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-The Project Gutenberg EBook of Anna Karenina, 2. Band, by Leo N. Tolstoi
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Anna Karenina, 2. Band
-
-Author: Leo N. Tolstoi
-
-Release Date: February 18, 2014 [EBook #44957]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANNA KARENINA, 2. BAND ***
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-
-Produced by Norbert H. Langkau, Jens Nordmann and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- Anna Karenina.
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- Roman aus dem Russischen
-
- des
-
- Grafen Leo N. Tolstoi.
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- Nach der siebenten Auflage übersetzt
-
- von
-
- Hans Moser.
-
-
- Zweiter Band.
-
-
-
- Leipzig
-
- Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
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- * * * * *
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- Fünfter Teil.
-
- 1.
-
-
-Die Fürstin Schtscherbazkaja fand, daß es unmöglich sei, die Hochzeit
-vor den Fasten, bis zu denen noch fünf Wochen waren, zu feiern, da die
-eine Hälfte der Ausstattung bis dahin nicht fertig zu stellen war;
-doch konnte sie nicht umhin, sich mit Lewin einverstanden zu erklären,
-daß es nach den Fasten wieder viel zu spät werden würde, da eine alte
-Tante des Fürsten Schtscherbazkiy sehr krank war und bald sterben
-konnte, und alsdann die Trauer die Hochzeit noch weiter verzögert
-haben würde. Die Fürstin erklärte sich infolge dessen, nachdem sie die
-Mitgift in zwei Partieen -- eine große und eine kleine geteilt hatte,
-damit einverstanden, daß die Hochzeit zu den Fasten gefeiert würde. Sie
-beschloß den kleineren Teil der Mitgift schon jetzt bereit zu machen,
-während der größere später folgen würde, und war sehr erbost über
-Lewin, weil dieser ihr durchaus nicht ernsthaft zu antworten vermochte,
-ob er hiermit einverstanden sei oder nicht. Diese Ordnung der Dinge war
-um so bequemer, als die jungen Eheleute sogleich nach der Hochzeit auf
-das Land gingen, wo die große Mitgift gar nicht erforderlich war.
-
-Lewin befand sich noch immer in jenem Zustande der Verzücktheit, in
-welchem es ihm schien, als ob er und sein Glück den hauptsächlichsten
-und einzigen Zweck alles Seienden bildete, daß er jetzt an nichts
-denken, für nichts sorgen dürfe, daß vielmehr alles für ihn von anderen
-gemacht wurde oder gemacht werden würde. Er hatte durchaus keine Pläne
-oder Ziele für sein zukünftiges Leben, sondern gab die Entscheidung
-hierüber anderen anheim in der Überzeugung, es werde schon alles gut
-gehen. Sein Bruder Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch und die
-Fürstin leiteten ihn an, was er zu thun habe, und er war vollständig
-einverstanden mit allem, was man ihm vorschlug. Sein Bruder nahm Geld
-für ihn auf, die Fürstin riet, nach der Hochzeit Moskau zu verlassen,
-Stefan Arkadjewitsch riet, eine Hochzeitsreise ins Ausland zu machen.
-Er war mit allem einverstanden. »Thut was Ihr wollt, wenn es Euch
-Vergnügen macht. Ich bin glücklich, und mein Glück kann nicht größer
-sein und nicht kleiner, was immer Ihr auch thun möget,« dachte er.
-
-Als er Kity den Rat Stefan Arkadjewitschs mitteilte, eine
-Hochzeitsreise ins Ausland zu machen, wunderte er sich sehr, daß sie
-damit nicht einverstanden war, sondern bezüglich des beiderseitigen
-künftigen Lebens gewisse eigene bestimmte Forderungen stellte. Sie
-wußte, daß Lewin seine Beschäftigung auf dem Lande hatte, die er
-liebte. Sie verstand, wie er sah, nicht nur nichts hiervon, sondern
-wollte auch gar nichts davon verstehen lernen, doch hinderte sie dies
-nicht, jene Beschäftigung für sehr wichtig zu halten. Sie wußte ferner,
-daß ihr Haus in einem Dorfe stand, und wünschte nun eben, nicht ins
-Ausland zu fahren, wo sie ja nicht leben würde, sondern dorthin, wo
-ihr Haus stand. Dieser bestimmt ausgeprägte Entschluß setzte Lewin
-in Verwunderung, doch da ihm alles gleichgültig war, bat er sogleich
-Stefan Arkadjewitsch, als ob dies dessen Verpflichtung wäre, auf das
-Dorf zu fahren und dort alles vorzubereiten, wie er es verstünde, mit
-jenem Geschmack, den er in so reichem Maße besäße.
-
-»Höre einmal,« sagte nun eines Tags Stefan Arkadjewitsch zu Lewin,
--- vom Dorfe zurückgekommen, woselbst er alles für die Ankunft des
-jungen Paares eingerichtet hatte -- »hast du denn ein Zeugnis, daß du
-gebeichtet hast?«
-
-»Nein. Warum?«
-
-»Ohne dies wirst du nicht getraut!«
-
-»O, o, o,« rief Lewin aus; »ich habe ja schon seit neun Jahren keine
-Fasten mehr innegehalten. Daran habe ich gar nicht gedacht!«
-
-»Du bist mir Einer,« lachte Stefan Arkadjewitsch, »und mich willst
-du einen Nihilisten nennen! Aber das geht wirklich nicht -- du mußt
-fasten.«
-
-»Wann denn? Es sind noch vier Tage übrig.«
-
-Stefan Arkadjewitsch ordnete auch dies, und Lewin begann zu fasten.
-Für ihn, als einen Häretiker, der aber gleichwohl den Glauben anderer
-achtete, war die Gegenwart und Teilnahme bei jeder Art von kirchlichen
-Ceremonien sehr lästig. Jetzt, in seiner allen gegenüber gefühlvollen,
-weichen Seelenstimmung, in der er sich befand, war dieser Zwang zu
-heucheln, Lewin nicht nur lästig, er schien ihm vielmehr vollständig
-undurchführbar. Jetzt, in seiner vollen Mannhaftigkeit und Blüte sollte
-er entweder lügen oder spotten! Er fühlte sich nicht in der Lage, eines
-von beiden zu thun, aber soviel er Stefan Arkadjewitsch auch anliegen
-mochte, ob er nicht ein Zeugnis erhalten könne, ohne gefastet zu haben,
-Stefan Arkadjewitsch erklärte, dies sei unmöglich.
-
-»Und was kann es dir darauf ankommen -- zwei Tage? Er ist ein so
-lieber, verständiger Geistlicher und wird dir diesen Zahn ausziehen,
-daß du es gar nicht gewahr wirst.«
-
-In der ersten Messe machte Lewin den Versuch, in sich die Erinnerungen
-an seine Jünglingszeit und jene mächtigen religiösen Gefühlsregungen
-wieder aufzufrischen, die er in seinem sechzehnten und siebzehnten
-Jahre durchlebt hatte. Doch alsbald überzeugte er sich, daß ihm dies
-vollständig unmöglich war. Er versuchte nun, auf alles das zu blicken,
-wie auf eine eitle Sitte, die keine innere Bedeutung besaß, und
-Ähnlichkeit mit der Sitte des Visitemachens hatte, empfand aber, daß
-er auch dies durchaus nicht über sich gewann. Lewin befand sich der
-Religion gegenüber, wie die Mehrzahl seiner Altersgenossen, auf einem
-vollständig unbestimmten Standpunkt. Glauben konnte er nicht, war aber
-bei alledem doch nicht fest überzeugt davon, daß alles Glauben unwahr
-sei, und so empfand er denn -- weder imstande, an die Bedeutsamkeit
-dessen zu glauben, was er that, noch fähig, gleichgültig darauf zu
-schauen, wie auf eine leere Formalität -- während der ganzen Zeit
-dieser Fasten ein Gefühl von Unbehagen und Scham, indem er that, was
-er selbst nicht verstand und was, wie ihm eine innere Stimme sagte,
-gewissermaßen irrig und nicht gut war.
-
-Während der Kirchenfeier lauschte er bald den Gebeten und bemühte sich,
-ihnen eine Bedeutung beizulegen, die mit seinen Anschauungen nicht
-in Konflikt geriet, bald suchte er, in der Empfindung, daß er nichts
-verstehen könne und sie verwerfen müsse, die Gebete nicht zu hören und
-beschäftigte sich mit seinen Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen,
-die mit außerordentlicher Lebhaftigkeit während dieses müßigen Stehens
-in der Kirche in seinem Kopfe durcheinandergingen.
-
-Er hörte die ganze Messe, die Vigilien und am andern Tage, zeitiger als
-sonst aufgestanden, begab er sich, ohne den Thee genommen zu haben,
-um acht Uhr morgens wieder in die Kirche, um die Frühgebete und die
-Beichte zu hören.
-
-In der Kirche befand sich nur ein armer Soldat, zwei alte Weiber und
-die Kirchendiener.
-
-Ein junger Diakonus, dessen langer Rücken sich in zwei Hälften
-scharf unter dem dünnen Leibrock abhob, trat ihm entgegen und begann
-sogleich, zu einem kleinen Tischchen an der Wand tretend, zu lesen.
-An der Art seines Lesens, besonders an der häufigen und schnell
-aufeinanderfolgenden Wiederholung der nämlichen Worte »Herr erbarme
-dich unser«, die von der Hast völlig entstellt klangen, fühlte Lewin,
-wie ihr Sinn für diesen Mann verschlossen und versiegelt war, fühlte
-aber auch, daß es sich nicht zieme, jetzt daran zu rühren, da hieraus
-nur eine Verwickelung entstehen konnte -- und so fuhr er fort, hinter
-dem Geistlichen stehend, ohne ihn zu hören oder sich in ihn zu
-versenken, an seine eigenen Angelegenheiten zu denken.
-
-»Es liegt wunderbar viel Ausdruck in ihrer Hand,« dachte er, sich
-vergegenwärtigend, wie sie gestern beide am Ecktisch gesessen hatten.
-Zu sprechen hatten sie wenig miteinander gehabt, wie das fast stets
-während dieser Zeit ist; sie hatte, nur die Hand auf den Tisch legend,
-diese geöffnet und geschlossen und dazu gelacht, indem sie auf ihre
-Bewegung blickte. Er dachte daran, wie er die Hand geküßt und dann die
-ineinanderlaufenden Linien auf der rosigen Handfläche betrachtet hatte.
-
-»Wieder das entstellte >Herr erbarm dich<,« dachte Lewin, sich
-bekreuzend, verbeugend und auf die geschmeidige Bewegung des Rückens
-des sich beugenden Diakonus schauend. »Sie nahm darauf meine Hand und
-betrachtete die Linien; >du hast eine schöne Hand<, hatte sie gesagt«
-und er schaute auf seine Hand und auf die kurze Hand des Diakonus. »Ja,
-nun ist es bald zu Ende,« dachte er, »nein, es scheint wieder von vorn
-anzufangen,« dachte er, den Gebeten lauschend; »doch, es ist zu Ende,
-da neigt er sich schon bis zur Erde, das ist stets erst zuletzt der
-Fall.«
-
-Diskret mit der Hand unter dem Plüschaufschlag ein Dreirubelpapier
-in Empfang nehmend, sagte der Diakon, er werde nun registrieren
-und schritt mit seinen neuen Stiefeln schnell und hallend über die
-Steinplatten der leeren Kirche zum Altar. Nach Verlauf einer Minute
-schaute er von dort wieder zurück und winkte Lewin. Der Gedanke,
-welchen dieser bisher in sich verschlossen gehabt, regte sich jetzt
-wieder in seinem Hirn, doch bestrebte er sich sogleich, ihn von sich zu
-weisen.
-
-»Es wird sich schon machen,« dachte er und schritt zu dem Altar.
-Er stieg die Stufen empor und erblickte, sich rechts wendend, den
-Geistlichen. Der greise Priester mit spärlichem, halbergrautem Bart und
-mattem gutmütigem Blick stand und blätterte in der Agende. Nachdem er
-Lewin leicht gegrüßt hatte, begann er mit der gewohnten Stimme sogleich
-die Gebete zu lesen. Als er hiermit zu Ende war, neigte er sich bis zur
-Erde und wandte sich hierauf mit dem Gesicht nach Lewin.
-
-»Christus steht unsichtbar hier und nimmt Eure Beichte entgegen,«
-sprach er, auf das Kruzifix deutend. »Glaubet Ihr an alles, was uns
-die heilige apostolische Kirche lehrt?« fuhr der Geistliche fort, die
-Augen von Lewins Gesicht wegwendend und die Arme auf sein Epitrachelion
-legend.
-
-»Ich habe gezweifelt und zweifle noch an allem,« sagte Lewin mit einer
-Stimme, die ihm selbst unangenehm war, und schwieg dann.
-
-Der Geistliche wartete einige Sekunden, ob Lewin nicht noch etwas
-Weiteres sagen würde, und sprach dann, die Augen schließend, in
-schnellem wladimirschen o-Dialekt:
-
-»Die Zweifel sind der menschlichen Schwachheit eigen, aber wir müssen
-beten, auf daß der barmherzige Gott uns stärke. Was für besondere
-Sünden habt Ihr auf Eurem Gewissen?« fügte er hinzu, ohne die geringste
-Pause dabei zu machen, und gleichsam, als wollte er keine Zeit
-verlieren.
-
-»Meine vornehmste Sünde ist mein Zweifeln. Ich zweifle an allem, ich
-befinde mich größtenteils nur in Zweifeln.«
-
-»Der Zweifel ist der menschlichen Schwäche eigen,« wiederholte
-der Geistliche mit den nämlichen Worten, »aber woran zweifelt Ihr
-vornehmlich?«
-
-»An allem. Ich zweifle bisweilen selbst an Gottes Dasein,« antwortete
-Lewin unwillkürlich, und erschrak über das Unziemliche dessen, was er
-gesprochen hatte.
-
-Auf den Geistlichen machten indessen, wie es schien, die Worte Lewins
-keinen Eindruck.
-
-»Welche Zweifel können wohl über Gottes Dasein walten?« sagte er
-schnell und mit kaum merklichem Lächeln.
-
-Lewin schwieg.
-
-»Welchen Zweifel könnt Ihr an dem Weltenschöpfer haben, wenn Ihr seine
-Werke schaut?« fuhr der Priester in schneller, gewohnheitsmäßiger
-Sprache fort. »Wer hat den Himmelsdom mit Sternen geschmückt? Wer hat
-die Welt in ihrer Schönheit gekleidet? Wie sollte das ohne den Schöpfer
-möglich gewesen sein?« sprach er, fragend auf Lewin schauend.
-
-Dieser fühlte, daß es unschicklich gewesen wäre, einen philosophischen
-Wortwechsel mit dem Geistlichen zu beginnen und gab deshalb zur Antwort
-nur, was sich auf die Frage selbst bezog.
-
-»Ich weiß es nicht.«
-
-»Ihr wißt es nicht? Aber wie könnt Ihr dann daran zweifeln, daß Gott
-alles geschaffen hat?« versetzte heiter-bedenklich der Geistliche.
-
-»Ich begreife nichts,« antwortete Lewin errötend, und im Gefühl, daß
-seine Worte thöricht waren und in dieser Situation thöricht sein mußten.
-
-»Betet zu Gott und bittet ihn. Auch die Kirchenväter haben gezweifelt
-und Gott gebeten um Stärkung ihres Glaubens. Der Teufel hat gar große
-Macht und wir dürfen uns ihm nicht überliefern. Betet zu Gott und
-bittet ihn. Betet zu Gott,« -- wiederholte der Geistliche und schwieg
-hierauf einige Zeit, als sei er in Nachdenken versunken. »Wie ich
-vernommen habe, bereitet Ihr Euch vor, in den Ehebund mit der Tochter
-meines Pfarrbefohlenen und Beichtkindes, des Fürsten Schtscherbazkiy zu
-treten?« frug er lächelnd, »das ist eine herrliche Jungfrau!«
-
-»Ja,« antwortete Lewin, über den Geistlichen errötend; »wozu brauchte
-derselbe bei der Beichte hiernach zu fragen?« dachte er bei sich.
-
-Als ob der Geistliche diesen Gedanken beantworten wollte, sagte er
-zu Lewin: »Ihr bereitet Euch vor, in den Stand der heiligen Ehe zu
-treten, und Gott kann Euch mit Nachkommenschaft segnen, nicht so?
-Welche Erziehung könnt Ihr alsdann Euren Kindlein geben, wenn Ihr
-selbst in Euch nicht die Versuchung des Teufels besiegen wollt, der
-Euch zum Unglauben verleitet?« frug der Geistliche mit sanftem Vorwurf.
-»Wenn Ihr Euer Kind liebt, so werdet Ihr, als ein guter Vater, nicht
-nur Reichtum, Überfluß und Würden Eurem Kinde wünschen; Ihr werdet
-auch sein Heil wünschen, seine geistige Erleuchtung durch das Licht
-der Wahrheit. Ist es nicht so? Was werdet Ihr antworten, wenn das
-unschuldige Kindlein Euch frägt, Vater, wer hat das alles geschaffen,
-das mich in dieser Welt so sehr ergötzt, Erde, Wasser, Sonne, Blumen
-und Gräser? Solltet Ihr ihm antworten wollen, ich weiß es nicht?
-Ihr müßt es wissen, da Gott der Herr in seiner hohen Gnade es Euch
-geoffenbart haben wird. Oder wenn Euer Kind Euch früge >was erwartet
-mich im ewigen Leben?< Was werdet Ihr ihm da antworten, wenn Ihr nichts
-wißt? Wie wollt Ihr ihm einen Bescheid geben? Werdet Ihr ihm den Reiz
-der Welt und des Teufels zeigen? Das wäre nicht gut,« sagte er und
-hielt inne, das Haupt auf die Seite neigend und Lewin mit guten sanften
-Augen anschauend.
-
-Dieser antwortete jetzt nicht; nicht deswegen, weil er etwa nicht in
-einen Streit mit dem Geistlichen hätte kommen mögen, sondern, weil ihm
-noch niemand derartige Fragen gestellt hatte, und er, wenn erst einmal
-Nachkommen sie ihm stellen würden, noch Zeit genug hatte, darüber
-nachzudenken, was er dann antworten wollte.
-
-»Ihr tretet ein in diejenige Zeit Eures Lebens,« fuhr der Geistliche
-fort, »da es nötig ist, einen Weg zu wählen und sich auf demselben zu
-halten. Betet zu Gott, damit er in seiner Güte Euch helfe und sich
-Eurer erbarme,« schloß er. »Unser Herr und Gott Jesus Christus in
-seiner göttlichen Gnade und Milde, seiner Liebe zu den Menschen vergebe
-dir mein Sohn!« und das Sühnegebet beendend, segnete ihn der Priester
-und entließ ihn.
-
-Als Lewin an diesem Tage heimgekehrt war, empfand er ein freudiges
-Gefühl darüber, daß diese peinliche Lage nun ihr Ende erreicht hatte,
-so erreicht, daß er nicht hatte zur Lüge greifen müssen. Daneben aber
-war in ihm auch eine unklare Erinnerung davon zurückgeblieben, daß das,
-was jener gute und liebenswerte Greis gesagt hatte, durchaus nicht so
-dumm gewesen war, als es ihm anfänglich geschienen, und daß es etwas
-hierbei gebe, was der Aufklärung bedürfe.
-
-»Natürlich nicht jetzt,« dachte Lewin, »aber später einmal.« Lewin
-fühlte jetzt mehr, als früher, daß in seiner Seele etwas unklar und
-unrein sei, und daß er sich in Bezug auf die Religion in der nämlichen
-Lage befinde, die er so klar bei andern erkannt und nicht eben gern
-gesehen hatte, wegen deren er seinem Freunde Swijashskiy Vorwürfe
-gemacht.
-
-Lewin war, den Abend mit seiner Braut bei Dolly verbringend, ausnehmend
-heiter, und sagte, als er Stefan Arkadjewitsch von der gährenden
-Gemütsverfassung Mitteilung machte, in der er sich befand, daß er sich
-wohl befinde wie ein Hund, den man durch den Reifen zu springen gelehrt
-habe und der nun, nachdem er endlich begriffen und ausgeführt hat, was
-von ihm verlangt wurde, winselt, und schweifwedelnd vor Entzücken auf
-Tische und Fenster springt.
-
-
- 2.
-
-Am Tage der Trauung bekam Lewin nach der üblichen Sitte -- auf
-der Beobachtung aller Gebräuche beharrten die Fürstin und Darja
-Aleksandrowna streng -- seine Braut nicht zu sehen und speiste im
-Hotel wo er wohnte, zusammen mit drei Junggesellen, die sich zufällig
-gefunden hatten; Sergey Iwanowitsch, Katawasoff, ein Universitätsfreund
-und nunmehriger Professor der Naturwissenschaften, den Lewin auf der
-Straße getroffen und mit sich genommen hatte, und Tschirikoff, ein
-Moskauer Friedensrichter und Gefährte Lewins auf der Bärenjagd.
-
-Beim Diner ging es sehr heiter zu. Sergey Iwanowitsch war in
-aufgeräumtester Stimmung und trieb seine Kurzweil mit Katawasoffs
-Eigentümlichkeit. Katawasoff, welcher fühlte, daß seine Originalität
-geschätzt und verstanden werde, kokettierte mit derselben und
-Tschirikoff unterstützte die allgemeine Unterhaltung in seiner heiteren
-und gutmütigen Art.
-
-»Da haben wir es ja,« sagte Katawasoff mit seiner, auf dem Katheder
-angenommenen Art, die Worte zu dehnen, »welch ein tüchtiger Bursch
-unser Freund Konstantin Dmitritsch ist. Ich spreche von dem Abwesenden
-natürlich, denn er ist schon gar nicht mehr hier. Erst liebte er die
-Wissenschaft, und nach seinem Abschied von der Universität pflegte
-er menschliche Interessen; jetzt verwendet er die eine Hälfte seiner
-Fähigkeiten darauf, sich selbst zu betrügen, und die andere -- um
-diesen Betrug zu rechtfertigen.«
-
-»Einen entschiedeneren Feind des Heiratens, als Euch, habe ich noch
-nicht gesehen,« sagte Sergey Iwanowitsch.
-
-»O nein; ich bin kein Feind davon; ich bin vielmehr ein Freund der
-Arbeitsteilung. Die Menschen, welche selbst nichts fertig bringen
-können, müssen Menschen hervorbringen, und die übrigen -- müssen zu
-deren Aufklärung und Beglückung wirken. So fasse ich die Sache auf. Für
-die Mischung dieser beiden Berufszweige giebt es ja eine Unmasse von
-Liebhabern, ich aber gehöre nicht unter die Zahl derselben.«
-
-»Wie glücklich würde ich sein, wenn ich einmal erführe, daß Ihr Euch
-verliebt hättet,« sagte Lewin, »ladet mich nur ja zur Hochzeit ein!«
-
-»Ich bin schon verliebt.«
-
-»Ja, ja, vielleicht in einen Tintenfisch. Du weißt doch,« wandte sich
-Lewin an seinen Bruder, »daß Michail Ssemionowitsch ein Werk über
-Ernährung schreibt und« --
-
-»Nun; nur nichts durcheinanderbringen! Das ist doch ganz gleich. Es
-handelt sich jetzt nur darum, daß ich wirklich einen Tintenfisch lieben
-soll.«
-
-»Das hindert Euch aber nicht, auch ein Weib zu lieben.«
-
-»Er nicht, aber das Weib hindert.«
-
-»Inwiefern denn.«
-
-»Ihr werdet es schon noch sehen. Ihr liebt das Landleben, die Jagd --
-paßt nur auf!«
-
-»Archip war heute hier und meldete, daß eine Masse Elentiere in Prudno
-wären, und zwei Bären,« sagte jetzt Tschirikoff.
-
-»Nun; die müßt Ihr schon ohne mich fangen.«
-
-»Ganz richtig,« sagte Sergey Iwanowitsch, »empfehle dich nur gleich
-von vornherein der Bärenjagd -- deine Frau wird dich nicht mehr
-fortlassen.«
-
-Lewin lächelte. Der Gedanke, daß seine Frau ihn nicht mehr zur
-Bärenjagd lassen würde, war ihm so angenehm, daß er bereit war, dem
-Vergnügen, Bären zu sehen, für immer zu entsagen.
-
-»Aber es ist doch schade, daß diese beiden Bären ohne Euch erlegt
-werden. Besinnt Ihr Euch noch, das letzte Mal in Chapilowo? Das war
-eine wunderbare Jagd,« sagte Tschirikoff.
-
-Lewin wollte ihn nicht ernüchtern, indem er sagte, daß es auch ohne die
-Bärenjagd noch manches Schöne geben könne und antwortete daher nicht.
-
-»Nicht unnützerweise hat sich diese Sitte des Abschiednehmens vom
-Junggesellenleben eingebürgert,« sagte Sergey Iwanowitsch, »wie
-glücklich du auch sein magst, schade ist es doch um die verlorene
-Freiheit. Gesteht nur, man hat dabei ein Gefühl wie der Gogolsche
-Bräutigam, daß man durch das Fenster hinausspringen möchte.«
-
-»Natürlich ist es so, aber er will es nur nicht zugeben,« sagte
-Katawasoff und brach in lautes Gelächter aus.
-
-»Was denn! Das Fenster ist ja noch geöffnet! Fahren wir sogleich nach
-Twjerj! Dort ist eine Bärin, zu der können wir ins Lager. Fahren wir
-mit dem Fünfuhrzug. Dort macht man was man will,« meinte Tschirikoff
-lächelnd.
-
-»Nun, bei Gott,« antwortete Lewin lächelnd, »ich kann in meinem Innern
-dieses Gefühl des Bedauerns über meine verlorne Freiheit nicht finden.«
-
-»Ja, in Eurer Seele ist jetzt aber auch ein solches Chaos, daß Ihr
-überhaupt nichts darin finden könnt,« sagte Katawasoff, »wartet nur,
-wenn Ihr erst ein klein wenig mit Euch ins klare gekommen sein werdet,
-dann werdet Ihr es schon finden.«
-
-»Nein, fühlte ich auch nur im geringsten, daß es außer meinem Gefühl,«
--- von Liebe wollte er vor dem Freunde nicht reden, »noch ein Glück
-gäbe, dann wäre es schade, die Freiheit zu verlieren -- aber im
-Gegenteil, ich freue mich sogar über diesen Verlust meiner Freiheit!«
-
-»Schlimm! Ein hoffnungslos Verlorener!« sagte Katawasoff, »nun, trinken
-wir auf seine Genesung, oder wünschen wir ihm nur, daß wenigstens ein
-Hundertstel seiner Träume in Erfüllung gehe. Schon dies wird ein Glück
-werden, wie es nie auf der Erde existiert hat.«
-
-Bald nach dem Essen verabschiedeten sich die Gäste, um zur
-Hochzeitsfeier Toilette zu machen.
-
-Allein zurückgeblieben und sich die Gespräche dieser Hagestolze
-vergegenwärtigend, frug sich Lewin noch einmal, ob er denn wirklich
-dieses Gefühl des Bedauerns über den Verlust seiner Freiheit in der
-Seele habe, von dem sie gesprochen. Er lächelte bei dieser Frage.
-»Freiheit? Warum Freiheit? Das Glück besteht allein darin, daß man
-liebt, wünscht und denkt mit ihren Wünschen, ihren Gedanken, das heißt,
-ohne jede Freiheit -- dies ist das Glück! -- Aber kenne ich denn ihre
-Gedanken, ihre Wünsche, ihre Gefühle?« flüsterte ihm plötzlich eine
-Stimme zu. Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht und er versank
-in Nachdenken. Plötzlich hatte ihn eine seltsame Stimmung erfaßt,
-es überkam ihn Furcht und Zweifel -- ein Zweifel an allem. -- »Wie,
-wenn sie mich gar nicht liebte? Wie, wenn sie mich nur deswegen
-heiratete, um sich eben zu verheiraten? Oder, wenn sie gar selbst nicht
-wüßte, was sie thut?« frug er sich. »Sie kann zur Erkenntnis kommen
-und, kaum verheiratet erkennen, daß sie gar nicht liebt, mich nicht
-lieben kann?« Die seltsamsten und schlimmsten Ideen über sie begannen
-ihm aufzutauchen. Er war eifersüchtig auf sie gegen Wronskiy, wie
-ein Jahr zuvor; als ob jener Abend, an welchem er sie bei Wronskiy
-gesehen hatte, erst gestern gewesen wäre. Er argwöhnte, daß sie ihm
-nicht alles gesagt habe, und er sprang schnell auf. »Nein, so geht es
-nicht!« sprach er voll Verzweiflung zu sich. »Ich werde zu ihr gehen,
-sie fragen, und ein letztes Mal ihr sagen: Wir sind noch frei, ist es
-nicht besser, es zu bleiben? Es wäre dies doch besser, als ein ewiges
-Unglück, als Schande und Untreue!« Verzweiflung im Herzen und voll Zorn
-gegen die ganze Menschheit, auf sich und sie, verließ er das Hotel und
-fuhr zu ihr.
-
-Er traf sie in den Hinterzimmern. Sie saß auf einem Koffer und traf mit
-einer Dienerin Anordnungen, einen Haufen verschiedenartiger Kleider
-durchmusternd, welche auf den Rücklehnen der Stühle und auf dem
-Fußboden ausgebreitet lagen.
-
-»Ah!« rief sie, ihn erblickend, und ihr Gesicht erstrahlte vor Freude.
-»Wie kommst du -- wie kommt Ihr« -- bis zu diesem letzten Tage hatte
-sie bald »du«, bald »Ihr« zu ihm gesagt -- »das habe ich nicht
-erwartet. Ich mustere soeben meine Mädchenkleider, für wen das Eine
-oder Andere« --
-
-»Ach, sehr gut!« antwortete er düster, auf die Zofe blickend.
-
-»Geh hinaus, Dunjascha, ich werde dich dann rufen,« sagte Kity. »Was
-ist dir?« frug sie, ihn unbedenklich mit »du« ansprechend, sobald das
-Mädchen gegangen war. Sie bemerkte sein seltsames Gesicht, welches
-aufgeregt und düster aussah, und ein Schrecken befiel sie.
-
-»Kity; ich leide. Ich kann aber nicht allein leiden,« sprach er,
-Verzweiflung in der Stimme, blieb vor ihr stehen und schaute ihr
-beschwörend in die Augen. Er hatte schon an ihrem liebevollen,
-treuherzigen Gesicht gesehen, daß sich nichts aus dem ergeben werde,
-was er ihr zu sagen beabsichtigte, aber gleichwohl hatte er das
-Bedürfnis, von ihr selbst seine Zweifel zerstreut zu sehen. »Ich bin
-gekommen, dir zu sagen, daß es noch nicht zu spät ist, daß alles wieder
-aufgehoben und in das alte Geleis zurückgebracht werden kann.«
-
-»Was denn? Ich verstehe nichts. Was ist dir?«
-
-»Das was ich tausendmal gesagt habe und woran ich immer denken muß;
-das, daß ich deiner nicht wert bin. Du konntest nicht einwilligen,
-mich zum Manne zu nehmen. Bedenke es. Du hast einen Irrtum begangen.
-Überlege recht wohl! Du kannst mich nicht lieben! Wenn -- sage lieber«
--- sprach er, ohne sie anzublicken. »Ich werde unglücklich sein. Mögen
-alle reden, was sie wollen, es ist besser so, als ein Unglück; es ist
-besser, jetzt zu sprechen, so lange es noch Zeit ist« --
-
-»Ich verstehe nicht,« antwortete sie erschreckt, »das heißt, du willst
-alles aufheben, daß es nicht mehr nötig sei?« --
-
-»Ja, wenn du mich nicht liebst.«
-
-»Du bist von Sinnen!« rief sie aus, vor Unwillen errötend. Aber sein
-Gesicht sah so kläglich aus, daß sie ihren Verdruß unterdrückte, und
-sich, die Kleider von einem Lehnstuhl werfend, ihm näher setzte. »Was
-denkst du eigentlich; sage mir alles!«
-
-»Ich denke, daß du mich nicht lieben kannst. Weshalb solltest du mich
-denn lieben können?«
-
-»Mein Gott, was soll ich anfangen?« sagte sie und brach in Thränen aus.
-
-»O, was habe ich gethan!« rief er jetzt und begann, vor ihr auf die
-Kniee niederfallend, ihre Hände zu küssen.
-
-Als fünf Minuten später die Fürstin in das Zimmer trat, fand sie die
-beiden schon vollständig beruhigt. Kity hatte ihm nicht nur versichert,
-daß sie ihn liebe, sondern ihm sogar, auf seine Frage antwortend,
-weshalb sie ihn denn liebe, erklärt, warum.
-
-Sie hatte ihm gesagt, daß sie ihn liebe, weil sie ihn ganz kenne, weil
-sie wisse, was er lieben müsse, und daß alles, was er liebe, stets
-gut sei. Und dies war ihm auch vollständig klar erschienen. Als die
-Fürstin bei ihnen eintrat, saßen sie beide nebeneinander auf dem Koffer
-und musterten Kleider, streitend, daß Kity jenes zimmetfarbene Kleid,
-welches sie getragen, als ihr Lewin seinen Antrag gemacht hatte, der
-Dunjascha geben wollte, während er darauf bestand, man dürfe dieses
-Kleid an niemand weggeben, sondern möge der Dunjascha das blaue
-schenken.
-
-»Aber verstehst du nicht? Sie ist doch brünett und dies wird ihr daher
-nicht stehen. Bei mir ist alles schon vorbedacht.«
-
-Als die Fürstin erfahren hatte, weshalb er gekommen sei, geriet sie
-halb im Scherz und halb im Ernst in Groll und schickte ihn wieder nach
-Hause, damit er sich ankleide und Kity bei der Toilette nicht störe, da
-Charles sogleich kommen würde.
-
-»Sie hat so schon während dieser ganzen Tage nicht gegessen und ist
-magerer geworden und du bringst sie nun mit deinen Thorheiten noch mehr
-aus der Fassung,« sagte sie zu ihm; »mach daß du fortkommst nach Hause,
-nach Hause mein Lieber.«
-
-Lewin kehrte verlegen und beschämt, aber beruhigt, nach seinem Hotel
-zurück. Sein Bruder, Darja Aleksandrowna und Stefan Arkadjewitsch, alle
-in voller Gesellschaftstoilette, erwarteten ihn schon, um ihn mit dem
-Heiligenbild zu segnen. Es war keine Zeit mehr zu verlieren.
-
-Darja Aleksandrowna mußte noch nach Hause zurückkehren, um ihren
-pomadisierten und frisierten Sohn zu holen, welcher das Heiligenbild
-mit der Braut tragen sollte. Dann mußte ein Wagen nach dem Brautführer
-gesandt werden und ein anderer, der Sergey Iwanowitsch fortbrachte,
-wieder hergeschickt werden. Überhaupt gab es sehr viele und verwickelte
-Überlegungen hierbei, und nur Eines war unzweifelhaft, daß nicht mehr
-gesäumt werden dürfe, da es bereits halb sieben Uhr war.
-
-Die Segnung mit dem Bilde hatte nichts weiter auf sich. Stefan
-Arkadjewitsch stellte sich in komisch-feierlicher Haltung neben seine
-Gattin, nahm das Heiligenbild, segnete Lewin, nachdem er diesem
-befohlen hatte, sich bis auf die Erde zu verbeugen, mit seinem
-gutmütigen und sarkastischen Lächeln und küßte ihn dreimal. Das
-Nämliche that Darja Aleksandrowna, die sich dann sogleich beeilte,
-abzufahren und abermals in das Arrangement der Bewegung der Wagen
-vertiefte.
-
-»Nun, so wollen wir es also machen: du fährst in unserem Wagen ihn
-abzuholen, und Sergey Iwanowitsch würde, wenn er die Güte haben wollte,
-vorausfahren, den Wagen aber zurückschicken.«
-
-»Gewiß, sehr gern.«
-
-»Wir aber können gleich mit ihm fahren. Sind die Kleider in Ordnung?«
-frug Stefan Arkadjewitsch.
-
-»Sie sind es,« versetzte Lewin und befahl Kusma, seinen Anzug zu
-bringen.
-
-
- 3.
-
-Ein Haufe von Menschen, namentlich Weibern, umringte die zur
-Trauungsfeier erleuchtete Kirche. Diejenigen, welche nicht bis in die
-Mitte hatten vordringen können, drängten sich um die Kirchenfenster
-unter Stoßen und Streiten und schauten durch die Gitter.
-
-Mehr als zwanzig Wagen waren bereits von der Polizei die Straße
-entlang aufgestellt worden und der Polizeioffizier stand, die Kälte
-nicht achtend, in seiner glänzenden Uniform am Eingang. Unaufhörlich
-kamen noch weitere Equipagen angefahren und bald traten Damen in
-Blumenschmuck mit hochgenommenen Schleppen, bald Herren, das Käppi
-oder den schwarzen Hut abnehmend, in die Kirche ein. In dieser selbst
-waren die beiden Lustres und alle Kerzen vor den feststehenden
-Heiligenbildern bereits angezündet. Der goldige Schimmer auf dem roten
-Fonds des Ikonostas, das vergoldete Schnitzwerk an den Bildern und das
-Silber der Kronleuchter und Leuchter, die Steinplatten des Fußbodens
-mit den Teppichen, sowie die Banner oben über den Chören, die Stufen
-des Altars und die vom Alter schwarzgewordenen Kirchenbücher, die
-Leibröcke und Chorröcke, alles das war wie von Licht übergossen. Auf
-der rechten Seite der geheizten Kirche, in der Masse der Fracks und
-weißen Krawatten, der Uniformen und verschiedenen Stoff-, Samt- und
-Atlasroben, der Haarfrisuren und Blumen, der dekolletierten Schultern
-und Arme, und hohen Handschuhe summte ein verhaltenes, aber lebhaftes
-Gespräch, das seltsam in dem hohen Kuppelbau wiederhallte. Sobald
-das Kreischen der aufgehenden Kirchenthür ertönte, verstummte das
-Gespräch in dem Haufen und alles schaute auf in der Erwartung, den
-eintretenden Bräutigam und die Braut zu erblicken. Aber die Thür
-hatte sich schon mehr als zehnmal geöffnet, und immer war es nur ein
-verspäteter Geladener oder eine Geladene gewesen, die sich nun nach
-rechts dem Kreis der Gäste beigesellte, oder eine Zuschauerin, die den
-Polizeioffizier überlistet oder nachsichtig gestimmt hatte, und sich
-nun dem fremden Haufen links anschloß. Die Verwandten und Bekannten
-hatten schon die ganze Stufenleiter des Wartens durchlaufen.
-
-Anfangs glaubte man, daß der Bräutigam und die Braut in jedem
-Augenblick erscheinen müßten und schrieb der Verspätung keinerlei
-Bedeutung zu. Dann begann man öfter und öfter nach der Thür zu schauen,
-und davon zu sprechen, es möchte doch ja nichts vorgefallen sein. Dann
-wurde die Verspätung schon peinlich und die Verwandten wie die Gäste
-gaben sich den Anschein, als ob sie gar nicht mehr an den Bräutigam
-dächten und ganz von ihrem Gespräch in Anspruch genommen seien.
-
-Der Protodiakonus räusperte sich ungeduldig, gleichsam zur Andeutung
-des Wertes seiner Zeit, und machte damit die Scheiben in den Fenstern
-klirren. Auf dem Chor wurden die Proben der Stimmen vernehmbar, dann
-das Schneuzen der sich langweilenden Chorsänger. Der Geistliche sandte
-fortwährend bald den Küster, bald den Diakonus nach Erkundigung fort,
-ob der Bräutigam noch nicht gekommen sei und ging sogar selbst in
-seinem lilafarbenen Priestergewand mit dem gestickten Gürtel, häufiger
-und häufiger zu den Seitenthüren, in der Erwartung des Bräutigams.
-
-Endlich sagte eine der Damen nach der Uhr blickend »das ist aber doch
-seltsam« und alle Trauzeugen gerieten in Unruhe und begannen laut
-ihre Verwunderung und ihr Mißvergnügen zu äußern. Einer der Herren
-fuhr wieder fort, sich zu erkundigen, was denn geschehen sei. Kity
-stand währenddem, schon lange fertig, im weißen Kleid, langen Schleier
-und Kranz von Pomeranzenblüte nebst der die Mutter und Schwester
-vertretenden Frau Lwoffs im Saale des Hauses der Schtscherbazkiy und
-blickte durch das Fenster, schon seit einer halben Stunde vergeblich
-die Benachrichtigung des Brautführers von der Ankunft des Bräutigams in
-der Kirche erwartend.
-
-Lewin indessen lief noch, zwar in den Beinkleidern, aber ohne Weste
-und Frack in seinem Zimmer auf und ab, unaufhörlich den Kopf zur Thür
-hinaussteckend und den Korridor entlang blickend. Auf dem Korridor
-jedoch wurde derjenige nicht sichtbar, den er erwartete, und voll
-Verzweiflung kehrte er, mit den Armen fuchtelnd wieder zurück und
-wandte sich an den ruhig rauchenden Stefan Arkadjewitsch.
-
-»Hat sich jemals wohl ein Mensch in einer gleich entsetzlichen und
-albernen Lage befunden?« sagte er.
-
-»Ja, es ist dumm,« bestätigte Stefan Arkadjewitsch, sanft lächelnd,
-»doch beruhige dich, man wird es sogleich bringen.«
-
-»Nein, sicherlich,« sagte Lewin mit verhaltener Wut, »und diese
-albernen ausgeschnittenen Westen! Unmöglich!« sagte er mit einem Blick
-auf den zerknitterten Brusteinsatz seines Oberhemds. »Und wie, wenn die
-Sachen schon zur Bahn wären?« rief er voll Verzweiflung.
-
-»Dann ziehst du ein Hemd von mir an!«
-
-»Das hätte aber schon längst geschehen sein müssen!«
-
-»Es ist allerdings nicht angenehm, lächerlich zu werden. Warte doch, es
-wird sich machen.«
-
-Die Sache lag so, daß als Lewin die Toilette befahl, Kusma, der alte
-Diener Lewins, den Frack, die Weste und alles was nötig war, brachte.
-
-»Und das Hemd?« rief Lewin.
-
-»Das habt Ihr ja schon an,« versetzte Kusma mit stoischem Lächeln.
-
-Kusma hatte nicht daran gedacht, ein frisches Hemd dazubehalten, und
-nachdem er den Befehl erhalten hatte, alles einzupacken und zu den
-Schtscherbazkiy zu bringen, von wo aus das junge Ehepaar noch am Abend
-abreisen wollte, that er also und packte alles ein außer einem Paar
-Fräcken.
-
-Das am Morgen angezogene Hemd war schon zerknittert, und ließ sich
-unmöglich unter der modernen offenstehenden Weste tragen. Zu den
-Schtscherbazkiy zu schicken, war es zu weit. Man schickte in ein
-Geschäft.
-
-Der Diener kam zurück: »Alles war geschlossen -- es ist Sonntag
-heute.« -- Man schickte nun zu Stefan Arkadjewitsch, ein Hemd kam,
-aber es war viel zu weit und kurz. Man schickte endlich doch zu den
-Schtscherbazkiy, um wieder auspacken zu lassen. Der Bräutigam wurde in
-der Kirche erwartet, und lief wie ein im Käfig eingekerkertes, wildes
-Tier im Zimmer umher, auf den Korridor hinausschauend und mit Entsetzen
-und Verzweiflung daran denkend, was er Kity sagen sollte und was diese
-jetzt denken mochte.
-
-Endlich flog der unglückliche Kusma, mit Mühe nach Atem ringend, mit
-dem Hemd in das Zimmer herein.
-
-»Ich habe sie gerade noch erwischt; die Sachen waren schon auf dem
-Fuhrwerk,« sagte er.
-
-Drei Minuten später stürzte Lewin, ohne nach der Uhr zu sehen, um seine
-Wunde nicht noch zu vergrößern, Hals über Kopf den Korridor entlang.
-
-»Damit kannst du nicht mehr viel helfen,« sagte Stefan Arkadjewitsch
-lächelnd, ihm hastig nachstrebend. »Es wird sich schon machen, es wird
-sich schon machen -- sage ich dir!«
-
-
- 4.
-
-»Er ist da! -- Da ist er! Welcher ist es? Ist er nicht ziemlich jung?
-Und sie -- ja -- mehr tot als lebendig!« -- klang es in der Menge
-durcheinander, als Lewin, nachdem er seine Braut an der Einfahrt
-begrüßt hatte, mit dieser zusammen die Kirche betrat.
-
-Stefan Arkadjewitsch hatte seiner Gattin die Ursache der Verzögerung
-mitgeteilt, und die Trauzeugen zischelten nun lächelnd untereinander.
-Lewin sah und hörte nichts, er musterte nur unverwandten Blickes seine
-Braut.
-
-Alle sagten, daß sie in den letzten Tagen sehr abgenommen hätte, und im
-Kranze bei weitem nicht so gut aussah, wie gewöhnlich, aber Lewin fand
-dies nicht. Er schaute ihre hohe Frisur mit dem langen weißen Schleier
-und den weißen Blüten an, den hochstehenden gefalteten Kragen, der
-eigenartig jungfräulich von den Seiten und von vorn ihren schlanken
-Hals bedeckte und auf die überraschend enge Taille, und ihm schien,
-daß sie so schöner sei, als sie je gewesen, nicht deshalb, weil diese
-Blüten, dieser Schleier, dieses aus Paris verschriebene Kleid zu ihrer
-Schönheit noch etwas hätte hinzufügen können, sondern, weil trotz der
-künstlichen Pracht der Kleidung der Ausdruck ihres guten Gesichtchens,
-ihres Blickes, ihrer Lippen, immer der nämliche bei ihr geblieben war
-mit seiner unschuldigen Treuherzigkeit.
-
-»Ich dachte schon, du wolltest mir davonlaufen,« sagte sie lächelnd zu
-ihm.
-
-»Es war so thöricht, was sich mit mir zugetragen hat, daß ich es gar
-nicht erzählen kann,« antwortete er, errötend, mußte sich aber jetzt zu
-seinem an ihn herantretenden Bruder Sergey Iwanowitsch wenden.
-
-»Nicht übel, die Geschichte mit deinem Hemd,« sagte Sergey Iwanowitsch,
-lächelnd den Kopf schüttelnd.
-
-»Ja, ja,« versetzte Lewin, ohne zu verstehen, wovon man mit ihm sprach.
-
-»Nun, mein Konstantin, jetzt müssen wir,« sagte Stefan Arkadjewitsch
-mit scheinbar erschrecktem Gesicht, »eine wichtige Frage entscheiden.
-Du nur bist jetzt in der Verfassung, die ganze Bedeutung derselben zu
-ermessen. Man frägt mich, ob heruntergebrannte Kerzen angesteckt werden
-sollen, oder nicht heruntergebrannte? Der Unterschied macht zehn Rubel
-aus,« fügte er hinzu, die Lippen zu einem Lächeln kräuselnd, »ich habe
-entschieden, fürchte jedoch, daß du mir deine Einwilligung nicht geben
-wirst.«
-
-Lewin erkannte, daß dies ein Scherz sein sollte, aber er vermochte
-nicht zu lächeln.
-
-»Also wie? Nicht gebrannte oder heruntergebrannte? Das ist die Frage.«
-
-»Nun, nicht gebrannte.«
-
-»Nun, freut mich sehr. Die Frage ist entschieden,« sagte Stefan
-Arkadjewitsch lächelnd. »Aber wie thöricht doch die Menschen in einer
-solchen Situation werden,« fuhr er zu Tschirikoff gewendet fort,
-nachdem Lewin, ihn zerstreut anblickend, wieder zu seiner Braut
-getreten war.
-
-»Paß auf, Kity, du mußt also zuerst auf den Teppich treten,« sagte die
-Gräfin Nordstone herzukommend. »Wie stattlich Ihr ausseht,« wandte sie
-sich an Lewin.
-
-»Dir ist doch nicht ängstlich?« frug Marja Dmitrjewna, ihre alte Tante.
-
-»Ist dir nicht wohl? Du bist blaß. Halt, beuge dich ein wenig,« sagte
-die Lwowa, die Schwester Kitys, ihre vollen schönen Arme krümmend und
-lächelnd ihr die Blüten auf dem Haupte ordnend.
-
-Auch Dolly kam; sie wollte etwas sagen, konnte aber nichts
-herausbringen und begann zu weinen und unnatürlich zu lachen.
-
-Kity schaute alle mit den nämlichen abwesenden Blicken an, wie Lewin.
-Mittlerweile hatten die Kirchendiener ihren priesterlichen Schmuck
-angelegt und der Geistliche mit dem Diakonus traten zu dem Altar,
-welcher in der Vorhalle der Kirche stand. Der Geistliche wandte sich an
-Lewin und sagte zu diesem einige Worte. Lewin vernahm nicht, was der
-Priester gesagt hatte.
-
-»Nehmt Eure Braut an der Hand und führt sie,« sagte der Brautherr zu
-ihm.
-
-Lange Zeit konnte Lewin nicht verstehen, was man von ihm wollte. Man
-besserte lange an ihm herum und wollte schon die Hoffnung aufgeben --
-weil er stets nicht mit der richtigen Hand griff, oder den richtigen
-Arm nahm -- als er endlich erkannte, daß er mit der rechten Hand ohne
-seine eigene Stellung zu verändern, sie ebenfalls bei der rechten Hand
-zu nehmen hatte. Nachdem er endlich die Braut in der gehörigen Weise
-bei der Hand genommen hatte, ging der Priester einige Schritte vor
-und blieb auf der Altarerhöhung stehen. Die Schar der Verwandten und
-Bekannten in summendem Gespräch und unter dem Rauschen der Schleppen
-folgte ihnen; jemand beugte sich nieder und ordnete die Schleppe
-der Braut. In der Kirche wurde es so still, daß man das Fallen der
-Wachstropfen vernahm.
-
-Der alte Priester im Scheitelkäppchen mit seinen schimmernden,
-silbergrauen Haarlocken, die hinter den Ohren nach beiden Seiten
-geteilt waren, streckte die greisen kleinen Hände aus dem schweren
-silbernen und mit einem goldenen Kreuz auf dem Rücken geschmückten
-Gewand hervor und blätterte noch ein wenig auf dem Altar.
-
-Stefan Arkadjewitsch begab sich behutsam zu ihm hin und flüsterte ihm,
-nach Lewin hinblinzelnd etwas zu, worauf er wieder zurückkehrte.
-
-Der Geistliche zündete zwei mit Blumen geschmückte Kerzen an, indem er
-sie mit der linken Hand schräg hielt, sodaß das Wachs langsam von ihnen
-herniedertropfte und wandte sich zu den Neuvermählten. Der Geistliche
-war der nämliche, bei welchem Lewin gebeichtet hatte. Er schaute mit
-mattem, traurigen Blick auf Bräutigam und Braut, seufzte und segnete
-mit der Rechten, die er unter dem Priestergewand hervorstreckte, den
-Bräutigam, worauf er gleichfalls, aber mit einem Anschein hütender
-Zärtlichkeit, die Finger auf das geneigte Haupt Kitys legte. Er reichte
-hierauf beiden die Kerzen und verließ sie langsam, das Räucherfaß
-nehmend.
-
-»Ist es denn wahr?« dachte Lewin und blickte auf seine Braut. Wie von
-oben herab erschien ihm ihr Profil, und an einer kaum bemerkbaren
-Bewegung ihrer Lippen und Wimpern erkannte er, daß sie seinen Blick
-empfunden hatte. Sie schaute nicht auf, aber der hohe Rüschenkragen
-bewegte sich leise, der bis zu ihrem rosigen kleinen Ohr heraufging. Er
-sah, daß ein Seufzer ihre Brust belastete und die kleine Hand zitterte,
-welche in dem hohen Handschuh das Licht hielt. All jener eitle Kram mit
-dem Hemd, der Verspätung, die Auseinandersetzung mit den Bekannten und
-Verwandten, deren Mißvergnügen, seine komische Situation -- alles das
-war plötzlich verschwunden und es wurde ihm freudig und bange zugleich
-zu Mut.
-
-Der schöne stattliche Protodiakonus im silbern-schimmernden Chorhemd
-und den nach seitwärts in gewundenen Locken gekämmten Haaren trat
-schnell vor und blieb, in der üblichen Geste mit zwei Fingern die Stola
-hebend, dem Geistlichen gegenüber stehen.
-
-»Segne, Herr!« ertönten langsam einer nach dem anderen, feierliche
-Klänge, die Luft in Schwingungen versetzend.
-
-»Gelobt sei unser Gott immerdar jetzt und fürderhin in alle Ewigkeit,«
-antwortete sanft und in singendem Tone der alte Geistliche, noch immer
-auf dem Altar nach etwas suchend. Die ganze Kirche erfüllend von den
-Fenstern an bis zu den Kreuzbögen, erhob sich, harmonisch und getragen,
-ein voller Akkord vom unsichtbaren Chor aus, wuchs an, stand einen
-Augenblick und erstarb dann.
-
-Man betete, wie üblich, für den himmlischen Frieden und das Seelenheil,
-für die Synode und für Gott, es wurde gebetet auch für den Knecht
-Gottes, Konstantin, und Jekaterina, die sich jetzt verlobten.
-
-»Daß ihnen sende hernieder eine völlige friedsame Liebe, daß ihnen
-helfe Gott, das bitten wir,« atmete gleichsam die ganze Kirche von der
-Stimme des Protodiakonus.
-
-Lewin vernahm die Worte und sie machten ihn betroffen. »Wie konnte man
-vermuten, daß Hilfe not that, gerade Hilfe?« dachte er, sich alle seine
-kürzlichen Befürchtungen und Zweifel wieder zurückrufend. »Was weiß
-ich! Was vermag ich in dieser schweren Aufgabe ohne Hilfe? Allerdings,
-Hilfe thut mir jetzt not.«
-
-Als der Diakonus die Litanei beendet hatte, wandte sich der Priester
-mit seinem Buche zu den Verlobten: »Ewiger Gott, der du das Getrennte
-vereinet hast,« las er mit weicher, singender Stimme, »der das Band
-der Liebe unauflöslich gestiftet, und Isaak und Rebekka gesegnet hat,
-dir stelle ich diese als Nachfolger in deinem Bunde vor. Segne du sie
-selbst, diese deine Knechte, Konstantin und Jekaterina, denen ich allen
-Segen wünsche, gleichwie du ein erbarmender Gott voll Menschenliebe
-bist und wir dir Lob singen, dem Vater und dem Sohne und dem heiligen
-Geiste jetzt und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.« Wiederum ertönte in
-der Höhe der unsichtbare Chor.
-
-»Der das Getrennte vereinet hat und das Band der Liebe gestiftet, wie
-gedankenvoll diese Worte sind und wie sie dem entsprechen, was man in
-diesem Augenblick empfindet,« dachte Lewin. »Ob sie wohl das Nämliche
-fühlt wie ich?«
-
-Aufschauend begegnete er ihrem Blick, aus dessen Ausdruck er schloß,
-daß sie ebenso verstanden hatte, wie er. Aber dies war durchaus nicht
-der Fall; sie hatte fast gar nichts von den Worten der Ceremonie
-verstanden, ja, diese während der Verlobung nicht einmal vernommen. Sie
-war nicht fähig, sie zu vernehmen und zu fassen, so mächtig war jenes
-eine Gefühl, welches ihr die Seele füllte und mehr und mehr zunahm.
-Dieses Gefühl war das der Freude über die endgültige Vollendung dessen,
-was schon sechs Wochen zuvor in ihrer Seele vollendet gewesen war
-und sie im Laufe dieser langen Wochen erfreut und zugleich bedrückt
-hatte. In ihrer Seele hatte sich, am nämlichen Tage, als sie in dem
-zimmetfarbenen Kleid im Salon des Hauses Arbatskiy schweigend zu
-ihm hingetreten war und sich ihm ergeben hatte, zu Tag und Stunde
-ein völliger Bruch mit ihrem früheren Leben vollzogen; sie hatte
-ein vollständig anderes, neues, ihr noch völlig unbekanntes Leben
-begonnen, in der Wirklichkeit freilich das alte nur fortgesetzt.
-Diese sechs Wochen bildeten die seligste und doch zugleich auch
-qualvollste Zeit für sie. Ihr ganzes Leben, alle ihre Wünsche und
-Hoffnungen, vereinigten sich in jenem einen, von ihr noch nicht
-verstandenen Manne, mit welchem sie ein Etwas, welches von ihr noch
-weniger begriffen wurde, als jener Mann selbst, verband, ein bald
-näherungslustiges, bald abstoßendes Gefühl; bei alledem aber fuhr sie
-fort, in den Verhältnissen ihres vorherigen Lebens weiter zu leben.
-In diesem ihren alten Leben hatte sie Schrecken empfunden über sich
-selbst, über ihre vollendete, unbezwingbare Gleichgültigkeit ihrer
-gesamten Vergangenheit gegenüber; ihrem Eigentum, ihren Gewohnheiten,
-den Menschen, die sie geliebt hatten und noch liebten, ihrer Mutter die
-über diese Gleichgültigkeit erbost war, und ihrem guten, früher über
-alles in der Welt geliebten, zärtlichen Vater gegenüber. Bald erschrak
-sie über diesen Gleichmut, bald empfand sie Freude über das, was sie
-dazu gebracht hatte. Sie mochte nichts weiter denken oder wünschen
-als ein Leben mit jenem Manne, aber dieses neue Leben war noch nicht
-eingetreten, und sie vermochte es sich nicht einmal klar vorzustellen.
-Es war nur ein Erwarten -- Furcht und Freude über etwas Neues und
-noch nicht Bekanntes. Jetzt aber, siehe da, war dies Erwarten und
-die Unkenntnis, die Reue über den Verzicht auf ihr vorheriges Leben
-vorüber, und etwas Neues sollte beginnen. Dieses Neue aber konnte nicht
-furchtbar sein in seiner Unbekanntheit; gleichviel, mochte es furchtbar
-oder nicht furchtbar sein, es hatte sich sechs Wochen vorher schon in
-ihrer Seele voll entwickelt und wurde jetzt nur das geweiht, was sich
-lange vorher schon in derselben vollzogen hatte.
-
-Wieder auf den Altar zurückgekehrt, nahm der Geistliche mit Mühe den
-sehr kleinen Ring Kitys und steckte ihn, sich Lewins Hand reichen
-lassend, an dessen erstes Fingerglied. »Es wird verbunden der Knecht
-Gottes Konstantin mit der Magd Gottes Jekaterina.« Nachdem er den
-großen Ring an den rosigen kleinen, in seiner Schwächlichkeit Mitleid
-erregenden Finger Kitys gesteckt hatte, wiederholte der Priester das
-Nämliche.
-
-Mehrmals glaubten die Brautleute zu erraten, was sie thun müßten,
-irrten aber jedesmal, und der Geistliche wies sie mit flüsternder
-Stimme an. Endlich, nachdem alles Erforderliche erledigt war, und er
-die Ringe gesegnet hatte, übergab er nochmals Kity den großen und
-Lewin den kleinen Ring, aber von neuem gerieten beide in Verwirrung,
-und wechselten zweimal den Ring, ohne daß das zu stande kam, was
-erforderlich war.
-
-Dolly, Tschirikoff und Stefan Arkadjewitsch traten vor, um zu
-verbessern. Eine Konfusion, Zischeln und Lächeln entstand, aber der
-feierlich stille Ausdruck auf den Zügen des Brautpaares änderte sich
-nicht, im Gegenteil, als sie sich mit den Händen geirrt hatten,
-schauten sie noch ernster und feierlicher als vorher, und das Lächeln,
-mit welchem Stefan Arkadjewitsch flüsterte, daß jetzt jedes seinen
-eigenen Ring aufzustecken habe, erstarb unwillkürlich auf dessen
-Lippen. Er fühlte, daß jedes Lächeln sie nur kränken könne.
-
-»Denn du hast von Anfang an das männliche Geschlecht geschaffen und
-das weibliche,« las der Priester weiter nach dem Ringwechsel, »und von
-dir wird dem Manne das Weib gesellt zur Hilfe und zur Fortpflanzung
-des Menschengeschlechts. Denn du selbst, Herr unser Gott, hast die
-Wahrheit gesandt zu deiner Nachfolge und für deinen Bund, für deine
-Knechte, unsere heiligen Väter, deine Auserwählten; schaue auf deinen
-Knecht Konstantin und deine Magd Jekaterina und bestätige ihren Bund im
-Glauben und in der Einmütigkeit und in der Wahrheit und in der Liebe.«
-
-Lewin empfand mehr und mehr, daß alle seine Ideen über das Heiraten,
-seine Gedanken darüber, wie er sein Leben hatte einrichten wollen,
-kindlich gewesen waren, und daß hier etwas vor sich ging, was er
-bis jetzt noch nicht verstanden hatte, und jetzt sogar noch weniger
-verstehe, obwohl es sich über ihm selbst vollzog. In seiner Brust hoben
-sich höher und höher innere Schauer, und zudringliche Thränen traten
-ihm in die Augen.
-
-
- 5.
-
-In der Kirche befand sich ganz Moskau an Verwandten und Bekannten.
-Während der Ceremonie der Trauung, in der glänzend erleuchteten
-Kirche, im Kreise der geputzten Damen und jungen Mädchen, der Herren
-in weißen Krawatten, in Fräcken und Uniformen war ununterbrochen eine
-leise Konversation geführt worden, die namentlich die Herren anregten,
-während die Damen in der Beobachtung aller Einzelheiten einer sie stets
-ja sehr fesselnden heiligen Handlung versunken waren.
-
-In dem Kreise der der Braut zunächst Stehenden befanden sich deren
-beide Schwestern, Dolly und die ältere, ruhige und schöne Lwowa, die
-aus dem Auslande gekommen war.
-
-»Was ist das für ein Mary-Kostüm in Veilchenblau; gerade als wäre es
-schwarz -- zu einer Hochzeit« -- sprach die Korsunskaja.
-
-»Die einzige Rettung für ihren Teint,« antwortete die Trubezkaja.
-»Mich wundert, daß man die Trauung abends ausgeführt hat -- das ist so
-kaufmännisch« --
-
--- »Aber schöner. Auch ich bin abends getraut worden,« antwortete die
-Korsunskaja und seufzte, als sie daran dachte, wie schön sie an jenem
-Tage, wie lächerlich verliebt in sie ihr Mann damals gewesen war, und
-wie jetzt so alles ganz anders geworden sei.
-
-»Man sagt, daß jemand der mehr als zehnmal Brautführer gewesen ist,
-nicht heirate; ich wollte es heute zum zehntenmale sein, um mich in
-Furcht zu setzen, allein die Stelle war besetzt,« sprach Graf Sinjawin
-zu der hübschen jungen Fürstin Tscharskaja, die Absichten auf ihn hatte.
-
-Die Tscharskaja antwortete ihm nur mit einem Lächeln. Sie blickte auf
-Kity, und dachte daran, wie und wann sie selbst mit dem Grafen Sinjawin
-an Kitys Stelle sein würde, und wie sie diesen dann an seinen jetzigen
-Scherz erinnern wollte.
-
-Schtscherbazkiy sagte dem alten Fräulein Nikolajewa, daß er den Kranz
-auf Kitys Chignon setzen werde, damit sie glücklich werde.
-
-»Es ist gar nicht nötig einen Chignon aufzusetzen,« antwortete die
-Nikolajewa, die schon längst entschlossen war, daß, wenn sie der alte
-Witwer, nach welchem sie angelte, heiraten sollte, die Trauung die
-allereinfachste sein sollte. »Ich liebe dieses >fast< nicht.«
-
-Sergey Iwanowitsch sprach mit Darja Dmitrjewna, sie scherzend
-versichernd, daß die Sitte, nach der Vermählung abzureisen, deswegen so
-verbreitet sei, weil Neuvermählte stets kein gutes Gewissen hätten.
-
-»Euer Bruder kann stolz sein. Es ist wunderbar, wie schön sie ist. Ich
-glaube, Ihr beneidet ihn?«
-
-»Ich habe das schon durchgemacht, Darja Dmitrjewna,« antwortete er und
-sein Gesicht nahm unerwartet einen trüben und ernsten Ausdruck an.
-
-Stefan Arkadjewitsch erzählte nun seiner Schwägerin einen schlechten
-Witz über eine Ehescheidung.
-
-»Man muß den Kranz zurechtrücken,« antwortete diese, ohne ihn zu hören.
-
-»Wie schade, daß sie so angegriffen aussieht,« sagte die Gräfin
-Nordstone zu der Lwowa. »Und gleichwohl wiegt er ihren kleinen Finger
-nicht auf. Nichtwahr?«
-
-»O, mir gefällt er sehr gut; aber nicht deswegen etwa, weil er mein
-künftiger =beau frère= ist,« antwortete die Lwowa, »und wie schön er
-sich hält! Es ist so schwer, sich in solch einer Situation gut zu
-halten und nicht komisch zu werden. Er aber ist nicht komisch, nicht
-steif, er ist offenbar ergriffen.«
-
-»Ihr habt dies wahrscheinlich erwartet?«
-
-»Fast so. Sie hat ihn stets geliebt.«
-
-»Nun, beobachten wir, wer von ihnen zuerst auf den Teppich tritt. Ich
-habe es Kity geraten.«
-
-»Gleichviel,« antwortete die Lwowa, »wir sind doch alle die
-untergebenen Weiber; es liegt dies doch einmal in unserer Rasse.«
-
-»Ich bin aber doch vorsätzlich zuerst mit Wasiliy darauf getreten; und
-Ihr Dolly?«
-
-Dolly stand neben ihnen, sie hörte wohl, antwortete aber nicht;
-sie war tief gerührt. Die Thränen standen ihr in den Augen und sie
-hätte kein Wort reden können, ohne in Thränen auszubrechen. Sie
-freute sich über Kity und Lewin; in ihrer Erinnerung zu der eigenen
-Trauung zurückkehrend, blickte sie nach dem wonneglänzenden Stefan
-Arkadjewitsch, vergaß alles Gegenwärtige und dachte nur ihrer ersten
-unschuldigen Liebe. Sie dachte nicht allein an sich, sondern auch
-an alle nahestehenden oder ihr bekannten Frauen. Sie erinnerte sich
-ihrer in jener einzigen, für sie so feierlichen Zeit, da sie ebenso
-wie Kity unter dem Kranze gestanden hatte mit Liebe, Hoffnung und
-Bangen im Herzen, sich lossagend von der Vergangenheit und in eine
-geheimnisvolle Zukunft eintretend. In der Zahl aller dieser Bräute, die
-ihr ins Gedächtnis kamen, sah sie auch ihre geliebte Anna, über deren
-vermutliche Trennung sie unlängst die Einzelheiten gehört hatte. Auch
-sie hatte rein in den Pomeranzenblüten und dem Schleier da gestanden.
-Und jetzt? »Furchtbar seltsam« -- sagte sie.
-
-Aber nicht nur die Schwestern, auch die Freundinnen und weiblichen
-Verwandten folgten allen Einzelheiten der heiligen Handlung; auch
-die fremden Frauen, die Zuschauerinnen beobachteten voll Aufregung,
-mit stockendem Atem, in der Furcht, eine einzige Bewegung verlieren
-zu können, den Ausdruck der Mienen des Bräutigams und der Braut, und
-antworteten ärgerlich den gleichgültigen Reden der gleichgültigen
-Männer gar nicht, oder überhörten sie oft sogar, wenn dieselben
-scherzhafte oder nebensächliche Bemerkungen fallen ließen.
-
-»Weshalb sieht sie so verweint aus? Folgt sie ihm gezwungen?«
-
-»Was, gezwungen einem so schönen Manne! Ist er nicht ein Fürst?«
-
-»Das ist wohl seine Schwester dort im weißen Atlaskleid? Höre nur, wie
-der Diakonus plärrt >und sie soll ihren Mann fürchten<.«
-
-»Sind sie denn fremd?«
-
-»Nein, es sind synodale.«
-
-»Ich habe einen Diener gefragt. Er sagte, daß der Bräutigam die Braut
-sogleich mit sich auf sein Gut nehmen würde. Er soll unendlich reich
-sein, heißt es. Deswegen hat man ihm auch die Braut gegeben.«
-
-»Nicht doch, das Paar ist so schön.«
-
-»Und da habt Ihr nun gestritten, Marja Wasiljewna, daß die
-Kanarienvögel wegflögen. Sieh die dort, es soll eine Gesandtin sein,
-wie gewählt« --
-
-»Die Braut ist doch zu lieblich, wie ein geputztes Lämmchen. Was Ihr
-auch sagen mögt; es ist doch schade um sie.«
-
-So schwatzte der Haufe der Zuschauerinnen durcheinander, dem es
-gelungen war, durch die Thüren der Kirche hereinzuschlüpfen.
-
-
- 6.
-
-Nachdem die Trauungsfeier in der Kirche beendet war, breitete der
-Küster vor dem Altarplatz in der Mitte der Kirche ein rosafarbenes,
-seidenes Zeug aus; der Chor stimmte einen kunstvollen und schwierigen
-Psalm an, in welchem Tenor und Baß sich antworteten und der Priester,
-sich umwendend, wies die Verlobten auf das ausgebreitete rosafarbene
-Stück Zeug hin. So oft diese nun schon davon gehört hatten, daß, wer
-zuerst auf den Teppich träte, das Regiment in der Familie führen würde,
-vermochten sich doch weder Lewin noch Kity dessen zu entsinnen, als sie
-die wenigen Schritte zurücklegten. Sie hörten weder die vernehmbaren
-Bemerkungen und Auseinandersetzungen, daß nach der Beobachtung der
-Einen er, nach der Meinung der Anderen -- beide zugleich darauf
-getreten wären.
-
-Nach den üblichen Fragen betreffs ihres Wunsches die Ehe zu schließen,
-ob sie nicht anderweit Versprechungen gegeben hätten, auf die ihre
-Antworten ihnen selbst seltsam genug klangen, begann eine neue
-Ceremonie.
-
-Kity hörte die Worte des Gebetes und bemühte sich, deren Sinn zu
-verstehen, aber sie vermochte dies nicht. Das Gefühl des Stolzes
-und der lichten Freude begann mit der sich dem Ende nähernden Feier
-mehr und mehr ihre Seele zu erfüllen, und machte es ihr unmöglich,
-aufmerksam zu sein. Man betete: »Gieb ihnen Weisheit und Leibesfrucht
-zu ihrem Nutzen, damit sie heiter seien beim Anblick ihrer Söhne und
-Töchter;« es wurde erwähnt, daß Gott das Weib aus einer Rippe Adams
-geschaffen habe, und »deswegen wird der Mensch Vater und Mutter
-verlassen und dem Weibe anhangen und sie werden beide sein ein Leib,«
-und »dieses Geheimnis ein großes« sei; man betete, daß Gott ihnen
-Fruchtbarkeit und Segen verleihe, wie Isaak und Rebekka, Joseph und
-Mose, und daß sie die Söhne ihrer Söhne noch sehen möchten. »Alles
-das ist schön,« dachte Kity, als sie diese Worte vernahm, »alles das
-kann auch gar nicht anders sein« und ein Lächeln der Freude, das sich
-unwillkürlich allen denen, die sie anschauten, mitteilte, glänzte auf
-ihrem hellgewordenen Antlitz auf.
-
-»Setzt ihn nur ordentlich auf!« vernahm man zuredende Stimmen, als
-der Geistliche ihnen die Kränze aufsetzte, und Schtscherbazkiy mit
-zitternder Hand, im dreiknöpfigen Handschuh, den Kranz hoch über Kitys
-Kopf hielt.
-
-»Setzt ihn auf,« flüsterte diese lächelnd.
-
-Lewin blickte sie an und war überrascht von dem freudestrahlenden
-Glanze, welcher auf ihrem Gesicht lag; diese Empfindung teilte sich
-auch ihm unwillkürlich mit, und auch ihm wurde dabei so leicht und
-heiter zu Mut, wie ihr.
-
-Es machte ihnen Freude, dem Lesen der Apostelsendung zu lauschen und
-dem Verrauschen der Stimme des Protodiakonus beim letzten Vers, das
-von dem zuschauenden Publikum mit großer Ungeduld erwartet worden war.
-Es machte ihnen Freude, aus der flachen Schale den lauen roten Wein,
-mit Wasser gemischt, zu trinken, es machte ihnen noch mehr Freude, als
-der Geistliche, das Meßgewand zurückwerfend, ihrer beider Hände in
-die seine nahm und sie unter dem Dröhnen der Bässe, welche das »Jesu
-freue dich« ausführten, rings um den Altar geleitete. Schtscherbazkiy
-und Tschirikoff, welche die Kränze hielten, verwickelten sich in die
-Schleppe der Braut, lächelten gleichfalls und waren heiter, bald
-stehen bleibend, bald nach vorn anstoßend an die Jungvermählten,
-sobald der Geistliche eine Pause im Rundgang machte. Der Götterfunke
-der Freude, der in Kity entzündet war, schien sich allen mitzuteilen,
-die in der Kirche anwesend waren; und Lewin dünkte es, als wenn auch
-der Geistliche und der Diakonus, ebenso wie er, zu einem Lächeln
-neigten.
-
-Der Geistliche nahm die Kränze von ihren Häuptern, las das letzte
-Gebet und beglückwünschte die jungen Eheleute. Lewin schaute auf Kity
-und noch nie bisher hatte er diese so gesehen. Sie war reizend in dem
-ungewohnten Schimmer von Glück, welcher auf ihrem Antlitz lag. Lewin
-wollte zu ihr sprechen, aber er wußte nicht, ob die Feier zu Ende sei.
-Der Geistliche entriß ihn seinen Bedenken, er lächelte ihm gutmütig zu
-und sagte leise, »küßt Euer Weib, und Ihr, küßt Euren Mann« und nahm
-ihnen die Lichter aus den Händen.
-
-Lewin küßte taktvoll ihre lächelnden Lippen, reichte ihr den Arm, und
-verließ im Gefühl der Nähe eines neuen, seltsam berührenden Etwas die
-Kirche.
-
-Er glaubte nicht und konnte nicht glauben, daß es Wahrheit sei. Erst
-als ihn verwunderte und schüchterne Blicke trafen, glaubte er daran,
-weil er fühlte, daß sie schon Eins waren.
-
-Nach dem Souper, noch in der nämlichen Nacht, fuhren die jungen Leute
-nach dem Dorfe ab.
-
-
- 7.
-
-Wronskiy und Anna reisten bereits seit drei Monaten zusammen in Europa.
-Sie hatten Venedig, Rom, Neapel besucht und waren soeben in einer
-kleinen italienischen Stadt angekommen, wo sie sich für einige Zeit
-niederzulassen gedachten.
-
-Ein eleganter Oberkellner, mit einem vom Nacken beginnenden Scheitel im
-dicht pomadisierten Haar, im Frack und mit breiter weißer Battistbrust
-im Oberhemd, auch einem Bündel Berloques auf dem gerundeten Bäuchlein,
-antwortete gerade, die Hände in den Taschen und geringschätzig mit
-den Augen zwinkernd, in gemessenem Tone einem stehenbleibenden Herrn.
-Als er von der andern Seite der Einfahrt Schritte vernahm, welche die
-Treppe hinaufgingen, wandte sich der Oberkellner um, zog, als er den
-russischen Grafen erblickte, welcher hier die besten Zimmer gemietet
-hatte, respektvoll die Hände aus den Taschen und erklärte mit einer
-Verbeugung, daß der Kurier da wäre, und die Angelegenheit mit dem
-Mieten eines Palazzo im Gange sei.
-
-»Ach, das freut mich sehr,« sagte Wronskiy, »ist die gnädige Frau
-daheim oder nicht?«
-
-»Gnädige Frau waren spazieren gegangen, sind aber jetzt zurückgekehrt,«
-antwortete der Kellner.
-
-Wronskiy nahm den weichen, breitkrempigen Hut vom Kopfe und trocknete
-mit dem Taschentuch die schweißbedeckte Stirn und die halb über den
-Ohren hängenden Haare, welche zurückgekämmt waren und die kahle Stelle
-auf seinem Kopfe bedeckten. Zerstreut auf den noch immer dastehenden
-und ihn anschauenden Herrn blickend, wollte er vorübergehen.
-
-»Dieser Herr ist Russe und frug nach Ihnen,« berichtete der Oberkellner.
-
-Mit einem Gefühl, in dem sich Verlegenheit und der Verdruß mischten,
-daß man nirgends seinen Bekannten entgehen könne, aber im Wunsche,
-doch wenigstens eine Zerstreuung in der Einförmigkeit seines Lebens zu
-finden, blickte Wronskiy nochmals den abseits getretenen und wartenden
-Herrn an, und in ein und demselben Augenblick leuchteten beider Augen
-auf.
-
-»Golenischtscheff!«
-
-»Wronskiy!«
-
-In der That, es war Golenischtscheff, ein Kamerad Wronskiys
-vom Pagencorps her. Golenischtscheff gehörte im Pagencorps der
-freidenkenden Richtung an, trat aus demselben mit bürgerlichem Range
-aus und hatte nirgends Dienste genommen. Die Kameraden waren seit
-dem Verlassen des Corps ganz auseinandergekommen und hatten sich in
-späterer Zeit nur einmal wiedergesehen.
-
-Bei jener Begegnung erkannte aber Wronskiy, daß Golenischtscheff eine
-hochgeschraubte, freisinnige Wirksamkeit entwickelt hatte und infolge
-dessen die Thätigkeit und den Beruf Wronskiys gering schätzte, und so
-kam es, daß dieser bei dem Zusammentreffen mit Golenischtscheff jene
-kalte stolze Haltung annahm, die er den Menschen gegenüber anzunehmen
-verstand, und deren Gedanke der war: »Mag Euch meine Lebensart
-anstehen oder nicht, dies ist mir ganz gleichgültig; Ihr müßt mich aber
-achten, wenn Ihr meine Bekanntschaft sucht.«
-
-Golenischtscheff hingegen verhielt sich diesem Tone Wronskiys gegenüber
-mit geringschätzigem Gleichmut. Es dürfte nun scheinen, als ob jene
-Begegnung sie noch mehr voneinander hätte trennen müssen, jetzt aber
-erglänzten beider Mienen und sie riefen sich freudig an, indem sie
-einander erkannten.
-
-Wronskiy hätte nie erwartet, daß er sich über Golenischtscheff so
-freuen könne, aber wahrscheinlich wußte er nur selbst nicht, wie er
-sich langweilte. Er hatte den unangenehmen Eindruck ihrer letzten
-Begegnung vergessen und streckte jetzt dem einstigen Schulkameraden
-mit offener, freudiger Miene die Hand entgegen. Ein solcher Ausdruck
-von Freude veränderte auch den ersten unsicheren Ausdruck im Gesicht
-Golenischtscheffs.
-
-»Wie freue ich mich, dich zu treffen!« sagte Wronskiy, freundschaftlich
-lächelnd seine festen weißen Zähne zeigend.
-
-»Ich habe gehört, ein Wronskiy ist hier; wußte aber nicht, welcher. Ich
-freue mich ganz außerordentlich!« --
-
-»Komm doch mit herauf. Nun, was machst du denn?«
-
-»Ich wohne schon seit zwei Jahren hier. Ich arbeite.«
-
-»Ach so,« versetzte Wronskiy voll Teilnahme, »also komme mit herein.«
-
-Nach der Gewohnheit der Russen begann er französisch, anstatt gerade
-russisch das zu sagen, was er vor der Dienerschaft verbergen wollte.
-
-»Bist du mit der Karenina bekannt? Wir reisen zusammen. -- Ich gehe zu
-ihr,« -- fuhr er auf französisch fort, Golenischtscheff aufmerksam ins
-Gesicht blickend.
-
-»Ah, ich wüßte nicht,« antwortete Golenischtscheff ruhig -- der
-recht wohl das Verhältnis kannte -- »bist du schon seit lange hier
-angekommen?« fügte er hinzu.
-
-»Ich? Seit vier Tagen,« antwortete Wronskiy, noch einmal aufmerksam das
-Gesicht des Schulkameraden musternd.
-
-»Ja wohl, er ist ein vernünftiger Mensch und nimmt die Dinge, wie
-sichs gehört,« sagte Wronskiy zu sich selbst, die Bedeutung des
-Gesichtsausdrucks Golenischtscheffs und den Wechsel der Unterhaltung
-verstehend; »man kann ihn schon mit Anna bekannt machen; er verhält
-sich ganz so, wie es sich gehört.«
-
-Wronskiy hatte sich während der drei Monate, die er im Auslande mit
-Anna zugebracht hatte, im Zusammentreffen mit den Menschen stets die
-Frage vorgelegt, wie die betreffende neuerscheinende Person seine
-Beziehungen zu Anna betrachte, und größtenteils begegnete er bei den
-Männern der Auffassung »wie es sich gehörte«. Wenn man ihn aber frug,
-oder diejenigen frug, welche verstanden, was das »wie es sich gehört«,
-eigentlich bedeute, so wäre wohl er selbst ebenso wie jene in großer
-Verlegenheit gewesen.
-
-In Wirklichkeit verstanden diejenigen, welche nach Wronskiys Meinung
-das »wie es sich gehört« kannten, dieses nicht im geringsten, sondern
-verhielten sich nur im allgemeinen so, wie wohlerzogene Leute sich
-in allen verwickelten und unlösbaren Fragen zu verhalten pflegen,
-die das Leben von allen Seiten umgeben -- sie verhielten sich
-zurückhaltend, und mieden Anspielungen und unangenehme Fragen. Sie
-gaben sich den Anschein, als ob sie vollständig Bedeutung und Sinn
-der Situation erfaßt hätten, sie erkannten dieselbe an und hießen sie
-sogar gut, hielten es aber für unangebracht und überflüssig, das alles
-auszusprechen.
-
-Wronskiy hatte sich nicht sogleich gedacht, daß Golenischtscheff einer
-von diesen Leuten wäre, und er war daher doppelt erfreut über ihn.
-In der That verhielt sich Golenischtscheff der Karenina gegenüber,
-nachdem er bei derselben eingeführt worden war, so, wie Wronskiy es nur
-immer wünschen konnte. Augenscheinlich vermied er ohne die geringsten
-Schwierigkeiten alle Gespräche, die zu einer peinlichen Situation
-hätten führen können.
-
-Er hatte Anna früher nicht gekannt und war überrascht von ihrer
-Schönheit, noch mehr aber von der Naivetät, mit welcher sie ihre Lage
-auffaßte. Sie errötete, als Wronskiy Golenischtscheff einführte, und
-dieses kindliche Erröten, das ihr offenes schönes Gesicht überzog,
-gefiel ihm außerordentlich. Besonders aber sprach ihn an, daß sie
-sogleich, wie in der Absicht keinerlei Zweifel in Gegenwart eines
-Fremden möglich bleiben zu lassen, Wronskiy einfach »Aleksey« nannte
-und erzählte, daß sie mit ihm in ein neugemietetes Haus übersiedeln
-werde, welches man hier den Palazzo nenne. Dieses offenherzige und
-naive Verhalten angesichts ihrer Lage gefiel Golenischtscheff.
-Angesichts dieser gutmütig heitern energischen Art und Weise Annas und
-seiner Bekanntschaft mit Aleksey Aleksandrowitsch und Wronskiy schien
-es ihm, als ob er sie vollständig verstände. Es schien ihm als ob er
-erkenne, was sie nicht im entferntesten erkannte; nämlich das, daß sie
-sich, das Unglück eines Mannes verschuldend, indem sie ihn und ihren
-Sohn verließ und ihren guten Ruf verlor, dennoch voll Energie heiter
-und glücklich fühlen konnte.
-
-»Er liegt dort drüben,« sagte Golenischtscheff, den Palazzo meinend,
-den Wronskiy gemietet hatte. »Es befindet sich ein schöner Tintoretto
-dort, aus der letzten Epoche des Künstlers.«
-
-»Wißt Ihr was? Das Wetter ist schön, begeben wir uns einmal hin und
-besichtigen wir ihn nochmals,« sagte Wronskiy, sich zu Anna wendend.
-
-»Sehr erfreut; ich komme sogleich mit und will nur meinen Hut
-aufsetzen, Ihr sagt, es ist heiß?« sprach sie, an der Thür stehen
-bleibend und fragend auf Wronskiy blickend. Wiederum bedeckte eine
-helle Röte ihr Gesicht.
-
-Wronskiy erkannte an ihrem Blick, daß sie nicht wisse, in welchen
-Beziehungen er mit Golenischtscheff zu stehen gedenke, und besorgt sei,
-ob sie sich auch so verhalten habe, wie er es gewünscht haben möchte.
-
-Er schaute sie mit einem zärtlichen langen Blicke an.
-
-»Nein, nicht so sehr,« versetzte er.
-
-Ihr schien, daß sie damit alles verstanden hatte, namentlich, daß er
-zufrieden mit ihr sei, und ihm zulächelnd ging sie schnellen Schrittes
-zur Thür hinaus.
-
-Die Freunde blickten einander an und in den Zügen beider erschien
-Verlegenheit, es war, als ob Golenischtscheff, augenscheinlich
-bezaubert von ihr, etwas über sie zu sagen wünschte, aber nicht fände
-was, während Wronskiy das Nämliche wünschte und es doch zugleich
-fürchtete.
-
-»So ist es also« -- begann Wronskiy, um doch wieder eine Unterhaltung
-anzuknüpfen, »du hast dich hier angesiedelt? Treibst du denn noch immer
-deine alte Beschäftigung?« fuhr er fort, sich erinnernd, daß man ihm
-gesagt hatte, Golenischtscheff schriebe etwas.
-
-»Ja. Ich schreibe den zweiten Teil meiner >Zwei Gesetze<,« antwortete
-dieser, vor Vergnügen über diese Frage ins Feuer geratend, »das heißt,
-um genau zu sein, ich schreibe noch nicht, sondern bereite noch vor,
-ich sammle Material. Dieser zweite Teil wird bei weitem umfangreicher
-werden und fast sämtliche Fragen umfassen. Man will bei uns in Rußland
-nicht begreifen, daß wir die Erben von Byzanz sind,« begann er eine
-lange eifrige Auseinandersetzung.
-
-Wronskiy war es anfangs peinlich, daß er die erste Abhandlung über
-die »Zwei Gesetze«, über welche der Autor mit ihm sprach, als ob sie
-etwas ganz Bekanntes wäre, gar nicht kannte. Als aber Golenischtscheff
-seine Ideen zu entwickeln begann, und Wronskiy ihm zu folgen vermochte,
-hörte ihn der Letztere, auch ohne die »Zwei Gesetze« zu kennen, mit
-Interesse an, da Golenischtscheff gut sprach, doch versetzte ihn die
-verbissene Erregtheit, mit welcher Golenischtscheff über den ihn
-beschäftigenden Gegenstand sprach, in Erstaunen und Mißstimmung. Je
-länger jener sprach, umsomehr entflammte sich sein Blick, umsomehr
-beeilte er sich, eingebildeten Gegnern zu replizieren und um so
-unruhiger und trüber wurde sein Gesichtsausdruck. Wronskiy war, indem
-er sich Golenischtscheff als den hageren, lebhaften und gutmütigen
-Knaben von gutem Herkommen, der stets der Erste im Corps gewesen war,
-in die Erinnerung zurückrief, nicht imstande, einen Grund für diese
-Gereiztheit zu finden, und schüttelte den Kopf über ihn. Insbesondere
-wollte ihm nicht gefallen, daß Golenischtscheff als ein Mann aus der
-guten Gesellschaft, sich auf eine Stufe mit gewissen Skriblern stellte,
-die ihn gereizt hatten, und denen er nun grollte. War das die Sache
-wert? Wronskiy gefiel dies nicht, aber er empfand, daß Golenischtscheff
-unglücklich war, und fühlte Mitleid mit ihm. Verzweiflung, ja fast
-Geistesverwirrung war auf diesen beweglichen, ziemlich angenehmen Zügen
-sichtbar, während er, Annas Eintreten gar nicht einmal bemerkend,
-fortfuhr, hastig und eifrig seine Ideen zu äußern.
-
-Als Anna in Hut und Überwurf, mit ihrer schönen Hand in schnellen
-Bewegungen mit dem Sonnenschirm spielend, neben Wronskiy stehen blieb,
-riß sich dieser mit einem Gefühl der Erleichterung von den starr
-auf ihn gerichteten, klagenden Blicken Golenischtscheffs los und
-schaute mit neuer Liebe auf seine reizende Freundin in ihrer Fülle von
-Lebenskraft und Freude.
-
-Golenischtscheff konnte sich nur schwer wieder sammeln und blieb
-anfangs niedergeschlagen und finster, doch belebte ihn Anna, freundlich
-gegen jedermann gestimmt -- wie sie überhaupt während dieser Zeit
-war -- bald wieder durch die Natürlichkeit und Heiterkeit ihres
-Verkehrs. Nachdem sie verschiedene Themata versucht hatte, brachte sie
-das Gespräch auf die Malerei, über die er sehr gut sprach und hörte
-ihm aufmerksam zu. Sie gingen zu Fuße nach dem gemieteten Haus und
-besichtigten es.
-
-»Über Eines freue ich mich sehr,« sagte Anna zu Golenischtscheff, als
-sie bereits auf dem Rückwege waren. »Aleksey wird ein gutes Atelier
-haben. Du wirst doch ohne Zweifel dieses Zimmer nehmen,« sagte sie zu
-Wronskiy auf russisch, ihn jetzt duzend, da sie schon erkannt hatte,
-daß Golenischtscheff ihnen in ihrer Einsamkeit sehr nahe treten würde,
-und man so vor ihm nichts zu verhehlen brauche.
-
-»Malst du denn?« sagte dieser, sich schnell zu Wronskiy hinwendend.
-
-»Ja, ich habe mich lange damit beschäftigt und jetzt wieder ein wenig
-angefangen,« versetzte Wronskiy errötend.
-
-»Er hat ein bedeutendes Talent,« antwortete Anna mit freudigem Lächeln,
-»ich bin natürlich kein Kritiker, aber kundige Kunstrichter haben es
-auch gesagt.«
-
-
- 8.
-
-Anna fühlte sich in dieser ersten Zeit ihrer Freiheit und schnellen
-Genesung in einer Weise glücklich und voll Lebensfreude, die nicht zu
-vergeben war. Die Erinnerung an das Unglück ihres Gatten vergällte ihr
-ihre Seligkeit nicht. Diese Erinnerung war ihr einerseits zu furchtbar,
-als daß sie daran hätte denken mögen, andrerseits verlieh ihr das
-Unglück des Gatten eine viel zu hohe Seligkeit, als daß sie Reue über
-dasselbe hätte empfinden können. Die Erinnerung an alles, was sich mit
-ihr seit ihrer Krankheit zugetragen, die Aussöhnung mit dem Gatten,
-der Bruch mit ihm, die Nachricht von der Verwundung Wronskiys, dessen
-erneutes Erscheinen bei ihr, die Vorbereitung der Ehescheidung, das
-Verlassen des Hauses ihres Gatten, der Abschied von ihrem Sohne --
-alles das erschien ihr wie ein Fiebertraum, aus welchem sie, allein
-mit Wronskiy, im Auslande erwacht war. Die Erinnerung -- das Böse, das
-sie ihrem Gatten zugefügt hatte, erweckte in ihr ein Gefühl, welches
-dem Ekel und dem Gefühl ähnlich war, welches ein Mensch empfindet, der
-ertrinken wollte und sich von einem andern losgerissen hat, der sich an
-ihn anklammerte. Dieser letztere Mensch war ertrunken. Natürlich war
-das keine schöne Handlung, aber es war die einzige Rettung und man that
-daher am besten, an diese furchtbaren Einzelheiten nicht mehr zu denken.
-
-Ein Schluß der sie über ihre Handlungsweise beruhigte, kam ihr damals,
-in der ersten Minute nach dem Bruch, und wenn sie jetzt an ihre ganze
-Vergangenheit dachte, erinnerte sie sich dieses Schlusses. »Ich habe
-unwiderleglich das Verhängnis dieses Mannes herbeigeführt,« dachte sie,
-»aber ich will aus diesem Unglück keinen Vorteil ziehen; auch ich leide
-und werde leiden, ich bin dessen beraubt, was ich über alles schätzte,
--- des ehrenhaften Namens und meines Sohnes. Ich habe schlecht
-gehandelt, und will daher kein Glück, keine Ehescheidung; ich werde
-leiden in meiner Schmach und der Trennung von dem Sohne.«
-
-Aber so aufrichtig Anna auch leiden wollte, sie litt nicht; und ihre
-Schmach war für sie nicht vorhanden. Mit dem Takte, von welchem sie
-beide so viel besaßen, kamen sie im Auslande, indem sie russische Damen
-mieden, nie in eine falsche Situation und überall trafen sie Leute,
-die sich stellten, als ob sie die beiderseitige Lage noch weit besser
-verständen, als sie selbst sie auffaßten. Selbst die Trennung von ihrem
-Sohne, den sie liebte, war ihr in der ersten Zeit nicht schmerzlich.
-Ihr Töchterchen, sein Kind, war so lieb, hatte Anna so für sich
-eingenommen, seit ihr das Mädchen allein verblieben war, daß sie nur
-selten noch des Sohnes gedachte.
-
-Ihr Bedürfnis zu leben, mit der Genesung erhöht, war so stark, und ihre
-Lebensverhältnisse waren so ungewohnte und angenehme, daß Anna sich
-unverzeihlich glücklich fühlte.
-
-Je mehr sie Wronskiy erkannte, desto mehr liebte sie ihn. Sie liebte
-ihn um seiner selbst willen und wegen seiner Liebe für sie. Ihre
-vollständige Herrschaft über ihn war ihr eine fortwährende Freude.
-Seine Nähe war ihr stets willkommen. Alle Züge seines Charakters,
-den sie mehr und mehr erkannte, waren ihr unaussprechlich lieblich.
-Sein Äußeres, das sich im Civilanzug verändert hatte, war für sie so
-anziehend, wie für eine liebende junge Frau. In allem was er sprach,
-dachte und that, sah sie etwas besonders Edles und Erhabenes, und ihr
-Entzücken über ihn erschreckte sie selbst sogar häufig. Sie suchte
-nichts Unschönes in ihm und konnte auch nichts finden; sie wagte es
-nicht, das Bewußtsein ihrer Nichtigkeit vor ihm gewahr werden zu
-lassen, denn es schien ihr, als ob er, wenn er dies wüßte, schneller
-aufhören könne, sie zu lieben. Jetzt aber fürchtete sie nichts so sehr
--- obwohl sie nicht den geringsten Anlaß hierzu hatte -- als, seine
-Liebe zu verlieren. Sie konnte nicht umhin, ihm dankbar zu sein für
-sein Verhältnis zu ihr und mußte ihm zeigen, wie hoch sie dasselbe
-schätzte. Er, der nach ihrer Meinung einen so ausgeprägten Beruf für
-die Staatscarriere besaß, in der er einmal eine bedeutende Rolle
-spielen mußte -- er hatte seinen Ehrgeiz für sie geopfert, ohne je auch
-nur das geringste Bedauern darüber zu zeigen.
-
-Er war mehr noch als früher, liebevoll und achtungsvoll gegen sie
-geworden und der Gedanke, sie möchte sich des Peinlichen ihrer Lage
-niemals bewußt werden, verließ ihn nicht eine Minute. Er, so ganz ein
-Mann, war vor ihr nicht nur widerspruchslos, er hatte nicht einmal
-seinen eigenen Willen, und war offenbar nur damit beschäftigt, auf
-welche Weise er ihren Wünschen zuvorkommen könne. Und sie konnte
-nicht umhin, dies hochzuschätzen, obwohl sie das Übermaß seiner
-Aufmerksamkeit für sie, diese Atmosphäre liebevoller Sorgfalt mit der
-er sie umgab, bisweilen bedrückte.
-
-Wronskiy jedoch war ungeachtet der vollständigen Verwirklichung
-dessen, was er so lange ersehnt hatte, nicht vollkommen glücklich.
-Er fühlte bald, daß die Verwirklichung seines Wunsches ihm nur ein
-Körnlein von jenem Berg von Glück gewährt hatte, den er erwartete.
-Diese Verwirklichung zeigte ihm nur den ewigen Fehler, den die Menschen
-begehen, indem sie sich das Glück als Verwirklichung eines Wunsches
-denken. In der ersten Zeit, nachdem er sich mit ihr vereinigt und
-den Civilrock angelegt hatte, empfand er all den Reiz der Freiheit im
-allgemeinen, den er nicht vorher gekannt hatte, sowie die Freiheit der
-Liebe, und er war zufrieden; doch nicht auf lange. Bald fühlte er, daß
-sich in seiner Brust der Wunsch der Wünsche regte -- die Langeweile.
--- Ganz ohne seinen Willen klammerte er sich an jede vorüberhuschende
-Laune, indem er sie als Wunsch und Ziel erfaßte. Sechzehn Stunden
-des Tages mußte man sich beschäftigen, obwohl man im Ausland in
-vollkommener Freiheit lebte, außerhalb jenes Kreises von Anforderungen
-des gesellschaftlichen Lebens, wie er die Zeit in Petersburg für sich
-in Anspruch nahm.
-
-An jene Zerstreuungen des Junggesellenlebens, die Wronskiy bei früheren
-Reisen ins Ausland beschäftigt hatten, war nicht mehr zu denken,
-da schon ein einziger Versuch dieser Art einen unerwarteten, einem
-verspäteten Abendbrot unter Bekannten nicht entsprechenden Trübsinn
-in Anna hervorrief. Beziehungen zu der Gesellschaft des Ortes, auch
-den Russen hier, konnten sie bei der Unbestimmtheit ihrer Verhältnisse
-ebenfalls nicht unterhalten. Eine Besichtigung der Sehenswürdigkeiten
-hatte, abgesehen davon, daß sie alles schon gesehen hatten, für ihn
-als einen Russen, und verständigen Menschen, nicht jene unerklärbare
-Bedeutung, wie sie die Engländer diesem Punkte beimessen.
-
-Wie daher das hungernde Tier nach jedem fallenden Gegenstande schnappt,
-in der Hoffnung, in ihm etwas zu fressen zu finden, so griff auch
-Wronskiy vollständig instinktiv bald zur Politik, bald nach neuen
-Büchern, bald nach der Malerei.
-
-Da er von Kindheit an Talent zur Malerei gehabt, und, indem er nicht
-wußte, wofür er sein Geld verausgaben sollte, Stahlstiche zu sammeln
-begonnen hatte, so blieb er endlich bei der Malerei, und begann sich
-mit ihr zu beschäftigen und jenen brachliegenden Wust von Wünschen,
-welcher nach Verwirklichung verlangte, in ihr abzulagern.
-
-Er besaß die Fähigkeit, die Kunst zu erfassen, und in der That mit
-Geschmack die Kunst nachzuahmen; er meinte auch, daß er dasselbe
-besäße, was der Künstler brauche, und befaßte sich, nachdem er einige
-Zeit geschwankt hatte, welches Genre der Malerei er erwählen solle: das
-religiöse, historische oder realistische, mit Malen. Er verstand sich
-auf jedes Genre und konnte sich für dieses, wie für jenes begeistern,
-aber er vermochte sich nicht vorzustellen, daß es auch möglich sei,
-ganz und gar nichts zu wissen, was es für Richtungen in der Malerei
-gebe, und sich unmittelbar von dem inspirieren zu lassen, was in
-der Seele lebte, ohne Sorge, ob das, was man malte, auch zu einem
-bestimmten Genre in der Kunst gehörte. Da er dies nicht kannte, und
-sich nicht unmittelbar vom Leben beeinflussen ließ, sondern mittelbar,
-vom Leben wie es durch die Kunst schon verkörpert war, so begeisterte
-er sich sehr schnell und leicht und erreichte ebenso schnell und
-leicht, daß das, was er malte, demjenigen Genre sehr ähnlich wurde,
-welches er nachzuahmen wünschte.
-
-Vor allem gefiel ihm die französische Schule, die graziöse und
-effektvolle, und nach dieser begann er, das Bild Annas in italienischem
-Kostüm zu malen. Das Porträt erschien ihm und jedermann, der es sah,
-als sehr gelungen.
-
-
- 9.
-
-Der alte vernachlässigte Palazzo mit den hohen bossierten Plafonds und
-Fresken an den Wänden, Mosaikboden und schweren gelben Stoffgardinen an
-den hohen Fenstern; Vasen auf den Konsolen und Kaminen, geschnitzten
-Thüren und dämmerigen Sälen, die mit Gemälden vollgehängt waren --
-dieser Palazzo hielt, nachdem sie in ihn übergesiedelt waren, schon in
-seiner äußeren Erscheinung in Wronskiy eine angenehme Täuschung wach,
-die, daß er weniger ein russischer Gutsherr und Stallmeister ohne Amt
-sei, als vielmehr ein erlauchter Liebhaber und Kunstmäcen, und er
-selbst -- ein bescheidener Künstler, der sich von der Welt losgesagt
-hatte, von seinen Verbindungen und dem Ehrgeiz -- für ein geliebtes
-Weib.
-
-Die Rolle, welche Wronskiy mit seinem Umzug in den Palazzo erwählt
-hatte, gelang vollständig und durch Vermittelung Golenischtscheffs mit
-einigen interessanten Personen bekannt geworden, fühlte er sich für die
-Anfangszeit beruhigt. Er malte unter der Leitung eines italienischen
-Professors der Malerei Studien nach der Natur und beschäftigte sich mit
-dem Kunstleben Italiens im Mittelalter. Das mittelalterliche Kunstleben
-Italiens hatte für Wronskiy in letzter Zeit soviel Reiz gewonnen,
-daß dieser selbst einen Hut und das Plaid über der Schulter nach der
-mittelalterlichen Mode zu tragen begann, was ihm sehr gut stand.
-
-»Da leben wir hier und wissen gar nichts davon,« sagte eines Tages
-Wronskiy zu Golenischtscheff, der früh zu ihm gekommen war. »Hast du
-das Gemälde Michailoffs gesehen?« Er reichte die am Morgen soeben
-erhaltene russische Zeitung hin, und wies auf einen Artikel über einen
-russischen Maler, der in der nämlichen Stadt lebte und hier ein Gemälde
-ausgeführt hatte, über welches schon lange Gerüchte umliefen und das
-schon im voraus angekauft worden war.
-
-In dem Aufsatz wurden der Regierung und der Akademie Vorwürfe gemacht,
-daß der vorzügliche Künstler jeder Aufmunterung und Unterstützung
-entbehre.
-
-»Ich habe das Bild gesehen,« antwortete Golenischtscheff, »natürlich
-ist er nicht talentlos, aber er verfolgt eine vollständig verkehrte
-Richtung; das ist noch immer jene Richtung Iwanoff-Strauß-Rénan,
-Christus und der kirchlichen Malerei gegenüber.«
-
-»Was stellt das Gemälde dar?« frug Anna.
-
-»Christus vor Pilatus. Christus ist als Hebräer mit allem Realismus
-der neuen Schule dargestellt« -- durch die Frage nach dem Inhalt
-des Gemäldes auf eines seiner Lieblingsthemen gebracht, begann
-Golenischtscheff zu erklären.
-
-»Ich begreife nicht, wie man einem so groben Irrtum verfallen kann.
-Christus hat doch schon seine bestimmte Verkörperung in der Kunst
-der größten Altmeister. Wenn man nicht Gott darstellen will, sondern
-einen Revolutionär oder Weisen, so mag man sich den Sokrates aus der
-Geschichte wählen, den Franklin, die Charlotte Corday -- aber nur nicht
-Christus. -- Man nimmt da aber gerade diejenige Gestalt, die man für
-die Kunst nicht nehmen soll, und dann« --
-
-»Aber ist es denn wahr, daß sich dieser Michailoff in so großer Armut
-befindet?« frug Wronskiy in dem Gedanken, daß er, als russischer Mäcen,
-ohne Rücksicht darauf, ob das Gemälde gut oder schlecht sei, dem
-Künstler helfen könne.
-
-»Kaum; er ist ein bedeutender Porträtmaler. Ihr habt wohl sein Porträt
-der Wasiljtschikowa gesehen? Er scheint indessen nicht mehr Porträts
-malen zu wollen, und kann es allerdings möglich sein, daß er sich
-wirklich in Not befindet. Ich sage, daß? --
-
-»Könnte man ihn nicht bitten, ein Porträt der Anna Arkadjewna zu
-malen?« sagte Wronskiy.
-
-»Weshalb meines?« fiel Anna ein, »außer dem deinigen möchte ich kein
-anderes haben. Oder noch besser wäre Any« -- so nannte sie ihr kleines
-Mädchen -- »da ist sie gerade,« fügte sie hinzu, durch das Fenster auf
-eine hübsche italienische Amme schauend, welche das Kind in den Garten
-trug, und dann sorglich verstohlen auf Wronskiy blickend.
-
-Die hübsche Amme, deren Kopf Wronskiy für sein Gemälde porträtiert
-hatte, bildete das einzige geheime Leid im Leben Annas. Wronskiy hatte
-sie gemalt, sich in ihre Anmut und Mittelalterlichkeit verliebt, und
-Anna wagte nicht, sich zu gestehen, daß sie fürchtete, sie könne auf
-diese Amme eifersüchtig werden. Infolge dessen behandelte sie dieselbe
-ausnehmend gut und verzärtelte sie sogar, ebenso wie den kleinen Sohn
-derselben.
-
-Wronskiy blickte ebenfalls durch das Fenster und dann Anna in die
-Augen, wandte sich jedoch hierauf sogleich wieder zu Golenischtscheff
-und sagte:
-
-»Kennst du diesen Michailoff?«
-
-»Ich bin ihm begegnet, doch ist er ein Sonderling und ohne jede
-Bildung. Wißt Ihr, er ist einer jener Wilden, jener Neuerer, die man
-jetzt so häufig trifft; einer jener Freidenker, welche =d'emblée=,
-in den Begriffen des Unglaubens, der Negierung und des Materialismus
-aufgezogen sind. Früher,« fuhr Golenischtscheff fort, ohne zu bemerken,
-oder bemerken zu wollen, daß auch Wronskiy und Anna zu reden wünschten,
-»früher war ein Freidenker ein Mensch, der in den Begriffen Religion,
-Gesetz und Moral erzogen worden, und selbst durch Kampf und Mühe
-zum Freidenkertum gelangt war; jetzt zeigt sich ein neuer Typus der
-selbstgewordenen Freidenker, welche emporwachsen, ohne auch nur davon
-gehört zu haben, daß es Gesetze der Moral, der Religion giebt, und daß
-Autoritäten existieren; solcher, die eben geradezu in den Begriffen
-des absoluten Nein, das heißt also, wie Wilde aufwachsen. So Einer ist
-er nun; der Sohn eines höheren Moskauer Lakaien wohl, der keinerlei
-Bildung empfangen hat. Nachdem er in die Akademie eingetreten war und
-sich einen Namen gemacht hatte, begann er, gerade kein Dummkopf, das
-Bedürfnis nach Bildung zu fühlen. Er wandte sich daher zu dem, was ihm
-als Quelle der Bildung erschien -- zu den Journalen. Man bedenke nur,
-in der alten Zeit hätte ein Mensch, der sich bilden wollte, nehmen
-wir an, ein Franzose, alle Klassiker studieren müssen: die Theologen,
-Tragiker, Historiker und Philosophen; man bedenke die geistige
-Arbeit, die ihm da obgelegen haben würde. Jetzt aber, bei uns, ist
-er geradenwegs auf die oppositionelle Litteratur gestoßen, hat sich
-schnell den ganzen Extrakt der Verneinungswissenschaft zu eigen gemacht
--- und ist fertig! Vor zwanzig Jahren würde er in dieser Litteratur
-die Kennzeichen eines Kampfes mit der Autorität, mit hundertjährigen
-Anschauungen gefunden haben, er würde aus diesem Kampfe erkannt haben,
-daß es noch etwas Anderes gebe, jetzt aber verfällt er geradenwegs
-einer Litteratur, in welcher man die alten Anschauungen nicht einmal
-mehr einer Bekämpfung würdigt, sondern unverhohlen heraussagt, >das
-ist nichts mehr, =évolution=, Kampf ums Dasein!< Ich habe in meiner
-Abhandlung« --
-
-»Wißt Ihr was,« sagte Anna, die schon lange aufmerksame Blicke mit
-Wronskiy gewechselt hatte, und wußte, daß diesen der Bildungsgang des
-Künstlers nicht interessierte, sondern nur der Gedanke beschäftigte,
-ihm zu helfen, ihm ein Porträt zuzuweisen: »Wißt Ihr was?« unterbrach
-sie den sich im Redefluß verlierenden Golenischtscheff, »wir wollen zu
-ihm gehen!«
-
-Golenischtscheff sammelte sich und stimmte bereitwillig zu, da jedoch
-der Künstler in einem entfernteren Viertel wohnte, beschloß man einen
-Wagen zu nehmen.
-
-Nach Verlauf einer Stunde fuhren Anna die neben Golenischtscheff
-saß, und Wronskiy, der auf dem Vordersitz des Wagens Platz genommen
-hatte, vor einem neuen, unschön aussehenden Gebäude in dem abgelegenen
-Stadtviertel vor. Nachdem sie von der heraustretenden Frau des
-Hausmanns erfahren hatten, daß Michailoff den Zutritt zu seinem Atelier
-wohl gewähre, augenblicklich aber sich in seiner Privatwohnung, die
-wenige Schritte entfernt lag, befinde, so sandten sie ihm ihre Karten
-mit der Bitte um die Erlaubnis, seine Gemälde sehen zu dürfen.
-
-
- 10.
-
-Der Maler Michailoff war, wie immer, bei der Arbeit, als man ihm die
-Karten des Grafen Wronskiy und Golenischtscheffs überbrachte. Er hatte
-diesen Morgen in seinem Atelier an einem großen Gemälde gearbeitet.
-Als er in seine Wohnung gekommen war, hatte er sich über seine Frau
-geärgert, weil diese nicht mit der Hauswirtin umzugehen verstand, die
-Geld verlangte.
-
-»Zwanzigmal wohl habe ich dir gesagt, laß dich nicht in Erklärungen
-ein, du bist ohnehin schon dumm genug; willst du aber auf italienisch
-etwas erklären, dann wirst du noch dreimal dümmer,« sagte er zu ihr
-nach langem Gezänk.
-
-»Sei lieber nicht so nachlässig! Ich kann doch nicht dafür. Wenn ich
-Geld hätte« --
-
-»Laß mich in Ruhe, um Gottes willen!« rief Michailoff, Thränen in der
-Stimme, eilte, sich die Ohren zuhaltend, in sein Arbeitszimmer hinter
-die Zwischenwand, und schloß die Thür hinter sich. »Einfältige,« sprach
-er zu sich selbst, ließ sich an seinem Tische nieder, klappte den
-Karton auseinander und machte sich mit besonderem Eifer an eine schon
-begonnene Zeichnung.
-
-Niemals arbeitete er mit so großem Eifer und Erfolg, als wenn es ihm
-im Leben nicht gut ging, besonders aber, wenn er sich mit seiner Frau
-gezankt hatte.
-
-»Könnte man nur sonstwohin durchbrennen!« dachte er bei seiner Arbeit.
-Er entwarf eine Zeichnung zu der Figur eines Menschen, der sich im
-Zornanfall befindet. Die Zeichnung war schon vorher entworfen, aber
-er war mit derselben nicht zufrieden. »Nein, die andere war besser;
-wo ist sie denn nur?« Er ging zu seiner Frau, und frug grollend, und
-ohne aufzublicken, die alte Magd, wo das Papier wäre, welches er ihnen
-gegeben hätte. Das Papier mit der darauf hingeworfenen Zeichnung fand
-sich, es war aber beschmutzt und mit Stearin betropft. Gleichwohl nahm
-er die Zeichnung, legte sie vor sich auf den Tisch, und begann, nachdem
-er mit den Augen blinzelnd zurückgetreten war, sie zu betrachten.
-Plötzlich lächelte er und schwenkte freudig mit den Armen. »So ist
-es, so!« sagte er, und begann, den Bleistift ergreifend, schnell
-zu zeichnen. Ein Stearinflecken hatte der Figur eine neue Stellung
-verliehen. Er zeichnete diese neue Stellung und plötzlich fiel ihm das
-energische Gesicht eines Kaufmanns mit hervorstehendem Unterkinn ein,
-bei dem er sich seine Cigarren kaufte, und dieses Gesicht, dieses Kinn
-gab er nun seiner Figur. Er lachte vor Lust; die Gestalt war plötzlich
-aus einer toten, nur gedachten, lebendig, eine solche geworden, die
-man nicht mehr verändern konnte. Diese Figur lebte, sie war deutlich
-und zweifellos bestimmt. Man konnte jetzt wohl noch die Zeichnung
-ändern, im Einklang mit den Erfordernissen der Gestalt, man konnte wohl
-selbst die Füße anders stellen, die Haltung des linken Armes gänzlich
-ändern, die Haare zurücklegen. Brachte man auch diese Verbesserungen
-an, so verankerte man doch nicht die Figur, sondern nur das, was die
-Figur verdeckte. Er nahm damit gleichsam nur die Hüllen von ihr ab,
-wegen deren sie nicht ganz sichtbar war und jeder neue Strich zeigte
-die ganze Gestalt nur noch mehr in all ihrer energischen Kraft, einer
-Kraft, die ihm plötzlich von den Stearinflecken hervorgebracht zu sein
-schien. Sorgfältig beendete er gerade die Figur, als man ihm die Karten
-brachte.
-
-»Sogleich, sogleich!«
-
-Er eilt zu seiner Frau.
-
-»Laß es gut sein, Sascha, sei nicht mehr böse!« sagte er zu ihr,
-schüchtern und zärtlich lächelnd, »du warst schuld und ich war
-schuld; ich will schon alles in Ordnung bringen.« Nachdem er sich mit
-seiner Frau ausgesöhnt hatte, zog er einen olivenfarbigen Paletot mit
-Sammetkragen an, setzte seinen Hut auf, und begab sich nach seinem
-Atelier. Die so wohlgelungene Figur hatte er bereits vergessen. Es
-erfreute und erregte ihn jetzt nur der Besuch seines Ateliers seitens
-dieser vornehmen Russen, die im Wagen angekommen waren.
-
-Über sein Gemälde, dasselbe, welches jetzt auf seinem Platze stand,
-hatte er auf dem Grunde seines Herzens nur ein Urteil -- dies, daß ein
-ähnliches Gemälde bisher noch niemand gemalt habe. Er wähnte nicht,
-daß sein Bild besser sei als alle Rafaelschen, er wußte nur, daß das,
-was er auf demselben wiedergeben wollte, noch nie jemand wiedergegeben
-hatte. Dies wußte er genau und er wußte es schon lange, seit jener
-Zeit, da er es zu malen begonnen hatte. Aber die Urteile der Menschen
-hatten für ihn, wie sie auch sein mochten, gleichwohl eine ungeheure
-Wichtigkeit, und sie regten ihn bis auf den Grund seiner Seele auf.
-Jede Bemerkung, selbst die allergeringste, welche bewies, daß seine
-Kritiker auch nur den kleinsten Teil von dem erkannten, was er in
-diesem Gemälde gesehen hatte, regte ihn bis auf den Grund seiner Seele
-auf.
-
-Seinen Kritikern maß er stets größere Tiefe an Verständnis bei, als wie
-er selbst besaß, und er erwartete von ihnen stets etwas, was er selbst
-noch nicht in seinem Gemälde gesehen hatte. Oft fand er dies auch, wie
-ihm schien, in den Urteilen der Beschauer.
-
-Schnellen Schrittes näherte er sich der Thür seines Ateliers; und trotz
-seiner inneren Erregtheit, frappierte ihn die matte Beleuchtung der
-Gestalt Annas, wie sie im Schatten der Einfahrt stand und dem eifrig
-ihr etwas auseinandersetzenden Golenischtscheff zuhörte, zu gleicher
-Zeit aber auch offenbar wünschte, den herankommenden Künstler zu sehen.
-
-Er selbst war sich dessen gar nicht bewußt geworden, daß er an sie
-herantretend, diesen Eindruck erfaßt und sich zu eigen gemacht hatte,
-ebenso wie das Unterkinn jenes Kaufmanns der ihm Cigarren verkaufte,
-und er barg ihn nun an eine Stelle, von der er ihn wieder hervorholen
-würde, sobald er ihn brauchte. Die Besucher, schon vorher durch
-Golenischtscheffs Erzählung über den Künstler ernüchtert, wurden dies
-noch mehr durch dessen äußere Erscheinung.
-
-Von mittlerer Größe, gedrungen, mit schwankendem Gang, machte
-Michailoff in seinem zimmetfarbenen Hut, dem olivengrünen Paletot und
-den engen Beinkleidern -- man trug zu dieser Zeit längst schon weite
--- insbesondere aber durch das Gewöhnliche seines breiten Gesichts und
-einen Ausdruck, in welchem sich Schüchternheit mit dem Wunsche, seine
-Würde zu beobachten, vereinigte, einen nicht eben angenehmen Eindruck.
-
-»Bitte ergebenst,« sagte er, sich bemühend, gleichmütig zu erscheinen,
-und zog, in den Hausflur tretend, einen Schlüssel aus der Tasche um die
-Thür zu öffnen.
-
-
- 11.
-
-Beim Eintritt in das Atelier musterte der Künstler Michailoff
-noch einmal seinen Besuch und prägte seinem Gedächtnis noch den
-Gesichtsausdruck Wronskiys ein, insbesondere dessen Backenpartieen.
-
-Wenn auch sein künstlerisches Empfinden fortwährend thätig war, indem
-es Material sammelte, wenn er auch immer mehr und mehr die Erregung
-darüber empfand, daß die Minute der Beurteilung seines Werkes nahte,
-so hatte er sich doch dabei schnell und feinsinnig aus unmerklichen
-Anzeichen eine Vorstellung über diese drei Personen gebildet.
-
-Der Eine da -- Golenischtscheff -- war ein hiesiger Russe. Michailoff
-entsann sich weder seiner Familie, noch wußte er mehr, wo er ihm
-begegnet war, und was er mit ihm gesprochen hatte. Er entsann sich
-nur noch seines Gesichts, wie er sich überhaupt aller Gesichter
-entsann, die er einmal gesehen hatte, doch entsann er sich auch,
-daß dies eines jener Gesichter war, die von seiner Phantasie in
-die höchst umfangreiche Klasse der unwahren und ausdrucksarmen
-einregistriert wurden. Die langen Haare und die sehr offene Stirn
-verliehen dem Gesicht äußere Bedeutung, obwohl sich auf ihm nur wenig,
-kindlich-unruhiger Ausdruck, der sich über der schmalen Nasenwurzel
-konzentrierte, zeigte.
-
-Wronskiy und die Karenina mußten nach der Vorstellung, die sich
-Michailoff von ihnen machte, vornehme und reiche Russen sein, die
-nichts von Kunst verstanden, wie alle diese reichen Russen, sich aber
-als Liebhaber und Verehrer derselben gebärdeten.
-
-»Sie haben gewiß schon die ganze alte Kunst gesehen und bereisen
-jetzt die Ateliers der neuen Meister, die deutschen Charlatane und
-die englischen Praerafaelistennarren, und kommen nun zu mir nur der
-Vervollständigung der Umschau halber,« dachte er.
-
-Er kannte die Manier der Dilettanten sehr genau -- je klüger diese
-erschienen, um so schlimmer war es -- welche die Ateliers der
-zeitgenössischen Künstler nur mit der Absicht zu sehen kamen, daß sie
-das Recht hätten sagen zu können, die Kunst sei im Niedergang begriffen
-und daß sich, je mehr man auf die Neuen schaue, umsomehr wahrnehmen
-lasse, wie unnachahmlich erhaben die alten Meister geblieben seien.
-
-Er erwartete alles dies, sah alles dies, schon auf ihren Gesichtern,
-in dieser gleichmütigen Nachlässigkeit, mit der sie unter sich
-sprachen und auf die Büsten blickten und sich ungezwungen bewegten,
-in der Erwartung, daß er ihnen das Gemälde zeigen würde. Aber
-nichtsdestoweniger empfand er beim Durchblättern seiner Skizzen und als
-er die Vorhänge hob und die Decke wegnahm, eine hohe tiefe Erregung;
-umsomehr, als ihm, obwohl alle vornehmen und reichen Russen dumm und
-beschränkt nach seinen Begriffen sein mußten, Wronskiy sowohl wie
-besonders Anna, gefielen.
-
-»So, ist es gefällig?« sprach er, mit linkischem Gange auf die Seite
-tretend und nach dem Bilde weisend. »Es ist die Mahnung des Pilatus.
-Matthäi Kap. =XXVII=« -- sagte er, im Gefühl, daß seine Lippen vor
-Aufregung zu zittern begannen. Er ging abseits und trat hinter sie.
-
-Während der wenigen Sekunden, während deren die Besucher schweigend
-das Gemälde beschauten, blickte es Michailoff gleichfalls an, und er
-schaute mit gleichgültigem, interesselosem Blick darauf. Während dieser
-wenigen Sekunden hatte er sich im voraus davon überzeugt, daß das
-höchste und gerechteste Urteil von ihnen ausgesprochen werden würde,
-gerade von diesen Besuchern, welche er eine Minute zuvor noch so gering
-geschätzt hatte. Er hatte alles vergessen, was er über sein Bild vorher
-gedacht hatte während der drei Jahre, in denen es von ihm gemalt ward;
-er vergaß alle Vorzüge desselben, die für ihn zweifellos vorhanden
-waren und sah sein Bild nur mit ihrem unbewegten, unparteiischen und
-frischen Blick an; und jetzt sah er an ihm nichts Gutes mehr. Er sah im
-Vordergrund das unwillige Gesicht des Pilatus und das ruhige Antlitz
-Christi, im Hintergrund die Gestalten der Kreaturen des Pilatus und
-das Gesicht Johannis, die Vorgänge beobachtend. Jedes Gesicht, unter
-so vielem Suchen, so vielem Irren, Verbessern an seinem eigenartigen
-Charakter in ihm erstanden, jedes dieser Gesichter, die ihm soviel
-Mühe und Freude gemacht hatten, sie alle, so oft umgeändert unter der
-Rücksichtnahme auf den Gesamteindruck, und auf alle diese Nüancen des
-Kolorits und der Töne, die er mit soviel Mühe erzielt hatte, alles
-dies vereint, zeigte sich ihm jetzt, indem er die Augen der Besucher
-beobachtete, als Trivialität, die schon tausendmal wiederholt worden
-war.
-
-Selbst das wertvollste dieser Gesichter, das Antlitz Christi, als
-Mittelpunkt des Bildes, der ihm soviel Freude gemacht hatte, als er
-es endlich gefunden, alles das erschien jetzt verloren für ihn, als
-er auf sein Gemälde mit ihren Augen blickte. Er sah nur eine gut --
-und selbst das nicht einmal, da er jetzt klar eine Masse von Mängeln
-wahrnahm -- gemalte Wiederholung aller jener zahllosen Christusbilder
-Tizians, Rafaels, Rubens', und der nämlichen Söldner des Pilatus.
-Alles war trivial, dürftig und veraltet, ja, selbst schlecht gemalt --
-bunt und schwach. Sie werden recht haben, wenn sie in Gegenwart des
-Künstlers verstellte höfliche Phrasen drechseln, ihn aber bedauern und
-verspotten, sobald sie unter sich sind.
-
-Das Schweigen wurde ihm allzu drückend, obwohl es nicht länger als eine
-Minute gewährt hatte; um es zu brechen und zu zeigen, daß er nicht aus
-seiner Ruhe gekommen sei, wandte er sich, indem er sich zusammenraffte,
-an Golenischtscheff.
-
-»Ich hatte wohl, wie mir scheint, das Vergnügen« -- sagte er zu
-demselben, unruhig bald auf Anna, bald auf Wronskiy blickend, um nicht
-einen einzigen Zug des Ausdrucks ihrer Gesichter zu verlieren -- »Ihnen
-schon begegnet zu sein?« --
-
-»Gewiß! -- Wir sahen uns bei Rossi, entsinnt Ihr Euch jenes Abends,
-als jene italienische Dame vortrug,« begann Golenischtscheff frei, und
-ohne das geringste Bedauern den Blick von dem Gemälde ab und zum Maler
-wendend.
-
-Als er indessen bemerkte, daß Michailoff ein Urteil über sein Gemälde
-erwarte, sagte er: »Euer Bild hat gute Fortschritte gemacht, seit ich
-es zum letztenmal gesehen habe. So wie damals, überrascht mich auch
-jetzt die Figur des Pilatus. So muß man diesen Mann auffassen, als gut
-und brav, aber als Beamter bis auf den Kern seiner Seele, der nicht
-weiß, was er anrichtet. Mir scheint indessen« --
-
-Michailoffs bewegliches Gesicht erglänzte plötzlich über und über,
-seine Augen leuchteten auf.
-
-Er wollte etwas sagen, konnte es aber vor Erregung nicht, und
-stellte sich nun, als müsse er husten. So niedrig wie er auch
-die Fähigkeit Golenischtscheff, die Kunst zu verstehen, anschlug,
-so unbedeutend auch die treffende Bemerkung desselben über die
-Wahrheit des Gesichtsausdruckes des Pilatus als eines Beamten war, so
-zurücksetzend für ihn die Äußerung einer so unbedeutenden Bemerkung
-erscheinen konnte, die zuerst kam, während über das Hauptsächlichste
-nicht gesprochen worden war, befand sich Michailoff gleichwohl in
-Entzücken über dieselbe. Er selbst dachte über die Figur des Pilatus
-das Nämliche, was Golenischtscheff ausgesprochen hatte. Der Umstand,
-daß dieses Gutachten nur eines von Millionen anderer war, die, wie
-Michailoff sicher wußte, alle richtig gewesen sein würden, verminderte
-für ihn die Bedeutung desselben nicht. Er gewann Golenischtscheff
-für diese Bemerkung lieb und fiel aus der Stimmung der Beklommenheit
-plötzlich in die des Entzückens. Sofort lebte sein ganzes Gemälde
-vor ihm wieder auf in all der unaussprechlichen Schwierigkeit alles
-Lebenden. Michailoff versuchte es nochmals zu sagen, daß er sich
-den Pilatus ebenso gedacht habe, aber seine Lippen vibrierten nur
-widerspenstig und er konnte sich nicht äußern. Wronskiy und Anna sagten
-gleichfalls etwas mit jener leisen Stimme, mit welcher man gewöhnlich
--- teils um den Künstler nicht zu verletzen, teils um nicht laut eine
-Dummheit zu sagen, die man so leicht äußern kann, wenn man über Kunst
-spricht -- in Gemäldeausstellungen konversiert.
-
-Michailoff schien es, als ob sein Bild auch auf sie Eindruck gemacht
-hätte. Er trat zu ihnen hin.
-
-»Wie wunderbar ist der Ausdruck des Christus!« sagte Anna. Vor allem,
-was sie gesehen, hatte ihr dieser Ausdruck gefallen, und sie fühlte,
-daß dies der Mittelpunkt des Gemäldes war und deshalb ein solches Lob
-dem Künstler angenehm sein würde.
-
-»Man sieht, wie er Pilatus bemitleidet!«
-
-Dies war wiederum eins aus der Million richtiger Urteile, die man an
-seinem Bilde und an der Figur des Christus finden konnte.
-
-Sie hatte gesagt, daß es ihm leid thue um Pilatus. In dem Ausdruck
-des Christus mußte ja auch der von Mitleid liegen, da in ihm der
-der Liebe lag, einer überirdischen Ruhe und Todesbereitschaft, des
-Bewußtseins einer bevorstehenden Rechenschaft über seine Worte. Gewiß
-lag der Ausdruck des dienstthuenden Beamten in dem Pilatus, der des
-Mitleids mit diesem in dem Christus, da der Eine die Verkörperung des
-fleischlichen, der Andere die des geistigen Lebens ist. Alles das
-und noch vieles andere ging Michailoff durch den Kopf, und abermals
-leuchtete sein Auge auf vor Entzücken.
-
-»Und wie diese Figur gearbeitet ist, wie viel Luft; man kann um ihn
-herumgehen,« sagte Golenischtscheff, offenbar um mit dieser Bemerkung
-anzudeuten, daß er den Gedanken und Sinn der Figur nicht billige.
-
-»Ja, ein wunderbares Meisterstück. Wie jene Figuren in dem
-Hintergrunde sich abheben! Das ist Technik!« sagte Wronskiy, sich
-zu Golenischtscheff wendend, und damit auf ein zwischen ihnen
-stattgehabtes Gespräch darüber, daß Wronskiy an der Erwerbung dieser
-Technik verzweifelte, anspielend.
-
-»Ja, ja, wunderbar,« bestätigten Golenischtscheff und Anna.
-
-Trotz des aufgeregten Zustandes, in welchem sich Michailoff befand,
-griff diesen doch die Bemerkung über die Technik schmerzlich ans Herz
-und grollend auf Wronskiy blickend, verfinsterte er sich plötzlich. Oft
-schon hatte er das Wort Technik gehört und durchaus nicht begriffen,
-was man eigentlich darunter verstände. Er wußte, daß man mit diesem
-Worte die mechanische Fertigkeit des Malens und Zeichnens meine, die
-vollständig unabhängig war von dem Inhaltlichen. Oft schon hatte er
-bemerkt -- auch bei der gegenwärtigen Lobesspende -- daß man die
-Technik dem inneren Werte gegenüberstelle, gerade als ob es möglich
-wäre, das gut zu malen, was schlecht sei. Er wußte wohl, daß viel
-Aufmerksamkeit und Vorsicht erforderlich sei, um ein Gemälde nicht
-zu schädigen, wenn man von ihm die Hüllen abnahm, aber eine Kunst
-des Malens -- eine Technik -- die gab es dabei nicht. Hätte sich
-einem kleinen Kinde, oder seiner Köchin das ebenfalls geoffenbart,
-was er sah, dann würden diese gleichfalls das herauszuschälen
-verstanden haben, was sie sahen. Aber selbst der erfahrenste und
-auch geschickteste Beherrscher der Maltechnik wäre allein mit der
-mechanischen Fertigkeit nicht imstande gewesen, etwas zu malen, wenn
-sich ihm nicht vorher die Grenzen des Inhaltlichen offenbarten. Dann
-aber wußte er auch, daß wenn man nun einmal von einer Technik sprach,
-er ihretwegen nicht gerühmt werden konnte. In allem was er malte und
-schon gemalt hatte, erkannte er ihm in die Augen fallende Mängel, die
-aus der Unvorsichtigkeit hervorgegangen waren, mit der er die Hüllen
-entfernt hatte, und die er nun nicht mehr verbessern konnte, ohne die
-ganze Schöpfung zu verderben. Fast auf allen Figuren und Gesichtern
-sah er noch die Mängel nicht vollständig abgenommener Hüllen, die sein
-Gemälde verdarben.
-
-»Eines, wenn Ihr mir gestattet, diese Bemerkung zu machen, ließe sich
-sagen,« äußerte Golenischtscheff.
-
-»Ah, sehr erfreut, ich bitte Euch,« antwortete Michailoff mit
-gekünsteltem Lächeln.
-
-»Es ist dies, daß dieser Christus da bei Euch ein Menschgott, aber kein
-Gottmensch geworden ist. Indessen, ich weiß ja, daß Ihr es eben so
-gewollt habt.«
-
-»Ich konnte den Christus nicht malen, der nicht in meiner Seele ist,«
-versetzte der Maler mürrisch.
-
-»Ja, aber in diesem Falle -- wenn Ihr mir gestattet meine Idee
-auszusprechen -- Euer Gemälde ist so gut, daß meine Bemerkung ihm nicht
-schaden kann, und dann ist dies ja auch nur meine persönliche Meinung.
-Bei Euch ist das etwas Anderes; selbst das Motiv ist ein anderes. Aber
-nehmen wir etwa den Iwanoff. -- Ich glaube, daß wenn Christus mit der
-Norm eines historischen Gesichts zusammengebracht wird, es für Iwanoff
-besser wäre, ein anderes historisches Thema zu wählen, ein neues, noch
-nicht angeschlagenes.«
-
-»Wie aber, wenn dies das erhabenste Thema wäre, welches sich der Kunst
-bietet« --
-
-»Wenn man nur suchen will, so wird man auch andere finden. Es handelt
-sich nur darum, daß die Kunst keinen Streit, und keine Düfteleien
-duldet. Vor einem Gemälde Iwanoffs ersteht für den Gläubigen wie für
-den Nichtgläubigen die Frage: Ist das Gott oder ist es nicht Gott? und
-diese stört die Einheit des Eindrucks.«
-
-»Warum? Mir scheint, daß für gebildete Menschen,« sagte Michailoff,
-»ein Streit nicht mehr bestehen kann.«
-
-Golenischtscheff war hiermit nicht einverstanden und fertigte
-Michailoff mit seinem ersten Gedanken über die Einheit des Eindrucks
-ab, die in der Kunst notwendig sei.
-
-Michailoff geriet in Erregung, wußte aber nichts zur Verteidigung
-seines Gedankens zu sagen.
-
-
- 12.
-
-Anna und Wronskiy hatten schon längere Zeit Blicke miteinander
-gewechselt im Bedauern über die scharfsinnige Redefertigkeit ihres
-Freundes; endlich schritt Wronskiy, ohne auf den Hausherrn zu warten,
-zu einem anderen, einem kleinen Gemälde.
-
-»Ah, wie reizend, wie reizend! Wundersam! Wie reizend!« riefen beide
-mit einer Stimme.
-
-»Was hat ihnen so gefallen?« dachte Michailoff. Er hatte das vor drei
-Jahren gemalte Bild vergessen; vergessen alle die Leiden und Freuden,
-welche er mit diesem Bilde durchlebt hatte, indem es ihn mehrere Monate
-hindurch ausschließlich, und ohne daß er sich davon hätte trennen
-können, Tag und Nacht beschäftigte, es vergessen, wie er überhaupt
-stets seine vollendeten Bilder vergaß. Er liebte nicht einmal, es
-anzuschauen, und stellte es nur deshalb aus, weil er einen Engländer
-erwartete, der es zu kaufen wünschte.
-
-»Ah; eine alte Studie,« sagte er.
-
-»Wie hübsch,« rief Golenischtscheff, gleichfalls augenscheinlich
-aufrichtig von dem Reiz des Bildes gefesselt.
-
-Zwei Knaben im Schatten einer Bachweide angelten Fische. Der Eine,
-ältere, hatte soeben die Angel ausgeworfen und führte aufmerksam
-die Angelspule aus einem Gestrüpp heraus, ganz versunken in diese
-Beschäftigung; der Andere, jüngere lag im Grase, den wirren Blondkopf
-auf die Ellbogen gestützt, und schaute mit den blauen Augen
-nachdenklich auf das Wasser.
-
-Woran mochte er denken?
-
-Das Entzücken über dieses sein Bild rief in Michailoff die frühere
-Erregung hervor, doch scheute er sich vor diesem unangenehmen müßigen
-Interesse für ältere Arbeiten, und so suchte er, obwohl ihm dieses Lob
-angenehm war, die Besucher zu dem dritten Bilde hinzuziehen.
-
-Doch Wronskiy frug, ob er dieses Gemälde verkaufe. Michailoff, von dem
-Besuch erregt, war diese Frage über Geldgeschäfte jetzt sehr unangenehm.
-
-»Es ist zum Verkauf ausgestellt,« versetzte er, sich verfinsternd.
-
-Nachdem die Besucher gegangen waren, setzte sich Michailoff vor
-seinem Bilde »Pilatus und Christus« nieder und wiederholte sich in
-Gedanken alles, was gesprochen worden, oder, wenn nicht ausgesprochen,
-so doch von den Besuchern angedeutet worden war. Und seltsam, was
-so hohe Bedeutung für ihn gehabt hatte, während sie hier waren und
-er sich in Gedanken auf ihren Standpunkt versetzte, hatte jetzt
-plötzlich für ihn allen Wert verloren. Er schaute jetzt auf sein
-Gemälde mit seinem vollen künstlerischen Blick, und kam zu demjenigen
-Standpunkte der Überzeugung von seiner Vollkommenheit und darnach auch
-Bedeutung, welcher ihm notwendig war zu der alle anderen Interessen
-ausschließenden Spannkraft, mit welcher allein er nur zu arbeiten
-vermochte.
-
-Der eine Fuß des Christus war allerdings nicht recht befriedigend.
-Er nahm die Palette und machte sich an die Arbeit. Indem er den Fuß
-besserte, blickte er fortwährend auf die Gestalt des Johannes im
-Hintergrund, welche die Besucher gar nicht bemerkt hatten, und die
-gleichwohl -- er wußte es -- noch über der Vollkommenheit selbst stand.
-Nachdem er mit dem Fuß fertig war, wollte er sich an diese Figur
-begeben, aber er fühlte sich allzu erregt dazu. Nichtsdestoweniger
-konnte er aber auch nicht arbeiten, wenn er ganz kühl, sowie wenn er
-zu weich gestimmt war und alles zu sehr sah. Es gab nur eine Stimmung
-in dem Übergang von der Kühle bis zur Begeisterung, in welcher ihm die
-Arbeit möglich war. Jetzt befand er sich in allzugroßer Aufregung. Er
-wollte das Gemälde verhüllen, hielt aber inne, mit der Hand den Vorhang
-haltend, und schaute lange, beglückt lächelnd, auf die Gestalt des
-Johannes. Endlich, gleichsam mit Schmerz sich losreißend, ließ er den
-Vorhang fallen und begab sich ermüdet, aber beglückt heim.
-
-Wronskiy, Anna und Golenischtscheff waren, heimgekehrt, in ausnehmend
-angeregter und heiterer Stimmung. Man sprach von Michailoff und seinen
-Bildern. Das Wort »Talent«, unter welchem sie eine angeborene, fast
-physische Fähigkeit, unabhängig von Verstand und Herz verstanden,
-und als das sie alles bezeichneten, was von dem Künstler durchlebt
-wird, tauchte besonders häufig in ihrer Unterhaltung auf, da es ihnen
-unentbehrlich dazu war, das zu bezeichnen, wofür sie kein Verständnis
-besaßen, und worüber sie doch sprechen wollten. Sie sagten, man könne
-ihm das Talent nicht absprechen, infolge der mangelnden Bildung aber
-vermöge sich dieses nicht zu entwickeln. -- Dies sei das Unglück aller
-russischen Künstler! -- Aber das Bild mit den beiden Knaben war doch in
-ihrer Erinnerung haften geblieben und immer wieder kehrten sie zu ihm
-zurück. Wie reizend! Wie schön war es ihm gelungen! Und wie einfach!
-Er selbst weiß gar nicht, wie schön es ist. »Ja, das darf man nicht
-fortlassen, das muß man kaufen,« sagte Wronskiy.
-
-
- 13.
-
-Michailoff verkaufte Wronskiy das Bild und willigte auch ein, Annas
-Porträt zu malen. Am festgesetzten Tage kam er und begann seine Arbeit.
-
-Von der fünften Sitzung an setzte das Porträt jedermann in Erstaunen,
-besonders Wronskiy, nicht nur durch die Ähnlichkeit, sondern
-vornehmlich durch seine Schönheit. Es war seltsam, wie Michailoff jene
-nur ihr eigene Schönheit hatte treffen können. »Man muß sie kennen und
-lieben, wie ich sie geliebt habe, um diesen eigenen, lieblichen und
-seelischen Ausdruck bei ihr zu entdecken,« dachte Wronskiy, obwohl nur
-er in diesem Gemälde den lieblichen, seelischen Ausdruck erkannte.
-Derselbe war aber so getreu, daß es ihm und anderen schien, als ob
-sie ihn schon längst gekannt hätten. »Wie lange habe ich mich nun
-schon geplagt, und nichts fertig gebracht,« sprach er bezüglich seines
-eigenen Porträts, »und er hat sie nur angeschaut und gemalt! Das ist
-die Technik.«
-
-»Es wird noch kommen,« tröstete ihn Golenischtscheff, nach dessen
-Auffassung Wronskiy Talent besaß und, was die Hauptsache war, auch
-die Bildung, die einen erhabneren Blick auf die Kunst verlieh. Die
-Überzeugung Golenischtscheffs von Wronskiys Talent wurde noch dadurch
-gestützt, daß Golenischtscheff Wronskiys Teilnahme und Lob für seine
-Arbeiten und seine Ideen brauchte, und so fühlte er, daß Lob und
-Unterstützung hier auf Gegenseitigkeit beruhten.
-
-In einem fremden Hause, und insbesondere in dem Palazzo bei Wronskiy
-war Michailoff ein abweisend anderer Mensch, als in seinem Atelier.
-Er war abstoßend höflich, gerade als fürchte er die Annäherung an
-Menschen, die er nicht achte. Er nannte Wronskiy Ew. Erlaucht und blieb
-niemals, ungeachtet der Einladungen Annas und Wronskiys, zum Essen da,
-kam auch nicht zu anderen Zeiten, als zu den Sitzungen. Anna war gegen
-ihn freundlicher, als gegen andere, und ihm dankbar für das Porträt.
-Wronskiy war mehr als nur höflich gegen ihn, und interessierte sich
-augenscheinlich für das Urteil des Künstlers über sein eigenes Gemälde.
-Golenischtscheff ließ keine Gelegenheit vorüber, Michailoff die wahren
-Begriffe über Kunst beizubringen, allein Michailoff blieb sich immer
-gleich in seiner Zurückhaltung gegen alle. Anna fühlte an seinem Blick,
-daß er sie gern betrachtete, doch er mied Gespräche mit ihr. Zu den
-Gesprächen Wronskiys über dessen Malerei schwieg er beharrlich, und er
-schwieg ebenso beharrlich, als man ihm das Bild Wronskiys zeigte; er
-fühlte sich auch offenbar belästigt von den Reden Golenischtscheffs und
-erwiderte diesem nichts.
-
-Im allgemeinen gefiel ihnen daher Michailoff mit seinem zurückhaltenden
-und unangenehmen, gleichsam feindseligen Verhalten sehr wenig, nachdem
-man ihn näher kennen gelernt hatte, und man war deshalb froh, daß
-als die Sitzungen beendet waren, in ihren Händen ein schönes Porträt
-zurückblieb, während er selbst sein Kommen einstellte.
-
-Golenischtscheff war es zuerst, der den Gedanken aussprach, den alle
-hatten, nämlich, daß Michailoff auf Wronskiy einfach neidisch sei.
-
-»Gesetzt, er beneidete ihn nicht, weil er Talent besitzt, ist es ihm
-doch verdrießlich, daß ein Hofmann und reicher Mann, noch dazu ein
-Graf, was schon alle beneiden, ohne besondere Mühe das Nämliche, wenn
-nicht noch Besseres, leistet, als er, der sein ganzes Leben dem geweiht
-hat. Die Hauptsache bleibt doch die Bildung, die jener nicht hat.«
-
-Wronskiy verteidigte Michailoff, doch auf dem Grunde seines Herzens
-glaubte er hieran, weil nach seiner Auffassung ein Mensch aus jener
-anderen, niedrigeren Welt Neid hegen mußte.
-
-Das Porträt Annas, ebenfalls in derselben Weise nach der Natur gemalt
-von ihm wie von Michailoff, hätte Wronskiy den Unterschied zeigen
-müssen, welcher zwischen ihm und jenem bestand, aber er gewahrte
-denselben nicht. Er hörte nach der Arbeit Michailoffs nur auf, sein
-Porträt von Anna weiter zu malen, indem er meinte, dies sei nunmehr
-überflüssig geworden. Sein Gemälde aus dem mittelalterlichen Leben
-hingegen setzte er fort, und er selbst, wie auch Golenischtscheff und
-namentlich Anna fanden, daß es sehr schön sei, weil es den berühmten
-Bildern viel ähnlicher werde, als das Bild Michailoffs.
-
-Dieser nun war, ungeachtet dessen, daß ihn die Porträtierung Annas sehr
-angezogen hatte, seinerseits noch froher als jene, als die Sitzungen
-zu Ende waren und er nicht mehr das Geschwätz Golenischtscheffs über
-Kunst anzuhören brauchte, und die Malerei Wronskiys vergessen durfte.
-Er wußte, daß es unmöglich war, Wronskiy zu verbieten, mit der Malerei
-Mutwillen zu treiben; er wußte, daß dieser ebenso wie alle anderen
-Dilettanten das volle Recht besaß, zu malen was ihm anstand -- aber
-ihm war dies unangenehm. Es war eben unmöglich, einem Menschen zu
-untersagen, sich eine große Puppe aus Wachs zu machen und sie zu
-küssen. Aber wenn nun gar dieser Mensch mit der Puppe kam, und sich
-vor einem Verliebten hinsetzte und beginnen wollte, seine Puppe zu
-liebkosen, wie ein Verliebter die, welche er liebt, so mußte das
-dem Verliebten widerlich sein. Und dieses widerliche Gefühl empfand
-Michailoff beim Anblick der Malerei Wronskiys; es wurde ihm dabei
-komisch und ärgerlich, kläglich und grimmig zugleich zu Mut.
-
-Die Passion Wronskiys für die Malerei und das Mittelalter hielt nicht
-lange an. Wronskiy besaß doch soviel Geschmack für Malerei, daß er sein
-Bild nicht zu beenden vermochte und es blieb liegen. Voll Bestürzung
-war er inne geworden, daß die Mängel des Bildes, im Anfang weniger
-bemerkbar, überraschend wirkten, wenn er es fortsetzte. Es ging ihm,
-wie Golenischtscheff, der fühlte, daß es ihm auf das Reden nicht
-ankomme und sich beständig damit selbst täuschte, daß nur seine Idee
-noch nicht ausgereift sei, daß er sie erst austragen und Material
-sammeln wolle. Aber Golenischtscheff hatte dies verbittert gemacht
-und es marterte ihn; Wronskiy hingegen vermochte sich weder selbst
-zu täuschen noch zu peinigen oder gar über sich selbst verbittert zu
-werden; mit der ihm eigenen Charakterfestigkeit hörte er eben auf, ohne
-eine Erklärung oder Rechtfertigung, zu malen.
-
-Ohne diese Beschäftigung indessen erschien ihnen -- sowohl ihm wie
-Anna, die sich über seine Ernüchterung verwunderte -- das Leben nun
-so langweilig in der italienischen Stadt, wurde der Palazzo plötzlich
-so sichtlich alt und schmutzig, schauten die Flecken auf den Gardinen
-so unangenehm hervor, die Ritzen auf den Fußböden, die abgefallene
-Stuccatur an den Karnisen, wurde ihnen auch der ewige Golenischtscheff,
-der italienische Professor und ein deutscher Reisender nach und nach
-so langweilig, daß man dieses Leben ändern mußte. Man beschloß, nach
-Rußland auf das Land zu gehen. In Petersburg gedachte Wronskiy mit
-seinem Bruder eine Vermögensteilung vorzunehmen, während Anna ihren
-Sohn wiedersehen wollte. Den Sommer beabsichtigten sie auf dem großen
-Erbbesitz Wronskiys zu verleben.
-
-
- 14.
-
-Lewin war seit drei Monaten verheiratet. Er war glücklich, aber nicht
-ganz so wie er erwartet hatte. Auf jedem Schritte begegnete er der
-Enttäuschung in früheren Träumen, doch auch neuen, unerwarteten Reizen.
-Er war glücklich, sah aber, nachdem er ins Familienleben getreten war,
-auf jedem Schritte, daß dieses durchaus nicht so war, wie er es sich
-vorgestellt hatte. Auf jedem Schritte erfuhr er an sich, was ein Mensch
-fühlen mag, der sich an der glatten glücklichen Fahrt eines Nachens
-auf dem See ergötzt, nachdem er sich etwa selbst hineingesetzt hat.
-Er sah, daß er, indem er schon ruhig sitzen mußte und nicht schaukeln
-durfte, sich auch noch dessen bewußt sein mußte -- ohne nur eine
-Minute zu vergessen, wohin er fahren wollte -- daß unter seinen Füßen
-Wasser war und er rudern mußte, und daß dies den nicht daran gewohnten
-Händen mühsam wurde. Die Sache sah wohl sehr leicht aus, aber sie zu
-vollbringen -- wenn es auch mit viel Freude verbunden war -- blieb
-doch sehr schwierig.
-
-Als Junggeselle hatte er oft, auf das Eheleben mit seinen kleinlichen
-Sorgen, seinem Streit, seiner Eifersucht blickend, geringschätzig in
-seinem Innern gelächelt. In seinem künftigen Eheleben konnte nach
-seiner Überzeugung nicht nur nichts Ähnliches existieren, es sollten
-sogar alle äußerlichen Formen desselben, wie ihm dünkte, dem Leben
-der anderen in allem vollständig unähnlich sein. Plötzlich aber
-hatte sich anstatt dessen auch sein Leben mit seinem Weibe nicht
-nur nicht besonders gestaltet, sondern sich im Gegenteil, gerade
-aus all jenen kleinlichsten Kleinigkeiten zusammengesetzt, die er
-vordem so sehr verachtet hatte, die aber jetzt, gegen seinen Willen,
-eine ungewöhnliche und unabweisbare Bedeutung erhalten hatten. Lewin
-erkannte auch, daß die Regelung aller dieser Kleinigkeiten durchaus
-nicht so leicht war, als ihm früher geschienen hatte. Ungeachtet
-dessen, daß Lewin glaubte, die richtigsten Begriffe vom Eheleben
-zu besitzen, stellte er sich, wie alle Männer, das Familienleben
-unwillkürlich nur als eine Befriedigung seiner Liebe vor, der kein
-Hindernis mehr in den Weg treten durfte, und von welcher ihn keine
-kleinlichen Sorgen abziehen sollten. Er sollte nach seiner Auffassung
-seine Arbeit verrichten und von derselben ausruhen im Glück der Liebe.
-Sie sollte daher auch nur geliebt werden; allein er hatte dabei, wie
-alle Männer, vergessen, daß auch sie arbeiten müsse. Er wunderte sich,
-wie sie, die poetische, reizende Kity, nicht in den ersten Wochen,
-nein, schon in den ersten Tagen des Ehelebens bereits, denken, sich
-erinnern, sich sorgen konnte um Tischtücher, Möbel, Matratzen für die
-anreisenden Besuche, das Geschirr, den Koch, das Essen und dergleichen.
-Schon als Bräutigam war er in Erstaunen gesetzt worden von der
-Bestimmtheit, mit welcher sie auf eine Reise ins Ausland verzichtete
-und sich dafür entschieden hatte, auf das Dorf zu gehen, gerade als ob
-sie schon wüßte, was not thue, und daß sie außer an ihre Liebe, auch
-noch an Nebensächliches denken könne. Dies hatte ihn damals verstimmt,
-und auch jetzt verstimmten ihn mehrmals ihre kleinen Mühen und Sorgen.
-Doch er sah, daß ihr dies ein Bedürfnis war, und da er sie liebte, so
-konnte er nicht umhin, sich über diese Sorgsamkeit zu freuen, wenn er
-auch nicht wußte weshalb, und wenn er auch darüber spöttelte.
-
-Er lächelte darüber, wie sie die Möbel stellte, welche aus Moskau
-gebracht worden waren, wie sie ihr Zimmer und seines neu ausschmückte,
-Gardinen aufsteckte, über die künftige Unterbringung der Besuche
-verfügte, wie die Dollys; ferner wie sie ihre neue Zofe unterbrachte,
-wie sie dem alten Koch das Menü vorschrieb und mit Agathe Michailowna
-in Widerspruch geriet und diese der Verwaltung der Speisekammer enthob.
-Er sah, daß der alte Koch lächelte und damit zufrieden war, sah, daß
-Agathe Michailowna bedenklich, aber freundlich den Kopf schüttelte
-über die neuen Verfügungen der jungen Herrin in der Vorratskammer; er
-sah, wie Kity ungewöhnlich lieblich war, wenn sie lachend und weinend
-zugleich, zu ihm kam, um ihm mitzuteilen, daß die Magd Mascha gewöhnt
-sei, Agathe als Herrin zu betrachten, und daß deshalb niemand auf sie
-höre. Ihm erschien dies lieblich, aber auch seltsam, und er dachte es
-würde wohl besser sein, wenn dies nicht wäre.
-
-Er kannte jenes Gefühl der Veränderung nicht, welches sie nun kennen
-gelernt, nachdem sie daheim wohl bisweilen einmal nach Kohl mit Kwas
-oder Konfekt verlangt hatte, ohne daß dies oder jenes zu haben gewesen
-wäre, während sie jetzt befehlen durfte, was sie wollte, ganze Haufen
-von Konfekt kaufen, Geld soviel sie wollte ausgeben, oder Backwerk
-bestellen konnte nach Herzenslust.
-
-Mit Freude dachte sie jetzt auch der Ankunft Dollys und der
-Kinder, besonders deswegen, weil sie für jedes der Kinder dessen
-Lieblingsgebäck hatte backen lassen, und Dolly ihre ganze neue
-Einrichtung abschätzen lassen wollte. Sie wußte zwar selbst nicht,
-warum und zu welchem Zwecke, aber das Hauswesen zog sie unwiderstehlich
-an. Instinktiv fühlte sie das Nahen des Frühlings und wohl wissend, daß
-es auch für sie schwere Stunden geben werde, baute sie sich, wie sie es
-verstand, ihr Nest, und mühte sich zu gleicher Zeit zu lernen, wie man
-bauen müsse.
-
-Diese pedantische Sorglichkeit Kitys, dem Ideal Lewins von einem
-erhabenen Glück der ersten Zeit so sehr entgegengesetzt, war eine der
-Enttäuschungen. Diese liebliche Fürsorge, deren Sinn er nicht begriff,
-die er aber lieben mußte, war die erste der neuen Enttäuschungen.
-
-Eine zweite Ernüchterung, zugleich aber auch einen Reiz bildeten die
-Zwiste. Lewin hatte sich nie vorstellen können, daß zwischen ihm und
-seinem Weibe andere Beziehungen, als zärtliche, achtungsvolle und
-liebevolle bestehen könnten, und plötzlich, gleich von den ersten Tagen
-an, gerieten sie einmal so in Zwist, daß sie zu ihm sagte, er liebe sie
-gar nicht, liebe nur sich selbst und nun zu weinen begann, und die Arme
-hochhob.
-
-Dieser erste Streit kam davon her, daß Lewin nach einer neuen Meierei
-gefahren und eine halbe Stunde länger geblieben war, weil er auf einem
-kürzeren Wege hatte heimfahren wollen, in welchem er sich jedoch
-geirrt hatte. Er fuhr heim, nur in Gedanken an sie, an ihre Liebe
-und sein Glück, und je näher er kam, um so heißer wallte in ihm die
-Zärtlichkeit für sie. Er eilte nach ihrem Zimmer noch mit der nämlichen
-Empfindung -- ja einer noch stärkeren -- als die gewesen, mit der er
-sich dem Hause der Schtscherbazkiy genähert hatte, um seine Werbung
-anzubringen. Da aber begegnete ihm plötzlich ein finsterer, noch nie an
-ihr gesehener Ausdruck; er will sie küssen, sie stößt ihn von sich.
-
-»Was hast du?«
-
-»Du hast ja recht gute Laune,« begann sie, sich bemühend, ruhig und
-sarkastisch zu erscheinen.
-
-Kaum aber hat sie den Mund geöffnet, als der Redestrom der Vorwürfe
-einer sinnlosen Eifersucht sich ihr entrang, alles dessen, was sie
-in dieser halben Stunde gemartert hatte, die von ihr, indem sie
-unbeweglich am Fenster saß verbracht worden war. Da erkannte er zum
-erstenmal klar, was er noch nicht gewußt, als er sie nach der Trauung
-aus der Kirche geführt hatte. Er erkannte, daß sie ihm nicht nur nahe
-stehe, sondern daß er jetzt nicht einmal mehr wisse, wo sie aufhöre
-und wo er anfange. Er empfand dies an jenem quälenden Gefühl der
-Zweiheit, welches er in dieser Minute hatte. Im ersten Augenblick war
-er verletzt, ebenso schnell aber wurde er auch inne, daß er von ihr
-nicht verletzt werden könne, daß sie ja er selbst sei. Er empfand in
-diesem ersten Augenblick ein Gefühl, ähnlich dem, welches ein Mensch
-hat, wenn er, plötzlich einen starken Schlag von hinten erhaltend,
-sich gereizt und mit dem Wunsch nach Rache umwendet, den Schuldigen
-zu entdecken, sich aber dabei überzeugt, daß er sich unvermutet selbst
-geschlagen hat, und daher niemandem zürnen dürfe, sondern seinen
-Schmerz überwinden und beschwichtigen müsse.
-
-Niemals hatte er dies mit solcher Macht in der Folge wieder empfunden,
-aber jenes erste Mal konnte er sich lange Zeit darüber selbst nicht
-wieder finden. Ein natürliches Gefühl erheischte von ihm, daß er sich
-rechtfertigte und ihr ihre Schuld vorhalte; dies aber thun, hieß
-sie nur noch mehr reizen und den Bruch noch größer machen, der die
-Ursache des ganzen Leides bildete. Die eine, gewöhnlich vorhandene
-Empfindung zog ihn, die Schuld von sich ab und auf sie zu wälzen, eine
-andere, noch viel stärkere aber, schnell -- so schnell als möglich
--- den stattfindenden Gefühlsausbruch, zu besänftigen und ihn nicht
-stärker werden zu lassen. Es war qualvoll, unter einer ungerechten
-Beschuldigung zu leiden, allein sich zu rechtfertigen und ihr wehe
-zu thun, war noch schlimmer. Wie ein Mensch im Halbschlaf, der von
-einem Schmerz gequält ist, so wollte er jetzt die schmerzende Stelle
-losreißen, von sich werfen und fühlte, als er zur Besinnung kam, daß
-diese schmerzende Stelle -- er selbst war. -- Man konnte sich somit
-nur bemühen, der kranken Stelle behilflich zu sein, zu dulden, und er
-bemühte sich denn, dies zu thun.
-
-Beide söhnten sich aus; sie, indem sie ihre Schuld einsah, ohne sie
-jedoch einzugestehen, wurde wieder zärtlich gegen ihn, und beide
-verspürten ein neues verdoppeltes Glück in ihrer Liebe. Dies hinderte
-indessen nicht, daß sich diese Zusammenstöße nicht wiederholten, ja
-sogar ziemlich häufig, und bei den unerwartetsten und geringfügigsten
-Anlässen. Diese Zusammenstöße entstanden oft daraus, daß sie noch
-nicht wußten, was das Eine für das Andere bedeutete, daraus, daß sie
-in dieser ganzen ersten Zeit beide häufig in schlechter Laune waren.
-Befand sich der eine Teil in guter, der andere in übler Stimmung,
-so wurde der Frieden nicht gestört, wenn sich aber beide gerade in
-Mißstimmmung befanden, so entstanden Zwiste aus Ursachen, die ihrer
-Nichtigkeit halber so unbegreiflich waren, daß beide sich nachher
-durchaus nicht mehr zu entsinnen vermochten, worüber sie sich entzweit
-hatten. Allerdings verdoppelte sich hingegen das Glück ihres Lebens,
-wenn sie beide bei guter Stimmung waren. Nichtsdestoweniger war aber
-doch diese erste Zeit eine schwere für sie.
-
-Während dieser ganzen Zeit hatte sich eine lebhafte Spannung, gleich
-einem Zerren nach den beiden Enden einer Kette, durch die sie verbunden
-waren, fühlbar gemacht.
-
-Überhaupt war jener Honigmonat, das heißt der Monat nach der Hochzeit,
-von dem sich Lewin, der Überlieferung nach, so viel versprochen hatte,
-nicht nur nicht süß, sondern bildete vielmehr in der Erinnerung beider
-gerade die schwerste und niederdrückendste Periode ihres Lebens.
-Indessen bemühten sie sich beide für ihr späteres Leben alle die
-häßlichen und beschämenden Umstände dieser ungesunden Zeit, in der sie
-doch beide selten in normalem Seelenzustand, selten sie selbst gewesen
-waren, aus ihrem Gedächtnis zu verwischen.
-
-Erst im dritten Monat ihres Ehestandes, nach der Rückkehr von Moskau,
-wohin sie sich für einen Monat begeben hatten, gestaltete sich ihr
-Leben geebneter.
-
-
- 15.
-
-Sie waren kaum von Moskau wieder zurückgekommen und freuten sich nun
-ihrer Einsamkeit. Er saß im Kabinett am Schreibtisch und schrieb;
-sie, in jenem dunkellila Kleid, welches sie in den ersten Tagen
-ihres Ehestandes getragen und heute wiederum angelegt hatte, und das
-besonders denkwürdig und teuer für ihn war, saß auf dem Diwan, dem
-nämlichen altmodischen Lederdiwan, der stets unter dem Großvater und
-Vater Lewins im Kabinett gestanden hatte und stickte eine =broderie
-anglaise=. Er sann und schrieb, fortwährend in dem angenehmen
-Gefühl ihrer Gegenwart. Seine Beschäftigung, sowohl die mit der
-Landwirtschaft, als seinem Werke, in welchem die Prinzipien einer neuen
-Landwirtschaft dargelegt werden sollten, war nicht von ihm aufgegeben
-worden, aber so wie ihm vordem schon diese Arbeiten und Ideen klein und
-geringfügig erschienen waren im Vergleich mit dem Dunkel, welches das
-ganze Leben bedecke, so erschienen sie ihm auch jetzt noch unwichtig
-und kleinlich im Vergleich mit dem vom warmen Lichtglanz des Glückes
-überfluteten Leben, das vor ihm lag. Er setzte seine Arbeiten fort,
-empfand aber jetzt, daß der Schwerpunkt seiner Aufmerksamkeit auf
-etwas Anderes übergegangen sei und er infolge dessen ganz anders und
-klarer auf die Sache blickte. Vordem war für ihn diese Beschäftigung
-sein Lebensheil gewesen, vordem hatte er empfunden, daß ohne dieselbe
-sein Dasein allzu düster sein würde; jetzt aber waren ihm diese
-Arbeiten notwendig, damit ihm das Leben nicht zu einförmig erhellt
-sein möchte. Nachdem er sich von neuem seinen Manuskripten gewidmet
-hatte, fand er beim Durchlesen des Geschriebenen mit Genugthuung, das
-Werk sei es wert, daß er sich mit ihm befaßte. Viele der früheren
-Ideen zeigten sich ihm zwar überflüssig oder übertrieben, aber vieles
-noch Fehlende wurde ihm auch klar, als er das ganze Werk in seinen
-Gedanken wieder auffrischte. Er schrieb jetzt ein neues Kapitel über
-die Gründe der ungünstigen Lage des Ackerbaues in Rußland. Er legte
-dar, daß die Armut Rußlands nicht nur von der unregelmäßigen Verteilung
-des Grundbesitzes und falscher Methode herrühre, sondern auch in der
-letzten Zeit die in Rußland in nicht normaler Weise zur Entwickelung
-gelangte äußerliche Civilisation hierzu beigetragen habe, insbesondere
-durch die Verkehrswege, die Eisenbahnen, welche die Centralisierung
-in den Städten mit sich gebracht hätten, die Entwickelung des Luxus,
-und in der Folge hiervon, zum Schaden für die Landwirtschaft, die
-Entwickelung des Fabrikwesens, des Kreditwesens und seines Trabanten --
-des Börsenspiels. --
-
-Ihm schien, daß bei einer normalen Entwickelung des Wohlstandes im
-Reiche, alle diese Erscheinungen erst auftreten, nachdem man auf die
-Landwirtschaft schon bedeutende Mühe verwendet hätte und dieselbe
-in gesetzliche, oder wenigstens bestimmte Verhältnisse getreten
-sei; daß der Reichtum einer Gegend in gleichmäßigem Wachstum stehen
-müsse, und insbesondere in der Weise, daß andere Schößlinge der
-Kapitalwirtschaft nicht der Landwirtschaft zuvorkommen dürften, daß
-im Einklang mit notorisch bekannten Verhältnissen der Landwirtschaft
-auch dementsprechende Verkehrswege dafür vorhanden sein müßten; und
-daß bei der gegenwärtigen ungeregelten Ausnutzung des Bodens die
-Eisenbahnen, welche nicht einem landwirtschaftlichen, sondern einem
-politischen Bedürfnis entsprängen, verfrüht wären, und, anstatt zu der
-Hebung der Landwirtschaft, welche letztere man doch von ihnen erwarte
-beizutragen, dem Landbau zuvorkommend, nur eine Entwickelung der
-Industrie und des Kredits hervorriefen, jenen aber hemmten. Er bewies,
-daß weil nun die einseitige und verfrühte Entwickelung eines einzelnen
-Organs im lebenden Organismus dessen Gesamtentwickelung hemmte, auch
-der Kredit auf die allgemeine Entwickelung des Wohlstandes in Rußland,
-die Verkehrswege, den Kraftaufwand der industriellen Thätigkeit, die in
-Europa so zweifellos notwendig, weil alle zur rechten Zeit entstanden
-seien, in Rußland nur Schaden verursachten, indem sie die Hauptfrage
-der Organisierung des Ackerbaues verdrängten.
-
-Während er so seine Ideen niederschrieb, dachte sie daran, wie
-unnatürlich aufmerksam ihr Gatte gegen den jungen Fürsten Tscharskiy
-gewesen sei, der ihr am Abend vor der Abreise sehr taktlos die Cour
-gemacht hatte.
-
-»Er ist offenbar eifersüchtig,« dachte sie; »mein Gott, wie gut und
-befangen er ist! Er ist eifersüchtig auf mich! Wenn er wüßte, daß alle
-für mich soviel sind, wie Peter der Koch.« Und mit einer ihr selbst
-wunderlichen Empfindung von Selbstgefühl blickte sie auf seinen Nacken
-und den rotschimmernden Hals. »Es ist zwar schade, ihn seiner Arbeit
-zu entreißen -- er macht Fortschritte -- so muß ich doch sein Gesicht
-sehen; ob er wohl fühlt, daß ich nach ihm schaue? Ich will, daß er
-sich umwendet! Ich will es, nun!« und sie öffnete die Augen weiter, im
-Wunsche, damit die Wirkung ihres Blickes zu verstärken.
-
-»Ja, sie saugen alle Säfte in sich auf und geben einen falschen Glanz,«
-murmelte er, mit Schreiben innehaltend, und blickte sich um, indem er
-fühlte, daß sie auf ihn schaue, und lächelte.
-
-»Was ist?« frug er noch lächelnd, und erhob sich.
-
-»Er hat sich umgeblickt,« dachte sie.
-
-»Nichts. Ich wollte nur, daß du dich umschautest,« versetzte sie, ihn
-anblickend und zu erraten suchend, ob es ihm unangenehm gewesen sei
-oder nicht, daß sie ihn gestört habe.
-
-»Wie wohl wir uns doch so zu Zweien befinden! Ich wenigstens,« sagte
-er, zu ihr hintretend und von einem Lächeln des Glückes strahlend.
-
-»Auch mir ist so wohl! Ich werde nirgends mehr hinfahren, namentlich
-nicht nach Moskau.«
-
-»Woran dachtest du denn eigentlich?«
-
-»Ich? Ich habe gedacht -- nein, nein, geh nur, schreib, zerstreue dich
-nicht,« sprach sie, die Lippen kräuselnd, »ich muß jetzt diese kleinen
-Löcher hier ausschneiden, siehst du?« --
-
-Sie ergriff die Schere und begann auszuschneiden.
-
-»Ach nein, sage mir doch, woran dachtest du?« sagte er, sich zu ihr
-setzend und der kreisförmigen Bewegung der kleinen Schere folgend.
-
-»O, woran ich dachte? Ich dachte? An Moskau, an deinen Nacken.«
-
-»O, warum mir solch ein Glück? Es ist übernatürlich. Das ist zu schön,«
-sagte er, ihr die Hand küssend.
-
-»Mir ist es im Gegenteil um so schöner, je natürlicher es ist.«
-
-»Du hast da ein Zöpfchen,« sagte er, behutsam ihren Kopf wendend. »Ein
-Zöpfchen. Siehst du hier. Doch nein, nein, arbeiten wir!«
-
-Die Arbeit wurde indessen nicht mehr fortgesetzt, und sie fuhren wie
-schuldbewußt auseinander, als Kusma eintrat, um zu melden, daß der Thee
-serviert sei.
-
-»Ist aus der Stadt Etwas angekommen?« frug Lewin Kusma.
-
-»Soeben. Es wird ausgepackt.«
-
-»Komm sobald als möglich,« sagte sie zu ihm, das Kabinett verlassend,
-»sonst werde ich in deiner Abwesenheit die Briefe lesen. Wir wollen
-auch vierhändig spielen.«
-
-Allein geblieben, packte er seine Hefte in das neu von ihr gekaufte
-Portefeuille und wusch sich alsdann die Hände in dem neuen Waschbecken
-und mit dem neuen, mit ihr zugleich hier erschienenen eleganten
-Zubehör. Lewin lächelte über seine Gedanken und schüttelte mißbilligend
-den Kopf darüber; eine Empfindung, die der Reue ähnlich war, quälte
-ihn. Etwas Beschämendes, Verweichlichtes, Capuanisches, wie er es sich
-selbst nannte, lag in seiner jetzigen Lebensweise.
-
-»Es ist nicht gut, so zu leben,« dachte er bei sich. »Bald sind es nun
-schon drei Monate und ich arbeite fast nichts. Heute habe ich mich
-beinahe zum erstenmal wieder ernstlich an eine Arbeit gemacht, und was
-geschah dabei? Kaum angefangen, habe ich sie wieder beiseite geworfen.
-Selbst meine gewöhnlichen Übungen, selbst die habe ich fast aufgegeben.
-Die Ökonomie, ich gehe fast gar nicht mehr nach ihr und fahre auch
-nicht mehr. Bald thut es mir leid, sie im Stich lassen zu müssen, bald
-sehe ich, daß sie sich langweilt. Habe ich doch gedacht, daß bis zur
-Heirat das Leben an und für sich nicht gerechnet werden kann, daß es
-erst nach derselben als ein wirkliches beginnt. Aber nun sind es schier
-drei Monate, und noch nie habe ich meine Zeit so müßig und so nutzlos
-hingebracht! Nein; das kann nicht mehr so fortgehen; man muß anfangen.
-Natürlich ist sie nicht schuld. Ihr kann man in keiner Beziehung
-Vorwürfe machen. Ich selbst hätte fester sein und meine männliche
-Unabhängigkeit wahren müssen. Indessen ist es ja möglich, sich selbst
-wieder daran zu gewöhnen und auch sie darin zu unterrichten; natürlich
-ist ihr keinerlei Schuld beizumessen,« sprach er zu sich selbst.
-
-Es ist indessen schwer für einen unzufriedenen Menschen, einem anderen,
-und zwar gerade dem, der ihm am nächsten steht, in Bezug auf das,
-worüber er unzufrieden ist, nicht Vorwürfe zu machen. Auch Lewin war es
-dunkel in den Kopf gekommen, daß -- nicht, daß sie selbst schuld daran
-gewesen wäre -- sie konnte an nichts Schuld tragen -- ihre Erziehung
-wohl schuld sei, die allzu oberflächlich und frivol gewesen war --
-(dieser Narr Tscharskiy; sie, das weiß ich, wollte ihn wohl von sich
-abweisen, aber sie verstand es nicht). Außer dem Interesse für das Haus
--- das heißt ihre Familie -- außer ihrer Toilette und der =broderie
-anglaise= hat sie keine ernsthaften Interessen. Sie hat kein Interesse
-für ihre eigene Angelegenheit, die Wirtschaft, ihre Bauern, auch nicht
-für die Musik, in der sie doch ziemlich sicher war, noch für Lektüre.
-Sie thut nichts und ist doch vollständig zufrieden.
-
-Lewin tadelte dies in seinem Innern und erkannte noch nicht, daß sie
-sich auf diejenige Periode ihrer Wirksamkeit vorbereite, die für sie
-erscheinen mußte, und in welcher sie zu gleicher Zeit als Frau ihres
-Gatten, und Herrin des Hauswesens Kinder zu nähren und zu erziehen
-haben würde. Er erkannte nicht, daß sie dies durch ihre Ahnung schon
-wußte und sich in der Vorbereitung auf diese schwere Mühe über die
-Augenblicke der Sorglosigkeit und des Liebesglückes, die sie jetzt noch
-genoß, keine Vorwürfe machte, sondern heiter ihr künftiges Nest sich
-baute.
-
-
- 16.
-
-Als Lewin nach oben kam, saß seine Gattin vor dem neusilbernen Ssamowar
-hinter dem neuen Theegeschirr und las, nachdem sie die alte Agathe
-Michailowna mit einer ihr kredenzten Tasse Thee mit an das kleine
-Tischchen gesetzt hatte, einen Brief Dollys, mit welcher sie beide in
-beständigem und lebhaftem Briefwechsel standen.
-
-»Da seht, Eure Herrin hat mich hierher gesetzt; sie sagte, ich solle
-auch mit bei ihr sitzen,« begann Agathe Michailowna, Kity gutmütig
-zulächelnd.
-
-In diesen Worten Agathe Michailownas sah Lewin die Lösung eines
-Dramas, welches sich in jüngster Zeit zwischen dieser und Kity
-abgespielt hatte. Er sah, daß ungeachtet alles Leides, welches der
-Agathe Michailowna durch die neue Herrin verursacht worden war, die
-ihr die Zügel des Hausregiments aus der Hand genommen hatte, Kity sie
-gleichwohl überwunden und gezwungen hatte, sie zu lieben.
-
-»Da habe ich einen Brief an dich gelesen,« sagte Kity, ihm einen
-fehlerhaft geschriebenen Brief reichend. »Hier ist einer von jenem
-Weibe deines Bruders, wie es scheint,« sagte sie, »ich habe ihn nicht
-gelesen. Der hier ist von den Meinen und von Dolly. Denke dir, Dolly
-hat Grischa und Tanja zum Kinderball zu den Sarmatskiy geführt! Tanja
-hatte dabei eine Marquise gemacht.«
-
-Lewin hörte sie jedoch gar nicht; errötend hatte er das Schreiben von
-Marja Nikolajewna, der früheren Geliebten Nikolays, ergriffen und es
-zu lesen begonnen. Es war dies bereits das zweite Schreiben von ihr.
-Im ersten Briefe hatte sie geschrieben, daß sein Bruder sich ihrer
-entledigt habe, ohne daß sie sich eine Schuld beizumessen hätte, und
-mit rührender Naivetät hinzugefügt, daß sie, obwohl sie nun wieder
-im Elend lebe, um nichts bitte und nichts wünsche, und daß sie nur
-der Gedanke quäle, Nikolay Dmitrjewitsch könne ohne sie mit seiner
-schwachen Gesundheit ins Verderben geraten; sie hatte den Bruder
-gebeten, Sorge für ihn zu tragen. Jetzt schrieb sie einen zweiten
-Brief. Sie hatte Nikolay Dmitrjewitsch gefunden, sich wieder mit
-ihm in Moskau vereint, und war mit ihm in eine Gouvernementsstadt
-gereist, woselbst er ein Amt erhalten hatte. Dort war er indessen mit
-seinem Vorgesetzten in Differenzen geraten und wieder nach Moskau
-zurückgekehrt, »und der teure Mann ist nunmehr so krank geworden, daß
-er wohl schwerlich je wieder aufkommen wird,« schrieb sie; »er hat
-fortwährend Eurer gedacht, Geld besitzt er gar nicht mehr.«
-
-»Lies, da schreibt Dolly von dir,« begann Kity lächelnd, hielt aber
-plötzlich inne, als sie die Veränderung ihres Gatten gewahrte.
-
-»Was hast du? Was ist da?«
-
-»Sie schreibt mir, daß mein Bruder Nikolay dem Tode nahe ist. Ich muß
-zu ihm.«
-
-Das Gesicht Kitys veränderte sich plötzlich. Die Gedanken an Tanja als
-Marquise, an Dolly, alles war verschwunden.
-
-»Wann wirst du fahren?« sagte sie.
-
-»Morgen.«
-
-»Und ich gehe mit dir, darf ich!« fuhr sie fort.
-
-»Kity! Was soll das?« frug er vorwurfsvoll.
-
-»Was das soll?« erwiderte sie, gekränkt, daß er darüber wie es schien
-ungern und mit Verdruß ihren Vorschlag entgegennahm. »Weshalb soll ich
-nicht mit reisen? Ich werde dir nicht hinderlich sein. Ich« --
-
-»Ich reise, weil mein Bruder stirbt,« antwortete Lewin. »Weshalb sollst
-du da« --
-
-»Weshalb? Eben deshalb, weshalb du reisest« --
-
-»In einer für mich so ernsten Minute denkt sie nur daran, daß sie sich
-allein könnte langweilen,« dachte Lewin, und die Auslegung in der so
-ernsten Angelegenheit brachte ihn auf. »Es ist aber unmöglich,« sagte
-er in strengem Tone.
-
-Agathe Michailowna, welche sah, daß es zum Streit kommen wollte, setzte
-leise ihre Tasse nieder und ging hinaus. Kity hatte sie gar nicht
-bemerkt. Der Ton in welchem ihr Mann die letzten Worte gesprochen
-hatte, hatte sie insofern besonders verletzt, als dieser offenbar dem
-nicht glaubte, was sie sagte.
-
-»Ich sage dir, daß wenn du reisest, ich mit dir reisen werde;
-unbedingt mit reisen werde,« fügte sie eifernd und zürnend hinzu.
-»Weshalb ist denn das unmöglich? Weshalb sagst du, es sei unmöglich?«
-
-»Weil wir, Gott weiß wohin, auf was für Wegen und mit welchen
-Gasthäusern zu reisen haben werden. Du wirst mir nur beschwerlich
-sein,« sprach Lewin, sich bemühend, kaltblütig zu bleiben.
-
-»Auf keinen Fall! Ich habe keinerlei Bedürfnisse. Wo du bist, kann ich
-auch sein!«
-
-»Nun dann, schon deshalb kannst du nicht, weil sich dort jenes Weib
-befindet, dem du dich doch nicht nähern kannst« --
-
-»Ich weiß nichts und will nicht wissen, wer oder was dort ist! Ich weiß
-nur, daß der Bruder meines Gatten stirbt und daß mein Gatte zu ihm
-geht; ich aber mit meinem Gatten gehen will, um« --
-
-»Kity! Rege dich nicht auf! Bedenke, die Sache ist zu wichtig, so daß
-es mir schmerzlich ist, zu denken, du könntest die Empfindung einer
-Schwäche, die Abneigung davor, allein zu bleiben, hereinmengen. Nun,
-wird es für dich langweilig hier, so fahre nach Moskau.«
-
-»Da haben wirs! Stets schreibst du mir nur schlechte, niedrige Gedanken
-zu,« fuhr sie fort, unter den Thränen der Erbitterung und des Zornes.
-»Ich will nichts; es ist keine Schwäche, nichts; ich fühle nur, daß es
-meine Pflicht ist, mit meinem Gatten zu sein, wenn er Leid trägt; du
-aber willst mir absichtlich weh thun, willst mich absichtlich nicht
-verstehen.«
-
-»Nein; das ist doch zu schrecklich; geradezu ein Sklave zu sein!« rief
-Lewin aus, indem er aufstand. Er war nicht fähig, seinen Verdruß noch
-länger zurückzuhalten. Doch in diesem Augenblick empfand er, daß er
-sich selbst traf.
-
-»Aber weshalb hast du dann geheiratet? Wärest du doch frei geblieben!
-Weshalb hast du geheiratet, wenn du es bereust!« fuhr sie fort, sprang
-auf und eilte in den Salon.
-
-Als er ihr nachfolgte, brach sie in Schluchzen aus. Er begann ihr
-zuzureden mit dem Wunsche die Worte zu finden, welche sie, wenn nicht
-überzeugen, doch wenigstens beschwichtigen könnten. Aber sie hörte ihn
-nicht und war mit nichts einverstanden. Er beugte sich herab zu ihr,
-und ergriff ihre abwehrende Hand. Er küßte die Hand, er küßte ihr das
-Haar und küßte wiederum ihre Hand -- sie schwieg beharrlich. -- Als er
-sie aber mit beiden Händen beim Kopfe nahm und »Kity« sagte, da kam sie
-plötzlich zur Besinnung, brach in Thränen aus und war beschwichtigt.
-
-Es wurde also bestimmt, daß man morgen vereint reiste. Lewin sagte zu
-seinem Weibe, daß er wohl glaube, sie wollte nur mitreisen, um ihm
-nützlich zu sein; er gab auch zu, daß Marja Nikolajewnas Aufenthalt bei
-dem Bruder nichts Anstößiges habe -- reiste aber nichtsdestoweniger,
-auf dem Grund seiner Seele unzufrieden mit ihr und mit sich selbst.
-
-Mit ihr war er unzufrieden, weil sie es nicht hatte über sich gewinnen
-können, ihn fort zu lassen, obwohl es doch notwendig war. Wie seltsam
-ward es ihm jetzt bei dem Gedanken, daß er, der ja noch vor kurzem
-nicht gewagt hatte, an das Glück zu glauben, daß sie ihn lieben könne,
-sich jetzt darüber unglücklich fühlte, daß sie ihn zu sehr liebte!
--- Mit sich hingegen war er unzufrieden, daß er seinen Willen nicht
-durchgesetzt hatte. Noch weniger war er im Grund seiner Seele damit
-einverstanden, daß sie mit jener Weibsperson, die bei seinem Bruder
-lebte, etwas zu thun haben sollte, und er dachte mit Schrecken an alle
-Berührungen, welche stattfinden konnten.
-
-Schon das Eine, daß sein Weib, seine Kity, in einem Raume mit jenem
-Mädchen leben sollte, machte ihn schaudern vor Ekel und Entsetzen.
-
-
- 17.
-
-Das Gasthaus der Gouvernementsstadt, in welcher Nikolay Lewin krank
-lag, war eines jener Gouvernementshotels, wie sie nach neuen,
-vervollkommneten Mustern gebaut werden, ausgestattet mit den
-vorzüglichsten Rücksichtnahmen auf Sauberkeit, Komfort und selbst
-Eleganz, sich aber infolge des Publikums, das sie besucht, mit
-außerordentlicher Schnelligkeit in schmutzige Schenken, unter dem
-Anstrich zeitgemäßer Vervollkommnung, verwandeln, damit aber noch
-schlimmer werden, als die altmodischen, nur unsauberen Gasthäuser.
-
-Das Hotel war schon in diesen Zustand geraten, und der Soldat in
-schmutziger Uniform, welcher am Eingang eine Cigarette qualmte, und
-das Amt eines Portiers versah, sowie die gußeiserne, zugige, düstere
-und unfreundliche Treppe, der freche Kellner in schmutzigem Frack und
-der öffentliche Salon mit dem staubbedeckten Bouquet von Wachsblumen,
-welches den Tisch zierte, der Staub und Schmutz, die Unordnung überall,
-und dazu noch die eigentümliche gleichzeitig bemerkbare Eisenbahnhast,
-riefen in dem Lewinschen Ehepaar nach dem jungen Eheleben ein
-beklemmendes Gefühl hervor; besonders beklemmend dadurch, daß sich der
-scheinbare Eindruck, den das Gasthaus machte, in keiner Weise mit dem
-vereinbarte, was beide darin erwartete.
-
-Wie immer, so zeigte es sich auch jetzt, daß, nachdem sie die Frage, zu
-welchem Preise sie ein Zimmer zu haben wünschten beantwortet hatten,
-nicht ein einziges in gutem Zustande befindliches da war. Ein gutes
-Zimmer war von einem Eisenbahnrevisor besetzt, ein zweites von einem
-Moskauer Advokaten, ein drittes von der Fürstin Astaphjewa, die vom
-Dorfe gekommen war. Es blieb nur ein schmutziger Raum, neben dem man am
-Abend noch ein zweites freizumachen versprach.
-
-Voll Verdruß über sein Weib, da es so kam, wie er erwartet hatte, und
-namentlich, daß er im Augenblick der Ankunft, wo ihm das Herz von
-Bewegung ergriffen war bei dem Gedanken, wie es mit dem Bruder stehen
-möge, Sorge für sie zu tragen hatte, anstatt sofort zu dem Bruder eilen
-zu können, führte Lewin seine Frau in das ihnen zugewiesene Zimmer.
-
-»Geh, geh,« sagte sie, ihn mit schüchternem, schuldbewußtem Blick
-anschauend.
-
-Schweigend schritt er aus der Thür und traf hier mit Marja Nikolajewna
-zusammen, die von seiner Ankunft erfahren hatte, aber nicht wagte,
-bei ihm einzutreten. Sie sah noch geradeso aus, wie er sie in Moskau
-gesehen hatte, das nämliche wollene Kleid, Arme und Hals nackt, und das
-nämliche, gutmütig stumpfe, nur etwas voller gewordene, pockennarbige
-Gesicht.
-
-»Wie geht es? Was macht er? Wie?«
-
-»Sehr schlecht. Er steht gar nicht mehr auf. Er hat Euch schon
-erwartet. Er -- Ihr seid mit Eurer Gattin gekommen?«
-
-Lewin verstand in der ersten Minute nicht, was sie in Verlegenheit
-setzte, doch klärte sie ihn sogleich auf.
-
-»Ich will gehen -- nach der Küche,« sagte sie; »der Herr wird sich
-freuen. Er hat schon gehört, und kennt die Dame, und entsinnt sich
-ihrer noch vom Auslande her.«
-
-Lewin verstand jetzt erst, daß sie seine Frau meine, wußte aber nicht,
-was er ihr antworten sollte.
-
-»Kommt, kommt!« sagte er.
-
-Kaum hatte er sich jedoch zum Gehen angeschickt, als sich die Thür
-seines Zimmers öffnete und Kity herausblickte. Lewin errötete vor Scham
-und Ärger über sein Weib, das sich selbst und ihn in diese schwierige
-Situation gebracht hatte; Marja Nikolajewna errötete aber noch mehr.
-Sie drückte sich seitwärts, bis zum Weinen rot geworden und drehte die
-Zipfel ihres Tuches, die sie mit beiden Händen ergriffen hatte, in
-ihren roten Fingern, ohne zu wissen, was sie sagen oder anfangen sollte.
-
-Im ersten Moment sah Lewin den Ausdruck einer lebhaften Neugier in dem
-Blick, mit welchem Kity auf dieses für sie unbegreifliche, schreckliche
-Weib schaute, aber dies währte nur einen Augenblick.
-
-»Nun, wie ist es denn, wie ist es denn?« wandte sie sich an ihren
-Gatten und an jene. »Was macht er?« wandte sie sich an ihren Mann und
-dann an sie.
-
-»Man kann indessen auf dem Korridor nicht sprechen!« sagte Lewin sich
-voll Verdruß nach einem Herrn umblickend, welcher dröhnenden Schrittes,
-als wäre er ganz allein hier, soeben den Korridor hinabging.
-
-»Nun, so kommt doch herein,« sagte Kity, zu der sich emporrichtenden
-Marja Nikolajewna gewendet, fügte aber, als sie das erschreckte Gesicht
-ihres Mannes erblickte, sogleich hinzu, »oder geht, geht, und schickt
-nach mir,« und wandte sich wieder in ihr Zimmer zurück.
-
-Lewin ging zu seinem Bruder. Er hatte durchaus nicht erwartet, was er
-bei dem Bruder sah und empfand. Er hatte erwartet, noch den nämlichen
-Zustand der Selbsttäuschung zu finden, welcher -- er hatte dies gehört
--- bei Brustleidenden so häufig sein soll, und der ihn während des
-Besuchs seines Bruders im Herbst so betroffen gemacht hatte. Er hatte
-erwartet, die physischen Anzeichen des nahenden Todes noch ausgeprägter
-zu finden, eine größere Schwäche und größere Magerkeit, aber es zeigte
-sich fast noch immer der nämliche Zustand. Er hatte erwartet, selbst
-wieder jenes Gefühl des Schmerzes über den Verlust des geliebten
-Bruders und des Entsetzens vor dessen Tode zu empfinden, welches er
-damals gehabt hatte, nur in noch höherem Grade. Er hatte sich selbst
-darauf vorbereitet, aber er fand etwas ganz Anderes.
-
-In einem kleinen, unsauberen Zimmer, deren gemaltes Getäfel an den
-Wänden bespieen und hinter dessen dünner Zwischenwand Gespräch
-vernehmbar war, in einer von erstickendem Geruch verunreinigten Luft
-lag auf einem von der Wand abgerückten Bett ein vom Deckbett verhüllter
-menschlicher Körper. Ein Arm dieses Körpers lag oben auf der Bettdecke,
-und die große, wie eine Harke aussehende Hand dieses Armes hing auf
-unbegreifliche Weise an einer dünnen, langen, von Anfang bis zur Mitte
-gleichmäßig verlaufenden Spule fest. Der Kopf lag seitwärts gedreht auf
-dem Kissen. Lewin sah die schweißbedeckten, spärlichen Haare an den
-Schläfen und über der Stirn.
-
-»Es kann nicht sein, daß dieser entsetzliche Körper mein Bruder Nikolay
-ist,« dachte Lewin. Doch er trat näher, erblickte das Gesicht und sein
-Zweifel war schon unmöglich geworden. Trotz der furchtbaren Veränderung
-dieser Züge, mußte Lewin doch erst noch diese lebhaften, sich auf den
-Eintretenden richtenden Augen, und diese leichte Bewegung des Mundes
-unter dem zusammenklebenden Schnurrbart erblicken, wollte er die
-furchtbare Wahrheit begreifen, daß dieser Totenkörper da sein lebender
-Bruder war.
-
-Die glänzenden Augen blickten ernst und vorwurfsvoll auf den
-eintretenden Bruder, und sogleich mit diesem Blicke entstand eine
-lebhafte Wechselbeziehung unter den Lebenden. Lewin fühlte sofort den
-Vorwurf in dem auf ihn gerichteten Blick, und Reue über sein eigenes
-Glück.
-
-Als Konstantin Nikolays Hand ergriff, lächelte dieser. Sein Lächeln war
-schwach, kaum merklich, und trotz dieses Lächelns schwand der strenge
-Ausdruck seiner Augen nicht.
-
-»Du hast wohl nicht erwartet, mich so zu finden,« brachte er mit
-Anstrengung hervor.
-
-»Ja -- nein« -- sprach Lewin, in seinen eigenen Worten irre werdend.
-»Warum konntest du nicht früher von dir wissen lassen, zur Zeit meiner
-Verheiratung? Ich habe überall Nachforschungen nach dir angestellt.«
-
-Es mußte gesprochen werden, damit man nicht schwieg, und er wußte
-doch nicht, was er sagen sollte, um so weniger, als sein Bruder nicht
-antwortete, sondern nur unverwandt schaute, und offenbar in den Sinn
-eines jeden Wortes eindringen wollte. Lewin teilte dem Bruder mit, daß
-auch seine Frau mit ihm gekommen sei. Nikolay drückte sein Vergnügen
-darüber aus, sagte aber, er fürchte, sie durch seinen Zustand zu
-erschrecken. Ein Schweigen trat ein. Plötzlich regte sich Nikolay und
-begann zu sprechen. Lewin erwartete etwas besonders Bedeutendes und
-Gewichtiges dem Ausdruck seines Gesichts nach, doch sprach Nikolay nur
-über seine Gesundheit. Er klagte den Doktor an, beklagte, daß er keinen
-berühmten Moskauer Arzt habe und Lewin erkannte, daß er noch immer
-Hoffnung hegte.
-
-Die erste Minute des Schweigens benutzend, erhob sich Lewin, im
-Wunsche, wenigstens für eine Minute von dem peinigenden Gefühl erlöst
-zu sein, und sagte, daß er gehen wolle, um seine Frau herzuführen.
-
-»Gut, ich will indessen anordnen, daß hier gesäubert wird. Es ist
-schmutzig hier und riecht übel, glaube ich. Mascha! Räume hier auf,«
-sagte der Kranke mit Anstrengung, »und wenn du aufgeräumt hast, kannst
-du hinausgehen,« fügte er hinzu, den Blick fragend auf den Bruder
-richtend.
-
-Lewin antwortete nichts. Als er auf den Korridor hinaustrat, blieb er
-stehen. Er hatte gesagt, daß er seine Frau herführen wolle, jetzt aber,
-als er sich Rechenschaft von jenem Gefühl gab, welches er empfunden
-hatte, beschloß er, im Gegenteil zu versuchen, sie zu überreden,
-daß sie nicht zu dem Kranken gehe. »Wozu sie peinigen, wie ich mich
-peinige?« dachte er.
-
-»Nun? Was ist? Wie steht es?« frug ihn Kity mit erschrecktem Gesicht.
-
-»Ach, es ist doch entsetzlich, entsetzlich. Warum bist du nur
-mitgekommen?« sagte Lewin.
-
-Kity schwieg einige Sekunden, schüchtern und kläglich auf ihren Mann
-blickend; dann trat sie auf ihn zu und hing sich mit beiden Armen an
-seinen Ellbogen.
-
-»Mein Konstantin! führe mich zu ihm, es wird uns zu Zweien leichter
-werden. Führe du mich nur, führe mich, bitte, und komm,« sagte sie,
-»begreife doch, daß es mir bei weitem schwerer wird, dich zu sehen
-und ihn nicht. Dort werde ich vielleicht dir und ihm nützlich werden
-können. Bitte gestatte es!« beschwor sie ihren Mann, als ob das Glück
-ihres Lebens hiervon abhinge.
-
-Lewin mußte einwilligen und begab sich, nachdem er sich etwas erholt
-hatte, Marja Nikolajewna schon ganz vergessend, mit Kity wieder zu
-seinem Bruder.
-
-Leisen Schrittes und unverwandt auf ihren Gatten blickend, welchem sie
-ihr mutiges und doch gefühlvolles Antlitz wies, betrat sie das Zimmer
-des Kranken und schloß, sich ohne Hast zurückwendend, geräuschlos
-die Thür. Mit unhörbaren Schritten näherte sie sich rasch dem Lager
-des Kranken und so herantretend, daß dieser den Kopf nicht zu drehen
-brauchte, nahm sie sogleich das Skelett seiner großen Hand in ihre
-frische, jugendliche, drückte sie und begann dann, mit jener, nur den
-Frauen eigenen, und nicht verletzenden stillen Lebhaftigkeit mit ihm zu
-sprechen.
-
-»Wir sind uns in Soden begegnet, sind uns aber dort nicht bekannt
-gewesen,« sagte sie, »Ihr habt da nicht vermutet, daß ich einmal Eure
-Schwester werden würde.«
-
-»Ihr solltet Euch nicht nach mir erkundigt haben?« frug er mit dem
-Lächeln, welches schon bei ihrem Eintreten aufleuchtete.
-
-»Nein; dann hätte ich ja erfahren. Wie recht Ihr doch gethan habt, uns
-von Euch Nachricht zu geben! Kein Tag ist vergangen, daß Konstantin
-nicht Eurer gedacht und sich beunruhigt hätte um Euch.«
-
-Die Lebhaftigkeit des Kranken währte indessen nicht lange. Sie hatte
-noch nicht aufgehört zu sprechen, als auf seinem Gesicht abermals der
-strenge vorwurfsvolle Ausdruck des Neides des Sterbenden gegenüber dem
-Lebenden erschien.
-
-»Ich fürchte, Ihr werdet Euch hier nicht recht wohl befinden,« sagte
-sie, sich von seinem starren Blicke abwendend und im Zimmer Umschau
-haltend. »Man muß bei dem Wirt ein anderes Zimmer erbitten,« sagte sie
-zu ihrem Manne, »schon, damit wir näher sind.«
-
-
- 18.
-
-Lewin konnte den Bruder nicht ruhig ansehen, nicht natürlich und
-ruhig unbewegt in seiner Gegenwart sein. Als er bei dem Kranken
-eingetreten war, hatte sich sein Blick und seine Wahrnehmungskraft
-unbewußt verdunkelt, und er gewahrte nicht mehr die Einzelheiten des
-Zustandes seines Bruders. Er hörte von dem entsetzlichen Geruch, sah
-die Unsauberkeit, Unordnung und die peinvolle Lage, dieses Stöhnen,
-und fühlte, daß Hilfe nicht mehr möglich war. Es war ihm nicht einmal
-in den Sinn gekommen, daran zu denken, daß er alle Einzelheiten in
-dem Zustande des Kranken erfaßte, daß da unter der Decke dieser
-Körper lag, diese gekrümmten abgezehrten Beine, Brustknochen, dieser
-Rücken und ob es nicht anginge, das alles besser zu legen, etwas
-zu thun, was die Lage, wenn nicht besser, so doch weniger mißlich
-gestaltete. Kalt rieselte es ihm über den Rücken hinab, als er an
-alle diese Einzelheiten zu denken begann. Er war fest überzeugt, daß
-hier nichts mehr zu thun war, weder etwas für eine Verlängerung des
-Lebens, noch für eine Erleichterung der Leiden; doch das Bewußtsein,
-sich eingestehen zu müssen, jede Hilfe sei unmöglich, machte sich ihm
-schmerzlich fühlbar und versetzte ihn in Erbitterung. Lewin wurde es
-infolge dessen noch schwerer ums Herz. Der Aufenthalt in dem Zimmer des
-Kranken war qualvoll für ihn, nicht darin zu sein aber noch schlimmer.
-Unter verschiedenen Vorwänden begab er sich daher fortwährend hinaus,
-da er nicht die Kraft besaß, allein hier zu bleiben.
-
-Kity aber dachte, fühlte und handelte durchaus nicht ebenso. Bei dem
-Anblick des Kranken jammerte es sie um ihn, und das Mitleid in ihrer
-Frauenseele erweckte durchaus nicht jenes Gefühl des Entsetzens und des
-Ekels bei ihr, wie es dies bei ihrem Manne hervorgerufen hatte, sondern
-lediglich die Erkenntnis ihrer Pflicht zu handeln, alle Einzelheiten
-seines Zustandes kennen zu lernen und ihnen beizukommen. Und da in ihr
-nicht der geringste Zweifel darüber bestand, daß sie ihm Hilfe leisten
-müsse, so zweifelte sie auch nicht daran, daß dies möglich sei und
-begab sich sofort ans Werk.
-
-Alle jene Einzelumstände, deren bloße Vorstellung schon ihren Mann in
-Schrecken versetzt hatte, lenkten sogleich ihre Aufmerksamkeit auf
-sich. Sie schickte nach einem Arzt und in die Apotheke, befahl der mit
-ihr gekommenen Zofe, sowie Marja Nikolajewna, zu fegen, den Staub zu
-wischen und den Kranken zu waschen, wusch selbst mit ab, und reichte
-Etwas unter die Bettdecke. Gegenstände wurden herbeigebracht oder aus
-dem Krankenzimmer hinausgetragen nach ihrer Anordnung, und sie selbst
-begab sich mehrmals nach ihrem Zimmer, ohne die ihr begegnenden Herren
-zu bemerken, langte Betttücher und Überzüge, Handtücher und Hemden
-hervor und brachte sie herbei.
-
-Der Diener, welcher im Gesellschaftssaale ein Essen für Ingenieure
-auszurichten hatte, erschien mehrere Male mit ärgerlicher Miene auf
-ihren Ruf, konnte aber nicht umhin, ihre Befehle zu erfüllen, da
-sie dieselben mit so wohlwollender Bestimmtheit erteilte, daß man
-sie unmöglich sich selbst überlassen konnte. Lewin hieß dies alles
-durchaus nicht gut; er glaubte nicht, daß daraus noch irgend ein Nutzen
-für den Kranken erwüchse, vor allem aber fürchtete er, der Kranke
-könne dabei noch in Aufregung geraten. Dieser jedoch verhielt sich,
-wenigstens wie es schien, dem gegenüber gleichgültig und geriet nicht
-in Erregung, sondern empfand nur eine gewisse Scham, interessierte
-sich aber im allgemeinen für das, was sie an ihm that. Vom Arzte
-zurückgekehrt, zu welchem Kity ihn gesandt hatte, fand Lewin, die
-Thüre öffnend, den Kranken in dem Moment, als man nach Kitys Anordnung
-seine Wäsche wechselte. Das lange bleiche Skelett des Rückens mit den
-großen hervorstehenden Schulterblättern, und den starrenden Rippen
-und Rückgratwirbeln war entblößt; Marja Nikolajewna und der Diener
-waren mit dem einen Hemdärmel in Unordnung geraten und konnten den
-langen herabhängenden Arm nicht hineinbringen. Kity, welche geschäftig
-die Thür hinter Lewin wieder schloß, hatte nicht nach dieser Seite
-geblickt, aber der Kranke stöhnte auf und sie wandte sich schnell zu
-ihm hin.
-
-»Schneller,« befahl sie.
-
-»Ihr geht ja nicht,« sagte der Kranke gereizt, »ich will selber« --
-
-»Was sagt Ihr?« frug Marja Nikolajewna dazwischen.
-
-Kity hatte jedoch gehört und verstanden, daß es ihm peinlich und
-unangenehm war, in ihrer Gegenwart entblößt zu sein.
-
-»Ich sehe nicht hin, sehe nicht hin!« sagte sie daher, den Arm
-richtend, »Marja Nikolajewna, tretet von dieser Seite, bringt ihn in
-Ordnung,« fügte sie hinzu. -- »Geh doch -- bitte -- in meinem kleinen
-Reisesack befindet sich ein Riechfläschchen,« wandte sie sich an ihren
-Mann, »du weißt ja, in der Seitentasche. Bring es mir doch, während man
-hier noch vollends Ordnung macht.«
-
-Als Lewin mit dem Riechfläschchen zurückkehrte, fand er den Kranken
-bereits wieder zurecht gelegt, und alles in seiner Umgebung völlig
-verwandelt. Der drückende üble Geruch war mit einer Atmosphäre von
-Essig und Parfüms vertauscht worden, welche Kity mit gespitzten Lippen
-und aufgeblasenen roten Wangen durch das Flacon umhersprengte. Von
-Staub war nichts mehr zu sehen und vor dem Bett lag ein Teppich.
-Aus dem Tische standen geordnet Flacons und Caraffen, lag auch die
-nötige Wäsche, sowie eine Arbeit in =broderie anglaise= von Kity. Auf
-einem andern Tische am Bett des Kranken, stand Getränk, ein Licht und
-Arzneipulver. Der Kranke selbst, gesäubert und gekämmt, lag in frischen
-Überzügen, auf hochgemachten Kissen und in weißem Hemd mit einem weißen
-Kragen um den unnatürlich dünnen Hals, und blickte mit einem Ausdruck
-von Hoffnung unverwandt auf Kity.
-
-Der von Lewin herbeigebrachte, erst im Klub aufgefundene Arzt, war
-nicht der nämliche, welcher Nikolay Lewin sonst behandelte und mit
-welchem dieser unzufrieden war. Der neue Arzt langte ein Hörrohr hervor
-und behorchte den Kranken, schüttelte den Kopf, verschrieb eine Arznei,
-und erklärte mit großer Ausführlichkeit zunächst, wie die Arznei zu
-nehmen sei, und dann, welche Diät beobachtet werden sollte. Er empfahl
-rohe oder nur weichgekochte Eier, und Selterswasser mit warmer Milch
-von bestimmter Temperatur.
-
-Nachdem der Arzt gegangen war, sagte der Kranke etwas zu seinem Bruder,
-allein Lewin vernahm nur die letzten Worte »deine Katja«; an dem Blicke
-jedoch, mit welchem jener sie anschaute, erkannte Lewin, daß sie gelobt
-worden sei. Er rief nun auch Katja, wie Nikolay sie genannt hatte.
-
-»Mir ist schon bei weitem besser,« sagte er, »bei Euch wäre ich
-freilich schon längst wieder gesund geworden. Wie wohl mir ist!« Er
-ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen, gab aber, wie in der
-Furcht, es möchte ihr dies unangenehm sein, seine Absicht auf, ließ die
-Hand sinken und streichelte sie nur. Kity faßte diese Hand mit ihren
-beiden Händen und drückte sie. »Jetzt legt mich auf die linke Seite und
-geht schlafen,« fuhr er fort.
-
-Niemand hatte verstanden, was er sprach, nur Kity hatte es erfaßt. Sie
-hatte es verstanden, weil sie fortwährend in Gedanken beobachtete, was
-er wünschen möchte.
-
-»Auf die andere Seite,« sagte sie zu ihrem Manne, »er schläft stets
-auf jener. Lege du ihn um, ich möchte nicht gern die Dienerschaft dazu
-rufen. Ich aber kann es nicht. Ihr könnt es auch nicht?« wandte sie
-sich an Marja Nikolajewna.
-
-»Ich fürchte mich,« versetzte diese.
-
-So entsetzlich es Lewin auch sein mochte, diesen grauenhaften Körper
-mit beiden Armen umfassen zu müssen und Stellen unter der Bettdecke
-zu berühren, von denen er nichts wissen mochte, machte Lewin, dem
-Einflusse seines Weibes nachgebend, das energische Gesicht, das dieses
-schon an ihm kannte und schickte sich dazu an, indem er die Arme
-vorstreckte, war aber bei aller seiner Kraft, von der seltsamen Schwere
-dieser ausgemergelten Glieder überrascht.
-
-Während er ihn wandte, seinen Hals von dem abgezehrten, langen Arme
-umfaßt fühlend, drehte Kity schnell und leise das Kopfkissen um und
-schob es wieder unter, legte den Kopf des Kranken zurecht und ordnete
-ihm das spärliche Haar, welches wieder an den Schläfen klebte.
-
-Der Kranke hielt des Bruders Hand in der seinen. Lewin fühlte, daß
-er etwas mit dieser Hand zu thun wünsche und dieselbe mit sich zog;
-erstarrend folgte er derselben. Nikolay führte seine Hand an die Lippen
-und küßte sie und Lewin erschauerte in Schluchzen und verließ, nicht
-fähig zu reden, das Gemach.
-
-
- 19.
-
-»Er hat sich vor den Weisen verborgen und den Kindern und Thoren
-entdeckt.« So dachte Lewin auch über sein Weib, als er an diesem Abend
-mit ihr sprach.
-
-Lewin dachte an das Wort des Evangeliums nicht deshalb, weil er
-selbst sich für weise gehalten hätte. Er hielt sich nicht für weise,
-wußte aber auch recht wohl, daß er doch klüger war, als sein Weib und
-als Agathe Michailowna; wußte recht wohl, daß er, wenn er des Todes
-gedachte, dies mit allen Kräften seines Geistes that. Er wußte auch,
-daß viele höhere Geister von Männern, deren Gedanken er darüber gelesen
-hatte, nicht ein Hundertstel von dem gedacht hatten, was sein Weib
-und Agathe Michailowna darüber wußten. So ungleich nun diese beiden
-Weiber einander sein mochten, Agathe Michailowna und Katja, wie sie
-sein Bruder Nikolay, und auch Lewin sehr gern nannte, hierin waren sie
-einander vollkommen ähnlich. Beide wußten sicher, was Leben eigentlich
-war, und auch was Tod sei, und obwohl sie nicht antworten konnten,
-oder die Fragen auch nur verstehen, die sich Lewin aufdrängten, so
-zweifelten sie beide doch nicht an der Bedeutung dieser Erscheinung und
-betrachteten dieselbe vollkommen gleichartig, nicht nur unter sich,
-sondern, indem sie ihre Anschauung mit Millionen Menschen teilten. Der
-Beweis dafür, daß sie genau wußten, was Tod sei, lag darin, daß sie,
-ohne sich eine Sekunde zu besinnen, wußten, wie man mit Sterbenden
-umgehen müsse, und diese nicht fürchteten. Lewin und die anderen
-wußten, obwohl sie viel über den Tod sagen konnten, augenscheinlich
-nicht, warum sie ihn fürchteten; sie wußten sicher nicht, was zu
-thun sei, wenn ein Mensch starb. Wäre Lewin jetzt allein gewesen mit
-seinem Bruder, so würde er ihn voll Entsetzen betrachtet, und mit noch
-größerem Entsetzen gewartet haben, aber nicht imstande gewesen sein,
-irgendwie zu handeln.
-
-Er wußte nicht, was er sagen, wie er blicken, wie er gehen sollte.
-Über Fernerliegendes mit ihm zu sprechen, erschien verletzend, das ging
-nicht; über den Tod zu sprechen, die finstere Macht, ging auch nicht;
-schweigen -- gleichfalls nicht. -- Blickte er den Kranken an, so konnte
-dieser denken, er wolle ihn durchforschen, blickte er ihn nicht an, so
-konnte Nikolay denken, er sei bei etwas ganz Anderem. Ging er auf den
-Fußspitzen, so mochte der Bruder unzufrieden damit sein, trat er voll
-auf, so schickte sich das nicht.
-
-Kity dachte augenscheinlich gar nicht an sich und hatte wohl auch nicht
-die Zeit, an sich zu denken; sie dachte nur an ihn, weil sie etwas
-Bestimmtes wußte, und alles ging gut bei ihr von statten. Sie hatte
-ihm von sich erzählt, von ihrer Hochzeit und hatte gelächelt und ihn
-bemitleidet, ihm geschmeichelt, und mit ihm über Fälle von Genesungen
-gesprochen, und das alles ging ihr gut von statten; vielleicht weil sie
-etwas wußte.
-
-Der Beweis dafür, daß ihre Wirksamkeit, wie diejenige Agathe
-Michailownas, keine instinktive, rein physische unbedachte war, lag
-darin, daß außer der physischen Beruhigung, der Erleichterung der
-Leiden, sowohl Agathe Michailowna als Kity für den Sterbenden noch
-etwas weit Wichtigeres anstrebten, als physische Beruhigung, ein
-Etwas, das nichts Gemeinsames besaß mit physischen Umständen. Agathe
-Michailowna hatte in dem Gespräch über jenen verstorbenen Alten gesagt:
-»Nun, man hat ihm das Abendmahl, die letzte Ölung gegeben, gebe Gott,
-daß ein jeder so sterbe!« Ganz ebenso hatte Kity ungeachtet aller Sorge
-für die Wäsche, die wundgelegenen Stellen, das Trinken des Kranken
-bereits am ersten Tage demselben von der Notwendigkeit gesprochen, daß
-er kommuniziere.
-
-Nachdem sie für die Nacht von dem Kranken in ihre beiden Zimmer
-zurückgekehrt waren, hatte sich Lewin niedergesetzt und den Kopf sinken
-lassen, ohne zu wissen, was er beginnen solle.
-
-Geschweige, daß er davon gesprochen hätte, zu Abend speisen zu wollen,
-oder das Nachtlager in Ordnung zu bringen, und zu überlegen, was nun zu
-thun sei, vermochte er nicht einmal mit seiner Frau zu reden; so schwer
-war ihm das Herz. Kity hingegen war geschäftiger, als gewöhnlich;
-sie war sogar lebhafter, als sonst. Sie befahl Abendessen zu bringen,
-packte selbst die Sachen aus, half die Betten vorzurichten und vergaß
-nicht einmal, sie mit persischem Pulver zu bestreuen. In ihr lag eine
-Munterkeit, eine Präcision im Denken, wie sie sich bei den Männern vor
-einer Schlacht, einem Kampfe, in gefahrvollen entscheidenden Momenten
-zeigt, jenen Minuten, in welchen ein für allemal der Mann seinen Wert
-zeigt und beweist, daß seine ganze Vergangenheit nicht umsonst gewesen
-ist, sondern eine Vorbereitung war für diese Minuten.
-
-Alles ging ihr von statten, und es war noch nicht zwölf Uhr, als
-alle Sachen sauber ausgepackt waren; sorgfältig und in einer Weise,
-daß das Zimmer ihrem eigenen Hause ähnlich wurde, ihren Zimmern. Die
-Betten waren aufgeschlagen, die Bürsten, Kämme, Spiegel aufgelegt, und
-Servietten übergebreitet.
-
-Lewin fand es sei unverzeihlich, jetzt zu essen, zu schlafen, ja selbst
-zu reden und dabei zu empfinden, daß jede seiner Bewegungen nicht
-schicklich sei. Sie hingegen steckte die Bürsten aus, verrichtete aber
-alles so, daß nichts Verletzendes darin lag.
-
-Essen konnten sie allerdings nicht und lange Zeit fanden sie auch
-keinen Schlaf, ja sie wollten erst lange Zeit gar nicht zur Ruhe gehen.
-
-»Ich bin sehr froh, daß ich ihm zugeredet habe, morgen zu
-kommunizieren,« sagte sie, im Ärmelleibchen vor ihrem Necessaire
-sitzend und sich mit dem dichten Kamme das reiche duftige Haar
-strählend, »ich habe dies noch nie gesehen, weiß aber, daß Mama mir
-gesagt hat, es wären Gebete für die Herstellung dabei.«
-
-»Glaubst du wirklich, daß er wieder gesund werden kann?« sagte Lewin,
-nach der, sobald sie den Kamm vorwärts bewegte, fortwährend verhüllten
-dichten Zahnreihe an der hinteren Seite ihres runden Köpfchens schauend.
-
-»Ich habe den Arzt gefragt; er sagte mir, daß er nicht länger als noch
-drei Tage leben könne. Aber können die es wissen? Ich bin gleichwohl
-sehr froh, daß ich ihn überredet habe,« sagte sie, unter ihrem Haar
-hervor seitwärts nach ihrem Manne blickend. »Es ist alles möglich,«
-fügte sie hinzu mit jenem eigentümlichen, ein wenig schlauen Ausdruck,
-der stets auf ihrem Gesicht lag, wenn sie über Religion sprach.
-
-Nach jenem Gespräch über die Religion, zur Zeit als sie noch Bräutigam
-und Braut waren, hatte weder er noch sie ein Gespräch darüber wieder
-angeknüpft, sie aber erfüllte dies Ceremoniell des Kirchenbesuchs,
-des Gebetes, stets in dem nämlichen ruhigen Bewußtsein, daß es so
-erforderlich sei. Ungeachtet seiner Versicherungen des Gegenteils
-war sie fest überzeugt, daß er ein ebensolcher, ja, noch besserer
-Christ war, wie sie und daß alles, was er darüber sprach, nur eine
-seiner sarkastischen Männerlaunen sei, ebenso wie das, was er über die
-=broderie anglaise= sagte: »Möchten doch die guten Leute lieber die
-Löcher zustopfen, hier aber werden sie absichtlich eingeschnitten« und
-Ähnliches.
-
-»Jenes Weib da, die Marja Nikolajewna hat nicht verstanden, alles
-das einzurichten,« sagte Lewin, »und -- ich muß es eingestehen, daß
-ich sehr, sehr froh bin, daß du mitgekommen bist. Du bist solch eine
-Reinheit, daß« -- er ergriff ihre Hand, küßte sie aber nicht -- das
-Küssen ihrer Hand in dieser Nähe des Todes, erschien ihm unpassend
--- sondern preßte sie nur, mit schuldbewußtem Ausdruck in ihre
-aufleuchtenden Augen blickend.
-
-»Für dich allein wäre es doch so peinlich geworden,« sagte sie, wand
-die Hände emporhebend, welche ihre vor Freude erglühenden Wangen
-deckten, die Zöpfe auf dem Scheitel zusammen und steckte sie fest.
-»Nein,« sprach sie, »das hat sie nicht verstanden. Zum Glück habe ich
-viel in Soden gelernt.«
-
-»Waren denn dort derartige Kranke?«
-
-»Noch schlimmere sogar.«
-
-»Es ist furchtbar für mich, daß ich ihn stets so sehen muß, wie er in
-der Jugend war. Du glaubst nicht, welch ein schöner Jüngling er gewesen
-ist; ich aber habe ihn damals nur nicht verstanden.«
-
-»Ich glaube es wohl, recht wohl. Wie empfinde ich es, daß wir so gut
-mit ihm gewesen sein würden,« sagte sie, erschrak aber sogleich über
-das was sie gesagt hatte, sich nach ihrem Manne umschauend, und Thränen
-traten ihr in die Augen.
-
-»Ja -- gewesen sein würden« -- sagte er traurig, »das ist eben einer
-jener Menschen, von denen man sagt, daß sie nicht für diese Welt sind.«
-
-»Gleichviel, uns stehen noch viele Tage bevor, doch wir müssen uns
-niederlegen,« sagte Kity, auf ihre winzige Uhr sehend.
-
-
- 20.
-
- Der Tod.
-
-Am anderen Tage empfing der Kranke das Abendmahl und die letzte Ölung.
-Während der Ceremonie betete Nikolay Lewin inbrünstig. In seinen
-großen Augen, die nach der Monstranz gerichtet waren, welche auf einem
-mit farbiger Serviette überdeckten L'hombretisch stand, drückte sich
-ein so leidenschaftliches Flehen, eine Hoffnung aus, daß es Lewin
-entsetzlich war, dies mit ansehen zu müssen. Lewin wußte, daß diese
-leidenschaftliche Bitte und Hoffnung ihm die Trennung vom Leben, das
-er so sehr liebte, nur noch schwerer machen würde. Lewin kannte seinen
-Bruder und den Gang seiner Gedanken; er wußte, daß sein Unglaube nicht
-davon herrührte, weil es ihm leichter ankam, ohne Glauben zu leben,
-sondern davon, weil Schritt für Schritt die modernen wissenschaftlichen
-Erklärungen der Welterscheinungen das Glauben verdrängt hatten, und
-weil er wußte, daß seine jetzige Rückkehr zu demselben keine logische
-war, die sich auf dem Wege eines solchen Gedankenganges vollzogen
-hätte, sondern eine nur vorübergehende, egoistische, entstanden in
-der sinnlosen Hoffnung auf eine Genesung. Lewin wußte auch, daß Kity
-diese Hoffnung noch durch Erzählungen von ungewöhnlichen Heilungen
-von denen sie gehört, genährt hatte. Alles dies wußte er, und es war
-ihm qualvoll, auf diesen flehenden, hoffnungsvollen Blick, auf diese
-abgezehrte Hand schauen zu müssen, die sich mühsam erhob, um das
-Zeichen des Kreuzes auf der überhängenden Stirn, den hervorstehenden
-Schultern und der heiserröchelnden, verödeten Brust zu machen, die
-alle nicht mehr das Leben in sich zu bergen vermochten, um welches
-der Kranke bat. Während des Sakraments that Lewin, was er in seinem
-Unglauben tausendmal gethan hatte. Er sprach, sich zu Gott wendend:
-»Mache, wenn du bist, daß dieser Mensch gesunde,« und wiederholte dies
-mehrere Male, »und du wirst ihn und mich erretten.«
-
-Nach der Salbung wurde es dem Kranken plötzlich bei weitem besser. Er
-hustete nicht ein einziges Mal im Verlauf einer Stunde, er lächelte,
-küßte Kity die Hand, dankte ihr mit Thränen und sagte, daß ihm wohl
-sei, daß er sich nirgends krank fühle und Eßlust und Kraft verspüre.
-Er erhob sich sogar selbst, als man ihm Suppe brachte und bat noch um
-ein Kotelett. So hoffnungslos Lewin nun auch war, so augenscheinlich es
-bei seinem Anblick wurde, daß er nicht genesen könne, befand er sich
-und Kity während dieser Stunde in dem gleichen Glück, der nämlichen
-Erregung darüber, ob man sich vielleicht doch nicht im Irrtum befinde.
-
-»Ist er besser? -- Ja, bei weitem. -- Wunderbar. -- Nichts Wunderbares.
--- Er ist doch besser,« so sprachen sie flüsternd und einander
-zulächelnd.
-
-Die Täuschung war indessen nicht von langer Dauer. Der Kranke schlief
-ruhig ein, nach einer halben Stunde jedoch weckte ihn der Husten, und
-plötzlich waren alle Hoffnungen seiner Umgebung und in ihm selbst
-geschwunden. Die Wirklichkeit des Leidens vernichtete, auch abgesehen
-von dem Zweifel, an den vorher gehegten Erwartungen oder selbst der
-Erinnerung an sie, die Hoffnungen Lewins und Kitys und die des Kranken
-selbst.
-
-Ohne dessen zu gedenken, woran er eine halbe Stunde vorher noch
-geglaubt hatte, gleichsam als wäre es tadelnswert, sich daran zu
-erinnern, verlangte er, daß man ihm das Jod, in einem Glase, welches
-von durchlochtem Papier überdeckt war, zum Einatmen gebe. Lewin reichte
-ihm die Flasche und der nämliche Blick leidenschaftlicher Hoffnung,
-mit welchem er kommuniziert hatte, richtete sich jetzt auf den Bruder,
-von diesem Bestätigung für die Worte des Arztes heischend, daß die
-Einatmung von Jod Wunder thue.
-
-»Wie, ist Kity nicht hier?« raunte er umherblickend, nachdem ihm
-Lewin die Worte des Arztes mit innerem Widerstreben bekräftigt hatte.
-»Nun, so kann ich es sagen; nur ihr zu Liebe habe ich diese Komödie
-durchgemacht. Sie ist so lieb, aber wir beide können uns gegenseitig
-nicht mehr täuschen. Hieran glaube ich,« sprach er, die Flasche mit
-seiner Knochenhand pressend, und begann über ihr zu atmen.
-
-Um acht Uhr am Abend nahm Lewin mit seiner Frau den Thee auf seinem
-Zimmer ein, als Marja Nikolajewna atemlos ins Zimmer gestürzt kam. Sie
-war bleich und ihre Lippen bebten.
-
-»Er stirbt!« flüsterte sie; »ich fürchte, er stirbt sogleich!«
-
-Beide eilten zu ihm. Er hatte sich erhoben und saß, mit dem Arme
-auf die Bettdecke gestützt, den langen Rücken gekrümmt, mit tief
-herniederhängendem Kopfe.
-
-»Wie fühlst du dich?« frug Lewin flüsternd nach einer Pause.
-
-»Ich fühle, daß ich scheide,« sprach Nikolay mit Anstrengung, aber
-die Worte mit einer außerordentlichen Bestimmtheit langsam aus sich
-herauspressend. Er hob den Kopf nicht, sondern richtete nur das Auge
-nach oben, ohne mit ihnen das Gesicht des Bruders zu erreichen. »Katja,
-geh' hinaus,« fuhr er fort.
-
-Lewin sprang auf und befahl ihr mit gebieterischem Flüstern
-hinauszugehen.
-
-»Ich scheide,« sagte er wiederum.
-
-»Weshalb denkst du das?« antwortete Lewin, um etwas zu sagen.
-
-»Deshalb, weil ich scheide,« wiederholte Nikolay, sich gleichsam in
-diesem Ausdruck gefallend. »Es ist zu Ende.«
-
-Marja Nikolajewna trat zu ihm.
-
-»Ihr müßtet Euch legen, dann würde Euch leichter,« sprach sie.
-
-»Bald werde ich liegen,« versetzte er leise, »als ein Toter,« er sprach
-höhnisch, erbittert, »nun, aber legt mich nur, wenn Ihr wollt.«
-
-Lewin legte den Bruder auf den Rücken, ließ sich neben ihm nieder, und
-blickte ihm, mit angehaltenem Atem ins Gesicht.
-
-Der Sterbende lag mit geschlossenen Augen, aber auf seiner Stirn
-bewegte sich ein leises Muskelspiel, wie bei einem Menschen, der tief
-und angestrengt sinnt. Unwillkürlich dachte Lewin zusammen mit ihm das,
-was sich jetzt in Nikolay vollziehen mochte, aber ungeachtet aller
-geistigen Anstrengungen mit jenem übereinzukommen, gewahrte er an dem
-Ausdruck dieses ruhigen ernsten Gesichts und dem Muskelspiel über den
-Brauen, daß einem Sterbenden sich voll und ganz jenes Eine offenbart
-ebenso, wie es für Lewin dunkel blieb.
-
-»Ja, ja, so,« brachte der Sterbende abgebrochen und langsam hervor.
-»Bleibt.« Er schwieg wieder. »So,« sagte er dann gedehnt und
-befriedigt, als habe sich nun alles für ihn entschieden. »O Gott!«
-begann er dann nochmals und seufzte schwer.
-
-Marja Nikolajewna fühlte seine Füße an, »sie werden kalt«, flüsterte
-sie.
-
-Lange, sehr lange, wie es Lewin schien, lag der Kranke unbeweglich.
-Aber er war noch immer am Leben und bisweilen atmete er auf. Lewin war
-bereits abgespannt von der Anstrengung des Denkens. Er fühlte, daß er
-trotz aller geistigen Anstrengung nicht begreifen könne, was jenes »so«
-bedeutete. Er fühlte, daß er weit entfernt stand von dem Sterbenden.
-Über die Frage des Todes selbst vermochte er nicht mehr nachzusinnen,
-aber unwillkürlich kamen ihm Gedanken darüber, was er jetzt sofort zu
-thun haben werde; dem Bruder die Augen zuzudrücken, ihn ankleiden zu
-lassen und die Beerdigung zu bestellen. Und seltsam, er fühlte sich
-dabei vollkommen ruhig und empfand weder Schmerz, noch einen Verlust,
-und noch weniger Mitleid mit dem Bruder. Wenn jetzt ein Gefühl für
-seinen Bruder in ihm war, so war es eher der Neid wegen jenes Wissens,
-welches der Sterbende nun hatte, er aber nicht besitzen konnte.
-
-Noch lange saß er so bei ihm, immer das Ende erwartend, aber das Ende
-kam nicht. Die Thür öffnete sich und Kity erschien. Lewin stand auf, um
-sie zurückzuhalten, aber gerade im Augenblick, als er sich erhob, hörte
-er, daß der Sterbende sich regte.
-
-»Geh nicht fort,« sagte Nikolay und streckte die Hand aus. Lewin gab
-ihm die seine und winkte heftig seiner Frau, hinauszugehen.
-
-Die Hand des Sterbenden in der seinen, saß er eine halbe Stunde, eine
-ganze Stunde und noch eine Stunde.
-
-Er dachte jetzt schon gar nicht mehr an den Tod; er dachte daran, was
-Kity machen möge. Wer wohnte wohl in dem benachbarten Zimmer? Besaß
-der Arzt ein eigenes Haus? Er sehnte sich nach Essen und Schlaf,
-behutsam befreite er seine Hand und fühlte nach den Füßen. Sie waren
-kalt, aber der Kranke atmete noch. Lewin wollte nun auf den Zehen
-wieder herausgehen, aber von neuem regte sich der Kranke und sagte:
-»Geh' nicht fort« -- -- --
-
-Der Tag dämmerte herauf. Der Zustand des Kranken blieb noch immer
-derselbe. Lewin befreite leise seine Hand, ohne auf den Sterbenden
-zu blicken, begab sich nach seinem Zimmer und schlief ein. Als er
-erwachte, erfuhr er anstatt der Nachricht vom Tode seines Bruders, die
-er erwartete, daß der Kranke in den früheren Zustand zurückverfallen
-sei. Er hatte sich wieder gesetzt, wieder gehustet, wieder zu essen und
-zu sprechen angefangen, und wieder aufgehört, vom Tode zu reden. Er
-hatte wieder Hoffnung auf Genesung ausgedrückt, und war noch reizbarer
-und mürrischer geworden als vorher. Niemand, weder sein Bruder, noch
-Kity vermochten ihn zu besänftigen. Er war gegen jedermann gereizt,
-sagte jedermann Unangenehmes, machte allen Vorwürfe über seine
-Leiden und verlangte, daß man ihm einen berühmten Arzt aus Moskau
-herbeischaffe. Auf alle Fragen, die man an ihn über sein Befinden
-richtete, antwortete er stets mit dem Ausdruck von Wut und Vorwurf »ich
-leide furchtbar, unerträglich!«
-
-Der Kranke litt mehr und mehr, besonders infolge der aufgelegenen
-Stellen, die sich nicht mehr heilen ließen, und geriet mehr in Wut
-über seine Umgebung, der er Vorwürfe über alles machte, und namentlich
-darüber, daß man ihm den Arzt aus Moskau nicht herbeischaffe. Kity
-bemühte sich in jeder Weise, ihm Beistand zu leisten und ihn zu
-beschwichtigen, aber alles war vergebens und Lewin sah, daß sie selbst
-körperlich, wie geistig erschöpft war, obwohl sie es nicht eingestand.
-Jene Ahnung des Todes, welche in allen durch seinen Abschied vom
-Leben in jener Nacht, als er den Bruder rief, erweckt worden war, war
-verwischt. Sie alle wußten wohl, daß er unwiderruflich und binnen
-kurzem sterben werde, daß er zur Hälfte schon tot sei, sie alle
-wünschten nur das Eine, er möchte so bald als möglich sterben, aber
-sie alle gaben ihm, indem sie dies verbargen, aus der Flasche die
-Arznei, forschten nach Heilmitteln und Ärzten und täuschten ihn, und
-sich selbst untereinander. Alles dies war eine Lüge, eine häßliche,
-verletzende und hohnvolle Lüge. Und diese Lüge empfand Lewin, sowohl
-der Eigenart seines Charakters halber, als auch, weil er den Sterbenden
-mehr als alle anderen liebte, besonders schmerzlich.
-
-Lewin, welchen der Gedanke, seine beiden Brüder wenigstens vor dem Tode
-noch auszusöhnen, schon lange beschäftigt hatte, schrieb an Sergey
-Iwanowitsch, und las, nachdem er Antwort erhalten hatte, dem Kranken
-das Schreiben vor. Sergey Iwanowitsch schrieb, daß er selbst nicht
-kommen könne, bat aber in rührenden Ausdrücken den Bruder um Verzeihung.
-
-Der Kranke erwiderte nichts.
-
-»Was soll ich ihm nun schreiben?« frug Lewin. »Ich hoffe, daß du ihm
-nicht mehr gram bist?«
-
-»Nein, keineswegs!« antwortete Nikolay voll Verdruß über diese Frage.
-»Schreibe ihm, er möge nur einen Arzt schicken!«
-
-Es vergingen noch weitere drei qualvolle Tage; der Kranke befand sich
-immer im gleichen Zustand. Das Gefühl des Wunsches, er möchte sterben,
-hatten jetzt alle, die ihn sahen, sowohl der Diener des Hotels, wie
-der Wirt desselben und alle Insassen des Hauses; der Arzt und Marja
-Nikolajewna, wie Lewin und Kity.
-
-Allein der Kranke drückte dieses Gefühl nicht aus, sondern eiferte
-im Gegenteil darüber, daß man den Arzt nicht schaffe, und fuhr
-fort, Arznei zu nehmen und vom Leben zu sprechen. Nur in den
-gezählten Minuten, in denen das Opium ihn für einen Augenblick die
-ununterbrochenen Leiden vergessen ließ, sprach er im Halbschlaf
-bisweilen aus, was mächtiger als bei allen anderen, in seiner Seele
-ruhte: »O, wenn doch ein Ende käme«, oder »wann wird das vorüber sein«.
-
-Die Qualen, stetig wachsend, thaten das ihre, und bereiteten ihn
-zum Tode vor. Es gab jetzt keine Stellung mehr, in welcher er nicht
-gelitten hätte; es gab keine Minute mehr, in welcher er einmal sich
-selbst vergessen hätte, keine Stelle, kein Glied seines Körpers,
-welches nicht geschmerzt, ihn nicht gemartert hätte. Selbst die
-Erinnerung, die Eindrücke und die Gedanken über diesen Körper erregten
-in ihm jetzt bereits einen solchen Ekel, wie der Körper selbst.
-Der Anblick der übrigen Menschen, ihre Gespräche, ihre eigenen
-Erinnerungen, alles das war für ihn nur peinlich. Seine Umgebung
-empfand dies, und gestattete sich daher wie unbewußt in seiner Nähe
-weder eine freie Bewegung, noch Gespräche oder Äußerungen von Wünschen.
-Sein ganzes Leben zerfloß in das eine Gefühl des Leidens, und des
-Wunsches, hiervon erlöst zu sein.
-
-Augenscheinlich hatte sich nun jene Wandlung in ihm, die ihn auf
-den Tod wie auf eine Erfüllung seiner Wünsche, wie auf ein Glück
-blicken lassen mußte, vollendet. Früher war jedem besonderen Wunsche,
-hervorgerufen durch Leiden oder Entbehrung, wie Hunger, Müdigkeit,
-Durst, schon ein Zurechtrücken des Körpers, welches ihm Befriedigung
-gewährte, genügt worden; jetzt aber fand die Entbehrung und der Schmerz
-keine Befriedigung mehr, denn schon der Versuch zu einer Befriedigung
-rief neue Schmerzen hervor, und so flossen denn alle Wünsche in dem
-einen zusammen -- dem Wunsche, erlöst zu sein von all den Qualen und
-von der Quelle derselben -- dem Körper.
-
-Aber zum Ausdruck dieses Wunsches nach Befreiung hatte er keine Worte,
-und daher sprach er nicht davon, sondern forderte nur noch nach seiner
-Gewohnheit die Befriedigung der Wünsche, die schon nicht mehr erfüllt
-werden konnten.
-
-»Legt mich auf die andere Seite,« sagte er und verlangte gleich darauf,
-daß man ihn wieder lege, wie vorher. »Gebt mir Bouillon! Schafft
-sie fort! Sprecht doch etwas, weshalb schweigt ihr so!« Sobald man
-aber angefangen hatte, zu sprechen, schloß er die Augen, und drückte
-Ermattung, Gleichgültigkeit und Widerwillen aus.
-
-Am zehnten Tage nach der Ankunft in der Stadt erkrankte Kity. Es
-stellte sich Kopfschmerz und Erbrechen bei ihr ein, und sie vermochte
-den ganzen Morgen nicht, das Bett zu verlassen.
-
-Der Arzt erklärte, daß das Unwohlsein von Ermüdung und Aufregung
-herrühre und empfahl geistige Ruhe.
-
-Nach Tische indessen erhob sich Kity und begab sich wie gewöhnlich, mit
-einer Arbeit zu dem Kranken. Er blickte sie streng an, als sie eintrat
-und lächelte verächtlich, als sie sagte, daß sie unwohl sei. An diesem
-Tage schneuzte er sich unaufhörlich und stöhnte kläglich.
-
-»Wie fühlt Ihr Euch?« frug sie ihn.
-
-»Schlechter,« brachte er mit Mühe heraus, »es schmerzt so.«
-
-»Wo schmerzt es?«
-
-»Überall.«
-
-»Heute geht es zu Ende, paßt auf,« sagte Marja Nikolajewna; zwar
-flüsternd, aber doch so, daß der Kranke, welcher fein hörte, wie Lewin
-bemerkt hatte, sie vernehmen mußte. Lewin zischte ihr zu und blickte
-sich nach dem Kranken um. Nikolay hatte dies gehört, aber die Worte
-brachten bei ihm keinen Eindruck hervor. Sein Blick war noch der
-nämliche vorwurfsvolle und gespannte.
-
-»Warum denkt Ihr das?« frug Lewin sie, als sie ihm auf den Korridor
-hinaus folgte.
-
-»Er hat angefangen, sich abzunehmen,« sagte Marja Nikolajewna.
-
-»Was ist denn das?«
-
-»Nun dies,« antwortete sie, die Falten in ihrem wollenen Kleide
-aufzupfend; in der That bemerkte Lewin, daß der Kranke an diesem ganzen
-Tage an sich etwas herunterreißen wollte. Die Voraussagung Marja
-Nikolajewnas war richtig. Der Kranke war bis zum Abend schon nicht mehr
-bei Kräften, die Arme zu heben, und schaute nun vor sich hin, ohne den
-Ausdruck konzentrierter Aufmerksamkeit im Blick zu verändern. Selbst
-wenn sein Bruder oder Kity sich über ihn beugten, so daß er sie sehen
-konnte, blickte er so. Kity sandte nach einem Geistlichen, um das
-Sterbegebet sprechen zu lassen.
-
-Während dieser das Gebet las, gab der Kranke kein Lebenszeichen von
-sich, seine Augen waren geschlossen. Lewin, Kity und Marja Nikolajewna
-standen am Bett. Das Gebet war von dem Geistlichen noch nicht zu Ende
-gelesen worden, als sich der Sterbende streckte, seufzte und die Augen
-schloß. Der Geistliche legte, nachdem er das Gebet beendet, das Kreuz
-auf die kalte Stirn, zog es darauf langsam unter sein Gewand zurück,
-und berührte, nachdem er noch zwei Minuten schweigend gestanden, die
-erkaltete, blutlose große Hand.
-
-»Er hat vollendet,« sprach er und wollte gehen, da aber bewegte sich
-plötzlich der zusammengeklebte Bart des Toten und deutlich in der
-Stille wurden aus der Tiefe der Brust bestimmt und klar die Worte
-vernehmbar:
-
-»Nicht ganz -- aber bald.« --
-
-Nach Verlauf einer Minute erst erhellte sich das Gesicht, ein Lächeln
-trat unter dem Barte hervor und die anwesenden Frauen befaßten sich nun
-bestürzt damit, den Verstorbenen anzukleiden.
-
-Der Anblick des Bruders und die Nähe des Todes erneuerte in der
-Seele Lewins jene Empfindung des Entsetzens vor dem Rätselhaften und
-zugleich vor der Nähe und Unvermeidbarkeit des Todes, das ihn an jenem
-Herbstabend ergriffen hatte, als sein Bruder zu ihm gekommen war.
-
-Dieses Gefühl war jetzt noch mächtiger als früher; noch weniger, als
-früher fühlte er sich fähig, die Vorstellung vom Tode zu verstehen,
-und noch entsetzlicher stellte sich ihm das Unvermeidliche desselben
-vor Augen. Jetzt aber brachte ihn dieses Gefühl, dank der Nähe seines
-Weibes, nicht zur Verzweiflung und trotz des Todes fühlte er die
-Notwendigkeit, zu leben und zu lieben. Er fühlte, daß die Liebe ihn
-von der Verzweiflung errettet hatte, und daß diese Liebe unter den
-Schrecken der Verzweiflung nur noch stärker und reiner geworden war.
-
-Das Geheimnis des Todes hatte sich nicht sobald vor seinen Augen
-vollzogen, ungelöst geblieben, als schon ein anderes auftauchte, ebenso
-unlösbar und herausfordernd zu Liebe und Leben.
-
-Der Arzt hatte seine Vermutungen bezüglich Kitys bestätigt; ihr
-Unwohlsein bestand in Schwangerschaft.
-
-
- 21.
-
-Seit der Minute, in welcher Aleksey Aleksandrowitsch aus den
-Erklärungen mit Betsy und mit Stefan Arkadjewitsch erkannt hatte,
-daß von ihm nur gefordert wurde, er möge sein Weib in Ruhe lassen,
-indem er sie nicht mehr mit seiner Gegenwart belästigte, und daß sein
-Weib selbst dies wünschte, fühlte er sich so verlassen, daß er keinen
-selbständigen Beschluß mehr zu fassen vermochte, nicht mehr wußte, was
-er jetzt wollte, und sich in die Hände von Leuten gebend, welche sich
-mit dem bekannten Vergnügen um seine Angelegenheiten kümmerten, auf
-alles nur billigende Antworten gab.
-
-Nun nachdem Anna schon sein Haus verlassen hatte, und die Engländerin
-sandte, um ihn fragen zu lassen, ob sie mit ihm zusammen zu Mittag
-speisen werde oder allein, da erkannte er zum erstenmale klar seine
-Lage und erschrak über sie.
-
-Am schwierigsten in dieser Lage war vor allem, daß er in keiner Weise
-seine Vergangenheit mit ihr so wie sie jetzt war, in Einklang und
-Harmonie bringen konnte. Nicht jene Vergangenheit, in der er glücklich
-mit seinem Weibe gelebt hatte, machte ihn ratlos. Den Übergang aus
-derselben zu der Erkenntnis der Untreue seines Weibes hatte er bereits
-wie ein Märtyrer durchlebt, der Zustand war schwer, aber er war ihm
-verständlich gewesen. Wäre sein Weib damals, nachdem sie ihm von ihrer
-Untreue Mitteilung gemacht, von ihm gegangen, so würde er erbittert,
-unglücklich gewesen sein, aber er hätte sich dann nicht in jener für
-ihn selbst unentwirrbaren, unbegreiflichen Lage befunden, in der er
-sich jetzt fühlte.
-
-Er konnte sich durchaus nicht seine neuerliche Verzeihung vergeben,
-seine Versöhnlichkeit, seine Liebe zu dem kranken Weibe, und dem
-fremden Kinde, angesichts dessen, was jetzt war, das heißt, dessen, was
-er, gleichsam als Belohnung für alles dies, jetzt empfand, vereinsamt,
-beschimpft, verlacht, niemandem brauchbar und von allen verachtet.
-
-In den ersten zwei Tagen nach der Abreise seines Weibes empfing Aleksey
-Aleksandrowitsch Bittsteller, den Geschäftsführer, begab sich ins
-Komitee, und ging zur Mittagstafel nach dem Salon wie gewöhnlich. Ohne
-sich Rechenschaft, weshalb er dies thue, zu geben, verwandte er alle
-Kräfte seines Geistes in diesen zwei Tagen nur darauf, ein ruhiges, ja
-selbst gleichmütiges Aussehen zu behaupten.
-
-Indem er auf die Fragen, wie mit den Sachen und den Räumen der
-Anna Arkadjewna verfahren werden sollte, antwortete, machte er
-die gewaltigsten Anstrengungen über sich selbst, um den Anschein
-eines Mannes zu wahren, für den das stattgehabte Ereignis nicht
-unvorhergesehen gekommen sei, und nichts in sich trage, was aus der
-Reihe der gewöhnlichen Vorkommnisse heraustrete; und er erreichte
-seine Absicht! Niemand vermochte an ihm Anzeichen der Verzweiflung
-zu finden. Am zweiten Tag nach der Abreise aber, als Korney ihm die
-Rechnung vom Modewarenmagazin überreichte, welche Anna zu begleichen
-vergessen hatte, und meldete, der Commis sei selbst da, befahl Aleksey
-Aleksandrowitsch, diesen hereinkommen zu lassen.
-
-»Entschuldigen Excellenz, daß ich zu stören wage. Aber wenn Excellenz
-befehlen, daß ich mich an gnädige Frau wende, so geruhen Excellenz
-wohl, deren Adresse mitzuteilen.«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach, wenigstens wie es dem Commis
-schien, und setzte sich, abgewendet, plötzlich an seinen Tisch. Den
-Kopf in die Hände gestützt, verharrte er lange in dieser Stellung,
-einige Male zu sprechen versuchend, aber wieder innehaltend.
-
-Die Empfindungen seines Herrn begreifend, bat Korney den Commis, ein
-ander Mal wiederzukommen. Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch wieder
-allein war, erkannte er, daß er nicht die Kräfte besitze, die Rolle der
-Festigkeit und Ruhe noch weiter zu behaupten. Er befahl den auf ihn
-wartenden Wagen wieder auszuspannen, niemand vorzulassen, und ging auch
-nicht zur Mittagstafel.
-
-Er fühlte, daß er diesem allgemeinen Andrang von Verachtung und
-Gefühllosigkeit, wie er beides auf den Zügen des Commis und Korneys
-und aller ohne Ausnahme, denen er in diesen zwei Tagen begegnet war,
-offen gesehen hatte, nicht widerstehen könne. Er fühlte, daß er die
-Gehässigkeit der Menschen nicht werde zurückweisen können, weil
-diese Gehässigkeit nicht davon herrührte, daß er ein Narr war -- in
-diesem Falle hätte er schon sich bemühen können, als etwas Besseres
-zu erscheinen -- sondern davon, daß er schmachvoll und widerlich
-unglücklich war.
-
-Er wußte, daß man deswegen -- eben deswegen, weil sein Herz zerrissen
-war -- mit ihm mitleidlos sein würde. Er fühlte, daß die Menschen ihn
-vernichteten, wie man einen zerrissenen Hund, der vor Schmerz winselt,
-noch erwürgt. Er wußte, daß seine einzige Rettung vor den Menschen die
-war -- seine Wunden vor ihnen zu verbergen -- und er hatte dies zwei
-Tage unbewußt zu thun versucht, fühlte sich aber jetzt nicht mehr bei
-Kräften, diesen ungleichen Kampf fortzusetzen.
-
-Seine Verzweiflung vergrößerte sich noch in dem Bewußtsein, daß er
-vollständig vereinsamt dastand mit seinem Leid. Nicht nur in Petersburg
-besaß er keinen einzigen Menschen, dem er alles hätte anvertrauen
-können, was er erfahren hatte, der in ihm nicht den hochgestellten
-Beamten, nicht das Mitglied der guten Gesellschaft bemitleidet hätte,
-sondern einfach den leidenden Menschen -- nein, nirgends hatte er einen
-solchen Menschen.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch war als Waise aufgewachsen; sie waren ihrer
-zwei Brüder gewesen. Auf den Vater konnten sie sich nicht mehr
-besinnen, die Mutter war gestorben, als Aleksey Aleksandrowitsch zehn
-Jahre zählte. Das Vermögen war klein; der Onkel Karenin, ein hoher
-Beamter und einstiger Günstling des verstorbenen Kaisers, erzog die
-beiden.
-
-Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch das Gymnasium und die Universität mit
-Prämien absolviert hatte, betrat er sogleich mit Hilfe des Onkels die
-dienstliche Laufbahn und ergab sich von dieser Zeit an ausschließlich
-dem amtlichen Strebertum. Weder auf dem Gymnasium noch auf der
-Universität, oder später im Amte hatte Aleksey Aleksandrowitsch mit
-irgend jemand freundschaftliche Beziehungen angeknüpft. Sein Bruder
-war ihm der geistig zunächst stehende Mensch gewesen, doch hatte
-derselbe im Ministerium der äußeren Angelegenheiten gearbeitet, war
-stets im Auslande gewesen, und auch bald nach der Verheiratung Aleksey
-Aleksandrowitschs hier gestorben.
-
-Während er eine Gouverneurstelle bekleidete, hatte die Tante Annas,
-eine reiche Dame im Gouvernement, den zwar nicht mehr jungen Mann, wohl
-aber jungen Gouverneur, mit ihrer Nichte bekannt gemacht, und ihn in
-eine Situation verwickelt, nach welcher er sich entweder erklären oder
-die Stadt verlassen mußte. Aleksey Aleksandrowitsch schwankte lange. Es
-gab damals ebenso viel Gründe für diesen Schritt, wie gegen denselben,
-und es gab keinen entscheidenden Anlaß, der ihn bewogen hätte, seinen
-Grundsatz, sich im Unentschiedenen zu erhalten, zu ändern. Die Tante
-Annas indessen hatte ihm bereits durch einen Bekannten zu verstehen
-geben lassen, daß er das junge Mädchen bereits kompromittiert habe und
-die Rücksicht auf seine Ehre ihn zwingen müsse, einen Antrag zu machen.
-Er machte den Antrag, und weihte seiner Braut und Frau alles Gefühl,
-dessen er fähig war.
-
-Jene Anhänglichkeit, die er für Anna empfand, schloß in seiner Seele
-auch die letzten Voraussetzungen für eine Unterhaltung herzlicher
-Beziehungen zu den Menschen aus, und jetzt besaß er unter allen seinen
-Bekannten keinen Vertrauten. Er besaß wohl viel von dem, was man
-Verbindungen nennt, Freundschaftsverhältnisse aber hatte er nicht.
-Aleksey Aleksandrowitsch hatte auch viele, die er zu sich zur Tafel
-einladen, um Teilnahme in einer ihn interessierenden Sache bitten
-konnte, um Protektion eines Petenten, mit denen er sich aufrichtig
-über die Thätigkeit anderer Männer und der höchsten Regierungsstelle
-äußern konnte -- aber seine Beziehungen zu diesen Personen waren in
-einem durch Sitte und Gewohnheit festbestimmten Bereich begrenzt, aus
-dem es unmöglich war, herauszutreten. Es war da ein Universitätsfreund,
-welchem er sich später wieder genähert hatte, und mit dem er über
-sein persönliches Leid hätte sprechen können, aber dieser Kamerad
-war Inspizient eines ferngelegenen Lehrbezirks. Unter den Personen,
-welche in Petersburg waren, standen ihm am nächsten und waren noch die
-denkbarsten von allen der Kanzleidirektor und sein Arzt.
-
-Michail Wasiljewitsch Sljudin, war ein einfacher, verständiger, guter
-und moralischer Mensch, und in ihm verspürte Aleksey Aleksandrowitsch
-eine persönliche Neigung für sich, aber ihre fünfjährige amtliche
-Thätigkeit hatte zwischen beiden eine Schranke für seelische
-Beziehungen aufgerichtet.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch, die Unterschrift der Papiere beendend,
-schwieg lange, auf Michail Wasiljewitsch blickend, und versuchte
-mehrmals zu sprechen, ohne daß er es vermochte. Er hatte schon den Satz
-vorbereitet »habt ihr von meinem Unglück gehört?« Aber er vollendete
-damit, daß er, wie gewöhnlich sagte, »macht mir das also fertig,« womit
-er ihn entließ.
-
-Der zweite Mensch war sein Arzt, der gleichfalls freundschaftlich
-gesinnt für ihn war, aber zwischen ihnen bestand schon seit langem
-ein schweigendes Einverständnis darüber, daß sie beide mit Geschäften
-überhäuft wären, und sich beeilen müßten.
-
-An seine weiblichen Freunde, selbst an den nervösesten unter ihnen, die
-Gräfin Lydia Iwanowna, hatte Aleksey Aleksandrowitsch nicht gedacht.
-Alle Weiber, schlechtweg als Weiber, waren ihm furchtbar und widerlich.
-
-
- 22.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch hatte die Gräfin Lydia Iwanowna vergessen,
-diese aber nicht ihn. In der schwersten Minute seiner Vereinsamung
-und Verzweiflung gerade kam sie zu ihm und trat ohne Meldung in sein
-Kabinett. Sie traf ihn in der Stellung, in welcher er gesessen hatte,
-den Kopf auf beide Arme gestützt.
-
-»=J'ai forcé la consigne=,« sagte sie, indem sie mit schnellen
-Schritten und schwer atmend vor Erregung und der schnellen Bewegung
-eintrat. »Ich habe alles gehört! Aleksey Aleksandrowitsch! -- Mein
-Freund!« -- fuhr sie fort, mit beiden Händen fest die seine drückend
-und ihm mit ihren schönen, sinnigen Augen ins Auge blickend.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich, erhob sich ein wenig, und
-schob ihr, seine Hand von ihr losmachend, einen Stuhl zu.
-
-»Nicht gefällig, Gräfin? Ich empfange nicht, weil ich krank bin,« sagte
-er und seine Lippen bebten.
-
-»Mein Freund!« wiederholte die Gräfin Lydia Iwanowna, ohne die Augen
-von ihm zu verwenden, und plötzlich hoben sich ihre Brauen mit den
-inneren Seiten, ein Dreieck auf der Stirn bildend, und ihr unschönes
-gelbes Gesicht wurde noch unschöner; doch Aleksey Aleksandrowitsch
-empfand, daß sie ihn bemitleide und im Begriff war, zu weinen. Auch ihn
-überkam eine weiche Stimmung; er ergriff ihre fleischige Hand und küßte
-sie. »Mein Freund!« sagte sie mit von Erregung unterbrochener Stimme.
-»Ihr dürft Euch dem Schmerz nicht so hingeben. Euer Leid ist groß, aber
-Ihr müßt Trost finden.«
-
-»Ich bin zerschmettert, vernichtet, ich bin kein Mensch mehr,« sagte
-Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Hand freilassend, aber weiter, in
-ihre von Thränen gefüllten Augen schauend. »Meine Lage ist furchtbar
-dadurch, daß ich nirgends, in mir selbst nicht einmal, einen Stützpunkt
-dafür finde.«
-
-»Ihr werdet eine Stütze finden; sucht sie aber nicht in mir; obwohl ich
-Euch bitte, an meine Freundschaft zu glauben,« antwortete sie mit einem
-Seufzer, »unsere Stütze ist die Liebe, jene Liebe, die der da droben
-uns gegeben hat. Eine Bürde in ihm ist leicht,« sagte sie mit jenem
-verzückten Blick, den Aleksey Aleksandrowitsch so gut kannte, »er wird
-Euch halten und Euch beistehen!«
-
-Trotzdem, daß in diesen Worten sowohl das Mitleid mit seinen erhabenen
-Empfindungen, wie auch jene, Aleksey Aleksandrowitsch überflüssig
-erscheinende, neue verzückte, erst seit kurzem in Petersburg
-verbreitete, mystische Stimmung lag, war es diesem angenehm, sie jetzt
-zu vernehmen.
-
-»Ich bin schwach. Ich bin vernichtet. Ich habe nichts vorausgesehen und
-fasse jetzt nichts.«
-
-»Mein Freund,« wiederholte Lydia Iwanowna.
-
-»Nicht der Verlust dessen ist es, was jetzt nicht mehr ist, nicht
-dies!« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort, »ich klage um nichts. Aber
-ich muß mich schämen vor den Menschen wegen der Lage, in der ich mich
-befinde. Das ist schlimm, aber ich kann nicht, kann nicht anders.«
-
-»Nicht Ihr habt jene erhabene That der Vergebung ausgeführt, von der
-ich entzückt bin, wie jedermann, sondern der droben, der in Eurem
-Herzen wohnt,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, verzückt die Augen
-hebend, »und daher dürft Ihr Euch Eurer Handlungsweise nicht schämen.«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch verzog das Gesicht und begann, die Hände
-hinter sich nehmend, mit den Fingern zu knacken.
-
-»Man muß eben alle Einzelheiten kennen,« sagte er mit dünner Stimme,
-»die Kräfte des Menschen haben ihre Grenze, Gräfin, und ich habe
-die Grenze der meinigen gefunden. Den ganzen Tag jetzt muß ich
-Verfügungen treffen, Verfügungen über das Hauswesen, die sich für
-mich ergeben haben« -- er betonte das letztere Wort -- »aus meiner
-neuen, vereinsamten Stellung. Das Gesinde, die Gouvernante, die
-Rechnungen -- dieses Kreuzfeuer hat mich versengt und ich war nicht bei
-Kräften, es zu ertragen. Bei Tische -- ich bin gestern kaum seit der
-Mittagstafel hinausgekommen. Ich konnte es nicht ertragen, wie mich
-mein Sohn anblickte. Er frug mich nicht, was das alles bedeuten solle,
-aber er wollte fragen, und ich konnte diesen Blick nicht ertragen.
-Er fürchtete, mich anzuschauen, aber das ist noch wenig« -- Aleksey
-Aleksandrowitsch wollte jener Rechnung Erwähnung thun, die man ihm
-gebracht hatte, doch seine Stimme begann zu zittern und er hielt inne.
-An diese Rechnung auf blauem Papier, mit den Hüten und Bändern, konnte
-er nicht ohne Mitleid mit sich selbst denken.
-
-»Ich verstehe, mein Freund,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna. »Ich
-verstehe alles. Hilfe und Trost werdet Ihr nicht in mir finden, aber
-ich bin dennoch nur deshalb gekommen, Euch beizustehen, wenn ich kann.
-Wenn ich doch alle diese kleinlichen, erniedrigenden Mühewaltungen
-von Euch nehmen könnte. Ich verstehe, daß hier ein Frauenwort, ein
-weibliches Regiment not thut. Vertraut Ihr es mir an?«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch drückte ihr schweigend und dankerfüllt die
-Hand.
-
-»Wir wollen uns mit dem kleinen Sergey beschäftigen. Ich bin nicht
-stark in praktischen Dingen. Aber ich werde mich nützlich machen und
-Eure Hausverwalterin sein. Dankt mir nicht. Ich thue das nicht von mir
-aus.« --
-
-»Ich muß danken.«
-
-»Aber, mein Freund, überlaßt Euch nicht diesem Gefühl, von welchem Ihr
-gesprochen habt -- daß Ihr Euch dessen schämtet, was das höchste Gebot
-des Christen ist: Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.
-Und danken könnt Ihr nicht mir. Ihm ist zu danken, ihn muß man um Hilfe
-bitten, in ihm allein finden wir Ruhe, Trost, Heil und Liebe,« sagte
-sie, und die Augen zum Himmel emporhebend, begann sie zu beten, wie
-Aleksey Aleksandrowitsch aus ihrem Schweigen erkannte.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch vernahm sie jetzt auch, und jene Ausdrücke,
-welche ihm früher, wenn nicht unangenehm, so doch überflüssig
-erschienen waren, kamen ihm jetzt natürlich und tröstlich vor. Aleksey
-Aleksandrowitsch liebte diesen neuen, verzückten Geist nicht; er
-war ein religiöser Mensch, der sich für Religion hauptsächlich im
-politischen Sinne interessierte, aber die neue Lehre, die sich mehrere
-neue Auslegungen gestattete, war ihm deshalb besonders, weil sie dem
-Streit und der Analyse Thür und Thor öffnete, grundsätzlich unangenehm.
-Früher hatte er sich kühl, ja selbst feindselig gegen diese neue
-Lehre verhalten, und mit der Gräfin Lydia Iwanowna, die von derselben
-eingenommen worden war, zwar nie gestritten, aber geflissentlich durch
-Schweigen ihre Herausforderungen umgangen. Jetzt nun zum erstenmal
-hörte er ihre Worte mit Befriedigung und widersprach ihnen innerlich
-nicht.
-
-»Ich bin Euch sehr, sehr dankbar, sowohl für Eure Thaten als für Eure
-Worte,« sprach er, als sie mit Beten fertig war.
-
-Die Gräfin Lydia Iwanowna drückte ihrem Freunde nochmals beide Hände.
-
-»Jetzt will ich ans Werk gehen,« sagte sie lächelnd, nachdem sie eine
-Weile geschwiegen und sich die Spuren der Thränen aus dem Gesicht
-gewischt hatte. »Ich werde zu Sergey gehen, und mich nur im äußersten
-Notfall an Euch wenden.« Sie erhob sich und ging hinaus.
-
-Die Gräfin Lydia Iwanowna begab sich zu Sergey und erzählte dem
-erschreckten Knaben, ihm die Wangen mit Thränen bethauend, daß sein
-Vater ein Heiliger und seine Mutter gestorben sei.
-
-Die Gräfin Lydia Iwanowna erfüllte ihr Versprechen. Sie nahm in der
-That alle Sorgen und das Arrangement und die Hausverwaltung Aleksey
-Aleksandrowitschs auf sich, hatte aber nicht übertrieben, wenn sie
-sagte, daß sie in praktischen Dingen nicht stark sei. Alle ihre
-Anordnungen mußten abgeändert werden, da sie unausführbar waren,
-und sie wurden abgeändert durch Korney, den Kammerdiener Aleksey
-Aleksandrowitschs, der jetzt, ohne daß dies jemand merkte, das ganze
-Haus Karenins leitete, und ruhig und schonungsvoll während des
-Ankleidens seinem Herrn berichtete, was notwendig war. Gleichwohl
-aber blieb die Hilfe Lydia Iwanownas im höchsten Grade wesentlich:
-sie verlieh Aleksey Aleksandrowitsch eine moralische Stütze in der
-Erkenntnis ihrer Liebe und Achtung für ihn, und insbesondere darin,
-daß sie ihn, -- es war ihr dies ein tröstlicher Gedanke -- fast zum
-Christentum bekehrte, das heißt, aus einem gleichgültig und träg
-Religiösgesinnten zum eifrigen und festüberzeugten Parteigänger jener
-neuen Offenbarung der christlichen Lehre machte, welche sich in der
-jüngsten Zeit in Petersburg verbreitet hatte.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch wurde es leicht, sich von dieser Lehre
-überzeugen zu lassen. Er ebenso wie Lydia Iwanowna und andere Leute,
-die ihre Anschauungen zersplitterten, war einer wahrhaft vertieften
-Vorstellungskraft, jener geistigen Fähigkeit, dank welcher die
-Vorstellungen, welche von der Phantasie so hervorgerufen sind, ja
-thatsächlich werden, daß sie mit den anderen Vorstellungen und mit
-der Wirklichkeit einen Einklang fordern, völlig beraubt. Er erblickte
-nichts Unmögliches und Ungestaltes in der Vorstellung, daß der Tod, für
-die Ungläubigen wirklich vorhanden, für ihn aber nicht da sei, und daß,
-da er den wahrsten Glauben besitze, über den er selbst Richter wäre,
-auch keine Sünde mehr in seiner Seele sei, und er schon hier auf Erden
-ein volles Seelenheil kennen lerne.
-
-Allerdings wurde die Leichtfertigkeit und Fehlerhaftigkeit dieser
-Vorstellung von seinem eignen Glauben Aleksey Aleksandrowitsch dunkel
-fühlbar, und er wußte, daß er, wenn er ohne daran zu denken, daß seine
-Verzeihung die Wirkung einer höheren Kraft gewesen war, sich diesem
-Gefühl unmittelbar hingab, mehr Glück verspürte, als wenn er, wie
-jetzt, jede Minute dachte, daß Christus in seiner Seele sei und er,
-wenn er Akten unterschrieb, damit nur dessen Willen erfülle. Aleksey
-Aleksandrowitsch war es indessen so unumgänglich notwendig, so zu
-denken, es war ihm so notwendig, in seiner Herabwürdigung eine, wenn
-auch nur erklügelte, Erhabenheit zu besitzen, mit welcher er, von allen
-sonst verachtet, auch alle selbst verachten konnte, daß er sich, wie an
-eine Rettung, an sein vermeintliches Seelenheil anklammerte.
-
-
- 23.
-
-Die Gräfin Lydia Iwanowna war noch als sehr junges, exaltiertes Mädchen
-an einen reichen, vornehmen, sehr gutmütigen und sehr ausschweifenden
-Lebemann verheiratet worden.
-
-Im zweiten Monat schon vernachlässigte sie ihr Gatte und antwortete auf
-die exaltierten Versicherungen ihrer zärtlichen Gesinnung für ihn nur
-mit Spott, ja selbst Feindseligkeit, welche sich diejenigen, die das
-gute Herz des Grafen kannten, und keinerlei Fehler in der verzückten
-Lydia wahrnahmen, nicht erklären konnten.
-
-Seit jener Zeit lebten beide, wenn auch nicht getrennt, so doch
-gesondert, und wenn der Gatte seiner Frau begegnete, dann trug er gegen
-sie einen sich stets gleichbleibenden beißenden Sarkasmus zur Schau,
-dessen Ursache man nicht begreifen konnte.
-
-Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte schon längst aufgehört, in ihren Mann
-verliebt zu sein, hörte aber von da an nie mehr auf, in irgend jemand
-sonst verliebt zu sein. Sie war in Mehrere zugleich verliebt, in Männer
-wie in Frauen; sie war in fast alle Menschen verliebt, die irgendwie
-besonders hervortraten. Sie war verliebt in alle neuen Prinzessinnen
-und Prinzen, die mit der Familie des Zaren in Verwandtschaft traten,
-sie war verliebt in einen Metropoliten, einen Vizegeistlichen und einen
-Kapellan. Sie war verliebt in einen Journalisten, drei Slovenen und in
-Komissaroff, in einen Minister, einen Arzt, einen englischen Missionär
-und in Karenin. Alle diese Liebesverhältnisse, bald sich abschwächend,
-bald stärker werdend, behinderten sie nicht in der Unterhaltung der
-verzweigtesten und verwickeltsten Beziehungen mit dem Hof und der
-Gesellschaft, aber seit der Zeit, da sie nach dem Verhängnis, welches
-Karenin betroffen, diesen unter ihre Fürsorge genommen hatte, seit
-der Zeit, da sie im Hause Karenins waltete, in der Sorge um dessen
-Wohlergehen, empfand sie, daß alle die übrigen Liebesverhältnisse keine
-echten gewesen waren, und sie jetzt wahrhaft nur in Karenin allein
-verliebt war.
-
-Das Gefühl, welches sie jetzt für diesen empfand, erschien ihr stärker,
-als alle früheren Gefühle, und indem sie dasselbe untersuchte und es
-mit diesen verglich, erkannte sie klar, daß sie in Komissaroff nicht
-verliebt gewesen sein würde, wenn er nicht das Leben des Zaren gerettet
-hätte, daß sie in Ristitsch-Kudschizkiy nicht verliebt gewesen sein
-würde, wenn es keine slavische Frage gäbe, daß sie aber Karenin um
-seiner selbst willen liebte, um seines hohen, nicht zu erfassenden
-Geistes, des milden, für sie so zarten Klanges seiner Stimme mit ihren
-gedehnten Accenten, um seines matten Blickes, seines Charakters, seiner
-weichen weißen Hände mit den aufgetretenen Adern willen.
-
-Sie freute sich nicht nur der Begegnung mit ihm, sie suchte auch auf
-seinem Gesicht Kennzeichen des Eindruckes, den sie auf ihn machte.
-Sie wollte ihm nicht nur in ihren Reden gefallen, sondern mit ihrer
-ganzen Persönlichkeit. Ihm zu Liebe beschäftigte sie sich jetzt mehr
-mit ihrer Toilette, als je zuvor. Sie ertappte sich auf Träumereien,
-was wohl geschehen könne, wenn sie nicht verheiratet und er frei wäre.
-Sie errötete vor Vergnügen, wenn er in das Zimmer trat, und konnte ein
-Lächeln des Entzückens nicht unterdrücken, wenn er ihr etwas Angenehmes
-sagte.
-
-Schon mehrere Tage befand sich die Gräfin Lydia Iwanowna in einer
-sehr starken Aufregung. Sie hatte erfahren, daß Anna und Wronskiy
-wieder in Petersburg seien. Man mußte Aleksey Aleksandrowitsch vor dem
-Wiedersehen mit ihr bewahren, man mußte ihn bewahren selbst vor der
-qualvollen Kenntnisnahme davon, daß dieses furchtbare Weib in ein und
-derselben Stadt mit ihm sei und er ihr jeden Augenblick begegnen könne.
-
-Lydia Iwanowna erforschte durch ihre Bekannten, was jene »widerlichen
-Menschen«, wie sie Anna und Wronskiy nannte, zu thun beabsichtigten,
-und bemühte sich nun während dieser Tage, alle Bewegungen ihres
-Freundes zu leiten, damit er ihnen nicht begegnen könnte.
-
-Ein junger Adjutant, ein Freund Wronskiys, durch welchen sie ihre
-Nachrichten empfangen hatte, und der durch die Gräfin Lydia Iwanowna
-eine Konzession zu erhalten hoffte, teilte ihr mit, daß die beiden ihre
-Angelegenheiten ordneten und am nächsten Tage abreisen würden.
-
-Lydia Iwanowna war schon ruhiger geworden, als man ihr am andern Morgen
-ein Billet brachte, dessen Handschrift sie mit Entsetzen erkannte.
-
-Es war die Handschrift Anna Kareninas. Das Couvert bestand aus dickem,
-rindenartigem Papier, war länglich und von gelber Farbe und trug ein
-großes Monogramm, während das Schreiben selbst Wohlgerüche ausströmte.
-
-»Wer hat das gebracht?«
-
-»Ein Beauftragter aus dem Hotel.«
-
-Die Gräfin Lydia Iwanowna vermochte lange nicht, sich zu setzen und den
-Brief zu lesen. Sie bekam vor Aufregung einen Anfall von Atemnot, an
-der sie litt. Nachdem sie sich indes beruhigt hatte, las sie folgendes,
-französisch abgefaßte Schreiben:
-
-»=Madame la Comtesse=! Die christlichen Gefühle, welche Ihr Herz
-erfüllen, verleihen mir die, ich fühle es, unverzeihliche Kühnheit,
-Ihnen zu schreiben. Ich bin unglücklich über die Trennung von meinem
-Sohne. Ich flehe Sie um die Erlaubnis an, ihn nur ein einziges Mal
-sehen zu dürfen vor meiner Abreise. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen
-mich selbst in Erinnerung bringe, ich habe mich an Sie, und nicht
-an Aleksey Aleksandrowitsch nur deshalb gewandt, weil ich diesen
-hochherzigen Mann nicht veranlassen will, in der Erinnerung an mich, zu
-leiden. Da ich Ihre freundschaftliche Gesinnung für ihn kenne, werden
-Sie mich verstehen. Senden Sie Sergey zu mir, oder soll ich ins Haus
-kommen zu der üblichen, festgesetzten Stunde -- oder würden Sie mich
-wissen lassen, wann und wo ich ihn außerhalb des Hauses sehen kann?
-Ich versehe mich nicht einer Verweigerung, da ich die Großmut dessen
-kenne, von dem dies abhängt. Sie können sich die heiße Sehnsucht ihn
-zu sehen nicht vorstellen, die ich empfinde, und daher auch nicht die
-Dankbarkeit, die Ihr Beistand in mir hervorrufen würde.
-
- Anna.«
-
-Alles in diesem Briefe versetzte die Gräfin Lydia Iwanowna in Zorn;
-sowohl der Inhalt im allgemeinen, als der Hinweis auf Großmut und
-insbesondere der, wie ihr schien, frivole Ton.
-
-»Sag', es gebe keine Antwort,« sprach die Gräfin Lydia Iwanowna, und
-schrieb sogleich an Aleksey Aleksandrowitsch, sie hoffe, ihn um ein Uhr
-zur Hofcour zu sehen.
-
-»Ich habe mit Euch über eine wichtige und traurige Angelegenheit zu
-sprechen, und dort wollen wir verabreden, wo dies geschehen kann. Am
-besten wohl bei mir, wo ich den Thee so wie Ihr ihn ja liebt, bereiten
-lassen werde. Es ist unbedingt notwendig. Gott legt uns das Kreuz
-auf, aber er giebt uns auch die Kraft,« fügte sie hinzu, um ihn doch
-wenigstens in Etwas vorzubereiten.
-
-Die Gräfin Lydia Iwanowna schrieb gewöhnlich zwei oder drei Briefe
-täglich an Aleksey Aleksandrowitsch. Sie liebte diese Verkehrsweise mit
-ihm, da sie an sich Eleganz und Diskretion besaß, wie sie sich ihr in
-persönlichen Beziehungen nicht bot.
-
-
- 24.
-
-Die Hofcour war vorüber. Die Abfahrenden pflogen bei der Begegnung
-noch Gespräche über die letzten Tagesneuigkeiten, über neuempfangene
-Auszeichnungen und Versetzungen hoher Beamter.
-
-»Etwa der Gräfin Marja Borisowna das Kriegsportefeuille, und an die
-Spitze des Stabes die Fürstin Watkowskaja,« sagte ein alter Herr in
-goldgestickter Uniform zu einer hochgewachsenen Schönheit, die sich bei
-ihm über die Beförderungen erkundigt hatte.
-
-»Und mich zum Adjutanten,« versetzte das Fräulein lächelnd.
-
-»Ihr habt bereits Eure Bestimmung. Man bestellt Euch in das Ressort für
-geistliche Sachen. Und zu Eurem Beistande -- Karenin.«
-
-»Guten Tag, Fürst,« sagte der alte Herr, einem Hinzutretenden die Hand
-drückend.
-
-»Was habt Ihr zu Karenin gesagt?« sprach der Fürst.
-
-»Er und Putjakoff haben den Alexander Newskiy erhalten.«
-
-»Ich dachte, er hätte ihn schon.«
-
-»Nein. Seht ihn Euch doch an,« sagte der alte Herr, mit dem
-goldgestickten Hute auf den, bei einem einflußreichen Mitglied
-des Staatsrats an der Saalthür stehenden Karenin weisend, der in
-Galauniform war und das neue rote Band über der Schulter trug.
-»Glücklich und zufrieden, wie ein Kupfergroschen,« fügte er hinzu,
-stehen bleibend, um einem athletischgebauten, schöngewachsenen
-Kammerherrn die Hand zu drücken.
-
-»Er ist gealtert,« sagte der Kammerherr.
-
-»Von Sorgen. Er macht jetzt nur Projekte. Keinen Unglücklichen entläßt
-er jetzt, bevor er nicht alles gewissenhaft dargelegt hat.«
-
-»Wie, gealtert? =Il fait des passions=. Ich glaube, die Gräfin Lydia
-Iwanowna ist jetzt eifersüchtig auf seine Frau.«
-
-»Was soll das heißen! Über die Gräfin Lydia Iwanowna, bitte, sprecht
-nichts Übles!«
-
-»Ist denn das schlecht, wenn sie in Karenin verliebt ist?«
-
-»Ist es denn wahr, daß die Karenina hier ist?«
-
-»Das heißt nicht hier am Hofe, sondern in Petersburg! Ich begegnete
-ihr gestern mit Aleksey Wronskiy, =bras dessus, bras dessous=, auf der
-Morskaja.«
-
-»=C'est un homme qui n'a pas=« -- -- begann der Kammerherr, hielt aber
-inne, indem er grüßend Platz machte vor einer vorüberschreitenden
-Persönlichkeit aus der Familie des Zaren.
-
-So sprach man fortwährend von Aleksey Aleksandrowitsch, ihn richtend
-und verspottend, während dieser, dem von ihm in Beschlag genommenen
-Mitglied des Staatsrates den Weg vertretend, und um keine Minute seine
-Ausführungen verkürzend, um ihn nicht fortlassen zu müssen, demselben
-Punkt für Punkt einen Finanzplan vorlegte.
-
-Fast zu gleicher Zeit, als Aleksey Aleksandrowitsch von seinem Weibe
-verlassen wurde, ereignete sich für diesen das bitterste Ereignis was
-einem Beamten passieren kann -- Stillstand in seiner aufwärtsführenden
-Carriere. Derselbe war Thatsache geworden, und alle erkannten dies
-klar, Aleksey Aleksandrowitsch selbst aber hatte sich noch nicht
-eingestanden, daß seine Carriere zu Ende sei. War es der Zusammenstoß
-mit Stremoff, war es das Unglück mit seinem Weibe, oder einfach der
-Umstand, daß Aleksey Aleksandrowitsch zu der ihm bestimmten Grenze
-gelangt war, für jedermann war es im laufenden Jahre klar geworden,
-daß es mit seiner amtlichen Laufbahn vorüber war. Er bekleidete noch
-einen wichtigen Posten, er war noch Mitglied vieler Kommissionen und
-Komitees, aber auch ein Mann, der in Ungnade gefallen, und von welchem
-man nichts mehr erwartete. Was er auch reden mochte, was er auch in
-Vorschlag brachte, man hörte ihn, als wäre das, was er beantragte,
-schon längst bekannt und eben gerade das, was gar nicht notwendig war.
-
-Aber Aleksey Aleksandrowitsch merkte das nicht, im Gegenteil, der
-direkten Teilnahme an der Regierungsthätigkeit fernstehend, sah er
-jetzt viel klarer, als früher, die Mängel und Fehler in der Thätigkeit
-anderer, und hielt es für seine Pflicht, auf die Mittel zu deren
-Verbesserung hinzuweisen.
-
-Bald nach seiner Trennung von der Gattin begann er, seine Denkschrift
-über die neue Rechtsordnung zu schreiben, die erste aus einer zahllosen
-Reihe niemandem nutzbringender Denkschriften über alle Zweige der
-Verwaltung, welche er sich vorgenommen hatte, zu schreiben.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch erkannte seine hoffnungslose Stellung in der
-Beamtenwelt nicht nur nicht, er war auch nicht erbittert hierüber,
-sondern eher noch mehr als je zufrieden mit seiner Thätigkeit.
-
-»Ein Beweibter sorgt sich um das Eitle, wie er seinem Weibe gefallen
-mag, ein Unbeweibter um das Erhabene, wie er dem Herrn gefallen kann,«
-sagt der Apostel Paulus, und Aleksey Aleksandrowitsch, in allen Dingen
-jetzt nur noch geleitet von der heiligen Schrift, erinnerte sich oft
-dieses Textes. Es schien ihm, daß er seit der Zeit, seit welcher er
-ohne seine Frau lebte, gerade mit diesen Projekten dem Herrn mehr
-diente, als früher.
-
-Die augenscheinliche Ungeduld des Mitgliedes des Staatsrats, welches
-wünschte, von ihm loszukommen, setzte Aleksey Aleksandrowitsch nicht in
-Verlegenheit; er hörte nicht eher damit auf, seinen Plan zu entwickeln,
-als bis das Ratsmitglied, die Gelegenheit des Vorüberschreitens der
-Persönlichkeit aus der Zarenfamilie benutzend, ihm entschlüpft war.
-
-Allein geblieben, ließ Aleksey Aleksandrowitsch den Kopf sinken, indem
-er seine Gedanken sammelte, blickte dann zerstreut um sich, und schritt
-der Thür zu, an welcher er der Gräfin Lydia Iwanowna zu begegnen hoffte.
-
-»Wie sind sie alle körperlich so stark und gesund,« dachte Aleksey
-Aleksandrowitsch, auf den mächtigen Kammerherrn mit seinem frisierten,
-wohlriechenden Backenbart blickend, auf den rotschimmernden Hals
-des straff in seiner Uniform erscheinenden Fürsten, an denen er
-vorbeizuschreiten hatte. »Es ist ganz richtig gesagt, daß alles in der
-Welt von Übel ist,« dachte er, nochmals seitwärts nach den Waden des
-Kammerherrn blickend.
-
-Langsam seine Beine weiterbewegend, verbeugte er sich mit dem
-gewöhnlichen Ausdruck von Ermüdung und Würde vor jenen Herren, welche
-von ihm gesprochen hatten, und suchte, nach der Thür blickend, mit
-seinen Augen die Gräfin Lydia Iwanowna.
-
-»Ah, Aleksey Aleksandrowitsch!« sagte der alte Herr, mit boshaft
-blinzelnden Augen, während Karenin neben ihm hinschritt und mit kalter
-Bewegung den Kopf neigte.
-
-»Ich habe Euch noch nicht beglückwünscht,« sagte der alte Herr, auf
-sein neuempfangenes Ordensband weisend.
-
-»Ich danke Euch,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch, »welch ein
-herrlicher Tag ist heute,« fügte er hinzu, nach seiner Gewohnheit
-besonders Betonung auf das Wort »herrlich« legend.
-
-Daß man über ihn lachte, wußte er, aber er erwartete von ihnen ja auch
-gar nichts anderes als Feindseligkeit; er war schon daran gewöhnt.
-
-Als er die aus dem Korsett emporsteigenden gelben Schultern der Gräfin
-Lydia Iwanowna, die in die Thür getreten war, und ihre ihn zu sich
-rufenden, schönen sinnigen Augen erblickte, lächelte er, die weißen,
-nicht schlecht gewordenen Zähne zeigend, und begab sich zu ihr hin.
-
-Die Toilette Lydia Iwanownas hatte große Mühe gekostet, wie überhaupt
-alle ihre Toiletten in der letzten Zeit. Der Zweck derselben war jetzt
-ein vollständig umgekehrter im Vergleich zu dem, welchen sie vor
-dreißig Jahren damit verfolgt hatte.
-
-Damals hatte sie sich nur mit Etwas putzen wollen, je mehr, um so
-besser. Jetzt, im Gegenteil hatte sie so notorisch in einer ihren
-Jahren und ihrer Figur nicht entsprechenden Weise an Schönheit
-verloren, daß sie nur noch darum bemüht war, den Gegensatz zwischen
-diesem Putz und ihrer äußeren Erscheinung nicht gar zu schrecklich
-werden zu lassen.
-
-Was Aleksey Aleksandrowitsch anbetraf, so hatte sie dies erreicht, und
-erschien diesem anziehend. Sie bildete für ihn die einzige Insel nicht
-nur von Zuneigung, sondern auch der Liebe, inmitten des Meeres von
-Feindseligkeit und Hohn, das ihn umgab.
-
-Durch die Spießrutengasse von höhnischen Blicken hindurchschreitend,
-strebte er naturgemäß ihrem Blick voll Liebe zu, wie die Pflanze dem
-Licht.
-
-»Ich gratuliere Euch,« sprach sie zu ihm, mit den Augen auf sein
-Ordensband weisend.
-
-Ein Lächeln des Vergnügens unterdrückend, zuckte er nur mit den
-Schultern, die Augen schließend, als wollte er sagen, es könne ihn
-dies nicht erfreuen. Die Gräfin Lydia Iwanowna wußte recht wohl, daß
-dies für ihn eine der höchsten Freuden war, obwohl er es nimmermehr
-eingestanden haben würde.
-
-»Was macht unser Engel?« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, an Sergey
-denkend.
-
-»Kann nicht gerade sagen, daß ich vollständig zufrieden mit ihm wäre,«
-sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend und die
-Augen öffnend. »Auch Sitnikoff ist nicht zufrieden mit ihm.« Sitnikoff
-war der Pädagog, dem die weltliche Erziehung Sergeys anvertraut war.
-»Wie ich Euch schon gesagt habe, besitzt er eine gewisse Kühlheit
-gerade denjenigen Hauptfragen gegenüber, die die Seele eines jeden
-Menschen, und jedes Kind berühren,« begann er, seine Gedanken über die
-einzige, ihn neben seiner amtlichen Thätigkeit interessierende Frage zu
-entwickeln -- über die Erziehung seines Sohnes.
-
-Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch mit Hilfe Lydia Iwanownas aufs neue
-dem Leben und der Thätigkeit wieder geschenkt worden war, fühlte
-er auch seine Verpflichtung, sich mit der Erziehung des Kindes zu
-befassen, welches in seinen Händen geblieben war. Da er sich vorher
-niemals mit Erziehungsangelegenheiten beschäftigt hatte, so opferte
-Aleksey Aleksandrowitsch einige Zeit dem theoretischen Studium des
-Gegenstandes, und indem er einige anthropologische, pädagogische und
-didaktische Bücher durchlas, stellte er einen Erziehungsplan auf,
-und ging, den besten Petersburger Schulmann zur Leitung desselben
-einladend, ans Werk. Dieses Werk nun beschäftigte ihn beständig.
-
-»Ja, aber das Herz? Ich erkenne in ihm das Herz des Vaters und mit
-einem solchen Herzen kann ein Kind nicht schlecht sein,« sagte Lydia
-Iwanowna verzückt.
-
-»Ja, mag sein; was mich anbetrifft, so erfülle ich meine Pflicht. Das
-ist alles, was ich thun kann.«
-
-»Ihr kommt doch mit zu mir,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, eine
-Pause machend, »ich muß über eine traurige Angelegenheit mit Euch
-reden. Alles hätte ich darum gegeben, Euch mit gewissen Erinnerungen zu
-verschonen, aber die anderen denken ja nicht so. Ich habe ein Schreiben
->von ihr< erhalten. Sie ist hier, in Petersburg.«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch erschrak bei der Gemahnung an sein Weib,
-sofort aber stand auch jene totenhafte Unbeweglichkeit auf seinen
-Zügen, welche seine vollkommene Hilflosigkeit in dieser Sache
-ausdrückte.
-
-»Ich habe das erwartet,« sagte er.
-
-Die Gräfin Lydia Iwanowna blickte ihn verzückt an, und die Thränen des
-Enthusiasmus vor seiner Seelengröße traten ihr in die Augen.
-
-
- 25.
-
-Als Aleksey Aleksandrowitsch in das kleine, mit altertümlichem
-Porzellan dekorierte und Gemälden behängte anheimelnde Kabinett Lydia
-Iwanownas trat, war die Herrin selbst noch nicht anwesend. Sie kleidete
-sich um.
-
-Auf einem runden Tische war ein Tafeltuch aufgedeckt, auf welchem ein
-chinesisches Service und eine silberne Theemaschine stand. Aleksey
-Aleksandrowitsch betrachtete zerstreut die unzähligen, ihm bekannten
-Porträts, welche das Kabinett schmückten, und öffnete, nachdem er sich
-an dem Tische niedergelassen, das auf demselben liegende Evangelium.
-
-Das Rauschen des seidenen Kleides der Gräfin zog ihn davon ab.
-
-»So, nun wollen wir uns gemächlich setzen,« sagte die Gräfin Lydia
-Iwanowna, mit aufgeregtem Lächeln hastig zwischen Tisch und Diwan
-durchschreitend, »und bei unserem Thee sprechen.«
-
-Nach einigen Worten der Vorbereitung gab die Gräfin Lydia Iwanowna
-schwer atmend und errötend das empfangene Schreiben Aleksey
-Aleksandrowitsch in die Hände.
-
-Das Schreiben durchlesend, blieb dieser lange stumm.
-
-»Ich glaube nicht das Recht zu haben, ihr einen abschläglichen Bescheid
-geben zu dürfen,« sagte er zaghaft, die Augen erhebend.
-
-»Mein Freund, Ihr seht doch in keinem Menschen das Böse!«
-
-»Im Gegenteil sehe ich, daß alles von Übel ist! Ob es aber richtig ist.«
-
-In seinem Gesicht lag Unentschlossenheit und das Suchen nach Rat, nach
-Unterstützung und Leitung in der Sache, die ihm unerfaßbar war.
-
-»Nein« -- unterbrach ihn die Gräfin Lydia Iwanowna, »alles hat seine
-Grenze! Ich begreife die Unmoral,« sagte sie -- nicht ganz aufrichtig,
-da sie nie begreifen konnte, was Frauen zur Unmoral führt -- »begreife
-aber nicht diese Hartherzigkeit. Gegen wen? gegen Euch! Wie kann man in
-dieser Stadt verbleiben, in welcher Ihr seid? Nein; man kann hundert
-Jahre leben und lernt nicht aus! Ich aber lerne Eure Erhabenheit und
-ihre Niedrigkeit erkennen!« --
-
-»Wer will einen Stein auf sie werfen?« sagte Aleksey Aleksandrowitsch,
-augenscheinlich mit seiner Rolle zufrieden. »Ich habe alles vergeben,
-und kann sie daher nicht dessen berauben, was eine Forderung ihrer
-Liebe ist, der Liebe zu ihrem Kinde« --
-
-»Aber ist denn das Liebe, mein Freund? Ist das aufrichtig von Euch?
-Gesetzt auch, Ihr habt ihr vergeben, Ihr verzeiht ihr -- haben wir
-deshalb das Recht, auf die Seele jenes Engels einzuwirken? Er hält sie
-für tot. Er betet für sie und bittet Gott, ihr ihre Sünden zu vergeben.
-So ist es doch am besten. Sonst aber -- was wird er da denken?« --
-
-»Hieran dachte ich nicht,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch,
-augenscheinlich zustimmend.
-
-Die Gräfin Lydia Iwanowna bedeckte das Gesicht mit den Händen und blieb
-stumm. Sie betete.
-
-»Wenn Ihr nach meinem Rate fragt,« sagte sie, mit beten fertig und das
-Gesicht wieder aufdeckend, »dann empfehle ich Euch, dies nicht zu thun.
-Sehe ich denn nicht selbst, wie Ihr leidet, wie dies alle Eure Wunden
-wieder geöffnet hat? Aber nehmen wir an, Ihr vergäßet, wie immer, Euch
-selbst; wozu könnte das dann führen? Zu neuen Leiden nur Eurerseits, zu
-Qualen für das Kind! Wenn in ihr noch etwas Menschliches geblieben ist,
-so darf sie dies selbst nicht wünschen. Ich rate, ohne mich dabei
-zu bedenken, nicht dazu, und wenn Ihr bestimmt, werde ich ihr
-schreiben.« --
-
-Aleksey Aleksandrowitsch willigte darein, und die Gräfin Lydia Iwanowna
-schrieb folgendes Billet auf Französisch:
-
-»Geehrte Frau! Die Erinnerung an Euch kann für Euren Sohn zu Fragen
-seinerseits führen, auf die es keine Antwort giebt, welche in die Seele
-des Kindes nicht den Geist des Tadels dem gegenüber einpflanzen müßte,
-was für ihn ein Heiligtum sein soll; demgemäß ersuche ich Euch, den
-abschläglichen Bescheid Eures Gatten im Geiste der christlichen Liebe
-aufzufassen.
-
-Ich bitte den Höchsten um seine Barmherzigkeit mit Euch.
-
- Gräfin Lydia Iwanowna.«
-
-Dieses Schreiben verfolgte jenen geheimen Zweck, den die Gräfin Lydia
-Iwanowna sogar vor sich selbst verhehlte. Es traf Anna bis auf den
-Grund der Seele.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch seinerseits von Lydia Iwanowna nach Hause
-zurückgekehrt, vermochte es nicht, sich an diesem Tage seinen
-gewöhnlichen Geschäften zu widmen, und jenen inneren Frieden des
-gläubigen und geretteten Menschen zu finden, den er vorher empfunden
-hatte.
-
-Die Erinnerung an sein Weib, das so schuldbeladen vor ihm war, und vor
-welchem er so hehr erschien, wie ihm ganz richtig die Gräfin Lydia
-Iwanowna gesagt hatte, hätte ihn nicht beunruhigen dürfen; und doch war
-er nicht ruhig; er vermochte das Buch nicht zu verstehen, welches er
-las, er vermochte die quälenden Erinnerungen an seine Beziehungen zu
-ihr nicht von sich zu weisen, die Erinnerung an jene Fehler, die er,
-wie ihm jetzt schien, ihr gegenüber begangen hatte.
-
-Die Erinnerung daran, wie er, bei der Rückkehr von den Rennen, das
-Geständnis ihrer Untreue entgegengenommen hatte -- besonders dies,
-daß er von ihr nur äußeren Anstand verlangt und nicht zum Duell
-herausgefordert hatte -- peinigte ihn jetzt wie eine Reue. Ebenso
-folterte ihn auch die Erinnerung an das Schreiben, welches er ihr
-gesandt hatte, und insbesondere seine Verzeihung, die niemand etwas
-genützt hatte, und seine Sorge um jenes ihm fremde Kind versengte sein
-Herz vor Scham und Reue.
-
-Ganz das nämliche Gefühl der Scham und Reue empfand er auch jetzt,
-da er seine ganze Vergangenheit mit ihr durchmusterte, und indem er
-sich der ungeschickten Worte erinnerte, mit denen er ihr nach langem
-Zaudern, seine Erklärung gemacht hatte.
-
-»Aber woran trage ich eine Schuld?« sprach er zu sich selbst, und diese
-Frage rief in ihm stets eine andere hervor -- die, ob die anderen
-Menschen wohl anders empfänden, anders liebten, anders heirateten.
-Jene Wronskiy, Oblonskiy, diese Kammerherren mit den drallen Waden,
-und eine ganze Reihe von jenen strotzenden, starken, rücksichtslosen
-Männern stieg vor ihm auf, die stets, wider seinen Willen und
-allerorten seine Neugier und Aufmerksamkeit erregt hatten.
-
-Er wies diese Gedanken von sich, er bemühte sich, sich zu überzeugen,
-daß er nicht für das gegenwärtige Leben lebe, sondern für das ewige,
-daß sich in seiner Seele der Frieden und die Liebe befinde. Aber das,
-was er in diesem zeitlichen, nichtigen Leben begangen hatte, wie ihm
-schien, einige unbedeutende Fehler, peinigte ihn doch so, als gäbe es
-jenes ewige Seelenheil gar nicht, an welches er glaubte.
-
-Aber diese Versuchung währte nicht lange, und alsbald erstand wieder
-in der Seele Aleksey Aleksandrowitschs jene Ruhe und Erhabenheit, dank
-welcher er das zu vergessen vermochte, dessen er nicht zu gedenken
-wünschte.
-
-
- 26.
-
-»Nun, wie steht's Kapitonitsch?« sagte der kleine Sergey rotwangig
-und heiter, von dem Spaziergang am Vorabend seines Geburtstags
-zurückkehrend und seine faltige Poddjovka dem hochgewachsenen, aus
-seiner ganzen Größe auf den Kleinen herablächelnden alten Portier
-reichend.
-
-»War heute jener zurückgesetzte Beamte da? Hat ihn der Papa empfangen?«
-
-»Empfangen. Soeben ist der Direktor gegangen und ich habe ihn
-gemeldet,« sagte der Schweizer heiter blinzelnd. »Gestattet mir, daß
-ich Euch auskleide.«
-
-»Sergey!« sagte der Erzieher, in der Thüre stehen bleibend, welche nach
-den inneren Gemächern führte. »Legt selbst ab!«
-
-Doch Sergey widmete, obwohl er die schwache Stimme des Pädagogen gehört
-hatte, diesem nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er stand, sich mit
-der Hand an dem Brustgurt des Portiers anhaltend und ihm ins Gesicht
-blickend.
-
-»Hat denn Papa auch für ihn gethan, was not thut?«
-
-Der Portier nickte bestätigend mit dem Kopfe.
-
-Ein Beamter, der schon siebenmal bei Aleksey Aleksandrowitsch mit einem
-Anliegen vorgesprochen hatte, interessierte Sergey und den Portier.
-Sergey hatte denselben auf dem Vorsaal getroffen und gehört, wie
-kläglich er den Portier bat, sein Anliegen vorzutragen, und gesagt
-hatte, daß er mit seinen Kindern werde untergehen müssen.
-
-Seit dieser Zeit interessierte sich Sergey, der dem Beamten noch ein
-zweites Mal auf dem Vorsaal begegnet war, für diesen.
-
-»Hat er sich denn recht gefreut?« frug er.
-
-»Wie sollte er sich nicht gefreut haben? Bald gesprungen wäre er, als
-er von hier fortging.«
-
-»Hat man etwas für uns gebracht?« -- frug Sergey nach einer Pause.
-
-»Nein, Herr,« antwortete kopfschüttelnd und flüsternd der Portier, »von
-der Gräfin ist etwas da.«
-
-Sergey ersah sofort, daß das, wovon der Schweizer sprach, ein Geschenk
-von der Gräfin Lydia Iwanowna zu seinem Geburtstage sein müsse.
-
-»Was sagst du? Wo ist es denn?«
-
-»Korney hat es zu Papa getragen. Es scheint etwas recht Schönes.«
-
-»Wie groß ist es denn? -- So?« -- --
-
-»Kleiner, aber was Hübsches.«
-
-»Ein Buch?«
-
-»Nein, ein Spielzeug. Aber geht, geht, Wasiliy Lukitsch wird gleich
-rufen,« sagte der Portier, die nahenden Schritte des Gouverneurs
-vernehmend und behutsam das bis zur Hälfte im abgezogenen Handschuh
-steckende Händchen, welches ihn noch bei seinem Ledergurt hielt,
-losmachend.
-
-»Wasiliy Lukitsch, diese Minute!« antwortete Sergey mit dem nämlichen
-heiteren und lieblichen Lächeln, welches den seines Amtes beflissenen
-Wasiliy Lukitsch stets besiegte.
-
-Sergey war in viel zu heiterer und glücklicher Stimmung, als daß er
-sich mit seinem Freund, dem Portier, nicht erst noch hätte in das
-freudige Familienereignis teilen sollen, von dem er auf dem Spaziergang
-im Sommergarten durch die Nichte der Gräfin Lydia Iwanowna erfahren
-hatte.
-
-Dieses freudige Ereignis erschien ihm besonders wichtig nach dem
-Zusammentreffen mit dem Glücksfall des Beamten und seiner eigenen
-Freude darüber, daß man ihm ein Spielzeug gebracht hatte. Sergey
-schien es, daß heute ein Tag sei, an welchem jedermann glücklich und
-heiter sein müsse.
-
-»Weißt du, daß Papa den Alexander Newskiy erhalten hat?«
-
-»Warum sollte ich das nicht wissen? Man ist ja schon gekommen, um zu
-gratulieren.«
-
-»So; freut er sich?«
-
-»Wie sollte man sich über des Zaren Gunst nicht freuen? Das heißt, er
-hat ihn ja auch verdient,« sagte der Portier streng und ernst.
-
-Der kleine Sergey wurde nachdenklich, blickte in das von ihm schon
-bis in die kleinsten Einzelheiten studierte Gesicht des Portiers,
-insbesondere auf das Kinn, welches zwischen den grauen Backenbärten
-hing und das niemand außer Sergey je erblickt hatte, da dieser ihn nie
-anders als von unten herauf anschaute.
-
-»Deine Tochter ist lange nicht bei dir gewesen?«
-
-Die Tochter des Portiers war Balletttänzerin.
-
-»Wie soll sie an den Wochentagen ausgehen können? Die haben auch zu
-lernen. Und auch Ihr müßt nun lernen, Herr, geht.« --
-
-In das Zimmer tretend, erzählte Sergey, anstatt sich zur Lektion
-niederzulassen, seinem Lehrer von seinen Vermutungen darüber, ob das
-was man für ihn gebracht habe, eine Maschine sein könnte.
-
-»Was meint Ihr dazu?« frug er.
-
-Wasiliy Lukitsch dachte nur daran, daß ein Lehrer lediglich die
-Grammatikstunde zu geben habe, welche um zwei Uhr begann.
-
-»Nein, sagt mir nur, Wasiliy Lukitsch,« frug er plötzlich, schon hinter
-dem Arbeitstisch sitzend und das Buch in der Hand haltend, »was ist
-denn noch mehr, als der Alexander Newskiy? Ihr wißt, daß Papa den
-Alexander Newskiy erhalten hat?«
-
-Wasiliy Lukitsch antwortete, daß der Wladimir höher sei als der
-Alexander Newskiy.
-
-»Und noch höher?«
-
-»Am höchsten ist der Orden des heiligen Andreas.«
-
-»Und höher noch als der Andreas?«
-
-»Ich weiß es nicht.«
-
-»Was; selbst Ihr wißt das nicht?« und Sergey versank, sich aufstemmend,
-in Nachdenken.
-
-Seine Überlegungen waren sehr verwickelt und mannigfaltig. Er
-überlegte, wie sein Vater plötzlich auch den Wladimir und den
-Andreasorden erhalten könnte, und wie er infolgedessen heute in der
-Lektion bei weitem fleißiger sein wolle, und wie er selbst, wenn er
-erst einmal groß wäre, alle Orden, und auch das, was noch höher als der
-Andreasorden sei, erhalten wollte. Sobald man einen ausgesonnen hätte,
-wollte er ihn verdienen; und dächte man ihn noch höher aus, so wollte
-er ihn sofort auch verdienen.
-
-In solchen Überlegungen verstrich die Zeit, bis der Lehrer kam. Die
-Lektion über die Umstände der Zeit und des Ortes und den Umstand der
-Art und Weise saß nicht, und der Lehrer war nicht nur unzufrieden,
-sondern selbst erzürnt. Der Groll des Lehrers rührte Sergey. Er fühlte
-sich schuldig, weil er seine Lektion nicht gelernt hatte, aber wie er
-sich auch bemühen mochte, er konnte es durchaus nicht ermöglichen; so
-lange der Lehrer ihm Etwas erklärte, überzeugte er sich und schien zu
-verstehen, doch sobald er allein war, vermochte er sich durchaus nicht
-mehr zu entsinnen, und zu begreifen, daß das ziemliche kurze und so
-verständliche Wort »plötzlich« ein »Umstand der Art und Weise« sei;
-allein dennoch that es ihm leid, daß er den Lehrer kränkte.
-
-Er wählte eine Minute, in welcher der Lehrer schweigend in das Buch
-blickte.
-
-»Michail Iwanitsch, wann wird Euer Namenstag sein?« frug er plötzlich.
-
-»Ihr dächtet doch besser an Eure Arbeit; die Namenstage haben keinerlei
-Bedeutung für ein vernünftiges Wesen. Es sind Tage wie alle anderen, an
-denen man arbeiten muß.«
-
-Der kleine Sergey schaute aufmerksam seinen Lehrer an, dessen
-spärlichen Bart und die Brille, welche sich unter die Kerbe, die auf
-der Nase war, gesenkt hatte, und versank so tief in Gedanken, daß
-er nichts mehr von dem hörte, was der Lehrer ihm erklärte. Er hatte
-erkannt, daß dieser nicht so dachte, wie er gesprochen hatte; er fühlte
-dies an dem Tone, in welchem es gesagt worden war.
-
-»Aber warum haben sie sich alle verabredet, dies immer in ein und
-derselben Weise zu äußern, immer so langweilig und so zwecklos? Warum
-stößt er mich von sich, warum liebt er mich nicht?« frug er sich
-betrübt und konnte keine Antwort finden.
-
-
- 27.
-
-Nach der Lektion seitens des Lehrers folgte eine Stunde beim Vater.
-Bis dieser erschien, hatte sich Sergey an den Tisch gesetzt, mit
-seinem Messerchen spielend, und zu grübeln begonnen. Zu der Zahl der
-Lieblingsbeschäftigungen Sergeys hatte das Aufsuchen seiner Mutter
-während des Spazierganges derselben gehört. Er glaubte nicht an den
-Tod überhaupt, und im besonderen nicht an den ihren, soviel ihm auch
-Lydia Iwanowna davon gesagt und der Vater es bestätigt hatte, und so
-suchte er sie, auch nachdem man ihm mitgeteilt hatte, daß sie tot
-sei, noch immer während der Zeit seiner Ausgänge. Jede vollgebaute,
-graziöse Dame mit dunklem Haar war seine Mutter. Bei dem Anblick einer
-solchen Dame regte sich in seiner Seele ein Gefühl der Zärtlichkeit,
-ein Gefühl, daß er tief Atem holte und die Thränen ihm in die Augen
-traten, und so wartete er denn, daß sie wieder zu ihm kommen und ihren
-Schleier aufheben möchte. Ihr Gesicht würde wieder sichtbar werden, sie
-würde wieder lächeln, ihn umarmen, er würde ihren Duft wahrnehmen, die
-Zartheit ihrer Hand fühlen und glückselig weinen, wie er schon einmal
-des Abends ihr zu Füßen gefallen war und sie ihn gestreichelt hatte; er
-aber hatte gelacht und sie in die weiße beringte Hand gebissen. Später,
-als er dann zufällig von der Kinderfrau erfuhr, daß die Mutter nicht
-gestorben sei, und sein Vater und Lydia Iwanowna ihm erklärten, sie sei
-_für ihn_ tot, weil sie nicht gut gewesen -- was er durchaus nicht zu
-glauben vermochte, da sie ihn ja geliebt hatte -- so forschte er noch
-immer nach ihr und wartete auf sie.
-
-Heute nun im Sommergarten war eine Dame in einem lila Schleier gewesen,
-welcher er mit stockendem Herzen in der Erwartung, sie wäre es, mit den
-Blicken gefolgt war, während sie auf dem Wege zu ihnen herankam. Die
-Dame aber hatte sie nicht erreicht, sondern war abgebogen.
-
-Heute nun fühlte Sergey stärker als je die Regungen dieser Liebe zu
-ihr und völlig sich selbst vergessend in der Erwartung des Vaters,
-zerschnitt er den ganzen Rand des Tisches mit dem Messerchen, mit
-blitzenden Augen vor sich hinblickend und ihrer gedenkend.
-
-»Papa kommt,« riß ihn Wasiliy Lukitsch aus seiner Träumerei. Sergey
-sprang auf, eilte auf seinen Vater zu, küßte ihm die Hand, und blickte
-ihn aufmerksam an, nach Kennzeichen der Freude über den Empfang des
-Alexander Newskiy-Ordens an ihm suchend.
-
-»Hast du einen hübschen Spaziergang gemacht?« sagte Aleksey
-Aleksandrowitsch, sich in seinen Lehnstuhl setzend, ein Exemplar des
-Alten Testamentes heranziehend und es aufschlagend. Ungeachtet dessen,
-daß Aleksey Aleksandrowitsch Sergey öfter gesagt hatte, jeder Christ
-müsse die biblische Geschichte sicher kennen, hatte er sich doch öfter
-mit Hilfe des Buches verbessern müssen, und Sergey hatte dies bemerkt.
-
-»Ja, es war sehr lustig, Papa,« sagte er, sich seitwärts auf den Stuhl
-setzend und ihn schaukelnd -- was ihm verboten war.
-
-»Ich habe Nadenka gesehen,« Nadenka war die bei Lydia Iwanowna zur
-Erziehung befindliche Nichte, »sie hat mir erzählt, daß man Euch einen
-neuen Stern verliehen hätte. Freut Ihr Euch auch?«
-
-»Zuerst -- schaukle nicht, bitte,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch,
-»zweitens eine Belohnung ist nicht kostbar, nur die Arbeit dafür. Ich
-möchte du verständest dies. Wenn du arbeitest und lernst, zum Zwecke,
-Früchte dafür zu ernten, so wird dir die Arbeit schwer erscheinen; wenn
-du aber arbeitest« -- sprach Aleksey Aleksandrowitsch, indem er sich
-vergegenwärtigte, wie er sich nur durch sein Pflichtbewußtsein bei der
-langweiligen Arbeit des heutigen Morgens, die in dem Unterschreiben
-von hundertundachtzehn Papieren bestanden, aufrecht erhalten hatte --
-»indem du die Arbeit selbst liebst, so wirst du für dich selbst darin
-eine Belohnung finden.«
-
-Die von Zärtlichkeit und Lust glänzenden Augen Sergeys wurden trübe
-und senkten sich unter dem Blick des Vaters. Das war der nämliche, ihm
-längst bekannte Ton, mit dem ihm sein Vater stets begegnete, und dem
-Sergey schon sich anzubequemen gelernt hatte.
-
-Der Vater sprach stets mit ihm -- so fühlte Sergey -- als wende er
-sich an einen für ihn nur in der Vorstellung vorhandenen Knaben,
-einen Knaben, wie sie nur in Büchern vorkommen, und der dem Sergey
-vollständig unähnlich war; und Sergey bemühte sich nun stets, sich vor
-dem Vater zu stellen, als sei er ein ebensolcher Bücherknabe.
-
-»Du verstehst das, hoffe ich?« sagte dieser.
-
-»Ja, Papa,« antwortete Sergey, sich stellend, als sei er ein solcher
-Phantasieknabe.
-
-Die Lektion bestand in dem Auswendiglernen einiger Verse aus dem
-Evangelium, und der Wiederholung des Anfangs des Alten Testaments. Die
-Verse des Evangeliums hatte Sergey ordentlich gelernt, aber im selben
-Augenblick, als er sie hersagte, schaute er auf des Vaters Stirnbein,
-welches sich so scharf an der Schläfe bog, daß er den Faden verlor und
-das Ende des einen Verses in einem einzelnen Worte mit dem Anfang des
-anderen zusammenbrachte. Aleksey Aleksandrowitsch war es klar, daß
-Sergey nicht verstanden hatte, was er hersagte, und dies reizte ihn.
-
-Er wurde finster und begann wieder das Nämliche zu erklären, was Sergey
-schon viele Male gehört hatte und nie wieder vergessen konnte, weil er
-es schon allzu klar erkannt hatte, in der nämlichen Weise, wie dies,
-daß »plötzlich« ein Umstand der Art und Weise sei.
-
-Sergey schaute mit erschrecktem Blick auf den Vater und dachte nur an
-das Eine: Will der Vater wiederholen lassen oder nicht, was er gesagt
-hatte, wie es doch bisweilen der Fall war? Dieser Gedanke erschreckte
-Sergey so sehr, daß er nun gar nichts mehr begriff. Der Vater ließ
-ihn indessen nicht wiederholen und ging zu der Lektion aus dem Alten
-Testament über. Sergey recitierte die Ereignisse selbst gut, doch
-als er Fragen darüber beantworten sollte, was einige der Ereignisse
-bedeuten sollten, wußte er nichts, obwohl er schon wegen dieser
-Lektion bestraft worden war. Die Stelle, bei welcher er nichts mehr
-zu antworten wußte und in Unruhe geriet, in den Tisch schnitt oder
-mit dem Stuhle schaukelte, war die, wo er von den vorsündflutlichen
-Patriarchen zu sprechen hatte.
-
-Er kannte keinen von ihnen, außer Henoch, der lebendig in den Himmel
-aufgenommen worden war. Früher hatte er die Namen gewußt, sie jetzt
-aber ganz und gar vergessen, besonders deshalb, weil Henoch seine
-Lieblingsgestalt aus dem ganzen Alten Testament war, und sich an dessen
-Aufnahme bei Lebzeiten in den Himmel eine ganze, lange Reihe von Ideen
-in seinem Kopfe knüpfte, der er sich auch jetzt hingab, mit den Augen
-auf der Uhrkette des Vaters und an einem halb zugeknöpften Knopfe der
-Weste desselben haften bleibend.
-
-An den Tod, von welchem ihm so oft gesprochen wurde, glaubte Sergey
-nicht so ganz. Er glaubte nicht daran, daß die von ihm geliebten Leute
-sterben könnten, und insbesondere nicht, daß er selbst sterben würde.
-Dies war für ihn vollständig unmöglich und unbegreiflich. Doch man
-sagte ihm, daß alle Menschen sterben müßten; er frug nun selbst die
-Leute, denen er glaubte, und diese bestätigten es; die Kinderfrau hatte
-es ihm auch gesagt, wenn schon ungern. Aber Henoch war doch nicht
-gestorben, und so starben vielleicht nicht alle Menschen.
-
-»Weshalb soll denn nicht jeder sich vor Gott ebenso verdient machen
-können und lebend in den Himmel aufgenommen werden?« dachte Sergey. Die
-Bösen, das heißt, die Menschen, welche Sergey nicht liebte, die konnten
-sterben, doch die Guten konnten sämtlich sein wie Henoch.
-
-»Nun, welche sind die Patriarchen?«
-
-»Henoch, Henoch« --
-
-»Aber das hast du ja schon gesagt. Das ist schlecht, Sergey, sehr
-schlecht. Wenn du dir nicht Mühe giebst, zu erkennen, was das Nötigste
-ist von allem für den Christen« -- sagte der Vater aufstehend -- »was
-kann dich denn dann noch interessieren? Ich bin unzufrieden mit dir und
-auch Peter Ignatzitsch« -- dies war der Hauptlehrer -- »ist unzufrieden
-mit dir. Ich muß dich bestrafen.«
-
-Der Vater und der Lehrer waren beide mit Sergey unzufrieden, und in der
-That hatte dieser sehr schlecht gelernt. Damit ließ sich aber durchaus
-nicht sagen, daß er ein unbefähigter Knabe gewesen wäre. Im Gegenteil,
-er war viel fähiger, als diejenigen Knaben, welche der Pädagog Sergey
-als Muster hinstellte. Vom Gesichtspunkte des Vaters aus wollte er
-nicht lernen, was jene lernten. In Wirklichkeit aber -- konnte er
-es nicht lernen. -- Er konnte es deshalb nicht, weil sein Geist
-Bedürfnisse hatte, welche für ihn viel bindender waren, als die, welche
-ihm der Vater und der Erzieher auseinandersetzten. Diese Bedürfnisse
-bestanden in dem Drang zu widersprechen, und er stritt kühnlich mit
-seinen Erziehern. Sergey war neun Jahre alt, noch ein Kind, aber seine
-Seele kannte er und sie war ihm teuer, er hütete sie, wie das Augenlid
-das Auge schützt, und ohne den Schlüssel der Liebe ließ er niemand in
-seine Seele hinein!
-
-Seine Erzieher beklagten sich über ihn, daß er nicht lernen wolle, aber
-seine Seele war erfüllt von dem Durst nach Erkenntnis. Und er lernte
-bei Kapitonitsch, bei der Kinderfrau, bei Nadenka, bei Wasiliy Lukitsch
--- aber nicht bei seinen Lehrern. -- Das Wasser, welches ihm der Vater
-und der Erzieher auf die Räder gaben, war schon längst versiegt und
-arbeitete an einem anderen Platze.
-
-Der Vater bestrafte Sergey, indem er ihn nicht zu Nadenka, der Nichte
-Lydia Iwanownas ließ, aber diese Bestrafung erschien Sergey sehr
-gelegen zu kommen. Wasiliy Lukitsch war bei guter Laune und wies ihm,
-wie man Windmühlen baut. Der ganze Abend verging nun über dieser Arbeit
-und den Gedanken daran, wie sich eine Windmühle so bauen ließe, daß man
-sich selbst auf ihr drehen könne, indem man sie mit den Armen bei den
-Flügeln faßte, oder sich daran festband -- und sich drehen ließ. --
-
-An die Mutter dachte er den ganzen Abend nicht, doch als er sich ins
-Bett legte, fiel sie ihm plötzlich wieder ein und er betete in seinen
-Worten, daß seine Mutter morgen, zu seinem Geburtstage, nicht mehr
-länger für ihn verborgen bleiben und zu ihm kommen möchte.
-
-»Wasiliy Lukitsch, wißt Ihr, worum ich noch außer dem Sonstigen gebetet
-habe?«
-
-»Damit Ihr besser lernt?«
-
-»Nein.«
-
-»Vom Spielzeug?«
-
-»Nein. Ihr ratet es nicht. Es ist ausgezeichnet, aber ein Geheimnis!
-Wenn es sich erfüllt, sage ich es Euch. Habt Ihr es noch nicht heraus?«
-
-»Nein. Ich rate es nicht. Sagt mirs doch,« sprach Wasiliy Lukitsch, und
-lächelte, was bei ihm selten der Fall war. »Doch, legt Euch nur, ich
-will das Licht auslöschen.«
-
-»Mir ist ohne Licht das, was ich sehe und wovon ich betete, nur noch
-sichtbarer. Da -- beinahe hätte ich jetzt mein Geheimnis verraten!« --
-sagte Sergey unter heiterem Lachen.
-
-Nachdem man das Licht fortgebracht hatte, hörte und fühlte Sergey seine
-Mutter. Sie stand über ihm und koste ihn mit liebevollem Blick, doch da
-erschienen die Windmühlen, sein Messerchen, alles ging durcheinander,
-und er schlief ein.
-
-
- 28.
-
-In Petersburg angekommen, waren Wronskiy und Anna in einem der
-besten Hotels abgestiegen. Wronskiy gesondert, in der unteren Etage,
-Anna oben, mit ihrem Kinde, der Amme und der Zofe, in einem großen
-Appartement, welches aus vier Zimmern bestand.
-
-Am ersten Tage nach seiner Ankunft fuhr Wronskiy zu seinem Bruder;
-woselbst er seine in Geschäften von Moskau angekommene Mutter traf.
-Die Mutter und Schwägerin begegneten ihm, wie sonst, sie frugen über
-seine Reise ins Ausland, sprachen von gemeinsamen Bekannten, erwähnten
-aber mit keinem Worte sein Verhältnis zu Anna. Sein Bruder aber kam
-am anderen Tage früh zu ihm und frug ihn selbst nach ihr und Aleksey
-Wronskiy erzählte ihm offen, daß er seinen Bund mit der Karenina gleich
-einer Ehe betrachte; daß er hoffe, die Scheidung zu erlangen und sie
-dann heiraten werde und daß er sie bis dahin ebenso als sein Weib
-achte, wie man jedes andere Weib achte, und bat ihn, dies der Mutter
-und seiner Gemahlin so mitzuteilen.
-
-»Wenn die Welt es nicht billigt, so ist mir das gleichgültig,« sagte
-Wronskiy, »aber wenn meine Verwandten mit mir in verwandtschaftlichen
-Beziehungen stehen wollen, so müssen sie in den nämlichen Beziehungen
-auch mit meiner Frau stehen!«
-
-Der ältere Bruder, welcher die Urteile des jüngeren stets geachtet
-hatte, wußte nicht recht, ob dies richtig oder falsch sei, so lange
-die Welt selbst die Frage entschieden haben würde. Er seinerseits hatte
-gar nichts gegen die Sache und ging zusammen mit Aleksey zu Anna.
-
-Wronskiy sagte in Gegenwart seines Bruders, wie in der aller anderen
-zu dieser »Ihr«, und verkehrte mit Anna wie mit einer nahen Bekannten,
-aber doch herrschte die stillschweigende Voraussetzung dabei, daß der
-Bruder ihre Beziehungen kannte und es wurde davon gesprochen, daß Anna
-nach dem Gute Wronskiys gehe.
-
-Trotz aller seiner Welterfahrung war Wronskiy nach dem Eintritt in
-das neue Verhältnis, in welchem er sich befand, in einem furchtbaren
-Irrtum. Wohl hatte es ihm begreiflich erscheinen müssen, daß die Welt
-für ihn und Anna verschlossen war, aber jetzt entstanden in seinem
-Kopfe gewisse unklare Vorstellungen, daß es nur in der älteren Zeit so
-gewesen sei, und jetzt bei dem schnellen Fortschreiten der Zeit -- er
-war jetzt, ohne daß er selbst es merkte, ein Anhänger jeder Art von
-Fortschritt geworden -- der Blick der Gesellschaft sich verändert habe,
-und daß auch die Frage, ob sie in der Gesellschaft wieder angenommen
-werden würden, noch nicht entschieden sei. »Natürlich,« dachte er, »die
-Hofkreise werden Anna nicht aufnehmen, aber die ihr nahestehenden Leute
-können und müssen die Sache auffassen, wie es sich gehört.«
-
-Man kann einige Stunden sitzen, die Füße übereinandergeschlagen, und
-in ein und derselben Stellung, wenn man weiß, daß uns nichts hindert,
-diese Lage zu verändern; wenn aber ein Mensch weiß, daß er so mit
-unterschlagenen Beinen sitzen muß, dann befällt ihn der Krampf, die
-Füße werden zittern und sich nach dem Orte hinziehen, an den man sie
-bringen möchte.
-
-Dies erfuhr auch Wronskiy an sich bezüglich seiner Stellung zur Welt.
-Obwohl er auf dem Grund seiner Seele wußte, daß dieselbe für sie beide
-verschlossen sei, so versuchte er es doch, ob sich die Welt jetzt nicht
-ändere und sie doch aufnehmen werde. Aber sehr bald wurde er inne,
-obwohl die Welt für ihn persönlich offen stand, sie doch für Anna
-verschlossen blieb. Wie bei dem Spiele Katze und Maus, senkten sich die
-Hände, die vor ihm erhoben wurden, sofort vor Anna.
-
-Eine der ersten Damen der Petersburger Gesellschaft, welche Wronskiy
-wiedersah, war seine Cousine Betsy.
-
-»Endlich!« begegnete ihm diese voll Freude. »Und Anna? Wie freue ich
-mich. Wo seid Ihr abgestiegen? Ich kann mir denken, wie nach Eurer
-reizenden Reise unser Petersburg Euch schrecklich sein muß; ich kann
-mir Euren Honigmond in Rom vorstellen. Was wird mit der Scheidung? Habt
-Ihr alles besorgt?«
-
-Wronskiy bemerkte, daß der Enthusiasmus Betsys sich verringerte, als
-sie erfahren hatte, daß eine Scheidung noch nicht erfolgt sei.
-
-»Auf mich wird man den Stein werfen, ich weiß es,« sagte sie, »aber ich
-werde zu Anna kommen; ja, ich komme sicherlich. Ihr bleibt wohl nur
-kurze Zeit hier?«
-
-Und in der That, noch am nämlichen Tage kam sie zu Anna gefahren,
-doch war ihr Ton schon nicht ganz so der nämliche wie früher. Sie war
-offenbar stolz auf ihre Kühnheit und wünschte, daß Anna die Treue ihrer
-Freundschaft schätze. Sie blieb nicht länger als zehn Minuten, von den
-Stadtneuigkeiten sprechend, und sagte beim Abschied: »Ihr habt mir
-nicht gesagt, wenn die Ehescheidung stattfindet? Gesetzt auch, daß ich
-meinerseits der Sache durch die Finger sehe, so werden doch die anderen
-Euch kalt entgegenkommen, so lange Ihr nicht geheiratet habt. Und das
-geht ja jetzt so leicht. =Ça se fait=. Ihr reist also Freitag ab?
-Schade, daß wir uns nicht noch einmal wiedersehen können.«
-
-Am Tone Betsys konnte Wronskiy erkennen, was er von der Welt zu
-erwarten hatte, er machte aber gleichwohl noch einen Versuch in seiner
-Familie. Auf seine Mutter hoffte er dabei freilich nicht. Er wußte,
-daß diese, von Anna in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft so entzückt
-gewesen, ihr gegenüber jetzt unerbittlich hart war, weil sie an der
-Vernichtung der Carriere ihres Sohnes Schuld trug. Dieser aber setzte
-große Hoffnungen auf Warja, die Frau seines Bruders. Ihm schien, daß
-Warja den Stein nicht mit werfen, sondern in ihrer Einfachheit und
-Entschlossenheit zu Anna kommen und diese auch empfangen würde.
-
-Am Tage nach seiner Ankunft fuhr Wronskiy denn auch zu ihr, und teilte
-ihr -- er traf sie allein an -- offen seinen Wunsch mit.
-
-»Du weißt, Aleksander,« sprach sie, ihn ruhig zu Ende hörend, »wie
-ich dich liebe, und wie bereit ich bin, alles für dich zu thun; doch
-ich habe geschwiegen, weil ich wußte, daß ich weder dir, noch Anna
-Arkadjewna nützlich sein kann,« sagte sie, den Namen Anna Arkadjewna
-mit eigentümlicher Betonung aussprechend. »Denke nicht, daß ich etwa
-einen Tadel äußern will, vielleicht hätte ich an ihrer Stelle ganz das
-Nämliche gethan. Ich will und kann nicht auf Einzelheiten eingehen,«
-fuhr sie fort, zaghaft in sein finsteres Gesicht schauend. »Doch muß
-man das Ding beim Namen nennen. Du willst, daß ich sie besuche, sie
-auch empfange, und damit in der Gesellschaft rehabilitiere, aber
-verstehe wohl, ich _kann_ das ja nicht thun! Meine Töchter wachsen
-heran und ich muß in der Welt für meinen Mann leben. Nun komme ich zu
-Anna Arkadjewna; diese wird ihrerseits begreifen, daß ich sie nicht
-zu mir einladen kann, oder es dann wenigstens so thun müßte, daß sie
-nicht Leuten begegnet, die andere Anschauungen haben. Das aber wird sie
-verletzen! Ich kann ihr nicht aufhelfen.«
-
-»Ich kann aber nicht glauben, daß sie tiefer gefallen sein sollte, als
-Hunderte von Frauen, die Ihr empfangt,« unterbrach sie Wronskiy noch
-düsterer, und erhob sich schweigend in der Erkenntnis, daß das Urteil
-seiner Schwägerin unabänderlich sei.
-
-»Aleksey! Sei nur nicht bös! Beherzige, bitte, daß ich nicht schuld
-bin,« begann Warja wieder, mit schüchternem Lächeln auf ihn blickend.
-
-»Ich zürne dir nicht,« sagte er, noch ebenso finster, »aber mir ist
-das doppelt schmerzlich. Mir ist noch schmerzlich, daß dieser Umstand
-unsere Freundschaft zerstört, oder wenn nicht zerstört, so doch
-schwächt. Du begreifst, daß dies für mich ja auch nicht anders sein
-kann.«
-
-Mit diesen Worten verließ er sie.
-
-Wronskiy hatte erkannt, daß weitere Versuche vergeblich sein würden,
-und er diese wenigen Tage in Petersburg so zu verleben hätte, wie
-in einer fremden Stadt, indem er alle Beziehungen zu der früheren
-Gesellschaft mied, um sich nicht Unannehmlichkeiten und Kränkungen
-aussetzen zu müssen, die ihm doch so peinlich waren.
-
-Eine der hauptsächlichsten Unannehmlichkeiten seiner Lage in Petersburg
-war die, daß Aleksey Aleksandrowitsch und sein Name, wie es schien,
-überall zu finden war. Man konnte von nichts zu sprechen anfangen,
-ohne daß das Gespräch auf Aleksey Aleksandrowitsch kam, man konnte
-nirgendshin fahren, ohne ihm zu begegnen. So schien es wenigstens
-Wronskiy, indem er sich wie ein Mensch mit einem schlimmen Finger
-vorkam, der, als wäre es absichtlich, gerade mit diesem schlimmen
-Finger an alles anstößt.
-
-Der Aufenthalt in Petersburg erschien Wronskiy auch noch dadurch um
-so schwerer, als er während dieser ganzen Zeit in Anna gleichsam ein
-neues, ihm unverständliches Geschöpf erblickte. Bald war sie wie
-verliebt in ihn, bald wurde sie kalt, reizbar und unergründlich. Sie
-litt eine Qual und verbarg Etwas vor ihm; bemerkte aber wie es schien,
-die Kränkungen nicht, die ihm das Leben vergifteten, und für sie mit
-ihrem feinen Wahrnehmungsvermögen, doch nur noch qualvoller sein mußten.
-
-
- 29.
-
-Unter den Zwecken, welche der Reise nach Rußland zu Grunde lagen, war
-für Anna auch der des Wiedersehens mit ihrem Sohne. Seit dem Tage, seit
-welchem sie Italien verlassen, hatte dieser Gedanke nicht aufgehört,
-sie in Aufregung zu erhalten, und je näher sie Petersburg kam, desto
-mehr und immer mehr erschien vor ihr das Freudige und Bedeutungsvolle
-dieses Wiedersehens. Sie legte sich gar nicht die Frage vor, wie
-sie dieses Wiedersehen bewerkstelligen wollte. Es erschien ihr ganz
-natürlich und einfach, daß sie ihren Sohn wiedersah, wenn sie mit
-demselben in einer und derselben Stadt sich befand; allein nach ihrer
-Ankunft in Petersburg, zeigte sich plötzlich ihre jetzige Stellung in
-der Gesellschaft klar vor ihr, und sie erkannte, daß es schwierig sei,
-das Wiedersehen zu ermöglichen.
-
-Bereits zwei Tage war sie in Petersburg. Der Gedanke an den Sohn
-verließ sie nicht eine Minute, und noch hatte sie ihn nicht gesehen.
-Geradenwegs in das Haus zu fahren, wo sie mit Aleksey Aleksandrowitsch
-zusammentreffen konnte, dazu, sie fühlte es, besaß sie nicht das Recht.
-Man konnte sie vielleicht gar nicht einlassen und sie beleidigen. Zu
-schreiben und sich mit ihrem Manne in Verbindung zu setzen, war ihr
-schon dem Gedanken nach peinlich. Sie vermochte nur dann ruhig zu
-bleiben, wenn sie ihres Mannes gar nicht gedachte. Den Sohn auf dem
-Spaziergange zu sehen, nachdem sie sich erkundigt hatte, wohin und wann
-er ausgehe, war ihr nicht genug; sie hatte sich so sehr auf dieses
-Wiedersehen vorbereitet, sie hatte ihm soviel zu sagen, es verlangte
-sie so sehr, ihn in ihre Arme zu schließen, ihn zu küssen. Die alte
-Amme Sergeys konnte ihr behilflich sein und sie benachrichtigen. Aber
-diese befand sich nicht mehr im Hause Aleksey Aleksandrowitschs. In
-solcher Ungewißheit und unter Erkundigungen nach der Amme waren die
-zwei Tage vergangen.
-
-Nachdem Anna von den nahen Beziehungen Aleksey Aleksandrowitschs zur
-Gräfin Lydia Iwanowna vernommen hatte, entschloß sie sich am dritten
-Tage, dieser einen Brief zu schreiben, der ihr viel Überwindung
-kostete, und in welchem sie mit Vorbedacht sagte, daß der Entscheid
-darüber, ob sie ihren Sohn sehen könne, von der Großmut ihres Mannes
-abhängen müsse. Sie wußte, daß wenn man den Brief ihrem Manne wies,
-dieser ihr, seine Rolle des Großmütigen weiterspielend, keinen
-abschlägigen Bescheid geben würde.
-
-Der Bote, welcher den Brief hingetragen hatte, überbrachte ihr die so
-harte und unerwartete Nachricht, daß es keine Antwort gebe.
-
-Noch nie hatte sie sich so erniedrigt gefühlt, als in dieser Minute,
-als sie, den Boten kommen lassend, von diesem die einfache Mitteilung
-vernahm, daß er gewartet habe, und man ihm endlich gesagt hätte, es
-würde keine Antwort erteilt werden. Anna fühlte sich gedemütigt,
-verletzt, aber sie erkannte, daß von ihrem Gesichtspunkt aus die Gräfin
-Lydia Iwanowna recht habe. Ihr Schmerz war um so größer, als er ein
-vereinsamter war. Sie konnte und wollte ihn nicht mit Wronskiy teilen.
-Sie wußte, daß für ihn, obwohl er doch die Hauptursache ihres Unglücks
-bildete, die Frage ihres Wiedersehens mit ihrem Kinde von höchst
-geringer Bedeutung sei. Sie wußte, daß er niemals fähig sein werde,
-ihre Leiden in deren ganzer Tiefe zu verstehen, sie wußte, daß sie ihn
-wegen eines kühlen Tones bei Erwähnung der Sache würde hassen müssen.
-Dies aber fürchtete sie über alles in der Welt, und so verbarg sie vor
-ihm alles, was ihren Sohn betraf.
-
-Den ganzen Tag über zu Haus verweilend, hatte sie die Mittel erwogen,
-zu einem Wiedersehen mit ihrem Sohne, und war bei dem Entschluß stehen
-geblieben, an ihren Mann zu schreiben. Sie setzte den Brief noch auf,
-als ihr das Schreiben Lydia Iwanownas gebracht wurde. Das Schweigen
-der Gräfin hatte sie beruhigt und besänftigt, das Schreiben aber, und
-alles das, was sie zwischen den Zeilen desselben las, versetzte sie in
-solche Erbitterung, erschien ihr, gegenüber ihrer leidenschaftlichen
-natürlichen Zärtlichkeit für ihr Kind so aufreizend in seiner
-Gehässigkeit, daß sie gegen andere gereizt wurde und aufhörte, sich
-selbst anzuklagen.
-
-»Diese Kälte -- diese Gefühlsheuchelei!« sagte sie zu sich selbst.
-»Ihnen war es ein Bedürfnis, mich zu beleidigen und das Kind zu
-foltern, und ich soll mich vor ihnen demütigen! Um keinen Preis! Sie
-ist schlechter, als ich! Ich lüge wenigstens nicht!« --
-
-Und nun entschloß sie sich, morgen, am Geburtstage Sergeys, geradenwegs
-in das Haus Aleksey Aleksandrowitschs zu fahren, die Leute zu
-bestechen und List anzuwenden, um -- koste es was es wolle -- den
-Sohn wiederzusehen und den ungeheuerlichen Trug, mit welchem man das
-unglückliche Kind umgeben hatte, zu zerstreuen.
-
-Sie fuhr nach einem Spielwarenladen, kaufte Spielzeug und überlegte
-sich ihren Operationsplan. Frühmorgens, um acht Uhr, wenn Aleksey
-Aleksandrowitsch, wahrscheinlich, noch nicht aufgestanden war, wollte
-sie sich hinbegeben; sie wollte Geld nehmen, es dem Portier und dem
-Diener in die Hände drücken, damit man sie einlasse, und wollte, ohne
-den Schleier zu lüften, sagen, sie käme von einem Paten Sergeys, um
-diesem zu gratulieren, und ihr sei aufgetragen, Spielzeug auf das Bett
-des Kindes zu legen. Sie bereitete sich nicht auf die Worte vor, welche
-sie zum Sohne sprechen wollte -- soviel sie auch darüber nachdachte,
-sie vermochte nichts auszudenken.
-
-Am andern Tage um acht Uhr morgens, stieg Anna allein aus der
-Mietkutsche und läutete an der großen Einfahrt ihres ehemaligen Hauses.
-
-»Sieh nach, was man will. Wer die Dame ist,« sagte Kapitonitsch, noch
-nicht angekleidet, im Überrock und Kaloschen, indem er durch das
-Fenster nach der Dame blickte, die von einem Schleier bedeckt, dicht
-vor der Thür stand. Der Gehilfe des Portiers, ein Anna nicht bekannter,
-junger Bursch, hatte dieser nicht sobald die Thür geöffnet, als sie
-schon in dieselbe hineintrat, ein Dreirubelpapier aus dem Muff nahm und
-es ihm in die Hand drückte.
-
-»Sergey -- Sergey Aleksandrowitsch,« sprach sie und wollte
-voranschreiten. Der Gehilfe des Portiers besah das Rubelpapier, hielt
-sie aber an der zweiten Glasthür fest.
-
-»Was wollt Ihr?« frug er.
-
-Sie hörte weder seine Worte, noch antwortete sie etwas.
-
-Als Kapitonitsch die Verwirrung der Unbekannten bemerkte, kam er selbst
-zu ihr, ließ sie in die Thür herein und frug, was ihr gefällig wäre.
-
-»Vom Fürsten Skorodumoff komme ich und will zu Sergey
-Aleksandrowitsch,« sprach sie.
-
-»Der junge Herr ist noch nicht aufgestanden,« antwortete der Portier,
-sie aufmerksam betrachtend.
-
-Anna hatte durchaus nicht erwartet, daß das vollständig unverändert
-gebliebene Äußere des Vorzimmers dieses Hauses, in welchem sie neun
-Jahre gelebt hatte, so mächtig auf sie einwirken würde. Eine nach der
-anderen, erhoben sich frohe und trübe Erinnerungen in ihrer Seele und
-für einen Augenblick hatte sie vergessen, weshalb sie hier war.
-
-»Wollt Ihr gefälligst warten?« sagte Kapitonitsch, ihr den Pelz
-abnehmend. Nachdem er den Pelz abgenommen hatte, blickte er ihr ins
-Gesicht, erkannte sie und machte schweigend eine tiefe Verbeugung.
-»Bitte gefälligst, gnädigste Frau,« sagte er zu ihr.
-
-Sie wollte etwas erwidern, doch versagte ihr die Stimme, so daß sie
-keinen Ton hervorzubringen vermochte. Wie schuldbewußt bittend, blickte
-sie den Alten an, und stieg dann mit schnellen Schritten die Treppe
-hinauf. Ganz vorgebeugt und mit den Kaloschen an den Stufen hängen
-bleibend, lief Kapitonitsch ihr nach im Bemühen, ihr zuvorzukommen.
-
-»Der Lehrer ist dort, er ist vielleicht nicht angekleidet. Ich muß erst
-melden.«
-
-Anna ging weiter die ihr bekannte Treppe hinauf, ohne zu verstehen, was
-der Alte gesprochen hatte.
-
-»Hierher, bitte links. Entschuldigt, daß alles noch unsauber ist.
-Der junge Herr ist jetzt im früheren Diwanzimmer,« sagte der Portier
-keuchend. »Gestattet, geduldet Euch ein wenig, Excellenz, ich will
-nachsehen,« sagte er, öffnete, vor sie tretend, die hohe Thür und
-verschwand in derselben. Anna blieb stehen und wartete.
-
-»Er ist soeben erwacht,« sagte der Portier, wieder aus der Thür kommend.
-
-Im nämlichen Augenblick, als der Portier dies sagte, hörte Anna den
-Klang eines kindlichen Gähnens. Schon an der Stimme dieses Gähnens
-erkannte sie den Sohn und sie sah ihn wie lebendig vor sich.
-
-»Laß mich hinein, laß mich, laß mich!« sprach sie und trat durch die
-hohe Thür. Rechts von derselben stand das Bett, und im Bett saß der
-Knabe, welcher sich aufgerichtet hatte, im halbgelösten Hemdchen, den
-kleinen Körper vorgebeugt, sich streckend und ausgähnend.
-
-Im Augenblick, als seine Lippen sich schlossen, kräuselten sie sich zu
-einem glücklichen traumhaften Lächeln, und mit diesem Lächeln legte er
-sich langsam und zufrieden wieder zurück.
-
-»Mein Sergey!« flüsterte sie, unhörbar an ihn herantretend.
-
-Während ihrer Trennung von ihm, und unter dem Einfluß der Liebe,
-welche sie in dieser ganzen letzten Zeit empfunden, hatte sie sich
-ihn als vierjährigen Knaben, so wie sie ihn am liebsten gehabt hatte,
-vorgestellt.
-
-Jetzt war er schon nicht einmal mehr so, wie sie ihn verlassen hatte.
-Er hatte sich noch weiter entfernt vom Alter des Vierjährigen, war
-noch mehr gewachsen und magerer geworden. -- Was war das? -- Wie hager
-erschien sein Gesicht, wie kurz war sein Haar? Wie lang seine Hände!
-Wie hatte er sich verändert seit jener Zeit, da sie ihn verlassen!
-Aber er war es doch, mit dieser Form seines Kopfes, seinen Lippen, dem
-geschmeidigen Hals und den breiten kleinen Schultern.
-
-»Sergey!« wiederholte sie dicht über dem Ohr des Kindes.
-
-Dieser erhob sich wiederum auf den Ellbogen, wandte den Kopf verwirrt
-nach beiden Seiten, als suche er etwas und öffnete die Augen. Still
-und fragend blickte Sergey einige Sekunden auf die unbeweglich vor
-ihm stehende Mutter, dann lächelte er plötzlich, glückselig, schloß
-wiederum die noch schlaftrunkenen Augen, und warf sich, nicht mehr
-zurück, sondern ihr entgegen, in ihre Arme.
-
-»Sergey! Geliebter Knabe!« sprach sie mit erstickter Stimme, mit beiden
-Armen den blühenden Körper umfangend.
-
-»Mama!« sagte er, sich regend in ihren Armen, um mit wechselnden
-Stellen seines Leibes ihre Arme berühren zu können.
-
-Schlaftrunken lächelnd, noch immer mit geschlossenen Augen, faßte er
-mit den runden Ärmchen von der Bettlehne nach ihren Schultern, und
-warf sich auf sie, jenen lieblichen Schlafduft, jene Wärme von sich
-ausströmend, die nur bei Kindern da ist, und begann dann, sein Gesicht
-an ihrem Hals und ihren Schultern zu reiben.
-
-»Ich wußte es,« sagte er, die Augen öffnend. »Heute ist mein
-Geburtstag. Ich wußte es, daß du kommen würdest. Sogleich werde ich
-aufstehen.«
-
-Mit diesen Worten kam er zu sich.
-
-Voll Sehnsucht betrachtete ihn Anna; sie sah, wie er gewachsen war und
-sich in ihrer Abwesenheit verändert hatte. Sie erkannte und erkannte
-auch nicht seine nackten Füße, die jetzt so groß geworden waren und
-aus der Bettdecke hervorschauten, sie erkannte diese hager gewordenen
-Wangen, diese verschnittenen, kurzen Haarlocken im Nacken, auf welchen
-sie ihn so oft geküßt hatte. Sie befühlte alles dies und vermochte
-nichts zu sprechen; die Thränen erstickten sie.
-
-»Weshalb weinst du denn Mama?« sagte er, vollständig aus dem Schlafe
-erwacht. »Mama, weshalb weinst du?« rief er aus mit weinerlicher Stimme.
-
-»Ich weine nicht; ich weine vor Freude; ich habe dich so lange nicht
-gesehen. Nein, ich werde nicht, werde nicht weinen,« sagte sie, ihre
-Thränen verschluckend und sich abwendend. »Nun, jetzt mußt du dich
-aber ankleiden,« fügte sie, sich aufrichtend hinzu, und setzte sich,
-ohne seine Hände loszulassen, neben seinem Bett auf einen Stuhl, auf
-welchem sein Anzug bereit lag.
-
-»Wie kleidest du dich ohne mich an? Wie« -- wollte sie natürlich und
-heiter zu sprechen beginnen, aber sie vermochte es nicht, und wandte
-sich abermals ab.
-
-»Ich wasche mich nicht in kaltem Wasser. Papa hat es nicht gestattet.
-Aber Wasiliy Lukitsch, den hast du wohl noch nicht gesehen? Er wird
-gleich kommen. Du hast dich ja auf mein Kleid gesetzt!«
-
-Sergey lachte auf; sie blickte ihn an und lächelte.
-
-»Mama, mein Herz, meine Taube!« rief er aus, sich wieder ihr
-entgegenwerfend und sie umfangend. Es war, als ob er jetzt erst, indem
-er ihr Lächeln erblickte, klar erkannt hätte, was vorgefallen sei. »Das
-ist nicht nötig,« sagte er, ihr den Hut abnehmend, und gleichsam, als
-ob er sie aufs neue ohne den Hut erkännte, warf er sich abermals ihr
-entgegen, um sie zu küssen.
-
-»Aber was hast du von mir gedacht? Du hast nicht gemeint, daß ich tot
-sei?«
-
-»Niemals habe ich es geglaubt.«
-
-»Du hast es nicht geglaubt, mein Herz?«
-
-»Ich habe gewußt, gewußt!« wiederholte er mit seiner Lieblingsphrase,
-und begann, nachdem er ihre Hand ergriffen, die mit seinem Haar
-spielte, sie mit der inneren Fläche an seinen Mund zu pressen und zu
-küssen.
-
-
- 30.
-
-Wasiliy Lukitsch, welcher anfangs nicht begriff, wer diese Dame da
-war, und erst aus dem Gespräch erkannte, dies sei jene selbe Mutter,
-welche ihren Gatten verlassen, und die er nicht kannte, da er erst nach
-ihrem Scheiden dieses Haus betreten hatte, befand sich in Zweifel, ob
-er eintreten oder Aleksey Aleksandrowitsch Mitteilung machen sollte.
-Nachdem er aber erwogen hatte, daß seine Verpflichtung nur darin
-bestehe, bei Sergey zur bestimmten Stunde zu inspizieren, und er
-demgemäß keine Beobachtungen anzustellen habe, wer dort saß, die Mutter
-oder jemand anderes, sondern nur seine Pflicht erfüllen müsse, so
-kleidete er sich an, trat zur Thür und öffnete sie.
-
-Aber die Liebkosungen zwischen Mutter und Kind, der Klang ihrer Stimmen
-und das, was sie sprachen, ließ ihn doch noch seinen Entschluß ändern.
-Er schüttelte den Kopf, seufzte und schloß die Thür wieder.
-
-»Ich werde noch zehn Minuten warten,« sagte er zu sich selbst, hustend
-und sich Thränen abwischend.
-
-In der Dienerschaft des Hauses war mittlerweile eine mächtige Bewegung
-entstanden. Alle hatten erfahren, daß die Herrin angekommen sei,
-und Kapitonitsch sie eingelassen habe, daß sie sich jetzt in der
-Kinderstube befinde, während sich doch der Herr selbst stets in der
-neunten Stunde dorthin begebe; und alle erkannten, daß eine Begegnung
-der beiden Gatten unmöglich war, und verhindert werden müsse.
-
-Korney, der Kammerdiener, begab sich in die Portierloge und frug, wer
-die Dame eingelassen habe, und wie dies zugegangen sei, und als er
-gehört hatte, daß Kapitonitsch sie empfangen und hereingeleitet habe,
-machte er dem Alten Vorwürfe. Dieser hörte mit hartnäckigem Schweigen
-zu, als ihm aber Korney sagte, daß man ihn deswegen davonjagen müßte,
-sprang Kapitonitsch auf ihn zu und sagte, mit den Händen vor Korneys
-Gesicht fuchtelnd:
-
-»Ja, du hättest sie freilich nicht eingelassen! Ich habe zehn Jahre
-hier gedient und nichts als Liebes gesehen, du aber wärest gekommen und
-hättest gesagt >bitte, gefälligst hinaus!< -- Du verstehst die Politik
-fein! So ist es! Du scheinst auf deine Weise schon zu verstehen, wie
-man einen Herrn für sich einnimmt und den Mantel nach dem Winde hängt!«
-
-»Ein Soldat!« erwiderte Korney verächtlich, und wandte sich zu der
-eintretenden Amme: »Urteilt Ihr, Marja Jesimowna: Er hat die Gnädige
-eingelassen, ohne jemandem etwas davon zu sagen,« wandte sich Korney zu
-ihr.
-
-»Aleksey Aleksandrowitsch wird sogleich erscheinen und nach der
-Kinderstube gehen.«
-
-»Was giebt es da für Auseinandersetzungen,« sagte diese, »Ihr Korney
-Wasiljewitsch, habt ihn irgendwo ein wenig zurückzuhalten, den Herrn
-nämlich, und ich laufe sogleich, um die gnädige Frau irgendwie beiseite
-zu bringen. Sind das Auseinandersetzungen!« --
-
-Als die Kinderfrau in die Kinderstube trat, erzählte Sergey der Mutter
-gerade, wie er mit Nadenka vom Berge herab, beim Eisfahren gefallen
-sei und daß sich dabei beide dreimal umkugelt hätten. Sie lauschte den
-Klängen seiner Stimme, sah sein Gesicht und das Spiel seiner Mienen,
-sie fühlte seine Hand, aber sie verstand nicht, was er sprach.
-
-»Ich muß fort, und ihn verlassen,« das allein nur dachte und fühlte
-sie noch. Sie vernahm wohl die Schritte Wasiliy Lukitschs, der zur
-Thür schritt, und hustete, sie vernahm wohl die Schritte der nahenden
-Kinderfrau, aber sie saß, wie zu Stein geworden, und nicht bei Kräften
-zu sprechen oder aufzustehen.
-
-»Gnädige Frau, meine Liebe!« begann die Amme, sich Anna nähernd, und
-ihr Hände und Schultern küssend. »Gott hat unserem Geburtstagskinde
-Freude gebracht. Ihr habt Euch doch gar nicht verändert.«
-
-»Ach, Amme, du Gute, ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr noch im Hause
-seid,« sagte Anna, für eine Minute zur Besinnung kommend.
-
-»Ich wohne nicht hier, sondern bei meiner Tochter, und bin nur
-gekommen, um zu gratulieren, Anna Arkadjewna, meine Teure.«
-
-Die Amme brach plötzlich in Thränen aus und küßte von neuem die Hand
-der Herrin.
-
-Sergey hielt sich, mit glänzenden Augen lächelnd, mit der einen Hand
-an seiner Mutter, mit der anderen an der Amme an und stampfte mit den
-wohlgenährten Füßchen auf den Teppich. Die Zärtlichkeit der geliebten
-Amme gegen seine Mutter versetzte ihn in Entzücken.
-
-»Mama! Sie kommt oft zu mir, und wenn sie kommt« -- wollte er beginnen,
-hielt aber inne, als er bemerkte, daß seine Amme der Mutter etwas
-zuflüsterte, und auf deren Gesicht sich Schrecken auspräge, und etwas
-wie Scham, was der Mutter so gar nicht zu Gesicht stand.
-
-Diese kam zu ihm.
-
-»Mein Liebling,« sprach sie.
-
-Sie konnte nicht sagen, »lebewohl«, aber der Ausdruck ihres Gesichts
-sagte es, und er verstand.
-
-»Mein süßer, lieber Kleiner!« sagte sie zu ihm und nannte ihn mit einem
-Kosenamen, mit welchem sie ihn als er noch ganz klein gewesen, zu
-rufen pflegte, »wirst du mich auch nicht vergessen? Du« -- doch weiter
-vermochte sie nicht zu sprechen.
-
-Soviel Worte sie sich auch später noch ausdachte, die sie ihm hätte
-sagen können -- jetzt wußte und vermochte sie nichts zu sagen. --
-Sergey aber verstand alles, was sie ihm mitteilen wollte. Er verstand,
-daß sie unglücklich sei und ihn liebte. Er verstand sogar, was die Amme
-flüsternd gesprochen hatte. Hörte er doch die Worte: »Stets in der
-neunten Stunde«; und er begriff, daß damit sein Vater gemeint sei, und
-die Mutter mit dem Vater nicht zusammentreffen dürfe. Dies verstand
-er; Eins aber konnte er nicht begreifen: weshalb sich auf ihrem
-Antlitz Schrecken und Scham gezeigt hatte! Sie war nicht schuldig,
-und fürchtete ihn doch und empfand Scham über Etwas. Er wollte eine
-Frage stellen, die ihm diesen Zweifel hätte aufklären können, wagte es
-aber nicht zu thun. Er sah, daß sie litt, und empfand Mitleid mit ihr.
-Schweigend schmiegte er sich an sie und sprach flüsternd:
-
-»Geh' noch nicht. Er kommt noch nicht gleich.«
-
-Die Mutter schob ihn von sich, um zu erkennen, ob er auch so denke,
-wie er gesprochen hatte, und las aus dem erschreckten Ausdruck seines
-Gesichts, daß er nicht nur von dem Vater gesprochen habe, sondern sie
-sogar gleichsam frage, wie er wohl über seinen Vater denken solle.
-
-»Sergey, mein Herzblatt,« sagte sie, »liebe ihn, er ist besser und
-edler als ich, und ich trage eine Schuld vor ihm. Wenn du einmal groß
-bist, dann wirst du urteilen können.«
-
-»Bessere Menschen als dich giebt es nicht!« rief er voll Verzweiflung,
-durch Thränen hindurch, faßte sie an den Schultern, und begann sie aus
-allen Kräften an sich zu pressen mit vor Anstrengung bebenden Armen.
-
-»Meine Seele, mein liebes Kind!« sagte Anna, und begann, hingerissen,
-so nach Kinderart zu weinen, wie er selber weinte.
-
-Da öffnete sich die Thür und Wasiliy Lukitsch trat ein.
-
-An der anderen Thür wurden Schritte vernehmbar, und entsetzt flüsterte
-ihr die Amme zu »er kommt« und reichte Anna den Hut.
-
-Sergey ließ sich auf sein Bett sinken und begann zu schluchzen, das
-Gesicht mit den Händen bedeckend. Anna nahm diese Hände weg, küßte ihm
-noch einmal das bethaute Antlitz und ging schnellen Schrittes zur Thür
-hinaus.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch trat ihr in den Weg. Als er sie erblickt
-hatte, blieb er stehen und beugte den Kopf.
-
-Ungeachtet dessen, daß sie soeben erst gesagt hatte, er sei besser und
-edler als sie, erfaßten sie bei dem schnellen Blick, den sie auf ihn
-warf, seine ganze Erscheinung mit allen ihren Einzelheiten umfangend,
-die Gefühle des Widerwillens gegen ihn; der Wut und des Neides um den
-Sohn. Mit schneller Bewegung ließ sie den Schleier fallen, und eilte
-fast, ihren Schritt verdoppelnd, aus dem Zimmer.
-
-Sie war nicht dazu gekommen, die Geschenke herauszunehmen, die sie mit
-so großer Liebe und so großem Schmerz gestern im Laden gekauft hatte,
-und brachte sie wieder mit nach Hause.
-
-
- 31.
-
-So sehr wie Anna auch ein Wiedersehen mit ihrem Sohne gewünscht hatte,
-so lange sie auch nur hieran gedacht, sich nur hierauf vorbereitet
-hatte, so hatte sie doch keineswegs erwartet, daß dieses Wiedersehen
-eine so mächtige Wirkung auf sie ausüben würde.
-
-Zurückgekehrt in ihre einsamen Appartements im Hotel, konnte sie lange
-nicht fassen, warum sie eigentlich hier sei.
-
-»Ja; das ist alles vorüber und ich bin wieder allein,« sagte sie zu
-sich und setzte sich, ohne den Hut abzulegen, auf einen am Kamin
-stehenden Sessel. Mit unbeweglichen Augen auf die Bronzeuhr blickend,
-welche auf dem Tische zwischen den Fenstern stand, begann sie zu sinnen.
-
-Die französische Zofe, die mit aus dem Auslande gebracht worden war,
-trat ein, um sie anzukleiden. Verwundert blickte sie dieselbe an
-und sagte nur »später«. Der Lakai brachte den Kaffee; sie sagte nur
-»später«. Die italienische Amme, die das kleine Mädchen geputzt hatte,
-trat mit demselben ein und brachte es Anna. Das dicke, wohlgenährte
-Kind hob, wie stets, wenn es die Mutter sah, die nackten mit Bändern
-umspannten Händchen, die Handflächen nach unten, und begann, mit dem
-noch zahnlosen Mündchen lächelnd, wie ein Fisch an der Angel mit den
-Händchen zu arbeiten, und mit ihnen an den gesteiften Falten des
-gestickten Jäckchens zu scheuern.
-
-Man mußte unwillkürlich lächeln und das Kindchen küssen, man mußte
-ihm einen Finger vorhalten, an dem es anfassen konnte, jauchzend und
-mit dem ganzen Körper in Bewegung. Man konnte nicht umhin, ihm die
-Lippe darzubieten, die es anstatt eines Kusses in das Mündchen nahm.
-Und alles das that Anna, und sie nahm das Kind auf ihre Arme und ließ
-es hüpfen, und küßte es auf die frische Wange und die entblößten
-Ärmchen, aber bei dem Anblick dieses Kindes wurde es ihr nur noch
-klarer, daß das Gefühl, welches sie für dasselbe hegte, nicht einmal
-Liebe war im Vergleich zu dem, was sie für Sergey fühlte. Alles an
-diesem kleinen Mädchen war lieblich, aber alles das fand keinen Eingang
-in ihr Herz. Auf ihrem ersten Kinde -- hatte sie es auch gleich von
-einem ungeliebten Manne -- ruhte alle Kraft jener Liebe, die keine
-Befriedigung gefunden hatte; das Mädchen war unter den schwierigsten
-Verhältnissen geboren worden, und auf dasselbe war nicht der hundertste
-Teil der Sorgfalt verwendet worden, wie auf das erste Kind; außerdem
-war bei diesem Mädchen alles noch Erwartung, Sergey hingegen schon
-fast wahrhaft Mensch und ein geliebter Mensch; in ihm kämpften bereits
-Gedanken und Gefühle miteinander. Er begriff und liebte, er beurteilte
-sie, wie sie meinte, indem sie seiner Worte und Blicke gedachte. Und
-doch war sie auf immer nicht nur körperlich, sondern auch geistig von
-ihm getrennt, ließ sich nichts mehr besser gestalten.
-
-Sie gab das kleine Mädchen der Amme zurück, entließ diese, und öffnete
-ein Medaillon, in welchem ein Porträt Sergeys war, ihn darstellend, als
-er noch fast das nämliche Alter hatte, wie das kleine Mädchen jetzt.
-Sie stand auf und nahm, ihren Hut ablegend, von einem kleinen Tische
-ein Album, in welchem sich Photographieen ihres Sohnes aus anderen
-Lebensaltern befanden. Sie wollte diese Photographieen vergleichen,
-und begann sie aus dem Album herauszunehmen; sie nahm sie alle heraus,
-nur eine einzige, die letzte und beste, war noch übrig. In weißem
-Hemd saß er darauf auf einem Stuhle, machte böse Augen und lächelte
-mit dem Munde. Dies war ein ganz eigentümlicher Ausdruck, der ihm am
-besten stand. Mit den kleinen, flinken Händen, die sich jetzt besonders
-angespannt mit ihren weißen, schmalen Fingern bewegten, hatte sie
-mehrmals an die Ecke des Bildes geklopft, aber das Bild war losgerissen
-und sie konnte es nicht erlangen. Ein Messer befand sich nicht auf dem
-Tische, und sie nahm daher eine Photographie, welche daneben stand --
-es war ein in Rom gefertigtes Bild Wronskiys, welches ihn in rundem Hut
-und langen Haaren darstellte -- und stieß damit das Bild ihres Sohnes
-heraus.
-
-»Das ist ja er!« sagte sie, auf das Bild Wronskiys blickend, und sich
-plötzlich vergegenwärtigend, wer die Ursache ihres jetzigen Harmes sei.
-Sie hatte noch nicht ein einziges Mal während dieses ganzen Morgens
-an ihn gedacht. Jetzt aber, als sie dieses männliche, edle, ihr so
-vertraute und liebe Gesicht wieder erblickte, empfand sie plötzlich
-eine unerwartete Regung der Liebe zu ihm. »Aber wo bleibt er denn? Läßt
-er mich allein mit meinem Leiden?« dachte sie mit einem Gefühl des
-Vorwurfs, und vergaß dabei, daß sie selbst vor ihm doch alles verborgen
-hielt, was ihren Sohn betraf. Sie sandte zu ihm mit der Bitte, doch
-sogleich zu ihr zu kommen; mit stockendem Herzen, sich die Worte
-vergegenwärtigend, mit denen sie ihm alles sagen wollte, und die Worte
-seiner Liebe, mit welchen er sie trösten würde, erwartete sie ihn. Der
-Bote kam mit dem Bescheid zurück, der Herr habe Besuch, würde aber
-sofort kommen; Wronskiy hatte befohlen, bei ihr anzufragen, ob sie ihn
-zusammen mit dem Fürsten Jaschwin, der nach Petersburg gekommen sei,
-empfangen könne.
-
-»Er kommt nicht allein, und hat mich doch seit dem gestrigen Mittag
-nicht gesehen,« dachte sie, »er kommt nicht allein, daß ich ihm alles
-sagen kann, sondern mit Jaschwin.« Und plötzlich tauchte ein seltsamer
-Gedanke in ihr auf. »Wie wenn er aufgehört hätte, sie zu lieben?«
-
-Und indem sie die Vorkommnisse der letzten Tage musterte, schien ihr,
-als ob sie in allem eine Bestätigung dieses entsetzlichen Gedankens
-sehe; schon darin, daß er gestern nicht zu Haus zu Mittag gespeist
-hatte, daß er darauf bestanden hatte, sie möchten in Petersburg
-getrennt logieren, wie darin, daß er jetzt nicht einmal allein zu ihr
-kam, gerade als ob er einem Wiedersehen Auge in Auge mit ihr aus dem
-Wege gehen wollte.
-
-»Aber er muß mir dies sagen. Ich muß es wissen; und so bald ich es
-weiß, dann weiß ich auch, was ich zu thun habe,« sagte sie zu sich,
-ohne Fähigkeit, sich die Lage vorzustellen, in welche sie kommen würde,
-wenn sie sich von seiner Gleichgültigkeit überzeugte. Sie glaubte, er
-habe aufgehört, sie zu lieben, sie fühlte sich der Verzweiflung nahe,
-und infolge dessen besonders reizbar. Sie schellte der Zofe und begab
-sich nach dem Ankleidezimmer. Beim Ankleiden beschäftigte sie sich
-mehr als während der letztvergangenen Tage mit ihrer Toilette, als ob
-Wronskiy sie, wenn er sie nicht mehr lieben sollte, deshalb von neuem
-lieben müsse, weil sie diese Robe und jene Frisur, die ihr besser
-standen, trug.
-
-Sie hörte die Glocke, noch bevor sie fertig war. Als sie in den Salon
-trat, begegnete nicht er, sondern Jaschwin ihrem Blick. Jaschwin
-betrachtete die Photographieen ihres Sohnes, die sie auf dem Tische
-vergessen hatte, und er beeilte sich nicht eben, den Blick nach ihr zu
-wenden.
-
-»Wir sind ja Bekannte,« sagte sie, ihre kleine Hand in die große
-Jaschwins legend, der in Verwirrung geraten war -- was sich bei dem
-riesigen Wuchs und dem derben Gesicht desselben sonderbar genug
-ausnahm. -- »Wir sind Bekannte seit dem vorigen Jahre, von den Rennen.
-Gebt doch her,« sagte sie, mit schneller Bewegung die Bilder des
-Sohnes, die er ansah, vor Wronskiy wegnehmend, und ihn bedeutungsvoll
-mit den blitzenden Augen anschauend. »Waren im gegenwärtigen Jahre die
-Rennen gut? Anstatt der unsrigen, habe ich die Rennen auf dem Corso
-in Rom gesehen. Ihr liebt übrigens wohl nicht das Leben im Ausland?«
-frug sie mit freundlichem Lächeln. »Ich kenne Euch, und kenne alle Eure
-Geschmacksrichtungen, obwohl ich Euch wenig begegnet bin.«
-
-»Das thut mir sehr leid, da meine Geschmacksrichtungen immer schlechter
-werden,« sagte Jaschwin, sich in seinen linken Schnurrbart beißend.
-
-Nachdem er noch einige Zeit geplaudert und bemerkt hatte, daß
-Wronskiy nach der Uhr blickte, frug Jaschwin sie, ob sie noch lange
-in Petersburg bleiben werden und griff, seine mächtige Gestalt
-einknickend, ans Käppi.
-
-»Wahrscheinlich nicht mehr lange,« sagte sie voll Verwirrung, auf
-Wronskiy blickend.
-
-»So sehen wir uns also nicht wieder?« antwortete Jaschwin, aufstehend
-und sich an Wronskiy wendend, »wo speisest du?«
-
-»Kommt, mit mir zu dinieren,« sagte Anna entschlossenen Tones,
-gleichsam erzürnt über sich selbst wegen ihrer Verlegenheit, aber
-errötend, wie dies stets bei ihr der Fall war, wenn sie vor einer ihr
-nicht vertrauten Persönlichkeit ihre Meinung äußerte. »Das Essen ist
-hier nicht gut, aber Ihr könnt ihn doch wenigstens wiedersehen. Aleksey
-liebt von allen seinen Kameraden aus dem Regiment keinen so, wie Euch.«
-
-»Sehr erfreut,« sagte Jaschwin mit einem Lächeln, aus dem Wronskiy
-ersah, daß ihm Anna sehr gefiel.
-
-Jaschwin empfahl sich und ging, Wronskiy blieb allein zurück.
-
-»Du gehst auch?« sagte sie.
-
-»Ich habe mich schon verspätet,« antwortete er, »geh! Ich komme dir
-sogleich nach!« rief er Jaschwin nach.
-
-Sie nahm ihn bei der Hand und blickte ihn, ohne das Auge abzuwenden,
-an, in ihren Gedanken suchend, was sie ihm sagen sollte, um ihn
-zurückzuhalten.
-
-»Warte, ich habe dir etwas zu sagen,« seine kleine Hand nehmend, preßte
-sie dieselbe an ihren Hals, »nicht wahr, es thut nichts, daß ich ihn
-zum Essen geladen habe?«
-
-»Das hast du ganz recht gemacht,« sagte er, mit ruhigem Lächeln seine
-engstehenden Zähne zeigend und ihre Hand küssend.
-
-»Aleksey, du bist nicht anders geworden gegen mich?« sprach sie, mit
-beiden Händen seine Rechte drückend. »Aleksey, ich quäle mich hier ab,
-wann reisen wir?«
-
-»Bald, bald. Du kannst nicht glauben, wie auch mir das Leben hier
-schwer ist,« sagte er, seine Hand ausstreckend.
-
-»Nun so geh, geh,« sagte sie verletzt und ging schnell von ihm hinweg.
-
-
- 32.
-
-Als Wronskiy heimkehrte, war Anna noch nicht wieder da. Bald nach ihm
-war, wie man ihm sagte, eine Dame angekommen und mit dieser zusammen
-sei sie weggefahren.
-
-Daß sie weggefahren war, ohne gesagt zu haben wohin, was bei ihr bis
-jetzt noch nicht der Fall gewesen war, daß sie noch an diesem Morgen
-ausgefahren, ohne ihm etwas davon zu sagen -- alles das, zusammen mit
-dem seltsam aufgeregten Ausdruck ihres Gesichts heute früh und mit der
-Erinnerung an die feindselige Haltung, mit welcher sie in Gegenwart
-Jaschwins die Bilder ihres Sohnes fast seinen Händen entrissen hatte,
-stimmte ihn nachdenklich.
-
-Er schloß, daß es notwendig sei, sich mit ihr auszusprechen, und er
-erwartete sie nun in ihrem Salon. Anna kehrte indessen nicht allein
-zurück, sondern brachte ihre Tante mit sich, eine alte Jungfer, die
-Fürstin Oblonskaja. Das war die Dame, welche heute früh angekommen und
-mit welcher Anna Einkäufe zu machen ausgefahren war.
-
-Anna schien den besorgten und fragenden Ausdruck der Züge Wronskiys
-nicht zu bemerken, und berichtete ihm heiter, was sie heute Morgen
-gekauft habe. Er sah, daß in ihr etwas Besonderes vorgehe; denn in
-ihren blitzenden Augen lag, wenn sie sich auf ihn im Vorübergleiten
-hefteten, eine gespannte Aufmerksamkeit, und in ihrer Rede, in ihren
-Bewegungen jene nervöse Schnelligkeit und Grazie, die ihn in der ersten
-Zeit ihrer Bekanntschaft so bestrickt hatte, jetzt aber beunruhigte und
-erschreckte.
-
-Das Diner wurde für Vier gedeckt. Alle waren bereits versammelt, um
-in das kleine Speisezimmer zu gehen, als Tuschkjewitsch mit einem
-Auftrag für Anna von der Fürstin Betsy ankam. Die Fürstin Betsy bat
-um Entschuldigung, daß sie nicht gekommen sei, um Abschied zu nehmen.
-Sie fühle sich unwohl, bat aber Anna, zwischen halb acht und neun Uhr
-zu ihr zu kommen. Wronskiy blickte Anna an bei dieser Zeitbestimmung,
-welche bewies, daß Maßregeln getroffen waren, sie niemandem begegnen zu
-lassen, doch schien dies Anna gar nicht zu bemerken.
-
-»Sehr schade, daß ich gerade zwischen halb acht und neun Uhr nicht
-kann,« sagte sie mit leisem Lächeln.
-
-»Die Fürstin wird das sehr bedauern.«
-
-»Auch ich.«
-
-»Ihr wollt wahrscheinlich die Patti hören?« sagte Tuschkjewitsch.
-
-»Die Patti? Ihr gebt mir da einen guten Gedanken ein. Ich würde
-hinfahren, wenn es möglich wäre, eine Loge zu erhalten.«
-
-»Ich kann sie erhalten,« brüstete sich Tuschkjewitsch.
-
-»Ach, da würde ich Euch recht sehr dankbar sein,« antwortete Anna,
-»aber wollt Ihr nicht mit uns speisen?«
-
-Wronskiy zuckte kaum merklich die Achsel; er verstand absolut nicht,
-was Anna that. Weshalb brachte sie diese alte Fürstin mit, weshalb
-veranlaßte sie Tuschkjewitsch, mitzuspeisen, und, was am wunderbarsten
-war, weshalb schickte sie ihn nach einer Loge? War es denn denkbar, daß
-sie in ihrer Lage in das Abonnement der Patti fuhr, wo die gesamte,
-ihr bekannte Welt zugegen sein würde? Mit ernstem Blick schaute er
-sie an, doch sie antwortete ihm mit jenem herausfordernden, weniger
-heiteren, als verzweifelten Blick, dessen Bedeutung er nicht verstehen
-konnte. Bei Tische war sie provozierend heiter, sie kokettierte fast
-mit Tuschkjewitsch und Jaschwin. Als man vom Tische aufstand und
-Tuschkjewitsch wegfuhr, um die Loge zu bestellen, während Jaschwin
-ging, um zu rauchen, begab sich Wronskiy mit letzterem zusammen hinweg
-in seine Zimmer. Nachdem er einige Zeit hier verweilt hatte, eilte er
-wieder nach oben. Anna hatte sich schon in eine hellseidene Toilette
-mit Samt geworfen, die für sie in Paris gefertigt worden war, mit
-offener Brust und kostbaren weißen Spitzen auf dem Kopfe, die ihr
-Gesicht einrahmten, und ihre blendende Schönheit besonders vorteilhaft
-hervorhob.
-
-»Ihr fahrt bestimmt zum Theater?« sagte er, sie geflissentlich nicht
-ansehend.
-
-»Weshalb fragt Ihr so voll Furcht?« antwortete sie, aufs neue verletzt
-davon, daß er sie nicht anblickte, »weshalb sollte ich nicht?« --
-
-Sie schien den Sinn seiner Worte gar nicht zu verstehen.
-
-»Natürlich, nicht die geringste Ursache, warum man es nicht thun
-sollte,« antwortete er finster werdend.
-
-»Das sage ich eben auch,« versetzte sie, mit Absicht keine Ironie in
-ihren Ton legend, und ruhig den schmalen, duftenden Handschuh umwendend.
-
-»Anna, um Gott! Was ist mit Euch?« frug er, sie zur Besinnung bringend,
-ganz ebenso, wie einst ihr Mann zu ihr gesprochen hatte.
-
-»Ich verstehe nicht, wonach Ihr fragt.«
-
-»Ihr wißt, es ist unmöglich ins Theater zu fahren.«
-
-»Warum? Ich fahre ja nicht allein. Die Fürstin Barbara geht, um sich
-anzukleiden, sie wird mit mir fahren.«
-
-Er zuckte die Schultern mit dem Ausdruck der Unentschlossenheit und
-Verzweiflung.
-
-»Aber wißt Ihr denn nicht« -- begann er.
-
-»Ich will nichts wissen!« schrie sie fast auf. »Ich will nicht! Bereue
-ich denn, was ich gethan habe? Nein, nein, und aber nein! Und geschähe
-wieder das Nämliche, von Anfang an, so wäre es wieder so. Für uns, für
-mich und Euch ist nur Eines von Wichtigkeit: ob wir uns gegenseitig
-lieben! -- Andere Erwägungen giebt es nicht! Wozu wohnen wir hier
-gesondert und sehen uns nicht? Warum kann ich nicht ins Theater fahren?
-Ich liebe dich und mir ist alles gleich,« sprach sie russisch, mit
-jenem eigenartigen, unverständlichen Glanz der Augen auf ihn blickend,
-»wenn du dich nicht verändert hast. Warum schaust du mich nicht an?«
-
-Er blickte sie an. Er sah die ganze Schönheit ihres Gesichts, dieser
-Toilette, die ihr stets so gut zu Gesicht stand. Aber jetzt war gerade
-ihre Schönheit und Eleganz das, was ihn betroffen machte.
-
-»Meine Empfindungen können sich nicht ändern; Ihr wißt es, aber ich
-bitte Euch, nicht dorthin zu fahren, ich beschwöre Euch,« sprach er,
-wieder auf französisch, und mit zärtlicher Bitte in der Stimme, aber
-Kälte im Blick.
-
-Sie hörte seine Worte nicht, sondern sah nur die Kälte des Blicks und
-antwortete gereizt:
-
-»Ich bitte Euch nur, mir zu erklären, warum ich nicht fahren soll.«
-
-»Weil es Euch Ursache werden könnte zu« -- er blieb stecken.
-
-»Ich verstehe nichts. Jaschwin =n'est pas compromettant= und die
-Fürstin Barbara ist in nichts schlechter, als die anderen. -- Da ist
-sie ja!« --
-
-
- 33.
-
-Wronskiy empfand zum erstenmale ein Gefühl des Verdrusses, fast des
-Zornes über Anna, wegen ihres absichtlichen Mißverstehens ihrer
-Situation. Dieses Gefühl verstärkte sich noch dadurch, daß er ihr
-die Ursache seines Verdrusses nicht aussprechen konnte. Hätte er ihr
-offen mitgeteilt, was er dachte, dann hätte er ihr gesagt: »In dieser
-Toilette sich mit der jedermann bekannten, unverheirateten Fürstin
-im Theater zu zeigen -- hieß nicht nur die Lage eines gefallenen
-Weibes selbst eingestehen, sondern auch, der Welt eine Herausforderung
-zuschleudern, oder, mit anderen Worten, sich für immer von dieser
-lossagen.«
-
-Dies konnte er ihr nicht sagen. »Aber wie kann sie es nicht verstehen,
-und was geht in ihr vor?« sagte er zu sich. Er fühlte, wie sich zu
-ein und derselben Zeit seine Achtung vor ihr verminderte, während die
-Erkenntnis ihrer Schönheit in ihm wuchs.
-
-Finster kehrte er nach seinem Zimmer zurück und befahl, sich zu
-Jaschwin setzend, welcher seine langen Beine auf einen Stuhl gestreckt
-hatte und einen Cognac mit Selterwasser trank, ihm das Nämliche zu
-bringen.
-
-»Du sagst, der Moguschtschij Lankowskiys. Das ist ein gutes Pferd,
-ich rate dir, es zu kaufen,« sagte Jaschwin, das finstere Gesicht des
-Kameraden musternd. »Er hat zwar ein Hängekreuz -- aber seine Füße und
-der Kopf -- etwas besseres kann man nicht verlangen!«
-
-»Ich denke, daß ich ihn kaufen werde,« antwortete Wronskiy.
-
-Das Gespräch über die Pferde beschäftigte ihn zwar, aber er vergaß
-nicht eine Minute Annas, unwillkürlich dem Klange der Schritte auf dem
-Korridor lauschend, und nach der Uhr auf dem Kamin blickend.
-
-»Anna Arkadjewna hat befohlen zu melden, daß sie ins Theater gefahren
-ist.«
-
-Jaschwin stürzte noch ein Glas Cognac mit Sodawasser hinunter, stand
-auf und knöpfte sich zu.
-
-»Nun, fahren wir?« sagte er, fein lächelnd unter dem Schnurrbart, und
-mit diesem Lächeln zeigend, daß er den Grund der Mißstimmung Wronskiys
-begreife, derselben aber keine Bedeutung beimesse.
-
-»Ich werde nicht mitfahren,« versetzte Wronskiy.
-
-»Ich aber muß; ich habe es versprochen. Nun denn, auf Wiedersehen.
-Kommst du in den Klub? Du kannst Krusinskijs Platz nehmen,« sagte er im
-Gehen noch.
-
-»Nein, ich habe Geschäfte.«
-
-»Mit einem Weibe hat man schon Sorgen, aber mit einer, die nicht unser
-Weib ist, ist es noch schlimmer,« dachte Jaschwin, das Hotel verlassend.
-
-Wronskiy, allein geblieben, erhob sich vom Stuhle und begann im Zimmer
-auf und abzuschreiten.
-
-»Was ist denn heute? Das vierte Abonnement. Jegor ist mit seiner Frau
-dort und meine Mutter wahrscheinlich. Das heißt, ganz Petersburg
-ist da. Jetzt kommt sie nun, legt den Pelz ab und tritt in die
-Gesellschaft. Tuschkjewitsch, Jaschwin und die Fürstin Barbara,« malte
-er sich aus, »und ich? Entweder fürchte ich mich, oder ich habe meine
-Protektion über sie an Tuschkjewitsch abgetreten. Wie man die Sache
-auch betrachten mag -- sie ist dumm, dumm! -- Aber warum bringt sie
-mich nur in diese Lage?« sagte er, mit der Hand ausschlagend.
-
-Mit dieser Bewegung traf er den kleinen Tisch, auf welchem das
-Selterswasser und eine Caraffe mit Cognac stand und stieß ihn fast um.
-Er wollte ihn halten, ließ ihn aber fallen, und voll Verdruß stieß er
-ihn mit dem Fuße um. Er schellte.
-
-»Wenn du bei mir dienen willst,« sagte er zu dem eintretenden
-Kammerdiener, »so merke dir deinen Dienst. Daß dies nicht wieder
-vorkommt! Du hast Ordnung zu machen.«
-
-Der Kammerdiener, welcher sich schuldlos fühlte, wollte sich
-rechtfertigen, mit einem Blick auf seinen Herrn aber gewahrte er
-an dessen Miene, daß er hier nur zu schweigen habe, und ließ sich,
-geschäftig zusammengekrümmt, auf den Teppich nieder, auf dem er
-die ganz gebliebenen und die zerbrochenen Gläser und Flaschen
-zusammenzulesen anfing.
-
-»Das ist nicht deine Arbeit, geh, der Diener kann das zusammenlesen,
-lege mir meinen Frack bereit!« --
-
- * * * * *
-
-Wronskiy ging halb neun Uhr ins Theater. Die Vorstellung war in vollem
-Gange.
-
-Der Theaterdiener, ein kleiner Alter, nahm Wronskiy den Pelz ab
-und begrüßte ihn, nachdem er ihn wiedererkannt hatte, mit »Eure
-Durchlaucht;« schlug ihm vor, lieber nicht eine Nummer zu nehmen, und
-rief einfach Fjodor. In dem hellen Korridor war niemand außer dem
-Theaterdiener und zwei Lakaien mit Pelzen auf den Armen, die an der
-Thüre horchten. Aus einer verschlossenen Thür heraus waren die Klänge
-des vorsichtigen Accompagnements des Orchesters in =staccato= hörbar,
-sowie die einer weiblichen Stimme, welche ausgezeichnet ein Recitativ
-vortrug. Die Thür öffnete sich, den Theaterdiener durchlassend und
-der Satz, welcher zu Ende ging, traf klar ans Ohr Wronskiys. Die Thür
-schloß sich indessen sofort wieder und Wronskiy hörte das Ende und die
-Kadenz nicht mehr, nahm aber an dem dröhnenden Beifallsklatschen durch
-die Thür heraus wahr, daß die Schlußkadenz zu Ende sei.
-
-Als er in den hell von Lustres und bronzenen Gasarmen erleuchteten Saal
-trat, dauerte der Lärm noch fort. Auf der Scene stand eine Sängerin,
-schimmernd in ihren entblößten Schultern und ihren Brillanten, sich
-verbeugend und lächelnd, und sammelte mit Hilfe ihres Tenors, der
-sie an der Hand führte, die ungeschickt über die Rampe geworfenen
-Bouquets auf, wobei sie zu einem Herrn, mit einem Scheitel in der Mitte
-der pomadeglänzenden Haare, welcher sich mit langen Armen mit einem
-Gegenstande über die Rampe beugte, trat, und das gesamte Publikum im
-Parterre wie in den Logen, voller Bewegung, sich vorbeugte, rief und
-klatschte.
-
-Der Kapellmeister auf seinem erhöhten Platze half bei der Übergabe
-des Gegenstandes und ordnete dann seine weiße Krawatte. Wronskiy trat
-in die Mitte des Parterre und begann, stehen bleibend, Umschau zu
-halten. Weniger als je, widmete er seine Aufmerksamkeit der bekannten,
-gewohnten Umgebung, der Bühne, und diesem Lärm, dieser ganzen,
-wohlbekannten, bunten Schar der Zuschauer in dem dichtbesetzten
-Theater, die ihn nicht interessierten.
-
-Dieselben gewissen Damen mit den gewissen Offizieren waren da wieder
-im Hintergrund der Logen; dieselben buntfarbigen Damen, Gott weiß wer
-sie waren, und Uniformen und Röcke, der nämliche schmutzige Haufe
-auf dem Paradies oben, und in dieser ganzen Masse, in den Logen, dem
-ersten Rang befanden sich nur einige vierzig »wirkliche« Herren und
-Damen. Nach dieser Oase richtete sich sogleich Wronskiys Augenmerk und
-sogleich war auch er mit ihr in Beziehung getreten.
-
-Der Akt war zu Ende, als er eintrat, und daher schritt er, ohne in die
-Loge seines Bruders zu treten, bis zur ersten Reihe, und blieb an der
-Rampe bei Serpuchowskoy stehen, welcher, das eine Knie geknickt und
-mit dem Absatz gegen die Rampe klappend, ihn schon von weitem erblickt
-hatte, und ihn mit einem Lächeln zu sich rief.
-
-Wronskiy hatte Anna noch nicht wahrgenommen; er blickte absichtlich
-nicht nach der Seite, auf der sie war, doch sah er schon an der
-Richtung der Blicke, wo sie sich befand. Verstohlen blickte er um sich,
-suchte sie aber nicht. Das Schlimmste erwartend, suchte er mit den
-Augen Aleksey Aleksandrowitsch; doch zu seinem Glück war derselbe für
-diesmal nicht im Theater.
-
-»Wie wenig vom Soldaten ist doch an dir geblieben,« sagte
-Serpuchowskoy. »Diplomat, Artist -- das wäre so Etwas für dich.«
-
-»Ja, ja, als ich nach Haus kam, zog ich den Frack an,« sagte Wronskiy
-lächelnd, langsam sein Augenglas nehmend.
-
-»Ich beneide dich eigentlich, offen gestanden darin. Stets, wenn ich
-aus dem Ausland heimkehre, und dies wieder anlege,« sagte er, seine
-Epauletten berührend, »dann thut es mir leid um die Freiheit.«
-
-Serpuchowskoy hatte schon längst seine Erwartungen bezüglich einer
-dienstlichen Wirksamkeit Wronskiys aufgegeben, liebte diesen aber noch
-wie früher, und war jetzt besonders liebenswürdig gegen ihn.
-
-»Schade, daß du dich zu dem ersten Akte verspätet hast.«
-
-Wronskiy, der nur mit halbem Ohr zuhörte, ließ sein Glas über die
-Bel-Etage gleiten und musterte die Logen. Neben einer Dame im Turban
-und einem kahlköpfigen Alten, der zornig in dem Glase des auf ihn
-gerichteten Krimstechers blinzelte, erblickte Wronskiy plötzlich
-den Kopf Annas, stolz, frappierend in seiner Schönheit, lächelnd in
-der Umrahmung der Spitzen. Sie saß nur zwanzig Schritte von ihm von
-vorn, und sprach, leicht gewendet, zu Jaschwin etwas. Die Haltung
-ihres Kopfes auf den schönen breiten Schultern und der verhalten
-herausfordernde Glanz ihrer Augen und ihres ganzen Antlitzes erinnerte
-ihn ganz an sie, wie er sie ebenso auf dem Balle in Moskau erblickt
-hatte. Jetzt aber empfand er diese Schönheit ganz anders. In seinem
-Gefühl für sie lag nichts Geheimnisvolles mehr, und daher zog ihn zwar
-ihre Schönheit selbst stärker noch als früher an, zugleich damit aber
-bereitete sie ihm jetzt auch Schmerz. Sie schaute nicht in der Richtung
-nach ihm, aber Wronskiy fühlte, daß Anna ihn schon gesehen hatte.
-
-Als Wronskiy das Glas abermals nach jener Richtung bewegte, bemerkte
-er, daß die unverheiratete Fürstin Barbara auffallend rot aussah,
-unnatürlich lachte und unaufhörlich nach der Nachbarloge blickte. Anna
-hingegen, die den Fächer zusammengelegt hatte und mit ihm auf den roten
-Sammet klopfte, schaute in unbestimmter Richtung, und sah nicht, oder
-wollte offenbar nicht sehen, was in der Nachbarloge vorging. Auf dem
-Gesicht Jaschwins lag jener Ausdruck, den es annahm, wenn er verspielt
-hatte. Mürrisch nahm er tiefer und tiefer seinen linken Schnurrbart in
-den Mund und schielte nach der gleichen Nachbarloge hinüber.
-
-In dieser, ihnen zur Linken, befanden sich die Kartasoff. Wronskiy
-kannte sie, und wußte auch, daß Anna mit ihnen bekannt war. Die
-Kartasowa, ein mageres, kleines Weib, stand in ihrer Loge, und
-warf, mit dem Rücken gegen Anna gewandt, einen ihr von ihrem Gatten
-gereichten Überwurf um. Ihr Gesicht sah blaß und böse aus und sie
-sprach in erregtem Tone. Kartasoff, ein dicker, kahlköpfiger Herr,
-schaute Anna fortwährend an und bemühte sich dabei, seine Frau zu
-besänftigen. Nachdem diese gegangen war, zögerte er noch lange, suchte
-mit seinen Augen den Blick Annas und wollte sie offenbar grüßen.
-Anna jedoch, die ihn offenbar absichtlich nicht bemerkte, hatte sich
-rückwärts gewandt und sprach zu Jaschwin, der sich zu ihr mit seinem
-frisierten Kopfe herniederbeugte. Kartasoff ging, ohne grüßen zu
-können, und die Loge stand leer.
-
-Wronskiy erkannte nicht, was zwischen den Kartasoff und Anna
-vorgefallen sei, aber er begriff, daß etwas für Anna Erniedrigendes
-geschehen war.
-
-Er erkannte dies schon an dem, was er wahrnahm, und vor allem an dem
-Gesicht Annas, die -- er wußte es -- ihre letzten Kräfte zusammennahm,
-um die einmal übernommene Rolle zu Ende zu führen. Diese Rolle, die
-äußerlich Ruhige zu spielen, gelang ihr vollständig. Wer sie und
-ihre Kreise nicht kannte, nicht alle die Äußerungen des Bedauerns,
-des Unwillens und der Verwunderung seitens der Frauen darüber hörte,
-daß sie sich erlaubt hatte, in der Welt zu erscheinen und sich mit
-ihrem Spitzenschmuck und ihrer Schönheit so bemerkbar zu machen, die
-bewunderten die Ruhe und Schönheit dieser Frau und ahnten nicht,
-daß sie die Empfindungen eines Menschen in sich trug, der an den
-Schandpfahl gestellt ist.
-
-In der Gewißheit, daß Etwas vorgefallen sei, aber ohne zu wissen
-was, fühlte Wronskiy eine quälende Unruhe und begab sich, in der
-Hoffnung, etwas darüber erfahren zu können, nach der Loge seines
-Bruders. Absichtlich einen der Loge Annas gegenüberliegenden Gang
-im Parterre wählend, stieß er im Hinausgehen mit seinem früheren
-Regimentskommandeur, der mit zwei Bekannten sprach, zusammen. Wronskiy
-hörte, daß der Name der Karenin genannt wurde, und bemerkte, wie der
-Regimentskommandeur sich beeilte, laut den Namen Wronskiys zu nennen,
-indem er die Sprechenden anblickte.
-
-»Ah, Wronskiy! Wann kommst du denn einmal zum Regiment? Wir können dich
-nicht ohne ein Fest fortlassen. Du bist unser Stammhalter,« sagte der
-Regimentskommandeur.
-
-»Es thut mir sehr leid, ein ander Mal,« sagte Wronskiy und eilte die
-Treppe hinauf in die Loge seines Bruders.
-
-Die alte Gräfin, die Mutter Wronskiys, mit ihren stahlblauen Haarlocken
-befand sich in derselben. Warja und die Fürstin Sorokina begegneten
-ihm auf dem Korridor der Bel-Etage.
-
-Nachdem Warja die Fürstin Sorokina zu ihrer Mutter geführt hatte,
-reichte sie ihrem Schwager die Hand, und begann dann sogleich mit ihm
-über das zu sprechen, was ihn interessierte. Sie war so aufgeregt, wie
-er sie nur selten gesehen hatte.
-
-»Ich finde, daß dies niedrig und gemein ist, und Madame Kartasowa dazu
-nicht das geringste Recht hatte. Madame Kartasowa« -- begann sie.
-
-»Aber was ist denn? Ich weiß gar nicht« --
-
-»Wie, du hast nicht gehört?«
-
-»Du hörst wohl, daß ich der Letzte bin, der also davon erfährt.«
-
-»Giebt es wohl ein schlechteres Geschöpf, als diese Kartasowa.«
-
-»Aber was hat sie denn gethan?«
-
-»Mir hat es mein Mann erzählt -- sie hat die Karenina beleidigt.
-Ihr Mann hatte mit dieser über die Loge hinüber gesprochen, und die
-Kartasowa ihm darauf eine Scene gemacht. Sie hat, wie er mir erzählt,
-sich laut in kränkender Weise ausgesprochen und ist dann gegangen.«
-
-»Graf, Mama läßt Euch rufen,« sagte die Fürstin Sorokina, aus der Thür
-der Loge blickend.
-
-»Ich warte schon lange auf dich,« sprach die Mutter zu ihm, sarkastisch
-lächelnd. »Man sieht dich ja gar nicht mehr.«
-
-Der Sohn erkannte, daß sie ein Lächeln der Freude nicht unterdrücken
-konnte.
-
-»Guten Tag, =Maman=; ich kam eben zu Euch,« sagte er kühl.
-
-»Warum gehst du denn nicht, =faire la cour à madame Karènine=?« fügte
-sie hinzu, als die Fürstin Sorokina weggetreten war. »=Elle fait
-sensation. On oublie la Patti pour elle=.« --
-
-»=Maman=, ich bat Euch, nur nicht hiervon zu sprechen,« antwortete er
-sich verfinsternd.
-
-»Ich spreche nur das, was alle sprechen.«
-
-Wronskiy erwiderte nichts, und ging wieder, nachdem er der Fürstin
-Sorokina noch einige Worte gesagt hatte. In der Thür begegnete er
-seinem Bruder.
-
-»Ah, Aleksey,« sagte dieser. »Welche Niedrigkeit! Diese Närrin --
-weiter ist sie nichts! Ich wollte soeben zu ihr gehen. Komm, wir gehen
-zusammen.« --
-
-Wronskiy hörte ihn nicht. Mit schnellen Schritten stieg er hinunter; er
-empfand, daß er etwas thun müsse, wußte aber nicht, was. Sein Verdruß
-über Anna, daß sie sich und ihn in eine so schiefe Lage gebracht hatte,
-doch auch das Mitleid mit ihr wegen ihrer Leiden, versetzten ihn in
-Aufregung. Er ging hinunter ins Parterre und schritt geradenwegs auf
-den Platz Annas zu. Neben diesem stand Stremoff, der sich mit ihr
-unterhielt.
-
-»Tenöre giebt es eben nicht mehr. =Le moule en est brisé=!«
-
-Wronskiy verneigte sich vor ihr und blieb stehen, Stremoff begrüßend.
-
-»Ihr scheint spät gekommen zu sein und die besten Arien nicht gehört
-zu haben,« sagte Anna zu Wronskiy, ihn spöttisch anblickend, wie ihm
-schien.
-
-»Ich bin ein schlechter Kritiker,« antwortete er, streng auf sie
-schauend.
-
-»Wie der Fürst Jaschwin,« sagte sie lächelnd, »welcher findet, daß die
-Patti zu laut singt. Ich danke Euch,« mit der kleinen Hand im hohen
-Handschuh einen von Wronskiy aufgehobenen Theaterzettel nehmend; und
-plötzlich, in diesem Augenblick, erbebten ihre schönen Züge. Sie stand
-auf und begab sich in die Tiefe der Loge.
-
-Als Wronskiy bemerkt hatte, daß im folgenden Akt ihre Loge leer
-war, ging er, während sich in dem bei den Tönen einer Kavatine
-stillgewordenen Theater ein Zischeln erhob, aus dem Parterre und fuhr
-heim.
-
-Anna war schon zu Haus. Als Wronskiy bei ihr eintrat, befand sie sich
-noch in der Toilette, in welcher sie im Theater gewesen war. Sie saß
-auf dem nächsten an der Wand stehenden Lehnstuhl und starrte vor sich
-hin. Sie blickte ihn an und nahm dann ihre frühere Stellung wieder ein.
-
-»Anna!« sagte er.
-
-»Du, du bist schuld an allem!« rief sie unter Thränen der Verzweiflung
-und der Wut in der Stimme, und erhob sich.
-
-»Ich habe dich gebeten, dich beschworen, nicht zu fahren; ich habe
-gewußt, daß es dir unangenehm werden würde« --
-
-»Unangenehm!« rief sie, -- »entsetzlich! So lange ich lebe, werde ich
-dies nicht vergessen! -- Sie hat gesagt, es sei entehrend, neben mir
-sitzen zu müssen!« --
-
-»Die Worte eines thörichten Weibes,« sagte er, »aber wozu mußtest du
-dazu herausfordern?«
-
-»Ich hasse deine Ruhe! Du durftest mich nicht so weit bringen. Wenn du
-mich geliebt hättest« --
-
-»Anna! Wozu hier eine Frage nach meiner Liebe« --
-
-»Ja, wenn du mich liebtest, wie ich dich liebe, wenn du dich
-martertest, wie ich mich martere« -- sprach sie, mit dem Ausdruck des
-Entsetzens auf ihn blickend.
-
-Es that ihm wehe um sie, und dennoch empfand er auch Verdruß. Er
-versicherte sie seiner Liebe, weil er sah, daß nur dies allein sie
-jetzt beruhigen konnte, und machte ihr keine Vorwürfe mit Worten; wohl
-aber tadelte er sie in seinem Innern.
-
-Und jene Versicherungen der Liebe, die ihm so niedrig erschienen, daß
-es ihm schwer ankam, sie auszusprechen, sog sie in sich ein und wurde
-etwas ruhiger. Am andern Tage fuhren beide, vollständig ausgesöhnt, auf
-das Land.
-
-
-
-
- Sechster Teil.
-
- 1.
-
-
-Darja Aleksandrowna verbrachte den Sommer mit den Kindern in
-Pokrowskoje bei ihrer Schwester Kity Lewina.
-
-Auf ihrem Gute war das Wohnhaus gänzlich in Verfall geraten, und
-Lewin mit seiner Gattin hatten ihr zugeredet, den Sommer bei ihnen
-zuzubringen.
-
-Stefan Arkadjewitsch billigte dieses Arrangement sehr; er drückte sein
-Bedauern darüber aus, daß der Dienst ihn verhindere, den Sommer mit der
-Familie zusammen auf dem Dorfe zu verleben, was für ihn das höchste
-Glück bilde, und kam, in Moskau bleibend, nur selten für einen Tag oder
-für zwei auf das Land.
-
-Außer den Oblonskiys mit all ihren Kindern und der Gouvernante war bei
-Lewins während dieses Sommers noch die alte Fürstin, welche es für
-ihre Pflicht hielt, ihre unerfahrene Tochter im Auge zu behalten, die
-sich in gewissen Umständen befand. Weiterhin hatte auch Warenka, die
-Freundin Kitys, von dem Aufenthalt im Auslande her ihr Versprechen
-erfüllt, zu Kity zu kommen, wenn diese verheiratet sein würde, und war
-jetzt bei ihrer Freundin zu Besuch.
-
-Alles waren Verwandte und Freunde der Frau Lewins, aber obgleich
-dieser sie alle lieb hatte, war es ihm doch einigermaßen leid um seine
-»Lewinsche Welt« und die Ordnung, welche durch diese Überschwemmung
-mit dem »Schtscherbazkischen Element«, verschlungen worden war, wie er
-sich selbst sagte. Von Verwandten seiner Linie weilte in diesem Sommer
-nur Sergey Iwanowitsch zu Besuch da, und auch dieser war kein Mensch
-von Lewins, sondern von Koznyscheffschem Schlag, so daß Lewins geistige
-Sphäre vollständig unterdrückt war.
-
-In Lewins so lange verödet gewesenem Hause befanden sich jetzt so
-viel Menschen, daß fast alle Räume besetzt waren, und fast jeden Tag
-kam es vor, daß die alte Fürstin, wenn sie bei Tische sitzend alles
-überzählte, den dreizehnten, Enkel oder Enkelin, an einen besonderen
-kleinen Tisch setzen mußte. Auch für Kity, die sich sorgsam mit der
-Hauswirtschaft befaßte, gab es nicht wenig Sorge um die Beschaffung der
-Hühner, Kapaunen und Enten, welche bei dem Sommerappetit der Gäste und
-der Kinder zahlreich verbraucht wurden.
-
-Die ganze Familie saß bei Tische. Die Kinder Dollys machten mit der
-Gouvernante und Warenka Pläne, wohin sie Pilze suchen gehen wollten.
-Sergey Iwanowitsch, welcher im Kreise sämtlicher Gäste einen Respekt
-vor seinem Geist und seiner Gelehrsamkeit genoß, der fast bis zur
-Verehrung ging, sah alles in die Unterhaltung von den Pilzen vertieft.
-
-»Aber mich nehmt Ihr doch auch mit Euch. Ich gehe sehr gern Pilze
-suchen,« sagte er, Warenka anblickend, »und finde, daß das ein sehr
-hübscher Zeitvertreib ist.«
-
-»Nun, wir werden uns sehr freuen,« antwortete Warenka errötend. Kity
-wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Dolly. Der Vorschlag des
-gelehrten und geistreichen Sergey Iwanowitsch, mit Warenka Pilze
-suchen zu wollen, stützte gewisse Vermutungen in Kity, welche diese in
-jüngster Zeit lebhaft beschäftigt hatten. Schnell begann sie mit ihrer
-Mutter zu sprechen, damit ihr Blick nicht bemerkt werden möchte.
-
-Nach Tisch setzte sich Sergey Iwanowitsch mit seiner Tasse Mokka an das
-Fenster im Salon, ein mit dem Bruder begonnenes Gespräch fortsetzend
-und dabei nach der Thür blickend, zu welcher die Kinder hinausgehen
-mußten, die sich fertig machten, in die Pilze zu gehen.
-
-Lewin saß auf dem Fenster bei seinem Bruder, Kity stand neben ihrem
-Manne, sichtlich auf das Ende des für sie nicht interessanten Gesprächs
-wartend, um ihm etwas mitzuteilen.
-
-»Du hast dich sehr verändert, seit du verheiratet bist, und zwar
-zu deinem Vorteil,« sagte Sergey Iwanowitsch, Kity zulächelnd und
-augenscheinlich von der Unterhaltung wenig interessiert, »aber du bist
-deiner Leidenschaft, die paradoxesten Themen zu verteidigen, getreu
-geblieben.«
-
-»Katja, es ist für dich nicht gut, zu stehen,« sagte der Gatte zu ihr,
-einen Stuhl heranschiebend und sie bedeutungsvoll anschauend.
-
-»Ah; ich habe übrigens gar keine Zeit mehr,« fügte Sergey Iwanowitsch
-hinzu, die hinauseilenden Kinder erblickend.
-
-Allen voran, von seitwärts im Galopp mit den drallsitzenden
-Strümpfchen, ein Körbchen und den Hut Sergey Iwanowitschs schwingend,
-kam Tanja gerade auf letzteren zugeeilt. Frohmutig auf ihn zueilend mit
-leuchtenden Augen, die in ihrer Schönheit denen des Vaters so ähnlich
-waren, reichte sie Sergey Iwanowitsch den Hut und that, als wolle
-sie ihm denselben aufsetzen, mit schüchternem, sanftem Lächeln ihre
-Ungebundenheit zügelnd.
-
-»Warenka wartet schon,« sagte sie, ihm den Hut behutsam aufsetzend,
-nachdem sie an dem Lächeln Sergey Iwanowitschs erkannt hatte, daß sie
-dies dürfe.
-
-Warenka stand in der Thür, in einem gelben Kattunkleid, um den Kopf ein
-weißes Tuch geschlungen.
-
-»Ich komme schon, ich komme, Barbara Andrejewna,« sagte Sergey
-Iwanowitsch, seine Tasse Mokka leerend und ein Schnupftuch nebst dem
-Cigarrenetuis in seinen Taschen verteilend.
-
-»Wie reizend ist doch meine Warenka, nicht wahr?« sagte Kity zu ihrem
-Manne, sobald Sergey Iwanowitsch aufgestanden war. Sie sagte dies so,
-daß Sergey Iwanowitsch sie vernehmen konnte, woran ihr offenbar gelegen
-war. »Und wie schön sie ist, wie edel schön! Warenka!« rief Kity. »Ihr
-werdet wohl im Mühlenholz sein? Wir kommen zu Euch hin!«
-
-»Du vergißt doch entschieden deinen Zustand Kity,« bemerkte die alte
-Fürstin, schnell zur Thür herauskommend, »du darfst nicht so schreien.«
-
-Warenka, welche die Stimme Kitys sowie die Äußerung der Mutter
-vernommen hatte, kam leichten Schrittes zu Kity geeilt. Die
-Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die Farbe, welche ihr munteres
-Gesicht bedeckte -- alles das bewies, daß in ihr etwas Ungewöhnliches
-vorging. Kity wußte, was dieses Ungewöhnliche war, und beobachtete
-sie aufmerksam. Sie hatte jetzt Warenka nur gerufen, um ihr für ein
-wichtiges Ereignis, welches sich nach ihrer Erwägung heute, nach Tische
-im Walde vollziehen mußte, innerlich Segen zu wünschen.
-
-»Warenka, ich würde sehr glücklich, wenn sich etwas ereignen sollte,«
-sagte Kity flüsternd und sie küssend.
-
-»Ihr werdet aber mit uns kommen?« sagte Warenka in Verwirrung geratend,
-zu Lewin, und gab sich den Anschein, als habe sie gar nicht gehört, was
-zu ihr gesagt worden war.
-
-»Ich werde kommen, doch nur bis zur Tenne, und dort werde ich bleiben.«
-
-»Was hast du denn vor?« sagte Kity.
-
-»Ich muß die neuen Fuhren inspizieren und nachzählen,« antwortete
-Lewin, »doch wo wirst du bleiben?«
-
-»Auf der Terrasse.«
-
-
- 2.
-
-Auf der Terrasse hatte sich die ganze weibliche Gesellschaft
-versammelt. Die Damen liebten es, überhaupt dort nach Tische zu sitzen,
-aber heute gab es da sogar etwas zu thun. Außer dem Nähen und Sticken,
-womit sich alle beschäftigten, wurde heute Eingemachtes nach einer
-für Agathe Michailowna ganz neuen Methode -- ohne Zuguß von Wasser --
-zubereitet.
-
-Kity hatte diese neue Methode, welche bei ihr zu Haus in Gebrauch
-war, eingeführt. Agathe Michailowna, welcher früher dieses Geschäft
-anvertraut gewesen war, hatte in der Ansicht, daß das, was im Haus
-der Lewin gemacht wurde, doch nicht schlecht sein könne, gleichwohl
-ihr Wasser über die Wald- und Gartenerdbeeren mit der Versicherung
-gegossen, daß es unmöglich anders sein könne, aber sie wurde in ihrer
-Meinung überführt, und jetzt brodelte vor aller Augen die Himbeere, und
-Agathe Michailowna mußte sich überzeugt sehen, daß auch ohne Wasser das
-Eingemachte gut werde.
-
-Agathe Michailowna mit erhitztem, erbittertem Gesicht, wirren Haaren,
-und bis an den Ellbogen entblößten, hageren Armen schwenkte die
-Schüssel im Kreise über dem Feuerbecken und blickte grollend auf die
-Beeren, aus Seelengrunde wünschend, sie möchten nicht gar werden.
-
-Die Fürstin, welche merkte, daß auf sie, als die hauptsächlichste
-Ratgeberin bei der Zubereitung der Beeren, der Zorn Agathe Michailownas
-gerichtet sein müsse, bemühte sich, den Anschein zu wahren, als sei sie
-mit ganz anderen Dingen beschäftigt, und interessiere sich gar nicht
-für die Himbeeren; sie sprach von Nebensächlichem, schaute aber immer
-dabei seitwärts nach dem Kohlenbecken.
-
-»Ich kaufe den Mädchen stets Kleider,« sagte die Fürstin, ein
-begonnenes Gespräch fortsetzend -- »wollen wir jetzt nicht den Schaum
-abnehmen, Liebe?« -- fügte sie aber hinzu, sich an Agathe Michailowna
-wendend. »Das brauchst du durchaus nicht selbst zu thun, es ist heiß,«
-hielt Kity diese dabei zurück.
-
-»Ich werde es thun,« sagte Dolly, stand auf und begann behutsam den
-Löffel über den schäumenden Zucker zu führen; bisweilen damit, um
-von ihm das daran haften Gebliebene zu entfernen, auf einen Teller
-klopfend, der bereits von mischfarbigem, gelbrotem Schaum und flüssigem
-blutrotem Syrup bedeckt war. »Wie sie das schlecken werden zum Thee,«
-gedachte sie dabei ihrer Kinder und rief sich ins Gedächtnis zurück,
-wie sie selbst, als sie noch ein Kind gewesen, sich schon immer
-verwundert hatte, daß die Erwachsenen nicht gerade das Beste äßen --
-nämlich den Schaum -- »Stefan sagt, es sei bei weitem besser, Geld
-zu geben,« sagte Dolly dabei, das begonnene, interessante Gespräch
-darüber, wie man die Dienstleute beschenken solle, fortsetzend,
-»allein« --
-
-»So viel es möglich ist, Geld,« sagten wie mit einer Stimme die Fürstin
-und Kity. »Sie schätzen das.«
-
-»Nun, ich habe beispielsweise im vergangenen Jahre unserer Matrjona
-Ssemjonowna ein Kleid gekauft,« sprach die Fürstin.
-
-»Ich besinne mich, zu Eurem Geburtstage ging sie darin.«
-
-»Ein reizendes Muster -- so einfach und fein. Ich hätte es mir selbst
-machen lassen, wenn es nicht ihr gehört hätte; -- so, wie das von
-Warenka war es. So hübsch und billig.«
-
-»Jetzt scheint es fertig zu sein,« sagte Dolly, den Syrup vom Löffel
-laufen lassend.
-
-»Wenn Kringel werden, ist es gut. Kocht noch weiter, Agathe
-Michailowna.«
-
-»Diese Fliegen,« antwortete Agathe Michailowna gereizt.
-
-»O, wie niedlich, verjagt ihn nicht!« sprach Kity plötzlich, auf einen
-Spatz blickend, der sich auf dem Geländer niedergesetzt hatte und das
-Mark einer Himbeere zu picken begann.
-
-»Ja, aber du mußt etwas weiter vom Kohlenbecken weg,« sprach die Mutter.
-
-»=A propos de Warenka=,« begann Kity französisch, wie sie stets
-sprachen, damit Agathe Michailowna sie nicht verstehe. »Ihr wißt,
-=maman=, daß ich heute aus gewissen Gründen eine Entscheidung erwarte.
-Ihr versteht wohl, welche. Wie schön wäre das!«
-
-»Ah, welch meisterhafte Freibewerberin du bist,« sprach Dolly, »wie sie
-behutsam und geschickt die Leute zusammenführt.«
-
-»Nun, =maman=, sagt doch, was Ihr dazu meint!«
-
-»Was soll ich meinen? Er« -- unter dem Er verstand man Sergey
-Iwanowitsch -- »konnte stets die erste Partie in Rußland machen, er ist
-zwar jetzt nicht mehr so jung, aber gleichwohl, ich weiß es, würden ihn
-auch jetzt noch viele Frauen nehmen. Sie ist sehr gut, aber er könnte
-doch« --
-
-»Nein, seht nur erst ein, =maman=, warum etwas Besseres für ihn, wie
-für sie nicht zu denken ist. Erstens -- sie ist eine Schönheit!« sprach
-Kity, einen Finger ausstreckend.
-
-»Sie gefällt ihm sehr, das ist wahr,« bestätigte Dolly.
-
-»Dann nimmt er eine solche Stellung in der Welt ein, daß ihm ein
-Vermögen, ein Stand in der Welt für seine Frau ganz und gar nicht
-erforderlich ist. Ihm ist Eins nur nötig -- ein gutes, liebevolles
-ruhiges Weib.«
-
-»Jawohl, und mit ihr kann man ruhig leben,« bestätigte Dolly.
-
-»Drittens; sie muß ihn lieben! So ist es ja auch -- und soweit wäre
-alles ganz gut. Ich erwarte, daß sie aus dem Walde kommen und alles
-entschieden ist. Ich werde es sogleich an ihren Augen erkennen; und
-würde mich so sehr freuen! Wie denkst du darüber, Dolly?«
-
-»Rege dich nur nicht auf. Du darfst dich durchaus nicht erregen,« sagte
-die Mutter.
-
-»Aber ich rege mich ja gar nicht auf, =maman=; mir scheint nur, daß er
-heute seinen Antrag machen wird.«
-
-»Ach; es ist so seltsam, wenn ein Mann eine Liebeserklärung macht. Erst
-ist so eine Scheidewand vorhanden, und plötzlich ist sie durchbrochen,«
-sagte Dolly, gedankenvoll lächelnd und sich an die Vergangenheit mit
-Stefan Arkadjewitsch erinnernd.
-
-»Mama, wie hat Euch denn Papa seine Liebeserklärung gemacht?« frug Kity
-plötzlich.
-
-»Es war nichts Außergewöhnliches dabei, sehr einfach,« antwortete die
-Fürstin, aber ihr ganzes Gesicht erglänzte bei dieser Erinnerung.
-
-»Nun, wie denn? Ihr habt ihn doch geliebt, bevor Euch noch erlaubt war,
-mit ihm zu sprechen.«
-
-Kity fand einen eigenen Reiz darin, mit ihrer Mutter jetzt wie mit
-einer Gleichgestellten über diese höchsten Fragen des Frauenlebens
-sprechen zu können.
-
-»Versteht sich, liebte er mich! Er kam zu uns auf das Land.«
-
-»Aber wie entschied es sich? Mama?«
-
-»Du denkst wahrscheinlich, daß ihr beide euch etwas Neues ausgedacht
-hättet? Es war ganz dieselbe Geschichte; mit Blicken und Lächeln« --
-
-»Wie Ihr das so schön ausgesprochen habt, =maman=! Ja, die Augen, das
-Lächeln,« bestätigte Dolly.
-
-»Aber welche Worte sprach er denn?«
-
-»Was für Worte hat dir dein Konstantin gesagt?«
-
-»Er schrieb sie mit Kreide. Es war wunderbar. Wie weit scheint mir dies
-schon dahinten zu liegen,« antwortete Kity.
-
-Die drei Frauen sannen jetzt über ein und dasselbe nach. Kity brach
-zuerst wieder das Schweigen. Der ganze letzte Winter vor ihrer
-Verheiratung, ihre Leidenschaft für Wronskiy kam ihr wieder ins
-Gedächtnis.
-
-»Aber noch Eins -- jene frühere Leidenschaft Warenkas,« sagte sie,
-in einem natürlichen Gedankengang sich dessen erinnernd. »Ich wollte
-Sergey Iwanowitsch schon irgendwie Mitteilung machen, ihn vorbereiten.
-Sie sind ja alle Männer,« fügte sie hinzu, »und entsetzlich
-eifersüchtig auf unsere Vergangenheit.«
-
-»Nicht alle,« antwortete Dolly, »du urteilst so nach deinem Manne; der
-martert sich noch jetzt ab in der Erinnerung an Wronskiy. Nicht wahr?
-Habe ich nicht recht?«
-
-»Du hast recht,« antwortete Kity, gedankenvoll mit den Augen lächelnd.
-
-»Ich weiß nun nicht,« fuhr die Fürstin fort, ihre mütterliche Obhut
-für die Tochter wieder übernehmend, »was eigentlich in deiner
-Vergangenheit ihn stören könnte? Daß Wronskiy dir den Hof machte? Das
-passiert jedem jungen Mädchen.«
-
-»Ach, sprechen wir nicht davon,« sagte Kity errötend.
-
-»Nein, gestatte,« fuhr die Mutter fort, »du selbst wolltest mir ja
-nicht gestatten, mit Wronskiy Rücksprache zu nehmen. Weißt du noch?«
-
-»Ach, Mama!« sagte Kity mit einem Ausdruck von Leiden.
-
-»Deine Beziehungen zu ihm konnten ja nicht weitergehen als sie durften;
-ich selbst würde ihn noch ermutigt haben. Doch im übrigen, liebe Seele,
-taugt es nicht für dich, wenn du dich erregst. Denke, bitte, hieran,
-und beruhige dich.«
-
-»Ich bin vollkommen ruhig, =maman=.«
-
-»Wie war es doch zum Glück damals für Kity, daß Anna kam,« sagte
-Dolly, »und wie verhängnisvoll wurde das für sie selbst. Da haben wir
-es gerade umgekehrt,« fügte sie hinzu, betroffen über ihren eigenen
-Gedanken. »Damals war Anna so glücklich und Kity hielt sich für
-unglücklich. Welch ein völliger Umschlag! Ich denke oft an sie.«
-
-»Das wäre das Weib, an welches man denken dürfte! Ein häßliches,
-ausschweifendes Weib ohne Herz,« sprach die Mutter, welche nicht
-vergessen konnte, daß Kity nicht einen Wronskiy, sondern einen Lewin
-geheiratet hatte.
-
-»Was ist es für ein Vergnügen, hiervon zu sprechen,« fuhr Kity voll
-Verdruß fort, »ich denke nicht daran und will nicht daran denken. Ich
-will nicht daran denken,« sprach sie, dabei dem wohlbekannten Klang der
-Schritte ihres Mannes auf den Stufen zur Terrasse lauschend.
-
-»Wovon ist denn die Rede >ich will nicht daran denken?<« frug Lewin,
-die Terrasse betretend.
-
-Niemand antwortete ihm, und er wiederholte seine Frage nicht.
-
-»Ich bedaure, euer Frauenreich gestört zu haben,« sprach er,
-mißvergnügt alle anblickend und wohl gewahrend, daß man über etwas
-gesprochen hatte, wovon man in seiner Gegenwart nicht geredet haben
-würde.
-
-Einen Augenblick empfand er, daß er die Gefühle Agathe Michailownas
-teile, die Unzufriedenheit darüber, daß man die Himbeeren ohne Wasser
-einkoche, und über den fremdartigen Einfluß der Schtscherbazkiy. Er
-lächelte aber doch und trat zu Kity.
-
-»Nun, wie befindest du dich?« frug er sie, mit dem gleichen Ausdruck
-auf sie blickend, mit welchem sich ihr jetzt alle zuwandten.
-
-»Oh; ich befinde mich recht wohl,« sagte Kity lächelnd, »und wie geht
-es bei dir?«
-
-»Man fährt dreimal mehr, als der Wagen aushält. Aber wollen wir zu den
-Kindern hinausfahren? Ich habe anspannen lassen.«
-
-»Wie, willst du Kity im Wagen ausfahren?« frug die Mutter vorwurfsvoll.
-
-»Wir fahren natürlich Schritt, Fürstin.«
-
-Lewin nannte die Fürstin nie =maman=, wie das sonst Schwiegersöhne
-thun, und dies war der Fürstin unangenehm, aber wenn er die Fürstin
-auch sehr lieb hatte und achtete, konnte er sie doch nicht so nennen,
-ohne die Empfindungen für seine dahingeschiedene Mutter zu entweihen.
-
-»Fahret mit uns, =maman=,« sagte Kity.
-
-»Ich will diese Unüberlegtheit nicht mit ansehen.«
-
-»Dann gehe ich zu Fuß. Ich befinde mich ja ganz wohl.« Kity erhob sich,
-trat zu ihrem Gatten und nahm dessen Arm.
-
-»Ganz wohl, aber alles mit Maßen« -- bemerkte die Fürstin.
-
-»Nun, Agathe Michailowna, ist das Eingemachte fertig?« sagte Lewin
-lächelnd zu Agathe Michailowna, mit dem Wunsche sie heiter zu stimmen.
-»Geht es gut nach der neuen Mode?«
-
-»Muß wohl; es geht gut. Nach meiner Meinung ist es fertig.«
-
-»Es ist besser so, Agathe Michailowna; das Eingemachte wird nicht sauer
-und bei uns ist das Eis jetzt ohnehin schon gethaut, so daß es keinen
-Platz zum Aufbewahren giebt,« sagte Kity, sogleich die Absicht ihres
-Mannes durchschauend und sich in der nämlichen Absicht an die Alte
-wendend. »Übrigens ist Euer Pökel so gut, daß Mama behauptet, ihn noch
-nirgends so gegessen zu haben,« fügte sie hinzu, sich lächelnd einen
-Zopf ordnend.
-
-Agathe Michailowna blickte grollend Kity an.
-
-»Ihr braucht mich nicht zu trösten, Herrin; ich beurteile Euch, wie er,
-und befinde mich wohl dabei« -- sprach sie; der rauhe Ausdruck »er«
-statt »der Herr« verletzte Kity.
-
-»Wir wollen zusammen nach Pilzen gehen, Ihr könnt uns die Plätze
-zeigen.« Agathe Michailowna lächelte kopfschüttelnd, als wollte sie
-sagen »wenn ich Euch auch gern gram sein möchte, so kann ich es doch
-nicht.«
-
-»Handelt, bitte, nach meinem Rate,« sprach die alte Fürstin, »über das
-Eingemachte legt Ihr ein Papier und feuchtet es mit Rum an; auch ohne
-Eis wird alsdann niemals ein Kahm darauf kommen.«
-
-
- 3.
-
-Kity war herzlich froh über die Gelegenheit, mit ihrem Gatten einmal
-Auge in Auge allein sein zu können, da sie bemerkt hatte, wie ein
-Schatten der Verstimmung über sein Alles so lebhaft ausdrückendes
-Gesicht huschte, im Augenblicke da er die Terrasse betreten und man
-ihm, als er gefragt hatte, wovon man spreche, nicht antwortete.
-
-Als sie zu Fuß den anderen vorausgingen und außer Sehweite des Hauses
-den ausgefahrenen, staubigen und mit Kornähren und Körnern überstreuten
-Weg hinausschritten, stützte sie sich fester auf seinen Arm und preßte
-denselben an sich.
-
-Er hatte jenen momentanen, unangenehmen Eindruck bereits vergessen,
-und empfand, in der Einsamkeit mit ihr, jetzt, da ihn der Gedanke an
-ihre Schwangerschaft keinen Augenblick verließ, jene ihm noch neue,
-freudige, vollkommen von Sinnenlust freie Befriedigung in der Nähe des
-geliebten Weibes.
-
-Zu sprechen war nichts, aber ihn verlangte es, den Ton ihrer Stimme zu
-hören, die sich ebenso wie ihr Blick, jetzt in ihrer Schwangerschaft
-verändert hatte. In ihrer Stimme wie in ihrem Blicke war eine
-Weichheit, ein Ernst, ähnlich jener, die bei Leuten vorhanden zu sein
-pflegt, die beständig auf ein einzelnes geliebtes Werk konzentriert
-sind.
-
-»Du wirst doch nicht müde werden? Stütze dich fester,« sagte er.
-
-»Nein, ich bin so froh über die Gelegenheit, mit dir einmal allein zu
-sein, und gestehe dir, daß mir, so wohl mir auch in ihrer Gesellschaft
-ist, doch unsere Winterabende zu Zweien recht leid thun.«
-
-»Es war schön, doch dies ist noch besser. Wir beide sind besser daran,«
-sagte er, ihren Arm drückend.
-
-»Du weißt, wovon wir sprachen, als du eintratest?«
-
-»Von dem Eingemachten?«
-
-»Ja, auch von dem Eingemachten, dann aber davon, wie man einen
-Heiratsantrag macht.«
-
-»Ah,« sagte Lewin, mehr den Klang ihrer Stimme hörend, als die Worte
-die sie sprach, und fortwährend auf den Weg Bedacht nehmend, der jetzt
-im Walde hinführte und diejenigen Stellen vermeidend, die sie nicht
-sicher hätte betreten können.
-
-»Auch von Sergey Iwanowitsch und Warenka. Du hast wohl bemerkt? -- Ich
-wünschte es sehr,« fuhr sie fort, »wie denkst du darüber?« Sie blickte
-ihm ins Gesicht.
-
-»Ich weiß nicht, was man da denken muß,« antwortete Lewin und lächelte.
-»Sergey erscheint mir in dieser Beziehung sehr seltsam. Ich habe dir
-wohl erzählt« --
-
-»Daß er jenes Mädchen, welches gestorben ist, geliebt hatte« --
-
-»Das war der Fall, als ich noch ein Kind war. Ich kenne dies nur aus
-der Überlieferung, kann mich aber noch auf ihn damals besinnen. Er war
-wunderbar liebenswert. Seit jener Zeit beobachte ich ihn im Umgang mit
-den Frauen; er ist liebenswürdig, manche gefallen ihm auch, aber man
-fühlt, daß sie für ihn einfach nur Menschen sind, keine Weiber.«
-
-»Ja, aber jetzt mit Warenka. Es scheint, daß doch etwas« --
-
-»Kann sein, daß dem so ist -- doch muß man ihn eben erst kennen lernen;
-er ist ein absonderlicher und wunderlicher Mensch. Er lebt nur ein
-geistiges Leben und ist ein Mensch von allzu reinem und erhabenem
-Gemüt.«
-
-»Wie? Sollte ihn denn etwa ein solches Verhältnis erniedrigen?«
-
-»Nein; aber er ist so daran gewöhnt, ein einsames Geistesleben zu
-führen, daß er sich mit der Wirklichkeit nicht vertragen kann, und
-Warenka ist doch immerhin eine Wirklichkeit.«
-
-Lewin war jetzt schon gewohnt, seine Gedanken frei auszusprechen, ohne
-sich zu bemühen, dieselben dabei in präcise Worte zu kleiden, er wußte,
-daß sein Weib in den Minuten der Liebe, sowie auch jetzt schon aus der
-Andeutung verstehen würde, was er sagen wollte, und Kity verstand ihn
-auch.
-
-»Ja; aber in ihr ist doch nicht diese Wirklichkeit, wie in mir; ich
-verstehe; daß er mich wohl niemals hätte liebgewinnen können; sie
-hingegen ist ganz Gemüt.«
-
-»O nein; er liebt dich sehr, und mir ist es stets so angenehm, wenn die
-Meinigen dich lieb haben.«
-
-»Ja; er ist gut gegen mich, aber« --
-
-»-- nicht so, wie mit dem verstorbenen Nikolay; ihr habt einander
-liebgewonnen,« vollendete Lewin. »Weshalb sollte ich das nicht sagen?«
-fügte er hinzu, »ich mache mir manchmal Vorwürfe, und das hört erst
-damit auf, daß man vergißt. O, welch ein furchterweckender, und doch
-reizvoller Mensch war er! Doch wovon sprachen wir?« sagte Lewin,
-nachdem er eine Weile geschwiegen hatte.
-
-»Du denkst, daß er nicht zu lieben vermag,« sagte Kity, in ihre Sprache
-übersetzend.
-
-»Nicht, daß er nicht lieben könnte,« antwortete Lewin lächelnd, »aber
-er besitzt nicht die Schwäche, die dazu nötig ist -- ich habe ihn stets
-beneidet und selbst jetzt, wo ich doch so glücklich bin, beneide ich
-ihn noch darum.«
-
-»Du beneidest ihn, weil er nicht lieben kann?«
-
-»Ich beneide ihn darum, daß er besser ist, als ich,« antwortete Lewin
-lächelnd. »Er lebt nicht für sich; sein ganzes Leben ist der Pflicht
-geweiht, und infolge dessen kann er ruhig und zufrieden sein.«
-
-»Und du?« frug Kity mit schelmischem, liebevollem Lächeln.
-
-Sie konnte nicht im entferntesten den Gedankengang ausdrücken, der sie
-lächeln machte; aber das letzte Resultat desselben war dies, daß ihr
-Gatte, von seinem Bruder entzückt, und sich vor demselben herabsetzend,
-nicht mehr aufrichtig blieb.
-
-Kity wußte, daß diese Heuchelei seinerseits von der Liebe zu dem Bruder
-herrührte, von dem Gefühl seiner Besorgtheit darüber, daß er allzu
-glücklich sei, und insbesondere seinem Wunsche, der ihn nie verließ,
-besser zu sein. Sie liebte dies an ihm und lächelte daher.
-
-»Und du? Womit bist du unzufrieden?« frug sie mit dem nämlichen Lächeln.
-
-Ihr Mißtrauen seiner Unzufriedenheit mit sich selbst gegenüber,
-erfreute ihn und ohne Besinnen forderte er sie heraus, ihm die Ursachen
-ihres Mißtrauens mitzuteilen.
-
-»Ich bin glücklich, aber mit mir nicht zufrieden,« sprach er.
-
-»So kannst du also unzufrieden sein, wenn du glücklich bist?«
-
-»Wie soll ich sagen. Ich wünsche in meinem Herzen nichts, als daß du
-nicht strauchelst; so darf man natürlich nicht springen!« brach er das
-Gespräch ab, mit einem Vorwurf, weil sie eine zu schnelle Bewegung
-gemacht hatte, indem sie über einen auf dem Fußwege liegenden Ast
-weggestiegen war, »wenn ich über mich Betrachtungen anstelle und mich
-mit anderen vergleiche, besonders mit meinem Bruder, dann fühle ich,
-daß ich ein Nichts bin.«
-
-»Aber inwiefern denn?« fuhr Kity noch mit dem nämlichen Lächeln fort,
-»wirkst du etwa nicht auch für andere? Und deine Meiereien, deine
-Ökonomie, dein Buch?«
-
-»Nein; ich fühle es namentlich jetzt -- und du bist schuld daran,«
-sagte er, ihr den Arm pressend, »daß dem eben nicht so ist. Ich arbeite
-nur so leichthin. Wenn ich all dieses Wirken lieben könnte, wie ich
-dich liebe -- aber so habe ich die ganze letzte Zeit gearbeitet, wie
-nach einer mir aufgegebenen Lektion.«
-
-»Und was würdest du da über Papa sagen,« frug Kity; »er ist jedenfalls
-auch nichts wert, weil er nichts für das Allgemeine gewirkt hat.«
-
-»Er? Nein. Aber man muß jene Natürlichkeit, Klarheit, Güte besitzen,
-wie dein Vater. Habe ich die etwa? Ich arbeite nicht, ich quäle mich
-nur, und alles das hast du mir zugefügt! Wärest du nicht gewesen, so
-wäre auch das da noch nicht,« sagte er, mit einem Blick auf ihren
-Körper, den sie verstand, »so würde ich alle meine Kräfte auf die
-Arbeit verwenden; jetzt aber kann ich dies nicht, und darüber ist mir
-das Herz schwer; ich arbeite wie man eine aufgegebene Lektion lernt,
-ich heuchle« --
-
-»Nun, dann würdest du dich sogleich mit Sergey Iwanowitsch
-ausgewechselt wünschen,« sagte Kity. »Würdest wünschen, jene
-gemeinnützige Thätigkeit betreiben, und jene aufgegebene Lektion lieben
-zu können, wie er sie liebt, und weiter nichts?«
-
-»Natürlich nicht,« antwortete Lewin. »Im übrigen bin ich ja so
-glücklich, daß ich nichts weiter begreife. Du denkst also, daß er ihr
-heute schon seinen Antrag machen wird?« fügte er nach einer Pause hinzu.
-
-»Ich denke, vielleicht aber wird er's auch nicht. Jedenfalls wünsche
-ich es aufs Sehnlichste. Da, halt« -- sie beugte sich nieder und
-pflückte am Rande des Weges eine wilde Kamille ab. »Nun zähle: Entweder
-erklärt er sich heute, oder er erklärt sich nicht,« sprach sie und
-reichte ihm die Blume.
-
-»Er thut es, er thut es nicht,« sagte Lewin, die weißen, schmalen
-langen Blätter abreißend.
-
-»Nein, nein!« hemmte ihn Kity jetzt, seine Hand erfassend, nachdem sie
-seinen Fingern voll Erregung gefolgt war. »Du hast zwei abgerissen!«
-
-»Nun, dafür kommt dann dieses kleine hier nicht mit in Anrechnung,«
-antwortete Lewin, ein kurzes, noch nicht entwickeltes Blättchen
-abpflückend, »doch da hat uns der Wagen erreicht.«
-
-»Bist du nicht ermüdet Kity!« rief die Fürstin.
-
-»Nicht im geringsten!«
-
-»So setze dich doch in den Wagen, wenn die Pferde ruhig sind, und fahrt
-Schritt.«
-
-Doch in den Wagen zu steigen, hätte keinen Zweck mehr gehabt; man war
-schon dem Ziel nahe und alles ging zu Fuß weiter.
-
-
- 4.
-
-Warenka mit ihrem weißen Tuch auf dem schwarzen Haar, von den Kindern
-umringt, und gutherzig und heiter mit ihnen beschäftigt, erschien,
-augenscheinlich aufgeregt durch die Möglichkeit einer Erklärung mit dem
-Manne, welcher ihr gefallen hatte, sehr anziehend.
-
-Sergey Iwanowitsch schritt neben ihr hin und ließ nicht nach, ihr
-Aufmerksamkeiten zu erweisen. Sie anblickend, rief er sich alle die
-freundlichen Worte ins Gedächtnis zurück, die er von ihr vernommen
-hatte, alles, was er von ihr Gutes wußte, und erkannte dabei immer mehr
-und mehr, daß das Gefühl, welches er für sie empfand, ein gewisses
-besonderes war, das er schon lange vorher nur einmal gehegt hatte in
-seiner ersten Jugend. Das Gefühl der Freude über ihre Nähe wurde immer
-stärker, und ging so weit, daß er, als er ihr einen von ihm gefundenen
-Birkenschwamm auf dünnem Stengel in ihren Korb gab, und die Röte der
-freudigen und zugleich ängstlichen Aufregung gewahrte, die ihr Gesicht
-überdeckte, selbst in Verwirrung geriet, und ihr schweigend zulächelte,
-in einer Weise, die nur zu sprechend war.
-
-»Wenn dem so ist,« sagte er zu sich, »muß ich erwägen und mich
-entscheiden, aber mich nicht wie ein Knabe der Verleitung des
-Augenblickes hingeben. Ich werde jetzt abgesondert von allen, Pilze
-suchen gehen, da sonst meine Ausbeute nicht bemerkenswert ausfallen
-wird,« sprach er und ging allein vom Rande des Waldes, an welchem
-sie auf dem seidenartigen, niedrigen Grase zwischen vereinzelten
-alten Birken hingeschritten waren, nach der Mitte des Waldes zu, wo
-zwischen den weißen Birkenstämmen graue Eschen und dunkle Nußbüsche
-schimmerten. Nachdem er vierzig Schritt abseits gegangen war und einen
-in voller Blüte rosenrot prangenden Busch erreicht hatte, blieb Sergey
-Iwanowitsch stehen, da er wußte, daß man ihn nicht mehr sehen könne.
-
-Rings um ihn herrschte vollkommene Stille. Nur im Wipfel der Birken,
-unter welchen er stand, summten gleich einem Bienenschwarm, ohne zu
-verstummen, die Fliegen, und vereinzelt klangen auch die Stimmen
-der Kinder bis zu ihm. Plötzlich, unweit des Waldrandes, erklang
-die Altstimme Warenkas, die Grischa rief, und ein freudiges Lächeln
-trat auf die Züge Sergey Iwanowitschs. Seines Lächelns inne werdend,
-schüttelte er mißbilligend den Kopf über seinen Zustand, holte das
-Cigarrenetuis hervor und begann zu rauchen. Lange gelang es ihm
-nicht, das Zündholz an einem Fichtenstamm in Brand zu setzen. Eine
-feine Schicht der weißen Rinde haftete auf dem Phosphor und das Feuer
-erlosch. Endlich brannte eines der Zündhölzer und der duftige Rauch
-der Cigarre verbreitete sich wie ein hin und her wallendes, breites
-Tischtuch scharfbegrenzt vor- und rückwärts über dem Busch unter den
-herniederhängenden Zweigen der Birke. Mit den Augen den Streifen des
-Rauches folgend, ging Sergey Iwanowitsch leisen Schrittes weiter, über
-seine seelische Verfassung nachdenkend.
-
-»Warum sollte ich nicht?« dachte er. »Wäre es ein Strohfeuer oder
-ein leidenschaftlicher Rausch, fühlte ich nur diese Neigung, diese
-wechselseitige Neigung -- ich kann sagen >wechselseitige< -- und fühlte
-ich dabei, daß sie im Widerspruch mit meiner ganzen Art zu leben --
-fühlte ich, daß ich in der Hingabe an diese Neigung meinen Beruf, meine
-Pflicht verletzte, -- aber dies ist nicht der Fall! Das Einzige, was
-ich dagegen sagen kann, ist dies, daß ich, als ich Maria verlor, mir
-sagte, ich wollte ihrem Angedenken getreu bleiben. Dies Eine nur kann
-ich gegen mein Gefühl einwenden; >und das ist wichtig,<« sagte Sergey
-Iwanowitsch zu sich, zugleich dabei empfindend, daß dieser Gedanke
-für ihn persönlich keine Bedeutung weiter habe, als die, daß er etwa
-in den Augen anderer Leute seine poetische Rolle verdarb. »Abgesehen
-hiervon, werde ich, soviel ich auch suchen mag, nichts finden, was ich
-gegen meine Empfindung einzuwenden hätte. Hätte ich allein mit meinem
-Verstande gewählt, ich könnte nichts Besseres finden.«
-
-So viele Frauen und Mädchen aus seiner Bekanntschaft er sich auch
-vergegenwärtigen mochte, er konnte sich keiner Jungfrau erinnern, die
-bis zu solchem Grade alle, gerade alle diejenigen Eigenschaften in sich
-vereinigte, welche er bei kühler Beurteilung einmal in seinem Weibe zu
-sehen gewünscht hätte.
-
-Sie besaß den ganzen Reiz und die Frische der Jugend, war aber kein
-Kind mehr, und wenn sie ihn liebte, liebte sie ihn mit Bewußtsein, so
-wie ein Weib lieben muß. Dies war das Eine.
-
-Ein Zweites lag darin, daß sie nicht nur der Weltlichkeit fern stand,
-sondern offenbar einen Ekel vor der Welt empfand, sie zugleich aber
-doch kannte, und alle die Manieren der Frau aus der guten Gesellschaft
-besaß, ohne welche für Sergey Iwanowitsch eine Lebensgefährtin
-undenkbar war.
-
-Ein Drittes bestand darin, daß sie religiös war; doch nicht wie ein
-Kind, religiös, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, und gut wie
-beispielsweise Kity; sondern ihr Leben war auf religiösen Überzeugungen
-begründet. Selbst bis auf Kleinigkeiten fand Sergey Iwanowitsch in ihr
-alles, was er von einer Frau wünschte; sie war arm und stand allein; so
-daß sie keinen Haufen von Verwandten und deren Einfluß mit in das Haus
-des Mannes schleppte, so, wie er das bei Kity sah; sie mußte vielmehr
-ihrem Gatten in allem verpflichtet sein, was er auch immer für sein
-künftiges Familienleben gewünscht hätte.
-
-Und dieses Mädchen nun, welches alle jene Eigenschaften in sich
-vereinte, liebte ihn. Er war bescheiden, mußte dies aber doch
-wahrnehmen -- und liebte sie wieder. -- Den einzigen Gegengrund
-bildeten seine Jahre. Doch seine Konstitution war dauerhaft, er hatte
-noch kein einziges graues Haar, niemand maß ihm vierzig Jahre bei und
-er entsann sich, daß Warenka gesagt hatte, nur in Rußland hielten sich
-die Leute von fünfzig Jahren für Greise, während sich in Frankreich
-der fünfzigjährige Mann »=dans la force de l'âge=« erachte, ja, der
-vierzigjährige als »=un jeune homme=«.
-
-Aber was bedeutete die Altersrechnung, da er sich jung an Geist fühlte,
-so wie er es vor zwanzig Jahren gewesen? War denn nicht Jugend das
-Gefühl, welches er jetzt empfand, da er, auf der anderen Seite wieder
-zu dem Rande des Waldes hinaustretend, im hellen Glanz der schrägen
-Sonnenstrahlen die graziöse Gestalt Warenkas im gelben Kleid und
-mit dem Körbchen, leichten Schrittes an dem Stamm einer alten Birke
-vorüberschreitend erblickte, und der Eindruck dieser Erscheinung
-Warenkas in Eins zusammenfloß mit dem ihn durch seine Schönheit
-frappierenden Anblick des von den schrägen Lichtstrahlen übergossenen,
-gelbschimmernden Haferfeldes und des alten fernen Waldes hinter dem
-Felde, der, mit Gelb ins Bunte spielend, in blauer Ferne verschwamm?
-
-Sein Herz zog sich zusammen vor Lust, ein Gefühl des Friedens überkam
-ihn, und er empfand, daß er einen Entschluß gefaßt hatte.
-
-Warenka, welche sich soeben niedergelassen hatte, um einen Pilz
-aufzunehmen, erhob sich mit schneller Bewegung und schaute sich um.
-Die Cigarre wegwerfend, begab sich Sergey Iwanowitsch mit schnellen
-Schritten auf sie zu.
-
-
- 5.
-
-»Barbara Andrejewna, als ich noch sehr jung war, hatte ich mir ein
-Ideal vom Weib gebildet, wie ich es einmal lieben wollte und welches
-mein Weib nennen zu können, ich glücklich sein würde. Ich habe nun ein
-langes Leben gelebt und begegne jetzt zum erstenmal dem, was ich suche,
-in Euch. Ich liebe Euch und trage Euch meine Hand an.« --
-
-Sergey Iwanowitsch hatte dies zu sich selbst gesagt, während er noch
-zehn Schritte von Warenka entfernt war. Auf den Knieen liegend, und mit
-den Händen einen Pilz vor Grischa schützend, rief sie die kleine Mascha.
-
-»Hierher, hierher; ihr Kleinen! Hier sind viel!« rief sie mit ihrer
-milden Bruststimme.
-
-Als sie den Sergey Iwanowitsch herankommen sah, erhob sie sich nicht,
-veränderte auch ihre Stellung nicht; alles aber sagte ihm, daß sie sein
-Kommen fühle und sich dessen freue.
-
-»Habt Ihr denn etwas gefunden?« frug sie unter ihrem weißen Tuch
-hervor, ihm das schöne, ruhig lächelnde Antlitz zukehrend.
-
-»Nicht einen einzigen,« sagte Sergey Iwanowitsch, »und Ihr?«
-
-Sie antwortete ihm nicht, mit den Kindern beschäftigt, die sie
-umringten.
-
-»Noch diesen, neben dem Zweige da,« wies sie der kleinen Mascha einen
-kleinen eßbaren Erdschwamm, dessen elastischer roter Hut quer von einem
-trockenen Grase durchschnitten war, unter dem er sich hervorgemacht
-hatte.
-
-Warenka erhob sich, als Mascha den Pilz, den sie in zwei Hälften
-zerbrochen hatte, aufgenommen hatte.
-
-»Dies ruft mir meine eigene Kindheit ins Gedächtnis,« fügte sie hinzu,
-an der Seite Sergey Iwanowitschs von den Kindern hinwegschreitend.
-
-Sie gingen schweigend einige Schritte. Warenka sah, daß er sprechen
-wollte; sie vermutete auch, was, und erstarrte fast in freudiger
-Erregung und Angst. Beide waren so weit hinweg geschritten, daß sie
-niemand mehr vernehmen konnte, aber noch begann er nicht zu sprechen.
-Für Warenka wäre es besser gewesen, zu schweigen. Nach einigem
-Stillschweigen war es leichter, das zu sagen, was sie sagen wollte,
-als nach den Worten über die Pilze, aber gegen ihren Willen, gleichsam
-wider Erwarten, sprach sie:
-
-»So habt Ihr also nichts gefunden? Inmitten des Waldes giebt es
-allerdings stets weniger.«
-
-Sergey Iwanowitsch seufzte und erwiderte nichts. Es war ihm
-verdrießlich, daß sie wieder von den Pilzen anfing. Hatte er sie doch
-auf ihre ersten Worte, die sie über ihre Kindheit gesagt hatte, führen
-wollen. Gleichsam wider seinen Willen, äußerte er nun, nachdem er
-einige Zeit geschwiegen, eine Bemerkung zu ihren letzten Worten.
-
-»Ich habe nur gehört, daß die weißen vorzugsweise am Rande stehen,
-obwohl ich den weißen nicht zu unterscheiden verstehe.«
-
-Wieder vergingen einige Minuten; sie gingen noch weiter von den Kindern
-hinweg und waren jetzt vollständig allein. Das Herz Warenkas pochte so
-stark, daß sie seine Schläge vernahm, und empfand, daß sie errötete,
-blaß wurde und wieder errötete.
-
-Die Frau eines Mannes wie Koznyscheff zu sein, nach ihrer Stellung
-bei Madame Stahl, erschien ihr als Gipfel des Glücks. Dann aber war
-sie auch fest überzeugt, daß sie ihn liebe; und dies sollte nun bald
-entschieden werden. Ihr war furchtbar zu Mut; furchtbar, daß er
-sprechen würde, furchtbar, daß er nicht sprach.
-
-Jetzt oder nie mußte man sich erklären; und dies empfand auch Sergey
-Iwanowitsch. Alles, im Blick, in der Röte ihres Gesichts, in den
-niedergeschlagenen Augen Warenkas, zeigte ihm ihre schmerzliche
-Erwartung. Sergey Iwanowitsch sah es und empfand Mitleid mit ihr. Er
-fühlte sogar, daß es sie bedeutend verletzt haben würde, wenn er jetzt
-nicht sprach. Er wiederholte nun schnell im Geiste die Gründe, die
-für seinen Entschluß sprachen, er wiederholte die Worte, mit welchen
-er seinen Antrag ausdrücken wollte; anstatt dieser Worte aber frug er
-infolge einer ihn unerwartet überkommenden Idee plötzlich:
-
-»Welcher Unterschied ist denn zwischen einem weißen Pilz und einem
-Birkenschwamm?«
-
-Die Lippen Warenkas bebten vor Erregung, als sie antwortete: »In den
-Köpfen ist fast gar kein Unterschied, nur im Stengel.«
-
-Und kaum waren diese Worte gesagt, so hatte er wie sie erkannt, daß
-alles vorüber war; daß das, was hätte gesagt werden müssen, nun nicht
-gesagt werden würde, und die gemeinsame Erregung, die auf den höchsten
-Grad gestiegen war, begann sich zu legen.
-
-»Der Birkenpilz -- sein Stengel -- erinnert an einen seit zwei Tagen
-nicht rasierten Bart eines Brünetten,« sagte Sergey Iwanowitsch, schon
-ruhig geworden.
-
-»Ja, es ist wahr,« antwortete Warenka lächelnd; unwillkürlich hatte
-sich die Richtung ihrer Promenade verändert. Sie begannen sich den
-Kindern wieder zu nähern. Warenka war es schmerzlich zu Mute, und
-sie empfand Scham, zugleich aber auch verspürte sie ein Gefühl der
-Erleichterung.
-
-Als Sergey Iwanowitsch heimgekehrt war und alle seine Beweisgründe
-wiederum durchmusterte, fand er, daß er falsch spekuliert hatte. Er
-konnte an dem Gedächtnis Marias nicht Verrat üben.
-
-»Stiller, Kinder, seid stiller!« rief Lewin fast zornig den Kindern zu,
-vor seinem Weibe stehend, um es zu schützen, als der Haufe der Kinder
-mit Freudengeschrei ihnen entgegenflog.
-
-Nach den Kindern war auch Sergey Iwanowitsch mit Warenka aus dem Walde
-gekommen. Kity brauchte Warenka nicht zu fragen; an dem ruhigen und
-etwas kühlen Ausdruck auf beider Gesichtern erkannte sie, daß sich ihre
-Pläne nicht verwirklicht hatten.
-
-»Nun, wie steht es?« frug ihr Gatte sie, als sie wieder nach Hause
-zurückgekehrt waren.
-
-»Er nimmt sie nicht,« sagte Kity, in Lächeln und Sprachweise an den
-Vater gemahnend, was Lewin häufig mit Vergnügen an ihr wahrnahm.
-
-»Warum sollte er nicht?« --
-
-»So steht es,« sprach sie, die Hand des Gatten ergreifend, sie an ihren
-Mund führend und mit geschlossenen Lippen berührend; »so wie man die
-Hand des Priesters küßt.«
-
-»Wer aber mag denn wohl nicht?« sagte er lachend.
-
-»Beide. -- Sie müßten so hier« --
-
-»Es kommen Bauern vorüber« --
-
-»Sie haben nichts gesehen.« --
-
-
- 6.
-
-Während die Kinder den Thee erhielten, saßen die Erwachsenen auf dem
-Balkon und unterhielten sich, als sei nichts vorgefallen, obwohl doch
-alle und insbesondere Sergey Iwanowitsch und Warenka, recht gut wußten,
-daß sich ein wenn auch negativer, so doch sehr wichtiger Umstand
-ereignet hatte.
-
-Sie empfanden beide das nämliche Gefühl, ähnlich dem, welches wohl
-ein Schüler haben mag, der nach einem mißglückten Examen in der alten
-Klasse zurückgeblieben, oder für immer aus der Anstalt ausgewiesen
-worden ist. Alle Anwesenden, gleichfalls empfindend, daß etwas
-geschehen sei, sprachen lebhaft von Nebendingen.
-
-Lewin und Kity fühlten sich besonders glücklich und liebeerfüllt an
-diesem Abend. Daß sie glücklich waren in ihrer Liebe, das schloß
-freilich einen unangenehmen Wink für diejenigen in sich, welche es
-ebenfalls sein wollten und nicht konnten -- und hieraus machten sie
-sich ein Gewissen.
-
-»Denkt an mein Wort, =Alexandre= wird nicht kommen,« sagte die alte
-Fürstin.
-
-Am heutigen Abend erwartete man Stefan Arkadjewitsch von der Bahn, und
-auch der alte Fürst hatte geschrieben, daß er vielleicht gleichfalls
-kommen werde.
-
-»Ich weiß, woher es kommt,« fuhr die Fürstin fort, »er sagt, man müsse
-junge Leute in der ersten Zeit allein lassen.«
-
-»So hat Papa auch uns gelassen. Wir haben ihn noch nicht
-wiedergesehen,« sagte Kity, »und was wären wir denn für junge Eheleute?
-Wir sind doch schon so alt!«
-
-»Nun, wenn er nicht kommt, muß ich euch verlassen, Kinder,« sprach die
-Fürstin, bekümmert seufzend.
-
-»Was ist dir, Mama?« fielen ihr beide Töchter ins Wort. »Bedenke doch,
-sein Befinden -- wir sind doch jetzt« --
-
--- Die Stimme der alten Fürstin begann plötzlich und unverhofft zu
-schwanken. Die Töchter verstummten und blickten sich gegenseitig an.
-»=Maman= findet stets eine rührende Seite für sich,« sagten sie mit
-diesem Blick. Sie wußten nicht, daß, so wohl sich auch die Fürstin
-bei ihrer Tochter befand, so notwendig sie sich für diese auch hier
-fühlte, es ihr gleichwohl qualvoll traurig zu Mute war, ihr, wie ihrem
-Gatten, seit der Zeit, seit welcher sie ihre letzte geliebte Tochter
-verheiratet hatten, und das elterliche Heim verödet war.
-
-»Was ist Euch, Agathe Michailowna?« frug Kity plötzlich die mit
-geheimnisvoller Miene und bedeutungsvollem Gesicht stehen gebliebene
-Agathe Michailowna.
-
-»Die Bestimmung für das Abendessen.«
-
-»Schön so,« sagte Dolly, »gehe du, um deine Verfügungen zu treffen, ich
-will mit Grischa dessen Lektion wiederholen; er hat ohnehin heute noch
-nichts gethan.«
-
-»Laß mich doch diese Lektion geben! Nein, Dolly, ich will gehen« --
-sagte Lewin aufspringend.
-
-Grischa, welcher bereits das Gymnasium besuchte, mußte im Sommer
-seine Lektionen repetieren. Darja Aleksandrowna, welche schon in
-Moskau mit ihrem Sohne zugleich die lateinische Sprache gelernt hatte,
-hatte es sich, nachdem sie zu Lewin gekommen war, zum Gesetz gemacht,
-mit ersterem die schwierigsten Lektionen im Lateinischen und der
-Arithmetik, wenigstens einmal täglich, zu repetieren.
-
-Lewin hatte sich erboten, sie abzulösen, aber die Mutter, welche einmal
-den Unterricht Lewins mit angehört, und bemerkt hatte, daß derselbe
-nicht so erteilt würde, wie der Lehrer in Moskau repetierte, so
-erklärte sie ihm, verlegen und sich bemühend, Lewin nicht zu verletzen,
-bestimmt, daß man nach dem Buche so vorgehen müsse, wie der Lehrer, und
-daß sie dies am liebsten wohl selbst wieder thun möchte.
-
-Lewin ereiferte sich über Stefan Arkadjewitsch, weil dieser in seiner
-Sorglosigkeit sich nicht selbst mit der Überwachung des Unterrichts
-befaßte, sondern die Mutter, welche doch nichts davon verstand,
-und ferner auch über die Lehrer, weil sie die Kinder so schlecht
-unterrichteten; seiner Schwägerin aber gab er das Versprechen, daß er
-den Unterricht so geben wolle, wie sie es wünschte. Er ging daher mit
-Grischa nicht mehr nach seiner Methode weiter, sondern nach dem Buche,
-und daher mit Widerwillen und häufig die Lehrzeit vergessend.
-
-So war es auch heute.
-
-»Nein, ich gehe, Dolly, bleib du sitzen,« sagte er; »wir werden schon
-alles machen, wie es der Ordnung gemäß ist, nach dem Buche. Sobald
-Stefan gekommen ist, wollen wir zur Jagd gehen; wir werden uns dann
-schon die Zeit vertreiben.«
-
-Lewin begab sich zu Grischa.
-
-Das Nämliche sagte Warenka zu Kity. Warenka hatte es verstanden, sich
-in dem glücklichen, wohlbestellten Haus der Lewin nützlich zu machen.
-
-»Ich will das Abendessen bestellen, Ihr aber bleibt nur sitzen,« sagte
-sie und erhob sich, um zu Agathe Michailowna zu gehen.
-
-»Man hat wohl keine jungen Hühner gefunden. Denn« -- sagte Kity.
-
-»Ich werde schon mit Agathe Michailowna überlegen« -- und Warenka
-verschwand mit dieser.
-
-»Welch ein liebes Mädchen,« sagte die Fürstin.
-
-»Nicht lieb, =Maman=, reizend, wie es keines weiter giebt.«
-
-»So erwartet Ihr also heute Stefan Arkadjewitsch?« sprach Sergey
-Iwanowitsch, der augenscheinlich das Gespräch über Warenka nicht
-fortzusetzen wünschte. »Es dürfte schwer sein, zwei Schwager zu finden,
-die einander weniger ähnlich wären,« sagte er mit feinem Lächeln. »Der
-Eine beweglich, nur in der Gesellschaft lebend wie ein Fisch im Wasser;
-der Andere, unser Konstantin, lebhaft, schnell, empfänglich für alles;
-aber sobald er in der Gesellschaft ist, erstirbt er, oder schlägt sich
-sinnlos wie ein Fisch auf dem Lande.«
-
-»Ja, er ist sehr unüberlegt,« sagte die Fürstin, sich zu Sergey
-Iwanowitsch wendend, »ich wollte Euch eben bitten, ihm zu sagen,
-daß sie,« sie wies auf Kity, »unmöglich hier bleiben kann, sondern
-jedenfalls nach Moskau kommen muß. Er sagt, er würde einen Arzt
-verschreiben« --
-
-»=Maman=, er thut alles und ist mit allem einverstanden,« antwortete
-Kity, voll Verdruß über die Mutter, weil sie in dieser Angelegenheit
-Sergey Iwanowitsch zum Richter berief.
-
-Mitten in ihrer Unterhaltung wurde in der Allee das Schnauben von
-Pferden und das Geräusch von Rädern auf dem Schotter vernehmbar.
-
-Dolly hatte sich noch nicht erhoben, um ihrem Mann entgegenzugehen,
-als Lewin aus dem Fenster des Zimmers, in welchem Grischa lernte,
-hinabsprang und Grischa heruntersetzte.
-
-»Es ist Stefan!« rief Lewin unter dem Balkon hinauf, »wir sind fertig
-Dolly; fürchte nichts!« fügte er hinzu, und begann wie ein Knabe, der
-Equipage entgegenzurennen.
-
-»=Is, ea id, eius eius eius=,« schrie Grischa, auf der Allee
-hinspringend.
-
-»Und noch jemand ist mit! Wahrscheinlich der Papa!« rief Lewin, am
-Eingang der Allee stehen bleibend. »Kity geh nicht zu der steilen
-Treppe herunter!«
-
-Lewin irrte indes, wenn er den, der noch im Wagen saß, für den alten
-Fürsten gehalten hatte. Als er dem Wagen näher kam, erkannte er neben
-Stefan Arkadjewitsch nicht den Fürsten, sondern einen rot aussehenden,
-wohlbeleibten, jungen Mann in schottischer Mütze mit langen
-Bandstreifen hinten hinunter.
-
-Dies war Wasjenka Wjeslowskij, ein Vetter im dritten Gliede von den
-Schtscherbazkiy, und ein in Petersburg und Moskau glänzender junger
-Mann, »ein ausgezeichneter Mensch und leidenschaftlicher Jäger«, wie
-ihn Stefan Arkadjewitsch vorstellte.
-
-Durchaus nicht verlegen über die Enttäuschung, die er hervorrief,
-indem er mit seiner Person die des alten Fürsten vertrat, begrüßte
-Wjeslowskij Lewin heiter, an die alte Bekanntschaft erinnernd, und
-Grischa in den Wagen hebend, setzte er denselben an des Pointeurs
-Stelle, den Stefan Arkadjewitsch mitgebracht hatte, weiterfahrend.
-
-Lewin setzte sich nicht mit in den Wagen, sondern ging hinterdrein.
-Er war verdrießlich, daß der alte Fürst nicht mitgekommen war, den
-er umsomehr liebte, je mehr er ihn kennen lernte, sowie darüber, daß
-dieser Wasjenka Wjeslowskij, ein vollständig fremder und überflüssiger
-Mensch erschienen war. Derselbe kam ihm um so fremder und überflüssiger
-vor, als er, indem Lewin zur Freitreppe schritt, auf welcher sich der
-ganze lebhafte Trupp der Erwachsenen und Kinder versammelt hatte,
-bemerkte, wie Wasjenka Wjeslowskij mit besonderer Zärtlichkeit und
-galanter Miene Kity die Hand küßte.
-
-»Aha, wir sind ja Cousins mit Eurer Frau und alte Bekannte,« sagte
-Wasjenka Wjeslowskiy, die Hand Lewins wiederholt außerordentlich stark
-drückend.
-
-»Nun, giebt es viel Wild hier?« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an
-Lewin, der kaum mit der Begrüßung eines jeden fertig wurde. »Ich und
-der da, wir haben die ernstesten Absichten. Nun =maman=, seit dem
-letzten Male nicht wieder in Moskau gewesen! Tanja, für dich habe ich
-Etwas! Hole dir's, im Wagen, hinten,« so sprach er nach allen Seiten.
-»Wie du dich erholt hast, Dollchen,« sagte er zu seiner Frau, ihr
-nochmals die Hand küssend, indem er dieselbe in der seinen hielt und
-sie von oben mit der andern sanft pätschelte.
-
-Lewin, eine Minute zuvor noch in der heitersten Stimmung gewesen,
-blickte jetzt finster auf alle; es gefiel ihm jetzt nichts mehr.
-
-»Wen mag er gestern mit diesen Lippen da geküßt haben?« dachte er, die
-Zärtlichkeit Stefan Arkadjewitschs für seine Gattin sehend. Er schaute
-Dolly an, und auch sie gefiel ihm nicht. »Sie glaubt doch nicht an
-seine Liebe. Weshalb ist sie denn so erfreut? -- Widerlich,« dachte
-Lewin.
-
-Er schaute auf die Fürstin, die einen Augenblick zuvor noch so
-liebenswürdig mit ihm gewesen war, und es gefiel ihm die Art und Weise
-nicht, mit welcher sie diesen Wasjenka mit seinen Bändern bewillkommte,
-als lüde sie ihn in ihr eigenes Haus.
-
-Selbst Sergey Iwanowitsch, der gleichfalls auf die Freitreppe
-herausgetreten war, erschien ihm unangenehm mit jener geheuchelten
-Freundlichkeit, mit der er Stefan Arkadjewitsch begegnete, obwohl doch
-Lewin wußte, daß sein Bruder Oblonskiy weder liebte noch achtete.
-
-Selbst Warenka -- selbst diese war ihm zuwider, dadurch, daß sie sich
-mit ihrem Ausdruck =sainte nitouche= mit diesem Herrn da bekannt
-gemacht hatte, obwohl sie doch nur daran dachte, wie sie wohl einen
-Mann bekommen könne. Am allerverhaßtesten aber war ihm Kity, da sie
-sich dem nämlichen Tone der Heiterkeit hingab, mit welchem dieser
-Herr, wie an einem Festtag, für sich und alle, seine Ankunft auf dem
-Dorfe betrachtete, und sie war ihm ganz besonders unangenehm durch das
-eigenartige Lächeln, mit welchem sie dem seinigen antwortete.
-
-In geräuschvoller Unterhaltung gingen alle in das Haus; man hatte sich
-aber kaum niedergelassen, als Lewin sich wandte und hinausging.
-
-Kity sah, daß in ihrem Manne etwas vor sich ging. Sie wollte eine
-Minute erhaschen, um mit ihm allein zu sprechen, er aber beeilte sich,
-vor ihr fortzukommen, indem er sagte, er müsse nach dem Comptoir.
-
-Seit langem waren ihm die Wirtschaftsangelegenheiten nicht so wichtig
-erschienen, als jetzt. »Sie haben hier immer Feiertag,« dachte er,
-»hier aber giebt es Arbeiten, die nicht müßiger Natur sind, welche
-nicht warten, und ohne die man nicht existieren kann.«
-
-
- 7.
-
-Lewin kehrte erst nach Hause zurück, als man ihn zum Abendessen hatte
-rufen lassen. Auf der Treppe stand Kity und Agathe Michailowna in der
-Beratung über die Weine für das Abendessen.
-
-»Aber wozu solchen Aufwand machen? Setzt doch vor, was es gewöhnlich
-giebt.«
-
-»Nein; Stefan trinkt nicht -- aber Konstantin, so warte doch, was ist
-denn mit dir?« rief Kity, ihm nacheilend; er aber ging unbarmherzig,
-ohne auf sie zu warten, mit großen Schritten nach dem Salon und mischte
-sich sofort in das allgemeine, lebhafte Gespräch, das hier Wasjenka
-Wjeslowskij und Stefan Arkadjewitsch unterhielten.
-
-»Nun, fahren wir morgen zur Jagd?« sagte Stefan Arkadjewitsch.
-
-»Bitte, fahren wir,« sagte Wjeslowskij, sich seitwärts auf einen
-anderen Stuhl setzend und das fette Bein unterschlagend.
-
-»Freut mich sehr, wir werden fahren. Habt Ihr schon gejagt dieses
-Jahr?« sagte Lewin zu Wjeslowskij, aufmerksam dessen Fuß betrachtend,
-aber mit erheuchelter Freundlichkeit, die Kity so gut an ihm kannte,
-und die ihm so wenig stand. »Ob wir Wachteln finden werden, weiß ich
-nicht, doch Bekassinen sind viel vorhanden; nur muß man zeitig fahren.
-Ihr seid doch nicht müde? Bist du nicht ermattet, Stefan?«
-
-»Ich ermattet? Ich bin noch nie matt gewesen. Wir wollen die ganze
-Nacht nicht schlafen! Fahren wir spazieren!«
-
-»In der That; wir wollen einmal nicht schlafen! Ausgezeichnet!« stimmte
-Wjeslowskij bei.
-
-»O, wir sind davon überzeugt, daß du nicht zu schlafen vermagst, und
-andere nicht schlafen lassen kannst,« sagte Dolly zu ihrem Gatten mit
-jener kaum bemerkbaren Ironie, mit welcher sie sich jetzt fast stets
-an ihn wandte. »Aber nach meiner Ansicht ist es jetzt schon Zeit -- ich
-will gehen, ich werde nicht zu Abend essen.« --
-
-»Nein, du bleibst sitzen, Dollchen,« rief Stefan Arkadjewitsch, auf
-ihre Seite am großen Tische hinübergehend, an welchem zu Abend gegessen
-wurde. »Ich habe dir noch soviel zu erzählen.«
-
-»In Wahrheit aber nichts.«
-
-»Weißt du, Wjeslowskij war bei Anna; und er wird wieder zu den beiden
-fahren. Sie sind freilich einige siebzig Werst weit von euch entfernt.
-Auch ich werde zweifellos einmal hinfahren. Wjeslowskij, komm doch
-hierher!«
-
-Wasjenka war zu den Damen gegangen, und hatte sich neben Kity
-niedergelassen.
-
-»Ach bitte erzählt uns doch, bitte, Ihr waret also bei ihr? Wie geht es
-ihr?« wandte sich Darja Aleksandrowna an ihn.
-
-Lewin war auf der anderen Seite des Tisches geblieben und sah, ohne in
-dem Gespräch mit der Fürstin und Warenka innezuhalten, daß zwischen
-Stefan Arkadjewitsch, Dolly, Kity und Wjeslowskij ein lebhaftes und
-geheimnisvolles Gespräch geführt wurde. Obwohl das Gespräch leise
-geführt wurde, gewahrte Lewin doch auf dem Gesicht seiner Frau den
-Ausdruck einer ernsten Empfindung, als sie unverwandt in das rote
-Gesicht Wasjenkas blickte, der lebhaft erzählte.
-
-»Es geht ihnen sehr gut,« berichtete Wasjenka von Wronskiy und Anna.
-
-»Ich natürlich möchte es nicht auf mich nehmen, zu urteilen, aber in
-ihrem Hause befindet man sich wie in der Familie.«
-
-»Was beabsichtigen sie denn zu thun?«
-
-»Wie es scheint, wollen sie für den Winter nach Moskau.«
-
-»Wie schön wäre es, wenn wir zusammen zu ihnen reisen könnten. Wann
-wirst du fahren?« frug Stefan Arkadjewitsch Wasjenka.
-
-»Ich werde den Juli bei ihnen zubringen.«
-
-»Und auch du wirst doch mitfahren?« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an
-seine Frau.
-
-»Ich habe schon lange hingewollt und werde sicher fahren,« sagte
-Dolly. »Sie thut mir leid, und ich kenne sie. Sie ist ein schönes
-Weib. Ich werde allein reisen, wenn du weggehst, und niemand dadurch
-belästigen. Es ist sogar besser, wenn du nicht da bist.«
-
-»Auch gut,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »und Kity?«
-
-»Ich? Weshalb sollte ich hinreisen?« antwortete Kity, in mächtige
-Aufregung geratend, und schaute nach ihrem Gatten.
-
-»Aber Ihr seid doch mit Anna Arkadjewna bekannt?« frug sie Wjeslowskij,
-»sie ist ein sehr anziehendes Weib.«
-
-»Ja,« antwortete sie Wjeslowskij, noch tiefer errötend, erhob sich, und
-ging zu ihrem Manne.
-
-»Du willst also morgen auf die Jagd fahren?« sagte sie.
-
-Seine Eifersucht in diesen wenigen Augenblicken war, besonders
-angesichts dieser Röte, die ihre Wangen bedeckte, als sie mit
-Wjeslowskij sprach, schon hoch gestiegen. Jetzt faßte er, indem er ihre
-Worte vernahm, diese nach seiner Weise auf. So seltsam es ihm auch
-erschien, wenn er späterhin hieran zurückdachte, jetzt schien es ihm
-klar zu sein, daß sie, wenn sie ihn frug, ob er auf die Jagd fahre, nur
-interessierte, zu erfahren, ob er Wasjenka Wjeslowskij das Vergnügen
-machen wolle, ihm, in den sie nach seiner Auffassung schon verliebt war.
-
-»Ja, ich werde fahren,« antwortete er mit unnatürlicher, ihm selbst
-abstoßend erscheinender Stimme.
-
-»Aber Ihr verbrächtet doch besser den Tag morgen hier; Dolly hat ja
-sonst ihren Mann gar nicht gesehen; übermorgen könntet Ihr fahren,«
-sagte Kity.
-
-Der Sinn dieser Worte Kitys war von Lewin bereits so gewandelt: »Trenne
-mich nicht von ihm. Daß du fährst, ist mir ganz gleichgültig, doch laß
-mich die Gesellschaft dieses reizenden jungen Mannes genießen.«
-
-»Ach, wenn du willst, so werden wir morgen zu Haus bleiben,« antwortete
-Lewin mit eigentümlicher Zuvorkommenheit.
-
-Wasjenka mittlerweile, der nicht im geringsten das Leid ahnte, welches
-seine Anwesenheit verursacht hatte, war mittlerweile nach Kity vom
-Tische aufgestanden und ihr, sie mit freundlichem lächelnden Blick
-verfolgend, nachgegangen.
-
-Lewin sah diesen Blick. Er erblich und vermochte eine Minute nicht,
-Atem zu schöpfen. »Wie kann man sich erlauben, so auf mein Weib zu
-schauen,« schäumte es in ihm.
-
-»Also morgen? Fahren wir also,« sagte Wasjenka, sich auf den
-Stuhl niederlassend und wiederum nach seiner Gewohnheit den Fuß
-unterschlagend.
-
-Die Eifersucht Lewins stieg noch höher. Er sah sich schon als
-betrogenen Gatten, den die Frau und ihr Liebhaber nur dazu brauchen,
-ihnen die Annehmlichkeiten des Lebens und Vergnügungen zu gewähren.
-Aber nichtsdestoweniger frug er Wasjenka liebenswürdig und
-gastfreundlich nach seinen Jagdzügen, seinem Gewehr, den Stiefeln und
-war einverstanden damit, morgen zu fahren.
-
-Zum Glück für Lewin kürzte die alte Fürstin seine Leiden dadurch, daß
-sie sich erhob und Kity anriet, schlafen zu gehen. Aber auch hierbei
-ging es nicht ohne einen neuen Schmerz für Lewin ab. Als sich Wasjenka
-von der Frau des Hauses verabschiedete, wollte er wiederum ihre Hand
-küssen, allein Kity sagte errötend, und mit einer naiven Herbheit,
-wegen der ihr später die alte Fürstin Vorwürfe machte, indem sie ihm
-ihre Hand entzog: »Das ist bei uns nicht üblich!«
-
-In den Augen Lewins war sie dadurch schuldig, daß sie solche
-Beziehungen überhaupt zugelassen hatte, und noch schuldiger, weil sie
-so ungeschickt bewiesen hatte, daß dieselben ihr nicht gefielen.
-
-»Was ist das für ein Vergnügen zu schlafen!« sprach Stefan
-Arkadjewitsch, nachdem er beim Abendessen einige Gläser Wein geleert
-hatte und in seine gemütliche und poetische Stimmung geraten war.
-»Sieh Kity,« sagte er, auf den hinter den Linden heraufsteigenden
-Mond weisend, »wie reizend! Wjeslowskij, das wäre etwas, wenn du eine
-Serenade singen willst. Weißt du, er hat nämlich eine großartige
-Stimme, wir haben zusammen unterwegs gesungen. Er hat schöne Romanzen
-mit, zwei neue; die könnte man mit Barbara Andrejewna singen!«
-
- * * * * *
-
-Als sich alles schon zurückgezogen hatte, ging Stefan Arkadjewitsch mit
-Wjeslowskij noch in der Allee spazieren, und man hörte ihre Stimmen in
-der neuen Romanze.
-
-Lewin saß, den Stimmen lauschend, finster in dem Lehnstuhl im
-Schlafgemach seiner Frau und schwieg hartnäckig auf deren Fragen, was
-er denn habe; doch als sie endlich selbst schüchtern lächelnd frug:
-»hat dir etwa irgend etwas mit Wjeslowskij nicht gefallen?« da brach
-es hervor aus ihm, und er sagte alles. Das, was er aber hervorbrachte,
-kränkte ihn, und erzürnte ihn nur so noch mehr.
-
-Er stand vor ihr mit furchtbar unter den finsterzusammengezogenen
-Brauen blitzenden Augen, und preßte die starken Hände auf die Brust,
-als biete er alle seine Kräfte auf, an sich zu halten. Der Ausdruck
-seines Gesichtes wäre rauh und selbst hart gewesen, wenn nicht zugleich
-auch der Schmerz sich darauf ausgeprägt hätte, was sie rührte. Seine
-Kinnbacken knirschten und seine Stimme brach ab.
-
-»Verstehe wohl, daß ich nicht etwa eifersüchtig bin; dies ist ein
-häßliches Wort! Ich kann nicht eifersüchtig sein und glauben, daß --
-ich kann nicht sagen, was ich fühle, doch dies ist furchtbar! Ich bin
-nicht eifersüchtig, aber beleidigt, erniedrigt, dadurch, daß jemand
-wagt, zu denken -- wagt, mit solchen Augen auf dich zu blicken!« -- --
-
-»Aber mit was für Augen?« sagte Kity, sich bemühend, so gewissenhaft
-als möglich sich alle ihre Reden und Bewegungen vom heutigen Abend,
-sowie alle Schattierungen derselben ins Gedächtnis zurückzurufen.
-
-Auf dem Grund ihrer Seele fand sie, daß in jener Minute, als er ihr
-nach dem andern Ende des Tisches gefolgt war, in der That etwas
-gelegen hatte, aber sie wagte dies nicht einmal auch nur sich selbst
-einzugestehen, und entschloß sich daher um so weniger, es ihm zu sagen
-und dadurch seinen Schmerz noch zu vergrößern.
-
-»Was soll nur Anziehendes sein an mir, wie ich jetzt bin« --
-
-»Ach!« rief er, sich an den Kopf greifend; »hättest du nicht so
-gesprochen -- das heißt also, wenn du anziehend gewesen wärest« --
-
-»Mein Konstantin, halt ein, höre doch!« -- sprach sie, ihn mit
-leidendem und mitleidvollem Ausdruck anblickend. »Was denkst du nur? Wo
-es für mich doch keinen Menschen giebt, keinen, keinen! Willst du, daß
-ich niemand hier sehen soll?«
-
-In der ersten Minute war seine Eifersucht beleidigend für sie gewesen;
-es war ihr verdrießlich gewesen, daß ihr auch die kleinste Zerstreuung,
-selbst die unschuldigste, untersagt wurde; jetzt aber hätte sie sich
-gern, nicht in solchen Kleinigkeiten, sondern in allem für seine Ruhe
-geopfert, um ihn von dem Schmerz zu befreien, den er litt.
-
-»Begreife doch nur das Entsetzliche und das Komische meiner Lage,«
-fuhr er in verzweifeltem Flüsterton fort, »daß er in meinem Hause
-ist, daß er nichts Unanständiges begangen hat, abgesehen von jener
-Ungezwungenheit und dem Übereinanderschlagen seiner Füße. Er hält dies
-für den besten Ton, und demzufolge muß ich noch mit ihm liebenswürdig
-sein!«
-
-»Aber, liebster Konstantin, du übertreibst ja,« sagte Kity, in der
-Tiefe ihres Herzens erfreut über die Kraft seiner Liebe zu ihr, die
-sich jetzt in seiner Eifersucht ausdrückte.
-
-»Am Entsetzlichsten von allem ist, daß du -- jetzt so wie du es stets
-gewesen, ein Heiligtum für mich -- daß wir so glücklich gewesen sind,
-so selten glücklich -- und plötzlich konnte dieser Wicht -- nicht
-Wicht; weshalb sollte ich ihn schimpfen? -- Ich habe mit ihm nichts zu
-schaffen! Aber weshalb soll mein Glück, dein Glück« -- --
-
-»Weißt du, ich begreife, woher dies alles gekommen ist,« begann Kity.
-
-»Woher? Woher?«
-
-»Ich habe gesehen, wie du blicktest, als wir beim Abendessen sprachen.«
-
-»Nun ja, nun ja!« sagte Lewin erschreckt.
-
-Sie erzählte ihm, wovon man gesprochen hatte, und als sie es erzählte,
-kam sie vor Erregung außer Atem. Lewin verstummte, betrachtete ihr
-bleiches, angstvolles Gesicht und griff sich plötzlich an den Kopf.
-
-»Katja, ich habe dich gemartert! Mein Täubchen, verzeihe mir! Dieser
-Wahnsinn! Katja, ich bin unendlich schuldig! Kann man nur durch solche
-Thorheit sich quälen!«
-
-»Nein, du nur thust mir leid.«
-
-»Ich? Ich? Was für ein Wahnwitziger ich bin! Weshalb thue ich dir leid?
-Es ist mir entsetzlich zu denken, daß jeder fremde Mensch unser Glück
-zerstören kann.«
-
-»Natürlich! das ist eben das Kränkende« --
-
-»Nein; so werde ich ihn mit Absicht den ganzen Sommer bei uns behalten
-und mich in Liebenswürdigkeiten gegen ihn überbieten,« sprach Lewin,
-ihr die Hand küssend. »Du wirst sehen. Morgen. Ja, es ist wahr, morgen
-wollen wir fahren.«
-
-
- 8.
-
-Am andern Tage hatten sich die Damen noch nicht erhoben, als die
-Jagdwagen schon vor der Einfahrt standen und Laska, der bereits am
-Morgen gemerkt hatte, daß es zur Jagd gehe, sich heulend und nachdem er
-sich satt getummelt hatte, in den einen der Wagen neben dem Kutscher
-setzte, welcher ärgerlich und mißlaunig über die Verspätung nach der
-Thür blickte, aus welcher die Jäger noch immer nicht herauskommen
-wollten.
-
-Zuerst erschien Wasjenka Wjeslowskij, in großen neuen Jagdstiefeln,
-welche bis zur Hälfte der dicken Schenkel gingen; in grüner Bluse,
-mit einer neuen, nach Juchten duftenden Patronentasche gegürtet und
-in seiner Bändermütze und dem neuen englischen Gewehr. Laska sprang
-ihm entgegen, begrüßte ihn, sprang an ihm empor und frug ihn auf seine
-Weise, ob bald noch die anderen herauskommen würden, kehrte aber dann,
-da er keine Antwort von ihm erhielt, auf seinen Warteposten zurück, um
-hier wieder still zu werden, den Kopf auf die Seite gewendet und das
-eine Ohr spitzend.
-
-Endlich öffnete sich kreischend die Thür, und heraus flog, sich
-wirbelnd und in der Luft drehend, Krak, der hellgescheckte Pointeur
-Stefan Arkadjewitschs, worauf dieser selbst heraustrat, die Flinte in
-den Händen und die Cigarre im Munde. Freundlich rief er seinem Hunde
-zu, der ihm die Pfoten auf Leib und Brust setzte und sich mit denselben
-in der Jagdtasche verwickelte.
-
-Stefan Arkadjewitsch war mit ledernen Schnürstücken mit untergelegten
-Strumpflappen an den Füßen, einem zerrissenen Beinkleid und einem
-kurzen Rock bekleidet. Auf dem Kopfe saß die Ruine eines Hutes, das
-Gewehr aber, nach modernstem System, war ein wahres Spielzeug und
-die Jagdtasche und Patrontasche, obwohl abgetragen, von vorzüglicher
-Qualität.
-
-Wasjenka Wjeslowskij hatte früher diese echte Jägerkoketterie
-nicht begriffen, in Lumpen zu gehen, und dabei ein Jagdgerät von
-vorzüglichster Güte zu führen. Er begriff sie aber jetzt, als er Stefan
-Arkadjewitsch mit diesen Lumpen, in all seiner eleganten, wohlgenährten
-und behaglich gestimmten Herrenerscheinung erblickte, und faßte den
-Entschluß, sich bei der nächsten Jagd unfehlbar ebenso zu equipieren.
-
-»Nun, und was macht unser Wirt?« frug er.
-
-»Ein junges Weib,« sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd.
-
-»Und noch dazu ein reizendes.«
-
-»Er war bereits angekleidet, aber wahrscheinlich ist er nochmals zu ihr
-gelaufen.«
-
-Stefan Arkadjewitsch hatte es erraten. Lewin war mehrmals zu seiner
-Gattin geeilt, um sie noch einmal zu fragen, ob sie ihm seine gestrige
-Dummheit vergeben habe, und dann, um sie zu bitten, doch um Christi
-willen vorsichtiger zu sein. Hauptsächlich -- sich vor den Kindern
-ferner zu halten -- sie konnten sie leicht einmal stoßen. Dann mußte er
-von ihr nochmals die Versicherung erhalten, daß sie ihm nicht gram sei
-darüber, daß er auf zwei Tage fortfuhr, und sie bitten, ihm unbedingt
-morgen früh, mit dem ersten Zug, ein Billet zu schicken, und ihm
-wenigstens zwei Worte zu schreiben, damit er nur wußte, daß sie sich
-wohl befinde.
-
-Kity war es wie stets schmerzlich, sich auf zwei Tage von ihrem
-Gatten trennen zu sollen; allein als sie seine lebhafte Erscheinung,
-die besonders groß und kraftvoll in den Jagdstiefeln und der weißen
-Bluse erschien, und einen gewissen, ihr unverständlichen Schimmer der
-Jagdfreude wahrgenommen hatte, vergaß sie, um ihm seine Freude zu
-lassen, ihren Schmerz, und verabschiedete sich heiter von ihm.
-
-»Entschuldigung, meine Herren!« sagte er, auf die Freitreppe
-herauskommend. »Hat man das Frühstück eingepackt? Warum ist der Fuchs
-rechts gespannt? Nun gleichviel! Laska -- leg' dich! -- Laß sie in die
-ledige Herde,« wandte er sich an den Viehwärter, der an der Treppe mit
-einer Frage über die Wallachen wartete.
-
-Lewin sprang vom Wagen, auf dem er sich schon setzen wollte, zu einem
-Zimmermann hin, der mit einem Ellenmaß zur Treppe gekommen war.
-
-»Gestern ist er nicht ins Comptoir gekommen und heute hält er mich nun
-ab. Was ist denn?«
-
-»Wir müssen noch drei Stufen hinzunehmen; dann paßt es; sie wird dann
-bequemer liegen.«
-
-»Hättest du mir gehorcht,« antwortete Lewin ärgerlich. »Ich habe
-gesagt, du sollst zuerst die Treppenlager, und die Stufen zuletzt
-machen! Jetzt kommst du nun nicht aus. Thu wie ich dir befohlen habe,
-und mache ein neues Lager.«
-
-Es handelte sich darum, daß in einem im Bau befindlichen Flügel der
-Zimmermann die Treppe verpfuscht hatte, indem er sie selbständig, ohne
-die Höhe zu berechnen, gefertigt hatte, sodaß nun alle Stufen schräg
-hingen, als man die Treppe an ihrem Platz aufstellte. Der Zimmermann
-wollte nun, die Treppe lassend wie sie war, nur noch drei Stufen
-hinzufügen.
-
-»Es wird so viel besser werden.«
-
-»Aber wohin willst du denn kommen mit den drei Stufen!«
-
-»Gestattet,« antwortete der Zimmermann mit geringschätzigem Lächeln;
-»da sie sich von unten erhebt,« er sprach dies mit überzeugender
-Gebärde, »muß es gehen, sie muß passen!«
-
-»Aber drei Stufen gehen doch noch in die Länge? Wohin soll sie denn da
-kommen?«
-
-»Da sie von unten auf geht, so muß sie passen,« beharrte der Zimmermann.
-
-»Bis unter die Decke und an die Wand kommt sie.«
-
-»Aber, mit Verlaub, sie kommt doch von unten, da wird sie passen.«
-
-Lewin ergriff seinen Ladestock und begann ihm im Staube die Treppe zu
-zeichnen.
-
-»Siehst du nun?«
-
-»Wie Ihr befehlt,« sagte der Zimmermann, plötzlich mit den Augen hell
-aufblickend und endlich offenbar die Sache begreifend. »Es ist klar, es
-muß eine neue Treppe gezimmert werden.«
-
-»Nun also, thue nun, wie dir geheißen ist,« rief Lewin und setzte sich
-wieder in den Wagen. »Fahr zu! -- Halt die Hunde, Philipp!«
-
-Lewin empfand jetzt, nachdem er alle Sorgen des Hauses und der
-Wirtschaft hinter sich gelassen hatte, ein so mächtiges Gefühl von
-Lebensfreude und Erwartung, daß er keine Lust verspürte, zu sprechen.
-Er hatte auch das Gefühl der konzentrierten Aufregung, welche jeder
-Jäger verspürt, wenn er sich seinem Revier nähert. Wenn ihn jetzt
-überhaupt etwas beschäftigte, so waren es nur die Fragen, ob man im
-Kolpenskischen Moor etwas finden werde, wie sich Laska im Vergleich zu
-Krak zeigen, und wie ihm selbst heute das Jagdglück lächeln würde.
-
-Daß man sich vor einem fremden Jäger keine Blöße gab; daß Oblonskiy ihn
-nicht überschießen möchte, auch dies kam ihm in den Kopf.
-
-Oblonskiy hatte ein ganz ähnliches Gefühl, und war gleichfalls
-wortkarg. Nur Wasjenka Wjeslowskij schwatzte lustig und unaufhörlich
-weiter.
-
-Als Lewin ihn jetzt hörte, fühlte er sich beschämt, wenn er daran
-dachte, wie ungerecht er gestern gegen ihn gewesen sei.
-
-Wasjenka war in der That ein vorzüglicher, naiver, gutmütiger
-und sehr heiterer Mensch. Wäre Lewin noch unverheiratet mit ihm
-zusammengekommen, so würde er sich ihm genähert haben. Nur war ihm ein
-wenig unangenehmer seine müßige Stellung zum Leben, und eine gewisse
-Ungezwungenheit bei aller Eleganz. Er schien sich gewissermaßen selbst
-eine hohe unzweifelhafte Bedeutung beizumessen, daß er lange Nägel
-und eine kleine Mütze trug und alles übrige dementsprechend, doch
-konnte man dies bei seiner Gutherzigkeit und Solidität entschuldigen.
-Er gefiel Lewin wegen seiner guten Erziehung, einer ausgezeichneten
-Aussprache des Französischen und Englischen, und dann deshalb, weil er
-ein Mensch seiner eignen Welt war.
-
-Wasjenka gefiel das donische Steppenpferd am linken Strang
-außerordentlich. Er war fortwährend exaltiert davon, »wie schön muß es
-sich auf einem Steppenpferd durch die Steppe jagen lassen! Ha? Nicht
-so?« sprach er. Er stellte sich in dem Ritt auf einem Steppenroß etwas
-wundersames poetisches vor, woraus sich zwar nichts ergab, aber seine
-Naivetät, besonders im Verein mit seiner Schönheit, seinem freundlichen
-Lächeln und der Grazie seiner Bewegungen war sehr anziehend. Kam es
-nun davon her, daß seine Natur Lewin sympathisch war, oder davon, daß
-Lewin sich bemühte, zur Sühne für seinen gestrigen Fehltritt alles an
-ihm gut zu finden, genug, Lewin fühlte sich angenehm von ihm berührt.
-
-Nachdem man drei Werst gefahren war, tastete Wjeslowskij plötzlich nach
-seinen Cigarren und der Brieftasche, und wußte nicht, ob er beides
-verloren oder auf dem Tische liegen gelassen hatte.
-
-In der Brieftasche waren dreihundertsiebzig Rubel, und daher durfte man
-sie nicht im Stich lassen.
-
-»Wißt Ihr was, Lewin, ich werde auf diesem donischen Beipferd nach
-Hause reiten. Das wäre ausgezeichnet. Nicht?« sagte er, schon bereit,
-aufzusitzen.
-
-»Nein; warum das?« antwortete Lewin, der schon berechnet hatte, daß
-Wasjenka nicht weniger als sechs Pud Gewicht haben müsse. »Ich werde
-den Kutscher schicken.«
-
-Der Kutscher ritt auf dem Beipferd ab, und Lewin lenkte nun selbst die
-beiden übrigen Pferde.
-
-
- 9.
-
-»Was haben wir denn für eine Marschroute? Erzähle doch gefälligst ein
-wenig,« sagte Stefan Arkadjewitsch.
-
-»Der Plan ist folgender: Jetzt werden wir bis Gwozdjowo fahren. In
-Gwozdjowo befindet sich diesseits eine Niederung mit Schnepfen,
-hinter Gwozdjowo aber ziehen sich wunderbare Bekassinensümpfe hin,
-und Schnepfen sind auch da. Es ist jetzt heiß; wir werden gegen Abend
--- es sind noch zwanzig Werst -- ankommen, ein Abendfeld nehmen, dann
-übernachten, und morgen schon in die großen Sümpfe gehen.«
-
-»Aber giebt es denn unterwegs nichts?«
-
-»O doch, aber wir würden uns da nur aufhalten und es ist heiß. Es giebt
-zwei ausgezeichnete Plätze, aber schwerlich wird es da etwas geben.«
-
-Lewin hatte selbst Lust, nach jenen Plätzen zu gehen, aber dieselben
-lagen seiner Wohnung zu nahe und er konnte sie stets erreichen; die
-Plätze waren auch klein -- drei konnten nicht auf ihnen schießen.
-Infolge dessen schlug er im Geiste einen Haken, und sagte, es dürfte
-kaum etwas dort zu finden sein. Als sie an dem kleinen Sumpfe
-angekommen waren, wollte Lewin vorüberfahren, doch der erfahrene
-Jägerblick Stefan Arkadjewitschs unterschied sogleich die vom Wege her
-sichtbare Feuchtigkeit.
-
-»Wollen wir nicht hinfahren?« sagte er, auf den Sumpf weisend.
-
-»Lewin bitte; wie reizend!« begann Wasjenka Wjeslowskij zu bitten, und
-Lewin mußte einwilligen.
-
-Sie hatten noch nicht Halt gemacht, als schon die Hunde, sich
-gegenseitig jagend, dem Sumpf zuflogen.
-
-»Krak! Laska!«
-
-Die Hunde kehrten zurück.
-
-»Zu Dreien wird es uns zu eng werden. Ich werde hier bleiben,« sagte
-Lewin, in der Hoffnung, daß sie nichts finden möchten als Kibitze, die
-sich vor den Hunden erhoben und sich im Fluge überschlagend, kläglich
-über dem Sumpfe schrieen.
-
-»Nein! -- Kommt! Wir wollen zusammen gehen, Lewin!« rief Wjeslowskij.
-
-»Richtig ist das; es wird zu eng! -- Laska, zurück; -- Laska! --
-Braucht Ihr dann nicht einmal einen anderen Hund?«
-
-Lewin blieb bei dem Wagen und schaute voll Mißgunst auf die Jäger.
-Diese durchwanderten den ganzen Sumpf, aber außer einer Henne und
-Kibitzen, von denen Wjeslowskij einen erlegte, war nichts darin.
-
-»Nun da seht Ihr, daß ich den Sumpf nicht bedauerte,« sagte Lewin,
-»wohl aber den Zeitverlust.«
-
-»Ach nein; es war immerhin ganz hübsch! Habt Ihr es gesehen?« sprach
-Wasjenka Wjeslowskij, unbehilflich auf den Wagen kletternd, die Flinte
-und den Kibitz in den Händen. »Wie ich den gut getroffen habe, nicht
-wahr? Nun, werden wir denn bald an den richtigen Ort kommen?«
-
-Plötzlich rissen die Pferde in das Geschirr, Lewin schlug mit dem
-Kopf an den Lauf eines der Gewehre, und ein Schuß ging los. Der Schuß
-an sich ertönte schon früher, aber es schien Lewin nur so. Wasjenka
-Wjeslowskij hatte, die Hähne in Ruhe setzend, den einen Drücker
-berührt, während er den andern Hahn gehalten hatte.
-
-Die Ladung ging in die Luft, ohne jemand Schaden zuzufügen. Stefan
-Arkadjewitsch schüttelte den Kopf und lächelte Wjeslowskij
-vorwurfsvoll zu, Lewin aber war nicht in der Stimmung, ihm einen
-Vorwurf zu machen; erstens wäre jeder Vorwurf nur durch die
-vorübergegangene Gefahr und die Beule, welche auf der Stirn Lewins
-auftrat, hervorgerufen erschienen, zweitens aber war Wjeslowskij
-anfangs so naiv ärgerlich, und fing dann so gutmütig und ansteckend an
-über die allgemeine Aufregung zu lachen, daß es unmöglich war, nicht
-mit zu lachen.
-
-Als sie an den zweiten Sumpf gelangten, welcher ziemlich groß war, und
-daher viel Zeit in Anspruch nehmen mußte, suchte Lewin dahin zu wirken,
-daß man nicht hineinging. Doch Wjeslowskij besiegte ihn wieder durch
-sein Bitten, und wiederum blieb Lewin, als gastfreundlicher Wirt, bei
-dem Wagen zurück.
-
-Sogleich bei der Ankunft witterte Krak nach den Maulwurfshügeln.
-Wasjenka Wjeslowskij lief als der Erste hinter dem Hunde her und
-Stefan Arkadjewitsch war noch nicht herangekommen, als schon ein Vogel
-aufging. Wjeslowskij schoß fehl und der Vogel ließ sich in einer
-ungemähten Wiese wieder nieder. Wjeslowskij aber war diese Beute
-bestimmt. Krak fand sie wieder auf, stellte sie und er schoß sie und
-kehrte dann zu dem Wagen zurück.
-
-»Jetzt geht Ihr, und ich will bei den Pferden bleiben,« sprach er.
-
-Lewin begann der Jagdneid zu ergreifen. Er übergab Wjeslowskij die
-Zügel und begab sich in den Sumpf.
-
-Laska, der schon lange kläglich gewinselt und sich über die
-Ungerechtigkeit beklagt hatte, eilte vorauf direkt nach einem
-verheißungsvollen, Lewin bekannten Gebiet, in welches Krak noch nicht
-gekommen war.
-
-»Weshalb hältst du ihn denn nicht zurück?« rief Stefan Arkadjewitsch.
-
-»Er wird dich nicht schrecken,« antwortete Lewin, voll Freude über
-seinen Hund, und ihm eilig folgend.
-
-Auf der Suche Laskas wuchs, je näher dieser den bekannten Hügeln
-kam, mehr und mehr der Ernst der Situation. Ein kleiner Sumpfvogel
-zerstreute diesen nur auf einen Augenblick. Er beschrieb einen Kreis
-vor den Hügeln, begann einen zweiten, erschrak dann plötzlich und
-verschwand.
-
-»Geh, geh Stefan!« rief Lewin, welcher fühlte, wie ihm das Herz höher
-zu schlagen begann, und wie plötzlich, gleich als ob sich ein Riegel in
-seiner seelischen Spannung zurückbewege, alle Geräusche, den Maßstab
-ihrer Entfernung verlierend, ihn ungeregelt, aber scharf zu treffen
-begannen. Er vernahm die Schritte Stefan Arkadjewitschs, sie für das
-ferne Stampfen der Pferde haltend, er vernahm das spröde Geräusch
-der mit den Wurzeln sich loslösenden Ecke eines Maulwurfhaufens, auf
-welchen er getreten war, indem er dasselbe für den Flug eines Vogels
-hielt. Er vernahm auch im Rücken in nicht großer Entfernung ein
-Klatschen auf dem Wasser, von welchem er sich nicht Rechenschaft zu
-geben vermochte.
-
-Indem er sich einen Standort für die Füße suchte, bewegte er sich auf
-seinen Hund zu.
-
-Eine Bekassine machte sich vor dem Hunde auf. Lewin legte das Gewehr
-an, aber in dem Augenblicke, als er zielte, verstärkte sich jenes
-Geräusch von Klatschen auf dem Wasser; es kam näher, und mit ihm
-vereinigte sich die Stimme Wjeslowskijs, der in sonderbarer Weise laut
-rief.
-
-Lewin sah, daß er mit der Flinte die Bekassine von hinten treffen
-werde, schoß aber gleichwohl.
-
-Überzeugt, daß er einen Fehlschuß gethan, blickte er um sich und
-gewahrte, daß die Pferde mit dem einen Jagdwagen gar nicht mehr auf dem
-Wege, sondern im Sumpfe waren.
-
-Wjeslowskij, welcher das Schießen hatte sehen wollen, war in den Sumpf
-gefahren und hatte die Pferde in eine Untiefe geführt.
-
-»Hol' ihn der Teufel,« sagte Lewin zu sich selbst, zu der
-feststeckenden Equipage zurückkehrend. »Weshalb seid Ihr denn
-fortgefahren,« sagte er mit dürren Worten zu ihm, und machte sich,
-nachdem er den Kutscher herbeigerufen hatte, daran die Pferde
-loszubringen.
-
-Lewin war verdrießlich geworden, daß man ihn im Schießen gestört und
-die Pferde in den Sumpf geführt hatte, hauptsächlich aber auch, daß
-bei dem Ausspannen der Pferde, was erforderlich war um sie wieder
-freizumachen, weder Stefan Arkadjewitsch, noch Wjeslowskij ihm und
-dem Kutscher Hilfe leisteten, weil weder dieser noch jener auch nur
-den geringsten Begriff davon hatte, worin eigentlich das Anschirren
-bestehe. Ohne Wjeslowskij ein Wort auf dessen Versicherung, es sei
-hier ganz trocken, zu antworten, arbeitete Lewin schweigend mit dem
-Kutscher daran, die Pferde zu befreien.
-
-Als er indessen bei der Arbeit warm geworden war und sah, wie beflissen
-und eifrig Wjeslowskij den Wagen an der Deichselstange zog, sodaß er
-diese sogar abbrach, machte er sich selbst Vorwürfe darüber, daß er
-unter dem Einfluß der gestrigen Empfindung allzu kalt gegen Wjeslowskij
-gewesen war, und bemühte sich mit besonderer Liebenswürdigkeit seine
-Barschheit wieder gutzumachen.
-
-Nachdem alles wieder in Ordnung gebracht war, und die Wagen sich wieder
-auf dem Wege befanden, ließ Lewin das Frühstück bringen.
-
-»=Bon appétit -- bonne conscience! Ce poulet va tomber jusqu'au fond
-de mes bottes=,« sagte Wjeslowskij, wieder lustig geworden, mit einem
-französischen Sprichwort, ein zweites Hühnchen verspeisend. »Jetzt sind
-unsere Leiden zu Ende und alles wird nun glücklich gehen. Nur will ich
-wegen meines Vergehens dazu gezwungen sein, auf dem Bocke zu sitzen.
-Ist es nicht recht so? Nein, ich bin Automedon! Paßt auf, wie ich Euch
-fahren werde!« versetzte er, ohne die Zügel loszugeben, als ihn Lewin
-bat, den Kutscher fahren zu lassen. »Nein; ich muß mein Vergehen wieder
-gut machen, und befinde mich ganz wohl auf dem Bocke,« und er fuhr.
-
-Lewin fürchtete ein wenig, er möchte die Pferde malträtieren, besonders
-das Handpferd, einen Fuchs, den er nicht zu lenken verstand; doch
-unwillkürlich fügte er sich seiner Heiterkeit, lauschte er den
-Romanzen, welche Wjeslowskij, auf dem Bocke sitzend, den ganzen Weg
-entlang sang, oder seinen Erzählungen und Vorführungen, wie man auf
-englische Manier =four in hand= fahre -- und alle fuhren nach dem
-Frühstück in der heitersten Stimmung nach dem Sumpfe von Gwozdjowo.
-
-
- 10.
-
-Wasjenka trieb die Pferde so schnell, daß sie zu früh bei dem Sumpfe
-ankamen, und es noch immer heiß war.
-
-Als sie bei der Niederung angelangt waren, dem Hauptziele der Fahrt,
-dachte Lewin unwillkürlich, wie er Wasjenka los werden und ohne eine
-Störung jagen könnte. Stefan Arkadjewitsch wünschte augenscheinlich
-das Nämliche, und auf seinem Gesicht sah Lewin den Ausdruck einer
-Besorgnis, welche bei dem echten Jäger stets vor Beginn der Jagd
-da zu sein pflegt, sowie den einer gewissen ihm eigenen gutmütigen
-Verschlagenheit.
-
-»Wie wollen wir fahren? Der Sumpf ist ausgezeichnet, ich sehe es; auch
-Habichte sind da,« sagte Stefan Arkadjewitsch auf zwei über dem Ried
-kreisende, große Vögel weisend. »Wo Habichte sind, ist sicher auch
-Wild.«
-
-»Nun, seht ihr Herren,« sagte Lewin, mit etwas mürrischem Ausdruck
-seine Stiefel hochziehend und die Pistons auf dem Gewehr nachsehend;
-»seht ihr diesen Ried?« Er wies auf eine kleine, dunkel in Schwarzgrün
-schimmernde Insel, in einem weiten, sich auf dem rechten Ufer des
-Flusses ausdehnenden, bis zur Hälfte gemähten nassen Wiesengrund.
-»Der Sumpf beginnt hier, gerade vor uns, seht ihr -- wo das Grün ist.
-Von da geht er rechts, wo die Pferde sind; -- hier befinden sich
-auch Maulwurfshaufen und Bekassinen -- dann rund um diese Wiese bis
-zu jenem Erlenwald und dicht bis zu der Mühle, dort wo man die Bucht
-sieht. Das ist ein ausgezeichneter Platz; ich habe einmal siebzehn
-Bekassinen hier geschossen; wir wollen uns nun mit den beiden Hunden
-nach den verschiedenen Seiten trennen, und dort bei der Mühle wieder
-zusammenkommen.«
-
-»Aber wer geht rechts; wer links?« frug Stefan Arkadjewitsch. »Rechts
-ist es weiter; geht dort zu Zweien, ich will links gehen,« sagte er, so
-harmlos, wie er nur konnte.
-
-»Schön; wir wollen ihn überschießen; also gehen wir, gehen wir,«
-drängte Wasjenka.
-
-Lewin konnte damit nur einverstanden sein, und so trennten sie sich.
-Kaum waren sie in den Sumpf gelangt, als beide Hunde gleichzeitig zu
-suchen begannen und nach dem Schlamme witterten. Lewin kannte dieses
-Suchen Laskas, vorsichtig und zurückhaltend; er kannte auch den Platz,
-und erwartete den Schwarm der Schnepfen.
-
-»Wjeslowskij, geht nebenher, nebenher!« sagte er mit leiser
-Stimme, zu dem im Wasser hinterher plätschernden Gefährten, dessen
-Gewehrlaufrichtung Lewin nach dem unvorhergesehenen Schuß am
-Kolpenskischen Sumpfe unwillkürlich interessierte.
-
-»Ach nein, ich will Euch nicht im Wege sein, denkt nur nicht an mich!«
-
-Lewin dachte aber unwillkürlich an ihn, und rief sich die Worte Kitys
-ins Gedächtnis, mit denen diese ihn von sich gelassen: »Paßt auf, und
-schießt einander nicht!« -- Näher und näher kamen die Hunde, einer am
-anderen vorüber und jeder seine Spur verfolgend; die Erwartung war so
-mächtig, daß Lewin das Schmatzen seines aus dem Schlamme emporgehobenen
-Stiefelabsatzes als Schrei einer Schnepfe erschien, sodaß er den Kolben
-des Gewehres packte und preßte.
-
-»Puff, puff,« klang es ihm in die Ohren. Wasjenka hatte in eine Schar
-Enten geschossen, welche über dem Sumpfe schwebten und jetzt bei weitem
-noch nicht für Jäger in Schußweite gekommen waren. Lewin hatte sich
-kaum umgeschaut, als eine Schnepfe schmatzte; eine zweite, eine dritte
--- noch acht dazu erhoben sich -- eine nach der anderen.
-
-Stefan Arkadjewitsch erlegte eine gerade im Augenblick, als sie ihre
-Zickzacklinien zu beschreiben begann, und die Schnepfe fiel wie ein
-Klumpen in den Moorgrund. Oblonskiy legte hastig auf eine zweite an,
-die noch niedrig flog, und auch diese fiel, zugleich mit dem Fall des
-Schusses, und es war deutlich zu erkennen, wie sie von dem gemähten
-Grunde aufsprang, mit dem heilgebliebenen weißen Flügel schlagend.
-
-Lewin war nicht so glücklich; er hatte auf die erste Schnepfe zu nahe
-geschossen und gefehlt; er hatte auf sie angelegt, indem sie sich noch
-erhob, aber zur gleichen Zeit flog noch eine weitere dicht vor seinen
-Füßen auf, lenkte ihn ab, und er that einen zweiten Fehlschuß.
-
-Während sie die Gewehre wieder luden, erhob sich eine weitere Bekassine
-und Wjeslowskij, der soeben zum zweitenmale geladen hatte, sandte
-ihr über das Wasser noch zwei Ladungen feinen Schrot nach. Stefan
-Arkadjewitsch sammelte seine Schnepfen und schaute mit glänzenden Augen
-auf Lewin.
-
-»Nun, jetzt wollen wir uns trennen,« sprach er, und schritt, auf dem
-linken Fuße hinkend, die Flinte in Bereitschaft haltend und dem Hunde
-pfeifend, nach der einen Seite.
-
-Lewin mit Wjeslowskij gingen nach der anderen.
-
-Lewin ging es stets so, daß er, wenn die ersten Schüsse unglücklich
-waren, in Wallung geriet, ärgerlich wurde und den ganzen Tag schlecht
-schoß. So war es auch jetzt.
-
-Bekassinen zeigten sich eine Menge; dicht vor den Hunden, vor den Füßen
-der Jäger gingen sie unaufhörlich auf, und Lewin hätte sein Mißgeschick
-wieder gut machen können, aber je mehr er schoß, umsomehr blamierte er
-sich vor Wjeslowskij, der wohlgemut darauf losplatzte, ohne etwas zu
-erlegen, dadurch aber nicht im geringsten aus der Fassung kam.
-
-Lewin geriet in Unruhe, und mehr und mehr in Hitze, so daß er beim
-Schießen schon fast nicht mehr hoffte, noch etwas zu erlegen. Auch
-Laska schien dies zu verstehen; er begann, träger zu suchen, und
-schaute wie zweifelnd und vorwurfsvoll auf die Jäger. Schuß auf Schuß
-fiel. Pulverdampf lagerte sich um die Jäger, aber in dem großen Netze
-der Jagdtasche befanden sich nur drei leichte kleine Bekassinen, von
-denen eine noch durch Wjeslowskij, eine von beiden gemeinsam erlegt
-war. Währenddem vernahm man auf der andern Seite des Sumpfes zwar nicht
-häufige, wohl aber, wie Lewin schien, bedeutungsvolle Schüsse von
-Stefan Arkadjewitsch, bei denen fast nach einem jeden ein: »Krak, Krak,
-apport!« hörbar wurde.
-
-Dies regte Lewin noch mehr auf; die Bekassinen kreisten ohne
-Aufhören in der Luft über der Niederung. Ihr Schmatzen am Boden und
-das Schnarren in der Höhe war ohne Unterbrechung von allen Seiten
-vernehmbar; die vorher aufgestiegenen, und in der Luft kreisenden Vögel
-ließen sich vor den Jägern nieder und anstatt zweier Habichte schwebten
-jetzt deren zehn pfeifend über dem Sumpfe.
-
-Nachdem sie die größere Hälfte des Sumpfes durchschritten hatten,
-gelangten Lewin und Wjeslowskij zu einer Stelle, auf welcher mit langen
-Streifen eine Bauernwiese abgeteilt war, durch eingetretene Streifen,
-und durch einen gemähten Schwaden angemerkt. Die Hälfte dieser Wiese
-war schon gemäht.
-
-Obwohl nun wenig Hoffnung war, auf dem nichtgemähten Teil ebensoviel
-zu finden, wie auf dem gemähten, so hatte Lewin Stefan Arkadjewitsch
-doch einmal versprochen, mit diesem wieder zusammentreffen zu wollen,
-und schritt er daher mit seinem Gefährten weiter durch die gemähten und
-ungemähten Streifen hindurch.
-
-»He da, ihr Jäger!« -- rief ihnen aus einem Trupp Bauern, welche bei
-einem ausgespannten Wagen saßen, einer zu, »kommt her, eßt mit uns
-Mittag! Hier giebt es auch Branntwein zu trinken!« --
-
-Lewin schaute sich um.
-
-»Komm nur her!« rief ein heiterer bärtiger Landmann mit rotem Gesicht,
-die weißen Zähne lächelnd zeigend, und die grünliche, in der Sonne
-blitzende Flasche hochhaltend.
-
-»=Qu'est ce qu'ils disent=?« frug Wjeslowskij.
-
-»Sie laden uns ein zum Branntweintrinken. Wahrscheinlich haben sie die
-Wiesen geteilt. Ich möchte schon einmal trinken,« sagte Lewin nicht
-ohne Hintergedanken, in der Hoffnung, Wjeslowskij möchte sich vom
-Branntwein verführen lassen und mit zu ihnen hingehen.
-
-»Weshalb laden sie uns ein?« --
-
-»Nun; sie sind guter Laune. Geht doch einmal hin zu ihnen. Es wird Euch
-interessieren.«
-
-»=Allons, c'est curieux=.«
-
-»Geht, geht, Ihr werdet den Weg zur Mühle schon finden!« rief Lewin,
-schaute sich um, und bemerkte mit Vergnügen, daß Wjeslowskij, stolpernd
-und mit müden Beinen, das Gewehr in dem gestreckten Arm haltend, sich
-aus dem Ried zu den Bauern herausarbeitete.
-
-»Komm du doch auch!« rief der Bauer Lewin zu. »Alle Wetter, es giebt
-Pasteten zu essen!«
-
-Lewin gelüstete es stark, einmal Branntwein zu trinken, und ein Stück
-Brot zu essen. Er war müde geworden und fühlte, daß er nur noch mit
-Mühe die einsinkenden Füße aus dem Morast zog; und einen Moment
-schwankte er. Doch sein Hund hatte gestellt, und sofort war alle
-Müdigkeit verschwunden; leicht schritt er über das Moor hin seinem
-Hunde zu. Unter seinen Füßen flog eine Bekassine auf, er feuerte und
-erlegte sie -- der Hund stand noch immer. »Los!« vor dem Hunde erhob
-sich eine zweite. Lewin schoß; allein der Tag war nicht glücklich; er
-fehlte, und als er die erlegte Schnepfe suchen wollte, fand er sie
-nicht einmal. Er suchte den ganzen Ried ab, aber Laska wollte nicht
-glauben, daß er eine Schnepfe erlegt habe, und als Lewin ihm befahl, zu
-suchen, that er, als ob er suche, suchte aber nicht.
-
-Auch ohne Wasjenka, welchem Lewin sein Unglück beimaß, wurde also die
-Sache nicht besser. Bekassinen waren auch hier viel, aber Lewin that
-Fehlschuß auf Fehlschuß.
-
-Die schrägfallenden Strahlen der Sonne waren noch heiß, die Kleider,
-von Schweiß durch und durch naß, klebten ihm am Leibe, der linke
-Stiefel, voller Wasser, war schwer und schmatzte; über das vom
-Pulverschmand besudelte Gesicht rann der Schweiß in Tropfen, im Munde
-machte sich ein bitterer Geschmack fühlbar, in der Nase Pulvergeruch
-und Schlammduft, und in den Ohren klang das unausgesetzte Schnarren
-der Schnepfen; die Flintenläufe durfte er nicht anrühren, so erhitzt
-waren sie, das Herz pochte ihm schnell und kurz, die Hände zitterten
-vor Erregung und die mattgewordenen Beine stolperten und blieben in den
-Maulwurfhaufen und im Morast stecken; aber er ging weiter und schoß.
-Endlich, nachdem er wiederum einen schmählichen Fehlschuß gethan, warf
-er das Gewehr und die Mütze zu Boden.
-
-»Nein; erst muß ich zur Besinnung kommen!« sagte er zu sich selbst.
-Flinte und Mütze wieder aufhebend, rief er Laska zu seinen Füßen,
-und verließ den Ried. Als er auf das Trockene gekommen war, setzte
-er sich auf einen Erdhaufen, zog sich aus, goß die Stiefel aus, ging
-dann zum Sumpfe zurück und trank Etwas von dem Wasser mit schlammigem
-Beigeschmack, feuchtete die glühenden Läufe an und wusch sich Gesicht
-und Hände. Nachdem er sich so erfrischt hatte, begab er sich wieder
-nach dem Platze, auf dem sich eine Bekassine niedergesetzt hatte, mit
-dem festen Vorsatz, nicht in Aufregung zu geraten.
-
-Er wollte ruhig sein, aber es blieb beim Alten. Sein Finger berührte
-den Drücker früher, als er den Vogel aufs Korn genommen hatte; es ging
-schlechter und schlechter.
-
-Er hatte nur fünf Stück in seiner Jagdtasche, als er aus dem Ried
-heraus zu dem Erlenwalde kam, wo er mit Stefan Arkadjewitsch
-zusammentreffen sollte.
-
-Bevor er diesen jedoch selbst erblickte, gewahrte er seinen Hund.
-Hinter der Wurzel einer Erle hervor sprang Krak, ganz schwarz von
-übelriechendem Moorschlamm, und beschnüffelte Laska mit dem Ausdruck
-des Siegers. Hinter Krak erschien im Schatten der Erlen nun auch die
-stattliche Gestalt Stefan Arkadjewitschs, der ihm, rot aussehend,
-schweißbedeckt mit aufgeknöpftem Kragen, noch immer hinkend,
-entgegenkam.
-
-»Nun, wie steht es? Ihr habt viel geschossen!« sagte er heiter lächelnd.
-
-»Und du?« frug Lewin. Das Fragen war indes nicht nötig, weil er schon
-die gefüllte Jagdtasche erblickt hatte.
-
-»O, nichts von Bedeutung.«
-
-Er hatte vierzehn Stück.
-
-»Ein famoser Sumpf! Dich, scheint es, hat Wjeslowskij gestört. Zwei mit
-einem Hunde, das ist allerdings unbequem,« sagte Stefan Arkadjewitsch,
-seine Siegesfreude bezwingend.
-
-
- 11.
-
-Als Lewin und Stefan Arkadjewitsch in der Hütte des Bauern ankamen,
-bei welchem Ersterer stets rastete, war Wjeslowskij bereits da.
-Er saß mitten in der Hütte, sich mit beiden Händen an einer Bank
-anhaltend, vor welcher ihn ein Soldat, der Bruder der Bauersfrau, an
-den schlammbedeckten Stiefeln herunterzerrte, und lachte mit seinem
-ansteckend lustigen Lachen.
-
-»Ich bin soeben angekommen. =Ils ont été charmants=. Stellt Euch
-vor, sie haben mich getränkt und gefüttert! Welch ein Brot, das
-war wunderbar! =Delicieux=! Und ein Branntwein! Ich habe noch nie
-schmackhafteren getrunken! Und sie wollten um keinen Preis Geld nehmen!
-Sie sagten nur immer »=Nje obsudisj=!« --
-
-»Warum sollten sie Geld nehmen? Haben sie denn den Branntwein zum
-Verkauf?« sagte der Soldat, der endlich den durchnäßten Stiefel mit dem
-schwarzgewordenen Strumpfe heruntergezogen hatte.
-
-Trotz der Unsauberkeit der Hütte, welche von den Stiefeln der Jäger und
-den schmutzigen, sich leckenden Hunden noch erhöht wurde, trotz des
-Geruches nach Schlamm und Pulver, von welchem dieselbe erfüllt war,
-und des Fehlens von Messern und Gabeln, tranken die Jäger ihren Thee,
-nahmen sie ihre Abendmahlzeit mit solchem Appetit, wie man eben nur auf
-der Jagd ißt. Nachdem sie sich gewaschen und gereinigt hatten, gingen
-sie nach dem sauber gefegten Heuschuppen, wo die Kutscher den Herren
-ein Lager zurecht gemacht hatten.
-
-Doch obwohl es bereits dunkelte, hatte keiner der Jäger Lust, zu
-schlafen.
-
-Hin- und herschweifend zwischen den Erinnerungen und Erzählungen über
-das Schießen, die Hunde und frühere Jagden -- war die Unterhaltung
-auf das alle interessierende Thema gekommen. Angesichts der bereits
-mehrmals wiederholten Äußerungen des Entzückens Wasjenkas über den
-Reiz dieses Nachtlagers, den Duft des Heues, das Anziehende eines
-zerbrochenen Wagens -- der Wagen schien ihm zerbrochen, weil er von den
-Vorderrädern genommen worden war -- über die Gutmütigkeit der Bauern,
-die ihn mit Branntwein gefüttert hatten, über die Hunde, die beide zu
-Füßen ihrer Herren lagen, berichtete Oblonskiy über die Reize einer
-Jagd bei Maltus, wo er im vergangenen Jahre gewesen war.
-
-Maltus war ein bekannter Eisenbahnkrösus. Stefan Arkadjewitsch
-erzählte, was für Jagdgründe dieser Maltus im Gouvernement von Twer
-aufgekauft habe, und wie dieselben gepflegt würden, und weiter, was für
-Equipagen die Jäger geführt hätten und was für ein Zelt zum Frühstück
-an der Jagdniederung aufgestellt worden sei.
-
-»Ich begreife dich nicht,« sagte Lewin, sich auf seinem Heulager
-aufrichtend, »daß dir diese Leute nicht widerlich sind? Ich begreife,
-daß ein Frühstück mit Lafitte sehr angenehm ist, aber sollte dir
-gerade dieser Luxus nicht zuwider sein? Alle diese Leute, unsere
-einstigen Spekulanten, gewinnen ihr Geld so, daß sie mit ihrem Gewinste
-nur die Verachtung der Menschen verdienen; aber sie verachten diese
-Geringschätzung, und kaufen sich mit dem ehrlos Erworbenen von ihrer
-früheren Verachtung los.«
-
-»Vollkommen richtig!« bemerkte Wasjenka Wjeslowskij, »vollkommen;
-natürlich thut dies Oblonskiy nur aus Bonhomie, wie die anderen sagen;
-Oblonskiy fährt nicht zu ihnen« --
-
-»Keineswegs,« -- Lewin fühlte, wie Oblonskiy lächelte, als er dies
-sprach, »ich halte ihn einfach nicht für unehrlicher, als sonst einen
-der reichen Kaufleute und Adligen. Sowohl diese, wie jene sind reich
-geworden durch ihre Arbeit und ihre Intelligenz.«
-
-»Ja, aber durch was für Arbeit? Ist das etwa Arbeit, daß sie
-Konzessionen erbeuten und diese weiter verkaufen?«
-
-»Natürlich eine Arbeit. Eine Arbeit in dem Sinne, daß wenn es diese
-Leute oder ihnen ähnliche nicht gäbe, auch keine Eisenbahnen da wären.«
-
-»Aber diese Arbeit ist doch nicht eine solche, wie die eines Bauern,
-oder des Gelehrten.«
-
-»Nehmen wir so an; aber es ist eine Arbeit in dem Sinne, daß diese
-Thätigkeit ein Resultat ergiebt -- die Eisenbahnen! Du freilich findest
-wohl, daß die Eisenbahnen ohne Nutzen sind.«
-
-»Nein; das ist eine andere Frage; ich bin bereit anzuerkennen daß sie
-nützlich sind, aber jeder Erwerb, welcher der für ihn aufgewandten Mühe
-nicht entspricht, ist ehrlos.«
-
-»Wer bestimmt aber dieses Verhältnis?«
-
-»Erwerb auf unehrlichem Wege, durch Anwendung von List,« sagte Lewin,
-im Gefühl, daß er die Grenze zwischen ehrlich und unehrlich nicht
-klar zu bestimmen wußte, »ebenso wie der Erwerb der Bankbureaus,«
-fuhr er fort, »sind von Übel; sie bestehen in der mühelosen Erwerbung
-ungeheurer Summen, wie dies der Fall war bei den Aufkäufen; nur die
-Form hat sich verändert. =Le roi est mort, vive le roi=! Kaum hatte
-man die Bodenspekulation vernichtet, da erschienen die Eisenbahnen und
-Banken; gleichfalls ein Erwerbsbetrieb ohne Müheaufwand.«
-
-»Ja, das kann alles recht wahr und scharfsinnig sein -- leg' dich Krak«
--- rief Stefan Arkadjewitsch seinem Hunde zu, der sich kratzte und das
-Heu durchwühlte -- augenscheinlich von der Richtigkeit seiner Meinung
-überzeugt und daher ruhig und ohne Übereilung.
-
-»Aber du unterscheidest nicht die Grenzen zwischen ehrlicher und
-unehrlicher Arbeit. Daß ich an Gehalt mehr bekomme, als mein
-Kanzleivorsteher, obwohl der die Sache besser versteht als ich, ist das
-ehrlos?«
-
-»Ich weiß nicht.«
-
-»Nun, so will ich dir sagen: Daß du für deinen Müheaufwand in der
-Landwirtschaft, sagen wir, fünftausend Rubel einnimmst, während unser
-Wirt hier, der Bauer, so viel er auch arbeiten mag, nicht mehr als
-fünfhundert hat, ist ganz ebenso ehrlos, wie, daß ich mehr als mein
-Kanzleivorsteher erhalte, und daß Maltus mehr als ein Eisenbahnmeister
-einnimmt. Im Gegenteil, ich erblicke ein gewisses, durch nichts
-begründetes, feindseliges Verhalten der Gesellschaft diesen Leuten
-gegenüber, und es scheint mir, daß hier der Neid« --
-
-»Nein; das wäre ungerecht,« sagte Wjeslowskij, »Neid kann es hier nicht
-geben, aber etwas Unsauberes liegt in diesem Geschäft.«
-
-»Gestatte;« fuhr Lewin fort. »Du sagst, es sei ungerecht, daß ich
-fünftausend Rubel habe, und der Bauer fünfhundert; das ist wahr. Es ist
-ungerecht, und ich fühle es, doch« --
-
-»Es ist so in der That. Weshalb essen wir, trinken wir, jagen wir,
-faulenzen wir, während er ewig, ewig bei der Arbeit ist?« sagte
-Wasjenka Wjeslowskij, augenscheinlich zum erstenmal im Leben klar
-hierüber nachdenkend, und infolge dessen auch vollständig aufrichtig.
-
-»Ja; du fühlst es wohl, würdest ihm aber dein Vermögen doch nicht
-geben,« sagte Stefan Arkadjewitsch, gleichsam mit Absicht Lewin
-zusetzend.
-
-In letzter Zeit war zwischen den beiden Schwagern eine Art von
-verborgenem, feindseligem Verhältnis eingetreten; seit der Zeit, seit
-welcher sie mit den Schwestern verheiratet waren, hatte sich zwischen
-ihnen gleichsam ein Rivalentum darin entwickelt, wer sein Leben besser
-fundiert hätte, und jetzt kam diese Gegnerschaft in einem Gespräch zum
-Ausdruck, welches einen persönlichen Charakter anzunehmen begann.
-
-»Ich werde es ihm deshalb nicht geben, weil es niemand von mir fordert,
-und wenn ich selbst wollte, würde ich es nicht können,« versetzte
-Lewin, »wie überhaupt niemand.«
-
-»Gieb es nur dem Bauer hier; er wird dir nicht abschläglich antworten.«
-
-»Ja; aber wie soll ich es ihm geben? Soll ich mit ihm hinfahren und ihm
-einen Kaufbrief ausstellen?«
-
-»Ich weiß nicht; doch wenn du überzeugt bist, daß du nicht das Recht
-hast« --
-
-»Ich bin durchaus nicht überzeugt hiervon; im Gegenteil fühle ich, daß
-ich nicht das Recht habe, zu verschenken, daß ich Verbindlichkeiten
-meinem Boden, wie meiner Familie gegenüber habe.«
-
-»Nein doch; gestatte; wenn du urteilst, daß diese Ungleichheit eine
-ungerechte sei, weshalb handelst du dann nicht so?«
-
-»Ich handle ja so; nur aber negativ; in dem Sinne, daß ich mich nicht
-bemühen will, jenen Unterschied der Lage, welcher zwischen mir und
-jenem besteht, noch zu vergrößern.«
-
-»Nein, entschuldige, aber das ist paradox!« --
-
-»Ja, das ist eine etwas sophistische Erklärung,« bestätigte
-Wjeslowskij. »Ah, da kommt ja unser Wirt,« sprach er zu dem Bauer,
-welcher, mit der Thür kreischend, in den Schuppen trat.
-
-»Nun, schläfst du denn noch nicht?«
-
-»Nein; wie soll man schlafen! Ich denke immer, unsere Herren schlafen,
-da höre ich sie reden,« fügte er hinzu, behutsam mit den nackten Füßen
-auftretend.
-
-»Wo schläfst du denn?«
-
-»Wir gehen auf die Nachtwache.«
-
-»Ach, welche Nacht!« sagte Wjeslowskij, auf die beim schwachen Scheine
-der Abendröte in dem großen Rahmen der jetzt offenen Thür sichtbar
-werdenden Umrisse der Hütte und des ausgeschirrten Wagens schauend.
-
-»Hört nur, da singen Weiberstimmen, und wahrhaftig, nicht schlecht. Wer
-singt denn da, Herr Wirt!«
-
-»Ach, das sind die Mägde, vom Hof.«
-
-»Laßt uns hingehen; wir wollen spazieren gehen! Wir werden doch nicht
-schlafen; Oblonskiy, kommt mit!«
-
-»Das wäre; ich liege, geht nur,« antwortete Oblonskiy sich reckend, »es
-liegt sich ausgezeichnet hier.«
-
-»Nun, dann gehe ich allein,« sagte Wjeslowskij, lebhaft aufstehend und
-kleidete sich an. »Auf Wiedersehen denn, ihr Herren. Wenn es hübsch
-werden sollte, werde ich euch rufen; ihr habt mich mit Wild regaliert,
-und ich werde eurer nicht vergessen.«
-
-»Nicht wahr, ein vortrefflicher Bursch?« sprach Oblonskiy, nachdem
-Wjeslowskij gegangen war und der Bauer hinter ihm die Thür geschlossen
-hatte.
-
-»Ja, vortrefflich,« erwiderte Lewin, weiter über das Thema des soeben
-stattgehabten Gesprächs nachdenkend. Ihm schien es, als habe er, soweit
-er es verstand, seine Ideen und Empfindungen klar ausgesprochen, und
-doch hatten diese beiden, zwei nicht eben beschränkte, und aufrichtige
-Männer, einstimmig gesagt, daß er sich mit Sophismen tröste. Dies
-machte ihn ratlos.
-
-»So, so ist es, mein Freund. Eins von beiden ist nötig; entweder
-zugestehen, daß die gegenwärtige Einrichtung der Gesellschaft gerecht
-ist, und dann deine Rechte behaupten, oder zugestehen, daß du
-unrechtmäßiger Vorzüge teilhaft bist --, wie ich dies thue -- und von
-diesen mit Vergnügen Gebrauch machen.«
-
-»Nein. Wenn das ungerecht wäre, so könntest du diese Güter nicht mit
-Vergnügen genießen -- ich wenigstens könnte es nicht. -- Mir ist die
-Hauptsache -- ich muß fühlen, daß ich keine Schuld trage.«
-
-»Aber wollen wir nicht doch ein wenig mitgehen?« sagte Stefan
-Arkadjewitsch, augenscheinlich abgespannt von dieser Anstrengung seines
-Geistes. »Wir können ja doch nicht schlafen. Es ist wahr; gehen wir!«
-
-Lewin antwortete nicht. Das im Laufe des Gesprächs geäußerte Wort, daß
-er, wenn auch nur im negativen Sinne, gerecht handle, beschäftigte ihn.
-
-»Sollte man nicht auch in negativem Sinne gerecht sein können?« frug er
-sich selbst.
-
-»Wie stark doch auch das frische Heu duftet!« sprach Stefan
-Arkadjewitsch, sich erhebend. »Ich kann um keinen Preis schlafen!
-Wasjenka hat wohl schon etwas angestiftet da drüben. Hörst du das
-Gelächter und seine Stimme? Wollen wir nicht hingehen? Komm!«
-
-»Nein; ich gehe nicht mit!« antwortete Lewin.
-
-»Wirklich nicht? Thust du dies auch nur aus Prinzip nicht?« sagte
-lächelnd Stefan Arkadjewitsch, in der Finsternis nach seiner Mütze
-suchend.
-
-»Nicht aus Prinzip, aber wozu sollte ich mitkommen?«
-
-»Weißt du, du machst dir selbst das Leben schwer,« sagte Stefan
-Arkadjewitsch, der die Mütze gefunden hatte, aufstehend.
-
-»Inwiefern?«
-
-»Sah ich denn nicht, wie du dich mit deinem Weibe gestellt hast? Ich
-habe gehört, wie es bei euch eine Frage der höchsten Wichtigkeit war,
-ob du für zwei Tage auf die Jagd fahren solltest oder nicht! Alles
-das ist ja ganz gut, wie ein Idyll, aber für das ganze Leben reicht es
-nicht zu. Der Mann muß unabhängig sein; er hat seine Mannesinteressen!«
-
-»Der Mann muß männlich sein,« sprach Oblonskiy, die Thür öffnend.
-
-»Was heißt das? Etwa den Mägden die Cour schneiden?« frug Lewin.
-
-»Weshalb sollte man nicht einmal hingehen, wenn es dort lustig zugeht?
-=Ça ne tire pas à conséquence=. Meine Frau wird sich davon nicht
-schlechter und ich werde mich wohl befinden. Die Hauptsache ist aber
-die, daß man das Heiligtum des Hauses wahrt; damit im Hause nichts
-vorfällt; doch die Hände braucht man sich deshalb noch nicht zu binden!«
-
-»Mag sein,« versetzte Lewin trocken und wandte sich auf die Seite.
-»Morgen müssen wir früh aufbrechen und ich werde niemand wecken,
-sondern mit dem Zwielicht aufgehen.«
-
-»=Messieurs, venez vite=!« wurde die Stimme Wjeslowskijs vernehmbar,
-der zurückkam. »=Charmante=! Das habe ich entdeckt. =Charmante=,
-ein vollständiges Gretchen, und ich bin schon mit ihr bekannt
-geworden! Wahrhaftig reizend!« -- erzählte er mit so billigendem
-Gesichtsausdruck, als sei sie eigens für ihn selbst so hübsch
-geschaffen worden, und als sei er zufrieden mit demjenigen, der dies
-für ihn arrangiert hatte.
-
-Lewin stellte sich schlafend; Oblonskiy, die Pantoffeln anziehend und
-eine Cigarre ansteckend, verließ den Schuppen, und bald waren beider
-Stimmen verklungen.
-
-Lewin konnte lange Zeit nicht einschlafen. Er lauschte, wie seine
-Pferde das Heu kauten, dann wie sein Wirt mit dem ältesten Sohne sich
-fertig machte und zur Nachtwache abging; dann hörte er, wie der Soldat
-sich mit einem Neffen, dem kleinen Sohne des Hausherrn, auf der andern
-Seite des Schuppens schlafen legte, wie der Knabe mit seinem dünnen
-Stimmchen dem Onkel seine Eindrücke über die Hunde mitteilte, die
-ihm furchtbar und ungeheuer erschienen, ferner, wie der Knabe frug,
-wen diese Hunde fangen wollten, und wie der Soldat mit heiserer und
-schläfriger Stimme ihm sagte, daß die Jäger morgen in den Sumpf wollten
-und aus ihren Flinten schießen würden, und wie er schließlich, um die
-Fragen des Knaben los zu sein, sagte: »Schlaf, Waska, schlaf, oder«
--- Bald schnarchte er selbst, und alles war still geworden; nur das
-Wiehern der Pferde und das Schnarren einer Schnepfe war hörbar.
-
-»Sollte es wirklich nur negativ sein?« wiederholte er sich, »aber was;
--- ich bin doch nicht schuld daran.« -- Und er begann hierauf, sich
-den nächsten Tag zu überlegen. »Morgen will ich früh aufbrechen und
-werde mir vornehmen, nicht in Aufregung zu kommen. Bekassinen giebt es
-eine Unmenge. Und werde ich hierher heimkehren, so wird ein Brief von
-Kity da sein. Ja, Stefan, hast du denn recht? Ich bin nicht männlich
-gegen sie, ich bin verweichlicht. Aber was thun -- es ist wieder etwas
-Negatives.«
-
-In sein Träumen hinein vernahm er das Lachen und das heitere Geschwätz
-Wjeslowskijs und Stefan Arkadjewitschs. Für einen Augenblick öffnete er
-die Augen; der Mond war aufgegangen und durch die geöffnete Thür, hell
-von dem Mondlicht beleuchtet, sah er sie stehen und plaudern.
-
-Stefan Arkadjewitsch hatte etwas über die Frische der Mädchen
-gesagt und sie mit einer eben von der Schale befreiten frischen
-Nuß verglichen, und Wjeslowskij mit seinem ansteckenden Gelächter,
-wiederholte wahrscheinlich die ihm von dem Bauer gesagten Worte: »Mach
-dich soviel als möglich an dein Mädchen heran!«
-
-Lewin murmelte im Schlafe:
-
-»Ihr Herren, morgen mit Tagesanbruch!« und entschlummerte.
-
-
- 12.
-
-Als Lewin mit dem frühen Morgenrot erwacht war, versuchte er es, die
-Gefährten zu wecken. Wasjenka, auf dem Bauche liegend und den einen Fuß
-noch mit dem Strumpfe von sich streckend, schlief so fest, daß keine
-Antwort von ihm zu erhalten war.
-
-Oblonskiy weigerte sich im Schlafe, so früh aufzubrechen und selbst
-Laska, verschlafen und im Kreis zusammengeringelt, am Rande des
-Schuppens liegend, erhob sich nur ungern und streckte träge, eins nach
-dem andern, die Hinterbeine von sich.
-
-Nachdem Lewin sich angekleidet hatte, ergriff er das Gewehr, öffnete
-sachte die kreischende Thür des Schuppens, und trat auf die Gasse
-hinaus. Die Kutscher schliefen bei den Wagen, die Pferde träumten;
-nur eines fraß faul seinen Hafer, ihn mit seinem Schnauben auf der
-Holzkrippe auseinanderblasend.
-
-Auf dem Hofe war alles noch grau.
-
-»So früh schon auf, Herr?« wandte sich, freundlich, wie zu einem alten
-guten Bekannten, die alte Hausmutter, welche aus dem Bauernhause kam,
-an ihn.
-
-»Ja, es soll zur Jagd gehen, Mütterchen! Komme ich dort nach dem
-Sumpfe?«
-
-»Gerade durch die Gärten, unsere Tennen, lieber Mann, und die
-Hanffelder; dort geht der Weg.«
-
-Behutsam mit den nackten, gebräunten Füßen auftretend, führte die Alte
-Lewin und öffnete ihm den Verschlag bei der Tenne.
-
-»Geradeaus so und du kommst in den Sumpf; unsere Kinder haben dort
-Nachtweide gehabt.«
-
-Laska lief lustig voraus auf dem Fußsteig; Lewin folgte ihm mit
-schnellem, leichtem Schritt, fortwährend nach dem Himmel schauend. Er
-wünschte, die Sonne möchte nicht früher aufgehen, als bis er zum Ried
-gekommen wäre, doch die Sonne säumte nicht. Der Mond, welcher noch
-schien, als er herausgetreten war, glänzte jetzt nur noch wie ein Stück
-Quecksilber. Das Morgenrot, welches man vorher deutlich sehen mußte,
-war jetzt zu suchen, und vorher unbestimmt gewesene Flecken im fernen
-Felde waren jetzt klar sichtbar; es waren Kornfeime. Der ohne das
-Sonnenlicht noch nicht sichtbar gewesene Thau in dem duftenden, hohen
-Hanf durchnäßte die Füße und die Bluse Lewins bis über den Gürtel. In
-der klaren Ruhe des Morgens waren die leisesten Geräusche vernehmlich.
-Eine Biene flog mit dem Sausen der Kugel an Lewins Ohr vorüber. Er
-schaute auf und sah eine zweite, eine dritte. Sie alle kamen hinter
-dem Zaune des Bienengartens hervorgeflogen und verschwanden über dem
-Hanf in der Richtung nach dem Ried. Der Fußsteig führte gerade aus in
-den Sumpf, und diesen selbst konnte man schon an den Dünsten erkennen,
-welche sich aus ihm erhoben, hier dichter, dort weniger dicht, so daß
-die Wiese und Gebüsche wie kleine Inseln in dem Nebel flimmerten.
-
-Am Rande der Niederung und des Weges lagen Knaben und Bauern, welche
-die Nacht beim Vieh gewacht hatten und im Morgenrot alle unter ihren
-Kaftanen schliefen. Unweit von ihnen gingen drei gefesselte Pferde;
-eines derselben klirrte in seinen Ketten. Laska ging neben seinem
-Herrn, nach vorwärts strebend und sich umblickend.
-
-Nachdem Lewin bei den schlafenden Bauern vorübergegangen und an die
-erste Wasserstelle gelangt war, besichtigte er die Pistons und ließ den
-Hund los. Eines der Pferde, ein gutgefütterter, brauner Dreijähriger,
-erschrak, als er den Hund erblickte, hob den Schweif und schnob. Die
-übrigen Pferde gerieten gleichfalls in Schrecken, und eilten mit den
-gefesselten Beinen im Wasser plätschernd, und mit den aus dem dichten
-Lehm gezogenen Hufen einen Lärm verursachend, welcher dem Klopfen
-ähnlich war, aus dem Sumpfe.
-
-Laska war stehen geblieben, schaute spöttisch auf die Pferde und
-fragend auf Lewin. Dieser streichelte den Hund, und pfiff, zum Zeichen,
-daß er nun beginnen könne.
-
-Munter und vorsichtig eilte Laska über das unter ihm schwankende Moor.
-
-Als er in den Sumpf geeilt war, witterte er unter den ihm vertrauten
-Gerüchen und Sumpfgräsern, des Schlammes und des hier nicht
-hergehörigen Duftes von Pferdemist, der in diesem ganzen Revier
-verbreitet war, den Geruch eines Vogels, des Vogels, der ihn mehr als
-alle anderen Witterungen in Aufregung versetzte.
-
-An manchen Stellen im Moos und bei Sumpfpflanzen war dieser Geruch sehr
-stark, aber es ließ sich nicht entscheiden, nach welcher Seite hin er
-zunahm oder schwächer wurde.
-
-Um die Richtung zu finden, war es nötig, weiter unter den Wind zu
-gehen. Ohne die Bewegung seiner Füße zu fühlen, eilte Laska in scharfem
-Galopp, doch derart, daß er bei jedem Sprung Halt machen konnte, wenn
-es nötig werden sollte, nach rechts, hinweg von dem von Osten her
-wehenden leichten Morgenwind, und wandte sich dann gegen denselben.
-Mit offener Nase die Luft in sich einziehend, witterte er sogleich,
-daß nicht nur die Spuren von ihnen, sondern sie selbst da waren, in
-seiner Nähe, und nicht vereinzelt, sondern viele. Laska verminderte die
-Schnelligkeit seines Laufes. Sie waren da, aber wo, vermochte er noch
-nicht zu bestimmen.
-
-Um den Ort nun zu finden, begann er bereits einen Kreislauf, als ihn
-die Stimme seines Herrn davon abzog. »Laska, dort,« sagte er, ihn auf
-die andere Seite weisend. Der Hund stand, und frug ihn, ob es nicht
-besser wäre, zu thun, wie er begonnen hätte. Doch der Herr wiederholte
-mit strenger Stimme seinen Befehl, auf einen mit Wasser überdeckten
-Fleck zeigend, wo nichts sein konnte.
-
-Er gehorchte ihm, sich stellend als suche er, um ihm Vergnügen zu
-machen, durchstreifte den Fleck und kehrte dann zu seinem alten Platz
-zurück, und sofort witterte er die Vögel wieder. Jetzt, da sein Herr
-ihn nicht mehr störte, erkannte er, was zu thun sei, und begann, ohne
-auf seine Füße acht zu haben und ärgerlich über die hohen Erdhügel
-strauchelnd, oder ins Wasser fallend, aber mit flinken starken Füßen
-seinen Kreislauf, welcher ihm alles klarmachen mußte.
-
-Der Geruch der Vögel wurde stärker und stärker, er drang immer
-bestimmter und bestimmter auf ihn ein, und plötzlich war es ihm
-vollkommen klar, daß einer derselben dort, hinter jenem Erdhügel sei,
-fünf Schritte vor ihm; und er blieb stehen, blieb unbeweglich mit dem
-ganzen Körper.
-
-Auf seinen niederen Beinen konnte er vor sich nichts sehen, an der
-Witterung aber erkannte er, daß der Vogel nicht weiter als fünf Schritt
-entfernt von ihm saß. Er stand, mehr und mehr des Wildes Nähe fühlend
-und sich in der Erwartung freuend. Die steife Rute war hochgestreckt
-und bebte nur ganz am Ende. Sein Maul war leicht geöffnet, die Ohren
-waren gespitzt. Das eine Ohr hatte sich noch während des Laufs
-zurückgelegt, und er atmete schwer, aber vorsichtig, und schaute sich
-noch vorsichtiger nach seinem Herrn um, mehr mit den Augen, als mit
-dem Kopfe. -- Dieser, mit seinem gewohnten Gesicht, aber den ihm stets
-furchtbaren Augen, kam, über die Erdhaufen strauchelnd, ungewöhnlich
-gemächlich, wie ihm schien, und doch lief er.
-
-Als Lewin das seltsame Suchen Laskas bemerkt hatte, wie sich dieser
-ganz zur Erde drückte, mit großen Schritten der Hinterfüße gleichsam
-rudernd, das Maul leicht geöffnet, erkannte er, daß Laska einer
-Schnepfe nachspüre und eilte, im Geiste Gott bittend, daß er ihm
-Erfolg, besonders für den ersten Vogel verleihe, zu dem Hunde.
-
-Als er nahe an diesen herangekommen war, hielt er in seiner Größe vor
-sich Umschau und erblickte mit den Augen, was sein Hund mit der Nase
-erkannt hatte. In einem Schlupfwinkel zwischen zwei Erdhügeln, in der
-Entfernung von einem Faden, war eine Bekassine sichtbar. Den Kopf
-gewendet, lauschte sie; dann plötzlich die Flügel leise reckend und sie
-wieder zusammenlegend, schüttelte sie das Hinterteil und verbarg sich
-hinter einer Ecke.
-
-»Stell, stell!« rief Lewin, Laska in den Rücken stoßend.
-
-»Ich kann ja nicht,« dachte Laska, »wohin soll ich gehen? Von dorther
-wittere ich die Vögel, aber wenn ich mich vorwärts bewege, werde ich
-nicht erfahren, wo sie sind.« Doch er stieß den Hund mit dem Knie und
-sprach in aufgeregtem Flüsterton, »stell, mein Laska, stell!«
-
-»Nun, wenn er es denn will, werde ich es thun, doch ich bin jetzt für
-nichts mehr verantwortlich,« dachte Laska, und drang in vollem Laufe
-vorwärts zwischen den Erdhügeln. Er hatte bis jetzt noch nichts gemerkt
-und nur geschaut und gelauscht, ohne etwas zu erfassen.
-
-Zehn Schritte von seinem vorigen Platze erhob sich mit breitem
-Schnarchen und dem den Schnepfen eigenen vollen Ton des Flügelschlags
-eine Schnepfe, stürzte aber sofort auf den Schuß schwer platschend mit
-der weißen Brust auf den nassen Moor herab. Eine zweite ließ nicht auf
-sich warten und stieg hinter Lewin ohne Hund auf.
-
-Als Lewin sich nach ihr umwandte, war sie schon weit entfernt, aber
-sein Schuß erreichte sie. Nachdem sie zwanzig Schritt geflogen war,
-stürzte sie, sich steil im Kreise erhebend und überschlagend, wie ein
-geworfener Ball schwer auf einen trockenen Platz herab.
-
-»So hat das Ding Sinn!« dachte Lewin, die noch warmen, fetten Vögel in
-seiner Jagdtasche bergend, »nicht so, Laskchen, das wird etwas werden?«
-
-Als Lewin, nachdem er das Gewehr wieder geladen hatte, sich weiter
-bewegte, war die Sonne, obwohl hinter den Wolken noch nicht sichtbar,
-bereits aufgegangen. Der Mond, seines Schimmers ganz verlustig
-gegangen, stand bleich wie eine Wolke am Himmel, und von den Sternen
-war kein einziger mehr sichtbar. Der Morast sah wie Bernstein aus;
-die Bläue der Gräser ging über in gelbes Grün. Die kleinen Sumpfvögel
-tummelten sich auf den von Thau schimmernden, lange Schatten am Bache
-werfenden Büschen. Ein Habicht war erwacht und saß auf einem Schober,
-den Kopf von einer Seite auf die andere wendend und grießgrämig auf den
-Sumpf blickend. Dohlen flogen auf das Feld, und ein barfüßiger Junge
-trieb schon die Pferde zu dem sich unter seinem Kaftan aufrichtenden,
-und sich kratzenden Alten. Der Rauch der Schüsse lag weiß wie Milch auf
-dem Grün des Grases.
-
-Einer der Knaben kam zu Lewin gelaufen.
-
-»Herr, gestern waren da Enten!« rief er ihm zu und folgte ihm aus der
-Ferne.
-
-Lewin gewährte es doppeltes Vergnügen, vor den Augen des Knaben,
-welcher seine Freude darüber ausdrückte, noch Schlag auf Schlag drei
-Bekassinen erlegen zu können.
-
-
- 13.
-
-Die alte Jägererfahrung, daß wenn das erste Wild, der erste Vogel,
-nicht gefehlt worden ist, das Revier günstig bleibt, erwies sich als
-richtig.
-
-Müde und hungrig, aber beglückt, kehrte Lewin um zehn Uhr morgens,
-dreißig Werst hinter sich, mit neunzehn Stück schönen Wildprets und
-einer Ente, die er an den Gürtel gebunden hatte, da sie schon nicht
-mehr in die Jagdtasche ging, in sein Quartier zurück. Seine Gefährten
-hatten schon längst ausgeschlafen, hatten Hunger empfunden und
-gefrühstückt.
-
-»Halt, halt, ich weiß doch, daß es neunzehn sind,« sagte Lewin, zum
-zweitenmal die Schnepfen durchzählend, welche jetzt nicht mehr den
-charakteristischen Anblick zeigten, den sie boten, wie sie aufflogen;
-zusammengekrümmt und eingeschrumpft, mit dem geronnenen Blute und
-seitwärts herniederhängenden Köpfchen.
-
-Die Rechnung stimmte und der Neid Stefan Arkadjewitschs kitzelte Lewin.
-Noch angenehmer aber war ihm, daß er, als er in das Quartier zurückkam,
-schon einen Boten mit einem Brief von Kity antraf.
-
-»Ich bin gesund und munter. Wenn du Besorgnis um mich hegst, so
-kannst du wohl noch ruhiger sein, als zuvor. Ich habe jetzt einen
-neuen Leibhüter, Marja Wlasjewna,« dies war die Wehfrau, eine neue und
-wichtige Persönlichkeit im Familienleben Lewins. »Sie ist gekommen, um
-sich nach mir zu erkundigen, und hat mich vollständig gesund befunden;
-wir haben sie bis zu deiner Rückkunft dabehalten. Alles ist gesund und
-munter, aber, bitte, übereile dich nicht, und bleibe, wenn die Jagd gut
-ist, noch einen Tag.«
-
-Diese beiden freudigen Ereignisse, die glückliche Jagd und der
-Brief seiner Gattin, waren so schwerwiegend, daß zwei kleine
-Unannehmlichkeiten nach der Jagd von Lewin leicht verwunden wurden. Die
-eine bestand darin, daß das braune Handpferd, welches gestern offenbar
-zu viel geleistet hatte, nicht fraß und den Kopf hängen ließ. Der
-Kutscher sagte, es sei kreuzlahm.
-
-»Ihr habt es gestern übertrieben, Konstantin Dmitritsch,« sagte er;
-»zehn Werst sind wir gar nicht auf dem Weg gefahren.«
-
-Die andere Unannehmlichkeit, die im ersten Augenblick seine gute Laune
-verdarb, über die er indessen später viel lachte, bestand darin, daß
-von dem ganzen Vorrat an Lebensmitteln, der von Kity in solcher Fülle
-mitgegeben worden war, daß es schien, als könne er in einer Woche nicht
-aufgezehrt werden, nichts mehr übrig war.
-
-Müde und hungrig von der Jagd heimkehrend, hatte Lewin so lebhaft von
-den Pasteten geträumt, daß er, dem Quartier näher kommend, schon den
-Duft und den Geschmack derselben im Munde witterte, wie Laska das Wild,
-und sogleich Philipp befahl, sie ihm zu bringen. Da aber stellte sich
-heraus, daß nicht nur keine Pasteten, sondern auch keine jungen Hühner
-mehr da waren.
-
-»Es gab schon Appetit,« sagte Stefan Arkadjewitsch lachend, auf
-Wasjenka Wjeslowskij weisend; »ich leide doch nicht gerade Mangel an
-Appetit, aber dies war bewundernswert« --
-
-»Nun, aber was jetzt thun!« sagte Lewin, mürrisch auf Wjeslowskij
-blickend; »Philipp, so gieb mir Rindfleisch!«
-
-»Das Rindfleisch haben wir gegessen und die Knochen den Hunden
-gegeben,« antwortete Philipp.
-
-Lewin ärgerte sich hierüber so, daß er voll Verdruß sagte: »Hätten sie
-mir auch nur wenigstens etwas übrig gelassen!« und das Weinen stand ihm
-nahe.
-
-»So weide denn ein Stück Wildbret aus,« sagte er mit bebender Stimme zu
-Philipp, es vermeidend, Wasjenka anzublicken, »und lege Nesseln dazu.
-Laß dir wenigstens etwas Milch für mich geben.«
-
-Bald darauf indessen, nachdem er die Milch getrunken hatte, that es
-ihm leid, daß er seinen Verdruß einem fremden Menschen gegenüber
-ausgesprochen hatte, und er begann über seinen hungrigen Zorn zu lachen.
-
-Am Abend machten sie noch einen Streifzug, in welchem auch Wasjenka
-mehrere Stück erlegte und kehrten nachts heim.
-
-Die Heimfahrt war ebenso vergnügt, wie die Herfahrt. Wjeslowskij sang
-bald, bald gedachte er mit Wonne seiner Erlebnisse bei den Bauern, die
-ihn mit Branntwein bewirtet und ihm gesagt hatten, er solle sich nicht
-besinnen; bald seiner nächtlichen Abenteuer mit den Nüssen und der
-Magd und dem Bauer, der ihn gefragt hatte, ob er verheiratet sei, und
-nachdem er erfahren, es wäre nicht der Fall, ihm gesagt hatte, er solle
-sich nicht um die Frauen anderer kümmern, sondern möglichst bald selber
-heiraten. Diese Worte hatten Wjeslowskij ganz besonders heiter gestimmt.
-
-»Im allgemeinen bin ich außerordentlich zufrieden mit unserer Fahrt.
-Und Ihr, Lewin?«
-
-»Ich bin auch sehr zufrieden,« antwortete dieser, dem es recht froh
-zu Mut war, aufrichtig. Er empfand nicht nur keine Feindseligkeit
-mehr, wie er sie in dem Hause gegen Wasjenka Wjeslowskij gehegt hatte,
-sondern, im Gegenteil, die freundschaftlichste Gesinnung für denselben.
-
-
- 14.
-
-Am andern Tag um zehn Uhr klopfte Lewin, der schon die Ökonomie
-inspiziert hatte, an das Zimmer, in welchem Wasjenka übernachtete.
-
-»=Entrez=!« rief ihm dieser entgegen. »Ihr entschuldigt mich wohl, ich
-bin soeben erst mit meinen =ablutions= fertig,« sagte er lächelnd, im
-bloßen Hemde vor ihm stehend.
-
-»Laßt Euch nicht stören, bitte,« sagte Lewin und setzte sich ans
-Fenster. »Habt Ihr gut geschlafen?«
-
-»Wie ein Toter. Was für ein Tag doch heute zur Jagd wäre!«
-
-»Trinkt Ihr Thee oder Kaffee?«
-
-»Weder dies, noch das: ich frühstücke. Mir liegt übrigens etwas auf
-dem Herzen. Haben sich die Damen bereits erhoben? Jetzt läßt sichs
-vortrefflich einen Rundgang machen. Zeigt mir doch einmal Eure Pferde!«
-
-Nachdem Lewin mit durch den Garten gegangen und im Pferdestall eine
-Weile gewesen, selbst einige gymnastische Übungen mit ihm am Barren
-gemacht hatte, wandte er sich mit seinem Gaste dem Hause wieder zu und
-trat mit ihm in den Salon.
-
-»Wir haben vortrefflich gejagt, und wieviele Eindrücke empfangen,«
-sagte Wjeslowskij, zu Kity gehend, welche hinter dem Ssamowar saß. »Wie
-schade, daß die Damen dieser Vergnügungen beraubt sind.«
-
-»Nun, er muß doch mit der Frau des Hauses sprechen,« dachte Lewin
-bei sich; es zeigte sich ihm wiederum Etwas in dem Lächeln in jenem
-triumphierenden Ausdruck, mit dem sich der Besucher an Kity wandte.
-
-Die Fürstin, jenseits des Tisches mit Marja Wlasjewna und Stefan
-Arkadjewitsch sitzend, rief Lewin zu sich und begann mit ihm ein
-Gespräch über die Umsiedelung nach Moskau wegen der Niederkunft Kitys
-und der Anstalt zur Bestimmung eines Quartiers.
-
-Wie für Lewin schon alle Vorbereitungen bei der Hochzeit unangenehm
-gewesen waren, die mit ihrer Niedrigkeit die Erhabenheit dessen,
-was sich vollzog, beeinträchtigten, so erschienen ihm die Anstalten
-für die bevorstehende Niederkunft, deren Zeit gleichsam an den
-Fingern abgezählt wurde, noch verletzender. Er suchte geflissentlich
-während dieser ganzen Zeit, die Gespräche über die Art der Windelung
-des zu erwartenden Kindes zu überhören; er bemühte sich, gewisse
-geheimnisvolle endlose gestrickte Streifen, gewisse dreieckige
-Stückchen Leinwand, denen namentlich Dolly eine besondere Wichtigkeit
-beimaß, und andere Dinge von sich zu weisen und nicht zu sehen.
-
-Das Ereignis der Geburt eines Sohnes -- er war überzeugt, es werde
-ein Sohn sein -- das man ihm in Aussicht gestellt hatte, an welches er
-aber gleichwohl nicht zu glauben vermochte, so ungewöhnlich dünkte es
-ihm -- erschien ihm einerseits als ein so ungeheuerliches und daher
-unmögliches Glück, anderseits als ein so geheimnisvoller Vorgang
--- daß diese vermeintliche Kenntnis dessen, was kommen würde, und
-demnach die Vorbereitung dazu als zu etwas Gewöhnlichem, von Menschen
-herbeigeführtem, ihm ärgerlich und herabwürdigend vorkam.
-
-Aber die Fürstin verstand seine Empfindungen nicht; sie erklärte
-seine Unlust, darüber zu denken, zu sprechen, als Leichtsinn und
-Gleichgültigkeit; und ließ ihn infolge dessen nicht in Ruhe. Sie
-übertrug es Stefan Arkadjewitsch, eine Wohnung zu besichtigen, und rief
-nun Lewin zu sich.
-
-»Ich weiß nichts, Fürstin. Thut, was Ihr wollt,« sagte dieser.
-
-»Es muß aber ein Entschluß gefaßt werden, wann Ihr übersiedelt.«
-
-»Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, daß Kinder zu Millionen auch
-ohne Moskau geboren werden, und ohne Ärzte -- wozu das« --
-
-»Aber wenn es so steht« --
-
-»Nun; wie Kity will« --
-
-»Mit Kity läßt sich hierüber nicht reden. Wie; willst du, daß ich sie
-erschrecken soll? In diesem Frühling ist die Nataly Galizina gestorben
-durch die Schuld eines Geburtsfehlers.«
-
-»Wie Ihr sagt, werde ich thun,« sagte er finster.
-
-Die Fürstin begann nun mit ihm weiter zu sprechen, aber er hörte sie
-gar nicht. Obwohl ihn das Gespräch mit der Fürstin verstimmte, wurde er
-nicht infolge desselben mißlaunig, sondern durch das, was er bei dem
-Ssamowar sah.
-
-»Nein; es ist unmöglich,« dachte er, bisweilen nach Wasjenka blickend,
-der zu Kity herniedergebeugt, dieser mit seinem hübschen Lächeln
-etwas erzählte, und sie anblickte, die errötete und erregt war. Es
-lag etwas Indecentes in der Stellung Wasjenkas, in seinem Blick, und
-seinem Lächeln. Lewin sah sogar etwas Indecentes auch in der Haltung
-und im Blick Kitys. Und wiederum verfinsterte sich die Welt vor
-seinen Augen. Wiederum, wie gestern, plötzlich, ohne den geringsten
-Übergang, fühlte er sich von der Höhe seines Glückes, seiner Ruhe und
-Würde herabgeschleudert, in einen Abgrund der Verzweiflung, Wut und
-Erniedrigung. Wiederum wurde ihm jedermann und alles widerlich.
-
-»Macht was Ihr wollt, Fürstin,« sagte er nochmals, sich umblickend.
-
-»Es ist gar schwer, alles allein thun zu sollen,« sagte Stefan
-Arkadjewitsch scherzweise zu ihm, offenbar nicht nur auf das Gespräch
-mit der Fürstin deutend, sondern auch auf die Ursache der Aufregung
-Lewins, welche er bemerkt hatte. »Wie kommst du heute so spät, Dolly!«
-
-Alles erhob sich, um Darja Alexandrowna zu begrüßen. Wasjenka stand nur
-für eine Minute auf, und verbeugte sich kaum, mit dem den neumodischen
-jungen Herrn eigenem Mangel an Höflichkeit gegen die Damen, worauf er
-seine Unterhaltung wieder fortsetzte, über irgend etwas in Gelächter
-ausbrechend.
-
-»Mich hat Mascha gepeinigt. Sie schlief schlecht und ist heute
-entsetzlich launisch gewesen,« sagte Dolly.
-
-Das Gespräch, welches Wasjenka und Kity pflogen, drehte sich wiederum
-um das gestrige Thema, um Anna und die Frage, ob die Liebe höher stehen
-könne als die Gesetze der Welt.
-
-Kity war das Gespräch unangenehm geworden; es regte sie schon durch
-seinen Inhalt auf, sowie durch den Ton, in welchem es geführt wurde,
-namentlich aber dadurch, daß sie schon inne geworden war, wie es auf
-ihren Mann wirke. Sie war indessen zu naiv und zu unschuldig, um es zu
-verstehen, das Gespräch abzubrechen, etwa schon um deswillen, jenes
-äußere Behagen, welches ihr die sichtliche Aufmerksamkeit dieses jungen
-Mannes verursachte, zu verbergen.
-
-Sie wollte das Gespräch abbrechen, wußte aber nicht, was sie da zu thun
-habe. Was sie auch alles thun mochte, sie wußte, es wurde von ihrem
-Gatten bemerkt, und alles werde auch nach der üblen Seite ausgelegt
-werden.
-
-Und in der That, als sie Dolly frug, was mit Mascha sei, und Wasjenka
-wartete, bis dieses für ihn langweilige Gespräch vorüber sein werde,
-und er sich einstweilen damit beschäftigte, Dolly gleichgültig
-anzuschauen, so erschien Lewin diese Frage unnatürlich und anwidernd in
-ihrer Verschmitztheit.
-
-»Nun; werden wir denn heute in die Pilze gehen?« frug Dolly.
-
-»Laß uns gehen, bitte; auch ich komme mit!« sagte Kity und errötete.
-Sie wollte Wasjenka aus Höflichkeit fragen, ob er mitkäme, frug aber
-nicht. »Wohin willst du, Konstantin?« frug sie mit schuldbewußtem
-Ausdruck ihren Gatten, als dieser mit entschlossenem Schritt an ihr
-vorüberging. Dieser schuldbewußte Ausdruck bestätigte alle seine
-Zweifel.
-
-»In meiner Abwesenheit ist ein Maschinist angekommen, ich habe ihn
-noch nicht gesehen,« sagte er, ohne sie anzublicken. Er ging hinab,
-hatte aber das Kabinett noch nicht verlassen, als er die wohlbekannten
-Schritte seiner Frau vernahm, die ihm unvorsichtig schnell nachkam.
-»Was willst du?« sagte er lakonisch zu ihr. »Ich bin beschäftigt.«
-
-»Entschuldigt,« wandte sie sich an den deutschen Maschinisten, »ich
-habe einige Worte mit meinem Manne zu sprechen.«
-
-Der Deutsche wollte gehen, doch Lewin sagte zu ihm:
-
-»Laßt Euch nicht stören.«
-
-»Den Dreiuhrzug?« frug der Deutsche, »sollte man sich nicht verspätigen
-können?«
-
-Lewin antwortete ihm nicht, sondern ging mit seiner Frau hinaus.
-
-»Nun, was habt Ihr mir zu sagen?« sprach er auf französisch.
-
-Er blickte nicht in ihr Gesicht, wollte nicht sehen, daß sie, in
-ihrem Gesundheitszustand im ganzen Gesicht bebte und einen kläglichen
-beschämten Ausdruck zeigte.
-
-»Ich -- ich will sagen, daß man so nicht leben kann, daß das eine
-Marter ist,« fuhr sie fort.
-
-»Es sind Leute dort im Büffett,« sprach er zornig, »macht keine Scene!«
-
-»Nun; gehen wir hierher!«
-
-Sie standen in einem Zwischenzimmer. Kity wollte in das Nebenzimmer
-treten, doch dort unterrichtete die Engländerin Tanja.
-
-»So wollen wir in den Garten gehen.«
-
-Im Garten stießen sie auf einen Mann, welcher den Weg säuberte. Aber
-ohne daran zu denken, daß der Mann ihr verweintes Gesicht sehe und
-Lewins erregte Züge, ohne daran zu denken, daß sie den Anblick von
-Menschen boten, welche vor einem Unglück fliehen, gingen sie mit
-schnellen Schritten vorwärts im Gefühl, daß sie sich aussprechen und
-gegenseitig überzeugen müßten; von einer und derselben Qual eingenommen
-oder befreit werden müßten, die sie beide empfanden.
-
-»So läßt sich nicht leben! Das ist eine Qual! Ich leide, du leidest!
-Und weshalb?« sagte sie, als beide endlich zu einer abgelegenen Bank in
-der Ecke einer Lindenallee gekommen waren.
-
-»Sage mir nur das Eine: War in seinem Tone etwas Unehrerbietiges,
-Unlauteres, Erniedrigendes?« sprach er, vor sie wieder in der nämlichen
-Stellung tretend, die Fäuste auf der Brust, wie er in jener Nacht vor
-ihr gestanden.
-
-»Es lag etwas darin,« sagte sie mit zitternder Stimme. »Aber, mein
-Konstantin, siehst du denn nicht, daß ich gar nicht schuldig bin? Seit
-dem Morgen schon wollte ich einen Ton annehmen -- aber diese Menschen
--- warum ist er nur gekommen? Wie glücklich waren wir!« sprach sie,
-tiefatmend vor Schluchzen, welches ihren sich allmählich füllenden
-Körper hob.
-
-Der Gärtner sah mit Verwunderung -- trotzdem, daß sie nichts verfolgte
-und sie nichts zu fliehen hatten, daß auch auf der Bank nichts
-besonderes Erfreuliches zu finden sein konnte -- daß sie an ihm vorüber
-nach dem Hause zurückkehrten, mit beruhigten, freudeschimmernden
-Gesichtern.
-
-
- 15.
-
-Nachdem Lewin sein Weib hinausbegleitet hatte, begab er sich in die
-Gemächer Dollys. Darja Aleksandrowna ihrerseits war den ganzen Tag in
-großer Erbitterung gewesen. Sie ging im Zimmer auf und ab und sprach
-zornig zu ihrem in der Ecke stehenden weinenden kleinen Töchterchen.
-
-»Den ganzen Tag wirst du in der Ecke stehen und allein zu Mittag essen;
-du sollst nicht eine einzige Puppe mehr zu sehen bekommen und auch kein
-neues Kleid laß ich dir machen,« sprach sie, gar nicht mehr wissend,
-womit sie sie noch weiter strafen sollte. »Nein, ist das ein häßliches
-Kind!« wandte sie sich zu Lewin. »Woher kommen bei ihr diese schlimmen
-Neigungen?«
-
-»Was hat sie denn begangen?« sagte ziemlich gleichgültig Lewin, der
-sich über seine eigene Angelegenheit Rats zu erholen gewünscht hatte,
-und dem es daher verdrießlich war, daß er zur unrechten Zeit kam.
-
-»Sie sind mit Grischa nach den Himbeeren gegangen und dort -- ich
-kann dir gar nicht sagen, was sie gethan hat! Tausendmal bedauere ich
-Miß Elliot. Die jetzige Gouvernante übt um keinen Preis Aufsicht.
-Sie ist eine Maschine. =Figurez vous, que la petite=« -- und Darja
-Aleksandrowna erzählte das Vergehen Maschas.
-
-»Dies beweist noch gar nichts; dies sind durchaus keine häßlichen
-Neigungen, es ist einfach Mitleid,« beruhigte sie Lewin.
-
-»Aber du bist wie mißgestimmt? Weshalb kamst du?« frug Dolly, »wie geht
-es drüben?«
-
-An dem Tone dieser Frage hörte Lewin, daß es ihm leicht sein würde, zu
-sagen, was er zu sagen beabsichtigte.
-
-»Ich war nicht drüben, ich war mit Kity allein im Garten. Wir haben uns
-ein zweites Mal gezankt, seit -- Stefan gekommen ist.« --
-
-Dolly blickte ihn mit klugen, verständnisvollen Augen an.
-
-»Nun, sag' mir, Hand aufs Herz, wäre etwa nicht -- nicht bei Kity,
-sondern bei jenem Herrn ein Ton, welcher unangenehm werden kann, nicht
-nur unangenehm, sondern furchtbar, verletzend für einen Gatten?«
-
-»Das heißt -- wie soll ich sagen -- du bleibst stehen, in der Ecke!«
--- wandte sie sich zu Mascha, welche, ein kaum bemerkbares Lächeln auf
-dem Gesicht der Mutter gewahrend, sich umgedreht hatte; »die Meinung
-der Welt wäre die, daß er sich benimmt, wie sich alle jungen Männer
-benehmen. =Il fait la cour à une jeune et jolie femme=, ein Mann von
-Welt aber darf nur geschmeichelt sein hiervon.«
-
-»Ja, ja,« versetzte Lewin düster, »aber hast du es bemerkt?«
-
-»Nicht nur ich, auch Stefan hat es bemerkt. Er hat mir nach dem Thee
-offen gesagt, =je crois, que Weslowskij fait un petit brin de cour à
-Kity=.«
-
-»Schön; jetzt bin ich beruhigt. Ich werde ihn davonjagen,« sagte Lewin.
-
-»Was willst du, hast du den Verstand verloren?« rief Dolly mit
-Schrecken. »Was thust du, Konstantin, komme zur Besinnung!« sagte sie
-dann lachend -- »jetzt kannst du zu Fanny gehen« -- wandte sie sich zu
-Mascha. -- »Nein; wenn du schon willst, so werde ich es Stefan sagen;
-er mag ihn mit fortnehmen. Man kann ja sagen, du erwartetest Gäste.
-Überhaupt gehört er ja nicht zu unserem Hause.«
-
-»Nein; das sage ich auch.«
-
-»Aber du wirst Händel suchen?«
-
-»Keineswegs. Mir wird es so ganz lieb sein,« sagte Lewin, in der That
-mit heiter glänzenden Augen. »Nun aber vergieb ihr, Dolly; sie wird
-es nicht wieder thun,« sagte er zu der kleinen Sünderin, die nicht
-zu Fanny ging und unentschlossen vor der Mutter stand von unten her
-schielend und wartend, und ihren Blick suchend.
-
-Die Mutter schaute sie an. Das Kind begann zu schluchzen und vergrub
-das Gesicht zwischen die Kniee der Mutter, Dolly aber legte ihre
-hagere, zarte Hand auf des Kindes Haupt.
-
-»Was ist denn Gemeinsames zwischen uns und ihm?« dachte Lewin, und
-ging, um Wjeslowskij aufzusuchen.
-
-Als er durch das Vorzimmer ging, befahl er anzuspannen, um auf die
-Station fahren zu können.
-
-»Es ist gestern die Feder gebrochen,« antwortete der Diener.
-
-»Dann nehmt den Tarantaß, aber schnell! Wo ist der Besuch?«
-
-Sie gingen nach seinem Zimmer.
-
-Lewin traf Wasjenka gerade, als dieser, der seine Sachen aus dem Koffer
-ausgepackt und neue Romanzen aufgeschlagen hatte, Gamaschen zum Reiten
-anprobierte.
-
-Lag nun im Gesicht Lewins etwas Besonderes, oder empfand Wasjenka
-selbst, daß =ce petit brin de cour=, den er angestiftet, in dieser
-Familie unstatthaft wäre; genug, er wurde ein wenig -- soviel dies eben
-ein Weltmann werden kann -- verlegen beim Eintritt Lewins.
-
-»Ihr wollt in Gamaschen reiten?«
-
-»Ja; das ist bei weitem sauberer,« sagte Wasjenka, den feisten Fuß auf
-einen Stuhl stellend, und die unterste Schnalle zumachend, wobei er
-heiter lächelte.
-
-Er war unzweifelhaft ein ganz guter Mensch und that Lewin leid. Dieser
-kämpfte mit sich selbst, als Herr des Hauses, als er die Schüchternheit
-im Blick Wasjenkas wahrnahm.
-
-Am dem Tische lag ein Stück eines Stockes, den sie am Morgen beim
-Turnen zusammen zerbrochen hatten, indem sie probierten, den Barren
-zu heben. Lewin nahm den Trümmer in die Hand und begann, da er nicht
-wußte, wie er anfangen sollte, das zersplitterte Ende rund herum
-abzubrechen.
-
-»Ich wollte --« er verstummte, sagte aber dann plötzlich, Kitys
-gedenkend und alles dessen, was geschehen war, und ihm entschlossen in
-die Augen blickend, »ich habe befohlen, für Euch anspannen zu lassen.«
-
-»Was heißt das?« begann Wasjenka voll Verwunderung, »wohin soll es
-gehen?«
-
-»Ihr sollt zur Bahn fahren,« sagte Lewin finster, die Spitze des
-Stockes abzupfend.
-
-»Verreist Ihr, oder ist etwas vorgefallen?«
-
-»Es ist das vorgefallen, daß ich Besuch erwarte,« sprach Lewin,
-schneller und schneller mit den starken Fingern die Zacken des
-zersplitterten Stockes abbrechend. »Oder vielmehr ich erwarte nicht
-Besuch, und es ist nichts vorgefallen, aber ich ersuche Euch,
-abzureisen. Ihr mögt Euch meine Unhöflichkeit erklären, wie Ihr wollt.«
-
-Wasjenka richtete sich auf.
-
-»Ich bitte Euch, mir zu erklären,« sprach er mit Würde, endlich
-begreifend.
-
-»Ich kann Euch nicht erklären,« fuhr Lewin, gedämpften Tones
-und langsam sprechend fort, sich bemühend, das Beben seiner
-Kinnbackenmuskeln zu verbergen, »und es ist auch besser für Euch, nicht
-zu fragen.«
-
-Da sämtliche zersplitterte Enden bereits abgebrochen waren, machte sich
-Lewin mit den Fingern an die dicken Enden, riß den Stock auseinander
-und hob das hingefallene Stück sorgsam auf.
-
-Wahrscheinlich mochte der Anblick dieser straffangestrengten Hände,
-dieser Muskeln da, welche er heute früh beim Turnen befühlt hatte, der
-blitzenden Augen, der gedämpften Stimme und der bebenden Kinnbacken
-Wasjenka mehr als Worte überzeugen; er verbeugte sich, nachdem er die
-Achseln gezuckt und verächtlich gelächelt hatte.
-
-»Kann ich nicht Oblonskiy sehen?«
-
-Das Achselzucken und Lächeln brachten Lewin nicht auf, »was bleibt ihm
-weiter übrig?« dachte dieser.
-
-»Ich werde ihn sofort zu Euch schicken.«
-
-»Was ist das für ein Unsinn,« sagte Stefan Arkadjewitsch der von dem
-Freunde erfahren hatte, daß man ihn aus dem Hause jage, zu Lewin, als
-er diesen im Garten fand, wo er, die Abfahrt des Gastes erwartend,
-spazieren ging.
-
-»=Mais c'est ridicule=! Was für eine Fliege hat dich denn gestochen.
-=Mais c'est du dernier ridicule=! Was ist dir darin erschienen, daß ein
-junger Mann« --
-
-Die Stelle, an welcher Lewin die Fliege gestochen hatte, schmerzte
-aber offenbar noch, da derselbe abermals bleich wurde, als Stefan
-Arkadjewitsch ihm die Ursache klarmachen wollte, und diesen hastig
-unterbrach.
-
-»Bitte, erkläre mir keine Ursache! Ich kann nicht anders! Es thut mir
-sehr leid um deinet- und seinetwillen, aber ihm, glaube ich, verursacht
-es kein großes Herzeleid, abreisen zu müssen, während mir und meiner
-Frau seine Gegenwart unangenehm ist.«
-
-»Es ist dies aber eine Beleidigung für ihn! =Et puis c'est ridicule=!«
-
-»Auch für mich ist es beleidigend und peinlich! Und doch bin ich an
-nichts schuld, und habe keinen Grund, leiden zu sollen!«
-
-»Das hätte ich nicht von dir erwartet! =On peut être jaloux, mais à ce
-point, c'est du dernier ridicule=!«
-
-Lewin wandte sich schnell um und ging von ihm hinweg in die Tiefe der
-Allee, wo er seinen Spaziergang allein auf und abwärts fortsetzte. Bald
-vernahm er das Rollen des Tarantaß und sah hinter den Bäumen hervor,
-wie Wasjenka, auf Heu sitzend, denn leider gab es keine Sitzbank in dem
-Tarantaß, mit seiner schottischen Mütze, von den Stößen in die Höhe
-schnellend, durch die Allee fuhr.
-
-»Was giebt es denn noch?« dachte Lewin, als ein Diener, der aus dem
-Hause eilte, den Tarantaß halten ließ. Es war der Maschinist, den
-Lewin gänzlich vergessen hatte. Nachdem derselbe gegrüßt hatte, sprach
-er etwas mit Wasjenka, stieg darnach auf den Tarantaß und sie fuhren
-zusammen ab.
-
-Stefan Arkadjewitsch und die Fürstin waren verstimmt von der
-Handlungsweise Lewins. Auch dieser selbst fühlte sich nicht nur im
-höchsten Grade »=ridicule=«, sondern auch schuldig und beschimpft; als
-er sich aber vergegenwärtigte, was er und sein Weib gelitten hatten,
-gab er sich, indem er sich selbst frug, wie er ein zweites Mal handeln
-würde, die Antwort, daß er es ganz wieder so gemacht hätte.
-
-Trotz alledem war zu Ende dieses Tages jedermann, mit Ausnahme
-der Fürstin, welche Lewin sein Verfahren nicht verzeihen konnte,
-außergewöhnlich lebhaft und heiter, gleichwie Kinder nach einer
-Bestrafung oder Erwachsene nach einem wichtigen offiziösen Empfang, so
-daß abends in der Abwesenheit der Fürstin von der Entfernung Wasjenkas
-gesprochen wurde, wie von einem längst geschehenen Vorfall.
-
-Auch Dolly, welche von ihrem Vater die Gabe besaß, humoristisch zu
-erzählen, brachte Warenka zu dem herzlichsten Lachen, als sie zum
-dritten oder vierten Mal, mit immer neuen humoristischen Zuthaten
-berichtete, wie sie gerade dabei gewesen sei, ihre neuen Halbstiefeln
-des Gastes halber anzulegen und schon in den Salon gegangen sei, als
-sie plötzlich das Kreischen einer alten Karrete vernommen hätte. Und
-wer hätte darin gesessen? Wasjenka, mit der schottischen Mütze und den
-Romanzen, mit den Reitgamaschen, auf dem Heu.
-
-»Hätte er nur wenigstens den Wagen anspannen lassen! Aber nein! und
-dann hörte ich »halt!« -- Nun, denke ich, man hat Mitleid mit ihm
-bekommen! Ich sehe nach; da setzt man noch den dicken Deutschen zu
-ihm und fährt ihn weiter. Aus war es mit meinen hübschen schottischen
-Bändern.«
-
-
- 16.
-
-Darja Aleksandrowna führte ihre Absicht aus und reiste zu Anna.
-
-Es that ihr sehr leid, die Schwester erbittern und etwas thun zu
-müssen, was deren Gatten unangenehm war; sie begriff, wie sehr recht
-die Lewin hatten, mit dem Wunsche, keine Beziehungen mit den Wronskiy
-zu pflegen, allein sie erachtete es für ihre Pflicht, zu Anna zu
-kommen, und ihr zu zeigen, daß ihre Gefühle sich nicht verändern
-könnten trotz der Veränderung ihrer Lage.
-
-Um bei dieser Reise nicht von den Lewin abhängen zu müssen, sandte
-Darja Aleksandrowna nach ihrem Dorfe, um Pferde mieten zu lassen; doch
-Lewin, der hiervon erfahren hatte, kam, um ihr Vorwürfe zu machen.
-
-»Warum denkst du, daß mir deine Reise unangenehm sei? Ja, und selbst
-wenn sie mir unangenehm wäre, so wäre sie es mir dadurch noch mehr,
-daß du nicht meine Pferde nimmst,« sagte er. »Du hast mir nicht ein
-einziges Mal gesagt, daß du entschieden fahren wolltest. Und nun auf
-dem Dorfe Pferde zu mieten, ist erstens unangenehm für mich, und dann,
-was die Hauptsache ist, man mietet sie, aber sie bringen dich nicht
-hin. Ich habe doch Pferde; und wenn du mich nicht böse machen willst,
-so nimmst du sie.«
-
-Darja Aleksandrowna mußte einwilligen, und am festgesetzten Tag hatte
-Lewin für seine Schwägerin ein Viergespann von Pferden und einen
-Vorspann aus Zug- und Reitpferden gewählt, bereit gemacht, der nicht
-sehr schön, aber doch imstande war, Darja Aleksandrowna in einem Tage
-an ihr Ziel zu bringen.
-
-Jetzt, wo Pferde sowohl für die Fürstin, welche abreiste, wie für
-die Wehfrau gebraucht wurden, war das eine schwierige Aufgabe für
-Lewin gewesen, doch konnte derselbe der Pflicht der Gastfreundschaft
-Folge leistend, nicht zugeben, daß Darja Aleksandrowna von seinem
-Hause aus Pferde mietete, und außerdem wußte er auch, daß die zwanzig
-Rubel, welche man von Darja Aleksandrowna für die Fahrt verlangte,
-für dieselbe von großer Bedeutung waren; die Finanzverhältnisse Darja
-Aleksandrownas, welche sich in sehr schlechtem Zustande befanden,
-wurden von den Lewin empfunden, als wären es ihre eigenen.
-
-Darja Aleksandrowna fuhr nach dem Rate Lewins noch vor der Morgenröte
-ab. Der Weg war gut, der Wagen ging ruhig, die Pferde liefen munter und
-auf dem Bocke saß noch außer dem Kutscher, an Stelle eines Dieners,
-der Comptoirschreiber, der von Lewin der Sicherheit halber mitgesandt
-worden war. Darja Aleksandrowna träumte und erwachte erst, als sie
-schon zu der Poststation gekommen war, wo die Pferde gewechselt werden
-mußten.
-
-Nachdem sie den Thee bei jenem nämlichen begüterten Großbauern,
-bei welchem Lewin auf seiner Fahrt zu Swijashskiy gerastet hatte,
-eingenommen, und sich mit den Weibern über die Kinder, mit dem Alten
-über den Grafen Wronskiy unterhalten hatte, den jener sehr lobte, fuhr
-Darja Aleksandrowna um zehn Uhr weiter. Zu Hause hatte sie, vor Sorgen
-um ihre Kinder, nie Zeit zu denken. Dafür aber häuften sich jetzt erst,
-auf dieser vierstündigen Fahrt, alle die vorher unterdrückt gewesenen
-Gedanken plötzlich in ihrem Kopfe, und sie überdachte ihr ganzes Leben,
-wie sie es noch nie zuvor gethan, und von den verschiedensten Seiten
-aus. Ihr selbst kamen ihre eigenen Gedanken seltsam vor.
-
-Im Anfang dachte sie ihrer Kinder, um die sie sich, obwohl ihr die
-Fürstin, wie besonders Kity -- auf diese verließ sie sich vielmehr --
-versprochen hatten, nach ihnen zu sehen, gleichwohl beunruhigte.
-
-»Wie wenn Mascha wiederum dumme Streiche machte, wenn den Grischa ein
-Pferd schlüge und der Magen Lilys noch mehr verdorben würde.«
-
-Dann aber begannen die Fragen der Gegenwart sich mit denen der nächsten
-Zukunft abzulösen. Sie dachte jetzt daran, daß man in Moskau für diesen
-Winter eine neue Wohnung mieten, die Möbel im Salon umtauschen und der
-ältesten Tochter einen Pelz fertigen lassen müsse. Darnach tauchten die
-Fragen der entfernten Zukunft vor ihr auf; wie sie ihre Kinder in die
-Welt einführen würde, »mit den Mädchen ist es noch nichts«, dachte sie,
-»aber mit den Knaben?«
-
-»Gut; ich beschäftige mich jetzt mit Grischa, aber ich kann es doch
-nur deshalb, weil ich selbst jetzt kein Kind unter dem Herzen trage.
-Auf Stefan läßt sich natürlich nicht rechnen. Jedoch mit Hilfe guter
-Menschen werde ich sie schon erziehen; und wenn wieder einmal eine
-Geburt« -- ihr kam der Gedanke, wie ungerecht der Ausspruch sei, daß
-der Fluch auf dem Weibe liege, daß sie in Schmerzen Kinder gebäre.
-»Die Geburt selbst hat nichts zu sagen, aber das Austragen -- das ist
-das Qualvolle,« dachte sie, sich ihrer letzten Schwangerschaft und des
-Todes dieses letzten Kindes erinnernd. Es fiel ihr auch das Gespräch
-mit der jungen Frau auf dem Posthof wieder ein. Auf ihre Frage, ob sie
-Kinder habe, hatte dieselbe ganz heiter geantwortet: »Ich hatte ein
-Mädchen, aber Gott hat es erlöst, ich habe es zu den Fasten begraben.«
-
-»Hast du es sehr betrauert?« hatte Darja Aleksandrowna weiter gefragt.
-
-»Wozu betrauern? Der Alte hat Enkel, und zwar viel. Man hat doch nur
-Sorge dabei, und kann weder arbeiten noch sonst etwas thun, sondern ist
-nur gebunden.«
-
-Diese Antwort war Darja Aleksandrowna abstoßend erschienen, ungeachtet
-des gutmütigen Äußeren der jungen Frau, jetzt aber vergegenwärtigte sie
-sich unwillkürlich diese Worte. Es lag auch ein Teil von Wahrheit in
-diesen cynischen Äußerungen.
-
-»Und im allgemeinen,« dachte Darja Aleksandrowna, auf ihr ganzes Leben
-während der fünfzehn Jahre ihrer Ehe zurückblickend, »Schwangerschaft,
-Übelkeiten, Stumpfsinn, Gleichgültigkeit für alles, und hauptsächlich
-Ruin der Schönheit. Kity, die junge, hübsche Kity, auch sie war häßlich
-geworden, ich aber werde in der Schwangerschaft ungeschlacht, ich weiß
-es. Geburten, Leiden, undenkbare Schmerzen; dann jene letzte Minute
--- hierauf aber die Ernährung, alle die schlaflosen Nächte, diese
-furchtbaren Schmerzen« --
-
-Darja Aleksandrowna erbebte schon vor der Erinnerung an den Schmerz
-einer aufgehenden Brustwarze, den sie fast bei jedem Kind gehabt
-hatte. »Dann kommen die Kinderkrankheiten, diese ewige Angst, dann die
-Gedanken wegen schlimmer Neigungen« -- sie dachte an das Vergehen der
-kleinen Mascha in den Himbeeren -- »der Unterricht, das Latein, alles
-das so unverständlich und schwierig. Und außer dem allen noch die
-Möglichkeit des Todes eben dieser Kinder!«
-
-Und wiederum tauchte in ihrer Phantasie die ewig ihr Mutterherz
-drückende, herbe Erinnerung an den Tod ihres letzten Knaben auf, der
-noch an der Brust gelegen hatte, und in der Krippe gestorben war. Sie
-dachte an sein Begräbnis, die allgemeinherrschende Gleichgültigkeit
-für jenes kleine rosengeschmückte Grab, an ihren herzzerreißenden,
-vereinsamten Schmerz über der bleichen, kleinen Stirn mit den hohen
-Schläfen, über dem geöffneten, verwundert scheinenden Mündchen, welches
-aus dem Sarge herausschaute, als man denselben mit einem Rosendeckel
-und einem Kreuz bedeckte.
-
-»Und warum alles das? Was folgt aus alledem? Daß ich, ohne einen
-Augenblick Ruhe zu haben, bald in gesegneten Umständen, bald ein
-Kind nährend, ewig mich ereifernd, scheltend, mich selbst und andere
-folternd, dem Manne zuwider, mein Leben hinlebe, und mir unglückliche,
-schlecht erzogene und unbemittelte Kinder aufwachsen?
-
-»Und jetzt -- wäre nicht dieser Sommer bei den Lewin, ich wüßte nicht,
-wie wir ihn verleben sollen. -- Natürlich sind Konstantin und Kity so
-zartfühlend, daß sie es uns nicht merken lassen, aber es kann doch
-nicht so fortgehen! Sie werden Kinder bekommen und uns nicht mehr
-unterstützen können; sind sie doch schon jetzt in Bedrängnis. Und was
-kann Papa, der für sich fast nichts mehr übrig behalten hat, noch
-helfen? Die Verhältnisse liegen so, daß ich die Kinder nicht allein
-erziehen kann, nur mit Hilfe anderer, und mit eigener Erniedrigung. Und
-nehmen wir selbst den glücklichsten Fall; sollten mir keine Kinder mehr
-sterben und sollte ich sie erziehen können, so werden sie im besten
-Falle doch nur höchstens keine Taugenichtse werden. Das ist alles,
-was ich wünschen kann. Und dafür so viele Qualen, so viele Mühen! Ein
-ganzes, verlorenes Leben!« --
-
-Und wieder fiel ihr ein, was die junge Frau gesagt hatte, wiederum
-war es ihr widerlich, daran zu denken; und gleichwohl mußte sie doch
-zugeben, daß in jenen Worten ein Stück rauher Wahrheit lag.
-
-»Ist es denn noch weit, Michail?« frug Darja Aleksandrowna den
-Comptoirdiener, um sich ihren Gedanken, die sie bange machten, zu
-entreißen.
-
-»Von diesem Dorfe sollen es noch sieben Werst sein!«
-
-Der Wagen fuhr in der Dorfgasse über eine kleine Brücke. Über die
-Brücke ging geräuschvoll und lustig schwatzend ein Haufe frohgelaunter
-Weiber. Die Weiber blieben auf der Brücke stehen, neugierig den
-Wagen betrachtend. Alle ihr zugewandten Gesichter erschienen Darja
-Aleksandrowna gesund, heiter, neckisch für sie in ihrer Lebenslust.
-
-»Sie alle leben, und freuen sich ihres Lebens,« fuhr Darja
-Aleksandrowna in ihrem Gedankengang fort, an den Weibern
-vorüberfahrend, einen Berg hinauf und dann im Trab wieder weiter,
-angenehm gewiegt auf den geschmeidigen Federn der alten Kutsche, »ich
-aber, wie aus einem Gefängnis hinausgelassen aus jener Welt, die mich
-mit ihren Sorgen ertötet, komme nur jetzt auf einen Augenblick zur
-Besinnung. Sie alle leben doch; diese Weiber, die Schwester Nataly,
-Warenka, Anna, zu der ich fahre, -- nur ich lebe nicht! --
-
-Anna greifen sie an; aber warum? Bin ich denn besser? Ich habe zwar
-wenigstens einen Mann, den ich liebe. Wäre es nicht so, wie wollte ich
-lieben, aber ich liebe ja ihn; während Anna den ihren nicht geliebt
-hat. Wessen ist sie nun schuldig? Sie will leben! Gott hat uns das
-in die Seele gelegt! Es ist sehr wohl möglich, daß ich das Nämliche
-gethan hätte. Und bis heute weiß ich noch nicht, ob ich wohl daran
-that, ihr in jener furchtbaren Zeit gehorcht zu haben, als sie zu mir
-nach Moskau kam. Damals hätte ich meinen Gatten verlassen und ein
-neues Leben beginnen müssen. Ich hätte lieben können und wahr geliebt
-werden können! Und ist es nun etwa besser geworden? Ich achte ihn
-nicht! Ich brauche ihn aber,« dachte sie ihres Gatten, »und so dulde
-ich ihn. Ist das etwa besser? Damals konnte ich noch gefallen, da hatte
-ich noch meine Schönheit,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, zu sinnen,
-und sie hätte gern einmal in den Spiegel geblickt. In ihrem Reisesack
-befand sich ein kleiner Reisespiegel, und sie wollte ihn hervorholen,
-doch indem sie auf die Rücken des Kutschers und des schaukelnden
-Comptoirdieners blickte, fühlte sie, daß es ihr fatal sein müßte, wenn
-einer der beiden sich umschaute; und sie holte den Spiegel nicht hervor.
-
-Aber auch wenn sie nicht in den Spiegel blickte, meinte sie, sei es
-jetzt noch nicht zu spät; und sie dachte an Sergey Iwanowitsch, der
-besonders liebenswürdig gegen sie war, an den Freund Stefans, den
-guten Turovzyn, der mit ihr zusammen ihre Kinder beim Scharlachfieber
-gepflegt hatte und in sie verliebt war. Und noch ein ganz junger Mann
-war da, welcher, wie ihr der Gatte im Scherz gesagt, gefunden hatte,
-sie sei schöner, als alle ihre Schwestern. Die leidenschaftlichsten
-und unmöglichsten Romane tauchten vor Darja Aleksandrowna auf. »Anna
-hat recht gehandelt, und ich werde ihr nie den geringsten Vorwurf
-mehr machen. Sie ist glücklich, begründet das Glück eines andern
-Menschen, ist nicht abgestumpft, wie ich, sondern wahrhaftig so, wie
-sie immer war, frisch, verständig und empfänglich für alles,« dachte
-Darja Aleksandrowna und ein schlaues Lächeln kräuselte ihre Lippen,
-namentlich, weil sie an den Roman Annas denkend, sich ähnlich dazu für
-sich selbst einen eigenen, fast ebensolchen Roman erdachte, mit einem
-erdichteten Musterhelden, der in sie verliebt war. Ebenso wie Anna,
-gestand sie alles ihrem Gatten, und die Verwunderung und Bestürzung
-Stefan Arkadjewitschs bei dieser Nachricht nun machte sie lächeln.
-
-In solchen Träumereien gelangten sie zu dem Scheideweg, welcher von der
-Landstraße ab nach Wosdwishenskoje führte.
-
-
- 17.
-
-Der Kutscher hielt das Viergespann an und blickte nach rechts, auf
-ein Roggenfeld hinaus, auf welchem Bauern bei einem Wagen saßen.
-Der Comptoirdiener wollte abspringen, besann sich aber anders und
-rief befehlerisch einem Bauern zu, ihn zu sich heranwinkend. Der
-leichte Wind, welcher während der Fahrt geweht, hatte sich gelegt,
-als sie anhielten; die Bremsen hatten sich an die heftig abwehrenden,
-schweißbedeckten Pferde festgesetzt. Das metallisch von dem Wagen
-herübertönende Geräusch des Sensendengelns verstummte. Einer der Bauern
-erhob sich und kam zum Wagen.
-
-»He, bist wohl vertrocknet!« rief der Comptoirdiener gereizt dem
-langsam über die Erdhügel des nicht ausgefahrenen, trockenen Weges mit
-den nackten Füßen schreitenden Bauern zu, »so lauf doch!«
-
-Ein kraushaariger Alter, das Haar mit Lindenbast aufgebunden und mit
-von Schweiß dunkelgefärbtem gekrümmten Rücken, beschleunigte seinen
-Schritt, trat an den Wagen heran und faßte mit der gebräunten Hand an
-die Seite des Wagens.
-
-»Wollt Ihr nach Wosdwishenskoje?, auf den Herrenhof? Zum Grafen?«
-wiederholte er, »dann fahrt nur so! Macht die Wendung nach links, dann
-gerade aus und Ihr kommt gerade darauf. Zu wem wollt Ihr denn? Zum
-Herrn selbst?«
-
-»Ist denn Eure Herrschaft zu Haus, Freund?« frug Darja Aleksandrowna
-ausweichend, ohne zu wissen, wie sie, selbst dem Bauern gegenüber, nach
-Anna fragen sollte.
-
-»Er ist wohl daheim,« sagte der Bauer einen Schritt vortretend und
-dabei mit den nackten Füßen im Staube eine deutliche Spur seiner
-Fußsohle mit den fünf Zehen hinterlassend. »Er wird wohl zu Haus sein,«
-wiederholte er, augenscheinlich mit großer Lust, ein Gespräch zu
-beginnen. »Gestern sind erst Gäste gekommen. Gäste -- es war eine Menge
--- Was willst du!« -- wandte er sich nach einem Burschen um, der ihm
-vom Wagen her etwas zuschrie. »Sie sind kaum erst alle zu Pferde hier
-vorbeigekommen, um eine Schnittmaschine zu besichtigen. Jetzt werden
-sie wohl zu Hause sein. Wo kommt Ihr denn her?«
-
-»Wir sind von weiter weg,« sagte der Kutscher, auf den Bock steigend,
-»also es ist nicht weit?«
-
-»Wie ich sage; dort! Wie Ihr eben fahrt« -- sagte er, mit der Hand nach
-der Seite des Wagens deutend.
-
-Ein junger, gesunder und stämmiger Bursche kam auch heran.
-
-»Wie, haben wir keine Arbeit auf Rechnung der Ernte?« frug derselbe.
-
-»Weiß nicht, mein Lieber! Wie gesagt, wenn du dich links hältst, kommst
-du gerade drauf,« sprach der Bauer, der augenscheinlich ungern die
-Reisenden fortließ und mit ihnen schwatzen wollte.
-
-Der Kutscher fuhr weiter, doch kaum hatten sie eingelenkt, als der
-Bauer rief: »Halt! He, Freund! Halt an!« Eine zweite Stimme rief
-ebenso. Der Kutscher hielt an.
-
-»Da kommen sie selbst. Dort sind sie!« rief der Bauer. »Dort sind
-sie!« fügte er hinzu, auf vier Reiter und zwei Personen in einem Wagen
-weisend, welche den Weg daherkamen.
-
-Es war Wronskiy mit seinem Jockey, Wjeslowskij und Anna zu Pferde, die
-Fürstin Barbara und Swijashskiy im Wagen. Sie waren spazieren geritten,
-und wollten die Arbeit der neu eingeführten Erntemaschinen besichtigen.
-
-Als die Equipage stand, kamen die Reiter im Schritt heran. Voran ritt
-Anna neben Wjeslowskij. Sie ritt in ruhigem Schritt eine kleine
-englische Vollblutstute mit gestrählter Mähne und gestutztem Schweif.
-Annas schönes Haupt mit den unter dem hohen Hut hervordringenden
-schwarzen Haaren, ihre vollen Schultern, die schmale Taille in der
-schwarzen Amazone und ihr ruhiger graziöser Sitz frappierten Dolly.
-
-Im ersten Augenblick erschien es ihr unpassend, daß Anna ritt. Mit der
-Vorstellung vom Reiten der Damen verband sich nach dem Begriff Darja
-Aleksandrownas auch die einer jugendlichen flatterhaften Koketterie,
-die nach ihrer Meinung mit der Lage Annas nicht harmonierte; doch als
-sie diese in der Nähe sah, söhnte sie sich sofort mit ihrem Reiten aus,
-denn selbst bei ihrer Eleganz, war alles an ihr so einfach, ruhig und
-würdevoll in Haltung und Kleidung, sowie auch in ihren Bewegungen, daß
-nichts natürlicher erscheinen konnte.
-
-Neben Anna auf einem grauen feurigen Kavalleriepferd, welches die
-starken Füße hochwarf und augenscheinlich mit sich kokettierte, ritt
-Wasjenka Wjeslowskij in seiner schottischen Mütze mit den wehenden
-Bändern, und Darja Aleksandrowna konnte sich ein Lächeln nicht
-verbeißen, als sie ihn erkannte.
-
-Hinter ihnen ritt Wronskiy; er saß auf einem dunkelbraunen Vollblut,
-welches sichtlich vom Galopp aufgeregt war; um es zu halten, arbeitete
-er mit den Zügeln.
-
-Nach ihm kam ein kleiner Mensch in Jockeykostüm. Swijashskiy mit der
-Fürstin in einem neuen Wagen, der von einem starken schwarzen Traber
-gezogen wurde, folgten den Reitern.
-
-Das Gesicht Annas, als sie die in dem kleinen, alten Wagen in die Ecke
-geschmiegte Gestalt Dollys erkannte, erglänzte von freudigem Lächeln.
-Sie stieß einen Schrei aus, erbebte im Sattel und setzte das Pferd in
-Galopp. Als sie am Wagen angelangt war, sprang sie ohne Beistand ab und
-eilte, ihre Amazone aufnehmend, Dolly entgegen.
-
-»Ich dachte es wohl, wagte es aber nicht zu denken! Welche Freude! Du
-vermagst dir meine Freude nicht vorzustellen,« sagte sie, sich bald mit
-dem Gesicht an Dolly schmiegend, und sie küssend, bald sich entfernend
-und sie mit einem Lächeln betrachtend. »Das ist eine Freude, Aleksey!«
-sprach sie, sich nach Wronskiy umblickend, der vom Pferde gestiegen
-war und zu ihnen herankam.
-
-Wronskiy trat, den grauen hohen Hut abnehmend, zu Dolly.
-
-»Ihr könnt nicht glauben, wie erfreut wir über Eure Ankunft sind,«
-sagte er, seinen Worten ein besonderes Gewicht verleihend und lächelnd
-dabei seine festen weißen Zähne zeigend.
-
-Wasjenka Wjeslowskij nahm, ohne vom Pferde zu steigen, die Mütze ab
-und bewillkommnete den Besuch, freudig die Bänder über seinem Kopfe
-schwingend.
-
-»Dies ist die Fürstin Barbara,« antwortete Anna auf den fragenden Blick
-Dollys, als der Wagen herangekommen war.
-
-»Ah,« sagte Darja Aleksandrowna, und ihr Gesicht drückte unwillkürlich
-Mißvergnügen aus.
-
-Die Fürstin Barbara war die Tante ihres Gatten und sie kannte sie
-lange, achtete sie aber nicht. Wußte sie doch, daß die Fürstin Barbara
-ihr ganzes Leben als Konkubine reicher Verwandter verbracht hatte.
-Daß sie aber jetzt bei Wronskiy lebte, einem ihr fremden Mann, dies
-verletzte in Hinsicht auf die Familie ihres Gatten. Anna bemerkte den
-Ausdruck im Gesicht Dollys und wurde verlegen; sie errötete, ließ ihre
-Amazone aus den Händen gleiten und stolperte über dieselbe.
-
-Darja Aleksandrowna begab sich zu dem stehen gebliebenen Wagen und
-begrüßte kühl die Fürstin Barbara. Swijashskiy war ihr gleichfalls
-bekannt. Er frug, wie sich sein Freund und Sonderling mit seiner jungen
-Frau befinde und schlug den Damen, mit einem schnellen Blick auf die
-nicht gerade dampfenden Pferde und den Wagen mit den ausgebesserten
-Seiten, vor, in der Equipage zu fahren.
-
-»Ich hingegen werde in diesem Vehikel fahren,« sagte er, »das Pferd ist
-sanft und die Fürstin fährt ausgezeichnet.«
-
-»Nein, bleibt, wie Ihr waret,« sagte Anna herzutretend, »aber wir
-wollen in diesem Wagen fahren,« und Dolly bei der Hand nehmend, führte
-sie dieselbe mit sich.
-
-Darja Aleksandrownas Augen schweiften über die elegante, von ihr noch
-nicht gesehene Equipage, die schönen Pferde, die vornehmen, glänzenden
-Personen, die sie umgaben, aber mehr als alles das frappierte sie die
-Veränderung, welche mit der ihr so wohlbekannten, geliebten Anna vor
-sich gegangen war. Ein anderes Weib, welches weniger aufmerksam gewesen
-wäre, und Anna früher nicht gekannt hätte, insbesondere nicht die
-Gedanken hegte, welchen Darja Aleksandrowna unterwegs nachgehangen
-hatte, würde nichts Eigenartiges an Anna bemerkt haben.
-
-Jetzt aber war Dolly betroffen von jener nur zeitweisen Schönheit,
-die allein in Momenten der Liebe bei den Frauen zu erscheinen
-pflegt, und die sie jetzt auf Annas Gesicht fand. Alles an deren
-Gesicht, die Schärfe der Grübchen in Wangen und Kinn, die Lage der
-Lippen, das Lächeln, welches gleichsam rund um ihr Gesicht flog, der
-Glanz der Augen, die Grazie und Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die
-Fülle des Tones ihrer Stimme, selbst ihre Manieren, mit denen sie
-ernst-freundlich Wjeslowskij antwortete, der sie um die Erlaubnis bat,
-sich auf ihre Stute setzen zu dürfen, um sie Galopp mit Rechtseinsatz
-lehren zu können -- alles das war eigentümlich anziehend und sie selbst
-schien dies zu wissen und darüber Freude zu empfinden.
-
-Nachdem sich die beiden Frauen in den Wagen gesetzt hatten, überkam sie
-beide eine plötzliche Verlegenheit. Anna geriet in Verwirrung wegen
-des aufmerksam fragenden Blickes, mit dem Dolly sie anschaute. Dolly,
-weil sie sich, nach den Worten Swijashskiys über das Vehikel, ihrer
-schmutzigen alten Kalesche schämte, in welche sich Anna mit ihr gesetzt
-hatte.
-
-Der Kutscher Philipp und der Comptoirdiener hatten das nämliche Gefühl.
-Der Comptoirdiener beeilte sich, um seine Verlegenheit zu verbergen,
-den Damen beim Niedersetzen behilflich zu sein, während Philipp, der
-Kutscher, mürrisch geworden war, und sich vorgenommen hatte, dieser
-äußeren Überlegenheit nicht nachzugeben. Ironisch lächelnd blickte er
-auf den schwarzen Traber, und hatte schon im Geiste das Urteil gefällt,
-daß dieser Rappe im Wagen nur gut sei zur »Promenade« und nicht vierzig
-Werst weit scharf und ohne Ausspann laufen könne.
-
-Die Bauern hatten sich sämtlich von ihrem Wagen erhoben und schauten
-neugierig und belustigt den Besuchern entgegen, ihre Bemerkungen dazu
-machend.
-
-»Sehr erfreut, sehr lange nicht gesehen,« sagte der kraushaarige Alte
-mit dem Lindenbast.
-
-»Nun, Vater Gerasim, der schwarze Hengst müßte die Garben
-hereinbringen; das ginge lebhaft!«
-
-»Schaut an! Ist der da in den Hosen auch ein Frauenzimmer?« sagte
-Einer, auf den im Damensattel sitzenden Wasjenka Wjeslowskij zeigend.
-
-»Über den Bauer! Wie geschickt er anspielt!«
-
-»Nun Kinder, wollen wir nicht ein Mittagsschläfchen halten?«
-
-»Ach was, jetzt gar Schlaf!« sagte der Alte, gebückt nach der Sonne
-schauend. »Mittag ist vorbei! Nehmt die Griffe fest; los!« --
-
-
- 18.
-
-Anna blickte in Dollys hageres, übermüdetes Gesicht mit den Runzeln,
-die vom Staube bedeckt waren; sie wollte sagen, was sie dachte, nämlich
-daß Dolly recht abgemagert sei, aber indem sie sich vergegenwärtigte,
-daß sie schöner geworden, und der Blick Dollys ihr dies sagte, seufzte
-sie, und begann, von sich zu sprechen.
-
-»Du blickst mich an,« sagte sie, »und denkst, kann sie glücklich
-sein in ihrer Lage. Nun, was soll ich sagen! Es ist schmachvoll, es
-einzugestehen; aber ich -- ich bin unverzeihlich glücklich! -- Mir
-ist etwas Zauberhaftes, Etwas wie ein Traum vor sich gegangen, in dem
-es uns furchtbar, seltsam wird, aus dem man plötzlich erwacht, um zu
-fühlen, daß alle diese Schrecken gar nicht da sind. Ich bin erwacht.
-Ich habe Qualvolles, Furchtbares durchlebt, und es ist jetzt schon
-geraume Zeit, besonders seit wir hier sind, daß ich so glücklich bin,«
-sprach sie mit schüchternem, fragendem Lächeln Dolly ins Auge sehend.
-
-»Wie freue ich mich,« sagte Dolly lächelnd, aber unwillkürlich kühler,
-als sie wollte. »Ich freue mich sehr über dich. Weshalb hast du mir
-nicht geschrieben?«
-
-»Weshalb? Deshalb, weil ich es nicht wagte -- du vergißt meine Lage.«
-
-»Gegen mich? Gegen mich hast du es nicht gewagt? Wenn du wüßtest, wie
-ich -- ich glaube« --
-
-Darja Aleksandrowna wollte ihre Gedanken vom heutigen Morgen
-aussprechen, aber aus irgend einem Grunde erschien ihr dies jetzt nicht
-am Platze.
-
-»Doch davon später. Was ist das, alle diese Gebäude?« frug sie, im
-Wunsche das Thema zu wechseln, auf die roten und grünen Dächer zeigend,
-welche hinter dem Grün lebender Akazienzäune sichtbar wurden. Es sah
-dies alles aus wie ein Städtchen.
-
-Anna antwortete ihr nicht.
-
-»Nein, nein; wie urteilst du über meine Lage, wie denkst du darüber;
-wie?« frug sie.
-
-»Ich vermute,« wollte Darja Aleksandrowna beginnen, doch in diesem
-Augenblick sprengte Wasjenka Wjeslowskij, der die Stute in Galopp mit
-Rechtseinsatz gebracht hatte, schwerfällig in seinem kurzen Jaquet auf
-dem sämischen Leder des Damensattels auf und niedergeworfen, an ihnen
-vorüber.
-
-»Sie geht, Anna Arkadjewna!« schrie er.
-
-Anna schaute ihn indessen nicht einmal an, und Darja Aleksandrowna
-schien es wiederum, daß es unpassend sei, in der Kalesche dieses
-langatmige Thema anzuschlagen, und sie brach daher in der Äußerung
-ihres Gedankens ab.
-
-»Ich urteile gar nicht darüber,« sagte sie, »ich habe dich stets
-geliebt, und wenn man liebt, liebt man den ganzen Menschen so, wie er
-ist, nicht so, wie man will, daß er sei.«
-
-Anna versank in Nachdenken, indem sie die Augen vom Gesicht der
-Freundin wegwendete und blinzelte -- eine neue Gewohnheit, die Dolly
-noch nicht an ihr gekannt hatte -- sie wünschte die Bedeutung dieser
-Worte ganz zu erfassen. Nachdem sie sie augenscheinlich so, wie sie es
-wünschte, aufgefaßt hatte, schaute sie Dolly an.
-
-»Wenn du Sünden haben solltest,« sprach sie, »so möchten sie dir alle
-vergeben sein für dein Kommen und für diese Worte.«
-
-Dolly sah, daß ihr die Thränen in die Augen getreten waren. Schweigend
-drückte sie Annas Hand.
-
-»Also was sind das für Gebäude? -- Wie viel es doch sind!« Sie
-wiederholte nach einer Minute des Schweigens ihre Frage.
-
-»Dies sind die Gebäude des Personals, der Fabriken, die Ställe,«
-antwortete Anna. »Dort beginnt der Park; alles das war verwildert,
-aber Aleksey hat es wieder neu hergerichtet. Er liebt dieses
-Besitztum sehr und fühlt sich, was ich nimmermehr erwartet hätte,
-leidenschaftlich zur Landwirtschaft hingezogen. Er hat überhaupt eine
-so reich beanlagte Natur! Was er auch anfassen mag, alles vollführt er
-ausgezeichnet. Und er langweilt sich nicht nur nicht dabei, sondern
-beschäftigt sich mit leidenschaftlichem Eifer. So wie ich ihn kenne,
-ist er ein haushälterischer, vorzüglicher Hausherr geworden, sogar
-geizig in der Wirtschaft ist er; aber auch nur in der Wirtschaft! Da,
-wo es sich um Zehntausende handelt, rechnet er nicht,« sprach sie mit
-jenem freudig schlauen Lächeln, mit welchem Frauen oft über geheime,
-ihnen allein bekannte Eigenschaften eines geliebten Mannes sprechen.
-
-»Siehst du dieses große Gebäude da? Das ist das neue Krankenhaus.
-Ich glaube, daß es mehr als hunderttausend Rubel kosten wird. Und
-weißt du, woher das Geld gekommen ist? Die Bauern hatten ihn gebeten,
-ihnen die Wiesen billiger abzulassen, er aber hatte sie abschläglich
-beschieden, und ich machte ihm Vorwürfe wegen seines Geizes. Natürlich
-nicht deswegen nun, aber alles in allem erwägend, begann er da dieses
-Krankenhaus zu bauen, um zu zeigen, verstehst du, daß er nicht geizig
-sei. Wenn du willst, =c'est une petitesse=, aber ich liebe ihn dafür
-umsomehr. Doch du wirst sogleich das Wohnhaus erblicken. Es ist noch
-vom Großvater her und an der Außenseite in nichts verändert worden.«
-
-»Wie schön,« sagte Dolly, mit unwillkürlichem Erstaunen, auf ein
-schönes Haus mit Säulengängen blickend, welches aus dem bunten Grün der
-alten Bäume des Gartens hervortrat.
-
-»Nicht wahr, das ist schön? Und vom Hause aus, von oben herab, ist die
-Aussicht wunderbar.«
-
-Sie fuhren auf einen mit Schotter bedeckten und von Blumenbeeten
-geschmückten Hof, auf welchem zwei Arbeiter ein Blumenbosquet mit
-unbehauenen porösen Steinen garnierten, und hielten in der gedeckten
-Einfahrt.
-
-»Ah, sie sind schon angekommen,« sagte Anna, auf die Reitpferde
-blickend, die soeben von der Freitreppe hinweggeführt wurden. »Nicht
-wahr, dieses Pferd ist schön? Es ist eine Stute, mein Liebling.
-Führe es hierher und bringt Zucker. Wo ist der Graf?« frug sie
-zwei herauseilende Paradelakaien. »Ah, dort ist er,« sagte sie, den
-heraustretenden und ihr mit Wjeslowskij entgegenkommenden Wronskiy
-erblickend.
-
-»Wo habt Ihr die Gräfin untergebracht?« sagte Wronskiy auf Französisch,
-zu Anna gewendet, begrüßte dann nochmals, ohne eine Antwort abzuwarten,
-Darja Aleksandrowna und küßte ihr jetzt die Hand: »Ich denke, wir
-bringen unsern Besuch im großen Balkonzimmer unter? --«
-
-»O nein; das ist zu abgelegen! Besser im Eckzimmer, wir können uns
-da mehr sehen. Gehen wir,« sagte Anna, den ihr von einem Lakaien
-präsentierten Zucker dem Lieblingspferde reichend.
-
-»=Et vous oubliez votre devoir=,« sagte sie zu Wjeslowskij, welcher
-gleichfalls auf der Freitreppe erschienen war.
-
-»=Pardon, j'en ai tout plein les poches=,« antwortete dieser lächelnd,
-die Finger in die Westentasche steckend.
-
-»=Mais vous venez trop tard=,« sagte sie, mit dem Taschentuch die Hand
-abwischend, welche ihr das Pferd feucht gemacht hatte, indem es den
-Zucker nahm.
-
-Anna wandte sich zu Dolly:
-
-»Du bleibst doch für längere Zeit hier? Nur auf einen Tag? Das ist
-unmöglich!«
-
-»Ich habe so versprochen, die Kinder --« sagte Dolly, mit einem Gefühl
-der Verlegenheit, daß sie den Reisesack aus der Kalesche nehmen mußte,
-sowie weil sie wußte, daß ihr Gesicht sehr mit Staub bedeckt sein müsse.
-
-»Nein, Dolly, Herzchen; doch wir werden ja sehen. Komm, komm!« Anna
-führte Dolly in ihr Zimmer.
-
-Dieses Zimmer war nicht das Paradezimmer, welches Wronskiy
-vorgeschlagen hatte, sondern das, von welchem Anna sagte, Dolly
-möchte es entschuldigen. Jedoch auch dieses Gemach, für welches eine
-Entschuldigung erforderlich gewesen war, war voll von einem Luxus, in
-welchem Dolly niemals gelebt hatte, und der ihr die besten Salons des
-Auslandes in die Erinnerung zurückrief.
-
-»Ach, Herzchen, wie bin ich glücklich!« sprach Anna, für eine Minute
-in ihrer Amazone neben Dolly Platz nehmend, »erzähle mir doch von den
-Deinen. Stefan habe ich flüchtig gesehen, doch von Kindern kann er
-nicht reden. Was macht mein Liebling, die Tanja? Es ist ein großes
-Mädchen geworden, glaube ich?«
-
-»Ja, sehr groß,« antwortete Darja Aleksandrowna kurz, selbst
-verwundert, daß sie so kühl über ihre Kinder Bescheid gab. »Wir
-befinden uns recht wohl bei den Lewin,« fügte sie hinzu.
-
-»Ach, hätte ich gewußt,« antwortete Anna, »daß du mich nicht
-verachtest. Ihr hättet alle zu uns kommen müssen. Stefan ist doch ein
-alter und intimer Freund Alekseys,« fügte sie hinzu, und errötete
-plötzlich.
-
-»Wir befinden uns so ganz wohl,« versetzte Dolly verlegen.
-
-»Da habe ich übrigens aus Freude Dummheiten gesagt. Noch einmal,
-Herzchen, wie freue ich mich über dich,« sagte Anna, sie wiederum
-küssend, »aber du hast mir noch nicht gesagt, wie und was du über mich
-denkst, und ich will alles wissen. Und ich freue mich darüber, daß du
-mich durchschaust, wie ich bin. Es liegt mir nichts daran, vor allem,
-daß man denke, ich wollte in irgend etwas demonstrieren. Ich will
-nicht demonstrieren, sondern einfach nur leben; niemandem Übles thun,
-außer mir selbst. Dieses Recht habe ich, nicht wahr? Doch das ist eine
-langatmige Unterhaltung und wir werden schon noch über alles sprechen.
-Ich gehe jetzt, mich umzukleiden und werde dir ein Mädchen schicken.«
-
-
- 19.
-
-Allein geblieben, schaute sich Darja Aleksandrowna mit dem Blick der
-Hausfrau in dem Zimmer um. Alles was sie vor dem Haus vorfand, und
-durch dasselbe schreitend, sowie jetzt in ihrem Zimmer, erblickte,
-verursachte ihr den Eindruck des Überflusses und der Koketterie, jenes
-modernen, europäischen Luxus, von dem sie nur in englischen Romanen
-gelesen, den sie aber noch nie in Rußland und auf dem Lande erblickt
-hatte. Alles war neu, von den modernen französischen Tapeten an bis
-zum Teppich, von welchem das ganze Zimmer bedeckt war. Das Bett war
-mit Sprungfedermatratze versehen, hatte ein besonderes Kopfkissen und
-Canevasüberzüge auf den kleinen Kissen. Das marmorne Waschbecken, die
-Toilette, die Tische, die Bronceuhr auf dem Kamin, die Gardinen und
-Portieren, alles das war teuer und neu.
-
-Die kokette Kammerzofe, welche herbeikam, um ihre Dienste anzubieten,
-und eine Frisur und Robe trug, die noch moderner war, als diejenige
-Dollys, sah eben so neu und kostspielig aus, wie das ganze Zimmer.
-
-Darja Aleksandrowna war ihre Höflichkeit, Sauberkeit und
-Dienstwilligkeit sehr angenehm, doch fühlte sie sich nicht
-behaglich in ihrer Gegenwart; sie schämte sich vor ihr wegen
-ihres, unglücklicherweise infolge eines Irrtums von ihr gepackten,
-ausgebesserten Corsets; sie schämte sich gerade jener Flicken und
-gestopften Stellen, auf die sie daheim so stolz war. Zu Hause war es
-ihr klar, daß zu sechs Leibchen vierundzwanzig Arschin Stoff gehörten,
-zu je fünfundsechzig Kopeken, was mehr als fünfzehn Rubel ausmachte,
-außer der Arbeit; und diese fünfzehn Rubel waren so herausgeschlagen.
-Vor der Zofe aber empfand sie weniger Scham, als vielmehr Unbehagen.
-
-Darja Aleksandrowna verspürte große Erleichterung, als die ihr seit
-alters bekannte Annuschka in das Zimmer trat. Die kokette Zofe war von
-der Herrin verlangt worden und Annuschka blieb bei Darja Aleksandrowna
-zurück.
-
-Annuschka war augenscheinlich sehr erfreut über die Ankunft der Dame
-und schwatzte ohne Unterlaß. Dolly bemerkte, daß sie gern ihre Meinung
-bezüglich der Lage ihrer Herrin ausgesprochen hätte, insbesondere
-bezüglich der Liebe und Ergebenheit des Grafen für Anna Arkadjewna,
-doch Dolly verhinderte sie geflissentlich daran, sobald sie davon zu
-sprechen begann.
-
-»Ich bin mit Anna Arkadjewna herangewachsen, die Herrin geht mir über
-alles! Doch wir haben über nichts zu richten, und, wie es scheint, so
-zu lieben --«
-
-»Gieb mir doch gefälligst Waschwasser, wenn es geht,« unterbrach sie
-Darja Aleksandrowna.
-
-»Zu Diensten. Bei uns sind zum Waschen allein zwei Frauen besonders
-angestellt und die Wäsche wird nur mit Maschine gereinigt. Der Graf
-führt alles ein. Das ist ein Mann --«
-
-Dolly war froh, als Anna bei ihr eintrat, und mit ihrem Kommen das
-Geschwätz Annuschkas abschnitt.
-
-Anna hatte sich in eine sehr einfache Battistrobe geworfen und Dolly
-betrachtete aufmerksam dieses einfache Kleid. Sie erkannte, daß dies
-zu bedeuten habe, auch solch eine Einfachheit sei nur für Summen zu
-erringen.
-
-»Eine alte Bekannte,« sagte Anna im Hinweis auf Annuschka.
-
-Anna war jetzt nicht mehr in Verlegenheit; sie erschien vollständig
-ungezwungen und ruhig. Dolly erkannte, daß sich Anna jetzt wieder
-vollständig von dem Eindruck ermannt hatte, welchen ihre Ankunft bei
-dieser hervorgerufen, und daß sie jetzt wieder jenen hochfahrenden,
-gleichmütigen Ton angenommen habe, mit welchem gleichsam die Thür zu
-derjenigen Abteilung in ihr, in welcher sich ihre Gefühle und innersten
-Gedanken befanden, verschlossen war.
-
-»Nun, was macht dein kleines Mädchen, Anna?« frug Dolly.
-
-»Die Any?« -- so nannte sie ihre Tochter Anna -- »sie befindet sich
-wohl. Sie hat sich sehr entwickelt, willst du sie einmal sehen? Komm,
-ich zeige sie dir! Es hat da unendlich viel Sorgen gegeben,« begann sie
-zu erzählen, »mit den Ammen. Wir hatten als Amme eine Italienerin, sie
-war gut, aber dumm! Wir wollten sie fortschicken, doch das Kind war so
-gewöhnt an sie, daß wir sie noch immer haben.«
-
-»Und wie seid Ihr übereingekommen?« wollte Dolly fragen, welchen Namen
-das Mädchen tragen sollte. Als sie indessen das finstergewordene
-Gesicht Annas bemerkte, veränderte sie den Sinn ihrer Frage. »Und wie
-seid Ihr übereingekommen? Habt Ihr es schon entwöhnt?« --
-
-Doch Anna hatte verstanden.
-
-»Du wolltest nicht hiernach fragen? Du wolltest nach seinem Namen
-fragen? Nicht wahr? Dies eben quält Aleksey! Sie hat keinen Namen.
-Das heißt, sie ist -- eine Karenina« -- sagte Anna, die Augen soweit
-zusammenkneifend, daß nur die zusammentreffenden Wimpern noch sichtbar
-waren. »Übrigens,« fuhr sie mit plötzlich hellwerdendem Gesicht fort,
-»von dem allen können wir ja später noch reden. Komm, ich will sie dir
-zeigen! =Elle est très= -- =gentile= -- und kriecht schon fort.«
-
-In der Kinderstube überraschte Darja Alexandrowna der nämliche Luxus,
-welcher sie im ganzen Hause schon frappiert hatte, noch mehr. Hier
-gab es kleine Wagen, die aus England verschrieben waren, sowie
-Gerätschaften für das Gehenlernen; einen eigens konstruierten Diwan
-nach Art eines Billards zum Kriechen; Wiegen; eigenartige, neue Wannen.
-Alles war von englischer Arbeit, dauerhaft und gediegen und offenbar
-teuer. Das Zimmer war groß, sehr hoch und hell.
-
-Als sie eintraten, saß das kleine Mädchen nur im Hemdchen in einem
-Stühlchen am Tisch und nahm Bouillon zu sich, mit welcher sie sich die
-ganze kleine Brust begossen hatte. Ein russisches Mädchen, welches
-in der Kinderstube diente, fütterte das Kind, und aß augenscheinlich
-selbst mit diesem zugleich dabei. Weder die Amme, noch die Kinderfrau
-war zugegen; sie befanden sich im Nebenzimmer und man vernahm von
-dorther ihr Gespräch in seltsamem Französisch, in welchem sie sich
-einander nur verständlich machen konnten.
-
-Die Stimme Annas vernehmend, trat eine hohe Engländerin mit
-unangenehmem Gesicht und gemeinem Ausdruck, hastig ihre blonden Locken
-schüttelnd in die Thür, und begann sich sogleich zu entschuldigen,
-obwohl ihr Anna noch gar kein Vergehen beigemessen hatte. Auf jedes
-Wort Annas antwortete die Engländerin schnell mit einem mehrmaligen
-»=yes, mylady=!«
-
-Das kleine Mädchen mit seinen schwarzen Brauen und Haaren, den roten
-Wangen, der festen straffen Haut und dem schönen Körperchen gefiel
-Darja Aleksandrowna ungeachtet des mürrischen Ausdrucks, mit welchem
-es auf das fremde Gesicht blickte, sehr; diese beneidete es sogar um
-seines gesunden Aussehens willen. Auch wie das kleine Mädchen kroch,
-gefiel ihr sehr; keines ihrer Kinder hatte so gekrochen. Dieses
-Kindchen war, nachdem man es auf einen Teppich gesetzt, und ein Kleid
-dahinter gestopft hatte, wunderbar lieblich. Wie ein Tierchen schaute
-es mit seinen großen glänzenden schwarzen Augen um sich, offenbar
-erfreut darüber, daß man sich freundlich mit ihm abgebe, stützte sich
-lächelnd, und die Füßchen seitwärts haltend, energisch auf die Hände
-und hob schnell das ganze Hinterteilchen empor, worauf es mit den
-Händchen nach vorwärts faßte.
-
-Der allgemeine Charakter der Kinderstube jedoch, und namentlich die
-Engländerin, gefiel Darja Aleksandrowna durchaus nicht. Nur damit,
-daß in eine so illegitime Familie wie es diejenige Annas war, wohl
-kein gutes Mädchen gehen mochte, erklärte sich Darja Aleksandrowna
-selbst, daß Anna mit ihrer Menschenkenntnis für ihr Kind eine so
-unsympathische, gar nicht respektable Engländerin hatte nehmen können.
-Außerdem aber erkannte sie auch sogleich an einigen Worten, daß Anna,
-die Amme, die Kinderfrau und das Kind sich nicht zusammengelebt hatten,
-und der Besuch der Mutter ein ungewöhnliches Ereignis bildete. Anna
-wollte dem Kinde ein Spielzeug geben und konnte es nicht einmal finden.
-
-Am wundersamsten aber von allem war, daß Anna auf die Frage, wie viel
-Zähne das Kind habe, irrte und von den zwei letzten Zähnen noch gar
-nichts wußte.
-
-»Es ist mir bisweilen schwer ums Herz, daß ich hier förmlich
-überflüssig bin,« sagte sie beim Verlassen der Kinderstube, und nahm
-ihre Schleppe auf, um an den bei der Thür stehenden Spielgeräten
-vorüberzukommen. »So war es nicht bei meinem ersten Manne.«
-
-»Ich dachte, im Gegenteil,« sagte Darja Aleksandrowna schüchtern.
-
-»O nein; du weißt doch wohl, ich habe ihn gesehen -- meinen Sergey,«
-sprach Anna, die Augen zusammenkneifend, als schaue sie nach etwas
-weit Entferntem. »Doch davon können wir ja später sprechen. Du glaubst
-nicht, ich bin wie eine Hungernde, der man plötzlich ein üppiges Mahl
-vorgesetzt hat, ohne daß sie weiß, wonach sie langen soll. Das üppige
-Mahl -- bist du und die mir bevorstehenden Gespräche mit dir, die ich
-mit niemandem sonst führen konnte; ich weiß nun nicht, an welches Thema
-ich zuerst gehen soll. =Mais je ne vous ferai grâce de rien= -- ich
-muß mich ganz aussprechen. Ich muß dir ein Bild von der Gesellschaft
-machen, die du bei uns findest,« begann sie, »und beginne mit den
-Damen. Da ist die Fürstin Barbara. Du kennst sie und ich kenne deine
-Meinung und diejenige Stefans über sie. Stefan sagt, der ganze Zweck
-ihres Daseins bestehe darin, ihren Vorzug vor ihrer Tante Katharina
-Pawlowna zu beweisen. Das ist ganz richtig, aber sie ist gut und ich
-bin ihr sehr dankbar. In Petersburg gab es für mich einen Moment, in
-welchem mir =un chaperon= notwendig war; da war sie bei mir; sie ist
-wahrhaftig gut, und hat mir meine Lage sehr erleichtert. Ich sehe
-wohl, daß du die ganze Schwierigkeit derselben nicht begreifst -- wie
-sie dort, in Petersburg war,« fügte sie hinzu. »Hier lebe ich nun
-vollkommen ruhig und glücklich; doch davon später, erst muß aufgezählt
-werden. Zweitens kommt Swijashskiy; er ist Präsident und ein sehr
-solider Mann, doch braucht er Aleksey in Manchem. Du verstehst jetzt,
-nachdem wir uns auf dem Lande niedergelassen haben, kann Aleksey mit
-seinen Verhältnissen großen Einfluß ausüben. Dann Tuschkjewitsch -- du
-hast ihn ja gesehen; er war bei Betsy. Man hat ihn jetzt fallen lassen
-und er ist nun zu uns gekommen. Wie Aleksey sagt, ist er einer von
-denjenigen Menschen, die sehr angenehm sind, wenn man sie so nimmt,
-wie sie scheinen wollen -- =et puis, il est comme il faut= -- wie die
-Fürstin Barbara sagt. Ferner Wjeslowskij -- den kennst du ja. -- Er
-ist ein sehr lieber Mensch,« sagte sie, mit schelmischem Lächeln die
-Lippen kräuselnd. »Was ist denn das für eine seltsame Geschichte mit
-Lewin gewesen? Wjeslowskij hat sie Aleksey erzählt und wir können sie
-gar nicht glauben. =Il est très gentil et naif=« sagte sie, wieder mit
-dem nämlichen Lächeln. »Die Männer bedürfen der Zerstreuung und Aleksey
-braucht Menschen um sich; daher schätze ich diese ganze Gesellschaft.
-Bei uns muß es lebhaft und heiter zugehen, damit sich Aleksey nichts
-Neues wünscht. Dann wirst du auch den Direktor sehen. Er ist ein
-Deutscher, ein sehr hübscher Mann, der auch seine Sache versteht;
-Aleksey schätzt ihn sehr hoch. Ferner ist da der Arzt, ein noch junger
-Mann; nicht gerade ein vollkommener Nihilist, aber, weißt du, >er ißt
-mit dem Messer< -- sonst ist er ein sehr guter Arzt. Endlich ist noch
-der Architekt da. -- =Une petite cour=.« --
-
-
- 20.
-
-»Hier bringe ich Euch Dolly, Fürstin, Ihr wolltet sie so gern sehen,«
-sagte Anna, mit Darja Aleksandrowna die große Steinterrasse betretend,
-auf welcher im Schatten, hinter dem Stickrahmen die Fürstin Barbara
-saß, die einen Sessel für den Grafen Aleksey Kyrillowitsch stickte.
-»Sie sagt zwar, daß sie bis zu Mittag nichts zu sich nehmen mag,
-befehlt aber immerhin das Frühstück, während ich mittlerweile gehe,
-Aleksey zu suchen und sie alle mit hierher bringe.«
-
-Die Fürstin Barbara empfing Dolly mit einer gewissen Gönnermiene und
-begann sogleich, ihr auseinanderzusetzen, daß sie deshalb bei Anna
-wohne, weil sie diese mehr liebe, als es deren Schwester, Katharina
-Pawlowna, gethan, die Anna erzogen hätte, und daß sie es jetzt, nachdem
-alle Anna verlassen hätten, als ihre Pflicht betrachtet habe, ihr in
-diesem Übergangsstadium, dem allerschwierigsten, Beistand zu leisten.
-
-»Ihr Mann wird ihr den Konsens zur Ehescheidung geben und dann gehe
-ich wieder in meine Einsamkeit, jetzt aber kann ich nützlich sein und
-werde ich meine Pflicht erfüllen, so schwer es mir auch werden mag
--- ich handle nicht so, wie andere. Und wie lieb bist du, wie schön
-hast du gehandelt, daß du gekommen bist! Sie leben vollkommen, wie die
-besten Ehegatten und Gott wird über sie richten, nicht wir dürfen es!
-Birjusowskij und die Avenijewa, Nikandroff, Wasiljeff und die Mamonowa,
-und Lisa Neptunowa, da hat doch auch kein Mensch etwas gesagt? Und doch
-endeten die Fälle so, daß sie sich alle heirateten. Dann aber, =c'est
-un intérieur si joli, si comme il faut. Tout-à-fait à l'anglaise. On
-se réunit le matin au breakfast et puis on se sépare=. Jeder thut,
-was er will, bis zur Mittagszeit. Die Mittagstafel ist um sieben Uhr.
-Stefan hat sehr wohl daran gethan, dich zu schicken. Er müßte sich an
-sie halten. Du weißt ja, er vermag durch seine Mutter und seine Brüder
-alles, und dann thun sie ja viel Gutes. Hat er dir noch nicht von
-seinem Krankenhaus erzählt? =Ce sera admirable= -- und alles aus Paris.«
-
-Ihr Gespräch wurde durch Anna unterbrochen, welche die Gesellschaft
-der Herren beim Billardspiel gefunden hatte und nun zusammen mit ihnen
-zur Terrasse zurückkehrte. Bis zur Mittagstafel war noch lange Zeit,
-das Wetter sehr schön und so wurden verschiedenartige Hilfsmittel,
-die noch übrigen zwei Stunden auszufüllen in Vorschlag gebracht. Der
-Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben, gab es sehr viele in
-Wosdwishenskoje, und es waren alle nicht die, wie sie in Pokrowskoje
-angewendet wurden.
-
-»=Une partie de Lawn tennis=,« schlug mit seinem hübschen Lächeln
-Wjeslowskij vor, »ich spiele wieder mit Euch, Anna Arkadjewna!«
-
-»Ach nein; es ist zu heiß dazu; besser, wir gehen in den Park und
-fahren auf dem Kahn, um Darja Aleksandrowna die Ufer zu zeigen,« schlug
-Wronskiy vor.
-
-»Ich bin mit allem einverstanden,« meinte Swijashskiy.
-
-»Ich denke, daß es Dolly am angenehmsten sein wird, sich erst ein wenig
-zu ergehen; nicht so? Und dann erst Kahn zu fahren,« sagte Anna.
-
-So wurde denn auch bestimmt. Wjeslowskij und Tuschkjewitsch begaben
-sich ins Bad und versprachen, dort das Boot bereit machen und warten zu
-wollen.
-
-Sie gingen in zwei Paaren auf dem Wege; Anna mit Swijashskiy und Dolly
-mit Wronskiy. Dolly war ein wenig verwirrt und ängstlich in dieser ihr
-vollständig neuen Umgebung, in der sie sich befand. Begeistert und
-voll Theorien, rechtfertigte sie nicht nur, nein, billigte sie sogar
-Annas Verfahren. Wie im allgemeinen nicht selten untadelhaft moralische
-Frauen ermüdet von der Einförmigkeit des sittenstrengen Lebens thun, so
-entschuldigte sie aus ihrer Ferne nicht nur die verbrecherische Liebe,
-sie beneidete dieselbe sogar.
-
-Außerdem liebte sie Anna auch von Herzen, aber gleichwohl war es ihr
-in der Wirklichkeit, nachdem sie diese inmitten aller dieser ihr
-fremden Leute gesehen hatte, in dem für Darja Aleksandrowna neuen,
-sogenanntem guten Tone, unbehaglich zu Mut. Besonders unangenehm war es
-ihr, die Fürstin Barbara zu sehen, welche ihnen alles verzieh für die
-Annehmlichkeiten, die sie dafür genoß.
-
-Im allgemeinen also billigte Dolly, hingerissen, das Vergehen Annas,
-aber denjenigen sehen zu müssen, für welchen jenes Verbrechen begangen
-worden, war ihr doch unangenehm. Wronskiy hatte ihr überhaupt nie
-gefallen. Sie hielt ihn für sehr stolz, sah aber in ihm nichts von
-alledem, worauf er hätte stolz sein können -- es wäre denn sein
-Reichtum gewesen. --
-
-Gegen ihren Willen jedoch imponierte er ihr hier in seinem Hause
-noch mehr als früher, und sie konnte sich vor ihm nicht ungezwungen
-benehmen. Empfand sie doch ihm gegenüber ein Gefühl, das ähnlich dem
-war, welches sie über ihr Leibchen vor der Zofe empfunden hatte.
-So wie ihr in deren Gegenwart nicht Scham, sondern Unmut wegen
-der Ausbesserungen aufgestiegen war, so empfand sie auch vor ihm
-fortwährend nicht etwas wie Scham, sondern wie Unmut über das eigene
-Ich.
-
-Dolly fühlte sich verlegen und suchte ein Thema zur Unterhaltung.
-Wiewohl sie urteilte, daß ihm in seinem Hochmut ein Lob seines Hauses
-und Parkes unangenehm sein müsse, sagte sie ihm dennoch, keinen andern
-Gegenstand der Unterhaltung findend, daß ihr sein Haus sehr gefallen
-habe.
-
-»Ja; es ist ein sehr schönes Gebäude und nach gutem alten Stil,« sagte
-er.
-
-»Mir hat auch der Hof vor der Freitreppe sehr gefallen. War der schon
-so?«
-
-»O nein!« antwortete er, und sein Gesicht schimmerte vor Genugthuung.
-»Wenn Ihr diesen Hof noch jetzt im Frühling gesehen hättet!«
-
-Und er begann nun anfangs zurückhaltend, dann aber sich freier
-und freier hingebend, ihre Aufmerksamkeit auf die verschiedenen
-Einzelheiten der Verschönerung in Haus und Garten hinzulenken. Es
-war ersichtlich, daß Wronskiy nach dem Aufwand so vieler Mühe zur
-Verbesserung und Verschönerung seines Landsitzes das Bedürfnis empfand,
-sich desselben vor einer fremden Person zu rühmen, und sich über das
-Lob Darja Aleksandrownas von ganzem Herzen freute.
-
-»Wenn Ihr noch das Krankenhaus besichtigen wollt und nicht ermüdet
-seid, so ist dies nicht zu weit entfernt. Kommt,« sagte er, ihr ins
-Gesicht blickend, um sich zu überzeugen, daß sie sich ja nicht etwa
-langweile.
-
-»Kommst du mit, Anna?« wandte sie sich an diese.
-
-»Wir werden mit kommen; nicht wahr?« wandte sie sich an Swijashskiy.
-
-»=Mais il ne faut pas laisser le pauvre Weslowskij et Tuschkjewitsch se
-morfondre là dans le bateau=. Man muß es ihnen sagen lassen.«
-
-»Das ist ein Denkmal, welches er sich hier aufrichtet,« sprach Anna,
-sich zu Dolly wendend, mit dem nämlichen, wissenden und verschlagenen
-Lächeln, mit welchem sie früher über das Krankenhaus gesprochen hatte.
-
-»O, ein Kapitalwerk,« rief Swijashskiy, fügte aber sogleich, um nicht
-als Jasager Wronskiys zu erscheinen, leichthin eine kritische Bemerkung
-hinzu. »Ich wundere mich nur, Graf,« sprach er, »daß Ihr, der Ihr
-in sanitärer Beziehung so viel für das Volk thut, Euch den Schulen
-gegenüber so gleichgültig verhaltet.«
-
-»=C'est devenu tellement commun les écoles=,« sagte Wronskiy, »Ihr
-seht doch, daß ich nicht davon, sondern eben hiervon eingenommen bin.
--- Hierhin geht es nach dem Krankenhaus,« wandte er sich dann zu Darja
-Aleksandrowna, nach einem Seitenausgang aus der Allee zeigend.
-
-Die Damen öffneten die Sonnenschirme und betraten den Seitenweg.
-Nachdem sie einige Windungen durchschritten und zu einem Pförtchen
-hinausgetreten waren, erblickte Darja Aleksandrowna vor sich auf
-einem erhöhten Terrain ein großes, rotes, fast vollendetes Gebäude
-von interessantem Aussehen. Das noch nicht gestrichene, eiserne Dach
-strahlte blendend in der heißen Sonne. Neben dem fertigen Gebäude war
-ein zweites, vom Wald umgeben, angelegt; Arbeiter auf den Gerüsten
-legten Ziegel, übergossen die Lagen aus den Eimern und gleichten sie
-mit Richtmaßen.
-
-»Wie schnell bei Euch die Arbeit vorwärts geht!« sagte Swijashskiy,
-»als ich das letzte Mal hier war, war das Dach noch nicht da.«
-
-»Zum Herbste soll alles fertig sein, und innen ist fast alles bereits
-ausgeputzt,« sagte Anna.
-
-»Und was ist das Neues dort?«
-
-»Es ist ein Gebäude für den Arzt und die Apotheke,« antwortete
-Wronskiy, den in kurzem Überrock auf ihn zukommenden Architekten
-erblickend; und ging, sich vor den Damen entschuldigend, diesem
-entgegen.
-
-Die Kalkgrube umgehend, aus welcher die Arbeiter den Kalk holten, blieb
-er beim Architekten stehen und begann eifrig zu sprechen.
-
-»Das Fronton liegt immer noch zu niedrig,« antwortete er Anna, welche
-gefragt hatte, wovon die Rede sei.
-
-»Ich hatte gesagt, man müsse das Fundament erhöhen,« sagte Anna.
-
-»Ja, natürlich, das wäre besser, Anna Arkadjewna,« sagte der Architekt,
-»es ist außer Acht gelassen worden.«
-
-»Ja, ich interessiere mich sehr hierfür,« antwortete Anna Swijashskiy,
-welcher sein Erstaunen über ihre Kenntnisse in der Architektur
-ausgedrückt hatte. »Das neue Gebäude muß dem Krankenhaus entsprechend
-sein, ist aber erst später geplant und ohne Riß begonnen worden.«
-
-Nachdem die Rücksprache mit dem Architekten beendet war, gesellte sich
-Wronskiy wieder zu den Damen und führte dieselben in das Innere des
-Krankenhauses.
-
-Obwohl man außen noch die Karniese fertig machte und in der tieferen
-Etage tünchte, war in der oberen schon alles fertig. Auf der breiten,
-gußeisernen Treppe den Treppenabsatz überschreitend, betrat man das
-erste große Zimmer. Die Wände waren mit Stuck, der sich wie Marmor
-ausnahm, geziert, die großen Fenster waren schon eingesetzt, nur
-der Parkettboden war noch nicht fertig und die Tischler, welche ein
-emporgenommenes Quadrat hobelten, ließen die Arbeit liegen, um, ihre
-schmalen Stirnbänder abnehmend, welche ihnen das Haar hielten, die
-Herrschaft zu begrüßen.
-
-»Das ist das Empfangszimmer,« sagte Wronskiy, »es wird hier nur ein
-Tisch und ein Schrank hereinkommen, weiter nichts.«
-
-»Hierher, hier wollen wir durchgehen! Komm nicht an das Fenster,« sagte
-Anna, probierend, ob die Farbe schon getrocknet sei. »Aleksey, die
-Farbe ist schon trocken,« fügte sie hinzu.
-
-Aus dem Empfangszimmer trat man in den Korridor. Hier zeigte Wronskiy
-eine nach neuem System konstruierte Ventilation, dann die Marmorwannen
-und Betten mit eigenartigen Federn. Hierauf zeigte er die Krankensäle,
-einen nach dem anderen, die Vorratskammer, ein Zimmer für die Wäsche,
-dann einen Ofen neuester Konstruktion, eine Art Rollen, welche kein
-Geräusch machen sollten und die solche Gegenstände, die gebraucht
-wurden beförderten, und noch vieles andere. Swijashskiy lobte alles,
-als ein Mann, welcher alle neuen Vervollkommnungen kannte. Dolly war
-geradezu erstaunt über diese Dinge, welche sie bis jetzt noch nicht
-gesehen hatte, und frug im Begehren, alles zu erfassen, eingehend nach
-allem, was Wronskiy augenscheinlich Vergnügen machte.
-
-»Ich glaube, dies wird das einzige, vollständig rationell
-eingerichtete Krankenhaus in Rußland werden,« sagte Swijashskiy.
-
-»Werdet Ihr auch eine Abteilung für Wöchnerinnen haben,« frug Dolly.
-»Das ist doch so notwendig auf dem Lande. Ich habe häufig« --
-
-Bei aller seiner Höflichkeit fiel ihr hier Wronskiy ins Wort.
-
-»Das ist kein Geburtsinstitut, sondern ein Krankenhaus und für alle
-Krankheiten bestimmt außer den ansteckenden,« sagte er. »Aber hier seht
-einmal das,« er rollte einen neuerdings erst verschriebenen Lehnsessel
-zu Darja Aleksandrowna, welcher für Genesende bestimmt war. »Paßt auf,«
-er setzte sich in den Sessel und begann ihn fortzubewegen. »Wenn Einer
-nicht gehen kann, noch zu schwach ist, oder fußleidend, aber Luft
-schöpfen muß, so fährt er, rollt er sich« --
-
-Darja Aleksandrowna interessierte sich für alles; alles gefiel ihr
-sehr, am meisten aber Wronskiy selbst mit dieser natürlichen, naiven
-Begeisterung.
-
-»Ja, ja, er ist ein sehr lieber und guter Mann,« dachte sie, ohne ihn
-zu hören, aber auf ihn blickend und in seinen Ausdruck versunken,
-während sie sich im Geiste in Anna versetzte. Er gefiel ihr jetzt so
-wohl in seiner Lebhaftigkeit, daß sie begriff, wie Anna sich in ihn
-hatte verlieben können.
-
-
- 21.
-
-»Nein, ich glaube die Fürstin ist müde und die Pferde interessieren
-sie nicht mehr,« sagte Wronskiy zu Anna, welche vorgeschlagen hatte,
-zum Marstall zu gehen, wo Swijashskiy den neuen Hengst zu besichtigen
-wünschte. »Geht Ihr dahin, während ich die Fürstin ins Haus begleite,
-und wir wollen ein wenig plaudern, wenn es Euch angenehm ist?« sagte
-er, zu derselben gewendet.
-
-»Von Pferden verstehe ich gar nichts; und es ist mir so recht
-angenehm,« sagte Darja Aleksandrowna etwas verwundert.
-
-Sie sah im Gesicht Wronskiys, daß er etwas von ihr wünschte, und sie
-irrte nicht. Kaum waren sie wiederum durch das Pförtchen in den Garten
-gelangt, als er nach der Seite schaute, nach welcher Anna gegangen war,
-und, nachdem er sich überzeugt hatte, daß diese ihn weder hören noch
-sehen könne, begann:
-
-»Ihr habt erraten, daß ich mit Euch zu sprechen wünschte,« sagte er,
-sie mit lachenden Augen anblickend, »ich irre nicht darin, daß Ihr
-eine Freundin Annas seid.« Er nahm den Hut ab, zog ein Tuch hervor und
-trocknete sich damit seinen Kopf mit dem spärlichen Haar.
-
-Darja Aleksandrowna antwortete nicht, sondern blickte ihn nur
-erschrocken an. Nachdem sie mit ihm so allein geblieben, wurde es ihr
-plötzlich ängstlich zu Mut; die lachenden Augen und der ernste Ausdruck
-seines Gesichts erschreckten sie.
-
-Die verschiedenartigsten Vermutungen, worüber er wohl mit ihr könnte
-sprechen wollen, gingen ihr durch den Kopf. »Er wird mich einladen, mit
-den Kindern zu ihm auf Besuch zu kommen, und ich werde ihm abschläglich
-antworten müssen: Oder soll ich in Moskau einen Kreis für Anna
-schaffen, oder will er über Wasjenka Wjeslowskiy und dessen Beziehungen
-zu Anna reden? Vielleicht auch von Kity, oder davon, daß er sich
-schuldig fühlt?« Sie sah nur Unangenehmes, erriet aber nicht, wovon er
-mit ihr mochte reden wollen.
-
-»Ihr habt so großen Einfluß auf Anna, sie liebt Euch so,« sagte er,
-»helft mir doch!«
-
-Darja Aleksandrowna schaute fragend und schüchtern auf sein energisches
-Gesicht, welches bald ganz, bald stellenweis in das Licht der Sonne
-trat, das bald den Schatten der Linden durchdrang, bald vom Schatten
-wieder verdunkelt wurde, und wartete auf das, was er weiter sagen
-würde; doch er schritt, mit dem Spazierstock in den Kies bohrend,
-schweigend neben ihr hin.
-
-»Wenn Ihr zu uns gekommen seid, Ihr, die einzige Frau unter den
-früheren Freundinnen Annas -- die Fürstin Barbara rechne ich nicht --
-so verstehe ich darin, daß Ihr dies nicht gethan habt, weil Ihr etwa
-unser Verhältnis für ein normales haltet, sondern weil Ihr, die ganze
-Schwierigkeit dieses Verhältnisses begreifend, sie noch immer ebenso
-liebt und ihr helfen wollt. Habe ich Euch so richtig aufgefaßt?« frug
-er, sie anschauend.
-
-»O ja,« antwortete Darja Aleksandrowna, ihren Sonnenschirm schließend,
-»doch« --
-
--- »Nein,« unterbrach er sie, und blieb stehen, unwillkürlich, und
-vergessend, daß er hierdurch Darja Aleksandrowna in eine peinliche
-Situation versetzte, indem diese genötigt war, gleichfalls stehen
-zu bleiben. »Niemand empfindet mehr und stärker als ich die ganze
-Schwierigkeit der Lage Annas, und dies ist begreiflich, wenn Ihr mir
-die Ehre erweist, mich für einen Menschen zu halten, der Herz besitzt,
->ich bin die Ursache dieser Lage und deshalb fühle ich sie.<«
-
-»Ich verstehe,« sagte Darja Aleksandrowna, unwillkürlich freundlich
-werdend, als er dies so aufrichtig und bestimmt aussprach, »aber eben
-deswegen, weil Ihr Euch als die Ursache fühlt, übertreibt Ihr, wie ich
-fürchte,« sagte sie, »Annas Lage ist eine schwierige in der Welt, ich
-verstehe wohl.«
-
-»In der Welt ist sie eine Hölle,« fuhr er hastig fort, das Gesicht in
-finstre Falten legend, »man kann sich keine schlimmeren moralischen
-Qualen vorstellen, als die, welche sie in jenen vierzehn Tagen in
-Petersburg durchlebt hat. Ich bitte Euch darum, das zu glauben.«
-
-»Aber hier, bis jetzt, so lange weder Anna, noch Ihr ein Bedürfnis nach
-der Welt empfindet« --
-
-»Die Welt« -- sagte er voll Verachtung, »welches Bedürfnis kann ich
-nach der Welt empfinden?«
-
-»Bis jetzt -- und vielleicht bleibt das immer so -- seid Ihr glücklich
-und ruhig. Ich sehe an Anna, daß sie glücklich ist, vollkommen
-glücklich, sie hat es mir kaum erst geäußert« -- sagte Darja
-Aleksandrowna lächelnd; doch unwillkürlich stiegen ihr, während sie
-dies sprach, Zweifel auf, ob Anna wirklich glücklich war.
-
-Wronskiy hingegen schien hieran nicht zu zweifeln.
-
-»Ja, ja,« sagte er, »ich weiß, daß sie aufgelebt ist nach allen ihren
-Leiden; sie ist glücklich. Sie ist wahrhaft glücklich. Aber ich? Ich
-fürchte das, was uns erwartet. Doch entschuldigt, Ihr wollt gewiß
-gehen?«
-
-»Nein, ganz gleich.«
-
-»Gut, setzen wir uns dann hierher!«
-
-Darja Aleksandrowna ließ sich auf einer Gartenbank in einer Ecke der
-Allee nieder. Er blieb vor ihr stehen.
-
-»Ich sehe, daß sie glücklich ist,« wiederholte er und der Zweifel
-daran, ob sie glücklich sei, beschlich Darja Aleksandrowna noch mehr.
-»Aber kann dies so fortgehen? Mögen wir gut oder schlecht gehandelt
-haben, das bleibt eine andre Frage, aber der Würfel ist gefallen,«
-sagte er, aus der russischen in die französische Sprache übergehend,
-»und wir sind für das ganze Leben miteinander verbunden; wir sind
-vereint durch die heiligsten Bande der Liebe. Wir haben ein Kind,
-wir können noch mehr Kinder haben. Aber das Gesetz und alle Umstände
-in unserem Verhältnis sind derart, daß sich tausend Verwickelungen
-zeigen, welche Anna jetzt, wo sie ihren Geist von all den Leiden und
-Prüfungen ausruhen läßt, nicht sieht oder nicht sehen will. Und das ist
-begreiflich. Ich aber muß sie sehen. Meine Tochter ist nach dem Gesetz
--- nicht meine Tochter, sondern eine Karenina. Ich will diese Täuschung
-nicht,« sagte er, mit einer energischen Geste der Verneinung, und
-düster fragend Darja Aleksandrowna anblickend.
-
-Diese antwortete nicht und schaute ihn nur an. Er fuhr fort:
-
-»Morgen kann mir ein Sohn geboren werden, mein Sohn, aber nach dem
-Gesetz -- ist er ein Karenin; weder Erbe meines Namens, noch Erbe
-meines Vermögens, und so glücklich wir in der Familie sein, soviel
-Kinder wir auch bekommen mögen, zwischen mir und ihnen besteht kein
-Band. Sie sind Karenin. Begreift nur das Drückende und Entsetzliche
-dieser Lage! Ich habe es versucht, mit Anna darüber zu sprechen, aber
-sie reizt dies nur. Sie versteht es nicht und ich vermag nicht, ihr
-alles zu sagen. Betrachtet indes jetzt die Sache auch noch von einer
-anderen Seite! Ich bin glücklich, glücklich durch ihre Liebe, aber ich
-muß eine Beschäftigung haben! Diese Beschäftigung habe ich gefunden und
-bin stolz auf sie; ich halte sie für edler, als es die Beschäftigung
-meiner ehemaligen Kameraden am Hof und im Dienst ist, und ohne Zweifel
-würde ich dieses Wirken nicht mit dem ihren vertauschen mögen. Ich
-arbeite hier, auf meiner Scholle sitzend, und bin glücklich und
-zufrieden, und wir brauchen nichts weiter zum Glück. Ich liebe diese
-Thätigkeit. =Cela n'est pas un pis-aller=, im Gegenteil« --
-
-Darja Aleksandrowna bemerkte, daß er an dieser Stelle seiner
-Erklärung den Faden verlor; sie verstand diese Abschweifung nicht
-recht und fühlte, daß er jetzt, nachdem er einmal über seine
-Herzensangelegenheiten, über die er mit Anna nicht reden konnte, zu
-sprechen angefangen hatte, alles aussprach, und daß sich die Frage
-seiner Beschäftigung auf dem Lande in der nämlichen Abteilung seiner
-innersten Gedanken befand, in welcher auch die Frage über seine
-Beziehungen zu Anna war.
-
-»Indessen, ich fahre fort,« sagte er, wieder auf den rechten Weg
-kommend, »das Wichtigste ist, daß ich beim Arbeiten die Überzeugung
-hegen muß -- daß das von mir Geleistete nicht mit mir sterben wird, daß
-ich Erben haben werde, -- und dies ist bei mir nicht der Fall! Stellt
-Euch selbst die Situation eines Menschen vor, welcher im voraus weiß,
-daß seine und seines von ihm geliebten Weibes Kinder nicht sein eigen
-werden, sondern jemandes, der sie haßt und sie gar nicht kennen will.
--- Das ist doch furchtbar!«
-
-Er verstummte augenscheinlich in starker Erregung.
-
-»Ja, natürlich; ich begreife das. Aber was kann Anna thun?« frug Darja
-Aleksandrowna.
-
-»Dies eben führt mich auf den Zweck meiner Aussprache,« sagte er, sich
-gewaltsam bezwingend, »Anna kann Etwas thun; es hängt von ihr ab.
-Selbst zu dem Gesuch an den Zaren um Adoptierung, ist die Ehescheidung
-unumgänglich erforderlich. Und diese hängt von Anna ab; ihr Gatte
-war mit der Scheidung einverstanden -- Euer Gatte hatte dies damals
-vollkommen arrangiert, und auch jetzt noch, ich weiß es, würde er
-sich nicht weigern. Es käme nur darauf an, daß man ihm schriebe. Er
-hat damals offen geantwortet, daß er sich, wenn sie diesen Wunsch
-aussprechen sollte, nicht weigern würde. Natürlich,« sagte er finster,
-»ist dies nur eine jener Pharisäerhärten, deren allein Leute ohne Herz
-fähig sind. Er weiß, welche Qual ihr jede Erinnerung an ihn kostet,
-und fordert, da er es weiß, von ihr einen Brief. Ich begreife, daß
-ihr das qualvoll sein muß, aber die Ursachen sind so wichtig, daß es
-heißt =passer par-dessus toutes ces finesses de sentiment. Il y va du
-bonheur et de l'existence d'Anne et de ses enfants.= Ich spreche nicht
-von mir, obwohl es mir schwer, sehr schwer wird,« sagte er mit dem
-Ausdruck einer Drohung gegen jemand, der es ihm so schwer machte. »Und
-so klammere ich mich denn ohne Bedenken an Euch, Fürstin, wie an einen
-Rettungsanker. Helft mir, sie zu überreden, daß sie ihm schreibt und
-die Scheidung fordert.«
-
-»Ja, natürlich,« sagte Darja Aleksandrowna, sich lebhaft ihres letzten
-Zusammenseins mit Aleksey Aleksandrowitsch erinnernd, »ja versteht
-sich,« wiederholte sie entschlossen, mit dem Gedanken an Anna.
-
-»Macht von Eurem Einfluß auf sie Gebrauch und bewirkt, daß sie
-schreibt. Ich will und kann nicht darüber mit ihr reden.«
-
-»Gut, ich werde mit ihr sprechen. Aber sie selbst sollte gar nicht
-hieran denken?« sagte Darja Aleksandrowna, der plötzlich hierbei die
-seltsame neue Gewohnheit Annas, zu zwinkern, einfiel. Sie dachte
-wieder daran, daß Anna gerade da, als die Frage auf die Seiten ihres
-Lebens, die ihr Herz berührten, kam, mit den Augen zwinkerte. »Gerade
-als ob sie über ihr Leben zwinkerte, um es nicht zu sehen,« dachte
-Dolly. »Ohne Zweifel muß ich im eigenen Interesse und in ihrem mit ihr
-sprechen,« antwortete sie auf den Ausdruck seiner Dankbarkeit hin.
-
-Sie erhoben sich und schritten dem Hause zu.
-
-
- 22.
-
-Als Anna Dolly bereits zurückgekehrt fand, schaute sie ihr aufmerksam
-ins Auge, als wolle sie nach dem Gespräch fragen, welches sie mit
-Wronskiy gehabt, frug aber nicht mit Worten.
-
-»Es scheint schon Zeit zur Mittagstafel zu sein,« sagte sie. »Wir haben
-uns ja noch gar nicht gesehen. Ich rechne auf den Abend; jetzt muß ich
-mich umkleiden, und ich denke wohl auch du wirst dies thun? Wir sind
-auf dem Bau alle ganz schmutzig geworden.«
-
-Dolly ging nach ihrem Zimmer und war nun in einer komischen Situation.
-Es war ihr nicht möglich, sich umzukleiden, denn sie hatte schon ihr
-bestes Kleid angelegt; doch, um wenigstens in Etwas ihre Vorbereitung
-zur Tafel kenntlich zu machen, bat sie die Zofe, ihr das Kleid zu
-reinigen, wechselte die Manschetten und ein Band und legte Spitzen auf
-den Kopf.
-
-»Das ist alles, was ich vermag,« sagte sie lächelnd zu Anna, welche in
-dem dritten, wiederum einem sehr einfachen Kleide, zu ihr kam.
-
-»Ja, wir sind hier sehr kokett,« sagte Anna, sich gleichsam
-entschuldigend wegen ihrer Toilette. »Aleksey ist erfreut über dein
-Kommen, wie selten über Etwas. Er ist aufrichtig in dich verliebt,«
-fügte sie hinzu. »Aber du bist doch nicht ermüdet?«
-
-Bis zur Tafel war keine Zeit mehr, noch über etwas zu sprechen. Als sie
-in den Salon traten, trafen sie dort bereits die Fürstin Barbara und
-die Herren in schwarzen Röcken. Der Architekt war im Frack. Wronskiy
-stellte dem Besuch den Arzt vor. Den bauleitenden Architekten hatte er
-mit Darja Aleksandrowna schon in dem Krankenhause bekannt gemacht.
-
-Der dicke Hausmeister, mit seinem glänzenden, runden rasierten Gesicht
-und im steifgeplätteten Band seiner weißen Krawatte meldete, daß
-das Essen bereit sei, und die Damen erhoben sich. Wronskiy ersuchte
-Swijashskiy, Anna Arkadjewna den Arm zu reichen, während er selbst zu
-Dolly trat. Wjeslowskij gab vor Tuschkjewitsch der Fürstin Barbara
-seinen Arm, so daß dieser, der Baumeister und der Arzt allein gingen.
-
-Das ganze Essen, der Speisesalon, das Service, der Wein und die Speisen
-entsprachen nicht nur dem allgemeinen Charakter des modernen Prunkes
-in diesem Hause, sondern alles war wohl noch luxuriöser und moderner.
-Darja Aleksandrowna musterte diese ihr neue Pracht und vertiefte sich
-als Hausfrau, die ein Hauswesen führte -- obwohl ohne Hoffnung, etwas
-von all dem Gesehenen mit ihrem Hauswesen vergleichen zu können, so
-hoch stand hier alles an Pracht über ihrer Lebensweise -- unwillkürlich
-in alle Einzelheiten und stellte sich dabei die Frage, wer dies alles
-gemacht hatte und wie es gemacht war.
-
-Wasjenka Wjeslowskij, ihr Gatte und selbst Swijashskiy und viele Leute,
-die sie kannte, hatten nie hierüber nachgedacht, sondern aufs Wort
-daran geglaubt, daß jeder rechtschaffene Hausherr seine Gäste merken
-zu lassen wünscht, alles, was bei ihm gut in der Einrichtung sei, habe
-ihm, dem Hausherrn, nicht die geringste Mühe gekostet, sondern sei von
-selbst geworden.
-
-Darja Aleksandrowna aber wußte, daß von selbst nicht einmal der Brei
-zum Frühstück für die Kinder werde, und infolge dessen auf eine so
-komplizierte und herrliche Einrichtung gewissermaßen verstärkte
-Aufmerksamkeit hatte gerichtet werden müssen. Auch an dem Blicke des
-Aleksey Kyrillowitsch, mit welchem dieser den Tisch überflog, und
-wie er ein Zeichen mit dem Kopfe nach dem Hausmeister hin gab, und
-wie er der Darja Aleksandrowna die Auswahl zwischen dem Kwasgericht
-und der Suppe vorschlug, erkannte sie, daß alles durch die Fürsorge
-des Herrn selbst geschehe und von dieser gehalten sei. Von Anna hing
-augenscheinlich dies alles nicht in höherem Grade ab, als etwa von
-Wjeslowskij. Sie, Swijashskiy, die Fürstin und Wjeslowskiy waren einzig
-und allein die Gäste, welche heiter genossen, was für sie bereitet war.
-
-Anna war Hausfrau nur der Führung des Gesprächs nach, und dieses
-Gespräch, sehr schwierig für die Hausherrin bei der nicht großen
-Tafel, bei Personen wie dem Baumeister und dem Architekten, Leuten
-einer vollständig anderen Welt, die sich bemühten, nicht zu erröten
-vor dem ungewohnten Luxus, und nicht lange an dem gemeinsamen Gespräch
-teilzunehmen vermochten -- dieses schwierige Gespräch führte Anna mit
-ihrem gewohnten Takte, mit Natürlichkeit und selbst mit Vergnügen, wie
-Darja Aleksandrowna merkte.
-
-Das Gespräch drehte sich darum, wie Tuschkjewitsch und Wjeslowskiy
-allein im Boot gefahren waren; dann begann Tuschkjewitsch von den
-letzten Bootwettfahrten in Petersburg im Jachtklub zu erzählen. Doch
-Anna, eine Pause abwartend, wandte sich sogleich an den Architekten, um
-denselben aus seinem Schweigen zu ziehen.
-
-»Nikolay Iwanitsch war überrascht,« sagte sie zu Swijashskiy, »wie das
-neue Gebäude seit der Zeit, seit welcher er das letzte Mal hier war,
-gewachsen ist; aber ich bin alltäglich dabei und verwundere mich selbst
-alltäglich, wie schnell das geht.«
-
-»Mit Erlaucht arbeitet es sich auch gut,« sagte lächelnd der Architekt
--- er war im Gefühl seines Wertes ein ehrerbietiger und ruhiger Mensch
--- »man hat es hier nicht mit Gouvernementsmachthabern zu thun, bei
-denen erst ein Ries Papier vollgeschrieben werden muß; ich mache dem
-Grafen Meldung, wir besprechen und mit drei Worten ist die Sache
-abgemacht.«
-
-»Amerikanische Manieren,« sagte Swijashskiy lächelnd.
-
-»Ja; dort werden die Gebäude rationell errichtet.«
-
-Das Gespräch kam auf den Mißbrauch der Macht in den Vereinigten
-Staaten, doch Anna brachte es sogleich auf ein anderes Thema, um den
-Baumeister aus seinem Schweigen zu ziehen.
-
-»Hast du schon einmal Erntemaschinen gesehen?« wandte sie sich an Darja
-Aleksandrowna. »Wir waren hinausgeritten, sie anzusehen, als wir dir
-begegneten. Ich selbst habe sie zum erstenmale gesehen.«
-
-»Wie arbeiten sie denn?« frug Dolly.
-
-»Genau so wie Scheren. Es ist ein Brett und daran sind viele kleine
-Scheren. So hier« --
-
-Anna ergriff mit ihren schönen, weißen, von Ringen bedeckten Händen
-ein Messer und eine Gabel und begann zu zeigen. Sie sah offenbar, daß
-sich aus ihrer Erklärung nichts erkennen lasse, setzte aber, recht wohl
-wissend, daß sie angenehm sprach und daß ihre Hände schön seien, die
-Erklärung fort.
-
-»Es sind eigentlich mehr Federmesser,« sagte Wjeslowskij lächelnd, ohne
-die Augen von ihr zu verwenden.
-
-Anna lächelte kaum merklich, antwortete ihm aber nicht.
-
-»Nicht wahr, Karl Fjodorowitsch, es sind Scheren?« wandte sie sich an
-den Baumeister.
-
-»O ja,« versetzte der Deutsche in deutscher Sprache, »es ist ein ganz
-einfaches Ding,« und begann dann die Konstruktion der Maschine zu
-erläutern.
-
-»Schade, daß sie nicht strickt. Ich habe auf der Wiener Weltausstellung
-eine gesehen, die strickt Draht,« sagte Swijashskiy, »diese wären noch
-nützlicher gewesen.«
-
-»Es kommt drauf an; der Preis vom Draht muß ausgerechnet werden,« sagte
-der Deutsche in deutscher Sprache und wandte sich, seinem Schweigen
-entrissen, an Wronskiy.
-
-»Das läßt sich ausrechnen, Erlaucht.« Der Deutsche hatte bereits in die
-Tasche gegriffen, wo er Bleistift und ein Notizbuch trug, in welchem
-er alles ausrechnete. Doch besann er sich, daß er bei Tische sitze und
-stand, den kühlen Blick Wronskiys bemerkend, von seinem Vorhaben ab.
-»Zu kompliziert; macht zuviel Klopot,« schloß er.
-
-»Wünscht man Dochots,[A] so hat man auch Klopots,«[B] sagte Wasjenka
-Wjeslowskij auf Deutsch, sich über den Deutschen lustig machend.
-»=J'adore l'allemand=,« wandte er sich mit dem nämlichen Lächeln zu
-Anna.
-
- [A] =dochód= »Einkünfte«.
-
- [B] =chlópot= Gen. Plur. von =chlópoty= »Plackereien«.
-
-»=Cessez=!« sagte diese scherzhaft ernst. »Wir dachten Euch auf dem
-Felde zu treffen, Wasiliy Ssemjonitsch?« wandte sie sich dann an den
-Arzt, einen krankhaften Menschen, »waret Ihr dort?«
-
-»Ich war dort, zog mich aber zurück,« antwortete dieser mit mürrischem
-Spott.
-
-»Wahrscheinlich habt Ihr Euch eine gute Motion gemacht?«
-
-»Herrlich!«
-
-»Wie ist denn das Befinden der Alten? Ich hoffe es ist nicht Typhus?«
-
-»Typhus oder nicht Typhus, in der Besserung befindet sie sich nicht
-gerade.«
-
-»Wie schade,« sagte Anna, und wandte sich, nachdem sie so der
-Höflichkeit ihren Hausgenossen gegenüber den Tribut gezollt hatte,
-wieder zu den Ihrigen.
-
-»Es wäre jedenfalls nach Eurer Erzählung schwierig, eine Maschine zu
-konstruieren, Anna Arkadjewna,« sagte Swijashskiy scherzend.
-
-»Nun; inwiefern?« versetzte Anna mit einem Lächeln, welches sagte, daß
-sie wohl wisse, in ihrer Erklärung von der Maschinenkonstruktion habe
-etwas Liebliches gelegen, was von Swijashskiy auch bemerkt worden sei.
-Dieser neue Zug jugendlicher Koketterie überraschte Dolly unangenehm.
-
-»Dafür sind die Kenntnisse Anna Arkadjewnas in der Architektur
-bewundernswürdige,« sagte Tuschkjewitsch.
-
-»Allerdings; ich hörte es; gestern sprach Anna Arkadjewna davon -- bis
-auf die Plinthe ist sie Kennerin« -- sagte Wjeslowskij.
-
-»Es ist nichts Wunderbares dabei, wenn man so viel sieht und hört,«
-antwortete Anna, »Ihr freilich wißt gewiß nicht einmal, wovon man ein
-Haus baut.«
-
-Darja Aleksandrowna sah, daß Anna ungehalten über den Ton von Tändelei
-war, der zwischen ihr und Wjeslowskij herrschte, und in welchen
-unwillkürlich sie selbst geriet.
-
-Wronskiy handelte in diesem Falle durchaus nicht so, wie Lewin. Er maß
-dem Geschwätz Wjeslowskijs offenbar nicht die geringste Bedeutung bei,
-ja, würzte im Gegenteil noch dessen Scherze.
-
-»Nun sagt doch einmal, Wjeslowskij, womit bindet man denn die Steine!«
-
-»Natürlich mit Cement.«
-
-»Bravo! Aber was ist denn Cement?«
-
-»Nun so etwas wie ein dünner Brei, nein wie Kitt,« sagte Wjeslowskij,
-ein allgemeines Gelächter hervorrufend.
-
-Die Konversation unter den Dinierenden mit Ausnahme des in tiefes
-Schweigen versunkenen Arztes, des Architekten und des Baumeisters,
-verstummte nicht, bald glatt fließend, bald stockend und jemanden
-bei einer Schwäche fassend. Einmal wurde auch Darja Aleksandrowna
-angegriffen und so aufgeregt davon, daß sie sogar errötete, und sich
-besann, ob man ihr nicht etwas Überflüssiges und Unangenehmes gesagt
-habe? Swijashskiy hatte über Lewin zu sprechen begonnen, und von seinen
-seltsamen Urteilen, daß die Maschinen der russischen Landwirtschaft nur
-schädlich seien, erzählt.
-
-»Ich habe nicht das Vergnügen, diesen Herrn Lewin zu kennen,« sagte
-Wronskiy lächelnd, »aber wahrscheinlich hat er wohl niemals die
-Maschinen gesehen, die er verwirft. Und wenn er eine gesehen und
-erprobt hat, so wird sie darnach gewesen sein, nicht eine ausländische,
-sondern eine russische. Wie kann man hierbei noch Ansichten haben?«
-
-»Im allgemeinen türkische Ansichten,« sagte Wjeslowskij lächelnd, sich
-an Anna wendend.
-
-»Ich kann seine Urteile nicht vertreten,« fuhr Darja Aleksandrowna auf,
-»aber ich kann sagen, daß er ein sehr gebildeter Mann ist, und, wenn er
-hier wäre, schon wüßte, wie er Euch zu antworten hätte; ich verstehe es
-allerdings nicht!«
-
-»Ich liebe ihn sehr und wir sind sehr gute Freunde,« sagte Swijashskiy
-gutmütig lächelnd. »=Mais pardon, il est un petit peu toqué=; zum
-Beispiel behauptet er, daß sowohl das Semstwo, wie die Schiedsrichter
-nicht nötig wären, und beteiligt sich an nichts.«
-
-»Das ist unsere russische Indifferenz,« sagte Wronskiy, Wasser aus
-einer Eiskaraffe in ein feines Glas auf langem Fuße gießend, »man
-will sich keiner Verpflichtungen bewußt werden, die unsere Rechte uns
-auferlegen, und stellt diese Pflichten daher in Abrede.«
-
-»Ich kenne keinen Menschen, der strenger wäre in der Erfüllung seiner
-Pflichten,« sagte Darja Aleksandrowna, gereizt von diesem Tone der
-Überlegenheit in Wronskiy.
-
-»Ich, im Gegenteil,« fuhr Wronskiy fort, offenbar aus irgend einem
-Grunde von diesem Gespräch in einem gewissen Punkte getroffen, »ich im
-Gegenteil, so wie Ihr mich seht, bin sehr dankbar für die Ehre, die Ihr
-mir erwiesen habt, dank Nikolay Iwanitsch« -- er wies auf Swijashskiy
--- »indem ich zum Ehrenrichter gewählt worden bin. Ich meine, daß für
-mich die Pflicht, zu den Zusammenkünften zu reisen, die Klage eines
-Bauern über ein Pferd zu begutachten ebenso wichtig ist, wie alles, was
-ich überhaupt thun kann. Ich werde es mir zur Ehre anrechnen, wenn man
-mich zum stimmenden Richter macht. Nur damit kann ich jene Vorteile
-wieder ausgleichen, welche ich als Grundherr besitze. Zum Unglück
-versteht man die Bedeutung nicht, welche die Großgrundbesitzer im
-Reiche haben müßten.«
-
-Darja Aleksandrowna berührte es seltsam, wie er so ruhig in seiner
-Gerechtigkeit dasaß, in seinem Hause hinter seinem Tische. Sie dachte
-daran, wie Lewin, von entgegengesetzter Meinung, ebenso entschieden war
-in seinem Urteil, in seinem Hause, an seinem Tische. Doch sie liebte
-Lewin und war daher auf seiner Seite.
-
-»So können wir also auf Euch rechnen, Graf, für die nächste
-Zusammenkunft?« frug Swijashskiy. »Doch wird zeitig zu fahren sein,
-damit man um acht Uhr schon dort ist. Wenn Ihr mir die Ehre erweisen
-wolltet, zu mir zu kommen?«
-
-»Auch ich bin ein wenig einverstanden mit deinem =beau frère=,« sagte
-Anna, »man darf nur nicht ganz so denken, wie er,« fügte sie lächelnd
-hinzu. »Ich fürchte, daß in letzter Zeit für uns zu viel dieser
-gesellschaftlichen Pflichten erstanden sind. Wie es früher so viel
-Beamte gab, daß für jede Arbeit ein Beamter erforderlich war, so ist
-jetzt alles gesellschaftlicher Faktor. Aleksey ist jetzt sechs Monate
-hier und schon ist er Mitglied von wohl fünf oder sechs verschiedenen
-socialen Institutionen -- als Vormund, Richter, Stimmrichter, Beisitzer
-&c. =Du train que cela va=, alle seine Zeit geht darin auf. Ich
-fürchte, daß bei der Masse dieser Geschäfte, alles nur Form ist. In wie
-viel Orten seid Ihr Ratsmitglied des Gerichtshofs, Nikolay Iwanitsch,«
-wandte sie sich an Swijashskiy, »mir scheint in mehr als zwanzig!«
-
-Anna sprach im Scherz, aber in ihrem Tone lag Bitterkeit. Darja
-Aleksandrowna, welche Anna und Wronskiy aufmerksam beobachtet hatte,
-bemerkte dies sogleich. Sie bemerkte auch, daß das Gesicht Wronskiys
-bei diesem Gespräch sofort einen ernsten und eigensinnigen Ausdruck
-annahm. Als sie dies bemerkt hatte, sowie auch, daß die Fürstin Barbara
-sogleich, um das Thema zu ändern, hastig von Petersburger Bekannten zu
-sprechen begann, sich ferner auch daran erinnert hatte, daß Wronskiy im
-Garten nicht zur passenden Zeit über seine Thätigkeit gesprochen hatte,
-erkannte Dolly, daß mit dieser Frage über die sociale Wirksamkeit ein
-gewisser geheimer Zwist zwischen Anna und Wronskiy zusammenhing.
-
-Das Essen, die Weine, die Servierung, alles das war sehr gut, doch auch
-ebenso, wie es Darja Aleksandrowna bei offiziellen Essen und Bällen,
-von denen sie jetzt freilich ganz entwöhnt war, gesehen hatte, und von
-dem nämlichen Charakter des Nichtigen und Gespreizten. Infolge dessen
-machte auch alles dies, an dem gewöhnlichen Wochentag und in diesem
-kleinen Kreis einen unangenehmen Eindruck auf sie.
-
-Nach dem Essen setzte man sich auf die Terrasse, dann wurde =lawn
-tennis= gespielt, indem man sich in zwei Parteien schied, und auf
-dem sorgfältig geebneten und abgesteckten =croket-ground=, auf
-beiden Seiten des aufgespannten Netzes mit den vergoldeten Stäben
-auseinandertrat.
-
-Darja Aleksandrowna versuchte zu spielen, konnte aber lange Zeit das
-Spiel nicht begreifen; nachdem sie es aber erfaßt hatte, war sie so
-müde geworden, daß sie sich bei der Fürstin Barbara niedersetzte und
-den Spielenden nur noch zuschaute. Ihr Partner, Tuschkjewitsch, hatte
-ebenfalls aufgehört, die übrigen aber setzten das Spiel noch lange
-fort. Swijashskiy und Wronskiy spielten beide sehr gut und mit Ernst.
-Sie folgten mit scharfen Blicken dem ihnen zugeworfenen Ball, ohne sich
-zu überhasten oder etwas zu versäumen, liefen ihm behend nach, paßten
-die Sprünge ab und schleuderten den Ball zielbewußt und richtig über
-das Netz hinüber.
-
-Wjeslowskij spielte schlechter als die übrigen. Er war zu aufgeregt,
-inspirierte aber dafür mit seiner Heiterkeit die Spieler. Sein
-Gelächter und seine Rufe klangen unaufhörlich. Er legte wie alle
-übrigen Herren, auf den Beschluß der Damen den Überrock ab, und
-seine volle schöne Figur mit den weißen Hemdärmeln, dem roten
-schweißbedeckten Gesicht, den hastigen Bewegungen prägte sich förmlich
-dem Gedächtnis ein.
-
-Als Darja Aleksandrowna sich in dieser Nacht schlafen legte, sah sie,
-als sie kaum die Augen geschlossen hatte, den über den =croket-ground=
-huschenden Wasjenka Wjeslowskij.
-
-Während des Spieles war Darja Aleksandrowna nicht heiter gestimmt
-gewesen. Ihr mißfiel das auch hierbei fortdauernde, tändelnde
-Verhältnis zwischen Wasjenka und Anna, sowie die allgemeine
-Gezwungenheit der Erwachsenen, wenn solche allein, ohne daß Kinder
-dabei sind, ein Kinderspiel spielen.
-
-Um indessen die übrigen nicht zu stören, und irgendwie die Zeit doch
-zu verbringen, gesellte sie sich endlich, nachdem sie sich erholt
-hatte, dem Spiele wieder bei und stellte sich heiter. Diesen ganzen
-Tag hindurch schien es ihr immer, als spiele sie auf einem Theater,
-mit Schauspielern, die besser waren als sie, und als verderbe ihr
-schlechtes Spiel die ganze Aufführung.
-
-Sie war mit der Absicht gekommen, zwei Tage hier zu bleiben, falls es
-anginge. Aber am Abend während des Spielens, beschloß sie bei sich,
-morgen schon abzureisen. Jene quälenden mütterlichen Sorgen, die sie
-unterwegs so gehaßt hatte, erschienen ihr jetzt, nach einem Tage den
-sie ohne dieselben verbracht hatte, schon in anderem Lichte und lockten
-sie an sich.
-
-Als Darja Aleksandrowna nach dem Abendthee und einer Spazierfahrt am
-Abend im Boot allein in ihr Zimmer getreten war, ihr Kleid abgelegt und
-sich niedergesetzt hatte, um ihr dünnes Haar für die Nacht aufzubinden,
-empfand sie große Erleichterung.
-
-
- 23.
-
-Dolly wollte sich bereits niederlegen, als Anna im Nachtkostüm bei ihr
-eintrat.
-
-Im Laufe des Tages hatte diese mehrmals Gespräche über
-Herzensangelegenheiten begonnen, aber stets, nachdem sie einige Worte
-gesprochen, wieder inne gehalten. »Später, allein unter uns, wollen wir
-alles besprechen. Ich habe dir soviel zu sagen,« hatte sie geäußert.
-
-Jetzt waren sie allein, doch Anna wußte nicht, wovon sie sprechen
-sollte. Sie saß am Fenster, auf Dolly blickend, fand aber, in ihrem
-Geiste all den unerschöpflich scheinenden Stoff zu ihren Gesprächen
-über Geistiges durchmusternd, nichts.
-
-Es schien ihr in dieser Minute, als ob alles schon gesagt wäre.
-
-»Was macht denn Kity?« sagte sie, schwer aufseufzend und im Gefühl
-einer Schuld Dolly anblickend. »Sag' mir die Wahrheit, Dolly, zürnt sie
-mir nicht?«
-
-»Sie zürnen? Nein« -- sagte Darja Aleksandrowna lächelnd.
-
-»Aber sie haßt, verachtet mich?«
-
-»O nein; doch du weißt ja, Eines läßt sich nicht vergeben.«
-
-»Ja, ja,« sagte Anna, sich abwendend und durch das geöffnete Fenster
-schauend. »Aber ich war nicht schuld! Wer war denn schuld? Was heißt
-denn schuldig? Konnte es anders kommen? Wie denkst du darüber? Wäre es
-möglich gewesen, daß du nicht die Frau Stefans wurdest?«
-
-»Wahrhaftig; ich weiß nicht. Aber sage du mir doch das?«
-
-»Ja, ja, wir waren indessen noch nicht mit Kity fertig. Ist sie
-glücklich? Er ist ein schöner Mann, wie man sagt.«
-
-»Das will wenig sagen, daß er schön ist. Ich kenne aber keinen besseren
-Menschen.«
-
-»Ach, wie froh bin ich! Ich bin sehr froh! Es will wenig sagen, daß er
-ein schöner Mann ist,« wiederholte sie.
-
-Dolly lächelte.
-
-»Erzähle mir doch etwas von dir selbst! Wir haben uns so viel zu
-erzählen. Ich sprach auch mit« -- Dolly wußte nicht, wie sie ihn
-nennen sollte; es war ihr peinlich, ihn Graf oder Aleksey Kyrillowitsch
-zu nennen.
-
-»Mit Aleksey« -- sagte Anna, »ich weiß, daß Ihr miteinander gesprochen
-habt. Aber ich wollte dich offen fragen, was du von mir, über mein
-Leben denkst?«
-
-»Wie kann ich das so plötzlich sagen? Ich weiß es wahrhaftig nicht.«
-
-»Nein, nein, du mußt es mir dennoch sagen. Du siehst ja mein Leben.
-Doch vergiß nicht, daß du uns im Sommer siehst, wo du gekommen bist,
-und wir nicht allein sind. Wir aber kamen zeitig im Frühjahr hierher
-und haben vollständig einsam gelebt, und werden auch einsam weiter
-leben; etwas Besseres wünsche ich gar nicht. Stelle dir aber auch vor,
-daß ich allein lebte, ohne ihn; und dies wird kommen. An allem sehe
-ich, daß dies sich oft wiederholen wird, daß er die Hälfte seiner Zeit
-außerhalb des Hauses zubringen wird,« sprach sie, aufstehend und sich
-näher zu Dolly setzend.
-
-»Natürlich,« unterbrach sie Dolly, welche ihr entgegnen wollte,
-»natürlich mit Gewalt werde ich ihn nicht zurückhalten! Ich halte ihn
-gar nicht! Jetzt sind die Rennen; seine Pferde laufen; er reitet mit.
-Ich freue mich sehr darüber. Aber was denkst du über mich, stelle dir
-meine Lage vor. Was soll man dazu sagen?« Sie lächelte. »Wovon hat er
-denn mit dir gesprochen?«
-
-»Er sprach über das, wovon ich selbst sprechen will und ich kann leicht
-sein Anwalt sein. Er sprach davon, ob keine Möglichkeit vorhanden sei,
-und es nicht gehe, daß« -- Darja Aleksandrowna stockte, »man deine Lage
-verbessern könnte. Du weißt, wie ich sie betrachte. Aber gleichwohl,
-wenn möglich, muß geheiratet werden« --
-
-»Das heißt, eine Ehescheidung!« sagte Anna, »weißt du, daß das einzige
-Weib, welches in Petersburg zu mir gekommen ist, Betsy Twerskaja
-gewesen ist? Du kennst sie ja? =Au fond c'est la femme la plus dépravée
-qui existe=. Sie stand in einem Verhältnis zu Tuschkjewitsch, in der
-schmählichsten Weise ihren Mann hintergehend. Diese nun sagte mir,
-daß sie mich nicht mehr kennen wollte, so lange mein Verhältnis ein
-illegales bleibe. Denke nicht etwa, daß ich Vergleiche anstellte. Ich
-kenne dich, mein Herz, doch ich denke unwillkürlich an sie. Was hat
-dir denn Aleksey gesagt?« wiederholte sie.
-
-»Er hat mir gesagt, daß er leide, deinetwegen und seinetwegen.
-Vielleicht wirst du sagen, das sei Egoismus, aber es ist ein so
-begründeter und edler Egoismus! Er wünscht zunächst seine Tochter
-legitim zu machen und dein Gatte zu werden; ein Recht auf dich zu
-erhalten.«
-
-»Welche Frau, welche Magd kann bis zu solchem Grade Sklavin werden, als
-ich es bin in meiner Lage!« unterbrach Anna düster.
-
-»Das Hauptsächlichste was er wünscht -- er will, daß du nicht mehr
-leiden sollst.«
-
-»Das ist unmöglich! Und weiter?«
-
-»Nun, und das Loyalste -- er will, daß eure Kinder einen Namen haben.«
-
-»Welche Kinder denn?« sagte Anna, ohne Dolly anzublicken und mit den
-Augen zwinkernd.
-
-»Any und die Künftigen« --
-
-»Daraufhin kann er ruhig sein; ich werde keine Kinder mehr bekommen!«
-
-»Wie darfst du sagen, daß dies nicht mehr der Fall sein könnte?«
-
-»Deshalb nicht, weil ich es nicht will!«
-
-Trotz ihrer hohen Erregung lächelte Anna, als sie den naiven Ausdruck
-von Neugier, Erstaunen und Schrecken auf Dollys Gesicht bemerkte.
-
-»Der Arzt hat mir nach meiner Krankheit gesagt, daß« -- -- -- -- -- --
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Nicht möglich!« sagte Dolly, die Augen weit aufreißend. Für sie war
-dies eine jener Offenbarungen, deren Folgerungen und Ausführungen so
-ungeheuer sind, daß man in der ersten Minute nur fühlt, man könne sich
-das Ganze nicht vorstellen, werde aber noch viel darüber nachzudenken
-haben.
-
-Diese Eröffnung, welche ihr plötzlich über alle jene früher für sie
-unbegreiflich gewesenen Familien, die nur ein oder zwei Kinder hatten,
-eine Erklärung gab, rief in ihr soviel Gedanken, Phantasieen und
-widerstreitende Empfindungen wach, daß sie nichts zu sagen wußte und
-nur mit weit geöffneten Augen erstaunt auf Anna schaute. Das war das
-Nämliche, wovon sie wohl schon geträumt hatte; aber jetzt, als sie
-kennen gelernt, daß es möglich sei, erschrak sie. Sie fühlte, daß dies
-die nur allzu einfache Lösung einer zu verwickelten Frage war.
-
-»=N'est ce pas immoral=!« sagte sie nur nach einigem Schweigen.
-
-»Inwiefern? Bedenke: Ich habe die Wahl zwischen zwei Dingen. Entweder
-schwanger zu sein, das heißt krank, oder der Freund und Kamerad meines
-Gatten zu sein, ganz wie ein Mann,« sprach Anna in hochfahrendem und
-leichtsinnigem Tone.
-
-»Nun ja, nun ja,« sprach Darja Aleksandrowna, die nämlichen Argumente
-hörend, die sie selbst für sich beigebracht hatte, in ihnen aber nicht
-mehr die alte Beweiskraft findend. »Für dich, für andere,« sagte Anna,
-als errate sie Dollys Gedanken, »kann noch ein Zweifel bestehen, für
-mich aber -- begreife, ich bin kein angetrautes Weib! Er liebt mich so
-lange, als er liebt. Und womit soll ich dann seine Liebe unterhalten?
-Doch nur damit!«
-
-Sie streckte die weißen Arme vor ihrem Leibe aus.
-
-Mit ungewöhnlicher Schnelligkeit, wie dies in Momenten der Aufregung
-zu sein pflegt, drängten sich Gedanken und Erinnerungen im Kopfe Darja
-Aleksandrownas.
-
-»Ich,« dachte sie, »habe meinen Stefan doch nicht an mich fesseln
-können. Er ging von mir zu anderen, und die erste, welche er für mich
-eintauschte, hat ihn nicht einmal damit festgehalten, daß sie stets
-schön und heiter war. Er verließ sie doch und nahm eine andere. Sollte
-Anna auch nur damit den Grafen Wronskiy fesseln und halten wollen? Wenn
-er das nur sucht, so wird er Toiletten und Manieren finden, die noch
-anziehender sind und heiterer. Mögen auch ihre entblößten Arme noch
-so weiß, so herrlich sein, ihr Leib in voller Schöne prangen, wie ihr
-erhitztes Antlitz aus diesen schwarzen Haaren heraus -- er wird noch
-Besseres finden, so wie mein ausschweifender, beklagenswerter und doch
-geliebter Mann es sucht und findet.«
-
-Dolly antwortete nicht und seufzte nur. Anna bemerkte dieses Seufzen,
-welches ihr Widerspruch bedeutete, und fuhr fort. Sie hatte noch
-Beweisgründe vorrätig die so stark waren, daß es auf sie nichts mehr zu
-antworten gab.
-
-»Du sagst, daß dies nicht gut sei? Man muß aber nur bedenken,« fuhr
-sie fort, »du vergißt meine Lage. Wie könnte ich Kinder wünschen?
-Ich spreche nicht von meinen Leiden; ich fürchte sie nicht. Bedenke
-aber, was werden meine Kinder sein? Unglückliche Kinder, die einen
-fremden Namen tragen. Allein durch ihre Geburt schon sind sie in die
-Notwendigkeit versetzt, sich ihrer Mutter zu schämen, ihres Vaters,
-sowie ihrer Geburt.«
-
-»Aber deshalb ist ja eben die Ehescheidung erforderlich.«
-
-Anna hörte sie nicht; sie wollte eben die nämlichen Beweisgründe
-erschöpfend beibringen, mit welchen sie sich selbst schon so viele Mal
-überzeugt hatte.
-
-»Warum ist mir der Verstand gegeben, wenn ich ihn nicht dazu anwenden
-soll, keine Unglücklichen in die Welt zu setzen?« Sie blickte Dolly an,
-fuhr aber ohne eine Antwort abzuwarten fort: »Ich würde mich immerdar
-vor diesen unglücklichen Kindern schuldig fühlen,« sagte sie. »Wenn sie
-nicht da sind, sind sie wenigstens nicht unglücklich, während, wenn sie
-unglücklich sind, ich allein daran Schuld trage.«
-
-Es waren dies die nämlichen Beweisgründe, welche Darja Aleksandrowna
-auch für sich selbst beigebracht hatte; aber jetzt hörte sie dieselben,
-ohne sie zu verstehen. »Wie kann man vor Geschöpfen schuldig sein,
-die nicht existieren?« dachte sie bei sich, und plötzlich kam ihr
-in den Sinn, ob es wohl unter Umständen für ihren Liebling Grischa
-besser gewesen wäre, wenn er nicht lebte? Dies aber erschien ihr so
-wunderlich, so seltsam, daß sie den Kopf wiegte, um dieses Wirrsal
-kreisender, wahnwitziger Gedanken zu zerstreuen.
-
-»Nein, ich weiß nicht, das ist nicht gut,« sagte sie mit einem Ausdruck
-von Ekel auf den Zügen.
-
-»Ja, ja, aber du darfst nicht vergessen, was du bist und was ich bin
--- und außerdem,« fügte Anna hinzu, ungeachtet der Fülle ihrer eigenen
-Beweisgründe und der Armut derjenigen bei Dolly, gleichsam anerkennend,
-daß jenes nicht moralisch sei, »vergiß nicht die Hauptsache, daß ich
-mich jetzt nicht in der Situation befinde, in welcher du bist. Für
-dich ist einfach die Frage vorhanden, ob du keine Kinder mehr zu haben
-wünschst; für mich hingegen, ob ich sie zu haben wünsche. Darin liegt
-ein großer Unterschied. Du begreifst, daß ich in meiner Lage dies nicht
-wünschen kann.«
-
-Darja Aleksandrowna erwiderte nichts. Sie empfand plötzlich, daß sie
-schon so weit von Anna entfernt stehe, daß es zwischen ihnen Fragen
-gab, in welchen sie nie mehr übereinkommen konnten, und von denen nicht
-zu sprechen besser war.
-
-
- 24.
-
-»Aber umsomehr wirst du daher deine Verhältnisse ordnen müssen, wenn es
-möglich ist,« sagte Dolly.
-
-»Ja, wenn es möglich ist,« versetzte Anna mit plötzlich veränderter,
-gedämpfter und trauriger Stimme.
-
-»Ist denn die Ehescheidung unmöglich? Man hat mir gesagt, daß dein Mann
-damit einverstanden ist.«
-
-»Dolly! Ich mag nicht davon sprechen.«
-
-»Nun, dann wollen wir es auch nicht,« beeilte sich Darja Aleksandrowna
-zu sagen, indem sie den Ausdruck des Leidens auf Annas Antlitz
-bemerkte. »Ich sehe nur, daß du zu schwarz siehst.«
-
-»Ich? Keineswegs! Ich bin sehr heiter und zufrieden. Du hast ja
-gesehen; =je fais des passions Wjeslowskij=« --
-
-»Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, gefällt mir der Ton Wjeslowskijs
-nicht,« sagte Darja Aleksandrowna, im Wunsche, das Thema zu ändern.
-
-»O, keineswegs! Das kitzelt Aleksey, weiter ist es nichts; er aber
-ist ein Knabe und ganz in meinen Händen. Du verstehst wohl, ich leite
-ihn, wie ich will. Er ist ganz das, was dein Grischa ist. Dolly!« --
-änderte sie plötzlich ihre Rede, »du sagst, ich blicke zu schwarz. Das
-verstehst du nicht. Es ist zu entsetzlich. Ich suche lieber gar nicht
-zu sehen.«
-
-»Aber mir scheint, man muß dies. Man muß alles thun, was möglich ist.«
-
-»Was ist denn möglich? Nichts! Du sagst, ich soll Aleksey heiraten,
-und meinst ich dächte nicht daran. Ich soll nicht daran denken!« --
-wiederholte sie, und die Farbe trat ihr ins Gesicht. Sie erhob sich,
-reckte ihre Brust empor, seufzte tief auf, und begann dann, mit ihrem
-leichten Gang im Zimmer auf und abzuschreiten, bisweilen dabei stehen
-bleibend. »Ich soll nicht daran denken? keinen Tag, keine Stunde giebt
-es, in der ich nicht sänne -- und mir Vorwürfe machte über das was
-ich denke -- deshalb, weil die Gedanken hierüber von Sinnen bringen
-können. Von Sinnen bringen,« wiederholte sie. »Wenn ich daran denke, so
-kann ich ohne Morphium schon nicht mehr schlafen. Doch gut. Wir werden
-ruhig sprechen. Man spricht mir von Ehescheidung. Erstens wird er in
-diese nicht willigen. Er steht jetzt unter dem Einfluß der Gräfin Lydia
-Iwanowna.«
-
-Darja Aleksandrowna folgte, auf dem Stuhl steif emporgerichtet sitzend,
-mit dem Ausdruck innigen Mitgefühls auf dem Gesicht und kopfschüttelnd
-der hin und wieder wandernden Anna.
-
-»Man muß versuchen,« sprach sie leise.
-
-»Nehmen wir an, man versucht. Was hätte das zu bedeuten?« sagte
-sie; augenscheinlich war dies ein Gedanke, den sie wohl tausendmal
-überdacht, auswendig gelernt hatte. »Dies bedeutete für mich, die ihn
-haßt, sich aber nichtsdestoweniger vor ihm als schuldig bekennt --
-ich halte ihn dabei noch für großmütig -- daß ich mich erniedrige,
-wenn ich ihm schreibe. Aber gesetzt, ich überwinde mich und thue dies!
-Entweder werde ich alsdann eine verletzende Antwort erhalten, oder
-die Einwilligung. Gut; ich erhalte die Einwilligung.« -- Anna befand
-sich gerade in einer entfernten Ecke des Gemachs und war dort stehen
-geblieben, sich an der Gardine des Fensters zu schaffen machend.
-»Ich erhalte also die Einwilligung -- aber -- mein _Sohn_? Den wird
-man mir ja nicht geben! Er wird wohl heranwachsen, in der Verachtung
-gegen mich, im Haus des Vaters, den ich verließ. Wisse, daß ich, wie
-mir scheint, gleich stark, aber mehr noch als mich selbst, zwei Wesen
-liebe, Sergey und Aleksey.«
-
-Sie trat in die Mitte des Zimmers und blieb vor Dolly stehen, beide
-Hände auf ihre Brust pressend. In dem weißen Nachtgewand erschien ihre
-Gestalt eigentümlich hoch und voll. Sie senkte den Kopf und schaute mit
-feuchtschimmernden Augen von unten her auf die kleine, hagere und in
-ihrem geflickten Korsett im Nachthäubchen so kläglich aussehende, am
-ganzen Körper vor Aufregung zitternde Dolly.
-
-»Nur diese beiden Wesen liebe ich, und doch schließt eines das andere
-aus. Ich kann sie nicht vereinigen und dies allein ist mir doch nur
-Bedürfnis. Wenn es nicht angeht, so ist mir alles gleichgültig. Alles,
-alles gleichgültig. Irgendwie muß es enden, und daher kann und mag
-ich nicht davon sprechen! Mache du mir also keine Vorwürfe und richte
-in nichts über mich! Du vermagst in deiner Reinheit nicht alles zu
-erfassen, woran ich leide.« Sie trat heran, setzte sich neben Dolly,
-blickte dieser mit schuldbewußtem Ausdruck ins Gesicht und nahm sie bei
-der Hand. »Was denkst du? Was denkst du über mich? Verachte mich nicht!
-Verachtung bin ich nicht wert. Ich bin doch schon unglücklich. Wenn
-jemand unglücklich ist, so bin ich es,« sprach sie und brach, sich von
-ihr abwendend, in Thränen aus.
-
-Allein geblieben, betete Dolly zu Gott und legte sich in ihr Bett.
-Anna hatte ihr von ganzer Seele leid gethan, so lange sie mit ihr
-gesprochen; jetzt aber konnte sie sich nicht mehr zum Nachdenken über
-sie bringen. Die Erinnerungen an ihr Haus und ihre Kinder tauchten in
-einem eigenartigen, ihr neuen Reiz, mit einem gewissen neuen Schimmer
-in ihrer Vorstellungskraft auf. Diese ihr eigene Welt erschien ihr
-jetzt so teuer und lieb, daß sie um keinen Preis außerhalb derselben
-einen überflüssigen Tag hätte zubringen mögen, und sie beschloß,
-bestimmt morgen abzureisen.
-
-Anna hatte mittlerweile, nach ihrem Kabinett zurückgekehrt, ein
-Glas ergriffen, einige Tropfen Arznei hineingeschüttet, deren
-hauptsächlichster Bestandteil Morphium war, und sich, nachdem sie
-getrunken, und noch einige Zeit unbeweglich gesessen hatte, in ruhiger
-und heiterer Stimmung nach dem Schlafgemach begeben.
-
-Als sie in dasselbe eintrat, blickte Wronskiy sie aufmerksam an.
-Er suchte nach den Spuren des Gesprächs, welches sie, wie er wußte
-mit Dolly gehabt haben mußte, da sie so lange im Zimmer derselben
-geblieben war. Aber in ihrem Ausdruck, der zurückgehaltene Aufregung
-und Geheimthuerei verriet, entdeckte er nur die zwar gewohnte, ihn aber
-doch immer noch fesselnde Schönheit, ihr Bewußtsein davon, und ihren
-Wunsch, sie auf ihn wirken zu lassen. Er wollte Anna nicht fragen, was
-sie beide gesprochen hätten, sondern hoffte, sie werde es ihm selbst
-sagen. Doch sie sprach nur:
-
-»Ich freue mich, daß Dolly dir gefallen hat. Nicht wahr?«
-
-»Ich kenne sie ja schon lange. Sie ist sehr gut, wie mir scheint, =mais
-excessivement terre-à-terre=. Ich habe mich indessen gleichwohl sehr
-über sie gefreut.«
-
-Er ergriff Annas Hand und schaute ihr fragend ins Auge. Sie lächelte
-ihm zu, den Blick anders auffassend.
-
-Am anderen Morgen rüstete sich Darja Aleksandrowna trotz der Bitten
-ihrer Wirte zur Abreise. Der Kutscher Lewins in seinem nicht mehr
-gerade neuen Kaftan und dem Postkutscherhut, mit den Pferden von
-verschiedener Farbe, ein Wagen mit den ausgebesserten Seiten, fuhr
-mürrisch und entschlossen in die geöffnete, mit Sand bestreute Einfahrt.
-
-Der Abschied von der Fürstin Barbara und den Herren war Darja
-Aleksandrowna unangenehm. Indem sie nur einen Tag hier geblieben
-war, fühlte sie sowohl, wie ihre Wirte, deutlich, daß sie einander
-nicht näher getreten waren, und es besser sei, wenn sie nicht mehr
-zusammenkämen. Nur Anna empfand Schmerz hierüber. Sie wußte, daß jetzt,
-mit Dollys Fortgehen, niemand mehr die Gefühle in ihrer Seele wachrufen
-werde, die sich bei diesem Wiedersehen in ihr geregt hatten. Diese
-Empfindungen wachzurufen, war ihr schmerzlich gewesen, aber gleichwohl
-wußte sie doch, daß sie gerade den besten Teil ihrer Seele bildeten,
-und daß dieser Teil ihrer Seele schnell überwuchert sein werde in dem
-Leben, welches sie führte.
-
-Als sie auf das Feld hinausgekommen war, empfand Darja Aleksandrowna
-ein angenehmes Gefühl der Erleichterung, und sie wollte soeben ihre
-Leute fragen, wie es ihnen bei Wronskiy gefallen habe, als plötzlich
-Philipp der Kutscher selbst anfing:
-
-»Sind die reich, so reich, und doch haben sie im ganzen nur drei Maß
-Hafer gegeben. Bis die Hähne schrieen, hatten sie es rein aufgefressen.
-Was sind denn drei Maß? Gerade zum Hineinbeißen. Jetzt kostet der Hafer
-bei den Hofleuten fünfundvierzig Kopeken; während bei uns den Reisenden
-soviel gegeben wird, als gefressen wird.«
-
-»Ein geiziger Herr,« bestätigte der Comptoirdiener.
-
-»Nun, aber seine Pferde haben dir gefallen?« frug Dolly.
-
-»Seine Pferde, das ist richtig. Das Essen ist ja auch gut. Aber mir
-schien es so langweilig, Darja Aleksandrowna, ich weiß nicht, wie
-es Euch gegangen ist,« sagte er, ihr sein rotes, gutmütiges Gesicht
-zuwendend.
-
-»Mir ging es auch so. Werden wir denn bis zum Abend ankommen?«
-
-»Wir müssen.«
-
-Nachdem Darja Aleksandrowna heimgekommen war, und alles vollkommen
-wohlbehalten und besonders herzlich gefunden hatte, erzählte sie mit
-großer Lebhaftigkeit von ihrer Reise, wie man sie so gut aufgenommen
-habe, von der Pracht und dem guten Geschmack der Lebensweise der
-Wronskiy, sowie von ihren Zerstreuungen, und ließ niemand über sie zu
-Worte kommen.
-
-»Man muß Anna und Wronskiy kennen -- ich habe ihn jetzt besser kennen
-gelernt -- um erkennen zu können, wie liebenswürdig sie sind,« sprach
-sie, jetzt vollkommen aufrichtig, nachdem sie das dunkle Gefühl von
-Unzufriedenheit und Mißbehagen vergessen hatte, welches sie dort
-empfunden.
-
-
- 25.
-
-Wronskiy und Anna verlebten, in unveränderten Verhältnissen, und ohne
-Maßregeln für die Ehescheidung zu ergreifen, den ganzen Sommer und
-einen Teil des Herbstes auf dem Lande. Sie waren unter sich einig
-geworden, nicht von hier weggehen zu wollen, fühlten beide aber, je
-länger sie einsam waren, besonders im Herbste und wenn kein Besuch da
-war, daß sie diese Lebensweise nicht würden ertragen können und ändern
-müßten.
-
-Ihr Leben war so, wie man es besser nicht wünschen konnte; reicher
-Überfluß, Gesundheit, ein Kind war da und beide hatten ihre
-Beschäftigung. Anna beschäftigte sich, wenn kein Besuch da war,
-mit sich selbst und sehr viel mit Lektüre von Romanen und ernsten
-Büchern, welche in der Mode waren. Sie verschrieb alle Bücher, von
-denen sie sich entsann, Günstiges in den ausländischen Zeitungen und
-Journalen die sie erhielt, gelesen zu haben, und las dieselben mit
-jener Aufmerksamkeit für das Gelesene, welche nur in der Einsamkeit
-vorhanden zu sein pflegt. Außerdem aber studierte sie alles, womit sich
-Wronskiy befaßte, nach Büchern oder Fachjournalen, sodaß er sich oft
-mit landwirtschaftlichen, architektonischen, ja selbst bisweilen mit
-sportsmännischen und Pferdezucht betreffenden Fragen an sie wandte. Er
-erstaunte über ihr Wissen, ihr Gedächtnis, und wünschte anfänglich,
-noch zweifelnd, Bestätigungen; sie fand dann auch in den Büchern das,
-wonach er gefragt und zeigte es ihm.
-
-Die Einrichtung des Hospitals beschäftigte sie gleichfalls. Sie
-leistete nicht nur Beistand, sondern richtete vieles selbst ein, oder
-sann es aus. Ihre Hauptsorge aber bildete -- sie selbst; insofern sie
-Wronskiy teuer war, insofern sie ihm alles ersetzte, was er aufgegeben
-hatte. Wronskiy schätzte diesen zum einzigen Ziel ihres Lebens
-gewordenen Wunsch -- den, ihm nicht nur zu gefallen, sondern ihm auch
-zu dienen, aber zugleich dabei fühlte er sich doch bedrückt von den
-Liebesbanden mit denen sie sich bemühte, ihn zu umstricken.
-
-Je mehr Zeit verging, wünschte er weniger sich von ihnen zu befreien
-und herauszukommen, als zu versuchen und zu prüfen, ob sie seine
-Freiheit wirklich einschränkten. Wäre nicht dieser immer stärker
-werdende Wunsch, frei zu sein, der, nicht jedesmal eine Scene zu haben,
-wenn er zu einer Gerichtssitzung, zu einem Rennen in die Stadt fahren
-mußte, gewesen, so würde Wronskiy mit seinem Dasein völlig zufrieden
-gewesen sein.
-
-Die Rolle, welche er sich erwählt hatte, die Rolle des reichen
-Grundbesitzers, aus denen der Kern der russischen Aristokratie bestehen
-müsse, war ihm nicht nur völlig nach Geschmack, sie machte ihm sogar
-jetzt, nachdem er ein halbes Jahr darin gelebt hatte, ein mehr und
-mehr wachsendes Vergnügen. Auch sein Werk, welches ihn mehr und mehr
-beschäftigte und anzog, gedieh vortrefflich. Trotz der ungeheuren
-Summen, welche ihn das Krankenhaus, die Maschinen, die aus der Schweiz
-verschriebenen Kühe und vieles andere kosteten, war er sicher, daß
-er sein Vermögen nicht zerrüttete, sondern vielmehr vergrößerte.
-Wo es sich um Einkünfte, Waldverkäufe, Getreidelieferungen, Wolle,
-Landverpachtung handelte, war Wronskiy hart wie ein Kieselstein,
-und verstand es, auf den Preis zu halten. In Sachen seiner großen
-Landwirtschaft befolgte er, sowohl auf diesem, wie auf seinen übrigen
-Gütern, die einfachsten, die gefahrlosesten Methoden, und war höchst
-sparsam und haushälterisch in den wirtschaftlichen Kleinigkeiten. Bei
-aller Schlauheit und Gewandtheit seines Deutschen, der ihn in Ankäufe
-zu verwickeln suchte und jede Berechnung so aufstellte, daß anfangs
-bei weitem mehr nötig war, dann aber erwog, daß es möglich sei, das
-Nämliche auch billiger machen, und dabei noch einen Gewinn erzielen zu
-können, gab Wronskiy diesem in nichts nach.
-
-Er hörte seinen Verwalter an, frug ihn aus und stimmte ihm nur
-dann bei, wenn das zu Verschreibende oder neu Einzurichtende das
-allerneueste, in Rußland noch unbekannt, und imstande war, Bewunderung
-zu erwecken. Im übrigen verstand er sich zu einer großen Ausgabe nur
-dann, wenn flüssiges Geld vorhanden war, und kümmerte sich, indem er
-die Ausgabe machte, um alle Einzelheiten, bestand auch darauf, nur
-das Allerbeste für sein Geld zu erhalten; sodaß er, demzufolge sein
-Vermögen offenbar nicht zerrüttete, sondern vergrößerte.
-
-Im Monat Oktober waren die Adelswahlen im Gouvernement von Kaschin,
-in welchem sich die Güter Wronskiys, Swijashskiys, Koznyscheffs,
-Oblonskiys und ein kleiner Teil von denen Lewins befanden.
-
-Diese Wahlen zogen infolge mannigfacher Umstände und in Anbetracht
-der Persönlichkeiten, welche daran teilnahmen, die allgemeine
-Aufmerksamkeit auf sich. Man sprach viel von ihnen und bereitete sich
-darauf vor. Die Bewohner von Moskau, Petersburg, Fremde, die noch nicht
-bei den Wahlen gewesen waren, kamen zu denselben.
-
-Wronskiy hatte Swijashskiy schon längst versprochen, dazu kommen zu
-wollen. Noch vorher fuhr Swijashskiy, welcher Wosdwishenskoje häufig
-besuchte zu Wronskiy.
-
-Am Vorabend des nämlichen Tages war zwischen Wronskiy und Anna fast
-ein Streit wegen der geplanten Reise entstanden. Es war gerade die
-langweiligste, schwerste Zeit auf dem Dorfe, die Herbstzeit, und, auf
-den Kampf vorbereitet, machte Wronskiy mit einem ernsten und kühlen
-Ausdruck, mit welchem er vorher noch nie zu Anna gesprochen hatte,
-derselben Mitteilung von seiner Abreise.
-
-Zu seiner Verwunderung nahm Anna indessen diese Nachricht sehr ruhig
-auf, und frug nur, wann er zurückkehren werde. Aufmerksam betrachtete
-er sie, da er diese Ruhe nicht begriff. Sie lächelte zu seinem Blick.
-Er kannte ihre Fähigkeit, sich in sich selbst zurückzuziehen, und
-wußte, daß dies nur dann der Fall war, wenn sie bei sich selbst etwas
-beschlossen hatte, ohne ihm von ihren Plänen Kenntnis zu geben. Er
-fürchtete dies, doch wünschte er so sehr, eine Scene zu vermeiden, daß
-er sich den Anschein gab zu glauben -- und teilweise glaubte er es auch
-aufrichtig -- was er ja wünschte -- sie sei einsichtsvoll.
-
-»Ich hoffe, du wirst dich nicht langweilen.«
-
-»Ich hoffe es,« sagte Anna, »gestern habe ich eine Kiste Bücher von
-Gautier erhalten. Nein, ich werde mich nicht langweilen.«
-
-»Sie wünscht diesen Ton festzuhalten; um so besser,« dachte er, »es
-wäre ja doch sonst immer ein und dasselbe,« und fuhr, ohne sie zu einer
-aufrichtigen Erklärung aufgefordert zu haben, zu den Wahlen.
-
-Es war dies zum erstenmal seit Beginn ihres Verhältnisses, daß er sich
-von ihr trennte, ohne sich völlig mit ihr ausgesprochen zu haben.
-
-Einerseits beunruhigte ihn dies, andererseits fand er, daß es so
-besser sei. »Es wird ihr dies im Anfang, wie jetzt, etwas Unklares,
-Geheimnisvolles sein, aber später wird sie sich daran gewöhnen.
-Jedenfalls kann ich ihr alles bieten, nur nicht meine männliche
-Unabhängigkeit,« dachte er.
-
-
- 26.
-
-Im September war Lewin wegen der Niederkunft Kitys nach Moskau
-gefahren. Er hatte schon einen ganzen Monat müßig in Moskau verweilt,
-als Sergey Iwanowitsch, welcher ein Gut im Gouvernement Kaschin
-besaß und großes Interesse für die Fragen der bevorstehenden Wahlen
-hegte, sich fertig machte, zu diesen zu fahren. Er nahm dazu auch den
-Bruder mit sich, der im Sjeleznewskischen Kreis ansässig war. Lewin
-hatte überdies in Kaschin ein sehr notwendiges Geschäft für seine
-Schwester, die im Ausland lebte, in Vormundschaftssachen und wegen der
-Empfangnahme von Geldern für einen Kauf zu erledigen.
-
-Lewin war noch immer unentschlossen, aber Kity, welche gewahrte, daß
-er sich in Moskau langweile, hatte ihm angeraten, zu fahren und ihm
-obendrein noch hinter seinem Rücken eine Adelsuniform, welche achtzig
-Rubel kostete, bestellt. Diese achtzig Rubel, welche für die Uniform
-bezahlt worden waren, bildeten den Hauptgrund, der Lewin bewog, zu
-reisen, und so fuhr er nach Kaschin.
-
-Er war bereits den sechsten Tag daselbst, besuchte täglich die
-Sobranje und befaßte sich mit der Angelegenheit seiner Schwester,
-die noch nicht in Ordnung war. Die Oberrichter waren sämtlich von
-den Wahlen in Anspruch genommen und man kam daher nicht bis zu einer
-so einfachen Angelegenheit, die von der Vormundschaft abhing. Die
-andere Angelegenheit, die Erhebung der Gelder, begegnete den gleichen
-Schwierigkeiten. Nach langen Mühen um die Beseitigung der Hindernisse
-lag das Geld endlich bereit zur Aushändigung, aber der Notar, ein sehr
-dienstfertiger Mann, konnte den Talon nicht herausgeben, weil die
-Unterschrift des Präsidenten dazu erforderlich war, dieser selbst aber
-sich in der Session befand. Alle diese Plagen, das Umherlaufen von
-Ort zu Ort, die Auseinandersetzungen mit den sehr guten freundlichen
-Leuten, welche alle die Unannehmlichkeit der Lage des Petenten
-vollkommen begriffen, diesem aber nicht helfen konnten, diese ganze
-Anstrengung die keine Resultate ergab, erzeugte in Lewin ein peinliches
-Gefühl, ähnlich jener ärgerlichen Ohnmacht, welche man im Schlafe
-empfindet, wenn man physische Kraft anwenden will. Er empfand dies oft,
-wenn er sich mit seinem sehr gutmütigen Pächter unterhielt. Dieser
-Pächter that, wie es schien, alles Mögliche, und strengte alle seine
-Kräfte an, um Lewin der Mühewaltung des Probierens zu entheben; nicht
-nur einmal hatte er gesagt, dieser solle da oder dorthin fahren, indem
-er einen ganzen Plan machte, wie er das Geschick umgehen könne, das
-alles hinderte. Gleichwohl aber hatte er hinzugefügt, »man wird sich
-freilich weiter sperren, doch probiert nur«. Und Lewin versuchte und
-ging und fuhr. Jedermann war gut und liebenswürdig, aber es zeigte
-sich, daß das bereits gangbar Gemachte am Ende wieder überwachsen war
-und von neuem den Weg verlegte. Besonders unangenehm war es, daß Lewin
-in keiner Weise erkennen konnte, mit wem er kämpfe, wer einen Vorteil
-davon habe, daß die Angelegenheit nicht zur Erledigung gelangte.
-Dies schien niemand zu wissen; auch der Pächter wußte es nicht. Hätte
-Lewin es erfahren können, wie er wußte, weshalb man zur Kasse auf
-der Eisenbahn nicht anders als in der Reihe Zutritt hat, so würde es
-ihm nicht beleidigend und ärgerlich erschienen sein, aber bei den
-Hindernissen, auf welche er in der Angelegenheit stieß, konnte ihm
-niemand erklären, weshalb sie vorhanden wären.
-
-Lewin hatte sich indessen seit der Zeit seiner Verheiratung vielfach
-geändert; er war duldsam geworden, und wenn er nicht gleich verstand,
-wozu Etwas in einer bestimmten Weise eingerichtet sei, sagte er zu sich
-selbst, daß er, wenn er nicht alles wisse, auch nicht urteilen könne;
-daß es wahrscheinlich so sein müsse, und bemühte sich alsdann, nicht in
-Aufregung zu geraten.
-
-Jetzt, bei den Wahlen gegenwärtig und an ihnen teilnehmend, bestrebte
-er sich ebenfalls, nicht zu urteilen und zu hadern, sondern soviel als
-möglich die Sache zu ergründen, mit der sich ehrenhafte und wackere
-Männer, die er achtete, mit solchem Ernst und solcher Hingebung
-beschäftigten. Seit er geheiratet hatte, eröffneten sich Lewin so viele
-neue ernste Seiten, die ihm vordem, infolge einer oberflächlichen
-Stellungnahme dazu, zu unbedeutend erschienen waren, daß er auch in den
-Wahlen eine ernstere Bedeutung vermutete und suchte.
-
-Sergey Iwanowitsch erklärte ihm den Sinn und die Bedeutung der bei
-diesen vorgeschlagenen Veränderungen. Der Gouvernementschef, in
-dessen Händen nach dem Gesetz soviel wichtige sociale Aufgaben lagen
--- wie das Vormundschaftswesen, das nämliche, an welchem Lewin jetzt
-laborierte, die ungeheuren Summen des Adelsvermögens, die Gymnasien,
-das für Mädchen, das für Knaben und ein Kadettenhaus, die Volksbildung
-nach den neuen Verhältnissen und endlich, das Semstwo -- dieser
-Gouvernementschef Sjnetkoff war ein Herr von altem, adligen Schlag, der
-ein ungeheures Vermögen besaß, ein guter Mensch, ehrenhaft in seiner
-Weise war, aber nicht vollkommen die Anforderungen der Neuzeit erfaßte.
-Er hielt in allem stets die Partei des Adels, wirkte schnurstracks
-der Verbreitung der Volksbildung entgegen, und verlieh dem Semstwo,
-welches doch so außerordentlich große Bedeutung haben sollte, den
-Charakter einer Gesellschaft. Es war daher notwendig, an seinen Platz
-einen frischen, in der Zeit stehenden, vernünftigen und vollkommen
-neuen Mann einzustellen und die Sache so anzufassen, daß aus all den
-Rechten, die dem Adel nicht als Adel, sondern als einem Element des
-Semstwo verliehen waren, die Vorteile der Selbstverwaltung gezogen
-würden, soviel ihrer zu ziehen waren. In dem reichen Gouvernement
-von Kaschin, welches in allem stets den anderen vorangegangen war,
-hatten sich jetzt so tüchtige Kräfte angesammelt, daß die Sache,
-wenn sie hier so geleitet wurde, wie es nötig war, als Muster für
-alle übrigen Gouvernements, ja für ganz Rußland, dienen konnte.
-Infolgedessen hatte sie denn eine hohe Bedeutung. Als Gouvernementschef
-an Stelle Sjnetkoffs hatte man entweder Swijashskiy oder noch besser
-Njewjedowskiy, einen früheren Professor und außerordentlich klugen
-Mann, den intimen Freund Sergey Iwanowitschs, in Vorschlag gebracht.
-
-Die Sobranje eröffnete der Gouverneur selbst, der den Edelleuten eine
-Rede hielt, daß sie die Amtspersonen nicht nach dem Ansehen der Person,
-sondern nach ihren Verdiensten und zum Wohle des Vaterlandes wählen
-möchten, und daß er hoffe, der hohe Kaschinskische Adel werde, wie bei
-den früheren Wahlen, seine Pflicht pietätvoll erfüllen, und das hohe
-Vertrauen des Monarchen rechtfertigen.
-
-Nachdem der Gouverneur diese Rede geendet hatte, verließ er den Saal,
-und die Adligen folgten ihm geräuschvoll und lebhaft, einige sogar voll
-Enthusiasmus, und umgaben ihn, während er sich den Pelz anlegte und
-mit dem Gouvernementsvorsteher freundschaftlich sprach. Lewin, welcher
-alles erfahren und nichts unbeachtet lassen wollte, stand mit im Haufen
-und hörte, wie der Gouverneur sagte: »teilt Marja Iwanowna gefälligst
-mit, mein Weib bedaure sehr, daß sie ins Kloster geht.« Nach ihm
-suchten sich die Adligen heiter ihre Pelze und begaben sich sämtlich in
-den Gottesdienst.
-
-In der Kathedrale schwor Lewin, zusammen mit den übrigen die Hand
-erhebend, und die Worte des Protopopen wiederholend, mit den ernstesten
-Eiden, alles zu erfüllen, was der Gouverneur von ihnen erhoffe.
-
-Der Gottesdienst übte auf Lewin stets einen Einfluß, und als die Worte
-gesprochen wurden: »Ich küsse das Kreuz« und er auf die Schar dieser
-jungen und alten Männer blickte, welche alle das Gleiche wiederholten,
-fühlte er sich bewegt.
-
-Am zweiten und dritten Tag wurden die Angelegenheiten der Adelsgelder
-und des Mädchengymnasiums erörtert, die, wie Sergey Iwanowitsch erklärt
-hatte, keine Wichtigkeit besaßen, und Lewin, von seinen Geschäftsgängen
-in Anspruch genommen, verfolgte dieselben nicht.
-
-Am vierten Tage erfolgte am Gouverneurstisch die Prüfung der
-Gouvernementsgelder, und hier gab es zum erstenmale einen Zusammenstoß
-der neuen Partei mit der alten. Die Kommission, welcher die Prüfung
-dieser Summe anvertraut war, legte der Sobranje dar, daß die Gelder
-sämtlich unversehrt seien. Der Gouvernementsvorsteher erhob sich,
-dankte dem Adel für sein Vertrauen und zerdrückte eine Thräne. Die
-Adligen begrüßten ihn laut und drückten ihm die Hand. Aber zur selben
-Zeit sagte ein Adliger aus der Partei Sergey Iwanowitschs, er habe
-gehört, daß die Kommission die Gelder gar nicht geprüft habe, indem
-sie die Revision als eine Kränkung des Gouverneurs betrachte. Eines
-der Kommissionsmitglieder bestätigte dies auch unvorsichtigerweise.
-Da begann ein ziemlich kleiner, sehr jung aussehender, aber sehr
-scharfzüngiger Herr zu sprechen, daß es dem Gouvernementsvorsteher
-wahrscheinlich angenehm sein würde, Rechenschaft über die Summen
-ablegen zu können, und daß nur das überflüssige Taktgefühl der
-Kommissionsmitglieder ihn dieser moralischen Genugthuung beraubt habe.
-Die Kommissionsmitglieder sagten sich hierauf von ihrer Erklärung
-los und Sergey Iwanowitsch begann ihnen logisch zu beweisen, daß sie
-entweder anerkennen müßten, die Gelder seien von ihnen für richtig
-befunden worden, oder nicht, und nahm dieses Dilemma gründlich durch.
-Sergey Iwanowitsch beantwortete hierauf ein Sprecher der gegnerischen
-Partei. Dann sprach Swijashskiy und darauf wieder der bissige Herr. Die
-Debatten zogen sich in die Länge und verliefen ohne Resultat. Lewin war
-erstaunt, daß man hierüber so lange streiten konnte, namentlich aber
-darüber, daß Sergey Iwanowitsch, als er ihn frug, ob er vermute, daß
-die Gelder verloren seien, antwortete:
-
-»O nein! Er ist ein ehrenhafter Mann, aber jene alte Sitte der
-vaterländischen, familiären Verwaltung der Adelsgeschäfte mußte
-erschüttert werden.«
-
-Am fünften Tage waren die Wahlen der Kreisvorsteher. Dieser Tag war
-ziemlich stürmisch bei mehreren Kreisen. Im Kreise Sjelesnewo wurde
-Swijashskiy einstimmig ohne Ballotage gewählt und bei ihm fand an
-diesem Tage ein Essen statt.
-
-
- 27.
-
-Am sechsten Tage waren die Gouvernementswahlen. Die großen und kleinen
-Säle waren gefüllt von den Adligen in ihren verschiedenen Uniformen.
-Viele kamen nur für diesen Tag. Bekannte, die sich lange nicht
-gesehen hatten, der eine aus der Krim, der andere aus Petersburg,
-ein dritter vom Auslande kommend, begegneten sich in den Sälen. Am
-Gouverneurstisch, unter dem Bild des Zaren, fanden die Wahlkämpfe statt.
-
-Die Adligen, im großen, wie im kleinen Saale, gruppierten sich in Lager
-und an der Feindseligkeit und dem Mißtrauen der Blicke, an dem bei der
-Annäherung fremder Personen verstummenden Gespräch, daran, daß mehrere
-flüsternd selbst in den abgelegenen Korridor gingen, war ersichtlich,
-daß eine jede Partei Geheimnisse vor der anderen hatte.
-
-Dem äußeren Anschein nach hatten sich die Adligen scharf in zwei
-Parteien geteilt, in die Alten und die Jungen. Die Alten waren
-größtenteils in adligen altertümlichen, zugeknöpften Uniformen, mit
-Degen und Hut, oder in ihren eigenen Kavallerie-, Infanterie- oder
-Amtsuniformen. Die Uniformen der Alten waren in altertümlicher Weise
-gestickt, mit Epaulettes auf den Schultern; sie erschienen klein, kurz
-in den Taillen und so knapp, als hätten ihre Träger sie verwachsen.
-
-Die Jungen hingegen waren in Adelsuniformen mit niedrigen Taillen und
-breiten Schultern, mit weißen Westen, oder in Uniformen mit schwarzen
-Kragen und Lorbeer, der Stickerei des Justizministeriums. Zu den Jungen
-gehörten auch die Hofuniformen, die hier und da die Menge zierten.
-
-Aber die Teilung in Junge und Alte fiel nicht mit der Teilung in die
-Parteien zusammen; einige der Jungen gehörten nach den Beobachtungen
-Lewins zur Partei der Alten, und im Gegensatz hierzu zischelten einige
-sehr alte Edelleute mit Swijashskiy, und waren augenscheinlich eifrige
-Anhänger der neuen Richtung.
-
-Lewin stand in dem kleinen Saale, in welchem man rauchte und aß, neben
-einer Gruppe der Seinen, und lauschte auf das, was man sprach, indem
-er seine Geisteskräfte geflissentlich anstrengte um zu verstehen,
-was gesprochen wurde. Sergey Iwanowitsch bildete den Mittelpunkt, um
-welchen sich die Übrigen gesellten. Er hörte jetzt Swijashskiy und
-Chljustoff an, den Vorsteher eines anderen Kreises, der zu ihrer Partei
-gehörte.
-
-Chljustoff stimmte mit seinem Kreis nicht dafür, Sjnetkoff um Ballotage
-zu bitten, und Swijashskiy überredete ihn nun, es doch zu thun, während
-Sergey Iwanowitsch diesen Plan guthieß. Lewin begriff nicht, weshalb
-man die gegnerische Partei um Ballotage gerade bezüglich desjenigen
-Vorstehers bitten wollte, den man ausballotieren wollte.
-
-Stefan Arkadjewitsch, der soeben gegessen und getrunken hatte, trat,
-sich den Mund mit dem duftenden, eingefaßten Battisttaschentuch
-wischend, in seiner Kammerherrenuniform zu ihnen.
-
-»Wir nehmen die Position,« sagte er, sich die Hälften seines
-Backenbartes streichend, »Sergey Iwanowitsch!« Und aufmerksam dem
-Gespräch Gehör schenkend, unterstützte er die Meinung Swijashskiys.
-»Es ist genug mit einem Kreis, aber Swijashskiy ist augenscheinlich
-schon Opposition,« sagte er, mit Worten, die allen, nur nicht Lewin,
-verständlich waren. »Wie, Konstantin; es scheint, auch du kommst
-hinter den Geschmack?« fügte er hinzu, sich an Lewin wendend und faßte
-diesen unter dem Arme. Lewin wäre recht froh gewesen, hinter den
-Geschmack gekommen zu sein, aber er konnte nicht verstehen, worum es
-sich handle, und drückte, einige Schritte von den Redenden wegtretend,
-Stefan Arkadjewitsch seine Unkenntnis darin aus, weshalb man den
-Gouvernementsvorsteher bitten wollte.
-
-»=O sancta simplicitas=,« sagte Stefan Arkadjewitsch und erklärte Lewin
-kurz und klar, um was es sich handle.
-
-»Wenn alle Kreise, wie in den früheren Wahlen, den
-Gouvernementsvorsteher bitten würden, so wählte man ihn mit allen
-weißen Kugeln. Jetzt ist man in acht Kreisen einverstanden, ihn darum
-zu ersuchen; wenn nun zwei es verweigern, mit darum anzuhalten, so kann
-Sjnetkoff die Ballotage verweigern, und dann wird die Partei der Alten
-einen anderen von den Ihrigen wählen, sodaß unser ganzer Plan verloren
-ist. Wenn aber nur der eine Kreis Swijashskiys nicht mit bittet, so
-wird Sjnetkoff ballotieren. Man wird ihn dann selbst wählen und ihm
-absichtlich das Amt wieder übertragen, sodaß sich die gegnerische
-Partei verrechnet, und wenn sie einen Kandidaten von den Unseren
-aufstellen, diesem das Amt überträgt.«
-
-Lewin verstand, aber nicht vollständig, und wollte soeben noch einige
-Fragen stellen, als plötzlich alle durcheinander zu sprechen begannen,
-lärmten und sich nach dem großen Saale in Bewegung setzten.
-
-»Was ist das? Wie? Wen wird man wählen? Vertrauen? Zu wem? Was ist?
-Verwirft man? Es giebt kein Vertrauen! Man läßt Phleroff nicht zu. Was;
-unter Anklage! So läßt man niemand zu! Das ist niedrig! Das Gesetz!«
-hörte Lewin von verschiedenen Seiten rufen, und begab sich zusammen
-mit der Menge, die sich drängte, und zu fürchten schien, daß sie etwas
-versäumte, in den großen Saal. Er näherte sich in dem Gedränge der
-Adligen dem Gouverneurstisch, an welchem der Gouvernementsvorsteher,
-Swijashskiy und andere Wortführer eifrig miteinander debattierten.
-
-
- 28.
-
-Lewin stand ziemlich entfernt. Ein schwer und heiser atmend neben ihm
-stehender Adliger und ein zweiter mit knarrenden, dicken Stiefelsohlen,
-störten ihn, deutlich zu hören. Aus der Ferne vernahm er nur die
-weiche Stimme des Gouvernementsvorstehers, darauf das pfeifende Organ
-des scharfzüngigen Adligen und dann die Stimme Swijashskiys. Sie
-stritten, soviel er zu verstehen imstande war, über die Bedeutung
-eines Paragraphen des Gesetzes und den Sinn der Worte, »wer sich unter
-gerichtlicher Untersuchung befindet«.
-
-Der Haufe teilte sich, um dem zum Tisch herantretenden Sergey
-Iwanowitsch Raum zu geben. Sergey Iwanowitsch sagte, nachdem er die
-Beendigung der Rede des scharfzüngigen Adligen abgewartet hatte, ihm
-scheine, daß es am richtigsten sei, sich nach dem Paragraphen des
-Gesetzes zu richten und bat den Sekretär, den Paragraphen aufzusuchen.
-In demselben war gesagt, daß man im Falle der Meinungsverschiedenheit
-zu ballotieren habe.
-
-Sergey Iwanowitsch verlas den Paragraphen, und begann den Sinn
-desselben zu erörtern, aber da unterbrach ihn ein großer, dicker und
-krummer Gutsherr mit roten Ohren, in enger Uniform mit im Nacken hinten
-hochstehendem Kragen. Er trat an den Tisch und rief laut, mit einem
-Finger darauf schlagend:
-
-»Ballotieren! Zu den Kugeln greifen! Weg da mit dem Geschwätz! Zu den
-Kugeln!«
-
-Mehrere Stimmen erhoben sich jetzt plötzlich zusammen, und der große
-Adlige mit seinem Finger, mehr und mehr in Zorn geratend, schrie
-lauter und lauter. Es ließ sich jedoch nicht unterscheiden, was er
-sagte. Er sagte das Nämliche, was Sergey Iwanowitsch vorschlug,
-aber offenbar haßte er diesen und dessen ganze Partei, und dieses
-Gefühl des Hasses teilte sich nun der ganzen Partei mit und rief den
-Widerstand einer gleichen, wenn auch gemäßigteren Erbitterung auf der
-anderen Seite hervor. Rufe erschallten und eine Minute lang wogte
-alles durcheinander, sodaß der Gouvernementsvorsteher genötigt war, um
-Ordnung zu bitten.
-
-»Ballotieren! Ballotieren! Wer ein Edelmann ist, der sieht das ein!
-Wir vergießen unser Blut! Das Vertrauen des Monarchen! Nicht den
-Gouvernementsvorsteher achten; er ist kein Amtmann! Darum handelt es
-sich nicht! Bitte, zu den Kugeln! Es ist eine Schande!« vernahm man
-zornige, sinnlose Schreie von allen Seiten.
-
-Die Blicke und Gesichter wurden immer zorniger und die Reden immer
-ungebärdiger. Sie drückten einen unversöhnlichen Haß aus. Lewin begriff
-nicht im geringsten, worum es sich handle, und war erstaunt über die
-Leidenschaftlichkeit, mit welcher die Frage, ob man über Phleroff
-ballotieren solle oder nicht, behandelt wurde. Er hatte, wie ihm
-später Sergey Iwanowitsch erklärte, jenen Syllogismus vergessen, daß
-im Interesse des allgemeinen Wohls der Gouvernementsvorsteher entfernt
-werden müsse; zu der Entfernung desselben aber war eine Majorität der
-Kugeln erforderlich; zur Erlangung dieser Majorität weiterhin mußte man
-Phleroff Stimmrecht erteilen, und zur Anerkennung Phleroffs als eines
-Stimmberechtigten mußte man erklären, wie der Paragraph des Gesetzes
-aufzufassen sei.
-
-»Also eine Stimme kann die ganze Angelegenheit entscheiden, und man muß
-daher ernst und konsequent sein, wenn man der gemeinsamen Sache dienen
-will,« schloß Sergey Iwanowitsch.
-
-Lewin hatte dies jedoch vergessen, und es wurde ihm schwer ums Herz,
-diese von ihm geachteten braven Männer in einer so unangenehmen
-schlimmen Erregung sehen zu müssen.
-
-Um sich von diesem beklemmenden Gefühl frei zu machen, ging er, ohne
-das Ende des Streites abzuwarten, in den Saal, in welchem sich niemand
-befand, als einige Lakaien beim Buffet. Als er die mit dem Abwischen
-von Geschirr, dann Aufstellen von Tellern und Gläsern beschäftigten
-Diener, ihre ruhigen, aber lebhaften Gesichter sah, empfand Lewin ein
-unerwartetes Gefühl der Erleichterung, als sei er aus einem Zimmer
-voll widrigen Geruchs in die reine Luft hinausgetreten. Er begann
-auf und abzuschreiten, mit Befriedigung auf die Diener blickend. Es
-gefiel ihm sehr, als einer derselben, ein Mann mit grauem Backenbart,
-den jüngeren, die diesen zum besten hatten, voll Geringschätzung
-lehrte, wie man Servietten falten müsse. Lewin hatte sich gerade mit
-dem alten Diener in ein Gespräch eingelassen, als der Sekretär der
-Adelsvormundschaft, ein alter Herr, der die spezielle Eigenschaft
-besaß, alle Adligen des Gouvernements dem Namen und der Herkunft nach
-zu kennen, ihn davon abzog.
-
-»Bitte gefälligst, Konstantin Dmitritsch,« sagte er zu ihm, »Euer
-Bruder sucht Euch. Es wird ballotiert.«
-
-Lewin trat in den Saal, erhielt eine weiße Kugel und begab sich hinter
-seinem Bruder Sergey Iwanowitsch zum Tische, an welchem mit wichtiger,
-ironischer Miene Swijashskiy stand, der seinen Bart in die volle Hand
-genommen hatte und daran roch.
-
-Sergey Iwanowitsch steckte die Hand in den Kasten, legte seine Kugel
-hinein und blieb, Lewin Platz machend, am Orte stehen. Lewin trat
-heran, wandte sich aber, da er vollständig vergessen hatte, um was es
-sich handle und in Verlegenheit geraten war, an Sergey Iwanowitsch mit
-der Frage, wohin er die Kugel legen solle? Er frug leise, während man
-in seiner Nähe sprach, sodaß er hoffen konnte, es habe niemand seine
-Frage vernommen. Aber die Sprechenden verstummten und seine unziemliche
-Frage wurde gehört. Sergey Iwanowitsch runzelte die Stirn.
-
-»Das ist Sache der Überzeugung für einen jeden,« sagte er gemessen.
-Einige lächelten. Lewin errötete, streckte hastig die Hand unter das
-Tuch und legte die Kugel nach rechts, da sie sich gerade in seiner
-rechten Hand befand. Nachdem er dies gethan hatte, besann er sich, daß
-er auch die linke Hand hineinstecken müsse und steckte sie hinein, doch
-schon zu spät, und zog sich dann, noch mehr in Verlegenheit geraten,
-schnell in die hintersten Reihen zurück.
-
-»Einhundertsechsundzwanzig dafür! Achtundneunzig dagegen!« klang die
-Stimme des Sekretärs, welcher den Buchstaben r nicht aussprechen
-konnte. Gelächter erschallte: ein Knopf und zwei Nüsse waren in dem
-Kasten gefunden worden. Der Adlige war zugelassen und die Jungpartei
-hatte gesiegt. Aber die Partei der Alten hielt sich noch nicht für
-besiegt. Lewin vernahm, daß man Sjnetkoff bat, zu ballotieren, und
-gewahrte, daß ein Trupp der Edelleute den Gouvernementsvorsteher
-umringte, welcher sprach. Lewin trat näher. Sjnetkoff sprach, indem er
-den Edelleuten antwortete, vom Vertrauen des Adels, von dessen Liebe zu
-ihm, deren er nicht würdig sei, da sein ganzes Verdienst nur in seiner
-Ergebenheit für den Adel bestehe, dem er zwölf Jahre des Dienstes
-geweiht hätte. Mehrmals wiederholte er die Worte »ich habe gedient,
-soviel es meine Kräfte gestatteten, im Glauben und in der Wahrheit; ich
-schätze euch hoch und danke euch!« und plötzlich hielt er, von Rührung
-überwältigt, inne und verließ den Saal.
-
-Mochten nun diese Thränen von dem Gefühl einer Ungerechtigkeit gegen
-ihn, von der Liebe zum Adel, oder von der Gespanntheit der Situation
-herrühren, in welcher er sich befand, indem er sich von Gegnern umgeben
-fühlte -- genug, die Erregung teilte sich weiter mit, die Majorität des
-Adels war gerührt und auch Lewin empfand ein Gefühl von Zärtlichkeit
-für Sjnetkoff.
-
-In der Thür stieß der Gouvernementsvorsteher mit Lewin zusammen.
-
-»Entschuldigt, bitte, entschuldigt,« sagte er wie zu einem Unbekannten,
-lächelte aber, als er Lewin erkannt, und diesem schien es, als ob er
-etwas hätte sagen wollen, aber vor Erregung nicht sprechen könne.
-
-Der Ausdruck seines Gesichts und seiner ganzen Gestalt in der Uniform,
-mit den Ordenskreuzen und den weißen galonnierten Beinkleidern,
-erinnerte Lewin, als er so hastig dahinschritt, an ein gemästetes
-Schlachtvieh, welches sieht, daß es mit seiner Sache übel bestellt ist.
-
-Der Gesichtsausdruck des Mannes hatte etwas eigentümlich Rührendes für
-Lewin, welcher erst am Tage vorher in Vormundschaftsangelegenheiten
-in seinem Hause gewesen war und ihn in der ganzen Größe eines guten
-und geselligen Menschen kennen gelernt hatte. Das große Haus mit den
-altertümlichen Familienmeubles; keine geschniegelten oder unsauberen,
-sondern ehrerbietige alte Diener, offenbar noch aus der Zeit der
-ehemaligen Leibeigenschaft stammend, die ihren Herrn nicht geändert
-hatten; eine wohlbeleibte, gutmütige Hausfrau im Häubchen mit Spitzen
-und einem türkischen Spitzenshawl, welche ihr liebes Enkelchen, die
-Tochter ihrer Tochter liebkoste; ein jugendlicher Sohn, Gymnasiast
-der sechsten Klasse, welcher von der Schule gekommen war und den
-Vater begrüßte, indem er ihm die große Hand küßte; die ermahnenden,
-freundlichen Reden und Gebärden des Hausherrn; alles dies hatte
-in Lewin gestern unwillkürlich Hochachtung und Sympathie erweckt.
-Jetzt erschien ihm dieser alte Herr rührend und beklagenswert und er
-wünschte, ihm einige angenehme Worte zu sagen.
-
-»Ihr werdet vielleicht wieder unser Vorsteher werden,« sprach er.
-
-»Kaum,« versetzte jener, erschreckt aufblickend, »ich bin abgespannt,
-schon alt; es giebt würdigere und jüngere als ich, mögen die nun
-dienen,« und der Vorsteher verschwand durch eine Seitenthür.
-
-Es trat nun der feierlichste Augenblick ein; man mußte zur Wahl
-schreiten. Die Wortführer der einen und der anderen Partei zählten an
-den Fingern die weißen und die schwarzen Kugeln nach.
-
-Die Debatten wegen Phleroff hatten der Jungpartei nicht nur die eine
-Kugel Phleroffs mehr verschafft, sondern auch einen Gewinn an Zeit
-herbeigeführt, sodaß noch drei Adlige herbeigeholt werden konnten,
-welchen es durch Intriguen der Alten unmöglich gemacht worden war, an
-den Wahlen teilzunehmen. Zwei der Adligen, die eine Schwäche für den
-Wein besaßen, hatte man durch Kumpane Sjnetkoffs trunken gemacht, dem
-dritten die Uniform entwendet.
-
-Als die Jungpartei dies erfahren hatte, sandte sie sogleich, während
-der Debatten über Phleroff, in einer Mietkutsche Freunde fort, um den
-Einen uniformieren zu lassen, und Einen der beiden Berauschten zur
-Sobranje zu bringen.
-
-»Den Einen habe ich gebracht, ich habe ihn mit Wasser begossen,« sagte
-der nach ihm gesandte Gutsherr, zu Swijashskiy tretend, »doch es ist
-nicht gefährlich, er taugt schon noch dazu.«
-
-»Ist also nicht zu sehr berauscht, daß er nicht etwa umfällt?« sagte
-Swijashskiy kopfschüttelnd.
-
-»Nein; er ist ganz munter; doch hatten sie ihn bald völlig
-niedergetrunken. Ich habe dem Buffetier gesagt, er soll ihm auf keinen
-Fall Wein geben.«
-
-
- 29.
-
-Der enge Saal, in welchem man rauchte und aß, war gefüllt von den
-Edelleuten. Die Aufregung stieg stetig, und auf allen Gesichtern war
-die Unruhe bemerkbar. Namentlich waren die Wortführer in Aufregung,
-da sie alle Einzelverhältnisse und die Berechnung aller Kugeln
-kannten. Sie waren die Ordner der bevorstehenden Schlacht. Die Übrigen
-suchten, wie die Krieger vor dem Kampfe, obwohl sie sich zu diesem
-vorbereiteten, noch Zerstreuungen. Die Einen nahmen am Tische stehend
-oder sitzend einen Imbiß; die Anderen gingen Cigaretten rauchend, in
-dem langen Zimmer auf und nieder, und unterhielten sich mit lange nicht
-gesehenen Freunden.
-
-Lewin verspürte keine Eßlust, er rauchte nicht; zu den Seinigen, mit
-Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch, Swijashskiy und anderen
-gehen, wollte er nicht, da bei ihnen in lebhaftem Gespräch Wronskiy in
-Stallmeisteruniform stand. Schon gestern hatte ihn Lewin bei den Wahlen
-erblickt, und geflissentlich vermieden, da er nicht wünschte ihm zu
-begegnen. Er trat ans Fenster und setzte sich nieder, auf die Gruppen
-blickend, und auf das horchend, was um ihn herum gesprochen wurde.
-
-Es bedrückte ihn namentlich, daß alle, wie er sah, aufgeregt, besorgt
-und geschäftig waren, und nur er allein nebst einem alten, zahnlosen
-Greis in Marineuniform, der neben ihm saß, ohne Interesse und ohne
-Beschäftigung war.
-
-»Das ist ein Betrug! Ich habe ihm gesagt, daß es nicht so ist. Gewiß.
-Er konnte auf drei Jahre nicht wählen,« sprach energisch ein etwas
-verwachsener Gutsherr von kleiner Gestalt mit pomadisierten Haaren, die
-auf dem gestickten Kragen seiner Uniform lagen, stark mit den Absätzen
-seiner offenbar für die Wahlen neugefertigten Stiefeln aufstampfend,
-und wandte sich dann, einen mißvergnügten Blick auf Lewin werfend, kurz
-ab.
-
-»Ja, eine unsaubere Sache, was man auch sagen mag,« fuhr ein kleiner
-Gutsherr mit dünner Stimme fort.
-
-Hinter ihnen näherte sich Lewin eilig ein ganzer Trupp von Gutsherrn,
-einen dicken General umringend. Die Herren suchten offenbar einen
-Platz, wo sie so sprechen konnten, daß man sie nicht hörte.
-
-»Wie kann er sich unterstehen, zu sagen, ich hätte ihm die Beinkleider
-entwenden lassen! Er hat sie vertrunken, denke ich! Ich mache mir den
-Teufel aus ihm und seinem Fürstenrang! Er soll es nicht wagen, das zu
-äußern. Eine Schweinerei ist es!«
-
-»Aber erlaubt doch! Die berufen sich auf den Gesetzparagraphen,« sprach
-man in einer anderen Gruppe, »die Frau muß als Adlige eingetragen
-werden!«
-
-»Zum Teufel mit dem Paragraphen! Ich spreche wie es mir ums Herz ist!
-Darauf stützen sich brave Edelleute. Man soll Vertrauen haben!«
-
-»Wollen Ew. Excellenz mitkommen, =fine champagne=.«
-
-Ein anderer Trupp ging zu einem laut schreienden Edelmann; es war dies
-Einer der drei Berauschten.
-
-»Ich habe der Marja Ssemionowna stets geraten zu verpachten, weil
-sie ihren Vorteil nicht zu wahren versteht,« sagte ein graubärtiger
-Gutsherr mit angenehmer Stimme, in der Oberstenuniform des alten
-Generalstabs. Es war dies der nämliche Herr, welchem Lewin bei
-Swijashskiy begegnet war. Lewin erkannte ihn sofort, auch der Gutsherr
-schaute nach Lewin, und sie begrüßten sich.
-
-»Sehr angenehm. Gewiß, ich erinnere mich noch recht wohl; wir sahen uns
-im vergangenen Jahre bei Nikolay Iwanowitsch.«
-
-»Nun, wie steht es mit Eurer Ökonomie?« frug Lewin.
-
-»Man arbeitet stets mit Schaden,« antwortete der Gutsherr mit höflichem
-Lächeln, aber mit einem Ausdruck von Ruhe und der Überzeugtheit,
-daß es so sein müsse, neben Lewin stehen bleibend; »aber wie kommt
-Ihr denn in unser Gouvernement?« frug er dann. »Ihr seid wohl
-gekommen, um an unserem =coup d'état= teilzunehmen?« sagte er,
-sicher, aber schlecht die französischen Worte aussprechend. »Ganz
-Rußland ist zusammengekommen; auch die Kammerherren und beinahe
-selbst die Minister.« Er wies auf die repräsentierende Gestalt Stefan
-Arkadjewitschs in den weißen Pantalons und der Kammerherrenuniform,
-welcher mit einem General ging.
-
-»Ich muß Euch gestehen, daß ich die Bedeutung der Adelswahlen recht
-wenig verstehe,« sprach Lewin.
-
-Der Gutsherr schaute ihn an.
-
-»Was giebt es denn da zu verstehen? Eine Bedeutung liegt darin gar
-nicht. Es ist das eine hinfällige Institution, welche ihr Fortleben nur
-dem Trägheitsgesetz verdankt. Seht doch hin; die Uniformen sagen Euch
-das ja schon. Dies ist eine Sobranje von Friedensrichtern, dauernden
-Mitgliedern und so fort, aber nicht von Edelleuten.«
-
-»Aber weshalb seid Ihr denn gekommen?« frug Lewin.
-
-»Aus Gewohnheit; das ist das Eine. Ferner, um die Verbindungen aufrecht
-zu erhalten. Darin liegt eine moralische Verpflichtung in gewisser
-Hinsicht. Dann aber, wenn ich die Wahrheit sagen soll, auch aus meinem
-eigenen Interesse. Mein Schwager wünscht als Mitglied gewählt zu
-werden; die Familie ist arm und man muß sie vorwärts bringen. Weshalb
-sind wohl diese Herren gekommen?« sagte er, auf den bissigen Adligen
-zeigend, welcher hinter dem Gouverneurstisch sprach.
-
-»Das ist ein neues Adelsgeschlecht.«
-
-»Neues hin, neues her; aber kein Adel! Das sind Landleute, während wir
-Gutsherren sind. Sie legen als Adlige die Hand an sich selbst.«
-
-»Aber Ihr sagt doch, es sei dies eine abgelebte Institution?«
-
-»Abgelebt hin, abgelebt her; man müßte sich aber doch pietätvoller
-zu ihr stellen. Wäre wenigstens Sjnetkoff -- -- mögen wir gut oder
-schlecht sein, aber tausend Jahre sind wir doch alt geworden. Wißt
-Ihr, es kann einmal vorkommen, daß man vor seinem Hause einen Garten
-anlegt und placiert. Da steht Euch nun aber gerade auf dem Platze ein
-hundertjähriger Baum. Mag er gleich knorrig und alt sein, für die
-Blumenbouquets wird man ihn doch wohl nicht umhauen, sondern diese so
-anlegen, daß sie den Baum umfangen;« sagte er vorsichtig, und änderte
-darauf das Thema. »Wie geht es denn mit Eurer Ökonomie?« frug er.
-
-»Auch nicht gut. Fünf Prozent wirft sie ab.«
-
-»Da rechnet Ihr Euch aber noch nicht mit! Ihr seid doch auch etwas
-wert! Ich kann auch von mir selbst so reden. Während der Zeit, in der
-ich nicht Landwirtschaft trieb, habe ich im Dienst dreitausend Rubel
-gehabt. Jetzt arbeite ich mehr, als im Dienst, und habe ebenso wie Ihr,
-meine fünf Prozent, und damit ist es gut. Meine Arbeit ist dabei noch
-umsonst.«
-
-»Aber warum thut Ihr es denn, wenn Ihr nur Verlust habt?«
-
-»Nun, man arbeitet eben. Was wollt Ihr sonst? aus Gewohnheit; und man
-weiß, daß man so muß. Ich will Euch weiter sagen,« und der Gutsbesitzer
-stemmte sich mit den Ellbogen auf das Fenster und fuhr fort, »mein
-Sohn hat keine Lust zur Landwirtschaft; er wird offenbar einmal ein
-Gelehrter. Niemand wird somit die Sache einmal fortführen, und doch
-arbeitet man. Jetzt habe ich einen Garten angelegt.«
-
-»Ja, ja,« sagte Lewin, »das ist völlig richtig. Ich fühle stets, daß in
-meiner Ökonomie keine rechte Berechnung liegt, man arbeitet aber -- man
-fühlt gleichsam eine Verpflichtung seinem Lande gegenüber.«
-
-»Da will ich Euch noch etwas sagen,« fuhr der Gutsbesitzer fort. »Mein
-Nachbar, ein Kaufmann, war bei mir. Wir gingen das Land ab, und den
-Garten. >Nein,< sagte er da, >Stefan Wasiljewitsch, bei Euch ist alles
-in Ordnung, aber der Garten ist vernachlässigt.< Dabei befindet er sich
-aber in vollständiger Ordnung. >Nach meiner Ansicht, würde ich diese
-Linden anhauen. Man muß nur bis auf den Saft schlagen. Es sind da ihrer
-tausend Linden, und jede von ihnen giebt zwei gute Schaffe.<«
-
-»Für den Erlös daraus müßte er Vieh kaufen oder Land und es den Bauern
-pachtweise verteilen,« ergänzte Lewin, welcher offenbar schon mehr als
-einmal mit ähnlichen Überschlägen zu thun gehabt hatte. »Und er wird
-sich ein Vermögen begründen, während wir, Ihr und ich, wenn Gott es
-giebt, nur das unsere zusammenhalten und den Kindern zu hinterlassen
-streben müssen.«
-
-»Ihr seid verheiratet, wie ich hörte?« sagte der Gutsbesitzer.
-
-»Ja,« antwortete Lewin mit Stolz und Genugthuung. »Es ist aber etwas
-Seltsames,« fuhr er fort, »wir leben zusammen gerade wie die alten
-Vestalinnen, und hüten unser Herdfeuer.«
-
-Der Gutsbesitzer lächelte unter seinem weißen Bart.
-
-»So ist es auch bei uns, da hat sich unser Freund Nikolay Iwanitsch,
-oder jetzt Graf Wronskiy seßhaft gemacht, die eine agronomische
-Industrie einführen wollen; aber das hat nicht weiter, als bis zu
-Kapitalverlust geführt.«
-
-»Aber weshalb machen wir es nicht, wie die Kaufleute? Warum fällen
-wir nicht die Bäume im Garten der Rinde halber?« sagte Lewin, auf den
-Gedanken zurückgreifend, der ihn frappiert hatte.
-
-»Nun, wie Ihr sagtet, man hütet sein Feuer. Dieses wäre ja auch nicht
-ein adliges Verfahren. Unsere adlige Thätigkeit vollzieht sich nicht
-hier, bei den Wahlen, sondern in unserem Winkel. Es giebt auch einen
-Standesinstinkt bezüglich dessen, was man soll und was man nicht
-soll. Bei den Bauern ist es ebenso; wenn ein Bauer gut ist, so sucht
-er soviel Land zu pachten, als er kann. So schlecht dieses nun sein
-mag, er pflügt es. Gleichfalls ohne Berechnung, und geradezu zu seinem
-Schaden.«
-
-»Wie wir« -- sagte Lewin. »Es ist nur außerordentlich angenehm, Euch zu
-treffen,« fügte er hinzu, indem er Swijashskiy zu ihm herantreten sah.
-
-»Ah, wir begegnen uns wohl zum erstenmal wieder, seit ich bei Euch
-war,« begrüßte ihn der Gutsbesitzer, »wir haben uns auch verschworen.«
-
-»Wie, schmäht Ihr neue Einrichtungen?« frug Swijashskiy lächelnd.
-
-»Ein wenig.«
-
-»Man hat uns den Mut benommen.«
-
-
- 30.
-
-Swijashskiy nahm Lewin unter den Arm und ging mit ihm zu seinen
-Freunden.
-
-Jetzt konnte Lewin Wronskiy nicht mehr vermeiden, welcher bei Stefan
-Arkadjewitsch und Sergey Iwanowitsch stand und offen dem herankommenden
-Lewin entgegenblickte.
-
-»Sehr erfreut. Mir scheint, als hätte ich einmal das Vergnügen gehabt,
-Euch begegnet zu sein -- bei der Fürstin Schtscherbazkaja,« sagte er,
-Lewin die Hand reichend.
-
-»Ja; ich entsinne mich Eurer Begegnung recht wohl,« sagte Lewin,
-purpurrot werdend, und wandte sich sogleich, um mit seinem Bruder zu
-sprechen.
-
-Mit feinem Lächeln unterhielt sich Wronskiy mit Swijashskiy weiter,
-offenbar ohne den geringsten Wunsch, in ein Gespräch mit Lewin zu
-geraten; dieser hingegen blickte, mit dem Bruder redend, unverwandt
-Wronskiy an und überlegte, wovon er wohl mit demselben sprechen könnte,
-um seine Taktlosigkeit wieder gutzumachen.
-
-»Was verhandelt man jetzt?« frug Lewin, Swijashskiy und Wronskiy
-anblickend.
-
-»Sjnetkoff. Er muß abschläglich antworten oder beistimmen,« antwortete
-Swijashskiy.
-
-»Nun, hat er denn beigestimmt oder nicht?«
-
-»Darum handelt es sich ja eben; weder dies noch das ist der Fall,«
-sagte Wronskiy.
-
-»Und wenn er es verweigert, wer wird dann ballotieren?« frug Lewin,
-Wronskiy anschauend.
-
-»Wer da will,« sagte Swijashskiy.
-
-»Werdet Ihr es thun?« frug Lewin.
-
-»Nur ich nicht,« sagte Swijashskiy, in Verlegenheit geratend und einen
-erschreckten Blick auf den neben ihm mit Sergey Iwanowitsch stehenden,
-bissigen Herrn werfend.
-
-»Nun wer denn; Njewjedowskiy?« frug Lewin, im Gefühl, daß er sich
-verwickelte.
-
-»Dies wäre aber noch schlimmer. Njewjedowskiy und Swijashskiy waren ja
-die zwei Kandidaten.«
-
-»Ich werde es in keinem Falle thun,« antwortete der sarkastische Herr.
-Es war Njewjedowskiy selbst. Swijashskiy machte Lewin mit demselben
-bekannt.
-
-»Hat es auch deine Achillesferse getroffen?« sagte Stefan
-Arkadjewitsch, Wronskiy zublinzelnd, »das ist etwas nach Art der
-Wettrennen. Man kann da eine Wette machen.«
-
-»Ja; das berührt Einen bei der schwachen Seite,« sagte Wronskiy. »Und
-hat man sich einmal mit der Sache abgegeben, so will man sie auch
-ausführen. Es ist ein Kampf!« sagte er, stirnrunzelnd und die starken
-Kinnbacken zusammenbeißend.
-
-»Was für ein Kenner der Swijashskiy ist. Wie klar bei ihm alles ist!«
-
-»Ach ja,« versetzte Wronskiy zerstreut.
-
-Ein Stillschweigen trat ein, während dessen Wronskiy so wie man eben
-auf etwas Zufälliges blickt, auf Lewin, auf dessen Füße, Uniform und
-Gesicht, schaute. Nachdem er die finster auf sich gerichteten Augen
-bemerkt hatte, äußerte er, um doch wenigstens etwas zu sagen:
-
-»Wie kommt es denn -- Ihr seid doch ständiger Dorfbewohner, nicht
-aber Friedensrichter? Ihr seid ja nicht in der Uniform eines
-Friedensrichters?«
-
-»Das kommt daher, daß ich glaube, das Friedensgericht repräsentiert
-eine thörichte Institution,« antwortete Lewin finster, der schon längst
-darauf gewartet hatte, mit Wronskiy ins Gespräch zu kommen, um seine
-Taktlosigkeit bei Gelegenheit wieder auszugleichen.
-
-»Ich glaube dies nicht; im Gegenteil,« sagte Wronskiy ruhig, aber mit
-Verwunderung.
-
-»Es ist doch nur eine Spielerei,« unterbrach ihn Lewin. »Die
-Friedensrichter sind uns nicht notwendig. Ich habe innerhalb acht
-Jahren nicht eine einzige Klage gehabt, und was ich gehabt habe, das
-wurde durch Ersatzleistung ausgeglichen. Der Friedensrichter wohnt in
-einer Entfernung von vierzig Werst von mir. In einer Sache, in welcher
-es sich um zwei Rubel handelt, muß ich dann einen Vertrauensmann,
-welcher mich fünfzehn kostet, schicken.«
-
-Er erzählte nun, wie ein Bauer einem Müller Mehl gestohlen habe,
-und der Bauer, als der Müller es ihm mitgeteilt, gegen diesen
-Verleumdungsklage eingereicht hätte. Alles das paßte nicht hierher und
-war dumm; und Lewin fühlte dies auch, während er sprach.
-
-»O, über dieses Original!« sagte Stefan Arkadjewitsch mit seinem
-mandelsüßesten Lächeln, »indessen gehen wir; man scheint zu
-ballotieren.«
-
-Sie gingen auseinander.
-
-»Ich begreife nicht,« sagte Sergey Iwanowitsch, den ungeschickten
-Gang seines Bruders bemerkend, zu diesem, »ich begreife nicht, wie
-es möglich ist, bis zu solchem Grade jeglichen politischen Taktes
-bar zu sein. Das ist es eben, was wir Russen nicht haben. Der
-Gouvernementsvorsteher ist unser Gegner, und du bist mit ihm =ami
-cochon= und bittest ihn, zu ballotieren. Graf Wronskiy -- ich mache
-ihn mir ja auch nicht zum Freunde -- hat mich zum Essen eingeladen.
-Ich werde nicht zu ihm fahren, aber er ist auf unserer Seite, weshalb
-soll ich uns deshalb einen Feind aus ihm machen? Dann frägst du
-Njewjedowskiy, ob er ballotieren würde. Das geht doch nicht an.«
-
-»Ach, ich verstehe nichts davon! Alles das ist doch fades Zeug,«
-antwortete Lewin mürrisch.
-
-»Du sagst da, daß dies alles fades Zeug sei, befassest du dich aber
-damit, so verwickelst du dich dennoch.«
-
-Lewin blieb stumm und sie betraten zusammen den großen Saal.
-
-Der Gouvernementsvorsteher hatte sich, obwohl er den ihm bereiteten
-Verrat in der Luft liegen fühlte, und nicht alle ihn darum gebeten
-hatten, gleichwohl entschlossen, zu ballotieren. Im Saal wurde alles
-still, der Sekretär verkündete mit lauter Stimme, daß Rittmeister der
-Garde, Michail Ljepanowitsch Snjetkoff zum Gouvernementsvorsteher
-gewählt werden solle.
-
-Die Kreisvorsteher kamen mit Tellern, auf welchen die Kugeln lagen, von
-ihren Tischen zu dem Gouvernementstisch, und die Wahlen begannen.
-
-»Wirf rechts,« flüsterte Stefan Arkadjewitsch Lewin zu, als er zusammen
-mit dessen Bruder hinter dem Vorsteher zu dem Tische schritt.
-
-Lewin hatte indessen jetzt jenes Kalkul vergessen, das man ihm erklärt
-hatte, und fürchtete, Stefan Arkadjewitsch möchte sich geirrt haben,
-indem er sagte »rechts«. Sujetkoff war doch offenbar der Gegner. Als
-er daher zum Kasten gekommen war, hielt er die Kugel in der Rechten,
-überlegte sich jedoch, daß er irre, und nahm, dicht vor dem Kasten, die
-Kugel in die linke Hand, um sie dann offenbar links zu legen.
-
-Ein Kenner der Sache, welcher an dem Kasten stand, und an der bloßen
-Bewegung des Ellbogens erkannte, wohin jeder warf, runzelte unwillig
-die Stirn. Er hatte keine Lust, seinen Scharfsinn anzustrengen.
-
-Alles war still geworden und man vernahm nur das Zählen der Kugeln.
-Darauf rief eine einzelne Stimme die Zahl der Wähler und der
-Nichtwählenden aus.
-
-Der Vorsteher war mit beträchtlicher Majorität wieder gewählt worden.
-Es erhob sich ein allgemeiner Lärm und man drängte nach der Thür.
-Snjetkoff trat ein, und der Adel umringte ihn, unter Beglückwünschungen.
-
-»Nun, jetzt ist es wohl zu Ende?« frug Lewin Sergey Iwanowitsch.
-
-»Es fängt eben erst an,« versetzte für Sergey Iwanowitsch lächelnd
-Swijashskiy; »der Kandidat des Vorstehers kann mehr Kugeln erhalten.«
-
-Lewin hatte dies vollkommen vergessen. Er entsann sich erst jetzt, daß
-hier eine gewisse Feinheit verborgen lag, doch wurde es ihm zuviel,
-sich darauf besinnen zu sollen, worin sie bestand. Niedergeschlagenheit
-überkam ihn und er sehnte sich darnach, von diesem Haufen wegzukommen.
-
-Da ihn niemand beachtete, und er wie es schien, von niemand vermißt
-wurde, begab er sich leise nach dem kleinen Saal, wo man speiste, und
-fühlte große Erleichterung, als er die Diener wiederum erblickte. Der
-alte Diener legte ihm die Speisenkarte vor, und Lewin willigte ein.
-Nachdem er ein Kotelett mit Fasolen gegessen und sich mit dem Diener
-über dessen frühere Herrschaft unterhalten hatte, begab sich Lewin,
-der den Saal nicht wieder zu betreten wünschte, in welchem es ihm so
-unangenehm war, auf die Tribünen.
-
-Diese waren angefüllt von geputzten Damen, die sich über das Geländer
-beugten, im Bemühen, nicht ein einziges Wort von dem zu verlieren, was
-unten gesprochen wurde. Um die Damen herum saßen und standen elegante
-Advokaten, Gymnasialschüler mit Augengläsern, und Offiziere. Überall
-wurde von den Wahlen gesprochen, und davon, wie der Vorsteher erschöpft
-sei, und wie vortrefflich die Debatten gegangen wären; in der einen
-Gruppe vernahm Lewin das Lob seines Bruders. Eine Dame sagte zu einem
-Advokaten:
-
-»Wie freue ich mich, daß ich Koznyscheff gehört habe! Da ist es schon
-der Mühe wert, ein wenig zu hungern. Es war reizend! Wie klar und
-verständlich alles! Bei uns im Gericht spricht niemand so. Nur Maydel,
-und selbst der ist noch bei weitem nicht so redegewandt.«
-
-Als Lewin einen freien Platz an dem Geländer gefunden hatte, beugte er
-sich darüber und begann Umschau zu halten und zu lauschen.
-
-Alle Adligen saßen in Spalieren, in ihren Kreisabteilungen. In der
-Mitte des Saales stand ein Mann in Uniform, welcher mit klingender
-lauter Stimme rief:
-
-»Es wird ballotiert für die Kandidaten des Gouvernementsvorstehers des
-Adels, Stabrittmeisters Evgeniy Iwanowitsch Apuchtin!«
-
-Totenstille trat ein, und man vernahm eine schwache Greisenstimme:
-
-»Ich verzichte!«
-
-»Es wird ballotiert der Hofrat Peter Petrowitsch Bolj,« begann wiederum
-die Stimme.
-
-»Ich verzichte!« ertönte eine jugendliche pfeifende Stimme.
-
-Nochmals ertönte das Gleiche und wieder erschallte das »ich verzichte«;
-und so ging es eine Stunde lang fort. Auf das Geländer gestemmt,
-schaute und lauschte Lewin. Anfangs wunderte er sich und suchte zu
-erfassen, was dies alles bedeute; dann aber, nachdem er sich überzeugt
-hatte, er könne nichts verstehen, fing er an, sich zu langweilen. Als
-er sich hierauf all die Aufregung und Erbitterung, die er auf den
-Gesichtern aller wahrgenommen, vergegenwärtigte, wurde es ihm schwer
-ums Herz; er beschloß abzureisen, und ging hinab.
-
-Als er durch die Vorhalle der Tribünen schritt, begegnete er einem
-auf- und niederschreitenden, bedrückt aussehenden Gymnasiasten mit
-thränenschwimmenden Augen. Auf der Treppe begegnete ihm ein Paar. Eine
-Dame, welche eilig auf den Absätzen lief, war es und der gewandte
-Genosse des Prokurators.
-
-»Ich habe Euch gesagt, daß Ihr nicht zu spät kommt,« sagte
-der Prokurator, gerade, als Lewin zur Seite trat, um die Dame
-vorüberzulassen.
-
-Lewin war schon auf der Ausgangstreppe und zog soeben aus der
-Westentasche die Nummer seines Pelzes hervor, als ihn der Sekretär
-abfing.
-
-»Gestattet, Konstantin Dmitritsch, man ballotiert!«
-
-Zum Kandidaten war Njewjedowskiy, der sich so entschieden geweigert
-hatte, gewählt worden.
-
-Lewin schritt zur Saalthür; sie war verschlossen. Der Sekretär pochte,
-die Thür öffnete sich und er befand sich zwei Gutsbesitzern mit
-geröteten Gesichtern gegenüber.
-
-»In meiner Macht liegt es nicht,« sagte der eine rotaussehende
-Gutsbesitzer.
-
-Hinter den beiden hob sich das Gesicht des Gouvernementsvorstehers
-hervor. Dieses Gesicht erschien furchterweckend mit seinem Ausdruck von
-Erschöpfung und Angst.
-
-»Ich habe dir befohlen, niemand hinauszulassen!« schrie er den
-Thürhüter an.
-
-»Ich habe nur eingelassen, Ew. Excellenz!«
-
-»Mein Gott!« schwer seufzend ging der Gouvernementsvorsteher, müde in
-seinen weißen Pantalons, den Kopf gesenkt, dahinschreitend, durch die
-Mitte des Saales nach dem großen Tische.
-
-Man hatte das Amt Njewjedowskiy übertragen, wie es auch vorher geplant
-worden war, und dieser war jetzt Gouvernementsvorsteher. Viele befanden
-sich in heiterer Stimmung, viele waren zufrieden und glücklich, viele
-entzückt, viele unzufrieden und unglücklich. Der Gouvernementsvorsteher
-war in einer Verzweiflung, die er nicht verbergen konnte. Als
-Njewjedowskiy den Saal verließ, umringte ihn die Menge, und folgte ihm
-begeistert nach, so, wie sie am ersten Tage dem Gouvernementsvorsteher
-gefolgt war, als derselbe die Wahlen eröffnet hatte, so, wie sie
-Snjetkoff gefolgt war, als dieser gewählt wurde.
-
-
- 31.
-
-Der neugewählte Gouvernementsvorsteher und viele aus der
-triumphierenden Partei der Jungen, speisten an diesem Tage bei Wronskiy.
-
-Wronskiy war einmal deshalb zu den Wahlen gekommen, weil es ihm auf
-dem Dorfe langweilig geworden war, und er seine Rechte auf Freiheit
-vor Anna geltend machen mußte, als auch zum Zwecke, Swijashskiy mit
-seiner Unterstützung bei den Wahlen für alle Bemühungen um Wronskiy bei
-den Semstwowahlen zu lohnen, und vor allem deshalb, streng alle jene
-Pflichten der Stellung eines Adligen und Gutsherrn zu erfüllen, die er
-sich auserwählt hatte.
-
-Aber er hatte durchaus nicht erwartet, daß ihn diese Wahlen so sehr
-interessieren, ihn so bei seinen Neigungen fassen würden, und daß er
-der Sache so gewachsen sei. Er war in dem Kreise der Adligen eine
-vollkommen neue Erscheinung, hatte aber offenbar Erfolg und irrte nicht
-mit der Annahme, daß er bereits Einfluß unter denselben gewonnen habe.
-
-Zur Erringung dieses Einflusses unterstützte ihn sein Reichtum, und
-sein vornehmer Rang, ein schönes Besitztum in der Stadt, welches
-ihm ein alter Bekannter, Schirkoff abgetreten hatte, der sich mit
-Finanzgeschäften befaßte und eine blühende Bank in Kaschin besaß;
-ferner sein ausgezeichneter Koch, der vom Dorfe mit hereingebracht
-worden war, dann seine Freundschaft mit dem Gouverneur, der sein
-Kamerad, und zwar ein protegierter Kamerad Wronskiys gewesen -- vor
-allem aber sein einfaches, allen gegenüber sich gleich bleibendes
-Wesen, welches sehr bald die Mehrzahl der Edelleute veranlaßte, ihr
-Urteil über seinen vermeintlichen Stolz zu ändern.
-
-Er fühlte selbst, daß, mit Ausnahme jenes sonderlichen Herrn, welcher
-an die Kity Schtscherbazkaja verheiratet war, und der ihm, =à propos
-de bottes=, mit wahnsinniger Wut einen Haufen ungereimter Dummheiten
-nachsagte, jeder Edelmann, mit welchem er sich bekannt gemacht hatte,
-sein Anhänger wurde.
-
-Er erkannte klar, und auch andere sahen dies ein, daß er zu dem Erfolg
-Njewjedowskiys sehr viel beigetragen habe, und jetzt, an seiner Tafel,
-verspürte er bei der Feier der Wahl Njewjedowskiys, die angenehme
-Empfindung eines Triumphes über den Gewählten.
-
-Die Wahlen selbst hatten ihn derart gefesselt, daß er, falls er im Lauf
-der nächsten drei Jahre verheiratet sein würde, selbst daran denken
-wollte, ballotiert zu werden -- ganz so, wie man nach dem Gewinn einer
-Prämie durch den Jockey Lust verspürt, selbst mit zu reiten.
-
-Jetzt wurde der Triumph des Jockeys gefeiert. Wronskiy saß an der
-Spitze der Tafel, ihm zur Rechten der junge Gouverneur, als General
-=en suite=. Für jedermann war er der Herr des Gouvernements, der
-die Wahlen feierlich eröffnet, der eine Rede hielt, Aufmerksamkeit,
-Hochachtung und Dienstwilligkeit bei vielen erweckte, wie Wronskiy sah
--- für Wronskiy aber war er Masloff Katka »der Sündenbock« -- dies war
-sein Spitzname im Pagencorps gewesen -- der vor ihm in Verlegenheit
-geriet, und den Wronskiy sich bemühte, =mettre à son aise=. Diesem zur
-Linken saß Njewjedowskiy mit seinem jugendlichen, unerschütterlich
-sarkastischen Gesichte; Wronskiy behandelte ihn einfach und
-achtungsvoll.
-
-Swijashskiy ertrug seine Schlappe heiter. Es war ja nicht einmal
-eine Schlappe für ihn, wie er selbst sagte, sich mit dem Pokal an
-Njewjedowskiy wendend; ein besserer Führer jener neuen Richtung,
-welcher der Adel folgen sollte, ließ sich nicht finden. Und so stand
-denn, wie er sagte, die volle Rechtschaffenheit auf der Seite des
-heutigen Erfolges und feierte denselben.
-
-Stefan Arkadjewitsch war gleichfalls bei guter Laune darüber, daß er
-die Zeit vergnügt verbrachte, und alle zufrieden waren. Swijashskiy
-ahmte humoristisch die weinerliche Rede des Vorstehers nach und
-bemerkte, sich an Njewjedowskiy wendend, daß Excellenz wohl eine
-andere, weit verwickeltere Revisionsweise der Gelder werde wählen
-müssen, als Thränen.
-
-Ein anderer Spaßvogel unter den Edelleuten erzählte, wie zum
-Gouverneurballe Lakaien in Kniestrümpfen verschrieben worden seien, und
-man dieselben jetzt wieder fortschicken müsse, wenn nicht etwa der neue
-Gouverneur den Ball mit den Lakaien in Kniestrümpfen geben sollte.
-
-Ununterbrochen während des Essens sagte man, wenn man sich zu
-Njewjedowskiy wandte, »unser Gouverneursoberhaupt«, oder »Ew.
-Excellenz«.
-
-Man sprach dies mit dem nämlichen Vergnügen, mit welchem man eine junge
-Frau »Madame« nennt, mit dem Namen ihres Mannes dazu.
-
-Njewjedowskiy gab sich den Anschein, als lasse ihn das nicht nur
-gleichgültig, sondern als schätze er diese Titulatur sogar gering,
-aber es war augenscheinlich, daß er sich glücklich fühlte und sich
-beherrschen müsse, sein Entzücken nicht auszudrücken, welches zu dieser
-ungewohnten ungezwungenen Gesellschaft, in der sich alle befanden,
-nicht gestimmt hätte.
-
-Nach der Tafel wurden mehrere Telegramme an Leute, welche sich
-für den Verlauf der Wahlen interessierten, abgesandt. Auch Stefan
-Arkadjewitsch, der sich in heiterster Stimmung befand, sandte an Darja
-Aleksandrowna ein Telegramm folgenden Inhalts: »Njewjedowskiy mit
-zwanzig Kugeln gewählt. Ich gratuliere ihm soeben. Teile es weiter
-mit.« Er diktierte dasselbe laut und bemerkte dazu: »Man muß ihnen eine
-Freude machen.«
-
-Als Darja Aleksandrowna die Depesche erhalten hatte, seufzte sie nur
-über den Rubel, den es gekostet, und erkannte, daß die Sache jetzt wohl
-bis zum Schluß der Tafel gediehen sein mußte. Sie wußte ja, daß Stefan
-die Schwäche besaß, am Ende von Banketts »=faire jouer le télégraphe=«.
-
-Alles war, im Verein mit dem ausgezeichneten Essen und Weinen die
-nicht von russischen Weinhändlern, sondern direkt von auswärts
-stammten, sehr vornehm, ungekünstelt und fröhlich gewesen. Ein
-kleiner Kreis von einigen zwanzig Herren, war von Swijashskiy aus der
-Mitte der gleichgesinnten, freidenkenden, und zugleich geistreichen
-und ordnungsliebenden Führer der Jungpartei, ausgewählt worden.
-Man brachte Toaste aus, auch halbscherzhafte, sowohl auf den neuen
-Gouvernementsvorsteher, als auf den Gouverneur, auf den Bankdirektor,
-wie auf »unseren liebenswürdigen Wirt!« --
-
-Wronskiy war zufrieden. Er hatte nimmermehr einen so angenehmen Ton in
-der Provinz erwartet.
-
-Gegen das Ende des Essens wurde die Stimmung noch heiterer. Der
-Gouverneur bat Wronskiy, in das Konzert zu Gunsten der »Brüderschaft«
-zu fahren, welches seine Frau veranstaltet habe, die mit ihm bekannt zu
-werden wünschte.
-
-»Es wird Ball dort sein und man sieht da unsere Schönheiten; in der
-That bemerkenswert.«
-
-»=Not in my line=,« antwortete Wronskiy, der diesen Ausdruck liebte,
-lächelte aber, und versprach doch zu kommen.
-
-Noch vor dem Aufstehen von der Tafel, als alles eben zu rauchen anfing,
-trat der Kammerdiener Wronskiys zu diesem heran mit einen Briefe auf
-der Präsentierschale.
-
-»Aus Wosdwishenskoje per Expressen,« meldete er mit bedeutungsvoller
-Miene.
-
-»Wunderbar, wie ähnlich er unserem Kameraden, dem Prokurator Swentizkiy
-sieht,« sagte einer der Gäste auf französisch, den Kammerdiener
-meinend, während Wronskiy, sich verfinsternd, das Schreiben las.
-
-Der Brief war von Anna; schon bevor er ihn gelesen hatte, kannte er
-seinen Inhalt. In der Annahme, daß die Wahlen in fünf Tagen vorüber
-sein würden, hatte er versprochen, Freitag zurückkehren zu wollen.
-Heute war Sonnabend, und er wußte, daß der Inhalt des Briefes aus
-Vorwürfen bestehen würde, weil er nicht rechtzeitig zurückgekehrt
-sei. Der Brief, welchen er gestern Abend abgeschickt hatte, war
-wahrscheinlich noch nicht angekommen.
-
-Der Inhalt des Briefes war der erwartete, aber seine Form eine
-unerwartete und ihm höchst unangenehme.
-
-»Any ist sehr krank; der Arzt sagt, es könne eine Entzündung eintreten.
-Ich verliere in meiner Einsamkeit den Kopf. Die Fürstin Barbara ist
-keine Hilfe, sondern ein Hindernis. Ich erwartete dich vorgestern,
-gestern, und schicke jetzt, um zu erfahren, wo du eigentlich bist und
-was du machst. Ich wollte selbst fahren, habe aber davon abgesehen,
-da ich wußte, daß dir dies unangenehm gewesen sein würde. Gieb mir
-Antwort, damit ich weiß, was ich anfangen soll.«
-
-»Das Kind ist krank und sie hat selbst reisen wollen! -- Unsere Tochter
-ist krank und dieser feindselige Ton!« --
-
-Diese harmlose Zerstreuung bei den Wahlen und jene düstere, lastende
-Liebe, zu welcher er zurückkehren mußte, trafen Wronskiy durch ihren
-Gegensatz. Aber man mußte abreisen und er fuhr mit dem ersten Zuge in
-der Nacht nach Hause.
-
-
- 32.
-
-Vor der Abreise Wronskiys zu den Wahlen, hatte Anna, in der Erwägung,
-daß jene Scenen, welche sich zwischen ihnen bei jeder seiner Reisen
-wiederholten, nur eine Erkältung herbeiführen, aber nicht fesseln
-könnten, den Entschluß gefaßt, alle nur möglichen Anstrengungen über
-sich selbst zu machen, um eine Trennung von ihm ruhig zu ertragen.
-Aber jener kalte, ernste Blick, mit welchem er sie angeschaut hatte,
-als er kam, um ihr von seiner Abreise Mitteilung zu machen, hatte sie
-verletzt, und er war noch nicht abgereist, als ihre Ruhe auch schon
-vernichtet war.
-
-In ihrer Einsamkeit dachte sie nochmals über jenen Blick nach, welcher
-sein Recht auf Freiheit ausdrückte, und sie gelangte, wie stets, zu dem
-Einen -- zu dem Bewußtsein ihrer Erniedrigung. --
-
-»Er hat ein Recht zu reisen, wann und wohin er will; nicht nur zu
-reisen, sondern auch mich zu verlassen. Er hat alle Rechte, ich gar
-keine! Aber, wenn er dies auch weiß, darf er doch nicht so handeln.
-Indessen, was hat er denn begangen? Er hat mich angeblickt, mit kaltem
-ernstem Ausdruck. Dies ist natürlich etwas Unbestimmbares, nicht
-Greifbares, aber es war früher nicht, und dieser Blick bedeutet viel,«
-dachte sie, »dieser Blick beweist, daß die Abkühlung eintritt!«
-
-Obwohl sie sich überzeugt hatte, daß die Abkühlung eintrete, war es
-ihr dennoch nicht möglich zu handeln, irgendwie ihre Beziehungen zu
-ihm zu verändern. Nur allein so wie früher, allein mit Liebe und
-Anhänglichkeit konnte sie ihn halten. Nur ebenso, wie früher durch
-Arbeit am Tage und Morphium des Nachts, konnte sie die furchtbaren
-Gedanken darüber ersticken, was werden sollte, wenn er sie zu lieben
-einmal aufhören würde.
-
-Allerdings, es gab da noch ein Mittel -- nicht ihn zu halten; denn
-dafür wollte sie nichts anderes, als seine Liebe haben, wohl aber,
-sich ihm zu nähern, in eine Stellung zu treten, aus der er sie
-nicht entfernen könnte. Dieses Mittel war die Ehescheidung und die
-Verheiratung mit ihm. Und sie begann dies jetzt zu wünschen und
-entschloß sich, zum erstenmal, darein zu willigen, sobald er oder
-Stefan zu ihr davon sprechen würden.
-
-In solchen Gedanken verbrachte sie ohne ihn fünf Tage, die nämlichen,
-während deren er abwesend sein mußte.
-
-Die Spaziergänge und Unterhaltungen mit der Fürstin Barbara, die
-Besuche des Krankenhauses, und hauptsächlich die Lektüre eines Buches
-nach dem andern, füllten ihre Zeit aus.
-
-Am sechsten Tage aber, als der Kutscher ohne Wronskiy zurückkehrte,
-fühlte sie, daß sie nicht mehr die Kraft besitze, ihre Gedanken über
-ihn und darüber, was er dort wohl thun möchte, zu unterdrücken.
-
-In dieser Zeit erkrankte ihr Töchterchen. Anna befaßte sich mit seiner
-Pflege, aber auch dies zerstreute sie nicht, umsoweniger, als die
-Krankheit nicht gefährlich war. Wie sie auch litt, sie konnte dieses
-Kind nicht lieben, und Liebe zu heucheln, das vermochte sie nicht.
-Gegen Abend dieses Tages fühlte Anna, allein, eine solche Bangnis
-für Wronskiy, daß sie beschloß, nach der Stadt zu fahren; nachdem
-sie indessen wohlweislich davon abgekommen war, schrieb sie jenes
-widerspruchsvolle Billet, welches Wronskiy erhielt, und sandte es, ohne
-es nochmals durchzulesen, mit einem expressen Boten ab.
-
-Am andern Morgen empfing sie sein Schreiben und bereute nun das ihrige.
-Voll Schrecken erwartete sie die Wiederholung jenes ernsten Blickes,
-den er auf sie gerichtet hatte als er abreiste, namentlich, nachdem sie
-nun erfahren hatte, daß das kleine Mädchen nicht gefährlich krank sei.
-Aber gleichwohl war sie froh darüber, ihm geschrieben zu haben. Jetzt
-gestand sich Anna selbst bereits ein, daß er von ihr belästigt werde,
-daß er mit Bedauern seine Freiheit aufgebe, um zu ihr zurückzukehren
--- war aber nichtsdestoweniger froh, daß er kam. Mochte er von ihr
-belästigt werden -- wenn er nur hier war, damit sie ihn sähe, und jede
-seiner Bewegungen kannte.
-
-Sie saß im Salon unter der Lampe mit einem neuen Buch von Taine, und
-las, dem Geräusch des Windes draußen lauschend und jede Minute die
-Ankunft der Equipage erwartend. Mehrmals schien ihr, als höre sie das
-Geräusch von Rädern, doch sie hatte geirrt. Endlich vernahm sie nicht
-nur dieses, sondern auch den Ruf des Kutschers und das dumpfe Geräusch
-in der gedeckten Einfahrt. Selbst die Fürstin Barbara, welche Patience
-gespielt hatte, bestätigte es und Anna, in Aufregung geratend, erhob
-sich, blieb jetzt aber, anstatt hinabzugehen, wie sie schon früher
-zweimal gethan hatte. Sie schämte sich plötzlich ihrer Täuschung, aber
-am meisten Besorgnis empfand sie davor, wie er sie bewillkommen werde.
-Das Gefühl der Kränkung war schon vergangen; sie fürchtete nur noch den
-Ausdruck seiner Unzufriedenheit. Ihr fiel ein, daß ihr Kind schon seit
-zwei Tagen wieder völlig gesund war. Sie war sogar verdrießlich über
-das Kind, weil es gerade zu der Zeit, als der Brief abgeschickt worden
-war, sich wieder besserte. Hierauf dachte sie daran, daß er nun hier
-sei, ganz, mit seinen Händen und Augen. Sie vernahm seine Stimme, und
-alles vergessend, lief sie ihm voll Freude entgegen.
-
-»Was macht Any?« sagte er, zaghaft von unten her Anna anblickend, die
-auf ihn zueilte.
-
-Er setzte sich auf einen Stuhl und der Diener zog ihm die warmen
-Stiefel aus.
-
-»Es ist nichts; ihr ist besser.«
-
-»Und du?« sagte er, sich schüttelnd.
-
-Sie ergriff mit ihren beiden Händen seine Hand und zog sie an ihre
-Taille, ohne die Augen von ihm wegzuwenden.
-
-»Es freut mich sehr,« sagte er, sie kühl anblickend, ihre Frisur, ihr
-Kleid, von dem er wußte, daß sie es seinetwegen angelegt hatte.
-
-All das gefiel ihm -- aber es hatte ihm schon sovielmal gefallen! Und
-jener strenge versteinerte Ausdruck, den sie so sehr fürchtete an ihm,
-blieb auf seinem Antlitz.
-
-»Nun, das freut mich sehr. Bist du auch gesund?« sagte er, mit dem
-Tuche den nassen Bart abwischend und ihre Hand küssend.
-
-»Dies ist ja gleichgültig,« dachte sie, »wenn er nur hier ist, und wenn
-er hier ist, so kann er nicht anders, wagt er nicht anders, als mich zu
-lieben.«
-
-Der Abend verging voll Glück und Heiterkeit mit der Fürstin Barbara,
-welche gegen Wronskiy klagte, daß Anna in seiner Abwesenheit Morphium
-genommen habe.
-
-»Was ist zu thun? Ich konnte nicht schlafen. Meine Gedanken hinderten
-mich daran. Wenn er da ist, nehme ich es fast nie; -- fast nie.« --
-
-Er erzählte nun von den Wahlen, und Anna verstand es, ihn dabei mit
-ihren Fragen auf dasjenige zu bringen, was ihn aufheiterte, auf seinen
-Erfolg. Sie erzählte ihm von allem, was ihn daheim interessieren
-konnte, und alle ihre Nachrichten waren nur die freundlichsten.
-
-Spät am Abend indessen, nachdem sie allein waren, wünschte Anna, welche
-sah, daß sie ihn wieder vollständig beherrschte, den lastenden Eindruck
-seines Blickes, den er infolge ihres Schreibens auf sie gerichtet
-hatte, zu verwischen.
-
-»Gestehe, dir war es verdrießlich, das Schreiben zu empfangen und du
-hast mir nicht geglaubt?«
-
-Sie hatte dies kaum gesagt, als sie auch schon erkannte, daß ihr
-Wronskiy, so liebevoll für sie er auch gestimmt sein mochte, dies nicht
-vergeben habe.
-
-»Ja,« antwortete er. »Der Brief war so befremdend. Bald war Any krank,
-bald wolltest du selbst kommen.«
-
-»Es war alles wahr.«
-
-»Daran zweifle ich auch gar nicht.«
-
-»Doch; du zweifelst. Du bist mißgestimmt; ich sehe es.«
-
-»Keinen Augenblick. Ich bin nur darüber ungehalten; -- es ist ja
-wahr -- du, du scheinst nicht zugeben zu wollen, es gäbe Pflichten« --
-
--- »Ins Konzert zu fahren« --
-
--- »Wir wollen nicht darüber sprechen,« sagte er.
-
-»Warum sollen wir nicht davon sprechen?« antwortete sie.
-
-»Ich will nur sagen, daß man unumgänglich notwendige Geschäfte
-haben kann. So muß ich jetzt wieder nach Moskau fahren wegen einer
-Angelegenheit meines Hauses. -- Ach, Anna, weshalb bist du so reizbar?
-Weißt du denn nicht, daß ich ohne dich nicht leben kann?«
-
-»Wenn es so steht,« sprach Anna, plötzlich den Ton verändernd, »daß
-dieses Leben dir lästig wird -- ja, du kommst auf einen Tag und fährst
-wieder fort -- so machen es« --
-
--- »Anna, das ist hart. Ich bin bereit, mein ganzes Leben hinzugeben« --
-
-Doch sie hörte ihn nicht.
-
-»Wenn du nach Moskau fährst, fahre auch ich mit. Ich bleibe nicht hier.
-Entweder wir müssen uns trennen, oder miteinander leben!« --
-
-»Aber du weißt doch, daß dies eben mein einziger Wunsch ist! Doch
-hierzu« --
-
--- »Ist die Ehescheidung nötig? Ich werde ihm schreiben! Ich sehe, daß
-ich nicht so leben kann. Aber ich werde mit dir nach Moskau gehen.«
-
-»Das ist ja, als wolltest du mir drohen? Ich wünsche doch nichts
-weniger, als mich von dir zu trennen,« sagte Wronskiy lächelnd.
-
-Nicht nur der kalte, böse Blick eines Menschen, welcher verfolgt wird
-und verstockt ist, glänzte in seinen Augen auf, als er diese zärtlichen
-Worte sprach.
-
-Sie sah diesen Blick und erriet richtig seine Bedeutung.
-
-»Wenn es so steht, so ist es ein Unglück!« sprach dieser Blick. Es war
-dies nur ein augenblicklicher Eindruck, aber sie hatte ihn nie mehr
-vergessen können.
-
-Anna schrieb an ihren Mann einen Brief, mit der Bitte um die
-Ehescheidung, und reiste zu Ende des November, sich von der Fürstin
-Barbara trennend, welche nach Petersburg fahren mußte, zusammen mit
-Wronskiy nach Moskau. Täglich eine Antwort von Aleksey Aleksandrowitsch
-erwartend, und nach dieser die Ehescheidung, hatten sie sich jetzt wie
-Eheleute zusammen einquartiert.
-
-
-
-
- Siebenter Teil.
-
- 1.
-
-
-Die Lewins wohnten bereits im dritten Monat in Moskau. Schon längst
-war der Zeitpunkt verstrichen, wo nach den sichersten Berechnungen der
-Leute, welche sich auf die Sache verstanden, Kity niederkommen mußte;
-aber sie ging immer noch und an nichts war bemerkbar, daß die Zeit
-jetzt näher gekommen sei, als sie zwei Monate vorher gewesen.
-
-Der Arzt, wie die Wehfrau, Dolly und die Mutter, und besonders Lewin,
-vermochten nicht ohne Schrecken an das Kommende zu denken, und begannen
-Ungeduld und Unruhe zu empfinden; allein Kity fühlte sich vollkommen
-ruhig und glücklich.
-
-Sie fühlte jetzt deutlich in sich das Entstehen einer neuen Empfindung
-von Liebe zu dem künftigen, für sie zum Teil schon vorhandenen Kinde,
-und lauschte mit Wonne diesem Gefühl. Das Kind war jetzt nicht mehr
-völlig ein Teil von ihr selbst, sondern lebte zeitweilig schon sein
-eigenes, von ihr unabhängiges Leben. Oft war ihr dies schmerzhaft,
-aber gleichzeitig hätte sie auch darüber lachen mögen in seltsamer,
-ungekannter Freude.
-
-Alle, die sie liebte, waren bei ihr, und alle waren so gut mit ihr,
-bemühten sich so sehr um sie, in allem bot sich ihr so völlig nur eine
-große Annehmlichkeit, daß sie sich, wenn sie nicht gewußt und gefühlt
-hätte, daß dies bald enden werde, kein besseres und angenehmeres Leben
-gewünscht haben würde.
-
-Eines indessen, was ihr den Reiz an diesem Leben benahm, war, daß ihr
-Gatte nicht mehr der nämliche war, als der er sie vorher geliebt hatte,
-und der er auf dem Dorfe gewesen war.
-
-Sie liebte seinen ruhigen, freundlichen und entgegenkommenden Ton auf
-dem Lande. In der Stadt hingegen schien er beständig in Unruhe und auf
-der Hut zu sein, als fürchte er, es möchte ihn, oder hauptsächlich sie
-jemand beleidigen.
-
-Auf dem Dorfe hatte er, offenbar wohl wissend, daß er dort an seinem
-Platze sei, nie gehastet, war er nie in Anspruch genommen gewesen. Hier
-aber, in der Stadt, war er beständig in geschäftiger Eile, als wolle er
-Etwas nicht verfehlen, und doch hatte er gar nichts zu thun.
-
-Sie hatte Mitleid mit ihm; daß er den anderen nicht bemitleidenswert
-erschien, wußte sie; im Gegenteil, wenn Kity in Gesellschaft auf ihn
-blickte, wie man bisweilen auf einen geliebten Menschen schaut, im
-Bemühen, ihn gleichsam wie einen Fremden anzusehen, um den Eindruck
-in sich selbst bestimmen zu können, welchen derselbe auf die anderen
-macht, sah sie zum Schrecken für ihre Eifersucht, daß er nicht nur
-nicht kläglich, sondern sehr anziehend in seiner etwas altertümelnden
-Rechtschaffenheit, seiner ängstlichen Höflichkeit gegen die Frauen, mit
-seiner kraftvollen Erscheinung und dem eigenartigen, wie ihr schien
-ausdrucksvollen Gesicht. Doch sie betrachtete ihn nicht von außen,
-sondern von innen nach außen; sie sah, daß er hier nicht wahrhaftig
-war; anders vermochte sie sich seinen Zustand nicht zu erklären.
-
-Bisweilen machte sie ihm innerlich Vorwürfe darüber, daß er nicht
-verstehe, in der Stadt zu leben; bisweilen räumte sie sich ein, daß es
-ihm in der That schwer werde, sein Leben hier so einzurichten, daß er
-damit zufrieden sein konnte.
-
-Und in der That, was sollte er thun? Karten zu spielen liebte er
-nicht; in den Klub ging er nicht; mit Lebemännern nach Art Oblonskiys
-umzugehen -- was dies bedeutete, hatte sie jetzt schon kennen gelernt
--- bedeutete zu trinken und nach dem Trinken wer weiß wohin zu fahren.
-Sie vermochte sich nicht ohne Schrecken zu denken, wohin bei solchen
-Fällen die Herren sich begeben möchten. Sollte er in Gesellschaft
-gehen? Sie wußte doch, daß man hierzu Vergnügen in der Annäherung an
-junge Damen finden müsse, und konnte es daher nicht wünschen. Sollte
-er daheim sitzen bleiben bei ihr, der Mutter und den Schwestern? So
-angenehm und unterhaltend ihr auch ein und dieselben Gespräche -- der
-alte Fürst nannte sie »Alina-Nadina« unter den Schwestern -- waren,
-so wußte sie doch, daß ihm das langweilig werden müsse. Was blieb ihm
-nun zu thun übrig? Sollte er fortfahren, sein Buch zu schreiben? Er
-hatte schon versucht, dies zu thun, und sich in die Bibliothek begeben,
-um sich mit Excerpten und Korrekturen für sein Werk zu beschäftigen,
-je mehr er indessen, wie er zu ihr sagte, nichts that, um so weniger
-blieb ihm Zeit übrig. Außerdem aber beklagte er sich bei ihr, daß er
-hier allzuviel über sein Buch gesprochen habe, daß sich infolge dessen
-alle Ideen über dasselbe in ihm verwirrten und man das Interesse daran
-verloren habe.
-
-Ein Vorzug dieses Stadtaufenthalts war der, daß es hier unter ihnen
-nie mehr Zwiste gab. Mochte dies daher kommen, daß die Bedingungen des
-Stadtlebens andere waren, oder davon, daß sie beide vorsichtiger und
-verständiger geworden waren in dieser Beziehung; genug, in Moskau gab
-es keine Zwiste aus Eifersucht, die sie so gefürchtet hatten, als sie
-nach der Stadt übersiedelten.
-
-In dieser Beziehung ereignete sich sogar ein für sie beide sehr
-wichtiges Vorkommnis -- die Begegnung Kitys mit Wronskiy. -- Eine alte
-Fürstin, Marja Borisowna, eine Pathe Kitys, die diese stets sehr lieb
-gehabt hatte, wünschte Kity unbedingt zu sehen. Kity, welche in ihrem
-Zustande nirgendshin ausfuhr, kam mit ihrem Vater zu der verehrten
-alten Dame und begegnete bei ihr Wronskiy.
-
-Sie konnte sich bei dieser Begegnung nur damit einen Vorwurf machen,
-daß ihr für einen Augenblick, als sie die ihr in dem Waffenrock einst
-so bekannt gewesenen Züge erkannte, der Atem gestockt hatte, das Blut
-zum Herzen geströmt war, und eine brennende Röte -- sie fühlte dies --
-auf ihr Antlitz trat. Doch dies währte nur einige Sekunden. Ihr Vater
-hatte, absichtlich laut zu Wronskiy sprechend, sein Gespräch noch
-nicht geendet, als sie sich schon völlig vorbereitet fühlte, Wronskiy
-anschauen zu können, und mit ihm, wenn es nötig werden sollte, ganz
-so zu sprechen, wie sie mit der Fürstin Marja Borisowna sprach: und
-zwar in einer Weise, daß alles bis auf den geringsten Accent, das
-geringste Lächeln, von ihrem Gatten gutgeheißen werden konnte, dessen
-unsichtbare Gegenwart sie in dieser Minute gleichsam über sich fühlte.
-
-Sie sprach mit ihm einige Worte, lächelte sogar ruhig bei seinem Scherz
-über die Wahlen, die er »unser Parlament« nannte. -- Man mußte hier
-lächeln, um zu beweisen, daß sie den Scherz verstanden hatte. -- Doch
-sofort wandte sie sich wieder zur Fürstin Marja Borisowna und blickte
-nicht ein einziges Mal mehr nach ihm, bis er aufstand, um sich zu
-verabschieden. Da erst blickte sie ihn wieder an, augenscheinlich aber
-nur deshalb, weil es unhöflich war, einen Menschen nicht anzusehen,
-wenn er grüßt.
-
-Sie war ihrem Vater dankbar dafür, daß er nichts von der Begegnung
-mit Wronskiy gesagt hatte, doch sie sah an seiner eigenen Weichheit
-nach der Visite, während des üblichen Spazierganges, daß er mit ihr
-zufrieden gewesen war. Auch sie selbst war zufrieden mit sich. Sie
-hatte keinesfalls erwartet, daß sich in ihr soviel Kraft finden
-würde, in der Tiefe ihres Herzens alle Erinnerungen an eine frühere
-Empfindung für Wronskiy zu unterdrücken, und diesem gegenüber nicht
-nur vollständig gleichmütig und ruhig zu erscheinen, sondern es auch
-wirklich zu sein.
-
-Lewin errötete bei weitem mehr als Kity, als diese ihm erzählte, daß
-sie Wronskiy bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet sei. Es kam
-ihr sehr schwer an, ihm dies zu sagen, doch noch schwerer, über die
-Einzelheiten dieser Begegnung weiter sprechen zu müssen, da er sie
-nicht frug, sondern sie nur, sich verfinsternd anblickte.
-
-»Es thut mir sehr leid, daß du nicht dabei warst,« sagte sie, »nicht,
-weil du nicht im Zimmer warst -- ich würde nicht so natürlich geblieben
-sein in deiner Gegenwart -- aber ich erröte jetzt weit mehr, weit, weit
-mehr,« sagte sie, sich bis zu Thränen verfärbend, »ach, daß du nicht
-durch einen Spalt schauen konntest.«
-
-Ihre ehrlichen Augen sagten Lewin, daß sie mit sich zufrieden gewesen
-war, und er beruhigte sich sogleich, obwohl sie errötet war, und
-begann nun, Kity selbst zu fragen, was diese ja nur wünschte. Nachdem
-er alles erfahren hatte, selbst bis auf die Einzelheit, daß sie nur
-in der ersten Sekunde nicht umhin gekonnt habe, zu erröten, sowie,
-daß ihr dann so frei und leicht zu Mute geworden sei, wie dem ersten
-besten Begegnenden gegenüber, wurde Lewin wieder vollständig heiter und
-sagte, daß er sich sehr darüber freue, und jetzt nicht mehr so thöricht
-handeln wolle, wie bei den Wahlen, sondern sich bemühen, bei der ersten
-Begegnung mit Wronskiy so liebenswürdig als möglich zu sein.
-
-»Es ist so peinlich, denken zu müssen, daß man einen Menschen als Feind
-besitzt, mit dem zusammentreffen zu müssen, uns schwer wird,« sagte
-Lewin. »Ich bin sehr, sehr froh darüber.«
-
-
- 2.
-
-»So fahre also zu den Bolj,« sagte Kity zu ihrem Gatten, als dieser um
-elf Uhr, bevor er von Hause wegfuhr, zu ihr kam. »Ich weiß, daß du im
-Klub essen wirst, Papa hat dich eingeschrieben. Was machst du denn aber
-den Vormittag?«
-
-»Ich will nur zu Katawasoff,« antwortete Lewin.
-
-»Weshalb so früh?«
-
-»Er hat mir versprochen, mich mit Metroff bekannt zu machen. Ich will
-mit diesem über mein Werk sprechen; er ist ein bekannter Gelehrter in
-Petersburg,« sagte Lewin.
-
-»Ach, derselbe, dessen Abhandlung du so lobtest? Nun, und dann?« sagte
-Kity.
-
-»Will ich, vielleicht, noch aufs Gericht, in Sachen meiner Schwester.«
-
-»Und ins Konzert?« frug sie.
-
-»Was soll ich allein dorthin!«
-
-»Nein, fahre nur; dort hat man jetzt Novitäten. Sie interessierten dich
-doch so. Ich würde sicher hinfahren.«
-
-»Nun, jedenfalls komme ich vor dem Essen nach Haus,« sagte er, nach der
-Uhr blickend.
-
-»Zieh deinen Gesellschaftsrock an, damit du direkt zur Gräfin Bolj
-fahren kannst.«
-
-»Ist denn das so unbedingt notwendig?«
-
-»Unbedingt! Er ist bei uns gewesen. Und was kostet es dich? Du fährst
-hin, setzest dich, sprichst fünf Minuten über das Wetter, stehst wieder
-auf und fährst fort.«
-
-»Du glaubst nicht; ich bin dessen so entwöhnt, daß mir selbst dies
-schwer wird. Wie wird man es aufnehmen? Kommt da ein fremder Mensch zu
-ihnen, setzt sich, bleibt ohne jeden Grund länger sitzen, stört die
-Familie, bringt sich aus der Stimmung, und geht dann wieder!« --
-
-Kity lachte.
-
-»Aber du hast doch als Junggeselle noch Visiten gemacht?« sagte sie.
-
-»Allerdings; es ist mir aber stets unangenehm gewesen; jetzt bin ich
-so davon entwöhnt, daß ich, bei Gott, lieber zwei Tage nicht essen
-will, als diese Visite machen. So schwer fällt sie mir. Mir scheint
-stets, als ob man verletzt sei und sagen wolle: >Weshalb bist du denn
-eigentlich ohne Grund hierhergekommen?<« --
-
-»O nein; man fühlt sich nicht verletzt. Dafür bürge ich dir schon,«
-sagte Kity, ihm lachend ins Gesicht schauend. Sie nahm seine Hand, »nun
-leb' wohl -- fahre hin, ich bitte dich.« Er wollte schon gehen, nachdem
-er ihre Hand geküßt hatte, als sie ihn zurückhielt. »Mein Kostja, du
-weißt wohl, daß ich nur noch fünfzig Rubel habe?«
-
-»Nun, dann will ich zur Bank fahren, um dort Geld zu erheben. Wieviel
-brauchst du denn?« sagte er mit einem ihr bekannten Ausdruck von
-Mißvergnügen.
-
-»Nein doch; warte.« Sie hielt ihn an der Hand zurück. »Sprechen
-wir darüber; dies beunruhigt mich. Ich, glaube doch, gebe nichts
-Überflüssiges aus, und doch geht das Geld nur so dahin. Wir machen
-Etwas nicht richtig.«
-
-»Keineswegs,« sagte er, sich räuspernd und von unten her auf sie
-blickend. Dieses Räuspern kannte sie. Es war das Zeichen hoher
-Unzufriedenheit bei ihm, nicht über sie, sondern über sich selbst.
-Er war in der That unzufrieden, doch nicht darüber, daß viel Geld
-gebraucht wurde, sondern daß man ihn an das erinnerte, was er in der
-Erkenntnis, daß Etwas nicht in Ordnung sei, zu vergessen wünschte. »Ich
-habe Sokoloff befohlen, den Weizen zu verkaufen und das Geld für die
-Mühle im voraus in Empfang zu nehmen. Geld wird jedenfalls kommen.«
-
-»Ja, aber ich fürchte, daß überhaupt viel« --
-
-»Keineswegs, keineswegs,« wiederholte er -- »doch leb' wohl jetzt,
-Herzchen.«
-
-»Nicht doch; ich beklage es bisweilen, daß ich auf Mama gehört habe.
-Wie hübsch wäre es auf dem Dorfe gewesen! Und überdies quäle ich euch
-alle noch und wir verschwenden Geld« --
-
-»Durchaus nicht, durchaus nicht. Es ist noch nicht ein einziges Mal,
-seit ich verheiratet bin, der Fall gewesen, daß ich gesagt hätte, es
-wäre anders besser, als so, wie es eben ist« --
-
-»Ist das wahr?« sagte sie, ihm in die Augen blickend.
-
-Er sprach dies, ohne etwas dabei zu denken, und nur um sie zu
-beruhigen. Als er aber, sie anblickend, bemerkte, daß diese ehrlichen,
-lieben Augen fragend auf ihn gerichtet waren, da wiederholte er das
-Nämliche aus ganzer Seele. »Ich vergesse sie in der That,« dachte er,
-und rief sich in das Gedächtnis zurück, was sie beide so bald erwartete.
-
-»Wird es denn bald? Wie fühlst du dich?« flüsterte er, sie bei beiden
-Händen nehmend.
-
-»Ich habe schon sovielmal daran gedacht, daß ich jetzt nichts mehr
-denke und nichts weiß.«
-
-»Hast du nicht Angst?«
-
-Sie lächelte geringschätzig.
-
-»Nicht die Idee,« sagte sie.
-
-»Wenn also Etwas vorkommen sollte, ich bin bei Katawasoff.«
-
-»Nein; es wird nichts vorkommen; denke auch du nicht daran. Ich werde
-mit Papa auf den Boulevard fahren; wir wollen zu Dolly; vor dem Essen
-erwarte ich dich. -- Ach ja! Du weißt wohl, daß die Lage Dollys
-entschieden unhaltbar wird? Sie ist über und über verschuldet, und Geld
-hat sie nicht. Ich habe gestern mit Mama und mit Arseniy,« -- so nannte
-sie den Gatten ihrer Schwester, der Lwowa -- »gesprochen, und wir haben
-beschlossen, dich und ihn zu Stefan zu schicken. So ist es entschieden
-nicht mehr möglich. Mit Papa läßt sich darüber nicht sprechen, doch
-wenn ihr beide« --
-
-»Aber was können wir thun?« frug Lewin.
-
-»Du wirst doch wohl zu Arseniy gehen, sprich mit ihm; er wird dir
-sagen, was wir beschlossen haben.«
-
-»Nun, mit Arseniy bin ich im voraus in allem einverstanden. Ich werde
-also zu ihm fahren. Sollten sie gerade ins Konzert gehen, so werde ich
-auch mit Nataly dorthin fahren. Jetzt leb' wohl.«
-
-Auf der Treppe hielt Lewin der alte, noch unverheiratet lebende Diener
-Kusma zurück, welcher den Haushalt in der Stadt verwaltete.
-
-»Der Krasavtschik,« dies war das Handpferd, welches mit vom Lande
-hereingebracht worden war, »ist beschlagen worden, er hinkt aber immer
-noch,« berichtete er, »was befehlt ihr nun?«
-
-In der ersten Zeit des Aufenthalts in Moskau hatten Lewin die vom Land
-mit hereingebrachten Pferde beschäftigt; er hatte sich auf diesem
-Gebiet so gut und billig wie möglich einrichten wollen, allein es
-stellte sich heraus, daß ihm seine Pferde teurer wurden, als die der
-Mietkutscher, und Mietkutscher nahm man noch obendrein.
-
-»Laß ihn zum Roßarzt bringen, vielleicht ist eine Quetschung vorhanden.«
-
-»Nun, und für den Wagen Katharina Aleksandrownas?« frug Kusma.
-
-Lewin wunderte sich jetzt nicht mehr, wie während der ersten Zeit
-seines Lebens in Moskau, daß zur Fahrt von der Wosdwishenka nach den
-Siwzij Wrashki ein Paar starker Pferde in den schweren Wagen hatten
-gespannt werden müssen, um diesen durch den kotigen Schnee ein viertel
-Werst weit zu bringen, worauf sie vier Stunden standen und daß er dafür
-fünf Rubel zahlte. Jetzt erschien ihm das schon natürlich.
-
-»Laß den Mietkutscher ein Paar Pferde für unseren Wagen bringen,« sagte
-er.
-
-»Zu Diensten.«
-
-Nachdem Lewin auf diese Weise, dank den Verhältnissen der Stadt,
-einfach und leicht eine Schwierigkeit geordnet hatte, welche auf dem
-Lande soviel überflüssige Mühe und Aufmerksamkeit erfordert hätte, ging
-er zur Freitreppe hinaus und rief einen Mietkutscher; setzte sich in
-den Wagen und fuhr nach der Nikitskaja. Unterwegs dachte er nicht mehr
-an Geld, sondern überlegte, wie er sich mit dem Petersburger Gelehrten,
-der sich mit Socialwissenschaft beschäftigte, bekannt machen und mit
-ihm über sein Buch sprechen wollte.
-
-Nur in der allerersten Zeit hatten Lewin in Moskau jene, dem
-Landbewohner befremdlichen, eiteln und doch unvermeidlichen
-Geldausgaben überrascht, die von allen Seiten von ihm gefordert wurden.
-Jetzt hatte er sich jedoch schon an sie gewöhnt. Es ging ihm in dieser
-Beziehung so, wie es dem Trinker gehen soll: das erste Glas ging
-schwer, das zweite leichter -- nach dem dritten aber ging es wie im
-Vogelschwarm.
-
-Als Lewin das erste Hundertrubelpapier zum Ankauf der Livree eines
-Dieners und eines Portiers wechselte, stellte er sich unwillkürlich
-vor, daß diese Livreen, die niemand etwas nützten, doch unumgänglich
-erforderlich waren, darnach zu urteilen, wie sich die Fürstin und
-Kity verwunderten bei der Andeutung, man könne auch ohne Livree
-auskommen -- daß diese Livreen ihm zwei Sommerarbeiter, das heißt,
-einige dreihundert Arbeitstage von der Osterwoche bis zu Fastnachten
-kosteten, von denen jeder voll schwerer Arbeit vom frühen Morgen
-bis zum späten Abend war -- und dieses Hundertrubelpapier ging ihm
-noch schwer vom Herzen. Das folgende indessen, zum Einkauf von
-Lebensmitteln zu einem Essen das er seinen Verwandten gab, das ihn
-auf achtundzwanzig Rubel kam, ging, obwohl es in Lewin die Erinnerung
-daran wachrief, daß achtundzwanzig Rubel doch neun Tschetwert Hafer
-waren, welcher unter Schweiß und Stöhnen gemäht, gebunden, gedroschen,
-geworfelt, wieder ausgesät oder aufgeschüttet wurde, schon leichter
-fort. Jetzt aber riefen die gewechselten Scheine schon gar nicht mehr
-derartige Erwägungen hervor, sondern flogen wie kleine Vögel davon.
-Ob die Mühe, welche auf die Erwerbung des Geldes verwendet worden
-war, dem Vergnügen, welches der dafür erkaufte Gegenstand gewährte,
-wirklich entsprach, diese Erwägung war schon lange verloren gegangen.
-Die wirtschaftliche Erwägung, daß es einen bestimmten Preis giebt,
-unter welchem man das Getreide nicht verkaufen kann, war gleichfalls
-vergessen. Das Getreide, auf dessen Preis er so lange gehalten hatte,
-wurde für fünfzig Kopeken der Tschetwert billiger verkauft, als man
-einen Monat vorher dafür gegeben hatte. Selbst die Erwägung, daß man
-bei derartigen Ausgaben unmöglich ein ganzes Jahr leben könne, ohne
-Schulden zu machen, selbst diese Erwägung hatte keine Bedeutung mehr
-für ihn. Nur Eines war nötig; man mußte Geld auf der Bank haben, ohne
-daß gefragt wurde, woher es kam, sodaß man stets wußte, wofür man den
-nächsten Tag das Rindfleisch kaufen könnte.
-
-Er hatte nunmehr auch dies bei sich beobachtet: Stets hatte bei ihm
-Geld in der Bank gelegen. Jetzt aber war es dort ausgegangen und
-er wußte nicht recht, woher nun welches nehmen. Und dies versetzte
-ihn, als Kity mit ihm über das Geld sprach, einen Augenblick in
-Verlegenheit. Dabei aber hatte er auch keine Zeit, darüber nachzudenken.
-
-Er fuhr dahin, an Katawasoff und die bevorstehende Bekanntschaft mit
-Metroff denkend.
-
-
- 3.
-
-Lewin war mit seiner Ankunft hier wiederum eng mit seinem ehemaligen
-Universitätsfreunde, dem Professor Katawasoff in Verkehr getreten, den
-er seit der Zeit seiner Verheiratung nicht wieder gesehen hatte.
-
-Katawasoff war ihm angenehm durch die Klarheit und Einfachheit seiner
-Weltanschauung. Lewin glaubte, daß die Klarheit dieser Weltanschauung
-Katawasoffs aus der Armut von dessen Natur hervorgegangen sei,
-Katawasoff hingegen meinte, daß die Inkonsequenz in der Denkweise
-Lewins aus dem Mangel an geistiger Disciplin bei diesem hervorgehe;
-aber die Klarheit Katawasoffs war Lewin willkommen, und der Überfluß
-der undisciplinierten Gedanken Lewins war Katawasoff lieb; sie trafen
-sich gern und debattierten dann.
-
-Lewin las Katawasoff einige Stellen aus seinem Werke vor und sie
-gefielen diesem. Als gestern Katawasoff Lewin im Kolleg getroffen
-hatte, hatte er zu ihm gesagt, daß der bekannte Metroff, dessen
-Abhandlung Lewin so gut gefallen hatte, sich in Moskau befinde, und
-sehr interessiert sei von dem, was ihm Katawasoff über die Arbeit
-Lewins mitgeteilt hatte, daß Metroff morgen, um elf Uhr bei ihm, und
-sehr erfreut sein würde, mit ihm bekannt zu werden.
-
-»Ihr lernt entschieden immer besser aussehen, Verehrtester; es macht
-einem Freude, Euch zu sehen,« sagte Katawasoff, Lewin im kleinen Salon
-entgegentretend. »Ich hörte die Glocke und dachte, nicht möglich, daß
-er zur rechten Zeit käme -- nun, wie steht es mit den Tschernagorzen?
-Nach der Art des Krieges« --
-
-»Nun?« frug Lewin.
-
-Katawasoff teilte ihm in kurzen Worten die letzte Nachricht mit und
-machte Lewin, in das Kabinett eintretend, mit einem kleinen, feisten
-Manne von sehr angenehmem Äußern bekannt. Dies war Metroff.
-
-Das Gespräch drehte sich kurze Zeit um Politik, und darum, wie man in
-den höchsten Sphären Petersburgs die jüngsten Ereignisse betrachte.
-
-Metroff teilte ihm aus zuverlässiger Quelle bekannte Worte mit, die bei
-dieser Gelegenheit vom Zaren und einem der Minister geäußert worden
-sein sollten.
-
-Katawasoff hatte auch als verbürgt erfahren, daß der Zar etwas
-ganz anderes gesagt habe. Lewin bemühte sich, eine Situation
-herauszuklügeln, nach welcher diese wie jene Worte gesagt worden sein
-konnten, und das Gespräch über den Gegenstand wurde abgebrochen.
-
-»Der Herr hat auch ein Buch bald fertig geschrieben über die
-natürlichen Verhältnisse des Arbeiters in Bezug auf den Boden,« sagte
-Katawasoff, »ich bin zwar nicht Spezialist, doch hat es mir als
-Naturwissenschaftler gefallen, daß er die Menschheit nicht als etwas
-außerhalb der zoologischen Gesetze stehendes auffaßt, sondern im
-Gegenteil die Abhängigkeit derselben von ihrer Umgebung erkennt und in
-dieser Abhängigkeit die Gesetze ihrer Entwicklung erforscht.«
-
-»Das ist sehr interessant,« sagte Metroff.
-
-»Ich habe eigentlich nur ein Buch über die Landwirtschaft zu schreiben
-begonnen, bin aber unwillkürlich, indem ich mich mit dem wichtigsten
-Instrument der Landwirtschaft, dem Arbeiter, beschäftigte,« sagte Lewin
-errötend, »zu vollständig unerwarteten Resultaten gekommen.«
-
-Und Lewin begann nun vorsichtig, als taste er nach Boden, seine
-Anschauung darzulegen.
-
-Er wußte, daß Metroff eine Abhandlung gegen die allgemein herrschende
-politisch-ökonomische Wissenschaft geschrieben hatte, wußte aber nicht,
-bis zu welchem Grade er hoffen konnte, auf Teilnahme für seine neuen
-Anschauungen bei ihm zu stoßen, und konnte dies auch nicht an dem
-klugen und ruhigen Gesicht des Gelehrten erraten.
-
-»Aber worin seht Ihr die besonderen Eigenschaften des russischen
-Arbeiters?« sagte Metroff, »in seinen zoologischen Eigenschaften,
-sozusagen, oder in den Verhältnissen, in denen er sich befindet?«
-
-Lewin sah, daß in dieser Frage schon ein Gedanke ausgesprochen war, mit
-welchem er nicht in Einklang stand, doch fuhr er fort, seine Idee zu
-entwickeln, welche darin bestand, daß der russische Arbeiter einen im
-Vergleich zu dem der Arbeiter anderer Völker vollkommen eigenartigen
-Blick für sein Land besitze, und beeilte sich, um seine Behauptung
-zu stützen, hinzuzufügen, daß nach seiner Meinung, dieser Blick des
-russischen Volkes herrühre aus dem Bewußtsein seines Berufes, die
-ungeheuren, noch unbebauten Gegenden im Osten bevölkern zu müssen.
-
-»Es ist leicht möglich, in einen Irrtum zu verfallen, wenn man einen
-Schluß auf die allgemeine Bestimmung eines Volkes macht,« sagte
-Metroff, Lewin unterbrechend. »Die Lage des Arbeiters wird stets von
-dessen Beziehungen zu Boden und Kapital abhängen.«
-
-Ohne Lewin noch zu gestatten, seine Idee ganz auszusprechen, begann
-nun Metroff, ihm die Eigenart seiner Lehre zu erklären. Worin die
-Eigenart dieser Lehre bestand, begriff Lewin nicht, weil er sich gar
-nicht bemühte, sie zu begreifen; er sah, daß Metroff, ebenso wie die
-anderen, trotz seiner Abhandlung, in welcher die Wissenschaft der
-Nationalökonomen gestürzt wurde, auf die Situation des russischen
-Arbeiters doch nur vom Gesichtspunkt des Kapitals des Arbeiterlohnes
-und der Rente blickte.
-
-Obwohl er nun zugestehen mußte, daß in dem östlichen, dem größten
-Teile Rußlands, die Rente noch gleich Null war, daß der Arbeitslohn
-für neun Zehntel der achtzig Millionen Einwohner nur die Ernährung in
-sich selbst ausdrückte, und ein Kapital noch nicht anders vorhanden
-sei, als in Gestalt von primitivsten Hilfsmitteln, so blickte er doch
-lediglich von diesem Standpunkte aus auf die gesamten Arbeiter, obwohl
-er in vielem gleichwohl nicht mit den Nationalökonomen übereinstimmte,
-und hielt seine neue Theorie vom Arbeitslohn aufrecht, welche er Lewin
-entwickelte.
-
-Dieser hörte nur ungern zu und opponierte anfangs. Er wollte Metroff
-unterbrechen, um ihm seine Idee zu äußern, die nach seiner Meinung
-eine weitere Erklärung überflüssig machte, aber nachdem er sich
-überzeugt hatte, daß sie beide in so verschiedenem Grade die Sache
-betrachteten, daß niemals Einer den Anderen verstehen würde, opponierte
-er nicht mehr, und hörte nur noch zu.
-
-Ungeachtet dessen, das für ihn jetzt schon gar nicht mehr interessant
-war, was Metroff sprach, verspürte er doch ein gewisses Vergnügen,
-indem er ihm zuhörte. Seiner Eigenliebe wurde dadurch geschmeichelt,
-daß ihm ein so gelehrter Mann so gern, mit so großer Aufmerksamkeit
-und solchem Zutrauen zu seiner Kenntnis über den Gegenstand, bisweilen
-mit einem einzigen Wink auf eine ganze Seite der Sache deutend, seine
-Gedanken aussprach.
-
-Er schrieb dies seiner Würde zu, ohne zu wissen, daß Metroff in der
-Unterhaltung mit allen seinen Bekannten besonders gern von jenem
-Gegenstande mit jedem Menschen, der ihm neu bekannt wurde, sprach; daß
-er überhaupt gern mit jedermann über eine Sache, die ihn beschäftigte
-und ihm selbst noch unklar war, redete.
-
-»Doch ich werde mich verspätigen,« sagte Katawasoff, nach der Uhr
-blickend, nachdem Metroff seine Darlegung soeben beendet hatte. »Ja, es
-ist heute Sitzung in der Gesellschaft der Freunde zum Gedächtnis des
-fünfzigjährigen Jubiläums Swintitschs,« antwortete er auf Lewins Frage.
-»Ich habe mich an Peter Iwanowitsch gemacht, und habe versprochen, über
-seine Arbeiten in der Zoologie zu lesen. Kommt mit mir, es ist sehr
-interessant.«
-
-»In der That, es ist Zeit,« sagte Metroff. »Kommt mit uns, und, wenn
-Ihr wollt, von da aus, mit zu mir. Ich wünschte sehr, von Eurer Arbeit
-weiter zu hören.«
-
-»Nein; das wird nicht gehen; sie ist noch unvollendet. Aber in die
-Sitzung komme ich sehr gern mit.«
-
-»Wie, Verehrtester, habt Ihr gehört? Er gab eine ganz eigene Meinung
-zum besten,« sagte Katawasoff, im Nebenzimmer den Frack anlegend.
-
-Es begann ein Gespräch über die Universitätsfrage. Die
-Universitätsfrage bildete einen sehr wichtigen Gegenstand während
-dieses Winters in Moskau. Drei alte Professoren im Senat hatten die
-Meinungen jüngerer nicht acceptiert; und diese vertraten nun eine
-eigene Ansicht.
-
-Diese Ansicht war entsetzlich nach dem Urteile der Einen, sie war sehr
-einfach und richtig nach dem der Anderen, und die Professoren hatten
-sich in zwei Lager gespalten.
-
-Die Einen, zu denen Katawasoff gehörte, sahen auf der gegnerischen
-Seite niedrige Verleumdung und Betrug; die Anderen Kinderei und
-Mißachtung der Autorität.
-
-Lewin hatte, obwohl er dem Universitätsverband nicht angehörte, schon
-mehrmals während seines Aufenthalts in Moskau von dieser Angelegenheit
-gehört und darüber gesprochen, und sich in dieser Beziehung seine
-eigene Meinung gebildet. Er nahm Teil an dem Gespräch, welches noch auf
-der Straße fortgesetzt wurde, als alle drei nach dem Gebäude der alten
-Universität gingen.
-
-Die Sitzung hatte schon begonnen. An einem Tische, welcher mit Tuch
-gedeckt war und hinter dem sich Katawasoff und Metroff niederließen,
-saßen sechs Herren, und einer von ihnen, der sich dicht über eine
-Handschrift beugte, las etwas.
-
-Lewin setzte sich auf einen der leeren Stühle, welche um den Tisch
-herum standen, und frug flüsternd einen dort sitzenden Studenten, was
-man lese.
-
-Mit einem mißvergnügten Blick auf Lewin antwortete dieser:
-
-»Eine Biographie ist es.«
-
-Obwohl sich nun Lewin für die Biographie eines Gelehrten gerade nicht
-interessierte, hörte er doch unwillkürlich zu und erfuhr so manches
-Interessante und Neue über das Leben des berühmten Gelehrten.
-
-Als der Lektor geendet hatte, dankte ihm der Vorsitzende und las die
-ihm für das Jubiläum eingesandten Verse des Dichters Ment vor, nebst
-einigen Worten des Dankes für diesen.
-
-Darauf las Katawasoff mit seiner lauten, schreienden Stimme seine
-Schrift über die Gelehrtenthätigkeit des Jubilars.
-
-Nachdem Katawasoff geendet hatte, blickte Lewin auf die Uhr und
-gewahrte, daß es schon zwei Uhr sei; er überlegte, daß er bis zum
-Konzert Metroff sein Werk nicht werde vorlesen können, und verspürte
-dazu auch gar keine Lust.
-
-Während der Zeit des Lesens hatte er nur an die stattgehabte
-Unterredung gedacht, und es war ihm jetzt klar, daß, obwohl vielleicht
-auch die Ideen Metroffs ihre Bedeutung hatten, seine Ideen doch
-ebenfalls eine solche besaßen, und aufklären und zu Etwas führen
-könnten, wofern nur ein jeder für sich auf dem auserwählten Wege
-arbeite, während aus einer Veränderung dieser beiden Ideen nichts
-hervorgehen könne.
-
-Nachdem sich Lewin entschlossen hatte, die Einladung Metroffs
-abzulehnen, begab er sich beim Schluß der Sitzung zu diesem hin.
-Metroff machte Lewin mit dem Präsidenten bekannt, mit welchem er über
-politische Neuigkeiten sprach. Hierbei erzählte Metroff dem Präsidenten
-das Nämliche, was er Lewin erzählt hatte, während Lewin die gleichen
-Bemerkungen machte, die er schon heute Vormittag geäußert hatte; zur
-Abwechslung indessen sprach er auch seine eigene Meinung mit aus, die
-ihm gerade einfiel. Hierauf begann wiederum das Gespräch über die
-Universitätsfrage. Da Lewin indessen alles das schon gehört hatte,
-beeilte er sich, Metroff zu sagen, er bedaure, von seiner Einladung
-nicht Gebrauch machen zu können, empfahl sich und fuhr zu Lwoff.
-
-
- 4.
-
-Lwoff, der mit Nataly, der Schwester Kitys verheiratet war, hatte sein
-ganzes Leben in den Residenzen und im Auslande zugebracht, wo er auch
-erzogen worden war und als Diplomat gedient hatte.
-
-Im vergangenen Jahre hatte er die diplomatische Carriere aufgegeben,
-nicht infolge einer Unannehmlichkeit -- er hatte niemals mit jemand
-Unannehmlichkeiten gehabt -- und war in das Hofgericht nach Moskau
-übergetreten, um seinen beiden Söhnen eine bessere Erziehung angedeihen
-zu lassen.
-
-Trotz des schärfsten Gegensatzes in den Gewohnheiten und Anschauungen,
-sowie darin, daß Lwoff auch älter als Lewin war, waren beide in
-diesem Winter in engen Verkehr miteinander getreten und hatten sich
-gegenseitig liebgewonnen.
-
-Lwoff befand sich daheim, und Lewin trat ohne Anmeldung bei ihm ein.
-Lwoff war im Hausrock mit Gürtel, und saß in Halbschuhen von sämischem
-Leder in einem Lehnstuhl, durch das Pincenez mit blauen Gläsern ein
-Buch lesend, welches auf einem Lesepult lag, während er, auf der Hut
-vor der abfallenden Asche, mit der schönen Hand eine bis zur Hälfte
-aufgerauchte Cigarre hielt.
-
-Sein schönes, feines und jugendliches Gesicht, welchem die lockigen,
-glänzenden silbernen Haare noch mehr den Ausdruck angestammten Adels
-verliehen, erglänzte von einem Lächeln, als er Lewin erblickte.
-
-»Ausgezeichnet! Ich wollte schon zu Euch schicken! Nun, was macht Kity!
-Setzt Euch hierher, da ist es behaglicher,« er stand auf und bewegte
-einen Rollstuhl herbei.
-
-»Habt Ihr schon das letzte Cirkular im >Journal de St. Petersbourg<
-gelesen? Ich finde es vortrefflich,« sagte er mit etwas französischem
-Accent.
-
-Lewin teilte ihm mit, was er von Katawasoff vernommen hatte, und was
-man in Petersburg spräche, und berichtete, nachdem er über die Politik
-gesprochen hatte, von seiner Bekanntschaft mit Metroff und seiner
-Exkursion in die Sitzung. Lwoff interessierte dies sehr.
-
-»Ich beneide Euch, daß Ihr Zutritt zu dieser interessanten
-Gelehrtenwelt habt,« sagte er, und ging dann, wie gewöhnlich sogleich
-zu der ihm bequemeren französischen Sprache über. »Ich habe allerdings
-leider auch keine Zeit; denn mein Dienst sowohl, als die Beschäftigung
-mit meinen Kindern beraubt mich derselben; dann aber scheue ich mich
-nicht, zu bekennen, daß meine Bildung allzu mangelhaft ist.«
-
-»Das glaube ich nicht,« antwortete Lewin lächelnd, und, wie gewöhnlich,
-voll Erbarmen mit dieser niedrigen Meinung von sich selbst, die
-durchaus nicht dem Wunsche, bescheiden zu erscheinen oder zu sein,
-entsprang, sondern vollständig aufrichtig war.
-
-»Ach, gewiß doch! Ich fühle es jetzt, wie wenig gebildet ich bin.
-Selbst zur Erziehung der Kinder muß ich viel wieder an meinem
-Gedächtnis auffrischen, ja geradezu lernen! Denn trotzdem, daß Lehrer
-da sind, muß auch ein Aufseher da sein, sowie in Eurer Ökonomie
-Arbeiter nötig sind nebst einem Inspektor. Da lese ich eben« -- er
-zeigte auf die Grammatik Buslajeffs, welche auf dem Lesepult lag, »das
-fordert man von Mischa, und es ist doch so schwierig -- erklärt mir
-dies. Hier sagt er« --
-
-Lewin wollte ihm erklären, daß man dies nicht verstehen könne, sondern
-lernen müsse, doch Lwoff stimmte dem nicht bei.
-
-»Ihr lacht darüber!« sagte er.
-
-»Im Gegenteil, Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie ich, im Hinblick
-auf Euch, stets studiere, was mir auch bevorsteht, die Erziehung von
-Kindern!«
-
-»Nun, aber das Lernen taugt doch nichts,« sagte Lwoff.
-
-»Ich kann nur sagen,« antwortete Lewin, »daß ich nie besser erzogene
-Kinder gesehen habe, als die Euren, und keine besseren Kinder wünschte,
-als die Euren sind.«
-
-Lwoff hielt augenscheinlich an sich, seine Freude zu zeigen, aber er
-erglänzte doch von einem Lächeln.
-
-»Wenn sie nur besser werden als ich, das ist alles, was ich wünsche.
-Ihr kennt noch nicht die ganze Mühe,« begann er, »mit den Knaben,
-welche, wie die meinen, in diesem Leben im Auslande verwildert waren.«
-
-»Ihr holt alles ein. Es sind ja so befähigte Kinder, und was die
-Hauptsache ist -- sie haben eine moralische Erziehung. Das ist es, was
-ich studiere, wenn ich Eure Kinder anblicke.«
-
-»Ihr sagt, eine moralische Erziehung. Man kann sich nicht vorstellen,
-wie schwer diese ist! Kaum habt Ihr die eine Seite bekämpft, so wachsen
-andere hervor und es beginnt ein neuer Kampf. Hätte man nicht die
-Stützen in der Religion -- wißt Ihr noch, wir haben zusammen darüber
-gesprochen -- so würde kein Vater mit seinen Kräften allein, ohne diese
-Hilfe, erziehen können.«
-
-Dieses Lewin stets interessierende Gespräch wurde durch den Eintritt
-der zur Ausfahrt angekleideten, schönen Nataly Aleksandrowna,
-unterbrochen.
-
-»Ah, ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr hier seid,« sagte sie,
-augenscheinlich nicht mit Bedauern, sondern vielmehr erfreut, daß sie
-dieses, ihr schon längst bekannte, langweilige Gespräch unterbrochen
-hatte. »Was macht Kity? Ich esse heute bei Euch. Weißt du Arseny,«
-wandte sie sich an ihren Gatten, »du nimmst den Wagen.«
-
-Unter den beiden Gatten begann nun ein Gespräch, wie sie den Tag
-verleben wollten. Da der Gatte mit jemand im Amte zusammenkommen,
-die Gattin aber in das Konzert und in die öffentliche Sitzung des
-südöstlichen Komitees fahren mußte, so war viel zu beschließen und zu
-überlegen.
-
-Lewin, als unabhängiger Mann, mußte Teil an diesen Plänen nehmen,
-und es ward beschlossen, daß er mit Nataly in das Konzert und in die
-öffentliche Sitzung fuhr, von da aus den Wagen nach dem Comptoir zu
-Arseniy sende und dieser Nataly abholen und mit zu Kity nehmen solle --
-oder, wenn er mit seinen Geschäften noch nicht fertig wäre, den Wagen
-zurückschicke und Lewin mit ihr fahre.
-
-»Er beschämt mich ganz,« sagte Lwoff zu seiner Frau, »er versichert
-mir, daß unsere Kinder vorzüglich sind, während ich doch weiß, daß sie
-soviel Fehler haben.«
-
-»Arseniy geht bis ins Extrem, ich sage es immer,« bemerkte seine
-Gattin. »Wenn man Vollkommenheiten suchen will, so wird man nie
-zufrieden werden, und Papa sagt die Wahrheit damit, daß es, als man
-uns noch erzog, nur ein einziges Mittel gab -- man steckte uns ins
-Entresol; während die Eltern in der Bel-Etage wohnten; jetzt hingegen
-möchten die Eltern in die Rumpelkammer und die Kinder in die Bel-Etage!
-Die Eltern möchten jetzt schon gar nicht mehr selbst leben, sondern nur
-noch für ihre Kinder.«
-
-»Aber wie, wenn dies das Angenehmere wäre?« sagte Lwoff, mit seinem
-schönen Lächeln, ihren Arm berührend. »Wer dich nicht kennt, wird
-glauben, du seist keine Mutter, sondern eine Stiefmutter.«
-
-»Nein; das Extrem ist nie gut,« sagte Nataly ruhig, sein Papiermesser
-auf den Tisch an den dafür bestimmten Platz legend.
-
-»Nun kommt einmal her, ihr Musterkinder,« sagte Lwoff zu seinen
-eintretenden hübschen Knaben, welche, Lewin begrüßend, zu ihrem Vater
-traten, offenbar in dem Wunsche, ihn nach etwas zu fragen.
-
-Lewin wollte mit ihnen reden und hören, was sie dem Vater zu sagen
-hätten, aber Nataly begann mit ihm zu sprechen und soeben trat auch
-ein Kollege Lwoffs im Amte, Machotin, in Hofuniform ein, um mit Lwoff
-zusammen jemand zu treffen; es begann ein eifriges Gespräch über die
-Herzogowina, die Fürstin Korzynska, die Duma und den plötzlichen Tod
-der Apraksina.
-
-Lewin hatte den ihm gegebenen Auftrag ganz vergessen. Er erinnerte sich
-desselben erst beim Verlassen des Vorzimmers.
-
-»Ach, Kity hat mir ja anvertraut, ich möchte Etwas mit Euch betreffs
-Oblonskiys besprechen,« sagte er, als Lwoff auf der Treppe stehen
-blieb, indem er sein Weib und ihn hinausbegleitete.
-
-»Ja, ja, =maman= wünscht, daß wir, =les beaux-frères=, ihn vornehmen,«
-sagte er errötend, »aber weshalb wohl ich dabei sein soll?« --
-
-»So werde ich ihn vornehmen,« sagte die Lwowa lächelnd, das Ende des
-Gesprächs abwartend; »doch jetzt kommt!«
-
-
- 5.
-
-In der Matinee führte man zwei sehr interessante Novitäten vor. Die
-eine war eine Phantasie »König Lear in der Steppe«, die andere ein
-Quartett, dem Andenken Bachs gewidmet. Beide Stücke waren neu und von
-originellem Geiste und Lewin wünschte sich eine Meinung über sie zu
-bilden. Nachdem er seine Schwägerin nach deren Stuhl begleitet hatte,
-trat er an eine Säule und nahm sich vor, so aufmerksam und gewissenhaft
-als möglich zuzuhören. Er bemühte sich, nicht abzuschweifen und den
-Eindruck in sich zu beinträchtigen, indem er auf die Armbewegungen
-des Kapellmeisters in der weißen Halsbinde blickte, die stets die
-musikalische Aufmerksamkeit so unangenehm ablenkten, oder auf die
-Damen in ihren Hüten, welche sich geflissentlich für das Konzert die
-Ohren mit Bändern zugebunden hatten, oder auf alle jene Personen,
-die entweder mit nichts beschäftigt, oder von den verschiedensten
-Interessen, nur nicht dem für Musik, eingenommen waren.
-
-Er bemühte sich, den Begegnungen mit Musikkennern und Schwätzern aus
-dem Wege zu gehen, und stand nur vor sich niederblickend und lauschte.
-Doch je mehr er von der Phantasie König Lear hörte, um so ferner fühlte
-er sich der Möglichkeit gerückt, sich selbst eine bestimmte Meinung zu
-bilden.
-
-Unaufhörlich begann es, als bereite sich der Ausdruck einer
-musikalischen Empfindung vor, sogleich aber fiel derselbe in Trümmer
-von neuen Ansätzen zu musikalischen Phrasen auseinander, bisweilen
-sogar einfach in durch nichts als die Laune des Komponisten verbundene,
-aber außerordentlich komplizierte Klänge.
-
-Aber gerade die Unterbrechungen dieser musikalischen Phrasen, die
-bisweilen gut waren, zeigten sich als unangenehm, weil sie vollständig
-unerwartet und durch nichts vorbereitet erschienen. Frohsinn und
-Trauer, Verzweiflung und Zartheit oder Triumph erschienen ohne jede
-innere Berechtigung, gleichsam wie die Gefühle eines Wahnsinnigen; und
-ebenso wie bei einem Wahnsinnigen, vergingen sie auch wieder unerwartet.
-
-Lewin hatte während der ganzen Zeit der Aufführung das Gefühl
-eines Tauben, welcher auf Tanzende schaut. Er war in vollständiger
-Ungewißheit, nachdem das Stück geendet hatte, und fühlte große Ermüdung
-von der gespannten, durch nichts gelohnten Aufmerksamkeit. Von allen
-Seiten wurde lautes Händeklatschen vernehmbar. Alles erhob sich und
-begann herumzulaufen um sich zu unterhalten.
-
-Im Wunsche, nach dem Eindruck anderer seinen Zweifel aufzuklären,
-begann auch Lewin zu gehen, um Kenner zu suchen, und war erfreut,
-als er einen namhaften Musikkenner im Gespräch mit dem ihm bekannten
-Peszoff erblickte.
-
-»Wunderbar!« sagte der tiefe Baß Peszoffs.
-
-»Guten Tag, Konstantin Dmitritsch. Ganz besonders formgerecht und
-monumental, sozusagen; und wie reich an Farben ist jene Stelle, in
-welcher man die Annäherung Cordelias fühlt, wo die Frau, >das ewig
-Weibliche< wie der Deutsche sagt, in den Kampf mit dem Schicksal tritt.
-Nicht wahr?«
-
-»Nun, inwiefern war denn da gerade Cordelia?« frug Lewin schüchtern; er
-hatte vollständig vergessen, daß die Phantasie König Lear in der Steppe
-ausdrücken solle.
-
-»Es zeigt sich Cordelia -- hier!« sagte Peszoff, mit den Fingern auf
-den atlasglänzenden Zettel schlagend, den er in der Hand hielt und
-Lewin nun hinreichte.
-
-Jetzt erst erinnerte sich Lewin des Titels der Phantasie und beeilte
-sich nun, die Verse Shakespeares in der russischen Übersetzung zu
-lesen, welche auf der Rückseite des Programms gedruckt standen.
-
-»Ohne dies kann man freilich nicht folgen,« sagte Peszoff, sich zu
-Lewin wendend, da der Herr mit welchem er sich unterhalten hatte,
-gegangen war, und er mit niemand mehr zu sprechen hatte.
-
-Im Zwischenakt entspann sich zwischen Lewin und Peszoff ein Streit über
-die Vorzüge und Mängel der Wagnerschen Musikrichtung. Lewin wies nach,
-daß der Irrtum Wagners und aller seiner Nachfolger darin bestehe, daß
-hier die Musik in das Gebiet einer fremdartigen Kunst übergehen wolle,
-daß auch die Poesie irre, wenn sie die Züge eines Gesichts beschreibe,
-was die Malerei zu thun hätte, und führte als Beispiel eines solchen
-Irrtums jenen Bildhauer an, welcher die Schatten der poetischen
-Gestalten, die rings um die Figur des Dichters auf dem Piedestal
-aufragten, in Marmor zu bilden gedachte.
-
-»Diese Schatten werden ebensowenig Schatten für den Bildhauer sein, daß
-sie sich sogar an der Leiter anhalten können,« sagte Lewin. Der Satz
-gefiel ihm, doch er konnte sich nicht entsinnen, ob er ihn nicht schon
-früher einmal ausgesprochen hatte, gerade gegen Peszoff, und geriet
-daher, nachdem er ihn geäußert, in Verlegenheit.
-
-Peszoff hingegen wies nach, daß die Kunst einheitlich sei und ihre
-höchsten Offenbarungen nur in der Vereinigung aller ihrer Arten
-erreichen könne.
-
-Die zweite Nummer des Konzerts konnte Lewin nicht mehr hören. Peszoff,
-der neben ihm stehen geblieben war, hatte fast die ganze Zeit mit
-ihm gesprochen, indem er dieses Stück wegen seiner übermäßigen
-geschmackswidrigen, unvermittelten Einfachheit den Praeraphaeliten in
-der Malerei verglich.
-
-Beim Hinausgehen begegnete Lewin noch vielen Bekannten, mit welchen er
-über Politik, über Musik und gemeinsame Bekannte sprach, unter anderen
-traf er auch den Grafen Bolj, dessen Besuch er gänzlich vergessen hatte.
-
-»Nun, so fahrt nur gleich hin,« sagte die Lwowa zu ihm, der er dies
-mitgeteilt hatte, »vielleicht empfängt man Euch nicht und Ihr kommt
-dann zu mir in die Sitzung. Ihr werdet mich da schon noch treffen.«
-
-
- 6.
-
-»Man empfängt wohl nicht?« sagte Lewin, in den Flur des Hauses der
-Gräfin Bolj tretend.
-
-»Man empfängt, bitte,« antwortete der Portier, ihm resolut den Pelz
-abnehmend.
-
-»Ist das unangenehm,« dachte Lewin, mit einem Seufzer den einen
-Handschuh abstreifend und seinen Hut glättend. »Weshalb komme ich denn
-eigentlich? Was soll ich denn mit ihnen reden?«
-
-Durch den ersten Salon schreitend, traf Lewin in der Thür die Gräfin
-Bolj, welche mit geschäftigem und ernstem Ausdruck dem Diener einen
-Befehl erteilte.
-
-Als sie Lewin erblickte, lächelte sie und nötigte ihn in den folgenden,
-kleinen Salon, aus welchem Stimmen vernehmbar waren. In diesem Salon
-saßen auf Lehnstühlen die beiden Töchter der Gräfin und ein, Lewin
-bekannter, Moskauer Oberst. Lewin näherte sich ihnen, grüßte, und ließ
-sich neben dem Diwan nieder, den Hut auf dem Knie haltend.
-
-»Wie ist das Befinden Eurer Frau? Waret Ihr im Konzert? Wir konnten
-nicht! Mama mußte bei einer Totenmesse gegenwärtig sein.«
-
-»Ja, ich habe gehört -- welch ein plötzlicher Todesfall,« sagte Lewin.
-
-Die Gräfin kam, setzte sich auf den Diwan und frug gleichfalls nach
-seiner Frau und dem Konzert.
-
-Lewin antwortete und wiederholte die Frage nach dem plötzlichen Tode
-der Apraksina.
-
-»Sie war überhaupt stets von schwacher Gesundheit.«
-
-»Waret Ihr gestern in der Oper?«
-
-»Ja, ich war da.«
-
-»Die Lucca war sehr gut.«
-
-»Ja, sehr gut,« sagte er und begann, da es ihm ganz gleichgültig war,
-was man von ihm denken mochte, zu wiederholen, was er hundertmal schon
-über die Eigentümlichkeit des Talentes der Sängerin gehört hatte.
-Die Gräfin Bolj stellte sich, als höre sie zu. Als er dann genug
-geredet hatte, und nun schwieg, begann der Oberst, welcher bis jetzt
-geschwiegen hatte.
-
-Der Oberst fing gleichfalls an, über die Oper und die Beleuchtung
-zu sprechen und als er endlich noch von einem vorgeschlagenen
-=folle journée= bei Tjurin berichtet hatte, brach er in Gelächter
-aus, verursachte ein Geräusch, erhob sich und ging. Auch Lewin war
-aufgestanden, bemerkte aber an dem Gesicht der Gräfin, daß für ihn
-die Zeit des Gehens noch nicht da sei; noch zwei Minuten fehlten,
-und so setzte er sich denn wieder. Da er indessen noch immer darüber
-nachdachte, wie thöricht das alles sei, so fand er auch keinen Stoff zu
-einem Gespräch und blieb stumm.
-
-»Fahrt Ihr nicht in die öffentliche Sitzung? Man sagt, sie sei sehr
-interessant,« begann die Gräfin.
-
-»Nein, ich habe nur meiner =belle soeur= versprochen, sie dort
-abzuholen,« sagte Lewin.
-
-Ein Schweigen trat ein. Die Mutter wechselte nochmals einen Blick mit
-der Tochter.
-
-»Jetzt scheint es Zeit zu sein,« dachte Lewin und stand auf. Die
-Damen drückten ihm die Hand und baten, seiner Gattin =mille choses=
-ausrichten zu wollen.
-
-Der Portier frug ihn, als er ihm den Pelz reichte, »wo beliebt Ihr zu
-stehen?« und trug ihn sogleich in ein großes, hübsch gebundenes Buch
-ein.
-
-»Mir ist das natürlich doch ganz gleichgültig, aber dennoch bleibt das
-lästig und entsetzlich thöricht,« dachte Lewin, sich damit tröstend,
-daß alle es ja so machten, und fuhr nach der öffentlichen Sitzung des
-Komitees, wo er seine Schwägerin treffen sollte, um mit derselben
-zusammen nach Haus zu fahren.
-
-In der öffentlichen Sitzung des Komitees war viel Volk und fast die
-gesamte Gesellschaft zugegen. Lewin trat gerade ein, als das Protokoll
-verlesen wurde, welches wie jedermann sagte, sehr interessant war. Als
-die Lektüre des Protokolls beendet war, mischte sich die Gesellschaft
-untereinander und Lewin traf auch Swijashskiy, der ihn für den Abend
-dringend in die Gesellschaft für Landwirtschaft einlud, wo ein
-berühmter Vortrag gelesen werden würde, ferner Stefan Arkadjewitsch,
-der soeben von den Rennen gekommen war, und noch viele andere
-Bekannte, und Lewin äußerte und vernahm verschiedene Urteile über
-die Sitzung, über das neue Musikstück und einen Prozeß. Doch mochte
-er, wohl infolge der Ermüdung seiner geistigen Spannkraft, die er zu
-empfinden begann, irren, indem er von dem Prozeß sprach, und dieser
-Irrtum kam ihm in der Folge mehrmals noch zu seinem Verdruß wieder
-in die Erinnerung. Indem er von der bevorstehenden Bestrafung eines
-Ausländers sprach, der in Rußland abgeurteilt wurde, sowie davon, daß
-es ungesetzmäßig wäre, ihn mit Verbannung ins Ausland zu bestrafen,
-wiederholte Lewin, was er gestern in einem Gespräch von einem Bekannten
-vernommen hatte. »Ich denke, daß seine Ausweisung ebensoviel wert wäre,
-als wenn man einen Hecht damit bestrafen wollte, daß man ihn ins Wasser
-setzt,« meinte Lewin. Erst später dachte er wieder daran, daß dieser
-scheinbar von ihm geäußerte Gedanke, den er von einem Bekannten gehört
-hatte, aus einer Fabel Kryloffs stammte, der Bekannte aber diesen
-Gedanken aus dem Feuilleton eines Journals wiederholt hatte.
-
-Nachdem Lewin mit seiner Schwägerin nach Haus gefahren war und Kity
-heiter und wohl gefunden hatte, fuhr er nach dem Klub.
-
-
- 7.
-
-Er kam erst zu vorgerückter Zeit in den Klub. Gleichzeitig mit ihm
-kamen Gäste und Mitglieder vorgefahren. Er war sehr lange nicht hier
-gewesen; seit der Zeit nicht, als er noch nach dem Verlassen der
-Universität in Moskau gewohnt und die Gesellschaft besucht hatte. Er
-entsann sich wohl noch des Klubs, und der äußeren Einzelheiten seiner
-Einrichtung, hatte aber den Eindruck gänzlich vergessen, den er in
-früherer Zeit davon erhalten hatte.
-
-Kaum jedoch hatte er, nachdem er auf den geräumigen halbrunden Hof
-gefahren und aus dem Mietgeschirr gestiegen war, die Treppe betreten,
-während ihm der Portier in seinem Brustgurt geräuschlos die Thür
-öffnete und sich verbeugte; kaum hatte er in der Portierloge die
-Kaloschen und Pelze von Mitgliedern wieder erblickt, welche erwogen
-hatten, daß es weniger Mühe verursachte, die Kaloschen gleich unten
-abzulegen, als sie mit nach oben zu nehmen; kaum hatte er den
-geheimnisvollen, ihm vorauseilenden Glockenton vernommen, und die
-schräge, mit Teppichen belegte Treppe betretend, auf dem Treppenabsatz
-die Statue erblickt, und in den oberen Thüren den dritten,
-altgewordenen, ihm wohlbekannten Portier in der Klublivree, der weder
-zu schnell noch zu langsam die Thür öffnete und den Gast anblickte --
-da überkam Lewin wieder das alte Klubgefühl, ein Gefühl von Erholung,
-Vergnügen und Noblesse.
-
-»Bitte, den Hut,« sagte der Portier zu Lewin, welcher die Klubregel,
-den Hut in der Portierloge zu lassen, vergessen hatte. »Ihr seid lange
-nicht hier gewesen. Der Fürst hat Euch noch gestern eingeschrieben.
-Fürst Stefan Arkadjewitsch ist noch nicht anwesend.«
-
-Der Portier kannte nicht nur Lewin, sondern auch dessen sämtliche
-Verbindungen und Verwandtschaft und that sofort der ihm nahestehenden
-Männer Erwähnung.
-
-Den ersten Vorsaal mit den Ofenschirmen, und dann ein rechts
-abgetrenntes Zimmer, in welchem der Obstverkäufer saß, durchschreitend,
-überholte Lewin einen langsam gehenden Herrn und trat in das vom Lärm
-versammelter Menschen erfüllte Speisezimmer.
-
-Er schritt längs der fast schon besetzten Tische hin, die Gäste
-musternd. Hier und da fielen ihm die verschiedensten Personen, alte
-und junge, aber kaum bekannte oder nahestehende ins Auge. Hier gab
-es kein einziges gereiztes oder sorgenvolles Gesicht. Alle, wie
-es schien, hatten in der Portierloge mit ihren Hüten auch ihre
-Bedrängnisse und Sorgen zurückgelassen und sich vorgenommen, mit Muße
-die materiellen Annehmlichkeiten des Lebens hier zu genießen. Hier war
-auch Swijashskiy, Schtscherbazkiy, Njewjedowskiy, der alte Fürst, sowie
-Wronskiy und Sergey Iwanowitsch.
-
-»Ah, hast du dich verspätet?« sagte der Fürst lächelnd, ihm mit der
-Hand auf die Schulter schlagend. »Was macht Kity?« fügte er hinzu,
-die Serviette ordnend, die er sich zwischen einem Knopf der Weste
-eingeklemmt hatte.
-
-»Befindet sich ganz wohl; die Damen speisen zu Dreien zu Haus.«
-
-»Aha, Alina -- Nadina; nun, bei uns hier ist freilich kein Platz mehr.
-Aber geh zu jenem Tisch und nimm möglichst schnell einen Platz ein,«
-sagte der Fürst und ergriff, sich umwendend, behutsam einen Teller mit
-Quappensuppe.
-
-»Lewin, hierher!« rief etwas weiterhin eine freundliche Stimme. Es war
-Turowzyn. Er saß bei einem jungen Offizier und zwischen ihnen standen
-zwei umgewendete Stühle. Lewin schritt erfreut auf sie zu. Er hatte den
-gutmütigen Zecher Turowzyn stets lieb gehabt; mit ihm vereinigte sich
-seine Erinnerung an die Liebeserklärung gegen Kity; heute aber, nach
-all den angestrengten geistigen Unterhaltungen war ihm die gutmütige
-Erscheinung Turowzyns besonders willkommen.
-
-»Diese Stühle sind für Euch und Oblonskiy. Er wird auch sogleich da
-sein!«
-
-Der Offizier, welcher sich sehr gerade hielt, mit heiteren, ewig
-lachenden Augen war ein Petersburger, namens Gagin. Turowzyn machte
-beide miteinander bekannt.
-
-»Oblonskiy kommt doch ewig zu spät.«
-
-»Da ist er ja!«
-
-»Bist du soeben gekommen?« sagte Oblonskiy, schnell zu ihnen
-herkommend. »Geht es gut? Hast du schon einen Liqueur genommen? Komm!«
-
-Lewin erhob sich und ging mit ihm nach dem großen Tisch, der mit
-Liqueuren und den mannigfaltigsten Leckerbissen besetzt war. Man
-konnte wohl aus zwanzig verschiedenen Dingen auswählen, was nach dem
-Geschmack war, aber Stefan Arkadjewitsch forderte einen ganz besonderen
-Liqueur, und einer der dastehenden Diener in Livree brachte sofort das
-Gewünschte. Sie tranken jeder ein Glas und kehrten dann zum Tische
-zurück.
-
-Sogleich, noch bei der Suppe, brachte man Gagin Champagner und dieser
-ließ vier Gläser füllen. Lewin wies den angebotenen Wein nicht zurück
-und bestellte eine zweite Flasche. Er war hungrig, speiste und trank
-mit großem Appetit und nahm mit noch größerem Vergnügen an den heiteren
-und leichten Gesprächen seiner Gesellschafter teil. Gagin, der die
-Stimme hatte sinken lassen, erzählte eine neue Petersburger Anekdote,
-die, obwohl indecent und ungereimt, doch lustig genug war, sodaß Lewin
-so laut lachte, daß die Nachbarn ihn anblickten.
-
-»Das ist etwas von der Art, wie >dies gerade kann ich gar nicht
-vertragen!< -- Weißt du?« -- frug Stefan Arkadjewitsch. »Ach, das ist
-reizend! Noch eine Flasche,« sagte er zu dem Diener, und begann zu
-erzählen.
-
-»Peter Iljitsch Winowskiy lassen bitten,« unterbrach ein alter Diener
-Stefan Arkadjewitsch, zwei feine Gläser perlenden Champagners bringend
-und sich an Stefan Arkadjewitsch und Lewin wendend.
-
-Stefan Arkadjewitsch ergriff das Glas und nickte lächelnd nach der
-anderen Seite des Tisches, mit einem kahlköpfigen, rothaarigen und
-bärtigen Herrn einen Blick tauschend, mit dem Kopfe.
-
-»Wer ist dies?« frug Lewin.
-
-»Du bist ihm schon einmal bei mir begegnet, besinnst du dich? Er ist
-ein vortrefflicher Mensch.«
-
-Lewin that, was Stefan Arkadjewitsch that und nahm das Glas.
-
-Die Anekdote Stefan Arkadjewitschs war gleichfalls sehr ergötzlich.
-Lewin erzählte nun seine Anekdote, welche auch gefiel, dann kam das
-Gespräch auf Pferde, auf die Rennen des heutigen Tages und darauf, wie
-schlau der Atlasny Wronskiys den ersten Preis gewonnen habe. Lewin
-bemerkte gar nicht, wie die Zeit beim Essen verging.
-
-»Ah, da ist er ja selbst!« sagte gegen das Ende des Essens Stefan
-Arkadjewitsch, sich über die Lehne des Stuhles beugend und dem in
-Begleitung eines hohen Gardeobersten auf ihn zukommenden Wronskiy, die
-Hand entgegenstreckend. In dem Gesicht Wronskiys leuchtete gleichfalls
-die allgemeine heitere Klubgemütlichkeit. Frohgelaunt stützte er sich
-auf die Schulter Stefan Arkadjewitschs, indem er demselben etwas
-zuflüsterte, und streckte Lewin mit dem nämlichen heiteren Lächeln die
-Hand entgegen.
-
-»Sehr erfreut, Euch hier zu treffen,« sagte er. »Ich hatte Euch
-damals nach den Wahlen gesucht, man sagte mir aber, Ihr wäret schon
-weggefahren.«
-
-»Ja; ich bin noch denselben Tag fortgefahren; wir hatten übrigens
-soeben von Eurem Pferde gesprochen. Ich gratuliere Euch,« sagte Lewin,
-»das war ein sehr schneller Ritt!«
-
-»Ihr habt doch wohl auch Pferde?«
-
-»Nein; mein Vater hatte welche; doch ich besinne mich noch und kenne
-das.«
-
-»Wo hast du gespeist?« frug Stefan Arkadjewitsch.
-
-»Wir sitzen am zweiten Tisch; hinter den Säulen.«
-
-»Man hat ihm gratuliert,« sagte der hochgewachsene Oberst.
-
-»Es war der zweite Kaiserpreis; wenn ich doch solches Glück in den
-Karten hätte, wie er mit den Pferden.«
-
-»Aber, wozu die goldene Zeit verlieren! Ich gehe in das Infernalische,«
-sagte der Oberst und verließ den Tisch.
-
-»Das war Jaschwin,« sagte Wronskiy zu Turowzyn und setzte sich auf den
-neben ihnen freigewordenen Platz. Nachdem er den ihm vorgesetzten Pokal
-geleert hatte, bestellte er eine Bouteille. Mochte nun der Einfluß der
-Klublaune oder der des genossenen Weines schuld sein, genug, Lewin
-unterhielt sich mit Wronskiy über die beste Viehrasse, und es war ihm
-sehr lieb, daß er keine Feindseligkeit mehr gegen diesen Mann empfand.
-Er sagte demselben sogar unter anderem, er habe von seiner Frau gehört,
-sie sei ihm bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet.
-
-»Ach, die Fürstin Marja Borisowna; die ist reizend!« sagte Stefan
-Arkadjewitsch, und erzählte nun eine Anekdote von ihr, welche alle zu
-lachen machte. Besonders Wronskiy lachte so herzlich, daß Lewin sich
-vollständig mit ihm ausgesöhnt fühlte.
-
-»Nun, seid Ihr fertig?« frug Stefan Arkadjewitsch aufstehend, und
-lächelte. »Gehen wir!«
-
-
- 8.
-
-Vom Tische aufstehend, ging Lewin, in dem Gefühl, daß ihm beim Gehen
-die Hände eigentümlich sicher und leicht in der Bewegung waren, mit
-Gagin durch die hohen Zimmer nach dem Billardsaal. Als er durch den
-großen Saal schritt, traf er seinen Schwiegervater.
-
-»Nun, was sagst du? Wie gefällt dir unser Tempel der Muße?« sagte der
-Fürst, ihn am Arme nehmend. »Komm, gehen wir weiter!«
-
-»Auch ich wollte gehen und ein wenig zuschauen. Es ist interessant.«
-
-»Ja, für dich. Doch für mich ist das Interesse schon ein anderes, als
-für dich. Du schaust freilich auf diesen Alten da,« sprach er, auf ein
-gebücktes Mitglied des Klubs mit herabhängender Lippe zeigend, welches,
-nur mit Mühe die Füße in den weiten Stiefeln weiterschiebend, ihnen
-entgegenkam, »und denkst dabei, daß sie schon als solche alte Ruinen
-geboren worden sind.«
-
-»Was ist das, Ruinen?«
-
-»Du kennst diese Benennung wohl noch nicht. Es ist das unser
-Klubausdruck. Weißt du: wenn Einer Jahr aus Jahr ein in den Klub kommt,
-so wird endlich eine Ruine aus ihm. Ja, du lachst darüber, aber unser
-einer muß schon aufpassen, wenn er selbst unter die Ruinen kommt. Du
-kennst doch den Fürsten Tschetschenskiy?« frug der Fürst und Lewin sah
-an seinem Gesicht, daß er im Begriff sei, etwas Witziges zu sagen.
-
-»Nein, ich kenne ihn nicht.«
-
-»Nun, gewiß doch; der Fürst Tschetschenskiy ist ja bekannt. Doch
-gleichviel! -- Der spielt also ewig Billard. Vor drei Jahren war er
-noch nicht unter den Ruinen und noch rüstig. Ja, er selbst nannte
-andere Ruinen. Doch da kommt er einstmals an, und unser Portier, du
-kennst ihn doch, den Wasiliy? Nun, der Dicke! Der ist groß in Bonmots!
-Den frägt der Fürst Tschetschenskiy, >he, Wasiliy, wer ist denn alles
-gekommen? Sind Ruinen mit dabei?< Wasiliy antwortet ihm: >Ihr seid die
-dritte darunter.< -- Ja, Bruder; so ist es.« --
-
-Unter Gespräch und Begrüßungen mit begegnenden Bekannten ging Lewin
-mit dem Fürsten durch alle Zimmer; durch das große, in welchem bereits
-die Tische standen und die an nicht hohes Spiel gewöhnten Partner
-spielten, dann in das Diwanzimmer, wo man Schach spielte, und wo
-Sergey Iwanowitsch im Gespräch mit jemand saß -- hierauf durch das
-Billardzimmer, wo in einer Zimmernische bei dem Diwan eine lustige
-Champagnergesellschaft, an welcher Gagin teilnahm, sich etabliert
-hatte. Sie warfen auch einen Blick in das »infernalische Zimmer«, wo
-sich um einen Tisch, hinter welchem Jaschwin bereits Platz genommen
-hatte, viele Setzende drängten.
-
-Sich bemühend, Geräusch zu vermeiden, begaben sie sich auch nach dem
-dämmrigen Lesezimmer, wo unter den Lampen einsam ein junger Mann mit
-galligem Gesicht saß, der ein Journal nach dem andern ergriff, und ein
-kahlköpfiger General, der in seine Lektüre vertieft war. Sie gingen
-auch nach dem Zimmer, welches der Fürst »das verständige« nannte. In
-diesem Raume sprachen drei Herren eifrig über die letzte politische
-Neuigkeit.
-
-»Fürst, wenn es gefällig ist; alles bereit,« sagte einer seiner
-Partner, ihn hier findend, und der Fürst ging. Lewin blieb sitzen,
-hörte zu, aber plötzlich wurde es ihm, indem er sich des heutigen
-Morgens erinnerte, entsetzlich langweilig zu Mute. Er erhob sich hastig
-und ging, um Oblonskiy und Turowzyn zu suchen, in deren Gesellschaft es
-heiter zuging.
-
-Turowzyn saß mit einem Kruge auf einem hohen Diwan im Billardzimmer,
-und Stefan Arkadjewitsch und Wronskiy unterhielten sich an der Thür in
-einer entfernten Ecke des Zimmers.
-
-»Nicht, daß sie sich langweilte, aber diese Unbestimmtheit, die
-Unentschiedenheit in ihrer Lage,« hörte Lewin und wollte sich eiligst
-zurückziehen, doch Stefan Arkadjewitsch rief ihn herbei.
-
-»Lewin!« sagte Stefan Arkadjewitsch, und Lewin bemerkte in seinen Augen
-zwar nicht Thränen, wohl aber eine gewisse Feuchtigkeit, wie dies stets
-der Fall bei ihm war, wenn er entweder getrunken hatte, oder in Gefühl
-zerfloß. Jetzt war bei ihm beides der Fall.
-
-»Lewin geh' nicht fort,« sprach er und drückte seinen Arm fest mit
-seiner Hand, augenscheinlich mit dem Wunsche, ihn um keinen Preis von
-sich zu lassen.
-
-»Dies ist mein aufrichtigster, vielleicht mein bester Freund,« sagte er
-zu Wronskiy, »du bist mir gleichfalls mehr vertraut und teuer, und ich
-will und weiß, daß ihr Freunde und Vertraute werden müßt, da ihr beide
-gute Menschen seid.«
-
-»Nun, dann bleibt uns nur übrig, den Bruderkuß zu tauschen,« sagte
-Wronskiy, gutmütig scherzend und Lewin die Hand reichend.
-
-Dieser nahm schnell die dargebotene Hand und drückte sie fest.
-
-»Es freut mich sehr, sehr,« sagte Lewin, seine Hand drückend.
-
-»Kellner, eine Flasche Champagner,« befahl Stefan Arkadjewitsch.
-
-»Auch ich freue mich herzlich,« äußerte Wronskiy.
-
-Trotz des Wunsches Stefan Arkadjewitschs, und ihrer beiderseitigen
-Absicht, wußten sie doch nichts weiteres zu sagen, und beide fühlten
-dies.
-
-»Du weißt, daß er mit Anna nicht bekannt ist?« sagte Stefan
-Arkadjewitsch zu Wronskiy, »ich will ihn aber unbedingt mit ihr in
-Verbindung bringen. Komm Lewin!«
-
-»Solltet Ihr!« sagte Wronskiy, »sie wird sich sehr freuen! Ich würde
-sogleich nach Haus fahren,« fügte er hinzu, »doch Jaschwin beunruhigt
-mich und ich will hier bleiben, bis er aufhört.«
-
-»Nun, steht es schlecht mit ihm?«
-
-»Er verliert fortwährend, und ich allein nur kann ihn abhalten.«
-
-»Wie wäre es mit einer Pyramide? Lewin spielst du? Schön!« sagte Stefan
-Arkadjewitsch, »stelle eine Pyramide,« wandte er sich zu dem Marqueur.
-
-»Schon längst fertig,« erwiderte dieser, der bereits die Bälle in das
-Dreieck gesetzt hatte und zum Zeitvertreib den roten roulieren ließ.
-
-»Stoßt!«
-
-Nach der Partie ließen sich Wronskiy und Lewin an dem Tische Gagins
-nieder, und Lewin begann, dem Vorschlage Stefan Arkadjewitschs folgend,
-auf die Asse zu setzen. Wronskiy saß bald am Tische, fortwährend
-umgeben von zu ihm kommenden Bekannten, bald begab er sich in das
-»Infernalische«, um nach Jaschwin zu sehen. Lewin verspürte eine
-angenehme Erholung von der geistigen Abgespanntheit am Vormittag. Ihn
-erfreute die Beilegung der Feindschaft mit Wronskiy, und ein Gefühl von
-Beruhigung, Standeswürde und Frohsinn verließ ihn nicht mehr.
-
-Als die Partie zu Ende war, nahm Stefan Arkadjewitsch Lewin unter dem
-Arm.
-
-»Gehen wir also zu Anna! Sogleich? Ja? Sie ist zu Haus. Ich habe ihr
-schon seit Langem versprochen, dich einmal mit zu ihr zu bringen. Wohin
-willst du für den Abend gehen?«
-
-»Ich habe nichts Besonderes vor. Swijashskiy hatte ich versprochen, in
-die Gesellschaft für Landwirtschaft zu kommen. Fahren wir hin, wenn du
-willst,« sagte Lewin.
-
-»Ausgezeichnet! Fahren wir! Frage doch, ob mein Wagen gekommen ist!«
-wandte sich Stefan Arkadjewitsch an einen Lakaien.
-
-Lewin trat zum Tische, bezahlte vierzig Rubel, die von ihm auf die
-Asse verspielt worden waren, sowie mit einer gewissen geheimnisvollen
-Manier die Ausgaben für den Klub, die dem alten Lakaien, welcher an
-der Schwelle stand, bekannt waren, und schritt dann mit eigentümlichen
-Armbewegungen durch sämtliche Säle dem Ausgang zu.
-
-
- 9.
-
-»Oblonskiys Wagen!« rief mit starkem Baß der Portier.
-
-Der Wagen fuhr vor und beide nahmen Platz. Nur während der ersten
-Zeit, so lange der Wagen aus dem Thor des Klubhauses fuhr, hatte
-Lewin noch das Gefühl der Klubbehaglichkeit, zufriedener Stimmung und
-der unzweifelhaften Noblesse der Umgebung, kaum aber war der Wagen
-auf die Straße hinausgefahren, kaum fühlte er das Rollen des Wagens
-auf der unebenen Straße, hatte er den heftigen Ruf eines begegnenden
-Mietkutschers vernommen, und bei der mangelhaften Beleuchtung das rote
-Schild einer Schenke und eines Kaufladens wieder erblickt, da war
-dieser Eindruck vernichtet, und er begann abermals seine Handlungsweise
-zu überlegen und sich zu fragen, ob er gut daran thue, zu Anna zu
-fahren. Was würde Kity sagen?
-
-Stefan Arkadjewitsch ließ ihn indessen nicht zum Nachdenken kommen,
-und, als ob er seine Zweifel erriete, zerstreute er sie.
-
-»Wie freue ich mich,« sprach er, »daß du sie kennen lernen wirst. Du
-weißt, Dolly hat dies längst gewünscht. Auch Lwoff war bei ihr und
-kommt noch zu ihr. Obwohl sie meine Schwester ist,« fuhr er fort, »kann
-ich doch rückhaltslos sagen, daß sie ein merkwürdiges Weib ist. Du
-wirst ja sehen. Ihre Lage ist sehr schwierig, besonders jetzt.«
-
-»Weshalb denn besonders jetzt?«
-
-»Wir pflegen Verhandlungen mit ihrem Manne über die Ehescheidung. Er
-ist damit einverstanden, aber es giebt Schwierigkeiten bezüglich ihres
-Sohnes, und die Sache, welche schon längst erledigt sein müßte, zieht
-sich nun schon drei Monate hin. Sobald die Scheidung stattgefunden
-haben wird, heiratet sie Wronskiy. Wie thöricht ist doch jene alte
-Gewohnheit des sich Drehens und Wendens, der niemand mehr glaubt, und
-welche dem Glück der Leute im Wege steht!« sagte Stefan Arkadjewitsch.
-»Nun, dann aber wird ihr Glück ein gesichertes sein, so wie das meine,
-das deine.«
-
-»Worin beruht aber die Schwierigkeit?« frug Lewin.
-
-»Ach, das ist eine lange und langweilige Geschichte! Alles daran ist
-so unbestimmt. Doch die Sache ist die, sie trägt die Schuld. Indem
-sie diese Scheidung in Moskau erwartet, wohnt sie schon drei Monate
-hier, wo jedermann ihn und sie kennt. Sie fährt nirgendshin, sieht
-keine der Damen, außer Dolly, weil sie es, weißt du, nicht will, daß
-man aus Mitleid zu ihr käme. Selbst diese Närrin, die Fürstin Barbara,
-hat sie verlassen, weil sie ihre Gegenwart für unschicklich hält.
-Unter solchen Verhältnissen, in solcher Lage, würde ein anderes Weib
-keine Stützpunkte in sich finden. Sie aber, du wirst es sehen, wie
-sie sich ihr Leben eingerichtet hat, wie ruhig, wie würdevoll sie
-ist. -- Links, durch das Seitengäßchen, gegenüber der Kirche« -- rief
-Stefan Arkadjewitsch plötzlich, sich durch das Wagenfenster beugend.
-»O, welche Hitze!« sagte er, trotz der zwölf Grad Kälte noch mehr mit
-seinem Pelze fächelnd, der schon offen stand.
-
-»Sie hat doch wohl eine Tochter, wahrscheinlich beschäftigt sie sich
-mit dieser?« sagte Lewin.
-
-»Du scheinst dir jede Frau nur als eine Bruthenne vorzustellen, =une
-couveuse=,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Wenn eine Frau beschäftigt
-ist, muß sie es unfehlbar mit Kindern sein! Nun, sie erzieht das Kind
-ja vorzüglich, wie es scheint, aber man hört nichts weiter davon. Sie
-ist vor allem damit beschäftigt, zu schreiben. Ich sehe schon, du
-lächelst ironisch, aber umsonst. Sie schreibt ein Buch für Kinder und
-sagt niemand etwas davon; mir aber hat sie es vorgelesen und ich habe
-das Manuskript Workujeff gegeben -- du weißt, der Verleger -- er ist ja
-selbst Schriftsteller, wie mir scheint. Der versteht doch die Sache und
-sagt, daß es sich hier um einen interessanten Stoff handle. Du denkst
-gewiß, was ist ein schriftstellerndes Weib! Denke das nicht! Sie ist
-vor allem ein Weib mit einem Herzen, du wirst ja sehen. Jetzt hat sie
-eine kleine Engländerin und eine ganze Familie, von der sie in Anspruch
-genommen ist.«
-
-»Also etwas Menschenfreundliches?«
-
-»Du siehst doch immer nur sofort das Üble; es ist nichts
-philanthropisches, sondern eine Herzenssache. Sie hatten -- ich meine
-Wronskiy -- einen englischen Traineur, einen Meister in seinem Fache,
-aber auch Säufer. Der hat sich vollständig zu Schanden getrunken --
-=delirium tremens= -- und die Familie war verlassen. Da erblickte sie
-die Leute, sie half, bekümmerte sich um sie, und jetzt ist die ganze
-Familie in ihrer Obhut; und sie hat dies nicht nur so von oben herab
-gethan, mit Geld, sondern bereitet selbst die Knaben auf russisch für
-das Gymnasium vor und hat das kleine Mädchen zu sich genommen. Du wirst
-dieses ja sehen.«
-
-Der Wagen fuhr auf den Hof und Stefan Arkadjewitsch schellte laut an
-der Einfahrt, vor welcher ein Schlitten stand.
-
-Ohne den öffnenden Dienstmann zu fragen, ob man daheim sei, begab sich
-Stefan Arkadjewitsch in den Flur. Lewin folgte ihm, mehr und mehr in
-Zweifel geratend, ob er recht oder nicht recht handle.
-
-In einen Spiegel blickend, bemerkte er, daß er rot aussehe, doch war er
-überzeugt, nicht berauscht zu sein und stieg die mit Teppichen belegte
-Treppe hinauf, hinter Stefan Arkadjewitsch her.
-
-Oben frug dieser einen Lakaien, welcher sich verbeugte, wie man einen
-niedriger Stehenden grüßt, wer bei Anna Arkadjewna sei? und erhielt zur
-Antwort »Herr Workujeff«.
-
-»Wo ist man?«
-
-»Im Kabinett.«
-
-Durch den kleinen Speisesalon mit den dunkeln, holzbekleideten Wänden,
-traten sie auf dem weichen Teppich in ein halbdunkles Kabinett, welches
-nur von einer Lampe mit großem dunklen Schirm erleuchtet wurde. Eine
-andere Lampe brannte als Refraktor an der Wand und erleuchtete das in
-Lebensgröße gemalte Porträt einer Frau, welchem Lewin unwillkürlich
-seine Aufmerksamkeit zuwandte. Es war dies das in Italien von
-Michailoff gefertigte Porträt Annas. Während Stefan Arkadjewitsch
-hinter eine Traillage schritt, und eine männliche Stimme, welche
-gesprochen hatte, verstummte, betrachtete Lewin das Porträt, welches
-in der schimmernden Beleuchtung aus dem Rahmen heraustrat, und konnte
-sich nicht davon losreißen. Er hatte sogar vergessen, wo er war, und
-verwendete, ohne zu hören, was gesprochen wurde, kein Auge von dem
-wunderbaren Bild.
-
-Das war kein Bild mehr, sondern eine lebende, reizende Frau mit
-schwarzen wallenden Haaren, entblößten Schultern und Händen und
-sinnigem halben Lächeln auf den von einem zarten Flaume überdeckten
-geöffneten Lippen, welche ihn sieghaft und zärtlich mit ihren
-verwirrenden Augen anschaute. Nur insofern war sie nicht belebt, als
-sie schöner war, wie eine Lebende sein konnte.
-
-»Sehr erfreut,« vernahm er plötzlich neben sich eine Stimme, die sich
-augenscheinlich an ihn wandte; die Stimme desselben Weibes, in welches
-er sich auf dem Porträt im Anschauen verloren hatte.
-
-Anna war ihm entgegengekommen, hinter der Traillage hervor, und Lewin
-gewahrte im Zwielicht des Kabinetts die nämliche Frau des Porträts,
-in dunklen, buntfarbig blauem Kleid, nicht in derselben Stellung,
-nicht mit dem nämlichen Ausdruck, wohl aber mit derselben Hoheit jener
-Schönheit, in welcher sie von dem Künstler auf dem Bilde erfaßt worden
-war. Sie war weniger glänzend in der Wirklichkeit, aber dafür lag in
-der Lebenden etwas Ungewohntes, Anziehendes, was nicht im Porträt war.
-
-
- 10.
-
-Sie trat ihm entgegen, ohne ihre Freude, ihn zu sehen, zu verhehlen.
-In dieser Ruhe, mit welcher sie ihm die kleine und energische Hand
-entgegenstreckte, ihn mit Workujeff bekannt machte und dann auf ein
-rothaariges, hübsches kleines Mädchen zeigte, welches hier bei einer
-Arbeit saß, und das sie ihre Pflegebefohlene nannte, lagen die Lewin
-bekannten, angenehmen Manieren der Frau aus der großen Welt, die stets
-ruhig und natürlich sind.
-
-»Es ist mir sehr, sehr angenehm,« wiederholte sie, und in ihrem Munde
-erhielten diese einfachen Worte für Lewin aus unbekanntem Grunde
-eine eigentümliche Bedeutung. »Ich kenne und liebe Euch lange schon
-wegen Eurer Freundschaft für Stefan und wegen Eures Weibes; ich habe
-dieses nur kurze Zeit gekannt, aber es hat in mir den Eindruck einer
-reizenden Blüte hinterlassen, ja, einer Blüte! Sie wird also bald
-Mutter werden?«
-
-Anna sprach ungezwungen und ohne Hast, bisweilen ihren Blick von Lewin
-auf ihren Bruder richtend. Ersterer empfand, daß der Eindruck, den er
-hervorbrachte, ein guter sein mußte, und sogleich wurde es ihm nun in
-ihrer Gesellschaft so leicht, so frei und behaglich zu Mut, als hätte
-er sie von Kindheit an gekannt.
-
-»Ich habe mit Iwan Petrowitsch im Kabinett Alekseys Platz genommen,«
-sagte sie, Stefan Arkadjewitsch auf dessen Frage, ob man rauchen
-dürfe, -- antwortend »damit er eben rauchen könne,« und nahm, auf
-Lewin blickend, anstatt zu fragen ob er rauche, ein Cigarrenetuis von
-Schildkrot, aus welchem sie eine Cigarette zog.
-
-»Wie steht es jetzt mit deiner Gesundheit?« frug sie ihr Bruder.
-
-»Wie soll es gehen; die Nerven sind stets dieselben.«
-
-»Nicht wahr, ziemlich gut?« sagte Stefan Arkadjewitsch, bemerkend, daß
-Lewin das Porträt betrachtete.
-
-»Ich habe noch nie ein besseres Porträt gesehen.«
-
-»Und ziemlich ähnlich, nicht wahr?« sagte Workujeff.
-
-Lewin schaute vom Porträt auf das Original. Ein eigentümlicher Glanz
-erleuchtete das Antlitz Annas, während sie seinen Blick auf sich ruhen
-fühlte. Lewin errötete, und wollte, um seine Verlegenheit zu verbergen,
-fragen, ob es schon längere Zeit her sei, daß sie Darja Aleksandrowna
-gesehen habe, doch im selben Augenblick begann Anna:
-
-»Ich habe mit Iwan Petrowitsch soeben von den letzten Gemälden
-Waschtschenkoffs gesprochen. Habt Ihr sie gesehen?«
-
-»Ja, ich habe sie gesehen,« antwortete Lewin.
-
-»Doch entschuldigt, ich habe Euch unterbrochen, Ihr wolltet sagen« --
-
-Lewin frug, ob sie vor längerer Zeit Dolly gesehen hätte.
-
-»Gestern war sie bei mir; sie ist wegen Grischa sehr schlecht auf das
-Gymnasium zu sprechen. Der Lehrer im Lateinischen scheint es, ist
-ungerecht gewesen gegen ihn.«
-
-»Ich habe die Bilder gesehen; sie haben mir sehr gefallen,« wandte sich
-Lewin zu dem von ihr begonnenen Gespräch zurück.
-
-Lewin sprach jetzt ganz und gar nicht mehr von jener handwerksmäßigen
-Stellung zum Gegenstande, aus der er am Morgen gesprochen hatte. Jedes
-Wort der Unterhaltung mit ihr erhielt eine eigentümliche Bedeutung.
-Schon mit ihr reden war ihm angenehm, noch angenehmer aber, ihr
-zuzuhören.
-
-Anna sprach nicht nur natürlich, und klug, sondern auch klug und ohne
-Zwang, ohne ihren Gedanken Wert beizulegen, während sie den Ideen des
-anderen großes Gewicht beilegte.
-
-Das Gespräch drehte sich um die neue Richtung in der Kunst, um die neue
-Illustration der Bibel durch einen französischen Künstler. Workujeff
-zieh den Künstler eines Realismus, der bis zur Derbheit ging. Lewin
-sagte, daß die Franzosen das Abstrakte in der Kunst entwickelt hätten
-wie niemand, und sie daher ein besonderes Verdienst in der Rückkehr zum
-Realismus erblickten. Schon darin, daß sie nicht mehr lögen, sähen sie
-Poesie.
-
-Noch nie hatte Lewin etwas Vernünftiges, was er je einmal gesagt
-haben mochte, so viel Vergnügen gemacht, als dies. Das Gesicht Annas
-erglänzte plötzlich über und über, als sie diesen Gedanken momentan
-abwog. Sie begann zu lächeln.
-
-»Ich lache,« sagte sie, »wie man lacht, wenn man ein sehr ähnliches
-Porträt sieht. Das, was Ihr sagtet, charakterisiert jetzt vollkommen
-die französische Kunst, wie sie jetzt ist, die Malerei, und selbst die
-Litteratur; Zola, Daudet. Doch ist es vielleicht stets so, daß man
-seine =conceptions= aus erdachten, abstrakten Gestalten konstruiert,
-dann aber, nachdem alle =combinaisons= ausgeführt sind, die von
-erdachten Gestalten langweilen und man beginnt, natürlichere wahrhafte
-Gestalten auszusinnen.«
-
-»Das ist vollkommen richtig,« sagte Workujeff.
-
-»Ihr waret wohl im Klub?« wandte sie sich zu ihrem Bruder.
-
-»Ja, das ist ein Weib!« dachte Lewin, sich ganz vergessend und
-unverwandt in ihr schönes, bewegliches Gesicht blickend, welches sich
-jetzt plötzlich vollkommen verändert hatte. Lewin hörte nicht, wovon
-sie sprach, indem sie sich zu ihrem Bruder gewandt hatte, er war
-betroffen von der Veränderung ihres Ausdrucks. Vorher so herrlich in
-seiner Ruhe, drückte ihr Gesicht plötzlich eine seltsame Neugier, Zorn
-und Stolz aus. Doch dies währte nur eine Minute. Dann blinzelte sie,
-als denke sie an Etwas.
-
-»Nun ja, dies ist aber doch für niemand von Interesse,« sagte sie und
-wandte sich zu der kleinen Engländerin.
-
-»=Please, order the tea in the drawing-room=.«
-
-Das kleine Mädchen erhob sich und ging hinaus.
-
-»Nun; hat sie das Examen bestanden?« frug Stefan Arkadjewitsch.
-
-»Vorzüglich. Es ist ein sehr beanlagtes Mädchen und ein liebenswerter
-Charakter.«
-
-»Und die Sache wird damit enden, daß du sie mehr liebst, als dein
-eigenes Kind.«
-
-»So spricht ein Mann. In der Liebe giebt es kein mehr oder weniger;
-ich liebe meine Tochter mit einer bestimmten, dieses Mädchen mit einer
-anderen Liebe.«
-
-»Ich sage eben zu Anna Arkadjewna,« sagte Workujeff, »daß sie, wenn sie
-auch nur ein Hundertstel der Energie, welche sie für diese Engländerin
-einsetzt, auf das gemeinsame Werk der russischen Kindererziehung
-verwendete, eine große, nützliche That vollbrächte.«
-
-»Ja, das was Ihr da wollt, konnte ich nicht. Graf Aleksey Kyrillowitsch
-hat mich lebhaft ermuntert« -- indem sie die Worte »Graf Aleksey
-Kyrillowitsch« aussprach, schaute sie schüchtern fragend Lewin an,
-welcher ihr unwillkürlich mit einem ehrerbietigen und bestätigenden
-Blicke antwortete, »mich mit dem Dorfschulwesen zu befassen. Ich
-kümmerte mich mehrmals darum; die Schulen sind mir sehr wert, aber ich
-vermochte es nicht, mich der Sache zu widmen. Ihr sprecht von Energie?
-Die Energie beruht auf der Liebe, und die Liebe läßt sich nicht irgend
-woher nehmen, nicht anbefehlen. So habe ich dieses Mädchen da lieb
-gewonnen, ohne selbst zu wissen, weshalb.«
-
-Sie blickte wiederum Lewin an; ihr Lächeln, ihr Blick, alles sagte ihm,
-daß sie an ihn nur ihre Worte richte, seine Meinung würdige, und dabei
-im voraus wisse, daß sie sich gegenseitig verstanden.
-
-»Ich begreife das vollkommen,« antwortete Lewin, »für die Schule
-und überhaupt für ähnliche Einrichtungen läßt sich nicht das Herz
-einsetzen, und ich glaube, daß eben infolge dessen diese humanistischen
-Einrichtungen stets so geringe Resultate erzielen.«
-
-Anna schwieg eine Weile, dann lächelte sie. »Ja, ja,« bestätigte sie,
-»ich habe das nie vermocht. =Je n'ai pas le coeur assez large=, um ein
-ganzes Bewahrungshaus voller häßlicher kleiner Mädchen lieb haben zu
-können. =Cela ne m'a jamais réussi=. Es giebt jedoch so viele Frauen,
-welche sich hieraus eine =position sociale= begründet haben. Und
-jetzt,« sprach sie mit trauerndem, zutraulichem Ausdruck, äußerlich zu
-ihrem Bruder gewendet, augenscheinlich aber nur zu Lewin: »jetzt, wo
-mir eine Beschäftigung so nötig ist, kann ich es um so weniger.«
-
-Plötzlich finster werdend -- Lewin nahm wahr, daß sie es über sich
-selbst wurde, weil sie über sich gesprochen hatte -- veränderte sie
-aber das Thema.
-
-»Ich weiß von Euch,« sagte sie zu Lewin, »daß Ihr ein schlechter Bürger
-seid, und ich habe Euch doch verteidigt, so gut ich es verstand.«
-
-»Wie habt Ihr mich denn verteidigt?«
-
-»Bezüglich gewisser Angriffe. Indessen, ist nicht ein wenig Thee
-gefällig?« Sie erhob sich und nahm ein in Saffian gebundenes Buch zur
-Hand.
-
-»Gebt mir dasselbe, Anna Arkadjewna,« sagte Workujeff, auf das Buch
-zeigend, »es ist recht wohl wert.«
-
-»O nein; es ist noch so ungefeilt.«
-
-»Ich habe ihm davon gesagt,« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an seine
-Schwester, auf Lewin deutend.
-
-»Das hast du unnötigerweise gethan. Meine Schrift ist so nach Art jener
-Körbchen und Schnitzereien, die mir die Lisa Marzalowa aus den Ostrogs
-bisweilen verkaufte. Sie besuchte in seiner Gesellschaft die Ostrogs.
-Die Unglücklichen haben da Wunder an Geduldsproben geleistet.«
-
-Lewin entdeckte einen neuen Zug an diesem Weibe, das ihm so
-außerordentlich gefiel. Außer Verstand, Grazie und Schönheit besaß
-sie auch Treuherzigkeit. Sie wollte vor ihm all das Drückende ihrer
-Lage gar nicht verheimlichen; und als sie dies gesagt hatte, seufzte
-sie, und ihr Gesicht, welches plötzlich einen strengen Ausdruck
-annahm, hatte sich gleichsam versteinert. Mit diesem Ausdruck auf
-den Zügen aber war sie noch schöner als vorher, doch derselbe war ein
-fremdartiger; er stand außerhalb dieses von Glück schimmernden, Glück
-erzeugenden Kreises von Ausdrücken, wie sie von dem Künstler auf dem
-Porträt aufgefangen worden waren. Lewin blickte noch einmal auf das
-Bild und auf ihre Gestalt, wie sie, den Arm des Bruders nehmend, mit
-diesem durch die hohe Thür schritt, und er empfand eine Zärtlichkeit
-und ein Mitleid mit ihr, das ihn selbst in Erstaunen versetzte.
-
-Sie hatte Lewin und Workujeff gebeten, in den Salon zu treten, während
-sie selbst zurückgeblieben war, um mit dem Bruder über Etwas zu
-sprechen.
-
-»Spricht sie von ihrer Ehescheidung, von Wronskiy, oder darüber, was er
-im Klub macht, oder von mir?« dachte Lewin, und die Frage, was sie mit
-Stefan Arkadjewitsch besprechen möchte, versetzte ihn so in Aufregung,
-daß er fast gar nicht vernahm, was ihm Workujeff über die Vorzüge des
-von Anna Arkadjewna geschriebenen Kinderromans erzählte.
-
-Beim Thee wurde das nämliche, so angenehme, gehaltvolle Gespräch
-fortgesetzt. Es gab nicht nur keine einzige Minute, während welcher man
-nach einem Stoff für die Unterhaltung hätte suchen müssen, sondern im
-Gegenteil war fühlbar, daß man nur aussprach, was man sagen wollte, um
-sogleich bereitwillig innezuhalten und zu hören, was der andere sagte.
-Alles aber, was man auch sprechen mochte, sagte sie es nun selbst, oder
-Workujeff, oder Stefan Arkadjewitsch, alles erhielt wie Lewin schien,
-dank ihrer Aufmerksamkeit und ihren Bemerkungen, ein eigenartiges
-Gewicht.
-
-Das interessante Gespräch verfolgend, versenkte sich Lewin während der
-ganzen Zeit in ihren Anblick und in ihre Schönheit, ihren Geist, ihre
-Bildung, und zugleich in ihre Natürlichkeit und Innerlichkeit. Mochte
-er zuhören oder reden, fortwährend dachte er an sie, an ihr inneres
-Leben, und bemühte sich, ihre Empfindungen zu erraten.
-
-Er, der sie früher so streng verurteilt hatte, er rechtfertigte sie
-jetzt nach einem seltsamen Gedankengang, bemitleidete sie zugleich, und
-fürchtete, daß Wronskiy sie nicht vollkommen verstehen möchte. In der
-elften Stunde, als Stefan Arkadjewitsch sich erhob, um vorzufahren --
-Workujeff war schon zeitiger aufgebrochen -- schien es Lewin, als sei
-er soeben erst angekommen. Nur ungern stand er gleichfalls auf.
-
-»Lebt wohl,« sagte sie, seine Hand festhaltend und ihm mit anziehendem
-Blick ins Auge schauend; »ich freue mich recht sehr, =que la glace est
-rompue=.« Sie ließ seine Hand los und blinzelte mit den Augen. »Teilt
-Eurer Gattin mit, daß ich sie noch so lieb habe wie früher, und daß
-ich, wenn sie mir meine Situation nicht vergeben kann, wünsche, sie
-möge mir niemals verzeihen. Um vergeben zu können, muß man durchleben,
-was ich durchlebt habe, und davor behüte sie der Himmel.«
-
-»Ich werde es sicher ausrichten,« sagte Lewin errötend.
-
-
- 11.
-
-»Welch ein bewundernswertes, liebenswertes und beklagenswertes Weib,«
-dachte er, als er mit Stefan Arkadjewitsch in die kalte Luft hinaustrat.
-
-»Nun, was sagst du? Ich hatte dir schon gesagt,« begann Stefan
-Arkadjewitsch, welcher sah, daß Lewin vollständig besiegt war.
-
-»Ja,« versetzte dieser gedankenvoll, »ein ungewöhnliches Weib! Nicht
-nur, daß sie Verstand besitzt, sie ist auch wunderbar innig. Mir thut
-sie außerordentlich leid.«
-
-»Jetzt wird ja wohl, so Gott will, bald alles in Ordnung sein. Man muß
-nur nicht zu früh richten,« sagte Stefan Arkadjewitsch, die Wagenthür
-öffnend; »entschuldige, wir haben doch nicht einen Weg.«
-
-Fortwährend an Anna denkend, an alle die so einfachen Gespräche, welche
-mit ihr gepflogen worden waren, und sich dabei alle Einzelheiten ihres
-Gesichtsausdrucks ins Gedächtnis zurückrufend, mehr und mehr in ihre
-Lage eindringend und Mitleid mit ihr empfindend, fuhr Lewin nach Hause.
-
- * * * * *
-
-Daheim berichtete ihm Kusma, daß Katharina Aleksandrowna sich wohl
-befinde, sowie, daß die Schwestern nicht lange erst weggefahren wären,
-und überreichte zwei Briefe.
-
-Lewin las dieselben gleich an Ort und Stelle, im Vorzimmer, um sich
-später nicht davon ablenken lassen zu müssen. Der eine Brief war von
-Sokoloff, seinem Verwalter. Sokoloff schrieb, daß der Weizen nicht
-verkauft werden könne, da man nur fünf und einen halben Rubel gebe,
-und ein höheres Gebot nirgends zu erlangen sei. Der andere Brief war
-von seiner Schwester. Dieselbe machte ihm Vorwürfe darüber, daß ihre
-Angelegenheit noch immer nicht erledigt sei.
-
-»Nun; so werden wir für fünfeinhalb verkaufen, wenn man nicht
-mehr geben will,« entschied Lewin sofort mit einer ungewöhnlichen
-Leichtfertigkeit die erste Frage, die ihm früher so schwierig
-erschienen war. »Wunderbar, wie hier die Zeit stets in Anspruch
-genommen ist,« dachte er bei dem zweiten Briefe. Er fühlte sich
-schuldig der Schwester gegenüber, weil er bis jetzt nicht erledigt
-hatte, worum sie ihn gebeten. »Ich bin heute wieder nicht aufs
-Gericht gekommen, aber es war heute auch, als hätte man nicht die
-geringste Zeit.« Nachdem er beschlossen hatte, es morgen entschieden
-zur Ausführung zu bringen, begab er sich zu seiner Gattin. Auf dem
-Wege zu ihr ging er noch einmal schnell in der Erinnerung den ganzen
-Tag durch, so wie er ihn verbracht hatte. Alle Erlebnisse des Tages
-bestanden in Gesprächen -- Gesprächen, welche er angehört und an denen
-er teilgenommen hatte.
-
-Alle Gespräche hatten von Dingen gehandelt, mit denen er sich, hätte
-er allein und auf dem Lande gelebt, nie würde beschäftigt haben, die
-aber hier sehr interessant waren. Alle diese Gespräche waren auch gut
-gewesen; nur in zwei Punkten nicht so ganz. Der eine betraf das, was er
-von dem Hechte gesagt hatte, der andere, daß ihm Etwas »nicht richtig«
-vorkam in dem zarten Mitgefühl, welches er für Anna empfand.
-
-Lewin fand sein Weib verstimmt und gelangweilt. Die Tafel der drei
-Schwestern hatte sich ganz heiter gestaltet, dann aber hatte man
-auf ihn gewartet und gewartet, alles begann sich zu langweilen, die
-Schwestern fuhren von dannen und sie war allein zurückgeblieben.
-
-»Nun, was hast du denn gemacht?« frug sie, ihm in die Augen blickend,
-welche ein wenig verdächtig glänzten. Um ihn nicht zu hindern, alles zu
-erzählen, verbarg sie jedoch ihre Wahrnehmung und hörte mit billigendem
-Lächeln seiner Erzählung zu, wie er den Abend verlebt hatte.
-
-»Nun, ich freute mich sehr, daß ich Wronskiy begegnet bin. Ich habe
-mich recht wohl und unbefangen in seiner Gesellschaft gefühlt. Du
-begreifst, daß ich mich jetzt bemühen werde, ihn nie wieder zu sehen;
-aber diese peinliche Situation mußte doch ihr Ende erreichen,« sprach
-er, dachte daran, daß er »sich bemühend, ihn nie wieder zu sehen«,
-sogleich darauf zu Anna gefahren war, und errötete. »Da reden wir, daß
-das Volk trinkt; ich weiß nicht, wer mehr trinkt, das Volk oder unsere
-Gesellschaft; das Volk thut es wenigstens nur an Feiertagen, aber« --
-
-Kity interessierte indessen die Betrachtung, wie das Volk trinke,
-nicht. Sie hatte gesehen, daß er rot geworden war, und wünschte zu
-wissen, warum.
-
-»Nun, und wo warest du dann?«
-
-»Stefan bat mich aufs Dringendste, mit zu Anna Arkadjewna zu fahren.«
-
-Lewin hatte dies kaum gesagt, als er noch mehr errötete, und seine
-Zweifel darüber, ob er gut oder übel daran gethan habe, zu Anna zu
-fahren, waren endgültig entschieden. Er wußte jetzt, daß es nicht
-gerade nötig gewesen war, dies zu thun.
-
-Die Augen Kitys öffneten sich eigentümlich weit und blitzten auf
-bei dem Namen Annas, doch sich selbst bezwingend, verbarg Kity ihre
-Aufregung und täuschte ihn.
-
-»Ah,« sagte sie nur.
-
-»Du wirst wohl nicht ungehalten sein, daß ich dahin gefahren bin.
-Stefan bat mich und Dolly wünschte es,« fuhr Lewin fort.
-
-»O nein,« sagte sie, doch in ihren Augen las er ihre Anstrengung über
-sich selbst, die ihm nichts Gutes verhieß.
-
-»Sie ist sehr liebenswürdig, sehr, sehr beklagenswert, ein gutes Weib,«
-sagte er, von Anna erzählend, von ihren Beschäftigungen und von dem,
-was sie ihm auszurichten befohlen hatte.
-
-»Ja, natürlich, sie ist sehr beklagenswert,« sagte Kity, nachdem er
-geendet hatte. »Von wem hast du einen Brief erhalten?«
-
-Er gab ihr Bescheid, und ging, der Ruhe in ihrem Tone vertrauend, sich
-auszukleiden.
-
-Als er zurückkehrte, fand er Kity noch in demselben Sessel sitzend.
-Nachdem er zu ihr hingetreten war, blickte sie ihn an und brach in
-Thränen aus.
-
-»Was ist? Was ist denn?« frug er, schon vorher den Grund kennend.
-
-»Du hast dich verliebt in dieses abscheuliche Weib; sie hat dich
-bestrickt. Ich seh es an deinen Augen! Ja, ja; was soll daraus werden?
-Du hast im Klub getrunken, getrunken, gespielt und dann bist du zu ihr
-gefahren. Zu wem? Nein; wir reisen ab! Morgen reise ich ab!«
-
-Lewin vermochte lange nicht, sein Weib zu beruhigen. Endlich hatte er
-sie indessen beschwichtigt, jedoch nur dadurch, daß er eingestand, daß
-das Gefühl des Mitleids im Verein mit dem Weine ihn verleitet habe,
-und daß er dem hinterlistigen Einfluß Annas unterlegen sei, diese aber
-fortan meiden werde.
-
-Ein Umstand, welchen er am Aufrichtigsten eingestand, war der, daß er,
-so lange schon in Moskau, lediglich durch diese Unterhaltung, das Essen
-und Pokulieren um seine klare Vernunft gekommen sei.
-
-So sprachen sie bis drei Uhr nachts, und erst um drei Uhr hatten sie
-sich so weit versöhnt, daß sie Schlaf fanden.
-
-
- 12.
-
-Nachdem Anna ihre Gäste hinausgeleitet hatte, begann sie, ohne wieder
-Platz zu nehmen, im Gemach auf und abzuschreiten. Obwohl sie unbewußt
--- wie sie in letzter Zeit in ihrem Verhalten jungen Männern gegenüber
-stets gethan -- den ganzen Abend alles Mögliche versucht hatte, in
-Lewin die Empfindung der Liebe für sie zu erwecken, obwohl sie wußte,
-daß sie dies auch erreicht habe, so weit es eben in ihrem Verhältnis
-einem ehrenhaften verheirateten Manne gegenüber und für einen einzigen
-Abend möglich gewesen war -- obwohl auch er selbst ihr sehr gefallen
-hatte (trotz des scharfen Kontrastes, welcher vom Gesichtspunkt des
-Mannes aus zwischen Wronskiy und Lewin bestand, sah sie als Weib in
-beiden ganz ebenso das Gemeinsame, wodurch Kity Wronskiy wie Lewin
-liebgewonnen hatte), dachte sie nicht mehr seiner, sobald er das Zimmer
-verlassen hatte.
-
-Einundderselbe Gedanke verfolgte sie unablässig in verschiedenen
-Gestalten: »Wenn ich so auf andere wirke, auf diesen häuslichen,
-liebenden Mann, wie kommt es da, daß er so kalt ist gegen mich? Oder
-vielmehr, nicht daß er kalt wäre, er liebt mich, ich weiß es; aber
-etwas Fremdartiges trennt uns jetzt! Wie kommt es, daß er den ganzen
-Abend nicht hier ist? Er hat mir durch Stefan sagen lassen, daß er
-Jaschwin nicht verlassen könne und dessen Spiel verfolgen müsse. Was
-für ein Kind ist dieser Jaschwin? Aber gesetzt, es wäre wirklich so
--- er spricht ja nie die Unwahrheit -- so liegt in dieser Wahrheit
-doch etwas anderes! Er freut sich über die Gelegenheit, mir zeigen zu
-können, daß er auch noch andere Verpflichtungen hat. Ich weiß das, und
-bin damit einverstanden. Aber weshalb muß er mir dies zeigen? Er will
-mir beweisen, daß seine Liebe zu mir nicht seine Freiheit hemmen darf!
-Aber ich brauche keine Beweise, sondern Liebe! Er hätte wohl all das
-Drückende dieses meines Lebens in Moskau begreifen müssen; lebe ich
-denn? Ich lebe nicht, ich erwarte eine Lösung, die sich mehr und mehr
-hinauszieht. Wieder keine Antwort! Stefan sagt, er könne sich nicht zu
-Aleksey Aleksandrowitsch begeben. Ich kann aber doch nicht nochmals
-schreiben. Ich kann nichts thun, nichts anfangen, nichts ändern; ich
-halte mich ruhig zurück, warte ab, indem ich mir Zeitvertreib ersinne
--- wie die Familie des Engländers, die Schriftstellerei und Lektüre --
-und doch ist das alles nur eine Täuschung, alles das ist das nämliche
-Morphium! Er müßte mich beklagen,« sprach sie und fühlte, wie ihr die
-Thränen des Jammers über sich selbst in die Augen traten.
-
-Da vernahm sie das jähe Läuten Wronskiys und wischte eilig diese
-Thränen ab. Sie wischte nicht nur ihre Thränen weg, sie setzte sich
-noch zur Lampe und schlug ein Buch auf, sich den Anschein der Ruhe
-gebend. Galt es doch, ihm zu zeigen, daß sie mißgestimmt sei, weil er
-nicht zurückgekehrt war, wie er versprochen hatte -- nur mißgestimmt;
-aber nimmermehr wollte sie ihm ihren Schmerz zeigen, oder gar etwa ihr
-Mitleid mit sich selbst.
-
-Sie durfte wohl Mitleid haben mit sich selbst, nicht aber er mit ihr.
-Sie wollte keinen Hader, sie machte ihm einen Vorwurf daraus, daß er zu
-streiten wünschte, und doch geriet sie unwillkürlich in streitlustige
-Stimmung.
-
-»Du hast dich doch nicht gelangweilt?« sagte er, lebhaft und heiter zu
-ihr kommend. »Welch eine furchtbare Leidenschaft -- das Spiel.« --
-
-»Nein; ich habe mich nicht gelangweilt und habe schon seit langem
-gelernt, mich nicht zu langweilen. Stefan und Lewin waren hier.«
-
-»Ja wohl; sie wollten zu dir fahren. Nun, wie hat dir Lewin gefallen?«
-sprach er, sich neben ihr niederlassend.
-
-»Sehr gut. Sie sind nicht lange erst weggefahren. Was hat Jaschwin
-gemacht?«
-
-»Er war im Gewinnen; siebzehntausend Rubel. Ich rief ihn zu mir, er war
-vollkommen einverstanden, schon aufzubrechen, kehrte aber wieder um und
-verspielt jetzt.«
-
-»Weshalb bist du denn dann geblieben?« frug sie, plötzlich die Augen
-zu ihm erhebend. Der Ausdruck ihres Gesichts war kalt und feindselig,
-»du hast Stefan gesagt, du wolltest bleiben, um Jaschwin mit zu dir zu
-nehmen, und hast ihn doch verlassen.«
-
-Der nämliche Ausdruck kalter Kampfbereitschaft drückte sich auch auf
-seinem Antlitz aus.
-
-»Erstens habe ich ihn in keiner Weise gebeten, dich von etwas zu
-benachrichtigen, zweitens spreche ich nie die Unwahrheit. Die
-Hauptsache ist, ich wollte bleiben und bin geblieben,« sagte er,
-finster sprechend. »Anna, warum, warum nur das?« sprach er nach einer
-Minute des Schweigens, sich zu ihr beugend und die Hand öffnend in der
-Hoffnung, daß sie die ihre in sie legen werde.
-
-Sie freute sich über diese Aufforderung, zärtlich zu sein, aber eine
-gewisse, seltsame Macht des Bösen gestattete ihr nicht, sich ihrem
-Zuge zu ihm hinzugeben, gleich als ob die Ursachen zum Hader es nicht
-zuließen, daß sie sich selbst überwinde.
-
-»Natürlich; du wolltest bleiben und bist geblieben. Du thust eben, was
-du willst! Aber warum sagst du mir das? Zu welchem Zweck?« sagte sie,
-immer mehr in Erregung geratend. »Macht dir denn jemand deine Rechte
-streitig? Du willst in deinem Rechte sein; sei es.«
-
-Seine Hand schloß sich, er wandte sich ab und sein Gesicht nahm noch
-mehr als vorher einen Ausdruck von Trotz an.
-
-»Für dich ist dies nur eine Frage des Eigensinnes,« sagte sie, ihn
-unverwandt anblickend, indem sie plötzlich den Namen fand für diesen
-sie in Wallung versetzenden Ausdruck seines Gesichts, »einfach des
-Trotzes! Für dich giebt es nur die Frage, wirst du Sieger bleiben gegen
-mich. Für mich aber« -- wieder empfand sie Mitleid mit sich selbst und
-sie wäre beinahe in Thränen ausgebrochen. »Wüßtest du, um was es sich
-für mich handelt! Wenn ich, so wie jetzt, fühle, daß du dich feindselig
-gegen mich verhältst, thatsächlich feindselig, wüßtest du, was das für
-mich bedeutet! Wenn du wüßtest, wie nahe ich in diesen Augenblicken dem
-Unglück bin, wie ich mich selbst fürchte!« -- Sie wandte sich ab, ihr
-Schluchzen unterdrückend.
-
-»Wovon sprichst du da?« sagte er, erschreckt vor dem Ausdruck ihrer
-Verzweiflung, und sich wiederum zu ihr neigend, ihre Hand ergreifend
-und sie küssend. »Meide ich etwa nicht den Umgang mit den Weibern?«
-
-»Das wäre auch noch!« sagte sie.
-
-»Nun sag', was ich thun soll, damit du beruhigt bist? Ich bin bereit,
-alles zu thun, daß du glücklich sein möchtest,« sprach er, gerührt von
-ihrer Verzweiflung, »was thue ich nicht, um dich von einem Schmerz zu
-befreien, wie er dich jetzt erfüllt, Anna,« sagte er.
-
-»Nicht doch, nicht doch,« sprach sie, »ich weiß selbst nicht; ist
-es das einsame Leben, sind es die Nerven -- nun, wir wollen nicht
-weiter davon sprechen! Wie war es mit dem Rennen? Du hast mir nicht
-davon erzählt?« frug sie, sich bemühend, den Triumph über den Sieg zu
-verbergen, welcher nun doch auf ihrer Seite geblieben war.
-
-Er befahl das Abendessen und begann ihr Einzelheiten über die Rennen zu
-erzählen, aber an seinem Tone, seinen Blicken, die kühler und kühler
-wurden, erkannte sie, daß er ihr ihren Sieg nicht vergeben hatte, daß
-jenes Gefühl des Trotzes, gegen welchen sie gekämpft hatte, wieder in
-ihm erstanden war. Er war kühler gegen sie, als vorher, gleichsam als
-bereute er es, sich unterworfen zu haben, während sie, an die Worte
-denkend, welche ihr den Sieg verliehen hatten »ich bin nahe einem
-furchtbaren Unglück und fürchte mich selbst«, erkannt hatte, daß diese
-Waffe eine gefährliche war, und sie dieselbe nicht ein zweites Mal
-anwenden könne.
-
-Sie fühlte aber auch, daß neben der Liebe, die sie beide vereinte,
-zwischen ihnen der böse Geist einer Kampflust getreten war, den sie
-weder aus seinem Herzen, noch viel weniger aber aus dem ihren zu
-vertreiben vermochte.
-
-
- 13.
-
-Es giebt keine Verhältnisse, an die sich der Mensch nicht gewöhnen
-könnte; besonders wenn er sieht, daß alle, die ihn umgeben, ebenso
-leben.
-
-Lewin hätte vor drei Monaten nicht geglaubt, daß er unter den
-Verhältnissen, in denen er sich jetzt befand, ruhig einschlafen
-könne; nie gedacht, daß er, indem er ein zweckloses, gehaltloses
-Leben führte, welches noch dazu über seine Mittel ging, nach seinem
-Rausche, -- denn anders konnte er das nicht nennen, was es im Klub
-gab -- nach Anknüpfung ungereimter, freundschaftlicher Beziehungen
-zu einem Manne, in welchen einst seine Frau verliebt gewesen war,
-und einem noch ungereimteren Besuch bei einer Frau, die man nur als
-gefallen bezeichnen konnte, sowie nach seinem Enthusiasmus für diese
-Frau und der Erbitterung der Gattin -- unter solchen Verhältnissen
-ruhig einschlafen könne. Allein unter dem Einfluß der Ermüdung, einer
-schlaflos verbrachten Nacht und des genossenen Weines, entschlief er
-sanft und selig.
-
-Um fünf Uhr weckte ihn das Kreischen einer geöffneten Thür. Er fuhr auf
-und schaute sich um. Kity war nicht mehr im Bett neben ihm, aber hinter
-der spanischen Wand bewegte sich ein Licht und er vernahm ihre Schritte.
-
-»Was giebt es, was giebt es?« sprach er, aus dem Schlafe auffahrend,
-»Kity, was ist?«
-
-»Nichts,« antwortete diese, das Licht in der Hand, hinter der
-Zwischenwand hervortretend. »Es war mir unwohl geworden,« sagte sie,
-mit eigentümlich weichem ausdrucksvollen Lächeln.
-
-»Was ist? Fängt es an, fängt es an?« fuhr er erschreckt fort, »da muß
-geschickt werden,« und hastig wollte er sich ankleiden.
-
-»Nein, nein,« sagte sie, lächelnd, und ihn mit der Hand zurückhaltend.
-»Es ist augenscheinlich nicht von Bedeutung. Es war mir nur ein wenig
-unwohl geworden. Jetzt aber ist es vorüber.«
-
-Zu ihrem Bett gehend, löschte sie wieder das Licht, legte sich nieder
-und blieb still liegen. Obwohl ihm ihre Ruhe, wie die eines verhaltenen
-Atmens, und mehr noch der Ausdruck einer eigenartigen Weichheit
-und Aufgeregtheit an ihr, mit welchem sie, hinter der Zwischenwand
-hervortretend, das »nichts« zu ihm gesagt hatte, verdächtig erschien,
-verlangte es ihn doch so sehr nach Schlaf, daß er sofort wieder
-einschlummerte. Erst später gedachte er dieses stillen Atmens, verstand
-er da alles, was in ihrer edlen, lieben Seele damals vor sich gegangen
-war, als sie, ohne sich zu rühren, in der Erwartung des wichtigsten
-Ereignisses im Leben des Weibes, neben ihm gelegen hatte.
-
-Um sieben Uhr erweckte ihn ihre Hand, die ihn an der Schulter berührte,
-sowie ein leises Flüstern. Sie kämpfte gleichsam noch zwischen dem
-Bedauern, ihn wecken zu müssen und dem Wunsche, mit ihm zu sprechen.
-
-»Mein Konstantin, erschrick nicht. Es ist nichts. Aber nur scheint --
-wir müssen nach der Lisabetha Petrowna schicken« --
-
-Das Licht wurde wieder angezündet. Sie setzte sich im Bett und hielt
-ein Strickzeug in der Hand, mit welchem sie sich in den letzten Tagen
-beschäftigt hatte.
-
-»Bitte, erschrick nicht, es ist nichts. Ich habe durchaus keine Angst,«
-sprach sie, sein erschrecktes Gesicht gewahrend, und drückte seine Hand
-an ihren Busen und dann an ihre Lippen.
-
-Eilig sprang er auf, sich selbst nicht mehr empfindend und kein Auge
-von ihr wendend, zog seinen Hausrock an und blieb stehen, sie noch
-immer anblickend. Er mußte gehen, konnte sich aber nicht losreißen
-von ihrem Blick. Wie sehr er auch ihr Antlitz liebte, ihre Mienen
-kannte, und ihren Blick, aber so hatte er sie doch noch nie gesehen!
-Wie abscheulich und furchtbar erschien er jetzt sich selbst, indem
-er sich ihrer gestrigen Erbitterung entsann, hier vor ihr in ihrer
-Lage jetzt! Ihr gerötetes Gesicht, umgeben von dem sich unter dem
-Nachthäubchen hervordrängenden, weichen Haar, schimmerte von Freude
-und Entschlossenheit. So wenig Unnatürliches und Gekünsteltes auch im
-allgemeinen Charakter Kitys lag, so war Lewin dennoch betroffen von
-dem, was sich vor ihm jetzt enthüllte, als plötzlich alle die Schleier
-abgenommen waren, und der ganze Kern ihrer Seele in ihren Augen
-leuchtete.
-
-In dieser Einfachheit und Hüllenlosigkeit wurde sie, die, welche er
-liebte, noch klarer sichtbar für ihn. Lächelnd schaute sie auf ihn,
-doch plötzlich erbebten ihre Brauen, sie hob das Haupt, und schnell zu
-ihm tretend, nahm sie ihn bei der Hand; sie schmiegte sich eng an ihn,
-und umgab ihn mit ihrem heißen Odem. Sie litt und es war, als beklage
-sie sich bei ihm über ihr Leiden. Auch ihm schien im ersten Augenblick
-nach seiner Gewohnheit, als sei er schuldig, aber in ihrem Blick lag
-eine Zärtlichkeit, welche sagte, daß sie ihm nicht nur keinen Vorwurf
-mache, sondern ihn für diese Leiden liebe. »Wenn ich es nicht bin --
-wer trüge dann die Schuld hieran?« dachte er unwillkürlich, den Urheber
-aller dieser Leiden suchend, um ihn zu strafen; aber es war kein
-Schuldiger da. Sie litt, klagte und triumphierte zugleich über diese
-Leiden, sie freute sich ihrer und liebte sie. Er sah, daß sich in ihrer
-Seele etwas Schönes vollziehe, aber was es war? Er konnte es nicht
-erfassen. Es stand über seinem Erkenntnisvermögen.
-
-»Ich habe zu Mama geschickt, fahre du möglichst schnell nach der
-Lisabetha Petrowna -- mein Konstantin -- es ist nichts; schon vorüber«
--- Sie verließ ihn und schellte. »Also geh jetzt; Pascha kommt. Mir
-fehlt nichts.«
-
-Mit Verwunderung sah Lewin, daß sie die Strickerei ergriff, die sie am
-Abend mitgebracht hatte und von neuem zu stricken begann.
-
-Während Lewin durch die eine Thür hinausging, hörte er noch, wie das
-Mädchen durch die andere hereintrat. Er blieb an der Thür stehen und
-vernahm, wie Kity der Zofe ausführliche Anweisungen erteilte, und mit
-ihr selbst das Bett zu rücken begann.
-
-Er kleidete sich an und eilte, bis man die Pferde angespannt haben
-würde -- ein Mietgeschirr war noch nicht zu haben -- wieder nach dem
-Schlafzimmer, nicht auf den Fußspitzen, sondern auf Flügeln wie ihm
-schien.
-
-Zwei Mädchen räumten geschäftig um im Schlafzimmer; Kity selbst ging
-umher und strickte, schnell die Maschen werfend und Anordnungen dabei
-treffend.
-
-»Ich werde sogleich zum Arzte eilen. Nach der Lisabetha Petrowna ist
-man gefahren; ich aber will erst noch hin, ist nicht noch etwas nötig?
-Soll ich zu Dolly?«
-
-Sie blickte ihn an, offenbar ohne zu hören, was er sprach.
-
-»Ja, ja. Geh,« sprach sie schnell, sich verfinsternd und ihm mit der
-Hand zuwinkend. Er war schon in den Salon hinaus, als plötzlich ein
-klägliches, sogleich wieder verstummendes Stöhnen aus dem Schlafzimmer
-ertönte. Er blieb stehen und konnte lange nicht verstehen.
-
-»Ja; das war sie,« sagte er zu sich selbst und lief, sich nach dem
-Kopfe greifend, hinab. »Gott erbarme dich! Vergieb mir und steh' mir
-bei!« stammelte er mit Worten, die gleichsam plötzlich und unerwartet
-ihm über die Lippen kamen. Er, der da nicht glaubte, wiederholte diese
-Worte nicht nur mit dem Munde allein. Jetzt, in dieser Minute erkannte
-er, daß nicht nur alle seine Zweifel, sondern auch die Unmöglichkeit,
-aus Verstandesgründen zu glauben, die er in sich selbst wahrgenommen
-hatte, ihn keineswegs daran verhinderten, sich an Gott zu wenden. Alles
-das flog ihm jetzt wie Staub von seiner Seele herunter. An wen sollte
-er sich wenden, wenn nicht an den, in dessen Händen er sich fühlte,
-seine Seele und seine Liebe?
-
-Das Pferd war noch nicht fertig, und so eilte er im Gefühl
-einer eigentümlichen Spannung seiner physischen Kräfte und
-Wahrnehmungsfähigkeit für das, was er zu thun hatte, damit nicht eine
-Minute verloren ging -- ohne auf das Pferd zu warten -- zu Fuß hinweg
-und befahl Kusma, ihm nachzukommen. An der Ecke traf er auf eine
-daherjagende Nachtdroschke. In einem kleinen Schlitten, mit kurzem
-Sammetpelzmantel und in ein Umschlagtuch gewickelt, saß Lisabetha
-Petrowna.
-
-»Gott sei Dank, Gott sei Dank!« sagte er, mit Entzücken sie und ihr
-kleines blondes Gesicht, welches jetzt einen eigentümlich ernsten,
-sogar strengen Ausdruck hatte, erkennend. Ohne dem Kutscher zu
-befehlen, anzuhalten, rannte er neben ihr wieder mit zurück.
-
-»Also seit zwei Stunden? Nicht wahr?« frug sie, »Ihr werdet Peter
-Dmitrjewitsch schon treffen, aber drängt ihn nur nicht! Nehmt auch
-Opium aus der Apotheke mit.«
-
-»So denkt Ihr also, daß es glücklich geht? Gott erbarme sich und steh'
-mir bei!« sagte Lewin, welcher jetzt sein aus dem Thor herauskommendes
-Geschirr erblickte. Zu Kusma in den Schlitten springend, befahl er
-diesem, zum Arzt zu fahren.
-
-
- 14.
-
-Der Arzt war noch nicht aufgestanden und der Diener sagte, er sei spät
-zu Bett gegangen und habe nicht befohlen, ihn zu wecken, doch stehe er
-bald auf.
-
-Der Diener putzte Lampengläser und schien davon sehr in Anspruch
-genommen zu sein. Diese Aufmerksamkeit des Dieners für seine Gläser
-und der Gleichmut gegenüber dem, was sich bei Lewin vollzog, setzte
-diesen anfangs außer Fassung, doch erkannte er, zur Überlegung kommend
-sogleich, daß ja niemand seine Empfindungen kenne, und kennen müsse,
-und es daher um so notwendiger sei, ruhig zu handeln, wohlüberlegt und
-entschlossen, um diese Mauer der Indifferenz zu durchbrechen und seinen
-Zweck zu erreichen.
-
-»Eile mit Weile,« sagte Lewin zu sich selbst, mehr und mehr eine
-Zunahme seiner physischen Kräfte, sowie seiner Wahrnehmungsfähigkeit
-für alles das, was er zu thun hatte, verspürend.
-
-Nachdem er gehört, daß der Arzt noch nicht aufgestanden sei, blieb
-Lewin innerhalb der verschiedenen Pläne, die in ihm erstanden, bei
-dem, daß Kusma mit einem Billet zu einem andern Arzte fuhr, während
-er selbst in die Apotheke nach Opium eilte; sollte aber, wenn er
-zurückkäme, der Doktor noch nicht aufgestanden sein, so wollte er den
-Diener bestechen oder wenn derselbe nicht einwilligte, den Arzt mit
-Gewalt wecken, koste es, was es wolle.
-
-In der Apotheke verschloß ein dürrer Provisor mit ganz dem nämlichen
-Gleichmut, mit welchem der Lakai die Gläser geputzt hatte, vermittelst
-einer Oblate Pulver für einen wartenden Kutscher, und verweigerte das
-Opium. Im Bestreben, nichts zu überhasten und nicht in Aufregung zu
-geraten, begann Lewin, nachdem er den Namen des Arztes und der Hebamme
-genannt, und erklärt hatte, wozu das Opium nötig sei, den Provisor
-zu überreden. Derselbe frug in deutscher Sprache um Rat, ob er es
-geben könne, und holte, nachdem er hinter einer Zwischenwand heraus
-Zustimmung erhalten hatte, ein Gläschen und einen Trichter herbei,
-worauf er langsam aus einem großen Gefäß in ein kleines Fläschchen goß,
-einen weißen Papierstreif anklebte und siegelte. Ungeachtet der Bitte
-Lewins, es nicht zu thun, wollte er das Fläschchen nochmals einwickeln.
-Das konnte aber Lewin nicht mehr aushalten; entschlossen riß er dem
-Manne das Fläschchen aus den Händen und stürzte zu der großen Glasthür
-hinaus.
-
-Der Arzt war noch nicht aufgestanden, und der Diener, jetzt mit dem
-Aufbreiten eines Teppichs beschäftigt, weigerte sich, ihn zu wecken.
-Lewin zog ohne Überstürzung ein Zehnrubelpapier hervor, gab es ihm, mit
-einigen langsam gesprochenen Worten, aber ohne Zeit zu verlieren, und
-erklärte, daß Peter Dmitrjewitsch -- wie erhaben und bedeutungsvoll
-erschien Lewin jetzt der vorher so unbedeutend gewesene Peter
-Dmitrjewitsch -- versprochen habe, zu jeder Zeit da sein zu wollen,
-und sicherlich nicht ungehalten sein werde selbst darüber, daß er ihn
-sogleich wecke.
-
-Der Diener gehorchte, ging nach oben und lud Lewin ein, in das
-Empfangszimmer zu treten.
-
-Lewin vermochte hinter der Thür zu hören, wie der Arzt hustete,
-umherging, sich wusch und Etwas sagte. Es vergingen drei Minuten; Lewin
-schien es, als wäre mehr als eine halbe Stunde vergangen. Er konnte
-nicht länger warten.
-
-»Peter Dmitrjewitsch, Peter Dmitrjewitsch,« rief er mit beschwörender
-Stimme in die geöffnete Thür hinein; »um Gottes willen, verzeiht mir,
-nehmt mich heute, wie ich bin; es hat schon seit mehr als zwei Stunden
-begonnen!«
-
-»Sofort, sofort!« antwortete eine Stimme und Lewin hörte mit Erstaunen,
-daß der Arzt dies lächelnd sagte.
-
-»Auf eine Minute!«
-
-»Sogleich.«
-
-Es vergingen noch zwei Minuten, während deren der Arzt die Stiefel
-anzog, zwei weitere, während er das Tuch umwarf und sich den Kopf
-bürstete.
-
-»Peter Dmitrjewitsch,« begann Lewin abermals mit kläglicher Stimme,
-doch gerade erschien der Arzt, angekleidet und gekämmt. »Diese Leute
-haben kein Gewissen,« dachte Lewin, »sich zu kämmen, während wir
-verderben!«
-
-»Guten Morgen!« sagte der Arzt zu ihm, die Hand hinreichend, als wollte
-er ihn mit seiner Ruhe necken. »Beunruhigt Euch nicht, wie steht es?«
-
-Sich bemühend, so ausführlich wie möglich zu sein, begann Lewin alle
-unnötigen Einzelheiten über den Zustand seiner Frau zu erzählen, seinen
-Bericht unaufhörlich mit Bitten, der Arzt möchte sogleich mit ihm
-kommen, unterbrechend.
-
-»Habt keine Angst; Ihr kennt das wohl noch nicht. Ich bin gewiß gar
-nicht notwendig, habe es aber versprochen und werde kommen. Aber
-Eile hat es keine. Setzt Euch doch gefälligst; ist nicht ein Kaffee
-gefällig?«
-
-Lewin schaute ihn an, mit dem Blick fragend, ob sich der Arzt über ihn
-lustig machen wolle. Doch dieser dachte gar nicht daran, zu scherzen.
-
-»Ich weiß schon, weiß schon,« sprach er lächelnd, »auch ich bin
-Familienvater, aber wir, die Männer, sind in diesen Augenblicken doch
-die beklagenswertesten Menschen. Ich habe da eine Patientin, deren Mann
-in solchen Momenten stets in den Pferdestall läuft.«
-
-»Aber wie meint Ihr, Peter Dmitrjewitsch? Glaubt Ihr, daß alles
-glücklich gehen kann?«
-
-»Alle Bedingungen für einen günstigen Ausgang sind vorhanden.«
-
-»Ihr kommt also sofort?« sagte Lewin, zornig auf den Diener blickend,
-der den Kaffee brachte.
-
-»In einem Stündchen.«
-
-»Ach, nein doch, um Gottes willen!«
-
-»Aber dann laßt mich doch wenigstens meinen Kaffee trinken.«
-
-Der Arzt widmete sich dem Kaffee. Beide schwiegen.
-
-»Man wird die Türken doch entschieden schlagen. Habt Ihr die gestrige
-Depesche gelesen?« sagte der Doktor semmelkauend.
-
-»Nein; ich kann nicht mehr,« rief Lewin aufspringend, »Ihr werdet also
-nach Verlauf einer Viertelstunde kommen?«
-
-»In einer halben Stunde.«
-
-»Auf Ehrenwort?«
-
-Als Lewin wieder nach Hause kam, traf er mit der Fürstin zusammen,
-und beide begaben sich zur Thür des Schlafzimmers. Die Fürstin hatte
-Thränen in den Augen und ihre Hände zitterten; als sie Lewin erblickte,
-umarmte sie ihn und brach in Thränen aus.
-
-»Nun, liebe Lisabetha Petrowna,« sagte sie, die ihnen mit hellem,
-sorglichen Gesicht daraus entgegentretende Lisabetha Petrowna an der
-Hand fassend.
-
-»Es geht gut,« sagte sie, »überredet sie nur, sich niederzulegen. Es
-wird ihr dann leichter sein.«
-
-Seit dem Augenblick, als er erwacht war und erkannt hatte, um was es
-sich handelte, hatte er sich darauf vorbereitet, ohne Erwägungen und
-Vermutungen im voraus anzustellen, alle Gedanken und Gefühle in sich
-verschließend, mannhaft, sein Weib nicht aus der Fassung bringend,
-sondern im Gegenteil sie beruhigend und ihren Heldenmut stützend -- zu
-ertragen, was ihm bevorstand.
-
-Ohne sich zu gestatten, nur daran zu denken, was kommen würde, und wie
-das enden sollte, nur nach seinen eingehenden Erkundigungen, wie sehr
-sich derartige Ereignisse gewöhnlich in die Länge zögen, urteilend,
-hatte sich Lewin innerlich gefaßt gemacht, zu dulden, fünf Stunden
-lang, und es hatte ihm das auch möglich geschienen.
-
-Als er indessen vom Arzte heimgekommen war und von neuem ihre Leiden
-sah, begann er öfter und öfter zu wiederholen »Gott vergieb mir und
-steh' mir bei!« und seufzend den Kopf emporzuheben, und fing an zu
-befürchten, daß er dies nicht aushalten, sondern in Thränen ausbrechen,
-oder davonlaufen würde. In solch qualvoller Stimmung befand er sich,
-und doch war erst eine Stunde vergangen.
-
-Aber nach dieser Stunde verging noch eine; zwei, drei, alle fünf
-Stunden vergingen, die er sich als höchste Frist seiner Geduldsprobe
-gesetzt hatte, und die Situation war noch immer dieselbe; er litt
-noch immer, weil sich weiter nichts thun ließ als leiden, jede Minute
-denkend, er sei bis an die äußersten Grenzen der Geduld gekommen, und
-das Herz müsse ihm nun von Mitleid zerrissen werden.
-
-Aber Minuten vergingen, Stunden, Stunden auf Stunden, und die
-Empfindungen von Schmerz und Angst in ihm wuchsen und wurden noch höher
-gespannt.
-
-Alle jene gewöhnlichen Verhältnisse im Leben, ohne die man sich
-gewöhnlich nichts vorstellen kann, waren für Lewin nicht mehr
-vorhanden. Er hatte das Zeitbewußtsein verloren. Jene Minuten -- jene
-Minuten, da sie ihn zu sich rief und er ihre schweißbedeckte, mit
-außergewöhnlicher Kraft seine Hand bald pressende, bald hinwegstoßende
-Rechte hielt, schienen ihm bald Stunden, bald schienen sie ihm Minuten.
-Er war verwundert, als Lisabetha Petrowna ihn bat, das Licht hinter dem
-Schirm anzuzünden und als er wahrnahm, daß es bereits fünf Uhr abends
-war.
-
-Hätte man ihm gesagt, daß es jetzt erst zehn Uhr morgens wäre, er
-würde ebensowenig verwundert gewesen sein. Wo er während dieser
-Zeit war, wußte er ebensowenig, wie wenn Etwas geschah. Er sah ihr
-glühendes, bald verzweifeltes und leidendes, bald lächelndes und ihn
-beschwichtigendes Gesicht. Er sah auch die Fürstin, rot im Gesicht,
-aufgeregt, mit den aufgegangenen Locken der grauen Haare, und in
-Thränen, die sie mühsam verschluckte, sich die Lippen zernagen; er
-sah Dolly, den Arzt, welcher dicke Cigaretten rauchte, und Lisabetha
-Petrowna mit ihrem festen, energischen und ruhigen Gesicht, sowie den
-alten Fürsten, der mit finsterem Gesicht im Salon auf und abschritt.
-Aber wie sie gekommen waren oder gingen, wo sie waren -- er wußte es
-nicht.
-
-Die Fürstin war bald bei dem Arzte im Schlafzimmer, bald im Kabinett,
-wo sich ein gedeckter Tisch befand; bald war sie abwesend und Dolly war
-da. Dann erinnerte sich Lewin, daß man ihn fortgeschickt hatte; einmal
-hatte man ihn geschickt, einen Tisch und ein Sofa zu transportieren. Er
-hatte dies voll Eifers gethan, indem er meinte, es sei für sie nötig,
-und erst dann erkannt, daß er sich selbst damit ein Nachtlager bereitet
-hatte. Darauf sandte man ihn zum Arzt ins Kabinett, damit er nach etwas
-frage. Der Arzt antwortete und begann dann von den Unordnungen in der
-Duma zu sprechen. Hierauf schickte man ihn in das Schlafzimmer zur
-Fürstin, derselben ein Heiligenbild in silbernem, vergoldetem Gewand
-zu bringen. Er kletterte nebst der alten Kammerfrau der Fürstin auf
-einen Schrank, um es zu erlangen und zerbrach dabei eine Lampe; die
-Kammerfrau der Fürstin beruhigte ihn über seine Frau und über die
-Lampe und er brachte das Heiligenbild und stellte es zu Häupten Kitys,
-es sorgfältig hinter die Kissen steckend. Aber wo, wann und warum
-alles das war, wußte er nicht. Er verstand auch nicht, weshalb ihn die
-Fürstin bei der Hand nahm und ihn mit einem Blick voll Mitleid bat,
-sich zu beruhigen, weshalb Dolly ihm zuredete, zu essen, und ihn aus
-dem Zimmer führte, ja, selbst der Doktor ihn ernst und teilnahmsvoll
-anschaute und ihm einen stärkenden Tropfen empfahl.
-
-Er wußte und fühlte nur, daß das, was sich jetzt vollzog, dem ähnlich
-war, was sich ein Jahr vorher in dem Hotel der Gouvernementsstadt auf
-dem Totenbett seines Bruders Nikolay vollzogen hatte.
-
-Jenes aber war ein Schmerz gewesen -- dies war eine Freude! -- Doch
-sowohl jener Schmerz, wie diese Freude lagen vereinsamt außerhalb aller
-gewohnten Verhältnisse des Lebens; sie bildeten in diesem gewöhnlichen
-Leben gleichsam Öffnungen, durch welche etwas Höheres erschien. In ganz
-gleicher Weise unergründlich, erhob sich die Seele vor der Betrachtung
-dieses Höchsten auf eine Höhe, wie sie nie zuvor begriffen, und wohin
-der Verstand nicht mehr reichte.
-
-»Gott vergieb mir und steh' mir bei,« stammelte er ohne Unterlaß,
-ungeachtet der so langjährigen und ihm vollkommen erschienenen
-Entfremdung, in dem Gefühl, daß er sich ganz so vertrauensselig und
-naiv wieder zu Gott wende, wie in den Zeiten seiner Kindheit und ersten
-Jugend.
-
-Während dieser ganzen Zeit herrschten in ihm zwei in sich gesonderte
-Stimmungen. Die eine war vorhanden, wenn er sich nicht in der Gegenwart
-seiner Frau befand; sie gruppierte sich um den Arzt, welcher eine
-seiner dicken Zigaretten nach der anderen rauchte und sie dann an dem
-Rande des gefüllten Aschenbechers löschte, um Dolly und den Fürsten,
-von denen ein Gespräch über das Essen, über die Politik und die
-Krankheit Marja Petrownas gepflogen wurde, und wo Lewin plötzlich
-auf einen Moment völlig vergaß, was vorging, sich gleichsam erwacht
-fühlte -- die andere herrschte in ihm, wenn er in ihrer Gegenwart war;
-an ihrem Kopfkissen stand, und es ihm das Herz zerreißen wollte vor
-Mitleid und doch nicht zerriß, und wo er ohne Aufhören zu Gott flehte.
-
-Jedesmal, wenn ihn ein aus dem Schlafzimmer zu ihm dringender Schrei
-einer Minute des Vergessens wieder entriß, geriet er in den nämlichen
-seltsamen Irrtum, dem er in der ersten Minute verfallen war. Jedesmal,
-sobald er einen Schrei vernahm, sprang er auf und eilte, um sich zu
-entschuldigen, besann sich aber unterwegs, daß er ja nicht schuld sei;
-er wollte schützen, helfen. Erblickte er sie aber dann, sah er von
-neuem, daß es unmöglich sei zu helfen, so geriet er in Schrecken und
-sprach »Gott vergieb mir und steh mir bei.«
-
-Je weiter die Zeit vorrückte, um so stärker wurden diese beiden
-Stimmungen; um so ruhiger wurde er, indem er seine Frau völlig vergaß,
-in der Abwesenheit von ihr, um so qualvoller wurden ihm aber auch ihre
-Leiden und das Gefühl der Hilflosigkeit, diesen gegenüber. Er sprang
-empor, wollte fort, und lief zu ihr.
-
-Bisweilen, wenn sie ihn immer und immer wieder rief, machte er ihr
-Vorwürfe, doch wenn er ihr ergebenes, lächelndes Antlitz gesehen,
-ihre Worte gehört hatte: »Ich martere dich,« machte er Gott Vorwürfe,
-gedachte er aber Gottes, so flehte er sogleich um Vergebung und
-Erbarmen.
-
-
- 15.
-
-Er wußte nicht, ob es spät oder früh war. Die Kerzen waren schon
-sämtlich niedergebrannt. Dolly war soeben im Kabinett gewesen und hatte
-dem Arzte vorgeschlagen, sich niederzulegen.
-
-Lewin saß, den Erzählungen des Doktors über den Charlatanismus eines
-Magnetiseurs zuhörend, und schaute auf die Asche seiner Cigarette. Es
-war eine Ruhepause eingetreten und er hatte sich in Gedanken verloren.
-Er hatte vollständig vergessen, was jetzt vorging, hörte der Erzählung
-des Arztes zu und verstand sie. Plötzlich ertönte ein mit nichts mehr
-zu vergleichender Schrei. Der Schrei war so furchtbar, daß Lewin nicht
-einmal aufsprang, sondern mit stockendem Atem, erschrocken fragend
-den Arzt anblickte. Dieser neigte lauschend den Kopf seitwärts, und
-lächelte befriedigt. Alles war so außergewöhnlich gewesen, daß Lewin
-schon nichts mehr in Erstaunen versetzte. »Es muß wahrscheinlich so
-sein,« dachte er und blieb sitzen. Von wem rührte der Schrei her?
-Er sprang auf und eilte auf den Fußspitzen in das Schlafzimmer; er
-eilte an Lisabetha Petrowna und der Fürstin vorüber und trat auf
-seinen Platz zu Häupten. Der Schrei war verstummt, aber es ging jetzt
-eine Veränderung vor sich. Was es war -- das sah und erkannte er
-nicht, wollte er auch weder sehen, noch erkennen. Aber er nahm diese
-Veränderung wahr an dem Gesicht Lisabetha Petrownas, welches streng und
-bleich, noch immer so energisch war, obwohl ihre Kinnbacken bisweilen
-leise bebten und ihre Augen unverwandt auf Kity gerichtet waren.
-
-Das glühende, erschöpfte Antlitz Kitys mit dem am schweißbedeckten
-Gesicht klebenden Haargewirr war ihm zugewendet und suchte seinen
-Blick. Ihre erhobenen Arme verlangten nach den seinen, und mit ihren
-schweißbedeckten Händen die seinen, welche kalt waren, fassend, drückte
-sie dieselben an ihr Gesicht.
-
-»Geh' nicht von mir, geh' nicht von mir! Ich habe keine Angst, ich habe
-keine Angst!« sprach sie rasch. »Mama, nehmt mir die Ohrringe weg,
-sie stören mich. Hast du auch keine Angst? -- Bald, bald, Lisabetha
-Petrowna!« --
-
-Sie sprach schnell, schnell, und wollte lächeln, aber plötzlich
-verzerrte sich ihr Gesicht und sie stieß ihn von sich.
-
-»Nein, das ist furchtbar! Ich sterbe, sterbe! Komm her, komm her!«
-schrie sie auf, und wieder ertönte der nämliche, mit nichts zu
-vergleichende Schrei.
-
-Lewin griff sich nach dem Kopfe und stürzte aus dem Zimmer hinaus.
-
-»Es ist nichts, nichts; alles geht gut!« rief Dolly ihm nach.
-
-Doch was man auch sagen mochte, er wußte, daß jetzt alles verloren
-war. Den Kopf gegen die Oberschwelle der Thür gelehnt, stand er im
-Nebenzimmer und vernahm ein von ihm noch nie gehörtes Wimmern und
-Schreien; er erkannte, das jetzt ein Wesen schrie, welches früher Kity
-gewesen war. Ein Kind hatte er nicht gewünscht. Er haßte jetzt dieses
-Kind, ja wünschte jetzt nicht einmal dessen Leben, sondern nur die
-Abkürzung dieser entsetzlichen Leiden.
-
-»Doktor! Was ist das! Was ist das; mein Gott!« sagte er, den
-eintretenden Arzt am Arme packend.
-
-»Es geht zu Ende,« sagte der Arzt; sein Gesicht war so ernst, als er
-dies sagte, daß Lewin dieses »es geht zu Ende« in dem Sinne auffaßte,
-als ob sie stürbe.
-
-Nicht mehr bei Sinnen, rannte er in das Schlafzimmer. Das erste, was
-er hier erblickte, war das Gesicht Lisabetha Petrownas. Es war noch
-finstrer und ernstrer geworden. Das Gesicht Kitys war nicht da. An
-der Stelle, wo es vorher gewesen, lag etwas Entsetzenerregendes, nach
-dem Ausdruck von Anstrengung und den Tönen die von dorther kamen, zu
-urteilen. Er fiel mit dem Kopfe auf die Bettstelle, und fühlte, wie es
-ihm das Herz zerriß. Das furchtbare Schreien verstummte nicht mehr,
-es wurde noch furchtbarer und, als wäre es bis zur höchsten Grenze
-des Entsetzlichen gelangt -- verstummte es plötzlich. Lewin traute
-seinen Ohren nicht, aber es war nicht zu bezweifeln; das Schreien war
-verstummt und man hörte jetzt ein leises Geräusch und schnelles Atmen,
-sowie ihre sich losringende, lebhafte, milde und glückselige Stimme die
-ein leises »vorbei« hervorbrachte.
-
-Er hob den Kopf. Kraftlos die Hand auf die Bettdecke sinken lassend,
-schaute sie ihn, seltsam schön und still, wortlos an; sie wollte
-lächeln, vermochte es aber nicht, und plötzlich fühlte sich Lewin
-aus jener geheimnisvollen und furchtbaren, überirdischen Welt, in
-der er die letzten zweiundzwanzig Stunden gelebt hatte, in die
-frühere, gewohnte zurückversetzt, die ihm jetzt jedoch in solch neuem
-Glanze von Glück erschien, daß er ihn nicht ertragen konnte. Die
-gespannt gewesenen Saiten waren sämtlich gerissen. Schluchzen und
-Freudenthränen, die er nimmermehr vorausgesehen hätte, stiegen in ihm
-mit solcher Gewalt, seinen ganzen Körper erschütternd, auf, daß sie ihn
-lange Zeit am Sprechen verhinderten.
-
-Auf die Kniee niederfallend vor dem Bett, hielt er die Hand seines
-Weibes an seine Lippen und küßte sie, und diese Hand antwortete seinen
-Küssen mit einer schwachen Bewegung der Finger. Währenddem aber
-bewegte sich unten, zu Füßen des Bettes, in den gewandten Händen der
-Lisabetha Petrowna, wie ein Flämmchen aus dem Leuchter, ein lebendiges
-menschliches Wesen hin und her, welches früher nie gewesen war, nun
-aber mit dem gleichen Rechte, mit der nämlichen Bedeutung für sich
-selbst, leben sollte und seinesgleichen zeugen.
-
-»Es lebt, es lebt! Und noch dazu ein Junge! Fürchtet nichts!« hörte
-Lewin die Stimme der Lisabetha Petrowna, die mit der zitternden Hand
-klatschend den Rücken des Kindes schlug.
-
-»Mama, ist es wahr?« sagte die Stimme Kitys.
-
-Nur das Schluchzen der Fürstin antwortete ihr.
-
-Inmitten des Schweigens aber ertönte, wie eine unbegreifbare Antwort
-auf die Frage an die Mutter, eine Stimme, die vollkommen verschieden
-war von den Stimmen, welche verhalten im Zimmer sprachen. Es war der
-kecke, dreiste, unbekümmerte Schrei eines neuen menschlichen Wesens,
-das auf unbegreiflichem Wege erschienen ist.
-
-Hätte man Lewin früher gesagt, daß Kity einmal sterben werde und er
-mit ihr zusammen, und daß ihre Kinder Engel würden und Gott dann bei
-ihnen sein werde -- er hätte sich über nichts gewundert; jetzt aber,
-in die Welt der Wirklichkeit zurückversetzt, machte er die größten
-Anstrengungen im Denken, um zu begreifen, daß sie noch lebte, gesund
-sei, und daß jenes verzweifelt wimmernde Wesen sein Sohn sei.
-
-Kity lebte, ihre Leiden waren vorüber, und er war unsagbar glücklich.
-Das erkannte er, und er war vollkommen glücklich darüber. Aber das
-Kind? Woher kam es, warum war es und was war es? Er vermochte sich
-durchaus nicht an diesen Gedanken zu gewöhnen; es erschien ihm aber
-auch durch irgend einen Umstand, an den er sich nicht gewöhnen konnte,
-überflüssig, überzählig.
-
-
- 16.
-
-In der zehnten Stunde saßen der alte Fürst, Sergey Iwanowitsch und
-Stefan Arkadjewitsch bei Lewin. Nachdem man über die Wöchnerin
-gesprochen hatte, unterhielt man sich auch über nebensächliche Dinge.
-
-Lewin hörte ihnen zu und dachte unwillkürlich bei diesen Gesprächen
-der Vergangenheit, dessen, was bis zum heutigen Morgen geschehen war;
-er vergegenwärtigte sich auch, wie er sich noch gestern dazu gestellt
-hatte. Es war ihm, als seien seit dieser Zeit hundert Jahre vergangen.
-Er fühlte sich auf einer gewissen unzugänglichen Höhe, von welcher
-er sich vorsorglich herabließ, um diejenigen nicht zu verletzen, mit
-denen er sprach. Er sprach, und dachte dabei fortwährend seines
-Weibes, der Einzelheiten ihres jetzigen Zustandes, und seines Sohnes,
-und suchte sich an den Gedanken seines Vorhandenseins zu gewöhnen. Die
-ganze Welt des Weiblichen, welche für ihn eine neue, ihm unbekannt
-gewesene Bedeutung erlangt hatte, seitdem er verheiratet war, erhob
-sich jetzt in seinem Begriffsvermögen so hoch, daß er sie mit seiner
-Vorstellungskraft nicht mehr zu umfassen vermochte. Er hörte auf das
-Gespräch über ein Essen am gestrigen Tag im Klub und dachte dabei »wie
-mag es jetzt mit ihr stehen, ob sie eingeschlafen ist? Wie mag sie sich
-befinden? Was mag sie denken? Schreit der kleine Dmitry?« Und mitten in
-der Unterhaltung sprang er auf und verließ das Zimmer.
-
-»Man hat mir gemeldet, man kann zu ihr,« sagte der Fürst. »Gut;
-sogleich« -- antwortete Lewin, und ging ohne Verzug zu ihr.
-
-Sie schlief nicht und sprach leise mit ihrer Mutter, Pläne über die
-bevorstehende Taufe entwerfend.
-
-Geputzt, frisiert und in einem zierlichen Häubchen mit blauem Band,
-die Hände auf der Bettdecke ausgestreckt, lag sie auf dem Rücken, und
-winkte ihn mit dem Blick zu sich, indem sie dem seinigen begegnete.
-Ihr Blick, schon ohnehin hell, wurde noch lichter im Maße, als er sich
-ihr näherte. Auf ihrem Gesicht lag jene Wandlung vom Irdischen zum
-Überirdischen, welche auf dem Gesicht Verstorbener zu liegen pflegt.
-Dort aber liegt Vergebung darauf; hier ein Wunsch nach Begegnung.
-Wiederum trat ihm jene Wallung, ähnlich derjenigen, die er in den
-Augenblicken der Niederkunft empfunden hatte, ans Herz. Sie nahm ihn
-bei der Hand und frug, ob er geschlafen habe. Er konnte nicht antworten
-und wandte sich ab, von seiner Schwäche übermannt.
-
-»Ich habe mich vergessen, mein Konstantin,« sagte sie zu ihm, »doch
-jetzt befinde ich mich recht wohl.« Sie schaute ihn an, doch plötzlich
-veränderte sich ihr Ausdruck. »Gebt ihn mir her,« sprach sie, das
-Wimmern des Kindes vernehmend. »Gebt ihn her, Lisabetha Petrowna, er
-soll ihn sehen.«
-
-»Hier, der Papa muß ihn sehen,« sagte Lisabetha Petrowna, ein rotes,
-seltsames, sich bewegendes Etwas emporhebend und herbeibringend; »doch
-halt, wir wollen ihn erst putzen,« und Lisabetha Petrowna legte dieses
-sich bewegende, rote Ding auf das Bett, wickelte das Kind auf, und
-wickelte es wieder zu, nachdem sie es mit einem Finger aufgehoben,
-umgewendet, und es mit irgend etwas bestreut hatte.
-
-Lewin machte, indem er dieses einzige, klägliche Wesen ansah,
-vergebliche Anstrengungen, in seiner Seele einige Kennzeichen
-von Vatergefühl für dasselbe zu entdecken. Er empfand nur Ekel
-vor ihm. Nachdem es jedoch der Hüllen entledigt war, die zarten
-Ärmchen, Füßchen, die wie Saffran aussahen, sichtbar wurden, mit den
-kleinen Fingerchen, selbst mit dem Daumen, der sich vor den anderen
-auszeichnete, und als er wahrnahm, wie Lisabetha Petrowna -- als wären
-es weiche Sprungfedern -- die gespreizten Ärmchen andrückte, indem sie
-sie in ein leinenes Jüpchen steckte, überkam ihn ein solches Mitleid
-mit diesem Wesen, und eine solche Angst, sie könne demselben schaden,
-daß er sie an der Hand festhielt.
-
-Lisabetha Petrowna lachte.
-
-»Habt keine Angst; habt keine Angst!«
-
-Nachdem das Kind angezogen und zu einer drallen Puppe umgewandelt
-worden war, wälzte es Lisabetha Petrowna, als sei sie stolz auf ihr
-Werk, und trat dann zurück, damit Lewin den Sohn in seiner ganzen
-Schönheit sehen könne.
-
-Kity schaute unverwandt gleichfalls nach ihm hin.
-
-»Reicht ihn her, reicht ihn her!« sagte sie und wollte sich sogar
-erheben.
-
-»Was macht Ihr, Katharina Aleksandrowna, solche Bewegungen dürft Ihr
-nicht machen! Wartet nur, ich werde ihn Euch schon geben. Jetzt wollen
-wir uns aber erst Papa zeigen, wie hübsch wir sind.«
-
-Und Lisabetha Petrowna erhob auf dem einen Arme -- der andere stützte
-nur mit den Fingern das noch haltlose Genick -- dieses seltsame,
-zappelnde, seinen Kopf unter dem Saum der Windel verbergende rote
-Wesen. Doch es hatte auch eine Nase, schielende Augen und schmatzende
-Lippen.
-
-»Ein schönes Kind!« sagte Lisabetha Petrowna.
-
-Lewin seufzte voll Ingrimm. Dieses schöne Kind flößte ihm nur das
-Gefühl des Abscheues und des Mitleids ein. Das war durchaus nicht das
-Gefühl, welches er erwartet hatte.
-
-Er wandte sich ab, während Lisabetha Petrowna das Kind an die noch
-nicht gewohnte Brust zu legen suchte.
-
-Ein Lachen ließ ihn plötzlich den Kopf heben. Kity hatte gelacht. Das
-Kind hatte sich an ihre Brust gemacht.
-
-»Genug, genug nun!« sagte Lisabetha Petrowna, doch Kity ließ es nicht
-von sich. Es schlief in ihren Armen ein.
-
-»Sieh jetzt her,« sprach Kity, ihm das Kind so zuwendend, daß er
-es sehen konnte. Das ältlich aussehende Gesichtchen runzelte sich
-plötzlich noch mehr; das Kind nieste.
-
-Lächelnd und mit Mühe die Thränen zurückhaltend, küßte Lewin sein Weib
-und verließ das verdunkelte Gemach.
-
-Was er für dieses kleine Geschöpf empfand, war durchaus nicht das, was
-er erwartet hatte. Nichts Heiteres und Freudiges lag in diesem Gefühl;
-im Gegenteil, es verursachte ihm eine ungewohnte, peinliche Angst;
-die Erkenntnis eines neuen Gebietes, auf dem er verwundbar war. Diese
-Erkenntnis war ihm in der ersten Zeit so peinlich, die Angst davor, daß
-dieses hilflose Wesen nicht litte, war so stark, daß infolge derselben
-die Empfindung einer ungemessenen Freude, selbst des Stolzes, die er
-hatte, als das Kind nieste, gar nicht bemerkbar wurde.
-
-
- 17.
-
-Die Verhältnisse Stefan Arkadjewitschs hatten sich sehr verschlechtert.
-Die Gelder für zwei Drittel des Waldes waren bereits verlebt, und
-das dritte Drittel hatte er unter einem Zinsenabzug von zehn Prozent
-bei dem Kaufmann schon im voraus fast ganz erhoben. Der Kaufmann gab
-kein Geld mehr her, umsoweniger, als sich in diesem Winter Darja
-Aleksandrowna, zum erstenmale rückhaltlos ihre Rechte auf ihr Vermögen
-geltend machend, geweigert hatte, einen Kontrakt über den Empfang des
-Betrages für das letzte Drittel des Waldes zu unterschreiben.
-
-Der ganze Gehalt ging für die häuslichen Ausgaben, sowie für die
-Begleichung der kleinen Forderungen auf, die sich nicht aufschieben
-ließen. An Geld war vollständige Ebbe eingetreten.
-
-Das war unangenehm, peinlich, und konnte nach der Meinung Stefan
-Arkadjewitschs nicht so fortgehen. Die Ursache lag nach seiner
-Auffassung darin, daß er einen zu geringen Gehalt bezog. Das Amt,
-welches er bekleidete, war offenbar sehr gut gewesen vor fünf Jahren,
-jetzt aber war dem nicht mehr so. Petroff, der Bankdirektor, hatte
-zwölftausend Rubel; Swentizkiy, ein Mitglied der Gesellschaft, hatte
-siebzehntausend, und Mitin, der die Bank gegründet hatte, bezog
-fünfzigtausend Rubel. »Offenbar habe ich geschlafen und man hat mich
-vergessen,« dachte Stefan Arkadjewitsch bei sich, und fing nun an,
-das Ohr zu spitzen, und um sich zu schauen, und gegen das Ende des
-Winters hin hatte er eine sehr gute Stelle erspäht, auf welche er nun
-eine Attacke machte; zuerst von Moskau aus, mit Hilfe seiner Tanten,
-Onkel und Freunde, dann aber, nachdem die Sache reif geworden, fuhr
-er mit dem Frühling selbst nach Petersburg. Es war eines jener Ämter,
-deren jetzt, mit Einkünften von ein bis zu fünfzigtausend Rubel
-jährlich Gehalt, mehr geworden sind, als früher vorhanden waren,
-behagliche, sportelfette Ämter. Es war die Stellung eines Mitglieds
-in der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz der
-südlichen Eisenbahnen und Bankinstitute. Dieses Amt forderte, wie alle
-derartigen Stellungen, so ungeheure Kenntnisse, solche Thätigkeit, daß
-es schwer war, es in einem einzelnen Menschen zu vereinigen.
-
-Da nun ein solcher Mann, der diese Eigenschaften in sich vereinigte,
-nicht vorhanden war, war es immer noch das beste, wenn das Amt
-ein ehrenhafter Mann bekleidete, als ein unehrenhafter. Stefan
-Arkadjewitsch aber war nicht nur ein Ehrenmann -- ohne Betonung --
-sondern er war ein ehrlicher Mensch -- mit Betonung -- in jenem
-eigentümlichen Sinne, den dieses Wort in Moskau besitzt, wenn man sagt:
-Ein ehrlicher Beamter, Schriftsteller, ein ehrliches Journal, eine
-solide Unternehmung, ehrliche Richtung; und welcher nicht nur andeutet,
-daß ein Mensch oder eine Institution nicht unehrenhaft ist, sondern
-auch, daß dieselben fähig sind, bei Gelegenheit der Regierung einen
-Stich zu versetzen.
-
-Stefan Arkadjewitsch verkehrte in Moskau in denjenigen Kreisen, in
-denen dieses Wort eingeführt war, in denen er als ehrenhafter Mann
-angesehen wurde und demgemäß mehr Anrechte auf diese Stellung hatte,
-als andere.
-
-Das Amt warf jährlich von sieben bis zu zehntausend Rubel ab und
-Oblonskiy konnte es bekleiden, ohne dabei seinen Regierungsposten
-aufzugeben. Es hing von zwei Ministerien ab, von einer Dame und zwei
-Juden, und alle diese Leute mußte Stefan Arkadjewitsch -- obwohl sie
-schon vorbereitet waren -- in Petersburg besuchen. Außerdem hatte er
-seiner Schwester Anna versprochen, von Karenin eine bestimmte Antwort
-betreffs der Ehescheidung zu erlangen.
-
-Nachdem er sich von Dolly fünfzig Rubel erbeten hatte, fuhr er nach
-Petersburg.
-
-In dem Kabinett Karenins sitzend, und dessen Projekt betreffs des
-schlechten Zustandes der russischen Finanzen anhörend, wartete Stefan
-Arkadjewitsch nur auf die Minute, wo Karenin enden würde, um von seiner
-Angelegenheit und von Anna zu beginnen.
-
-»Ja, das ist sehr wichtig,« sagte er, als Aleksey Aleksandrowitsch sein
-Pincenez abnahm, ohne welches er jetzt nicht mehr lesen konnte, und
-fragend seinen ehemaligen Schwager anschaute, »das ist sehr richtig in
-den Einzelheiten, aber bei alledem ist doch das Prinzip unserer Zeit --
-die Freiheit.«
-
-»Ich stelle aber eben ein anderes Prinzip auf, welches das Prinzip
-der Freiheit mit einschließt,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, das
-Wort »einschließt« betonend und das Pincenez wieder aufsetzend, um
-noch einmal seinem Zuhörer die Stelle vorzulesen, in welcher eben dies
-gesagt war.
-
-Das schöngeschriebene Manuskript mit den großen weißen Rändern
-durchblätternd, las Aleksey Aleksandrowitsch aufs neue die überzeugende
-Stelle.
-
-»Ich will kein Protektionssystem, keines im Interesse einzelner
-Privatpersonen, sondern eines im Interesse des allgemeinen Wohls -- für
-die niedrigsten ebenso wie für die höchsten Klassen« -- sagte er, über
-dem Pincenez hinweg nach Oblonskiy blickend. »Aber die oben können das
-nicht begreifen, die sind nur von persönlichen Interessen eingenommen
-und von Phrasen begeistert.«
-
-Stefan Arkadjewitsch wußte, daß Karenin, wenn er davon zu sprechen
-begann, was _die oben_ thäten und dächten, die Nämlichen, welche seine
-Projekte nicht annehmen wollten und die die Ursache aller Übelstände in
-Rußland waren, dem Schluß schon ziemlich nahe war, und entsagte daher
-jetzt gern der Verteidigung seines Princips der Freiheit und stimmte
-vollständig ein. Aleksey Aleksandrowitsch verstummte, nachdenklich
-seine Schrift durchblätternd.
-
-»Ach, bei dieser Gelegenheit« -- sagte Stefan Arkadjewitsch, »wollte
-ich dich bitten, wenn du Pomorskiy sehen solltest, ihm doch ein paar
-Worte davon zu sagen, daß ich recht sehr die offene Stellung als
-Mitglied der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz
-der südlichen Eisenbahnen zu haben wünschte.« Stefan Arkadjewitsch
-war der Titel dieses Amtes, das ihm so sehr am Herzen lag, bereits
-gewohnt geworden und er sprach ihn schnell herunter, ohne sich dabei zu
-versehen.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch erkundigte sich, worin die Thätigkeit dieser
-neuen Kommission bestände und überlegte. Er erwog, ob in der Thätigkeit
-dieser Kommission nicht etwas seinen Plänen Feindliches liegen könne.
-Doch da die Thätigkeit dieses neuen Instituts eine sehr komplizierte
-war, und seine Pläne ein sehr großes Gebiet umfaßten, so vermochte er
-sich dies nicht sofort klarzumachen und sagte, das Pincenez abnehmend:
-
-»Ohne Zweifel kann ich mit ihm davon sprechen; aber warum wünschest du
-gerade dieses Amt zu übernehmen?«
-
-»Der Gehalt ist gut, gegen neuntausend Rubel, und meine Mittel« --
-
-»Neuntausend,« wiederholte Aleksey Aleksandrowitsch und verfinsterte
-sich. Die Höhe dieses Gehaltes erinnerte ihn daran, daß nach dieser
-Seite eine vorausgesetzte Thätigkeit Stefan Arkadjewitschs dem
-Hauptgedanken seiner Projekte entgegen sein würde, welche stets für die
-Sparsamkeit waren.
-
-»Ich finde, und habe auch darüber eine Denkschrift geschrieben, daß in
-unserer Zeit diese ungeheuren Gehälter die Kennzeichen einer falschen
-ökonomischen =assiette= unserer Regierung sind.«
-
-»Was willst du?« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Nehmen wir an, ein
-Bankdirektor erhält zehntausend Rubel, so ist er diese doch wohl wert.
-Oder ein Ingenieur erhält zwanzigtausend.«
-
-»Ich meine, daß der Gehalt eine Bezahlung für Ware ist, und dem Gesetz
-der Nachfrage und des Angebotes entsprechen muß. Wenn die Normierung
-eines Gehaltes von diesem Gesetz abweicht, wie zum Beispiel, wenn
-ich sehe, daß aus einem Institut zwei Ingenieure hervorgehen, gleich
-kenntnisreich und befähigt, und der eine vierzigtausend Rubel Gehalt
-erhält, während sich der andere mit zweitausend begnügt; oder wenn
-man zu Direktoren einer Bank mit ungeheuren Gehältern Rechtsgelehrte
-einsetzt, die kein bestimmtes Spezialwissen besitzen -- so schließe
-ich daraus, daß der Gehalt nicht nach dem Gesetz von Nachfrage und
-Angebot bestimmt ist, sondern geradezu nach dem Ansehen der Person.
-Hierin aber liegt ein Mißbrauch, der sich, wichtig an und für sich, als
-schadenbringend im Staatsdienst erweist. Ich glaube« --
-
-Stefan Arkadjewitsch beeilte sich, seinen Schwager zu unterbrechen.
-
-»Ja, aber du giebst doch zu, daß sich da eine neue, unzweifelhaft
-nutzbringende Institution eröffnet; ein lebensfähiges Unternehmen,
-wenn du willst. Man schätzt es namentlich insofern hoch, als es auf
-ehrenhafte Weise geleitet werden soll,« sagte Stefan Arkadjewitsch
-gewichtig.
-
-Die Moskauer Bedeutung des Wortes »ehrenhaft« war jedoch für Aleksey
-Aleksandrowitsch unverständlich.
-
-»Ehrenhaftigkeit ist nur eine negative Eigenschaft,« sagte er.
-
-»Aber du würdest mir gleichwohl einen großen Gefallen erweisen,« sagte
-Stefan Arkadjewitsch, »wenn du ein Wort für mich bei Pomorskiy einlegen
-wolltest,« das Wörtchen »Pomorskiy« unterdrückend, »so im Gespräch.«
-
-»Das hängt aber doch mehr von Bolgarinoff ab, wie mir scheint,« sagte
-Aleksey Aleksandrowitsch.
-
-»Bolgarinoff seinerseits ist völlig einverstanden,« sagte Stefan
-Arkadjewitsch errötend. Er errötete bei der Erwähnung dieses Namens,
-weil er erst am nämlichen Tage früh bei dem Juden Bolgarinoff gewesen
-war und dieser Besuch einen unangenehmen Eindruck in ihm hinterlassen
-hatte.
-
-Stefan Arkadjewitsch wußte genau, daß das Unternehmen, dem er seine
-Kräfte weihen wollte, neu, lebensfähig und solid war, aber am heutigen
-Morgen, als Bolgarinoff ihn offenbar mit Absicht zwei Stunden mit
-anderen Bittstellern im Empfangszimmer hatte warten lassen, da war
-es ihm dennoch plötzlich peinlich zu Mute geworden. Ob nun deswegen,
-daß er, ein Nachkomme Rjuriks, ein Fürst Oblonskiy, zwei Stunden in
-dem Empfangszimmer eines Juden wartete, oder weil er zum erstenmal
-im Leben das Beispiel der Vorfahren, der Regierung zu dienen, nicht
-befolgt hatte und eine neue Laufbahn betrat; jedenfalls war ihm höchst
-unbehaglich zu Mute gewesen.
-
-Während der zwei Stunden seines Wartens bei Bolgarinoff hatte Stefan
-Arkadjewitsch, schnell im Empfangssalon auf und abgehend, sich den
-Lockenbart streichend, mit anderen Bittstellern Gespräche anknüpfend,
-und über einen Kalauer nachdenkend, den er darüber zum besten geben
-wollte, wie er bei dem Juden gewartet habe, geflissentlich vor den
-anderen, ja selbst vor sich, das Gefühl, welches er empfand, verborgen.
-Er war während dieser ganzen Zeit in unbehaglicher und verdrießlicher
-Stimmung gewesen, ohne daß er wußte, wie dies kam; ob vielleicht daher,
-daß aus dem Kalauer, in dem er sich versuchte, nichts wurde -- er
-lautete: »ich hatt' es zu thun mit Juden und dafür mußt' ich bluten«[C]
--- oder aus einem anderen Grunde.
-
- [C] Der Originaltext lautet: »=bylo djelo do [.z]yda, i ja
- do[.z]idalsja=«, »es gab mit einem Juden Etwas zu thun und ich
- mußte tüchtig warten«.
-
-Nachdem ihn nun endlich Bolgarinoff mit außerordentlicher Höflichkeit
-empfangen, augenscheinlich im Triumph über seine Erniedrigung, und ihm
-einen fast abschläglichen Bescheid erteilt hatte, suchte er dies so
-schnell als möglich zu vergessen. Jetzt indessen, als er sich hieran
-erinnerte, errötete er.
-
-
- 18.
-
-»Jetzt habe ich noch ein Anliegen, und du weißt ja welches. Es betrifft
-Anna,« sagte Stefan Arkadjewitsch, nachdem er eine Weile geschwiegen,
-und den unangenehmen Eindruck von sich abgeschüttelt hatte.
-
-Kaum hatte Oblonskiy den Namen Annas ausgesprochen, so veränderte sich
-das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs vollständig; anstatt der früheren
-Lebhaftigkeit drückte es Ermüdung und etwas Totenhaftes aus.
-
-»Was wollt Ihr denn gerade von mir?« sagte er, sich im Sessel wendend
-und sein Pincenez zusammenklemmend.
-
-»Einen Entschluß, irgend einen Bescheid, Aleksey Aleksandrowitsch. Ich
-wende mich jetzt zu dir -- nicht zu dem beleidigten Gatten« -- wollte
-Stefan Arkadjewitsch sagen, veränderte jedoch diese Worte in der
-Furcht, die Sache damit zu verderben, indem er fortfuhr, »nicht als zu
-dem Staatsmann (was übrigens auch nicht recht angebracht war), sondern
-einfach zu dir als Menschen, und zwar als guten Menschen und Christen.
-Du mußt Mitleid mit ihr haben,« sprach er.
-
-»Das heißt, inwiefern denn eigentlich?« sagte Karenin leise.
-
-»Ja, Mitleid mit ihr haben! Wenn du sie sähest, wie ich sie gesehen
-habe -- ich habe den ganzen Winter bei ihr zugebracht -- du würdest
-Erbarmen mit ihr haben. Ihre Lage ist entsetzlich, wirklich
-entsetzlich.«
-
-»Mir schien,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch mit noch dünnerer,
-fast pfeifender Stimme, »als habe doch nun Anna Arkadjewna alles das,
-was sie selbst gewollt hat.«
-
-»Ach, Aleksey Aleksandrowitsch, um Gottes willen keine Rekriminationen!
-Was vorbei ist, ist vorbei, und du weißt, was sie wünscht und ersehnt
--- die Ehescheidung.«
-
-»Ich habe aber geglaubt, Anna Arkadjewna wird in die Ehescheidung
-nicht einwilligen für den Fall, daß ich die Bedingung, mir den Sohn zu
-lassen, stelle. So habe ich auch geantwortet und gemeint, daß diese
-Angelegenheit abgethan wäre. Ich erachte sie für abgethan,« sprach
-Aleksey Aleksandrowitsch mit tönender Stimme.
-
-»Um Gott, ereifere dich nicht,« sprach Stefan Arkadjewitsch, die Kniee
-seines Schwagers berührend, »die Angelegenheit ist nicht abgethan. Wenn
-du mir erlaubst, zu rekapitulieren, so lag die Sache so: Als ihr euch
-trenntet, warest du großmütig, wie man nur großmütig sein kann; du hast
-ihr alles bewilligt -- die Freiheit, sogar die Trennung! Sie weiß das
-zu schätzen. Nein, denke nicht anders, sie hat es wirklich geschätzt;
-bis zu einem Grade, daß sie während jener ersten Minuten im Gefühl
-ihrer Schuld vor dir, nicht einmal alles überdachte oder überdenken
-konnte. Sie hat auf alles verzichtet, aber die Wirklichkeit, die Zeit,
-haben ihr gezeigt, daß ihre Lage qualvoll und unmöglich ist.«
-
-»Das Leben Anna Arkadjewnas kann mich nicht interessieren,« unterbrach
-ihn Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend.
-
-»Gestatte mir, dies zu bezweifeln,« entgegnete ihm Stefan Arkadjewitsch
-geschmeidig, »ihre Lage ist peinlich für sie, und unersprießlich für
-jedermann, wer es auch sei. Sie hat dieselbe verdient, sagst du. Das
-weiß sie, und sie bittet dich auch nicht, sagt vielmehr offen heraus,
-daß sie nicht wagt, um Etwas zu bitten. Ich aber, wir Verwandten alle,
-alle, die sie lieb haben, wir bitten, wir beschwören dich. Warum soll
-sie sich quälen? Wem würde besser dadurch?«
-
-»Erlaubt; Ihr versetzt mich, wie es scheint, in die Lage eines
-Angeklagten,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.
-
-»O nein, o nein; keineswegs; verstehe mich recht,« sagte Stefan
-Arkadjewitsch, abermals seine Hände berührend, als wäre er überzeugt,
-daß diese Berührung den Schwager erweichen würde; »ich sage nur
-das Eine, ihre Lage ist qualvoll, dieselbe kann erleichtert werden
-durch dich, und du verlierst nichts dabei! Ich werde für dich alles
-so arrangieren, daß du es nicht merkst. Du hattest mir es doch
-versprochen.«
-
-»Das Versprechen ist früher gegeben worden. Ich habe geglaubt, daß die
-Frage über den Sohn die Angelegenheit entschieden hätte. Außerdem habe
-ich gehofft, daß Anna Arkadjewna Großmut genug haben werde« -- Aleksey
-Aleksandrowitsch brachte dies mit Anstrengung hervor, erbleichend und
-mit bebenden Lippen.
-
-»Sie stellt alles deiner Großmut anheim und bittet, fleht nur um das
-Eine -- sie dieser unmöglichen Lage zu entheben, in der sie sich
-befindet! Sie bittet nicht mehr um den Sohn! Aleksey Aleksandrowitsch,
-du bist ein guter Mensch, versetze dich einen Augenblick in ihre Lage.
-Die Frage der Ehescheidung ist für sie in ihrer Situation, eine Frage
-über Leben und Tod. Hättest du nicht früher das Versprechen gegeben,
-so würde sie sich mit ihrer Lage abzufinden suchen und auf dem Lande
-bleiben. Aber du hast versprochen, sie hat dir geschrieben und ist
-nach Moskau gekommen, und in Moskau, wo ihr jede Begegnung einen Stich
-ins Herz giebt, lebt sie nun seit sechs Monaten, mit jedem Tage eine
-Entscheidung erwartend. Das ist doch wohl ganz das Nämliche, als wenn
-man einen zum Tode Verurteilten Monate hindurch mit der Schlinge um den
-Hals hält, indem man ihm bald den Tod, bald Begnadigung als möglich in
-Aussicht stellt. Erbarme dich ihrer, und dann will ich es schon auf
-mich nehmen die Sache zu ordnen! -- =Vos scrupules=« --
-
-»Ich spreche nicht davon, nicht davon,« unterbrach ihn Aleksey
-Aleksandrowitsch mit Widerwillen, »ich hatte da vielleicht etwas
-versprochen, was zu versprechen ich gar kein Recht hatte.«
-
-»So stellst du also in Abrede, mir ein Versprechen gegeben zu haben?«
-
-»Ich habe mich nie bei der Erfüllung einer Möglichkeit geweigert,
-wünsche aber Zeit zu haben, um überlegen zu können, inwieweit das
-Versprochene erfüllbar ist.«
-
-»Nein, Aleksey Aleksandrowitsch!« begann Oblonskiy aufspringend, »daran
-will ich nicht glauben! Sie ist so unglücklich, wie nur ein Weib
-unglücklich sein kann, und du kannst dich nicht weigern, eine solche« --
-
--- »Soweit mein Versprechen erfüllbar ist. =Vous professez d'être
-un libre penseur=, ich aber, als Rechtgläubiger, kann in einer so
-wichtigen Angelegenheit nicht wider das christliche Gebot handeln.«
-
-»Aber in der christlichen Gesellschaft und bei uns ist doch, soviel
-ich weiß, die Ehescheidung zulässig,« sagte Stefan Arkadjewitsch; »die
-Ehescheidung ist auch in unserer Kirche zulässig und wir sehen« --
-
--- »Sie ist gestattet, doch nicht in diesem Sinne.«
-
-»Aleksey Aleksandrowitsch, ich erkenne dich nicht wieder,« sagte
-Oblonskiy flehend, »hast du nicht alles vergeben? Haben wir dies nicht
-hoch angeschlagen? Warest du nicht, getrieben gerade vom christlichen
-Gefühl, bereit, alles zu opfern? Du selbst hast gesagt, man solle auch
-den Rock hingeben wenn man das Hemd nähme, und jetzt« --
-
-»Ich bitte dich,« begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich auf die
-Füße springend, bleich, mit bebenden Kinnbacken und pfeifender Stimme,
-»ich bitte Euch, abzubrechen, abzubrechen -- dieses Gespräch« --
-
-»O nein doch! Verzeihe mir, verzeih', wenn ich dich gekränkt habe,«
-beharrte Stefan Arkadjewitsch, verlegen lächelnd und die Hand
-hinstreckend, »ich habe ja nur wie ein Gesandter meinen Auftrag
-übermittelt.«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch gab ihm die Hand, begann nachzudenken.
-
-»Ich muß überlegen und mich nach Weisungen umsehen. Übermorgen
-werde ich Euch eine bestimmte Antwort geben,« sagte er nach einigem
-Nachdenken.
-
-
- 19.
-
-Stefan Arkadjewitsch wollte schon gehen, als Korney erschien mit der
-Meldung:
-
-»Sergey Aleksejewitsch!«
-
-»Wer ist dieser Sergey Aleksejewitsch?« wollte Stefan Arkadjewitsch
-anfangen, besann sich aber sogleich. »Ach, der kleine Sergey,« sagte
-er, »Sergey Aleksejewitsch! Ich dachte, der Direktor des Departements
-wäre es. Anna hat mich ja gebeten, ihn zu besuchen,« erinnerte er sich,
-und rief sich jenen schüchternen, mitleiderweckenden Ausdruck wieder
-ins Gedächtnis, mit welchem ihm Anna, indem sie ihn entließ, gesagt
-hatte, »du wirst ihn sehen, erforsche genau, wo er ist und wer bei ihm
-ist. Und mein Stefan -- wenn es möglich wäre; es wird doch möglich
-sein?« Stefan Arkadjewitsch verstand was dieses »wenn es möglich wäre«
-bedeutete. Wenn es möglich wäre, die Scheidung so zu stande zu bringen,
-daß er ihr den Sohn überließ! Jetzt sah er indessen, daß hieran nicht
-zu denken war, aber dennoch freute er sich, den Neffen zu sehen.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch machte seinen Schwager darauf aufmerksam,
-daß man zu seinem Sohne nie von der Mutter spreche und er ihn daher
-ersuche, kein Wort von derselben zu erwähnen.
-
-»Er war sehr krank geworden nach jenem Wiedersehen mit seiner
-Mutter, welches wir nicht vorausgesehen hatten,« sagte Aleksey
-Aleksandrowitsch. »Wir fürchteten sogar für sein Leben. Aber eine
-verständige Pflege und Seebäder im Sommer haben seine Gesundheit
-wiederhergestellt, und jetzt habe ich ihn auf Anraten des Arztes in die
-Schule gegeben. In der That hat auch der Einfluß der Kameraden auf ihn
-eine günstige Wirkung gehabt und er ist vollkommen gesund und lernt
-gut.«
-
-»Was für ein hübscher Bursch er geworden ist; das ist nicht mehr der
-kleine Sergey Aleksejewitsch!« lächelte Stefan Arkadjewitsch, auf den
-hurtig und ungezwungen eintretenden hübschen, breitschulterigen Knaben
-in blauer Kutte und langen Beinkleidern blickend. Der Knabe sah gesund
-und munter aus. Er verneigte sich vor dem Onkel wie vor einem Fremden,
-doch, als er ihn erkannt hatte, errötete er und wandte sich, als sei
-er von Etwas beleidigt und erzürnt, hastig von ihm ab. Der Knabe ging
-zu seinem Vater und gab ihm ein Billet über Censuren, welche er in der
-Schule erhalten hatte.
-
-»Nun, recht so,« sagte der Vater, »du kannst gehen.«
-
-»Er ist magerer geworden und gewachsen, er hat aufgehört, ein Kind zu
-sein und ist ein großer Knabe geworden; das liebe ich,« sagte Stefan
-Arkadjewitsch, »besinnst du dich noch auf mich?«
-
-Der Knabe blickte schnell nach seinem Vater.
-
-»Ich besinne mich, =mon oncle=,« antwortete er, auf den Oheim blickend
-und wiederum in Verwirrung geratend.
-
-Der Onkel rief den Knaben zu sich und nahm ihn bei der Hand.
-
-»Nun, wie geht es denn?« sagte er, im Wunsche, Etwas zu sagen, obwohl
-er nicht recht wußte, was er sagen sollte.
-
-Der Knabe zog errötend und ohne zu antworten, behutsam seine Hand aus
-der des Onkels, und sobald Stefan Arkadjewitsch losgelassen hatte,
-eilte er wie ein Vogel, den man in Freiheit gesetzt hat, mit einem
-fragenden Blick auf den Vater schnellen Schrittes aus dem Gemach.
-
-Ein Jahr war vergangen, seit der kleine Sergey seine Mutter zum
-letztenmale gesehen hatte. Seit jener Zeit hatte er nie wieder von
-ihr gehört. In diesem Jahre nun war er in die Schule gegeben worden
-und hatte hier Kameraden kennen und lieben gelernt. Jene Gedanken und
-Erinnerungen an seine Mutter, die ihn nach dem Wiedersehen mit ihr
-krank gemacht hatten, beschäftigten ihn jetzt nicht mehr. Wenn sie ihn
-überkamen, scheuchte er sie geflissentlich von sich, indem er sie für
-schimpflich und nur den Mädchen angemessen hielt aber nicht für einen
-Knaben und Schulkameraden. Er wußte, daß zwischen Vater und Mutter ein
-Zwist bestand, der beide trennte; er wußte, daß es ihm beschieden war,
-bei dem Vater zu bleiben, und suchte sich nun an diesen Gedanken zu
-gewöhnen.
-
-Daß er den Onkel, welcher seiner Mutter ähnlich war, wiedersah, war
-ihm unangenehm, weil dies eben wieder jene Erinnerungen, die er für
-schimpflich hielt, in ihm wachrief. Es war ihm dies um so unangenehmer,
-als er, nach einigen Worten, die er gehört hatte, indem er an der
-Thür des Kabinetts wartete, und namentlich nach dem Gesichtsausdruck
-des Vaters und des Onkels zu urteilen erriet, daß zwischen beiden die
-Rede von seiner Mutter gewesen sein mußte, und um nun diesen Vater,
-bei welchem er lebte, und von dem er abhing, nicht hintenanzusetzen,
-hauptsächlich jedoch sich nicht einer Empfindsamkeit hinzugeben, die er
-für so verächtlich hielt, bemühte sich der kleine Sergey, diesen Onkel
-gar nicht anzublicken, welcher gekommen war seine Ruhe zu stören, und
-nicht an das zu denken, was er ihm ins Gedächtnis zurückrief.
-
-Als ihn jedoch Stefan Arkadjewitsch, der hinter ihm hinausgegangen,
-und seiner auf der Treppe ansichtig geworden war, zu sich rief, und
-frug, wie er in der Schule die Zeit in den Zwischenstunden verbringe,
-unterhielt sich Sergey, außer Gesichtsweite des Vaters, mit ihm.
-
-»Jetzt machen wir Eisenbahn,« sagte er, auf die Frage antwortend. »Und
-wißt Ihr wie? Zwei setzen sich auf eine Bank; das sind die Passagiere.
-Einer steht auf der Bank, und alle spannen sich nun davor. Man kann sie
-nun mit den Händen oder auch an den Gürteln ziehen und so geht es durch
-alle Säle. Die Thüren werden schon vorher geöffnet. Nun ist es schwer
-dabei den Kondukteur zu machen.«
-
-»Das ist der, welcher steht?« frug Stefan Arkadjewitsch lächelnd.
-
-»Ja; da ist Kühnheit und Gewandtheit notwendig, besonders wenn sie
-schnell stehen bleiben oder wenn einer fällt.«
-
-»Ja, das ist kein Spaß,« sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Wehmut in
-diese lebhaften, an die Mutter gemahnenden Augen blickend, die jetzt
-nicht mehr Kinderaugen, schon nicht ganz unschuldsvoll waren, und
-obwohl er Aleksey Aleksandrowitsch versprochen hatte, nicht von Anna zu
-sprechen, hielt er es doch nicht aus.
-
-»Denkst du denn noch deiner Mama?« frug er plötzlich.
-
-»Nein; ich denke nicht mehr an sie,« antwortete Sergey, schnell und
-schlug, purpurrot werdend, die Augen nieder. Der Onkel konnte nun
-nichts mehr aus ihm herausbringen.
-
-Der Erzieher Slavjanin fand nach einer halben Stunde seinen Zögling auf
-der Treppe und konnte lange nicht verstehen, ob Sergey jemand zürne
-oder weine.
-
-»Ihr habt Euch wohl gestoßen, als Ihr fielet?« sagte der Erzieher. »Ich
-habe doch immer gesagt, daß dies ein gefährliches Spiel ist. Das wird
-wohl dem Direktor gesagt werden müssen.«
-
-»Wenn ich mich gestoßen hätte, so hätte dies ja doch niemand bemerkt.
-Das ist doch sicher wahr!«
-
-»Nun was aber ist Euch denn dann?«
-
-»Laßt mich! Ob ich daran denke oder nicht! Was geht das ihn an? Warum
-soll ich daran denken? Laßt mich in Ruhe!« wandte er sich schon nicht
-mehr an den Erzieher, sondern an die ganze Welt.
-
-
- 20.
-
-Stefan Arkadjewitsch hatte, wie stets, die Zeit in Petersburg nicht
-müßig zugebracht. In Petersburg hatte er an Geschäften außer der
-Scheidung der Schwester und der Angelegenheit mit dem Amte wie immer,
-noch eine Erholung von nöten nach dem Moskauer Stumpfsinn, wie er sagte.
-
-Moskau war ungeachtet seiner Caféchantants und Omnibusse doch für ihn
-nur ein stehender Sumpf. Dies fühlte Stefan Arkadjewitsch stets, und
-wenn er in Moskau besonders bei seiner Familie gelebt hatte, fühlte
-er, daß sein Lebensmut sank. Wenn er lange Zeit, ohne fortzukommen in
-Moskau zugebracht hatte, kam er soweit, daß er anfing, sich über die
-schlechte Laune und die Vorwürfe seines Weibes Gedanken zu machen, über
-die Gesundheit und Erziehung der Kinder, und die kleinen Interessen
-seines Dienstes; selbst der Umstand, daß er Schulden hatte, beunruhigte
-ihn.
-
-Es war indessen nur nötig, daß er nach Petersburg kam und sich dort
-aufhielt, in dem Kreise, in welchem er verkehrte, und in welchem man
-lebte, ja wirklich lebte, und nicht erfror wie in Moskau, um sogleich
-alle diese Gedanken verschwinden und schmelzen zu lassen, wie Wachs vor
-dem Scheine des Feuers.
-
-Und sein Weib? -- Erst heute hatte er mit dem Fürsten Tschetschenskiy
-gesprochen. Der Fürst Tschetschenskiy hatte Frau und Kinder -- die
-erwachsenen Kinder waren Pagen -- und doch auch eine zweite, illegitime
-Familie, in welcher gleichfalls Kinder vorhanden waren. Obwohl nun die
-erste Familie auch gut war, fühlte sich der Fürst doch glücklicher
-in der zweiten; er brachte seinen ältesten Sohn mit in seine zweite
-Familie und erzählte Stefan Arkadjewitsch, er fände, dies sei ihm
-nützlich und förderlich.
-
-Was hätte man hierzu in Moskau gesagt?
-
-Seine Kinder? -- In Petersburg hinderten die Kinder die Väter nicht
-daran, zu leben. Die Kinder wurden in Instituten erzogen, und es gab
-hier nicht jene in Moskau -- bei Lwoff zum Beispiel -- verbreitete,
-seltsame Auffassung, daß den Kindern aller Luxus des Lebens, den Eltern
-allein Mühe und Sorgen zukämen. Hier hatte man erkannt, daß der Mensch
-verpflichtet sei, für sich selbst zu leben, wie ein gebildeter Mensch
-eben leben müsse.
-
-Sein Dienst? -- Der Dienst war hier gleichfalls nicht eine so strenge
-hoffnungslose Fessel, wie die, welche man in Moskau trug; hier war
-ein Interesse am Dienst vorhanden. Eine Begegnung, ein Verdienst, ein
-treffendes Wort, die Fähigkeit, sich in den Personen nur verschiedene
-Gegenstände vorzustellen, war alles, um jemand plötzlich Carriere
-machen zu lassen, wie Bojanzeff, dem Stefan Arkadjewitsch gestern
-begegnet und der jetzt einer der ersten Beamten war, sie gemacht hatte.
-Dieser Dienst gewährte Interesse.
-
-Insbesondere wirkten aber die Petersburger Anschauungen in
-finanziellen Dingen beruhigend auf Stefan Arkadjewitsch. Bartejanskij,
-welcher mindestens fünfzigtausend Rubel in dem =train=, welchen er
-gerade verfolgte, verbrauchte, hatte ihm erst gestern darüber ein
-bemerkenswertes Wort fallen lassen.
-
-Vor dem Essen hatte Stefan Arkadjewitsch in der Unterhaltung zu
-Bartejanskij gesagt:
-
-»Du scheinst dem Mordwinskij nahe zu stehen und könntest mir daher
-einen Dienst erweisen, wenn du bei ihm für mich ein gutes Wort einlegen
-wolltest. Es ist da ein Amt vorhanden, welches ich haben möchte, als
-Mitglied der Agentur« --
-
-»Nun, ich erinnere mich nicht so ganz -- aber was hast du für eine
-Sehnsucht nach diesen Eisenbahngeschäften mit Juden? Doch wie du
-willst; aber es ist doch etwas Widerwärtiges dabei« --
-
-Stefan Arkadjewitsch sagte ihm nicht, daß es sich um ein lebensfähiges
-Unternehmen handle: Bartejanskij hätte dies nicht verstanden.
-
-»Ich brauche Geld; habe nichts mehr zu leben.«
-
-»Aber du lebst doch?«
-
-»Ich lebe wohl, habe aber viel Schulden.«
-
-»Was willst du? Hast du viel?« sagte Bartejanskij mitleidig.
-
-»Sehr viel, zwanzigtausend Rubel.«
-
-Bartejanskij lachte lustig auf.
-
-»O glücklicher Mensch!« sagte er, »ich habe anderthalb Million und
-besitze gar nichts, aber, wie du siehst, kann man doch noch dabei
-leben!«
-
-Stefan Arkadjewitsch fand nicht sowohl in den Worten allein, als in der
-Sache selbst die Richtigkeit des Gesagten.
-
-Schivachoff hatte dreihunderttausend Rubel Schulden und nicht eine
-Kopeke im Vermögen und er lebte doch, und noch dazu auf welche
-Weise! Den Grafen Krivzoff hatten alle schon totgesungen und er
-unterhielt doch noch zwei Maitressen. Petrowskiy hatte fünf Millionen
-durchgebracht und lebte noch immer auf demselben Fuße, verwaltete sogar
-noch immer Finanzen und bezog zwanzigtausend Rubel Gehalt.
-
-Außer alledem aber wirkte Petersburg auch physisch angenehm auf Stefan
-Arkadjewitsch ein. Es verjüngte ihn.
-
-In Moskau schaute er zuweilen nach einem grauen Haar, schlief nach
-dem Essen, reckte sich, stieg im Schritt, schwer atmend die Treppen,
-langweilte sich mit jungen Weibern und tanzte nicht auf den Bällen. In
-Petersburg hingegen fühlte er sich stets um zehn Jahre jünger.
-
-Er empfand in Petersburg das, was ihm gestern erst der sechzigjährige
-Graf Oblonskiy, Peter, der soeben aus dem Ausland zurückgekommen war,
-gesagt hatte.
-
-»Wir verstehen hier nicht zu leben,« hatte Peter Oblonskiy gesagt,
-»glaubst du es wohl -- ich habe den Sommer in Baden verlebt, aber,
-wahrhaftig, mich ganz wie ein junger Mensch gefühlt. Kaum sah ich ein
-junges Frauenzimmer, so gingen die Gedanken -- man aß und trank so
-leichthin -- Kraft und Mut war vorhanden. Da aber bin ich nun nach
-Rußland gekommen -- ich mußte zu meiner Frau und auf das Dorf -- ja;
-du wirst es nicht glauben; vierzehn Tage hindurch hatte ich meinen
-Hausrock angezogen und aufgehört, zur Tafel Toilette zu machen. An die
-jungen Frauenzimmer denke ich nicht mehr, ich bin ein vollständiger
-Greis geworden. Nur das Seelenheil zu retten, bleibt mir noch. Dann
-aber fuhr ich nach Paris -- da kam ich wieder in Ordnung.«
-
-Stefan Arkadjewitsch empfand ganz den nämlichen Unterschied, wie Peter
-Oblonskiy. In Moskau hatte er so nachgelassen, daß er in der That, wenn
-er lange noch so hätte fortleben müssen, dazu gekommen wäre -- was
-übrigens ganz gut gewesen sein würde -- für das Heil seiner Seele zu
-sorgen. In Petersburg aber fühlte er sich wieder als wahrer Mensch.
-
-Zwischen der Fürstin Betsy Twerskaja und Stefan Arkadjewitsch bestanden
-alte, sehr seltsame Beziehungen. Stefan Arkadjewitsch machte ihr stets
-launig den Hof und sagte ihr, immer im Scherz, die indecentesten Dinge,
-wobei er recht wohl wußte, daß ihr dies ganz besonders gefiel. Am Tage
-nach seinem Gespräch mit Karenin begab sich Stefan Arkadjewitsch zu
-ihr. Er fühlte sich so jung, daß er in dieser scherzhaften Cour und
-seichten Plauderei unvermutet so weit kam, daß er nicht mehr wußte, wie
-er sich wieder heraushelfen sollte, obwohl sie ihm leider nicht nur
-nicht gefiel, sondern sogar widerlich war. Dieser Ton herrschte nun
-deswegen, weil er ihr sehr gefiel, und so kam es, daß er recht froh
-über die Ankunft der Fürstin Mjagkaja war, welche diesem Alleinsein zu
-Zweien ein Ende machte.
-
-»Ah, Ihr hier,« sagte sie, ihn erblickend, »nun, wie befindet sich Eure
-arme Schwester? Haltet mich nicht für neugierig,« fügte sie hinzu,
-»seit alle sie verlassen haben, alle die, die tausendmal schlechter
-sind, als sie, finde ich, daß sie schön gehandelt hat. Ich kann es
-Wronskiy nicht verzeihen, daß er es mich nicht hat wissen lassen,
-als sie in Petersburg war. Ich wäre zu ihr, und mit ihr überall
-hingefahren. Übermittelt ihr doch gefälligst den Ausdruck meiner Liebe
-für sie, und erzählt mir nun von ihr.«
-
-»Ja, ihre Lage ist schwer,« begann Stefan Arkadjewitsch zu erzählen,
-in der Einfalt seines Herzens die Worte der Fürstin Mjagkaja, für
-bare Münze nehmend, doch diese unterbrach ihn sogleich, nach ihrer
-Gewohnheit, und begann selbst zu erzählen.
-
-»Sie hat gethan, was alle außer mir auch thun, jedoch verheimlichen.
-Sie aber hat nicht täuschen wollen, sondern schön gehandelt, und noch
-schöner gehandelt, weil sie diesen halben Narren, Euren Schwager,
-verließ. Ihr entschuldigt mich wohl; alle haben gesagt, daß er klug
-sei, klug -- nur ich allein habe gesagt, daß er ein Thor ist. Jetzt,
-nachdem er sich mit der Lydia Iwanowna verbunden hat, und mit dem
-Landau, sagt jedermann, daß er halbverrückt ist. Ich wäre froh, wenn
-ich nicht mit jedermann einzustimmen brauchte, aber diesmal kann ich
-doch nicht anders!«
-
-»Erklärt mir doch gefälligst,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »was das
-eigentlich bedeutet? Gestern war ich bei ihm in der Angelegenheit
-meiner Schwester und ersuchte ihn um einen bestimmten Bescheid. Er gab
-mir keine Antwort und sagte, er wolle sich bedenken, heute morgen aber
-erhielt ich anstatt der Antwort eine Einladung für diesen Abend zu der
-Gräfin Lydia Iwanowna.«
-
-»So, so,« sagte die Fürstin Mjagkaja voll Vergnügen. »Sie werden Landau
-befragen, was der sagen wird.«
-
-»Wie, Landau? Warum? Wer ist das, Landau?« --
-
-»Wie, Ihr kennt nicht =Jules Landau le fameux, Jules Landau le
-clairvoyant=? Der ist auch halbverrückt, und doch, von ihm hängt das
-Schicksal Eurer Schwester ab. Aber das kommt eben vom Leben in der
-Provinz -- Ihr wißt von nichts! -- Landau, seht Ihr, war ein Kommis
-in einem Pariser Magazin und kam einmal zu einem Arzte. Beim Arzt
-schlief er im Empfangszimmer ein und begann im Schlaf allen Kranken
-Rat zu erteilen, wunderbare Ratschläge! Hierauf hörte die Frau des
-Juriy Meledinskiy -- Ihr wißt, des Kranken -- von diesem Landau und
-nahm ihn mit zu ihrem Manne. Er kurierte nun ihren Gatten, doch hat
-er ihm noch keinerlei Nutzen gebracht, nach meiner Meinung, da dieser
-noch immer so gelähmt ist; allein man glaubt an ihn und giebt sich mit
-ihm ab. Sie haben ihn mit nach Rußland gebracht, hier hat sich alles
-auf ihn gestürzt und er hat sie alle zu kurieren begonnen. Die Gräfin
-Bessubowa hat er geheilt und sie hat ihn so lieb gewonnen, daß sie ihn
-zu ihrem Sohne gemacht hat.«
-
-»Wie, zu ihrem Sohne?«
-
-»Jawohl, adoptiert. Er ist jetzt kein Landau mehr, sondern ein Graf
-Bessuboff. Doch darum handelt es sich nicht; Lydia jedoch -- ich liebe
-sie sehr, aber sie hat den Kopf nicht auf dem rechten Flecke -- hat
-sich natürlich jetzt diesem Landau in die Arme geworfen und ohne ihn
-wird weder bei ihr, noch bei Aleksey Aleksandrowitsch ein Beschluß
-gefaßt, weshalb das Schicksal Eurer Schwester jetzt in den Händen
-dieses Landau, alias Grafen Bessuboff, liegt.«
-
-
- 21.
-
-Von einem vorzüglichen Essen und dem Genuß einer beträchtlichen
-Quantität Cognac, den er bei Bartejanskij getrunken hatte, kam Stefan
-Arkadjewitsch, nur ein wenig spät für die festgesetzte Zeit, zur Gräfin
-Lydia Iwanowna.
-
-»Wer ist noch bei der Gräfin? Der Franzose?« frug er den Schweizer,
-indem er den wohlbekannten Überzieher Aleksey Aleksandrowitschs und
-einen eigentümlichen, wunderbaren Paletot mit Spangen erblickte.
-
-»Aleksey Aleksandrowitsch Karenin und Graf Bessuboff,« antwortete der
-Portier gemessen.
-
-»Die Fürstin Mjagkaja hat richtig vermutet,« dachte Stefan
-Arkadjewitsch, als er die Treppe hinaufstieg. »Seltsam; es wäre aber
-doch wohl ganz gut, sich ihr zu nähern. Sie besitzt einen ungeheuren
-Einfluß. Wenn sie mit Pomorskiy ein Wörtchen spricht, dann ist mir's
-gewiß.«
-
-Es war draußen noch vollständig hell, in dem kleinen Salon der Gräfin
-Lydia Iwanowna aber brannten hinter den herabgelassenen Gardinen schon
-die Lampen.
-
-An einem runden Tisch hinter der Lampe saß die Gräfin und Aleksey
-Aleksandrowitsch in leise geführtem Gespräch. Ein kleiner, magerer
-Mensch mit einer Weibertaille, an den Knieen eingebogenen Füßen, sehr
-bleich, hübsch, mit glänzenden, schönen Augen und langen Haaren die auf
-dem Kragen seines Rockes lagen, stand an dem anderen Ende des Zimmers,
-die Wand mit den Porträts betrachtend.
-
-Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Dame des Hauses und Aleksey
-Aleksandrowitsch begrüßt hatte, blickte er nochmals unwillkürlich nach
-dem unbekannten Manne.
-
-»Monsieur Landau,« wandte sich die Gräfin an denselben mit einer
-Oblonskiy verblüffenden Weichheit und Rücksichtnahme, und machte die
-beiden miteinander bekannt.
-
-Landau hatte sich schnell umgeblickt, war herangekommen, und hatte
-lächelnd in die ausgestreckte Rechte Stefan Arkadjewitschs eine
-unbewegliche, schwitzende Hand gelegt, trat aber dann sogleich hinweg
-und sah wieder die Porträts an. Die Gräfin und Aleksey Aleksandrowitsch
-wechselten einen ausdrucksvollen Blick.
-
-»Ich bin sehr erfreut, Euch zu sehen, insbesondere heute,« sagte die
-Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch einen Platz neben Karenin
-anweisend.
-
-»Ich habe Euch mit ihm als einem Landau bekannt gemacht,« sprach
-sie mit leiser Stimme, den Franzosen und dann sogleich Aleksey
-Aleksandrowitsch anblickend, »doch eigentlich ist er Graf Bessuboff,
-wie Ihr wahrscheinlich wißt. Er liebt indessen diesen Titel nicht.«
-
-»Ja, ich habe davon gehört,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »man
-sagt, er habe die Gräfin Bessubowa vollständig wiederhergestellt.«
-
-»Sie war jetzt bei mir, sie ist so zu beklagen,« wandte sich die Gräfin
-an Aleksey Aleksandrowitsch. »Diese Trennung ist für sie entsetzlich.
-Es ist ein solcher Schlag für sie.«
-
-»Reist er denn bestimmt ab?« frug Aleksey Aleksandrowitsch.
-
-»Ja; er geht nach Paris; gestern hat er die Stimme gehört,« sagte die
-Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch anblickend.
-
-»Ah, die Stimme,« wiederholte Oblonskiy im Gefühl, daß man sich so
-vorsichtig wie möglich in dieser Gesellschaft zu verhalten habe, in
-welcher etwas Absonderliches vor sich ging oder vor sich gehen sollte,
-zu dem er noch keinen Schlüssel besaß.
-
-Ein minutenlanges Schweigen trat ein, worauf die Gräfin Lydia Iwanowna,
-gleichsam Sturm laufend auf den Hauptpunkt des Gesprächs, mit feinem
-Lächeln zu Oblonskiy sagte:
-
-»Ich kenne Euch seit langem und freue mich sehr, Euch näher kennen
-zu lernen. =Les amis de nos amis sont nos amis=, aber um ein Freund
-zu sein, muß man sich in den Seelenzustand des anderen Freundes
-hineindenken; wobei ich jedoch fürchte, daß Ihr dies mit Bezug auf
-Aleksey Aleksandrowitsch nicht thut. Ihr versteht, wovon ich rede,«
-sprach sie, ihre schönen, sinnigen Augen erhebend.
-
-»Zum Teil, Gräfin, verstehe ich, daß die Lage Aleksey
-Aleksandrowitschs« -- sagte Oblonskiy, ohne recht zu begreifen, worum
-es sich handelte und daher mit der Absicht, sich allgemein zu halten.
-
-»Die Veränderung liegt nicht in der äußerlichen Situation,« sagte die
-Gräfin Lydia Iwanowna ernst, zugleich mit liebevollem Blick dem sich
-erhebenden und zu Landau gehenden Aleksey Aleksandrowitsch folgend,
-»sein Herz hat sich verändert, ihm ist ein neues Herz verliehen worden,
-und ich fürchte, daß Ihr Euch nicht vollkommen in diese Veränderung
-hineingedacht habt, die in ihm vor sich gegangen ist.«
-
-»Nun, ich kann mir in allgemeinen Umrissen diese Veränderung schon
-vorstellen. Wir sind stets Freunde gewesen, und jetzt« -- sagte Stefan
-Arkadjewitsch, mit einem zärtlichen Blicke dem Blick der Gräfin
-antwortend, wobei er überlegte, welchem der beiden Minister sie näher
-stände, damit er wissen könne, in bezug auf welchen von den beiden er
-sie anzugehen hätte.
-
-»Die Veränderung, welche in ihm vor sich gegangen ist, kann seine
-Gefühle der Nächstenliebe nicht abschwächen; im Gegenteil, diese
-Veränderung muß die Liebe noch erhöhen. Doch ich fürchte, Ihr versteht
-mich nicht. Wollt Ihr nicht Thee nehmen?« sagte sie, mit den Augen auf
-den Diener weisend, welcher auf dem Präsentierbrett Thee reichte.
-
-»Nicht ganz, Gräfin. Versteht sich, sein Unglück« --
-
-»Ja, das Unglück, welches sein größtes Glück geworden ist, da sein Herz
-ein neues ward, von ihm erfüllt,« sagte sie, voll Liebe auf Aleksey
-Aleksandrowitsch schauend.
-
-»Ich glaube, man wird sie schon darum bitten können, mit beiden zu
-sprechen,« dachte Stefan Arkadjewitsch. »O gewiß, Gräfin,« sagte
-er, »doch ich denke, diese Veränderungen sind so innerlicher Natur,
-daß niemand, selbst nicht der am allernächsten Stehende, gern davon
-spricht.«
-
-»Im Gegenteil; wir müssen davon reden, und einander beistehen.«
-
-»Nun ja, ohne Zweifel, es bleibt aber doch ein gewisser Unterschied
-in den Überzeugungen und dabei« -- sagte Oblonskiy mit geschmeidigem
-Lächeln.
-
-»Es kann keinen Unterschied geben in Sachen der heiligen Wahrheit.«
-
-»Ja, ja, gewiß, doch« -- und in Verlegenheit geratend, verstummte
-Stefan Arkadjewitsch. Er hatte erkannt, daß es sich um die Religion
-handelte.
-
-»Mir scheint, er wird sogleich einschlafen,« sagte Aleksey
-Aleksandrowitsch bedeutungsvoll flüsternd, indem er zu Lydia Iwanowna
-herantrat.
-
-Stefan Arkadjewitsch schaute sich um. Landau saß am Fenster, auf die
-Armlehne und Rücklehne eines Sessels gestützt, mit herniedergesunkenem
-Haupte. Als er die auf ihn gerichteten Blicke bemerkte, hob er den Kopf
-und lächelte kindlich-naiv.
-
-»Beobachtet ihn nicht,« sagte Lydia Iwanowna, mit leichter Bewegung
-ihren Stuhl zu Aleksey Aleksandrowitsch rückend, »ich habe bemerkt« --
-begann sie, als der Diener mit einem Briefe in das Zimmer trat. Lydia
-Iwanowna durchflog schnell das Billet, und schrieb dann, nachdem sie
-um Entschuldigung gebeten, mit außerordentlicher Schnelligkeit etwas
-nieder, gab die Antwort hinaus und wandte sich wieder zu dem Tische.
-»Ich habe bemerkt,« fuhr sie in dem begonnenen Gespräch fort, »daß die
-Moskauer, insbesondere die Herren, die gleichgültigsten Menschen der
-Religion gegenüber sind.«
-
-»O nein Gräfin, mir scheint, daß die Moskauer im Rufe stehen, die
-glaubenstreuesten Menschen zu sein,« antwortete Stefan Arkadjewitsch.
-
-»Nun, soviel ich es verstehe, seid Ihr leider einer der
-Gleichgültigen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit mattem
-Lächeln an ihn wendend.
-
-»Wie kann man nur gleichgültig sein!« sagte Lydia Iwanowna.
-
-»Ich bin in dieser Beziehung weniger gleichgültig, als daß ich nur
-harre,« antwortete Stefan Arkadjewitsch mit seinem weichsten Lächeln,
-»ich glaube nicht, daß für mich eine Zeit für solche Fragen kommen
-könnte.«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna wechselten einen Blick.
-
-»Wir können nie wissen, ob die Zeit für uns gekommen ist oder nicht,«
-sagte Aleksey Aleksandrowitsch streng. »Wir dürfen nicht denken, ob
-wir bereit sind oder nicht bereit; die göttliche Fügung wird nicht von
-menschlichem Denken geleitet; sie trifft bisweilen nicht diejenigen,
-welche streben, sondern die, welche unvorbereitet sind, wie sie Saul
-traf.«
-
-»Nein; mir scheint, jetzt noch nicht,« sagte Lydia Iwanowna, die
-währenddem den Bewegungen des Franzosen gefolgt war.
-
-Landau erhob sich und trat zu ihnen.
-
-»Gestattet Ihr mir, zuzuhören?« frug er.
-
-»O gewiß; ich wollte Euch nicht stören,« sagte Lydia Iwanowna ihn
-zärtlich anblickend, »setzt Euch zu uns.«
-
-»Man soll nur die Augen nicht schließen, um nicht des Lichtes beraubt
-zu sein,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.
-
-»Ach, wenn Ihr jenes Glück känntet, welches wir empfinden in dem Gefühl
-von Gottes steter Gegenwart in unserer Seele!« sagte die Gräfin Lydia
-Iwanowna, verzückt lächelnd.
-
-»Aber der Mensch kann sich bisweilen unfähig fühlen, sich zu dieser
-Höhe zu erheben,« sagte Stefan Arkadjewitsch, welcher merkte, daß er
-einen Bogen schlug, indem er die Höhe der Religion anerkannte, sich
-aber zugleich dabei nicht entschließen konnte, seine Freidenkerei vor
-einer Person einzugestehen, welche ihm mit einem einzigen Worte zu
-Pomorskiy das gewünschte Amt zu verschaffen vermochte.
-
-»Das heißt, Ihr wollt sagen, daß die Sünde ihn daran hindere?« sagte
-Lydia Iwanowna. »Dies ist eine falsche Ansicht. Es giebt keine Sünde
-für die Gläubigen, ihre Sünde ist schon losgekauft. -- Pardon,« fügte
-sie hinzu, auf den wiederum mit einem anderen Billet eintretenden
-Diener blickend. Sie las und antwortete dann in Worten: »Morgen sind
-wir bei der hohen Fürstin, sagt das; für den Gläubigen giebt es keine
-Sünde,« setzte sie das Gespräch fort.
-
-»Ja; aber der Glaube ohne Worte ist doch tot,« sagte Stefan
-Arkadjewitsch, sich dieses Satzes aus dem Katechismus erinnernd, und
-nur noch durch ein Lächeln seine Unabhängigkeit wahrend.
-
-»So ist es; das ist aus dem Brief des Apostel Jakobus,« sagte Aleksey
-Aleksandrowitsch, etwas vorwurfsvoll zu Lydia Iwanowna gewendet,
-wie betreffs einer Sache, über die sie noch nicht ein einziges Mal
-gesprochen hätten.
-
-»Wie viel Schaden hat die falsche Auslegung dieser Stelle angerichtet!
-Nichts zieht so sehr vom Glauben ab, als diese Auslegung; >ich habe
-keine Werke, also auch keinen Glauben< und doch ist dies nirgends
-gesagt. Es ist das Umgekehrte gesagt.«
-
-»In Gott sich zu mühen, mit Kasteiungen, in Fasten die Seele
-zu retten,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna mit widerlicher
-Geringschätzung, »das sind nur wunderliche Auffassungen unserer Mönche.
-Denn das ist nirgends gesagt. Es ist dies bei weitem einfacher und
-leichter,« fügte sie hinzu, Oblonskiy mit dem nämlichen ermutigenden
-Lächeln anblickend, mit welchem sie bei Hofe die jungen, von der
-ungewohnten Umgebung verwirrten Damen ermutigte.
-
-»Wir sind erlöst durch Christum, der für uns gelitten hat. Wir sind
-erlöst im Glauben,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Worte mit
-seinem Blick billigend.
-
-»=Vous comprenez l'anglais=?« frug Lydia Iwanowna und erhob sich,
-nachdem sie eine bejahende Antwort erhalten hatte, um auf einem kleinen
-Bücherbrett in den Büchern zu suchen.
-
-»Soll ich >=Safe and Happy=< oder >=Under the Wing=< lesen?« sprach
-sie, Karenin fragend anblickend, setzte sich, nachdem sie das Buch
-gefunden hatte, wieder auf ihren Platz und schlug es auf.
-
-Die Ausführung war sehr kurz. Es wurde hier der Weg beschrieben, auf
-welchem der Glaube erworben wird und jenes Glück, welches höher ist,
-als alles Irdische, das hierbei doch die Seele erfüllt. Der Gläubige
-kann nicht unglücklich sein, weil er nicht allein ist. »Da seht Ihr.«
-Sie wollte schon weiter lesen, als der Diener wiederum hereintrat.
-
-»Bovosdin? Sagt, morgen um zwei Uhr! -- Ja,« sprach sie, die Stelle
-in dem Buch mit dem Finger bedeckend, und seufzend, mit ihren
-nachdenklichen schönen Augen vor sich hinblickend. »So wirkt der wahre
-Glaube; Ihr kennt die Mary Sanina? Ihr kennt ihr Unglück? Sie verlor
-ihr einziges Kind und war in Verzweiflung. Was geschah da? Sie fand
-diesen Freund und dankt jetzt Gott für den Tod ihres Kindes. Dies ist
-das Glück, welches der Glaube verleiht!«
-
-»Ja, ja, das ist viel« -- sagte Stefan Arkadjewitsch, zufrieden damit,
-daß man las und ihm so Gelegenheit geben würde, ein klein wenig zur
-Überlegung zu kommen. »Es ist doch offenbar am besten heute nicht um
-etwas zu bitten,« dachte er, »könnte man nur, ohne etwas zu verderben,
-von hier fortkommen.«
-
-»Es wird Euch langweilig werden,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, sich
-an Landau wendend, »Ihr versteht nicht Englisch; doch es ist nur kurz.«
-
-»O, ich verstehe schon,« sagte Landau mit dem nämlichen Lächeln und
-schloß die Augen.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna sahen sich bedeutungsvoll
-an und die Lektüre begann.
-
-
- 22.
-
-Stefan Arkadjewitsch fühlte sich vollkommen verblüfft von den neuen,
-ihm fremdartigen Gesprächen, die er vernahm. Das Getriebe des
-Petersburger Lebens wirkte im allgemeinen anregend auf ihn ein, indem
-es ihn aus dem stagnierenden Moskauer Sumpfe herausbrachte, aber er
-liebte und verstand dieses Getriebe nur in den ihm nahestehenden und
-bekannten Kreisen -- in dieser fremdartigen Umgebung hier wurde er
-verlegen, konnte er nicht alles verstehen. Indem er der Gräfin Lydia
-Iwanowna zuhörte, und die auf ihn gerichteten schönen, naiven oder
-verschlagenen Augen Landaus -- er wußte es selbst nicht -- sah, begann
-Stefan Arkadjewitsch eine gewisse eigenartige Schwere im Kopfe zu
-empfinden.
-
-Die verschiedenartigsten Gedanken gingen in seinem Kopfe durcheinander.
-Mary Sanina freut sich, daß ihr Kind gestorben ist -- es wäre recht
-angenehm, könnte man jetzt ein wenig rauchen -- um sein Seelenheil zu
-retten, ist nur nötig, daß man glaubt, und die Mönche wissen nicht, wie
-man das machen muß, wohl aber die Gräfin Lydia Iwanowna kennt das --
-woher nur das schwere Gefühl in dem Kopfe? Von dem Cognac oder davon,
-daß das da alles so sehr seltsam ist? Ich glaube doch wohl bis jetzt
-nichts Anstößiges begangen zu haben; und doch kann ich sie nicht mehr
-bitten. Man sagt, sie veranlaßt einen zum Beten; als ob sie mich nicht
-dazu veranlaßt hätten? Das wird doch gar zu dumm. Und welchen Unsinn
-sie da liest, sie spricht aber gut aus. Landau -- Bessuboff -- weshalb
-heißt er Bessuboff? Plötzlich fühlte Stefan Arkadjewitsch, wie seine
-Kinnlade unwiderstehlich sich zum Gähnen auszurenken begann. Er strich
-sich seinen Backenbart, indem er das Gähnen verbarg und schüttelte
-sich, fühlte aber dann, daß er bereits schlafe und schon zu schnarchen
-anfange. Er erwachte in dem nämlichen Moment, als die Stimme der Gräfin
-Lydia Iwanowna sprach »er schläft«.
-
-Stefan Arkadjewitsch kam erschrocken zur Besinnung, er fühlte sich
-schuldbewußt und überführt, tröstete sich aber sogleich, nachdem er
-wahrgenommen hatte, die Worte »er schläft« sich nicht auf ihn bezogen,
-sondern auf Landau.
-
-Der Franzose war ebenso eingeschlafen, wie Stefan Arkadjewitsch. Aber
-während sein Schlaf sie, wie er meinte, verletzt haben würde -- doch
-selbst hieran dachte er nicht einmal, so seltsam schien ihm alles --
-erfreute sie der Schlaf Landaus, besonders die Gräfin Lydia Iwanowna,
-außerordentlich.
-
-»=Mon ami=,« sagte Lydia Iwanowna, vorsichtig, um nicht Geräusch zu
-verursachen, die Falten ihres seidenen Kleides streichend und in ihrer
-Aufregung Karenin schon nicht mehr Aleksey Aleksandrowitsch nennend,
-sondern »=mon ami -- donnez lui la main. Vous voyez=? St!« -- lispelte
-sie dem abermals eintretenden Diener zu: »Niemand wird empfangen.«
-
-Der Franzose schlief, oder stellte sich schlafend, den Kopf nach der
-Rücklehne des Sessels geneigt und mit der schwitzenden Hand, die auf
-dem Knie lag, schwache Bewegungen machend, als ob er etwas fangen
-wollte. Aleksey Aleksandrowitsch erhob sich, ging vorsichtig, sich an
-dem Tische anhaltend herzu und legte seine Hand in die des Franzosen.
-Stefan Arkadjewitsch stand gleichfalls auf, die Augen weit öffnend,
-im Wunsche, völlig wach zu werden, falls er etwa noch schliefe, und
-blickte bald auf dieses, bald auf jenes. Alles war Wirklichkeit. Stefan
-Arkadjewitsch fühlte, daß es ihm im Kopfe immer unbehaglicher wurde.
-
-»=Que la personne qui est arrivée la dernière, celle qui demande,
-qu'elle sorte! -- Qu'elle sorte=!« -- sprach der Franzose, ohne die
-Augen zu öffnen.
-
-»=Vous m'excuserez, mais vous voyez -- revenez vers dix heurs, encore
-mieux demain=.«
-
-»=Qu'elle sorte=!« wiederholte der Franzose ungeduldig.
-
-»=C'est moi, n'est ce pas=?« Mit der bestätigenden Antwort ging Stefan
-Arkadjewitsch. Er vergaß, um was er Lydia Iwanowna hatte bitten
-wollen; er vergaß die Sache seiner Schwester, auf den Fußspitzen ging
-er hinaus, nur in dem einzigen Wunsche, möglichst schnell von hier
-fortzukommen, wie aus einer Lasterhöhle. Er eilte auf die Straße
-hinaus und unterhielt sich geraume Zeit scherzend mit dem Kutscher, um
-möglichst bald wieder zu Verstande zu kommen.
-
-Im französischen Theater, welches er noch für den letzten Akt besuchte,
-und darauf bei den Tataren beim Champagner, in der ihm eigenen Sphäre,
-erholte sich Stefan Arkadjewitsch ein wenig, aber gleichwohl war es ihm
-an diesem Abend gar nicht recht nach Wunsch.
-
-Als er nach Haus zu Peter Oblonskiy gekommen war, bei dem er in
-Petersburg wohnte, fand er ein Billet von Betsy vor. Dieselbe schrieb
-ihm, sie wünsche sehr die begonnene Unterhaltung zu beendigen und
-bitte ihn, morgen zu ihr zu kommen. Er hatte dieses Schreiben kaum
-durchgelesen, und eine finstere Miene dazu gemacht, als unten die
-wuchtigen Schritte von Leuten vernehmbar wurden, welche etwas Schweres
-trugen.
-
-Stefan Arkadjewitsch ging hinaus, um nachzusehen; es war der wieder
-junggewordene Peter Oblonskiy, welcher so berauscht war, daß er nicht
-die Treppe heraufgehen konnte. Gleichwohl aber befahl er selbst,
-ihn auf die Füße zu stellen, als er Stefan Arkadjewitschs ansichtig
-geworden, und ging mit diesem, an ihn angehängt, in dessen Zimmer,
-wo er ihm zu erzählen anfing, wie er den Abend verbracht habe. Hier
-schlief er dann auch ein.
-
-Stefan Arkadjewitsch hatte die Laune verloren, was sich bei ihm selten
-ereignete, und konnte lange Zeit den Schlaf nicht finden. Alles woran
-er auch denken mochte, war widerwärtig, aber als das Widerwärtigste,
-als etwas gewissermaßen Beschämendes, rief er sich den Abend bei der
-Gräfin Lydia Iwanowna ins Gedächtnis zurück.
-
-Am andern Tage erhielt er von Aleksey Aleksandrowitsch eine bestimmte
-Verweigerung der Scheidung Annas, und erkannte nun, daß dieser
-Entschluß auf dem fußte, was der Franzose gestern in seinem wirklichen
-oder verstellten Schlafe gesagt haben mochte.
-
-
- 23.
-
-Soll im Familienleben etwas unternommen werden, so bedarf es dazu
-entweder eines vollständigen Zerfalls unter den Gatten, oder einer
-liebevollen Übereinstimmung. Wenn aber die Beziehungen unter den Gatten
-unbestimmte sind, weder so noch so, dann kann nichts unternommen werden.
-
-Viele Familien bleiben Jahre lang auf dem alten Platze, der den beiden
-Gatten gleichgültig geworden ist, nur aus dem Grunde, weil weder ein
-völliger Zerfall, noch ein ebensolches Einverständnis vorhanden ist.
-
-Sowohl Wronskiy wie Anna war das Moskauer Leben in seiner Hitze,
-seinem Staub, wobei die Sonne nicht mehr wie im Frühling, sondern wie
-im Sommer schien, alle Bäume auf den Boulevards längst schon belaubt
-standen und die Blätter schon von Staub bedeckt waren -- unerträglich
-geworden; doch lebten beide, ohne nach Wosdwishenskoje umzusiedeln, wie
-schon längst beschlossen war, indem ihnen langweilig gewordenen Moskau
-weiter, weil zwischen ihnen in letzter Zeit kein Einverständnis mehr
-bestand.
-
-Die Verstimmung, die sie trennte, hatte keine äußerliche Ursache, und
-alle Versuche einer Aussprache beseitigten dieselbe nicht nur nicht,
-sondern vergrößerten sie noch. Es war dies eine innere Verbitterung,
-welche für Anna ihren Grund in der Abnahme seiner Liebe hatte, für
-Wronskiy in der Reue darüber, daß er sich ihretwegen in eine schwierige
-Situation verwickelt hatte, welche Anna, anstatt sie zu erleichtern,
-nur noch drückender gestaltete. Weder eins, noch das andere von beiden
-äußerte die Ursache seines Grolls, aber sie hielten sich gegenseitig
-für ungerecht, und bemühten sich bei jeder Gelegenheit, dies einander
-zu zeigen.
-
-Für sie war er in seinem ganzen Wesen, mit allen seinen Gewohnheiten,
-Gedanken, Wünschen, mit seiner ganzen seelischen und physischen
-Beanlagung nur Eins -- die Liebe zum Weib; diese Liebe aber mußte nach
-ihrem Gefühl, ganz auf sie allein konzentriert sein. Sie hatte sich
-jedoch vermindert, und folglich hatte er nach ihrem Urteil einen Teil
-derselben auf andere, oder auf ein anderes Weib übertragen müssen
--- und so war sie eifersüchtig geworden. Sie war nicht wegen eines
-anderen Weibes eifersüchtig auf ihn, sondern wegen der Abnahme seiner
-Liebe. Sie besaß noch keinen Gegenstand auf den sich ihre Eifersucht
-erstrecken konnte, suchte denselben jedoch, und übertrug bei dem
-geringsten Fingerzeig diese Eifersucht von dem einen Gegenstand auf den
-anderen. Bald hegte sie Eifersucht auf ihn wegen jener gewöhnlichen
-Frauenzimmer, mit denen er dank seinen Junggesellenverbindungen, so
-leicht in Verbindung treten konnte, bald wegen jener Weltdamen, mit
-denen er zusammentreffen konnte, bald auch hegte sie Eifersucht auf ein
-nur in ihrer Vorstellung vorhandenes Mädchen, welches er, indem er sein
-Verhältnis mit ihr löste, lieben könnte.
-
-Diese letztere Art ihrer Eifersucht folterte sie am meisten,
-insbesondere deshalb, weil er ihr selbst unvorsichtigerweise in einer
-offenherzigen Minute gesagt hatte, seine Mutter verstehe ihn so wenig,
-daß sie sich erlaubt hätte, ihn zur Heirat mit der jungen Fürstin
-Sorokina zu überreden.
-
-In dieser Eifersucht grollte ihm Anna, und suchte nun in allem Gründe
-zum Grollen. In allem, was es Drückendes gab in ihrer Lage, klagte
-sie ihn an; der qualvolle Zustand des Wartens, den sie in Moskau
--- zwischen Himmel und Erde -- durchlebte, die Langsamkeit und
-Unentschlossenheit Aleksey Aleksandrowitschs, ihre Vereinsamung --
-alles legte sie ihm zur Last. Wenn er sie liebte, würde er all das
-Drückende ihrer Lage begriffen, und sie aus derselben befreit haben;
-daran, daß sie noch in Moskau lebte, und nicht auf dem Lande, war nur
-er schuld. Er konnte nicht leben, wenn er sich auf dem Lande vergrub,
-so wie sie es wünschte; ihm war die Gesellschaft unentbehrlich und er
-hatte sie in diese furchtbare Situation gebracht, deren Schwierigkeit
-er nicht verstehen wollte. Dann aber trug er auch schuld daran, daß sie
-auf ewig von ihrem Sohne getrennt war.
-
-Selbst die seltenen Minuten der Zärtlichkeit, die für beide kamen,
-beruhigten sie nicht; in seiner Zärtlichkeit fand sie jetzt einen
-Anflug von Ruhe und Zuversicht; was früher nicht gewesen war und sie
-reizte.
-
-Die Dämmerung war schon eingetreten. Anna schritt allein, seine
-Heimkehr von einem Essen unter Junggesellen erwartend, zu dem er
-gefahren war, im Kabinett auf und nieder, einem Raum, in welchem
-das Geräusch vom Trottoir weniger vernehmlich war -- und überdachte
-nochmals die Ausdrücke, welche bei ihrem gestrigen Zwist gefallen
-waren, in allen Einzelheiten.
-
-Indem sie immer weiter rückwärts ging von den ihr erinnerlichen,
-kränkenden Worten bei diesem Streite, bis zu dem, was die Veranlassung
-dazu gebildet hatte, gelangte sie endlich auf den Beginn der
-Auseinandersetzung. Lange vermochte sie nicht daran zu glauben, daß
-der Streit aus einem Gespräch entstanden war, welches völlig harmlos,
-und für keines der beiden von höherem Werte gewesen war. Es war
-wirklich so. Alles war daher gekommen, daß er über die Mädchengymnasien
-gespöttelt hatte, indem er sie für unnütz hielt, während sie für
-dieselben eingetreten war.
-
-Er hatte sich im allgemeinen der weiblichen Bildung gegenüber
-respektlos verhalten und gesagt, daß Hanna, die von Anna protegierte
-Engländerin, durchaus keine Kenntnisse in der Physik nötig habe.
-
-Dies hatte Anna gereizt; sie sah hierin eine geringschätzige Hindeutung
-auf ihre eigenen Beschäftigungen, und ersann und äußerte nun einen
-Satz, der ihm den ihr bereiteten Schmerz heimzahlen sollte.
-
-»Ich erwarte nicht, daß Ihr an mich und meine Empfindungen dächtet, wie
-dies nur ein liebender Mann kann, ich hätte aber nur einfach Taktgefühl
-erwartet,« sagte sie.
-
-Und in der That, er errötete vor Verdruß und antwortete etwas
-Unangenehmes. Sie besann sich nicht mehr auf ihre Antwort, aber gleich
-darauf hatte er, offenbar in dem Wunsche, ihr auch weh zu thun,
-geantwortet:
-
-»Eure Leidenschaft für dieses Mädchen interessiert mich nicht, weil ich
-sehe, daß sie nicht natürlich ist.«
-
-Diese Härte seinerseits, mit welcher er eine Welt stürzte, die sie
-sich mit soviel Mühe aufgebaut, um ihr schweres Dasein ertragen zu
-können, diese Ungerechtigkeit, mit der er sie der Heuchelei, der
-Unnatürlichkeit zieh, empörte sie.
-
-»Ich beklage sehr, daß allein das Rohe und Materielle Euch verständlich
-und natürlich erscheint,« sprach sie und verließ das Zimmer.
-
-Als er gestern Abend zu ihr gekommen war, hatten sie des vorgefallenen
-Zwists gar nicht gedacht, aber beide gefühlt, daß derselbe wohl
-beigelegt aber nicht vorüber war.
-
-Heute war er nun den ganzen Tag über nicht zu Haus gewesen und sie
-fühlte sich so vereinsamt und bedrückt in dem Gefühl, mit ihm uneinig
-zu sein, daß sie alles vergessen, vergeben, sich mit ihm aussöhnen und
-sich selbst anklagen, ihn aber rechtfertigen wollte.
-
-»Ich selbst bin schuld. Ich bin reizbar und sinnlos eifersüchtig. Ich
-werde mich mit ihm aussöhnen und wir werden auf das Dorf fahren, dort
-werde ich ruhiger werden,« sprach sie zu sich selbst.
-
-»Unnatürlich«, kam ihr plötzlich nicht so sehr das Wort, welches sie
-vor allem verletzt hatte, wieder ins Gedächtnis, als vielmehr eine
-Absicht, ihr wehe zu thun. »Ich weiß, was er sagen wollte; er wollte
-sagen, es sei unnatürlich, nicht die eigene Tochter zu lieben, wohl
-aber ein fremdes Kind. Was versteht er von Liebe zu Kindern, von
-meiner Liebe zu Sergey, welchen ich ihm geopfert habe? Aber es war
-so sein Wunsch, mir weh zu thun! Nein; er liebt eine andere, es kann
-nicht anders sein,« und indem sie gewahrte, daß sie, im Wunsche,
-ruhig zu werden, wiederum den soviel Mal schon von ihr durchlaufenen
-Kreis vollendet hatte und zu der alten Erbitterung zurückgekehrt war,
-erschrak sie über sich selbst.
-
-»Geht es denn aber wirklich nicht an? Sollte ich es nicht auf mich
-nehmen können?« sprach sie zu sich selbst und begann abermals von
-Anfang an. »Er ist gerecht, ehrenhaft, er liebt mich. Ich liebe ihn,
-bald wird die Scheidung erfolgen. Wessen bedarf es da noch? Nur der
-Ruhe, des Vertrauens, und ich will es auf mich nehmen. Ja, jetzt,
-sobald er kommt, werde ich ihm sagen, daß ich die Schuldige gewesen
-bin, obwohl ich es nicht war -- und wir wollen dann abreisen,« und um
-nicht mehr denken, sich nicht mehr ihrem Groll überlassen zu müssen,
-schellte sie und befahl die Koffer zum Einpacken der Sachen für die
-Reise aufs Dorf herbeizubringen.
-
-Um zehn Uhr kam Wronskiy an.
-
-
- 24.
-
-»Nun; ging es recht vergnügt zu?« frug sie mit schuldbewußtem und
-sanftem Ausdruck in den Zügen, ihm entgegentretend.
-
-»Wie gewöhnlich,« versetzte er, sogleich mit einem einzigen Blick auf
-sie erkennend, daß sie in einer ihrer besten Stimmungen sei. Er war an
-diese Übergänge schon gewöhnt und heute ganz besonders erfreut davon,
-weil er selbst sich gleichfalls in bester Laune befand.
-
-»Was sehe ich! So ist's recht!« sagte er, auf die Koffer im Vorzimmer
-weisend.
-
-»Ja, wir müssen abreisen, und es ist ganz gut, daß wir auf das Dorf
-wollen. Dich hält doch wohl nichts zurück?«
-
-»Nur eines wünschte ich. Ich komme sogleich wieder, wir wollen dann
-sprechen, ich möchte mich nur umkleiden. Laß den Thee geben.«
-
-Er begab sich in sein Kabinett.
-
-Es hatte etwas Verletzendes darin gelegen, als er sagte, »so ist's
-recht«; wie man zu einem Kinde spricht, wenn dieses aufgehört hat
-launisch zu sein; und noch verletzender war der Gegensatz zwischen dem
-schuldbewußten Tone bei ihr und dem selbstbewußten bei ihm; auf einen
-Augenblick empfand sie in sich den aufsteigenden Wunsch nach Kampf;
-allein indem sie sich selbst bezwang, erstickte sie denselben und
-begegnete Wronskiy noch immer so heiter.
-
-Nachdem dieser wieder zu ihr gekommen war, erzählte sie ihm, teilweise
-die zurechtgelegten Worte wiederholend, davon, wie sie den Tag
-zugebracht hatte, sowie von ihren Plänen zur Abreise.
-
-»Weißt du, es ist über mich fast wie eine Begeisterung gekommen,«
-sprach sie, »weshalb sollen wir hier auf die Scheidung warten? Geht das
-nicht ganz ebenso auf dem Dorfe? Ich kann nicht mehr länger warten,
-ich will nicht hoffen, nichts hören von der Scheidung. Ich habe
-beschlossen, daß dies keinen Einfluß mehr auf mein Leben ausüben soll.
-Bist du auch einverstanden?«
-
-»O ja;« sagte er, ihr beunruhigt in das erregte Gesicht blickend.
-
-»Was habt Ihr denn dort angegeben? Wer war dabei?« sagte sie.
-
-Wronskiy nannte die Gäste. Es war ein vorzügliches Essen gegeben
-worden, eine Bootwettfahrt dazu und alles das war ganz hübsch
-ausgefallen, aber in Moskau thut man es nicht ohne ein =ridicule=. Es
-war auch eine Dame, eine Schwimmlehrerin der Königin von Schweden dabei
-aufgetreten und hatte ihre Kunst gezeigt.
-
-»Wie? Sie schwamm?« frug Anna, sich verfinsternd.
-
-»In einem roten =costume de natation=; sie war alt und häßlich. Aber
-wann reisen wir?«
-
-»Welch thörichte Phantasie! Schwimmt sie denn in einer ganz besonderen
-Weise?« sagte Anna, ohne hierauf zu antworten.
-
-»Durchaus nichts Besonderes war dabei; ich muß sogar sagen, es war ein
-furchtbarer Unsinn. Aber wann also denkst du zu reisen?«
-
-Anna schüttelte den Kopf, als wünsche sie, einen unangenehmen Gedanken
-zu verscheuchen.
-
-»Wann wir reisen? Nun, je früher, um so besser. Morgen werden wir noch
-nicht fertig sein; aber übermorgen.«
-
-»Ja -- doch nein, halt. Übermorgen ist Sonntag, da muß ich zu =maman=,«
-sagte Wronskiy, in Verlegenheit geratend, weil er, sofort nachdem er
-den Namen der Mutter ausgesprochen hatte, ihren starr und argwöhnisch
-auf sich gerichteten Blick fühlte. Seine Verwirrung bestätigte ihr
-ihren Verdacht. Sie geriet in Wallung und entfernte sich von ihm. Jetzt
-war es nicht mehr die Lehrerin der Königin von Schweden, sondern die
-junge Fürstin Sorokina, welche mit der Gräfin Wronskaja zusammen auf
-einem Dorfe bei Moskau lebte, die vor Anna auftauchte.
-
-»Du kannst doch morgen zu ihr fahren?« sprach sie.
-
-»Nein, nein! In der Angelegenheit, in welcher ich zu ihr will -- läßt
-sich ein Kreditschein und das Geld morgen nicht erhalten,« antwortete
-er.
-
-»Wenn dem so ist, so werden wir gar nicht reisen.«
-
-»Warum das?«
-
-»Ich werde nicht später abreisen. Entweder Montag oder gar nicht.«
-
-»Aber warum?« sagte Wronskiy, wie mit Erstaunen. »Das hat doch gar
-keinen Sinn.«
-
-»Für dich hat es keinen Sinn, weil du mit mir nichts zu thun hast.
-Du willst mein Leben nicht begreifen. Das einzige, was mich hier
-interessiert hat -- war Hanna. Du sagst, dies sei eine Heuchelei.
-Du hast erst gestern gesagt -- daß ich meine Tochter nicht liebte,
-sondern mich stellte, als ob ich diese Engländerin liebte -- dies wäre
-unnatürlich. Ich möchte nun wissen, welches Leben hier für mich ein
-natürliches sein könnte!«
-
-Einen Augenblick kam sie zur Besinnung und erschrak darüber, daß sie
-ihrem Vorsatz untreu geworden war. Aber obwohl sie wußte, daß sie
-sich damit verderbe, vermochte sie nicht mehr an sich zu halten; sie
-mußte ihm zeigen, wie ungerecht er war, sie konnte sich ihm nicht mehr
-unterordnen.
-
-»Ich habe dies niemals gesagt; ich habe gesagt, daß ich dieser so
-plötzlichen Liebe nicht nachfühlen könnte.«
-
-»Warum sprichst du, der mit seiner Offenheit prahlt, nicht die
-Wahrheit?«
-
-»Ich prahle nie und spreche nie die Unwahrheit,« sprach er ruhig, den
-in ihm aufsteigenden Groll niederhaltend, »es ist sehr bedauerlich,
-wenn du mich nicht achtest« --
-
-»Die Achtung hat man erdacht, um eine leere Stelle damit zu verdecken,
-auf welcher die Liebe sein müßte. Aber wenn du mich nicht mehr liebst,
-so ist es besser und ehrenhafter, dies auszusprechen.«
-
-»Nein, das wird unerträglich!« rief Wronskiy, vom Stuhle aufstehend.
-Vor ihr stehen bleibend, sprach er dann langsam: »Weshalb stellst
-du meine Geduld auf die Probe?« Er sprach dies mit einem Ausdruck,
-als könnte er noch mehr sagen, halte aber an sich; »es giebt gewisse
-Grenzen!«
-
-»Was wollt Ihr damit sagen?« rief sie, mit Schrecken auf den offenen
-Ausdruck von Haß schauend, der in seinem ganzen Gesicht, und besonders
-in den harten, drohenden Augen lag.
-
-»Ich will sagen,« begann er, stockte aber, »ich muß fragen, was Ihr von
-mir wollt?«
-
-»Was könnte ich wollen? Ich könnte nur wollen, daß Ihr mich nicht
-vernachlässigt, wie Ihr es beabsichtigt« -- sagte sie, vollkommen
-verstehend, was er nicht vollendet hatte, »aber das will ich nicht; das
-kommt erst in zweiter Reihe. Ich will Liebe, und diese giebt es nicht
-mehr. Vielleicht, daß alles schon vorbei ist.«
-
-Sie schritt der Thür zu.
-
-»Bleib -- bleibe!« sagte Wronskiy, ohne seine finster zusammengezogenen
-Brauen zu glätten, und ergriff sie bei der Hand. »Was ist denn
-eigentlich? Ich habe gesagt, daß die Abreise auf drei Tage verschoben
-werden muß, du hast mir darauf geantwortet, ich lüge und sei ein
-ehrloser Mensch!«
-
-»Ja, und ich wiederhole, daß ein Mensch, der mir vorwirft, alles für
-mich geopfert zu haben« -- sprach sie in der Erinnerung an die Worte
-eines anderen, früheren Streites -- »daß er schlimmer ist, ein Mensch
-ohne Herz, als ein ehrloser Mensch!«
-
-»Nein; es giebt aber doch eine Grenze für die Geduld!« rief er aus,
-ihre Hand schnell loslassend.
-
-»Er haßt mich, das ist klar,« dachte sie, und verließ schweigend,
-ohne sich umzublicken, mit unsicheren Schritten das Gemach. »Er liebt
-eine andere; das ist noch klarer,« sprach sie zu sich, in ihr Zimmer
-tretend, »ich will Liebe, aber die ist nicht mehr da. Vielleicht ist
-alles vorüber,« wiederholte sie mit den von ihr schon geäußerten
-Worten, »und wir müssen ein Ende machen. Aber wie?« frug sie sich und
-setzte sich in einem Sessel vor dem Spiegel. Gedanken daran, wohin
-sie jetzt fahren könnte -- zu der Tante vielleicht, bei welcher sie
-erzogen worden war, zu Dolly, oder einfach ins Ausland, ferner daran,
-was er jetzt, allein in seinem Kabinett thun möge; ob dieser Streit ein
-entscheidender gewesen oder eine Aussöhnung noch möglich sei, sowie,
-was jetzt alle ihre früheren Petersburger Bekannten von ihr sagen
-würden, wie Aleksey Aleksandrowitsch die Sache betrachten würde; viele
-andere Ideen, was jetzt werden solle nach dem Bruch, kamen ihr in den
-Kopf, aber sie gab sich ihnen nicht mit ganzer Seele hin.
-
-In ihrer Seele lebte ein unklarer Gedanke, der sie ausschließlich
-interessierte, doch konnte sie sich nicht klar darüber werden. Indem
-sie aber nochmals an Aleksey Aleksandrowitsch dachte, rief sie sich
-zugleich auch die Zeit ihrer Krankheit nach ihrer Niederkunft und jenes
-Gefühl wieder ins Gedächtnis zurück, welches sie damals nicht verlassen
-hatte »warum bin ich nicht gestorben?« und erkannte nun plötzlich das
-Gefühl, welches in ihrer Seele lebte. Ja; er war es, der Gedanke, der
-allein alles entschied, »sie mußte sterben.«
-
-»Die Schmach und Schande Aleksey Aleksandrowitschs, Sergeys, und meine
-eigene furchtbare Schmach -- das alles wird durch den Tod gesühnt. Sie
-wollte -- sterben, er aber sollte bereuen, er muß Mitleid empfinden,
-Liebe, und soll meinethalben leiden!«
-
-Mit beständigem Lächeln des Mitleids mit sich selbst saß sie in dem
-Lehnstuhl, die Ringe ihrer linken Hand abziehend und wieder aufsetzend,
-und sich lebhaft seine Gefühle nach ihrem Tode, von den verschiedenen
-Seiten aus, vorstellend.
-
-Sich nähernde Schritte, es waren seine Schritte, zogen sie ab. Als wäre
-sie mit dem Weglegen ihrer Ringe beschäftigt wandte sie sich nicht
-einmal nach ihm um.
-
-Er trat zu ihr und ihre Hand ergreifend, sagte er leise:
-
-»Anna, wir wollen übermorgen fahren, wenn du willst. Ich bin mit allem
-einverstanden.«
-
-Sie schwieg.
-
-»Nun?« frug er.
-
-»Du weißt ja selbst,« sagte sie und brach sogleich, unfähig, noch
-länger an sich zu halten, in Schluchzen aus. »Verlaß mich, verlaß
-mich!« sprach sie unter Schluchzen, »ich werde morgen fortgehen -- ich
-werde noch mehr thun! Wer bin ich noch? Ein lasterhaftes Weib, ein
-Stein auf deinem Wege. Ich will dich nicht quälen, ich will nicht, und
-werde dich befreien. Du liebst nicht, liebst eine andere!«
-
-Wronskiy beschwor sie, sich zu beruhigen und beteuerte, daß es doch gar
-keinen Anlaß zur Eifersucht für sie gäbe, daß er niemals aufgehört habe
-oder aufhören werde, sie zu lieben, und sie noch mehr liebe, als je
-zuvor.
-
-»Anna, wozu sollen wir uns beide so quälen?« sagte er, ihr die Hände
-küssend. In seinen Zügen malte sich jetzt Zärtlichkeit und ihr schien
-es, als vernehme sie mit ihrem Ohr einen Klang von Thränen in seiner
-Stimme, als verspüre sie das Feuchte dieser Thränen auf ihrer Hand, und
-augenblicklich ging die verzweiflungsvolle Eifersucht Annas in eine
-verzweiflungsvolle, leidenschaftliche Zärtlichkeit über. Sie umfing ihn
-und bedeckte ihm Kopf, Hals und Hände mit Küssen.
-
-
- 25.
-
-In dem Gefühl, daß die Aussöhnung eine vollständige war, beschäftigte
-sich Anna vom andern Morgen ab munter mit den Anstalten zur Abreise.
-
-Obwohl noch gar nicht beschlossen war, ob man Montag oder Dienstag
-reisen würde, da beide sich gestern gegenseitig Konzessionen gemacht
-hatten, bereitete sich Anna eifrig auf die Abreise vor, jetzt
-vollkommen gleichgültig dem gegenüber, ob man früh oder spät am Tage
-abreiste. Sie stand eben in ihrem Zimmer vor einem geöffneten Schranke,
-und nahm Sachen heraus, als er bereits angekleidet, früher als
-gewöhnlich, bei ihr eintrat.
-
-»Ich muß sofort zu =maman= fahren; sie kann mir das Geld durch Jegoroff
-übersenden. Morgen bin ich dann bereit zu reisen,« sagte er.
-
-Mochte sie nun auch noch so gut gelaunt sein, die Erwähnung der Abreise
-auf den Landsitz schnitt ihr ins Herz.
-
-»O, auch ich beeile mich nicht,« sagte sie, dachte aber sogleich:
-vielleicht ist es doch noch möglich, es so einzurichten, daß man
-thut wie ich wünschte. -- »Nein, thu' wie du willst! Geh' in den
-Speisesalon, ich werde sogleich auch kommen und will nur noch diese
-überflüssigen Sachen herauslegen,« sprach sie, noch etwas auf
-Annuschkas Arme packend, auf welchen bereits ein Berg Leinen ruhte.
-
-Wronskiy verzehrte gerade sein Beefsteak, als sie in den Speisesalon
-trat.
-
-»Du glaubst nicht, wie kalt mich diese Gemächer lassen,« sagte
-sie, sich neben ihm zu ihrem Kaffee setzend. »Es giebt doch nichts
-Schrecklicheres als diese =chambres garnies=. Es liegt kein Ausdruck,
-keine Seele in ihnen. Diese Uhren, Gardinen, und namentlich diese
-Tapeten -- sind wie ein Alp. Ich gedenke Wosdwishenskojes, wie des
-gelobten Landes. Du hast noch keine Pferde hergeschickt?«
-
-»Nein; sie werden kommen wenn wir fort sind. Fährst du noch einmal aus?«
-
-»Ich wollte noch zur Wilson; ich muß ihr Kleider bringen. Also
-morgen ist es gewiß?« sprach sie mit heiterer Stimme; doch plötzlich
-veränderte sich ihr Antlitz.
-
-Der Kammerdiener Wronskiys kam, um sich die Unterschrift für ein
-Telegramm aus Petersburg auszubitten.
-
-Es war nichts Besonderes in der Empfangnahme einer Depesche seitens
-Wronskiys, aber gleichwohl sagte dieser, als wünschte er etwas vor ihr
-zu verheimlichen, er wolle im Kabinett unterschreiben, und wandte sich
-dann hastig zu ihr.
-
-»Gewiß werde ich morgen mit allem in Ordnung sein.«
-
-»Von wem war die Depesche?« frug sie, ohne ihn zu hören.
-
-»Von Stefan,« antwortete er gezwungen.
-
-»Warum hast du mir sie nicht gezeigt? Welches Geheimnis kann es
-zwischen Stefan und mir geben?«
-
-Wronskiy rief den Kammerdiener zurück und befahl, die Depesche zu
-bringen.
-
-»Ich wollte sie dir nicht zeigen, weil Stefan eine Leidenschaft hat, zu
-telegraphieren. Wozu telegraphieren, wenn nichts entschieden ist?«
-
-»Über die Scheidung?«
-
-»Ja. Doch er schreibt, er habe noch nichts erreichen können. Kürzlich
-versprach er einen endgültigen Bescheid. Da lies.«
-
-Mit bebenden Händen ergriff Anna die Depesche und las noch einmal das,
-was Wronskiy gesagt hatte. Am Schluß war noch hinzugefügt »es ist wenig
-Hoffnung vorhanden, aber ich werde alles Mögliche und Unmögliche thun.«
-
-»Ich habe gestern gesagt, daß es mir vollkommen gleichgültig ist, wann
-ich die Scheidung erhalte, ja, selbst, ob ich sie erhalte,« sprach
-sie errötend. »Es lag aber doch keine Notwendigkeit vor, mir Etwas zu
-verheimlichen. So kann er auch vor mir seine Korrespondenz mit Frauen
-verheimlichen, und er verheimlicht sie auch,« dachte sie dabei.
-
-»Jaschwin wollte heute früh mit Woytoff herkommen,« sagte Wronskiy, »es
-scheint, daß er Pjevzoff alles abgewonnen hat, ja, sogar noch mehr,
-als dieser bezahlen kann; einige sechzigtausend Rubel.«
-
-»Nein,« versetzte sie, erzürnt darüber, daß er mit diesem Wechsel des
-Themas so augenfällig zu verstehen gab, daß sie gereizt sei, »weshalb
-glaubst du, daß diese Nachricht mich so interessiert, daß man sie sogar
-zu verbergen hätte? Ich habe gesagt, daß ich nicht daran denken mag,
-und wünschte, du möchtest ebensowenig davon interessiert werden, wie
-ich.«
-
-»Ich interessiere mich nur deshalb dafür, weil ich Klarheit liebe,«
-sagte er.
-
-»Klarheit liegt nicht in der Form, sondern in der Liebe,« sagte sie,
-mehr und mehr in Erregung geratend, aber nicht durch seine Worte,
-sondern durch den Ton kalter Ruhe, mit welchem er sprach. »Weshalb
-wünschest du Klarheit?«
-
-»Mein Gott! Wieder die Liebe!« dachte er, finster werdend. »Du weißt
-doch, wozu? Für dich, und für die Kinder, welche kommen werden,« sagte
-er.
-
-»Kinder wird es nicht geben.«
-
-»Das ist sehr bedauerlich,« sagte er.
-
-»Dir ist sie erforderlich für die Kinder, aber an mich denkst du
-nicht,« sprach sie, vollständig vergessend und überhörend, daß er
-gesagt hatte »für dich und für die Kinder«. --
-
-Die Frage nach der Möglichkeit, ob sie noch Kinder haben würden, hatte
-für sie seit Langem eine Streitfrage gebildet, die sie erbitterte.
-Seinen Wunsch, Kinder zu haben, legte sie sich dahin aus, daß er ihre
-Schönheit nicht schätze.
-
-»O, ich sagte doch für dich! Vor allem für dich,« wiederholte er, sich
-wie unter einem Schmerzgefühl verfinsternd, »weil ich überzeugt bin,
-daß ein großer Teil deiner _Gereiztheit_ von der Unbestimmtheit unserer
-Lage herrührt.«
-
-»Ja, jetzt hat er aufgehört, sich zu verstellen und alle seine kalte
-Gehässigkeit gegen mich ist nun sichtbar,« dachte sie, seine Worte
-nicht vernehmend, aber mit Schrecken auf den kalten, harten Richter
-blickend, der, mit ihr Spott treibend, aus seinen Augen herausschaute.
-»Dies ist nicht der Grund,« sagte sie, »ich begreife selbst nicht, daß
-der Grund meiner _Gereiztheit_ -- wie du es nennst, der sein kann, mich
-vollständig in deiner Gewalt zu befinden. Was für eine Unbestimmtheit
-der Lage giebt es hierbei? Im Gegenteil.«
-
-»Es ist sehr bedauerlich, daß du nicht verstehen willst,« unterbrach
-er sie, beharrlich in dem Wunsche, seinen Gedanken auszusprechen, »die
-Unbestimmtheit liegt darin, daß dir scheint, als wäre ich frei.«
-
-»Diesbezüglich kannst du ganz ruhig sein,« sagte sie, und begann, indem
-sie sich von ihm abwandte, ihren Kaffee zu trinken.
-
-Sie hob die Tasse, und führte sie, den kleinen Finger von sich
-streckend zum Munde. Nachdem sie einige Schlucke genommen, blickte sie
-ihn an. An dem Ausdruck seines Gesichts erkannte sie klar, daß ihm ihre
-Hand und ihre Geste zuwider war, wie das Geräusch, welches sie mit den
-Lippen verursacht hatte.
-
-»Mir ist alles vollständig gleichgültig, was deine Mutter denkt, und
-wie sie dich verheiraten will,« sagte sie, mit zitternder Hand die
-Tasse niedersetzend.
-
-»Davon sprechen wir ja aber gar nicht.«
-
-»O, eben davon; und glaube mir, daß für mich ein Weib ohne Herz -- sei
-es alt oder nicht alt, deine Mutter oder eine Fremde -- ohne Interesse
-ist, und ich es nicht kennen mag!«
-
-»Anna, ich bitte dich, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu reden.«
-
-»Ein Weib, welches nicht mit seinem Herzen erraten hat, worin das Glück
-und die Ehre des Sohnes beruht -- hat kein Herz.«
-
-»Ich wiederhole meine Bitte, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu
-sprechen, die ich achte,« sagte er, seine Stimme hebend und sie streng
-anblickend.
-
-Sie antwortete nicht. Starr schaute sie ihn an, sein Gesicht, seine
-Hände; sie rief sich die gestrige Versöhnungsscene mit allen ihren
-Einzelheiten ins Gedächtnis zurück, sowie seine leidenschaftlichen
-Liebkosungen. »Ganz die nämlichen Liebkosungen hat er an andere Weiber
-verschwendet, er wird es weiterhin thun, er will es thun,« dachte sie.
-
-»Du liebst deine Mutter nicht. -- Das sind alles Phrasen, nur Phrasen!«
--- sprach sie, ihn haßerfüllt anblickend.
-
-»Wenn es so allerdings steht, dann heißt es« --
-
--- »Zu einem Entschluß kommen; und ich bin entschlossen;« sagte sie
-und wollte gehen, doch gerade trat Jaschwin ins Zimmer. Anna begrüßte
-ihn und blieb.
-
-Warum sie, während in ihrer Seele ein Sturm tobte, und sie fühlte, daß
-sie auf einem Wendepunkt ihres Lebens stehe, der furchtbare Folgen
-haben könne -- warum sie sich während dieser Minute vor einem fremden
-Menschen verstellen mußte, der früher oder später ja doch alles
-erfahren würde, -- sie wußte es nicht, sondern ließ sich, den Sturm
-in sich beschwichtigend, sogleich nieder und begann mit dem Besuch zu
-konversieren.
-
-»Nun, wie steht es mit Eurer Angelegenheit; habt Ihr eine
-Schuldverschreibung erhalten?« frug sie Jaschwin.
-
-»Nicht der Rede wert. Mir scheint, daß ich nicht alles erhalten werde,
-ich muß Mittwoch verreisen. Wann reist Ihr?« antwortete dieser, mit den
-Augen zwinkernd und Wronskiy anblickend. Er erriet augenscheinlich, daß
-ein Zwist obgewaltet hatte.
-
-»Übermorgen wahrscheinlich,« sagte Wronskiy.
-
-»Ihr bereitet Euch übrigens schon seit Langem darauf vor.«
-
-»Jetzt ist es jedoch beschlossen,« sprach Anna, Wronskiy gerade ins
-Auge schauend, mit einem Blick, der diesem sagte, er solle nicht mehr
-an die Möglichkeit einer Aussöhnung denken. »Thut Euch denn dieser
-unglückliche Pjevzoff nicht leid?« setzte sie dann ihr Gespräch mit
-Jaschwin fort.
-
-»Ich habe mich noch nie gefragt, Anna Arkadjewna, ob mir etwas leid
-thut oder nicht. Hier ist mein ganzes Vermögen« -- er wies auf seine
-Seitentasche -- »und jetzt bin ich ein reicher Mann. Heute fahre ich in
-den Klub, um ihn vielleicht als Bettler wieder zu verlassen. Wird mich
-doch jeder der sich mit mir zum Spiel niedersetzt, auch bis aufs Hemd
-ausplündern, so wie ich es mit ihm mache. Wir kämpfen eben miteinander
--- und darin liegt das Vergnügen.«
-
-»Aber wenn Ihr nun verheiratet wäret,« sagte Anna, »was würde da aus
-Eurer Frau.«
-
-Jaschwin brach in Gelächter aus.
-
-»Eben deshalb habe ich auch nicht geheiratet, mir dies auch niemals
-vorgenommen!«
-
-»Und Helsingfors?« frug Wronskiy, sich in die Unterhaltung mischend und
-Anna, welche lächelte, anblickend. Seinem Blick begegnend, nahm das
-Antlitz Annas plötzlich einen kalten, strengen Ausdruck an, als wollte
-sie ihm sagen, »es ist nichts vergessen; es ist noch beim Alten.«
-
-»Aber Ihr seid doch gewiß einmal verliebt gewesen?« wandte sie sich zu
-Jaschwin.
-
-»O Gott, wie oft. Aber -- merkt wohl auf, es kann sich einer zum Spiel
-setzen, um stets dann davon aufzustehen, sobald die Zeit des Rendezvous
-kommt -- ich kann mich zwar auch mit der Liebe beschäftigen, doch immer
-nur so, daß ich abends die Partie nicht versäume. So halte ich es.«
-
-»Darnach frage ich nicht; sondern nach dem, um was es sich jetzt
-handelt;« sie wollte sagen »Helsingfors,« das Wort aber nicht
-aussprechen, welches von Wronskiy gesprochen worden war.
-
-Es kam nun Wojtoff, welcher einen Hengst gekauft hatte; Anna erhob sich
-und verließ das Zimmer.
-
-Bevor Wronskiy von Hause wegfuhr, trat er noch bei ihr ein. Sie wollte
-sich stellen, als suchte sie Etwas auf dem Tische, blickte ihm aber,
-von ihrer Heuchelei beschämt, offen und mit kühlem Blick ins Antlitz.
-
-»Was wollt Ihr?« frug sie ihn auf französisch.
-
-»Das Attestat über den Gambetta holen. Ich habe ihn verkauft,« sprach
-er in einem Tone, der deutlicher als Worte ausdrückte, »ich habe mich
-durchaus nicht zu erklären und es würde dies auch zu nichts führen.
-Ich trage doch keine Schuld ihr gegenüber,« dachte er, »wenn sie
-sich selbst bestrafen will, =tant pis pour elle=!« Im Hinausgehen
-aber schien ihm, als habe sie etwas gesagt und sein Herz regte sich
-plötzlich in Mitleid für sie.
-
-»Was ist, Anna?« frug er.
-
-»Ich sagte nichts,« antwortete sie immer noch so kalt und ruhig.
-
-»Ah, nichts dann -- =tant pis=,« dachte er, wieder kühl werdend, wandte
-sich und ging. Indem er hinausschritt, erblickte er im Spiegel ihr
-Gesicht, bleich, mit bebenden Lippen. Er wollte nun wohl stehen bleiben
-und ihr ein tröstendes Wort sagen, doch seine Füße trugen ihn aus dem
-Zimmer, schneller, als er sich ausgedacht hatte, was er sagen sollte.
-
-Diesen ganzen Tag brachte er außerhalb des Hauses zu; als er spät
-Abends heimkehrte, sagte ihm die Zofe, daß Anna Arkadjewna Kopfweh habe
-und bitten lasse, sie nicht zu besuchen.
-
-
- 26.
-
-Noch nie war ein Tag im Hader vorübergegangen. Es war dies das erstemal
-gewesen. Aber es war auch kein Streit mehr, sondern das offenkundige
-Eingeständnis einer vollständigen Erkaltung. Konnte man sie denn
-so anblicken, wie er es gethan hatte, indem er nach dem Attest in
-das Zimmer getreten war. Sie anzuschauen und zu sehen, daß ihr Herz
-zerrissen war von Verzweiflung, und schweigend weiterzugehen mit diesem
-gleichgültigen, ruhigen Gesicht? Nicht nur, daß er kühl gegen sie
-geworden war; haßte er sie auch, weil er eine andere liebte -- das war
-klar. -- Und indem sie sich alle jene harten Worte, die er gesprochen
-hatte, ins Gedächtnis zurückrief, überdachte sie nochmals diejenigen,
-die er offenbar ihr zu sagen gewünscht hatte oder ihr sagen konnte, und
-mehr und mehr geriet sie in Erbitterung.
-
-»Ich halte Euch nicht,« konnte er sagen, »Ihr könnt gehen, wohin Ihr
-wollt. Ihr habt Euch von Eurem Manne nicht scheiden lassen wollen,
-wahrscheinlich, um zu ihm zurückzukehren. Kehrt zurück! Wenn Ihr Geld
-braucht, will ich es Euch geben. Wieviel Rubel braucht Ihr?«
-
-Die allerhärtesten Worte, welche ihr der rauhe Mann sagen konnte, er
-sagte sie ihr in ihrer Einbildungskraft und sie verzieh ihm dieselben
-nicht, als hätte er sie ihr wirklich gesagt.
-
-»Aber hatte er ihr nicht gestern erst seine Liebe geschworen, er, der
-gerechte und ehrenhafte Mann? Bin ich nicht etwa schon viele Male
-grundlos in Verzweiflung gewesen?« sprach sie hierauf zu sich selbst.
-
-Diesen ganzen Tag verbrachte Anna, mit Ausnahme einer Fahrt zur Wilson,
-die sie zwei Stunden in Anspruch nahm, in Ungewißheit darüber, ob alles
-vorbei, oder noch eine Hoffnung auf Versöhnung vorhanden wäre, ob sie
-sogleich fort müsse, oder ihn erst noch einmal sehen solle. Sie wartete
-auf ihn den ganzen Tag, und erwog bei sich, nachdem sie am Abend, als
-sie sich in ihr Zimmer zurückzog, befohlen hatte mitzuteilen, daß
-sie Kopfweh habe; wenn er trotz der Worte der Zofe, zu mir kommt, so
-bedeutet dies, daß er noch liebt, wenn nicht, daß alles zu Ende ist,
-und dann werde ich entscheiden, was ich zu thun habe.« --
-
-Am Abend vernahm sie das Geräusch seines Wagens, sein Läuten, seine
-Schritte und sein Gespräch mit der Zofe. Er glaubte, was man ihm gesagt
-hatte, wollte nichts Weiteres hören und begab sich in seine Räume. Es
-war also wohl alles vorüber.
-
-Der Tod als das einzige Mittel, in seinem Herzen die Liebe zu ihr zu
-erhalten, ihn zu strafen und den Sieg davonzutragen in diesem Kampfe,
-den der in ihrem Herzen heimisch gewordene böse Geist mit ihm führte,
-erschien klar und lebendig vor ihr.
-
-Jetzt war alles gleich; fuhr man nach Wosdwishenskoje oder nicht,
-erhielt man die Scheidung von dem Gatten oder nicht -- es war nichts
-mehr nötig. Nötig war nur Eines noch -- ihn zu strafen! --
-
-Als sie sich die gewohnte Dosis Opium eingoß, und daran dachte, daß man
-nur die ganze Phiole zu leeren brauchte, um zu sterben, erschien ihr
-dies so leicht und einfach, daß sie abermals mit Genugthuung daran zu
-denken begann, wie er Qual und Reue empfinden und sie in der Erinnerung
-lieben würde, wenn es schon zu spät wäre.
-
-Sie lag im Bett mit offenen Augen, beim Scheine einer einsamen,
-niedergebrannten Kerze nach dem Stuckkarnies der Zimmerdecke und dem
-Teile derselben blickend, welcher den Schatten des Bettschirmes hatte,
-und stellte sich lebendig vor, was er empfinden würde, wenn sie erst
-nicht mehr wäre, wenn sie für ihn nur noch eine Erinnerung bildete.
-
-»Wie konnte ich diese harten Worte zu ihr sagen,« würde er sprechen,
-»wie konnte ich aus ihrem Zimmer gehen, ohne ihr ein Wort zu sagen?
-Jetzt ist sie nicht mehr. Sie ist von mir gegangen. Sie ist dort« --
-
-Da bewegte sich plötzlich der Schatten des Bettschirmes, umfing das
-ganze Karnies, die ganze Decke, andere Schatten von der anderen Seite
-stürzten ihr entgegen; auf einen Augenblick flohen dieselben davon,
-bewegten sich aber dann mit erneuter Schnelligkeit heran, wankten hin
-und her, verschwammen ineinander und alles wurde dunkel.
-
-»Der Tod?« dachte sie, und ein Schrecken überkam sie, daß sie lange
-nicht wußte, wo sie war, und lange mit den bebenden Händen kein
-Zündholz finden konnte, um eine neue Kerze an Stelle derjenigen, welche
-herabgebrannt und erloschen war, anzuzünden.
-
-»Nein -- aber doch -- nur leben! Ich liebe ihn ja doch, und er liebt ja
-mich! Dies ist geschehen und wird vorübergehen!« sprach sie im Gefühl,
-daß ihr die Thränen der Freude ob ihrer Rückkehr zum Leben über die
-Wangen flossen. Um sich von ihrem Schrecken zu erholen, begab sie sich
-hastig nach seinem Kabinett.
-
-Er schlief in demselben, in festem Schlummer. Sie trat zu ihm heran,
-und betrachtete ihn, lange sein Gesicht von oben herab beleuchtend.
-Jetzt, da er schlief, liebte sie ihn so sehr, daß sie bei seinem
-Anblick die Thränen der Zärtlichkeit nicht zurückzuhalten vermochte;
-aber sie wußte, daß er sie, wenn er erwachte, mit dem kalten Blick, der
-sich seines Rechtes bewußt ist, anschauen würde, und sie ihm, bevor
-sie ihm von ihrer Liebe sprach, darlegen müsse, daß er vor ihr der
-Schuldige sei. Ohne ihn zu wecken kehrte sie zurück, und schlief nach
-einer zweiten Dosis Opium bis zum Morgen in schwerem Halbschlummer,
-währenddessen sie ununterbrochen ihr Empfindungsvermögen behielt.
-
-Am Morgen erschien ihr der furchtbare Alp, der sich mehrmals in ihren
-Traumbildern, schon vor der Zeit ihres Verhältnisses mit Wronskiy
-wiederholt hatte, von neuem und erweckte sie. Jener Alte mit dem
-wirren Barte arbeitete, auf sein Eisen gebeugt und unverständliche,
-französische Worte sprechend, während sie -- wie stets unter diesem
-Alpdrücken -- empfand, was den eigentlichen Schrecken für sie bildete,
-daß dieser Bauer ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit widmete,
-sondern eine furchtbare Arbeit in Eisen verrichtete -- über ihr. --
-
-Sie erwachte in kaltem Schweiß liegend. Als sie sich erhob, erinnerte
-sie sich des gestrigen Tages wie im Nebel.
-
-»Es hatte Streit gegeben, das Nämliche, was schon mehrmals
-stattgefunden hatte. Ich hatte gesagt, daß ich Kopfschmerzen hätte,
-und er ist nicht zu mir gekommen. Morgen wollen wir reisen; ich muß ihn
-sehen und mich zur Abreise vorbereiten,« sagte sie zu sich selbst, und
-begab sich, nachdem sie gehört hatte, daß er sich in seinem Kabinett
-befände, zu ihm. Als sie durch den Salon schritt, hörte sie, daß vor
-der Einfahrt eine Equipage hielt und erblickte durchs Fenster schauend,
-einen Wagen, aus welchem sich ein junges Mädchen in lilafarbenem Hut
-herausbeugte, das ihrem Diener, welcher läutete einen Befehl erteilte.
-
-Nach einem Zwiegespräch im Vorzimmer, kam jemand herauf und neben dem
-Salon wurden die Tritte Wronskiys vernehmbar, welcher mit schnellen
-Schritten die Treppe hinabeilte.
-
-Anna trat wieder an das Fenster. Da trat er ohne Hut auf die Freitreppe
-und ging zum Wagen. Das junge Mädchen im lilafarbigen Hut übergab ihm
-ein Paket. Wronskiy sagte ihr lächelnd etwas und der Wagen fuhr wieder
-fort. Er eilte schnell wieder zurück die Treppe herauf.
-
-Der Nebel, welcher sich über ihre Seele gebreitet hatte, zerstreute
-sich plötzlich. Die Empfindungen von gestern preßten mit neuem Weh ihr
-krankes Herz.
-
-Sie konnte jetzt nicht mehr begreifen, daß sie sich soweit hatte
-erniedrigen können, noch einen ganzen Tag bei ihm in seinem Hause zu
-bleiben, und kehrte in ihr Zimmer zurück, um ihn von ihrem Entschluß in
-Kenntnis zu setzen.
-
-»Die Sorokina war mit ihrer Tochter gekommen und hat mir Geld und
-Papiere von =maman= gebracht. Ich konnte es gestern nicht erhalten. Wie
-steht es mit deinem Kopf; besser?« sprach er ruhig, ohne den düsteren
-und ernsten und feierlichen Ausdruck ihres Gesichts bemerken zu wollen.
-
-Sie blickte ihn schweigend und starr an, in der Mitte des Zimmers
-stehend. Er schaute sie an, verfinsterte sich einen Augenblick und
-fuhr dann fort, einen Brief zu lesen. Sie wandte sich und ging langsam
-nach der Thür. Er hätte sie noch zurückrufen können, aber sie war bis
-an die Thür gegangen und er schwieg noch immer; nur das Rauschen eines
-gewendeten Blattes des Briefes war vernehmbar.
-
-»Also,« begann er in dem Augenblick, als sie schon in der Thür stand,
-»morgen werden wir entschieden fahren, nicht wahr?«
-
-»Ihr, nicht ich,« sprach sie, sich zu ihm wendend.
-
-»Anna; es ist unmöglich, so zu leben« --
-
-»Ihr, nicht ich,« wiederholte sie.
-
-»Das wird unerträglich!«
-
-»Ihr, Ihr werdet die Reue empfinden,« sprach sie und ging hinaus.
-
-Erschreckt von dem verzweifelten Ausdruck, mit welchem diese Worte
-gesprochen worden waren, sprang er auf und wollte ihr nacheilen,
-doch indem er sich besann, setzte er sich wieder, sein Gesicht wurde
-finster, indem er die Zähne fest aufeinanderbiß.
-
-Diese Drohung, welche unziemlich war, wie er fand, hatte ihn gereizt.
-
-»Ich habe alles versucht,« dachte er, »es bleibt nur noch Eins übrig --
-sie nicht mehr zu beachten« -- und machte sich fertig, in die Stadt zu
-fahren, nochmals zur Mutter, von welcher er eine Unterschrift für die
-Vollmacht haben mußte.
-
-Sie vernahm das Geräusch seiner Schritte im Kabinett und durch den
-Speisesalon. Im Salon blieb er stehen; doch wandte er sich nicht zu
-ihr, sondern erteilte nur Befehl, daß man in seiner Abwesenheit den
-Hengst an Wojtoff ausliefere. Dann vernahm sie, wie man den Wagen
-brachte, die Thür sich öffnete und er wiederum hinaustrat. Aber er
-kehrte nochmals in den Flur zurück und es kam jemand nach oben geeilt.
-Der Kammerdiener lief nach den vergessenen Handschuhen. Sie trat an das
-Fenster und sah, wie er, ohne hinzublicken die Handschuhe ergriff, mit
-der Hand den Rücken des Kutschers berührte und demselben etwas sagte.
-Ohne die Fenster zu mustern, setzte er sich hierauf in seiner gewohnten
-Pose in den Wagen, legte die Füße übereinander und drückte sich, einen
-Handschuh anstreifend, in die Ecke.
-
-
- 27.
-
-»Er ist fort. Es ist zu Ende!« sprach Anna zu sich selbst, am Fenster
-stehend und zur Antwort auf diese Worte erfüllten jene Eindrücke in
-der Finsternis nach dem Erlöschen des Lichtes, und des furchtbaren
-Traumbildes in Eins zusammengeflossen, ihr Herz mit kaltem Entsetzen.
-»Nein, es kann nicht sein!« schrie sie auf und schellte heftig, durch
-das Zimmer eilend. Ihr war es jetzt so bange, allein zu bleiben, daß
-sie, ohne das Erscheinen des Dieners abzuwarten, diesem entgegenkam.
-
-»Erkundigt Euch, wohin der Graf gefahren ist,« sagte sie.
-
-Der Diener versetzte, der Graf sei nach den Marställen gefahren.
-
-»Der Herr haben befohlen zu melden, daß der Wagen sogleich zurückkehren
-würde, falls es Euch gefällig wäre, auszufahren.«
-
-»Gut. Bleibt. Ich werde sogleich ein Billet schreiben. Schickt Michail
-mit dem Billet nach den Marställen, so schnell als möglich.«
-
-Sie setzte sich und begann zu schreiben:
-
-»Ich bin schuld. Kehre heim, wir müssen ins Klare kommen. Um Gott,
-komm, mir ist furchtbar.«
-
-Sie siegelte und übergab dem Diener das Billet.
-
-Jetzt fürchtete sie sich allein zu bleiben und begab sich, nachdem der
-Diener gegangen war, aus dem Zimmer nach der Kinderstube.
-
-»Was ist das? Das ist er nicht! Das ist nicht Er! Wo sind seine blauen
-Augen, wo ist sein mildes, sanftes Lächeln?« war ihr erster Gedanke,
-als sie ihr dralles, rotbäckiges kleines Mädchen mit den schwarzen
-krausen Haaren anstatt Sergeys, den sie in einer Verwirrung ihrer
-Gedanken in der Kinderstube zu sehen erwartet hatte, erblickte.
-
-Das Kind saß am Tische, hartnäckig und geräuschvoll mit einem
-Korkpfropfen auf den Tisch pochend, und schaute mit seinen zwei
-schwarzen Augen verständnislos die Mutter an.
-
-Nachdem Anna der Engländerin geantwortet hatte, daß sie sich völlig
-wohl befinde und morgen aufs Land gehen werde, setzte sie sich zu
-ihrem Kinde und begann vor demselben den Pfropfen von einer Karaffe zu
-drehen. Das laute, tönende Lachen des Kindes und die Bewegung, welche
-dasselbe mit den Brauen machte, brachten ihr aber Wronskiy so lebhaft
-in die Erinnerung, daß sie, ein Aufschluchzen unterdrückend, hastig
-aufstand und hinausging.
-
-»Ist denn wirklich alles zu Ende? Nein, es kann nicht sein,« dachte
-sie. »Er wird zurückkehren! Aber wie soll er mir jenes Lächeln
-erklären, seine Lebhaftigkeit, nachdem er mit ihr gesprochen hatte?
-Indessen auch wenn er mir es nicht erklärt, will ich ihm glauben.
-Glaube ich ihm nicht, dann bleibt mir noch Eins -- aber ich will
-nicht.« --
-
-Sie sah nach der Uhr. Es waren zwanzig Minuten vergangen.
-
-»Jetzt hat er mein Billet bereits erhalten und kehrt zurück. Nicht
-lange mehr, noch zehn Minuten -- aber wie, wenn er nicht zurückkehrt?
-Doch nein, das kann nicht sein! Er darf mich indessen nicht mit
-verweinten Augen sehen. Ich will gehen und mich waschen. Bin ich denn
-frisiert oder nicht?« frug sie sich, ohne sich erinnern zu können.
-Sie fühlte sich nach dem Kopfe, »ja, ich bin frisiert, aber wann es
-geschah, weiß ich wirklich nicht mehr.« Sie glaubte nicht einmal der
-eigenen Hand und ging zu dem Trumeau, um nachzusehen, ob sie in der
-That frisiert sei oder nicht. Sie war frisiert und konnte sich dennoch
-nicht erinnern, wann sie es gethan hatte. »Wer ist das?« dachte sie, in
-den Spiegel blickend, und ein fieberhaft glühendes Antlitz mit seltsam
-blitzenden Augen, die sie erschreckt ansahen, gewahrend. »Das bin ich
-doch,« erkannte sie plötzlich und ihre ganze Erscheinung musternd,
-fühlte sie plötzlich seine Küsse auf sich und zuckte zusammenschauernd
-mit den Schultern. Dann hob sie die Hand zu den Lippen und küßte sie.
-»Was ist das; ich bin von Sinnen,« sprach sie und begab sich in das
-Schlafzimmer, wo Annuschka aufräumte. »Annuschka,« sagte sie, vor der
-Zofe stehen bleibend und sie anschauend, ohne zu wissen, was sie ihr
-eigentlich sagen wollte.
-
-»Ihr wolltet zu Darja Aleksandrowna fahren,« antwortete die Zofe, als
-ob sie verstanden hätte.
-
-»Zu Darja Aleksandrowna? Ja, ich werde fahren.«
-
-»Fünfzehn Minuten hin, fünfzehn Minuten zurück! Er wird schon kommen,
-er kommt sogleich.« Sie zog die Uhr hervor und sah darnach. »Wie konnte
-er nur wegfahren, und mich in einer solchen Lage zurücklassen? Wie kann
-er leben, ohne mit mir ausgesöhnt zu sein?« Sie trat ans Fenster und
-schaute auf die Straße hinab. Der Zeit nach hätte er schon zurücksein
-können. Aber ihre Berechnung konnte nicht richtig sein und sie begann
-aufs neue, sich zu vergegenwärtigen, wann er weggefahren war, und die
-Minuten zu berechnen. Gerade als sie nach einer größeren Uhr ging, um
-die ihrige darnach zu vergleichen, kam jemand angefahren. Durch das
-Fenster blickend, gewahrte sie seinen Wagen. Es kam jedoch niemand zur
-Treppe herauf, während unten Stimmen vernehmbar wurden. Der Bote war
-es, welcher im Wagen zurückkehrte. Sie ging zu ihm hinunter.
-
-Der Graf war nicht zu treffen gewesen, er war auf der Chaussee von
-Nishegorod weggefahren.
-
-»Was bringst du? Was« -- wandte sie sich zu dem rotbäckigen, fröhlichen
-Michail, der ihr das Billet wieder zurückgab. »Er hat es ja gar nicht
-erhalten,« sagte sie sich. »Fahre mit diesem Billet auf das Dorf zur
-Gräfin Wronskaja, verstehst du? Und bringe sofort Antwort,« sagte sie
-zu dem Boten. »Aber was soll ich selbst thun?« dachte sie, »nun, ich
-werde zu Dolly fahren, oder, wahrhaftig, ich verliere den Verstand. Ich
-kann ja auch noch telegraphieren.« Sie schrieb sogleich eine Depesche
-nieder.
-
-»Ich muß dich sprechen, komm sogleich.«
-
-Nachdem sie das Telegramm abgeschickt hatte, ging sie sich anzukleiden.
-Bereits angekleidet und im Hut blickte sie nochmals der etwas beleibt
-gewordenen, ruhigen Annuschka in die Augen. Offenes Mitleid war in
-diesen kleinen, gutmütigen, grauen Augen sichtbar.
-
-»Liebe Annuschka, was soll ich thun?« sagte Anna weinend, sich hilflos
-in einem Lehnsessel sinken lassend.
-
-»Wozu sich so beunruhigen, Anna Arkadjewna! So geht es eben! Fahrt nur
-und zerstreut Euch,« antwortete die Zofe.
-
-»Ja, ich werde fahren,« sagte Anna, sich ermannend und aufstehend.
-»Wenn in meiner Abwesenheit ein Telegramm einlaufen sollte, so soll es
-zu Darja Aleksandrowna geschickt werden -- oder nein; ich werde selbst
-zurückkommen!« --
-
-»Ja, man muß nicht grübeln, sondern etwas thun, ausfahren, und
-hauptsächlich dieses Haus verlassen,« sprach sie, mit Entsetzen die
-furchtbare Wallung wahrnehmend, welche in ihrem Herzen entstand, ging
-hastig hinaus und setzte sich in den Wagen.
-
-»Wohin befehlt Ihr?« frug Peter, bevor er sich auf den Bock setzte.
-»Nach Znamenka, zu den Oblonskiy!«
-
-
- 28.
-
-Das Wetter war klar. Den ganzen Morgen war ein dichter, feiner Regen
-gefallen und jetzt hatte es sich seit kurzem erst aufgehellt. Die
-eisernen Dächer, die Trottoirsteine und Pflastersteine, die Räder, das
-Lederzeug, Kupfer und Blech an den Equipagen, alles glänzte hell in der
-Maisonne. Es war drei Uhr, die Zeit, zu welcher es auf den Straßen am
-lebhaftesten ist.
-
-In der Ecke des ruhig gehenden Wagens sitzend, der auf seinen
-Sprungfedern bei dem schnellen Gange der beiden Grauen kaum schaukelte,
-ließ Anna unter dem eintönigen Rasseln der Räder, den schnell
-wechselnden Eindrücken bei der klaren Luft, von neuem die Vorkommnisse
-der letzten Tage an sich vorüberziehen und sie erkannte ihre Lage
-als eine ganz andere, als wie sie ihr zu Haus erschienen war. Jetzt
-erschien ihr selbst der Gedanke an den Tod nicht mehr so furchtbar und
-deutlich, und der Tod selbst erschien ihr nicht mehr unvermeidlich.
-Jetzt machte sie sich Vorwürfe über die Niedergeschlagenheit, bis zu
-welcher sie sich hatte führen lassen.
-
-»Ich werde ihn beschwören mir zu verzeihen. Ich habe mich ihm
-untergeordnet und mich schuldig bekannt. Aber warum? Kann ich denn ohne
-ihn nicht leben?«
-
-Und ohne sich auf die Frage, wie sie ohne ihn leben könnte, zu
-antworten, begann sie die Ladenschilder zu lesen. »Comptoir und
-Niederlage. -- Zahnarzt -- ja, ich werde Dolly alles sagen. Sie liebt
-Wronskiy nicht. Für mich wird es schmachvoll, schmerzlich sein, aber
-ich will ihr alles sagen. Sie liebt mich und ich werde ihrem Rate
-folgen. Ich werde mich ihm nicht unterwerfen, ihm nicht gestatten,
-mich zu erziehen. -- Philippoff, Kalatschenkauf. -- Man soll den Teig
-auch nach Petersburg bringen. Das Moskauer Wasser ist so gut; ja die
-Brunnen von Mytichy und die Pfannkuchen« -- und sie erinnerte sich, wie
-sie vor langer, langer Zeit, als sie noch siebzehn Jahre zählte, mit
-der Tante zum Pfingstfest gekommen war; zu Pferde noch. War ich denn
-das wirklich, ich mit den schönen Händen? Wie vieles von dem, was mir
-damals so schön und unerreichbar erschien, ist dahin, während mir das,
-was ich damals besaß, jetzt auf ewig unerreichbar geworden ist.
-
-Hätte ich damals geglaubt, daß ich bis zu einem solchen Grade von
-Erniedrigung gelangen könnte? Wie wird er stolz und befriedigt sein,
-wenn er mein Billet empfängt! Aber ich werde ihm zeigen. -- Wie
-übel doch diese Farbe hier riecht! Warum streicht und baut man nur
-fortwährend? -- »Moden- und Putzwaaren« -- las sie weiter. Ein Mann
-grüßte sie; es war der Gatte Annuschkas; »unsere Parasiten,« dachte
-sie, sich der Worte Wronskiys erinnernd. »Unsere? Warum unsere? Es ist
-entsetzlich, daß man die Vergangenheit nicht mit der Wurzel ausreißen
-kann! Man kann sie nicht ausreißen, aber die Erinnerung daran bedecken.
-Und ich will sie verhüllen.«
-
-Und jetzt dachte sie an ihr vergangenes Leben mit Aleksey
-Aleksandrowitsch, daran, daß sie ihn aus ihrem Gedächtnis gelöscht
-hatte. »Dolly wird denken, daß ich nun den zweiten Mann verlasse, und
-daher gewiß im Unrecht bin. Kann ich denn aber im Rechte sein? Ich kann
-es nicht,« fuhr sie fort und die Thränen stiegen in ihr auf. Doch sie
-begann sogleich, sich zu denken, warum wohl jene beiden Mädchen dort
-so lächelten. Wahrscheinlich in Liebesgedanken? Sie wissen nicht, wie
-traurig, wie niedrig das ist!
-
-Da kommt der Boulevard; Kinder spielen auf ihm. Drei Knaben laufen
-da und spielen Pferd. -- Mein Sergey! -- Alles verliere ich und ihn
-kann ich nicht wieder erhalten. Ja, alles verliere ich, wenn er nicht
-zurückkehrt. Vielleicht hat er sich mit dem Zug verspätet und ist jetzt
-schon zurück. Aber soll ich mich schon wieder erniedrigen?« frug sie
-sich selbst, »nein, ich will zu Dolly und ihr offen sagen, ich bin
-unglücklich, ich habe es verdient und bin schuldig -- immer aber doch
-unglücklich -- hilf mir! -- Diese Pferde, dieser Wagen, wie abscheulich
-komme ich mir selbst in diesem Wagen vor -- alles ist ja sein; doch ich
-werde nichts mehr davon sehen.« --
-
-Indem sie sich die Worte überlegte, mit welchen sie Dolly alles sagen
-wollte, absichtlich sich ihr Herz zerreißend, betrat Anna die Treppe.
-
-»Ist man daheim?« frug sie im Vorzimmer.
-
-»Katharina Aleksandrowna Lewina ist zugegen,« antwortete der Diener.
-
-»Kity! Die nämliche Kity, in welche Wronskiy verliebt gewesen ist,«
-dachte Anna, »die nämliche, der er in Liebe gedachte. Er bedauerte, sie
-nicht geheiratet zu haben, aber meiner gedenkt er in Haß und er beklagt
-es, sich mit mir vereint zu haben.«
-
-Unter den Schwestern fand, als Anna ankam, gerade eine Beratung
-betreffs der Ernährungsfrage des Kindes statt. Dolly ging allein
-hinaus, um den Besuch zu empfangen, der in diesem Augenblick ihr
-Gespräch störte.
-
-»Ach, du bist noch nicht abgereist? Ich wollte selbst zu dir kommen« --
-sagte sie, »heute habe ich einen Brief von Stefan erhalten!«
-
-»Wir haben gleichfalls eine Depesche empfangen,« antwortete Anna, sich
-umschauend, um Kity zu sehen.
-
-»Er schreibt, er könne nicht begreifen, was Aleksey Aleksandrowitsch
-eigentlich wolle, würde aber nicht ohne einen Bescheid abreisen.«
-
-»Ich dachte, es wäre jemand bei dir. Kann man den Brief lesen?«
-
-»Ja, Kity ist da,« sprach Dolly, in Verlegenheit geratend, »sie ist in
-der Kinderstube geblieben; sie war sehr krank.«
-
-»Ich habe davon gehört. Kann ich den Brief lesen?«
-
-»Sogleich will ihn bringen. Doch er giebt keinen abschläglichen
-Bescheid, im Gegenteil, Stefan hofft,« sagte Dolly, in der Thür stehen
-bleibend.
-
-»Ich hoffe und wünsche auch nichts,« antwortete Anna. »Was heißt das,
-hält es Kity für entwürdigend, mit mir zusammenzutreffen?« dachte Anna,
-während sie allein war. »Vielleicht ist sie damit auch im Rechte, aber
-nur durfte sie gerade, welche in Wronskiy verliebt gewesen ist, mir
-es nicht zeigen, auch wenn dies verdient wäre. Ich weiß, daß mich in
-meiner Lage kein ehrenhaftes Weib empfangen kann, weiß, daß ich ihm von
-jener ersten Minute an alles geopfert habe. Nun habe ich meinen Lohn!
-O, wie ich ihn hasse! Und warum bin ich hierher gefahren? Nur, damit
-mir noch trauriger und schwerer zu Mute wird!«
-
-Sie vernahm aus dem Nebenzimmer die Stimmen der unter sich sprechenden
-Schwestern. »Was soll ich jetzt Dolly sagen? Kity ein Vergnügen damit
-machen, daß ich unglücklich bin, mich ihrer Gönnerschaft aussetzen?
-Nein, auch Dolly wird nicht begreifen, und ich brauche nichts mit ihr
-zu reden. Interessant wäre es mir nur gewesen, Kity einmal zu sehen
-und ihr zu zeigen, daß ich alle, alles verachte, wie mir jetzt alles
-gleichgültig ist.«
-
-Dolly trat mit dem Briefe ein. Anna las ihn und gab ihn schweigend
-zurück.
-
-»Das habe ich alles gewußt,« sagte sie, »und es interessierte mich
-nicht im geringsten.«
-
-»Aber warum nicht? Ich, im Gegenteil, habe Hoffnung,« sagte Dolly, Anna
-neugierig anblickend. Noch nie hatte sie diese in einem so seltsamen
-Zustande von Erbitterung gesehen, »wann fährst du?« frug sie.
-
-Anna schaute finster vor sich hin und antwortete ihr nicht.
-
-»Versteckt sich Kity vor mir?« sprach sie nach der Thür blickend und
-rot werdend.
-
-»O, was das für Thorheiten sind! Sie läßt das Kind trinken, aber es
-glückt ihr nicht recht; ich habe ihr geraten -- sie ist vielmehr sehr
-erfreut, und wird sogleich kommen,« sagte Dolly etwas unsicher, da sie
-nicht zu lügen verstand. »Da ist sie ja!« --
-
-Nachdem Kity erfahren hatte, daß Anna gekommen sei, wollte sie nicht
-erscheinen, doch Dolly redete ihr zu. Nachdem sie sich gesammelt hatte,
-kam sie nun und trat errötend näher, Anna die Hand reichend.
-
-»Ich freue mich sehr,« sprach sie mit zitternder Stimme.
-
-Kity war verwirrt gewesen über den Kampf, der in ihr vor sich ging,
-und zwischen der Feindschaft gegen dieses verworfene Weib, und dem
-Wunsche, entgegenkommend gegen es zu sein, schwankte sie, allein sobald
-sie das schöne sympathische Gesicht Annas erblickt hatte, war alle
-Feindseligkeit sogleich verschwunden.
-
-»Ich würde mich nicht gewundert haben, wenn Ihr nicht wünschtet, mir zu
-begegnen. Ich bin an alles gewöhnt. Ihr seid krank gewesen? Allerdings,
-Ihr habt Euch verändert,« sprach Anna.
-
-Kity empfand, daß Anna sie feindselig betrachtete. Sie erklärte sich
-diese Feindseligkeit aus der peinlichen Lage, in welcher sich Anna, die
-früher eine Protektorschaft über sie geübt hatte, vor ihr fühlte.
-
-Sie sprachen von der Krankheit, dem Kinde, von Stefan, aber nichts von
-alledem interessierte Anna.
-
-»Ich bin gekommen, mich von dir zu verabschieden,« sagte sie aufstehend.
-
-»Wann fahrt Ihr?«
-
-Anna wandte sich abermals, ohne zu antworten, zu Kity.
-
-»Es freut mich sehr, Euch wiedergesehen zu haben,« sprach sie lächelnd.
-»Ich habe über Euch von allen Seiten gehört, selbst von Eurem Gatten.
-Er ist bei mir gewesen und hat mir sehr gefallen,« fügte sie,
-augenscheinlich in übler Absicht hinzu. »Wo ist er denn?«
-
-»Er ist aufs Dorf gefahren,« antwortete Kity errötend.
-
-»Grüßt ihn von mir, grüßt ihn ja von mir!«
-
-»Gewiß,« wiederholte Kity treuherzig, ihr voll Mitleid in die Augen
-blickend.
-
-»Also leb' wohl, Dolly?« Nachdem Anna Dolly geküßt und Kity die Hand
-gedrückt hatte, ging Anna eilig fort.
-
-»Sie bleibt immer die gleiche, fesselnde; sie ist sehr hübsch,« sagte
-Kity, nachdem sie mit der Schwester allein geblieben, »aber es liegt
-etwas Mitleiderweckendes in ihr. Es ist doch entsetzlich traurig!«
-
-»Nein, heute lag in ihr etwas Eigenartiges,« sagte Dolly, »als ich sie
-hinausbegleitete, schien mir im Vorzimmer, als ob sie weinen wollte.«
-
-
- 29.
-
-Anna setzte sich wieder in den Wagen, noch düsterer gestimmt, als sie
-es bei ihrer Wegfahrt von Hause gewesen war. Zu den früheren Qualen
-gesellte sich jetzt das Gefühl der Kränkung und Verstoßenheit, welches
-sie deutlich bei ihrer Begegnung mit Kity empfunden hatte.
-
-»Wohin befehlt Ihr? Nach Hause?« frug Peter.
-
-»Ja, nach Hause,« sagte sie, jetzt gar nicht mehr daran denkend, wohin
-sie fuhr.
-
-»Wie sie mich anblickten; gerade, als wäre ich etwas Furchtbares,
-Unbegreifliches und Neugier Erregendes. Wovon mag der da wohl mit
-solchem Eifer dem andern erzählen,« dachte sie, auf zwei Fußgänger
-blickend. -- »Kann man denn einem andern erzählen, was man empfindet?
-Ich wollte es Dolly erzählen, aber es ist gut, daß ich nicht erzählt
-habe. Wie froh wäre sie über mein Unglück gewesen! Sie hätte dies zwar
-verheimlicht, aber in der Hauptsache wäre ihr Gefühl nur die Freude
-darüber gewesen, daß ich für jene Lust bestraft worden bin, um welche
-sie mich beneidet hat. Kity nun würde sich noch mehr gefreut haben.
-Wie ich sie jetzt durch und durch kenne! Sie weiß, daß ich gegen ihren
-Mann außergewöhnlich liebenswürdig gewesen bin, ist nun eifersüchtig
-auf mich und haßt mich. Sie verachtete mich aber auch noch. In ihren
-Augen bin ich ein Weib ohne Moral. Ich hätte ihren Mann mit Liebe zu
-mir erfüllen können, wenn ich ein sittenloses Weib wäre. -- Wenn ich
-gewollt hätte. -- Ich habe auch gewollt! -- Der dort ist zufrieden mit
-sich selbst« -- dachte sie beim Anblicke eines dicken, rotaussehenden
-Herrn, der an ihr vorübergefahren kam, sie für eine Bekannte hielt,
-und den Hut auf seinem glänzenden Glatzkopf lüftete, sich dann aber
-überzeugte, daß er geirrt habe.
-
-»Er glaubte, mich zu kennen, und er kannte mich doch so wenig, wie mich
-überhaupt jemand auf der Welt kennen mag. Ich selbst kenne ihn nicht.
-Ich kenne nur seine =appetits=, wie die Franzosen sagen. -- Die da
-möchten dieses schmutzige Gefrorene haben,« dachte sie, auf zwei Knaben
-blickend, welche einen Eisverkäufer angehalten hatten, der seinen Tuber
-vom Kopfe nahm und mit dem Zipfel seines Handtuchs das schweißbedeckte
-Gesicht abtrocknete. »Uns alle verlangt nach Süßigkeit und Leckerei.
-Ist es nicht Konfekt, so kann es schmutziges Gefrorenes sein. Auch
-mit Kity ist es so; war es nicht Wronskiy, so war es Lewin. Und sie
-beneidet mich, und haßt mich dafür. Wir alle hassen uns gegenseitig.
-Ich Kity -- Kity mich! Das ist die Wahrheit. -- >Tjutkin, Coiffeur. --
-=Je me fais coiffer par Tjutkin=.< Dies werde ich ihm sagen, wenn er
-kommt,« dachte sie und lächelte. Doch im selben Augenblick erinnerte
-sie sich, daß sie jetzt nicht Ursache habe, jemand etwas Scherzhaftes
-zu sagen; »es giebt auch nichts Scherzhaftes oder Heiteres dabei,
-alles ist häßlich. Man läutet zur Vesper; wie sorgsam sich dieser
-Kaufmann bekreuzigt. Als ob er fürchtete, etwas zu verlieren. Wozu
-diese Kirchen, dieses Läuten, diese Lüge? Nur dazu, um zu verbergen,
-daß wir uns alle einander hassen, wie diese Mietkutscher da, die
-sich so erbost streiten. Jaschwin sagt: Der Gegner sucht mich bis
-aufs Hemd auszuplündern, also thue ich dies auch mit ihm. Das ist
-Gerechtigkeit!« --
-
-In diesen Gedanken, welche sie so beschäftigten, daß sie selbst
-über ihre Lage nachzudenken aufgehört hatte, fand sie sich, als der
-Wagen vor der Freitreppe ihres Hauses anhielt. Erst als sie den ihr
-entgegenkommenden Portier erblickte, erinnerte sie sich wieder, daß sie
-ein Billet und ein Telegramm abgeschickt hatte.
-
-»Ist Antwort da?« frug sie.
-
-»Ich werde sogleich nachsehen,« versetzte der Portier, schaute in das
-kleine Comptoir, langte hinein und reichte ihr ein viereckiges, dünnes
-Couvert mit einem Telegramm. »Ich kann nicht früher als um zehn Uhr
-kommen. Wronskiy.« -- las sie.
-
-»Der Bote ist nicht zurückgekehrt?«
-
-»Nein,« antwortete der Portier.
-
-»Wenn es so steht, weiß ich, was ich zu thun habe,« sagte sie und eilte
-in dem Gefühl eines in ihr aufsteigenden, unklaren Grimmes und des
-Verlangens nach Rache hinauf. »Ich werde selbst zu ihm fahren; bevor
-ich auf immer gehe, will ich ihm noch alles sagen! Nie habe ich einen
-Menschen so gehaßt, wie diesen Mann!« dachte sie. Als sie seinen Hut am
-Kleidergestell erblickte, schauerte sie zusammen vor Widerwillen.
-
-Sie bedachte nicht, daß sein Telegramm die Antwort auf das ihrige
-bildete, und er ihren Brief noch gar nicht erhalten hatte. Sie stellte
-sich ihn jetzt vor in ruhigem Gespräch mit seiner Mutter und der
-Sorokina, voll Freude über ihre Leiden. »Ja, ich muß möglichst bald
-fahren,« sprach sie zu sich, noch ohne zu wissen, wohin. Es verlangte
-sie, möglichst schnell den Empfindungen entgehen zu können, welche sie
-in diesem furchtbaren Hause hatte. Die Dienstboten, die Wände, die
-Gegenstände in diesem Hause -- alles forderte in ihr Widerwillen und
-Zorn heraus, und beklemmte sie mit einer gewissen Schwere.
-
-»Ich muß auf die Eisenbahnstation fahren, und ist er nicht dort, zu ihm
-selbst und ihn überführen!«
-
-Anna sah in den Zeitungen nach den Fahrplänen der Züge. Es ging abends
-acht Uhr zwei Minuten ein Zug. »Ja, da will ich eilen.«
-
-Sie befahl andere Pferde anzuspannen, und widmete sich dem Einpacken
-von Sachen in eine Reisetasche, die ihr für einige Tage erforderlich
-waren. Sie wußte, daß sie nicht wieder hierher zurückkehren werde. In
-ihrer Aufregung entschloß sie sich unter den Plänen die ihr in den Kopf
-kamen, je nach den Vorgängen auf der Station oder auf dem Gute der
-Gräfin, auf der Strecke Nishegorod bis zur nächsten Stadt zu fahren und
-dort zu bleiben.
-
-Das Essen stand auf dem Tische. Sie trat heran, roch an Brot und Käse
-und befahl, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß der Geruch alles
-Eßbaren ihr nur widerlich sei, den Wagen anzuspannen, worauf sie
-hinausging.
-
-Das Haus warf seinen Schatten bereits über die ganze Straße; es war ein
-klarer, noch warmer und sonniger Abend.
-
-Sowohl Annuschka, die ihr mit den Sachen folgte, als Peter, welcher
-dieselben im Wagen unterbrachte und der Kutscher, der augenblicklich
-schlechte Laune hatte -- alle waren ihr widerlich und reizten sie mit
-ihren Worten und Bewegungen.
-
-»Ich brauche dich nicht, Peter!«
-
-»Aber das Billet?«
-
-»Nun, wie du willst, mir ist alles gleich,« sprach sie verdrießlich.
-
-Peter stieg hinten auf und befahl, die Hände in die Seite gestützt,
-nach dem Bahnhof zu fahren.
-
-
- 30.
-
-»Da ist es wieder! Wieder erfasse ich alles,« sprach Anna zu sich,
-sobald der Wagen sich in Bewegung gesetzt hatte, schütternd über das
-Pflaster fuhr, und die Eindrücke sich wiederum, einer nach dem andern,
-abwechselten. »Was dachte ich denn zuletzt so Angenehmes,« suchte sie
-in ihrer Erinnerung. »>Tjutkin, Coiffeur?< -- Nein, das war es nicht.
-Ach ja, wovon Jaschwin gesprochen: Der Kampf ums Dasein und der Haß,
-sie sind das Eine, was die Menschheit zusammenhält. O, Ihr fahrt
-umsonst,« wandte sie sich in Gedanken zu einer Gesellschaft, die in
-einer Tschetwernja dahinfuhr, wohl um sich außerhalb der Stadt zu
-vergnügen. »Auch der Hund, den Ihr da mit Euch führt, wird Euch nichts
-helfen; Ihr werdet Euch nicht voneinander verlieren.« Indem sie den
-Blick nach der Seite richtete, nach der sich Peter wandte, erblickte
-sie einen fast bis zur Besinnungslosigkeit berauschten Fabrikarbeiter
-mit wackelndem Kopfe, den ein Polizist führte.
-
-»Da der -- das geht schon eher;« dachte sie, »dieses Vergnügen habe
-ich mit dem Grafen Wronskiy noch nicht genossen, obwohl ich viel
-von ihm erwartet hatte.« Zum erstenmale ließ Anna jetzt die scharfe
-Beleuchtung, unter der sie alles erblickte, auf ihre Beziehungen zu ihm
-fallen, über die sie nachzudenken vorher vermieden hatte.
-
-»Was hat er in mir gesucht? Liebe doch nicht so sehr, als mehr eine
-Befriedigung seiner Eitelkeit.«
-
-Sie erinnerte sich seiner Worte, des Ausdrucks seiner Züge, die in der
-ersten Zeit ihres Verhältnisses den Eindruck eines ergebenen Jagdhundes
-auf sie gemacht hatten. Alles bestätigte dies jetzt. »Ja, in ihm lebte
-der Triumph über einen Erfolg seines Ehrgeizes. Natürlich war ja auch
-Liebe dabei gewesen, aber den Hauptteil bildete doch der Stolz auf
-seinen Erfolg. Er hat sich mit mir gebrüstet! Jetzt ist das vorüber.
-Er soll nun auf nichts mehr stolz sein. Es giebt jetzt keinen Stolz
-mehr für ihn, sondern nur noch Schande. Er hat mir alles genommen,
-was er nehmen konnte, jetzt braucht er mich nicht mehr. Er ist meiner
-überdrüssig, und will nicht mehr mir gegenüber ehrlos sein. Er hat
-sich gestern versprochen -- er will die Scheidung und die Heirat nur,
-um die Schiffe hinter sich abzubrennen. Er liebt mich -- aber wie? --
-=The zest is gone=. -- Der da will alle in Erstaunen setzen und ist
-ja sehr zufrieden mit sich selbst,« dachte sie, auf einen rotbäckigen
-Handlungsdiener blickend, welcher ein Manegepferd ritt. »Ja, der alte
-Geschmack an mir ist nicht mehr bei ihm vorhanden. Wenn ich von ihm
-gehe, wird er herzlich froh sein.«
-
-Dies war keine Vermutung -- sie sah es klar in jenem durchdringenden
-Lichte, welches ihr jetzt den Sinn des Lebens und der menschlichen
-Verhältnisse offenbarte.
-
-»Meine Liebe wird immer leidenschaftlicher und egoistischer, die seine
-aber erlischt mehr und mehr, und deshalb trennen wir uns,« fuhr sie
-fort zu grübeln. »Und Hilfe ist hierbei unmöglich. Für mich liegt alles
-in ihm allein und ich fordere, daß er immer mehr und mehr sich mir
-hingebe. Er aber immer will mehr und mehr von mir entweichen. Wir sind
-bis zum Bunde miteinander zusammengekommen, gehen aber nun unaufhaltsam
-nach verschiedenen Richtungen wieder auseinander. Und dies läßt sich
-auch nicht ändern. Er sagt mir, ich sei sinnlos eifersüchtig, und ich
-selbst habe mir gesagt, ich bin sinnlos eifersüchtig -- aber das ist
-unwahr. Ich bin nicht eifersüchtig, sondern unzufrieden! Doch« -- sie
-öffnete den Mund und veränderte den Sitz im Wagen vor der Erregung,
-die in ihr durch einen plötzlich auftauchenden Gedanken hervorgerufen
-wurde. »Wenn ich noch etwas Anderes sein könnte, als seine Geliebte,
-die leidenschaftlich nur seine Liebkosungen liebt; aber ich kann und
-will gar nichts Anderes sein. Mit diesem Wunsche aber erwecke ich in
-ihm Widerwillen, er in mir Wut; das kann nicht anders sein! Weiß ich
-etwa nicht, daß er nicht schon anfinge mich zu hintergehen? Daß er
-nicht Absichten auf die Sorokina hätte, daß er Kity geliebt hat und
-mich verrät? Alles dies weiß ich, und mir wird davon nicht leichter.
-Wenn er, ohne mich zu lieben, nur _aus Pflicht_ gut und zärtlich gegen
-mich ist, nicht aber das sein will, was ich wünsche; so wäre es noch
-tausendmal schlimmer, als Haß! Das wäre -- die Hölle! Und so ist es
-auch! Er liebt mich schon lange nicht mehr, und wo die Liebe aufhört,
-da fängt der Haß an. Diese Straßen kenne ich doch gar nicht. Berge,
-und Häuser auf Häuser, in den Häusern aber Menschen, nur Menschen. Wie
-viele Menschen giebt es da, kein Ende ist abzusehen, und alle hassen
-einander. Aber ich will mir doch einmal ausdenken, was ich eigentlich
-will, um glücklich zu sein? Nun, gesetzt, ich erhalte die Ehescheidung,
-Aleksey Aleksandrowitsch giebt mir Sergey und ich heirate Wronskiy.«
-
-Indem sie Aleksey Aleksandrowitschs gedachte, stellte sie sich ihn
-sogleich mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit vor, als ob er lebendig vor
-ihr stände, mit seinen sanften, leblosen, erloschenen Augen, den blauen
-Adern auf den weißen Händen, seinen Betonungen und dem Knacken seiner
-Finger, und indem sie sich des Gefühls erinnerte, welches zwischen
-ihnen bestanden und auch Liebe geheißen hatte, erschauerte sie vor Ekel.
-
-»Nun, ich werde die Scheidung erhalten und Wronskiys Weib werden. Wird
-aber Kity dann aufhören, so auf mich zu schauen, wie sie es heute
-gethan hat? Nein. Wird dann Sergey aufhören, nach meinen zwei Männern
-zu fragen oder über sie nachzudenken? Und welches neue Gefühl soll
-ich mir für Wronskiy und mich ausdenken? Ist ein Etwas möglich, das
-nicht mehr Glück, und doch auch nicht eine Qual wäre? -- Nein und aber
-nein!« -- antwortete sie sich selbst, jetzt ohne das geringste Zaudern.
-»Es ist unmöglich! Wir werden durch das Leben getrennt; ich bin sein
-Unglück, er ist das meine, und es ist unmöglich, ihn oder mich zu
-rehabilitieren. Alle Versuche sind gemacht worden, die Schraube ist
-abgelaufen. -- Da, eine Bettlerin mit ihrem Kinde! -- Sie glaubt, man
-habe Mitleid mit ihr. Sind wir denn nicht alle nur dazu in die Welt
-geworfen worden, um einander zu hassen, und uns und die anderen deshalb
-zu martern? -- Da kommen Gymnasiasten. -- Sie lachen! Ist Sergey
-darunter?« -- dachte sie. »Ich habe auch geglaubt, daß ich ihn liebte,
-und war gerührt von seiner Zärtlichkeit. Und doch habe ich auch ohne
-ihn gelebt, habe ich ihn um eine andere Liebe vertauscht und diesen
-Tausch nicht beklagt, so lange ich in dieser Liebe Genüge fand.«
-
-Mit Widerwillen erinnerte sie sich dessen, was sie mit dieser Liebe
-bezeichnete. Die Klarheit, mit welcher sie jetzt ihr Leben und
-dasjenige aller Menschen schaute, verursachte ihr Freude. »So mache ich
-es, wie Peter, oder der Kutscher Fjodor, oder dieser Kaufmann da, und
-alle anderen Leute, die dort längs der Wolga wohnen, und es ist überall
-und immer so,« dachte sie, als sie bei dem niedrigen Stationsgebäude
-der Nishegoroder Bahn angekommen war und die Artjelschtschiks ihr
-entgegeneilten.
-
-»Befehlt Ihr nach Obiralovka?« frug Peter.
-
-Sie hatte vollkommen vergessen, wohin und weshalb sie reisen wollte und
-vermochte nur mit größter Anstrengung die Frage zu erfassen.
-
-»Ja,« sagte sie zu ihm, ihr Geldtäschchen hinreichend und stieg, die
-kleine rote Tasche in die Hand nehmend, aus dem Wagen.
-
-Durch das Gedränge nach dem Wartesaal der ersten Klasse gehend,
-rief sie sich ein wenig alle die Einzelheiten ihrer Lage und die
-Entscheidungen ins Gedächtnis zurück, zwischen denen sie schwankte.
-
-Wiederum begann bald Hoffnung, bald Verzweiflung in den alten kranken
-Stellen die Wunden ihres gemarterten, entsetzlich schlagenden Herzens
-wieder aufzureißen. In der Erwartung des Zuges auf dem sternförmigen
-Diwan sitzend, dachte sie, den Blick voll Widerwillen auf die Kommenden
-und Gehenden gerichtet -- sie alle waren ihr widerlich -- bald
-daran, wie sie, auf der Station angekommen, ihm ein Billet schreiben
-wolle, und was sie ihm schreiben würde; bald daran, wie er sich bei
-seiner Mutter -- die ja Leiden gar nicht verstand -- über seine Lage
-beklagen mochte, wie sie selbst ins Zimmer hereintreten, und was sie
-zu ihm sagen wollte. Sie dachte auch darüber nach, wie ihr Leben noch
-glücklich werden könnte und wie qualvoll sie ihn liebe und hasse, und
-wie entsetzlich ihr Herz schlage.
-
-
- 31.
-
-Die Glocke ertönte; mehrere junge Männer, häßlich, dreist, zudringlich,
-und zugleich aufmerksam den Eindruck den sie hervorbrachten,
-beobachtend, kamen vorüber; auch Peter schritt durch den Wartesaal
-in seiner Livree und Stiefletten, mit stumpfem, tierischen
-Gesichtsausdruck, und trat zu ihr heran, um sie zum Waggon zu
-begleiten. Die geräuschvoll aufgetretenen Herren verstummten, als sie
-an ihnen auf dem Bahnsteig vorüberschritt und einer flüsterte dem
-andern etwas zu, natürlich etwas Garstiges. Sie trat auf die hohe
-Stufe und setzte sich allein im Coupé auf den gepolsterten, fleckig
-gewordenen, einstmals weiß gewesenen Diwan. Die Reisetasche, noch auf
-dem Polster springend, war soeben hereingelegt worden, mit stupidem
-Lächeln lüftete Peter vor dem Fenster seine galonierte Mütze zum
-Zeichen des Abschieds, rücksichtslos warf der Kondukteur die Thür zu
-und klinkte sie ein.
-
-Eine Dame, ungestaltet, mit einer Tournüre -- Anna entkleidete sie in
-Gedanken und erschrak über ihre Unförmigkeit -- und ein junges Mädchen,
-welches unnatürlich lachte, liefen unten vorbei.
-
-»Bei Katharina Andrejewna -- alles bei ihr -- =ma tante=!« rief das
-junge Mädchen.
-
-»Selbst dieses Mädchen ist ungestaltet und heuchelt,« dachte Anna.
-Um niemand zu sehen, stand sie schnell auf und setzte sich an das
-gegenüberliegende Fenster in dem leeren Waggon. Ein schmutziger,
-ungeschlachter Mensch in einer Mütze, unter welcher das Haar wirr
-hervorstarrte, ging an dem Fenster vorüber, sich zu den Rädern des
-Waggons niederbeugend. »Es liegt mir etwas Bekanntes in diesem
-unförmigen Menschen da,« dachte Anna, und ihres Traumes sich erinnernd,
-trat sie, vor Entsetzen zitternd, zu der gegenüberliegenden Thür. Der
-Kondukteur öffnete die Thür und ließ einen Mann mit seiner Frau herein.
-
-»Wollt Ihr vielleicht hinaus?«
-
-Anna antwortete nicht. Der Kondukteur und die Eingetretenen bemerkten
-unter dem Schleier das Entsetzen auf ihren Zügen nicht. Sie wandte sich
-nach ihrer Ecke und setzte sich.
-
-Das Ehepaar nahm auf der gegenüberliegenden Seite Platz, aufmerksam,
-aber verstohlen ihr Kleid betrachtend. Der Mann wie das Weib erschienen
-Anna widerlich. Der Mann frug, ob sie ihm gestatte, zu rauchen,
-offenbar nicht, daß er rauchen konnte, sondern um mit ihr eine
-Unterhaltung anzuspinnen. Nachdem er ihre Erlaubnis erhalten hatte,
-begann er mit seiner Frau auf französisch über Etwas zu reden, was er
-noch weniger als das Rauchen brauchte. Sie sprachen, indem sie sich
-verstellten, von lauter Albernheiten, nur zu dem Zwecke, daß sie es
-hörte. Anna sah deutlich, wie die beiden sich gegenseitig langweilten
-und einander haßten. Man konnte auch nicht anders, als solche
-kläglichen Ausgeburten hassen.
-
-Das zweite Läuten wurde hörbar und gleich darauf folgte der Transport
-des Gepäckes, unter Lärm, Rufen und Lachen. Anna war es so klar, daß
-niemand Ursache hatte, sich zu freuen, daß dieses Lachen sie bis zur
-Schmerzhaftigkeit erbitterte und sie die Ohren schließen wollte, um es
-nicht hören zu müssen.
-
-Endlich erklang das dritte Läuten, ein Pfiff und das heulende Signal
-des Dampfkessels ertönte, eine Kette riß und der Ehemann bekreuzigte
-sich.
-
-»Es wäre eigentlich interessant, ihn zu fragen, was er sich dabei
-wohl denkt,« dachte Anna, ihn zornig anblickend. Sie schaute neben der
-Dame vorüber durch das Fenster auf die Menschen, die sich gleichsam
-rückwärts zu wälzen schienen, indem sie auf dem Bahnsteig stehend,
-dem Zug das Geleite gaben. Unter gleichmäßig sich wiederholenden
-Erschütterungen auf den Verbindungspunkten der Schienen, bewegte sich
-der Waggon, in welchem Anna saß, an dem Bahnsteig, einer steinernen
-Mauer, und anderen Waggons vorüber. Die Räder rasselten flüchtiger
-und geschmeidiger mit leichtem Geräusch auf den Schienen, das Fenster
-erglänzte in der hellen Abendsonne und ein leichter Wind spielte mit
-dem Vorhang.
-
-Anna hatte ihre Nachbarn im Waggon vergessen und fing wieder an,
-bei dem leichten Rollen während der Fahrt, die frische Luft in sich
-einzuatmen und wieder zu grübeln:
-
-»Wo war ich denn stehen geblieben? Halt, dabei, daß ich mir keine Lage
-ausfindig machen konnte, in welcher das Leben nicht eine Qual wäre;
-dabei, daß wir alle dazu geboren sind, einander zu foltern und wir
-alle dies wissen und alle nur Mittel ausklügeln, um uns gewissermaßen
-darüber hinwegzutäuschen. Wenn man aber nun die Wahrheit erkennt, was
-soll man da thun?«
-
-»Dazu ward dem Menschen der Verstand, daß er sich von dem befreit, was
-ihn quält,« sagte die Dame auf französisch, offenbar sehr befriedigt
-von ihrem Satze und mit Hilfe ihrer Zunge Grimassen machend.
-
-Diese Worte antworteten gleichsam auf den Gedanken Annas.
-
-»Daß er sich befreit von dem, was ihn quält,« wiederholte Anna, und
-begriff mit einem Blick auf den rotbäckigen Mann und die hagere
-Frau, daß hier ein krankes Weib sich selbst für unverstanden halte,
-und ihr Gatte, diese Meinung über sich selbst in ihr unterstütze.
-Anna durchschaute gleichsam die Geschichte der beiden da und alle
-versteckten Winkel ihrer Seelen, indem sie ihr Licht auf sie übertrug,
-aber etwas Interessantes lag nicht darin und sie verfolgte ihren
-Gedankengang weiter.
-
-»Ja, er quält mich sehr und dazu ward dem Menschen der Verstand, daß
-er sich befreie. Es ist wohl auch notwendig, sich zu befreien. Warum
-soll man nicht das Licht verlöschen, wenn man nichts mehr zu sehen hat,
-wenn es widerlich wird, alles das zu sehen? Weshalb läuft doch jener
-Kondukteur an der Stange, weshalb schreien jene jungen Leute in dem
-Waggon? Weshalb sprechen und lachen sie? Das ist doch alles unwahr,
-alles Lug, alles Trug, alles böse« -- --
-
-Nachdem der Zug in die Station eingelaufen war, stieg Anna mit der
-Menge der anderen Passagiere aus, blieb aber dann, sich vor ihnen wie
-vor Verfehmten fernhaltend, auf dem Bahnsteig zurück, und suchte sich
-ins Gedächtnis zurückzurufen, warum sie denn hierhergefahren sei und
-was sie hatte thun wollen.
-
-Alles, was ihr vorher als möglich erschienen war, wurde ihrer
-Vorstellungskraft jetzt so schwer, namentlich vor dem lärmenden Haufen
-aller dieser ungeschlachten Menschen, die ihr keine Ruhe ließen. Bald
-kamen Artjeljschtschiks zu ihr gelaufen, die ihre Dienste anboten,
-bald blickten sie junge Leute an, die mit den Stiefelabsätzen auf den
-Bohlen des Bahnsteigs stampften und laut miteinander sprachen, bald
-wichen ihr Begegnende nicht aus. Nachdem sie sich besonnen hatte, daß
-sie weiter fahren wollte, falls keine Antwort da wäre, hielt sie einen
-Artjeljschtschik an und frug, ob nicht ein Kutscher mit einem Briefe
-für den Grafen Wronskiy hier sei.
-
-»Graf Wronskiy? Von dem war soeben jemand hier. Man hat die Fürstin
-Sorokina nebst Tochter abgeholt. Aber wie sieht denn der Kutscher aus?«
-
-Während sie noch mit dem Artjeljschtschik sprach, trat der Kutscher
-Michail, rotbäckig und heiter in seiner blauen flotten Poddjevka
-und Uhrkette, offenbar stolz darauf, daß er seinen Auftrag so gut
-ausgeführt hatte, zu ihr heran und überreichte ein Billet.
-
-Sie erbrach es; ihr Herz zog sich zusammen, noch bevor sie es gelesen
-hatte.
-
-»Ich bedaure sehr, daß mich das Billet nicht angetroffen hat; um zehn
-Uhr werde ich kommen,« hatte Wronskiy mit flüchtiger Hand geschrieben.
-
-»So. Das hatte ich erwartet,« sprach sie mit unglückverheißendem
-Lächeln. »Gut! Fahr' heim!« fuhr sie dann, zu Michail gewendet, leise
-fort. Sie sprach leise, weil die Schnelligkeit ihres Herzschlags sie am
-Atmen behinderte.
-
-»Nein, ich werde dir nicht mehr Gelegenheit geben, mich zu martern,«
-dachte sie, sich in ihrer Drohung weder an ihn, noch an sich selbst
-wendend, sondern an den, welcher sie veranlaßt hatte, sich selbst
-zu foltern, und schritt auf dem Bahnsteig dahin, am Stationsgebäude
-vorüber.
-
-Zwei Zofen, welche auf der Plattform hingingen, drehten die Köpfe
-rückwärts, indem sie nach ihr blickten, und mit vernehmlicher Stimme
-über ihre Toilette Betrachtungen anstellten. »Das sind echte«, sagten
-sie über die Spitzen, die sie trug. Die jungen Männer ließen sie auch
-nicht in Ruhe. Sie schauten ihr wieder ins Gesicht und gingen lachend,
-mit unnatürlicher Stimme rufend, an ihr vorbei.
-
-Der Stationsvorsteher trat heran und frug sie, ob sie fahren wolle?
-Ein Knabe, welcher Kwas verkaufte, ließ sie nicht aus den Augen. »Mein
-Gott, wohin soll ich flüchten?« dachte sie, sich weiter und weiter von
-dem Bahnsteig entfernend.
-
-Am Ende desselben blieb sie stehen. Damen und Kinder, welche einen
-bebrillten Herrn begrüßten und laut lachten und sprachen, verstummten
-bei ihrem Anblick, als sie neben ihnen angelangt war. Sie beschleunigte
-ihren Schritt und entfernte sich von ihnen nach dem Rande des
-Bahnsteigs hin. Ein Güterzug kam heran. Der Perron erbebte und ihr
-schien es, als ob sie wieder fahre. Plötzlich aber, indem ihr die
-Zermalmung jenes Menschen am Tage ihrer ersten Begegnung mit Wronskiy
-einfiel, erkannte sie, was sie zu thun hatte. Schnellen leichten
-Schrittes stieg sie die Stufen hinab, welche zu den Schienen führten
-und blieb neben dem dicht an ihr vorüberfahrenden Train stehen. Sie
-schaute unter die Waggons, auf die Schrauben und Ketten, auf die
-großen, gußeisernen Räder des langsam rollenden, ersten Waggons und
-suchte mit dem Augenmaß den Mittelpunkt zwischen den Vorder- und
-Hinterrädern, sowie den Augenblick zu bestimmen, in welchem sich dieser
-Mittelpunkt vor ihr befinden würde.
-
-»Dahin!« -- sprach sie zu sich selbst, nach dem Schatten des Waggons
-auf dem mit Kohlenstaub vermischten Sand, von welchem der Boden bedeckt
-war, schauend, »dahin, gerade in die Mitte, und ich strafe ihn und bin
-von allem erlöst; wie von mir selbst.« -- --
-
-Sie wollte sich unter den ersten Waggon, der mit seinem Mittelpunkt
-neben ihr angekommen war, werfen, allein die rote Reisetasche, die
-sie nun von dem Arme nahm, hinderte sie und es war schon zu spät. Der
-Mittelpunkt war an ihr vorüber. Sie mußte also den folgenden Waggon
-erwarten. Ein Gefühl, ähnlich dem, wie sie es empfunden hatte, wenn sie
-sich beim Baden bereit machte, in das Wasser zu steigen, wandelte sie
-an, und sie bekreuzte sich. Die gewohnte Geste der Bekreuzigung rief in
-ihrer Seele eine ganze Reihe von Erinnerungen aus ihrer Mädchen- und
-Kinderzeit herauf, und plötzlich zerriß die Finsternis, die alles vor
-ihr verdeckt hatte, und das Leben trat für einen Moment vor sie hin,
-mit all seinen lichten, vergangenen Freuden.
-
-Sie verwandte während dessen kein Auge von den Rädern des
-herankommenden Waggons, und genau in dem Augenblick, als der
-Mittelpunkt zwischen den Rädern vor ihr war, schleuderte sie den roten
-Reisesack von sich, fiel, den Kopf zwischen die Schultern ziehend, auf
-die Hände unter dem Waggon, und ließ sich mit einer leichten Bewegung,
-als sei sie bereit, sofort wieder aufzustehen, in die Kniee sinken. In
-dem nämlichen Augenblick aber erschrak sie über das, was sie gethan
-hatte, »wo bin ich, was thue ich, warum?« -- Sie wollte sich wieder
-erheben, sich zurückwerfen, aber etwas Ungeheures, Unerbittliches stieß
-sie vor den Kopf und nahm sie beim Rücken mit. »Herr Gott vergieb mir
-alles!« sprach sie, die Unmöglichkeit eines Kampfes fühlend. Der Mensch
-arbeitete im Selbstgespräch in dem Eisen. Das Licht, bei welchem sie
-das von Mühsal und Lüge, Weh und Übel erfüllte Buch gelesen hatte,
-flammte in noch hellerem Glanze empor als je, und erleuchtete alles
-vor ihr, was früher für sie im Dunkeln gelegen hatte, es prasselte,
-verdunkelte sich und erlosch auf ewig.
-
-
-
-
- Achter Teil.
-
- 1.
-
-
-Fast zwei Monate waren vergangen. Die Hälfte der heißen Jahreszeit war
-schon verstrichen und Sergey Iwanowitsch machte erst jetzt Anstalt,
-Moskau zu verlassen.
-
-Im Leben Sergey Iwanowitschs hatte sich während dieser Zeit Mehrfaches
-ereignet. Ein Jahr vorher bereits war sein Buch, die Frucht einer
-sechsjährigen Arbeit mit dem Titel: »Versuch eines Überblickes über die
-Grundlagen und Formen des Staatswesens in Europa und Rußland«, beendet
-worden.
-
-Einige Teile nebst der Einleitung waren in zeitgemäßen Publikationen
-gedruckt, andere von Sergey Iwanowitsch Männern aus seiner Umgebung
-vorgelesen worden, sodaß die Gedanken dieses neuen Werkes schon
-nicht mehr eine vollkommene Neuheit für das Publikum bilden konnten.
-Gleichwohl aber hatte Sergey Iwanowitsch erwartet, daß das Buch mit
-seinem Erscheinen einen tiefen Eindruck auf die Gesellschaft und,
-wenn nicht eine Umwälzung in der Wissenschaft, so doch jedenfalls
-mächtige Sensation in der Gelehrtenwelt machen werde. Das Buch war
-nach sorgfältigem Druck im vergangenen Jahre zum Erscheinen und zur
-Versendung an die Buchhändler gelangt.
-
-Ohne nun jemand über das Werk zu befragen, und ungern und mit
-erheuchelter Gleichgültigkeit auf die Fragen seiner Freunde, wie
-dasselbe gehe, antwortend, ohne sich selbst bei den Buchhändlern nach
-dem Absatz zu erkundigen, verfolgte Sergey Iwanowitsch scharf und mit
-gespannter Aufmerksamkeit den ersten Eindruck, welchen sein Werk in der
-Gesellschaft und in der Litteratur hervorbrächte.
-
-Aber es verging eine Woche, eine zweite, dritte, und in der
-Gesellschaft war kein Eindruck wahrzunehmen. Seine Freunde,
-Spezialisten und Gelehrte, begannen bisweilen, augenscheinlich aus
-Höflichkeit, von dem Buche zu sprechen, seine übrigen Bekannten aber,
-die sich nicht für ein Werk von gelehrter Richtung interessierten,
-sprachen gar nicht davon. In der Gesellschaft, welche besonders
-jetzt von anderen Dingen in Anspruch genommen war, herrschte völlige
-Gleichgültigkeit, und in der Litteratur erschien im Verlauf eines
-Monats gleichfalls kein Wort über das Buch.
-
-Sergey Iwanowitsch berechnete bis in die Einzelheiten die Zeit, welche
-zur Abfassung einer Recension erforderlich war, aber es verging ein
-Monat, ein zweiter unter dem nämlichen Schweigen.
-
-Nur im »Ssjevernyj Shuk«, in einem humoristischen Feuilleton über den
-Sänger Drabanti, welcher seine Stimme verloren hatte, waren so nebenbei
-einige geringschätzige Worte über das Buch Koznyscheffs gefallen.
-Dieselben zeigten, daß dieses schon längst allgemein verurteilt, dem
-allgemeinen Spott anheimgefallen war.
-
-Erst im dritten Monat erschien in einem Journal ernster Richtung eine
-kritische Abhandlung. Sergey Iwanowitsch kannte sogar den Verfasser
-derselben; er war ihm einmal bei Golubzoff begegnet.
-
-Der Verfasser der Abhandlung war ein sehr junger und bissiger
-Feuilletonist, höchst gewandt als Schriftsteller, aber außerordentlich
-wenig gebildet, und schüchtern in seinen persönlichen Beziehungen.
-
-Ungeachtet seiner vollkommenen Verachtung für den Autor, machte sich
-Sergey Iwanowitsch gleichwohl mit vollkommenem Ernst an die Lektüre der
-Abhandlung. Die Kritik war höchst traurig.
-
-Augenscheinlich hatte der Feuilletonist das ganze Buch gerade so
-aufgefaßt, wie es unmöglich aufgefaßt werden durfte. Er hatte aber
-so gewandt die Citate aus demselben zusammengestellt, daß es für
-diejenigen, welche das Buch nicht gelesen hatten -- und offenbar hatte
-es fast niemand gelesen -- vollständig klar wurde, das ganze Werk
-sei nichts anderes, als eine Sammlung hochtrabender Worte, die noch
-dazu nicht einmal in passender Weise angewendet worden waren -- wie
-die Fragezeichen bewiesen -- und der Verfasser des Buches ein völlig
-unwissender Mensch. Alles aber war dabei so geistreich, daß selbst
-Sergey Iwanowitsch sich diesem Scharfsinn gegenüber nicht ablehnend
-verhalten konnte -- aber das alles war doch höchst traurig. --
-
-Trotz der vollkommenen Gewissenhaftigkeit, mit welcher Sergey
-Iwanowitsch die Richtigkeit der Ausführungen des Recensenten prüfte,
-blieb er doch nicht eine Minute bei den Fehlern und Gebräuchen
-stehen, welche darin verspottet wurden, sondern begann sich sogleich
-unwillkürlich bis in die kleinsten Einzelheiten jene Begegnung und sein
-Gespräch mit dem Verfasser des Aufsatzes ins Gedächtnis zurückzurufen.
-
-»Habe ich ihn irgendwomit beleidigt?« frug sich Sergey Iwanowitsch, und
-indem er sich erinnerte, daß er bei jener Begegnung diesen jungen Mann,
-der mit einem Worte seine Unwissenheit dokumentiert hatte, korrigiert
-habe, fand er die Erklärung für die Tendenz der Abhandlung.
-
-Auf diese Kritik folgte ein tödliches Schweigen über das Buch, sowohl
-in der Presse, wie in der Konversation, und Sergey Iwanowitsch sah, daß
-sein seit sechs Jahren, mit soviel Liebe und Mühe erschaffenes Werk
-erfolglos vorübergegangen war.
-
-Die Lage Sergey Iwanowitschs wurde noch schwieriger dadurch, daß er
-nach der Beendigung desselben keine Kabinettarbeit mehr hatte, wie sie
-vorher den größten Teil seiner Zeit in Anspruch genommen.
-
-Sergey Iwanowitsch war klug, gebildet, gesund und thätig und wußte nun
-nicht, wie er seine Arbeitskraft anwenden sollte. Die Gespräche in
-den Hotels, bei den Zusammenkünften, Sobranjen und in Komitees, sowie
-überall da, wo man sprechen konnte, nahmen wohl einen Teil seiner Zeit
-in Anspruch, doch gestattete er sich, als langjähriger Bewohner der
-Stadt nicht, völlig im Reden aufzugehen, wie dies sein unerfahrener
-Bruder that, wenn er in Moskau war. Es blieb ihm daher noch viel freie
-Zeit und Geisteskraft.
-
-Zu seinem Glück tauchte in dieser, infolge des Fehlschlagens seines
-Buches für ihn so schweren Zeit als Ablösung der Dissidentenfrage,
-des amerikanischen Bündnisses, der samarischen Hungersnot, der
-Weltausstellung und des Spiritismus, die slavische Frage auf, die
-vorher nur in der Gesellschaft geduldet worden war, und Sergey
-Iwanowitsch, der bereits früher zu denen gehört hatte, welche diese
-Frage anregten, widmete sich ihr nun ganz.
-
-Im Kreis derer, zu welchen auch Sergey Iwanowitsch gehörte, sprach
-und schrieb man zu dieser Zeit von nichts anderem, als dem serbischen
-Kriege. Alles, was gewöhnlich der müßige Haufe thut, um die Zeit
-totzuschlagen, wurde jetzt zu Gunsten der Slaven gethan. Bälle,
-Konzerte, Essen, Speeches, die Damentoiletten, das Bier, die Gasthäuser
--- alles gab Zeugnis von der Sympathie für die Slaven.
-
-Mit vielem von dem, was man bei dieser Gelegenheit sprach und schrieb,
-war Sergey Iwanowitsch in den Einzelheiten nicht einverstanden. Er sah,
-daß die slavische Frage eine jener Modefragen wurde, die stets, eine
-die andere ablösend, der Gesellschaft zum Gegenstand der Unterhaltung
-dienen.
-
-Er sah auch, daß viele mit gewinnsüchtigen oder ehrgeizigen Absichten
-unter denen waren, die sich an diesem Werke beteiligten. Er erkannte
-ferner, daß die Zeitungen vieles Unnötige und Übertriebene abdruckten
-allein in der Absicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und
-andere zu übertönen. Er sah, daß bei dieser allgemeinen Erhebung der
-Gesellschaft alle, denen Etwas fehlgegangen war, oder die beleidigt
-worden waren, sich vor allen übrigen hervorthaten und am lautesten
-die Stimme erhoben: Oberkommandierende ohne Armee, Minister ohne
-Portefeuilles, Journalisten ohne Journale, Parteiführer ohne Anhänger.
-Er sah, daß viel Leichtsinn und Lächerlichkeit dabei war, sah und
-erkannte aber auch den unleugbaren, alles überwuchernden Enthusiasmus,
-der alle Klassen der Gesellschaft in Eins vereinigte, und welchem man
-die Sympathie nicht versagen konnte. Das Geschick der Glaubensgenossen
-und slavischen Mitbrüder rief das Mitgefühl für die Leidenden und den
-Unwillen gegen deren Bedrücker hervor. Der Heldenmut der Serben und
-Tschernagorzen, die für eine erhabene Sache kämpften, rief im ganzen
-Volke den Wunsch hervor, den Brüdern zu helfen, aber nicht mehr mit
-Worten, sondern mit der That.
-
-Hierbei zeigte sich indessen eine andere, für Sergey Iwanowitsch
-erfreuliche Erscheinung -- die Offenbarung der allgemeinen Meinung.
--- Die Gesellschaft äußerte ihren Wunsch in bestimmter Weise. Der
-Volksgeist erhielt einen Ausdruck, wie Sergey Iwanowitsch sagte, und
-je mehr sich derselbe mit dem Gegenstand befaßte, um so einleuchtender
-schien ihm, daß es sich hier um eine Sache handle, welcher die meiste
-Verbreitung zu Teil werden müsse, und die Epoche machen werde.
-
-Er widmete sich nun ganz dem Dienst dieser erhabenen Sache und hatte
-dabei ganz vergessen, seines Buchs noch zu gedenken. Seine ganze
-Zeit war jetzt ausgefüllt, sodaß er nicht imstande war, alle an ihn
-gerichteten Korrespondenzen und Bitten zu genügen.
-
-Nachdem er nun den ganzen Frühling und einen Teil des Sommers hindurch
-gearbeitet hatte, machte er sich erst im Juli bereit, auf das Land zu
-seinem Bruder zu gehen.
-
-Er reiste ab, sowohl, um sich für einige Wochen zu erholen, als
-um in der ländlichen Einsamkeit sich an dem Anblick der Erhebung
-des Volksgeistes zu freuen, von der er und alle Bewohner der Stadt
-vollständig überzeugt waren. Katawasoff, der schon längst ein Lewin
-gegebenes Versprechen, diesen zu besuchen, hatte erfüllen wollen,
-reiste mit ihm zusammen.
-
-
- 2.
-
-Sergey Iwanowitsch und Katawasoff hatten kaum die heute besonders von
-Menschen belebte Station der Kursker Eisenbahn erreicht, und sich beim
-Verlassen des Wagens nach dem mit dem Gepäck nachkommenden Diener
-umgesehen, als in vier Mietkutschen Freiwillige anlangten. Damen mit
-Bouquets kamen ihnen entgegen, und sie betraten im Geleite von Scharen
-hinter ihnen drein strömender Menschen die Station.
-
-Eine von den Damen, welche die Freiwilligen begrüßten, wandte sich,
-indem sie den Saal verließ, an Sergey Iwanowitsch.
-
-»Seid Ihr auch gekommen, ihnen das Geleite zu geben?« frug sie auf
-französisch.
-
-»Nein; ich reise für mich, Fürstin, um mich bei meinem Bruder zu
-erholen. Ihr gebt wohl fortwährend Geleit?« frug Sergey Iwanowitsch mit
-einem kaum merklichen Lächeln.
-
-»Das ginge ja nicht,« antwortete die Fürstin, »aber freilich haben wir
-selbst bereits achthundert befördert. Malwinskiy glaubte es mir nicht.«
-
-»Mehr als achthundert! Wenn man diejenigen mitzählt, welche nicht
-direkt von Moskau expediert worden sind, so wären es schon mehr als
-tausend,« sagte Sergey Iwanowitsch.
-
-»Da haben wir's. Das habe ich ja gesagt!« pflichtete die Dame freudig
-bei. »Und nicht wahr, es ist jetzt ungefähr eine Million dafür geopfert
-worden?«
-
-»Mehr noch, Fürstin.«
-
-»Was ist denn heute für ein Telegramm gekommen? Wieder die Türken
-geschlagen?«
-
-»Ja, ich habe es gelesen,« antwortete Sergey Iwanowitsch. Sie
-unterhielten sich nun über die neueste Depesche, welche bestätigte, daß
-während dreier aufeinanderfolgender Tage die Türken auf allen Punkten
-geschlagen worden seien und sich auf der Flucht befänden, und daß
-morgen die Entscheidungsschlacht erwartet werde.
-
-»Da hat sich auch ein junger, hübscher Mann gemeldet. Ich weiß nicht,
-weshalb man Schwierigkeiten gemacht hat, und da wollte ich Euch bitten
--- ich kenne ihn -- daß Ihr doch gefälligst ein Billet schriebt. Er ist
-von der Gräfin Lydia Iwanowna geschickt.«
-
-Nachdem sich Sergey Iwanowitsch nach den Einzelheiten erkundigt hatte,
-welche die Fürstin über den jungen Mann, welcher sich gestellt hatte,
-kannte, schrieb er, in die erste Klasse tretend, ein Billet an die
-Persönlichkeit, von welcher die Sache abhing und übergab es der Fürstin.
-
-»Ihr wißt wohl, Graf Wronskiy, der bekannte -- fährt auch mit diesem
-Zug,« sagte die Fürstin mit triumphierendem und vielsagendem Lächeln,
-als er wieder zurückgekommen war und ihr das Schreiben übergab.
-
-»Ich habe wohl gehört, daß er auch fortginge, aber nicht gewußt, wann.
-Mit diesem Zuge also fährt er?«
-
-»Ich habe ihn gesehen. Er ist hier. Nur seine Mutter begleitet ihn. Es
-war dies doch immer noch das beste, was er thun konnte.«
-
-»Gewiß. Versteht sich.«
-
-Während sie sprachen, strömte der Haufe an ihnen vorüber zur
-Mittagstafel. Sie gingen gleichfalls mit und vernahmen dabei die laute
-Stimme eines Herrn, welcher, den Pokal in der Hand, eine Rede an die
-Freiwilligen hielt. »Für den Glauben dient, für die Menschlichkeit und
-unsere Mitbrüder,« sprach der Herr mit erhöhter Stimme, »zum erhabenem
-Werke segne euch unsere Matuschka Moskwa! Zhivio!« -- schloß er
-dröhnend und mit thränenerstickter Stimme.
-
-Alles rief »Zhivio«! und eine neue Schar, die die Fürstin beinahe über
-den Haufen geworfen hätte, wälzte sich in den Saal.
-
-»Ah, Fürstin, wie geht es!« rief freudestrahlend Stefan Arkadjewitsch,
-der plötzlich inmitten derselben erschien. »Hat er nicht herrlich,
-feurig gesprochen? Bravo! -- Und Sergey Iwanowitsch, Ihr müßtet
-gleichfalls sprechen -- einige Worte, Ihr wißt, so eine Anfeuerung.
-Ihr versteht dies ja so gut,« fügte er mit mildem, ehrerbietigem und
-aufmerksamem Lächeln hinzu, Sergey Iwanowitsch am Arme vorwärtsbewegend.
-
-»Nein, ich fahre sogleich.«
-
-»Wohin denn?«
-
-»Auf das Land zu meinen Bruder,« antwortete Sergey Iwanowitsch.
-
-»Da seht Ihr ja meine Frau. Ich habe ihr geschrieben, aber Ihr werdet
-sie schon eher sehen; sagt ihr doch, bitte, daß Ihr mit mir gesprochen
-habt und alles =allright= ist. Sie wird es schon verstehen. Habt auch
-die Güte, ihr mitzuteilen, daß ich zum Mitglied der Kommission der
-vereinigten -- Ihr wißt ja, =les petites misères de la vie humaine=,«
-wandte er sich wie zur Entschuldigung an die Fürstin.
-
-»Die Mjachkaja -- nicht Lisa, sondern Bibisch -- schickt tausend
-Gewehre und zwölf Schwestern. Ich hatte es Euch wohl gesagt?«
-
-»Ja, ich hörte davon,« antwortete Koznyscheff widerwillig.
-
-»Es ist eigentlich schade, daß Ihr abreist,« fuhr Stefan Arkadjewitsch
-fort, »wir geben morgen ein Essen für zwei mit Abgehende -- Dimjor
-Bartejanskiy von Petersburg und unseren Wjeslowskiy, Grischa. Sie gehen
-beide. Wjeslowskiy hat unlängst geheiratet. Das ist ein braver Bursch.
-Nicht so, Fürstin?« wandte er sich zu der Dame.
-
-Die Fürstin blickte ohne zu antworten Koznyscheff an; daß Sergey
-Iwanowitsch sowohl wie die Fürstin fast wünschten, von ihm loszukommen,
-brachte Stefan Arkadjewitsch nicht im geringsten in Verlegenheit.
-Lächelnd blickte er bald auf die Hutfeder der Fürstin, bald seitwärts,
-als besinne er sich etwas. Als er eine vorüberschreitende Dame
-mit einer Sammelbüchse bemerkte, rief er sie heran und legte ein
-Fünfrubelpapier in die Büchse.
-
-»Ich kann diese Sammelbüchsen nicht mit ruhigem Blute sehen, so lange
-ich Geld habe,« sagte er. »Was für eine Depesche haben wir denn heute?
-Die Tschernogorzen sind doch wackere Kerle!« --
-
--- »Was Ihr sagt!« rief er aus, als ihm die Fürstin mitteilte, daß
-Wronskiy mit diesem Zug abfahre. Für einen Augenblick drückte das
-Gesicht Stefan Arkadjewitschs Trauer aus, aber nach Verlauf einer
-Minute hatte er, nachdem er leicht mit jedem Fuße einige Male gezuckt,
-und sich dann den Backenbart gestrichen hatte, das Zimmer, in welchem
-Wronskiy war, betretend, schon völlig sein verzweifeltes Schluchzen
-über dem Leichnam der Schwester vergessen, und sah in Wronskiy nur den
-Helden und alten Freund.
-
-»Bei all seinen Mängeln kann man nicht anders, als ihm Gerechtigkeit
-widerfahren lassen,« sagte die Fürstin zu Sergey Iwanowitsch, sobald
-Oblonskiy sie beide verlassen hatte. »Es ist das so eine echt
-russische, slavische Natur! Nur fürchte ich, es wird Wronskiy nicht
-angenehm sein, ihn zu sehen. Was Ihr auch sagen mögt, mich rührt das
-Geschick dieses Mannes. Ihr werdet wohl mit ihm während der Fahrt
-sprechen,« sagte die Fürstin.
-
-»Ja vielleicht, wenn sich Gelegenheit bietet.«
-
-»Ich habe ihn nie gern gehabt. Aber dieser Entschluß macht vieles
-wieder gut. Er reist nicht nur für sich allein, sondern führt eine
-Eskadron auf eigne Rechnung mit.«
-
-»Ja, ich habe davon gehört.«
-
-Die Glocke ertönte; alles drängte sich nach den Thüren.
-
-»Da ist er!« fuhr die Fürstin fort, auf Wronskiy weisend, welcher, im
-langen Überrock und schwarzem Hut mit breitem Rande, seine Mutter am
-Arm führte. Oblonskiy ging lebhaft sprechend neben ihm.
-
-Wronskiy blickte finster vor sich hin, als höre er nicht, was Stefan
-Arkadjewitsch sprach.
-
-Wahrscheinlich auf eine Weisung Oblonskiys hin, schaute er nach der
-Seite, auf welcher die Fürstin und Sergey Iwanowitsch standen und
-lüftete schweigend den Hut. Sein gealtertes, und Leiden ausdrückendes
-Gesicht erschien wie versteinert.
-
-Nachdem Wronskiy über den Bahnsteig gegangen war, stieg er, die Mutter
-loslassend, in das Coupé des Waggons.
-
-Auf dem Bahnsteig erschallte es »=Boshe Zarja chrani=!« und »Hurrah«
-und »Zhivio!«
-
-Einer der Freiwilligen, ein hochgewachsener, sehr junger Mann, mit
-eingefallener Brust, grüßte besonders bemerkbar, indem er seinen
-Filzhut und ein Bouquet über dem Kopfe schwang. Hinter ihm schauten,
-gleichfalls grüßend, zwei Offiziere und ein älterer Mann mit großem
-Barte und in einer fettigen Mütze heraus.
-
-
- 3.
-
-Nachdem sich Sergey Iwanowitsch von der Fürstin verabschiedet hatte,
-stieg er mit dem herangetretenen Katawasoff in den zum Brechen
-vollgepfropften Waggon, und der Zug setzte sich in Bewegung.
-
-Auf der Station Tarizyn wurde der Zug von einem schönen Chor junger
-Leute, welche das »=Slavsja=« sangen, bewillkommnet. Wieder dankten
-die Freiwilligen grüßend, und legten sich heraus, doch schenkte
-ihnen Sergey Iwanowitsch keine Beachtung. Er hatte soviel mit den
-Freiwilligen zu thun, daß er ihren Durchschnittstypus schon kannte
-und ihn dies nicht mehr interessierte. Katawasoff hingegen, der bei
-seinen Arbeiten nicht Gelegenheit gehabt hatte, die Freiwilligen zu
-beobachten, wurde sehr von ihnen interessiert, und erkundigte sich bei
-Sergey Iwanowitsch über sie.
-
-Sergey Iwanowitsch empfahl ihm, sich doch in die zweite Klasse zu
-setzen, und dort selbst einmal mit ihnen zu reden, und auf der
-folgenden Station befolgte Katawasoff diesen Rat.
-
-Beim ersten Aufenthalt siedelte er in die zweite Klasse über, und
-machte sich mit den Freiwilligen bekannt. Sie saßen in einer Ecke des
-Waggons in lautem Gespräch und wußten augenscheinlich recht wohl, daß
-die Aufmerksamkeit der Passagiere und des eingetretenen Katawasoff auf
-sie gerichtet sei.
-
-Lauter als alle anderen sprach der hochgewachsene Jüngling mit der
-flachen Brust. Er war offenbar berauscht und erzählte eine Geschichte,
-die sich auf ihrem Transport zugetragen hatte. Ihm gegenüber saß ein
-schon nicht mehr junger Offizier im Rocke der österreichischen Garde.
-Er hörte lächelnd dem Erzähler zu und hielt ihn in Schranken. Ein
-Dritter, in Artillerieuniform, saß auf einem Koffer neben ihnen. Ein
-Vierter schlief.
-
-Ein Gespräch mit dem Jüngling anknüpfend, erfuhr Katawasoff bald, daß
-dieser ein reicher Moskauer Kaufmann gewesen sei, welcher sein großes
-Vermögen bis zum zweiundzwanzigsten Jahre durchgebracht hatte. Er
-gefiel Katawasoff nicht, weil er verweichlicht, verzärtelt, und von
-schwacher Gesundheit war; augenscheinlich hatte er die Überzeugung,
-namentlich jetzt, im Rausche, daß er eine Heldenthat vollbringen werde,
-und flunkerte in unangenehmster Weise.
-
-Ein anderer, ein verabschiedeter Offizier, machte auf Katawasoff
-gleichfalls einen unangenehmen Eindruck. Er war, wie man sah, ein
-Mensch, der schon alles versucht hatte. Er war an der Eisenbahn
-gewesen, dann Geschäftsführer eines Handlungshauses, und hatte Fabriken
-angelegt. Er sprach über alles, ohne jede Veranlassung, und wendete
-unpassend gelehrte Ausdrücke an.
-
-Ein dritter, ein Artillerist jedoch, gefiel Katawasoff recht
-wohl. Er war ein bescheidener, stiller Mensch, der sich offenbar
-vor den Kenntnissen des abgedankten Gardisten und der heroischen
-Selbstberäucherung des Kaufmanns beugte, und von sich selbst gar nicht
-sprach. Als ihn Katawasoff frug, was ihn veranlaßt hätte, nach Serbien
-zu gehen, antwortete er bescheiden:
-
-»Nun, es gehen ja alle hin. Da gilt es, den Serben auch mit zu helfen.
-Es thut einem ja leid.«
-
-»Ja; besonders Artilleristen sind ja auch nicht zahlreich dort,« sagte
-Katawasoff.
-
-»Ich habe freilich nur kurze Zeit in der Artillerie gedient und es ist
-möglich, daß man mich zur Infanterie oder Kavallerie bestimmt.«
-
-»Weshalb denn zum Fußvolk, wenn man vor allem Artilleristen braucht?«
-sagte Katawasoff, nach dem Alter des Artilleristen urteilend, daß er
-schon eine höhere Charge bekleiden müsse.
-
-»Ich habe nicht lange in der Artillerie gedient, und bin als Junker
-entlassen,« sagte er und begann nun auseinanderzusetzen, weshalb er das
-Examen nicht bestanden hätte.
-
-Alles das zusammengenommen, machte auf Katawasoff einen unangenehmen
-Eindruck, und als die Freiwilligen auf der Station ausstiegen, um
-einmal zu trinken, wünschte Katawasoff, in einem Gespräch mit jemand
-diese unangenehmen Eindrücke auszutauschen. Ein mitreisender alter
-Herr in Uniform hatte die ganze Zeit dem Gespräch Katawasoffs mit den
-Freiwilligen zugehört. Nachdem ersterer mit diesem allein geblieben
-war, wandte er sich zu ihm.
-
-»Wie groß doch der Unterschied der Verhältnisse aller dieser Leute ist,
-die nach dorthin abgehen,« sagte Katawasoff unbestimmt, im Wunsche,
-seine Meinung auszusprechen und zugleich dabei diejenige des Alten zu
-erforschen. Der Alte war ein Militär, der zwei Feldzüge mitgemacht
-hatte. Er wußte was ein Soldat zu bedeuten habe, und hielt diese Leute
-nach ihrem Aussehen und Sprechen und nach dem Eifer, mit welchem sie
-unterwegs der Flasche zusprachen, für schlechte Soldaten. Er war auch
-Bewohner einer Kreisstadt und erzählte, daß aus seiner Vaterstadt einer
-unter die Soldaten gegangen sei, der Trunkenbold und Dieb gewesen, und
-den niemand mehr als Arbeiter hätte nehmen mögen. Da er indessen aus
-Erfahrung wußte, daß es unter der jetzigen Stimmung der Gesellschaft
-gefährlich sei, eine Meinung auszusprechen, welche der allgemein
-herrschenden entgegenliefe, und insbesondere, die Freiwilligen abfällig
-zu beurteilen, sondierte er gleichfalls Katawasoff.
-
-»Ja, dort sind Leute nötig,« sprach er, mit den Augen lachend. Sie
-begannen nun, von der letzten Nachricht vom Kriegsschauplatz zu
-sprechen, verbargen aber voreinander ihre Unwissenheit darüber, gegen
-wen sie morgen die Entscheidungsschlacht erwarteten, nachdem die Türken
-der letzten Nachricht gemäß auf allen Punkten geschlagen waren. So
-trennten sie sich denn beide, ohne ihre Meinung ausgesprochen zu haben.
-
-Nachdem Katawasoff in seinen Waggon zurückgekehrt war, erzählte er,
-Sergey Iwanowitsch unwillkürlich ausweichend, von seinen Beobachtungen
-der Freiwilligen, die sich ihm als vorzügliche Burschen erwiesen
-hatten.
-
-Auf der großen Station in einer Stadt begrüßte wieder Gesang und Zuruf
-die Freiwilligen, wieder erschienen Sammelnde beiderlei Geschlechts
-mit Büchsen, die vornehmen Damen des Gouvernements brachten den
-Freiwilligen Bouquets und begleiteten sie zum Büffett, doch war alles
-das bei weitem matter und in geringerem Maßstabe angelegt als in Moskau.
-
-
- 4.
-
-Während des Aufenthalts in der Gouvernementsstadt ging Sergey
-Iwanowitsch nicht ans Büffett, sondern schritt auf dem Bahnsteig auf
-und nieder.
-
-Als er zum erstenmal am Coupé Wronskiys vorüberkam, bemerkte er, daß
-das Fenster zugezogen war, bei nochmaligem Passieren desselben indessen
-erblickte er die alte Gräfin am Fenster, welche Koznyscheff zu sich
-rief.
-
-»Ich fahre auch mit und begleite ihn bis Kursk,« sagte sie.
-
-»Ich habe schon gehört,« antwortete Sergey Iwanowitsch, an ihrem
-Fenster stehen bleibend und in dasselbe hineinblickend. »Welch schöner
-Zug von ihm,« fügte er hinzu, nachdem er bemerkt hatte, daß Wronskiy
-nicht im Coupé war.
-
-»Ja, was blieb ihm nach seinem Unglück zu thun übrig?«
-
-»Welch furchtbares Ereignis!« sagte Sergey Iwanowitsch.
-
-»O, was habe ich durchgemacht; aber bitte, tretet doch ein! -- O, was
-habe ich durchgemacht!« wiederholte sie, nachdem Sergey Iwanowitsch
-eingetreten war und sich neben ihr auf das Polster gesetzt hatte. »Das
-vermag sich niemand vorzustellen. Sechs Wochen hat er mit niemand
-gesprochen und nur erst dann gegessen, wenn ich ihn darum angefleht.
-Nicht eine Minute durfte man ihn allein lassen. Wir haben alles
-weggenommen, womit er sich hätte ein Leids anthun können; wir wohnten
-in der niederen Etage; es ließ sich eben nichts voraussehen. Ihr wißt
-ja, daß er sich schon einmal ihretwegen geschossen hat,« sprach sie,
-und die Brauen der alten Frau zogen sich finster zusammen bei dieser
-Erinnerung. »Ja; sie hat geendet, wie solch ein Weib enden mußte.
-Selbst den Tod hat sie sich gemein und niedrig erwählt!« --
-
-»Wir dürfen nicht richten, Gräfin,« sagte Sergey Iwanowitsch seufzend,
-»doch ich begreife, wie schwer dies für Euch gewesen sein muß.«
-
-»O, sprecht nicht davon! Ich wohnte auf meinem Gute, und er war gerade
-bei mir. Da bringt man ein Billet. Er schreibt Antwort und sendet sie
-ab. Wir ahnten nicht, daß sie schon da auf der Station war. Abends
--- ich hatte mich soeben zurückgezogen -- erzählt mir meine Mary,
-daß sich auf der Station eine Dame unter den Eisenbahnzug gestürzt
-hätte. Dies traf mich wie ein Donnerschlag! Ich erkannte das müsse sie
-gewesen sein, und das erste, was ich sagen konnte war: Nur ihm nichts
-mitteilen! -- Doch hatte man es ihm schon gesagt. Sein Kutscher war
-dort gewesen und hatte alles gesehen. Als ich auf sein Zimmer kam, war
-er nicht mehr bei Sinnen -- er war furchtbar anzusehen. Kein Wort hat
-er gesprochen und ist fortgesprengt. Was dort geschehen ist, ich weiß
-es nicht, aber sie haben ihn wie einen Toten gebracht. Ich hätte ihn
-nicht erkannt. -- >=Prostration complète=!< erklärte der Arzt. Dann
-brach fast eine Tobwut aus. Doch, was soll ich da erzählen!« sprach die
-Gräfin mit der Hand abwehrend. »Eine entsetzliche Zeit! Nein, was Ihr
-auch sagen mögt, es war ein schlechtes Weib! Und was waren das auch
-für verzweifelte Leidenschaften! Das mußte auf etwas Absonderliches
-hinauslaufen und sie hat es auch bewiesen. Sie hat sich vernichtet und
-zwei edle Männer -- ihren Gatten und meinen unglücklichen Sohn!«
-
-»Was sagt denn ihr Gatte dazu?« frug Sergey Iwanowitsch.
-
-»Er hat ihr Kind zu sich genommen. Mein Aleksander war in der ersten
-Zeit mit allem einverstanden, doch jetzt quält es ihn furchtbar, daß
-er einem fremden Menschen seine Tochter übergeben hat. Sein Wort
-zurücknehmen aber kann er nicht. Karenin kam auch zum Begräbnis, doch
-bemühten wir uns, ihn nicht Aleksander begegnen zu lassen. Für ihn, den
-Ehemann, war es immerhin doch noch leichter zu ertragen. Sie hat ihn ja
-erlöst, aber mein armer Sohn hatte sich ihr so ganz dahingegeben. Alles
-hatte er für sie aufgegeben, seine Carriere, mich, und dabei hatte sie
-noch nicht einmal Mitleid mit ihm, sondern hat ihn mit Berechnung noch
-völlig gemordet. Nein, was Ihr auch sagen mögt, selbst ihr Tod -- ist
-nur der Tod eines abscheulichen Weibes, das keine Religion besaß! Möge
-Gott mir verzeihen, aber ich muß ihr Angedenken hassen, wenn ich auf
-den Untergang meines Sohnes schaue.«
-
-»Und wie trägt er es jetzt?«
-
-»Gott hat uns geholfen -- dieser serbische Feldzug ist gekommen.
-Ich bin ein greises Weib, und verstehe nichts davon, aber Gott hat
-ihm dies gesandt. Mir als Mutter ist es natürlich entsetzlich, und,
-was die Hauptsache ist, man sagt =ce n'est pas très= -- =bien vu à
-Pétersbourg= -- aber -- was thun! Dies allein nur konnte ihn wieder
-aufrichten. Jaschwin -- sein Freund -- hat alles verspielt und sich
-nach Serbien begeben; er ist zu ihm gekommen und hat ihn überredet.
-Jetzt beschäftigt ihn die Sache doch. Unterhaltet Euch, bitte, mit ihm,
-ich will ihn zerstreuen. Er ist so schwermütig. Unglücklicherweise hat
-er auch noch Zahnschmerzen bekommen. Über Euch wird er sich recht sehr
-freuen. Bitte sprecht mit ihm; dort drüben geht er.«
-
-Sergey Iwanowitsch sagte, es würde ihm Freude machen und begab sich auf
-die andere Seite des Zuges.
-
-
- 5.
-
-In dem schrägen Abendschatten von Säcken, welche auf dem Bahnsteig
-aufgetürmt lagen, ging Wronskiy in seinem langen Überrock, mit
-bedecktem Kopfe und die Hände in den Taschen hin und her, wie ein
-wildes Tier im Käfig, sich alle zwanzig Schritte schnell wieder
-wendend. Als Sergey Iwanowitsch sich Wronskiy näherte, schien ihm,
-als ob ihn dieser sehe, sich jedoch stelle, als bemerke er ihn nicht.
-Sergey Iwanowitsch war dies ganz gleichgültig. Er stand außerhalb aller
-persönlicher Beziehungen mit Wronskiy.
-
-In dieser Minute war Wronskiy in seinen Augen ein wichtiger Faktor
-in dem großen Werke und Koznyscheff hielt es für seine Pflicht, ihn
-anzufeuern und aufzumuntern. Er trat zu ihm.
-
-Wronskiy blieb stehen, blickte auf, erkannte Sergey Iwanowitsch und
-drückte demselben, indem er ihm einige Schritte entgegentrat, warm die
-Hand.
-
-»Ihr habt vielleicht nicht mit mir sprechen wollen,« sagte Sergey
-Iwanowitsch, »aber kann ich Euch nicht nützlich sein?«
-
-»Mit niemand könnte es mir angenehmer sein, zusammenzutreffen, als mit
-Euch,« sagte Wronskiy, »entschuldigt mich, aber Erfreuliches giebt es
-für mich nicht mehr im Leben.«
-
-»Ich verstehe; ich wollte Euch meine Dienste anbieten,« sagte Sergey
-Iwanowitsch, Wronskiy in das sichtlich leidende Gesicht blickend. »Habt
-Ihr nicht einen Brief für Ristitsch, oder an Milan nötig?«
-
-»O nein!« antwortete Wronskiy, fast als werde es ihm schwer, zu
-verstehen: »Wenn es Euch gleich ist, so spazieren wir ein wenig. In den
-Waggons herrscht eine solche Schwüle! Ob ich ein Schreiben brauche?
-Nein; ich danke Euch, zum Sterben braucht man keine Empfehlungen. Nur
-gegen die Türken« -- sagte er lächelnd, mechanisch. Seine Augen hatten
-noch immer ihren Ausdruck von Erregtheit und Leiden.
-
-»Es wird Euch aber leichter werden, mit vorbereiteten Persönlichkeiten
-die Beziehungen anzuknüpfen, welche doch jedenfalls erforderlich sind.
-Indes, wie Ihr wollt. Ich hatte mich sehr gefreut, von Eurem Entschluß
-zu hören. Giebt es doch schon so viele Angriffe auf die Freiwilligen,
-daß ein Mann wie Ihr, dieselben in der öffentlichen Meinung nur heben
-kann!«
-
-»Ich bin als Mensch,« sagte Wronskiy, »nur insofern brauchbar, als das
-Leben mir nichts mehr wert ist. Nur, daß physische Energie genug in mir
-ist, ein Carré zu sprengen, und es zu zerschmettern, oder zu fallen
--- das weiß ich! Ich freue mich darüber, daß es etwas giebt, wofür
-ich mein Leben opfern darf, das mir nicht allein überflüssig, nein,
-interesselos geworden ist. So kommt es doch noch jemand zu nutze.«
-
-Er bewegte ungeduldig die Kinnbacken, infolge des beständigen, nagenden
-Zahnschmerzes, der ihn sogar daran hinderte, mit dem Ausdruck zu
-sprechen, den er beabsichtigte.
-
-»Ihr werdet wieder genesen, ich prophezeie es Euch,« sagte Sergey
-Iwanowitsch, mit einem Gefühl von Rührung. »Die Erlösung unserer
-Mitbrüder von einem Joch ist ein Ziel, würdig des Todes wie des Lebens.
-Verleihe Gott Euch äußeren Erfolg und inneren Frieden,« fügte er hinzu
-und reichte ihm die Hand hin.
-
-Wronskiy drückte warm die dargebotene Hand Sergey Iwanowitschs.
-
-»Ja, als Waffe -- kann ich noch zu etwas taugen. -- Aber als Mensch --
-bin ich eine Ruine« -- sprach er in Absätzen.
-
-Der quälende Schmerz des Zahnes, welcher ihm den Mund mit Speichel
-füllte, hinderte Wronskiy am Reden. Er schwieg, nach den Rädern eines
-langsam und gleichmäßig auf den Schienen hinrollenden Tenders blickend,
-und plötzlich ließ ihn eine andere Qual, nicht ein Schmerz, sondern ein
-allgemeines, inneres Unbehagen auf einen Augenblick seinen Zahnschmerz
-vergessen.
-
-Der Anblick des Tenders und der Schienen, der Einfluß des Gesprächs mit
-einem Bekannten, welchen er nach dem Verhängnis, das ihn betroffen,
-nicht begegnet war, brachte ihm ihr Angedenken plötzlich wieder in die
-Erinnerung, oder vielmehr das, was ihm von ihr noch geblieben war, als
-er wie ein Wahnsinniger in den Schuppen der Eisenbahnstation gelaufen
-kam: Auf einem Tische in demselben, schmählich von den Händen Fremder
-ausgestreckt, ihr blutiger Leib, noch voll von dem kaum entflohenen
-Leben; der nach hinten geworfene, unversehrt gebliebene Kopf mit
-seinen schweren Flechten und wallenden Locken an den Schläfen, und
-auf dem reizvollen Antlitz, mit dem halbgeöffneten roten Munde, der
-erstarrte, seltsame, klägliche Ausdruck der Lippen, der furchtbar in
-den nichtgeschlossenen Augen lag, und wie mit Worten das furchtbare
-Wort aussprach, daß er bereuen solle -- das Wort, welches sie während
-ihres Streites zu ihm gesagt hatte.
-
-Und er bemühte sich, sie so in sein Gedächtnis zurückzurufen,
-wie sie gewesen, als er ihr zum erstenmale, gleichfalls auf der
-Eisenbahnstation, begegnet war, ihr, der Geheimnisvollen, der
-Reizenden, der Liebevollen, Glücksuchenden und -spendenden, aber nicht
-der hartherzig Quälenden, als die sie ihm aus der letzten Minute ins
-Gedächtnis kam.
-
-Er suchte sich der seligsten Minuten mit ihr zu erinnern, doch
-diese waren ihm auf ewig vergiftet. Er rief sie sich nur als die
-Triumphierende ins Gedächtnis zurück, welche ihre Drohung ausgeführt
-hatte, die niemand nützte und durch Reue nicht auszugleichen war.
-Den Zahnschmerz fühlte er nicht mehr, aber Schluchzen verzerrte sein
-Gesicht.
-
-Nachdem er zweimal wortlos an den Säcken vorübergeschritten war, wandte
-er sich, nachdem er seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte,
-ruhig an Sergey Iwanowitsch.
-
-»Habt Ihr keine Depesche seit der gestrigen erhalten? Der Feind
-ist zwar zum drittenmal geschlagen, aber morgen erwartet man die
-Entscheidungsschlacht.«
-
-Nachdem sie noch über die Proklamation des Königs Milan und die
-weittragenden Folgen, welche dieselbe haben könne, gesprochen hatten,
-trennten sich beide nach dem zweiten Glockensignal und gingen nach
-ihren beiderseitigen Waggons.
-
-
- 6.
-
-Da Sergey Iwanowitsch nicht wußte, wann er Moskau würde verlassen
-können, hatte er nicht an seinen Bruder telegraphiert, daß man ihn
-abhole.
-
-Lewin war nicht daheim, als Katawasoff und Sergey Iwanowitsch in einem
-kleinen Tarantaß, der auf der Station gemietet worden war, staubbedeckt
-wie Araber um zwölf Uhr mittags vor der Freitreppe des Herrenhauses von
-Pokrowskoje vorfuhren.
-
-Kity, welche mit ihrem Vater und der Schwester auf dem Balkon gesessen
-hatte, erkannte den Schwager und eilte hinunter, ihn zu bewillkommen.
-
-»Wie unrecht von euch, uns nicht Nachricht zu geben,« sagte sie Sergey
-Iwanowitsch die Hand reichend und ihm die Stirn darbietend.
-
-»Wir sind ganz wohlbehalten hierher gelangt und haben euch nicht
-erst Umstände gemacht,« antwortete Sergey Iwanowitsch. »Ich bin so
-voll Staub, daß ich mich fürchte, jemand anzurühren. Ich war auch so
-beschäftigt, daß ich nicht einmal wußte, wann ich mich würde losmachen
-können. Aber ihr haltet es nach altgewohnter Weise,« lächelte er, »ihr
-freut euch eures stillen Glückes fern von Zeitläuften in eurem stillen
-Heim. Da hat sich auch mein Freund Fjodor Wasiljewitsch endlich mit
-aufgemacht.«
-
-»Ich bin indessen kein Neger, sondern werde mich waschen -- und dann
-einem Menschen ähnlich sehen,« sagte Katawasoff mit seinem gewohnten
-Humor, einen Händedruck wechselnd und mit seinen schimmernden Zähnen in
-dem geschwärzten Gesicht eigentümlich lächelnd.
-
-»Mein Konstantin wird sich sehr freuen. Er ist nach dem Vorwerk hinaus
-und muß bald kommen.«
-
-»Er beschäftigt sich nur mit der Landwirtschaft; so macht man es eben
-hier,« sagte Katawasoff, »bei uns in der Stadt aber ist außer dem
-serbischen Kriege auch nichts weiter zu sehen. Wie geht es denn meinem
-Freunde? Was macht er? Ein wenig Sonderling, nicht?« --
-
-»Nun, ja, ein wenig;« antwortete Kity etwas verlegen werdend, mit
-einem Blick auf Sergey Iwanowitsch, »doch ich will nach ihm schicken.
-Auch Papa ist bei uns auf Besuch. Er ist erst unlängst aus dem Ausland
-angekommen.«
-
-Nachdem Kity befohlen hatte, nach Lewin zu schicken, die staubbedeckten
-Gäste zur Toilette zu führen, den einen in das Kabinett, den anderen in
-Dollys ehemaliges Zimmer, und ein Frühstück für sie zu servieren, eilte
-sie, wieder in dem Vollbesitz hurtiger Beweglichkeit, dessen sie in der
-Zeit ihrer Schwangerschaft beraubt gewesen war, auf den Balkon hinauf.
-
-»Es ist Sergey Iwanowitsch und Katawasoff, der Professor,« sagte sie.
-
-»O weh,« sagte der Fürst.
-
-»Er ist aber sehr liebenswürdig, Papa, und Konstantin hat ihn sehr
-lieb,« sagte Kity lächelnd, ihm gleichsam zuredend, indem sie den
-Ausdruck von Ironie auf dem Gesicht des Vaters bemerkte.
-
-»Nun, meinetwegen.«
-
-»Geh doch zu ihnen Herzchen,« wandte sich Kity zu ihrer Schwester, »und
-unterhalte sie. Sie haben Stefan auf der Station gesehen, er befindet
-sich wohl. Ich aber will zu Mita laufen. Wie unangenehm aber, ich
-habe seit dem Thee nicht wieder angelegt. Der Kleine wird jetzt wach
-geworden sein und wahrscheinlich schreien,« und mit schnellen Schritten
-ging sie, den Andrang der Milch verspürend, nach der Kinderstube.
-
-Sie hatte in der That den Andrang der Milch nicht bloß vermutet -- sie
-legte das Kind noch an -- sondern kannte an dem Andrang der Milch bei
-ihr die Zeit des Bedürfnisses bei demselben genau.
-
-Sie wußte, daß der Kleine schrie, noch bevor sie zur Kinderstube
-gelangt war. Und wirklich schrie er. Sie vernahm seine Stimme und
-beschleunigte ihren Schritt, aber je schneller sie ging, um so lauter
-schrie das Kind. Seine Stimme war gut, gesund, nur hungrig und
-ungeduldig.
-
-»Schreit es schon lange?« frug Kity eilig die Kindermuhme, sich auf
-einen Stuhl setzend und zum Anlegen vorbereitend. »Gebt es schnell her.
-Ach, Muhme, wie langweilig Ihr doch seid; nun, bindet doch das Häubchen
-später!«
-
-Das Kind zappelte schreiend vor Gier.
-
-»Das geht aber nicht, Matuschka,« sagte Agathe Michailowna, die fast
-stets in der Kinderstube zugegen war. »Man muß es hübsch ordentlich
-putzen;« »Eia, eia«, sang sie über dem Kinde, ohne von der Mutter Notiz
-zu nehmen.
-
-Die Kinderfrau trug das Kind zu der Mutter. Agathe Michailowna folgte
-ihm mit vor Zärtlichkeit leuchtenden Zügen.
-
-»Er weiß es ja, er weiß es; glaubt mir bei Gott, Matuschka Katharina
-Aleksandrowna, er hat mich erkannt!« rief Agathe Michailowna dem Kinde
-zu.
-
-Doch Kity hörte ihre Worte nicht. Ihre Ungeduld war ebenso hoch
-gestiegen, wie die des Kindes, und vor Ungeduld wollte die Sache lange
-nicht von statten gehen. Das Kind faßte nicht, wo es fassen sollte und
-wurde ungebärdig.
-
-Endlich aber, nach einem verzweifelten, erstickten Schrei und
-hohlklingenden Schmatzen war es gelungen, und Mutter wie Kind fühlten
-sich gleichzeitig befriedigt und wurden still.
-
-»Er ist doch ganz in Schweiß gebadet, der arme Kleine,« sprach Kity,
-das Kind befühlend. »Weshalb denkt Ihr denn, daß das Kind euch kennt?«
-fügte sie hinzu, seitwärts auf die verschmitzt, wie ihr schien, unter
-dem emporgerückten Häubchen hervorschauenden Äuglein des Kindes, die
-taktmäßig schwellenden Bäckchen und sein Ärmchen mit der roten Hand
-blickend, mit dem es kreisende Bewegungen machte. »Kann nicht sein!
-Wenn es schon jemand erkännte, so müßte es mich erkennen,« sagte Kity
-auf die Versicherung Agathe Michailownas hin und lächelte.
-
-Sie lächelte darüber, daß sie, wenn sie auch sagte, es könne noch
-niemand erkennen, in ihrem Herzen wußte, es kenne nicht nur Agathe
-Michailowna, sondern wisse und verstehe alles, wisse und verstehe noch
-mehr von Dingen, die niemand kenne, und die nur sie, die Mutter selbst,
-nur dank dem Kinde kennen lernte und begriff. Für Agathe Michailowna,
-die Kinderfrau, den Onkel und selbst ihren Vater war der kleine Mitja
-nur ein lebendiges Wesen, welches für sich lediglich materielle Pflege
-verlangte, aber für die Mutter war es schon längst ein Geschöpf
-mit Charakter, in dem sich bereits eine ganze Geschichte seelischer
-Beziehungen abgespielt hatte.
-
-»Er erwacht, gebe Gott, daß Ihr es selbst seht! Wenn ich es so mache,
-glänzt er nur so auf, der Liebling. Er glänzt so auf wie der helle
-Tag,« sprach Agathe Michailowna.
-
-»Nun gut, gut: wir werden ja dann sehen,« flüsterte Kity, »geht jetzt;
-der Kleine schläft ein.«
-
-
- 7.
-
-Agathe Michailowna ging auf den Zehen hinaus, die Kinderfrau ließ
-die Gardinen herab, verscheuchte die Fliegen aus dem nesseltuchenen
-Wiegenvorhang des Bettchens und eine Bremse, die sich am Fensterrahmen
-stieß und setzte sich, mit einem welken Birkenzweig der Mutter und dem
-Kinde zufächelnd.
-
-»Die Hitze, die Hitze; wenn doch Gott Regen gäbe,« sprach sie.
-
-»Ja, ja, sch--sch--sch,« antwortete Kity nur, das dralle Ärmchen,
-welches Mitja noch immer leise bewegte indem er die Äuglein bald
-öffnete, bald schloß, leicht schüttelnd und zärtlich drückend.
-
-Dieses Händchen machte Kity unentschlossen; sie wollte es küssen,
-scheute sich aber, es zu thun, um das Kind nicht zu wecken. Das Ärmchen
-hörte endlich auf, sich zu bewegen und die Äuglein schlossen sich. Nur
-bisweilen erhob das Kind, seine Thätigkeit fortsetzend, die langen
-gebogenen Wimpern und blickte die Mutter mit seinen in der Dämmerung
-schwarz erscheinenden, feuchtschimmernden Augen an.
-
-Die Kinderfrau hörte auf zu fächeln und begann zu träumen. Von
-oben wurde das Lachen der Stimme des alten Fürsten und Katawasoffs
-vernehmbar.
-
-»Sie sind auch ohne mich in Unterhaltung gekommen,« dachte Kity, »aber
-es ist doch ärgerlich, daß Konstantin nicht da ist. Er wird wohl wieder
-nach dem Bienengarten gegangen sein. Obwohl ich beklage, daß er so oft
-dort ist, freue ich mich doch auch, denn es zerstreut ihn. Er ist jetzt
-viel heiterer und angenehmer geworden, als er im Frühjahr war. War er
-doch sonst immer so finster und peinigte sich, daß es mir recht bang
-um ihn wurde. Und wie komisch er ist!« flüsterte sie lächelnd.
-
-Sie wußte, was ihren Mann quälte; es war sein Unglaube. Obwohl Kity,
-wenn man sie gefragt hätte, ob sie überzeugt sei, daß er, im Falle
-seines Unglaubens im ewigen Leben der Vernichtung anheimfallen werde,
-hätte einverstanden damit sein müssen, daß er untergehe -- so bildete
-sein Unglaube doch kein Unglück in ihren Augen, und sie gedachte,
-obwohl sie sich zugestand, daß es für den Ungläubigen kein Seelenheil
-geben könne, und die Seele ihres Mannes über alles in der Welt liebend,
-mit Lächeln seines Unglaubens, und sagte sich selbst, er sei komisch.
-
-»Wozu studiert er ein ganzes Jahr hindurch nur Philosophie,« dachte
-sie. »Wenn dies alles in jenen Büchern geschrieben steht, dann kann
-er sie auch verstehen. Wäre Unrichtiges darin, wozu sollte er sie
-dann lesen? Er selbst sagt, daß er glauben möchte. Weshalb glaubt er
-dann nicht? Gewiß deshalb, weil er zu viel denkt? Aber er denkt zu
-viel wegen seiner einsamen Lebensweise. Er ist stets, stets einsam.
-Mit uns kann er freilich nicht von allem reden. Ich denke aber, der
-Besuch wird ihm willkommen sein, besonders Katawasoff. Er liebt es,
-mit ihm zu disputieren,« dachte sie und versetzte sich dann sogleich
-in den Gedanken, wo sie gerade Katawasoff am bequemsten zum Schlafen
-unterbringen könne -- separat oder zusammen mit Sergey Iwanowitsch?
-Und dann kam ihr plötzlich wieder ein Gedanke, der sie vor Aufregung
-erzittern ließ und selbst Mitja erschreckte, der sie dafür ernst
-anblickte. »Die Wäscherin scheint die Wäsche noch nicht gebracht zu
-haben und für die Gastbetten ist noch keine Bettwäsche da. Wenn man
-da nicht anordnet, wird Agathe Michailowna dem Sergey Iwanowitsch
-gewöhnliche Wäsche geben,« und bei diesem Gedanken stieg Kity das
-Blut ins Gesicht. »Ja, ich muß es anordnen,« beschloß sie, und besann
-sich dann, wieder zu ihrem vorigen Gedanken zurückkehrend, daß etwas
-Wichtiges doch noch nicht bis zum Schluß von ihr überdacht sei. Sie
-sann nun nach, was es gewesen war. »Ach ja, Konstantin ist ungläubig!«
-sagte sie, abermals lächelnd. »Nun, also ungläubig! Mag er lieber stets
-so bleiben, als so werden, wie Madame Stahl war, oder ich im Auslande
-einmal werden wollte. Nein er kann nicht mehr heucheln!« Ein Zug von
-seiner Güte tauchte aus jüngster Zeit lebendig vor ihr auf.
-
-Vor vierzehn Tagen war ein reuiges Schreiben Stefan Arkadjewitschs an
-Dolly angekommen. Stefan beschwor diese darin, seine Ehre zu retten,
-und ihr Gut zu verkaufen, damit er seine Schulden bezahlen könne.
-
-Dolly war in Verzweiflung; sie haßte ihren Mann, verachtete und
-beklagte ihn, und entschloß sich zur Scheidung, wollte sich von ihm
-lossagen, willigte aber schließlich doch in den Verkauf eines Teils
-ihres Gutes ein. Und nun vergegenwärtige sich Kity mit unwillkürlichem,
-gerührtem Lächeln die Ratlosigkeit ihres Gatten, seine mehrmaligen
-unbeholfenen Anläufe in dieser Sache, die ihm am Herzen lag, und wie er
-endlich, als einziges Mittel, Dolly zu helfen, ohne sie zu verletzen,
-den Ausweg erdacht hatte, Kity vorzuschlagen, sie möchte ihr Teil an
-dem Vermögen -- sie selbst hatte vorher gar nicht hieran gedacht --
-hingeben.
-
-»Was wäre das für ein Ungläubiger? Mit solchem Herzen, solcher
-Besorgnis, einen Menschen zu verletzen, ja nur ein Kind! Alles thut
-er für seine Nächsten, nichts für sich! Sergey Iwanowitsch denkt, es
-sei Konstantins Pflicht, für ihn den Verwalter zu spielen. Auch seine
-Schwester denkt so. Jetzt befindet sich Dolly mit ihren Kindern unter
-seiner Vormundschaft. Alle die Bauern, welche täglich zu ihm kommen,
-ist er gleichsam verpflichtet zu bedienen. Bleibe du nur so,« fuhr sie
-fort, Mitja der Kinderfrau übergebend und des Kindes Wange mit ihren
-Lippen berührend.
-
-
- 8.
-
-Seit jener Minute, da Lewin beim Anblick des geliebten sterbenden
-Bruders zum erstenmal auf die Frage des Lebens, wie des Todes durch
-jene -- wie er sie nannte -- neuen Überzeugungen hindurchblickte, die,
-unmerklich für ihn, während der Zeit von seinem zwanzigsten bis zum
-vierunddreißigsten Jahre, seine Überzeugungen aus der Kinderzeit wie
-die seines Jünglingsalters ausgelöst hatten, erschrak er nicht so sehr
-vor dem Tode, als vor einem Leben, über das er nicht die geringste
-Kenntnis, woher es stamme, warum es sei und was es sei, besäße.
-
-Der Organismus, die Verrichtungen desselben, die Unerschöpflichkeit
-der Materie, das Gesetz der Erhaltung der Kraft, die Entwicklung -- so
-lauteten die Begriffe -- die für seinen alten Glauben eingetreten waren.
-
-Diese Worte und die mit ihnen verbundenen Vorstellungen waren recht gut
-für Verstandeszwecke, für das Leben aber ergaben sie nichts und Lewin
-fühlte sich plötzlich in der Lage eines Menschen, der einen warmen
-Pelz für einen Kattunanzug vertauscht hat, und zum erstenmal in der
-Kälte untrüglich, nicht durch logische Erwägungen, sondern in seiner
-ganzen Wesenheit davon überzeugt wird, daß er geradezu nackt und einem
-unvermeidlichen, qualvollen Untergang verfallen sei.
-
-Seit jener Minute hatte Lewin, ohne sich indessen davon Rechenschaft zu
-geben, und indem er sein Leben wie bisher fortsetzte, fortwährend diese
-Angst über sein Nichtwissen empfunden.
-
-Außerdem aber empfand er voll Unruhe, daß das, was er seine
-Überzeugungen nannte, nicht nur Unwissenheit war, sondern eine Richtung
-im Denken, unter welcher ihm die Erkenntnis dessen, was ihm nötig war,
-unmöglich wurde.
-
-In der ersten Zeit hatte seine Heirat, sowie ungekannte Freuden und
-Pflichten die er dabei kennen lernte, diese Gedanken vollständig in
-ihm erstickt, aber seit kurzem, nach der Niederkunft seiner Frau,
-während er müßig in Moskau gelebt hatte, war bei Lewin immer häufiger,
-und immer nachdrücklicher, diese Frage, eine Entscheidung verlangend,
-aufgetaucht. Die Frage bestand für ihn hierin: »Wenn ich jene Antworten
-nicht anerkenne, die das Christentum auf die Fragen über mein Leben
-erteilt, welche Antworten erkenne ich dann an?« Und in dem gesamten
-Arsenal seiner Überzeugungen vermochte er weder die geringste Antwort
-zu finden, noch etwas, was einer solchen ähnlich gewesen wäre.
-
-Er befand sich in der Lage eines Menschen, der Nahrung sucht in
-Spielzeugmagazinen oder Waffenläden.
-
-Unwillkürlich und ihm selbst unbewußt suchte er jetzt in jedem Buche,
-bei jedem Gespräch, in jedem Menschen Beziehungen zu diesen Fragen und
-Lösungen derselben.
-
-Am meisten setzte ihn hierbei der Umstand in Zweifel, daß die Mehrzahl
-der Menschen seines Kreises und Alters, die doch ebenso wie er,
-frühere Überzeugungen mit eben solchen neuen vertauscht hatten, wie
-er sie besaß, hierin kein Unglück sehen, sondern vollkommen zufrieden
-und ruhig waren, und so kam es, daß Lewin neben der Hauptfrage auch
-noch Nebenfragen quälten. Ob diese Menschen aufrichtig waren? Ob
-sie sich nicht verstellten? Oder ob sie etwa anders als er, klarer,
-die Antworten aufgefaßt hatten, welche die Wissenschaft auf die ihn
-beschäftigenden Fragen gab? Geflissentlich studierte er die Meinungen
-dieser Menschen und die Bücher, welche diese Antworten gaben.
-
-Eins, was er seit der Zeit, seit der ihn diese Fragen beschäftigt,
-gefunden hatte, war dies, daß er sich geirrt habe in jener Annahme, die
-noch auf den Erinnerungen aus dem Jünglingskreis auf der Universität
-beruhte, die Religion habe sich überlebt und existiere gar nicht mehr.
-Sowohl der alte Fürst, wie Lwoff, den er so lieb gewonnen hatte, und
-Sergey Iwanowitsch und alle Frauen, auch sein Weib, glaubten so, wie er
-in seiner Kindheit geglaubt hatte; neunzig Hundertstel des russischen
-Volkes, ja, jenes ganze Volk, dessen Leben ihm die höchste Achtung
-einflößte, glaubte.
-
-Ein Zweites war dies, daß er sich nach der Lektüre vieler Bücher
-überzeugt hatte, die Menschen, die mit ihm gemeinsame Anschauungen
-hatten, könnten sich unter diesen nichts anderes denken, und
-verneinten jene Fragen einfach, ohne sie zu erklären, jene Fragen,
-ohne deren Beantwortung er -- er fühlte es -- nicht leben könne, und
-bemühten sich, ganz andere dafür zu lösen, die seine Fragen gar nicht
-interessieren konnten, wie zum Beispiel die über die Entwicklung der
-Organismen, über die mechanischen Offenbarungen der Seele u. s. w.
-
-Außerdem hatte sich aber noch während der Niederkunft seiner Frau etwas
-für ihn Ungewöhnliches ereignet. Er hatte dabei, ohne Glauben, zu beten
-begonnen und während der Minute in der er betete, auch geglaubt. Diese
-Minute war indessen vorübergegangen und er vermochte jener Stimmung von
-damals in seinem Leben nicht wieder stattzugeben.
-
-Er vermochte nicht zuzugestehen, daß er damals das Rechte erkannt
-habe, jetzt aber irre; weil ihm, sobald er ruhig darüber nachzudenken
-begann, alles in Trümmer fiel. Er vermochte auch das nicht
-zuzugestehen, daß er damals geirrt habe, weil er seine seelische
-Stimmung von damals hochschätzte, während, indem er sie für eine Folge
-seiner Schwachheit anerkannte, jene Minuten entweiht haben würde.
-
-Er befand sich in einer qualvollen Disharmonie mit sich selbst und
-spannte alle Geisteskräfte an, aus derselben herauszukommen.
-
-
- 9.
-
-Diese Gedanken peinigten und quälten ihn bald mehr, bald weniger, nie
-aber verließen sie ihn ganz. Er las und dachte, und je mehr er las und
-sann, desto weiter entfernt von dem verfolgten Ziele fühlte er sich.
-
-Nachdem er sich in jüngster Zeit in Moskau und auf dem Dorfe überzeugt
-hatte, daß er bei den Materialisten keine Antwort finden werde, las er
-immer aufs neue wieder Plato und Spinoza, Kant, Schelling, Hegel und
-Schopenhauer, die Philosophen, welche das Leben nicht materialistisch
-erklärten. Diese Ideen erschienen ihm fruchtbringend, mochte er nun
-lesen, oder selbst Gegengründe gegen die Lehren anderer aussinnen,
-insbesondere gegen die materialistischen. Doch kaum hatte er gelesen
-und sich selbst eine Antwort auf die Fragen ausgedacht, da wiederholte
-sich bei ihm stets ein und dasselbe. Indem er der gegebenen Bestimmung
-unklarer Begriffe, wie »Geist, Wille, Freiheit, Substanz« folgte und
-absichtlich in die Wörterfalle ging, die ihm die Philosophen oder auch
-er selbst sich gestellt hatte, begann er einigermaßen zu begreifen.
-
-Aber er brauchte nur den künstlichen Gedankengang zu vergessen, und
-sich zu dem zu wenden, was im Leben befriedigte, wenn er dem gegebenen
-Faden folgend, nachdachte -- und plötzlich stürzte der ganze kunstvolle
-Bau zusammen wie ein Kartenhaus, und es wurde ihm klar, daß der Bau aus
-denselben Worten bestand, die nur umgestellt, und unabhängig waren von
-Etwas, das im Leben viel bedeutungsvoller war, als der Verstand.
-
-Bei der Lektüre Schopenhauers setzte er einmal an Stelle des Begriffs
-eigner Wille, den der Liebe, und diese neue Philosophie machte ihm zwei
-Tage lang, so lange er sich mit ihr beschäftigte, Vergnügen. Sie fiel
-aber gleichsam zusammen, als er darauf aus dem Leben heraus auf sie
-blickte, und es zeigte sich wieder jenes kattunene Gewand, das nicht
-warm hielt.
-
-Sein Bruder Iwanowitsch riet ihm, die theologischen Werke Chomjakoffs
-zu lesen. Lewin las den zweiten Band derselben und war, ungeachtet der
-ihn anfangs abstoßenden, polemischen, eleganten und scharfsinnigen
-Diktion, überrascht von Chomjakoffs Lehrmeinung über die Kirche.
-Ihn überraschte anfangs die Idee, daß die Erlangung der göttlichen
-Wahrheiten dem Menschen nicht verliehen sei, sondern nur einer
-Gemeinschaft von Menschen, vereint in der Liebe -- der Kirche.
-
-Er freute sich bei dem Gedanken, wie viel leichter es wäre, an eine
-vorhandene, gegenwärtig lebendige Kirche zu glauben, welche alle
-Glaubensbekenntnisse der Menschen in sich begreife, und Gott zum
-Haupte habe, infolge dessen aber heilig und unfehlbar sei, und von
-ihr nun den Glauben an Gott erst zu empfangen, den an die Schöpfung,
-den Sündenfall, und die Erlösung -- als wenn man mit Gott, dem weit
-entfernten, geheimnisvollen Gott, der Schöpfung &c. begänne.
-
-Als er nun aber dann die Kirchengeschichte eines katholischen und
-die eines rechtgläubigen Schriftstellers las und gewahrte, daß beide
-Kirchen, jede unfehlbar in ihrem Wesen, sich gegenseitig negierten, da
-verzweifelte er auch an Chomjakoffs Kirchenlehre und das ganze Gebäude
-wurde von dem gleichen Staub bedeckt, wie die philosophischen Gebäude.
-
-Während dieses ganzen Frühlings hatte er so mit sich selbst im Kampfe
-gelegen und schreckliche Augenblicke durchlebt.
-
-»Ohne zu wissen, was ich bin und warum ich hier bin -- kann man nicht
-leben! Erfahren aber kann ich es nicht, folglich kann ich nicht leben,«
-sprach Lewin zu sich selbst. »In der Unendlichkeit der Zeit, der
-Unendlichkeit des Stoffes, der Unendlichkeit des Raumes bildet sich die
-organische Zelle; dieses Bläschen wird eine Zeitlang bestehen und dann
-zerplatzen; -- das bin ich.«
-
-Dies bildete das einzige Resultat jahrhundertelanger menschlicher
-Denkarbeit nach dieser Richtung.
-
-Es war die letzte Überzeugung, auf welcher sich alle Forschungen des
-menschlichen Denkens in fast allen ihren Ausläufern aufbauten. Es war
-die herrschende Überzeugung und Lewin machte dieselbe vor allen anderen
-Erklärungen als die immer noch klarste, unwillkürlich und ohne zu
-wissen wann und wie, zu der seinigen.
-
-Aber dies war nicht nur falsch, sondern vielmehr der hartherzige Hohn
-einer bösen Macht, einer so bösen, widrigen, daß er sich ihr nicht
-unterordnen konnte.
-
-Man mußte sich befreien von dieser Macht, und die Befreiung lag in
-den Händen eines jeden. Es galt, diese Abhängigkeit vom Bösen zu
-beseitigen, und dafür gab es nur ein Mittel -- den Tod.
-
-Als glückliches Familienoberhaupt, als ein gesunder Mensch, war Lewin
-mehrmals dem Selbstmord so nahe, daß er die Schnur versteckte, damit er
-sich nicht an ihr hing, und sich fürchtete, mit der Flinte zu gehen, um
-sich nicht zu erschießen.
-
-Doch Lewin erschoß sich weder, noch hing er sich, sondern lebte weiter.
-
-
- 10.
-
-Solange Lewin darüber nachdachte, was er sei und wozu er lebe, fand er
-keine Antwort und geriet in Verzweiflung, doch als er aufgehört hatte,
-sich selbst darnach zu fragen, erfuhr er gewissermaßen, was er sei und
-wozu er lebte, weil er fleißig und zweckmäßig thätig war und lebte.
-Gerade in dieser jüngsten Zeit hatte er bei weitem konsequenter und
-zweckbewußter, als früher gelebt.
-
-Im Anfang des Juli aufs Dorf zurückgekehrt, widmete er sich wieder
-seinen gewöhnlichen Arbeiten. Die Landwirtschaft, die Beziehungen zu
-den Bauern und Nachbarn, die Hauswirtschaft, die Angelegenheiten seines
-Bruders und der Schwester, die in seinen Händen lagen, sein Verhältnis
-zu den Verwandten, zu seinem Weibe, die Sorge um sein Kind, die ihm
-neue Bienenjagd, der er sich seit dem heurigen Frühling gewidmet hatte,
-alles das nahm seine Zeit in Anspruch.
-
-Diese Beschäftigungen interessierten ihn nicht deshalb, weil er sie
-vor sich selbst mit gewissen allgemeinen Anschauungen rechtfertigen
-konnte, so wie er dies früher gethan hatte, sondern im Gegenteil
-hatte er jetzt, wo er einerseits durch das Mißlingen seiner einstigen
-Unternehmungen für das allgemeine Wohl ernüchtert worden, andererseits
-von seinen Ideen und der Menge der Geschäfte viel zu sehr in Anspruch
-genommen war, die von allen Seiten auf ihn einstürmten, alle Gedanken
-über das allgemeine Wohl fahren lassen, und diese Dinge interessierten
-ihn nur, wie ihm schien, deshalb, weil er eben thun _mußte_, was er
-that -- weil er nicht anders konnte. Wenn er sich früher bemühte,
-etwas zu thun (dies hatte fast von seiner Kindheit auf angefangen und
-sich bis zu seiner vollen Mannbarkeit mehr und mehr entwickelt) was
-eine Wohlthat für jedermann, für die Menschheit, für Rußland, für das
-ganze Dorf gewesen wäre -- so hatte er bemerkt, daß das Nachdenken
-darüber ihm angenehm, die Thätigkeit selbst aber stets eine nicht damit
-harmonierende gewesen war; es hatte die volle Zuversicht dazu, daß
-die Unternehmung wirklich notwendig sei gefehlt, und die Wirksamkeit
-selbst, die ihm anfangs so erhaben erschienen war, schwand, immer
-mehr und mehr abnehmend, in ein Nichts zusammen. Jetzt hingegen, wo
-er verheiratet war und sein Leben für sich selbst mehr und mehr mit
-bestimmten Grenzen zu umziehen begonnen hatte, empfand er, obwohl er
-keine Freude mehr bei dem Gedanken an seine Thätigkeit fühlte, die
-Überzeugung, daß diese Thätigkeit eine notwendige sei, erkannte er,
-daß sie weit ersprießlicher, als sie früher war, und größer und größer
-werde.
-
-Jetzt drang er, gleichsam wider seinen Willen, immer tiefer und tiefer
-in die Erde ein, wie ein Pflug, so daß er gar nicht wieder heraus
-konnte, ohne die Furchen aufzureißen.
-
-Seiner Familie zu leben, so wie dies Vater und Mutter gewohnt gewesen
-waren, das heißt, unter den nämlichen Grundlagen der Bildung und
-Erziehung der Kinder -- war ohne Zweifel die Aufgabe. Dies war ebenso
-notwendig, wie das Essen, wenn man Appetit hat, und zu diesem Zwecke
-nun war es ebenso notwendig, wie die Bereitung des Essens, das
-wirtschaftliche Getriebe in Pokrovskoje so zu leiten, daß Einkünfte
-flossen.
-
-Ebenso sicher, wie man eine Schuld zurückzahlen muß, war es
-erforderlich, das angestammte Land immer in dem nämlichen Zustande
-zu erhalten, damit der Sohn, der das Erbe einmal empfing, dem Vater
-ebenso Dank wisse, wie Lewin seinem Vater für das, was derselbe gebaut
-und gepflanzt hatte. Hierzu aber war erforderlich, daß kein Boden
-mehr verpachtet wurde, sondern man diesen selbst bewirtschaftete, Vieh
-züchtete, die Felder düngte und Waldungen anlegte.
-
-Es war ihm unmöglich, die Führung der Geschäfte für Sergey Iwanowitsch
-und seine Schwester und alle Bauern, die gewohnt waren, sich Rats bei
-ihm zu erholen, aufzugeben, ebensowenig wie man ein Kind fortwerfen
-kann, welches man schon auf den Armen hielt. Es galt, für die
-Bequemlichkeit der eingeladenen Schwägerin mit ihren Kindern zu sorgen,
-des Weibes mit dem eigenen Kinde, und er mußte auch wenigstens einen
-kleinen Teil des Tages bei ihnen weilen.
-
-Alles das, zusammen mit der Jagd auf Wild und Bienen, füllte für Lewin
-ein Leben aus, welches für ihn selbst keinen Sinn mehr hatte, sobald er
-darüber nachdachte.
-
-Wenn aber Lewin recht gut wußte, _was_ er zu thun habe, so wußte
-er auch ebenso gut, _wie_ er zu handeln habe und welches von zwei
-Geschäften das wichtigere sei. Er wußte, daß er die Arbeiter so billig
-als möglich mieten müsse, doch sie auf eine Schuldverschreibung
-annehmen, indem er ihnen Vorschuß gab, war noch billiger; wie viel sie
-wert waren, brauchte nicht gegeben zu werden, was auch noch vorteilhaft
-war. Bei Futtermangel konnte er den Bauern Stroh verkaufen, wenn sie
-ihn dabei auch jammerten, der Gasthof und die Branntweinschenke aber
-mußten, obwohl sie Einkünfte brachten, beseitigt werden. Gegen das
-Holzhauen mußte man so streng wie möglich vorgehen, für vertriebenes
-Vieh hingegen sollte keine Strafe erhoben werden. Obwohl dies freilich
-die Karaulschtschiks erbitterte und die Furcht verringerte, mußte man
-das Vieh laufen lassen.
-
-Dem Peter, welcher an einen Wucherer zehn Prozent monatlich zahlte,
-mußte er Geld borgen, um ihn davon zu befreien, aber deshalb brauchte
-er den Bauern noch nicht den Obrok zu erlassen oder den säumigen
-Zahlern Frist zu bewilligen. Man konnte es dem Verwalter nicht hingehen
-lassen, daß eine kleine Wiese nicht gemäht wurde und das Gras darauf
-ungenützt verkam, aber man brauchte wieder nicht die achtzig Desjatinen
-zu mähen, auf denen junger Wald angepflanzt stand. Man brauchte nicht
-dem Arbeiter zu verzeihen, der unter der Arbeit nach Hause gelaufen
-war, weil sein Vater starb -- so leid ihm das auch that -- und mußte
-ihn dafür billiger für die kostspieligen Monate ansetzen, in denen es
-nichts zu thun gab. Aber man mußte gleichwohl den Alten, die zu nichts
-mehr zu brauchen waren, einen Monatsauszug geben.
-
-Lewin wußte wohl, daß er bei seiner Rückkehr nach Hause vor allem zu
-seiner Frau gehen mußte, wenn diese unwohl war, aber die Bauern, die
-schon seit drei Stunden auf ihn gewartet hatten, konnten noch länger
-warten. Er wußte auch, daß er bei allem Vergnügen, welches er bei dem
-Einfangen eines Bienenschwarms hatte, sich dieses Vergnügens begeben
-und es dem Alten überlassen mußte, in seiner Abwesenheit den Schwarm zu
-fangen, indem er zu den Bauern ging, die ihn im Bienengarten gefunden
-hatten, um sich zu besprechen.
-
-Mochte er damit gut oder schlecht handeln, er wußte es nicht, und würde
-jetzt nicht nur nicht den Beweis dafür angetreten, sondern vielmehr
-alle Gespräche und Gedanken darüber vermieden haben.
-
-Die Grübeleien versetzten ihn in Zweifel und hinderten ihn, zu sehen,
-was er sehen mußte, oder was nicht. Indem er jedoch nicht mehr
-dachte, sondern lebte, fühlte er in seiner Seele die stete Gegenwart
-eines unfehlbaren Richters, der entschied, welche von zwei möglichen
-Handlungen die bessere und welche die schlechtere war, und sobald er
-dann nicht so handelte, wie es nötig war, fühlte er dies sogleich.
-
-So lebte er denn ohne die Möglichkeit einer Erkenntnis dessen, zu
-sehen, was er sei und wozu er auf der Welt lebe, gequält von dieser
-Unkenntnis bis zu einem Grade, daß er den Selbstmord fürchtete und sich
-doch zugleich damit fest einen sicheren Weg durch das Leben bahnend.
-
-
- 11.
-
-Gerade an dem Tage, an welchem Sergey Iwanowitsch nach Pokrovskoje
-gekommen war, befand sich Lewin in einer seiner peinlichsten Stimmungen.
-
-Es war mitten in der Arbeitszeit, wo alles Volk eine so ungewöhnliche
-Anspannung in der Selbstaufopferung bei der Arbeit zeigt, wie sie sonst
-unter keinen Bedingungen im Leben erscheint und die hoch geschätzt
-werden würde, wenn die Leute, welche diese Eigenschaften zeigen,
-sie selbst schätzten, wenn sich nicht ein und dasselbe alljährlich
-wiederholte, und die Resultate dieses Kraftaufwands nicht so einfach
-wären.
-
-Roggen schneiden und Hafer, und ihn hereinzubringen, Wiesen zu mähen,
-Korn ausdreschen und Wintersaat aussäen -- alles das scheint einfach
-und gewöhnlich; aber um es mit Erfolg zu thun, ist es nötig, daß alle,
-vom Ältesten an bis zum Jüngsten rastlos, dreimal mehr als gewöhnlich,
-während drei oder vier Wochen arbeiten, sich nur von Kwas, Zwiebel und
-Schwarzbrot nährend, dreschend, des Nachts Feime abfahrend und sich zum
-Schlaf nicht mehr als drei Stunden den ganzen Tag gönnend. Alljährlich
-ist dies so in ganz Rußland.
-
-Lewin, der einen großen Teil seines Lebens auf dem Dorfe, in nahen
-Beziehungen zum Volke gelebt hatte, fühlte stets während der
-Arbeitszeit, daß sich diese allgemeine Regsamkeit der Leute auch ihm
-mitteile.
-
-Am Morgen fuhr er zum ersten Roggenschnitt oder nach dem Hafer, den
-man in Feime gesetzt hatte, und kehrte dann, wenn sein Weib und die
-Schwägerin sich erhoben, heim; trank mit ihnen Kaffee und begab
-sich dann zu Fuße nach dem Vorwerk, wo man eine neu aufgestellte
-Dreschmaschine zur Vorbereitung des Samens in Gang setzte.
-
-Diesen ganzen Tag hatte Lewin im Gespräch mit dem Verwalter und den
-Bauern, zu Hause mit seinem Weib, mit Dolly und ihren Kindern, und mit
-dem Schwiegervater, immer nur über das Eine nachgedacht, was ihn in
-dieser Zeit neben seinen wirtschaftlichen Sorgen beschäftigte, und in
-allem nur die Antwort auf seine Frage gesucht: »Was bin ich, wo bin
-ich; warum bin ich hier?«
-
-In der Kühle der neugedeckten Trockenscheune stehend, blickte Lewin
-bald durch die geöffnete Thür hinaus, in welcher der trockene und
-scharfe Staub vom Dreschen wirbelte, auf das von der glänzenden Sonne
-beleuchtete Gras der Tenne und das frische Stroh, das soeben erst
-aus dem Schuppen geholt worden war -- bald nach den weißhalsigen
-Schwalben mit ihren bunten Köpfen, die mit Gezwitscher unter das Dach
-flogen und mit schlagenden Flügeln an den Fensteröffnungen der Thüre
-hängen blieben, bald auf die Leute, welche in der dunklen, staubigen
-Trockenscheune hantierten, und hatte dabei seltsame Gedanken.
-
-»Warum geschieht das alles?« grübelte er. »Warum stehe ich hier und
-lasse arbeiten? Weshalb hasten die alle und mühen sich, mir ihren Eifer
-zu zeigen? Warum plagt sich die alte Matrjona da, die ich kenne? Ich
-habe sie ja kuriert, als bei einer Feuersbrunst der Dachbalken auf sie
-gestürzt war,« dachte er, indem er dem hageren Weibe zusah, welches
-mit der Schaufel Korn werfend, angestrengt mit den schwarzgebräunten,
-nackten Füßen auf den unebenen harten Tennenplatz vortrat.
-
-»Sie ist damals wieder gesund geworden, aber dennoch, zwar nicht
-heute, doch vielleicht nach zehn Jahren verscharrt man sie, und nichts
-bleibt mehr von ihr; ebensowenig wie von jener Kokette dort im roten
-Tuch, die mit so gewandter Bewegung die Spreu von den Ähren sondert.
-Auch sie wird man einscharren, wie den gescheckten Wallachen dort
--- und sehr bald sogar,« dachte er, auf das mit geöffneten Nüstern
-schnaubende Pferd mit dem schwerhängenden Bauche schauend, welches um
-ein liegendes Rad lief, das sich unter ihm bewegte. »Auch das Pferd
-wird man verscharren und den Fjodor mit seinem krausen, voll Spreu
-hängenden Barte und dem zerrissenen Hemd auf der hellschimmernden
-Schulter -- man wird sie begraben! Er wühlt die Garben auseinander und
-ordnet an, ruft den Weibern zu und regelt mit schneller Bewegung den
-Riemen am Schwungrad. Aber vor allem, nicht nur sie, auch mich wird
-man einscharren und nichts wird bleiben. Und wozu?« So sann er und
-schaute dabei nach der Uhr, um zu berechnen, wie viel in einer Stunde
-gedroschen werde. Er mußte dies wissen, um hiernach das Arbeitspensum
-für den Tag geben zu können.
-
-»Schon bald eine Stunde und sie haben erst den dritten Feim
-angefangen,« dachte Lewin, trat zu dem Zugeber und sagte zu ihm, das
-Geräusch der Maschine überschreiend, er gäbe zu schnell zu.
-
-»Du giebst zu viel hinein, Fjodor -- siehst du, sie bleibt hängen und
-geht daher nicht schnell genug! Du mußt das ausgleichen!«
-
-Fjodor, von dem Staube der ihm am schweißbedeckten Gesicht klebte,
-schwarz geworden, schrie etwas als Antwort, that aber nicht, wie Lewin
-wollte.
-
-Dieser trat daher an den Cylinder, ließ Fjodor beiseite treten und
-begann selbst zuzugeben. Nachdem er bis zu der Mittagspause der Bauern
-gearbeitet hatte, bis zu welcher nicht mehr viel Zeit war, verließ er
-zusammen mit dem Zugeber die Trockenscheune und sprach mit ihm.
-
-Der Zugeber war aus einem entfernter liegenden Dorfe, dem nämlichen,
-in welchem Lewin früher Land zur Bildung der Arbeitsgenossenschaft
-vergeben hatte. Jetzt war das Land in Pacht gegeben.
-
-Lewin unterhielt sich mit Fjodor über dieses Land und frug ihn, ob
-Platon, der reiche und tüchtige Bauer jenes Dorfes, für das nächste
-Jahr welches nehmen werde.
-
-»Der Preis ist zu hoch und Ihr solltet an Platon nicht vergeben,« sagte
-Fjodor, sich die Ähren von der schweißbedeckten Brust nehmend.
-
-»Aber Kiriloff giebt ihm doch welches?«
-
-»Mitjucha, Konstantin Dmitritsch, warum sollte der es nicht thun! Der
-drückt die Menschen und nimmt sich schon das Seine. Den dauert kein
-Christenmensch. Onkel Fokanitsch aber,« so nannte er den Bauern Platon,
-»zieht der etwa dem Menschen das Fell über die Ohren? Hier giebt er
-eine Schuldforderung, dort erläßt er -- oder nimmt selbst gar nichts.
-Das ist auch ein Mensch.«
-
-»Aber warum erläßt er Etwas.«
-
-»Nun, die Leute sind eben verschieden. Der eine lebt nur für seinen
-Leib, wenigstens Mitjucha; der stopft sich nur den Wanst voll, aber
-Fokanitsch -- das ist ein rechtschaffener alter Mann. Er lebt nur für
-sein Seelenheil, und denkt an Gott!«
-
-»Wie soll er denn an Gott denken? Wie soll er nur für sein Seelenheil
-leben?« schrie Lewin fast.
-
-»Nun, das ist doch bekannt, nach der Gerechtigkeit, in Gott. Die
-Menschen sind eben verschieden! Man braucht ja nur Euch anzusehen; Ihr
-beleidigt auch keinen Menschen.«
-
-»Nun leb' wohl,« fuhr Lewin fort, vor Erregung tief Atem holend,
-ergriff, sich nun umwendend, seinen Stock und schritt eilig dem Hause
-zu.
-
-Bei den Worten des Bauern, daß Fokanitsch für sein Seelenheil, nach
-der Gerechtigkeit und in Gott lebe, waren ihm unklare, aber wichtige
-Ideen in Masse, als hätten sie sich aus einem Gewahrsam freigemacht,
-gekommen, und diese alle wirbelten nun, nach einem Ziele strebend, in
-seinem Kopfe herum und blendeten ihn mit ihrem Licht.
-
-
- 12.
-
-Lewin ging mit großen Schritten die Landstraße entlang, weniger seinen
-Gedanken Gehör gebend -- er vermochte noch nicht, sie zu sichten -- als
-mit seinem Seelenzustand beschäftigt, der jetzt so war, wie er ihn noch
-nie an sich kennen gelernt hatte.
-
-Die Worte, die ihm von dem Bauern gesagt worden waren, brachten
-in seiner Seele die Wirkung eines elektrischen Funkens hervor,
-der plötzlich erscheint, zusammengesetzt aus einer ganzen Schar
-gesonderter, unkräftiger Gedanken, die nicht aufhörten, ihn zu
-beschäftigen. Diese Gedanken hatten ihn, ohne daß er es merkte, schon
-während der Zeit, als er von dem Landverkauf sprach, beschäftigt.
-
-Er fühlte in seiner Seele etwas Neues und empfand dieses Neue mit
-Befriedigung, doch ohne zu wissen, was es sei.
-
-»Nicht für meine Notdurft allein soll ich leben, sondern für Gott. Für
-welchen Gott? Kann man etwas Unsinnigeres äußern, als das, was Fjodor
-sagte? Er sagte, man müsse nicht nur für seine Bedürfnisse leben,
-das heißt, für das, was wir verstehen, wozu wir Neigung empfinden,
-wonach uns verlangt, sondern für etwas Unbegreifliches, für einen
-Gott, den niemand begreifen, oder bezeichnen kann. Und was will ich?
-Habe ich die sinnlosen Worte Fjodors nicht verstanden? Wenn ich sie
-verstanden habe, zweifle ich denn an ihrer Richtigkeit? Habe ich sie
-thöricht, unklar und ungenau gefunden? Nein, ich habe ihn verstanden,
-und vollkommen so, wie er selbst versteht; er hat vollständig, und
-klarer verstanden, als ich Etwas im Leben verstehe, und nie im Leben
-habe ich daran gezweifelt, werde ich daran zweifeln können. Nicht ich
-allein aber, sondern jedermann, die ganze Welt, erkennt dieses Eine
-völlig und zweifelt nicht daran und ist damit einverstanden. Aber ich
-suchte Wunder, ich habe es beklagt, daß ich kein Wunder sah, welches
-mich überzeugte. Ein materielles Wunder hätte mich gelockt. Aber es
-giebt ja ein Wunder, das einzig mögliche, immerwährend vorhandene, mich
-von allen Seiten umgebende -- und ich habe das nicht bemerkt! Fjodor
-sagt, daß Kiriloff nur für seinen Bauch lebt. Dies ist begreiflich und
-verständig. Wir alle, als vernünftige Wesen, können nicht anders leben,
-als für unseren Leib. Und da sagt nun dieser Fjodor plötzlich, daß es
-häßlich sei, nur für den Wanst zu leben; man müsse der Gerechtigkeit,
-für Gott leben, und ich verstehe ihn aus diesem Fingerzeig. Ich
-sowohl, wie die Millionen von Menschen, welche Jahrhunderte vor uns
-gelebt haben und jetzt noch leben, die Bauern, die Bettler am Geist
-und die Weisen, die, welche darüber gedacht und geschrieben haben,
-in ihrer unklaren Sprache dasselbe sagend -- wir alle sind in dem
-Einen einverstanden: Weshalb man leben muß, und was gut ist! -- Mit
-allen Menschen habe ich nur _eine_ feste, unzweifelhafte und klare
-Erkenntnis, und diese Erkenntnis kann nicht vom Verstand erläutert
-werden, sie liegt außerhalb desselben und hat keine Gründe, kann
-auch keine Folgen haben. Wenn das Gute eine Ursache hat, so ist es
-schon nicht mehr gut; wenn es eine Folge hat, eine Belohnung, so ist
-es gleichfalls nicht gut. Vielleicht liegt das Gute außerhalb der
-Kette von Ursache und Wirkung. Und ich kenne das; wir alle kennen
-es. Welches Wunder könnte es geben, das größer wäre, als dies? Habe
-ich denn wirklich die Lösung des Ganzen gefunden, sollten jetzt alle
-meine Leiden vorüber sein?« dachte Lewin, auf dem staubigen Wege
-hinschreitend, ohne die Hitze zu merken oder die Ermüdung, aber im
-Gefühl einer Abspannung von den langen Leiden.
-
-Dieses Gefühl war ein so freudiges, daß es ihm ganz unwahrscheinlich
-vorkam. Er atmete schwer vor Erregung, und bog, ohne die Kraft, noch
-weiter zu gehen, vom Wege ab in den Wald und setzte sich in den
-Schatten einer Esche auf das nicht gemähte Gras. Er nahm den Hut von
-dem nassen Kopfe und legte sich, auf den Arm gestemmt, in das saftige,
-schwellende Waldgras.
-
-»Ja, ich muß mir alles klar machen, und verstehen,« dachte er, starr
-auf das nicht niedergedrückte Gras blickend, welches vor ihm stand, und
-den Bewegungen eines grünen Blattlauskäfers folgend, der sich an dem
-Stengel eines Queckengrases erhob, in seinem Aufstieg aber durch ein
-Blatt gehindert wurde.
-
-»Was habe ich entdeckt?« frug er sich, das Blatt entfernend, um
-das Insekt nicht zu hindern, und ein anderes Gras biegend, daß der
-Blattlauskäfer auf dasselbe hinüberlaufen könne. »Was freut mich denn
-so? Was habe ich denn entdeckt? Ich habe nichts entdeckt! Ich habe
-nur erkannt, was ich weiß. Ich habe jene Kraft erkannt, die nicht
-nur in der Vergangenheit liegt, die mir das Leben gegeben hat und
-mir auch jetzt das Leben verleiht. Ich habe mich vom Irrtum befreit
-und den Herrn erkannt! Früher sagte ich, daß sich in meinem Körper,
-in dem Körper dieses Grases und dieses Käfers -- da, er hat nicht
-auf das Gras gewollt, die Flügel ausgebreitet und ist fortgeflogen
--- nach physikalischen, chemischen und physiologischen Gesetzen ein
-Stoffwechsel vollzieht. In uns allen aber, gleich wie in jenen Espen,
-in den Wolken und den Nebelflecken, vollzieht sich eine Entwicklung.
-Woher stammt diese Entwicklung? Auf was geht sie? Es ist eine endlose
-Entwicklung, ein Kampf. Ganz ebenso nun kann eine gewisse Richtung,
-ein Kampf in dem Unendlichen sein. Und da habe ich mich gewundert,
-daß mir trotz der größten geistigen Anstrengungen auf diesem Wege,
-dennoch nicht der Gedanke des Lebens geoffenbart worden ist! Jetzt
-spreche ich es aus, daß ich den Gedanken meines Daseins kenne: Leben
-für Gott und für die Seele! Und dieser Gedanke ist ungeachtet seiner
-Klarheit geheimnisvoll und wundersam. So ist auch der Gedanke des
-gesamten Seins,« sprach er zu sich selbst, sich auf den Leib wälzend
-und Grashalme in Bündel zusammennehmend, wobei er sich hütete, sie zu
-zerknicken. In Kürze wiederholte er sich nun selbst den ganzen Gang
-seiner Gedanken während der letzten beiden Jahre, dessen Anfang klar
-war; der deutliche Gedanke an den Tod bei dem Anblick des geliebten,
-hoffnungslos kranken Bruders.
-
-Zum erstenmale, damals klar erkennend, daß es für jeden Menschen, und
-auch für ihn, in Zukunft nichts als Leiden, Tod und ewige Vergessenheit
-geben werde, entschied er, daß er so nicht weiter leben könne, und sich
-sein Leben entweder so abklären müsse, daß es nicht mehr als der böse
-Streich eines Satans erscheine -- oder er sich erschießen müsse.
-
-Er that indes weder das Eine noch das Andere, sondern lebte ruhig
-weiter und fuhr fort, zu sinnen und zu spüren; hatte sogar gerade
-in dieser Zeit geheiratet, erlebte viele Freuden und fühlte sich
-glücklich, wenn er nicht an den Zweck seines Daseins dachte.
-
-Was aber bedeutete das? Es bedeutete, daß er rechtschaffen lebte,
-aber schlecht dachte. Er lebte -- ohne dies zu erkennen -- von jenen
-geistigen Wahrheiten, die er mit der Muttermilch eingesogen hatte, und
-dachte, ohne diese Wahrheiten anzuerkennen, ja, sie geflissentlich
-umgehend.
-
-Jetzt wurde es ihm klar, daß er leben konnte nur dank jenen
-Überzeugungen, in denen er erzogen war.
-
-»Was würde ich gewesen sein, und wie hätte ich mein Leben verbracht,
-hätte ich diese Überzeugungen nicht gehabt, nicht gewußt, daß man
-für Gott leben muß und nicht für die eigenen Bedürfnisse? Ich hätte
-geraubt, gelogen, gemordet. Nichts von dem, was die höchsten Freuden
-meines Lebens ausmacht, würde für mich vorhanden gewesen sein.«
-
-Aber trotz der größten Anstrengungen seiner Vorstellungskraft, konnte
-er sich doch nicht jenes tierische Geschöpf vorstellen, welches er
-selbst gewesen sein würde, wenn er nicht erfahren hätte, wozu er lebte.
-
-»Ich habe die Antwort auf meine Frage gesucht, aber diese Antwort
-kann nicht das Denken geben, welches in unmeßbarem Verhältnis zu der
-Frage steht. Die Antwort hat mir das Leben selbst gegeben in meiner
-Erkenntnis dessen, was gut und schlecht sei. Aber diese Erkenntnis habe
-ich nicht durch Etwas erworben, sondern sie ist mir gegeben gewesen
-zugleich mit allem, _gegeben_ deswegen, weil ich sie von nirgendsher
-nehmen konnte. Woher habe ich sie genommen? Bin ich durch meinen
-Verstand darauf gekommen, daß ich meinen Nächsten lieben soll und ihn
-nicht erwürgen darf. Man hat mir das in der Kindheit gesagt und ich
-habe es freudig geglaubt, weil man mir nur gesagt hatte, was mir schon
-in der Seele lag. Aber wer hat dies entdeckt? Der Verstand nicht! Der
-Verstand hat den Kampf ums Dasein entdeckt und das Gesetz, welches
-fordert, daß man alle, die uns an der Befriedigung unserer Wünsche
-hindern, beseitigen soll. Dies ist die Lehre des Verstandes, aber die
-Nächstenliebe konnte der Verstand nicht lehren, weil das unverständig
-gewesen wäre.«
-
-
- 13.
-
-Lewin fiel die kürzlich stattgehabte Scene mit Dolly und ihren Kindern
-ein. Die Kinder, allein gelassen, hatten Himbeeren über Kerzen geröstet
-und sich die Milch als Fontäne in den Mund gespritzt. Die Mutter,
-welche sie auf der That ertappt, hatte ihnen in Lewins Gegenwart zu
-Gemüt geführt, welche große Mühe den Erwachsenen das verursache, was
-sie da verdorben, und daß diese Arbeit doch für sie geschähe, und sie,
-wenn sie die Tassen zerschlügen, nichts haben würden, woraus sie Thee
-tränken; wenn sie aber Milch vergössen, so würden sie nichts zu essen
-haben und müßten Hungers sterben.
-
-Lewin überraschte die stille Niedergeschlagenheit und der Argwohn,
-mit welchem die Kinder diese Worte der Mutter anhörten. Sie waren nur
-darüber erbittert, daß ihr unterhaltendes Spiel abgebrochen worden
-war, und glaubten kein Wort von dem was die Mutter sagte. Sie konnten
-es auch nicht glauben, weil sie sich den ganzen Umfang dessen, was sie
-begangen, gar nicht vorstellen, und infolge dessen sich nicht denken
-konnten, daß das, was sie verdorben hatten, eben das sei, wovon sie
-lebten.
-
-»Das ist alles für sich allein da,« dachten sie, »und etwas
-Interessantes oder Wichtiges liegt nicht darin, deswegen weil es stets
-war und sein wird und stets ein und dasselbe ist. Wir brauchen daher
-gar nicht daran zu denken, denn das ist alles schon da und wir wollen
-nur etwas Eigenes und recht Neues dabei ausdenken. So haben wir uns
-ausgedacht, in die Tasse Himbeeren zu nehmen und sie über einem Licht
-zu rösten, die Milch aber als Fontäne uns gegenseitig in den Mund zu
-spritzen. Das ist lustig und neu und in nichts schlechter, als aus den
-Tassen zu trinken.«
-
-»Thun wir nun nicht etwa ganz das Nämliche, thue ich es nicht, mit
-meinem Verstande die Bedeutung der Naturkräfte erforschend und den
-Gedanken des menschlichen Lebens?« fuhr Lewin fort zu denken. »Und
-thun dies nicht alle philosophischen Theorieen, indem sie auf einem
-seltsamen, dem Menschen nicht eigenen Gedankenweg, zu der Erkenntnis
-dessen führen, was der Mensch lange schon weiß, so genau weiß, daß
-er ohne es gar nicht hätte leben können. Ist es denn nicht aus der
-Entwicklung der Theorie eines jeden Philosophen klar ersichtlich, daß
-er im voraus unfehlbar ebenso gut, wie der Bauer Fjodor und durchaus
-nicht genauer als dieser, den Hauptgedanken des Daseins kennt, und nur
-auf dem zweifelhaften Wege des Verstandes zu dem gelangen will, was
-allen bekannt ist? Wollte man die Kinder allein auf Erwerb ausgehen
-lassen, sollten dieselben Geschirr fertigen, Milch melken &c., würden
-sie dann Mutwillen treiben? Sie würden Hungers sterben. Nun, so wollen
-wir doch mit unseren Leidenschaften und Gedanken ohne Verständnis
-des einigen Gottes und Schöpfers bleiben, oder ohne Verständnis von
-dem, was gut ist, ohne Offenbarung des moralisch Schlechten. >Aber
-schafft Ihr etwas ohne dieses Verständnis!< >Wir zerstören nur, weil
-wir geistig satt sind. Wir sind eben Kinder!< Woher kommt in mir diese
-freudige, mir mit dem Bauern gemeinsame Erkenntnis, welche mir allein
-die Seelenruhe verleiht? Woher habe ich sie genommen? Erzogen in der
-Vorstellung eines Gottes, als Christ, und mein ganzes Leben hindurch
-erfüllt von diesen geistigen Gütern, die mir das Christentum verliehen
-hat, welches an diesen lebendigen Schätzen überreich ist und in ihnen
-lebt, zerstöre ich diese, wie die Kinder, ohne sie zu verstehen, --
-das heißt, ich will zerstören -- das, wodurch ich lebe. Sobald jedoch
-eine ernste Minute des Lebens naht, gehe ich, wie die Kinder, wenn
-sie frieren oder hungrig sind, zu Ihm, und fühle noch weniger als
-Kinder, welche die Mutter wegen kindischer Streiche schilt, daß meine
-kindlichen Versuche, über die man genugsam schelten könnte, mir nicht
-angerechnet werden. Also das, was ich weiß, weiß ich nicht infolge
-des Verstandes, sondern es ist mir gegeben, mir geoffenbart, und ich
-weiß es durch mein Herz, meinen Glauben an das Höchste, was die Kirche
-bekennt.«
-
-»Die Kirche? Die Kirche?« wiederholte Lewin, sich auf die andere Seite
-legend und schaute, auf den Ellbogen gestützt, in die Ferne nach einer
-jenseits zum Flusse gehenden Herde. »Kann ich dann aber an alles
-glauben, was die Kirche lehrt?« dachte er, sich prüfend und alles das
-überdenkend, was seine jetzige Ruhe stören konnte. Absichtlich begann
-er, sich diejenigen Lehren der Kirche zu vergegenwärtigen, die ihm vor
-allen anderen stets befremdlich gewesen waren und ihn verleitet hatten.
-
-»Die Schöpfung? Womit habe ich denn das Sein erklärt? Mit dem Sein?
-Mit dem Nichts? -- Teufel und Sünde! -- Womit erkläre ich das Böse? --
-Was ist der Erlöser? -- Ich weiß eben nichts, nichts, und kann nichts
-wissen, als nur das, was mir und allen anderen gesagt worden ist.« --
-
-Und jetzt schien es ihm, als gäbe es kein einziges unter den
-Bekenntnissen der Kirche, welches die Hauptsache, den Glauben an Gott,
-an das Gute, als die einzige Bestimmung des Menschen stürzte. Für jedes
-Bekenntnis der Kirche konnte das Bekenntnis zum Dienst in der Wahrheit
-anstatt in den Lüsten eingesetzt werden. Und jedes derselben warf dies
-nicht nur nicht um, sondern war vielmehr erforderlich dazu, daß sich
-jenes höchste, beständig auf Erden erscheinende Wunder auch vollzog,
-welches darin bestand, daß es jedem möglich werde, gemeinsam mit
-Millionen verschiedenartigster Menschen, mit Weisen und Narren, Kindern
-und Greisen -- mit allen, mit den Bauern und mit Lwoff, mit Kity, und
-mit Bettlern oder Königen untrüglich ein und dasselbe zu erkennen, und
-das Leben der Seele hinzuzustellen, für welches allein es schon der
-Mühe wert war zu leben, und das allein wir schützen.
-
-Auf dem Rücken liegend, sah er jetzt in den hohen, wolkenlosen Himmel
-hinein.
-
-»Weiß ich denn nicht, daß dies ein endloser Raum ist, und kein rundes
-Gewölbe? Aber wie ich auch den Blick anstrengen mag, ich kann ihn nicht
-anders erblicken als rund und unbegrenzt und ungeachtet meiner Kenntnis
-seiner unbegrenzten Weite habe ich unzweifelhaft recht. Wenn ich das
-feste blaue Gewölbe ansehe, handle ich richtiger, als wenn ich mich
-anstrenge, weiter zu blicken.«
-
-Lewin hörte schon auf zu denken, gleich als ob er geheimnisvollen
-Stimmen lauschte, die sich freudig und sorglich unterhielten.
-
-»Sollte dies etwa der Glaube sein?« dachte er, sich scheuend,
-seinem Glück zu trauen. »Mein Gott, ich danke dir!« sprach er, ein
-aufsteigendes Schluchzen hinunterschluckend und sich mit beiden Händen
-die Thränen abwischend, von denen seine Augen voll standen.
-
-
- 14.
-
-Lewin schaute vor sich hin und sah die Herde, dann erblickte er seinen
-Wagen mit dem Braunen bespannt, und den Kutscher, welcher zur Herde
-heranfahrend, mit dem Hirten sprach. Hierauf vernahm er, bereits in
-seiner Nähe, das Geräusch von Rädern und das Schnauben eines satten
-Pferdes, doch war er so versunken in seinen Gedanken, daß er gar nicht
-daran dachte, weshalb der Kutscher zu ihm gefahren komme.
-
-Es fiel ihm das erst ein, als ihm dieser, bereits ganz nahe bei ihm,
-zurief:
-
-»Die Herrin schickt mich. Der Bruder und noch ein Herr sind angekommen.«
-
-Lewin setzte sich auf den Wagen und ergriff die Zügel. Wie aus dem
-Schlaf erwacht, konnte er lange Zeit nicht zur klaren Besinnung kommen.
-Er betrachtete das satte Pferd, blickte den Kutscher Iwan an, der neben
-ihm saß und besann sich nun, daß er den Bruder ja erwartete, daß seine
-Frau wahrscheinlich über sein langes Ausbleiben besorgt sein werde;
-und er bemühte sich nun, zu raten, wer der Gast sein könne, der mit
-dem Bruder gekommen war. Sowohl dieser, wie sein eigenes Weib und der
-unbekannte Besuch erschienen ihm jetzt anders, als vorher. Ihm schien,
-als ob jetzt seine Beziehungen zu allen Menschen schon andere werden
-wollten.
-
-»Dem Bruder gegenüber wird jetzt nicht mehr die Rede von jener
-Entfremdung sein, die stets zwischen uns herrschte, es sollten keine
-Streitigkeiten mehr herrschen; auch mit Kity sollte es nie mehr Zwist
-geben und mit dem Gaste, wer es auch sein mag, werde ich freundlich und
-gut sein; auch mit den Leuten, mit Iwan -- alles wird anders werden.«
-
-Straff das vor Ungeduld schnaubende, eine schnellere Gangart
-anstrebende, gute Pferd haltend, schaute Lewin den neben ihm sitzenden
-Iwan an, der nicht wußte, was er mit seinen zur Unthätigkeit
-verurteilten Händen machen sollte, und beständig sein aufgeblähtes Hemd
-andrückte und suchte nach einem Thema, um ein Gespräch mit diesem zu
-beginnen.
-
-Er wollte sagen, daß Iwan überflüssigerweise den Sattelriemen zu hoch
-gezogen habe, doch dies wäre einem Vorwurf ähnlich gewesen und er
-wollte jetzt nur freundliche Gespräche führen. Etwas anderes kam ihm
-nicht in den Kopf.
-
-»Nehmt doch, bitte rechts, sonst wird der Baumstamm da« -- sagte der
-Kutscher, Lewins Zügel dirigierend.
-
-»Laß das gefälligst und belehre mich nicht!« antwortete Lewin,
-ungehalten über diese Einmischung des Kutschers.
-
-So wie immer, machte ihn auch jetzt eine Einmischung verstimmt, und er
-fühlte sogleich voll Schmerz, wie irrig seine Vermutung gewesen war,
-daß seine Seelenstimmung ihn sogleich bis zu einer Anpassung an die
-Wirklichkeit hätte wandeln können.
-
-Als er sich seinem Hause bis auf eine viertel Werst genähert hatte,
-erblickte er Grischa und Tanja, die ihm entgegeneilten.
-
-»Onkel Konstantin! Mama kommt auch, und der Onkel, und Sergey
-Iwanowitsch und noch jemand,« sagten sie auf den Wagen kletternd.
-
-»Wer denn?«
-
-»Außerordentlich seltsam! Er macht es mit den Händen immer so,« sagte
-Tanja, sich im Wagen erhebend und Katawasoff nachahmend.
-
-»Ist er alt oder jung?« frug Lewin lachend, die Vorstellung Tanjas
-hatte ihn an jemand erinnert. »O, wenn es nur kein unangenehmer Mensch
-ist!« dachte er.
-
-Kaum um die Biegung des Weges herum, gewahrte Lewin die
-Entgegenkommenden, und erkannte Katawasoff im Strohhut, wie er im Gehen
-mit den Armen schwenkte, so wie es Tanja vorgemacht hatte.
-
-Katawasoff sprach sehr gern über Philosophie, obwohl er von ihr nur
-einen Begriff aus den Naturwissenschaften besaß, und sich sonst nie
-damit beschäftigt hatte. In Moskau hatte Lewin in letzter Zeit viel mit
-ihm disputiert. Eines jener Gespräche, in welchem Katawasoff jedenfalls
-gehofft hatte Sieger zu bleiben, fiel Lewin sofort wieder ein, nachdem
-er Katawasoff erkannt hatte.
-
-»Nein; streiten und in unüberlegter Weise meine Ideen äußern werde ich
-um keinen Preis,« dachte er.
-
-Aus dem Wagen steigend und den Bruder nebst Katawasoff begrüßend, frug
-Lewin dann nach seiner Frau.
-
-»Sie hat Mitja in das Wäldchen beim Hause getragen. Sie wollte es
-dorthin bringen, denn im Hause ist es zu warm,« berichtete Dolly. Lewin
-hatte seiner Gattin stets davon abgeraten, das Kind in den Wald zu
-tragen, da er dies für gefährlich befand, und die Nachricht war ihm
-daher unangenehm.
-
-»Sie schleppt sich mit ihm von Ort zu Ort,« sagte der Fürst lächelnd.
-»Ich habe ihr geraten, es in den Eiskeller zu bringen.«
-
-»Sie wollte nach dem Bienengarten gehen, da sie dachte, du würdest dort
-sein. Wir gehen soeben hin,« sagte Dolly.
-
-»Nun, was machst du denn?« sagte Sergey Iwanowitsch, von den anderen
-weggehend und sich zu dem Bruder gesellend.
-
-»Nichts Besonderes. Wie immer, beschäftige ich mich mit der Ökonomie,«
-antwortete Lewin. »Und du? Bleibst du lange hier? Wir haben dich so
-lange erwartet.«
-
-Bei diesen Worten begegneten sich die Augen der Brüder und Lewin
-fühlte, trotz des steten und jetzt bei ihm besonders lebhaft gewordenen
-Wunsches, in freundschaftliche und hauptsächlich klare Beziehungen
-zu seinem Bruder zu treten, daß es ihm peinlich war, denselben
-anzublicken. Er schlug die Augen nieder und wußte nicht, was er sagen
-sollte.
-
-Indem er die Themen durchging, welche Sergey Iwanowitsch willkommen
-sein und ihn von dem Gespräch über den serbischen Krieg und die
-slawische Frage ablenken konnten, auf die er schon mit einem Hinweis
-auf seine Geschäfte in Moskau hingewiesen hatte, begann Lewin von dem
-Buche Sergey Iwanowitschs zu sprechen.
-
-»Nun, sind denn Recensionen über dein Buch erschienen?« frug er.
-
-Sergey Iwanowitsch lächelte über das Vorbedachte in der Frage.
-
-»Es hat sich niemand darum gekümmert; ich am allerwenigsten,« sagte er.
-»Paßt auf, Darja Aleksandrowna, es wird Regen geben,« fügte er hinzu,
-mit dem Schirme auf die über den Wipfeln der Espen erscheinenden weißen
-Wolken deutend.
-
-Es waren genug Worte gefallen, die, wenn nicht eine feindselige, so
-doch kühle Beziehung zwischen beiden, wie sie Lewin so gern vermieden
-hätte, wiederum zwischen den Brüdern eintreten lassen konnten.
-
-Lewin ging zu Katawasoff.
-
-»Wie gut Ihr daran thatet, Euch zu einem Besuch bei uns zu
-entschließen,« sagte er zu ihm.
-
-»Ich war schon lange dazu im Begriff gewesen. Nun können wir
-disputieren. Laßt doch sehen. Habt Ihr Spencer gelesen?«
-
-»Nun, nicht ganz,« versetzte Lewin, »ich brauche ihn übrigens jetzt
-nicht.«
-
-»Was heißt das? Er ist doch so interessant. Warum denn nicht?«
-
-»Ich habe mich endgültig überzeugt, daß ich die Lösungen der Fragen,
-welche mich beschäftigen, nicht in ihm und seinesgleichen finde.
-Jetzt« --
-
-Der ruhige, heitere Gesichtsausdruck Katawasoffs überraschte ihn
-plötzlich, und um seine Stimmung, die er offenbar mit diesem Gespräch
-fahren lassen mußte, war es ihm nun so leid, daß er in der Erinnerung
-an seinen Vorsatz, innehielt.
-
-»Sprechen wir übrigens später davon,« fügte er hinzu. »Wenn wir nach
-dem Bienengarten wollen, so müssen wir hierhin, auf diesem Fußweg,«
-wandte er sich an die Gesellschaft.
-
-Als man auf dem engen Fußwege bis zu einer ungemähten Wiese gekommen
-war, auf welcher auf der einen Seite dichter heller Kuhweizen stand,
-während sich in der Mitte viele dunkelgrüne hohe Büsche von Nießwurz
-befanden, ließ Lewin seine Gäste in dem tiefen kühlen Schatten der
-jungen Espen auf einer Bank und auf Holzklötzen, die für die Besucher
-des Bienengartens, welche sich vor den Bienen fürchteten, eigens
-vorgerichtet waren, niedersetzen, und begab sich selbst zu einem
-Verhau, um den Kindern und Erwachsenen Brot, Gurken und frischen Honig
-zu holen.
-
-Im Bemühen, sich möglichst ruhig zu bewegen, und den immer häufiger und
-häufiger an ihm vorüberfliegenden Bienen lauschend, ging er auf dem
-Fußweg bis zur Hütte. Dicht vor dem Flur summte eine Biene auf, die
-sich in seinem Barte verwickelt hatte, doch er befreite sie behutsam.
-
-Nachdem er in den schattigen Flur getreten war, nahm er von der Wand
-sein dort an einem Pflock aufgehängtes Netz herab und ging, sobald
-er es angelegt und die Hände in die Taschen gesteckt hatte, in den
-umzäunten Bienengarten, in welchem in regelmäßig angelegten Reihen,
-mit Bast an Pfähle festgebunden, inmitten eines glattgemähten Platzes
-die sämtlichen, ihm so wohlbekannten Bienenkörbe standen -- die jeder
-seine eigene Geschichte hatten -- an den Seiten des Zaunes aber
-befanden sich die jungen, welche erst im laufenden Jahre eingesetzt
-worden waren. Vor den Fluglöchern der Bienenstöcke flimmerten in den
-Augen die kreisenden und sich auf einem Punkte zusammendrängenden
-Bienen und Drohnen und unter ihnen, immer in der nämlichen Richtung
-zum Wald hinüber nach einer blühenden Linde, und zu den Stöcken
-zurück flogen die Arbeitsbienen mit ihrer Ladung oder nach derselben.
-Man hatte nur das unausgesetzte wechselnde Summen der in Thätigkeit
-begriffenen, eilig dahinfliegenden Arbeitsbiene, oder der blasenden,
-müßigen Drohne im Ohr, oder das von Erschreckten, die ihre Beute vor
-einem Feinde in Sicherheit brachten und im Begriff waren, nun bei
-den Wachen des Stockes Beschwerde zu führen. Jenseits der Umzäunung
-hobelte ein alter Mann, der Lewin nicht bemerkt. Dieser blieb in der
-Mitte des Bienengartens stehen, ohne jenen anzurufen. Er freute sich
-über die Gelegenheit, wieder allein zu sein, sich von der Wirklichkeit
-wieder erholen zu können, welche ihm bereits seine Stimmung wieder
-herabgemindert hatte.
-
-Er erinnerte sich, daß er schon auf Iwan ungehalten gewesen war, seinem
-Bruder Kälte gezeigt und mit Katawasoff oberflächlich zu sprechen
-angefangen hatte.
-
-»Sollte das doch nur eine zeitweilige Stimmung gewesen sein, welche
-vorübergeht, ohne eine Spur zu hinterlassen?« dachte er.
-
-Doch im nämlichen Augenblick, indem er sich seiner Stimmung zuwandte,
-empfand er voll Freude, daß etwas Neues und Bedeutsames in ihm vorging.
-Die Wirklichkeit hatte nur für einige Zeit jene seelische Ruhe
-überdeckt, die er gefunden hatte, diese aber war noch unversehrt in ihm.
-
-Gleichwie die Bienen, welche ihn jetzt umschwirrten, ihm drohten und
-ihn weglockten, ihn seiner vollen physischen Ruhe beraubten, ihn
-zwangen, sich zu krümmen und ihnen auszuweichen, so hatten ihn die
-Sorgen, seit dem Augenblick an ihn herangetreten, da er sich in den
-Wagen gesetzt hatte, seiner geistigen Freiheit beraubt; aber dies
-währte nur so lange, bis er mitten unter ihnen war.
-
-Wie seine körperliche Kraft unversehrt in ihm lebte, so war auch die
-Kraft seines Geistes, deren er sich aufs neue bewußt geworden war, noch
-unversehrt in ihm.
-
-
- 15.
-
-»Weißt du, Konstantin, mit wem Sergey Iwanowitsch hierher gefahren
-ist?« frug Dolly, unter ihre Kinder Gurken und Honig verteilend, »mit
-Wronskiy! Er geht nach Serbien!«
-
-»Und nicht etwa nur allein; er führt eine Eskadron auf seine eigenen
-Kosten mit!« sagte Katawasoff.
-
-»Das sieht ihm ähnlich,« sagte Lewin. »Ziehen denn noch immer
-Freiwillige hinaus?« fügte er mit einem Blick auf Sergey Iwanowitsch
-hinzu.
-
-Dieser nahm, ohne zu antworten, behutsam aus der Tasse, auf welcher
-eine weiße Honigscheibe lag, mit dem Taschenmesser eine noch lebende,
-in dem flüssigen Honig klebende Biene heraus.
-
-»Und wie viel! Ihr hättet sehen müssen, was gestern noch auf der
-Station vorging!« sagte Katawasoff, vernehmlich in die Gurke beißend.
-
-»Wie soll ich das verstehen? Erklärt mir doch um Gottes willen Sergey
-Iwanowitsch, wohin alle diese Freiwilligen fahren, und gegen wen sie
-kämpfen?« frug der alte Fürst, ein Gespräch fortsetzend, das wohl in
-Lewins Abwesenheit begonnen worden war.
-
-»Gegen die Türken,« antwortete Sergey Iwanowitsch mit ruhigem Lächeln,
-die sich mit ihren Beinchen hilflos bewegende Biene befreiend, die von
-dem Honig schwarz geworden war, und sie von dem Messer auf ein starkes
-Espenblatt setzend.
-
-»Und wer hat den Türken den Krieg erklärt? Iwan Iwanitsch Ragozoff, die
-Gräfin Lydia Iwanowna und Madame Stahl!«
-
-»Niemand hat den Krieg erklärt, die Leute fühlen nur Mitleid mit ihren
-Nächsten und wollen ihnen helfen,« sagte Sergey Iwanowitsch.
-
-»Aber der Fürst spricht nicht von der Hilfe,« sagte Lewin, für seinen
-Schwiegervater eintretend, »sondern von dem Kriege. Der Fürst sagt, daß
-Privatleute keinen Teil an einem Kriege haben können, wenn nicht die
-Regierung eine Entscheidung darüber gegeben hat.«
-
-»Konstantin, sieh, da ist eine Biene! Wahrhaftig sie werden uns noch
-stechen!« sagte Dolly, eine Wespe abwehrend.
-
-»Das ist keine Biene, es ist eine Wespe,« sagte Lewin.
-
-»Nun also, wie steht es mit Eurer Theorie?« sagte Katawasoff lächelnd
-zu Lewin, diesen offenbar zum Disput auffordernd. »Weshalb haben
-Privatleute kein Recht?«
-
-»Meine Theorie ist die: Ein Krieg ist einerseits ein solches Ungeheuer,
-etwas so Hartes, Furchtbares, daß kein Mensch -- ich sage noch
-gar nicht Christ -- auf seine persönliche Verantwortung hin seine
-Anstiftung übernehmen kann. Dies kann nur eine Regierung, welche dazu
-berufen ist und zu einem unvermeidlichen Kriege gedrängt wird. Dann
-aber verzichten ja auch sowohl nach der sachwissenschaftlichen Seite,
-wie nach dem gesunden Menschenverstand die Bürger in Regierungssachen,
-insbesondere in Kriegsfragen, auf ihren persönlichen Willen.«
-
-Sergey Iwanowitsch und Katawasoff ergriffen mit ihren schon
-bereitgehaltenen Erwiderungen gleichzeitig das Wort.
-
-»Darin liegt aber ja eben der Schwerpunkt, daß es Fälle geben kann, in
-denen die Regierung den Willen der Bürger nicht erfüllt; dann zeigt die
-Gesellschaft den ihren,« sagte Katawasoff.
-
-Sergey Iwanowitsch stimmte indessen diesem Einwand augenscheinlich
-nicht zu. Er zog die Stirn bei den Worten Katawasoffs und sagte etwas
-Anderes.
-
-»Du stellst so die Frage unnütz auf. Es handelt sich hier nicht um
-eine Kriegserklärung, sondern einfach um den Ausdruck des humanen
-christlichen Gefühls. Man mordet unsere Stammesbrüder, die mit uns
-des nämlichen Blutes und Glaubens sind. Nun, nehmen wir an, sie wären
-selbst nicht unsere Mitbrüder, nicht unsere Glaubensgenossen, sondern
-einfach Kinder, Weiber, Greise. Da empört sich doch das Gefühl, und
-die Russen eilen zu Hilfe, um diese Schrecken zu verkürzen. Stelle
-dir vor, du gingest auf der Straße und sähest, daß Trunkene ein Weib
-schlügen oder ein Kind. Ich denke, da würdest du wohl nicht erst
-fragen, ob hier jenen Menschen der Krieg erklärt worden sei oder nicht,
-sondern darauf zueilen und den Beleidigten verteidigen.«
-
-»Aber den Gegner nicht töten,« sagte Lewin.
-
-»Doch, du würdest ihn töten.«
-
-»Ich weiß nicht. Wenn ich dergleichen sähe, würde ich mich meinem
-unmittelbaren Gefühl hingeben, im voraus aber kann ich nichts sagen.
-Ein solches unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der Südslaven
-ist aber nicht vorhanden, kann es auch gar nicht sein.«
-
-»Doch wohl nur für dich nicht! Für die anderen ist es vorhanden,« sagte
-Sergey Iwanowitsch mißvergnügt die Stirne runzelnd. »Im Volke sind
-die Überlieferungen über Rechtgläubige lebendig, die unter dem Joch
-der Gottlosigkeit litten. Das Volk hat von den Leiden der Mitbrüder
-vernommen und gesprochen.«
-
-»Kann sein,« sagte Lewin nachgiebig, »aber ich sehe das nicht ein; ich
-bin selbst Volk und fühle dies doch nicht.«
-
-»Ich auch nicht,« sagte der Fürst. »Ich habe im Auslande gelebt, die
-Zeitungen gelesen und -- ich gestehe es -- selbst was die bulgarischen
-Schrecken anbetrifft -- niemals recht begreifen können, weshalb
-plötzlich alle Russen ihre slavischen Brüder so zu lieben anfingen,
-während ich nicht die geringste Liebe für sie verspürte. Ich ärgerte
-mich darüber sehr, dachte, ich sei ein Ungeheuer, oder Karlsbad hätte
-auf mich so eingewirkt, aber nachdem ich hierher gekommen, war ich
-beruhigt. Ich sehe, daß es auch außer mir noch Leute giebt, die nur für
-Rußland Interesse haben, und nicht für die slavischen Brüder -- Leute,
-wie Konstantin.« --
-
-»Persönliche Meinungen bedeuten hier nichts,« sagte Sergey Iwanowitsch,
-»es kommt nicht auf persönliche Meinungen an, wenn ganz Rußland -- das
-Volk -- seinen Willen geäußert hat.«
-
-»Bitte recht sehr, aber das sehe ich nicht. Das Volk weiß was rechtes,«
-sagte der Fürst.
-
-»O Papa, warum das? Kommst du Sonntag mit in die Kirche?« frug Dolly,
-die dem Gespräch zuhörte. »Gieb mir doch das Handtuch,« wandte sie
-sich zu dem alten Herrn, der lächelnd auf ihre Kinder blickte. »Es kann
-doch nicht sein, daß alle« --
-
-»Was willst du denn am Sonntag in der Kirche? Man hatte den Geistlichen
-ersucht, eine Messe zu lesen. Er las sie. Die Leute aber haben nichts
-verstanden, sie seufzten, wie bei jeder Beichte,« fuhr der Fürst fort.
-»Dann sagte man ihnen, daß man für den heiligen Zweck in der Kirche
-sammle. Nun, da holten sie denn ihre Kopeke hervor und gaben sie, wozu
-aber, das haben sie nicht gewußt.«
-
-»Das Volk muß es wissen. Das Bewußtsein seines Geschickes lebt stets
-in einem Volke, und in Minuten, wie es die jetzigen sind, wird ihm
-dasselbe klar,« sagte Sergey Iwanowitsch voll Überzeugung, nach dem
-alten Bienenzüchter schauend.
-
-Ein schöner Greis, mit schwarzem, graumeliertem Bart und dichtem,
-silbernem Lockenhaar, stand dieser unbeweglich, eine Schale mit Honig
-haltend, freundlich und ruhig da, aus seiner vollen Größe auf die
-Herren herniederblickend, offenbar ohne Etwas zu verstehen, noch mit
-dem Wunsche darnach.
-
-»So ist es,« sagte er, ausdrucksvoll den Kopf schüttelnd, zu den Worten
-Sergey Iwanowitschs.
-
-»Ja, fragt ihn nur! Er weiß nichts und denkt nicht,« sagte Lewin.
-»Du hörst wohl, Michailitsch, wir sprechen von dem Krieg?« wandte er
-sich an diesen. »Ihr habt das ja in der Kirche gelesen. Wie denkst du
-darüber? Müssen wir für die Christen kämpfen?«
-
-»Was haben wir dabei mit zu denken? Aleksander Nikolajewitsch der
-Kaiser denkt für uns, er denkt für uns in allen Dingen. Ihm ist alles
-klarer. Soll ich nicht noch ein Stück Brot holen?« wandte er sich an
-Darja Aleksandrowna, auf Grischa weisend, der soeben mit seiner Rinde
-fertig geworden war.
-
-»Ich brauche eigentlich gar nicht zu fragen,« sagte Sergey Iwanowitsch,
-»wir haben hunderte und aber hunderte von Menschen gesehen und sehen
-sie noch, die alles verlassen, um einer guten Sache zu dienen. Von
-allen Enden Rußlands kommen sie herbei, und äußern offen und klar ihre
-Gedanken und Absichten. Sie bringen ihr Erspartes mit oder kommen
-selbst und sagen rückhaltlos, warum. Was bedeutet dies nun?«
-
-»Es bedeutet, nach meiner Meinung,« sagte Lewin, der warm zu werden
-begann, »daß sich in einem Volke von achtzig Millionen immer nicht nur
-Hunderte, wie jetzt, sondern Tausende von Menschen finden werden, die
-ihre gesellschaftliche Stellung eingebüßt haben, von Müßiggängern, die
-stets bereit sind, zur Bande Pugatscheffs, nach Khiwa oder nach Serbien
-zu gehen.«
-
-»Ich sage dir aber, daß es nicht Hunderte und keine Müßiggänger,
-sondern die besten Repräsentanten des Volkes sind,« sagte Sergey
-Iwanowitsch mit einer Gereiztheit, als verteidige er seine eigene
-Würde. »Und die Opfer? Hier drückt doch das ganze Volk seinen Willen
-aus!«
-
-»Das Wort >Volk< ist so unbestimmt,« sagte Lewin. »Die
-Bezirksschreiber, Lehrer, und von den Bauern je der Tausendste wissen
-wohl, worum es sich handelt. Die Übrigen achtzig Millionen, drücken
-nicht nur, wie Michailoff, ihren Willen gar nicht aus, nein, sie haben
-nicht einmal auch nur den geringsten Begriff davon, worüber sie ihren
-Willen äußern sollten. Welches Recht haben wir nun da, von einem
-Volkswillen zu sprechen?«
-
-
- 16.
-
-Sergey Iwanowitsch, in der Dialektik bewandert, leitete, ohne hierauf
-etwas einzuwenden, das Gespräch sogleich auf ein anderes Gebiet.
-
-»Wenn du den Volksgeist auf arithmetischem Wege erkennen willst, dann
-ist dies natürlich sehr schwer zu erreichen. Eine Abstimmung ist bei
-uns nicht eingeführt, und kann auch nicht eingeführt werden, weil sie
-den Willen des Volkes nicht ausdrückt; doch dafür giebt es andere
-Wege. Das liegt in der Luft und wird im Herzen empfunden. Ich spreche
-nicht mehr von jenen tieferen Strömungen, welche im stehenden Meere
-des Volkes sich bewegen und für jeden nicht von Vorurteilen befangenen
-Menschen klar sind. Man schaut nur die Gesellschaft im engsten Sinne
-des Wortes an. Alle die verschiedenartigsten Teile in der Welt der
-Intelligenz die sich vorher feindlich gegenüberstanden, fließen hier
-in Eins zusammen. Jeder Unterschied hört auf, alle gesellschaftlichen
-Organe sagen ein und dasselbe, alle empfinden eine elementare Kraft,
-die sie ergriffen hat und nun in einer bestimmten Richtung trägt.«
-
-»Die Zeitungen sagen allerdings ein und dasselbe,« meinte der Fürst.
-»Es ist damit ganz ebenso, wie bei den Fröschen vor einem Gewitter. Von
-ihrem Geschrei hört man nichts weiter.«
-
-»Frösche hin, Frösche her; ich gebe keine Zeitungen heraus und will
-sie auch nicht vertreten, sondern spreche nur von der Einmütigkeit im
-Denken in der Welt der Intelligenz,« sagte Sergey Iwanowitsch, sich zu
-seinem Bruder wendend.
-
-Lewin wollte antworten, doch der alte Fürst fiel ihm ins Wort.
-
-»Über diese Einmütigkeit läßt sich auch noch etwas Anderes sagen,«
-begann er, »da habe ich einen Schwiegersohn, Stefan Arkadjewitsch, Ihr
-kennt ihn ja. Er hat jetzt ein Amt als Mitglied einer Komiteekommission
-und noch etwas, ich weiß nicht mehr genau. Aber er hat da gar nichts
-zu thun -- nicht so Dolly, es ist ja kein Geheimnis! -- und bezieht
-doch achttausend Rubel Gehalt. Probiert nun und fragt ihn einmal, ob
-ihm dieses Amt etwas nützt; er wird Euch beweisen, daß es eines der
-notwendigsten ist. So rechtschaffen er auch sein mag, an einen Nutzen
-dieser achttausend Rubel wird er mich nicht glauben machen.«
-
-»Ja, er hat mich gebeten, Darja Aleksandrowna von der Erlangung des
-Amtes Mitteilung zu machen,« sagte Sergey Iwanowitsch mißvergnügt, in
-der Meinung, der Fürst spreche nicht zur Sache.
-
-»So ist es auch mit der Harmonie in der Presse. Man hat mir erklärt,
-so bald es Krieg giebt, giebt es verdoppelte Einnahmen. Warum sollen
-sie da nicht denken, daß die Geschicke des Volkes und der slavischen
-Brüder« --
-
-»Ich liebe viele Zeitungen nicht, doch ist das ungerecht,« sagte Sergey
-Iwanowitsch.
-
-»Ich würde nur eine Bedingung stellen,« fuhr der Fürst fort. »Alphonse
-Karr schrieb dies recht gut vor dem Kriege mit Preußen. >Ihr meint
-doch, daß der Krieg notwendig ist! Schön! -- Einer erklärt ihn denn
-auch, und in der Avantgarde geht es zum Sturm, zur Attacke, allen
-voran!<« --
-
-»Die Redakteure werden sich am besten dabei stehen!« lachte Katawasoff
-laut, sich seine Bekannten unter den Redakteuren vorstellend, wie sie
-in der Legion der Auserwählten ständen.
-
-»Nun, sie werden höchstens davonlaufen,« sagte Dolly, »sie können doch
-nur hinderlich sein.«
-
-»Wenn sie fliehen, so muß man mit Kartätschen dahinterherfeuern oder
-Kosaken mit Knuten hinstellen,« sagte der Fürst.
-
-»Das ist ein Scherz aber kein guter, nehmt es mir nicht übel, Fürst,«
-sagte Sergey Iwanowitsch.
-
-»Ich sehe nicht ein, daß es sich hier um Scherz handelte, daß« --
-begann Lewin, doch Sergey Iwanowitsch unterbrach ihn.
-
-»Jedes Mitglied der Gesellschaft ist berufen, die ihm gehörige
-Aufgabe zu vollführen,« sagte er. »Die Männer des Geistes erfüllen
-ihre Aufgabe, indem sie die öffentliche Meinung wiederspiegeln. Der
-einmütige und vollständige Ausdruck der öffentlichen Meinung ist der
-Dienst der Presse, und er ist auch eine sehr erfreuliche Erscheinung.
-Vor zwanzig Jahren hätten wir noch geschwiegen, jetzt aber wird
-die Stimme des russischen Volkes gehört, welches bereit ist, sich
-zu erheben, wie ein Mann, bereit, sich selbst zu opfern für die
-unterdrückten Mitbrüder. Dies ist ein großer Fortschritt, ein Gewinn an
-Kraft.«
-
-»Aber man will doch nicht nur opfern, sondern vielmehr den Türken
-schlagen,« bemerkte Lewin schüchtern. »Das Volk opfert und ist bereit,
-für seine Seele zu opfern, nicht aber für den Mord,« fügte er hinzu,
-das Thema unwillkürlich mit den Gedanken verbindend, die ihn so sehr
-beschäftigten.
-
-»Wie, für die Seele? Dies ist für den Naturforscher bekanntlich ein
-sehr schwieriger Ausdruck. Was ist denn Seele?« lächelte Katawasoff.
-
-»O, Ihr wißt es schon!«
-
-»Bei Gott, ich habe nicht die geringste Ahnung davon!« antwortete
-Katawasoff mit lautem Lachen.
-
--- »Ich bin nicht die Welt, aber ich habe ein Schwert gebracht, spricht
-Christus« -- entgegnete Sergey Iwanowitsch, einfach, als handle es sich
-um die leichtverständlichste Sache, und brachte damit jene Stelle aus
-dem Evangelium bei, die Lewin stets vor allem in Verwirrung gesetzt
-hatte.
-
-»So ist es,« wiederholte jetzt der Alte, der bei ihnen stand, indem er
-auf einen zufällig auf ihn gerichteten Blick antwortete.
-
-»Ja, ja, Batjuschka, wir sind geschlagen, vollständig geschlagen!« rief
-Katawasoff heiter.
-
-Lewin errötete vor Verdruß, nicht deshalb, weil er geschlagen sein
-sollte, sondern weil er nicht mehr an sich halten konnte, und wollte in
-den Wortstreit eintreten.
-
-»Doch nein,« dachte er dann, »ich mag nicht mit ihnen streiten, sie
-tragen einen undurchdringlichen Panzer, während ich nackt bin.«
-
-Er sah, daß er seinen Bruder und Katawasoff nicht überzeugen könne,
-und daß nun noch weniger eine Möglichkeit, mit ihnen seinerseits
-übereinzukommen vorhanden sei. Das, was sie predigten, war aber jener
-geistige Hochmut, der ihn beinahe vernichtet hätte. Er konnte sich
-nicht damit einverstanden erklären, daß eine Handvoll Menschen, unter
-ihnen sein Bruder, das Recht haben sollten, auf Grund dessen, was ihnen
-die hunderte der durch die Hauptstädte reisenden Freiwilligen erzählt
-hatten, zu sagen, sie und die Presse drückten die Meinung des Volkes
-aus, und noch dazu eine Meinung, die in Vergeltung und Mord ihren
-Ausdruck fand.
-
-Er konnte damit nicht übereinkommen, weil er gar keinen Ausdruck dieser
-Gedanken in dem Volke, in dessen Mitte er lebte, bemerkt, dieselben
-auch in sich selbst nicht gefunden hatte, und er konnte sich nicht für
-etwas Anderes halten, als für einen von jenen Menschen, aus denen das
-russische Volk besteht, hauptsächlich aber konnte er deshalb nicht
-zustimmen, weil er gleich dem Volke, weder wußte noch erfahren konnte,
-worin das allgemeine Wohl bestehe, während er genau wußte, daß die
-Erreichung dieses allgemeinen Wohles nur bei strenger Erfüllung jenes
-Gesetzes des Guten möglich sei, das jedem Menschen geoffenbart ist
-und er schon deshalb einen Krieg nicht wünschen, oder für allgemeine
-Zwecke irgend welcher Art eintreten könne. Er sprach im Einklang mit
-Michailowitsch und dem Volke, das seine Meinungen in der Überlieferung
-von der Herbeirufung der Warjäger ausdrückte:
-
-»Herrscht über uns, wir versprechen Euch freudig volle Ergebenheit.
-Alle Arbeit, alle Erniedrigung, alle Opfer nehmen wir auf uns, und wir
-wollen nicht selber richten und schlichten.«
-
-Jetzt aber hatte nach den Worten des Sergey Iwanowitsch das Volk auf
-dieses so teuer erkaufte Recht verzichtet.
-
-Er wollte noch sagen, daß wenn die öffentliche Meinung ein unfehlbarer
-Richter wäre, die Revolution und die Kommune doch ebenso gesetzmäßig
-sein müßte, wie diese Bewegung zu Gunsten der Slaven.
-
-Dies alles aber waren nur Gedanken, die nichts entscheiden konnten.
-Eines allein war unzweifelhaft zu sehr erkennbar: der Streit hatte
-Sergey Iwanowitsch jetzt gereizt, und es war deswegen nicht gut mit
-demselben zu disputieren. Lewin schwieg daher, und widmete seine
-Aufmerksamkeit nun den Gästen, da Wolken heraufgezogen kamen und man
-wohl daran that, nach Hause zu gehen, bevor es zu regnen begann.
-
-
- 17.
-
-Der Fürst und Sergey Iwanowitsch setzten sich in den Wagen und fuhren;
-die übrige Gesellschaft ging langsam zu Fuß nach Haus.
-
-Die Wolke kam indessen, bald weiß, bald schwarz, so schnell herauf, daß
-man den Schritt verdoppeln mußte, um noch vor dem Regen heim zu sein.
-
-Die vorauseilenden Wolken, niedrighängend und dunkel, wie Rauch mit
-Ruß, kamen mit ungewöhnlicher Schnelligkeit am Himmel herauf. Bis nach
-dem Hause waren noch zweihundert Schritt und schon erhob sich der Wind.
-Jede Sekunde mußte man den Regen erwarten.
-
-Die Kinder eilten mit erschrecktem und lustigem Geschrei voraus. Darja
-Aleksandrowna, die mühsam mit ihren Röcken kämpfte, welche sich um ihre
-Beine schlugen, ging schon nicht mehr, sondern lief, die Kinder nicht
-aus den Augen lassend. Die Männer gingen, ihre Hüte haltend, mit großen
-Schritten dahin, und waren gerade vor der Freitreppe, als ein großer
-Tropfen fiel und auf dem Rand der eisernen Rinne aufschlug. Die Kinder
-und hinter ihnen die Erwachsenen eilten in lustigem Gespräch unter das
-schützende Dach.
-
-»Wo ist Katharina Aleksandrowna?« frug Lewin die ihnen im Vorzimmer
-begegnende Michailowna, welche die Tücher und Plaids trug.
-
-»Wir dachten, sie käme mit Euch,« sagte sie.
-
-»Und Mitja?«
-
-»Ist wohl im Wäldchen, die Kinderfrau wird bei ihm sein.«
-
-Lewin ergriff sein Plaid und eilte nach dem Wäldchen.
-
-Während der kurzen Zwischenzeit hatte sich die Wolke schon so weit
-heraufbewegt, daß sie mit ihrem Mittelpunkt die Sonne deckte, und es so
-dunkel geworden war wie bei einer Sonnenfinsternis.
-
-Der Wind blies hartnäckig, als bestehe er auf seinem Rechte, und
-erschwerte Lewin das Gehen; er riß Blätter und Blüten von den Linden
-ab und beugte ungeschlacht die weißen Äste der Birken nach einer Seite
-nieder, die Akazien, die Blumen, das Gras und die Wipfel der Bäume.
-Mägde, die im Garten gearbeitet hatten, liefen mit Geschrei unter das
-Dach des Gesindehauses. Der weiße Schleier des strömenden Regens hatte
-schon den ganzen, fernen Wald bedeckt und die Hälfte des Feldes, und
-bewegte sich schnell auf das Wäldchen zu. Die Feuchtigkeit des Regens,
-der in feine Tröpfchen zersprühte, war in der Luft zu spüren.
-
-Den Kopf nach vorn niedergebeugt und mit dem Winde kämpfend, der ihm
-das Tuch entriß, war Lewin schon an das Wäldchen gelangt; schon hatte
-er etwas Weißes hinter einer Eiche erblickt, als plötzlich alles in
-Flammen stand, die ganze Erde aufloderte und gerade über Lewins Kopfe
-das Himmelsgewölbe krachend erbebte. Die geblendeten Augen öffnend,
-erblickte Lewin durch den dichten Schleier des Regens, der ihn jetzt
-vom Wäldchen trennte, zunächst den grünen Wipfel der ihm bekannten
-Eiche inmitten des Waldes, welcher in sonderbarer Weise seine Stellung
-verändert hatte.
-
-»Sollte sie zersplittert sein?« -- Lewin hatte dies noch kaum gedacht,
-als plötzlich der Wipfel der Eiche mehr und mehr die Bewegung
-beschleunigend, hinter den anderen Bäumen verschwand. Er vernahm das
-Krachen der auf die umgebenden Bäume stürzenden, großen Eiche.
-
-Das Licht des Blitzes, das Hallen des Donners und die Empfindung von
-einem ihn plötzlich mit Kälte umgebenden Körper flossen für Lewin in
-einem einzigen Eindruck des Schreckens zusammen.
-
-»Mein Gott! Mein Gott! Wenn es nur sie nicht getroffen hat!« brachte er
-hervor. Obwohl er sich sogleich sagte, wie sinnlos die Bitte von ihm
-war, sie möchten von der Eiche nicht getroffen worden sein, die nun
-doch schon gestürzt lag, wiederholte er dieselbe nochmals, da er nichts
-Besseres als so gedankenlos zu beten, zu thun wußte.
-
-An dem Platze, wo sie sich gewöhnlich aufhielten, fand er sie nicht.
-Sie waren am anderen Rande des Waldes unter einer alten Linde und
-riefen ihn. Zwei Gestalten in dunkeln Kleidern -- sie waren vorher
-hell gewesen -- standen dort, über etwas gebeugt. Es war Kity und die
-Kinderfrau. Der Regen hatte bereits aufgehört, und es begann wieder
-hell zu werden, als Lewin sie erreichte. Die Kinderfrau hatte die
-Unterkleider noch trocken, Kitys Kleid aber war durch und durch naß und
-klebte. Obwohl kein Regen mehr fiel, verharrten sie noch immer in der
-Stellung, die sie eingenommen hatten, als das Gewitter losbrach. Beide
-standen mit einem grünen Sonnenschirme über den kleinen Wagen gebeugt.
-
-»Lebt Ihr? Seid Ihr unversehrt? Gott sei gedankt!« sprach er, mit dem
-wassergefüllten Stiefel in das Wasser tretend, welches sich noch nicht
-verlaufen hatte.
-
-Das gerötete, feuchte Gesicht Kitys war ihm zugewandt und lächelte
-sanft unter dem Hute hervor, der seine Façon verloren hatte.
-
-»Du müßtest dir aber Vorwürfe machen! Ich begreife nicht, wie man so
-unvorsichtig sein kann!« sagte er ärgerlich zu seinem Weibe.
-
-»Ich bin bei Gott nicht schuld. Wir wollten gerade fort, da ging es
-los. Wir mußten das Kind anders legen und waren kaum« -- entschuldigte
-sich Kity.
-
-Mitja war unversehrt, trocken und schlief ruhig fort.
-
-»Gott sei gedankt! Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«
-
-Sie nahmen die nassen Windeln, die Kinderfrau wickelte das Kind aus
-und trug es. Lewin ging neben seiner Frau; er machte sich Vorwürfe
-wegen seiner Heftigkeit und drückte ihr, nur verstohlen, wegen der
-Kinderfrau, die Hand.
-
- 18.
-
-Während des ganzen Tages empfand Lewin in den verschiedensten
-Gesprächen, an denen er gleichsam nur mit der Außenseite seines
-Verstandes teilnahm, mit Freude, wie voll sein Herz war.
-
-Nach dem Regen war es zu naß zum Spazierengehen geworden; dazu kam, daß
-auch die Gewitterwolken nicht vom Horizonte wichen, sondern donnernd
-und dunkel am Rande des Himmels bald hierhin bald dorthin zogen. Die
-ganze Gesellschaft verbrachte daher den Rest des Tages im Hause.
-
-Debatten gab es nicht mehr, im Gegenteil befand sich alles nach dem
-Mittagessen bei bester Laune.
-
-Katawasoff unterhielt die Damen anfangs mit seinen originellen Späßen,
-die stets so gut gefielen, sobald man mit ihm bekannt wurde, sprach
-aber dann, von Sergey Iwanowitsch aufgefordert, über seine sehr
-interessanten Beobachtungen des Unterschieds in den Charakteren und
-selbst Physiognomien der männlichen und weiblichen Mücken, sowie von
-deren Leben.
-
-Sergey Iwanowitsch war gleichfalls gut aufgelegt und entwickelte, vom
-Bruder veranlaßt, beim Thee seine Ansicht über die Zukunft der Frage
-bezüglich des Ostens, so einfach und so gut, daß ihm alles lauschte.
-
-Nur Kity konnte ihn nicht zu Ende hören; man rief sie zu Mitja, der
-gewaschen werden sollte.
-
-Wenige Minuten, nachdem Kity verschwunden war, wurde Lewin zu ihr in
-die Kinderstube gebeten. Seinen Thee stehen lassend, ging er, die
-Unterbrechung des interessanten Gesprächs bedauernd, zugleich aber
-auch besorgt über den Grund weshalb man ihn rufe -- er wurde nur bei
-wichtigen Dingen gerufen -- in die Kinderstube.
-
-Obwohl ihn der nicht zu Ende gehörte Plan Sergey Iwanowitschs, wie
-die befreite Welt der vierzig Millionen Slaven mit Rußland zusammen
-eine neue historische Epoche herbeiführen müsse, ein Plan, der für
-ihn als etwas völlig Neues sehr interessant war -- obwohl ihn daher
-die Neugier, zugleich aber auch die Besorgnis, weshalb man ihn rufe,
-quälten -- so fielen ihm doch, sobald er allein war und den Salon
-hinter sich hatte, seine Gedanken vom Morgen wieder ein, und alle
-die Betrachtungen über die Bedeutung des slawischen Elements in der
-Weltgeschichte erschienen ihm nun so nichtig im Vergleich zu dem, was
-in seiner Seele geschah, daß er augenblicklich alles dies vergaß und
-sich wieder in die Stimmung versetzte, in der er heute Morgen gewesen.
-
-Er rief sich jetzt nicht mehr wie früher erst seinen ganzen
-Gedankengang ins Gedächtnis zurück -- das brauchte er nicht mehr --
-sondern versetzte sich sofort in das Gefühl, welches ihn beherrschte,
-und mit jenen Gedanken in Verbindung stand, und fand dasselbe in seiner
-Seele noch weit stärker und bestimmter geworden, als früher. Es ging
-ihm jetzt nicht mehr so, wie bei seinen früheren künstlich ersonnenen
-Beruhigungsversuchen, bei denen er seinen gesamten Gedankengang wieder
-zusammenstellen mußte, um ein Gefühl zu finden. Jetzt war im Gegenteil
-die Empfindung der Freude und Ruhe lebendiger als vorher und sein
-Denken reifte gar nicht vor seinem Fühlen.
-
-Er schritt über die Terrasse und schaute nach zwei Sternen, die an
-dem schon dunkelnden Himmel hervortraten, und plötzlich fiel ihm ein,
-»ja, zum Himmel emporblickend, habe ich gegrübelt, daß das Gewölbe da
-oben, welches ich sehe, nicht wirklich sei, dabei aber ein Etwas nicht
-mitbedacht, was ich vor mir selbst verbarg! Nun, was dort oben auch
-sein mag, einen Einwand kann es nicht geben. Man muß das wohl bedenken
--- und alles klärt sich dann auf.«
-
-Schon bei seinem Eintritt in die Kinderstube fiel es ihm bei, was er
-sich selbst verhehlt hatte. Es war dies: »Wenn der höchste Beweis der
-Gottheit in deren Offenbarung, im Wesen des Guten beruhte, weshalb
-beschränkte sich dann diese nur auf die christliche Kirche? In was für
-Beziehungen zu dieser Offenbarung standen nun die Glaubensbekenntnisse
-der Buddhisten, der Mohammedaner, die doch auch an das Gute glaubten
-und es thaten?«
-
-Ihm schien, daß es eine Antwort auf diese Frage für ihn gab, doch hatte
-er sich diese noch nicht gegeben, da trat er schon in die Kinderstube
-ein.
-
-Kity stand mit aufgestreiften Ärmeln an der Wanne über das
-plätschernde Kind gebeugt und wandte, als sie die Schritte des Gatten
-hörte, diesem ihr Gesicht zu. Sie rief ihn lächelnd zu sich. Mit der
-einen Hand hielt sie den wohlgenährten Kleinen, der auf dem Rücken
-schwamm, unter dem Köpfchen, mit der andern drückte sie ein Schwämmchen
-über ihm aus.
-
-»Ach, sieh nur sieh,« sagte sie, als ihr Mann herzutrat. »Agathe
-Michailowna hat Recht. Es erkennt uns schon.«
-
-Es hatte sich also darum gehandelt, daß Mitja seit dem heutigen Tage
-augenscheinlich schon alle die Seinen erkannte.
-
-Kaum war Lewin an die Wanne getreten, so wurde vor ihm der Versuch
-angestellt, und er gelang vollständig. Die Köchin, die eigens dazu
-herbeigerufen worden war, beugte sich über das Kind. Das Kind machte
-ein mürrisches Gesicht und bewegte ablehnend das Köpfchen. Nun beugte
-sich Kity darüber, da erglänzte es von einem Lächeln, stemmte sich
-mit den Ärmchen gegen den Schwamm und stieß einen so behaglichen und
-eigentümlichen Laut aus, daß nicht nur Kity und die Kinderfrau, sondern
-auch Lewin in ungeahntes Entzücken gerieten. Man nahm das Kind auf
-einem Arme aus der Wanne, spülte es mit Wasser ab, wickelte es in ein
-Tuch und gab es, nachdem nochmals ein durchdringender Schrei ertönt
-war, der Mutter.
-
-»Ich freue mich nur, daß du anfängst, es lieb zu gewinnen,« sagte Kity
-zu ihrem Gatten, nachdem sie sich, das Kind am Busen, ruhig auf ihren
-gewohnten Platz gesetzt hatte. »Ich freue mich sehr darüber. Es hatte
-mich auch schon recht erbittert. Du sagtest doch, daß du gar nichts für
-den Kleinen fühltest.«
-
-»Nun, habe ich etwa gesagt, ich fühlte nichts für ihn? Ich habe nur
-gesagt, daß ich von ihm enttäuscht worden wäre.«
-
-»Wie; von dem Kinde enttäuscht?«
-
-»Nicht von ihm enttäuscht, wohl aber von meinem Gefühl. Ich hatte mehr
-erwartet. Ich hatte erwartet, daß sich, gleich einer Überraschung, in
-mir ein ganz neues und angenehmes Gefühl regen würde. Und plötzlich,
-anstatt dessen, fühlte ich nur Widerwillen und Mitleid« --
-
-Sie hörte ihm aufmerksam zu, während sie ihre Ringe wieder auf die
-feinen Finger steckte, die sie vorher abgestreift hatte, um das Kind zu
-baden.
-
-»Die Hauptsache dabei war doch, daß es bei weitem mehr Schrecken und
-Schmerz gegeben hat, als Freude. Heute, nach dem Schrecken während des
-Gewitters habe ich erkannt, wie ich das Kind liebe.«
-
-Kity erstrahlte von einem Lächeln.
-
-»Du warst wohl sehr in Schrecken?« frug sie. »Ich war es auch, doch ist
-mir es jetzt noch viel ängstlicher zu Mut, nachdem es vorbei ist. Ich
-werde mir die Eiche besehen. O wie lieb doch Mitja ist! Das Kind ist
-überhaupt den ganzen Tag so reizend gewesen, doch du bist wohl so gut,
-dich mit Sergey Iwanowitsch zu beschäftigen -- wenn du willst -- geh'
-doch jetzt zu ihm. Es ist so wie so hier bei der Wanne stets sehr heiß
-und dunstig.«
-
-
- 19.
-
-Nachdem Lewin die Kinderstube verlassen hatte und allein war, fiel ihm
-sogleich jener Gedanke wieder ein, in dem ihm etwas unklar geblieben
-war.
-
-Anstatt in den Salon zu gehen, aus welchem Stimmen vernehmbar waren,
-blieb er auf der Terrasse stehen und schaute, auf das Geländer
-gestützt, zum Himmel hinauf.
-
-Es war schon völlig dunkel geworden, doch im Süden, wohin er blickte,
-waren keine Wolken sichtbar. Diese standen auf der entgegengesetzten
-Seite und von dorther zuckten Blitze und war ferner Donner vernehmbar.
-Lewin lauschte den taktmäßig von den Linden des Gartens fallenden
-Regentropfen und blickte zu dem ihm so wohlbekannten Sternendreieck auf
-und der mitten hindurchgehenden Milchstraße mit ihrem Schimmer. Bei
-jedem Aufleuchten des Blitzes verschwanden nicht nur die Milchstraße,
-sondern auch die hellen Sterne, kaum aber war der Funke erloschen, so
-zeigten sie sich wieder wie von einer Hand geworfen, an ihren alten
-Stellen.
-
-»Nun, was beunruhigt mich denn?« sagte Lewin zu sich, schon vorher
-empfindend, daß die Lösung seiner Zweifel, obwohl er dieselbe noch
-nicht kannte, bereits fertig in seiner Seele liege. »Ja, Eines ist
-die offenkundige, unzweifelhafte Offenbarung der Gottheit; das sind
-die Gesetze des Guten, die der Welt als Offenbarung kund gethan sind,
-die ich in mir fühle und zu deren Erkenntnis ich -- mag ich wollen
-oder nicht -- mit den anderen Menschen vereinigt bin zu einer einzigen
-Gesellschaft von Gläubigen die man Kirche nennt. Auch die Hebräer,
-Chinesen, Buddhisten -- was sind sie?« legte er sich jene Frage vor,
-die ihm so gefährlich erschienen war. »Sollten diese Hunderte von
-Millionen Menschen jenes höchsten Gutes beraubt sein, ohne welches
-das Dasein keinen Sinn hat?« Er wurde nachdenklich, raffte sich aber
-sogleich wieder auf, »wonach frage ich denn? Ich frage nach den
-Beziehungen aller der verschiedenen Glaubensrichtungen der ganzen
-Menschheit zur Gottheit. Ich frage nach der allgemeinen Offenbarung
-Gottes für die ganze Welt mit all diesen Nebelflecken dort oben. Was
-aber thue ich? Mir persönlich, meinem Herzen ist jene Erkenntnis
-unzweifelhaft geoffenbart, die unerreichbar bleibt für den Verstand,
-während ich sie hartnäckig durch meinen Verstand und mein Wort
-ausdrücken will. Weiß ich denn nicht, daß die Sterne nicht wandelten?«
-frug er sich, nach einem hellleuchtenden Planeten aufschauend, der
-bereits seine Stellung zu dem obersten Ast einer Birke verändert hatte.
-»Dennoch aber kann ich mir, auf die Bewegung der Sterne blickend, nicht
-auch vorstellen, daß die Erde sich bewegt, und ich habe doch recht mit
-der Behauptung, daß die Sterne wandeln. Hätten denn die Astronomen
-etwas erkennen und berechnen können, wenn sie alle die verwickelten
-verschiedenartigen Bewegungen der Erde mit ins Auge gefaßt hätten? Alle
-ihre wunderbaren Schlüsse über den Abstand, das Gewicht, die Bewegungen
-und Veränderungen der Himmelskörper sind nur auf der wahrnehmbaren
-Bewegung der Gestirne rings um die unbewegliche Erde begründet, auf
-der nämlichen Bewegung, die jetzt vor mir liegt und so gewesen ist für
-Millionen von Menschen im Lauf von Jahrhunderten und stets sich gleich
-bleiben wird, auch stets kontrolliert werden kann. Ebenso nun, wie die
-Schlüsse der Astronomen müßig gewesen sein würden, wären sie nicht auf
-den Beobachtungen des sichtbaren Himmels mit einem Meridian und einem
-Horizont begründet, ebenso würden auch meine Schlüsse müßig sein,
-wären sie nicht auf dem Begriff des Guten begründet, das für alle
-stets vorhanden war und unangetastet bleiben wird, und, mir durch das
-Christentum geoffenbart, in meiner Seele stets beglaubigt werden kann.
-Die Fragen nach anderen Glaubensrichtungen und deren Beziehungen zur
-Gottheit habe ich weder das Recht noch das Vermögen, zu entscheiden.«
-
-»Bist du nicht heimgegangen?« erklang plötzlich die Stimme Kitys, die
-auf demselben Wege nach dem Salon ging. »Was sagst du, bist du nicht
-bei Laune?« sprach sie, ihm aufmerksam beim Scheine der Sterne ins
-Gesicht blickend. Sie würde dieses aber nicht genau erkannt haben, wenn
-ihn nicht abermals ein Blitz, der die Sterne verdunkelte, beleuchtet
-hätte. Bei dem Schein desselben gewahrte sie sein Antlitz und lächelte,
-nachdem sie bemerkt hatte, daß es ruhig und froh erschien.
-
-»Sie versteht,« dachte er, »sie weiß woran ich denke. Soll ich es ihr
-sagen oder nicht? Ja, ich sage es ihr.«
-
-Doch gerade im Augenblick, als er zu sprechen beginnen wollte, ergriff
-auch sie das Wort.
-
-»Mein Konstantin, thu' mir doch den Gefallen,« sagte sie, »und gehe
-nach dem Eckzimmer, um nachzusehen, ob für Sergey Iwanowitsch alles in
-Ordnung gebracht ist. Für mich ist das nicht recht schicklich. Hat man
-ein neues Waschbecken hineingestellt?«
-
-»Gut, ich werde sofort gehen,« sagte Lewin, indem er aufstand und sie
-küßte. »Nein, ich brauche nicht zu reden,« dachte er, während sie ihm
-voranschritt. »Dies ist ein Geheimnis, das nur für mich war, wichtig
-und nicht in Worten auszudrücken. Dieses neue Gefühl hat mich nicht
-verraten, nicht des Glückes beraubt, mich nicht plötzlich erleuchtet,
-wie ich geträumt hatte -- ebensowenig wie die Empfindung für meinen
-Sohn. Es war auch keine Überraschung dabei. Ist dies nun der Glaube,
-oder ist er es nicht, ich weiß nicht, was es ist, aber es ist mir
-unmerklich in meinen Leiden gekommen und hat sich in meiner Seele fest
-eingenistet. Ich werde noch immer so auf meinen Kutscher Iwan zornig
-werden, werde noch so weiter disputieren, meine Gedanken rückhaltlos
-aussprechen, es wird die heilige Mauer bestehen bleiben zwischen meiner
-Seele und den anderen, selbst meinem Weibe, ich werde dieses auch
-tadeln wegen seiner Furcht, und Reue darüber empfinden und werde nicht
-mit dem Verstande begreifen, warum ich bete; aber ich werde beten und
-mein Leben, mein ganzes Leben soll jetzt von allem unabhängig sein,
-was sich mit mir ereignen kann; keine Minute desselben soll mehr
-gedankenlos bleiben -- wie früher -- sondern die nicht anzuzweifelnde
-Idee des Guten in sich tragen, die ich die Macht besitze, ihr
-einzupflanzen.«
-
- _Ende_.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription:
-
-Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise
-und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
-
-Die unterschiedlichen Schreibweisen der Vor- und Zunamen wurden
-beibehalten, außer es handelt sich um offensichtliche Druckfehler.
-
-In der Fußnote [C] wurde der Punkt über dem Buchstaben z in [.z] in den
-Worten [.z]yda und do[.z]idalsja geändert.
-
-Gesperrter Text wurde mit Unterstrich markiert (_Text_). Text in Antiqua
-wurde mit Gleichheitszeichen markiert (=text=).
-
-Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
-Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
-
- S. 10: aller Gebräuche beharrte -> beharrten
- S. 11: mit seiner, auf der -> dem
- S. 16: versetzte Lewin und befahl Kuzma -> Kusma
- S. 17: Fonds des Ikonastas -> Ikonostas
- S. 28: sie so verweint -> verweint aus
- S. 30: deswegen wird der Mensch -> »deswegen
- S. 30: »Jesu freue dich« ausführte -> ausführten
- S. 35: einem zärtlichen langem -> langen
- S. 38: das Böse, daß -> das sie
- S. 40: klammerte er sich an jeder -> jede
- S. 50: um es zu berechnen -> brechen
- S. 51: aber seine Lippen fibrierten -> vibrierten
- S. 52: haben, was sie sah -> sahen
- S. 53: noch nicht angeschlagenes. -> angeschlagenes.«
- S. 53: die Einheit des Eindrucks. -> Eindrucks.«
- S. 55: Standpunkte der Ueberzeugung -> Überzeugung
- S. 67: Du hast da ein -> »Du
- S. 67: sonst werde ich in -> »sonst
- S. 69: sie beide in beständigen -> beständigem
- S. 77: Gatten blickend, welchen -> welchem
- S. 101: Ich thue das nicht von mir aus -> aus.
- S. 102: Zeit in Petersburg verbereitet -> verbreitet
- S. 110: welch ein herrlicher Tag ist -> »welch
- S. 121: Sergey schaute mit erschreckten -> erschrecktem
- S. 124: Sagt mirs doch, -> doch,«
- S. 127: er diese wenige -> wenigen
- S. 136: seine Mutter versetzten -> versetzte
- S. 136: was der Mutter sogar -> so gar
- S. 144: seiner Worte gar nicht zu verstehen -> verstehen.
- S. 156: hübscher Zeitvertreib ist. -> ist.«
- S. 160: aber er konnte -> könnte
- S. 169: »Ich werde jetzt -> Ich
- S. 185: daß er in meinem -> »daß
- S. 186: in der Luft drehend, Krack -> Krak
- S. 192: bei der Ankunft witterte Krack -> Krak
- S. 192: in welches Krack -> Krak
- S. 193: Eine Bekasse machte sich -> Bekassine
- S. 197: Wjeslowskij, der wolgemut -> wohlgemut
- S. 205: nur aus Prinzip nicht? -> nicht?«
- S. 208: ihm mit schnellen, leichten -> schnellem, leichtem
- S. 211: nicht erfahren, wo sie sind. -> sind.«
- S. 211: stell', mein Laska, stell'! -> stell, mein Laska, stell!
- S. 213: Maria Wlasjewna -> Marja
- S. 225: sehr recht die Lewin hatte -> hatten
- S. 227: an der Krippe -> in der Krippe
- S. 228: mich ereifernd, schaltend -> scheltend
- S. 230: Sensendängelns -> Sensendengelns
- S. 237: in nichts verändert worden, -> worden.
- S. 241: Die Ani? -> Any
- S. 242: yes, mylady! -> »yes
- S. 244: Il est très-gentil -> très gentil
- S. 245: au breakfeast -> breakfast
- S. 245: Lown tennis -> Lawn tennis
- S. 255: Gerade als ob sie -> »Gerade
- S. 259: die Plinte -> Plinthe
- S. 269: Ich sehe nur -> »Ich
- S. 275: wenn er zurückkehren -> wann er zurückkehren
- S. 281: wie im kleinen Sale -> Saale
- S. 287: welches ihr liebes Enkelchen -> welche
- S. 289: neben ihm saß -> der neben ihm saß
- S. 293: sagte Swijashskiy -> Swijashskiy.
- S. 304: Unterhaltungen mit der Fürstin Barbara -> Barbara,
- S. 310: in einer Weise, das -> daß
- S. 313: doch nicht darüber, das -> daß
- S. 314: frug Lewin.« -> Lewin.
- S. 315: und für den Wagen Katarina -> Katharina
- S. 320: nach dem Metroff -> nachdem
- S. 321: Verse des Dichters Mcnt -> Ment
- S. 324: mit den Knaben -> »mit
- S. 329: plötzlichen Tode der Arpaksin -> Apraksina
- S. 331: verursachte, die Galoschen -> Kaloschen
- S. 336: etwas Witziges zu sagen.« -> sagen.
- S. 338: Solltet Ihr? -> Ihr!
- S. 338: Lewin spielst du?« -> du?
- S. 345: Graf Aleksey Kyrillowitsch -> Kyrillowitsch«
- S. 349: warum sie ihn gebeten -> worum
- S. 350: waren endgiltig entschieden -> endgültig
- S. 364: Arzt, welche eine -> welcher
- S. 366: Antlitz Kitys mit den -> dem
- S. 371: sagte Lisebetha Petrowna -> Lisabetha
- S. 372: welche er nun eine Attake -> Attacke
- S. 373: las Aleksey Alesandrowitsch -> Aleksandrowitsch
- S. 375: Die moskauer -> Moskauer
- S. 382: das sind die Passagiere; -> Passagiere.
- S. 382: voll Wemut -> Wehmut
- S. 382: schlug, purporrot werdend -> purpurrot
- S. 387: zu der Gräfin Lydia Iwanowna. -> Iwanowna.«
- S. 388: zu ihrem Sohne gemacht hat. -> hat.«
- S. 389: hat er die Stimme gehört, -> gehört,«
- S. 390: warum es sich handelte -> worum
- S. 402: Aber wenn -> wann
- S. 402: Wenn wir reisen -> Wann
- S. 404: ohne seine finstere -> finster
- S. 404: daß er schlimmer -> »daß
- S. 405: ich nicht gestorben? -> gestorben?«
- S. 405: sie mußte sterben«. -> sterben.«
- S. 406: auf welcher -> welchen
- S. 406: gerade sein Beafsteak -> Beefsteak
- S. 407: versprach er einen entgültigen -> endgültigen
- S. 407: dachte sie dabe -> dabei
- S. 410: Wenn reist Ihr -> Wann
- S. 415: in lilafarbigen Hut -> im
- S. 418: frisiert, aber wenn -> wann
- S. 418: nicht erinnern, wenn -> wann
- S. 418: Wie konnte er nur -> »Wie
- S. 426: Das ist Gerechtigkeit! -> Gerechtigkeit!«
- S. 427: auf der Strecke Nishnegorod -> Nishegorod
- S. 428: mit selbst -> mit sich selbst
- S. 429: aber nun unaufenthaltsam -> unaufhaltsam
- S. 430: Stationsgebäude der Nishnegoroder -> Nishegoroder
- S. 432: anders, als solche klägliche -> kläglichen
- S. 439: folgte ein tötliches -> tödliches
- S. 440: Speechs -> Speeches
- S. 447: gegen wenn -> wen
- S. 447: als vorzügliche Bursche -> Burschen
- S. 449: unter dem Eisenbahnzug -> den
- S. 455: Man muß es hübsch -> »Man
- S. 455: Es weiß es ja -> Er
- S. 460: solchen neuen zu vertauscht -> solchen neuen vertauscht
- S. 465: aufzugeben, ebenso -> ebensowenig
- S. 470: 13. -> 12.
- S. 471: daß es ihn ganz -> ihm
- S. 473: fordert, das man alle -> daß
- S. 476: Was ist der Erlöser?« -> Erlöser?
- S. 476: sich schauend -> scheuend
- S. 477: Wagen mit den -> dem
- S. 483: darüber gegeben hat. -> hat.«
- S. 483: warum es sich handelt -> worum
- S. 495: unter dem Köpfchen -> Köpfchen,
- S. 496: so wohlkannten Sternendreieck -> wohlbekannten
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Anna Karenina, 2. Band, by Leo N. Tolstoi
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANNA KARENINA, 2. BAND ***
-
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-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation information page at www.gutenberg.org
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at 809
-North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
-contact links and up to date contact information can be found at the
-Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
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-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
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-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
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