Bild: wenn hoch droben im Blau dieser winzig aussehende Menschenvogel +kreist, den das unbewaffnete Auge erst nach langem Spähen zu entdecken +vermag. In so großer Höhe ist seine Bewegung eine kaum merkliche: oft +scheint er völlig stillzustehen wie ein Falke, der auf seine Beute +lauert. Und dann plötzlich springen aus dem blauen Himmel, während +herunten auf der Welt die Schüsse krachen, kleine silbergraue kuglige +Wölklein heraus, immer wieder und wieder eins, hinter dem Vogel, +vor ihm, über ihm, unter ihm -- die Rauchklumpen der platzenden +Schrapnellgeschosse. Ganz ruhig bleiben sie hängen im Blau, erweitern +sich ein bißchen, werden zu weißen Himmelsschäfchen -- und wenn der +Flieger schon lange verschwunden ist, hängen sie noch immer da droben +und bezeichnen den Weg, den der feindliche Menschenvogel genommen hat. + +Schwebt der Flieger in zwei- bis dreitausend Meter Höhe, so ist er fast +völlig sicher. Nur bei ganz besonderem Glücksfall -- der feindliche +Vogel würde sich natürlich anders ausdrücken -- kann ihn ein Schuß +herunterholen. Freilich, je höher der Flug, um so bescheidener auch +das Resultat der Erkundung, trotz Photographie und Funkenspruch. +Die vielen Schrapnellschüsse, die man hinaufschickt, bringen also +immerhin den Gewinn, daß der französische Flieger, dem die glückliche +Heimkehr wesentlich sympathischer als der Absturz ist, außerhalb +einer ergebnisreicheren Spähweite gehalten wird. Trifft ein Schuß, +so geht's dem Flugzeug noch lange nicht ans Leben; die Stellen, wo es +sterblich ist, sind keine Scheunentore, sondern kleine Achillesfersen. +Jeder Doppeldecker der deutschen Fliegerabteilung zu H., bei der ich +einen mir unvergeßlichen Tag verbrachte, ist ausgezeichnet durch die +Ehrenmale vieler Schußnarben; neben jenen ausgeheilten Wunden, die +für das Flugzeug lebensgefährlich waren, steht unter dem Bild des +Eisernen Kreuzes der sieghafte Tag angeschrieben, an welchem deutsche +Unerschrockenheit und Geistesgegenwart eine drohende Todesstunde +überstanden. Mit dankbarer Bewunderung hab' ich das Eiserne Kreuz +erster Klasse unseres kühnen Fliegeroffiziers betrachtet, der auf einem +ebenso verwegenen wie ergebnisreichen Erkundungsfluge schwer verwundet +wurde und noch in äußerster Erschöpfung, auf dem Verdeck des Flugzeuges +stehend, =ein Schußloch des rinnenden Benzinbehälters so lange mit dem +Daumen verstopfte, bis der Doppeldecker innerhalb der deutschen Stellung +glücklich zu landen vermochte=. + +Der Satz, den ich da niedergeschrieben habe, ist schnell gelesen. Doch +wer die Ewigkeitsminuten eines solchen Nervenkampfes in den Lüften +auszudenken vermag, wird einen atembeklemmenden Schauder empfinden und +sich dabei doch aufrichten in deutschem Stolz. Vor Beginn des Krieges +hatte das französische Flugwesen gegen das deutsche eine siebenfache +Übermacht. Unsere Flieger haben sie ausgeglichen durch zähe Schulung und +technisches Geschick, durch stählerne Herzhaftigkeit und erhöhten Mut. +Wie man von altersher sagte: »Ein Mann, ein Wort« -- so wird man sagen: +»Ein deutscher Flieger, ein deutscher Held!« -- Bei uns ist die Kraft, +bei uns der Sieg! Alles was ich sehe und erlebe im Feld, klingt mir +immer wieder aus in diesen herrlich läutenden Refrain. + +Neuer Nebel und Regen brachte mich gestern um den Anblick eines +=Geschwaderfluges= der Unseren. Ein solcher Flug war geplant zur +Begrüßung unseres Königs, der die bayerischen Armeeverbände an der Front +besichtigte. Wetter und Wind verriegelten die Fliegerschuppen. Aber der +Vorbeimarsch unseres =Leibregiments= sowie der anderen, auf Ablösung +in den Stadtquartieren weilenden Truppen war auf dem großen Stadtplatz +trotz Nebelreißen und spritzenden Pfützen eine ganz prachtvolle +Sache. =Jede Schießscharte in unseren Schützengräben ist Schulter an +Schulter besetzt -- und hinter der Front dieses fast unübersehbare +Gewimmel unserer gesunden, hochgewachsenen, kraftvollen und tadellos +ausgerüsteten Soldaten!= Im Gefühl der Zuversicht, die dieses Bild und +der klingende Taktschritt vieler Tausende von festen deutschen Beinen +mir einflößte, hätt' ich vor Freude immer schreien mögen. Das verbot +nicht nur der militärische Ernst der Stunde, auch jeder Blick auf die +Einheimischen, die in dichten Gruppen umherstanden; sie sprachen kein +lautes, vernehmbares Wort; entweder blieben sie stumm oder flüsterten +ganz leise miteinander; immer unruhiger irrten ihre Augen über diese +festgefügten Soldatenzüge hin, und in ihren Gesichtern wurden Schreck +und Staunen immer größer, je länger der Vorbeimarsch der Bataillone +und Batterien dauerte. -- Neulich, als große Rekrutennachschübe hier +eintrafen, tuschelten die Einheimischen mit glänzenden Augen einander +zu: das wären fliehende, von den Franzosen aus den Schützengräben +verjagte Deutsche. Gestern begriffen sie die Wahrheit und bekamen +eine erschreckende Vorstellung von Deutschlands unerschöpflichem +Menschenbrunnen. Und da war in ihren Augen die Trauer des Wissens: +daß der Sieg ein unentreißbarer Besitz der Deutschen ist. Wenn die +=Franzosen= zittern und Unruhe und Verzagtheit fühlen, so haben sie +Grund dazu! + +Immer war im Blick und im Lachen unseres Königs die Freude zu sehen, +die ihm das straffe Bild seiner Truppen bereitete. Bei dem Festmahl, +dem als Gast der Generalfeldmarschall =von Bülow= beiwohnte, war der +König in einer Stimmung, die ihn zu verjüngen schien. Aus seiner +heiteren, lebhaften Unterhaltung war herauszuhören, was dieser von Kraft +klirrende Tag ihm gezeigt hatte. Im Anschluß an ein Gespräch über meine +Schilderungen des Hauptquartiers sagte der König: »=Wann dieser Krieg +zu Ende sein wird, ob später oder früher, das weiß heute mit Sicherheit +kein Mensch auf Erden. Aber wie er ausgehen wird, das wissen wir doch +alle. Da kann man ruhig sein.=« + +Vorhin gebrauchte ich das Wort »Festmahl«. Das klingt ein bißchen +wunderlich: ein Festmahl im Kriegslager. Man muß da nur wissen, wie +es war. Eine Stimmung von festlicher Gehobenheit, gewiß! Aber dieses +Mittagessen, an dem der König teilnahm, fand im zweiten Stockwerk +eines hohen, schmalbrüstigen Hauses statt, dessen rechte Mauerseite +ungestützt und ein bißchen schief in der Luft hängt. Das Nachbarhaus, +das diese Mauer vor einigen Monaten noch tragen half, die Präfektur, +ist niedergebrannt und in einen Schutthaufen verwandelt -- nicht von +den Deutschen in Trümmer geschossen, sondern =vor= ihrem Einmarsch +abgebrannt, nachdem die Staatsgelder, wie hier erzählt wird, auf +unerklärliche Weise verschwunden waren. In diesem schmalbrüstigen, von +seiner staatlichen Stütze jetzt völlig verlassenen Hause wurde im Juli +des vergangenen Jahres, kurz vor Ausbruch des Krieges, ein Galadiner +zu Ehren des Präsidenten der französischen Republik abgehalten. Von +der Herrlichkeit dieses peronnesischen Nationalfestes unter Monsieur +Poincarés Vorsitz ist nur das künstlerisch verzierte Menü noch übrig +geblieben: ein Dutzend der leckersten Gänge mit einer Himmelsleiter +aller besten französischen Weine! Bei dem Mittagessen, das gestern für +unseren König und seine Offiziere gerichtet war, ging es einfacher zu; +man trank dabei Bayerisches Bier und ein paar Gläser Sekt. Und als +von der freihängenden Wand gesprochen wurde, die bei jedem schweren +Kanonendonner sehr merklich wackelt, sagte der König lachend: »=Wo +Deutsche sitzen, da hält schon alles!=« + +Ja! Wir Deutschen sitzen hier in erobertem Land! Und das hält. Sicher +und fest. + + * * * * * + +Es war um die elfte Nachtstunde. Und plötzlich hörte ich ein Lied von +vielen Soldaten, hörte den stahlfesten Hammerschlag marschierender +Schritte, warf die Feder weg und sprang an das Fenster und riß die +Scheiben auf. + +Über der laternenlosen Straße hing eine schwarze, finstere Nacht, in der +mein Blick nur mühsam die Umrisse der gegenüberliegenden Hausdächer +unterschied. Und ein heulender Sturmwind peitschte mir den Regen ins +Gesicht. + +In solcher Nacht kamen sie heranmarschiert und sangen, kamen aus der +Stadt und stampften hinaus zu den Schützengräben. Es müssen zwei +Bataillone des =Leibregiments= gewesen sein. So finster war es, daß +ich einzelne Gestalten nicht auszunehmen vermochte. Nur die großen, +dichten Menschenklumpen unterschied ich. Das einzig Helle und deutlich +Sichtbare waren die wehenden Glutfunken, die von den Zigarren oder aus +den brennenden Pfeifen im Sturmwind davonflogen. + +Immer sangen die Soldaten, immer das gleiche Lied: + + »=In der Heimat, in der Heimat, + Da gibt's ein Wiedersehn!=« + +Und dann kam etwas, was ich von singenden Soldaten noch nie gehört +habe: als sie schon außerhalb der Stadt waren, außerhalb der alten, +zerbrochenen Festungswerke, verwandelte sich das Ende ihres Liedes in +ein mit wirren und hohen Stimmen durcheinanderklingendes Jauchzen und +Jodeln, wie wir es kennen von unseren Hochlandsfesten bei strahlender +Morgensonne. + +Ein Gedanke sagte mir noch: Du irrst dich, es hat nur der Sturmwind ihr +Lied zerrissen, und drum tönt es so, wie wirr durcheinanderklingende +Schreie! -- Aber nein! Ganz deutlich, jeder Täuschung entrückt, wahr +und wirklich, klang es nun abermals durch die Finsternis aus der Ferne +zu mir her! Sie jauchzten und jodelten wie junge Menschen in froher +Trunkenheit! Und da war es in mir wie ein klares Sehen, wie ein festes +und heiliges Wissen: daß Soldaten, die mit solchem Liede und mit solchem +Jauchzen in eine stürmische Nacht hinausmarschieren, der Gefahr und +dem drohenden Tod entgegen -- daß solche Soldaten siegen =müssen=! +Gleichviel, wann! + + + + + 11. + + + 16. Februar 1915. + +Vor wenigen Tagen war es. Niemand sprach davon, daß man einen Angriff +der Franzosen erwarte. Aber es lag was in der Luft, nicht nur deshalb, +weil die feindlichen Geschütze seit zwei Tagen lebhafter als sonst über +die fernen Waldhügel herüberdonnerten. Auch am Verhalten der Feldgrauen +fiel mir etwas auf. Ich glaube, militärisch nennt man es »erhöhte +Bereitschaft«. + +Mit Anbruch der Nacht war für mich der Besuch einer weit entlegenen +Artilleriestellung verabredet, zu der es am Tage keine Zufahrt gibt. +-- Acht Uhr vorüber. Ich saß in einer engen, finsteren Sache, wie +ein Sträfling in seinem Zellenwagen. Das kleine Kupee hatte keine +Glasscheiben, sondern Brettfensterchen mit winzigen Ausschnitten, durch +die ich manchmal ein wässeriges Sternchen flüchtig aufschimmern sah. + +Nach zwei Stunden hält der Wagen. Ich bin im Hof einer großen Ferme. +Alle Läden geschlossen, nirgends ein Licht. Nur droben am klar +gewordenen Himmel brennen die vielen Sterne. Die Haustür wird geöffnet, +und die freundlichen Stimmen dunkler Gestalten begrüßen mich. Dann +sitzen wir in der etwas schummerigen Stube, und der Zigarrenrauch +schwimmt in geschlängelten Fäden um das sparsame Flämmchen der +Petroleumlampe. Die Offiziere sind heiter wie sonst; in dieser +Heiterkeit ist eine Ruhe, die alle Spannung meiner Nerven beschwichtigt. +Mir ist sehr wohl an diesem Tisch. Im Geplauder frag' ich einmal: »Da +ist doch hier in der Gegend eine von den Franzosen kaputt geschossene +Villa, deren Turm neulich noch ganz war? Da droben sitzt doch immer ein +Beobachter. Steht der Turm noch? Oder ...« Um den Tisch geht ein Lachen +herum. Und der junge Artilleriehauptmann schmunzelt: »Gott sei Dank, er +steht noch! Da droben sitze doch =ich= immer! Wenn Sie morgen nachmittag +zu mir hinaufkommen wollen? Ich denke, da werden Sie etwas sehen!« + +Während wir weiterschwatzen, hör' ich etwas: manchmal klingt es wie eine +Karfreitagsklapper; dann wieder, als kollerten viele Holzkugeln über +eine steile Treppe herunter; oder als würden hundert Teppiche geklopft. +Jede Sekunde klingt es anders und bleibt doch immer das gleiche. »Was +ist das?« -- »Noch ist es kein Angriff. Aber möglich, daß es einer wird.« + +Wir treten in den schwarzen, vom Sternenhimmel überfunkelten Hof +hinaus. Nun vernehm' ich es deutlich. So hatt' ich es noch =nie= +gehört, auch nicht im Schützengraben. Was da so unregelmäßig hämmert +in der Nacht, ist wie das Zähneklappern eines frierenden Riesen. Hoch +über uns fahren kurze Zischlaute durch die Luft: die »Hochgänger«, die +von den zerrissenen Salven der Franzosen zwei Kilometer weit über den +schwarzen Waldgrat herüberfliegen. Auf dem Dach geht eine Schieferplatte +in Scherben, und die Splitter bröseln in den Hof herunter. Dieses +ziellose Gepulver in der Finsternis hat etwas unsagbar Aberwitziges. +»Schießen denn da die Unseren =auch=?« -- »Nein. Die warten, bis es +notwendig wird.« -- »Aber auf was schießen denn die Franzosen, jetzt, +in der Nacht?« -- Ein Lachen. »Auf nichts. Vielleicht glauben sie, +eine Patrouille zu sehen. Oder es ist wieder ein Bluff, mit dem sie uns +herauslocken möchten. So machen sie es oft. Aber die Unseren sitzen fest +und warten ruhig, bis die Franzosen kommen. Dann kracht es bei =uns=. +Das hat einen ganz anderen Ton!« -- + +Diese Erklärung gab mir ein äußerst behagliches Zufriedenheitsgefühl. +Mit ihm vereinigte sich das Bild der Schützengräben, die ich gesehen -- +und die deutsche Seßhaftigkeit in diesem Maulwurfskriege begann mir als +etwas sehr Notwendiges und Vorteilhaftes einzuleuchten. Bei gleichen +Kräften eine unzerbrechbare Mauer verteidigen, ist schon der Sieg -- +mit dem Kopf gegen unbeugsame Steine rennen zu müssen, ist schon die +Niederlage, noch ehe der letzte Kampf beginnt. Die festen Stellungen, +die hier seit Monaten geschaffen und mit jedem Tage stärker ausgebaut +wurden, können nur durch eine große Übermacht überrannt werden. Eine +solche Übermacht werden die Franzosen auch mit englischer Hilfe niemals +wieder haben! Aber =wir= werden sie haben! Bald! Dann wird die Stunde +der Entscheidung im Westen gekommen sein! -- + +Am Morgen schien die Sonne aus blauem Himmel heraus. War dem frierenden +Riesen warm geworden? Er hatte seinen klapprigen Zähneschauer +eingestellt. Nur ab und zu noch klangen einzelne Schüsse von der +feindlichen Stellung herüber. + +Die Offiziere waren aus der Ferme verschwunden; ein junger Doktor sollte +mich führen. Vor dem Hause ging es lebhaft zu. Feldgraue kamen über +die Lehmwege hergewatet, jeder mit sechs kleinen Kesseln, um von der +Feldküche das Frühstück für die Kameraden im Schützengraben zu holen. +Die Schüsse, die sich noch hören ließen, wurden übertönt vom friedlichen +Geräusch einer Dreschmaschine, die den französischen Weizen für den +deutschen Appetit ausklopfte. Zwölf Bauernweiber lupften die Garben, +bedienten die Maschinen und banden das ausgedroschene Stroh. Bei ihnen +stand zur Aufsicht ein braunbärtiger deutscher Unteroffizier, der sein +Pfeiflein rauchte und gemütlich dreinguckte, solange die Weiber tüchtig +schafften; wurden sie faul, dann nahm er die Pfeife aus den Zähnen und +sagte energisch: »Trawalliöh!« Worauf die Weiber wieder sehr fleißig +wurden. -- Besser so, als daß ein französischer Korporal unseren +deutschen Bauernfrauen befehlen dürfte: »Harbeiiitet!« + +Manchmal donnerte irgendwo ein Kanonenschuß, während wir in den +glänzenden Vormittag hinauswanderten. Wir mußten gedeckte Schleichwege +suchen, durch Pfützen waten, durch dornige Wäldchen kriechen. Auf einem +großen Teiche sahen wir ein deutsches Idyll: eine mit Weizengarben +beladene Zille kam auf dem Wasser herangeglitten; vier Feldgraue saßen +auf der Strohladung des Schiffleins, und zu dieser netten Fahrt blies +einer die Mundharmonika; warme Sonne umglänzte das hübsche Bild, das +doppelt zu sehen war: in der Luft und im spiegelnden Wasser. Dazu der +französische Kontrast: ein grauenvoll verwüstetes Gehöft! Welch ein +entzückendes Landhaus mit Obstwiese und Blumengarten, mit Fischzucht und +Weihern, mit Rosenhecken und Lauben muß das gewesen sein, ehe der Krieg +begann! Und jetzt ein wüstes Durcheinander von verkohlten Balken, von +Brandschutt und zerstückelten Mauern! + +Ein Rauschen in den Lüften -- ein Flieger! Ich fand ihn mit dem Glas. +Ein deutscher Doppeldecker! Wie etwas ganz Feines und Zierliches flog +er zweitausend Meter hoch im Blau. Da begann auch schon die Kanonade +von der französischen Stellung her, ein feindliches Maschinengewehr +erhob seine langsame Unkenstimme: »Tack, tack, tack, tack ...«, und +neben der Sonne pufften in langer Reihe die grauen Kugelwölklein der +Schrapnellschüsse aus dem blauen Nichts heraus. In meiner Seele war +ein heißer Schrei: »Fliege, fliege, du deutscher Bruder da droben, +erfülle deine kühne Pflicht, laß dich nicht herunterholen vom Haß deiner +Feinde!« Er flog und flog, immer blieben die Explosionswölklein weit +hinter ihm zurück. Geradhin und ruhig segelte er wie ein wilder Schwan, +der die Tiefe verachtet. Keiner von den hundert Schüssen, die nach ihm +abgefeuert wurden, konnte ihn auch nur zum leisesten Ausbiegen von der +Richtung seines Erkundungsfluges zwingen. Im Glanz der Sonne, den meine +Augen nimmer ertrugen, verschwand er. Ich mußte zwei Worte flüstern: +»Deutscher Flug!« Aus diesen Silben und ihren Bildern wuchsen mir +stolze, hoffnungsfrohe Gedanken heraus. -- + +Ein zerrissener Wald, in den die Mittagssonne steil herunterglänzte. +Hier sah ich etwas Neues: einen von den großen Mörsern, die vor wenigen +Tagen hierhergebracht wurden. Steht ein Mensch neben solch einem +metallenen Ungetüm, so sieht er aus wie ein Zwerg neben einem Nashorn. +An der Kugel, die dieser deutsche Kampfgigant über zehn Kilometer +schleudert, haben vier Feldgraue zu schleppen. Und solcher Kugeln stehen +Hunderte aufgeschichtet, jede in ihrem binsenen Moseskörbchen! Ich +frage: »Wird geschossen?« -- »Vor dem Abend kaum. Der Feuerbefehl muß +von der Turmstelle kommen.« Also von dort, wo ich in einer Stunde sein +werde! + +Bei dem weiten Umweg über die Felder zappelt mir die Ungeduld in den +Beinen. Hinter einer Deckung erwarten uns die beiden Pferde. Wir reiten +los. Da beginnt auf einem langgestreckten Höhenzuge der frierende Riese +heftig mit den Zähnen zu klappern. Immer rascher klingt es ineinander, +fast ist es schon ein ununterbrochenes Salvenrollen. Und in vielen +Richtungen fangen die Geschütze zu dröhnen an, vorerst nur französische. +Jeder Schuß ist ein doppelter Donner: Abschuß und Granatenschlag. +Wir lassen die Pferde rennen, um so rasch wie möglich unser Ziel zu +erreichen. -- Da ist es! + +Auf einem von winzigen Waldflecken umhuschelten Hügel stand einmal ein +kleines Dorf. Jetzt ist es ein Schutthaufen, den alles Leben verlassen +hat. Nicht weit davon liegt die Trümmerstätte der kastellartigen Villa +mit dem hohen Turme, der noch immer steht. Wer diesen Turm erbauen ließ, +muß Ritterträume gehabt haben _à la_ Don Quixote! Vom Haus ist nimmer +viel übrig, und auch der Turm ist ausgebrannt bis in die zerrissene +Blechkuppel hinauf. Sein Inneres ist eng und dunkel; von den vier +verbrannten Turmböden sind nur noch ein paar verkohlte Balkenstümpfe +vorhanden. In diesem leeren Mauerdarme haben die deutschen Pioniere +acht Leitern hin und her übereinander gebunden. Draußen der ruhelose +Geschützdonner, im Turme das Schweigen. Aber ganz in der Kuppel droben +trillert ununterbrochen die Klingel eines Telephons. Und ruhige Stimmen +tönen herunter; immer wieder höre ich die beiden Worte: »Turmstelle +hier!« + +Während der Doktor die beiden Pferde irgendwo versorgt, beginn' ich zu +klettern. Durch schießschartenähnliche Fensterchen fällt spärliches +Licht herein; das hilft mir, die Leitergriffe zu finden. In der +dunklen Höhe stoße ich mit dem Kopf gegen etwas Hartes. Über mir eine +lachende Stimme: »Herein!« Ein schmales Falltürchen wird geöffnet. +Zwei feste Hände greifen herunter und ziehen mich vollends hinauf. Ein +freundlicher, aber kurzer Gruß des jungen Hauptmanns -- ich bekomme in +dem kleinen Dachkäfig ein Winkelchen, wo ich stehen muß, ohne mich viel +rühren zu können -- dann geht die ernste militärische Arbeit weiter, +mit raschen und knappen Schlagworten, die mir, da fast immer in Zahlen +geredet wird, eine unverständliche Sprache sind. Außer dem Hauptmann +ist noch ein Leutnant da, ein Unteroffizier zur Bedienung des Telephons +und einer zur Meßarbeit auf der Karte, die über ein Brett gespannt ist. +Zwischen dem Mauerbord und der Dachkuppel ist eine handbreite Lücke; da +kann man hinausgucken, kann sogar den Feldstecher dazwischenstecken. Und +während bei jedem schweren Granatenschlag das Gemäuer des Turmes leise +schüttert, beginne ich zu schauen, durchwühlt von einer heißen Erregung, +die mir fast den Atem erwürgt. + +Was ich sehe, ist ein Bild von unsagbarer Schönheit, ein wundervolles, +im Gold der Abendsonne leuchtendes Land. Als ich noch da drunten war, da +sah ich Hügel und Wälder; jetzt seh' ich nur einen ebenen Felderschild +mit dunklen Flecken, aus denen sich höhere Bäume zierlich oder seltsam +geformt herausheben. Zerstörte Dörfer und zertrümmerte Gehöfte sehen +aus wie kleine, gesprenkelte, sonderbare Blumen. Gleich den niederen +Versatzstücken einer Theaterdekoration schieben sich die Konturen +von Gehölzen und Ortschaften durch- und hintereinander, alles wie +niedliches Spielzeug. Ich sehe geschlängelte Bäche und schnurgerade +Straßenzüge, sehe weit in südlicher Ferne den blitzenden Lauf der Somme +mit ihren Sümpfen und Kanälen, und sehe -- vergleichbar einem endlosen, +vielgewundenen, doppelten Kupferkettchen -- die von Osten kommenden +und gegen Norden ziehenden Linien der deutschen und feindlichen +Schützengräben. Über allem der blaue Himmel mit seiner niedersteigenden +Sonne; und in der Tiefe ein feines, wunderlich zu Streifen gestaltetes +Nebelziehen, das sich unter dem ruhelosen Donner des Geschützkampfes +mehr und mehr zu verstärken scheint. + +Dieses herrliche Land da drunten? Ist das ein Herzogtum ohne Volk? +Nirgends ist ein Mensch zu entdecken, nirgends ein Bauer auf den +Feldern, nirgends ein Wagen, der sich bewegt, nirgends ein Tier der +Erde! Alle Schönheit da drunten ist leer und öde. Nur manchmal, unter +dem aufschreckenden Granatendröhnen, flattern braune, dichte Schwärme +von Wandervögeln nahe bei meinem Ausguck vorüber, wie Wolken von dürren +Blättchen, die der Sturmwind treibt. + +Mir werden Lippen und Zunge trocken, und vor Erregung fiebert mir jeder +Nerv im Leib. Immer spähe ich durch das Glas nach den Schützengräben, +bei denen der Riese mit den Zähnen schauert. Ich gewahre nichts, nichts, +nichts, keinen Rauch, keinen Feuerblitz, keine Bewegung, =nichts=! Und +immer dieses Donnern und Brüllen in der Luft! Gierig suche ich mit dem +Glas die bald umschleierte, bald wieder von Sonne leuchtende Leere +ab. In weiter Ferne, auf etwa vierzehn Kilometer, gewahre ich vor +einem Waldstreif vier kleine, weiße Punkte, als hätte man da ein paar +Taschentücher zum Trocknen aufgehängt. Jetzt bewegen sie sich langsam +und schweben aufwärts und werden größer, ein feindlicher Flieger. Das +Telephon klingelt und die ruhige Stimme des jungen Hauptmanns, der +beim Scherenfernrohr sitzt, gibt eine Meldung in Ziffern. Der Flieger, +den ich mit dem Glas beobachte, macht plötzlich eine Schwenkung, und +ich sehe einen zweiten erscheinen. Ist das ein Deutscher? Der den +Franzosen verfolgt? Beide verschwinden im Dunst. Während ich suche, +kommt mir eine kleine blaugraue Kugel mit langem Schwänzlein ins Glas: +ein französischer Fesselballon. Unbeweglich hängt er in der Luft, etwa +zwölf Kilometer von uns entfernt. Nun gleitet er zur Erde hinunter und +verschwindet hinter einem Waldstreif. Beim Scherenfernrohr ein kurzes, +heiteres Lachen: »Dem war unser Flieger nicht geheuer!« + +Allmählich wird der Geschützdonner seltener und verstummt beinahe ganz. +Die grauen Dünste in der Landschaft zerflattern und verschwinden. +Die Sonne ist rot geworden, Felder und Wälder gluten oder liegen in +schwarzblauem Schatten. Das Telephon trillert, der Hauptmann wird zum +Hörrohr gerufen. »Jawohl, Herr General, der Ballon ist niedergegangen.« +Ein langes, leises Geräusch im Apparat, ähnlich dem Krächzen eines +Grammophons, bevor es zu spielen beginnt. Da sieht der Leutnant, der den +Platz am Scherenfernrohr einnahm, daß der Fesselballon wieder hochgeht. +Die Meldung wird ins Telephon gegeben. Wieder beginnt im goldschönen +Abend dieses Brüllen und Dröhnen, das die Lüfte erschüttert, gleich dem +Donner eines grauenvollen Gewitters. Wieder die ruhige Zahlensprache und +die kurzen Worte. Meldung um Meldung kommt, Meldung um Meldung fliegt +zu den Batteriestellungen und zum Divisionsstabe. Ich möchte lauschen, +möchte diese Ziffern und Worte deuten, aber immer muß ich schauen und +suchen. + +Der Geschützkampf, der sich bisher in größerer Entfernung abspielte, +scheint sich näher heranzuziehen. Auf zwei Kilometer steht plötzlich ein +gewaltiger, grauschwarzer Rauchbaum in einem Acker. Ein Krachen, daß +mir die Ohren klingen. Schlag um Schlag. Eine ganze Reihe von solchen +Rauchbäumen fährt aus der Erde heraus, dicht bei einem Wallstrich +unserer Schützengräben. Der Granatenregen kommt von zwei französischen +Batterien; ihr Feuer wird vom Fesselballon geleitet; sie schießen gut; +in gerader Zeile setzen sie eine Granate dicht neben die andere. Immer +muß ich an die Unseren in dem mit Flammen und Eisen überschütteten +Graben denken, und während mir das Gesicht brennt, rinnen mir kalte +Schauer durch das Herz. + +Die Sonne ist schon drunten, immer grauer wird die Dämmerung, immer +dichter dieses Dunstgewoge. In dem engen Dachkäfig des Turmes ist es +schon so dunkel geworden, daß man die Karte beim Messen nimmer ablesen +kann; man muß sie mit einem elektrischen Taschenlämpchen beleuchten. +Die Worte, die ich höre, lassen mich vermuten, daß die eine der beiden +feindlichen Batterien -- eine Waldbatterie -- jetzt gleich unter +deutsches Feuer genommen wird. Nach der anderen sucht der Hauptmann +mit dem Scherenfernrohr. »Da drüben, dreihundert Meter westlicher, +muß sie stehen, aber die Stellung verschwimmt im Dunst.« Ich spähe +durch mein Glas -- und ein Zufall will es, daß ich in der Dämmerung +die Stichflamme eines feuernden Geschützes erkenne. Im Scherenfernrohr +sieht der Hauptmann noch den Feuerstrahl von zwei weiteren Geschützen. +Durchs Telephon fliegt der Bereitschaftsbefehl zu den Mörsern. Aber +bis im Dunkel des Turmkäfigs bei Laternenschein die Richtung auf der +Karte gemessen und die Entfernung, achttausend Meter, berechnet werden +konnte, ist draußen der Abend schon so tief gesunken, daß das Feuer der +Mörser dem Feind ihre Stellung verraten würde. Das Telephon trillert. +»Die Mörser bleiben in Richtung. Schluß.« Eine andere Meldung geht zum +Stab. Und plötzlich dröhnen viele deutsche Schüsse rasch ineinander -- +weit aus den Lüften hör' ich etwas wie das ferne Sausen eines wackligen +Eisenbahnzuges -- und dort, wo die feindliche Waldbatterie gestanden, +seh' ich etwas Furchtbares und Wildschönes aufbrennen. Sieben oder acht +Granaten müssen es gewesen sein, die innerhalb zweier Sekunden auf die +gleiche Stelle gefallen sind. Für meine Augen sah es aus, als wär's nur +eine einzige Flamme, die wie ein riesiges Irrlicht zuckend und sinnlos +umherhüpfte. Eine schwere Wolke wirbelt da drüben in die sinkende +Nacht hinauf, die Stelle umhüllt sich mit Dunst -- und dann erst, da +alles für den Blick schon verschwunden ist, hört man den dröhnenden +Explosionsdonner und sein Echo. + +Eine ruhige Stimme sagt: »Die ist erledigt. Die andere kommt morgen +dran!« + +Nun tiefes Schweigen in der Dunkelheit. Kein Schuß mehr. Nichts. + +Ich kann nicht sprechen. Ganz stumm bin ich. Und während ich mich in der +Finsternis des Turmes über die Leitersprossen hinuntertaste, kommt mir +eine Erinnerung aus meiner Kinderzeit. Damals, 1864, sah ich in einem +Guckkasten die Beschießung der Düppeler Schanzen. Das war anders! + +Wir reiten durch die still gewordene Nacht. Zwischen den erwachenden +Sternen glänzt die feine Goldspange des zunehmenden Mondes. Das ganze +Rund seiner Scheibe ist als bläulicher Hauch zu erkennen. Sein Licht +wird wachsen mit jedem Tag, wird schön und vollkommen werden. Ich fühle +diesen Gedanken wie ein Gleichnis für den deutschen Sieg. + +Auf der dunklen Straße begegnen uns die langen Züge der zu ihren +Quartieren heimkehrenden Verstärkungstruppen; ihr Eingreifen ist nicht +nötig geworden; der Vorstoß, den die Franzosen versuchen wollten, +zerflatterte, bevor er noch richtig begonnen hatte. + +Die Feldgrauen, die in der Finsternis an uns vorübermarschieren, singen +nicht; sie reden mit ruhigen, halblauten Stimmen; und die Funken ihrer +Zigarren und Pfeifen wehen leuchtend in die Dunkelheit hinaus, gleich +schwärmenden Glühwürmchen einer Frühlingsnacht. + + + + + 12. + + + 21. Februar 1915. + +Wenn wir daheim den militärischen Tagesbericht studieren und dabei +die häufig wiederkehrende Stelle finden: »Im Westen hat sich nichts +Wesentliches ereignet« -- dann pflegen wir uns in Mißmut und Unbehagen +mit der Erörterung von Dingen und Taten zu beschäftigen, die nach +unserer Meinung notwendig geschehen müßten, aber unbegreiflicherweise +unterlassen werden. Keine von unseren Vorstellungen vom Kriege +ist so ungerecht wie diese! Gerade in den Zeiten, in denen wir +Daheimgebliebenen nichts von Siegen zu hören glauben, wird hier im Felde +so viel tüchtige, musterhafte und erfolgreiche Arbeit geleistet, daß ich +Glücklicher, der ich diese rastlose deutsche Tat jetzt mit eigenen Augen +sehen darf, jeden Tag mit dem frohen Gefühl beschließe: »Heute hab' ich +wieder einen großen deutschen Sieg gesehen!« + +Wie die »Ruhepausen« in den Schützengräben aussehen, wie hier in +bewundernswerter Ausdauer jede Minute bei Tag und Nacht benutzt wird, +wie man schaufelt und schanzt und unsere Stellungen in unzerbrechbare +Erdfestungen verwandelt, wie man mit äußerster Kraftanstrengung alles +erzwingt, was die Gefahr für unsere Feldgrauen vermindern und ihre +namenlose Mühsal etwas erträglicher machen kann -- davon habe ich +schon erzählt. Nun laßt mich heute davon sprechen, wieviel stille +deutsche Siege =hinter= der Front erfochten werden. Und je weniger +Nervengeprickel in den Schilderungen dieser von keinem militärischen +Tagesbericht verkündeten Siegesarbeit sein kann, um so aufmerksamer müßt +ihr daheim gerade =diese= Bilder betrachten. Sind die Siege an der Front +die weithin läutenden Türme unserer Kraft, so ist die Arbeit hinter der +Front das Fundament, auf dem sie errichtet werden und das sie trägt. + +Vor allem will ich da erzählen, was unsere deutschen Mütter und Frauen +mit tröstendem Aufatmen hören werden: in welcher Weise hier im Feld für +Ernährung, Unterkunft und Gesundheit ihrer Söhne und Männer gesorgt +wird. Wie es mit solchen Dingen bei den Heeren unserer Gegner gehalten +wird, das weiß ich nicht. Aus eigener Anschauung muß ich aber glauben: +=so, wie bei uns, kann es nirgends sein=! Was ich hier gesehen habe, das +kann nur =deutsche= Schulung, nur deutsche Umsicht und Fürsorge fertig +bringen! + +Ich will einen typischen, das Ganze im kleinen illustrierenden +Einzelfall herausgreifen, den ich selbst mit angesehen habe. Ein +Rekrutennachschub von dreitausendfünfhundert Mann war angemeldet, und es +hieß: in =vier= Tagen kommen sie, und bis dahin muß alles Nötige für die +Unterkunft der Leute fertig sein. Am Mittag des vierten Tages =war= es +fertig! Die Bahnzüge kamen, einer flink hinter dem anderen, und entluden +dieses junge Gewimmel der Feldfrischen. Hier, tief in Feindesland, +sechs oder sieben Kilometer hinter der Front, an der gekämpft wird, +funktioniert dieser gewaltige Bahnbetrieb mit der gleichen Ordnung und +Pünktlichkeit, wie wir sie bei uns daheim in friedlichen Zeiten kennen. +Eine lange Reise macht hungrig. Also das erste: die Leute müssen satt +werden. In einer von allem Französischen gesäuberten Güterhalle sind +in langen Reihen die hölzernen Tische und Bänke aufgeschlagen. Wer es +sieht, denkt an einen Münchner Bräukeller. Die »Gulaschkanonen« dampfen, +und in einem qualmenden Nebenraum sind Backsteinherde mit eisernen +Kesseln gebaut -- in diesen Kesseln, die aus einer Spinnerei stammen, +wurde früher die französische Seide gedünstet; jetzt siedet da drin für +unsere Deutschen das belgische Ochsenfleisch. Der Krieg nimmt, was er +brauchen kann und was ihm nützlich ist. Und nun sitzen die paar tausend +Feldgrauen auf den langen Holzbänken, lachend und schwatzend, und jeder +bekommt sein festes Mahl, jeder seinen Krug Bier, gutes Bier, das hier +von deutschen Brauern für die Unseren gesotten wird. + +Vom Bahnhof marschieren die Gesättigten zu ihren Quartierstellen, und +wenn sie von der nahen Front her den ersten Kanonendonner hören, blitzen +ihre Augen vor Ungeduld. Wo sie hinkommen, in Häusern, Meierhöfen, +Fabriken oder Schulen, finden sie alles zu ihrer Unterkunft bereit; +auf jeder Türe steht angeschrieben, wieviel Mann hier wohnen sollen. +Fünfzehnhundert werden untergebracht in einer großen Tuchfabrik. Vier +riesige Webersäle mit guter Luft und hellen Oberlichtfenstern. Aus drei +von diesen Sälen wurden die mechanischen Webstühle herausgeschleppt +und im vierten dicht aneinander gerückt; ein bißchen schnell hat es +gehen müssen; wenn der »abgereiste« Fabrikant dereinstens heimkehrt, +wird er geraumer Zeit bedürfen, um diesen eisernen Hexenknäuel wieder +auseinander zu dröseln. Die drei freigemachten Säle sind verwandelt +in Schlafräume; was in der Umgegend an Bettstellen noch aufzutreiben +war, wurde hier zusammengetragen; daneben lange Reihen von Lagerstätten +auf dem mit Brettern belegten Boden: für jeden Mann ein doppelter +Strohsack, eine wollene Decke, ein Kissen, ein Handtuch; jeder hat sein +Brettregal für den kleinen Kram, und die ganzen Räume sind durchzogen +von Lattengestellen für Waffen, Mäntel und Tornister. Jeder Feldwebel +bekommt separat seinen Bretterverschlag, der verwandelt ist in ein +wohnliches Stüberl. Auch die Kochherde mit Geschirr, die Waschküchen +und Desinfektionsräume, alles steht schon zum Gebrauche bereit. Und das +alles wurde herbeigeschafft und fertiggestellt in =vier= Tagen. Wie +schwatzlustig man sein mag, beim Anblick einer solchen Arbeitsleistung +wird man still. + +Ehe die Neugekommenen ruhen dürfen, müssen sie sich säubern. Und da +hab' ich ein Bild gesehen, das mir mein Lebenlang in froher Erinnerung +bleiben wird. Die Tuchfabrik, in der die Fünfzehnhundert einquartiert +wurden, hat eine mächtige Wäschereihalle. Die Maschinen, die +Rohrleitungen, die Transmissionen, die Treibriemen, alles ist noch da. +Aber jede Wasserpumpe ist in eine Badebrause umgezaubert, und in den +tiefen, halbstubengroßen Holzkufen, in denen früher die neugewobenen +Tücher gesotten und ausgewaschen wurden, sitzen jetzt unsere deutschen +Jungen im dampfenden Wasser, ein Dutzend in jeder Kufe, die Arme und +Köpfe von Seifenschaum bedeckt, rippelnd und scheuernd und plätschernd, +munter und schreivergnügt wie pritschelnde Dorfbuben. + +Aus diesem Bild redet eine so gesunde Lebensfreude heraus, daß ich sie +nicht zu schildern vermag. Und beim Anblick dieser lustigen Köpfe und +dieser blinkweißen Jünglingsschultern mußte ich mich der schwarzgrau +gewordenen Gesichter und Fäuste jener dreiundfünfzig toten Franzosen +erinnern, die seit acht Wochen vor dem feindlichen Schützengraben von +Maricourt liegen, verlassen von ihren Brüdern, verlassen von ihrer +pietätlosen Heimat! Wie zwischen einzelnen Menschen, so gibt es auch +zwischen Völkern sieghafte Unterschiede. Aber wir, natürlich wir, +sind die »Barbaren«, und Frankreich »marschiert an der Spitze der +Zivilisation«! + +Wie ich Unterkunft, Verpflegung und Hygiene unserer Truppen hier an +einem Einzelfall im kleinen geschildert habe, so wird es innerhalb der +Möglichkeitsgrenzen im großen durch das ganze deutsche Heer gehalten, +immer nach dem Grundsatz: Die Gesundheit des Soldaten ist sein Schild +und seine stärkste Waffe. + +In =jedem= mit deutschen Truppen belegten Städtchen, sogar in +jedem Dorfquartier wurde eine Badegelegenheit eingerichtet. Wo nur +zwanzig Feldgraue beisammen sind, gibt es wenigstens ein mit Blech +ausgeschlagenes Fußbad und eine Warmwasserdusche. In Peronne wurde +eine militärische Badeanstalt installiert, in der immer hundert Mann +gleichzeitig baden können. Ein Erquicken ist es, das anzusehen: wie +die Leute, die nach der Ablösung aus dem Schützengraben dreckig da +hineinwandern, frisch und sauber wieder herauskommen, jeder mit dem +zusammengewickelten Handtuch unter dem Arm. In dieser Badeanstalt +gibt es sogar ein =elektrisches Lichtbad= zur Bekämpfung der +Schützengraben-Rheumatismen -- eine große Warenkiste, deren Deckel mit +einem Halsausschnitt versehen ist, und deren Inneres mit Wachsleinwand +tapeziert und mit Glühlampen behängt wurde. + +Dieser obligatorische und streng überwachte Badebetrieb ist ein +gesegnetes Mittel gegen Krankheiten und Verlausung, ein wunderwirkender +Erneuerungsbrunnen für die körperliche Spannkraft unserer Soldaten. Aber +der Krieg schlägt Wunden, und die Mühsal des Dienstes ist eine so harte, +daß sie trotz aller hygienischen Fürsorge schließlich doch manchem +Feldgrauen die feste Gesundheit erschüttert. Wie diese Verwundeten und +Erkrankten in unseren Feldlazaretten betreut werden, das glauben wir +in der Heimat zu wissen. Es hat mich aber doch ein frohes, dankbares +Staunen befallen, als ich dieser Tage das Lazarett von Caudry besuchte. +Vor vier Monaten war das noch eine französische Spitzenfabrik. Jetzt +steht da ein deutsches Lazarett von so mustergültiger Ordnung und +Einrichtung, daß man Riesenkräfte haben möchte, um es vom französischen +Boden wegzuheben und in eine deutsche Stadt hineinzustellen. Da +sieht man =nichts= mehr, was den Anschein des in Eile und notdürftig +Adaptierten hat, alles ist so, als wär' es von Anfang für sanitäre +Zwecke gebaut und eingerichtet. + +Die vom üblichen französischen Schmutz versumpften Höfe wurden mit +gepflasterten Wegen durchzogen, alle Gebäude und Räume spiegeln +von Sauberkeit, alle Mauern sind weiß getüncht und sehen aus, als +wären sie mit frischgewaschener Leinwand überzogen. Von der nächsten +Bahnstation wurde ein Geleise bis vor die Tür des Lazaretts gelegt, +damit die Verwundeten und Kranken ohne Gerüttel und Plage hergebracht +werden können. Die innere Einrichtung ist gegliedert wie in jedem +großen städtischen Spital. Neben der Amtsstube und den Zimmern der +Ärzte und Schwestern ist die Apotheke, ein zahnärztliches Atelier, +der Operationssaal und die Röntgen-Kammer. Alle Wirtschaftsräume, +die appetitlichen Vorratshallen, die große Küche, die Spülkammer, +die Wäscherei, der Trocknungsraum und die Bügelstube, das alles ist +praktisch und bequem aneinander gereiht zu einem zusammenhängenden +Ganzen. Im Oberstock sind die Nähstuben für Anfertigung der +Lazarettkleidung und Bettwäsche, sowie die Handwerksräume, die +Schneiderwerkstatt und Schusterei, wo die Uniformen und Stiefel der +eingebrachten Verwundeten gesäubert und ausgebessert werden. In einem +großen Dachraum liegen diese neu hergerichteten Soldatenhüllen mit +Helmen und Waffen in langen Reihen, Nummer an Nummer, und warten auf +das genesene Leben, das wieder in sie hineinschlüpfen und wieder dem +Vaterlande dienen soll. Das stille Bild dieser Kriegsgarderobe hat etwas +tief Ergreifendes. Und unter solch einem feldgrauen Kleiderbündelchen +seh ich nur =einen= braunen Soldatenstiefel stehen. Wo mag der andere +geblieben sein? Und der Fuß, der dazu gehörte? + +Das Lazarett hat zwölfhundert Betten. Alle waren schon in Gebrauch. +Jetzt, Gott sei Dank, sind nur fünfhundertsiebzig belegt. Tritt man +in einen dieser breiten und langen Bettsäle, so hat man nicht den +Eindruck eines Krankenraumes. Man glaubt: das ist eine weiße, luftige +Erholungshalle, durch deren große Deckenfenster eine Fülle ruhigen +Lichtes hereinströmt. Die meisten der Genesenden sind schon außer Bett; +sie plaudern oder schreiben Briefe, lesen oder spielen und tragen die +hellen, sauberen Lazarettkittel, die aus requirierten belgischen Stoffen +von französischen Näherinnen gefertigt wurden. Alle Betten sind weiß -- +gute eiserne Bettstellen mit Drahtfederung und dreiteiligen Matratzen -- +und zu Häupten eines jeden Bettes hängt ein Täfelchen mit dem Namen des +Bettgastes und dem Datum seiner Ankunft. Nur in wenigen Gesichtern ist +noch die Blässe des überstandenen Leidens, fast in allen schon die gute +Farbe der wiederkehrenden Gesundheit. Ich spreche mit vielen, auch mit +solchen, die noch liegen müssen. Nie hör' ich eine Klage, nie einen Laut +des Mißmutes, höre nur gutmütige, herzhafte, auch heitere Antworten, und +in allen, wie verschieden sie auch klingen, ist immer der gleiche Sinn: +»Jetzt darf ich bald wieder antreten!« + +Bei einem von denen, die noch liegen, zeigt die weiße Bettdecke eine +Form, als wäre unter ihr etwas nicht mehr vorhanden, was zu einem +ganzen Menschen gehört. Ob es =der= ist, für den der einsam gewordene +Stiefel aufbewahrt wird? Ich bring' es nicht fertig, diesen Kranken +nach seiner Verwundung zu fragen, drücke stumm seine Hand und nicke +ihm zu; auch er lächelt und nickt, aber seine Augen werden ein bißchen +feucht. Und gleich beginnt eine Schwester heiter und herzlich mit ihm +zu plaudern. Von solchen Schwestern in ihren dunklen Kleidern sind etwa +zwanzig in dem großen weißen Saal -- ernste und dennoch freundliche +Frauen- und Mädchengesichter mit guten Augen -- man möchte einer jeden +in deutscher Dankbarkeit die hilfreichen Hände küssen. + +In mir ist eine Stimmung, die sich wunderlich mischt aus tiefer +Erschütterung und glücklichem Aufatmen. Was könnte einen Deutschen +froher machen, als mit eigenen Augen sehen zu dürfen: =so= werden unsere +leidenden Soldaten gepflegt und wieder dem Leben entgegengeführt. + +Es fällt mir schwer, dieses weiße Heiligtum der deutschen +Lebenserneuerung zu verlassen. Auf der Schwelle muß ich zögern, muß +das Gesicht drehen. Und da fällt mir etwas auf, was ich vorher nicht +bemerkt hatte, etwas mir Unverständliches; über die Decke des langen +Saales, in welchem früher die Spitzenwebstühle standen, zieht sich +eine Transmissionswelle mit vielen Riemenscheiben hin; und diese +Welle =läuft=, ganz leer, ohne Riemen, lautlos. Mein liebenswürdiger +Führer, General v. Nieber, der mit den Ärzten seiner Etappe dieses +mustergültige Kriegslazarett geschaffen hat, erklärt mir die sonderbare +und anscheinend zwecklose Sache: »Wenn die Welle längere Zeit +unbeweglich liegt, rosten die Lager und verderben. Drum lassen wir alle +Transmissionen abwechselnd jeden Tag eine Stunde lang laufen. Wenn der +Besitzer dieser Fabrik wieder heimkommt, soll er sein Eigentum so weit +in Ordnung finden, als es der Krieg und die Fürsorge für die Unseren +erlaubte.« + +Ein deutsches Wort! Ob es von dem Fabrikbesitzer -- »_il est parti!_« +-- bei der Heimkehr den verdienten Dank erfahren wird? Ich besorge: der +wird nur entdecken, was der Krieg ihm verdarb, und wird für das, was +deutsche Gewissenhaftigkeit ihm unverdorben bewahrte, kein sehendes Auge +haben. + +Nicht weit von Caudry, in Le Cateau, befinden sich die ebenso musterhaft +eingerichteten Genesungsheime für Mannschaften und Offiziere, umgeben +von einem lückenlosen Apparat für gute Ernährung. Da ist alles +herbeigeschafft, was dem Erstarken der Gesundheit dienen kann. Und +weil frische Eier für Rekonvaleszenten sehr bekömmlich, aber im +geflügelverschlingenden Kriege und dazu noch im Winter äußerst selten +sind -- es wurde einmal für dreißig Eier ein Automobil in Tausch gegeben +und für ein halbes Pfund Butter ein ganzes Veloziped -- drum haben die +deutschen Ärzte in Le Cateau eine geheizte Hühnerzucht installiert. Ein +großer Scheunenraum wurde in ein Warmhaus für tausend Hennen verwandelt, +und ein beharrlich glühender, von einem Drahtgitter umzogener Ofen redet +dem gackernden Völklein der gefiederten Französinnen mit lieblichen +Wärmestrahlen zu, recht viele, viele Eier für unsere genesenden +Feldgrauen zu legen. Zwanzig gallische Hähne befördern das nützliche +Werk. Überraschenderweise vertragen sie sich sehr gut miteinander; sie +haben der Friedensarbeit so viel zu verrichten, daß sie der angeborenen +Kriegslust völlig vergessen. + +Hinter diesem heiteren Bildchen steht eine ernste Wahrheit. Wieviel +deutsche Hände mußten sich rühren in ruhelosem Fleiß, wieviel kluge +Gedanken mußten in deutschen Gehirnen aufglänzen, wieviel Geduld mußte +sich in hilfreiche Arbeit verwandeln und wieviel energischer Wille mußte +umgesetzt werden in wirksame Tat, bis innerhalb weniger Monate ins +Leben gerufen war, was ich auf Schritt und Tritt hier leuchten sehe als +ruhmvollen Sieg der deutschen Regsamkeit und des deutschen Wesens. + + + Verlag von =Adolf Bonz & Comp.= in Stuttgart + + + + + $Eiserne Zither$ + + Kriegslieder + von =Ludwig Ganghofer= + + 1914/15 + + Erster Teil -- 16. Tausend + Zweiter Teil -- 10. Tausend + Klein-Oktav. In Leinwand gebunden M. 1.--. + + +=Auszüge aus Urteilen der Presse=: + +Wer diese weichen und doch herzhaften, diese poetischen und doch ganz +realistischen Verse liest, der wird, wenn er ein Deutscher ist, seine +Seele in ihnen wiederfühlen. Dr. St. + + (=München-Augsburger Abendzeitung=.) + +Das Buch kann als ein vorzügliches Werk der Kriegsliteratur bezeichnet +werden. Sein Studium bereitet Genuß und ist zugleich Erbauung. + + (=Darmstädter Tagblatt=.) + +Vaterlandsliebe und heiliger Zorn haben ihm diese aus tiefster Seele +flutenden Verse eingegeben; ungekünstelt, aber voll heißen Lebens +klingen diese Verse, die aus der deutschen Not geboren und vom Glauben +an Deutschlands Recht und Sieg durchzittert sind. + + (=Schwäbischer Merkur, Stuttgart=.) + +Gehaltvolle, geharnischte Lieder des berühmten kerndeutschen Erzählers. + + (=Braunschweigische Landeszeitung=.) + +Es sind zündende, poetisch schöne Gedichte über Kriegs- und damit +zusammenhängende Ereignisse, welche der allgemein bekannte und beliebte +Dichter uns bietet. Wir sind überzeugt, daß die hübsch ausgestattete +Sammlung Begeisterung hervorrufen und in allen deutschen Landen guten +Absatz finden wird. + + (=Volckmar's Weihnachts-Katalog=.) + +Diese Kriegslieder gehören mit zum Besten, was die eiserne Zeit bisher +hervorgebracht hat. Sie reißen unwillkürlich mit fort und müssen auch +den Sorgenvollen guten Mutes machen. + + (=Die Wartburg, Leipzig=.) + + + Verlag von =Adolf Bonz & Comp.= in Stuttgart + + + + + 1914 ist erschienen: + + $Der Ochsenkrieg$ + + Roman aus dem 15. Jahrhundert + von =Ludwig Ganghofer= + + 1. bis 15. Tausend + + 2 Bände. Oktav. Geheftet M. 8.-, fein gebunden M. 10.-. + + +Ganghofer bietet das nicht alltägliche Schauspiel eines Dichters, +der nach einer dreißigjährigen Produktion noch jugendfrisch, ohne +Altersrunzeln der Ermüdung dasteht, und dessen jüngste Schöpfung im +Glanz edler Meisterschaft alle Qualitäten seiner Dichternatur in +unverminderter Kraft offenbart. In keinem seiner früheren Werke hat +er seine kompositorische Kraft in so hohem Maße wie hier bewiesen. Er +fesselt den Leser gleich mit dem dramatisch wuchtigen Auftakt des Romans +und läßt ihn bis zur letzten Zeile nicht los. Das Mittelalter mit seiner +wilden Brutalität, mit seiner derben Erotik, mit seinem Elend, seiner +Pestilenz und mit seiner bei alldem doch urwüchsigen Kraft, steht, mit +realistischen Mitteln hervorgezaubert, in leuchtenden Visionen vor uns. +Markig sind die Hauptgestalten des Romans gezeichnet, mit überzeugendem +Leben gefüllt. Eine Figur verdient ganz besonders hervorgehoben zu +werden: der Söldner Malimmes, ein köstlicher Bursche, der in seiner +Art das deutsche Wesen ebenso vollwichtig repräsentiert, wie Cyrano de +Bergerac das Franzosentum. Hier hat ein Poet seine Löwenklauen gezeigt. +Der »Ochsenkrieg« ist ein meisterhaftes Kulturgemälde; als Roman ist das +Buch durch seine Naturschilderungen, durch seine Charakterzeichnung und +durch die suggestive Kraft der Sprache dem Besten ebenbürtig, was die +deutsche Kunst auf erzählendem Gebiet gezeitigt hat. + + (=Neues Wiener Tagblatt.=) + + [Illustration] + + Ullstein & Co + Berlin SW 68 + + + + + +End of Project Gutenberg's Reise zu deutschen Front, by Ludwig Ganghofer + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44961 *** |
