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Tolstoi. - - - - Nach der siebenten Auflage übersetzt - - von - - Hans Moser. - - - Zweiter Band. - - - - Leipzig - - Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. - - * * * * * - - - - - Fünfter Teil. - - 1. - - -Die Fürstin Schtscherbazkaja fand, daß es unmöglich sei, die Hochzeit -vor den Fasten, bis zu denen noch fünf Wochen waren, zu feiern, da die -eine Hälfte der Ausstattung bis dahin nicht fertig zu stellen war; -doch konnte sie nicht umhin, sich mit Lewin einverstanden zu erklären, -daß es nach den Fasten wieder viel zu spät werden würde, da eine alte -Tante des Fürsten Schtscherbazkiy sehr krank war und bald sterben -konnte, und alsdann die Trauer die Hochzeit noch weiter verzögert -haben würde. Die Fürstin erklärte sich infolge dessen, nachdem sie die -Mitgift in zwei Partieen -- eine große und eine kleine geteilt hatte, -damit einverstanden, daß die Hochzeit zu den Fasten gefeiert würde. Sie -beschloß den kleineren Teil der Mitgift schon jetzt bereit zu machen, -während der größere später folgen würde, und war sehr erbost über -Lewin, weil dieser ihr durchaus nicht ernsthaft zu antworten vermochte, -ob er hiermit einverstanden sei oder nicht. Diese Ordnung der Dinge war -um so bequemer, als die jungen Eheleute sogleich nach der Hochzeit auf -das Land gingen, wo die große Mitgift gar nicht erforderlich war. - -Lewin befand sich noch immer in jenem Zustande der Verzücktheit, in -welchem es ihm schien, als ob er und sein Glück den hauptsächlichsten -und einzigen Zweck alles Seienden bildete, daß er jetzt an nichts -denken, für nichts sorgen dürfe, daß vielmehr alles für ihn von anderen -gemacht wurde oder gemacht werden würde. Er hatte durchaus keine Pläne -oder Ziele für sein zukünftiges Leben, sondern gab die Entscheidung -hierüber anderen anheim in der Überzeugung, es werde schon alles gut -gehen. Sein Bruder Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch und die -Fürstin leiteten ihn an, was er zu thun habe, und er war vollständig -einverstanden mit allem, was man ihm vorschlug. Sein Bruder nahm Geld -für ihn auf, die Fürstin riet, nach der Hochzeit Moskau zu verlassen, -Stefan Arkadjewitsch riet, eine Hochzeitsreise ins Ausland zu machen. -Er war mit allem einverstanden. »Thut was Ihr wollt, wenn es Euch -Vergnügen macht. Ich bin glücklich, und mein Glück kann nicht größer -sein und nicht kleiner, was immer Ihr auch thun möget,« dachte er. - -Als er Kity den Rat Stefan Arkadjewitschs mitteilte, eine -Hochzeitsreise ins Ausland zu machen, wunderte er sich sehr, daß sie -damit nicht einverstanden war, sondern bezüglich des beiderseitigen -künftigen Lebens gewisse eigene bestimmte Forderungen stellte. Sie -wußte, daß Lewin seine Beschäftigung auf dem Lande hatte, die er -liebte. Sie verstand, wie er sah, nicht nur nichts hiervon, sondern -wollte auch gar nichts davon verstehen lernen, doch hinderte sie dies -nicht, jene Beschäftigung für sehr wichtig zu halten. Sie wußte ferner, -daß ihr Haus in einem Dorfe stand, und wünschte nun eben, nicht ins -Ausland zu fahren, wo sie ja nicht leben würde, sondern dorthin, wo -ihr Haus stand. Dieser bestimmt ausgeprägte Entschluß setzte Lewin -in Verwunderung, doch da ihm alles gleichgültig war, bat er sogleich -Stefan Arkadjewitsch, als ob dies dessen Verpflichtung wäre, auf das -Dorf zu fahren und dort alles vorzubereiten, wie er es verstünde, mit -jenem Geschmack, den er in so reichem Maße besäße. - -»Höre einmal,« sagte nun eines Tags Stefan Arkadjewitsch zu Lewin, --- vom Dorfe zurückgekommen, woselbst er alles für die Ankunft des -jungen Paares eingerichtet hatte -- »hast du denn ein Zeugnis, daß du -gebeichtet hast?« - -»Nein. Warum?« - -»Ohne dies wirst du nicht getraut!« - -»O, o, o,« rief Lewin aus; »ich habe ja schon seit neun Jahren keine -Fasten mehr innegehalten. Daran habe ich gar nicht gedacht!« - -»Du bist mir Einer,« lachte Stefan Arkadjewitsch, »und mich willst -du einen Nihilisten nennen! Aber das geht wirklich nicht -- du mußt -fasten.« - -»Wann denn? Es sind noch vier Tage übrig.« - -Stefan Arkadjewitsch ordnete auch dies, und Lewin begann zu fasten. -Für ihn, als einen Häretiker, der aber gleichwohl den Glauben anderer -achtete, war die Gegenwart und Teilnahme bei jeder Art von kirchlichen -Ceremonien sehr lästig. Jetzt, in seiner allen gegenüber gefühlvollen, -weichen Seelenstimmung, in der er sich befand, war dieser Zwang zu -heucheln, Lewin nicht nur lästig, er schien ihm vielmehr vollständig -undurchführbar. Jetzt, in seiner vollen Mannhaftigkeit und Blüte sollte -er entweder lügen oder spotten! Er fühlte sich nicht in der Lage, eines -von beiden zu thun, aber soviel er Stefan Arkadjewitsch auch anliegen -mochte, ob er nicht ein Zeugnis erhalten könne, ohne gefastet zu haben, -Stefan Arkadjewitsch erklärte, dies sei unmöglich. - -»Und was kann es dir darauf ankommen -- zwei Tage? Er ist ein so -lieber, verständiger Geistlicher und wird dir diesen Zahn ausziehen, -daß du es gar nicht gewahr wirst.« - -In der ersten Messe machte Lewin den Versuch, in sich die Erinnerungen -an seine Jünglingszeit und jene mächtigen religiösen Gefühlsregungen -wieder aufzufrischen, die er in seinem sechzehnten und siebzehnten -Jahre durchlebt hatte. Doch alsbald überzeugte er sich, daß ihm dies -vollständig unmöglich war. Er versuchte nun, auf alles das zu blicken, -wie auf eine eitle Sitte, die keine innere Bedeutung besaß, und -Ähnlichkeit mit der Sitte des Visitemachens hatte, empfand aber, daß -er auch dies durchaus nicht über sich gewann. Lewin befand sich der -Religion gegenüber, wie die Mehrzahl seiner Altersgenossen, auf einem -vollständig unbestimmten Standpunkt. Glauben konnte er nicht, war aber -bei alledem doch nicht fest überzeugt davon, daß alles Glauben unwahr -sei, und so empfand er denn -- weder imstande, an die Bedeutsamkeit -dessen zu glauben, was er that, noch fähig, gleichgültig darauf zu -schauen, wie auf eine leere Formalität -- während der ganzen Zeit -dieser Fasten ein Gefühl von Unbehagen und Scham, indem er that, was -er selbst nicht verstand und was, wie ihm eine innere Stimme sagte, -gewissermaßen irrig und nicht gut war. - -Während der Kirchenfeier lauschte er bald den Gebeten und bemühte sich, -ihnen eine Bedeutung beizulegen, die mit seinen Anschauungen nicht -in Konflikt geriet, bald suchte er, in der Empfindung, daß er nichts -verstehen könne und sie verwerfen müsse, die Gebete nicht zu hören und -beschäftigte sich mit seinen Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen, -die mit außerordentlicher Lebhaftigkeit während dieses müßigen Stehens -in der Kirche in seinem Kopfe durcheinandergingen. - -Er hörte die ganze Messe, die Vigilien und am andern Tage, zeitiger als -sonst aufgestanden, begab er sich, ohne den Thee genommen zu haben, -um acht Uhr morgens wieder in die Kirche, um die Frühgebete und die -Beichte zu hören. - -In der Kirche befand sich nur ein armer Soldat, zwei alte Weiber und -die Kirchendiener. - -Ein junger Diakonus, dessen langer Rücken sich in zwei Hälften -scharf unter dem dünnen Leibrock abhob, trat ihm entgegen und begann -sogleich, zu einem kleinen Tischchen an der Wand tretend, zu lesen. -An der Art seines Lesens, besonders an der häufigen und schnell -aufeinanderfolgenden Wiederholung der nämlichen Worte »Herr erbarme -dich unser«, die von der Hast völlig entstellt klangen, fühlte Lewin, -wie ihr Sinn für diesen Mann verschlossen und versiegelt war, fühlte -aber auch, daß es sich nicht zieme, jetzt daran zu rühren, da hieraus -nur eine Verwickelung entstehen konnte -- und so fuhr er fort, hinter -dem Geistlichen stehend, ohne ihn zu hören oder sich in ihn zu -versenken, an seine eigenen Angelegenheiten zu denken. - -»Es liegt wunderbar viel Ausdruck in ihrer Hand,« dachte er, sich -vergegenwärtigend, wie sie gestern beide am Ecktisch gesessen hatten. -Zu sprechen hatten sie wenig miteinander gehabt, wie das fast stets -während dieser Zeit ist; sie hatte, nur die Hand auf den Tisch legend, -diese geöffnet und geschlossen und dazu gelacht, indem sie auf ihre -Bewegung blickte. Er dachte daran, wie er die Hand geküßt und dann die -ineinanderlaufenden Linien auf der rosigen Handfläche betrachtet hatte. - -»Wieder das entstellte >Herr erbarm dich<,« dachte Lewin, sich -bekreuzend, verbeugend und auf die geschmeidige Bewegung des Rückens -des sich beugenden Diakonus schauend. »Sie nahm darauf meine Hand und -betrachtete die Linien; >du hast eine schöne Hand<, hatte sie gesagt« -und er schaute auf seine Hand und auf die kurze Hand des Diakonus. »Ja, -nun ist es bald zu Ende,« dachte er, »nein, es scheint wieder von vorn -anzufangen,« dachte er, den Gebeten lauschend; »doch, es ist zu Ende, -da neigt er sich schon bis zur Erde, das ist stets erst zuletzt der -Fall.« - -Diskret mit der Hand unter dem Plüschaufschlag ein Dreirubelpapier -in Empfang nehmend, sagte der Diakon, er werde nun registrieren -und schritt mit seinen neuen Stiefeln schnell und hallend über die -Steinplatten der leeren Kirche zum Altar. Nach Verlauf einer Minute -schaute er von dort wieder zurück und winkte Lewin. Der Gedanke, -welchen dieser bisher in sich verschlossen gehabt, regte sich jetzt -wieder in seinem Hirn, doch bestrebte er sich sogleich, ihn von sich zu -weisen. - -»Es wird sich schon machen,« dachte er und schritt zu dem Altar. -Er stieg die Stufen empor und erblickte, sich rechts wendend, den -Geistlichen. Der greise Priester mit spärlichem, halbergrautem Bart und -mattem gutmütigem Blick stand und blätterte in der Agende. Nachdem er -Lewin leicht gegrüßt hatte, begann er mit der gewohnten Stimme sogleich -die Gebete zu lesen. Als er hiermit zu Ende war, neigte er sich bis zur -Erde und wandte sich hierauf mit dem Gesicht nach Lewin. - -»Christus steht unsichtbar hier und nimmt Eure Beichte entgegen,« -sprach er, auf das Kruzifix deutend. »Glaubet Ihr an alles, was uns -die heilige apostolische Kirche lehrt?« fuhr der Geistliche fort, die -Augen von Lewins Gesicht wegwendend und die Arme auf sein Epitrachelion -legend. - -»Ich habe gezweifelt und zweifle noch an allem,« sagte Lewin mit einer -Stimme, die ihm selbst unangenehm war, und schwieg dann. - -Der Geistliche wartete einige Sekunden, ob Lewin nicht noch etwas -Weiteres sagen würde, und sprach dann, die Augen schließend, in -schnellem wladimirschen o-Dialekt: - -»Die Zweifel sind der menschlichen Schwachheit eigen, aber wir müssen -beten, auf daß der barmherzige Gott uns stärke. Was für besondere -Sünden habt Ihr auf Eurem Gewissen?« fügte er hinzu, ohne die geringste -Pause dabei zu machen, und gleichsam, als wollte er keine Zeit -verlieren. - -»Meine vornehmste Sünde ist mein Zweifeln. Ich zweifle an allem, ich -befinde mich größtenteils nur in Zweifeln.« - -»Der Zweifel ist der menschlichen Schwäche eigen,« wiederholte -der Geistliche mit den nämlichen Worten, »aber woran zweifelt Ihr -vornehmlich?« - -»An allem. Ich zweifle bisweilen selbst an Gottes Dasein,« antwortete -Lewin unwillkürlich, und erschrak über das Unziemliche dessen, was er -gesprochen hatte. - -Auf den Geistlichen machten indessen, wie es schien, die Worte Lewins -keinen Eindruck. - -»Welche Zweifel können wohl über Gottes Dasein walten?« sagte er -schnell und mit kaum merklichem Lächeln. - -Lewin schwieg. - -»Welchen Zweifel könnt Ihr an dem Weltenschöpfer haben, wenn Ihr seine -Werke schaut?« fuhr der Priester in schneller, gewohnheitsmäßiger -Sprache fort. »Wer hat den Himmelsdom mit Sternen geschmückt? Wer hat -die Welt in ihrer Schönheit gekleidet? Wie sollte das ohne den Schöpfer -möglich gewesen sein?« sprach er, fragend auf Lewin schauend. - -Dieser fühlte, daß es unschicklich gewesen wäre, einen philosophischen -Wortwechsel mit dem Geistlichen zu beginnen und gab deshalb zur Antwort -nur, was sich auf die Frage selbst bezog. - -»Ich weiß es nicht.« - -»Ihr wißt es nicht? Aber wie könnt Ihr dann daran zweifeln, daß Gott -alles geschaffen hat?« versetzte heiter-bedenklich der Geistliche. - -»Ich begreife nichts,« antwortete Lewin errötend, und im Gefühl, daß -seine Worte thöricht waren und in dieser Situation thöricht sein mußten. - -»Betet zu Gott und bittet ihn. Auch die Kirchenväter haben gezweifelt -und Gott gebeten um Stärkung ihres Glaubens. Der Teufel hat gar große -Macht und wir dürfen uns ihm nicht überliefern. Betet zu Gott und -bittet ihn. Betet zu Gott,« -- wiederholte der Geistliche und schwieg -hierauf einige Zeit, als sei er in Nachdenken versunken. »Wie ich -vernommen habe, bereitet Ihr Euch vor, in den Ehebund mit der Tochter -meines Pfarrbefohlenen und Beichtkindes, des Fürsten Schtscherbazkiy zu -treten?« frug er lächelnd, »das ist eine herrliche Jungfrau!« - -»Ja,« antwortete Lewin, über den Geistlichen errötend; »wozu brauchte -derselbe bei der Beichte hiernach zu fragen?« dachte er bei sich. - -Als ob der Geistliche diesen Gedanken beantworten wollte, sagte er -zu Lewin: »Ihr bereitet Euch vor, in den Stand der heiligen Ehe zu -treten, und Gott kann Euch mit Nachkommenschaft segnen, nicht so? -Welche Erziehung könnt Ihr alsdann Euren Kindlein geben, wenn Ihr -selbst in Euch nicht die Versuchung des Teufels besiegen wollt, der -Euch zum Unglauben verleitet?« frug der Geistliche mit sanftem Vorwurf. -»Wenn Ihr Euer Kind liebt, so werdet Ihr, als ein guter Vater, nicht -nur Reichtum, Überfluß und Würden Eurem Kinde wünschen; Ihr werdet -auch sein Heil wünschen, seine geistige Erleuchtung durch das Licht -der Wahrheit. Ist es nicht so? Was werdet Ihr antworten, wenn das -unschuldige Kindlein Euch frägt, Vater, wer hat das alles geschaffen, -das mich in dieser Welt so sehr ergötzt, Erde, Wasser, Sonne, Blumen -und Gräser? Solltet Ihr ihm antworten wollen, ich weiß es nicht? -Ihr müßt es wissen, da Gott der Herr in seiner hohen Gnade es Euch -geoffenbart haben wird. Oder wenn Euer Kind Euch früge >was erwartet -mich im ewigen Leben?< Was werdet Ihr ihm da antworten, wenn Ihr nichts -wißt? Wie wollt Ihr ihm einen Bescheid geben? Werdet Ihr ihm den Reiz -der Welt und des Teufels zeigen? Das wäre nicht gut,« sagte er und -hielt inne, das Haupt auf die Seite neigend und Lewin mit guten sanften -Augen anschauend. - -Dieser antwortete jetzt nicht; nicht deswegen, weil er etwa nicht in -einen Streit mit dem Geistlichen hätte kommen mögen, sondern, weil ihm -noch niemand derartige Fragen gestellt hatte, und er, wenn erst einmal -Nachkommen sie ihm stellen würden, noch Zeit genug hatte, darüber -nachzudenken, was er dann antworten wollte. - -»Ihr tretet ein in diejenige Zeit Eures Lebens,« fuhr der Geistliche -fort, »da es nötig ist, einen Weg zu wählen und sich auf demselben zu -halten. Betet zu Gott, damit er in seiner Güte Euch helfe und sich -Eurer erbarme,« schloß er. »Unser Herr und Gott Jesus Christus in -seiner göttlichen Gnade und Milde, seiner Liebe zu den Menschen vergebe -dir mein Sohn!« und das Sühnegebet beendend, segnete ihn der Priester -und entließ ihn. - -Als Lewin an diesem Tage heimgekehrt war, empfand er ein freudiges -Gefühl darüber, daß diese peinliche Lage nun ihr Ende erreicht hatte, -so erreicht, daß er nicht hatte zur Lüge greifen müssen. Daneben aber -war in ihm auch eine unklare Erinnerung davon zurückgeblieben, daß das, -was jener gute und liebenswerte Greis gesagt hatte, durchaus nicht so -dumm gewesen war, als es ihm anfänglich geschienen, und daß es etwas -hierbei gebe, was der Aufklärung bedürfe. - -»Natürlich nicht jetzt,« dachte Lewin, »aber später einmal.« Lewin -fühlte jetzt mehr, als früher, daß in seiner Seele etwas unklar und -unrein sei, und daß er sich in Bezug auf die Religion in der nämlichen -Lage befinde, die er so klar bei andern erkannt und nicht eben gern -gesehen hatte, wegen deren er seinem Freunde Swijashskiy Vorwürfe -gemacht. - -Lewin war, den Abend mit seiner Braut bei Dolly verbringend, ausnehmend -heiter, und sagte, als er Stefan Arkadjewitsch von der gährenden -Gemütsverfassung Mitteilung machte, in der er sich befand, daß er sich -wohl befinde wie ein Hund, den man durch den Reifen zu springen gelehrt -habe und der nun, nachdem er endlich begriffen und ausgeführt hat, was -von ihm verlangt wurde, winselt, und schweifwedelnd vor Entzücken auf -Tische und Fenster springt. - - - 2. - -Am Tage der Trauung bekam Lewin nach der üblichen Sitte -- auf -der Beobachtung aller Gebräuche beharrten die Fürstin und Darja -Aleksandrowna streng -- seine Braut nicht zu sehen und speiste im -Hotel wo er wohnte, zusammen mit drei Junggesellen, die sich zufällig -gefunden hatten; Sergey Iwanowitsch, Katawasoff, ein Universitätsfreund -und nunmehriger Professor der Naturwissenschaften, den Lewin auf der -Straße getroffen und mit sich genommen hatte, und Tschirikoff, ein -Moskauer Friedensrichter und Gefährte Lewins auf der Bärenjagd. - -Beim Diner ging es sehr heiter zu. Sergey Iwanowitsch war in -aufgeräumtester Stimmung und trieb seine Kurzweil mit Katawasoffs -Eigentümlichkeit. Katawasoff, welcher fühlte, daß seine Originalität -geschätzt und verstanden werde, kokettierte mit derselben und -Tschirikoff unterstützte die allgemeine Unterhaltung in seiner heiteren -und gutmütigen Art. - -»Da haben wir es ja,« sagte Katawasoff mit seiner, auf dem Katheder -angenommenen Art, die Worte zu dehnen, »welch ein tüchtiger Bursch -unser Freund Konstantin Dmitritsch ist. Ich spreche von dem Abwesenden -natürlich, denn er ist schon gar nicht mehr hier. Erst liebte er die -Wissenschaft, und nach seinem Abschied von der Universität pflegte -er menschliche Interessen; jetzt verwendet er die eine Hälfte seiner -Fähigkeiten darauf, sich selbst zu betrügen, und die andere -- um -diesen Betrug zu rechtfertigen.« - -»Einen entschiedeneren Feind des Heiratens, als Euch, habe ich noch -nicht gesehen,« sagte Sergey Iwanowitsch. - -»O nein; ich bin kein Feind davon; ich bin vielmehr ein Freund der -Arbeitsteilung. Die Menschen, welche selbst nichts fertig bringen -können, müssen Menschen hervorbringen, und die übrigen -- müssen zu -deren Aufklärung und Beglückung wirken. So fasse ich die Sache auf. Für -die Mischung dieser beiden Berufszweige giebt es ja eine Unmasse von -Liebhabern, ich aber gehöre nicht unter die Zahl derselben.« - -»Wie glücklich würde ich sein, wenn ich einmal erführe, daß Ihr Euch -verliebt hättet,« sagte Lewin, »ladet mich nur ja zur Hochzeit ein!« - -»Ich bin schon verliebt.« - -»Ja, ja, vielleicht in einen Tintenfisch. Du weißt doch,« wandte sich -Lewin an seinen Bruder, »daß Michail Ssemionowitsch ein Werk über -Ernährung schreibt und« -- - -»Nun; nur nichts durcheinanderbringen! Das ist doch ganz gleich. Es -handelt sich jetzt nur darum, daß ich wirklich einen Tintenfisch lieben -soll.« - -»Das hindert Euch aber nicht, auch ein Weib zu lieben.« - -»Er nicht, aber das Weib hindert.« - -»Inwiefern denn.« - -»Ihr werdet es schon noch sehen. Ihr liebt das Landleben, die Jagd -- -paßt nur auf!« - -»Archip war heute hier und meldete, daß eine Masse Elentiere in Prudno -wären, und zwei Bären,« sagte jetzt Tschirikoff. - -»Nun; die müßt Ihr schon ohne mich fangen.« - -»Ganz richtig,« sagte Sergey Iwanowitsch, »empfehle dich nur gleich -von vornherein der Bärenjagd -- deine Frau wird dich nicht mehr -fortlassen.« - -Lewin lächelte. Der Gedanke, daß seine Frau ihn nicht mehr zur -Bärenjagd lassen würde, war ihm so angenehm, daß er bereit war, dem -Vergnügen, Bären zu sehen, für immer zu entsagen. - -»Aber es ist doch schade, daß diese beiden Bären ohne Euch erlegt -werden. Besinnt Ihr Euch noch, das letzte Mal in Chapilowo? Das war -eine wunderbare Jagd,« sagte Tschirikoff. - -Lewin wollte ihn nicht ernüchtern, indem er sagte, daß es auch ohne die -Bärenjagd noch manches Schöne geben könne und antwortete daher nicht. - -»Nicht unnützerweise hat sich diese Sitte des Abschiednehmens vom -Junggesellenleben eingebürgert,« sagte Sergey Iwanowitsch, »wie -glücklich du auch sein magst, schade ist es doch um die verlorene -Freiheit. Gesteht nur, man hat dabei ein Gefühl wie der Gogolsche -Bräutigam, daß man durch das Fenster hinausspringen möchte.« - -»Natürlich ist es so, aber er will es nur nicht zugeben,« sagte -Katawasoff und brach in lautes Gelächter aus. - -»Was denn! Das Fenster ist ja noch geöffnet! Fahren wir sogleich nach -Twjerj! Dort ist eine Bärin, zu der können wir ins Lager. Fahren wir -mit dem Fünfuhrzug. Dort macht man was man will,« meinte Tschirikoff -lächelnd. - -»Nun, bei Gott,« antwortete Lewin lächelnd, »ich kann in meinem Innern -dieses Gefühl des Bedauerns über meine verlorne Freiheit nicht finden.« - -»Ja, in Eurer Seele ist jetzt aber auch ein solches Chaos, daß Ihr -überhaupt nichts darin finden könnt,« sagte Katawasoff, »wartet nur, -wenn Ihr erst ein klein wenig mit Euch ins klare gekommen sein werdet, -dann werdet Ihr es schon finden.« - -»Nein, fühlte ich auch nur im geringsten, daß es außer meinem Gefühl,« --- von Liebe wollte er vor dem Freunde nicht reden, »noch ein Glück -gäbe, dann wäre es schade, die Freiheit zu verlieren -- aber im -Gegenteil, ich freue mich sogar über diesen Verlust meiner Freiheit!« - -»Schlimm! Ein hoffnungslos Verlorener!« sagte Katawasoff, »nun, trinken -wir auf seine Genesung, oder wünschen wir ihm nur, daß wenigstens ein -Hundertstel seiner Träume in Erfüllung gehe. Schon dies wird ein Glück -werden, wie es nie auf der Erde existiert hat.« - -Bald nach dem Essen verabschiedeten sich die Gäste, um zur -Hochzeitsfeier Toilette zu machen. - -Allein zurückgeblieben und sich die Gespräche dieser Hagestolze -vergegenwärtigend, frug sich Lewin noch einmal, ob er denn wirklich -dieses Gefühl des Bedauerns über den Verlust seiner Freiheit in der -Seele habe, von dem sie gesprochen. Er lächelte bei dieser Frage. -»Freiheit? Warum Freiheit? Das Glück besteht allein darin, daß man -liebt, wünscht und denkt mit ihren Wünschen, ihren Gedanken, das heißt, -ohne jede Freiheit -- dies ist das Glück! -- Aber kenne ich denn ihre -Gedanken, ihre Wünsche, ihre Gefühle?« flüsterte ihm plötzlich eine -Stimme zu. Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht und er versank -in Nachdenken. Plötzlich hatte ihn eine seltsame Stimmung erfaßt, -es überkam ihn Furcht und Zweifel -- ein Zweifel an allem. -- »Wie, -wenn sie mich gar nicht liebte? Wie, wenn sie mich nur deswegen -heiratete, um sich eben zu verheiraten? Oder, wenn sie gar selbst nicht -wüßte, was sie thut?« frug er sich. »Sie kann zur Erkenntnis kommen -und, kaum verheiratet erkennen, daß sie gar nicht liebt, mich nicht -lieben kann?« Die seltsamsten und schlimmsten Ideen über sie begannen -ihm aufzutauchen. Er war eifersüchtig auf sie gegen Wronskiy, wie -ein Jahr zuvor; als ob jener Abend, an welchem er sie bei Wronskiy -gesehen hatte, erst gestern gewesen wäre. Er argwöhnte, daß sie ihm -nicht alles gesagt habe, und er sprang schnell auf. »Nein, so geht es -nicht!« sprach er voll Verzweiflung zu sich. »Ich werde zu ihr gehen, -sie fragen, und ein letztes Mal ihr sagen: Wir sind noch frei, ist es -nicht besser, es zu bleiben? Es wäre dies doch besser, als ein ewiges -Unglück, als Schande und Untreue!« Verzweiflung im Herzen und voll Zorn -gegen die ganze Menschheit, auf sich und sie, verließ er das Hotel und -fuhr zu ihr. - -Er traf sie in den Hinterzimmern. Sie saß auf einem Koffer und traf mit -einer Dienerin Anordnungen, einen Haufen verschiedenartiger Kleider -durchmusternd, welche auf den Rücklehnen der Stühle und auf dem -Fußboden ausgebreitet lagen. - -»Ah!« rief sie, ihn erblickend, und ihr Gesicht erstrahlte vor Freude. -»Wie kommst du -- wie kommt Ihr« -- bis zu diesem letzten Tage hatte -sie bald »du«, bald »Ihr« zu ihm gesagt -- »das habe ich nicht -erwartet. Ich mustere soeben meine Mädchenkleider, für wen das Eine -oder Andere« -- - -»Ach, sehr gut!« antwortete er düster, auf die Zofe blickend. - -»Geh hinaus, Dunjascha, ich werde dich dann rufen,« sagte Kity. »Was -ist dir?« frug sie, ihn unbedenklich mit »du« ansprechend, sobald das -Mädchen gegangen war. Sie bemerkte sein seltsames Gesicht, welches -aufgeregt und düster aussah, und ein Schrecken befiel sie. - -»Kity; ich leide. Ich kann aber nicht allein leiden,« sprach er, -Verzweiflung in der Stimme, blieb vor ihr stehen und schaute ihr -beschwörend in die Augen. Er hatte schon an ihrem liebevollen, -treuherzigen Gesicht gesehen, daß sich nichts aus dem ergeben werde, -was er ihr zu sagen beabsichtigte, aber gleichwohl hatte er das -Bedürfnis, von ihr selbst seine Zweifel zerstreut zu sehen. »Ich bin -gekommen, dir zu sagen, daß es noch nicht zu spät ist, daß alles wieder -aufgehoben und in das alte Geleis zurückgebracht werden kann.« - -»Was denn? Ich verstehe nichts. Was ist dir?« - -»Das was ich tausendmal gesagt habe und woran ich immer denken muß; -das, daß ich deiner nicht wert bin. Du konntest nicht einwilligen, -mich zum Manne zu nehmen. Bedenke es. Du hast einen Irrtum begangen. -Überlege recht wohl! Du kannst mich nicht lieben! Wenn -- sage lieber« --- sprach er, ohne sie anzublicken. »Ich werde unglücklich sein. Mögen -alle reden, was sie wollen, es ist besser so, als ein Unglück; es ist -besser, jetzt zu sprechen, so lange es noch Zeit ist« -- - -»Ich verstehe nicht,« antwortete sie erschreckt, »das heißt, du willst -alles aufheben, daß es nicht mehr nötig sei?« -- - -»Ja, wenn du mich nicht liebst.« - -»Du bist von Sinnen!« rief sie aus, vor Unwillen errötend. Aber sein -Gesicht sah so kläglich aus, daß sie ihren Verdruß unterdrückte, und -sich, die Kleider von einem Lehnstuhl werfend, ihm näher setzte. »Was -denkst du eigentlich; sage mir alles!« - -»Ich denke, daß du mich nicht lieben kannst. Weshalb solltest du mich -denn lieben können?« - -»Mein Gott, was soll ich anfangen?« sagte sie und brach in Thränen aus. - -»O, was habe ich gethan!« rief er jetzt und begann, vor ihr auf die -Kniee niederfallend, ihre Hände zu küssen. - -Als fünf Minuten später die Fürstin in das Zimmer trat, fand sie die -beiden schon vollständig beruhigt. Kity hatte ihm nicht nur versichert, -daß sie ihn liebe, sondern ihm sogar, auf seine Frage antwortend, -weshalb sie ihn denn liebe, erklärt, warum. - -Sie hatte ihm gesagt, daß sie ihn liebe, weil sie ihn ganz kenne, weil -sie wisse, was er lieben müsse, und daß alles, was er liebe, stets -gut sei. Und dies war ihm auch vollständig klar erschienen. Als die -Fürstin bei ihnen eintrat, saßen sie beide nebeneinander auf dem Koffer -und musterten Kleider, streitend, daß Kity jenes zimmetfarbene Kleid, -welches sie getragen, als ihr Lewin seinen Antrag gemacht hatte, der -Dunjascha geben wollte, während er darauf bestand, man dürfe dieses -Kleid an niemand weggeben, sondern möge der Dunjascha das blaue -schenken. - -»Aber verstehst du nicht? Sie ist doch brünett und dies wird ihr daher -nicht stehen. Bei mir ist alles schon vorbedacht.« - -Als die Fürstin erfahren hatte, weshalb er gekommen sei, geriet sie -halb im Scherz und halb im Ernst in Groll und schickte ihn wieder nach -Hause, damit er sich ankleide und Kity bei der Toilette nicht störe, da -Charles sogleich kommen würde. - -»Sie hat so schon während dieser ganzen Tage nicht gegessen und ist -magerer geworden und du bringst sie nun mit deinen Thorheiten noch mehr -aus der Fassung,« sagte sie zu ihm; »mach daß du fortkommst nach Hause, -nach Hause mein Lieber.« - -Lewin kehrte verlegen und beschämt, aber beruhigt, nach seinem Hotel -zurück. Sein Bruder, Darja Aleksandrowna und Stefan Arkadjewitsch, alle -in voller Gesellschaftstoilette, erwarteten ihn schon, um ihn mit dem -Heiligenbild zu segnen. Es war keine Zeit mehr zu verlieren. - -Darja Aleksandrowna mußte noch nach Hause zurückkehren, um ihren -pomadisierten und frisierten Sohn zu holen, welcher das Heiligenbild -mit der Braut tragen sollte. Dann mußte ein Wagen nach dem Brautführer -gesandt werden und ein anderer, der Sergey Iwanowitsch fortbrachte, -wieder hergeschickt werden. Überhaupt gab es sehr viele und verwickelte -Überlegungen hierbei, und nur Eines war unzweifelhaft, daß nicht mehr -gesäumt werden dürfe, da es bereits halb sieben Uhr war. - -Die Segnung mit dem Bilde hatte nichts weiter auf sich. Stefan -Arkadjewitsch stellte sich in komisch-feierlicher Haltung neben seine -Gattin, nahm das Heiligenbild, segnete Lewin, nachdem er diesem -befohlen hatte, sich bis auf die Erde zu verbeugen, mit seinem -gutmütigen und sarkastischen Lächeln und küßte ihn dreimal. Das -Nämliche that Darja Aleksandrowna, die sich dann sogleich beeilte, -abzufahren und abermals in das Arrangement der Bewegung der Wagen -vertiefte. - -»Nun, so wollen wir es also machen: du fährst in unserem Wagen ihn -abzuholen, und Sergey Iwanowitsch würde, wenn er die Güte haben wollte, -vorausfahren, den Wagen aber zurückschicken.« - -»Gewiß, sehr gern.« - -»Wir aber können gleich mit ihm fahren. Sind die Kleider in Ordnung?« -frug Stefan Arkadjewitsch. - -»Sie sind es,« versetzte Lewin und befahl Kusma, seinen Anzug zu -bringen. - - - 3. - -Ein Haufe von Menschen, namentlich Weibern, umringte die zur -Trauungsfeier erleuchtete Kirche. Diejenigen, welche nicht bis in die -Mitte hatten vordringen können, drängten sich um die Kirchenfenster -unter Stoßen und Streiten und schauten durch die Gitter. - -Mehr als zwanzig Wagen waren bereits von der Polizei die Straße -entlang aufgestellt worden und der Polizeioffizier stand, die Kälte -nicht achtend, in seiner glänzenden Uniform am Eingang. Unaufhörlich -kamen noch weitere Equipagen angefahren und bald traten Damen in -Blumenschmuck mit hochgenommenen Schleppen, bald Herren, das Käppi -oder den schwarzen Hut abnehmend, in die Kirche ein. In dieser selbst -waren die beiden Lustres und alle Kerzen vor den feststehenden -Heiligenbildern bereits angezündet. Der goldige Schimmer auf dem roten -Fonds des Ikonostas, das vergoldete Schnitzwerk an den Bildern und das -Silber der Kronleuchter und Leuchter, die Steinplatten des Fußbodens -mit den Teppichen, sowie die Banner oben über den Chören, die Stufen -des Altars und die vom Alter schwarzgewordenen Kirchenbücher, die -Leibröcke und Chorröcke, alles das war wie von Licht übergossen. Auf -der rechten Seite der geheizten Kirche, in der Masse der Fracks und -weißen Krawatten, der Uniformen und verschiedenen Stoff-, Samt- und -Atlasroben, der Haarfrisuren und Blumen, der dekolletierten Schultern -und Arme, und hohen Handschuhe summte ein verhaltenes, aber lebhaftes -Gespräch, das seltsam in dem hohen Kuppelbau wiederhallte. Sobald -das Kreischen der aufgehenden Kirchenthür ertönte, verstummte das -Gespräch in dem Haufen und alles schaute auf in der Erwartung, den -eintretenden Bräutigam und die Braut zu erblicken. Aber die Thür -hatte sich schon mehr als zehnmal geöffnet, und immer war es nur ein -verspäteter Geladener oder eine Geladene gewesen, die sich nun nach -rechts dem Kreis der Gäste beigesellte, oder eine Zuschauerin, die den -Polizeioffizier überlistet oder nachsichtig gestimmt hatte, und sich -nun dem fremden Haufen links anschloß. Die Verwandten und Bekannten -hatten schon die ganze Stufenleiter des Wartens durchlaufen. - -Anfangs glaubte man, daß der Bräutigam und die Braut in jedem -Augenblick erscheinen müßten und schrieb der Verspätung keinerlei -Bedeutung zu. Dann begann man öfter und öfter nach der Thür zu schauen, -und davon zu sprechen, es möchte doch ja nichts vorgefallen sein. Dann -wurde die Verspätung schon peinlich und die Verwandten wie die Gäste -gaben sich den Anschein, als ob sie gar nicht mehr an den Bräutigam -dächten und ganz von ihrem Gespräch in Anspruch genommen seien. - -Der Protodiakonus räusperte sich ungeduldig, gleichsam zur Andeutung -des Wertes seiner Zeit, und machte damit die Scheiben in den Fenstern -klirren. Auf dem Chor wurden die Proben der Stimmen vernehmbar, dann -das Schneuzen der sich langweilenden Chorsänger. Der Geistliche sandte -fortwährend bald den Küster, bald den Diakonus nach Erkundigung fort, -ob der Bräutigam noch nicht gekommen sei und ging sogar selbst in -seinem lilafarbenen Priestergewand mit dem gestickten Gürtel, häufiger -und häufiger zu den Seitenthüren, in der Erwartung des Bräutigams. - -Endlich sagte eine der Damen nach der Uhr blickend »das ist aber doch -seltsam« und alle Trauzeugen gerieten in Unruhe und begannen laut -ihre Verwunderung und ihr Mißvergnügen zu äußern. Einer der Herren -fuhr wieder fort, sich zu erkundigen, was denn geschehen sei. Kity -stand währenddem, schon lange fertig, im weißen Kleid, langen Schleier -und Kranz von Pomeranzenblüte nebst der die Mutter und Schwester -vertretenden Frau Lwoffs im Saale des Hauses der Schtscherbazkiy und -blickte durch das Fenster, schon seit einer halben Stunde vergeblich -die Benachrichtigung des Brautführers von der Ankunft des Bräutigams in -der Kirche erwartend. - -Lewin indessen lief noch, zwar in den Beinkleidern, aber ohne Weste -und Frack in seinem Zimmer auf und ab, unaufhörlich den Kopf zur Thür -hinaussteckend und den Korridor entlang blickend. Auf dem Korridor -jedoch wurde derjenige nicht sichtbar, den er erwartete, und voll -Verzweiflung kehrte er, mit den Armen fuchtelnd wieder zurück und -wandte sich an den ruhig rauchenden Stefan Arkadjewitsch. - -»Hat sich jemals wohl ein Mensch in einer gleich entsetzlichen und -albernen Lage befunden?« sagte er. - -»Ja, es ist dumm,« bestätigte Stefan Arkadjewitsch, sanft lächelnd, -»doch beruhige dich, man wird es sogleich bringen.« - -»Nein, sicherlich,« sagte Lewin mit verhaltener Wut, »und diese -albernen ausgeschnittenen Westen! Unmöglich!« sagte er mit einem Blick -auf den zerknitterten Brusteinsatz seines Oberhemds. »Und wie, wenn die -Sachen schon zur Bahn wären?« rief er voll Verzweiflung. - -»Dann ziehst du ein Hemd von mir an!« - -»Das hätte aber schon längst geschehen sein müssen!« - -»Es ist allerdings nicht angenehm, lächerlich zu werden. Warte doch, es -wird sich machen.« - -Die Sache lag so, daß als Lewin die Toilette befahl, Kusma, der alte -Diener Lewins, den Frack, die Weste und alles was nötig war, brachte. - -»Und das Hemd?« rief Lewin. - -»Das habt Ihr ja schon an,« versetzte Kusma mit stoischem Lächeln. - -Kusma hatte nicht daran gedacht, ein frisches Hemd dazubehalten, und -nachdem er den Befehl erhalten hatte, alles einzupacken und zu den -Schtscherbazkiy zu bringen, von wo aus das junge Ehepaar noch am Abend -abreisen wollte, that er also und packte alles ein außer einem Paar -Fräcken. - -Das am Morgen angezogene Hemd war schon zerknittert, und ließ sich -unmöglich unter der modernen offenstehenden Weste tragen. Zu den -Schtscherbazkiy zu schicken, war es zu weit. Man schickte in ein -Geschäft. - -Der Diener kam zurück: »Alles war geschlossen -- es ist Sonntag -heute.« -- Man schickte nun zu Stefan Arkadjewitsch, ein Hemd kam, -aber es war viel zu weit und kurz. Man schickte endlich doch zu den -Schtscherbazkiy, um wieder auspacken zu lassen. Der Bräutigam wurde in -der Kirche erwartet, und lief wie ein im Käfig eingekerkertes, wildes -Tier im Zimmer umher, auf den Korridor hinausschauend und mit Entsetzen -und Verzweiflung daran denkend, was er Kity sagen sollte und was diese -jetzt denken mochte. - -Endlich flog der unglückliche Kusma, mit Mühe nach Atem ringend, mit -dem Hemd in das Zimmer herein. - -»Ich habe sie gerade noch erwischt; die Sachen waren schon auf dem -Fuhrwerk,« sagte er. - -Drei Minuten später stürzte Lewin, ohne nach der Uhr zu sehen, um seine -Wunde nicht noch zu vergrößern, Hals über Kopf den Korridor entlang. - -»Damit kannst du nicht mehr viel helfen,« sagte Stefan Arkadjewitsch -lächelnd, ihm hastig nachstrebend. »Es wird sich schon machen, es wird -sich schon machen -- sage ich dir!« - - - 4. - -»Er ist da! -- Da ist er! Welcher ist es? Ist er nicht ziemlich jung? -Und sie -- ja -- mehr tot als lebendig!« -- klang es in der Menge -durcheinander, als Lewin, nachdem er seine Braut an der Einfahrt -begrüßt hatte, mit dieser zusammen die Kirche betrat. - -Stefan Arkadjewitsch hatte seiner Gattin die Ursache der Verzögerung -mitgeteilt, und die Trauzeugen zischelten nun lächelnd untereinander. -Lewin sah und hörte nichts, er musterte nur unverwandten Blickes seine -Braut. - -Alle sagten, daß sie in den letzten Tagen sehr abgenommen hätte, und im -Kranze bei weitem nicht so gut aussah, wie gewöhnlich, aber Lewin fand -dies nicht. Er schaute ihre hohe Frisur mit dem langen weißen Schleier -und den weißen Blüten an, den hochstehenden gefalteten Kragen, der -eigenartig jungfräulich von den Seiten und von vorn ihren schlanken -Hals bedeckte und auf die überraschend enge Taille, und ihm schien, -daß sie so schöner sei, als sie je gewesen, nicht deshalb, weil diese -Blüten, dieser Schleier, dieses aus Paris verschriebene Kleid zu ihrer -Schönheit noch etwas hätte hinzufügen können, sondern, weil trotz der -künstlichen Pracht der Kleidung der Ausdruck ihres guten Gesichtchens, -ihres Blickes, ihrer Lippen, immer der nämliche bei ihr geblieben war -mit seiner unschuldigen Treuherzigkeit. - -»Ich dachte schon, du wolltest mir davonlaufen,« sagte sie lächelnd zu -ihm. - -»Es war so thöricht, was sich mit mir zugetragen hat, daß ich es gar -nicht erzählen kann,« antwortete er, errötend, mußte sich aber jetzt zu -seinem an ihn herantretenden Bruder Sergey Iwanowitsch wenden. - -»Nicht übel, die Geschichte mit deinem Hemd,« sagte Sergey Iwanowitsch, -lächelnd den Kopf schüttelnd. - -»Ja, ja,« versetzte Lewin, ohne zu verstehen, wovon man mit ihm sprach. - -»Nun, mein Konstantin, jetzt müssen wir,« sagte Stefan Arkadjewitsch -mit scheinbar erschrecktem Gesicht, »eine wichtige Frage entscheiden. -Du nur bist jetzt in der Verfassung, die ganze Bedeutung derselben zu -ermessen. Man frägt mich, ob heruntergebrannte Kerzen angesteckt werden -sollen, oder nicht heruntergebrannte? Der Unterschied macht zehn Rubel -aus,« fügte er hinzu, die Lippen zu einem Lächeln kräuselnd, »ich habe -entschieden, fürchte jedoch, daß du mir deine Einwilligung nicht geben -wirst.« - -Lewin erkannte, daß dies ein Scherz sein sollte, aber er vermochte -nicht zu lächeln. - -»Also wie? Nicht gebrannte oder heruntergebrannte? Das ist die Frage.« - -»Nun, nicht gebrannte.« - -»Nun, freut mich sehr. Die Frage ist entschieden,« sagte Stefan -Arkadjewitsch lächelnd. »Aber wie thöricht doch die Menschen in einer -solchen Situation werden,« fuhr er zu Tschirikoff gewendet fort, -nachdem Lewin, ihn zerstreut anblickend, wieder zu seiner Braut -getreten war. - -»Paß auf, Kity, du mußt also zuerst auf den Teppich treten,« sagte die -Gräfin Nordstone herzukommend. »Wie stattlich Ihr ausseht,« wandte sie -sich an Lewin. - -»Dir ist doch nicht ängstlich?« frug Marja Dmitrjewna, ihre alte Tante. - -»Ist dir nicht wohl? Du bist blaß. Halt, beuge dich ein wenig,« sagte -die Lwowa, die Schwester Kitys, ihre vollen schönen Arme krümmend und -lächelnd ihr die Blüten auf dem Haupte ordnend. - -Auch Dolly kam; sie wollte etwas sagen, konnte aber nichts -herausbringen und begann zu weinen und unnatürlich zu lachen. - -Kity schaute alle mit den nämlichen abwesenden Blicken an, wie Lewin. -Mittlerweile hatten die Kirchendiener ihren priesterlichen Schmuck -angelegt und der Geistliche mit dem Diakonus traten zu dem Altar, -welcher in der Vorhalle der Kirche stand. Der Geistliche wandte sich an -Lewin und sagte zu diesem einige Worte. Lewin vernahm nicht, was der -Priester gesagt hatte. - -»Nehmt Eure Braut an der Hand und führt sie,« sagte der Brautherr zu -ihm. - -Lange Zeit konnte Lewin nicht verstehen, was man von ihm wollte. Man -besserte lange an ihm herum und wollte schon die Hoffnung aufgeben -- -weil er stets nicht mit der richtigen Hand griff, oder den richtigen -Arm nahm -- als er endlich erkannte, daß er mit der rechten Hand ohne -seine eigene Stellung zu verändern, sie ebenfalls bei der rechten Hand -zu nehmen hatte. Nachdem er endlich die Braut in der gehörigen Weise -bei der Hand genommen hatte, ging der Priester einige Schritte vor -und blieb auf der Altarerhöhung stehen. Die Schar der Verwandten und -Bekannten in summendem Gespräch und unter dem Rauschen der Schleppen -folgte ihnen; jemand beugte sich nieder und ordnete die Schleppe -der Braut. In der Kirche wurde es so still, daß man das Fallen der -Wachstropfen vernahm. - -Der alte Priester im Scheitelkäppchen mit seinen schimmernden, -silbergrauen Haarlocken, die hinter den Ohren nach beiden Seiten -geteilt waren, streckte die greisen kleinen Hände aus dem schweren -silbernen und mit einem goldenen Kreuz auf dem Rücken geschmückten -Gewand hervor und blätterte noch ein wenig auf dem Altar. - -Stefan Arkadjewitsch begab sich behutsam zu ihm hin und flüsterte ihm, -nach Lewin hinblinzelnd etwas zu, worauf er wieder zurückkehrte. - -Der Geistliche zündete zwei mit Blumen geschmückte Kerzen an, indem er -sie mit der linken Hand schräg hielt, sodaß das Wachs langsam von ihnen -herniedertropfte und wandte sich zu den Neuvermählten. Der Geistliche -war der nämliche, bei welchem Lewin gebeichtet hatte. Er schaute mit -mattem, traurigen Blick auf Bräutigam und Braut, seufzte und segnete -mit der Rechten, die er unter dem Priestergewand hervorstreckte, den -Bräutigam, worauf er gleichfalls, aber mit einem Anschein hütender -Zärtlichkeit, die Finger auf das geneigte Haupt Kitys legte. Er reichte -hierauf beiden die Kerzen und verließ sie langsam, das Räucherfaß -nehmend. - -»Ist es denn wahr?« dachte Lewin und blickte auf seine Braut. Wie von -oben herab erschien ihm ihr Profil, und an einer kaum bemerkbaren -Bewegung ihrer Lippen und Wimpern erkannte er, daß sie seinen Blick -empfunden hatte. Sie schaute nicht auf, aber der hohe Rüschenkragen -bewegte sich leise, der bis zu ihrem rosigen kleinen Ohr heraufging. Er -sah, daß ein Seufzer ihre Brust belastete und die kleine Hand zitterte, -welche in dem hohen Handschuh das Licht hielt. All jener eitle Kram mit -dem Hemd, der Verspätung, die Auseinandersetzung mit den Bekannten und -Verwandten, deren Mißvergnügen, seine komische Situation -- alles das -war plötzlich verschwunden und es wurde ihm freudig und bange zugleich -zu Mut. - -Der schöne stattliche Protodiakonus im silbern-schimmernden Chorhemd -und den nach seitwärts in gewundenen Locken gekämmten Haaren trat -schnell vor und blieb, in der üblichen Geste mit zwei Fingern die Stola -hebend, dem Geistlichen gegenüber stehen. - -»Segne, Herr!« ertönten langsam einer nach dem anderen, feierliche -Klänge, die Luft in Schwingungen versetzend. - -»Gelobt sei unser Gott immerdar jetzt und fürderhin in alle Ewigkeit,« -antwortete sanft und in singendem Tone der alte Geistliche, noch immer -auf dem Altar nach etwas suchend. Die ganze Kirche erfüllend von den -Fenstern an bis zu den Kreuzbögen, erhob sich, harmonisch und getragen, -ein voller Akkord vom unsichtbaren Chor aus, wuchs an, stand einen -Augenblick und erstarb dann. - -Man betete, wie üblich, für den himmlischen Frieden und das Seelenheil, -für die Synode und für Gott, es wurde gebetet auch für den Knecht -Gottes, Konstantin, und Jekaterina, die sich jetzt verlobten. - -»Daß ihnen sende hernieder eine völlige friedsame Liebe, daß ihnen -helfe Gott, das bitten wir,« atmete gleichsam die ganze Kirche von der -Stimme des Protodiakonus. - -Lewin vernahm die Worte und sie machten ihn betroffen. »Wie konnte man -vermuten, daß Hilfe not that, gerade Hilfe?« dachte er, sich alle seine -kürzlichen Befürchtungen und Zweifel wieder zurückrufend. »Was weiß -ich! Was vermag ich in dieser schweren Aufgabe ohne Hilfe? Allerdings, -Hilfe thut mir jetzt not.« - -Als der Diakonus die Litanei beendet hatte, wandte sich der Priester -mit seinem Buche zu den Verlobten: »Ewiger Gott, der du das Getrennte -vereinet hast,« las er mit weicher, singender Stimme, »der das Band -der Liebe unauflöslich gestiftet, und Isaak und Rebekka gesegnet hat, -dir stelle ich diese als Nachfolger in deinem Bunde vor. Segne du sie -selbst, diese deine Knechte, Konstantin und Jekaterina, denen ich allen -Segen wünsche, gleichwie du ein erbarmender Gott voll Menschenliebe -bist und wir dir Lob singen, dem Vater und dem Sohne und dem heiligen -Geiste jetzt und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.« Wiederum ertönte in -der Höhe der unsichtbare Chor. - -»Der das Getrennte vereinet hat und das Band der Liebe gestiftet, wie -gedankenvoll diese Worte sind und wie sie dem entsprechen, was man in -diesem Augenblick empfindet,« dachte Lewin. »Ob sie wohl das Nämliche -fühlt wie ich?« - -Aufschauend begegnete er ihrem Blick, aus dessen Ausdruck er schloß, -daß sie ebenso verstanden hatte, wie er. Aber dies war durchaus nicht -der Fall; sie hatte fast gar nichts von den Worten der Ceremonie -verstanden, ja, diese während der Verlobung nicht einmal vernommen. Sie -war nicht fähig, sie zu vernehmen und zu fassen, so mächtig war jenes -eine Gefühl, welches ihr die Seele füllte und mehr und mehr zunahm. -Dieses Gefühl war das der Freude über die endgültige Vollendung dessen, -was schon sechs Wochen zuvor in ihrer Seele vollendet gewesen war -und sie im Laufe dieser langen Wochen erfreut und zugleich bedrückt -hatte. In ihrer Seele hatte sich, am nämlichen Tage, als sie in dem -zimmetfarbenen Kleid im Salon des Hauses Arbatskiy schweigend zu -ihm hingetreten war und sich ihm ergeben hatte, zu Tag und Stunde -ein völliger Bruch mit ihrem früheren Leben vollzogen; sie hatte -ein vollständig anderes, neues, ihr noch völlig unbekanntes Leben -begonnen, in der Wirklichkeit freilich das alte nur fortgesetzt. -Diese sechs Wochen bildeten die seligste und doch zugleich auch -qualvollste Zeit für sie. Ihr ganzes Leben, alle ihre Wünsche und -Hoffnungen, vereinigten sich in jenem einen, von ihr noch nicht -verstandenen Manne, mit welchem sie ein Etwas, welches von ihr noch -weniger begriffen wurde, als jener Mann selbst, verband, ein bald -näherungslustiges, bald abstoßendes Gefühl; bei alledem aber fuhr sie -fort, in den Verhältnissen ihres vorherigen Lebens weiter zu leben. -In diesem ihren alten Leben hatte sie Schrecken empfunden über sich -selbst, über ihre vollendete, unbezwingbare Gleichgültigkeit ihrer -gesamten Vergangenheit gegenüber; ihrem Eigentum, ihren Gewohnheiten, -den Menschen, die sie geliebt hatten und noch liebten, ihrer Mutter die -über diese Gleichgültigkeit erbost war, und ihrem guten, früher über -alles in der Welt geliebten, zärtlichen Vater gegenüber. Bald erschrak -sie über diesen Gleichmut, bald empfand sie Freude über das, was sie -dazu gebracht hatte. Sie mochte nichts weiter denken oder wünschen -als ein Leben mit jenem Manne, aber dieses neue Leben war noch nicht -eingetreten, und sie vermochte es sich nicht einmal klar vorzustellen. -Es war nur ein Erwarten -- Furcht und Freude über etwas Neues und -noch nicht Bekanntes. Jetzt aber, siehe da, war dies Erwarten und -die Unkenntnis, die Reue über den Verzicht auf ihr vorheriges Leben -vorüber, und etwas Neues sollte beginnen. Dieses Neue aber konnte nicht -furchtbar sein in seiner Unbekanntheit; gleichviel, mochte es furchtbar -oder nicht furchtbar sein, es hatte sich sechs Wochen vorher schon in -ihrer Seele voll entwickelt und wurde jetzt nur das geweiht, was sich -lange vorher schon in derselben vollzogen hatte. - -Wieder auf den Altar zurückgekehrt, nahm der Geistliche mit Mühe den -sehr kleinen Ring Kitys und steckte ihn, sich Lewins Hand reichen -lassend, an dessen erstes Fingerglied. »Es wird verbunden der Knecht -Gottes Konstantin mit der Magd Gottes Jekaterina.« Nachdem er den -großen Ring an den rosigen kleinen, in seiner Schwächlichkeit Mitleid -erregenden Finger Kitys gesteckt hatte, wiederholte der Priester das -Nämliche. - -Mehrmals glaubten die Brautleute zu erraten, was sie thun müßten, -irrten aber jedesmal, und der Geistliche wies sie mit flüsternder -Stimme an. Endlich, nachdem alles Erforderliche erledigt war, und er -die Ringe gesegnet hatte, übergab er nochmals Kity den großen und -Lewin den kleinen Ring, aber von neuem gerieten beide in Verwirrung, -und wechselten zweimal den Ring, ohne daß das zu stande kam, was -erforderlich war. - -Dolly, Tschirikoff und Stefan Arkadjewitsch traten vor, um zu -verbessern. Eine Konfusion, Zischeln und Lächeln entstand, aber der -feierlich stille Ausdruck auf den Zügen des Brautpaares änderte sich -nicht, im Gegenteil, als sie sich mit den Händen geirrt hatten, -schauten sie noch ernster und feierlicher als vorher, und das Lächeln, -mit welchem Stefan Arkadjewitsch flüsterte, daß jetzt jedes seinen -eigenen Ring aufzustecken habe, erstarb unwillkürlich auf dessen -Lippen. Er fühlte, daß jedes Lächeln sie nur kränken könne. - -»Denn du hast von Anfang an das männliche Geschlecht geschaffen und -das weibliche,« las der Priester weiter nach dem Ringwechsel, »und von -dir wird dem Manne das Weib gesellt zur Hilfe und zur Fortpflanzung -des Menschengeschlechts. Denn du selbst, Herr unser Gott, hast die -Wahrheit gesandt zu deiner Nachfolge und für deinen Bund, für deine -Knechte, unsere heiligen Väter, deine Auserwählten; schaue auf deinen -Knecht Konstantin und deine Magd Jekaterina und bestätige ihren Bund im -Glauben und in der Einmütigkeit und in der Wahrheit und in der Liebe.« - -Lewin empfand mehr und mehr, daß alle seine Ideen über das Heiraten, -seine Gedanken darüber, wie er sein Leben hatte einrichten wollen, -kindlich gewesen waren, und daß hier etwas vor sich ging, was er -bis jetzt noch nicht verstanden hatte, und jetzt sogar noch weniger -verstehe, obwohl es sich über ihm selbst vollzog. In seiner Brust hoben -sich höher und höher innere Schauer, und zudringliche Thränen traten -ihm in die Augen. - - - 5. - -In der Kirche befand sich ganz Moskau an Verwandten und Bekannten. -Während der Ceremonie der Trauung, in der glänzend erleuchteten -Kirche, im Kreise der geputzten Damen und jungen Mädchen, der Herren -in weißen Krawatten, in Fräcken und Uniformen war ununterbrochen eine -leise Konversation geführt worden, die namentlich die Herren anregten, -während die Damen in der Beobachtung aller Einzelheiten einer sie stets -ja sehr fesselnden heiligen Handlung versunken waren. - -In dem Kreise der der Braut zunächst Stehenden befanden sich deren -beide Schwestern, Dolly und die ältere, ruhige und schöne Lwowa, die -aus dem Auslande gekommen war. - -»Was ist das für ein Mary-Kostüm in Veilchenblau; gerade als wäre es -schwarz -- zu einer Hochzeit« -- sprach die Korsunskaja. - -»Die einzige Rettung für ihren Teint,« antwortete die Trubezkaja. -»Mich wundert, daß man die Trauung abends ausgeführt hat -- das ist so -kaufmännisch« -- - --- »Aber schöner. Auch ich bin abends getraut worden,« antwortete die -Korsunskaja und seufzte, als sie daran dachte, wie schön sie an jenem -Tage, wie lächerlich verliebt in sie ihr Mann damals gewesen war, und -wie jetzt so alles ganz anders geworden sei. - -»Man sagt, daß jemand der mehr als zehnmal Brautführer gewesen ist, -nicht heirate; ich wollte es heute zum zehntenmale sein, um mich in -Furcht zu setzen, allein die Stelle war besetzt,« sprach Graf Sinjawin -zu der hübschen jungen Fürstin Tscharskaja, die Absichten auf ihn hatte. - -Die Tscharskaja antwortete ihm nur mit einem Lächeln. Sie blickte auf -Kity, und dachte daran, wie und wann sie selbst mit dem Grafen Sinjawin -an Kitys Stelle sein würde, und wie sie diesen dann an seinen jetzigen -Scherz erinnern wollte. - -Schtscherbazkiy sagte dem alten Fräulein Nikolajewa, daß er den Kranz -auf Kitys Chignon setzen werde, damit sie glücklich werde. - -»Es ist gar nicht nötig einen Chignon aufzusetzen,« antwortete die -Nikolajewa, die schon längst entschlossen war, daß, wenn sie der alte -Witwer, nach welchem sie angelte, heiraten sollte, die Trauung die -allereinfachste sein sollte. »Ich liebe dieses >fast< nicht.« - -Sergey Iwanowitsch sprach mit Darja Dmitrjewna, sie scherzend -versichernd, daß die Sitte, nach der Vermählung abzureisen, deswegen so -verbreitet sei, weil Neuvermählte stets kein gutes Gewissen hätten. - -»Euer Bruder kann stolz sein. Es ist wunderbar, wie schön sie ist. Ich -glaube, Ihr beneidet ihn?« - -»Ich habe das schon durchgemacht, Darja Dmitrjewna,« antwortete er und -sein Gesicht nahm unerwartet einen trüben und ernsten Ausdruck an. - -Stefan Arkadjewitsch erzählte nun seiner Schwägerin einen schlechten -Witz über eine Ehescheidung. - -»Man muß den Kranz zurechtrücken,« antwortete diese, ohne ihn zu hören. - -»Wie schade, daß sie so angegriffen aussieht,« sagte die Gräfin -Nordstone zu der Lwowa. »Und gleichwohl wiegt er ihren kleinen Finger -nicht auf. Nichtwahr?« - -»O, mir gefällt er sehr gut; aber nicht deswegen etwa, weil er mein -künftiger =beau frère= ist,« antwortete die Lwowa, »und wie schön er -sich hält! Es ist so schwer, sich in solch einer Situation gut zu -halten und nicht komisch zu werden. Er aber ist nicht komisch, nicht -steif, er ist offenbar ergriffen.« - -»Ihr habt dies wahrscheinlich erwartet?« - -»Fast so. Sie hat ihn stets geliebt.« - -»Nun, beobachten wir, wer von ihnen zuerst auf den Teppich tritt. Ich -habe es Kity geraten.« - -»Gleichviel,« antwortete die Lwowa, »wir sind doch alle die -untergebenen Weiber; es liegt dies doch einmal in unserer Rasse.« - -»Ich bin aber doch vorsätzlich zuerst mit Wasiliy darauf getreten; und -Ihr Dolly?« - -Dolly stand neben ihnen, sie hörte wohl, antwortete aber nicht; -sie war tief gerührt. Die Thränen standen ihr in den Augen und sie -hätte kein Wort reden können, ohne in Thränen auszubrechen. Sie -freute sich über Kity und Lewin; in ihrer Erinnerung zu der eigenen -Trauung zurückkehrend, blickte sie nach dem wonneglänzenden Stefan -Arkadjewitsch, vergaß alles Gegenwärtige und dachte nur ihrer ersten -unschuldigen Liebe. Sie dachte nicht allein an sich, sondern auch -an alle nahestehenden oder ihr bekannten Frauen. Sie erinnerte sich -ihrer in jener einzigen, für sie so feierlichen Zeit, da sie ebenso -wie Kity unter dem Kranze gestanden hatte mit Liebe, Hoffnung und -Bangen im Herzen, sich lossagend von der Vergangenheit und in eine -geheimnisvolle Zukunft eintretend. In der Zahl aller dieser Bräute, die -ihr ins Gedächtnis kamen, sah sie auch ihre geliebte Anna, über deren -vermutliche Trennung sie unlängst die Einzelheiten gehört hatte. Auch -sie hatte rein in den Pomeranzenblüten und dem Schleier da gestanden. -Und jetzt? »Furchtbar seltsam« -- sagte sie. - -Aber nicht nur die Schwestern, auch die Freundinnen und weiblichen -Verwandten folgten allen Einzelheiten der heiligen Handlung; auch -die fremden Frauen, die Zuschauerinnen beobachteten voll Aufregung, -mit stockendem Atem, in der Furcht, eine einzige Bewegung verlieren -zu können, den Ausdruck der Mienen des Bräutigams und der Braut, und -antworteten ärgerlich den gleichgültigen Reden der gleichgültigen -Männer gar nicht, oder überhörten sie oft sogar, wenn dieselben -scherzhafte oder nebensächliche Bemerkungen fallen ließen. - -»Weshalb sieht sie so verweint aus? Folgt sie ihm gezwungen?« - -»Was, gezwungen einem so schönen Manne! Ist er nicht ein Fürst?« - -»Das ist wohl seine Schwester dort im weißen Atlaskleid? Höre nur, wie -der Diakonus plärrt >und sie soll ihren Mann fürchten<.« - -»Sind sie denn fremd?« - -»Nein, es sind synodale.« - -»Ich habe einen Diener gefragt. Er sagte, daß der Bräutigam die Braut -sogleich mit sich auf sein Gut nehmen würde. Er soll unendlich reich -sein, heißt es. Deswegen hat man ihm auch die Braut gegeben.« - -»Nicht doch, das Paar ist so schön.« - -»Und da habt Ihr nun gestritten, Marja Wasiljewna, daß die -Kanarienvögel wegflögen. Sieh die dort, es soll eine Gesandtin sein, -wie gewählt« -- - -»Die Braut ist doch zu lieblich, wie ein geputztes Lämmchen. Was Ihr -auch sagen mögt; es ist doch schade um sie.« - -So schwatzte der Haufe der Zuschauerinnen durcheinander, dem es -gelungen war, durch die Thüren der Kirche hereinzuschlüpfen. - - - 6. - -Nachdem die Trauungsfeier in der Kirche beendet war, breitete der -Küster vor dem Altarplatz in der Mitte der Kirche ein rosafarbenes, -seidenes Zeug aus; der Chor stimmte einen kunstvollen und schwierigen -Psalm an, in welchem Tenor und Baß sich antworteten und der Priester, -sich umwendend, wies die Verlobten auf das ausgebreitete rosafarbene -Stück Zeug hin. So oft diese nun schon davon gehört hatten, daß, wer -zuerst auf den Teppich träte, das Regiment in der Familie führen würde, -vermochten sich doch weder Lewin noch Kity dessen zu entsinnen, als sie -die wenigen Schritte zurücklegten. Sie hörten weder die vernehmbaren -Bemerkungen und Auseinandersetzungen, daß nach der Beobachtung der -Einen er, nach der Meinung der Anderen -- beide zugleich darauf -getreten wären. - -Nach den üblichen Fragen betreffs ihres Wunsches die Ehe zu schließen, -ob sie nicht anderweit Versprechungen gegeben hätten, auf die ihre -Antworten ihnen selbst seltsam genug klangen, begann eine neue -Ceremonie. - -Kity hörte die Worte des Gebetes und bemühte sich, deren Sinn zu -verstehen, aber sie vermochte dies nicht. Das Gefühl des Stolzes -und der lichten Freude begann mit der sich dem Ende nähernden Feier -mehr und mehr ihre Seele zu erfüllen, und machte es ihr unmöglich, -aufmerksam zu sein. Man betete: »Gieb ihnen Weisheit und Leibesfrucht -zu ihrem Nutzen, damit sie heiter seien beim Anblick ihrer Söhne und -Töchter;« es wurde erwähnt, daß Gott das Weib aus einer Rippe Adams -geschaffen habe, und »deswegen wird der Mensch Vater und Mutter -verlassen und dem Weibe anhangen und sie werden beide sein ein Leib,« -und »dieses Geheimnis ein großes« sei; man betete, daß Gott ihnen -Fruchtbarkeit und Segen verleihe, wie Isaak und Rebekka, Joseph und -Mose, und daß sie die Söhne ihrer Söhne noch sehen möchten. »Alles -das ist schön,« dachte Kity, als sie diese Worte vernahm, »alles das -kann auch gar nicht anders sein« und ein Lächeln der Freude, das sich -unwillkürlich allen denen, die sie anschauten, mitteilte, glänzte auf -ihrem hellgewordenen Antlitz auf. - -»Setzt ihn nur ordentlich auf!« vernahm man zuredende Stimmen, als -der Geistliche ihnen die Kränze aufsetzte, und Schtscherbazkiy mit -zitternder Hand, im dreiknöpfigen Handschuh, den Kranz hoch über Kitys -Kopf hielt. - -»Setzt ihn auf,« flüsterte diese lächelnd. - -Lewin blickte sie an und war überrascht von dem freudestrahlenden -Glanze, welcher auf ihrem Gesicht lag; diese Empfindung teilte sich -auch ihm unwillkürlich mit, und auch ihm wurde dabei so leicht und -heiter zu Mut, wie ihr. - -Es machte ihnen Freude, dem Lesen der Apostelsendung zu lauschen und -dem Verrauschen der Stimme des Protodiakonus beim letzten Vers, das -von dem zuschauenden Publikum mit großer Ungeduld erwartet worden war. -Es machte ihnen Freude, aus der flachen Schale den lauen roten Wein, -mit Wasser gemischt, zu trinken, es machte ihnen noch mehr Freude, als -der Geistliche, das Meßgewand zurückwerfend, ihrer beider Hände in -die seine nahm und sie unter dem Dröhnen der Bässe, welche das »Jesu -freue dich« ausführten, rings um den Altar geleitete. Schtscherbazkiy -und Tschirikoff, welche die Kränze hielten, verwickelten sich in die -Schleppe der Braut, lächelten gleichfalls und waren heiter, bald -stehen bleibend, bald nach vorn anstoßend an die Jungvermählten, -sobald der Geistliche eine Pause im Rundgang machte. Der Götterfunke -der Freude, der in Kity entzündet war, schien sich allen mitzuteilen, -die in der Kirche anwesend waren; und Lewin dünkte es, als wenn auch -der Geistliche und der Diakonus, ebenso wie er, zu einem Lächeln -neigten. - -Der Geistliche nahm die Kränze von ihren Häuptern, las das letzte -Gebet und beglückwünschte die jungen Eheleute. Lewin schaute auf Kity -und noch nie bisher hatte er diese so gesehen. Sie war reizend in dem -ungewohnten Schimmer von Glück, welcher auf ihrem Antlitz lag. Lewin -wollte zu ihr sprechen, aber er wußte nicht, ob die Feier zu Ende sei. -Der Geistliche entriß ihn seinen Bedenken, er lächelte ihm gutmütig zu -und sagte leise, »küßt Euer Weib, und Ihr, küßt Euren Mann« und nahm -ihnen die Lichter aus den Händen. - -Lewin küßte taktvoll ihre lächelnden Lippen, reichte ihr den Arm, und -verließ im Gefühl der Nähe eines neuen, seltsam berührenden Etwas die -Kirche. - -Er glaubte nicht und konnte nicht glauben, daß es Wahrheit sei. Erst -als ihn verwunderte und schüchterne Blicke trafen, glaubte er daran, -weil er fühlte, daß sie schon Eins waren. - -Nach dem Souper, noch in der nämlichen Nacht, fuhren die jungen Leute -nach dem Dorfe ab. - - - 7. - -Wronskiy und Anna reisten bereits seit drei Monaten zusammen in Europa. -Sie hatten Venedig, Rom, Neapel besucht und waren soeben in einer -kleinen italienischen Stadt angekommen, wo sie sich für einige Zeit -niederzulassen gedachten. - -Ein eleganter Oberkellner, mit einem vom Nacken beginnenden Scheitel im -dicht pomadisierten Haar, im Frack und mit breiter weißer Battistbrust -im Oberhemd, auch einem Bündel Berloques auf dem gerundeten Bäuchlein, -antwortete gerade, die Hände in den Taschen und geringschätzig mit -den Augen zwinkernd, in gemessenem Tone einem stehenbleibenden Herrn. -Als er von der andern Seite der Einfahrt Schritte vernahm, welche die -Treppe hinaufgingen, wandte sich der Oberkellner um, zog, als er den -russischen Grafen erblickte, welcher hier die besten Zimmer gemietet -hatte, respektvoll die Hände aus den Taschen und erklärte mit einer -Verbeugung, daß der Kurier da wäre, und die Angelegenheit mit dem -Mieten eines Palazzo im Gange sei. - -»Ach, das freut mich sehr,« sagte Wronskiy, »ist die gnädige Frau -daheim oder nicht?« - -»Gnädige Frau waren spazieren gegangen, sind aber jetzt zurückgekehrt,« -antwortete der Kellner. - -Wronskiy nahm den weichen, breitkrempigen Hut vom Kopfe und trocknete -mit dem Taschentuch die schweißbedeckte Stirn und die halb über den -Ohren hängenden Haare, welche zurückgekämmt waren und die kahle Stelle -auf seinem Kopfe bedeckten. Zerstreut auf den noch immer dastehenden -und ihn anschauenden Herrn blickend, wollte er vorübergehen. - -»Dieser Herr ist Russe und frug nach Ihnen,« berichtete der Oberkellner. - -Mit einem Gefühl, in dem sich Verlegenheit und der Verdruß mischten, -daß man nirgends seinen Bekannten entgehen könne, aber im Wunsche, -doch wenigstens eine Zerstreuung in der Einförmigkeit seines Lebens zu -finden, blickte Wronskiy nochmals den abseits getretenen und wartenden -Herrn an, und in ein und demselben Augenblick leuchteten beider Augen -auf. - -»Golenischtscheff!« - -»Wronskiy!« - -In der That, es war Golenischtscheff, ein Kamerad Wronskiys -vom Pagencorps her. Golenischtscheff gehörte im Pagencorps der -freidenkenden Richtung an, trat aus demselben mit bürgerlichem Range -aus und hatte nirgends Dienste genommen. Die Kameraden waren seit -dem Verlassen des Corps ganz auseinandergekommen und hatten sich in -späterer Zeit nur einmal wiedergesehen. - -Bei jener Begegnung erkannte aber Wronskiy, daß Golenischtscheff eine -hochgeschraubte, freisinnige Wirksamkeit entwickelt hatte und infolge -dessen die Thätigkeit und den Beruf Wronskiys gering schätzte, und so -kam es, daß dieser bei dem Zusammentreffen mit Golenischtscheff jene -kalte stolze Haltung annahm, die er den Menschen gegenüber anzunehmen -verstand, und deren Gedanke der war: »Mag Euch meine Lebensart -anstehen oder nicht, dies ist mir ganz gleichgültig; Ihr müßt mich aber -achten, wenn Ihr meine Bekanntschaft sucht.« - -Golenischtscheff hingegen verhielt sich diesem Tone Wronskiys gegenüber -mit geringschätzigem Gleichmut. Es dürfte nun scheinen, als ob jene -Begegnung sie noch mehr voneinander hätte trennen müssen, jetzt aber -erglänzten beider Mienen und sie riefen sich freudig an, indem sie -einander erkannten. - -Wronskiy hätte nie erwartet, daß er sich über Golenischtscheff so -freuen könne, aber wahrscheinlich wußte er nur selbst nicht, wie er -sich langweilte. Er hatte den unangenehmen Eindruck ihrer letzten -Begegnung vergessen und streckte jetzt dem einstigen Schulkameraden -mit offener, freudiger Miene die Hand entgegen. Ein solcher Ausdruck -von Freude veränderte auch den ersten unsicheren Ausdruck im Gesicht -Golenischtscheffs. - -»Wie freue ich mich, dich zu treffen!« sagte Wronskiy, freundschaftlich -lächelnd seine festen weißen Zähne zeigend. - -»Ich habe gehört, ein Wronskiy ist hier; wußte aber nicht, welcher. Ich -freue mich ganz außerordentlich!« -- - -»Komm doch mit herauf. Nun, was machst du denn?« - -»Ich wohne schon seit zwei Jahren hier. Ich arbeite.« - -»Ach so,« versetzte Wronskiy voll Teilnahme, »also komme mit herein.« - -Nach der Gewohnheit der Russen begann er französisch, anstatt gerade -russisch das zu sagen, was er vor der Dienerschaft verbergen wollte. - -»Bist du mit der Karenina bekannt? Wir reisen zusammen. -- Ich gehe zu -ihr,« -- fuhr er auf französisch fort, Golenischtscheff aufmerksam ins -Gesicht blickend. - -»Ah, ich wüßte nicht,« antwortete Golenischtscheff ruhig -- der -recht wohl das Verhältnis kannte -- »bist du schon seit lange hier -angekommen?« fügte er hinzu. - -»Ich? Seit vier Tagen,« antwortete Wronskiy, noch einmal aufmerksam das -Gesicht des Schulkameraden musternd. - -»Ja wohl, er ist ein vernünftiger Mensch und nimmt die Dinge, wie -sichs gehört,« sagte Wronskiy zu sich selbst, die Bedeutung des -Gesichtsausdrucks Golenischtscheffs und den Wechsel der Unterhaltung -verstehend; »man kann ihn schon mit Anna bekannt machen; er verhält -sich ganz so, wie es sich gehört.« - -Wronskiy hatte sich während der drei Monate, die er im Auslande mit -Anna zugebracht hatte, im Zusammentreffen mit den Menschen stets die -Frage vorgelegt, wie die betreffende neuerscheinende Person seine -Beziehungen zu Anna betrachte, und größtenteils begegnete er bei den -Männern der Auffassung »wie es sich gehörte«. Wenn man ihn aber frug, -oder diejenigen frug, welche verstanden, was das »wie es sich gehört«, -eigentlich bedeute, so wäre wohl er selbst ebenso wie jene in großer -Verlegenheit gewesen. - -In Wirklichkeit verstanden diejenigen, welche nach Wronskiys Meinung -das »wie es sich gehört« kannten, dieses nicht im geringsten, sondern -verhielten sich nur im allgemeinen so, wie wohlerzogene Leute sich -in allen verwickelten und unlösbaren Fragen zu verhalten pflegen, -die das Leben von allen Seiten umgeben -- sie verhielten sich -zurückhaltend, und mieden Anspielungen und unangenehme Fragen. Sie -gaben sich den Anschein, als ob sie vollständig Bedeutung und Sinn -der Situation erfaßt hätten, sie erkannten dieselbe an und hießen sie -sogar gut, hielten es aber für unangebracht und überflüssig, das alles -auszusprechen. - -Wronskiy hatte sich nicht sogleich gedacht, daß Golenischtscheff einer -von diesen Leuten wäre, und er war daher doppelt erfreut über ihn. -In der That verhielt sich Golenischtscheff der Karenina gegenüber, -nachdem er bei derselben eingeführt worden war, so, wie Wronskiy es nur -immer wünschen konnte. Augenscheinlich vermied er ohne die geringsten -Schwierigkeiten alle Gespräche, die zu einer peinlichen Situation -hätten führen können. - -Er hatte Anna früher nicht gekannt und war überrascht von ihrer -Schönheit, noch mehr aber von der Naivetät, mit welcher sie ihre Lage -auffaßte. Sie errötete, als Wronskiy Golenischtscheff einführte, und -dieses kindliche Erröten, das ihr offenes schönes Gesicht überzog, -gefiel ihm außerordentlich. Besonders aber sprach ihn an, daß sie -sogleich, wie in der Absicht keinerlei Zweifel in Gegenwart eines -Fremden möglich bleiben zu lassen, Wronskiy einfach »Aleksey« nannte -und erzählte, daß sie mit ihm in ein neugemietetes Haus übersiedeln -werde, welches man hier den Palazzo nenne. Dieses offenherzige und -naive Verhalten angesichts ihrer Lage gefiel Golenischtscheff. -Angesichts dieser gutmütig heitern energischen Art und Weise Annas und -seiner Bekanntschaft mit Aleksey Aleksandrowitsch und Wronskiy schien -es ihm, als ob er sie vollständig verstände. Es schien ihm als ob er -erkenne, was sie nicht im entferntesten erkannte; nämlich das, daß sie -sich, das Unglück eines Mannes verschuldend, indem sie ihn und ihren -Sohn verließ und ihren guten Ruf verlor, dennoch voll Energie heiter -und glücklich fühlen konnte. - -»Er liegt dort drüben,« sagte Golenischtscheff, den Palazzo meinend, -den Wronskiy gemietet hatte. »Es befindet sich ein schöner Tintoretto -dort, aus der letzten Epoche des Künstlers.« - -»Wißt Ihr was? Das Wetter ist schön, begeben wir uns einmal hin und -besichtigen wir ihn nochmals,« sagte Wronskiy, sich zu Anna wendend. - -»Sehr erfreut; ich komme sogleich mit und will nur meinen Hut -aufsetzen, Ihr sagt, es ist heiß?« sprach sie, an der Thür stehen -bleibend und fragend auf Wronskiy blickend. Wiederum bedeckte eine -helle Röte ihr Gesicht. - -Wronskiy erkannte an ihrem Blick, daß sie nicht wisse, in welchen -Beziehungen er mit Golenischtscheff zu stehen gedenke, und besorgt sei, -ob sie sich auch so verhalten habe, wie er es gewünscht haben möchte. - -Er schaute sie mit einem zärtlichen langen Blicke an. - -»Nein, nicht so sehr,« versetzte er. - -Ihr schien, daß sie damit alles verstanden hatte, namentlich, daß er -zufrieden mit ihr sei, und ihm zulächelnd ging sie schnellen Schrittes -zur Thür hinaus. - -Die Freunde blickten einander an und in den Zügen beider erschien -Verlegenheit, es war, als ob Golenischtscheff, augenscheinlich -bezaubert von ihr, etwas über sie zu sagen wünschte, aber nicht fände -was, während Wronskiy das Nämliche wünschte und es doch zugleich -fürchtete. - -»So ist es also« -- begann Wronskiy, um doch wieder eine Unterhaltung -anzuknüpfen, »du hast dich hier angesiedelt? Treibst du denn noch immer -deine alte Beschäftigung?« fuhr er fort, sich erinnernd, daß man ihm -gesagt hatte, Golenischtscheff schriebe etwas. - -»Ja. Ich schreibe den zweiten Teil meiner >Zwei Gesetze<,« antwortete -dieser, vor Vergnügen über diese Frage ins Feuer geratend, »das heißt, -um genau zu sein, ich schreibe noch nicht, sondern bereite noch vor, -ich sammle Material. Dieser zweite Teil wird bei weitem umfangreicher -werden und fast sämtliche Fragen umfassen. Man will bei uns in Rußland -nicht begreifen, daß wir die Erben von Byzanz sind,« begann er eine -lange eifrige Auseinandersetzung. - -Wronskiy war es anfangs peinlich, daß er die erste Abhandlung über -die »Zwei Gesetze«, über welche der Autor mit ihm sprach, als ob sie -etwas ganz Bekanntes wäre, gar nicht kannte. Als aber Golenischtscheff -seine Ideen zu entwickeln begann, und Wronskiy ihm zu folgen vermochte, -hörte ihn der Letztere, auch ohne die »Zwei Gesetze« zu kennen, mit -Interesse an, da Golenischtscheff gut sprach, doch versetzte ihn die -verbissene Erregtheit, mit welcher Golenischtscheff über den ihn -beschäftigenden Gegenstand sprach, in Erstaunen und Mißstimmung. Je -länger jener sprach, umsomehr entflammte sich sein Blick, umsomehr -beeilte er sich, eingebildeten Gegnern zu replizieren und um so -unruhiger und trüber wurde sein Gesichtsausdruck. Wronskiy war, indem -er sich Golenischtscheff als den hageren, lebhaften und gutmütigen -Knaben von gutem Herkommen, der stets der Erste im Corps gewesen war, -in die Erinnerung zurückrief, nicht imstande, einen Grund für diese -Gereiztheit zu finden, und schüttelte den Kopf über ihn. Insbesondere -wollte ihm nicht gefallen, daß Golenischtscheff als ein Mann aus der -guten Gesellschaft, sich auf eine Stufe mit gewissen Skriblern stellte, -die ihn gereizt hatten, und denen er nun grollte. War das die Sache -wert? Wronskiy gefiel dies nicht, aber er empfand, daß Golenischtscheff -unglücklich war, und fühlte Mitleid mit ihm. Verzweiflung, ja fast -Geistesverwirrung war auf diesen beweglichen, ziemlich angenehmen Zügen -sichtbar, während er, Annas Eintreten gar nicht einmal bemerkend, -fortfuhr, hastig und eifrig seine Ideen zu äußern. - -Als Anna in Hut und Überwurf, mit ihrer schönen Hand in schnellen -Bewegungen mit dem Sonnenschirm spielend, neben Wronskiy stehen blieb, -riß sich dieser mit einem Gefühl der Erleichterung von den starr -auf ihn gerichteten, klagenden Blicken Golenischtscheffs los und -schaute mit neuer Liebe auf seine reizende Freundin in ihrer Fülle von -Lebenskraft und Freude. - -Golenischtscheff konnte sich nur schwer wieder sammeln und blieb -anfangs niedergeschlagen und finster, doch belebte ihn Anna, freundlich -gegen jedermann gestimmt -- wie sie überhaupt während dieser Zeit -war -- bald wieder durch die Natürlichkeit und Heiterkeit ihres -Verkehrs. Nachdem sie verschiedene Themata versucht hatte, brachte sie -das Gespräch auf die Malerei, über die er sehr gut sprach und hörte -ihm aufmerksam zu. Sie gingen zu Fuße nach dem gemieteten Haus und -besichtigten es. - -»Über Eines freue ich mich sehr,« sagte Anna zu Golenischtscheff, als -sie bereits auf dem Rückwege waren. »Aleksey wird ein gutes Atelier -haben. Du wirst doch ohne Zweifel dieses Zimmer nehmen,« sagte sie zu -Wronskiy auf russisch, ihn jetzt duzend, da sie schon erkannt hatte, -daß Golenischtscheff ihnen in ihrer Einsamkeit sehr nahe treten würde, -und man so vor ihm nichts zu verhehlen brauche. - -»Malst du denn?« sagte dieser, sich schnell zu Wronskiy hinwendend. - -»Ja, ich habe mich lange damit beschäftigt und jetzt wieder ein wenig -angefangen,« versetzte Wronskiy errötend. - -»Er hat ein bedeutendes Talent,« antwortete Anna mit freudigem Lächeln, -»ich bin natürlich kein Kritiker, aber kundige Kunstrichter haben es -auch gesagt.« - - - 8. - -Anna fühlte sich in dieser ersten Zeit ihrer Freiheit und schnellen -Genesung in einer Weise glücklich und voll Lebensfreude, die nicht zu -vergeben war. Die Erinnerung an das Unglück ihres Gatten vergällte ihr -ihre Seligkeit nicht. Diese Erinnerung war ihr einerseits zu furchtbar, -als daß sie daran hätte denken mögen, andrerseits verlieh ihr das -Unglück des Gatten eine viel zu hohe Seligkeit, als daß sie Reue über -dasselbe hätte empfinden können. Die Erinnerung an alles, was sich mit -ihr seit ihrer Krankheit zugetragen, die Aussöhnung mit dem Gatten, -der Bruch mit ihm, die Nachricht von der Verwundung Wronskiys, dessen -erneutes Erscheinen bei ihr, die Vorbereitung der Ehescheidung, das -Verlassen des Hauses ihres Gatten, der Abschied von ihrem Sohne -- -alles das erschien ihr wie ein Fiebertraum, aus welchem sie, allein -mit Wronskiy, im Auslande erwacht war. Die Erinnerung -- das Böse, das -sie ihrem Gatten zugefügt hatte, erweckte in ihr ein Gefühl, welches -dem Ekel und dem Gefühl ähnlich war, welches ein Mensch empfindet, der -ertrinken wollte und sich von einem andern losgerissen hat, der sich an -ihn anklammerte. Dieser letztere Mensch war ertrunken. Natürlich war -das keine schöne Handlung, aber es war die einzige Rettung und man that -daher am besten, an diese furchtbaren Einzelheiten nicht mehr zu denken. - -Ein Schluß der sie über ihre Handlungsweise beruhigte, kam ihr damals, -in der ersten Minute nach dem Bruch, und wenn sie jetzt an ihre ganze -Vergangenheit dachte, erinnerte sie sich dieses Schlusses. »Ich habe -unwiderleglich das Verhängnis dieses Mannes herbeigeführt,« dachte sie, -»aber ich will aus diesem Unglück keinen Vorteil ziehen; auch ich leide -und werde leiden, ich bin dessen beraubt, was ich über alles schätzte, --- des ehrenhaften Namens und meines Sohnes. Ich habe schlecht -gehandelt, und will daher kein Glück, keine Ehescheidung; ich werde -leiden in meiner Schmach und der Trennung von dem Sohne.« - -Aber so aufrichtig Anna auch leiden wollte, sie litt nicht; und ihre -Schmach war für sie nicht vorhanden. Mit dem Takte, von welchem sie -beide so viel besaßen, kamen sie im Auslande, indem sie russische Damen -mieden, nie in eine falsche Situation und überall trafen sie Leute, -die sich stellten, als ob sie die beiderseitige Lage noch weit besser -verständen, als sie selbst sie auffaßten. Selbst die Trennung von ihrem -Sohne, den sie liebte, war ihr in der ersten Zeit nicht schmerzlich. -Ihr Töchterchen, sein Kind, war so lieb, hatte Anna so für sich -eingenommen, seit ihr das Mädchen allein verblieben war, daß sie nur -selten noch des Sohnes gedachte. - -Ihr Bedürfnis zu leben, mit der Genesung erhöht, war so stark, und ihre -Lebensverhältnisse waren so ungewohnte und angenehme, daß Anna sich -unverzeihlich glücklich fühlte. - -Je mehr sie Wronskiy erkannte, desto mehr liebte sie ihn. Sie liebte -ihn um seiner selbst willen und wegen seiner Liebe für sie. Ihre -vollständige Herrschaft über ihn war ihr eine fortwährende Freude. -Seine Nähe war ihr stets willkommen. Alle Züge seines Charakters, -den sie mehr und mehr erkannte, waren ihr unaussprechlich lieblich. -Sein Äußeres, das sich im Civilanzug verändert hatte, war für sie so -anziehend, wie für eine liebende junge Frau. In allem was er sprach, -dachte und that, sah sie etwas besonders Edles und Erhabenes, und ihr -Entzücken über ihn erschreckte sie selbst sogar häufig. Sie suchte -nichts Unschönes in ihm und konnte auch nichts finden; sie wagte es -nicht, das Bewußtsein ihrer Nichtigkeit vor ihm gewahr werden zu -lassen, denn es schien ihr, als ob er, wenn er dies wüßte, schneller -aufhören könne, sie zu lieben. Jetzt aber fürchtete sie nichts so sehr --- obwohl sie nicht den geringsten Anlaß hierzu hatte -- als, seine -Liebe zu verlieren. Sie konnte nicht umhin, ihm dankbar zu sein für -sein Verhältnis zu ihr und mußte ihm zeigen, wie hoch sie dasselbe -schätzte. Er, der nach ihrer Meinung einen so ausgeprägten Beruf für -die Staatscarriere besaß, in der er einmal eine bedeutende Rolle -spielen mußte -- er hatte seinen Ehrgeiz für sie geopfert, ohne je auch -nur das geringste Bedauern darüber zu zeigen. - -Er war mehr noch als früher, liebevoll und achtungsvoll gegen sie -geworden und der Gedanke, sie möchte sich des Peinlichen ihrer Lage -niemals bewußt werden, verließ ihn nicht eine Minute. Er, so ganz ein -Mann, war vor ihr nicht nur widerspruchslos, er hatte nicht einmal -seinen eigenen Willen, und war offenbar nur damit beschäftigt, auf -welche Weise er ihren Wünschen zuvorkommen könne. Und sie konnte -nicht umhin, dies hochzuschätzen, obwohl sie das Übermaß seiner -Aufmerksamkeit für sie, diese Atmosphäre liebevoller Sorgfalt mit der -er sie umgab, bisweilen bedrückte. - -Wronskiy jedoch war ungeachtet der vollständigen Verwirklichung -dessen, was er so lange ersehnt hatte, nicht vollkommen glücklich. -Er fühlte bald, daß die Verwirklichung seines Wunsches ihm nur ein -Körnlein von jenem Berg von Glück gewährt hatte, den er erwartete. -Diese Verwirklichung zeigte ihm nur den ewigen Fehler, den die Menschen -begehen, indem sie sich das Glück als Verwirklichung eines Wunsches -denken. In der ersten Zeit, nachdem er sich mit ihr vereinigt und -den Civilrock angelegt hatte, empfand er all den Reiz der Freiheit im -allgemeinen, den er nicht vorher gekannt hatte, sowie die Freiheit der -Liebe, und er war zufrieden; doch nicht auf lange. Bald fühlte er, daß -sich in seiner Brust der Wunsch der Wünsche regte -- die Langeweile. --- Ganz ohne seinen Willen klammerte er sich an jede vorüberhuschende -Laune, indem er sie als Wunsch und Ziel erfaßte. Sechzehn Stunden -des Tages mußte man sich beschäftigen, obwohl man im Ausland in -vollkommener Freiheit lebte, außerhalb jenes Kreises von Anforderungen -des gesellschaftlichen Lebens, wie er die Zeit in Petersburg für sich -in Anspruch nahm. - -An jene Zerstreuungen des Junggesellenlebens, die Wronskiy bei früheren -Reisen ins Ausland beschäftigt hatten, war nicht mehr zu denken, -da schon ein einziger Versuch dieser Art einen unerwarteten, einem -verspäteten Abendbrot unter Bekannten nicht entsprechenden Trübsinn -in Anna hervorrief. Beziehungen zu der Gesellschaft des Ortes, auch -den Russen hier, konnten sie bei der Unbestimmtheit ihrer Verhältnisse -ebenfalls nicht unterhalten. Eine Besichtigung der Sehenswürdigkeiten -hatte, abgesehen davon, daß sie alles schon gesehen hatten, für ihn -als einen Russen, und verständigen Menschen, nicht jene unerklärbare -Bedeutung, wie sie die Engländer diesem Punkte beimessen. - -Wie daher das hungernde Tier nach jedem fallenden Gegenstande schnappt, -in der Hoffnung, in ihm etwas zu fressen zu finden, so griff auch -Wronskiy vollständig instinktiv bald zur Politik, bald nach neuen -Büchern, bald nach der Malerei. - -Da er von Kindheit an Talent zur Malerei gehabt, und, indem er nicht -wußte, wofür er sein Geld verausgaben sollte, Stahlstiche zu sammeln -begonnen hatte, so blieb er endlich bei der Malerei, und begann sich -mit ihr zu beschäftigen und jenen brachliegenden Wust von Wünschen, -welcher nach Verwirklichung verlangte, in ihr abzulagern. - -Er besaß die Fähigkeit, die Kunst zu erfassen, und in der That mit -Geschmack die Kunst nachzuahmen; er meinte auch, daß er dasselbe -besäße, was der Künstler brauche, und befaßte sich, nachdem er einige -Zeit geschwankt hatte, welches Genre der Malerei er erwählen solle: das -religiöse, historische oder realistische, mit Malen. Er verstand sich -auf jedes Genre und konnte sich für dieses, wie für jenes begeistern, -aber er vermochte sich nicht vorzustellen, daß es auch möglich sei, -ganz und gar nichts zu wissen, was es für Richtungen in der Malerei -gebe, und sich unmittelbar von dem inspirieren zu lassen, was in -der Seele lebte, ohne Sorge, ob das, was man malte, auch zu einem -bestimmten Genre in der Kunst gehörte. Da er dies nicht kannte, und -sich nicht unmittelbar vom Leben beeinflussen ließ, sondern mittelbar, -vom Leben wie es durch die Kunst schon verkörpert war, so begeisterte -er sich sehr schnell und leicht und erreichte ebenso schnell und -leicht, daß das, was er malte, demjenigen Genre sehr ähnlich wurde, -welches er nachzuahmen wünschte. - -Vor allem gefiel ihm die französische Schule, die graziöse und -effektvolle, und nach dieser begann er, das Bild Annas in italienischem -Kostüm zu malen. Das Porträt erschien ihm und jedermann, der es sah, -als sehr gelungen. - - - 9. - -Der alte vernachlässigte Palazzo mit den hohen bossierten Plafonds und -Fresken an den Wänden, Mosaikboden und schweren gelben Stoffgardinen an -den hohen Fenstern; Vasen auf den Konsolen und Kaminen, geschnitzten -Thüren und dämmerigen Sälen, die mit Gemälden vollgehängt waren -- -dieser Palazzo hielt, nachdem sie in ihn übergesiedelt waren, schon in -seiner äußeren Erscheinung in Wronskiy eine angenehme Täuschung wach, -die, daß er weniger ein russischer Gutsherr und Stallmeister ohne Amt -sei, als vielmehr ein erlauchter Liebhaber und Kunstmäcen, und er -selbst -- ein bescheidener Künstler, der sich von der Welt losgesagt -hatte, von seinen Verbindungen und dem Ehrgeiz -- für ein geliebtes -Weib. - -Die Rolle, welche Wronskiy mit seinem Umzug in den Palazzo erwählt -hatte, gelang vollständig und durch Vermittelung Golenischtscheffs mit -einigen interessanten Personen bekannt geworden, fühlte er sich für die -Anfangszeit beruhigt. Er malte unter der Leitung eines italienischen -Professors der Malerei Studien nach der Natur und beschäftigte sich mit -dem Kunstleben Italiens im Mittelalter. Das mittelalterliche Kunstleben -Italiens hatte für Wronskiy in letzter Zeit soviel Reiz gewonnen, -daß dieser selbst einen Hut und das Plaid über der Schulter nach der -mittelalterlichen Mode zu tragen begann, was ihm sehr gut stand. - -»Da leben wir hier und wissen gar nichts davon,« sagte eines Tages -Wronskiy zu Golenischtscheff, der früh zu ihm gekommen war. »Hast du -das Gemälde Michailoffs gesehen?« Er reichte die am Morgen soeben -erhaltene russische Zeitung hin, und wies auf einen Artikel über einen -russischen Maler, der in der nämlichen Stadt lebte und hier ein Gemälde -ausgeführt hatte, über welches schon lange Gerüchte umliefen und das -schon im voraus angekauft worden war. - -In dem Aufsatz wurden der Regierung und der Akademie Vorwürfe gemacht, -daß der vorzügliche Künstler jeder Aufmunterung und Unterstützung -entbehre. - -»Ich habe das Bild gesehen,« antwortete Golenischtscheff, »natürlich -ist er nicht talentlos, aber er verfolgt eine vollständig verkehrte -Richtung; das ist noch immer jene Richtung Iwanoff-Strauß-Rénan, -Christus und der kirchlichen Malerei gegenüber.« - -»Was stellt das Gemälde dar?« frug Anna. - -»Christus vor Pilatus. Christus ist als Hebräer mit allem Realismus -der neuen Schule dargestellt« -- durch die Frage nach dem Inhalt -des Gemäldes auf eines seiner Lieblingsthemen gebracht, begann -Golenischtscheff zu erklären. - -»Ich begreife nicht, wie man einem so groben Irrtum verfallen kann. -Christus hat doch schon seine bestimmte Verkörperung in der Kunst -der größten Altmeister. Wenn man nicht Gott darstellen will, sondern -einen Revolutionär oder Weisen, so mag man sich den Sokrates aus der -Geschichte wählen, den Franklin, die Charlotte Corday -- aber nur nicht -Christus. -- Man nimmt da aber gerade diejenige Gestalt, die man für -die Kunst nicht nehmen soll, und dann« -- - -»Aber ist es denn wahr, daß sich dieser Michailoff in so großer Armut -befindet?« frug Wronskiy in dem Gedanken, daß er, als russischer Mäcen, -ohne Rücksicht darauf, ob das Gemälde gut oder schlecht sei, dem -Künstler helfen könne. - -»Kaum; er ist ein bedeutender Porträtmaler. Ihr habt wohl sein Porträt -der Wasiljtschikowa gesehen? Er scheint indessen nicht mehr Porträts -malen zu wollen, und kann es allerdings möglich sein, daß er sich -wirklich in Not befindet. Ich sage, daß? -- - -»Könnte man ihn nicht bitten, ein Porträt der Anna Arkadjewna zu -malen?« sagte Wronskiy. - -»Weshalb meines?« fiel Anna ein, »außer dem deinigen möchte ich kein -anderes haben. Oder noch besser wäre Any« -- so nannte sie ihr kleines -Mädchen -- »da ist sie gerade,« fügte sie hinzu, durch das Fenster auf -eine hübsche italienische Amme schauend, welche das Kind in den Garten -trug, und dann sorglich verstohlen auf Wronskiy blickend. - -Die hübsche Amme, deren Kopf Wronskiy für sein Gemälde porträtiert -hatte, bildete das einzige geheime Leid im Leben Annas. Wronskiy hatte -sie gemalt, sich in ihre Anmut und Mittelalterlichkeit verliebt, und -Anna wagte nicht, sich zu gestehen, daß sie fürchtete, sie könne auf -diese Amme eifersüchtig werden. Infolge dessen behandelte sie dieselbe -ausnehmend gut und verzärtelte sie sogar, ebenso wie den kleinen Sohn -derselben. - -Wronskiy blickte ebenfalls durch das Fenster und dann Anna in die -Augen, wandte sich jedoch hierauf sogleich wieder zu Golenischtscheff -und sagte: - -»Kennst du diesen Michailoff?« - -»Ich bin ihm begegnet, doch ist er ein Sonderling und ohne jede -Bildung. Wißt Ihr, er ist einer jener Wilden, jener Neuerer, die man -jetzt so häufig trifft; einer jener Freidenker, welche =d'emblée=, -in den Begriffen des Unglaubens, der Negierung und des Materialismus -aufgezogen sind. Früher,« fuhr Golenischtscheff fort, ohne zu bemerken, -oder bemerken zu wollen, daß auch Wronskiy und Anna zu reden wünschten, -»früher war ein Freidenker ein Mensch, der in den Begriffen Religion, -Gesetz und Moral erzogen worden, und selbst durch Kampf und Mühe -zum Freidenkertum gelangt war; jetzt zeigt sich ein neuer Typus der -selbstgewordenen Freidenker, welche emporwachsen, ohne auch nur davon -gehört zu haben, daß es Gesetze der Moral, der Religion giebt, und daß -Autoritäten existieren; solcher, die eben geradezu in den Begriffen -des absoluten Nein, das heißt also, wie Wilde aufwachsen. So Einer ist -er nun; der Sohn eines höheren Moskauer Lakaien wohl, der keinerlei -Bildung empfangen hat. Nachdem er in die Akademie eingetreten war und -sich einen Namen gemacht hatte, begann er, gerade kein Dummkopf, das -Bedürfnis nach Bildung zu fühlen. Er wandte sich daher zu dem, was ihm -als Quelle der Bildung erschien -- zu den Journalen. Man bedenke nur, -in der alten Zeit hätte ein Mensch, der sich bilden wollte, nehmen -wir an, ein Franzose, alle Klassiker studieren müssen: die Theologen, -Tragiker, Historiker und Philosophen; man bedenke die geistige -Arbeit, die ihm da obgelegen haben würde. Jetzt aber, bei uns, ist -er geradenwegs auf die oppositionelle Litteratur gestoßen, hat sich -schnell den ganzen Extrakt der Verneinungswissenschaft zu eigen gemacht --- und ist fertig! Vor zwanzig Jahren würde er in dieser Litteratur -die Kennzeichen eines Kampfes mit der Autorität, mit hundertjährigen -Anschauungen gefunden haben, er würde aus diesem Kampfe erkannt haben, -daß es noch etwas Anderes gebe, jetzt aber verfällt er geradenwegs -einer Litteratur, in welcher man die alten Anschauungen nicht einmal -mehr einer Bekämpfung würdigt, sondern unverhohlen heraussagt, >das -ist nichts mehr, =évolution=, Kampf ums Dasein!< Ich habe in meiner -Abhandlung« -- - -»Wißt Ihr was,« sagte Anna, die schon lange aufmerksame Blicke mit -Wronskiy gewechselt hatte, und wußte, daß diesen der Bildungsgang des -Künstlers nicht interessierte, sondern nur der Gedanke beschäftigte, -ihm zu helfen, ihm ein Porträt zuzuweisen: »Wißt Ihr was?« unterbrach -sie den sich im Redefluß verlierenden Golenischtscheff, »wir wollen zu -ihm gehen!« - -Golenischtscheff sammelte sich und stimmte bereitwillig zu, da jedoch -der Künstler in einem entfernteren Viertel wohnte, beschloß man einen -Wagen zu nehmen. - -Nach Verlauf einer Stunde fuhren Anna die neben Golenischtscheff -saß, und Wronskiy, der auf dem Vordersitz des Wagens Platz genommen -hatte, vor einem neuen, unschön aussehenden Gebäude in dem abgelegenen -Stadtviertel vor. Nachdem sie von der heraustretenden Frau des -Hausmanns erfahren hatten, daß Michailoff den Zutritt zu seinem Atelier -wohl gewähre, augenblicklich aber sich in seiner Privatwohnung, die -wenige Schritte entfernt lag, befinde, so sandten sie ihm ihre Karten -mit der Bitte um die Erlaubnis, seine Gemälde sehen zu dürfen. - - - 10. - -Der Maler Michailoff war, wie immer, bei der Arbeit, als man ihm die -Karten des Grafen Wronskiy und Golenischtscheffs überbrachte. Er hatte -diesen Morgen in seinem Atelier an einem großen Gemälde gearbeitet. -Als er in seine Wohnung gekommen war, hatte er sich über seine Frau -geärgert, weil diese nicht mit der Hauswirtin umzugehen verstand, die -Geld verlangte. - -»Zwanzigmal wohl habe ich dir gesagt, laß dich nicht in Erklärungen -ein, du bist ohnehin schon dumm genug; willst du aber auf italienisch -etwas erklären, dann wirst du noch dreimal dümmer,« sagte er zu ihr -nach langem Gezänk. - -»Sei lieber nicht so nachlässig! Ich kann doch nicht dafür. Wenn ich -Geld hätte« -- - -»Laß mich in Ruhe, um Gottes willen!« rief Michailoff, Thränen in der -Stimme, eilte, sich die Ohren zuhaltend, in sein Arbeitszimmer hinter -die Zwischenwand, und schloß die Thür hinter sich. »Einfältige,« sprach -er zu sich selbst, ließ sich an seinem Tische nieder, klappte den -Karton auseinander und machte sich mit besonderem Eifer an eine schon -begonnene Zeichnung. - -Niemals arbeitete er mit so großem Eifer und Erfolg, als wenn es ihm -im Leben nicht gut ging, besonders aber, wenn er sich mit seiner Frau -gezankt hatte. - -»Könnte man nur sonstwohin durchbrennen!« dachte er bei seiner Arbeit. -Er entwarf eine Zeichnung zu der Figur eines Menschen, der sich im -Zornanfall befindet. Die Zeichnung war schon vorher entworfen, aber -er war mit derselben nicht zufrieden. »Nein, die andere war besser; -wo ist sie denn nur?« Er ging zu seiner Frau, und frug grollend, und -ohne aufzublicken, die alte Magd, wo das Papier wäre, welches er ihnen -gegeben hätte. Das Papier mit der darauf hingeworfenen Zeichnung fand -sich, es war aber beschmutzt und mit Stearin betropft. Gleichwohl nahm -er die Zeichnung, legte sie vor sich auf den Tisch, und begann, nachdem -er mit den Augen blinzelnd zurückgetreten war, sie zu betrachten. -Plötzlich lächelte er und schwenkte freudig mit den Armen. »So ist -es, so!« sagte er, und begann, den Bleistift ergreifend, schnell -zu zeichnen. Ein Stearinflecken hatte der Figur eine neue Stellung -verliehen. Er zeichnete diese neue Stellung und plötzlich fiel ihm das -energische Gesicht eines Kaufmanns mit hervorstehendem Unterkinn ein, -bei dem er sich seine Cigarren kaufte, und dieses Gesicht, dieses Kinn -gab er nun seiner Figur. Er lachte vor Lust; die Gestalt war plötzlich -aus einer toten, nur gedachten, lebendig, eine solche geworden, die -man nicht mehr verändern konnte. Diese Figur lebte, sie war deutlich -und zweifellos bestimmt. Man konnte jetzt wohl noch die Zeichnung -ändern, im Einklang mit den Erfordernissen der Gestalt, man konnte wohl -selbst die Füße anders stellen, die Haltung des linken Armes gänzlich -ändern, die Haare zurücklegen. Brachte man auch diese Verbesserungen -an, so verankerte man doch nicht die Figur, sondern nur das, was die -Figur verdeckte. Er nahm damit gleichsam nur die Hüllen von ihr ab, -wegen deren sie nicht ganz sichtbar war und jeder neue Strich zeigte -die ganze Gestalt nur noch mehr in all ihrer energischen Kraft, einer -Kraft, die ihm plötzlich von den Stearinflecken hervorgebracht zu sein -schien. Sorgfältig beendete er gerade die Figur, als man ihm die Karten -brachte. - -»Sogleich, sogleich!« - -Er eilt zu seiner Frau. - -»Laß es gut sein, Sascha, sei nicht mehr böse!« sagte er zu ihr, -schüchtern und zärtlich lächelnd, »du warst schuld und ich war -schuld; ich will schon alles in Ordnung bringen.« Nachdem er sich mit -seiner Frau ausgesöhnt hatte, zog er einen olivenfarbigen Paletot mit -Sammetkragen an, setzte seinen Hut auf, und begab sich nach seinem -Atelier. Die so wohlgelungene Figur hatte er bereits vergessen. Es -erfreute und erregte ihn jetzt nur der Besuch seines Ateliers seitens -dieser vornehmen Russen, die im Wagen angekommen waren. - -Über sein Gemälde, dasselbe, welches jetzt auf seinem Platze stand, -hatte er auf dem Grunde seines Herzens nur ein Urteil -- dies, daß ein -ähnliches Gemälde bisher noch niemand gemalt habe. Er wähnte nicht, -daß sein Bild besser sei als alle Rafaelschen, er wußte nur, daß das, -was er auf demselben wiedergeben wollte, noch nie jemand wiedergegeben -hatte. Dies wußte er genau und er wußte es schon lange, seit jener -Zeit, da er es zu malen begonnen hatte. Aber die Urteile der Menschen -hatten für ihn, wie sie auch sein mochten, gleichwohl eine ungeheure -Wichtigkeit, und sie regten ihn bis auf den Grund seiner Seele auf. -Jede Bemerkung, selbst die allergeringste, welche bewies, daß seine -Kritiker auch nur den kleinsten Teil von dem erkannten, was er in -diesem Gemälde gesehen hatte, regte ihn bis auf den Grund seiner Seele -auf. - -Seinen Kritikern maß er stets größere Tiefe an Verständnis bei, als wie -er selbst besaß, und er erwartete von ihnen stets etwas, was er selbst -noch nicht in seinem Gemälde gesehen hatte. Oft fand er dies auch, wie -ihm schien, in den Urteilen der Beschauer. - -Schnellen Schrittes näherte er sich der Thür seines Ateliers; und trotz -seiner inneren Erregtheit, frappierte ihn die matte Beleuchtung der -Gestalt Annas, wie sie im Schatten der Einfahrt stand und dem eifrig -ihr etwas auseinandersetzenden Golenischtscheff zuhörte, zu gleicher -Zeit aber auch offenbar wünschte, den herankommenden Künstler zu sehen. - -Er selbst war sich dessen gar nicht bewußt geworden, daß er an sie -herantretend, diesen Eindruck erfaßt und sich zu eigen gemacht hatte, -ebenso wie das Unterkinn jenes Kaufmanns der ihm Cigarren verkaufte, -und er barg ihn nun an eine Stelle, von der er ihn wieder hervorholen -würde, sobald er ihn brauchte. Die Besucher, schon vorher durch -Golenischtscheffs Erzählung über den Künstler ernüchtert, wurden dies -noch mehr durch dessen äußere Erscheinung. - -Von mittlerer Größe, gedrungen, mit schwankendem Gang, machte -Michailoff in seinem zimmetfarbenen Hut, dem olivengrünen Paletot und -den engen Beinkleidern -- man trug zu dieser Zeit längst schon weite --- insbesondere aber durch das Gewöhnliche seines breiten Gesichts und -einen Ausdruck, in welchem sich Schüchternheit mit dem Wunsche, seine -Würde zu beobachten, vereinigte, einen nicht eben angenehmen Eindruck. - -»Bitte ergebenst,« sagte er, sich bemühend, gleichmütig zu erscheinen, -und zog, in den Hausflur tretend, einen Schlüssel aus der Tasche um die -Thür zu öffnen. - - - 11. - -Beim Eintritt in das Atelier musterte der Künstler Michailoff -noch einmal seinen Besuch und prägte seinem Gedächtnis noch den -Gesichtsausdruck Wronskiys ein, insbesondere dessen Backenpartieen. - -Wenn auch sein künstlerisches Empfinden fortwährend thätig war, indem -es Material sammelte, wenn er auch immer mehr und mehr die Erregung -darüber empfand, daß die Minute der Beurteilung seines Werkes nahte, -so hatte er sich doch dabei schnell und feinsinnig aus unmerklichen -Anzeichen eine Vorstellung über diese drei Personen gebildet. - -Der Eine da -- Golenischtscheff -- war ein hiesiger Russe. Michailoff -entsann sich weder seiner Familie, noch wußte er mehr, wo er ihm -begegnet war, und was er mit ihm gesprochen hatte. Er entsann sich -nur noch seines Gesichts, wie er sich überhaupt aller Gesichter -entsann, die er einmal gesehen hatte, doch entsann er sich auch, -daß dies eines jener Gesichter war, die von seiner Phantasie in -die höchst umfangreiche Klasse der unwahren und ausdrucksarmen -einregistriert wurden. Die langen Haare und die sehr offene Stirn -verliehen dem Gesicht äußere Bedeutung, obwohl sich auf ihm nur wenig, -kindlich-unruhiger Ausdruck, der sich über der schmalen Nasenwurzel -konzentrierte, zeigte. - -Wronskiy und die Karenina mußten nach der Vorstellung, die sich -Michailoff von ihnen machte, vornehme und reiche Russen sein, die -nichts von Kunst verstanden, wie alle diese reichen Russen, sich aber -als Liebhaber und Verehrer derselben gebärdeten. - -»Sie haben gewiß schon die ganze alte Kunst gesehen und bereisen -jetzt die Ateliers der neuen Meister, die deutschen Charlatane und -die englischen Praerafaelistennarren, und kommen nun zu mir nur der -Vervollständigung der Umschau halber,« dachte er. - -Er kannte die Manier der Dilettanten sehr genau -- je klüger diese -erschienen, um so schlimmer war es -- welche die Ateliers der -zeitgenössischen Künstler nur mit der Absicht zu sehen kamen, daß sie -das Recht hätten sagen zu können, die Kunst sei im Niedergang begriffen -und daß sich, je mehr man auf die Neuen schaue, umsomehr wahrnehmen -lasse, wie unnachahmlich erhaben die alten Meister geblieben seien. - -Er erwartete alles dies, sah alles dies, schon auf ihren Gesichtern, -in dieser gleichmütigen Nachlässigkeit, mit der sie unter sich -sprachen und auf die Büsten blickten und sich ungezwungen bewegten, -in der Erwartung, daß er ihnen das Gemälde zeigen würde. Aber -nichtsdestoweniger empfand er beim Durchblättern seiner Skizzen und als -er die Vorhänge hob und die Decke wegnahm, eine hohe tiefe Erregung; -umsomehr, als ihm, obwohl alle vornehmen und reichen Russen dumm und -beschränkt nach seinen Begriffen sein mußten, Wronskiy sowohl wie -besonders Anna, gefielen. - -»So, ist es gefällig?« sprach er, mit linkischem Gange auf die Seite -tretend und nach dem Bilde weisend. »Es ist die Mahnung des Pilatus. -Matthäi Kap. =XXVII=« -- sagte er, im Gefühl, daß seine Lippen vor -Aufregung zu zittern begannen. Er ging abseits und trat hinter sie. - -Während der wenigen Sekunden, während deren die Besucher schweigend -das Gemälde beschauten, blickte es Michailoff gleichfalls an, und er -schaute mit gleichgültigem, interesselosem Blick darauf. Während dieser -wenigen Sekunden hatte er sich im voraus davon überzeugt, daß das -höchste und gerechteste Urteil von ihnen ausgesprochen werden würde, -gerade von diesen Besuchern, welche er eine Minute zuvor noch so gering -geschätzt hatte. Er hatte alles vergessen, was er über sein Bild vorher -gedacht hatte während der drei Jahre, in denen es von ihm gemalt ward; -er vergaß alle Vorzüge desselben, die für ihn zweifellos vorhanden -waren und sah sein Bild nur mit ihrem unbewegten, unparteiischen und -frischen Blick an; und jetzt sah er an ihm nichts Gutes mehr. Er sah im -Vordergrund das unwillige Gesicht des Pilatus und das ruhige Antlitz -Christi, im Hintergrund die Gestalten der Kreaturen des Pilatus und -das Gesicht Johannis, die Vorgänge beobachtend. Jedes Gesicht, unter -so vielem Suchen, so vielem Irren, Verbessern an seinem eigenartigen -Charakter in ihm erstanden, jedes dieser Gesichter, die ihm soviel -Mühe und Freude gemacht hatten, sie alle, so oft umgeändert unter der -Rücksichtnahme auf den Gesamteindruck, und auf alle diese Nüancen des -Kolorits und der Töne, die er mit soviel Mühe erzielt hatte, alles -dies vereint, zeigte sich ihm jetzt, indem er die Augen der Besucher -beobachtete, als Trivialität, die schon tausendmal wiederholt worden -war. - -Selbst das wertvollste dieser Gesichter, das Antlitz Christi, als -Mittelpunkt des Bildes, der ihm soviel Freude gemacht hatte, als er -es endlich gefunden, alles das erschien jetzt verloren für ihn, als -er auf sein Gemälde mit ihren Augen blickte. Er sah nur eine gut -- -und selbst das nicht einmal, da er jetzt klar eine Masse von Mängeln -wahrnahm -- gemalte Wiederholung aller jener zahllosen Christusbilder -Tizians, Rafaels, Rubens', und der nämlichen Söldner des Pilatus. -Alles war trivial, dürftig und veraltet, ja, selbst schlecht gemalt -- -bunt und schwach. Sie werden recht haben, wenn sie in Gegenwart des -Künstlers verstellte höfliche Phrasen drechseln, ihn aber bedauern und -verspotten, sobald sie unter sich sind. - -Das Schweigen wurde ihm allzu drückend, obwohl es nicht länger als eine -Minute gewährt hatte; um es zu brechen und zu zeigen, daß er nicht aus -seiner Ruhe gekommen sei, wandte er sich, indem er sich zusammenraffte, -an Golenischtscheff. - -»Ich hatte wohl, wie mir scheint, das Vergnügen« -- sagte er zu -demselben, unruhig bald auf Anna, bald auf Wronskiy blickend, um nicht -einen einzigen Zug des Ausdrucks ihrer Gesichter zu verlieren -- »Ihnen -schon begegnet zu sein?« -- - -»Gewiß! -- Wir sahen uns bei Rossi, entsinnt Ihr Euch jenes Abends, -als jene italienische Dame vortrug,« begann Golenischtscheff frei, und -ohne das geringste Bedauern den Blick von dem Gemälde ab und zum Maler -wendend. - -Als er indessen bemerkte, daß Michailoff ein Urteil über sein Gemälde -erwarte, sagte er: »Euer Bild hat gute Fortschritte gemacht, seit ich -es zum letztenmal gesehen habe. So wie damals, überrascht mich auch -jetzt die Figur des Pilatus. So muß man diesen Mann auffassen, als gut -und brav, aber als Beamter bis auf den Kern seiner Seele, der nicht -weiß, was er anrichtet. Mir scheint indessen« -- - -Michailoffs bewegliches Gesicht erglänzte plötzlich über und über, -seine Augen leuchteten auf. - -Er wollte etwas sagen, konnte es aber vor Erregung nicht, und -stellte sich nun, als müsse er husten. So niedrig wie er auch -die Fähigkeit Golenischtscheff, die Kunst zu verstehen, anschlug, -so unbedeutend auch die treffende Bemerkung desselben über die -Wahrheit des Gesichtsausdruckes des Pilatus als eines Beamten war, so -zurücksetzend für ihn die Äußerung einer so unbedeutenden Bemerkung -erscheinen konnte, die zuerst kam, während über das Hauptsächlichste -nicht gesprochen worden war, befand sich Michailoff gleichwohl in -Entzücken über dieselbe. Er selbst dachte über die Figur des Pilatus -das Nämliche, was Golenischtscheff ausgesprochen hatte. Der Umstand, -daß dieses Gutachten nur eines von Millionen anderer war, die, wie -Michailoff sicher wußte, alle richtig gewesen sein würden, verminderte -für ihn die Bedeutung desselben nicht. Er gewann Golenischtscheff -für diese Bemerkung lieb und fiel aus der Stimmung der Beklommenheit -plötzlich in die des Entzückens. Sofort lebte sein ganzes Gemälde -vor ihm wieder auf in all der unaussprechlichen Schwierigkeit alles -Lebenden. Michailoff versuchte es nochmals zu sagen, daß er sich -den Pilatus ebenso gedacht habe, aber seine Lippen vibrierten nur -widerspenstig und er konnte sich nicht äußern. Wronskiy und Anna sagten -gleichfalls etwas mit jener leisen Stimme, mit welcher man gewöhnlich --- teils um den Künstler nicht zu verletzen, teils um nicht laut eine -Dummheit zu sagen, die man so leicht äußern kann, wenn man über Kunst -spricht -- in Gemäldeausstellungen konversiert. - -Michailoff schien es, als ob sein Bild auch auf sie Eindruck gemacht -hätte. Er trat zu ihnen hin. - -»Wie wunderbar ist der Ausdruck des Christus!« sagte Anna. Vor allem, -was sie gesehen, hatte ihr dieser Ausdruck gefallen, und sie fühlte, -daß dies der Mittelpunkt des Gemäldes war und deshalb ein solches Lob -dem Künstler angenehm sein würde. - -»Man sieht, wie er Pilatus bemitleidet!« - -Dies war wiederum eins aus der Million richtiger Urteile, die man an -seinem Bilde und an der Figur des Christus finden konnte. - -Sie hatte gesagt, daß es ihm leid thue um Pilatus. In dem Ausdruck -des Christus mußte ja auch der von Mitleid liegen, da in ihm der -der Liebe lag, einer überirdischen Ruhe und Todesbereitschaft, des -Bewußtseins einer bevorstehenden Rechenschaft über seine Worte. Gewiß -lag der Ausdruck des dienstthuenden Beamten in dem Pilatus, der des -Mitleids mit diesem in dem Christus, da der Eine die Verkörperung des -fleischlichen, der Andere die des geistigen Lebens ist. Alles das -und noch vieles andere ging Michailoff durch den Kopf, und abermals -leuchtete sein Auge auf vor Entzücken. - -»Und wie diese Figur gearbeitet ist, wie viel Luft; man kann um ihn -herumgehen,« sagte Golenischtscheff, offenbar um mit dieser Bemerkung -anzudeuten, daß er den Gedanken und Sinn der Figur nicht billige. - -»Ja, ein wunderbares Meisterstück. Wie jene Figuren in dem -Hintergrunde sich abheben! Das ist Technik!« sagte Wronskiy, sich -zu Golenischtscheff wendend, und damit auf ein zwischen ihnen -stattgehabtes Gespräch darüber, daß Wronskiy an der Erwerbung dieser -Technik verzweifelte, anspielend. - -»Ja, ja, wunderbar,« bestätigten Golenischtscheff und Anna. - -Trotz des aufgeregten Zustandes, in welchem sich Michailoff befand, -griff diesen doch die Bemerkung über die Technik schmerzlich ans Herz -und grollend auf Wronskiy blickend, verfinsterte er sich plötzlich. Oft -schon hatte er das Wort Technik gehört und durchaus nicht begriffen, -was man eigentlich darunter verstände. Er wußte, daß man mit diesem -Worte die mechanische Fertigkeit des Malens und Zeichnens meine, die -vollständig unabhängig war von dem Inhaltlichen. Oft schon hatte er -bemerkt -- auch bei der gegenwärtigen Lobesspende -- daß man die -Technik dem inneren Werte gegenüberstelle, gerade als ob es möglich -wäre, das gut zu malen, was schlecht sei. Er wußte wohl, daß viel -Aufmerksamkeit und Vorsicht erforderlich sei, um ein Gemälde nicht -zu schädigen, wenn man von ihm die Hüllen abnahm, aber eine Kunst -des Malens -- eine Technik -- die gab es dabei nicht. Hätte sich -einem kleinen Kinde, oder seiner Köchin das ebenfalls geoffenbart, -was er sah, dann würden diese gleichfalls das herauszuschälen -verstanden haben, was sie sahen. Aber selbst der erfahrenste und -auch geschickteste Beherrscher der Maltechnik wäre allein mit der -mechanischen Fertigkeit nicht imstande gewesen, etwas zu malen, wenn -sich ihm nicht vorher die Grenzen des Inhaltlichen offenbarten. Dann -aber wußte er auch, daß wenn man nun einmal von einer Technik sprach, -er ihretwegen nicht gerühmt werden konnte. In allem was er malte und -schon gemalt hatte, erkannte er ihm in die Augen fallende Mängel, die -aus der Unvorsichtigkeit hervorgegangen waren, mit der er die Hüllen -entfernt hatte, und die er nun nicht mehr verbessern konnte, ohne die -ganze Schöpfung zu verderben. Fast auf allen Figuren und Gesichtern -sah er noch die Mängel nicht vollständig abgenommener Hüllen, die sein -Gemälde verdarben. - -»Eines, wenn Ihr mir gestattet, diese Bemerkung zu machen, ließe sich -sagen,« äußerte Golenischtscheff. - -»Ah, sehr erfreut, ich bitte Euch,« antwortete Michailoff mit -gekünsteltem Lächeln. - -»Es ist dies, daß dieser Christus da bei Euch ein Menschgott, aber kein -Gottmensch geworden ist. Indessen, ich weiß ja, daß Ihr es eben so -gewollt habt.« - -»Ich konnte den Christus nicht malen, der nicht in meiner Seele ist,« -versetzte der Maler mürrisch. - -»Ja, aber in diesem Falle -- wenn Ihr mir gestattet meine Idee -auszusprechen -- Euer Gemälde ist so gut, daß meine Bemerkung ihm nicht -schaden kann, und dann ist dies ja auch nur meine persönliche Meinung. -Bei Euch ist das etwas Anderes; selbst das Motiv ist ein anderes. Aber -nehmen wir etwa den Iwanoff. -- Ich glaube, daß wenn Christus mit der -Norm eines historischen Gesichts zusammengebracht wird, es für Iwanoff -besser wäre, ein anderes historisches Thema zu wählen, ein neues, noch -nicht angeschlagenes.« - -»Wie aber, wenn dies das erhabenste Thema wäre, welches sich der Kunst -bietet« -- - -»Wenn man nur suchen will, so wird man auch andere finden. Es handelt -sich nur darum, daß die Kunst keinen Streit, und keine Düfteleien -duldet. Vor einem Gemälde Iwanoffs ersteht für den Gläubigen wie für -den Nichtgläubigen die Frage: Ist das Gott oder ist es nicht Gott? und -diese stört die Einheit des Eindrucks.« - -»Warum? Mir scheint, daß für gebildete Menschen,« sagte Michailoff, -»ein Streit nicht mehr bestehen kann.« - -Golenischtscheff war hiermit nicht einverstanden und fertigte -Michailoff mit seinem ersten Gedanken über die Einheit des Eindrucks -ab, die in der Kunst notwendig sei. - -Michailoff geriet in Erregung, wußte aber nichts zur Verteidigung -seines Gedankens zu sagen. - - - 12. - -Anna und Wronskiy hatten schon längere Zeit Blicke miteinander -gewechselt im Bedauern über die scharfsinnige Redefertigkeit ihres -Freundes; endlich schritt Wronskiy, ohne auf den Hausherrn zu warten, -zu einem anderen, einem kleinen Gemälde. - -»Ah, wie reizend, wie reizend! Wundersam! Wie reizend!« riefen beide -mit einer Stimme. - -»Was hat ihnen so gefallen?« dachte Michailoff. Er hatte das vor drei -Jahren gemalte Bild vergessen; vergessen alle die Leiden und Freuden, -welche er mit diesem Bilde durchlebt hatte, indem es ihn mehrere Monate -hindurch ausschließlich, und ohne daß er sich davon hätte trennen -können, Tag und Nacht beschäftigte, es vergessen, wie er überhaupt -stets seine vollendeten Bilder vergaß. Er liebte nicht einmal, es -anzuschauen, und stellte es nur deshalb aus, weil er einen Engländer -erwartete, der es zu kaufen wünschte. - -»Ah; eine alte Studie,« sagte er. - -»Wie hübsch,« rief Golenischtscheff, gleichfalls augenscheinlich -aufrichtig von dem Reiz des Bildes gefesselt. - -Zwei Knaben im Schatten einer Bachweide angelten Fische. Der Eine, -ältere, hatte soeben die Angel ausgeworfen und führte aufmerksam -die Angelspule aus einem Gestrüpp heraus, ganz versunken in diese -Beschäftigung; der Andere, jüngere lag im Grase, den wirren Blondkopf -auf die Ellbogen gestützt, und schaute mit den blauen Augen -nachdenklich auf das Wasser. - -Woran mochte er denken? - -Das Entzücken über dieses sein Bild rief in Michailoff die frühere -Erregung hervor, doch scheute er sich vor diesem unangenehmen müßigen -Interesse für ältere Arbeiten, und so suchte er, obwohl ihm dieses Lob -angenehm war, die Besucher zu dem dritten Bilde hinzuziehen. - -Doch Wronskiy frug, ob er dieses Gemälde verkaufe. Michailoff, von dem -Besuch erregt, war diese Frage über Geldgeschäfte jetzt sehr unangenehm. - -»Es ist zum Verkauf ausgestellt,« versetzte er, sich verfinsternd. - -Nachdem die Besucher gegangen waren, setzte sich Michailoff vor -seinem Bilde »Pilatus und Christus« nieder und wiederholte sich in -Gedanken alles, was gesprochen worden, oder, wenn nicht ausgesprochen, -so doch von den Besuchern angedeutet worden war. Und seltsam, was -so hohe Bedeutung für ihn gehabt hatte, während sie hier waren und -er sich in Gedanken auf ihren Standpunkt versetzte, hatte jetzt -plötzlich für ihn allen Wert verloren. Er schaute jetzt auf sein -Gemälde mit seinem vollen künstlerischen Blick, und kam zu demjenigen -Standpunkte der Überzeugung von seiner Vollkommenheit und darnach auch -Bedeutung, welcher ihm notwendig war zu der alle anderen Interessen -ausschließenden Spannkraft, mit welcher allein er nur zu arbeiten -vermochte. - -Der eine Fuß des Christus war allerdings nicht recht befriedigend. -Er nahm die Palette und machte sich an die Arbeit. Indem er den Fuß -besserte, blickte er fortwährend auf die Gestalt des Johannes im -Hintergrund, welche die Besucher gar nicht bemerkt hatten, und die -gleichwohl -- er wußte es -- noch über der Vollkommenheit selbst stand. -Nachdem er mit dem Fuß fertig war, wollte er sich an diese Figur -begeben, aber er fühlte sich allzu erregt dazu. Nichtsdestoweniger -konnte er aber auch nicht arbeiten, wenn er ganz kühl, sowie wenn er -zu weich gestimmt war und alles zu sehr sah. Es gab nur eine Stimmung -in dem Übergang von der Kühle bis zur Begeisterung, in welcher ihm die -Arbeit möglich war. Jetzt befand er sich in allzugroßer Aufregung. Er -wollte das Gemälde verhüllen, hielt aber inne, mit der Hand den Vorhang -haltend, und schaute lange, beglückt lächelnd, auf die Gestalt des -Johannes. Endlich, gleichsam mit Schmerz sich losreißend, ließ er den -Vorhang fallen und begab sich ermüdet, aber beglückt heim. - -Wronskiy, Anna und Golenischtscheff waren, heimgekehrt, in ausnehmend -angeregter und heiterer Stimmung. Man sprach von Michailoff und seinen -Bildern. Das Wort »Talent«, unter welchem sie eine angeborene, fast -physische Fähigkeit, unabhängig von Verstand und Herz verstanden, -und als das sie alles bezeichneten, was von dem Künstler durchlebt -wird, tauchte besonders häufig in ihrer Unterhaltung auf, da es ihnen -unentbehrlich dazu war, das zu bezeichnen, wofür sie kein Verständnis -besaßen, und worüber sie doch sprechen wollten. Sie sagten, man könne -ihm das Talent nicht absprechen, infolge der mangelnden Bildung aber -vermöge sich dieses nicht zu entwickeln. -- Dies sei das Unglück aller -russischen Künstler! -- Aber das Bild mit den beiden Knaben war doch in -ihrer Erinnerung haften geblieben und immer wieder kehrten sie zu ihm -zurück. Wie reizend! Wie schön war es ihm gelungen! Und wie einfach! -Er selbst weiß gar nicht, wie schön es ist. »Ja, das darf man nicht -fortlassen, das muß man kaufen,« sagte Wronskiy. - - - 13. - -Michailoff verkaufte Wronskiy das Bild und willigte auch ein, Annas -Porträt zu malen. Am festgesetzten Tage kam er und begann seine Arbeit. - -Von der fünften Sitzung an setzte das Porträt jedermann in Erstaunen, -besonders Wronskiy, nicht nur durch die Ähnlichkeit, sondern -vornehmlich durch seine Schönheit. Es war seltsam, wie Michailoff jene -nur ihr eigene Schönheit hatte treffen können. »Man muß sie kennen und -lieben, wie ich sie geliebt habe, um diesen eigenen, lieblichen und -seelischen Ausdruck bei ihr zu entdecken,« dachte Wronskiy, obwohl nur -er in diesem Gemälde den lieblichen, seelischen Ausdruck erkannte. -Derselbe war aber so getreu, daß es ihm und anderen schien, als ob -sie ihn schon längst gekannt hätten. »Wie lange habe ich mich nun -schon geplagt, und nichts fertig gebracht,« sprach er bezüglich seines -eigenen Porträts, »und er hat sie nur angeschaut und gemalt! Das ist -die Technik.« - -»Es wird noch kommen,« tröstete ihn Golenischtscheff, nach dessen -Auffassung Wronskiy Talent besaß und, was die Hauptsache war, auch -die Bildung, die einen erhabneren Blick auf die Kunst verlieh. Die -Überzeugung Golenischtscheffs von Wronskiys Talent wurde noch dadurch -gestützt, daß Golenischtscheff Wronskiys Teilnahme und Lob für seine -Arbeiten und seine Ideen brauchte, und so fühlte er, daß Lob und -Unterstützung hier auf Gegenseitigkeit beruhten. - -In einem fremden Hause, und insbesondere in dem Palazzo bei Wronskiy -war Michailoff ein abweisend anderer Mensch, als in seinem Atelier. -Er war abstoßend höflich, gerade als fürchte er die Annäherung an -Menschen, die er nicht achte. Er nannte Wronskiy Ew. Erlaucht und blieb -niemals, ungeachtet der Einladungen Annas und Wronskiys, zum Essen da, -kam auch nicht zu anderen Zeiten, als zu den Sitzungen. Anna war gegen -ihn freundlicher, als gegen andere, und ihm dankbar für das Porträt. -Wronskiy war mehr als nur höflich gegen ihn, und interessierte sich -augenscheinlich für das Urteil des Künstlers über sein eigenes Gemälde. -Golenischtscheff ließ keine Gelegenheit vorüber, Michailoff die wahren -Begriffe über Kunst beizubringen, allein Michailoff blieb sich immer -gleich in seiner Zurückhaltung gegen alle. Anna fühlte an seinem Blick, -daß er sie gern betrachtete, doch er mied Gespräche mit ihr. Zu den -Gesprächen Wronskiys über dessen Malerei schwieg er beharrlich, und er -schwieg ebenso beharrlich, als man ihm das Bild Wronskiys zeigte; er -fühlte sich auch offenbar belästigt von den Reden Golenischtscheffs und -erwiderte diesem nichts. - -Im allgemeinen gefiel ihnen daher Michailoff mit seinem zurückhaltenden -und unangenehmen, gleichsam feindseligen Verhalten sehr wenig, nachdem -man ihn näher kennen gelernt hatte, und man war deshalb froh, daß -als die Sitzungen beendet waren, in ihren Händen ein schönes Porträt -zurückblieb, während er selbst sein Kommen einstellte. - -Golenischtscheff war es zuerst, der den Gedanken aussprach, den alle -hatten, nämlich, daß Michailoff auf Wronskiy einfach neidisch sei. - -»Gesetzt, er beneidete ihn nicht, weil er Talent besitzt, ist es ihm -doch verdrießlich, daß ein Hofmann und reicher Mann, noch dazu ein -Graf, was schon alle beneiden, ohne besondere Mühe das Nämliche, wenn -nicht noch Besseres, leistet, als er, der sein ganzes Leben dem geweiht -hat. Die Hauptsache bleibt doch die Bildung, die jener nicht hat.« - -Wronskiy verteidigte Michailoff, doch auf dem Grunde seines Herzens -glaubte er hieran, weil nach seiner Auffassung ein Mensch aus jener -anderen, niedrigeren Welt Neid hegen mußte. - -Das Porträt Annas, ebenfalls in derselben Weise nach der Natur gemalt -von ihm wie von Michailoff, hätte Wronskiy den Unterschied zeigen -müssen, welcher zwischen ihm und jenem bestand, aber er gewahrte -denselben nicht. Er hörte nach der Arbeit Michailoffs nur auf, sein -Porträt von Anna weiter zu malen, indem er meinte, dies sei nunmehr -überflüssig geworden. Sein Gemälde aus dem mittelalterlichen Leben -hingegen setzte er fort, und er selbst, wie auch Golenischtscheff und -namentlich Anna fanden, daß es sehr schön sei, weil es den berühmten -Bildern viel ähnlicher werde, als das Bild Michailoffs. - -Dieser nun war, ungeachtet dessen, daß ihn die Porträtierung Annas sehr -angezogen hatte, seinerseits noch froher als jene, als die Sitzungen -zu Ende waren und er nicht mehr das Geschwätz Golenischtscheffs über -Kunst anzuhören brauchte, und die Malerei Wronskiys vergessen durfte. -Er wußte, daß es unmöglich war, Wronskiy zu verbieten, mit der Malerei -Mutwillen zu treiben; er wußte, daß dieser ebenso wie alle anderen -Dilettanten das volle Recht besaß, zu malen was ihm anstand -- aber -ihm war dies unangenehm. Es war eben unmöglich, einem Menschen zu -untersagen, sich eine große Puppe aus Wachs zu machen und sie zu -küssen. Aber wenn nun gar dieser Mensch mit der Puppe kam, und sich -vor einem Verliebten hinsetzte und beginnen wollte, seine Puppe zu -liebkosen, wie ein Verliebter die, welche er liebt, so mußte das -dem Verliebten widerlich sein. Und dieses widerliche Gefühl empfand -Michailoff beim Anblick der Malerei Wronskiys; es wurde ihm dabei -komisch und ärgerlich, kläglich und grimmig zugleich zu Mut. - -Die Passion Wronskiys für die Malerei und das Mittelalter hielt nicht -lange an. Wronskiy besaß doch soviel Geschmack für Malerei, daß er sein -Bild nicht zu beenden vermochte und es blieb liegen. Voll Bestürzung -war er inne geworden, daß die Mängel des Bildes, im Anfang weniger -bemerkbar, überraschend wirkten, wenn er es fortsetzte. Es ging ihm, -wie Golenischtscheff, der fühlte, daß es ihm auf das Reden nicht -ankomme und sich beständig damit selbst täuschte, daß nur seine Idee -noch nicht ausgereift sei, daß er sie erst austragen und Material -sammeln wolle. Aber Golenischtscheff hatte dies verbittert gemacht -und es marterte ihn; Wronskiy hingegen vermochte sich weder selbst -zu täuschen noch zu peinigen oder gar über sich selbst verbittert zu -werden; mit der ihm eigenen Charakterfestigkeit hörte er eben auf, ohne -eine Erklärung oder Rechtfertigung, zu malen. - -Ohne diese Beschäftigung indessen erschien ihnen -- sowohl ihm wie -Anna, die sich über seine Ernüchterung verwunderte -- das Leben nun -so langweilig in der italienischen Stadt, wurde der Palazzo plötzlich -so sichtlich alt und schmutzig, schauten die Flecken auf den Gardinen -so unangenehm hervor, die Ritzen auf den Fußböden, die abgefallene -Stuccatur an den Karnisen, wurde ihnen auch der ewige Golenischtscheff, -der italienische Professor und ein deutscher Reisender nach und nach -so langweilig, daß man dieses Leben ändern mußte. Man beschloß, nach -Rußland auf das Land zu gehen. In Petersburg gedachte Wronskiy mit -seinem Bruder eine Vermögensteilung vorzunehmen, während Anna ihren -Sohn wiedersehen wollte. Den Sommer beabsichtigten sie auf dem großen -Erbbesitz Wronskiys zu verleben. - - - 14. - -Lewin war seit drei Monaten verheiratet. Er war glücklich, aber nicht -ganz so wie er erwartet hatte. Auf jedem Schritte begegnete er der -Enttäuschung in früheren Träumen, doch auch neuen, unerwarteten Reizen. -Er war glücklich, sah aber, nachdem er ins Familienleben getreten war, -auf jedem Schritte, daß dieses durchaus nicht so war, wie er es sich -vorgestellt hatte. Auf jedem Schritte erfuhr er an sich, was ein Mensch -fühlen mag, der sich an der glatten glücklichen Fahrt eines Nachens -auf dem See ergötzt, nachdem er sich etwa selbst hineingesetzt hat. -Er sah, daß er, indem er schon ruhig sitzen mußte und nicht schaukeln -durfte, sich auch noch dessen bewußt sein mußte -- ohne nur eine -Minute zu vergessen, wohin er fahren wollte -- daß unter seinen Füßen -Wasser war und er rudern mußte, und daß dies den nicht daran gewohnten -Händen mühsam wurde. Die Sache sah wohl sehr leicht aus, aber sie zu -vollbringen -- wenn es auch mit viel Freude verbunden war -- blieb -doch sehr schwierig. - -Als Junggeselle hatte er oft, auf das Eheleben mit seinen kleinlichen -Sorgen, seinem Streit, seiner Eifersucht blickend, geringschätzig in -seinem Innern gelächelt. In seinem künftigen Eheleben konnte nach -seiner Überzeugung nicht nur nichts Ähnliches existieren, es sollten -sogar alle äußerlichen Formen desselben, wie ihm dünkte, dem Leben -der anderen in allem vollständig unähnlich sein. Plötzlich aber -hatte sich anstatt dessen auch sein Leben mit seinem Weibe nicht -nur nicht besonders gestaltet, sondern sich im Gegenteil, gerade -aus all jenen kleinlichsten Kleinigkeiten zusammengesetzt, die er -vordem so sehr verachtet hatte, die aber jetzt, gegen seinen Willen, -eine ungewöhnliche und unabweisbare Bedeutung erhalten hatten. Lewin -erkannte auch, daß die Regelung aller dieser Kleinigkeiten durchaus -nicht so leicht war, als ihm früher geschienen hatte. Ungeachtet -dessen, daß Lewin glaubte, die richtigsten Begriffe vom Eheleben -zu besitzen, stellte er sich, wie alle Männer, das Familienleben -unwillkürlich nur als eine Befriedigung seiner Liebe vor, der kein -Hindernis mehr in den Weg treten durfte, und von welcher ihn keine -kleinlichen Sorgen abziehen sollten. Er sollte nach seiner Auffassung -seine Arbeit verrichten und von derselben ausruhen im Glück der Liebe. -Sie sollte daher auch nur geliebt werden; allein er hatte dabei, wie -alle Männer, vergessen, daß auch sie arbeiten müsse. Er wunderte sich, -wie sie, die poetische, reizende Kity, nicht in den ersten Wochen, -nein, schon in den ersten Tagen des Ehelebens bereits, denken, sich -erinnern, sich sorgen konnte um Tischtücher, Möbel, Matratzen für die -anreisenden Besuche, das Geschirr, den Koch, das Essen und dergleichen. -Schon als Bräutigam war er in Erstaunen gesetzt worden von der -Bestimmtheit, mit welcher sie auf eine Reise ins Ausland verzichtete -und sich dafür entschieden hatte, auf das Dorf zu gehen, gerade als ob -sie schon wüßte, was not thue, und daß sie außer an ihre Liebe, auch -noch an Nebensächliches denken könne. Dies hatte ihn damals verstimmt, -und auch jetzt verstimmten ihn mehrmals ihre kleinen Mühen und Sorgen. -Doch er sah, daß ihr dies ein Bedürfnis war, und da er sie liebte, so -konnte er nicht umhin, sich über diese Sorgsamkeit zu freuen, wenn er -auch nicht wußte weshalb, und wenn er auch darüber spöttelte. - -Er lächelte darüber, wie sie die Möbel stellte, welche aus Moskau -gebracht worden waren, wie sie ihr Zimmer und seines neu ausschmückte, -Gardinen aufsteckte, über die künftige Unterbringung der Besuche -verfügte, wie die Dollys; ferner wie sie ihre neue Zofe unterbrachte, -wie sie dem alten Koch das Menü vorschrieb und mit Agathe Michailowna -in Widerspruch geriet und diese der Verwaltung der Speisekammer enthob. -Er sah, daß der alte Koch lächelte und damit zufrieden war, sah, daß -Agathe Michailowna bedenklich, aber freundlich den Kopf schüttelte -über die neuen Verfügungen der jungen Herrin in der Vorratskammer; er -sah, wie Kity ungewöhnlich lieblich war, wenn sie lachend und weinend -zugleich, zu ihm kam, um ihm mitzuteilen, daß die Magd Mascha gewöhnt -sei, Agathe als Herrin zu betrachten, und daß deshalb niemand auf sie -höre. Ihm erschien dies lieblich, aber auch seltsam, und er dachte es -würde wohl besser sein, wenn dies nicht wäre. - -Er kannte jenes Gefühl der Veränderung nicht, welches sie nun kennen -gelernt, nachdem sie daheim wohl bisweilen einmal nach Kohl mit Kwas -oder Konfekt verlangt hatte, ohne daß dies oder jenes zu haben gewesen -wäre, während sie jetzt befehlen durfte, was sie wollte, ganze Haufen -von Konfekt kaufen, Geld soviel sie wollte ausgeben, oder Backwerk -bestellen konnte nach Herzenslust. - -Mit Freude dachte sie jetzt auch der Ankunft Dollys und der -Kinder, besonders deswegen, weil sie für jedes der Kinder dessen -Lieblingsgebäck hatte backen lassen, und Dolly ihre ganze neue -Einrichtung abschätzen lassen wollte. Sie wußte zwar selbst nicht, -warum und zu welchem Zwecke, aber das Hauswesen zog sie unwiderstehlich -an. Instinktiv fühlte sie das Nahen des Frühlings und wohl wissend, daß -es auch für sie schwere Stunden geben werde, baute sie sich, wie sie es -verstand, ihr Nest, und mühte sich zu gleicher Zeit zu lernen, wie man -bauen müsse. - -Diese pedantische Sorglichkeit Kitys, dem Ideal Lewins von einem -erhabenen Glück der ersten Zeit so sehr entgegengesetzt, war eine der -Enttäuschungen. Diese liebliche Fürsorge, deren Sinn er nicht begriff, -die er aber lieben mußte, war die erste der neuen Enttäuschungen. - -Eine zweite Ernüchterung, zugleich aber auch einen Reiz bildeten die -Zwiste. Lewin hatte sich nie vorstellen können, daß zwischen ihm und -seinem Weibe andere Beziehungen, als zärtliche, achtungsvolle und -liebevolle bestehen könnten, und plötzlich, gleich von den ersten Tagen -an, gerieten sie einmal so in Zwist, daß sie zu ihm sagte, er liebe sie -gar nicht, liebe nur sich selbst und nun zu weinen begann, und die Arme -hochhob. - -Dieser erste Streit kam davon her, daß Lewin nach einer neuen Meierei -gefahren und eine halbe Stunde länger geblieben war, weil er auf einem -kürzeren Wege hatte heimfahren wollen, in welchem er sich jedoch -geirrt hatte. Er fuhr heim, nur in Gedanken an sie, an ihre Liebe -und sein Glück, und je näher er kam, um so heißer wallte in ihm die -Zärtlichkeit für sie. Er eilte nach ihrem Zimmer noch mit der nämlichen -Empfindung -- ja einer noch stärkeren -- als die gewesen, mit der er -sich dem Hause der Schtscherbazkiy genähert hatte, um seine Werbung -anzubringen. Da aber begegnete ihm plötzlich ein finsterer, noch nie an -ihr gesehener Ausdruck; er will sie küssen, sie stößt ihn von sich. - -»Was hast du?« - -»Du hast ja recht gute Laune,« begann sie, sich bemühend, ruhig und -sarkastisch zu erscheinen. - -Kaum aber hat sie den Mund geöffnet, als der Redestrom der Vorwürfe -einer sinnlosen Eifersucht sich ihr entrang, alles dessen, was sie -in dieser halben Stunde gemartert hatte, die von ihr, indem sie -unbeweglich am Fenster saß verbracht worden war. Da erkannte er zum -erstenmal klar, was er noch nicht gewußt, als er sie nach der Trauung -aus der Kirche geführt hatte. Er erkannte, daß sie ihm nicht nur nahe -stehe, sondern daß er jetzt nicht einmal mehr wisse, wo sie aufhöre -und wo er anfange. Er empfand dies an jenem quälenden Gefühl der -Zweiheit, welches er in dieser Minute hatte. Im ersten Augenblick war -er verletzt, ebenso schnell aber wurde er auch inne, daß er von ihr -nicht verletzt werden könne, daß sie ja er selbst sei. Er empfand in -diesem ersten Augenblick ein Gefühl, ähnlich dem, welches ein Mensch -hat, wenn er, plötzlich einen starken Schlag von hinten erhaltend, -sich gereizt und mit dem Wunsch nach Rache umwendet, den Schuldigen -zu entdecken, sich aber dabei überzeugt, daß er sich unvermutet selbst -geschlagen hat, und daher niemandem zürnen dürfe, sondern seinen -Schmerz überwinden und beschwichtigen müsse. - -Niemals hatte er dies mit solcher Macht in der Folge wieder empfunden, -aber jenes erste Mal konnte er sich lange Zeit darüber selbst nicht -wieder finden. Ein natürliches Gefühl erheischte von ihm, daß er sich -rechtfertigte und ihr ihre Schuld vorhalte; dies aber thun, hieß -sie nur noch mehr reizen und den Bruch noch größer machen, der die -Ursache des ganzen Leides bildete. Die eine, gewöhnlich vorhandene -Empfindung zog ihn, die Schuld von sich ab und auf sie zu wälzen, eine -andere, noch viel stärkere aber, schnell -- so schnell als möglich --- den stattfindenden Gefühlsausbruch, zu besänftigen und ihn nicht -stärker werden zu lassen. Es war qualvoll, unter einer ungerechten -Beschuldigung zu leiden, allein sich zu rechtfertigen und ihr wehe -zu thun, war noch schlimmer. Wie ein Mensch im Halbschlaf, der von -einem Schmerz gequält ist, so wollte er jetzt die schmerzende Stelle -losreißen, von sich werfen und fühlte, als er zur Besinnung kam, daß -diese schmerzende Stelle -- er selbst war. -- Man konnte sich somit -nur bemühen, der kranken Stelle behilflich zu sein, zu dulden, und er -bemühte sich denn, dies zu thun. - -Beide söhnten sich aus; sie, indem sie ihre Schuld einsah, ohne sie -jedoch einzugestehen, wurde wieder zärtlich gegen ihn, und beide -verspürten ein neues verdoppeltes Glück in ihrer Liebe. Dies hinderte -indessen nicht, daß sich diese Zusammenstöße nicht wiederholten, ja -sogar ziemlich häufig, und bei den unerwartetsten und geringfügigsten -Anlässen. Diese Zusammenstöße entstanden oft daraus, daß sie noch -nicht wußten, was das Eine für das Andere bedeutete, daraus, daß sie -in dieser ganzen ersten Zeit beide häufig in schlechter Laune waren. -Befand sich der eine Teil in guter, der andere in übler Stimmung, -so wurde der Frieden nicht gestört, wenn sich aber beide gerade in -Mißstimmmung befanden, so entstanden Zwiste aus Ursachen, die ihrer -Nichtigkeit halber so unbegreiflich waren, daß beide sich nachher -durchaus nicht mehr zu entsinnen vermochten, worüber sie sich entzweit -hatten. Allerdings verdoppelte sich hingegen das Glück ihres Lebens, -wenn sie beide bei guter Stimmung waren. Nichtsdestoweniger war aber -doch diese erste Zeit eine schwere für sie. - -Während dieser ganzen Zeit hatte sich eine lebhafte Spannung, gleich -einem Zerren nach den beiden Enden einer Kette, durch die sie verbunden -waren, fühlbar gemacht. - -Überhaupt war jener Honigmonat, das heißt der Monat nach der Hochzeit, -von dem sich Lewin, der Überlieferung nach, so viel versprochen hatte, -nicht nur nicht süß, sondern bildete vielmehr in der Erinnerung beider -gerade die schwerste und niederdrückendste Periode ihres Lebens. -Indessen bemühten sie sich beide für ihr späteres Leben alle die -häßlichen und beschämenden Umstände dieser ungesunden Zeit, in der sie -doch beide selten in normalem Seelenzustand, selten sie selbst gewesen -waren, aus ihrem Gedächtnis zu verwischen. - -Erst im dritten Monat ihres Ehestandes, nach der Rückkehr von Moskau, -wohin sie sich für einen Monat begeben hatten, gestaltete sich ihr -Leben geebneter. - - - 15. - -Sie waren kaum von Moskau wieder zurückgekommen und freuten sich nun -ihrer Einsamkeit. Er saß im Kabinett am Schreibtisch und schrieb; -sie, in jenem dunkellila Kleid, welches sie in den ersten Tagen -ihres Ehestandes getragen und heute wiederum angelegt hatte, und das -besonders denkwürdig und teuer für ihn war, saß auf dem Diwan, dem -nämlichen altmodischen Lederdiwan, der stets unter dem Großvater und -Vater Lewins im Kabinett gestanden hatte und stickte eine =broderie -anglaise=. Er sann und schrieb, fortwährend in dem angenehmen -Gefühl ihrer Gegenwart. Seine Beschäftigung, sowohl die mit der -Landwirtschaft, als seinem Werke, in welchem die Prinzipien einer neuen -Landwirtschaft dargelegt werden sollten, war nicht von ihm aufgegeben -worden, aber so wie ihm vordem schon diese Arbeiten und Ideen klein und -geringfügig erschienen waren im Vergleich mit dem Dunkel, welches das -ganze Leben bedecke, so erschienen sie ihm auch jetzt noch unwichtig -und kleinlich im Vergleich mit dem vom warmen Lichtglanz des Glückes -überfluteten Leben, das vor ihm lag. Er setzte seine Arbeiten fort, -empfand aber jetzt, daß der Schwerpunkt seiner Aufmerksamkeit auf -etwas Anderes übergegangen sei und er infolge dessen ganz anders und -klarer auf die Sache blickte. Vordem war für ihn diese Beschäftigung -sein Lebensheil gewesen, vordem hatte er empfunden, daß ohne dieselbe -sein Dasein allzu düster sein würde; jetzt aber waren ihm diese -Arbeiten notwendig, damit ihm das Leben nicht zu einförmig erhellt -sein möchte. Nachdem er sich von neuem seinen Manuskripten gewidmet -hatte, fand er beim Durchlesen des Geschriebenen mit Genugthuung, das -Werk sei es wert, daß er sich mit ihm befaßte. Viele der früheren -Ideen zeigten sich ihm zwar überflüssig oder übertrieben, aber vieles -noch Fehlende wurde ihm auch klar, als er das ganze Werk in seinen -Gedanken wieder auffrischte. Er schrieb jetzt ein neues Kapitel über -die Gründe der ungünstigen Lage des Ackerbaues in Rußland. Er legte -dar, daß die Armut Rußlands nicht nur von der unregelmäßigen Verteilung -des Grundbesitzes und falscher Methode herrühre, sondern auch in der -letzten Zeit die in Rußland in nicht normaler Weise zur Entwickelung -gelangte äußerliche Civilisation hierzu beigetragen habe, insbesondere -durch die Verkehrswege, die Eisenbahnen, welche die Centralisierung -in den Städten mit sich gebracht hätten, die Entwickelung des Luxus, -und in der Folge hiervon, zum Schaden für die Landwirtschaft, die -Entwickelung des Fabrikwesens, des Kreditwesens und seines Trabanten -- -des Börsenspiels. -- - -Ihm schien, daß bei einer normalen Entwickelung des Wohlstandes im -Reiche, alle diese Erscheinungen erst auftreten, nachdem man auf die -Landwirtschaft schon bedeutende Mühe verwendet hätte und dieselbe -in gesetzliche, oder wenigstens bestimmte Verhältnisse getreten -sei; daß der Reichtum einer Gegend in gleichmäßigem Wachstum stehen -müsse, und insbesondere in der Weise, daß andere Schößlinge der -Kapitalwirtschaft nicht der Landwirtschaft zuvorkommen dürften, daß -im Einklang mit notorisch bekannten Verhältnissen der Landwirtschaft -auch dementsprechende Verkehrswege dafür vorhanden sein müßten; und -daß bei der gegenwärtigen ungeregelten Ausnutzung des Bodens die -Eisenbahnen, welche nicht einem landwirtschaftlichen, sondern einem -politischen Bedürfnis entsprängen, verfrüht wären, und, anstatt zu der -Hebung der Landwirtschaft, welche letztere man doch von ihnen erwarte -beizutragen, dem Landbau zuvorkommend, nur eine Entwickelung der -Industrie und des Kredits hervorriefen, jenen aber hemmten. Er bewies, -daß weil nun die einseitige und verfrühte Entwickelung eines einzelnen -Organs im lebenden Organismus dessen Gesamtentwickelung hemmte, auch -der Kredit auf die allgemeine Entwickelung des Wohlstandes in Rußland, -die Verkehrswege, den Kraftaufwand der industriellen Thätigkeit, die in -Europa so zweifellos notwendig, weil alle zur rechten Zeit entstanden -seien, in Rußland nur Schaden verursachten, indem sie die Hauptfrage -der Organisierung des Ackerbaues verdrängten. - -Während er so seine Ideen niederschrieb, dachte sie daran, wie -unnatürlich aufmerksam ihr Gatte gegen den jungen Fürsten Tscharskiy -gewesen sei, der ihr am Abend vor der Abreise sehr taktlos die Cour -gemacht hatte. - -»Er ist offenbar eifersüchtig,« dachte sie; »mein Gott, wie gut und -befangen er ist! Er ist eifersüchtig auf mich! Wenn er wüßte, daß alle -für mich soviel sind, wie Peter der Koch.« Und mit einer ihr selbst -wunderlichen Empfindung von Selbstgefühl blickte sie auf seinen Nacken -und den rotschimmernden Hals. »Es ist zwar schade, ihn seiner Arbeit -zu entreißen -- er macht Fortschritte -- so muß ich doch sein Gesicht -sehen; ob er wohl fühlt, daß ich nach ihm schaue? Ich will, daß er -sich umwendet! Ich will es, nun!« und sie öffnete die Augen weiter, im -Wunsche, damit die Wirkung ihres Blickes zu verstärken. - -»Ja, sie saugen alle Säfte in sich auf und geben einen falschen Glanz,« -murmelte er, mit Schreiben innehaltend, und blickte sich um, indem er -fühlte, daß sie auf ihn schaue, und lächelte. - -»Was ist?« frug er noch lächelnd, und erhob sich. - -»Er hat sich umgeblickt,« dachte sie. - -»Nichts. Ich wollte nur, daß du dich umschautest,« versetzte sie, ihn -anblickend und zu erraten suchend, ob es ihm unangenehm gewesen sei -oder nicht, daß sie ihn gestört habe. - -»Wie wohl wir uns doch so zu Zweien befinden! Ich wenigstens,« sagte -er, zu ihr hintretend und von einem Lächeln des Glückes strahlend. - -»Auch mir ist so wohl! Ich werde nirgends mehr hinfahren, namentlich -nicht nach Moskau.« - -»Woran dachtest du denn eigentlich?« - -»Ich? Ich habe gedacht -- nein, nein, geh nur, schreib, zerstreue dich -nicht,« sprach sie, die Lippen kräuselnd, »ich muß jetzt diese kleinen -Löcher hier ausschneiden, siehst du?« -- - -Sie ergriff die Schere und begann auszuschneiden. - -»Ach nein, sage mir doch, woran dachtest du?« sagte er, sich zu ihr -setzend und der kreisförmigen Bewegung der kleinen Schere folgend. - -»O, woran ich dachte? Ich dachte? An Moskau, an deinen Nacken.« - -»O, warum mir solch ein Glück? Es ist übernatürlich. Das ist zu schön,« -sagte er, ihr die Hand küssend. - -»Mir ist es im Gegenteil um so schöner, je natürlicher es ist.« - -»Du hast da ein Zöpfchen,« sagte er, behutsam ihren Kopf wendend. »Ein -Zöpfchen. Siehst du hier. Doch nein, nein, arbeiten wir!« - -Die Arbeit wurde indessen nicht mehr fortgesetzt, und sie fuhren wie -schuldbewußt auseinander, als Kusma eintrat, um zu melden, daß der Thee -serviert sei. - -»Ist aus der Stadt Etwas angekommen?« frug Lewin Kusma. - -»Soeben. Es wird ausgepackt.« - -»Komm sobald als möglich,« sagte sie zu ihm, das Kabinett verlassend, -»sonst werde ich in deiner Abwesenheit die Briefe lesen. Wir wollen -auch vierhändig spielen.« - -Allein geblieben, packte er seine Hefte in das neu von ihr gekaufte -Portefeuille und wusch sich alsdann die Hände in dem neuen Waschbecken -und mit dem neuen, mit ihr zugleich hier erschienenen eleganten -Zubehör. Lewin lächelte über seine Gedanken und schüttelte mißbilligend -den Kopf darüber; eine Empfindung, die der Reue ähnlich war, quälte -ihn. Etwas Beschämendes, Verweichlichtes, Capuanisches, wie er es sich -selbst nannte, lag in seiner jetzigen Lebensweise. - -»Es ist nicht gut, so zu leben,« dachte er bei sich. »Bald sind es nun -schon drei Monate und ich arbeite fast nichts. Heute habe ich mich -beinahe zum erstenmal wieder ernstlich an eine Arbeit gemacht, und was -geschah dabei? Kaum angefangen, habe ich sie wieder beiseite geworfen. -Selbst meine gewöhnlichen Übungen, selbst die habe ich fast aufgegeben. -Die Ökonomie, ich gehe fast gar nicht mehr nach ihr und fahre auch -nicht mehr. Bald thut es mir leid, sie im Stich lassen zu müssen, bald -sehe ich, daß sie sich langweilt. Habe ich doch gedacht, daß bis zur -Heirat das Leben an und für sich nicht gerechnet werden kann, daß es -erst nach derselben als ein wirkliches beginnt. Aber nun sind es schier -drei Monate, und noch nie habe ich meine Zeit so müßig und so nutzlos -hingebracht! Nein; das kann nicht mehr so fortgehen; man muß anfangen. -Natürlich ist sie nicht schuld. Ihr kann man in keiner Beziehung -Vorwürfe machen. Ich selbst hätte fester sein und meine männliche -Unabhängigkeit wahren müssen. Indessen ist es ja möglich, sich selbst -wieder daran zu gewöhnen und auch sie darin zu unterrichten; natürlich -ist ihr keinerlei Schuld beizumessen,« sprach er zu sich selbst. - -Es ist indessen schwer für einen unzufriedenen Menschen, einem anderen, -und zwar gerade dem, der ihm am nächsten steht, in Bezug auf das, -worüber er unzufrieden ist, nicht Vorwürfe zu machen. Auch Lewin war es -dunkel in den Kopf gekommen, daß -- nicht, daß sie selbst schuld daran -gewesen wäre -- sie konnte an nichts Schuld tragen -- ihre Erziehung -wohl schuld sei, die allzu oberflächlich und frivol gewesen war -- -(dieser Narr Tscharskiy; sie, das weiß ich, wollte ihn wohl von sich -abweisen, aber sie verstand es nicht). Außer dem Interesse für das Haus --- das heißt ihre Familie -- außer ihrer Toilette und der =broderie -anglaise= hat sie keine ernsthaften Interessen. Sie hat kein Interesse -für ihre eigene Angelegenheit, die Wirtschaft, ihre Bauern, auch nicht -für die Musik, in der sie doch ziemlich sicher war, noch für Lektüre. -Sie thut nichts und ist doch vollständig zufrieden. - -Lewin tadelte dies in seinem Innern und erkannte noch nicht, daß sie -sich auf diejenige Periode ihrer Wirksamkeit vorbereite, die für sie -erscheinen mußte, und in welcher sie zu gleicher Zeit als Frau ihres -Gatten, und Herrin des Hauswesens Kinder zu nähren und zu erziehen -haben würde. Er erkannte nicht, daß sie dies durch ihre Ahnung schon -wußte und sich in der Vorbereitung auf diese schwere Mühe über die -Augenblicke der Sorglosigkeit und des Liebesglückes, die sie jetzt noch -genoß, keine Vorwürfe machte, sondern heiter ihr künftiges Nest sich -baute. - - - 16. - -Als Lewin nach oben kam, saß seine Gattin vor dem neusilbernen Ssamowar -hinter dem neuen Theegeschirr und las, nachdem sie die alte Agathe -Michailowna mit einer ihr kredenzten Tasse Thee mit an das kleine -Tischchen gesetzt hatte, einen Brief Dollys, mit welcher sie beide in -beständigem und lebhaftem Briefwechsel standen. - -»Da seht, Eure Herrin hat mich hierher gesetzt; sie sagte, ich solle -auch mit bei ihr sitzen,« begann Agathe Michailowna, Kity gutmütig -zulächelnd. - -In diesen Worten Agathe Michailownas sah Lewin die Lösung eines -Dramas, welches sich in jüngster Zeit zwischen dieser und Kity -abgespielt hatte. Er sah, daß ungeachtet alles Leides, welches der -Agathe Michailowna durch die neue Herrin verursacht worden war, die -ihr die Zügel des Hausregiments aus der Hand genommen hatte, Kity sie -gleichwohl überwunden und gezwungen hatte, sie zu lieben. - -»Da habe ich einen Brief an dich gelesen,« sagte Kity, ihm einen -fehlerhaft geschriebenen Brief reichend. »Hier ist einer von jenem -Weibe deines Bruders, wie es scheint,« sagte sie, »ich habe ihn nicht -gelesen. Der hier ist von den Meinen und von Dolly. Denke dir, Dolly -hat Grischa und Tanja zum Kinderball zu den Sarmatskiy geführt! Tanja -hatte dabei eine Marquise gemacht.« - -Lewin hörte sie jedoch gar nicht; errötend hatte er das Schreiben von -Marja Nikolajewna, der früheren Geliebten Nikolays, ergriffen und es -zu lesen begonnen. Es war dies bereits das zweite Schreiben von ihr. -Im ersten Briefe hatte sie geschrieben, daß sein Bruder sich ihrer -entledigt habe, ohne daß sie sich eine Schuld beizumessen hätte, und -mit rührender Naivetät hinzugefügt, daß sie, obwohl sie nun wieder -im Elend lebe, um nichts bitte und nichts wünsche, und daß sie nur -der Gedanke quäle, Nikolay Dmitrjewitsch könne ohne sie mit seiner -schwachen Gesundheit ins Verderben geraten; sie hatte den Bruder -gebeten, Sorge für ihn zu tragen. Jetzt schrieb sie einen zweiten -Brief. Sie hatte Nikolay Dmitrjewitsch gefunden, sich wieder mit -ihm in Moskau vereint, und war mit ihm in eine Gouvernementsstadt -gereist, woselbst er ein Amt erhalten hatte. Dort war er indessen mit -seinem Vorgesetzten in Differenzen geraten und wieder nach Moskau -zurückgekehrt, »und der teure Mann ist nunmehr so krank geworden, daß -er wohl schwerlich je wieder aufkommen wird,« schrieb sie; »er hat -fortwährend Eurer gedacht, Geld besitzt er gar nicht mehr.« - -»Lies, da schreibt Dolly von dir,« begann Kity lächelnd, hielt aber -plötzlich inne, als sie die Veränderung ihres Gatten gewahrte. - -»Was hast du? Was ist da?« - -»Sie schreibt mir, daß mein Bruder Nikolay dem Tode nahe ist. Ich muß -zu ihm.« - -Das Gesicht Kitys veränderte sich plötzlich. Die Gedanken an Tanja als -Marquise, an Dolly, alles war verschwunden. - -»Wann wirst du fahren?« sagte sie. - -»Morgen.« - -»Und ich gehe mit dir, darf ich!« fuhr sie fort. - -»Kity! Was soll das?« frug er vorwurfsvoll. - -»Was das soll?« erwiderte sie, gekränkt, daß er darüber wie es schien -ungern und mit Verdruß ihren Vorschlag entgegennahm. »Weshalb soll ich -nicht mit reisen? Ich werde dir nicht hinderlich sein. Ich« -- - -»Ich reise, weil mein Bruder stirbt,« antwortete Lewin. »Weshalb sollst -du da« -- - -»Weshalb? Eben deshalb, weshalb du reisest« -- - -»In einer für mich so ernsten Minute denkt sie nur daran, daß sie sich -allein könnte langweilen,« dachte Lewin, und die Auslegung in der so -ernsten Angelegenheit brachte ihn auf. »Es ist aber unmöglich,« sagte -er in strengem Tone. - -Agathe Michailowna, welche sah, daß es zum Streit kommen wollte, setzte -leise ihre Tasse nieder und ging hinaus. Kity hatte sie gar nicht -bemerkt. Der Ton in welchem ihr Mann die letzten Worte gesprochen -hatte, hatte sie insofern besonders verletzt, als dieser offenbar dem -nicht glaubte, was sie sagte. - -»Ich sage dir, daß wenn du reisest, ich mit dir reisen werde; -unbedingt mit reisen werde,« fügte sie eifernd und zürnend hinzu. -»Weshalb ist denn das unmöglich? Weshalb sagst du, es sei unmöglich?« - -»Weil wir, Gott weiß wohin, auf was für Wegen und mit welchen -Gasthäusern zu reisen haben werden. Du wirst mir nur beschwerlich -sein,« sprach Lewin, sich bemühend, kaltblütig zu bleiben. - -»Auf keinen Fall! Ich habe keinerlei Bedürfnisse. Wo du bist, kann ich -auch sein!« - -»Nun dann, schon deshalb kannst du nicht, weil sich dort jenes Weib -befindet, dem du dich doch nicht nähern kannst« -- - -»Ich weiß nichts und will nicht wissen, wer oder was dort ist! Ich weiß -nur, daß der Bruder meines Gatten stirbt und daß mein Gatte zu ihm -geht; ich aber mit meinem Gatten gehen will, um« -- - -»Kity! Rege dich nicht auf! Bedenke, die Sache ist zu wichtig, so daß -es mir schmerzlich ist, zu denken, du könntest die Empfindung einer -Schwäche, die Abneigung davor, allein zu bleiben, hereinmengen. Nun, -wird es für dich langweilig hier, so fahre nach Moskau.« - -»Da haben wirs! Stets schreibst du mir nur schlechte, niedrige Gedanken -zu,« fuhr sie fort, unter den Thränen der Erbitterung und des Zornes. -»Ich will nichts; es ist keine Schwäche, nichts; ich fühle nur, daß es -meine Pflicht ist, mit meinem Gatten zu sein, wenn er Leid trägt; du -aber willst mir absichtlich weh thun, willst mich absichtlich nicht -verstehen.« - -»Nein; das ist doch zu schrecklich; geradezu ein Sklave zu sein!« rief -Lewin aus, indem er aufstand. Er war nicht fähig, seinen Verdruß noch -länger zurückzuhalten. Doch in diesem Augenblick empfand er, daß er -sich selbst traf. - -»Aber weshalb hast du dann geheiratet? Wärest du doch frei geblieben! -Weshalb hast du geheiratet, wenn du es bereust!« fuhr sie fort, sprang -auf und eilte in den Salon. - -Als er ihr nachfolgte, brach sie in Schluchzen aus. Er begann ihr -zuzureden mit dem Wunsche die Worte zu finden, welche sie, wenn nicht -überzeugen, doch wenigstens beschwichtigen könnten. Aber sie hörte ihn -nicht und war mit nichts einverstanden. Er beugte sich herab zu ihr, -und ergriff ihre abwehrende Hand. Er küßte die Hand, er küßte ihr das -Haar und küßte wiederum ihre Hand -- sie schwieg beharrlich. -- Als er -sie aber mit beiden Händen beim Kopfe nahm und »Kity« sagte, da kam sie -plötzlich zur Besinnung, brach in Thränen aus und war beschwichtigt. - -Es wurde also bestimmt, daß man morgen vereint reiste. Lewin sagte zu -seinem Weibe, daß er wohl glaube, sie wollte nur mitreisen, um ihm -nützlich zu sein; er gab auch zu, daß Marja Nikolajewnas Aufenthalt bei -dem Bruder nichts Anstößiges habe -- reiste aber nichtsdestoweniger, -auf dem Grund seiner Seele unzufrieden mit ihr und mit sich selbst. - -Mit ihr war er unzufrieden, weil sie es nicht hatte über sich gewinnen -können, ihn fort zu lassen, obwohl es doch notwendig war. Wie seltsam -ward es ihm jetzt bei dem Gedanken, daß er, der ja noch vor kurzem -nicht gewagt hatte, an das Glück zu glauben, daß sie ihn lieben könne, -sich jetzt darüber unglücklich fühlte, daß sie ihn zu sehr liebte! --- Mit sich hingegen war er unzufrieden, daß er seinen Willen nicht -durchgesetzt hatte. Noch weniger war er im Grund seiner Seele damit -einverstanden, daß sie mit jener Weibsperson, die bei seinem Bruder -lebte, etwas zu thun haben sollte, und er dachte mit Schrecken an alle -Berührungen, welche stattfinden konnten. - -Schon das Eine, daß sein Weib, seine Kity, in einem Raume mit jenem -Mädchen leben sollte, machte ihn schaudern vor Ekel und Entsetzen. - - - 17. - -Das Gasthaus der Gouvernementsstadt, in welcher Nikolay Lewin krank -lag, war eines jener Gouvernementshotels, wie sie nach neuen, -vervollkommneten Mustern gebaut werden, ausgestattet mit den -vorzüglichsten Rücksichtnahmen auf Sauberkeit, Komfort und selbst -Eleganz, sich aber infolge des Publikums, das sie besucht, mit -außerordentlicher Schnelligkeit in schmutzige Schenken, unter dem -Anstrich zeitgemäßer Vervollkommnung, verwandeln, damit aber noch -schlimmer werden, als die altmodischen, nur unsauberen Gasthäuser. - -Das Hotel war schon in diesen Zustand geraten, und der Soldat in -schmutziger Uniform, welcher am Eingang eine Cigarette qualmte, und -das Amt eines Portiers versah, sowie die gußeiserne, zugige, düstere -und unfreundliche Treppe, der freche Kellner in schmutzigem Frack und -der öffentliche Salon mit dem staubbedeckten Bouquet von Wachsblumen, -welches den Tisch zierte, der Staub und Schmutz, die Unordnung überall, -und dazu noch die eigentümliche gleichzeitig bemerkbare Eisenbahnhast, -riefen in dem Lewinschen Ehepaar nach dem jungen Eheleben ein -beklemmendes Gefühl hervor; besonders beklemmend dadurch, daß sich der -scheinbare Eindruck, den das Gasthaus machte, in keiner Weise mit dem -vereinbarte, was beide darin erwartete. - -Wie immer, so zeigte es sich auch jetzt, daß, nachdem sie die Frage, zu -welchem Preise sie ein Zimmer zu haben wünschten beantwortet hatten, -nicht ein einziges in gutem Zustande befindliches da war. Ein gutes -Zimmer war von einem Eisenbahnrevisor besetzt, ein zweites von einem -Moskauer Advokaten, ein drittes von der Fürstin Astaphjewa, die vom -Dorfe gekommen war. Es blieb nur ein schmutziger Raum, neben dem man am -Abend noch ein zweites freizumachen versprach. - -Voll Verdruß über sein Weib, da es so kam, wie er erwartet hatte, und -namentlich, daß er im Augenblick der Ankunft, wo ihm das Herz von -Bewegung ergriffen war bei dem Gedanken, wie es mit dem Bruder stehen -möge, Sorge für sie zu tragen hatte, anstatt sofort zu dem Bruder eilen -zu können, führte Lewin seine Frau in das ihnen zugewiesene Zimmer. - -»Geh, geh,« sagte sie, ihn mit schüchternem, schuldbewußtem Blick -anschauend. - -Schweigend schritt er aus der Thür und traf hier mit Marja Nikolajewna -zusammen, die von seiner Ankunft erfahren hatte, aber nicht wagte, -bei ihm einzutreten. Sie sah noch geradeso aus, wie er sie in Moskau -gesehen hatte, das nämliche wollene Kleid, Arme und Hals nackt, und das -nämliche, gutmütig stumpfe, nur etwas voller gewordene, pockennarbige -Gesicht. - -»Wie geht es? Was macht er? Wie?« - -»Sehr schlecht. Er steht gar nicht mehr auf. Er hat Euch schon -erwartet. Er -- Ihr seid mit Eurer Gattin gekommen?« - -Lewin verstand in der ersten Minute nicht, was sie in Verlegenheit -setzte, doch klärte sie ihn sogleich auf. - -»Ich will gehen -- nach der Küche,« sagte sie; »der Herr wird sich -freuen. Er hat schon gehört, und kennt die Dame, und entsinnt sich -ihrer noch vom Auslande her.« - -Lewin verstand jetzt erst, daß sie seine Frau meine, wußte aber nicht, -was er ihr antworten sollte. - -»Kommt, kommt!« sagte er. - -Kaum hatte er sich jedoch zum Gehen angeschickt, als sich die Thür -seines Zimmers öffnete und Kity herausblickte. Lewin errötete vor Scham -und Ärger über sein Weib, das sich selbst und ihn in diese schwierige -Situation gebracht hatte; Marja Nikolajewna errötete aber noch mehr. -Sie drückte sich seitwärts, bis zum Weinen rot geworden und drehte die -Zipfel ihres Tuches, die sie mit beiden Händen ergriffen hatte, in -ihren roten Fingern, ohne zu wissen, was sie sagen oder anfangen sollte. - -Im ersten Moment sah Lewin den Ausdruck einer lebhaften Neugier in dem -Blick, mit welchem Kity auf dieses für sie unbegreifliche, schreckliche -Weib schaute, aber dies währte nur einen Augenblick. - -»Nun, wie ist es denn, wie ist es denn?« wandte sie sich an ihren -Gatten und an jene. »Was macht er?« wandte sie sich an ihren Mann und -dann an sie. - -»Man kann indessen auf dem Korridor nicht sprechen!« sagte Lewin sich -voll Verdruß nach einem Herrn umblickend, welcher dröhnenden Schrittes, -als wäre er ganz allein hier, soeben den Korridor hinabging. - -»Nun, so kommt doch herein,« sagte Kity, zu der sich emporrichtenden -Marja Nikolajewna gewendet, fügte aber, als sie das erschreckte Gesicht -ihres Mannes erblickte, sogleich hinzu, »oder geht, geht, und schickt -nach mir,« und wandte sich wieder in ihr Zimmer zurück. - -Lewin ging zu seinem Bruder. Er hatte durchaus nicht erwartet, was er -bei dem Bruder sah und empfand. Er hatte erwartet, noch den nämlichen -Zustand der Selbsttäuschung zu finden, welcher -- er hatte dies gehört --- bei Brustleidenden so häufig sein soll, und der ihn während des -Besuchs seines Bruders im Herbst so betroffen gemacht hatte. Er hatte -erwartet, die physischen Anzeichen des nahenden Todes noch ausgeprägter -zu finden, eine größere Schwäche und größere Magerkeit, aber es zeigte -sich fast noch immer der nämliche Zustand. Er hatte erwartet, selbst -wieder jenes Gefühl des Schmerzes über den Verlust des geliebten -Bruders und des Entsetzens vor dessen Tode zu empfinden, welches er -damals gehabt hatte, nur in noch höherem Grade. Er hatte sich selbst -darauf vorbereitet, aber er fand etwas ganz Anderes. - -In einem kleinen, unsauberen Zimmer, deren gemaltes Getäfel an den -Wänden bespieen und hinter dessen dünner Zwischenwand Gespräch -vernehmbar war, in einer von erstickendem Geruch verunreinigten Luft -lag auf einem von der Wand abgerückten Bett ein vom Deckbett verhüllter -menschlicher Körper. Ein Arm dieses Körpers lag oben auf der Bettdecke, -und die große, wie eine Harke aussehende Hand dieses Armes hing auf -unbegreifliche Weise an einer dünnen, langen, von Anfang bis zur Mitte -gleichmäßig verlaufenden Spule fest. Der Kopf lag seitwärts gedreht auf -dem Kissen. Lewin sah die schweißbedeckten, spärlichen Haare an den -Schläfen und über der Stirn. - -»Es kann nicht sein, daß dieser entsetzliche Körper mein Bruder Nikolay -ist,« dachte Lewin. Doch er trat näher, erblickte das Gesicht und sein -Zweifel war schon unmöglich geworden. Trotz der furchtbaren Veränderung -dieser Züge, mußte Lewin doch erst noch diese lebhaften, sich auf den -Eintretenden richtenden Augen, und diese leichte Bewegung des Mundes -unter dem zusammenklebenden Schnurrbart erblicken, wollte er die -furchtbare Wahrheit begreifen, daß dieser Totenkörper da sein lebender -Bruder war. - -Die glänzenden Augen blickten ernst und vorwurfsvoll auf den -eintretenden Bruder, und sogleich mit diesem Blicke entstand eine -lebhafte Wechselbeziehung unter den Lebenden. Lewin fühlte sofort den -Vorwurf in dem auf ihn gerichteten Blick, und Reue über sein eigenes -Glück. - -Als Konstantin Nikolays Hand ergriff, lächelte dieser. Sein Lächeln war -schwach, kaum merklich, und trotz dieses Lächelns schwand der strenge -Ausdruck seiner Augen nicht. - -»Du hast wohl nicht erwartet, mich so zu finden,« brachte er mit -Anstrengung hervor. - -»Ja -- nein« -- sprach Lewin, in seinen eigenen Worten irre werdend. -»Warum konntest du nicht früher von dir wissen lassen, zur Zeit meiner -Verheiratung? Ich habe überall Nachforschungen nach dir angestellt.« - -Es mußte gesprochen werden, damit man nicht schwieg, und er wußte -doch nicht, was er sagen sollte, um so weniger, als sein Bruder nicht -antwortete, sondern nur unverwandt schaute, und offenbar in den Sinn -eines jeden Wortes eindringen wollte. Lewin teilte dem Bruder mit, daß -auch seine Frau mit ihm gekommen sei. Nikolay drückte sein Vergnügen -darüber aus, sagte aber, er fürchte, sie durch seinen Zustand zu -erschrecken. Ein Schweigen trat ein. Plötzlich regte sich Nikolay und -begann zu sprechen. Lewin erwartete etwas besonders Bedeutendes und -Gewichtiges dem Ausdruck seines Gesichts nach, doch sprach Nikolay nur -über seine Gesundheit. Er klagte den Doktor an, beklagte, daß er keinen -berühmten Moskauer Arzt habe und Lewin erkannte, daß er noch immer -Hoffnung hegte. - -Die erste Minute des Schweigens benutzend, erhob sich Lewin, im -Wunsche, wenigstens für eine Minute von dem peinigenden Gefühl erlöst -zu sein, und sagte, daß er gehen wolle, um seine Frau herzuführen. - -»Gut, ich will indessen anordnen, daß hier gesäubert wird. Es ist -schmutzig hier und riecht übel, glaube ich. Mascha! Räume hier auf,« -sagte der Kranke mit Anstrengung, »und wenn du aufgeräumt hast, kannst -du hinausgehen,« fügte er hinzu, den Blick fragend auf den Bruder -richtend. - -Lewin antwortete nichts. Als er auf den Korridor hinaustrat, blieb er -stehen. Er hatte gesagt, daß er seine Frau herführen wolle, jetzt aber, -als er sich Rechenschaft von jenem Gefühl gab, welches er empfunden -hatte, beschloß er, im Gegenteil zu versuchen, sie zu überreden, -daß sie nicht zu dem Kranken gehe. »Wozu sie peinigen, wie ich mich -peinige?« dachte er. - -»Nun? Was ist? Wie steht es?« frug ihn Kity mit erschrecktem Gesicht. - -»Ach, es ist doch entsetzlich, entsetzlich. Warum bist du nur -mitgekommen?« sagte Lewin. - -Kity schwieg einige Sekunden, schüchtern und kläglich auf ihren Mann -blickend; dann trat sie auf ihn zu und hing sich mit beiden Armen an -seinen Ellbogen. - -»Mein Konstantin! führe mich zu ihm, es wird uns zu Zweien leichter -werden. Führe du mich nur, führe mich, bitte, und komm,« sagte sie, -»begreife doch, daß es mir bei weitem schwerer wird, dich zu sehen -und ihn nicht. Dort werde ich vielleicht dir und ihm nützlich werden -können. Bitte gestatte es!« beschwor sie ihren Mann, als ob das Glück -ihres Lebens hiervon abhinge. - -Lewin mußte einwilligen und begab sich, nachdem er sich etwas erholt -hatte, Marja Nikolajewna schon ganz vergessend, mit Kity wieder zu -seinem Bruder. - -Leisen Schrittes und unverwandt auf ihren Gatten blickend, welchem sie -ihr mutiges und doch gefühlvolles Antlitz wies, betrat sie das Zimmer -des Kranken und schloß, sich ohne Hast zurückwendend, geräuschlos -die Thür. Mit unhörbaren Schritten näherte sie sich rasch dem Lager -des Kranken und so herantretend, daß dieser den Kopf nicht zu drehen -brauchte, nahm sie sogleich das Skelett seiner großen Hand in ihre -frische, jugendliche, drückte sie und begann dann, mit jener, nur den -Frauen eigenen, und nicht verletzenden stillen Lebhaftigkeit mit ihm zu -sprechen. - -»Wir sind uns in Soden begegnet, sind uns aber dort nicht bekannt -gewesen,« sagte sie, »Ihr habt da nicht vermutet, daß ich einmal Eure -Schwester werden würde.« - -»Ihr solltet Euch nicht nach mir erkundigt haben?« frug er mit dem -Lächeln, welches schon bei ihrem Eintreten aufleuchtete. - -»Nein; dann hätte ich ja erfahren. Wie recht Ihr doch gethan habt, uns -von Euch Nachricht zu geben! Kein Tag ist vergangen, daß Konstantin -nicht Eurer gedacht und sich beunruhigt hätte um Euch.« - -Die Lebhaftigkeit des Kranken währte indessen nicht lange. Sie hatte -noch nicht aufgehört zu sprechen, als auf seinem Gesicht abermals der -strenge vorwurfsvolle Ausdruck des Neides des Sterbenden gegenüber dem -Lebenden erschien. - -»Ich fürchte, Ihr werdet Euch hier nicht recht wohl befinden,« sagte -sie, sich von seinem starren Blicke abwendend und im Zimmer Umschau -haltend. »Man muß bei dem Wirt ein anderes Zimmer erbitten,« sagte sie -zu ihrem Manne, »schon, damit wir näher sind.« - - - 18. - -Lewin konnte den Bruder nicht ruhig ansehen, nicht natürlich und -ruhig unbewegt in seiner Gegenwart sein. Als er bei dem Kranken -eingetreten war, hatte sich sein Blick und seine Wahrnehmungskraft -unbewußt verdunkelt, und er gewahrte nicht mehr die Einzelheiten des -Zustandes seines Bruders. Er hörte von dem entsetzlichen Geruch, sah -die Unsauberkeit, Unordnung und die peinvolle Lage, dieses Stöhnen, -und fühlte, daß Hilfe nicht mehr möglich war. Es war ihm nicht einmal -in den Sinn gekommen, daran zu denken, daß er alle Einzelheiten in -dem Zustande des Kranken erfaßte, daß da unter der Decke dieser -Körper lag, diese gekrümmten abgezehrten Beine, Brustknochen, dieser -Rücken und ob es nicht anginge, das alles besser zu legen, etwas -zu thun, was die Lage, wenn nicht besser, so doch weniger mißlich -gestaltete. Kalt rieselte es ihm über den Rücken hinab, als er an -alle diese Einzelheiten zu denken begann. Er war fest überzeugt, daß -hier nichts mehr zu thun war, weder etwas für eine Verlängerung des -Lebens, noch für eine Erleichterung der Leiden; doch das Bewußtsein, -sich eingestehen zu müssen, jede Hilfe sei unmöglich, machte sich ihm -schmerzlich fühlbar und versetzte ihn in Erbitterung. Lewin wurde es -infolge dessen noch schwerer ums Herz. Der Aufenthalt in dem Zimmer des -Kranken war qualvoll für ihn, nicht darin zu sein aber noch schlimmer. -Unter verschiedenen Vorwänden begab er sich daher fortwährend hinaus, -da er nicht die Kraft besaß, allein hier zu bleiben. - -Kity aber dachte, fühlte und handelte durchaus nicht ebenso. Bei dem -Anblick des Kranken jammerte es sie um ihn, und das Mitleid in ihrer -Frauenseele erweckte durchaus nicht jenes Gefühl des Entsetzens und des -Ekels bei ihr, wie es dies bei ihrem Manne hervorgerufen hatte, sondern -lediglich die Erkenntnis ihrer Pflicht zu handeln, alle Einzelheiten -seines Zustandes kennen zu lernen und ihnen beizukommen. Und da in ihr -nicht der geringste Zweifel darüber bestand, daß sie ihm Hilfe leisten -müsse, so zweifelte sie auch nicht daran, daß dies möglich sei und -begab sich sofort ans Werk. - -Alle jene Einzelumstände, deren bloße Vorstellung schon ihren Mann in -Schrecken versetzt hatte, lenkten sogleich ihre Aufmerksamkeit auf -sich. Sie schickte nach einem Arzt und in die Apotheke, befahl der mit -ihr gekommenen Zofe, sowie Marja Nikolajewna, zu fegen, den Staub zu -wischen und den Kranken zu waschen, wusch selbst mit ab, und reichte -Etwas unter die Bettdecke. Gegenstände wurden herbeigebracht oder aus -dem Krankenzimmer hinausgetragen nach ihrer Anordnung, und sie selbst -begab sich mehrmals nach ihrem Zimmer, ohne die ihr begegnenden Herren -zu bemerken, langte Betttücher und Überzüge, Handtücher und Hemden -hervor und brachte sie herbei. - -Der Diener, welcher im Gesellschaftssaale ein Essen für Ingenieure -auszurichten hatte, erschien mehrere Male mit ärgerlicher Miene auf -ihren Ruf, konnte aber nicht umhin, ihre Befehle zu erfüllen, da -sie dieselben mit so wohlwollender Bestimmtheit erteilte, daß man -sie unmöglich sich selbst überlassen konnte. Lewin hieß dies alles -durchaus nicht gut; er glaubte nicht, daß daraus noch irgend ein Nutzen -für den Kranken erwüchse, vor allem aber fürchtete er, der Kranke -könne dabei noch in Aufregung geraten. Dieser jedoch verhielt sich, -wenigstens wie es schien, dem gegenüber gleichgültig und geriet nicht -in Erregung, sondern empfand nur eine gewisse Scham, interessierte -sich aber im allgemeinen für das, was sie an ihm that. Vom Arzte -zurückgekehrt, zu welchem Kity ihn gesandt hatte, fand Lewin, die -Thüre öffnend, den Kranken in dem Moment, als man nach Kitys Anordnung -seine Wäsche wechselte. Das lange bleiche Skelett des Rückens mit den -großen hervorstehenden Schulterblättern, und den starrenden Rippen -und Rückgratwirbeln war entblößt; Marja Nikolajewna und der Diener -waren mit dem einen Hemdärmel in Unordnung geraten und konnten den -langen herabhängenden Arm nicht hineinbringen. Kity, welche geschäftig -die Thür hinter Lewin wieder schloß, hatte nicht nach dieser Seite -geblickt, aber der Kranke stöhnte auf und sie wandte sich schnell zu -ihm hin. - -»Schneller,« befahl sie. - -»Ihr geht ja nicht,« sagte der Kranke gereizt, »ich will selber« -- - -»Was sagt Ihr?« frug Marja Nikolajewna dazwischen. - -Kity hatte jedoch gehört und verstanden, daß es ihm peinlich und -unangenehm war, in ihrer Gegenwart entblößt zu sein. - -»Ich sehe nicht hin, sehe nicht hin!« sagte sie daher, den Arm -richtend, »Marja Nikolajewna, tretet von dieser Seite, bringt ihn in -Ordnung,« fügte sie hinzu. -- »Geh doch -- bitte -- in meinem kleinen -Reisesack befindet sich ein Riechfläschchen,« wandte sie sich an ihren -Mann, »du weißt ja, in der Seitentasche. Bring es mir doch, während man -hier noch vollends Ordnung macht.« - -Als Lewin mit dem Riechfläschchen zurückkehrte, fand er den Kranken -bereits wieder zurecht gelegt, und alles in seiner Umgebung völlig -verwandelt. Der drückende üble Geruch war mit einer Atmosphäre von -Essig und Parfüms vertauscht worden, welche Kity mit gespitzten Lippen -und aufgeblasenen roten Wangen durch das Flacon umhersprengte. Von -Staub war nichts mehr zu sehen und vor dem Bett lag ein Teppich. -Aus dem Tische standen geordnet Flacons und Caraffen, lag auch die -nötige Wäsche, sowie eine Arbeit in =broderie anglaise= von Kity. Auf -einem andern Tische am Bett des Kranken, stand Getränk, ein Licht und -Arzneipulver. Der Kranke selbst, gesäubert und gekämmt, lag in frischen -Überzügen, auf hochgemachten Kissen und in weißem Hemd mit einem weißen -Kragen um den unnatürlich dünnen Hals, und blickte mit einem Ausdruck -von Hoffnung unverwandt auf Kity. - -Der von Lewin herbeigebrachte, erst im Klub aufgefundene Arzt, war -nicht der nämliche, welcher Nikolay Lewin sonst behandelte und mit -welchem dieser unzufrieden war. Der neue Arzt langte ein Hörrohr hervor -und behorchte den Kranken, schüttelte den Kopf, verschrieb eine Arznei, -und erklärte mit großer Ausführlichkeit zunächst, wie die Arznei zu -nehmen sei, und dann, welche Diät beobachtet werden sollte. Er empfahl -rohe oder nur weichgekochte Eier, und Selterswasser mit warmer Milch -von bestimmter Temperatur. - -Nachdem der Arzt gegangen war, sagte der Kranke etwas zu seinem Bruder, -allein Lewin vernahm nur die letzten Worte »deine Katja«; an dem Blicke -jedoch, mit welchem jener sie anschaute, erkannte Lewin, daß sie gelobt -worden sei. Er rief nun auch Katja, wie Nikolay sie genannt hatte. - -»Mir ist schon bei weitem besser,« sagte er, »bei Euch wäre ich -freilich schon längst wieder gesund geworden. Wie wohl mir ist!« Er -ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen, gab aber, wie in der -Furcht, es möchte ihr dies unangenehm sein, seine Absicht auf, ließ die -Hand sinken und streichelte sie nur. Kity faßte diese Hand mit ihren -beiden Händen und drückte sie. »Jetzt legt mich auf die linke Seite und -geht schlafen,« fuhr er fort. - -Niemand hatte verstanden, was er sprach, nur Kity hatte es erfaßt. Sie -hatte es verstanden, weil sie fortwährend in Gedanken beobachtete, was -er wünschen möchte. - -»Auf die andere Seite,« sagte sie zu ihrem Manne, »er schläft stets -auf jener. Lege du ihn um, ich möchte nicht gern die Dienerschaft dazu -rufen. Ich aber kann es nicht. Ihr könnt es auch nicht?« wandte sie -sich an Marja Nikolajewna. - -»Ich fürchte mich,« versetzte diese. - -So entsetzlich es Lewin auch sein mochte, diesen grauenhaften Körper -mit beiden Armen umfassen zu müssen und Stellen unter der Bettdecke -zu berühren, von denen er nichts wissen mochte, machte Lewin, dem -Einflusse seines Weibes nachgebend, das energische Gesicht, das dieses -schon an ihm kannte und schickte sich dazu an, indem er die Arme -vorstreckte, war aber bei aller seiner Kraft, von der seltsamen Schwere -dieser ausgemergelten Glieder überrascht. - -Während er ihn wandte, seinen Hals von dem abgezehrten, langen Arme -umfaßt fühlend, drehte Kity schnell und leise das Kopfkissen um und -schob es wieder unter, legte den Kopf des Kranken zurecht und ordnete -ihm das spärliche Haar, welches wieder an den Schläfen klebte. - -Der Kranke hielt des Bruders Hand in der seinen. Lewin fühlte, daß -er etwas mit dieser Hand zu thun wünsche und dieselbe mit sich zog; -erstarrend folgte er derselben. Nikolay führte seine Hand an die Lippen -und küßte sie und Lewin erschauerte in Schluchzen und verließ, nicht -fähig zu reden, das Gemach. - - - 19. - -»Er hat sich vor den Weisen verborgen und den Kindern und Thoren -entdeckt.« So dachte Lewin auch über sein Weib, als er an diesem Abend -mit ihr sprach. - -Lewin dachte an das Wort des Evangeliums nicht deshalb, weil er -selbst sich für weise gehalten hätte. Er hielt sich nicht für weise, -wußte aber auch recht wohl, daß er doch klüger war, als sein Weib und -als Agathe Michailowna; wußte recht wohl, daß er, wenn er des Todes -gedachte, dies mit allen Kräften seines Geistes that. Er wußte auch, -daß viele höhere Geister von Männern, deren Gedanken er darüber gelesen -hatte, nicht ein Hundertstel von dem gedacht hatten, was sein Weib -und Agathe Michailowna darüber wußten. So ungleich nun diese beiden -Weiber einander sein mochten, Agathe Michailowna und Katja, wie sie -sein Bruder Nikolay, und auch Lewin sehr gern nannte, hierin waren sie -einander vollkommen ähnlich. Beide wußten sicher, was Leben eigentlich -war, und auch was Tod sei, und obwohl sie nicht antworten konnten, -oder die Fragen auch nur verstehen, die sich Lewin aufdrängten, so -zweifelten sie beide doch nicht an der Bedeutung dieser Erscheinung und -betrachteten dieselbe vollkommen gleichartig, nicht nur unter sich, -sondern, indem sie ihre Anschauung mit Millionen Menschen teilten. Der -Beweis dafür, daß sie genau wußten, was Tod sei, lag darin, daß sie, -ohne sich eine Sekunde zu besinnen, wußten, wie man mit Sterbenden -umgehen müsse, und diese nicht fürchteten. Lewin und die anderen -wußten, obwohl sie viel über den Tod sagen konnten, augenscheinlich -nicht, warum sie ihn fürchteten; sie wußten sicher nicht, was zu -thun sei, wenn ein Mensch starb. Wäre Lewin jetzt allein gewesen mit -seinem Bruder, so würde er ihn voll Entsetzen betrachtet, und mit noch -größerem Entsetzen gewartet haben, aber nicht imstande gewesen sein, -irgendwie zu handeln. - -Er wußte nicht, was er sagen, wie er blicken, wie er gehen sollte. -Über Fernerliegendes mit ihm zu sprechen, erschien verletzend, das ging -nicht; über den Tod zu sprechen, die finstere Macht, ging auch nicht; -schweigen -- gleichfalls nicht. -- Blickte er den Kranken an, so konnte -dieser denken, er wolle ihn durchforschen, blickte er ihn nicht an, so -konnte Nikolay denken, er sei bei etwas ganz Anderem. Ging er auf den -Fußspitzen, so mochte der Bruder unzufrieden damit sein, trat er voll -auf, so schickte sich das nicht. - -Kity dachte augenscheinlich gar nicht an sich und hatte wohl auch nicht -die Zeit, an sich zu denken; sie dachte nur an ihn, weil sie etwas -Bestimmtes wußte, und alles ging gut bei ihr von statten. Sie hatte -ihm von sich erzählt, von ihrer Hochzeit und hatte gelächelt und ihn -bemitleidet, ihm geschmeichelt, und mit ihm über Fälle von Genesungen -gesprochen, und das alles ging ihr gut von statten; vielleicht weil sie -etwas wußte. - -Der Beweis dafür, daß ihre Wirksamkeit, wie diejenige Agathe -Michailownas, keine instinktive, rein physische unbedachte war, lag -darin, daß außer der physischen Beruhigung, der Erleichterung der -Leiden, sowohl Agathe Michailowna als Kity für den Sterbenden noch -etwas weit Wichtigeres anstrebten, als physische Beruhigung, ein -Etwas, das nichts Gemeinsames besaß mit physischen Umständen. Agathe -Michailowna hatte in dem Gespräch über jenen verstorbenen Alten gesagt: -»Nun, man hat ihm das Abendmahl, die letzte Ölung gegeben, gebe Gott, -daß ein jeder so sterbe!« Ganz ebenso hatte Kity ungeachtet aller Sorge -für die Wäsche, die wundgelegenen Stellen, das Trinken des Kranken -bereits am ersten Tage demselben von der Notwendigkeit gesprochen, daß -er kommuniziere. - -Nachdem sie für die Nacht von dem Kranken in ihre beiden Zimmer -zurückgekehrt waren, hatte sich Lewin niedergesetzt und den Kopf sinken -lassen, ohne zu wissen, was er beginnen solle. - -Geschweige, daß er davon gesprochen hätte, zu Abend speisen zu wollen, -oder das Nachtlager in Ordnung zu bringen, und zu überlegen, was nun zu -thun sei, vermochte er nicht einmal mit seiner Frau zu reden; so schwer -war ihm das Herz. Kity hingegen war geschäftiger, als gewöhnlich; -sie war sogar lebhafter, als sonst. Sie befahl Abendessen zu bringen, -packte selbst die Sachen aus, half die Betten vorzurichten und vergaß -nicht einmal, sie mit persischem Pulver zu bestreuen. In ihr lag eine -Munterkeit, eine Präcision im Denken, wie sie sich bei den Männern vor -einer Schlacht, einem Kampfe, in gefahrvollen entscheidenden Momenten -zeigt, jenen Minuten, in welchen ein für allemal der Mann seinen Wert -zeigt und beweist, daß seine ganze Vergangenheit nicht umsonst gewesen -ist, sondern eine Vorbereitung war für diese Minuten. - -Alles ging ihr von statten, und es war noch nicht zwölf Uhr, als -alle Sachen sauber ausgepackt waren; sorgfältig und in einer Weise, -daß das Zimmer ihrem eigenen Hause ähnlich wurde, ihren Zimmern. Die -Betten waren aufgeschlagen, die Bürsten, Kämme, Spiegel aufgelegt, und -Servietten übergebreitet. - -Lewin fand es sei unverzeihlich, jetzt zu essen, zu schlafen, ja selbst -zu reden und dabei zu empfinden, daß jede seiner Bewegungen nicht -schicklich sei. Sie hingegen steckte die Bürsten aus, verrichtete aber -alles so, daß nichts Verletzendes darin lag. - -Essen konnten sie allerdings nicht und lange Zeit fanden sie auch -keinen Schlaf, ja sie wollten erst lange Zeit gar nicht zur Ruhe gehen. - -»Ich bin sehr froh, daß ich ihm zugeredet habe, morgen zu -kommunizieren,« sagte sie, im Ärmelleibchen vor ihrem Necessaire -sitzend und sich mit dem dichten Kamme das reiche duftige Haar -strählend, »ich habe dies noch nie gesehen, weiß aber, daß Mama mir -gesagt hat, es wären Gebete für die Herstellung dabei.« - -»Glaubst du wirklich, daß er wieder gesund werden kann?« sagte Lewin, -nach der, sobald sie den Kamm vorwärts bewegte, fortwährend verhüllten -dichten Zahnreihe an der hinteren Seite ihres runden Köpfchens schauend. - -»Ich habe den Arzt gefragt; er sagte mir, daß er nicht länger als noch -drei Tage leben könne. Aber können die es wissen? Ich bin gleichwohl -sehr froh, daß ich ihn überredet habe,« sagte sie, unter ihrem Haar -hervor seitwärts nach ihrem Manne blickend. »Es ist alles möglich,« -fügte sie hinzu mit jenem eigentümlichen, ein wenig schlauen Ausdruck, -der stets auf ihrem Gesicht lag, wenn sie über Religion sprach. - -Nach jenem Gespräch über die Religion, zur Zeit als sie noch Bräutigam -und Braut waren, hatte weder er noch sie ein Gespräch darüber wieder -angeknüpft, sie aber erfüllte dies Ceremoniell des Kirchenbesuchs, -des Gebetes, stets in dem nämlichen ruhigen Bewußtsein, daß es so -erforderlich sei. Ungeachtet seiner Versicherungen des Gegenteils -war sie fest überzeugt, daß er ein ebensolcher, ja, noch besserer -Christ war, wie sie und daß alles, was er darüber sprach, nur eine -seiner sarkastischen Männerlaunen sei, ebenso wie das, was er über die -=broderie anglaise= sagte: »Möchten doch die guten Leute lieber die -Löcher zustopfen, hier aber werden sie absichtlich eingeschnitten« und -Ähnliches. - -»Jenes Weib da, die Marja Nikolajewna hat nicht verstanden, alles -das einzurichten,« sagte Lewin, »und -- ich muß es eingestehen, daß -ich sehr, sehr froh bin, daß du mitgekommen bist. Du bist solch eine -Reinheit, daß« -- er ergriff ihre Hand, küßte sie aber nicht -- das -Küssen ihrer Hand in dieser Nähe des Todes, erschien ihm unpassend --- sondern preßte sie nur, mit schuldbewußtem Ausdruck in ihre -aufleuchtenden Augen blickend. - -»Für dich allein wäre es doch so peinlich geworden,« sagte sie, wand -die Hände emporhebend, welche ihre vor Freude erglühenden Wangen -deckten, die Zöpfe auf dem Scheitel zusammen und steckte sie fest. -»Nein,« sprach sie, »das hat sie nicht verstanden. Zum Glück habe ich -viel in Soden gelernt.« - -»Waren denn dort derartige Kranke?« - -»Noch schlimmere sogar.« - -»Es ist furchtbar für mich, daß ich ihn stets so sehen muß, wie er in -der Jugend war. Du glaubst nicht, welch ein schöner Jüngling er gewesen -ist; ich aber habe ihn damals nur nicht verstanden.« - -»Ich glaube es wohl, recht wohl. Wie empfinde ich es, daß wir so gut -mit ihm gewesen sein würden,« sagte sie, erschrak aber sogleich über -das was sie gesagt hatte, sich nach ihrem Manne umschauend, und Thränen -traten ihr in die Augen. - -»Ja -- gewesen sein würden« -- sagte er traurig, »das ist eben einer -jener Menschen, von denen man sagt, daß sie nicht für diese Welt sind.« - -»Gleichviel, uns stehen noch viele Tage bevor, doch wir müssen uns -niederlegen,« sagte Kity, auf ihre winzige Uhr sehend. - - - 20. - - Der Tod. - -Am anderen Tage empfing der Kranke das Abendmahl und die letzte Ölung. -Während der Ceremonie betete Nikolay Lewin inbrünstig. In seinen -großen Augen, die nach der Monstranz gerichtet waren, welche auf einem -mit farbiger Serviette überdeckten L'hombretisch stand, drückte sich -ein so leidenschaftliches Flehen, eine Hoffnung aus, daß es Lewin -entsetzlich war, dies mit ansehen zu müssen. Lewin wußte, daß diese -leidenschaftliche Bitte und Hoffnung ihm die Trennung vom Leben, das -er so sehr liebte, nur noch schwerer machen würde. Lewin kannte seinen -Bruder und den Gang seiner Gedanken; er wußte, daß sein Unglaube nicht -davon herrührte, weil es ihm leichter ankam, ohne Glauben zu leben, -sondern davon, weil Schritt für Schritt die modernen wissenschaftlichen -Erklärungen der Welterscheinungen das Glauben verdrängt hatten, und -weil er wußte, daß seine jetzige Rückkehr zu demselben keine logische -war, die sich auf dem Wege eines solchen Gedankenganges vollzogen -hätte, sondern eine nur vorübergehende, egoistische, entstanden in -der sinnlosen Hoffnung auf eine Genesung. Lewin wußte auch, daß Kity -diese Hoffnung noch durch Erzählungen von ungewöhnlichen Heilungen -von denen sie gehört, genährt hatte. Alles dies wußte er, und es war -ihm qualvoll, auf diesen flehenden, hoffnungsvollen Blick, auf diese -abgezehrte Hand schauen zu müssen, die sich mühsam erhob, um das -Zeichen des Kreuzes auf der überhängenden Stirn, den hervorstehenden -Schultern und der heiserröchelnden, verödeten Brust zu machen, die -alle nicht mehr das Leben in sich zu bergen vermochten, um welches -der Kranke bat. Während des Sakraments that Lewin, was er in seinem -Unglauben tausendmal gethan hatte. Er sprach, sich zu Gott wendend: -»Mache, wenn du bist, daß dieser Mensch gesunde,« und wiederholte dies -mehrere Male, »und du wirst ihn und mich erretten.« - -Nach der Salbung wurde es dem Kranken plötzlich bei weitem besser. Er -hustete nicht ein einziges Mal im Verlauf einer Stunde, er lächelte, -küßte Kity die Hand, dankte ihr mit Thränen und sagte, daß ihm wohl -sei, daß er sich nirgends krank fühle und Eßlust und Kraft verspüre. -Er erhob sich sogar selbst, als man ihm Suppe brachte und bat noch um -ein Kotelett. So hoffnungslos Lewin nun auch war, so augenscheinlich es -bei seinem Anblick wurde, daß er nicht genesen könne, befand er sich -und Kity während dieser Stunde in dem gleichen Glück, der nämlichen -Erregung darüber, ob man sich vielleicht doch nicht im Irrtum befinde. - -»Ist er besser? -- Ja, bei weitem. -- Wunderbar. -- Nichts Wunderbares. --- Er ist doch besser,« so sprachen sie flüsternd und einander -zulächelnd. - -Die Täuschung war indessen nicht von langer Dauer. Der Kranke schlief -ruhig ein, nach einer halben Stunde jedoch weckte ihn der Husten, und -plötzlich waren alle Hoffnungen seiner Umgebung und in ihm selbst -geschwunden. Die Wirklichkeit des Leidens vernichtete, auch abgesehen -von dem Zweifel, an den vorher gehegten Erwartungen oder selbst der -Erinnerung an sie, die Hoffnungen Lewins und Kitys und die des Kranken -selbst. - -Ohne dessen zu gedenken, woran er eine halbe Stunde vorher noch -geglaubt hatte, gleichsam als wäre es tadelnswert, sich daran zu -erinnern, verlangte er, daß man ihm das Jod, in einem Glase, welches -von durchlochtem Papier überdeckt war, zum Einatmen gebe. Lewin reichte -ihm die Flasche und der nämliche Blick leidenschaftlicher Hoffnung, -mit welchem er kommuniziert hatte, richtete sich jetzt auf den Bruder, -von diesem Bestätigung für die Worte des Arztes heischend, daß die -Einatmung von Jod Wunder thue. - -»Wie, ist Kity nicht hier?« raunte er umherblickend, nachdem ihm -Lewin die Worte des Arztes mit innerem Widerstreben bekräftigt hatte. -»Nun, so kann ich es sagen; nur ihr zu Liebe habe ich diese Komödie -durchgemacht. Sie ist so lieb, aber wir beide können uns gegenseitig -nicht mehr täuschen. Hieran glaube ich,« sprach er, die Flasche mit -seiner Knochenhand pressend, und begann über ihr zu atmen. - -Um acht Uhr am Abend nahm Lewin mit seiner Frau den Thee auf seinem -Zimmer ein, als Marja Nikolajewna atemlos ins Zimmer gestürzt kam. Sie -war bleich und ihre Lippen bebten. - -»Er stirbt!« flüsterte sie; »ich fürchte, er stirbt sogleich!« - -Beide eilten zu ihm. Er hatte sich erhoben und saß, mit dem Arme -auf die Bettdecke gestützt, den langen Rücken gekrümmt, mit tief -herniederhängendem Kopfe. - -»Wie fühlst du dich?« frug Lewin flüsternd nach einer Pause. - -»Ich fühle, daß ich scheide,« sprach Nikolay mit Anstrengung, aber -die Worte mit einer außerordentlichen Bestimmtheit langsam aus sich -herauspressend. Er hob den Kopf nicht, sondern richtete nur das Auge -nach oben, ohne mit ihnen das Gesicht des Bruders zu erreichen. »Katja, -geh' hinaus,« fuhr er fort. - -Lewin sprang auf und befahl ihr mit gebieterischem Flüstern -hinauszugehen. - -»Ich scheide,« sagte er wiederum. - -»Weshalb denkst du das?« antwortete Lewin, um etwas zu sagen. - -»Deshalb, weil ich scheide,« wiederholte Nikolay, sich gleichsam in -diesem Ausdruck gefallend. »Es ist zu Ende.« - -Marja Nikolajewna trat zu ihm. - -»Ihr müßtet Euch legen, dann würde Euch leichter,« sprach sie. - -»Bald werde ich liegen,« versetzte er leise, »als ein Toter,« er sprach -höhnisch, erbittert, »nun, aber legt mich nur, wenn Ihr wollt.« - -Lewin legte den Bruder auf den Rücken, ließ sich neben ihm nieder, und -blickte ihm, mit angehaltenem Atem ins Gesicht. - -Der Sterbende lag mit geschlossenen Augen, aber auf seiner Stirn -bewegte sich ein leises Muskelspiel, wie bei einem Menschen, der tief -und angestrengt sinnt. Unwillkürlich dachte Lewin zusammen mit ihm das, -was sich jetzt in Nikolay vollziehen mochte, aber ungeachtet aller -geistigen Anstrengungen mit jenem übereinzukommen, gewahrte er an dem -Ausdruck dieses ruhigen ernsten Gesichts und dem Muskelspiel über den -Brauen, daß einem Sterbenden sich voll und ganz jenes Eine offenbart -ebenso, wie es für Lewin dunkel blieb. - -»Ja, ja, so,« brachte der Sterbende abgebrochen und langsam hervor. -»Bleibt.« Er schwieg wieder. »So,« sagte er dann gedehnt und -befriedigt, als habe sich nun alles für ihn entschieden. »O Gott!« -begann er dann nochmals und seufzte schwer. - -Marja Nikolajewna fühlte seine Füße an, »sie werden kalt«, flüsterte -sie. - -Lange, sehr lange, wie es Lewin schien, lag der Kranke unbeweglich. -Aber er war noch immer am Leben und bisweilen atmete er auf. Lewin war -bereits abgespannt von der Anstrengung des Denkens. Er fühlte, daß er -trotz aller geistigen Anstrengung nicht begreifen könne, was jenes »so« -bedeutete. Er fühlte, daß er weit entfernt stand von dem Sterbenden. -Über die Frage des Todes selbst vermochte er nicht mehr nachzusinnen, -aber unwillkürlich kamen ihm Gedanken darüber, was er jetzt sofort zu -thun haben werde; dem Bruder die Augen zuzudrücken, ihn ankleiden zu -lassen und die Beerdigung zu bestellen. Und seltsam, er fühlte sich -dabei vollkommen ruhig und empfand weder Schmerz, noch einen Verlust, -und noch weniger Mitleid mit dem Bruder. Wenn jetzt ein Gefühl für -seinen Bruder in ihm war, so war es eher der Neid wegen jenes Wissens, -welches der Sterbende nun hatte, er aber nicht besitzen konnte. - -Noch lange saß er so bei ihm, immer das Ende erwartend, aber das Ende -kam nicht. Die Thür öffnete sich und Kity erschien. Lewin stand auf, um -sie zurückzuhalten, aber gerade im Augenblick, als er sich erhob, hörte -er, daß der Sterbende sich regte. - -»Geh nicht fort,« sagte Nikolay und streckte die Hand aus. Lewin gab -ihm die seine und winkte heftig seiner Frau, hinauszugehen. - -Die Hand des Sterbenden in der seinen, saß er eine halbe Stunde, eine -ganze Stunde und noch eine Stunde. - -Er dachte jetzt schon gar nicht mehr an den Tod; er dachte daran, was -Kity machen möge. Wer wohnte wohl in dem benachbarten Zimmer? Besaß -der Arzt ein eigenes Haus? Er sehnte sich nach Essen und Schlaf, -behutsam befreite er seine Hand und fühlte nach den Füßen. Sie waren -kalt, aber der Kranke atmete noch. Lewin wollte nun auf den Zehen -wieder herausgehen, aber von neuem regte sich der Kranke und sagte: -»Geh' nicht fort« -- -- -- - -Der Tag dämmerte herauf. Der Zustand des Kranken blieb noch immer -derselbe. Lewin befreite leise seine Hand, ohne auf den Sterbenden -zu blicken, begab sich nach seinem Zimmer und schlief ein. Als er -erwachte, erfuhr er anstatt der Nachricht vom Tode seines Bruders, die -er erwartete, daß der Kranke in den früheren Zustand zurückverfallen -sei. Er hatte sich wieder gesetzt, wieder gehustet, wieder zu essen und -zu sprechen angefangen, und wieder aufgehört, vom Tode zu reden. Er -hatte wieder Hoffnung auf Genesung ausgedrückt, und war noch reizbarer -und mürrischer geworden als vorher. Niemand, weder sein Bruder, noch -Kity vermochten ihn zu besänftigen. Er war gegen jedermann gereizt, -sagte jedermann Unangenehmes, machte allen Vorwürfe über seine -Leiden und verlangte, daß man ihm einen berühmten Arzt aus Moskau -herbeischaffe. Auf alle Fragen, die man an ihn über sein Befinden -richtete, antwortete er stets mit dem Ausdruck von Wut und Vorwurf »ich -leide furchtbar, unerträglich!« - -Der Kranke litt mehr und mehr, besonders infolge der aufgelegenen -Stellen, die sich nicht mehr heilen ließen, und geriet mehr in Wut -über seine Umgebung, der er Vorwürfe über alles machte, und namentlich -darüber, daß man ihm den Arzt aus Moskau nicht herbeischaffe. Kity -bemühte sich in jeder Weise, ihm Beistand zu leisten und ihn zu -beschwichtigen, aber alles war vergebens und Lewin sah, daß sie selbst -körperlich, wie geistig erschöpft war, obwohl sie es nicht eingestand. -Jene Ahnung des Todes, welche in allen durch seinen Abschied vom -Leben in jener Nacht, als er den Bruder rief, erweckt worden war, war -verwischt. Sie alle wußten wohl, daß er unwiderruflich und binnen -kurzem sterben werde, daß er zur Hälfte schon tot sei, sie alle -wünschten nur das Eine, er möchte so bald als möglich sterben, aber -sie alle gaben ihm, indem sie dies verbargen, aus der Flasche die -Arznei, forschten nach Heilmitteln und Ärzten und täuschten ihn, und -sich selbst untereinander. Alles dies war eine Lüge, eine häßliche, -verletzende und hohnvolle Lüge. Und diese Lüge empfand Lewin, sowohl -der Eigenart seines Charakters halber, als auch, weil er den Sterbenden -mehr als alle anderen liebte, besonders schmerzlich. - -Lewin, welchen der Gedanke, seine beiden Brüder wenigstens vor dem Tode -noch auszusöhnen, schon lange beschäftigt hatte, schrieb an Sergey -Iwanowitsch, und las, nachdem er Antwort erhalten hatte, dem Kranken -das Schreiben vor. Sergey Iwanowitsch schrieb, daß er selbst nicht -kommen könne, bat aber in rührenden Ausdrücken den Bruder um Verzeihung. - -Der Kranke erwiderte nichts. - -»Was soll ich ihm nun schreiben?« frug Lewin. »Ich hoffe, daß du ihm -nicht mehr gram bist?« - -»Nein, keineswegs!« antwortete Nikolay voll Verdruß über diese Frage. -»Schreibe ihm, er möge nur einen Arzt schicken!« - -Es vergingen noch weitere drei qualvolle Tage; der Kranke befand sich -immer im gleichen Zustand. Das Gefühl des Wunsches, er möchte sterben, -hatten jetzt alle, die ihn sahen, sowohl der Diener des Hotels, wie -der Wirt desselben und alle Insassen des Hauses; der Arzt und Marja -Nikolajewna, wie Lewin und Kity. - -Allein der Kranke drückte dieses Gefühl nicht aus, sondern eiferte -im Gegenteil darüber, daß man den Arzt nicht schaffe, und fuhr -fort, Arznei zu nehmen und vom Leben zu sprechen. Nur in den -gezählten Minuten, in denen das Opium ihn für einen Augenblick die -ununterbrochenen Leiden vergessen ließ, sprach er im Halbschlaf -bisweilen aus, was mächtiger als bei allen anderen, in seiner Seele -ruhte: »O, wenn doch ein Ende käme«, oder »wann wird das vorüber sein«. - -Die Qualen, stetig wachsend, thaten das ihre, und bereiteten ihn -zum Tode vor. Es gab jetzt keine Stellung mehr, in welcher er nicht -gelitten hätte; es gab keine Minute mehr, in welcher er einmal sich -selbst vergessen hätte, keine Stelle, kein Glied seines Körpers, -welches nicht geschmerzt, ihn nicht gemartert hätte. Selbst die -Erinnerung, die Eindrücke und die Gedanken über diesen Körper erregten -in ihm jetzt bereits einen solchen Ekel, wie der Körper selbst. -Der Anblick der übrigen Menschen, ihre Gespräche, ihre eigenen -Erinnerungen, alles das war für ihn nur peinlich. Seine Umgebung -empfand dies, und gestattete sich daher wie unbewußt in seiner Nähe -weder eine freie Bewegung, noch Gespräche oder Äußerungen von Wünschen. -Sein ganzes Leben zerfloß in das eine Gefühl des Leidens, und des -Wunsches, hiervon erlöst zu sein. - -Augenscheinlich hatte sich nun jene Wandlung in ihm, die ihn auf -den Tod wie auf eine Erfüllung seiner Wünsche, wie auf ein Glück -blicken lassen mußte, vollendet. Früher war jedem besonderen Wunsche, -hervorgerufen durch Leiden oder Entbehrung, wie Hunger, Müdigkeit, -Durst, schon ein Zurechtrücken des Körpers, welches ihm Befriedigung -gewährte, genügt worden; jetzt aber fand die Entbehrung und der Schmerz -keine Befriedigung mehr, denn schon der Versuch zu einer Befriedigung -rief neue Schmerzen hervor, und so flossen denn alle Wünsche in dem -einen zusammen -- dem Wunsche, erlöst zu sein von all den Qualen und -von der Quelle derselben -- dem Körper. - -Aber zum Ausdruck dieses Wunsches nach Befreiung hatte er keine Worte, -und daher sprach er nicht davon, sondern forderte nur noch nach seiner -Gewohnheit die Befriedigung der Wünsche, die schon nicht mehr erfüllt -werden konnten. - -»Legt mich auf die andere Seite,« sagte er und verlangte gleich darauf, -daß man ihn wieder lege, wie vorher. »Gebt mir Bouillon! Schafft -sie fort! Sprecht doch etwas, weshalb schweigt ihr so!« Sobald man -aber angefangen hatte, zu sprechen, schloß er die Augen, und drückte -Ermattung, Gleichgültigkeit und Widerwillen aus. - -Am zehnten Tage nach der Ankunft in der Stadt erkrankte Kity. Es -stellte sich Kopfschmerz und Erbrechen bei ihr ein, und sie vermochte -den ganzen Morgen nicht, das Bett zu verlassen. - -Der Arzt erklärte, daß das Unwohlsein von Ermüdung und Aufregung -herrühre und empfahl geistige Ruhe. - -Nach Tische indessen erhob sich Kity und begab sich wie gewöhnlich, mit -einer Arbeit zu dem Kranken. Er blickte sie streng an, als sie eintrat -und lächelte verächtlich, als sie sagte, daß sie unwohl sei. An diesem -Tage schneuzte er sich unaufhörlich und stöhnte kläglich. - -»Wie fühlt Ihr Euch?« frug sie ihn. - -»Schlechter,« brachte er mit Mühe heraus, »es schmerzt so.« - -»Wo schmerzt es?« - -»Überall.« - -»Heute geht es zu Ende, paßt auf,« sagte Marja Nikolajewna; zwar -flüsternd, aber doch so, daß der Kranke, welcher fein hörte, wie Lewin -bemerkt hatte, sie vernehmen mußte. Lewin zischte ihr zu und blickte -sich nach dem Kranken um. Nikolay hatte dies gehört, aber die Worte -brachten bei ihm keinen Eindruck hervor. Sein Blick war noch der -nämliche vorwurfsvolle und gespannte. - -»Warum denkt Ihr das?« frug Lewin sie, als sie ihm auf den Korridor -hinaus folgte. - -»Er hat angefangen, sich abzunehmen,« sagte Marja Nikolajewna. - -»Was ist denn das?« - -»Nun dies,« antwortete sie, die Falten in ihrem wollenen Kleide -aufzupfend; in der That bemerkte Lewin, daß der Kranke an diesem ganzen -Tage an sich etwas herunterreißen wollte. Die Voraussagung Marja -Nikolajewnas war richtig. Der Kranke war bis zum Abend schon nicht mehr -bei Kräften, die Arme zu heben, und schaute nun vor sich hin, ohne den -Ausdruck konzentrierter Aufmerksamkeit im Blick zu verändern. Selbst -wenn sein Bruder oder Kity sich über ihn beugten, so daß er sie sehen -konnte, blickte er so. Kity sandte nach einem Geistlichen, um das -Sterbegebet sprechen zu lassen. - -Während dieser das Gebet las, gab der Kranke kein Lebenszeichen von -sich, seine Augen waren geschlossen. Lewin, Kity und Marja Nikolajewna -standen am Bett. Das Gebet war von dem Geistlichen noch nicht zu Ende -gelesen worden, als sich der Sterbende streckte, seufzte und die Augen -schloß. Der Geistliche legte, nachdem er das Gebet beendet, das Kreuz -auf die kalte Stirn, zog es darauf langsam unter sein Gewand zurück, -und berührte, nachdem er noch zwei Minuten schweigend gestanden, die -erkaltete, blutlose große Hand. - -»Er hat vollendet,« sprach er und wollte gehen, da aber bewegte sich -plötzlich der zusammengeklebte Bart des Toten und deutlich in der -Stille wurden aus der Tiefe der Brust bestimmt und klar die Worte -vernehmbar: - -»Nicht ganz -- aber bald.« -- - -Nach Verlauf einer Minute erst erhellte sich das Gesicht, ein Lächeln -trat unter dem Barte hervor und die anwesenden Frauen befaßten sich nun -bestürzt damit, den Verstorbenen anzukleiden. - -Der Anblick des Bruders und die Nähe des Todes erneuerte in der -Seele Lewins jene Empfindung des Entsetzens vor dem Rätselhaften und -zugleich vor der Nähe und Unvermeidbarkeit des Todes, das ihn an jenem -Herbstabend ergriffen hatte, als sein Bruder zu ihm gekommen war. - -Dieses Gefühl war jetzt noch mächtiger als früher; noch weniger, als -früher fühlte er sich fähig, die Vorstellung vom Tode zu verstehen, -und noch entsetzlicher stellte sich ihm das Unvermeidliche desselben -vor Augen. Jetzt aber brachte ihn dieses Gefühl, dank der Nähe seines -Weibes, nicht zur Verzweiflung und trotz des Todes fühlte er die -Notwendigkeit, zu leben und zu lieben. Er fühlte, daß die Liebe ihn -von der Verzweiflung errettet hatte, und daß diese Liebe unter den -Schrecken der Verzweiflung nur noch stärker und reiner geworden war. - -Das Geheimnis des Todes hatte sich nicht sobald vor seinen Augen -vollzogen, ungelöst geblieben, als schon ein anderes auftauchte, ebenso -unlösbar und herausfordernd zu Liebe und Leben. - -Der Arzt hatte seine Vermutungen bezüglich Kitys bestätigt; ihr -Unwohlsein bestand in Schwangerschaft. - - - 21. - -Seit der Minute, in welcher Aleksey Aleksandrowitsch aus den -Erklärungen mit Betsy und mit Stefan Arkadjewitsch erkannt hatte, -daß von ihm nur gefordert wurde, er möge sein Weib in Ruhe lassen, -indem er sie nicht mehr mit seiner Gegenwart belästigte, und daß sein -Weib selbst dies wünschte, fühlte er sich so verlassen, daß er keinen -selbständigen Beschluß mehr zu fassen vermochte, nicht mehr wußte, was -er jetzt wollte, und sich in die Hände von Leuten gebend, welche sich -mit dem bekannten Vergnügen um seine Angelegenheiten kümmerten, auf -alles nur billigende Antworten gab. - -Nun nachdem Anna schon sein Haus verlassen hatte, und die Engländerin -sandte, um ihn fragen zu lassen, ob sie mit ihm zusammen zu Mittag -speisen werde oder allein, da erkannte er zum erstenmale klar seine -Lage und erschrak über sie. - -Am schwierigsten in dieser Lage war vor allem, daß er in keiner Weise -seine Vergangenheit mit ihr so wie sie jetzt war, in Einklang und -Harmonie bringen konnte. Nicht jene Vergangenheit, in der er glücklich -mit seinem Weibe gelebt hatte, machte ihn ratlos. Den Übergang aus -derselben zu der Erkenntnis der Untreue seines Weibes hatte er bereits -wie ein Märtyrer durchlebt, der Zustand war schwer, aber er war ihm -verständlich gewesen. Wäre sein Weib damals, nachdem sie ihm von ihrer -Untreue Mitteilung gemacht, von ihm gegangen, so würde er erbittert, -unglücklich gewesen sein, aber er hätte sich dann nicht in jener für -ihn selbst unentwirrbaren, unbegreiflichen Lage befunden, in der er -sich jetzt fühlte. - -Er konnte sich durchaus nicht seine neuerliche Verzeihung vergeben, -seine Versöhnlichkeit, seine Liebe zu dem kranken Weibe, und dem -fremden Kinde, angesichts dessen, was jetzt war, das heißt, dessen, was -er, gleichsam als Belohnung für alles dies, jetzt empfand, vereinsamt, -beschimpft, verlacht, niemandem brauchbar und von allen verachtet. - -In den ersten zwei Tagen nach der Abreise seines Weibes empfing Aleksey -Aleksandrowitsch Bittsteller, den Geschäftsführer, begab sich ins -Komitee, und ging zur Mittagstafel nach dem Salon wie gewöhnlich. Ohne -sich Rechenschaft, weshalb er dies thue, zu geben, verwandte er alle -Kräfte seines Geistes in diesen zwei Tagen nur darauf, ein ruhiges, ja -selbst gleichmütiges Aussehen zu behaupten. - -Indem er auf die Fragen, wie mit den Sachen und den Räumen der -Anna Arkadjewna verfahren werden sollte, antwortete, machte er -die gewaltigsten Anstrengungen über sich selbst, um den Anschein -eines Mannes zu wahren, für den das stattgehabte Ereignis nicht -unvorhergesehen gekommen sei, und nichts in sich trage, was aus der -Reihe der gewöhnlichen Vorkommnisse heraustrete; und er erreichte -seine Absicht! Niemand vermochte an ihm Anzeichen der Verzweiflung -zu finden. Am zweiten Tag nach der Abreise aber, als Korney ihm die -Rechnung vom Modewarenmagazin überreichte, welche Anna zu begleichen -vergessen hatte, und meldete, der Commis sei selbst da, befahl Aleksey -Aleksandrowitsch, diesen hereinkommen zu lassen. - -»Entschuldigen Excellenz, daß ich zu stören wage. Aber wenn Excellenz -befehlen, daß ich mich an gnädige Frau wende, so geruhen Excellenz -wohl, deren Adresse mitzuteilen.« - -Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach, wenigstens wie es dem Commis -schien, und setzte sich, abgewendet, plötzlich an seinen Tisch. Den -Kopf in die Hände gestützt, verharrte er lange in dieser Stellung, -einige Male zu sprechen versuchend, aber wieder innehaltend. - -Die Empfindungen seines Herrn begreifend, bat Korney den Commis, ein -ander Mal wiederzukommen. Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch wieder -allein war, erkannte er, daß er nicht die Kräfte besitze, die Rolle der -Festigkeit und Ruhe noch weiter zu behaupten. Er befahl den auf ihn -wartenden Wagen wieder auszuspannen, niemand vorzulassen, und ging auch -nicht zur Mittagstafel. - -Er fühlte, daß er diesem allgemeinen Andrang von Verachtung und -Gefühllosigkeit, wie er beides auf den Zügen des Commis und Korneys -und aller ohne Ausnahme, denen er in diesen zwei Tagen begegnet war, -offen gesehen hatte, nicht widerstehen könne. Er fühlte, daß er die -Gehässigkeit der Menschen nicht werde zurückweisen können, weil -diese Gehässigkeit nicht davon herrührte, daß er ein Narr war -- in -diesem Falle hätte er schon sich bemühen können, als etwas Besseres -zu erscheinen -- sondern davon, daß er schmachvoll und widerlich -unglücklich war. - -Er wußte, daß man deswegen -- eben deswegen, weil sein Herz zerrissen -war -- mit ihm mitleidlos sein würde. Er fühlte, daß die Menschen ihn -vernichteten, wie man einen zerrissenen Hund, der vor Schmerz winselt, -noch erwürgt. Er wußte, daß seine einzige Rettung vor den Menschen die -war -- seine Wunden vor ihnen zu verbergen -- und er hatte dies zwei -Tage unbewußt zu thun versucht, fühlte sich aber jetzt nicht mehr bei -Kräften, diesen ungleichen Kampf fortzusetzen. - -Seine Verzweiflung vergrößerte sich noch in dem Bewußtsein, daß er -vollständig vereinsamt dastand mit seinem Leid. Nicht nur in Petersburg -besaß er keinen einzigen Menschen, dem er alles hätte anvertrauen -können, was er erfahren hatte, der in ihm nicht den hochgestellten -Beamten, nicht das Mitglied der guten Gesellschaft bemitleidet hätte, -sondern einfach den leidenden Menschen -- nein, nirgends hatte er einen -solchen Menschen. - -Aleksey Aleksandrowitsch war als Waise aufgewachsen; sie waren ihrer -zwei Brüder gewesen. Auf den Vater konnten sie sich nicht mehr -besinnen, die Mutter war gestorben, als Aleksey Aleksandrowitsch zehn -Jahre zählte. Das Vermögen war klein; der Onkel Karenin, ein hoher -Beamter und einstiger Günstling des verstorbenen Kaisers, erzog die -beiden. - -Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch das Gymnasium und die Universität mit -Prämien absolviert hatte, betrat er sogleich mit Hilfe des Onkels die -dienstliche Laufbahn und ergab sich von dieser Zeit an ausschließlich -dem amtlichen Strebertum. Weder auf dem Gymnasium noch auf der -Universität, oder später im Amte hatte Aleksey Aleksandrowitsch mit -irgend jemand freundschaftliche Beziehungen angeknüpft. Sein Bruder -war ihm der geistig zunächst stehende Mensch gewesen, doch hatte -derselbe im Ministerium der äußeren Angelegenheiten gearbeitet, war -stets im Auslande gewesen, und auch bald nach der Verheiratung Aleksey -Aleksandrowitschs hier gestorben. - -Während er eine Gouverneurstelle bekleidete, hatte die Tante Annas, -eine reiche Dame im Gouvernement, den zwar nicht mehr jungen Mann, wohl -aber jungen Gouverneur, mit ihrer Nichte bekannt gemacht, und ihn in -eine Situation verwickelt, nach welcher er sich entweder erklären oder -die Stadt verlassen mußte. Aleksey Aleksandrowitsch schwankte lange. Es -gab damals ebenso viel Gründe für diesen Schritt, wie gegen denselben, -und es gab keinen entscheidenden Anlaß, der ihn bewogen hätte, seinen -Grundsatz, sich im Unentschiedenen zu erhalten, zu ändern. Die Tante -Annas indessen hatte ihm bereits durch einen Bekannten zu verstehen -geben lassen, daß er das junge Mädchen bereits kompromittiert habe und -die Rücksicht auf seine Ehre ihn zwingen müsse, einen Antrag zu machen. -Er machte den Antrag, und weihte seiner Braut und Frau alles Gefühl, -dessen er fähig war. - -Jene Anhänglichkeit, die er für Anna empfand, schloß in seiner Seele -auch die letzten Voraussetzungen für eine Unterhaltung herzlicher -Beziehungen zu den Menschen aus, und jetzt besaß er unter allen seinen -Bekannten keinen Vertrauten. Er besaß wohl viel von dem, was man -Verbindungen nennt, Freundschaftsverhältnisse aber hatte er nicht. -Aleksey Aleksandrowitsch hatte auch viele, die er zu sich zur Tafel -einladen, um Teilnahme in einer ihn interessierenden Sache bitten -konnte, um Protektion eines Petenten, mit denen er sich aufrichtig -über die Thätigkeit anderer Männer und der höchsten Regierungsstelle -äußern konnte -- aber seine Beziehungen zu diesen Personen waren in -einem durch Sitte und Gewohnheit festbestimmten Bereich begrenzt, aus -dem es unmöglich war, herauszutreten. Es war da ein Universitätsfreund, -welchem er sich später wieder genähert hatte, und mit dem er über -sein persönliches Leid hätte sprechen können, aber dieser Kamerad -war Inspizient eines ferngelegenen Lehrbezirks. Unter den Personen, -welche in Petersburg waren, standen ihm am nächsten und waren noch die -denkbarsten von allen der Kanzleidirektor und sein Arzt. - -Michail Wasiljewitsch Sljudin, war ein einfacher, verständiger, guter -und moralischer Mensch, und in ihm verspürte Aleksey Aleksandrowitsch -eine persönliche Neigung für sich, aber ihre fünfjährige amtliche -Thätigkeit hatte zwischen beiden eine Schranke für seelische -Beziehungen aufgerichtet. - -Aleksey Aleksandrowitsch, die Unterschrift der Papiere beendend, -schwieg lange, auf Michail Wasiljewitsch blickend, und versuchte -mehrmals zu sprechen, ohne daß er es vermochte. Er hatte schon den Satz -vorbereitet »habt ihr von meinem Unglück gehört?« Aber er vollendete -damit, daß er, wie gewöhnlich sagte, »macht mir das also fertig,« womit -er ihn entließ. - -Der zweite Mensch war sein Arzt, der gleichfalls freundschaftlich -gesinnt für ihn war, aber zwischen ihnen bestand schon seit langem -ein schweigendes Einverständnis darüber, daß sie beide mit Geschäften -überhäuft wären, und sich beeilen müßten. - -An seine weiblichen Freunde, selbst an den nervösesten unter ihnen, die -Gräfin Lydia Iwanowna, hatte Aleksey Aleksandrowitsch nicht gedacht. -Alle Weiber, schlechtweg als Weiber, waren ihm furchtbar und widerlich. - - - 22. - -Aleksey Aleksandrowitsch hatte die Gräfin Lydia Iwanowna vergessen, -diese aber nicht ihn. In der schwersten Minute seiner Vereinsamung -und Verzweiflung gerade kam sie zu ihm und trat ohne Meldung in sein -Kabinett. Sie traf ihn in der Stellung, in welcher er gesessen hatte, -den Kopf auf beide Arme gestützt. - -»=J'ai forcé la consigne=,« sagte sie, indem sie mit schnellen -Schritten und schwer atmend vor Erregung und der schnellen Bewegung -eintrat. »Ich habe alles gehört! Aleksey Aleksandrowitsch! -- Mein -Freund!« -- fuhr sie fort, mit beiden Händen fest die seine drückend -und ihm mit ihren schönen, sinnigen Augen ins Auge blickend. - -Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich, erhob sich ein wenig, und -schob ihr, seine Hand von ihr losmachend, einen Stuhl zu. - -»Nicht gefällig, Gräfin? Ich empfange nicht, weil ich krank bin,« sagte -er und seine Lippen bebten. - -»Mein Freund!« wiederholte die Gräfin Lydia Iwanowna, ohne die Augen -von ihm zu verwenden, und plötzlich hoben sich ihre Brauen mit den -inneren Seiten, ein Dreieck auf der Stirn bildend, und ihr unschönes -gelbes Gesicht wurde noch unschöner; doch Aleksey Aleksandrowitsch -empfand, daß sie ihn bemitleide und im Begriff war, zu weinen. Auch ihn -überkam eine weiche Stimmung; er ergriff ihre fleischige Hand und küßte -sie. »Mein Freund!« sagte sie mit von Erregung unterbrochener Stimme. -»Ihr dürft Euch dem Schmerz nicht so hingeben. Euer Leid ist groß, aber -Ihr müßt Trost finden.« - -»Ich bin zerschmettert, vernichtet, ich bin kein Mensch mehr,« sagte -Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Hand freilassend, aber weiter, in -ihre von Thränen gefüllten Augen schauend. »Meine Lage ist furchtbar -dadurch, daß ich nirgends, in mir selbst nicht einmal, einen Stützpunkt -dafür finde.« - -»Ihr werdet eine Stütze finden; sucht sie aber nicht in mir; obwohl ich -Euch bitte, an meine Freundschaft zu glauben,« antwortete sie mit einem -Seufzer, »unsere Stütze ist die Liebe, jene Liebe, die der da droben -uns gegeben hat. Eine Bürde in ihm ist leicht,« sagte sie mit jenem -verzückten Blick, den Aleksey Aleksandrowitsch so gut kannte, »er wird -Euch halten und Euch beistehen!« - -Trotzdem, daß in diesen Worten sowohl das Mitleid mit seinen erhabenen -Empfindungen, wie auch jene, Aleksey Aleksandrowitsch überflüssig -erscheinende, neue verzückte, erst seit kurzem in Petersburg -verbreitete, mystische Stimmung lag, war es diesem angenehm, sie jetzt -zu vernehmen. - -»Ich bin schwach. Ich bin vernichtet. Ich habe nichts vorausgesehen und -fasse jetzt nichts.« - -»Mein Freund,« wiederholte Lydia Iwanowna. - -»Nicht der Verlust dessen ist es, was jetzt nicht mehr ist, nicht -dies!« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort, »ich klage um nichts. Aber -ich muß mich schämen vor den Menschen wegen der Lage, in der ich mich -befinde. Das ist schlimm, aber ich kann nicht, kann nicht anders.« - -»Nicht Ihr habt jene erhabene That der Vergebung ausgeführt, von der -ich entzückt bin, wie jedermann, sondern der droben, der in Eurem -Herzen wohnt,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, verzückt die Augen -hebend, »und daher dürft Ihr Euch Eurer Handlungsweise nicht schämen.« - -Aleksey Aleksandrowitsch verzog das Gesicht und begann, die Hände -hinter sich nehmend, mit den Fingern zu knacken. - -»Man muß eben alle Einzelheiten kennen,« sagte er mit dünner Stimme, -»die Kräfte des Menschen haben ihre Grenze, Gräfin, und ich habe -die Grenze der meinigen gefunden. Den ganzen Tag jetzt muß ich -Verfügungen treffen, Verfügungen über das Hauswesen, die sich für -mich ergeben haben« -- er betonte das letztere Wort -- »aus meiner -neuen, vereinsamten Stellung. Das Gesinde, die Gouvernante, die -Rechnungen -- dieses Kreuzfeuer hat mich versengt und ich war nicht bei -Kräften, es zu ertragen. Bei Tische -- ich bin gestern kaum seit der -Mittagstafel hinausgekommen. Ich konnte es nicht ertragen, wie mich -mein Sohn anblickte. Er frug mich nicht, was das alles bedeuten solle, -aber er wollte fragen, und ich konnte diesen Blick nicht ertragen. -Er fürchtete, mich anzuschauen, aber das ist noch wenig« -- Aleksey -Aleksandrowitsch wollte jener Rechnung Erwähnung thun, die man ihm -gebracht hatte, doch seine Stimme begann zu zittern und er hielt inne. -An diese Rechnung auf blauem Papier, mit den Hüten und Bändern, konnte -er nicht ohne Mitleid mit sich selbst denken. - -»Ich verstehe, mein Freund,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna. »Ich -verstehe alles. Hilfe und Trost werdet Ihr nicht in mir finden, aber -ich bin dennoch nur deshalb gekommen, Euch beizustehen, wenn ich kann. -Wenn ich doch alle diese kleinlichen, erniedrigenden Mühewaltungen -von Euch nehmen könnte. Ich verstehe, daß hier ein Frauenwort, ein -weibliches Regiment not thut. Vertraut Ihr es mir an?« - -Aleksey Aleksandrowitsch drückte ihr schweigend und dankerfüllt die -Hand. - -»Wir wollen uns mit dem kleinen Sergey beschäftigen. Ich bin nicht -stark in praktischen Dingen. Aber ich werde mich nützlich machen und -Eure Hausverwalterin sein. Dankt mir nicht. Ich thue das nicht von mir -aus.« -- - -»Ich muß danken.« - -»Aber, mein Freund, überlaßt Euch nicht diesem Gefühl, von welchem Ihr -gesprochen habt -- daß Ihr Euch dessen schämtet, was das höchste Gebot -des Christen ist: Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden. -Und danken könnt Ihr nicht mir. Ihm ist zu danken, ihn muß man um Hilfe -bitten, in ihm allein finden wir Ruhe, Trost, Heil und Liebe,« sagte -sie, und die Augen zum Himmel emporhebend, begann sie zu beten, wie -Aleksey Aleksandrowitsch aus ihrem Schweigen erkannte. - -Aleksey Aleksandrowitsch vernahm sie jetzt auch, und jene Ausdrücke, -welche ihm früher, wenn nicht unangenehm, so doch überflüssig -erschienen waren, kamen ihm jetzt natürlich und tröstlich vor. Aleksey -Aleksandrowitsch liebte diesen neuen, verzückten Geist nicht; er -war ein religiöser Mensch, der sich für Religion hauptsächlich im -politischen Sinne interessierte, aber die neue Lehre, die sich mehrere -neue Auslegungen gestattete, war ihm deshalb besonders, weil sie dem -Streit und der Analyse Thür und Thor öffnete, grundsätzlich unangenehm. -Früher hatte er sich kühl, ja selbst feindselig gegen diese neue -Lehre verhalten, und mit der Gräfin Lydia Iwanowna, die von derselben -eingenommen worden war, zwar nie gestritten, aber geflissentlich durch -Schweigen ihre Herausforderungen umgangen. Jetzt nun zum erstenmal -hörte er ihre Worte mit Befriedigung und widersprach ihnen innerlich -nicht. - -»Ich bin Euch sehr, sehr dankbar, sowohl für Eure Thaten als für Eure -Worte,« sprach er, als sie mit Beten fertig war. - -Die Gräfin Lydia Iwanowna drückte ihrem Freunde nochmals beide Hände. - -»Jetzt will ich ans Werk gehen,« sagte sie lächelnd, nachdem sie eine -Weile geschwiegen und sich die Spuren der Thränen aus dem Gesicht -gewischt hatte. »Ich werde zu Sergey gehen, und mich nur im äußersten -Notfall an Euch wenden.« Sie erhob sich und ging hinaus. - -Die Gräfin Lydia Iwanowna begab sich zu Sergey und erzählte dem -erschreckten Knaben, ihm die Wangen mit Thränen bethauend, daß sein -Vater ein Heiliger und seine Mutter gestorben sei. - -Die Gräfin Lydia Iwanowna erfüllte ihr Versprechen. Sie nahm in der -That alle Sorgen und das Arrangement und die Hausverwaltung Aleksey -Aleksandrowitschs auf sich, hatte aber nicht übertrieben, wenn sie -sagte, daß sie in praktischen Dingen nicht stark sei. Alle ihre -Anordnungen mußten abgeändert werden, da sie unausführbar waren, -und sie wurden abgeändert durch Korney, den Kammerdiener Aleksey -Aleksandrowitschs, der jetzt, ohne daß dies jemand merkte, das ganze -Haus Karenins leitete, und ruhig und schonungsvoll während des -Ankleidens seinem Herrn berichtete, was notwendig war. Gleichwohl -aber blieb die Hilfe Lydia Iwanownas im höchsten Grade wesentlich: -sie verlieh Aleksey Aleksandrowitsch eine moralische Stütze in der -Erkenntnis ihrer Liebe und Achtung für ihn, und insbesondere darin, -daß sie ihn, -- es war ihr dies ein tröstlicher Gedanke -- fast zum -Christentum bekehrte, das heißt, aus einem gleichgültig und träg -Religiösgesinnten zum eifrigen und festüberzeugten Parteigänger jener -neuen Offenbarung der christlichen Lehre machte, welche sich in der -jüngsten Zeit in Petersburg verbreitet hatte. - -Aleksey Aleksandrowitsch wurde es leicht, sich von dieser Lehre -überzeugen zu lassen. Er ebenso wie Lydia Iwanowna und andere Leute, -die ihre Anschauungen zersplitterten, war einer wahrhaft vertieften -Vorstellungskraft, jener geistigen Fähigkeit, dank welcher die -Vorstellungen, welche von der Phantasie so hervorgerufen sind, ja -thatsächlich werden, daß sie mit den anderen Vorstellungen und mit -der Wirklichkeit einen Einklang fordern, völlig beraubt. Er erblickte -nichts Unmögliches und Ungestaltes in der Vorstellung, daß der Tod, für -die Ungläubigen wirklich vorhanden, für ihn aber nicht da sei, und daß, -da er den wahrsten Glauben besitze, über den er selbst Richter wäre, -auch keine Sünde mehr in seiner Seele sei, und er schon hier auf Erden -ein volles Seelenheil kennen lerne. - -Allerdings wurde die Leichtfertigkeit und Fehlerhaftigkeit dieser -Vorstellung von seinem eignen Glauben Aleksey Aleksandrowitsch dunkel -fühlbar, und er wußte, daß er, wenn er ohne daran zu denken, daß seine -Verzeihung die Wirkung einer höheren Kraft gewesen war, sich diesem -Gefühl unmittelbar hingab, mehr Glück verspürte, als wenn er, wie -jetzt, jede Minute dachte, daß Christus in seiner Seele sei und er, -wenn er Akten unterschrieb, damit nur dessen Willen erfülle. Aleksey -Aleksandrowitsch war es indessen so unumgänglich notwendig, so zu -denken, es war ihm so notwendig, in seiner Herabwürdigung eine, wenn -auch nur erklügelte, Erhabenheit zu besitzen, mit welcher er, von allen -sonst verachtet, auch alle selbst verachten konnte, daß er sich, wie an -eine Rettung, an sein vermeintliches Seelenheil anklammerte. - - - 23. - -Die Gräfin Lydia Iwanowna war noch als sehr junges, exaltiertes Mädchen -an einen reichen, vornehmen, sehr gutmütigen und sehr ausschweifenden -Lebemann verheiratet worden. - -Im zweiten Monat schon vernachlässigte sie ihr Gatte und antwortete auf -die exaltierten Versicherungen ihrer zärtlichen Gesinnung für ihn nur -mit Spott, ja selbst Feindseligkeit, welche sich diejenigen, die das -gute Herz des Grafen kannten, und keinerlei Fehler in der verzückten -Lydia wahrnahmen, nicht erklären konnten. - -Seit jener Zeit lebten beide, wenn auch nicht getrennt, so doch -gesondert, und wenn der Gatte seiner Frau begegnete, dann trug er gegen -sie einen sich stets gleichbleibenden beißenden Sarkasmus zur Schau, -dessen Ursache man nicht begreifen konnte. - -Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte schon längst aufgehört, in ihren Mann -verliebt zu sein, hörte aber von da an nie mehr auf, in irgend jemand -sonst verliebt zu sein. Sie war in Mehrere zugleich verliebt, in Männer -wie in Frauen; sie war in fast alle Menschen verliebt, die irgendwie -besonders hervortraten. Sie war verliebt in alle neuen Prinzessinnen -und Prinzen, die mit der Familie des Zaren in Verwandtschaft traten, -sie war verliebt in einen Metropoliten, einen Vizegeistlichen und einen -Kapellan. Sie war verliebt in einen Journalisten, drei Slovenen und in -Komissaroff, in einen Minister, einen Arzt, einen englischen Missionär -und in Karenin. Alle diese Liebesverhältnisse, bald sich abschwächend, -bald stärker werdend, behinderten sie nicht in der Unterhaltung der -verzweigtesten und verwickeltsten Beziehungen mit dem Hof und der -Gesellschaft, aber seit der Zeit, da sie nach dem Verhängnis, welches -Karenin betroffen, diesen unter ihre Fürsorge genommen hatte, seit -der Zeit, da sie im Hause Karenins waltete, in der Sorge um dessen -Wohlergehen, empfand sie, daß alle die übrigen Liebesverhältnisse keine -echten gewesen waren, und sie jetzt wahrhaft nur in Karenin allein -verliebt war. - -Das Gefühl, welches sie jetzt für diesen empfand, erschien ihr stärker, -als alle früheren Gefühle, und indem sie dasselbe untersuchte und es -mit diesen verglich, erkannte sie klar, daß sie in Komissaroff nicht -verliebt gewesen sein würde, wenn er nicht das Leben des Zaren gerettet -hätte, daß sie in Ristitsch-Kudschizkiy nicht verliebt gewesen sein -würde, wenn es keine slavische Frage gäbe, daß sie aber Karenin um -seiner selbst willen liebte, um seines hohen, nicht zu erfassenden -Geistes, des milden, für sie so zarten Klanges seiner Stimme mit ihren -gedehnten Accenten, um seines matten Blickes, seines Charakters, seiner -weichen weißen Hände mit den aufgetretenen Adern willen. - -Sie freute sich nicht nur der Begegnung mit ihm, sie suchte auch auf -seinem Gesicht Kennzeichen des Eindruckes, den sie auf ihn machte. -Sie wollte ihm nicht nur in ihren Reden gefallen, sondern mit ihrer -ganzen Persönlichkeit. Ihm zu Liebe beschäftigte sie sich jetzt mehr -mit ihrer Toilette, als je zuvor. Sie ertappte sich auf Träumereien, -was wohl geschehen könne, wenn sie nicht verheiratet und er frei wäre. -Sie errötete vor Vergnügen, wenn er in das Zimmer trat, und konnte ein -Lächeln des Entzückens nicht unterdrücken, wenn er ihr etwas Angenehmes -sagte. - -Schon mehrere Tage befand sich die Gräfin Lydia Iwanowna in einer -sehr starken Aufregung. Sie hatte erfahren, daß Anna und Wronskiy -wieder in Petersburg seien. Man mußte Aleksey Aleksandrowitsch vor dem -Wiedersehen mit ihr bewahren, man mußte ihn bewahren selbst vor der -qualvollen Kenntnisnahme davon, daß dieses furchtbare Weib in ein und -derselben Stadt mit ihm sei und er ihr jeden Augenblick begegnen könne. - -Lydia Iwanowna erforschte durch ihre Bekannten, was jene »widerlichen -Menschen«, wie sie Anna und Wronskiy nannte, zu thun beabsichtigten, -und bemühte sich nun während dieser Tage, alle Bewegungen ihres -Freundes zu leiten, damit er ihnen nicht begegnen könnte. - -Ein junger Adjutant, ein Freund Wronskiys, durch welchen sie ihre -Nachrichten empfangen hatte, und der durch die Gräfin Lydia Iwanowna -eine Konzession zu erhalten hoffte, teilte ihr mit, daß die beiden ihre -Angelegenheiten ordneten und am nächsten Tage abreisen würden. - -Lydia Iwanowna war schon ruhiger geworden, als man ihr am andern Morgen -ein Billet brachte, dessen Handschrift sie mit Entsetzen erkannte. - -Es war die Handschrift Anna Kareninas. Das Couvert bestand aus dickem, -rindenartigem Papier, war länglich und von gelber Farbe und trug ein -großes Monogramm, während das Schreiben selbst Wohlgerüche ausströmte. - -»Wer hat das gebracht?« - -»Ein Beauftragter aus dem Hotel.« - -Die Gräfin Lydia Iwanowna vermochte lange nicht, sich zu setzen und den -Brief zu lesen. Sie bekam vor Aufregung einen Anfall von Atemnot, an -der sie litt. Nachdem sie sich indes beruhigt hatte, las sie folgendes, -französisch abgefaßte Schreiben: - -»=Madame la Comtesse=! Die christlichen Gefühle, welche Ihr Herz -erfüllen, verleihen mir die, ich fühle es, unverzeihliche Kühnheit, -Ihnen zu schreiben. Ich bin unglücklich über die Trennung von meinem -Sohne. Ich flehe Sie um die Erlaubnis an, ihn nur ein einziges Mal -sehen zu dürfen vor meiner Abreise. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen -mich selbst in Erinnerung bringe, ich habe mich an Sie, und nicht -an Aleksey Aleksandrowitsch nur deshalb gewandt, weil ich diesen -hochherzigen Mann nicht veranlassen will, in der Erinnerung an mich, zu -leiden. Da ich Ihre freundschaftliche Gesinnung für ihn kenne, werden -Sie mich verstehen. Senden Sie Sergey zu mir, oder soll ich ins Haus -kommen zu der üblichen, festgesetzten Stunde -- oder würden Sie mich -wissen lassen, wann und wo ich ihn außerhalb des Hauses sehen kann? -Ich versehe mich nicht einer Verweigerung, da ich die Großmut dessen -kenne, von dem dies abhängt. Sie können sich die heiße Sehnsucht ihn -zu sehen nicht vorstellen, die ich empfinde, und daher auch nicht die -Dankbarkeit, die Ihr Beistand in mir hervorrufen würde. - - Anna.« - -Alles in diesem Briefe versetzte die Gräfin Lydia Iwanowna in Zorn; -sowohl der Inhalt im allgemeinen, als der Hinweis auf Großmut und -insbesondere der, wie ihr schien, frivole Ton. - -»Sag', es gebe keine Antwort,« sprach die Gräfin Lydia Iwanowna, und -schrieb sogleich an Aleksey Aleksandrowitsch, sie hoffe, ihn um ein Uhr -zur Hofcour zu sehen. - -»Ich habe mit Euch über eine wichtige und traurige Angelegenheit zu -sprechen, und dort wollen wir verabreden, wo dies geschehen kann. Am -besten wohl bei mir, wo ich den Thee so wie Ihr ihn ja liebt, bereiten -lassen werde. Es ist unbedingt notwendig. Gott legt uns das Kreuz -auf, aber er giebt uns auch die Kraft,« fügte sie hinzu, um ihn doch -wenigstens in Etwas vorzubereiten. - -Die Gräfin Lydia Iwanowna schrieb gewöhnlich zwei oder drei Briefe -täglich an Aleksey Aleksandrowitsch. Sie liebte diese Verkehrsweise mit -ihm, da sie an sich Eleganz und Diskretion besaß, wie sie sich ihr in -persönlichen Beziehungen nicht bot. - - - 24. - -Die Hofcour war vorüber. Die Abfahrenden pflogen bei der Begegnung -noch Gespräche über die letzten Tagesneuigkeiten, über neuempfangene -Auszeichnungen und Versetzungen hoher Beamter. - -»Etwa der Gräfin Marja Borisowna das Kriegsportefeuille, und an die -Spitze des Stabes die Fürstin Watkowskaja,« sagte ein alter Herr in -goldgestickter Uniform zu einer hochgewachsenen Schönheit, die sich bei -ihm über die Beförderungen erkundigt hatte. - -»Und mich zum Adjutanten,« versetzte das Fräulein lächelnd. - -»Ihr habt bereits Eure Bestimmung. Man bestellt Euch in das Ressort für -geistliche Sachen. Und zu Eurem Beistande -- Karenin.« - -»Guten Tag, Fürst,« sagte der alte Herr, einem Hinzutretenden die Hand -drückend. - -»Was habt Ihr zu Karenin gesagt?« sprach der Fürst. - -»Er und Putjakoff haben den Alexander Newskiy erhalten.« - -»Ich dachte, er hätte ihn schon.« - -»Nein. Seht ihn Euch doch an,« sagte der alte Herr, mit dem -goldgestickten Hute auf den, bei einem einflußreichen Mitglied -des Staatsrats an der Saalthür stehenden Karenin weisend, der in -Galauniform war und das neue rote Band über der Schulter trug. -»Glücklich und zufrieden, wie ein Kupfergroschen,« fügte er hinzu, -stehen bleibend, um einem athletischgebauten, schöngewachsenen -Kammerherrn die Hand zu drücken. - -»Er ist gealtert,« sagte der Kammerherr. - -»Von Sorgen. Er macht jetzt nur Projekte. Keinen Unglücklichen entläßt -er jetzt, bevor er nicht alles gewissenhaft dargelegt hat.« - -»Wie, gealtert? =Il fait des passions=. Ich glaube, die Gräfin Lydia -Iwanowna ist jetzt eifersüchtig auf seine Frau.« - -»Was soll das heißen! Über die Gräfin Lydia Iwanowna, bitte, sprecht -nichts Übles!« - -»Ist denn das schlecht, wenn sie in Karenin verliebt ist?« - -»Ist es denn wahr, daß die Karenina hier ist?« - -»Das heißt nicht hier am Hofe, sondern in Petersburg! Ich begegnete -ihr gestern mit Aleksey Wronskiy, =bras dessus, bras dessous=, auf der -Morskaja.« - -»=C'est un homme qui n'a pas=« -- -- begann der Kammerherr, hielt aber -inne, indem er grüßend Platz machte vor einer vorüberschreitenden -Persönlichkeit aus der Familie des Zaren. - -So sprach man fortwährend von Aleksey Aleksandrowitsch, ihn richtend -und verspottend, während dieser, dem von ihm in Beschlag genommenen -Mitglied des Staatsrates den Weg vertretend, und um keine Minute seine -Ausführungen verkürzend, um ihn nicht fortlassen zu müssen, demselben -Punkt für Punkt einen Finanzplan vorlegte. - -Fast zu gleicher Zeit, als Aleksey Aleksandrowitsch von seinem Weibe -verlassen wurde, ereignete sich für diesen das bitterste Ereignis was -einem Beamten passieren kann -- Stillstand in seiner aufwärtsführenden -Carriere. Derselbe war Thatsache geworden, und alle erkannten dies -klar, Aleksey Aleksandrowitsch selbst aber hatte sich noch nicht -eingestanden, daß seine Carriere zu Ende sei. War es der Zusammenstoß -mit Stremoff, war es das Unglück mit seinem Weibe, oder einfach der -Umstand, daß Aleksey Aleksandrowitsch zu der ihm bestimmten Grenze -gelangt war, für jedermann war es im laufenden Jahre klar geworden, -daß es mit seiner amtlichen Laufbahn vorüber war. Er bekleidete noch -einen wichtigen Posten, er war noch Mitglied vieler Kommissionen und -Komitees, aber auch ein Mann, der in Ungnade gefallen, und von welchem -man nichts mehr erwartete. Was er auch reden mochte, was er auch in -Vorschlag brachte, man hörte ihn, als wäre das, was er beantragte, -schon längst bekannt und eben gerade das, was gar nicht notwendig war. - -Aber Aleksey Aleksandrowitsch merkte das nicht, im Gegenteil, der -direkten Teilnahme an der Regierungsthätigkeit fernstehend, sah er -jetzt viel klarer, als früher, die Mängel und Fehler in der Thätigkeit -anderer, und hielt es für seine Pflicht, auf die Mittel zu deren -Verbesserung hinzuweisen. - -Bald nach seiner Trennung von der Gattin begann er, seine Denkschrift -über die neue Rechtsordnung zu schreiben, die erste aus einer zahllosen -Reihe niemandem nutzbringender Denkschriften über alle Zweige der -Verwaltung, welche er sich vorgenommen hatte, zu schreiben. - -Aleksey Aleksandrowitsch erkannte seine hoffnungslose Stellung in der -Beamtenwelt nicht nur nicht, er war auch nicht erbittert hierüber, -sondern eher noch mehr als je zufrieden mit seiner Thätigkeit. - -»Ein Beweibter sorgt sich um das Eitle, wie er seinem Weibe gefallen -mag, ein Unbeweibter um das Erhabene, wie er dem Herrn gefallen kann,« -sagt der Apostel Paulus, und Aleksey Aleksandrowitsch, in allen Dingen -jetzt nur noch geleitet von der heiligen Schrift, erinnerte sich oft -dieses Textes. Es schien ihm, daß er seit der Zeit, seit welcher er -ohne seine Frau lebte, gerade mit diesen Projekten dem Herrn mehr -diente, als früher. - -Die augenscheinliche Ungeduld des Mitgliedes des Staatsrats, welches -wünschte, von ihm loszukommen, setzte Aleksey Aleksandrowitsch nicht in -Verlegenheit; er hörte nicht eher damit auf, seinen Plan zu entwickeln, -als bis das Ratsmitglied, die Gelegenheit des Vorüberschreitens der -Persönlichkeit aus der Zarenfamilie benutzend, ihm entschlüpft war. - -Allein geblieben, ließ Aleksey Aleksandrowitsch den Kopf sinken, indem -er seine Gedanken sammelte, blickte dann zerstreut um sich, und schritt -der Thür zu, an welcher er der Gräfin Lydia Iwanowna zu begegnen hoffte. - -»Wie sind sie alle körperlich so stark und gesund,« dachte Aleksey -Aleksandrowitsch, auf den mächtigen Kammerherrn mit seinem frisierten, -wohlriechenden Backenbart blickend, auf den rotschimmernden Hals -des straff in seiner Uniform erscheinenden Fürsten, an denen er -vorbeizuschreiten hatte. »Es ist ganz richtig gesagt, daß alles in der -Welt von Übel ist,« dachte er, nochmals seitwärts nach den Waden des -Kammerherrn blickend. - -Langsam seine Beine weiterbewegend, verbeugte er sich mit dem -gewöhnlichen Ausdruck von Ermüdung und Würde vor jenen Herren, welche -von ihm gesprochen hatten, und suchte, nach der Thür blickend, mit -seinen Augen die Gräfin Lydia Iwanowna. - -»Ah, Aleksey Aleksandrowitsch!« sagte der alte Herr, mit boshaft -blinzelnden Augen, während Karenin neben ihm hinschritt und mit kalter -Bewegung den Kopf neigte. - -»Ich habe Euch noch nicht beglückwünscht,« sagte der alte Herr, auf -sein neuempfangenes Ordensband weisend. - -»Ich danke Euch,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch, »welch ein -herrlicher Tag ist heute,« fügte er hinzu, nach seiner Gewohnheit -besonders Betonung auf das Wort »herrlich« legend. - -Daß man über ihn lachte, wußte er, aber er erwartete von ihnen ja auch -gar nichts anderes als Feindseligkeit; er war schon daran gewöhnt. - -Als er die aus dem Korsett emporsteigenden gelben Schultern der Gräfin -Lydia Iwanowna, die in die Thür getreten war, und ihre ihn zu sich -rufenden, schönen sinnigen Augen erblickte, lächelte er, die weißen, -nicht schlecht gewordenen Zähne zeigend, und begab sich zu ihr hin. - -Die Toilette Lydia Iwanownas hatte große Mühe gekostet, wie überhaupt -alle ihre Toiletten in der letzten Zeit. Der Zweck derselben war jetzt -ein vollständig umgekehrter im Vergleich zu dem, welchen sie vor -dreißig Jahren damit verfolgt hatte. - -Damals hatte sie sich nur mit Etwas putzen wollen, je mehr, um so -besser. Jetzt, im Gegenteil hatte sie so notorisch in einer ihren -Jahren und ihrer Figur nicht entsprechenden Weise an Schönheit -verloren, daß sie nur noch darum bemüht war, den Gegensatz zwischen -diesem Putz und ihrer äußeren Erscheinung nicht gar zu schrecklich -werden zu lassen. - -Was Aleksey Aleksandrowitsch anbetraf, so hatte sie dies erreicht, und -erschien diesem anziehend. Sie bildete für ihn die einzige Insel nicht -nur von Zuneigung, sondern auch der Liebe, inmitten des Meeres von -Feindseligkeit und Hohn, das ihn umgab. - -Durch die Spießrutengasse von höhnischen Blicken hindurchschreitend, -strebte er naturgemäß ihrem Blick voll Liebe zu, wie die Pflanze dem -Licht. - -»Ich gratuliere Euch,« sprach sie zu ihm, mit den Augen auf sein -Ordensband weisend. - -Ein Lächeln des Vergnügens unterdrückend, zuckte er nur mit den -Schultern, die Augen schließend, als wollte er sagen, es könne ihn -dies nicht erfreuen. Die Gräfin Lydia Iwanowna wußte recht wohl, daß -dies für ihn eine der höchsten Freuden war, obwohl er es nimmermehr -eingestanden haben würde. - -»Was macht unser Engel?« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, an Sergey -denkend. - -»Kann nicht gerade sagen, daß ich vollständig zufrieden mit ihm wäre,« -sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend und die -Augen öffnend. »Auch Sitnikoff ist nicht zufrieden mit ihm.« Sitnikoff -war der Pädagog, dem die weltliche Erziehung Sergeys anvertraut war. -»Wie ich Euch schon gesagt habe, besitzt er eine gewisse Kühlheit -gerade denjenigen Hauptfragen gegenüber, die die Seele eines jeden -Menschen, und jedes Kind berühren,« begann er, seine Gedanken über die -einzige, ihn neben seiner amtlichen Thätigkeit interessierende Frage zu -entwickeln -- über die Erziehung seines Sohnes. - -Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch mit Hilfe Lydia Iwanownas aufs neue -dem Leben und der Thätigkeit wieder geschenkt worden war, fühlte -er auch seine Verpflichtung, sich mit der Erziehung des Kindes zu -befassen, welches in seinen Händen geblieben war. Da er sich vorher -niemals mit Erziehungsangelegenheiten beschäftigt hatte, so opferte -Aleksey Aleksandrowitsch einige Zeit dem theoretischen Studium des -Gegenstandes, und indem er einige anthropologische, pädagogische und -didaktische Bücher durchlas, stellte er einen Erziehungsplan auf, -und ging, den besten Petersburger Schulmann zur Leitung desselben -einladend, ans Werk. Dieses Werk nun beschäftigte ihn beständig. - -»Ja, aber das Herz? Ich erkenne in ihm das Herz des Vaters und mit -einem solchen Herzen kann ein Kind nicht schlecht sein,« sagte Lydia -Iwanowna verzückt. - -»Ja, mag sein; was mich anbetrifft, so erfülle ich meine Pflicht. Das -ist alles, was ich thun kann.« - -»Ihr kommt doch mit zu mir,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, eine -Pause machend, »ich muß über eine traurige Angelegenheit mit Euch -reden. Alles hätte ich darum gegeben, Euch mit gewissen Erinnerungen zu -verschonen, aber die anderen denken ja nicht so. Ich habe ein Schreiben ->von ihr< erhalten. Sie ist hier, in Petersburg.« - -Aleksey Aleksandrowitsch erschrak bei der Gemahnung an sein Weib, -sofort aber stand auch jene totenhafte Unbeweglichkeit auf seinen -Zügen, welche seine vollkommene Hilflosigkeit in dieser Sache -ausdrückte. - -»Ich habe das erwartet,« sagte er. - -Die Gräfin Lydia Iwanowna blickte ihn verzückt an, und die Thränen des -Enthusiasmus vor seiner Seelengröße traten ihr in die Augen. - - - 25. - -Als Aleksey Aleksandrowitsch in das kleine, mit altertümlichem -Porzellan dekorierte und Gemälden behängte anheimelnde Kabinett Lydia -Iwanownas trat, war die Herrin selbst noch nicht anwesend. Sie kleidete -sich um. - -Auf einem runden Tische war ein Tafeltuch aufgedeckt, auf welchem ein -chinesisches Service und eine silberne Theemaschine stand. Aleksey -Aleksandrowitsch betrachtete zerstreut die unzähligen, ihm bekannten -Porträts, welche das Kabinett schmückten, und öffnete, nachdem er sich -an dem Tische niedergelassen, das auf demselben liegende Evangelium. - -Das Rauschen des seidenen Kleides der Gräfin zog ihn davon ab. - -»So, nun wollen wir uns gemächlich setzen,« sagte die Gräfin Lydia -Iwanowna, mit aufgeregtem Lächeln hastig zwischen Tisch und Diwan -durchschreitend, »und bei unserem Thee sprechen.« - -Nach einigen Worten der Vorbereitung gab die Gräfin Lydia Iwanowna -schwer atmend und errötend das empfangene Schreiben Aleksey -Aleksandrowitsch in die Hände. - -Das Schreiben durchlesend, blieb dieser lange stumm. - -»Ich glaube nicht das Recht zu haben, ihr einen abschläglichen Bescheid -geben zu dürfen,« sagte er zaghaft, die Augen erhebend. - -»Mein Freund, Ihr seht doch in keinem Menschen das Böse!« - -»Im Gegenteil sehe ich, daß alles von Übel ist! Ob es aber richtig ist.« - -In seinem Gesicht lag Unentschlossenheit und das Suchen nach Rat, nach -Unterstützung und Leitung in der Sache, die ihm unerfaßbar war. - -»Nein« -- unterbrach ihn die Gräfin Lydia Iwanowna, »alles hat seine -Grenze! Ich begreife die Unmoral,« sagte sie -- nicht ganz aufrichtig, -da sie nie begreifen konnte, was Frauen zur Unmoral führt -- »begreife -aber nicht diese Hartherzigkeit. Gegen wen? gegen Euch! Wie kann man in -dieser Stadt verbleiben, in welcher Ihr seid? Nein; man kann hundert -Jahre leben und lernt nicht aus! Ich aber lerne Eure Erhabenheit und -ihre Niedrigkeit erkennen!« -- - -»Wer will einen Stein auf sie werfen?« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, -augenscheinlich mit seiner Rolle zufrieden. »Ich habe alles vergeben, -und kann sie daher nicht dessen berauben, was eine Forderung ihrer -Liebe ist, der Liebe zu ihrem Kinde« -- - -»Aber ist denn das Liebe, mein Freund? Ist das aufrichtig von Euch? -Gesetzt auch, Ihr habt ihr vergeben, Ihr verzeiht ihr -- haben wir -deshalb das Recht, auf die Seele jenes Engels einzuwirken? Er hält sie -für tot. Er betet für sie und bittet Gott, ihr ihre Sünden zu vergeben. -So ist es doch am besten. Sonst aber -- was wird er da denken?« -- - -»Hieran dachte ich nicht,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch, -augenscheinlich zustimmend. - -Die Gräfin Lydia Iwanowna bedeckte das Gesicht mit den Händen und blieb -stumm. Sie betete. - -»Wenn Ihr nach meinem Rate fragt,« sagte sie, mit beten fertig und das -Gesicht wieder aufdeckend, »dann empfehle ich Euch, dies nicht zu thun. -Sehe ich denn nicht selbst, wie Ihr leidet, wie dies alle Eure Wunden -wieder geöffnet hat? Aber nehmen wir an, Ihr vergäßet, wie immer, Euch -selbst; wozu könnte das dann führen? Zu neuen Leiden nur Eurerseits, zu -Qualen für das Kind! Wenn in ihr noch etwas Menschliches geblieben ist, -so darf sie dies selbst nicht wünschen. Ich rate, ohne mich dabei -zu bedenken, nicht dazu, und wenn Ihr bestimmt, werde ich ihr -schreiben.« -- - -Aleksey Aleksandrowitsch willigte darein, und die Gräfin Lydia Iwanowna -schrieb folgendes Billet auf Französisch: - -»Geehrte Frau! Die Erinnerung an Euch kann für Euren Sohn zu Fragen -seinerseits führen, auf die es keine Antwort giebt, welche in die Seele -des Kindes nicht den Geist des Tadels dem gegenüber einpflanzen müßte, -was für ihn ein Heiligtum sein soll; demgemäß ersuche ich Euch, den -abschläglichen Bescheid Eures Gatten im Geiste der christlichen Liebe -aufzufassen. - -Ich bitte den Höchsten um seine Barmherzigkeit mit Euch. - - Gräfin Lydia Iwanowna.« - -Dieses Schreiben verfolgte jenen geheimen Zweck, den die Gräfin Lydia -Iwanowna sogar vor sich selbst verhehlte. Es traf Anna bis auf den -Grund der Seele. - -Aleksey Aleksandrowitsch seinerseits von Lydia Iwanowna nach Hause -zurückgekehrt, vermochte es nicht, sich an diesem Tage seinen -gewöhnlichen Geschäften zu widmen, und jenen inneren Frieden des -gläubigen und geretteten Menschen zu finden, den er vorher empfunden -hatte. - -Die Erinnerung an sein Weib, das so schuldbeladen vor ihm war, und vor -welchem er so hehr erschien, wie ihm ganz richtig die Gräfin Lydia -Iwanowna gesagt hatte, hätte ihn nicht beunruhigen dürfen; und doch war -er nicht ruhig; er vermochte das Buch nicht zu verstehen, welches er -las, er vermochte die quälenden Erinnerungen an seine Beziehungen zu -ihr nicht von sich zu weisen, die Erinnerung an jene Fehler, die er, -wie ihm jetzt schien, ihr gegenüber begangen hatte. - -Die Erinnerung daran, wie er, bei der Rückkehr von den Rennen, das -Geständnis ihrer Untreue entgegengenommen hatte -- besonders dies, -daß er von ihr nur äußeren Anstand verlangt und nicht zum Duell -herausgefordert hatte -- peinigte ihn jetzt wie eine Reue. Ebenso -folterte ihn auch die Erinnerung an das Schreiben, welches er ihr -gesandt hatte, und insbesondere seine Verzeihung, die niemand etwas -genützt hatte, und seine Sorge um jenes ihm fremde Kind versengte sein -Herz vor Scham und Reue. - -Ganz das nämliche Gefühl der Scham und Reue empfand er auch jetzt, -da er seine ganze Vergangenheit mit ihr durchmusterte, und indem er -sich der ungeschickten Worte erinnerte, mit denen er ihr nach langem -Zaudern, seine Erklärung gemacht hatte. - -»Aber woran trage ich eine Schuld?« sprach er zu sich selbst, und diese -Frage rief in ihm stets eine andere hervor -- die, ob die anderen -Menschen wohl anders empfänden, anders liebten, anders heirateten. -Jene Wronskiy, Oblonskiy, diese Kammerherren mit den drallen Waden, -und eine ganze Reihe von jenen strotzenden, starken, rücksichtslosen -Männern stieg vor ihm auf, die stets, wider seinen Willen und -allerorten seine Neugier und Aufmerksamkeit erregt hatten. - -Er wies diese Gedanken von sich, er bemühte sich, sich zu überzeugen, -daß er nicht für das gegenwärtige Leben lebe, sondern für das ewige, -daß sich in seiner Seele der Frieden und die Liebe befinde. Aber das, -was er in diesem zeitlichen, nichtigen Leben begangen hatte, wie ihm -schien, einige unbedeutende Fehler, peinigte ihn doch so, als gäbe es -jenes ewige Seelenheil gar nicht, an welches er glaubte. - -Aber diese Versuchung währte nicht lange, und alsbald erstand wieder -in der Seele Aleksey Aleksandrowitschs jene Ruhe und Erhabenheit, dank -welcher er das zu vergessen vermochte, dessen er nicht zu gedenken -wünschte. - - - 26. - -»Nun, wie steht's Kapitonitsch?« sagte der kleine Sergey rotwangig -und heiter, von dem Spaziergang am Vorabend seines Geburtstags -zurückkehrend und seine faltige Poddjovka dem hochgewachsenen, aus -seiner ganzen Größe auf den Kleinen herablächelnden alten Portier -reichend. - -»War heute jener zurückgesetzte Beamte da? Hat ihn der Papa empfangen?« - -»Empfangen. Soeben ist der Direktor gegangen und ich habe ihn -gemeldet,« sagte der Schweizer heiter blinzelnd. »Gestattet mir, daß -ich Euch auskleide.« - -»Sergey!« sagte der Erzieher, in der Thüre stehen bleibend, welche nach -den inneren Gemächern führte. »Legt selbst ab!« - -Doch Sergey widmete, obwohl er die schwache Stimme des Pädagogen gehört -hatte, diesem nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er stand, sich mit -der Hand an dem Brustgurt des Portiers anhaltend und ihm ins Gesicht -blickend. - -»Hat denn Papa auch für ihn gethan, was not thut?« - -Der Portier nickte bestätigend mit dem Kopfe. - -Ein Beamter, der schon siebenmal bei Aleksey Aleksandrowitsch mit einem -Anliegen vorgesprochen hatte, interessierte Sergey und den Portier. -Sergey hatte denselben auf dem Vorsaal getroffen und gehört, wie -kläglich er den Portier bat, sein Anliegen vorzutragen, und gesagt -hatte, daß er mit seinen Kindern werde untergehen müssen. - -Seit dieser Zeit interessierte sich Sergey, der dem Beamten noch ein -zweites Mal auf dem Vorsaal begegnet war, für diesen. - -»Hat er sich denn recht gefreut?« frug er. - -»Wie sollte er sich nicht gefreut haben? Bald gesprungen wäre er, als -er von hier fortging.« - -»Hat man etwas für uns gebracht?« -- frug Sergey nach einer Pause. - -»Nein, Herr,« antwortete kopfschüttelnd und flüsternd der Portier, »von -der Gräfin ist etwas da.« - -Sergey ersah sofort, daß das, wovon der Schweizer sprach, ein Geschenk -von der Gräfin Lydia Iwanowna zu seinem Geburtstage sein müsse. - -»Was sagst du? Wo ist es denn?« - -»Korney hat es zu Papa getragen. Es scheint etwas recht Schönes.« - -»Wie groß ist es denn? -- So?« -- -- - -»Kleiner, aber was Hübsches.« - -»Ein Buch?« - -»Nein, ein Spielzeug. Aber geht, geht, Wasiliy Lukitsch wird gleich -rufen,« sagte der Portier, die nahenden Schritte des Gouverneurs -vernehmend und behutsam das bis zur Hälfte im abgezogenen Handschuh -steckende Händchen, welches ihn noch bei seinem Ledergurt hielt, -losmachend. - -»Wasiliy Lukitsch, diese Minute!« antwortete Sergey mit dem nämlichen -heiteren und lieblichen Lächeln, welches den seines Amtes beflissenen -Wasiliy Lukitsch stets besiegte. - -Sergey war in viel zu heiterer und glücklicher Stimmung, als daß er -sich mit seinem Freund, dem Portier, nicht erst noch hätte in das -freudige Familienereignis teilen sollen, von dem er auf dem Spaziergang -im Sommergarten durch die Nichte der Gräfin Lydia Iwanowna erfahren -hatte. - -Dieses freudige Ereignis erschien ihm besonders wichtig nach dem -Zusammentreffen mit dem Glücksfall des Beamten und seiner eigenen -Freude darüber, daß man ihm ein Spielzeug gebracht hatte. Sergey -schien es, daß heute ein Tag sei, an welchem jedermann glücklich und -heiter sein müsse. - -»Weißt du, daß Papa den Alexander Newskiy erhalten hat?« - -»Warum sollte ich das nicht wissen? Man ist ja schon gekommen, um zu -gratulieren.« - -»So; freut er sich?« - -»Wie sollte man sich über des Zaren Gunst nicht freuen? Das heißt, er -hat ihn ja auch verdient,« sagte der Portier streng und ernst. - -Der kleine Sergey wurde nachdenklich, blickte in das von ihm schon -bis in die kleinsten Einzelheiten studierte Gesicht des Portiers, -insbesondere auf das Kinn, welches zwischen den grauen Backenbärten -hing und das niemand außer Sergey je erblickt hatte, da dieser ihn nie -anders als von unten herauf anschaute. - -»Deine Tochter ist lange nicht bei dir gewesen?« - -Die Tochter des Portiers war Balletttänzerin. - -»Wie soll sie an den Wochentagen ausgehen können? Die haben auch zu -lernen. Und auch Ihr müßt nun lernen, Herr, geht.« -- - -In das Zimmer tretend, erzählte Sergey, anstatt sich zur Lektion -niederzulassen, seinem Lehrer von seinen Vermutungen darüber, ob das -was man für ihn gebracht habe, eine Maschine sein könnte. - -»Was meint Ihr dazu?« frug er. - -Wasiliy Lukitsch dachte nur daran, daß ein Lehrer lediglich die -Grammatikstunde zu geben habe, welche um zwei Uhr begann. - -»Nein, sagt mir nur, Wasiliy Lukitsch,« frug er plötzlich, schon hinter -dem Arbeitstisch sitzend und das Buch in der Hand haltend, »was ist -denn noch mehr, als der Alexander Newskiy? Ihr wißt, daß Papa den -Alexander Newskiy erhalten hat?« - -Wasiliy Lukitsch antwortete, daß der Wladimir höher sei als der -Alexander Newskiy. - -»Und noch höher?« - -»Am höchsten ist der Orden des heiligen Andreas.« - -»Und höher noch als der Andreas?« - -»Ich weiß es nicht.« - -»Was; selbst Ihr wißt das nicht?« und Sergey versank, sich aufstemmend, -in Nachdenken. - -Seine Überlegungen waren sehr verwickelt und mannigfaltig. Er -überlegte, wie sein Vater plötzlich auch den Wladimir und den -Andreasorden erhalten könnte, und wie er infolgedessen heute in der -Lektion bei weitem fleißiger sein wolle, und wie er selbst, wenn er -erst einmal groß wäre, alle Orden, und auch das, was noch höher als der -Andreasorden sei, erhalten wollte. Sobald man einen ausgesonnen hätte, -wollte er ihn verdienen; und dächte man ihn noch höher aus, so wollte -er ihn sofort auch verdienen. - -In solchen Überlegungen verstrich die Zeit, bis der Lehrer kam. Die -Lektion über die Umstände der Zeit und des Ortes und den Umstand der -Art und Weise saß nicht, und der Lehrer war nicht nur unzufrieden, -sondern selbst erzürnt. Der Groll des Lehrers rührte Sergey. Er fühlte -sich schuldig, weil er seine Lektion nicht gelernt hatte, aber wie er -sich auch bemühen mochte, er konnte es durchaus nicht ermöglichen; so -lange der Lehrer ihm Etwas erklärte, überzeugte er sich und schien zu -verstehen, doch sobald er allein war, vermochte er sich durchaus nicht -mehr zu entsinnen, und zu begreifen, daß das ziemliche kurze und so -verständliche Wort »plötzlich« ein »Umstand der Art und Weise« sei; -allein dennoch that es ihm leid, daß er den Lehrer kränkte. - -Er wählte eine Minute, in welcher der Lehrer schweigend in das Buch -blickte. - -»Michail Iwanitsch, wann wird Euer Namenstag sein?« frug er plötzlich. - -»Ihr dächtet doch besser an Eure Arbeit; die Namenstage haben keinerlei -Bedeutung für ein vernünftiges Wesen. Es sind Tage wie alle anderen, an -denen man arbeiten muß.« - -Der kleine Sergey schaute aufmerksam seinen Lehrer an, dessen -spärlichen Bart und die Brille, welche sich unter die Kerbe, die auf -der Nase war, gesenkt hatte, und versank so tief in Gedanken, daß -er nichts mehr von dem hörte, was der Lehrer ihm erklärte. Er hatte -erkannt, daß dieser nicht so dachte, wie er gesprochen hatte; er fühlte -dies an dem Tone, in welchem es gesagt worden war. - -»Aber warum haben sie sich alle verabredet, dies immer in ein und -derselben Weise zu äußern, immer so langweilig und so zwecklos? Warum -stößt er mich von sich, warum liebt er mich nicht?« frug er sich -betrübt und konnte keine Antwort finden. - - - 27. - -Nach der Lektion seitens des Lehrers folgte eine Stunde beim Vater. -Bis dieser erschien, hatte sich Sergey an den Tisch gesetzt, mit -seinem Messerchen spielend, und zu grübeln begonnen. Zu der Zahl der -Lieblingsbeschäftigungen Sergeys hatte das Aufsuchen seiner Mutter -während des Spazierganges derselben gehört. Er glaubte nicht an den -Tod überhaupt, und im besonderen nicht an den ihren, soviel ihm auch -Lydia Iwanowna davon gesagt und der Vater es bestätigt hatte, und so -suchte er sie, auch nachdem man ihm mitgeteilt hatte, daß sie tot -sei, noch immer während der Zeit seiner Ausgänge. Jede vollgebaute, -graziöse Dame mit dunklem Haar war seine Mutter. Bei dem Anblick einer -solchen Dame regte sich in seiner Seele ein Gefühl der Zärtlichkeit, -ein Gefühl, daß er tief Atem holte und die Thränen ihm in die Augen -traten, und so wartete er denn, daß sie wieder zu ihm kommen und ihren -Schleier aufheben möchte. Ihr Gesicht würde wieder sichtbar werden, sie -würde wieder lächeln, ihn umarmen, er würde ihren Duft wahrnehmen, die -Zartheit ihrer Hand fühlen und glückselig weinen, wie er schon einmal -des Abends ihr zu Füßen gefallen war und sie ihn gestreichelt hatte; er -aber hatte gelacht und sie in die weiße beringte Hand gebissen. Später, -als er dann zufällig von der Kinderfrau erfuhr, daß die Mutter nicht -gestorben sei, und sein Vater und Lydia Iwanowna ihm erklärten, sie sei -_für ihn_ tot, weil sie nicht gut gewesen -- was er durchaus nicht zu -glauben vermochte, da sie ihn ja geliebt hatte -- so forschte er noch -immer nach ihr und wartete auf sie. - -Heute nun im Sommergarten war eine Dame in einem lila Schleier gewesen, -welcher er mit stockendem Herzen in der Erwartung, sie wäre es, mit den -Blicken gefolgt war, während sie auf dem Wege zu ihnen herankam. Die -Dame aber hatte sie nicht erreicht, sondern war abgebogen. - -Heute nun fühlte Sergey stärker als je die Regungen dieser Liebe zu -ihr und völlig sich selbst vergessend in der Erwartung des Vaters, -zerschnitt er den ganzen Rand des Tisches mit dem Messerchen, mit -blitzenden Augen vor sich hinblickend und ihrer gedenkend. - -»Papa kommt,« riß ihn Wasiliy Lukitsch aus seiner Träumerei. Sergey -sprang auf, eilte auf seinen Vater zu, küßte ihm die Hand, und blickte -ihn aufmerksam an, nach Kennzeichen der Freude über den Empfang des -Alexander Newskiy-Ordens an ihm suchend. - -»Hast du einen hübschen Spaziergang gemacht?« sagte Aleksey -Aleksandrowitsch, sich in seinen Lehnstuhl setzend, ein Exemplar des -Alten Testamentes heranziehend und es aufschlagend. Ungeachtet dessen, -daß Aleksey Aleksandrowitsch Sergey öfter gesagt hatte, jeder Christ -müsse die biblische Geschichte sicher kennen, hatte er sich doch öfter -mit Hilfe des Buches verbessern müssen, und Sergey hatte dies bemerkt. - -»Ja, es war sehr lustig, Papa,« sagte er, sich seitwärts auf den Stuhl -setzend und ihn schaukelnd -- was ihm verboten war. - -»Ich habe Nadenka gesehen,« Nadenka war die bei Lydia Iwanowna zur -Erziehung befindliche Nichte, »sie hat mir erzählt, daß man Euch einen -neuen Stern verliehen hätte. Freut Ihr Euch auch?« - -»Zuerst -- schaukle nicht, bitte,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, -»zweitens eine Belohnung ist nicht kostbar, nur die Arbeit dafür. Ich -möchte du verständest dies. Wenn du arbeitest und lernst, zum Zwecke, -Früchte dafür zu ernten, so wird dir die Arbeit schwer erscheinen; wenn -du aber arbeitest« -- sprach Aleksey Aleksandrowitsch, indem er sich -vergegenwärtigte, wie er sich nur durch sein Pflichtbewußtsein bei der -langweiligen Arbeit des heutigen Morgens, die in dem Unterschreiben -von hundertundachtzehn Papieren bestanden, aufrecht erhalten hatte -- -»indem du die Arbeit selbst liebst, so wirst du für dich selbst darin -eine Belohnung finden.« - -Die von Zärtlichkeit und Lust glänzenden Augen Sergeys wurden trübe -und senkten sich unter dem Blick des Vaters. Das war der nämliche, ihm -längst bekannte Ton, mit dem ihm sein Vater stets begegnete, und dem -Sergey schon sich anzubequemen gelernt hatte. - -Der Vater sprach stets mit ihm -- so fühlte Sergey -- als wende er -sich an einen für ihn nur in der Vorstellung vorhandenen Knaben, -einen Knaben, wie sie nur in Büchern vorkommen, und der dem Sergey -vollständig unähnlich war; und Sergey bemühte sich nun stets, sich vor -dem Vater zu stellen, als sei er ein ebensolcher Bücherknabe. - -»Du verstehst das, hoffe ich?« sagte dieser. - -»Ja, Papa,« antwortete Sergey, sich stellend, als sei er ein solcher -Phantasieknabe. - -Die Lektion bestand in dem Auswendiglernen einiger Verse aus dem -Evangelium, und der Wiederholung des Anfangs des Alten Testaments. Die -Verse des Evangeliums hatte Sergey ordentlich gelernt, aber im selben -Augenblick, als er sie hersagte, schaute er auf des Vaters Stirnbein, -welches sich so scharf an der Schläfe bog, daß er den Faden verlor und -das Ende des einen Verses in einem einzelnen Worte mit dem Anfang des -anderen zusammenbrachte. Aleksey Aleksandrowitsch war es klar, daß -Sergey nicht verstanden hatte, was er hersagte, und dies reizte ihn. - -Er wurde finster und begann wieder das Nämliche zu erklären, was Sergey -schon viele Male gehört hatte und nie wieder vergessen konnte, weil er -es schon allzu klar erkannt hatte, in der nämlichen Weise, wie dies, -daß »plötzlich« ein Umstand der Art und Weise sei. - -Sergey schaute mit erschrecktem Blick auf den Vater und dachte nur an -das Eine: Will der Vater wiederholen lassen oder nicht, was er gesagt -hatte, wie es doch bisweilen der Fall war? Dieser Gedanke erschreckte -Sergey so sehr, daß er nun gar nichts mehr begriff. Der Vater ließ -ihn indessen nicht wiederholen und ging zu der Lektion aus dem Alten -Testament über. Sergey recitierte die Ereignisse selbst gut, doch -als er Fragen darüber beantworten sollte, was einige der Ereignisse -bedeuten sollten, wußte er nichts, obwohl er schon wegen dieser -Lektion bestraft worden war. Die Stelle, bei welcher er nichts mehr -zu antworten wußte und in Unruhe geriet, in den Tisch schnitt oder -mit dem Stuhle schaukelte, war die, wo er von den vorsündflutlichen -Patriarchen zu sprechen hatte. - -Er kannte keinen von ihnen, außer Henoch, der lebendig in den Himmel -aufgenommen worden war. Früher hatte er die Namen gewußt, sie jetzt -aber ganz und gar vergessen, besonders deshalb, weil Henoch seine -Lieblingsgestalt aus dem ganzen Alten Testament war, und sich an dessen -Aufnahme bei Lebzeiten in den Himmel eine ganze, lange Reihe von Ideen -in seinem Kopfe knüpfte, der er sich auch jetzt hingab, mit den Augen -auf der Uhrkette des Vaters und an einem halb zugeknöpften Knopfe der -Weste desselben haften bleibend. - -An den Tod, von welchem ihm so oft gesprochen wurde, glaubte Sergey -nicht so ganz. Er glaubte nicht daran, daß die von ihm geliebten Leute -sterben könnten, und insbesondere nicht, daß er selbst sterben würde. -Dies war für ihn vollständig unmöglich und unbegreiflich. Doch man -sagte ihm, daß alle Menschen sterben müßten; er frug nun selbst die -Leute, denen er glaubte, und diese bestätigten es; die Kinderfrau hatte -es ihm auch gesagt, wenn schon ungern. Aber Henoch war doch nicht -gestorben, und so starben vielleicht nicht alle Menschen. - -»Weshalb soll denn nicht jeder sich vor Gott ebenso verdient machen -können und lebend in den Himmel aufgenommen werden?« dachte Sergey. Die -Bösen, das heißt, die Menschen, welche Sergey nicht liebte, die konnten -sterben, doch die Guten konnten sämtlich sein wie Henoch. - -»Nun, welche sind die Patriarchen?« - -»Henoch, Henoch« -- - -»Aber das hast du ja schon gesagt. Das ist schlecht, Sergey, sehr -schlecht. Wenn du dir nicht Mühe giebst, zu erkennen, was das Nötigste -ist von allem für den Christen« -- sagte der Vater aufstehend -- »was -kann dich denn dann noch interessieren? Ich bin unzufrieden mit dir und -auch Peter Ignatzitsch« -- dies war der Hauptlehrer -- »ist unzufrieden -mit dir. Ich muß dich bestrafen.« - -Der Vater und der Lehrer waren beide mit Sergey unzufrieden, und in der -That hatte dieser sehr schlecht gelernt. Damit ließ sich aber durchaus -nicht sagen, daß er ein unbefähigter Knabe gewesen wäre. Im Gegenteil, -er war viel fähiger, als diejenigen Knaben, welche der Pädagog Sergey -als Muster hinstellte. Vom Gesichtspunkte des Vaters aus wollte er -nicht lernen, was jene lernten. In Wirklichkeit aber -- konnte er -es nicht lernen. -- Er konnte es deshalb nicht, weil sein Geist -Bedürfnisse hatte, welche für ihn viel bindender waren, als die, welche -ihm der Vater und der Erzieher auseinandersetzten. Diese Bedürfnisse -bestanden in dem Drang zu widersprechen, und er stritt kühnlich mit -seinen Erziehern. Sergey war neun Jahre alt, noch ein Kind, aber seine -Seele kannte er und sie war ihm teuer, er hütete sie, wie das Augenlid -das Auge schützt, und ohne den Schlüssel der Liebe ließ er niemand in -seine Seele hinein! - -Seine Erzieher beklagten sich über ihn, daß er nicht lernen wolle, aber -seine Seele war erfüllt von dem Durst nach Erkenntnis. Und er lernte -bei Kapitonitsch, bei der Kinderfrau, bei Nadenka, bei Wasiliy Lukitsch --- aber nicht bei seinen Lehrern. -- Das Wasser, welches ihm der Vater -und der Erzieher auf die Räder gaben, war schon längst versiegt und -arbeitete an einem anderen Platze. - -Der Vater bestrafte Sergey, indem er ihn nicht zu Nadenka, der Nichte -Lydia Iwanownas ließ, aber diese Bestrafung erschien Sergey sehr -gelegen zu kommen. Wasiliy Lukitsch war bei guter Laune und wies ihm, -wie man Windmühlen baut. Der ganze Abend verging nun über dieser Arbeit -und den Gedanken daran, wie sich eine Windmühle so bauen ließe, daß man -sich selbst auf ihr drehen könne, indem man sie mit den Armen bei den -Flügeln faßte, oder sich daran festband -- und sich drehen ließ. -- - -An die Mutter dachte er den ganzen Abend nicht, doch als er sich ins -Bett legte, fiel sie ihm plötzlich wieder ein und er betete in seinen -Worten, daß seine Mutter morgen, zu seinem Geburtstage, nicht mehr -länger für ihn verborgen bleiben und zu ihm kommen möchte. - -»Wasiliy Lukitsch, wißt Ihr, worum ich noch außer dem Sonstigen gebetet -habe?« - -»Damit Ihr besser lernt?« - -»Nein.« - -»Vom Spielzeug?« - -»Nein. Ihr ratet es nicht. Es ist ausgezeichnet, aber ein Geheimnis! -Wenn es sich erfüllt, sage ich es Euch. Habt Ihr es noch nicht heraus?« - -»Nein. Ich rate es nicht. Sagt mirs doch,« sprach Wasiliy Lukitsch, und -lächelte, was bei ihm selten der Fall war. »Doch, legt Euch nur, ich -will das Licht auslöschen.« - -»Mir ist ohne Licht das, was ich sehe und wovon ich betete, nur noch -sichtbarer. Da -- beinahe hätte ich jetzt mein Geheimnis verraten!« -- -sagte Sergey unter heiterem Lachen. - -Nachdem man das Licht fortgebracht hatte, hörte und fühlte Sergey seine -Mutter. Sie stand über ihm und koste ihn mit liebevollem Blick, doch da -erschienen die Windmühlen, sein Messerchen, alles ging durcheinander, -und er schlief ein. - - - 28. - -In Petersburg angekommen, waren Wronskiy und Anna in einem der -besten Hotels abgestiegen. Wronskiy gesondert, in der unteren Etage, -Anna oben, mit ihrem Kinde, der Amme und der Zofe, in einem großen -Appartement, welches aus vier Zimmern bestand. - -Am ersten Tage nach seiner Ankunft fuhr Wronskiy zu seinem Bruder; -woselbst er seine in Geschäften von Moskau angekommene Mutter traf. -Die Mutter und Schwägerin begegneten ihm, wie sonst, sie frugen über -seine Reise ins Ausland, sprachen von gemeinsamen Bekannten, erwähnten -aber mit keinem Worte sein Verhältnis zu Anna. Sein Bruder aber kam -am anderen Tage früh zu ihm und frug ihn selbst nach ihr und Aleksey -Wronskiy erzählte ihm offen, daß er seinen Bund mit der Karenina gleich -einer Ehe betrachte; daß er hoffe, die Scheidung zu erlangen und sie -dann heiraten werde und daß er sie bis dahin ebenso als sein Weib -achte, wie man jedes andere Weib achte, und bat ihn, dies der Mutter -und seiner Gemahlin so mitzuteilen. - -»Wenn die Welt es nicht billigt, so ist mir das gleichgültig,« sagte -Wronskiy, »aber wenn meine Verwandten mit mir in verwandtschaftlichen -Beziehungen stehen wollen, so müssen sie in den nämlichen Beziehungen -auch mit meiner Frau stehen!« - -Der ältere Bruder, welcher die Urteile des jüngeren stets geachtet -hatte, wußte nicht recht, ob dies richtig oder falsch sei, so lange -die Welt selbst die Frage entschieden haben würde. Er seinerseits hatte -gar nichts gegen die Sache und ging zusammen mit Aleksey zu Anna. - -Wronskiy sagte in Gegenwart seines Bruders, wie in der aller anderen -zu dieser »Ihr«, und verkehrte mit Anna wie mit einer nahen Bekannten, -aber doch herrschte die stillschweigende Voraussetzung dabei, daß der -Bruder ihre Beziehungen kannte und es wurde davon gesprochen, daß Anna -nach dem Gute Wronskiys gehe. - -Trotz aller seiner Welterfahrung war Wronskiy nach dem Eintritt in -das neue Verhältnis, in welchem er sich befand, in einem furchtbaren -Irrtum. Wohl hatte es ihm begreiflich erscheinen müssen, daß die Welt -für ihn und Anna verschlossen war, aber jetzt entstanden in seinem -Kopfe gewisse unklare Vorstellungen, daß es nur in der älteren Zeit so -gewesen sei, und jetzt bei dem schnellen Fortschreiten der Zeit -- er -war jetzt, ohne daß er selbst es merkte, ein Anhänger jeder Art von -Fortschritt geworden -- der Blick der Gesellschaft sich verändert habe, -und daß auch die Frage, ob sie in der Gesellschaft wieder angenommen -werden würden, noch nicht entschieden sei. »Natürlich,« dachte er, »die -Hofkreise werden Anna nicht aufnehmen, aber die ihr nahestehenden Leute -können und müssen die Sache auffassen, wie es sich gehört.« - -Man kann einige Stunden sitzen, die Füße übereinandergeschlagen, und -in ein und derselben Stellung, wenn man weiß, daß uns nichts hindert, -diese Lage zu verändern; wenn aber ein Mensch weiß, daß er so mit -unterschlagenen Beinen sitzen muß, dann befällt ihn der Krampf, die -Füße werden zittern und sich nach dem Orte hinziehen, an den man sie -bringen möchte. - -Dies erfuhr auch Wronskiy an sich bezüglich seiner Stellung zur Welt. -Obwohl er auf dem Grund seiner Seele wußte, daß dieselbe für sie beide -verschlossen sei, so versuchte er es doch, ob sich die Welt jetzt nicht -ändere und sie doch aufnehmen werde. Aber sehr bald wurde er inne, -obwohl die Welt für ihn persönlich offen stand, sie doch für Anna -verschlossen blieb. Wie bei dem Spiele Katze und Maus, senkten sich die -Hände, die vor ihm erhoben wurden, sofort vor Anna. - -Eine der ersten Damen der Petersburger Gesellschaft, welche Wronskiy -wiedersah, war seine Cousine Betsy. - -»Endlich!« begegnete ihm diese voll Freude. »Und Anna? Wie freue ich -mich. Wo seid Ihr abgestiegen? Ich kann mir denken, wie nach Eurer -reizenden Reise unser Petersburg Euch schrecklich sein muß; ich kann -mir Euren Honigmond in Rom vorstellen. Was wird mit der Scheidung? Habt -Ihr alles besorgt?« - -Wronskiy bemerkte, daß der Enthusiasmus Betsys sich verringerte, als -sie erfahren hatte, daß eine Scheidung noch nicht erfolgt sei. - -»Auf mich wird man den Stein werfen, ich weiß es,« sagte sie, »aber ich -werde zu Anna kommen; ja, ich komme sicherlich. Ihr bleibt wohl nur -kurze Zeit hier?« - -Und in der That, noch am nämlichen Tage kam sie zu Anna gefahren, -doch war ihr Ton schon nicht ganz so der nämliche wie früher. Sie war -offenbar stolz auf ihre Kühnheit und wünschte, daß Anna die Treue ihrer -Freundschaft schätze. Sie blieb nicht länger als zehn Minuten, von den -Stadtneuigkeiten sprechend, und sagte beim Abschied: »Ihr habt mir -nicht gesagt, wenn die Ehescheidung stattfindet? Gesetzt auch, daß ich -meinerseits der Sache durch die Finger sehe, so werden doch die anderen -Euch kalt entgegenkommen, so lange Ihr nicht geheiratet habt. Und das -geht ja jetzt so leicht. =Ça se fait=. Ihr reist also Freitag ab? -Schade, daß wir uns nicht noch einmal wiedersehen können.« - -Am Tone Betsys konnte Wronskiy erkennen, was er von der Welt zu -erwarten hatte, er machte aber gleichwohl noch einen Versuch in seiner -Familie. Auf seine Mutter hoffte er dabei freilich nicht. Er wußte, -daß diese, von Anna in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft so entzückt -gewesen, ihr gegenüber jetzt unerbittlich hart war, weil sie an der -Vernichtung der Carriere ihres Sohnes Schuld trug. Dieser aber setzte -große Hoffnungen auf Warja, die Frau seines Bruders. Ihm schien, daß -Warja den Stein nicht mit werfen, sondern in ihrer Einfachheit und -Entschlossenheit zu Anna kommen und diese auch empfangen würde. - -Am Tage nach seiner Ankunft fuhr Wronskiy denn auch zu ihr, und teilte -ihr -- er traf sie allein an -- offen seinen Wunsch mit. - -»Du weißt, Aleksander,« sprach sie, ihn ruhig zu Ende hörend, »wie -ich dich liebe, und wie bereit ich bin, alles für dich zu thun; doch -ich habe geschwiegen, weil ich wußte, daß ich weder dir, noch Anna -Arkadjewna nützlich sein kann,« sagte sie, den Namen Anna Arkadjewna -mit eigentümlicher Betonung aussprechend. »Denke nicht, daß ich etwa -einen Tadel äußern will, vielleicht hätte ich an ihrer Stelle ganz das -Nämliche gethan. Ich will und kann nicht auf Einzelheiten eingehen,« -fuhr sie fort, zaghaft in sein finsteres Gesicht schauend. »Doch muß -man das Ding beim Namen nennen. Du willst, daß ich sie besuche, sie -auch empfange, und damit in der Gesellschaft rehabilitiere, aber -verstehe wohl, ich _kann_ das ja nicht thun! Meine Töchter wachsen -heran und ich muß in der Welt für meinen Mann leben. Nun komme ich zu -Anna Arkadjewna; diese wird ihrerseits begreifen, daß ich sie nicht -zu mir einladen kann, oder es dann wenigstens so thun müßte, daß sie -nicht Leuten begegnet, die andere Anschauungen haben. Das aber wird sie -verletzen! Ich kann ihr nicht aufhelfen.« - -»Ich kann aber nicht glauben, daß sie tiefer gefallen sein sollte, als -Hunderte von Frauen, die Ihr empfangt,« unterbrach sie Wronskiy noch -düsterer, und erhob sich schweigend in der Erkenntnis, daß das Urteil -seiner Schwägerin unabänderlich sei. - -»Aleksey! Sei nur nicht bös! Beherzige, bitte, daß ich nicht schuld -bin,« begann Warja wieder, mit schüchternem Lächeln auf ihn blickend. - -»Ich zürne dir nicht,« sagte er, noch ebenso finster, »aber mir ist -das doppelt schmerzlich. Mir ist noch schmerzlich, daß dieser Umstand -unsere Freundschaft zerstört, oder wenn nicht zerstört, so doch -schwächt. Du begreifst, daß dies für mich ja auch nicht anders sein -kann.« - -Mit diesen Worten verließ er sie. - -Wronskiy hatte erkannt, daß weitere Versuche vergeblich sein würden, -und er diese wenigen Tage in Petersburg so zu verleben hätte, wie -in einer fremden Stadt, indem er alle Beziehungen zu der früheren -Gesellschaft mied, um sich nicht Unannehmlichkeiten und Kränkungen -aussetzen zu müssen, die ihm doch so peinlich waren. - -Eine der hauptsächlichsten Unannehmlichkeiten seiner Lage in Petersburg -war die, daß Aleksey Aleksandrowitsch und sein Name, wie es schien, -überall zu finden war. Man konnte von nichts zu sprechen anfangen, -ohne daß das Gespräch auf Aleksey Aleksandrowitsch kam, man konnte -nirgendshin fahren, ohne ihm zu begegnen. So schien es wenigstens -Wronskiy, indem er sich wie ein Mensch mit einem schlimmen Finger -vorkam, der, als wäre es absichtlich, gerade mit diesem schlimmen -Finger an alles anstößt. - -Der Aufenthalt in Petersburg erschien Wronskiy auch noch dadurch um -so schwerer, als er während dieser ganzen Zeit in Anna gleichsam ein -neues, ihm unverständliches Geschöpf erblickte. Bald war sie wie -verliebt in ihn, bald wurde sie kalt, reizbar und unergründlich. Sie -litt eine Qual und verbarg Etwas vor ihm; bemerkte aber wie es schien, -die Kränkungen nicht, die ihm das Leben vergifteten, und für sie mit -ihrem feinen Wahrnehmungsvermögen, doch nur noch qualvoller sein mußten. - - - 29. - -Unter den Zwecken, welche der Reise nach Rußland zu Grunde lagen, war -für Anna auch der des Wiedersehens mit ihrem Sohne. Seit dem Tage, seit -welchem sie Italien verlassen, hatte dieser Gedanke nicht aufgehört, -sie in Aufregung zu erhalten, und je näher sie Petersburg kam, desto -mehr und immer mehr erschien vor ihr das Freudige und Bedeutungsvolle -dieses Wiedersehens. Sie legte sich gar nicht die Frage vor, wie -sie dieses Wiedersehen bewerkstelligen wollte. Es erschien ihr ganz -natürlich und einfach, daß sie ihren Sohn wiedersah, wenn sie mit -demselben in einer und derselben Stadt sich befand; allein nach ihrer -Ankunft in Petersburg, zeigte sich plötzlich ihre jetzige Stellung in -der Gesellschaft klar vor ihr, und sie erkannte, daß es schwierig sei, -das Wiedersehen zu ermöglichen. - -Bereits zwei Tage war sie in Petersburg. Der Gedanke an den Sohn -verließ sie nicht eine Minute, und noch hatte sie ihn nicht gesehen. -Geradenwegs in das Haus zu fahren, wo sie mit Aleksey Aleksandrowitsch -zusammentreffen konnte, dazu, sie fühlte es, besaß sie nicht das Recht. -Man konnte sie vielleicht gar nicht einlassen und sie beleidigen. Zu -schreiben und sich mit ihrem Manne in Verbindung zu setzen, war ihr -schon dem Gedanken nach peinlich. Sie vermochte nur dann ruhig zu -bleiben, wenn sie ihres Mannes gar nicht gedachte. Den Sohn auf dem -Spaziergange zu sehen, nachdem sie sich erkundigt hatte, wohin und wann -er ausgehe, war ihr nicht genug; sie hatte sich so sehr auf dieses -Wiedersehen vorbereitet, sie hatte ihm soviel zu sagen, es verlangte -sie so sehr, ihn in ihre Arme zu schließen, ihn zu küssen. Die alte -Amme Sergeys konnte ihr behilflich sein und sie benachrichtigen. Aber -diese befand sich nicht mehr im Hause Aleksey Aleksandrowitschs. In -solcher Ungewißheit und unter Erkundigungen nach der Amme waren die -zwei Tage vergangen. - -Nachdem Anna von den nahen Beziehungen Aleksey Aleksandrowitschs zur -Gräfin Lydia Iwanowna vernommen hatte, entschloß sie sich am dritten -Tage, dieser einen Brief zu schreiben, der ihr viel Überwindung -kostete, und in welchem sie mit Vorbedacht sagte, daß der Entscheid -darüber, ob sie ihren Sohn sehen könne, von der Großmut ihres Mannes -abhängen müsse. Sie wußte, daß wenn man den Brief ihrem Manne wies, -dieser ihr, seine Rolle des Großmütigen weiterspielend, keinen -abschlägigen Bescheid geben würde. - -Der Bote, welcher den Brief hingetragen hatte, überbrachte ihr die so -harte und unerwartete Nachricht, daß es keine Antwort gebe. - -Noch nie hatte sie sich so erniedrigt gefühlt, als in dieser Minute, -als sie, den Boten kommen lassend, von diesem die einfache Mitteilung -vernahm, daß er gewartet habe, und man ihm endlich gesagt hätte, es -würde keine Antwort erteilt werden. Anna fühlte sich gedemütigt, -verletzt, aber sie erkannte, daß von ihrem Gesichtspunkt aus die Gräfin -Lydia Iwanowna recht habe. Ihr Schmerz war um so größer, als er ein -vereinsamter war. Sie konnte und wollte ihn nicht mit Wronskiy teilen. -Sie wußte, daß für ihn, obwohl er doch die Hauptursache ihres Unglücks -bildete, die Frage ihres Wiedersehens mit ihrem Kinde von höchst -geringer Bedeutung sei. Sie wußte, daß er niemals fähig sein werde, -ihre Leiden in deren ganzer Tiefe zu verstehen, sie wußte, daß sie ihn -wegen eines kühlen Tones bei Erwähnung der Sache würde hassen müssen. -Dies aber fürchtete sie über alles in der Welt, und so verbarg sie vor -ihm alles, was ihren Sohn betraf. - -Den ganzen Tag über zu Haus verweilend, hatte sie die Mittel erwogen, -zu einem Wiedersehen mit ihrem Sohne, und war bei dem Entschluß stehen -geblieben, an ihren Mann zu schreiben. Sie setzte den Brief noch auf, -als ihr das Schreiben Lydia Iwanownas gebracht wurde. Das Schweigen -der Gräfin hatte sie beruhigt und besänftigt, das Schreiben aber, und -alles das, was sie zwischen den Zeilen desselben las, versetzte sie in -solche Erbitterung, erschien ihr, gegenüber ihrer leidenschaftlichen -natürlichen Zärtlichkeit für ihr Kind so aufreizend in seiner -Gehässigkeit, daß sie gegen andere gereizt wurde und aufhörte, sich -selbst anzuklagen. - -»Diese Kälte -- diese Gefühlsheuchelei!« sagte sie zu sich selbst. -»Ihnen war es ein Bedürfnis, mich zu beleidigen und das Kind zu -foltern, und ich soll mich vor ihnen demütigen! Um keinen Preis! Sie -ist schlechter, als ich! Ich lüge wenigstens nicht!« -- - -Und nun entschloß sie sich, morgen, am Geburtstage Sergeys, geradenwegs -in das Haus Aleksey Aleksandrowitschs zu fahren, die Leute zu -bestechen und List anzuwenden, um -- koste es was es wolle -- den -Sohn wiederzusehen und den ungeheuerlichen Trug, mit welchem man das -unglückliche Kind umgeben hatte, zu zerstreuen. - -Sie fuhr nach einem Spielwarenladen, kaufte Spielzeug und überlegte -sich ihren Operationsplan. Frühmorgens, um acht Uhr, wenn Aleksey -Aleksandrowitsch, wahrscheinlich, noch nicht aufgestanden war, wollte -sie sich hinbegeben; sie wollte Geld nehmen, es dem Portier und dem -Diener in die Hände drücken, damit man sie einlasse, und wollte, ohne -den Schleier zu lüften, sagen, sie käme von einem Paten Sergeys, um -diesem zu gratulieren, und ihr sei aufgetragen, Spielzeug auf das Bett -des Kindes zu legen. Sie bereitete sich nicht auf die Worte vor, welche -sie zum Sohne sprechen wollte -- soviel sie auch darüber nachdachte, -sie vermochte nichts auszudenken. - -Am andern Tage um acht Uhr morgens, stieg Anna allein aus der -Mietkutsche und läutete an der großen Einfahrt ihres ehemaligen Hauses. - -»Sieh nach, was man will. Wer die Dame ist,« sagte Kapitonitsch, noch -nicht angekleidet, im Überrock und Kaloschen, indem er durch das -Fenster nach der Dame blickte, die von einem Schleier bedeckt, dicht -vor der Thür stand. Der Gehilfe des Portiers, ein Anna nicht bekannter, -junger Bursch, hatte dieser nicht sobald die Thür geöffnet, als sie -schon in dieselbe hineintrat, ein Dreirubelpapier aus dem Muff nahm und -es ihm in die Hand drückte. - -»Sergey -- Sergey Aleksandrowitsch,« sprach sie und wollte -voranschreiten. Der Gehilfe des Portiers besah das Rubelpapier, hielt -sie aber an der zweiten Glasthür fest. - -»Was wollt Ihr?« frug er. - -Sie hörte weder seine Worte, noch antwortete sie etwas. - -Als Kapitonitsch die Verwirrung der Unbekannten bemerkte, kam er selbst -zu ihr, ließ sie in die Thür herein und frug, was ihr gefällig wäre. - -»Vom Fürsten Skorodumoff komme ich und will zu Sergey -Aleksandrowitsch,« sprach sie. - -»Der junge Herr ist noch nicht aufgestanden,« antwortete der Portier, -sie aufmerksam betrachtend. - -Anna hatte durchaus nicht erwartet, daß das vollständig unverändert -gebliebene Äußere des Vorzimmers dieses Hauses, in welchem sie neun -Jahre gelebt hatte, so mächtig auf sie einwirken würde. Eine nach der -anderen, erhoben sich frohe und trübe Erinnerungen in ihrer Seele und -für einen Augenblick hatte sie vergessen, weshalb sie hier war. - -»Wollt Ihr gefälligst warten?« sagte Kapitonitsch, ihr den Pelz -abnehmend. Nachdem er den Pelz abgenommen hatte, blickte er ihr ins -Gesicht, erkannte sie und machte schweigend eine tiefe Verbeugung. -»Bitte gefälligst, gnädigste Frau,« sagte er zu ihr. - -Sie wollte etwas erwidern, doch versagte ihr die Stimme, so daß sie -keinen Ton hervorzubringen vermochte. Wie schuldbewußt bittend, blickte -sie den Alten an, und stieg dann mit schnellen Schritten die Treppe -hinauf. Ganz vorgebeugt und mit den Kaloschen an den Stufen hängen -bleibend, lief Kapitonitsch ihr nach im Bemühen, ihr zuvorzukommen. - -»Der Lehrer ist dort, er ist vielleicht nicht angekleidet. Ich muß erst -melden.« - -Anna ging weiter die ihr bekannte Treppe hinauf, ohne zu verstehen, was -der Alte gesprochen hatte. - -»Hierher, bitte links. Entschuldigt, daß alles noch unsauber ist. -Der junge Herr ist jetzt im früheren Diwanzimmer,« sagte der Portier -keuchend. »Gestattet, geduldet Euch ein wenig, Excellenz, ich will -nachsehen,« sagte er, öffnete, vor sie tretend, die hohe Thür und -verschwand in derselben. Anna blieb stehen und wartete. - -»Er ist soeben erwacht,« sagte der Portier, wieder aus der Thür kommend. - -Im nämlichen Augenblick, als der Portier dies sagte, hörte Anna den -Klang eines kindlichen Gähnens. Schon an der Stimme dieses Gähnens -erkannte sie den Sohn und sie sah ihn wie lebendig vor sich. - -»Laß mich hinein, laß mich, laß mich!« sprach sie und trat durch die -hohe Thür. Rechts von derselben stand das Bett, und im Bett saß der -Knabe, welcher sich aufgerichtet hatte, im halbgelösten Hemdchen, den -kleinen Körper vorgebeugt, sich streckend und ausgähnend. - -Im Augenblick, als seine Lippen sich schlossen, kräuselten sie sich zu -einem glücklichen traumhaften Lächeln, und mit diesem Lächeln legte er -sich langsam und zufrieden wieder zurück. - -»Mein Sergey!« flüsterte sie, unhörbar an ihn herantretend. - -Während ihrer Trennung von ihm, und unter dem Einfluß der Liebe, -welche sie in dieser ganzen letzten Zeit empfunden, hatte sie sich -ihn als vierjährigen Knaben, so wie sie ihn am liebsten gehabt hatte, -vorgestellt. - -Jetzt war er schon nicht einmal mehr so, wie sie ihn verlassen hatte. -Er hatte sich noch weiter entfernt vom Alter des Vierjährigen, war -noch mehr gewachsen und magerer geworden. -- Was war das? -- Wie hager -erschien sein Gesicht, wie kurz war sein Haar? Wie lang seine Hände! -Wie hatte er sich verändert seit jener Zeit, da sie ihn verlassen! -Aber er war es doch, mit dieser Form seines Kopfes, seinen Lippen, dem -geschmeidigen Hals und den breiten kleinen Schultern. - -»Sergey!« wiederholte sie dicht über dem Ohr des Kindes. - -Dieser erhob sich wiederum auf den Ellbogen, wandte den Kopf verwirrt -nach beiden Seiten, als suche er etwas und öffnete die Augen. Still -und fragend blickte Sergey einige Sekunden auf die unbeweglich vor -ihm stehende Mutter, dann lächelte er plötzlich, glückselig, schloß -wiederum die noch schlaftrunkenen Augen, und warf sich, nicht mehr -zurück, sondern ihr entgegen, in ihre Arme. - -»Sergey! Geliebter Knabe!« sprach sie mit erstickter Stimme, mit beiden -Armen den blühenden Körper umfangend. - -»Mama!« sagte er, sich regend in ihren Armen, um mit wechselnden -Stellen seines Leibes ihre Arme berühren zu können. - -Schlaftrunken lächelnd, noch immer mit geschlossenen Augen, faßte er -mit den runden Ärmchen von der Bettlehne nach ihren Schultern, und -warf sich auf sie, jenen lieblichen Schlafduft, jene Wärme von sich -ausströmend, die nur bei Kindern da ist, und begann dann, sein Gesicht -an ihrem Hals und ihren Schultern zu reiben. - -»Ich wußte es,« sagte er, die Augen öffnend. »Heute ist mein -Geburtstag. Ich wußte es, daß du kommen würdest. Sogleich werde ich -aufstehen.« - -Mit diesen Worten kam er zu sich. - -Voll Sehnsucht betrachtete ihn Anna; sie sah, wie er gewachsen war und -sich in ihrer Abwesenheit verändert hatte. Sie erkannte und erkannte -auch nicht seine nackten Füße, die jetzt so groß geworden waren und -aus der Bettdecke hervorschauten, sie erkannte diese hager gewordenen -Wangen, diese verschnittenen, kurzen Haarlocken im Nacken, auf welchen -sie ihn so oft geküßt hatte. Sie befühlte alles dies und vermochte -nichts zu sprechen; die Thränen erstickten sie. - -»Weshalb weinst du denn Mama?« sagte er, vollständig aus dem Schlafe -erwacht. »Mama, weshalb weinst du?« rief er aus mit weinerlicher Stimme. - -»Ich weine nicht; ich weine vor Freude; ich habe dich so lange nicht -gesehen. Nein, ich werde nicht, werde nicht weinen,« sagte sie, ihre -Thränen verschluckend und sich abwendend. »Nun, jetzt mußt du dich -aber ankleiden,« fügte sie, sich aufrichtend hinzu, und setzte sich, -ohne seine Hände loszulassen, neben seinem Bett auf einen Stuhl, auf -welchem sein Anzug bereit lag. - -»Wie kleidest du dich ohne mich an? Wie« -- wollte sie natürlich und -heiter zu sprechen beginnen, aber sie vermochte es nicht, und wandte -sich abermals ab. - -»Ich wasche mich nicht in kaltem Wasser. Papa hat es nicht gestattet. -Aber Wasiliy Lukitsch, den hast du wohl noch nicht gesehen? Er wird -gleich kommen. Du hast dich ja auf mein Kleid gesetzt!« - -Sergey lachte auf; sie blickte ihn an und lächelte. - -»Mama, mein Herz, meine Taube!« rief er aus, sich wieder ihr -entgegenwerfend und sie umfangend. Es war, als ob er jetzt erst, indem -er ihr Lächeln erblickte, klar erkannt hätte, was vorgefallen sei. »Das -ist nicht nötig,« sagte er, ihr den Hut abnehmend, und gleichsam, als -ob er sie aufs neue ohne den Hut erkännte, warf er sich abermals ihr -entgegen, um sie zu küssen. - -»Aber was hast du von mir gedacht? Du hast nicht gemeint, daß ich tot -sei?« - -»Niemals habe ich es geglaubt.« - -»Du hast es nicht geglaubt, mein Herz?« - -»Ich habe gewußt, gewußt!« wiederholte er mit seiner Lieblingsphrase, -und begann, nachdem er ihre Hand ergriffen, die mit seinem Haar -spielte, sie mit der inneren Fläche an seinen Mund zu pressen und zu -küssen. - - - 30. - -Wasiliy Lukitsch, welcher anfangs nicht begriff, wer diese Dame da -war, und erst aus dem Gespräch erkannte, dies sei jene selbe Mutter, -welche ihren Gatten verlassen, und die er nicht kannte, da er erst nach -ihrem Scheiden dieses Haus betreten hatte, befand sich in Zweifel, ob -er eintreten oder Aleksey Aleksandrowitsch Mitteilung machen sollte. -Nachdem er aber erwogen hatte, daß seine Verpflichtung nur darin -bestehe, bei Sergey zur bestimmten Stunde zu inspizieren, und er -demgemäß keine Beobachtungen anzustellen habe, wer dort saß, die Mutter -oder jemand anderes, sondern nur seine Pflicht erfüllen müsse, so -kleidete er sich an, trat zur Thür und öffnete sie. - -Aber die Liebkosungen zwischen Mutter und Kind, der Klang ihrer Stimmen -und das, was sie sprachen, ließ ihn doch noch seinen Entschluß ändern. -Er schüttelte den Kopf, seufzte und schloß die Thür wieder. - -»Ich werde noch zehn Minuten warten,« sagte er zu sich selbst, hustend -und sich Thränen abwischend. - -In der Dienerschaft des Hauses war mittlerweile eine mächtige Bewegung -entstanden. Alle hatten erfahren, daß die Herrin angekommen sei, -und Kapitonitsch sie eingelassen habe, daß sie sich jetzt in der -Kinderstube befinde, während sich doch der Herr selbst stets in der -neunten Stunde dorthin begebe; und alle erkannten, daß eine Begegnung -der beiden Gatten unmöglich war, und verhindert werden müsse. - -Korney, der Kammerdiener, begab sich in die Portierloge und frug, wer -die Dame eingelassen habe, und wie dies zugegangen sei, und als er -gehört hatte, daß Kapitonitsch sie empfangen und hereingeleitet habe, -machte er dem Alten Vorwürfe. Dieser hörte mit hartnäckigem Schweigen -zu, als ihm aber Korney sagte, daß man ihn deswegen davonjagen müßte, -sprang Kapitonitsch auf ihn zu und sagte, mit den Händen vor Korneys -Gesicht fuchtelnd: - -»Ja, du hättest sie freilich nicht eingelassen! Ich habe zehn Jahre -hier gedient und nichts als Liebes gesehen, du aber wärest gekommen und -hättest gesagt >bitte, gefälligst hinaus!< -- Du verstehst die Politik -fein! So ist es! Du scheinst auf deine Weise schon zu verstehen, wie -man einen Herrn für sich einnimmt und den Mantel nach dem Winde hängt!« - -»Ein Soldat!« erwiderte Korney verächtlich, und wandte sich zu der -eintretenden Amme: »Urteilt Ihr, Marja Jesimowna: Er hat die Gnädige -eingelassen, ohne jemandem etwas davon zu sagen,« wandte sich Korney zu -ihr. - -»Aleksey Aleksandrowitsch wird sogleich erscheinen und nach der -Kinderstube gehen.« - -»Was giebt es da für Auseinandersetzungen,« sagte diese, »Ihr Korney -Wasiljewitsch, habt ihn irgendwo ein wenig zurückzuhalten, den Herrn -nämlich, und ich laufe sogleich, um die gnädige Frau irgendwie beiseite -zu bringen. Sind das Auseinandersetzungen!« -- - -Als die Kinderfrau in die Kinderstube trat, erzählte Sergey der Mutter -gerade, wie er mit Nadenka vom Berge herab, beim Eisfahren gefallen -sei und daß sich dabei beide dreimal umkugelt hätten. Sie lauschte den -Klängen seiner Stimme, sah sein Gesicht und das Spiel seiner Mienen, -sie fühlte seine Hand, aber sie verstand nicht, was er sprach. - -»Ich muß fort, und ihn verlassen,« das allein nur dachte und fühlte -sie noch. Sie vernahm wohl die Schritte Wasiliy Lukitschs, der zur -Thür schritt, und hustete, sie vernahm wohl die Schritte der nahenden -Kinderfrau, aber sie saß, wie zu Stein geworden, und nicht bei Kräften -zu sprechen oder aufzustehen. - -»Gnädige Frau, meine Liebe!« begann die Amme, sich Anna nähernd, und -ihr Hände und Schultern küssend. »Gott hat unserem Geburtstagskinde -Freude gebracht. Ihr habt Euch doch gar nicht verändert.« - -»Ach, Amme, du Gute, ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr noch im Hause -seid,« sagte Anna, für eine Minute zur Besinnung kommend. - -»Ich wohne nicht hier, sondern bei meiner Tochter, und bin nur -gekommen, um zu gratulieren, Anna Arkadjewna, meine Teure.« - -Die Amme brach plötzlich in Thränen aus und küßte von neuem die Hand -der Herrin. - -Sergey hielt sich, mit glänzenden Augen lächelnd, mit der einen Hand -an seiner Mutter, mit der anderen an der Amme an und stampfte mit den -wohlgenährten Füßchen auf den Teppich. Die Zärtlichkeit der geliebten -Amme gegen seine Mutter versetzte ihn in Entzücken. - -»Mama! Sie kommt oft zu mir, und wenn sie kommt« -- wollte er beginnen, -hielt aber inne, als er bemerkte, daß seine Amme der Mutter etwas -zuflüsterte, und auf deren Gesicht sich Schrecken auspräge, und etwas -wie Scham, was der Mutter so gar nicht zu Gesicht stand. - -Diese kam zu ihm. - -»Mein Liebling,« sprach sie. - -Sie konnte nicht sagen, »lebewohl«, aber der Ausdruck ihres Gesichts -sagte es, und er verstand. - -»Mein süßer, lieber Kleiner!« sagte sie zu ihm und nannte ihn mit einem -Kosenamen, mit welchem sie ihn als er noch ganz klein gewesen, zu -rufen pflegte, »wirst du mich auch nicht vergessen? Du« -- doch weiter -vermochte sie nicht zu sprechen. - -Soviel Worte sie sich auch später noch ausdachte, die sie ihm hätte -sagen können -- jetzt wußte und vermochte sie nichts zu sagen. -- -Sergey aber verstand alles, was sie ihm mitteilen wollte. Er verstand, -daß sie unglücklich sei und ihn liebte. Er verstand sogar, was die Amme -flüsternd gesprochen hatte. Hörte er doch die Worte: »Stets in der -neunten Stunde«; und er begriff, daß damit sein Vater gemeint sei, und -die Mutter mit dem Vater nicht zusammentreffen dürfe. Dies verstand -er; Eins aber konnte er nicht begreifen: weshalb sich auf ihrem -Antlitz Schrecken und Scham gezeigt hatte! Sie war nicht schuldig, -und fürchtete ihn doch und empfand Scham über Etwas. Er wollte eine -Frage stellen, die ihm diesen Zweifel hätte aufklären können, wagte es -aber nicht zu thun. Er sah, daß sie litt, und empfand Mitleid mit ihr. -Schweigend schmiegte er sich an sie und sprach flüsternd: - -»Geh' noch nicht. Er kommt noch nicht gleich.« - -Die Mutter schob ihn von sich, um zu erkennen, ob er auch so denke, -wie er gesprochen hatte, und las aus dem erschreckten Ausdruck seines -Gesichts, daß er nicht nur von dem Vater gesprochen habe, sondern sie -sogar gleichsam frage, wie er wohl über seinen Vater denken solle. - -»Sergey, mein Herzblatt,« sagte sie, »liebe ihn, er ist besser und -edler als ich, und ich trage eine Schuld vor ihm. Wenn du einmal groß -bist, dann wirst du urteilen können.« - -»Bessere Menschen als dich giebt es nicht!« rief er voll Verzweiflung, -durch Thränen hindurch, faßte sie an den Schultern, und begann sie aus -allen Kräften an sich zu pressen mit vor Anstrengung bebenden Armen. - -»Meine Seele, mein liebes Kind!« sagte Anna, und begann, hingerissen, -so nach Kinderart zu weinen, wie er selber weinte. - -Da öffnete sich die Thür und Wasiliy Lukitsch trat ein. - -An der anderen Thür wurden Schritte vernehmbar, und entsetzt flüsterte -ihr die Amme zu »er kommt« und reichte Anna den Hut. - -Sergey ließ sich auf sein Bett sinken und begann zu schluchzen, das -Gesicht mit den Händen bedeckend. Anna nahm diese Hände weg, küßte ihm -noch einmal das bethaute Antlitz und ging schnellen Schrittes zur Thür -hinaus. - -Aleksey Aleksandrowitsch trat ihr in den Weg. Als er sie erblickt -hatte, blieb er stehen und beugte den Kopf. - -Ungeachtet dessen, daß sie soeben erst gesagt hatte, er sei besser und -edler als sie, erfaßten sie bei dem schnellen Blick, den sie auf ihn -warf, seine ganze Erscheinung mit allen ihren Einzelheiten umfangend, -die Gefühle des Widerwillens gegen ihn; der Wut und des Neides um den -Sohn. Mit schneller Bewegung ließ sie den Schleier fallen, und eilte -fast, ihren Schritt verdoppelnd, aus dem Zimmer. - -Sie war nicht dazu gekommen, die Geschenke herauszunehmen, die sie mit -so großer Liebe und so großem Schmerz gestern im Laden gekauft hatte, -und brachte sie wieder mit nach Hause. - - - 31. - -So sehr wie Anna auch ein Wiedersehen mit ihrem Sohne gewünscht hatte, -so lange sie auch nur hieran gedacht, sich nur hierauf vorbereitet -hatte, so hatte sie doch keineswegs erwartet, daß dieses Wiedersehen -eine so mächtige Wirkung auf sie ausüben würde. - -Zurückgekehrt in ihre einsamen Appartements im Hotel, konnte sie lange -nicht fassen, warum sie eigentlich hier sei. - -»Ja; das ist alles vorüber und ich bin wieder allein,« sagte sie zu -sich und setzte sich, ohne den Hut abzulegen, auf einen am Kamin -stehenden Sessel. Mit unbeweglichen Augen auf die Bronzeuhr blickend, -welche auf dem Tische zwischen den Fenstern stand, begann sie zu sinnen. - -Die französische Zofe, die mit aus dem Auslande gebracht worden war, -trat ein, um sie anzukleiden. Verwundert blickte sie dieselbe an -und sagte nur »später«. Der Lakai brachte den Kaffee; sie sagte nur -»später«. Die italienische Amme, die das kleine Mädchen geputzt hatte, -trat mit demselben ein und brachte es Anna. Das dicke, wohlgenährte -Kind hob, wie stets, wenn es die Mutter sah, die nackten mit Bändern -umspannten Händchen, die Handflächen nach unten, und begann, mit dem -noch zahnlosen Mündchen lächelnd, wie ein Fisch an der Angel mit den -Händchen zu arbeiten, und mit ihnen an den gesteiften Falten des -gestickten Jäckchens zu scheuern. - -Man mußte unwillkürlich lächeln und das Kindchen küssen, man mußte -ihm einen Finger vorhalten, an dem es anfassen konnte, jauchzend und -mit dem ganzen Körper in Bewegung. Man konnte nicht umhin, ihm die -Lippe darzubieten, die es anstatt eines Kusses in das Mündchen nahm. -Und alles das that Anna, und sie nahm das Kind auf ihre Arme und ließ -es hüpfen, und küßte es auf die frische Wange und die entblößten -Ärmchen, aber bei dem Anblick dieses Kindes wurde es ihr nur noch -klarer, daß das Gefühl, welches sie für dasselbe hegte, nicht einmal -Liebe war im Vergleich zu dem, was sie für Sergey fühlte. Alles an -diesem kleinen Mädchen war lieblich, aber alles das fand keinen Eingang -in ihr Herz. Auf ihrem ersten Kinde -- hatte sie es auch gleich von -einem ungeliebten Manne -- ruhte alle Kraft jener Liebe, die keine -Befriedigung gefunden hatte; das Mädchen war unter den schwierigsten -Verhältnissen geboren worden, und auf dasselbe war nicht der hundertste -Teil der Sorgfalt verwendet worden, wie auf das erste Kind; außerdem -war bei diesem Mädchen alles noch Erwartung, Sergey hingegen schon -fast wahrhaft Mensch und ein geliebter Mensch; in ihm kämpften bereits -Gedanken und Gefühle miteinander. Er begriff und liebte, er beurteilte -sie, wie sie meinte, indem sie seiner Worte und Blicke gedachte. Und -doch war sie auf immer nicht nur körperlich, sondern auch geistig von -ihm getrennt, ließ sich nichts mehr besser gestalten. - -Sie gab das kleine Mädchen der Amme zurück, entließ diese, und öffnete -ein Medaillon, in welchem ein Porträt Sergeys war, ihn darstellend, als -er noch fast das nämliche Alter hatte, wie das kleine Mädchen jetzt. -Sie stand auf und nahm, ihren Hut ablegend, von einem kleinen Tische -ein Album, in welchem sich Photographieen ihres Sohnes aus anderen -Lebensaltern befanden. Sie wollte diese Photographieen vergleichen, -und begann sie aus dem Album herauszunehmen; sie nahm sie alle heraus, -nur eine einzige, die letzte und beste, war noch übrig. In weißem -Hemd saß er darauf auf einem Stuhle, machte böse Augen und lächelte -mit dem Munde. Dies war ein ganz eigentümlicher Ausdruck, der ihm am -besten stand. Mit den kleinen, flinken Händen, die sich jetzt besonders -angespannt mit ihren weißen, schmalen Fingern bewegten, hatte sie -mehrmals an die Ecke des Bildes geklopft, aber das Bild war losgerissen -und sie konnte es nicht erlangen. Ein Messer befand sich nicht auf dem -Tische, und sie nahm daher eine Photographie, welche daneben stand -- -es war ein in Rom gefertigtes Bild Wronskiys, welches ihn in rundem Hut -und langen Haaren darstellte -- und stieß damit das Bild ihres Sohnes -heraus. - -»Das ist ja er!« sagte sie, auf das Bild Wronskiys blickend, und sich -plötzlich vergegenwärtigend, wer die Ursache ihres jetzigen Harmes sei. -Sie hatte noch nicht ein einziges Mal während dieses ganzen Morgens -an ihn gedacht. Jetzt aber, als sie dieses männliche, edle, ihr so -vertraute und liebe Gesicht wieder erblickte, empfand sie plötzlich -eine unerwartete Regung der Liebe zu ihm. »Aber wo bleibt er denn? Läßt -er mich allein mit meinem Leiden?« dachte sie mit einem Gefühl des -Vorwurfs, und vergaß dabei, daß sie selbst vor ihm doch alles verborgen -hielt, was ihren Sohn betraf. Sie sandte zu ihm mit der Bitte, doch -sogleich zu ihr zu kommen; mit stockendem Herzen, sich die Worte -vergegenwärtigend, mit denen sie ihm alles sagen wollte, und die Worte -seiner Liebe, mit welchen er sie trösten würde, erwartete sie ihn. Der -Bote kam mit dem Bescheid zurück, der Herr habe Besuch, würde aber -sofort kommen; Wronskiy hatte befohlen, bei ihr anzufragen, ob sie ihn -zusammen mit dem Fürsten Jaschwin, der nach Petersburg gekommen sei, -empfangen könne. - -»Er kommt nicht allein, und hat mich doch seit dem gestrigen Mittag -nicht gesehen,« dachte sie, »er kommt nicht allein, daß ich ihm alles -sagen kann, sondern mit Jaschwin.« Und plötzlich tauchte ein seltsamer -Gedanke in ihr auf. »Wie wenn er aufgehört hätte, sie zu lieben?« - -Und indem sie die Vorkommnisse der letzten Tage musterte, schien ihr, -als ob sie in allem eine Bestätigung dieses entsetzlichen Gedankens -sehe; schon darin, daß er gestern nicht zu Haus zu Mittag gespeist -hatte, daß er darauf bestanden hatte, sie möchten in Petersburg -getrennt logieren, wie darin, daß er jetzt nicht einmal allein zu ihr -kam, gerade als ob er einem Wiedersehen Auge in Auge mit ihr aus dem -Wege gehen wollte. - -»Aber er muß mir dies sagen. Ich muß es wissen; und so bald ich es -weiß, dann weiß ich auch, was ich zu thun habe,« sagte sie zu sich, -ohne Fähigkeit, sich die Lage vorzustellen, in welche sie kommen würde, -wenn sie sich von seiner Gleichgültigkeit überzeugte. Sie glaubte, er -habe aufgehört, sie zu lieben, sie fühlte sich der Verzweiflung nahe, -und infolge dessen besonders reizbar. Sie schellte der Zofe und begab -sich nach dem Ankleidezimmer. Beim Ankleiden beschäftigte sie sich -mehr als während der letztvergangenen Tage mit ihrer Toilette, als ob -Wronskiy sie, wenn er sie nicht mehr lieben sollte, deshalb von neuem -lieben müsse, weil sie diese Robe und jene Frisur, die ihr besser -standen, trug. - -Sie hörte die Glocke, noch bevor sie fertig war. Als sie in den Salon -trat, begegnete nicht er, sondern Jaschwin ihrem Blick. Jaschwin -betrachtete die Photographieen ihres Sohnes, die sie auf dem Tische -vergessen hatte, und er beeilte sich nicht eben, den Blick nach ihr zu -wenden. - -»Wir sind ja Bekannte,« sagte sie, ihre kleine Hand in die große -Jaschwins legend, der in Verwirrung geraten war -- was sich bei dem -riesigen Wuchs und dem derben Gesicht desselben sonderbar genug -ausnahm. -- »Wir sind Bekannte seit dem vorigen Jahre, von den Rennen. -Gebt doch her,« sagte sie, mit schneller Bewegung die Bilder des -Sohnes, die er ansah, vor Wronskiy wegnehmend, und ihn bedeutungsvoll -mit den blitzenden Augen anschauend. »Waren im gegenwärtigen Jahre die -Rennen gut? Anstatt der unsrigen, habe ich die Rennen auf dem Corso -in Rom gesehen. Ihr liebt übrigens wohl nicht das Leben im Ausland?« -frug sie mit freundlichem Lächeln. »Ich kenne Euch, und kenne alle Eure -Geschmacksrichtungen, obwohl ich Euch wenig begegnet bin.« - -»Das thut mir sehr leid, da meine Geschmacksrichtungen immer schlechter -werden,« sagte Jaschwin, sich in seinen linken Schnurrbart beißend. - -Nachdem er noch einige Zeit geplaudert und bemerkt hatte, daß -Wronskiy nach der Uhr blickte, frug Jaschwin sie, ob sie noch lange -in Petersburg bleiben werden und griff, seine mächtige Gestalt -einknickend, ans Käppi. - -»Wahrscheinlich nicht mehr lange,« sagte sie voll Verwirrung, auf -Wronskiy blickend. - -»So sehen wir uns also nicht wieder?« antwortete Jaschwin, aufstehend -und sich an Wronskiy wendend, »wo speisest du?« - -»Kommt, mit mir zu dinieren,« sagte Anna entschlossenen Tones, -gleichsam erzürnt über sich selbst wegen ihrer Verlegenheit, aber -errötend, wie dies stets bei ihr der Fall war, wenn sie vor einer ihr -nicht vertrauten Persönlichkeit ihre Meinung äußerte. »Das Essen ist -hier nicht gut, aber Ihr könnt ihn doch wenigstens wiedersehen. Aleksey -liebt von allen seinen Kameraden aus dem Regiment keinen so, wie Euch.« - -»Sehr erfreut,« sagte Jaschwin mit einem Lächeln, aus dem Wronskiy -ersah, daß ihm Anna sehr gefiel. - -Jaschwin empfahl sich und ging, Wronskiy blieb allein zurück. - -»Du gehst auch?« sagte sie. - -»Ich habe mich schon verspätet,« antwortete er, »geh! Ich komme dir -sogleich nach!« rief er Jaschwin nach. - -Sie nahm ihn bei der Hand und blickte ihn, ohne das Auge abzuwenden, -an, in ihren Gedanken suchend, was sie ihm sagen sollte, um ihn -zurückzuhalten. - -»Warte, ich habe dir etwas zu sagen,« seine kleine Hand nehmend, preßte -sie dieselbe an ihren Hals, »nicht wahr, es thut nichts, daß ich ihn -zum Essen geladen habe?« - -»Das hast du ganz recht gemacht,« sagte er, mit ruhigem Lächeln seine -engstehenden Zähne zeigend und ihre Hand küssend. - -»Aleksey, du bist nicht anders geworden gegen mich?« sprach sie, mit -beiden Händen seine Rechte drückend. »Aleksey, ich quäle mich hier ab, -wann reisen wir?« - -»Bald, bald. Du kannst nicht glauben, wie auch mir das Leben hier -schwer ist,« sagte er, seine Hand ausstreckend. - -»Nun so geh, geh,« sagte sie verletzt und ging schnell von ihm hinweg. - - - 32. - -Als Wronskiy heimkehrte, war Anna noch nicht wieder da. Bald nach ihm -war, wie man ihm sagte, eine Dame angekommen und mit dieser zusammen -sei sie weggefahren. - -Daß sie weggefahren war, ohne gesagt zu haben wohin, was bei ihr bis -jetzt noch nicht der Fall gewesen war, daß sie noch an diesem Morgen -ausgefahren, ohne ihm etwas davon zu sagen -- alles das, zusammen mit -dem seltsam aufgeregten Ausdruck ihres Gesichts heute früh und mit der -Erinnerung an die feindselige Haltung, mit welcher sie in Gegenwart -Jaschwins die Bilder ihres Sohnes fast seinen Händen entrissen hatte, -stimmte ihn nachdenklich. - -Er schloß, daß es notwendig sei, sich mit ihr auszusprechen, und er -erwartete sie nun in ihrem Salon. Anna kehrte indessen nicht allein -zurück, sondern brachte ihre Tante mit sich, eine alte Jungfer, die -Fürstin Oblonskaja. Das war die Dame, welche heute früh angekommen und -mit welcher Anna Einkäufe zu machen ausgefahren war. - -Anna schien den besorgten und fragenden Ausdruck der Züge Wronskiys -nicht zu bemerken, und berichtete ihm heiter, was sie heute Morgen -gekauft habe. Er sah, daß in ihr etwas Besonderes vorgehe; denn in -ihren blitzenden Augen lag, wenn sie sich auf ihn im Vorübergleiten -hefteten, eine gespannte Aufmerksamkeit, und in ihrer Rede, in ihren -Bewegungen jene nervöse Schnelligkeit und Grazie, die ihn in der ersten -Zeit ihrer Bekanntschaft so bestrickt hatte, jetzt aber beunruhigte und -erschreckte. - -Das Diner wurde für Vier gedeckt. Alle waren bereits versammelt, um -in das kleine Speisezimmer zu gehen, als Tuschkjewitsch mit einem -Auftrag für Anna von der Fürstin Betsy ankam. Die Fürstin Betsy bat -um Entschuldigung, daß sie nicht gekommen sei, um Abschied zu nehmen. -Sie fühle sich unwohl, bat aber Anna, zwischen halb acht und neun Uhr -zu ihr zu kommen. Wronskiy blickte Anna an bei dieser Zeitbestimmung, -welche bewies, daß Maßregeln getroffen waren, sie niemandem begegnen zu -lassen, doch schien dies Anna gar nicht zu bemerken. - -»Sehr schade, daß ich gerade zwischen halb acht und neun Uhr nicht -kann,« sagte sie mit leisem Lächeln. - -»Die Fürstin wird das sehr bedauern.« - -»Auch ich.« - -»Ihr wollt wahrscheinlich die Patti hören?« sagte Tuschkjewitsch. - -»Die Patti? Ihr gebt mir da einen guten Gedanken ein. Ich würde -hinfahren, wenn es möglich wäre, eine Loge zu erhalten.« - -»Ich kann sie erhalten,« brüstete sich Tuschkjewitsch. - -»Ach, da würde ich Euch recht sehr dankbar sein,« antwortete Anna, -»aber wollt Ihr nicht mit uns speisen?« - -Wronskiy zuckte kaum merklich die Achsel; er verstand absolut nicht, -was Anna that. Weshalb brachte sie diese alte Fürstin mit, weshalb -veranlaßte sie Tuschkjewitsch, mitzuspeisen, und, was am wunderbarsten -war, weshalb schickte sie ihn nach einer Loge? War es denn denkbar, daß -sie in ihrer Lage in das Abonnement der Patti fuhr, wo die gesamte, -ihr bekannte Welt zugegen sein würde? Mit ernstem Blick schaute er -sie an, doch sie antwortete ihm mit jenem herausfordernden, weniger -heiteren, als verzweifelten Blick, dessen Bedeutung er nicht verstehen -konnte. Bei Tische war sie provozierend heiter, sie kokettierte fast -mit Tuschkjewitsch und Jaschwin. Als man vom Tische aufstand und -Tuschkjewitsch wegfuhr, um die Loge zu bestellen, während Jaschwin -ging, um zu rauchen, begab sich Wronskiy mit letzterem zusammen hinweg -in seine Zimmer. Nachdem er einige Zeit hier verweilt hatte, eilte er -wieder nach oben. Anna hatte sich schon in eine hellseidene Toilette -mit Samt geworfen, die für sie in Paris gefertigt worden war, mit -offener Brust und kostbaren weißen Spitzen auf dem Kopfe, die ihr -Gesicht einrahmten, und ihre blendende Schönheit besonders vorteilhaft -hervorhob. - -»Ihr fahrt bestimmt zum Theater?« sagte er, sie geflissentlich nicht -ansehend. - -»Weshalb fragt Ihr so voll Furcht?« antwortete sie, aufs neue verletzt -davon, daß er sie nicht anblickte, »weshalb sollte ich nicht?« -- - -Sie schien den Sinn seiner Worte gar nicht zu verstehen. - -»Natürlich, nicht die geringste Ursache, warum man es nicht thun -sollte,« antwortete er finster werdend. - -»Das sage ich eben auch,« versetzte sie, mit Absicht keine Ironie in -ihren Ton legend, und ruhig den schmalen, duftenden Handschuh umwendend. - -»Anna, um Gott! Was ist mit Euch?« frug er, sie zur Besinnung bringend, -ganz ebenso, wie einst ihr Mann zu ihr gesprochen hatte. - -»Ich verstehe nicht, wonach Ihr fragt.« - -»Ihr wißt, es ist unmöglich ins Theater zu fahren.« - -»Warum? Ich fahre ja nicht allein. Die Fürstin Barbara geht, um sich -anzukleiden, sie wird mit mir fahren.« - -Er zuckte die Schultern mit dem Ausdruck der Unentschlossenheit und -Verzweiflung. - -»Aber wißt Ihr denn nicht« -- begann er. - -»Ich will nichts wissen!« schrie sie fast auf. »Ich will nicht! Bereue -ich denn, was ich gethan habe? Nein, nein, und aber nein! Und geschähe -wieder das Nämliche, von Anfang an, so wäre es wieder so. Für uns, für -mich und Euch ist nur Eines von Wichtigkeit: ob wir uns gegenseitig -lieben! -- Andere Erwägungen giebt es nicht! Wozu wohnen wir hier -gesondert und sehen uns nicht? Warum kann ich nicht ins Theater fahren? -Ich liebe dich und mir ist alles gleich,« sprach sie russisch, mit -jenem eigenartigen, unverständlichen Glanz der Augen auf ihn blickend, -»wenn du dich nicht verändert hast. Warum schaust du mich nicht an?« - -Er blickte sie an. Er sah die ganze Schönheit ihres Gesichts, dieser -Toilette, die ihr stets so gut zu Gesicht stand. Aber jetzt war gerade -ihre Schönheit und Eleganz das, was ihn betroffen machte. - -»Meine Empfindungen können sich nicht ändern; Ihr wißt es, aber ich -bitte Euch, nicht dorthin zu fahren, ich beschwöre Euch,« sprach er, -wieder auf französisch, und mit zärtlicher Bitte in der Stimme, aber -Kälte im Blick. - -Sie hörte seine Worte nicht, sondern sah nur die Kälte des Blicks und -antwortete gereizt: - -»Ich bitte Euch nur, mir zu erklären, warum ich nicht fahren soll.« - -»Weil es Euch Ursache werden könnte zu« -- er blieb stecken. - -»Ich verstehe nichts. Jaschwin =n'est pas compromettant= und die -Fürstin Barbara ist in nichts schlechter, als die anderen. -- Da ist -sie ja!« -- - - - 33. - -Wronskiy empfand zum erstenmale ein Gefühl des Verdrusses, fast des -Zornes über Anna, wegen ihres absichtlichen Mißverstehens ihrer -Situation. Dieses Gefühl verstärkte sich noch dadurch, daß er ihr -die Ursache seines Verdrusses nicht aussprechen konnte. Hätte er ihr -offen mitgeteilt, was er dachte, dann hätte er ihr gesagt: »In dieser -Toilette sich mit der jedermann bekannten, unverheirateten Fürstin -im Theater zu zeigen -- hieß nicht nur die Lage eines gefallenen -Weibes selbst eingestehen, sondern auch, der Welt eine Herausforderung -zuschleudern, oder, mit anderen Worten, sich für immer von dieser -lossagen.« - -Dies konnte er ihr nicht sagen. »Aber wie kann sie es nicht verstehen, -und was geht in ihr vor?« sagte er zu sich. Er fühlte, wie sich zu -ein und derselben Zeit seine Achtung vor ihr verminderte, während die -Erkenntnis ihrer Schönheit in ihm wuchs. - -Finster kehrte er nach seinem Zimmer zurück und befahl, sich zu -Jaschwin setzend, welcher seine langen Beine auf einen Stuhl gestreckt -hatte und einen Cognac mit Selterwasser trank, ihm das Nämliche zu -bringen. - -»Du sagst, der Moguschtschij Lankowskiys. Das ist ein gutes Pferd, -ich rate dir, es zu kaufen,« sagte Jaschwin, das finstere Gesicht des -Kameraden musternd. »Er hat zwar ein Hängekreuz -- aber seine Füße und -der Kopf -- etwas besseres kann man nicht verlangen!« - -»Ich denke, daß ich ihn kaufen werde,« antwortete Wronskiy. - -Das Gespräch über die Pferde beschäftigte ihn zwar, aber er vergaß -nicht eine Minute Annas, unwillkürlich dem Klange der Schritte auf dem -Korridor lauschend, und nach der Uhr auf dem Kamin blickend. - -»Anna Arkadjewna hat befohlen zu melden, daß sie ins Theater gefahren -ist.« - -Jaschwin stürzte noch ein Glas Cognac mit Sodawasser hinunter, stand -auf und knöpfte sich zu. - -»Nun, fahren wir?« sagte er, fein lächelnd unter dem Schnurrbart, und -mit diesem Lächeln zeigend, daß er den Grund der Mißstimmung Wronskiys -begreife, derselben aber keine Bedeutung beimesse. - -»Ich werde nicht mitfahren,« versetzte Wronskiy. - -»Ich aber muß; ich habe es versprochen. Nun denn, auf Wiedersehen. -Kommst du in den Klub? Du kannst Krusinskijs Platz nehmen,« sagte er im -Gehen noch. - -»Nein, ich habe Geschäfte.« - -»Mit einem Weibe hat man schon Sorgen, aber mit einer, die nicht unser -Weib ist, ist es noch schlimmer,« dachte Jaschwin, das Hotel verlassend. - -Wronskiy, allein geblieben, erhob sich vom Stuhle und begann im Zimmer -auf und abzuschreiten. - -»Was ist denn heute? Das vierte Abonnement. Jegor ist mit seiner Frau -dort und meine Mutter wahrscheinlich. Das heißt, ganz Petersburg -ist da. Jetzt kommt sie nun, legt den Pelz ab und tritt in die -Gesellschaft. Tuschkjewitsch, Jaschwin und die Fürstin Barbara,« malte -er sich aus, »und ich? Entweder fürchte ich mich, oder ich habe meine -Protektion über sie an Tuschkjewitsch abgetreten. Wie man die Sache -auch betrachten mag -- sie ist dumm, dumm! -- Aber warum bringt sie -mich nur in diese Lage?« sagte er, mit der Hand ausschlagend. - -Mit dieser Bewegung traf er den kleinen Tisch, auf welchem das -Selterswasser und eine Caraffe mit Cognac stand und stieß ihn fast um. -Er wollte ihn halten, ließ ihn aber fallen, und voll Verdruß stieß er -ihn mit dem Fuße um. Er schellte. - -»Wenn du bei mir dienen willst,« sagte er zu dem eintretenden -Kammerdiener, »so merke dir deinen Dienst. Daß dies nicht wieder -vorkommt! Du hast Ordnung zu machen.« - -Der Kammerdiener, welcher sich schuldlos fühlte, wollte sich -rechtfertigen, mit einem Blick auf seinen Herrn aber gewahrte er -an dessen Miene, daß er hier nur zu schweigen habe, und ließ sich, -geschäftig zusammengekrümmt, auf den Teppich nieder, auf dem er -die ganz gebliebenen und die zerbrochenen Gläser und Flaschen -zusammenzulesen anfing. - -»Das ist nicht deine Arbeit, geh, der Diener kann das zusammenlesen, -lege mir meinen Frack bereit!« -- - - * * * * * - -Wronskiy ging halb neun Uhr ins Theater. Die Vorstellung war in vollem -Gange. - -Der Theaterdiener, ein kleiner Alter, nahm Wronskiy den Pelz ab -und begrüßte ihn, nachdem er ihn wiedererkannt hatte, mit »Eure -Durchlaucht;« schlug ihm vor, lieber nicht eine Nummer zu nehmen, und -rief einfach Fjodor. In dem hellen Korridor war niemand außer dem -Theaterdiener und zwei Lakaien mit Pelzen auf den Armen, die an der -Thüre horchten. Aus einer verschlossenen Thür heraus waren die Klänge -des vorsichtigen Accompagnements des Orchesters in =staccato= hörbar, -sowie die einer weiblichen Stimme, welche ausgezeichnet ein Recitativ -vortrug. Die Thür öffnete sich, den Theaterdiener durchlassend und -der Satz, welcher zu Ende ging, traf klar ans Ohr Wronskiys. Die Thür -schloß sich indessen sofort wieder und Wronskiy hörte das Ende und die -Kadenz nicht mehr, nahm aber an dem dröhnenden Beifallsklatschen durch -die Thür heraus wahr, daß die Schlußkadenz zu Ende sei. - -Als er in den hell von Lustres und bronzenen Gasarmen erleuchteten Saal -trat, dauerte der Lärm noch fort. Auf der Scene stand eine Sängerin, -schimmernd in ihren entblößten Schultern und ihren Brillanten, sich -verbeugend und lächelnd, und sammelte mit Hilfe ihres Tenors, der -sie an der Hand führte, die ungeschickt über die Rampe geworfenen -Bouquets auf, wobei sie zu einem Herrn, mit einem Scheitel in der Mitte -der pomadeglänzenden Haare, welcher sich mit langen Armen mit einem -Gegenstande über die Rampe beugte, trat, und das gesamte Publikum im -Parterre wie in den Logen, voller Bewegung, sich vorbeugte, rief und -klatschte. - -Der Kapellmeister auf seinem erhöhten Platze half bei der Übergabe -des Gegenstandes und ordnete dann seine weiße Krawatte. Wronskiy trat -in die Mitte des Parterre und begann, stehen bleibend, Umschau zu -halten. Weniger als je, widmete er seine Aufmerksamkeit der bekannten, -gewohnten Umgebung, der Bühne, und diesem Lärm, dieser ganzen, -wohlbekannten, bunten Schar der Zuschauer in dem dichtbesetzten -Theater, die ihn nicht interessierten. - -Dieselben gewissen Damen mit den gewissen Offizieren waren da wieder -im Hintergrund der Logen; dieselben buntfarbigen Damen, Gott weiß wer -sie waren, und Uniformen und Röcke, der nämliche schmutzige Haufe -auf dem Paradies oben, und in dieser ganzen Masse, in den Logen, dem -ersten Rang befanden sich nur einige vierzig »wirkliche« Herren und -Damen. Nach dieser Oase richtete sich sogleich Wronskiys Augenmerk und -sogleich war auch er mit ihr in Beziehung getreten. - -Der Akt war zu Ende, als er eintrat, und daher schritt er, ohne in die -Loge seines Bruders zu treten, bis zur ersten Reihe, und blieb an der -Rampe bei Serpuchowskoy stehen, welcher, das eine Knie geknickt und -mit dem Absatz gegen die Rampe klappend, ihn schon von weitem erblickt -hatte, und ihn mit einem Lächeln zu sich rief. - -Wronskiy hatte Anna noch nicht wahrgenommen; er blickte absichtlich -nicht nach der Seite, auf der sie war, doch sah er schon an der -Richtung der Blicke, wo sie sich befand. Verstohlen blickte er um sich, -suchte sie aber nicht. Das Schlimmste erwartend, suchte er mit den -Augen Aleksey Aleksandrowitsch; doch zu seinem Glück war derselbe für -diesmal nicht im Theater. - -»Wie wenig vom Soldaten ist doch an dir geblieben,« sagte -Serpuchowskoy. »Diplomat, Artist -- das wäre so Etwas für dich.« - -»Ja, ja, als ich nach Haus kam, zog ich den Frack an,« sagte Wronskiy -lächelnd, langsam sein Augenglas nehmend. - -»Ich beneide dich eigentlich, offen gestanden darin. Stets, wenn ich -aus dem Ausland heimkehre, und dies wieder anlege,« sagte er, seine -Epauletten berührend, »dann thut es mir leid um die Freiheit.« - -Serpuchowskoy hatte schon längst seine Erwartungen bezüglich einer -dienstlichen Wirksamkeit Wronskiys aufgegeben, liebte diesen aber noch -wie früher, und war jetzt besonders liebenswürdig gegen ihn. - -»Schade, daß du dich zu dem ersten Akte verspätet hast.« - -Wronskiy, der nur mit halbem Ohr zuhörte, ließ sein Glas über die -Bel-Etage gleiten und musterte die Logen. Neben einer Dame im Turban -und einem kahlköpfigen Alten, der zornig in dem Glase des auf ihn -gerichteten Krimstechers blinzelte, erblickte Wronskiy plötzlich -den Kopf Annas, stolz, frappierend in seiner Schönheit, lächelnd in -der Umrahmung der Spitzen. Sie saß nur zwanzig Schritte von ihm von -vorn, und sprach, leicht gewendet, zu Jaschwin etwas. Die Haltung -ihres Kopfes auf den schönen breiten Schultern und der verhalten -herausfordernde Glanz ihrer Augen und ihres ganzen Antlitzes erinnerte -ihn ganz an sie, wie er sie ebenso auf dem Balle in Moskau erblickt -hatte. Jetzt aber empfand er diese Schönheit ganz anders. In seinem -Gefühl für sie lag nichts Geheimnisvolles mehr, und daher zog ihn zwar -ihre Schönheit selbst stärker noch als früher an, zugleich damit aber -bereitete sie ihm jetzt auch Schmerz. Sie schaute nicht in der Richtung -nach ihm, aber Wronskiy fühlte, daß Anna ihn schon gesehen hatte. - -Als Wronskiy das Glas abermals nach jener Richtung bewegte, bemerkte -er, daß die unverheiratete Fürstin Barbara auffallend rot aussah, -unnatürlich lachte und unaufhörlich nach der Nachbarloge blickte. Anna -hingegen, die den Fächer zusammengelegt hatte und mit ihm auf den roten -Sammet klopfte, schaute in unbestimmter Richtung, und sah nicht, oder -wollte offenbar nicht sehen, was in der Nachbarloge vorging. Auf dem -Gesicht Jaschwins lag jener Ausdruck, den es annahm, wenn er verspielt -hatte. Mürrisch nahm er tiefer und tiefer seinen linken Schnurrbart in -den Mund und schielte nach der gleichen Nachbarloge hinüber. - -In dieser, ihnen zur Linken, befanden sich die Kartasoff. Wronskiy -kannte sie, und wußte auch, daß Anna mit ihnen bekannt war. Die -Kartasowa, ein mageres, kleines Weib, stand in ihrer Loge, und -warf, mit dem Rücken gegen Anna gewandt, einen ihr von ihrem Gatten -gereichten Überwurf um. Ihr Gesicht sah blaß und böse aus und sie -sprach in erregtem Tone. Kartasoff, ein dicker, kahlköpfiger Herr, -schaute Anna fortwährend an und bemühte sich dabei, seine Frau zu -besänftigen. Nachdem diese gegangen war, zögerte er noch lange, suchte -mit seinen Augen den Blick Annas und wollte sie offenbar grüßen. -Anna jedoch, die ihn offenbar absichtlich nicht bemerkte, hatte sich -rückwärts gewandt und sprach zu Jaschwin, der sich zu ihr mit seinem -frisierten Kopfe herniederbeugte. Kartasoff ging, ohne grüßen zu -können, und die Loge stand leer. - -Wronskiy erkannte nicht, was zwischen den Kartasoff und Anna -vorgefallen sei, aber er begriff, daß etwas für Anna Erniedrigendes -geschehen war. - -Er erkannte dies schon an dem, was er wahrnahm, und vor allem an dem -Gesicht Annas, die -- er wußte es -- ihre letzten Kräfte zusammennahm, -um die einmal übernommene Rolle zu Ende zu führen. Diese Rolle, die -äußerlich Ruhige zu spielen, gelang ihr vollständig. Wer sie und -ihre Kreise nicht kannte, nicht alle die Äußerungen des Bedauerns, -des Unwillens und der Verwunderung seitens der Frauen darüber hörte, -daß sie sich erlaubt hatte, in der Welt zu erscheinen und sich mit -ihrem Spitzenschmuck und ihrer Schönheit so bemerkbar zu machen, die -bewunderten die Ruhe und Schönheit dieser Frau und ahnten nicht, -daß sie die Empfindungen eines Menschen in sich trug, der an den -Schandpfahl gestellt ist. - -In der Gewißheit, daß Etwas vorgefallen sei, aber ohne zu wissen -was, fühlte Wronskiy eine quälende Unruhe und begab sich, in der -Hoffnung, etwas darüber erfahren zu können, nach der Loge seines -Bruders. Absichtlich einen der Loge Annas gegenüberliegenden Gang -im Parterre wählend, stieß er im Hinausgehen mit seinem früheren -Regimentskommandeur, der mit zwei Bekannten sprach, zusammen. Wronskiy -hörte, daß der Name der Karenin genannt wurde, und bemerkte, wie der -Regimentskommandeur sich beeilte, laut den Namen Wronskiys zu nennen, -indem er die Sprechenden anblickte. - -»Ah, Wronskiy! Wann kommst du denn einmal zum Regiment? Wir können dich -nicht ohne ein Fest fortlassen. Du bist unser Stammhalter,« sagte der -Regimentskommandeur. - -»Es thut mir sehr leid, ein ander Mal,« sagte Wronskiy und eilte die -Treppe hinauf in die Loge seines Bruders. - -Die alte Gräfin, die Mutter Wronskiys, mit ihren stahlblauen Haarlocken -befand sich in derselben. Warja und die Fürstin Sorokina begegneten -ihm auf dem Korridor der Bel-Etage. - -Nachdem Warja die Fürstin Sorokina zu ihrer Mutter geführt hatte, -reichte sie ihrem Schwager die Hand, und begann dann sogleich mit ihm -über das zu sprechen, was ihn interessierte. Sie war so aufgeregt, wie -er sie nur selten gesehen hatte. - -»Ich finde, daß dies niedrig und gemein ist, und Madame Kartasowa dazu -nicht das geringste Recht hatte. Madame Kartasowa« -- begann sie. - -»Aber was ist denn? Ich weiß gar nicht« -- - -»Wie, du hast nicht gehört?« - -»Du hörst wohl, daß ich der Letzte bin, der also davon erfährt.« - -»Giebt es wohl ein schlechteres Geschöpf, als diese Kartasowa.« - -»Aber was hat sie denn gethan?« - -»Mir hat es mein Mann erzählt -- sie hat die Karenina beleidigt. -Ihr Mann hatte mit dieser über die Loge hinüber gesprochen, und die -Kartasowa ihm darauf eine Scene gemacht. Sie hat, wie er mir erzählt, -sich laut in kränkender Weise ausgesprochen und ist dann gegangen.« - -»Graf, Mama läßt Euch rufen,« sagte die Fürstin Sorokina, aus der Thür -der Loge blickend. - -»Ich warte schon lange auf dich,« sprach die Mutter zu ihm, sarkastisch -lächelnd. »Man sieht dich ja gar nicht mehr.« - -Der Sohn erkannte, daß sie ein Lächeln der Freude nicht unterdrücken -konnte. - -»Guten Tag, =Maman=; ich kam eben zu Euch,« sagte er kühl. - -»Warum gehst du denn nicht, =faire la cour à madame Karènine=?« fügte -sie hinzu, als die Fürstin Sorokina weggetreten war. »=Elle fait -sensation. On oublie la Patti pour elle=.« -- - -»=Maman=, ich bat Euch, nur nicht hiervon zu sprechen,« antwortete er -sich verfinsternd. - -»Ich spreche nur das, was alle sprechen.« - -Wronskiy erwiderte nichts, und ging wieder, nachdem er der Fürstin -Sorokina noch einige Worte gesagt hatte. In der Thür begegnete er -seinem Bruder. - -»Ah, Aleksey,« sagte dieser. »Welche Niedrigkeit! Diese Närrin -- -weiter ist sie nichts! Ich wollte soeben zu ihr gehen. Komm, wir gehen -zusammen.« -- - -Wronskiy hörte ihn nicht. Mit schnellen Schritten stieg er hinunter; er -empfand, daß er etwas thun müsse, wußte aber nicht, was. Sein Verdruß -über Anna, daß sie sich und ihn in eine so schiefe Lage gebracht hatte, -doch auch das Mitleid mit ihr wegen ihrer Leiden, versetzten ihn in -Aufregung. Er ging hinunter ins Parterre und schritt geradenwegs auf -den Platz Annas zu. Neben diesem stand Stremoff, der sich mit ihr -unterhielt. - -»Tenöre giebt es eben nicht mehr. =Le moule en est brisé=!« - -Wronskiy verneigte sich vor ihr und blieb stehen, Stremoff begrüßend. - -»Ihr scheint spät gekommen zu sein und die besten Arien nicht gehört -zu haben,« sagte Anna zu Wronskiy, ihn spöttisch anblickend, wie ihm -schien. - -»Ich bin ein schlechter Kritiker,« antwortete er, streng auf sie -schauend. - -»Wie der Fürst Jaschwin,« sagte sie lächelnd, »welcher findet, daß die -Patti zu laut singt. Ich danke Euch,« mit der kleinen Hand im hohen -Handschuh einen von Wronskiy aufgehobenen Theaterzettel nehmend; und -plötzlich, in diesem Augenblick, erbebten ihre schönen Züge. Sie stand -auf und begab sich in die Tiefe der Loge. - -Als Wronskiy bemerkt hatte, daß im folgenden Akt ihre Loge leer -war, ging er, während sich in dem bei den Tönen einer Kavatine -stillgewordenen Theater ein Zischeln erhob, aus dem Parterre und fuhr -heim. - -Anna war schon zu Haus. Als Wronskiy bei ihr eintrat, befand sie sich -noch in der Toilette, in welcher sie im Theater gewesen war. Sie saß -auf dem nächsten an der Wand stehenden Lehnstuhl und starrte vor sich -hin. Sie blickte ihn an und nahm dann ihre frühere Stellung wieder ein. - -»Anna!« sagte er. - -»Du, du bist schuld an allem!« rief sie unter Thränen der Verzweiflung -und der Wut in der Stimme, und erhob sich. - -»Ich habe dich gebeten, dich beschworen, nicht zu fahren; ich habe -gewußt, daß es dir unangenehm werden würde« -- - -»Unangenehm!« rief sie, -- »entsetzlich! So lange ich lebe, werde ich -dies nicht vergessen! -- Sie hat gesagt, es sei entehrend, neben mir -sitzen zu müssen!« -- - -»Die Worte eines thörichten Weibes,« sagte er, »aber wozu mußtest du -dazu herausfordern?« - -»Ich hasse deine Ruhe! Du durftest mich nicht so weit bringen. Wenn du -mich geliebt hättest« -- - -»Anna! Wozu hier eine Frage nach meiner Liebe« -- - -»Ja, wenn du mich liebtest, wie ich dich liebe, wenn du dich -martertest, wie ich mich martere« -- sprach sie, mit dem Ausdruck des -Entsetzens auf ihn blickend. - -Es that ihm wehe um sie, und dennoch empfand er auch Verdruß. Er -versicherte sie seiner Liebe, weil er sah, daß nur dies allein sie -jetzt beruhigen konnte, und machte ihr keine Vorwürfe mit Worten; wohl -aber tadelte er sie in seinem Innern. - -Und jene Versicherungen der Liebe, die ihm so niedrig erschienen, daß -es ihm schwer ankam, sie auszusprechen, sog sie in sich ein und wurde -etwas ruhiger. Am andern Tage fuhren beide, vollständig ausgesöhnt, auf -das Land. - - - - - Sechster Teil. - - 1. - - -Darja Aleksandrowna verbrachte den Sommer mit den Kindern in -Pokrowskoje bei ihrer Schwester Kity Lewina. - -Auf ihrem Gute war das Wohnhaus gänzlich in Verfall geraten, und -Lewin mit seiner Gattin hatten ihr zugeredet, den Sommer bei ihnen -zuzubringen. - -Stefan Arkadjewitsch billigte dieses Arrangement sehr; er drückte sein -Bedauern darüber aus, daß der Dienst ihn verhindere, den Sommer mit der -Familie zusammen auf dem Dorfe zu verleben, was für ihn das höchste -Glück bilde, und kam, in Moskau bleibend, nur selten für einen Tag oder -für zwei auf das Land. - -Außer den Oblonskiys mit all ihren Kindern und der Gouvernante war bei -Lewins während dieses Sommers noch die alte Fürstin, welche es für -ihre Pflicht hielt, ihre unerfahrene Tochter im Auge zu behalten, die -sich in gewissen Umständen befand. Weiterhin hatte auch Warenka, die -Freundin Kitys, von dem Aufenthalt im Auslande her ihr Versprechen -erfüllt, zu Kity zu kommen, wenn diese verheiratet sein würde, und war -jetzt bei ihrer Freundin zu Besuch. - -Alles waren Verwandte und Freunde der Frau Lewins, aber obgleich -dieser sie alle lieb hatte, war es ihm doch einigermaßen leid um seine -»Lewinsche Welt« und die Ordnung, welche durch diese Überschwemmung -mit dem »Schtscherbazkischen Element«, verschlungen worden war, wie er -sich selbst sagte. Von Verwandten seiner Linie weilte in diesem Sommer -nur Sergey Iwanowitsch zu Besuch da, und auch dieser war kein Mensch -von Lewins, sondern von Koznyscheffschem Schlag, so daß Lewins geistige -Sphäre vollständig unterdrückt war. - -In Lewins so lange verödet gewesenem Hause befanden sich jetzt so -viel Menschen, daß fast alle Räume besetzt waren, und fast jeden Tag -kam es vor, daß die alte Fürstin, wenn sie bei Tische sitzend alles -überzählte, den dreizehnten, Enkel oder Enkelin, an einen besonderen -kleinen Tisch setzen mußte. Auch für Kity, die sich sorgsam mit der -Hauswirtschaft befaßte, gab es nicht wenig Sorge um die Beschaffung der -Hühner, Kapaunen und Enten, welche bei dem Sommerappetit der Gäste und -der Kinder zahlreich verbraucht wurden. - -Die ganze Familie saß bei Tische. Die Kinder Dollys machten mit der -Gouvernante und Warenka Pläne, wohin sie Pilze suchen gehen wollten. -Sergey Iwanowitsch, welcher im Kreise sämtlicher Gäste einen Respekt -vor seinem Geist und seiner Gelehrsamkeit genoß, der fast bis zur -Verehrung ging, sah alles in die Unterhaltung von den Pilzen vertieft. - -»Aber mich nehmt Ihr doch auch mit Euch. Ich gehe sehr gern Pilze -suchen,« sagte er, Warenka anblickend, »und finde, daß das ein sehr -hübscher Zeitvertreib ist.« - -»Nun, wir werden uns sehr freuen,« antwortete Warenka errötend. Kity -wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Dolly. Der Vorschlag des -gelehrten und geistreichen Sergey Iwanowitsch, mit Warenka Pilze -suchen zu wollen, stützte gewisse Vermutungen in Kity, welche diese in -jüngster Zeit lebhaft beschäftigt hatten. Schnell begann sie mit ihrer -Mutter zu sprechen, damit ihr Blick nicht bemerkt werden möchte. - -Nach Tisch setzte sich Sergey Iwanowitsch mit seiner Tasse Mokka an das -Fenster im Salon, ein mit dem Bruder begonnenes Gespräch fortsetzend -und dabei nach der Thür blickend, zu welcher die Kinder hinausgehen -mußten, die sich fertig machten, in die Pilze zu gehen. - -Lewin saß auf dem Fenster bei seinem Bruder, Kity stand neben ihrem -Manne, sichtlich auf das Ende des für sie nicht interessanten Gesprächs -wartend, um ihm etwas mitzuteilen. - -»Du hast dich sehr verändert, seit du verheiratet bist, und zwar -zu deinem Vorteil,« sagte Sergey Iwanowitsch, Kity zulächelnd und -augenscheinlich von der Unterhaltung wenig interessiert, »aber du bist -deiner Leidenschaft, die paradoxesten Themen zu verteidigen, getreu -geblieben.« - -»Katja, es ist für dich nicht gut, zu stehen,« sagte der Gatte zu ihr, -einen Stuhl heranschiebend und sie bedeutungsvoll anschauend. - -»Ah; ich habe übrigens gar keine Zeit mehr,« fügte Sergey Iwanowitsch -hinzu, die hinauseilenden Kinder erblickend. - -Allen voran, von seitwärts im Galopp mit den drallsitzenden -Strümpfchen, ein Körbchen und den Hut Sergey Iwanowitschs schwingend, -kam Tanja gerade auf letzteren zugeeilt. Frohmutig auf ihn zueilend mit -leuchtenden Augen, die in ihrer Schönheit denen des Vaters so ähnlich -waren, reichte sie Sergey Iwanowitsch den Hut und that, als wolle -sie ihm denselben aufsetzen, mit schüchternem, sanftem Lächeln ihre -Ungebundenheit zügelnd. - -»Warenka wartet schon,« sagte sie, ihm den Hut behutsam aufsetzend, -nachdem sie an dem Lächeln Sergey Iwanowitschs erkannt hatte, daß sie -dies dürfe. - -Warenka stand in der Thür, in einem gelben Kattunkleid, um den Kopf ein -weißes Tuch geschlungen. - -»Ich komme schon, ich komme, Barbara Andrejewna,« sagte Sergey -Iwanowitsch, seine Tasse Mokka leerend und ein Schnupftuch nebst dem -Cigarrenetuis in seinen Taschen verteilend. - -»Wie reizend ist doch meine Warenka, nicht wahr?« sagte Kity zu ihrem -Manne, sobald Sergey Iwanowitsch aufgestanden war. Sie sagte dies so, -daß Sergey Iwanowitsch sie vernehmen konnte, woran ihr offenbar gelegen -war. »Und wie schön sie ist, wie edel schön! Warenka!« rief Kity. »Ihr -werdet wohl im Mühlenholz sein? Wir kommen zu Euch hin!« - -»Du vergißt doch entschieden deinen Zustand Kity,« bemerkte die alte -Fürstin, schnell zur Thür herauskommend, »du darfst nicht so schreien.« - -Warenka, welche die Stimme Kitys sowie die Äußerung der Mutter -vernommen hatte, kam leichten Schrittes zu Kity geeilt. Die -Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die Farbe, welche ihr munteres -Gesicht bedeckte -- alles das bewies, daß in ihr etwas Ungewöhnliches -vorging. Kity wußte, was dieses Ungewöhnliche war, und beobachtete -sie aufmerksam. Sie hatte jetzt Warenka nur gerufen, um ihr für ein -wichtiges Ereignis, welches sich nach ihrer Erwägung heute, nach Tische -im Walde vollziehen mußte, innerlich Segen zu wünschen. - -»Warenka, ich würde sehr glücklich, wenn sich etwas ereignen sollte,« -sagte Kity flüsternd und sie küssend. - -»Ihr werdet aber mit uns kommen?« sagte Warenka in Verwirrung geratend, -zu Lewin, und gab sich den Anschein, als habe sie gar nicht gehört, was -zu ihr gesagt worden war. - -»Ich werde kommen, doch nur bis zur Tenne, und dort werde ich bleiben.« - -»Was hast du denn vor?« sagte Kity. - -»Ich muß die neuen Fuhren inspizieren und nachzählen,« antwortete -Lewin, »doch wo wirst du bleiben?« - -»Auf der Terrasse.« - - - 2. - -Auf der Terrasse hatte sich die ganze weibliche Gesellschaft -versammelt. Die Damen liebten es, überhaupt dort nach Tische zu sitzen, -aber heute gab es da sogar etwas zu thun. Außer dem Nähen und Sticken, -womit sich alle beschäftigten, wurde heute Eingemachtes nach einer -für Agathe Michailowna ganz neuen Methode -- ohne Zuguß von Wasser -- -zubereitet. - -Kity hatte diese neue Methode, welche bei ihr zu Haus in Gebrauch -war, eingeführt. Agathe Michailowna, welcher früher dieses Geschäft -anvertraut gewesen war, hatte in der Ansicht, daß das, was im Haus -der Lewin gemacht wurde, doch nicht schlecht sein könne, gleichwohl -ihr Wasser über die Wald- und Gartenerdbeeren mit der Versicherung -gegossen, daß es unmöglich anders sein könne, aber sie wurde in ihrer -Meinung überführt, und jetzt brodelte vor aller Augen die Himbeere, und -Agathe Michailowna mußte sich überzeugt sehen, daß auch ohne Wasser das -Eingemachte gut werde. - -Agathe Michailowna mit erhitztem, erbittertem Gesicht, wirren Haaren, -und bis an den Ellbogen entblößten, hageren Armen schwenkte die -Schüssel im Kreise über dem Feuerbecken und blickte grollend auf die -Beeren, aus Seelengrunde wünschend, sie möchten nicht gar werden. - -Die Fürstin, welche merkte, daß auf sie, als die hauptsächlichste -Ratgeberin bei der Zubereitung der Beeren, der Zorn Agathe Michailownas -gerichtet sein müsse, bemühte sich, den Anschein zu wahren, als sei sie -mit ganz anderen Dingen beschäftigt, und interessiere sich gar nicht -für die Himbeeren; sie sprach von Nebensächlichem, schaute aber immer -dabei seitwärts nach dem Kohlenbecken. - -»Ich kaufe den Mädchen stets Kleider,« sagte die Fürstin, ein -begonnenes Gespräch fortsetzend -- »wollen wir jetzt nicht den Schaum -abnehmen, Liebe?« -- fügte sie aber hinzu, sich an Agathe Michailowna -wendend. »Das brauchst du durchaus nicht selbst zu thun, es ist heiß,« -hielt Kity diese dabei zurück. - -»Ich werde es thun,« sagte Dolly, stand auf und begann behutsam den -Löffel über den schäumenden Zucker zu führen; bisweilen damit, um -von ihm das daran haften Gebliebene zu entfernen, auf einen Teller -klopfend, der bereits von mischfarbigem, gelbrotem Schaum und flüssigem -blutrotem Syrup bedeckt war. »Wie sie das schlecken werden zum Thee,« -gedachte sie dabei ihrer Kinder und rief sich ins Gedächtnis zurück, -wie sie selbst, als sie noch ein Kind gewesen, sich schon immer -verwundert hatte, daß die Erwachsenen nicht gerade das Beste äßen -- -nämlich den Schaum -- »Stefan sagt, es sei bei weitem besser, Geld -zu geben,« sagte Dolly dabei, das begonnene, interessante Gespräch -darüber, wie man die Dienstleute beschenken solle, fortsetzend, -»allein« -- - -»So viel es möglich ist, Geld,« sagten wie mit einer Stimme die Fürstin -und Kity. »Sie schätzen das.« - -»Nun, ich habe beispielsweise im vergangenen Jahre unserer Matrjona -Ssemjonowna ein Kleid gekauft,« sprach die Fürstin. - -»Ich besinne mich, zu Eurem Geburtstage ging sie darin.« - -»Ein reizendes Muster -- so einfach und fein. Ich hätte es mir selbst -machen lassen, wenn es nicht ihr gehört hätte; -- so, wie das von -Warenka war es. So hübsch und billig.« - -»Jetzt scheint es fertig zu sein,« sagte Dolly, den Syrup vom Löffel -laufen lassend. - -»Wenn Kringel werden, ist es gut. Kocht noch weiter, Agathe -Michailowna.« - -»Diese Fliegen,« antwortete Agathe Michailowna gereizt. - -»O, wie niedlich, verjagt ihn nicht!« sprach Kity plötzlich, auf einen -Spatz blickend, der sich auf dem Geländer niedergesetzt hatte und das -Mark einer Himbeere zu picken begann. - -»Ja, aber du mußt etwas weiter vom Kohlenbecken weg,« sprach die Mutter. - -»=A propos de Warenka=,« begann Kity französisch, wie sie stets -sprachen, damit Agathe Michailowna sie nicht verstehe. »Ihr wißt, -=maman=, daß ich heute aus gewissen Gründen eine Entscheidung erwarte. -Ihr versteht wohl, welche. Wie schön wäre das!« - -»Ah, welch meisterhafte Freibewerberin du bist,« sprach Dolly, »wie sie -behutsam und geschickt die Leute zusammenführt.« - -»Nun, =maman=, sagt doch, was Ihr dazu meint!« - -»Was soll ich meinen? Er« -- unter dem Er verstand man Sergey -Iwanowitsch -- »konnte stets die erste Partie in Rußland machen, er ist -zwar jetzt nicht mehr so jung, aber gleichwohl, ich weiß es, würden ihn -auch jetzt noch viele Frauen nehmen. Sie ist sehr gut, aber er könnte -doch« -- - -»Nein, seht nur erst ein, =maman=, warum etwas Besseres für ihn, wie -für sie nicht zu denken ist. Erstens -- sie ist eine Schönheit!« sprach -Kity, einen Finger ausstreckend. - -»Sie gefällt ihm sehr, das ist wahr,« bestätigte Dolly. - -»Dann nimmt er eine solche Stellung in der Welt ein, daß ihm ein -Vermögen, ein Stand in der Welt für seine Frau ganz und gar nicht -erforderlich ist. Ihm ist Eins nur nötig -- ein gutes, liebevolles -ruhiges Weib.« - -»Jawohl, und mit ihr kann man ruhig leben,« bestätigte Dolly. - -»Drittens; sie muß ihn lieben! So ist es ja auch -- und soweit wäre -alles ganz gut. Ich erwarte, daß sie aus dem Walde kommen und alles -entschieden ist. Ich werde es sogleich an ihren Augen erkennen; und -würde mich so sehr freuen! Wie denkst du darüber, Dolly?« - -»Rege dich nur nicht auf. Du darfst dich durchaus nicht erregen,« sagte -die Mutter. - -»Aber ich rege mich ja gar nicht auf, =maman=; mir scheint nur, daß er -heute seinen Antrag machen wird.« - -»Ach; es ist so seltsam, wenn ein Mann eine Liebeserklärung macht. Erst -ist so eine Scheidewand vorhanden, und plötzlich ist sie durchbrochen,« -sagte Dolly, gedankenvoll lächelnd und sich an die Vergangenheit mit -Stefan Arkadjewitsch erinnernd. - -»Mama, wie hat Euch denn Papa seine Liebeserklärung gemacht?« frug Kity -plötzlich. - -»Es war nichts Außergewöhnliches dabei, sehr einfach,« antwortete die -Fürstin, aber ihr ganzes Gesicht erglänzte bei dieser Erinnerung. - -»Nun, wie denn? Ihr habt ihn doch geliebt, bevor Euch noch erlaubt war, -mit ihm zu sprechen.« - -Kity fand einen eigenen Reiz darin, mit ihrer Mutter jetzt wie mit -einer Gleichgestellten über diese höchsten Fragen des Frauenlebens -sprechen zu können. - -»Versteht sich, liebte er mich! Er kam zu uns auf das Land.« - -»Aber wie entschied es sich? Mama?« - -»Du denkst wahrscheinlich, daß ihr beide euch etwas Neues ausgedacht -hättet? Es war ganz dieselbe Geschichte; mit Blicken und Lächeln« -- - -»Wie Ihr das so schön ausgesprochen habt, =maman=! Ja, die Augen, das -Lächeln,« bestätigte Dolly. - -»Aber welche Worte sprach er denn?« - -»Was für Worte hat dir dein Konstantin gesagt?« - -»Er schrieb sie mit Kreide. Es war wunderbar. Wie weit scheint mir dies -schon dahinten zu liegen,« antwortete Kity. - -Die drei Frauen sannen jetzt über ein und dasselbe nach. Kity brach -zuerst wieder das Schweigen. Der ganze letzte Winter vor ihrer -Verheiratung, ihre Leidenschaft für Wronskiy kam ihr wieder ins -Gedächtnis. - -»Aber noch Eins -- jene frühere Leidenschaft Warenkas,« sagte sie, -in einem natürlichen Gedankengang sich dessen erinnernd. »Ich wollte -Sergey Iwanowitsch schon irgendwie Mitteilung machen, ihn vorbereiten. -Sie sind ja alle Männer,« fügte sie hinzu, »und entsetzlich -eifersüchtig auf unsere Vergangenheit.« - -»Nicht alle,« antwortete Dolly, »du urteilst so nach deinem Manne; der -martert sich noch jetzt ab in der Erinnerung an Wronskiy. Nicht wahr? -Habe ich nicht recht?« - -»Du hast recht,« antwortete Kity, gedankenvoll mit den Augen lächelnd. - -»Ich weiß nun nicht,« fuhr die Fürstin fort, ihre mütterliche Obhut -für die Tochter wieder übernehmend, »was eigentlich in deiner -Vergangenheit ihn stören könnte? Daß Wronskiy dir den Hof machte? Das -passiert jedem jungen Mädchen.« - -»Ach, sprechen wir nicht davon,« sagte Kity errötend. - -»Nein, gestatte,« fuhr die Mutter fort, »du selbst wolltest mir ja -nicht gestatten, mit Wronskiy Rücksprache zu nehmen. Weißt du noch?« - -»Ach, Mama!« sagte Kity mit einem Ausdruck von Leiden. - -»Deine Beziehungen zu ihm konnten ja nicht weitergehen als sie durften; -ich selbst würde ihn noch ermutigt haben. Doch im übrigen, liebe Seele, -taugt es nicht für dich, wenn du dich erregst. Denke, bitte, hieran, -und beruhige dich.« - -»Ich bin vollkommen ruhig, =maman=.« - -»Wie war es doch zum Glück damals für Kity, daß Anna kam,« sagte -Dolly, »und wie verhängnisvoll wurde das für sie selbst. Da haben wir -es gerade umgekehrt,« fügte sie hinzu, betroffen über ihren eigenen -Gedanken. »Damals war Anna so glücklich und Kity hielt sich für -unglücklich. Welch ein völliger Umschlag! Ich denke oft an sie.« - -»Das wäre das Weib, an welches man denken dürfte! Ein häßliches, -ausschweifendes Weib ohne Herz,« sprach die Mutter, welche nicht -vergessen konnte, daß Kity nicht einen Wronskiy, sondern einen Lewin -geheiratet hatte. - -»Was ist es für ein Vergnügen, hiervon zu sprechen,« fuhr Kity voll -Verdruß fort, »ich denke nicht daran und will nicht daran denken. Ich -will nicht daran denken,« sprach sie, dabei dem wohlbekannten Klang der -Schritte ihres Mannes auf den Stufen zur Terrasse lauschend. - -»Wovon ist denn die Rede >ich will nicht daran denken?<« frug Lewin, -die Terrasse betretend. - -Niemand antwortete ihm, und er wiederholte seine Frage nicht. - -»Ich bedaure, euer Frauenreich gestört zu haben,« sprach er, -mißvergnügt alle anblickend und wohl gewahrend, daß man über etwas -gesprochen hatte, wovon man in seiner Gegenwart nicht geredet haben -würde. - -Einen Augenblick empfand er, daß er die Gefühle Agathe Michailownas -teile, die Unzufriedenheit darüber, daß man die Himbeeren ohne Wasser -einkoche, und über den fremdartigen Einfluß der Schtscherbazkiy. Er -lächelte aber doch und trat zu Kity. - -»Nun, wie befindest du dich?« frug er sie, mit dem gleichen Ausdruck -auf sie blickend, mit welchem sich ihr jetzt alle zuwandten. - -»Oh; ich befinde mich recht wohl,« sagte Kity lächelnd, »und wie geht -es bei dir?« - -»Man fährt dreimal mehr, als der Wagen aushält. Aber wollen wir zu den -Kindern hinausfahren? Ich habe anspannen lassen.« - -»Wie, willst du Kity im Wagen ausfahren?« frug die Mutter vorwurfsvoll. - -»Wir fahren natürlich Schritt, Fürstin.« - -Lewin nannte die Fürstin nie =maman=, wie das sonst Schwiegersöhne -thun, und dies war der Fürstin unangenehm, aber wenn er die Fürstin -auch sehr lieb hatte und achtete, konnte er sie doch nicht so nennen, -ohne die Empfindungen für seine dahingeschiedene Mutter zu entweihen. - -»Fahret mit uns, =maman=,« sagte Kity. - -»Ich will diese Unüberlegtheit nicht mit ansehen.« - -»Dann gehe ich zu Fuß. Ich befinde mich ja ganz wohl.« Kity erhob sich, -trat zu ihrem Gatten und nahm dessen Arm. - -»Ganz wohl, aber alles mit Maßen« -- bemerkte die Fürstin. - -»Nun, Agathe Michailowna, ist das Eingemachte fertig?« sagte Lewin -lächelnd zu Agathe Michailowna, mit dem Wunsche sie heiter zu stimmen. -»Geht es gut nach der neuen Mode?« - -»Muß wohl; es geht gut. Nach meiner Meinung ist es fertig.« - -»Es ist besser so, Agathe Michailowna; das Eingemachte wird nicht sauer -und bei uns ist das Eis jetzt ohnehin schon gethaut, so daß es keinen -Platz zum Aufbewahren giebt,« sagte Kity, sogleich die Absicht ihres -Mannes durchschauend und sich in der nämlichen Absicht an die Alte -wendend. »Übrigens ist Euer Pökel so gut, daß Mama behauptet, ihn noch -nirgends so gegessen zu haben,« fügte sie hinzu, sich lächelnd einen -Zopf ordnend. - -Agathe Michailowna blickte grollend Kity an. - -»Ihr braucht mich nicht zu trösten, Herrin; ich beurteile Euch, wie er, -und befinde mich wohl dabei« -- sprach sie; der rauhe Ausdruck »er« -statt »der Herr« verletzte Kity. - -»Wir wollen zusammen nach Pilzen gehen, Ihr könnt uns die Plätze -zeigen.« Agathe Michailowna lächelte kopfschüttelnd, als wollte sie -sagen »wenn ich Euch auch gern gram sein möchte, so kann ich es doch -nicht.« - -»Handelt, bitte, nach meinem Rate,« sprach die alte Fürstin, »über das -Eingemachte legt Ihr ein Papier und feuchtet es mit Rum an; auch ohne -Eis wird alsdann niemals ein Kahm darauf kommen.« - - - 3. - -Kity war herzlich froh über die Gelegenheit, mit ihrem Gatten einmal -Auge in Auge allein sein zu können, da sie bemerkt hatte, wie ein -Schatten der Verstimmung über sein Alles so lebhaft ausdrückendes -Gesicht huschte, im Augenblicke da er die Terrasse betreten und man -ihm, als er gefragt hatte, wovon man spreche, nicht antwortete. - -Als sie zu Fuß den anderen vorausgingen und außer Sehweite des Hauses -den ausgefahrenen, staubigen und mit Kornähren und Körnern überstreuten -Weg hinausschritten, stützte sie sich fester auf seinen Arm und preßte -denselben an sich. - -Er hatte jenen momentanen, unangenehmen Eindruck bereits vergessen, -und empfand, in der Einsamkeit mit ihr, jetzt, da ihn der Gedanke an -ihre Schwangerschaft keinen Augenblick verließ, jene ihm noch neue, -freudige, vollkommen von Sinnenlust freie Befriedigung in der Nähe des -geliebten Weibes. - -Zu sprechen war nichts, aber ihn verlangte es, den Ton ihrer Stimme zu -hören, die sich ebenso wie ihr Blick, jetzt in ihrer Schwangerschaft -verändert hatte. In ihrer Stimme wie in ihrem Blicke war eine -Weichheit, ein Ernst, ähnlich jener, die bei Leuten vorhanden zu sein -pflegt, die beständig auf ein einzelnes geliebtes Werk konzentriert -sind. - -»Du wirst doch nicht müde werden? Stütze dich fester,« sagte er. - -»Nein, ich bin so froh über die Gelegenheit, mit dir einmal allein zu -sein, und gestehe dir, daß mir, so wohl mir auch in ihrer Gesellschaft -ist, doch unsere Winterabende zu Zweien recht leid thun.« - -»Es war schön, doch dies ist noch besser. Wir beide sind besser daran,« -sagte er, ihren Arm drückend. - -»Du weißt, wovon wir sprachen, als du eintratest?« - -»Von dem Eingemachten?« - -»Ja, auch von dem Eingemachten, dann aber davon, wie man einen -Heiratsantrag macht.« - -»Ah,« sagte Lewin, mehr den Klang ihrer Stimme hörend, als die Worte -die sie sprach, und fortwährend auf den Weg Bedacht nehmend, der jetzt -im Walde hinführte und diejenigen Stellen vermeidend, die sie nicht -sicher hätte betreten können. - -»Auch von Sergey Iwanowitsch und Warenka. Du hast wohl bemerkt? -- Ich -wünschte es sehr,« fuhr sie fort, »wie denkst du darüber?« Sie blickte -ihm ins Gesicht. - -»Ich weiß nicht, was man da denken muß,« antwortete Lewin und lächelte. -»Sergey erscheint mir in dieser Beziehung sehr seltsam. Ich habe dir -wohl erzählt« -- - -»Daß er jenes Mädchen, welches gestorben ist, geliebt hatte« -- - -»Das war der Fall, als ich noch ein Kind war. Ich kenne dies nur aus -der Überlieferung, kann mich aber noch auf ihn damals besinnen. Er war -wunderbar liebenswert. Seit jener Zeit beobachte ich ihn im Umgang mit -den Frauen; er ist liebenswürdig, manche gefallen ihm auch, aber man -fühlt, daß sie für ihn einfach nur Menschen sind, keine Weiber.« - -»Ja, aber jetzt mit Warenka. Es scheint, daß doch etwas« -- - -»Kann sein, daß dem so ist -- doch muß man ihn eben erst kennen lernen; -er ist ein absonderlicher und wunderlicher Mensch. Er lebt nur ein -geistiges Leben und ist ein Mensch von allzu reinem und erhabenem -Gemüt.« - -»Wie? Sollte ihn denn etwa ein solches Verhältnis erniedrigen?« - -»Nein; aber er ist so daran gewöhnt, ein einsames Geistesleben zu -führen, daß er sich mit der Wirklichkeit nicht vertragen kann, und -Warenka ist doch immerhin eine Wirklichkeit.« - -Lewin war jetzt schon gewohnt, seine Gedanken frei auszusprechen, ohne -sich zu bemühen, dieselben dabei in präcise Worte zu kleiden, er wußte, -daß sein Weib in den Minuten der Liebe, sowie auch jetzt schon aus der -Andeutung verstehen würde, was er sagen wollte, und Kity verstand ihn -auch. - -»Ja; aber in ihr ist doch nicht diese Wirklichkeit, wie in mir; ich -verstehe; daß er mich wohl niemals hätte liebgewinnen können; sie -hingegen ist ganz Gemüt.« - -»O nein; er liebt dich sehr, und mir ist es stets so angenehm, wenn die -Meinigen dich lieb haben.« - -»Ja; er ist gut gegen mich, aber« -- - -»-- nicht so, wie mit dem verstorbenen Nikolay; ihr habt einander -liebgewonnen,« vollendete Lewin. »Weshalb sollte ich das nicht sagen?« -fügte er hinzu, »ich mache mir manchmal Vorwürfe, und das hört erst -damit auf, daß man vergißt. O, welch ein furchterweckender, und doch -reizvoller Mensch war er! Doch wovon sprachen wir?« sagte Lewin, -nachdem er eine Weile geschwiegen hatte. - -»Du denkst, daß er nicht zu lieben vermag,« sagte Kity, in ihre Sprache -übersetzend. - -»Nicht, daß er nicht lieben könnte,« antwortete Lewin lächelnd, »aber -er besitzt nicht die Schwäche, die dazu nötig ist -- ich habe ihn stets -beneidet und selbst jetzt, wo ich doch so glücklich bin, beneide ich -ihn noch darum.« - -»Du beneidest ihn, weil er nicht lieben kann?« - -»Ich beneide ihn darum, daß er besser ist, als ich,« antwortete Lewin -lächelnd. »Er lebt nicht für sich; sein ganzes Leben ist der Pflicht -geweiht, und infolge dessen kann er ruhig und zufrieden sein.« - -»Und du?« frug Kity mit schelmischem, liebevollem Lächeln. - -Sie konnte nicht im entferntesten den Gedankengang ausdrücken, der sie -lächeln machte; aber das letzte Resultat desselben war dies, daß ihr -Gatte, von seinem Bruder entzückt, und sich vor demselben herabsetzend, -nicht mehr aufrichtig blieb. - -Kity wußte, daß diese Heuchelei seinerseits von der Liebe zu dem Bruder -herrührte, von dem Gefühl seiner Besorgtheit darüber, daß er allzu -glücklich sei, und insbesondere seinem Wunsche, der ihn nie verließ, -besser zu sein. Sie liebte dies an ihm und lächelte daher. - -»Und du? Womit bist du unzufrieden?« frug sie mit dem nämlichen Lächeln. - -Ihr Mißtrauen seiner Unzufriedenheit mit sich selbst gegenüber, -erfreute ihn und ohne Besinnen forderte er sie heraus, ihm die Ursachen -ihres Mißtrauens mitzuteilen. - -»Ich bin glücklich, aber mit mir nicht zufrieden,« sprach er. - -»So kannst du also unzufrieden sein, wenn du glücklich bist?« - -»Wie soll ich sagen. Ich wünsche in meinem Herzen nichts, als daß du -nicht strauchelst; so darf man natürlich nicht springen!« brach er das -Gespräch ab, mit einem Vorwurf, weil sie eine zu schnelle Bewegung -gemacht hatte, indem sie über einen auf dem Fußwege liegenden Ast -weggestiegen war, »wenn ich über mich Betrachtungen anstelle und mich -mit anderen vergleiche, besonders mit meinem Bruder, dann fühle ich, -daß ich ein Nichts bin.« - -»Aber inwiefern denn?« fuhr Kity noch mit dem nämlichen Lächeln fort, -»wirkst du etwa nicht auch für andere? Und deine Meiereien, deine -Ökonomie, dein Buch?« - -»Nein; ich fühle es namentlich jetzt -- und du bist schuld daran,« -sagte er, ihr den Arm pressend, »daß dem eben nicht so ist. Ich arbeite -nur so leichthin. Wenn ich all dieses Wirken lieben könnte, wie ich -dich liebe -- aber so habe ich die ganze letzte Zeit gearbeitet, wie -nach einer mir aufgegebenen Lektion.« - -»Und was würdest du da über Papa sagen,« frug Kity; »er ist jedenfalls -auch nichts wert, weil er nichts für das Allgemeine gewirkt hat.« - -»Er? Nein. Aber man muß jene Natürlichkeit, Klarheit, Güte besitzen, -wie dein Vater. Habe ich die etwa? Ich arbeite nicht, ich quäle mich -nur, und alles das hast du mir zugefügt! Wärest du nicht gewesen, so -wäre auch das da noch nicht,« sagte er, mit einem Blick auf ihren -Körper, den sie verstand, »so würde ich alle meine Kräfte auf die -Arbeit verwenden; jetzt aber kann ich dies nicht, und darüber ist mir -das Herz schwer; ich arbeite wie man eine aufgegebene Lektion lernt, -ich heuchle« -- - -»Nun, dann würdest du dich sogleich mit Sergey Iwanowitsch -ausgewechselt wünschen,« sagte Kity. »Würdest wünschen, jene -gemeinnützige Thätigkeit betreiben, und jene aufgegebene Lektion lieben -zu können, wie er sie liebt, und weiter nichts?« - -»Natürlich nicht,« antwortete Lewin. »Im übrigen bin ich ja so -glücklich, daß ich nichts weiter begreife. Du denkst also, daß er ihr -heute schon seinen Antrag machen wird?« fügte er nach einer Pause hinzu. - -»Ich denke, vielleicht aber wird er's auch nicht. Jedenfalls wünsche -ich es aufs Sehnlichste. Da, halt« -- sie beugte sich nieder und -pflückte am Rande des Weges eine wilde Kamille ab. »Nun zähle: Entweder -erklärt er sich heute, oder er erklärt sich nicht,« sprach sie und -reichte ihm die Blume. - -»Er thut es, er thut es nicht,« sagte Lewin, die weißen, schmalen -langen Blätter abreißend. - -»Nein, nein!« hemmte ihn Kity jetzt, seine Hand erfassend, nachdem sie -seinen Fingern voll Erregung gefolgt war. »Du hast zwei abgerissen!« - -»Nun, dafür kommt dann dieses kleine hier nicht mit in Anrechnung,« -antwortete Lewin, ein kurzes, noch nicht entwickeltes Blättchen -abpflückend, »doch da hat uns der Wagen erreicht.« - -»Bist du nicht ermüdet Kity!« rief die Fürstin. - -»Nicht im geringsten!« - -»So setze dich doch in den Wagen, wenn die Pferde ruhig sind, und fahrt -Schritt.« - -Doch in den Wagen zu steigen, hätte keinen Zweck mehr gehabt; man war -schon dem Ziel nahe und alles ging zu Fuß weiter. - - - 4. - -Warenka mit ihrem weißen Tuch auf dem schwarzen Haar, von den Kindern -umringt, und gutherzig und heiter mit ihnen beschäftigt, erschien, -augenscheinlich aufgeregt durch die Möglichkeit einer Erklärung mit dem -Manne, welcher ihr gefallen hatte, sehr anziehend. - -Sergey Iwanowitsch schritt neben ihr hin und ließ nicht nach, ihr -Aufmerksamkeiten zu erweisen. Sie anblickend, rief er sich alle die -freundlichen Worte ins Gedächtnis zurück, die er von ihr vernommen -hatte, alles, was er von ihr Gutes wußte, und erkannte dabei immer mehr -und mehr, daß das Gefühl, welches er für sie empfand, ein gewisses -besonderes war, das er schon lange vorher nur einmal gehegt hatte in -seiner ersten Jugend. Das Gefühl der Freude über ihre Nähe wurde immer -stärker, und ging so weit, daß er, als er ihr einen von ihm gefundenen -Birkenschwamm auf dünnem Stengel in ihren Korb gab, und die Röte der -freudigen und zugleich ängstlichen Aufregung gewahrte, die ihr Gesicht -überdeckte, selbst in Verwirrung geriet, und ihr schweigend zulächelte, -in einer Weise, die nur zu sprechend war. - -»Wenn dem so ist,« sagte er zu sich, »muß ich erwägen und mich -entscheiden, aber mich nicht wie ein Knabe der Verleitung des -Augenblickes hingeben. Ich werde jetzt abgesondert von allen, Pilze -suchen gehen, da sonst meine Ausbeute nicht bemerkenswert ausfallen -wird,« sprach er und ging allein vom Rande des Waldes, an welchem -sie auf dem seidenartigen, niedrigen Grase zwischen vereinzelten -alten Birken hingeschritten waren, nach der Mitte des Waldes zu, wo -zwischen den weißen Birkenstämmen graue Eschen und dunkle Nußbüsche -schimmerten. Nachdem er vierzig Schritt abseits gegangen war und einen -in voller Blüte rosenrot prangenden Busch erreicht hatte, blieb Sergey -Iwanowitsch stehen, da er wußte, daß man ihn nicht mehr sehen könne. - -Rings um ihn herrschte vollkommene Stille. Nur im Wipfel der Birken, -unter welchen er stand, summten gleich einem Bienenschwarm, ohne zu -verstummen, die Fliegen, und vereinzelt klangen auch die Stimmen -der Kinder bis zu ihm. Plötzlich, unweit des Waldrandes, erklang -die Altstimme Warenkas, die Grischa rief, und ein freudiges Lächeln -trat auf die Züge Sergey Iwanowitschs. Seines Lächelns inne werdend, -schüttelte er mißbilligend den Kopf über seinen Zustand, holte das -Cigarrenetuis hervor und begann zu rauchen. Lange gelang es ihm -nicht, das Zündholz an einem Fichtenstamm in Brand zu setzen. Eine -feine Schicht der weißen Rinde haftete auf dem Phosphor und das Feuer -erlosch. Endlich brannte eines der Zündhölzer und der duftige Rauch -der Cigarre verbreitete sich wie ein hin und her wallendes, breites -Tischtuch scharfbegrenzt vor- und rückwärts über dem Busch unter den -herniederhängenden Zweigen der Birke. Mit den Augen den Streifen des -Rauches folgend, ging Sergey Iwanowitsch leisen Schrittes weiter, über -seine seelische Verfassung nachdenkend. - -»Warum sollte ich nicht?« dachte er. »Wäre es ein Strohfeuer oder -ein leidenschaftlicher Rausch, fühlte ich nur diese Neigung, diese -wechselseitige Neigung -- ich kann sagen >wechselseitige< -- und fühlte -ich dabei, daß sie im Widerspruch mit meiner ganzen Art zu leben -- -fühlte ich, daß ich in der Hingabe an diese Neigung meinen Beruf, meine -Pflicht verletzte, -- aber dies ist nicht der Fall! Das Einzige, was -ich dagegen sagen kann, ist dies, daß ich, als ich Maria verlor, mir -sagte, ich wollte ihrem Angedenken getreu bleiben. Dies Eine nur kann -ich gegen mein Gefühl einwenden; >und das ist wichtig,<« sagte Sergey -Iwanowitsch zu sich, zugleich dabei empfindend, daß dieser Gedanke -für ihn persönlich keine Bedeutung weiter habe, als die, daß er etwa -in den Augen anderer Leute seine poetische Rolle verdarb. »Abgesehen -hiervon, werde ich, soviel ich auch suchen mag, nichts finden, was ich -gegen meine Empfindung einzuwenden hätte. Hätte ich allein mit meinem -Verstande gewählt, ich könnte nichts Besseres finden.« - -So viele Frauen und Mädchen aus seiner Bekanntschaft er sich auch -vergegenwärtigen mochte, er konnte sich keiner Jungfrau erinnern, die -bis zu solchem Grade alle, gerade alle diejenigen Eigenschaften in sich -vereinigte, welche er bei kühler Beurteilung einmal in seinem Weibe zu -sehen gewünscht hätte. - -Sie besaß den ganzen Reiz und die Frische der Jugend, war aber kein -Kind mehr, und wenn sie ihn liebte, liebte sie ihn mit Bewußtsein, so -wie ein Weib lieben muß. Dies war das Eine. - -Ein Zweites lag darin, daß sie nicht nur der Weltlichkeit fern stand, -sondern offenbar einen Ekel vor der Welt empfand, sie zugleich aber -doch kannte, und alle die Manieren der Frau aus der guten Gesellschaft -besaß, ohne welche für Sergey Iwanowitsch eine Lebensgefährtin -undenkbar war. - -Ein Drittes bestand darin, daß sie religiös war; doch nicht wie ein -Kind, religiös, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, und gut wie -beispielsweise Kity; sondern ihr Leben war auf religiösen Überzeugungen -begründet. Selbst bis auf Kleinigkeiten fand Sergey Iwanowitsch in ihr -alles, was er von einer Frau wünschte; sie war arm und stand allein; so -daß sie keinen Haufen von Verwandten und deren Einfluß mit in das Haus -des Mannes schleppte, so, wie er das bei Kity sah; sie mußte vielmehr -ihrem Gatten in allem verpflichtet sein, was er auch immer für sein -künftiges Familienleben gewünscht hätte. - -Und dieses Mädchen nun, welches alle jene Eigenschaften in sich -vereinte, liebte ihn. Er war bescheiden, mußte dies aber doch -wahrnehmen -- und liebte sie wieder. -- Den einzigen Gegengrund -bildeten seine Jahre. Doch seine Konstitution war dauerhaft, er hatte -noch kein einziges graues Haar, niemand maß ihm vierzig Jahre bei und -er entsann sich, daß Warenka gesagt hatte, nur in Rußland hielten sich -die Leute von fünfzig Jahren für Greise, während sich in Frankreich -der fünfzigjährige Mann »=dans la force de l'âge=« erachte, ja, der -vierzigjährige als »=un jeune homme=«. - -Aber was bedeutete die Altersrechnung, da er sich jung an Geist fühlte, -so wie er es vor zwanzig Jahren gewesen? War denn nicht Jugend das -Gefühl, welches er jetzt empfand, da er, auf der anderen Seite wieder -zu dem Rande des Waldes hinaustretend, im hellen Glanz der schrägen -Sonnenstrahlen die graziöse Gestalt Warenkas im gelben Kleid und -mit dem Körbchen, leichten Schrittes an dem Stamm einer alten Birke -vorüberschreitend erblickte, und der Eindruck dieser Erscheinung -Warenkas in Eins zusammenfloß mit dem ihn durch seine Schönheit -frappierenden Anblick des von den schrägen Lichtstrahlen übergossenen, -gelbschimmernden Haferfeldes und des alten fernen Waldes hinter dem -Felde, der, mit Gelb ins Bunte spielend, in blauer Ferne verschwamm? - -Sein Herz zog sich zusammen vor Lust, ein Gefühl des Friedens überkam -ihn, und er empfand, daß er einen Entschluß gefaßt hatte. - -Warenka, welche sich soeben niedergelassen hatte, um einen Pilz -aufzunehmen, erhob sich mit schneller Bewegung und schaute sich um. -Die Cigarre wegwerfend, begab sich Sergey Iwanowitsch mit schnellen -Schritten auf sie zu. - - - 5. - -»Barbara Andrejewna, als ich noch sehr jung war, hatte ich mir ein -Ideal vom Weib gebildet, wie ich es einmal lieben wollte und welches -mein Weib nennen zu können, ich glücklich sein würde. Ich habe nun ein -langes Leben gelebt und begegne jetzt zum erstenmal dem, was ich suche, -in Euch. Ich liebe Euch und trage Euch meine Hand an.« -- - -Sergey Iwanowitsch hatte dies zu sich selbst gesagt, während er noch -zehn Schritte von Warenka entfernt war. Auf den Knieen liegend, und mit -den Händen einen Pilz vor Grischa schützend, rief sie die kleine Mascha. - -»Hierher, hierher; ihr Kleinen! Hier sind viel!« rief sie mit ihrer -milden Bruststimme. - -Als sie den Sergey Iwanowitsch herankommen sah, erhob sie sich nicht, -veränderte auch ihre Stellung nicht; alles aber sagte ihm, daß sie sein -Kommen fühle und sich dessen freue. - -»Habt Ihr denn etwas gefunden?« frug sie unter ihrem weißen Tuch -hervor, ihm das schöne, ruhig lächelnde Antlitz zukehrend. - -»Nicht einen einzigen,« sagte Sergey Iwanowitsch, »und Ihr?« - -Sie antwortete ihm nicht, mit den Kindern beschäftigt, die sie -umringten. - -»Noch diesen, neben dem Zweige da,« wies sie der kleinen Mascha einen -kleinen eßbaren Erdschwamm, dessen elastischer roter Hut quer von einem -trockenen Grase durchschnitten war, unter dem er sich hervorgemacht -hatte. - -Warenka erhob sich, als Mascha den Pilz, den sie in zwei Hälften -zerbrochen hatte, aufgenommen hatte. - -»Dies ruft mir meine eigene Kindheit ins Gedächtnis,« fügte sie hinzu, -an der Seite Sergey Iwanowitschs von den Kindern hinwegschreitend. - -Sie gingen schweigend einige Schritte. Warenka sah, daß er sprechen -wollte; sie vermutete auch, was, und erstarrte fast in freudiger -Erregung und Angst. Beide waren so weit hinweg geschritten, daß sie -niemand mehr vernehmen konnte, aber noch begann er nicht zu sprechen. -Für Warenka wäre es besser gewesen, zu schweigen. Nach einigem -Stillschweigen war es leichter, das zu sagen, was sie sagen wollte, -als nach den Worten über die Pilze, aber gegen ihren Willen, gleichsam -wider Erwarten, sprach sie: - -»So habt Ihr also nichts gefunden? Inmitten des Waldes giebt es -allerdings stets weniger.« - -Sergey Iwanowitsch seufzte und erwiderte nichts. Es war ihm -verdrießlich, daß sie wieder von den Pilzen anfing. Hatte er sie doch -auf ihre ersten Worte, die sie über ihre Kindheit gesagt hatte, führen -wollen. Gleichsam wider seinen Willen, äußerte er nun, nachdem er -einige Zeit geschwiegen, eine Bemerkung zu ihren letzten Worten. - -»Ich habe nur gehört, daß die weißen vorzugsweise am Rande stehen, -obwohl ich den weißen nicht zu unterscheiden verstehe.« - -Wieder vergingen einige Minuten; sie gingen noch weiter von den Kindern -hinweg und waren jetzt vollständig allein. Das Herz Warenkas pochte so -stark, daß sie seine Schläge vernahm, und empfand, daß sie errötete, -blaß wurde und wieder errötete. - -Die Frau eines Mannes wie Koznyscheff zu sein, nach ihrer Stellung -bei Madame Stahl, erschien ihr als Gipfel des Glücks. Dann aber war -sie auch fest überzeugt, daß sie ihn liebe; und dies sollte nun bald -entschieden werden. Ihr war furchtbar zu Mut; furchtbar, daß er -sprechen würde, furchtbar, daß er nicht sprach. - -Jetzt oder nie mußte man sich erklären; und dies empfand auch Sergey -Iwanowitsch. Alles, im Blick, in der Röte ihres Gesichts, in den -niedergeschlagenen Augen Warenkas, zeigte ihm ihre schmerzliche -Erwartung. Sergey Iwanowitsch sah es und empfand Mitleid mit ihr. Er -fühlte sogar, daß es sie bedeutend verletzt haben würde, wenn er jetzt -nicht sprach. Er wiederholte nun schnell im Geiste die Gründe, die -für seinen Entschluß sprachen, er wiederholte die Worte, mit welchen -er seinen Antrag ausdrücken wollte; anstatt dieser Worte aber frug er -infolge einer ihn unerwartet überkommenden Idee plötzlich: - -»Welcher Unterschied ist denn zwischen einem weißen Pilz und einem -Birkenschwamm?« - -Die Lippen Warenkas bebten vor Erregung, als sie antwortete: »In den -Köpfen ist fast gar kein Unterschied, nur im Stengel.« - -Und kaum waren diese Worte gesagt, so hatte er wie sie erkannt, daß -alles vorüber war; daß das, was hätte gesagt werden müssen, nun nicht -gesagt werden würde, und die gemeinsame Erregung, die auf den höchsten -Grad gestiegen war, begann sich zu legen. - -»Der Birkenpilz -- sein Stengel -- erinnert an einen seit zwei Tagen -nicht rasierten Bart eines Brünetten,« sagte Sergey Iwanowitsch, schon -ruhig geworden. - -»Ja, es ist wahr,« antwortete Warenka lächelnd; unwillkürlich hatte -sich die Richtung ihrer Promenade verändert. Sie begannen sich den -Kindern wieder zu nähern. Warenka war es schmerzlich zu Mute, und -sie empfand Scham, zugleich aber auch verspürte sie ein Gefühl der -Erleichterung. - -Als Sergey Iwanowitsch heimgekehrt war und alle seine Beweisgründe -wiederum durchmusterte, fand er, daß er falsch spekuliert hatte. Er -konnte an dem Gedächtnis Marias nicht Verrat üben. - -»Stiller, Kinder, seid stiller!« rief Lewin fast zornig den Kindern zu, -vor seinem Weibe stehend, um es zu schützen, als der Haufe der Kinder -mit Freudengeschrei ihnen entgegenflog. - -Nach den Kindern war auch Sergey Iwanowitsch mit Warenka aus dem Walde -gekommen. Kity brauchte Warenka nicht zu fragen; an dem ruhigen und -etwas kühlen Ausdruck auf beider Gesichtern erkannte sie, daß sich ihre -Pläne nicht verwirklicht hatten. - -»Nun, wie steht es?« frug ihr Gatte sie, als sie wieder nach Hause -zurückgekehrt waren. - -»Er nimmt sie nicht,« sagte Kity, in Lächeln und Sprachweise an den -Vater gemahnend, was Lewin häufig mit Vergnügen an ihr wahrnahm. - -»Warum sollte er nicht?« -- - -»So steht es,« sprach sie, die Hand des Gatten ergreifend, sie an ihren -Mund führend und mit geschlossenen Lippen berührend; »so wie man die -Hand des Priesters küßt.« - -»Wer aber mag denn wohl nicht?« sagte er lachend. - -»Beide. -- Sie müßten so hier« -- - -»Es kommen Bauern vorüber« -- - -»Sie haben nichts gesehen.« -- - - - 6. - -Während die Kinder den Thee erhielten, saßen die Erwachsenen auf dem -Balkon und unterhielten sich, als sei nichts vorgefallen, obwohl doch -alle und insbesondere Sergey Iwanowitsch und Warenka, recht gut wußten, -daß sich ein wenn auch negativer, so doch sehr wichtiger Umstand -ereignet hatte. - -Sie empfanden beide das nämliche Gefühl, ähnlich dem, welches wohl -ein Schüler haben mag, der nach einem mißglückten Examen in der alten -Klasse zurückgeblieben, oder für immer aus der Anstalt ausgewiesen -worden ist. Alle Anwesenden, gleichfalls empfindend, daß etwas -geschehen sei, sprachen lebhaft von Nebendingen. - -Lewin und Kity fühlten sich besonders glücklich und liebeerfüllt an -diesem Abend. Daß sie glücklich waren in ihrer Liebe, das schloß -freilich einen unangenehmen Wink für diejenigen in sich, welche es -ebenfalls sein wollten und nicht konnten -- und hieraus machten sie -sich ein Gewissen. - -»Denkt an mein Wort, =Alexandre= wird nicht kommen,« sagte die alte -Fürstin. - -Am heutigen Abend erwartete man Stefan Arkadjewitsch von der Bahn, und -auch der alte Fürst hatte geschrieben, daß er vielleicht gleichfalls -kommen werde. - -»Ich weiß, woher es kommt,« fuhr die Fürstin fort, »er sagt, man müsse -junge Leute in der ersten Zeit allein lassen.« - -»So hat Papa auch uns gelassen. Wir haben ihn noch nicht -wiedergesehen,« sagte Kity, »und was wären wir denn für junge Eheleute? -Wir sind doch schon so alt!« - -»Nun, wenn er nicht kommt, muß ich euch verlassen, Kinder,« sprach die -Fürstin, bekümmert seufzend. - -»Was ist dir, Mama?« fielen ihr beide Töchter ins Wort. »Bedenke doch, -sein Befinden -- wir sind doch jetzt« -- - --- Die Stimme der alten Fürstin begann plötzlich und unverhofft zu -schwanken. Die Töchter verstummten und blickten sich gegenseitig an. -»=Maman= findet stets eine rührende Seite für sich,« sagten sie mit -diesem Blick. Sie wußten nicht, daß, so wohl sich auch die Fürstin -bei ihrer Tochter befand, so notwendig sie sich für diese auch hier -fühlte, es ihr gleichwohl qualvoll traurig zu Mute war, ihr, wie ihrem -Gatten, seit der Zeit, seit welcher sie ihre letzte geliebte Tochter -verheiratet hatten, und das elterliche Heim verödet war. - -»Was ist Euch, Agathe Michailowna?« frug Kity plötzlich die mit -geheimnisvoller Miene und bedeutungsvollem Gesicht stehen gebliebene -Agathe Michailowna. - -»Die Bestimmung für das Abendessen.« - -»Schön so,« sagte Dolly, »gehe du, um deine Verfügungen zu treffen, ich -will mit Grischa dessen Lektion wiederholen; er hat ohnehin heute noch -nichts gethan.« - -»Laß mich doch diese Lektion geben! Nein, Dolly, ich will gehen« -- -sagte Lewin aufspringend. - -Grischa, welcher bereits das Gymnasium besuchte, mußte im Sommer -seine Lektionen repetieren. Darja Aleksandrowna, welche schon in -Moskau mit ihrem Sohne zugleich die lateinische Sprache gelernt hatte, -hatte es sich, nachdem sie zu Lewin gekommen war, zum Gesetz gemacht, -mit ersterem die schwierigsten Lektionen im Lateinischen und der -Arithmetik, wenigstens einmal täglich, zu repetieren. - -Lewin hatte sich erboten, sie abzulösen, aber die Mutter, welche einmal -den Unterricht Lewins mit angehört, und bemerkt hatte, daß derselbe -nicht so erteilt würde, wie der Lehrer in Moskau repetierte, so -erklärte sie ihm, verlegen und sich bemühend, Lewin nicht zu verletzen, -bestimmt, daß man nach dem Buche so vorgehen müsse, wie der Lehrer, und -daß sie dies am liebsten wohl selbst wieder thun möchte. - -Lewin ereiferte sich über Stefan Arkadjewitsch, weil dieser in seiner -Sorglosigkeit sich nicht selbst mit der Überwachung des Unterrichts -befaßte, sondern die Mutter, welche doch nichts davon verstand, -und ferner auch über die Lehrer, weil sie die Kinder so schlecht -unterrichteten; seiner Schwägerin aber gab er das Versprechen, daß er -den Unterricht so geben wolle, wie sie es wünschte. Er ging daher mit -Grischa nicht mehr nach seiner Methode weiter, sondern nach dem Buche, -und daher mit Widerwillen und häufig die Lehrzeit vergessend. - -So war es auch heute. - -»Nein, ich gehe, Dolly, bleib du sitzen,« sagte er; »wir werden schon -alles machen, wie es der Ordnung gemäß ist, nach dem Buche. Sobald -Stefan gekommen ist, wollen wir zur Jagd gehen; wir werden uns dann -schon die Zeit vertreiben.« - -Lewin begab sich zu Grischa. - -Das Nämliche sagte Warenka zu Kity. Warenka hatte es verstanden, sich -in dem glücklichen, wohlbestellten Haus der Lewin nützlich zu machen. - -»Ich will das Abendessen bestellen, Ihr aber bleibt nur sitzen,« sagte -sie und erhob sich, um zu Agathe Michailowna zu gehen. - -»Man hat wohl keine jungen Hühner gefunden. Denn« -- sagte Kity. - -»Ich werde schon mit Agathe Michailowna überlegen« -- und Warenka -verschwand mit dieser. - -»Welch ein liebes Mädchen,« sagte die Fürstin. - -»Nicht lieb, =Maman=, reizend, wie es keines weiter giebt.« - -»So erwartet Ihr also heute Stefan Arkadjewitsch?« sprach Sergey -Iwanowitsch, der augenscheinlich das Gespräch über Warenka nicht -fortzusetzen wünschte. »Es dürfte schwer sein, zwei Schwager zu finden, -die einander weniger ähnlich wären,« sagte er mit feinem Lächeln. »Der -Eine beweglich, nur in der Gesellschaft lebend wie ein Fisch im Wasser; -der Andere, unser Konstantin, lebhaft, schnell, empfänglich für alles; -aber sobald er in der Gesellschaft ist, erstirbt er, oder schlägt sich -sinnlos wie ein Fisch auf dem Lande.« - -»Ja, er ist sehr unüberlegt,« sagte die Fürstin, sich zu Sergey -Iwanowitsch wendend, »ich wollte Euch eben bitten, ihm zu sagen, -daß sie,« sie wies auf Kity, »unmöglich hier bleiben kann, sondern -jedenfalls nach Moskau kommen muß. Er sagt, er würde einen Arzt -verschreiben« -- - -»=Maman=, er thut alles und ist mit allem einverstanden,« antwortete -Kity, voll Verdruß über die Mutter, weil sie in dieser Angelegenheit -Sergey Iwanowitsch zum Richter berief. - -Mitten in ihrer Unterhaltung wurde in der Allee das Schnauben von -Pferden und das Geräusch von Rädern auf dem Schotter vernehmbar. - -Dolly hatte sich noch nicht erhoben, um ihrem Mann entgegenzugehen, -als Lewin aus dem Fenster des Zimmers, in welchem Grischa lernte, -hinabsprang und Grischa heruntersetzte. - -»Es ist Stefan!« rief Lewin unter dem Balkon hinauf, »wir sind fertig -Dolly; fürchte nichts!« fügte er hinzu, und begann wie ein Knabe, der -Equipage entgegenzurennen. - -»=Is, ea id, eius eius eius=,« schrie Grischa, auf der Allee -hinspringend. - -»Und noch jemand ist mit! Wahrscheinlich der Papa!« rief Lewin, am -Eingang der Allee stehen bleibend. »Kity geh nicht zu der steilen -Treppe herunter!« - -Lewin irrte indes, wenn er den, der noch im Wagen saß, für den alten -Fürsten gehalten hatte. Als er dem Wagen näher kam, erkannte er neben -Stefan Arkadjewitsch nicht den Fürsten, sondern einen rot aussehenden, -wohlbeleibten, jungen Mann in schottischer Mütze mit langen -Bandstreifen hinten hinunter. - -Dies war Wasjenka Wjeslowskij, ein Vetter im dritten Gliede von den -Schtscherbazkiy, und ein in Petersburg und Moskau glänzender junger -Mann, »ein ausgezeichneter Mensch und leidenschaftlicher Jäger«, wie -ihn Stefan Arkadjewitsch vorstellte. - -Durchaus nicht verlegen über die Enttäuschung, die er hervorrief, -indem er mit seiner Person die des alten Fürsten vertrat, begrüßte -Wjeslowskij Lewin heiter, an die alte Bekanntschaft erinnernd, und -Grischa in den Wagen hebend, setzte er denselben an des Pointeurs -Stelle, den Stefan Arkadjewitsch mitgebracht hatte, weiterfahrend. - -Lewin setzte sich nicht mit in den Wagen, sondern ging hinterdrein. -Er war verdrießlich, daß der alte Fürst nicht mitgekommen war, den -er umsomehr liebte, je mehr er ihn kennen lernte, sowie darüber, daß -dieser Wasjenka Wjeslowskij, ein vollständig fremder und überflüssiger -Mensch erschienen war. Derselbe kam ihm um so fremder und überflüssiger -vor, als er, indem Lewin zur Freitreppe schritt, auf welcher sich der -ganze lebhafte Trupp der Erwachsenen und Kinder versammelt hatte, -bemerkte, wie Wasjenka Wjeslowskij mit besonderer Zärtlichkeit und -galanter Miene Kity die Hand küßte. - -»Aha, wir sind ja Cousins mit Eurer Frau und alte Bekannte,« sagte -Wasjenka Wjeslowskiy, die Hand Lewins wiederholt außerordentlich stark -drückend. - -»Nun, giebt es viel Wild hier?« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an -Lewin, der kaum mit der Begrüßung eines jeden fertig wurde. »Ich und -der da, wir haben die ernstesten Absichten. Nun =maman=, seit dem -letzten Male nicht wieder in Moskau gewesen! Tanja, für dich habe ich -Etwas! Hole dir's, im Wagen, hinten,« so sprach er nach allen Seiten. -»Wie du dich erholt hast, Dollchen,« sagte er zu seiner Frau, ihr -nochmals die Hand küssend, indem er dieselbe in der seinen hielt und -sie von oben mit der andern sanft pätschelte. - -Lewin, eine Minute zuvor noch in der heitersten Stimmung gewesen, -blickte jetzt finster auf alle; es gefiel ihm jetzt nichts mehr. - -»Wen mag er gestern mit diesen Lippen da geküßt haben?« dachte er, die -Zärtlichkeit Stefan Arkadjewitschs für seine Gattin sehend. Er schaute -Dolly an, und auch sie gefiel ihm nicht. »Sie glaubt doch nicht an -seine Liebe. Weshalb ist sie denn so erfreut? -- Widerlich,« dachte -Lewin. - -Er schaute auf die Fürstin, die einen Augenblick zuvor noch so -liebenswürdig mit ihm gewesen war, und es gefiel ihm die Art und Weise -nicht, mit welcher sie diesen Wasjenka mit seinen Bändern bewillkommte, -als lüde sie ihn in ihr eigenes Haus. - -Selbst Sergey Iwanowitsch, der gleichfalls auf die Freitreppe -herausgetreten war, erschien ihm unangenehm mit jener geheuchelten -Freundlichkeit, mit der er Stefan Arkadjewitsch begegnete, obwohl doch -Lewin wußte, daß sein Bruder Oblonskiy weder liebte noch achtete. - -Selbst Warenka -- selbst diese war ihm zuwider, dadurch, daß sie sich -mit ihrem Ausdruck =sainte nitouche= mit diesem Herrn da bekannt -gemacht hatte, obwohl sie doch nur daran dachte, wie sie wohl einen -Mann bekommen könne. Am allerverhaßtesten aber war ihm Kity, da sie -sich dem nämlichen Tone der Heiterkeit hingab, mit welchem dieser -Herr, wie an einem Festtag, für sich und alle, seine Ankunft auf dem -Dorfe betrachtete, und sie war ihm ganz besonders unangenehm durch das -eigenartige Lächeln, mit welchem sie dem seinigen antwortete. - -In geräuschvoller Unterhaltung gingen alle in das Haus; man hatte sich -aber kaum niedergelassen, als Lewin sich wandte und hinausging. - -Kity sah, daß in ihrem Manne etwas vor sich ging. Sie wollte eine -Minute erhaschen, um mit ihm allein zu sprechen, er aber beeilte sich, -vor ihr fortzukommen, indem er sagte, er müsse nach dem Comptoir. - -Seit langem waren ihm die Wirtschaftsangelegenheiten nicht so wichtig -erschienen, als jetzt. »Sie haben hier immer Feiertag,« dachte er, -»hier aber giebt es Arbeiten, die nicht müßiger Natur sind, welche -nicht warten, und ohne die man nicht existieren kann.« - - - 7. - -Lewin kehrte erst nach Hause zurück, als man ihn zum Abendessen hatte -rufen lassen. Auf der Treppe stand Kity und Agathe Michailowna in der -Beratung über die Weine für das Abendessen. - -»Aber wozu solchen Aufwand machen? Setzt doch vor, was es gewöhnlich -giebt.« - -»Nein; Stefan trinkt nicht -- aber Konstantin, so warte doch, was ist -denn mit dir?« rief Kity, ihm nacheilend; er aber ging unbarmherzig, -ohne auf sie zu warten, mit großen Schritten nach dem Salon und mischte -sich sofort in das allgemeine, lebhafte Gespräch, das hier Wasjenka -Wjeslowskij und Stefan Arkadjewitsch unterhielten. - -»Nun, fahren wir morgen zur Jagd?« sagte Stefan Arkadjewitsch. - -»Bitte, fahren wir,« sagte Wjeslowskij, sich seitwärts auf einen -anderen Stuhl setzend und das fette Bein unterschlagend. - -»Freut mich sehr, wir werden fahren. Habt Ihr schon gejagt dieses -Jahr?« sagte Lewin zu Wjeslowskij, aufmerksam dessen Fuß betrachtend, -aber mit erheuchelter Freundlichkeit, die Kity so gut an ihm kannte, -und die ihm so wenig stand. »Ob wir Wachteln finden werden, weiß ich -nicht, doch Bekassinen sind viel vorhanden; nur muß man zeitig fahren. -Ihr seid doch nicht müde? Bist du nicht ermattet, Stefan?« - -»Ich ermattet? Ich bin noch nie matt gewesen. Wir wollen die ganze -Nacht nicht schlafen! Fahren wir spazieren!« - -»In der That; wir wollen einmal nicht schlafen! Ausgezeichnet!« stimmte -Wjeslowskij bei. - -»O, wir sind davon überzeugt, daß du nicht zu schlafen vermagst, und -andere nicht schlafen lassen kannst,« sagte Dolly zu ihrem Gatten mit -jener kaum bemerkbaren Ironie, mit welcher sie sich jetzt fast stets -an ihn wandte. »Aber nach meiner Ansicht ist es jetzt schon Zeit -- ich -will gehen, ich werde nicht zu Abend essen.« -- - -»Nein, du bleibst sitzen, Dollchen,« rief Stefan Arkadjewitsch, auf -ihre Seite am großen Tische hinübergehend, an welchem zu Abend gegessen -wurde. »Ich habe dir noch soviel zu erzählen.« - -»In Wahrheit aber nichts.« - -»Weißt du, Wjeslowskij war bei Anna; und er wird wieder zu den beiden -fahren. Sie sind freilich einige siebzig Werst weit von euch entfernt. -Auch ich werde zweifellos einmal hinfahren. Wjeslowskij, komm doch -hierher!« - -Wasjenka war zu den Damen gegangen, und hatte sich neben Kity -niedergelassen. - -»Ach bitte erzählt uns doch, bitte, Ihr waret also bei ihr? Wie geht es -ihr?« wandte sich Darja Aleksandrowna an ihn. - -Lewin war auf der anderen Seite des Tisches geblieben und sah, ohne in -dem Gespräch mit der Fürstin und Warenka innezuhalten, daß zwischen -Stefan Arkadjewitsch, Dolly, Kity und Wjeslowskij ein lebhaftes und -geheimnisvolles Gespräch geführt wurde. Obwohl das Gespräch leise -geführt wurde, gewahrte Lewin doch auf dem Gesicht seiner Frau den -Ausdruck einer ernsten Empfindung, als sie unverwandt in das rote -Gesicht Wasjenkas blickte, der lebhaft erzählte. - -»Es geht ihnen sehr gut,« berichtete Wasjenka von Wronskiy und Anna. - -»Ich natürlich möchte es nicht auf mich nehmen, zu urteilen, aber in -ihrem Hause befindet man sich wie in der Familie.« - -»Was beabsichtigen sie denn zu thun?« - -»Wie es scheint, wollen sie für den Winter nach Moskau.« - -»Wie schön wäre es, wenn wir zusammen zu ihnen reisen könnten. Wann -wirst du fahren?« frug Stefan Arkadjewitsch Wasjenka. - -»Ich werde den Juli bei ihnen zubringen.« - -»Und auch du wirst doch mitfahren?« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an -seine Frau. - -»Ich habe schon lange hingewollt und werde sicher fahren,« sagte -Dolly. »Sie thut mir leid, und ich kenne sie. Sie ist ein schönes -Weib. Ich werde allein reisen, wenn du weggehst, und niemand dadurch -belästigen. Es ist sogar besser, wenn du nicht da bist.« - -»Auch gut,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »und Kity?« - -»Ich? Weshalb sollte ich hinreisen?« antwortete Kity, in mächtige -Aufregung geratend, und schaute nach ihrem Gatten. - -»Aber Ihr seid doch mit Anna Arkadjewna bekannt?« frug sie Wjeslowskij, -»sie ist ein sehr anziehendes Weib.« - -»Ja,« antwortete sie Wjeslowskij, noch tiefer errötend, erhob sich, und -ging zu ihrem Manne. - -»Du willst also morgen auf die Jagd fahren?« sagte sie. - -Seine Eifersucht in diesen wenigen Augenblicken war, besonders -angesichts dieser Röte, die ihre Wangen bedeckte, als sie mit -Wjeslowskij sprach, schon hoch gestiegen. Jetzt faßte er, indem er ihre -Worte vernahm, diese nach seiner Weise auf. So seltsam es ihm auch -erschien, wenn er späterhin hieran zurückdachte, jetzt schien es ihm -klar zu sein, daß sie, wenn sie ihn frug, ob er auf die Jagd fahre, nur -interessierte, zu erfahren, ob er Wasjenka Wjeslowskij das Vergnügen -machen wolle, ihm, in den sie nach seiner Auffassung schon verliebt war. - -»Ja, ich werde fahren,« antwortete er mit unnatürlicher, ihm selbst -abstoßend erscheinender Stimme. - -»Aber Ihr verbrächtet doch besser den Tag morgen hier; Dolly hat ja -sonst ihren Mann gar nicht gesehen; übermorgen könntet Ihr fahren,« -sagte Kity. - -Der Sinn dieser Worte Kitys war von Lewin bereits so gewandelt: »Trenne -mich nicht von ihm. Daß du fährst, ist mir ganz gleichgültig, doch laß -mich die Gesellschaft dieses reizenden jungen Mannes genießen.« - -»Ach, wenn du willst, so werden wir morgen zu Haus bleiben,« antwortete -Lewin mit eigentümlicher Zuvorkommenheit. - -Wasjenka mittlerweile, der nicht im geringsten das Leid ahnte, welches -seine Anwesenheit verursacht hatte, war mittlerweile nach Kity vom -Tische aufgestanden und ihr, sie mit freundlichem lächelnden Blick -verfolgend, nachgegangen. - -Lewin sah diesen Blick. Er erblich und vermochte eine Minute nicht, -Atem zu schöpfen. »Wie kann man sich erlauben, so auf mein Weib zu -schauen,« schäumte es in ihm. - -»Also morgen? Fahren wir also,« sagte Wasjenka, sich auf den -Stuhl niederlassend und wiederum nach seiner Gewohnheit den Fuß -unterschlagend. - -Die Eifersucht Lewins stieg noch höher. Er sah sich schon als -betrogenen Gatten, den die Frau und ihr Liebhaber nur dazu brauchen, -ihnen die Annehmlichkeiten des Lebens und Vergnügungen zu gewähren. -Aber nichtsdestoweniger frug er Wasjenka liebenswürdig und -gastfreundlich nach seinen Jagdzügen, seinem Gewehr, den Stiefeln und -war einverstanden damit, morgen zu fahren. - -Zum Glück für Lewin kürzte die alte Fürstin seine Leiden dadurch, daß -sie sich erhob und Kity anriet, schlafen zu gehen. Aber auch hierbei -ging es nicht ohne einen neuen Schmerz für Lewin ab. Als sich Wasjenka -von der Frau des Hauses verabschiedete, wollte er wiederum ihre Hand -küssen, allein Kity sagte errötend, und mit einer naiven Herbheit, -wegen der ihr später die alte Fürstin Vorwürfe machte, indem sie ihm -ihre Hand entzog: »Das ist bei uns nicht üblich!« - -In den Augen Lewins war sie dadurch schuldig, daß sie solche -Beziehungen überhaupt zugelassen hatte, und noch schuldiger, weil sie -so ungeschickt bewiesen hatte, daß dieselben ihr nicht gefielen. - -»Was ist das für ein Vergnügen zu schlafen!« sprach Stefan -Arkadjewitsch, nachdem er beim Abendessen einige Gläser Wein geleert -hatte und in seine gemütliche und poetische Stimmung geraten war. -»Sieh Kity,« sagte er, auf den hinter den Linden heraufsteigenden -Mond weisend, »wie reizend! Wjeslowskij, das wäre etwas, wenn du eine -Serenade singen willst. Weißt du, er hat nämlich eine großartige -Stimme, wir haben zusammen unterwegs gesungen. Er hat schöne Romanzen -mit, zwei neue; die könnte man mit Barbara Andrejewna singen!« - - * * * * * - -Als sich alles schon zurückgezogen hatte, ging Stefan Arkadjewitsch mit -Wjeslowskij noch in der Allee spazieren, und man hörte ihre Stimmen in -der neuen Romanze. - -Lewin saß, den Stimmen lauschend, finster in dem Lehnstuhl im -Schlafgemach seiner Frau und schwieg hartnäckig auf deren Fragen, was -er denn habe; doch als sie endlich selbst schüchtern lächelnd frug: -»hat dir etwa irgend etwas mit Wjeslowskij nicht gefallen?« da brach -es hervor aus ihm, und er sagte alles. Das, was er aber hervorbrachte, -kränkte ihn, und erzürnte ihn nur so noch mehr. - -Er stand vor ihr mit furchtbar unter den finsterzusammengezogenen -Brauen blitzenden Augen, und preßte die starken Hände auf die Brust, -als biete er alle seine Kräfte auf, an sich zu halten. Der Ausdruck -seines Gesichtes wäre rauh und selbst hart gewesen, wenn nicht zugleich -auch der Schmerz sich darauf ausgeprägt hätte, was sie rührte. Seine -Kinnbacken knirschten und seine Stimme brach ab. - -»Verstehe wohl, daß ich nicht etwa eifersüchtig bin; dies ist ein -häßliches Wort! Ich kann nicht eifersüchtig sein und glauben, daß -- -ich kann nicht sagen, was ich fühle, doch dies ist furchtbar! Ich bin -nicht eifersüchtig, aber beleidigt, erniedrigt, dadurch, daß jemand -wagt, zu denken -- wagt, mit solchen Augen auf dich zu blicken!« -- -- - -»Aber mit was für Augen?« sagte Kity, sich bemühend, so gewissenhaft -als möglich sich alle ihre Reden und Bewegungen vom heutigen Abend, -sowie alle Schattierungen derselben ins Gedächtnis zurückzurufen. - -Auf dem Grund ihrer Seele fand sie, daß in jener Minute, als er ihr -nach dem andern Ende des Tisches gefolgt war, in der That etwas -gelegen hatte, aber sie wagte dies nicht einmal auch nur sich selbst -einzugestehen, und entschloß sich daher um so weniger, es ihm zu sagen -und dadurch seinen Schmerz noch zu vergrößern. - -»Was soll nur Anziehendes sein an mir, wie ich jetzt bin« -- - -»Ach!« rief er, sich an den Kopf greifend; »hättest du nicht so -gesprochen -- das heißt also, wenn du anziehend gewesen wärest« -- - -»Mein Konstantin, halt ein, höre doch!« -- sprach sie, ihn mit -leidendem und mitleidvollem Ausdruck anblickend. »Was denkst du nur? Wo -es für mich doch keinen Menschen giebt, keinen, keinen! Willst du, daß -ich niemand hier sehen soll?« - -In der ersten Minute war seine Eifersucht beleidigend für sie gewesen; -es war ihr verdrießlich gewesen, daß ihr auch die kleinste Zerstreuung, -selbst die unschuldigste, untersagt wurde; jetzt aber hätte sie sich -gern, nicht in solchen Kleinigkeiten, sondern in allem für seine Ruhe -geopfert, um ihn von dem Schmerz zu befreien, den er litt. - -»Begreife doch nur das Entsetzliche und das Komische meiner Lage,« -fuhr er in verzweifeltem Flüsterton fort, »daß er in meinem Hause -ist, daß er nichts Unanständiges begangen hat, abgesehen von jener -Ungezwungenheit und dem Übereinanderschlagen seiner Füße. Er hält dies -für den besten Ton, und demzufolge muß ich noch mit ihm liebenswürdig -sein!« - -»Aber, liebster Konstantin, du übertreibst ja,« sagte Kity, in der -Tiefe ihres Herzens erfreut über die Kraft seiner Liebe zu ihr, die -sich jetzt in seiner Eifersucht ausdrückte. - -»Am Entsetzlichsten von allem ist, daß du -- jetzt so wie du es stets -gewesen, ein Heiligtum für mich -- daß wir so glücklich gewesen sind, -so selten glücklich -- und plötzlich konnte dieser Wicht -- nicht -Wicht; weshalb sollte ich ihn schimpfen? -- Ich habe mit ihm nichts zu -schaffen! Aber weshalb soll mein Glück, dein Glück« -- -- - -»Weißt du, ich begreife, woher dies alles gekommen ist,« begann Kity. - -»Woher? Woher?« - -»Ich habe gesehen, wie du blicktest, als wir beim Abendessen sprachen.« - -»Nun ja, nun ja!« sagte Lewin erschreckt. - -Sie erzählte ihm, wovon man gesprochen hatte, und als sie es erzählte, -kam sie vor Erregung außer Atem. Lewin verstummte, betrachtete ihr -bleiches, angstvolles Gesicht und griff sich plötzlich an den Kopf. - -»Katja, ich habe dich gemartert! Mein Täubchen, verzeihe mir! Dieser -Wahnsinn! Katja, ich bin unendlich schuldig! Kann man nur durch solche -Thorheit sich quälen!« - -»Nein, du nur thust mir leid.« - -»Ich? Ich? Was für ein Wahnwitziger ich bin! Weshalb thue ich dir leid? -Es ist mir entsetzlich zu denken, daß jeder fremde Mensch unser Glück -zerstören kann.« - -»Natürlich! das ist eben das Kränkende« -- - -»Nein; so werde ich ihn mit Absicht den ganzen Sommer bei uns behalten -und mich in Liebenswürdigkeiten gegen ihn überbieten,« sprach Lewin, -ihr die Hand küssend. »Du wirst sehen. Morgen. Ja, es ist wahr, morgen -wollen wir fahren.« - - - 8. - -Am andern Tage hatten sich die Damen noch nicht erhoben, als die -Jagdwagen schon vor der Einfahrt standen und Laska, der bereits am -Morgen gemerkt hatte, daß es zur Jagd gehe, sich heulend und nachdem er -sich satt getummelt hatte, in den einen der Wagen neben dem Kutscher -setzte, welcher ärgerlich und mißlaunig über die Verspätung nach der -Thür blickte, aus welcher die Jäger noch immer nicht herauskommen -wollten. - -Zuerst erschien Wasjenka Wjeslowskij, in großen neuen Jagdstiefeln, -welche bis zur Hälfte der dicken Schenkel gingen; in grüner Bluse, -mit einer neuen, nach Juchten duftenden Patronentasche gegürtet und -in seiner Bändermütze und dem neuen englischen Gewehr. Laska sprang -ihm entgegen, begrüßte ihn, sprang an ihm empor und frug ihn auf seine -Weise, ob bald noch die anderen herauskommen würden, kehrte aber dann, -da er keine Antwort von ihm erhielt, auf seinen Warteposten zurück, um -hier wieder still zu werden, den Kopf auf die Seite gewendet und das -eine Ohr spitzend. - -Endlich öffnete sich kreischend die Thür, und heraus flog, sich -wirbelnd und in der Luft drehend, Krak, der hellgescheckte Pointeur -Stefan Arkadjewitschs, worauf dieser selbst heraustrat, die Flinte in -den Händen und die Cigarre im Munde. Freundlich rief er seinem Hunde -zu, der ihm die Pfoten auf Leib und Brust setzte und sich mit denselben -in der Jagdtasche verwickelte. - -Stefan Arkadjewitsch war mit ledernen Schnürstücken mit untergelegten -Strumpflappen an den Füßen, einem zerrissenen Beinkleid und einem -kurzen Rock bekleidet. Auf dem Kopfe saß die Ruine eines Hutes, das -Gewehr aber, nach modernstem System, war ein wahres Spielzeug und -die Jagdtasche und Patrontasche, obwohl abgetragen, von vorzüglicher -Qualität. - -Wasjenka Wjeslowskij hatte früher diese echte Jägerkoketterie -nicht begriffen, in Lumpen zu gehen, und dabei ein Jagdgerät von -vorzüglichster Güte zu führen. Er begriff sie aber jetzt, als er Stefan -Arkadjewitsch mit diesen Lumpen, in all seiner eleganten, wohlgenährten -und behaglich gestimmten Herrenerscheinung erblickte, und faßte den -Entschluß, sich bei der nächsten Jagd unfehlbar ebenso zu equipieren. - -»Nun, und was macht unser Wirt?« frug er. - -»Ein junges Weib,« sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd. - -»Und noch dazu ein reizendes.« - -»Er war bereits angekleidet, aber wahrscheinlich ist er nochmals zu ihr -gelaufen.« - -Stefan Arkadjewitsch hatte es erraten. Lewin war mehrmals zu seiner -Gattin geeilt, um sie noch einmal zu fragen, ob sie ihm seine gestrige -Dummheit vergeben habe, und dann, um sie zu bitten, doch um Christi -willen vorsichtiger zu sein. Hauptsächlich -- sich vor den Kindern -ferner zu halten -- sie konnten sie leicht einmal stoßen. Dann mußte er -von ihr nochmals die Versicherung erhalten, daß sie ihm nicht gram sei -darüber, daß er auf zwei Tage fortfuhr, und sie bitten, ihm unbedingt -morgen früh, mit dem ersten Zug, ein Billet zu schicken, und ihm -wenigstens zwei Worte zu schreiben, damit er nur wußte, daß sie sich -wohl befinde. - -Kity war es wie stets schmerzlich, sich auf zwei Tage von ihrem -Gatten trennen zu sollen; allein als sie seine lebhafte Erscheinung, -die besonders groß und kraftvoll in den Jagdstiefeln und der weißen -Bluse erschien, und einen gewissen, ihr unverständlichen Schimmer der -Jagdfreude wahrgenommen hatte, vergaß sie, um ihm seine Freude zu -lassen, ihren Schmerz, und verabschiedete sich heiter von ihm. - -»Entschuldigung, meine Herren!« sagte er, auf die Freitreppe -herauskommend. »Hat man das Frühstück eingepackt? Warum ist der Fuchs -rechts gespannt? Nun gleichviel! Laska -- leg' dich! -- Laß sie in die -ledige Herde,« wandte er sich an den Viehwärter, der an der Treppe mit -einer Frage über die Wallachen wartete. - -Lewin sprang vom Wagen, auf dem er sich schon setzen wollte, zu einem -Zimmermann hin, der mit einem Ellenmaß zur Treppe gekommen war. - -»Gestern ist er nicht ins Comptoir gekommen und heute hält er mich nun -ab. Was ist denn?« - -»Wir müssen noch drei Stufen hinzunehmen; dann paßt es; sie wird dann -bequemer liegen.« - -»Hättest du mir gehorcht,« antwortete Lewin ärgerlich. »Ich habe -gesagt, du sollst zuerst die Treppenlager, und die Stufen zuletzt -machen! Jetzt kommst du nun nicht aus. Thu wie ich dir befohlen habe, -und mache ein neues Lager.« - -Es handelte sich darum, daß in einem im Bau befindlichen Flügel der -Zimmermann die Treppe verpfuscht hatte, indem er sie selbständig, ohne -die Höhe zu berechnen, gefertigt hatte, sodaß nun alle Stufen schräg -hingen, als man die Treppe an ihrem Platz aufstellte. Der Zimmermann -wollte nun, die Treppe lassend wie sie war, nur noch drei Stufen -hinzufügen. - -»Es wird so viel besser werden.« - -»Aber wohin willst du denn kommen mit den drei Stufen!« - -»Gestattet,« antwortete der Zimmermann mit geringschätzigem Lächeln; -»da sie sich von unten erhebt,« er sprach dies mit überzeugender -Gebärde, »muß es gehen, sie muß passen!« - -»Aber drei Stufen gehen doch noch in die Länge? Wohin soll sie denn da -kommen?« - -»Da sie von unten auf geht, so muß sie passen,« beharrte der Zimmermann. - -»Bis unter die Decke und an die Wand kommt sie.« - -»Aber, mit Verlaub, sie kommt doch von unten, da wird sie passen.« - -Lewin ergriff seinen Ladestock und begann ihm im Staube die Treppe zu -zeichnen. - -»Siehst du nun?« - -»Wie Ihr befehlt,« sagte der Zimmermann, plötzlich mit den Augen hell -aufblickend und endlich offenbar die Sache begreifend. »Es ist klar, es -muß eine neue Treppe gezimmert werden.« - -»Nun also, thue nun, wie dir geheißen ist,« rief Lewin und setzte sich -wieder in den Wagen. »Fahr zu! -- Halt die Hunde, Philipp!« - -Lewin empfand jetzt, nachdem er alle Sorgen des Hauses und der -Wirtschaft hinter sich gelassen hatte, ein so mächtiges Gefühl von -Lebensfreude und Erwartung, daß er keine Lust verspürte, zu sprechen. -Er hatte auch das Gefühl der konzentrierten Aufregung, welche jeder -Jäger verspürt, wenn er sich seinem Revier nähert. Wenn ihn jetzt -überhaupt etwas beschäftigte, so waren es nur die Fragen, ob man im -Kolpenskischen Moor etwas finden werde, wie sich Laska im Vergleich zu -Krak zeigen, und wie ihm selbst heute das Jagdglück lächeln würde. - -Daß man sich vor einem fremden Jäger keine Blöße gab; daß Oblonskiy ihn -nicht überschießen möchte, auch dies kam ihm in den Kopf. - -Oblonskiy hatte ein ganz ähnliches Gefühl, und war gleichfalls -wortkarg. Nur Wasjenka Wjeslowskij schwatzte lustig und unaufhörlich -weiter. - -Als Lewin ihn jetzt hörte, fühlte er sich beschämt, wenn er daran -dachte, wie ungerecht er gestern gegen ihn gewesen sei. - -Wasjenka war in der That ein vorzüglicher, naiver, gutmütiger -und sehr heiterer Mensch. Wäre Lewin noch unverheiratet mit ihm -zusammengekommen, so würde er sich ihm genähert haben. Nur war ihm ein -wenig unangenehmer seine müßige Stellung zum Leben, und eine gewisse -Ungezwungenheit bei aller Eleganz. Er schien sich gewissermaßen selbst -eine hohe unzweifelhafte Bedeutung beizumessen, daß er lange Nägel -und eine kleine Mütze trug und alles übrige dementsprechend, doch -konnte man dies bei seiner Gutherzigkeit und Solidität entschuldigen. -Er gefiel Lewin wegen seiner guten Erziehung, einer ausgezeichneten -Aussprache des Französischen und Englischen, und dann deshalb, weil er -ein Mensch seiner eignen Welt war. - -Wasjenka gefiel das donische Steppenpferd am linken Strang -außerordentlich. Er war fortwährend exaltiert davon, »wie schön muß es -sich auf einem Steppenpferd durch die Steppe jagen lassen! Ha? Nicht -so?« sprach er. Er stellte sich in dem Ritt auf einem Steppenroß etwas -wundersames poetisches vor, woraus sich zwar nichts ergab, aber seine -Naivetät, besonders im Verein mit seiner Schönheit, seinem freundlichen -Lächeln und der Grazie seiner Bewegungen war sehr anziehend. Kam es -nun davon her, daß seine Natur Lewin sympathisch war, oder davon, daß -Lewin sich bemühte, zur Sühne für seinen gestrigen Fehltritt alles an -ihm gut zu finden, genug, Lewin fühlte sich angenehm von ihm berührt. - -Nachdem man drei Werst gefahren war, tastete Wjeslowskij plötzlich nach -seinen Cigarren und der Brieftasche, und wußte nicht, ob er beides -verloren oder auf dem Tische liegen gelassen hatte. - -In der Brieftasche waren dreihundertsiebzig Rubel, und daher durfte man -sie nicht im Stich lassen. - -»Wißt Ihr was, Lewin, ich werde auf diesem donischen Beipferd nach -Hause reiten. Das wäre ausgezeichnet. Nicht?« sagte er, schon bereit, -aufzusitzen. - -»Nein; warum das?« antwortete Lewin, der schon berechnet hatte, daß -Wasjenka nicht weniger als sechs Pud Gewicht haben müsse. »Ich werde -den Kutscher schicken.« - -Der Kutscher ritt auf dem Beipferd ab, und Lewin lenkte nun selbst die -beiden übrigen Pferde. - - - 9. - -»Was haben wir denn für eine Marschroute? Erzähle doch gefälligst ein -wenig,« sagte Stefan Arkadjewitsch. - -»Der Plan ist folgender: Jetzt werden wir bis Gwozdjowo fahren. In -Gwozdjowo befindet sich diesseits eine Niederung mit Schnepfen, -hinter Gwozdjowo aber ziehen sich wunderbare Bekassinensümpfe hin, -und Schnepfen sind auch da. Es ist jetzt heiß; wir werden gegen Abend --- es sind noch zwanzig Werst -- ankommen, ein Abendfeld nehmen, dann -übernachten, und morgen schon in die großen Sümpfe gehen.« - -»Aber giebt es denn unterwegs nichts?« - -»O doch, aber wir würden uns da nur aufhalten und es ist heiß. Es giebt -zwei ausgezeichnete Plätze, aber schwerlich wird es da etwas geben.« - -Lewin hatte selbst Lust, nach jenen Plätzen zu gehen, aber dieselben -lagen seiner Wohnung zu nahe und er konnte sie stets erreichen; die -Plätze waren auch klein -- drei konnten nicht auf ihnen schießen. -Infolge dessen schlug er im Geiste einen Haken, und sagte, es dürfte -kaum etwas dort zu finden sein. Als sie an dem kleinen Sumpfe -angekommen waren, wollte Lewin vorüberfahren, doch der erfahrene -Jägerblick Stefan Arkadjewitschs unterschied sogleich die vom Wege her -sichtbare Feuchtigkeit. - -»Wollen wir nicht hinfahren?« sagte er, auf den Sumpf weisend. - -»Lewin bitte; wie reizend!« begann Wasjenka Wjeslowskij zu bitten, und -Lewin mußte einwilligen. - -Sie hatten noch nicht Halt gemacht, als schon die Hunde, sich -gegenseitig jagend, dem Sumpf zuflogen. - -»Krak! Laska!« - -Die Hunde kehrten zurück. - -»Zu Dreien wird es uns zu eng werden. Ich werde hier bleiben,« sagte -Lewin, in der Hoffnung, daß sie nichts finden möchten als Kibitze, die -sich vor den Hunden erhoben und sich im Fluge überschlagend, kläglich -über dem Sumpfe schrieen. - -»Nein! -- Kommt! Wir wollen zusammen gehen, Lewin!« rief Wjeslowskij. - -»Richtig ist das; es wird zu eng! -- Laska, zurück; -- Laska! -- -Braucht Ihr dann nicht einmal einen anderen Hund?« - -Lewin blieb bei dem Wagen und schaute voll Mißgunst auf die Jäger. -Diese durchwanderten den ganzen Sumpf, aber außer einer Henne und -Kibitzen, von denen Wjeslowskij einen erlegte, war nichts darin. - -»Nun da seht Ihr, daß ich den Sumpf nicht bedauerte,« sagte Lewin, -»wohl aber den Zeitverlust.« - -»Ach nein; es war immerhin ganz hübsch! Habt Ihr es gesehen?« sprach -Wasjenka Wjeslowskij, unbehilflich auf den Wagen kletternd, die Flinte -und den Kibitz in den Händen. »Wie ich den gut getroffen habe, nicht -wahr? Nun, werden wir denn bald an den richtigen Ort kommen?« - -Plötzlich rissen die Pferde in das Geschirr, Lewin schlug mit dem -Kopf an den Lauf eines der Gewehre, und ein Schuß ging los. Der Schuß -an sich ertönte schon früher, aber es schien Lewin nur so. Wasjenka -Wjeslowskij hatte, die Hähne in Ruhe setzend, den einen Drücker -berührt, während er den andern Hahn gehalten hatte. - -Die Ladung ging in die Luft, ohne jemand Schaden zuzufügen. Stefan -Arkadjewitsch schüttelte den Kopf und lächelte Wjeslowskij -vorwurfsvoll zu, Lewin aber war nicht in der Stimmung, ihm einen -Vorwurf zu machen; erstens wäre jeder Vorwurf nur durch die -vorübergegangene Gefahr und die Beule, welche auf der Stirn Lewins -auftrat, hervorgerufen erschienen, zweitens aber war Wjeslowskij -anfangs so naiv ärgerlich, und fing dann so gutmütig und ansteckend an -über die allgemeine Aufregung zu lachen, daß es unmöglich war, nicht -mit zu lachen. - -Als sie an den zweiten Sumpf gelangten, welcher ziemlich groß war, und -daher viel Zeit in Anspruch nehmen mußte, suchte Lewin dahin zu wirken, -daß man nicht hineinging. Doch Wjeslowskij besiegte ihn wieder durch -sein Bitten, und wiederum blieb Lewin, als gastfreundlicher Wirt, bei -dem Wagen zurück. - -Sogleich bei der Ankunft witterte Krak nach den Maulwurfshügeln. -Wasjenka Wjeslowskij lief als der Erste hinter dem Hunde her und -Stefan Arkadjewitsch war noch nicht herangekommen, als schon ein Vogel -aufging. Wjeslowskij schoß fehl und der Vogel ließ sich in einer -ungemähten Wiese wieder nieder. Wjeslowskij aber war diese Beute -bestimmt. Krak fand sie wieder auf, stellte sie und er schoß sie und -kehrte dann zu dem Wagen zurück. - -»Jetzt geht Ihr, und ich will bei den Pferden bleiben,« sprach er. - -Lewin begann der Jagdneid zu ergreifen. Er übergab Wjeslowskij die -Zügel und begab sich in den Sumpf. - -Laska, der schon lange kläglich gewinselt und sich über die -Ungerechtigkeit beklagt hatte, eilte vorauf direkt nach einem -verheißungsvollen, Lewin bekannten Gebiet, in welches Krak noch nicht -gekommen war. - -»Weshalb hältst du ihn denn nicht zurück?« rief Stefan Arkadjewitsch. - -»Er wird dich nicht schrecken,« antwortete Lewin, voll Freude über -seinen Hund, und ihm eilig folgend. - -Auf der Suche Laskas wuchs, je näher dieser den bekannten Hügeln -kam, mehr und mehr der Ernst der Situation. Ein kleiner Sumpfvogel -zerstreute diesen nur auf einen Augenblick. Er beschrieb einen Kreis -vor den Hügeln, begann einen zweiten, erschrak dann plötzlich und -verschwand. - -»Geh, geh Stefan!« rief Lewin, welcher fühlte, wie ihm das Herz höher -zu schlagen begann, und wie plötzlich, gleich als ob sich ein Riegel in -seiner seelischen Spannung zurückbewege, alle Geräusche, den Maßstab -ihrer Entfernung verlierend, ihn ungeregelt, aber scharf zu treffen -begannen. Er vernahm die Schritte Stefan Arkadjewitschs, sie für das -ferne Stampfen der Pferde haltend, er vernahm das spröde Geräusch -der mit den Wurzeln sich loslösenden Ecke eines Maulwurfhaufens, auf -welchen er getreten war, indem er dasselbe für den Flug eines Vogels -hielt. Er vernahm auch im Rücken in nicht großer Entfernung ein -Klatschen auf dem Wasser, von welchem er sich nicht Rechenschaft zu -geben vermochte. - -Indem er sich einen Standort für die Füße suchte, bewegte er sich auf -seinen Hund zu. - -Eine Bekassine machte sich vor dem Hunde auf. Lewin legte das Gewehr -an, aber in dem Augenblicke, als er zielte, verstärkte sich jenes -Geräusch von Klatschen auf dem Wasser; es kam näher, und mit ihm -vereinigte sich die Stimme Wjeslowskijs, der in sonderbarer Weise laut -rief. - -Lewin sah, daß er mit der Flinte die Bekassine von hinten treffen -werde, schoß aber gleichwohl. - -Überzeugt, daß er einen Fehlschuß gethan, blickte er um sich und -gewahrte, daß die Pferde mit dem einen Jagdwagen gar nicht mehr auf dem -Wege, sondern im Sumpfe waren. - -Wjeslowskij, welcher das Schießen hatte sehen wollen, war in den Sumpf -gefahren und hatte die Pferde in eine Untiefe geführt. - -»Hol' ihn der Teufel,« sagte Lewin zu sich selbst, zu der -feststeckenden Equipage zurückkehrend. »Weshalb seid Ihr denn -fortgefahren,« sagte er mit dürren Worten zu ihm, und machte sich, -nachdem er den Kutscher herbeigerufen hatte, daran die Pferde -loszubringen. - -Lewin war verdrießlich geworden, daß man ihn im Schießen gestört und -die Pferde in den Sumpf geführt hatte, hauptsächlich aber auch, daß -bei dem Ausspannen der Pferde, was erforderlich war um sie wieder -freizumachen, weder Stefan Arkadjewitsch, noch Wjeslowskij ihm und -dem Kutscher Hilfe leisteten, weil weder dieser noch jener auch nur -den geringsten Begriff davon hatte, worin eigentlich das Anschirren -bestehe. Ohne Wjeslowskij ein Wort auf dessen Versicherung, es sei -hier ganz trocken, zu antworten, arbeitete Lewin schweigend mit dem -Kutscher daran, die Pferde zu befreien. - -Als er indessen bei der Arbeit warm geworden war und sah, wie beflissen -und eifrig Wjeslowskij den Wagen an der Deichselstange zog, sodaß er -diese sogar abbrach, machte er sich selbst Vorwürfe darüber, daß er -unter dem Einfluß der gestrigen Empfindung allzu kalt gegen Wjeslowskij -gewesen war, und bemühte sich mit besonderer Liebenswürdigkeit seine -Barschheit wieder gutzumachen. - -Nachdem alles wieder in Ordnung gebracht war, und die Wagen sich wieder -auf dem Wege befanden, ließ Lewin das Frühstück bringen. - -»=Bon appétit -- bonne conscience! Ce poulet va tomber jusqu'au fond -de mes bottes=,« sagte Wjeslowskij, wieder lustig geworden, mit einem -französischen Sprichwort, ein zweites Hühnchen verspeisend. »Jetzt sind -unsere Leiden zu Ende und alles wird nun glücklich gehen. Nur will ich -wegen meines Vergehens dazu gezwungen sein, auf dem Bocke zu sitzen. -Ist es nicht recht so? Nein, ich bin Automedon! Paßt auf, wie ich Euch -fahren werde!« versetzte er, ohne die Zügel loszugeben, als ihn Lewin -bat, den Kutscher fahren zu lassen. »Nein; ich muß mein Vergehen wieder -gut machen, und befinde mich ganz wohl auf dem Bocke,« und er fuhr. - -Lewin fürchtete ein wenig, er möchte die Pferde malträtieren, besonders -das Handpferd, einen Fuchs, den er nicht zu lenken verstand; doch -unwillkürlich fügte er sich seiner Heiterkeit, lauschte er den -Romanzen, welche Wjeslowskij, auf dem Bocke sitzend, den ganzen Weg -entlang sang, oder seinen Erzählungen und Vorführungen, wie man auf -englische Manier =four in hand= fahre -- und alle fuhren nach dem -Frühstück in der heitersten Stimmung nach dem Sumpfe von Gwozdjowo. - - - 10. - -Wasjenka trieb die Pferde so schnell, daß sie zu früh bei dem Sumpfe -ankamen, und es noch immer heiß war. - -Als sie bei der Niederung angelangt waren, dem Hauptziele der Fahrt, -dachte Lewin unwillkürlich, wie er Wasjenka los werden und ohne eine -Störung jagen könnte. Stefan Arkadjewitsch wünschte augenscheinlich -das Nämliche, und auf seinem Gesicht sah Lewin den Ausdruck einer -Besorgnis, welche bei dem echten Jäger stets vor Beginn der Jagd -da zu sein pflegt, sowie den einer gewissen ihm eigenen gutmütigen -Verschlagenheit. - -»Wie wollen wir fahren? Der Sumpf ist ausgezeichnet, ich sehe es; auch -Habichte sind da,« sagte Stefan Arkadjewitsch auf zwei über dem Ried -kreisende, große Vögel weisend. »Wo Habichte sind, ist sicher auch -Wild.« - -»Nun, seht ihr Herren,« sagte Lewin, mit etwas mürrischem Ausdruck -seine Stiefel hochziehend und die Pistons auf dem Gewehr nachsehend; -»seht ihr diesen Ried?« Er wies auf eine kleine, dunkel in Schwarzgrün -schimmernde Insel, in einem weiten, sich auf dem rechten Ufer des -Flusses ausdehnenden, bis zur Hälfte gemähten nassen Wiesengrund. -»Der Sumpf beginnt hier, gerade vor uns, seht ihr -- wo das Grün ist. -Von da geht er rechts, wo die Pferde sind; -- hier befinden sich -auch Maulwurfshaufen und Bekassinen -- dann rund um diese Wiese bis -zu jenem Erlenwald und dicht bis zu der Mühle, dort wo man die Bucht -sieht. Das ist ein ausgezeichneter Platz; ich habe einmal siebzehn -Bekassinen hier geschossen; wir wollen uns nun mit den beiden Hunden -nach den verschiedenen Seiten trennen, und dort bei der Mühle wieder -zusammenkommen.« - -»Aber wer geht rechts; wer links?« frug Stefan Arkadjewitsch. »Rechts -ist es weiter; geht dort zu Zweien, ich will links gehen,« sagte er, so -harmlos, wie er nur konnte. - -»Schön; wir wollen ihn überschießen; also gehen wir, gehen wir,« -drängte Wasjenka. - -Lewin konnte damit nur einverstanden sein, und so trennten sie sich. -Kaum waren sie in den Sumpf gelangt, als beide Hunde gleichzeitig zu -suchen begannen und nach dem Schlamme witterten. Lewin kannte dieses -Suchen Laskas, vorsichtig und zurückhaltend; er kannte auch den Platz, -und erwartete den Schwarm der Schnepfen. - -»Wjeslowskij, geht nebenher, nebenher!« sagte er mit leiser -Stimme, zu dem im Wasser hinterher plätschernden Gefährten, dessen -Gewehrlaufrichtung Lewin nach dem unvorhergesehenen Schuß am -Kolpenskischen Sumpfe unwillkürlich interessierte. - -»Ach nein, ich will Euch nicht im Wege sein, denkt nur nicht an mich!« - -Lewin dachte aber unwillkürlich an ihn, und rief sich die Worte Kitys -ins Gedächtnis, mit denen diese ihn von sich gelassen: »Paßt auf, und -schießt einander nicht!« -- Näher und näher kamen die Hunde, einer am -anderen vorüber und jeder seine Spur verfolgend; die Erwartung war so -mächtig, daß Lewin das Schmatzen seines aus dem Schlamme emporgehobenen -Stiefelabsatzes als Schrei einer Schnepfe erschien, sodaß er den Kolben -des Gewehres packte und preßte. - -»Puff, puff,« klang es ihm in die Ohren. Wasjenka hatte in eine Schar -Enten geschossen, welche über dem Sumpfe schwebten und jetzt bei weitem -noch nicht für Jäger in Schußweite gekommen waren. Lewin hatte sich -kaum umgeschaut, als eine Schnepfe schmatzte; eine zweite, eine dritte --- noch acht dazu erhoben sich -- eine nach der anderen. - -Stefan Arkadjewitsch erlegte eine gerade im Augenblick, als sie ihre -Zickzacklinien zu beschreiben begann, und die Schnepfe fiel wie ein -Klumpen in den Moorgrund. Oblonskiy legte hastig auf eine zweite an, -die noch niedrig flog, und auch diese fiel, zugleich mit dem Fall des -Schusses, und es war deutlich zu erkennen, wie sie von dem gemähten -Grunde aufsprang, mit dem heilgebliebenen weißen Flügel schlagend. - -Lewin war nicht so glücklich; er hatte auf die erste Schnepfe zu nahe -geschossen und gefehlt; er hatte auf sie angelegt, indem sie sich noch -erhob, aber zur gleichen Zeit flog noch eine weitere dicht vor seinen -Füßen auf, lenkte ihn ab, und er that einen zweiten Fehlschuß. - -Während sie die Gewehre wieder luden, erhob sich eine weitere Bekassine -und Wjeslowskij, der soeben zum zweitenmale geladen hatte, sandte -ihr über das Wasser noch zwei Ladungen feinen Schrot nach. Stefan -Arkadjewitsch sammelte seine Schnepfen und schaute mit glänzenden Augen -auf Lewin. - -»Nun, jetzt wollen wir uns trennen,« sprach er, und schritt, auf dem -linken Fuße hinkend, die Flinte in Bereitschaft haltend und dem Hunde -pfeifend, nach der einen Seite. - -Lewin mit Wjeslowskij gingen nach der anderen. - -Lewin ging es stets so, daß er, wenn die ersten Schüsse unglücklich -waren, in Wallung geriet, ärgerlich wurde und den ganzen Tag schlecht -schoß. So war es auch jetzt. - -Bekassinen zeigten sich eine Menge; dicht vor den Hunden, vor den Füßen -der Jäger gingen sie unaufhörlich auf, und Lewin hätte sein Mißgeschick -wieder gut machen können, aber je mehr er schoß, umsomehr blamierte er -sich vor Wjeslowskij, der wohlgemut darauf losplatzte, ohne etwas zu -erlegen, dadurch aber nicht im geringsten aus der Fassung kam. - -Lewin geriet in Unruhe, und mehr und mehr in Hitze, so daß er beim -Schießen schon fast nicht mehr hoffte, noch etwas zu erlegen. Auch -Laska schien dies zu verstehen; er begann, träger zu suchen, und -schaute wie zweifelnd und vorwurfsvoll auf die Jäger. Schuß auf Schuß -fiel. Pulverdampf lagerte sich um die Jäger, aber in dem großen Netze -der Jagdtasche befanden sich nur drei leichte kleine Bekassinen, von -denen eine noch durch Wjeslowskij, eine von beiden gemeinsam erlegt -war. Währenddem vernahm man auf der andern Seite des Sumpfes zwar nicht -häufige, wohl aber, wie Lewin schien, bedeutungsvolle Schüsse von -Stefan Arkadjewitsch, bei denen fast nach einem jeden ein: »Krak, Krak, -apport!« hörbar wurde. - -Dies regte Lewin noch mehr auf; die Bekassinen kreisten ohne -Aufhören in der Luft über der Niederung. Ihr Schmatzen am Boden und -das Schnarren in der Höhe war ohne Unterbrechung von allen Seiten -vernehmbar; die vorher aufgestiegenen, und in der Luft kreisenden Vögel -ließen sich vor den Jägern nieder und anstatt zweier Habichte schwebten -jetzt deren zehn pfeifend über dem Sumpfe. - -Nachdem sie die größere Hälfte des Sumpfes durchschritten hatten, -gelangten Lewin und Wjeslowskij zu einer Stelle, auf welcher mit langen -Streifen eine Bauernwiese abgeteilt war, durch eingetretene Streifen, -und durch einen gemähten Schwaden angemerkt. Die Hälfte dieser Wiese -war schon gemäht. - -Obwohl nun wenig Hoffnung war, auf dem nichtgemähten Teil ebensoviel -zu finden, wie auf dem gemähten, so hatte Lewin Stefan Arkadjewitsch -doch einmal versprochen, mit diesem wieder zusammentreffen zu wollen, -und schritt er daher mit seinem Gefährten weiter durch die gemähten und -ungemähten Streifen hindurch. - -»He da, ihr Jäger!« -- rief ihnen aus einem Trupp Bauern, welche bei -einem ausgespannten Wagen saßen, einer zu, »kommt her, eßt mit uns -Mittag! Hier giebt es auch Branntwein zu trinken!« -- - -Lewin schaute sich um. - -»Komm nur her!« rief ein heiterer bärtiger Landmann mit rotem Gesicht, -die weißen Zähne lächelnd zeigend, und die grünliche, in der Sonne -blitzende Flasche hochhaltend. - -»=Qu'est ce qu'ils disent=?« frug Wjeslowskij. - -»Sie laden uns ein zum Branntweintrinken. Wahrscheinlich haben sie die -Wiesen geteilt. Ich möchte schon einmal trinken,« sagte Lewin nicht -ohne Hintergedanken, in der Hoffnung, Wjeslowskij möchte sich vom -Branntwein verführen lassen und mit zu ihnen hingehen. - -»Weshalb laden sie uns ein?« -- - -»Nun; sie sind guter Laune. Geht doch einmal hin zu ihnen. Es wird Euch -interessieren.« - -»=Allons, c'est curieux=.« - -»Geht, geht, Ihr werdet den Weg zur Mühle schon finden!« rief Lewin, -schaute sich um, und bemerkte mit Vergnügen, daß Wjeslowskij, stolpernd -und mit müden Beinen, das Gewehr in dem gestreckten Arm haltend, sich -aus dem Ried zu den Bauern herausarbeitete. - -»Komm du doch auch!« rief der Bauer Lewin zu. »Alle Wetter, es giebt -Pasteten zu essen!« - -Lewin gelüstete es stark, einmal Branntwein zu trinken, und ein Stück -Brot zu essen. Er war müde geworden und fühlte, daß er nur noch mit -Mühe die einsinkenden Füße aus dem Morast zog; und einen Moment -schwankte er. Doch sein Hund hatte gestellt, und sofort war alle -Müdigkeit verschwunden; leicht schritt er über das Moor hin seinem -Hunde zu. Unter seinen Füßen flog eine Bekassine auf, er feuerte und -erlegte sie -- der Hund stand noch immer. »Los!« vor dem Hunde erhob -sich eine zweite. Lewin schoß; allein der Tag war nicht glücklich; er -fehlte, und als er die erlegte Schnepfe suchen wollte, fand er sie -nicht einmal. Er suchte den ganzen Ried ab, aber Laska wollte nicht -glauben, daß er eine Schnepfe erlegt habe, und als Lewin ihm befahl, zu -suchen, that er, als ob er suche, suchte aber nicht. - -Auch ohne Wasjenka, welchem Lewin sein Unglück beimaß, wurde also die -Sache nicht besser. Bekassinen waren auch hier viel, aber Lewin that -Fehlschuß auf Fehlschuß. - -Die schrägfallenden Strahlen der Sonne waren noch heiß, die Kleider, -von Schweiß durch und durch naß, klebten ihm am Leibe, der linke -Stiefel, voller Wasser, war schwer und schmatzte; über das vom -Pulverschmand besudelte Gesicht rann der Schweiß in Tropfen, im Munde -machte sich ein bitterer Geschmack fühlbar, in der Nase Pulvergeruch -und Schlammduft, und in den Ohren klang das unausgesetzte Schnarren -der Schnepfen; die Flintenläufe durfte er nicht anrühren, so erhitzt -waren sie, das Herz pochte ihm schnell und kurz, die Hände zitterten -vor Erregung und die mattgewordenen Beine stolperten und blieben in den -Maulwurfhaufen und im Morast stecken; aber er ging weiter und schoß. -Endlich, nachdem er wiederum einen schmählichen Fehlschuß gethan, warf -er das Gewehr und die Mütze zu Boden. - -»Nein; erst muß ich zur Besinnung kommen!« sagte er zu sich selbst. -Flinte und Mütze wieder aufhebend, rief er Laska zu seinen Füßen, -und verließ den Ried. Als er auf das Trockene gekommen war, setzte -er sich auf einen Erdhaufen, zog sich aus, goß die Stiefel aus, ging -dann zum Sumpfe zurück und trank Etwas von dem Wasser mit schlammigem -Beigeschmack, feuchtete die glühenden Läufe an und wusch sich Gesicht -und Hände. Nachdem er sich so erfrischt hatte, begab er sich wieder -nach dem Platze, auf dem sich eine Bekassine niedergesetzt hatte, mit -dem festen Vorsatz, nicht in Aufregung zu geraten. - -Er wollte ruhig sein, aber es blieb beim Alten. Sein Finger berührte -den Drücker früher, als er den Vogel aufs Korn genommen hatte; es ging -schlechter und schlechter. - -Er hatte nur fünf Stück in seiner Jagdtasche, als er aus dem Ried -heraus zu dem Erlenwalde kam, wo er mit Stefan Arkadjewitsch -zusammentreffen sollte. - -Bevor er diesen jedoch selbst erblickte, gewahrte er seinen Hund. -Hinter der Wurzel einer Erle hervor sprang Krak, ganz schwarz von -übelriechendem Moorschlamm, und beschnüffelte Laska mit dem Ausdruck -des Siegers. Hinter Krak erschien im Schatten der Erlen nun auch die -stattliche Gestalt Stefan Arkadjewitschs, der ihm, rot aussehend, -schweißbedeckt mit aufgeknöpftem Kragen, noch immer hinkend, -entgegenkam. - -»Nun, wie steht es? Ihr habt viel geschossen!« sagte er heiter lächelnd. - -»Und du?« frug Lewin. Das Fragen war indes nicht nötig, weil er schon -die gefüllte Jagdtasche erblickt hatte. - -»O, nichts von Bedeutung.« - -Er hatte vierzehn Stück. - -»Ein famoser Sumpf! Dich, scheint es, hat Wjeslowskij gestört. Zwei mit -einem Hunde, das ist allerdings unbequem,« sagte Stefan Arkadjewitsch, -seine Siegesfreude bezwingend. - - - 11. - -Als Lewin und Stefan Arkadjewitsch in der Hütte des Bauern ankamen, -bei welchem Ersterer stets rastete, war Wjeslowskij bereits da. -Er saß mitten in der Hütte, sich mit beiden Händen an einer Bank -anhaltend, vor welcher ihn ein Soldat, der Bruder der Bauersfrau, an -den schlammbedeckten Stiefeln herunterzerrte, und lachte mit seinem -ansteckend lustigen Lachen. - -»Ich bin soeben angekommen. =Ils ont été charmants=. Stellt Euch -vor, sie haben mich getränkt und gefüttert! Welch ein Brot, das -war wunderbar! =Delicieux=! Und ein Branntwein! Ich habe noch nie -schmackhafteren getrunken! Und sie wollten um keinen Preis Geld nehmen! -Sie sagten nur immer »=Nje obsudisj=!« -- - -»Warum sollten sie Geld nehmen? Haben sie denn den Branntwein zum -Verkauf?« sagte der Soldat, der endlich den durchnäßten Stiefel mit dem -schwarzgewordenen Strumpfe heruntergezogen hatte. - -Trotz der Unsauberkeit der Hütte, welche von den Stiefeln der Jäger und -den schmutzigen, sich leckenden Hunden noch erhöht wurde, trotz des -Geruches nach Schlamm und Pulver, von welchem dieselbe erfüllt war, -und des Fehlens von Messern und Gabeln, tranken die Jäger ihren Thee, -nahmen sie ihre Abendmahlzeit mit solchem Appetit, wie man eben nur auf -der Jagd ißt. Nachdem sie sich gewaschen und gereinigt hatten, gingen -sie nach dem sauber gefegten Heuschuppen, wo die Kutscher den Herren -ein Lager zurecht gemacht hatten. - -Doch obwohl es bereits dunkelte, hatte keiner der Jäger Lust, zu -schlafen. - -Hin- und herschweifend zwischen den Erinnerungen und Erzählungen über -das Schießen, die Hunde und frühere Jagden -- war die Unterhaltung -auf das alle interessierende Thema gekommen. Angesichts der bereits -mehrmals wiederholten Äußerungen des Entzückens Wasjenkas über den -Reiz dieses Nachtlagers, den Duft des Heues, das Anziehende eines -zerbrochenen Wagens -- der Wagen schien ihm zerbrochen, weil er von den -Vorderrädern genommen worden war -- über die Gutmütigkeit der Bauern, -die ihn mit Branntwein gefüttert hatten, über die Hunde, die beide zu -Füßen ihrer Herren lagen, berichtete Oblonskiy über die Reize einer -Jagd bei Maltus, wo er im vergangenen Jahre gewesen war. - -Maltus war ein bekannter Eisenbahnkrösus. Stefan Arkadjewitsch -erzählte, was für Jagdgründe dieser Maltus im Gouvernement von Twer -aufgekauft habe, und wie dieselben gepflegt würden, und weiter, was für -Equipagen die Jäger geführt hätten und was für ein Zelt zum Frühstück -an der Jagdniederung aufgestellt worden sei. - -»Ich begreife dich nicht,« sagte Lewin, sich auf seinem Heulager -aufrichtend, »daß dir diese Leute nicht widerlich sind? Ich begreife, -daß ein Frühstück mit Lafitte sehr angenehm ist, aber sollte dir -gerade dieser Luxus nicht zuwider sein? Alle diese Leute, unsere -einstigen Spekulanten, gewinnen ihr Geld so, daß sie mit ihrem Gewinste -nur die Verachtung der Menschen verdienen; aber sie verachten diese -Geringschätzung, und kaufen sich mit dem ehrlos Erworbenen von ihrer -früheren Verachtung los.« - -»Vollkommen richtig!« bemerkte Wasjenka Wjeslowskij, »vollkommen; -natürlich thut dies Oblonskiy nur aus Bonhomie, wie die anderen sagen; -Oblonskiy fährt nicht zu ihnen« -- - -»Keineswegs,« -- Lewin fühlte, wie Oblonskiy lächelte, als er dies -sprach, »ich halte ihn einfach nicht für unehrlicher, als sonst einen -der reichen Kaufleute und Adligen. Sowohl diese, wie jene sind reich -geworden durch ihre Arbeit und ihre Intelligenz.« - -»Ja, aber durch was für Arbeit? Ist das etwa Arbeit, daß sie -Konzessionen erbeuten und diese weiter verkaufen?« - -»Natürlich eine Arbeit. Eine Arbeit in dem Sinne, daß wenn es diese -Leute oder ihnen ähnliche nicht gäbe, auch keine Eisenbahnen da wären.« - -»Aber diese Arbeit ist doch nicht eine solche, wie die eines Bauern, -oder des Gelehrten.« - -»Nehmen wir so an; aber es ist eine Arbeit in dem Sinne, daß diese -Thätigkeit ein Resultat ergiebt -- die Eisenbahnen! Du freilich findest -wohl, daß die Eisenbahnen ohne Nutzen sind.« - -»Nein; das ist eine andere Frage; ich bin bereit anzuerkennen daß sie -nützlich sind, aber jeder Erwerb, welcher der für ihn aufgewandten Mühe -nicht entspricht, ist ehrlos.« - -»Wer bestimmt aber dieses Verhältnis?« - -»Erwerb auf unehrlichem Wege, durch Anwendung von List,« sagte Lewin, -im Gefühl, daß er die Grenze zwischen ehrlich und unehrlich nicht -klar zu bestimmen wußte, »ebenso wie der Erwerb der Bankbureaus,« -fuhr er fort, »sind von Übel; sie bestehen in der mühelosen Erwerbung -ungeheurer Summen, wie dies der Fall war bei den Aufkäufen; nur die -Form hat sich verändert. =Le roi est mort, vive le roi=! Kaum hatte -man die Bodenspekulation vernichtet, da erschienen die Eisenbahnen und -Banken; gleichfalls ein Erwerbsbetrieb ohne Müheaufwand.« - -»Ja, das kann alles recht wahr und scharfsinnig sein -- leg' dich Krak« --- rief Stefan Arkadjewitsch seinem Hunde zu, der sich kratzte und das -Heu durchwühlte -- augenscheinlich von der Richtigkeit seiner Meinung -überzeugt und daher ruhig und ohne Übereilung. - -»Aber du unterscheidest nicht die Grenzen zwischen ehrlicher und -unehrlicher Arbeit. Daß ich an Gehalt mehr bekomme, als mein -Kanzleivorsteher, obwohl der die Sache besser versteht als ich, ist das -ehrlos?« - -»Ich weiß nicht.« - -»Nun, so will ich dir sagen: Daß du für deinen Müheaufwand in der -Landwirtschaft, sagen wir, fünftausend Rubel einnimmst, während unser -Wirt hier, der Bauer, so viel er auch arbeiten mag, nicht mehr als -fünfhundert hat, ist ganz ebenso ehrlos, wie, daß ich mehr als mein -Kanzleivorsteher erhalte, und daß Maltus mehr als ein Eisenbahnmeister -einnimmt. Im Gegenteil, ich erblicke ein gewisses, durch nichts -begründetes, feindseliges Verhalten der Gesellschaft diesen Leuten -gegenüber, und es scheint mir, daß hier der Neid« -- - -»Nein; das wäre ungerecht,« sagte Wjeslowskij, »Neid kann es hier nicht -geben, aber etwas Unsauberes liegt in diesem Geschäft.« - -»Gestatte;« fuhr Lewin fort. »Du sagst, es sei ungerecht, daß ich -fünftausend Rubel habe, und der Bauer fünfhundert; das ist wahr. Es ist -ungerecht, und ich fühle es, doch« -- - -»Es ist so in der That. Weshalb essen wir, trinken wir, jagen wir, -faulenzen wir, während er ewig, ewig bei der Arbeit ist?« sagte -Wasjenka Wjeslowskij, augenscheinlich zum erstenmal im Leben klar -hierüber nachdenkend, und infolge dessen auch vollständig aufrichtig. - -»Ja; du fühlst es wohl, würdest ihm aber dein Vermögen doch nicht -geben,« sagte Stefan Arkadjewitsch, gleichsam mit Absicht Lewin -zusetzend. - -In letzter Zeit war zwischen den beiden Schwagern eine Art von -verborgenem, feindseligem Verhältnis eingetreten; seit der Zeit, seit -welcher sie mit den Schwestern verheiratet waren, hatte sich zwischen -ihnen gleichsam ein Rivalentum darin entwickelt, wer sein Leben besser -fundiert hätte, und jetzt kam diese Gegnerschaft in einem Gespräch zum -Ausdruck, welches einen persönlichen Charakter anzunehmen begann. - -»Ich werde es ihm deshalb nicht geben, weil es niemand von mir fordert, -und wenn ich selbst wollte, würde ich es nicht können,« versetzte -Lewin, »wie überhaupt niemand.« - -»Gieb es nur dem Bauer hier; er wird dir nicht abschläglich antworten.« - -»Ja; aber wie soll ich es ihm geben? Soll ich mit ihm hinfahren und ihm -einen Kaufbrief ausstellen?« - -»Ich weiß nicht; doch wenn du überzeugt bist, daß du nicht das Recht -hast« -- - -»Ich bin durchaus nicht überzeugt hiervon; im Gegenteil fühle ich, daß -ich nicht das Recht habe, zu verschenken, daß ich Verbindlichkeiten -meinem Boden, wie meiner Familie gegenüber habe.« - -»Nein doch; gestatte; wenn du urteilst, daß diese Ungleichheit eine -ungerechte sei, weshalb handelst du dann nicht so?« - -»Ich handle ja so; nur aber negativ; in dem Sinne, daß ich mich nicht -bemühen will, jenen Unterschied der Lage, welcher zwischen mir und -jenem besteht, noch zu vergrößern.« - -»Nein, entschuldige, aber das ist paradox!« -- - -»Ja, das ist eine etwas sophistische Erklärung,« bestätigte -Wjeslowskij. »Ah, da kommt ja unser Wirt,« sprach er zu dem Bauer, -welcher, mit der Thür kreischend, in den Schuppen trat. - -»Nun, schläfst du denn noch nicht?« - -»Nein; wie soll man schlafen! Ich denke immer, unsere Herren schlafen, -da höre ich sie reden,« fügte er hinzu, behutsam mit den nackten Füßen -auftretend. - -»Wo schläfst du denn?« - -»Wir gehen auf die Nachtwache.« - -»Ach, welche Nacht!« sagte Wjeslowskij, auf die beim schwachen Scheine -der Abendröte in dem großen Rahmen der jetzt offenen Thür sichtbar -werdenden Umrisse der Hütte und des ausgeschirrten Wagens schauend. - -»Hört nur, da singen Weiberstimmen, und wahrhaftig, nicht schlecht. Wer -singt denn da, Herr Wirt!« - -»Ach, das sind die Mägde, vom Hof.« - -»Laßt uns hingehen; wir wollen spazieren gehen! Wir werden doch nicht -schlafen; Oblonskiy, kommt mit!« - -»Das wäre; ich liege, geht nur,« antwortete Oblonskiy sich reckend, »es -liegt sich ausgezeichnet hier.« - -»Nun, dann gehe ich allein,« sagte Wjeslowskij, lebhaft aufstehend und -kleidete sich an. »Auf Wiedersehen denn, ihr Herren. Wenn es hübsch -werden sollte, werde ich euch rufen; ihr habt mich mit Wild regaliert, -und ich werde eurer nicht vergessen.« - -»Nicht wahr, ein vortrefflicher Bursch?« sprach Oblonskiy, nachdem -Wjeslowskij gegangen war und der Bauer hinter ihm die Thür geschlossen -hatte. - -»Ja, vortrefflich,« erwiderte Lewin, weiter über das Thema des soeben -stattgehabten Gesprächs nachdenkend. Ihm schien es, als habe er, soweit -er es verstand, seine Ideen und Empfindungen klar ausgesprochen, und -doch hatten diese beiden, zwei nicht eben beschränkte, und aufrichtige -Männer, einstimmig gesagt, daß er sich mit Sophismen tröste. Dies -machte ihn ratlos. - -»So, so ist es, mein Freund. Eins von beiden ist nötig; entweder -zugestehen, daß die gegenwärtige Einrichtung der Gesellschaft gerecht -ist, und dann deine Rechte behaupten, oder zugestehen, daß du -unrechtmäßiger Vorzüge teilhaft bist --, wie ich dies thue -- und von -diesen mit Vergnügen Gebrauch machen.« - -»Nein. Wenn das ungerecht wäre, so könntest du diese Güter nicht mit -Vergnügen genießen -- ich wenigstens könnte es nicht. -- Mir ist die -Hauptsache -- ich muß fühlen, daß ich keine Schuld trage.« - -»Aber wollen wir nicht doch ein wenig mitgehen?« sagte Stefan -Arkadjewitsch, augenscheinlich abgespannt von dieser Anstrengung seines -Geistes. »Wir können ja doch nicht schlafen. Es ist wahr; gehen wir!« - -Lewin antwortete nicht. Das im Laufe des Gesprächs geäußerte Wort, daß -er, wenn auch nur im negativen Sinne, gerecht handle, beschäftigte ihn. - -»Sollte man nicht auch in negativem Sinne gerecht sein können?« frug er -sich selbst. - -»Wie stark doch auch das frische Heu duftet!« sprach Stefan -Arkadjewitsch, sich erhebend. »Ich kann um keinen Preis schlafen! -Wasjenka hat wohl schon etwas angestiftet da drüben. Hörst du das -Gelächter und seine Stimme? Wollen wir nicht hingehen? Komm!« - -»Nein; ich gehe nicht mit!« antwortete Lewin. - -»Wirklich nicht? Thust du dies auch nur aus Prinzip nicht?« sagte -lächelnd Stefan Arkadjewitsch, in der Finsternis nach seiner Mütze -suchend. - -»Nicht aus Prinzip, aber wozu sollte ich mitkommen?« - -»Weißt du, du machst dir selbst das Leben schwer,« sagte Stefan -Arkadjewitsch, der die Mütze gefunden hatte, aufstehend. - -»Inwiefern?« - -»Sah ich denn nicht, wie du dich mit deinem Weibe gestellt hast? Ich -habe gehört, wie es bei euch eine Frage der höchsten Wichtigkeit war, -ob du für zwei Tage auf die Jagd fahren solltest oder nicht! Alles -das ist ja ganz gut, wie ein Idyll, aber für das ganze Leben reicht es -nicht zu. Der Mann muß unabhängig sein; er hat seine Mannesinteressen!« - -»Der Mann muß männlich sein,« sprach Oblonskiy, die Thür öffnend. - -»Was heißt das? Etwa den Mägden die Cour schneiden?« frug Lewin. - -»Weshalb sollte man nicht einmal hingehen, wenn es dort lustig zugeht? -=Ça ne tire pas à conséquence=. Meine Frau wird sich davon nicht -schlechter und ich werde mich wohl befinden. Die Hauptsache ist aber -die, daß man das Heiligtum des Hauses wahrt; damit im Hause nichts -vorfällt; doch die Hände braucht man sich deshalb noch nicht zu binden!« - -»Mag sein,« versetzte Lewin trocken und wandte sich auf die Seite. -»Morgen müssen wir früh aufbrechen und ich werde niemand wecken, -sondern mit dem Zwielicht aufgehen.« - -»=Messieurs, venez vite=!« wurde die Stimme Wjeslowskijs vernehmbar, -der zurückkam. »=Charmante=! Das habe ich entdeckt. =Charmante=, -ein vollständiges Gretchen, und ich bin schon mit ihr bekannt -geworden! Wahrhaftig reizend!« -- erzählte er mit so billigendem -Gesichtsausdruck, als sei sie eigens für ihn selbst so hübsch -geschaffen worden, und als sei er zufrieden mit demjenigen, der dies -für ihn arrangiert hatte. - -Lewin stellte sich schlafend; Oblonskiy, die Pantoffeln anziehend und -eine Cigarre ansteckend, verließ den Schuppen, und bald waren beider -Stimmen verklungen. - -Lewin konnte lange Zeit nicht einschlafen. Er lauschte, wie seine -Pferde das Heu kauten, dann wie sein Wirt mit dem ältesten Sohne sich -fertig machte und zur Nachtwache abging; dann hörte er, wie der Soldat -sich mit einem Neffen, dem kleinen Sohne des Hausherrn, auf der andern -Seite des Schuppens schlafen legte, wie der Knabe mit seinem dünnen -Stimmchen dem Onkel seine Eindrücke über die Hunde mitteilte, die -ihm furchtbar und ungeheuer erschienen, ferner, wie der Knabe frug, -wen diese Hunde fangen wollten, und wie der Soldat mit heiserer und -schläfriger Stimme ihm sagte, daß die Jäger morgen in den Sumpf wollten -und aus ihren Flinten schießen würden, und wie er schließlich, um die -Fragen des Knaben los zu sein, sagte: »Schlaf, Waska, schlaf, oder« --- Bald schnarchte er selbst, und alles war still geworden; nur das -Wiehern der Pferde und das Schnarren einer Schnepfe war hörbar. - -»Sollte es wirklich nur negativ sein?« wiederholte er sich, »aber was; --- ich bin doch nicht schuld daran.« -- Und er begann hierauf, sich -den nächsten Tag zu überlegen. »Morgen will ich früh aufbrechen und -werde mir vornehmen, nicht in Aufregung zu kommen. Bekassinen giebt es -eine Unmenge. Und werde ich hierher heimkehren, so wird ein Brief von -Kity da sein. Ja, Stefan, hast du denn recht? Ich bin nicht männlich -gegen sie, ich bin verweichlicht. Aber was thun -- es ist wieder etwas -Negatives.« - -In sein Träumen hinein vernahm er das Lachen und das heitere Geschwätz -Wjeslowskijs und Stefan Arkadjewitschs. Für einen Augenblick öffnete er -die Augen; der Mond war aufgegangen und durch die geöffnete Thür, hell -von dem Mondlicht beleuchtet, sah er sie stehen und plaudern. - -Stefan Arkadjewitsch hatte etwas über die Frische der Mädchen -gesagt und sie mit einer eben von der Schale befreiten frischen -Nuß verglichen, und Wjeslowskij mit seinem ansteckenden Gelächter, -wiederholte wahrscheinlich die ihm von dem Bauer gesagten Worte: »Mach -dich soviel als möglich an dein Mädchen heran!« - -Lewin murmelte im Schlafe: - -»Ihr Herren, morgen mit Tagesanbruch!« und entschlummerte. - - - 12. - -Als Lewin mit dem frühen Morgenrot erwacht war, versuchte er es, die -Gefährten zu wecken. Wasjenka, auf dem Bauche liegend und den einen Fuß -noch mit dem Strumpfe von sich streckend, schlief so fest, daß keine -Antwort von ihm zu erhalten war. - -Oblonskiy weigerte sich im Schlafe, so früh aufzubrechen und selbst -Laska, verschlafen und im Kreis zusammengeringelt, am Rande des -Schuppens liegend, erhob sich nur ungern und streckte träge, eins nach -dem andern, die Hinterbeine von sich. - -Nachdem Lewin sich angekleidet hatte, ergriff er das Gewehr, öffnete -sachte die kreischende Thür des Schuppens, und trat auf die Gasse -hinaus. Die Kutscher schliefen bei den Wagen, die Pferde träumten; -nur eines fraß faul seinen Hafer, ihn mit seinem Schnauben auf der -Holzkrippe auseinanderblasend. - -Auf dem Hofe war alles noch grau. - -»So früh schon auf, Herr?« wandte sich, freundlich, wie zu einem alten -guten Bekannten, die alte Hausmutter, welche aus dem Bauernhause kam, -an ihn. - -»Ja, es soll zur Jagd gehen, Mütterchen! Komme ich dort nach dem -Sumpfe?« - -»Gerade durch die Gärten, unsere Tennen, lieber Mann, und die -Hanffelder; dort geht der Weg.« - -Behutsam mit den nackten, gebräunten Füßen auftretend, führte die Alte -Lewin und öffnete ihm den Verschlag bei der Tenne. - -»Geradeaus so und du kommst in den Sumpf; unsere Kinder haben dort -Nachtweide gehabt.« - -Laska lief lustig voraus auf dem Fußsteig; Lewin folgte ihm mit -schnellem, leichtem Schritt, fortwährend nach dem Himmel schauend. Er -wünschte, die Sonne möchte nicht früher aufgehen, als bis er zum Ried -gekommen wäre, doch die Sonne säumte nicht. Der Mond, welcher noch -schien, als er herausgetreten war, glänzte jetzt nur noch wie ein Stück -Quecksilber. Das Morgenrot, welches man vorher deutlich sehen mußte, -war jetzt zu suchen, und vorher unbestimmt gewesene Flecken im fernen -Felde waren jetzt klar sichtbar; es waren Kornfeime. Der ohne das -Sonnenlicht noch nicht sichtbar gewesene Thau in dem duftenden, hohen -Hanf durchnäßte die Füße und die Bluse Lewins bis über den Gürtel. In -der klaren Ruhe des Morgens waren die leisesten Geräusche vernehmlich. -Eine Biene flog mit dem Sausen der Kugel an Lewins Ohr vorüber. Er -schaute auf und sah eine zweite, eine dritte. Sie alle kamen hinter -dem Zaune des Bienengartens hervorgeflogen und verschwanden über dem -Hanf in der Richtung nach dem Ried. Der Fußsteig führte gerade aus in -den Sumpf, und diesen selbst konnte man schon an den Dünsten erkennen, -welche sich aus ihm erhoben, hier dichter, dort weniger dicht, so daß -die Wiese und Gebüsche wie kleine Inseln in dem Nebel flimmerten. - -Am Rande der Niederung und des Weges lagen Knaben und Bauern, welche -die Nacht beim Vieh gewacht hatten und im Morgenrot alle unter ihren -Kaftanen schliefen. Unweit von ihnen gingen drei gefesselte Pferde; -eines derselben klirrte in seinen Ketten. Laska ging neben seinem -Herrn, nach vorwärts strebend und sich umblickend. - -Nachdem Lewin bei den schlafenden Bauern vorübergegangen und an die -erste Wasserstelle gelangt war, besichtigte er die Pistons und ließ den -Hund los. Eines der Pferde, ein gutgefütterter, brauner Dreijähriger, -erschrak, als er den Hund erblickte, hob den Schweif und schnob. Die -übrigen Pferde gerieten gleichfalls in Schrecken, und eilten mit den -gefesselten Beinen im Wasser plätschernd, und mit den aus dem dichten -Lehm gezogenen Hufen einen Lärm verursachend, welcher dem Klopfen -ähnlich war, aus dem Sumpfe. - -Laska war stehen geblieben, schaute spöttisch auf die Pferde und -fragend auf Lewin. Dieser streichelte den Hund, und pfiff, zum Zeichen, -daß er nun beginnen könne. - -Munter und vorsichtig eilte Laska über das unter ihm schwankende Moor. - -Als er in den Sumpf geeilt war, witterte er unter den ihm vertrauten -Gerüchen und Sumpfgräsern, des Schlammes und des hier nicht -hergehörigen Duftes von Pferdemist, der in diesem ganzen Revier -verbreitet war, den Geruch eines Vogels, des Vogels, der ihn mehr als -alle anderen Witterungen in Aufregung versetzte. - -An manchen Stellen im Moos und bei Sumpfpflanzen war dieser Geruch sehr -stark, aber es ließ sich nicht entscheiden, nach welcher Seite hin er -zunahm oder schwächer wurde. - -Um die Richtung zu finden, war es nötig, weiter unter den Wind zu -gehen. Ohne die Bewegung seiner Füße zu fühlen, eilte Laska in scharfem -Galopp, doch derart, daß er bei jedem Sprung Halt machen konnte, wenn -es nötig werden sollte, nach rechts, hinweg von dem von Osten her -wehenden leichten Morgenwind, und wandte sich dann gegen denselben. -Mit offener Nase die Luft in sich einziehend, witterte er sogleich, -daß nicht nur die Spuren von ihnen, sondern sie selbst da waren, in -seiner Nähe, und nicht vereinzelt, sondern viele. Laska verminderte die -Schnelligkeit seines Laufes. Sie waren da, aber wo, vermochte er noch -nicht zu bestimmen. - -Um den Ort nun zu finden, begann er bereits einen Kreislauf, als ihn -die Stimme seines Herrn davon abzog. »Laska, dort,« sagte er, ihn auf -die andere Seite weisend. Der Hund stand, und frug ihn, ob es nicht -besser wäre, zu thun, wie er begonnen hätte. Doch der Herr wiederholte -mit strenger Stimme seinen Befehl, auf einen mit Wasser überdeckten -Fleck zeigend, wo nichts sein konnte. - -Er gehorchte ihm, sich stellend als suche er, um ihm Vergnügen zu -machen, durchstreifte den Fleck und kehrte dann zu seinem alten Platz -zurück, und sofort witterte er die Vögel wieder. Jetzt, da sein Herr -ihn nicht mehr störte, erkannte er, was zu thun sei, und begann, ohne -auf seine Füße acht zu haben und ärgerlich über die hohen Erdhügel -strauchelnd, oder ins Wasser fallend, aber mit flinken starken Füßen -seinen Kreislauf, welcher ihm alles klarmachen mußte. - -Der Geruch der Vögel wurde stärker und stärker, er drang immer -bestimmter und bestimmter auf ihn ein, und plötzlich war es ihm -vollkommen klar, daß einer derselben dort, hinter jenem Erdhügel sei, -fünf Schritte vor ihm; und er blieb stehen, blieb unbeweglich mit dem -ganzen Körper. - -Auf seinen niederen Beinen konnte er vor sich nichts sehen, an der -Witterung aber erkannte er, daß der Vogel nicht weiter als fünf Schritt -entfernt von ihm saß. Er stand, mehr und mehr des Wildes Nähe fühlend -und sich in der Erwartung freuend. Die steife Rute war hochgestreckt -und bebte nur ganz am Ende. Sein Maul war leicht geöffnet, die Ohren -waren gespitzt. Das eine Ohr hatte sich noch während des Laufs -zurückgelegt, und er atmete schwer, aber vorsichtig, und schaute sich -noch vorsichtiger nach seinem Herrn um, mehr mit den Augen, als mit -dem Kopfe. -- Dieser, mit seinem gewohnten Gesicht, aber den ihm stets -furchtbaren Augen, kam, über die Erdhaufen strauchelnd, ungewöhnlich -gemächlich, wie ihm schien, und doch lief er. - -Als Lewin das seltsame Suchen Laskas bemerkt hatte, wie sich dieser -ganz zur Erde drückte, mit großen Schritten der Hinterfüße gleichsam -rudernd, das Maul leicht geöffnet, erkannte er, daß Laska einer -Schnepfe nachspüre und eilte, im Geiste Gott bittend, daß er ihm -Erfolg, besonders für den ersten Vogel verleihe, zu dem Hunde. - -Als er nahe an diesen herangekommen war, hielt er in seiner Größe vor -sich Umschau und erblickte mit den Augen, was sein Hund mit der Nase -erkannt hatte. In einem Schlupfwinkel zwischen zwei Erdhügeln, in der -Entfernung von einem Faden, war eine Bekassine sichtbar. Den Kopf -gewendet, lauschte sie; dann plötzlich die Flügel leise reckend und sie -wieder zusammenlegend, schüttelte sie das Hinterteil und verbarg sich -hinter einer Ecke. - -»Stell, stell!« rief Lewin, Laska in den Rücken stoßend. - -»Ich kann ja nicht,« dachte Laska, »wohin soll ich gehen? Von dorther -wittere ich die Vögel, aber wenn ich mich vorwärts bewege, werde ich -nicht erfahren, wo sie sind.« Doch er stieß den Hund mit dem Knie und -sprach in aufgeregtem Flüsterton, »stell, mein Laska, stell!« - -»Nun, wenn er es denn will, werde ich es thun, doch ich bin jetzt für -nichts mehr verantwortlich,« dachte Laska, und drang in vollem Laufe -vorwärts zwischen den Erdhügeln. Er hatte bis jetzt noch nichts gemerkt -und nur geschaut und gelauscht, ohne etwas zu erfassen. - -Zehn Schritte von seinem vorigen Platze erhob sich mit breitem -Schnarchen und dem den Schnepfen eigenen vollen Ton des Flügelschlags -eine Schnepfe, stürzte aber sofort auf den Schuß schwer platschend mit -der weißen Brust auf den nassen Moor herab. Eine zweite ließ nicht auf -sich warten und stieg hinter Lewin ohne Hund auf. - -Als Lewin sich nach ihr umwandte, war sie schon weit entfernt, aber -sein Schuß erreichte sie. Nachdem sie zwanzig Schritt geflogen war, -stürzte sie, sich steil im Kreise erhebend und überschlagend, wie ein -geworfener Ball schwer auf einen trockenen Platz herab. - -»So hat das Ding Sinn!« dachte Lewin, die noch warmen, fetten Vögel in -seiner Jagdtasche bergend, »nicht so, Laskchen, das wird etwas werden?« - -Als Lewin, nachdem er das Gewehr wieder geladen hatte, sich weiter -bewegte, war die Sonne, obwohl hinter den Wolken noch nicht sichtbar, -bereits aufgegangen. Der Mond, seines Schimmers ganz verlustig -gegangen, stand bleich wie eine Wolke am Himmel, und von den Sternen -war kein einziger mehr sichtbar. Der Morast sah wie Bernstein aus; -die Bläue der Gräser ging über in gelbes Grün. Die kleinen Sumpfvögel -tummelten sich auf den von Thau schimmernden, lange Schatten am Bache -werfenden Büschen. Ein Habicht war erwacht und saß auf einem Schober, -den Kopf von einer Seite auf die andere wendend und grießgrämig auf den -Sumpf blickend. Dohlen flogen auf das Feld, und ein barfüßiger Junge -trieb schon die Pferde zu dem sich unter seinem Kaftan aufrichtenden, -und sich kratzenden Alten. Der Rauch der Schüsse lag weiß wie Milch auf -dem Grün des Grases. - -Einer der Knaben kam zu Lewin gelaufen. - -»Herr, gestern waren da Enten!« rief er ihm zu und folgte ihm aus der -Ferne. - -Lewin gewährte es doppeltes Vergnügen, vor den Augen des Knaben, -welcher seine Freude darüber ausdrückte, noch Schlag auf Schlag drei -Bekassinen erlegen zu können. - - - 13. - -Die alte Jägererfahrung, daß wenn das erste Wild, der erste Vogel, -nicht gefehlt worden ist, das Revier günstig bleibt, erwies sich als -richtig. - -Müde und hungrig, aber beglückt, kehrte Lewin um zehn Uhr morgens, -dreißig Werst hinter sich, mit neunzehn Stück schönen Wildprets und -einer Ente, die er an den Gürtel gebunden hatte, da sie schon nicht -mehr in die Jagdtasche ging, in sein Quartier zurück. Seine Gefährten -hatten schon längst ausgeschlafen, hatten Hunger empfunden und -gefrühstückt. - -»Halt, halt, ich weiß doch, daß es neunzehn sind,« sagte Lewin, zum -zweitenmal die Schnepfen durchzählend, welche jetzt nicht mehr den -charakteristischen Anblick zeigten, den sie boten, wie sie aufflogen; -zusammengekrümmt und eingeschrumpft, mit dem geronnenen Blute und -seitwärts herniederhängenden Köpfchen. - -Die Rechnung stimmte und der Neid Stefan Arkadjewitschs kitzelte Lewin. -Noch angenehmer aber war ihm, daß er, als er in das Quartier zurückkam, -schon einen Boten mit einem Brief von Kity antraf. - -»Ich bin gesund und munter. Wenn du Besorgnis um mich hegst, so -kannst du wohl noch ruhiger sein, als zuvor. Ich habe jetzt einen -neuen Leibhüter, Marja Wlasjewna,« dies war die Wehfrau, eine neue und -wichtige Persönlichkeit im Familienleben Lewins. »Sie ist gekommen, um -sich nach mir zu erkundigen, und hat mich vollständig gesund befunden; -wir haben sie bis zu deiner Rückkunft dabehalten. Alles ist gesund und -munter, aber, bitte, übereile dich nicht, und bleibe, wenn die Jagd gut -ist, noch einen Tag.« - -Diese beiden freudigen Ereignisse, die glückliche Jagd und der -Brief seiner Gattin, waren so schwerwiegend, daß zwei kleine -Unannehmlichkeiten nach der Jagd von Lewin leicht verwunden wurden. Die -eine bestand darin, daß das braune Handpferd, welches gestern offenbar -zu viel geleistet hatte, nicht fraß und den Kopf hängen ließ. Der -Kutscher sagte, es sei kreuzlahm. - -»Ihr habt es gestern übertrieben, Konstantin Dmitritsch,« sagte er; -»zehn Werst sind wir gar nicht auf dem Weg gefahren.« - -Die andere Unannehmlichkeit, die im ersten Augenblick seine gute Laune -verdarb, über die er indessen später viel lachte, bestand darin, daß -von dem ganzen Vorrat an Lebensmitteln, der von Kity in solcher Fülle -mitgegeben worden war, daß es schien, als könne er in einer Woche nicht -aufgezehrt werden, nichts mehr übrig war. - -Müde und hungrig von der Jagd heimkehrend, hatte Lewin so lebhaft von -den Pasteten geträumt, daß er, dem Quartier näher kommend, schon den -Duft und den Geschmack derselben im Munde witterte, wie Laska das Wild, -und sogleich Philipp befahl, sie ihm zu bringen. Da aber stellte sich -heraus, daß nicht nur keine Pasteten, sondern auch keine jungen Hühner -mehr da waren. - -»Es gab schon Appetit,« sagte Stefan Arkadjewitsch lachend, auf -Wasjenka Wjeslowskij weisend; »ich leide doch nicht gerade Mangel an -Appetit, aber dies war bewundernswert« -- - -»Nun, aber was jetzt thun!« sagte Lewin, mürrisch auf Wjeslowskij -blickend; »Philipp, so gieb mir Rindfleisch!« - -»Das Rindfleisch haben wir gegessen und die Knochen den Hunden -gegeben,« antwortete Philipp. - -Lewin ärgerte sich hierüber so, daß er voll Verdruß sagte: »Hätten sie -mir auch nur wenigstens etwas übrig gelassen!« und das Weinen stand ihm -nahe. - -»So weide denn ein Stück Wildbret aus,« sagte er mit bebender Stimme zu -Philipp, es vermeidend, Wasjenka anzublicken, »und lege Nesseln dazu. -Laß dir wenigstens etwas Milch für mich geben.« - -Bald darauf indessen, nachdem er die Milch getrunken hatte, that es -ihm leid, daß er seinen Verdruß einem fremden Menschen gegenüber -ausgesprochen hatte, und er begann über seinen hungrigen Zorn zu lachen. - -Am Abend machten sie noch einen Streifzug, in welchem auch Wasjenka -mehrere Stück erlegte und kehrten nachts heim. - -Die Heimfahrt war ebenso vergnügt, wie die Herfahrt. Wjeslowskij sang -bald, bald gedachte er mit Wonne seiner Erlebnisse bei den Bauern, die -ihn mit Branntwein bewirtet und ihm gesagt hatten, er solle sich nicht -besinnen; bald seiner nächtlichen Abenteuer mit den Nüssen und der -Magd und dem Bauer, der ihn gefragt hatte, ob er verheiratet sei, und -nachdem er erfahren, es wäre nicht der Fall, ihm gesagt hatte, er solle -sich nicht um die Frauen anderer kümmern, sondern möglichst bald selber -heiraten. Diese Worte hatten Wjeslowskij ganz besonders heiter gestimmt. - -»Im allgemeinen bin ich außerordentlich zufrieden mit unserer Fahrt. -Und Ihr, Lewin?« - -»Ich bin auch sehr zufrieden,« antwortete dieser, dem es recht froh -zu Mut war, aufrichtig. Er empfand nicht nur keine Feindseligkeit -mehr, wie er sie in dem Hause gegen Wasjenka Wjeslowskij gehegt hatte, -sondern, im Gegenteil, die freundschaftlichste Gesinnung für denselben. - - - 14. - -Am andern Tag um zehn Uhr klopfte Lewin, der schon die Ökonomie -inspiziert hatte, an das Zimmer, in welchem Wasjenka übernachtete. - -»=Entrez=!« rief ihm dieser entgegen. »Ihr entschuldigt mich wohl, ich -bin soeben erst mit meinen =ablutions= fertig,« sagte er lächelnd, im -bloßen Hemde vor ihm stehend. - -»Laßt Euch nicht stören, bitte,« sagte Lewin und setzte sich ans -Fenster. »Habt Ihr gut geschlafen?« - -»Wie ein Toter. Was für ein Tag doch heute zur Jagd wäre!« - -»Trinkt Ihr Thee oder Kaffee?« - -»Weder dies, noch das: ich frühstücke. Mir liegt übrigens etwas auf -dem Herzen. Haben sich die Damen bereits erhoben? Jetzt läßt sichs -vortrefflich einen Rundgang machen. Zeigt mir doch einmal Eure Pferde!« - -Nachdem Lewin mit durch den Garten gegangen und im Pferdestall eine -Weile gewesen, selbst einige gymnastische Übungen mit ihm am Barren -gemacht hatte, wandte er sich mit seinem Gaste dem Hause wieder zu und -trat mit ihm in den Salon. - -»Wir haben vortrefflich gejagt, und wieviele Eindrücke empfangen,« -sagte Wjeslowskij, zu Kity gehend, welche hinter dem Ssamowar saß. »Wie -schade, daß die Damen dieser Vergnügungen beraubt sind.« - -»Nun, er muß doch mit der Frau des Hauses sprechen,« dachte Lewin -bei sich; es zeigte sich ihm wiederum Etwas in dem Lächeln in jenem -triumphierenden Ausdruck, mit dem sich der Besucher an Kity wandte. - -Die Fürstin, jenseits des Tisches mit Marja Wlasjewna und Stefan -Arkadjewitsch sitzend, rief Lewin zu sich und begann mit ihm ein -Gespräch über die Umsiedelung nach Moskau wegen der Niederkunft Kitys -und der Anstalt zur Bestimmung eines Quartiers. - -Wie für Lewin schon alle Vorbereitungen bei der Hochzeit unangenehm -gewesen waren, die mit ihrer Niedrigkeit die Erhabenheit dessen, -was sich vollzog, beeinträchtigten, so erschienen ihm die Anstalten -für die bevorstehende Niederkunft, deren Zeit gleichsam an den -Fingern abgezählt wurde, noch verletzender. Er suchte geflissentlich -während dieser ganzen Zeit, die Gespräche über die Art der Windelung -des zu erwartenden Kindes zu überhören; er bemühte sich, gewisse -geheimnisvolle endlose gestrickte Streifen, gewisse dreieckige -Stückchen Leinwand, denen namentlich Dolly eine besondere Wichtigkeit -beimaß, und andere Dinge von sich zu weisen und nicht zu sehen. - -Das Ereignis der Geburt eines Sohnes -- er war überzeugt, es werde -ein Sohn sein -- das man ihm in Aussicht gestellt hatte, an welches er -aber gleichwohl nicht zu glauben vermochte, so ungewöhnlich dünkte es -ihm -- erschien ihm einerseits als ein so ungeheuerliches und daher -unmögliches Glück, anderseits als ein so geheimnisvoller Vorgang --- daß diese vermeintliche Kenntnis dessen, was kommen würde, und -demnach die Vorbereitung dazu als zu etwas Gewöhnlichem, von Menschen -herbeigeführtem, ihm ärgerlich und herabwürdigend vorkam. - -Aber die Fürstin verstand seine Empfindungen nicht; sie erklärte -seine Unlust, darüber zu denken, zu sprechen, als Leichtsinn und -Gleichgültigkeit; und ließ ihn infolge dessen nicht in Ruhe. Sie -übertrug es Stefan Arkadjewitsch, eine Wohnung zu besichtigen, und rief -nun Lewin zu sich. - -»Ich weiß nichts, Fürstin. Thut, was Ihr wollt,« sagte dieser. - -»Es muß aber ein Entschluß gefaßt werden, wann Ihr übersiedelt.« - -»Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, daß Kinder zu Millionen auch -ohne Moskau geboren werden, und ohne Ärzte -- wozu das« -- - -»Aber wenn es so steht« -- - -»Nun; wie Kity will« -- - -»Mit Kity läßt sich hierüber nicht reden. Wie; willst du, daß ich sie -erschrecken soll? In diesem Frühling ist die Nataly Galizina gestorben -durch die Schuld eines Geburtsfehlers.« - -»Wie Ihr sagt, werde ich thun,« sagte er finster. - -Die Fürstin begann nun mit ihm weiter zu sprechen, aber er hörte sie -gar nicht. Obwohl ihn das Gespräch mit der Fürstin verstimmte, wurde er -nicht infolge desselben mißlaunig, sondern durch das, was er bei dem -Ssamowar sah. - -»Nein; es ist unmöglich,« dachte er, bisweilen nach Wasjenka blickend, -der zu Kity herniedergebeugt, dieser mit seinem hübschen Lächeln -etwas erzählte, und sie anblickte, die errötete und erregt war. Es -lag etwas Indecentes in der Stellung Wasjenkas, in seinem Blick, und -seinem Lächeln. Lewin sah sogar etwas Indecentes auch in der Haltung -und im Blick Kitys. Und wiederum verfinsterte sich die Welt vor -seinen Augen. Wiederum, wie gestern, plötzlich, ohne den geringsten -Übergang, fühlte er sich von der Höhe seines Glückes, seiner Ruhe und -Würde herabgeschleudert, in einen Abgrund der Verzweiflung, Wut und -Erniedrigung. Wiederum wurde ihm jedermann und alles widerlich. - -»Macht was Ihr wollt, Fürstin,« sagte er nochmals, sich umblickend. - -»Es ist gar schwer, alles allein thun zu sollen,« sagte Stefan -Arkadjewitsch scherzweise zu ihm, offenbar nicht nur auf das Gespräch -mit der Fürstin deutend, sondern auch auf die Ursache der Aufregung -Lewins, welche er bemerkt hatte. »Wie kommst du heute so spät, Dolly!« - -Alles erhob sich, um Darja Alexandrowna zu begrüßen. Wasjenka stand nur -für eine Minute auf, und verbeugte sich kaum, mit dem den neumodischen -jungen Herrn eigenem Mangel an Höflichkeit gegen die Damen, worauf er -seine Unterhaltung wieder fortsetzte, über irgend etwas in Gelächter -ausbrechend. - -»Mich hat Mascha gepeinigt. Sie schlief schlecht und ist heute -entsetzlich launisch gewesen,« sagte Dolly. - -Das Gespräch, welches Wasjenka und Kity pflogen, drehte sich wiederum -um das gestrige Thema, um Anna und die Frage, ob die Liebe höher stehen -könne als die Gesetze der Welt. - -Kity war das Gespräch unangenehm geworden; es regte sie schon durch -seinen Inhalt auf, sowie durch den Ton, in welchem es geführt wurde, -namentlich aber dadurch, daß sie schon inne geworden war, wie es auf -ihren Mann wirke. Sie war indessen zu naiv und zu unschuldig, um es zu -verstehen, das Gespräch abzubrechen, etwa schon um deswillen, jenes -äußere Behagen, welches ihr die sichtliche Aufmerksamkeit dieses jungen -Mannes verursachte, zu verbergen. - -Sie wollte das Gespräch abbrechen, wußte aber nicht, was sie da zu thun -habe. Was sie auch alles thun mochte, sie wußte, es wurde von ihrem -Gatten bemerkt, und alles werde auch nach der üblen Seite ausgelegt -werden. - -Und in der That, als sie Dolly frug, was mit Mascha sei, und Wasjenka -wartete, bis dieses für ihn langweilige Gespräch vorüber sein werde, -und er sich einstweilen damit beschäftigte, Dolly gleichgültig -anzuschauen, so erschien Lewin diese Frage unnatürlich und anwidernd in -ihrer Verschmitztheit. - -»Nun; werden wir denn heute in die Pilze gehen?« frug Dolly. - -»Laß uns gehen, bitte; auch ich komme mit!« sagte Kity und errötete. -Sie wollte Wasjenka aus Höflichkeit fragen, ob er mitkäme, frug aber -nicht. »Wohin willst du, Konstantin?« frug sie mit schuldbewußtem -Ausdruck ihren Gatten, als dieser mit entschlossenem Schritt an ihr -vorüberging. Dieser schuldbewußte Ausdruck bestätigte alle seine -Zweifel. - -»In meiner Abwesenheit ist ein Maschinist angekommen, ich habe ihn -noch nicht gesehen,« sagte er, ohne sie anzublicken. Er ging hinab, -hatte aber das Kabinett noch nicht verlassen, als er die wohlbekannten -Schritte seiner Frau vernahm, die ihm unvorsichtig schnell nachkam. -»Was willst du?« sagte er lakonisch zu ihr. »Ich bin beschäftigt.« - -»Entschuldigt,« wandte sie sich an den deutschen Maschinisten, »ich -habe einige Worte mit meinem Manne zu sprechen.« - -Der Deutsche wollte gehen, doch Lewin sagte zu ihm: - -»Laßt Euch nicht stören.« - -»Den Dreiuhrzug?« frug der Deutsche, »sollte man sich nicht verspätigen -können?« - -Lewin antwortete ihm nicht, sondern ging mit seiner Frau hinaus. - -»Nun, was habt Ihr mir zu sagen?« sprach er auf französisch. - -Er blickte nicht in ihr Gesicht, wollte nicht sehen, daß sie, in -ihrem Gesundheitszustand im ganzen Gesicht bebte und einen kläglichen -beschämten Ausdruck zeigte. - -»Ich -- ich will sagen, daß man so nicht leben kann, daß das eine -Marter ist,« fuhr sie fort. - -»Es sind Leute dort im Büffett,« sprach er zornig, »macht keine Scene!« - -»Nun; gehen wir hierher!« - -Sie standen in einem Zwischenzimmer. Kity wollte in das Nebenzimmer -treten, doch dort unterrichtete die Engländerin Tanja. - -»So wollen wir in den Garten gehen.« - -Im Garten stießen sie auf einen Mann, welcher den Weg säuberte. Aber -ohne daran zu denken, daß der Mann ihr verweintes Gesicht sehe und -Lewins erregte Züge, ohne daran zu denken, daß sie den Anblick von -Menschen boten, welche vor einem Unglück fliehen, gingen sie mit -schnellen Schritten vorwärts im Gefühl, daß sie sich aussprechen und -gegenseitig überzeugen müßten; von einer und derselben Qual eingenommen -oder befreit werden müßten, die sie beide empfanden. - -»So läßt sich nicht leben! Das ist eine Qual! Ich leide, du leidest! -Und weshalb?« sagte sie, als beide endlich zu einer abgelegenen Bank in -der Ecke einer Lindenallee gekommen waren. - -»Sage mir nur das Eine: War in seinem Tone etwas Unehrerbietiges, -Unlauteres, Erniedrigendes?« sprach er, vor sie wieder in der nämlichen -Stellung tretend, die Fäuste auf der Brust, wie er in jener Nacht vor -ihr gestanden. - -»Es lag etwas darin,« sagte sie mit zitternder Stimme. »Aber, mein -Konstantin, siehst du denn nicht, daß ich gar nicht schuldig bin? Seit -dem Morgen schon wollte ich einen Ton annehmen -- aber diese Menschen --- warum ist er nur gekommen? Wie glücklich waren wir!« sprach sie, -tiefatmend vor Schluchzen, welches ihren sich allmählich füllenden -Körper hob. - -Der Gärtner sah mit Verwunderung -- trotzdem, daß sie nichts verfolgte -und sie nichts zu fliehen hatten, daß auch auf der Bank nichts -besonderes Erfreuliches zu finden sein konnte -- daß sie an ihm vorüber -nach dem Hause zurückkehrten, mit beruhigten, freudeschimmernden -Gesichtern. - - - 15. - -Nachdem Lewin sein Weib hinausbegleitet hatte, begab er sich in die -Gemächer Dollys. Darja Aleksandrowna ihrerseits war den ganzen Tag in -großer Erbitterung gewesen. Sie ging im Zimmer auf und ab und sprach -zornig zu ihrem in der Ecke stehenden weinenden kleinen Töchterchen. - -»Den ganzen Tag wirst du in der Ecke stehen und allein zu Mittag essen; -du sollst nicht eine einzige Puppe mehr zu sehen bekommen und auch kein -neues Kleid laß ich dir machen,« sprach sie, gar nicht mehr wissend, -womit sie sie noch weiter strafen sollte. »Nein, ist das ein häßliches -Kind!« wandte sie sich zu Lewin. »Woher kommen bei ihr diese schlimmen -Neigungen?« - -»Was hat sie denn begangen?« sagte ziemlich gleichgültig Lewin, der -sich über seine eigene Angelegenheit Rats zu erholen gewünscht hatte, -und dem es daher verdrießlich war, daß er zur unrechten Zeit kam. - -»Sie sind mit Grischa nach den Himbeeren gegangen und dort -- ich -kann dir gar nicht sagen, was sie gethan hat! Tausendmal bedauere ich -Miß Elliot. Die jetzige Gouvernante übt um keinen Preis Aufsicht. -Sie ist eine Maschine. =Figurez vous, que la petite=« -- und Darja -Aleksandrowna erzählte das Vergehen Maschas. - -»Dies beweist noch gar nichts; dies sind durchaus keine häßlichen -Neigungen, es ist einfach Mitleid,« beruhigte sie Lewin. - -»Aber du bist wie mißgestimmt? Weshalb kamst du?« frug Dolly, »wie geht -es drüben?« - -An dem Tone dieser Frage hörte Lewin, daß es ihm leicht sein würde, zu -sagen, was er zu sagen beabsichtigte. - -»Ich war nicht drüben, ich war mit Kity allein im Garten. Wir haben uns -ein zweites Mal gezankt, seit -- Stefan gekommen ist.« -- - -Dolly blickte ihn mit klugen, verständnisvollen Augen an. - -»Nun, sag' mir, Hand aufs Herz, wäre etwa nicht -- nicht bei Kity, -sondern bei jenem Herrn ein Ton, welcher unangenehm werden kann, nicht -nur unangenehm, sondern furchtbar, verletzend für einen Gatten?« - -»Das heißt -- wie soll ich sagen -- du bleibst stehen, in der Ecke!« --- wandte sie sich zu Mascha, welche, ein kaum bemerkbares Lächeln auf -dem Gesicht der Mutter gewahrend, sich umgedreht hatte; »die Meinung -der Welt wäre die, daß er sich benimmt, wie sich alle jungen Männer -benehmen. =Il fait la cour à une jeune et jolie femme=, ein Mann von -Welt aber darf nur geschmeichelt sein hiervon.« - -»Ja, ja,« versetzte Lewin düster, »aber hast du es bemerkt?« - -»Nicht nur ich, auch Stefan hat es bemerkt. Er hat mir nach dem Thee -offen gesagt, =je crois, que Weslowskij fait un petit brin de cour à -Kity=.« - -»Schön; jetzt bin ich beruhigt. Ich werde ihn davonjagen,« sagte Lewin. - -»Was willst du, hast du den Verstand verloren?« rief Dolly mit -Schrecken. »Was thust du, Konstantin, komme zur Besinnung!« sagte sie -dann lachend -- »jetzt kannst du zu Fanny gehen« -- wandte sie sich zu -Mascha. -- »Nein; wenn du schon willst, so werde ich es Stefan sagen; -er mag ihn mit fortnehmen. Man kann ja sagen, du erwartetest Gäste. -Überhaupt gehört er ja nicht zu unserem Hause.« - -»Nein; das sage ich auch.« - -»Aber du wirst Händel suchen?« - -»Keineswegs. Mir wird es so ganz lieb sein,« sagte Lewin, in der That -mit heiter glänzenden Augen. »Nun aber vergieb ihr, Dolly; sie wird -es nicht wieder thun,« sagte er zu der kleinen Sünderin, die nicht -zu Fanny ging und unentschlossen vor der Mutter stand von unten her -schielend und wartend, und ihren Blick suchend. - -Die Mutter schaute sie an. Das Kind begann zu schluchzen und vergrub -das Gesicht zwischen die Kniee der Mutter, Dolly aber legte ihre -hagere, zarte Hand auf des Kindes Haupt. - -»Was ist denn Gemeinsames zwischen uns und ihm?« dachte Lewin, und -ging, um Wjeslowskij aufzusuchen. - -Als er durch das Vorzimmer ging, befahl er anzuspannen, um auf die -Station fahren zu können. - -»Es ist gestern die Feder gebrochen,« antwortete der Diener. - -»Dann nehmt den Tarantaß, aber schnell! Wo ist der Besuch?« - -Sie gingen nach seinem Zimmer. - -Lewin traf Wasjenka gerade, als dieser, der seine Sachen aus dem Koffer -ausgepackt und neue Romanzen aufgeschlagen hatte, Gamaschen zum Reiten -anprobierte. - -Lag nun im Gesicht Lewins etwas Besonderes, oder empfand Wasjenka -selbst, daß =ce petit brin de cour=, den er angestiftet, in dieser -Familie unstatthaft wäre; genug, er wurde ein wenig -- soviel dies eben -ein Weltmann werden kann -- verlegen beim Eintritt Lewins. - -»Ihr wollt in Gamaschen reiten?« - -»Ja; das ist bei weitem sauberer,« sagte Wasjenka, den feisten Fuß auf -einen Stuhl stellend, und die unterste Schnalle zumachend, wobei er -heiter lächelte. - -Er war unzweifelhaft ein ganz guter Mensch und that Lewin leid. Dieser -kämpfte mit sich selbst, als Herr des Hauses, als er die Schüchternheit -im Blick Wasjenkas wahrnahm. - -Am dem Tische lag ein Stück eines Stockes, den sie am Morgen beim -Turnen zusammen zerbrochen hatten, indem sie probierten, den Barren -zu heben. Lewin nahm den Trümmer in die Hand und begann, da er nicht -wußte, wie er anfangen sollte, das zersplitterte Ende rund herum -abzubrechen. - -»Ich wollte --« er verstummte, sagte aber dann plötzlich, Kitys -gedenkend und alles dessen, was geschehen war, und ihm entschlossen in -die Augen blickend, »ich habe befohlen, für Euch anspannen zu lassen.« - -»Was heißt das?« begann Wasjenka voll Verwunderung, »wohin soll es -gehen?« - -»Ihr sollt zur Bahn fahren,« sagte Lewin finster, die Spitze des -Stockes abzupfend. - -»Verreist Ihr, oder ist etwas vorgefallen?« - -»Es ist das vorgefallen, daß ich Besuch erwarte,« sprach Lewin, -schneller und schneller mit den starken Fingern die Zacken des -zersplitterten Stockes abbrechend. »Oder vielmehr ich erwarte nicht -Besuch, und es ist nichts vorgefallen, aber ich ersuche Euch, -abzureisen. Ihr mögt Euch meine Unhöflichkeit erklären, wie Ihr wollt.« - -Wasjenka richtete sich auf. - -»Ich bitte Euch, mir zu erklären,« sprach er mit Würde, endlich -begreifend. - -»Ich kann Euch nicht erklären,« fuhr Lewin, gedämpften Tones -und langsam sprechend fort, sich bemühend, das Beben seiner -Kinnbackenmuskeln zu verbergen, »und es ist auch besser für Euch, nicht -zu fragen.« - -Da sämtliche zersplitterte Enden bereits abgebrochen waren, machte sich -Lewin mit den Fingern an die dicken Enden, riß den Stock auseinander -und hob das hingefallene Stück sorgsam auf. - -Wahrscheinlich mochte der Anblick dieser straffangestrengten Hände, -dieser Muskeln da, welche er heute früh beim Turnen befühlt hatte, der -blitzenden Augen, der gedämpften Stimme und der bebenden Kinnbacken -Wasjenka mehr als Worte überzeugen; er verbeugte sich, nachdem er die -Achseln gezuckt und verächtlich gelächelt hatte. - -»Kann ich nicht Oblonskiy sehen?« - -Das Achselzucken und Lächeln brachten Lewin nicht auf, »was bleibt ihm -weiter übrig?« dachte dieser. - -»Ich werde ihn sofort zu Euch schicken.« - -»Was ist das für ein Unsinn,« sagte Stefan Arkadjewitsch der von dem -Freunde erfahren hatte, daß man ihn aus dem Hause jage, zu Lewin, als -er diesen im Garten fand, wo er, die Abfahrt des Gastes erwartend, -spazieren ging. - -»=Mais c'est ridicule=! Was für eine Fliege hat dich denn gestochen. -=Mais c'est du dernier ridicule=! Was ist dir darin erschienen, daß ein -junger Mann« -- - -Die Stelle, an welcher Lewin die Fliege gestochen hatte, schmerzte -aber offenbar noch, da derselbe abermals bleich wurde, als Stefan -Arkadjewitsch ihm die Ursache klarmachen wollte, und diesen hastig -unterbrach. - -»Bitte, erkläre mir keine Ursache! Ich kann nicht anders! Es thut mir -sehr leid um deinet- und seinetwillen, aber ihm, glaube ich, verursacht -es kein großes Herzeleid, abreisen zu müssen, während mir und meiner -Frau seine Gegenwart unangenehm ist.« - -»Es ist dies aber eine Beleidigung für ihn! =Et puis c'est ridicule=!« - -»Auch für mich ist es beleidigend und peinlich! Und doch bin ich an -nichts schuld, und habe keinen Grund, leiden zu sollen!« - -»Das hätte ich nicht von dir erwartet! =On peut être jaloux, mais à ce -point, c'est du dernier ridicule=!« - -Lewin wandte sich schnell um und ging von ihm hinweg in die Tiefe der -Allee, wo er seinen Spaziergang allein auf und abwärts fortsetzte. Bald -vernahm er das Rollen des Tarantaß und sah hinter den Bäumen hervor, -wie Wasjenka, auf Heu sitzend, denn leider gab es keine Sitzbank in dem -Tarantaß, mit seiner schottischen Mütze, von den Stößen in die Höhe -schnellend, durch die Allee fuhr. - -»Was giebt es denn noch?« dachte Lewin, als ein Diener, der aus dem -Hause eilte, den Tarantaß halten ließ. Es war der Maschinist, den -Lewin gänzlich vergessen hatte. Nachdem derselbe gegrüßt hatte, sprach -er etwas mit Wasjenka, stieg darnach auf den Tarantaß und sie fuhren -zusammen ab. - -Stefan Arkadjewitsch und die Fürstin waren verstimmt von der -Handlungsweise Lewins. Auch dieser selbst fühlte sich nicht nur im -höchsten Grade »=ridicule=«, sondern auch schuldig und beschimpft; als -er sich aber vergegenwärtigte, was er und sein Weib gelitten hatten, -gab er sich, indem er sich selbst frug, wie er ein zweites Mal handeln -würde, die Antwort, daß er es ganz wieder so gemacht hätte. - -Trotz alledem war zu Ende dieses Tages jedermann, mit Ausnahme -der Fürstin, welche Lewin sein Verfahren nicht verzeihen konnte, -außergewöhnlich lebhaft und heiter, gleichwie Kinder nach einer -Bestrafung oder Erwachsene nach einem wichtigen offiziösen Empfang, so -daß abends in der Abwesenheit der Fürstin von der Entfernung Wasjenkas -gesprochen wurde, wie von einem längst geschehenen Vorfall. - -Auch Dolly, welche von ihrem Vater die Gabe besaß, humoristisch zu -erzählen, brachte Warenka zu dem herzlichsten Lachen, als sie zum -dritten oder vierten Mal, mit immer neuen humoristischen Zuthaten -berichtete, wie sie gerade dabei gewesen sei, ihre neuen Halbstiefeln -des Gastes halber anzulegen und schon in den Salon gegangen sei, als -sie plötzlich das Kreischen einer alten Karrete vernommen hätte. Und -wer hätte darin gesessen? Wasjenka, mit der schottischen Mütze und den -Romanzen, mit den Reitgamaschen, auf dem Heu. - -»Hätte er nur wenigstens den Wagen anspannen lassen! Aber nein! und -dann hörte ich »halt!« -- Nun, denke ich, man hat Mitleid mit ihm -bekommen! Ich sehe nach; da setzt man noch den dicken Deutschen zu -ihm und fährt ihn weiter. Aus war es mit meinen hübschen schottischen -Bändern.« - - - 16. - -Darja Aleksandrowna führte ihre Absicht aus und reiste zu Anna. - -Es that ihr sehr leid, die Schwester erbittern und etwas thun zu -müssen, was deren Gatten unangenehm war; sie begriff, wie sehr recht -die Lewin hatten, mit dem Wunsche, keine Beziehungen mit den Wronskiy -zu pflegen, allein sie erachtete es für ihre Pflicht, zu Anna zu -kommen, und ihr zu zeigen, daß ihre Gefühle sich nicht verändern -könnten trotz der Veränderung ihrer Lage. - -Um bei dieser Reise nicht von den Lewin abhängen zu müssen, sandte -Darja Aleksandrowna nach ihrem Dorfe, um Pferde mieten zu lassen; doch -Lewin, der hiervon erfahren hatte, kam, um ihr Vorwürfe zu machen. - -»Warum denkst du, daß mir deine Reise unangenehm sei? Ja, und selbst -wenn sie mir unangenehm wäre, so wäre sie es mir dadurch noch mehr, -daß du nicht meine Pferde nimmst,« sagte er. »Du hast mir nicht ein -einziges Mal gesagt, daß du entschieden fahren wolltest. Und nun auf -dem Dorfe Pferde zu mieten, ist erstens unangenehm für mich, und dann, -was die Hauptsache ist, man mietet sie, aber sie bringen dich nicht -hin. Ich habe doch Pferde; und wenn du mich nicht böse machen willst, -so nimmst du sie.« - -Darja Aleksandrowna mußte einwilligen, und am festgesetzten Tag hatte -Lewin für seine Schwägerin ein Viergespann von Pferden und einen -Vorspann aus Zug- und Reitpferden gewählt, bereit gemacht, der nicht -sehr schön, aber doch imstande war, Darja Aleksandrowna in einem Tage -an ihr Ziel zu bringen. - -Jetzt, wo Pferde sowohl für die Fürstin, welche abreiste, wie für -die Wehfrau gebraucht wurden, war das eine schwierige Aufgabe für -Lewin gewesen, doch konnte derselbe der Pflicht der Gastfreundschaft -Folge leistend, nicht zugeben, daß Darja Aleksandrowna von seinem -Hause aus Pferde mietete, und außerdem wußte er auch, daß die zwanzig -Rubel, welche man von Darja Aleksandrowna für die Fahrt verlangte, -für dieselbe von großer Bedeutung waren; die Finanzverhältnisse Darja -Aleksandrownas, welche sich in sehr schlechtem Zustande befanden, -wurden von den Lewin empfunden, als wären es ihre eigenen. - -Darja Aleksandrowna fuhr nach dem Rate Lewins noch vor der Morgenröte -ab. Der Weg war gut, der Wagen ging ruhig, die Pferde liefen munter und -auf dem Bocke saß noch außer dem Kutscher, an Stelle eines Dieners, -der Comptoirschreiber, der von Lewin der Sicherheit halber mitgesandt -worden war. Darja Aleksandrowna träumte und erwachte erst, als sie -schon zu der Poststation gekommen war, wo die Pferde gewechselt werden -mußten. - -Nachdem sie den Thee bei jenem nämlichen begüterten Großbauern, -bei welchem Lewin auf seiner Fahrt zu Swijashskiy gerastet hatte, -eingenommen, und sich mit den Weibern über die Kinder, mit dem Alten -über den Grafen Wronskiy unterhalten hatte, den jener sehr lobte, fuhr -Darja Aleksandrowna um zehn Uhr weiter. Zu Hause hatte sie, vor Sorgen -um ihre Kinder, nie Zeit zu denken. Dafür aber häuften sich jetzt erst, -auf dieser vierstündigen Fahrt, alle die vorher unterdrückt gewesenen -Gedanken plötzlich in ihrem Kopfe, und sie überdachte ihr ganzes Leben, -wie sie es noch nie zuvor gethan, und von den verschiedensten Seiten -aus. Ihr selbst kamen ihre eigenen Gedanken seltsam vor. - -Im Anfang dachte sie ihrer Kinder, um die sie sich, obwohl ihr die -Fürstin, wie besonders Kity -- auf diese verließ sie sich vielmehr -- -versprochen hatten, nach ihnen zu sehen, gleichwohl beunruhigte. - -»Wie wenn Mascha wiederum dumme Streiche machte, wenn den Grischa ein -Pferd schlüge und der Magen Lilys noch mehr verdorben würde.« - -Dann aber begannen die Fragen der Gegenwart sich mit denen der nächsten -Zukunft abzulösen. Sie dachte jetzt daran, daß man in Moskau für diesen -Winter eine neue Wohnung mieten, die Möbel im Salon umtauschen und der -ältesten Tochter einen Pelz fertigen lassen müsse. Darnach tauchten die -Fragen der entfernten Zukunft vor ihr auf; wie sie ihre Kinder in die -Welt einführen würde, »mit den Mädchen ist es noch nichts«, dachte sie, -»aber mit den Knaben?« - -»Gut; ich beschäftige mich jetzt mit Grischa, aber ich kann es doch -nur deshalb, weil ich selbst jetzt kein Kind unter dem Herzen trage. -Auf Stefan läßt sich natürlich nicht rechnen. Jedoch mit Hilfe guter -Menschen werde ich sie schon erziehen; und wenn wieder einmal eine -Geburt« -- ihr kam der Gedanke, wie ungerecht der Ausspruch sei, daß -der Fluch auf dem Weibe liege, daß sie in Schmerzen Kinder gebäre. -»Die Geburt selbst hat nichts zu sagen, aber das Austragen -- das ist -das Qualvolle,« dachte sie, sich ihrer letzten Schwangerschaft und des -Todes dieses letzten Kindes erinnernd. Es fiel ihr auch das Gespräch -mit der jungen Frau auf dem Posthof wieder ein. Auf ihre Frage, ob sie -Kinder habe, hatte dieselbe ganz heiter geantwortet: »Ich hatte ein -Mädchen, aber Gott hat es erlöst, ich habe es zu den Fasten begraben.« - -»Hast du es sehr betrauert?« hatte Darja Aleksandrowna weiter gefragt. - -»Wozu betrauern? Der Alte hat Enkel, und zwar viel. Man hat doch nur -Sorge dabei, und kann weder arbeiten noch sonst etwas thun, sondern ist -nur gebunden.« - -Diese Antwort war Darja Aleksandrowna abstoßend erschienen, ungeachtet -des gutmütigen Äußeren der jungen Frau, jetzt aber vergegenwärtigte sie -sich unwillkürlich diese Worte. Es lag auch ein Teil von Wahrheit in -diesen cynischen Äußerungen. - -»Und im allgemeinen,« dachte Darja Aleksandrowna, auf ihr ganzes Leben -während der fünfzehn Jahre ihrer Ehe zurückblickend, »Schwangerschaft, -Übelkeiten, Stumpfsinn, Gleichgültigkeit für alles, und hauptsächlich -Ruin der Schönheit. Kity, die junge, hübsche Kity, auch sie war häßlich -geworden, ich aber werde in der Schwangerschaft ungeschlacht, ich weiß -es. Geburten, Leiden, undenkbare Schmerzen; dann jene letzte Minute --- hierauf aber die Ernährung, alle die schlaflosen Nächte, diese -furchtbaren Schmerzen« -- - -Darja Aleksandrowna erbebte schon vor der Erinnerung an den Schmerz -einer aufgehenden Brustwarze, den sie fast bei jedem Kind gehabt -hatte. »Dann kommen die Kinderkrankheiten, diese ewige Angst, dann die -Gedanken wegen schlimmer Neigungen« -- sie dachte an das Vergehen der -kleinen Mascha in den Himbeeren -- »der Unterricht, das Latein, alles -das so unverständlich und schwierig. Und außer dem allen noch die -Möglichkeit des Todes eben dieser Kinder!« - -Und wiederum tauchte in ihrer Phantasie die ewig ihr Mutterherz -drückende, herbe Erinnerung an den Tod ihres letzten Knaben auf, der -noch an der Brust gelegen hatte, und in der Krippe gestorben war. Sie -dachte an sein Begräbnis, die allgemeinherrschende Gleichgültigkeit -für jenes kleine rosengeschmückte Grab, an ihren herzzerreißenden, -vereinsamten Schmerz über der bleichen, kleinen Stirn mit den hohen -Schläfen, über dem geöffneten, verwundert scheinenden Mündchen, welches -aus dem Sarge herausschaute, als man denselben mit einem Rosendeckel -und einem Kreuz bedeckte. - -»Und warum alles das? Was folgt aus alledem? Daß ich, ohne einen -Augenblick Ruhe zu haben, bald in gesegneten Umständen, bald ein -Kind nährend, ewig mich ereifernd, scheltend, mich selbst und andere -folternd, dem Manne zuwider, mein Leben hinlebe, und mir unglückliche, -schlecht erzogene und unbemittelte Kinder aufwachsen? - -»Und jetzt -- wäre nicht dieser Sommer bei den Lewin, ich wüßte nicht, -wie wir ihn verleben sollen. -- Natürlich sind Konstantin und Kity so -zartfühlend, daß sie es uns nicht merken lassen, aber es kann doch -nicht so fortgehen! Sie werden Kinder bekommen und uns nicht mehr -unterstützen können; sind sie doch schon jetzt in Bedrängnis. Und was -kann Papa, der für sich fast nichts mehr übrig behalten hat, noch -helfen? Die Verhältnisse liegen so, daß ich die Kinder nicht allein -erziehen kann, nur mit Hilfe anderer, und mit eigener Erniedrigung. Und -nehmen wir selbst den glücklichsten Fall; sollten mir keine Kinder mehr -sterben und sollte ich sie erziehen können, so werden sie im besten -Falle doch nur höchstens keine Taugenichtse werden. Das ist alles, -was ich wünschen kann. Und dafür so viele Qualen, so viele Mühen! Ein -ganzes, verlorenes Leben!« -- - -Und wieder fiel ihr ein, was die junge Frau gesagt hatte, wiederum -war es ihr widerlich, daran zu denken; und gleichwohl mußte sie doch -zugeben, daß in jenen Worten ein Stück rauher Wahrheit lag. - -»Ist es denn noch weit, Michail?« frug Darja Aleksandrowna den -Comptoirdiener, um sich ihren Gedanken, die sie bange machten, zu -entreißen. - -»Von diesem Dorfe sollen es noch sieben Werst sein!« - -Der Wagen fuhr in der Dorfgasse über eine kleine Brücke. Über die -Brücke ging geräuschvoll und lustig schwatzend ein Haufe frohgelaunter -Weiber. Die Weiber blieben auf der Brücke stehen, neugierig den -Wagen betrachtend. Alle ihr zugewandten Gesichter erschienen Darja -Aleksandrowna gesund, heiter, neckisch für sie in ihrer Lebenslust. - -»Sie alle leben, und freuen sich ihres Lebens,« fuhr Darja -Aleksandrowna in ihrem Gedankengang fort, an den Weibern -vorüberfahrend, einen Berg hinauf und dann im Trab wieder weiter, -angenehm gewiegt auf den geschmeidigen Federn der alten Kutsche, »ich -aber, wie aus einem Gefängnis hinausgelassen aus jener Welt, die mich -mit ihren Sorgen ertötet, komme nur jetzt auf einen Augenblick zur -Besinnung. Sie alle leben doch; diese Weiber, die Schwester Nataly, -Warenka, Anna, zu der ich fahre, -- nur ich lebe nicht! -- - -Anna greifen sie an; aber warum? Bin ich denn besser? Ich habe zwar -wenigstens einen Mann, den ich liebe. Wäre es nicht so, wie wollte ich -lieben, aber ich liebe ja ihn; während Anna den ihren nicht geliebt -hat. Wessen ist sie nun schuldig? Sie will leben! Gott hat uns das -in die Seele gelegt! Es ist sehr wohl möglich, daß ich das Nämliche -gethan hätte. Und bis heute weiß ich noch nicht, ob ich wohl daran -that, ihr in jener furchtbaren Zeit gehorcht zu haben, als sie zu mir -nach Moskau kam. Damals hätte ich meinen Gatten verlassen und ein -neues Leben beginnen müssen. Ich hätte lieben können und wahr geliebt -werden können! Und ist es nun etwa besser geworden? Ich achte ihn -nicht! Ich brauche ihn aber,« dachte sie ihres Gatten, »und so dulde -ich ihn. Ist das etwa besser? Damals konnte ich noch gefallen, da hatte -ich noch meine Schönheit,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, zu sinnen, -und sie hätte gern einmal in den Spiegel geblickt. In ihrem Reisesack -befand sich ein kleiner Reisespiegel, und sie wollte ihn hervorholen, -doch indem sie auf die Rücken des Kutschers und des schaukelnden -Comptoirdieners blickte, fühlte sie, daß es ihr fatal sein müßte, wenn -einer der beiden sich umschaute; und sie holte den Spiegel nicht hervor. - -Aber auch wenn sie nicht in den Spiegel blickte, meinte sie, sei es -jetzt noch nicht zu spät; und sie dachte an Sergey Iwanowitsch, der -besonders liebenswürdig gegen sie war, an den Freund Stefans, den -guten Turovzyn, der mit ihr zusammen ihre Kinder beim Scharlachfieber -gepflegt hatte und in sie verliebt war. Und noch ein ganz junger Mann -war da, welcher, wie ihr der Gatte im Scherz gesagt, gefunden hatte, -sie sei schöner, als alle ihre Schwestern. Die leidenschaftlichsten -und unmöglichsten Romane tauchten vor Darja Aleksandrowna auf. »Anna -hat recht gehandelt, und ich werde ihr nie den geringsten Vorwurf -mehr machen. Sie ist glücklich, begründet das Glück eines andern -Menschen, ist nicht abgestumpft, wie ich, sondern wahrhaftig so, wie -sie immer war, frisch, verständig und empfänglich für alles,« dachte -Darja Aleksandrowna und ein schlaues Lächeln kräuselte ihre Lippen, -namentlich, weil sie an den Roman Annas denkend, sich ähnlich dazu für -sich selbst einen eigenen, fast ebensolchen Roman erdachte, mit einem -erdichteten Musterhelden, der in sie verliebt war. Ebenso wie Anna, -gestand sie alles ihrem Gatten, und die Verwunderung und Bestürzung -Stefan Arkadjewitschs bei dieser Nachricht nun machte sie lächeln. - -In solchen Träumereien gelangten sie zu dem Scheideweg, welcher von der -Landstraße ab nach Wosdwishenskoje führte. - - - 17. - -Der Kutscher hielt das Viergespann an und blickte nach rechts, auf -ein Roggenfeld hinaus, auf welchem Bauern bei einem Wagen saßen. -Der Comptoirdiener wollte abspringen, besann sich aber anders und -rief befehlerisch einem Bauern zu, ihn zu sich heranwinkend. Der -leichte Wind, welcher während der Fahrt geweht, hatte sich gelegt, -als sie anhielten; die Bremsen hatten sich an die heftig abwehrenden, -schweißbedeckten Pferde festgesetzt. Das metallisch von dem Wagen -herübertönende Geräusch des Sensendengelns verstummte. Einer der Bauern -erhob sich und kam zum Wagen. - -»He, bist wohl vertrocknet!« rief der Comptoirdiener gereizt dem -langsam über die Erdhügel des nicht ausgefahrenen, trockenen Weges mit -den nackten Füßen schreitenden Bauern zu, »so lauf doch!« - -Ein kraushaariger Alter, das Haar mit Lindenbast aufgebunden und mit -von Schweiß dunkelgefärbtem gekrümmten Rücken, beschleunigte seinen -Schritt, trat an den Wagen heran und faßte mit der gebräunten Hand an -die Seite des Wagens. - -»Wollt Ihr nach Wosdwishenskoje?, auf den Herrenhof? Zum Grafen?« -wiederholte er, »dann fahrt nur so! Macht die Wendung nach links, dann -gerade aus und Ihr kommt gerade darauf. Zu wem wollt Ihr denn? Zum -Herrn selbst?« - -»Ist denn Eure Herrschaft zu Haus, Freund?« frug Darja Aleksandrowna -ausweichend, ohne zu wissen, wie sie, selbst dem Bauern gegenüber, nach -Anna fragen sollte. - -»Er ist wohl daheim,« sagte der Bauer einen Schritt vortretend und -dabei mit den nackten Füßen im Staube eine deutliche Spur seiner -Fußsohle mit den fünf Zehen hinterlassend. »Er wird wohl zu Haus sein,« -wiederholte er, augenscheinlich mit großer Lust, ein Gespräch zu -beginnen. »Gestern sind erst Gäste gekommen. Gäste -- es war eine Menge --- Was willst du!« -- wandte er sich nach einem Burschen um, der ihm -vom Wagen her etwas zuschrie. »Sie sind kaum erst alle zu Pferde hier -vorbeigekommen, um eine Schnittmaschine zu besichtigen. Jetzt werden -sie wohl zu Hause sein. Wo kommt Ihr denn her?« - -»Wir sind von weiter weg,« sagte der Kutscher, auf den Bock steigend, -»also es ist nicht weit?« - -»Wie ich sage; dort! Wie Ihr eben fahrt« -- sagte er, mit der Hand nach -der Seite des Wagens deutend. - -Ein junger, gesunder und stämmiger Bursche kam auch heran. - -»Wie, haben wir keine Arbeit auf Rechnung der Ernte?« frug derselbe. - -»Weiß nicht, mein Lieber! Wie gesagt, wenn du dich links hältst, kommst -du gerade drauf,« sprach der Bauer, der augenscheinlich ungern die -Reisenden fortließ und mit ihnen schwatzen wollte. - -Der Kutscher fuhr weiter, doch kaum hatten sie eingelenkt, als der -Bauer rief: »Halt! He, Freund! Halt an!« Eine zweite Stimme rief -ebenso. Der Kutscher hielt an. - -»Da kommen sie selbst. Dort sind sie!« rief der Bauer. »Dort sind -sie!« fügte er hinzu, auf vier Reiter und zwei Personen in einem Wagen -weisend, welche den Weg daherkamen. - -Es war Wronskiy mit seinem Jockey, Wjeslowskij und Anna zu Pferde, die -Fürstin Barbara und Swijashskiy im Wagen. Sie waren spazieren geritten, -und wollten die Arbeit der neu eingeführten Erntemaschinen besichtigen. - -Als die Equipage stand, kamen die Reiter im Schritt heran. Voran ritt -Anna neben Wjeslowskij. Sie ritt in ruhigem Schritt eine kleine -englische Vollblutstute mit gestrählter Mähne und gestutztem Schweif. -Annas schönes Haupt mit den unter dem hohen Hut hervordringenden -schwarzen Haaren, ihre vollen Schultern, die schmale Taille in der -schwarzen Amazone und ihr ruhiger graziöser Sitz frappierten Dolly. - -Im ersten Augenblick erschien es ihr unpassend, daß Anna ritt. Mit der -Vorstellung vom Reiten der Damen verband sich nach dem Begriff Darja -Aleksandrownas auch die einer jugendlichen flatterhaften Koketterie, -die nach ihrer Meinung mit der Lage Annas nicht harmonierte; doch als -sie diese in der Nähe sah, söhnte sie sich sofort mit ihrem Reiten aus, -denn selbst bei ihrer Eleganz, war alles an ihr so einfach, ruhig und -würdevoll in Haltung und Kleidung, sowie auch in ihren Bewegungen, daß -nichts natürlicher erscheinen konnte. - -Neben Anna auf einem grauen feurigen Kavalleriepferd, welches die -starken Füße hochwarf und augenscheinlich mit sich kokettierte, ritt -Wasjenka Wjeslowskij in seiner schottischen Mütze mit den wehenden -Bändern, und Darja Aleksandrowna konnte sich ein Lächeln nicht -verbeißen, als sie ihn erkannte. - -Hinter ihnen ritt Wronskiy; er saß auf einem dunkelbraunen Vollblut, -welches sichtlich vom Galopp aufgeregt war; um es zu halten, arbeitete -er mit den Zügeln. - -Nach ihm kam ein kleiner Mensch in Jockeykostüm. Swijashskiy mit der -Fürstin in einem neuen Wagen, der von einem starken schwarzen Traber -gezogen wurde, folgten den Reitern. - -Das Gesicht Annas, als sie die in dem kleinen, alten Wagen in die Ecke -geschmiegte Gestalt Dollys erkannte, erglänzte von freudigem Lächeln. -Sie stieß einen Schrei aus, erbebte im Sattel und setzte das Pferd in -Galopp. Als sie am Wagen angelangt war, sprang sie ohne Beistand ab und -eilte, ihre Amazone aufnehmend, Dolly entgegen. - -»Ich dachte es wohl, wagte es aber nicht zu denken! Welche Freude! Du -vermagst dir meine Freude nicht vorzustellen,« sagte sie, sich bald mit -dem Gesicht an Dolly schmiegend, und sie küssend, bald sich entfernend -und sie mit einem Lächeln betrachtend. »Das ist eine Freude, Aleksey!« -sprach sie, sich nach Wronskiy umblickend, der vom Pferde gestiegen -war und zu ihnen herankam. - -Wronskiy trat, den grauen hohen Hut abnehmend, zu Dolly. - -»Ihr könnt nicht glauben, wie erfreut wir über Eure Ankunft sind,« -sagte er, seinen Worten ein besonderes Gewicht verleihend und lächelnd -dabei seine festen weißen Zähne zeigend. - -Wasjenka Wjeslowskij nahm, ohne vom Pferde zu steigen, die Mütze ab -und bewillkommnete den Besuch, freudig die Bänder über seinem Kopfe -schwingend. - -»Dies ist die Fürstin Barbara,« antwortete Anna auf den fragenden Blick -Dollys, als der Wagen herangekommen war. - -»Ah,« sagte Darja Aleksandrowna, und ihr Gesicht drückte unwillkürlich -Mißvergnügen aus. - -Die Fürstin Barbara war die Tante ihres Gatten und sie kannte sie -lange, achtete sie aber nicht. Wußte sie doch, daß die Fürstin Barbara -ihr ganzes Leben als Konkubine reicher Verwandter verbracht hatte. -Daß sie aber jetzt bei Wronskiy lebte, einem ihr fremden Mann, dies -verletzte in Hinsicht auf die Familie ihres Gatten. Anna bemerkte den -Ausdruck im Gesicht Dollys und wurde verlegen; sie errötete, ließ ihre -Amazone aus den Händen gleiten und stolperte über dieselbe. - -Darja Aleksandrowna begab sich zu dem stehen gebliebenen Wagen und -begrüßte kühl die Fürstin Barbara. Swijashskiy war ihr gleichfalls -bekannt. Er frug, wie sich sein Freund und Sonderling mit seiner jungen -Frau befinde und schlug den Damen, mit einem schnellen Blick auf die -nicht gerade dampfenden Pferde und den Wagen mit den ausgebesserten -Seiten, vor, in der Equipage zu fahren. - -»Ich hingegen werde in diesem Vehikel fahren,« sagte er, »das Pferd ist -sanft und die Fürstin fährt ausgezeichnet.« - -»Nein, bleibt, wie Ihr waret,« sagte Anna herzutretend, »aber wir -wollen in diesem Wagen fahren,« und Dolly bei der Hand nehmend, führte -sie dieselbe mit sich. - -Darja Aleksandrownas Augen schweiften über die elegante, von ihr noch -nicht gesehene Equipage, die schönen Pferde, die vornehmen, glänzenden -Personen, die sie umgaben, aber mehr als alles das frappierte sie die -Veränderung, welche mit der ihr so wohlbekannten, geliebten Anna vor -sich gegangen war. Ein anderes Weib, welches weniger aufmerksam gewesen -wäre, und Anna früher nicht gekannt hätte, insbesondere nicht die -Gedanken hegte, welchen Darja Aleksandrowna unterwegs nachgehangen -hatte, würde nichts Eigenartiges an Anna bemerkt haben. - -Jetzt aber war Dolly betroffen von jener nur zeitweisen Schönheit, -die allein in Momenten der Liebe bei den Frauen zu erscheinen -pflegt, und die sie jetzt auf Annas Gesicht fand. Alles an deren -Gesicht, die Schärfe der Grübchen in Wangen und Kinn, die Lage der -Lippen, das Lächeln, welches gleichsam rund um ihr Gesicht flog, der -Glanz der Augen, die Grazie und Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die -Fülle des Tones ihrer Stimme, selbst ihre Manieren, mit denen sie -ernst-freundlich Wjeslowskij antwortete, der sie um die Erlaubnis bat, -sich auf ihre Stute setzen zu dürfen, um sie Galopp mit Rechtseinsatz -lehren zu können -- alles das war eigentümlich anziehend und sie selbst -schien dies zu wissen und darüber Freude zu empfinden. - -Nachdem sich die beiden Frauen in den Wagen gesetzt hatten, überkam sie -beide eine plötzliche Verlegenheit. Anna geriet in Verwirrung wegen -des aufmerksam fragenden Blickes, mit dem Dolly sie anschaute. Dolly, -weil sie sich, nach den Worten Swijashskiys über das Vehikel, ihrer -schmutzigen alten Kalesche schämte, in welche sich Anna mit ihr gesetzt -hatte. - -Der Kutscher Philipp und der Comptoirdiener hatten das nämliche Gefühl. -Der Comptoirdiener beeilte sich, um seine Verlegenheit zu verbergen, -den Damen beim Niedersetzen behilflich zu sein, während Philipp, der -Kutscher, mürrisch geworden war, und sich vorgenommen hatte, dieser -äußeren Überlegenheit nicht nachzugeben. Ironisch lächelnd blickte er -auf den schwarzen Traber, und hatte schon im Geiste das Urteil gefällt, -daß dieser Rappe im Wagen nur gut sei zur »Promenade« und nicht vierzig -Werst weit scharf und ohne Ausspann laufen könne. - -Die Bauern hatten sich sämtlich von ihrem Wagen erhoben und schauten -neugierig und belustigt den Besuchern entgegen, ihre Bemerkungen dazu -machend. - -»Sehr erfreut, sehr lange nicht gesehen,« sagte der kraushaarige Alte -mit dem Lindenbast. - -»Nun, Vater Gerasim, der schwarze Hengst müßte die Garben -hereinbringen; das ginge lebhaft!« - -»Schaut an! Ist der da in den Hosen auch ein Frauenzimmer?« sagte -Einer, auf den im Damensattel sitzenden Wasjenka Wjeslowskij zeigend. - -»Über den Bauer! Wie geschickt er anspielt!« - -»Nun Kinder, wollen wir nicht ein Mittagsschläfchen halten?« - -»Ach was, jetzt gar Schlaf!« sagte der Alte, gebückt nach der Sonne -schauend. »Mittag ist vorbei! Nehmt die Griffe fest; los!« -- - - - 18. - -Anna blickte in Dollys hageres, übermüdetes Gesicht mit den Runzeln, -die vom Staube bedeckt waren; sie wollte sagen, was sie dachte, nämlich -daß Dolly recht abgemagert sei, aber indem sie sich vergegenwärtigte, -daß sie schöner geworden, und der Blick Dollys ihr dies sagte, seufzte -sie, und begann, von sich zu sprechen. - -»Du blickst mich an,« sagte sie, »und denkst, kann sie glücklich -sein in ihrer Lage. Nun, was soll ich sagen! Es ist schmachvoll, es -einzugestehen; aber ich -- ich bin unverzeihlich glücklich! -- Mir -ist etwas Zauberhaftes, Etwas wie ein Traum vor sich gegangen, in dem -es uns furchtbar, seltsam wird, aus dem man plötzlich erwacht, um zu -fühlen, daß alle diese Schrecken gar nicht da sind. Ich bin erwacht. -Ich habe Qualvolles, Furchtbares durchlebt, und es ist jetzt schon -geraume Zeit, besonders seit wir hier sind, daß ich so glücklich bin,« -sprach sie mit schüchternem, fragendem Lächeln Dolly ins Auge sehend. - -»Wie freue ich mich,« sagte Dolly lächelnd, aber unwillkürlich kühler, -als sie wollte. »Ich freue mich sehr über dich. Weshalb hast du mir -nicht geschrieben?« - -»Weshalb? Deshalb, weil ich es nicht wagte -- du vergißt meine Lage.« - -»Gegen mich? Gegen mich hast du es nicht gewagt? Wenn du wüßtest, wie -ich -- ich glaube« -- - -Darja Aleksandrowna wollte ihre Gedanken vom heutigen Morgen -aussprechen, aber aus irgend einem Grunde erschien ihr dies jetzt nicht -am Platze. - -»Doch davon später. Was ist das, alle diese Gebäude?« frug sie, im -Wunsche das Thema zu wechseln, auf die roten und grünen Dächer zeigend, -welche hinter dem Grün lebender Akazienzäune sichtbar wurden. Es sah -dies alles aus wie ein Städtchen. - -Anna antwortete ihr nicht. - -»Nein, nein; wie urteilst du über meine Lage, wie denkst du darüber; -wie?« frug sie. - -»Ich vermute,« wollte Darja Aleksandrowna beginnen, doch in diesem -Augenblick sprengte Wasjenka Wjeslowskij, der die Stute in Galopp mit -Rechtseinsatz gebracht hatte, schwerfällig in seinem kurzen Jaquet auf -dem sämischen Leder des Damensattels auf und niedergeworfen, an ihnen -vorüber. - -»Sie geht, Anna Arkadjewna!« schrie er. - -Anna schaute ihn indessen nicht einmal an, und Darja Aleksandrowna -schien es wiederum, daß es unpassend sei, in der Kalesche dieses -langatmige Thema anzuschlagen, und sie brach daher in der Äußerung -ihres Gedankens ab. - -»Ich urteile gar nicht darüber,« sagte sie, »ich habe dich stets -geliebt, und wenn man liebt, liebt man den ganzen Menschen so, wie er -ist, nicht so, wie man will, daß er sei.« - -Anna versank in Nachdenken, indem sie die Augen vom Gesicht der -Freundin wegwendete und blinzelte -- eine neue Gewohnheit, die Dolly -noch nicht an ihr gekannt hatte -- sie wünschte die Bedeutung dieser -Worte ganz zu erfassen. Nachdem sie sie augenscheinlich so, wie sie es -wünschte, aufgefaßt hatte, schaute sie Dolly an. - -»Wenn du Sünden haben solltest,« sprach sie, »so möchten sie dir alle -vergeben sein für dein Kommen und für diese Worte.« - -Dolly sah, daß ihr die Thränen in die Augen getreten waren. Schweigend -drückte sie Annas Hand. - -»Also was sind das für Gebäude? -- Wie viel es doch sind!« Sie -wiederholte nach einer Minute des Schweigens ihre Frage. - -»Dies sind die Gebäude des Personals, der Fabriken, die Ställe,« -antwortete Anna. »Dort beginnt der Park; alles das war verwildert, -aber Aleksey hat es wieder neu hergerichtet. Er liebt dieses -Besitztum sehr und fühlt sich, was ich nimmermehr erwartet hätte, -leidenschaftlich zur Landwirtschaft hingezogen. Er hat überhaupt eine -so reich beanlagte Natur! Was er auch anfassen mag, alles vollführt er -ausgezeichnet. Und er langweilt sich nicht nur nicht dabei, sondern -beschäftigt sich mit leidenschaftlichem Eifer. So wie ich ihn kenne, -ist er ein haushälterischer, vorzüglicher Hausherr geworden, sogar -geizig in der Wirtschaft ist er; aber auch nur in der Wirtschaft! Da, -wo es sich um Zehntausende handelt, rechnet er nicht,« sprach sie mit -jenem freudig schlauen Lächeln, mit welchem Frauen oft über geheime, -ihnen allein bekannte Eigenschaften eines geliebten Mannes sprechen. - -»Siehst du dieses große Gebäude da? Das ist das neue Krankenhaus. -Ich glaube, daß es mehr als hunderttausend Rubel kosten wird. Und -weißt du, woher das Geld gekommen ist? Die Bauern hatten ihn gebeten, -ihnen die Wiesen billiger abzulassen, er aber hatte sie abschläglich -beschieden, und ich machte ihm Vorwürfe wegen seines Geizes. Natürlich -nicht deswegen nun, aber alles in allem erwägend, begann er da dieses -Krankenhaus zu bauen, um zu zeigen, verstehst du, daß er nicht geizig -sei. Wenn du willst, =c'est une petitesse=, aber ich liebe ihn dafür -umsomehr. Doch du wirst sogleich das Wohnhaus erblicken. Es ist noch -vom Großvater her und an der Außenseite in nichts verändert worden.« - -»Wie schön,« sagte Dolly, mit unwillkürlichem Erstaunen, auf ein -schönes Haus mit Säulengängen blickend, welches aus dem bunten Grün der -alten Bäume des Gartens hervortrat. - -»Nicht wahr, das ist schön? Und vom Hause aus, von oben herab, ist die -Aussicht wunderbar.« - -Sie fuhren auf einen mit Schotter bedeckten und von Blumenbeeten -geschmückten Hof, auf welchem zwei Arbeiter ein Blumenbosquet mit -unbehauenen porösen Steinen garnierten, und hielten in der gedeckten -Einfahrt. - -»Ah, sie sind schon angekommen,« sagte Anna, auf die Reitpferde -blickend, die soeben von der Freitreppe hinweggeführt wurden. »Nicht -wahr, dieses Pferd ist schön? Es ist eine Stute, mein Liebling. -Führe es hierher und bringt Zucker. Wo ist der Graf?« frug sie -zwei herauseilende Paradelakaien. »Ah, dort ist er,« sagte sie, den -heraustretenden und ihr mit Wjeslowskij entgegenkommenden Wronskiy -erblickend. - -»Wo habt Ihr die Gräfin untergebracht?« sagte Wronskiy auf Französisch, -zu Anna gewendet, begrüßte dann nochmals, ohne eine Antwort abzuwarten, -Darja Aleksandrowna und küßte ihr jetzt die Hand: »Ich denke, wir -bringen unsern Besuch im großen Balkonzimmer unter? --« - -»O nein; das ist zu abgelegen! Besser im Eckzimmer, wir können uns -da mehr sehen. Gehen wir,« sagte Anna, den ihr von einem Lakaien -präsentierten Zucker dem Lieblingspferde reichend. - -»=Et vous oubliez votre devoir=,« sagte sie zu Wjeslowskij, welcher -gleichfalls auf der Freitreppe erschienen war. - -»=Pardon, j'en ai tout plein les poches=,« antwortete dieser lächelnd, -die Finger in die Westentasche steckend. - -»=Mais vous venez trop tard=,« sagte sie, mit dem Taschentuch die Hand -abwischend, welche ihr das Pferd feucht gemacht hatte, indem es den -Zucker nahm. - -Anna wandte sich zu Dolly: - -»Du bleibst doch für längere Zeit hier? Nur auf einen Tag? Das ist -unmöglich!« - -»Ich habe so versprochen, die Kinder --« sagte Dolly, mit einem Gefühl -der Verlegenheit, daß sie den Reisesack aus der Kalesche nehmen mußte, -sowie weil sie wußte, daß ihr Gesicht sehr mit Staub bedeckt sein müsse. - -»Nein, Dolly, Herzchen; doch wir werden ja sehen. Komm, komm!« Anna -führte Dolly in ihr Zimmer. - -Dieses Zimmer war nicht das Paradezimmer, welches Wronskiy -vorgeschlagen hatte, sondern das, von welchem Anna sagte, Dolly -möchte es entschuldigen. Jedoch auch dieses Gemach, für welches eine -Entschuldigung erforderlich gewesen war, war voll von einem Luxus, in -welchem Dolly niemals gelebt hatte, und der ihr die besten Salons des -Auslandes in die Erinnerung zurückrief. - -»Ach, Herzchen, wie bin ich glücklich!« sprach Anna, für eine Minute -in ihrer Amazone neben Dolly Platz nehmend, »erzähle mir doch von den -Deinen. Stefan habe ich flüchtig gesehen, doch von Kindern kann er -nicht reden. Was macht mein Liebling, die Tanja? Es ist ein großes -Mädchen geworden, glaube ich?« - -»Ja, sehr groß,« antwortete Darja Aleksandrowna kurz, selbst -verwundert, daß sie so kühl über ihre Kinder Bescheid gab. »Wir -befinden uns recht wohl bei den Lewin,« fügte sie hinzu. - -»Ach, hätte ich gewußt,« antwortete Anna, »daß du mich nicht -verachtest. Ihr hättet alle zu uns kommen müssen. Stefan ist doch ein -alter und intimer Freund Alekseys,« fügte sie hinzu, und errötete -plötzlich. - -»Wir befinden uns so ganz wohl,« versetzte Dolly verlegen. - -»Da habe ich übrigens aus Freude Dummheiten gesagt. Noch einmal, -Herzchen, wie freue ich mich über dich,« sagte Anna, sie wiederum -küssend, »aber du hast mir noch nicht gesagt, wie und was du über mich -denkst, und ich will alles wissen. Und ich freue mich darüber, daß du -mich durchschaust, wie ich bin. Es liegt mir nichts daran, vor allem, -daß man denke, ich wollte in irgend etwas demonstrieren. Ich will -nicht demonstrieren, sondern einfach nur leben; niemandem Übles thun, -außer mir selbst. Dieses Recht habe ich, nicht wahr? Doch das ist eine -langatmige Unterhaltung und wir werden schon noch über alles sprechen. -Ich gehe jetzt, mich umzukleiden und werde dir ein Mädchen schicken.« - - - 19. - -Allein geblieben, schaute sich Darja Aleksandrowna mit dem Blick der -Hausfrau in dem Zimmer um. Alles was sie vor dem Haus vorfand, und -durch dasselbe schreitend, sowie jetzt in ihrem Zimmer, erblickte, -verursachte ihr den Eindruck des Überflusses und der Koketterie, jenes -modernen, europäischen Luxus, von dem sie nur in englischen Romanen -gelesen, den sie aber noch nie in Rußland und auf dem Lande erblickt -hatte. Alles war neu, von den modernen französischen Tapeten an bis -zum Teppich, von welchem das ganze Zimmer bedeckt war. Das Bett war -mit Sprungfedermatratze versehen, hatte ein besonderes Kopfkissen und -Canevasüberzüge auf den kleinen Kissen. Das marmorne Waschbecken, die -Toilette, die Tische, die Bronceuhr auf dem Kamin, die Gardinen und -Portieren, alles das war teuer und neu. - -Die kokette Kammerzofe, welche herbeikam, um ihre Dienste anzubieten, -und eine Frisur und Robe trug, die noch moderner war, als diejenige -Dollys, sah eben so neu und kostspielig aus, wie das ganze Zimmer. - -Darja Aleksandrowna war ihre Höflichkeit, Sauberkeit und -Dienstwilligkeit sehr angenehm, doch fühlte sie sich nicht -behaglich in ihrer Gegenwart; sie schämte sich vor ihr wegen -ihres, unglücklicherweise infolge eines Irrtums von ihr gepackten, -ausgebesserten Corsets; sie schämte sich gerade jener Flicken und -gestopften Stellen, auf die sie daheim so stolz war. Zu Hause war es -ihr klar, daß zu sechs Leibchen vierundzwanzig Arschin Stoff gehörten, -zu je fünfundsechzig Kopeken, was mehr als fünfzehn Rubel ausmachte, -außer der Arbeit; und diese fünfzehn Rubel waren so herausgeschlagen. -Vor der Zofe aber empfand sie weniger Scham, als vielmehr Unbehagen. - -Darja Aleksandrowna verspürte große Erleichterung, als die ihr seit -alters bekannte Annuschka in das Zimmer trat. Die kokette Zofe war von -der Herrin verlangt worden und Annuschka blieb bei Darja Aleksandrowna -zurück. - -Annuschka war augenscheinlich sehr erfreut über die Ankunft der Dame -und schwatzte ohne Unterlaß. Dolly bemerkte, daß sie gern ihre Meinung -bezüglich der Lage ihrer Herrin ausgesprochen hätte, insbesondere -bezüglich der Liebe und Ergebenheit des Grafen für Anna Arkadjewna, -doch Dolly verhinderte sie geflissentlich daran, sobald sie davon zu -sprechen begann. - -»Ich bin mit Anna Arkadjewna herangewachsen, die Herrin geht mir über -alles! Doch wir haben über nichts zu richten, und, wie es scheint, so -zu lieben --« - -»Gieb mir doch gefälligst Waschwasser, wenn es geht,« unterbrach sie -Darja Aleksandrowna. - -»Zu Diensten. Bei uns sind zum Waschen allein zwei Frauen besonders -angestellt und die Wäsche wird nur mit Maschine gereinigt. Der Graf -führt alles ein. Das ist ein Mann --« - -Dolly war froh, als Anna bei ihr eintrat, und mit ihrem Kommen das -Geschwätz Annuschkas abschnitt. - -Anna hatte sich in eine sehr einfache Battistrobe geworfen und Dolly -betrachtete aufmerksam dieses einfache Kleid. Sie erkannte, daß dies -zu bedeuten habe, auch solch eine Einfachheit sei nur für Summen zu -erringen. - -»Eine alte Bekannte,« sagte Anna im Hinweis auf Annuschka. - -Anna war jetzt nicht mehr in Verlegenheit; sie erschien vollständig -ungezwungen und ruhig. Dolly erkannte, daß sich Anna jetzt wieder -vollständig von dem Eindruck ermannt hatte, welchen ihre Ankunft bei -dieser hervorgerufen, und daß sie jetzt wieder jenen hochfahrenden, -gleichmütigen Ton angenommen habe, mit welchem gleichsam die Thür zu -derjenigen Abteilung in ihr, in welcher sich ihre Gefühle und innersten -Gedanken befanden, verschlossen war. - -»Nun, was macht dein kleines Mädchen, Anna?« frug Dolly. - -»Die Any?« -- so nannte sie ihre Tochter Anna -- »sie befindet sich -wohl. Sie hat sich sehr entwickelt, willst du sie einmal sehen? Komm, -ich zeige sie dir! Es hat da unendlich viel Sorgen gegeben,« begann sie -zu erzählen, »mit den Ammen. Wir hatten als Amme eine Italienerin, sie -war gut, aber dumm! Wir wollten sie fortschicken, doch das Kind war so -gewöhnt an sie, daß wir sie noch immer haben.« - -»Und wie seid Ihr übereingekommen?« wollte Dolly fragen, welchen Namen -das Mädchen tragen sollte. Als sie indessen das finstergewordene -Gesicht Annas bemerkte, veränderte sie den Sinn ihrer Frage. »Und wie -seid Ihr übereingekommen? Habt Ihr es schon entwöhnt?« -- - -Doch Anna hatte verstanden. - -»Du wolltest nicht hiernach fragen? Du wolltest nach seinem Namen -fragen? Nicht wahr? Dies eben quält Aleksey! Sie hat keinen Namen. -Das heißt, sie ist -- eine Karenina« -- sagte Anna, die Augen soweit -zusammenkneifend, daß nur die zusammentreffenden Wimpern noch sichtbar -waren. »Übrigens,« fuhr sie mit plötzlich hellwerdendem Gesicht fort, -»von dem allen können wir ja später noch reden. Komm, ich will sie dir -zeigen! =Elle est très= -- =gentile= -- und kriecht schon fort.« - -In der Kinderstube überraschte Darja Alexandrowna der nämliche Luxus, -welcher sie im ganzen Hause schon frappiert hatte, noch mehr. Hier -gab es kleine Wagen, die aus England verschrieben waren, sowie -Gerätschaften für das Gehenlernen; einen eigens konstruierten Diwan -nach Art eines Billards zum Kriechen; Wiegen; eigenartige, neue Wannen. -Alles war von englischer Arbeit, dauerhaft und gediegen und offenbar -teuer. Das Zimmer war groß, sehr hoch und hell. - -Als sie eintraten, saß das kleine Mädchen nur im Hemdchen in einem -Stühlchen am Tisch und nahm Bouillon zu sich, mit welcher sie sich die -ganze kleine Brust begossen hatte. Ein russisches Mädchen, welches -in der Kinderstube diente, fütterte das Kind, und aß augenscheinlich -selbst mit diesem zugleich dabei. Weder die Amme, noch die Kinderfrau -war zugegen; sie befanden sich im Nebenzimmer und man vernahm von -dorther ihr Gespräch in seltsamem Französisch, in welchem sie sich -einander nur verständlich machen konnten. - -Die Stimme Annas vernehmend, trat eine hohe Engländerin mit -unangenehmem Gesicht und gemeinem Ausdruck, hastig ihre blonden Locken -schüttelnd in die Thür, und begann sich sogleich zu entschuldigen, -obwohl ihr Anna noch gar kein Vergehen beigemessen hatte. Auf jedes -Wort Annas antwortete die Engländerin schnell mit einem mehrmaligen -»=yes, mylady=!« - -Das kleine Mädchen mit seinen schwarzen Brauen und Haaren, den roten -Wangen, der festen straffen Haut und dem schönen Körperchen gefiel -Darja Aleksandrowna ungeachtet des mürrischen Ausdrucks, mit welchem -es auf das fremde Gesicht blickte, sehr; diese beneidete es sogar um -seines gesunden Aussehens willen. Auch wie das kleine Mädchen kroch, -gefiel ihr sehr; keines ihrer Kinder hatte so gekrochen. Dieses -Kindchen war, nachdem man es auf einen Teppich gesetzt, und ein Kleid -dahinter gestopft hatte, wunderbar lieblich. Wie ein Tierchen schaute -es mit seinen großen glänzenden schwarzen Augen um sich, offenbar -erfreut darüber, daß man sich freundlich mit ihm abgebe, stützte sich -lächelnd, und die Füßchen seitwärts haltend, energisch auf die Hände -und hob schnell das ganze Hinterteilchen empor, worauf es mit den -Händchen nach vorwärts faßte. - -Der allgemeine Charakter der Kinderstube jedoch, und namentlich die -Engländerin, gefiel Darja Aleksandrowna durchaus nicht. Nur damit, -daß in eine so illegitime Familie wie es diejenige Annas war, wohl -kein gutes Mädchen gehen mochte, erklärte sich Darja Aleksandrowna -selbst, daß Anna mit ihrer Menschenkenntnis für ihr Kind eine so -unsympathische, gar nicht respektable Engländerin hatte nehmen können. -Außerdem aber erkannte sie auch sogleich an einigen Worten, daß Anna, -die Amme, die Kinderfrau und das Kind sich nicht zusammengelebt hatten, -und der Besuch der Mutter ein ungewöhnliches Ereignis bildete. Anna -wollte dem Kinde ein Spielzeug geben und konnte es nicht einmal finden. - -Am wundersamsten aber von allem war, daß Anna auf die Frage, wie viel -Zähne das Kind habe, irrte und von den zwei letzten Zähnen noch gar -nichts wußte. - -»Es ist mir bisweilen schwer ums Herz, daß ich hier förmlich -überflüssig bin,« sagte sie beim Verlassen der Kinderstube, und nahm -ihre Schleppe auf, um an den bei der Thür stehenden Spielgeräten -vorüberzukommen. »So war es nicht bei meinem ersten Manne.« - -»Ich dachte, im Gegenteil,« sagte Darja Aleksandrowna schüchtern. - -»O nein; du weißt doch wohl, ich habe ihn gesehen -- meinen Sergey,« -sprach Anna, die Augen zusammenkneifend, als schaue sie nach etwas -weit Entferntem. »Doch davon können wir ja später sprechen. Du glaubst -nicht, ich bin wie eine Hungernde, der man plötzlich ein üppiges Mahl -vorgesetzt hat, ohne daß sie weiß, wonach sie langen soll. Das üppige -Mahl -- bist du und die mir bevorstehenden Gespräche mit dir, die ich -mit niemandem sonst führen konnte; ich weiß nun nicht, an welches Thema -ich zuerst gehen soll. =Mais je ne vous ferai grâce de rien= -- ich -muß mich ganz aussprechen. Ich muß dir ein Bild von der Gesellschaft -machen, die du bei uns findest,« begann sie, »und beginne mit den -Damen. Da ist die Fürstin Barbara. Du kennst sie und ich kenne deine -Meinung und diejenige Stefans über sie. Stefan sagt, der ganze Zweck -ihres Daseins bestehe darin, ihren Vorzug vor ihrer Tante Katharina -Pawlowna zu beweisen. Das ist ganz richtig, aber sie ist gut und ich -bin ihr sehr dankbar. In Petersburg gab es für mich einen Moment, in -welchem mir =un chaperon= notwendig war; da war sie bei mir; sie ist -wahrhaftig gut, und hat mir meine Lage sehr erleichtert. Ich sehe -wohl, daß du die ganze Schwierigkeit derselben nicht begreifst -- wie -sie dort, in Petersburg war,« fügte sie hinzu. »Hier lebe ich nun -vollkommen ruhig und glücklich; doch davon später, erst muß aufgezählt -werden. Zweitens kommt Swijashskiy; er ist Präsident und ein sehr -solider Mann, doch braucht er Aleksey in Manchem. Du verstehst jetzt, -nachdem wir uns auf dem Lande niedergelassen haben, kann Aleksey mit -seinen Verhältnissen großen Einfluß ausüben. Dann Tuschkjewitsch -- du -hast ihn ja gesehen; er war bei Betsy. Man hat ihn jetzt fallen lassen -und er ist nun zu uns gekommen. Wie Aleksey sagt, ist er einer von -denjenigen Menschen, die sehr angenehm sind, wenn man sie so nimmt, -wie sie scheinen wollen -- =et puis, il est comme il faut= -- wie die -Fürstin Barbara sagt. Ferner Wjeslowskij -- den kennst du ja. -- Er -ist ein sehr lieber Mensch,« sagte sie, mit schelmischem Lächeln die -Lippen kräuselnd. »Was ist denn das für eine seltsame Geschichte mit -Lewin gewesen? Wjeslowskij hat sie Aleksey erzählt und wir können sie -gar nicht glauben. =Il est très gentil et naif=« sagte sie, wieder mit -dem nämlichen Lächeln. »Die Männer bedürfen der Zerstreuung und Aleksey -braucht Menschen um sich; daher schätze ich diese ganze Gesellschaft. -Bei uns muß es lebhaft und heiter zugehen, damit sich Aleksey nichts -Neues wünscht. Dann wirst du auch den Direktor sehen. Er ist ein -Deutscher, ein sehr hübscher Mann, der auch seine Sache versteht; -Aleksey schätzt ihn sehr hoch. Ferner ist da der Arzt, ein noch junger -Mann; nicht gerade ein vollkommener Nihilist, aber, weißt du, >er ißt -mit dem Messer< -- sonst ist er ein sehr guter Arzt. Endlich ist noch -der Architekt da. -- =Une petite cour=.« -- - - - 20. - -»Hier bringe ich Euch Dolly, Fürstin, Ihr wolltet sie so gern sehen,« -sagte Anna, mit Darja Aleksandrowna die große Steinterrasse betretend, -auf welcher im Schatten, hinter dem Stickrahmen die Fürstin Barbara -saß, die einen Sessel für den Grafen Aleksey Kyrillowitsch stickte. -»Sie sagt zwar, daß sie bis zu Mittag nichts zu sich nehmen mag, -befehlt aber immerhin das Frühstück, während ich mittlerweile gehe, -Aleksey zu suchen und sie alle mit hierher bringe.« - -Die Fürstin Barbara empfing Dolly mit einer gewissen Gönnermiene und -begann sogleich, ihr auseinanderzusetzen, daß sie deshalb bei Anna -wohne, weil sie diese mehr liebe, als es deren Schwester, Katharina -Pawlowna, gethan, die Anna erzogen hätte, und daß sie es jetzt, nachdem -alle Anna verlassen hätten, als ihre Pflicht betrachtet habe, ihr in -diesem Übergangsstadium, dem allerschwierigsten, Beistand zu leisten. - -»Ihr Mann wird ihr den Konsens zur Ehescheidung geben und dann gehe -ich wieder in meine Einsamkeit, jetzt aber kann ich nützlich sein und -werde ich meine Pflicht erfüllen, so schwer es mir auch werden mag --- ich handle nicht so, wie andere. Und wie lieb bist du, wie schön -hast du gehandelt, daß du gekommen bist! Sie leben vollkommen, wie die -besten Ehegatten und Gott wird über sie richten, nicht wir dürfen es! -Birjusowskij und die Avenijewa, Nikandroff, Wasiljeff und die Mamonowa, -und Lisa Neptunowa, da hat doch auch kein Mensch etwas gesagt? Und doch -endeten die Fälle so, daß sie sich alle heirateten. Dann aber, =c'est -un intérieur si joli, si comme il faut. Tout-à-fait à l'anglaise. On -se réunit le matin au breakfast et puis on se sépare=. Jeder thut, -was er will, bis zur Mittagszeit. Die Mittagstafel ist um sieben Uhr. -Stefan hat sehr wohl daran gethan, dich zu schicken. Er müßte sich an -sie halten. Du weißt ja, er vermag durch seine Mutter und seine Brüder -alles, und dann thun sie ja viel Gutes. Hat er dir noch nicht von -seinem Krankenhaus erzählt? =Ce sera admirable= -- und alles aus Paris.« - -Ihr Gespräch wurde durch Anna unterbrochen, welche die Gesellschaft -der Herren beim Billardspiel gefunden hatte und nun zusammen mit ihnen -zur Terrasse zurückkehrte. Bis zur Mittagstafel war noch lange Zeit, -das Wetter sehr schön und so wurden verschiedenartige Hilfsmittel, -die noch übrigen zwei Stunden auszufüllen in Vorschlag gebracht. Der -Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben, gab es sehr viele in -Wosdwishenskoje, und es waren alle nicht die, wie sie in Pokrowskoje -angewendet wurden. - -»=Une partie de Lawn tennis=,« schlug mit seinem hübschen Lächeln -Wjeslowskij vor, »ich spiele wieder mit Euch, Anna Arkadjewna!« - -»Ach nein; es ist zu heiß dazu; besser, wir gehen in den Park und -fahren auf dem Kahn, um Darja Aleksandrowna die Ufer zu zeigen,« schlug -Wronskiy vor. - -»Ich bin mit allem einverstanden,« meinte Swijashskiy. - -»Ich denke, daß es Dolly am angenehmsten sein wird, sich erst ein wenig -zu ergehen; nicht so? Und dann erst Kahn zu fahren,« sagte Anna. - -So wurde denn auch bestimmt. Wjeslowskij und Tuschkjewitsch begaben -sich ins Bad und versprachen, dort das Boot bereit machen und warten zu -wollen. - -Sie gingen in zwei Paaren auf dem Wege; Anna mit Swijashskiy und Dolly -mit Wronskiy. Dolly war ein wenig verwirrt und ängstlich in dieser ihr -vollständig neuen Umgebung, in der sie sich befand. Begeistert und -voll Theorien, rechtfertigte sie nicht nur, nein, billigte sie sogar -Annas Verfahren. Wie im allgemeinen nicht selten untadelhaft moralische -Frauen ermüdet von der Einförmigkeit des sittenstrengen Lebens thun, so -entschuldigte sie aus ihrer Ferne nicht nur die verbrecherische Liebe, -sie beneidete dieselbe sogar. - -Außerdem liebte sie Anna auch von Herzen, aber gleichwohl war es ihr -in der Wirklichkeit, nachdem sie diese inmitten aller dieser ihr -fremden Leute gesehen hatte, in dem für Darja Aleksandrowna neuen, -sogenanntem guten Tone, unbehaglich zu Mut. Besonders unangenehm war es -ihr, die Fürstin Barbara zu sehen, welche ihnen alles verzieh für die -Annehmlichkeiten, die sie dafür genoß. - -Im allgemeinen also billigte Dolly, hingerissen, das Vergehen Annas, -aber denjenigen sehen zu müssen, für welchen jenes Verbrechen begangen -worden, war ihr doch unangenehm. Wronskiy hatte ihr überhaupt nie -gefallen. Sie hielt ihn für sehr stolz, sah aber in ihm nichts von -alledem, worauf er hätte stolz sein können -- es wäre denn sein -Reichtum gewesen. -- - -Gegen ihren Willen jedoch imponierte er ihr hier in seinem Hause -noch mehr als früher, und sie konnte sich vor ihm nicht ungezwungen -benehmen. Empfand sie doch ihm gegenüber ein Gefühl, das ähnlich dem -war, welches sie über ihr Leibchen vor der Zofe empfunden hatte. -So wie ihr in deren Gegenwart nicht Scham, sondern Unmut wegen -der Ausbesserungen aufgestiegen war, so empfand sie auch vor ihm -fortwährend nicht etwas wie Scham, sondern wie Unmut über das eigene -Ich. - -Dolly fühlte sich verlegen und suchte ein Thema zur Unterhaltung. -Wiewohl sie urteilte, daß ihm in seinem Hochmut ein Lob seines Hauses -und Parkes unangenehm sein müsse, sagte sie ihm dennoch, keinen andern -Gegenstand der Unterhaltung findend, daß ihr sein Haus sehr gefallen -habe. - -»Ja; es ist ein sehr schönes Gebäude und nach gutem alten Stil,« sagte -er. - -»Mir hat auch der Hof vor der Freitreppe sehr gefallen. War der schon -so?« - -»O nein!« antwortete er, und sein Gesicht schimmerte vor Genugthuung. -»Wenn Ihr diesen Hof noch jetzt im Frühling gesehen hättet!« - -Und er begann nun anfangs zurückhaltend, dann aber sich freier -und freier hingebend, ihre Aufmerksamkeit auf die verschiedenen -Einzelheiten der Verschönerung in Haus und Garten hinzulenken. Es -war ersichtlich, daß Wronskiy nach dem Aufwand so vieler Mühe zur -Verbesserung und Verschönerung seines Landsitzes das Bedürfnis empfand, -sich desselben vor einer fremden Person zu rühmen, und sich über das -Lob Darja Aleksandrownas von ganzem Herzen freute. - -»Wenn Ihr noch das Krankenhaus besichtigen wollt und nicht ermüdet -seid, so ist dies nicht zu weit entfernt. Kommt,« sagte er, ihr ins -Gesicht blickend, um sich zu überzeugen, daß sie sich ja nicht etwa -langweile. - -»Kommst du mit, Anna?« wandte sie sich an diese. - -»Wir werden mit kommen; nicht wahr?« wandte sie sich an Swijashskiy. - -»=Mais il ne faut pas laisser le pauvre Weslowskij et Tuschkjewitsch se -morfondre là dans le bateau=. Man muß es ihnen sagen lassen.« - -»Das ist ein Denkmal, welches er sich hier aufrichtet,« sprach Anna, -sich zu Dolly wendend, mit dem nämlichen, wissenden und verschlagenen -Lächeln, mit welchem sie früher über das Krankenhaus gesprochen hatte. - -»O, ein Kapitalwerk,« rief Swijashskiy, fügte aber sogleich, um nicht -als Jasager Wronskiys zu erscheinen, leichthin eine kritische Bemerkung -hinzu. »Ich wundere mich nur, Graf,« sprach er, »daß Ihr, der Ihr -in sanitärer Beziehung so viel für das Volk thut, Euch den Schulen -gegenüber so gleichgültig verhaltet.« - -»=C'est devenu tellement commun les écoles=,« sagte Wronskiy, »Ihr -seht doch, daß ich nicht davon, sondern eben hiervon eingenommen bin. --- Hierhin geht es nach dem Krankenhaus,« wandte er sich dann zu Darja -Aleksandrowna, nach einem Seitenausgang aus der Allee zeigend. - -Die Damen öffneten die Sonnenschirme und betraten den Seitenweg. -Nachdem sie einige Windungen durchschritten und zu einem Pförtchen -hinausgetreten waren, erblickte Darja Aleksandrowna vor sich auf -einem erhöhten Terrain ein großes, rotes, fast vollendetes Gebäude -von interessantem Aussehen. Das noch nicht gestrichene, eiserne Dach -strahlte blendend in der heißen Sonne. Neben dem fertigen Gebäude war -ein zweites, vom Wald umgeben, angelegt; Arbeiter auf den Gerüsten -legten Ziegel, übergossen die Lagen aus den Eimern und gleichten sie -mit Richtmaßen. - -»Wie schnell bei Euch die Arbeit vorwärts geht!« sagte Swijashskiy, -»als ich das letzte Mal hier war, war das Dach noch nicht da.« - -»Zum Herbste soll alles fertig sein, und innen ist fast alles bereits -ausgeputzt,« sagte Anna. - -»Und was ist das Neues dort?« - -»Es ist ein Gebäude für den Arzt und die Apotheke,« antwortete -Wronskiy, den in kurzem Überrock auf ihn zukommenden Architekten -erblickend; und ging, sich vor den Damen entschuldigend, diesem -entgegen. - -Die Kalkgrube umgehend, aus welcher die Arbeiter den Kalk holten, blieb -er beim Architekten stehen und begann eifrig zu sprechen. - -»Das Fronton liegt immer noch zu niedrig,« antwortete er Anna, welche -gefragt hatte, wovon die Rede sei. - -»Ich hatte gesagt, man müsse das Fundament erhöhen,« sagte Anna. - -»Ja, natürlich, das wäre besser, Anna Arkadjewna,« sagte der Architekt, -»es ist außer Acht gelassen worden.« - -»Ja, ich interessiere mich sehr hierfür,« antwortete Anna Swijashskiy, -welcher sein Erstaunen über ihre Kenntnisse in der Architektur -ausgedrückt hatte. »Das neue Gebäude muß dem Krankenhaus entsprechend -sein, ist aber erst später geplant und ohne Riß begonnen worden.« - -Nachdem die Rücksprache mit dem Architekten beendet war, gesellte sich -Wronskiy wieder zu den Damen und führte dieselben in das Innere des -Krankenhauses. - -Obwohl man außen noch die Karniese fertig machte und in der tieferen -Etage tünchte, war in der oberen schon alles fertig. Auf der breiten, -gußeisernen Treppe den Treppenabsatz überschreitend, betrat man das -erste große Zimmer. Die Wände waren mit Stuck, der sich wie Marmor -ausnahm, geziert, die großen Fenster waren schon eingesetzt, nur -der Parkettboden war noch nicht fertig und die Tischler, welche ein -emporgenommenes Quadrat hobelten, ließen die Arbeit liegen, um, ihre -schmalen Stirnbänder abnehmend, welche ihnen das Haar hielten, die -Herrschaft zu begrüßen. - -»Das ist das Empfangszimmer,« sagte Wronskiy, »es wird hier nur ein -Tisch und ein Schrank hereinkommen, weiter nichts.« - -»Hierher, hier wollen wir durchgehen! Komm nicht an das Fenster,« sagte -Anna, probierend, ob die Farbe schon getrocknet sei. »Aleksey, die -Farbe ist schon trocken,« fügte sie hinzu. - -Aus dem Empfangszimmer trat man in den Korridor. Hier zeigte Wronskiy -eine nach neuem System konstruierte Ventilation, dann die Marmorwannen -und Betten mit eigenartigen Federn. Hierauf zeigte er die Krankensäle, -einen nach dem anderen, die Vorratskammer, ein Zimmer für die Wäsche, -dann einen Ofen neuester Konstruktion, eine Art Rollen, welche kein -Geräusch machen sollten und die solche Gegenstände, die gebraucht -wurden beförderten, und noch vieles andere. Swijashskiy lobte alles, -als ein Mann, welcher alle neuen Vervollkommnungen kannte. Dolly war -geradezu erstaunt über diese Dinge, welche sie bis jetzt noch nicht -gesehen hatte, und frug im Begehren, alles zu erfassen, eingehend nach -allem, was Wronskiy augenscheinlich Vergnügen machte. - -»Ich glaube, dies wird das einzige, vollständig rationell -eingerichtete Krankenhaus in Rußland werden,« sagte Swijashskiy. - -»Werdet Ihr auch eine Abteilung für Wöchnerinnen haben,« frug Dolly. -»Das ist doch so notwendig auf dem Lande. Ich habe häufig« -- - -Bei aller seiner Höflichkeit fiel ihr hier Wronskiy ins Wort. - -»Das ist kein Geburtsinstitut, sondern ein Krankenhaus und für alle -Krankheiten bestimmt außer den ansteckenden,« sagte er. »Aber hier seht -einmal das,« er rollte einen neuerdings erst verschriebenen Lehnsessel -zu Darja Aleksandrowna, welcher für Genesende bestimmt war. »Paßt auf,« -er setzte sich in den Sessel und begann ihn fortzubewegen. »Wenn Einer -nicht gehen kann, noch zu schwach ist, oder fußleidend, aber Luft -schöpfen muß, so fährt er, rollt er sich« -- - -Darja Aleksandrowna interessierte sich für alles; alles gefiel ihr -sehr, am meisten aber Wronskiy selbst mit dieser natürlichen, naiven -Begeisterung. - -»Ja, ja, er ist ein sehr lieber und guter Mann,« dachte sie, ohne ihn -zu hören, aber auf ihn blickend und in seinen Ausdruck versunken, -während sie sich im Geiste in Anna versetzte. Er gefiel ihr jetzt so -wohl in seiner Lebhaftigkeit, daß sie begriff, wie Anna sich in ihn -hatte verlieben können. - - - 21. - -»Nein, ich glaube die Fürstin ist müde und die Pferde interessieren -sie nicht mehr,« sagte Wronskiy zu Anna, welche vorgeschlagen hatte, -zum Marstall zu gehen, wo Swijashskiy den neuen Hengst zu besichtigen -wünschte. »Geht Ihr dahin, während ich die Fürstin ins Haus begleite, -und wir wollen ein wenig plaudern, wenn es Euch angenehm ist?« sagte -er, zu derselben gewendet. - -»Von Pferden verstehe ich gar nichts; und es ist mir so recht -angenehm,« sagte Darja Aleksandrowna etwas verwundert. - -Sie sah im Gesicht Wronskiys, daß er etwas von ihr wünschte, und sie -irrte nicht. Kaum waren sie wiederum durch das Pförtchen in den Garten -gelangt, als er nach der Seite schaute, nach welcher Anna gegangen war, -und, nachdem er sich überzeugt hatte, daß diese ihn weder hören noch -sehen könne, begann: - -»Ihr habt erraten, daß ich mit Euch zu sprechen wünschte,« sagte er, -sie mit lachenden Augen anblickend, »ich irre nicht darin, daß Ihr -eine Freundin Annas seid.« Er nahm den Hut ab, zog ein Tuch hervor und -trocknete sich damit seinen Kopf mit dem spärlichen Haar. - -Darja Aleksandrowna antwortete nicht, sondern blickte ihn nur -erschrocken an. Nachdem sie mit ihm so allein geblieben, wurde es ihr -plötzlich ängstlich zu Mut; die lachenden Augen und der ernste Ausdruck -seines Gesichts erschreckten sie. - -Die verschiedenartigsten Vermutungen, worüber er wohl mit ihr könnte -sprechen wollen, gingen ihr durch den Kopf. »Er wird mich einladen, mit -den Kindern zu ihm auf Besuch zu kommen, und ich werde ihm abschläglich -antworten müssen: Oder soll ich in Moskau einen Kreis für Anna -schaffen, oder will er über Wasjenka Wjeslowskiy und dessen Beziehungen -zu Anna reden? Vielleicht auch von Kity, oder davon, daß er sich -schuldig fühlt?« Sie sah nur Unangenehmes, erriet aber nicht, wovon er -mit ihr mochte reden wollen. - -»Ihr habt so großen Einfluß auf Anna, sie liebt Euch so,« sagte er, -»helft mir doch!« - -Darja Aleksandrowna schaute fragend und schüchtern auf sein energisches -Gesicht, welches bald ganz, bald stellenweis in das Licht der Sonne -trat, das bald den Schatten der Linden durchdrang, bald vom Schatten -wieder verdunkelt wurde, und wartete auf das, was er weiter sagen -würde; doch er schritt, mit dem Spazierstock in den Kies bohrend, -schweigend neben ihr hin. - -»Wenn Ihr zu uns gekommen seid, Ihr, die einzige Frau unter den -früheren Freundinnen Annas -- die Fürstin Barbara rechne ich nicht -- -so verstehe ich darin, daß Ihr dies nicht gethan habt, weil Ihr etwa -unser Verhältnis für ein normales haltet, sondern weil Ihr, die ganze -Schwierigkeit dieses Verhältnisses begreifend, sie noch immer ebenso -liebt und ihr helfen wollt. Habe ich Euch so richtig aufgefaßt?« frug -er, sie anschauend. - -»O ja,« antwortete Darja Aleksandrowna, ihren Sonnenschirm schließend, -»doch« -- - --- »Nein,« unterbrach er sie, und blieb stehen, unwillkürlich, und -vergessend, daß er hierdurch Darja Aleksandrowna in eine peinliche -Situation versetzte, indem diese genötigt war, gleichfalls stehen -zu bleiben. »Niemand empfindet mehr und stärker als ich die ganze -Schwierigkeit der Lage Annas, und dies ist begreiflich, wenn Ihr mir -die Ehre erweist, mich für einen Menschen zu halten, der Herz besitzt, ->ich bin die Ursache dieser Lage und deshalb fühle ich sie.<« - -»Ich verstehe,« sagte Darja Aleksandrowna, unwillkürlich freundlich -werdend, als er dies so aufrichtig und bestimmt aussprach, »aber eben -deswegen, weil Ihr Euch als die Ursache fühlt, übertreibt Ihr, wie ich -fürchte,« sagte sie, »Annas Lage ist eine schwierige in der Welt, ich -verstehe wohl.« - -»In der Welt ist sie eine Hölle,« fuhr er hastig fort, das Gesicht in -finstre Falten legend, »man kann sich keine schlimmeren moralischen -Qualen vorstellen, als die, welche sie in jenen vierzehn Tagen in -Petersburg durchlebt hat. Ich bitte Euch darum, das zu glauben.« - -»Aber hier, bis jetzt, so lange weder Anna, noch Ihr ein Bedürfnis nach -der Welt empfindet« -- - -»Die Welt« -- sagte er voll Verachtung, »welches Bedürfnis kann ich -nach der Welt empfinden?« - -»Bis jetzt -- und vielleicht bleibt das immer so -- seid Ihr glücklich -und ruhig. Ich sehe an Anna, daß sie glücklich ist, vollkommen -glücklich, sie hat es mir kaum erst geäußert« -- sagte Darja -Aleksandrowna lächelnd; doch unwillkürlich stiegen ihr, während sie -dies sprach, Zweifel auf, ob Anna wirklich glücklich war. - -Wronskiy hingegen schien hieran nicht zu zweifeln. - -»Ja, ja,« sagte er, »ich weiß, daß sie aufgelebt ist nach allen ihren -Leiden; sie ist glücklich. Sie ist wahrhaft glücklich. Aber ich? Ich -fürchte das, was uns erwartet. Doch entschuldigt, Ihr wollt gewiß -gehen?« - -»Nein, ganz gleich.« - -»Gut, setzen wir uns dann hierher!« - -Darja Aleksandrowna ließ sich auf einer Gartenbank in einer Ecke der -Allee nieder. Er blieb vor ihr stehen. - -»Ich sehe, daß sie glücklich ist,« wiederholte er und der Zweifel -daran, ob sie glücklich sei, beschlich Darja Aleksandrowna noch mehr. -»Aber kann dies so fortgehen? Mögen wir gut oder schlecht gehandelt -haben, das bleibt eine andre Frage, aber der Würfel ist gefallen,« -sagte er, aus der russischen in die französische Sprache übergehend, -»und wir sind für das ganze Leben miteinander verbunden; wir sind -vereint durch die heiligsten Bande der Liebe. Wir haben ein Kind, -wir können noch mehr Kinder haben. Aber das Gesetz und alle Umstände -in unserem Verhältnis sind derart, daß sich tausend Verwickelungen -zeigen, welche Anna jetzt, wo sie ihren Geist von all den Leiden und -Prüfungen ausruhen läßt, nicht sieht oder nicht sehen will. Und das ist -begreiflich. Ich aber muß sie sehen. Meine Tochter ist nach dem Gesetz --- nicht meine Tochter, sondern eine Karenina. Ich will diese Täuschung -nicht,« sagte er, mit einer energischen Geste der Verneinung, und -düster fragend Darja Aleksandrowna anblickend. - -Diese antwortete nicht und schaute ihn nur an. Er fuhr fort: - -»Morgen kann mir ein Sohn geboren werden, mein Sohn, aber nach dem -Gesetz -- ist er ein Karenin; weder Erbe meines Namens, noch Erbe -meines Vermögens, und so glücklich wir in der Familie sein, soviel -Kinder wir auch bekommen mögen, zwischen mir und ihnen besteht kein -Band. Sie sind Karenin. Begreift nur das Drückende und Entsetzliche -dieser Lage! Ich habe es versucht, mit Anna darüber zu sprechen, aber -sie reizt dies nur. Sie versteht es nicht und ich vermag nicht, ihr -alles zu sagen. Betrachtet indes jetzt die Sache auch noch von einer -anderen Seite! Ich bin glücklich, glücklich durch ihre Liebe, aber ich -muß eine Beschäftigung haben! Diese Beschäftigung habe ich gefunden und -bin stolz auf sie; ich halte sie für edler, als es die Beschäftigung -meiner ehemaligen Kameraden am Hof und im Dienst ist, und ohne Zweifel -würde ich dieses Wirken nicht mit dem ihren vertauschen mögen. Ich -arbeite hier, auf meiner Scholle sitzend, und bin glücklich und -zufrieden, und wir brauchen nichts weiter zum Glück. Ich liebe diese -Thätigkeit. =Cela n'est pas un pis-aller=, im Gegenteil« -- - -Darja Aleksandrowna bemerkte, daß er an dieser Stelle seiner -Erklärung den Faden verlor; sie verstand diese Abschweifung nicht -recht und fühlte, daß er jetzt, nachdem er einmal über seine -Herzensangelegenheiten, über die er mit Anna nicht reden konnte, zu -sprechen angefangen hatte, alles aussprach, und daß sich die Frage -seiner Beschäftigung auf dem Lande in der nämlichen Abteilung seiner -innersten Gedanken befand, in welcher auch die Frage über seine -Beziehungen zu Anna war. - -»Indessen, ich fahre fort,« sagte er, wieder auf den rechten Weg -kommend, »das Wichtigste ist, daß ich beim Arbeiten die Überzeugung -hegen muß -- daß das von mir Geleistete nicht mit mir sterben wird, daß -ich Erben haben werde, -- und dies ist bei mir nicht der Fall! Stellt -Euch selbst die Situation eines Menschen vor, welcher im voraus weiß, -daß seine und seines von ihm geliebten Weibes Kinder nicht sein eigen -werden, sondern jemandes, der sie haßt und sie gar nicht kennen will. --- Das ist doch furchtbar!« - -Er verstummte augenscheinlich in starker Erregung. - -»Ja, natürlich; ich begreife das. Aber was kann Anna thun?« frug Darja -Aleksandrowna. - -»Dies eben führt mich auf den Zweck meiner Aussprache,« sagte er, sich -gewaltsam bezwingend, »Anna kann Etwas thun; es hängt von ihr ab. -Selbst zu dem Gesuch an den Zaren um Adoptierung, ist die Ehescheidung -unumgänglich erforderlich. Und diese hängt von Anna ab; ihr Gatte -war mit der Scheidung einverstanden -- Euer Gatte hatte dies damals -vollkommen arrangiert, und auch jetzt noch, ich weiß es, würde er -sich nicht weigern. Es käme nur darauf an, daß man ihm schriebe. Er -hat damals offen geantwortet, daß er sich, wenn sie diesen Wunsch -aussprechen sollte, nicht weigern würde. Natürlich,« sagte er finster, -»ist dies nur eine jener Pharisäerhärten, deren allein Leute ohne Herz -fähig sind. Er weiß, welche Qual ihr jede Erinnerung an ihn kostet, -und fordert, da er es weiß, von ihr einen Brief. Ich begreife, daß -ihr das qualvoll sein muß, aber die Ursachen sind so wichtig, daß es -heißt =passer par-dessus toutes ces finesses de sentiment. Il y va du -bonheur et de l'existence d'Anne et de ses enfants.= Ich spreche nicht -von mir, obwohl es mir schwer, sehr schwer wird,« sagte er mit dem -Ausdruck einer Drohung gegen jemand, der es ihm so schwer machte. »Und -so klammere ich mich denn ohne Bedenken an Euch, Fürstin, wie an einen -Rettungsanker. Helft mir, sie zu überreden, daß sie ihm schreibt und -die Scheidung fordert.« - -»Ja, natürlich,« sagte Darja Aleksandrowna, sich lebhaft ihres letzten -Zusammenseins mit Aleksey Aleksandrowitsch erinnernd, »ja versteht -sich,« wiederholte sie entschlossen, mit dem Gedanken an Anna. - -»Macht von Eurem Einfluß auf sie Gebrauch und bewirkt, daß sie -schreibt. Ich will und kann nicht darüber mit ihr reden.« - -»Gut, ich werde mit ihr sprechen. Aber sie selbst sollte gar nicht -hieran denken?« sagte Darja Aleksandrowna, der plötzlich hierbei die -seltsame neue Gewohnheit Annas, zu zwinkern, einfiel. Sie dachte -wieder daran, daß Anna gerade da, als die Frage auf die Seiten ihres -Lebens, die ihr Herz berührten, kam, mit den Augen zwinkerte. »Gerade -als ob sie über ihr Leben zwinkerte, um es nicht zu sehen,« dachte -Dolly. »Ohne Zweifel muß ich im eigenen Interesse und in ihrem mit ihr -sprechen,« antwortete sie auf den Ausdruck seiner Dankbarkeit hin. - -Sie erhoben sich und schritten dem Hause zu. - - - 22. - -Als Anna Dolly bereits zurückgekehrt fand, schaute sie ihr aufmerksam -ins Auge, als wolle sie nach dem Gespräch fragen, welches sie mit -Wronskiy gehabt, frug aber nicht mit Worten. - -»Es scheint schon Zeit zur Mittagstafel zu sein,« sagte sie. »Wir haben -uns ja noch gar nicht gesehen. Ich rechne auf den Abend; jetzt muß ich -mich umkleiden, und ich denke wohl auch du wirst dies thun? Wir sind -auf dem Bau alle ganz schmutzig geworden.« - -Dolly ging nach ihrem Zimmer und war nun in einer komischen Situation. -Es war ihr nicht möglich, sich umzukleiden, denn sie hatte schon ihr -bestes Kleid angelegt; doch, um wenigstens in Etwas ihre Vorbereitung -zur Tafel kenntlich zu machen, bat sie die Zofe, ihr das Kleid zu -reinigen, wechselte die Manschetten und ein Band und legte Spitzen auf -den Kopf. - -»Das ist alles, was ich vermag,« sagte sie lächelnd zu Anna, welche in -dem dritten, wiederum einem sehr einfachen Kleide, zu ihr kam. - -»Ja, wir sind hier sehr kokett,« sagte Anna, sich gleichsam -entschuldigend wegen ihrer Toilette. »Aleksey ist erfreut über dein -Kommen, wie selten über Etwas. Er ist aufrichtig in dich verliebt,« -fügte sie hinzu. »Aber du bist doch nicht ermüdet?« - -Bis zur Tafel war keine Zeit mehr, noch über etwas zu sprechen. Als sie -in den Salon traten, trafen sie dort bereits die Fürstin Barbara und -die Herren in schwarzen Röcken. Der Architekt war im Frack. Wronskiy -stellte dem Besuch den Arzt vor. Den bauleitenden Architekten hatte er -mit Darja Aleksandrowna schon in dem Krankenhause bekannt gemacht. - -Der dicke Hausmeister, mit seinem glänzenden, runden rasierten Gesicht -und im steifgeplätteten Band seiner weißen Krawatte meldete, daß -das Essen bereit sei, und die Damen erhoben sich. Wronskiy ersuchte -Swijashskiy, Anna Arkadjewna den Arm zu reichen, während er selbst zu -Dolly trat. Wjeslowskij gab vor Tuschkjewitsch der Fürstin Barbara -seinen Arm, so daß dieser, der Baumeister und der Arzt allein gingen. - -Das ganze Essen, der Speisesalon, das Service, der Wein und die Speisen -entsprachen nicht nur dem allgemeinen Charakter des modernen Prunkes -in diesem Hause, sondern alles war wohl noch luxuriöser und moderner. -Darja Aleksandrowna musterte diese ihr neue Pracht und vertiefte sich -als Hausfrau, die ein Hauswesen führte -- obwohl ohne Hoffnung, etwas -von all dem Gesehenen mit ihrem Hauswesen vergleichen zu können, so -hoch stand hier alles an Pracht über ihrer Lebensweise -- unwillkürlich -in alle Einzelheiten und stellte sich dabei die Frage, wer dies alles -gemacht hatte und wie es gemacht war. - -Wasjenka Wjeslowskij, ihr Gatte und selbst Swijashskiy und viele Leute, -die sie kannte, hatten nie hierüber nachgedacht, sondern aufs Wort -daran geglaubt, daß jeder rechtschaffene Hausherr seine Gäste merken -zu lassen wünscht, alles, was bei ihm gut in der Einrichtung sei, habe -ihm, dem Hausherrn, nicht die geringste Mühe gekostet, sondern sei von -selbst geworden. - -Darja Aleksandrowna aber wußte, daß von selbst nicht einmal der Brei -zum Frühstück für die Kinder werde, und infolge dessen auf eine so -komplizierte und herrliche Einrichtung gewissermaßen verstärkte -Aufmerksamkeit hatte gerichtet werden müssen. Auch an dem Blicke des -Aleksey Kyrillowitsch, mit welchem dieser den Tisch überflog, und -wie er ein Zeichen mit dem Kopfe nach dem Hausmeister hin gab, und -wie er der Darja Aleksandrowna die Auswahl zwischen dem Kwasgericht -und der Suppe vorschlug, erkannte sie, daß alles durch die Fürsorge -des Herrn selbst geschehe und von dieser gehalten sei. Von Anna hing -augenscheinlich dies alles nicht in höherem Grade ab, als etwa von -Wjeslowskij. Sie, Swijashskiy, die Fürstin und Wjeslowskiy waren einzig -und allein die Gäste, welche heiter genossen, was für sie bereitet war. - -Anna war Hausfrau nur der Führung des Gesprächs nach, und dieses -Gespräch, sehr schwierig für die Hausherrin bei der nicht großen -Tafel, bei Personen wie dem Baumeister und dem Architekten, Leuten -einer vollständig anderen Welt, die sich bemühten, nicht zu erröten -vor dem ungewohnten Luxus, und nicht lange an dem gemeinsamen Gespräch -teilzunehmen vermochten -- dieses schwierige Gespräch führte Anna mit -ihrem gewohnten Takte, mit Natürlichkeit und selbst mit Vergnügen, wie -Darja Aleksandrowna merkte. - -Das Gespräch drehte sich darum, wie Tuschkjewitsch und Wjeslowskiy -allein im Boot gefahren waren; dann begann Tuschkjewitsch von den -letzten Bootwettfahrten in Petersburg im Jachtklub zu erzählen. Doch -Anna, eine Pause abwartend, wandte sich sogleich an den Architekten, um -denselben aus seinem Schweigen zu ziehen. - -»Nikolay Iwanitsch war überrascht,« sagte sie zu Swijashskiy, »wie das -neue Gebäude seit der Zeit, seit welcher er das letzte Mal hier war, -gewachsen ist; aber ich bin alltäglich dabei und verwundere mich selbst -alltäglich, wie schnell das geht.« - -»Mit Erlaucht arbeitet es sich auch gut,« sagte lächelnd der Architekt --- er war im Gefühl seines Wertes ein ehrerbietiger und ruhiger Mensch --- »man hat es hier nicht mit Gouvernementsmachthabern zu thun, bei -denen erst ein Ries Papier vollgeschrieben werden muß; ich mache dem -Grafen Meldung, wir besprechen und mit drei Worten ist die Sache -abgemacht.« - -»Amerikanische Manieren,« sagte Swijashskiy lächelnd. - -»Ja; dort werden die Gebäude rationell errichtet.« - -Das Gespräch kam auf den Mißbrauch der Macht in den Vereinigten -Staaten, doch Anna brachte es sogleich auf ein anderes Thema, um den -Baumeister aus seinem Schweigen zu ziehen. - -»Hast du schon einmal Erntemaschinen gesehen?« wandte sie sich an Darja -Aleksandrowna. »Wir waren hinausgeritten, sie anzusehen, als wir dir -begegneten. Ich selbst habe sie zum erstenmale gesehen.« - -»Wie arbeiten sie denn?« frug Dolly. - -»Genau so wie Scheren. Es ist ein Brett und daran sind viele kleine -Scheren. So hier« -- - -Anna ergriff mit ihren schönen, weißen, von Ringen bedeckten Händen -ein Messer und eine Gabel und begann zu zeigen. Sie sah offenbar, daß -sich aus ihrer Erklärung nichts erkennen lasse, setzte aber, recht wohl -wissend, daß sie angenehm sprach und daß ihre Hände schön seien, die -Erklärung fort. - -»Es sind eigentlich mehr Federmesser,« sagte Wjeslowskij lächelnd, ohne -die Augen von ihr zu verwenden. - -Anna lächelte kaum merklich, antwortete ihm aber nicht. - -»Nicht wahr, Karl Fjodorowitsch, es sind Scheren?« wandte sie sich an -den Baumeister. - -»O ja,« versetzte der Deutsche in deutscher Sprache, »es ist ein ganz -einfaches Ding,« und begann dann die Konstruktion der Maschine zu -erläutern. - -»Schade, daß sie nicht strickt. Ich habe auf der Wiener Weltausstellung -eine gesehen, die strickt Draht,« sagte Swijashskiy, »diese wären noch -nützlicher gewesen.« - -»Es kommt drauf an; der Preis vom Draht muß ausgerechnet werden,« sagte -der Deutsche in deutscher Sprache und wandte sich, seinem Schweigen -entrissen, an Wronskiy. - -»Das läßt sich ausrechnen, Erlaucht.« Der Deutsche hatte bereits in die -Tasche gegriffen, wo er Bleistift und ein Notizbuch trug, in welchem -er alles ausrechnete. Doch besann er sich, daß er bei Tische sitze und -stand, den kühlen Blick Wronskiys bemerkend, von seinem Vorhaben ab. -»Zu kompliziert; macht zuviel Klopot,« schloß er. - -»Wünscht man Dochots,[A] so hat man auch Klopots,«[B] sagte Wasjenka -Wjeslowskij auf Deutsch, sich über den Deutschen lustig machend. -»=J'adore l'allemand=,« wandte er sich mit dem nämlichen Lächeln zu -Anna. - - [A] =dochód= »Einkünfte«. - - [B] =chlópot= Gen. Plur. von =chlópoty= »Plackereien«. - -»=Cessez=!« sagte diese scherzhaft ernst. »Wir dachten Euch auf dem -Felde zu treffen, Wasiliy Ssemjonitsch?« wandte sie sich dann an den -Arzt, einen krankhaften Menschen, »waret Ihr dort?« - -»Ich war dort, zog mich aber zurück,« antwortete dieser mit mürrischem -Spott. - -»Wahrscheinlich habt Ihr Euch eine gute Motion gemacht?« - -»Herrlich!« - -»Wie ist denn das Befinden der Alten? Ich hoffe es ist nicht Typhus?« - -»Typhus oder nicht Typhus, in der Besserung befindet sie sich nicht -gerade.« - -»Wie schade,« sagte Anna, und wandte sich, nachdem sie so der -Höflichkeit ihren Hausgenossen gegenüber den Tribut gezollt hatte, -wieder zu den Ihrigen. - -»Es wäre jedenfalls nach Eurer Erzählung schwierig, eine Maschine zu -konstruieren, Anna Arkadjewna,« sagte Swijashskiy scherzend. - -»Nun; inwiefern?« versetzte Anna mit einem Lächeln, welches sagte, daß -sie wohl wisse, in ihrer Erklärung von der Maschinenkonstruktion habe -etwas Liebliches gelegen, was von Swijashskiy auch bemerkt worden sei. -Dieser neue Zug jugendlicher Koketterie überraschte Dolly unangenehm. - -»Dafür sind die Kenntnisse Anna Arkadjewnas in der Architektur -bewundernswürdige,« sagte Tuschkjewitsch. - -»Allerdings; ich hörte es; gestern sprach Anna Arkadjewna davon -- bis -auf die Plinthe ist sie Kennerin« -- sagte Wjeslowskij. - -»Es ist nichts Wunderbares dabei, wenn man so viel sieht und hört,« -antwortete Anna, »Ihr freilich wißt gewiß nicht einmal, wovon man ein -Haus baut.« - -Darja Aleksandrowna sah, daß Anna ungehalten über den Ton von Tändelei -war, der zwischen ihr und Wjeslowskij herrschte, und in welchen -unwillkürlich sie selbst geriet. - -Wronskiy handelte in diesem Falle durchaus nicht so, wie Lewin. Er maß -dem Geschwätz Wjeslowskijs offenbar nicht die geringste Bedeutung bei, -ja, würzte im Gegenteil noch dessen Scherze. - -»Nun sagt doch einmal, Wjeslowskij, womit bindet man denn die Steine!« - -»Natürlich mit Cement.« - -»Bravo! Aber was ist denn Cement?« - -»Nun so etwas wie ein dünner Brei, nein wie Kitt,« sagte Wjeslowskij, -ein allgemeines Gelächter hervorrufend. - -Die Konversation unter den Dinierenden mit Ausnahme des in tiefes -Schweigen versunkenen Arztes, des Architekten und des Baumeisters, -verstummte nicht, bald glatt fließend, bald stockend und jemanden -bei einer Schwäche fassend. Einmal wurde auch Darja Aleksandrowna -angegriffen und so aufgeregt davon, daß sie sogar errötete, und sich -besann, ob man ihr nicht etwas Überflüssiges und Unangenehmes gesagt -habe? Swijashskiy hatte über Lewin zu sprechen begonnen, und von seinen -seltsamen Urteilen, daß die Maschinen der russischen Landwirtschaft nur -schädlich seien, erzählt. - -»Ich habe nicht das Vergnügen, diesen Herrn Lewin zu kennen,« sagte -Wronskiy lächelnd, »aber wahrscheinlich hat er wohl niemals die -Maschinen gesehen, die er verwirft. Und wenn er eine gesehen und -erprobt hat, so wird sie darnach gewesen sein, nicht eine ausländische, -sondern eine russische. Wie kann man hierbei noch Ansichten haben?« - -»Im allgemeinen türkische Ansichten,« sagte Wjeslowskij lächelnd, sich -an Anna wendend. - -»Ich kann seine Urteile nicht vertreten,« fuhr Darja Aleksandrowna auf, -»aber ich kann sagen, daß er ein sehr gebildeter Mann ist, und, wenn er -hier wäre, schon wüßte, wie er Euch zu antworten hätte; ich verstehe es -allerdings nicht!« - -»Ich liebe ihn sehr und wir sind sehr gute Freunde,« sagte Swijashskiy -gutmütig lächelnd. »=Mais pardon, il est un petit peu toqué=; zum -Beispiel behauptet er, daß sowohl das Semstwo, wie die Schiedsrichter -nicht nötig wären, und beteiligt sich an nichts.« - -»Das ist unsere russische Indifferenz,« sagte Wronskiy, Wasser aus -einer Eiskaraffe in ein feines Glas auf langem Fuße gießend, »man -will sich keiner Verpflichtungen bewußt werden, die unsere Rechte uns -auferlegen, und stellt diese Pflichten daher in Abrede.« - -»Ich kenne keinen Menschen, der strenger wäre in der Erfüllung seiner -Pflichten,« sagte Darja Aleksandrowna, gereizt von diesem Tone der -Überlegenheit in Wronskiy. - -»Ich, im Gegenteil,« fuhr Wronskiy fort, offenbar aus irgend einem -Grunde von diesem Gespräch in einem gewissen Punkte getroffen, »ich im -Gegenteil, so wie Ihr mich seht, bin sehr dankbar für die Ehre, die Ihr -mir erwiesen habt, dank Nikolay Iwanitsch« -- er wies auf Swijashskiy --- »indem ich zum Ehrenrichter gewählt worden bin. Ich meine, daß für -mich die Pflicht, zu den Zusammenkünften zu reisen, die Klage eines -Bauern über ein Pferd zu begutachten ebenso wichtig ist, wie alles, was -ich überhaupt thun kann. Ich werde es mir zur Ehre anrechnen, wenn man -mich zum stimmenden Richter macht. Nur damit kann ich jene Vorteile -wieder ausgleichen, welche ich als Grundherr besitze. Zum Unglück -versteht man die Bedeutung nicht, welche die Großgrundbesitzer im -Reiche haben müßten.« - -Darja Aleksandrowna berührte es seltsam, wie er so ruhig in seiner -Gerechtigkeit dasaß, in seinem Hause hinter seinem Tische. Sie dachte -daran, wie Lewin, von entgegengesetzter Meinung, ebenso entschieden war -in seinem Urteil, in seinem Hause, an seinem Tische. Doch sie liebte -Lewin und war daher auf seiner Seite. - -»So können wir also auf Euch rechnen, Graf, für die nächste -Zusammenkunft?« frug Swijashskiy. »Doch wird zeitig zu fahren sein, -damit man um acht Uhr schon dort ist. Wenn Ihr mir die Ehre erweisen -wolltet, zu mir zu kommen?« - -»Auch ich bin ein wenig einverstanden mit deinem =beau frère=,« sagte -Anna, »man darf nur nicht ganz so denken, wie er,« fügte sie lächelnd -hinzu. »Ich fürchte, daß in letzter Zeit für uns zu viel dieser -gesellschaftlichen Pflichten erstanden sind. Wie es früher so viel -Beamte gab, daß für jede Arbeit ein Beamter erforderlich war, so ist -jetzt alles gesellschaftlicher Faktor. Aleksey ist jetzt sechs Monate -hier und schon ist er Mitglied von wohl fünf oder sechs verschiedenen -socialen Institutionen -- als Vormund, Richter, Stimmrichter, Beisitzer -&c. =Du train que cela va=, alle seine Zeit geht darin auf. Ich -fürchte, daß bei der Masse dieser Geschäfte, alles nur Form ist. In wie -viel Orten seid Ihr Ratsmitglied des Gerichtshofs, Nikolay Iwanitsch,« -wandte sie sich an Swijashskiy, »mir scheint in mehr als zwanzig!« - -Anna sprach im Scherz, aber in ihrem Tone lag Bitterkeit. Darja -Aleksandrowna, welche Anna und Wronskiy aufmerksam beobachtet hatte, -bemerkte dies sogleich. Sie bemerkte auch, daß das Gesicht Wronskiys -bei diesem Gespräch sofort einen ernsten und eigensinnigen Ausdruck -annahm. Als sie dies bemerkt hatte, sowie auch, daß die Fürstin Barbara -sogleich, um das Thema zu ändern, hastig von Petersburger Bekannten zu -sprechen begann, sich ferner auch daran erinnert hatte, daß Wronskiy im -Garten nicht zur passenden Zeit über seine Thätigkeit gesprochen hatte, -erkannte Dolly, daß mit dieser Frage über die sociale Wirksamkeit ein -gewisser geheimer Zwist zwischen Anna und Wronskiy zusammenhing. - -Das Essen, die Weine, die Servierung, alles das war sehr gut, doch auch -ebenso, wie es Darja Aleksandrowna bei offiziellen Essen und Bällen, -von denen sie jetzt freilich ganz entwöhnt war, gesehen hatte, und von -dem nämlichen Charakter des Nichtigen und Gespreizten. Infolge dessen -machte auch alles dies, an dem gewöhnlichen Wochentag und in diesem -kleinen Kreis einen unangenehmen Eindruck auf sie. - -Nach dem Essen setzte man sich auf die Terrasse, dann wurde =lawn -tennis= gespielt, indem man sich in zwei Parteien schied, und auf -dem sorgfältig geebneten und abgesteckten =croket-ground=, auf -beiden Seiten des aufgespannten Netzes mit den vergoldeten Stäben -auseinandertrat. - -Darja Aleksandrowna versuchte zu spielen, konnte aber lange Zeit das -Spiel nicht begreifen; nachdem sie es aber erfaßt hatte, war sie so -müde geworden, daß sie sich bei der Fürstin Barbara niedersetzte und -den Spielenden nur noch zuschaute. Ihr Partner, Tuschkjewitsch, hatte -ebenfalls aufgehört, die übrigen aber setzten das Spiel noch lange -fort. Swijashskiy und Wronskiy spielten beide sehr gut und mit Ernst. -Sie folgten mit scharfen Blicken dem ihnen zugeworfenen Ball, ohne sich -zu überhasten oder etwas zu versäumen, liefen ihm behend nach, paßten -die Sprünge ab und schleuderten den Ball zielbewußt und richtig über -das Netz hinüber. - -Wjeslowskij spielte schlechter als die übrigen. Er war zu aufgeregt, -inspirierte aber dafür mit seiner Heiterkeit die Spieler. Sein -Gelächter und seine Rufe klangen unaufhörlich. Er legte wie alle -übrigen Herren, auf den Beschluß der Damen den Überrock ab, und -seine volle schöne Figur mit den weißen Hemdärmeln, dem roten -schweißbedeckten Gesicht, den hastigen Bewegungen prägte sich förmlich -dem Gedächtnis ein. - -Als Darja Aleksandrowna sich in dieser Nacht schlafen legte, sah sie, -als sie kaum die Augen geschlossen hatte, den über den =croket-ground= -huschenden Wasjenka Wjeslowskij. - -Während des Spieles war Darja Aleksandrowna nicht heiter gestimmt -gewesen. Ihr mißfiel das auch hierbei fortdauernde, tändelnde -Verhältnis zwischen Wasjenka und Anna, sowie die allgemeine -Gezwungenheit der Erwachsenen, wenn solche allein, ohne daß Kinder -dabei sind, ein Kinderspiel spielen. - -Um indessen die übrigen nicht zu stören, und irgendwie die Zeit doch -zu verbringen, gesellte sie sich endlich, nachdem sie sich erholt -hatte, dem Spiele wieder bei und stellte sich heiter. Diesen ganzen -Tag hindurch schien es ihr immer, als spiele sie auf einem Theater, -mit Schauspielern, die besser waren als sie, und als verderbe ihr -schlechtes Spiel die ganze Aufführung. - -Sie war mit der Absicht gekommen, zwei Tage hier zu bleiben, falls es -anginge. Aber am Abend während des Spielens, beschloß sie bei sich, -morgen schon abzureisen. Jene quälenden mütterlichen Sorgen, die sie -unterwegs so gehaßt hatte, erschienen ihr jetzt, nach einem Tage den -sie ohne dieselben verbracht hatte, schon in anderem Lichte und lockten -sie an sich. - -Als Darja Aleksandrowna nach dem Abendthee und einer Spazierfahrt am -Abend im Boot allein in ihr Zimmer getreten war, ihr Kleid abgelegt und -sich niedergesetzt hatte, um ihr dünnes Haar für die Nacht aufzubinden, -empfand sie große Erleichterung. - - - 23. - -Dolly wollte sich bereits niederlegen, als Anna im Nachtkostüm bei ihr -eintrat. - -Im Laufe des Tages hatte diese mehrmals Gespräche über -Herzensangelegenheiten begonnen, aber stets, nachdem sie einige Worte -gesprochen, wieder inne gehalten. »Später, allein unter uns, wollen wir -alles besprechen. Ich habe dir soviel zu sagen,« hatte sie geäußert. - -Jetzt waren sie allein, doch Anna wußte nicht, wovon sie sprechen -sollte. Sie saß am Fenster, auf Dolly blickend, fand aber, in ihrem -Geiste all den unerschöpflich scheinenden Stoff zu ihren Gesprächen -über Geistiges durchmusternd, nichts. - -Es schien ihr in dieser Minute, als ob alles schon gesagt wäre. - -»Was macht denn Kity?« sagte sie, schwer aufseufzend und im Gefühl -einer Schuld Dolly anblickend. »Sag' mir die Wahrheit, Dolly, zürnt sie -mir nicht?« - -»Sie zürnen? Nein« -- sagte Darja Aleksandrowna lächelnd. - -»Aber sie haßt, verachtet mich?« - -»O nein; doch du weißt ja, Eines läßt sich nicht vergeben.« - -»Ja, ja,« sagte Anna, sich abwendend und durch das geöffnete Fenster -schauend. »Aber ich war nicht schuld! Wer war denn schuld? Was heißt -denn schuldig? Konnte es anders kommen? Wie denkst du darüber? Wäre es -möglich gewesen, daß du nicht die Frau Stefans wurdest?« - -»Wahrhaftig; ich weiß nicht. Aber sage du mir doch das?« - -»Ja, ja, wir waren indessen noch nicht mit Kity fertig. Ist sie -glücklich? Er ist ein schöner Mann, wie man sagt.« - -»Das will wenig sagen, daß er schön ist. Ich kenne aber keinen besseren -Menschen.« - -»Ach, wie froh bin ich! Ich bin sehr froh! Es will wenig sagen, daß er -ein schöner Mann ist,« wiederholte sie. - -Dolly lächelte. - -»Erzähle mir doch etwas von dir selbst! Wir haben uns so viel zu -erzählen. Ich sprach auch mit« -- Dolly wußte nicht, wie sie ihn -nennen sollte; es war ihr peinlich, ihn Graf oder Aleksey Kyrillowitsch -zu nennen. - -»Mit Aleksey« -- sagte Anna, »ich weiß, daß Ihr miteinander gesprochen -habt. Aber ich wollte dich offen fragen, was du von mir, über mein -Leben denkst?« - -»Wie kann ich das so plötzlich sagen? Ich weiß es wahrhaftig nicht.« - -»Nein, nein, du mußt es mir dennoch sagen. Du siehst ja mein Leben. -Doch vergiß nicht, daß du uns im Sommer siehst, wo du gekommen bist, -und wir nicht allein sind. Wir aber kamen zeitig im Frühjahr hierher -und haben vollständig einsam gelebt, und werden auch einsam weiter -leben; etwas Besseres wünsche ich gar nicht. Stelle dir aber auch vor, -daß ich allein lebte, ohne ihn; und dies wird kommen. An allem sehe -ich, daß dies sich oft wiederholen wird, daß er die Hälfte seiner Zeit -außerhalb des Hauses zubringen wird,« sprach sie, aufstehend und sich -näher zu Dolly setzend. - -»Natürlich,« unterbrach sie Dolly, welche ihr entgegnen wollte, -»natürlich mit Gewalt werde ich ihn nicht zurückhalten! Ich halte ihn -gar nicht! Jetzt sind die Rennen; seine Pferde laufen; er reitet mit. -Ich freue mich sehr darüber. Aber was denkst du über mich, stelle dir -meine Lage vor. Was soll man dazu sagen?« Sie lächelte. »Wovon hat er -denn mit dir gesprochen?« - -»Er sprach über das, wovon ich selbst sprechen will und ich kann leicht -sein Anwalt sein. Er sprach davon, ob keine Möglichkeit vorhanden sei, -und es nicht gehe, daß« -- Darja Aleksandrowna stockte, »man deine Lage -verbessern könnte. Du weißt, wie ich sie betrachte. Aber gleichwohl, -wenn möglich, muß geheiratet werden« -- - -»Das heißt, eine Ehescheidung!« sagte Anna, »weißt du, daß das einzige -Weib, welches in Petersburg zu mir gekommen ist, Betsy Twerskaja -gewesen ist? Du kennst sie ja? =Au fond c'est la femme la plus dépravée -qui existe=. Sie stand in einem Verhältnis zu Tuschkjewitsch, in der -schmählichsten Weise ihren Mann hintergehend. Diese nun sagte mir, -daß sie mich nicht mehr kennen wollte, so lange mein Verhältnis ein -illegales bleibe. Denke nicht etwa, daß ich Vergleiche anstellte. Ich -kenne dich, mein Herz, doch ich denke unwillkürlich an sie. Was hat -dir denn Aleksey gesagt?« wiederholte sie. - -»Er hat mir gesagt, daß er leide, deinetwegen und seinetwegen. -Vielleicht wirst du sagen, das sei Egoismus, aber es ist ein so -begründeter und edler Egoismus! Er wünscht zunächst seine Tochter -legitim zu machen und dein Gatte zu werden; ein Recht auf dich zu -erhalten.« - -»Welche Frau, welche Magd kann bis zu solchem Grade Sklavin werden, als -ich es bin in meiner Lage!« unterbrach Anna düster. - -»Das Hauptsächlichste was er wünscht -- er will, daß du nicht mehr -leiden sollst.« - -»Das ist unmöglich! Und weiter?« - -»Nun, und das Loyalste -- er will, daß eure Kinder einen Namen haben.« - -»Welche Kinder denn?« sagte Anna, ohne Dolly anzublicken und mit den -Augen zwinkernd. - -»Any und die Künftigen« -- - -»Daraufhin kann er ruhig sein; ich werde keine Kinder mehr bekommen!« - -»Wie darfst du sagen, daß dies nicht mehr der Fall sein könnte?« - -»Deshalb nicht, weil ich es nicht will!« - -Trotz ihrer hohen Erregung lächelte Anna, als sie den naiven Ausdruck -von Neugier, Erstaunen und Schrecken auf Dollys Gesicht bemerkte. - -»Der Arzt hat mir nach meiner Krankheit gesagt, daß« -- -- -- -- -- -- --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -»Nicht möglich!« sagte Dolly, die Augen weit aufreißend. Für sie war -dies eine jener Offenbarungen, deren Folgerungen und Ausführungen so -ungeheuer sind, daß man in der ersten Minute nur fühlt, man könne sich -das Ganze nicht vorstellen, werde aber noch viel darüber nachzudenken -haben. - -Diese Eröffnung, welche ihr plötzlich über alle jene früher für sie -unbegreiflich gewesenen Familien, die nur ein oder zwei Kinder hatten, -eine Erklärung gab, rief in ihr soviel Gedanken, Phantasieen und -widerstreitende Empfindungen wach, daß sie nichts zu sagen wußte und -nur mit weit geöffneten Augen erstaunt auf Anna schaute. Das war das -Nämliche, wovon sie wohl schon geträumt hatte; aber jetzt, als sie -kennen gelernt, daß es möglich sei, erschrak sie. Sie fühlte, daß dies -die nur allzu einfache Lösung einer zu verwickelten Frage war. - -»=N'est ce pas immoral=!« sagte sie nur nach einigem Schweigen. - -»Inwiefern? Bedenke: Ich habe die Wahl zwischen zwei Dingen. Entweder -schwanger zu sein, das heißt krank, oder der Freund und Kamerad meines -Gatten zu sein, ganz wie ein Mann,« sprach Anna in hochfahrendem und -leichtsinnigem Tone. - -»Nun ja, nun ja,« sprach Darja Aleksandrowna, die nämlichen Argumente -hörend, die sie selbst für sich beigebracht hatte, in ihnen aber nicht -mehr die alte Beweiskraft findend. »Für dich, für andere,« sagte Anna, -als errate sie Dollys Gedanken, »kann noch ein Zweifel bestehen, für -mich aber -- begreife, ich bin kein angetrautes Weib! Er liebt mich so -lange, als er liebt. Und womit soll ich dann seine Liebe unterhalten? -Doch nur damit!« - -Sie streckte die weißen Arme vor ihrem Leibe aus. - -Mit ungewöhnlicher Schnelligkeit, wie dies in Momenten der Aufregung -zu sein pflegt, drängten sich Gedanken und Erinnerungen im Kopfe Darja -Aleksandrownas. - -»Ich,« dachte sie, »habe meinen Stefan doch nicht an mich fesseln -können. Er ging von mir zu anderen, und die erste, welche er für mich -eintauschte, hat ihn nicht einmal damit festgehalten, daß sie stets -schön und heiter war. Er verließ sie doch und nahm eine andere. Sollte -Anna auch nur damit den Grafen Wronskiy fesseln und halten wollen? Wenn -er das nur sucht, so wird er Toiletten und Manieren finden, die noch -anziehender sind und heiterer. Mögen auch ihre entblößten Arme noch -so weiß, so herrlich sein, ihr Leib in voller Schöne prangen, wie ihr -erhitztes Antlitz aus diesen schwarzen Haaren heraus -- er wird noch -Besseres finden, so wie mein ausschweifender, beklagenswerter und doch -geliebter Mann es sucht und findet.« - -Dolly antwortete nicht und seufzte nur. Anna bemerkte dieses Seufzen, -welches ihr Widerspruch bedeutete, und fuhr fort. Sie hatte noch -Beweisgründe vorrätig die so stark waren, daß es auf sie nichts mehr zu -antworten gab. - -»Du sagst, daß dies nicht gut sei? Man muß aber nur bedenken,« fuhr -sie fort, »du vergißt meine Lage. Wie könnte ich Kinder wünschen? -Ich spreche nicht von meinen Leiden; ich fürchte sie nicht. Bedenke -aber, was werden meine Kinder sein? Unglückliche Kinder, die einen -fremden Namen tragen. Allein durch ihre Geburt schon sind sie in die -Notwendigkeit versetzt, sich ihrer Mutter zu schämen, ihres Vaters, -sowie ihrer Geburt.« - -»Aber deshalb ist ja eben die Ehescheidung erforderlich.« - -Anna hörte sie nicht; sie wollte eben die nämlichen Beweisgründe -erschöpfend beibringen, mit welchen sie sich selbst schon so viele Mal -überzeugt hatte. - -»Warum ist mir der Verstand gegeben, wenn ich ihn nicht dazu anwenden -soll, keine Unglücklichen in die Welt zu setzen?« Sie blickte Dolly an, -fuhr aber ohne eine Antwort abzuwarten fort: »Ich würde mich immerdar -vor diesen unglücklichen Kindern schuldig fühlen,« sagte sie. »Wenn sie -nicht da sind, sind sie wenigstens nicht unglücklich, während, wenn sie -unglücklich sind, ich allein daran Schuld trage.« - -Es waren dies die nämlichen Beweisgründe, welche Darja Aleksandrowna -auch für sich selbst beigebracht hatte; aber jetzt hörte sie dieselben, -ohne sie zu verstehen. »Wie kann man vor Geschöpfen schuldig sein, -die nicht existieren?« dachte sie bei sich, und plötzlich kam ihr -in den Sinn, ob es wohl unter Umständen für ihren Liebling Grischa -besser gewesen wäre, wenn er nicht lebte? Dies aber erschien ihr so -wunderlich, so seltsam, daß sie den Kopf wiegte, um dieses Wirrsal -kreisender, wahnwitziger Gedanken zu zerstreuen. - -»Nein, ich weiß nicht, das ist nicht gut,« sagte sie mit einem Ausdruck -von Ekel auf den Zügen. - -»Ja, ja, aber du darfst nicht vergessen, was du bist und was ich bin --- und außerdem,« fügte Anna hinzu, ungeachtet der Fülle ihrer eigenen -Beweisgründe und der Armut derjenigen bei Dolly, gleichsam anerkennend, -daß jenes nicht moralisch sei, »vergiß nicht die Hauptsache, daß ich -mich jetzt nicht in der Situation befinde, in welcher du bist. Für -dich ist einfach die Frage vorhanden, ob du keine Kinder mehr zu haben -wünschst; für mich hingegen, ob ich sie zu haben wünsche. Darin liegt -ein großer Unterschied. Du begreifst, daß ich in meiner Lage dies nicht -wünschen kann.« - -Darja Aleksandrowna erwiderte nichts. Sie empfand plötzlich, daß sie -schon so weit von Anna entfernt stehe, daß es zwischen ihnen Fragen -gab, in welchen sie nie mehr übereinkommen konnten, und von denen nicht -zu sprechen besser war. - - - 24. - -»Aber umsomehr wirst du daher deine Verhältnisse ordnen müssen, wenn es -möglich ist,« sagte Dolly. - -»Ja, wenn es möglich ist,« versetzte Anna mit plötzlich veränderter, -gedämpfter und trauriger Stimme. - -»Ist denn die Ehescheidung unmöglich? Man hat mir gesagt, daß dein Mann -damit einverstanden ist.« - -»Dolly! Ich mag nicht davon sprechen.« - -»Nun, dann wollen wir es auch nicht,« beeilte sich Darja Aleksandrowna -zu sagen, indem sie den Ausdruck des Leidens auf Annas Antlitz -bemerkte. »Ich sehe nur, daß du zu schwarz siehst.« - -»Ich? Keineswegs! Ich bin sehr heiter und zufrieden. Du hast ja -gesehen; =je fais des passions Wjeslowskij=« -- - -»Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, gefällt mir der Ton Wjeslowskijs -nicht,« sagte Darja Aleksandrowna, im Wunsche, das Thema zu ändern. - -»O, keineswegs! Das kitzelt Aleksey, weiter ist es nichts; er aber -ist ein Knabe und ganz in meinen Händen. Du verstehst wohl, ich leite -ihn, wie ich will. Er ist ganz das, was dein Grischa ist. Dolly!« -- -änderte sie plötzlich ihre Rede, »du sagst, ich blicke zu schwarz. Das -verstehst du nicht. Es ist zu entsetzlich. Ich suche lieber gar nicht -zu sehen.« - -»Aber mir scheint, man muß dies. Man muß alles thun, was möglich ist.« - -»Was ist denn möglich? Nichts! Du sagst, ich soll Aleksey heiraten, -und meinst ich dächte nicht daran. Ich soll nicht daran denken!« -- -wiederholte sie, und die Farbe trat ihr ins Gesicht. Sie erhob sich, -reckte ihre Brust empor, seufzte tief auf, und begann dann, mit ihrem -leichten Gang im Zimmer auf und abzuschreiten, bisweilen dabei stehen -bleibend. »Ich soll nicht daran denken? keinen Tag, keine Stunde giebt -es, in der ich nicht sänne -- und mir Vorwürfe machte über das was -ich denke -- deshalb, weil die Gedanken hierüber von Sinnen bringen -können. Von Sinnen bringen,« wiederholte sie. »Wenn ich daran denke, so -kann ich ohne Morphium schon nicht mehr schlafen. Doch gut. Wir werden -ruhig sprechen. Man spricht mir von Ehescheidung. Erstens wird er in -diese nicht willigen. Er steht jetzt unter dem Einfluß der Gräfin Lydia -Iwanowna.« - -Darja Aleksandrowna folgte, auf dem Stuhl steif emporgerichtet sitzend, -mit dem Ausdruck innigen Mitgefühls auf dem Gesicht und kopfschüttelnd -der hin und wieder wandernden Anna. - -»Man muß versuchen,« sprach sie leise. - -»Nehmen wir an, man versucht. Was hätte das zu bedeuten?« sagte -sie; augenscheinlich war dies ein Gedanke, den sie wohl tausendmal -überdacht, auswendig gelernt hatte. »Dies bedeutete für mich, die ihn -haßt, sich aber nichtsdestoweniger vor ihm als schuldig bekennt -- -ich halte ihn dabei noch für großmütig -- daß ich mich erniedrige, -wenn ich ihm schreibe. Aber gesetzt, ich überwinde mich und thue dies! -Entweder werde ich alsdann eine verletzende Antwort erhalten, oder -die Einwilligung. Gut; ich erhalte die Einwilligung.« -- Anna befand -sich gerade in einer entfernten Ecke des Gemachs und war dort stehen -geblieben, sich an der Gardine des Fensters zu schaffen machend. -»Ich erhalte also die Einwilligung -- aber -- mein _Sohn_? Den wird -man mir ja nicht geben! Er wird wohl heranwachsen, in der Verachtung -gegen mich, im Haus des Vaters, den ich verließ. Wisse, daß ich, wie -mir scheint, gleich stark, aber mehr noch als mich selbst, zwei Wesen -liebe, Sergey und Aleksey.« - -Sie trat in die Mitte des Zimmers und blieb vor Dolly stehen, beide -Hände auf ihre Brust pressend. In dem weißen Nachtgewand erschien ihre -Gestalt eigentümlich hoch und voll. Sie senkte den Kopf und schaute mit -feuchtschimmernden Augen von unten her auf die kleine, hagere und in -ihrem geflickten Korsett im Nachthäubchen so kläglich aussehende, am -ganzen Körper vor Aufregung zitternde Dolly. - -»Nur diese beiden Wesen liebe ich, und doch schließt eines das andere -aus. Ich kann sie nicht vereinigen und dies allein ist mir doch nur -Bedürfnis. Wenn es nicht angeht, so ist mir alles gleichgültig. Alles, -alles gleichgültig. Irgendwie muß es enden, und daher kann und mag -ich nicht davon sprechen! Mache du mir also keine Vorwürfe und richte -in nichts über mich! Du vermagst in deiner Reinheit nicht alles zu -erfassen, woran ich leide.« Sie trat heran, setzte sich neben Dolly, -blickte dieser mit schuldbewußtem Ausdruck ins Gesicht und nahm sie bei -der Hand. »Was denkst du? Was denkst du über mich? Verachte mich nicht! -Verachtung bin ich nicht wert. Ich bin doch schon unglücklich. Wenn -jemand unglücklich ist, so bin ich es,« sprach sie und brach, sich von -ihr abwendend, in Thränen aus. - -Allein geblieben, betete Dolly zu Gott und legte sich in ihr Bett. -Anna hatte ihr von ganzer Seele leid gethan, so lange sie mit ihr -gesprochen; jetzt aber konnte sie sich nicht mehr zum Nachdenken über -sie bringen. Die Erinnerungen an ihr Haus und ihre Kinder tauchten in -einem eigenartigen, ihr neuen Reiz, mit einem gewissen neuen Schimmer -in ihrer Vorstellungskraft auf. Diese ihr eigene Welt erschien ihr -jetzt so teuer und lieb, daß sie um keinen Preis außerhalb derselben -einen überflüssigen Tag hätte zubringen mögen, und sie beschloß, -bestimmt morgen abzureisen. - -Anna hatte mittlerweile, nach ihrem Kabinett zurückgekehrt, ein -Glas ergriffen, einige Tropfen Arznei hineingeschüttet, deren -hauptsächlichster Bestandteil Morphium war, und sich, nachdem sie -getrunken, und noch einige Zeit unbeweglich gesessen hatte, in ruhiger -und heiterer Stimmung nach dem Schlafgemach begeben. - -Als sie in dasselbe eintrat, blickte Wronskiy sie aufmerksam an. -Er suchte nach den Spuren des Gesprächs, welches sie, wie er wußte -mit Dolly gehabt haben mußte, da sie so lange im Zimmer derselben -geblieben war. Aber in ihrem Ausdruck, der zurückgehaltene Aufregung -und Geheimthuerei verriet, entdeckte er nur die zwar gewohnte, ihn aber -doch immer noch fesselnde Schönheit, ihr Bewußtsein davon, und ihren -Wunsch, sie auf ihn wirken zu lassen. Er wollte Anna nicht fragen, was -sie beide gesprochen hätten, sondern hoffte, sie werde es ihm selbst -sagen. Doch sie sprach nur: - -»Ich freue mich, daß Dolly dir gefallen hat. Nicht wahr?« - -»Ich kenne sie ja schon lange. Sie ist sehr gut, wie mir scheint, =mais -excessivement terre-à-terre=. Ich habe mich indessen gleichwohl sehr -über sie gefreut.« - -Er ergriff Annas Hand und schaute ihr fragend ins Auge. Sie lächelte -ihm zu, den Blick anders auffassend. - -Am anderen Morgen rüstete sich Darja Aleksandrowna trotz der Bitten -ihrer Wirte zur Abreise. Der Kutscher Lewins in seinem nicht mehr -gerade neuen Kaftan und dem Postkutscherhut, mit den Pferden von -verschiedener Farbe, ein Wagen mit den ausgebesserten Seiten, fuhr -mürrisch und entschlossen in die geöffnete, mit Sand bestreute Einfahrt. - -Der Abschied von der Fürstin Barbara und den Herren war Darja -Aleksandrowna unangenehm. Indem sie nur einen Tag hier geblieben -war, fühlte sie sowohl, wie ihre Wirte, deutlich, daß sie einander -nicht näher getreten waren, und es besser sei, wenn sie nicht mehr -zusammenkämen. Nur Anna empfand Schmerz hierüber. Sie wußte, daß jetzt, -mit Dollys Fortgehen, niemand mehr die Gefühle in ihrer Seele wachrufen -werde, die sich bei diesem Wiedersehen in ihr geregt hatten. Diese -Empfindungen wachzurufen, war ihr schmerzlich gewesen, aber gleichwohl -wußte sie doch, daß sie gerade den besten Teil ihrer Seele bildeten, -und daß dieser Teil ihrer Seele schnell überwuchert sein werde in dem -Leben, welches sie führte. - -Als sie auf das Feld hinausgekommen war, empfand Darja Aleksandrowna -ein angenehmes Gefühl der Erleichterung, und sie wollte soeben ihre -Leute fragen, wie es ihnen bei Wronskiy gefallen habe, als plötzlich -Philipp der Kutscher selbst anfing: - -»Sind die reich, so reich, und doch haben sie im ganzen nur drei Maß -Hafer gegeben. Bis die Hähne schrieen, hatten sie es rein aufgefressen. -Was sind denn drei Maß? Gerade zum Hineinbeißen. Jetzt kostet der Hafer -bei den Hofleuten fünfundvierzig Kopeken; während bei uns den Reisenden -soviel gegeben wird, als gefressen wird.« - -»Ein geiziger Herr,« bestätigte der Comptoirdiener. - -»Nun, aber seine Pferde haben dir gefallen?« frug Dolly. - -»Seine Pferde, das ist richtig. Das Essen ist ja auch gut. Aber mir -schien es so langweilig, Darja Aleksandrowna, ich weiß nicht, wie -es Euch gegangen ist,« sagte er, ihr sein rotes, gutmütiges Gesicht -zuwendend. - -»Mir ging es auch so. Werden wir denn bis zum Abend ankommen?« - -»Wir müssen.« - -Nachdem Darja Aleksandrowna heimgekommen war, und alles vollkommen -wohlbehalten und besonders herzlich gefunden hatte, erzählte sie mit -großer Lebhaftigkeit von ihrer Reise, wie man sie so gut aufgenommen -habe, von der Pracht und dem guten Geschmack der Lebensweise der -Wronskiy, sowie von ihren Zerstreuungen, und ließ niemand über sie zu -Worte kommen. - -»Man muß Anna und Wronskiy kennen -- ich habe ihn jetzt besser kennen -gelernt -- um erkennen zu können, wie liebenswürdig sie sind,« sprach -sie, jetzt vollkommen aufrichtig, nachdem sie das dunkle Gefühl von -Unzufriedenheit und Mißbehagen vergessen hatte, welches sie dort -empfunden. - - - 25. - -Wronskiy und Anna verlebten, in unveränderten Verhältnissen, und ohne -Maßregeln für die Ehescheidung zu ergreifen, den ganzen Sommer und -einen Teil des Herbstes auf dem Lande. Sie waren unter sich einig -geworden, nicht von hier weggehen zu wollen, fühlten beide aber, je -länger sie einsam waren, besonders im Herbste und wenn kein Besuch da -war, daß sie diese Lebensweise nicht würden ertragen können und ändern -müßten. - -Ihr Leben war so, wie man es besser nicht wünschen konnte; reicher -Überfluß, Gesundheit, ein Kind war da und beide hatten ihre -Beschäftigung. Anna beschäftigte sich, wenn kein Besuch da war, -mit sich selbst und sehr viel mit Lektüre von Romanen und ernsten -Büchern, welche in der Mode waren. Sie verschrieb alle Bücher, von -denen sie sich entsann, Günstiges in den ausländischen Zeitungen und -Journalen die sie erhielt, gelesen zu haben, und las dieselben mit -jener Aufmerksamkeit für das Gelesene, welche nur in der Einsamkeit -vorhanden zu sein pflegt. Außerdem aber studierte sie alles, womit sich -Wronskiy befaßte, nach Büchern oder Fachjournalen, sodaß er sich oft -mit landwirtschaftlichen, architektonischen, ja selbst bisweilen mit -sportsmännischen und Pferdezucht betreffenden Fragen an sie wandte. Er -erstaunte über ihr Wissen, ihr Gedächtnis, und wünschte anfänglich, -noch zweifelnd, Bestätigungen; sie fand dann auch in den Büchern das, -wonach er gefragt und zeigte es ihm. - -Die Einrichtung des Hospitals beschäftigte sie gleichfalls. Sie -leistete nicht nur Beistand, sondern richtete vieles selbst ein, oder -sann es aus. Ihre Hauptsorge aber bildete -- sie selbst; insofern sie -Wronskiy teuer war, insofern sie ihm alles ersetzte, was er aufgegeben -hatte. Wronskiy schätzte diesen zum einzigen Ziel ihres Lebens -gewordenen Wunsch -- den, ihm nicht nur zu gefallen, sondern ihm auch -zu dienen, aber zugleich dabei fühlte er sich doch bedrückt von den -Liebesbanden mit denen sie sich bemühte, ihn zu umstricken. - -Je mehr Zeit verging, wünschte er weniger sich von ihnen zu befreien -und herauszukommen, als zu versuchen und zu prüfen, ob sie seine -Freiheit wirklich einschränkten. Wäre nicht dieser immer stärker -werdende Wunsch, frei zu sein, der, nicht jedesmal eine Scene zu haben, -wenn er zu einer Gerichtssitzung, zu einem Rennen in die Stadt fahren -mußte, gewesen, so würde Wronskiy mit seinem Dasein völlig zufrieden -gewesen sein. - -Die Rolle, welche er sich erwählt hatte, die Rolle des reichen -Grundbesitzers, aus denen der Kern der russischen Aristokratie bestehen -müsse, war ihm nicht nur völlig nach Geschmack, sie machte ihm sogar -jetzt, nachdem er ein halbes Jahr darin gelebt hatte, ein mehr und -mehr wachsendes Vergnügen. Auch sein Werk, welches ihn mehr und mehr -beschäftigte und anzog, gedieh vortrefflich. Trotz der ungeheuren -Summen, welche ihn das Krankenhaus, die Maschinen, die aus der Schweiz -verschriebenen Kühe und vieles andere kosteten, war er sicher, daß -er sein Vermögen nicht zerrüttete, sondern vielmehr vergrößerte. -Wo es sich um Einkünfte, Waldverkäufe, Getreidelieferungen, Wolle, -Landverpachtung handelte, war Wronskiy hart wie ein Kieselstein, -und verstand es, auf den Preis zu halten. In Sachen seiner großen -Landwirtschaft befolgte er, sowohl auf diesem, wie auf seinen übrigen -Gütern, die einfachsten, die gefahrlosesten Methoden, und war höchst -sparsam und haushälterisch in den wirtschaftlichen Kleinigkeiten. Bei -aller Schlauheit und Gewandtheit seines Deutschen, der ihn in Ankäufe -zu verwickeln suchte und jede Berechnung so aufstellte, daß anfangs -bei weitem mehr nötig war, dann aber erwog, daß es möglich sei, das -Nämliche auch billiger machen, und dabei noch einen Gewinn erzielen zu -können, gab Wronskiy diesem in nichts nach. - -Er hörte seinen Verwalter an, frug ihn aus und stimmte ihm nur -dann bei, wenn das zu Verschreibende oder neu Einzurichtende das -allerneueste, in Rußland noch unbekannt, und imstande war, Bewunderung -zu erwecken. Im übrigen verstand er sich zu einer großen Ausgabe nur -dann, wenn flüssiges Geld vorhanden war, und kümmerte sich, indem er -die Ausgabe machte, um alle Einzelheiten, bestand auch darauf, nur -das Allerbeste für sein Geld zu erhalten; sodaß er, demzufolge sein -Vermögen offenbar nicht zerrüttete, sondern vergrößerte. - -Im Monat Oktober waren die Adelswahlen im Gouvernement von Kaschin, -in welchem sich die Güter Wronskiys, Swijashskiys, Koznyscheffs, -Oblonskiys und ein kleiner Teil von denen Lewins befanden. - -Diese Wahlen zogen infolge mannigfacher Umstände und in Anbetracht -der Persönlichkeiten, welche daran teilnahmen, die allgemeine -Aufmerksamkeit auf sich. Man sprach viel von ihnen und bereitete sich -darauf vor. Die Bewohner von Moskau, Petersburg, Fremde, die noch nicht -bei den Wahlen gewesen waren, kamen zu denselben. - -Wronskiy hatte Swijashskiy schon längst versprochen, dazu kommen zu -wollen. Noch vorher fuhr Swijashskiy, welcher Wosdwishenskoje häufig -besuchte zu Wronskiy. - -Am Vorabend des nämlichen Tages war zwischen Wronskiy und Anna fast -ein Streit wegen der geplanten Reise entstanden. Es war gerade die -langweiligste, schwerste Zeit auf dem Dorfe, die Herbstzeit, und, auf -den Kampf vorbereitet, machte Wronskiy mit einem ernsten und kühlen -Ausdruck, mit welchem er vorher noch nie zu Anna gesprochen hatte, -derselben Mitteilung von seiner Abreise. - -Zu seiner Verwunderung nahm Anna indessen diese Nachricht sehr ruhig -auf, und frug nur, wann er zurückkehren werde. Aufmerksam betrachtete -er sie, da er diese Ruhe nicht begriff. Sie lächelte zu seinem Blick. -Er kannte ihre Fähigkeit, sich in sich selbst zurückzuziehen, und -wußte, daß dies nur dann der Fall war, wenn sie bei sich selbst etwas -beschlossen hatte, ohne ihm von ihren Plänen Kenntnis zu geben. Er -fürchtete dies, doch wünschte er so sehr, eine Scene zu vermeiden, daß -er sich den Anschein gab zu glauben -- und teilweise glaubte er es auch -aufrichtig -- was er ja wünschte -- sie sei einsichtsvoll. - -»Ich hoffe, du wirst dich nicht langweilen.« - -»Ich hoffe es,« sagte Anna, »gestern habe ich eine Kiste Bücher von -Gautier erhalten. Nein, ich werde mich nicht langweilen.« - -»Sie wünscht diesen Ton festzuhalten; um so besser,« dachte er, »es -wäre ja doch sonst immer ein und dasselbe,« und fuhr, ohne sie zu einer -aufrichtigen Erklärung aufgefordert zu haben, zu den Wahlen. - -Es war dies zum erstenmal seit Beginn ihres Verhältnisses, daß er sich -von ihr trennte, ohne sich völlig mit ihr ausgesprochen zu haben. - -Einerseits beunruhigte ihn dies, andererseits fand er, daß es so -besser sei. »Es wird ihr dies im Anfang, wie jetzt, etwas Unklares, -Geheimnisvolles sein, aber später wird sie sich daran gewöhnen. -Jedenfalls kann ich ihr alles bieten, nur nicht meine männliche -Unabhängigkeit,« dachte er. - - - 26. - -Im September war Lewin wegen der Niederkunft Kitys nach Moskau -gefahren. Er hatte schon einen ganzen Monat müßig in Moskau verweilt, -als Sergey Iwanowitsch, welcher ein Gut im Gouvernement Kaschin -besaß und großes Interesse für die Fragen der bevorstehenden Wahlen -hegte, sich fertig machte, zu diesen zu fahren. Er nahm dazu auch den -Bruder mit sich, der im Sjeleznewskischen Kreis ansässig war. Lewin -hatte überdies in Kaschin ein sehr notwendiges Geschäft für seine -Schwester, die im Ausland lebte, in Vormundschaftssachen und wegen der -Empfangnahme von Geldern für einen Kauf zu erledigen. - -Lewin war noch immer unentschlossen, aber Kity, welche gewahrte, daß -er sich in Moskau langweile, hatte ihm angeraten, zu fahren und ihm -obendrein noch hinter seinem Rücken eine Adelsuniform, welche achtzig -Rubel kostete, bestellt. Diese achtzig Rubel, welche für die Uniform -bezahlt worden waren, bildeten den Hauptgrund, der Lewin bewog, zu -reisen, und so fuhr er nach Kaschin. - -Er war bereits den sechsten Tag daselbst, besuchte täglich die -Sobranje und befaßte sich mit der Angelegenheit seiner Schwester, -die noch nicht in Ordnung war. Die Oberrichter waren sämtlich von -den Wahlen in Anspruch genommen und man kam daher nicht bis zu einer -so einfachen Angelegenheit, die von der Vormundschaft abhing. Die -andere Angelegenheit, die Erhebung der Gelder, begegnete den gleichen -Schwierigkeiten. Nach langen Mühen um die Beseitigung der Hindernisse -lag das Geld endlich bereit zur Aushändigung, aber der Notar, ein sehr -dienstfertiger Mann, konnte den Talon nicht herausgeben, weil die -Unterschrift des Präsidenten dazu erforderlich war, dieser selbst aber -sich in der Session befand. Alle diese Plagen, das Umherlaufen von -Ort zu Ort, die Auseinandersetzungen mit den sehr guten freundlichen -Leuten, welche alle die Unannehmlichkeit der Lage des Petenten -vollkommen begriffen, diesem aber nicht helfen konnten, diese ganze -Anstrengung die keine Resultate ergab, erzeugte in Lewin ein peinliches -Gefühl, ähnlich jener ärgerlichen Ohnmacht, welche man im Schlafe -empfindet, wenn man physische Kraft anwenden will. Er empfand dies oft, -wenn er sich mit seinem sehr gutmütigen Pächter unterhielt. Dieser -Pächter that, wie es schien, alles Mögliche, und strengte alle seine -Kräfte an, um Lewin der Mühewaltung des Probierens zu entheben; nicht -nur einmal hatte er gesagt, dieser solle da oder dorthin fahren, indem -er einen ganzen Plan machte, wie er das Geschick umgehen könne, das -alles hinderte. Gleichwohl aber hatte er hinzugefügt, »man wird sich -freilich weiter sperren, doch probiert nur«. Und Lewin versuchte und -ging und fuhr. Jedermann war gut und liebenswürdig, aber es zeigte -sich, daß das bereits gangbar Gemachte am Ende wieder überwachsen war -und von neuem den Weg verlegte. Besonders unangenehm war es, daß Lewin -in keiner Weise erkennen konnte, mit wem er kämpfe, wer einen Vorteil -davon habe, daß die Angelegenheit nicht zur Erledigung gelangte. -Dies schien niemand zu wissen; auch der Pächter wußte es nicht. Hätte -Lewin es erfahren können, wie er wußte, weshalb man zur Kasse auf -der Eisenbahn nicht anders als in der Reihe Zutritt hat, so würde es -ihm nicht beleidigend und ärgerlich erschienen sein, aber bei den -Hindernissen, auf welche er in der Angelegenheit stieß, konnte ihm -niemand erklären, weshalb sie vorhanden wären. - -Lewin hatte sich indessen seit der Zeit seiner Verheiratung vielfach -geändert; er war duldsam geworden, und wenn er nicht gleich verstand, -wozu Etwas in einer bestimmten Weise eingerichtet sei, sagte er zu sich -selbst, daß er, wenn er nicht alles wisse, auch nicht urteilen könne; -daß es wahrscheinlich so sein müsse, und bemühte sich alsdann, nicht in -Aufregung zu geraten. - -Jetzt, bei den Wahlen gegenwärtig und an ihnen teilnehmend, bestrebte -er sich ebenfalls, nicht zu urteilen und zu hadern, sondern soviel als -möglich die Sache zu ergründen, mit der sich ehrenhafte und wackere -Männer, die er achtete, mit solchem Ernst und solcher Hingebung -beschäftigten. Seit er geheiratet hatte, eröffneten sich Lewin so viele -neue ernste Seiten, die ihm vordem, infolge einer oberflächlichen -Stellungnahme dazu, zu unbedeutend erschienen waren, daß er auch in den -Wahlen eine ernstere Bedeutung vermutete und suchte. - -Sergey Iwanowitsch erklärte ihm den Sinn und die Bedeutung der bei -diesen vorgeschlagenen Veränderungen. Der Gouvernementschef, in -dessen Händen nach dem Gesetz soviel wichtige sociale Aufgaben lagen --- wie das Vormundschaftswesen, das nämliche, an welchem Lewin jetzt -laborierte, die ungeheuren Summen des Adelsvermögens, die Gymnasien, -das für Mädchen, das für Knaben und ein Kadettenhaus, die Volksbildung -nach den neuen Verhältnissen und endlich, das Semstwo -- dieser -Gouvernementschef Sjnetkoff war ein Herr von altem, adligen Schlag, der -ein ungeheures Vermögen besaß, ein guter Mensch, ehrenhaft in seiner -Weise war, aber nicht vollkommen die Anforderungen der Neuzeit erfaßte. -Er hielt in allem stets die Partei des Adels, wirkte schnurstracks -der Verbreitung der Volksbildung entgegen, und verlieh dem Semstwo, -welches doch so außerordentlich große Bedeutung haben sollte, den -Charakter einer Gesellschaft. Es war daher notwendig, an seinen Platz -einen frischen, in der Zeit stehenden, vernünftigen und vollkommen -neuen Mann einzustellen und die Sache so anzufassen, daß aus all den -Rechten, die dem Adel nicht als Adel, sondern als einem Element des -Semstwo verliehen waren, die Vorteile der Selbstverwaltung gezogen -würden, soviel ihrer zu ziehen waren. In dem reichen Gouvernement -von Kaschin, welches in allem stets den anderen vorangegangen war, -hatten sich jetzt so tüchtige Kräfte angesammelt, daß die Sache, -wenn sie hier so geleitet wurde, wie es nötig war, als Muster für -alle übrigen Gouvernements, ja für ganz Rußland, dienen konnte. -Infolgedessen hatte sie denn eine hohe Bedeutung. Als Gouvernementschef -an Stelle Sjnetkoffs hatte man entweder Swijashskiy oder noch besser -Njewjedowskiy, einen früheren Professor und außerordentlich klugen -Mann, den intimen Freund Sergey Iwanowitschs, in Vorschlag gebracht. - -Die Sobranje eröffnete der Gouverneur selbst, der den Edelleuten eine -Rede hielt, daß sie die Amtspersonen nicht nach dem Ansehen der Person, -sondern nach ihren Verdiensten und zum Wohle des Vaterlandes wählen -möchten, und daß er hoffe, der hohe Kaschinskische Adel werde, wie bei -den früheren Wahlen, seine Pflicht pietätvoll erfüllen, und das hohe -Vertrauen des Monarchen rechtfertigen. - -Nachdem der Gouverneur diese Rede geendet hatte, verließ er den Saal, -und die Adligen folgten ihm geräuschvoll und lebhaft, einige sogar voll -Enthusiasmus, und umgaben ihn, während er sich den Pelz anlegte und -mit dem Gouvernementsvorsteher freundschaftlich sprach. Lewin, welcher -alles erfahren und nichts unbeachtet lassen wollte, stand mit im Haufen -und hörte, wie der Gouverneur sagte: »teilt Marja Iwanowna gefälligst -mit, mein Weib bedaure sehr, daß sie ins Kloster geht.« Nach ihm -suchten sich die Adligen heiter ihre Pelze und begaben sich sämtlich in -den Gottesdienst. - -In der Kathedrale schwor Lewin, zusammen mit den übrigen die Hand -erhebend, und die Worte des Protopopen wiederholend, mit den ernstesten -Eiden, alles zu erfüllen, was der Gouverneur von ihnen erhoffe. - -Der Gottesdienst übte auf Lewin stets einen Einfluß, und als die Worte -gesprochen wurden: »Ich küsse das Kreuz« und er auf die Schar dieser -jungen und alten Männer blickte, welche alle das Gleiche wiederholten, -fühlte er sich bewegt. - -Am zweiten und dritten Tag wurden die Angelegenheiten der Adelsgelder -und des Mädchengymnasiums erörtert, die, wie Sergey Iwanowitsch erklärt -hatte, keine Wichtigkeit besaßen, und Lewin, von seinen Geschäftsgängen -in Anspruch genommen, verfolgte dieselben nicht. - -Am vierten Tage erfolgte am Gouverneurstisch die Prüfung der -Gouvernementsgelder, und hier gab es zum erstenmale einen Zusammenstoß -der neuen Partei mit der alten. Die Kommission, welcher die Prüfung -dieser Summe anvertraut war, legte der Sobranje dar, daß die Gelder -sämtlich unversehrt seien. Der Gouvernementsvorsteher erhob sich, -dankte dem Adel für sein Vertrauen und zerdrückte eine Thräne. Die -Adligen begrüßten ihn laut und drückten ihm die Hand. Aber zur selben -Zeit sagte ein Adliger aus der Partei Sergey Iwanowitschs, er habe -gehört, daß die Kommission die Gelder gar nicht geprüft habe, indem -sie die Revision als eine Kränkung des Gouverneurs betrachte. Eines -der Kommissionsmitglieder bestätigte dies auch unvorsichtigerweise. -Da begann ein ziemlich kleiner, sehr jung aussehender, aber sehr -scharfzüngiger Herr zu sprechen, daß es dem Gouvernementsvorsteher -wahrscheinlich angenehm sein würde, Rechenschaft über die Summen -ablegen zu können, und daß nur das überflüssige Taktgefühl der -Kommissionsmitglieder ihn dieser moralischen Genugthuung beraubt habe. -Die Kommissionsmitglieder sagten sich hierauf von ihrer Erklärung -los und Sergey Iwanowitsch begann ihnen logisch zu beweisen, daß sie -entweder anerkennen müßten, die Gelder seien von ihnen für richtig -befunden worden, oder nicht, und nahm dieses Dilemma gründlich durch. -Sergey Iwanowitsch beantwortete hierauf ein Sprecher der gegnerischen -Partei. Dann sprach Swijashskiy und darauf wieder der bissige Herr. Die -Debatten zogen sich in die Länge und verliefen ohne Resultat. Lewin war -erstaunt, daß man hierüber so lange streiten konnte, namentlich aber -darüber, daß Sergey Iwanowitsch, als er ihn frug, ob er vermute, daß -die Gelder verloren seien, antwortete: - -»O nein! Er ist ein ehrenhafter Mann, aber jene alte Sitte der -vaterländischen, familiären Verwaltung der Adelsgeschäfte mußte -erschüttert werden.« - -Am fünften Tage waren die Wahlen der Kreisvorsteher. Dieser Tag war -ziemlich stürmisch bei mehreren Kreisen. Im Kreise Sjelesnewo wurde -Swijashskiy einstimmig ohne Ballotage gewählt und bei ihm fand an -diesem Tage ein Essen statt. - - - 27. - -Am sechsten Tage waren die Gouvernementswahlen. Die großen und kleinen -Säle waren gefüllt von den Adligen in ihren verschiedenen Uniformen. -Viele kamen nur für diesen Tag. Bekannte, die sich lange nicht -gesehen hatten, der eine aus der Krim, der andere aus Petersburg, -ein dritter vom Auslande kommend, begegneten sich in den Sälen. Am -Gouverneurstisch, unter dem Bild des Zaren, fanden die Wahlkämpfe statt. - -Die Adligen, im großen, wie im kleinen Saale, gruppierten sich in Lager -und an der Feindseligkeit und dem Mißtrauen der Blicke, an dem bei der -Annäherung fremder Personen verstummenden Gespräch, daran, daß mehrere -flüsternd selbst in den abgelegenen Korridor gingen, war ersichtlich, -daß eine jede Partei Geheimnisse vor der anderen hatte. - -Dem äußeren Anschein nach hatten sich die Adligen scharf in zwei -Parteien geteilt, in die Alten und die Jungen. Die Alten waren -größtenteils in adligen altertümlichen, zugeknöpften Uniformen, mit -Degen und Hut, oder in ihren eigenen Kavallerie-, Infanterie- oder -Amtsuniformen. Die Uniformen der Alten waren in altertümlicher Weise -gestickt, mit Epaulettes auf den Schultern; sie erschienen klein, kurz -in den Taillen und so knapp, als hätten ihre Träger sie verwachsen. - -Die Jungen hingegen waren in Adelsuniformen mit niedrigen Taillen und -breiten Schultern, mit weißen Westen, oder in Uniformen mit schwarzen -Kragen und Lorbeer, der Stickerei des Justizministeriums. Zu den Jungen -gehörten auch die Hofuniformen, die hier und da die Menge zierten. - -Aber die Teilung in Junge und Alte fiel nicht mit der Teilung in die -Parteien zusammen; einige der Jungen gehörten nach den Beobachtungen -Lewins zur Partei der Alten, und im Gegensatz hierzu zischelten einige -sehr alte Edelleute mit Swijashskiy, und waren augenscheinlich eifrige -Anhänger der neuen Richtung. - -Lewin stand in dem kleinen Saale, in welchem man rauchte und aß, neben -einer Gruppe der Seinen, und lauschte auf das, was man sprach, indem -er seine Geisteskräfte geflissentlich anstrengte um zu verstehen, -was gesprochen wurde. Sergey Iwanowitsch bildete den Mittelpunkt, um -welchen sich die Übrigen gesellten. Er hörte jetzt Swijashskiy und -Chljustoff an, den Vorsteher eines anderen Kreises, der zu ihrer Partei -gehörte. - -Chljustoff stimmte mit seinem Kreis nicht dafür, Sjnetkoff um Ballotage -zu bitten, und Swijashskiy überredete ihn nun, es doch zu thun, während -Sergey Iwanowitsch diesen Plan guthieß. Lewin begriff nicht, weshalb -man die gegnerische Partei um Ballotage gerade bezüglich desjenigen -Vorstehers bitten wollte, den man ausballotieren wollte. - -Stefan Arkadjewitsch, der soeben gegessen und getrunken hatte, trat, -sich den Mund mit dem duftenden, eingefaßten Battisttaschentuch -wischend, in seiner Kammerherrenuniform zu ihnen. - -»Wir nehmen die Position,« sagte er, sich die Hälften seines -Backenbartes streichend, »Sergey Iwanowitsch!« Und aufmerksam dem -Gespräch Gehör schenkend, unterstützte er die Meinung Swijashskiys. -»Es ist genug mit einem Kreis, aber Swijashskiy ist augenscheinlich -schon Opposition,« sagte er, mit Worten, die allen, nur nicht Lewin, -verständlich waren. »Wie, Konstantin; es scheint, auch du kommst -hinter den Geschmack?« fügte er hinzu, sich an Lewin wendend und faßte -diesen unter dem Arme. Lewin wäre recht froh gewesen, hinter den -Geschmack gekommen zu sein, aber er konnte nicht verstehen, worum es -sich handle, und drückte, einige Schritte von den Redenden wegtretend, -Stefan Arkadjewitsch seine Unkenntnis darin aus, weshalb man den -Gouvernementsvorsteher bitten wollte. - -»=O sancta simplicitas=,« sagte Stefan Arkadjewitsch und erklärte Lewin -kurz und klar, um was es sich handle. - -»Wenn alle Kreise, wie in den früheren Wahlen, den -Gouvernementsvorsteher bitten würden, so wählte man ihn mit allen -weißen Kugeln. Jetzt ist man in acht Kreisen einverstanden, ihn darum -zu ersuchen; wenn nun zwei es verweigern, mit darum anzuhalten, so kann -Sjnetkoff die Ballotage verweigern, und dann wird die Partei der Alten -einen anderen von den Ihrigen wählen, sodaß unser ganzer Plan verloren -ist. Wenn aber nur der eine Kreis Swijashskiys nicht mit bittet, so -wird Sjnetkoff ballotieren. Man wird ihn dann selbst wählen und ihm -absichtlich das Amt wieder übertragen, sodaß sich die gegnerische -Partei verrechnet, und wenn sie einen Kandidaten von den Unseren -aufstellen, diesem das Amt überträgt.« - -Lewin verstand, aber nicht vollständig, und wollte soeben noch einige -Fragen stellen, als plötzlich alle durcheinander zu sprechen begannen, -lärmten und sich nach dem großen Saale in Bewegung setzten. - -»Was ist das? Wie? Wen wird man wählen? Vertrauen? Zu wem? Was ist? -Verwirft man? Es giebt kein Vertrauen! Man läßt Phleroff nicht zu. Was; -unter Anklage! So läßt man niemand zu! Das ist niedrig! Das Gesetz!« -hörte Lewin von verschiedenen Seiten rufen, und begab sich zusammen -mit der Menge, die sich drängte, und zu fürchten schien, daß sie etwas -versäumte, in den großen Saal. Er näherte sich in dem Gedränge der -Adligen dem Gouverneurstisch, an welchem der Gouvernementsvorsteher, -Swijashskiy und andere Wortführer eifrig miteinander debattierten. - - - 28. - -Lewin stand ziemlich entfernt. Ein schwer und heiser atmend neben ihm -stehender Adliger und ein zweiter mit knarrenden, dicken Stiefelsohlen, -störten ihn, deutlich zu hören. Aus der Ferne vernahm er nur die -weiche Stimme des Gouvernementsvorstehers, darauf das pfeifende Organ -des scharfzüngigen Adligen und dann die Stimme Swijashskiys. Sie -stritten, soviel er zu verstehen imstande war, über die Bedeutung -eines Paragraphen des Gesetzes und den Sinn der Worte, »wer sich unter -gerichtlicher Untersuchung befindet«. - -Der Haufe teilte sich, um dem zum Tisch herantretenden Sergey -Iwanowitsch Raum zu geben. Sergey Iwanowitsch sagte, nachdem er die -Beendigung der Rede des scharfzüngigen Adligen abgewartet hatte, ihm -scheine, daß es am richtigsten sei, sich nach dem Paragraphen des -Gesetzes zu richten und bat den Sekretär, den Paragraphen aufzusuchen. -In demselben war gesagt, daß man im Falle der Meinungsverschiedenheit -zu ballotieren habe. - -Sergey Iwanowitsch verlas den Paragraphen, und begann den Sinn -desselben zu erörtern, aber da unterbrach ihn ein großer, dicker und -krummer Gutsherr mit roten Ohren, in enger Uniform mit im Nacken hinten -hochstehendem Kragen. Er trat an den Tisch und rief laut, mit einem -Finger darauf schlagend: - -»Ballotieren! Zu den Kugeln greifen! Weg da mit dem Geschwätz! Zu den -Kugeln!« - -Mehrere Stimmen erhoben sich jetzt plötzlich zusammen, und der große -Adlige mit seinem Finger, mehr und mehr in Zorn geratend, schrie -lauter und lauter. Es ließ sich jedoch nicht unterscheiden, was er -sagte. Er sagte das Nämliche, was Sergey Iwanowitsch vorschlug, -aber offenbar haßte er diesen und dessen ganze Partei, und dieses -Gefühl des Hasses teilte sich nun der ganzen Partei mit und rief den -Widerstand einer gleichen, wenn auch gemäßigteren Erbitterung auf der -anderen Seite hervor. Rufe erschallten und eine Minute lang wogte -alles durcheinander, sodaß der Gouvernementsvorsteher genötigt war, um -Ordnung zu bitten. - -»Ballotieren! Ballotieren! Wer ein Edelmann ist, der sieht das ein! -Wir vergießen unser Blut! Das Vertrauen des Monarchen! Nicht den -Gouvernementsvorsteher achten; er ist kein Amtmann! Darum handelt es -sich nicht! Bitte, zu den Kugeln! Es ist eine Schande!« vernahm man -zornige, sinnlose Schreie von allen Seiten. - -Die Blicke und Gesichter wurden immer zorniger und die Reden immer -ungebärdiger. Sie drückten einen unversöhnlichen Haß aus. Lewin begriff -nicht im geringsten, worum es sich handle, und war erstaunt über die -Leidenschaftlichkeit, mit welcher die Frage, ob man über Phleroff -ballotieren solle oder nicht, behandelt wurde. Er hatte, wie ihm -später Sergey Iwanowitsch erklärte, jenen Syllogismus vergessen, daß -im Interesse des allgemeinen Wohls der Gouvernementsvorsteher entfernt -werden müsse; zu der Entfernung desselben aber war eine Majorität der -Kugeln erforderlich; zur Erlangung dieser Majorität weiterhin mußte man -Phleroff Stimmrecht erteilen, und zur Anerkennung Phleroffs als eines -Stimmberechtigten mußte man erklären, wie der Paragraph des Gesetzes -aufzufassen sei. - -»Also eine Stimme kann die ganze Angelegenheit entscheiden, und man muß -daher ernst und konsequent sein, wenn man der gemeinsamen Sache dienen -will,« schloß Sergey Iwanowitsch. - -Lewin hatte dies jedoch vergessen, und es wurde ihm schwer ums Herz, -diese von ihm geachteten braven Männer in einer so unangenehmen -schlimmen Erregung sehen zu müssen. - -Um sich von diesem beklemmenden Gefühl frei zu machen, ging er, ohne -das Ende des Streites abzuwarten, in den Saal, in welchem sich niemand -befand, als einige Lakaien beim Buffet. Als er die mit dem Abwischen -von Geschirr, dann Aufstellen von Tellern und Gläsern beschäftigten -Diener, ihre ruhigen, aber lebhaften Gesichter sah, empfand Lewin ein -unerwartetes Gefühl der Erleichterung, als sei er aus einem Zimmer -voll widrigen Geruchs in die reine Luft hinausgetreten. Er begann -auf und abzuschreiten, mit Befriedigung auf die Diener blickend. Es -gefiel ihm sehr, als einer derselben, ein Mann mit grauem Backenbart, -den jüngeren, die diesen zum besten hatten, voll Geringschätzung -lehrte, wie man Servietten falten müsse. Lewin hatte sich gerade mit -dem alten Diener in ein Gespräch eingelassen, als der Sekretär der -Adelsvormundschaft, ein alter Herr, der die spezielle Eigenschaft -besaß, alle Adligen des Gouvernements dem Namen und der Herkunft nach -zu kennen, ihn davon abzog. - -»Bitte gefälligst, Konstantin Dmitritsch,« sagte er zu ihm, »Euer -Bruder sucht Euch. Es wird ballotiert.« - -Lewin trat in den Saal, erhielt eine weiße Kugel und begab sich hinter -seinem Bruder Sergey Iwanowitsch zum Tische, an welchem mit wichtiger, -ironischer Miene Swijashskiy stand, der seinen Bart in die volle Hand -genommen hatte und daran roch. - -Sergey Iwanowitsch steckte die Hand in den Kasten, legte seine Kugel -hinein und blieb, Lewin Platz machend, am Orte stehen. Lewin trat -heran, wandte sich aber, da er vollständig vergessen hatte, um was es -sich handle und in Verlegenheit geraten war, an Sergey Iwanowitsch mit -der Frage, wohin er die Kugel legen solle? Er frug leise, während man -in seiner Nähe sprach, sodaß er hoffen konnte, es habe niemand seine -Frage vernommen. Aber die Sprechenden verstummten und seine unziemliche -Frage wurde gehört. Sergey Iwanowitsch runzelte die Stirn. - -»Das ist Sache der Überzeugung für einen jeden,« sagte er gemessen. -Einige lächelten. Lewin errötete, streckte hastig die Hand unter das -Tuch und legte die Kugel nach rechts, da sie sich gerade in seiner -rechten Hand befand. Nachdem er dies gethan hatte, besann er sich, daß -er auch die linke Hand hineinstecken müsse und steckte sie hinein, doch -schon zu spät, und zog sich dann, noch mehr in Verlegenheit geraten, -schnell in die hintersten Reihen zurück. - -»Einhundertsechsundzwanzig dafür! Achtundneunzig dagegen!« klang die -Stimme des Sekretärs, welcher den Buchstaben r nicht aussprechen -konnte. Gelächter erschallte: ein Knopf und zwei Nüsse waren in dem -Kasten gefunden worden. Der Adlige war zugelassen und die Jungpartei -hatte gesiegt. Aber die Partei der Alten hielt sich noch nicht für -besiegt. Lewin vernahm, daß man Sjnetkoff bat, zu ballotieren, und -gewahrte, daß ein Trupp der Edelleute den Gouvernementsvorsteher -umringte, welcher sprach. Lewin trat näher. Sjnetkoff sprach, indem er -den Edelleuten antwortete, vom Vertrauen des Adels, von dessen Liebe zu -ihm, deren er nicht würdig sei, da sein ganzes Verdienst nur in seiner -Ergebenheit für den Adel bestehe, dem er zwölf Jahre des Dienstes -geweiht hätte. Mehrmals wiederholte er die Worte »ich habe gedient, -soviel es meine Kräfte gestatteten, im Glauben und in der Wahrheit; ich -schätze euch hoch und danke euch!« und plötzlich hielt er, von Rührung -überwältigt, inne und verließ den Saal. - -Mochten nun diese Thränen von dem Gefühl einer Ungerechtigkeit gegen -ihn, von der Liebe zum Adel, oder von der Gespanntheit der Situation -herrühren, in welcher er sich befand, indem er sich von Gegnern umgeben -fühlte -- genug, die Erregung teilte sich weiter mit, die Majorität des -Adels war gerührt und auch Lewin empfand ein Gefühl von Zärtlichkeit -für Sjnetkoff. - -In der Thür stieß der Gouvernementsvorsteher mit Lewin zusammen. - -»Entschuldigt, bitte, entschuldigt,« sagte er wie zu einem Unbekannten, -lächelte aber, als er Lewin erkannt, und diesem schien es, als ob er -etwas hätte sagen wollen, aber vor Erregung nicht sprechen könne. - -Der Ausdruck seines Gesichts und seiner ganzen Gestalt in der Uniform, -mit den Ordenskreuzen und den weißen galonnierten Beinkleidern, -erinnerte Lewin, als er so hastig dahinschritt, an ein gemästetes -Schlachtvieh, welches sieht, daß es mit seiner Sache übel bestellt ist. - -Der Gesichtsausdruck des Mannes hatte etwas eigentümlich Rührendes für -Lewin, welcher erst am Tage vorher in Vormundschaftsangelegenheiten -in seinem Hause gewesen war und ihn in der ganzen Größe eines guten -und geselligen Menschen kennen gelernt hatte. Das große Haus mit den -altertümlichen Familienmeubles; keine geschniegelten oder unsauberen, -sondern ehrerbietige alte Diener, offenbar noch aus der Zeit der -ehemaligen Leibeigenschaft stammend, die ihren Herrn nicht geändert -hatten; eine wohlbeleibte, gutmütige Hausfrau im Häubchen mit Spitzen -und einem türkischen Spitzenshawl, welche ihr liebes Enkelchen, die -Tochter ihrer Tochter liebkoste; ein jugendlicher Sohn, Gymnasiast -der sechsten Klasse, welcher von der Schule gekommen war und den -Vater begrüßte, indem er ihm die große Hand küßte; die ermahnenden, -freundlichen Reden und Gebärden des Hausherrn; alles dies hatte -in Lewin gestern unwillkürlich Hochachtung und Sympathie erweckt. -Jetzt erschien ihm dieser alte Herr rührend und beklagenswert und er -wünschte, ihm einige angenehme Worte zu sagen. - -»Ihr werdet vielleicht wieder unser Vorsteher werden,« sprach er. - -»Kaum,« versetzte jener, erschreckt aufblickend, »ich bin abgespannt, -schon alt; es giebt würdigere und jüngere als ich, mögen die nun -dienen,« und der Vorsteher verschwand durch eine Seitenthür. - -Es trat nun der feierlichste Augenblick ein; man mußte zur Wahl -schreiten. Die Wortführer der einen und der anderen Partei zählten an -den Fingern die weißen und die schwarzen Kugeln nach. - -Die Debatten wegen Phleroff hatten der Jungpartei nicht nur die eine -Kugel Phleroffs mehr verschafft, sondern auch einen Gewinn an Zeit -herbeigeführt, sodaß noch drei Adlige herbeigeholt werden konnten, -welchen es durch Intriguen der Alten unmöglich gemacht worden war, an -den Wahlen teilzunehmen. Zwei der Adligen, die eine Schwäche für den -Wein besaßen, hatte man durch Kumpane Sjnetkoffs trunken gemacht, dem -dritten die Uniform entwendet. - -Als die Jungpartei dies erfahren hatte, sandte sie sogleich, während -der Debatten über Phleroff, in einer Mietkutsche Freunde fort, um den -Einen uniformieren zu lassen, und Einen der beiden Berauschten zur -Sobranje zu bringen. - -»Den Einen habe ich gebracht, ich habe ihn mit Wasser begossen,« sagte -der nach ihm gesandte Gutsherr, zu Swijashskiy tretend, »doch es ist -nicht gefährlich, er taugt schon noch dazu.« - -»Ist also nicht zu sehr berauscht, daß er nicht etwa umfällt?« sagte -Swijashskiy kopfschüttelnd. - -»Nein; er ist ganz munter; doch hatten sie ihn bald völlig -niedergetrunken. Ich habe dem Buffetier gesagt, er soll ihm auf keinen -Fall Wein geben.« - - - 29. - -Der enge Saal, in welchem man rauchte und aß, war gefüllt von den -Edelleuten. Die Aufregung stieg stetig, und auf allen Gesichtern war -die Unruhe bemerkbar. Namentlich waren die Wortführer in Aufregung, -da sie alle Einzelverhältnisse und die Berechnung aller Kugeln -kannten. Sie waren die Ordner der bevorstehenden Schlacht. Die Übrigen -suchten, wie die Krieger vor dem Kampfe, obwohl sie sich zu diesem -vorbereiteten, noch Zerstreuungen. Die Einen nahmen am Tische stehend -oder sitzend einen Imbiß; die Anderen gingen Cigaretten rauchend, in -dem langen Zimmer auf und nieder, und unterhielten sich mit lange nicht -gesehenen Freunden. - -Lewin verspürte keine Eßlust, er rauchte nicht; zu den Seinigen, mit -Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch, Swijashskiy und anderen -gehen, wollte er nicht, da bei ihnen in lebhaftem Gespräch Wronskiy in -Stallmeisteruniform stand. Schon gestern hatte ihn Lewin bei den Wahlen -erblickt, und geflissentlich vermieden, da er nicht wünschte ihm zu -begegnen. Er trat ans Fenster und setzte sich nieder, auf die Gruppen -blickend, und auf das horchend, was um ihn herum gesprochen wurde. - -Es bedrückte ihn namentlich, daß alle, wie er sah, aufgeregt, besorgt -und geschäftig waren, und nur er allein nebst einem alten, zahnlosen -Greis in Marineuniform, der neben ihm saß, ohne Interesse und ohne -Beschäftigung war. - -»Das ist ein Betrug! Ich habe ihm gesagt, daß es nicht so ist. Gewiß. -Er konnte auf drei Jahre nicht wählen,« sprach energisch ein etwas -verwachsener Gutsherr von kleiner Gestalt mit pomadisierten Haaren, die -auf dem gestickten Kragen seiner Uniform lagen, stark mit den Absätzen -seiner offenbar für die Wahlen neugefertigten Stiefeln aufstampfend, -und wandte sich dann, einen mißvergnügten Blick auf Lewin werfend, kurz -ab. - -»Ja, eine unsaubere Sache, was man auch sagen mag,« fuhr ein kleiner -Gutsherr mit dünner Stimme fort. - -Hinter ihnen näherte sich Lewin eilig ein ganzer Trupp von Gutsherrn, -einen dicken General umringend. Die Herren suchten offenbar einen -Platz, wo sie so sprechen konnten, daß man sie nicht hörte. - -»Wie kann er sich unterstehen, zu sagen, ich hätte ihm die Beinkleider -entwenden lassen! Er hat sie vertrunken, denke ich! Ich mache mir den -Teufel aus ihm und seinem Fürstenrang! Er soll es nicht wagen, das zu -äußern. Eine Schweinerei ist es!« - -»Aber erlaubt doch! Die berufen sich auf den Gesetzparagraphen,« sprach -man in einer anderen Gruppe, »die Frau muß als Adlige eingetragen -werden!« - -»Zum Teufel mit dem Paragraphen! Ich spreche wie es mir ums Herz ist! -Darauf stützen sich brave Edelleute. Man soll Vertrauen haben!« - -»Wollen Ew. Excellenz mitkommen, =fine champagne=.« - -Ein anderer Trupp ging zu einem laut schreienden Edelmann; es war dies -Einer der drei Berauschten. - -»Ich habe der Marja Ssemionowna stets geraten zu verpachten, weil -sie ihren Vorteil nicht zu wahren versteht,« sagte ein graubärtiger -Gutsherr mit angenehmer Stimme, in der Oberstenuniform des alten -Generalstabs. Es war dies der nämliche Herr, welchem Lewin bei -Swijashskiy begegnet war. Lewin erkannte ihn sofort, auch der Gutsherr -schaute nach Lewin, und sie begrüßten sich. - -»Sehr angenehm. Gewiß, ich erinnere mich noch recht wohl; wir sahen uns -im vergangenen Jahre bei Nikolay Iwanowitsch.« - -»Nun, wie steht es mit Eurer Ökonomie?« frug Lewin. - -»Man arbeitet stets mit Schaden,« antwortete der Gutsherr mit höflichem -Lächeln, aber mit einem Ausdruck von Ruhe und der Überzeugtheit, -daß es so sein müsse, neben Lewin stehen bleibend; »aber wie kommt -Ihr denn in unser Gouvernement?« frug er dann. »Ihr seid wohl -gekommen, um an unserem =coup d'état= teilzunehmen?« sagte er, -sicher, aber schlecht die französischen Worte aussprechend. »Ganz -Rußland ist zusammengekommen; auch die Kammerherren und beinahe -selbst die Minister.« Er wies auf die repräsentierende Gestalt Stefan -Arkadjewitschs in den weißen Pantalons und der Kammerherrenuniform, -welcher mit einem General ging. - -»Ich muß Euch gestehen, daß ich die Bedeutung der Adelswahlen recht -wenig verstehe,« sprach Lewin. - -Der Gutsherr schaute ihn an. - -»Was giebt es denn da zu verstehen? Eine Bedeutung liegt darin gar -nicht. Es ist das eine hinfällige Institution, welche ihr Fortleben nur -dem Trägheitsgesetz verdankt. Seht doch hin; die Uniformen sagen Euch -das ja schon. Dies ist eine Sobranje von Friedensrichtern, dauernden -Mitgliedern und so fort, aber nicht von Edelleuten.« - -»Aber weshalb seid Ihr denn gekommen?« frug Lewin. - -»Aus Gewohnheit; das ist das Eine. Ferner, um die Verbindungen aufrecht -zu erhalten. Darin liegt eine moralische Verpflichtung in gewisser -Hinsicht. Dann aber, wenn ich die Wahrheit sagen soll, auch aus meinem -eigenen Interesse. Mein Schwager wünscht als Mitglied gewählt zu -werden; die Familie ist arm und man muß sie vorwärts bringen. Weshalb -sind wohl diese Herren gekommen?« sagte er, auf den bissigen Adligen -zeigend, welcher hinter dem Gouverneurstisch sprach. - -»Das ist ein neues Adelsgeschlecht.« - -»Neues hin, neues her; aber kein Adel! Das sind Landleute, während wir -Gutsherren sind. Sie legen als Adlige die Hand an sich selbst.« - -»Aber Ihr sagt doch, es sei dies eine abgelebte Institution?« - -»Abgelebt hin, abgelebt her; man müßte sich aber doch pietätvoller -zu ihr stellen. Wäre wenigstens Sjnetkoff -- -- mögen wir gut oder -schlecht sein, aber tausend Jahre sind wir doch alt geworden. Wißt -Ihr, es kann einmal vorkommen, daß man vor seinem Hause einen Garten -anlegt und placiert. Da steht Euch nun aber gerade auf dem Platze ein -hundertjähriger Baum. Mag er gleich knorrig und alt sein, für die -Blumenbouquets wird man ihn doch wohl nicht umhauen, sondern diese so -anlegen, daß sie den Baum umfangen;« sagte er vorsichtig, und änderte -darauf das Thema. »Wie geht es denn mit Eurer Ökonomie?« frug er. - -»Auch nicht gut. Fünf Prozent wirft sie ab.« - -»Da rechnet Ihr Euch aber noch nicht mit! Ihr seid doch auch etwas -wert! Ich kann auch von mir selbst so reden. Während der Zeit, in der -ich nicht Landwirtschaft trieb, habe ich im Dienst dreitausend Rubel -gehabt. Jetzt arbeite ich mehr, als im Dienst, und habe ebenso wie Ihr, -meine fünf Prozent, und damit ist es gut. Meine Arbeit ist dabei noch -umsonst.« - -»Aber warum thut Ihr es denn, wenn Ihr nur Verlust habt?« - -»Nun, man arbeitet eben. Was wollt Ihr sonst? aus Gewohnheit; und man -weiß, daß man so muß. Ich will Euch weiter sagen,« und der Gutsbesitzer -stemmte sich mit den Ellbogen auf das Fenster und fuhr fort, »mein -Sohn hat keine Lust zur Landwirtschaft; er wird offenbar einmal ein -Gelehrter. Niemand wird somit die Sache einmal fortführen, und doch -arbeitet man. Jetzt habe ich einen Garten angelegt.« - -»Ja, ja,« sagte Lewin, »das ist völlig richtig. Ich fühle stets, daß in -meiner Ökonomie keine rechte Berechnung liegt, man arbeitet aber -- man -fühlt gleichsam eine Verpflichtung seinem Lande gegenüber.« - -»Da will ich Euch noch etwas sagen,« fuhr der Gutsbesitzer fort. »Mein -Nachbar, ein Kaufmann, war bei mir. Wir gingen das Land ab, und den -Garten. >Nein,< sagte er da, >Stefan Wasiljewitsch, bei Euch ist alles -in Ordnung, aber der Garten ist vernachlässigt.< Dabei befindet er sich -aber in vollständiger Ordnung. >Nach meiner Ansicht, würde ich diese -Linden anhauen. Man muß nur bis auf den Saft schlagen. Es sind da ihrer -tausend Linden, und jede von ihnen giebt zwei gute Schaffe.<« - -»Für den Erlös daraus müßte er Vieh kaufen oder Land und es den Bauern -pachtweise verteilen,« ergänzte Lewin, welcher offenbar schon mehr als -einmal mit ähnlichen Überschlägen zu thun gehabt hatte. »Und er wird -sich ein Vermögen begründen, während wir, Ihr und ich, wenn Gott es -giebt, nur das unsere zusammenhalten und den Kindern zu hinterlassen -streben müssen.« - -»Ihr seid verheiratet, wie ich hörte?« sagte der Gutsbesitzer. - -»Ja,« antwortete Lewin mit Stolz und Genugthuung. »Es ist aber etwas -Seltsames,« fuhr er fort, »wir leben zusammen gerade wie die alten -Vestalinnen, und hüten unser Herdfeuer.« - -Der Gutsbesitzer lächelte unter seinem weißen Bart. - -»So ist es auch bei uns, da hat sich unser Freund Nikolay Iwanitsch, -oder jetzt Graf Wronskiy seßhaft gemacht, die eine agronomische -Industrie einführen wollen; aber das hat nicht weiter, als bis zu -Kapitalverlust geführt.« - -»Aber weshalb machen wir es nicht, wie die Kaufleute? Warum fällen -wir nicht die Bäume im Garten der Rinde halber?« sagte Lewin, auf den -Gedanken zurückgreifend, der ihn frappiert hatte. - -»Nun, wie Ihr sagtet, man hütet sein Feuer. Dieses wäre ja auch nicht -ein adliges Verfahren. Unsere adlige Thätigkeit vollzieht sich nicht -hier, bei den Wahlen, sondern in unserem Winkel. Es giebt auch einen -Standesinstinkt bezüglich dessen, was man soll und was man nicht -soll. Bei den Bauern ist es ebenso; wenn ein Bauer gut ist, so sucht -er soviel Land zu pachten, als er kann. So schlecht dieses nun sein -mag, er pflügt es. Gleichfalls ohne Berechnung, und geradezu zu seinem -Schaden.« - -»Wie wir« -- sagte Lewin. »Es ist nur außerordentlich angenehm, Euch zu -treffen,« fügte er hinzu, indem er Swijashskiy zu ihm herantreten sah. - -»Ah, wir begegnen uns wohl zum erstenmal wieder, seit ich bei Euch -war,« begrüßte ihn der Gutsbesitzer, »wir haben uns auch verschworen.« - -»Wie, schmäht Ihr neue Einrichtungen?« frug Swijashskiy lächelnd. - -»Ein wenig.« - -»Man hat uns den Mut benommen.« - - - 30. - -Swijashskiy nahm Lewin unter den Arm und ging mit ihm zu seinen -Freunden. - -Jetzt konnte Lewin Wronskiy nicht mehr vermeiden, welcher bei Stefan -Arkadjewitsch und Sergey Iwanowitsch stand und offen dem herankommenden -Lewin entgegenblickte. - -»Sehr erfreut. Mir scheint, als hätte ich einmal das Vergnügen gehabt, -Euch begegnet zu sein -- bei der Fürstin Schtscherbazkaja,« sagte er, -Lewin die Hand reichend. - -»Ja; ich entsinne mich Eurer Begegnung recht wohl,« sagte Lewin, -purpurrot werdend, und wandte sich sogleich, um mit seinem Bruder zu -sprechen. - -Mit feinem Lächeln unterhielt sich Wronskiy mit Swijashskiy weiter, -offenbar ohne den geringsten Wunsch, in ein Gespräch mit Lewin zu -geraten; dieser hingegen blickte, mit dem Bruder redend, unverwandt -Wronskiy an und überlegte, wovon er wohl mit demselben sprechen könnte, -um seine Taktlosigkeit wieder gutzumachen. - -»Was verhandelt man jetzt?« frug Lewin, Swijashskiy und Wronskiy -anblickend. - -»Sjnetkoff. Er muß abschläglich antworten oder beistimmen,« antwortete -Swijashskiy. - -»Nun, hat er denn beigestimmt oder nicht?« - -»Darum handelt es sich ja eben; weder dies noch das ist der Fall,« -sagte Wronskiy. - -»Und wenn er es verweigert, wer wird dann ballotieren?« frug Lewin, -Wronskiy anschauend. - -»Wer da will,« sagte Swijashskiy. - -»Werdet Ihr es thun?« frug Lewin. - -»Nur ich nicht,« sagte Swijashskiy, in Verlegenheit geratend und einen -erschreckten Blick auf den neben ihm mit Sergey Iwanowitsch stehenden, -bissigen Herrn werfend. - -»Nun wer denn; Njewjedowskiy?« frug Lewin, im Gefühl, daß er sich -verwickelte. - -»Dies wäre aber noch schlimmer. Njewjedowskiy und Swijashskiy waren ja -die zwei Kandidaten.« - -»Ich werde es in keinem Falle thun,« antwortete der sarkastische Herr. -Es war Njewjedowskiy selbst. Swijashskiy machte Lewin mit demselben -bekannt. - -»Hat es auch deine Achillesferse getroffen?« sagte Stefan -Arkadjewitsch, Wronskiy zublinzelnd, »das ist etwas nach Art der -Wettrennen. Man kann da eine Wette machen.« - -»Ja; das berührt Einen bei der schwachen Seite,« sagte Wronskiy. »Und -hat man sich einmal mit der Sache abgegeben, so will man sie auch -ausführen. Es ist ein Kampf!« sagte er, stirnrunzelnd und die starken -Kinnbacken zusammenbeißend. - -»Was für ein Kenner der Swijashskiy ist. Wie klar bei ihm alles ist!« - -»Ach ja,« versetzte Wronskiy zerstreut. - -Ein Stillschweigen trat ein, während dessen Wronskiy so wie man eben -auf etwas Zufälliges blickt, auf Lewin, auf dessen Füße, Uniform und -Gesicht, schaute. Nachdem er die finster auf sich gerichteten Augen -bemerkt hatte, äußerte er, um doch wenigstens etwas zu sagen: - -»Wie kommt es denn -- Ihr seid doch ständiger Dorfbewohner, nicht -aber Friedensrichter? Ihr seid ja nicht in der Uniform eines -Friedensrichters?« - -»Das kommt daher, daß ich glaube, das Friedensgericht repräsentiert -eine thörichte Institution,« antwortete Lewin finster, der schon längst -darauf gewartet hatte, mit Wronskiy ins Gespräch zu kommen, um seine -Taktlosigkeit bei Gelegenheit wieder auszugleichen. - -»Ich glaube dies nicht; im Gegenteil,« sagte Wronskiy ruhig, aber mit -Verwunderung. - -»Es ist doch nur eine Spielerei,« unterbrach ihn Lewin. »Die -Friedensrichter sind uns nicht notwendig. Ich habe innerhalb acht -Jahren nicht eine einzige Klage gehabt, und was ich gehabt habe, das -wurde durch Ersatzleistung ausgeglichen. Der Friedensrichter wohnt in -einer Entfernung von vierzig Werst von mir. In einer Sache, in welcher -es sich um zwei Rubel handelt, muß ich dann einen Vertrauensmann, -welcher mich fünfzehn kostet, schicken.« - -Er erzählte nun, wie ein Bauer einem Müller Mehl gestohlen habe, -und der Bauer, als der Müller es ihm mitgeteilt, gegen diesen -Verleumdungsklage eingereicht hätte. Alles das paßte nicht hierher und -war dumm; und Lewin fühlte dies auch, während er sprach. - -»O, über dieses Original!« sagte Stefan Arkadjewitsch mit seinem -mandelsüßesten Lächeln, »indessen gehen wir; man scheint zu -ballotieren.« - -Sie gingen auseinander. - -»Ich begreife nicht,« sagte Sergey Iwanowitsch, den ungeschickten -Gang seines Bruders bemerkend, zu diesem, »ich begreife nicht, wie -es möglich ist, bis zu solchem Grade jeglichen politischen Taktes -bar zu sein. Das ist es eben, was wir Russen nicht haben. Der -Gouvernementsvorsteher ist unser Gegner, und du bist mit ihm =ami -cochon= und bittest ihn, zu ballotieren. Graf Wronskiy -- ich mache -ihn mir ja auch nicht zum Freunde -- hat mich zum Essen eingeladen. -Ich werde nicht zu ihm fahren, aber er ist auf unserer Seite, weshalb -soll ich uns deshalb einen Feind aus ihm machen? Dann frägst du -Njewjedowskiy, ob er ballotieren würde. Das geht doch nicht an.« - -»Ach, ich verstehe nichts davon! Alles das ist doch fades Zeug,« -antwortete Lewin mürrisch. - -»Du sagst da, daß dies alles fades Zeug sei, befassest du dich aber -damit, so verwickelst du dich dennoch.« - -Lewin blieb stumm und sie betraten zusammen den großen Saal. - -Der Gouvernementsvorsteher hatte sich, obwohl er den ihm bereiteten -Verrat in der Luft liegen fühlte, und nicht alle ihn darum gebeten -hatten, gleichwohl entschlossen, zu ballotieren. Im Saal wurde alles -still, der Sekretär verkündete mit lauter Stimme, daß Rittmeister der -Garde, Michail Ljepanowitsch Snjetkoff zum Gouvernementsvorsteher -gewählt werden solle. - -Die Kreisvorsteher kamen mit Tellern, auf welchen die Kugeln lagen, von -ihren Tischen zu dem Gouvernementstisch, und die Wahlen begannen. - -»Wirf rechts,« flüsterte Stefan Arkadjewitsch Lewin zu, als er zusammen -mit dessen Bruder hinter dem Vorsteher zu dem Tische schritt. - -Lewin hatte indessen jetzt jenes Kalkul vergessen, das man ihm erklärt -hatte, und fürchtete, Stefan Arkadjewitsch möchte sich geirrt haben, -indem er sagte »rechts«. Sujetkoff war doch offenbar der Gegner. Als -er daher zum Kasten gekommen war, hielt er die Kugel in der Rechten, -überlegte sich jedoch, daß er irre, und nahm, dicht vor dem Kasten, die -Kugel in die linke Hand, um sie dann offenbar links zu legen. - -Ein Kenner der Sache, welcher an dem Kasten stand, und an der bloßen -Bewegung des Ellbogens erkannte, wohin jeder warf, runzelte unwillig -die Stirn. Er hatte keine Lust, seinen Scharfsinn anzustrengen. - -Alles war still geworden und man vernahm nur das Zählen der Kugeln. -Darauf rief eine einzelne Stimme die Zahl der Wähler und der -Nichtwählenden aus. - -Der Vorsteher war mit beträchtlicher Majorität wieder gewählt worden. -Es erhob sich ein allgemeiner Lärm und man drängte nach der Thür. -Snjetkoff trat ein, und der Adel umringte ihn, unter Beglückwünschungen. - -»Nun, jetzt ist es wohl zu Ende?« frug Lewin Sergey Iwanowitsch. - -»Es fängt eben erst an,« versetzte für Sergey Iwanowitsch lächelnd -Swijashskiy; »der Kandidat des Vorstehers kann mehr Kugeln erhalten.« - -Lewin hatte dies vollkommen vergessen. Er entsann sich erst jetzt, daß -hier eine gewisse Feinheit verborgen lag, doch wurde es ihm zuviel, -sich darauf besinnen zu sollen, worin sie bestand. Niedergeschlagenheit -überkam ihn und er sehnte sich darnach, von diesem Haufen wegzukommen. - -Da ihn niemand beachtete, und er wie es schien, von niemand vermißt -wurde, begab er sich leise nach dem kleinen Saal, wo man speiste, und -fühlte große Erleichterung, als er die Diener wiederum erblickte. Der -alte Diener legte ihm die Speisenkarte vor, und Lewin willigte ein. -Nachdem er ein Kotelett mit Fasolen gegessen und sich mit dem Diener -über dessen frühere Herrschaft unterhalten hatte, begab sich Lewin, -der den Saal nicht wieder zu betreten wünschte, in welchem es ihm so -unangenehm war, auf die Tribünen. - -Diese waren angefüllt von geputzten Damen, die sich über das Geländer -beugten, im Bemühen, nicht ein einziges Wort von dem zu verlieren, was -unten gesprochen wurde. Um die Damen herum saßen und standen elegante -Advokaten, Gymnasialschüler mit Augengläsern, und Offiziere. Überall -wurde von den Wahlen gesprochen, und davon, wie der Vorsteher erschöpft -sei, und wie vortrefflich die Debatten gegangen wären; in der einen -Gruppe vernahm Lewin das Lob seines Bruders. Eine Dame sagte zu einem -Advokaten: - -»Wie freue ich mich, daß ich Koznyscheff gehört habe! Da ist es schon -der Mühe wert, ein wenig zu hungern. Es war reizend! Wie klar und -verständlich alles! Bei uns im Gericht spricht niemand so. Nur Maydel, -und selbst der ist noch bei weitem nicht so redegewandt.« - -Als Lewin einen freien Platz an dem Geländer gefunden hatte, beugte er -sich darüber und begann Umschau zu halten und zu lauschen. - -Alle Adligen saßen in Spalieren, in ihren Kreisabteilungen. In der -Mitte des Saales stand ein Mann in Uniform, welcher mit klingender -lauter Stimme rief: - -»Es wird ballotiert für die Kandidaten des Gouvernementsvorstehers des -Adels, Stabrittmeisters Evgeniy Iwanowitsch Apuchtin!« - -Totenstille trat ein, und man vernahm eine schwache Greisenstimme: - -»Ich verzichte!« - -»Es wird ballotiert der Hofrat Peter Petrowitsch Bolj,« begann wiederum -die Stimme. - -»Ich verzichte!« ertönte eine jugendliche pfeifende Stimme. - -Nochmals ertönte das Gleiche und wieder erschallte das »ich verzichte«; -und so ging es eine Stunde lang fort. Auf das Geländer gestemmt, -schaute und lauschte Lewin. Anfangs wunderte er sich und suchte zu -erfassen, was dies alles bedeute; dann aber, nachdem er sich überzeugt -hatte, er könne nichts verstehen, fing er an, sich zu langweilen. Als -er sich hierauf all die Aufregung und Erbitterung, die er auf den -Gesichtern aller wahrgenommen, vergegenwärtigte, wurde es ihm schwer -ums Herz; er beschloß abzureisen, und ging hinab. - -Als er durch die Vorhalle der Tribünen schritt, begegnete er einem -auf- und niederschreitenden, bedrückt aussehenden Gymnasiasten mit -thränenschwimmenden Augen. Auf der Treppe begegnete ihm ein Paar. Eine -Dame, welche eilig auf den Absätzen lief, war es und der gewandte -Genosse des Prokurators. - -»Ich habe Euch gesagt, daß Ihr nicht zu spät kommt,« sagte -der Prokurator, gerade, als Lewin zur Seite trat, um die Dame -vorüberzulassen. - -Lewin war schon auf der Ausgangstreppe und zog soeben aus der -Westentasche die Nummer seines Pelzes hervor, als ihn der Sekretär -abfing. - -»Gestattet, Konstantin Dmitritsch, man ballotiert!« - -Zum Kandidaten war Njewjedowskiy, der sich so entschieden geweigert -hatte, gewählt worden. - -Lewin schritt zur Saalthür; sie war verschlossen. Der Sekretär pochte, -die Thür öffnete sich und er befand sich zwei Gutsbesitzern mit -geröteten Gesichtern gegenüber. - -»In meiner Macht liegt es nicht,« sagte der eine rotaussehende -Gutsbesitzer. - -Hinter den beiden hob sich das Gesicht des Gouvernementsvorstehers -hervor. Dieses Gesicht erschien furchterweckend mit seinem Ausdruck von -Erschöpfung und Angst. - -»Ich habe dir befohlen, niemand hinauszulassen!« schrie er den -Thürhüter an. - -»Ich habe nur eingelassen, Ew. Excellenz!« - -»Mein Gott!« schwer seufzend ging der Gouvernementsvorsteher, müde in -seinen weißen Pantalons, den Kopf gesenkt, dahinschreitend, durch die -Mitte des Saales nach dem großen Tische. - -Man hatte das Amt Njewjedowskiy übertragen, wie es auch vorher geplant -worden war, und dieser war jetzt Gouvernementsvorsteher. Viele befanden -sich in heiterer Stimmung, viele waren zufrieden und glücklich, viele -entzückt, viele unzufrieden und unglücklich. Der Gouvernementsvorsteher -war in einer Verzweiflung, die er nicht verbergen konnte. Als -Njewjedowskiy den Saal verließ, umringte ihn die Menge, und folgte ihm -begeistert nach, so, wie sie am ersten Tage dem Gouvernementsvorsteher -gefolgt war, als derselbe die Wahlen eröffnet hatte, so, wie sie -Snjetkoff gefolgt war, als dieser gewählt wurde. - - - 31. - -Der neugewählte Gouvernementsvorsteher und viele aus der -triumphierenden Partei der Jungen, speisten an diesem Tage bei Wronskiy. - -Wronskiy war einmal deshalb zu den Wahlen gekommen, weil es ihm auf -dem Dorfe langweilig geworden war, und er seine Rechte auf Freiheit -vor Anna geltend machen mußte, als auch zum Zwecke, Swijashskiy mit -seiner Unterstützung bei den Wahlen für alle Bemühungen um Wronskiy bei -den Semstwowahlen zu lohnen, und vor allem deshalb, streng alle jene -Pflichten der Stellung eines Adligen und Gutsherrn zu erfüllen, die er -sich auserwählt hatte. - -Aber er hatte durchaus nicht erwartet, daß ihn diese Wahlen so sehr -interessieren, ihn so bei seinen Neigungen fassen würden, und daß er -der Sache so gewachsen sei. Er war in dem Kreise der Adligen eine -vollkommen neue Erscheinung, hatte aber offenbar Erfolg und irrte nicht -mit der Annahme, daß er bereits Einfluß unter denselben gewonnen habe. - -Zur Erringung dieses Einflusses unterstützte ihn sein Reichtum, und -sein vornehmer Rang, ein schönes Besitztum in der Stadt, welches -ihm ein alter Bekannter, Schirkoff abgetreten hatte, der sich mit -Finanzgeschäften befaßte und eine blühende Bank in Kaschin besaß; -ferner sein ausgezeichneter Koch, der vom Dorfe mit hereingebracht -worden war, dann seine Freundschaft mit dem Gouverneur, der sein -Kamerad, und zwar ein protegierter Kamerad Wronskiys gewesen -- vor -allem aber sein einfaches, allen gegenüber sich gleich bleibendes -Wesen, welches sehr bald die Mehrzahl der Edelleute veranlaßte, ihr -Urteil über seinen vermeintlichen Stolz zu ändern. - -Er fühlte selbst, daß, mit Ausnahme jenes sonderlichen Herrn, welcher -an die Kity Schtscherbazkaja verheiratet war, und der ihm, =à propos -de bottes=, mit wahnsinniger Wut einen Haufen ungereimter Dummheiten -nachsagte, jeder Edelmann, mit welchem er sich bekannt gemacht hatte, -sein Anhänger wurde. - -Er erkannte klar, und auch andere sahen dies ein, daß er zu dem Erfolg -Njewjedowskiys sehr viel beigetragen habe, und jetzt, an seiner Tafel, -verspürte er bei der Feier der Wahl Njewjedowskiys, die angenehme -Empfindung eines Triumphes über den Gewählten. - -Die Wahlen selbst hatten ihn derart gefesselt, daß er, falls er im Lauf -der nächsten drei Jahre verheiratet sein würde, selbst daran denken -wollte, ballotiert zu werden -- ganz so, wie man nach dem Gewinn einer -Prämie durch den Jockey Lust verspürt, selbst mit zu reiten. - -Jetzt wurde der Triumph des Jockeys gefeiert. Wronskiy saß an der -Spitze der Tafel, ihm zur Rechten der junge Gouverneur, als General -=en suite=. Für jedermann war er der Herr des Gouvernements, der -die Wahlen feierlich eröffnet, der eine Rede hielt, Aufmerksamkeit, -Hochachtung und Dienstwilligkeit bei vielen erweckte, wie Wronskiy sah --- für Wronskiy aber war er Masloff Katka »der Sündenbock« -- dies war -sein Spitzname im Pagencorps gewesen -- der vor ihm in Verlegenheit -geriet, und den Wronskiy sich bemühte, =mettre à son aise=. Diesem zur -Linken saß Njewjedowskiy mit seinem jugendlichen, unerschütterlich -sarkastischen Gesichte; Wronskiy behandelte ihn einfach und -achtungsvoll. - -Swijashskiy ertrug seine Schlappe heiter. Es war ja nicht einmal -eine Schlappe für ihn, wie er selbst sagte, sich mit dem Pokal an -Njewjedowskiy wendend; ein besserer Führer jener neuen Richtung, -welcher der Adel folgen sollte, ließ sich nicht finden. Und so stand -denn, wie er sagte, die volle Rechtschaffenheit auf der Seite des -heutigen Erfolges und feierte denselben. - -Stefan Arkadjewitsch war gleichfalls bei guter Laune darüber, daß er -die Zeit vergnügt verbrachte, und alle zufrieden waren. Swijashskiy -ahmte humoristisch die weinerliche Rede des Vorstehers nach und -bemerkte, sich an Njewjedowskiy wendend, daß Excellenz wohl eine -andere, weit verwickeltere Revisionsweise der Gelder werde wählen -müssen, als Thränen. - -Ein anderer Spaßvogel unter den Edelleuten erzählte, wie zum -Gouverneurballe Lakaien in Kniestrümpfen verschrieben worden seien, und -man dieselben jetzt wieder fortschicken müsse, wenn nicht etwa der neue -Gouverneur den Ball mit den Lakaien in Kniestrümpfen geben sollte. - -Ununterbrochen während des Essens sagte man, wenn man sich zu -Njewjedowskiy wandte, »unser Gouverneursoberhaupt«, oder »Ew. -Excellenz«. - -Man sprach dies mit dem nämlichen Vergnügen, mit welchem man eine junge -Frau »Madame« nennt, mit dem Namen ihres Mannes dazu. - -Njewjedowskiy gab sich den Anschein, als lasse ihn das nicht nur -gleichgültig, sondern als schätze er diese Titulatur sogar gering, -aber es war augenscheinlich, daß er sich glücklich fühlte und sich -beherrschen müsse, sein Entzücken nicht auszudrücken, welches zu dieser -ungewohnten ungezwungenen Gesellschaft, in der sich alle befanden, -nicht gestimmt hätte. - -Nach der Tafel wurden mehrere Telegramme an Leute, welche sich -für den Verlauf der Wahlen interessierten, abgesandt. Auch Stefan -Arkadjewitsch, der sich in heiterster Stimmung befand, sandte an Darja -Aleksandrowna ein Telegramm folgenden Inhalts: »Njewjedowskiy mit -zwanzig Kugeln gewählt. Ich gratuliere ihm soeben. Teile es weiter -mit.« Er diktierte dasselbe laut und bemerkte dazu: »Man muß ihnen eine -Freude machen.« - -Als Darja Aleksandrowna die Depesche erhalten hatte, seufzte sie nur -über den Rubel, den es gekostet, und erkannte, daß die Sache jetzt wohl -bis zum Schluß der Tafel gediehen sein mußte. Sie wußte ja, daß Stefan -die Schwäche besaß, am Ende von Banketts »=faire jouer le télégraphe=«. - -Alles war, im Verein mit dem ausgezeichneten Essen und Weinen die -nicht von russischen Weinhändlern, sondern direkt von auswärts -stammten, sehr vornehm, ungekünstelt und fröhlich gewesen. Ein -kleiner Kreis von einigen zwanzig Herren, war von Swijashskiy aus der -Mitte der gleichgesinnten, freidenkenden, und zugleich geistreichen -und ordnungsliebenden Führer der Jungpartei, ausgewählt worden. -Man brachte Toaste aus, auch halbscherzhafte, sowohl auf den neuen -Gouvernementsvorsteher, als auf den Gouverneur, auf den Bankdirektor, -wie auf »unseren liebenswürdigen Wirt!« -- - -Wronskiy war zufrieden. Er hatte nimmermehr einen so angenehmen Ton in -der Provinz erwartet. - -Gegen das Ende des Essens wurde die Stimmung noch heiterer. Der -Gouverneur bat Wronskiy, in das Konzert zu Gunsten der »Brüderschaft« -zu fahren, welches seine Frau veranstaltet habe, die mit ihm bekannt zu -werden wünschte. - -»Es wird Ball dort sein und man sieht da unsere Schönheiten; in der -That bemerkenswert.« - -»=Not in my line=,« antwortete Wronskiy, der diesen Ausdruck liebte, -lächelte aber, und versprach doch zu kommen. - -Noch vor dem Aufstehen von der Tafel, als alles eben zu rauchen anfing, -trat der Kammerdiener Wronskiys zu diesem heran mit einen Briefe auf -der Präsentierschale. - -»Aus Wosdwishenskoje per Expressen,« meldete er mit bedeutungsvoller -Miene. - -»Wunderbar, wie ähnlich er unserem Kameraden, dem Prokurator Swentizkiy -sieht,« sagte einer der Gäste auf französisch, den Kammerdiener -meinend, während Wronskiy, sich verfinsternd, das Schreiben las. - -Der Brief war von Anna; schon bevor er ihn gelesen hatte, kannte er -seinen Inhalt. In der Annahme, daß die Wahlen in fünf Tagen vorüber -sein würden, hatte er versprochen, Freitag zurückkehren zu wollen. -Heute war Sonnabend, und er wußte, daß der Inhalt des Briefes aus -Vorwürfen bestehen würde, weil er nicht rechtzeitig zurückgekehrt -sei. Der Brief, welchen er gestern Abend abgeschickt hatte, war -wahrscheinlich noch nicht angekommen. - -Der Inhalt des Briefes war der erwartete, aber seine Form eine -unerwartete und ihm höchst unangenehme. - -»Any ist sehr krank; der Arzt sagt, es könne eine Entzündung eintreten. -Ich verliere in meiner Einsamkeit den Kopf. Die Fürstin Barbara ist -keine Hilfe, sondern ein Hindernis. Ich erwartete dich vorgestern, -gestern, und schicke jetzt, um zu erfahren, wo du eigentlich bist und -was du machst. Ich wollte selbst fahren, habe aber davon abgesehen, -da ich wußte, daß dir dies unangenehm gewesen sein würde. Gieb mir -Antwort, damit ich weiß, was ich anfangen soll.« - -»Das Kind ist krank und sie hat selbst reisen wollen! -- Unsere Tochter -ist krank und dieser feindselige Ton!« -- - -Diese harmlose Zerstreuung bei den Wahlen und jene düstere, lastende -Liebe, zu welcher er zurückkehren mußte, trafen Wronskiy durch ihren -Gegensatz. Aber man mußte abreisen und er fuhr mit dem ersten Zuge in -der Nacht nach Hause. - - - 32. - -Vor der Abreise Wronskiys zu den Wahlen, hatte Anna, in der Erwägung, -daß jene Scenen, welche sich zwischen ihnen bei jeder seiner Reisen -wiederholten, nur eine Erkältung herbeiführen, aber nicht fesseln -könnten, den Entschluß gefaßt, alle nur möglichen Anstrengungen über -sich selbst zu machen, um eine Trennung von ihm ruhig zu ertragen. -Aber jener kalte, ernste Blick, mit welchem er sie angeschaut hatte, -als er kam, um ihr von seiner Abreise Mitteilung zu machen, hatte sie -verletzt, und er war noch nicht abgereist, als ihre Ruhe auch schon -vernichtet war. - -In ihrer Einsamkeit dachte sie nochmals über jenen Blick nach, welcher -sein Recht auf Freiheit ausdrückte, und sie gelangte, wie stets, zu dem -Einen -- zu dem Bewußtsein ihrer Erniedrigung. -- - -»Er hat ein Recht zu reisen, wann und wohin er will; nicht nur zu -reisen, sondern auch mich zu verlassen. Er hat alle Rechte, ich gar -keine! Aber, wenn er dies auch weiß, darf er doch nicht so handeln. -Indessen, was hat er denn begangen? Er hat mich angeblickt, mit kaltem -ernstem Ausdruck. Dies ist natürlich etwas Unbestimmbares, nicht -Greifbares, aber es war früher nicht, und dieser Blick bedeutet viel,« -dachte sie, »dieser Blick beweist, daß die Abkühlung eintritt!« - -Obwohl sie sich überzeugt hatte, daß die Abkühlung eintrete, war es -ihr dennoch nicht möglich zu handeln, irgendwie ihre Beziehungen zu -ihm zu verändern. Nur allein so wie früher, allein mit Liebe und -Anhänglichkeit konnte sie ihn halten. Nur ebenso, wie früher durch -Arbeit am Tage und Morphium des Nachts, konnte sie die furchtbaren -Gedanken darüber ersticken, was werden sollte, wenn er sie zu lieben -einmal aufhören würde. - -Allerdings, es gab da noch ein Mittel -- nicht ihn zu halten; denn -dafür wollte sie nichts anderes, als seine Liebe haben, wohl aber, -sich ihm zu nähern, in eine Stellung zu treten, aus der er sie -nicht entfernen könnte. Dieses Mittel war die Ehescheidung und die -Verheiratung mit ihm. Und sie begann dies jetzt zu wünschen und -entschloß sich, zum erstenmal, darein zu willigen, sobald er oder -Stefan zu ihr davon sprechen würden. - -In solchen Gedanken verbrachte sie ohne ihn fünf Tage, die nämlichen, -während deren er abwesend sein mußte. - -Die Spaziergänge und Unterhaltungen mit der Fürstin Barbara, die -Besuche des Krankenhauses, und hauptsächlich die Lektüre eines Buches -nach dem andern, füllten ihre Zeit aus. - -Am sechsten Tage aber, als der Kutscher ohne Wronskiy zurückkehrte, -fühlte sie, daß sie nicht mehr die Kraft besitze, ihre Gedanken über -ihn und darüber, was er dort wohl thun möchte, zu unterdrücken. - -In dieser Zeit erkrankte ihr Töchterchen. Anna befaßte sich mit seiner -Pflege, aber auch dies zerstreute sie nicht, umsoweniger, als die -Krankheit nicht gefährlich war. Wie sie auch litt, sie konnte dieses -Kind nicht lieben, und Liebe zu heucheln, das vermochte sie nicht. -Gegen Abend dieses Tages fühlte Anna, allein, eine solche Bangnis -für Wronskiy, daß sie beschloß, nach der Stadt zu fahren; nachdem -sie indessen wohlweislich davon abgekommen war, schrieb sie jenes -widerspruchsvolle Billet, welches Wronskiy erhielt, und sandte es, ohne -es nochmals durchzulesen, mit einem expressen Boten ab. - -Am andern Morgen empfing sie sein Schreiben und bereute nun das ihrige. -Voll Schrecken erwartete sie die Wiederholung jenes ernsten Blickes, -den er auf sie gerichtet hatte als er abreiste, namentlich, nachdem sie -nun erfahren hatte, daß das kleine Mädchen nicht gefährlich krank sei. -Aber gleichwohl war sie froh darüber, ihm geschrieben zu haben. Jetzt -gestand sich Anna selbst bereits ein, daß er von ihr belästigt werde, -daß er mit Bedauern seine Freiheit aufgebe, um zu ihr zurückzukehren --- war aber nichtsdestoweniger froh, daß er kam. Mochte er von ihr -belästigt werden -- wenn er nur hier war, damit sie ihn sähe, und jede -seiner Bewegungen kannte. - -Sie saß im Salon unter der Lampe mit einem neuen Buch von Taine, und -las, dem Geräusch des Windes draußen lauschend und jede Minute die -Ankunft der Equipage erwartend. Mehrmals schien ihr, als höre sie das -Geräusch von Rädern, doch sie hatte geirrt. Endlich vernahm sie nicht -nur dieses, sondern auch den Ruf des Kutschers und das dumpfe Geräusch -in der gedeckten Einfahrt. Selbst die Fürstin Barbara, welche Patience -gespielt hatte, bestätigte es und Anna, in Aufregung geratend, erhob -sich, blieb jetzt aber, anstatt hinabzugehen, wie sie schon früher -zweimal gethan hatte. Sie schämte sich plötzlich ihrer Täuschung, aber -am meisten Besorgnis empfand sie davor, wie er sie bewillkommen werde. -Das Gefühl der Kränkung war schon vergangen; sie fürchtete nur noch den -Ausdruck seiner Unzufriedenheit. Ihr fiel ein, daß ihr Kind schon seit -zwei Tagen wieder völlig gesund war. Sie war sogar verdrießlich über -das Kind, weil es gerade zu der Zeit, als der Brief abgeschickt worden -war, sich wieder besserte. Hierauf dachte sie daran, daß er nun hier -sei, ganz, mit seinen Händen und Augen. Sie vernahm seine Stimme, und -alles vergessend, lief sie ihm voll Freude entgegen. - -»Was macht Any?« sagte er, zaghaft von unten her Anna anblickend, die -auf ihn zueilte. - -Er setzte sich auf einen Stuhl und der Diener zog ihm die warmen -Stiefel aus. - -»Es ist nichts; ihr ist besser.« - -»Und du?« sagte er, sich schüttelnd. - -Sie ergriff mit ihren beiden Händen seine Hand und zog sie an ihre -Taille, ohne die Augen von ihm wegzuwenden. - -»Es freut mich sehr,« sagte er, sie kühl anblickend, ihre Frisur, ihr -Kleid, von dem er wußte, daß sie es seinetwegen angelegt hatte. - -All das gefiel ihm -- aber es hatte ihm schon sovielmal gefallen! Und -jener strenge versteinerte Ausdruck, den sie so sehr fürchtete an ihm, -blieb auf seinem Antlitz. - -»Nun, das freut mich sehr. Bist du auch gesund?« sagte er, mit dem -Tuche den nassen Bart abwischend und ihre Hand küssend. - -»Dies ist ja gleichgültig,« dachte sie, »wenn er nur hier ist, und wenn -er hier ist, so kann er nicht anders, wagt er nicht anders, als mich zu -lieben.« - -Der Abend verging voll Glück und Heiterkeit mit der Fürstin Barbara, -welche gegen Wronskiy klagte, daß Anna in seiner Abwesenheit Morphium -genommen habe. - -»Was ist zu thun? Ich konnte nicht schlafen. Meine Gedanken hinderten -mich daran. Wenn er da ist, nehme ich es fast nie; -- fast nie.« -- - -Er erzählte nun von den Wahlen, und Anna verstand es, ihn dabei mit -ihren Fragen auf dasjenige zu bringen, was ihn aufheiterte, auf seinen -Erfolg. Sie erzählte ihm von allem, was ihn daheim interessieren -konnte, und alle ihre Nachrichten waren nur die freundlichsten. - -Spät am Abend indessen, nachdem sie allein waren, wünschte Anna, welche -sah, daß sie ihn wieder vollständig beherrschte, den lastenden Eindruck -seines Blickes, den er infolge ihres Schreibens auf sie gerichtet -hatte, zu verwischen. - -»Gestehe, dir war es verdrießlich, das Schreiben zu empfangen und du -hast mir nicht geglaubt?« - -Sie hatte dies kaum gesagt, als sie auch schon erkannte, daß ihr -Wronskiy, so liebevoll für sie er auch gestimmt sein mochte, dies nicht -vergeben habe. - -»Ja,« antwortete er. »Der Brief war so befremdend. Bald war Any krank, -bald wolltest du selbst kommen.« - -»Es war alles wahr.« - -»Daran zweifle ich auch gar nicht.« - -»Doch; du zweifelst. Du bist mißgestimmt; ich sehe es.« - -»Keinen Augenblick. Ich bin nur darüber ungehalten; -- es ist ja -wahr -- du, du scheinst nicht zugeben zu wollen, es gäbe Pflichten« -- - --- »Ins Konzert zu fahren« -- - --- »Wir wollen nicht darüber sprechen,« sagte er. - -»Warum sollen wir nicht davon sprechen?« antwortete sie. - -»Ich will nur sagen, daß man unumgänglich notwendige Geschäfte -haben kann. So muß ich jetzt wieder nach Moskau fahren wegen einer -Angelegenheit meines Hauses. -- Ach, Anna, weshalb bist du so reizbar? -Weißt du denn nicht, daß ich ohne dich nicht leben kann?« - -»Wenn es so steht,« sprach Anna, plötzlich den Ton verändernd, »daß -dieses Leben dir lästig wird -- ja, du kommst auf einen Tag und fährst -wieder fort -- so machen es« -- - --- »Anna, das ist hart. Ich bin bereit, mein ganzes Leben hinzugeben« -- - -Doch sie hörte ihn nicht. - -»Wenn du nach Moskau fährst, fahre auch ich mit. Ich bleibe nicht hier. -Entweder wir müssen uns trennen, oder miteinander leben!« -- - -»Aber du weißt doch, daß dies eben mein einziger Wunsch ist! Doch -hierzu« -- - --- »Ist die Ehescheidung nötig? Ich werde ihm schreiben! Ich sehe, daß -ich nicht so leben kann. Aber ich werde mit dir nach Moskau gehen.« - -»Das ist ja, als wolltest du mir drohen? Ich wünsche doch nichts -weniger, als mich von dir zu trennen,« sagte Wronskiy lächelnd. - -Nicht nur der kalte, böse Blick eines Menschen, welcher verfolgt wird -und verstockt ist, glänzte in seinen Augen auf, als er diese zärtlichen -Worte sprach. - -Sie sah diesen Blick und erriet richtig seine Bedeutung. - -»Wenn es so steht, so ist es ein Unglück!« sprach dieser Blick. Es war -dies nur ein augenblicklicher Eindruck, aber sie hatte ihn nie mehr -vergessen können. - -Anna schrieb an ihren Mann einen Brief, mit der Bitte um die -Ehescheidung, und reiste zu Ende des November, sich von der Fürstin -Barbara trennend, welche nach Petersburg fahren mußte, zusammen mit -Wronskiy nach Moskau. Täglich eine Antwort von Aleksey Aleksandrowitsch -erwartend, und nach dieser die Ehescheidung, hatten sie sich jetzt wie -Eheleute zusammen einquartiert. - - - - - Siebenter Teil. - - 1. - - -Die Lewins wohnten bereits im dritten Monat in Moskau. Schon längst -war der Zeitpunkt verstrichen, wo nach den sichersten Berechnungen der -Leute, welche sich auf die Sache verstanden, Kity niederkommen mußte; -aber sie ging immer noch und an nichts war bemerkbar, daß die Zeit -jetzt näher gekommen sei, als sie zwei Monate vorher gewesen. - -Der Arzt, wie die Wehfrau, Dolly und die Mutter, und besonders Lewin, -vermochten nicht ohne Schrecken an das Kommende zu denken, und begannen -Ungeduld und Unruhe zu empfinden; allein Kity fühlte sich vollkommen -ruhig und glücklich. - -Sie fühlte jetzt deutlich in sich das Entstehen einer neuen Empfindung -von Liebe zu dem künftigen, für sie zum Teil schon vorhandenen Kinde, -und lauschte mit Wonne diesem Gefühl. Das Kind war jetzt nicht mehr -völlig ein Teil von ihr selbst, sondern lebte zeitweilig schon sein -eigenes, von ihr unabhängiges Leben. Oft war ihr dies schmerzhaft, -aber gleichzeitig hätte sie auch darüber lachen mögen in seltsamer, -ungekannter Freude. - -Alle, die sie liebte, waren bei ihr, und alle waren so gut mit ihr, -bemühten sich so sehr um sie, in allem bot sich ihr so völlig nur eine -große Annehmlichkeit, daß sie sich, wenn sie nicht gewußt und gefühlt -hätte, daß dies bald enden werde, kein besseres und angenehmeres Leben -gewünscht haben würde. - -Eines indessen, was ihr den Reiz an diesem Leben benahm, war, daß ihr -Gatte nicht mehr der nämliche war, als der er sie vorher geliebt hatte, -und der er auf dem Dorfe gewesen war. - -Sie liebte seinen ruhigen, freundlichen und entgegenkommenden Ton auf -dem Lande. In der Stadt hingegen schien er beständig in Unruhe und auf -der Hut zu sein, als fürchte er, es möchte ihn, oder hauptsächlich sie -jemand beleidigen. - -Auf dem Dorfe hatte er, offenbar wohl wissend, daß er dort an seinem -Platze sei, nie gehastet, war er nie in Anspruch genommen gewesen. Hier -aber, in der Stadt, war er beständig in geschäftiger Eile, als wolle er -Etwas nicht verfehlen, und doch hatte er gar nichts zu thun. - -Sie hatte Mitleid mit ihm; daß er den anderen nicht bemitleidenswert -erschien, wußte sie; im Gegenteil, wenn Kity in Gesellschaft auf ihn -blickte, wie man bisweilen auf einen geliebten Menschen schaut, im -Bemühen, ihn gleichsam wie einen Fremden anzusehen, um den Eindruck -in sich selbst bestimmen zu können, welchen derselbe auf die anderen -macht, sah sie zum Schrecken für ihre Eifersucht, daß er nicht nur -nicht kläglich, sondern sehr anziehend in seiner etwas altertümelnden -Rechtschaffenheit, seiner ängstlichen Höflichkeit gegen die Frauen, mit -seiner kraftvollen Erscheinung und dem eigenartigen, wie ihr schien -ausdrucksvollen Gesicht. Doch sie betrachtete ihn nicht von außen, -sondern von innen nach außen; sie sah, daß er hier nicht wahrhaftig -war; anders vermochte sie sich seinen Zustand nicht zu erklären. - -Bisweilen machte sie ihm innerlich Vorwürfe darüber, daß er nicht -verstehe, in der Stadt zu leben; bisweilen räumte sie sich ein, daß es -ihm in der That schwer werde, sein Leben hier so einzurichten, daß er -damit zufrieden sein konnte. - -Und in der That, was sollte er thun? Karten zu spielen liebte er -nicht; in den Klub ging er nicht; mit Lebemännern nach Art Oblonskiys -umzugehen -- was dies bedeutete, hatte sie jetzt schon kennen gelernt --- bedeutete zu trinken und nach dem Trinken wer weiß wohin zu fahren. -Sie vermochte sich nicht ohne Schrecken zu denken, wohin bei solchen -Fällen die Herren sich begeben möchten. Sollte er in Gesellschaft -gehen? Sie wußte doch, daß man hierzu Vergnügen in der Annäherung an -junge Damen finden müsse, und konnte es daher nicht wünschen. Sollte -er daheim sitzen bleiben bei ihr, der Mutter und den Schwestern? So -angenehm und unterhaltend ihr auch ein und dieselben Gespräche -- der -alte Fürst nannte sie »Alina-Nadina« unter den Schwestern -- waren, -so wußte sie doch, daß ihm das langweilig werden müsse. Was blieb ihm -nun zu thun übrig? Sollte er fortfahren, sein Buch zu schreiben? Er -hatte schon versucht, dies zu thun, und sich in die Bibliothek begeben, -um sich mit Excerpten und Korrekturen für sein Werk zu beschäftigen, -je mehr er indessen, wie er zu ihr sagte, nichts that, um so weniger -blieb ihm Zeit übrig. Außerdem aber beklagte er sich bei ihr, daß er -hier allzuviel über sein Buch gesprochen habe, daß sich infolge dessen -alle Ideen über dasselbe in ihm verwirrten und man das Interesse daran -verloren habe. - -Ein Vorzug dieses Stadtaufenthalts war der, daß es hier unter ihnen -nie mehr Zwiste gab. Mochte dies daher kommen, daß die Bedingungen des -Stadtlebens andere waren, oder davon, daß sie beide vorsichtiger und -verständiger geworden waren in dieser Beziehung; genug, in Moskau gab -es keine Zwiste aus Eifersucht, die sie so gefürchtet hatten, als sie -nach der Stadt übersiedelten. - -In dieser Beziehung ereignete sich sogar ein für sie beide sehr -wichtiges Vorkommnis -- die Begegnung Kitys mit Wronskiy. -- Eine alte -Fürstin, Marja Borisowna, eine Pathe Kitys, die diese stets sehr lieb -gehabt hatte, wünschte Kity unbedingt zu sehen. Kity, welche in ihrem -Zustande nirgendshin ausfuhr, kam mit ihrem Vater zu der verehrten -alten Dame und begegnete bei ihr Wronskiy. - -Sie konnte sich bei dieser Begegnung nur damit einen Vorwurf machen, -daß ihr für einen Augenblick, als sie die ihr in dem Waffenrock einst -so bekannt gewesenen Züge erkannte, der Atem gestockt hatte, das Blut -zum Herzen geströmt war, und eine brennende Röte -- sie fühlte dies -- -auf ihr Antlitz trat. Doch dies währte nur einige Sekunden. Ihr Vater -hatte, absichtlich laut zu Wronskiy sprechend, sein Gespräch noch -nicht geendet, als sie sich schon völlig vorbereitet fühlte, Wronskiy -anschauen zu können, und mit ihm, wenn es nötig werden sollte, ganz -so zu sprechen, wie sie mit der Fürstin Marja Borisowna sprach: und -zwar in einer Weise, daß alles bis auf den geringsten Accent, das -geringste Lächeln, von ihrem Gatten gutgeheißen werden konnte, dessen -unsichtbare Gegenwart sie in dieser Minute gleichsam über sich fühlte. - -Sie sprach mit ihm einige Worte, lächelte sogar ruhig bei seinem Scherz -über die Wahlen, die er »unser Parlament« nannte. -- Man mußte hier -lächeln, um zu beweisen, daß sie den Scherz verstanden hatte. -- Doch -sofort wandte sie sich wieder zur Fürstin Marja Borisowna und blickte -nicht ein einziges Mal mehr nach ihm, bis er aufstand, um sich zu -verabschieden. Da erst blickte sie ihn wieder an, augenscheinlich aber -nur deshalb, weil es unhöflich war, einen Menschen nicht anzusehen, -wenn er grüßt. - -Sie war ihrem Vater dankbar dafür, daß er nichts von der Begegnung -mit Wronskiy gesagt hatte, doch sie sah an seiner eigenen Weichheit -nach der Visite, während des üblichen Spazierganges, daß er mit ihr -zufrieden gewesen war. Auch sie selbst war zufrieden mit sich. Sie -hatte keinesfalls erwartet, daß sich in ihr soviel Kraft finden -würde, in der Tiefe ihres Herzens alle Erinnerungen an eine frühere -Empfindung für Wronskiy zu unterdrücken, und diesem gegenüber nicht -nur vollständig gleichmütig und ruhig zu erscheinen, sondern es auch -wirklich zu sein. - -Lewin errötete bei weitem mehr als Kity, als diese ihm erzählte, daß -sie Wronskiy bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet sei. Es kam -ihr sehr schwer an, ihm dies zu sagen, doch noch schwerer, über die -Einzelheiten dieser Begegnung weiter sprechen zu müssen, da er sie -nicht frug, sondern sie nur, sich verfinsternd anblickte. - -»Es thut mir sehr leid, daß du nicht dabei warst,« sagte sie, »nicht, -weil du nicht im Zimmer warst -- ich würde nicht so natürlich geblieben -sein in deiner Gegenwart -- aber ich erröte jetzt weit mehr, weit, weit -mehr,« sagte sie, sich bis zu Thränen verfärbend, »ach, daß du nicht -durch einen Spalt schauen konntest.« - -Ihre ehrlichen Augen sagten Lewin, daß sie mit sich zufrieden gewesen -war, und er beruhigte sich sogleich, obwohl sie errötet war, und -begann nun, Kity selbst zu fragen, was diese ja nur wünschte. Nachdem -er alles erfahren hatte, selbst bis auf die Einzelheit, daß sie nur -in der ersten Sekunde nicht umhin gekonnt habe, zu erröten, sowie, -daß ihr dann so frei und leicht zu Mute geworden sei, wie dem ersten -besten Begegnenden gegenüber, wurde Lewin wieder vollständig heiter und -sagte, daß er sich sehr darüber freue, und jetzt nicht mehr so thöricht -handeln wolle, wie bei den Wahlen, sondern sich bemühen, bei der ersten -Begegnung mit Wronskiy so liebenswürdig als möglich zu sein. - -»Es ist so peinlich, denken zu müssen, daß man einen Menschen als Feind -besitzt, mit dem zusammentreffen zu müssen, uns schwer wird,« sagte -Lewin. »Ich bin sehr, sehr froh darüber.« - - - 2. - -»So fahre also zu den Bolj,« sagte Kity zu ihrem Gatten, als dieser um -elf Uhr, bevor er von Hause wegfuhr, zu ihr kam. »Ich weiß, daß du im -Klub essen wirst, Papa hat dich eingeschrieben. Was machst du denn aber -den Vormittag?« - -»Ich will nur zu Katawasoff,« antwortete Lewin. - -»Weshalb so früh?« - -»Er hat mir versprochen, mich mit Metroff bekannt zu machen. Ich will -mit diesem über mein Werk sprechen; er ist ein bekannter Gelehrter in -Petersburg,« sagte Lewin. - -»Ach, derselbe, dessen Abhandlung du so lobtest? Nun, und dann?« sagte -Kity. - -»Will ich, vielleicht, noch aufs Gericht, in Sachen meiner Schwester.« - -»Und ins Konzert?« frug sie. - -»Was soll ich allein dorthin!« - -»Nein, fahre nur; dort hat man jetzt Novitäten. Sie interessierten dich -doch so. Ich würde sicher hinfahren.« - -»Nun, jedenfalls komme ich vor dem Essen nach Haus,« sagte er, nach der -Uhr blickend. - -»Zieh deinen Gesellschaftsrock an, damit du direkt zur Gräfin Bolj -fahren kannst.« - -»Ist denn das so unbedingt notwendig?« - -»Unbedingt! Er ist bei uns gewesen. Und was kostet es dich? Du fährst -hin, setzest dich, sprichst fünf Minuten über das Wetter, stehst wieder -auf und fährst fort.« - -»Du glaubst nicht; ich bin dessen so entwöhnt, daß mir selbst dies -schwer wird. Wie wird man es aufnehmen? Kommt da ein fremder Mensch zu -ihnen, setzt sich, bleibt ohne jeden Grund länger sitzen, stört die -Familie, bringt sich aus der Stimmung, und geht dann wieder!« -- - -Kity lachte. - -»Aber du hast doch als Junggeselle noch Visiten gemacht?« sagte sie. - -»Allerdings; es ist mir aber stets unangenehm gewesen; jetzt bin ich -so davon entwöhnt, daß ich, bei Gott, lieber zwei Tage nicht essen -will, als diese Visite machen. So schwer fällt sie mir. Mir scheint -stets, als ob man verletzt sei und sagen wolle: >Weshalb bist du denn -eigentlich ohne Grund hierhergekommen?<« -- - -»O nein; man fühlt sich nicht verletzt. Dafür bürge ich dir schon,« -sagte Kity, ihm lachend ins Gesicht schauend. Sie nahm seine Hand, »nun -leb' wohl -- fahre hin, ich bitte dich.« Er wollte schon gehen, nachdem -er ihre Hand geküßt hatte, als sie ihn zurückhielt. »Mein Kostja, du -weißt wohl, daß ich nur noch fünfzig Rubel habe?« - -»Nun, dann will ich zur Bank fahren, um dort Geld zu erheben. Wieviel -brauchst du denn?« sagte er mit einem ihr bekannten Ausdruck von -Mißvergnügen. - -»Nein doch; warte.« Sie hielt ihn an der Hand zurück. »Sprechen -wir darüber; dies beunruhigt mich. Ich, glaube doch, gebe nichts -Überflüssiges aus, und doch geht das Geld nur so dahin. Wir machen -Etwas nicht richtig.« - -»Keineswegs,« sagte er, sich räuspernd und von unten her auf sie -blickend. Dieses Räuspern kannte sie. Es war das Zeichen hoher -Unzufriedenheit bei ihm, nicht über sie, sondern über sich selbst. -Er war in der That unzufrieden, doch nicht darüber, daß viel Geld -gebraucht wurde, sondern daß man ihn an das erinnerte, was er in der -Erkenntnis, daß Etwas nicht in Ordnung sei, zu vergessen wünschte. »Ich -habe Sokoloff befohlen, den Weizen zu verkaufen und das Geld für die -Mühle im voraus in Empfang zu nehmen. Geld wird jedenfalls kommen.« - -»Ja, aber ich fürchte, daß überhaupt viel« -- - -»Keineswegs, keineswegs,« wiederholte er -- »doch leb' wohl jetzt, -Herzchen.« - -»Nicht doch; ich beklage es bisweilen, daß ich auf Mama gehört habe. -Wie hübsch wäre es auf dem Dorfe gewesen! Und überdies quäle ich euch -alle noch und wir verschwenden Geld« -- - -»Durchaus nicht, durchaus nicht. Es ist noch nicht ein einziges Mal, -seit ich verheiratet bin, der Fall gewesen, daß ich gesagt hätte, es -wäre anders besser, als so, wie es eben ist« -- - -»Ist das wahr?« sagte sie, ihm in die Augen blickend. - -Er sprach dies, ohne etwas dabei zu denken, und nur um sie zu -beruhigen. Als er aber, sie anblickend, bemerkte, daß diese ehrlichen, -lieben Augen fragend auf ihn gerichtet waren, da wiederholte er das -Nämliche aus ganzer Seele. »Ich vergesse sie in der That,« dachte er, -und rief sich in das Gedächtnis zurück, was sie beide so bald erwartete. - -»Wird es denn bald? Wie fühlst du dich?« flüsterte er, sie bei beiden -Händen nehmend. - -»Ich habe schon sovielmal daran gedacht, daß ich jetzt nichts mehr -denke und nichts weiß.« - -»Hast du nicht Angst?« - -Sie lächelte geringschätzig. - -»Nicht die Idee,« sagte sie. - -»Wenn also Etwas vorkommen sollte, ich bin bei Katawasoff.« - -»Nein; es wird nichts vorkommen; denke auch du nicht daran. Ich werde -mit Papa auf den Boulevard fahren; wir wollen zu Dolly; vor dem Essen -erwarte ich dich. -- Ach ja! Du weißt wohl, daß die Lage Dollys -entschieden unhaltbar wird? Sie ist über und über verschuldet, und Geld -hat sie nicht. Ich habe gestern mit Mama und mit Arseniy,« -- so nannte -sie den Gatten ihrer Schwester, der Lwowa -- »gesprochen, und wir haben -beschlossen, dich und ihn zu Stefan zu schicken. So ist es entschieden -nicht mehr möglich. Mit Papa läßt sich darüber nicht sprechen, doch -wenn ihr beide« -- - -»Aber was können wir thun?« frug Lewin. - -»Du wirst doch wohl zu Arseniy gehen, sprich mit ihm; er wird dir -sagen, was wir beschlossen haben.« - -»Nun, mit Arseniy bin ich im voraus in allem einverstanden. Ich werde -also zu ihm fahren. Sollten sie gerade ins Konzert gehen, so werde ich -auch mit Nataly dorthin fahren. Jetzt leb' wohl.« - -Auf der Treppe hielt Lewin der alte, noch unverheiratet lebende Diener -Kusma zurück, welcher den Haushalt in der Stadt verwaltete. - -»Der Krasavtschik,« dies war das Handpferd, welches mit vom Lande -hereingebracht worden war, »ist beschlagen worden, er hinkt aber immer -noch,« berichtete er, »was befehlt ihr nun?« - -In der ersten Zeit des Aufenthalts in Moskau hatten Lewin die vom Land -mit hereingebrachten Pferde beschäftigt; er hatte sich auf diesem -Gebiet so gut und billig wie möglich einrichten wollen, allein es -stellte sich heraus, daß ihm seine Pferde teurer wurden, als die der -Mietkutscher, und Mietkutscher nahm man noch obendrein. - -»Laß ihn zum Roßarzt bringen, vielleicht ist eine Quetschung vorhanden.« - -»Nun, und für den Wagen Katharina Aleksandrownas?« frug Kusma. - -Lewin wunderte sich jetzt nicht mehr, wie während der ersten Zeit -seines Lebens in Moskau, daß zur Fahrt von der Wosdwishenka nach den -Siwzij Wrashki ein Paar starker Pferde in den schweren Wagen hatten -gespannt werden müssen, um diesen durch den kotigen Schnee ein viertel -Werst weit zu bringen, worauf sie vier Stunden standen und daß er dafür -fünf Rubel zahlte. Jetzt erschien ihm das schon natürlich. - -»Laß den Mietkutscher ein Paar Pferde für unseren Wagen bringen,« sagte -er. - -»Zu Diensten.« - -Nachdem Lewin auf diese Weise, dank den Verhältnissen der Stadt, -einfach und leicht eine Schwierigkeit geordnet hatte, welche auf dem -Lande soviel überflüssige Mühe und Aufmerksamkeit erfordert hätte, ging -er zur Freitreppe hinaus und rief einen Mietkutscher; setzte sich in -den Wagen und fuhr nach der Nikitskaja. Unterwegs dachte er nicht mehr -an Geld, sondern überlegte, wie er sich mit dem Petersburger Gelehrten, -der sich mit Socialwissenschaft beschäftigte, bekannt machen und mit -ihm über sein Buch sprechen wollte. - -Nur in der allerersten Zeit hatten Lewin in Moskau jene, dem -Landbewohner befremdlichen, eiteln und doch unvermeidlichen -Geldausgaben überrascht, die von allen Seiten von ihm gefordert wurden. -Jetzt hatte er sich jedoch schon an sie gewöhnt. Es ging ihm in dieser -Beziehung so, wie es dem Trinker gehen soll: das erste Glas ging -schwer, das zweite leichter -- nach dem dritten aber ging es wie im -Vogelschwarm. - -Als Lewin das erste Hundertrubelpapier zum Ankauf der Livree eines -Dieners und eines Portiers wechselte, stellte er sich unwillkürlich -vor, daß diese Livreen, die niemand etwas nützten, doch unumgänglich -erforderlich waren, darnach zu urteilen, wie sich die Fürstin und -Kity verwunderten bei der Andeutung, man könne auch ohne Livree -auskommen -- daß diese Livreen ihm zwei Sommerarbeiter, das heißt, -einige dreihundert Arbeitstage von der Osterwoche bis zu Fastnachten -kosteten, von denen jeder voll schwerer Arbeit vom frühen Morgen -bis zum späten Abend war -- und dieses Hundertrubelpapier ging ihm -noch schwer vom Herzen. Das folgende indessen, zum Einkauf von -Lebensmitteln zu einem Essen das er seinen Verwandten gab, das ihn -auf achtundzwanzig Rubel kam, ging, obwohl es in Lewin die Erinnerung -daran wachrief, daß achtundzwanzig Rubel doch neun Tschetwert Hafer -waren, welcher unter Schweiß und Stöhnen gemäht, gebunden, gedroschen, -geworfelt, wieder ausgesät oder aufgeschüttet wurde, schon leichter -fort. Jetzt aber riefen die gewechselten Scheine schon gar nicht mehr -derartige Erwägungen hervor, sondern flogen wie kleine Vögel davon. -Ob die Mühe, welche auf die Erwerbung des Geldes verwendet worden -war, dem Vergnügen, welches der dafür erkaufte Gegenstand gewährte, -wirklich entsprach, diese Erwägung war schon lange verloren gegangen. -Die wirtschaftliche Erwägung, daß es einen bestimmten Preis giebt, -unter welchem man das Getreide nicht verkaufen kann, war gleichfalls -vergessen. Das Getreide, auf dessen Preis er so lange gehalten hatte, -wurde für fünfzig Kopeken der Tschetwert billiger verkauft, als man -einen Monat vorher dafür gegeben hatte. Selbst die Erwägung, daß man -bei derartigen Ausgaben unmöglich ein ganzes Jahr leben könne, ohne -Schulden zu machen, selbst diese Erwägung hatte keine Bedeutung mehr -für ihn. Nur Eines war nötig; man mußte Geld auf der Bank haben, ohne -daß gefragt wurde, woher es kam, sodaß man stets wußte, wofür man den -nächsten Tag das Rindfleisch kaufen könnte. - -Er hatte nunmehr auch dies bei sich beobachtet: Stets hatte bei ihm -Geld in der Bank gelegen. Jetzt aber war es dort ausgegangen und -er wußte nicht recht, woher nun welches nehmen. Und dies versetzte -ihn, als Kity mit ihm über das Geld sprach, einen Augenblick in -Verlegenheit. Dabei aber hatte er auch keine Zeit, darüber nachzudenken. - -Er fuhr dahin, an Katawasoff und die bevorstehende Bekanntschaft mit -Metroff denkend. - - - 3. - -Lewin war mit seiner Ankunft hier wiederum eng mit seinem ehemaligen -Universitätsfreunde, dem Professor Katawasoff in Verkehr getreten, den -er seit der Zeit seiner Verheiratung nicht wieder gesehen hatte. - -Katawasoff war ihm angenehm durch die Klarheit und Einfachheit seiner -Weltanschauung. Lewin glaubte, daß die Klarheit dieser Weltanschauung -Katawasoffs aus der Armut von dessen Natur hervorgegangen sei, -Katawasoff hingegen meinte, daß die Inkonsequenz in der Denkweise -Lewins aus dem Mangel an geistiger Disciplin bei diesem hervorgehe; -aber die Klarheit Katawasoffs war Lewin willkommen, und der Überfluß -der undisciplinierten Gedanken Lewins war Katawasoff lieb; sie trafen -sich gern und debattierten dann. - -Lewin las Katawasoff einige Stellen aus seinem Werke vor und sie -gefielen diesem. Als gestern Katawasoff Lewin im Kolleg getroffen -hatte, hatte er zu ihm gesagt, daß der bekannte Metroff, dessen -Abhandlung Lewin so gut gefallen hatte, sich in Moskau befinde, und -sehr interessiert sei von dem, was ihm Katawasoff über die Arbeit -Lewins mitgeteilt hatte, daß Metroff morgen, um elf Uhr bei ihm, und -sehr erfreut sein würde, mit ihm bekannt zu werden. - -»Ihr lernt entschieden immer besser aussehen, Verehrtester; es macht -einem Freude, Euch zu sehen,« sagte Katawasoff, Lewin im kleinen Salon -entgegentretend. »Ich hörte die Glocke und dachte, nicht möglich, daß -er zur rechten Zeit käme -- nun, wie steht es mit den Tschernagorzen? -Nach der Art des Krieges« -- - -»Nun?« frug Lewin. - -Katawasoff teilte ihm in kurzen Worten die letzte Nachricht mit und -machte Lewin, in das Kabinett eintretend, mit einem kleinen, feisten -Manne von sehr angenehmem Äußern bekannt. Dies war Metroff. - -Das Gespräch drehte sich kurze Zeit um Politik, und darum, wie man in -den höchsten Sphären Petersburgs die jüngsten Ereignisse betrachte. - -Metroff teilte ihm aus zuverlässiger Quelle bekannte Worte mit, die bei -dieser Gelegenheit vom Zaren und einem der Minister geäußert worden -sein sollten. - -Katawasoff hatte auch als verbürgt erfahren, daß der Zar etwas -ganz anderes gesagt habe. Lewin bemühte sich, eine Situation -herauszuklügeln, nach welcher diese wie jene Worte gesagt worden sein -konnten, und das Gespräch über den Gegenstand wurde abgebrochen. - -»Der Herr hat auch ein Buch bald fertig geschrieben über die -natürlichen Verhältnisse des Arbeiters in Bezug auf den Boden,« sagte -Katawasoff, »ich bin zwar nicht Spezialist, doch hat es mir als -Naturwissenschaftler gefallen, daß er die Menschheit nicht als etwas -außerhalb der zoologischen Gesetze stehendes auffaßt, sondern im -Gegenteil die Abhängigkeit derselben von ihrer Umgebung erkennt und in -dieser Abhängigkeit die Gesetze ihrer Entwicklung erforscht.« - -»Das ist sehr interessant,« sagte Metroff. - -»Ich habe eigentlich nur ein Buch über die Landwirtschaft zu schreiben -begonnen, bin aber unwillkürlich, indem ich mich mit dem wichtigsten -Instrument der Landwirtschaft, dem Arbeiter, beschäftigte,« sagte Lewin -errötend, »zu vollständig unerwarteten Resultaten gekommen.« - -Und Lewin begann nun vorsichtig, als taste er nach Boden, seine -Anschauung darzulegen. - -Er wußte, daß Metroff eine Abhandlung gegen die allgemein herrschende -politisch-ökonomische Wissenschaft geschrieben hatte, wußte aber nicht, -bis zu welchem Grade er hoffen konnte, auf Teilnahme für seine neuen -Anschauungen bei ihm zu stoßen, und konnte dies auch nicht an dem -klugen und ruhigen Gesicht des Gelehrten erraten. - -»Aber worin seht Ihr die besonderen Eigenschaften des russischen -Arbeiters?« sagte Metroff, »in seinen zoologischen Eigenschaften, -sozusagen, oder in den Verhältnissen, in denen er sich befindet?« - -Lewin sah, daß in dieser Frage schon ein Gedanke ausgesprochen war, mit -welchem er nicht in Einklang stand, doch fuhr er fort, seine Idee zu -entwickeln, welche darin bestand, daß der russische Arbeiter einen im -Vergleich zu dem der Arbeiter anderer Völker vollkommen eigenartigen -Blick für sein Land besitze, und beeilte sich, um seine Behauptung -zu stützen, hinzuzufügen, daß nach seiner Meinung, dieser Blick des -russischen Volkes herrühre aus dem Bewußtsein seines Berufes, die -ungeheuren, noch unbebauten Gegenden im Osten bevölkern zu müssen. - -»Es ist leicht möglich, in einen Irrtum zu verfallen, wenn man einen -Schluß auf die allgemeine Bestimmung eines Volkes macht,« sagte -Metroff, Lewin unterbrechend. »Die Lage des Arbeiters wird stets von -dessen Beziehungen zu Boden und Kapital abhängen.« - -Ohne Lewin noch zu gestatten, seine Idee ganz auszusprechen, begann -nun Metroff, ihm die Eigenart seiner Lehre zu erklären. Worin die -Eigenart dieser Lehre bestand, begriff Lewin nicht, weil er sich gar -nicht bemühte, sie zu begreifen; er sah, daß Metroff, ebenso wie die -anderen, trotz seiner Abhandlung, in welcher die Wissenschaft der -Nationalökonomen gestürzt wurde, auf die Situation des russischen -Arbeiters doch nur vom Gesichtspunkt des Kapitals des Arbeiterlohnes -und der Rente blickte. - -Obwohl er nun zugestehen mußte, daß in dem östlichen, dem größten -Teile Rußlands, die Rente noch gleich Null war, daß der Arbeitslohn -für neun Zehntel der achtzig Millionen Einwohner nur die Ernährung in -sich selbst ausdrückte, und ein Kapital noch nicht anders vorhanden -sei, als in Gestalt von primitivsten Hilfsmitteln, so blickte er doch -lediglich von diesem Standpunkte aus auf die gesamten Arbeiter, obwohl -er in vielem gleichwohl nicht mit den Nationalökonomen übereinstimmte, -und hielt seine neue Theorie vom Arbeitslohn aufrecht, welche er Lewin -entwickelte. - -Dieser hörte nur ungern zu und opponierte anfangs. Er wollte Metroff -unterbrechen, um ihm seine Idee zu äußern, die nach seiner Meinung -eine weitere Erklärung überflüssig machte, aber nachdem er sich -überzeugt hatte, daß sie beide in so verschiedenem Grade die Sache -betrachteten, daß niemals Einer den Anderen verstehen würde, opponierte -er nicht mehr, und hörte nur noch zu. - -Ungeachtet dessen, das für ihn jetzt schon gar nicht mehr interessant -war, was Metroff sprach, verspürte er doch ein gewisses Vergnügen, -indem er ihm zuhörte. Seiner Eigenliebe wurde dadurch geschmeichelt, -daß ihm ein so gelehrter Mann so gern, mit so großer Aufmerksamkeit -und solchem Zutrauen zu seiner Kenntnis über den Gegenstand, bisweilen -mit einem einzigen Wink auf eine ganze Seite der Sache deutend, seine -Gedanken aussprach. - -Er schrieb dies seiner Würde zu, ohne zu wissen, daß Metroff in der -Unterhaltung mit allen seinen Bekannten besonders gern von jenem -Gegenstande mit jedem Menschen, der ihm neu bekannt wurde, sprach; daß -er überhaupt gern mit jedermann über eine Sache, die ihn beschäftigte -und ihm selbst noch unklar war, redete. - -»Doch ich werde mich verspätigen,« sagte Katawasoff, nach der Uhr -blickend, nachdem Metroff seine Darlegung soeben beendet hatte. »Ja, es -ist heute Sitzung in der Gesellschaft der Freunde zum Gedächtnis des -fünfzigjährigen Jubiläums Swintitschs,« antwortete er auf Lewins Frage. -»Ich habe mich an Peter Iwanowitsch gemacht, und habe versprochen, über -seine Arbeiten in der Zoologie zu lesen. Kommt mit mir, es ist sehr -interessant.« - -»In der That, es ist Zeit,« sagte Metroff. »Kommt mit uns, und, wenn -Ihr wollt, von da aus, mit zu mir. Ich wünschte sehr, von Eurer Arbeit -weiter zu hören.« - -»Nein; das wird nicht gehen; sie ist noch unvollendet. Aber in die -Sitzung komme ich sehr gern mit.« - -»Wie, Verehrtester, habt Ihr gehört? Er gab eine ganz eigene Meinung -zum besten,« sagte Katawasoff, im Nebenzimmer den Frack anlegend. - -Es begann ein Gespräch über die Universitätsfrage. Die -Universitätsfrage bildete einen sehr wichtigen Gegenstand während -dieses Winters in Moskau. Drei alte Professoren im Senat hatten die -Meinungen jüngerer nicht acceptiert; und diese vertraten nun eine -eigene Ansicht. - -Diese Ansicht war entsetzlich nach dem Urteile der Einen, sie war sehr -einfach und richtig nach dem der Anderen, und die Professoren hatten -sich in zwei Lager gespalten. - -Die Einen, zu denen Katawasoff gehörte, sahen auf der gegnerischen -Seite niedrige Verleumdung und Betrug; die Anderen Kinderei und -Mißachtung der Autorität. - -Lewin hatte, obwohl er dem Universitätsverband nicht angehörte, schon -mehrmals während seines Aufenthalts in Moskau von dieser Angelegenheit -gehört und darüber gesprochen, und sich in dieser Beziehung seine -eigene Meinung gebildet. Er nahm Teil an dem Gespräch, welches noch auf -der Straße fortgesetzt wurde, als alle drei nach dem Gebäude der alten -Universität gingen. - -Die Sitzung hatte schon begonnen. An einem Tische, welcher mit Tuch -gedeckt war und hinter dem sich Katawasoff und Metroff niederließen, -saßen sechs Herren, und einer von ihnen, der sich dicht über eine -Handschrift beugte, las etwas. - -Lewin setzte sich auf einen der leeren Stühle, welche um den Tisch -herum standen, und frug flüsternd einen dort sitzenden Studenten, was -man lese. - -Mit einem mißvergnügten Blick auf Lewin antwortete dieser: - -»Eine Biographie ist es.« - -Obwohl sich nun Lewin für die Biographie eines Gelehrten gerade nicht -interessierte, hörte er doch unwillkürlich zu und erfuhr so manches -Interessante und Neue über das Leben des berühmten Gelehrten. - -Als der Lektor geendet hatte, dankte ihm der Vorsitzende und las die -ihm für das Jubiläum eingesandten Verse des Dichters Ment vor, nebst -einigen Worten des Dankes für diesen. - -Darauf las Katawasoff mit seiner lauten, schreienden Stimme seine -Schrift über die Gelehrtenthätigkeit des Jubilars. - -Nachdem Katawasoff geendet hatte, blickte Lewin auf die Uhr und -gewahrte, daß es schon zwei Uhr sei; er überlegte, daß er bis zum -Konzert Metroff sein Werk nicht werde vorlesen können, und verspürte -dazu auch gar keine Lust. - -Während der Zeit des Lesens hatte er nur an die stattgehabte -Unterredung gedacht, und es war ihm jetzt klar, daß, obwohl vielleicht -auch die Ideen Metroffs ihre Bedeutung hatten, seine Ideen doch -ebenfalls eine solche besaßen, und aufklären und zu Etwas führen -könnten, wofern nur ein jeder für sich auf dem auserwählten Wege -arbeite, während aus einer Veränderung dieser beiden Ideen nichts -hervorgehen könne. - -Nachdem sich Lewin entschlossen hatte, die Einladung Metroffs -abzulehnen, begab er sich beim Schluß der Sitzung zu diesem hin. -Metroff machte Lewin mit dem Präsidenten bekannt, mit welchem er über -politische Neuigkeiten sprach. Hierbei erzählte Metroff dem Präsidenten -das Nämliche, was er Lewin erzählt hatte, während Lewin die gleichen -Bemerkungen machte, die er schon heute Vormittag geäußert hatte; zur -Abwechslung indessen sprach er auch seine eigene Meinung mit aus, die -ihm gerade einfiel. Hierauf begann wiederum das Gespräch über die -Universitätsfrage. Da Lewin indessen alles das schon gehört hatte, -beeilte er sich, Metroff zu sagen, er bedaure, von seiner Einladung -nicht Gebrauch machen zu können, empfahl sich und fuhr zu Lwoff. - - - 4. - -Lwoff, der mit Nataly, der Schwester Kitys verheiratet war, hatte sein -ganzes Leben in den Residenzen und im Auslande zugebracht, wo er auch -erzogen worden war und als Diplomat gedient hatte. - -Im vergangenen Jahre hatte er die diplomatische Carriere aufgegeben, -nicht infolge einer Unannehmlichkeit -- er hatte niemals mit jemand -Unannehmlichkeiten gehabt -- und war in das Hofgericht nach Moskau -übergetreten, um seinen beiden Söhnen eine bessere Erziehung angedeihen -zu lassen. - -Trotz des schärfsten Gegensatzes in den Gewohnheiten und Anschauungen, -sowie darin, daß Lwoff auch älter als Lewin war, waren beide in -diesem Winter in engen Verkehr miteinander getreten und hatten sich -gegenseitig liebgewonnen. - -Lwoff befand sich daheim, und Lewin trat ohne Anmeldung bei ihm ein. -Lwoff war im Hausrock mit Gürtel, und saß in Halbschuhen von sämischem -Leder in einem Lehnstuhl, durch das Pincenez mit blauen Gläsern ein -Buch lesend, welches auf einem Lesepult lag, während er, auf der Hut -vor der abfallenden Asche, mit der schönen Hand eine bis zur Hälfte -aufgerauchte Cigarre hielt. - -Sein schönes, feines und jugendliches Gesicht, welchem die lockigen, -glänzenden silbernen Haare noch mehr den Ausdruck angestammten Adels -verliehen, erglänzte von einem Lächeln, als er Lewin erblickte. - -»Ausgezeichnet! Ich wollte schon zu Euch schicken! Nun, was macht Kity! -Setzt Euch hierher, da ist es behaglicher,« er stand auf und bewegte -einen Rollstuhl herbei. - -»Habt Ihr schon das letzte Cirkular im >Journal de St. Petersbourg< -gelesen? Ich finde es vortrefflich,« sagte er mit etwas französischem -Accent. - -Lewin teilte ihm mit, was er von Katawasoff vernommen hatte, und was -man in Petersburg spräche, und berichtete, nachdem er über die Politik -gesprochen hatte, von seiner Bekanntschaft mit Metroff und seiner -Exkursion in die Sitzung. Lwoff interessierte dies sehr. - -»Ich beneide Euch, daß Ihr Zutritt zu dieser interessanten -Gelehrtenwelt habt,« sagte er, und ging dann, wie gewöhnlich sogleich -zu der ihm bequemeren französischen Sprache über. »Ich habe allerdings -leider auch keine Zeit; denn mein Dienst sowohl, als die Beschäftigung -mit meinen Kindern beraubt mich derselben; dann aber scheue ich mich -nicht, zu bekennen, daß meine Bildung allzu mangelhaft ist.« - -»Das glaube ich nicht,« antwortete Lewin lächelnd, und, wie gewöhnlich, -voll Erbarmen mit dieser niedrigen Meinung von sich selbst, die -durchaus nicht dem Wunsche, bescheiden zu erscheinen oder zu sein, -entsprang, sondern vollständig aufrichtig war. - -»Ach, gewiß doch! Ich fühle es jetzt, wie wenig gebildet ich bin. -Selbst zur Erziehung der Kinder muß ich viel wieder an meinem -Gedächtnis auffrischen, ja geradezu lernen! Denn trotzdem, daß Lehrer -da sind, muß auch ein Aufseher da sein, sowie in Eurer Ökonomie -Arbeiter nötig sind nebst einem Inspektor. Da lese ich eben« -- er -zeigte auf die Grammatik Buslajeffs, welche auf dem Lesepult lag, »das -fordert man von Mischa, und es ist doch so schwierig -- erklärt mir -dies. Hier sagt er« -- - -Lewin wollte ihm erklären, daß man dies nicht verstehen könne, sondern -lernen müsse, doch Lwoff stimmte dem nicht bei. - -»Ihr lacht darüber!« sagte er. - -»Im Gegenteil, Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie ich, im Hinblick -auf Euch, stets studiere, was mir auch bevorsteht, die Erziehung von -Kindern!« - -»Nun, aber das Lernen taugt doch nichts,« sagte Lwoff. - -»Ich kann nur sagen,« antwortete Lewin, »daß ich nie besser erzogene -Kinder gesehen habe, als die Euren, und keine besseren Kinder wünschte, -als die Euren sind.« - -Lwoff hielt augenscheinlich an sich, seine Freude zu zeigen, aber er -erglänzte doch von einem Lächeln. - -»Wenn sie nur besser werden als ich, das ist alles, was ich wünsche. -Ihr kennt noch nicht die ganze Mühe,« begann er, »mit den Knaben, -welche, wie die meinen, in diesem Leben im Auslande verwildert waren.« - -»Ihr holt alles ein. Es sind ja so befähigte Kinder, und was die -Hauptsache ist -- sie haben eine moralische Erziehung. Das ist es, was -ich studiere, wenn ich Eure Kinder anblicke.« - -»Ihr sagt, eine moralische Erziehung. Man kann sich nicht vorstellen, -wie schwer diese ist! Kaum habt Ihr die eine Seite bekämpft, so wachsen -andere hervor und es beginnt ein neuer Kampf. Hätte man nicht die -Stützen in der Religion -- wißt Ihr noch, wir haben zusammen darüber -gesprochen -- so würde kein Vater mit seinen Kräften allein, ohne diese -Hilfe, erziehen können.« - -Dieses Lewin stets interessierende Gespräch wurde durch den Eintritt -der zur Ausfahrt angekleideten, schönen Nataly Aleksandrowna, -unterbrochen. - -»Ah, ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr hier seid,« sagte sie, -augenscheinlich nicht mit Bedauern, sondern vielmehr erfreut, daß sie -dieses, ihr schon längst bekannte, langweilige Gespräch unterbrochen -hatte. »Was macht Kity? Ich esse heute bei Euch. Weißt du Arseny,« -wandte sie sich an ihren Gatten, »du nimmst den Wagen.« - -Unter den beiden Gatten begann nun ein Gespräch, wie sie den Tag -verleben wollten. Da der Gatte mit jemand im Amte zusammenkommen, -die Gattin aber in das Konzert und in die öffentliche Sitzung des -südöstlichen Komitees fahren mußte, so war viel zu beschließen und zu -überlegen. - -Lewin, als unabhängiger Mann, mußte Teil an diesen Plänen nehmen, -und es ward beschlossen, daß er mit Nataly in das Konzert und in die -öffentliche Sitzung fuhr, von da aus den Wagen nach dem Comptoir zu -Arseniy sende und dieser Nataly abholen und mit zu Kity nehmen solle -- -oder, wenn er mit seinen Geschäften noch nicht fertig wäre, den Wagen -zurückschicke und Lewin mit ihr fahre. - -»Er beschämt mich ganz,« sagte Lwoff zu seiner Frau, »er versichert -mir, daß unsere Kinder vorzüglich sind, während ich doch weiß, daß sie -soviel Fehler haben.« - -»Arseniy geht bis ins Extrem, ich sage es immer,« bemerkte seine -Gattin. »Wenn man Vollkommenheiten suchen will, so wird man nie -zufrieden werden, und Papa sagt die Wahrheit damit, daß es, als man -uns noch erzog, nur ein einziges Mittel gab -- man steckte uns ins -Entresol; während die Eltern in der Bel-Etage wohnten; jetzt hingegen -möchten die Eltern in die Rumpelkammer und die Kinder in die Bel-Etage! -Die Eltern möchten jetzt schon gar nicht mehr selbst leben, sondern nur -noch für ihre Kinder.« - -»Aber wie, wenn dies das Angenehmere wäre?« sagte Lwoff, mit seinem -schönen Lächeln, ihren Arm berührend. »Wer dich nicht kennt, wird -glauben, du seist keine Mutter, sondern eine Stiefmutter.« - -»Nein; das Extrem ist nie gut,« sagte Nataly ruhig, sein Papiermesser -auf den Tisch an den dafür bestimmten Platz legend. - -»Nun kommt einmal her, ihr Musterkinder,« sagte Lwoff zu seinen -eintretenden hübschen Knaben, welche, Lewin begrüßend, zu ihrem Vater -traten, offenbar in dem Wunsche, ihn nach etwas zu fragen. - -Lewin wollte mit ihnen reden und hören, was sie dem Vater zu sagen -hätten, aber Nataly begann mit ihm zu sprechen und soeben trat auch -ein Kollege Lwoffs im Amte, Machotin, in Hofuniform ein, um mit Lwoff -zusammen jemand zu treffen; es begann ein eifriges Gespräch über die -Herzogowina, die Fürstin Korzynska, die Duma und den plötzlichen Tod -der Apraksina. - -Lewin hatte den ihm gegebenen Auftrag ganz vergessen. Er erinnerte sich -desselben erst beim Verlassen des Vorzimmers. - -»Ach, Kity hat mir ja anvertraut, ich möchte Etwas mit Euch betreffs -Oblonskiys besprechen,« sagte er, als Lwoff auf der Treppe stehen -blieb, indem er sein Weib und ihn hinausbegleitete. - -»Ja, ja, =maman= wünscht, daß wir, =les beaux-frères=, ihn vornehmen,« -sagte er errötend, »aber weshalb wohl ich dabei sein soll?« -- - -»So werde ich ihn vornehmen,« sagte die Lwowa lächelnd, das Ende des -Gesprächs abwartend; »doch jetzt kommt!« - - - 5. - -In der Matinee führte man zwei sehr interessante Novitäten vor. Die -eine war eine Phantasie »König Lear in der Steppe«, die andere ein -Quartett, dem Andenken Bachs gewidmet. Beide Stücke waren neu und von -originellem Geiste und Lewin wünschte sich eine Meinung über sie zu -bilden. Nachdem er seine Schwägerin nach deren Stuhl begleitet hatte, -trat er an eine Säule und nahm sich vor, so aufmerksam und gewissenhaft -als möglich zuzuhören. Er bemühte sich, nicht abzuschweifen und den -Eindruck in sich zu beinträchtigen, indem er auf die Armbewegungen -des Kapellmeisters in der weißen Halsbinde blickte, die stets die -musikalische Aufmerksamkeit so unangenehm ablenkten, oder auf die -Damen in ihren Hüten, welche sich geflissentlich für das Konzert die -Ohren mit Bändern zugebunden hatten, oder auf alle jene Personen, -die entweder mit nichts beschäftigt, oder von den verschiedensten -Interessen, nur nicht dem für Musik, eingenommen waren. - -Er bemühte sich, den Begegnungen mit Musikkennern und Schwätzern aus -dem Wege zu gehen, und stand nur vor sich niederblickend und lauschte. -Doch je mehr er von der Phantasie König Lear hörte, um so ferner fühlte -er sich der Möglichkeit gerückt, sich selbst eine bestimmte Meinung zu -bilden. - -Unaufhörlich begann es, als bereite sich der Ausdruck einer -musikalischen Empfindung vor, sogleich aber fiel derselbe in Trümmer -von neuen Ansätzen zu musikalischen Phrasen auseinander, bisweilen -sogar einfach in durch nichts als die Laune des Komponisten verbundene, -aber außerordentlich komplizierte Klänge. - -Aber gerade die Unterbrechungen dieser musikalischen Phrasen, die -bisweilen gut waren, zeigten sich als unangenehm, weil sie vollständig -unerwartet und durch nichts vorbereitet erschienen. Frohsinn und -Trauer, Verzweiflung und Zartheit oder Triumph erschienen ohne jede -innere Berechtigung, gleichsam wie die Gefühle eines Wahnsinnigen; und -ebenso wie bei einem Wahnsinnigen, vergingen sie auch wieder unerwartet. - -Lewin hatte während der ganzen Zeit der Aufführung das Gefühl -eines Tauben, welcher auf Tanzende schaut. Er war in vollständiger -Ungewißheit, nachdem das Stück geendet hatte, und fühlte große Ermüdung -von der gespannten, durch nichts gelohnten Aufmerksamkeit. Von allen -Seiten wurde lautes Händeklatschen vernehmbar. Alles erhob sich und -begann herumzulaufen um sich zu unterhalten. - -Im Wunsche, nach dem Eindruck anderer seinen Zweifel aufzuklären, -begann auch Lewin zu gehen, um Kenner zu suchen, und war erfreut, -als er einen namhaften Musikkenner im Gespräch mit dem ihm bekannten -Peszoff erblickte. - -»Wunderbar!« sagte der tiefe Baß Peszoffs. - -»Guten Tag, Konstantin Dmitritsch. Ganz besonders formgerecht und -monumental, sozusagen; und wie reich an Farben ist jene Stelle, in -welcher man die Annäherung Cordelias fühlt, wo die Frau, >das ewig -Weibliche< wie der Deutsche sagt, in den Kampf mit dem Schicksal tritt. -Nicht wahr?« - -»Nun, inwiefern war denn da gerade Cordelia?« frug Lewin schüchtern; er -hatte vollständig vergessen, daß die Phantasie König Lear in der Steppe -ausdrücken solle. - -»Es zeigt sich Cordelia -- hier!« sagte Peszoff, mit den Fingern auf -den atlasglänzenden Zettel schlagend, den er in der Hand hielt und -Lewin nun hinreichte. - -Jetzt erst erinnerte sich Lewin des Titels der Phantasie und beeilte -sich nun, die Verse Shakespeares in der russischen Übersetzung zu -lesen, welche auf der Rückseite des Programms gedruckt standen. - -»Ohne dies kann man freilich nicht folgen,« sagte Peszoff, sich zu -Lewin wendend, da der Herr mit welchem er sich unterhalten hatte, -gegangen war, und er mit niemand mehr zu sprechen hatte. - -Im Zwischenakt entspann sich zwischen Lewin und Peszoff ein Streit über -die Vorzüge und Mängel der Wagnerschen Musikrichtung. Lewin wies nach, -daß der Irrtum Wagners und aller seiner Nachfolger darin bestehe, daß -hier die Musik in das Gebiet einer fremdartigen Kunst übergehen wolle, -daß auch die Poesie irre, wenn sie die Züge eines Gesichts beschreibe, -was die Malerei zu thun hätte, und führte als Beispiel eines solchen -Irrtums jenen Bildhauer an, welcher die Schatten der poetischen -Gestalten, die rings um die Figur des Dichters auf dem Piedestal -aufragten, in Marmor zu bilden gedachte. - -»Diese Schatten werden ebensowenig Schatten für den Bildhauer sein, daß -sie sich sogar an der Leiter anhalten können,« sagte Lewin. Der Satz -gefiel ihm, doch er konnte sich nicht entsinnen, ob er ihn nicht schon -früher einmal ausgesprochen hatte, gerade gegen Peszoff, und geriet -daher, nachdem er ihn geäußert, in Verlegenheit. - -Peszoff hingegen wies nach, daß die Kunst einheitlich sei und ihre -höchsten Offenbarungen nur in der Vereinigung aller ihrer Arten -erreichen könne. - -Die zweite Nummer des Konzerts konnte Lewin nicht mehr hören. Peszoff, -der neben ihm stehen geblieben war, hatte fast die ganze Zeit mit -ihm gesprochen, indem er dieses Stück wegen seiner übermäßigen -geschmackswidrigen, unvermittelten Einfachheit den Praeraphaeliten in -der Malerei verglich. - -Beim Hinausgehen begegnete Lewin noch vielen Bekannten, mit welchen er -über Politik, über Musik und gemeinsame Bekannte sprach, unter anderen -traf er auch den Grafen Bolj, dessen Besuch er gänzlich vergessen hatte. - -»Nun, so fahrt nur gleich hin,« sagte die Lwowa zu ihm, der er dies -mitgeteilt hatte, »vielleicht empfängt man Euch nicht und Ihr kommt -dann zu mir in die Sitzung. Ihr werdet mich da schon noch treffen.« - - - 6. - -»Man empfängt wohl nicht?« sagte Lewin, in den Flur des Hauses der -Gräfin Bolj tretend. - -»Man empfängt, bitte,« antwortete der Portier, ihm resolut den Pelz -abnehmend. - -»Ist das unangenehm,« dachte Lewin, mit einem Seufzer den einen -Handschuh abstreifend und seinen Hut glättend. »Weshalb komme ich denn -eigentlich? Was soll ich denn mit ihnen reden?« - -Durch den ersten Salon schreitend, traf Lewin in der Thür die Gräfin -Bolj, welche mit geschäftigem und ernstem Ausdruck dem Diener einen -Befehl erteilte. - -Als sie Lewin erblickte, lächelte sie und nötigte ihn in den folgenden, -kleinen Salon, aus welchem Stimmen vernehmbar waren. In diesem Salon -saßen auf Lehnstühlen die beiden Töchter der Gräfin und ein, Lewin -bekannter, Moskauer Oberst. Lewin näherte sich ihnen, grüßte, und ließ -sich neben dem Diwan nieder, den Hut auf dem Knie haltend. - -»Wie ist das Befinden Eurer Frau? Waret Ihr im Konzert? Wir konnten -nicht! Mama mußte bei einer Totenmesse gegenwärtig sein.« - -»Ja, ich habe gehört -- welch ein plötzlicher Todesfall,« sagte Lewin. - -Die Gräfin kam, setzte sich auf den Diwan und frug gleichfalls nach -seiner Frau und dem Konzert. - -Lewin antwortete und wiederholte die Frage nach dem plötzlichen Tode -der Apraksina. - -»Sie war überhaupt stets von schwacher Gesundheit.« - -»Waret Ihr gestern in der Oper?« - -»Ja, ich war da.« - -»Die Lucca war sehr gut.« - -»Ja, sehr gut,« sagte er und begann, da es ihm ganz gleichgültig war, -was man von ihm denken mochte, zu wiederholen, was er hundertmal schon -über die Eigentümlichkeit des Talentes der Sängerin gehört hatte. -Die Gräfin Bolj stellte sich, als höre sie zu. Als er dann genug -geredet hatte, und nun schwieg, begann der Oberst, welcher bis jetzt -geschwiegen hatte. - -Der Oberst fing gleichfalls an, über die Oper und die Beleuchtung -zu sprechen und als er endlich noch von einem vorgeschlagenen -=folle journée= bei Tjurin berichtet hatte, brach er in Gelächter -aus, verursachte ein Geräusch, erhob sich und ging. Auch Lewin war -aufgestanden, bemerkte aber an dem Gesicht der Gräfin, daß für ihn -die Zeit des Gehens noch nicht da sei; noch zwei Minuten fehlten, -und so setzte er sich denn wieder. Da er indessen noch immer darüber -nachdachte, wie thöricht das alles sei, so fand er auch keinen Stoff zu -einem Gespräch und blieb stumm. - -»Fahrt Ihr nicht in die öffentliche Sitzung? Man sagt, sie sei sehr -interessant,« begann die Gräfin. - -»Nein, ich habe nur meiner =belle soeur= versprochen, sie dort -abzuholen,« sagte Lewin. - -Ein Schweigen trat ein. Die Mutter wechselte nochmals einen Blick mit -der Tochter. - -»Jetzt scheint es Zeit zu sein,« dachte Lewin und stand auf. Die -Damen drückten ihm die Hand und baten, seiner Gattin =mille choses= -ausrichten zu wollen. - -Der Portier frug ihn, als er ihm den Pelz reichte, »wo beliebt Ihr zu -stehen?« und trug ihn sogleich in ein großes, hübsch gebundenes Buch -ein. - -»Mir ist das natürlich doch ganz gleichgültig, aber dennoch bleibt das -lästig und entsetzlich thöricht,« dachte Lewin, sich damit tröstend, -daß alle es ja so machten, und fuhr nach der öffentlichen Sitzung des -Komitees, wo er seine Schwägerin treffen sollte, um mit derselben -zusammen nach Haus zu fahren. - -In der öffentlichen Sitzung des Komitees war viel Volk und fast die -gesamte Gesellschaft zugegen. Lewin trat gerade ein, als das Protokoll -verlesen wurde, welches wie jedermann sagte, sehr interessant war. Als -die Lektüre des Protokolls beendet war, mischte sich die Gesellschaft -untereinander und Lewin traf auch Swijashskiy, der ihn für den Abend -dringend in die Gesellschaft für Landwirtschaft einlud, wo ein -berühmter Vortrag gelesen werden würde, ferner Stefan Arkadjewitsch, -der soeben von den Rennen gekommen war, und noch viele andere -Bekannte, und Lewin äußerte und vernahm verschiedene Urteile über -die Sitzung, über das neue Musikstück und einen Prozeß. Doch mochte -er, wohl infolge der Ermüdung seiner geistigen Spannkraft, die er zu -empfinden begann, irren, indem er von dem Prozeß sprach, und dieser -Irrtum kam ihm in der Folge mehrmals noch zu seinem Verdruß wieder -in die Erinnerung. Indem er von der bevorstehenden Bestrafung eines -Ausländers sprach, der in Rußland abgeurteilt wurde, sowie davon, daß -es ungesetzmäßig wäre, ihn mit Verbannung ins Ausland zu bestrafen, -wiederholte Lewin, was er gestern in einem Gespräch von einem Bekannten -vernommen hatte. »Ich denke, daß seine Ausweisung ebensoviel wert wäre, -als wenn man einen Hecht damit bestrafen wollte, daß man ihn ins Wasser -setzt,« meinte Lewin. Erst später dachte er wieder daran, daß dieser -scheinbar von ihm geäußerte Gedanke, den er von einem Bekannten gehört -hatte, aus einer Fabel Kryloffs stammte, der Bekannte aber diesen -Gedanken aus dem Feuilleton eines Journals wiederholt hatte. - -Nachdem Lewin mit seiner Schwägerin nach Haus gefahren war und Kity -heiter und wohl gefunden hatte, fuhr er nach dem Klub. - - - 7. - -Er kam erst zu vorgerückter Zeit in den Klub. Gleichzeitig mit ihm -kamen Gäste und Mitglieder vorgefahren. Er war sehr lange nicht hier -gewesen; seit der Zeit nicht, als er noch nach dem Verlassen der -Universität in Moskau gewohnt und die Gesellschaft besucht hatte. Er -entsann sich wohl noch des Klubs, und der äußeren Einzelheiten seiner -Einrichtung, hatte aber den Eindruck gänzlich vergessen, den er in -früherer Zeit davon erhalten hatte. - -Kaum jedoch hatte er, nachdem er auf den geräumigen halbrunden Hof -gefahren und aus dem Mietgeschirr gestiegen war, die Treppe betreten, -während ihm der Portier in seinem Brustgurt geräuschlos die Thür -öffnete und sich verbeugte; kaum hatte er in der Portierloge die -Kaloschen und Pelze von Mitgliedern wieder erblickt, welche erwogen -hatten, daß es weniger Mühe verursachte, die Kaloschen gleich unten -abzulegen, als sie mit nach oben zu nehmen; kaum hatte er den -geheimnisvollen, ihm vorauseilenden Glockenton vernommen, und die -schräge, mit Teppichen belegte Treppe betretend, auf dem Treppenabsatz -die Statue erblickt, und in den oberen Thüren den dritten, -altgewordenen, ihm wohlbekannten Portier in der Klublivree, der weder -zu schnell noch zu langsam die Thür öffnete und den Gast anblickte -- -da überkam Lewin wieder das alte Klubgefühl, ein Gefühl von Erholung, -Vergnügen und Noblesse. - -»Bitte, den Hut,« sagte der Portier zu Lewin, welcher die Klubregel, -den Hut in der Portierloge zu lassen, vergessen hatte. »Ihr seid lange -nicht hier gewesen. Der Fürst hat Euch noch gestern eingeschrieben. -Fürst Stefan Arkadjewitsch ist noch nicht anwesend.« - -Der Portier kannte nicht nur Lewin, sondern auch dessen sämtliche -Verbindungen und Verwandtschaft und that sofort der ihm nahestehenden -Männer Erwähnung. - -Den ersten Vorsaal mit den Ofenschirmen, und dann ein rechts -abgetrenntes Zimmer, in welchem der Obstverkäufer saß, durchschreitend, -überholte Lewin einen langsam gehenden Herrn und trat in das vom Lärm -versammelter Menschen erfüllte Speisezimmer. - -Er schritt längs der fast schon besetzten Tische hin, die Gäste -musternd. Hier und da fielen ihm die verschiedensten Personen, alte -und junge, aber kaum bekannte oder nahestehende ins Auge. Hier gab -es kein einziges gereiztes oder sorgenvolles Gesicht. Alle, wie -es schien, hatten in der Portierloge mit ihren Hüten auch ihre -Bedrängnisse und Sorgen zurückgelassen und sich vorgenommen, mit Muße -die materiellen Annehmlichkeiten des Lebens hier zu genießen. Hier war -auch Swijashskiy, Schtscherbazkiy, Njewjedowskiy, der alte Fürst, sowie -Wronskiy und Sergey Iwanowitsch. - -»Ah, hast du dich verspätet?« sagte der Fürst lächelnd, ihm mit der -Hand auf die Schulter schlagend. »Was macht Kity?« fügte er hinzu, -die Serviette ordnend, die er sich zwischen einem Knopf der Weste -eingeklemmt hatte. - -»Befindet sich ganz wohl; die Damen speisen zu Dreien zu Haus.« - -»Aha, Alina -- Nadina; nun, bei uns hier ist freilich kein Platz mehr. -Aber geh zu jenem Tisch und nimm möglichst schnell einen Platz ein,« -sagte der Fürst und ergriff, sich umwendend, behutsam einen Teller mit -Quappensuppe. - -»Lewin, hierher!« rief etwas weiterhin eine freundliche Stimme. Es war -Turowzyn. Er saß bei einem jungen Offizier und zwischen ihnen standen -zwei umgewendete Stühle. Lewin schritt erfreut auf sie zu. Er hatte den -gutmütigen Zecher Turowzyn stets lieb gehabt; mit ihm vereinigte sich -seine Erinnerung an die Liebeserklärung gegen Kity; heute aber, nach -all den angestrengten geistigen Unterhaltungen war ihm die gutmütige -Erscheinung Turowzyns besonders willkommen. - -»Diese Stühle sind für Euch und Oblonskiy. Er wird auch sogleich da -sein!« - -Der Offizier, welcher sich sehr gerade hielt, mit heiteren, ewig -lachenden Augen war ein Petersburger, namens Gagin. Turowzyn machte -beide miteinander bekannt. - -»Oblonskiy kommt doch ewig zu spät.« - -»Da ist er ja!« - -»Bist du soeben gekommen?« sagte Oblonskiy, schnell zu ihnen -herkommend. »Geht es gut? Hast du schon einen Liqueur genommen? Komm!« - -Lewin erhob sich und ging mit ihm nach dem großen Tisch, der mit -Liqueuren und den mannigfaltigsten Leckerbissen besetzt war. Man -konnte wohl aus zwanzig verschiedenen Dingen auswählen, was nach dem -Geschmack war, aber Stefan Arkadjewitsch forderte einen ganz besonderen -Liqueur, und einer der dastehenden Diener in Livree brachte sofort das -Gewünschte. Sie tranken jeder ein Glas und kehrten dann zum Tische -zurück. - -Sogleich, noch bei der Suppe, brachte man Gagin Champagner und dieser -ließ vier Gläser füllen. Lewin wies den angebotenen Wein nicht zurück -und bestellte eine zweite Flasche. Er war hungrig, speiste und trank -mit großem Appetit und nahm mit noch größerem Vergnügen an den heiteren -und leichten Gesprächen seiner Gesellschafter teil. Gagin, der die -Stimme hatte sinken lassen, erzählte eine neue Petersburger Anekdote, -die, obwohl indecent und ungereimt, doch lustig genug war, sodaß Lewin -so laut lachte, daß die Nachbarn ihn anblickten. - -»Das ist etwas von der Art, wie >dies gerade kann ich gar nicht -vertragen!< -- Weißt du?« -- frug Stefan Arkadjewitsch. »Ach, das ist -reizend! Noch eine Flasche,« sagte er zu dem Diener, und begann zu -erzählen. - -»Peter Iljitsch Winowskiy lassen bitten,« unterbrach ein alter Diener -Stefan Arkadjewitsch, zwei feine Gläser perlenden Champagners bringend -und sich an Stefan Arkadjewitsch und Lewin wendend. - -Stefan Arkadjewitsch ergriff das Glas und nickte lächelnd nach der -anderen Seite des Tisches, mit einem kahlköpfigen, rothaarigen und -bärtigen Herrn einen Blick tauschend, mit dem Kopfe. - -»Wer ist dies?« frug Lewin. - -»Du bist ihm schon einmal bei mir begegnet, besinnst du dich? Er ist -ein vortrefflicher Mensch.« - -Lewin that, was Stefan Arkadjewitsch that und nahm das Glas. - -Die Anekdote Stefan Arkadjewitschs war gleichfalls sehr ergötzlich. -Lewin erzählte nun seine Anekdote, welche auch gefiel, dann kam das -Gespräch auf Pferde, auf die Rennen des heutigen Tages und darauf, wie -schlau der Atlasny Wronskiys den ersten Preis gewonnen habe. Lewin -bemerkte gar nicht, wie die Zeit beim Essen verging. - -»Ah, da ist er ja selbst!« sagte gegen das Ende des Essens Stefan -Arkadjewitsch, sich über die Lehne des Stuhles beugend und dem in -Begleitung eines hohen Gardeobersten auf ihn zukommenden Wronskiy, die -Hand entgegenstreckend. In dem Gesicht Wronskiys leuchtete gleichfalls -die allgemeine heitere Klubgemütlichkeit. Frohgelaunt stützte er sich -auf die Schulter Stefan Arkadjewitschs, indem er demselben etwas -zuflüsterte, und streckte Lewin mit dem nämlichen heiteren Lächeln die -Hand entgegen. - -»Sehr erfreut, Euch hier zu treffen,« sagte er. »Ich hatte Euch -damals nach den Wahlen gesucht, man sagte mir aber, Ihr wäret schon -weggefahren.« - -»Ja; ich bin noch denselben Tag fortgefahren; wir hatten übrigens -soeben von Eurem Pferde gesprochen. Ich gratuliere Euch,« sagte Lewin, -»das war ein sehr schneller Ritt!« - -»Ihr habt doch wohl auch Pferde?« - -»Nein; mein Vater hatte welche; doch ich besinne mich noch und kenne -das.« - -»Wo hast du gespeist?« frug Stefan Arkadjewitsch. - -»Wir sitzen am zweiten Tisch; hinter den Säulen.« - -»Man hat ihm gratuliert,« sagte der hochgewachsene Oberst. - -»Es war der zweite Kaiserpreis; wenn ich doch solches Glück in den -Karten hätte, wie er mit den Pferden.« - -»Aber, wozu die goldene Zeit verlieren! Ich gehe in das Infernalische,« -sagte der Oberst und verließ den Tisch. - -»Das war Jaschwin,« sagte Wronskiy zu Turowzyn und setzte sich auf den -neben ihnen freigewordenen Platz. Nachdem er den ihm vorgesetzten Pokal -geleert hatte, bestellte er eine Bouteille. Mochte nun der Einfluß der -Klublaune oder der des genossenen Weines schuld sein, genug, Lewin -unterhielt sich mit Wronskiy über die beste Viehrasse, und es war ihm -sehr lieb, daß er keine Feindseligkeit mehr gegen diesen Mann empfand. -Er sagte demselben sogar unter anderem, er habe von seiner Frau gehört, -sie sei ihm bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet. - -»Ach, die Fürstin Marja Borisowna; die ist reizend!« sagte Stefan -Arkadjewitsch, und erzählte nun eine Anekdote von ihr, welche alle zu -lachen machte. Besonders Wronskiy lachte so herzlich, daß Lewin sich -vollständig mit ihm ausgesöhnt fühlte. - -»Nun, seid Ihr fertig?« frug Stefan Arkadjewitsch aufstehend, und -lächelte. »Gehen wir!« - - - 8. - -Vom Tische aufstehend, ging Lewin, in dem Gefühl, daß ihm beim Gehen -die Hände eigentümlich sicher und leicht in der Bewegung waren, mit -Gagin durch die hohen Zimmer nach dem Billardsaal. Als er durch den -großen Saal schritt, traf er seinen Schwiegervater. - -»Nun, was sagst du? Wie gefällt dir unser Tempel der Muße?« sagte der -Fürst, ihn am Arme nehmend. »Komm, gehen wir weiter!« - -»Auch ich wollte gehen und ein wenig zuschauen. Es ist interessant.« - -»Ja, für dich. Doch für mich ist das Interesse schon ein anderes, als -für dich. Du schaust freilich auf diesen Alten da,« sprach er, auf ein -gebücktes Mitglied des Klubs mit herabhängender Lippe zeigend, welches, -nur mit Mühe die Füße in den weiten Stiefeln weiterschiebend, ihnen -entgegenkam, »und denkst dabei, daß sie schon als solche alte Ruinen -geboren worden sind.« - -»Was ist das, Ruinen?« - -»Du kennst diese Benennung wohl noch nicht. Es ist das unser -Klubausdruck. Weißt du: wenn Einer Jahr aus Jahr ein in den Klub kommt, -so wird endlich eine Ruine aus ihm. Ja, du lachst darüber, aber unser -einer muß schon aufpassen, wenn er selbst unter die Ruinen kommt. Du -kennst doch den Fürsten Tschetschenskiy?« frug der Fürst und Lewin sah -an seinem Gesicht, daß er im Begriff sei, etwas Witziges zu sagen. - -»Nein, ich kenne ihn nicht.« - -»Nun, gewiß doch; der Fürst Tschetschenskiy ist ja bekannt. Doch -gleichviel! -- Der spielt also ewig Billard. Vor drei Jahren war er -noch nicht unter den Ruinen und noch rüstig. Ja, er selbst nannte -andere Ruinen. Doch da kommt er einstmals an, und unser Portier, du -kennst ihn doch, den Wasiliy? Nun, der Dicke! Der ist groß in Bonmots! -Den frägt der Fürst Tschetschenskiy, >he, Wasiliy, wer ist denn alles -gekommen? Sind Ruinen mit dabei?< Wasiliy antwortet ihm: >Ihr seid die -dritte darunter.< -- Ja, Bruder; so ist es.« -- - -Unter Gespräch und Begrüßungen mit begegnenden Bekannten ging Lewin -mit dem Fürsten durch alle Zimmer; durch das große, in welchem bereits -die Tische standen und die an nicht hohes Spiel gewöhnten Partner -spielten, dann in das Diwanzimmer, wo man Schach spielte, und wo -Sergey Iwanowitsch im Gespräch mit jemand saß -- hierauf durch das -Billardzimmer, wo in einer Zimmernische bei dem Diwan eine lustige -Champagnergesellschaft, an welcher Gagin teilnahm, sich etabliert -hatte. Sie warfen auch einen Blick in das »infernalische Zimmer«, wo -sich um einen Tisch, hinter welchem Jaschwin bereits Platz genommen -hatte, viele Setzende drängten. - -Sich bemühend, Geräusch zu vermeiden, begaben sie sich auch nach dem -dämmrigen Lesezimmer, wo unter den Lampen einsam ein junger Mann mit -galligem Gesicht saß, der ein Journal nach dem andern ergriff, und ein -kahlköpfiger General, der in seine Lektüre vertieft war. Sie gingen -auch nach dem Zimmer, welches der Fürst »das verständige« nannte. In -diesem Raume sprachen drei Herren eifrig über die letzte politische -Neuigkeit. - -»Fürst, wenn es gefällig ist; alles bereit,« sagte einer seiner -Partner, ihn hier findend, und der Fürst ging. Lewin blieb sitzen, -hörte zu, aber plötzlich wurde es ihm, indem er sich des heutigen -Morgens erinnerte, entsetzlich langweilig zu Mute. Er erhob sich hastig -und ging, um Oblonskiy und Turowzyn zu suchen, in deren Gesellschaft es -heiter zuging. - -Turowzyn saß mit einem Kruge auf einem hohen Diwan im Billardzimmer, -und Stefan Arkadjewitsch und Wronskiy unterhielten sich an der Thür in -einer entfernten Ecke des Zimmers. - -»Nicht, daß sie sich langweilte, aber diese Unbestimmtheit, die -Unentschiedenheit in ihrer Lage,« hörte Lewin und wollte sich eiligst -zurückziehen, doch Stefan Arkadjewitsch rief ihn herbei. - -»Lewin!« sagte Stefan Arkadjewitsch, und Lewin bemerkte in seinen Augen -zwar nicht Thränen, wohl aber eine gewisse Feuchtigkeit, wie dies stets -der Fall bei ihm war, wenn er entweder getrunken hatte, oder in Gefühl -zerfloß. Jetzt war bei ihm beides der Fall. - -»Lewin geh' nicht fort,« sprach er und drückte seinen Arm fest mit -seiner Hand, augenscheinlich mit dem Wunsche, ihn um keinen Preis von -sich zu lassen. - -»Dies ist mein aufrichtigster, vielleicht mein bester Freund,« sagte er -zu Wronskiy, »du bist mir gleichfalls mehr vertraut und teuer, und ich -will und weiß, daß ihr Freunde und Vertraute werden müßt, da ihr beide -gute Menschen seid.« - -»Nun, dann bleibt uns nur übrig, den Bruderkuß zu tauschen,« sagte -Wronskiy, gutmütig scherzend und Lewin die Hand reichend. - -Dieser nahm schnell die dargebotene Hand und drückte sie fest. - -»Es freut mich sehr, sehr,« sagte Lewin, seine Hand drückend. - -»Kellner, eine Flasche Champagner,« befahl Stefan Arkadjewitsch. - -»Auch ich freue mich herzlich,« äußerte Wronskiy. - -Trotz des Wunsches Stefan Arkadjewitschs, und ihrer beiderseitigen -Absicht, wußten sie doch nichts weiteres zu sagen, und beide fühlten -dies. - -»Du weißt, daß er mit Anna nicht bekannt ist?« sagte Stefan -Arkadjewitsch zu Wronskiy, »ich will ihn aber unbedingt mit ihr in -Verbindung bringen. Komm Lewin!« - -»Solltet Ihr!« sagte Wronskiy, »sie wird sich sehr freuen! Ich würde -sogleich nach Haus fahren,« fügte er hinzu, »doch Jaschwin beunruhigt -mich und ich will hier bleiben, bis er aufhört.« - -»Nun, steht es schlecht mit ihm?« - -»Er verliert fortwährend, und ich allein nur kann ihn abhalten.« - -»Wie wäre es mit einer Pyramide? Lewin spielst du? Schön!« sagte Stefan -Arkadjewitsch, »stelle eine Pyramide,« wandte er sich zu dem Marqueur. - -»Schon längst fertig,« erwiderte dieser, der bereits die Bälle in das -Dreieck gesetzt hatte und zum Zeitvertreib den roten roulieren ließ. - -»Stoßt!« - -Nach der Partie ließen sich Wronskiy und Lewin an dem Tische Gagins -nieder, und Lewin begann, dem Vorschlage Stefan Arkadjewitschs folgend, -auf die Asse zu setzen. Wronskiy saß bald am Tische, fortwährend -umgeben von zu ihm kommenden Bekannten, bald begab er sich in das -»Infernalische«, um nach Jaschwin zu sehen. Lewin verspürte eine -angenehme Erholung von der geistigen Abgespanntheit am Vormittag. Ihn -erfreute die Beilegung der Feindschaft mit Wronskiy, und ein Gefühl von -Beruhigung, Standeswürde und Frohsinn verließ ihn nicht mehr. - -Als die Partie zu Ende war, nahm Stefan Arkadjewitsch Lewin unter dem -Arm. - -»Gehen wir also zu Anna! Sogleich? Ja? Sie ist zu Haus. Ich habe ihr -schon seit Langem versprochen, dich einmal mit zu ihr zu bringen. Wohin -willst du für den Abend gehen?« - -»Ich habe nichts Besonderes vor. Swijashskiy hatte ich versprochen, in -die Gesellschaft für Landwirtschaft zu kommen. Fahren wir hin, wenn du -willst,« sagte Lewin. - -»Ausgezeichnet! Fahren wir! Frage doch, ob mein Wagen gekommen ist!« -wandte sich Stefan Arkadjewitsch an einen Lakaien. - -Lewin trat zum Tische, bezahlte vierzig Rubel, die von ihm auf die -Asse verspielt worden waren, sowie mit einer gewissen geheimnisvollen -Manier die Ausgaben für den Klub, die dem alten Lakaien, welcher an -der Schwelle stand, bekannt waren, und schritt dann mit eigentümlichen -Armbewegungen durch sämtliche Säle dem Ausgang zu. - - - 9. - -»Oblonskiys Wagen!« rief mit starkem Baß der Portier. - -Der Wagen fuhr vor und beide nahmen Platz. Nur während der ersten -Zeit, so lange der Wagen aus dem Thor des Klubhauses fuhr, hatte -Lewin noch das Gefühl der Klubbehaglichkeit, zufriedener Stimmung und -der unzweifelhaften Noblesse der Umgebung, kaum aber war der Wagen -auf die Straße hinausgefahren, kaum fühlte er das Rollen des Wagens -auf der unebenen Straße, hatte er den heftigen Ruf eines begegnenden -Mietkutschers vernommen, und bei der mangelhaften Beleuchtung das rote -Schild einer Schenke und eines Kaufladens wieder erblickt, da war -dieser Eindruck vernichtet, und er begann abermals seine Handlungsweise -zu überlegen und sich zu fragen, ob er gut daran thue, zu Anna zu -fahren. Was würde Kity sagen? - -Stefan Arkadjewitsch ließ ihn indessen nicht zum Nachdenken kommen, -und, als ob er seine Zweifel erriete, zerstreute er sie. - -»Wie freue ich mich,« sprach er, »daß du sie kennen lernen wirst. Du -weißt, Dolly hat dies längst gewünscht. Auch Lwoff war bei ihr und -kommt noch zu ihr. Obwohl sie meine Schwester ist,« fuhr er fort, »kann -ich doch rückhaltslos sagen, daß sie ein merkwürdiges Weib ist. Du -wirst ja sehen. Ihre Lage ist sehr schwierig, besonders jetzt.« - -»Weshalb denn besonders jetzt?« - -»Wir pflegen Verhandlungen mit ihrem Manne über die Ehescheidung. Er -ist damit einverstanden, aber es giebt Schwierigkeiten bezüglich ihres -Sohnes, und die Sache, welche schon längst erledigt sein müßte, zieht -sich nun schon drei Monate hin. Sobald die Scheidung stattgefunden -haben wird, heiratet sie Wronskiy. Wie thöricht ist doch jene alte -Gewohnheit des sich Drehens und Wendens, der niemand mehr glaubt, und -welche dem Glück der Leute im Wege steht!« sagte Stefan Arkadjewitsch. -»Nun, dann aber wird ihr Glück ein gesichertes sein, so wie das meine, -das deine.« - -»Worin beruht aber die Schwierigkeit?« frug Lewin. - -»Ach, das ist eine lange und langweilige Geschichte! Alles daran ist -so unbestimmt. Doch die Sache ist die, sie trägt die Schuld. Indem -sie diese Scheidung in Moskau erwartet, wohnt sie schon drei Monate -hier, wo jedermann ihn und sie kennt. Sie fährt nirgendshin, sieht -keine der Damen, außer Dolly, weil sie es, weißt du, nicht will, daß -man aus Mitleid zu ihr käme. Selbst diese Närrin, die Fürstin Barbara, -hat sie verlassen, weil sie ihre Gegenwart für unschicklich hält. -Unter solchen Verhältnissen, in solcher Lage, würde ein anderes Weib -keine Stützpunkte in sich finden. Sie aber, du wirst es sehen, wie -sie sich ihr Leben eingerichtet hat, wie ruhig, wie würdevoll sie -ist. -- Links, durch das Seitengäßchen, gegenüber der Kirche« -- rief -Stefan Arkadjewitsch plötzlich, sich durch das Wagenfenster beugend. -»O, welche Hitze!« sagte er, trotz der zwölf Grad Kälte noch mehr mit -seinem Pelze fächelnd, der schon offen stand. - -»Sie hat doch wohl eine Tochter, wahrscheinlich beschäftigt sie sich -mit dieser?« sagte Lewin. - -»Du scheinst dir jede Frau nur als eine Bruthenne vorzustellen, =une -couveuse=,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Wenn eine Frau beschäftigt -ist, muß sie es unfehlbar mit Kindern sein! Nun, sie erzieht das Kind -ja vorzüglich, wie es scheint, aber man hört nichts weiter davon. Sie -ist vor allem damit beschäftigt, zu schreiben. Ich sehe schon, du -lächelst ironisch, aber umsonst. Sie schreibt ein Buch für Kinder und -sagt niemand etwas davon; mir aber hat sie es vorgelesen und ich habe -das Manuskript Workujeff gegeben -- du weißt, der Verleger -- er ist ja -selbst Schriftsteller, wie mir scheint. Der versteht doch die Sache und -sagt, daß es sich hier um einen interessanten Stoff handle. Du denkst -gewiß, was ist ein schriftstellerndes Weib! Denke das nicht! Sie ist -vor allem ein Weib mit einem Herzen, du wirst ja sehen. Jetzt hat sie -eine kleine Engländerin und eine ganze Familie, von der sie in Anspruch -genommen ist.« - -»Also etwas Menschenfreundliches?« - -»Du siehst doch immer nur sofort das Üble; es ist nichts -philanthropisches, sondern eine Herzenssache. Sie hatten -- ich meine -Wronskiy -- einen englischen Traineur, einen Meister in seinem Fache, -aber auch Säufer. Der hat sich vollständig zu Schanden getrunken -- -=delirium tremens= -- und die Familie war verlassen. Da erblickte sie -die Leute, sie half, bekümmerte sich um sie, und jetzt ist die ganze -Familie in ihrer Obhut; und sie hat dies nicht nur so von oben herab -gethan, mit Geld, sondern bereitet selbst die Knaben auf russisch für -das Gymnasium vor und hat das kleine Mädchen zu sich genommen. Du wirst -dieses ja sehen.« - -Der Wagen fuhr auf den Hof und Stefan Arkadjewitsch schellte laut an -der Einfahrt, vor welcher ein Schlitten stand. - -Ohne den öffnenden Dienstmann zu fragen, ob man daheim sei, begab sich -Stefan Arkadjewitsch in den Flur. Lewin folgte ihm, mehr und mehr in -Zweifel geratend, ob er recht oder nicht recht handle. - -In einen Spiegel blickend, bemerkte er, daß er rot aussehe, doch war er -überzeugt, nicht berauscht zu sein und stieg die mit Teppichen belegte -Treppe hinauf, hinter Stefan Arkadjewitsch her. - -Oben frug dieser einen Lakaien, welcher sich verbeugte, wie man einen -niedriger Stehenden grüßt, wer bei Anna Arkadjewna sei? und erhielt zur -Antwort »Herr Workujeff«. - -»Wo ist man?« - -»Im Kabinett.« - -Durch den kleinen Speisesalon mit den dunkeln, holzbekleideten Wänden, -traten sie auf dem weichen Teppich in ein halbdunkles Kabinett, welches -nur von einer Lampe mit großem dunklen Schirm erleuchtet wurde. Eine -andere Lampe brannte als Refraktor an der Wand und erleuchtete das in -Lebensgröße gemalte Porträt einer Frau, welchem Lewin unwillkürlich -seine Aufmerksamkeit zuwandte. Es war dies das in Italien von -Michailoff gefertigte Porträt Annas. Während Stefan Arkadjewitsch -hinter eine Traillage schritt, und eine männliche Stimme, welche -gesprochen hatte, verstummte, betrachtete Lewin das Porträt, welches -in der schimmernden Beleuchtung aus dem Rahmen heraustrat, und konnte -sich nicht davon losreißen. Er hatte sogar vergessen, wo er war, und -verwendete, ohne zu hören, was gesprochen wurde, kein Auge von dem -wunderbaren Bild. - -Das war kein Bild mehr, sondern eine lebende, reizende Frau mit -schwarzen wallenden Haaren, entblößten Schultern und Händen und -sinnigem halben Lächeln auf den von einem zarten Flaume überdeckten -geöffneten Lippen, welche ihn sieghaft und zärtlich mit ihren -verwirrenden Augen anschaute. Nur insofern war sie nicht belebt, als -sie schöner war, wie eine Lebende sein konnte. - -»Sehr erfreut,« vernahm er plötzlich neben sich eine Stimme, die sich -augenscheinlich an ihn wandte; die Stimme desselben Weibes, in welches -er sich auf dem Porträt im Anschauen verloren hatte. - -Anna war ihm entgegengekommen, hinter der Traillage hervor, und Lewin -gewahrte im Zwielicht des Kabinetts die nämliche Frau des Porträts, -in dunklen, buntfarbig blauem Kleid, nicht in derselben Stellung, -nicht mit dem nämlichen Ausdruck, wohl aber mit derselben Hoheit jener -Schönheit, in welcher sie von dem Künstler auf dem Bilde erfaßt worden -war. Sie war weniger glänzend in der Wirklichkeit, aber dafür lag in -der Lebenden etwas Ungewohntes, Anziehendes, was nicht im Porträt war. - - - 10. - -Sie trat ihm entgegen, ohne ihre Freude, ihn zu sehen, zu verhehlen. -In dieser Ruhe, mit welcher sie ihm die kleine und energische Hand -entgegenstreckte, ihn mit Workujeff bekannt machte und dann auf ein -rothaariges, hübsches kleines Mädchen zeigte, welches hier bei einer -Arbeit saß, und das sie ihre Pflegebefohlene nannte, lagen die Lewin -bekannten, angenehmen Manieren der Frau aus der großen Welt, die stets -ruhig und natürlich sind. - -»Es ist mir sehr, sehr angenehm,« wiederholte sie, und in ihrem Munde -erhielten diese einfachen Worte für Lewin aus unbekanntem Grunde -eine eigentümliche Bedeutung. »Ich kenne und liebe Euch lange schon -wegen Eurer Freundschaft für Stefan und wegen Eures Weibes; ich habe -dieses nur kurze Zeit gekannt, aber es hat in mir den Eindruck einer -reizenden Blüte hinterlassen, ja, einer Blüte! Sie wird also bald -Mutter werden?« - -Anna sprach ungezwungen und ohne Hast, bisweilen ihren Blick von Lewin -auf ihren Bruder richtend. Ersterer empfand, daß der Eindruck, den er -hervorbrachte, ein guter sein mußte, und sogleich wurde es ihm nun in -ihrer Gesellschaft so leicht, so frei und behaglich zu Mut, als hätte -er sie von Kindheit an gekannt. - -»Ich habe mit Iwan Petrowitsch im Kabinett Alekseys Platz genommen,« -sagte sie, Stefan Arkadjewitsch auf dessen Frage, ob man rauchen -dürfe, -- antwortend »damit er eben rauchen könne,« und nahm, auf -Lewin blickend, anstatt zu fragen ob er rauche, ein Cigarrenetuis von -Schildkrot, aus welchem sie eine Cigarette zog. - -»Wie steht es jetzt mit deiner Gesundheit?« frug sie ihr Bruder. - -»Wie soll es gehen; die Nerven sind stets dieselben.« - -»Nicht wahr, ziemlich gut?« sagte Stefan Arkadjewitsch, bemerkend, daß -Lewin das Porträt betrachtete. - -»Ich habe noch nie ein besseres Porträt gesehen.« - -»Und ziemlich ähnlich, nicht wahr?« sagte Workujeff. - -Lewin schaute vom Porträt auf das Original. Ein eigentümlicher Glanz -erleuchtete das Antlitz Annas, während sie seinen Blick auf sich ruhen -fühlte. Lewin errötete, und wollte, um seine Verlegenheit zu verbergen, -fragen, ob es schon längere Zeit her sei, daß sie Darja Aleksandrowna -gesehen habe, doch im selben Augenblick begann Anna: - -»Ich habe mit Iwan Petrowitsch soeben von den letzten Gemälden -Waschtschenkoffs gesprochen. Habt Ihr sie gesehen?« - -»Ja, ich habe sie gesehen,« antwortete Lewin. - -»Doch entschuldigt, ich habe Euch unterbrochen, Ihr wolltet sagen« -- - -Lewin frug, ob sie vor längerer Zeit Dolly gesehen hätte. - -»Gestern war sie bei mir; sie ist wegen Grischa sehr schlecht auf das -Gymnasium zu sprechen. Der Lehrer im Lateinischen scheint es, ist -ungerecht gewesen gegen ihn.« - -»Ich habe die Bilder gesehen; sie haben mir sehr gefallen,« wandte sich -Lewin zu dem von ihr begonnenen Gespräch zurück. - -Lewin sprach jetzt ganz und gar nicht mehr von jener handwerksmäßigen -Stellung zum Gegenstande, aus der er am Morgen gesprochen hatte. Jedes -Wort der Unterhaltung mit ihr erhielt eine eigentümliche Bedeutung. -Schon mit ihr reden war ihm angenehm, noch angenehmer aber, ihr -zuzuhören. - -Anna sprach nicht nur natürlich, und klug, sondern auch klug und ohne -Zwang, ohne ihren Gedanken Wert beizulegen, während sie den Ideen des -anderen großes Gewicht beilegte. - -Das Gespräch drehte sich um die neue Richtung in der Kunst, um die neue -Illustration der Bibel durch einen französischen Künstler. Workujeff -zieh den Künstler eines Realismus, der bis zur Derbheit ging. Lewin -sagte, daß die Franzosen das Abstrakte in der Kunst entwickelt hätten -wie niemand, und sie daher ein besonderes Verdienst in der Rückkehr zum -Realismus erblickten. Schon darin, daß sie nicht mehr lögen, sähen sie -Poesie. - -Noch nie hatte Lewin etwas Vernünftiges, was er je einmal gesagt -haben mochte, so viel Vergnügen gemacht, als dies. Das Gesicht Annas -erglänzte plötzlich über und über, als sie diesen Gedanken momentan -abwog. Sie begann zu lächeln. - -»Ich lache,« sagte sie, »wie man lacht, wenn man ein sehr ähnliches -Porträt sieht. Das, was Ihr sagtet, charakterisiert jetzt vollkommen -die französische Kunst, wie sie jetzt ist, die Malerei, und selbst die -Litteratur; Zola, Daudet. Doch ist es vielleicht stets so, daß man -seine =conceptions= aus erdachten, abstrakten Gestalten konstruiert, -dann aber, nachdem alle =combinaisons= ausgeführt sind, die von -erdachten Gestalten langweilen und man beginnt, natürlichere wahrhafte -Gestalten auszusinnen.« - -»Das ist vollkommen richtig,« sagte Workujeff. - -»Ihr waret wohl im Klub?« wandte sie sich zu ihrem Bruder. - -»Ja, das ist ein Weib!« dachte Lewin, sich ganz vergessend und -unverwandt in ihr schönes, bewegliches Gesicht blickend, welches sich -jetzt plötzlich vollkommen verändert hatte. Lewin hörte nicht, wovon -sie sprach, indem sie sich zu ihrem Bruder gewandt hatte, er war -betroffen von der Veränderung ihres Ausdrucks. Vorher so herrlich in -seiner Ruhe, drückte ihr Gesicht plötzlich eine seltsame Neugier, Zorn -und Stolz aus. Doch dies währte nur eine Minute. Dann blinzelte sie, -als denke sie an Etwas. - -»Nun ja, dies ist aber doch für niemand von Interesse,« sagte sie und -wandte sich zu der kleinen Engländerin. - -»=Please, order the tea in the drawing-room=.« - -Das kleine Mädchen erhob sich und ging hinaus. - -»Nun; hat sie das Examen bestanden?« frug Stefan Arkadjewitsch. - -»Vorzüglich. Es ist ein sehr beanlagtes Mädchen und ein liebenswerter -Charakter.« - -»Und die Sache wird damit enden, daß du sie mehr liebst, als dein -eigenes Kind.« - -»So spricht ein Mann. In der Liebe giebt es kein mehr oder weniger; -ich liebe meine Tochter mit einer bestimmten, dieses Mädchen mit einer -anderen Liebe.« - -»Ich sage eben zu Anna Arkadjewna,« sagte Workujeff, »daß sie, wenn sie -auch nur ein Hundertstel der Energie, welche sie für diese Engländerin -einsetzt, auf das gemeinsame Werk der russischen Kindererziehung -verwendete, eine große, nützliche That vollbrächte.« - -»Ja, das was Ihr da wollt, konnte ich nicht. Graf Aleksey Kyrillowitsch -hat mich lebhaft ermuntert« -- indem sie die Worte »Graf Aleksey -Kyrillowitsch« aussprach, schaute sie schüchtern fragend Lewin an, -welcher ihr unwillkürlich mit einem ehrerbietigen und bestätigenden -Blicke antwortete, »mich mit dem Dorfschulwesen zu befassen. Ich -kümmerte mich mehrmals darum; die Schulen sind mir sehr wert, aber ich -vermochte es nicht, mich der Sache zu widmen. Ihr sprecht von Energie? -Die Energie beruht auf der Liebe, und die Liebe läßt sich nicht irgend -woher nehmen, nicht anbefehlen. So habe ich dieses Mädchen da lieb -gewonnen, ohne selbst zu wissen, weshalb.« - -Sie blickte wiederum Lewin an; ihr Lächeln, ihr Blick, alles sagte ihm, -daß sie an ihn nur ihre Worte richte, seine Meinung würdige, und dabei -im voraus wisse, daß sie sich gegenseitig verstanden. - -»Ich begreife das vollkommen,« antwortete Lewin, »für die Schule -und überhaupt für ähnliche Einrichtungen läßt sich nicht das Herz -einsetzen, und ich glaube, daß eben infolge dessen diese humanistischen -Einrichtungen stets so geringe Resultate erzielen.« - -Anna schwieg eine Weile, dann lächelte sie. »Ja, ja,« bestätigte sie, -»ich habe das nie vermocht. =Je n'ai pas le coeur assez large=, um ein -ganzes Bewahrungshaus voller häßlicher kleiner Mädchen lieb haben zu -können. =Cela ne m'a jamais réussi=. Es giebt jedoch so viele Frauen, -welche sich hieraus eine =position sociale= begründet haben. Und -jetzt,« sprach sie mit trauerndem, zutraulichem Ausdruck, äußerlich zu -ihrem Bruder gewendet, augenscheinlich aber nur zu Lewin: »jetzt, wo -mir eine Beschäftigung so nötig ist, kann ich es um so weniger.« - -Plötzlich finster werdend -- Lewin nahm wahr, daß sie es über sich -selbst wurde, weil sie über sich gesprochen hatte -- veränderte sie -aber das Thema. - -»Ich weiß von Euch,« sagte sie zu Lewin, »daß Ihr ein schlechter Bürger -seid, und ich habe Euch doch verteidigt, so gut ich es verstand.« - -»Wie habt Ihr mich denn verteidigt?« - -»Bezüglich gewisser Angriffe. Indessen, ist nicht ein wenig Thee -gefällig?« Sie erhob sich und nahm ein in Saffian gebundenes Buch zur -Hand. - -»Gebt mir dasselbe, Anna Arkadjewna,« sagte Workujeff, auf das Buch -zeigend, »es ist recht wohl wert.« - -»O nein; es ist noch so ungefeilt.« - -»Ich habe ihm davon gesagt,« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an seine -Schwester, auf Lewin deutend. - -»Das hast du unnötigerweise gethan. Meine Schrift ist so nach Art jener -Körbchen und Schnitzereien, die mir die Lisa Marzalowa aus den Ostrogs -bisweilen verkaufte. Sie besuchte in seiner Gesellschaft die Ostrogs. -Die Unglücklichen haben da Wunder an Geduldsproben geleistet.« - -Lewin entdeckte einen neuen Zug an diesem Weibe, das ihm so -außerordentlich gefiel. Außer Verstand, Grazie und Schönheit besaß -sie auch Treuherzigkeit. Sie wollte vor ihm all das Drückende ihrer -Lage gar nicht verheimlichen; und als sie dies gesagt hatte, seufzte -sie, und ihr Gesicht, welches plötzlich einen strengen Ausdruck -annahm, hatte sich gleichsam versteinert. Mit diesem Ausdruck auf -den Zügen aber war sie noch schöner als vorher, doch derselbe war ein -fremdartiger; er stand außerhalb dieses von Glück schimmernden, Glück -erzeugenden Kreises von Ausdrücken, wie sie von dem Künstler auf dem -Porträt aufgefangen worden waren. Lewin blickte noch einmal auf das -Bild und auf ihre Gestalt, wie sie, den Arm des Bruders nehmend, mit -diesem durch die hohe Thür schritt, und er empfand eine Zärtlichkeit -und ein Mitleid mit ihr, das ihn selbst in Erstaunen versetzte. - -Sie hatte Lewin und Workujeff gebeten, in den Salon zu treten, während -sie selbst zurückgeblieben war, um mit dem Bruder über Etwas zu -sprechen. - -»Spricht sie von ihrer Ehescheidung, von Wronskiy, oder darüber, was er -im Klub macht, oder von mir?« dachte Lewin, und die Frage, was sie mit -Stefan Arkadjewitsch besprechen möchte, versetzte ihn so in Aufregung, -daß er fast gar nicht vernahm, was ihm Workujeff über die Vorzüge des -von Anna Arkadjewna geschriebenen Kinderromans erzählte. - -Beim Thee wurde das nämliche, so angenehme, gehaltvolle Gespräch -fortgesetzt. Es gab nicht nur keine einzige Minute, während welcher man -nach einem Stoff für die Unterhaltung hätte suchen müssen, sondern im -Gegenteil war fühlbar, daß man nur aussprach, was man sagen wollte, um -sogleich bereitwillig innezuhalten und zu hören, was der andere sagte. -Alles aber, was man auch sprechen mochte, sagte sie es nun selbst, oder -Workujeff, oder Stefan Arkadjewitsch, alles erhielt wie Lewin schien, -dank ihrer Aufmerksamkeit und ihren Bemerkungen, ein eigenartiges -Gewicht. - -Das interessante Gespräch verfolgend, versenkte sich Lewin während der -ganzen Zeit in ihren Anblick und in ihre Schönheit, ihren Geist, ihre -Bildung, und zugleich in ihre Natürlichkeit und Innerlichkeit. Mochte -er zuhören oder reden, fortwährend dachte er an sie, an ihr inneres -Leben, und bemühte sich, ihre Empfindungen zu erraten. - -Er, der sie früher so streng verurteilt hatte, er rechtfertigte sie -jetzt nach einem seltsamen Gedankengang, bemitleidete sie zugleich, und -fürchtete, daß Wronskiy sie nicht vollkommen verstehen möchte. In der -elften Stunde, als Stefan Arkadjewitsch sich erhob, um vorzufahren -- -Workujeff war schon zeitiger aufgebrochen -- schien es Lewin, als sei -er soeben erst angekommen. Nur ungern stand er gleichfalls auf. - -»Lebt wohl,« sagte sie, seine Hand festhaltend und ihm mit anziehendem -Blick ins Auge schauend; »ich freue mich recht sehr, =que la glace est -rompue=.« Sie ließ seine Hand los und blinzelte mit den Augen. »Teilt -Eurer Gattin mit, daß ich sie noch so lieb habe wie früher, und daß -ich, wenn sie mir meine Situation nicht vergeben kann, wünsche, sie -möge mir niemals verzeihen. Um vergeben zu können, muß man durchleben, -was ich durchlebt habe, und davor behüte sie der Himmel.« - -»Ich werde es sicher ausrichten,« sagte Lewin errötend. - - - 11. - -»Welch ein bewundernswertes, liebenswertes und beklagenswertes Weib,« -dachte er, als er mit Stefan Arkadjewitsch in die kalte Luft hinaustrat. - -»Nun, was sagst du? Ich hatte dir schon gesagt,« begann Stefan -Arkadjewitsch, welcher sah, daß Lewin vollständig besiegt war. - -»Ja,« versetzte dieser gedankenvoll, »ein ungewöhnliches Weib! Nicht -nur, daß sie Verstand besitzt, sie ist auch wunderbar innig. Mir thut -sie außerordentlich leid.« - -»Jetzt wird ja wohl, so Gott will, bald alles in Ordnung sein. Man muß -nur nicht zu früh richten,« sagte Stefan Arkadjewitsch, die Wagenthür -öffnend; »entschuldige, wir haben doch nicht einen Weg.« - -Fortwährend an Anna denkend, an alle die so einfachen Gespräche, welche -mit ihr gepflogen worden waren, und sich dabei alle Einzelheiten ihres -Gesichtsausdrucks ins Gedächtnis zurückrufend, mehr und mehr in ihre -Lage eindringend und Mitleid mit ihr empfindend, fuhr Lewin nach Hause. - - * * * * * - -Daheim berichtete ihm Kusma, daß Katharina Aleksandrowna sich wohl -befinde, sowie, daß die Schwestern nicht lange erst weggefahren wären, -und überreichte zwei Briefe. - -Lewin las dieselben gleich an Ort und Stelle, im Vorzimmer, um sich -später nicht davon ablenken lassen zu müssen. Der eine Brief war von -Sokoloff, seinem Verwalter. Sokoloff schrieb, daß der Weizen nicht -verkauft werden könne, da man nur fünf und einen halben Rubel gebe, -und ein höheres Gebot nirgends zu erlangen sei. Der andere Brief war -von seiner Schwester. Dieselbe machte ihm Vorwürfe darüber, daß ihre -Angelegenheit noch immer nicht erledigt sei. - -»Nun; so werden wir für fünfeinhalb verkaufen, wenn man nicht -mehr geben will,« entschied Lewin sofort mit einer ungewöhnlichen -Leichtfertigkeit die erste Frage, die ihm früher so schwierig -erschienen war. »Wunderbar, wie hier die Zeit stets in Anspruch -genommen ist,« dachte er bei dem zweiten Briefe. Er fühlte sich -schuldig der Schwester gegenüber, weil er bis jetzt nicht erledigt -hatte, worum sie ihn gebeten. »Ich bin heute wieder nicht aufs -Gericht gekommen, aber es war heute auch, als hätte man nicht die -geringste Zeit.« Nachdem er beschlossen hatte, es morgen entschieden -zur Ausführung zu bringen, begab er sich zu seiner Gattin. Auf dem -Wege zu ihr ging er noch einmal schnell in der Erinnerung den ganzen -Tag durch, so wie er ihn verbracht hatte. Alle Erlebnisse des Tages -bestanden in Gesprächen -- Gesprächen, welche er angehört und an denen -er teilgenommen hatte. - -Alle Gespräche hatten von Dingen gehandelt, mit denen er sich, hätte -er allein und auf dem Lande gelebt, nie würde beschäftigt haben, die -aber hier sehr interessant waren. Alle diese Gespräche waren auch gut -gewesen; nur in zwei Punkten nicht so ganz. Der eine betraf das, was er -von dem Hechte gesagt hatte, der andere, daß ihm Etwas »nicht richtig« -vorkam in dem zarten Mitgefühl, welches er für Anna empfand. - -Lewin fand sein Weib verstimmt und gelangweilt. Die Tafel der drei -Schwestern hatte sich ganz heiter gestaltet, dann aber hatte man -auf ihn gewartet und gewartet, alles begann sich zu langweilen, die -Schwestern fuhren von dannen und sie war allein zurückgeblieben. - -»Nun, was hast du denn gemacht?« frug sie, ihm in die Augen blickend, -welche ein wenig verdächtig glänzten. Um ihn nicht zu hindern, alles zu -erzählen, verbarg sie jedoch ihre Wahrnehmung und hörte mit billigendem -Lächeln seiner Erzählung zu, wie er den Abend verlebt hatte. - -»Nun, ich freute mich sehr, daß ich Wronskiy begegnet bin. Ich habe -mich recht wohl und unbefangen in seiner Gesellschaft gefühlt. Du -begreifst, daß ich mich jetzt bemühen werde, ihn nie wieder zu sehen; -aber diese peinliche Situation mußte doch ihr Ende erreichen,« sprach -er, dachte daran, daß er »sich bemühend, ihn nie wieder zu sehen«, -sogleich darauf zu Anna gefahren war, und errötete. »Da reden wir, daß -das Volk trinkt; ich weiß nicht, wer mehr trinkt, das Volk oder unsere -Gesellschaft; das Volk thut es wenigstens nur an Feiertagen, aber« -- - -Kity interessierte indessen die Betrachtung, wie das Volk trinke, -nicht. Sie hatte gesehen, daß er rot geworden war, und wünschte zu -wissen, warum. - -»Nun, und wo warest du dann?« - -»Stefan bat mich aufs Dringendste, mit zu Anna Arkadjewna zu fahren.« - -Lewin hatte dies kaum gesagt, als er noch mehr errötete, und seine -Zweifel darüber, ob er gut oder übel daran gethan habe, zu Anna zu -fahren, waren endgültig entschieden. Er wußte jetzt, daß es nicht -gerade nötig gewesen war, dies zu thun. - -Die Augen Kitys öffneten sich eigentümlich weit und blitzten auf -bei dem Namen Annas, doch sich selbst bezwingend, verbarg Kity ihre -Aufregung und täuschte ihn. - -»Ah,« sagte sie nur. - -»Du wirst wohl nicht ungehalten sein, daß ich dahin gefahren bin. -Stefan bat mich und Dolly wünschte es,« fuhr Lewin fort. - -»O nein,« sagte sie, doch in ihren Augen las er ihre Anstrengung über -sich selbst, die ihm nichts Gutes verhieß. - -»Sie ist sehr liebenswürdig, sehr, sehr beklagenswert, ein gutes Weib,« -sagte er, von Anna erzählend, von ihren Beschäftigungen und von dem, -was sie ihm auszurichten befohlen hatte. - -»Ja, natürlich, sie ist sehr beklagenswert,« sagte Kity, nachdem er -geendet hatte. »Von wem hast du einen Brief erhalten?« - -Er gab ihr Bescheid, und ging, der Ruhe in ihrem Tone vertrauend, sich -auszukleiden. - -Als er zurückkehrte, fand er Kity noch in demselben Sessel sitzend. -Nachdem er zu ihr hingetreten war, blickte sie ihn an und brach in -Thränen aus. - -»Was ist? Was ist denn?« frug er, schon vorher den Grund kennend. - -»Du hast dich verliebt in dieses abscheuliche Weib; sie hat dich -bestrickt. Ich seh es an deinen Augen! Ja, ja; was soll daraus werden? -Du hast im Klub getrunken, getrunken, gespielt und dann bist du zu ihr -gefahren. Zu wem? Nein; wir reisen ab! Morgen reise ich ab!« - -Lewin vermochte lange nicht, sein Weib zu beruhigen. Endlich hatte er -sie indessen beschwichtigt, jedoch nur dadurch, daß er eingestand, daß -das Gefühl des Mitleids im Verein mit dem Weine ihn verleitet habe, -und daß er dem hinterlistigen Einfluß Annas unterlegen sei, diese aber -fortan meiden werde. - -Ein Umstand, welchen er am Aufrichtigsten eingestand, war der, daß er, -so lange schon in Moskau, lediglich durch diese Unterhaltung, das Essen -und Pokulieren um seine klare Vernunft gekommen sei. - -So sprachen sie bis drei Uhr nachts, und erst um drei Uhr hatten sie -sich so weit versöhnt, daß sie Schlaf fanden. - - - 12. - -Nachdem Anna ihre Gäste hinausgeleitet hatte, begann sie, ohne wieder -Platz zu nehmen, im Gemach auf und abzuschreiten. Obwohl sie unbewußt --- wie sie in letzter Zeit in ihrem Verhalten jungen Männern gegenüber -stets gethan -- den ganzen Abend alles Mögliche versucht hatte, in -Lewin die Empfindung der Liebe für sie zu erwecken, obwohl sie wußte, -daß sie dies auch erreicht habe, so weit es eben in ihrem Verhältnis -einem ehrenhaften verheirateten Manne gegenüber und für einen einzigen -Abend möglich gewesen war -- obwohl auch er selbst ihr sehr gefallen -hatte (trotz des scharfen Kontrastes, welcher vom Gesichtspunkt des -Mannes aus zwischen Wronskiy und Lewin bestand, sah sie als Weib in -beiden ganz ebenso das Gemeinsame, wodurch Kity Wronskiy wie Lewin -liebgewonnen hatte), dachte sie nicht mehr seiner, sobald er das Zimmer -verlassen hatte. - -Einundderselbe Gedanke verfolgte sie unablässig in verschiedenen -Gestalten: »Wenn ich so auf andere wirke, auf diesen häuslichen, -liebenden Mann, wie kommt es da, daß er so kalt ist gegen mich? Oder -vielmehr, nicht daß er kalt wäre, er liebt mich, ich weiß es; aber -etwas Fremdartiges trennt uns jetzt! Wie kommt es, daß er den ganzen -Abend nicht hier ist? Er hat mir durch Stefan sagen lassen, daß er -Jaschwin nicht verlassen könne und dessen Spiel verfolgen müsse. Was -für ein Kind ist dieser Jaschwin? Aber gesetzt, es wäre wirklich so --- er spricht ja nie die Unwahrheit -- so liegt in dieser Wahrheit -doch etwas anderes! Er freut sich über die Gelegenheit, mir zeigen zu -können, daß er auch noch andere Verpflichtungen hat. Ich weiß das, und -bin damit einverstanden. Aber weshalb muß er mir dies zeigen? Er will -mir beweisen, daß seine Liebe zu mir nicht seine Freiheit hemmen darf! -Aber ich brauche keine Beweise, sondern Liebe! Er hätte wohl all das -Drückende dieses meines Lebens in Moskau begreifen müssen; lebe ich -denn? Ich lebe nicht, ich erwarte eine Lösung, die sich mehr und mehr -hinauszieht. Wieder keine Antwort! Stefan sagt, er könne sich nicht zu -Aleksey Aleksandrowitsch begeben. Ich kann aber doch nicht nochmals -schreiben. Ich kann nichts thun, nichts anfangen, nichts ändern; ich -halte mich ruhig zurück, warte ab, indem ich mir Zeitvertreib ersinne --- wie die Familie des Engländers, die Schriftstellerei und Lektüre -- -und doch ist das alles nur eine Täuschung, alles das ist das nämliche -Morphium! Er müßte mich beklagen,« sprach sie und fühlte, wie ihr die -Thränen des Jammers über sich selbst in die Augen traten. - -Da vernahm sie das jähe Läuten Wronskiys und wischte eilig diese -Thränen ab. Sie wischte nicht nur ihre Thränen weg, sie setzte sich -noch zur Lampe und schlug ein Buch auf, sich den Anschein der Ruhe -gebend. Galt es doch, ihm zu zeigen, daß sie mißgestimmt sei, weil er -nicht zurückgekehrt war, wie er versprochen hatte -- nur mißgestimmt; -aber nimmermehr wollte sie ihm ihren Schmerz zeigen, oder gar etwa ihr -Mitleid mit sich selbst. - -Sie durfte wohl Mitleid haben mit sich selbst, nicht aber er mit ihr. -Sie wollte keinen Hader, sie machte ihm einen Vorwurf daraus, daß er zu -streiten wünschte, und doch geriet sie unwillkürlich in streitlustige -Stimmung. - -»Du hast dich doch nicht gelangweilt?« sagte er, lebhaft und heiter zu -ihr kommend. »Welch eine furchtbare Leidenschaft -- das Spiel.« -- - -»Nein; ich habe mich nicht gelangweilt und habe schon seit langem -gelernt, mich nicht zu langweilen. Stefan und Lewin waren hier.« - -»Ja wohl; sie wollten zu dir fahren. Nun, wie hat dir Lewin gefallen?« -sprach er, sich neben ihr niederlassend. - -»Sehr gut. Sie sind nicht lange erst weggefahren. Was hat Jaschwin -gemacht?« - -»Er war im Gewinnen; siebzehntausend Rubel. Ich rief ihn zu mir, er war -vollkommen einverstanden, schon aufzubrechen, kehrte aber wieder um und -verspielt jetzt.« - -»Weshalb bist du denn dann geblieben?« frug sie, plötzlich die Augen -zu ihm erhebend. Der Ausdruck ihres Gesichts war kalt und feindselig, -»du hast Stefan gesagt, du wolltest bleiben, um Jaschwin mit zu dir zu -nehmen, und hast ihn doch verlassen.« - -Der nämliche Ausdruck kalter Kampfbereitschaft drückte sich auch auf -seinem Antlitz aus. - -»Erstens habe ich ihn in keiner Weise gebeten, dich von etwas zu -benachrichtigen, zweitens spreche ich nie die Unwahrheit. Die -Hauptsache ist, ich wollte bleiben und bin geblieben,« sagte er, -finster sprechend. »Anna, warum, warum nur das?« sprach er nach einer -Minute des Schweigens, sich zu ihr beugend und die Hand öffnend in der -Hoffnung, daß sie die ihre in sie legen werde. - -Sie freute sich über diese Aufforderung, zärtlich zu sein, aber eine -gewisse, seltsame Macht des Bösen gestattete ihr nicht, sich ihrem -Zuge zu ihm hinzugeben, gleich als ob die Ursachen zum Hader es nicht -zuließen, daß sie sich selbst überwinde. - -»Natürlich; du wolltest bleiben und bist geblieben. Du thust eben, was -du willst! Aber warum sagst du mir das? Zu welchem Zweck?« sagte sie, -immer mehr in Erregung geratend. »Macht dir denn jemand deine Rechte -streitig? Du willst in deinem Rechte sein; sei es.« - -Seine Hand schloß sich, er wandte sich ab und sein Gesicht nahm noch -mehr als vorher einen Ausdruck von Trotz an. - -»Für dich ist dies nur eine Frage des Eigensinnes,« sagte sie, ihn -unverwandt anblickend, indem sie plötzlich den Namen fand für diesen -sie in Wallung versetzenden Ausdruck seines Gesichts, »einfach des -Trotzes! Für dich giebt es nur die Frage, wirst du Sieger bleiben gegen -mich. Für mich aber« -- wieder empfand sie Mitleid mit sich selbst und -sie wäre beinahe in Thränen ausgebrochen. »Wüßtest du, um was es sich -für mich handelt! Wenn ich, so wie jetzt, fühle, daß du dich feindselig -gegen mich verhältst, thatsächlich feindselig, wüßtest du, was das für -mich bedeutet! Wenn du wüßtest, wie nahe ich in diesen Augenblicken dem -Unglück bin, wie ich mich selbst fürchte!« -- Sie wandte sich ab, ihr -Schluchzen unterdrückend. - -»Wovon sprichst du da?« sagte er, erschreckt vor dem Ausdruck ihrer -Verzweiflung, und sich wiederum zu ihr neigend, ihre Hand ergreifend -und sie küssend. »Meide ich etwa nicht den Umgang mit den Weibern?« - -»Das wäre auch noch!« sagte sie. - -»Nun sag', was ich thun soll, damit du beruhigt bist? Ich bin bereit, -alles zu thun, daß du glücklich sein möchtest,« sprach er, gerührt von -ihrer Verzweiflung, »was thue ich nicht, um dich von einem Schmerz zu -befreien, wie er dich jetzt erfüllt, Anna,« sagte er. - -»Nicht doch, nicht doch,« sprach sie, »ich weiß selbst nicht; ist -es das einsame Leben, sind es die Nerven -- nun, wir wollen nicht -weiter davon sprechen! Wie war es mit dem Rennen? Du hast mir nicht -davon erzählt?« frug sie, sich bemühend, den Triumph über den Sieg zu -verbergen, welcher nun doch auf ihrer Seite geblieben war. - -Er befahl das Abendessen und begann ihr Einzelheiten über die Rennen zu -erzählen, aber an seinem Tone, seinen Blicken, die kühler und kühler -wurden, erkannte sie, daß er ihr ihren Sieg nicht vergeben hatte, daß -jenes Gefühl des Trotzes, gegen welchen sie gekämpft hatte, wieder in -ihm erstanden war. Er war kühler gegen sie, als vorher, gleichsam als -bereute er es, sich unterworfen zu haben, während sie, an die Worte -denkend, welche ihr den Sieg verliehen hatten »ich bin nahe einem -furchtbaren Unglück und fürchte mich selbst«, erkannt hatte, daß diese -Waffe eine gefährliche war, und sie dieselbe nicht ein zweites Mal -anwenden könne. - -Sie fühlte aber auch, daß neben der Liebe, die sie beide vereinte, -zwischen ihnen der böse Geist einer Kampflust getreten war, den sie -weder aus seinem Herzen, noch viel weniger aber aus dem ihren zu -vertreiben vermochte. - - - 13. - -Es giebt keine Verhältnisse, an die sich der Mensch nicht gewöhnen -könnte; besonders wenn er sieht, daß alle, die ihn umgeben, ebenso -leben. - -Lewin hätte vor drei Monaten nicht geglaubt, daß er unter den -Verhältnissen, in denen er sich jetzt befand, ruhig einschlafen -könne; nie gedacht, daß er, indem er ein zweckloses, gehaltloses -Leben führte, welches noch dazu über seine Mittel ging, nach seinem -Rausche, -- denn anders konnte er das nicht nennen, was es im Klub -gab -- nach Anknüpfung ungereimter, freundschaftlicher Beziehungen -zu einem Manne, in welchen einst seine Frau verliebt gewesen war, -und einem noch ungereimteren Besuch bei einer Frau, die man nur als -gefallen bezeichnen konnte, sowie nach seinem Enthusiasmus für diese -Frau und der Erbitterung der Gattin -- unter solchen Verhältnissen -ruhig einschlafen könne. Allein unter dem Einfluß der Ermüdung, einer -schlaflos verbrachten Nacht und des genossenen Weines, entschlief er -sanft und selig. - -Um fünf Uhr weckte ihn das Kreischen einer geöffneten Thür. Er fuhr auf -und schaute sich um. Kity war nicht mehr im Bett neben ihm, aber hinter -der spanischen Wand bewegte sich ein Licht und er vernahm ihre Schritte. - -»Was giebt es, was giebt es?« sprach er, aus dem Schlafe auffahrend, -»Kity, was ist?« - -»Nichts,« antwortete diese, das Licht in der Hand, hinter der -Zwischenwand hervortretend. »Es war mir unwohl geworden,« sagte sie, -mit eigentümlich weichem ausdrucksvollen Lächeln. - -»Was ist? Fängt es an, fängt es an?« fuhr er erschreckt fort, »da muß -geschickt werden,« und hastig wollte er sich ankleiden. - -»Nein, nein,« sagte sie, lächelnd, und ihn mit der Hand zurückhaltend. -»Es ist augenscheinlich nicht von Bedeutung. Es war mir nur ein wenig -unwohl geworden. Jetzt aber ist es vorüber.« - -Zu ihrem Bett gehend, löschte sie wieder das Licht, legte sich nieder -und blieb still liegen. Obwohl ihm ihre Ruhe, wie die eines verhaltenen -Atmens, und mehr noch der Ausdruck einer eigenartigen Weichheit -und Aufgeregtheit an ihr, mit welchem sie, hinter der Zwischenwand -hervortretend, das »nichts« zu ihm gesagt hatte, verdächtig erschien, -verlangte es ihn doch so sehr nach Schlaf, daß er sofort wieder -einschlummerte. Erst später gedachte er dieses stillen Atmens, verstand -er da alles, was in ihrer edlen, lieben Seele damals vor sich gegangen -war, als sie, ohne sich zu rühren, in der Erwartung des wichtigsten -Ereignisses im Leben des Weibes, neben ihm gelegen hatte. - -Um sieben Uhr erweckte ihn ihre Hand, die ihn an der Schulter berührte, -sowie ein leises Flüstern. Sie kämpfte gleichsam noch zwischen dem -Bedauern, ihn wecken zu müssen und dem Wunsche, mit ihm zu sprechen. - -»Mein Konstantin, erschrick nicht. Es ist nichts. Aber nur scheint -- -wir müssen nach der Lisabetha Petrowna schicken« -- - -Das Licht wurde wieder angezündet. Sie setzte sich im Bett und hielt -ein Strickzeug in der Hand, mit welchem sie sich in den letzten Tagen -beschäftigt hatte. - -»Bitte, erschrick nicht, es ist nichts. Ich habe durchaus keine Angst,« -sprach sie, sein erschrecktes Gesicht gewahrend, und drückte seine Hand -an ihren Busen und dann an ihre Lippen. - -Eilig sprang er auf, sich selbst nicht mehr empfindend und kein Auge -von ihr wendend, zog seinen Hausrock an und blieb stehen, sie noch -immer anblickend. Er mußte gehen, konnte sich aber nicht losreißen -von ihrem Blick. Wie sehr er auch ihr Antlitz liebte, ihre Mienen -kannte, und ihren Blick, aber so hatte er sie doch noch nie gesehen! -Wie abscheulich und furchtbar erschien er jetzt sich selbst, indem -er sich ihrer gestrigen Erbitterung entsann, hier vor ihr in ihrer -Lage jetzt! Ihr gerötetes Gesicht, umgeben von dem sich unter dem -Nachthäubchen hervordrängenden, weichen Haar, schimmerte von Freude -und Entschlossenheit. So wenig Unnatürliches und Gekünsteltes auch im -allgemeinen Charakter Kitys lag, so war Lewin dennoch betroffen von -dem, was sich vor ihm jetzt enthüllte, als plötzlich alle die Schleier -abgenommen waren, und der ganze Kern ihrer Seele in ihren Augen -leuchtete. - -In dieser Einfachheit und Hüllenlosigkeit wurde sie, die, welche er -liebte, noch klarer sichtbar für ihn. Lächelnd schaute sie auf ihn, -doch plötzlich erbebten ihre Brauen, sie hob das Haupt, und schnell zu -ihm tretend, nahm sie ihn bei der Hand; sie schmiegte sich eng an ihn, -und umgab ihn mit ihrem heißen Odem. Sie litt und es war, als beklage -sie sich bei ihm über ihr Leiden. Auch ihm schien im ersten Augenblick -nach seiner Gewohnheit, als sei er schuldig, aber in ihrem Blick lag -eine Zärtlichkeit, welche sagte, daß sie ihm nicht nur keinen Vorwurf -mache, sondern ihn für diese Leiden liebe. »Wenn ich es nicht bin -- -wer trüge dann die Schuld hieran?« dachte er unwillkürlich, den Urheber -aller dieser Leiden suchend, um ihn zu strafen; aber es war kein -Schuldiger da. Sie litt, klagte und triumphierte zugleich über diese -Leiden, sie freute sich ihrer und liebte sie. Er sah, daß sich in ihrer -Seele etwas Schönes vollziehe, aber was es war? Er konnte es nicht -erfassen. Es stand über seinem Erkenntnisvermögen. - -»Ich habe zu Mama geschickt, fahre du möglichst schnell nach der -Lisabetha Petrowna -- mein Konstantin -- es ist nichts; schon vorüber« --- Sie verließ ihn und schellte. »Also geh jetzt; Pascha kommt. Mir -fehlt nichts.« - -Mit Verwunderung sah Lewin, daß sie die Strickerei ergriff, die sie am -Abend mitgebracht hatte und von neuem zu stricken begann. - -Während Lewin durch die eine Thür hinausging, hörte er noch, wie das -Mädchen durch die andere hereintrat. Er blieb an der Thür stehen und -vernahm, wie Kity der Zofe ausführliche Anweisungen erteilte, und mit -ihr selbst das Bett zu rücken begann. - -Er kleidete sich an und eilte, bis man die Pferde angespannt haben -würde -- ein Mietgeschirr war noch nicht zu haben -- wieder nach dem -Schlafzimmer, nicht auf den Fußspitzen, sondern auf Flügeln wie ihm -schien. - -Zwei Mädchen räumten geschäftig um im Schlafzimmer; Kity selbst ging -umher und strickte, schnell die Maschen werfend und Anordnungen dabei -treffend. - -»Ich werde sogleich zum Arzte eilen. Nach der Lisabetha Petrowna ist -man gefahren; ich aber will erst noch hin, ist nicht noch etwas nötig? -Soll ich zu Dolly?« - -Sie blickte ihn an, offenbar ohne zu hören, was er sprach. - -»Ja, ja. Geh,« sprach sie schnell, sich verfinsternd und ihm mit der -Hand zuwinkend. Er war schon in den Salon hinaus, als plötzlich ein -klägliches, sogleich wieder verstummendes Stöhnen aus dem Schlafzimmer -ertönte. Er blieb stehen und konnte lange nicht verstehen. - -»Ja; das war sie,« sagte er zu sich selbst und lief, sich nach dem -Kopfe greifend, hinab. »Gott erbarme dich! Vergieb mir und steh' mir -bei!« stammelte er mit Worten, die gleichsam plötzlich und unerwartet -ihm über die Lippen kamen. Er, der da nicht glaubte, wiederholte diese -Worte nicht nur mit dem Munde allein. Jetzt, in dieser Minute erkannte -er, daß nicht nur alle seine Zweifel, sondern auch die Unmöglichkeit, -aus Verstandesgründen zu glauben, die er in sich selbst wahrgenommen -hatte, ihn keineswegs daran verhinderten, sich an Gott zu wenden. Alles -das flog ihm jetzt wie Staub von seiner Seele herunter. An wen sollte -er sich wenden, wenn nicht an den, in dessen Händen er sich fühlte, -seine Seele und seine Liebe? - -Das Pferd war noch nicht fertig, und so eilte er im Gefühl -einer eigentümlichen Spannung seiner physischen Kräfte und -Wahrnehmungsfähigkeit für das, was er zu thun hatte, damit nicht eine -Minute verloren ging -- ohne auf das Pferd zu warten -- zu Fuß hinweg -und befahl Kusma, ihm nachzukommen. An der Ecke traf er auf eine -daherjagende Nachtdroschke. In einem kleinen Schlitten, mit kurzem -Sammetpelzmantel und in ein Umschlagtuch gewickelt, saß Lisabetha -Petrowna. - -»Gott sei Dank, Gott sei Dank!« sagte er, mit Entzücken sie und ihr -kleines blondes Gesicht, welches jetzt einen eigentümlich ernsten, -sogar strengen Ausdruck hatte, erkennend. Ohne dem Kutscher zu -befehlen, anzuhalten, rannte er neben ihr wieder mit zurück. - -»Also seit zwei Stunden? Nicht wahr?« frug sie, »Ihr werdet Peter -Dmitrjewitsch schon treffen, aber drängt ihn nur nicht! Nehmt auch -Opium aus der Apotheke mit.« - -»So denkt Ihr also, daß es glücklich geht? Gott erbarme sich und steh' -mir bei!« sagte Lewin, welcher jetzt sein aus dem Thor herauskommendes -Geschirr erblickte. Zu Kusma in den Schlitten springend, befahl er -diesem, zum Arzt zu fahren. - - - 14. - -Der Arzt war noch nicht aufgestanden und der Diener sagte, er sei spät -zu Bett gegangen und habe nicht befohlen, ihn zu wecken, doch stehe er -bald auf. - -Der Diener putzte Lampengläser und schien davon sehr in Anspruch -genommen zu sein. Diese Aufmerksamkeit des Dieners für seine Gläser -und der Gleichmut gegenüber dem, was sich bei Lewin vollzog, setzte -diesen anfangs außer Fassung, doch erkannte er, zur Überlegung kommend -sogleich, daß ja niemand seine Empfindungen kenne, und kennen müsse, -und es daher um so notwendiger sei, ruhig zu handeln, wohlüberlegt und -entschlossen, um diese Mauer der Indifferenz zu durchbrechen und seinen -Zweck zu erreichen. - -»Eile mit Weile,« sagte Lewin zu sich selbst, mehr und mehr eine -Zunahme seiner physischen Kräfte, sowie seiner Wahrnehmungsfähigkeit -für alles das, was er zu thun hatte, verspürend. - -Nachdem er gehört, daß der Arzt noch nicht aufgestanden sei, blieb -Lewin innerhalb der verschiedenen Pläne, die in ihm erstanden, bei -dem, daß Kusma mit einem Billet zu einem andern Arzte fuhr, während -er selbst in die Apotheke nach Opium eilte; sollte aber, wenn er -zurückkäme, der Doktor noch nicht aufgestanden sein, so wollte er den -Diener bestechen oder wenn derselbe nicht einwilligte, den Arzt mit -Gewalt wecken, koste es, was es wolle. - -In der Apotheke verschloß ein dürrer Provisor mit ganz dem nämlichen -Gleichmut, mit welchem der Lakai die Gläser geputzt hatte, vermittelst -einer Oblate Pulver für einen wartenden Kutscher, und verweigerte das -Opium. Im Bestreben, nichts zu überhasten und nicht in Aufregung zu -geraten, begann Lewin, nachdem er den Namen des Arztes und der Hebamme -genannt, und erklärt hatte, wozu das Opium nötig sei, den Provisor -zu überreden. Derselbe frug in deutscher Sprache um Rat, ob er es -geben könne, und holte, nachdem er hinter einer Zwischenwand heraus -Zustimmung erhalten hatte, ein Gläschen und einen Trichter herbei, -worauf er langsam aus einem großen Gefäß in ein kleines Fläschchen goß, -einen weißen Papierstreif anklebte und siegelte. Ungeachtet der Bitte -Lewins, es nicht zu thun, wollte er das Fläschchen nochmals einwickeln. -Das konnte aber Lewin nicht mehr aushalten; entschlossen riß er dem -Manne das Fläschchen aus den Händen und stürzte zu der großen Glasthür -hinaus. - -Der Arzt war noch nicht aufgestanden, und der Diener, jetzt mit dem -Aufbreiten eines Teppichs beschäftigt, weigerte sich, ihn zu wecken. -Lewin zog ohne Überstürzung ein Zehnrubelpapier hervor, gab es ihm, mit -einigen langsam gesprochenen Worten, aber ohne Zeit zu verlieren, und -erklärte, daß Peter Dmitrjewitsch -- wie erhaben und bedeutungsvoll -erschien Lewin jetzt der vorher so unbedeutend gewesene Peter -Dmitrjewitsch -- versprochen habe, zu jeder Zeit da sein zu wollen, -und sicherlich nicht ungehalten sein werde selbst darüber, daß er ihn -sogleich wecke. - -Der Diener gehorchte, ging nach oben und lud Lewin ein, in das -Empfangszimmer zu treten. - -Lewin vermochte hinter der Thür zu hören, wie der Arzt hustete, -umherging, sich wusch und Etwas sagte. Es vergingen drei Minuten; Lewin -schien es, als wäre mehr als eine halbe Stunde vergangen. Er konnte -nicht länger warten. - -»Peter Dmitrjewitsch, Peter Dmitrjewitsch,« rief er mit beschwörender -Stimme in die geöffnete Thür hinein; »um Gottes willen, verzeiht mir, -nehmt mich heute, wie ich bin; es hat schon seit mehr als zwei Stunden -begonnen!« - -»Sofort, sofort!« antwortete eine Stimme und Lewin hörte mit Erstaunen, -daß der Arzt dies lächelnd sagte. - -»Auf eine Minute!« - -»Sogleich.« - -Es vergingen noch zwei Minuten, während deren der Arzt die Stiefel -anzog, zwei weitere, während er das Tuch umwarf und sich den Kopf -bürstete. - -»Peter Dmitrjewitsch,« begann Lewin abermals mit kläglicher Stimme, -doch gerade erschien der Arzt, angekleidet und gekämmt. »Diese Leute -haben kein Gewissen,« dachte Lewin, »sich zu kämmen, während wir -verderben!« - -»Guten Morgen!« sagte der Arzt zu ihm, die Hand hinreichend, als wollte -er ihn mit seiner Ruhe necken. »Beunruhigt Euch nicht, wie steht es?« - -Sich bemühend, so ausführlich wie möglich zu sein, begann Lewin alle -unnötigen Einzelheiten über den Zustand seiner Frau zu erzählen, seinen -Bericht unaufhörlich mit Bitten, der Arzt möchte sogleich mit ihm -kommen, unterbrechend. - -»Habt keine Angst; Ihr kennt das wohl noch nicht. Ich bin gewiß gar -nicht notwendig, habe es aber versprochen und werde kommen. Aber -Eile hat es keine. Setzt Euch doch gefälligst; ist nicht ein Kaffee -gefällig?« - -Lewin schaute ihn an, mit dem Blick fragend, ob sich der Arzt über ihn -lustig machen wolle. Doch dieser dachte gar nicht daran, zu scherzen. - -»Ich weiß schon, weiß schon,« sprach er lächelnd, »auch ich bin -Familienvater, aber wir, die Männer, sind in diesen Augenblicken doch -die beklagenswertesten Menschen. Ich habe da eine Patientin, deren Mann -in solchen Momenten stets in den Pferdestall läuft.« - -»Aber wie meint Ihr, Peter Dmitrjewitsch? Glaubt Ihr, daß alles -glücklich gehen kann?« - -»Alle Bedingungen für einen günstigen Ausgang sind vorhanden.« - -»Ihr kommt also sofort?« sagte Lewin, zornig auf den Diener blickend, -der den Kaffee brachte. - -»In einem Stündchen.« - -»Ach, nein doch, um Gottes willen!« - -»Aber dann laßt mich doch wenigstens meinen Kaffee trinken.« - -Der Arzt widmete sich dem Kaffee. Beide schwiegen. - -»Man wird die Türken doch entschieden schlagen. Habt Ihr die gestrige -Depesche gelesen?« sagte der Doktor semmelkauend. - -»Nein; ich kann nicht mehr,« rief Lewin aufspringend, »Ihr werdet also -nach Verlauf einer Viertelstunde kommen?« - -»In einer halben Stunde.« - -»Auf Ehrenwort?« - -Als Lewin wieder nach Hause kam, traf er mit der Fürstin zusammen, -und beide begaben sich zur Thür des Schlafzimmers. Die Fürstin hatte -Thränen in den Augen und ihre Hände zitterten; als sie Lewin erblickte, -umarmte sie ihn und brach in Thränen aus. - -»Nun, liebe Lisabetha Petrowna,« sagte sie, die ihnen mit hellem, -sorglichen Gesicht daraus entgegentretende Lisabetha Petrowna an der -Hand fassend. - -»Es geht gut,« sagte sie, »überredet sie nur, sich niederzulegen. Es -wird ihr dann leichter sein.« - -Seit dem Augenblick, als er erwacht war und erkannt hatte, um was es -sich handelte, hatte er sich darauf vorbereitet, ohne Erwägungen und -Vermutungen im voraus anzustellen, alle Gedanken und Gefühle in sich -verschließend, mannhaft, sein Weib nicht aus der Fassung bringend, -sondern im Gegenteil sie beruhigend und ihren Heldenmut stützend -- zu -ertragen, was ihm bevorstand. - -Ohne sich zu gestatten, nur daran zu denken, was kommen würde, und wie -das enden sollte, nur nach seinen eingehenden Erkundigungen, wie sehr -sich derartige Ereignisse gewöhnlich in die Länge zögen, urteilend, -hatte sich Lewin innerlich gefaßt gemacht, zu dulden, fünf Stunden -lang, und es hatte ihm das auch möglich geschienen. - -Als er indessen vom Arzte heimgekommen war und von neuem ihre Leiden -sah, begann er öfter und öfter zu wiederholen »Gott vergieb mir und -steh' mir bei!« und seufzend den Kopf emporzuheben, und fing an zu -befürchten, daß er dies nicht aushalten, sondern in Thränen ausbrechen, -oder davonlaufen würde. In solch qualvoller Stimmung befand er sich, -und doch war erst eine Stunde vergangen. - -Aber nach dieser Stunde verging noch eine; zwei, drei, alle fünf -Stunden vergingen, die er sich als höchste Frist seiner Geduldsprobe -gesetzt hatte, und die Situation war noch immer dieselbe; er litt -noch immer, weil sich weiter nichts thun ließ als leiden, jede Minute -denkend, er sei bis an die äußersten Grenzen der Geduld gekommen, und -das Herz müsse ihm nun von Mitleid zerrissen werden. - -Aber Minuten vergingen, Stunden, Stunden auf Stunden, und die -Empfindungen von Schmerz und Angst in ihm wuchsen und wurden noch höher -gespannt. - -Alle jene gewöhnlichen Verhältnisse im Leben, ohne die man sich -gewöhnlich nichts vorstellen kann, waren für Lewin nicht mehr -vorhanden. Er hatte das Zeitbewußtsein verloren. Jene Minuten -- jene -Minuten, da sie ihn zu sich rief und er ihre schweißbedeckte, mit -außergewöhnlicher Kraft seine Hand bald pressende, bald hinwegstoßende -Rechte hielt, schienen ihm bald Stunden, bald schienen sie ihm Minuten. -Er war verwundert, als Lisabetha Petrowna ihn bat, das Licht hinter dem -Schirm anzuzünden und als er wahrnahm, daß es bereits fünf Uhr abends -war. - -Hätte man ihm gesagt, daß es jetzt erst zehn Uhr morgens wäre, er -würde ebensowenig verwundert gewesen sein. Wo er während dieser -Zeit war, wußte er ebensowenig, wie wenn Etwas geschah. Er sah ihr -glühendes, bald verzweifeltes und leidendes, bald lächelndes und ihn -beschwichtigendes Gesicht. Er sah auch die Fürstin, rot im Gesicht, -aufgeregt, mit den aufgegangenen Locken der grauen Haare, und in -Thränen, die sie mühsam verschluckte, sich die Lippen zernagen; er -sah Dolly, den Arzt, welcher dicke Cigaretten rauchte, und Lisabetha -Petrowna mit ihrem festen, energischen und ruhigen Gesicht, sowie den -alten Fürsten, der mit finsterem Gesicht im Salon auf und abschritt. -Aber wie sie gekommen waren oder gingen, wo sie waren -- er wußte es -nicht. - -Die Fürstin war bald bei dem Arzte im Schlafzimmer, bald im Kabinett, -wo sich ein gedeckter Tisch befand; bald war sie abwesend und Dolly war -da. Dann erinnerte sich Lewin, daß man ihn fortgeschickt hatte; einmal -hatte man ihn geschickt, einen Tisch und ein Sofa zu transportieren. Er -hatte dies voll Eifers gethan, indem er meinte, es sei für sie nötig, -und erst dann erkannt, daß er sich selbst damit ein Nachtlager bereitet -hatte. Darauf sandte man ihn zum Arzt ins Kabinett, damit er nach etwas -frage. Der Arzt antwortete und begann dann von den Unordnungen in der -Duma zu sprechen. Hierauf schickte man ihn in das Schlafzimmer zur -Fürstin, derselben ein Heiligenbild in silbernem, vergoldetem Gewand -zu bringen. Er kletterte nebst der alten Kammerfrau der Fürstin auf -einen Schrank, um es zu erlangen und zerbrach dabei eine Lampe; die -Kammerfrau der Fürstin beruhigte ihn über seine Frau und über die -Lampe und er brachte das Heiligenbild und stellte es zu Häupten Kitys, -es sorgfältig hinter die Kissen steckend. Aber wo, wann und warum -alles das war, wußte er nicht. Er verstand auch nicht, weshalb ihn die -Fürstin bei der Hand nahm und ihn mit einem Blick voll Mitleid bat, -sich zu beruhigen, weshalb Dolly ihm zuredete, zu essen, und ihn aus -dem Zimmer führte, ja, selbst der Doktor ihn ernst und teilnahmsvoll -anschaute und ihm einen stärkenden Tropfen empfahl. - -Er wußte und fühlte nur, daß das, was sich jetzt vollzog, dem ähnlich -war, was sich ein Jahr vorher in dem Hotel der Gouvernementsstadt auf -dem Totenbett seines Bruders Nikolay vollzogen hatte. - -Jenes aber war ein Schmerz gewesen -- dies war eine Freude! -- Doch -sowohl jener Schmerz, wie diese Freude lagen vereinsamt außerhalb aller -gewohnten Verhältnisse des Lebens; sie bildeten in diesem gewöhnlichen -Leben gleichsam Öffnungen, durch welche etwas Höheres erschien. In ganz -gleicher Weise unergründlich, erhob sich die Seele vor der Betrachtung -dieses Höchsten auf eine Höhe, wie sie nie zuvor begriffen, und wohin -der Verstand nicht mehr reichte. - -»Gott vergieb mir und steh' mir bei,« stammelte er ohne Unterlaß, -ungeachtet der so langjährigen und ihm vollkommen erschienenen -Entfremdung, in dem Gefühl, daß er sich ganz so vertrauensselig und -naiv wieder zu Gott wende, wie in den Zeiten seiner Kindheit und ersten -Jugend. - -Während dieser ganzen Zeit herrschten in ihm zwei in sich gesonderte -Stimmungen. Die eine war vorhanden, wenn er sich nicht in der Gegenwart -seiner Frau befand; sie gruppierte sich um den Arzt, welcher eine -seiner dicken Zigaretten nach der anderen rauchte und sie dann an dem -Rande des gefüllten Aschenbechers löschte, um Dolly und den Fürsten, -von denen ein Gespräch über das Essen, über die Politik und die -Krankheit Marja Petrownas gepflogen wurde, und wo Lewin plötzlich -auf einen Moment völlig vergaß, was vorging, sich gleichsam erwacht -fühlte -- die andere herrschte in ihm, wenn er in ihrer Gegenwart war; -an ihrem Kopfkissen stand, und es ihm das Herz zerreißen wollte vor -Mitleid und doch nicht zerriß, und wo er ohne Aufhören zu Gott flehte. - -Jedesmal, wenn ihn ein aus dem Schlafzimmer zu ihm dringender Schrei -einer Minute des Vergessens wieder entriß, geriet er in den nämlichen -seltsamen Irrtum, dem er in der ersten Minute verfallen war. Jedesmal, -sobald er einen Schrei vernahm, sprang er auf und eilte, um sich zu -entschuldigen, besann sich aber unterwegs, daß er ja nicht schuld sei; -er wollte schützen, helfen. Erblickte er sie aber dann, sah er von -neuem, daß es unmöglich sei zu helfen, so geriet er in Schrecken und -sprach »Gott vergieb mir und steh mir bei.« - -Je weiter die Zeit vorrückte, um so stärker wurden diese beiden -Stimmungen; um so ruhiger wurde er, indem er seine Frau völlig vergaß, -in der Abwesenheit von ihr, um so qualvoller wurden ihm aber auch ihre -Leiden und das Gefühl der Hilflosigkeit, diesen gegenüber. Er sprang -empor, wollte fort, und lief zu ihr. - -Bisweilen, wenn sie ihn immer und immer wieder rief, machte er ihr -Vorwürfe, doch wenn er ihr ergebenes, lächelndes Antlitz gesehen, -ihre Worte gehört hatte: »Ich martere dich,« machte er Gott Vorwürfe, -gedachte er aber Gottes, so flehte er sogleich um Vergebung und -Erbarmen. - - - 15. - -Er wußte nicht, ob es spät oder früh war. Die Kerzen waren schon -sämtlich niedergebrannt. Dolly war soeben im Kabinett gewesen und hatte -dem Arzte vorgeschlagen, sich niederzulegen. - -Lewin saß, den Erzählungen des Doktors über den Charlatanismus eines -Magnetiseurs zuhörend, und schaute auf die Asche seiner Cigarette. Es -war eine Ruhepause eingetreten und er hatte sich in Gedanken verloren. -Er hatte vollständig vergessen, was jetzt vorging, hörte der Erzählung -des Arztes zu und verstand sie. Plötzlich ertönte ein mit nichts mehr -zu vergleichender Schrei. Der Schrei war so furchtbar, daß Lewin nicht -einmal aufsprang, sondern mit stockendem Atem, erschrocken fragend -den Arzt anblickte. Dieser neigte lauschend den Kopf seitwärts, und -lächelte befriedigt. Alles war so außergewöhnlich gewesen, daß Lewin -schon nichts mehr in Erstaunen versetzte. »Es muß wahrscheinlich so -sein,« dachte er und blieb sitzen. Von wem rührte der Schrei her? -Er sprang auf und eilte auf den Fußspitzen in das Schlafzimmer; er -eilte an Lisabetha Petrowna und der Fürstin vorüber und trat auf -seinen Platz zu Häupten. Der Schrei war verstummt, aber es ging jetzt -eine Veränderung vor sich. Was es war -- das sah und erkannte er -nicht, wollte er auch weder sehen, noch erkennen. Aber er nahm diese -Veränderung wahr an dem Gesicht Lisabetha Petrownas, welches streng und -bleich, noch immer so energisch war, obwohl ihre Kinnbacken bisweilen -leise bebten und ihre Augen unverwandt auf Kity gerichtet waren. - -Das glühende, erschöpfte Antlitz Kitys mit dem am schweißbedeckten -Gesicht klebenden Haargewirr war ihm zugewendet und suchte seinen -Blick. Ihre erhobenen Arme verlangten nach den seinen, und mit ihren -schweißbedeckten Händen die seinen, welche kalt waren, fassend, drückte -sie dieselben an ihr Gesicht. - -»Geh' nicht von mir, geh' nicht von mir! Ich habe keine Angst, ich habe -keine Angst!« sprach sie rasch. »Mama, nehmt mir die Ohrringe weg, -sie stören mich. Hast du auch keine Angst? -- Bald, bald, Lisabetha -Petrowna!« -- - -Sie sprach schnell, schnell, und wollte lächeln, aber plötzlich -verzerrte sich ihr Gesicht und sie stieß ihn von sich. - -»Nein, das ist furchtbar! Ich sterbe, sterbe! Komm her, komm her!« -schrie sie auf, und wieder ertönte der nämliche, mit nichts zu -vergleichende Schrei. - -Lewin griff sich nach dem Kopfe und stürzte aus dem Zimmer hinaus. - -»Es ist nichts, nichts; alles geht gut!« rief Dolly ihm nach. - -Doch was man auch sagen mochte, er wußte, daß jetzt alles verloren -war. Den Kopf gegen die Oberschwelle der Thür gelehnt, stand er im -Nebenzimmer und vernahm ein von ihm noch nie gehörtes Wimmern und -Schreien; er erkannte, das jetzt ein Wesen schrie, welches früher Kity -gewesen war. Ein Kind hatte er nicht gewünscht. Er haßte jetzt dieses -Kind, ja wünschte jetzt nicht einmal dessen Leben, sondern nur die -Abkürzung dieser entsetzlichen Leiden. - -»Doktor! Was ist das! Was ist das; mein Gott!« sagte er, den -eintretenden Arzt am Arme packend. - -»Es geht zu Ende,« sagte der Arzt; sein Gesicht war so ernst, als er -dies sagte, daß Lewin dieses »es geht zu Ende« in dem Sinne auffaßte, -als ob sie stürbe. - -Nicht mehr bei Sinnen, rannte er in das Schlafzimmer. Das erste, was -er hier erblickte, war das Gesicht Lisabetha Petrownas. Es war noch -finstrer und ernstrer geworden. Das Gesicht Kitys war nicht da. An -der Stelle, wo es vorher gewesen, lag etwas Entsetzenerregendes, nach -dem Ausdruck von Anstrengung und den Tönen die von dorther kamen, zu -urteilen. Er fiel mit dem Kopfe auf die Bettstelle, und fühlte, wie es -ihm das Herz zerriß. Das furchtbare Schreien verstummte nicht mehr, -es wurde noch furchtbarer und, als wäre es bis zur höchsten Grenze -des Entsetzlichen gelangt -- verstummte es plötzlich. Lewin traute -seinen Ohren nicht, aber es war nicht zu bezweifeln; das Schreien war -verstummt und man hörte jetzt ein leises Geräusch und schnelles Atmen, -sowie ihre sich losringende, lebhafte, milde und glückselige Stimme die -ein leises »vorbei« hervorbrachte. - -Er hob den Kopf. Kraftlos die Hand auf die Bettdecke sinken lassend, -schaute sie ihn, seltsam schön und still, wortlos an; sie wollte -lächeln, vermochte es aber nicht, und plötzlich fühlte sich Lewin -aus jener geheimnisvollen und furchtbaren, überirdischen Welt, in -der er die letzten zweiundzwanzig Stunden gelebt hatte, in die -frühere, gewohnte zurückversetzt, die ihm jetzt jedoch in solch neuem -Glanze von Glück erschien, daß er ihn nicht ertragen konnte. Die -gespannt gewesenen Saiten waren sämtlich gerissen. Schluchzen und -Freudenthränen, die er nimmermehr vorausgesehen hätte, stiegen in ihm -mit solcher Gewalt, seinen ganzen Körper erschütternd, auf, daß sie ihn -lange Zeit am Sprechen verhinderten. - -Auf die Kniee niederfallend vor dem Bett, hielt er die Hand seines -Weibes an seine Lippen und küßte sie, und diese Hand antwortete seinen -Küssen mit einer schwachen Bewegung der Finger. Währenddem aber -bewegte sich unten, zu Füßen des Bettes, in den gewandten Händen der -Lisabetha Petrowna, wie ein Flämmchen aus dem Leuchter, ein lebendiges -menschliches Wesen hin und her, welches früher nie gewesen war, nun -aber mit dem gleichen Rechte, mit der nämlichen Bedeutung für sich -selbst, leben sollte und seinesgleichen zeugen. - -»Es lebt, es lebt! Und noch dazu ein Junge! Fürchtet nichts!« hörte -Lewin die Stimme der Lisabetha Petrowna, die mit der zitternden Hand -klatschend den Rücken des Kindes schlug. - -»Mama, ist es wahr?« sagte die Stimme Kitys. - -Nur das Schluchzen der Fürstin antwortete ihr. - -Inmitten des Schweigens aber ertönte, wie eine unbegreifbare Antwort -auf die Frage an die Mutter, eine Stimme, die vollkommen verschieden -war von den Stimmen, welche verhalten im Zimmer sprachen. Es war der -kecke, dreiste, unbekümmerte Schrei eines neuen menschlichen Wesens, -das auf unbegreiflichem Wege erschienen ist. - -Hätte man Lewin früher gesagt, daß Kity einmal sterben werde und er -mit ihr zusammen, und daß ihre Kinder Engel würden und Gott dann bei -ihnen sein werde -- er hätte sich über nichts gewundert; jetzt aber, -in die Welt der Wirklichkeit zurückversetzt, machte er die größten -Anstrengungen im Denken, um zu begreifen, daß sie noch lebte, gesund -sei, und daß jenes verzweifelt wimmernde Wesen sein Sohn sei. - -Kity lebte, ihre Leiden waren vorüber, und er war unsagbar glücklich. -Das erkannte er, und er war vollkommen glücklich darüber. Aber das -Kind? Woher kam es, warum war es und was war es? Er vermochte sich -durchaus nicht an diesen Gedanken zu gewöhnen; es erschien ihm aber -auch durch irgend einen Umstand, an den er sich nicht gewöhnen konnte, -überflüssig, überzählig. - - - 16. - -In der zehnten Stunde saßen der alte Fürst, Sergey Iwanowitsch und -Stefan Arkadjewitsch bei Lewin. Nachdem man über die Wöchnerin -gesprochen hatte, unterhielt man sich auch über nebensächliche Dinge. - -Lewin hörte ihnen zu und dachte unwillkürlich bei diesen Gesprächen -der Vergangenheit, dessen, was bis zum heutigen Morgen geschehen war; -er vergegenwärtigte sich auch, wie er sich noch gestern dazu gestellt -hatte. Es war ihm, als seien seit dieser Zeit hundert Jahre vergangen. -Er fühlte sich auf einer gewissen unzugänglichen Höhe, von welcher -er sich vorsorglich herabließ, um diejenigen nicht zu verletzen, mit -denen er sprach. Er sprach, und dachte dabei fortwährend seines -Weibes, der Einzelheiten ihres jetzigen Zustandes, und seines Sohnes, -und suchte sich an den Gedanken seines Vorhandenseins zu gewöhnen. Die -ganze Welt des Weiblichen, welche für ihn eine neue, ihm unbekannt -gewesene Bedeutung erlangt hatte, seitdem er verheiratet war, erhob -sich jetzt in seinem Begriffsvermögen so hoch, daß er sie mit seiner -Vorstellungskraft nicht mehr zu umfassen vermochte. Er hörte auf das -Gespräch über ein Essen am gestrigen Tag im Klub und dachte dabei »wie -mag es jetzt mit ihr stehen, ob sie eingeschlafen ist? Wie mag sie sich -befinden? Was mag sie denken? Schreit der kleine Dmitry?« Und mitten in -der Unterhaltung sprang er auf und verließ das Zimmer. - -»Man hat mir gemeldet, man kann zu ihr,« sagte der Fürst. »Gut; -sogleich« -- antwortete Lewin, und ging ohne Verzug zu ihr. - -Sie schlief nicht und sprach leise mit ihrer Mutter, Pläne über die -bevorstehende Taufe entwerfend. - -Geputzt, frisiert und in einem zierlichen Häubchen mit blauem Band, -die Hände auf der Bettdecke ausgestreckt, lag sie auf dem Rücken, und -winkte ihn mit dem Blick zu sich, indem sie dem seinigen begegnete. -Ihr Blick, schon ohnehin hell, wurde noch lichter im Maße, als er sich -ihr näherte. Auf ihrem Gesicht lag jene Wandlung vom Irdischen zum -Überirdischen, welche auf dem Gesicht Verstorbener zu liegen pflegt. -Dort aber liegt Vergebung darauf; hier ein Wunsch nach Begegnung. -Wiederum trat ihm jene Wallung, ähnlich derjenigen, die er in den -Augenblicken der Niederkunft empfunden hatte, ans Herz. Sie nahm ihn -bei der Hand und frug, ob er geschlafen habe. Er konnte nicht antworten -und wandte sich ab, von seiner Schwäche übermannt. - -»Ich habe mich vergessen, mein Konstantin,« sagte sie zu ihm, »doch -jetzt befinde ich mich recht wohl.« Sie schaute ihn an, doch plötzlich -veränderte sich ihr Ausdruck. »Gebt ihn mir her,« sprach sie, das -Wimmern des Kindes vernehmend. »Gebt ihn her, Lisabetha Petrowna, er -soll ihn sehen.« - -»Hier, der Papa muß ihn sehen,« sagte Lisabetha Petrowna, ein rotes, -seltsames, sich bewegendes Etwas emporhebend und herbeibringend; »doch -halt, wir wollen ihn erst putzen,« und Lisabetha Petrowna legte dieses -sich bewegende, rote Ding auf das Bett, wickelte das Kind auf, und -wickelte es wieder zu, nachdem sie es mit einem Finger aufgehoben, -umgewendet, und es mit irgend etwas bestreut hatte. - -Lewin machte, indem er dieses einzige, klägliche Wesen ansah, -vergebliche Anstrengungen, in seiner Seele einige Kennzeichen -von Vatergefühl für dasselbe zu entdecken. Er empfand nur Ekel -vor ihm. Nachdem es jedoch der Hüllen entledigt war, die zarten -Ärmchen, Füßchen, die wie Saffran aussahen, sichtbar wurden, mit den -kleinen Fingerchen, selbst mit dem Daumen, der sich vor den anderen -auszeichnete, und als er wahrnahm, wie Lisabetha Petrowna -- als wären -es weiche Sprungfedern -- die gespreizten Ärmchen andrückte, indem sie -sie in ein leinenes Jüpchen steckte, überkam ihn ein solches Mitleid -mit diesem Wesen, und eine solche Angst, sie könne demselben schaden, -daß er sie an der Hand festhielt. - -Lisabetha Petrowna lachte. - -»Habt keine Angst; habt keine Angst!« - -Nachdem das Kind angezogen und zu einer drallen Puppe umgewandelt -worden war, wälzte es Lisabetha Petrowna, als sei sie stolz auf ihr -Werk, und trat dann zurück, damit Lewin den Sohn in seiner ganzen -Schönheit sehen könne. - -Kity schaute unverwandt gleichfalls nach ihm hin. - -»Reicht ihn her, reicht ihn her!« sagte sie und wollte sich sogar -erheben. - -»Was macht Ihr, Katharina Aleksandrowna, solche Bewegungen dürft Ihr -nicht machen! Wartet nur, ich werde ihn Euch schon geben. Jetzt wollen -wir uns aber erst Papa zeigen, wie hübsch wir sind.« - -Und Lisabetha Petrowna erhob auf dem einen Arme -- der andere stützte -nur mit den Fingern das noch haltlose Genick -- dieses seltsame, -zappelnde, seinen Kopf unter dem Saum der Windel verbergende rote -Wesen. Doch es hatte auch eine Nase, schielende Augen und schmatzende -Lippen. - -»Ein schönes Kind!« sagte Lisabetha Petrowna. - -Lewin seufzte voll Ingrimm. Dieses schöne Kind flößte ihm nur das -Gefühl des Abscheues und des Mitleids ein. Das war durchaus nicht das -Gefühl, welches er erwartet hatte. - -Er wandte sich ab, während Lisabetha Petrowna das Kind an die noch -nicht gewohnte Brust zu legen suchte. - -Ein Lachen ließ ihn plötzlich den Kopf heben. Kity hatte gelacht. Das -Kind hatte sich an ihre Brust gemacht. - -»Genug, genug nun!« sagte Lisabetha Petrowna, doch Kity ließ es nicht -von sich. Es schlief in ihren Armen ein. - -»Sieh jetzt her,« sprach Kity, ihm das Kind so zuwendend, daß er -es sehen konnte. Das ältlich aussehende Gesichtchen runzelte sich -plötzlich noch mehr; das Kind nieste. - -Lächelnd und mit Mühe die Thränen zurückhaltend, küßte Lewin sein Weib -und verließ das verdunkelte Gemach. - -Was er für dieses kleine Geschöpf empfand, war durchaus nicht das, was -er erwartet hatte. Nichts Heiteres und Freudiges lag in diesem Gefühl; -im Gegenteil, es verursachte ihm eine ungewohnte, peinliche Angst; -die Erkenntnis eines neuen Gebietes, auf dem er verwundbar war. Diese -Erkenntnis war ihm in der ersten Zeit so peinlich, die Angst davor, daß -dieses hilflose Wesen nicht litte, war so stark, daß infolge derselben -die Empfindung einer ungemessenen Freude, selbst des Stolzes, die er -hatte, als das Kind nieste, gar nicht bemerkbar wurde. - - - 17. - -Die Verhältnisse Stefan Arkadjewitschs hatten sich sehr verschlechtert. -Die Gelder für zwei Drittel des Waldes waren bereits verlebt, und -das dritte Drittel hatte er unter einem Zinsenabzug von zehn Prozent -bei dem Kaufmann schon im voraus fast ganz erhoben. Der Kaufmann gab -kein Geld mehr her, umsoweniger, als sich in diesem Winter Darja -Aleksandrowna, zum erstenmale rückhaltlos ihre Rechte auf ihr Vermögen -geltend machend, geweigert hatte, einen Kontrakt über den Empfang des -Betrages für das letzte Drittel des Waldes zu unterschreiben. - -Der ganze Gehalt ging für die häuslichen Ausgaben, sowie für die -Begleichung der kleinen Forderungen auf, die sich nicht aufschieben -ließen. An Geld war vollständige Ebbe eingetreten. - -Das war unangenehm, peinlich, und konnte nach der Meinung Stefan -Arkadjewitschs nicht so fortgehen. Die Ursache lag nach seiner -Auffassung darin, daß er einen zu geringen Gehalt bezog. Das Amt, -welches er bekleidete, war offenbar sehr gut gewesen vor fünf Jahren, -jetzt aber war dem nicht mehr so. Petroff, der Bankdirektor, hatte -zwölftausend Rubel; Swentizkiy, ein Mitglied der Gesellschaft, hatte -siebzehntausend, und Mitin, der die Bank gegründet hatte, bezog -fünfzigtausend Rubel. »Offenbar habe ich geschlafen und man hat mich -vergessen,« dachte Stefan Arkadjewitsch bei sich, und fing nun an, -das Ohr zu spitzen, und um sich zu schauen, und gegen das Ende des -Winters hin hatte er eine sehr gute Stelle erspäht, auf welche er nun -eine Attacke machte; zuerst von Moskau aus, mit Hilfe seiner Tanten, -Onkel und Freunde, dann aber, nachdem die Sache reif geworden, fuhr -er mit dem Frühling selbst nach Petersburg. Es war eines jener Ämter, -deren jetzt, mit Einkünften von ein bis zu fünfzigtausend Rubel -jährlich Gehalt, mehr geworden sind, als früher vorhanden waren, -behagliche, sportelfette Ämter. Es war die Stellung eines Mitglieds -in der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz der -südlichen Eisenbahnen und Bankinstitute. Dieses Amt forderte, wie alle -derartigen Stellungen, so ungeheure Kenntnisse, solche Thätigkeit, daß -es schwer war, es in einem einzelnen Menschen zu vereinigen. - -Da nun ein solcher Mann, der diese Eigenschaften in sich vereinigte, -nicht vorhanden war, war es immer noch das beste, wenn das Amt -ein ehrenhafter Mann bekleidete, als ein unehrenhafter. Stefan -Arkadjewitsch aber war nicht nur ein Ehrenmann -- ohne Betonung -- -sondern er war ein ehrlicher Mensch -- mit Betonung -- in jenem -eigentümlichen Sinne, den dieses Wort in Moskau besitzt, wenn man sagt: -Ein ehrlicher Beamter, Schriftsteller, ein ehrliches Journal, eine -solide Unternehmung, ehrliche Richtung; und welcher nicht nur andeutet, -daß ein Mensch oder eine Institution nicht unehrenhaft ist, sondern -auch, daß dieselben fähig sind, bei Gelegenheit der Regierung einen -Stich zu versetzen. - -Stefan Arkadjewitsch verkehrte in Moskau in denjenigen Kreisen, in -denen dieses Wort eingeführt war, in denen er als ehrenhafter Mann -angesehen wurde und demgemäß mehr Anrechte auf diese Stellung hatte, -als andere. - -Das Amt warf jährlich von sieben bis zu zehntausend Rubel ab und -Oblonskiy konnte es bekleiden, ohne dabei seinen Regierungsposten -aufzugeben. Es hing von zwei Ministerien ab, von einer Dame und zwei -Juden, und alle diese Leute mußte Stefan Arkadjewitsch -- obwohl sie -schon vorbereitet waren -- in Petersburg besuchen. Außerdem hatte er -seiner Schwester Anna versprochen, von Karenin eine bestimmte Antwort -betreffs der Ehescheidung zu erlangen. - -Nachdem er sich von Dolly fünfzig Rubel erbeten hatte, fuhr er nach -Petersburg. - -In dem Kabinett Karenins sitzend, und dessen Projekt betreffs des -schlechten Zustandes der russischen Finanzen anhörend, wartete Stefan -Arkadjewitsch nur auf die Minute, wo Karenin enden würde, um von seiner -Angelegenheit und von Anna zu beginnen. - -»Ja, das ist sehr wichtig,« sagte er, als Aleksey Aleksandrowitsch sein -Pincenez abnahm, ohne welches er jetzt nicht mehr lesen konnte, und -fragend seinen ehemaligen Schwager anschaute, »das ist sehr richtig in -den Einzelheiten, aber bei alledem ist doch das Prinzip unserer Zeit -- -die Freiheit.« - -»Ich stelle aber eben ein anderes Prinzip auf, welches das Prinzip -der Freiheit mit einschließt,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, das -Wort »einschließt« betonend und das Pincenez wieder aufsetzend, um -noch einmal seinem Zuhörer die Stelle vorzulesen, in welcher eben dies -gesagt war. - -Das schöngeschriebene Manuskript mit den großen weißen Rändern -durchblätternd, las Aleksey Aleksandrowitsch aufs neue die überzeugende -Stelle. - -»Ich will kein Protektionssystem, keines im Interesse einzelner -Privatpersonen, sondern eines im Interesse des allgemeinen Wohls -- für -die niedrigsten ebenso wie für die höchsten Klassen« -- sagte er, über -dem Pincenez hinweg nach Oblonskiy blickend. »Aber die oben können das -nicht begreifen, die sind nur von persönlichen Interessen eingenommen -und von Phrasen begeistert.« - -Stefan Arkadjewitsch wußte, daß Karenin, wenn er davon zu sprechen -begann, was _die oben_ thäten und dächten, die Nämlichen, welche seine -Projekte nicht annehmen wollten und die die Ursache aller Übelstände in -Rußland waren, dem Schluß schon ziemlich nahe war, und entsagte daher -jetzt gern der Verteidigung seines Princips der Freiheit und stimmte -vollständig ein. Aleksey Aleksandrowitsch verstummte, nachdenklich -seine Schrift durchblätternd. - -»Ach, bei dieser Gelegenheit« -- sagte Stefan Arkadjewitsch, »wollte -ich dich bitten, wenn du Pomorskiy sehen solltest, ihm doch ein paar -Worte davon zu sagen, daß ich recht sehr die offene Stellung als -Mitglied der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz -der südlichen Eisenbahnen zu haben wünschte.« Stefan Arkadjewitsch -war der Titel dieses Amtes, das ihm so sehr am Herzen lag, bereits -gewohnt geworden und er sprach ihn schnell herunter, ohne sich dabei zu -versehen. - -Aleksey Aleksandrowitsch erkundigte sich, worin die Thätigkeit dieser -neuen Kommission bestände und überlegte. Er erwog, ob in der Thätigkeit -dieser Kommission nicht etwas seinen Plänen Feindliches liegen könne. -Doch da die Thätigkeit dieses neuen Instituts eine sehr komplizierte -war, und seine Pläne ein sehr großes Gebiet umfaßten, so vermochte er -sich dies nicht sofort klarzumachen und sagte, das Pincenez abnehmend: - -»Ohne Zweifel kann ich mit ihm davon sprechen; aber warum wünschest du -gerade dieses Amt zu übernehmen?« - -»Der Gehalt ist gut, gegen neuntausend Rubel, und meine Mittel« -- - -»Neuntausend,« wiederholte Aleksey Aleksandrowitsch und verfinsterte -sich. Die Höhe dieses Gehaltes erinnerte ihn daran, daß nach dieser -Seite eine vorausgesetzte Thätigkeit Stefan Arkadjewitschs dem -Hauptgedanken seiner Projekte entgegen sein würde, welche stets für die -Sparsamkeit waren. - -»Ich finde, und habe auch darüber eine Denkschrift geschrieben, daß in -unserer Zeit diese ungeheuren Gehälter die Kennzeichen einer falschen -ökonomischen =assiette= unserer Regierung sind.« - -»Was willst du?« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Nehmen wir an, ein -Bankdirektor erhält zehntausend Rubel, so ist er diese doch wohl wert. -Oder ein Ingenieur erhält zwanzigtausend.« - -»Ich meine, daß der Gehalt eine Bezahlung für Ware ist, und dem Gesetz -der Nachfrage und des Angebotes entsprechen muß. Wenn die Normierung -eines Gehaltes von diesem Gesetz abweicht, wie zum Beispiel, wenn -ich sehe, daß aus einem Institut zwei Ingenieure hervorgehen, gleich -kenntnisreich und befähigt, und der eine vierzigtausend Rubel Gehalt -erhält, während sich der andere mit zweitausend begnügt; oder wenn -man zu Direktoren einer Bank mit ungeheuren Gehältern Rechtsgelehrte -einsetzt, die kein bestimmtes Spezialwissen besitzen -- so schließe -ich daraus, daß der Gehalt nicht nach dem Gesetz von Nachfrage und -Angebot bestimmt ist, sondern geradezu nach dem Ansehen der Person. -Hierin aber liegt ein Mißbrauch, der sich, wichtig an und für sich, als -schadenbringend im Staatsdienst erweist. Ich glaube« -- - -Stefan Arkadjewitsch beeilte sich, seinen Schwager zu unterbrechen. - -»Ja, aber du giebst doch zu, daß sich da eine neue, unzweifelhaft -nutzbringende Institution eröffnet; ein lebensfähiges Unternehmen, -wenn du willst. Man schätzt es namentlich insofern hoch, als es auf -ehrenhafte Weise geleitet werden soll,« sagte Stefan Arkadjewitsch -gewichtig. - -Die Moskauer Bedeutung des Wortes »ehrenhaft« war jedoch für Aleksey -Aleksandrowitsch unverständlich. - -»Ehrenhaftigkeit ist nur eine negative Eigenschaft,« sagte er. - -»Aber du würdest mir gleichwohl einen großen Gefallen erweisen,« sagte -Stefan Arkadjewitsch, »wenn du ein Wort für mich bei Pomorskiy einlegen -wolltest,« das Wörtchen »Pomorskiy« unterdrückend, »so im Gespräch.« - -»Das hängt aber doch mehr von Bolgarinoff ab, wie mir scheint,« sagte -Aleksey Aleksandrowitsch. - -»Bolgarinoff seinerseits ist völlig einverstanden,« sagte Stefan -Arkadjewitsch errötend. Er errötete bei der Erwähnung dieses Namens, -weil er erst am nämlichen Tage früh bei dem Juden Bolgarinoff gewesen -war und dieser Besuch einen unangenehmen Eindruck in ihm hinterlassen -hatte. - -Stefan Arkadjewitsch wußte genau, daß das Unternehmen, dem er seine -Kräfte weihen wollte, neu, lebensfähig und solid war, aber am heutigen -Morgen, als Bolgarinoff ihn offenbar mit Absicht zwei Stunden mit -anderen Bittstellern im Empfangszimmer hatte warten lassen, da war -es ihm dennoch plötzlich peinlich zu Mute geworden. Ob nun deswegen, -daß er, ein Nachkomme Rjuriks, ein Fürst Oblonskiy, zwei Stunden in -dem Empfangszimmer eines Juden wartete, oder weil er zum erstenmal -im Leben das Beispiel der Vorfahren, der Regierung zu dienen, nicht -befolgt hatte und eine neue Laufbahn betrat; jedenfalls war ihm höchst -unbehaglich zu Mute gewesen. - -Während der zwei Stunden seines Wartens bei Bolgarinoff hatte Stefan -Arkadjewitsch, schnell im Empfangssalon auf und abgehend, sich den -Lockenbart streichend, mit anderen Bittstellern Gespräche anknüpfend, -und über einen Kalauer nachdenkend, den er darüber zum besten geben -wollte, wie er bei dem Juden gewartet habe, geflissentlich vor den -anderen, ja selbst vor sich, das Gefühl, welches er empfand, verborgen. -Er war während dieser ganzen Zeit in unbehaglicher und verdrießlicher -Stimmung gewesen, ohne daß er wußte, wie dies kam; ob vielleicht daher, -daß aus dem Kalauer, in dem er sich versuchte, nichts wurde -- er -lautete: »ich hatt' es zu thun mit Juden und dafür mußt' ich bluten«[C] --- oder aus einem anderen Grunde. - - [C] Der Originaltext lautet: »=bylo djelo do [.z]yda, i ja - do[.z]idalsja=«, »es gab mit einem Juden Etwas zu thun und ich - mußte tüchtig warten«. - -Nachdem ihn nun endlich Bolgarinoff mit außerordentlicher Höflichkeit -empfangen, augenscheinlich im Triumph über seine Erniedrigung, und ihm -einen fast abschläglichen Bescheid erteilt hatte, suchte er dies so -schnell als möglich zu vergessen. Jetzt indessen, als er sich hieran -erinnerte, errötete er. - - - 18. - -»Jetzt habe ich noch ein Anliegen, und du weißt ja welches. Es betrifft -Anna,« sagte Stefan Arkadjewitsch, nachdem er eine Weile geschwiegen, -und den unangenehmen Eindruck von sich abgeschüttelt hatte. - -Kaum hatte Oblonskiy den Namen Annas ausgesprochen, so veränderte sich -das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs vollständig; anstatt der früheren -Lebhaftigkeit drückte es Ermüdung und etwas Totenhaftes aus. - -»Was wollt Ihr denn gerade von mir?« sagte er, sich im Sessel wendend -und sein Pincenez zusammenklemmend. - -»Einen Entschluß, irgend einen Bescheid, Aleksey Aleksandrowitsch. Ich -wende mich jetzt zu dir -- nicht zu dem beleidigten Gatten« -- wollte -Stefan Arkadjewitsch sagen, veränderte jedoch diese Worte in der -Furcht, die Sache damit zu verderben, indem er fortfuhr, »nicht als zu -dem Staatsmann (was übrigens auch nicht recht angebracht war), sondern -einfach zu dir als Menschen, und zwar als guten Menschen und Christen. -Du mußt Mitleid mit ihr haben,« sprach er. - -»Das heißt, inwiefern denn eigentlich?« sagte Karenin leise. - -»Ja, Mitleid mit ihr haben! Wenn du sie sähest, wie ich sie gesehen -habe -- ich habe den ganzen Winter bei ihr zugebracht -- du würdest -Erbarmen mit ihr haben. Ihre Lage ist entsetzlich, wirklich -entsetzlich.« - -»Mir schien,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch mit noch dünnerer, -fast pfeifender Stimme, »als habe doch nun Anna Arkadjewna alles das, -was sie selbst gewollt hat.« - -»Ach, Aleksey Aleksandrowitsch, um Gottes willen keine Rekriminationen! -Was vorbei ist, ist vorbei, und du weißt, was sie wünscht und ersehnt --- die Ehescheidung.« - -»Ich habe aber geglaubt, Anna Arkadjewna wird in die Ehescheidung -nicht einwilligen für den Fall, daß ich die Bedingung, mir den Sohn zu -lassen, stelle. So habe ich auch geantwortet und gemeint, daß diese -Angelegenheit abgethan wäre. Ich erachte sie für abgethan,« sprach -Aleksey Aleksandrowitsch mit tönender Stimme. - -»Um Gott, ereifere dich nicht,« sprach Stefan Arkadjewitsch, die Kniee -seines Schwagers berührend, »die Angelegenheit ist nicht abgethan. Wenn -du mir erlaubst, zu rekapitulieren, so lag die Sache so: Als ihr euch -trenntet, warest du großmütig, wie man nur großmütig sein kann; du hast -ihr alles bewilligt -- die Freiheit, sogar die Trennung! Sie weiß das -zu schätzen. Nein, denke nicht anders, sie hat es wirklich geschätzt; -bis zu einem Grade, daß sie während jener ersten Minuten im Gefühl -ihrer Schuld vor dir, nicht einmal alles überdachte oder überdenken -konnte. Sie hat auf alles verzichtet, aber die Wirklichkeit, die Zeit, -haben ihr gezeigt, daß ihre Lage qualvoll und unmöglich ist.« - -»Das Leben Anna Arkadjewnas kann mich nicht interessieren,« unterbrach -ihn Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend. - -»Gestatte mir, dies zu bezweifeln,« entgegnete ihm Stefan Arkadjewitsch -geschmeidig, »ihre Lage ist peinlich für sie, und unersprießlich für -jedermann, wer es auch sei. Sie hat dieselbe verdient, sagst du. Das -weiß sie, und sie bittet dich auch nicht, sagt vielmehr offen heraus, -daß sie nicht wagt, um Etwas zu bitten. Ich aber, wir Verwandten alle, -alle, die sie lieb haben, wir bitten, wir beschwören dich. Warum soll -sie sich quälen? Wem würde besser dadurch?« - -»Erlaubt; Ihr versetzt mich, wie es scheint, in die Lage eines -Angeklagten,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort. - -»O nein, o nein; keineswegs; verstehe mich recht,« sagte Stefan -Arkadjewitsch, abermals seine Hände berührend, als wäre er überzeugt, -daß diese Berührung den Schwager erweichen würde; »ich sage nur -das Eine, ihre Lage ist qualvoll, dieselbe kann erleichtert werden -durch dich, und du verlierst nichts dabei! Ich werde für dich alles -so arrangieren, daß du es nicht merkst. Du hattest mir es doch -versprochen.« - -»Das Versprechen ist früher gegeben worden. Ich habe geglaubt, daß die -Frage über den Sohn die Angelegenheit entschieden hätte. Außerdem habe -ich gehofft, daß Anna Arkadjewna Großmut genug haben werde« -- Aleksey -Aleksandrowitsch brachte dies mit Anstrengung hervor, erbleichend und -mit bebenden Lippen. - -»Sie stellt alles deiner Großmut anheim und bittet, fleht nur um das -Eine -- sie dieser unmöglichen Lage zu entheben, in der sie sich -befindet! Sie bittet nicht mehr um den Sohn! Aleksey Aleksandrowitsch, -du bist ein guter Mensch, versetze dich einen Augenblick in ihre Lage. -Die Frage der Ehescheidung ist für sie in ihrer Situation, eine Frage -über Leben und Tod. Hättest du nicht früher das Versprechen gegeben, -so würde sie sich mit ihrer Lage abzufinden suchen und auf dem Lande -bleiben. Aber du hast versprochen, sie hat dir geschrieben und ist -nach Moskau gekommen, und in Moskau, wo ihr jede Begegnung einen Stich -ins Herz giebt, lebt sie nun seit sechs Monaten, mit jedem Tage eine -Entscheidung erwartend. Das ist doch wohl ganz das Nämliche, als wenn -man einen zum Tode Verurteilten Monate hindurch mit der Schlinge um den -Hals hält, indem man ihm bald den Tod, bald Begnadigung als möglich in -Aussicht stellt. Erbarme dich ihrer, und dann will ich es schon auf -mich nehmen die Sache zu ordnen! -- =Vos scrupules=« -- - -»Ich spreche nicht davon, nicht davon,« unterbrach ihn Aleksey -Aleksandrowitsch mit Widerwillen, »ich hatte da vielleicht etwas -versprochen, was zu versprechen ich gar kein Recht hatte.« - -»So stellst du also in Abrede, mir ein Versprechen gegeben zu haben?« - -»Ich habe mich nie bei der Erfüllung einer Möglichkeit geweigert, -wünsche aber Zeit zu haben, um überlegen zu können, inwieweit das -Versprochene erfüllbar ist.« - -»Nein, Aleksey Aleksandrowitsch!« begann Oblonskiy aufspringend, »daran -will ich nicht glauben! Sie ist so unglücklich, wie nur ein Weib -unglücklich sein kann, und du kannst dich nicht weigern, eine solche« -- - --- »Soweit mein Versprechen erfüllbar ist. =Vous professez d'être -un libre penseur=, ich aber, als Rechtgläubiger, kann in einer so -wichtigen Angelegenheit nicht wider das christliche Gebot handeln.« - -»Aber in der christlichen Gesellschaft und bei uns ist doch, soviel -ich weiß, die Ehescheidung zulässig,« sagte Stefan Arkadjewitsch; »die -Ehescheidung ist auch in unserer Kirche zulässig und wir sehen« -- - --- »Sie ist gestattet, doch nicht in diesem Sinne.« - -»Aleksey Aleksandrowitsch, ich erkenne dich nicht wieder,« sagte -Oblonskiy flehend, »hast du nicht alles vergeben? Haben wir dies nicht -hoch angeschlagen? Warest du nicht, getrieben gerade vom christlichen -Gefühl, bereit, alles zu opfern? Du selbst hast gesagt, man solle auch -den Rock hingeben wenn man das Hemd nähme, und jetzt« -- - -»Ich bitte dich,« begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich auf die -Füße springend, bleich, mit bebenden Kinnbacken und pfeifender Stimme, -»ich bitte Euch, abzubrechen, abzubrechen -- dieses Gespräch« -- - -»O nein doch! Verzeihe mir, verzeih', wenn ich dich gekränkt habe,« -beharrte Stefan Arkadjewitsch, verlegen lächelnd und die Hand -hinstreckend, »ich habe ja nur wie ein Gesandter meinen Auftrag -übermittelt.« - -Aleksey Aleksandrowitsch gab ihm die Hand, begann nachzudenken. - -»Ich muß überlegen und mich nach Weisungen umsehen. Übermorgen -werde ich Euch eine bestimmte Antwort geben,« sagte er nach einigem -Nachdenken. - - - 19. - -Stefan Arkadjewitsch wollte schon gehen, als Korney erschien mit der -Meldung: - -»Sergey Aleksejewitsch!« - -»Wer ist dieser Sergey Aleksejewitsch?« wollte Stefan Arkadjewitsch -anfangen, besann sich aber sogleich. »Ach, der kleine Sergey,« sagte -er, »Sergey Aleksejewitsch! Ich dachte, der Direktor des Departements -wäre es. Anna hat mich ja gebeten, ihn zu besuchen,« erinnerte er sich, -und rief sich jenen schüchternen, mitleiderweckenden Ausdruck wieder -ins Gedächtnis, mit welchem ihm Anna, indem sie ihn entließ, gesagt -hatte, »du wirst ihn sehen, erforsche genau, wo er ist und wer bei ihm -ist. Und mein Stefan -- wenn es möglich wäre; es wird doch möglich -sein?« Stefan Arkadjewitsch verstand was dieses »wenn es möglich wäre« -bedeutete. Wenn es möglich wäre, die Scheidung so zu stande zu bringen, -daß er ihr den Sohn überließ! Jetzt sah er indessen, daß hieran nicht -zu denken war, aber dennoch freute er sich, den Neffen zu sehen. - -Aleksey Aleksandrowitsch machte seinen Schwager darauf aufmerksam, -daß man zu seinem Sohne nie von der Mutter spreche und er ihn daher -ersuche, kein Wort von derselben zu erwähnen. - -»Er war sehr krank geworden nach jenem Wiedersehen mit seiner -Mutter, welches wir nicht vorausgesehen hatten,« sagte Aleksey -Aleksandrowitsch. »Wir fürchteten sogar für sein Leben. Aber eine -verständige Pflege und Seebäder im Sommer haben seine Gesundheit -wiederhergestellt, und jetzt habe ich ihn auf Anraten des Arztes in die -Schule gegeben. In der That hat auch der Einfluß der Kameraden auf ihn -eine günstige Wirkung gehabt und er ist vollkommen gesund und lernt -gut.« - -»Was für ein hübscher Bursch er geworden ist; das ist nicht mehr der -kleine Sergey Aleksejewitsch!« lächelte Stefan Arkadjewitsch, auf den -hurtig und ungezwungen eintretenden hübschen, breitschulterigen Knaben -in blauer Kutte und langen Beinkleidern blickend. Der Knabe sah gesund -und munter aus. Er verneigte sich vor dem Onkel wie vor einem Fremden, -doch, als er ihn erkannt hatte, errötete er und wandte sich, als sei -er von Etwas beleidigt und erzürnt, hastig von ihm ab. Der Knabe ging -zu seinem Vater und gab ihm ein Billet über Censuren, welche er in der -Schule erhalten hatte. - -»Nun, recht so,« sagte der Vater, »du kannst gehen.« - -»Er ist magerer geworden und gewachsen, er hat aufgehört, ein Kind zu -sein und ist ein großer Knabe geworden; das liebe ich,« sagte Stefan -Arkadjewitsch, »besinnst du dich noch auf mich?« - -Der Knabe blickte schnell nach seinem Vater. - -»Ich besinne mich, =mon oncle=,« antwortete er, auf den Oheim blickend -und wiederum in Verwirrung geratend. - -Der Onkel rief den Knaben zu sich und nahm ihn bei der Hand. - -»Nun, wie geht es denn?« sagte er, im Wunsche, Etwas zu sagen, obwohl -er nicht recht wußte, was er sagen sollte. - -Der Knabe zog errötend und ohne zu antworten, behutsam seine Hand aus -der des Onkels, und sobald Stefan Arkadjewitsch losgelassen hatte, -eilte er wie ein Vogel, den man in Freiheit gesetzt hat, mit einem -fragenden Blick auf den Vater schnellen Schrittes aus dem Gemach. - -Ein Jahr war vergangen, seit der kleine Sergey seine Mutter zum -letztenmale gesehen hatte. Seit jener Zeit hatte er nie wieder von -ihr gehört. In diesem Jahre nun war er in die Schule gegeben worden -und hatte hier Kameraden kennen und lieben gelernt. Jene Gedanken und -Erinnerungen an seine Mutter, die ihn nach dem Wiedersehen mit ihr -krank gemacht hatten, beschäftigten ihn jetzt nicht mehr. Wenn sie ihn -überkamen, scheuchte er sie geflissentlich von sich, indem er sie für -schimpflich und nur den Mädchen angemessen hielt aber nicht für einen -Knaben und Schulkameraden. Er wußte, daß zwischen Vater und Mutter ein -Zwist bestand, der beide trennte; er wußte, daß es ihm beschieden war, -bei dem Vater zu bleiben, und suchte sich nun an diesen Gedanken zu -gewöhnen. - -Daß er den Onkel, welcher seiner Mutter ähnlich war, wiedersah, war -ihm unangenehm, weil dies eben wieder jene Erinnerungen, die er für -schimpflich hielt, in ihm wachrief. Es war ihm dies um so unangenehmer, -als er, nach einigen Worten, die er gehört hatte, indem er an der -Thür des Kabinetts wartete, und namentlich nach dem Gesichtsausdruck -des Vaters und des Onkels zu urteilen erriet, daß zwischen beiden die -Rede von seiner Mutter gewesen sein mußte, und um nun diesen Vater, -bei welchem er lebte, und von dem er abhing, nicht hintenanzusetzen, -hauptsächlich jedoch sich nicht einer Empfindsamkeit hinzugeben, die er -für so verächtlich hielt, bemühte sich der kleine Sergey, diesen Onkel -gar nicht anzublicken, welcher gekommen war seine Ruhe zu stören, und -nicht an das zu denken, was er ihm ins Gedächtnis zurückrief. - -Als ihn jedoch Stefan Arkadjewitsch, der hinter ihm hinausgegangen, -und seiner auf der Treppe ansichtig geworden war, zu sich rief, und -frug, wie er in der Schule die Zeit in den Zwischenstunden verbringe, -unterhielt sich Sergey, außer Gesichtsweite des Vaters, mit ihm. - -»Jetzt machen wir Eisenbahn,« sagte er, auf die Frage antwortend. »Und -wißt Ihr wie? Zwei setzen sich auf eine Bank; das sind die Passagiere. -Einer steht auf der Bank, und alle spannen sich nun davor. Man kann sie -nun mit den Händen oder auch an den Gürteln ziehen und so geht es durch -alle Säle. Die Thüren werden schon vorher geöffnet. Nun ist es schwer -dabei den Kondukteur zu machen.« - -»Das ist der, welcher steht?« frug Stefan Arkadjewitsch lächelnd. - -»Ja; da ist Kühnheit und Gewandtheit notwendig, besonders wenn sie -schnell stehen bleiben oder wenn einer fällt.« - -»Ja, das ist kein Spaß,« sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Wehmut in -diese lebhaften, an die Mutter gemahnenden Augen blickend, die jetzt -nicht mehr Kinderaugen, schon nicht ganz unschuldsvoll waren, und -obwohl er Aleksey Aleksandrowitsch versprochen hatte, nicht von Anna zu -sprechen, hielt er es doch nicht aus. - -»Denkst du denn noch deiner Mama?« frug er plötzlich. - -»Nein; ich denke nicht mehr an sie,« antwortete Sergey, schnell und -schlug, purpurrot werdend, die Augen nieder. Der Onkel konnte nun -nichts mehr aus ihm herausbringen. - -Der Erzieher Slavjanin fand nach einer halben Stunde seinen Zögling auf -der Treppe und konnte lange nicht verstehen, ob Sergey jemand zürne -oder weine. - -»Ihr habt Euch wohl gestoßen, als Ihr fielet?« sagte der Erzieher. »Ich -habe doch immer gesagt, daß dies ein gefährliches Spiel ist. Das wird -wohl dem Direktor gesagt werden müssen.« - -»Wenn ich mich gestoßen hätte, so hätte dies ja doch niemand bemerkt. -Das ist doch sicher wahr!« - -»Nun was aber ist Euch denn dann?« - -»Laßt mich! Ob ich daran denke oder nicht! Was geht das ihn an? Warum -soll ich daran denken? Laßt mich in Ruhe!« wandte er sich schon nicht -mehr an den Erzieher, sondern an die ganze Welt. - - - 20. - -Stefan Arkadjewitsch hatte, wie stets, die Zeit in Petersburg nicht -müßig zugebracht. In Petersburg hatte er an Geschäften außer der -Scheidung der Schwester und der Angelegenheit mit dem Amte wie immer, -noch eine Erholung von nöten nach dem Moskauer Stumpfsinn, wie er sagte. - -Moskau war ungeachtet seiner Caféchantants und Omnibusse doch für ihn -nur ein stehender Sumpf. Dies fühlte Stefan Arkadjewitsch stets, und -wenn er in Moskau besonders bei seiner Familie gelebt hatte, fühlte -er, daß sein Lebensmut sank. Wenn er lange Zeit, ohne fortzukommen in -Moskau zugebracht hatte, kam er soweit, daß er anfing, sich über die -schlechte Laune und die Vorwürfe seines Weibes Gedanken zu machen, über -die Gesundheit und Erziehung der Kinder, und die kleinen Interessen -seines Dienstes; selbst der Umstand, daß er Schulden hatte, beunruhigte -ihn. - -Es war indessen nur nötig, daß er nach Petersburg kam und sich dort -aufhielt, in dem Kreise, in welchem er verkehrte, und in welchem man -lebte, ja wirklich lebte, und nicht erfror wie in Moskau, um sogleich -alle diese Gedanken verschwinden und schmelzen zu lassen, wie Wachs vor -dem Scheine des Feuers. - -Und sein Weib? -- Erst heute hatte er mit dem Fürsten Tschetschenskiy -gesprochen. Der Fürst Tschetschenskiy hatte Frau und Kinder -- die -erwachsenen Kinder waren Pagen -- und doch auch eine zweite, illegitime -Familie, in welcher gleichfalls Kinder vorhanden waren. Obwohl nun die -erste Familie auch gut war, fühlte sich der Fürst doch glücklicher -in der zweiten; er brachte seinen ältesten Sohn mit in seine zweite -Familie und erzählte Stefan Arkadjewitsch, er fände, dies sei ihm -nützlich und förderlich. - -Was hätte man hierzu in Moskau gesagt? - -Seine Kinder? -- In Petersburg hinderten die Kinder die Väter nicht -daran, zu leben. Die Kinder wurden in Instituten erzogen, und es gab -hier nicht jene in Moskau -- bei Lwoff zum Beispiel -- verbreitete, -seltsame Auffassung, daß den Kindern aller Luxus des Lebens, den Eltern -allein Mühe und Sorgen zukämen. Hier hatte man erkannt, daß der Mensch -verpflichtet sei, für sich selbst zu leben, wie ein gebildeter Mensch -eben leben müsse. - -Sein Dienst? -- Der Dienst war hier gleichfalls nicht eine so strenge -hoffnungslose Fessel, wie die, welche man in Moskau trug; hier war -ein Interesse am Dienst vorhanden. Eine Begegnung, ein Verdienst, ein -treffendes Wort, die Fähigkeit, sich in den Personen nur verschiedene -Gegenstände vorzustellen, war alles, um jemand plötzlich Carriere -machen zu lassen, wie Bojanzeff, dem Stefan Arkadjewitsch gestern -begegnet und der jetzt einer der ersten Beamten war, sie gemacht hatte. -Dieser Dienst gewährte Interesse. - -Insbesondere wirkten aber die Petersburger Anschauungen in -finanziellen Dingen beruhigend auf Stefan Arkadjewitsch. Bartejanskij, -welcher mindestens fünfzigtausend Rubel in dem =train=, welchen er -gerade verfolgte, verbrauchte, hatte ihm erst gestern darüber ein -bemerkenswertes Wort fallen lassen. - -Vor dem Essen hatte Stefan Arkadjewitsch in der Unterhaltung zu -Bartejanskij gesagt: - -»Du scheinst dem Mordwinskij nahe zu stehen und könntest mir daher -einen Dienst erweisen, wenn du bei ihm für mich ein gutes Wort einlegen -wolltest. Es ist da ein Amt vorhanden, welches ich haben möchte, als -Mitglied der Agentur« -- - -»Nun, ich erinnere mich nicht so ganz -- aber was hast du für eine -Sehnsucht nach diesen Eisenbahngeschäften mit Juden? Doch wie du -willst; aber es ist doch etwas Widerwärtiges dabei« -- - -Stefan Arkadjewitsch sagte ihm nicht, daß es sich um ein lebensfähiges -Unternehmen handle: Bartejanskij hätte dies nicht verstanden. - -»Ich brauche Geld; habe nichts mehr zu leben.« - -»Aber du lebst doch?« - -»Ich lebe wohl, habe aber viel Schulden.« - -»Was willst du? Hast du viel?« sagte Bartejanskij mitleidig. - -»Sehr viel, zwanzigtausend Rubel.« - -Bartejanskij lachte lustig auf. - -»O glücklicher Mensch!« sagte er, »ich habe anderthalb Million und -besitze gar nichts, aber, wie du siehst, kann man doch noch dabei -leben!« - -Stefan Arkadjewitsch fand nicht sowohl in den Worten allein, als in der -Sache selbst die Richtigkeit des Gesagten. - -Schivachoff hatte dreihunderttausend Rubel Schulden und nicht eine -Kopeke im Vermögen und er lebte doch, und noch dazu auf welche -Weise! Den Grafen Krivzoff hatten alle schon totgesungen und er -unterhielt doch noch zwei Maitressen. Petrowskiy hatte fünf Millionen -durchgebracht und lebte noch immer auf demselben Fuße, verwaltete sogar -noch immer Finanzen und bezog zwanzigtausend Rubel Gehalt. - -Außer alledem aber wirkte Petersburg auch physisch angenehm auf Stefan -Arkadjewitsch ein. Es verjüngte ihn. - -In Moskau schaute er zuweilen nach einem grauen Haar, schlief nach -dem Essen, reckte sich, stieg im Schritt, schwer atmend die Treppen, -langweilte sich mit jungen Weibern und tanzte nicht auf den Bällen. In -Petersburg hingegen fühlte er sich stets um zehn Jahre jünger. - -Er empfand in Petersburg das, was ihm gestern erst der sechzigjährige -Graf Oblonskiy, Peter, der soeben aus dem Ausland zurückgekommen war, -gesagt hatte. - -»Wir verstehen hier nicht zu leben,« hatte Peter Oblonskiy gesagt, -»glaubst du es wohl -- ich habe den Sommer in Baden verlebt, aber, -wahrhaftig, mich ganz wie ein junger Mensch gefühlt. Kaum sah ich ein -junges Frauenzimmer, so gingen die Gedanken -- man aß und trank so -leichthin -- Kraft und Mut war vorhanden. Da aber bin ich nun nach -Rußland gekommen -- ich mußte zu meiner Frau und auf das Dorf -- ja; -du wirst es nicht glauben; vierzehn Tage hindurch hatte ich meinen -Hausrock angezogen und aufgehört, zur Tafel Toilette zu machen. An die -jungen Frauenzimmer denke ich nicht mehr, ich bin ein vollständiger -Greis geworden. Nur das Seelenheil zu retten, bleibt mir noch. Dann -aber fuhr ich nach Paris -- da kam ich wieder in Ordnung.« - -Stefan Arkadjewitsch empfand ganz den nämlichen Unterschied, wie Peter -Oblonskiy. In Moskau hatte er so nachgelassen, daß er in der That, wenn -er lange noch so hätte fortleben müssen, dazu gekommen wäre -- was -übrigens ganz gut gewesen sein würde -- für das Heil seiner Seele zu -sorgen. In Petersburg aber fühlte er sich wieder als wahrer Mensch. - -Zwischen der Fürstin Betsy Twerskaja und Stefan Arkadjewitsch bestanden -alte, sehr seltsame Beziehungen. Stefan Arkadjewitsch machte ihr stets -launig den Hof und sagte ihr, immer im Scherz, die indecentesten Dinge, -wobei er recht wohl wußte, daß ihr dies ganz besonders gefiel. Am Tage -nach seinem Gespräch mit Karenin begab sich Stefan Arkadjewitsch zu -ihr. Er fühlte sich so jung, daß er in dieser scherzhaften Cour und -seichten Plauderei unvermutet so weit kam, daß er nicht mehr wußte, wie -er sich wieder heraushelfen sollte, obwohl sie ihm leider nicht nur -nicht gefiel, sondern sogar widerlich war. Dieser Ton herrschte nun -deswegen, weil er ihr sehr gefiel, und so kam es, daß er recht froh -über die Ankunft der Fürstin Mjagkaja war, welche diesem Alleinsein zu -Zweien ein Ende machte. - -»Ah, Ihr hier,« sagte sie, ihn erblickend, »nun, wie befindet sich Eure -arme Schwester? Haltet mich nicht für neugierig,« fügte sie hinzu, -»seit alle sie verlassen haben, alle die, die tausendmal schlechter -sind, als sie, finde ich, daß sie schön gehandelt hat. Ich kann es -Wronskiy nicht verzeihen, daß er es mich nicht hat wissen lassen, -als sie in Petersburg war. Ich wäre zu ihr, und mit ihr überall -hingefahren. Übermittelt ihr doch gefälligst den Ausdruck meiner Liebe -für sie, und erzählt mir nun von ihr.« - -»Ja, ihre Lage ist schwer,« begann Stefan Arkadjewitsch zu erzählen, -in der Einfalt seines Herzens die Worte der Fürstin Mjagkaja, für -bare Münze nehmend, doch diese unterbrach ihn sogleich, nach ihrer -Gewohnheit, und begann selbst zu erzählen. - -»Sie hat gethan, was alle außer mir auch thun, jedoch verheimlichen. -Sie aber hat nicht täuschen wollen, sondern schön gehandelt, und noch -schöner gehandelt, weil sie diesen halben Narren, Euren Schwager, -verließ. Ihr entschuldigt mich wohl; alle haben gesagt, daß er klug -sei, klug -- nur ich allein habe gesagt, daß er ein Thor ist. Jetzt, -nachdem er sich mit der Lydia Iwanowna verbunden hat, und mit dem -Landau, sagt jedermann, daß er halbverrückt ist. Ich wäre froh, wenn -ich nicht mit jedermann einzustimmen brauchte, aber diesmal kann ich -doch nicht anders!« - -»Erklärt mir doch gefälligst,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »was das -eigentlich bedeutet? Gestern war ich bei ihm in der Angelegenheit -meiner Schwester und ersuchte ihn um einen bestimmten Bescheid. Er gab -mir keine Antwort und sagte, er wolle sich bedenken, heute morgen aber -erhielt ich anstatt der Antwort eine Einladung für diesen Abend zu der -Gräfin Lydia Iwanowna.« - -»So, so,« sagte die Fürstin Mjagkaja voll Vergnügen. »Sie werden Landau -befragen, was der sagen wird.« - -»Wie, Landau? Warum? Wer ist das, Landau?« -- - -»Wie, Ihr kennt nicht =Jules Landau le fameux, Jules Landau le -clairvoyant=? Der ist auch halbverrückt, und doch, von ihm hängt das -Schicksal Eurer Schwester ab. Aber das kommt eben vom Leben in der -Provinz -- Ihr wißt von nichts! -- Landau, seht Ihr, war ein Kommis -in einem Pariser Magazin und kam einmal zu einem Arzte. Beim Arzt -schlief er im Empfangszimmer ein und begann im Schlaf allen Kranken -Rat zu erteilen, wunderbare Ratschläge! Hierauf hörte die Frau des -Juriy Meledinskiy -- Ihr wißt, des Kranken -- von diesem Landau und -nahm ihn mit zu ihrem Manne. Er kurierte nun ihren Gatten, doch hat -er ihm noch keinerlei Nutzen gebracht, nach meiner Meinung, da dieser -noch immer so gelähmt ist; allein man glaubt an ihn und giebt sich mit -ihm ab. Sie haben ihn mit nach Rußland gebracht, hier hat sich alles -auf ihn gestürzt und er hat sie alle zu kurieren begonnen. Die Gräfin -Bessubowa hat er geheilt und sie hat ihn so lieb gewonnen, daß sie ihn -zu ihrem Sohne gemacht hat.« - -»Wie, zu ihrem Sohne?« - -»Jawohl, adoptiert. Er ist jetzt kein Landau mehr, sondern ein Graf -Bessuboff. Doch darum handelt es sich nicht; Lydia jedoch -- ich liebe -sie sehr, aber sie hat den Kopf nicht auf dem rechten Flecke -- hat -sich natürlich jetzt diesem Landau in die Arme geworfen und ohne ihn -wird weder bei ihr, noch bei Aleksey Aleksandrowitsch ein Beschluß -gefaßt, weshalb das Schicksal Eurer Schwester jetzt in den Händen -dieses Landau, alias Grafen Bessuboff, liegt.« - - - 21. - -Von einem vorzüglichen Essen und dem Genuß einer beträchtlichen -Quantität Cognac, den er bei Bartejanskij getrunken hatte, kam Stefan -Arkadjewitsch, nur ein wenig spät für die festgesetzte Zeit, zur Gräfin -Lydia Iwanowna. - -»Wer ist noch bei der Gräfin? Der Franzose?« frug er den Schweizer, -indem er den wohlbekannten Überzieher Aleksey Aleksandrowitschs und -einen eigentümlichen, wunderbaren Paletot mit Spangen erblickte. - -»Aleksey Aleksandrowitsch Karenin und Graf Bessuboff,« antwortete der -Portier gemessen. - -»Die Fürstin Mjagkaja hat richtig vermutet,« dachte Stefan -Arkadjewitsch, als er die Treppe hinaufstieg. »Seltsam; es wäre aber -doch wohl ganz gut, sich ihr zu nähern. Sie besitzt einen ungeheuren -Einfluß. Wenn sie mit Pomorskiy ein Wörtchen spricht, dann ist mir's -gewiß.« - -Es war draußen noch vollständig hell, in dem kleinen Salon der Gräfin -Lydia Iwanowna aber brannten hinter den herabgelassenen Gardinen schon -die Lampen. - -An einem runden Tisch hinter der Lampe saß die Gräfin und Aleksey -Aleksandrowitsch in leise geführtem Gespräch. Ein kleiner, magerer -Mensch mit einer Weibertaille, an den Knieen eingebogenen Füßen, sehr -bleich, hübsch, mit glänzenden, schönen Augen und langen Haaren die auf -dem Kragen seines Rockes lagen, stand an dem anderen Ende des Zimmers, -die Wand mit den Porträts betrachtend. - -Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Dame des Hauses und Aleksey -Aleksandrowitsch begrüßt hatte, blickte er nochmals unwillkürlich nach -dem unbekannten Manne. - -»Monsieur Landau,« wandte sich die Gräfin an denselben mit einer -Oblonskiy verblüffenden Weichheit und Rücksichtnahme, und machte die -beiden miteinander bekannt. - -Landau hatte sich schnell umgeblickt, war herangekommen, und hatte -lächelnd in die ausgestreckte Rechte Stefan Arkadjewitschs eine -unbewegliche, schwitzende Hand gelegt, trat aber dann sogleich hinweg -und sah wieder die Porträts an. Die Gräfin und Aleksey Aleksandrowitsch -wechselten einen ausdrucksvollen Blick. - -»Ich bin sehr erfreut, Euch zu sehen, insbesondere heute,« sagte die -Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch einen Platz neben Karenin -anweisend. - -»Ich habe Euch mit ihm als einem Landau bekannt gemacht,« sprach -sie mit leiser Stimme, den Franzosen und dann sogleich Aleksey -Aleksandrowitsch anblickend, »doch eigentlich ist er Graf Bessuboff, -wie Ihr wahrscheinlich wißt. Er liebt indessen diesen Titel nicht.« - -»Ja, ich habe davon gehört,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »man -sagt, er habe die Gräfin Bessubowa vollständig wiederhergestellt.« - -»Sie war jetzt bei mir, sie ist so zu beklagen,« wandte sich die Gräfin -an Aleksey Aleksandrowitsch. »Diese Trennung ist für sie entsetzlich. -Es ist ein solcher Schlag für sie.« - -»Reist er denn bestimmt ab?« frug Aleksey Aleksandrowitsch. - -»Ja; er geht nach Paris; gestern hat er die Stimme gehört,« sagte die -Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch anblickend. - -»Ah, die Stimme,« wiederholte Oblonskiy im Gefühl, daß man sich so -vorsichtig wie möglich in dieser Gesellschaft zu verhalten habe, in -welcher etwas Absonderliches vor sich ging oder vor sich gehen sollte, -zu dem er noch keinen Schlüssel besaß. - -Ein minutenlanges Schweigen trat ein, worauf die Gräfin Lydia Iwanowna, -gleichsam Sturm laufend auf den Hauptpunkt des Gesprächs, mit feinem -Lächeln zu Oblonskiy sagte: - -»Ich kenne Euch seit langem und freue mich sehr, Euch näher kennen -zu lernen. =Les amis de nos amis sont nos amis=, aber um ein Freund -zu sein, muß man sich in den Seelenzustand des anderen Freundes -hineindenken; wobei ich jedoch fürchte, daß Ihr dies mit Bezug auf -Aleksey Aleksandrowitsch nicht thut. Ihr versteht, wovon ich rede,« -sprach sie, ihre schönen, sinnigen Augen erhebend. - -»Zum Teil, Gräfin, verstehe ich, daß die Lage Aleksey -Aleksandrowitschs« -- sagte Oblonskiy, ohne recht zu begreifen, worum -es sich handelte und daher mit der Absicht, sich allgemein zu halten. - -»Die Veränderung liegt nicht in der äußerlichen Situation,« sagte die -Gräfin Lydia Iwanowna ernst, zugleich mit liebevollem Blick dem sich -erhebenden und zu Landau gehenden Aleksey Aleksandrowitsch folgend, -»sein Herz hat sich verändert, ihm ist ein neues Herz verliehen worden, -und ich fürchte, daß Ihr Euch nicht vollkommen in diese Veränderung -hineingedacht habt, die in ihm vor sich gegangen ist.« - -»Nun, ich kann mir in allgemeinen Umrissen diese Veränderung schon -vorstellen. Wir sind stets Freunde gewesen, und jetzt« -- sagte Stefan -Arkadjewitsch, mit einem zärtlichen Blicke dem Blick der Gräfin -antwortend, wobei er überlegte, welchem der beiden Minister sie näher -stände, damit er wissen könne, in bezug auf welchen von den beiden er -sie anzugehen hätte. - -»Die Veränderung, welche in ihm vor sich gegangen ist, kann seine -Gefühle der Nächstenliebe nicht abschwächen; im Gegenteil, diese -Veränderung muß die Liebe noch erhöhen. Doch ich fürchte, Ihr versteht -mich nicht. Wollt Ihr nicht Thee nehmen?« sagte sie, mit den Augen auf -den Diener weisend, welcher auf dem Präsentierbrett Thee reichte. - -»Nicht ganz, Gräfin. Versteht sich, sein Unglück« -- - -»Ja, das Unglück, welches sein größtes Glück geworden ist, da sein Herz -ein neues ward, von ihm erfüllt,« sagte sie, voll Liebe auf Aleksey -Aleksandrowitsch schauend. - -»Ich glaube, man wird sie schon darum bitten können, mit beiden zu -sprechen,« dachte Stefan Arkadjewitsch. »O gewiß, Gräfin,« sagte -er, »doch ich denke, diese Veränderungen sind so innerlicher Natur, -daß niemand, selbst nicht der am allernächsten Stehende, gern davon -spricht.« - -»Im Gegenteil; wir müssen davon reden, und einander beistehen.« - -»Nun ja, ohne Zweifel, es bleibt aber doch ein gewisser Unterschied -in den Überzeugungen und dabei« -- sagte Oblonskiy mit geschmeidigem -Lächeln. - -»Es kann keinen Unterschied geben in Sachen der heiligen Wahrheit.« - -»Ja, ja, gewiß, doch« -- und in Verlegenheit geratend, verstummte -Stefan Arkadjewitsch. Er hatte erkannt, daß es sich um die Religion -handelte. - -»Mir scheint, er wird sogleich einschlafen,« sagte Aleksey -Aleksandrowitsch bedeutungsvoll flüsternd, indem er zu Lydia Iwanowna -herantrat. - -Stefan Arkadjewitsch schaute sich um. Landau saß am Fenster, auf die -Armlehne und Rücklehne eines Sessels gestützt, mit herniedergesunkenem -Haupte. Als er die auf ihn gerichteten Blicke bemerkte, hob er den Kopf -und lächelte kindlich-naiv. - -»Beobachtet ihn nicht,« sagte Lydia Iwanowna, mit leichter Bewegung -ihren Stuhl zu Aleksey Aleksandrowitsch rückend, »ich habe bemerkt« -- -begann sie, als der Diener mit einem Briefe in das Zimmer trat. Lydia -Iwanowna durchflog schnell das Billet, und schrieb dann, nachdem sie -um Entschuldigung gebeten, mit außerordentlicher Schnelligkeit etwas -nieder, gab die Antwort hinaus und wandte sich wieder zu dem Tische. -»Ich habe bemerkt,« fuhr sie in dem begonnenen Gespräch fort, »daß die -Moskauer, insbesondere die Herren, die gleichgültigsten Menschen der -Religion gegenüber sind.« - -»O nein Gräfin, mir scheint, daß die Moskauer im Rufe stehen, die -glaubenstreuesten Menschen zu sein,« antwortete Stefan Arkadjewitsch. - -»Nun, soviel ich es verstehe, seid Ihr leider einer der -Gleichgültigen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit mattem -Lächeln an ihn wendend. - -»Wie kann man nur gleichgültig sein!« sagte Lydia Iwanowna. - -»Ich bin in dieser Beziehung weniger gleichgültig, als daß ich nur -harre,« antwortete Stefan Arkadjewitsch mit seinem weichsten Lächeln, -»ich glaube nicht, daß für mich eine Zeit für solche Fragen kommen -könnte.« - -Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna wechselten einen Blick. - -»Wir können nie wissen, ob die Zeit für uns gekommen ist oder nicht,« -sagte Aleksey Aleksandrowitsch streng. »Wir dürfen nicht denken, ob -wir bereit sind oder nicht bereit; die göttliche Fügung wird nicht von -menschlichem Denken geleitet; sie trifft bisweilen nicht diejenigen, -welche streben, sondern die, welche unvorbereitet sind, wie sie Saul -traf.« - -»Nein; mir scheint, jetzt noch nicht,« sagte Lydia Iwanowna, die -währenddem den Bewegungen des Franzosen gefolgt war. - -Landau erhob sich und trat zu ihnen. - -»Gestattet Ihr mir, zuzuhören?« frug er. - -»O gewiß; ich wollte Euch nicht stören,« sagte Lydia Iwanowna ihn -zärtlich anblickend, »setzt Euch zu uns.« - -»Man soll nur die Augen nicht schließen, um nicht des Lichtes beraubt -zu sein,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort. - -»Ach, wenn Ihr jenes Glück känntet, welches wir empfinden in dem Gefühl -von Gottes steter Gegenwart in unserer Seele!« sagte die Gräfin Lydia -Iwanowna, verzückt lächelnd. - -»Aber der Mensch kann sich bisweilen unfähig fühlen, sich zu dieser -Höhe zu erheben,« sagte Stefan Arkadjewitsch, welcher merkte, daß er -einen Bogen schlug, indem er die Höhe der Religion anerkannte, sich -aber zugleich dabei nicht entschließen konnte, seine Freidenkerei vor -einer Person einzugestehen, welche ihm mit einem einzigen Worte zu -Pomorskiy das gewünschte Amt zu verschaffen vermochte. - -»Das heißt, Ihr wollt sagen, daß die Sünde ihn daran hindere?« sagte -Lydia Iwanowna. »Dies ist eine falsche Ansicht. Es giebt keine Sünde -für die Gläubigen, ihre Sünde ist schon losgekauft. -- Pardon,« fügte -sie hinzu, auf den wiederum mit einem anderen Billet eintretenden -Diener blickend. Sie las und antwortete dann in Worten: »Morgen sind -wir bei der hohen Fürstin, sagt das; für den Gläubigen giebt es keine -Sünde,« setzte sie das Gespräch fort. - -»Ja; aber der Glaube ohne Worte ist doch tot,« sagte Stefan -Arkadjewitsch, sich dieses Satzes aus dem Katechismus erinnernd, und -nur noch durch ein Lächeln seine Unabhängigkeit wahrend. - -»So ist es; das ist aus dem Brief des Apostel Jakobus,« sagte Aleksey -Aleksandrowitsch, etwas vorwurfsvoll zu Lydia Iwanowna gewendet, -wie betreffs einer Sache, über die sie noch nicht ein einziges Mal -gesprochen hätten. - -»Wie viel Schaden hat die falsche Auslegung dieser Stelle angerichtet! -Nichts zieht so sehr vom Glauben ab, als diese Auslegung; >ich habe -keine Werke, also auch keinen Glauben< und doch ist dies nirgends -gesagt. Es ist das Umgekehrte gesagt.« - -»In Gott sich zu mühen, mit Kasteiungen, in Fasten die Seele -zu retten,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna mit widerlicher -Geringschätzung, »das sind nur wunderliche Auffassungen unserer Mönche. -Denn das ist nirgends gesagt. Es ist dies bei weitem einfacher und -leichter,« fügte sie hinzu, Oblonskiy mit dem nämlichen ermutigenden -Lächeln anblickend, mit welchem sie bei Hofe die jungen, von der -ungewohnten Umgebung verwirrten Damen ermutigte. - -»Wir sind erlöst durch Christum, der für uns gelitten hat. Wir sind -erlöst im Glauben,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Worte mit -seinem Blick billigend. - -»=Vous comprenez l'anglais=?« frug Lydia Iwanowna und erhob sich, -nachdem sie eine bejahende Antwort erhalten hatte, um auf einem kleinen -Bücherbrett in den Büchern zu suchen. - -»Soll ich >=Safe and Happy=< oder >=Under the Wing=< lesen?« sprach -sie, Karenin fragend anblickend, setzte sich, nachdem sie das Buch -gefunden hatte, wieder auf ihren Platz und schlug es auf. - -Die Ausführung war sehr kurz. Es wurde hier der Weg beschrieben, auf -welchem der Glaube erworben wird und jenes Glück, welches höher ist, -als alles Irdische, das hierbei doch die Seele erfüllt. Der Gläubige -kann nicht unglücklich sein, weil er nicht allein ist. »Da seht Ihr.« -Sie wollte schon weiter lesen, als der Diener wiederum hereintrat. - -»Bovosdin? Sagt, morgen um zwei Uhr! -- Ja,« sprach sie, die Stelle -in dem Buch mit dem Finger bedeckend, und seufzend, mit ihren -nachdenklichen schönen Augen vor sich hinblickend. »So wirkt der wahre -Glaube; Ihr kennt die Mary Sanina? Ihr kennt ihr Unglück? Sie verlor -ihr einziges Kind und war in Verzweiflung. Was geschah da? Sie fand -diesen Freund und dankt jetzt Gott für den Tod ihres Kindes. Dies ist -das Glück, welches der Glaube verleiht!« - -»Ja, ja, das ist viel« -- sagte Stefan Arkadjewitsch, zufrieden damit, -daß man las und ihm so Gelegenheit geben würde, ein klein wenig zur -Überlegung zu kommen. »Es ist doch offenbar am besten heute nicht um -etwas zu bitten,« dachte er, »könnte man nur, ohne etwas zu verderben, -von hier fortkommen.« - -»Es wird Euch langweilig werden,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, sich -an Landau wendend, »Ihr versteht nicht Englisch; doch es ist nur kurz.« - -»O, ich verstehe schon,« sagte Landau mit dem nämlichen Lächeln und -schloß die Augen. - -Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna sahen sich bedeutungsvoll -an und die Lektüre begann. - - - 22. - -Stefan Arkadjewitsch fühlte sich vollkommen verblüfft von den neuen, -ihm fremdartigen Gesprächen, die er vernahm. Das Getriebe des -Petersburger Lebens wirkte im allgemeinen anregend auf ihn ein, indem -es ihn aus dem stagnierenden Moskauer Sumpfe herausbrachte, aber er -liebte und verstand dieses Getriebe nur in den ihm nahestehenden und -bekannten Kreisen -- in dieser fremdartigen Umgebung hier wurde er -verlegen, konnte er nicht alles verstehen. Indem er der Gräfin Lydia -Iwanowna zuhörte, und die auf ihn gerichteten schönen, naiven oder -verschlagenen Augen Landaus -- er wußte es selbst nicht -- sah, begann -Stefan Arkadjewitsch eine gewisse eigenartige Schwere im Kopfe zu -empfinden. - -Die verschiedenartigsten Gedanken gingen in seinem Kopfe durcheinander. -Mary Sanina freut sich, daß ihr Kind gestorben ist -- es wäre recht -angenehm, könnte man jetzt ein wenig rauchen -- um sein Seelenheil zu -retten, ist nur nötig, daß man glaubt, und die Mönche wissen nicht, wie -man das machen muß, wohl aber die Gräfin Lydia Iwanowna kennt das -- -woher nur das schwere Gefühl in dem Kopfe? Von dem Cognac oder davon, -daß das da alles so sehr seltsam ist? Ich glaube doch wohl bis jetzt -nichts Anstößiges begangen zu haben; und doch kann ich sie nicht mehr -bitten. Man sagt, sie veranlaßt einen zum Beten; als ob sie mich nicht -dazu veranlaßt hätten? Das wird doch gar zu dumm. Und welchen Unsinn -sie da liest, sie spricht aber gut aus. Landau -- Bessuboff -- weshalb -heißt er Bessuboff? Plötzlich fühlte Stefan Arkadjewitsch, wie seine -Kinnlade unwiderstehlich sich zum Gähnen auszurenken begann. Er strich -sich seinen Backenbart, indem er das Gähnen verbarg und schüttelte -sich, fühlte aber dann, daß er bereits schlafe und schon zu schnarchen -anfange. Er erwachte in dem nämlichen Moment, als die Stimme der Gräfin -Lydia Iwanowna sprach »er schläft«. - -Stefan Arkadjewitsch kam erschrocken zur Besinnung, er fühlte sich -schuldbewußt und überführt, tröstete sich aber sogleich, nachdem er -wahrgenommen hatte, die Worte »er schläft« sich nicht auf ihn bezogen, -sondern auf Landau. - -Der Franzose war ebenso eingeschlafen, wie Stefan Arkadjewitsch. Aber -während sein Schlaf sie, wie er meinte, verletzt haben würde -- doch -selbst hieran dachte er nicht einmal, so seltsam schien ihm alles -- -erfreute sie der Schlaf Landaus, besonders die Gräfin Lydia Iwanowna, -außerordentlich. - -»=Mon ami=,« sagte Lydia Iwanowna, vorsichtig, um nicht Geräusch zu -verursachen, die Falten ihres seidenen Kleides streichend und in ihrer -Aufregung Karenin schon nicht mehr Aleksey Aleksandrowitsch nennend, -sondern »=mon ami -- donnez lui la main. Vous voyez=? St!« -- lispelte -sie dem abermals eintretenden Diener zu: »Niemand wird empfangen.« - -Der Franzose schlief, oder stellte sich schlafend, den Kopf nach der -Rücklehne des Sessels geneigt und mit der schwitzenden Hand, die auf -dem Knie lag, schwache Bewegungen machend, als ob er etwas fangen -wollte. Aleksey Aleksandrowitsch erhob sich, ging vorsichtig, sich an -dem Tische anhaltend herzu und legte seine Hand in die des Franzosen. -Stefan Arkadjewitsch stand gleichfalls auf, die Augen weit öffnend, -im Wunsche, völlig wach zu werden, falls er etwa noch schliefe, und -blickte bald auf dieses, bald auf jenes. Alles war Wirklichkeit. Stefan -Arkadjewitsch fühlte, daß es ihm im Kopfe immer unbehaglicher wurde. - -»=Que la personne qui est arrivée la dernière, celle qui demande, -qu'elle sorte! -- Qu'elle sorte=!« -- sprach der Franzose, ohne die -Augen zu öffnen. - -»=Vous m'excuserez, mais vous voyez -- revenez vers dix heurs, encore -mieux demain=.« - -»=Qu'elle sorte=!« wiederholte der Franzose ungeduldig. - -»=C'est moi, n'est ce pas=?« Mit der bestätigenden Antwort ging Stefan -Arkadjewitsch. Er vergaß, um was er Lydia Iwanowna hatte bitten -wollen; er vergaß die Sache seiner Schwester, auf den Fußspitzen ging -er hinaus, nur in dem einzigen Wunsche, möglichst schnell von hier -fortzukommen, wie aus einer Lasterhöhle. Er eilte auf die Straße -hinaus und unterhielt sich geraume Zeit scherzend mit dem Kutscher, um -möglichst bald wieder zu Verstande zu kommen. - -Im französischen Theater, welches er noch für den letzten Akt besuchte, -und darauf bei den Tataren beim Champagner, in der ihm eigenen Sphäre, -erholte sich Stefan Arkadjewitsch ein wenig, aber gleichwohl war es ihm -an diesem Abend gar nicht recht nach Wunsch. - -Als er nach Haus zu Peter Oblonskiy gekommen war, bei dem er in -Petersburg wohnte, fand er ein Billet von Betsy vor. Dieselbe schrieb -ihm, sie wünsche sehr die begonnene Unterhaltung zu beendigen und -bitte ihn, morgen zu ihr zu kommen. Er hatte dieses Schreiben kaum -durchgelesen, und eine finstere Miene dazu gemacht, als unten die -wuchtigen Schritte von Leuten vernehmbar wurden, welche etwas Schweres -trugen. - -Stefan Arkadjewitsch ging hinaus, um nachzusehen; es war der wieder -junggewordene Peter Oblonskiy, welcher so berauscht war, daß er nicht -die Treppe heraufgehen konnte. Gleichwohl aber befahl er selbst, -ihn auf die Füße zu stellen, als er Stefan Arkadjewitschs ansichtig -geworden, und ging mit diesem, an ihn angehängt, in dessen Zimmer, -wo er ihm zu erzählen anfing, wie er den Abend verbracht habe. Hier -schlief er dann auch ein. - -Stefan Arkadjewitsch hatte die Laune verloren, was sich bei ihm selten -ereignete, und konnte lange Zeit den Schlaf nicht finden. Alles woran -er auch denken mochte, war widerwärtig, aber als das Widerwärtigste, -als etwas gewissermaßen Beschämendes, rief er sich den Abend bei der -Gräfin Lydia Iwanowna ins Gedächtnis zurück. - -Am andern Tage erhielt er von Aleksey Aleksandrowitsch eine bestimmte -Verweigerung der Scheidung Annas, und erkannte nun, daß dieser -Entschluß auf dem fußte, was der Franzose gestern in seinem wirklichen -oder verstellten Schlafe gesagt haben mochte. - - - 23. - -Soll im Familienleben etwas unternommen werden, so bedarf es dazu -entweder eines vollständigen Zerfalls unter den Gatten, oder einer -liebevollen Übereinstimmung. Wenn aber die Beziehungen unter den Gatten -unbestimmte sind, weder so noch so, dann kann nichts unternommen werden. - -Viele Familien bleiben Jahre lang auf dem alten Platze, der den beiden -Gatten gleichgültig geworden ist, nur aus dem Grunde, weil weder ein -völliger Zerfall, noch ein ebensolches Einverständnis vorhanden ist. - -Sowohl Wronskiy wie Anna war das Moskauer Leben in seiner Hitze, -seinem Staub, wobei die Sonne nicht mehr wie im Frühling, sondern wie -im Sommer schien, alle Bäume auf den Boulevards längst schon belaubt -standen und die Blätter schon von Staub bedeckt waren -- unerträglich -geworden; doch lebten beide, ohne nach Wosdwishenskoje umzusiedeln, wie -schon längst beschlossen war, indem ihnen langweilig gewordenen Moskau -weiter, weil zwischen ihnen in letzter Zeit kein Einverständnis mehr -bestand. - -Die Verstimmung, die sie trennte, hatte keine äußerliche Ursache, und -alle Versuche einer Aussprache beseitigten dieselbe nicht nur nicht, -sondern vergrößerten sie noch. Es war dies eine innere Verbitterung, -welche für Anna ihren Grund in der Abnahme seiner Liebe hatte, für -Wronskiy in der Reue darüber, daß er sich ihretwegen in eine schwierige -Situation verwickelt hatte, welche Anna, anstatt sie zu erleichtern, -nur noch drückender gestaltete. Weder eins, noch das andere von beiden -äußerte die Ursache seines Grolls, aber sie hielten sich gegenseitig -für ungerecht, und bemühten sich bei jeder Gelegenheit, dies einander -zu zeigen. - -Für sie war er in seinem ganzen Wesen, mit allen seinen Gewohnheiten, -Gedanken, Wünschen, mit seiner ganzen seelischen und physischen -Beanlagung nur Eins -- die Liebe zum Weib; diese Liebe aber mußte nach -ihrem Gefühl, ganz auf sie allein konzentriert sein. Sie hatte sich -jedoch vermindert, und folglich hatte er nach ihrem Urteil einen Teil -derselben auf andere, oder auf ein anderes Weib übertragen müssen --- und so war sie eifersüchtig geworden. Sie war nicht wegen eines -anderen Weibes eifersüchtig auf ihn, sondern wegen der Abnahme seiner -Liebe. Sie besaß noch keinen Gegenstand auf den sich ihre Eifersucht -erstrecken konnte, suchte denselben jedoch, und übertrug bei dem -geringsten Fingerzeig diese Eifersucht von dem einen Gegenstand auf den -anderen. Bald hegte sie Eifersucht auf ihn wegen jener gewöhnlichen -Frauenzimmer, mit denen er dank seinen Junggesellenverbindungen, so -leicht in Verbindung treten konnte, bald wegen jener Weltdamen, mit -denen er zusammentreffen konnte, bald auch hegte sie Eifersucht auf ein -nur in ihrer Vorstellung vorhandenes Mädchen, welches er, indem er sein -Verhältnis mit ihr löste, lieben könnte. - -Diese letztere Art ihrer Eifersucht folterte sie am meisten, -insbesondere deshalb, weil er ihr selbst unvorsichtigerweise in einer -offenherzigen Minute gesagt hatte, seine Mutter verstehe ihn so wenig, -daß sie sich erlaubt hätte, ihn zur Heirat mit der jungen Fürstin -Sorokina zu überreden. - -In dieser Eifersucht grollte ihm Anna, und suchte nun in allem Gründe -zum Grollen. In allem, was es Drückendes gab in ihrer Lage, klagte -sie ihn an; der qualvolle Zustand des Wartens, den sie in Moskau --- zwischen Himmel und Erde -- durchlebte, die Langsamkeit und -Unentschlossenheit Aleksey Aleksandrowitschs, ihre Vereinsamung -- -alles legte sie ihm zur Last. Wenn er sie liebte, würde er all das -Drückende ihrer Lage begriffen, und sie aus derselben befreit haben; -daran, daß sie noch in Moskau lebte, und nicht auf dem Lande, war nur -er schuld. Er konnte nicht leben, wenn er sich auf dem Lande vergrub, -so wie sie es wünschte; ihm war die Gesellschaft unentbehrlich und er -hatte sie in diese furchtbare Situation gebracht, deren Schwierigkeit -er nicht verstehen wollte. Dann aber trug er auch schuld daran, daß sie -auf ewig von ihrem Sohne getrennt war. - -Selbst die seltenen Minuten der Zärtlichkeit, die für beide kamen, -beruhigten sie nicht; in seiner Zärtlichkeit fand sie jetzt einen -Anflug von Ruhe und Zuversicht; was früher nicht gewesen war und sie -reizte. - -Die Dämmerung war schon eingetreten. Anna schritt allein, seine -Heimkehr von einem Essen unter Junggesellen erwartend, zu dem er -gefahren war, im Kabinett auf und nieder, einem Raum, in welchem -das Geräusch vom Trottoir weniger vernehmlich war -- und überdachte -nochmals die Ausdrücke, welche bei ihrem gestrigen Zwist gefallen -waren, in allen Einzelheiten. - -Indem sie immer weiter rückwärts ging von den ihr erinnerlichen, -kränkenden Worten bei diesem Streite, bis zu dem, was die Veranlassung -dazu gebildet hatte, gelangte sie endlich auf den Beginn der -Auseinandersetzung. Lange vermochte sie nicht daran zu glauben, daß -der Streit aus einem Gespräch entstanden war, welches völlig harmlos, -und für keines der beiden von höherem Werte gewesen war. Es war -wirklich so. Alles war daher gekommen, daß er über die Mädchengymnasien -gespöttelt hatte, indem er sie für unnütz hielt, während sie für -dieselben eingetreten war. - -Er hatte sich im allgemeinen der weiblichen Bildung gegenüber -respektlos verhalten und gesagt, daß Hanna, die von Anna protegierte -Engländerin, durchaus keine Kenntnisse in der Physik nötig habe. - -Dies hatte Anna gereizt; sie sah hierin eine geringschätzige Hindeutung -auf ihre eigenen Beschäftigungen, und ersann und äußerte nun einen -Satz, der ihm den ihr bereiteten Schmerz heimzahlen sollte. - -»Ich erwarte nicht, daß Ihr an mich und meine Empfindungen dächtet, wie -dies nur ein liebender Mann kann, ich hätte aber nur einfach Taktgefühl -erwartet,« sagte sie. - -Und in der That, er errötete vor Verdruß und antwortete etwas -Unangenehmes. Sie besann sich nicht mehr auf ihre Antwort, aber gleich -darauf hatte er, offenbar in dem Wunsche, ihr auch weh zu thun, -geantwortet: - -»Eure Leidenschaft für dieses Mädchen interessiert mich nicht, weil ich -sehe, daß sie nicht natürlich ist.« - -Diese Härte seinerseits, mit welcher er eine Welt stürzte, die sie -sich mit soviel Mühe aufgebaut, um ihr schweres Dasein ertragen zu -können, diese Ungerechtigkeit, mit der er sie der Heuchelei, der -Unnatürlichkeit zieh, empörte sie. - -»Ich beklage sehr, daß allein das Rohe und Materielle Euch verständlich -und natürlich erscheint,« sprach sie und verließ das Zimmer. - -Als er gestern Abend zu ihr gekommen war, hatten sie des vorgefallenen -Zwists gar nicht gedacht, aber beide gefühlt, daß derselbe wohl -beigelegt aber nicht vorüber war. - -Heute war er nun den ganzen Tag über nicht zu Haus gewesen und sie -fühlte sich so vereinsamt und bedrückt in dem Gefühl, mit ihm uneinig -zu sein, daß sie alles vergessen, vergeben, sich mit ihm aussöhnen und -sich selbst anklagen, ihn aber rechtfertigen wollte. - -»Ich selbst bin schuld. Ich bin reizbar und sinnlos eifersüchtig. Ich -werde mich mit ihm aussöhnen und wir werden auf das Dorf fahren, dort -werde ich ruhiger werden,« sprach sie zu sich selbst. - -»Unnatürlich«, kam ihr plötzlich nicht so sehr das Wort, welches sie -vor allem verletzt hatte, wieder ins Gedächtnis, als vielmehr eine -Absicht, ihr wehe zu thun. »Ich weiß, was er sagen wollte; er wollte -sagen, es sei unnatürlich, nicht die eigene Tochter zu lieben, wohl -aber ein fremdes Kind. Was versteht er von Liebe zu Kindern, von -meiner Liebe zu Sergey, welchen ich ihm geopfert habe? Aber es war -so sein Wunsch, mir weh zu thun! Nein; er liebt eine andere, es kann -nicht anders sein,« und indem sie gewahrte, daß sie, im Wunsche, -ruhig zu werden, wiederum den soviel Mal schon von ihr durchlaufenen -Kreis vollendet hatte und zu der alten Erbitterung zurückgekehrt war, -erschrak sie über sich selbst. - -»Geht es denn aber wirklich nicht an? Sollte ich es nicht auf mich -nehmen können?« sprach sie zu sich selbst und begann abermals von -Anfang an. »Er ist gerecht, ehrenhaft, er liebt mich. Ich liebe ihn, -bald wird die Scheidung erfolgen. Wessen bedarf es da noch? Nur der -Ruhe, des Vertrauens, und ich will es auf mich nehmen. Ja, jetzt, -sobald er kommt, werde ich ihm sagen, daß ich die Schuldige gewesen -bin, obwohl ich es nicht war -- und wir wollen dann abreisen,« und um -nicht mehr denken, sich nicht mehr ihrem Groll überlassen zu müssen, -schellte sie und befahl die Koffer zum Einpacken der Sachen für die -Reise aufs Dorf herbeizubringen. - -Um zehn Uhr kam Wronskiy an. - - - 24. - -»Nun; ging es recht vergnügt zu?« frug sie mit schuldbewußtem und -sanftem Ausdruck in den Zügen, ihm entgegentretend. - -»Wie gewöhnlich,« versetzte er, sogleich mit einem einzigen Blick auf -sie erkennend, daß sie in einer ihrer besten Stimmungen sei. Er war an -diese Übergänge schon gewöhnt und heute ganz besonders erfreut davon, -weil er selbst sich gleichfalls in bester Laune befand. - -»Was sehe ich! So ist's recht!« sagte er, auf die Koffer im Vorzimmer -weisend. - -»Ja, wir müssen abreisen, und es ist ganz gut, daß wir auf das Dorf -wollen. Dich hält doch wohl nichts zurück?« - -»Nur eines wünschte ich. Ich komme sogleich wieder, wir wollen dann -sprechen, ich möchte mich nur umkleiden. Laß den Thee geben.« - -Er begab sich in sein Kabinett. - -Es hatte etwas Verletzendes darin gelegen, als er sagte, »so ist's -recht«; wie man zu einem Kinde spricht, wenn dieses aufgehört hat -launisch zu sein; und noch verletzender war der Gegensatz zwischen dem -schuldbewußten Tone bei ihr und dem selbstbewußten bei ihm; auf einen -Augenblick empfand sie in sich den aufsteigenden Wunsch nach Kampf; -allein indem sie sich selbst bezwang, erstickte sie denselben und -begegnete Wronskiy noch immer so heiter. - -Nachdem dieser wieder zu ihr gekommen war, erzählte sie ihm, teilweise -die zurechtgelegten Worte wiederholend, davon, wie sie den Tag -zugebracht hatte, sowie von ihren Plänen zur Abreise. - -»Weißt du, es ist über mich fast wie eine Begeisterung gekommen,« -sprach sie, »weshalb sollen wir hier auf die Scheidung warten? Geht das -nicht ganz ebenso auf dem Dorfe? Ich kann nicht mehr länger warten, -ich will nicht hoffen, nichts hören von der Scheidung. Ich habe -beschlossen, daß dies keinen Einfluß mehr auf mein Leben ausüben soll. -Bist du auch einverstanden?« - -»O ja;« sagte er, ihr beunruhigt in das erregte Gesicht blickend. - -»Was habt Ihr denn dort angegeben? Wer war dabei?« sagte sie. - -Wronskiy nannte die Gäste. Es war ein vorzügliches Essen gegeben -worden, eine Bootwettfahrt dazu und alles das war ganz hübsch -ausgefallen, aber in Moskau thut man es nicht ohne ein =ridicule=. Es -war auch eine Dame, eine Schwimmlehrerin der Königin von Schweden dabei -aufgetreten und hatte ihre Kunst gezeigt. - -»Wie? Sie schwamm?« frug Anna, sich verfinsternd. - -»In einem roten =costume de natation=; sie war alt und häßlich. Aber -wann reisen wir?« - -»Welch thörichte Phantasie! Schwimmt sie denn in einer ganz besonderen -Weise?« sagte Anna, ohne hierauf zu antworten. - -»Durchaus nichts Besonderes war dabei; ich muß sogar sagen, es war ein -furchtbarer Unsinn. Aber wann also denkst du zu reisen?« - -Anna schüttelte den Kopf, als wünsche sie, einen unangenehmen Gedanken -zu verscheuchen. - -»Wann wir reisen? Nun, je früher, um so besser. Morgen werden wir noch -nicht fertig sein; aber übermorgen.« - -»Ja -- doch nein, halt. Übermorgen ist Sonntag, da muß ich zu =maman=,« -sagte Wronskiy, in Verlegenheit geratend, weil er, sofort nachdem er -den Namen der Mutter ausgesprochen hatte, ihren starr und argwöhnisch -auf sich gerichteten Blick fühlte. Seine Verwirrung bestätigte ihr -ihren Verdacht. Sie geriet in Wallung und entfernte sich von ihm. Jetzt -war es nicht mehr die Lehrerin der Königin von Schweden, sondern die -junge Fürstin Sorokina, welche mit der Gräfin Wronskaja zusammen auf -einem Dorfe bei Moskau lebte, die vor Anna auftauchte. - -»Du kannst doch morgen zu ihr fahren?« sprach sie. - -»Nein, nein! In der Angelegenheit, in welcher ich zu ihr will -- läßt -sich ein Kreditschein und das Geld morgen nicht erhalten,« antwortete -er. - -»Wenn dem so ist, so werden wir gar nicht reisen.« - -»Warum das?« - -»Ich werde nicht später abreisen. Entweder Montag oder gar nicht.« - -»Aber warum?« sagte Wronskiy, wie mit Erstaunen. »Das hat doch gar -keinen Sinn.« - -»Für dich hat es keinen Sinn, weil du mit mir nichts zu thun hast. -Du willst mein Leben nicht begreifen. Das einzige, was mich hier -interessiert hat -- war Hanna. Du sagst, dies sei eine Heuchelei. -Du hast erst gestern gesagt -- daß ich meine Tochter nicht liebte, -sondern mich stellte, als ob ich diese Engländerin liebte -- dies wäre -unnatürlich. Ich möchte nun wissen, welches Leben hier für mich ein -natürliches sein könnte!« - -Einen Augenblick kam sie zur Besinnung und erschrak darüber, daß sie -ihrem Vorsatz untreu geworden war. Aber obwohl sie wußte, daß sie -sich damit verderbe, vermochte sie nicht mehr an sich zu halten; sie -mußte ihm zeigen, wie ungerecht er war, sie konnte sich ihm nicht mehr -unterordnen. - -»Ich habe dies niemals gesagt; ich habe gesagt, daß ich dieser so -plötzlichen Liebe nicht nachfühlen könnte.« - -»Warum sprichst du, der mit seiner Offenheit prahlt, nicht die -Wahrheit?« - -»Ich prahle nie und spreche nie die Unwahrheit,« sprach er ruhig, den -in ihm aufsteigenden Groll niederhaltend, »es ist sehr bedauerlich, -wenn du mich nicht achtest« -- - -»Die Achtung hat man erdacht, um eine leere Stelle damit zu verdecken, -auf welcher die Liebe sein müßte. Aber wenn du mich nicht mehr liebst, -so ist es besser und ehrenhafter, dies auszusprechen.« - -»Nein, das wird unerträglich!« rief Wronskiy, vom Stuhle aufstehend. -Vor ihr stehen bleibend, sprach er dann langsam: »Weshalb stellst -du meine Geduld auf die Probe?« Er sprach dies mit einem Ausdruck, -als könnte er noch mehr sagen, halte aber an sich; »es giebt gewisse -Grenzen!« - -»Was wollt Ihr damit sagen?« rief sie, mit Schrecken auf den offenen -Ausdruck von Haß schauend, der in seinem ganzen Gesicht, und besonders -in den harten, drohenden Augen lag. - -»Ich will sagen,« begann er, stockte aber, »ich muß fragen, was Ihr von -mir wollt?« - -»Was könnte ich wollen? Ich könnte nur wollen, daß Ihr mich nicht -vernachlässigt, wie Ihr es beabsichtigt« -- sagte sie, vollkommen -verstehend, was er nicht vollendet hatte, »aber das will ich nicht; das -kommt erst in zweiter Reihe. Ich will Liebe, und diese giebt es nicht -mehr. Vielleicht, daß alles schon vorbei ist.« - -Sie schritt der Thür zu. - -»Bleib -- bleibe!« sagte Wronskiy, ohne seine finster zusammengezogenen -Brauen zu glätten, und ergriff sie bei der Hand. »Was ist denn -eigentlich? Ich habe gesagt, daß die Abreise auf drei Tage verschoben -werden muß, du hast mir darauf geantwortet, ich lüge und sei ein -ehrloser Mensch!« - -»Ja, und ich wiederhole, daß ein Mensch, der mir vorwirft, alles für -mich geopfert zu haben« -- sprach sie in der Erinnerung an die Worte -eines anderen, früheren Streites -- »daß er schlimmer ist, ein Mensch -ohne Herz, als ein ehrloser Mensch!« - -»Nein; es giebt aber doch eine Grenze für die Geduld!« rief er aus, -ihre Hand schnell loslassend. - -»Er haßt mich, das ist klar,« dachte sie, und verließ schweigend, -ohne sich umzublicken, mit unsicheren Schritten das Gemach. »Er liebt -eine andere; das ist noch klarer,« sprach sie zu sich, in ihr Zimmer -tretend, »ich will Liebe, aber die ist nicht mehr da. Vielleicht ist -alles vorüber,« wiederholte sie mit den von ihr schon geäußerten -Worten, »und wir müssen ein Ende machen. Aber wie?« frug sie sich und -setzte sich in einem Sessel vor dem Spiegel. Gedanken daran, wohin -sie jetzt fahren könnte -- zu der Tante vielleicht, bei welcher sie -erzogen worden war, zu Dolly, oder einfach ins Ausland, ferner daran, -was er jetzt, allein in seinem Kabinett thun möge; ob dieser Streit ein -entscheidender gewesen oder eine Aussöhnung noch möglich sei, sowie, -was jetzt alle ihre früheren Petersburger Bekannten von ihr sagen -würden, wie Aleksey Aleksandrowitsch die Sache betrachten würde; viele -andere Ideen, was jetzt werden solle nach dem Bruch, kamen ihr in den -Kopf, aber sie gab sich ihnen nicht mit ganzer Seele hin. - -In ihrer Seele lebte ein unklarer Gedanke, der sie ausschließlich -interessierte, doch konnte sie sich nicht klar darüber werden. Indem -sie aber nochmals an Aleksey Aleksandrowitsch dachte, rief sie sich -zugleich auch die Zeit ihrer Krankheit nach ihrer Niederkunft und jenes -Gefühl wieder ins Gedächtnis zurück, welches sie damals nicht verlassen -hatte »warum bin ich nicht gestorben?« und erkannte nun plötzlich das -Gefühl, welches in ihrer Seele lebte. Ja; er war es, der Gedanke, der -allein alles entschied, »sie mußte sterben.« - -»Die Schmach und Schande Aleksey Aleksandrowitschs, Sergeys, und meine -eigene furchtbare Schmach -- das alles wird durch den Tod gesühnt. Sie -wollte -- sterben, er aber sollte bereuen, er muß Mitleid empfinden, -Liebe, und soll meinethalben leiden!« - -Mit beständigem Lächeln des Mitleids mit sich selbst saß sie in dem -Lehnstuhl, die Ringe ihrer linken Hand abziehend und wieder aufsetzend, -und sich lebhaft seine Gefühle nach ihrem Tode, von den verschiedenen -Seiten aus, vorstellend. - -Sich nähernde Schritte, es waren seine Schritte, zogen sie ab. Als wäre -sie mit dem Weglegen ihrer Ringe beschäftigt wandte sie sich nicht -einmal nach ihm um. - -Er trat zu ihr und ihre Hand ergreifend, sagte er leise: - -»Anna, wir wollen übermorgen fahren, wenn du willst. Ich bin mit allem -einverstanden.« - -Sie schwieg. - -»Nun?« frug er. - -»Du weißt ja selbst,« sagte sie und brach sogleich, unfähig, noch -länger an sich zu halten, in Schluchzen aus. »Verlaß mich, verlaß -mich!« sprach sie unter Schluchzen, »ich werde morgen fortgehen -- ich -werde noch mehr thun! Wer bin ich noch? Ein lasterhaftes Weib, ein -Stein auf deinem Wege. Ich will dich nicht quälen, ich will nicht, und -werde dich befreien. Du liebst nicht, liebst eine andere!« - -Wronskiy beschwor sie, sich zu beruhigen und beteuerte, daß es doch gar -keinen Anlaß zur Eifersucht für sie gäbe, daß er niemals aufgehört habe -oder aufhören werde, sie zu lieben, und sie noch mehr liebe, als je -zuvor. - -»Anna, wozu sollen wir uns beide so quälen?« sagte er, ihr die Hände -küssend. In seinen Zügen malte sich jetzt Zärtlichkeit und ihr schien -es, als vernehme sie mit ihrem Ohr einen Klang von Thränen in seiner -Stimme, als verspüre sie das Feuchte dieser Thränen auf ihrer Hand, und -augenblicklich ging die verzweiflungsvolle Eifersucht Annas in eine -verzweiflungsvolle, leidenschaftliche Zärtlichkeit über. Sie umfing ihn -und bedeckte ihm Kopf, Hals und Hände mit Küssen. - - - 25. - -In dem Gefühl, daß die Aussöhnung eine vollständige war, beschäftigte -sich Anna vom andern Morgen ab munter mit den Anstalten zur Abreise. - -Obwohl noch gar nicht beschlossen war, ob man Montag oder Dienstag -reisen würde, da beide sich gestern gegenseitig Konzessionen gemacht -hatten, bereitete sich Anna eifrig auf die Abreise vor, jetzt -vollkommen gleichgültig dem gegenüber, ob man früh oder spät am Tage -abreiste. Sie stand eben in ihrem Zimmer vor einem geöffneten Schranke, -und nahm Sachen heraus, als er bereits angekleidet, früher als -gewöhnlich, bei ihr eintrat. - -»Ich muß sofort zu =maman= fahren; sie kann mir das Geld durch Jegoroff -übersenden. Morgen bin ich dann bereit zu reisen,« sagte er. - -Mochte sie nun auch noch so gut gelaunt sein, die Erwähnung der Abreise -auf den Landsitz schnitt ihr ins Herz. - -»O, auch ich beeile mich nicht,« sagte sie, dachte aber sogleich: -vielleicht ist es doch noch möglich, es so einzurichten, daß man -thut wie ich wünschte. -- »Nein, thu' wie du willst! Geh' in den -Speisesalon, ich werde sogleich auch kommen und will nur noch diese -überflüssigen Sachen herauslegen,« sprach sie, noch etwas auf -Annuschkas Arme packend, auf welchen bereits ein Berg Leinen ruhte. - -Wronskiy verzehrte gerade sein Beefsteak, als sie in den Speisesalon -trat. - -»Du glaubst nicht, wie kalt mich diese Gemächer lassen,« sagte -sie, sich neben ihm zu ihrem Kaffee setzend. »Es giebt doch nichts -Schrecklicheres als diese =chambres garnies=. Es liegt kein Ausdruck, -keine Seele in ihnen. Diese Uhren, Gardinen, und namentlich diese -Tapeten -- sind wie ein Alp. Ich gedenke Wosdwishenskojes, wie des -gelobten Landes. Du hast noch keine Pferde hergeschickt?« - -»Nein; sie werden kommen wenn wir fort sind. Fährst du noch einmal aus?« - -»Ich wollte noch zur Wilson; ich muß ihr Kleider bringen. Also -morgen ist es gewiß?« sprach sie mit heiterer Stimme; doch plötzlich -veränderte sich ihr Antlitz. - -Der Kammerdiener Wronskiys kam, um sich die Unterschrift für ein -Telegramm aus Petersburg auszubitten. - -Es war nichts Besonderes in der Empfangnahme einer Depesche seitens -Wronskiys, aber gleichwohl sagte dieser, als wünschte er etwas vor ihr -zu verheimlichen, er wolle im Kabinett unterschreiben, und wandte sich -dann hastig zu ihr. - -»Gewiß werde ich morgen mit allem in Ordnung sein.« - -»Von wem war die Depesche?« frug sie, ohne ihn zu hören. - -»Von Stefan,« antwortete er gezwungen. - -»Warum hast du mir sie nicht gezeigt? Welches Geheimnis kann es -zwischen Stefan und mir geben?« - -Wronskiy rief den Kammerdiener zurück und befahl, die Depesche zu -bringen. - -»Ich wollte sie dir nicht zeigen, weil Stefan eine Leidenschaft hat, zu -telegraphieren. Wozu telegraphieren, wenn nichts entschieden ist?« - -»Über die Scheidung?« - -»Ja. Doch er schreibt, er habe noch nichts erreichen können. Kürzlich -versprach er einen endgültigen Bescheid. Da lies.« - -Mit bebenden Händen ergriff Anna die Depesche und las noch einmal das, -was Wronskiy gesagt hatte. Am Schluß war noch hinzugefügt »es ist wenig -Hoffnung vorhanden, aber ich werde alles Mögliche und Unmögliche thun.« - -»Ich habe gestern gesagt, daß es mir vollkommen gleichgültig ist, wann -ich die Scheidung erhalte, ja, selbst, ob ich sie erhalte,« sprach -sie errötend. »Es lag aber doch keine Notwendigkeit vor, mir Etwas zu -verheimlichen. So kann er auch vor mir seine Korrespondenz mit Frauen -verheimlichen, und er verheimlicht sie auch,« dachte sie dabei. - -»Jaschwin wollte heute früh mit Woytoff herkommen,« sagte Wronskiy, »es -scheint, daß er Pjevzoff alles abgewonnen hat, ja, sogar noch mehr, -als dieser bezahlen kann; einige sechzigtausend Rubel.« - -»Nein,« versetzte sie, erzürnt darüber, daß er mit diesem Wechsel des -Themas so augenfällig zu verstehen gab, daß sie gereizt sei, »weshalb -glaubst du, daß diese Nachricht mich so interessiert, daß man sie sogar -zu verbergen hätte? Ich habe gesagt, daß ich nicht daran denken mag, -und wünschte, du möchtest ebensowenig davon interessiert werden, wie -ich.« - -»Ich interessiere mich nur deshalb dafür, weil ich Klarheit liebe,« -sagte er. - -»Klarheit liegt nicht in der Form, sondern in der Liebe,« sagte sie, -mehr und mehr in Erregung geratend, aber nicht durch seine Worte, -sondern durch den Ton kalter Ruhe, mit welchem er sprach. »Weshalb -wünschest du Klarheit?« - -»Mein Gott! Wieder die Liebe!« dachte er, finster werdend. »Du weißt -doch, wozu? Für dich, und für die Kinder, welche kommen werden,« sagte -er. - -»Kinder wird es nicht geben.« - -»Das ist sehr bedauerlich,« sagte er. - -»Dir ist sie erforderlich für die Kinder, aber an mich denkst du -nicht,« sprach sie, vollständig vergessend und überhörend, daß er -gesagt hatte »für dich und für die Kinder«. -- - -Die Frage nach der Möglichkeit, ob sie noch Kinder haben würden, hatte -für sie seit Langem eine Streitfrage gebildet, die sie erbitterte. -Seinen Wunsch, Kinder zu haben, legte sie sich dahin aus, daß er ihre -Schönheit nicht schätze. - -»O, ich sagte doch für dich! Vor allem für dich,« wiederholte er, sich -wie unter einem Schmerzgefühl verfinsternd, »weil ich überzeugt bin, -daß ein großer Teil deiner _Gereiztheit_ von der Unbestimmtheit unserer -Lage herrührt.« - -»Ja, jetzt hat er aufgehört, sich zu verstellen und alle seine kalte -Gehässigkeit gegen mich ist nun sichtbar,« dachte sie, seine Worte -nicht vernehmend, aber mit Schrecken auf den kalten, harten Richter -blickend, der, mit ihr Spott treibend, aus seinen Augen herausschaute. -»Dies ist nicht der Grund,« sagte sie, »ich begreife selbst nicht, daß -der Grund meiner _Gereiztheit_ -- wie du es nennst, der sein kann, mich -vollständig in deiner Gewalt zu befinden. Was für eine Unbestimmtheit -der Lage giebt es hierbei? Im Gegenteil.« - -»Es ist sehr bedauerlich, daß du nicht verstehen willst,« unterbrach -er sie, beharrlich in dem Wunsche, seinen Gedanken auszusprechen, »die -Unbestimmtheit liegt darin, daß dir scheint, als wäre ich frei.« - -»Diesbezüglich kannst du ganz ruhig sein,« sagte sie, und begann, indem -sie sich von ihm abwandte, ihren Kaffee zu trinken. - -Sie hob die Tasse, und führte sie, den kleinen Finger von sich -streckend zum Munde. Nachdem sie einige Schlucke genommen, blickte sie -ihn an. An dem Ausdruck seines Gesichts erkannte sie klar, daß ihm ihre -Hand und ihre Geste zuwider war, wie das Geräusch, welches sie mit den -Lippen verursacht hatte. - -»Mir ist alles vollständig gleichgültig, was deine Mutter denkt, und -wie sie dich verheiraten will,« sagte sie, mit zitternder Hand die -Tasse niedersetzend. - -»Davon sprechen wir ja aber gar nicht.« - -»O, eben davon; und glaube mir, daß für mich ein Weib ohne Herz -- sei -es alt oder nicht alt, deine Mutter oder eine Fremde -- ohne Interesse -ist, und ich es nicht kennen mag!« - -»Anna, ich bitte dich, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu reden.« - -»Ein Weib, welches nicht mit seinem Herzen erraten hat, worin das Glück -und die Ehre des Sohnes beruht -- hat kein Herz.« - -»Ich wiederhole meine Bitte, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu -sprechen, die ich achte,« sagte er, seine Stimme hebend und sie streng -anblickend. - -Sie antwortete nicht. Starr schaute sie ihn an, sein Gesicht, seine -Hände; sie rief sich die gestrige Versöhnungsscene mit allen ihren -Einzelheiten ins Gedächtnis zurück, sowie seine leidenschaftlichen -Liebkosungen. »Ganz die nämlichen Liebkosungen hat er an andere Weiber -verschwendet, er wird es weiterhin thun, er will es thun,« dachte sie. - -»Du liebst deine Mutter nicht. -- Das sind alles Phrasen, nur Phrasen!« --- sprach sie, ihn haßerfüllt anblickend. - -»Wenn es so allerdings steht, dann heißt es« -- - --- »Zu einem Entschluß kommen; und ich bin entschlossen;« sagte sie -und wollte gehen, doch gerade trat Jaschwin ins Zimmer. Anna begrüßte -ihn und blieb. - -Warum sie, während in ihrer Seele ein Sturm tobte, und sie fühlte, daß -sie auf einem Wendepunkt ihres Lebens stehe, der furchtbare Folgen -haben könne -- warum sie sich während dieser Minute vor einem fremden -Menschen verstellen mußte, der früher oder später ja doch alles -erfahren würde, -- sie wußte es nicht, sondern ließ sich, den Sturm -in sich beschwichtigend, sogleich nieder und begann mit dem Besuch zu -konversieren. - -»Nun, wie steht es mit Eurer Angelegenheit; habt Ihr eine -Schuldverschreibung erhalten?« frug sie Jaschwin. - -»Nicht der Rede wert. Mir scheint, daß ich nicht alles erhalten werde, -ich muß Mittwoch verreisen. Wann reist Ihr?« antwortete dieser, mit den -Augen zwinkernd und Wronskiy anblickend. Er erriet augenscheinlich, daß -ein Zwist obgewaltet hatte. - -»Übermorgen wahrscheinlich,« sagte Wronskiy. - -»Ihr bereitet Euch übrigens schon seit Langem darauf vor.« - -»Jetzt ist es jedoch beschlossen,« sprach Anna, Wronskiy gerade ins -Auge schauend, mit einem Blick, der diesem sagte, er solle nicht mehr -an die Möglichkeit einer Aussöhnung denken. »Thut Euch denn dieser -unglückliche Pjevzoff nicht leid?« setzte sie dann ihr Gespräch mit -Jaschwin fort. - -»Ich habe mich noch nie gefragt, Anna Arkadjewna, ob mir etwas leid -thut oder nicht. Hier ist mein ganzes Vermögen« -- er wies auf seine -Seitentasche -- »und jetzt bin ich ein reicher Mann. Heute fahre ich in -den Klub, um ihn vielleicht als Bettler wieder zu verlassen. Wird mich -doch jeder der sich mit mir zum Spiel niedersetzt, auch bis aufs Hemd -ausplündern, so wie ich es mit ihm mache. Wir kämpfen eben miteinander --- und darin liegt das Vergnügen.« - -»Aber wenn Ihr nun verheiratet wäret,« sagte Anna, »was würde da aus -Eurer Frau.« - -Jaschwin brach in Gelächter aus. - -»Eben deshalb habe ich auch nicht geheiratet, mir dies auch niemals -vorgenommen!« - -»Und Helsingfors?« frug Wronskiy, sich in die Unterhaltung mischend und -Anna, welche lächelte, anblickend. Seinem Blick begegnend, nahm das -Antlitz Annas plötzlich einen kalten, strengen Ausdruck an, als wollte -sie ihm sagen, »es ist nichts vergessen; es ist noch beim Alten.« - -»Aber Ihr seid doch gewiß einmal verliebt gewesen?« wandte sie sich zu -Jaschwin. - -»O Gott, wie oft. Aber -- merkt wohl auf, es kann sich einer zum Spiel -setzen, um stets dann davon aufzustehen, sobald die Zeit des Rendezvous -kommt -- ich kann mich zwar auch mit der Liebe beschäftigen, doch immer -nur so, daß ich abends die Partie nicht versäume. So halte ich es.« - -»Darnach frage ich nicht; sondern nach dem, um was es sich jetzt -handelt;« sie wollte sagen »Helsingfors,« das Wort aber nicht -aussprechen, welches von Wronskiy gesprochen worden war. - -Es kam nun Wojtoff, welcher einen Hengst gekauft hatte; Anna erhob sich -und verließ das Zimmer. - -Bevor Wronskiy von Hause wegfuhr, trat er noch bei ihr ein. Sie wollte -sich stellen, als suchte sie Etwas auf dem Tische, blickte ihm aber, -von ihrer Heuchelei beschämt, offen und mit kühlem Blick ins Antlitz. - -»Was wollt Ihr?« frug sie ihn auf französisch. - -»Das Attestat über den Gambetta holen. Ich habe ihn verkauft,« sprach -er in einem Tone, der deutlicher als Worte ausdrückte, »ich habe mich -durchaus nicht zu erklären und es würde dies auch zu nichts führen. -Ich trage doch keine Schuld ihr gegenüber,« dachte er, »wenn sie -sich selbst bestrafen will, =tant pis pour elle=!« Im Hinausgehen -aber schien ihm, als habe sie etwas gesagt und sein Herz regte sich -plötzlich in Mitleid für sie. - -»Was ist, Anna?« frug er. - -»Ich sagte nichts,« antwortete sie immer noch so kalt und ruhig. - -»Ah, nichts dann -- =tant pis=,« dachte er, wieder kühl werdend, wandte -sich und ging. Indem er hinausschritt, erblickte er im Spiegel ihr -Gesicht, bleich, mit bebenden Lippen. Er wollte nun wohl stehen bleiben -und ihr ein tröstendes Wort sagen, doch seine Füße trugen ihn aus dem -Zimmer, schneller, als er sich ausgedacht hatte, was er sagen sollte. - -Diesen ganzen Tag brachte er außerhalb des Hauses zu; als er spät -Abends heimkehrte, sagte ihm die Zofe, daß Anna Arkadjewna Kopfweh habe -und bitten lasse, sie nicht zu besuchen. - - - 26. - -Noch nie war ein Tag im Hader vorübergegangen. Es war dies das erstemal -gewesen. Aber es war auch kein Streit mehr, sondern das offenkundige -Eingeständnis einer vollständigen Erkaltung. Konnte man sie denn -so anblicken, wie er es gethan hatte, indem er nach dem Attest in -das Zimmer getreten war. Sie anzuschauen und zu sehen, daß ihr Herz -zerrissen war von Verzweiflung, und schweigend weiterzugehen mit diesem -gleichgültigen, ruhigen Gesicht? Nicht nur, daß er kühl gegen sie -geworden war; haßte er sie auch, weil er eine andere liebte -- das war -klar. -- Und indem sie sich alle jene harten Worte, die er gesprochen -hatte, ins Gedächtnis zurückrief, überdachte sie nochmals diejenigen, -die er offenbar ihr zu sagen gewünscht hatte oder ihr sagen konnte, und -mehr und mehr geriet sie in Erbitterung. - -»Ich halte Euch nicht,« konnte er sagen, »Ihr könnt gehen, wohin Ihr -wollt. Ihr habt Euch von Eurem Manne nicht scheiden lassen wollen, -wahrscheinlich, um zu ihm zurückzukehren. Kehrt zurück! Wenn Ihr Geld -braucht, will ich es Euch geben. Wieviel Rubel braucht Ihr?« - -Die allerhärtesten Worte, welche ihr der rauhe Mann sagen konnte, er -sagte sie ihr in ihrer Einbildungskraft und sie verzieh ihm dieselben -nicht, als hätte er sie ihr wirklich gesagt. - -»Aber hatte er ihr nicht gestern erst seine Liebe geschworen, er, der -gerechte und ehrenhafte Mann? Bin ich nicht etwa schon viele Male -grundlos in Verzweiflung gewesen?« sprach sie hierauf zu sich selbst. - -Diesen ganzen Tag verbrachte Anna, mit Ausnahme einer Fahrt zur Wilson, -die sie zwei Stunden in Anspruch nahm, in Ungewißheit darüber, ob alles -vorbei, oder noch eine Hoffnung auf Versöhnung vorhanden wäre, ob sie -sogleich fort müsse, oder ihn erst noch einmal sehen solle. Sie wartete -auf ihn den ganzen Tag, und erwog bei sich, nachdem sie am Abend, als -sie sich in ihr Zimmer zurückzog, befohlen hatte mitzuteilen, daß -sie Kopfweh habe; wenn er trotz der Worte der Zofe, zu mir kommt, so -bedeutet dies, daß er noch liebt, wenn nicht, daß alles zu Ende ist, -und dann werde ich entscheiden, was ich zu thun habe.« -- - -Am Abend vernahm sie das Geräusch seines Wagens, sein Läuten, seine -Schritte und sein Gespräch mit der Zofe. Er glaubte, was man ihm gesagt -hatte, wollte nichts Weiteres hören und begab sich in seine Räume. Es -war also wohl alles vorüber. - -Der Tod als das einzige Mittel, in seinem Herzen die Liebe zu ihr zu -erhalten, ihn zu strafen und den Sieg davonzutragen in diesem Kampfe, -den der in ihrem Herzen heimisch gewordene böse Geist mit ihm führte, -erschien klar und lebendig vor ihr. - -Jetzt war alles gleich; fuhr man nach Wosdwishenskoje oder nicht, -erhielt man die Scheidung von dem Gatten oder nicht -- es war nichts -mehr nötig. Nötig war nur Eines noch -- ihn zu strafen! -- - -Als sie sich die gewohnte Dosis Opium eingoß, und daran dachte, daß man -nur die ganze Phiole zu leeren brauchte, um zu sterben, erschien ihr -dies so leicht und einfach, daß sie abermals mit Genugthuung daran zu -denken begann, wie er Qual und Reue empfinden und sie in der Erinnerung -lieben würde, wenn es schon zu spät wäre. - -Sie lag im Bett mit offenen Augen, beim Scheine einer einsamen, -niedergebrannten Kerze nach dem Stuckkarnies der Zimmerdecke und dem -Teile derselben blickend, welcher den Schatten des Bettschirmes hatte, -und stellte sich lebendig vor, was er empfinden würde, wenn sie erst -nicht mehr wäre, wenn sie für ihn nur noch eine Erinnerung bildete. - -»Wie konnte ich diese harten Worte zu ihr sagen,« würde er sprechen, -»wie konnte ich aus ihrem Zimmer gehen, ohne ihr ein Wort zu sagen? -Jetzt ist sie nicht mehr. Sie ist von mir gegangen. Sie ist dort« -- - -Da bewegte sich plötzlich der Schatten des Bettschirmes, umfing das -ganze Karnies, die ganze Decke, andere Schatten von der anderen Seite -stürzten ihr entgegen; auf einen Augenblick flohen dieselben davon, -bewegten sich aber dann mit erneuter Schnelligkeit heran, wankten hin -und her, verschwammen ineinander und alles wurde dunkel. - -»Der Tod?« dachte sie, und ein Schrecken überkam sie, daß sie lange -nicht wußte, wo sie war, und lange mit den bebenden Händen kein -Zündholz finden konnte, um eine neue Kerze an Stelle derjenigen, welche -herabgebrannt und erloschen war, anzuzünden. - -»Nein -- aber doch -- nur leben! Ich liebe ihn ja doch, und er liebt ja -mich! Dies ist geschehen und wird vorübergehen!« sprach sie im Gefühl, -daß ihr die Thränen der Freude ob ihrer Rückkehr zum Leben über die -Wangen flossen. Um sich von ihrem Schrecken zu erholen, begab sie sich -hastig nach seinem Kabinett. - -Er schlief in demselben, in festem Schlummer. Sie trat zu ihm heran, -und betrachtete ihn, lange sein Gesicht von oben herab beleuchtend. -Jetzt, da er schlief, liebte sie ihn so sehr, daß sie bei seinem -Anblick die Thränen der Zärtlichkeit nicht zurückzuhalten vermochte; -aber sie wußte, daß er sie, wenn er erwachte, mit dem kalten Blick, der -sich seines Rechtes bewußt ist, anschauen würde, und sie ihm, bevor -sie ihm von ihrer Liebe sprach, darlegen müsse, daß er vor ihr der -Schuldige sei. Ohne ihn zu wecken kehrte sie zurück, und schlief nach -einer zweiten Dosis Opium bis zum Morgen in schwerem Halbschlummer, -währenddessen sie ununterbrochen ihr Empfindungsvermögen behielt. - -Am Morgen erschien ihr der furchtbare Alp, der sich mehrmals in ihren -Traumbildern, schon vor der Zeit ihres Verhältnisses mit Wronskiy -wiederholt hatte, von neuem und erweckte sie. Jener Alte mit dem -wirren Barte arbeitete, auf sein Eisen gebeugt und unverständliche, -französische Worte sprechend, während sie -- wie stets unter diesem -Alpdrücken -- empfand, was den eigentlichen Schrecken für sie bildete, -daß dieser Bauer ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit widmete, -sondern eine furchtbare Arbeit in Eisen verrichtete -- über ihr. -- - -Sie erwachte in kaltem Schweiß liegend. Als sie sich erhob, erinnerte -sie sich des gestrigen Tages wie im Nebel. - -»Es hatte Streit gegeben, das Nämliche, was schon mehrmals -stattgefunden hatte. Ich hatte gesagt, daß ich Kopfschmerzen hätte, -und er ist nicht zu mir gekommen. Morgen wollen wir reisen; ich muß ihn -sehen und mich zur Abreise vorbereiten,« sagte sie zu sich selbst, und -begab sich, nachdem sie gehört hatte, daß er sich in seinem Kabinett -befände, zu ihm. Als sie durch den Salon schritt, hörte sie, daß vor -der Einfahrt eine Equipage hielt und erblickte durchs Fenster schauend, -einen Wagen, aus welchem sich ein junges Mädchen in lilafarbenem Hut -herausbeugte, das ihrem Diener, welcher läutete einen Befehl erteilte. - -Nach einem Zwiegespräch im Vorzimmer, kam jemand herauf und neben dem -Salon wurden die Tritte Wronskiys vernehmbar, welcher mit schnellen -Schritten die Treppe hinabeilte. - -Anna trat wieder an das Fenster. Da trat er ohne Hut auf die Freitreppe -und ging zum Wagen. Das junge Mädchen im lilafarbigen Hut übergab ihm -ein Paket. Wronskiy sagte ihr lächelnd etwas und der Wagen fuhr wieder -fort. Er eilte schnell wieder zurück die Treppe herauf. - -Der Nebel, welcher sich über ihre Seele gebreitet hatte, zerstreute -sich plötzlich. Die Empfindungen von gestern preßten mit neuem Weh ihr -krankes Herz. - -Sie konnte jetzt nicht mehr begreifen, daß sie sich soweit hatte -erniedrigen können, noch einen ganzen Tag bei ihm in seinem Hause zu -bleiben, und kehrte in ihr Zimmer zurück, um ihn von ihrem Entschluß in -Kenntnis zu setzen. - -»Die Sorokina war mit ihrer Tochter gekommen und hat mir Geld und -Papiere von =maman= gebracht. Ich konnte es gestern nicht erhalten. Wie -steht es mit deinem Kopf; besser?« sprach er ruhig, ohne den düsteren -und ernsten und feierlichen Ausdruck ihres Gesichts bemerken zu wollen. - -Sie blickte ihn schweigend und starr an, in der Mitte des Zimmers -stehend. Er schaute sie an, verfinsterte sich einen Augenblick und -fuhr dann fort, einen Brief zu lesen. Sie wandte sich und ging langsam -nach der Thür. Er hätte sie noch zurückrufen können, aber sie war bis -an die Thür gegangen und er schwieg noch immer; nur das Rauschen eines -gewendeten Blattes des Briefes war vernehmbar. - -»Also,« begann er in dem Augenblick, als sie schon in der Thür stand, -»morgen werden wir entschieden fahren, nicht wahr?« - -»Ihr, nicht ich,« sprach sie, sich zu ihm wendend. - -»Anna; es ist unmöglich, so zu leben« -- - -»Ihr, nicht ich,« wiederholte sie. - -»Das wird unerträglich!« - -»Ihr, Ihr werdet die Reue empfinden,« sprach sie und ging hinaus. - -Erschreckt von dem verzweifelten Ausdruck, mit welchem diese Worte -gesprochen worden waren, sprang er auf und wollte ihr nacheilen, -doch indem er sich besann, setzte er sich wieder, sein Gesicht wurde -finster, indem er die Zähne fest aufeinanderbiß. - -Diese Drohung, welche unziemlich war, wie er fand, hatte ihn gereizt. - -»Ich habe alles versucht,« dachte er, »es bleibt nur noch Eins übrig -- -sie nicht mehr zu beachten« -- und machte sich fertig, in die Stadt zu -fahren, nochmals zur Mutter, von welcher er eine Unterschrift für die -Vollmacht haben mußte. - -Sie vernahm das Geräusch seiner Schritte im Kabinett und durch den -Speisesalon. Im Salon blieb er stehen; doch wandte er sich nicht zu -ihr, sondern erteilte nur Befehl, daß man in seiner Abwesenheit den -Hengst an Wojtoff ausliefere. Dann vernahm sie, wie man den Wagen -brachte, die Thür sich öffnete und er wiederum hinaustrat. Aber er -kehrte nochmals in den Flur zurück und es kam jemand nach oben geeilt. -Der Kammerdiener lief nach den vergessenen Handschuhen. Sie trat an das -Fenster und sah, wie er, ohne hinzublicken die Handschuhe ergriff, mit -der Hand den Rücken des Kutschers berührte und demselben etwas sagte. -Ohne die Fenster zu mustern, setzte er sich hierauf in seiner gewohnten -Pose in den Wagen, legte die Füße übereinander und drückte sich, einen -Handschuh anstreifend, in die Ecke. - - - 27. - -»Er ist fort. Es ist zu Ende!« sprach Anna zu sich selbst, am Fenster -stehend und zur Antwort auf diese Worte erfüllten jene Eindrücke in -der Finsternis nach dem Erlöschen des Lichtes, und des furchtbaren -Traumbildes in Eins zusammengeflossen, ihr Herz mit kaltem Entsetzen. -»Nein, es kann nicht sein!« schrie sie auf und schellte heftig, durch -das Zimmer eilend. Ihr war es jetzt so bange, allein zu bleiben, daß -sie, ohne das Erscheinen des Dieners abzuwarten, diesem entgegenkam. - -»Erkundigt Euch, wohin der Graf gefahren ist,« sagte sie. - -Der Diener versetzte, der Graf sei nach den Marställen gefahren. - -»Der Herr haben befohlen zu melden, daß der Wagen sogleich zurückkehren -würde, falls es Euch gefällig wäre, auszufahren.« - -»Gut. Bleibt. Ich werde sogleich ein Billet schreiben. Schickt Michail -mit dem Billet nach den Marställen, so schnell als möglich.« - -Sie setzte sich und begann zu schreiben: - -»Ich bin schuld. Kehre heim, wir müssen ins Klare kommen. Um Gott, -komm, mir ist furchtbar.« - -Sie siegelte und übergab dem Diener das Billet. - -Jetzt fürchtete sie sich allein zu bleiben und begab sich, nachdem der -Diener gegangen war, aus dem Zimmer nach der Kinderstube. - -»Was ist das? Das ist er nicht! Das ist nicht Er! Wo sind seine blauen -Augen, wo ist sein mildes, sanftes Lächeln?« war ihr erster Gedanke, -als sie ihr dralles, rotbäckiges kleines Mädchen mit den schwarzen -krausen Haaren anstatt Sergeys, den sie in einer Verwirrung ihrer -Gedanken in der Kinderstube zu sehen erwartet hatte, erblickte. - -Das Kind saß am Tische, hartnäckig und geräuschvoll mit einem -Korkpfropfen auf den Tisch pochend, und schaute mit seinen zwei -schwarzen Augen verständnislos die Mutter an. - -Nachdem Anna der Engländerin geantwortet hatte, daß sie sich völlig -wohl befinde und morgen aufs Land gehen werde, setzte sie sich zu -ihrem Kinde und begann vor demselben den Pfropfen von einer Karaffe zu -drehen. Das laute, tönende Lachen des Kindes und die Bewegung, welche -dasselbe mit den Brauen machte, brachten ihr aber Wronskiy so lebhaft -in die Erinnerung, daß sie, ein Aufschluchzen unterdrückend, hastig -aufstand und hinausging. - -»Ist denn wirklich alles zu Ende? Nein, es kann nicht sein,« dachte -sie. »Er wird zurückkehren! Aber wie soll er mir jenes Lächeln -erklären, seine Lebhaftigkeit, nachdem er mit ihr gesprochen hatte? -Indessen auch wenn er mir es nicht erklärt, will ich ihm glauben. -Glaube ich ihm nicht, dann bleibt mir noch Eins -- aber ich will -nicht.« -- - -Sie sah nach der Uhr. Es waren zwanzig Minuten vergangen. - -»Jetzt hat er mein Billet bereits erhalten und kehrt zurück. Nicht -lange mehr, noch zehn Minuten -- aber wie, wenn er nicht zurückkehrt? -Doch nein, das kann nicht sein! Er darf mich indessen nicht mit -verweinten Augen sehen. Ich will gehen und mich waschen. Bin ich denn -frisiert oder nicht?« frug sie sich, ohne sich erinnern zu können. -Sie fühlte sich nach dem Kopfe, »ja, ich bin frisiert, aber wann es -geschah, weiß ich wirklich nicht mehr.« Sie glaubte nicht einmal der -eigenen Hand und ging zu dem Trumeau, um nachzusehen, ob sie in der -That frisiert sei oder nicht. Sie war frisiert und konnte sich dennoch -nicht erinnern, wann sie es gethan hatte. »Wer ist das?« dachte sie, in -den Spiegel blickend, und ein fieberhaft glühendes Antlitz mit seltsam -blitzenden Augen, die sie erschreckt ansahen, gewahrend. »Das bin ich -doch,« erkannte sie plötzlich und ihre ganze Erscheinung musternd, -fühlte sie plötzlich seine Küsse auf sich und zuckte zusammenschauernd -mit den Schultern. Dann hob sie die Hand zu den Lippen und küßte sie. -»Was ist das; ich bin von Sinnen,« sprach sie und begab sich in das -Schlafzimmer, wo Annuschka aufräumte. »Annuschka,« sagte sie, vor der -Zofe stehen bleibend und sie anschauend, ohne zu wissen, was sie ihr -eigentlich sagen wollte. - -»Ihr wolltet zu Darja Aleksandrowna fahren,« antwortete die Zofe, als -ob sie verstanden hätte. - -»Zu Darja Aleksandrowna? Ja, ich werde fahren.« - -»Fünfzehn Minuten hin, fünfzehn Minuten zurück! Er wird schon kommen, -er kommt sogleich.« Sie zog die Uhr hervor und sah darnach. »Wie konnte -er nur wegfahren, und mich in einer solchen Lage zurücklassen? Wie kann -er leben, ohne mit mir ausgesöhnt zu sein?« Sie trat ans Fenster und -schaute auf die Straße hinab. Der Zeit nach hätte er schon zurücksein -können. Aber ihre Berechnung konnte nicht richtig sein und sie begann -aufs neue, sich zu vergegenwärtigen, wann er weggefahren war, und die -Minuten zu berechnen. Gerade als sie nach einer größeren Uhr ging, um -die ihrige darnach zu vergleichen, kam jemand angefahren. Durch das -Fenster blickend, gewahrte sie seinen Wagen. Es kam jedoch niemand zur -Treppe herauf, während unten Stimmen vernehmbar wurden. Der Bote war -es, welcher im Wagen zurückkehrte. Sie ging zu ihm hinunter. - -Der Graf war nicht zu treffen gewesen, er war auf der Chaussee von -Nishegorod weggefahren. - -»Was bringst du? Was« -- wandte sie sich zu dem rotbäckigen, fröhlichen -Michail, der ihr das Billet wieder zurückgab. »Er hat es ja gar nicht -erhalten,« sagte sie sich. »Fahre mit diesem Billet auf das Dorf zur -Gräfin Wronskaja, verstehst du? Und bringe sofort Antwort,« sagte sie -zu dem Boten. »Aber was soll ich selbst thun?« dachte sie, »nun, ich -werde zu Dolly fahren, oder, wahrhaftig, ich verliere den Verstand. Ich -kann ja auch noch telegraphieren.« Sie schrieb sogleich eine Depesche -nieder. - -»Ich muß dich sprechen, komm sogleich.« - -Nachdem sie das Telegramm abgeschickt hatte, ging sie sich anzukleiden. -Bereits angekleidet und im Hut blickte sie nochmals der etwas beleibt -gewordenen, ruhigen Annuschka in die Augen. Offenes Mitleid war in -diesen kleinen, gutmütigen, grauen Augen sichtbar. - -»Liebe Annuschka, was soll ich thun?« sagte Anna weinend, sich hilflos -in einem Lehnsessel sinken lassend. - -»Wozu sich so beunruhigen, Anna Arkadjewna! So geht es eben! Fahrt nur -und zerstreut Euch,« antwortete die Zofe. - -»Ja, ich werde fahren,« sagte Anna, sich ermannend und aufstehend. -»Wenn in meiner Abwesenheit ein Telegramm einlaufen sollte, so soll es -zu Darja Aleksandrowna geschickt werden -- oder nein; ich werde selbst -zurückkommen!« -- - -»Ja, man muß nicht grübeln, sondern etwas thun, ausfahren, und -hauptsächlich dieses Haus verlassen,« sprach sie, mit Entsetzen die -furchtbare Wallung wahrnehmend, welche in ihrem Herzen entstand, ging -hastig hinaus und setzte sich in den Wagen. - -»Wohin befehlt Ihr?« frug Peter, bevor er sich auf den Bock setzte. -»Nach Znamenka, zu den Oblonskiy!« - - - 28. - -Das Wetter war klar. Den ganzen Morgen war ein dichter, feiner Regen -gefallen und jetzt hatte es sich seit kurzem erst aufgehellt. Die -eisernen Dächer, die Trottoirsteine und Pflastersteine, die Räder, das -Lederzeug, Kupfer und Blech an den Equipagen, alles glänzte hell in der -Maisonne. Es war drei Uhr, die Zeit, zu welcher es auf den Straßen am -lebhaftesten ist. - -In der Ecke des ruhig gehenden Wagens sitzend, der auf seinen -Sprungfedern bei dem schnellen Gange der beiden Grauen kaum schaukelte, -ließ Anna unter dem eintönigen Rasseln der Räder, den schnell -wechselnden Eindrücken bei der klaren Luft, von neuem die Vorkommnisse -der letzten Tage an sich vorüberziehen und sie erkannte ihre Lage -als eine ganz andere, als wie sie ihr zu Haus erschienen war. Jetzt -erschien ihr selbst der Gedanke an den Tod nicht mehr so furchtbar und -deutlich, und der Tod selbst erschien ihr nicht mehr unvermeidlich. -Jetzt machte sie sich Vorwürfe über die Niedergeschlagenheit, bis zu -welcher sie sich hatte führen lassen. - -»Ich werde ihn beschwören mir zu verzeihen. Ich habe mich ihm -untergeordnet und mich schuldig bekannt. Aber warum? Kann ich denn ohne -ihn nicht leben?« - -Und ohne sich auf die Frage, wie sie ohne ihn leben könnte, zu -antworten, begann sie die Ladenschilder zu lesen. »Comptoir und -Niederlage. -- Zahnarzt -- ja, ich werde Dolly alles sagen. Sie liebt -Wronskiy nicht. Für mich wird es schmachvoll, schmerzlich sein, aber -ich will ihr alles sagen. Sie liebt mich und ich werde ihrem Rate -folgen. Ich werde mich ihm nicht unterwerfen, ihm nicht gestatten, -mich zu erziehen. -- Philippoff, Kalatschenkauf. -- Man soll den Teig -auch nach Petersburg bringen. Das Moskauer Wasser ist so gut; ja die -Brunnen von Mytichy und die Pfannkuchen« -- und sie erinnerte sich, wie -sie vor langer, langer Zeit, als sie noch siebzehn Jahre zählte, mit -der Tante zum Pfingstfest gekommen war; zu Pferde noch. War ich denn -das wirklich, ich mit den schönen Händen? Wie vieles von dem, was mir -damals so schön und unerreichbar erschien, ist dahin, während mir das, -was ich damals besaß, jetzt auf ewig unerreichbar geworden ist. - -Hätte ich damals geglaubt, daß ich bis zu einem solchen Grade von -Erniedrigung gelangen könnte? Wie wird er stolz und befriedigt sein, -wenn er mein Billet empfängt! Aber ich werde ihm zeigen. -- Wie -übel doch diese Farbe hier riecht! Warum streicht und baut man nur -fortwährend? -- »Moden- und Putzwaaren« -- las sie weiter. Ein Mann -grüßte sie; es war der Gatte Annuschkas; »unsere Parasiten,« dachte -sie, sich der Worte Wronskiys erinnernd. »Unsere? Warum unsere? Es ist -entsetzlich, daß man die Vergangenheit nicht mit der Wurzel ausreißen -kann! Man kann sie nicht ausreißen, aber die Erinnerung daran bedecken. -Und ich will sie verhüllen.« - -Und jetzt dachte sie an ihr vergangenes Leben mit Aleksey -Aleksandrowitsch, daran, daß sie ihn aus ihrem Gedächtnis gelöscht -hatte. »Dolly wird denken, daß ich nun den zweiten Mann verlasse, und -daher gewiß im Unrecht bin. Kann ich denn aber im Rechte sein? Ich kann -es nicht,« fuhr sie fort und die Thränen stiegen in ihr auf. Doch sie -begann sogleich, sich zu denken, warum wohl jene beiden Mädchen dort -so lächelten. Wahrscheinlich in Liebesgedanken? Sie wissen nicht, wie -traurig, wie niedrig das ist! - -Da kommt der Boulevard; Kinder spielen auf ihm. Drei Knaben laufen -da und spielen Pferd. -- Mein Sergey! -- Alles verliere ich und ihn -kann ich nicht wieder erhalten. Ja, alles verliere ich, wenn er nicht -zurückkehrt. Vielleicht hat er sich mit dem Zug verspätet und ist jetzt -schon zurück. Aber soll ich mich schon wieder erniedrigen?« frug sie -sich selbst, »nein, ich will zu Dolly und ihr offen sagen, ich bin -unglücklich, ich habe es verdient und bin schuldig -- immer aber doch -unglücklich -- hilf mir! -- Diese Pferde, dieser Wagen, wie abscheulich -komme ich mir selbst in diesem Wagen vor -- alles ist ja sein; doch ich -werde nichts mehr davon sehen.« -- - -Indem sie sich die Worte überlegte, mit welchen sie Dolly alles sagen -wollte, absichtlich sich ihr Herz zerreißend, betrat Anna die Treppe. - -»Ist man daheim?« frug sie im Vorzimmer. - -»Katharina Aleksandrowna Lewina ist zugegen,« antwortete der Diener. - -»Kity! Die nämliche Kity, in welche Wronskiy verliebt gewesen ist,« -dachte Anna, »die nämliche, der er in Liebe gedachte. Er bedauerte, sie -nicht geheiratet zu haben, aber meiner gedenkt er in Haß und er beklagt -es, sich mit mir vereint zu haben.« - -Unter den Schwestern fand, als Anna ankam, gerade eine Beratung -betreffs der Ernährungsfrage des Kindes statt. Dolly ging allein -hinaus, um den Besuch zu empfangen, der in diesem Augenblick ihr -Gespräch störte. - -»Ach, du bist noch nicht abgereist? Ich wollte selbst zu dir kommen« -- -sagte sie, »heute habe ich einen Brief von Stefan erhalten!« - -»Wir haben gleichfalls eine Depesche empfangen,« antwortete Anna, sich -umschauend, um Kity zu sehen. - -»Er schreibt, er könne nicht begreifen, was Aleksey Aleksandrowitsch -eigentlich wolle, würde aber nicht ohne einen Bescheid abreisen.« - -»Ich dachte, es wäre jemand bei dir. Kann man den Brief lesen?« - -»Ja, Kity ist da,« sprach Dolly, in Verlegenheit geratend, »sie ist in -der Kinderstube geblieben; sie war sehr krank.« - -»Ich habe davon gehört. Kann ich den Brief lesen?« - -»Sogleich will ihn bringen. Doch er giebt keinen abschläglichen -Bescheid, im Gegenteil, Stefan hofft,« sagte Dolly, in der Thür stehen -bleibend. - -»Ich hoffe und wünsche auch nichts,« antwortete Anna. »Was heißt das, -hält es Kity für entwürdigend, mit mir zusammenzutreffen?« dachte Anna, -während sie allein war. »Vielleicht ist sie damit auch im Rechte, aber -nur durfte sie gerade, welche in Wronskiy verliebt gewesen ist, mir -es nicht zeigen, auch wenn dies verdient wäre. Ich weiß, daß mich in -meiner Lage kein ehrenhaftes Weib empfangen kann, weiß, daß ich ihm von -jener ersten Minute an alles geopfert habe. Nun habe ich meinen Lohn! -O, wie ich ihn hasse! Und warum bin ich hierher gefahren? Nur, damit -mir noch trauriger und schwerer zu Mute wird!« - -Sie vernahm aus dem Nebenzimmer die Stimmen der unter sich sprechenden -Schwestern. »Was soll ich jetzt Dolly sagen? Kity ein Vergnügen damit -machen, daß ich unglücklich bin, mich ihrer Gönnerschaft aussetzen? -Nein, auch Dolly wird nicht begreifen, und ich brauche nichts mit ihr -zu reden. Interessant wäre es mir nur gewesen, Kity einmal zu sehen -und ihr zu zeigen, daß ich alle, alles verachte, wie mir jetzt alles -gleichgültig ist.« - -Dolly trat mit dem Briefe ein. Anna las ihn und gab ihn schweigend -zurück. - -»Das habe ich alles gewußt,« sagte sie, »und es interessierte mich -nicht im geringsten.« - -»Aber warum nicht? Ich, im Gegenteil, habe Hoffnung,« sagte Dolly, Anna -neugierig anblickend. Noch nie hatte sie diese in einem so seltsamen -Zustande von Erbitterung gesehen, »wann fährst du?« frug sie. - -Anna schaute finster vor sich hin und antwortete ihr nicht. - -»Versteckt sich Kity vor mir?« sprach sie nach der Thür blickend und -rot werdend. - -»O, was das für Thorheiten sind! Sie läßt das Kind trinken, aber es -glückt ihr nicht recht; ich habe ihr geraten -- sie ist vielmehr sehr -erfreut, und wird sogleich kommen,« sagte Dolly etwas unsicher, da sie -nicht zu lügen verstand. »Da ist sie ja!« -- - -Nachdem Kity erfahren hatte, daß Anna gekommen sei, wollte sie nicht -erscheinen, doch Dolly redete ihr zu. Nachdem sie sich gesammelt hatte, -kam sie nun und trat errötend näher, Anna die Hand reichend. - -»Ich freue mich sehr,« sprach sie mit zitternder Stimme. - -Kity war verwirrt gewesen über den Kampf, der in ihr vor sich ging, -und zwischen der Feindschaft gegen dieses verworfene Weib, und dem -Wunsche, entgegenkommend gegen es zu sein, schwankte sie, allein sobald -sie das schöne sympathische Gesicht Annas erblickt hatte, war alle -Feindseligkeit sogleich verschwunden. - -»Ich würde mich nicht gewundert haben, wenn Ihr nicht wünschtet, mir zu -begegnen. Ich bin an alles gewöhnt. Ihr seid krank gewesen? Allerdings, -Ihr habt Euch verändert,« sprach Anna. - -Kity empfand, daß Anna sie feindselig betrachtete. Sie erklärte sich -diese Feindseligkeit aus der peinlichen Lage, in welcher sich Anna, die -früher eine Protektorschaft über sie geübt hatte, vor ihr fühlte. - -Sie sprachen von der Krankheit, dem Kinde, von Stefan, aber nichts von -alledem interessierte Anna. - -»Ich bin gekommen, mich von dir zu verabschieden,« sagte sie aufstehend. - -»Wann fahrt Ihr?« - -Anna wandte sich abermals, ohne zu antworten, zu Kity. - -»Es freut mich sehr, Euch wiedergesehen zu haben,« sprach sie lächelnd. -»Ich habe über Euch von allen Seiten gehört, selbst von Eurem Gatten. -Er ist bei mir gewesen und hat mir sehr gefallen,« fügte sie, -augenscheinlich in übler Absicht hinzu. »Wo ist er denn?« - -»Er ist aufs Dorf gefahren,« antwortete Kity errötend. - -»Grüßt ihn von mir, grüßt ihn ja von mir!« - -»Gewiß,« wiederholte Kity treuherzig, ihr voll Mitleid in die Augen -blickend. - -»Also leb' wohl, Dolly?« Nachdem Anna Dolly geküßt und Kity die Hand -gedrückt hatte, ging Anna eilig fort. - -»Sie bleibt immer die gleiche, fesselnde; sie ist sehr hübsch,« sagte -Kity, nachdem sie mit der Schwester allein geblieben, »aber es liegt -etwas Mitleiderweckendes in ihr. Es ist doch entsetzlich traurig!« - -»Nein, heute lag in ihr etwas Eigenartiges,« sagte Dolly, »als ich sie -hinausbegleitete, schien mir im Vorzimmer, als ob sie weinen wollte.« - - - 29. - -Anna setzte sich wieder in den Wagen, noch düsterer gestimmt, als sie -es bei ihrer Wegfahrt von Hause gewesen war. Zu den früheren Qualen -gesellte sich jetzt das Gefühl der Kränkung und Verstoßenheit, welches -sie deutlich bei ihrer Begegnung mit Kity empfunden hatte. - -»Wohin befehlt Ihr? Nach Hause?« frug Peter. - -»Ja, nach Hause,« sagte sie, jetzt gar nicht mehr daran denkend, wohin -sie fuhr. - -»Wie sie mich anblickten; gerade, als wäre ich etwas Furchtbares, -Unbegreifliches und Neugier Erregendes. Wovon mag der da wohl mit -solchem Eifer dem andern erzählen,« dachte sie, auf zwei Fußgänger -blickend. -- »Kann man denn einem andern erzählen, was man empfindet? -Ich wollte es Dolly erzählen, aber es ist gut, daß ich nicht erzählt -habe. Wie froh wäre sie über mein Unglück gewesen! Sie hätte dies zwar -verheimlicht, aber in der Hauptsache wäre ihr Gefühl nur die Freude -darüber gewesen, daß ich für jene Lust bestraft worden bin, um welche -sie mich beneidet hat. Kity nun würde sich noch mehr gefreut haben. -Wie ich sie jetzt durch und durch kenne! Sie weiß, daß ich gegen ihren -Mann außergewöhnlich liebenswürdig gewesen bin, ist nun eifersüchtig -auf mich und haßt mich. Sie verachtete mich aber auch noch. In ihren -Augen bin ich ein Weib ohne Moral. Ich hätte ihren Mann mit Liebe zu -mir erfüllen können, wenn ich ein sittenloses Weib wäre. -- Wenn ich -gewollt hätte. -- Ich habe auch gewollt! -- Der dort ist zufrieden mit -sich selbst« -- dachte sie beim Anblicke eines dicken, rotaussehenden -Herrn, der an ihr vorübergefahren kam, sie für eine Bekannte hielt, -und den Hut auf seinem glänzenden Glatzkopf lüftete, sich dann aber -überzeugte, daß er geirrt habe. - -»Er glaubte, mich zu kennen, und er kannte mich doch so wenig, wie mich -überhaupt jemand auf der Welt kennen mag. Ich selbst kenne ihn nicht. -Ich kenne nur seine =appetits=, wie die Franzosen sagen. -- Die da -möchten dieses schmutzige Gefrorene haben,« dachte sie, auf zwei Knaben -blickend, welche einen Eisverkäufer angehalten hatten, der seinen Tuber -vom Kopfe nahm und mit dem Zipfel seines Handtuchs das schweißbedeckte -Gesicht abtrocknete. »Uns alle verlangt nach Süßigkeit und Leckerei. -Ist es nicht Konfekt, so kann es schmutziges Gefrorenes sein. Auch -mit Kity ist es so; war es nicht Wronskiy, so war es Lewin. Und sie -beneidet mich, und haßt mich dafür. Wir alle hassen uns gegenseitig. -Ich Kity -- Kity mich! Das ist die Wahrheit. -- >Tjutkin, Coiffeur. -- -=Je me fais coiffer par Tjutkin=.< Dies werde ich ihm sagen, wenn er -kommt,« dachte sie und lächelte. Doch im selben Augenblick erinnerte -sie sich, daß sie jetzt nicht Ursache habe, jemand etwas Scherzhaftes -zu sagen; »es giebt auch nichts Scherzhaftes oder Heiteres dabei, -alles ist häßlich. Man läutet zur Vesper; wie sorgsam sich dieser -Kaufmann bekreuzigt. Als ob er fürchtete, etwas zu verlieren. Wozu -diese Kirchen, dieses Läuten, diese Lüge? Nur dazu, um zu verbergen, -daß wir uns alle einander hassen, wie diese Mietkutscher da, die -sich so erbost streiten. Jaschwin sagt: Der Gegner sucht mich bis -aufs Hemd auszuplündern, also thue ich dies auch mit ihm. Das ist -Gerechtigkeit!« -- - -In diesen Gedanken, welche sie so beschäftigten, daß sie selbst -über ihre Lage nachzudenken aufgehört hatte, fand sie sich, als der -Wagen vor der Freitreppe ihres Hauses anhielt. Erst als sie den ihr -entgegenkommenden Portier erblickte, erinnerte sie sich wieder, daß sie -ein Billet und ein Telegramm abgeschickt hatte. - -»Ist Antwort da?« frug sie. - -»Ich werde sogleich nachsehen,« versetzte der Portier, schaute in das -kleine Comptoir, langte hinein und reichte ihr ein viereckiges, dünnes -Couvert mit einem Telegramm. »Ich kann nicht früher als um zehn Uhr -kommen. Wronskiy.« -- las sie. - -»Der Bote ist nicht zurückgekehrt?« - -»Nein,« antwortete der Portier. - -»Wenn es so steht, weiß ich, was ich zu thun habe,« sagte sie und eilte -in dem Gefühl eines in ihr aufsteigenden, unklaren Grimmes und des -Verlangens nach Rache hinauf. »Ich werde selbst zu ihm fahren; bevor -ich auf immer gehe, will ich ihm noch alles sagen! Nie habe ich einen -Menschen so gehaßt, wie diesen Mann!« dachte sie. Als sie seinen Hut am -Kleidergestell erblickte, schauerte sie zusammen vor Widerwillen. - -Sie bedachte nicht, daß sein Telegramm die Antwort auf das ihrige -bildete, und er ihren Brief noch gar nicht erhalten hatte. Sie stellte -sich ihn jetzt vor in ruhigem Gespräch mit seiner Mutter und der -Sorokina, voll Freude über ihre Leiden. »Ja, ich muß möglichst bald -fahren,« sprach sie zu sich, noch ohne zu wissen, wohin. Es verlangte -sie, möglichst schnell den Empfindungen entgehen zu können, welche sie -in diesem furchtbaren Hause hatte. Die Dienstboten, die Wände, die -Gegenstände in diesem Hause -- alles forderte in ihr Widerwillen und -Zorn heraus, und beklemmte sie mit einer gewissen Schwere. - -»Ich muß auf die Eisenbahnstation fahren, und ist er nicht dort, zu ihm -selbst und ihn überführen!« - -Anna sah in den Zeitungen nach den Fahrplänen der Züge. Es ging abends -acht Uhr zwei Minuten ein Zug. »Ja, da will ich eilen.« - -Sie befahl andere Pferde anzuspannen, und widmete sich dem Einpacken -von Sachen in eine Reisetasche, die ihr für einige Tage erforderlich -waren. Sie wußte, daß sie nicht wieder hierher zurückkehren werde. In -ihrer Aufregung entschloß sie sich unter den Plänen die ihr in den Kopf -kamen, je nach den Vorgängen auf der Station oder auf dem Gute der -Gräfin, auf der Strecke Nishegorod bis zur nächsten Stadt zu fahren und -dort zu bleiben. - -Das Essen stand auf dem Tische. Sie trat heran, roch an Brot und Käse -und befahl, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß der Geruch alles -Eßbaren ihr nur widerlich sei, den Wagen anzuspannen, worauf sie -hinausging. - -Das Haus warf seinen Schatten bereits über die ganze Straße; es war ein -klarer, noch warmer und sonniger Abend. - -Sowohl Annuschka, die ihr mit den Sachen folgte, als Peter, welcher -dieselben im Wagen unterbrachte und der Kutscher, der augenblicklich -schlechte Laune hatte -- alle waren ihr widerlich und reizten sie mit -ihren Worten und Bewegungen. - -»Ich brauche dich nicht, Peter!« - -»Aber das Billet?« - -»Nun, wie du willst, mir ist alles gleich,« sprach sie verdrießlich. - -Peter stieg hinten auf und befahl, die Hände in die Seite gestützt, -nach dem Bahnhof zu fahren. - - - 30. - -»Da ist es wieder! Wieder erfasse ich alles,« sprach Anna zu sich, -sobald der Wagen sich in Bewegung gesetzt hatte, schütternd über das -Pflaster fuhr, und die Eindrücke sich wiederum, einer nach dem andern, -abwechselten. »Was dachte ich denn zuletzt so Angenehmes,« suchte sie -in ihrer Erinnerung. »>Tjutkin, Coiffeur?< -- Nein, das war es nicht. -Ach ja, wovon Jaschwin gesprochen: Der Kampf ums Dasein und der Haß, -sie sind das Eine, was die Menschheit zusammenhält. O, Ihr fahrt -umsonst,« wandte sie sich in Gedanken zu einer Gesellschaft, die in -einer Tschetwernja dahinfuhr, wohl um sich außerhalb der Stadt zu -vergnügen. »Auch der Hund, den Ihr da mit Euch führt, wird Euch nichts -helfen; Ihr werdet Euch nicht voneinander verlieren.« Indem sie den -Blick nach der Seite richtete, nach der sich Peter wandte, erblickte -sie einen fast bis zur Besinnungslosigkeit berauschten Fabrikarbeiter -mit wackelndem Kopfe, den ein Polizist führte. - -»Da der -- das geht schon eher;« dachte sie, »dieses Vergnügen habe -ich mit dem Grafen Wronskiy noch nicht genossen, obwohl ich viel -von ihm erwartet hatte.« Zum erstenmale ließ Anna jetzt die scharfe -Beleuchtung, unter der sie alles erblickte, auf ihre Beziehungen zu ihm -fallen, über die sie nachzudenken vorher vermieden hatte. - -»Was hat er in mir gesucht? Liebe doch nicht so sehr, als mehr eine -Befriedigung seiner Eitelkeit.« - -Sie erinnerte sich seiner Worte, des Ausdrucks seiner Züge, die in der -ersten Zeit ihres Verhältnisses den Eindruck eines ergebenen Jagdhundes -auf sie gemacht hatten. Alles bestätigte dies jetzt. »Ja, in ihm lebte -der Triumph über einen Erfolg seines Ehrgeizes. Natürlich war ja auch -Liebe dabei gewesen, aber den Hauptteil bildete doch der Stolz auf -seinen Erfolg. Er hat sich mit mir gebrüstet! Jetzt ist das vorüber. -Er soll nun auf nichts mehr stolz sein. Es giebt jetzt keinen Stolz -mehr für ihn, sondern nur noch Schande. Er hat mir alles genommen, -was er nehmen konnte, jetzt braucht er mich nicht mehr. Er ist meiner -überdrüssig, und will nicht mehr mir gegenüber ehrlos sein. Er hat -sich gestern versprochen -- er will die Scheidung und die Heirat nur, -um die Schiffe hinter sich abzubrennen. Er liebt mich -- aber wie? -- -=The zest is gone=. -- Der da will alle in Erstaunen setzen und ist -ja sehr zufrieden mit sich selbst,« dachte sie, auf einen rotbäckigen -Handlungsdiener blickend, welcher ein Manegepferd ritt. »Ja, der alte -Geschmack an mir ist nicht mehr bei ihm vorhanden. Wenn ich von ihm -gehe, wird er herzlich froh sein.« - -Dies war keine Vermutung -- sie sah es klar in jenem durchdringenden -Lichte, welches ihr jetzt den Sinn des Lebens und der menschlichen -Verhältnisse offenbarte. - -»Meine Liebe wird immer leidenschaftlicher und egoistischer, die seine -aber erlischt mehr und mehr, und deshalb trennen wir uns,« fuhr sie -fort zu grübeln. »Und Hilfe ist hierbei unmöglich. Für mich liegt alles -in ihm allein und ich fordere, daß er immer mehr und mehr sich mir -hingebe. Er aber immer will mehr und mehr von mir entweichen. Wir sind -bis zum Bunde miteinander zusammengekommen, gehen aber nun unaufhaltsam -nach verschiedenen Richtungen wieder auseinander. Und dies läßt sich -auch nicht ändern. Er sagt mir, ich sei sinnlos eifersüchtig, und ich -selbst habe mir gesagt, ich bin sinnlos eifersüchtig -- aber das ist -unwahr. Ich bin nicht eifersüchtig, sondern unzufrieden! Doch« -- sie -öffnete den Mund und veränderte den Sitz im Wagen vor der Erregung, -die in ihr durch einen plötzlich auftauchenden Gedanken hervorgerufen -wurde. »Wenn ich noch etwas Anderes sein könnte, als seine Geliebte, -die leidenschaftlich nur seine Liebkosungen liebt; aber ich kann und -will gar nichts Anderes sein. Mit diesem Wunsche aber erwecke ich in -ihm Widerwillen, er in mir Wut; das kann nicht anders sein! Weiß ich -etwa nicht, daß er nicht schon anfinge mich zu hintergehen? Daß er -nicht Absichten auf die Sorokina hätte, daß er Kity geliebt hat und -mich verrät? Alles dies weiß ich, und mir wird davon nicht leichter. -Wenn er, ohne mich zu lieben, nur _aus Pflicht_ gut und zärtlich gegen -mich ist, nicht aber das sein will, was ich wünsche; so wäre es noch -tausendmal schlimmer, als Haß! Das wäre -- die Hölle! Und so ist es -auch! Er liebt mich schon lange nicht mehr, und wo die Liebe aufhört, -da fängt der Haß an. Diese Straßen kenne ich doch gar nicht. Berge, -und Häuser auf Häuser, in den Häusern aber Menschen, nur Menschen. Wie -viele Menschen giebt es da, kein Ende ist abzusehen, und alle hassen -einander. Aber ich will mir doch einmal ausdenken, was ich eigentlich -will, um glücklich zu sein? Nun, gesetzt, ich erhalte die Ehescheidung, -Aleksey Aleksandrowitsch giebt mir Sergey und ich heirate Wronskiy.« - -Indem sie Aleksey Aleksandrowitschs gedachte, stellte sie sich ihn -sogleich mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit vor, als ob er lebendig vor -ihr stände, mit seinen sanften, leblosen, erloschenen Augen, den blauen -Adern auf den weißen Händen, seinen Betonungen und dem Knacken seiner -Finger, und indem sie sich des Gefühls erinnerte, welches zwischen -ihnen bestanden und auch Liebe geheißen hatte, erschauerte sie vor Ekel. - -»Nun, ich werde die Scheidung erhalten und Wronskiys Weib werden. Wird -aber Kity dann aufhören, so auf mich zu schauen, wie sie es heute -gethan hat? Nein. Wird dann Sergey aufhören, nach meinen zwei Männern -zu fragen oder über sie nachzudenken? Und welches neue Gefühl soll -ich mir für Wronskiy und mich ausdenken? Ist ein Etwas möglich, das -nicht mehr Glück, und doch auch nicht eine Qual wäre? -- Nein und aber -nein!« -- antwortete sie sich selbst, jetzt ohne das geringste Zaudern. -»Es ist unmöglich! Wir werden durch das Leben getrennt; ich bin sein -Unglück, er ist das meine, und es ist unmöglich, ihn oder mich zu -rehabilitieren. Alle Versuche sind gemacht worden, die Schraube ist -abgelaufen. -- Da, eine Bettlerin mit ihrem Kinde! -- Sie glaubt, man -habe Mitleid mit ihr. Sind wir denn nicht alle nur dazu in die Welt -geworfen worden, um einander zu hassen, und uns und die anderen deshalb -zu martern? -- Da kommen Gymnasiasten. -- Sie lachen! Ist Sergey -darunter?« -- dachte sie. »Ich habe auch geglaubt, daß ich ihn liebte, -und war gerührt von seiner Zärtlichkeit. Und doch habe ich auch ohne -ihn gelebt, habe ich ihn um eine andere Liebe vertauscht und diesen -Tausch nicht beklagt, so lange ich in dieser Liebe Genüge fand.« - -Mit Widerwillen erinnerte sie sich dessen, was sie mit dieser Liebe -bezeichnete. Die Klarheit, mit welcher sie jetzt ihr Leben und -dasjenige aller Menschen schaute, verursachte ihr Freude. »So mache ich -es, wie Peter, oder der Kutscher Fjodor, oder dieser Kaufmann da, und -alle anderen Leute, die dort längs der Wolga wohnen, und es ist überall -und immer so,« dachte sie, als sie bei dem niedrigen Stationsgebäude -der Nishegoroder Bahn angekommen war und die Artjelschtschiks ihr -entgegeneilten. - -»Befehlt Ihr nach Obiralovka?« frug Peter. - -Sie hatte vollkommen vergessen, wohin und weshalb sie reisen wollte und -vermochte nur mit größter Anstrengung die Frage zu erfassen. - -»Ja,« sagte sie zu ihm, ihr Geldtäschchen hinreichend und stieg, die -kleine rote Tasche in die Hand nehmend, aus dem Wagen. - -Durch das Gedränge nach dem Wartesaal der ersten Klasse gehend, -rief sie sich ein wenig alle die Einzelheiten ihrer Lage und die -Entscheidungen ins Gedächtnis zurück, zwischen denen sie schwankte. - -Wiederum begann bald Hoffnung, bald Verzweiflung in den alten kranken -Stellen die Wunden ihres gemarterten, entsetzlich schlagenden Herzens -wieder aufzureißen. In der Erwartung des Zuges auf dem sternförmigen -Diwan sitzend, dachte sie, den Blick voll Widerwillen auf die Kommenden -und Gehenden gerichtet -- sie alle waren ihr widerlich -- bald -daran, wie sie, auf der Station angekommen, ihm ein Billet schreiben -wolle, und was sie ihm schreiben würde; bald daran, wie er sich bei -seiner Mutter -- die ja Leiden gar nicht verstand -- über seine Lage -beklagen mochte, wie sie selbst ins Zimmer hereintreten, und was sie -zu ihm sagen wollte. Sie dachte auch darüber nach, wie ihr Leben noch -glücklich werden könnte und wie qualvoll sie ihn liebe und hasse, und -wie entsetzlich ihr Herz schlage. - - - 31. - -Die Glocke ertönte; mehrere junge Männer, häßlich, dreist, zudringlich, -und zugleich aufmerksam den Eindruck den sie hervorbrachten, -beobachtend, kamen vorüber; auch Peter schritt durch den Wartesaal -in seiner Livree und Stiefletten, mit stumpfem, tierischen -Gesichtsausdruck, und trat zu ihr heran, um sie zum Waggon zu -begleiten. Die geräuschvoll aufgetretenen Herren verstummten, als sie -an ihnen auf dem Bahnsteig vorüberschritt und einer flüsterte dem -andern etwas zu, natürlich etwas Garstiges. Sie trat auf die hohe -Stufe und setzte sich allein im Coupé auf den gepolsterten, fleckig -gewordenen, einstmals weiß gewesenen Diwan. Die Reisetasche, noch auf -dem Polster springend, war soeben hereingelegt worden, mit stupidem -Lächeln lüftete Peter vor dem Fenster seine galonierte Mütze zum -Zeichen des Abschieds, rücksichtslos warf der Kondukteur die Thür zu -und klinkte sie ein. - -Eine Dame, ungestaltet, mit einer Tournüre -- Anna entkleidete sie in -Gedanken und erschrak über ihre Unförmigkeit -- und ein junges Mädchen, -welches unnatürlich lachte, liefen unten vorbei. - -»Bei Katharina Andrejewna -- alles bei ihr -- =ma tante=!« rief das -junge Mädchen. - -»Selbst dieses Mädchen ist ungestaltet und heuchelt,« dachte Anna. -Um niemand zu sehen, stand sie schnell auf und setzte sich an das -gegenüberliegende Fenster in dem leeren Waggon. Ein schmutziger, -ungeschlachter Mensch in einer Mütze, unter welcher das Haar wirr -hervorstarrte, ging an dem Fenster vorüber, sich zu den Rädern des -Waggons niederbeugend. »Es liegt mir etwas Bekanntes in diesem -unförmigen Menschen da,« dachte Anna, und ihres Traumes sich erinnernd, -trat sie, vor Entsetzen zitternd, zu der gegenüberliegenden Thür. Der -Kondukteur öffnete die Thür und ließ einen Mann mit seiner Frau herein. - -»Wollt Ihr vielleicht hinaus?« - -Anna antwortete nicht. Der Kondukteur und die Eingetretenen bemerkten -unter dem Schleier das Entsetzen auf ihren Zügen nicht. Sie wandte sich -nach ihrer Ecke und setzte sich. - -Das Ehepaar nahm auf der gegenüberliegenden Seite Platz, aufmerksam, -aber verstohlen ihr Kleid betrachtend. Der Mann wie das Weib erschienen -Anna widerlich. Der Mann frug, ob sie ihm gestatte, zu rauchen, -offenbar nicht, daß er rauchen konnte, sondern um mit ihr eine -Unterhaltung anzuspinnen. Nachdem er ihre Erlaubnis erhalten hatte, -begann er mit seiner Frau auf französisch über Etwas zu reden, was er -noch weniger als das Rauchen brauchte. Sie sprachen, indem sie sich -verstellten, von lauter Albernheiten, nur zu dem Zwecke, daß sie es -hörte. Anna sah deutlich, wie die beiden sich gegenseitig langweilten -und einander haßten. Man konnte auch nicht anders, als solche -kläglichen Ausgeburten hassen. - -Das zweite Läuten wurde hörbar und gleich darauf folgte der Transport -des Gepäckes, unter Lärm, Rufen und Lachen. Anna war es so klar, daß -niemand Ursache hatte, sich zu freuen, daß dieses Lachen sie bis zur -Schmerzhaftigkeit erbitterte und sie die Ohren schließen wollte, um es -nicht hören zu müssen. - -Endlich erklang das dritte Läuten, ein Pfiff und das heulende Signal -des Dampfkessels ertönte, eine Kette riß und der Ehemann bekreuzigte -sich. - -»Es wäre eigentlich interessant, ihn zu fragen, was er sich dabei -wohl denkt,« dachte Anna, ihn zornig anblickend. Sie schaute neben der -Dame vorüber durch das Fenster auf die Menschen, die sich gleichsam -rückwärts zu wälzen schienen, indem sie auf dem Bahnsteig stehend, -dem Zug das Geleite gaben. Unter gleichmäßig sich wiederholenden -Erschütterungen auf den Verbindungspunkten der Schienen, bewegte sich -der Waggon, in welchem Anna saß, an dem Bahnsteig, einer steinernen -Mauer, und anderen Waggons vorüber. Die Räder rasselten flüchtiger -und geschmeidiger mit leichtem Geräusch auf den Schienen, das Fenster -erglänzte in der hellen Abendsonne und ein leichter Wind spielte mit -dem Vorhang. - -Anna hatte ihre Nachbarn im Waggon vergessen und fing wieder an, -bei dem leichten Rollen während der Fahrt, die frische Luft in sich -einzuatmen und wieder zu grübeln: - -»Wo war ich denn stehen geblieben? Halt, dabei, daß ich mir keine Lage -ausfindig machen konnte, in welcher das Leben nicht eine Qual wäre; -dabei, daß wir alle dazu geboren sind, einander zu foltern und wir -alle dies wissen und alle nur Mittel ausklügeln, um uns gewissermaßen -darüber hinwegzutäuschen. Wenn man aber nun die Wahrheit erkennt, was -soll man da thun?« - -»Dazu ward dem Menschen der Verstand, daß er sich von dem befreit, was -ihn quält,« sagte die Dame auf französisch, offenbar sehr befriedigt -von ihrem Satze und mit Hilfe ihrer Zunge Grimassen machend. - -Diese Worte antworteten gleichsam auf den Gedanken Annas. - -»Daß er sich befreit von dem, was ihn quält,« wiederholte Anna, und -begriff mit einem Blick auf den rotbäckigen Mann und die hagere -Frau, daß hier ein krankes Weib sich selbst für unverstanden halte, -und ihr Gatte, diese Meinung über sich selbst in ihr unterstütze. -Anna durchschaute gleichsam die Geschichte der beiden da und alle -versteckten Winkel ihrer Seelen, indem sie ihr Licht auf sie übertrug, -aber etwas Interessantes lag nicht darin und sie verfolgte ihren -Gedankengang weiter. - -»Ja, er quält mich sehr und dazu ward dem Menschen der Verstand, daß -er sich befreie. Es ist wohl auch notwendig, sich zu befreien. Warum -soll man nicht das Licht verlöschen, wenn man nichts mehr zu sehen hat, -wenn es widerlich wird, alles das zu sehen? Weshalb läuft doch jener -Kondukteur an der Stange, weshalb schreien jene jungen Leute in dem -Waggon? Weshalb sprechen und lachen sie? Das ist doch alles unwahr, -alles Lug, alles Trug, alles böse« -- -- - -Nachdem der Zug in die Station eingelaufen war, stieg Anna mit der -Menge der anderen Passagiere aus, blieb aber dann, sich vor ihnen wie -vor Verfehmten fernhaltend, auf dem Bahnsteig zurück, und suchte sich -ins Gedächtnis zurückzurufen, warum sie denn hierhergefahren sei und -was sie hatte thun wollen. - -Alles, was ihr vorher als möglich erschienen war, wurde ihrer -Vorstellungskraft jetzt so schwer, namentlich vor dem lärmenden Haufen -aller dieser ungeschlachten Menschen, die ihr keine Ruhe ließen. Bald -kamen Artjeljschtschiks zu ihr gelaufen, die ihre Dienste anboten, -bald blickten sie junge Leute an, die mit den Stiefelabsätzen auf den -Bohlen des Bahnsteigs stampften und laut miteinander sprachen, bald -wichen ihr Begegnende nicht aus. Nachdem sie sich besonnen hatte, daß -sie weiter fahren wollte, falls keine Antwort da wäre, hielt sie einen -Artjeljschtschik an und frug, ob nicht ein Kutscher mit einem Briefe -für den Grafen Wronskiy hier sei. - -»Graf Wronskiy? Von dem war soeben jemand hier. Man hat die Fürstin -Sorokina nebst Tochter abgeholt. Aber wie sieht denn der Kutscher aus?« - -Während sie noch mit dem Artjeljschtschik sprach, trat der Kutscher -Michail, rotbäckig und heiter in seiner blauen flotten Poddjevka -und Uhrkette, offenbar stolz darauf, daß er seinen Auftrag so gut -ausgeführt hatte, zu ihr heran und überreichte ein Billet. - -Sie erbrach es; ihr Herz zog sich zusammen, noch bevor sie es gelesen -hatte. - -»Ich bedaure sehr, daß mich das Billet nicht angetroffen hat; um zehn -Uhr werde ich kommen,« hatte Wronskiy mit flüchtiger Hand geschrieben. - -»So. Das hatte ich erwartet,« sprach sie mit unglückverheißendem -Lächeln. »Gut! Fahr' heim!« fuhr sie dann, zu Michail gewendet, leise -fort. Sie sprach leise, weil die Schnelligkeit ihres Herzschlags sie am -Atmen behinderte. - -»Nein, ich werde dir nicht mehr Gelegenheit geben, mich zu martern,« -dachte sie, sich in ihrer Drohung weder an ihn, noch an sich selbst -wendend, sondern an den, welcher sie veranlaßt hatte, sich selbst -zu foltern, und schritt auf dem Bahnsteig dahin, am Stationsgebäude -vorüber. - -Zwei Zofen, welche auf der Plattform hingingen, drehten die Köpfe -rückwärts, indem sie nach ihr blickten, und mit vernehmlicher Stimme -über ihre Toilette Betrachtungen anstellten. »Das sind echte«, sagten -sie über die Spitzen, die sie trug. Die jungen Männer ließen sie auch -nicht in Ruhe. Sie schauten ihr wieder ins Gesicht und gingen lachend, -mit unnatürlicher Stimme rufend, an ihr vorbei. - -Der Stationsvorsteher trat heran und frug sie, ob sie fahren wolle? -Ein Knabe, welcher Kwas verkaufte, ließ sie nicht aus den Augen. »Mein -Gott, wohin soll ich flüchten?« dachte sie, sich weiter und weiter von -dem Bahnsteig entfernend. - -Am Ende desselben blieb sie stehen. Damen und Kinder, welche einen -bebrillten Herrn begrüßten und laut lachten und sprachen, verstummten -bei ihrem Anblick, als sie neben ihnen angelangt war. Sie beschleunigte -ihren Schritt und entfernte sich von ihnen nach dem Rande des -Bahnsteigs hin. Ein Güterzug kam heran. Der Perron erbebte und ihr -schien es, als ob sie wieder fahre. Plötzlich aber, indem ihr die -Zermalmung jenes Menschen am Tage ihrer ersten Begegnung mit Wronskiy -einfiel, erkannte sie, was sie zu thun hatte. Schnellen leichten -Schrittes stieg sie die Stufen hinab, welche zu den Schienen führten -und blieb neben dem dicht an ihr vorüberfahrenden Train stehen. Sie -schaute unter die Waggons, auf die Schrauben und Ketten, auf die -großen, gußeisernen Räder des langsam rollenden, ersten Waggons und -suchte mit dem Augenmaß den Mittelpunkt zwischen den Vorder- und -Hinterrädern, sowie den Augenblick zu bestimmen, in welchem sich dieser -Mittelpunkt vor ihr befinden würde. - -»Dahin!« -- sprach sie zu sich selbst, nach dem Schatten des Waggons -auf dem mit Kohlenstaub vermischten Sand, von welchem der Boden bedeckt -war, schauend, »dahin, gerade in die Mitte, und ich strafe ihn und bin -von allem erlöst; wie von mir selbst.« -- -- - -Sie wollte sich unter den ersten Waggon, der mit seinem Mittelpunkt -neben ihr angekommen war, werfen, allein die rote Reisetasche, die -sie nun von dem Arme nahm, hinderte sie und es war schon zu spät. Der -Mittelpunkt war an ihr vorüber. Sie mußte also den folgenden Waggon -erwarten. Ein Gefühl, ähnlich dem, wie sie es empfunden hatte, wenn sie -sich beim Baden bereit machte, in das Wasser zu steigen, wandelte sie -an, und sie bekreuzte sich. Die gewohnte Geste der Bekreuzigung rief in -ihrer Seele eine ganze Reihe von Erinnerungen aus ihrer Mädchen- und -Kinderzeit herauf, und plötzlich zerriß die Finsternis, die alles vor -ihr verdeckt hatte, und das Leben trat für einen Moment vor sie hin, -mit all seinen lichten, vergangenen Freuden. - -Sie verwandte während dessen kein Auge von den Rädern des -herankommenden Waggons, und genau in dem Augenblick, als der -Mittelpunkt zwischen den Rädern vor ihr war, schleuderte sie den roten -Reisesack von sich, fiel, den Kopf zwischen die Schultern ziehend, auf -die Hände unter dem Waggon, und ließ sich mit einer leichten Bewegung, -als sei sie bereit, sofort wieder aufzustehen, in die Kniee sinken. In -dem nämlichen Augenblick aber erschrak sie über das, was sie gethan -hatte, »wo bin ich, was thue ich, warum?« -- Sie wollte sich wieder -erheben, sich zurückwerfen, aber etwas Ungeheures, Unerbittliches stieß -sie vor den Kopf und nahm sie beim Rücken mit. »Herr Gott vergieb mir -alles!« sprach sie, die Unmöglichkeit eines Kampfes fühlend. Der Mensch -arbeitete im Selbstgespräch in dem Eisen. Das Licht, bei welchem sie -das von Mühsal und Lüge, Weh und Übel erfüllte Buch gelesen hatte, -flammte in noch hellerem Glanze empor als je, und erleuchtete alles -vor ihr, was früher für sie im Dunkeln gelegen hatte, es prasselte, -verdunkelte sich und erlosch auf ewig. - - - - - Achter Teil. - - 1. - - -Fast zwei Monate waren vergangen. Die Hälfte der heißen Jahreszeit war -schon verstrichen und Sergey Iwanowitsch machte erst jetzt Anstalt, -Moskau zu verlassen. - -Im Leben Sergey Iwanowitschs hatte sich während dieser Zeit Mehrfaches -ereignet. Ein Jahr vorher bereits war sein Buch, die Frucht einer -sechsjährigen Arbeit mit dem Titel: »Versuch eines Überblickes über die -Grundlagen und Formen des Staatswesens in Europa und Rußland«, beendet -worden. - -Einige Teile nebst der Einleitung waren in zeitgemäßen Publikationen -gedruckt, andere von Sergey Iwanowitsch Männern aus seiner Umgebung -vorgelesen worden, sodaß die Gedanken dieses neuen Werkes schon -nicht mehr eine vollkommene Neuheit für das Publikum bilden konnten. -Gleichwohl aber hatte Sergey Iwanowitsch erwartet, daß das Buch mit -seinem Erscheinen einen tiefen Eindruck auf die Gesellschaft und, -wenn nicht eine Umwälzung in der Wissenschaft, so doch jedenfalls -mächtige Sensation in der Gelehrtenwelt machen werde. Das Buch war -nach sorgfältigem Druck im vergangenen Jahre zum Erscheinen und zur -Versendung an die Buchhändler gelangt. - -Ohne nun jemand über das Werk zu befragen, und ungern und mit -erheuchelter Gleichgültigkeit auf die Fragen seiner Freunde, wie -dasselbe gehe, antwortend, ohne sich selbst bei den Buchhändlern nach -dem Absatz zu erkundigen, verfolgte Sergey Iwanowitsch scharf und mit -gespannter Aufmerksamkeit den ersten Eindruck, welchen sein Werk in der -Gesellschaft und in der Litteratur hervorbrächte. - -Aber es verging eine Woche, eine zweite, dritte, und in der -Gesellschaft war kein Eindruck wahrzunehmen. Seine Freunde, -Spezialisten und Gelehrte, begannen bisweilen, augenscheinlich aus -Höflichkeit, von dem Buche zu sprechen, seine übrigen Bekannten aber, -die sich nicht für ein Werk von gelehrter Richtung interessierten, -sprachen gar nicht davon. In der Gesellschaft, welche besonders -jetzt von anderen Dingen in Anspruch genommen war, herrschte völlige -Gleichgültigkeit, und in der Litteratur erschien im Verlauf eines -Monats gleichfalls kein Wort über das Buch. - -Sergey Iwanowitsch berechnete bis in die Einzelheiten die Zeit, welche -zur Abfassung einer Recension erforderlich war, aber es verging ein -Monat, ein zweiter unter dem nämlichen Schweigen. - -Nur im »Ssjevernyj Shuk«, in einem humoristischen Feuilleton über den -Sänger Drabanti, welcher seine Stimme verloren hatte, waren so nebenbei -einige geringschätzige Worte über das Buch Koznyscheffs gefallen. -Dieselben zeigten, daß dieses schon längst allgemein verurteilt, dem -allgemeinen Spott anheimgefallen war. - -Erst im dritten Monat erschien in einem Journal ernster Richtung eine -kritische Abhandlung. Sergey Iwanowitsch kannte sogar den Verfasser -derselben; er war ihm einmal bei Golubzoff begegnet. - -Der Verfasser der Abhandlung war ein sehr junger und bissiger -Feuilletonist, höchst gewandt als Schriftsteller, aber außerordentlich -wenig gebildet, und schüchtern in seinen persönlichen Beziehungen. - -Ungeachtet seiner vollkommenen Verachtung für den Autor, machte sich -Sergey Iwanowitsch gleichwohl mit vollkommenem Ernst an die Lektüre der -Abhandlung. Die Kritik war höchst traurig. - -Augenscheinlich hatte der Feuilletonist das ganze Buch gerade so -aufgefaßt, wie es unmöglich aufgefaßt werden durfte. Er hatte aber -so gewandt die Citate aus demselben zusammengestellt, daß es für -diejenigen, welche das Buch nicht gelesen hatten -- und offenbar hatte -es fast niemand gelesen -- vollständig klar wurde, das ganze Werk -sei nichts anderes, als eine Sammlung hochtrabender Worte, die noch -dazu nicht einmal in passender Weise angewendet worden waren -- wie -die Fragezeichen bewiesen -- und der Verfasser des Buches ein völlig -unwissender Mensch. Alles aber war dabei so geistreich, daß selbst -Sergey Iwanowitsch sich diesem Scharfsinn gegenüber nicht ablehnend -verhalten konnte -- aber das alles war doch höchst traurig. -- - -Trotz der vollkommenen Gewissenhaftigkeit, mit welcher Sergey -Iwanowitsch die Richtigkeit der Ausführungen des Recensenten prüfte, -blieb er doch nicht eine Minute bei den Fehlern und Gebräuchen -stehen, welche darin verspottet wurden, sondern begann sich sogleich -unwillkürlich bis in die kleinsten Einzelheiten jene Begegnung und sein -Gespräch mit dem Verfasser des Aufsatzes ins Gedächtnis zurückzurufen. - -»Habe ich ihn irgendwomit beleidigt?« frug sich Sergey Iwanowitsch, und -indem er sich erinnerte, daß er bei jener Begegnung diesen jungen Mann, -der mit einem Worte seine Unwissenheit dokumentiert hatte, korrigiert -habe, fand er die Erklärung für die Tendenz der Abhandlung. - -Auf diese Kritik folgte ein tödliches Schweigen über das Buch, sowohl -in der Presse, wie in der Konversation, und Sergey Iwanowitsch sah, daß -sein seit sechs Jahren, mit soviel Liebe und Mühe erschaffenes Werk -erfolglos vorübergegangen war. - -Die Lage Sergey Iwanowitschs wurde noch schwieriger dadurch, daß er -nach der Beendigung desselben keine Kabinettarbeit mehr hatte, wie sie -vorher den größten Teil seiner Zeit in Anspruch genommen. - -Sergey Iwanowitsch war klug, gebildet, gesund und thätig und wußte nun -nicht, wie er seine Arbeitskraft anwenden sollte. Die Gespräche in -den Hotels, bei den Zusammenkünften, Sobranjen und in Komitees, sowie -überall da, wo man sprechen konnte, nahmen wohl einen Teil seiner Zeit -in Anspruch, doch gestattete er sich, als langjähriger Bewohner der -Stadt nicht, völlig im Reden aufzugehen, wie dies sein unerfahrener -Bruder that, wenn er in Moskau war. Es blieb ihm daher noch viel freie -Zeit und Geisteskraft. - -Zu seinem Glück tauchte in dieser, infolge des Fehlschlagens seines -Buches für ihn so schweren Zeit als Ablösung der Dissidentenfrage, -des amerikanischen Bündnisses, der samarischen Hungersnot, der -Weltausstellung und des Spiritismus, die slavische Frage auf, die -vorher nur in der Gesellschaft geduldet worden war, und Sergey -Iwanowitsch, der bereits früher zu denen gehört hatte, welche diese -Frage anregten, widmete sich ihr nun ganz. - -Im Kreis derer, zu welchen auch Sergey Iwanowitsch gehörte, sprach -und schrieb man zu dieser Zeit von nichts anderem, als dem serbischen -Kriege. Alles, was gewöhnlich der müßige Haufe thut, um die Zeit -totzuschlagen, wurde jetzt zu Gunsten der Slaven gethan. Bälle, -Konzerte, Essen, Speeches, die Damentoiletten, das Bier, die Gasthäuser --- alles gab Zeugnis von der Sympathie für die Slaven. - -Mit vielem von dem, was man bei dieser Gelegenheit sprach und schrieb, -war Sergey Iwanowitsch in den Einzelheiten nicht einverstanden. Er sah, -daß die slavische Frage eine jener Modefragen wurde, die stets, eine -die andere ablösend, der Gesellschaft zum Gegenstand der Unterhaltung -dienen. - -Er sah auch, daß viele mit gewinnsüchtigen oder ehrgeizigen Absichten -unter denen waren, die sich an diesem Werke beteiligten. Er erkannte -ferner, daß die Zeitungen vieles Unnötige und Übertriebene abdruckten -allein in der Absicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und -andere zu übertönen. Er sah, daß bei dieser allgemeinen Erhebung der -Gesellschaft alle, denen Etwas fehlgegangen war, oder die beleidigt -worden waren, sich vor allen übrigen hervorthaten und am lautesten -die Stimme erhoben: Oberkommandierende ohne Armee, Minister ohne -Portefeuilles, Journalisten ohne Journale, Parteiführer ohne Anhänger. -Er sah, daß viel Leichtsinn und Lächerlichkeit dabei war, sah und -erkannte aber auch den unleugbaren, alles überwuchernden Enthusiasmus, -der alle Klassen der Gesellschaft in Eins vereinigte, und welchem man -die Sympathie nicht versagen konnte. Das Geschick der Glaubensgenossen -und slavischen Mitbrüder rief das Mitgefühl für die Leidenden und den -Unwillen gegen deren Bedrücker hervor. Der Heldenmut der Serben und -Tschernagorzen, die für eine erhabene Sache kämpften, rief im ganzen -Volke den Wunsch hervor, den Brüdern zu helfen, aber nicht mehr mit -Worten, sondern mit der That. - -Hierbei zeigte sich indessen eine andere, für Sergey Iwanowitsch -erfreuliche Erscheinung -- die Offenbarung der allgemeinen Meinung. --- Die Gesellschaft äußerte ihren Wunsch in bestimmter Weise. Der -Volksgeist erhielt einen Ausdruck, wie Sergey Iwanowitsch sagte, und -je mehr sich derselbe mit dem Gegenstand befaßte, um so einleuchtender -schien ihm, daß es sich hier um eine Sache handle, welcher die meiste -Verbreitung zu Teil werden müsse, und die Epoche machen werde. - -Er widmete sich nun ganz dem Dienst dieser erhabenen Sache und hatte -dabei ganz vergessen, seines Buchs noch zu gedenken. Seine ganze -Zeit war jetzt ausgefüllt, sodaß er nicht imstande war, alle an ihn -gerichteten Korrespondenzen und Bitten zu genügen. - -Nachdem er nun den ganzen Frühling und einen Teil des Sommers hindurch -gearbeitet hatte, machte er sich erst im Juli bereit, auf das Land zu -seinem Bruder zu gehen. - -Er reiste ab, sowohl, um sich für einige Wochen zu erholen, als -um in der ländlichen Einsamkeit sich an dem Anblick der Erhebung -des Volksgeistes zu freuen, von der er und alle Bewohner der Stadt -vollständig überzeugt waren. Katawasoff, der schon längst ein Lewin -gegebenes Versprechen, diesen zu besuchen, hatte erfüllen wollen, -reiste mit ihm zusammen. - - - 2. - -Sergey Iwanowitsch und Katawasoff hatten kaum die heute besonders von -Menschen belebte Station der Kursker Eisenbahn erreicht, und sich beim -Verlassen des Wagens nach dem mit dem Gepäck nachkommenden Diener -umgesehen, als in vier Mietkutschen Freiwillige anlangten. Damen mit -Bouquets kamen ihnen entgegen, und sie betraten im Geleite von Scharen -hinter ihnen drein strömender Menschen die Station. - -Eine von den Damen, welche die Freiwilligen begrüßten, wandte sich, -indem sie den Saal verließ, an Sergey Iwanowitsch. - -»Seid Ihr auch gekommen, ihnen das Geleite zu geben?« frug sie auf -französisch. - -»Nein; ich reise für mich, Fürstin, um mich bei meinem Bruder zu -erholen. Ihr gebt wohl fortwährend Geleit?« frug Sergey Iwanowitsch mit -einem kaum merklichen Lächeln. - -»Das ginge ja nicht,« antwortete die Fürstin, »aber freilich haben wir -selbst bereits achthundert befördert. Malwinskiy glaubte es mir nicht.« - -»Mehr als achthundert! Wenn man diejenigen mitzählt, welche nicht -direkt von Moskau expediert worden sind, so wären es schon mehr als -tausend,« sagte Sergey Iwanowitsch. - -»Da haben wir's. Das habe ich ja gesagt!« pflichtete die Dame freudig -bei. »Und nicht wahr, es ist jetzt ungefähr eine Million dafür geopfert -worden?« - -»Mehr noch, Fürstin.« - -»Was ist denn heute für ein Telegramm gekommen? Wieder die Türken -geschlagen?« - -»Ja, ich habe es gelesen,« antwortete Sergey Iwanowitsch. Sie -unterhielten sich nun über die neueste Depesche, welche bestätigte, daß -während dreier aufeinanderfolgender Tage die Türken auf allen Punkten -geschlagen worden seien und sich auf der Flucht befänden, und daß -morgen die Entscheidungsschlacht erwartet werde. - -»Da hat sich auch ein junger, hübscher Mann gemeldet. Ich weiß nicht, -weshalb man Schwierigkeiten gemacht hat, und da wollte ich Euch bitten --- ich kenne ihn -- daß Ihr doch gefälligst ein Billet schriebt. Er ist -von der Gräfin Lydia Iwanowna geschickt.« - -Nachdem sich Sergey Iwanowitsch nach den Einzelheiten erkundigt hatte, -welche die Fürstin über den jungen Mann, welcher sich gestellt hatte, -kannte, schrieb er, in die erste Klasse tretend, ein Billet an die -Persönlichkeit, von welcher die Sache abhing und übergab es der Fürstin. - -»Ihr wißt wohl, Graf Wronskiy, der bekannte -- fährt auch mit diesem -Zug,« sagte die Fürstin mit triumphierendem und vielsagendem Lächeln, -als er wieder zurückgekommen war und ihr das Schreiben übergab. - -»Ich habe wohl gehört, daß er auch fortginge, aber nicht gewußt, wann. -Mit diesem Zuge also fährt er?« - -»Ich habe ihn gesehen. Er ist hier. Nur seine Mutter begleitet ihn. Es -war dies doch immer noch das beste, was er thun konnte.« - -»Gewiß. Versteht sich.« - -Während sie sprachen, strömte der Haufe an ihnen vorüber zur -Mittagstafel. Sie gingen gleichfalls mit und vernahmen dabei die laute -Stimme eines Herrn, welcher, den Pokal in der Hand, eine Rede an die -Freiwilligen hielt. »Für den Glauben dient, für die Menschlichkeit und -unsere Mitbrüder,« sprach der Herr mit erhöhter Stimme, »zum erhabenem -Werke segne euch unsere Matuschka Moskwa! Zhivio!« -- schloß er -dröhnend und mit thränenerstickter Stimme. - -Alles rief »Zhivio«! und eine neue Schar, die die Fürstin beinahe über -den Haufen geworfen hätte, wälzte sich in den Saal. - -»Ah, Fürstin, wie geht es!« rief freudestrahlend Stefan Arkadjewitsch, -der plötzlich inmitten derselben erschien. »Hat er nicht herrlich, -feurig gesprochen? Bravo! -- Und Sergey Iwanowitsch, Ihr müßtet -gleichfalls sprechen -- einige Worte, Ihr wißt, so eine Anfeuerung. -Ihr versteht dies ja so gut,« fügte er mit mildem, ehrerbietigem und -aufmerksamem Lächeln hinzu, Sergey Iwanowitsch am Arme vorwärtsbewegend. - -»Nein, ich fahre sogleich.« - -»Wohin denn?« - -»Auf das Land zu meinen Bruder,« antwortete Sergey Iwanowitsch. - -»Da seht Ihr ja meine Frau. Ich habe ihr geschrieben, aber Ihr werdet -sie schon eher sehen; sagt ihr doch, bitte, daß Ihr mit mir gesprochen -habt und alles =allright= ist. Sie wird es schon verstehen. Habt auch -die Güte, ihr mitzuteilen, daß ich zum Mitglied der Kommission der -vereinigten -- Ihr wißt ja, =les petites misères de la vie humaine=,« -wandte er sich wie zur Entschuldigung an die Fürstin. - -»Die Mjachkaja -- nicht Lisa, sondern Bibisch -- schickt tausend -Gewehre und zwölf Schwestern. Ich hatte es Euch wohl gesagt?« - -»Ja, ich hörte davon,« antwortete Koznyscheff widerwillig. - -»Es ist eigentlich schade, daß Ihr abreist,« fuhr Stefan Arkadjewitsch -fort, »wir geben morgen ein Essen für zwei mit Abgehende -- Dimjor -Bartejanskiy von Petersburg und unseren Wjeslowskiy, Grischa. Sie gehen -beide. Wjeslowskiy hat unlängst geheiratet. Das ist ein braver Bursch. -Nicht so, Fürstin?« wandte er sich zu der Dame. - -Die Fürstin blickte ohne zu antworten Koznyscheff an; daß Sergey -Iwanowitsch sowohl wie die Fürstin fast wünschten, von ihm loszukommen, -brachte Stefan Arkadjewitsch nicht im geringsten in Verlegenheit. -Lächelnd blickte er bald auf die Hutfeder der Fürstin, bald seitwärts, -als besinne er sich etwas. Als er eine vorüberschreitende Dame -mit einer Sammelbüchse bemerkte, rief er sie heran und legte ein -Fünfrubelpapier in die Büchse. - -»Ich kann diese Sammelbüchsen nicht mit ruhigem Blute sehen, so lange -ich Geld habe,« sagte er. »Was für eine Depesche haben wir denn heute? -Die Tschernogorzen sind doch wackere Kerle!« -- - --- »Was Ihr sagt!« rief er aus, als ihm die Fürstin mitteilte, daß -Wronskiy mit diesem Zug abfahre. Für einen Augenblick drückte das -Gesicht Stefan Arkadjewitschs Trauer aus, aber nach Verlauf einer -Minute hatte er, nachdem er leicht mit jedem Fuße einige Male gezuckt, -und sich dann den Backenbart gestrichen hatte, das Zimmer, in welchem -Wronskiy war, betretend, schon völlig sein verzweifeltes Schluchzen -über dem Leichnam der Schwester vergessen, und sah in Wronskiy nur den -Helden und alten Freund. - -»Bei all seinen Mängeln kann man nicht anders, als ihm Gerechtigkeit -widerfahren lassen,« sagte die Fürstin zu Sergey Iwanowitsch, sobald -Oblonskiy sie beide verlassen hatte. »Es ist das so eine echt -russische, slavische Natur! Nur fürchte ich, es wird Wronskiy nicht -angenehm sein, ihn zu sehen. Was Ihr auch sagen mögt, mich rührt das -Geschick dieses Mannes. Ihr werdet wohl mit ihm während der Fahrt -sprechen,« sagte die Fürstin. - -»Ja vielleicht, wenn sich Gelegenheit bietet.« - -»Ich habe ihn nie gern gehabt. Aber dieser Entschluß macht vieles -wieder gut. Er reist nicht nur für sich allein, sondern führt eine -Eskadron auf eigne Rechnung mit.« - -»Ja, ich habe davon gehört.« - -Die Glocke ertönte; alles drängte sich nach den Thüren. - -»Da ist er!« fuhr die Fürstin fort, auf Wronskiy weisend, welcher, im -langen Überrock und schwarzem Hut mit breitem Rande, seine Mutter am -Arm führte. Oblonskiy ging lebhaft sprechend neben ihm. - -Wronskiy blickte finster vor sich hin, als höre er nicht, was Stefan -Arkadjewitsch sprach. - -Wahrscheinlich auf eine Weisung Oblonskiys hin, schaute er nach der -Seite, auf welcher die Fürstin und Sergey Iwanowitsch standen und -lüftete schweigend den Hut. Sein gealtertes, und Leiden ausdrückendes -Gesicht erschien wie versteinert. - -Nachdem Wronskiy über den Bahnsteig gegangen war, stieg er, die Mutter -loslassend, in das Coupé des Waggons. - -Auf dem Bahnsteig erschallte es »=Boshe Zarja chrani=!« und »Hurrah« -und »Zhivio!« - -Einer der Freiwilligen, ein hochgewachsener, sehr junger Mann, mit -eingefallener Brust, grüßte besonders bemerkbar, indem er seinen -Filzhut und ein Bouquet über dem Kopfe schwang. Hinter ihm schauten, -gleichfalls grüßend, zwei Offiziere und ein älterer Mann mit großem -Barte und in einer fettigen Mütze heraus. - - - 3. - -Nachdem sich Sergey Iwanowitsch von der Fürstin verabschiedet hatte, -stieg er mit dem herangetretenen Katawasoff in den zum Brechen -vollgepfropften Waggon, und der Zug setzte sich in Bewegung. - -Auf der Station Tarizyn wurde der Zug von einem schönen Chor junger -Leute, welche das »=Slavsja=« sangen, bewillkommnet. Wieder dankten -die Freiwilligen grüßend, und legten sich heraus, doch schenkte -ihnen Sergey Iwanowitsch keine Beachtung. Er hatte soviel mit den -Freiwilligen zu thun, daß er ihren Durchschnittstypus schon kannte -und ihn dies nicht mehr interessierte. Katawasoff hingegen, der bei -seinen Arbeiten nicht Gelegenheit gehabt hatte, die Freiwilligen zu -beobachten, wurde sehr von ihnen interessiert, und erkundigte sich bei -Sergey Iwanowitsch über sie. - -Sergey Iwanowitsch empfahl ihm, sich doch in die zweite Klasse zu -setzen, und dort selbst einmal mit ihnen zu reden, und auf der -folgenden Station befolgte Katawasoff diesen Rat. - -Beim ersten Aufenthalt siedelte er in die zweite Klasse über, und -machte sich mit den Freiwilligen bekannt. Sie saßen in einer Ecke des -Waggons in lautem Gespräch und wußten augenscheinlich recht wohl, daß -die Aufmerksamkeit der Passagiere und des eingetretenen Katawasoff auf -sie gerichtet sei. - -Lauter als alle anderen sprach der hochgewachsene Jüngling mit der -flachen Brust. Er war offenbar berauscht und erzählte eine Geschichte, -die sich auf ihrem Transport zugetragen hatte. Ihm gegenüber saß ein -schon nicht mehr junger Offizier im Rocke der österreichischen Garde. -Er hörte lächelnd dem Erzähler zu und hielt ihn in Schranken. Ein -Dritter, in Artillerieuniform, saß auf einem Koffer neben ihnen. Ein -Vierter schlief. - -Ein Gespräch mit dem Jüngling anknüpfend, erfuhr Katawasoff bald, daß -dieser ein reicher Moskauer Kaufmann gewesen sei, welcher sein großes -Vermögen bis zum zweiundzwanzigsten Jahre durchgebracht hatte. Er -gefiel Katawasoff nicht, weil er verweichlicht, verzärtelt, und von -schwacher Gesundheit war; augenscheinlich hatte er die Überzeugung, -namentlich jetzt, im Rausche, daß er eine Heldenthat vollbringen werde, -und flunkerte in unangenehmster Weise. - -Ein anderer, ein verabschiedeter Offizier, machte auf Katawasoff -gleichfalls einen unangenehmen Eindruck. Er war, wie man sah, ein -Mensch, der schon alles versucht hatte. Er war an der Eisenbahn -gewesen, dann Geschäftsführer eines Handlungshauses, und hatte Fabriken -angelegt. Er sprach über alles, ohne jede Veranlassung, und wendete -unpassend gelehrte Ausdrücke an. - -Ein dritter, ein Artillerist jedoch, gefiel Katawasoff recht -wohl. Er war ein bescheidener, stiller Mensch, der sich offenbar -vor den Kenntnissen des abgedankten Gardisten und der heroischen -Selbstberäucherung des Kaufmanns beugte, und von sich selbst gar nicht -sprach. Als ihn Katawasoff frug, was ihn veranlaßt hätte, nach Serbien -zu gehen, antwortete er bescheiden: - -»Nun, es gehen ja alle hin. Da gilt es, den Serben auch mit zu helfen. -Es thut einem ja leid.« - -»Ja; besonders Artilleristen sind ja auch nicht zahlreich dort,« sagte -Katawasoff. - -»Ich habe freilich nur kurze Zeit in der Artillerie gedient und es ist -möglich, daß man mich zur Infanterie oder Kavallerie bestimmt.« - -»Weshalb denn zum Fußvolk, wenn man vor allem Artilleristen braucht?« -sagte Katawasoff, nach dem Alter des Artilleristen urteilend, daß er -schon eine höhere Charge bekleiden müsse. - -»Ich habe nicht lange in der Artillerie gedient, und bin als Junker -entlassen,« sagte er und begann nun auseinanderzusetzen, weshalb er das -Examen nicht bestanden hätte. - -Alles das zusammengenommen, machte auf Katawasoff einen unangenehmen -Eindruck, und als die Freiwilligen auf der Station ausstiegen, um -einmal zu trinken, wünschte Katawasoff, in einem Gespräch mit jemand -diese unangenehmen Eindrücke auszutauschen. Ein mitreisender alter -Herr in Uniform hatte die ganze Zeit dem Gespräch Katawasoffs mit den -Freiwilligen zugehört. Nachdem ersterer mit diesem allein geblieben -war, wandte er sich zu ihm. - -»Wie groß doch der Unterschied der Verhältnisse aller dieser Leute ist, -die nach dorthin abgehen,« sagte Katawasoff unbestimmt, im Wunsche, -seine Meinung auszusprechen und zugleich dabei diejenige des Alten zu -erforschen. Der Alte war ein Militär, der zwei Feldzüge mitgemacht -hatte. Er wußte was ein Soldat zu bedeuten habe, und hielt diese Leute -nach ihrem Aussehen und Sprechen und nach dem Eifer, mit welchem sie -unterwegs der Flasche zusprachen, für schlechte Soldaten. Er war auch -Bewohner einer Kreisstadt und erzählte, daß aus seiner Vaterstadt einer -unter die Soldaten gegangen sei, der Trunkenbold und Dieb gewesen, und -den niemand mehr als Arbeiter hätte nehmen mögen. Da er indessen aus -Erfahrung wußte, daß es unter der jetzigen Stimmung der Gesellschaft -gefährlich sei, eine Meinung auszusprechen, welche der allgemein -herrschenden entgegenliefe, und insbesondere, die Freiwilligen abfällig -zu beurteilen, sondierte er gleichfalls Katawasoff. - -»Ja, dort sind Leute nötig,« sprach er, mit den Augen lachend. Sie -begannen nun, von der letzten Nachricht vom Kriegsschauplatz zu -sprechen, verbargen aber voreinander ihre Unwissenheit darüber, gegen -wen sie morgen die Entscheidungsschlacht erwarteten, nachdem die Türken -der letzten Nachricht gemäß auf allen Punkten geschlagen waren. So -trennten sie sich denn beide, ohne ihre Meinung ausgesprochen zu haben. - -Nachdem Katawasoff in seinen Waggon zurückgekehrt war, erzählte er, -Sergey Iwanowitsch unwillkürlich ausweichend, von seinen Beobachtungen -der Freiwilligen, die sich ihm als vorzügliche Burschen erwiesen -hatten. - -Auf der großen Station in einer Stadt begrüßte wieder Gesang und Zuruf -die Freiwilligen, wieder erschienen Sammelnde beiderlei Geschlechts -mit Büchsen, die vornehmen Damen des Gouvernements brachten den -Freiwilligen Bouquets und begleiteten sie zum Büffett, doch war alles -das bei weitem matter und in geringerem Maßstabe angelegt als in Moskau. - - - 4. - -Während des Aufenthalts in der Gouvernementsstadt ging Sergey -Iwanowitsch nicht ans Büffett, sondern schritt auf dem Bahnsteig auf -und nieder. - -Als er zum erstenmal am Coupé Wronskiys vorüberkam, bemerkte er, daß -das Fenster zugezogen war, bei nochmaligem Passieren desselben indessen -erblickte er die alte Gräfin am Fenster, welche Koznyscheff zu sich -rief. - -»Ich fahre auch mit und begleite ihn bis Kursk,« sagte sie. - -»Ich habe schon gehört,« antwortete Sergey Iwanowitsch, an ihrem -Fenster stehen bleibend und in dasselbe hineinblickend. »Welch schöner -Zug von ihm,« fügte er hinzu, nachdem er bemerkt hatte, daß Wronskiy -nicht im Coupé war. - -»Ja, was blieb ihm nach seinem Unglück zu thun übrig?« - -»Welch furchtbares Ereignis!« sagte Sergey Iwanowitsch. - -»O, was habe ich durchgemacht; aber bitte, tretet doch ein! -- O, was -habe ich durchgemacht!« wiederholte sie, nachdem Sergey Iwanowitsch -eingetreten war und sich neben ihr auf das Polster gesetzt hatte. »Das -vermag sich niemand vorzustellen. Sechs Wochen hat er mit niemand -gesprochen und nur erst dann gegessen, wenn ich ihn darum angefleht. -Nicht eine Minute durfte man ihn allein lassen. Wir haben alles -weggenommen, womit er sich hätte ein Leids anthun können; wir wohnten -in der niederen Etage; es ließ sich eben nichts voraussehen. Ihr wißt -ja, daß er sich schon einmal ihretwegen geschossen hat,« sprach sie, -und die Brauen der alten Frau zogen sich finster zusammen bei dieser -Erinnerung. »Ja; sie hat geendet, wie solch ein Weib enden mußte. -Selbst den Tod hat sie sich gemein und niedrig erwählt!« -- - -»Wir dürfen nicht richten, Gräfin,« sagte Sergey Iwanowitsch seufzend, -»doch ich begreife, wie schwer dies für Euch gewesen sein muß.« - -»O, sprecht nicht davon! Ich wohnte auf meinem Gute, und er war gerade -bei mir. Da bringt man ein Billet. Er schreibt Antwort und sendet sie -ab. Wir ahnten nicht, daß sie schon da auf der Station war. Abends --- ich hatte mich soeben zurückgezogen -- erzählt mir meine Mary, -daß sich auf der Station eine Dame unter den Eisenbahnzug gestürzt -hätte. Dies traf mich wie ein Donnerschlag! Ich erkannte das müsse sie -gewesen sein, und das erste, was ich sagen konnte war: Nur ihm nichts -mitteilen! -- Doch hatte man es ihm schon gesagt. Sein Kutscher war -dort gewesen und hatte alles gesehen. Als ich auf sein Zimmer kam, war -er nicht mehr bei Sinnen -- er war furchtbar anzusehen. Kein Wort hat -er gesprochen und ist fortgesprengt. Was dort geschehen ist, ich weiß -es nicht, aber sie haben ihn wie einen Toten gebracht. Ich hätte ihn -nicht erkannt. -- >=Prostration complète=!< erklärte der Arzt. Dann -brach fast eine Tobwut aus. Doch, was soll ich da erzählen!« sprach die -Gräfin mit der Hand abwehrend. »Eine entsetzliche Zeit! Nein, was Ihr -auch sagen mögt, es war ein schlechtes Weib! Und was waren das auch -für verzweifelte Leidenschaften! Das mußte auf etwas Absonderliches -hinauslaufen und sie hat es auch bewiesen. Sie hat sich vernichtet und -zwei edle Männer -- ihren Gatten und meinen unglücklichen Sohn!« - -»Was sagt denn ihr Gatte dazu?« frug Sergey Iwanowitsch. - -»Er hat ihr Kind zu sich genommen. Mein Aleksander war in der ersten -Zeit mit allem einverstanden, doch jetzt quält es ihn furchtbar, daß -er einem fremden Menschen seine Tochter übergeben hat. Sein Wort -zurücknehmen aber kann er nicht. Karenin kam auch zum Begräbnis, doch -bemühten wir uns, ihn nicht Aleksander begegnen zu lassen. Für ihn, den -Ehemann, war es immerhin doch noch leichter zu ertragen. Sie hat ihn ja -erlöst, aber mein armer Sohn hatte sich ihr so ganz dahingegeben. Alles -hatte er für sie aufgegeben, seine Carriere, mich, und dabei hatte sie -noch nicht einmal Mitleid mit ihm, sondern hat ihn mit Berechnung noch -völlig gemordet. Nein, was Ihr auch sagen mögt, selbst ihr Tod -- ist -nur der Tod eines abscheulichen Weibes, das keine Religion besaß! Möge -Gott mir verzeihen, aber ich muß ihr Angedenken hassen, wenn ich auf -den Untergang meines Sohnes schaue.« - -»Und wie trägt er es jetzt?« - -»Gott hat uns geholfen -- dieser serbische Feldzug ist gekommen. -Ich bin ein greises Weib, und verstehe nichts davon, aber Gott hat -ihm dies gesandt. Mir als Mutter ist es natürlich entsetzlich, und, -was die Hauptsache ist, man sagt =ce n'est pas très= -- =bien vu à -Pétersbourg= -- aber -- was thun! Dies allein nur konnte ihn wieder -aufrichten. Jaschwin -- sein Freund -- hat alles verspielt und sich -nach Serbien begeben; er ist zu ihm gekommen und hat ihn überredet. -Jetzt beschäftigt ihn die Sache doch. Unterhaltet Euch, bitte, mit ihm, -ich will ihn zerstreuen. Er ist so schwermütig. Unglücklicherweise hat -er auch noch Zahnschmerzen bekommen. Über Euch wird er sich recht sehr -freuen. Bitte sprecht mit ihm; dort drüben geht er.« - -Sergey Iwanowitsch sagte, es würde ihm Freude machen und begab sich auf -die andere Seite des Zuges. - - - 5. - -In dem schrägen Abendschatten von Säcken, welche auf dem Bahnsteig -aufgetürmt lagen, ging Wronskiy in seinem langen Überrock, mit -bedecktem Kopfe und die Hände in den Taschen hin und her, wie ein -wildes Tier im Käfig, sich alle zwanzig Schritte schnell wieder -wendend. Als Sergey Iwanowitsch sich Wronskiy näherte, schien ihm, -als ob ihn dieser sehe, sich jedoch stelle, als bemerke er ihn nicht. -Sergey Iwanowitsch war dies ganz gleichgültig. Er stand außerhalb aller -persönlicher Beziehungen mit Wronskiy. - -In dieser Minute war Wronskiy in seinen Augen ein wichtiger Faktor -in dem großen Werke und Koznyscheff hielt es für seine Pflicht, ihn -anzufeuern und aufzumuntern. Er trat zu ihm. - -Wronskiy blieb stehen, blickte auf, erkannte Sergey Iwanowitsch und -drückte demselben, indem er ihm einige Schritte entgegentrat, warm die -Hand. - -»Ihr habt vielleicht nicht mit mir sprechen wollen,« sagte Sergey -Iwanowitsch, »aber kann ich Euch nicht nützlich sein?« - -»Mit niemand könnte es mir angenehmer sein, zusammenzutreffen, als mit -Euch,« sagte Wronskiy, »entschuldigt mich, aber Erfreuliches giebt es -für mich nicht mehr im Leben.« - -»Ich verstehe; ich wollte Euch meine Dienste anbieten,« sagte Sergey -Iwanowitsch, Wronskiy in das sichtlich leidende Gesicht blickend. »Habt -Ihr nicht einen Brief für Ristitsch, oder an Milan nötig?« - -»O nein!« antwortete Wronskiy, fast als werde es ihm schwer, zu -verstehen: »Wenn es Euch gleich ist, so spazieren wir ein wenig. In den -Waggons herrscht eine solche Schwüle! Ob ich ein Schreiben brauche? -Nein; ich danke Euch, zum Sterben braucht man keine Empfehlungen. Nur -gegen die Türken« -- sagte er lächelnd, mechanisch. Seine Augen hatten -noch immer ihren Ausdruck von Erregtheit und Leiden. - -»Es wird Euch aber leichter werden, mit vorbereiteten Persönlichkeiten -die Beziehungen anzuknüpfen, welche doch jedenfalls erforderlich sind. -Indes, wie Ihr wollt. Ich hatte mich sehr gefreut, von Eurem Entschluß -zu hören. Giebt es doch schon so viele Angriffe auf die Freiwilligen, -daß ein Mann wie Ihr, dieselben in der öffentlichen Meinung nur heben -kann!« - -»Ich bin als Mensch,« sagte Wronskiy, »nur insofern brauchbar, als das -Leben mir nichts mehr wert ist. Nur, daß physische Energie genug in mir -ist, ein Carré zu sprengen, und es zu zerschmettern, oder zu fallen --- das weiß ich! Ich freue mich darüber, daß es etwas giebt, wofür -ich mein Leben opfern darf, das mir nicht allein überflüssig, nein, -interesselos geworden ist. So kommt es doch noch jemand zu nutze.« - -Er bewegte ungeduldig die Kinnbacken, infolge des beständigen, nagenden -Zahnschmerzes, der ihn sogar daran hinderte, mit dem Ausdruck zu -sprechen, den er beabsichtigte. - -»Ihr werdet wieder genesen, ich prophezeie es Euch,« sagte Sergey -Iwanowitsch, mit einem Gefühl von Rührung. »Die Erlösung unserer -Mitbrüder von einem Joch ist ein Ziel, würdig des Todes wie des Lebens. -Verleihe Gott Euch äußeren Erfolg und inneren Frieden,« fügte er hinzu -und reichte ihm die Hand hin. - -Wronskiy drückte warm die dargebotene Hand Sergey Iwanowitschs. - -»Ja, als Waffe -- kann ich noch zu etwas taugen. -- Aber als Mensch -- -bin ich eine Ruine« -- sprach er in Absätzen. - -Der quälende Schmerz des Zahnes, welcher ihm den Mund mit Speichel -füllte, hinderte Wronskiy am Reden. Er schwieg, nach den Rädern eines -langsam und gleichmäßig auf den Schienen hinrollenden Tenders blickend, -und plötzlich ließ ihn eine andere Qual, nicht ein Schmerz, sondern ein -allgemeines, inneres Unbehagen auf einen Augenblick seinen Zahnschmerz -vergessen. - -Der Anblick des Tenders und der Schienen, der Einfluß des Gesprächs mit -einem Bekannten, welchen er nach dem Verhängnis, das ihn betroffen, -nicht begegnet war, brachte ihm ihr Angedenken plötzlich wieder in die -Erinnerung, oder vielmehr das, was ihm von ihr noch geblieben war, als -er wie ein Wahnsinniger in den Schuppen der Eisenbahnstation gelaufen -kam: Auf einem Tische in demselben, schmählich von den Händen Fremder -ausgestreckt, ihr blutiger Leib, noch voll von dem kaum entflohenen -Leben; der nach hinten geworfene, unversehrt gebliebene Kopf mit -seinen schweren Flechten und wallenden Locken an den Schläfen, und -auf dem reizvollen Antlitz, mit dem halbgeöffneten roten Munde, der -erstarrte, seltsame, klägliche Ausdruck der Lippen, der furchtbar in -den nichtgeschlossenen Augen lag, und wie mit Worten das furchtbare -Wort aussprach, daß er bereuen solle -- das Wort, welches sie während -ihres Streites zu ihm gesagt hatte. - -Und er bemühte sich, sie so in sein Gedächtnis zurückzurufen, -wie sie gewesen, als er ihr zum erstenmale, gleichfalls auf der -Eisenbahnstation, begegnet war, ihr, der Geheimnisvollen, der -Reizenden, der Liebevollen, Glücksuchenden und -spendenden, aber nicht -der hartherzig Quälenden, als die sie ihm aus der letzten Minute ins -Gedächtnis kam. - -Er suchte sich der seligsten Minuten mit ihr zu erinnern, doch -diese waren ihm auf ewig vergiftet. Er rief sie sich nur als die -Triumphierende ins Gedächtnis zurück, welche ihre Drohung ausgeführt -hatte, die niemand nützte und durch Reue nicht auszugleichen war. -Den Zahnschmerz fühlte er nicht mehr, aber Schluchzen verzerrte sein -Gesicht. - -Nachdem er zweimal wortlos an den Säcken vorübergeschritten war, wandte -er sich, nachdem er seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte, -ruhig an Sergey Iwanowitsch. - -»Habt Ihr keine Depesche seit der gestrigen erhalten? Der Feind -ist zwar zum drittenmal geschlagen, aber morgen erwartet man die -Entscheidungsschlacht.« - -Nachdem sie noch über die Proklamation des Königs Milan und die -weittragenden Folgen, welche dieselbe haben könne, gesprochen hatten, -trennten sich beide nach dem zweiten Glockensignal und gingen nach -ihren beiderseitigen Waggons. - - - 6. - -Da Sergey Iwanowitsch nicht wußte, wann er Moskau würde verlassen -können, hatte er nicht an seinen Bruder telegraphiert, daß man ihn -abhole. - -Lewin war nicht daheim, als Katawasoff und Sergey Iwanowitsch in einem -kleinen Tarantaß, der auf der Station gemietet worden war, staubbedeckt -wie Araber um zwölf Uhr mittags vor der Freitreppe des Herrenhauses von -Pokrowskoje vorfuhren. - -Kity, welche mit ihrem Vater und der Schwester auf dem Balkon gesessen -hatte, erkannte den Schwager und eilte hinunter, ihn zu bewillkommen. - -»Wie unrecht von euch, uns nicht Nachricht zu geben,« sagte sie Sergey -Iwanowitsch die Hand reichend und ihm die Stirn darbietend. - -»Wir sind ganz wohlbehalten hierher gelangt und haben euch nicht -erst Umstände gemacht,« antwortete Sergey Iwanowitsch. »Ich bin so -voll Staub, daß ich mich fürchte, jemand anzurühren. Ich war auch so -beschäftigt, daß ich nicht einmal wußte, wann ich mich würde losmachen -können. Aber ihr haltet es nach altgewohnter Weise,« lächelte er, »ihr -freut euch eures stillen Glückes fern von Zeitläuften in eurem stillen -Heim. Da hat sich auch mein Freund Fjodor Wasiljewitsch endlich mit -aufgemacht.« - -»Ich bin indessen kein Neger, sondern werde mich waschen -- und dann -einem Menschen ähnlich sehen,« sagte Katawasoff mit seinem gewohnten -Humor, einen Händedruck wechselnd und mit seinen schimmernden Zähnen in -dem geschwärzten Gesicht eigentümlich lächelnd. - -»Mein Konstantin wird sich sehr freuen. Er ist nach dem Vorwerk hinaus -und muß bald kommen.« - -»Er beschäftigt sich nur mit der Landwirtschaft; so macht man es eben -hier,« sagte Katawasoff, »bei uns in der Stadt aber ist außer dem -serbischen Kriege auch nichts weiter zu sehen. Wie geht es denn meinem -Freunde? Was macht er? Ein wenig Sonderling, nicht?« -- - -»Nun, ja, ein wenig;« antwortete Kity etwas verlegen werdend, mit -einem Blick auf Sergey Iwanowitsch, »doch ich will nach ihm schicken. -Auch Papa ist bei uns auf Besuch. Er ist erst unlängst aus dem Ausland -angekommen.« - -Nachdem Kity befohlen hatte, nach Lewin zu schicken, die staubbedeckten -Gäste zur Toilette zu führen, den einen in das Kabinett, den anderen in -Dollys ehemaliges Zimmer, und ein Frühstück für sie zu servieren, eilte -sie, wieder in dem Vollbesitz hurtiger Beweglichkeit, dessen sie in der -Zeit ihrer Schwangerschaft beraubt gewesen war, auf den Balkon hinauf. - -»Es ist Sergey Iwanowitsch und Katawasoff, der Professor,« sagte sie. - -»O weh,« sagte der Fürst. - -»Er ist aber sehr liebenswürdig, Papa, und Konstantin hat ihn sehr -lieb,« sagte Kity lächelnd, ihm gleichsam zuredend, indem sie den -Ausdruck von Ironie auf dem Gesicht des Vaters bemerkte. - -»Nun, meinetwegen.« - -»Geh doch zu ihnen Herzchen,« wandte sich Kity zu ihrer Schwester, »und -unterhalte sie. Sie haben Stefan auf der Station gesehen, er befindet -sich wohl. Ich aber will zu Mita laufen. Wie unangenehm aber, ich -habe seit dem Thee nicht wieder angelegt. Der Kleine wird jetzt wach -geworden sein und wahrscheinlich schreien,« und mit schnellen Schritten -ging sie, den Andrang der Milch verspürend, nach der Kinderstube. - -Sie hatte in der That den Andrang der Milch nicht bloß vermutet -- sie -legte das Kind noch an -- sondern kannte an dem Andrang der Milch bei -ihr die Zeit des Bedürfnisses bei demselben genau. - -Sie wußte, daß der Kleine schrie, noch bevor sie zur Kinderstube -gelangt war. Und wirklich schrie er. Sie vernahm seine Stimme und -beschleunigte ihren Schritt, aber je schneller sie ging, um so lauter -schrie das Kind. Seine Stimme war gut, gesund, nur hungrig und -ungeduldig. - -»Schreit es schon lange?« frug Kity eilig die Kindermuhme, sich auf -einen Stuhl setzend und zum Anlegen vorbereitend. »Gebt es schnell her. -Ach, Muhme, wie langweilig Ihr doch seid; nun, bindet doch das Häubchen -später!« - -Das Kind zappelte schreiend vor Gier. - -»Das geht aber nicht, Matuschka,« sagte Agathe Michailowna, die fast -stets in der Kinderstube zugegen war. »Man muß es hübsch ordentlich -putzen;« »Eia, eia«, sang sie über dem Kinde, ohne von der Mutter Notiz -zu nehmen. - -Die Kinderfrau trug das Kind zu der Mutter. Agathe Michailowna folgte -ihm mit vor Zärtlichkeit leuchtenden Zügen. - -»Er weiß es ja, er weiß es; glaubt mir bei Gott, Matuschka Katharina -Aleksandrowna, er hat mich erkannt!« rief Agathe Michailowna dem Kinde -zu. - -Doch Kity hörte ihre Worte nicht. Ihre Ungeduld war ebenso hoch -gestiegen, wie die des Kindes, und vor Ungeduld wollte die Sache lange -nicht von statten gehen. Das Kind faßte nicht, wo es fassen sollte und -wurde ungebärdig. - -Endlich aber, nach einem verzweifelten, erstickten Schrei und -hohlklingenden Schmatzen war es gelungen, und Mutter wie Kind fühlten -sich gleichzeitig befriedigt und wurden still. - -»Er ist doch ganz in Schweiß gebadet, der arme Kleine,« sprach Kity, -das Kind befühlend. »Weshalb denkt Ihr denn, daß das Kind euch kennt?« -fügte sie hinzu, seitwärts auf die verschmitzt, wie ihr schien, unter -dem emporgerückten Häubchen hervorschauenden Äuglein des Kindes, die -taktmäßig schwellenden Bäckchen und sein Ärmchen mit der roten Hand -blickend, mit dem es kreisende Bewegungen machte. »Kann nicht sein! -Wenn es schon jemand erkännte, so müßte es mich erkennen,« sagte Kity -auf die Versicherung Agathe Michailownas hin und lächelte. - -Sie lächelte darüber, daß sie, wenn sie auch sagte, es könne noch -niemand erkennen, in ihrem Herzen wußte, es kenne nicht nur Agathe -Michailowna, sondern wisse und verstehe alles, wisse und verstehe noch -mehr von Dingen, die niemand kenne, und die nur sie, die Mutter selbst, -nur dank dem Kinde kennen lernte und begriff. Für Agathe Michailowna, -die Kinderfrau, den Onkel und selbst ihren Vater war der kleine Mitja -nur ein lebendiges Wesen, welches für sich lediglich materielle Pflege -verlangte, aber für die Mutter war es schon längst ein Geschöpf -mit Charakter, in dem sich bereits eine ganze Geschichte seelischer -Beziehungen abgespielt hatte. - -»Er erwacht, gebe Gott, daß Ihr es selbst seht! Wenn ich es so mache, -glänzt er nur so auf, der Liebling. Er glänzt so auf wie der helle -Tag,« sprach Agathe Michailowna. - -»Nun gut, gut: wir werden ja dann sehen,« flüsterte Kity, »geht jetzt; -der Kleine schläft ein.« - - - 7. - -Agathe Michailowna ging auf den Zehen hinaus, die Kinderfrau ließ -die Gardinen herab, verscheuchte die Fliegen aus dem nesseltuchenen -Wiegenvorhang des Bettchens und eine Bremse, die sich am Fensterrahmen -stieß und setzte sich, mit einem welken Birkenzweig der Mutter und dem -Kinde zufächelnd. - -»Die Hitze, die Hitze; wenn doch Gott Regen gäbe,« sprach sie. - -»Ja, ja, sch--sch--sch,« antwortete Kity nur, das dralle Ärmchen, -welches Mitja noch immer leise bewegte indem er die Äuglein bald -öffnete, bald schloß, leicht schüttelnd und zärtlich drückend. - -Dieses Händchen machte Kity unentschlossen; sie wollte es küssen, -scheute sich aber, es zu thun, um das Kind nicht zu wecken. Das Ärmchen -hörte endlich auf, sich zu bewegen und die Äuglein schlossen sich. Nur -bisweilen erhob das Kind, seine Thätigkeit fortsetzend, die langen -gebogenen Wimpern und blickte die Mutter mit seinen in der Dämmerung -schwarz erscheinenden, feuchtschimmernden Augen an. - -Die Kinderfrau hörte auf zu fächeln und begann zu träumen. Von -oben wurde das Lachen der Stimme des alten Fürsten und Katawasoffs -vernehmbar. - -»Sie sind auch ohne mich in Unterhaltung gekommen,« dachte Kity, »aber -es ist doch ärgerlich, daß Konstantin nicht da ist. Er wird wohl wieder -nach dem Bienengarten gegangen sein. Obwohl ich beklage, daß er so oft -dort ist, freue ich mich doch auch, denn es zerstreut ihn. Er ist jetzt -viel heiterer und angenehmer geworden, als er im Frühjahr war. War er -doch sonst immer so finster und peinigte sich, daß es mir recht bang -um ihn wurde. Und wie komisch er ist!« flüsterte sie lächelnd. - -Sie wußte, was ihren Mann quälte; es war sein Unglaube. Obwohl Kity, -wenn man sie gefragt hätte, ob sie überzeugt sei, daß er, im Falle -seines Unglaubens im ewigen Leben der Vernichtung anheimfallen werde, -hätte einverstanden damit sein müssen, daß er untergehe -- so bildete -sein Unglaube doch kein Unglück in ihren Augen, und sie gedachte, -obwohl sie sich zugestand, daß es für den Ungläubigen kein Seelenheil -geben könne, und die Seele ihres Mannes über alles in der Welt liebend, -mit Lächeln seines Unglaubens, und sagte sich selbst, er sei komisch. - -»Wozu studiert er ein ganzes Jahr hindurch nur Philosophie,« dachte -sie. »Wenn dies alles in jenen Büchern geschrieben steht, dann kann -er sie auch verstehen. Wäre Unrichtiges darin, wozu sollte er sie -dann lesen? Er selbst sagt, daß er glauben möchte. Weshalb glaubt er -dann nicht? Gewiß deshalb, weil er zu viel denkt? Aber er denkt zu -viel wegen seiner einsamen Lebensweise. Er ist stets, stets einsam. -Mit uns kann er freilich nicht von allem reden. Ich denke aber, der -Besuch wird ihm willkommen sein, besonders Katawasoff. Er liebt es, -mit ihm zu disputieren,« dachte sie und versetzte sich dann sogleich -in den Gedanken, wo sie gerade Katawasoff am bequemsten zum Schlafen -unterbringen könne -- separat oder zusammen mit Sergey Iwanowitsch? -Und dann kam ihr plötzlich wieder ein Gedanke, der sie vor Aufregung -erzittern ließ und selbst Mitja erschreckte, der sie dafür ernst -anblickte. »Die Wäscherin scheint die Wäsche noch nicht gebracht zu -haben und für die Gastbetten ist noch keine Bettwäsche da. Wenn man -da nicht anordnet, wird Agathe Michailowna dem Sergey Iwanowitsch -gewöhnliche Wäsche geben,« und bei diesem Gedanken stieg Kity das -Blut ins Gesicht. »Ja, ich muß es anordnen,« beschloß sie, und besann -sich dann, wieder zu ihrem vorigen Gedanken zurückkehrend, daß etwas -Wichtiges doch noch nicht bis zum Schluß von ihr überdacht sei. Sie -sann nun nach, was es gewesen war. »Ach ja, Konstantin ist ungläubig!« -sagte sie, abermals lächelnd. »Nun, also ungläubig! Mag er lieber stets -so bleiben, als so werden, wie Madame Stahl war, oder ich im Auslande -einmal werden wollte. Nein er kann nicht mehr heucheln!« Ein Zug von -seiner Güte tauchte aus jüngster Zeit lebendig vor ihr auf. - -Vor vierzehn Tagen war ein reuiges Schreiben Stefan Arkadjewitschs an -Dolly angekommen. Stefan beschwor diese darin, seine Ehre zu retten, -und ihr Gut zu verkaufen, damit er seine Schulden bezahlen könne. - -Dolly war in Verzweiflung; sie haßte ihren Mann, verachtete und -beklagte ihn, und entschloß sich zur Scheidung, wollte sich von ihm -lossagen, willigte aber schließlich doch in den Verkauf eines Teils -ihres Gutes ein. Und nun vergegenwärtige sich Kity mit unwillkürlichem, -gerührtem Lächeln die Ratlosigkeit ihres Gatten, seine mehrmaligen -unbeholfenen Anläufe in dieser Sache, die ihm am Herzen lag, und wie er -endlich, als einziges Mittel, Dolly zu helfen, ohne sie zu verletzen, -den Ausweg erdacht hatte, Kity vorzuschlagen, sie möchte ihr Teil an -dem Vermögen -- sie selbst hatte vorher gar nicht hieran gedacht -- -hingeben. - -»Was wäre das für ein Ungläubiger? Mit solchem Herzen, solcher -Besorgnis, einen Menschen zu verletzen, ja nur ein Kind! Alles thut -er für seine Nächsten, nichts für sich! Sergey Iwanowitsch denkt, es -sei Konstantins Pflicht, für ihn den Verwalter zu spielen. Auch seine -Schwester denkt so. Jetzt befindet sich Dolly mit ihren Kindern unter -seiner Vormundschaft. Alle die Bauern, welche täglich zu ihm kommen, -ist er gleichsam verpflichtet zu bedienen. Bleibe du nur so,« fuhr sie -fort, Mitja der Kinderfrau übergebend und des Kindes Wange mit ihren -Lippen berührend. - - - 8. - -Seit jener Minute, da Lewin beim Anblick des geliebten sterbenden -Bruders zum erstenmal auf die Frage des Lebens, wie des Todes durch -jene -- wie er sie nannte -- neuen Überzeugungen hindurchblickte, die, -unmerklich für ihn, während der Zeit von seinem zwanzigsten bis zum -vierunddreißigsten Jahre, seine Überzeugungen aus der Kinderzeit wie -die seines Jünglingsalters ausgelöst hatten, erschrak er nicht so sehr -vor dem Tode, als vor einem Leben, über das er nicht die geringste -Kenntnis, woher es stamme, warum es sei und was es sei, besäße. - -Der Organismus, die Verrichtungen desselben, die Unerschöpflichkeit -der Materie, das Gesetz der Erhaltung der Kraft, die Entwicklung -- so -lauteten die Begriffe -- die für seinen alten Glauben eingetreten waren. - -Diese Worte und die mit ihnen verbundenen Vorstellungen waren recht gut -für Verstandeszwecke, für das Leben aber ergaben sie nichts und Lewin -fühlte sich plötzlich in der Lage eines Menschen, der einen warmen -Pelz für einen Kattunanzug vertauscht hat, und zum erstenmal in der -Kälte untrüglich, nicht durch logische Erwägungen, sondern in seiner -ganzen Wesenheit davon überzeugt wird, daß er geradezu nackt und einem -unvermeidlichen, qualvollen Untergang verfallen sei. - -Seit jener Minute hatte Lewin, ohne sich indessen davon Rechenschaft zu -geben, und indem er sein Leben wie bisher fortsetzte, fortwährend diese -Angst über sein Nichtwissen empfunden. - -Außerdem aber empfand er voll Unruhe, daß das, was er seine -Überzeugungen nannte, nicht nur Unwissenheit war, sondern eine Richtung -im Denken, unter welcher ihm die Erkenntnis dessen, was ihm nötig war, -unmöglich wurde. - -In der ersten Zeit hatte seine Heirat, sowie ungekannte Freuden und -Pflichten die er dabei kennen lernte, diese Gedanken vollständig in -ihm erstickt, aber seit kurzem, nach der Niederkunft seiner Frau, -während er müßig in Moskau gelebt hatte, war bei Lewin immer häufiger, -und immer nachdrücklicher, diese Frage, eine Entscheidung verlangend, -aufgetaucht. Die Frage bestand für ihn hierin: »Wenn ich jene Antworten -nicht anerkenne, die das Christentum auf die Fragen über mein Leben -erteilt, welche Antworten erkenne ich dann an?« Und in dem gesamten -Arsenal seiner Überzeugungen vermochte er weder die geringste Antwort -zu finden, noch etwas, was einer solchen ähnlich gewesen wäre. - -Er befand sich in der Lage eines Menschen, der Nahrung sucht in -Spielzeugmagazinen oder Waffenläden. - -Unwillkürlich und ihm selbst unbewußt suchte er jetzt in jedem Buche, -bei jedem Gespräch, in jedem Menschen Beziehungen zu diesen Fragen und -Lösungen derselben. - -Am meisten setzte ihn hierbei der Umstand in Zweifel, daß die Mehrzahl -der Menschen seines Kreises und Alters, die doch ebenso wie er, -frühere Überzeugungen mit eben solchen neuen vertauscht hatten, wie -er sie besaß, hierin kein Unglück sehen, sondern vollkommen zufrieden -und ruhig waren, und so kam es, daß Lewin neben der Hauptfrage auch -noch Nebenfragen quälten. Ob diese Menschen aufrichtig waren? Ob -sie sich nicht verstellten? Oder ob sie etwa anders als er, klarer, -die Antworten aufgefaßt hatten, welche die Wissenschaft auf die ihn -beschäftigenden Fragen gab? Geflissentlich studierte er die Meinungen -dieser Menschen und die Bücher, welche diese Antworten gaben. - -Eins, was er seit der Zeit, seit der ihn diese Fragen beschäftigt, -gefunden hatte, war dies, daß er sich geirrt habe in jener Annahme, die -noch auf den Erinnerungen aus dem Jünglingskreis auf der Universität -beruhte, die Religion habe sich überlebt und existiere gar nicht mehr. -Sowohl der alte Fürst, wie Lwoff, den er so lieb gewonnen hatte, und -Sergey Iwanowitsch und alle Frauen, auch sein Weib, glaubten so, wie er -in seiner Kindheit geglaubt hatte; neunzig Hundertstel des russischen -Volkes, ja, jenes ganze Volk, dessen Leben ihm die höchste Achtung -einflößte, glaubte. - -Ein Zweites war dies, daß er sich nach der Lektüre vieler Bücher -überzeugt hatte, die Menschen, die mit ihm gemeinsame Anschauungen -hatten, könnten sich unter diesen nichts anderes denken, und -verneinten jene Fragen einfach, ohne sie zu erklären, jene Fragen, -ohne deren Beantwortung er -- er fühlte es -- nicht leben könne, und -bemühten sich, ganz andere dafür zu lösen, die seine Fragen gar nicht -interessieren konnten, wie zum Beispiel die über die Entwicklung der -Organismen, über die mechanischen Offenbarungen der Seele u. s. w. - -Außerdem hatte sich aber noch während der Niederkunft seiner Frau etwas -für ihn Ungewöhnliches ereignet. Er hatte dabei, ohne Glauben, zu beten -begonnen und während der Minute in der er betete, auch geglaubt. Diese -Minute war indessen vorübergegangen und er vermochte jener Stimmung von -damals in seinem Leben nicht wieder stattzugeben. - -Er vermochte nicht zuzugestehen, daß er damals das Rechte erkannt -habe, jetzt aber irre; weil ihm, sobald er ruhig darüber nachzudenken -begann, alles in Trümmer fiel. Er vermochte auch das nicht -zuzugestehen, daß er damals geirrt habe, weil er seine seelische -Stimmung von damals hochschätzte, während, indem er sie für eine Folge -seiner Schwachheit anerkannte, jene Minuten entweiht haben würde. - -Er befand sich in einer qualvollen Disharmonie mit sich selbst und -spannte alle Geisteskräfte an, aus derselben herauszukommen. - - - 9. - -Diese Gedanken peinigten und quälten ihn bald mehr, bald weniger, nie -aber verließen sie ihn ganz. Er las und dachte, und je mehr er las und -sann, desto weiter entfernt von dem verfolgten Ziele fühlte er sich. - -Nachdem er sich in jüngster Zeit in Moskau und auf dem Dorfe überzeugt -hatte, daß er bei den Materialisten keine Antwort finden werde, las er -immer aufs neue wieder Plato und Spinoza, Kant, Schelling, Hegel und -Schopenhauer, die Philosophen, welche das Leben nicht materialistisch -erklärten. Diese Ideen erschienen ihm fruchtbringend, mochte er nun -lesen, oder selbst Gegengründe gegen die Lehren anderer aussinnen, -insbesondere gegen die materialistischen. Doch kaum hatte er gelesen -und sich selbst eine Antwort auf die Fragen ausgedacht, da wiederholte -sich bei ihm stets ein und dasselbe. Indem er der gegebenen Bestimmung -unklarer Begriffe, wie »Geist, Wille, Freiheit, Substanz« folgte und -absichtlich in die Wörterfalle ging, die ihm die Philosophen oder auch -er selbst sich gestellt hatte, begann er einigermaßen zu begreifen. - -Aber er brauchte nur den künstlichen Gedankengang zu vergessen, und -sich zu dem zu wenden, was im Leben befriedigte, wenn er dem gegebenen -Faden folgend, nachdachte -- und plötzlich stürzte der ganze kunstvolle -Bau zusammen wie ein Kartenhaus, und es wurde ihm klar, daß der Bau aus -denselben Worten bestand, die nur umgestellt, und unabhängig waren von -Etwas, das im Leben viel bedeutungsvoller war, als der Verstand. - -Bei der Lektüre Schopenhauers setzte er einmal an Stelle des Begriffs -eigner Wille, den der Liebe, und diese neue Philosophie machte ihm zwei -Tage lang, so lange er sich mit ihr beschäftigte, Vergnügen. Sie fiel -aber gleichsam zusammen, als er darauf aus dem Leben heraus auf sie -blickte, und es zeigte sich wieder jenes kattunene Gewand, das nicht -warm hielt. - -Sein Bruder Iwanowitsch riet ihm, die theologischen Werke Chomjakoffs -zu lesen. Lewin las den zweiten Band derselben und war, ungeachtet der -ihn anfangs abstoßenden, polemischen, eleganten und scharfsinnigen -Diktion, überrascht von Chomjakoffs Lehrmeinung über die Kirche. -Ihn überraschte anfangs die Idee, daß die Erlangung der göttlichen -Wahrheiten dem Menschen nicht verliehen sei, sondern nur einer -Gemeinschaft von Menschen, vereint in der Liebe -- der Kirche. - -Er freute sich bei dem Gedanken, wie viel leichter es wäre, an eine -vorhandene, gegenwärtig lebendige Kirche zu glauben, welche alle -Glaubensbekenntnisse der Menschen in sich begreife, und Gott zum -Haupte habe, infolge dessen aber heilig und unfehlbar sei, und von -ihr nun den Glauben an Gott erst zu empfangen, den an die Schöpfung, -den Sündenfall, und die Erlösung -- als wenn man mit Gott, dem weit -entfernten, geheimnisvollen Gott, der Schöpfung &c. begänne. - -Als er nun aber dann die Kirchengeschichte eines katholischen und -die eines rechtgläubigen Schriftstellers las und gewahrte, daß beide -Kirchen, jede unfehlbar in ihrem Wesen, sich gegenseitig negierten, da -verzweifelte er auch an Chomjakoffs Kirchenlehre und das ganze Gebäude -wurde von dem gleichen Staub bedeckt, wie die philosophischen Gebäude. - -Während dieses ganzen Frühlings hatte er so mit sich selbst im Kampfe -gelegen und schreckliche Augenblicke durchlebt. - -»Ohne zu wissen, was ich bin und warum ich hier bin -- kann man nicht -leben! Erfahren aber kann ich es nicht, folglich kann ich nicht leben,« -sprach Lewin zu sich selbst. »In der Unendlichkeit der Zeit, der -Unendlichkeit des Stoffes, der Unendlichkeit des Raumes bildet sich die -organische Zelle; dieses Bläschen wird eine Zeitlang bestehen und dann -zerplatzen; -- das bin ich.« - -Dies bildete das einzige Resultat jahrhundertelanger menschlicher -Denkarbeit nach dieser Richtung. - -Es war die letzte Überzeugung, auf welcher sich alle Forschungen des -menschlichen Denkens in fast allen ihren Ausläufern aufbauten. Es war -die herrschende Überzeugung und Lewin machte dieselbe vor allen anderen -Erklärungen als die immer noch klarste, unwillkürlich und ohne zu -wissen wann und wie, zu der seinigen. - -Aber dies war nicht nur falsch, sondern vielmehr der hartherzige Hohn -einer bösen Macht, einer so bösen, widrigen, daß er sich ihr nicht -unterordnen konnte. - -Man mußte sich befreien von dieser Macht, und die Befreiung lag in -den Händen eines jeden. Es galt, diese Abhängigkeit vom Bösen zu -beseitigen, und dafür gab es nur ein Mittel -- den Tod. - -Als glückliches Familienoberhaupt, als ein gesunder Mensch, war Lewin -mehrmals dem Selbstmord so nahe, daß er die Schnur versteckte, damit er -sich nicht an ihr hing, und sich fürchtete, mit der Flinte zu gehen, um -sich nicht zu erschießen. - -Doch Lewin erschoß sich weder, noch hing er sich, sondern lebte weiter. - - - 10. - -Solange Lewin darüber nachdachte, was er sei und wozu er lebe, fand er -keine Antwort und geriet in Verzweiflung, doch als er aufgehört hatte, -sich selbst darnach zu fragen, erfuhr er gewissermaßen, was er sei und -wozu er lebte, weil er fleißig und zweckmäßig thätig war und lebte. -Gerade in dieser jüngsten Zeit hatte er bei weitem konsequenter und -zweckbewußter, als früher gelebt. - -Im Anfang des Juli aufs Dorf zurückgekehrt, widmete er sich wieder -seinen gewöhnlichen Arbeiten. Die Landwirtschaft, die Beziehungen zu -den Bauern und Nachbarn, die Hauswirtschaft, die Angelegenheiten seines -Bruders und der Schwester, die in seinen Händen lagen, sein Verhältnis -zu den Verwandten, zu seinem Weibe, die Sorge um sein Kind, die ihm -neue Bienenjagd, der er sich seit dem heurigen Frühling gewidmet hatte, -alles das nahm seine Zeit in Anspruch. - -Diese Beschäftigungen interessierten ihn nicht deshalb, weil er sie -vor sich selbst mit gewissen allgemeinen Anschauungen rechtfertigen -konnte, so wie er dies früher gethan hatte, sondern im Gegenteil -hatte er jetzt, wo er einerseits durch das Mißlingen seiner einstigen -Unternehmungen für das allgemeine Wohl ernüchtert worden, andererseits -von seinen Ideen und der Menge der Geschäfte viel zu sehr in Anspruch -genommen war, die von allen Seiten auf ihn einstürmten, alle Gedanken -über das allgemeine Wohl fahren lassen, und diese Dinge interessierten -ihn nur, wie ihm schien, deshalb, weil er eben thun _mußte_, was er -that -- weil er nicht anders konnte. Wenn er sich früher bemühte, -etwas zu thun (dies hatte fast von seiner Kindheit auf angefangen und -sich bis zu seiner vollen Mannbarkeit mehr und mehr entwickelt) was -eine Wohlthat für jedermann, für die Menschheit, für Rußland, für das -ganze Dorf gewesen wäre -- so hatte er bemerkt, daß das Nachdenken -darüber ihm angenehm, die Thätigkeit selbst aber stets eine nicht damit -harmonierende gewesen war; es hatte die volle Zuversicht dazu, daß -die Unternehmung wirklich notwendig sei gefehlt, und die Wirksamkeit -selbst, die ihm anfangs so erhaben erschienen war, schwand, immer -mehr und mehr abnehmend, in ein Nichts zusammen. Jetzt hingegen, wo -er verheiratet war und sein Leben für sich selbst mehr und mehr mit -bestimmten Grenzen zu umziehen begonnen hatte, empfand er, obwohl er -keine Freude mehr bei dem Gedanken an seine Thätigkeit fühlte, die -Überzeugung, daß diese Thätigkeit eine notwendige sei, erkannte er, -daß sie weit ersprießlicher, als sie früher war, und größer und größer -werde. - -Jetzt drang er, gleichsam wider seinen Willen, immer tiefer und tiefer -in die Erde ein, wie ein Pflug, so daß er gar nicht wieder heraus -konnte, ohne die Furchen aufzureißen. - -Seiner Familie zu leben, so wie dies Vater und Mutter gewohnt gewesen -waren, das heißt, unter den nämlichen Grundlagen der Bildung und -Erziehung der Kinder -- war ohne Zweifel die Aufgabe. Dies war ebenso -notwendig, wie das Essen, wenn man Appetit hat, und zu diesem Zwecke -nun war es ebenso notwendig, wie die Bereitung des Essens, das -wirtschaftliche Getriebe in Pokrovskoje so zu leiten, daß Einkünfte -flossen. - -Ebenso sicher, wie man eine Schuld zurückzahlen muß, war es -erforderlich, das angestammte Land immer in dem nämlichen Zustande -zu erhalten, damit der Sohn, der das Erbe einmal empfing, dem Vater -ebenso Dank wisse, wie Lewin seinem Vater für das, was derselbe gebaut -und gepflanzt hatte. Hierzu aber war erforderlich, daß kein Boden -mehr verpachtet wurde, sondern man diesen selbst bewirtschaftete, Vieh -züchtete, die Felder düngte und Waldungen anlegte. - -Es war ihm unmöglich, die Führung der Geschäfte für Sergey Iwanowitsch -und seine Schwester und alle Bauern, die gewohnt waren, sich Rats bei -ihm zu erholen, aufzugeben, ebensowenig wie man ein Kind fortwerfen -kann, welches man schon auf den Armen hielt. Es galt, für die -Bequemlichkeit der eingeladenen Schwägerin mit ihren Kindern zu sorgen, -des Weibes mit dem eigenen Kinde, und er mußte auch wenigstens einen -kleinen Teil des Tages bei ihnen weilen. - -Alles das, zusammen mit der Jagd auf Wild und Bienen, füllte für Lewin -ein Leben aus, welches für ihn selbst keinen Sinn mehr hatte, sobald er -darüber nachdachte. - -Wenn aber Lewin recht gut wußte, _was_ er zu thun habe, so wußte -er auch ebenso gut, _wie_ er zu handeln habe und welches von zwei -Geschäften das wichtigere sei. Er wußte, daß er die Arbeiter so billig -als möglich mieten müsse, doch sie auf eine Schuldverschreibung -annehmen, indem er ihnen Vorschuß gab, war noch billiger; wie viel sie -wert waren, brauchte nicht gegeben zu werden, was auch noch vorteilhaft -war. Bei Futtermangel konnte er den Bauern Stroh verkaufen, wenn sie -ihn dabei auch jammerten, der Gasthof und die Branntweinschenke aber -mußten, obwohl sie Einkünfte brachten, beseitigt werden. Gegen das -Holzhauen mußte man so streng wie möglich vorgehen, für vertriebenes -Vieh hingegen sollte keine Strafe erhoben werden. Obwohl dies freilich -die Karaulschtschiks erbitterte und die Furcht verringerte, mußte man -das Vieh laufen lassen. - -Dem Peter, welcher an einen Wucherer zehn Prozent monatlich zahlte, -mußte er Geld borgen, um ihn davon zu befreien, aber deshalb brauchte -er den Bauern noch nicht den Obrok zu erlassen oder den säumigen -Zahlern Frist zu bewilligen. Man konnte es dem Verwalter nicht hingehen -lassen, daß eine kleine Wiese nicht gemäht wurde und das Gras darauf -ungenützt verkam, aber man brauchte wieder nicht die achtzig Desjatinen -zu mähen, auf denen junger Wald angepflanzt stand. Man brauchte nicht -dem Arbeiter zu verzeihen, der unter der Arbeit nach Hause gelaufen -war, weil sein Vater starb -- so leid ihm das auch that -- und mußte -ihn dafür billiger für die kostspieligen Monate ansetzen, in denen es -nichts zu thun gab. Aber man mußte gleichwohl den Alten, die zu nichts -mehr zu brauchen waren, einen Monatsauszug geben. - -Lewin wußte wohl, daß er bei seiner Rückkehr nach Hause vor allem zu -seiner Frau gehen mußte, wenn diese unwohl war, aber die Bauern, die -schon seit drei Stunden auf ihn gewartet hatten, konnten noch länger -warten. Er wußte auch, daß er bei allem Vergnügen, welches er bei dem -Einfangen eines Bienenschwarms hatte, sich dieses Vergnügens begeben -und es dem Alten überlassen mußte, in seiner Abwesenheit den Schwarm zu -fangen, indem er zu den Bauern ging, die ihn im Bienengarten gefunden -hatten, um sich zu besprechen. - -Mochte er damit gut oder schlecht handeln, er wußte es nicht, und würde -jetzt nicht nur nicht den Beweis dafür angetreten, sondern vielmehr -alle Gespräche und Gedanken darüber vermieden haben. - -Die Grübeleien versetzten ihn in Zweifel und hinderten ihn, zu sehen, -was er sehen mußte, oder was nicht. Indem er jedoch nicht mehr -dachte, sondern lebte, fühlte er in seiner Seele die stete Gegenwart -eines unfehlbaren Richters, der entschied, welche von zwei möglichen -Handlungen die bessere und welche die schlechtere war, und sobald er -dann nicht so handelte, wie es nötig war, fühlte er dies sogleich. - -So lebte er denn ohne die Möglichkeit einer Erkenntnis dessen, zu -sehen, was er sei und wozu er auf der Welt lebe, gequält von dieser -Unkenntnis bis zu einem Grade, daß er den Selbstmord fürchtete und sich -doch zugleich damit fest einen sicheren Weg durch das Leben bahnend. - - - 11. - -Gerade an dem Tage, an welchem Sergey Iwanowitsch nach Pokrovskoje -gekommen war, befand sich Lewin in einer seiner peinlichsten Stimmungen. - -Es war mitten in der Arbeitszeit, wo alles Volk eine so ungewöhnliche -Anspannung in der Selbstaufopferung bei der Arbeit zeigt, wie sie sonst -unter keinen Bedingungen im Leben erscheint und die hoch geschätzt -werden würde, wenn die Leute, welche diese Eigenschaften zeigen, -sie selbst schätzten, wenn sich nicht ein und dasselbe alljährlich -wiederholte, und die Resultate dieses Kraftaufwands nicht so einfach -wären. - -Roggen schneiden und Hafer, und ihn hereinzubringen, Wiesen zu mähen, -Korn ausdreschen und Wintersaat aussäen -- alles das scheint einfach -und gewöhnlich; aber um es mit Erfolg zu thun, ist es nötig, daß alle, -vom Ältesten an bis zum Jüngsten rastlos, dreimal mehr als gewöhnlich, -während drei oder vier Wochen arbeiten, sich nur von Kwas, Zwiebel und -Schwarzbrot nährend, dreschend, des Nachts Feime abfahrend und sich zum -Schlaf nicht mehr als drei Stunden den ganzen Tag gönnend. Alljährlich -ist dies so in ganz Rußland. - -Lewin, der einen großen Teil seines Lebens auf dem Dorfe, in nahen -Beziehungen zum Volke gelebt hatte, fühlte stets während der -Arbeitszeit, daß sich diese allgemeine Regsamkeit der Leute auch ihm -mitteile. - -Am Morgen fuhr er zum ersten Roggenschnitt oder nach dem Hafer, den -man in Feime gesetzt hatte, und kehrte dann, wenn sein Weib und die -Schwägerin sich erhoben, heim; trank mit ihnen Kaffee und begab -sich dann zu Fuße nach dem Vorwerk, wo man eine neu aufgestellte -Dreschmaschine zur Vorbereitung des Samens in Gang setzte. - -Diesen ganzen Tag hatte Lewin im Gespräch mit dem Verwalter und den -Bauern, zu Hause mit seinem Weib, mit Dolly und ihren Kindern, und mit -dem Schwiegervater, immer nur über das Eine nachgedacht, was ihn in -dieser Zeit neben seinen wirtschaftlichen Sorgen beschäftigte, und in -allem nur die Antwort auf seine Frage gesucht: »Was bin ich, wo bin -ich; warum bin ich hier?« - -In der Kühle der neugedeckten Trockenscheune stehend, blickte Lewin -bald durch die geöffnete Thür hinaus, in welcher der trockene und -scharfe Staub vom Dreschen wirbelte, auf das von der glänzenden Sonne -beleuchtete Gras der Tenne und das frische Stroh, das soeben erst -aus dem Schuppen geholt worden war -- bald nach den weißhalsigen -Schwalben mit ihren bunten Köpfen, die mit Gezwitscher unter das Dach -flogen und mit schlagenden Flügeln an den Fensteröffnungen der Thüre -hängen blieben, bald auf die Leute, welche in der dunklen, staubigen -Trockenscheune hantierten, und hatte dabei seltsame Gedanken. - -»Warum geschieht das alles?« grübelte er. »Warum stehe ich hier und -lasse arbeiten? Weshalb hasten die alle und mühen sich, mir ihren Eifer -zu zeigen? Warum plagt sich die alte Matrjona da, die ich kenne? Ich -habe sie ja kuriert, als bei einer Feuersbrunst der Dachbalken auf sie -gestürzt war,« dachte er, indem er dem hageren Weibe zusah, welches -mit der Schaufel Korn werfend, angestrengt mit den schwarzgebräunten, -nackten Füßen auf den unebenen harten Tennenplatz vortrat. - -»Sie ist damals wieder gesund geworden, aber dennoch, zwar nicht -heute, doch vielleicht nach zehn Jahren verscharrt man sie, und nichts -bleibt mehr von ihr; ebensowenig wie von jener Kokette dort im roten -Tuch, die mit so gewandter Bewegung die Spreu von den Ähren sondert. -Auch sie wird man einscharren, wie den gescheckten Wallachen dort --- und sehr bald sogar,« dachte er, auf das mit geöffneten Nüstern -schnaubende Pferd mit dem schwerhängenden Bauche schauend, welches um -ein liegendes Rad lief, das sich unter ihm bewegte. »Auch das Pferd -wird man verscharren und den Fjodor mit seinem krausen, voll Spreu -hängenden Barte und dem zerrissenen Hemd auf der hellschimmernden -Schulter -- man wird sie begraben! Er wühlt die Garben auseinander und -ordnet an, ruft den Weibern zu und regelt mit schneller Bewegung den -Riemen am Schwungrad. Aber vor allem, nicht nur sie, auch mich wird -man einscharren und nichts wird bleiben. Und wozu?« So sann er und -schaute dabei nach der Uhr, um zu berechnen, wie viel in einer Stunde -gedroschen werde. Er mußte dies wissen, um hiernach das Arbeitspensum -für den Tag geben zu können. - -»Schon bald eine Stunde und sie haben erst den dritten Feim -angefangen,« dachte Lewin, trat zu dem Zugeber und sagte zu ihm, das -Geräusch der Maschine überschreiend, er gäbe zu schnell zu. - -»Du giebst zu viel hinein, Fjodor -- siehst du, sie bleibt hängen und -geht daher nicht schnell genug! Du mußt das ausgleichen!« - -Fjodor, von dem Staube der ihm am schweißbedeckten Gesicht klebte, -schwarz geworden, schrie etwas als Antwort, that aber nicht, wie Lewin -wollte. - -Dieser trat daher an den Cylinder, ließ Fjodor beiseite treten und -begann selbst zuzugeben. Nachdem er bis zu der Mittagspause der Bauern -gearbeitet hatte, bis zu welcher nicht mehr viel Zeit war, verließ er -zusammen mit dem Zugeber die Trockenscheune und sprach mit ihm. - -Der Zugeber war aus einem entfernter liegenden Dorfe, dem nämlichen, -in welchem Lewin früher Land zur Bildung der Arbeitsgenossenschaft -vergeben hatte. Jetzt war das Land in Pacht gegeben. - -Lewin unterhielt sich mit Fjodor über dieses Land und frug ihn, ob -Platon, der reiche und tüchtige Bauer jenes Dorfes, für das nächste -Jahr welches nehmen werde. - -»Der Preis ist zu hoch und Ihr solltet an Platon nicht vergeben,« sagte -Fjodor, sich die Ähren von der schweißbedeckten Brust nehmend. - -»Aber Kiriloff giebt ihm doch welches?« - -»Mitjucha, Konstantin Dmitritsch, warum sollte der es nicht thun! Der -drückt die Menschen und nimmt sich schon das Seine. Den dauert kein -Christenmensch. Onkel Fokanitsch aber,« so nannte er den Bauern Platon, -»zieht der etwa dem Menschen das Fell über die Ohren? Hier giebt er -eine Schuldforderung, dort erläßt er -- oder nimmt selbst gar nichts. -Das ist auch ein Mensch.« - -»Aber warum erläßt er Etwas.« - -»Nun, die Leute sind eben verschieden. Der eine lebt nur für seinen -Leib, wenigstens Mitjucha; der stopft sich nur den Wanst voll, aber -Fokanitsch -- das ist ein rechtschaffener alter Mann. Er lebt nur für -sein Seelenheil, und denkt an Gott!« - -»Wie soll er denn an Gott denken? Wie soll er nur für sein Seelenheil -leben?« schrie Lewin fast. - -»Nun, das ist doch bekannt, nach der Gerechtigkeit, in Gott. Die -Menschen sind eben verschieden! Man braucht ja nur Euch anzusehen; Ihr -beleidigt auch keinen Menschen.« - -»Nun leb' wohl,« fuhr Lewin fort, vor Erregung tief Atem holend, -ergriff, sich nun umwendend, seinen Stock und schritt eilig dem Hause -zu. - -Bei den Worten des Bauern, daß Fokanitsch für sein Seelenheil, nach -der Gerechtigkeit und in Gott lebe, waren ihm unklare, aber wichtige -Ideen in Masse, als hätten sie sich aus einem Gewahrsam freigemacht, -gekommen, und diese alle wirbelten nun, nach einem Ziele strebend, in -seinem Kopfe herum und blendeten ihn mit ihrem Licht. - - - 12. - -Lewin ging mit großen Schritten die Landstraße entlang, weniger seinen -Gedanken Gehör gebend -- er vermochte noch nicht, sie zu sichten -- als -mit seinem Seelenzustand beschäftigt, der jetzt so war, wie er ihn noch -nie an sich kennen gelernt hatte. - -Die Worte, die ihm von dem Bauern gesagt worden waren, brachten -in seiner Seele die Wirkung eines elektrischen Funkens hervor, -der plötzlich erscheint, zusammengesetzt aus einer ganzen Schar -gesonderter, unkräftiger Gedanken, die nicht aufhörten, ihn zu -beschäftigen. Diese Gedanken hatten ihn, ohne daß er es merkte, schon -während der Zeit, als er von dem Landverkauf sprach, beschäftigt. - -Er fühlte in seiner Seele etwas Neues und empfand dieses Neue mit -Befriedigung, doch ohne zu wissen, was es sei. - -»Nicht für meine Notdurft allein soll ich leben, sondern für Gott. Für -welchen Gott? Kann man etwas Unsinnigeres äußern, als das, was Fjodor -sagte? Er sagte, man müsse nicht nur für seine Bedürfnisse leben, -das heißt, für das, was wir verstehen, wozu wir Neigung empfinden, -wonach uns verlangt, sondern für etwas Unbegreifliches, für einen -Gott, den niemand begreifen, oder bezeichnen kann. Und was will ich? -Habe ich die sinnlosen Worte Fjodors nicht verstanden? Wenn ich sie -verstanden habe, zweifle ich denn an ihrer Richtigkeit? Habe ich sie -thöricht, unklar und ungenau gefunden? Nein, ich habe ihn verstanden, -und vollkommen so, wie er selbst versteht; er hat vollständig, und -klarer verstanden, als ich Etwas im Leben verstehe, und nie im Leben -habe ich daran gezweifelt, werde ich daran zweifeln können. Nicht ich -allein aber, sondern jedermann, die ganze Welt, erkennt dieses Eine -völlig und zweifelt nicht daran und ist damit einverstanden. Aber ich -suchte Wunder, ich habe es beklagt, daß ich kein Wunder sah, welches -mich überzeugte. Ein materielles Wunder hätte mich gelockt. Aber es -giebt ja ein Wunder, das einzig mögliche, immerwährend vorhandene, mich -von allen Seiten umgebende -- und ich habe das nicht bemerkt! Fjodor -sagt, daß Kiriloff nur für seinen Bauch lebt. Dies ist begreiflich und -verständig. Wir alle, als vernünftige Wesen, können nicht anders leben, -als für unseren Leib. Und da sagt nun dieser Fjodor plötzlich, daß es -häßlich sei, nur für den Wanst zu leben; man müsse der Gerechtigkeit, -für Gott leben, und ich verstehe ihn aus diesem Fingerzeig. Ich -sowohl, wie die Millionen von Menschen, welche Jahrhunderte vor uns -gelebt haben und jetzt noch leben, die Bauern, die Bettler am Geist -und die Weisen, die, welche darüber gedacht und geschrieben haben, -in ihrer unklaren Sprache dasselbe sagend -- wir alle sind in dem -Einen einverstanden: Weshalb man leben muß, und was gut ist! -- Mit -allen Menschen habe ich nur _eine_ feste, unzweifelhafte und klare -Erkenntnis, und diese Erkenntnis kann nicht vom Verstand erläutert -werden, sie liegt außerhalb desselben und hat keine Gründe, kann -auch keine Folgen haben. Wenn das Gute eine Ursache hat, so ist es -schon nicht mehr gut; wenn es eine Folge hat, eine Belohnung, so ist -es gleichfalls nicht gut. Vielleicht liegt das Gute außerhalb der -Kette von Ursache und Wirkung. Und ich kenne das; wir alle kennen -es. Welches Wunder könnte es geben, das größer wäre, als dies? Habe -ich denn wirklich die Lösung des Ganzen gefunden, sollten jetzt alle -meine Leiden vorüber sein?« dachte Lewin, auf dem staubigen Wege -hinschreitend, ohne die Hitze zu merken oder die Ermüdung, aber im -Gefühl einer Abspannung von den langen Leiden. - -Dieses Gefühl war ein so freudiges, daß es ihm ganz unwahrscheinlich -vorkam. Er atmete schwer vor Erregung, und bog, ohne die Kraft, noch -weiter zu gehen, vom Wege ab in den Wald und setzte sich in den -Schatten einer Esche auf das nicht gemähte Gras. Er nahm den Hut von -dem nassen Kopfe und legte sich, auf den Arm gestemmt, in das saftige, -schwellende Waldgras. - -»Ja, ich muß mir alles klar machen, und verstehen,« dachte er, starr -auf das nicht niedergedrückte Gras blickend, welches vor ihm stand, und -den Bewegungen eines grünen Blattlauskäfers folgend, der sich an dem -Stengel eines Queckengrases erhob, in seinem Aufstieg aber durch ein -Blatt gehindert wurde. - -»Was habe ich entdeckt?« frug er sich, das Blatt entfernend, um -das Insekt nicht zu hindern, und ein anderes Gras biegend, daß der -Blattlauskäfer auf dasselbe hinüberlaufen könne. »Was freut mich denn -so? Was habe ich denn entdeckt? Ich habe nichts entdeckt! Ich habe -nur erkannt, was ich weiß. Ich habe jene Kraft erkannt, die nicht -nur in der Vergangenheit liegt, die mir das Leben gegeben hat und -mir auch jetzt das Leben verleiht. Ich habe mich vom Irrtum befreit -und den Herrn erkannt! Früher sagte ich, daß sich in meinem Körper, -in dem Körper dieses Grases und dieses Käfers -- da, er hat nicht -auf das Gras gewollt, die Flügel ausgebreitet und ist fortgeflogen --- nach physikalischen, chemischen und physiologischen Gesetzen ein -Stoffwechsel vollzieht. In uns allen aber, gleich wie in jenen Espen, -in den Wolken und den Nebelflecken, vollzieht sich eine Entwicklung. -Woher stammt diese Entwicklung? Auf was geht sie? Es ist eine endlose -Entwicklung, ein Kampf. Ganz ebenso nun kann eine gewisse Richtung, -ein Kampf in dem Unendlichen sein. Und da habe ich mich gewundert, -daß mir trotz der größten geistigen Anstrengungen auf diesem Wege, -dennoch nicht der Gedanke des Lebens geoffenbart worden ist! Jetzt -spreche ich es aus, daß ich den Gedanken meines Daseins kenne: Leben -für Gott und für die Seele! Und dieser Gedanke ist ungeachtet seiner -Klarheit geheimnisvoll und wundersam. So ist auch der Gedanke des -gesamten Seins,« sprach er zu sich selbst, sich auf den Leib wälzend -und Grashalme in Bündel zusammennehmend, wobei er sich hütete, sie zu -zerknicken. In Kürze wiederholte er sich nun selbst den ganzen Gang -seiner Gedanken während der letzten beiden Jahre, dessen Anfang klar -war; der deutliche Gedanke an den Tod bei dem Anblick des geliebten, -hoffnungslos kranken Bruders. - -Zum erstenmale, damals klar erkennend, daß es für jeden Menschen, und -auch für ihn, in Zukunft nichts als Leiden, Tod und ewige Vergessenheit -geben werde, entschied er, daß er so nicht weiter leben könne, und sich -sein Leben entweder so abklären müsse, daß es nicht mehr als der böse -Streich eines Satans erscheine -- oder er sich erschießen müsse. - -Er that indes weder das Eine noch das Andere, sondern lebte ruhig -weiter und fuhr fort, zu sinnen und zu spüren; hatte sogar gerade -in dieser Zeit geheiratet, erlebte viele Freuden und fühlte sich -glücklich, wenn er nicht an den Zweck seines Daseins dachte. - -Was aber bedeutete das? Es bedeutete, daß er rechtschaffen lebte, -aber schlecht dachte. Er lebte -- ohne dies zu erkennen -- von jenen -geistigen Wahrheiten, die er mit der Muttermilch eingesogen hatte, und -dachte, ohne diese Wahrheiten anzuerkennen, ja, sie geflissentlich -umgehend. - -Jetzt wurde es ihm klar, daß er leben konnte nur dank jenen -Überzeugungen, in denen er erzogen war. - -»Was würde ich gewesen sein, und wie hätte ich mein Leben verbracht, -hätte ich diese Überzeugungen nicht gehabt, nicht gewußt, daß man -für Gott leben muß und nicht für die eigenen Bedürfnisse? Ich hätte -geraubt, gelogen, gemordet. Nichts von dem, was die höchsten Freuden -meines Lebens ausmacht, würde für mich vorhanden gewesen sein.« - -Aber trotz der größten Anstrengungen seiner Vorstellungskraft, konnte -er sich doch nicht jenes tierische Geschöpf vorstellen, welches er -selbst gewesen sein würde, wenn er nicht erfahren hätte, wozu er lebte. - -»Ich habe die Antwort auf meine Frage gesucht, aber diese Antwort -kann nicht das Denken geben, welches in unmeßbarem Verhältnis zu der -Frage steht. Die Antwort hat mir das Leben selbst gegeben in meiner -Erkenntnis dessen, was gut und schlecht sei. Aber diese Erkenntnis habe -ich nicht durch Etwas erworben, sondern sie ist mir gegeben gewesen -zugleich mit allem, _gegeben_ deswegen, weil ich sie von nirgendsher -nehmen konnte. Woher habe ich sie genommen? Bin ich durch meinen -Verstand darauf gekommen, daß ich meinen Nächsten lieben soll und ihn -nicht erwürgen darf. Man hat mir das in der Kindheit gesagt und ich -habe es freudig geglaubt, weil man mir nur gesagt hatte, was mir schon -in der Seele lag. Aber wer hat dies entdeckt? Der Verstand nicht! Der -Verstand hat den Kampf ums Dasein entdeckt und das Gesetz, welches -fordert, daß man alle, die uns an der Befriedigung unserer Wünsche -hindern, beseitigen soll. Dies ist die Lehre des Verstandes, aber die -Nächstenliebe konnte der Verstand nicht lehren, weil das unverständig -gewesen wäre.« - - - 13. - -Lewin fiel die kürzlich stattgehabte Scene mit Dolly und ihren Kindern -ein. Die Kinder, allein gelassen, hatten Himbeeren über Kerzen geröstet -und sich die Milch als Fontäne in den Mund gespritzt. Die Mutter, -welche sie auf der That ertappt, hatte ihnen in Lewins Gegenwart zu -Gemüt geführt, welche große Mühe den Erwachsenen das verursache, was -sie da verdorben, und daß diese Arbeit doch für sie geschähe, und sie, -wenn sie die Tassen zerschlügen, nichts haben würden, woraus sie Thee -tränken; wenn sie aber Milch vergössen, so würden sie nichts zu essen -haben und müßten Hungers sterben. - -Lewin überraschte die stille Niedergeschlagenheit und der Argwohn, -mit welchem die Kinder diese Worte der Mutter anhörten. Sie waren nur -darüber erbittert, daß ihr unterhaltendes Spiel abgebrochen worden -war, und glaubten kein Wort von dem was die Mutter sagte. Sie konnten -es auch nicht glauben, weil sie sich den ganzen Umfang dessen, was sie -begangen, gar nicht vorstellen, und infolge dessen sich nicht denken -konnten, daß das, was sie verdorben hatten, eben das sei, wovon sie -lebten. - -»Das ist alles für sich allein da,« dachten sie, »und etwas -Interessantes oder Wichtiges liegt nicht darin, deswegen weil es stets -war und sein wird und stets ein und dasselbe ist. Wir brauchen daher -gar nicht daran zu denken, denn das ist alles schon da und wir wollen -nur etwas Eigenes und recht Neues dabei ausdenken. So haben wir uns -ausgedacht, in die Tasse Himbeeren zu nehmen und sie über einem Licht -zu rösten, die Milch aber als Fontäne uns gegenseitig in den Mund zu -spritzen. Das ist lustig und neu und in nichts schlechter, als aus den -Tassen zu trinken.« - -»Thun wir nun nicht etwa ganz das Nämliche, thue ich es nicht, mit -meinem Verstande die Bedeutung der Naturkräfte erforschend und den -Gedanken des menschlichen Lebens?« fuhr Lewin fort zu denken. »Und -thun dies nicht alle philosophischen Theorieen, indem sie auf einem -seltsamen, dem Menschen nicht eigenen Gedankenweg, zu der Erkenntnis -dessen führen, was der Mensch lange schon weiß, so genau weiß, daß -er ohne es gar nicht hätte leben können. Ist es denn nicht aus der -Entwicklung der Theorie eines jeden Philosophen klar ersichtlich, daß -er im voraus unfehlbar ebenso gut, wie der Bauer Fjodor und durchaus -nicht genauer als dieser, den Hauptgedanken des Daseins kennt, und nur -auf dem zweifelhaften Wege des Verstandes zu dem gelangen will, was -allen bekannt ist? Wollte man die Kinder allein auf Erwerb ausgehen -lassen, sollten dieselben Geschirr fertigen, Milch melken &c., würden -sie dann Mutwillen treiben? Sie würden Hungers sterben. Nun, so wollen -wir doch mit unseren Leidenschaften und Gedanken ohne Verständnis -des einigen Gottes und Schöpfers bleiben, oder ohne Verständnis von -dem, was gut ist, ohne Offenbarung des moralisch Schlechten. >Aber -schafft Ihr etwas ohne dieses Verständnis!< >Wir zerstören nur, weil -wir geistig satt sind. Wir sind eben Kinder!< Woher kommt in mir diese -freudige, mir mit dem Bauern gemeinsame Erkenntnis, welche mir allein -die Seelenruhe verleiht? Woher habe ich sie genommen? Erzogen in der -Vorstellung eines Gottes, als Christ, und mein ganzes Leben hindurch -erfüllt von diesen geistigen Gütern, die mir das Christentum verliehen -hat, welches an diesen lebendigen Schätzen überreich ist und in ihnen -lebt, zerstöre ich diese, wie die Kinder, ohne sie zu verstehen, -- -das heißt, ich will zerstören -- das, wodurch ich lebe. Sobald jedoch -eine ernste Minute des Lebens naht, gehe ich, wie die Kinder, wenn -sie frieren oder hungrig sind, zu Ihm, und fühle noch weniger als -Kinder, welche die Mutter wegen kindischer Streiche schilt, daß meine -kindlichen Versuche, über die man genugsam schelten könnte, mir nicht -angerechnet werden. Also das, was ich weiß, weiß ich nicht infolge -des Verstandes, sondern es ist mir gegeben, mir geoffenbart, und ich -weiß es durch mein Herz, meinen Glauben an das Höchste, was die Kirche -bekennt.« - -»Die Kirche? Die Kirche?« wiederholte Lewin, sich auf die andere Seite -legend und schaute, auf den Ellbogen gestützt, in die Ferne nach einer -jenseits zum Flusse gehenden Herde. »Kann ich dann aber an alles -glauben, was die Kirche lehrt?« dachte er, sich prüfend und alles das -überdenkend, was seine jetzige Ruhe stören konnte. Absichtlich begann -er, sich diejenigen Lehren der Kirche zu vergegenwärtigen, die ihm vor -allen anderen stets befremdlich gewesen waren und ihn verleitet hatten. - -»Die Schöpfung? Womit habe ich denn das Sein erklärt? Mit dem Sein? -Mit dem Nichts? -- Teufel und Sünde! -- Womit erkläre ich das Böse? -- -Was ist der Erlöser? -- Ich weiß eben nichts, nichts, und kann nichts -wissen, als nur das, was mir und allen anderen gesagt worden ist.« -- - -Und jetzt schien es ihm, als gäbe es kein einziges unter den -Bekenntnissen der Kirche, welches die Hauptsache, den Glauben an Gott, -an das Gute, als die einzige Bestimmung des Menschen stürzte. Für jedes -Bekenntnis der Kirche konnte das Bekenntnis zum Dienst in der Wahrheit -anstatt in den Lüsten eingesetzt werden. Und jedes derselben warf dies -nicht nur nicht um, sondern war vielmehr erforderlich dazu, daß sich -jenes höchste, beständig auf Erden erscheinende Wunder auch vollzog, -welches darin bestand, daß es jedem möglich werde, gemeinsam mit -Millionen verschiedenartigster Menschen, mit Weisen und Narren, Kindern -und Greisen -- mit allen, mit den Bauern und mit Lwoff, mit Kity, und -mit Bettlern oder Königen untrüglich ein und dasselbe zu erkennen, und -das Leben der Seele hinzuzustellen, für welches allein es schon der -Mühe wert war zu leben, und das allein wir schützen. - -Auf dem Rücken liegend, sah er jetzt in den hohen, wolkenlosen Himmel -hinein. - -»Weiß ich denn nicht, daß dies ein endloser Raum ist, und kein rundes -Gewölbe? Aber wie ich auch den Blick anstrengen mag, ich kann ihn nicht -anders erblicken als rund und unbegrenzt und ungeachtet meiner Kenntnis -seiner unbegrenzten Weite habe ich unzweifelhaft recht. Wenn ich das -feste blaue Gewölbe ansehe, handle ich richtiger, als wenn ich mich -anstrenge, weiter zu blicken.« - -Lewin hörte schon auf zu denken, gleich als ob er geheimnisvollen -Stimmen lauschte, die sich freudig und sorglich unterhielten. - -»Sollte dies etwa der Glaube sein?« dachte er, sich scheuend, -seinem Glück zu trauen. »Mein Gott, ich danke dir!« sprach er, ein -aufsteigendes Schluchzen hinunterschluckend und sich mit beiden Händen -die Thränen abwischend, von denen seine Augen voll standen. - - - 14. - -Lewin schaute vor sich hin und sah die Herde, dann erblickte er seinen -Wagen mit dem Braunen bespannt, und den Kutscher, welcher zur Herde -heranfahrend, mit dem Hirten sprach. Hierauf vernahm er, bereits in -seiner Nähe, das Geräusch von Rädern und das Schnauben eines satten -Pferdes, doch war er so versunken in seinen Gedanken, daß er gar nicht -daran dachte, weshalb der Kutscher zu ihm gefahren komme. - -Es fiel ihm das erst ein, als ihm dieser, bereits ganz nahe bei ihm, -zurief: - -»Die Herrin schickt mich. Der Bruder und noch ein Herr sind angekommen.« - -Lewin setzte sich auf den Wagen und ergriff die Zügel. Wie aus dem -Schlaf erwacht, konnte er lange Zeit nicht zur klaren Besinnung kommen. -Er betrachtete das satte Pferd, blickte den Kutscher Iwan an, der neben -ihm saß und besann sich nun, daß er den Bruder ja erwartete, daß seine -Frau wahrscheinlich über sein langes Ausbleiben besorgt sein werde; -und er bemühte sich nun, zu raten, wer der Gast sein könne, der mit -dem Bruder gekommen war. Sowohl dieser, wie sein eigenes Weib und der -unbekannte Besuch erschienen ihm jetzt anders, als vorher. Ihm schien, -als ob jetzt seine Beziehungen zu allen Menschen schon andere werden -wollten. - -»Dem Bruder gegenüber wird jetzt nicht mehr die Rede von jener -Entfremdung sein, die stets zwischen uns herrschte, es sollten keine -Streitigkeiten mehr herrschen; auch mit Kity sollte es nie mehr Zwist -geben und mit dem Gaste, wer es auch sein mag, werde ich freundlich und -gut sein; auch mit den Leuten, mit Iwan -- alles wird anders werden.« - -Straff das vor Ungeduld schnaubende, eine schnellere Gangart -anstrebende, gute Pferd haltend, schaute Lewin den neben ihm sitzenden -Iwan an, der nicht wußte, was er mit seinen zur Unthätigkeit -verurteilten Händen machen sollte, und beständig sein aufgeblähtes Hemd -andrückte und suchte nach einem Thema, um ein Gespräch mit diesem zu -beginnen. - -Er wollte sagen, daß Iwan überflüssigerweise den Sattelriemen zu hoch -gezogen habe, doch dies wäre einem Vorwurf ähnlich gewesen und er -wollte jetzt nur freundliche Gespräche führen. Etwas anderes kam ihm -nicht in den Kopf. - -»Nehmt doch, bitte rechts, sonst wird der Baumstamm da« -- sagte der -Kutscher, Lewins Zügel dirigierend. - -»Laß das gefälligst und belehre mich nicht!« antwortete Lewin, -ungehalten über diese Einmischung des Kutschers. - -So wie immer, machte ihn auch jetzt eine Einmischung verstimmt, und er -fühlte sogleich voll Schmerz, wie irrig seine Vermutung gewesen war, -daß seine Seelenstimmung ihn sogleich bis zu einer Anpassung an die -Wirklichkeit hätte wandeln können. - -Als er sich seinem Hause bis auf eine viertel Werst genähert hatte, -erblickte er Grischa und Tanja, die ihm entgegeneilten. - -»Onkel Konstantin! Mama kommt auch, und der Onkel, und Sergey -Iwanowitsch und noch jemand,« sagten sie auf den Wagen kletternd. - -»Wer denn?« - -»Außerordentlich seltsam! Er macht es mit den Händen immer so,« sagte -Tanja, sich im Wagen erhebend und Katawasoff nachahmend. - -»Ist er alt oder jung?« frug Lewin lachend, die Vorstellung Tanjas -hatte ihn an jemand erinnert. »O, wenn es nur kein unangenehmer Mensch -ist!« dachte er. - -Kaum um die Biegung des Weges herum, gewahrte Lewin die -Entgegenkommenden, und erkannte Katawasoff im Strohhut, wie er im Gehen -mit den Armen schwenkte, so wie es Tanja vorgemacht hatte. - -Katawasoff sprach sehr gern über Philosophie, obwohl er von ihr nur -einen Begriff aus den Naturwissenschaften besaß, und sich sonst nie -damit beschäftigt hatte. In Moskau hatte Lewin in letzter Zeit viel mit -ihm disputiert. Eines jener Gespräche, in welchem Katawasoff jedenfalls -gehofft hatte Sieger zu bleiben, fiel Lewin sofort wieder ein, nachdem -er Katawasoff erkannt hatte. - -»Nein; streiten und in unüberlegter Weise meine Ideen äußern werde ich -um keinen Preis,« dachte er. - -Aus dem Wagen steigend und den Bruder nebst Katawasoff begrüßend, frug -Lewin dann nach seiner Frau. - -»Sie hat Mitja in das Wäldchen beim Hause getragen. Sie wollte es -dorthin bringen, denn im Hause ist es zu warm,« berichtete Dolly. Lewin -hatte seiner Gattin stets davon abgeraten, das Kind in den Wald zu -tragen, da er dies für gefährlich befand, und die Nachricht war ihm -daher unangenehm. - -»Sie schleppt sich mit ihm von Ort zu Ort,« sagte der Fürst lächelnd. -»Ich habe ihr geraten, es in den Eiskeller zu bringen.« - -»Sie wollte nach dem Bienengarten gehen, da sie dachte, du würdest dort -sein. Wir gehen soeben hin,« sagte Dolly. - -»Nun, was machst du denn?« sagte Sergey Iwanowitsch, von den anderen -weggehend und sich zu dem Bruder gesellend. - -»Nichts Besonderes. Wie immer, beschäftige ich mich mit der Ökonomie,« -antwortete Lewin. »Und du? Bleibst du lange hier? Wir haben dich so -lange erwartet.« - -Bei diesen Worten begegneten sich die Augen der Brüder und Lewin -fühlte, trotz des steten und jetzt bei ihm besonders lebhaft gewordenen -Wunsches, in freundschaftliche und hauptsächlich klare Beziehungen -zu seinem Bruder zu treten, daß es ihm peinlich war, denselben -anzublicken. Er schlug die Augen nieder und wußte nicht, was er sagen -sollte. - -Indem er die Themen durchging, welche Sergey Iwanowitsch willkommen -sein und ihn von dem Gespräch über den serbischen Krieg und die -slawische Frage ablenken konnten, auf die er schon mit einem Hinweis -auf seine Geschäfte in Moskau hingewiesen hatte, begann Lewin von dem -Buche Sergey Iwanowitschs zu sprechen. - -»Nun, sind denn Recensionen über dein Buch erschienen?« frug er. - -Sergey Iwanowitsch lächelte über das Vorbedachte in der Frage. - -»Es hat sich niemand darum gekümmert; ich am allerwenigsten,« sagte er. -»Paßt auf, Darja Aleksandrowna, es wird Regen geben,« fügte er hinzu, -mit dem Schirme auf die über den Wipfeln der Espen erscheinenden weißen -Wolken deutend. - -Es waren genug Worte gefallen, die, wenn nicht eine feindselige, so -doch kühle Beziehung zwischen beiden, wie sie Lewin so gern vermieden -hätte, wiederum zwischen den Brüdern eintreten lassen konnten. - -Lewin ging zu Katawasoff. - -»Wie gut Ihr daran thatet, Euch zu einem Besuch bei uns zu -entschließen,« sagte er zu ihm. - -»Ich war schon lange dazu im Begriff gewesen. Nun können wir -disputieren. Laßt doch sehen. Habt Ihr Spencer gelesen?« - -»Nun, nicht ganz,« versetzte Lewin, »ich brauche ihn übrigens jetzt -nicht.« - -»Was heißt das? Er ist doch so interessant. Warum denn nicht?« - -»Ich habe mich endgültig überzeugt, daß ich die Lösungen der Fragen, -welche mich beschäftigen, nicht in ihm und seinesgleichen finde. -Jetzt« -- - -Der ruhige, heitere Gesichtsausdruck Katawasoffs überraschte ihn -plötzlich, und um seine Stimmung, die er offenbar mit diesem Gespräch -fahren lassen mußte, war es ihm nun so leid, daß er in der Erinnerung -an seinen Vorsatz, innehielt. - -»Sprechen wir übrigens später davon,« fügte er hinzu. »Wenn wir nach -dem Bienengarten wollen, so müssen wir hierhin, auf diesem Fußweg,« -wandte er sich an die Gesellschaft. - -Als man auf dem engen Fußwege bis zu einer ungemähten Wiese gekommen -war, auf welcher auf der einen Seite dichter heller Kuhweizen stand, -während sich in der Mitte viele dunkelgrüne hohe Büsche von Nießwurz -befanden, ließ Lewin seine Gäste in dem tiefen kühlen Schatten der -jungen Espen auf einer Bank und auf Holzklötzen, die für die Besucher -des Bienengartens, welche sich vor den Bienen fürchteten, eigens -vorgerichtet waren, niedersetzen, und begab sich selbst zu einem -Verhau, um den Kindern und Erwachsenen Brot, Gurken und frischen Honig -zu holen. - -Im Bemühen, sich möglichst ruhig zu bewegen, und den immer häufiger und -häufiger an ihm vorüberfliegenden Bienen lauschend, ging er auf dem -Fußweg bis zur Hütte. Dicht vor dem Flur summte eine Biene auf, die -sich in seinem Barte verwickelt hatte, doch er befreite sie behutsam. - -Nachdem er in den schattigen Flur getreten war, nahm er von der Wand -sein dort an einem Pflock aufgehängtes Netz herab und ging, sobald -er es angelegt und die Hände in die Taschen gesteckt hatte, in den -umzäunten Bienengarten, in welchem in regelmäßig angelegten Reihen, -mit Bast an Pfähle festgebunden, inmitten eines glattgemähten Platzes -die sämtlichen, ihm so wohlbekannten Bienenkörbe standen -- die jeder -seine eigene Geschichte hatten -- an den Seiten des Zaunes aber -befanden sich die jungen, welche erst im laufenden Jahre eingesetzt -worden waren. Vor den Fluglöchern der Bienenstöcke flimmerten in den -Augen die kreisenden und sich auf einem Punkte zusammendrängenden -Bienen und Drohnen und unter ihnen, immer in der nämlichen Richtung -zum Wald hinüber nach einer blühenden Linde, und zu den Stöcken -zurück flogen die Arbeitsbienen mit ihrer Ladung oder nach derselben. -Man hatte nur das unausgesetzte wechselnde Summen der in Thätigkeit -begriffenen, eilig dahinfliegenden Arbeitsbiene, oder der blasenden, -müßigen Drohne im Ohr, oder das von Erschreckten, die ihre Beute vor -einem Feinde in Sicherheit brachten und im Begriff waren, nun bei -den Wachen des Stockes Beschwerde zu führen. Jenseits der Umzäunung -hobelte ein alter Mann, der Lewin nicht bemerkt. Dieser blieb in der -Mitte des Bienengartens stehen, ohne jenen anzurufen. Er freute sich -über die Gelegenheit, wieder allein zu sein, sich von der Wirklichkeit -wieder erholen zu können, welche ihm bereits seine Stimmung wieder -herabgemindert hatte. - -Er erinnerte sich, daß er schon auf Iwan ungehalten gewesen war, seinem -Bruder Kälte gezeigt und mit Katawasoff oberflächlich zu sprechen -angefangen hatte. - -»Sollte das doch nur eine zeitweilige Stimmung gewesen sein, welche -vorübergeht, ohne eine Spur zu hinterlassen?« dachte er. - -Doch im nämlichen Augenblick, indem er sich seiner Stimmung zuwandte, -empfand er voll Freude, daß etwas Neues und Bedeutsames in ihm vorging. -Die Wirklichkeit hatte nur für einige Zeit jene seelische Ruhe -überdeckt, die er gefunden hatte, diese aber war noch unversehrt in ihm. - -Gleichwie die Bienen, welche ihn jetzt umschwirrten, ihm drohten und -ihn weglockten, ihn seiner vollen physischen Ruhe beraubten, ihn -zwangen, sich zu krümmen und ihnen auszuweichen, so hatten ihn die -Sorgen, seit dem Augenblick an ihn herangetreten, da er sich in den -Wagen gesetzt hatte, seiner geistigen Freiheit beraubt; aber dies -währte nur so lange, bis er mitten unter ihnen war. - -Wie seine körperliche Kraft unversehrt in ihm lebte, so war auch die -Kraft seines Geistes, deren er sich aufs neue bewußt geworden war, noch -unversehrt in ihm. - - - 15. - -»Weißt du, Konstantin, mit wem Sergey Iwanowitsch hierher gefahren -ist?« frug Dolly, unter ihre Kinder Gurken und Honig verteilend, »mit -Wronskiy! Er geht nach Serbien!« - -»Und nicht etwa nur allein; er führt eine Eskadron auf seine eigenen -Kosten mit!« sagte Katawasoff. - -»Das sieht ihm ähnlich,« sagte Lewin. »Ziehen denn noch immer -Freiwillige hinaus?« fügte er mit einem Blick auf Sergey Iwanowitsch -hinzu. - -Dieser nahm, ohne zu antworten, behutsam aus der Tasse, auf welcher -eine weiße Honigscheibe lag, mit dem Taschenmesser eine noch lebende, -in dem flüssigen Honig klebende Biene heraus. - -»Und wie viel! Ihr hättet sehen müssen, was gestern noch auf der -Station vorging!« sagte Katawasoff, vernehmlich in die Gurke beißend. - -»Wie soll ich das verstehen? Erklärt mir doch um Gottes willen Sergey -Iwanowitsch, wohin alle diese Freiwilligen fahren, und gegen wen sie -kämpfen?« frug der alte Fürst, ein Gespräch fortsetzend, das wohl in -Lewins Abwesenheit begonnen worden war. - -»Gegen die Türken,« antwortete Sergey Iwanowitsch mit ruhigem Lächeln, -die sich mit ihren Beinchen hilflos bewegende Biene befreiend, die von -dem Honig schwarz geworden war, und sie von dem Messer auf ein starkes -Espenblatt setzend. - -»Und wer hat den Türken den Krieg erklärt? Iwan Iwanitsch Ragozoff, die -Gräfin Lydia Iwanowna und Madame Stahl!« - -»Niemand hat den Krieg erklärt, die Leute fühlen nur Mitleid mit ihren -Nächsten und wollen ihnen helfen,« sagte Sergey Iwanowitsch. - -»Aber der Fürst spricht nicht von der Hilfe,« sagte Lewin, für seinen -Schwiegervater eintretend, »sondern von dem Kriege. Der Fürst sagt, daß -Privatleute keinen Teil an einem Kriege haben können, wenn nicht die -Regierung eine Entscheidung darüber gegeben hat.« - -»Konstantin, sieh, da ist eine Biene! Wahrhaftig sie werden uns noch -stechen!« sagte Dolly, eine Wespe abwehrend. - -»Das ist keine Biene, es ist eine Wespe,« sagte Lewin. - -»Nun also, wie steht es mit Eurer Theorie?« sagte Katawasoff lächelnd -zu Lewin, diesen offenbar zum Disput auffordernd. »Weshalb haben -Privatleute kein Recht?« - -»Meine Theorie ist die: Ein Krieg ist einerseits ein solches Ungeheuer, -etwas so Hartes, Furchtbares, daß kein Mensch -- ich sage noch -gar nicht Christ -- auf seine persönliche Verantwortung hin seine -Anstiftung übernehmen kann. Dies kann nur eine Regierung, welche dazu -berufen ist und zu einem unvermeidlichen Kriege gedrängt wird. Dann -aber verzichten ja auch sowohl nach der sachwissenschaftlichen Seite, -wie nach dem gesunden Menschenverstand die Bürger in Regierungssachen, -insbesondere in Kriegsfragen, auf ihren persönlichen Willen.« - -Sergey Iwanowitsch und Katawasoff ergriffen mit ihren schon -bereitgehaltenen Erwiderungen gleichzeitig das Wort. - -»Darin liegt aber ja eben der Schwerpunkt, daß es Fälle geben kann, in -denen die Regierung den Willen der Bürger nicht erfüllt; dann zeigt die -Gesellschaft den ihren,« sagte Katawasoff. - -Sergey Iwanowitsch stimmte indessen diesem Einwand augenscheinlich -nicht zu. Er zog die Stirn bei den Worten Katawasoffs und sagte etwas -Anderes. - -»Du stellst so die Frage unnütz auf. Es handelt sich hier nicht um -eine Kriegserklärung, sondern einfach um den Ausdruck des humanen -christlichen Gefühls. Man mordet unsere Stammesbrüder, die mit uns -des nämlichen Blutes und Glaubens sind. Nun, nehmen wir an, sie wären -selbst nicht unsere Mitbrüder, nicht unsere Glaubensgenossen, sondern -einfach Kinder, Weiber, Greise. Da empört sich doch das Gefühl, und -die Russen eilen zu Hilfe, um diese Schrecken zu verkürzen. Stelle -dir vor, du gingest auf der Straße und sähest, daß Trunkene ein Weib -schlügen oder ein Kind. Ich denke, da würdest du wohl nicht erst -fragen, ob hier jenen Menschen der Krieg erklärt worden sei oder nicht, -sondern darauf zueilen und den Beleidigten verteidigen.« - -»Aber den Gegner nicht töten,« sagte Lewin. - -»Doch, du würdest ihn töten.« - -»Ich weiß nicht. Wenn ich dergleichen sähe, würde ich mich meinem -unmittelbaren Gefühl hingeben, im voraus aber kann ich nichts sagen. -Ein solches unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der Südslaven -ist aber nicht vorhanden, kann es auch gar nicht sein.« - -»Doch wohl nur für dich nicht! Für die anderen ist es vorhanden,« sagte -Sergey Iwanowitsch mißvergnügt die Stirne runzelnd. »Im Volke sind -die Überlieferungen über Rechtgläubige lebendig, die unter dem Joch -der Gottlosigkeit litten. Das Volk hat von den Leiden der Mitbrüder -vernommen und gesprochen.« - -»Kann sein,« sagte Lewin nachgiebig, »aber ich sehe das nicht ein; ich -bin selbst Volk und fühle dies doch nicht.« - -»Ich auch nicht,« sagte der Fürst. »Ich habe im Auslande gelebt, die -Zeitungen gelesen und -- ich gestehe es -- selbst was die bulgarischen -Schrecken anbetrifft -- niemals recht begreifen können, weshalb -plötzlich alle Russen ihre slavischen Brüder so zu lieben anfingen, -während ich nicht die geringste Liebe für sie verspürte. Ich ärgerte -mich darüber sehr, dachte, ich sei ein Ungeheuer, oder Karlsbad hätte -auf mich so eingewirkt, aber nachdem ich hierher gekommen, war ich -beruhigt. Ich sehe, daß es auch außer mir noch Leute giebt, die nur für -Rußland Interesse haben, und nicht für die slavischen Brüder -- Leute, -wie Konstantin.« -- - -»Persönliche Meinungen bedeuten hier nichts,« sagte Sergey Iwanowitsch, -»es kommt nicht auf persönliche Meinungen an, wenn ganz Rußland -- das -Volk -- seinen Willen geäußert hat.« - -»Bitte recht sehr, aber das sehe ich nicht. Das Volk weiß was rechtes,« -sagte der Fürst. - -»O Papa, warum das? Kommst du Sonntag mit in die Kirche?« frug Dolly, -die dem Gespräch zuhörte. »Gieb mir doch das Handtuch,« wandte sie -sich zu dem alten Herrn, der lächelnd auf ihre Kinder blickte. »Es kann -doch nicht sein, daß alle« -- - -»Was willst du denn am Sonntag in der Kirche? Man hatte den Geistlichen -ersucht, eine Messe zu lesen. Er las sie. Die Leute aber haben nichts -verstanden, sie seufzten, wie bei jeder Beichte,« fuhr der Fürst fort. -»Dann sagte man ihnen, daß man für den heiligen Zweck in der Kirche -sammle. Nun, da holten sie denn ihre Kopeke hervor und gaben sie, wozu -aber, das haben sie nicht gewußt.« - -»Das Volk muß es wissen. Das Bewußtsein seines Geschickes lebt stets -in einem Volke, und in Minuten, wie es die jetzigen sind, wird ihm -dasselbe klar,« sagte Sergey Iwanowitsch voll Überzeugung, nach dem -alten Bienenzüchter schauend. - -Ein schöner Greis, mit schwarzem, graumeliertem Bart und dichtem, -silbernem Lockenhaar, stand dieser unbeweglich, eine Schale mit Honig -haltend, freundlich und ruhig da, aus seiner vollen Größe auf die -Herren herniederblickend, offenbar ohne Etwas zu verstehen, noch mit -dem Wunsche darnach. - -»So ist es,« sagte er, ausdrucksvoll den Kopf schüttelnd, zu den Worten -Sergey Iwanowitschs. - -»Ja, fragt ihn nur! Er weiß nichts und denkt nicht,« sagte Lewin. -»Du hörst wohl, Michailitsch, wir sprechen von dem Krieg?« wandte er -sich an diesen. »Ihr habt das ja in der Kirche gelesen. Wie denkst du -darüber? Müssen wir für die Christen kämpfen?« - -»Was haben wir dabei mit zu denken? Aleksander Nikolajewitsch der -Kaiser denkt für uns, er denkt für uns in allen Dingen. Ihm ist alles -klarer. Soll ich nicht noch ein Stück Brot holen?« wandte er sich an -Darja Aleksandrowna, auf Grischa weisend, der soeben mit seiner Rinde -fertig geworden war. - -»Ich brauche eigentlich gar nicht zu fragen,« sagte Sergey Iwanowitsch, -»wir haben hunderte und aber hunderte von Menschen gesehen und sehen -sie noch, die alles verlassen, um einer guten Sache zu dienen. Von -allen Enden Rußlands kommen sie herbei, und äußern offen und klar ihre -Gedanken und Absichten. Sie bringen ihr Erspartes mit oder kommen -selbst und sagen rückhaltlos, warum. Was bedeutet dies nun?« - -»Es bedeutet, nach meiner Meinung,« sagte Lewin, der warm zu werden -begann, »daß sich in einem Volke von achtzig Millionen immer nicht nur -Hunderte, wie jetzt, sondern Tausende von Menschen finden werden, die -ihre gesellschaftliche Stellung eingebüßt haben, von Müßiggängern, die -stets bereit sind, zur Bande Pugatscheffs, nach Khiwa oder nach Serbien -zu gehen.« - -»Ich sage dir aber, daß es nicht Hunderte und keine Müßiggänger, -sondern die besten Repräsentanten des Volkes sind,« sagte Sergey -Iwanowitsch mit einer Gereiztheit, als verteidige er seine eigene -Würde. »Und die Opfer? Hier drückt doch das ganze Volk seinen Willen -aus!« - -»Das Wort >Volk< ist so unbestimmt,« sagte Lewin. »Die -Bezirksschreiber, Lehrer, und von den Bauern je der Tausendste wissen -wohl, worum es sich handelt. Die Übrigen achtzig Millionen, drücken -nicht nur, wie Michailoff, ihren Willen gar nicht aus, nein, sie haben -nicht einmal auch nur den geringsten Begriff davon, worüber sie ihren -Willen äußern sollten. Welches Recht haben wir nun da, von einem -Volkswillen zu sprechen?« - - - 16. - -Sergey Iwanowitsch, in der Dialektik bewandert, leitete, ohne hierauf -etwas einzuwenden, das Gespräch sogleich auf ein anderes Gebiet. - -»Wenn du den Volksgeist auf arithmetischem Wege erkennen willst, dann -ist dies natürlich sehr schwer zu erreichen. Eine Abstimmung ist bei -uns nicht eingeführt, und kann auch nicht eingeführt werden, weil sie -den Willen des Volkes nicht ausdrückt; doch dafür giebt es andere -Wege. Das liegt in der Luft und wird im Herzen empfunden. Ich spreche -nicht mehr von jenen tieferen Strömungen, welche im stehenden Meere -des Volkes sich bewegen und für jeden nicht von Vorurteilen befangenen -Menschen klar sind. Man schaut nur die Gesellschaft im engsten Sinne -des Wortes an. Alle die verschiedenartigsten Teile in der Welt der -Intelligenz die sich vorher feindlich gegenüberstanden, fließen hier -in Eins zusammen. Jeder Unterschied hört auf, alle gesellschaftlichen -Organe sagen ein und dasselbe, alle empfinden eine elementare Kraft, -die sie ergriffen hat und nun in einer bestimmten Richtung trägt.« - -»Die Zeitungen sagen allerdings ein und dasselbe,« meinte der Fürst. -»Es ist damit ganz ebenso, wie bei den Fröschen vor einem Gewitter. Von -ihrem Geschrei hört man nichts weiter.« - -»Frösche hin, Frösche her; ich gebe keine Zeitungen heraus und will -sie auch nicht vertreten, sondern spreche nur von der Einmütigkeit im -Denken in der Welt der Intelligenz,« sagte Sergey Iwanowitsch, sich zu -seinem Bruder wendend. - -Lewin wollte antworten, doch der alte Fürst fiel ihm ins Wort. - -»Über diese Einmütigkeit läßt sich auch noch etwas Anderes sagen,« -begann er, »da habe ich einen Schwiegersohn, Stefan Arkadjewitsch, Ihr -kennt ihn ja. Er hat jetzt ein Amt als Mitglied einer Komiteekommission -und noch etwas, ich weiß nicht mehr genau. Aber er hat da gar nichts -zu thun -- nicht so Dolly, es ist ja kein Geheimnis! -- und bezieht -doch achttausend Rubel Gehalt. Probiert nun und fragt ihn einmal, ob -ihm dieses Amt etwas nützt; er wird Euch beweisen, daß es eines der -notwendigsten ist. So rechtschaffen er auch sein mag, an einen Nutzen -dieser achttausend Rubel wird er mich nicht glauben machen.« - -»Ja, er hat mich gebeten, Darja Aleksandrowna von der Erlangung des -Amtes Mitteilung zu machen,« sagte Sergey Iwanowitsch mißvergnügt, in -der Meinung, der Fürst spreche nicht zur Sache. - -»So ist es auch mit der Harmonie in der Presse. Man hat mir erklärt, -so bald es Krieg giebt, giebt es verdoppelte Einnahmen. Warum sollen -sie da nicht denken, daß die Geschicke des Volkes und der slavischen -Brüder« -- - -»Ich liebe viele Zeitungen nicht, doch ist das ungerecht,« sagte Sergey -Iwanowitsch. - -»Ich würde nur eine Bedingung stellen,« fuhr der Fürst fort. »Alphonse -Karr schrieb dies recht gut vor dem Kriege mit Preußen. >Ihr meint -doch, daß der Krieg notwendig ist! Schön! -- Einer erklärt ihn denn -auch, und in der Avantgarde geht es zum Sturm, zur Attacke, allen -voran!<« -- - -»Die Redakteure werden sich am besten dabei stehen!« lachte Katawasoff -laut, sich seine Bekannten unter den Redakteuren vorstellend, wie sie -in der Legion der Auserwählten ständen. - -»Nun, sie werden höchstens davonlaufen,« sagte Dolly, »sie können doch -nur hinderlich sein.« - -»Wenn sie fliehen, so muß man mit Kartätschen dahinterherfeuern oder -Kosaken mit Knuten hinstellen,« sagte der Fürst. - -»Das ist ein Scherz aber kein guter, nehmt es mir nicht übel, Fürst,« -sagte Sergey Iwanowitsch. - -»Ich sehe nicht ein, daß es sich hier um Scherz handelte, daß« -- -begann Lewin, doch Sergey Iwanowitsch unterbrach ihn. - -»Jedes Mitglied der Gesellschaft ist berufen, die ihm gehörige -Aufgabe zu vollführen,« sagte er. »Die Männer des Geistes erfüllen -ihre Aufgabe, indem sie die öffentliche Meinung wiederspiegeln. Der -einmütige und vollständige Ausdruck der öffentlichen Meinung ist der -Dienst der Presse, und er ist auch eine sehr erfreuliche Erscheinung. -Vor zwanzig Jahren hätten wir noch geschwiegen, jetzt aber wird -die Stimme des russischen Volkes gehört, welches bereit ist, sich -zu erheben, wie ein Mann, bereit, sich selbst zu opfern für die -unterdrückten Mitbrüder. Dies ist ein großer Fortschritt, ein Gewinn an -Kraft.« - -»Aber man will doch nicht nur opfern, sondern vielmehr den Türken -schlagen,« bemerkte Lewin schüchtern. »Das Volk opfert und ist bereit, -für seine Seele zu opfern, nicht aber für den Mord,« fügte er hinzu, -das Thema unwillkürlich mit den Gedanken verbindend, die ihn so sehr -beschäftigten. - -»Wie, für die Seele? Dies ist für den Naturforscher bekanntlich ein -sehr schwieriger Ausdruck. Was ist denn Seele?« lächelte Katawasoff. - -»O, Ihr wißt es schon!« - -»Bei Gott, ich habe nicht die geringste Ahnung davon!« antwortete -Katawasoff mit lautem Lachen. - --- »Ich bin nicht die Welt, aber ich habe ein Schwert gebracht, spricht -Christus« -- entgegnete Sergey Iwanowitsch, einfach, als handle es sich -um die leichtverständlichste Sache, und brachte damit jene Stelle aus -dem Evangelium bei, die Lewin stets vor allem in Verwirrung gesetzt -hatte. - -»So ist es,« wiederholte jetzt der Alte, der bei ihnen stand, indem er -auf einen zufällig auf ihn gerichteten Blick antwortete. - -»Ja, ja, Batjuschka, wir sind geschlagen, vollständig geschlagen!« rief -Katawasoff heiter. - -Lewin errötete vor Verdruß, nicht deshalb, weil er geschlagen sein -sollte, sondern weil er nicht mehr an sich halten konnte, und wollte in -den Wortstreit eintreten. - -»Doch nein,« dachte er dann, »ich mag nicht mit ihnen streiten, sie -tragen einen undurchdringlichen Panzer, während ich nackt bin.« - -Er sah, daß er seinen Bruder und Katawasoff nicht überzeugen könne, -und daß nun noch weniger eine Möglichkeit, mit ihnen seinerseits -übereinzukommen vorhanden sei. Das, was sie predigten, war aber jener -geistige Hochmut, der ihn beinahe vernichtet hätte. Er konnte sich -nicht damit einverstanden erklären, daß eine Handvoll Menschen, unter -ihnen sein Bruder, das Recht haben sollten, auf Grund dessen, was ihnen -die hunderte der durch die Hauptstädte reisenden Freiwilligen erzählt -hatten, zu sagen, sie und die Presse drückten die Meinung des Volkes -aus, und noch dazu eine Meinung, die in Vergeltung und Mord ihren -Ausdruck fand. - -Er konnte damit nicht übereinkommen, weil er gar keinen Ausdruck dieser -Gedanken in dem Volke, in dessen Mitte er lebte, bemerkt, dieselben -auch in sich selbst nicht gefunden hatte, und er konnte sich nicht für -etwas Anderes halten, als für einen von jenen Menschen, aus denen das -russische Volk besteht, hauptsächlich aber konnte er deshalb nicht -zustimmen, weil er gleich dem Volke, weder wußte noch erfahren konnte, -worin das allgemeine Wohl bestehe, während er genau wußte, daß die -Erreichung dieses allgemeinen Wohles nur bei strenger Erfüllung jenes -Gesetzes des Guten möglich sei, das jedem Menschen geoffenbart ist -und er schon deshalb einen Krieg nicht wünschen, oder für allgemeine -Zwecke irgend welcher Art eintreten könne. Er sprach im Einklang mit -Michailowitsch und dem Volke, das seine Meinungen in der Überlieferung -von der Herbeirufung der Warjäger ausdrückte: - -»Herrscht über uns, wir versprechen Euch freudig volle Ergebenheit. -Alle Arbeit, alle Erniedrigung, alle Opfer nehmen wir auf uns, und wir -wollen nicht selber richten und schlichten.« - -Jetzt aber hatte nach den Worten des Sergey Iwanowitsch das Volk auf -dieses so teuer erkaufte Recht verzichtet. - -Er wollte noch sagen, daß wenn die öffentliche Meinung ein unfehlbarer -Richter wäre, die Revolution und die Kommune doch ebenso gesetzmäßig -sein müßte, wie diese Bewegung zu Gunsten der Slaven. - -Dies alles aber waren nur Gedanken, die nichts entscheiden konnten. -Eines allein war unzweifelhaft zu sehr erkennbar: der Streit hatte -Sergey Iwanowitsch jetzt gereizt, und es war deswegen nicht gut mit -demselben zu disputieren. Lewin schwieg daher, und widmete seine -Aufmerksamkeit nun den Gästen, da Wolken heraufgezogen kamen und man -wohl daran that, nach Hause zu gehen, bevor es zu regnen begann. - - - 17. - -Der Fürst und Sergey Iwanowitsch setzten sich in den Wagen und fuhren; -die übrige Gesellschaft ging langsam zu Fuß nach Haus. - -Die Wolke kam indessen, bald weiß, bald schwarz, so schnell herauf, daß -man den Schritt verdoppeln mußte, um noch vor dem Regen heim zu sein. - -Die vorauseilenden Wolken, niedrighängend und dunkel, wie Rauch mit -Ruß, kamen mit ungewöhnlicher Schnelligkeit am Himmel herauf. Bis nach -dem Hause waren noch zweihundert Schritt und schon erhob sich der Wind. -Jede Sekunde mußte man den Regen erwarten. - -Die Kinder eilten mit erschrecktem und lustigem Geschrei voraus. Darja -Aleksandrowna, die mühsam mit ihren Röcken kämpfte, welche sich um ihre -Beine schlugen, ging schon nicht mehr, sondern lief, die Kinder nicht -aus den Augen lassend. Die Männer gingen, ihre Hüte haltend, mit großen -Schritten dahin, und waren gerade vor der Freitreppe, als ein großer -Tropfen fiel und auf dem Rand der eisernen Rinne aufschlug. Die Kinder -und hinter ihnen die Erwachsenen eilten in lustigem Gespräch unter das -schützende Dach. - -»Wo ist Katharina Aleksandrowna?« frug Lewin die ihnen im Vorzimmer -begegnende Michailowna, welche die Tücher und Plaids trug. - -»Wir dachten, sie käme mit Euch,« sagte sie. - -»Und Mitja?« - -»Ist wohl im Wäldchen, die Kinderfrau wird bei ihm sein.« - -Lewin ergriff sein Plaid und eilte nach dem Wäldchen. - -Während der kurzen Zwischenzeit hatte sich die Wolke schon so weit -heraufbewegt, daß sie mit ihrem Mittelpunkt die Sonne deckte, und es so -dunkel geworden war wie bei einer Sonnenfinsternis. - -Der Wind blies hartnäckig, als bestehe er auf seinem Rechte, und -erschwerte Lewin das Gehen; er riß Blätter und Blüten von den Linden -ab und beugte ungeschlacht die weißen Äste der Birken nach einer Seite -nieder, die Akazien, die Blumen, das Gras und die Wipfel der Bäume. -Mägde, die im Garten gearbeitet hatten, liefen mit Geschrei unter das -Dach des Gesindehauses. Der weiße Schleier des strömenden Regens hatte -schon den ganzen, fernen Wald bedeckt und die Hälfte des Feldes, und -bewegte sich schnell auf das Wäldchen zu. Die Feuchtigkeit des Regens, -der in feine Tröpfchen zersprühte, war in der Luft zu spüren. - -Den Kopf nach vorn niedergebeugt und mit dem Winde kämpfend, der ihm -das Tuch entriß, war Lewin schon an das Wäldchen gelangt; schon hatte -er etwas Weißes hinter einer Eiche erblickt, als plötzlich alles in -Flammen stand, die ganze Erde aufloderte und gerade über Lewins Kopfe -das Himmelsgewölbe krachend erbebte. Die geblendeten Augen öffnend, -erblickte Lewin durch den dichten Schleier des Regens, der ihn jetzt -vom Wäldchen trennte, zunächst den grünen Wipfel der ihm bekannten -Eiche inmitten des Waldes, welcher in sonderbarer Weise seine Stellung -verändert hatte. - -»Sollte sie zersplittert sein?« -- Lewin hatte dies noch kaum gedacht, -als plötzlich der Wipfel der Eiche mehr und mehr die Bewegung -beschleunigend, hinter den anderen Bäumen verschwand. Er vernahm das -Krachen der auf die umgebenden Bäume stürzenden, großen Eiche. - -Das Licht des Blitzes, das Hallen des Donners und die Empfindung von -einem ihn plötzlich mit Kälte umgebenden Körper flossen für Lewin in -einem einzigen Eindruck des Schreckens zusammen. - -»Mein Gott! Mein Gott! Wenn es nur sie nicht getroffen hat!« brachte er -hervor. Obwohl er sich sogleich sagte, wie sinnlos die Bitte von ihm -war, sie möchten von der Eiche nicht getroffen worden sein, die nun -doch schon gestürzt lag, wiederholte er dieselbe nochmals, da er nichts -Besseres als so gedankenlos zu beten, zu thun wußte. - -An dem Platze, wo sie sich gewöhnlich aufhielten, fand er sie nicht. -Sie waren am anderen Rande des Waldes unter einer alten Linde und -riefen ihn. Zwei Gestalten in dunkeln Kleidern -- sie waren vorher -hell gewesen -- standen dort, über etwas gebeugt. Es war Kity und die -Kinderfrau. Der Regen hatte bereits aufgehört, und es begann wieder -hell zu werden, als Lewin sie erreichte. Die Kinderfrau hatte die -Unterkleider noch trocken, Kitys Kleid aber war durch und durch naß und -klebte. Obwohl kein Regen mehr fiel, verharrten sie noch immer in der -Stellung, die sie eingenommen hatten, als das Gewitter losbrach. Beide -standen mit einem grünen Sonnenschirme über den kleinen Wagen gebeugt. - -»Lebt Ihr? Seid Ihr unversehrt? Gott sei gedankt!« sprach er, mit dem -wassergefüllten Stiefel in das Wasser tretend, welches sich noch nicht -verlaufen hatte. - -Das gerötete, feuchte Gesicht Kitys war ihm zugewandt und lächelte -sanft unter dem Hute hervor, der seine Façon verloren hatte. - -»Du müßtest dir aber Vorwürfe machen! Ich begreife nicht, wie man so -unvorsichtig sein kann!« sagte er ärgerlich zu seinem Weibe. - -»Ich bin bei Gott nicht schuld. Wir wollten gerade fort, da ging es -los. Wir mußten das Kind anders legen und waren kaum« -- entschuldigte -sich Kity. - -Mitja war unversehrt, trocken und schlief ruhig fort. - -»Gott sei gedankt! Ich weiß nicht, was ich sagen soll.« - -Sie nahmen die nassen Windeln, die Kinderfrau wickelte das Kind aus -und trug es. Lewin ging neben seiner Frau; er machte sich Vorwürfe -wegen seiner Heftigkeit und drückte ihr, nur verstohlen, wegen der -Kinderfrau, die Hand. - - 18. - -Während des ganzen Tages empfand Lewin in den verschiedensten -Gesprächen, an denen er gleichsam nur mit der Außenseite seines -Verstandes teilnahm, mit Freude, wie voll sein Herz war. - -Nach dem Regen war es zu naß zum Spazierengehen geworden; dazu kam, daß -auch die Gewitterwolken nicht vom Horizonte wichen, sondern donnernd -und dunkel am Rande des Himmels bald hierhin bald dorthin zogen. Die -ganze Gesellschaft verbrachte daher den Rest des Tages im Hause. - -Debatten gab es nicht mehr, im Gegenteil befand sich alles nach dem -Mittagessen bei bester Laune. - -Katawasoff unterhielt die Damen anfangs mit seinen originellen Späßen, -die stets so gut gefielen, sobald man mit ihm bekannt wurde, sprach -aber dann, von Sergey Iwanowitsch aufgefordert, über seine sehr -interessanten Beobachtungen des Unterschieds in den Charakteren und -selbst Physiognomien der männlichen und weiblichen Mücken, sowie von -deren Leben. - -Sergey Iwanowitsch war gleichfalls gut aufgelegt und entwickelte, vom -Bruder veranlaßt, beim Thee seine Ansicht über die Zukunft der Frage -bezüglich des Ostens, so einfach und so gut, daß ihm alles lauschte. - -Nur Kity konnte ihn nicht zu Ende hören; man rief sie zu Mitja, der -gewaschen werden sollte. - -Wenige Minuten, nachdem Kity verschwunden war, wurde Lewin zu ihr in -die Kinderstube gebeten. Seinen Thee stehen lassend, ging er, die -Unterbrechung des interessanten Gesprächs bedauernd, zugleich aber -auch besorgt über den Grund weshalb man ihn rufe -- er wurde nur bei -wichtigen Dingen gerufen -- in die Kinderstube. - -Obwohl ihn der nicht zu Ende gehörte Plan Sergey Iwanowitschs, wie -die befreite Welt der vierzig Millionen Slaven mit Rußland zusammen -eine neue historische Epoche herbeiführen müsse, ein Plan, der für -ihn als etwas völlig Neues sehr interessant war -- obwohl ihn daher -die Neugier, zugleich aber auch die Besorgnis, weshalb man ihn rufe, -quälten -- so fielen ihm doch, sobald er allein war und den Salon -hinter sich hatte, seine Gedanken vom Morgen wieder ein, und alle -die Betrachtungen über die Bedeutung des slawischen Elements in der -Weltgeschichte erschienen ihm nun so nichtig im Vergleich zu dem, was -in seiner Seele geschah, daß er augenblicklich alles dies vergaß und -sich wieder in die Stimmung versetzte, in der er heute Morgen gewesen. - -Er rief sich jetzt nicht mehr wie früher erst seinen ganzen -Gedankengang ins Gedächtnis zurück -- das brauchte er nicht mehr -- -sondern versetzte sich sofort in das Gefühl, welches ihn beherrschte, -und mit jenen Gedanken in Verbindung stand, und fand dasselbe in seiner -Seele noch weit stärker und bestimmter geworden, als früher. Es ging -ihm jetzt nicht mehr so, wie bei seinen früheren künstlich ersonnenen -Beruhigungsversuchen, bei denen er seinen gesamten Gedankengang wieder -zusammenstellen mußte, um ein Gefühl zu finden. Jetzt war im Gegenteil -die Empfindung der Freude und Ruhe lebendiger als vorher und sein -Denken reifte gar nicht vor seinem Fühlen. - -Er schritt über die Terrasse und schaute nach zwei Sternen, die an -dem schon dunkelnden Himmel hervortraten, und plötzlich fiel ihm ein, -»ja, zum Himmel emporblickend, habe ich gegrübelt, daß das Gewölbe da -oben, welches ich sehe, nicht wirklich sei, dabei aber ein Etwas nicht -mitbedacht, was ich vor mir selbst verbarg! Nun, was dort oben auch -sein mag, einen Einwand kann es nicht geben. Man muß das wohl bedenken --- und alles klärt sich dann auf.« - -Schon bei seinem Eintritt in die Kinderstube fiel es ihm bei, was er -sich selbst verhehlt hatte. Es war dies: »Wenn der höchste Beweis der -Gottheit in deren Offenbarung, im Wesen des Guten beruhte, weshalb -beschränkte sich dann diese nur auf die christliche Kirche? In was für -Beziehungen zu dieser Offenbarung standen nun die Glaubensbekenntnisse -der Buddhisten, der Mohammedaner, die doch auch an das Gute glaubten -und es thaten?« - -Ihm schien, daß es eine Antwort auf diese Frage für ihn gab, doch hatte -er sich diese noch nicht gegeben, da trat er schon in die Kinderstube -ein. - -Kity stand mit aufgestreiften Ärmeln an der Wanne über das -plätschernde Kind gebeugt und wandte, als sie die Schritte des Gatten -hörte, diesem ihr Gesicht zu. Sie rief ihn lächelnd zu sich. Mit der -einen Hand hielt sie den wohlgenährten Kleinen, der auf dem Rücken -schwamm, unter dem Köpfchen, mit der andern drückte sie ein Schwämmchen -über ihm aus. - -»Ach, sieh nur sieh,« sagte sie, als ihr Mann herzutrat. »Agathe -Michailowna hat Recht. Es erkennt uns schon.« - -Es hatte sich also darum gehandelt, daß Mitja seit dem heutigen Tage -augenscheinlich schon alle die Seinen erkannte. - -Kaum war Lewin an die Wanne getreten, so wurde vor ihm der Versuch -angestellt, und er gelang vollständig. Die Köchin, die eigens dazu -herbeigerufen worden war, beugte sich über das Kind. Das Kind machte -ein mürrisches Gesicht und bewegte ablehnend das Köpfchen. Nun beugte -sich Kity darüber, da erglänzte es von einem Lächeln, stemmte sich -mit den Ärmchen gegen den Schwamm und stieß einen so behaglichen und -eigentümlichen Laut aus, daß nicht nur Kity und die Kinderfrau, sondern -auch Lewin in ungeahntes Entzücken gerieten. Man nahm das Kind auf -einem Arme aus der Wanne, spülte es mit Wasser ab, wickelte es in ein -Tuch und gab es, nachdem nochmals ein durchdringender Schrei ertönt -war, der Mutter. - -»Ich freue mich nur, daß du anfängst, es lieb zu gewinnen,« sagte Kity -zu ihrem Gatten, nachdem sie sich, das Kind am Busen, ruhig auf ihren -gewohnten Platz gesetzt hatte. »Ich freue mich sehr darüber. Es hatte -mich auch schon recht erbittert. Du sagtest doch, daß du gar nichts für -den Kleinen fühltest.« - -»Nun, habe ich etwa gesagt, ich fühlte nichts für ihn? Ich habe nur -gesagt, daß ich von ihm enttäuscht worden wäre.« - -»Wie; von dem Kinde enttäuscht?« - -»Nicht von ihm enttäuscht, wohl aber von meinem Gefühl. Ich hatte mehr -erwartet. Ich hatte erwartet, daß sich, gleich einer Überraschung, in -mir ein ganz neues und angenehmes Gefühl regen würde. Und plötzlich, -anstatt dessen, fühlte ich nur Widerwillen und Mitleid« -- - -Sie hörte ihm aufmerksam zu, während sie ihre Ringe wieder auf die -feinen Finger steckte, die sie vorher abgestreift hatte, um das Kind zu -baden. - -»Die Hauptsache dabei war doch, daß es bei weitem mehr Schrecken und -Schmerz gegeben hat, als Freude. Heute, nach dem Schrecken während des -Gewitters habe ich erkannt, wie ich das Kind liebe.« - -Kity erstrahlte von einem Lächeln. - -»Du warst wohl sehr in Schrecken?« frug sie. »Ich war es auch, doch ist -mir es jetzt noch viel ängstlicher zu Mut, nachdem es vorbei ist. Ich -werde mir die Eiche besehen. O wie lieb doch Mitja ist! Das Kind ist -überhaupt den ganzen Tag so reizend gewesen, doch du bist wohl so gut, -dich mit Sergey Iwanowitsch zu beschäftigen -- wenn du willst -- geh' -doch jetzt zu ihm. Es ist so wie so hier bei der Wanne stets sehr heiß -und dunstig.« - - - 19. - -Nachdem Lewin die Kinderstube verlassen hatte und allein war, fiel ihm -sogleich jener Gedanke wieder ein, in dem ihm etwas unklar geblieben -war. - -Anstatt in den Salon zu gehen, aus welchem Stimmen vernehmbar waren, -blieb er auf der Terrasse stehen und schaute, auf das Geländer -gestützt, zum Himmel hinauf. - -Es war schon völlig dunkel geworden, doch im Süden, wohin er blickte, -waren keine Wolken sichtbar. Diese standen auf der entgegengesetzten -Seite und von dorther zuckten Blitze und war ferner Donner vernehmbar. -Lewin lauschte den taktmäßig von den Linden des Gartens fallenden -Regentropfen und blickte zu dem ihm so wohlbekannten Sternendreieck auf -und der mitten hindurchgehenden Milchstraße mit ihrem Schimmer. Bei -jedem Aufleuchten des Blitzes verschwanden nicht nur die Milchstraße, -sondern auch die hellen Sterne, kaum aber war der Funke erloschen, so -zeigten sie sich wieder wie von einer Hand geworfen, an ihren alten -Stellen. - -»Nun, was beunruhigt mich denn?« sagte Lewin zu sich, schon vorher -empfindend, daß die Lösung seiner Zweifel, obwohl er dieselbe noch -nicht kannte, bereits fertig in seiner Seele liege. »Ja, Eines ist -die offenkundige, unzweifelhafte Offenbarung der Gottheit; das sind -die Gesetze des Guten, die der Welt als Offenbarung kund gethan sind, -die ich in mir fühle und zu deren Erkenntnis ich -- mag ich wollen -oder nicht -- mit den anderen Menschen vereinigt bin zu einer einzigen -Gesellschaft von Gläubigen die man Kirche nennt. Auch die Hebräer, -Chinesen, Buddhisten -- was sind sie?« legte er sich jene Frage vor, -die ihm so gefährlich erschienen war. »Sollten diese Hunderte von -Millionen Menschen jenes höchsten Gutes beraubt sein, ohne welches -das Dasein keinen Sinn hat?« Er wurde nachdenklich, raffte sich aber -sogleich wieder auf, »wonach frage ich denn? Ich frage nach den -Beziehungen aller der verschiedenen Glaubensrichtungen der ganzen -Menschheit zur Gottheit. Ich frage nach der allgemeinen Offenbarung -Gottes für die ganze Welt mit all diesen Nebelflecken dort oben. Was -aber thue ich? Mir persönlich, meinem Herzen ist jene Erkenntnis -unzweifelhaft geoffenbart, die unerreichbar bleibt für den Verstand, -während ich sie hartnäckig durch meinen Verstand und mein Wort -ausdrücken will. Weiß ich denn nicht, daß die Sterne nicht wandelten?« -frug er sich, nach einem hellleuchtenden Planeten aufschauend, der -bereits seine Stellung zu dem obersten Ast einer Birke verändert hatte. -»Dennoch aber kann ich mir, auf die Bewegung der Sterne blickend, nicht -auch vorstellen, daß die Erde sich bewegt, und ich habe doch recht mit -der Behauptung, daß die Sterne wandeln. Hätten denn die Astronomen -etwas erkennen und berechnen können, wenn sie alle die verwickelten -verschiedenartigen Bewegungen der Erde mit ins Auge gefaßt hätten? Alle -ihre wunderbaren Schlüsse über den Abstand, das Gewicht, die Bewegungen -und Veränderungen der Himmelskörper sind nur auf der wahrnehmbaren -Bewegung der Gestirne rings um die unbewegliche Erde begründet, auf -der nämlichen Bewegung, die jetzt vor mir liegt und so gewesen ist für -Millionen von Menschen im Lauf von Jahrhunderten und stets sich gleich -bleiben wird, auch stets kontrolliert werden kann. Ebenso nun, wie die -Schlüsse der Astronomen müßig gewesen sein würden, wären sie nicht auf -den Beobachtungen des sichtbaren Himmels mit einem Meridian und einem -Horizont begründet, ebenso würden auch meine Schlüsse müßig sein, -wären sie nicht auf dem Begriff des Guten begründet, das für alle -stets vorhanden war und unangetastet bleiben wird, und, mir durch das -Christentum geoffenbart, in meiner Seele stets beglaubigt werden kann. -Die Fragen nach anderen Glaubensrichtungen und deren Beziehungen zur -Gottheit habe ich weder das Recht noch das Vermögen, zu entscheiden.« - -»Bist du nicht heimgegangen?« erklang plötzlich die Stimme Kitys, die -auf demselben Wege nach dem Salon ging. »Was sagst du, bist du nicht -bei Laune?« sprach sie, ihm aufmerksam beim Scheine der Sterne ins -Gesicht blickend. Sie würde dieses aber nicht genau erkannt haben, wenn -ihn nicht abermals ein Blitz, der die Sterne verdunkelte, beleuchtet -hätte. Bei dem Schein desselben gewahrte sie sein Antlitz und lächelte, -nachdem sie bemerkt hatte, daß es ruhig und froh erschien. - -»Sie versteht,« dachte er, »sie weiß woran ich denke. Soll ich es ihr -sagen oder nicht? Ja, ich sage es ihr.« - -Doch gerade im Augenblick, als er zu sprechen beginnen wollte, ergriff -auch sie das Wort. - -»Mein Konstantin, thu' mir doch den Gefallen,« sagte sie, »und gehe -nach dem Eckzimmer, um nachzusehen, ob für Sergey Iwanowitsch alles in -Ordnung gebracht ist. Für mich ist das nicht recht schicklich. Hat man -ein neues Waschbecken hineingestellt?« - -»Gut, ich werde sofort gehen,« sagte Lewin, indem er aufstand und sie -küßte. »Nein, ich brauche nicht zu reden,« dachte er, während sie ihm -voranschritt. »Dies ist ein Geheimnis, das nur für mich war, wichtig -und nicht in Worten auszudrücken. Dieses neue Gefühl hat mich nicht -verraten, nicht des Glückes beraubt, mich nicht plötzlich erleuchtet, -wie ich geträumt hatte -- ebensowenig wie die Empfindung für meinen -Sohn. Es war auch keine Überraschung dabei. Ist dies nun der Glaube, -oder ist er es nicht, ich weiß nicht, was es ist, aber es ist mir -unmerklich in meinen Leiden gekommen und hat sich in meiner Seele fest -eingenistet. Ich werde noch immer so auf meinen Kutscher Iwan zornig -werden, werde noch so weiter disputieren, meine Gedanken rückhaltlos -aussprechen, es wird die heilige Mauer bestehen bleiben zwischen meiner -Seele und den anderen, selbst meinem Weibe, ich werde dieses auch -tadeln wegen seiner Furcht, und Reue darüber empfinden und werde nicht -mit dem Verstande begreifen, warum ich bete; aber ich werde beten und -mein Leben, mein ganzes Leben soll jetzt von allem unabhängig sein, -was sich mit mir ereignen kann; keine Minute desselben soll mehr -gedankenlos bleiben -- wie früher -- sondern die nicht anzuzweifelnde -Idee des Guten in sich tragen, die ich die Macht besitze, ihr -einzupflanzen.« - - _Ende_. - - * * * * * - - - - -Anmerkungen zur Transkription: - -Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise -und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten. - -Die unterschiedlichen Schreibweisen der Vor- und Zunamen wurden -beibehalten, außer es handelt sich um offensichtliche Druckfehler. - -In der Fußnote [C] wurde der Punkt über dem Buchstaben z in [.z] in den -Worten [.z]yda und do[.z]idalsja geändert. - -Gesperrter Text wurde mit Unterstrich markiert (_Text_). Text in Antiqua -wurde mit Gleichheitszeichen markiert (=text=). - -Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem -Originaltext vorgenommenen Korrekturen. - - S. 10: aller Gebräuche beharrte -> beharrten - S. 11: mit seiner, auf der -> dem - S. 16: versetzte Lewin und befahl Kuzma -> Kusma - S. 17: Fonds des Ikonastas -> Ikonostas - S. 28: sie so verweint -> verweint aus - S. 30: deswegen wird der Mensch -> »deswegen - S. 30: »Jesu freue dich« ausführte -> ausführten - S. 35: einem zärtlichen langem -> langen - S. 38: das Böse, daß -> das sie - S. 40: klammerte er sich an jeder -> jede - S. 50: um es zu berechnen -> brechen - S. 51: aber seine Lippen fibrierten -> vibrierten - S. 52: haben, was sie sah -> sahen - S. 53: noch nicht angeschlagenes. -> angeschlagenes.« - S. 53: die Einheit des Eindrucks. -> Eindrucks.« - S. 55: Standpunkte der Ueberzeugung -> Überzeugung - S. 67: Du hast da ein -> »Du - S. 67: sonst werde ich in -> »sonst - S. 69: sie beide in beständigen -> beständigem - S. 77: Gatten blickend, welchen -> welchem - S. 101: Ich thue das nicht von mir aus -> aus. - S. 102: Zeit in Petersburg verbereitet -> verbreitet - S. 110: welch ein herrlicher Tag ist -> »welch - S. 121: Sergey schaute mit erschreckten -> erschrecktem - S. 124: Sagt mirs doch, -> doch,« - S. 127: er diese wenige -> wenigen - S. 136: seine Mutter versetzten -> versetzte - S. 136: was der Mutter sogar -> so gar - S. 144: seiner Worte gar nicht zu verstehen -> verstehen. - S. 156: hübscher Zeitvertreib ist. -> ist.« - S. 160: aber er konnte -> könnte - S. 169: »Ich werde jetzt -> Ich - S. 185: daß er in meinem -> »daß - S. 186: in der Luft drehend, Krack -> Krak - S. 192: bei der Ankunft witterte Krack -> Krak - S. 192: in welches Krack -> Krak - S. 193: Eine Bekasse machte sich -> Bekassine - S. 197: Wjeslowskij, der wolgemut -> wohlgemut - S. 205: nur aus Prinzip nicht? -> nicht?« - S. 208: ihm mit schnellen, leichten -> schnellem, leichtem - S. 211: nicht erfahren, wo sie sind. -> sind.« - S. 211: stell', mein Laska, stell'! -> stell, mein Laska, stell! - S. 213: Maria Wlasjewna -> Marja - S. 225: sehr recht die Lewin hatte -> hatten - S. 227: an der Krippe -> in der Krippe - S. 228: mich ereifernd, schaltend -> scheltend - S. 230: Sensendängelns -> Sensendengelns - S. 237: in nichts verändert worden, -> worden. - S. 241: Die Ani? -> Any - S. 242: yes, mylady! -> »yes - S. 244: Il est très-gentil -> très gentil - S. 245: au breakfeast -> breakfast - S. 245: Lown tennis -> Lawn tennis - S. 255: Gerade als ob sie -> »Gerade - S. 259: die Plinte -> Plinthe - S. 269: Ich sehe nur -> »Ich - S. 275: wenn er zurückkehren -> wann er zurückkehren - S. 281: wie im kleinen Sale -> Saale - S. 287: welches ihr liebes Enkelchen -> welche - S. 289: neben ihm saß -> der neben ihm saß - S. 293: sagte Swijashskiy -> Swijashskiy. - S. 304: Unterhaltungen mit der Fürstin Barbara -> Barbara, - S. 310: in einer Weise, das -> daß - S. 313: doch nicht darüber, das -> daß - S. 314: frug Lewin.« -> Lewin. - S. 315: und für den Wagen Katarina -> Katharina - S. 320: nach dem Metroff -> nachdem - S. 321: Verse des Dichters Mcnt -> Ment - S. 324: mit den Knaben -> »mit - S. 329: plötzlichen Tode der Arpaksin -> Apraksina - S. 331: verursachte, die Galoschen -> Kaloschen - S. 336: etwas Witziges zu sagen.« -> sagen. - S. 338: Solltet Ihr? -> Ihr! - S. 338: Lewin spielst du?« -> du? - S. 345: Graf Aleksey Kyrillowitsch -> Kyrillowitsch« - S. 349: warum sie ihn gebeten -> worum - S. 350: waren endgiltig entschieden -> endgültig - S. 364: Arzt, welche eine -> welcher - S. 366: Antlitz Kitys mit den -> dem - S. 371: sagte Lisebetha Petrowna -> Lisabetha - S. 372: welche er nun eine Attake -> Attacke - S. 373: las Aleksey Alesandrowitsch -> Aleksandrowitsch - S. 375: Die moskauer -> Moskauer - S. 382: das sind die Passagiere; -> Passagiere. - S. 382: voll Wemut -> Wehmut - S. 382: schlug, purporrot werdend -> purpurrot - S. 387: zu der Gräfin Lydia Iwanowna. -> Iwanowna.« - S. 388: zu ihrem Sohne gemacht hat. -> hat.« - S. 389: hat er die Stimme gehört, -> gehört,« - S. 390: warum es sich handelte -> worum - S. 402: Aber wenn -> wann - S. 402: Wenn wir reisen -> Wann - S. 404: ohne seine finstere -> finster - S. 404: daß er schlimmer -> »daß - S. 405: ich nicht gestorben? -> gestorben?« - S. 405: sie mußte sterben«. -> sterben.« - S. 406: auf welcher -> welchen - S. 406: gerade sein Beafsteak -> Beefsteak - S. 407: versprach er einen entgültigen -> endgültigen - S. 407: dachte sie dabe -> dabei - S. 410: Wenn reist Ihr -> Wann - S. 415: in lilafarbigen Hut -> im - S. 418: frisiert, aber wenn -> wann - S. 418: nicht erinnern, wenn -> wann - S. 418: Wie konnte er nur -> »Wie - S. 426: Das ist Gerechtigkeit! -> Gerechtigkeit!« - S. 427: auf der Strecke Nishnegorod -> Nishegorod - S. 428: mit selbst -> mit sich selbst - S. 429: aber nun unaufenthaltsam -> unaufhaltsam - S. 430: Stationsgebäude der Nishnegoroder -> Nishegoroder - S. 432: anders, als solche klägliche -> kläglichen - S. 439: folgte ein tötliches -> tödliches - S. 440: Speechs -> Speeches - S. 447: gegen wenn -> wen - S. 447: als vorzügliche Bursche -> Burschen - S. 449: unter dem Eisenbahnzug -> den - S. 455: Man muß es hübsch -> »Man - S. 455: Es weiß es ja -> Er - S. 460: solchen neuen zu vertauscht -> solchen neuen vertauscht - S. 465: aufzugeben, ebenso -> ebensowenig - S. 470: 13. -> 12. - S. 471: daß es ihn ganz -> ihm - S. 473: fordert, das man alle -> daß - S. 476: Was ist der Erlöser?« -> Erlöser? - S. 476: sich schauend -> scheuend - S. 477: Wagen mit den -> dem - S. 483: darüber gegeben hat. -> hat.« - S. 483: warum es sich handelt -> worum - S. 495: unter dem Köpfchen -> Köpfchen, - S. 496: so wohlkannten Sternendreieck -> wohlbekannten - - - - - -End of Project Gutenberg's Anna Karenina, 2. Band, by Leo N. Tolstoi - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANNA KARENINA, 2. BAND *** - -***** This file should be named 44957-8.txt or 44957-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/4/9/5/44957/ - -Produced by Norbert H. Langkau, Jens Nordmann and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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