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diff --git a/44957-0.txt b/44957-0.txt new file mode 100644 index 0000000..f7cbf62 --- /dev/null +++ b/44957-0.txt @@ -0,0 +1,20618 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44957 *** + + Anna Karenina. + + + Roman aus dem Russischen + + des + + Grafen Leo N. Tolstoi. + + + + Nach der siebenten Auflage übersetzt + + von + + Hans Moser. + + + Zweiter Band. + + + + Leipzig + + Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. + + * * * * * + + + + + Fünfter Teil. + + 1. + + +Die Fürstin Schtscherbazkaja fand, daß es unmöglich sei, die Hochzeit +vor den Fasten, bis zu denen noch fünf Wochen waren, zu feiern, da die +eine Hälfte der Ausstattung bis dahin nicht fertig zu stellen war; +doch konnte sie nicht umhin, sich mit Lewin einverstanden zu erklären, +daß es nach den Fasten wieder viel zu spät werden würde, da eine alte +Tante des Fürsten Schtscherbazkiy sehr krank war und bald sterben +konnte, und alsdann die Trauer die Hochzeit noch weiter verzögert +haben würde. Die Fürstin erklärte sich infolge dessen, nachdem sie die +Mitgift in zwei Partieen -- eine große und eine kleine geteilt hatte, +damit einverstanden, daß die Hochzeit zu den Fasten gefeiert würde. Sie +beschloß den kleineren Teil der Mitgift schon jetzt bereit zu machen, +während der größere später folgen würde, und war sehr erbost über +Lewin, weil dieser ihr durchaus nicht ernsthaft zu antworten vermochte, +ob er hiermit einverstanden sei oder nicht. Diese Ordnung der Dinge war +um so bequemer, als die jungen Eheleute sogleich nach der Hochzeit auf +das Land gingen, wo die große Mitgift gar nicht erforderlich war. + +Lewin befand sich noch immer in jenem Zustande der Verzücktheit, in +welchem es ihm schien, als ob er und sein Glück den hauptsächlichsten +und einzigen Zweck alles Seienden bildete, daß er jetzt an nichts +denken, für nichts sorgen dürfe, daß vielmehr alles für ihn von anderen +gemacht wurde oder gemacht werden würde. Er hatte durchaus keine Pläne +oder Ziele für sein zukünftiges Leben, sondern gab die Entscheidung +hierüber anderen anheim in der Überzeugung, es werde schon alles gut +gehen. Sein Bruder Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch und die +Fürstin leiteten ihn an, was er zu thun habe, und er war vollständig +einverstanden mit allem, was man ihm vorschlug. Sein Bruder nahm Geld +für ihn auf, die Fürstin riet, nach der Hochzeit Moskau zu verlassen, +Stefan Arkadjewitsch riet, eine Hochzeitsreise ins Ausland zu machen. +Er war mit allem einverstanden. »Thut was Ihr wollt, wenn es Euch +Vergnügen macht. Ich bin glücklich, und mein Glück kann nicht größer +sein und nicht kleiner, was immer Ihr auch thun möget,« dachte er. + +Als er Kity den Rat Stefan Arkadjewitschs mitteilte, eine +Hochzeitsreise ins Ausland zu machen, wunderte er sich sehr, daß sie +damit nicht einverstanden war, sondern bezüglich des beiderseitigen +künftigen Lebens gewisse eigene bestimmte Forderungen stellte. Sie +wußte, daß Lewin seine Beschäftigung auf dem Lande hatte, die er +liebte. Sie verstand, wie er sah, nicht nur nichts hiervon, sondern +wollte auch gar nichts davon verstehen lernen, doch hinderte sie dies +nicht, jene Beschäftigung für sehr wichtig zu halten. Sie wußte ferner, +daß ihr Haus in einem Dorfe stand, und wünschte nun eben, nicht ins +Ausland zu fahren, wo sie ja nicht leben würde, sondern dorthin, wo +ihr Haus stand. Dieser bestimmt ausgeprägte Entschluß setzte Lewin +in Verwunderung, doch da ihm alles gleichgültig war, bat er sogleich +Stefan Arkadjewitsch, als ob dies dessen Verpflichtung wäre, auf das +Dorf zu fahren und dort alles vorzubereiten, wie er es verstünde, mit +jenem Geschmack, den er in so reichem Maße besäße. + +»Höre einmal,« sagte nun eines Tags Stefan Arkadjewitsch zu Lewin, +-- vom Dorfe zurückgekommen, woselbst er alles für die Ankunft des +jungen Paares eingerichtet hatte -- »hast du denn ein Zeugnis, daß du +gebeichtet hast?« + +»Nein. Warum?« + +»Ohne dies wirst du nicht getraut!« + +»O, o, o,« rief Lewin aus; »ich habe ja schon seit neun Jahren keine +Fasten mehr innegehalten. Daran habe ich gar nicht gedacht!« + +»Du bist mir Einer,« lachte Stefan Arkadjewitsch, »und mich willst +du einen Nihilisten nennen! Aber das geht wirklich nicht -- du mußt +fasten.« + +»Wann denn? Es sind noch vier Tage übrig.« + +Stefan Arkadjewitsch ordnete auch dies, und Lewin begann zu fasten. +Für ihn, als einen Häretiker, der aber gleichwohl den Glauben anderer +achtete, war die Gegenwart und Teilnahme bei jeder Art von kirchlichen +Ceremonien sehr lästig. Jetzt, in seiner allen gegenüber gefühlvollen, +weichen Seelenstimmung, in der er sich befand, war dieser Zwang zu +heucheln, Lewin nicht nur lästig, er schien ihm vielmehr vollständig +undurchführbar. Jetzt, in seiner vollen Mannhaftigkeit und Blüte sollte +er entweder lügen oder spotten! Er fühlte sich nicht in der Lage, eines +von beiden zu thun, aber soviel er Stefan Arkadjewitsch auch anliegen +mochte, ob er nicht ein Zeugnis erhalten könne, ohne gefastet zu haben, +Stefan Arkadjewitsch erklärte, dies sei unmöglich. + +»Und was kann es dir darauf ankommen -- zwei Tage? Er ist ein so +lieber, verständiger Geistlicher und wird dir diesen Zahn ausziehen, +daß du es gar nicht gewahr wirst.« + +In der ersten Messe machte Lewin den Versuch, in sich die Erinnerungen +an seine Jünglingszeit und jene mächtigen religiösen Gefühlsregungen +wieder aufzufrischen, die er in seinem sechzehnten und siebzehnten +Jahre durchlebt hatte. Doch alsbald überzeugte er sich, daß ihm dies +vollständig unmöglich war. Er versuchte nun, auf alles das zu blicken, +wie auf eine eitle Sitte, die keine innere Bedeutung besaß, und +Ähnlichkeit mit der Sitte des Visitemachens hatte, empfand aber, daß +er auch dies durchaus nicht über sich gewann. Lewin befand sich der +Religion gegenüber, wie die Mehrzahl seiner Altersgenossen, auf einem +vollständig unbestimmten Standpunkt. Glauben konnte er nicht, war aber +bei alledem doch nicht fest überzeugt davon, daß alles Glauben unwahr +sei, und so empfand er denn -- weder imstande, an die Bedeutsamkeit +dessen zu glauben, was er that, noch fähig, gleichgültig darauf zu +schauen, wie auf eine leere Formalität -- während der ganzen Zeit +dieser Fasten ein Gefühl von Unbehagen und Scham, indem er that, was +er selbst nicht verstand und was, wie ihm eine innere Stimme sagte, +gewissermaßen irrig und nicht gut war. + +Während der Kirchenfeier lauschte er bald den Gebeten und bemühte sich, +ihnen eine Bedeutung beizulegen, die mit seinen Anschauungen nicht +in Konflikt geriet, bald suchte er, in der Empfindung, daß er nichts +verstehen könne und sie verwerfen müsse, die Gebete nicht zu hören und +beschäftigte sich mit seinen Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen, +die mit außerordentlicher Lebhaftigkeit während dieses müßigen Stehens +in der Kirche in seinem Kopfe durcheinandergingen. + +Er hörte die ganze Messe, die Vigilien und am andern Tage, zeitiger als +sonst aufgestanden, begab er sich, ohne den Thee genommen zu haben, +um acht Uhr morgens wieder in die Kirche, um die Frühgebete und die +Beichte zu hören. + +In der Kirche befand sich nur ein armer Soldat, zwei alte Weiber und +die Kirchendiener. + +Ein junger Diakonus, dessen langer Rücken sich in zwei Hälften +scharf unter dem dünnen Leibrock abhob, trat ihm entgegen und begann +sogleich, zu einem kleinen Tischchen an der Wand tretend, zu lesen. +An der Art seines Lesens, besonders an der häufigen und schnell +aufeinanderfolgenden Wiederholung der nämlichen Worte »Herr erbarme +dich unser«, die von der Hast völlig entstellt klangen, fühlte Lewin, +wie ihr Sinn für diesen Mann verschlossen und versiegelt war, fühlte +aber auch, daß es sich nicht zieme, jetzt daran zu rühren, da hieraus +nur eine Verwickelung entstehen konnte -- und so fuhr er fort, hinter +dem Geistlichen stehend, ohne ihn zu hören oder sich in ihn zu +versenken, an seine eigenen Angelegenheiten zu denken. + +»Es liegt wunderbar viel Ausdruck in ihrer Hand,« dachte er, sich +vergegenwärtigend, wie sie gestern beide am Ecktisch gesessen hatten. +Zu sprechen hatten sie wenig miteinander gehabt, wie das fast stets +während dieser Zeit ist; sie hatte, nur die Hand auf den Tisch legend, +diese geöffnet und geschlossen und dazu gelacht, indem sie auf ihre +Bewegung blickte. Er dachte daran, wie er die Hand geküßt und dann die +ineinanderlaufenden Linien auf der rosigen Handfläche betrachtet hatte. + +»Wieder das entstellte >Herr erbarm dich<,« dachte Lewin, sich +bekreuzend, verbeugend und auf die geschmeidige Bewegung des Rückens +des sich beugenden Diakonus schauend. »Sie nahm darauf meine Hand und +betrachtete die Linien; >du hast eine schöne Hand<, hatte sie gesagt« +und er schaute auf seine Hand und auf die kurze Hand des Diakonus. »Ja, +nun ist es bald zu Ende,« dachte er, »nein, es scheint wieder von vorn +anzufangen,« dachte er, den Gebeten lauschend; »doch, es ist zu Ende, +da neigt er sich schon bis zur Erde, das ist stets erst zuletzt der +Fall.« + +Diskret mit der Hand unter dem Plüschaufschlag ein Dreirubelpapier +in Empfang nehmend, sagte der Diakon, er werde nun registrieren +und schritt mit seinen neuen Stiefeln schnell und hallend über die +Steinplatten der leeren Kirche zum Altar. Nach Verlauf einer Minute +schaute er von dort wieder zurück und winkte Lewin. Der Gedanke, +welchen dieser bisher in sich verschlossen gehabt, regte sich jetzt +wieder in seinem Hirn, doch bestrebte er sich sogleich, ihn von sich zu +weisen. + +»Es wird sich schon machen,« dachte er und schritt zu dem Altar. +Er stieg die Stufen empor und erblickte, sich rechts wendend, den +Geistlichen. Der greise Priester mit spärlichem, halbergrautem Bart und +mattem gutmütigem Blick stand und blätterte in der Agende. Nachdem er +Lewin leicht gegrüßt hatte, begann er mit der gewohnten Stimme sogleich +die Gebete zu lesen. Als er hiermit zu Ende war, neigte er sich bis zur +Erde und wandte sich hierauf mit dem Gesicht nach Lewin. + +»Christus steht unsichtbar hier und nimmt Eure Beichte entgegen,« +sprach er, auf das Kruzifix deutend. »Glaubet Ihr an alles, was uns +die heilige apostolische Kirche lehrt?« fuhr der Geistliche fort, die +Augen von Lewins Gesicht wegwendend und die Arme auf sein Epitrachelion +legend. + +»Ich habe gezweifelt und zweifle noch an allem,« sagte Lewin mit einer +Stimme, die ihm selbst unangenehm war, und schwieg dann. + +Der Geistliche wartete einige Sekunden, ob Lewin nicht noch etwas +Weiteres sagen würde, und sprach dann, die Augen schließend, in +schnellem wladimirschen o-Dialekt: + +»Die Zweifel sind der menschlichen Schwachheit eigen, aber wir müssen +beten, auf daß der barmherzige Gott uns stärke. Was für besondere +Sünden habt Ihr auf Eurem Gewissen?« fügte er hinzu, ohne die geringste +Pause dabei zu machen, und gleichsam, als wollte er keine Zeit +verlieren. + +»Meine vornehmste Sünde ist mein Zweifeln. Ich zweifle an allem, ich +befinde mich größtenteils nur in Zweifeln.« + +»Der Zweifel ist der menschlichen Schwäche eigen,« wiederholte +der Geistliche mit den nämlichen Worten, »aber woran zweifelt Ihr +vornehmlich?« + +»An allem. Ich zweifle bisweilen selbst an Gottes Dasein,« antwortete +Lewin unwillkürlich, und erschrak über das Unziemliche dessen, was er +gesprochen hatte. + +Auf den Geistlichen machten indessen, wie es schien, die Worte Lewins +keinen Eindruck. + +»Welche Zweifel können wohl über Gottes Dasein walten?« sagte er +schnell und mit kaum merklichem Lächeln. + +Lewin schwieg. + +»Welchen Zweifel könnt Ihr an dem Weltenschöpfer haben, wenn Ihr seine +Werke schaut?« fuhr der Priester in schneller, gewohnheitsmäßiger +Sprache fort. »Wer hat den Himmelsdom mit Sternen geschmückt? Wer hat +die Welt in ihrer Schönheit gekleidet? Wie sollte das ohne den Schöpfer +möglich gewesen sein?« sprach er, fragend auf Lewin schauend. + +Dieser fühlte, daß es unschicklich gewesen wäre, einen philosophischen +Wortwechsel mit dem Geistlichen zu beginnen und gab deshalb zur Antwort +nur, was sich auf die Frage selbst bezog. + +»Ich weiß es nicht.« + +»Ihr wißt es nicht? Aber wie könnt Ihr dann daran zweifeln, daß Gott +alles geschaffen hat?« versetzte heiter-bedenklich der Geistliche. + +»Ich begreife nichts,« antwortete Lewin errötend, und im Gefühl, daß +seine Worte thöricht waren und in dieser Situation thöricht sein mußten. + +»Betet zu Gott und bittet ihn. Auch die Kirchenväter haben gezweifelt +und Gott gebeten um Stärkung ihres Glaubens. Der Teufel hat gar große +Macht und wir dürfen uns ihm nicht überliefern. Betet zu Gott und +bittet ihn. Betet zu Gott,« -- wiederholte der Geistliche und schwieg +hierauf einige Zeit, als sei er in Nachdenken versunken. »Wie ich +vernommen habe, bereitet Ihr Euch vor, in den Ehebund mit der Tochter +meines Pfarrbefohlenen und Beichtkindes, des Fürsten Schtscherbazkiy zu +treten?« frug er lächelnd, »das ist eine herrliche Jungfrau!« + +»Ja,« antwortete Lewin, über den Geistlichen errötend; »wozu brauchte +derselbe bei der Beichte hiernach zu fragen?« dachte er bei sich. + +Als ob der Geistliche diesen Gedanken beantworten wollte, sagte er +zu Lewin: »Ihr bereitet Euch vor, in den Stand der heiligen Ehe zu +treten, und Gott kann Euch mit Nachkommenschaft segnen, nicht so? +Welche Erziehung könnt Ihr alsdann Euren Kindlein geben, wenn Ihr +selbst in Euch nicht die Versuchung des Teufels besiegen wollt, der +Euch zum Unglauben verleitet?« frug der Geistliche mit sanftem Vorwurf. +»Wenn Ihr Euer Kind liebt, so werdet Ihr, als ein guter Vater, nicht +nur Reichtum, Überfluß und Würden Eurem Kinde wünschen; Ihr werdet +auch sein Heil wünschen, seine geistige Erleuchtung durch das Licht +der Wahrheit. Ist es nicht so? Was werdet Ihr antworten, wenn das +unschuldige Kindlein Euch frägt, Vater, wer hat das alles geschaffen, +das mich in dieser Welt so sehr ergötzt, Erde, Wasser, Sonne, Blumen +und Gräser? Solltet Ihr ihm antworten wollen, ich weiß es nicht? +Ihr müßt es wissen, da Gott der Herr in seiner hohen Gnade es Euch +geoffenbart haben wird. Oder wenn Euer Kind Euch früge >was erwartet +mich im ewigen Leben?< Was werdet Ihr ihm da antworten, wenn Ihr nichts +wißt? Wie wollt Ihr ihm einen Bescheid geben? Werdet Ihr ihm den Reiz +der Welt und des Teufels zeigen? Das wäre nicht gut,« sagte er und +hielt inne, das Haupt auf die Seite neigend und Lewin mit guten sanften +Augen anschauend. + +Dieser antwortete jetzt nicht; nicht deswegen, weil er etwa nicht in +einen Streit mit dem Geistlichen hätte kommen mögen, sondern, weil ihm +noch niemand derartige Fragen gestellt hatte, und er, wenn erst einmal +Nachkommen sie ihm stellen würden, noch Zeit genug hatte, darüber +nachzudenken, was er dann antworten wollte. + +»Ihr tretet ein in diejenige Zeit Eures Lebens,« fuhr der Geistliche +fort, »da es nötig ist, einen Weg zu wählen und sich auf demselben zu +halten. Betet zu Gott, damit er in seiner Güte Euch helfe und sich +Eurer erbarme,« schloß er. »Unser Herr und Gott Jesus Christus in +seiner göttlichen Gnade und Milde, seiner Liebe zu den Menschen vergebe +dir mein Sohn!« und das Sühnegebet beendend, segnete ihn der Priester +und entließ ihn. + +Als Lewin an diesem Tage heimgekehrt war, empfand er ein freudiges +Gefühl darüber, daß diese peinliche Lage nun ihr Ende erreicht hatte, +so erreicht, daß er nicht hatte zur Lüge greifen müssen. Daneben aber +war in ihm auch eine unklare Erinnerung davon zurückgeblieben, daß das, +was jener gute und liebenswerte Greis gesagt hatte, durchaus nicht so +dumm gewesen war, als es ihm anfänglich geschienen, und daß es etwas +hierbei gebe, was der Aufklärung bedürfe. + +»Natürlich nicht jetzt,« dachte Lewin, »aber später einmal.« Lewin +fühlte jetzt mehr, als früher, daß in seiner Seele etwas unklar und +unrein sei, und daß er sich in Bezug auf die Religion in der nämlichen +Lage befinde, die er so klar bei andern erkannt und nicht eben gern +gesehen hatte, wegen deren er seinem Freunde Swijashskiy Vorwürfe +gemacht. + +Lewin war, den Abend mit seiner Braut bei Dolly verbringend, ausnehmend +heiter, und sagte, als er Stefan Arkadjewitsch von der gährenden +Gemütsverfassung Mitteilung machte, in der er sich befand, daß er sich +wohl befinde wie ein Hund, den man durch den Reifen zu springen gelehrt +habe und der nun, nachdem er endlich begriffen und ausgeführt hat, was +von ihm verlangt wurde, winselt, und schweifwedelnd vor Entzücken auf +Tische und Fenster springt. + + + 2. + +Am Tage der Trauung bekam Lewin nach der üblichen Sitte -- auf +der Beobachtung aller Gebräuche beharrten die Fürstin und Darja +Aleksandrowna streng -- seine Braut nicht zu sehen und speiste im +Hotel wo er wohnte, zusammen mit drei Junggesellen, die sich zufällig +gefunden hatten; Sergey Iwanowitsch, Katawasoff, ein Universitätsfreund +und nunmehriger Professor der Naturwissenschaften, den Lewin auf der +Straße getroffen und mit sich genommen hatte, und Tschirikoff, ein +Moskauer Friedensrichter und Gefährte Lewins auf der Bärenjagd. + +Beim Diner ging es sehr heiter zu. Sergey Iwanowitsch war in +aufgeräumtester Stimmung und trieb seine Kurzweil mit Katawasoffs +Eigentümlichkeit. Katawasoff, welcher fühlte, daß seine Originalität +geschätzt und verstanden werde, kokettierte mit derselben und +Tschirikoff unterstützte die allgemeine Unterhaltung in seiner heiteren +und gutmütigen Art. + +»Da haben wir es ja,« sagte Katawasoff mit seiner, auf dem Katheder +angenommenen Art, die Worte zu dehnen, »welch ein tüchtiger Bursch +unser Freund Konstantin Dmitritsch ist. Ich spreche von dem Abwesenden +natürlich, denn er ist schon gar nicht mehr hier. Erst liebte er die +Wissenschaft, und nach seinem Abschied von der Universität pflegte +er menschliche Interessen; jetzt verwendet er die eine Hälfte seiner +Fähigkeiten darauf, sich selbst zu betrügen, und die andere -- um +diesen Betrug zu rechtfertigen.« + +»Einen entschiedeneren Feind des Heiratens, als Euch, habe ich noch +nicht gesehen,« sagte Sergey Iwanowitsch. + +»O nein; ich bin kein Feind davon; ich bin vielmehr ein Freund der +Arbeitsteilung. Die Menschen, welche selbst nichts fertig bringen +können, müssen Menschen hervorbringen, und die übrigen -- müssen zu +deren Aufklärung und Beglückung wirken. So fasse ich die Sache auf. Für +die Mischung dieser beiden Berufszweige giebt es ja eine Unmasse von +Liebhabern, ich aber gehöre nicht unter die Zahl derselben.« + +»Wie glücklich würde ich sein, wenn ich einmal erführe, daß Ihr Euch +verliebt hättet,« sagte Lewin, »ladet mich nur ja zur Hochzeit ein!« + +»Ich bin schon verliebt.« + +»Ja, ja, vielleicht in einen Tintenfisch. Du weißt doch,« wandte sich +Lewin an seinen Bruder, »daß Michail Ssemionowitsch ein Werk über +Ernährung schreibt und« -- + +»Nun; nur nichts durcheinanderbringen! Das ist doch ganz gleich. Es +handelt sich jetzt nur darum, daß ich wirklich einen Tintenfisch lieben +soll.« + +»Das hindert Euch aber nicht, auch ein Weib zu lieben.« + +»Er nicht, aber das Weib hindert.« + +»Inwiefern denn.« + +»Ihr werdet es schon noch sehen. Ihr liebt das Landleben, die Jagd -- +paßt nur auf!« + +»Archip war heute hier und meldete, daß eine Masse Elentiere in Prudno +wären, und zwei Bären,« sagte jetzt Tschirikoff. + +»Nun; die müßt Ihr schon ohne mich fangen.« + +»Ganz richtig,« sagte Sergey Iwanowitsch, »empfehle dich nur gleich +von vornherein der Bärenjagd -- deine Frau wird dich nicht mehr +fortlassen.« + +Lewin lächelte. Der Gedanke, daß seine Frau ihn nicht mehr zur +Bärenjagd lassen würde, war ihm so angenehm, daß er bereit war, dem +Vergnügen, Bären zu sehen, für immer zu entsagen. + +»Aber es ist doch schade, daß diese beiden Bären ohne Euch erlegt +werden. Besinnt Ihr Euch noch, das letzte Mal in Chapilowo? Das war +eine wunderbare Jagd,« sagte Tschirikoff. + +Lewin wollte ihn nicht ernüchtern, indem er sagte, daß es auch ohne die +Bärenjagd noch manches Schöne geben könne und antwortete daher nicht. + +»Nicht unnützerweise hat sich diese Sitte des Abschiednehmens vom +Junggesellenleben eingebürgert,« sagte Sergey Iwanowitsch, »wie +glücklich du auch sein magst, schade ist es doch um die verlorene +Freiheit. Gesteht nur, man hat dabei ein Gefühl wie der Gogolsche +Bräutigam, daß man durch das Fenster hinausspringen möchte.« + +»Natürlich ist es so, aber er will es nur nicht zugeben,« sagte +Katawasoff und brach in lautes Gelächter aus. + +»Was denn! Das Fenster ist ja noch geöffnet! Fahren wir sogleich nach +Twjerj! Dort ist eine Bärin, zu der können wir ins Lager. Fahren wir +mit dem Fünfuhrzug. Dort macht man was man will,« meinte Tschirikoff +lächelnd. + +»Nun, bei Gott,« antwortete Lewin lächelnd, »ich kann in meinem Innern +dieses Gefühl des Bedauerns über meine verlorne Freiheit nicht finden.« + +»Ja, in Eurer Seele ist jetzt aber auch ein solches Chaos, daß Ihr +überhaupt nichts darin finden könnt,« sagte Katawasoff, »wartet nur, +wenn Ihr erst ein klein wenig mit Euch ins klare gekommen sein werdet, +dann werdet Ihr es schon finden.« + +»Nein, fühlte ich auch nur im geringsten, daß es außer meinem Gefühl,« +-- von Liebe wollte er vor dem Freunde nicht reden, »noch ein Glück +gäbe, dann wäre es schade, die Freiheit zu verlieren -- aber im +Gegenteil, ich freue mich sogar über diesen Verlust meiner Freiheit!« + +»Schlimm! Ein hoffnungslos Verlorener!« sagte Katawasoff, »nun, trinken +wir auf seine Genesung, oder wünschen wir ihm nur, daß wenigstens ein +Hundertstel seiner Träume in Erfüllung gehe. Schon dies wird ein Glück +werden, wie es nie auf der Erde existiert hat.« + +Bald nach dem Essen verabschiedeten sich die Gäste, um zur +Hochzeitsfeier Toilette zu machen. + +Allein zurückgeblieben und sich die Gespräche dieser Hagestolze +vergegenwärtigend, frug sich Lewin noch einmal, ob er denn wirklich +dieses Gefühl des Bedauerns über den Verlust seiner Freiheit in der +Seele habe, von dem sie gesprochen. Er lächelte bei dieser Frage. +»Freiheit? Warum Freiheit? Das Glück besteht allein darin, daß man +liebt, wünscht und denkt mit ihren Wünschen, ihren Gedanken, das heißt, +ohne jede Freiheit -- dies ist das Glück! -- Aber kenne ich denn ihre +Gedanken, ihre Wünsche, ihre Gefühle?« flüsterte ihm plötzlich eine +Stimme zu. Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht und er versank +in Nachdenken. Plötzlich hatte ihn eine seltsame Stimmung erfaßt, +es überkam ihn Furcht und Zweifel -- ein Zweifel an allem. -- »Wie, +wenn sie mich gar nicht liebte? Wie, wenn sie mich nur deswegen +heiratete, um sich eben zu verheiraten? Oder, wenn sie gar selbst nicht +wüßte, was sie thut?« frug er sich. »Sie kann zur Erkenntnis kommen +und, kaum verheiratet erkennen, daß sie gar nicht liebt, mich nicht +lieben kann?« Die seltsamsten und schlimmsten Ideen über sie begannen +ihm aufzutauchen. Er war eifersüchtig auf sie gegen Wronskiy, wie +ein Jahr zuvor; als ob jener Abend, an welchem er sie bei Wronskiy +gesehen hatte, erst gestern gewesen wäre. Er argwöhnte, daß sie ihm +nicht alles gesagt habe, und er sprang schnell auf. »Nein, so geht es +nicht!« sprach er voll Verzweiflung zu sich. »Ich werde zu ihr gehen, +sie fragen, und ein letztes Mal ihr sagen: Wir sind noch frei, ist es +nicht besser, es zu bleiben? Es wäre dies doch besser, als ein ewiges +Unglück, als Schande und Untreue!« Verzweiflung im Herzen und voll Zorn +gegen die ganze Menschheit, auf sich und sie, verließ er das Hotel und +fuhr zu ihr. + +Er traf sie in den Hinterzimmern. Sie saß auf einem Koffer und traf mit +einer Dienerin Anordnungen, einen Haufen verschiedenartiger Kleider +durchmusternd, welche auf den Rücklehnen der Stühle und auf dem +Fußboden ausgebreitet lagen. + +»Ah!« rief sie, ihn erblickend, und ihr Gesicht erstrahlte vor Freude. +»Wie kommst du -- wie kommt Ihr« -- bis zu diesem letzten Tage hatte +sie bald »du«, bald »Ihr« zu ihm gesagt -- »das habe ich nicht +erwartet. Ich mustere soeben meine Mädchenkleider, für wen das Eine +oder Andere« -- + +»Ach, sehr gut!« antwortete er düster, auf die Zofe blickend. + +»Geh hinaus, Dunjascha, ich werde dich dann rufen,« sagte Kity. »Was +ist dir?« frug sie, ihn unbedenklich mit »du« ansprechend, sobald das +Mädchen gegangen war. Sie bemerkte sein seltsames Gesicht, welches +aufgeregt und düster aussah, und ein Schrecken befiel sie. + +»Kity; ich leide. Ich kann aber nicht allein leiden,« sprach er, +Verzweiflung in der Stimme, blieb vor ihr stehen und schaute ihr +beschwörend in die Augen. Er hatte schon an ihrem liebevollen, +treuherzigen Gesicht gesehen, daß sich nichts aus dem ergeben werde, +was er ihr zu sagen beabsichtigte, aber gleichwohl hatte er das +Bedürfnis, von ihr selbst seine Zweifel zerstreut zu sehen. »Ich bin +gekommen, dir zu sagen, daß es noch nicht zu spät ist, daß alles wieder +aufgehoben und in das alte Geleis zurückgebracht werden kann.« + +»Was denn? Ich verstehe nichts. Was ist dir?« + +»Das was ich tausendmal gesagt habe und woran ich immer denken muß; +das, daß ich deiner nicht wert bin. Du konntest nicht einwilligen, +mich zum Manne zu nehmen. Bedenke es. Du hast einen Irrtum begangen. +Überlege recht wohl! Du kannst mich nicht lieben! Wenn -- sage lieber« +-- sprach er, ohne sie anzublicken. »Ich werde unglücklich sein. Mögen +alle reden, was sie wollen, es ist besser so, als ein Unglück; es ist +besser, jetzt zu sprechen, so lange es noch Zeit ist« -- + +»Ich verstehe nicht,« antwortete sie erschreckt, »das heißt, du willst +alles aufheben, daß es nicht mehr nötig sei?« -- + +»Ja, wenn du mich nicht liebst.« + +»Du bist von Sinnen!« rief sie aus, vor Unwillen errötend. Aber sein +Gesicht sah so kläglich aus, daß sie ihren Verdruß unterdrückte, und +sich, die Kleider von einem Lehnstuhl werfend, ihm näher setzte. »Was +denkst du eigentlich; sage mir alles!« + +»Ich denke, daß du mich nicht lieben kannst. Weshalb solltest du mich +denn lieben können?« + +»Mein Gott, was soll ich anfangen?« sagte sie und brach in Thränen aus. + +»O, was habe ich gethan!« rief er jetzt und begann, vor ihr auf die +Kniee niederfallend, ihre Hände zu küssen. + +Als fünf Minuten später die Fürstin in das Zimmer trat, fand sie die +beiden schon vollständig beruhigt. Kity hatte ihm nicht nur versichert, +daß sie ihn liebe, sondern ihm sogar, auf seine Frage antwortend, +weshalb sie ihn denn liebe, erklärt, warum. + +Sie hatte ihm gesagt, daß sie ihn liebe, weil sie ihn ganz kenne, weil +sie wisse, was er lieben müsse, und daß alles, was er liebe, stets +gut sei. Und dies war ihm auch vollständig klar erschienen. Als die +Fürstin bei ihnen eintrat, saßen sie beide nebeneinander auf dem Koffer +und musterten Kleider, streitend, daß Kity jenes zimmetfarbene Kleid, +welches sie getragen, als ihr Lewin seinen Antrag gemacht hatte, der +Dunjascha geben wollte, während er darauf bestand, man dürfe dieses +Kleid an niemand weggeben, sondern möge der Dunjascha das blaue +schenken. + +»Aber verstehst du nicht? Sie ist doch brünett und dies wird ihr daher +nicht stehen. Bei mir ist alles schon vorbedacht.« + +Als die Fürstin erfahren hatte, weshalb er gekommen sei, geriet sie +halb im Scherz und halb im Ernst in Groll und schickte ihn wieder nach +Hause, damit er sich ankleide und Kity bei der Toilette nicht störe, da +Charles sogleich kommen würde. + +»Sie hat so schon während dieser ganzen Tage nicht gegessen und ist +magerer geworden und du bringst sie nun mit deinen Thorheiten noch mehr +aus der Fassung,« sagte sie zu ihm; »mach daß du fortkommst nach Hause, +nach Hause mein Lieber.« + +Lewin kehrte verlegen und beschämt, aber beruhigt, nach seinem Hotel +zurück. Sein Bruder, Darja Aleksandrowna und Stefan Arkadjewitsch, alle +in voller Gesellschaftstoilette, erwarteten ihn schon, um ihn mit dem +Heiligenbild zu segnen. Es war keine Zeit mehr zu verlieren. + +Darja Aleksandrowna mußte noch nach Hause zurückkehren, um ihren +pomadisierten und frisierten Sohn zu holen, welcher das Heiligenbild +mit der Braut tragen sollte. Dann mußte ein Wagen nach dem Brautführer +gesandt werden und ein anderer, der Sergey Iwanowitsch fortbrachte, +wieder hergeschickt werden. Überhaupt gab es sehr viele und verwickelte +Überlegungen hierbei, und nur Eines war unzweifelhaft, daß nicht mehr +gesäumt werden dürfe, da es bereits halb sieben Uhr war. + +Die Segnung mit dem Bilde hatte nichts weiter auf sich. Stefan +Arkadjewitsch stellte sich in komisch-feierlicher Haltung neben seine +Gattin, nahm das Heiligenbild, segnete Lewin, nachdem er diesem +befohlen hatte, sich bis auf die Erde zu verbeugen, mit seinem +gutmütigen und sarkastischen Lächeln und küßte ihn dreimal. Das +Nämliche that Darja Aleksandrowna, die sich dann sogleich beeilte, +abzufahren und abermals in das Arrangement der Bewegung der Wagen +vertiefte. + +»Nun, so wollen wir es also machen: du fährst in unserem Wagen ihn +abzuholen, und Sergey Iwanowitsch würde, wenn er die Güte haben wollte, +vorausfahren, den Wagen aber zurückschicken.« + +»Gewiß, sehr gern.« + +»Wir aber können gleich mit ihm fahren. Sind die Kleider in Ordnung?« +frug Stefan Arkadjewitsch. + +»Sie sind es,« versetzte Lewin und befahl Kusma, seinen Anzug zu +bringen. + + + 3. + +Ein Haufe von Menschen, namentlich Weibern, umringte die zur +Trauungsfeier erleuchtete Kirche. Diejenigen, welche nicht bis in die +Mitte hatten vordringen können, drängten sich um die Kirchenfenster +unter Stoßen und Streiten und schauten durch die Gitter. + +Mehr als zwanzig Wagen waren bereits von der Polizei die Straße +entlang aufgestellt worden und der Polizeioffizier stand, die Kälte +nicht achtend, in seiner glänzenden Uniform am Eingang. Unaufhörlich +kamen noch weitere Equipagen angefahren und bald traten Damen in +Blumenschmuck mit hochgenommenen Schleppen, bald Herren, das Käppi +oder den schwarzen Hut abnehmend, in die Kirche ein. In dieser selbst +waren die beiden Lustres und alle Kerzen vor den feststehenden +Heiligenbildern bereits angezündet. Der goldige Schimmer auf dem roten +Fonds des Ikonostas, das vergoldete Schnitzwerk an den Bildern und das +Silber der Kronleuchter und Leuchter, die Steinplatten des Fußbodens +mit den Teppichen, sowie die Banner oben über den Chören, die Stufen +des Altars und die vom Alter schwarzgewordenen Kirchenbücher, die +Leibröcke und Chorröcke, alles das war wie von Licht übergossen. Auf +der rechten Seite der geheizten Kirche, in der Masse der Fracks und +weißen Krawatten, der Uniformen und verschiedenen Stoff-, Samt- und +Atlasroben, der Haarfrisuren und Blumen, der dekolletierten Schultern +und Arme, und hohen Handschuhe summte ein verhaltenes, aber lebhaftes +Gespräch, das seltsam in dem hohen Kuppelbau wiederhallte. Sobald +das Kreischen der aufgehenden Kirchenthür ertönte, verstummte das +Gespräch in dem Haufen und alles schaute auf in der Erwartung, den +eintretenden Bräutigam und die Braut zu erblicken. Aber die Thür +hatte sich schon mehr als zehnmal geöffnet, und immer war es nur ein +verspäteter Geladener oder eine Geladene gewesen, die sich nun nach +rechts dem Kreis der Gäste beigesellte, oder eine Zuschauerin, die den +Polizeioffizier überlistet oder nachsichtig gestimmt hatte, und sich +nun dem fremden Haufen links anschloß. Die Verwandten und Bekannten +hatten schon die ganze Stufenleiter des Wartens durchlaufen. + +Anfangs glaubte man, daß der Bräutigam und die Braut in jedem +Augenblick erscheinen müßten und schrieb der Verspätung keinerlei +Bedeutung zu. Dann begann man öfter und öfter nach der Thür zu schauen, +und davon zu sprechen, es möchte doch ja nichts vorgefallen sein. Dann +wurde die Verspätung schon peinlich und die Verwandten wie die Gäste +gaben sich den Anschein, als ob sie gar nicht mehr an den Bräutigam +dächten und ganz von ihrem Gespräch in Anspruch genommen seien. + +Der Protodiakonus räusperte sich ungeduldig, gleichsam zur Andeutung +des Wertes seiner Zeit, und machte damit die Scheiben in den Fenstern +klirren. Auf dem Chor wurden die Proben der Stimmen vernehmbar, dann +das Schneuzen der sich langweilenden Chorsänger. Der Geistliche sandte +fortwährend bald den Küster, bald den Diakonus nach Erkundigung fort, +ob der Bräutigam noch nicht gekommen sei und ging sogar selbst in +seinem lilafarbenen Priestergewand mit dem gestickten Gürtel, häufiger +und häufiger zu den Seitenthüren, in der Erwartung des Bräutigams. + +Endlich sagte eine der Damen nach der Uhr blickend »das ist aber doch +seltsam« und alle Trauzeugen gerieten in Unruhe und begannen laut +ihre Verwunderung und ihr Mißvergnügen zu äußern. Einer der Herren +fuhr wieder fort, sich zu erkundigen, was denn geschehen sei. Kity +stand währenddem, schon lange fertig, im weißen Kleid, langen Schleier +und Kranz von Pomeranzenblüte nebst der die Mutter und Schwester +vertretenden Frau Lwoffs im Saale des Hauses der Schtscherbazkiy und +blickte durch das Fenster, schon seit einer halben Stunde vergeblich +die Benachrichtigung des Brautführers von der Ankunft des Bräutigams in +der Kirche erwartend. + +Lewin indessen lief noch, zwar in den Beinkleidern, aber ohne Weste +und Frack in seinem Zimmer auf und ab, unaufhörlich den Kopf zur Thür +hinaussteckend und den Korridor entlang blickend. Auf dem Korridor +jedoch wurde derjenige nicht sichtbar, den er erwartete, und voll +Verzweiflung kehrte er, mit den Armen fuchtelnd wieder zurück und +wandte sich an den ruhig rauchenden Stefan Arkadjewitsch. + +»Hat sich jemals wohl ein Mensch in einer gleich entsetzlichen und +albernen Lage befunden?« sagte er. + +»Ja, es ist dumm,« bestätigte Stefan Arkadjewitsch, sanft lächelnd, +»doch beruhige dich, man wird es sogleich bringen.« + +»Nein, sicherlich,« sagte Lewin mit verhaltener Wut, »und diese +albernen ausgeschnittenen Westen! Unmöglich!« sagte er mit einem Blick +auf den zerknitterten Brusteinsatz seines Oberhemds. »Und wie, wenn die +Sachen schon zur Bahn wären?« rief er voll Verzweiflung. + +»Dann ziehst du ein Hemd von mir an!« + +»Das hätte aber schon längst geschehen sein müssen!« + +»Es ist allerdings nicht angenehm, lächerlich zu werden. Warte doch, es +wird sich machen.« + +Die Sache lag so, daß als Lewin die Toilette befahl, Kusma, der alte +Diener Lewins, den Frack, die Weste und alles was nötig war, brachte. + +»Und das Hemd?« rief Lewin. + +»Das habt Ihr ja schon an,« versetzte Kusma mit stoischem Lächeln. + +Kusma hatte nicht daran gedacht, ein frisches Hemd dazubehalten, und +nachdem er den Befehl erhalten hatte, alles einzupacken und zu den +Schtscherbazkiy zu bringen, von wo aus das junge Ehepaar noch am Abend +abreisen wollte, that er also und packte alles ein außer einem Paar +Fräcken. + +Das am Morgen angezogene Hemd war schon zerknittert, und ließ sich +unmöglich unter der modernen offenstehenden Weste tragen. Zu den +Schtscherbazkiy zu schicken, war es zu weit. Man schickte in ein +Geschäft. + +Der Diener kam zurück: »Alles war geschlossen -- es ist Sonntag +heute.« -- Man schickte nun zu Stefan Arkadjewitsch, ein Hemd kam, +aber es war viel zu weit und kurz. Man schickte endlich doch zu den +Schtscherbazkiy, um wieder auspacken zu lassen. Der Bräutigam wurde in +der Kirche erwartet, und lief wie ein im Käfig eingekerkertes, wildes +Tier im Zimmer umher, auf den Korridor hinausschauend und mit Entsetzen +und Verzweiflung daran denkend, was er Kity sagen sollte und was diese +jetzt denken mochte. + +Endlich flog der unglückliche Kusma, mit Mühe nach Atem ringend, mit +dem Hemd in das Zimmer herein. + +»Ich habe sie gerade noch erwischt; die Sachen waren schon auf dem +Fuhrwerk,« sagte er. + +Drei Minuten später stürzte Lewin, ohne nach der Uhr zu sehen, um seine +Wunde nicht noch zu vergrößern, Hals über Kopf den Korridor entlang. + +»Damit kannst du nicht mehr viel helfen,« sagte Stefan Arkadjewitsch +lächelnd, ihm hastig nachstrebend. »Es wird sich schon machen, es wird +sich schon machen -- sage ich dir!« + + + 4. + +»Er ist da! -- Da ist er! Welcher ist es? Ist er nicht ziemlich jung? +Und sie -- ja -- mehr tot als lebendig!« -- klang es in der Menge +durcheinander, als Lewin, nachdem er seine Braut an der Einfahrt +begrüßt hatte, mit dieser zusammen die Kirche betrat. + +Stefan Arkadjewitsch hatte seiner Gattin die Ursache der Verzögerung +mitgeteilt, und die Trauzeugen zischelten nun lächelnd untereinander. +Lewin sah und hörte nichts, er musterte nur unverwandten Blickes seine +Braut. + +Alle sagten, daß sie in den letzten Tagen sehr abgenommen hätte, und im +Kranze bei weitem nicht so gut aussah, wie gewöhnlich, aber Lewin fand +dies nicht. Er schaute ihre hohe Frisur mit dem langen weißen Schleier +und den weißen Blüten an, den hochstehenden gefalteten Kragen, der +eigenartig jungfräulich von den Seiten und von vorn ihren schlanken +Hals bedeckte und auf die überraschend enge Taille, und ihm schien, +daß sie so schöner sei, als sie je gewesen, nicht deshalb, weil diese +Blüten, dieser Schleier, dieses aus Paris verschriebene Kleid zu ihrer +Schönheit noch etwas hätte hinzufügen können, sondern, weil trotz der +künstlichen Pracht der Kleidung der Ausdruck ihres guten Gesichtchens, +ihres Blickes, ihrer Lippen, immer der nämliche bei ihr geblieben war +mit seiner unschuldigen Treuherzigkeit. + +»Ich dachte schon, du wolltest mir davonlaufen,« sagte sie lächelnd zu +ihm. + +»Es war so thöricht, was sich mit mir zugetragen hat, daß ich es gar +nicht erzählen kann,« antwortete er, errötend, mußte sich aber jetzt zu +seinem an ihn herantretenden Bruder Sergey Iwanowitsch wenden. + +»Nicht übel, die Geschichte mit deinem Hemd,« sagte Sergey Iwanowitsch, +lächelnd den Kopf schüttelnd. + +»Ja, ja,« versetzte Lewin, ohne zu verstehen, wovon man mit ihm sprach. + +»Nun, mein Konstantin, jetzt müssen wir,« sagte Stefan Arkadjewitsch +mit scheinbar erschrecktem Gesicht, »eine wichtige Frage entscheiden. +Du nur bist jetzt in der Verfassung, die ganze Bedeutung derselben zu +ermessen. Man frägt mich, ob heruntergebrannte Kerzen angesteckt werden +sollen, oder nicht heruntergebrannte? Der Unterschied macht zehn Rubel +aus,« fügte er hinzu, die Lippen zu einem Lächeln kräuselnd, »ich habe +entschieden, fürchte jedoch, daß du mir deine Einwilligung nicht geben +wirst.« + +Lewin erkannte, daß dies ein Scherz sein sollte, aber er vermochte +nicht zu lächeln. + +»Also wie? Nicht gebrannte oder heruntergebrannte? Das ist die Frage.« + +»Nun, nicht gebrannte.« + +»Nun, freut mich sehr. Die Frage ist entschieden,« sagte Stefan +Arkadjewitsch lächelnd. »Aber wie thöricht doch die Menschen in einer +solchen Situation werden,« fuhr er zu Tschirikoff gewendet fort, +nachdem Lewin, ihn zerstreut anblickend, wieder zu seiner Braut +getreten war. + +»Paß auf, Kity, du mußt also zuerst auf den Teppich treten,« sagte die +Gräfin Nordstone herzukommend. »Wie stattlich Ihr ausseht,« wandte sie +sich an Lewin. + +»Dir ist doch nicht ängstlich?« frug Marja Dmitrjewna, ihre alte Tante. + +»Ist dir nicht wohl? Du bist blaß. Halt, beuge dich ein wenig,« sagte +die Lwowa, die Schwester Kitys, ihre vollen schönen Arme krümmend und +lächelnd ihr die Blüten auf dem Haupte ordnend. + +Auch Dolly kam; sie wollte etwas sagen, konnte aber nichts +herausbringen und begann zu weinen und unnatürlich zu lachen. + +Kity schaute alle mit den nämlichen abwesenden Blicken an, wie Lewin. +Mittlerweile hatten die Kirchendiener ihren priesterlichen Schmuck +angelegt und der Geistliche mit dem Diakonus traten zu dem Altar, +welcher in der Vorhalle der Kirche stand. Der Geistliche wandte sich an +Lewin und sagte zu diesem einige Worte. Lewin vernahm nicht, was der +Priester gesagt hatte. + +»Nehmt Eure Braut an der Hand und führt sie,« sagte der Brautherr zu +ihm. + +Lange Zeit konnte Lewin nicht verstehen, was man von ihm wollte. Man +besserte lange an ihm herum und wollte schon die Hoffnung aufgeben -- +weil er stets nicht mit der richtigen Hand griff, oder den richtigen +Arm nahm -- als er endlich erkannte, daß er mit der rechten Hand ohne +seine eigene Stellung zu verändern, sie ebenfalls bei der rechten Hand +zu nehmen hatte. Nachdem er endlich die Braut in der gehörigen Weise +bei der Hand genommen hatte, ging der Priester einige Schritte vor +und blieb auf der Altarerhöhung stehen. Die Schar der Verwandten und +Bekannten in summendem Gespräch und unter dem Rauschen der Schleppen +folgte ihnen; jemand beugte sich nieder und ordnete die Schleppe +der Braut. In der Kirche wurde es so still, daß man das Fallen der +Wachstropfen vernahm. + +Der alte Priester im Scheitelkäppchen mit seinen schimmernden, +silbergrauen Haarlocken, die hinter den Ohren nach beiden Seiten +geteilt waren, streckte die greisen kleinen Hände aus dem schweren +silbernen und mit einem goldenen Kreuz auf dem Rücken geschmückten +Gewand hervor und blätterte noch ein wenig auf dem Altar. + +Stefan Arkadjewitsch begab sich behutsam zu ihm hin und flüsterte ihm, +nach Lewin hinblinzelnd etwas zu, worauf er wieder zurückkehrte. + +Der Geistliche zündete zwei mit Blumen geschmückte Kerzen an, indem er +sie mit der linken Hand schräg hielt, sodaß das Wachs langsam von ihnen +herniedertropfte und wandte sich zu den Neuvermählten. Der Geistliche +war der nämliche, bei welchem Lewin gebeichtet hatte. Er schaute mit +mattem, traurigen Blick auf Bräutigam und Braut, seufzte und segnete +mit der Rechten, die er unter dem Priestergewand hervorstreckte, den +Bräutigam, worauf er gleichfalls, aber mit einem Anschein hütender +Zärtlichkeit, die Finger auf das geneigte Haupt Kitys legte. Er reichte +hierauf beiden die Kerzen und verließ sie langsam, das Räucherfaß +nehmend. + +»Ist es denn wahr?« dachte Lewin und blickte auf seine Braut. Wie von +oben herab erschien ihm ihr Profil, und an einer kaum bemerkbaren +Bewegung ihrer Lippen und Wimpern erkannte er, daß sie seinen Blick +empfunden hatte. Sie schaute nicht auf, aber der hohe Rüschenkragen +bewegte sich leise, der bis zu ihrem rosigen kleinen Ohr heraufging. Er +sah, daß ein Seufzer ihre Brust belastete und die kleine Hand zitterte, +welche in dem hohen Handschuh das Licht hielt. All jener eitle Kram mit +dem Hemd, der Verspätung, die Auseinandersetzung mit den Bekannten und +Verwandten, deren Mißvergnügen, seine komische Situation -- alles das +war plötzlich verschwunden und es wurde ihm freudig und bange zugleich +zu Mut. + +Der schöne stattliche Protodiakonus im silbern-schimmernden Chorhemd +und den nach seitwärts in gewundenen Locken gekämmten Haaren trat +schnell vor und blieb, in der üblichen Geste mit zwei Fingern die Stola +hebend, dem Geistlichen gegenüber stehen. + +»Segne, Herr!« ertönten langsam einer nach dem anderen, feierliche +Klänge, die Luft in Schwingungen versetzend. + +»Gelobt sei unser Gott immerdar jetzt und fürderhin in alle Ewigkeit,« +antwortete sanft und in singendem Tone der alte Geistliche, noch immer +auf dem Altar nach etwas suchend. Die ganze Kirche erfüllend von den +Fenstern an bis zu den Kreuzbögen, erhob sich, harmonisch und getragen, +ein voller Akkord vom unsichtbaren Chor aus, wuchs an, stand einen +Augenblick und erstarb dann. + +Man betete, wie üblich, für den himmlischen Frieden und das Seelenheil, +für die Synode und für Gott, es wurde gebetet auch für den Knecht +Gottes, Konstantin, und Jekaterina, die sich jetzt verlobten. + +»Daß ihnen sende hernieder eine völlige friedsame Liebe, daß ihnen +helfe Gott, das bitten wir,« atmete gleichsam die ganze Kirche von der +Stimme des Protodiakonus. + +Lewin vernahm die Worte und sie machten ihn betroffen. »Wie konnte man +vermuten, daß Hilfe not that, gerade Hilfe?« dachte er, sich alle seine +kürzlichen Befürchtungen und Zweifel wieder zurückrufend. »Was weiß +ich! Was vermag ich in dieser schweren Aufgabe ohne Hilfe? Allerdings, +Hilfe thut mir jetzt not.« + +Als der Diakonus die Litanei beendet hatte, wandte sich der Priester +mit seinem Buche zu den Verlobten: »Ewiger Gott, der du das Getrennte +vereinet hast,« las er mit weicher, singender Stimme, »der das Band +der Liebe unauflöslich gestiftet, und Isaak und Rebekka gesegnet hat, +dir stelle ich diese als Nachfolger in deinem Bunde vor. Segne du sie +selbst, diese deine Knechte, Konstantin und Jekaterina, denen ich allen +Segen wünsche, gleichwie du ein erbarmender Gott voll Menschenliebe +bist und wir dir Lob singen, dem Vater und dem Sohne und dem heiligen +Geiste jetzt und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.« Wiederum ertönte in +der Höhe der unsichtbare Chor. + +»Der das Getrennte vereinet hat und das Band der Liebe gestiftet, wie +gedankenvoll diese Worte sind und wie sie dem entsprechen, was man in +diesem Augenblick empfindet,« dachte Lewin. »Ob sie wohl das Nämliche +fühlt wie ich?« + +Aufschauend begegnete er ihrem Blick, aus dessen Ausdruck er schloß, +daß sie ebenso verstanden hatte, wie er. Aber dies war durchaus nicht +der Fall; sie hatte fast gar nichts von den Worten der Ceremonie +verstanden, ja, diese während der Verlobung nicht einmal vernommen. Sie +war nicht fähig, sie zu vernehmen und zu fassen, so mächtig war jenes +eine Gefühl, welches ihr die Seele füllte und mehr und mehr zunahm. +Dieses Gefühl war das der Freude über die endgültige Vollendung dessen, +was schon sechs Wochen zuvor in ihrer Seele vollendet gewesen war +und sie im Laufe dieser langen Wochen erfreut und zugleich bedrückt +hatte. In ihrer Seele hatte sich, am nämlichen Tage, als sie in dem +zimmetfarbenen Kleid im Salon des Hauses Arbatskiy schweigend zu +ihm hingetreten war und sich ihm ergeben hatte, zu Tag und Stunde +ein völliger Bruch mit ihrem früheren Leben vollzogen; sie hatte +ein vollständig anderes, neues, ihr noch völlig unbekanntes Leben +begonnen, in der Wirklichkeit freilich das alte nur fortgesetzt. +Diese sechs Wochen bildeten die seligste und doch zugleich auch +qualvollste Zeit für sie. Ihr ganzes Leben, alle ihre Wünsche und +Hoffnungen, vereinigten sich in jenem einen, von ihr noch nicht +verstandenen Manne, mit welchem sie ein Etwas, welches von ihr noch +weniger begriffen wurde, als jener Mann selbst, verband, ein bald +näherungslustiges, bald abstoßendes Gefühl; bei alledem aber fuhr sie +fort, in den Verhältnissen ihres vorherigen Lebens weiter zu leben. +In diesem ihren alten Leben hatte sie Schrecken empfunden über sich +selbst, über ihre vollendete, unbezwingbare Gleichgültigkeit ihrer +gesamten Vergangenheit gegenüber; ihrem Eigentum, ihren Gewohnheiten, +den Menschen, die sie geliebt hatten und noch liebten, ihrer Mutter die +über diese Gleichgültigkeit erbost war, und ihrem guten, früher über +alles in der Welt geliebten, zärtlichen Vater gegenüber. Bald erschrak +sie über diesen Gleichmut, bald empfand sie Freude über das, was sie +dazu gebracht hatte. Sie mochte nichts weiter denken oder wünschen +als ein Leben mit jenem Manne, aber dieses neue Leben war noch nicht +eingetreten, und sie vermochte es sich nicht einmal klar vorzustellen. +Es war nur ein Erwarten -- Furcht und Freude über etwas Neues und +noch nicht Bekanntes. Jetzt aber, siehe da, war dies Erwarten und +die Unkenntnis, die Reue über den Verzicht auf ihr vorheriges Leben +vorüber, und etwas Neues sollte beginnen. Dieses Neue aber konnte nicht +furchtbar sein in seiner Unbekanntheit; gleichviel, mochte es furchtbar +oder nicht furchtbar sein, es hatte sich sechs Wochen vorher schon in +ihrer Seele voll entwickelt und wurde jetzt nur das geweiht, was sich +lange vorher schon in derselben vollzogen hatte. + +Wieder auf den Altar zurückgekehrt, nahm der Geistliche mit Mühe den +sehr kleinen Ring Kitys und steckte ihn, sich Lewins Hand reichen +lassend, an dessen erstes Fingerglied. »Es wird verbunden der Knecht +Gottes Konstantin mit der Magd Gottes Jekaterina.« Nachdem er den +großen Ring an den rosigen kleinen, in seiner Schwächlichkeit Mitleid +erregenden Finger Kitys gesteckt hatte, wiederholte der Priester das +Nämliche. + +Mehrmals glaubten die Brautleute zu erraten, was sie thun müßten, +irrten aber jedesmal, und der Geistliche wies sie mit flüsternder +Stimme an. Endlich, nachdem alles Erforderliche erledigt war, und er +die Ringe gesegnet hatte, übergab er nochmals Kity den großen und +Lewin den kleinen Ring, aber von neuem gerieten beide in Verwirrung, +und wechselten zweimal den Ring, ohne daß das zu stande kam, was +erforderlich war. + +Dolly, Tschirikoff und Stefan Arkadjewitsch traten vor, um zu +verbessern. Eine Konfusion, Zischeln und Lächeln entstand, aber der +feierlich stille Ausdruck auf den Zügen des Brautpaares änderte sich +nicht, im Gegenteil, als sie sich mit den Händen geirrt hatten, +schauten sie noch ernster und feierlicher als vorher, und das Lächeln, +mit welchem Stefan Arkadjewitsch flüsterte, daß jetzt jedes seinen +eigenen Ring aufzustecken habe, erstarb unwillkürlich auf dessen +Lippen. Er fühlte, daß jedes Lächeln sie nur kränken könne. + +»Denn du hast von Anfang an das männliche Geschlecht geschaffen und +das weibliche,« las der Priester weiter nach dem Ringwechsel, »und von +dir wird dem Manne das Weib gesellt zur Hilfe und zur Fortpflanzung +des Menschengeschlechts. Denn du selbst, Herr unser Gott, hast die +Wahrheit gesandt zu deiner Nachfolge und für deinen Bund, für deine +Knechte, unsere heiligen Väter, deine Auserwählten; schaue auf deinen +Knecht Konstantin und deine Magd Jekaterina und bestätige ihren Bund im +Glauben und in der Einmütigkeit und in der Wahrheit und in der Liebe.« + +Lewin empfand mehr und mehr, daß alle seine Ideen über das Heiraten, +seine Gedanken darüber, wie er sein Leben hatte einrichten wollen, +kindlich gewesen waren, und daß hier etwas vor sich ging, was er +bis jetzt noch nicht verstanden hatte, und jetzt sogar noch weniger +verstehe, obwohl es sich über ihm selbst vollzog. In seiner Brust hoben +sich höher und höher innere Schauer, und zudringliche Thränen traten +ihm in die Augen. + + + 5. + +In der Kirche befand sich ganz Moskau an Verwandten und Bekannten. +Während der Ceremonie der Trauung, in der glänzend erleuchteten +Kirche, im Kreise der geputzten Damen und jungen Mädchen, der Herren +in weißen Krawatten, in Fräcken und Uniformen war ununterbrochen eine +leise Konversation geführt worden, die namentlich die Herren anregten, +während die Damen in der Beobachtung aller Einzelheiten einer sie stets +ja sehr fesselnden heiligen Handlung versunken waren. + +In dem Kreise der der Braut zunächst Stehenden befanden sich deren +beide Schwestern, Dolly und die ältere, ruhige und schöne Lwowa, die +aus dem Auslande gekommen war. + +»Was ist das für ein Mary-Kostüm in Veilchenblau; gerade als wäre es +schwarz -- zu einer Hochzeit« -- sprach die Korsunskaja. + +»Die einzige Rettung für ihren Teint,« antwortete die Trubezkaja. +»Mich wundert, daß man die Trauung abends ausgeführt hat -- das ist so +kaufmännisch« -- + +-- »Aber schöner. Auch ich bin abends getraut worden,« antwortete die +Korsunskaja und seufzte, als sie daran dachte, wie schön sie an jenem +Tage, wie lächerlich verliebt in sie ihr Mann damals gewesen war, und +wie jetzt so alles ganz anders geworden sei. + +»Man sagt, daß jemand der mehr als zehnmal Brautführer gewesen ist, +nicht heirate; ich wollte es heute zum zehntenmale sein, um mich in +Furcht zu setzen, allein die Stelle war besetzt,« sprach Graf Sinjawin +zu der hübschen jungen Fürstin Tscharskaja, die Absichten auf ihn hatte. + +Die Tscharskaja antwortete ihm nur mit einem Lächeln. Sie blickte auf +Kity, und dachte daran, wie und wann sie selbst mit dem Grafen Sinjawin +an Kitys Stelle sein würde, und wie sie diesen dann an seinen jetzigen +Scherz erinnern wollte. + +Schtscherbazkiy sagte dem alten Fräulein Nikolajewa, daß er den Kranz +auf Kitys Chignon setzen werde, damit sie glücklich werde. + +»Es ist gar nicht nötig einen Chignon aufzusetzen,« antwortete die +Nikolajewa, die schon längst entschlossen war, daß, wenn sie der alte +Witwer, nach welchem sie angelte, heiraten sollte, die Trauung die +allereinfachste sein sollte. »Ich liebe dieses >fast< nicht.« + +Sergey Iwanowitsch sprach mit Darja Dmitrjewna, sie scherzend +versichernd, daß die Sitte, nach der Vermählung abzureisen, deswegen so +verbreitet sei, weil Neuvermählte stets kein gutes Gewissen hätten. + +»Euer Bruder kann stolz sein. Es ist wunderbar, wie schön sie ist. Ich +glaube, Ihr beneidet ihn?« + +»Ich habe das schon durchgemacht, Darja Dmitrjewna,« antwortete er und +sein Gesicht nahm unerwartet einen trüben und ernsten Ausdruck an. + +Stefan Arkadjewitsch erzählte nun seiner Schwägerin einen schlechten +Witz über eine Ehescheidung. + +»Man muß den Kranz zurechtrücken,« antwortete diese, ohne ihn zu hören. + +»Wie schade, daß sie so angegriffen aussieht,« sagte die Gräfin +Nordstone zu der Lwowa. »Und gleichwohl wiegt er ihren kleinen Finger +nicht auf. Nichtwahr?« + +»O, mir gefällt er sehr gut; aber nicht deswegen etwa, weil er mein +künftiger =beau frère= ist,« antwortete die Lwowa, »und wie schön er +sich hält! Es ist so schwer, sich in solch einer Situation gut zu +halten und nicht komisch zu werden. Er aber ist nicht komisch, nicht +steif, er ist offenbar ergriffen.« + +»Ihr habt dies wahrscheinlich erwartet?« + +»Fast so. Sie hat ihn stets geliebt.« + +»Nun, beobachten wir, wer von ihnen zuerst auf den Teppich tritt. Ich +habe es Kity geraten.« + +»Gleichviel,« antwortete die Lwowa, »wir sind doch alle die +untergebenen Weiber; es liegt dies doch einmal in unserer Rasse.« + +»Ich bin aber doch vorsätzlich zuerst mit Wasiliy darauf getreten; und +Ihr Dolly?« + +Dolly stand neben ihnen, sie hörte wohl, antwortete aber nicht; +sie war tief gerührt. Die Thränen standen ihr in den Augen und sie +hätte kein Wort reden können, ohne in Thränen auszubrechen. Sie +freute sich über Kity und Lewin; in ihrer Erinnerung zu der eigenen +Trauung zurückkehrend, blickte sie nach dem wonneglänzenden Stefan +Arkadjewitsch, vergaß alles Gegenwärtige und dachte nur ihrer ersten +unschuldigen Liebe. Sie dachte nicht allein an sich, sondern auch +an alle nahestehenden oder ihr bekannten Frauen. Sie erinnerte sich +ihrer in jener einzigen, für sie so feierlichen Zeit, da sie ebenso +wie Kity unter dem Kranze gestanden hatte mit Liebe, Hoffnung und +Bangen im Herzen, sich lossagend von der Vergangenheit und in eine +geheimnisvolle Zukunft eintretend. In der Zahl aller dieser Bräute, die +ihr ins Gedächtnis kamen, sah sie auch ihre geliebte Anna, über deren +vermutliche Trennung sie unlängst die Einzelheiten gehört hatte. Auch +sie hatte rein in den Pomeranzenblüten und dem Schleier da gestanden. +Und jetzt? »Furchtbar seltsam« -- sagte sie. + +Aber nicht nur die Schwestern, auch die Freundinnen und weiblichen +Verwandten folgten allen Einzelheiten der heiligen Handlung; auch +die fremden Frauen, die Zuschauerinnen beobachteten voll Aufregung, +mit stockendem Atem, in der Furcht, eine einzige Bewegung verlieren +zu können, den Ausdruck der Mienen des Bräutigams und der Braut, und +antworteten ärgerlich den gleichgültigen Reden der gleichgültigen +Männer gar nicht, oder überhörten sie oft sogar, wenn dieselben +scherzhafte oder nebensächliche Bemerkungen fallen ließen. + +»Weshalb sieht sie so verweint aus? Folgt sie ihm gezwungen?« + +»Was, gezwungen einem so schönen Manne! Ist er nicht ein Fürst?« + +»Das ist wohl seine Schwester dort im weißen Atlaskleid? Höre nur, wie +der Diakonus plärrt >und sie soll ihren Mann fürchten<.« + +»Sind sie denn fremd?« + +»Nein, es sind synodale.« + +»Ich habe einen Diener gefragt. Er sagte, daß der Bräutigam die Braut +sogleich mit sich auf sein Gut nehmen würde. Er soll unendlich reich +sein, heißt es. Deswegen hat man ihm auch die Braut gegeben.« + +»Nicht doch, das Paar ist so schön.« + +»Und da habt Ihr nun gestritten, Marja Wasiljewna, daß die +Kanarienvögel wegflögen. Sieh die dort, es soll eine Gesandtin sein, +wie gewählt« -- + +»Die Braut ist doch zu lieblich, wie ein geputztes Lämmchen. Was Ihr +auch sagen mögt; es ist doch schade um sie.« + +So schwatzte der Haufe der Zuschauerinnen durcheinander, dem es +gelungen war, durch die Thüren der Kirche hereinzuschlüpfen. + + + 6. + +Nachdem die Trauungsfeier in der Kirche beendet war, breitete der +Küster vor dem Altarplatz in der Mitte der Kirche ein rosafarbenes, +seidenes Zeug aus; der Chor stimmte einen kunstvollen und schwierigen +Psalm an, in welchem Tenor und Baß sich antworteten und der Priester, +sich umwendend, wies die Verlobten auf das ausgebreitete rosafarbene +Stück Zeug hin. So oft diese nun schon davon gehört hatten, daß, wer +zuerst auf den Teppich träte, das Regiment in der Familie führen würde, +vermochten sich doch weder Lewin noch Kity dessen zu entsinnen, als sie +die wenigen Schritte zurücklegten. Sie hörten weder die vernehmbaren +Bemerkungen und Auseinandersetzungen, daß nach der Beobachtung der +Einen er, nach der Meinung der Anderen -- beide zugleich darauf +getreten wären. + +Nach den üblichen Fragen betreffs ihres Wunsches die Ehe zu schließen, +ob sie nicht anderweit Versprechungen gegeben hätten, auf die ihre +Antworten ihnen selbst seltsam genug klangen, begann eine neue +Ceremonie. + +Kity hörte die Worte des Gebetes und bemühte sich, deren Sinn zu +verstehen, aber sie vermochte dies nicht. Das Gefühl des Stolzes +und der lichten Freude begann mit der sich dem Ende nähernden Feier +mehr und mehr ihre Seele zu erfüllen, und machte es ihr unmöglich, +aufmerksam zu sein. Man betete: »Gieb ihnen Weisheit und Leibesfrucht +zu ihrem Nutzen, damit sie heiter seien beim Anblick ihrer Söhne und +Töchter;« es wurde erwähnt, daß Gott das Weib aus einer Rippe Adams +geschaffen habe, und »deswegen wird der Mensch Vater und Mutter +verlassen und dem Weibe anhangen und sie werden beide sein ein Leib,« +und »dieses Geheimnis ein großes« sei; man betete, daß Gott ihnen +Fruchtbarkeit und Segen verleihe, wie Isaak und Rebekka, Joseph und +Mose, und daß sie die Söhne ihrer Söhne noch sehen möchten. »Alles +das ist schön,« dachte Kity, als sie diese Worte vernahm, »alles das +kann auch gar nicht anders sein« und ein Lächeln der Freude, das sich +unwillkürlich allen denen, die sie anschauten, mitteilte, glänzte auf +ihrem hellgewordenen Antlitz auf. + +»Setzt ihn nur ordentlich auf!« vernahm man zuredende Stimmen, als +der Geistliche ihnen die Kränze aufsetzte, und Schtscherbazkiy mit +zitternder Hand, im dreiknöpfigen Handschuh, den Kranz hoch über Kitys +Kopf hielt. + +»Setzt ihn auf,« flüsterte diese lächelnd. + +Lewin blickte sie an und war überrascht von dem freudestrahlenden +Glanze, welcher auf ihrem Gesicht lag; diese Empfindung teilte sich +auch ihm unwillkürlich mit, und auch ihm wurde dabei so leicht und +heiter zu Mut, wie ihr. + +Es machte ihnen Freude, dem Lesen der Apostelsendung zu lauschen und +dem Verrauschen der Stimme des Protodiakonus beim letzten Vers, das +von dem zuschauenden Publikum mit großer Ungeduld erwartet worden war. +Es machte ihnen Freude, aus der flachen Schale den lauen roten Wein, +mit Wasser gemischt, zu trinken, es machte ihnen noch mehr Freude, als +der Geistliche, das Meßgewand zurückwerfend, ihrer beider Hände in +die seine nahm und sie unter dem Dröhnen der Bässe, welche das »Jesu +freue dich« ausführten, rings um den Altar geleitete. Schtscherbazkiy +und Tschirikoff, welche die Kränze hielten, verwickelten sich in die +Schleppe der Braut, lächelten gleichfalls und waren heiter, bald +stehen bleibend, bald nach vorn anstoßend an die Jungvermählten, +sobald der Geistliche eine Pause im Rundgang machte. Der Götterfunke +der Freude, der in Kity entzündet war, schien sich allen mitzuteilen, +die in der Kirche anwesend waren; und Lewin dünkte es, als wenn auch +der Geistliche und der Diakonus, ebenso wie er, zu einem Lächeln +neigten. + +Der Geistliche nahm die Kränze von ihren Häuptern, las das letzte +Gebet und beglückwünschte die jungen Eheleute. Lewin schaute auf Kity +und noch nie bisher hatte er diese so gesehen. Sie war reizend in dem +ungewohnten Schimmer von Glück, welcher auf ihrem Antlitz lag. Lewin +wollte zu ihr sprechen, aber er wußte nicht, ob die Feier zu Ende sei. +Der Geistliche entriß ihn seinen Bedenken, er lächelte ihm gutmütig zu +und sagte leise, »küßt Euer Weib, und Ihr, küßt Euren Mann« und nahm +ihnen die Lichter aus den Händen. + +Lewin küßte taktvoll ihre lächelnden Lippen, reichte ihr den Arm, und +verließ im Gefühl der Nähe eines neuen, seltsam berührenden Etwas die +Kirche. + +Er glaubte nicht und konnte nicht glauben, daß es Wahrheit sei. Erst +als ihn verwunderte und schüchterne Blicke trafen, glaubte er daran, +weil er fühlte, daß sie schon Eins waren. + +Nach dem Souper, noch in der nämlichen Nacht, fuhren die jungen Leute +nach dem Dorfe ab. + + + 7. + +Wronskiy und Anna reisten bereits seit drei Monaten zusammen in Europa. +Sie hatten Venedig, Rom, Neapel besucht und waren soeben in einer +kleinen italienischen Stadt angekommen, wo sie sich für einige Zeit +niederzulassen gedachten. + +Ein eleganter Oberkellner, mit einem vom Nacken beginnenden Scheitel im +dicht pomadisierten Haar, im Frack und mit breiter weißer Battistbrust +im Oberhemd, auch einem Bündel Berloques auf dem gerundeten Bäuchlein, +antwortete gerade, die Hände in den Taschen und geringschätzig mit +den Augen zwinkernd, in gemessenem Tone einem stehenbleibenden Herrn. +Als er von der andern Seite der Einfahrt Schritte vernahm, welche die +Treppe hinaufgingen, wandte sich der Oberkellner um, zog, als er den +russischen Grafen erblickte, welcher hier die besten Zimmer gemietet +hatte, respektvoll die Hände aus den Taschen und erklärte mit einer +Verbeugung, daß der Kurier da wäre, und die Angelegenheit mit dem +Mieten eines Palazzo im Gange sei. + +»Ach, das freut mich sehr,« sagte Wronskiy, »ist die gnädige Frau +daheim oder nicht?« + +»Gnädige Frau waren spazieren gegangen, sind aber jetzt zurückgekehrt,« +antwortete der Kellner. + +Wronskiy nahm den weichen, breitkrempigen Hut vom Kopfe und trocknete +mit dem Taschentuch die schweißbedeckte Stirn und die halb über den +Ohren hängenden Haare, welche zurückgekämmt waren und die kahle Stelle +auf seinem Kopfe bedeckten. Zerstreut auf den noch immer dastehenden +und ihn anschauenden Herrn blickend, wollte er vorübergehen. + +»Dieser Herr ist Russe und frug nach Ihnen,« berichtete der Oberkellner. + +Mit einem Gefühl, in dem sich Verlegenheit und der Verdruß mischten, +daß man nirgends seinen Bekannten entgehen könne, aber im Wunsche, +doch wenigstens eine Zerstreuung in der Einförmigkeit seines Lebens zu +finden, blickte Wronskiy nochmals den abseits getretenen und wartenden +Herrn an, und in ein und demselben Augenblick leuchteten beider Augen +auf. + +»Golenischtscheff!« + +»Wronskiy!« + +In der That, es war Golenischtscheff, ein Kamerad Wronskiys +vom Pagencorps her. Golenischtscheff gehörte im Pagencorps der +freidenkenden Richtung an, trat aus demselben mit bürgerlichem Range +aus und hatte nirgends Dienste genommen. Die Kameraden waren seit +dem Verlassen des Corps ganz auseinandergekommen und hatten sich in +späterer Zeit nur einmal wiedergesehen. + +Bei jener Begegnung erkannte aber Wronskiy, daß Golenischtscheff eine +hochgeschraubte, freisinnige Wirksamkeit entwickelt hatte und infolge +dessen die Thätigkeit und den Beruf Wronskiys gering schätzte, und so +kam es, daß dieser bei dem Zusammentreffen mit Golenischtscheff jene +kalte stolze Haltung annahm, die er den Menschen gegenüber anzunehmen +verstand, und deren Gedanke der war: »Mag Euch meine Lebensart +anstehen oder nicht, dies ist mir ganz gleichgültig; Ihr müßt mich aber +achten, wenn Ihr meine Bekanntschaft sucht.« + +Golenischtscheff hingegen verhielt sich diesem Tone Wronskiys gegenüber +mit geringschätzigem Gleichmut. Es dürfte nun scheinen, als ob jene +Begegnung sie noch mehr voneinander hätte trennen müssen, jetzt aber +erglänzten beider Mienen und sie riefen sich freudig an, indem sie +einander erkannten. + +Wronskiy hätte nie erwartet, daß er sich über Golenischtscheff so +freuen könne, aber wahrscheinlich wußte er nur selbst nicht, wie er +sich langweilte. Er hatte den unangenehmen Eindruck ihrer letzten +Begegnung vergessen und streckte jetzt dem einstigen Schulkameraden +mit offener, freudiger Miene die Hand entgegen. Ein solcher Ausdruck +von Freude veränderte auch den ersten unsicheren Ausdruck im Gesicht +Golenischtscheffs. + +»Wie freue ich mich, dich zu treffen!« sagte Wronskiy, freundschaftlich +lächelnd seine festen weißen Zähne zeigend. + +»Ich habe gehört, ein Wronskiy ist hier; wußte aber nicht, welcher. Ich +freue mich ganz außerordentlich!« -- + +»Komm doch mit herauf. Nun, was machst du denn?« + +»Ich wohne schon seit zwei Jahren hier. Ich arbeite.« + +»Ach so,« versetzte Wronskiy voll Teilnahme, »also komme mit herein.« + +Nach der Gewohnheit der Russen begann er französisch, anstatt gerade +russisch das zu sagen, was er vor der Dienerschaft verbergen wollte. + +»Bist du mit der Karenina bekannt? Wir reisen zusammen. -- Ich gehe zu +ihr,« -- fuhr er auf französisch fort, Golenischtscheff aufmerksam ins +Gesicht blickend. + +»Ah, ich wüßte nicht,« antwortete Golenischtscheff ruhig -- der +recht wohl das Verhältnis kannte -- »bist du schon seit lange hier +angekommen?« fügte er hinzu. + +»Ich? Seit vier Tagen,« antwortete Wronskiy, noch einmal aufmerksam das +Gesicht des Schulkameraden musternd. + +»Ja wohl, er ist ein vernünftiger Mensch und nimmt die Dinge, wie +sichs gehört,« sagte Wronskiy zu sich selbst, die Bedeutung des +Gesichtsausdrucks Golenischtscheffs und den Wechsel der Unterhaltung +verstehend; »man kann ihn schon mit Anna bekannt machen; er verhält +sich ganz so, wie es sich gehört.« + +Wronskiy hatte sich während der drei Monate, die er im Auslande mit +Anna zugebracht hatte, im Zusammentreffen mit den Menschen stets die +Frage vorgelegt, wie die betreffende neuerscheinende Person seine +Beziehungen zu Anna betrachte, und größtenteils begegnete er bei den +Männern der Auffassung »wie es sich gehörte«. Wenn man ihn aber frug, +oder diejenigen frug, welche verstanden, was das »wie es sich gehört«, +eigentlich bedeute, so wäre wohl er selbst ebenso wie jene in großer +Verlegenheit gewesen. + +In Wirklichkeit verstanden diejenigen, welche nach Wronskiys Meinung +das »wie es sich gehört« kannten, dieses nicht im geringsten, sondern +verhielten sich nur im allgemeinen so, wie wohlerzogene Leute sich +in allen verwickelten und unlösbaren Fragen zu verhalten pflegen, +die das Leben von allen Seiten umgeben -- sie verhielten sich +zurückhaltend, und mieden Anspielungen und unangenehme Fragen. Sie +gaben sich den Anschein, als ob sie vollständig Bedeutung und Sinn +der Situation erfaßt hätten, sie erkannten dieselbe an und hießen sie +sogar gut, hielten es aber für unangebracht und überflüssig, das alles +auszusprechen. + +Wronskiy hatte sich nicht sogleich gedacht, daß Golenischtscheff einer +von diesen Leuten wäre, und er war daher doppelt erfreut über ihn. +In der That verhielt sich Golenischtscheff der Karenina gegenüber, +nachdem er bei derselben eingeführt worden war, so, wie Wronskiy es nur +immer wünschen konnte. Augenscheinlich vermied er ohne die geringsten +Schwierigkeiten alle Gespräche, die zu einer peinlichen Situation +hätten führen können. + +Er hatte Anna früher nicht gekannt und war überrascht von ihrer +Schönheit, noch mehr aber von der Naivetät, mit welcher sie ihre Lage +auffaßte. Sie errötete, als Wronskiy Golenischtscheff einführte, und +dieses kindliche Erröten, das ihr offenes schönes Gesicht überzog, +gefiel ihm außerordentlich. Besonders aber sprach ihn an, daß sie +sogleich, wie in der Absicht keinerlei Zweifel in Gegenwart eines +Fremden möglich bleiben zu lassen, Wronskiy einfach »Aleksey« nannte +und erzählte, daß sie mit ihm in ein neugemietetes Haus übersiedeln +werde, welches man hier den Palazzo nenne. Dieses offenherzige und +naive Verhalten angesichts ihrer Lage gefiel Golenischtscheff. +Angesichts dieser gutmütig heitern energischen Art und Weise Annas und +seiner Bekanntschaft mit Aleksey Aleksandrowitsch und Wronskiy schien +es ihm, als ob er sie vollständig verstände. Es schien ihm als ob er +erkenne, was sie nicht im entferntesten erkannte; nämlich das, daß sie +sich, das Unglück eines Mannes verschuldend, indem sie ihn und ihren +Sohn verließ und ihren guten Ruf verlor, dennoch voll Energie heiter +und glücklich fühlen konnte. + +»Er liegt dort drüben,« sagte Golenischtscheff, den Palazzo meinend, +den Wronskiy gemietet hatte. »Es befindet sich ein schöner Tintoretto +dort, aus der letzten Epoche des Künstlers.« + +»Wißt Ihr was? Das Wetter ist schön, begeben wir uns einmal hin und +besichtigen wir ihn nochmals,« sagte Wronskiy, sich zu Anna wendend. + +»Sehr erfreut; ich komme sogleich mit und will nur meinen Hut +aufsetzen, Ihr sagt, es ist heiß?« sprach sie, an der Thür stehen +bleibend und fragend auf Wronskiy blickend. Wiederum bedeckte eine +helle Röte ihr Gesicht. + +Wronskiy erkannte an ihrem Blick, daß sie nicht wisse, in welchen +Beziehungen er mit Golenischtscheff zu stehen gedenke, und besorgt sei, +ob sie sich auch so verhalten habe, wie er es gewünscht haben möchte. + +Er schaute sie mit einem zärtlichen langen Blicke an. + +»Nein, nicht so sehr,« versetzte er. + +Ihr schien, daß sie damit alles verstanden hatte, namentlich, daß er +zufrieden mit ihr sei, und ihm zulächelnd ging sie schnellen Schrittes +zur Thür hinaus. + +Die Freunde blickten einander an und in den Zügen beider erschien +Verlegenheit, es war, als ob Golenischtscheff, augenscheinlich +bezaubert von ihr, etwas über sie zu sagen wünschte, aber nicht fände +was, während Wronskiy das Nämliche wünschte und es doch zugleich +fürchtete. + +»So ist es also« -- begann Wronskiy, um doch wieder eine Unterhaltung +anzuknüpfen, »du hast dich hier angesiedelt? Treibst du denn noch immer +deine alte Beschäftigung?« fuhr er fort, sich erinnernd, daß man ihm +gesagt hatte, Golenischtscheff schriebe etwas. + +»Ja. Ich schreibe den zweiten Teil meiner >Zwei Gesetze<,« antwortete +dieser, vor Vergnügen über diese Frage ins Feuer geratend, »das heißt, +um genau zu sein, ich schreibe noch nicht, sondern bereite noch vor, +ich sammle Material. Dieser zweite Teil wird bei weitem umfangreicher +werden und fast sämtliche Fragen umfassen. Man will bei uns in Rußland +nicht begreifen, daß wir die Erben von Byzanz sind,« begann er eine +lange eifrige Auseinandersetzung. + +Wronskiy war es anfangs peinlich, daß er die erste Abhandlung über +die »Zwei Gesetze«, über welche der Autor mit ihm sprach, als ob sie +etwas ganz Bekanntes wäre, gar nicht kannte. Als aber Golenischtscheff +seine Ideen zu entwickeln begann, und Wronskiy ihm zu folgen vermochte, +hörte ihn der Letztere, auch ohne die »Zwei Gesetze« zu kennen, mit +Interesse an, da Golenischtscheff gut sprach, doch versetzte ihn die +verbissene Erregtheit, mit welcher Golenischtscheff über den ihn +beschäftigenden Gegenstand sprach, in Erstaunen und Mißstimmung. Je +länger jener sprach, umsomehr entflammte sich sein Blick, umsomehr +beeilte er sich, eingebildeten Gegnern zu replizieren und um so +unruhiger und trüber wurde sein Gesichtsausdruck. Wronskiy war, indem +er sich Golenischtscheff als den hageren, lebhaften und gutmütigen +Knaben von gutem Herkommen, der stets der Erste im Corps gewesen war, +in die Erinnerung zurückrief, nicht imstande, einen Grund für diese +Gereiztheit zu finden, und schüttelte den Kopf über ihn. Insbesondere +wollte ihm nicht gefallen, daß Golenischtscheff als ein Mann aus der +guten Gesellschaft, sich auf eine Stufe mit gewissen Skriblern stellte, +die ihn gereizt hatten, und denen er nun grollte. War das die Sache +wert? Wronskiy gefiel dies nicht, aber er empfand, daß Golenischtscheff +unglücklich war, und fühlte Mitleid mit ihm. Verzweiflung, ja fast +Geistesverwirrung war auf diesen beweglichen, ziemlich angenehmen Zügen +sichtbar, während er, Annas Eintreten gar nicht einmal bemerkend, +fortfuhr, hastig und eifrig seine Ideen zu äußern. + +Als Anna in Hut und Überwurf, mit ihrer schönen Hand in schnellen +Bewegungen mit dem Sonnenschirm spielend, neben Wronskiy stehen blieb, +riß sich dieser mit einem Gefühl der Erleichterung von den starr +auf ihn gerichteten, klagenden Blicken Golenischtscheffs los und +schaute mit neuer Liebe auf seine reizende Freundin in ihrer Fülle von +Lebenskraft und Freude. + +Golenischtscheff konnte sich nur schwer wieder sammeln und blieb +anfangs niedergeschlagen und finster, doch belebte ihn Anna, freundlich +gegen jedermann gestimmt -- wie sie überhaupt während dieser Zeit +war -- bald wieder durch die Natürlichkeit und Heiterkeit ihres +Verkehrs. Nachdem sie verschiedene Themata versucht hatte, brachte sie +das Gespräch auf die Malerei, über die er sehr gut sprach und hörte +ihm aufmerksam zu. Sie gingen zu Fuße nach dem gemieteten Haus und +besichtigten es. + +»Über Eines freue ich mich sehr,« sagte Anna zu Golenischtscheff, als +sie bereits auf dem Rückwege waren. »Aleksey wird ein gutes Atelier +haben. Du wirst doch ohne Zweifel dieses Zimmer nehmen,« sagte sie zu +Wronskiy auf russisch, ihn jetzt duzend, da sie schon erkannt hatte, +daß Golenischtscheff ihnen in ihrer Einsamkeit sehr nahe treten würde, +und man so vor ihm nichts zu verhehlen brauche. + +»Malst du denn?« sagte dieser, sich schnell zu Wronskiy hinwendend. + +»Ja, ich habe mich lange damit beschäftigt und jetzt wieder ein wenig +angefangen,« versetzte Wronskiy errötend. + +»Er hat ein bedeutendes Talent,« antwortete Anna mit freudigem Lächeln, +»ich bin natürlich kein Kritiker, aber kundige Kunstrichter haben es +auch gesagt.« + + + 8. + +Anna fühlte sich in dieser ersten Zeit ihrer Freiheit und schnellen +Genesung in einer Weise glücklich und voll Lebensfreude, die nicht zu +vergeben war. Die Erinnerung an das Unglück ihres Gatten vergällte ihr +ihre Seligkeit nicht. Diese Erinnerung war ihr einerseits zu furchtbar, +als daß sie daran hätte denken mögen, andrerseits verlieh ihr das +Unglück des Gatten eine viel zu hohe Seligkeit, als daß sie Reue über +dasselbe hätte empfinden können. Die Erinnerung an alles, was sich mit +ihr seit ihrer Krankheit zugetragen, die Aussöhnung mit dem Gatten, +der Bruch mit ihm, die Nachricht von der Verwundung Wronskiys, dessen +erneutes Erscheinen bei ihr, die Vorbereitung der Ehescheidung, das +Verlassen des Hauses ihres Gatten, der Abschied von ihrem Sohne -- +alles das erschien ihr wie ein Fiebertraum, aus welchem sie, allein +mit Wronskiy, im Auslande erwacht war. Die Erinnerung -- das Böse, das +sie ihrem Gatten zugefügt hatte, erweckte in ihr ein Gefühl, welches +dem Ekel und dem Gefühl ähnlich war, welches ein Mensch empfindet, der +ertrinken wollte und sich von einem andern losgerissen hat, der sich an +ihn anklammerte. Dieser letztere Mensch war ertrunken. Natürlich war +das keine schöne Handlung, aber es war die einzige Rettung und man that +daher am besten, an diese furchtbaren Einzelheiten nicht mehr zu denken. + +Ein Schluß der sie über ihre Handlungsweise beruhigte, kam ihr damals, +in der ersten Minute nach dem Bruch, und wenn sie jetzt an ihre ganze +Vergangenheit dachte, erinnerte sie sich dieses Schlusses. »Ich habe +unwiderleglich das Verhängnis dieses Mannes herbeigeführt,« dachte sie, +»aber ich will aus diesem Unglück keinen Vorteil ziehen; auch ich leide +und werde leiden, ich bin dessen beraubt, was ich über alles schätzte, +-- des ehrenhaften Namens und meines Sohnes. Ich habe schlecht +gehandelt, und will daher kein Glück, keine Ehescheidung; ich werde +leiden in meiner Schmach und der Trennung von dem Sohne.« + +Aber so aufrichtig Anna auch leiden wollte, sie litt nicht; und ihre +Schmach war für sie nicht vorhanden. Mit dem Takte, von welchem sie +beide so viel besaßen, kamen sie im Auslande, indem sie russische Damen +mieden, nie in eine falsche Situation und überall trafen sie Leute, +die sich stellten, als ob sie die beiderseitige Lage noch weit besser +verständen, als sie selbst sie auffaßten. Selbst die Trennung von ihrem +Sohne, den sie liebte, war ihr in der ersten Zeit nicht schmerzlich. +Ihr Töchterchen, sein Kind, war so lieb, hatte Anna so für sich +eingenommen, seit ihr das Mädchen allein verblieben war, daß sie nur +selten noch des Sohnes gedachte. + +Ihr Bedürfnis zu leben, mit der Genesung erhöht, war so stark, und ihre +Lebensverhältnisse waren so ungewohnte und angenehme, daß Anna sich +unverzeihlich glücklich fühlte. + +Je mehr sie Wronskiy erkannte, desto mehr liebte sie ihn. Sie liebte +ihn um seiner selbst willen und wegen seiner Liebe für sie. Ihre +vollständige Herrschaft über ihn war ihr eine fortwährende Freude. +Seine Nähe war ihr stets willkommen. Alle Züge seines Charakters, +den sie mehr und mehr erkannte, waren ihr unaussprechlich lieblich. +Sein Äußeres, das sich im Civilanzug verändert hatte, war für sie so +anziehend, wie für eine liebende junge Frau. In allem was er sprach, +dachte und that, sah sie etwas besonders Edles und Erhabenes, und ihr +Entzücken über ihn erschreckte sie selbst sogar häufig. Sie suchte +nichts Unschönes in ihm und konnte auch nichts finden; sie wagte es +nicht, das Bewußtsein ihrer Nichtigkeit vor ihm gewahr werden zu +lassen, denn es schien ihr, als ob er, wenn er dies wüßte, schneller +aufhören könne, sie zu lieben. Jetzt aber fürchtete sie nichts so sehr +-- obwohl sie nicht den geringsten Anlaß hierzu hatte -- als, seine +Liebe zu verlieren. Sie konnte nicht umhin, ihm dankbar zu sein für +sein Verhältnis zu ihr und mußte ihm zeigen, wie hoch sie dasselbe +schätzte. Er, der nach ihrer Meinung einen so ausgeprägten Beruf für +die Staatscarriere besaß, in der er einmal eine bedeutende Rolle +spielen mußte -- er hatte seinen Ehrgeiz für sie geopfert, ohne je auch +nur das geringste Bedauern darüber zu zeigen. + +Er war mehr noch als früher, liebevoll und achtungsvoll gegen sie +geworden und der Gedanke, sie möchte sich des Peinlichen ihrer Lage +niemals bewußt werden, verließ ihn nicht eine Minute. Er, so ganz ein +Mann, war vor ihr nicht nur widerspruchslos, er hatte nicht einmal +seinen eigenen Willen, und war offenbar nur damit beschäftigt, auf +welche Weise er ihren Wünschen zuvorkommen könne. Und sie konnte +nicht umhin, dies hochzuschätzen, obwohl sie das Übermaß seiner +Aufmerksamkeit für sie, diese Atmosphäre liebevoller Sorgfalt mit der +er sie umgab, bisweilen bedrückte. + +Wronskiy jedoch war ungeachtet der vollständigen Verwirklichung +dessen, was er so lange ersehnt hatte, nicht vollkommen glücklich. +Er fühlte bald, daß die Verwirklichung seines Wunsches ihm nur ein +Körnlein von jenem Berg von Glück gewährt hatte, den er erwartete. +Diese Verwirklichung zeigte ihm nur den ewigen Fehler, den die Menschen +begehen, indem sie sich das Glück als Verwirklichung eines Wunsches +denken. In der ersten Zeit, nachdem er sich mit ihr vereinigt und +den Civilrock angelegt hatte, empfand er all den Reiz der Freiheit im +allgemeinen, den er nicht vorher gekannt hatte, sowie die Freiheit der +Liebe, und er war zufrieden; doch nicht auf lange. Bald fühlte er, daß +sich in seiner Brust der Wunsch der Wünsche regte -- die Langeweile. +-- Ganz ohne seinen Willen klammerte er sich an jede vorüberhuschende +Laune, indem er sie als Wunsch und Ziel erfaßte. Sechzehn Stunden +des Tages mußte man sich beschäftigen, obwohl man im Ausland in +vollkommener Freiheit lebte, außerhalb jenes Kreises von Anforderungen +des gesellschaftlichen Lebens, wie er die Zeit in Petersburg für sich +in Anspruch nahm. + +An jene Zerstreuungen des Junggesellenlebens, die Wronskiy bei früheren +Reisen ins Ausland beschäftigt hatten, war nicht mehr zu denken, +da schon ein einziger Versuch dieser Art einen unerwarteten, einem +verspäteten Abendbrot unter Bekannten nicht entsprechenden Trübsinn +in Anna hervorrief. Beziehungen zu der Gesellschaft des Ortes, auch +den Russen hier, konnten sie bei der Unbestimmtheit ihrer Verhältnisse +ebenfalls nicht unterhalten. Eine Besichtigung der Sehenswürdigkeiten +hatte, abgesehen davon, daß sie alles schon gesehen hatten, für ihn +als einen Russen, und verständigen Menschen, nicht jene unerklärbare +Bedeutung, wie sie die Engländer diesem Punkte beimessen. + +Wie daher das hungernde Tier nach jedem fallenden Gegenstande schnappt, +in der Hoffnung, in ihm etwas zu fressen zu finden, so griff auch +Wronskiy vollständig instinktiv bald zur Politik, bald nach neuen +Büchern, bald nach der Malerei. + +Da er von Kindheit an Talent zur Malerei gehabt, und, indem er nicht +wußte, wofür er sein Geld verausgaben sollte, Stahlstiche zu sammeln +begonnen hatte, so blieb er endlich bei der Malerei, und begann sich +mit ihr zu beschäftigen und jenen brachliegenden Wust von Wünschen, +welcher nach Verwirklichung verlangte, in ihr abzulagern. + +Er besaß die Fähigkeit, die Kunst zu erfassen, und in der That mit +Geschmack die Kunst nachzuahmen; er meinte auch, daß er dasselbe +besäße, was der Künstler brauche, und befaßte sich, nachdem er einige +Zeit geschwankt hatte, welches Genre der Malerei er erwählen solle: das +religiöse, historische oder realistische, mit Malen. Er verstand sich +auf jedes Genre und konnte sich für dieses, wie für jenes begeistern, +aber er vermochte sich nicht vorzustellen, daß es auch möglich sei, +ganz und gar nichts zu wissen, was es für Richtungen in der Malerei +gebe, und sich unmittelbar von dem inspirieren zu lassen, was in +der Seele lebte, ohne Sorge, ob das, was man malte, auch zu einem +bestimmten Genre in der Kunst gehörte. Da er dies nicht kannte, und +sich nicht unmittelbar vom Leben beeinflussen ließ, sondern mittelbar, +vom Leben wie es durch die Kunst schon verkörpert war, so begeisterte +er sich sehr schnell und leicht und erreichte ebenso schnell und +leicht, daß das, was er malte, demjenigen Genre sehr ähnlich wurde, +welches er nachzuahmen wünschte. + +Vor allem gefiel ihm die französische Schule, die graziöse und +effektvolle, und nach dieser begann er, das Bild Annas in italienischem +Kostüm zu malen. Das Porträt erschien ihm und jedermann, der es sah, +als sehr gelungen. + + + 9. + +Der alte vernachlässigte Palazzo mit den hohen bossierten Plafonds und +Fresken an den Wänden, Mosaikboden und schweren gelben Stoffgardinen an +den hohen Fenstern; Vasen auf den Konsolen und Kaminen, geschnitzten +Thüren und dämmerigen Sälen, die mit Gemälden vollgehängt waren -- +dieser Palazzo hielt, nachdem sie in ihn übergesiedelt waren, schon in +seiner äußeren Erscheinung in Wronskiy eine angenehme Täuschung wach, +die, daß er weniger ein russischer Gutsherr und Stallmeister ohne Amt +sei, als vielmehr ein erlauchter Liebhaber und Kunstmäcen, und er +selbst -- ein bescheidener Künstler, der sich von der Welt losgesagt +hatte, von seinen Verbindungen und dem Ehrgeiz -- für ein geliebtes +Weib. + +Die Rolle, welche Wronskiy mit seinem Umzug in den Palazzo erwählt +hatte, gelang vollständig und durch Vermittelung Golenischtscheffs mit +einigen interessanten Personen bekannt geworden, fühlte er sich für die +Anfangszeit beruhigt. Er malte unter der Leitung eines italienischen +Professors der Malerei Studien nach der Natur und beschäftigte sich mit +dem Kunstleben Italiens im Mittelalter. Das mittelalterliche Kunstleben +Italiens hatte für Wronskiy in letzter Zeit soviel Reiz gewonnen, +daß dieser selbst einen Hut und das Plaid über der Schulter nach der +mittelalterlichen Mode zu tragen begann, was ihm sehr gut stand. + +»Da leben wir hier und wissen gar nichts davon,« sagte eines Tages +Wronskiy zu Golenischtscheff, der früh zu ihm gekommen war. »Hast du +das Gemälde Michailoffs gesehen?« Er reichte die am Morgen soeben +erhaltene russische Zeitung hin, und wies auf einen Artikel über einen +russischen Maler, der in der nämlichen Stadt lebte und hier ein Gemälde +ausgeführt hatte, über welches schon lange Gerüchte umliefen und das +schon im voraus angekauft worden war. + +In dem Aufsatz wurden der Regierung und der Akademie Vorwürfe gemacht, +daß der vorzügliche Künstler jeder Aufmunterung und Unterstützung +entbehre. + +»Ich habe das Bild gesehen,« antwortete Golenischtscheff, »natürlich +ist er nicht talentlos, aber er verfolgt eine vollständig verkehrte +Richtung; das ist noch immer jene Richtung Iwanoff-Strauß-Rénan, +Christus und der kirchlichen Malerei gegenüber.« + +»Was stellt das Gemälde dar?« frug Anna. + +»Christus vor Pilatus. Christus ist als Hebräer mit allem Realismus +der neuen Schule dargestellt« -- durch die Frage nach dem Inhalt +des Gemäldes auf eines seiner Lieblingsthemen gebracht, begann +Golenischtscheff zu erklären. + +»Ich begreife nicht, wie man einem so groben Irrtum verfallen kann. +Christus hat doch schon seine bestimmte Verkörperung in der Kunst +der größten Altmeister. Wenn man nicht Gott darstellen will, sondern +einen Revolutionär oder Weisen, so mag man sich den Sokrates aus der +Geschichte wählen, den Franklin, die Charlotte Corday -- aber nur nicht +Christus. -- Man nimmt da aber gerade diejenige Gestalt, die man für +die Kunst nicht nehmen soll, und dann« -- + +»Aber ist es denn wahr, daß sich dieser Michailoff in so großer Armut +befindet?« frug Wronskiy in dem Gedanken, daß er, als russischer Mäcen, +ohne Rücksicht darauf, ob das Gemälde gut oder schlecht sei, dem +Künstler helfen könne. + +»Kaum; er ist ein bedeutender Porträtmaler. Ihr habt wohl sein Porträt +der Wasiljtschikowa gesehen? Er scheint indessen nicht mehr Porträts +malen zu wollen, und kann es allerdings möglich sein, daß er sich +wirklich in Not befindet. Ich sage, daß? -- + +»Könnte man ihn nicht bitten, ein Porträt der Anna Arkadjewna zu +malen?« sagte Wronskiy. + +»Weshalb meines?« fiel Anna ein, »außer dem deinigen möchte ich kein +anderes haben. Oder noch besser wäre Any« -- so nannte sie ihr kleines +Mädchen -- »da ist sie gerade,« fügte sie hinzu, durch das Fenster auf +eine hübsche italienische Amme schauend, welche das Kind in den Garten +trug, und dann sorglich verstohlen auf Wronskiy blickend. + +Die hübsche Amme, deren Kopf Wronskiy für sein Gemälde porträtiert +hatte, bildete das einzige geheime Leid im Leben Annas. Wronskiy hatte +sie gemalt, sich in ihre Anmut und Mittelalterlichkeit verliebt, und +Anna wagte nicht, sich zu gestehen, daß sie fürchtete, sie könne auf +diese Amme eifersüchtig werden. Infolge dessen behandelte sie dieselbe +ausnehmend gut und verzärtelte sie sogar, ebenso wie den kleinen Sohn +derselben. + +Wronskiy blickte ebenfalls durch das Fenster und dann Anna in die +Augen, wandte sich jedoch hierauf sogleich wieder zu Golenischtscheff +und sagte: + +»Kennst du diesen Michailoff?« + +»Ich bin ihm begegnet, doch ist er ein Sonderling und ohne jede +Bildung. Wißt Ihr, er ist einer jener Wilden, jener Neuerer, die man +jetzt so häufig trifft; einer jener Freidenker, welche =d'emblée=, +in den Begriffen des Unglaubens, der Negierung und des Materialismus +aufgezogen sind. Früher,« fuhr Golenischtscheff fort, ohne zu bemerken, +oder bemerken zu wollen, daß auch Wronskiy und Anna zu reden wünschten, +»früher war ein Freidenker ein Mensch, der in den Begriffen Religion, +Gesetz und Moral erzogen worden, und selbst durch Kampf und Mühe +zum Freidenkertum gelangt war; jetzt zeigt sich ein neuer Typus der +selbstgewordenen Freidenker, welche emporwachsen, ohne auch nur davon +gehört zu haben, daß es Gesetze der Moral, der Religion giebt, und daß +Autoritäten existieren; solcher, die eben geradezu in den Begriffen +des absoluten Nein, das heißt also, wie Wilde aufwachsen. So Einer ist +er nun; der Sohn eines höheren Moskauer Lakaien wohl, der keinerlei +Bildung empfangen hat. Nachdem er in die Akademie eingetreten war und +sich einen Namen gemacht hatte, begann er, gerade kein Dummkopf, das +Bedürfnis nach Bildung zu fühlen. Er wandte sich daher zu dem, was ihm +als Quelle der Bildung erschien -- zu den Journalen. Man bedenke nur, +in der alten Zeit hätte ein Mensch, der sich bilden wollte, nehmen +wir an, ein Franzose, alle Klassiker studieren müssen: die Theologen, +Tragiker, Historiker und Philosophen; man bedenke die geistige +Arbeit, die ihm da obgelegen haben würde. Jetzt aber, bei uns, ist +er geradenwegs auf die oppositionelle Litteratur gestoßen, hat sich +schnell den ganzen Extrakt der Verneinungswissenschaft zu eigen gemacht +-- und ist fertig! Vor zwanzig Jahren würde er in dieser Litteratur +die Kennzeichen eines Kampfes mit der Autorität, mit hundertjährigen +Anschauungen gefunden haben, er würde aus diesem Kampfe erkannt haben, +daß es noch etwas Anderes gebe, jetzt aber verfällt er geradenwegs +einer Litteratur, in welcher man die alten Anschauungen nicht einmal +mehr einer Bekämpfung würdigt, sondern unverhohlen heraussagt, >das +ist nichts mehr, =évolution=, Kampf ums Dasein!< Ich habe in meiner +Abhandlung« -- + +»Wißt Ihr was,« sagte Anna, die schon lange aufmerksame Blicke mit +Wronskiy gewechselt hatte, und wußte, daß diesen der Bildungsgang des +Künstlers nicht interessierte, sondern nur der Gedanke beschäftigte, +ihm zu helfen, ihm ein Porträt zuzuweisen: »Wißt Ihr was?« unterbrach +sie den sich im Redefluß verlierenden Golenischtscheff, »wir wollen zu +ihm gehen!« + +Golenischtscheff sammelte sich und stimmte bereitwillig zu, da jedoch +der Künstler in einem entfernteren Viertel wohnte, beschloß man einen +Wagen zu nehmen. + +Nach Verlauf einer Stunde fuhren Anna die neben Golenischtscheff +saß, und Wronskiy, der auf dem Vordersitz des Wagens Platz genommen +hatte, vor einem neuen, unschön aussehenden Gebäude in dem abgelegenen +Stadtviertel vor. Nachdem sie von der heraustretenden Frau des +Hausmanns erfahren hatten, daß Michailoff den Zutritt zu seinem Atelier +wohl gewähre, augenblicklich aber sich in seiner Privatwohnung, die +wenige Schritte entfernt lag, befinde, so sandten sie ihm ihre Karten +mit der Bitte um die Erlaubnis, seine Gemälde sehen zu dürfen. + + + 10. + +Der Maler Michailoff war, wie immer, bei der Arbeit, als man ihm die +Karten des Grafen Wronskiy und Golenischtscheffs überbrachte. Er hatte +diesen Morgen in seinem Atelier an einem großen Gemälde gearbeitet. +Als er in seine Wohnung gekommen war, hatte er sich über seine Frau +geärgert, weil diese nicht mit der Hauswirtin umzugehen verstand, die +Geld verlangte. + +»Zwanzigmal wohl habe ich dir gesagt, laß dich nicht in Erklärungen +ein, du bist ohnehin schon dumm genug; willst du aber auf italienisch +etwas erklären, dann wirst du noch dreimal dümmer,« sagte er zu ihr +nach langem Gezänk. + +»Sei lieber nicht so nachlässig! Ich kann doch nicht dafür. Wenn ich +Geld hätte« -- + +»Laß mich in Ruhe, um Gottes willen!« rief Michailoff, Thränen in der +Stimme, eilte, sich die Ohren zuhaltend, in sein Arbeitszimmer hinter +die Zwischenwand, und schloß die Thür hinter sich. »Einfältige,« sprach +er zu sich selbst, ließ sich an seinem Tische nieder, klappte den +Karton auseinander und machte sich mit besonderem Eifer an eine schon +begonnene Zeichnung. + +Niemals arbeitete er mit so großem Eifer und Erfolg, als wenn es ihm +im Leben nicht gut ging, besonders aber, wenn er sich mit seiner Frau +gezankt hatte. + +»Könnte man nur sonstwohin durchbrennen!« dachte er bei seiner Arbeit. +Er entwarf eine Zeichnung zu der Figur eines Menschen, der sich im +Zornanfall befindet. Die Zeichnung war schon vorher entworfen, aber +er war mit derselben nicht zufrieden. »Nein, die andere war besser; +wo ist sie denn nur?« Er ging zu seiner Frau, und frug grollend, und +ohne aufzublicken, die alte Magd, wo das Papier wäre, welches er ihnen +gegeben hätte. Das Papier mit der darauf hingeworfenen Zeichnung fand +sich, es war aber beschmutzt und mit Stearin betropft. Gleichwohl nahm +er die Zeichnung, legte sie vor sich auf den Tisch, und begann, nachdem +er mit den Augen blinzelnd zurückgetreten war, sie zu betrachten. +Plötzlich lächelte er und schwenkte freudig mit den Armen. »So ist +es, so!« sagte er, und begann, den Bleistift ergreifend, schnell +zu zeichnen. Ein Stearinflecken hatte der Figur eine neue Stellung +verliehen. Er zeichnete diese neue Stellung und plötzlich fiel ihm das +energische Gesicht eines Kaufmanns mit hervorstehendem Unterkinn ein, +bei dem er sich seine Cigarren kaufte, und dieses Gesicht, dieses Kinn +gab er nun seiner Figur. Er lachte vor Lust; die Gestalt war plötzlich +aus einer toten, nur gedachten, lebendig, eine solche geworden, die +man nicht mehr verändern konnte. Diese Figur lebte, sie war deutlich +und zweifellos bestimmt. Man konnte jetzt wohl noch die Zeichnung +ändern, im Einklang mit den Erfordernissen der Gestalt, man konnte wohl +selbst die Füße anders stellen, die Haltung des linken Armes gänzlich +ändern, die Haare zurücklegen. Brachte man auch diese Verbesserungen +an, so verankerte man doch nicht die Figur, sondern nur das, was die +Figur verdeckte. Er nahm damit gleichsam nur die Hüllen von ihr ab, +wegen deren sie nicht ganz sichtbar war und jeder neue Strich zeigte +die ganze Gestalt nur noch mehr in all ihrer energischen Kraft, einer +Kraft, die ihm plötzlich von den Stearinflecken hervorgebracht zu sein +schien. Sorgfältig beendete er gerade die Figur, als man ihm die Karten +brachte. + +»Sogleich, sogleich!« + +Er eilt zu seiner Frau. + +»Laß es gut sein, Sascha, sei nicht mehr böse!« sagte er zu ihr, +schüchtern und zärtlich lächelnd, »du warst schuld und ich war +schuld; ich will schon alles in Ordnung bringen.« Nachdem er sich mit +seiner Frau ausgesöhnt hatte, zog er einen olivenfarbigen Paletot mit +Sammetkragen an, setzte seinen Hut auf, und begab sich nach seinem +Atelier. Die so wohlgelungene Figur hatte er bereits vergessen. Es +erfreute und erregte ihn jetzt nur der Besuch seines Ateliers seitens +dieser vornehmen Russen, die im Wagen angekommen waren. + +Über sein Gemälde, dasselbe, welches jetzt auf seinem Platze stand, +hatte er auf dem Grunde seines Herzens nur ein Urteil -- dies, daß ein +ähnliches Gemälde bisher noch niemand gemalt habe. Er wähnte nicht, +daß sein Bild besser sei als alle Rafaelschen, er wußte nur, daß das, +was er auf demselben wiedergeben wollte, noch nie jemand wiedergegeben +hatte. Dies wußte er genau und er wußte es schon lange, seit jener +Zeit, da er es zu malen begonnen hatte. Aber die Urteile der Menschen +hatten für ihn, wie sie auch sein mochten, gleichwohl eine ungeheure +Wichtigkeit, und sie regten ihn bis auf den Grund seiner Seele auf. +Jede Bemerkung, selbst die allergeringste, welche bewies, daß seine +Kritiker auch nur den kleinsten Teil von dem erkannten, was er in +diesem Gemälde gesehen hatte, regte ihn bis auf den Grund seiner Seele +auf. + +Seinen Kritikern maß er stets größere Tiefe an Verständnis bei, als wie +er selbst besaß, und er erwartete von ihnen stets etwas, was er selbst +noch nicht in seinem Gemälde gesehen hatte. Oft fand er dies auch, wie +ihm schien, in den Urteilen der Beschauer. + +Schnellen Schrittes näherte er sich der Thür seines Ateliers; und trotz +seiner inneren Erregtheit, frappierte ihn die matte Beleuchtung der +Gestalt Annas, wie sie im Schatten der Einfahrt stand und dem eifrig +ihr etwas auseinandersetzenden Golenischtscheff zuhörte, zu gleicher +Zeit aber auch offenbar wünschte, den herankommenden Künstler zu sehen. + +Er selbst war sich dessen gar nicht bewußt geworden, daß er an sie +herantretend, diesen Eindruck erfaßt und sich zu eigen gemacht hatte, +ebenso wie das Unterkinn jenes Kaufmanns der ihm Cigarren verkaufte, +und er barg ihn nun an eine Stelle, von der er ihn wieder hervorholen +würde, sobald er ihn brauchte. Die Besucher, schon vorher durch +Golenischtscheffs Erzählung über den Künstler ernüchtert, wurden dies +noch mehr durch dessen äußere Erscheinung. + +Von mittlerer Größe, gedrungen, mit schwankendem Gang, machte +Michailoff in seinem zimmetfarbenen Hut, dem olivengrünen Paletot und +den engen Beinkleidern -- man trug zu dieser Zeit längst schon weite +-- insbesondere aber durch das Gewöhnliche seines breiten Gesichts und +einen Ausdruck, in welchem sich Schüchternheit mit dem Wunsche, seine +Würde zu beobachten, vereinigte, einen nicht eben angenehmen Eindruck. + +»Bitte ergebenst,« sagte er, sich bemühend, gleichmütig zu erscheinen, +und zog, in den Hausflur tretend, einen Schlüssel aus der Tasche um die +Thür zu öffnen. + + + 11. + +Beim Eintritt in das Atelier musterte der Künstler Michailoff +noch einmal seinen Besuch und prägte seinem Gedächtnis noch den +Gesichtsausdruck Wronskiys ein, insbesondere dessen Backenpartieen. + +Wenn auch sein künstlerisches Empfinden fortwährend thätig war, indem +es Material sammelte, wenn er auch immer mehr und mehr die Erregung +darüber empfand, daß die Minute der Beurteilung seines Werkes nahte, +so hatte er sich doch dabei schnell und feinsinnig aus unmerklichen +Anzeichen eine Vorstellung über diese drei Personen gebildet. + +Der Eine da -- Golenischtscheff -- war ein hiesiger Russe. Michailoff +entsann sich weder seiner Familie, noch wußte er mehr, wo er ihm +begegnet war, und was er mit ihm gesprochen hatte. Er entsann sich +nur noch seines Gesichts, wie er sich überhaupt aller Gesichter +entsann, die er einmal gesehen hatte, doch entsann er sich auch, +daß dies eines jener Gesichter war, die von seiner Phantasie in +die höchst umfangreiche Klasse der unwahren und ausdrucksarmen +einregistriert wurden. Die langen Haare und die sehr offene Stirn +verliehen dem Gesicht äußere Bedeutung, obwohl sich auf ihm nur wenig, +kindlich-unruhiger Ausdruck, der sich über der schmalen Nasenwurzel +konzentrierte, zeigte. + +Wronskiy und die Karenina mußten nach der Vorstellung, die sich +Michailoff von ihnen machte, vornehme und reiche Russen sein, die +nichts von Kunst verstanden, wie alle diese reichen Russen, sich aber +als Liebhaber und Verehrer derselben gebärdeten. + +»Sie haben gewiß schon die ganze alte Kunst gesehen und bereisen +jetzt die Ateliers der neuen Meister, die deutschen Charlatane und +die englischen Praerafaelistennarren, und kommen nun zu mir nur der +Vervollständigung der Umschau halber,« dachte er. + +Er kannte die Manier der Dilettanten sehr genau -- je klüger diese +erschienen, um so schlimmer war es -- welche die Ateliers der +zeitgenössischen Künstler nur mit der Absicht zu sehen kamen, daß sie +das Recht hätten sagen zu können, die Kunst sei im Niedergang begriffen +und daß sich, je mehr man auf die Neuen schaue, umsomehr wahrnehmen +lasse, wie unnachahmlich erhaben die alten Meister geblieben seien. + +Er erwartete alles dies, sah alles dies, schon auf ihren Gesichtern, +in dieser gleichmütigen Nachlässigkeit, mit der sie unter sich +sprachen und auf die Büsten blickten und sich ungezwungen bewegten, +in der Erwartung, daß er ihnen das Gemälde zeigen würde. Aber +nichtsdestoweniger empfand er beim Durchblättern seiner Skizzen und als +er die Vorhänge hob und die Decke wegnahm, eine hohe tiefe Erregung; +umsomehr, als ihm, obwohl alle vornehmen und reichen Russen dumm und +beschränkt nach seinen Begriffen sein mußten, Wronskiy sowohl wie +besonders Anna, gefielen. + +»So, ist es gefällig?« sprach er, mit linkischem Gange auf die Seite +tretend und nach dem Bilde weisend. »Es ist die Mahnung des Pilatus. +Matthäi Kap. =XXVII=« -- sagte er, im Gefühl, daß seine Lippen vor +Aufregung zu zittern begannen. Er ging abseits und trat hinter sie. + +Während der wenigen Sekunden, während deren die Besucher schweigend +das Gemälde beschauten, blickte es Michailoff gleichfalls an, und er +schaute mit gleichgültigem, interesselosem Blick darauf. Während dieser +wenigen Sekunden hatte er sich im voraus davon überzeugt, daß das +höchste und gerechteste Urteil von ihnen ausgesprochen werden würde, +gerade von diesen Besuchern, welche er eine Minute zuvor noch so gering +geschätzt hatte. Er hatte alles vergessen, was er über sein Bild vorher +gedacht hatte während der drei Jahre, in denen es von ihm gemalt ward; +er vergaß alle Vorzüge desselben, die für ihn zweifellos vorhanden +waren und sah sein Bild nur mit ihrem unbewegten, unparteiischen und +frischen Blick an; und jetzt sah er an ihm nichts Gutes mehr. Er sah im +Vordergrund das unwillige Gesicht des Pilatus und das ruhige Antlitz +Christi, im Hintergrund die Gestalten der Kreaturen des Pilatus und +das Gesicht Johannis, die Vorgänge beobachtend. Jedes Gesicht, unter +so vielem Suchen, so vielem Irren, Verbessern an seinem eigenartigen +Charakter in ihm erstanden, jedes dieser Gesichter, die ihm soviel +Mühe und Freude gemacht hatten, sie alle, so oft umgeändert unter der +Rücksichtnahme auf den Gesamteindruck, und auf alle diese Nüancen des +Kolorits und der Töne, die er mit soviel Mühe erzielt hatte, alles +dies vereint, zeigte sich ihm jetzt, indem er die Augen der Besucher +beobachtete, als Trivialität, die schon tausendmal wiederholt worden +war. + +Selbst das wertvollste dieser Gesichter, das Antlitz Christi, als +Mittelpunkt des Bildes, der ihm soviel Freude gemacht hatte, als er +es endlich gefunden, alles das erschien jetzt verloren für ihn, als +er auf sein Gemälde mit ihren Augen blickte. Er sah nur eine gut -- +und selbst das nicht einmal, da er jetzt klar eine Masse von Mängeln +wahrnahm -- gemalte Wiederholung aller jener zahllosen Christusbilder +Tizians, Rafaels, Rubens', und der nämlichen Söldner des Pilatus. +Alles war trivial, dürftig und veraltet, ja, selbst schlecht gemalt -- +bunt und schwach. Sie werden recht haben, wenn sie in Gegenwart des +Künstlers verstellte höfliche Phrasen drechseln, ihn aber bedauern und +verspotten, sobald sie unter sich sind. + +Das Schweigen wurde ihm allzu drückend, obwohl es nicht länger als eine +Minute gewährt hatte; um es zu brechen und zu zeigen, daß er nicht aus +seiner Ruhe gekommen sei, wandte er sich, indem er sich zusammenraffte, +an Golenischtscheff. + +»Ich hatte wohl, wie mir scheint, das Vergnügen« -- sagte er zu +demselben, unruhig bald auf Anna, bald auf Wronskiy blickend, um nicht +einen einzigen Zug des Ausdrucks ihrer Gesichter zu verlieren -- »Ihnen +schon begegnet zu sein?« -- + +»Gewiß! -- Wir sahen uns bei Rossi, entsinnt Ihr Euch jenes Abends, +als jene italienische Dame vortrug,« begann Golenischtscheff frei, und +ohne das geringste Bedauern den Blick von dem Gemälde ab und zum Maler +wendend. + +Als er indessen bemerkte, daß Michailoff ein Urteil über sein Gemälde +erwarte, sagte er: »Euer Bild hat gute Fortschritte gemacht, seit ich +es zum letztenmal gesehen habe. So wie damals, überrascht mich auch +jetzt die Figur des Pilatus. So muß man diesen Mann auffassen, als gut +und brav, aber als Beamter bis auf den Kern seiner Seele, der nicht +weiß, was er anrichtet. Mir scheint indessen« -- + +Michailoffs bewegliches Gesicht erglänzte plötzlich über und über, +seine Augen leuchteten auf. + +Er wollte etwas sagen, konnte es aber vor Erregung nicht, und +stellte sich nun, als müsse er husten. So niedrig wie er auch +die Fähigkeit Golenischtscheff, die Kunst zu verstehen, anschlug, +so unbedeutend auch die treffende Bemerkung desselben über die +Wahrheit des Gesichtsausdruckes des Pilatus als eines Beamten war, so +zurücksetzend für ihn die Äußerung einer so unbedeutenden Bemerkung +erscheinen konnte, die zuerst kam, während über das Hauptsächlichste +nicht gesprochen worden war, befand sich Michailoff gleichwohl in +Entzücken über dieselbe. Er selbst dachte über die Figur des Pilatus +das Nämliche, was Golenischtscheff ausgesprochen hatte. Der Umstand, +daß dieses Gutachten nur eines von Millionen anderer war, die, wie +Michailoff sicher wußte, alle richtig gewesen sein würden, verminderte +für ihn die Bedeutung desselben nicht. Er gewann Golenischtscheff +für diese Bemerkung lieb und fiel aus der Stimmung der Beklommenheit +plötzlich in die des Entzückens. Sofort lebte sein ganzes Gemälde +vor ihm wieder auf in all der unaussprechlichen Schwierigkeit alles +Lebenden. Michailoff versuchte es nochmals zu sagen, daß er sich +den Pilatus ebenso gedacht habe, aber seine Lippen vibrierten nur +widerspenstig und er konnte sich nicht äußern. Wronskiy und Anna sagten +gleichfalls etwas mit jener leisen Stimme, mit welcher man gewöhnlich +-- teils um den Künstler nicht zu verletzen, teils um nicht laut eine +Dummheit zu sagen, die man so leicht äußern kann, wenn man über Kunst +spricht -- in Gemäldeausstellungen konversiert. + +Michailoff schien es, als ob sein Bild auch auf sie Eindruck gemacht +hätte. Er trat zu ihnen hin. + +»Wie wunderbar ist der Ausdruck des Christus!« sagte Anna. Vor allem, +was sie gesehen, hatte ihr dieser Ausdruck gefallen, und sie fühlte, +daß dies der Mittelpunkt des Gemäldes war und deshalb ein solches Lob +dem Künstler angenehm sein würde. + +»Man sieht, wie er Pilatus bemitleidet!« + +Dies war wiederum eins aus der Million richtiger Urteile, die man an +seinem Bilde und an der Figur des Christus finden konnte. + +Sie hatte gesagt, daß es ihm leid thue um Pilatus. In dem Ausdruck +des Christus mußte ja auch der von Mitleid liegen, da in ihm der +der Liebe lag, einer überirdischen Ruhe und Todesbereitschaft, des +Bewußtseins einer bevorstehenden Rechenschaft über seine Worte. Gewiß +lag der Ausdruck des dienstthuenden Beamten in dem Pilatus, der des +Mitleids mit diesem in dem Christus, da der Eine die Verkörperung des +fleischlichen, der Andere die des geistigen Lebens ist. Alles das +und noch vieles andere ging Michailoff durch den Kopf, und abermals +leuchtete sein Auge auf vor Entzücken. + +»Und wie diese Figur gearbeitet ist, wie viel Luft; man kann um ihn +herumgehen,« sagte Golenischtscheff, offenbar um mit dieser Bemerkung +anzudeuten, daß er den Gedanken und Sinn der Figur nicht billige. + +»Ja, ein wunderbares Meisterstück. Wie jene Figuren in dem +Hintergrunde sich abheben! Das ist Technik!« sagte Wronskiy, sich +zu Golenischtscheff wendend, und damit auf ein zwischen ihnen +stattgehabtes Gespräch darüber, daß Wronskiy an der Erwerbung dieser +Technik verzweifelte, anspielend. + +»Ja, ja, wunderbar,« bestätigten Golenischtscheff und Anna. + +Trotz des aufgeregten Zustandes, in welchem sich Michailoff befand, +griff diesen doch die Bemerkung über die Technik schmerzlich ans Herz +und grollend auf Wronskiy blickend, verfinsterte er sich plötzlich. Oft +schon hatte er das Wort Technik gehört und durchaus nicht begriffen, +was man eigentlich darunter verstände. Er wußte, daß man mit diesem +Worte die mechanische Fertigkeit des Malens und Zeichnens meine, die +vollständig unabhängig war von dem Inhaltlichen. Oft schon hatte er +bemerkt -- auch bei der gegenwärtigen Lobesspende -- daß man die +Technik dem inneren Werte gegenüberstelle, gerade als ob es möglich +wäre, das gut zu malen, was schlecht sei. Er wußte wohl, daß viel +Aufmerksamkeit und Vorsicht erforderlich sei, um ein Gemälde nicht +zu schädigen, wenn man von ihm die Hüllen abnahm, aber eine Kunst +des Malens -- eine Technik -- die gab es dabei nicht. Hätte sich +einem kleinen Kinde, oder seiner Köchin das ebenfalls geoffenbart, +was er sah, dann würden diese gleichfalls das herauszuschälen +verstanden haben, was sie sahen. Aber selbst der erfahrenste und +auch geschickteste Beherrscher der Maltechnik wäre allein mit der +mechanischen Fertigkeit nicht imstande gewesen, etwas zu malen, wenn +sich ihm nicht vorher die Grenzen des Inhaltlichen offenbarten. Dann +aber wußte er auch, daß wenn man nun einmal von einer Technik sprach, +er ihretwegen nicht gerühmt werden konnte. In allem was er malte und +schon gemalt hatte, erkannte er ihm in die Augen fallende Mängel, die +aus der Unvorsichtigkeit hervorgegangen waren, mit der er die Hüllen +entfernt hatte, und die er nun nicht mehr verbessern konnte, ohne die +ganze Schöpfung zu verderben. Fast auf allen Figuren und Gesichtern +sah er noch die Mängel nicht vollständig abgenommener Hüllen, die sein +Gemälde verdarben. + +»Eines, wenn Ihr mir gestattet, diese Bemerkung zu machen, ließe sich +sagen,« äußerte Golenischtscheff. + +»Ah, sehr erfreut, ich bitte Euch,« antwortete Michailoff mit +gekünsteltem Lächeln. + +»Es ist dies, daß dieser Christus da bei Euch ein Menschgott, aber kein +Gottmensch geworden ist. Indessen, ich weiß ja, daß Ihr es eben so +gewollt habt.« + +»Ich konnte den Christus nicht malen, der nicht in meiner Seele ist,« +versetzte der Maler mürrisch. + +»Ja, aber in diesem Falle -- wenn Ihr mir gestattet meine Idee +auszusprechen -- Euer Gemälde ist so gut, daß meine Bemerkung ihm nicht +schaden kann, und dann ist dies ja auch nur meine persönliche Meinung. +Bei Euch ist das etwas Anderes; selbst das Motiv ist ein anderes. Aber +nehmen wir etwa den Iwanoff. -- Ich glaube, daß wenn Christus mit der +Norm eines historischen Gesichts zusammengebracht wird, es für Iwanoff +besser wäre, ein anderes historisches Thema zu wählen, ein neues, noch +nicht angeschlagenes.« + +»Wie aber, wenn dies das erhabenste Thema wäre, welches sich der Kunst +bietet« -- + +»Wenn man nur suchen will, so wird man auch andere finden. Es handelt +sich nur darum, daß die Kunst keinen Streit, und keine Düfteleien +duldet. Vor einem Gemälde Iwanoffs ersteht für den Gläubigen wie für +den Nichtgläubigen die Frage: Ist das Gott oder ist es nicht Gott? und +diese stört die Einheit des Eindrucks.« + +»Warum? Mir scheint, daß für gebildete Menschen,« sagte Michailoff, +»ein Streit nicht mehr bestehen kann.« + +Golenischtscheff war hiermit nicht einverstanden und fertigte +Michailoff mit seinem ersten Gedanken über die Einheit des Eindrucks +ab, die in der Kunst notwendig sei. + +Michailoff geriet in Erregung, wußte aber nichts zur Verteidigung +seines Gedankens zu sagen. + + + 12. + +Anna und Wronskiy hatten schon längere Zeit Blicke miteinander +gewechselt im Bedauern über die scharfsinnige Redefertigkeit ihres +Freundes; endlich schritt Wronskiy, ohne auf den Hausherrn zu warten, +zu einem anderen, einem kleinen Gemälde. + +»Ah, wie reizend, wie reizend! Wundersam! Wie reizend!« riefen beide +mit einer Stimme. + +»Was hat ihnen so gefallen?« dachte Michailoff. Er hatte das vor drei +Jahren gemalte Bild vergessen; vergessen alle die Leiden und Freuden, +welche er mit diesem Bilde durchlebt hatte, indem es ihn mehrere Monate +hindurch ausschließlich, und ohne daß er sich davon hätte trennen +können, Tag und Nacht beschäftigte, es vergessen, wie er überhaupt +stets seine vollendeten Bilder vergaß. Er liebte nicht einmal, es +anzuschauen, und stellte es nur deshalb aus, weil er einen Engländer +erwartete, der es zu kaufen wünschte. + +»Ah; eine alte Studie,« sagte er. + +»Wie hübsch,« rief Golenischtscheff, gleichfalls augenscheinlich +aufrichtig von dem Reiz des Bildes gefesselt. + +Zwei Knaben im Schatten einer Bachweide angelten Fische. Der Eine, +ältere, hatte soeben die Angel ausgeworfen und führte aufmerksam +die Angelspule aus einem Gestrüpp heraus, ganz versunken in diese +Beschäftigung; der Andere, jüngere lag im Grase, den wirren Blondkopf +auf die Ellbogen gestützt, und schaute mit den blauen Augen +nachdenklich auf das Wasser. + +Woran mochte er denken? + +Das Entzücken über dieses sein Bild rief in Michailoff die frühere +Erregung hervor, doch scheute er sich vor diesem unangenehmen müßigen +Interesse für ältere Arbeiten, und so suchte er, obwohl ihm dieses Lob +angenehm war, die Besucher zu dem dritten Bilde hinzuziehen. + +Doch Wronskiy frug, ob er dieses Gemälde verkaufe. Michailoff, von dem +Besuch erregt, war diese Frage über Geldgeschäfte jetzt sehr unangenehm. + +»Es ist zum Verkauf ausgestellt,« versetzte er, sich verfinsternd. + +Nachdem die Besucher gegangen waren, setzte sich Michailoff vor +seinem Bilde »Pilatus und Christus« nieder und wiederholte sich in +Gedanken alles, was gesprochen worden, oder, wenn nicht ausgesprochen, +so doch von den Besuchern angedeutet worden war. Und seltsam, was +so hohe Bedeutung für ihn gehabt hatte, während sie hier waren und +er sich in Gedanken auf ihren Standpunkt versetzte, hatte jetzt +plötzlich für ihn allen Wert verloren. Er schaute jetzt auf sein +Gemälde mit seinem vollen künstlerischen Blick, und kam zu demjenigen +Standpunkte der Überzeugung von seiner Vollkommenheit und darnach auch +Bedeutung, welcher ihm notwendig war zu der alle anderen Interessen +ausschließenden Spannkraft, mit welcher allein er nur zu arbeiten +vermochte. + +Der eine Fuß des Christus war allerdings nicht recht befriedigend. +Er nahm die Palette und machte sich an die Arbeit. Indem er den Fuß +besserte, blickte er fortwährend auf die Gestalt des Johannes im +Hintergrund, welche die Besucher gar nicht bemerkt hatten, und die +gleichwohl -- er wußte es -- noch über der Vollkommenheit selbst stand. +Nachdem er mit dem Fuß fertig war, wollte er sich an diese Figur +begeben, aber er fühlte sich allzu erregt dazu. Nichtsdestoweniger +konnte er aber auch nicht arbeiten, wenn er ganz kühl, sowie wenn er +zu weich gestimmt war und alles zu sehr sah. Es gab nur eine Stimmung +in dem Übergang von der Kühle bis zur Begeisterung, in welcher ihm die +Arbeit möglich war. Jetzt befand er sich in allzugroßer Aufregung. Er +wollte das Gemälde verhüllen, hielt aber inne, mit der Hand den Vorhang +haltend, und schaute lange, beglückt lächelnd, auf die Gestalt des +Johannes. Endlich, gleichsam mit Schmerz sich losreißend, ließ er den +Vorhang fallen und begab sich ermüdet, aber beglückt heim. + +Wronskiy, Anna und Golenischtscheff waren, heimgekehrt, in ausnehmend +angeregter und heiterer Stimmung. Man sprach von Michailoff und seinen +Bildern. Das Wort »Talent«, unter welchem sie eine angeborene, fast +physische Fähigkeit, unabhängig von Verstand und Herz verstanden, +und als das sie alles bezeichneten, was von dem Künstler durchlebt +wird, tauchte besonders häufig in ihrer Unterhaltung auf, da es ihnen +unentbehrlich dazu war, das zu bezeichnen, wofür sie kein Verständnis +besaßen, und worüber sie doch sprechen wollten. Sie sagten, man könne +ihm das Talent nicht absprechen, infolge der mangelnden Bildung aber +vermöge sich dieses nicht zu entwickeln. -- Dies sei das Unglück aller +russischen Künstler! -- Aber das Bild mit den beiden Knaben war doch in +ihrer Erinnerung haften geblieben und immer wieder kehrten sie zu ihm +zurück. Wie reizend! Wie schön war es ihm gelungen! Und wie einfach! +Er selbst weiß gar nicht, wie schön es ist. »Ja, das darf man nicht +fortlassen, das muß man kaufen,« sagte Wronskiy. + + + 13. + +Michailoff verkaufte Wronskiy das Bild und willigte auch ein, Annas +Porträt zu malen. Am festgesetzten Tage kam er und begann seine Arbeit. + +Von der fünften Sitzung an setzte das Porträt jedermann in Erstaunen, +besonders Wronskiy, nicht nur durch die Ähnlichkeit, sondern +vornehmlich durch seine Schönheit. Es war seltsam, wie Michailoff jene +nur ihr eigene Schönheit hatte treffen können. »Man muß sie kennen und +lieben, wie ich sie geliebt habe, um diesen eigenen, lieblichen und +seelischen Ausdruck bei ihr zu entdecken,« dachte Wronskiy, obwohl nur +er in diesem Gemälde den lieblichen, seelischen Ausdruck erkannte. +Derselbe war aber so getreu, daß es ihm und anderen schien, als ob +sie ihn schon längst gekannt hätten. »Wie lange habe ich mich nun +schon geplagt, und nichts fertig gebracht,« sprach er bezüglich seines +eigenen Porträts, »und er hat sie nur angeschaut und gemalt! Das ist +die Technik.« + +»Es wird noch kommen,« tröstete ihn Golenischtscheff, nach dessen +Auffassung Wronskiy Talent besaß und, was die Hauptsache war, auch +die Bildung, die einen erhabneren Blick auf die Kunst verlieh. Die +Überzeugung Golenischtscheffs von Wronskiys Talent wurde noch dadurch +gestützt, daß Golenischtscheff Wronskiys Teilnahme und Lob für seine +Arbeiten und seine Ideen brauchte, und so fühlte er, daß Lob und +Unterstützung hier auf Gegenseitigkeit beruhten. + +In einem fremden Hause, und insbesondere in dem Palazzo bei Wronskiy +war Michailoff ein abweisend anderer Mensch, als in seinem Atelier. +Er war abstoßend höflich, gerade als fürchte er die Annäherung an +Menschen, die er nicht achte. Er nannte Wronskiy Ew. Erlaucht und blieb +niemals, ungeachtet der Einladungen Annas und Wronskiys, zum Essen da, +kam auch nicht zu anderen Zeiten, als zu den Sitzungen. Anna war gegen +ihn freundlicher, als gegen andere, und ihm dankbar für das Porträt. +Wronskiy war mehr als nur höflich gegen ihn, und interessierte sich +augenscheinlich für das Urteil des Künstlers über sein eigenes Gemälde. +Golenischtscheff ließ keine Gelegenheit vorüber, Michailoff die wahren +Begriffe über Kunst beizubringen, allein Michailoff blieb sich immer +gleich in seiner Zurückhaltung gegen alle. Anna fühlte an seinem Blick, +daß er sie gern betrachtete, doch er mied Gespräche mit ihr. Zu den +Gesprächen Wronskiys über dessen Malerei schwieg er beharrlich, und er +schwieg ebenso beharrlich, als man ihm das Bild Wronskiys zeigte; er +fühlte sich auch offenbar belästigt von den Reden Golenischtscheffs und +erwiderte diesem nichts. + +Im allgemeinen gefiel ihnen daher Michailoff mit seinem zurückhaltenden +und unangenehmen, gleichsam feindseligen Verhalten sehr wenig, nachdem +man ihn näher kennen gelernt hatte, und man war deshalb froh, daß +als die Sitzungen beendet waren, in ihren Händen ein schönes Porträt +zurückblieb, während er selbst sein Kommen einstellte. + +Golenischtscheff war es zuerst, der den Gedanken aussprach, den alle +hatten, nämlich, daß Michailoff auf Wronskiy einfach neidisch sei. + +»Gesetzt, er beneidete ihn nicht, weil er Talent besitzt, ist es ihm +doch verdrießlich, daß ein Hofmann und reicher Mann, noch dazu ein +Graf, was schon alle beneiden, ohne besondere Mühe das Nämliche, wenn +nicht noch Besseres, leistet, als er, der sein ganzes Leben dem geweiht +hat. Die Hauptsache bleibt doch die Bildung, die jener nicht hat.« + +Wronskiy verteidigte Michailoff, doch auf dem Grunde seines Herzens +glaubte er hieran, weil nach seiner Auffassung ein Mensch aus jener +anderen, niedrigeren Welt Neid hegen mußte. + +Das Porträt Annas, ebenfalls in derselben Weise nach der Natur gemalt +von ihm wie von Michailoff, hätte Wronskiy den Unterschied zeigen +müssen, welcher zwischen ihm und jenem bestand, aber er gewahrte +denselben nicht. Er hörte nach der Arbeit Michailoffs nur auf, sein +Porträt von Anna weiter zu malen, indem er meinte, dies sei nunmehr +überflüssig geworden. Sein Gemälde aus dem mittelalterlichen Leben +hingegen setzte er fort, und er selbst, wie auch Golenischtscheff und +namentlich Anna fanden, daß es sehr schön sei, weil es den berühmten +Bildern viel ähnlicher werde, als das Bild Michailoffs. + +Dieser nun war, ungeachtet dessen, daß ihn die Porträtierung Annas sehr +angezogen hatte, seinerseits noch froher als jene, als die Sitzungen +zu Ende waren und er nicht mehr das Geschwätz Golenischtscheffs über +Kunst anzuhören brauchte, und die Malerei Wronskiys vergessen durfte. +Er wußte, daß es unmöglich war, Wronskiy zu verbieten, mit der Malerei +Mutwillen zu treiben; er wußte, daß dieser ebenso wie alle anderen +Dilettanten das volle Recht besaß, zu malen was ihm anstand -- aber +ihm war dies unangenehm. Es war eben unmöglich, einem Menschen zu +untersagen, sich eine große Puppe aus Wachs zu machen und sie zu +küssen. Aber wenn nun gar dieser Mensch mit der Puppe kam, und sich +vor einem Verliebten hinsetzte und beginnen wollte, seine Puppe zu +liebkosen, wie ein Verliebter die, welche er liebt, so mußte das +dem Verliebten widerlich sein. Und dieses widerliche Gefühl empfand +Michailoff beim Anblick der Malerei Wronskiys; es wurde ihm dabei +komisch und ärgerlich, kläglich und grimmig zugleich zu Mut. + +Die Passion Wronskiys für die Malerei und das Mittelalter hielt nicht +lange an. Wronskiy besaß doch soviel Geschmack für Malerei, daß er sein +Bild nicht zu beenden vermochte und es blieb liegen. Voll Bestürzung +war er inne geworden, daß die Mängel des Bildes, im Anfang weniger +bemerkbar, überraschend wirkten, wenn er es fortsetzte. Es ging ihm, +wie Golenischtscheff, der fühlte, daß es ihm auf das Reden nicht +ankomme und sich beständig damit selbst täuschte, daß nur seine Idee +noch nicht ausgereift sei, daß er sie erst austragen und Material +sammeln wolle. Aber Golenischtscheff hatte dies verbittert gemacht +und es marterte ihn; Wronskiy hingegen vermochte sich weder selbst +zu täuschen noch zu peinigen oder gar über sich selbst verbittert zu +werden; mit der ihm eigenen Charakterfestigkeit hörte er eben auf, ohne +eine Erklärung oder Rechtfertigung, zu malen. + +Ohne diese Beschäftigung indessen erschien ihnen -- sowohl ihm wie +Anna, die sich über seine Ernüchterung verwunderte -- das Leben nun +so langweilig in der italienischen Stadt, wurde der Palazzo plötzlich +so sichtlich alt und schmutzig, schauten die Flecken auf den Gardinen +so unangenehm hervor, die Ritzen auf den Fußböden, die abgefallene +Stuccatur an den Karnisen, wurde ihnen auch der ewige Golenischtscheff, +der italienische Professor und ein deutscher Reisender nach und nach +so langweilig, daß man dieses Leben ändern mußte. Man beschloß, nach +Rußland auf das Land zu gehen. In Petersburg gedachte Wronskiy mit +seinem Bruder eine Vermögensteilung vorzunehmen, während Anna ihren +Sohn wiedersehen wollte. Den Sommer beabsichtigten sie auf dem großen +Erbbesitz Wronskiys zu verleben. + + + 14. + +Lewin war seit drei Monaten verheiratet. Er war glücklich, aber nicht +ganz so wie er erwartet hatte. Auf jedem Schritte begegnete er der +Enttäuschung in früheren Träumen, doch auch neuen, unerwarteten Reizen. +Er war glücklich, sah aber, nachdem er ins Familienleben getreten war, +auf jedem Schritte, daß dieses durchaus nicht so war, wie er es sich +vorgestellt hatte. Auf jedem Schritte erfuhr er an sich, was ein Mensch +fühlen mag, der sich an der glatten glücklichen Fahrt eines Nachens +auf dem See ergötzt, nachdem er sich etwa selbst hineingesetzt hat. +Er sah, daß er, indem er schon ruhig sitzen mußte und nicht schaukeln +durfte, sich auch noch dessen bewußt sein mußte -- ohne nur eine +Minute zu vergessen, wohin er fahren wollte -- daß unter seinen Füßen +Wasser war und er rudern mußte, und daß dies den nicht daran gewohnten +Händen mühsam wurde. Die Sache sah wohl sehr leicht aus, aber sie zu +vollbringen -- wenn es auch mit viel Freude verbunden war -- blieb +doch sehr schwierig. + +Als Junggeselle hatte er oft, auf das Eheleben mit seinen kleinlichen +Sorgen, seinem Streit, seiner Eifersucht blickend, geringschätzig in +seinem Innern gelächelt. In seinem künftigen Eheleben konnte nach +seiner Überzeugung nicht nur nichts Ähnliches existieren, es sollten +sogar alle äußerlichen Formen desselben, wie ihm dünkte, dem Leben +der anderen in allem vollständig unähnlich sein. Plötzlich aber +hatte sich anstatt dessen auch sein Leben mit seinem Weibe nicht +nur nicht besonders gestaltet, sondern sich im Gegenteil, gerade +aus all jenen kleinlichsten Kleinigkeiten zusammengesetzt, die er +vordem so sehr verachtet hatte, die aber jetzt, gegen seinen Willen, +eine ungewöhnliche und unabweisbare Bedeutung erhalten hatten. Lewin +erkannte auch, daß die Regelung aller dieser Kleinigkeiten durchaus +nicht so leicht war, als ihm früher geschienen hatte. Ungeachtet +dessen, daß Lewin glaubte, die richtigsten Begriffe vom Eheleben +zu besitzen, stellte er sich, wie alle Männer, das Familienleben +unwillkürlich nur als eine Befriedigung seiner Liebe vor, der kein +Hindernis mehr in den Weg treten durfte, und von welcher ihn keine +kleinlichen Sorgen abziehen sollten. Er sollte nach seiner Auffassung +seine Arbeit verrichten und von derselben ausruhen im Glück der Liebe. +Sie sollte daher auch nur geliebt werden; allein er hatte dabei, wie +alle Männer, vergessen, daß auch sie arbeiten müsse. Er wunderte sich, +wie sie, die poetische, reizende Kity, nicht in den ersten Wochen, +nein, schon in den ersten Tagen des Ehelebens bereits, denken, sich +erinnern, sich sorgen konnte um Tischtücher, Möbel, Matratzen für die +anreisenden Besuche, das Geschirr, den Koch, das Essen und dergleichen. +Schon als Bräutigam war er in Erstaunen gesetzt worden von der +Bestimmtheit, mit welcher sie auf eine Reise ins Ausland verzichtete +und sich dafür entschieden hatte, auf das Dorf zu gehen, gerade als ob +sie schon wüßte, was not thue, und daß sie außer an ihre Liebe, auch +noch an Nebensächliches denken könne. Dies hatte ihn damals verstimmt, +und auch jetzt verstimmten ihn mehrmals ihre kleinen Mühen und Sorgen. +Doch er sah, daß ihr dies ein Bedürfnis war, und da er sie liebte, so +konnte er nicht umhin, sich über diese Sorgsamkeit zu freuen, wenn er +auch nicht wußte weshalb, und wenn er auch darüber spöttelte. + +Er lächelte darüber, wie sie die Möbel stellte, welche aus Moskau +gebracht worden waren, wie sie ihr Zimmer und seines neu ausschmückte, +Gardinen aufsteckte, über die künftige Unterbringung der Besuche +verfügte, wie die Dollys; ferner wie sie ihre neue Zofe unterbrachte, +wie sie dem alten Koch das Menü vorschrieb und mit Agathe Michailowna +in Widerspruch geriet und diese der Verwaltung der Speisekammer enthob. +Er sah, daß der alte Koch lächelte und damit zufrieden war, sah, daß +Agathe Michailowna bedenklich, aber freundlich den Kopf schüttelte +über die neuen Verfügungen der jungen Herrin in der Vorratskammer; er +sah, wie Kity ungewöhnlich lieblich war, wenn sie lachend und weinend +zugleich, zu ihm kam, um ihm mitzuteilen, daß die Magd Mascha gewöhnt +sei, Agathe als Herrin zu betrachten, und daß deshalb niemand auf sie +höre. Ihm erschien dies lieblich, aber auch seltsam, und er dachte es +würde wohl besser sein, wenn dies nicht wäre. + +Er kannte jenes Gefühl der Veränderung nicht, welches sie nun kennen +gelernt, nachdem sie daheim wohl bisweilen einmal nach Kohl mit Kwas +oder Konfekt verlangt hatte, ohne daß dies oder jenes zu haben gewesen +wäre, während sie jetzt befehlen durfte, was sie wollte, ganze Haufen +von Konfekt kaufen, Geld soviel sie wollte ausgeben, oder Backwerk +bestellen konnte nach Herzenslust. + +Mit Freude dachte sie jetzt auch der Ankunft Dollys und der +Kinder, besonders deswegen, weil sie für jedes der Kinder dessen +Lieblingsgebäck hatte backen lassen, und Dolly ihre ganze neue +Einrichtung abschätzen lassen wollte. Sie wußte zwar selbst nicht, +warum und zu welchem Zwecke, aber das Hauswesen zog sie unwiderstehlich +an. Instinktiv fühlte sie das Nahen des Frühlings und wohl wissend, daß +es auch für sie schwere Stunden geben werde, baute sie sich, wie sie es +verstand, ihr Nest, und mühte sich zu gleicher Zeit zu lernen, wie man +bauen müsse. + +Diese pedantische Sorglichkeit Kitys, dem Ideal Lewins von einem +erhabenen Glück der ersten Zeit so sehr entgegengesetzt, war eine der +Enttäuschungen. Diese liebliche Fürsorge, deren Sinn er nicht begriff, +die er aber lieben mußte, war die erste der neuen Enttäuschungen. + +Eine zweite Ernüchterung, zugleich aber auch einen Reiz bildeten die +Zwiste. Lewin hatte sich nie vorstellen können, daß zwischen ihm und +seinem Weibe andere Beziehungen, als zärtliche, achtungsvolle und +liebevolle bestehen könnten, und plötzlich, gleich von den ersten Tagen +an, gerieten sie einmal so in Zwist, daß sie zu ihm sagte, er liebe sie +gar nicht, liebe nur sich selbst und nun zu weinen begann, und die Arme +hochhob. + +Dieser erste Streit kam davon her, daß Lewin nach einer neuen Meierei +gefahren und eine halbe Stunde länger geblieben war, weil er auf einem +kürzeren Wege hatte heimfahren wollen, in welchem er sich jedoch +geirrt hatte. Er fuhr heim, nur in Gedanken an sie, an ihre Liebe +und sein Glück, und je näher er kam, um so heißer wallte in ihm die +Zärtlichkeit für sie. Er eilte nach ihrem Zimmer noch mit der nämlichen +Empfindung -- ja einer noch stärkeren -- als die gewesen, mit der er +sich dem Hause der Schtscherbazkiy genähert hatte, um seine Werbung +anzubringen. Da aber begegnete ihm plötzlich ein finsterer, noch nie an +ihr gesehener Ausdruck; er will sie küssen, sie stößt ihn von sich. + +»Was hast du?« + +»Du hast ja recht gute Laune,« begann sie, sich bemühend, ruhig und +sarkastisch zu erscheinen. + +Kaum aber hat sie den Mund geöffnet, als der Redestrom der Vorwürfe +einer sinnlosen Eifersucht sich ihr entrang, alles dessen, was sie +in dieser halben Stunde gemartert hatte, die von ihr, indem sie +unbeweglich am Fenster saß verbracht worden war. Da erkannte er zum +erstenmal klar, was er noch nicht gewußt, als er sie nach der Trauung +aus der Kirche geführt hatte. Er erkannte, daß sie ihm nicht nur nahe +stehe, sondern daß er jetzt nicht einmal mehr wisse, wo sie aufhöre +und wo er anfange. Er empfand dies an jenem quälenden Gefühl der +Zweiheit, welches er in dieser Minute hatte. Im ersten Augenblick war +er verletzt, ebenso schnell aber wurde er auch inne, daß er von ihr +nicht verletzt werden könne, daß sie ja er selbst sei. Er empfand in +diesem ersten Augenblick ein Gefühl, ähnlich dem, welches ein Mensch +hat, wenn er, plötzlich einen starken Schlag von hinten erhaltend, +sich gereizt und mit dem Wunsch nach Rache umwendet, den Schuldigen +zu entdecken, sich aber dabei überzeugt, daß er sich unvermutet selbst +geschlagen hat, und daher niemandem zürnen dürfe, sondern seinen +Schmerz überwinden und beschwichtigen müsse. + +Niemals hatte er dies mit solcher Macht in der Folge wieder empfunden, +aber jenes erste Mal konnte er sich lange Zeit darüber selbst nicht +wieder finden. Ein natürliches Gefühl erheischte von ihm, daß er sich +rechtfertigte und ihr ihre Schuld vorhalte; dies aber thun, hieß +sie nur noch mehr reizen und den Bruch noch größer machen, der die +Ursache des ganzen Leides bildete. Die eine, gewöhnlich vorhandene +Empfindung zog ihn, die Schuld von sich ab und auf sie zu wälzen, eine +andere, noch viel stärkere aber, schnell -- so schnell als möglich +-- den stattfindenden Gefühlsausbruch, zu besänftigen und ihn nicht +stärker werden zu lassen. Es war qualvoll, unter einer ungerechten +Beschuldigung zu leiden, allein sich zu rechtfertigen und ihr wehe +zu thun, war noch schlimmer. Wie ein Mensch im Halbschlaf, der von +einem Schmerz gequält ist, so wollte er jetzt die schmerzende Stelle +losreißen, von sich werfen und fühlte, als er zur Besinnung kam, daß +diese schmerzende Stelle -- er selbst war. -- Man konnte sich somit +nur bemühen, der kranken Stelle behilflich zu sein, zu dulden, und er +bemühte sich denn, dies zu thun. + +Beide söhnten sich aus; sie, indem sie ihre Schuld einsah, ohne sie +jedoch einzugestehen, wurde wieder zärtlich gegen ihn, und beide +verspürten ein neues verdoppeltes Glück in ihrer Liebe. Dies hinderte +indessen nicht, daß sich diese Zusammenstöße nicht wiederholten, ja +sogar ziemlich häufig, und bei den unerwartetsten und geringfügigsten +Anlässen. Diese Zusammenstöße entstanden oft daraus, daß sie noch +nicht wußten, was das Eine für das Andere bedeutete, daraus, daß sie +in dieser ganzen ersten Zeit beide häufig in schlechter Laune waren. +Befand sich der eine Teil in guter, der andere in übler Stimmung, +so wurde der Frieden nicht gestört, wenn sich aber beide gerade in +Mißstimmmung befanden, so entstanden Zwiste aus Ursachen, die ihrer +Nichtigkeit halber so unbegreiflich waren, daß beide sich nachher +durchaus nicht mehr zu entsinnen vermochten, worüber sie sich entzweit +hatten. Allerdings verdoppelte sich hingegen das Glück ihres Lebens, +wenn sie beide bei guter Stimmung waren. Nichtsdestoweniger war aber +doch diese erste Zeit eine schwere für sie. + +Während dieser ganzen Zeit hatte sich eine lebhafte Spannung, gleich +einem Zerren nach den beiden Enden einer Kette, durch die sie verbunden +waren, fühlbar gemacht. + +Überhaupt war jener Honigmonat, das heißt der Monat nach der Hochzeit, +von dem sich Lewin, der Überlieferung nach, so viel versprochen hatte, +nicht nur nicht süß, sondern bildete vielmehr in der Erinnerung beider +gerade die schwerste und niederdrückendste Periode ihres Lebens. +Indessen bemühten sie sich beide für ihr späteres Leben alle die +häßlichen und beschämenden Umstände dieser ungesunden Zeit, in der sie +doch beide selten in normalem Seelenzustand, selten sie selbst gewesen +waren, aus ihrem Gedächtnis zu verwischen. + +Erst im dritten Monat ihres Ehestandes, nach der Rückkehr von Moskau, +wohin sie sich für einen Monat begeben hatten, gestaltete sich ihr +Leben geebneter. + + + 15. + +Sie waren kaum von Moskau wieder zurückgekommen und freuten sich nun +ihrer Einsamkeit. Er saß im Kabinett am Schreibtisch und schrieb; +sie, in jenem dunkellila Kleid, welches sie in den ersten Tagen +ihres Ehestandes getragen und heute wiederum angelegt hatte, und das +besonders denkwürdig und teuer für ihn war, saß auf dem Diwan, dem +nämlichen altmodischen Lederdiwan, der stets unter dem Großvater und +Vater Lewins im Kabinett gestanden hatte und stickte eine =broderie +anglaise=. Er sann und schrieb, fortwährend in dem angenehmen +Gefühl ihrer Gegenwart. Seine Beschäftigung, sowohl die mit der +Landwirtschaft, als seinem Werke, in welchem die Prinzipien einer neuen +Landwirtschaft dargelegt werden sollten, war nicht von ihm aufgegeben +worden, aber so wie ihm vordem schon diese Arbeiten und Ideen klein und +geringfügig erschienen waren im Vergleich mit dem Dunkel, welches das +ganze Leben bedecke, so erschienen sie ihm auch jetzt noch unwichtig +und kleinlich im Vergleich mit dem vom warmen Lichtglanz des Glückes +überfluteten Leben, das vor ihm lag. Er setzte seine Arbeiten fort, +empfand aber jetzt, daß der Schwerpunkt seiner Aufmerksamkeit auf +etwas Anderes übergegangen sei und er infolge dessen ganz anders und +klarer auf die Sache blickte. Vordem war für ihn diese Beschäftigung +sein Lebensheil gewesen, vordem hatte er empfunden, daß ohne dieselbe +sein Dasein allzu düster sein würde; jetzt aber waren ihm diese +Arbeiten notwendig, damit ihm das Leben nicht zu einförmig erhellt +sein möchte. Nachdem er sich von neuem seinen Manuskripten gewidmet +hatte, fand er beim Durchlesen des Geschriebenen mit Genugthuung, das +Werk sei es wert, daß er sich mit ihm befaßte. Viele der früheren +Ideen zeigten sich ihm zwar überflüssig oder übertrieben, aber vieles +noch Fehlende wurde ihm auch klar, als er das ganze Werk in seinen +Gedanken wieder auffrischte. Er schrieb jetzt ein neues Kapitel über +die Gründe der ungünstigen Lage des Ackerbaues in Rußland. Er legte +dar, daß die Armut Rußlands nicht nur von der unregelmäßigen Verteilung +des Grundbesitzes und falscher Methode herrühre, sondern auch in der +letzten Zeit die in Rußland in nicht normaler Weise zur Entwickelung +gelangte äußerliche Civilisation hierzu beigetragen habe, insbesondere +durch die Verkehrswege, die Eisenbahnen, welche die Centralisierung +in den Städten mit sich gebracht hätten, die Entwickelung des Luxus, +und in der Folge hiervon, zum Schaden für die Landwirtschaft, die +Entwickelung des Fabrikwesens, des Kreditwesens und seines Trabanten -- +des Börsenspiels. -- + +Ihm schien, daß bei einer normalen Entwickelung des Wohlstandes im +Reiche, alle diese Erscheinungen erst auftreten, nachdem man auf die +Landwirtschaft schon bedeutende Mühe verwendet hätte und dieselbe +in gesetzliche, oder wenigstens bestimmte Verhältnisse getreten +sei; daß der Reichtum einer Gegend in gleichmäßigem Wachstum stehen +müsse, und insbesondere in der Weise, daß andere Schößlinge der +Kapitalwirtschaft nicht der Landwirtschaft zuvorkommen dürften, daß +im Einklang mit notorisch bekannten Verhältnissen der Landwirtschaft +auch dementsprechende Verkehrswege dafür vorhanden sein müßten; und +daß bei der gegenwärtigen ungeregelten Ausnutzung des Bodens die +Eisenbahnen, welche nicht einem landwirtschaftlichen, sondern einem +politischen Bedürfnis entsprängen, verfrüht wären, und, anstatt zu der +Hebung der Landwirtschaft, welche letztere man doch von ihnen erwarte +beizutragen, dem Landbau zuvorkommend, nur eine Entwickelung der +Industrie und des Kredits hervorriefen, jenen aber hemmten. Er bewies, +daß weil nun die einseitige und verfrühte Entwickelung eines einzelnen +Organs im lebenden Organismus dessen Gesamtentwickelung hemmte, auch +der Kredit auf die allgemeine Entwickelung des Wohlstandes in Rußland, +die Verkehrswege, den Kraftaufwand der industriellen Thätigkeit, die in +Europa so zweifellos notwendig, weil alle zur rechten Zeit entstanden +seien, in Rußland nur Schaden verursachten, indem sie die Hauptfrage +der Organisierung des Ackerbaues verdrängten. + +Während er so seine Ideen niederschrieb, dachte sie daran, wie +unnatürlich aufmerksam ihr Gatte gegen den jungen Fürsten Tscharskiy +gewesen sei, der ihr am Abend vor der Abreise sehr taktlos die Cour +gemacht hatte. + +»Er ist offenbar eifersüchtig,« dachte sie; »mein Gott, wie gut und +befangen er ist! Er ist eifersüchtig auf mich! Wenn er wüßte, daß alle +für mich soviel sind, wie Peter der Koch.« Und mit einer ihr selbst +wunderlichen Empfindung von Selbstgefühl blickte sie auf seinen Nacken +und den rotschimmernden Hals. »Es ist zwar schade, ihn seiner Arbeit +zu entreißen -- er macht Fortschritte -- so muß ich doch sein Gesicht +sehen; ob er wohl fühlt, daß ich nach ihm schaue? Ich will, daß er +sich umwendet! Ich will es, nun!« und sie öffnete die Augen weiter, im +Wunsche, damit die Wirkung ihres Blickes zu verstärken. + +»Ja, sie saugen alle Säfte in sich auf und geben einen falschen Glanz,« +murmelte er, mit Schreiben innehaltend, und blickte sich um, indem er +fühlte, daß sie auf ihn schaue, und lächelte. + +»Was ist?« frug er noch lächelnd, und erhob sich. + +»Er hat sich umgeblickt,« dachte sie. + +»Nichts. Ich wollte nur, daß du dich umschautest,« versetzte sie, ihn +anblickend und zu erraten suchend, ob es ihm unangenehm gewesen sei +oder nicht, daß sie ihn gestört habe. + +»Wie wohl wir uns doch so zu Zweien befinden! Ich wenigstens,« sagte +er, zu ihr hintretend und von einem Lächeln des Glückes strahlend. + +»Auch mir ist so wohl! Ich werde nirgends mehr hinfahren, namentlich +nicht nach Moskau.« + +»Woran dachtest du denn eigentlich?« + +»Ich? Ich habe gedacht -- nein, nein, geh nur, schreib, zerstreue dich +nicht,« sprach sie, die Lippen kräuselnd, »ich muß jetzt diese kleinen +Löcher hier ausschneiden, siehst du?« -- + +Sie ergriff die Schere und begann auszuschneiden. + +»Ach nein, sage mir doch, woran dachtest du?« sagte er, sich zu ihr +setzend und der kreisförmigen Bewegung der kleinen Schere folgend. + +»O, woran ich dachte? Ich dachte? An Moskau, an deinen Nacken.« + +»O, warum mir solch ein Glück? Es ist übernatürlich. Das ist zu schön,« +sagte er, ihr die Hand küssend. + +»Mir ist es im Gegenteil um so schöner, je natürlicher es ist.« + +»Du hast da ein Zöpfchen,« sagte er, behutsam ihren Kopf wendend. »Ein +Zöpfchen. Siehst du hier. Doch nein, nein, arbeiten wir!« + +Die Arbeit wurde indessen nicht mehr fortgesetzt, und sie fuhren wie +schuldbewußt auseinander, als Kusma eintrat, um zu melden, daß der Thee +serviert sei. + +»Ist aus der Stadt Etwas angekommen?« frug Lewin Kusma. + +»Soeben. Es wird ausgepackt.« + +»Komm sobald als möglich,« sagte sie zu ihm, das Kabinett verlassend, +»sonst werde ich in deiner Abwesenheit die Briefe lesen. Wir wollen +auch vierhändig spielen.« + +Allein geblieben, packte er seine Hefte in das neu von ihr gekaufte +Portefeuille und wusch sich alsdann die Hände in dem neuen Waschbecken +und mit dem neuen, mit ihr zugleich hier erschienenen eleganten +Zubehör. Lewin lächelte über seine Gedanken und schüttelte mißbilligend +den Kopf darüber; eine Empfindung, die der Reue ähnlich war, quälte +ihn. Etwas Beschämendes, Verweichlichtes, Capuanisches, wie er es sich +selbst nannte, lag in seiner jetzigen Lebensweise. + +»Es ist nicht gut, so zu leben,« dachte er bei sich. »Bald sind es nun +schon drei Monate und ich arbeite fast nichts. Heute habe ich mich +beinahe zum erstenmal wieder ernstlich an eine Arbeit gemacht, und was +geschah dabei? Kaum angefangen, habe ich sie wieder beiseite geworfen. +Selbst meine gewöhnlichen Übungen, selbst die habe ich fast aufgegeben. +Die Ökonomie, ich gehe fast gar nicht mehr nach ihr und fahre auch +nicht mehr. Bald thut es mir leid, sie im Stich lassen zu müssen, bald +sehe ich, daß sie sich langweilt. Habe ich doch gedacht, daß bis zur +Heirat das Leben an und für sich nicht gerechnet werden kann, daß es +erst nach derselben als ein wirkliches beginnt. Aber nun sind es schier +drei Monate, und noch nie habe ich meine Zeit so müßig und so nutzlos +hingebracht! Nein; das kann nicht mehr so fortgehen; man muß anfangen. +Natürlich ist sie nicht schuld. Ihr kann man in keiner Beziehung +Vorwürfe machen. Ich selbst hätte fester sein und meine männliche +Unabhängigkeit wahren müssen. Indessen ist es ja möglich, sich selbst +wieder daran zu gewöhnen und auch sie darin zu unterrichten; natürlich +ist ihr keinerlei Schuld beizumessen,« sprach er zu sich selbst. + +Es ist indessen schwer für einen unzufriedenen Menschen, einem anderen, +und zwar gerade dem, der ihm am nächsten steht, in Bezug auf das, +worüber er unzufrieden ist, nicht Vorwürfe zu machen. Auch Lewin war es +dunkel in den Kopf gekommen, daß -- nicht, daß sie selbst schuld daran +gewesen wäre -- sie konnte an nichts Schuld tragen -- ihre Erziehung +wohl schuld sei, die allzu oberflächlich und frivol gewesen war -- +(dieser Narr Tscharskiy; sie, das weiß ich, wollte ihn wohl von sich +abweisen, aber sie verstand es nicht). Außer dem Interesse für das Haus +-- das heißt ihre Familie -- außer ihrer Toilette und der =broderie +anglaise= hat sie keine ernsthaften Interessen. Sie hat kein Interesse +für ihre eigene Angelegenheit, die Wirtschaft, ihre Bauern, auch nicht +für die Musik, in der sie doch ziemlich sicher war, noch für Lektüre. +Sie thut nichts und ist doch vollständig zufrieden. + +Lewin tadelte dies in seinem Innern und erkannte noch nicht, daß sie +sich auf diejenige Periode ihrer Wirksamkeit vorbereite, die für sie +erscheinen mußte, und in welcher sie zu gleicher Zeit als Frau ihres +Gatten, und Herrin des Hauswesens Kinder zu nähren und zu erziehen +haben würde. Er erkannte nicht, daß sie dies durch ihre Ahnung schon +wußte und sich in der Vorbereitung auf diese schwere Mühe über die +Augenblicke der Sorglosigkeit und des Liebesglückes, die sie jetzt noch +genoß, keine Vorwürfe machte, sondern heiter ihr künftiges Nest sich +baute. + + + 16. + +Als Lewin nach oben kam, saß seine Gattin vor dem neusilbernen Ssamowar +hinter dem neuen Theegeschirr und las, nachdem sie die alte Agathe +Michailowna mit einer ihr kredenzten Tasse Thee mit an das kleine +Tischchen gesetzt hatte, einen Brief Dollys, mit welcher sie beide in +beständigem und lebhaftem Briefwechsel standen. + +»Da seht, Eure Herrin hat mich hierher gesetzt; sie sagte, ich solle +auch mit bei ihr sitzen,« begann Agathe Michailowna, Kity gutmütig +zulächelnd. + +In diesen Worten Agathe Michailownas sah Lewin die Lösung eines +Dramas, welches sich in jüngster Zeit zwischen dieser und Kity +abgespielt hatte. Er sah, daß ungeachtet alles Leides, welches der +Agathe Michailowna durch die neue Herrin verursacht worden war, die +ihr die Zügel des Hausregiments aus der Hand genommen hatte, Kity sie +gleichwohl überwunden und gezwungen hatte, sie zu lieben. + +»Da habe ich einen Brief an dich gelesen,« sagte Kity, ihm einen +fehlerhaft geschriebenen Brief reichend. »Hier ist einer von jenem +Weibe deines Bruders, wie es scheint,« sagte sie, »ich habe ihn nicht +gelesen. Der hier ist von den Meinen und von Dolly. Denke dir, Dolly +hat Grischa und Tanja zum Kinderball zu den Sarmatskiy geführt! Tanja +hatte dabei eine Marquise gemacht.« + +Lewin hörte sie jedoch gar nicht; errötend hatte er das Schreiben von +Marja Nikolajewna, der früheren Geliebten Nikolays, ergriffen und es +zu lesen begonnen. Es war dies bereits das zweite Schreiben von ihr. +Im ersten Briefe hatte sie geschrieben, daß sein Bruder sich ihrer +entledigt habe, ohne daß sie sich eine Schuld beizumessen hätte, und +mit rührender Naivetät hinzugefügt, daß sie, obwohl sie nun wieder +im Elend lebe, um nichts bitte und nichts wünsche, und daß sie nur +der Gedanke quäle, Nikolay Dmitrjewitsch könne ohne sie mit seiner +schwachen Gesundheit ins Verderben geraten; sie hatte den Bruder +gebeten, Sorge für ihn zu tragen. Jetzt schrieb sie einen zweiten +Brief. Sie hatte Nikolay Dmitrjewitsch gefunden, sich wieder mit +ihm in Moskau vereint, und war mit ihm in eine Gouvernementsstadt +gereist, woselbst er ein Amt erhalten hatte. Dort war er indessen mit +seinem Vorgesetzten in Differenzen geraten und wieder nach Moskau +zurückgekehrt, »und der teure Mann ist nunmehr so krank geworden, daß +er wohl schwerlich je wieder aufkommen wird,« schrieb sie; »er hat +fortwährend Eurer gedacht, Geld besitzt er gar nicht mehr.« + +»Lies, da schreibt Dolly von dir,« begann Kity lächelnd, hielt aber +plötzlich inne, als sie die Veränderung ihres Gatten gewahrte. + +»Was hast du? Was ist da?« + +»Sie schreibt mir, daß mein Bruder Nikolay dem Tode nahe ist. Ich muß +zu ihm.« + +Das Gesicht Kitys veränderte sich plötzlich. Die Gedanken an Tanja als +Marquise, an Dolly, alles war verschwunden. + +»Wann wirst du fahren?« sagte sie. + +»Morgen.« + +»Und ich gehe mit dir, darf ich!« fuhr sie fort. + +»Kity! Was soll das?« frug er vorwurfsvoll. + +»Was das soll?« erwiderte sie, gekränkt, daß er darüber wie es schien +ungern und mit Verdruß ihren Vorschlag entgegennahm. »Weshalb soll ich +nicht mit reisen? Ich werde dir nicht hinderlich sein. Ich« -- + +»Ich reise, weil mein Bruder stirbt,« antwortete Lewin. »Weshalb sollst +du da« -- + +»Weshalb? Eben deshalb, weshalb du reisest« -- + +»In einer für mich so ernsten Minute denkt sie nur daran, daß sie sich +allein könnte langweilen,« dachte Lewin, und die Auslegung in der so +ernsten Angelegenheit brachte ihn auf. »Es ist aber unmöglich,« sagte +er in strengem Tone. + +Agathe Michailowna, welche sah, daß es zum Streit kommen wollte, setzte +leise ihre Tasse nieder und ging hinaus. Kity hatte sie gar nicht +bemerkt. Der Ton in welchem ihr Mann die letzten Worte gesprochen +hatte, hatte sie insofern besonders verletzt, als dieser offenbar dem +nicht glaubte, was sie sagte. + +»Ich sage dir, daß wenn du reisest, ich mit dir reisen werde; +unbedingt mit reisen werde,« fügte sie eifernd und zürnend hinzu. +»Weshalb ist denn das unmöglich? Weshalb sagst du, es sei unmöglich?« + +»Weil wir, Gott weiß wohin, auf was für Wegen und mit welchen +Gasthäusern zu reisen haben werden. Du wirst mir nur beschwerlich +sein,« sprach Lewin, sich bemühend, kaltblütig zu bleiben. + +»Auf keinen Fall! Ich habe keinerlei Bedürfnisse. Wo du bist, kann ich +auch sein!« + +»Nun dann, schon deshalb kannst du nicht, weil sich dort jenes Weib +befindet, dem du dich doch nicht nähern kannst« -- + +»Ich weiß nichts und will nicht wissen, wer oder was dort ist! Ich weiß +nur, daß der Bruder meines Gatten stirbt und daß mein Gatte zu ihm +geht; ich aber mit meinem Gatten gehen will, um« -- + +»Kity! Rege dich nicht auf! Bedenke, die Sache ist zu wichtig, so daß +es mir schmerzlich ist, zu denken, du könntest die Empfindung einer +Schwäche, die Abneigung davor, allein zu bleiben, hereinmengen. Nun, +wird es für dich langweilig hier, so fahre nach Moskau.« + +»Da haben wirs! Stets schreibst du mir nur schlechte, niedrige Gedanken +zu,« fuhr sie fort, unter den Thränen der Erbitterung und des Zornes. +»Ich will nichts; es ist keine Schwäche, nichts; ich fühle nur, daß es +meine Pflicht ist, mit meinem Gatten zu sein, wenn er Leid trägt; du +aber willst mir absichtlich weh thun, willst mich absichtlich nicht +verstehen.« + +»Nein; das ist doch zu schrecklich; geradezu ein Sklave zu sein!« rief +Lewin aus, indem er aufstand. Er war nicht fähig, seinen Verdruß noch +länger zurückzuhalten. Doch in diesem Augenblick empfand er, daß er +sich selbst traf. + +»Aber weshalb hast du dann geheiratet? Wärest du doch frei geblieben! +Weshalb hast du geheiratet, wenn du es bereust!« fuhr sie fort, sprang +auf und eilte in den Salon. + +Als er ihr nachfolgte, brach sie in Schluchzen aus. Er begann ihr +zuzureden mit dem Wunsche die Worte zu finden, welche sie, wenn nicht +überzeugen, doch wenigstens beschwichtigen könnten. Aber sie hörte ihn +nicht und war mit nichts einverstanden. Er beugte sich herab zu ihr, +und ergriff ihre abwehrende Hand. Er küßte die Hand, er küßte ihr das +Haar und küßte wiederum ihre Hand -- sie schwieg beharrlich. -- Als er +sie aber mit beiden Händen beim Kopfe nahm und »Kity« sagte, da kam sie +plötzlich zur Besinnung, brach in Thränen aus und war beschwichtigt. + +Es wurde also bestimmt, daß man morgen vereint reiste. Lewin sagte zu +seinem Weibe, daß er wohl glaube, sie wollte nur mitreisen, um ihm +nützlich zu sein; er gab auch zu, daß Marja Nikolajewnas Aufenthalt bei +dem Bruder nichts Anstößiges habe -- reiste aber nichtsdestoweniger, +auf dem Grund seiner Seele unzufrieden mit ihr und mit sich selbst. + +Mit ihr war er unzufrieden, weil sie es nicht hatte über sich gewinnen +können, ihn fort zu lassen, obwohl es doch notwendig war. Wie seltsam +ward es ihm jetzt bei dem Gedanken, daß er, der ja noch vor kurzem +nicht gewagt hatte, an das Glück zu glauben, daß sie ihn lieben könne, +sich jetzt darüber unglücklich fühlte, daß sie ihn zu sehr liebte! +-- Mit sich hingegen war er unzufrieden, daß er seinen Willen nicht +durchgesetzt hatte. Noch weniger war er im Grund seiner Seele damit +einverstanden, daß sie mit jener Weibsperson, die bei seinem Bruder +lebte, etwas zu thun haben sollte, und er dachte mit Schrecken an alle +Berührungen, welche stattfinden konnten. + +Schon das Eine, daß sein Weib, seine Kity, in einem Raume mit jenem +Mädchen leben sollte, machte ihn schaudern vor Ekel und Entsetzen. + + + 17. + +Das Gasthaus der Gouvernementsstadt, in welcher Nikolay Lewin krank +lag, war eines jener Gouvernementshotels, wie sie nach neuen, +vervollkommneten Mustern gebaut werden, ausgestattet mit den +vorzüglichsten Rücksichtnahmen auf Sauberkeit, Komfort und selbst +Eleganz, sich aber infolge des Publikums, das sie besucht, mit +außerordentlicher Schnelligkeit in schmutzige Schenken, unter dem +Anstrich zeitgemäßer Vervollkommnung, verwandeln, damit aber noch +schlimmer werden, als die altmodischen, nur unsauberen Gasthäuser. + +Das Hotel war schon in diesen Zustand geraten, und der Soldat in +schmutziger Uniform, welcher am Eingang eine Cigarette qualmte, und +das Amt eines Portiers versah, sowie die gußeiserne, zugige, düstere +und unfreundliche Treppe, der freche Kellner in schmutzigem Frack und +der öffentliche Salon mit dem staubbedeckten Bouquet von Wachsblumen, +welches den Tisch zierte, der Staub und Schmutz, die Unordnung überall, +und dazu noch die eigentümliche gleichzeitig bemerkbare Eisenbahnhast, +riefen in dem Lewinschen Ehepaar nach dem jungen Eheleben ein +beklemmendes Gefühl hervor; besonders beklemmend dadurch, daß sich der +scheinbare Eindruck, den das Gasthaus machte, in keiner Weise mit dem +vereinbarte, was beide darin erwartete. + +Wie immer, so zeigte es sich auch jetzt, daß, nachdem sie die Frage, zu +welchem Preise sie ein Zimmer zu haben wünschten beantwortet hatten, +nicht ein einziges in gutem Zustande befindliches da war. Ein gutes +Zimmer war von einem Eisenbahnrevisor besetzt, ein zweites von einem +Moskauer Advokaten, ein drittes von der Fürstin Astaphjewa, die vom +Dorfe gekommen war. Es blieb nur ein schmutziger Raum, neben dem man am +Abend noch ein zweites freizumachen versprach. + +Voll Verdruß über sein Weib, da es so kam, wie er erwartet hatte, und +namentlich, daß er im Augenblick der Ankunft, wo ihm das Herz von +Bewegung ergriffen war bei dem Gedanken, wie es mit dem Bruder stehen +möge, Sorge für sie zu tragen hatte, anstatt sofort zu dem Bruder eilen +zu können, führte Lewin seine Frau in das ihnen zugewiesene Zimmer. + +»Geh, geh,« sagte sie, ihn mit schüchternem, schuldbewußtem Blick +anschauend. + +Schweigend schritt er aus der Thür und traf hier mit Marja Nikolajewna +zusammen, die von seiner Ankunft erfahren hatte, aber nicht wagte, +bei ihm einzutreten. Sie sah noch geradeso aus, wie er sie in Moskau +gesehen hatte, das nämliche wollene Kleid, Arme und Hals nackt, und das +nämliche, gutmütig stumpfe, nur etwas voller gewordene, pockennarbige +Gesicht. + +»Wie geht es? Was macht er? Wie?« + +»Sehr schlecht. Er steht gar nicht mehr auf. Er hat Euch schon +erwartet. Er -- Ihr seid mit Eurer Gattin gekommen?« + +Lewin verstand in der ersten Minute nicht, was sie in Verlegenheit +setzte, doch klärte sie ihn sogleich auf. + +»Ich will gehen -- nach der Küche,« sagte sie; »der Herr wird sich +freuen. Er hat schon gehört, und kennt die Dame, und entsinnt sich +ihrer noch vom Auslande her.« + +Lewin verstand jetzt erst, daß sie seine Frau meine, wußte aber nicht, +was er ihr antworten sollte. + +»Kommt, kommt!« sagte er. + +Kaum hatte er sich jedoch zum Gehen angeschickt, als sich die Thür +seines Zimmers öffnete und Kity herausblickte. Lewin errötete vor Scham +und Ärger über sein Weib, das sich selbst und ihn in diese schwierige +Situation gebracht hatte; Marja Nikolajewna errötete aber noch mehr. +Sie drückte sich seitwärts, bis zum Weinen rot geworden und drehte die +Zipfel ihres Tuches, die sie mit beiden Händen ergriffen hatte, in +ihren roten Fingern, ohne zu wissen, was sie sagen oder anfangen sollte. + +Im ersten Moment sah Lewin den Ausdruck einer lebhaften Neugier in dem +Blick, mit welchem Kity auf dieses für sie unbegreifliche, schreckliche +Weib schaute, aber dies währte nur einen Augenblick. + +»Nun, wie ist es denn, wie ist es denn?« wandte sie sich an ihren +Gatten und an jene. »Was macht er?« wandte sie sich an ihren Mann und +dann an sie. + +»Man kann indessen auf dem Korridor nicht sprechen!« sagte Lewin sich +voll Verdruß nach einem Herrn umblickend, welcher dröhnenden Schrittes, +als wäre er ganz allein hier, soeben den Korridor hinabging. + +»Nun, so kommt doch herein,« sagte Kity, zu der sich emporrichtenden +Marja Nikolajewna gewendet, fügte aber, als sie das erschreckte Gesicht +ihres Mannes erblickte, sogleich hinzu, »oder geht, geht, und schickt +nach mir,« und wandte sich wieder in ihr Zimmer zurück. + +Lewin ging zu seinem Bruder. Er hatte durchaus nicht erwartet, was er +bei dem Bruder sah und empfand. Er hatte erwartet, noch den nämlichen +Zustand der Selbsttäuschung zu finden, welcher -- er hatte dies gehört +-- bei Brustleidenden so häufig sein soll, und der ihn während des +Besuchs seines Bruders im Herbst so betroffen gemacht hatte. Er hatte +erwartet, die physischen Anzeichen des nahenden Todes noch ausgeprägter +zu finden, eine größere Schwäche und größere Magerkeit, aber es zeigte +sich fast noch immer der nämliche Zustand. Er hatte erwartet, selbst +wieder jenes Gefühl des Schmerzes über den Verlust des geliebten +Bruders und des Entsetzens vor dessen Tode zu empfinden, welches er +damals gehabt hatte, nur in noch höherem Grade. Er hatte sich selbst +darauf vorbereitet, aber er fand etwas ganz Anderes. + +In einem kleinen, unsauberen Zimmer, deren gemaltes Getäfel an den +Wänden bespieen und hinter dessen dünner Zwischenwand Gespräch +vernehmbar war, in einer von erstickendem Geruch verunreinigten Luft +lag auf einem von der Wand abgerückten Bett ein vom Deckbett verhüllter +menschlicher Körper. Ein Arm dieses Körpers lag oben auf der Bettdecke, +und die große, wie eine Harke aussehende Hand dieses Armes hing auf +unbegreifliche Weise an einer dünnen, langen, von Anfang bis zur Mitte +gleichmäßig verlaufenden Spule fest. Der Kopf lag seitwärts gedreht auf +dem Kissen. Lewin sah die schweißbedeckten, spärlichen Haare an den +Schläfen und über der Stirn. + +»Es kann nicht sein, daß dieser entsetzliche Körper mein Bruder Nikolay +ist,« dachte Lewin. Doch er trat näher, erblickte das Gesicht und sein +Zweifel war schon unmöglich geworden. Trotz der furchtbaren Veränderung +dieser Züge, mußte Lewin doch erst noch diese lebhaften, sich auf den +Eintretenden richtenden Augen, und diese leichte Bewegung des Mundes +unter dem zusammenklebenden Schnurrbart erblicken, wollte er die +furchtbare Wahrheit begreifen, daß dieser Totenkörper da sein lebender +Bruder war. + +Die glänzenden Augen blickten ernst und vorwurfsvoll auf den +eintretenden Bruder, und sogleich mit diesem Blicke entstand eine +lebhafte Wechselbeziehung unter den Lebenden. Lewin fühlte sofort den +Vorwurf in dem auf ihn gerichteten Blick, und Reue über sein eigenes +Glück. + +Als Konstantin Nikolays Hand ergriff, lächelte dieser. Sein Lächeln war +schwach, kaum merklich, und trotz dieses Lächelns schwand der strenge +Ausdruck seiner Augen nicht. + +»Du hast wohl nicht erwartet, mich so zu finden,« brachte er mit +Anstrengung hervor. + +»Ja -- nein« -- sprach Lewin, in seinen eigenen Worten irre werdend. +»Warum konntest du nicht früher von dir wissen lassen, zur Zeit meiner +Verheiratung? Ich habe überall Nachforschungen nach dir angestellt.« + +Es mußte gesprochen werden, damit man nicht schwieg, und er wußte +doch nicht, was er sagen sollte, um so weniger, als sein Bruder nicht +antwortete, sondern nur unverwandt schaute, und offenbar in den Sinn +eines jeden Wortes eindringen wollte. Lewin teilte dem Bruder mit, daß +auch seine Frau mit ihm gekommen sei. Nikolay drückte sein Vergnügen +darüber aus, sagte aber, er fürchte, sie durch seinen Zustand zu +erschrecken. Ein Schweigen trat ein. Plötzlich regte sich Nikolay und +begann zu sprechen. Lewin erwartete etwas besonders Bedeutendes und +Gewichtiges dem Ausdruck seines Gesichts nach, doch sprach Nikolay nur +über seine Gesundheit. Er klagte den Doktor an, beklagte, daß er keinen +berühmten Moskauer Arzt habe und Lewin erkannte, daß er noch immer +Hoffnung hegte. + +Die erste Minute des Schweigens benutzend, erhob sich Lewin, im +Wunsche, wenigstens für eine Minute von dem peinigenden Gefühl erlöst +zu sein, und sagte, daß er gehen wolle, um seine Frau herzuführen. + +»Gut, ich will indessen anordnen, daß hier gesäubert wird. Es ist +schmutzig hier und riecht übel, glaube ich. Mascha! Räume hier auf,« +sagte der Kranke mit Anstrengung, »und wenn du aufgeräumt hast, kannst +du hinausgehen,« fügte er hinzu, den Blick fragend auf den Bruder +richtend. + +Lewin antwortete nichts. Als er auf den Korridor hinaustrat, blieb er +stehen. Er hatte gesagt, daß er seine Frau herführen wolle, jetzt aber, +als er sich Rechenschaft von jenem Gefühl gab, welches er empfunden +hatte, beschloß er, im Gegenteil zu versuchen, sie zu überreden, +daß sie nicht zu dem Kranken gehe. »Wozu sie peinigen, wie ich mich +peinige?« dachte er. + +»Nun? Was ist? Wie steht es?« frug ihn Kity mit erschrecktem Gesicht. + +»Ach, es ist doch entsetzlich, entsetzlich. Warum bist du nur +mitgekommen?« sagte Lewin. + +Kity schwieg einige Sekunden, schüchtern und kläglich auf ihren Mann +blickend; dann trat sie auf ihn zu und hing sich mit beiden Armen an +seinen Ellbogen. + +»Mein Konstantin! führe mich zu ihm, es wird uns zu Zweien leichter +werden. Führe du mich nur, führe mich, bitte, und komm,« sagte sie, +»begreife doch, daß es mir bei weitem schwerer wird, dich zu sehen +und ihn nicht. Dort werde ich vielleicht dir und ihm nützlich werden +können. Bitte gestatte es!« beschwor sie ihren Mann, als ob das Glück +ihres Lebens hiervon abhinge. + +Lewin mußte einwilligen und begab sich, nachdem er sich etwas erholt +hatte, Marja Nikolajewna schon ganz vergessend, mit Kity wieder zu +seinem Bruder. + +Leisen Schrittes und unverwandt auf ihren Gatten blickend, welchem sie +ihr mutiges und doch gefühlvolles Antlitz wies, betrat sie das Zimmer +des Kranken und schloß, sich ohne Hast zurückwendend, geräuschlos +die Thür. Mit unhörbaren Schritten näherte sie sich rasch dem Lager +des Kranken und so herantretend, daß dieser den Kopf nicht zu drehen +brauchte, nahm sie sogleich das Skelett seiner großen Hand in ihre +frische, jugendliche, drückte sie und begann dann, mit jener, nur den +Frauen eigenen, und nicht verletzenden stillen Lebhaftigkeit mit ihm zu +sprechen. + +»Wir sind uns in Soden begegnet, sind uns aber dort nicht bekannt +gewesen,« sagte sie, »Ihr habt da nicht vermutet, daß ich einmal Eure +Schwester werden würde.« + +»Ihr solltet Euch nicht nach mir erkundigt haben?« frug er mit dem +Lächeln, welches schon bei ihrem Eintreten aufleuchtete. + +»Nein; dann hätte ich ja erfahren. Wie recht Ihr doch gethan habt, uns +von Euch Nachricht zu geben! Kein Tag ist vergangen, daß Konstantin +nicht Eurer gedacht und sich beunruhigt hätte um Euch.« + +Die Lebhaftigkeit des Kranken währte indessen nicht lange. Sie hatte +noch nicht aufgehört zu sprechen, als auf seinem Gesicht abermals der +strenge vorwurfsvolle Ausdruck des Neides des Sterbenden gegenüber dem +Lebenden erschien. + +»Ich fürchte, Ihr werdet Euch hier nicht recht wohl befinden,« sagte +sie, sich von seinem starren Blicke abwendend und im Zimmer Umschau +haltend. »Man muß bei dem Wirt ein anderes Zimmer erbitten,« sagte sie +zu ihrem Manne, »schon, damit wir näher sind.« + + + 18. + +Lewin konnte den Bruder nicht ruhig ansehen, nicht natürlich und +ruhig unbewegt in seiner Gegenwart sein. Als er bei dem Kranken +eingetreten war, hatte sich sein Blick und seine Wahrnehmungskraft +unbewußt verdunkelt, und er gewahrte nicht mehr die Einzelheiten des +Zustandes seines Bruders. Er hörte von dem entsetzlichen Geruch, sah +die Unsauberkeit, Unordnung und die peinvolle Lage, dieses Stöhnen, +und fühlte, daß Hilfe nicht mehr möglich war. Es war ihm nicht einmal +in den Sinn gekommen, daran zu denken, daß er alle Einzelheiten in +dem Zustande des Kranken erfaßte, daß da unter der Decke dieser +Körper lag, diese gekrümmten abgezehrten Beine, Brustknochen, dieser +Rücken und ob es nicht anginge, das alles besser zu legen, etwas +zu thun, was die Lage, wenn nicht besser, so doch weniger mißlich +gestaltete. Kalt rieselte es ihm über den Rücken hinab, als er an +alle diese Einzelheiten zu denken begann. Er war fest überzeugt, daß +hier nichts mehr zu thun war, weder etwas für eine Verlängerung des +Lebens, noch für eine Erleichterung der Leiden; doch das Bewußtsein, +sich eingestehen zu müssen, jede Hilfe sei unmöglich, machte sich ihm +schmerzlich fühlbar und versetzte ihn in Erbitterung. Lewin wurde es +infolge dessen noch schwerer ums Herz. Der Aufenthalt in dem Zimmer des +Kranken war qualvoll für ihn, nicht darin zu sein aber noch schlimmer. +Unter verschiedenen Vorwänden begab er sich daher fortwährend hinaus, +da er nicht die Kraft besaß, allein hier zu bleiben. + +Kity aber dachte, fühlte und handelte durchaus nicht ebenso. Bei dem +Anblick des Kranken jammerte es sie um ihn, und das Mitleid in ihrer +Frauenseele erweckte durchaus nicht jenes Gefühl des Entsetzens und des +Ekels bei ihr, wie es dies bei ihrem Manne hervorgerufen hatte, sondern +lediglich die Erkenntnis ihrer Pflicht zu handeln, alle Einzelheiten +seines Zustandes kennen zu lernen und ihnen beizukommen. Und da in ihr +nicht der geringste Zweifel darüber bestand, daß sie ihm Hilfe leisten +müsse, so zweifelte sie auch nicht daran, daß dies möglich sei und +begab sich sofort ans Werk. + +Alle jene Einzelumstände, deren bloße Vorstellung schon ihren Mann in +Schrecken versetzt hatte, lenkten sogleich ihre Aufmerksamkeit auf +sich. Sie schickte nach einem Arzt und in die Apotheke, befahl der mit +ihr gekommenen Zofe, sowie Marja Nikolajewna, zu fegen, den Staub zu +wischen und den Kranken zu waschen, wusch selbst mit ab, und reichte +Etwas unter die Bettdecke. Gegenstände wurden herbeigebracht oder aus +dem Krankenzimmer hinausgetragen nach ihrer Anordnung, und sie selbst +begab sich mehrmals nach ihrem Zimmer, ohne die ihr begegnenden Herren +zu bemerken, langte Betttücher und Überzüge, Handtücher und Hemden +hervor und brachte sie herbei. + +Der Diener, welcher im Gesellschaftssaale ein Essen für Ingenieure +auszurichten hatte, erschien mehrere Male mit ärgerlicher Miene auf +ihren Ruf, konnte aber nicht umhin, ihre Befehle zu erfüllen, da +sie dieselben mit so wohlwollender Bestimmtheit erteilte, daß man +sie unmöglich sich selbst überlassen konnte. Lewin hieß dies alles +durchaus nicht gut; er glaubte nicht, daß daraus noch irgend ein Nutzen +für den Kranken erwüchse, vor allem aber fürchtete er, der Kranke +könne dabei noch in Aufregung geraten. Dieser jedoch verhielt sich, +wenigstens wie es schien, dem gegenüber gleichgültig und geriet nicht +in Erregung, sondern empfand nur eine gewisse Scham, interessierte +sich aber im allgemeinen für das, was sie an ihm that. Vom Arzte +zurückgekehrt, zu welchem Kity ihn gesandt hatte, fand Lewin, die +Thüre öffnend, den Kranken in dem Moment, als man nach Kitys Anordnung +seine Wäsche wechselte. Das lange bleiche Skelett des Rückens mit den +großen hervorstehenden Schulterblättern, und den starrenden Rippen +und Rückgratwirbeln war entblößt; Marja Nikolajewna und der Diener +waren mit dem einen Hemdärmel in Unordnung geraten und konnten den +langen herabhängenden Arm nicht hineinbringen. Kity, welche geschäftig +die Thür hinter Lewin wieder schloß, hatte nicht nach dieser Seite +geblickt, aber der Kranke stöhnte auf und sie wandte sich schnell zu +ihm hin. + +»Schneller,« befahl sie. + +»Ihr geht ja nicht,« sagte der Kranke gereizt, »ich will selber« -- + +»Was sagt Ihr?« frug Marja Nikolajewna dazwischen. + +Kity hatte jedoch gehört und verstanden, daß es ihm peinlich und +unangenehm war, in ihrer Gegenwart entblößt zu sein. + +»Ich sehe nicht hin, sehe nicht hin!« sagte sie daher, den Arm +richtend, »Marja Nikolajewna, tretet von dieser Seite, bringt ihn in +Ordnung,« fügte sie hinzu. -- »Geh doch -- bitte -- in meinem kleinen +Reisesack befindet sich ein Riechfläschchen,« wandte sie sich an ihren +Mann, »du weißt ja, in der Seitentasche. Bring es mir doch, während man +hier noch vollends Ordnung macht.« + +Als Lewin mit dem Riechfläschchen zurückkehrte, fand er den Kranken +bereits wieder zurecht gelegt, und alles in seiner Umgebung völlig +verwandelt. Der drückende üble Geruch war mit einer Atmosphäre von +Essig und Parfüms vertauscht worden, welche Kity mit gespitzten Lippen +und aufgeblasenen roten Wangen durch das Flacon umhersprengte. Von +Staub war nichts mehr zu sehen und vor dem Bett lag ein Teppich. +Aus dem Tische standen geordnet Flacons und Caraffen, lag auch die +nötige Wäsche, sowie eine Arbeit in =broderie anglaise= von Kity. Auf +einem andern Tische am Bett des Kranken, stand Getränk, ein Licht und +Arzneipulver. Der Kranke selbst, gesäubert und gekämmt, lag in frischen +Überzügen, auf hochgemachten Kissen und in weißem Hemd mit einem weißen +Kragen um den unnatürlich dünnen Hals, und blickte mit einem Ausdruck +von Hoffnung unverwandt auf Kity. + +Der von Lewin herbeigebrachte, erst im Klub aufgefundene Arzt, war +nicht der nämliche, welcher Nikolay Lewin sonst behandelte und mit +welchem dieser unzufrieden war. Der neue Arzt langte ein Hörrohr hervor +und behorchte den Kranken, schüttelte den Kopf, verschrieb eine Arznei, +und erklärte mit großer Ausführlichkeit zunächst, wie die Arznei zu +nehmen sei, und dann, welche Diät beobachtet werden sollte. Er empfahl +rohe oder nur weichgekochte Eier, und Selterswasser mit warmer Milch +von bestimmter Temperatur. + +Nachdem der Arzt gegangen war, sagte der Kranke etwas zu seinem Bruder, +allein Lewin vernahm nur die letzten Worte »deine Katja«; an dem Blicke +jedoch, mit welchem jener sie anschaute, erkannte Lewin, daß sie gelobt +worden sei. Er rief nun auch Katja, wie Nikolay sie genannt hatte. + +»Mir ist schon bei weitem besser,« sagte er, »bei Euch wäre ich +freilich schon längst wieder gesund geworden. Wie wohl mir ist!« Er +ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen, gab aber, wie in der +Furcht, es möchte ihr dies unangenehm sein, seine Absicht auf, ließ die +Hand sinken und streichelte sie nur. Kity faßte diese Hand mit ihren +beiden Händen und drückte sie. »Jetzt legt mich auf die linke Seite und +geht schlafen,« fuhr er fort. + +Niemand hatte verstanden, was er sprach, nur Kity hatte es erfaßt. Sie +hatte es verstanden, weil sie fortwährend in Gedanken beobachtete, was +er wünschen möchte. + +»Auf die andere Seite,« sagte sie zu ihrem Manne, »er schläft stets +auf jener. Lege du ihn um, ich möchte nicht gern die Dienerschaft dazu +rufen. Ich aber kann es nicht. Ihr könnt es auch nicht?« wandte sie +sich an Marja Nikolajewna. + +»Ich fürchte mich,« versetzte diese. + +So entsetzlich es Lewin auch sein mochte, diesen grauenhaften Körper +mit beiden Armen umfassen zu müssen und Stellen unter der Bettdecke +zu berühren, von denen er nichts wissen mochte, machte Lewin, dem +Einflusse seines Weibes nachgebend, das energische Gesicht, das dieses +schon an ihm kannte und schickte sich dazu an, indem er die Arme +vorstreckte, war aber bei aller seiner Kraft, von der seltsamen Schwere +dieser ausgemergelten Glieder überrascht. + +Während er ihn wandte, seinen Hals von dem abgezehrten, langen Arme +umfaßt fühlend, drehte Kity schnell und leise das Kopfkissen um und +schob es wieder unter, legte den Kopf des Kranken zurecht und ordnete +ihm das spärliche Haar, welches wieder an den Schläfen klebte. + +Der Kranke hielt des Bruders Hand in der seinen. Lewin fühlte, daß +er etwas mit dieser Hand zu thun wünsche und dieselbe mit sich zog; +erstarrend folgte er derselben. Nikolay führte seine Hand an die Lippen +und küßte sie und Lewin erschauerte in Schluchzen und verließ, nicht +fähig zu reden, das Gemach. + + + 19. + +»Er hat sich vor den Weisen verborgen und den Kindern und Thoren +entdeckt.« So dachte Lewin auch über sein Weib, als er an diesem Abend +mit ihr sprach. + +Lewin dachte an das Wort des Evangeliums nicht deshalb, weil er +selbst sich für weise gehalten hätte. Er hielt sich nicht für weise, +wußte aber auch recht wohl, daß er doch klüger war, als sein Weib und +als Agathe Michailowna; wußte recht wohl, daß er, wenn er des Todes +gedachte, dies mit allen Kräften seines Geistes that. Er wußte auch, +daß viele höhere Geister von Männern, deren Gedanken er darüber gelesen +hatte, nicht ein Hundertstel von dem gedacht hatten, was sein Weib +und Agathe Michailowna darüber wußten. So ungleich nun diese beiden +Weiber einander sein mochten, Agathe Michailowna und Katja, wie sie +sein Bruder Nikolay, und auch Lewin sehr gern nannte, hierin waren sie +einander vollkommen ähnlich. Beide wußten sicher, was Leben eigentlich +war, und auch was Tod sei, und obwohl sie nicht antworten konnten, +oder die Fragen auch nur verstehen, die sich Lewin aufdrängten, so +zweifelten sie beide doch nicht an der Bedeutung dieser Erscheinung und +betrachteten dieselbe vollkommen gleichartig, nicht nur unter sich, +sondern, indem sie ihre Anschauung mit Millionen Menschen teilten. Der +Beweis dafür, daß sie genau wußten, was Tod sei, lag darin, daß sie, +ohne sich eine Sekunde zu besinnen, wußten, wie man mit Sterbenden +umgehen müsse, und diese nicht fürchteten. Lewin und die anderen +wußten, obwohl sie viel über den Tod sagen konnten, augenscheinlich +nicht, warum sie ihn fürchteten; sie wußten sicher nicht, was zu +thun sei, wenn ein Mensch starb. Wäre Lewin jetzt allein gewesen mit +seinem Bruder, so würde er ihn voll Entsetzen betrachtet, und mit noch +größerem Entsetzen gewartet haben, aber nicht imstande gewesen sein, +irgendwie zu handeln. + +Er wußte nicht, was er sagen, wie er blicken, wie er gehen sollte. +Über Fernerliegendes mit ihm zu sprechen, erschien verletzend, das ging +nicht; über den Tod zu sprechen, die finstere Macht, ging auch nicht; +schweigen -- gleichfalls nicht. -- Blickte er den Kranken an, so konnte +dieser denken, er wolle ihn durchforschen, blickte er ihn nicht an, so +konnte Nikolay denken, er sei bei etwas ganz Anderem. Ging er auf den +Fußspitzen, so mochte der Bruder unzufrieden damit sein, trat er voll +auf, so schickte sich das nicht. + +Kity dachte augenscheinlich gar nicht an sich und hatte wohl auch nicht +die Zeit, an sich zu denken; sie dachte nur an ihn, weil sie etwas +Bestimmtes wußte, und alles ging gut bei ihr von statten. Sie hatte +ihm von sich erzählt, von ihrer Hochzeit und hatte gelächelt und ihn +bemitleidet, ihm geschmeichelt, und mit ihm über Fälle von Genesungen +gesprochen, und das alles ging ihr gut von statten; vielleicht weil sie +etwas wußte. + +Der Beweis dafür, daß ihre Wirksamkeit, wie diejenige Agathe +Michailownas, keine instinktive, rein physische unbedachte war, lag +darin, daß außer der physischen Beruhigung, der Erleichterung der +Leiden, sowohl Agathe Michailowna als Kity für den Sterbenden noch +etwas weit Wichtigeres anstrebten, als physische Beruhigung, ein +Etwas, das nichts Gemeinsames besaß mit physischen Umständen. Agathe +Michailowna hatte in dem Gespräch über jenen verstorbenen Alten gesagt: +»Nun, man hat ihm das Abendmahl, die letzte Ölung gegeben, gebe Gott, +daß ein jeder so sterbe!« Ganz ebenso hatte Kity ungeachtet aller Sorge +für die Wäsche, die wundgelegenen Stellen, das Trinken des Kranken +bereits am ersten Tage demselben von der Notwendigkeit gesprochen, daß +er kommuniziere. + +Nachdem sie für die Nacht von dem Kranken in ihre beiden Zimmer +zurückgekehrt waren, hatte sich Lewin niedergesetzt und den Kopf sinken +lassen, ohne zu wissen, was er beginnen solle. + +Geschweige, daß er davon gesprochen hätte, zu Abend speisen zu wollen, +oder das Nachtlager in Ordnung zu bringen, und zu überlegen, was nun zu +thun sei, vermochte er nicht einmal mit seiner Frau zu reden; so schwer +war ihm das Herz. Kity hingegen war geschäftiger, als gewöhnlich; +sie war sogar lebhafter, als sonst. Sie befahl Abendessen zu bringen, +packte selbst die Sachen aus, half die Betten vorzurichten und vergaß +nicht einmal, sie mit persischem Pulver zu bestreuen. In ihr lag eine +Munterkeit, eine Präcision im Denken, wie sie sich bei den Männern vor +einer Schlacht, einem Kampfe, in gefahrvollen entscheidenden Momenten +zeigt, jenen Minuten, in welchen ein für allemal der Mann seinen Wert +zeigt und beweist, daß seine ganze Vergangenheit nicht umsonst gewesen +ist, sondern eine Vorbereitung war für diese Minuten. + +Alles ging ihr von statten, und es war noch nicht zwölf Uhr, als +alle Sachen sauber ausgepackt waren; sorgfältig und in einer Weise, +daß das Zimmer ihrem eigenen Hause ähnlich wurde, ihren Zimmern. Die +Betten waren aufgeschlagen, die Bürsten, Kämme, Spiegel aufgelegt, und +Servietten übergebreitet. + +Lewin fand es sei unverzeihlich, jetzt zu essen, zu schlafen, ja selbst +zu reden und dabei zu empfinden, daß jede seiner Bewegungen nicht +schicklich sei. Sie hingegen steckte die Bürsten aus, verrichtete aber +alles so, daß nichts Verletzendes darin lag. + +Essen konnten sie allerdings nicht und lange Zeit fanden sie auch +keinen Schlaf, ja sie wollten erst lange Zeit gar nicht zur Ruhe gehen. + +»Ich bin sehr froh, daß ich ihm zugeredet habe, morgen zu +kommunizieren,« sagte sie, im Ärmelleibchen vor ihrem Necessaire +sitzend und sich mit dem dichten Kamme das reiche duftige Haar +strählend, »ich habe dies noch nie gesehen, weiß aber, daß Mama mir +gesagt hat, es wären Gebete für die Herstellung dabei.« + +»Glaubst du wirklich, daß er wieder gesund werden kann?« sagte Lewin, +nach der, sobald sie den Kamm vorwärts bewegte, fortwährend verhüllten +dichten Zahnreihe an der hinteren Seite ihres runden Köpfchens schauend. + +»Ich habe den Arzt gefragt; er sagte mir, daß er nicht länger als noch +drei Tage leben könne. Aber können die es wissen? Ich bin gleichwohl +sehr froh, daß ich ihn überredet habe,« sagte sie, unter ihrem Haar +hervor seitwärts nach ihrem Manne blickend. »Es ist alles möglich,« +fügte sie hinzu mit jenem eigentümlichen, ein wenig schlauen Ausdruck, +der stets auf ihrem Gesicht lag, wenn sie über Religion sprach. + +Nach jenem Gespräch über die Religion, zur Zeit als sie noch Bräutigam +und Braut waren, hatte weder er noch sie ein Gespräch darüber wieder +angeknüpft, sie aber erfüllte dies Ceremoniell des Kirchenbesuchs, +des Gebetes, stets in dem nämlichen ruhigen Bewußtsein, daß es so +erforderlich sei. Ungeachtet seiner Versicherungen des Gegenteils +war sie fest überzeugt, daß er ein ebensolcher, ja, noch besserer +Christ war, wie sie und daß alles, was er darüber sprach, nur eine +seiner sarkastischen Männerlaunen sei, ebenso wie das, was er über die +=broderie anglaise= sagte: »Möchten doch die guten Leute lieber die +Löcher zustopfen, hier aber werden sie absichtlich eingeschnitten« und +Ähnliches. + +»Jenes Weib da, die Marja Nikolajewna hat nicht verstanden, alles +das einzurichten,« sagte Lewin, »und -- ich muß es eingestehen, daß +ich sehr, sehr froh bin, daß du mitgekommen bist. Du bist solch eine +Reinheit, daß« -- er ergriff ihre Hand, küßte sie aber nicht -- das +Küssen ihrer Hand in dieser Nähe des Todes, erschien ihm unpassend +-- sondern preßte sie nur, mit schuldbewußtem Ausdruck in ihre +aufleuchtenden Augen blickend. + +»Für dich allein wäre es doch so peinlich geworden,« sagte sie, wand +die Hände emporhebend, welche ihre vor Freude erglühenden Wangen +deckten, die Zöpfe auf dem Scheitel zusammen und steckte sie fest. +»Nein,« sprach sie, »das hat sie nicht verstanden. Zum Glück habe ich +viel in Soden gelernt.« + +»Waren denn dort derartige Kranke?« + +»Noch schlimmere sogar.« + +»Es ist furchtbar für mich, daß ich ihn stets so sehen muß, wie er in +der Jugend war. Du glaubst nicht, welch ein schöner Jüngling er gewesen +ist; ich aber habe ihn damals nur nicht verstanden.« + +»Ich glaube es wohl, recht wohl. Wie empfinde ich es, daß wir so gut +mit ihm gewesen sein würden,« sagte sie, erschrak aber sogleich über +das was sie gesagt hatte, sich nach ihrem Manne umschauend, und Thränen +traten ihr in die Augen. + +»Ja -- gewesen sein würden« -- sagte er traurig, »das ist eben einer +jener Menschen, von denen man sagt, daß sie nicht für diese Welt sind.« + +»Gleichviel, uns stehen noch viele Tage bevor, doch wir müssen uns +niederlegen,« sagte Kity, auf ihre winzige Uhr sehend. + + + 20. + + Der Tod. + +Am anderen Tage empfing der Kranke das Abendmahl und die letzte Ölung. +Während der Ceremonie betete Nikolay Lewin inbrünstig. In seinen +großen Augen, die nach der Monstranz gerichtet waren, welche auf einem +mit farbiger Serviette überdeckten L'hombretisch stand, drückte sich +ein so leidenschaftliches Flehen, eine Hoffnung aus, daß es Lewin +entsetzlich war, dies mit ansehen zu müssen. Lewin wußte, daß diese +leidenschaftliche Bitte und Hoffnung ihm die Trennung vom Leben, das +er so sehr liebte, nur noch schwerer machen würde. Lewin kannte seinen +Bruder und den Gang seiner Gedanken; er wußte, daß sein Unglaube nicht +davon herrührte, weil es ihm leichter ankam, ohne Glauben zu leben, +sondern davon, weil Schritt für Schritt die modernen wissenschaftlichen +Erklärungen der Welterscheinungen das Glauben verdrängt hatten, und +weil er wußte, daß seine jetzige Rückkehr zu demselben keine logische +war, die sich auf dem Wege eines solchen Gedankenganges vollzogen +hätte, sondern eine nur vorübergehende, egoistische, entstanden in +der sinnlosen Hoffnung auf eine Genesung. Lewin wußte auch, daß Kity +diese Hoffnung noch durch Erzählungen von ungewöhnlichen Heilungen +von denen sie gehört, genährt hatte. Alles dies wußte er, und es war +ihm qualvoll, auf diesen flehenden, hoffnungsvollen Blick, auf diese +abgezehrte Hand schauen zu müssen, die sich mühsam erhob, um das +Zeichen des Kreuzes auf der überhängenden Stirn, den hervorstehenden +Schultern und der heiserröchelnden, verödeten Brust zu machen, die +alle nicht mehr das Leben in sich zu bergen vermochten, um welches +der Kranke bat. Während des Sakraments that Lewin, was er in seinem +Unglauben tausendmal gethan hatte. Er sprach, sich zu Gott wendend: +»Mache, wenn du bist, daß dieser Mensch gesunde,« und wiederholte dies +mehrere Male, »und du wirst ihn und mich erretten.« + +Nach der Salbung wurde es dem Kranken plötzlich bei weitem besser. Er +hustete nicht ein einziges Mal im Verlauf einer Stunde, er lächelte, +küßte Kity die Hand, dankte ihr mit Thränen und sagte, daß ihm wohl +sei, daß er sich nirgends krank fühle und Eßlust und Kraft verspüre. +Er erhob sich sogar selbst, als man ihm Suppe brachte und bat noch um +ein Kotelett. So hoffnungslos Lewin nun auch war, so augenscheinlich es +bei seinem Anblick wurde, daß er nicht genesen könne, befand er sich +und Kity während dieser Stunde in dem gleichen Glück, der nämlichen +Erregung darüber, ob man sich vielleicht doch nicht im Irrtum befinde. + +»Ist er besser? -- Ja, bei weitem. -- Wunderbar. -- Nichts Wunderbares. +-- Er ist doch besser,« so sprachen sie flüsternd und einander +zulächelnd. + +Die Täuschung war indessen nicht von langer Dauer. Der Kranke schlief +ruhig ein, nach einer halben Stunde jedoch weckte ihn der Husten, und +plötzlich waren alle Hoffnungen seiner Umgebung und in ihm selbst +geschwunden. Die Wirklichkeit des Leidens vernichtete, auch abgesehen +von dem Zweifel, an den vorher gehegten Erwartungen oder selbst der +Erinnerung an sie, die Hoffnungen Lewins und Kitys und die des Kranken +selbst. + +Ohne dessen zu gedenken, woran er eine halbe Stunde vorher noch +geglaubt hatte, gleichsam als wäre es tadelnswert, sich daran zu +erinnern, verlangte er, daß man ihm das Jod, in einem Glase, welches +von durchlochtem Papier überdeckt war, zum Einatmen gebe. Lewin reichte +ihm die Flasche und der nämliche Blick leidenschaftlicher Hoffnung, +mit welchem er kommuniziert hatte, richtete sich jetzt auf den Bruder, +von diesem Bestätigung für die Worte des Arztes heischend, daß die +Einatmung von Jod Wunder thue. + +»Wie, ist Kity nicht hier?« raunte er umherblickend, nachdem ihm +Lewin die Worte des Arztes mit innerem Widerstreben bekräftigt hatte. +»Nun, so kann ich es sagen; nur ihr zu Liebe habe ich diese Komödie +durchgemacht. Sie ist so lieb, aber wir beide können uns gegenseitig +nicht mehr täuschen. Hieran glaube ich,« sprach er, die Flasche mit +seiner Knochenhand pressend, und begann über ihr zu atmen. + +Um acht Uhr am Abend nahm Lewin mit seiner Frau den Thee auf seinem +Zimmer ein, als Marja Nikolajewna atemlos ins Zimmer gestürzt kam. Sie +war bleich und ihre Lippen bebten. + +»Er stirbt!« flüsterte sie; »ich fürchte, er stirbt sogleich!« + +Beide eilten zu ihm. Er hatte sich erhoben und saß, mit dem Arme +auf die Bettdecke gestützt, den langen Rücken gekrümmt, mit tief +herniederhängendem Kopfe. + +»Wie fühlst du dich?« frug Lewin flüsternd nach einer Pause. + +»Ich fühle, daß ich scheide,« sprach Nikolay mit Anstrengung, aber +die Worte mit einer außerordentlichen Bestimmtheit langsam aus sich +herauspressend. Er hob den Kopf nicht, sondern richtete nur das Auge +nach oben, ohne mit ihnen das Gesicht des Bruders zu erreichen. »Katja, +geh' hinaus,« fuhr er fort. + +Lewin sprang auf und befahl ihr mit gebieterischem Flüstern +hinauszugehen. + +»Ich scheide,« sagte er wiederum. + +»Weshalb denkst du das?« antwortete Lewin, um etwas zu sagen. + +»Deshalb, weil ich scheide,« wiederholte Nikolay, sich gleichsam in +diesem Ausdruck gefallend. »Es ist zu Ende.« + +Marja Nikolajewna trat zu ihm. + +»Ihr müßtet Euch legen, dann würde Euch leichter,« sprach sie. + +»Bald werde ich liegen,« versetzte er leise, »als ein Toter,« er sprach +höhnisch, erbittert, »nun, aber legt mich nur, wenn Ihr wollt.« + +Lewin legte den Bruder auf den Rücken, ließ sich neben ihm nieder, und +blickte ihm, mit angehaltenem Atem ins Gesicht. + +Der Sterbende lag mit geschlossenen Augen, aber auf seiner Stirn +bewegte sich ein leises Muskelspiel, wie bei einem Menschen, der tief +und angestrengt sinnt. Unwillkürlich dachte Lewin zusammen mit ihm das, +was sich jetzt in Nikolay vollziehen mochte, aber ungeachtet aller +geistigen Anstrengungen mit jenem übereinzukommen, gewahrte er an dem +Ausdruck dieses ruhigen ernsten Gesichts und dem Muskelspiel über den +Brauen, daß einem Sterbenden sich voll und ganz jenes Eine offenbart +ebenso, wie es für Lewin dunkel blieb. + +»Ja, ja, so,« brachte der Sterbende abgebrochen und langsam hervor. +»Bleibt.« Er schwieg wieder. »So,« sagte er dann gedehnt und +befriedigt, als habe sich nun alles für ihn entschieden. »O Gott!« +begann er dann nochmals und seufzte schwer. + +Marja Nikolajewna fühlte seine Füße an, »sie werden kalt«, flüsterte +sie. + +Lange, sehr lange, wie es Lewin schien, lag der Kranke unbeweglich. +Aber er war noch immer am Leben und bisweilen atmete er auf. Lewin war +bereits abgespannt von der Anstrengung des Denkens. Er fühlte, daß er +trotz aller geistigen Anstrengung nicht begreifen könne, was jenes »so« +bedeutete. Er fühlte, daß er weit entfernt stand von dem Sterbenden. +Über die Frage des Todes selbst vermochte er nicht mehr nachzusinnen, +aber unwillkürlich kamen ihm Gedanken darüber, was er jetzt sofort zu +thun haben werde; dem Bruder die Augen zuzudrücken, ihn ankleiden zu +lassen und die Beerdigung zu bestellen. Und seltsam, er fühlte sich +dabei vollkommen ruhig und empfand weder Schmerz, noch einen Verlust, +und noch weniger Mitleid mit dem Bruder. Wenn jetzt ein Gefühl für +seinen Bruder in ihm war, so war es eher der Neid wegen jenes Wissens, +welches der Sterbende nun hatte, er aber nicht besitzen konnte. + +Noch lange saß er so bei ihm, immer das Ende erwartend, aber das Ende +kam nicht. Die Thür öffnete sich und Kity erschien. Lewin stand auf, um +sie zurückzuhalten, aber gerade im Augenblick, als er sich erhob, hörte +er, daß der Sterbende sich regte. + +»Geh nicht fort,« sagte Nikolay und streckte die Hand aus. Lewin gab +ihm die seine und winkte heftig seiner Frau, hinauszugehen. + +Die Hand des Sterbenden in der seinen, saß er eine halbe Stunde, eine +ganze Stunde und noch eine Stunde. + +Er dachte jetzt schon gar nicht mehr an den Tod; er dachte daran, was +Kity machen möge. Wer wohnte wohl in dem benachbarten Zimmer? Besaß +der Arzt ein eigenes Haus? Er sehnte sich nach Essen und Schlaf, +behutsam befreite er seine Hand und fühlte nach den Füßen. Sie waren +kalt, aber der Kranke atmete noch. Lewin wollte nun auf den Zehen +wieder herausgehen, aber von neuem regte sich der Kranke und sagte: +»Geh' nicht fort« -- -- -- + +Der Tag dämmerte herauf. Der Zustand des Kranken blieb noch immer +derselbe. Lewin befreite leise seine Hand, ohne auf den Sterbenden +zu blicken, begab sich nach seinem Zimmer und schlief ein. Als er +erwachte, erfuhr er anstatt der Nachricht vom Tode seines Bruders, die +er erwartete, daß der Kranke in den früheren Zustand zurückverfallen +sei. Er hatte sich wieder gesetzt, wieder gehustet, wieder zu essen und +zu sprechen angefangen, und wieder aufgehört, vom Tode zu reden. Er +hatte wieder Hoffnung auf Genesung ausgedrückt, und war noch reizbarer +und mürrischer geworden als vorher. Niemand, weder sein Bruder, noch +Kity vermochten ihn zu besänftigen. Er war gegen jedermann gereizt, +sagte jedermann Unangenehmes, machte allen Vorwürfe über seine +Leiden und verlangte, daß man ihm einen berühmten Arzt aus Moskau +herbeischaffe. Auf alle Fragen, die man an ihn über sein Befinden +richtete, antwortete er stets mit dem Ausdruck von Wut und Vorwurf »ich +leide furchtbar, unerträglich!« + +Der Kranke litt mehr und mehr, besonders infolge der aufgelegenen +Stellen, die sich nicht mehr heilen ließen, und geriet mehr in Wut +über seine Umgebung, der er Vorwürfe über alles machte, und namentlich +darüber, daß man ihm den Arzt aus Moskau nicht herbeischaffe. Kity +bemühte sich in jeder Weise, ihm Beistand zu leisten und ihn zu +beschwichtigen, aber alles war vergebens und Lewin sah, daß sie selbst +körperlich, wie geistig erschöpft war, obwohl sie es nicht eingestand. +Jene Ahnung des Todes, welche in allen durch seinen Abschied vom +Leben in jener Nacht, als er den Bruder rief, erweckt worden war, war +verwischt. Sie alle wußten wohl, daß er unwiderruflich und binnen +kurzem sterben werde, daß er zur Hälfte schon tot sei, sie alle +wünschten nur das Eine, er möchte so bald als möglich sterben, aber +sie alle gaben ihm, indem sie dies verbargen, aus der Flasche die +Arznei, forschten nach Heilmitteln und Ärzten und täuschten ihn, und +sich selbst untereinander. Alles dies war eine Lüge, eine häßliche, +verletzende und hohnvolle Lüge. Und diese Lüge empfand Lewin, sowohl +der Eigenart seines Charakters halber, als auch, weil er den Sterbenden +mehr als alle anderen liebte, besonders schmerzlich. + +Lewin, welchen der Gedanke, seine beiden Brüder wenigstens vor dem Tode +noch auszusöhnen, schon lange beschäftigt hatte, schrieb an Sergey +Iwanowitsch, und las, nachdem er Antwort erhalten hatte, dem Kranken +das Schreiben vor. Sergey Iwanowitsch schrieb, daß er selbst nicht +kommen könne, bat aber in rührenden Ausdrücken den Bruder um Verzeihung. + +Der Kranke erwiderte nichts. + +»Was soll ich ihm nun schreiben?« frug Lewin. »Ich hoffe, daß du ihm +nicht mehr gram bist?« + +»Nein, keineswegs!« antwortete Nikolay voll Verdruß über diese Frage. +»Schreibe ihm, er möge nur einen Arzt schicken!« + +Es vergingen noch weitere drei qualvolle Tage; der Kranke befand sich +immer im gleichen Zustand. Das Gefühl des Wunsches, er möchte sterben, +hatten jetzt alle, die ihn sahen, sowohl der Diener des Hotels, wie +der Wirt desselben und alle Insassen des Hauses; der Arzt und Marja +Nikolajewna, wie Lewin und Kity. + +Allein der Kranke drückte dieses Gefühl nicht aus, sondern eiferte +im Gegenteil darüber, daß man den Arzt nicht schaffe, und fuhr +fort, Arznei zu nehmen und vom Leben zu sprechen. Nur in den +gezählten Minuten, in denen das Opium ihn für einen Augenblick die +ununterbrochenen Leiden vergessen ließ, sprach er im Halbschlaf +bisweilen aus, was mächtiger als bei allen anderen, in seiner Seele +ruhte: »O, wenn doch ein Ende käme«, oder »wann wird das vorüber sein«. + +Die Qualen, stetig wachsend, thaten das ihre, und bereiteten ihn +zum Tode vor. Es gab jetzt keine Stellung mehr, in welcher er nicht +gelitten hätte; es gab keine Minute mehr, in welcher er einmal sich +selbst vergessen hätte, keine Stelle, kein Glied seines Körpers, +welches nicht geschmerzt, ihn nicht gemartert hätte. Selbst die +Erinnerung, die Eindrücke und die Gedanken über diesen Körper erregten +in ihm jetzt bereits einen solchen Ekel, wie der Körper selbst. +Der Anblick der übrigen Menschen, ihre Gespräche, ihre eigenen +Erinnerungen, alles das war für ihn nur peinlich. Seine Umgebung +empfand dies, und gestattete sich daher wie unbewußt in seiner Nähe +weder eine freie Bewegung, noch Gespräche oder Äußerungen von Wünschen. +Sein ganzes Leben zerfloß in das eine Gefühl des Leidens, und des +Wunsches, hiervon erlöst zu sein. + +Augenscheinlich hatte sich nun jene Wandlung in ihm, die ihn auf +den Tod wie auf eine Erfüllung seiner Wünsche, wie auf ein Glück +blicken lassen mußte, vollendet. Früher war jedem besonderen Wunsche, +hervorgerufen durch Leiden oder Entbehrung, wie Hunger, Müdigkeit, +Durst, schon ein Zurechtrücken des Körpers, welches ihm Befriedigung +gewährte, genügt worden; jetzt aber fand die Entbehrung und der Schmerz +keine Befriedigung mehr, denn schon der Versuch zu einer Befriedigung +rief neue Schmerzen hervor, und so flossen denn alle Wünsche in dem +einen zusammen -- dem Wunsche, erlöst zu sein von all den Qualen und +von der Quelle derselben -- dem Körper. + +Aber zum Ausdruck dieses Wunsches nach Befreiung hatte er keine Worte, +und daher sprach er nicht davon, sondern forderte nur noch nach seiner +Gewohnheit die Befriedigung der Wünsche, die schon nicht mehr erfüllt +werden konnten. + +»Legt mich auf die andere Seite,« sagte er und verlangte gleich darauf, +daß man ihn wieder lege, wie vorher. »Gebt mir Bouillon! Schafft +sie fort! Sprecht doch etwas, weshalb schweigt ihr so!« Sobald man +aber angefangen hatte, zu sprechen, schloß er die Augen, und drückte +Ermattung, Gleichgültigkeit und Widerwillen aus. + +Am zehnten Tage nach der Ankunft in der Stadt erkrankte Kity. Es +stellte sich Kopfschmerz und Erbrechen bei ihr ein, und sie vermochte +den ganzen Morgen nicht, das Bett zu verlassen. + +Der Arzt erklärte, daß das Unwohlsein von Ermüdung und Aufregung +herrühre und empfahl geistige Ruhe. + +Nach Tische indessen erhob sich Kity und begab sich wie gewöhnlich, mit +einer Arbeit zu dem Kranken. Er blickte sie streng an, als sie eintrat +und lächelte verächtlich, als sie sagte, daß sie unwohl sei. An diesem +Tage schneuzte er sich unaufhörlich und stöhnte kläglich. + +»Wie fühlt Ihr Euch?« frug sie ihn. + +»Schlechter,« brachte er mit Mühe heraus, »es schmerzt so.« + +»Wo schmerzt es?« + +»Überall.« + +»Heute geht es zu Ende, paßt auf,« sagte Marja Nikolajewna; zwar +flüsternd, aber doch so, daß der Kranke, welcher fein hörte, wie Lewin +bemerkt hatte, sie vernehmen mußte. Lewin zischte ihr zu und blickte +sich nach dem Kranken um. Nikolay hatte dies gehört, aber die Worte +brachten bei ihm keinen Eindruck hervor. Sein Blick war noch der +nämliche vorwurfsvolle und gespannte. + +»Warum denkt Ihr das?« frug Lewin sie, als sie ihm auf den Korridor +hinaus folgte. + +»Er hat angefangen, sich abzunehmen,« sagte Marja Nikolajewna. + +»Was ist denn das?« + +»Nun dies,« antwortete sie, die Falten in ihrem wollenen Kleide +aufzupfend; in der That bemerkte Lewin, daß der Kranke an diesem ganzen +Tage an sich etwas herunterreißen wollte. Die Voraussagung Marja +Nikolajewnas war richtig. Der Kranke war bis zum Abend schon nicht mehr +bei Kräften, die Arme zu heben, und schaute nun vor sich hin, ohne den +Ausdruck konzentrierter Aufmerksamkeit im Blick zu verändern. Selbst +wenn sein Bruder oder Kity sich über ihn beugten, so daß er sie sehen +konnte, blickte er so. Kity sandte nach einem Geistlichen, um das +Sterbegebet sprechen zu lassen. + +Während dieser das Gebet las, gab der Kranke kein Lebenszeichen von +sich, seine Augen waren geschlossen. Lewin, Kity und Marja Nikolajewna +standen am Bett. Das Gebet war von dem Geistlichen noch nicht zu Ende +gelesen worden, als sich der Sterbende streckte, seufzte und die Augen +schloß. Der Geistliche legte, nachdem er das Gebet beendet, das Kreuz +auf die kalte Stirn, zog es darauf langsam unter sein Gewand zurück, +und berührte, nachdem er noch zwei Minuten schweigend gestanden, die +erkaltete, blutlose große Hand. + +»Er hat vollendet,« sprach er und wollte gehen, da aber bewegte sich +plötzlich der zusammengeklebte Bart des Toten und deutlich in der +Stille wurden aus der Tiefe der Brust bestimmt und klar die Worte +vernehmbar: + +»Nicht ganz -- aber bald.« -- + +Nach Verlauf einer Minute erst erhellte sich das Gesicht, ein Lächeln +trat unter dem Barte hervor und die anwesenden Frauen befaßten sich nun +bestürzt damit, den Verstorbenen anzukleiden. + +Der Anblick des Bruders und die Nähe des Todes erneuerte in der +Seele Lewins jene Empfindung des Entsetzens vor dem Rätselhaften und +zugleich vor der Nähe und Unvermeidbarkeit des Todes, das ihn an jenem +Herbstabend ergriffen hatte, als sein Bruder zu ihm gekommen war. + +Dieses Gefühl war jetzt noch mächtiger als früher; noch weniger, als +früher fühlte er sich fähig, die Vorstellung vom Tode zu verstehen, +und noch entsetzlicher stellte sich ihm das Unvermeidliche desselben +vor Augen. Jetzt aber brachte ihn dieses Gefühl, dank der Nähe seines +Weibes, nicht zur Verzweiflung und trotz des Todes fühlte er die +Notwendigkeit, zu leben und zu lieben. Er fühlte, daß die Liebe ihn +von der Verzweiflung errettet hatte, und daß diese Liebe unter den +Schrecken der Verzweiflung nur noch stärker und reiner geworden war. + +Das Geheimnis des Todes hatte sich nicht sobald vor seinen Augen +vollzogen, ungelöst geblieben, als schon ein anderes auftauchte, ebenso +unlösbar und herausfordernd zu Liebe und Leben. + +Der Arzt hatte seine Vermutungen bezüglich Kitys bestätigt; ihr +Unwohlsein bestand in Schwangerschaft. + + + 21. + +Seit der Minute, in welcher Aleksey Aleksandrowitsch aus den +Erklärungen mit Betsy und mit Stefan Arkadjewitsch erkannt hatte, +daß von ihm nur gefordert wurde, er möge sein Weib in Ruhe lassen, +indem er sie nicht mehr mit seiner Gegenwart belästigte, und daß sein +Weib selbst dies wünschte, fühlte er sich so verlassen, daß er keinen +selbständigen Beschluß mehr zu fassen vermochte, nicht mehr wußte, was +er jetzt wollte, und sich in die Hände von Leuten gebend, welche sich +mit dem bekannten Vergnügen um seine Angelegenheiten kümmerten, auf +alles nur billigende Antworten gab. + +Nun nachdem Anna schon sein Haus verlassen hatte, und die Engländerin +sandte, um ihn fragen zu lassen, ob sie mit ihm zusammen zu Mittag +speisen werde oder allein, da erkannte er zum erstenmale klar seine +Lage und erschrak über sie. + +Am schwierigsten in dieser Lage war vor allem, daß er in keiner Weise +seine Vergangenheit mit ihr so wie sie jetzt war, in Einklang und +Harmonie bringen konnte. Nicht jene Vergangenheit, in der er glücklich +mit seinem Weibe gelebt hatte, machte ihn ratlos. Den Übergang aus +derselben zu der Erkenntnis der Untreue seines Weibes hatte er bereits +wie ein Märtyrer durchlebt, der Zustand war schwer, aber er war ihm +verständlich gewesen. Wäre sein Weib damals, nachdem sie ihm von ihrer +Untreue Mitteilung gemacht, von ihm gegangen, so würde er erbittert, +unglücklich gewesen sein, aber er hätte sich dann nicht in jener für +ihn selbst unentwirrbaren, unbegreiflichen Lage befunden, in der er +sich jetzt fühlte. + +Er konnte sich durchaus nicht seine neuerliche Verzeihung vergeben, +seine Versöhnlichkeit, seine Liebe zu dem kranken Weibe, und dem +fremden Kinde, angesichts dessen, was jetzt war, das heißt, dessen, was +er, gleichsam als Belohnung für alles dies, jetzt empfand, vereinsamt, +beschimpft, verlacht, niemandem brauchbar und von allen verachtet. + +In den ersten zwei Tagen nach der Abreise seines Weibes empfing Aleksey +Aleksandrowitsch Bittsteller, den Geschäftsführer, begab sich ins +Komitee, und ging zur Mittagstafel nach dem Salon wie gewöhnlich. Ohne +sich Rechenschaft, weshalb er dies thue, zu geben, verwandte er alle +Kräfte seines Geistes in diesen zwei Tagen nur darauf, ein ruhiges, ja +selbst gleichmütiges Aussehen zu behaupten. + +Indem er auf die Fragen, wie mit den Sachen und den Räumen der +Anna Arkadjewna verfahren werden sollte, antwortete, machte er +die gewaltigsten Anstrengungen über sich selbst, um den Anschein +eines Mannes zu wahren, für den das stattgehabte Ereignis nicht +unvorhergesehen gekommen sei, und nichts in sich trage, was aus der +Reihe der gewöhnlichen Vorkommnisse heraustrete; und er erreichte +seine Absicht! Niemand vermochte an ihm Anzeichen der Verzweiflung +zu finden. Am zweiten Tag nach der Abreise aber, als Korney ihm die +Rechnung vom Modewarenmagazin überreichte, welche Anna zu begleichen +vergessen hatte, und meldete, der Commis sei selbst da, befahl Aleksey +Aleksandrowitsch, diesen hereinkommen zu lassen. + +»Entschuldigen Excellenz, daß ich zu stören wage. Aber wenn Excellenz +befehlen, daß ich mich an gnädige Frau wende, so geruhen Excellenz +wohl, deren Adresse mitzuteilen.« + +Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach, wenigstens wie es dem Commis +schien, und setzte sich, abgewendet, plötzlich an seinen Tisch. Den +Kopf in die Hände gestützt, verharrte er lange in dieser Stellung, +einige Male zu sprechen versuchend, aber wieder innehaltend. + +Die Empfindungen seines Herrn begreifend, bat Korney den Commis, ein +ander Mal wiederzukommen. Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch wieder +allein war, erkannte er, daß er nicht die Kräfte besitze, die Rolle der +Festigkeit und Ruhe noch weiter zu behaupten. Er befahl den auf ihn +wartenden Wagen wieder auszuspannen, niemand vorzulassen, und ging auch +nicht zur Mittagstafel. + +Er fühlte, daß er diesem allgemeinen Andrang von Verachtung und +Gefühllosigkeit, wie er beides auf den Zügen des Commis und Korneys +und aller ohne Ausnahme, denen er in diesen zwei Tagen begegnet war, +offen gesehen hatte, nicht widerstehen könne. Er fühlte, daß er die +Gehässigkeit der Menschen nicht werde zurückweisen können, weil +diese Gehässigkeit nicht davon herrührte, daß er ein Narr war -- in +diesem Falle hätte er schon sich bemühen können, als etwas Besseres +zu erscheinen -- sondern davon, daß er schmachvoll und widerlich +unglücklich war. + +Er wußte, daß man deswegen -- eben deswegen, weil sein Herz zerrissen +war -- mit ihm mitleidlos sein würde. Er fühlte, daß die Menschen ihn +vernichteten, wie man einen zerrissenen Hund, der vor Schmerz winselt, +noch erwürgt. Er wußte, daß seine einzige Rettung vor den Menschen die +war -- seine Wunden vor ihnen zu verbergen -- und er hatte dies zwei +Tage unbewußt zu thun versucht, fühlte sich aber jetzt nicht mehr bei +Kräften, diesen ungleichen Kampf fortzusetzen. + +Seine Verzweiflung vergrößerte sich noch in dem Bewußtsein, daß er +vollständig vereinsamt dastand mit seinem Leid. Nicht nur in Petersburg +besaß er keinen einzigen Menschen, dem er alles hätte anvertrauen +können, was er erfahren hatte, der in ihm nicht den hochgestellten +Beamten, nicht das Mitglied der guten Gesellschaft bemitleidet hätte, +sondern einfach den leidenden Menschen -- nein, nirgends hatte er einen +solchen Menschen. + +Aleksey Aleksandrowitsch war als Waise aufgewachsen; sie waren ihrer +zwei Brüder gewesen. Auf den Vater konnten sie sich nicht mehr +besinnen, die Mutter war gestorben, als Aleksey Aleksandrowitsch zehn +Jahre zählte. Das Vermögen war klein; der Onkel Karenin, ein hoher +Beamter und einstiger Günstling des verstorbenen Kaisers, erzog die +beiden. + +Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch das Gymnasium und die Universität mit +Prämien absolviert hatte, betrat er sogleich mit Hilfe des Onkels die +dienstliche Laufbahn und ergab sich von dieser Zeit an ausschließlich +dem amtlichen Strebertum. Weder auf dem Gymnasium noch auf der +Universität, oder später im Amte hatte Aleksey Aleksandrowitsch mit +irgend jemand freundschaftliche Beziehungen angeknüpft. Sein Bruder +war ihm der geistig zunächst stehende Mensch gewesen, doch hatte +derselbe im Ministerium der äußeren Angelegenheiten gearbeitet, war +stets im Auslande gewesen, und auch bald nach der Verheiratung Aleksey +Aleksandrowitschs hier gestorben. + +Während er eine Gouverneurstelle bekleidete, hatte die Tante Annas, +eine reiche Dame im Gouvernement, den zwar nicht mehr jungen Mann, wohl +aber jungen Gouverneur, mit ihrer Nichte bekannt gemacht, und ihn in +eine Situation verwickelt, nach welcher er sich entweder erklären oder +die Stadt verlassen mußte. Aleksey Aleksandrowitsch schwankte lange. Es +gab damals ebenso viel Gründe für diesen Schritt, wie gegen denselben, +und es gab keinen entscheidenden Anlaß, der ihn bewogen hätte, seinen +Grundsatz, sich im Unentschiedenen zu erhalten, zu ändern. Die Tante +Annas indessen hatte ihm bereits durch einen Bekannten zu verstehen +geben lassen, daß er das junge Mädchen bereits kompromittiert habe und +die Rücksicht auf seine Ehre ihn zwingen müsse, einen Antrag zu machen. +Er machte den Antrag, und weihte seiner Braut und Frau alles Gefühl, +dessen er fähig war. + +Jene Anhänglichkeit, die er für Anna empfand, schloß in seiner Seele +auch die letzten Voraussetzungen für eine Unterhaltung herzlicher +Beziehungen zu den Menschen aus, und jetzt besaß er unter allen seinen +Bekannten keinen Vertrauten. Er besaß wohl viel von dem, was man +Verbindungen nennt, Freundschaftsverhältnisse aber hatte er nicht. +Aleksey Aleksandrowitsch hatte auch viele, die er zu sich zur Tafel +einladen, um Teilnahme in einer ihn interessierenden Sache bitten +konnte, um Protektion eines Petenten, mit denen er sich aufrichtig +über die Thätigkeit anderer Männer und der höchsten Regierungsstelle +äußern konnte -- aber seine Beziehungen zu diesen Personen waren in +einem durch Sitte und Gewohnheit festbestimmten Bereich begrenzt, aus +dem es unmöglich war, herauszutreten. Es war da ein Universitätsfreund, +welchem er sich später wieder genähert hatte, und mit dem er über +sein persönliches Leid hätte sprechen können, aber dieser Kamerad +war Inspizient eines ferngelegenen Lehrbezirks. Unter den Personen, +welche in Petersburg waren, standen ihm am nächsten und waren noch die +denkbarsten von allen der Kanzleidirektor und sein Arzt. + +Michail Wasiljewitsch Sljudin, war ein einfacher, verständiger, guter +und moralischer Mensch, und in ihm verspürte Aleksey Aleksandrowitsch +eine persönliche Neigung für sich, aber ihre fünfjährige amtliche +Thätigkeit hatte zwischen beiden eine Schranke für seelische +Beziehungen aufgerichtet. + +Aleksey Aleksandrowitsch, die Unterschrift der Papiere beendend, +schwieg lange, auf Michail Wasiljewitsch blickend, und versuchte +mehrmals zu sprechen, ohne daß er es vermochte. Er hatte schon den Satz +vorbereitet »habt ihr von meinem Unglück gehört?« Aber er vollendete +damit, daß er, wie gewöhnlich sagte, »macht mir das also fertig,« womit +er ihn entließ. + +Der zweite Mensch war sein Arzt, der gleichfalls freundschaftlich +gesinnt für ihn war, aber zwischen ihnen bestand schon seit langem +ein schweigendes Einverständnis darüber, daß sie beide mit Geschäften +überhäuft wären, und sich beeilen müßten. + +An seine weiblichen Freunde, selbst an den nervösesten unter ihnen, die +Gräfin Lydia Iwanowna, hatte Aleksey Aleksandrowitsch nicht gedacht. +Alle Weiber, schlechtweg als Weiber, waren ihm furchtbar und widerlich. + + + 22. + +Aleksey Aleksandrowitsch hatte die Gräfin Lydia Iwanowna vergessen, +diese aber nicht ihn. In der schwersten Minute seiner Vereinsamung +und Verzweiflung gerade kam sie zu ihm und trat ohne Meldung in sein +Kabinett. Sie traf ihn in der Stellung, in welcher er gesessen hatte, +den Kopf auf beide Arme gestützt. + +»=J'ai forcé la consigne=,« sagte sie, indem sie mit schnellen +Schritten und schwer atmend vor Erregung und der schnellen Bewegung +eintrat. »Ich habe alles gehört! Aleksey Aleksandrowitsch! -- Mein +Freund!« -- fuhr sie fort, mit beiden Händen fest die seine drückend +und ihm mit ihren schönen, sinnigen Augen ins Auge blickend. + +Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich, erhob sich ein wenig, und +schob ihr, seine Hand von ihr losmachend, einen Stuhl zu. + +»Nicht gefällig, Gräfin? Ich empfange nicht, weil ich krank bin,« sagte +er und seine Lippen bebten. + +»Mein Freund!« wiederholte die Gräfin Lydia Iwanowna, ohne die Augen +von ihm zu verwenden, und plötzlich hoben sich ihre Brauen mit den +inneren Seiten, ein Dreieck auf der Stirn bildend, und ihr unschönes +gelbes Gesicht wurde noch unschöner; doch Aleksey Aleksandrowitsch +empfand, daß sie ihn bemitleide und im Begriff war, zu weinen. Auch ihn +überkam eine weiche Stimmung; er ergriff ihre fleischige Hand und küßte +sie. »Mein Freund!« sagte sie mit von Erregung unterbrochener Stimme. +»Ihr dürft Euch dem Schmerz nicht so hingeben. Euer Leid ist groß, aber +Ihr müßt Trost finden.« + +»Ich bin zerschmettert, vernichtet, ich bin kein Mensch mehr,« sagte +Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Hand freilassend, aber weiter, in +ihre von Thränen gefüllten Augen schauend. »Meine Lage ist furchtbar +dadurch, daß ich nirgends, in mir selbst nicht einmal, einen Stützpunkt +dafür finde.« + +»Ihr werdet eine Stütze finden; sucht sie aber nicht in mir; obwohl ich +Euch bitte, an meine Freundschaft zu glauben,« antwortete sie mit einem +Seufzer, »unsere Stütze ist die Liebe, jene Liebe, die der da droben +uns gegeben hat. Eine Bürde in ihm ist leicht,« sagte sie mit jenem +verzückten Blick, den Aleksey Aleksandrowitsch so gut kannte, »er wird +Euch halten und Euch beistehen!« + +Trotzdem, daß in diesen Worten sowohl das Mitleid mit seinen erhabenen +Empfindungen, wie auch jene, Aleksey Aleksandrowitsch überflüssig +erscheinende, neue verzückte, erst seit kurzem in Petersburg +verbreitete, mystische Stimmung lag, war es diesem angenehm, sie jetzt +zu vernehmen. + +»Ich bin schwach. Ich bin vernichtet. Ich habe nichts vorausgesehen und +fasse jetzt nichts.« + +»Mein Freund,« wiederholte Lydia Iwanowna. + +»Nicht der Verlust dessen ist es, was jetzt nicht mehr ist, nicht +dies!« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort, »ich klage um nichts. Aber +ich muß mich schämen vor den Menschen wegen der Lage, in der ich mich +befinde. Das ist schlimm, aber ich kann nicht, kann nicht anders.« + +»Nicht Ihr habt jene erhabene That der Vergebung ausgeführt, von der +ich entzückt bin, wie jedermann, sondern der droben, der in Eurem +Herzen wohnt,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, verzückt die Augen +hebend, »und daher dürft Ihr Euch Eurer Handlungsweise nicht schämen.« + +Aleksey Aleksandrowitsch verzog das Gesicht und begann, die Hände +hinter sich nehmend, mit den Fingern zu knacken. + +»Man muß eben alle Einzelheiten kennen,« sagte er mit dünner Stimme, +»die Kräfte des Menschen haben ihre Grenze, Gräfin, und ich habe +die Grenze der meinigen gefunden. Den ganzen Tag jetzt muß ich +Verfügungen treffen, Verfügungen über das Hauswesen, die sich für +mich ergeben haben« -- er betonte das letztere Wort -- »aus meiner +neuen, vereinsamten Stellung. Das Gesinde, die Gouvernante, die +Rechnungen -- dieses Kreuzfeuer hat mich versengt und ich war nicht bei +Kräften, es zu ertragen. Bei Tische -- ich bin gestern kaum seit der +Mittagstafel hinausgekommen. Ich konnte es nicht ertragen, wie mich +mein Sohn anblickte. Er frug mich nicht, was das alles bedeuten solle, +aber er wollte fragen, und ich konnte diesen Blick nicht ertragen. +Er fürchtete, mich anzuschauen, aber das ist noch wenig« -- Aleksey +Aleksandrowitsch wollte jener Rechnung Erwähnung thun, die man ihm +gebracht hatte, doch seine Stimme begann zu zittern und er hielt inne. +An diese Rechnung auf blauem Papier, mit den Hüten und Bändern, konnte +er nicht ohne Mitleid mit sich selbst denken. + +»Ich verstehe, mein Freund,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna. »Ich +verstehe alles. Hilfe und Trost werdet Ihr nicht in mir finden, aber +ich bin dennoch nur deshalb gekommen, Euch beizustehen, wenn ich kann. +Wenn ich doch alle diese kleinlichen, erniedrigenden Mühewaltungen +von Euch nehmen könnte. Ich verstehe, daß hier ein Frauenwort, ein +weibliches Regiment not thut. Vertraut Ihr es mir an?« + +Aleksey Aleksandrowitsch drückte ihr schweigend und dankerfüllt die +Hand. + +»Wir wollen uns mit dem kleinen Sergey beschäftigen. Ich bin nicht +stark in praktischen Dingen. Aber ich werde mich nützlich machen und +Eure Hausverwalterin sein. Dankt mir nicht. Ich thue das nicht von mir +aus.« -- + +»Ich muß danken.« + +»Aber, mein Freund, überlaßt Euch nicht diesem Gefühl, von welchem Ihr +gesprochen habt -- daß Ihr Euch dessen schämtet, was das höchste Gebot +des Christen ist: Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden. +Und danken könnt Ihr nicht mir. Ihm ist zu danken, ihn muß man um Hilfe +bitten, in ihm allein finden wir Ruhe, Trost, Heil und Liebe,« sagte +sie, und die Augen zum Himmel emporhebend, begann sie zu beten, wie +Aleksey Aleksandrowitsch aus ihrem Schweigen erkannte. + +Aleksey Aleksandrowitsch vernahm sie jetzt auch, und jene Ausdrücke, +welche ihm früher, wenn nicht unangenehm, so doch überflüssig +erschienen waren, kamen ihm jetzt natürlich und tröstlich vor. Aleksey +Aleksandrowitsch liebte diesen neuen, verzückten Geist nicht; er +war ein religiöser Mensch, der sich für Religion hauptsächlich im +politischen Sinne interessierte, aber die neue Lehre, die sich mehrere +neue Auslegungen gestattete, war ihm deshalb besonders, weil sie dem +Streit und der Analyse Thür und Thor öffnete, grundsätzlich unangenehm. +Früher hatte er sich kühl, ja selbst feindselig gegen diese neue +Lehre verhalten, und mit der Gräfin Lydia Iwanowna, die von derselben +eingenommen worden war, zwar nie gestritten, aber geflissentlich durch +Schweigen ihre Herausforderungen umgangen. Jetzt nun zum erstenmal +hörte er ihre Worte mit Befriedigung und widersprach ihnen innerlich +nicht. + +»Ich bin Euch sehr, sehr dankbar, sowohl für Eure Thaten als für Eure +Worte,« sprach er, als sie mit Beten fertig war. + +Die Gräfin Lydia Iwanowna drückte ihrem Freunde nochmals beide Hände. + +»Jetzt will ich ans Werk gehen,« sagte sie lächelnd, nachdem sie eine +Weile geschwiegen und sich die Spuren der Thränen aus dem Gesicht +gewischt hatte. »Ich werde zu Sergey gehen, und mich nur im äußersten +Notfall an Euch wenden.« Sie erhob sich und ging hinaus. + +Die Gräfin Lydia Iwanowna begab sich zu Sergey und erzählte dem +erschreckten Knaben, ihm die Wangen mit Thränen bethauend, daß sein +Vater ein Heiliger und seine Mutter gestorben sei. + +Die Gräfin Lydia Iwanowna erfüllte ihr Versprechen. Sie nahm in der +That alle Sorgen und das Arrangement und die Hausverwaltung Aleksey +Aleksandrowitschs auf sich, hatte aber nicht übertrieben, wenn sie +sagte, daß sie in praktischen Dingen nicht stark sei. Alle ihre +Anordnungen mußten abgeändert werden, da sie unausführbar waren, +und sie wurden abgeändert durch Korney, den Kammerdiener Aleksey +Aleksandrowitschs, der jetzt, ohne daß dies jemand merkte, das ganze +Haus Karenins leitete, und ruhig und schonungsvoll während des +Ankleidens seinem Herrn berichtete, was notwendig war. Gleichwohl +aber blieb die Hilfe Lydia Iwanownas im höchsten Grade wesentlich: +sie verlieh Aleksey Aleksandrowitsch eine moralische Stütze in der +Erkenntnis ihrer Liebe und Achtung für ihn, und insbesondere darin, +daß sie ihn, -- es war ihr dies ein tröstlicher Gedanke -- fast zum +Christentum bekehrte, das heißt, aus einem gleichgültig und träg +Religiösgesinnten zum eifrigen und festüberzeugten Parteigänger jener +neuen Offenbarung der christlichen Lehre machte, welche sich in der +jüngsten Zeit in Petersburg verbreitet hatte. + +Aleksey Aleksandrowitsch wurde es leicht, sich von dieser Lehre +überzeugen zu lassen. Er ebenso wie Lydia Iwanowna und andere Leute, +die ihre Anschauungen zersplitterten, war einer wahrhaft vertieften +Vorstellungskraft, jener geistigen Fähigkeit, dank welcher die +Vorstellungen, welche von der Phantasie so hervorgerufen sind, ja +thatsächlich werden, daß sie mit den anderen Vorstellungen und mit +der Wirklichkeit einen Einklang fordern, völlig beraubt. Er erblickte +nichts Unmögliches und Ungestaltes in der Vorstellung, daß der Tod, für +die Ungläubigen wirklich vorhanden, für ihn aber nicht da sei, und daß, +da er den wahrsten Glauben besitze, über den er selbst Richter wäre, +auch keine Sünde mehr in seiner Seele sei, und er schon hier auf Erden +ein volles Seelenheil kennen lerne. + +Allerdings wurde die Leichtfertigkeit und Fehlerhaftigkeit dieser +Vorstellung von seinem eignen Glauben Aleksey Aleksandrowitsch dunkel +fühlbar, und er wußte, daß er, wenn er ohne daran zu denken, daß seine +Verzeihung die Wirkung einer höheren Kraft gewesen war, sich diesem +Gefühl unmittelbar hingab, mehr Glück verspürte, als wenn er, wie +jetzt, jede Minute dachte, daß Christus in seiner Seele sei und er, +wenn er Akten unterschrieb, damit nur dessen Willen erfülle. Aleksey +Aleksandrowitsch war es indessen so unumgänglich notwendig, so zu +denken, es war ihm so notwendig, in seiner Herabwürdigung eine, wenn +auch nur erklügelte, Erhabenheit zu besitzen, mit welcher er, von allen +sonst verachtet, auch alle selbst verachten konnte, daß er sich, wie an +eine Rettung, an sein vermeintliches Seelenheil anklammerte. + + + 23. + +Die Gräfin Lydia Iwanowna war noch als sehr junges, exaltiertes Mädchen +an einen reichen, vornehmen, sehr gutmütigen und sehr ausschweifenden +Lebemann verheiratet worden. + +Im zweiten Monat schon vernachlässigte sie ihr Gatte und antwortete auf +die exaltierten Versicherungen ihrer zärtlichen Gesinnung für ihn nur +mit Spott, ja selbst Feindseligkeit, welche sich diejenigen, die das +gute Herz des Grafen kannten, und keinerlei Fehler in der verzückten +Lydia wahrnahmen, nicht erklären konnten. + +Seit jener Zeit lebten beide, wenn auch nicht getrennt, so doch +gesondert, und wenn der Gatte seiner Frau begegnete, dann trug er gegen +sie einen sich stets gleichbleibenden beißenden Sarkasmus zur Schau, +dessen Ursache man nicht begreifen konnte. + +Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte schon längst aufgehört, in ihren Mann +verliebt zu sein, hörte aber von da an nie mehr auf, in irgend jemand +sonst verliebt zu sein. Sie war in Mehrere zugleich verliebt, in Männer +wie in Frauen; sie war in fast alle Menschen verliebt, die irgendwie +besonders hervortraten. Sie war verliebt in alle neuen Prinzessinnen +und Prinzen, die mit der Familie des Zaren in Verwandtschaft traten, +sie war verliebt in einen Metropoliten, einen Vizegeistlichen und einen +Kapellan. Sie war verliebt in einen Journalisten, drei Slovenen und in +Komissaroff, in einen Minister, einen Arzt, einen englischen Missionär +und in Karenin. Alle diese Liebesverhältnisse, bald sich abschwächend, +bald stärker werdend, behinderten sie nicht in der Unterhaltung der +verzweigtesten und verwickeltsten Beziehungen mit dem Hof und der +Gesellschaft, aber seit der Zeit, da sie nach dem Verhängnis, welches +Karenin betroffen, diesen unter ihre Fürsorge genommen hatte, seit +der Zeit, da sie im Hause Karenins waltete, in der Sorge um dessen +Wohlergehen, empfand sie, daß alle die übrigen Liebesverhältnisse keine +echten gewesen waren, und sie jetzt wahrhaft nur in Karenin allein +verliebt war. + +Das Gefühl, welches sie jetzt für diesen empfand, erschien ihr stärker, +als alle früheren Gefühle, und indem sie dasselbe untersuchte und es +mit diesen verglich, erkannte sie klar, daß sie in Komissaroff nicht +verliebt gewesen sein würde, wenn er nicht das Leben des Zaren gerettet +hätte, daß sie in Ristitsch-Kudschizkiy nicht verliebt gewesen sein +würde, wenn es keine slavische Frage gäbe, daß sie aber Karenin um +seiner selbst willen liebte, um seines hohen, nicht zu erfassenden +Geistes, des milden, für sie so zarten Klanges seiner Stimme mit ihren +gedehnten Accenten, um seines matten Blickes, seines Charakters, seiner +weichen weißen Hände mit den aufgetretenen Adern willen. + +Sie freute sich nicht nur der Begegnung mit ihm, sie suchte auch auf +seinem Gesicht Kennzeichen des Eindruckes, den sie auf ihn machte. +Sie wollte ihm nicht nur in ihren Reden gefallen, sondern mit ihrer +ganzen Persönlichkeit. Ihm zu Liebe beschäftigte sie sich jetzt mehr +mit ihrer Toilette, als je zuvor. Sie ertappte sich auf Träumereien, +was wohl geschehen könne, wenn sie nicht verheiratet und er frei wäre. +Sie errötete vor Vergnügen, wenn er in das Zimmer trat, und konnte ein +Lächeln des Entzückens nicht unterdrücken, wenn er ihr etwas Angenehmes +sagte. + +Schon mehrere Tage befand sich die Gräfin Lydia Iwanowna in einer +sehr starken Aufregung. Sie hatte erfahren, daß Anna und Wronskiy +wieder in Petersburg seien. Man mußte Aleksey Aleksandrowitsch vor dem +Wiedersehen mit ihr bewahren, man mußte ihn bewahren selbst vor der +qualvollen Kenntnisnahme davon, daß dieses furchtbare Weib in ein und +derselben Stadt mit ihm sei und er ihr jeden Augenblick begegnen könne. + +Lydia Iwanowna erforschte durch ihre Bekannten, was jene »widerlichen +Menschen«, wie sie Anna und Wronskiy nannte, zu thun beabsichtigten, +und bemühte sich nun während dieser Tage, alle Bewegungen ihres +Freundes zu leiten, damit er ihnen nicht begegnen könnte. + +Ein junger Adjutant, ein Freund Wronskiys, durch welchen sie ihre +Nachrichten empfangen hatte, und der durch die Gräfin Lydia Iwanowna +eine Konzession zu erhalten hoffte, teilte ihr mit, daß die beiden ihre +Angelegenheiten ordneten und am nächsten Tage abreisen würden. + +Lydia Iwanowna war schon ruhiger geworden, als man ihr am andern Morgen +ein Billet brachte, dessen Handschrift sie mit Entsetzen erkannte. + +Es war die Handschrift Anna Kareninas. Das Couvert bestand aus dickem, +rindenartigem Papier, war länglich und von gelber Farbe und trug ein +großes Monogramm, während das Schreiben selbst Wohlgerüche ausströmte. + +»Wer hat das gebracht?« + +»Ein Beauftragter aus dem Hotel.« + +Die Gräfin Lydia Iwanowna vermochte lange nicht, sich zu setzen und den +Brief zu lesen. Sie bekam vor Aufregung einen Anfall von Atemnot, an +der sie litt. Nachdem sie sich indes beruhigt hatte, las sie folgendes, +französisch abgefaßte Schreiben: + +»=Madame la Comtesse=! Die christlichen Gefühle, welche Ihr Herz +erfüllen, verleihen mir die, ich fühle es, unverzeihliche Kühnheit, +Ihnen zu schreiben. Ich bin unglücklich über die Trennung von meinem +Sohne. Ich flehe Sie um die Erlaubnis an, ihn nur ein einziges Mal +sehen zu dürfen vor meiner Abreise. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen +mich selbst in Erinnerung bringe, ich habe mich an Sie, und nicht +an Aleksey Aleksandrowitsch nur deshalb gewandt, weil ich diesen +hochherzigen Mann nicht veranlassen will, in der Erinnerung an mich, zu +leiden. Da ich Ihre freundschaftliche Gesinnung für ihn kenne, werden +Sie mich verstehen. Senden Sie Sergey zu mir, oder soll ich ins Haus +kommen zu der üblichen, festgesetzten Stunde -- oder würden Sie mich +wissen lassen, wann und wo ich ihn außerhalb des Hauses sehen kann? +Ich versehe mich nicht einer Verweigerung, da ich die Großmut dessen +kenne, von dem dies abhängt. Sie können sich die heiße Sehnsucht ihn +zu sehen nicht vorstellen, die ich empfinde, und daher auch nicht die +Dankbarkeit, die Ihr Beistand in mir hervorrufen würde. + + Anna.« + +Alles in diesem Briefe versetzte die Gräfin Lydia Iwanowna in Zorn; +sowohl der Inhalt im allgemeinen, als der Hinweis auf Großmut und +insbesondere der, wie ihr schien, frivole Ton. + +»Sag', es gebe keine Antwort,« sprach die Gräfin Lydia Iwanowna, und +schrieb sogleich an Aleksey Aleksandrowitsch, sie hoffe, ihn um ein Uhr +zur Hofcour zu sehen. + +»Ich habe mit Euch über eine wichtige und traurige Angelegenheit zu +sprechen, und dort wollen wir verabreden, wo dies geschehen kann. Am +besten wohl bei mir, wo ich den Thee so wie Ihr ihn ja liebt, bereiten +lassen werde. Es ist unbedingt notwendig. Gott legt uns das Kreuz +auf, aber er giebt uns auch die Kraft,« fügte sie hinzu, um ihn doch +wenigstens in Etwas vorzubereiten. + +Die Gräfin Lydia Iwanowna schrieb gewöhnlich zwei oder drei Briefe +täglich an Aleksey Aleksandrowitsch. Sie liebte diese Verkehrsweise mit +ihm, da sie an sich Eleganz und Diskretion besaß, wie sie sich ihr in +persönlichen Beziehungen nicht bot. + + + 24. + +Die Hofcour war vorüber. Die Abfahrenden pflogen bei der Begegnung +noch Gespräche über die letzten Tagesneuigkeiten, über neuempfangene +Auszeichnungen und Versetzungen hoher Beamter. + +»Etwa der Gräfin Marja Borisowna das Kriegsportefeuille, und an die +Spitze des Stabes die Fürstin Watkowskaja,« sagte ein alter Herr in +goldgestickter Uniform zu einer hochgewachsenen Schönheit, die sich bei +ihm über die Beförderungen erkundigt hatte. + +»Und mich zum Adjutanten,« versetzte das Fräulein lächelnd. + +»Ihr habt bereits Eure Bestimmung. Man bestellt Euch in das Ressort für +geistliche Sachen. Und zu Eurem Beistande -- Karenin.« + +»Guten Tag, Fürst,« sagte der alte Herr, einem Hinzutretenden die Hand +drückend. + +»Was habt Ihr zu Karenin gesagt?« sprach der Fürst. + +»Er und Putjakoff haben den Alexander Newskiy erhalten.« + +»Ich dachte, er hätte ihn schon.« + +»Nein. Seht ihn Euch doch an,« sagte der alte Herr, mit dem +goldgestickten Hute auf den, bei einem einflußreichen Mitglied +des Staatsrats an der Saalthür stehenden Karenin weisend, der in +Galauniform war und das neue rote Band über der Schulter trug. +»Glücklich und zufrieden, wie ein Kupfergroschen,« fügte er hinzu, +stehen bleibend, um einem athletischgebauten, schöngewachsenen +Kammerherrn die Hand zu drücken. + +»Er ist gealtert,« sagte der Kammerherr. + +»Von Sorgen. Er macht jetzt nur Projekte. Keinen Unglücklichen entläßt +er jetzt, bevor er nicht alles gewissenhaft dargelegt hat.« + +»Wie, gealtert? =Il fait des passions=. Ich glaube, die Gräfin Lydia +Iwanowna ist jetzt eifersüchtig auf seine Frau.« + +»Was soll das heißen! Über die Gräfin Lydia Iwanowna, bitte, sprecht +nichts Übles!« + +»Ist denn das schlecht, wenn sie in Karenin verliebt ist?« + +»Ist es denn wahr, daß die Karenina hier ist?« + +»Das heißt nicht hier am Hofe, sondern in Petersburg! Ich begegnete +ihr gestern mit Aleksey Wronskiy, =bras dessus, bras dessous=, auf der +Morskaja.« + +»=C'est un homme qui n'a pas=« -- -- begann der Kammerherr, hielt aber +inne, indem er grüßend Platz machte vor einer vorüberschreitenden +Persönlichkeit aus der Familie des Zaren. + +So sprach man fortwährend von Aleksey Aleksandrowitsch, ihn richtend +und verspottend, während dieser, dem von ihm in Beschlag genommenen +Mitglied des Staatsrates den Weg vertretend, und um keine Minute seine +Ausführungen verkürzend, um ihn nicht fortlassen zu müssen, demselben +Punkt für Punkt einen Finanzplan vorlegte. + +Fast zu gleicher Zeit, als Aleksey Aleksandrowitsch von seinem Weibe +verlassen wurde, ereignete sich für diesen das bitterste Ereignis was +einem Beamten passieren kann -- Stillstand in seiner aufwärtsführenden +Carriere. Derselbe war Thatsache geworden, und alle erkannten dies +klar, Aleksey Aleksandrowitsch selbst aber hatte sich noch nicht +eingestanden, daß seine Carriere zu Ende sei. War es der Zusammenstoß +mit Stremoff, war es das Unglück mit seinem Weibe, oder einfach der +Umstand, daß Aleksey Aleksandrowitsch zu der ihm bestimmten Grenze +gelangt war, für jedermann war es im laufenden Jahre klar geworden, +daß es mit seiner amtlichen Laufbahn vorüber war. Er bekleidete noch +einen wichtigen Posten, er war noch Mitglied vieler Kommissionen und +Komitees, aber auch ein Mann, der in Ungnade gefallen, und von welchem +man nichts mehr erwartete. Was er auch reden mochte, was er auch in +Vorschlag brachte, man hörte ihn, als wäre das, was er beantragte, +schon längst bekannt und eben gerade das, was gar nicht notwendig war. + +Aber Aleksey Aleksandrowitsch merkte das nicht, im Gegenteil, der +direkten Teilnahme an der Regierungsthätigkeit fernstehend, sah er +jetzt viel klarer, als früher, die Mängel und Fehler in der Thätigkeit +anderer, und hielt es für seine Pflicht, auf die Mittel zu deren +Verbesserung hinzuweisen. + +Bald nach seiner Trennung von der Gattin begann er, seine Denkschrift +über die neue Rechtsordnung zu schreiben, die erste aus einer zahllosen +Reihe niemandem nutzbringender Denkschriften über alle Zweige der +Verwaltung, welche er sich vorgenommen hatte, zu schreiben. + +Aleksey Aleksandrowitsch erkannte seine hoffnungslose Stellung in der +Beamtenwelt nicht nur nicht, er war auch nicht erbittert hierüber, +sondern eher noch mehr als je zufrieden mit seiner Thätigkeit. + +»Ein Beweibter sorgt sich um das Eitle, wie er seinem Weibe gefallen +mag, ein Unbeweibter um das Erhabene, wie er dem Herrn gefallen kann,« +sagt der Apostel Paulus, und Aleksey Aleksandrowitsch, in allen Dingen +jetzt nur noch geleitet von der heiligen Schrift, erinnerte sich oft +dieses Textes. Es schien ihm, daß er seit der Zeit, seit welcher er +ohne seine Frau lebte, gerade mit diesen Projekten dem Herrn mehr +diente, als früher. + +Die augenscheinliche Ungeduld des Mitgliedes des Staatsrats, welches +wünschte, von ihm loszukommen, setzte Aleksey Aleksandrowitsch nicht in +Verlegenheit; er hörte nicht eher damit auf, seinen Plan zu entwickeln, +als bis das Ratsmitglied, die Gelegenheit des Vorüberschreitens der +Persönlichkeit aus der Zarenfamilie benutzend, ihm entschlüpft war. + +Allein geblieben, ließ Aleksey Aleksandrowitsch den Kopf sinken, indem +er seine Gedanken sammelte, blickte dann zerstreut um sich, und schritt +der Thür zu, an welcher er der Gräfin Lydia Iwanowna zu begegnen hoffte. + +»Wie sind sie alle körperlich so stark und gesund,« dachte Aleksey +Aleksandrowitsch, auf den mächtigen Kammerherrn mit seinem frisierten, +wohlriechenden Backenbart blickend, auf den rotschimmernden Hals +des straff in seiner Uniform erscheinenden Fürsten, an denen er +vorbeizuschreiten hatte. »Es ist ganz richtig gesagt, daß alles in der +Welt von Übel ist,« dachte er, nochmals seitwärts nach den Waden des +Kammerherrn blickend. + +Langsam seine Beine weiterbewegend, verbeugte er sich mit dem +gewöhnlichen Ausdruck von Ermüdung und Würde vor jenen Herren, welche +von ihm gesprochen hatten, und suchte, nach der Thür blickend, mit +seinen Augen die Gräfin Lydia Iwanowna. + +»Ah, Aleksey Aleksandrowitsch!« sagte der alte Herr, mit boshaft +blinzelnden Augen, während Karenin neben ihm hinschritt und mit kalter +Bewegung den Kopf neigte. + +»Ich habe Euch noch nicht beglückwünscht,« sagte der alte Herr, auf +sein neuempfangenes Ordensband weisend. + +»Ich danke Euch,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch, »welch ein +herrlicher Tag ist heute,« fügte er hinzu, nach seiner Gewohnheit +besonders Betonung auf das Wort »herrlich« legend. + +Daß man über ihn lachte, wußte er, aber er erwartete von ihnen ja auch +gar nichts anderes als Feindseligkeit; er war schon daran gewöhnt. + +Als er die aus dem Korsett emporsteigenden gelben Schultern der Gräfin +Lydia Iwanowna, die in die Thür getreten war, und ihre ihn zu sich +rufenden, schönen sinnigen Augen erblickte, lächelte er, die weißen, +nicht schlecht gewordenen Zähne zeigend, und begab sich zu ihr hin. + +Die Toilette Lydia Iwanownas hatte große Mühe gekostet, wie überhaupt +alle ihre Toiletten in der letzten Zeit. Der Zweck derselben war jetzt +ein vollständig umgekehrter im Vergleich zu dem, welchen sie vor +dreißig Jahren damit verfolgt hatte. + +Damals hatte sie sich nur mit Etwas putzen wollen, je mehr, um so +besser. Jetzt, im Gegenteil hatte sie so notorisch in einer ihren +Jahren und ihrer Figur nicht entsprechenden Weise an Schönheit +verloren, daß sie nur noch darum bemüht war, den Gegensatz zwischen +diesem Putz und ihrer äußeren Erscheinung nicht gar zu schrecklich +werden zu lassen. + +Was Aleksey Aleksandrowitsch anbetraf, so hatte sie dies erreicht, und +erschien diesem anziehend. Sie bildete für ihn die einzige Insel nicht +nur von Zuneigung, sondern auch der Liebe, inmitten des Meeres von +Feindseligkeit und Hohn, das ihn umgab. + +Durch die Spießrutengasse von höhnischen Blicken hindurchschreitend, +strebte er naturgemäß ihrem Blick voll Liebe zu, wie die Pflanze dem +Licht. + +»Ich gratuliere Euch,« sprach sie zu ihm, mit den Augen auf sein +Ordensband weisend. + +Ein Lächeln des Vergnügens unterdrückend, zuckte er nur mit den +Schultern, die Augen schließend, als wollte er sagen, es könne ihn +dies nicht erfreuen. Die Gräfin Lydia Iwanowna wußte recht wohl, daß +dies für ihn eine der höchsten Freuden war, obwohl er es nimmermehr +eingestanden haben würde. + +»Was macht unser Engel?« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, an Sergey +denkend. + +»Kann nicht gerade sagen, daß ich vollständig zufrieden mit ihm wäre,« +sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend und die +Augen öffnend. »Auch Sitnikoff ist nicht zufrieden mit ihm.« Sitnikoff +war der Pädagog, dem die weltliche Erziehung Sergeys anvertraut war. +»Wie ich Euch schon gesagt habe, besitzt er eine gewisse Kühlheit +gerade denjenigen Hauptfragen gegenüber, die die Seele eines jeden +Menschen, und jedes Kind berühren,« begann er, seine Gedanken über die +einzige, ihn neben seiner amtlichen Thätigkeit interessierende Frage zu +entwickeln -- über die Erziehung seines Sohnes. + +Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch mit Hilfe Lydia Iwanownas aufs neue +dem Leben und der Thätigkeit wieder geschenkt worden war, fühlte +er auch seine Verpflichtung, sich mit der Erziehung des Kindes zu +befassen, welches in seinen Händen geblieben war. Da er sich vorher +niemals mit Erziehungsangelegenheiten beschäftigt hatte, so opferte +Aleksey Aleksandrowitsch einige Zeit dem theoretischen Studium des +Gegenstandes, und indem er einige anthropologische, pädagogische und +didaktische Bücher durchlas, stellte er einen Erziehungsplan auf, +und ging, den besten Petersburger Schulmann zur Leitung desselben +einladend, ans Werk. Dieses Werk nun beschäftigte ihn beständig. + +»Ja, aber das Herz? Ich erkenne in ihm das Herz des Vaters und mit +einem solchen Herzen kann ein Kind nicht schlecht sein,« sagte Lydia +Iwanowna verzückt. + +»Ja, mag sein; was mich anbetrifft, so erfülle ich meine Pflicht. Das +ist alles, was ich thun kann.« + +»Ihr kommt doch mit zu mir,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, eine +Pause machend, »ich muß über eine traurige Angelegenheit mit Euch +reden. Alles hätte ich darum gegeben, Euch mit gewissen Erinnerungen zu +verschonen, aber die anderen denken ja nicht so. Ich habe ein Schreiben +>von ihr< erhalten. Sie ist hier, in Petersburg.« + +Aleksey Aleksandrowitsch erschrak bei der Gemahnung an sein Weib, +sofort aber stand auch jene totenhafte Unbeweglichkeit auf seinen +Zügen, welche seine vollkommene Hilflosigkeit in dieser Sache +ausdrückte. + +»Ich habe das erwartet,« sagte er. + +Die Gräfin Lydia Iwanowna blickte ihn verzückt an, und die Thränen des +Enthusiasmus vor seiner Seelengröße traten ihr in die Augen. + + + 25. + +Als Aleksey Aleksandrowitsch in das kleine, mit altertümlichem +Porzellan dekorierte und Gemälden behängte anheimelnde Kabinett Lydia +Iwanownas trat, war die Herrin selbst noch nicht anwesend. Sie kleidete +sich um. + +Auf einem runden Tische war ein Tafeltuch aufgedeckt, auf welchem ein +chinesisches Service und eine silberne Theemaschine stand. Aleksey +Aleksandrowitsch betrachtete zerstreut die unzähligen, ihm bekannten +Porträts, welche das Kabinett schmückten, und öffnete, nachdem er sich +an dem Tische niedergelassen, das auf demselben liegende Evangelium. + +Das Rauschen des seidenen Kleides der Gräfin zog ihn davon ab. + +»So, nun wollen wir uns gemächlich setzen,« sagte die Gräfin Lydia +Iwanowna, mit aufgeregtem Lächeln hastig zwischen Tisch und Diwan +durchschreitend, »und bei unserem Thee sprechen.« + +Nach einigen Worten der Vorbereitung gab die Gräfin Lydia Iwanowna +schwer atmend und errötend das empfangene Schreiben Aleksey +Aleksandrowitsch in die Hände. + +Das Schreiben durchlesend, blieb dieser lange stumm. + +»Ich glaube nicht das Recht zu haben, ihr einen abschläglichen Bescheid +geben zu dürfen,« sagte er zaghaft, die Augen erhebend. + +»Mein Freund, Ihr seht doch in keinem Menschen das Böse!« + +»Im Gegenteil sehe ich, daß alles von Übel ist! Ob es aber richtig ist.« + +In seinem Gesicht lag Unentschlossenheit und das Suchen nach Rat, nach +Unterstützung und Leitung in der Sache, die ihm unerfaßbar war. + +»Nein« -- unterbrach ihn die Gräfin Lydia Iwanowna, »alles hat seine +Grenze! Ich begreife die Unmoral,« sagte sie -- nicht ganz aufrichtig, +da sie nie begreifen konnte, was Frauen zur Unmoral führt -- »begreife +aber nicht diese Hartherzigkeit. Gegen wen? gegen Euch! Wie kann man in +dieser Stadt verbleiben, in welcher Ihr seid? Nein; man kann hundert +Jahre leben und lernt nicht aus! Ich aber lerne Eure Erhabenheit und +ihre Niedrigkeit erkennen!« -- + +»Wer will einen Stein auf sie werfen?« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, +augenscheinlich mit seiner Rolle zufrieden. »Ich habe alles vergeben, +und kann sie daher nicht dessen berauben, was eine Forderung ihrer +Liebe ist, der Liebe zu ihrem Kinde« -- + +»Aber ist denn das Liebe, mein Freund? Ist das aufrichtig von Euch? +Gesetzt auch, Ihr habt ihr vergeben, Ihr verzeiht ihr -- haben wir +deshalb das Recht, auf die Seele jenes Engels einzuwirken? Er hält sie +für tot. Er betet für sie und bittet Gott, ihr ihre Sünden zu vergeben. +So ist es doch am besten. Sonst aber -- was wird er da denken?« -- + +»Hieran dachte ich nicht,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch, +augenscheinlich zustimmend. + +Die Gräfin Lydia Iwanowna bedeckte das Gesicht mit den Händen und blieb +stumm. Sie betete. + +»Wenn Ihr nach meinem Rate fragt,« sagte sie, mit beten fertig und das +Gesicht wieder aufdeckend, »dann empfehle ich Euch, dies nicht zu thun. +Sehe ich denn nicht selbst, wie Ihr leidet, wie dies alle Eure Wunden +wieder geöffnet hat? Aber nehmen wir an, Ihr vergäßet, wie immer, Euch +selbst; wozu könnte das dann führen? Zu neuen Leiden nur Eurerseits, zu +Qualen für das Kind! Wenn in ihr noch etwas Menschliches geblieben ist, +so darf sie dies selbst nicht wünschen. Ich rate, ohne mich dabei +zu bedenken, nicht dazu, und wenn Ihr bestimmt, werde ich ihr +schreiben.« -- + +Aleksey Aleksandrowitsch willigte darein, und die Gräfin Lydia Iwanowna +schrieb folgendes Billet auf Französisch: + +»Geehrte Frau! Die Erinnerung an Euch kann für Euren Sohn zu Fragen +seinerseits führen, auf die es keine Antwort giebt, welche in die Seele +des Kindes nicht den Geist des Tadels dem gegenüber einpflanzen müßte, +was für ihn ein Heiligtum sein soll; demgemäß ersuche ich Euch, den +abschläglichen Bescheid Eures Gatten im Geiste der christlichen Liebe +aufzufassen. + +Ich bitte den Höchsten um seine Barmherzigkeit mit Euch. + + Gräfin Lydia Iwanowna.« + +Dieses Schreiben verfolgte jenen geheimen Zweck, den die Gräfin Lydia +Iwanowna sogar vor sich selbst verhehlte. Es traf Anna bis auf den +Grund der Seele. + +Aleksey Aleksandrowitsch seinerseits von Lydia Iwanowna nach Hause +zurückgekehrt, vermochte es nicht, sich an diesem Tage seinen +gewöhnlichen Geschäften zu widmen, und jenen inneren Frieden des +gläubigen und geretteten Menschen zu finden, den er vorher empfunden +hatte. + +Die Erinnerung an sein Weib, das so schuldbeladen vor ihm war, und vor +welchem er so hehr erschien, wie ihm ganz richtig die Gräfin Lydia +Iwanowna gesagt hatte, hätte ihn nicht beunruhigen dürfen; und doch war +er nicht ruhig; er vermochte das Buch nicht zu verstehen, welches er +las, er vermochte die quälenden Erinnerungen an seine Beziehungen zu +ihr nicht von sich zu weisen, die Erinnerung an jene Fehler, die er, +wie ihm jetzt schien, ihr gegenüber begangen hatte. + +Die Erinnerung daran, wie er, bei der Rückkehr von den Rennen, das +Geständnis ihrer Untreue entgegengenommen hatte -- besonders dies, +daß er von ihr nur äußeren Anstand verlangt und nicht zum Duell +herausgefordert hatte -- peinigte ihn jetzt wie eine Reue. Ebenso +folterte ihn auch die Erinnerung an das Schreiben, welches er ihr +gesandt hatte, und insbesondere seine Verzeihung, die niemand etwas +genützt hatte, und seine Sorge um jenes ihm fremde Kind versengte sein +Herz vor Scham und Reue. + +Ganz das nämliche Gefühl der Scham und Reue empfand er auch jetzt, +da er seine ganze Vergangenheit mit ihr durchmusterte, und indem er +sich der ungeschickten Worte erinnerte, mit denen er ihr nach langem +Zaudern, seine Erklärung gemacht hatte. + +»Aber woran trage ich eine Schuld?« sprach er zu sich selbst, und diese +Frage rief in ihm stets eine andere hervor -- die, ob die anderen +Menschen wohl anders empfänden, anders liebten, anders heirateten. +Jene Wronskiy, Oblonskiy, diese Kammerherren mit den drallen Waden, +und eine ganze Reihe von jenen strotzenden, starken, rücksichtslosen +Männern stieg vor ihm auf, die stets, wider seinen Willen und +allerorten seine Neugier und Aufmerksamkeit erregt hatten. + +Er wies diese Gedanken von sich, er bemühte sich, sich zu überzeugen, +daß er nicht für das gegenwärtige Leben lebe, sondern für das ewige, +daß sich in seiner Seele der Frieden und die Liebe befinde. Aber das, +was er in diesem zeitlichen, nichtigen Leben begangen hatte, wie ihm +schien, einige unbedeutende Fehler, peinigte ihn doch so, als gäbe es +jenes ewige Seelenheil gar nicht, an welches er glaubte. + +Aber diese Versuchung währte nicht lange, und alsbald erstand wieder +in der Seele Aleksey Aleksandrowitschs jene Ruhe und Erhabenheit, dank +welcher er das zu vergessen vermochte, dessen er nicht zu gedenken +wünschte. + + + 26. + +»Nun, wie steht's Kapitonitsch?« sagte der kleine Sergey rotwangig +und heiter, von dem Spaziergang am Vorabend seines Geburtstags +zurückkehrend und seine faltige Poddjovka dem hochgewachsenen, aus +seiner ganzen Größe auf den Kleinen herablächelnden alten Portier +reichend. + +»War heute jener zurückgesetzte Beamte da? Hat ihn der Papa empfangen?« + +»Empfangen. Soeben ist der Direktor gegangen und ich habe ihn +gemeldet,« sagte der Schweizer heiter blinzelnd. »Gestattet mir, daß +ich Euch auskleide.« + +»Sergey!« sagte der Erzieher, in der Thüre stehen bleibend, welche nach +den inneren Gemächern führte. »Legt selbst ab!« + +Doch Sergey widmete, obwohl er die schwache Stimme des Pädagogen gehört +hatte, diesem nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er stand, sich mit +der Hand an dem Brustgurt des Portiers anhaltend und ihm ins Gesicht +blickend. + +»Hat denn Papa auch für ihn gethan, was not thut?« + +Der Portier nickte bestätigend mit dem Kopfe. + +Ein Beamter, der schon siebenmal bei Aleksey Aleksandrowitsch mit einem +Anliegen vorgesprochen hatte, interessierte Sergey und den Portier. +Sergey hatte denselben auf dem Vorsaal getroffen und gehört, wie +kläglich er den Portier bat, sein Anliegen vorzutragen, und gesagt +hatte, daß er mit seinen Kindern werde untergehen müssen. + +Seit dieser Zeit interessierte sich Sergey, der dem Beamten noch ein +zweites Mal auf dem Vorsaal begegnet war, für diesen. + +»Hat er sich denn recht gefreut?« frug er. + +»Wie sollte er sich nicht gefreut haben? Bald gesprungen wäre er, als +er von hier fortging.« + +»Hat man etwas für uns gebracht?« -- frug Sergey nach einer Pause. + +»Nein, Herr,« antwortete kopfschüttelnd und flüsternd der Portier, »von +der Gräfin ist etwas da.« + +Sergey ersah sofort, daß das, wovon der Schweizer sprach, ein Geschenk +von der Gräfin Lydia Iwanowna zu seinem Geburtstage sein müsse. + +»Was sagst du? Wo ist es denn?« + +»Korney hat es zu Papa getragen. Es scheint etwas recht Schönes.« + +»Wie groß ist es denn? -- So?« -- -- + +»Kleiner, aber was Hübsches.« + +»Ein Buch?« + +»Nein, ein Spielzeug. Aber geht, geht, Wasiliy Lukitsch wird gleich +rufen,« sagte der Portier, die nahenden Schritte des Gouverneurs +vernehmend und behutsam das bis zur Hälfte im abgezogenen Handschuh +steckende Händchen, welches ihn noch bei seinem Ledergurt hielt, +losmachend. + +»Wasiliy Lukitsch, diese Minute!« antwortete Sergey mit dem nämlichen +heiteren und lieblichen Lächeln, welches den seines Amtes beflissenen +Wasiliy Lukitsch stets besiegte. + +Sergey war in viel zu heiterer und glücklicher Stimmung, als daß er +sich mit seinem Freund, dem Portier, nicht erst noch hätte in das +freudige Familienereignis teilen sollen, von dem er auf dem Spaziergang +im Sommergarten durch die Nichte der Gräfin Lydia Iwanowna erfahren +hatte. + +Dieses freudige Ereignis erschien ihm besonders wichtig nach dem +Zusammentreffen mit dem Glücksfall des Beamten und seiner eigenen +Freude darüber, daß man ihm ein Spielzeug gebracht hatte. Sergey +schien es, daß heute ein Tag sei, an welchem jedermann glücklich und +heiter sein müsse. + +»Weißt du, daß Papa den Alexander Newskiy erhalten hat?« + +»Warum sollte ich das nicht wissen? Man ist ja schon gekommen, um zu +gratulieren.« + +»So; freut er sich?« + +»Wie sollte man sich über des Zaren Gunst nicht freuen? Das heißt, er +hat ihn ja auch verdient,« sagte der Portier streng und ernst. + +Der kleine Sergey wurde nachdenklich, blickte in das von ihm schon +bis in die kleinsten Einzelheiten studierte Gesicht des Portiers, +insbesondere auf das Kinn, welches zwischen den grauen Backenbärten +hing und das niemand außer Sergey je erblickt hatte, da dieser ihn nie +anders als von unten herauf anschaute. + +»Deine Tochter ist lange nicht bei dir gewesen?« + +Die Tochter des Portiers war Balletttänzerin. + +»Wie soll sie an den Wochentagen ausgehen können? Die haben auch zu +lernen. Und auch Ihr müßt nun lernen, Herr, geht.« -- + +In das Zimmer tretend, erzählte Sergey, anstatt sich zur Lektion +niederzulassen, seinem Lehrer von seinen Vermutungen darüber, ob das +was man für ihn gebracht habe, eine Maschine sein könnte. + +»Was meint Ihr dazu?« frug er. + +Wasiliy Lukitsch dachte nur daran, daß ein Lehrer lediglich die +Grammatikstunde zu geben habe, welche um zwei Uhr begann. + +»Nein, sagt mir nur, Wasiliy Lukitsch,« frug er plötzlich, schon hinter +dem Arbeitstisch sitzend und das Buch in der Hand haltend, »was ist +denn noch mehr, als der Alexander Newskiy? Ihr wißt, daß Papa den +Alexander Newskiy erhalten hat?« + +Wasiliy Lukitsch antwortete, daß der Wladimir höher sei als der +Alexander Newskiy. + +»Und noch höher?« + +»Am höchsten ist der Orden des heiligen Andreas.« + +»Und höher noch als der Andreas?« + +»Ich weiß es nicht.« + +»Was; selbst Ihr wißt das nicht?« und Sergey versank, sich aufstemmend, +in Nachdenken. + +Seine Überlegungen waren sehr verwickelt und mannigfaltig. Er +überlegte, wie sein Vater plötzlich auch den Wladimir und den +Andreasorden erhalten könnte, und wie er infolgedessen heute in der +Lektion bei weitem fleißiger sein wolle, und wie er selbst, wenn er +erst einmal groß wäre, alle Orden, und auch das, was noch höher als der +Andreasorden sei, erhalten wollte. Sobald man einen ausgesonnen hätte, +wollte er ihn verdienen; und dächte man ihn noch höher aus, so wollte +er ihn sofort auch verdienen. + +In solchen Überlegungen verstrich die Zeit, bis der Lehrer kam. Die +Lektion über die Umstände der Zeit und des Ortes und den Umstand der +Art und Weise saß nicht, und der Lehrer war nicht nur unzufrieden, +sondern selbst erzürnt. Der Groll des Lehrers rührte Sergey. Er fühlte +sich schuldig, weil er seine Lektion nicht gelernt hatte, aber wie er +sich auch bemühen mochte, er konnte es durchaus nicht ermöglichen; so +lange der Lehrer ihm Etwas erklärte, überzeugte er sich und schien zu +verstehen, doch sobald er allein war, vermochte er sich durchaus nicht +mehr zu entsinnen, und zu begreifen, daß das ziemliche kurze und so +verständliche Wort »plötzlich« ein »Umstand der Art und Weise« sei; +allein dennoch that es ihm leid, daß er den Lehrer kränkte. + +Er wählte eine Minute, in welcher der Lehrer schweigend in das Buch +blickte. + +»Michail Iwanitsch, wann wird Euer Namenstag sein?« frug er plötzlich. + +»Ihr dächtet doch besser an Eure Arbeit; die Namenstage haben keinerlei +Bedeutung für ein vernünftiges Wesen. Es sind Tage wie alle anderen, an +denen man arbeiten muß.« + +Der kleine Sergey schaute aufmerksam seinen Lehrer an, dessen +spärlichen Bart und die Brille, welche sich unter die Kerbe, die auf +der Nase war, gesenkt hatte, und versank so tief in Gedanken, daß +er nichts mehr von dem hörte, was der Lehrer ihm erklärte. Er hatte +erkannt, daß dieser nicht so dachte, wie er gesprochen hatte; er fühlte +dies an dem Tone, in welchem es gesagt worden war. + +»Aber warum haben sie sich alle verabredet, dies immer in ein und +derselben Weise zu äußern, immer so langweilig und so zwecklos? Warum +stößt er mich von sich, warum liebt er mich nicht?« frug er sich +betrübt und konnte keine Antwort finden. + + + 27. + +Nach der Lektion seitens des Lehrers folgte eine Stunde beim Vater. +Bis dieser erschien, hatte sich Sergey an den Tisch gesetzt, mit +seinem Messerchen spielend, und zu grübeln begonnen. Zu der Zahl der +Lieblingsbeschäftigungen Sergeys hatte das Aufsuchen seiner Mutter +während des Spazierganges derselben gehört. Er glaubte nicht an den +Tod überhaupt, und im besonderen nicht an den ihren, soviel ihm auch +Lydia Iwanowna davon gesagt und der Vater es bestätigt hatte, und so +suchte er sie, auch nachdem man ihm mitgeteilt hatte, daß sie tot +sei, noch immer während der Zeit seiner Ausgänge. Jede vollgebaute, +graziöse Dame mit dunklem Haar war seine Mutter. Bei dem Anblick einer +solchen Dame regte sich in seiner Seele ein Gefühl der Zärtlichkeit, +ein Gefühl, daß er tief Atem holte und die Thränen ihm in die Augen +traten, und so wartete er denn, daß sie wieder zu ihm kommen und ihren +Schleier aufheben möchte. Ihr Gesicht würde wieder sichtbar werden, sie +würde wieder lächeln, ihn umarmen, er würde ihren Duft wahrnehmen, die +Zartheit ihrer Hand fühlen und glückselig weinen, wie er schon einmal +des Abends ihr zu Füßen gefallen war und sie ihn gestreichelt hatte; er +aber hatte gelacht und sie in die weiße beringte Hand gebissen. Später, +als er dann zufällig von der Kinderfrau erfuhr, daß die Mutter nicht +gestorben sei, und sein Vater und Lydia Iwanowna ihm erklärten, sie sei +_für ihn_ tot, weil sie nicht gut gewesen -- was er durchaus nicht zu +glauben vermochte, da sie ihn ja geliebt hatte -- so forschte er noch +immer nach ihr und wartete auf sie. + +Heute nun im Sommergarten war eine Dame in einem lila Schleier gewesen, +welcher er mit stockendem Herzen in der Erwartung, sie wäre es, mit den +Blicken gefolgt war, während sie auf dem Wege zu ihnen herankam. Die +Dame aber hatte sie nicht erreicht, sondern war abgebogen. + +Heute nun fühlte Sergey stärker als je die Regungen dieser Liebe zu +ihr und völlig sich selbst vergessend in der Erwartung des Vaters, +zerschnitt er den ganzen Rand des Tisches mit dem Messerchen, mit +blitzenden Augen vor sich hinblickend und ihrer gedenkend. + +»Papa kommt,« riß ihn Wasiliy Lukitsch aus seiner Träumerei. Sergey +sprang auf, eilte auf seinen Vater zu, küßte ihm die Hand, und blickte +ihn aufmerksam an, nach Kennzeichen der Freude über den Empfang des +Alexander Newskiy-Ordens an ihm suchend. + +»Hast du einen hübschen Spaziergang gemacht?« sagte Aleksey +Aleksandrowitsch, sich in seinen Lehnstuhl setzend, ein Exemplar des +Alten Testamentes heranziehend und es aufschlagend. Ungeachtet dessen, +daß Aleksey Aleksandrowitsch Sergey öfter gesagt hatte, jeder Christ +müsse die biblische Geschichte sicher kennen, hatte er sich doch öfter +mit Hilfe des Buches verbessern müssen, und Sergey hatte dies bemerkt. + +»Ja, es war sehr lustig, Papa,« sagte er, sich seitwärts auf den Stuhl +setzend und ihn schaukelnd -- was ihm verboten war. + +»Ich habe Nadenka gesehen,« Nadenka war die bei Lydia Iwanowna zur +Erziehung befindliche Nichte, »sie hat mir erzählt, daß man Euch einen +neuen Stern verliehen hätte. Freut Ihr Euch auch?« + +»Zuerst -- schaukle nicht, bitte,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, +»zweitens eine Belohnung ist nicht kostbar, nur die Arbeit dafür. Ich +möchte du verständest dies. Wenn du arbeitest und lernst, zum Zwecke, +Früchte dafür zu ernten, so wird dir die Arbeit schwer erscheinen; wenn +du aber arbeitest« -- sprach Aleksey Aleksandrowitsch, indem er sich +vergegenwärtigte, wie er sich nur durch sein Pflichtbewußtsein bei der +langweiligen Arbeit des heutigen Morgens, die in dem Unterschreiben +von hundertundachtzehn Papieren bestanden, aufrecht erhalten hatte -- +»indem du die Arbeit selbst liebst, so wirst du für dich selbst darin +eine Belohnung finden.« + +Die von Zärtlichkeit und Lust glänzenden Augen Sergeys wurden trübe +und senkten sich unter dem Blick des Vaters. Das war der nämliche, ihm +längst bekannte Ton, mit dem ihm sein Vater stets begegnete, und dem +Sergey schon sich anzubequemen gelernt hatte. + +Der Vater sprach stets mit ihm -- so fühlte Sergey -- als wende er +sich an einen für ihn nur in der Vorstellung vorhandenen Knaben, +einen Knaben, wie sie nur in Büchern vorkommen, und der dem Sergey +vollständig unähnlich war; und Sergey bemühte sich nun stets, sich vor +dem Vater zu stellen, als sei er ein ebensolcher Bücherknabe. + +»Du verstehst das, hoffe ich?« sagte dieser. + +»Ja, Papa,« antwortete Sergey, sich stellend, als sei er ein solcher +Phantasieknabe. + +Die Lektion bestand in dem Auswendiglernen einiger Verse aus dem +Evangelium, und der Wiederholung des Anfangs des Alten Testaments. Die +Verse des Evangeliums hatte Sergey ordentlich gelernt, aber im selben +Augenblick, als er sie hersagte, schaute er auf des Vaters Stirnbein, +welches sich so scharf an der Schläfe bog, daß er den Faden verlor und +das Ende des einen Verses in einem einzelnen Worte mit dem Anfang des +anderen zusammenbrachte. Aleksey Aleksandrowitsch war es klar, daß +Sergey nicht verstanden hatte, was er hersagte, und dies reizte ihn. + +Er wurde finster und begann wieder das Nämliche zu erklären, was Sergey +schon viele Male gehört hatte und nie wieder vergessen konnte, weil er +es schon allzu klar erkannt hatte, in der nämlichen Weise, wie dies, +daß »plötzlich« ein Umstand der Art und Weise sei. + +Sergey schaute mit erschrecktem Blick auf den Vater und dachte nur an +das Eine: Will der Vater wiederholen lassen oder nicht, was er gesagt +hatte, wie es doch bisweilen der Fall war? Dieser Gedanke erschreckte +Sergey so sehr, daß er nun gar nichts mehr begriff. Der Vater ließ +ihn indessen nicht wiederholen und ging zu der Lektion aus dem Alten +Testament über. Sergey recitierte die Ereignisse selbst gut, doch +als er Fragen darüber beantworten sollte, was einige der Ereignisse +bedeuten sollten, wußte er nichts, obwohl er schon wegen dieser +Lektion bestraft worden war. Die Stelle, bei welcher er nichts mehr +zu antworten wußte und in Unruhe geriet, in den Tisch schnitt oder +mit dem Stuhle schaukelte, war die, wo er von den vorsündflutlichen +Patriarchen zu sprechen hatte. + +Er kannte keinen von ihnen, außer Henoch, der lebendig in den Himmel +aufgenommen worden war. Früher hatte er die Namen gewußt, sie jetzt +aber ganz und gar vergessen, besonders deshalb, weil Henoch seine +Lieblingsgestalt aus dem ganzen Alten Testament war, und sich an dessen +Aufnahme bei Lebzeiten in den Himmel eine ganze, lange Reihe von Ideen +in seinem Kopfe knüpfte, der er sich auch jetzt hingab, mit den Augen +auf der Uhrkette des Vaters und an einem halb zugeknöpften Knopfe der +Weste desselben haften bleibend. + +An den Tod, von welchem ihm so oft gesprochen wurde, glaubte Sergey +nicht so ganz. Er glaubte nicht daran, daß die von ihm geliebten Leute +sterben könnten, und insbesondere nicht, daß er selbst sterben würde. +Dies war für ihn vollständig unmöglich und unbegreiflich. Doch man +sagte ihm, daß alle Menschen sterben müßten; er frug nun selbst die +Leute, denen er glaubte, und diese bestätigten es; die Kinderfrau hatte +es ihm auch gesagt, wenn schon ungern. Aber Henoch war doch nicht +gestorben, und so starben vielleicht nicht alle Menschen. + +»Weshalb soll denn nicht jeder sich vor Gott ebenso verdient machen +können und lebend in den Himmel aufgenommen werden?« dachte Sergey. Die +Bösen, das heißt, die Menschen, welche Sergey nicht liebte, die konnten +sterben, doch die Guten konnten sämtlich sein wie Henoch. + +»Nun, welche sind die Patriarchen?« + +»Henoch, Henoch« -- + +»Aber das hast du ja schon gesagt. Das ist schlecht, Sergey, sehr +schlecht. Wenn du dir nicht Mühe giebst, zu erkennen, was das Nötigste +ist von allem für den Christen« -- sagte der Vater aufstehend -- »was +kann dich denn dann noch interessieren? Ich bin unzufrieden mit dir und +auch Peter Ignatzitsch« -- dies war der Hauptlehrer -- »ist unzufrieden +mit dir. Ich muß dich bestrafen.« + +Der Vater und der Lehrer waren beide mit Sergey unzufrieden, und in der +That hatte dieser sehr schlecht gelernt. Damit ließ sich aber durchaus +nicht sagen, daß er ein unbefähigter Knabe gewesen wäre. Im Gegenteil, +er war viel fähiger, als diejenigen Knaben, welche der Pädagog Sergey +als Muster hinstellte. Vom Gesichtspunkte des Vaters aus wollte er +nicht lernen, was jene lernten. In Wirklichkeit aber -- konnte er +es nicht lernen. -- Er konnte es deshalb nicht, weil sein Geist +Bedürfnisse hatte, welche für ihn viel bindender waren, als die, welche +ihm der Vater und der Erzieher auseinandersetzten. Diese Bedürfnisse +bestanden in dem Drang zu widersprechen, und er stritt kühnlich mit +seinen Erziehern. Sergey war neun Jahre alt, noch ein Kind, aber seine +Seele kannte er und sie war ihm teuer, er hütete sie, wie das Augenlid +das Auge schützt, und ohne den Schlüssel der Liebe ließ er niemand in +seine Seele hinein! + +Seine Erzieher beklagten sich über ihn, daß er nicht lernen wolle, aber +seine Seele war erfüllt von dem Durst nach Erkenntnis. Und er lernte +bei Kapitonitsch, bei der Kinderfrau, bei Nadenka, bei Wasiliy Lukitsch +-- aber nicht bei seinen Lehrern. -- Das Wasser, welches ihm der Vater +und der Erzieher auf die Räder gaben, war schon längst versiegt und +arbeitete an einem anderen Platze. + +Der Vater bestrafte Sergey, indem er ihn nicht zu Nadenka, der Nichte +Lydia Iwanownas ließ, aber diese Bestrafung erschien Sergey sehr +gelegen zu kommen. Wasiliy Lukitsch war bei guter Laune und wies ihm, +wie man Windmühlen baut. Der ganze Abend verging nun über dieser Arbeit +und den Gedanken daran, wie sich eine Windmühle so bauen ließe, daß man +sich selbst auf ihr drehen könne, indem man sie mit den Armen bei den +Flügeln faßte, oder sich daran festband -- und sich drehen ließ. -- + +An die Mutter dachte er den ganzen Abend nicht, doch als er sich ins +Bett legte, fiel sie ihm plötzlich wieder ein und er betete in seinen +Worten, daß seine Mutter morgen, zu seinem Geburtstage, nicht mehr +länger für ihn verborgen bleiben und zu ihm kommen möchte. + +»Wasiliy Lukitsch, wißt Ihr, worum ich noch außer dem Sonstigen gebetet +habe?« + +»Damit Ihr besser lernt?« + +»Nein.« + +»Vom Spielzeug?« + +»Nein. Ihr ratet es nicht. Es ist ausgezeichnet, aber ein Geheimnis! +Wenn es sich erfüllt, sage ich es Euch. Habt Ihr es noch nicht heraus?« + +»Nein. Ich rate es nicht. Sagt mirs doch,« sprach Wasiliy Lukitsch, und +lächelte, was bei ihm selten der Fall war. »Doch, legt Euch nur, ich +will das Licht auslöschen.« + +»Mir ist ohne Licht das, was ich sehe und wovon ich betete, nur noch +sichtbarer. Da -- beinahe hätte ich jetzt mein Geheimnis verraten!« -- +sagte Sergey unter heiterem Lachen. + +Nachdem man das Licht fortgebracht hatte, hörte und fühlte Sergey seine +Mutter. Sie stand über ihm und koste ihn mit liebevollem Blick, doch da +erschienen die Windmühlen, sein Messerchen, alles ging durcheinander, +und er schlief ein. + + + 28. + +In Petersburg angekommen, waren Wronskiy und Anna in einem der +besten Hotels abgestiegen. Wronskiy gesondert, in der unteren Etage, +Anna oben, mit ihrem Kinde, der Amme und der Zofe, in einem großen +Appartement, welches aus vier Zimmern bestand. + +Am ersten Tage nach seiner Ankunft fuhr Wronskiy zu seinem Bruder; +woselbst er seine in Geschäften von Moskau angekommene Mutter traf. +Die Mutter und Schwägerin begegneten ihm, wie sonst, sie frugen über +seine Reise ins Ausland, sprachen von gemeinsamen Bekannten, erwähnten +aber mit keinem Worte sein Verhältnis zu Anna. Sein Bruder aber kam +am anderen Tage früh zu ihm und frug ihn selbst nach ihr und Aleksey +Wronskiy erzählte ihm offen, daß er seinen Bund mit der Karenina gleich +einer Ehe betrachte; daß er hoffe, die Scheidung zu erlangen und sie +dann heiraten werde und daß er sie bis dahin ebenso als sein Weib +achte, wie man jedes andere Weib achte, und bat ihn, dies der Mutter +und seiner Gemahlin so mitzuteilen. + +»Wenn die Welt es nicht billigt, so ist mir das gleichgültig,« sagte +Wronskiy, »aber wenn meine Verwandten mit mir in verwandtschaftlichen +Beziehungen stehen wollen, so müssen sie in den nämlichen Beziehungen +auch mit meiner Frau stehen!« + +Der ältere Bruder, welcher die Urteile des jüngeren stets geachtet +hatte, wußte nicht recht, ob dies richtig oder falsch sei, so lange +die Welt selbst die Frage entschieden haben würde. Er seinerseits hatte +gar nichts gegen die Sache und ging zusammen mit Aleksey zu Anna. + +Wronskiy sagte in Gegenwart seines Bruders, wie in der aller anderen +zu dieser »Ihr«, und verkehrte mit Anna wie mit einer nahen Bekannten, +aber doch herrschte die stillschweigende Voraussetzung dabei, daß der +Bruder ihre Beziehungen kannte und es wurde davon gesprochen, daß Anna +nach dem Gute Wronskiys gehe. + +Trotz aller seiner Welterfahrung war Wronskiy nach dem Eintritt in +das neue Verhältnis, in welchem er sich befand, in einem furchtbaren +Irrtum. Wohl hatte es ihm begreiflich erscheinen müssen, daß die Welt +für ihn und Anna verschlossen war, aber jetzt entstanden in seinem +Kopfe gewisse unklare Vorstellungen, daß es nur in der älteren Zeit so +gewesen sei, und jetzt bei dem schnellen Fortschreiten der Zeit -- er +war jetzt, ohne daß er selbst es merkte, ein Anhänger jeder Art von +Fortschritt geworden -- der Blick der Gesellschaft sich verändert habe, +und daß auch die Frage, ob sie in der Gesellschaft wieder angenommen +werden würden, noch nicht entschieden sei. »Natürlich,« dachte er, »die +Hofkreise werden Anna nicht aufnehmen, aber die ihr nahestehenden Leute +können und müssen die Sache auffassen, wie es sich gehört.« + +Man kann einige Stunden sitzen, die Füße übereinandergeschlagen, und +in ein und derselben Stellung, wenn man weiß, daß uns nichts hindert, +diese Lage zu verändern; wenn aber ein Mensch weiß, daß er so mit +unterschlagenen Beinen sitzen muß, dann befällt ihn der Krampf, die +Füße werden zittern und sich nach dem Orte hinziehen, an den man sie +bringen möchte. + +Dies erfuhr auch Wronskiy an sich bezüglich seiner Stellung zur Welt. +Obwohl er auf dem Grund seiner Seele wußte, daß dieselbe für sie beide +verschlossen sei, so versuchte er es doch, ob sich die Welt jetzt nicht +ändere und sie doch aufnehmen werde. Aber sehr bald wurde er inne, +obwohl die Welt für ihn persönlich offen stand, sie doch für Anna +verschlossen blieb. Wie bei dem Spiele Katze und Maus, senkten sich die +Hände, die vor ihm erhoben wurden, sofort vor Anna. + +Eine der ersten Damen der Petersburger Gesellschaft, welche Wronskiy +wiedersah, war seine Cousine Betsy. + +»Endlich!« begegnete ihm diese voll Freude. »Und Anna? Wie freue ich +mich. Wo seid Ihr abgestiegen? Ich kann mir denken, wie nach Eurer +reizenden Reise unser Petersburg Euch schrecklich sein muß; ich kann +mir Euren Honigmond in Rom vorstellen. Was wird mit der Scheidung? Habt +Ihr alles besorgt?« + +Wronskiy bemerkte, daß der Enthusiasmus Betsys sich verringerte, als +sie erfahren hatte, daß eine Scheidung noch nicht erfolgt sei. + +»Auf mich wird man den Stein werfen, ich weiß es,« sagte sie, »aber ich +werde zu Anna kommen; ja, ich komme sicherlich. Ihr bleibt wohl nur +kurze Zeit hier?« + +Und in der That, noch am nämlichen Tage kam sie zu Anna gefahren, +doch war ihr Ton schon nicht ganz so der nämliche wie früher. Sie war +offenbar stolz auf ihre Kühnheit und wünschte, daß Anna die Treue ihrer +Freundschaft schätze. Sie blieb nicht länger als zehn Minuten, von den +Stadtneuigkeiten sprechend, und sagte beim Abschied: »Ihr habt mir +nicht gesagt, wenn die Ehescheidung stattfindet? Gesetzt auch, daß ich +meinerseits der Sache durch die Finger sehe, so werden doch die anderen +Euch kalt entgegenkommen, so lange Ihr nicht geheiratet habt. Und das +geht ja jetzt so leicht. =Ça se fait=. Ihr reist also Freitag ab? +Schade, daß wir uns nicht noch einmal wiedersehen können.« + +Am Tone Betsys konnte Wronskiy erkennen, was er von der Welt zu +erwarten hatte, er machte aber gleichwohl noch einen Versuch in seiner +Familie. Auf seine Mutter hoffte er dabei freilich nicht. Er wußte, +daß diese, von Anna in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft so entzückt +gewesen, ihr gegenüber jetzt unerbittlich hart war, weil sie an der +Vernichtung der Carriere ihres Sohnes Schuld trug. Dieser aber setzte +große Hoffnungen auf Warja, die Frau seines Bruders. Ihm schien, daß +Warja den Stein nicht mit werfen, sondern in ihrer Einfachheit und +Entschlossenheit zu Anna kommen und diese auch empfangen würde. + +Am Tage nach seiner Ankunft fuhr Wronskiy denn auch zu ihr, und teilte +ihr -- er traf sie allein an -- offen seinen Wunsch mit. + +»Du weißt, Aleksander,« sprach sie, ihn ruhig zu Ende hörend, »wie +ich dich liebe, und wie bereit ich bin, alles für dich zu thun; doch +ich habe geschwiegen, weil ich wußte, daß ich weder dir, noch Anna +Arkadjewna nützlich sein kann,« sagte sie, den Namen Anna Arkadjewna +mit eigentümlicher Betonung aussprechend. »Denke nicht, daß ich etwa +einen Tadel äußern will, vielleicht hätte ich an ihrer Stelle ganz das +Nämliche gethan. Ich will und kann nicht auf Einzelheiten eingehen,« +fuhr sie fort, zaghaft in sein finsteres Gesicht schauend. »Doch muß +man das Ding beim Namen nennen. Du willst, daß ich sie besuche, sie +auch empfange, und damit in der Gesellschaft rehabilitiere, aber +verstehe wohl, ich _kann_ das ja nicht thun! Meine Töchter wachsen +heran und ich muß in der Welt für meinen Mann leben. Nun komme ich zu +Anna Arkadjewna; diese wird ihrerseits begreifen, daß ich sie nicht +zu mir einladen kann, oder es dann wenigstens so thun müßte, daß sie +nicht Leuten begegnet, die andere Anschauungen haben. Das aber wird sie +verletzen! Ich kann ihr nicht aufhelfen.« + +»Ich kann aber nicht glauben, daß sie tiefer gefallen sein sollte, als +Hunderte von Frauen, die Ihr empfangt,« unterbrach sie Wronskiy noch +düsterer, und erhob sich schweigend in der Erkenntnis, daß das Urteil +seiner Schwägerin unabänderlich sei. + +»Aleksey! Sei nur nicht bös! Beherzige, bitte, daß ich nicht schuld +bin,« begann Warja wieder, mit schüchternem Lächeln auf ihn blickend. + +»Ich zürne dir nicht,« sagte er, noch ebenso finster, »aber mir ist +das doppelt schmerzlich. Mir ist noch schmerzlich, daß dieser Umstand +unsere Freundschaft zerstört, oder wenn nicht zerstört, so doch +schwächt. Du begreifst, daß dies für mich ja auch nicht anders sein +kann.« + +Mit diesen Worten verließ er sie. + +Wronskiy hatte erkannt, daß weitere Versuche vergeblich sein würden, +und er diese wenigen Tage in Petersburg so zu verleben hätte, wie +in einer fremden Stadt, indem er alle Beziehungen zu der früheren +Gesellschaft mied, um sich nicht Unannehmlichkeiten und Kränkungen +aussetzen zu müssen, die ihm doch so peinlich waren. + +Eine der hauptsächlichsten Unannehmlichkeiten seiner Lage in Petersburg +war die, daß Aleksey Aleksandrowitsch und sein Name, wie es schien, +überall zu finden war. Man konnte von nichts zu sprechen anfangen, +ohne daß das Gespräch auf Aleksey Aleksandrowitsch kam, man konnte +nirgendshin fahren, ohne ihm zu begegnen. So schien es wenigstens +Wronskiy, indem er sich wie ein Mensch mit einem schlimmen Finger +vorkam, der, als wäre es absichtlich, gerade mit diesem schlimmen +Finger an alles anstößt. + +Der Aufenthalt in Petersburg erschien Wronskiy auch noch dadurch um +so schwerer, als er während dieser ganzen Zeit in Anna gleichsam ein +neues, ihm unverständliches Geschöpf erblickte. Bald war sie wie +verliebt in ihn, bald wurde sie kalt, reizbar und unergründlich. Sie +litt eine Qual und verbarg Etwas vor ihm; bemerkte aber wie es schien, +die Kränkungen nicht, die ihm das Leben vergifteten, und für sie mit +ihrem feinen Wahrnehmungsvermögen, doch nur noch qualvoller sein mußten. + + + 29. + +Unter den Zwecken, welche der Reise nach Rußland zu Grunde lagen, war +für Anna auch der des Wiedersehens mit ihrem Sohne. Seit dem Tage, seit +welchem sie Italien verlassen, hatte dieser Gedanke nicht aufgehört, +sie in Aufregung zu erhalten, und je näher sie Petersburg kam, desto +mehr und immer mehr erschien vor ihr das Freudige und Bedeutungsvolle +dieses Wiedersehens. Sie legte sich gar nicht die Frage vor, wie +sie dieses Wiedersehen bewerkstelligen wollte. Es erschien ihr ganz +natürlich und einfach, daß sie ihren Sohn wiedersah, wenn sie mit +demselben in einer und derselben Stadt sich befand; allein nach ihrer +Ankunft in Petersburg, zeigte sich plötzlich ihre jetzige Stellung in +der Gesellschaft klar vor ihr, und sie erkannte, daß es schwierig sei, +das Wiedersehen zu ermöglichen. + +Bereits zwei Tage war sie in Petersburg. Der Gedanke an den Sohn +verließ sie nicht eine Minute, und noch hatte sie ihn nicht gesehen. +Geradenwegs in das Haus zu fahren, wo sie mit Aleksey Aleksandrowitsch +zusammentreffen konnte, dazu, sie fühlte es, besaß sie nicht das Recht. +Man konnte sie vielleicht gar nicht einlassen und sie beleidigen. Zu +schreiben und sich mit ihrem Manne in Verbindung zu setzen, war ihr +schon dem Gedanken nach peinlich. Sie vermochte nur dann ruhig zu +bleiben, wenn sie ihres Mannes gar nicht gedachte. Den Sohn auf dem +Spaziergange zu sehen, nachdem sie sich erkundigt hatte, wohin und wann +er ausgehe, war ihr nicht genug; sie hatte sich so sehr auf dieses +Wiedersehen vorbereitet, sie hatte ihm soviel zu sagen, es verlangte +sie so sehr, ihn in ihre Arme zu schließen, ihn zu küssen. Die alte +Amme Sergeys konnte ihr behilflich sein und sie benachrichtigen. Aber +diese befand sich nicht mehr im Hause Aleksey Aleksandrowitschs. In +solcher Ungewißheit und unter Erkundigungen nach der Amme waren die +zwei Tage vergangen. + +Nachdem Anna von den nahen Beziehungen Aleksey Aleksandrowitschs zur +Gräfin Lydia Iwanowna vernommen hatte, entschloß sie sich am dritten +Tage, dieser einen Brief zu schreiben, der ihr viel Überwindung +kostete, und in welchem sie mit Vorbedacht sagte, daß der Entscheid +darüber, ob sie ihren Sohn sehen könne, von der Großmut ihres Mannes +abhängen müsse. Sie wußte, daß wenn man den Brief ihrem Manne wies, +dieser ihr, seine Rolle des Großmütigen weiterspielend, keinen +abschlägigen Bescheid geben würde. + +Der Bote, welcher den Brief hingetragen hatte, überbrachte ihr die so +harte und unerwartete Nachricht, daß es keine Antwort gebe. + +Noch nie hatte sie sich so erniedrigt gefühlt, als in dieser Minute, +als sie, den Boten kommen lassend, von diesem die einfache Mitteilung +vernahm, daß er gewartet habe, und man ihm endlich gesagt hätte, es +würde keine Antwort erteilt werden. Anna fühlte sich gedemütigt, +verletzt, aber sie erkannte, daß von ihrem Gesichtspunkt aus die Gräfin +Lydia Iwanowna recht habe. Ihr Schmerz war um so größer, als er ein +vereinsamter war. Sie konnte und wollte ihn nicht mit Wronskiy teilen. +Sie wußte, daß für ihn, obwohl er doch die Hauptursache ihres Unglücks +bildete, die Frage ihres Wiedersehens mit ihrem Kinde von höchst +geringer Bedeutung sei. Sie wußte, daß er niemals fähig sein werde, +ihre Leiden in deren ganzer Tiefe zu verstehen, sie wußte, daß sie ihn +wegen eines kühlen Tones bei Erwähnung der Sache würde hassen müssen. +Dies aber fürchtete sie über alles in der Welt, und so verbarg sie vor +ihm alles, was ihren Sohn betraf. + +Den ganzen Tag über zu Haus verweilend, hatte sie die Mittel erwogen, +zu einem Wiedersehen mit ihrem Sohne, und war bei dem Entschluß stehen +geblieben, an ihren Mann zu schreiben. Sie setzte den Brief noch auf, +als ihr das Schreiben Lydia Iwanownas gebracht wurde. Das Schweigen +der Gräfin hatte sie beruhigt und besänftigt, das Schreiben aber, und +alles das, was sie zwischen den Zeilen desselben las, versetzte sie in +solche Erbitterung, erschien ihr, gegenüber ihrer leidenschaftlichen +natürlichen Zärtlichkeit für ihr Kind so aufreizend in seiner +Gehässigkeit, daß sie gegen andere gereizt wurde und aufhörte, sich +selbst anzuklagen. + +»Diese Kälte -- diese Gefühlsheuchelei!« sagte sie zu sich selbst. +»Ihnen war es ein Bedürfnis, mich zu beleidigen und das Kind zu +foltern, und ich soll mich vor ihnen demütigen! Um keinen Preis! Sie +ist schlechter, als ich! Ich lüge wenigstens nicht!« -- + +Und nun entschloß sie sich, morgen, am Geburtstage Sergeys, geradenwegs +in das Haus Aleksey Aleksandrowitschs zu fahren, die Leute zu +bestechen und List anzuwenden, um -- koste es was es wolle -- den +Sohn wiederzusehen und den ungeheuerlichen Trug, mit welchem man das +unglückliche Kind umgeben hatte, zu zerstreuen. + +Sie fuhr nach einem Spielwarenladen, kaufte Spielzeug und überlegte +sich ihren Operationsplan. Frühmorgens, um acht Uhr, wenn Aleksey +Aleksandrowitsch, wahrscheinlich, noch nicht aufgestanden war, wollte +sie sich hinbegeben; sie wollte Geld nehmen, es dem Portier und dem +Diener in die Hände drücken, damit man sie einlasse, und wollte, ohne +den Schleier zu lüften, sagen, sie käme von einem Paten Sergeys, um +diesem zu gratulieren, und ihr sei aufgetragen, Spielzeug auf das Bett +des Kindes zu legen. Sie bereitete sich nicht auf die Worte vor, welche +sie zum Sohne sprechen wollte -- soviel sie auch darüber nachdachte, +sie vermochte nichts auszudenken. + +Am andern Tage um acht Uhr morgens, stieg Anna allein aus der +Mietkutsche und läutete an der großen Einfahrt ihres ehemaligen Hauses. + +»Sieh nach, was man will. Wer die Dame ist,« sagte Kapitonitsch, noch +nicht angekleidet, im Überrock und Kaloschen, indem er durch das +Fenster nach der Dame blickte, die von einem Schleier bedeckt, dicht +vor der Thür stand. Der Gehilfe des Portiers, ein Anna nicht bekannter, +junger Bursch, hatte dieser nicht sobald die Thür geöffnet, als sie +schon in dieselbe hineintrat, ein Dreirubelpapier aus dem Muff nahm und +es ihm in die Hand drückte. + +»Sergey -- Sergey Aleksandrowitsch,« sprach sie und wollte +voranschreiten. Der Gehilfe des Portiers besah das Rubelpapier, hielt +sie aber an der zweiten Glasthür fest. + +»Was wollt Ihr?« frug er. + +Sie hörte weder seine Worte, noch antwortete sie etwas. + +Als Kapitonitsch die Verwirrung der Unbekannten bemerkte, kam er selbst +zu ihr, ließ sie in die Thür herein und frug, was ihr gefällig wäre. + +»Vom Fürsten Skorodumoff komme ich und will zu Sergey +Aleksandrowitsch,« sprach sie. + +»Der junge Herr ist noch nicht aufgestanden,« antwortete der Portier, +sie aufmerksam betrachtend. + +Anna hatte durchaus nicht erwartet, daß das vollständig unverändert +gebliebene Äußere des Vorzimmers dieses Hauses, in welchem sie neun +Jahre gelebt hatte, so mächtig auf sie einwirken würde. Eine nach der +anderen, erhoben sich frohe und trübe Erinnerungen in ihrer Seele und +für einen Augenblick hatte sie vergessen, weshalb sie hier war. + +»Wollt Ihr gefälligst warten?« sagte Kapitonitsch, ihr den Pelz +abnehmend. Nachdem er den Pelz abgenommen hatte, blickte er ihr ins +Gesicht, erkannte sie und machte schweigend eine tiefe Verbeugung. +»Bitte gefälligst, gnädigste Frau,« sagte er zu ihr. + +Sie wollte etwas erwidern, doch versagte ihr die Stimme, so daß sie +keinen Ton hervorzubringen vermochte. Wie schuldbewußt bittend, blickte +sie den Alten an, und stieg dann mit schnellen Schritten die Treppe +hinauf. Ganz vorgebeugt und mit den Kaloschen an den Stufen hängen +bleibend, lief Kapitonitsch ihr nach im Bemühen, ihr zuvorzukommen. + +»Der Lehrer ist dort, er ist vielleicht nicht angekleidet. Ich muß erst +melden.« + +Anna ging weiter die ihr bekannte Treppe hinauf, ohne zu verstehen, was +der Alte gesprochen hatte. + +»Hierher, bitte links. Entschuldigt, daß alles noch unsauber ist. +Der junge Herr ist jetzt im früheren Diwanzimmer,« sagte der Portier +keuchend. »Gestattet, geduldet Euch ein wenig, Excellenz, ich will +nachsehen,« sagte er, öffnete, vor sie tretend, die hohe Thür und +verschwand in derselben. Anna blieb stehen und wartete. + +»Er ist soeben erwacht,« sagte der Portier, wieder aus der Thür kommend. + +Im nämlichen Augenblick, als der Portier dies sagte, hörte Anna den +Klang eines kindlichen Gähnens. Schon an der Stimme dieses Gähnens +erkannte sie den Sohn und sie sah ihn wie lebendig vor sich. + +»Laß mich hinein, laß mich, laß mich!« sprach sie und trat durch die +hohe Thür. Rechts von derselben stand das Bett, und im Bett saß der +Knabe, welcher sich aufgerichtet hatte, im halbgelösten Hemdchen, den +kleinen Körper vorgebeugt, sich streckend und ausgähnend. + +Im Augenblick, als seine Lippen sich schlossen, kräuselten sie sich zu +einem glücklichen traumhaften Lächeln, und mit diesem Lächeln legte er +sich langsam und zufrieden wieder zurück. + +»Mein Sergey!« flüsterte sie, unhörbar an ihn herantretend. + +Während ihrer Trennung von ihm, und unter dem Einfluß der Liebe, +welche sie in dieser ganzen letzten Zeit empfunden, hatte sie sich +ihn als vierjährigen Knaben, so wie sie ihn am liebsten gehabt hatte, +vorgestellt. + +Jetzt war er schon nicht einmal mehr so, wie sie ihn verlassen hatte. +Er hatte sich noch weiter entfernt vom Alter des Vierjährigen, war +noch mehr gewachsen und magerer geworden. -- Was war das? -- Wie hager +erschien sein Gesicht, wie kurz war sein Haar? Wie lang seine Hände! +Wie hatte er sich verändert seit jener Zeit, da sie ihn verlassen! +Aber er war es doch, mit dieser Form seines Kopfes, seinen Lippen, dem +geschmeidigen Hals und den breiten kleinen Schultern. + +»Sergey!« wiederholte sie dicht über dem Ohr des Kindes. + +Dieser erhob sich wiederum auf den Ellbogen, wandte den Kopf verwirrt +nach beiden Seiten, als suche er etwas und öffnete die Augen. Still +und fragend blickte Sergey einige Sekunden auf die unbeweglich vor +ihm stehende Mutter, dann lächelte er plötzlich, glückselig, schloß +wiederum die noch schlaftrunkenen Augen, und warf sich, nicht mehr +zurück, sondern ihr entgegen, in ihre Arme. + +»Sergey! Geliebter Knabe!« sprach sie mit erstickter Stimme, mit beiden +Armen den blühenden Körper umfangend. + +»Mama!« sagte er, sich regend in ihren Armen, um mit wechselnden +Stellen seines Leibes ihre Arme berühren zu können. + +Schlaftrunken lächelnd, noch immer mit geschlossenen Augen, faßte er +mit den runden Ärmchen von der Bettlehne nach ihren Schultern, und +warf sich auf sie, jenen lieblichen Schlafduft, jene Wärme von sich +ausströmend, die nur bei Kindern da ist, und begann dann, sein Gesicht +an ihrem Hals und ihren Schultern zu reiben. + +»Ich wußte es,« sagte er, die Augen öffnend. »Heute ist mein +Geburtstag. Ich wußte es, daß du kommen würdest. Sogleich werde ich +aufstehen.« + +Mit diesen Worten kam er zu sich. + +Voll Sehnsucht betrachtete ihn Anna; sie sah, wie er gewachsen war und +sich in ihrer Abwesenheit verändert hatte. Sie erkannte und erkannte +auch nicht seine nackten Füße, die jetzt so groß geworden waren und +aus der Bettdecke hervorschauten, sie erkannte diese hager gewordenen +Wangen, diese verschnittenen, kurzen Haarlocken im Nacken, auf welchen +sie ihn so oft geküßt hatte. Sie befühlte alles dies und vermochte +nichts zu sprechen; die Thränen erstickten sie. + +»Weshalb weinst du denn Mama?« sagte er, vollständig aus dem Schlafe +erwacht. »Mama, weshalb weinst du?« rief er aus mit weinerlicher Stimme. + +»Ich weine nicht; ich weine vor Freude; ich habe dich so lange nicht +gesehen. Nein, ich werde nicht, werde nicht weinen,« sagte sie, ihre +Thränen verschluckend und sich abwendend. »Nun, jetzt mußt du dich +aber ankleiden,« fügte sie, sich aufrichtend hinzu, und setzte sich, +ohne seine Hände loszulassen, neben seinem Bett auf einen Stuhl, auf +welchem sein Anzug bereit lag. + +»Wie kleidest du dich ohne mich an? Wie« -- wollte sie natürlich und +heiter zu sprechen beginnen, aber sie vermochte es nicht, und wandte +sich abermals ab. + +»Ich wasche mich nicht in kaltem Wasser. Papa hat es nicht gestattet. +Aber Wasiliy Lukitsch, den hast du wohl noch nicht gesehen? Er wird +gleich kommen. Du hast dich ja auf mein Kleid gesetzt!« + +Sergey lachte auf; sie blickte ihn an und lächelte. + +»Mama, mein Herz, meine Taube!« rief er aus, sich wieder ihr +entgegenwerfend und sie umfangend. Es war, als ob er jetzt erst, indem +er ihr Lächeln erblickte, klar erkannt hätte, was vorgefallen sei. »Das +ist nicht nötig,« sagte er, ihr den Hut abnehmend, und gleichsam, als +ob er sie aufs neue ohne den Hut erkännte, warf er sich abermals ihr +entgegen, um sie zu küssen. + +»Aber was hast du von mir gedacht? Du hast nicht gemeint, daß ich tot +sei?« + +»Niemals habe ich es geglaubt.« + +»Du hast es nicht geglaubt, mein Herz?« + +»Ich habe gewußt, gewußt!« wiederholte er mit seiner Lieblingsphrase, +und begann, nachdem er ihre Hand ergriffen, die mit seinem Haar +spielte, sie mit der inneren Fläche an seinen Mund zu pressen und zu +küssen. + + + 30. + +Wasiliy Lukitsch, welcher anfangs nicht begriff, wer diese Dame da +war, und erst aus dem Gespräch erkannte, dies sei jene selbe Mutter, +welche ihren Gatten verlassen, und die er nicht kannte, da er erst nach +ihrem Scheiden dieses Haus betreten hatte, befand sich in Zweifel, ob +er eintreten oder Aleksey Aleksandrowitsch Mitteilung machen sollte. +Nachdem er aber erwogen hatte, daß seine Verpflichtung nur darin +bestehe, bei Sergey zur bestimmten Stunde zu inspizieren, und er +demgemäß keine Beobachtungen anzustellen habe, wer dort saß, die Mutter +oder jemand anderes, sondern nur seine Pflicht erfüllen müsse, so +kleidete er sich an, trat zur Thür und öffnete sie. + +Aber die Liebkosungen zwischen Mutter und Kind, der Klang ihrer Stimmen +und das, was sie sprachen, ließ ihn doch noch seinen Entschluß ändern. +Er schüttelte den Kopf, seufzte und schloß die Thür wieder. + +»Ich werde noch zehn Minuten warten,« sagte er zu sich selbst, hustend +und sich Thränen abwischend. + +In der Dienerschaft des Hauses war mittlerweile eine mächtige Bewegung +entstanden. Alle hatten erfahren, daß die Herrin angekommen sei, +und Kapitonitsch sie eingelassen habe, daß sie sich jetzt in der +Kinderstube befinde, während sich doch der Herr selbst stets in der +neunten Stunde dorthin begebe; und alle erkannten, daß eine Begegnung +der beiden Gatten unmöglich war, und verhindert werden müsse. + +Korney, der Kammerdiener, begab sich in die Portierloge und frug, wer +die Dame eingelassen habe, und wie dies zugegangen sei, und als er +gehört hatte, daß Kapitonitsch sie empfangen und hereingeleitet habe, +machte er dem Alten Vorwürfe. Dieser hörte mit hartnäckigem Schweigen +zu, als ihm aber Korney sagte, daß man ihn deswegen davonjagen müßte, +sprang Kapitonitsch auf ihn zu und sagte, mit den Händen vor Korneys +Gesicht fuchtelnd: + +»Ja, du hättest sie freilich nicht eingelassen! Ich habe zehn Jahre +hier gedient und nichts als Liebes gesehen, du aber wärest gekommen und +hättest gesagt >bitte, gefälligst hinaus!< -- Du verstehst die Politik +fein! So ist es! Du scheinst auf deine Weise schon zu verstehen, wie +man einen Herrn für sich einnimmt und den Mantel nach dem Winde hängt!« + +»Ein Soldat!« erwiderte Korney verächtlich, und wandte sich zu der +eintretenden Amme: »Urteilt Ihr, Marja Jesimowna: Er hat die Gnädige +eingelassen, ohne jemandem etwas davon zu sagen,« wandte sich Korney zu +ihr. + +»Aleksey Aleksandrowitsch wird sogleich erscheinen und nach der +Kinderstube gehen.« + +»Was giebt es da für Auseinandersetzungen,« sagte diese, »Ihr Korney +Wasiljewitsch, habt ihn irgendwo ein wenig zurückzuhalten, den Herrn +nämlich, und ich laufe sogleich, um die gnädige Frau irgendwie beiseite +zu bringen. Sind das Auseinandersetzungen!« -- + +Als die Kinderfrau in die Kinderstube trat, erzählte Sergey der Mutter +gerade, wie er mit Nadenka vom Berge herab, beim Eisfahren gefallen +sei und daß sich dabei beide dreimal umkugelt hätten. Sie lauschte den +Klängen seiner Stimme, sah sein Gesicht und das Spiel seiner Mienen, +sie fühlte seine Hand, aber sie verstand nicht, was er sprach. + +»Ich muß fort, und ihn verlassen,« das allein nur dachte und fühlte +sie noch. Sie vernahm wohl die Schritte Wasiliy Lukitschs, der zur +Thür schritt, und hustete, sie vernahm wohl die Schritte der nahenden +Kinderfrau, aber sie saß, wie zu Stein geworden, und nicht bei Kräften +zu sprechen oder aufzustehen. + +»Gnädige Frau, meine Liebe!« begann die Amme, sich Anna nähernd, und +ihr Hände und Schultern küssend. »Gott hat unserem Geburtstagskinde +Freude gebracht. Ihr habt Euch doch gar nicht verändert.« + +»Ach, Amme, du Gute, ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr noch im Hause +seid,« sagte Anna, für eine Minute zur Besinnung kommend. + +»Ich wohne nicht hier, sondern bei meiner Tochter, und bin nur +gekommen, um zu gratulieren, Anna Arkadjewna, meine Teure.« + +Die Amme brach plötzlich in Thränen aus und küßte von neuem die Hand +der Herrin. + +Sergey hielt sich, mit glänzenden Augen lächelnd, mit der einen Hand +an seiner Mutter, mit der anderen an der Amme an und stampfte mit den +wohlgenährten Füßchen auf den Teppich. Die Zärtlichkeit der geliebten +Amme gegen seine Mutter versetzte ihn in Entzücken. + +»Mama! Sie kommt oft zu mir, und wenn sie kommt« -- wollte er beginnen, +hielt aber inne, als er bemerkte, daß seine Amme der Mutter etwas +zuflüsterte, und auf deren Gesicht sich Schrecken auspräge, und etwas +wie Scham, was der Mutter so gar nicht zu Gesicht stand. + +Diese kam zu ihm. + +»Mein Liebling,« sprach sie. + +Sie konnte nicht sagen, »lebewohl«, aber der Ausdruck ihres Gesichts +sagte es, und er verstand. + +»Mein süßer, lieber Kleiner!« sagte sie zu ihm und nannte ihn mit einem +Kosenamen, mit welchem sie ihn als er noch ganz klein gewesen, zu +rufen pflegte, »wirst du mich auch nicht vergessen? Du« -- doch weiter +vermochte sie nicht zu sprechen. + +Soviel Worte sie sich auch später noch ausdachte, die sie ihm hätte +sagen können -- jetzt wußte und vermochte sie nichts zu sagen. -- +Sergey aber verstand alles, was sie ihm mitteilen wollte. Er verstand, +daß sie unglücklich sei und ihn liebte. Er verstand sogar, was die Amme +flüsternd gesprochen hatte. Hörte er doch die Worte: »Stets in der +neunten Stunde«; und er begriff, daß damit sein Vater gemeint sei, und +die Mutter mit dem Vater nicht zusammentreffen dürfe. Dies verstand +er; Eins aber konnte er nicht begreifen: weshalb sich auf ihrem +Antlitz Schrecken und Scham gezeigt hatte! Sie war nicht schuldig, +und fürchtete ihn doch und empfand Scham über Etwas. Er wollte eine +Frage stellen, die ihm diesen Zweifel hätte aufklären können, wagte es +aber nicht zu thun. Er sah, daß sie litt, und empfand Mitleid mit ihr. +Schweigend schmiegte er sich an sie und sprach flüsternd: + +»Geh' noch nicht. Er kommt noch nicht gleich.« + +Die Mutter schob ihn von sich, um zu erkennen, ob er auch so denke, +wie er gesprochen hatte, und las aus dem erschreckten Ausdruck seines +Gesichts, daß er nicht nur von dem Vater gesprochen habe, sondern sie +sogar gleichsam frage, wie er wohl über seinen Vater denken solle. + +»Sergey, mein Herzblatt,« sagte sie, »liebe ihn, er ist besser und +edler als ich, und ich trage eine Schuld vor ihm. Wenn du einmal groß +bist, dann wirst du urteilen können.« + +»Bessere Menschen als dich giebt es nicht!« rief er voll Verzweiflung, +durch Thränen hindurch, faßte sie an den Schultern, und begann sie aus +allen Kräften an sich zu pressen mit vor Anstrengung bebenden Armen. + +»Meine Seele, mein liebes Kind!« sagte Anna, und begann, hingerissen, +so nach Kinderart zu weinen, wie er selber weinte. + +Da öffnete sich die Thür und Wasiliy Lukitsch trat ein. + +An der anderen Thür wurden Schritte vernehmbar, und entsetzt flüsterte +ihr die Amme zu »er kommt« und reichte Anna den Hut. + +Sergey ließ sich auf sein Bett sinken und begann zu schluchzen, das +Gesicht mit den Händen bedeckend. Anna nahm diese Hände weg, küßte ihm +noch einmal das bethaute Antlitz und ging schnellen Schrittes zur Thür +hinaus. + +Aleksey Aleksandrowitsch trat ihr in den Weg. Als er sie erblickt +hatte, blieb er stehen und beugte den Kopf. + +Ungeachtet dessen, daß sie soeben erst gesagt hatte, er sei besser und +edler als sie, erfaßten sie bei dem schnellen Blick, den sie auf ihn +warf, seine ganze Erscheinung mit allen ihren Einzelheiten umfangend, +die Gefühle des Widerwillens gegen ihn; der Wut und des Neides um den +Sohn. Mit schneller Bewegung ließ sie den Schleier fallen, und eilte +fast, ihren Schritt verdoppelnd, aus dem Zimmer. + +Sie war nicht dazu gekommen, die Geschenke herauszunehmen, die sie mit +so großer Liebe und so großem Schmerz gestern im Laden gekauft hatte, +und brachte sie wieder mit nach Hause. + + + 31. + +So sehr wie Anna auch ein Wiedersehen mit ihrem Sohne gewünscht hatte, +so lange sie auch nur hieran gedacht, sich nur hierauf vorbereitet +hatte, so hatte sie doch keineswegs erwartet, daß dieses Wiedersehen +eine so mächtige Wirkung auf sie ausüben würde. + +Zurückgekehrt in ihre einsamen Appartements im Hotel, konnte sie lange +nicht fassen, warum sie eigentlich hier sei. + +»Ja; das ist alles vorüber und ich bin wieder allein,« sagte sie zu +sich und setzte sich, ohne den Hut abzulegen, auf einen am Kamin +stehenden Sessel. Mit unbeweglichen Augen auf die Bronzeuhr blickend, +welche auf dem Tische zwischen den Fenstern stand, begann sie zu sinnen. + +Die französische Zofe, die mit aus dem Auslande gebracht worden war, +trat ein, um sie anzukleiden. Verwundert blickte sie dieselbe an +und sagte nur »später«. Der Lakai brachte den Kaffee; sie sagte nur +»später«. Die italienische Amme, die das kleine Mädchen geputzt hatte, +trat mit demselben ein und brachte es Anna. Das dicke, wohlgenährte +Kind hob, wie stets, wenn es die Mutter sah, die nackten mit Bändern +umspannten Händchen, die Handflächen nach unten, und begann, mit dem +noch zahnlosen Mündchen lächelnd, wie ein Fisch an der Angel mit den +Händchen zu arbeiten, und mit ihnen an den gesteiften Falten des +gestickten Jäckchens zu scheuern. + +Man mußte unwillkürlich lächeln und das Kindchen küssen, man mußte +ihm einen Finger vorhalten, an dem es anfassen konnte, jauchzend und +mit dem ganzen Körper in Bewegung. Man konnte nicht umhin, ihm die +Lippe darzubieten, die es anstatt eines Kusses in das Mündchen nahm. +Und alles das that Anna, und sie nahm das Kind auf ihre Arme und ließ +es hüpfen, und küßte es auf die frische Wange und die entblößten +Ärmchen, aber bei dem Anblick dieses Kindes wurde es ihr nur noch +klarer, daß das Gefühl, welches sie für dasselbe hegte, nicht einmal +Liebe war im Vergleich zu dem, was sie für Sergey fühlte. Alles an +diesem kleinen Mädchen war lieblich, aber alles das fand keinen Eingang +in ihr Herz. Auf ihrem ersten Kinde -- hatte sie es auch gleich von +einem ungeliebten Manne -- ruhte alle Kraft jener Liebe, die keine +Befriedigung gefunden hatte; das Mädchen war unter den schwierigsten +Verhältnissen geboren worden, und auf dasselbe war nicht der hundertste +Teil der Sorgfalt verwendet worden, wie auf das erste Kind; außerdem +war bei diesem Mädchen alles noch Erwartung, Sergey hingegen schon +fast wahrhaft Mensch und ein geliebter Mensch; in ihm kämpften bereits +Gedanken und Gefühle miteinander. Er begriff und liebte, er beurteilte +sie, wie sie meinte, indem sie seiner Worte und Blicke gedachte. Und +doch war sie auf immer nicht nur körperlich, sondern auch geistig von +ihm getrennt, ließ sich nichts mehr besser gestalten. + +Sie gab das kleine Mädchen der Amme zurück, entließ diese, und öffnete +ein Medaillon, in welchem ein Porträt Sergeys war, ihn darstellend, als +er noch fast das nämliche Alter hatte, wie das kleine Mädchen jetzt. +Sie stand auf und nahm, ihren Hut ablegend, von einem kleinen Tische +ein Album, in welchem sich Photographieen ihres Sohnes aus anderen +Lebensaltern befanden. Sie wollte diese Photographieen vergleichen, +und begann sie aus dem Album herauszunehmen; sie nahm sie alle heraus, +nur eine einzige, die letzte und beste, war noch übrig. In weißem +Hemd saß er darauf auf einem Stuhle, machte böse Augen und lächelte +mit dem Munde. Dies war ein ganz eigentümlicher Ausdruck, der ihm am +besten stand. Mit den kleinen, flinken Händen, die sich jetzt besonders +angespannt mit ihren weißen, schmalen Fingern bewegten, hatte sie +mehrmals an die Ecke des Bildes geklopft, aber das Bild war losgerissen +und sie konnte es nicht erlangen. Ein Messer befand sich nicht auf dem +Tische, und sie nahm daher eine Photographie, welche daneben stand -- +es war ein in Rom gefertigtes Bild Wronskiys, welches ihn in rundem Hut +und langen Haaren darstellte -- und stieß damit das Bild ihres Sohnes +heraus. + +»Das ist ja er!« sagte sie, auf das Bild Wronskiys blickend, und sich +plötzlich vergegenwärtigend, wer die Ursache ihres jetzigen Harmes sei. +Sie hatte noch nicht ein einziges Mal während dieses ganzen Morgens +an ihn gedacht. Jetzt aber, als sie dieses männliche, edle, ihr so +vertraute und liebe Gesicht wieder erblickte, empfand sie plötzlich +eine unerwartete Regung der Liebe zu ihm. »Aber wo bleibt er denn? Läßt +er mich allein mit meinem Leiden?« dachte sie mit einem Gefühl des +Vorwurfs, und vergaß dabei, daß sie selbst vor ihm doch alles verborgen +hielt, was ihren Sohn betraf. Sie sandte zu ihm mit der Bitte, doch +sogleich zu ihr zu kommen; mit stockendem Herzen, sich die Worte +vergegenwärtigend, mit denen sie ihm alles sagen wollte, und die Worte +seiner Liebe, mit welchen er sie trösten würde, erwartete sie ihn. Der +Bote kam mit dem Bescheid zurück, der Herr habe Besuch, würde aber +sofort kommen; Wronskiy hatte befohlen, bei ihr anzufragen, ob sie ihn +zusammen mit dem Fürsten Jaschwin, der nach Petersburg gekommen sei, +empfangen könne. + +»Er kommt nicht allein, und hat mich doch seit dem gestrigen Mittag +nicht gesehen,« dachte sie, »er kommt nicht allein, daß ich ihm alles +sagen kann, sondern mit Jaschwin.« Und plötzlich tauchte ein seltsamer +Gedanke in ihr auf. »Wie wenn er aufgehört hätte, sie zu lieben?« + +Und indem sie die Vorkommnisse der letzten Tage musterte, schien ihr, +als ob sie in allem eine Bestätigung dieses entsetzlichen Gedankens +sehe; schon darin, daß er gestern nicht zu Haus zu Mittag gespeist +hatte, daß er darauf bestanden hatte, sie möchten in Petersburg +getrennt logieren, wie darin, daß er jetzt nicht einmal allein zu ihr +kam, gerade als ob er einem Wiedersehen Auge in Auge mit ihr aus dem +Wege gehen wollte. + +»Aber er muß mir dies sagen. Ich muß es wissen; und so bald ich es +weiß, dann weiß ich auch, was ich zu thun habe,« sagte sie zu sich, +ohne Fähigkeit, sich die Lage vorzustellen, in welche sie kommen würde, +wenn sie sich von seiner Gleichgültigkeit überzeugte. Sie glaubte, er +habe aufgehört, sie zu lieben, sie fühlte sich der Verzweiflung nahe, +und infolge dessen besonders reizbar. Sie schellte der Zofe und begab +sich nach dem Ankleidezimmer. Beim Ankleiden beschäftigte sie sich +mehr als während der letztvergangenen Tage mit ihrer Toilette, als ob +Wronskiy sie, wenn er sie nicht mehr lieben sollte, deshalb von neuem +lieben müsse, weil sie diese Robe und jene Frisur, die ihr besser +standen, trug. + +Sie hörte die Glocke, noch bevor sie fertig war. Als sie in den Salon +trat, begegnete nicht er, sondern Jaschwin ihrem Blick. Jaschwin +betrachtete die Photographieen ihres Sohnes, die sie auf dem Tische +vergessen hatte, und er beeilte sich nicht eben, den Blick nach ihr zu +wenden. + +»Wir sind ja Bekannte,« sagte sie, ihre kleine Hand in die große +Jaschwins legend, der in Verwirrung geraten war -- was sich bei dem +riesigen Wuchs und dem derben Gesicht desselben sonderbar genug +ausnahm. -- »Wir sind Bekannte seit dem vorigen Jahre, von den Rennen. +Gebt doch her,« sagte sie, mit schneller Bewegung die Bilder des +Sohnes, die er ansah, vor Wronskiy wegnehmend, und ihn bedeutungsvoll +mit den blitzenden Augen anschauend. »Waren im gegenwärtigen Jahre die +Rennen gut? Anstatt der unsrigen, habe ich die Rennen auf dem Corso +in Rom gesehen. Ihr liebt übrigens wohl nicht das Leben im Ausland?« +frug sie mit freundlichem Lächeln. »Ich kenne Euch, und kenne alle Eure +Geschmacksrichtungen, obwohl ich Euch wenig begegnet bin.« + +»Das thut mir sehr leid, da meine Geschmacksrichtungen immer schlechter +werden,« sagte Jaschwin, sich in seinen linken Schnurrbart beißend. + +Nachdem er noch einige Zeit geplaudert und bemerkt hatte, daß +Wronskiy nach der Uhr blickte, frug Jaschwin sie, ob sie noch lange +in Petersburg bleiben werden und griff, seine mächtige Gestalt +einknickend, ans Käppi. + +»Wahrscheinlich nicht mehr lange,« sagte sie voll Verwirrung, auf +Wronskiy blickend. + +»So sehen wir uns also nicht wieder?« antwortete Jaschwin, aufstehend +und sich an Wronskiy wendend, »wo speisest du?« + +»Kommt, mit mir zu dinieren,« sagte Anna entschlossenen Tones, +gleichsam erzürnt über sich selbst wegen ihrer Verlegenheit, aber +errötend, wie dies stets bei ihr der Fall war, wenn sie vor einer ihr +nicht vertrauten Persönlichkeit ihre Meinung äußerte. »Das Essen ist +hier nicht gut, aber Ihr könnt ihn doch wenigstens wiedersehen. Aleksey +liebt von allen seinen Kameraden aus dem Regiment keinen so, wie Euch.« + +»Sehr erfreut,« sagte Jaschwin mit einem Lächeln, aus dem Wronskiy +ersah, daß ihm Anna sehr gefiel. + +Jaschwin empfahl sich und ging, Wronskiy blieb allein zurück. + +»Du gehst auch?« sagte sie. + +»Ich habe mich schon verspätet,« antwortete er, »geh! Ich komme dir +sogleich nach!« rief er Jaschwin nach. + +Sie nahm ihn bei der Hand und blickte ihn, ohne das Auge abzuwenden, +an, in ihren Gedanken suchend, was sie ihm sagen sollte, um ihn +zurückzuhalten. + +»Warte, ich habe dir etwas zu sagen,« seine kleine Hand nehmend, preßte +sie dieselbe an ihren Hals, »nicht wahr, es thut nichts, daß ich ihn +zum Essen geladen habe?« + +»Das hast du ganz recht gemacht,« sagte er, mit ruhigem Lächeln seine +engstehenden Zähne zeigend und ihre Hand küssend. + +»Aleksey, du bist nicht anders geworden gegen mich?« sprach sie, mit +beiden Händen seine Rechte drückend. »Aleksey, ich quäle mich hier ab, +wann reisen wir?« + +»Bald, bald. Du kannst nicht glauben, wie auch mir das Leben hier +schwer ist,« sagte er, seine Hand ausstreckend. + +»Nun so geh, geh,« sagte sie verletzt und ging schnell von ihm hinweg. + + + 32. + +Als Wronskiy heimkehrte, war Anna noch nicht wieder da. Bald nach ihm +war, wie man ihm sagte, eine Dame angekommen und mit dieser zusammen +sei sie weggefahren. + +Daß sie weggefahren war, ohne gesagt zu haben wohin, was bei ihr bis +jetzt noch nicht der Fall gewesen war, daß sie noch an diesem Morgen +ausgefahren, ohne ihm etwas davon zu sagen -- alles das, zusammen mit +dem seltsam aufgeregten Ausdruck ihres Gesichts heute früh und mit der +Erinnerung an die feindselige Haltung, mit welcher sie in Gegenwart +Jaschwins die Bilder ihres Sohnes fast seinen Händen entrissen hatte, +stimmte ihn nachdenklich. + +Er schloß, daß es notwendig sei, sich mit ihr auszusprechen, und er +erwartete sie nun in ihrem Salon. Anna kehrte indessen nicht allein +zurück, sondern brachte ihre Tante mit sich, eine alte Jungfer, die +Fürstin Oblonskaja. Das war die Dame, welche heute früh angekommen und +mit welcher Anna Einkäufe zu machen ausgefahren war. + +Anna schien den besorgten und fragenden Ausdruck der Züge Wronskiys +nicht zu bemerken, und berichtete ihm heiter, was sie heute Morgen +gekauft habe. Er sah, daß in ihr etwas Besonderes vorgehe; denn in +ihren blitzenden Augen lag, wenn sie sich auf ihn im Vorübergleiten +hefteten, eine gespannte Aufmerksamkeit, und in ihrer Rede, in ihren +Bewegungen jene nervöse Schnelligkeit und Grazie, die ihn in der ersten +Zeit ihrer Bekanntschaft so bestrickt hatte, jetzt aber beunruhigte und +erschreckte. + +Das Diner wurde für Vier gedeckt. Alle waren bereits versammelt, um +in das kleine Speisezimmer zu gehen, als Tuschkjewitsch mit einem +Auftrag für Anna von der Fürstin Betsy ankam. Die Fürstin Betsy bat +um Entschuldigung, daß sie nicht gekommen sei, um Abschied zu nehmen. +Sie fühle sich unwohl, bat aber Anna, zwischen halb acht und neun Uhr +zu ihr zu kommen. Wronskiy blickte Anna an bei dieser Zeitbestimmung, +welche bewies, daß Maßregeln getroffen waren, sie niemandem begegnen zu +lassen, doch schien dies Anna gar nicht zu bemerken. + +»Sehr schade, daß ich gerade zwischen halb acht und neun Uhr nicht +kann,« sagte sie mit leisem Lächeln. + +»Die Fürstin wird das sehr bedauern.« + +»Auch ich.« + +»Ihr wollt wahrscheinlich die Patti hören?« sagte Tuschkjewitsch. + +»Die Patti? Ihr gebt mir da einen guten Gedanken ein. Ich würde +hinfahren, wenn es möglich wäre, eine Loge zu erhalten.« + +»Ich kann sie erhalten,« brüstete sich Tuschkjewitsch. + +»Ach, da würde ich Euch recht sehr dankbar sein,« antwortete Anna, +»aber wollt Ihr nicht mit uns speisen?« + +Wronskiy zuckte kaum merklich die Achsel; er verstand absolut nicht, +was Anna that. Weshalb brachte sie diese alte Fürstin mit, weshalb +veranlaßte sie Tuschkjewitsch, mitzuspeisen, und, was am wunderbarsten +war, weshalb schickte sie ihn nach einer Loge? War es denn denkbar, daß +sie in ihrer Lage in das Abonnement der Patti fuhr, wo die gesamte, +ihr bekannte Welt zugegen sein würde? Mit ernstem Blick schaute er +sie an, doch sie antwortete ihm mit jenem herausfordernden, weniger +heiteren, als verzweifelten Blick, dessen Bedeutung er nicht verstehen +konnte. Bei Tische war sie provozierend heiter, sie kokettierte fast +mit Tuschkjewitsch und Jaschwin. Als man vom Tische aufstand und +Tuschkjewitsch wegfuhr, um die Loge zu bestellen, während Jaschwin +ging, um zu rauchen, begab sich Wronskiy mit letzterem zusammen hinweg +in seine Zimmer. Nachdem er einige Zeit hier verweilt hatte, eilte er +wieder nach oben. Anna hatte sich schon in eine hellseidene Toilette +mit Samt geworfen, die für sie in Paris gefertigt worden war, mit +offener Brust und kostbaren weißen Spitzen auf dem Kopfe, die ihr +Gesicht einrahmten, und ihre blendende Schönheit besonders vorteilhaft +hervorhob. + +»Ihr fahrt bestimmt zum Theater?« sagte er, sie geflissentlich nicht +ansehend. + +»Weshalb fragt Ihr so voll Furcht?« antwortete sie, aufs neue verletzt +davon, daß er sie nicht anblickte, »weshalb sollte ich nicht?« -- + +Sie schien den Sinn seiner Worte gar nicht zu verstehen. + +»Natürlich, nicht die geringste Ursache, warum man es nicht thun +sollte,« antwortete er finster werdend. + +»Das sage ich eben auch,« versetzte sie, mit Absicht keine Ironie in +ihren Ton legend, und ruhig den schmalen, duftenden Handschuh umwendend. + +»Anna, um Gott! Was ist mit Euch?« frug er, sie zur Besinnung bringend, +ganz ebenso, wie einst ihr Mann zu ihr gesprochen hatte. + +»Ich verstehe nicht, wonach Ihr fragt.« + +»Ihr wißt, es ist unmöglich ins Theater zu fahren.« + +»Warum? Ich fahre ja nicht allein. Die Fürstin Barbara geht, um sich +anzukleiden, sie wird mit mir fahren.« + +Er zuckte die Schultern mit dem Ausdruck der Unentschlossenheit und +Verzweiflung. + +»Aber wißt Ihr denn nicht« -- begann er. + +»Ich will nichts wissen!« schrie sie fast auf. »Ich will nicht! Bereue +ich denn, was ich gethan habe? Nein, nein, und aber nein! Und geschähe +wieder das Nämliche, von Anfang an, so wäre es wieder so. Für uns, für +mich und Euch ist nur Eines von Wichtigkeit: ob wir uns gegenseitig +lieben! -- Andere Erwägungen giebt es nicht! Wozu wohnen wir hier +gesondert und sehen uns nicht? Warum kann ich nicht ins Theater fahren? +Ich liebe dich und mir ist alles gleich,« sprach sie russisch, mit +jenem eigenartigen, unverständlichen Glanz der Augen auf ihn blickend, +»wenn du dich nicht verändert hast. Warum schaust du mich nicht an?« + +Er blickte sie an. Er sah die ganze Schönheit ihres Gesichts, dieser +Toilette, die ihr stets so gut zu Gesicht stand. Aber jetzt war gerade +ihre Schönheit und Eleganz das, was ihn betroffen machte. + +»Meine Empfindungen können sich nicht ändern; Ihr wißt es, aber ich +bitte Euch, nicht dorthin zu fahren, ich beschwöre Euch,« sprach er, +wieder auf französisch, und mit zärtlicher Bitte in der Stimme, aber +Kälte im Blick. + +Sie hörte seine Worte nicht, sondern sah nur die Kälte des Blicks und +antwortete gereizt: + +»Ich bitte Euch nur, mir zu erklären, warum ich nicht fahren soll.« + +»Weil es Euch Ursache werden könnte zu« -- er blieb stecken. + +»Ich verstehe nichts. Jaschwin =n'est pas compromettant= und die +Fürstin Barbara ist in nichts schlechter, als die anderen. -- Da ist +sie ja!« -- + + + 33. + +Wronskiy empfand zum erstenmale ein Gefühl des Verdrusses, fast des +Zornes über Anna, wegen ihres absichtlichen Mißverstehens ihrer +Situation. Dieses Gefühl verstärkte sich noch dadurch, daß er ihr +die Ursache seines Verdrusses nicht aussprechen konnte. Hätte er ihr +offen mitgeteilt, was er dachte, dann hätte er ihr gesagt: »In dieser +Toilette sich mit der jedermann bekannten, unverheirateten Fürstin +im Theater zu zeigen -- hieß nicht nur die Lage eines gefallenen +Weibes selbst eingestehen, sondern auch, der Welt eine Herausforderung +zuschleudern, oder, mit anderen Worten, sich für immer von dieser +lossagen.« + +Dies konnte er ihr nicht sagen. »Aber wie kann sie es nicht verstehen, +und was geht in ihr vor?« sagte er zu sich. Er fühlte, wie sich zu +ein und derselben Zeit seine Achtung vor ihr verminderte, während die +Erkenntnis ihrer Schönheit in ihm wuchs. + +Finster kehrte er nach seinem Zimmer zurück und befahl, sich zu +Jaschwin setzend, welcher seine langen Beine auf einen Stuhl gestreckt +hatte und einen Cognac mit Selterwasser trank, ihm das Nämliche zu +bringen. + +»Du sagst, der Moguschtschij Lankowskiys. Das ist ein gutes Pferd, +ich rate dir, es zu kaufen,« sagte Jaschwin, das finstere Gesicht des +Kameraden musternd. »Er hat zwar ein Hängekreuz -- aber seine Füße und +der Kopf -- etwas besseres kann man nicht verlangen!« + +»Ich denke, daß ich ihn kaufen werde,« antwortete Wronskiy. + +Das Gespräch über die Pferde beschäftigte ihn zwar, aber er vergaß +nicht eine Minute Annas, unwillkürlich dem Klange der Schritte auf dem +Korridor lauschend, und nach der Uhr auf dem Kamin blickend. + +»Anna Arkadjewna hat befohlen zu melden, daß sie ins Theater gefahren +ist.« + +Jaschwin stürzte noch ein Glas Cognac mit Sodawasser hinunter, stand +auf und knöpfte sich zu. + +»Nun, fahren wir?« sagte er, fein lächelnd unter dem Schnurrbart, und +mit diesem Lächeln zeigend, daß er den Grund der Mißstimmung Wronskiys +begreife, derselben aber keine Bedeutung beimesse. + +»Ich werde nicht mitfahren,« versetzte Wronskiy. + +»Ich aber muß; ich habe es versprochen. Nun denn, auf Wiedersehen. +Kommst du in den Klub? Du kannst Krusinskijs Platz nehmen,« sagte er im +Gehen noch. + +»Nein, ich habe Geschäfte.« + +»Mit einem Weibe hat man schon Sorgen, aber mit einer, die nicht unser +Weib ist, ist es noch schlimmer,« dachte Jaschwin, das Hotel verlassend. + +Wronskiy, allein geblieben, erhob sich vom Stuhle und begann im Zimmer +auf und abzuschreiten. + +»Was ist denn heute? Das vierte Abonnement. Jegor ist mit seiner Frau +dort und meine Mutter wahrscheinlich. Das heißt, ganz Petersburg +ist da. Jetzt kommt sie nun, legt den Pelz ab und tritt in die +Gesellschaft. Tuschkjewitsch, Jaschwin und die Fürstin Barbara,« malte +er sich aus, »und ich? Entweder fürchte ich mich, oder ich habe meine +Protektion über sie an Tuschkjewitsch abgetreten. Wie man die Sache +auch betrachten mag -- sie ist dumm, dumm! -- Aber warum bringt sie +mich nur in diese Lage?« sagte er, mit der Hand ausschlagend. + +Mit dieser Bewegung traf er den kleinen Tisch, auf welchem das +Selterswasser und eine Caraffe mit Cognac stand und stieß ihn fast um. +Er wollte ihn halten, ließ ihn aber fallen, und voll Verdruß stieß er +ihn mit dem Fuße um. Er schellte. + +»Wenn du bei mir dienen willst,« sagte er zu dem eintretenden +Kammerdiener, »so merke dir deinen Dienst. Daß dies nicht wieder +vorkommt! Du hast Ordnung zu machen.« + +Der Kammerdiener, welcher sich schuldlos fühlte, wollte sich +rechtfertigen, mit einem Blick auf seinen Herrn aber gewahrte er +an dessen Miene, daß er hier nur zu schweigen habe, und ließ sich, +geschäftig zusammengekrümmt, auf den Teppich nieder, auf dem er +die ganz gebliebenen und die zerbrochenen Gläser und Flaschen +zusammenzulesen anfing. + +»Das ist nicht deine Arbeit, geh, der Diener kann das zusammenlesen, +lege mir meinen Frack bereit!« -- + + * * * * * + +Wronskiy ging halb neun Uhr ins Theater. Die Vorstellung war in vollem +Gange. + +Der Theaterdiener, ein kleiner Alter, nahm Wronskiy den Pelz ab +und begrüßte ihn, nachdem er ihn wiedererkannt hatte, mit »Eure +Durchlaucht;« schlug ihm vor, lieber nicht eine Nummer zu nehmen, und +rief einfach Fjodor. In dem hellen Korridor war niemand außer dem +Theaterdiener und zwei Lakaien mit Pelzen auf den Armen, die an der +Thüre horchten. Aus einer verschlossenen Thür heraus waren die Klänge +des vorsichtigen Accompagnements des Orchesters in =staccato= hörbar, +sowie die einer weiblichen Stimme, welche ausgezeichnet ein Recitativ +vortrug. Die Thür öffnete sich, den Theaterdiener durchlassend und +der Satz, welcher zu Ende ging, traf klar ans Ohr Wronskiys. Die Thür +schloß sich indessen sofort wieder und Wronskiy hörte das Ende und die +Kadenz nicht mehr, nahm aber an dem dröhnenden Beifallsklatschen durch +die Thür heraus wahr, daß die Schlußkadenz zu Ende sei. + +Als er in den hell von Lustres und bronzenen Gasarmen erleuchteten Saal +trat, dauerte der Lärm noch fort. Auf der Scene stand eine Sängerin, +schimmernd in ihren entblößten Schultern und ihren Brillanten, sich +verbeugend und lächelnd, und sammelte mit Hilfe ihres Tenors, der +sie an der Hand führte, die ungeschickt über die Rampe geworfenen +Bouquets auf, wobei sie zu einem Herrn, mit einem Scheitel in der Mitte +der pomadeglänzenden Haare, welcher sich mit langen Armen mit einem +Gegenstande über die Rampe beugte, trat, und das gesamte Publikum im +Parterre wie in den Logen, voller Bewegung, sich vorbeugte, rief und +klatschte. + +Der Kapellmeister auf seinem erhöhten Platze half bei der Übergabe +des Gegenstandes und ordnete dann seine weiße Krawatte. Wronskiy trat +in die Mitte des Parterre und begann, stehen bleibend, Umschau zu +halten. Weniger als je, widmete er seine Aufmerksamkeit der bekannten, +gewohnten Umgebung, der Bühne, und diesem Lärm, dieser ganzen, +wohlbekannten, bunten Schar der Zuschauer in dem dichtbesetzten +Theater, die ihn nicht interessierten. + +Dieselben gewissen Damen mit den gewissen Offizieren waren da wieder +im Hintergrund der Logen; dieselben buntfarbigen Damen, Gott weiß wer +sie waren, und Uniformen und Röcke, der nämliche schmutzige Haufe +auf dem Paradies oben, und in dieser ganzen Masse, in den Logen, dem +ersten Rang befanden sich nur einige vierzig »wirkliche« Herren und +Damen. Nach dieser Oase richtete sich sogleich Wronskiys Augenmerk und +sogleich war auch er mit ihr in Beziehung getreten. + +Der Akt war zu Ende, als er eintrat, und daher schritt er, ohne in die +Loge seines Bruders zu treten, bis zur ersten Reihe, und blieb an der +Rampe bei Serpuchowskoy stehen, welcher, das eine Knie geknickt und +mit dem Absatz gegen die Rampe klappend, ihn schon von weitem erblickt +hatte, und ihn mit einem Lächeln zu sich rief. + +Wronskiy hatte Anna noch nicht wahrgenommen; er blickte absichtlich +nicht nach der Seite, auf der sie war, doch sah er schon an der +Richtung der Blicke, wo sie sich befand. Verstohlen blickte er um sich, +suchte sie aber nicht. Das Schlimmste erwartend, suchte er mit den +Augen Aleksey Aleksandrowitsch; doch zu seinem Glück war derselbe für +diesmal nicht im Theater. + +»Wie wenig vom Soldaten ist doch an dir geblieben,« sagte +Serpuchowskoy. »Diplomat, Artist -- das wäre so Etwas für dich.« + +»Ja, ja, als ich nach Haus kam, zog ich den Frack an,« sagte Wronskiy +lächelnd, langsam sein Augenglas nehmend. + +»Ich beneide dich eigentlich, offen gestanden darin. Stets, wenn ich +aus dem Ausland heimkehre, und dies wieder anlege,« sagte er, seine +Epauletten berührend, »dann thut es mir leid um die Freiheit.« + +Serpuchowskoy hatte schon längst seine Erwartungen bezüglich einer +dienstlichen Wirksamkeit Wronskiys aufgegeben, liebte diesen aber noch +wie früher, und war jetzt besonders liebenswürdig gegen ihn. + +»Schade, daß du dich zu dem ersten Akte verspätet hast.« + +Wronskiy, der nur mit halbem Ohr zuhörte, ließ sein Glas über die +Bel-Etage gleiten und musterte die Logen. Neben einer Dame im Turban +und einem kahlköpfigen Alten, der zornig in dem Glase des auf ihn +gerichteten Krimstechers blinzelte, erblickte Wronskiy plötzlich +den Kopf Annas, stolz, frappierend in seiner Schönheit, lächelnd in +der Umrahmung der Spitzen. Sie saß nur zwanzig Schritte von ihm von +vorn, und sprach, leicht gewendet, zu Jaschwin etwas. Die Haltung +ihres Kopfes auf den schönen breiten Schultern und der verhalten +herausfordernde Glanz ihrer Augen und ihres ganzen Antlitzes erinnerte +ihn ganz an sie, wie er sie ebenso auf dem Balle in Moskau erblickt +hatte. Jetzt aber empfand er diese Schönheit ganz anders. In seinem +Gefühl für sie lag nichts Geheimnisvolles mehr, und daher zog ihn zwar +ihre Schönheit selbst stärker noch als früher an, zugleich damit aber +bereitete sie ihm jetzt auch Schmerz. Sie schaute nicht in der Richtung +nach ihm, aber Wronskiy fühlte, daß Anna ihn schon gesehen hatte. + +Als Wronskiy das Glas abermals nach jener Richtung bewegte, bemerkte +er, daß die unverheiratete Fürstin Barbara auffallend rot aussah, +unnatürlich lachte und unaufhörlich nach der Nachbarloge blickte. Anna +hingegen, die den Fächer zusammengelegt hatte und mit ihm auf den roten +Sammet klopfte, schaute in unbestimmter Richtung, und sah nicht, oder +wollte offenbar nicht sehen, was in der Nachbarloge vorging. Auf dem +Gesicht Jaschwins lag jener Ausdruck, den es annahm, wenn er verspielt +hatte. Mürrisch nahm er tiefer und tiefer seinen linken Schnurrbart in +den Mund und schielte nach der gleichen Nachbarloge hinüber. + +In dieser, ihnen zur Linken, befanden sich die Kartasoff. Wronskiy +kannte sie, und wußte auch, daß Anna mit ihnen bekannt war. Die +Kartasowa, ein mageres, kleines Weib, stand in ihrer Loge, und +warf, mit dem Rücken gegen Anna gewandt, einen ihr von ihrem Gatten +gereichten Überwurf um. Ihr Gesicht sah blaß und böse aus und sie +sprach in erregtem Tone. Kartasoff, ein dicker, kahlköpfiger Herr, +schaute Anna fortwährend an und bemühte sich dabei, seine Frau zu +besänftigen. Nachdem diese gegangen war, zögerte er noch lange, suchte +mit seinen Augen den Blick Annas und wollte sie offenbar grüßen. +Anna jedoch, die ihn offenbar absichtlich nicht bemerkte, hatte sich +rückwärts gewandt und sprach zu Jaschwin, der sich zu ihr mit seinem +frisierten Kopfe herniederbeugte. Kartasoff ging, ohne grüßen zu +können, und die Loge stand leer. + +Wronskiy erkannte nicht, was zwischen den Kartasoff und Anna +vorgefallen sei, aber er begriff, daß etwas für Anna Erniedrigendes +geschehen war. + +Er erkannte dies schon an dem, was er wahrnahm, und vor allem an dem +Gesicht Annas, die -- er wußte es -- ihre letzten Kräfte zusammennahm, +um die einmal übernommene Rolle zu Ende zu führen. Diese Rolle, die +äußerlich Ruhige zu spielen, gelang ihr vollständig. Wer sie und +ihre Kreise nicht kannte, nicht alle die Äußerungen des Bedauerns, +des Unwillens und der Verwunderung seitens der Frauen darüber hörte, +daß sie sich erlaubt hatte, in der Welt zu erscheinen und sich mit +ihrem Spitzenschmuck und ihrer Schönheit so bemerkbar zu machen, die +bewunderten die Ruhe und Schönheit dieser Frau und ahnten nicht, +daß sie die Empfindungen eines Menschen in sich trug, der an den +Schandpfahl gestellt ist. + +In der Gewißheit, daß Etwas vorgefallen sei, aber ohne zu wissen +was, fühlte Wronskiy eine quälende Unruhe und begab sich, in der +Hoffnung, etwas darüber erfahren zu können, nach der Loge seines +Bruders. Absichtlich einen der Loge Annas gegenüberliegenden Gang +im Parterre wählend, stieß er im Hinausgehen mit seinem früheren +Regimentskommandeur, der mit zwei Bekannten sprach, zusammen. Wronskiy +hörte, daß der Name der Karenin genannt wurde, und bemerkte, wie der +Regimentskommandeur sich beeilte, laut den Namen Wronskiys zu nennen, +indem er die Sprechenden anblickte. + +»Ah, Wronskiy! Wann kommst du denn einmal zum Regiment? Wir können dich +nicht ohne ein Fest fortlassen. Du bist unser Stammhalter,« sagte der +Regimentskommandeur. + +»Es thut mir sehr leid, ein ander Mal,« sagte Wronskiy und eilte die +Treppe hinauf in die Loge seines Bruders. + +Die alte Gräfin, die Mutter Wronskiys, mit ihren stahlblauen Haarlocken +befand sich in derselben. Warja und die Fürstin Sorokina begegneten +ihm auf dem Korridor der Bel-Etage. + +Nachdem Warja die Fürstin Sorokina zu ihrer Mutter geführt hatte, +reichte sie ihrem Schwager die Hand, und begann dann sogleich mit ihm +über das zu sprechen, was ihn interessierte. Sie war so aufgeregt, wie +er sie nur selten gesehen hatte. + +»Ich finde, daß dies niedrig und gemein ist, und Madame Kartasowa dazu +nicht das geringste Recht hatte. Madame Kartasowa« -- begann sie. + +»Aber was ist denn? Ich weiß gar nicht« -- + +»Wie, du hast nicht gehört?« + +»Du hörst wohl, daß ich der Letzte bin, der also davon erfährt.« + +»Giebt es wohl ein schlechteres Geschöpf, als diese Kartasowa.« + +»Aber was hat sie denn gethan?« + +»Mir hat es mein Mann erzählt -- sie hat die Karenina beleidigt. +Ihr Mann hatte mit dieser über die Loge hinüber gesprochen, und die +Kartasowa ihm darauf eine Scene gemacht. Sie hat, wie er mir erzählt, +sich laut in kränkender Weise ausgesprochen und ist dann gegangen.« + +»Graf, Mama läßt Euch rufen,« sagte die Fürstin Sorokina, aus der Thür +der Loge blickend. + +»Ich warte schon lange auf dich,« sprach die Mutter zu ihm, sarkastisch +lächelnd. »Man sieht dich ja gar nicht mehr.« + +Der Sohn erkannte, daß sie ein Lächeln der Freude nicht unterdrücken +konnte. + +»Guten Tag, =Maman=; ich kam eben zu Euch,« sagte er kühl. + +»Warum gehst du denn nicht, =faire la cour à madame Karènine=?« fügte +sie hinzu, als die Fürstin Sorokina weggetreten war. »=Elle fait +sensation. On oublie la Patti pour elle=.« -- + +»=Maman=, ich bat Euch, nur nicht hiervon zu sprechen,« antwortete er +sich verfinsternd. + +»Ich spreche nur das, was alle sprechen.« + +Wronskiy erwiderte nichts, und ging wieder, nachdem er der Fürstin +Sorokina noch einige Worte gesagt hatte. In der Thür begegnete er +seinem Bruder. + +»Ah, Aleksey,« sagte dieser. »Welche Niedrigkeit! Diese Närrin -- +weiter ist sie nichts! Ich wollte soeben zu ihr gehen. Komm, wir gehen +zusammen.« -- + +Wronskiy hörte ihn nicht. Mit schnellen Schritten stieg er hinunter; er +empfand, daß er etwas thun müsse, wußte aber nicht, was. Sein Verdruß +über Anna, daß sie sich und ihn in eine so schiefe Lage gebracht hatte, +doch auch das Mitleid mit ihr wegen ihrer Leiden, versetzten ihn in +Aufregung. Er ging hinunter ins Parterre und schritt geradenwegs auf +den Platz Annas zu. Neben diesem stand Stremoff, der sich mit ihr +unterhielt. + +»Tenöre giebt es eben nicht mehr. =Le moule en est brisé=!« + +Wronskiy verneigte sich vor ihr und blieb stehen, Stremoff begrüßend. + +»Ihr scheint spät gekommen zu sein und die besten Arien nicht gehört +zu haben,« sagte Anna zu Wronskiy, ihn spöttisch anblickend, wie ihm +schien. + +»Ich bin ein schlechter Kritiker,« antwortete er, streng auf sie +schauend. + +»Wie der Fürst Jaschwin,« sagte sie lächelnd, »welcher findet, daß die +Patti zu laut singt. Ich danke Euch,« mit der kleinen Hand im hohen +Handschuh einen von Wronskiy aufgehobenen Theaterzettel nehmend; und +plötzlich, in diesem Augenblick, erbebten ihre schönen Züge. Sie stand +auf und begab sich in die Tiefe der Loge. + +Als Wronskiy bemerkt hatte, daß im folgenden Akt ihre Loge leer +war, ging er, während sich in dem bei den Tönen einer Kavatine +stillgewordenen Theater ein Zischeln erhob, aus dem Parterre und fuhr +heim. + +Anna war schon zu Haus. Als Wronskiy bei ihr eintrat, befand sie sich +noch in der Toilette, in welcher sie im Theater gewesen war. Sie saß +auf dem nächsten an der Wand stehenden Lehnstuhl und starrte vor sich +hin. Sie blickte ihn an und nahm dann ihre frühere Stellung wieder ein. + +»Anna!« sagte er. + +»Du, du bist schuld an allem!« rief sie unter Thränen der Verzweiflung +und der Wut in der Stimme, und erhob sich. + +»Ich habe dich gebeten, dich beschworen, nicht zu fahren; ich habe +gewußt, daß es dir unangenehm werden würde« -- + +»Unangenehm!« rief sie, -- »entsetzlich! So lange ich lebe, werde ich +dies nicht vergessen! -- Sie hat gesagt, es sei entehrend, neben mir +sitzen zu müssen!« -- + +»Die Worte eines thörichten Weibes,« sagte er, »aber wozu mußtest du +dazu herausfordern?« + +»Ich hasse deine Ruhe! Du durftest mich nicht so weit bringen. Wenn du +mich geliebt hättest« -- + +»Anna! Wozu hier eine Frage nach meiner Liebe« -- + +»Ja, wenn du mich liebtest, wie ich dich liebe, wenn du dich +martertest, wie ich mich martere« -- sprach sie, mit dem Ausdruck des +Entsetzens auf ihn blickend. + +Es that ihm wehe um sie, und dennoch empfand er auch Verdruß. Er +versicherte sie seiner Liebe, weil er sah, daß nur dies allein sie +jetzt beruhigen konnte, und machte ihr keine Vorwürfe mit Worten; wohl +aber tadelte er sie in seinem Innern. + +Und jene Versicherungen der Liebe, die ihm so niedrig erschienen, daß +es ihm schwer ankam, sie auszusprechen, sog sie in sich ein und wurde +etwas ruhiger. Am andern Tage fuhren beide, vollständig ausgesöhnt, auf +das Land. + + + + + Sechster Teil. + + 1. + + +Darja Aleksandrowna verbrachte den Sommer mit den Kindern in +Pokrowskoje bei ihrer Schwester Kity Lewina. + +Auf ihrem Gute war das Wohnhaus gänzlich in Verfall geraten, und +Lewin mit seiner Gattin hatten ihr zugeredet, den Sommer bei ihnen +zuzubringen. + +Stefan Arkadjewitsch billigte dieses Arrangement sehr; er drückte sein +Bedauern darüber aus, daß der Dienst ihn verhindere, den Sommer mit der +Familie zusammen auf dem Dorfe zu verleben, was für ihn das höchste +Glück bilde, und kam, in Moskau bleibend, nur selten für einen Tag oder +für zwei auf das Land. + +Außer den Oblonskiys mit all ihren Kindern und der Gouvernante war bei +Lewins während dieses Sommers noch die alte Fürstin, welche es für +ihre Pflicht hielt, ihre unerfahrene Tochter im Auge zu behalten, die +sich in gewissen Umständen befand. Weiterhin hatte auch Warenka, die +Freundin Kitys, von dem Aufenthalt im Auslande her ihr Versprechen +erfüllt, zu Kity zu kommen, wenn diese verheiratet sein würde, und war +jetzt bei ihrer Freundin zu Besuch. + +Alles waren Verwandte und Freunde der Frau Lewins, aber obgleich +dieser sie alle lieb hatte, war es ihm doch einigermaßen leid um seine +»Lewinsche Welt« und die Ordnung, welche durch diese Überschwemmung +mit dem »Schtscherbazkischen Element«, verschlungen worden war, wie er +sich selbst sagte. Von Verwandten seiner Linie weilte in diesem Sommer +nur Sergey Iwanowitsch zu Besuch da, und auch dieser war kein Mensch +von Lewins, sondern von Koznyscheffschem Schlag, so daß Lewins geistige +Sphäre vollständig unterdrückt war. + +In Lewins so lange verödet gewesenem Hause befanden sich jetzt so +viel Menschen, daß fast alle Räume besetzt waren, und fast jeden Tag +kam es vor, daß die alte Fürstin, wenn sie bei Tische sitzend alles +überzählte, den dreizehnten, Enkel oder Enkelin, an einen besonderen +kleinen Tisch setzen mußte. Auch für Kity, die sich sorgsam mit der +Hauswirtschaft befaßte, gab es nicht wenig Sorge um die Beschaffung der +Hühner, Kapaunen und Enten, welche bei dem Sommerappetit der Gäste und +der Kinder zahlreich verbraucht wurden. + +Die ganze Familie saß bei Tische. Die Kinder Dollys machten mit der +Gouvernante und Warenka Pläne, wohin sie Pilze suchen gehen wollten. +Sergey Iwanowitsch, welcher im Kreise sämtlicher Gäste einen Respekt +vor seinem Geist und seiner Gelehrsamkeit genoß, der fast bis zur +Verehrung ging, sah alles in die Unterhaltung von den Pilzen vertieft. + +»Aber mich nehmt Ihr doch auch mit Euch. Ich gehe sehr gern Pilze +suchen,« sagte er, Warenka anblickend, »und finde, daß das ein sehr +hübscher Zeitvertreib ist.« + +»Nun, wir werden uns sehr freuen,« antwortete Warenka errötend. Kity +wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Dolly. Der Vorschlag des +gelehrten und geistreichen Sergey Iwanowitsch, mit Warenka Pilze +suchen zu wollen, stützte gewisse Vermutungen in Kity, welche diese in +jüngster Zeit lebhaft beschäftigt hatten. Schnell begann sie mit ihrer +Mutter zu sprechen, damit ihr Blick nicht bemerkt werden möchte. + +Nach Tisch setzte sich Sergey Iwanowitsch mit seiner Tasse Mokka an das +Fenster im Salon, ein mit dem Bruder begonnenes Gespräch fortsetzend +und dabei nach der Thür blickend, zu welcher die Kinder hinausgehen +mußten, die sich fertig machten, in die Pilze zu gehen. + +Lewin saß auf dem Fenster bei seinem Bruder, Kity stand neben ihrem +Manne, sichtlich auf das Ende des für sie nicht interessanten Gesprächs +wartend, um ihm etwas mitzuteilen. + +»Du hast dich sehr verändert, seit du verheiratet bist, und zwar +zu deinem Vorteil,« sagte Sergey Iwanowitsch, Kity zulächelnd und +augenscheinlich von der Unterhaltung wenig interessiert, »aber du bist +deiner Leidenschaft, die paradoxesten Themen zu verteidigen, getreu +geblieben.« + +»Katja, es ist für dich nicht gut, zu stehen,« sagte der Gatte zu ihr, +einen Stuhl heranschiebend und sie bedeutungsvoll anschauend. + +»Ah; ich habe übrigens gar keine Zeit mehr,« fügte Sergey Iwanowitsch +hinzu, die hinauseilenden Kinder erblickend. + +Allen voran, von seitwärts im Galopp mit den drallsitzenden +Strümpfchen, ein Körbchen und den Hut Sergey Iwanowitschs schwingend, +kam Tanja gerade auf letzteren zugeeilt. Frohmutig auf ihn zueilend mit +leuchtenden Augen, die in ihrer Schönheit denen des Vaters so ähnlich +waren, reichte sie Sergey Iwanowitsch den Hut und that, als wolle +sie ihm denselben aufsetzen, mit schüchternem, sanftem Lächeln ihre +Ungebundenheit zügelnd. + +»Warenka wartet schon,« sagte sie, ihm den Hut behutsam aufsetzend, +nachdem sie an dem Lächeln Sergey Iwanowitschs erkannt hatte, daß sie +dies dürfe. + +Warenka stand in der Thür, in einem gelben Kattunkleid, um den Kopf ein +weißes Tuch geschlungen. + +»Ich komme schon, ich komme, Barbara Andrejewna,« sagte Sergey +Iwanowitsch, seine Tasse Mokka leerend und ein Schnupftuch nebst dem +Cigarrenetuis in seinen Taschen verteilend. + +»Wie reizend ist doch meine Warenka, nicht wahr?« sagte Kity zu ihrem +Manne, sobald Sergey Iwanowitsch aufgestanden war. Sie sagte dies so, +daß Sergey Iwanowitsch sie vernehmen konnte, woran ihr offenbar gelegen +war. »Und wie schön sie ist, wie edel schön! Warenka!« rief Kity. »Ihr +werdet wohl im Mühlenholz sein? Wir kommen zu Euch hin!« + +»Du vergißt doch entschieden deinen Zustand Kity,« bemerkte die alte +Fürstin, schnell zur Thür herauskommend, »du darfst nicht so schreien.« + +Warenka, welche die Stimme Kitys sowie die Äußerung der Mutter +vernommen hatte, kam leichten Schrittes zu Kity geeilt. Die +Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die Farbe, welche ihr munteres +Gesicht bedeckte -- alles das bewies, daß in ihr etwas Ungewöhnliches +vorging. Kity wußte, was dieses Ungewöhnliche war, und beobachtete +sie aufmerksam. Sie hatte jetzt Warenka nur gerufen, um ihr für ein +wichtiges Ereignis, welches sich nach ihrer Erwägung heute, nach Tische +im Walde vollziehen mußte, innerlich Segen zu wünschen. + +»Warenka, ich würde sehr glücklich, wenn sich etwas ereignen sollte,« +sagte Kity flüsternd und sie küssend. + +»Ihr werdet aber mit uns kommen?« sagte Warenka in Verwirrung geratend, +zu Lewin, und gab sich den Anschein, als habe sie gar nicht gehört, was +zu ihr gesagt worden war. + +»Ich werde kommen, doch nur bis zur Tenne, und dort werde ich bleiben.« + +»Was hast du denn vor?« sagte Kity. + +»Ich muß die neuen Fuhren inspizieren und nachzählen,« antwortete +Lewin, »doch wo wirst du bleiben?« + +»Auf der Terrasse.« + + + 2. + +Auf der Terrasse hatte sich die ganze weibliche Gesellschaft +versammelt. Die Damen liebten es, überhaupt dort nach Tische zu sitzen, +aber heute gab es da sogar etwas zu thun. Außer dem Nähen und Sticken, +womit sich alle beschäftigten, wurde heute Eingemachtes nach einer +für Agathe Michailowna ganz neuen Methode -- ohne Zuguß von Wasser -- +zubereitet. + +Kity hatte diese neue Methode, welche bei ihr zu Haus in Gebrauch +war, eingeführt. Agathe Michailowna, welcher früher dieses Geschäft +anvertraut gewesen war, hatte in der Ansicht, daß das, was im Haus +der Lewin gemacht wurde, doch nicht schlecht sein könne, gleichwohl +ihr Wasser über die Wald- und Gartenerdbeeren mit der Versicherung +gegossen, daß es unmöglich anders sein könne, aber sie wurde in ihrer +Meinung überführt, und jetzt brodelte vor aller Augen die Himbeere, und +Agathe Michailowna mußte sich überzeugt sehen, daß auch ohne Wasser das +Eingemachte gut werde. + +Agathe Michailowna mit erhitztem, erbittertem Gesicht, wirren Haaren, +und bis an den Ellbogen entblößten, hageren Armen schwenkte die +Schüssel im Kreise über dem Feuerbecken und blickte grollend auf die +Beeren, aus Seelengrunde wünschend, sie möchten nicht gar werden. + +Die Fürstin, welche merkte, daß auf sie, als die hauptsächlichste +Ratgeberin bei der Zubereitung der Beeren, der Zorn Agathe Michailownas +gerichtet sein müsse, bemühte sich, den Anschein zu wahren, als sei sie +mit ganz anderen Dingen beschäftigt, und interessiere sich gar nicht +für die Himbeeren; sie sprach von Nebensächlichem, schaute aber immer +dabei seitwärts nach dem Kohlenbecken. + +»Ich kaufe den Mädchen stets Kleider,« sagte die Fürstin, ein +begonnenes Gespräch fortsetzend -- »wollen wir jetzt nicht den Schaum +abnehmen, Liebe?« -- fügte sie aber hinzu, sich an Agathe Michailowna +wendend. »Das brauchst du durchaus nicht selbst zu thun, es ist heiß,« +hielt Kity diese dabei zurück. + +»Ich werde es thun,« sagte Dolly, stand auf und begann behutsam den +Löffel über den schäumenden Zucker zu führen; bisweilen damit, um +von ihm das daran haften Gebliebene zu entfernen, auf einen Teller +klopfend, der bereits von mischfarbigem, gelbrotem Schaum und flüssigem +blutrotem Syrup bedeckt war. »Wie sie das schlecken werden zum Thee,« +gedachte sie dabei ihrer Kinder und rief sich ins Gedächtnis zurück, +wie sie selbst, als sie noch ein Kind gewesen, sich schon immer +verwundert hatte, daß die Erwachsenen nicht gerade das Beste äßen -- +nämlich den Schaum -- »Stefan sagt, es sei bei weitem besser, Geld +zu geben,« sagte Dolly dabei, das begonnene, interessante Gespräch +darüber, wie man die Dienstleute beschenken solle, fortsetzend, +»allein« -- + +»So viel es möglich ist, Geld,« sagten wie mit einer Stimme die Fürstin +und Kity. »Sie schätzen das.« + +»Nun, ich habe beispielsweise im vergangenen Jahre unserer Matrjona +Ssemjonowna ein Kleid gekauft,« sprach die Fürstin. + +»Ich besinne mich, zu Eurem Geburtstage ging sie darin.« + +»Ein reizendes Muster -- so einfach und fein. Ich hätte es mir selbst +machen lassen, wenn es nicht ihr gehört hätte; -- so, wie das von +Warenka war es. So hübsch und billig.« + +»Jetzt scheint es fertig zu sein,« sagte Dolly, den Syrup vom Löffel +laufen lassend. + +»Wenn Kringel werden, ist es gut. Kocht noch weiter, Agathe +Michailowna.« + +»Diese Fliegen,« antwortete Agathe Michailowna gereizt. + +»O, wie niedlich, verjagt ihn nicht!« sprach Kity plötzlich, auf einen +Spatz blickend, der sich auf dem Geländer niedergesetzt hatte und das +Mark einer Himbeere zu picken begann. + +»Ja, aber du mußt etwas weiter vom Kohlenbecken weg,« sprach die Mutter. + +»=A propos de Warenka=,« begann Kity französisch, wie sie stets +sprachen, damit Agathe Michailowna sie nicht verstehe. »Ihr wißt, +=maman=, daß ich heute aus gewissen Gründen eine Entscheidung erwarte. +Ihr versteht wohl, welche. Wie schön wäre das!« + +»Ah, welch meisterhafte Freibewerberin du bist,« sprach Dolly, »wie sie +behutsam und geschickt die Leute zusammenführt.« + +»Nun, =maman=, sagt doch, was Ihr dazu meint!« + +»Was soll ich meinen? Er« -- unter dem Er verstand man Sergey +Iwanowitsch -- »konnte stets die erste Partie in Rußland machen, er ist +zwar jetzt nicht mehr so jung, aber gleichwohl, ich weiß es, würden ihn +auch jetzt noch viele Frauen nehmen. Sie ist sehr gut, aber er könnte +doch« -- + +»Nein, seht nur erst ein, =maman=, warum etwas Besseres für ihn, wie +für sie nicht zu denken ist. Erstens -- sie ist eine Schönheit!« sprach +Kity, einen Finger ausstreckend. + +»Sie gefällt ihm sehr, das ist wahr,« bestätigte Dolly. + +»Dann nimmt er eine solche Stellung in der Welt ein, daß ihm ein +Vermögen, ein Stand in der Welt für seine Frau ganz und gar nicht +erforderlich ist. Ihm ist Eins nur nötig -- ein gutes, liebevolles +ruhiges Weib.« + +»Jawohl, und mit ihr kann man ruhig leben,« bestätigte Dolly. + +»Drittens; sie muß ihn lieben! So ist es ja auch -- und soweit wäre +alles ganz gut. Ich erwarte, daß sie aus dem Walde kommen und alles +entschieden ist. Ich werde es sogleich an ihren Augen erkennen; und +würde mich so sehr freuen! Wie denkst du darüber, Dolly?« + +»Rege dich nur nicht auf. Du darfst dich durchaus nicht erregen,« sagte +die Mutter. + +»Aber ich rege mich ja gar nicht auf, =maman=; mir scheint nur, daß er +heute seinen Antrag machen wird.« + +»Ach; es ist so seltsam, wenn ein Mann eine Liebeserklärung macht. Erst +ist so eine Scheidewand vorhanden, und plötzlich ist sie durchbrochen,« +sagte Dolly, gedankenvoll lächelnd und sich an die Vergangenheit mit +Stefan Arkadjewitsch erinnernd. + +»Mama, wie hat Euch denn Papa seine Liebeserklärung gemacht?« frug Kity +plötzlich. + +»Es war nichts Außergewöhnliches dabei, sehr einfach,« antwortete die +Fürstin, aber ihr ganzes Gesicht erglänzte bei dieser Erinnerung. + +»Nun, wie denn? Ihr habt ihn doch geliebt, bevor Euch noch erlaubt war, +mit ihm zu sprechen.« + +Kity fand einen eigenen Reiz darin, mit ihrer Mutter jetzt wie mit +einer Gleichgestellten über diese höchsten Fragen des Frauenlebens +sprechen zu können. + +»Versteht sich, liebte er mich! Er kam zu uns auf das Land.« + +»Aber wie entschied es sich? Mama?« + +»Du denkst wahrscheinlich, daß ihr beide euch etwas Neues ausgedacht +hättet? Es war ganz dieselbe Geschichte; mit Blicken und Lächeln« -- + +»Wie Ihr das so schön ausgesprochen habt, =maman=! Ja, die Augen, das +Lächeln,« bestätigte Dolly. + +»Aber welche Worte sprach er denn?« + +»Was für Worte hat dir dein Konstantin gesagt?« + +»Er schrieb sie mit Kreide. Es war wunderbar. Wie weit scheint mir dies +schon dahinten zu liegen,« antwortete Kity. + +Die drei Frauen sannen jetzt über ein und dasselbe nach. Kity brach +zuerst wieder das Schweigen. Der ganze letzte Winter vor ihrer +Verheiratung, ihre Leidenschaft für Wronskiy kam ihr wieder ins +Gedächtnis. + +»Aber noch Eins -- jene frühere Leidenschaft Warenkas,« sagte sie, +in einem natürlichen Gedankengang sich dessen erinnernd. »Ich wollte +Sergey Iwanowitsch schon irgendwie Mitteilung machen, ihn vorbereiten. +Sie sind ja alle Männer,« fügte sie hinzu, »und entsetzlich +eifersüchtig auf unsere Vergangenheit.« + +»Nicht alle,« antwortete Dolly, »du urteilst so nach deinem Manne; der +martert sich noch jetzt ab in der Erinnerung an Wronskiy. Nicht wahr? +Habe ich nicht recht?« + +»Du hast recht,« antwortete Kity, gedankenvoll mit den Augen lächelnd. + +»Ich weiß nun nicht,« fuhr die Fürstin fort, ihre mütterliche Obhut +für die Tochter wieder übernehmend, »was eigentlich in deiner +Vergangenheit ihn stören könnte? Daß Wronskiy dir den Hof machte? Das +passiert jedem jungen Mädchen.« + +»Ach, sprechen wir nicht davon,« sagte Kity errötend. + +»Nein, gestatte,« fuhr die Mutter fort, »du selbst wolltest mir ja +nicht gestatten, mit Wronskiy Rücksprache zu nehmen. Weißt du noch?« + +»Ach, Mama!« sagte Kity mit einem Ausdruck von Leiden. + +»Deine Beziehungen zu ihm konnten ja nicht weitergehen als sie durften; +ich selbst würde ihn noch ermutigt haben. Doch im übrigen, liebe Seele, +taugt es nicht für dich, wenn du dich erregst. Denke, bitte, hieran, +und beruhige dich.« + +»Ich bin vollkommen ruhig, =maman=.« + +»Wie war es doch zum Glück damals für Kity, daß Anna kam,« sagte +Dolly, »und wie verhängnisvoll wurde das für sie selbst. Da haben wir +es gerade umgekehrt,« fügte sie hinzu, betroffen über ihren eigenen +Gedanken. »Damals war Anna so glücklich und Kity hielt sich für +unglücklich. Welch ein völliger Umschlag! Ich denke oft an sie.« + +»Das wäre das Weib, an welches man denken dürfte! Ein häßliches, +ausschweifendes Weib ohne Herz,« sprach die Mutter, welche nicht +vergessen konnte, daß Kity nicht einen Wronskiy, sondern einen Lewin +geheiratet hatte. + +»Was ist es für ein Vergnügen, hiervon zu sprechen,« fuhr Kity voll +Verdruß fort, »ich denke nicht daran und will nicht daran denken. Ich +will nicht daran denken,« sprach sie, dabei dem wohlbekannten Klang der +Schritte ihres Mannes auf den Stufen zur Terrasse lauschend. + +»Wovon ist denn die Rede >ich will nicht daran denken?<« frug Lewin, +die Terrasse betretend. + +Niemand antwortete ihm, und er wiederholte seine Frage nicht. + +»Ich bedaure, euer Frauenreich gestört zu haben,« sprach er, +mißvergnügt alle anblickend und wohl gewahrend, daß man über etwas +gesprochen hatte, wovon man in seiner Gegenwart nicht geredet haben +würde. + +Einen Augenblick empfand er, daß er die Gefühle Agathe Michailownas +teile, die Unzufriedenheit darüber, daß man die Himbeeren ohne Wasser +einkoche, und über den fremdartigen Einfluß der Schtscherbazkiy. Er +lächelte aber doch und trat zu Kity. + +»Nun, wie befindest du dich?« frug er sie, mit dem gleichen Ausdruck +auf sie blickend, mit welchem sich ihr jetzt alle zuwandten. + +»Oh; ich befinde mich recht wohl,« sagte Kity lächelnd, »und wie geht +es bei dir?« + +»Man fährt dreimal mehr, als der Wagen aushält. Aber wollen wir zu den +Kindern hinausfahren? Ich habe anspannen lassen.« + +»Wie, willst du Kity im Wagen ausfahren?« frug die Mutter vorwurfsvoll. + +»Wir fahren natürlich Schritt, Fürstin.« + +Lewin nannte die Fürstin nie =maman=, wie das sonst Schwiegersöhne +thun, und dies war der Fürstin unangenehm, aber wenn er die Fürstin +auch sehr lieb hatte und achtete, konnte er sie doch nicht so nennen, +ohne die Empfindungen für seine dahingeschiedene Mutter zu entweihen. + +»Fahret mit uns, =maman=,« sagte Kity. + +»Ich will diese Unüberlegtheit nicht mit ansehen.« + +»Dann gehe ich zu Fuß. Ich befinde mich ja ganz wohl.« Kity erhob sich, +trat zu ihrem Gatten und nahm dessen Arm. + +»Ganz wohl, aber alles mit Maßen« -- bemerkte die Fürstin. + +»Nun, Agathe Michailowna, ist das Eingemachte fertig?« sagte Lewin +lächelnd zu Agathe Michailowna, mit dem Wunsche sie heiter zu stimmen. +»Geht es gut nach der neuen Mode?« + +»Muß wohl; es geht gut. Nach meiner Meinung ist es fertig.« + +»Es ist besser so, Agathe Michailowna; das Eingemachte wird nicht sauer +und bei uns ist das Eis jetzt ohnehin schon gethaut, so daß es keinen +Platz zum Aufbewahren giebt,« sagte Kity, sogleich die Absicht ihres +Mannes durchschauend und sich in der nämlichen Absicht an die Alte +wendend. »Übrigens ist Euer Pökel so gut, daß Mama behauptet, ihn noch +nirgends so gegessen zu haben,« fügte sie hinzu, sich lächelnd einen +Zopf ordnend. + +Agathe Michailowna blickte grollend Kity an. + +»Ihr braucht mich nicht zu trösten, Herrin; ich beurteile Euch, wie er, +und befinde mich wohl dabei« -- sprach sie; der rauhe Ausdruck »er« +statt »der Herr« verletzte Kity. + +»Wir wollen zusammen nach Pilzen gehen, Ihr könnt uns die Plätze +zeigen.« Agathe Michailowna lächelte kopfschüttelnd, als wollte sie +sagen »wenn ich Euch auch gern gram sein möchte, so kann ich es doch +nicht.« + +»Handelt, bitte, nach meinem Rate,« sprach die alte Fürstin, »über das +Eingemachte legt Ihr ein Papier und feuchtet es mit Rum an; auch ohne +Eis wird alsdann niemals ein Kahm darauf kommen.« + + + 3. + +Kity war herzlich froh über die Gelegenheit, mit ihrem Gatten einmal +Auge in Auge allein sein zu können, da sie bemerkt hatte, wie ein +Schatten der Verstimmung über sein Alles so lebhaft ausdrückendes +Gesicht huschte, im Augenblicke da er die Terrasse betreten und man +ihm, als er gefragt hatte, wovon man spreche, nicht antwortete. + +Als sie zu Fuß den anderen vorausgingen und außer Sehweite des Hauses +den ausgefahrenen, staubigen und mit Kornähren und Körnern überstreuten +Weg hinausschritten, stützte sie sich fester auf seinen Arm und preßte +denselben an sich. + +Er hatte jenen momentanen, unangenehmen Eindruck bereits vergessen, +und empfand, in der Einsamkeit mit ihr, jetzt, da ihn der Gedanke an +ihre Schwangerschaft keinen Augenblick verließ, jene ihm noch neue, +freudige, vollkommen von Sinnenlust freie Befriedigung in der Nähe des +geliebten Weibes. + +Zu sprechen war nichts, aber ihn verlangte es, den Ton ihrer Stimme zu +hören, die sich ebenso wie ihr Blick, jetzt in ihrer Schwangerschaft +verändert hatte. In ihrer Stimme wie in ihrem Blicke war eine +Weichheit, ein Ernst, ähnlich jener, die bei Leuten vorhanden zu sein +pflegt, die beständig auf ein einzelnes geliebtes Werk konzentriert +sind. + +»Du wirst doch nicht müde werden? Stütze dich fester,« sagte er. + +»Nein, ich bin so froh über die Gelegenheit, mit dir einmal allein zu +sein, und gestehe dir, daß mir, so wohl mir auch in ihrer Gesellschaft +ist, doch unsere Winterabende zu Zweien recht leid thun.« + +»Es war schön, doch dies ist noch besser. Wir beide sind besser daran,« +sagte er, ihren Arm drückend. + +»Du weißt, wovon wir sprachen, als du eintratest?« + +»Von dem Eingemachten?« + +»Ja, auch von dem Eingemachten, dann aber davon, wie man einen +Heiratsantrag macht.« + +»Ah,« sagte Lewin, mehr den Klang ihrer Stimme hörend, als die Worte +die sie sprach, und fortwährend auf den Weg Bedacht nehmend, der jetzt +im Walde hinführte und diejenigen Stellen vermeidend, die sie nicht +sicher hätte betreten können. + +»Auch von Sergey Iwanowitsch und Warenka. Du hast wohl bemerkt? -- Ich +wünschte es sehr,« fuhr sie fort, »wie denkst du darüber?« Sie blickte +ihm ins Gesicht. + +»Ich weiß nicht, was man da denken muß,« antwortete Lewin und lächelte. +»Sergey erscheint mir in dieser Beziehung sehr seltsam. Ich habe dir +wohl erzählt« -- + +»Daß er jenes Mädchen, welches gestorben ist, geliebt hatte« -- + +»Das war der Fall, als ich noch ein Kind war. Ich kenne dies nur aus +der Überlieferung, kann mich aber noch auf ihn damals besinnen. Er war +wunderbar liebenswert. Seit jener Zeit beobachte ich ihn im Umgang mit +den Frauen; er ist liebenswürdig, manche gefallen ihm auch, aber man +fühlt, daß sie für ihn einfach nur Menschen sind, keine Weiber.« + +»Ja, aber jetzt mit Warenka. Es scheint, daß doch etwas« -- + +»Kann sein, daß dem so ist -- doch muß man ihn eben erst kennen lernen; +er ist ein absonderlicher und wunderlicher Mensch. Er lebt nur ein +geistiges Leben und ist ein Mensch von allzu reinem und erhabenem +Gemüt.« + +»Wie? Sollte ihn denn etwa ein solches Verhältnis erniedrigen?« + +»Nein; aber er ist so daran gewöhnt, ein einsames Geistesleben zu +führen, daß er sich mit der Wirklichkeit nicht vertragen kann, und +Warenka ist doch immerhin eine Wirklichkeit.« + +Lewin war jetzt schon gewohnt, seine Gedanken frei auszusprechen, ohne +sich zu bemühen, dieselben dabei in präcise Worte zu kleiden, er wußte, +daß sein Weib in den Minuten der Liebe, sowie auch jetzt schon aus der +Andeutung verstehen würde, was er sagen wollte, und Kity verstand ihn +auch. + +»Ja; aber in ihr ist doch nicht diese Wirklichkeit, wie in mir; ich +verstehe; daß er mich wohl niemals hätte liebgewinnen können; sie +hingegen ist ganz Gemüt.« + +»O nein; er liebt dich sehr, und mir ist es stets so angenehm, wenn die +Meinigen dich lieb haben.« + +»Ja; er ist gut gegen mich, aber« -- + +»-- nicht so, wie mit dem verstorbenen Nikolay; ihr habt einander +liebgewonnen,« vollendete Lewin. »Weshalb sollte ich das nicht sagen?« +fügte er hinzu, »ich mache mir manchmal Vorwürfe, und das hört erst +damit auf, daß man vergißt. O, welch ein furchterweckender, und doch +reizvoller Mensch war er! Doch wovon sprachen wir?« sagte Lewin, +nachdem er eine Weile geschwiegen hatte. + +»Du denkst, daß er nicht zu lieben vermag,« sagte Kity, in ihre Sprache +übersetzend. + +»Nicht, daß er nicht lieben könnte,« antwortete Lewin lächelnd, »aber +er besitzt nicht die Schwäche, die dazu nötig ist -- ich habe ihn stets +beneidet und selbst jetzt, wo ich doch so glücklich bin, beneide ich +ihn noch darum.« + +»Du beneidest ihn, weil er nicht lieben kann?« + +»Ich beneide ihn darum, daß er besser ist, als ich,« antwortete Lewin +lächelnd. »Er lebt nicht für sich; sein ganzes Leben ist der Pflicht +geweiht, und infolge dessen kann er ruhig und zufrieden sein.« + +»Und du?« frug Kity mit schelmischem, liebevollem Lächeln. + +Sie konnte nicht im entferntesten den Gedankengang ausdrücken, der sie +lächeln machte; aber das letzte Resultat desselben war dies, daß ihr +Gatte, von seinem Bruder entzückt, und sich vor demselben herabsetzend, +nicht mehr aufrichtig blieb. + +Kity wußte, daß diese Heuchelei seinerseits von der Liebe zu dem Bruder +herrührte, von dem Gefühl seiner Besorgtheit darüber, daß er allzu +glücklich sei, und insbesondere seinem Wunsche, der ihn nie verließ, +besser zu sein. Sie liebte dies an ihm und lächelte daher. + +»Und du? Womit bist du unzufrieden?« frug sie mit dem nämlichen Lächeln. + +Ihr Mißtrauen seiner Unzufriedenheit mit sich selbst gegenüber, +erfreute ihn und ohne Besinnen forderte er sie heraus, ihm die Ursachen +ihres Mißtrauens mitzuteilen. + +»Ich bin glücklich, aber mit mir nicht zufrieden,« sprach er. + +»So kannst du also unzufrieden sein, wenn du glücklich bist?« + +»Wie soll ich sagen. Ich wünsche in meinem Herzen nichts, als daß du +nicht strauchelst; so darf man natürlich nicht springen!« brach er das +Gespräch ab, mit einem Vorwurf, weil sie eine zu schnelle Bewegung +gemacht hatte, indem sie über einen auf dem Fußwege liegenden Ast +weggestiegen war, »wenn ich über mich Betrachtungen anstelle und mich +mit anderen vergleiche, besonders mit meinem Bruder, dann fühle ich, +daß ich ein Nichts bin.« + +»Aber inwiefern denn?« fuhr Kity noch mit dem nämlichen Lächeln fort, +»wirkst du etwa nicht auch für andere? Und deine Meiereien, deine +Ökonomie, dein Buch?« + +»Nein; ich fühle es namentlich jetzt -- und du bist schuld daran,« +sagte er, ihr den Arm pressend, »daß dem eben nicht so ist. Ich arbeite +nur so leichthin. Wenn ich all dieses Wirken lieben könnte, wie ich +dich liebe -- aber so habe ich die ganze letzte Zeit gearbeitet, wie +nach einer mir aufgegebenen Lektion.« + +»Und was würdest du da über Papa sagen,« frug Kity; »er ist jedenfalls +auch nichts wert, weil er nichts für das Allgemeine gewirkt hat.« + +»Er? Nein. Aber man muß jene Natürlichkeit, Klarheit, Güte besitzen, +wie dein Vater. Habe ich die etwa? Ich arbeite nicht, ich quäle mich +nur, und alles das hast du mir zugefügt! Wärest du nicht gewesen, so +wäre auch das da noch nicht,« sagte er, mit einem Blick auf ihren +Körper, den sie verstand, »so würde ich alle meine Kräfte auf die +Arbeit verwenden; jetzt aber kann ich dies nicht, und darüber ist mir +das Herz schwer; ich arbeite wie man eine aufgegebene Lektion lernt, +ich heuchle« -- + +»Nun, dann würdest du dich sogleich mit Sergey Iwanowitsch +ausgewechselt wünschen,« sagte Kity. »Würdest wünschen, jene +gemeinnützige Thätigkeit betreiben, und jene aufgegebene Lektion lieben +zu können, wie er sie liebt, und weiter nichts?« + +»Natürlich nicht,« antwortete Lewin. »Im übrigen bin ich ja so +glücklich, daß ich nichts weiter begreife. Du denkst also, daß er ihr +heute schon seinen Antrag machen wird?« fügte er nach einer Pause hinzu. + +»Ich denke, vielleicht aber wird er's auch nicht. Jedenfalls wünsche +ich es aufs Sehnlichste. Da, halt« -- sie beugte sich nieder und +pflückte am Rande des Weges eine wilde Kamille ab. »Nun zähle: Entweder +erklärt er sich heute, oder er erklärt sich nicht,« sprach sie und +reichte ihm die Blume. + +»Er thut es, er thut es nicht,« sagte Lewin, die weißen, schmalen +langen Blätter abreißend. + +»Nein, nein!« hemmte ihn Kity jetzt, seine Hand erfassend, nachdem sie +seinen Fingern voll Erregung gefolgt war. »Du hast zwei abgerissen!« + +»Nun, dafür kommt dann dieses kleine hier nicht mit in Anrechnung,« +antwortete Lewin, ein kurzes, noch nicht entwickeltes Blättchen +abpflückend, »doch da hat uns der Wagen erreicht.« + +»Bist du nicht ermüdet Kity!« rief die Fürstin. + +»Nicht im geringsten!« + +»So setze dich doch in den Wagen, wenn die Pferde ruhig sind, und fahrt +Schritt.« + +Doch in den Wagen zu steigen, hätte keinen Zweck mehr gehabt; man war +schon dem Ziel nahe und alles ging zu Fuß weiter. + + + 4. + +Warenka mit ihrem weißen Tuch auf dem schwarzen Haar, von den Kindern +umringt, und gutherzig und heiter mit ihnen beschäftigt, erschien, +augenscheinlich aufgeregt durch die Möglichkeit einer Erklärung mit dem +Manne, welcher ihr gefallen hatte, sehr anziehend. + +Sergey Iwanowitsch schritt neben ihr hin und ließ nicht nach, ihr +Aufmerksamkeiten zu erweisen. Sie anblickend, rief er sich alle die +freundlichen Worte ins Gedächtnis zurück, die er von ihr vernommen +hatte, alles, was er von ihr Gutes wußte, und erkannte dabei immer mehr +und mehr, daß das Gefühl, welches er für sie empfand, ein gewisses +besonderes war, das er schon lange vorher nur einmal gehegt hatte in +seiner ersten Jugend. Das Gefühl der Freude über ihre Nähe wurde immer +stärker, und ging so weit, daß er, als er ihr einen von ihm gefundenen +Birkenschwamm auf dünnem Stengel in ihren Korb gab, und die Röte der +freudigen und zugleich ängstlichen Aufregung gewahrte, die ihr Gesicht +überdeckte, selbst in Verwirrung geriet, und ihr schweigend zulächelte, +in einer Weise, die nur zu sprechend war. + +»Wenn dem so ist,« sagte er zu sich, »muß ich erwägen und mich +entscheiden, aber mich nicht wie ein Knabe der Verleitung des +Augenblickes hingeben. Ich werde jetzt abgesondert von allen, Pilze +suchen gehen, da sonst meine Ausbeute nicht bemerkenswert ausfallen +wird,« sprach er und ging allein vom Rande des Waldes, an welchem +sie auf dem seidenartigen, niedrigen Grase zwischen vereinzelten +alten Birken hingeschritten waren, nach der Mitte des Waldes zu, wo +zwischen den weißen Birkenstämmen graue Eschen und dunkle Nußbüsche +schimmerten. Nachdem er vierzig Schritt abseits gegangen war und einen +in voller Blüte rosenrot prangenden Busch erreicht hatte, blieb Sergey +Iwanowitsch stehen, da er wußte, daß man ihn nicht mehr sehen könne. + +Rings um ihn herrschte vollkommene Stille. Nur im Wipfel der Birken, +unter welchen er stand, summten gleich einem Bienenschwarm, ohne zu +verstummen, die Fliegen, und vereinzelt klangen auch die Stimmen +der Kinder bis zu ihm. Plötzlich, unweit des Waldrandes, erklang +die Altstimme Warenkas, die Grischa rief, und ein freudiges Lächeln +trat auf die Züge Sergey Iwanowitschs. Seines Lächelns inne werdend, +schüttelte er mißbilligend den Kopf über seinen Zustand, holte das +Cigarrenetuis hervor und begann zu rauchen. Lange gelang es ihm +nicht, das Zündholz an einem Fichtenstamm in Brand zu setzen. Eine +feine Schicht der weißen Rinde haftete auf dem Phosphor und das Feuer +erlosch. Endlich brannte eines der Zündhölzer und der duftige Rauch +der Cigarre verbreitete sich wie ein hin und her wallendes, breites +Tischtuch scharfbegrenzt vor- und rückwärts über dem Busch unter den +herniederhängenden Zweigen der Birke. Mit den Augen den Streifen des +Rauches folgend, ging Sergey Iwanowitsch leisen Schrittes weiter, über +seine seelische Verfassung nachdenkend. + +»Warum sollte ich nicht?« dachte er. »Wäre es ein Strohfeuer oder +ein leidenschaftlicher Rausch, fühlte ich nur diese Neigung, diese +wechselseitige Neigung -- ich kann sagen >wechselseitige< -- und fühlte +ich dabei, daß sie im Widerspruch mit meiner ganzen Art zu leben -- +fühlte ich, daß ich in der Hingabe an diese Neigung meinen Beruf, meine +Pflicht verletzte, -- aber dies ist nicht der Fall! Das Einzige, was +ich dagegen sagen kann, ist dies, daß ich, als ich Maria verlor, mir +sagte, ich wollte ihrem Angedenken getreu bleiben. Dies Eine nur kann +ich gegen mein Gefühl einwenden; >und das ist wichtig,<« sagte Sergey +Iwanowitsch zu sich, zugleich dabei empfindend, daß dieser Gedanke +für ihn persönlich keine Bedeutung weiter habe, als die, daß er etwa +in den Augen anderer Leute seine poetische Rolle verdarb. »Abgesehen +hiervon, werde ich, soviel ich auch suchen mag, nichts finden, was ich +gegen meine Empfindung einzuwenden hätte. Hätte ich allein mit meinem +Verstande gewählt, ich könnte nichts Besseres finden.« + +So viele Frauen und Mädchen aus seiner Bekanntschaft er sich auch +vergegenwärtigen mochte, er konnte sich keiner Jungfrau erinnern, die +bis zu solchem Grade alle, gerade alle diejenigen Eigenschaften in sich +vereinigte, welche er bei kühler Beurteilung einmal in seinem Weibe zu +sehen gewünscht hätte. + +Sie besaß den ganzen Reiz und die Frische der Jugend, war aber kein +Kind mehr, und wenn sie ihn liebte, liebte sie ihn mit Bewußtsein, so +wie ein Weib lieben muß. Dies war das Eine. + +Ein Zweites lag darin, daß sie nicht nur der Weltlichkeit fern stand, +sondern offenbar einen Ekel vor der Welt empfand, sie zugleich aber +doch kannte, und alle die Manieren der Frau aus der guten Gesellschaft +besaß, ohne welche für Sergey Iwanowitsch eine Lebensgefährtin +undenkbar war. + +Ein Drittes bestand darin, daß sie religiös war; doch nicht wie ein +Kind, religiös, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, und gut wie +beispielsweise Kity; sondern ihr Leben war auf religiösen Überzeugungen +begründet. Selbst bis auf Kleinigkeiten fand Sergey Iwanowitsch in ihr +alles, was er von einer Frau wünschte; sie war arm und stand allein; so +daß sie keinen Haufen von Verwandten und deren Einfluß mit in das Haus +des Mannes schleppte, so, wie er das bei Kity sah; sie mußte vielmehr +ihrem Gatten in allem verpflichtet sein, was er auch immer für sein +künftiges Familienleben gewünscht hätte. + +Und dieses Mädchen nun, welches alle jene Eigenschaften in sich +vereinte, liebte ihn. Er war bescheiden, mußte dies aber doch +wahrnehmen -- und liebte sie wieder. -- Den einzigen Gegengrund +bildeten seine Jahre. Doch seine Konstitution war dauerhaft, er hatte +noch kein einziges graues Haar, niemand maß ihm vierzig Jahre bei und +er entsann sich, daß Warenka gesagt hatte, nur in Rußland hielten sich +die Leute von fünfzig Jahren für Greise, während sich in Frankreich +der fünfzigjährige Mann »=dans la force de l'âge=« erachte, ja, der +vierzigjährige als »=un jeune homme=«. + +Aber was bedeutete die Altersrechnung, da er sich jung an Geist fühlte, +so wie er es vor zwanzig Jahren gewesen? War denn nicht Jugend das +Gefühl, welches er jetzt empfand, da er, auf der anderen Seite wieder +zu dem Rande des Waldes hinaustretend, im hellen Glanz der schrägen +Sonnenstrahlen die graziöse Gestalt Warenkas im gelben Kleid und +mit dem Körbchen, leichten Schrittes an dem Stamm einer alten Birke +vorüberschreitend erblickte, und der Eindruck dieser Erscheinung +Warenkas in Eins zusammenfloß mit dem ihn durch seine Schönheit +frappierenden Anblick des von den schrägen Lichtstrahlen übergossenen, +gelbschimmernden Haferfeldes und des alten fernen Waldes hinter dem +Felde, der, mit Gelb ins Bunte spielend, in blauer Ferne verschwamm? + +Sein Herz zog sich zusammen vor Lust, ein Gefühl des Friedens überkam +ihn, und er empfand, daß er einen Entschluß gefaßt hatte. + +Warenka, welche sich soeben niedergelassen hatte, um einen Pilz +aufzunehmen, erhob sich mit schneller Bewegung und schaute sich um. +Die Cigarre wegwerfend, begab sich Sergey Iwanowitsch mit schnellen +Schritten auf sie zu. + + + 5. + +»Barbara Andrejewna, als ich noch sehr jung war, hatte ich mir ein +Ideal vom Weib gebildet, wie ich es einmal lieben wollte und welches +mein Weib nennen zu können, ich glücklich sein würde. Ich habe nun ein +langes Leben gelebt und begegne jetzt zum erstenmal dem, was ich suche, +in Euch. Ich liebe Euch und trage Euch meine Hand an.« -- + +Sergey Iwanowitsch hatte dies zu sich selbst gesagt, während er noch +zehn Schritte von Warenka entfernt war. Auf den Knieen liegend, und mit +den Händen einen Pilz vor Grischa schützend, rief sie die kleine Mascha. + +»Hierher, hierher; ihr Kleinen! Hier sind viel!« rief sie mit ihrer +milden Bruststimme. + +Als sie den Sergey Iwanowitsch herankommen sah, erhob sie sich nicht, +veränderte auch ihre Stellung nicht; alles aber sagte ihm, daß sie sein +Kommen fühle und sich dessen freue. + +»Habt Ihr denn etwas gefunden?« frug sie unter ihrem weißen Tuch +hervor, ihm das schöne, ruhig lächelnde Antlitz zukehrend. + +»Nicht einen einzigen,« sagte Sergey Iwanowitsch, »und Ihr?« + +Sie antwortete ihm nicht, mit den Kindern beschäftigt, die sie +umringten. + +»Noch diesen, neben dem Zweige da,« wies sie der kleinen Mascha einen +kleinen eßbaren Erdschwamm, dessen elastischer roter Hut quer von einem +trockenen Grase durchschnitten war, unter dem er sich hervorgemacht +hatte. + +Warenka erhob sich, als Mascha den Pilz, den sie in zwei Hälften +zerbrochen hatte, aufgenommen hatte. + +»Dies ruft mir meine eigene Kindheit ins Gedächtnis,« fügte sie hinzu, +an der Seite Sergey Iwanowitschs von den Kindern hinwegschreitend. + +Sie gingen schweigend einige Schritte. Warenka sah, daß er sprechen +wollte; sie vermutete auch, was, und erstarrte fast in freudiger +Erregung und Angst. Beide waren so weit hinweg geschritten, daß sie +niemand mehr vernehmen konnte, aber noch begann er nicht zu sprechen. +Für Warenka wäre es besser gewesen, zu schweigen. Nach einigem +Stillschweigen war es leichter, das zu sagen, was sie sagen wollte, +als nach den Worten über die Pilze, aber gegen ihren Willen, gleichsam +wider Erwarten, sprach sie: + +»So habt Ihr also nichts gefunden? Inmitten des Waldes giebt es +allerdings stets weniger.« + +Sergey Iwanowitsch seufzte und erwiderte nichts. Es war ihm +verdrießlich, daß sie wieder von den Pilzen anfing. Hatte er sie doch +auf ihre ersten Worte, die sie über ihre Kindheit gesagt hatte, führen +wollen. Gleichsam wider seinen Willen, äußerte er nun, nachdem er +einige Zeit geschwiegen, eine Bemerkung zu ihren letzten Worten. + +»Ich habe nur gehört, daß die weißen vorzugsweise am Rande stehen, +obwohl ich den weißen nicht zu unterscheiden verstehe.« + +Wieder vergingen einige Minuten; sie gingen noch weiter von den Kindern +hinweg und waren jetzt vollständig allein. Das Herz Warenkas pochte so +stark, daß sie seine Schläge vernahm, und empfand, daß sie errötete, +blaß wurde und wieder errötete. + +Die Frau eines Mannes wie Koznyscheff zu sein, nach ihrer Stellung +bei Madame Stahl, erschien ihr als Gipfel des Glücks. Dann aber war +sie auch fest überzeugt, daß sie ihn liebe; und dies sollte nun bald +entschieden werden. Ihr war furchtbar zu Mut; furchtbar, daß er +sprechen würde, furchtbar, daß er nicht sprach. + +Jetzt oder nie mußte man sich erklären; und dies empfand auch Sergey +Iwanowitsch. Alles, im Blick, in der Röte ihres Gesichts, in den +niedergeschlagenen Augen Warenkas, zeigte ihm ihre schmerzliche +Erwartung. Sergey Iwanowitsch sah es und empfand Mitleid mit ihr. Er +fühlte sogar, daß es sie bedeutend verletzt haben würde, wenn er jetzt +nicht sprach. Er wiederholte nun schnell im Geiste die Gründe, die +für seinen Entschluß sprachen, er wiederholte die Worte, mit welchen +er seinen Antrag ausdrücken wollte; anstatt dieser Worte aber frug er +infolge einer ihn unerwartet überkommenden Idee plötzlich: + +»Welcher Unterschied ist denn zwischen einem weißen Pilz und einem +Birkenschwamm?« + +Die Lippen Warenkas bebten vor Erregung, als sie antwortete: »In den +Köpfen ist fast gar kein Unterschied, nur im Stengel.« + +Und kaum waren diese Worte gesagt, so hatte er wie sie erkannt, daß +alles vorüber war; daß das, was hätte gesagt werden müssen, nun nicht +gesagt werden würde, und die gemeinsame Erregung, die auf den höchsten +Grad gestiegen war, begann sich zu legen. + +»Der Birkenpilz -- sein Stengel -- erinnert an einen seit zwei Tagen +nicht rasierten Bart eines Brünetten,« sagte Sergey Iwanowitsch, schon +ruhig geworden. + +»Ja, es ist wahr,« antwortete Warenka lächelnd; unwillkürlich hatte +sich die Richtung ihrer Promenade verändert. Sie begannen sich den +Kindern wieder zu nähern. Warenka war es schmerzlich zu Mute, und +sie empfand Scham, zugleich aber auch verspürte sie ein Gefühl der +Erleichterung. + +Als Sergey Iwanowitsch heimgekehrt war und alle seine Beweisgründe +wiederum durchmusterte, fand er, daß er falsch spekuliert hatte. Er +konnte an dem Gedächtnis Marias nicht Verrat üben. + +»Stiller, Kinder, seid stiller!« rief Lewin fast zornig den Kindern zu, +vor seinem Weibe stehend, um es zu schützen, als der Haufe der Kinder +mit Freudengeschrei ihnen entgegenflog. + +Nach den Kindern war auch Sergey Iwanowitsch mit Warenka aus dem Walde +gekommen. Kity brauchte Warenka nicht zu fragen; an dem ruhigen und +etwas kühlen Ausdruck auf beider Gesichtern erkannte sie, daß sich ihre +Pläne nicht verwirklicht hatten. + +»Nun, wie steht es?« frug ihr Gatte sie, als sie wieder nach Hause +zurückgekehrt waren. + +»Er nimmt sie nicht,« sagte Kity, in Lächeln und Sprachweise an den +Vater gemahnend, was Lewin häufig mit Vergnügen an ihr wahrnahm. + +»Warum sollte er nicht?« -- + +»So steht es,« sprach sie, die Hand des Gatten ergreifend, sie an ihren +Mund führend und mit geschlossenen Lippen berührend; »so wie man die +Hand des Priesters küßt.« + +»Wer aber mag denn wohl nicht?« sagte er lachend. + +»Beide. -- Sie müßten so hier« -- + +»Es kommen Bauern vorüber« -- + +»Sie haben nichts gesehen.« -- + + + 6. + +Während die Kinder den Thee erhielten, saßen die Erwachsenen auf dem +Balkon und unterhielten sich, als sei nichts vorgefallen, obwohl doch +alle und insbesondere Sergey Iwanowitsch und Warenka, recht gut wußten, +daß sich ein wenn auch negativer, so doch sehr wichtiger Umstand +ereignet hatte. + +Sie empfanden beide das nämliche Gefühl, ähnlich dem, welches wohl +ein Schüler haben mag, der nach einem mißglückten Examen in der alten +Klasse zurückgeblieben, oder für immer aus der Anstalt ausgewiesen +worden ist. Alle Anwesenden, gleichfalls empfindend, daß etwas +geschehen sei, sprachen lebhaft von Nebendingen. + +Lewin und Kity fühlten sich besonders glücklich und liebeerfüllt an +diesem Abend. Daß sie glücklich waren in ihrer Liebe, das schloß +freilich einen unangenehmen Wink für diejenigen in sich, welche es +ebenfalls sein wollten und nicht konnten -- und hieraus machten sie +sich ein Gewissen. + +»Denkt an mein Wort, =Alexandre= wird nicht kommen,« sagte die alte +Fürstin. + +Am heutigen Abend erwartete man Stefan Arkadjewitsch von der Bahn, und +auch der alte Fürst hatte geschrieben, daß er vielleicht gleichfalls +kommen werde. + +»Ich weiß, woher es kommt,« fuhr die Fürstin fort, »er sagt, man müsse +junge Leute in der ersten Zeit allein lassen.« + +»So hat Papa auch uns gelassen. Wir haben ihn noch nicht +wiedergesehen,« sagte Kity, »und was wären wir denn für junge Eheleute? +Wir sind doch schon so alt!« + +»Nun, wenn er nicht kommt, muß ich euch verlassen, Kinder,« sprach die +Fürstin, bekümmert seufzend. + +»Was ist dir, Mama?« fielen ihr beide Töchter ins Wort. »Bedenke doch, +sein Befinden -- wir sind doch jetzt« -- + +-- Die Stimme der alten Fürstin begann plötzlich und unverhofft zu +schwanken. Die Töchter verstummten und blickten sich gegenseitig an. +»=Maman= findet stets eine rührende Seite für sich,« sagten sie mit +diesem Blick. Sie wußten nicht, daß, so wohl sich auch die Fürstin +bei ihrer Tochter befand, so notwendig sie sich für diese auch hier +fühlte, es ihr gleichwohl qualvoll traurig zu Mute war, ihr, wie ihrem +Gatten, seit der Zeit, seit welcher sie ihre letzte geliebte Tochter +verheiratet hatten, und das elterliche Heim verödet war. + +»Was ist Euch, Agathe Michailowna?« frug Kity plötzlich die mit +geheimnisvoller Miene und bedeutungsvollem Gesicht stehen gebliebene +Agathe Michailowna. + +»Die Bestimmung für das Abendessen.« + +»Schön so,« sagte Dolly, »gehe du, um deine Verfügungen zu treffen, ich +will mit Grischa dessen Lektion wiederholen; er hat ohnehin heute noch +nichts gethan.« + +»Laß mich doch diese Lektion geben! Nein, Dolly, ich will gehen« -- +sagte Lewin aufspringend. + +Grischa, welcher bereits das Gymnasium besuchte, mußte im Sommer +seine Lektionen repetieren. Darja Aleksandrowna, welche schon in +Moskau mit ihrem Sohne zugleich die lateinische Sprache gelernt hatte, +hatte es sich, nachdem sie zu Lewin gekommen war, zum Gesetz gemacht, +mit ersterem die schwierigsten Lektionen im Lateinischen und der +Arithmetik, wenigstens einmal täglich, zu repetieren. + +Lewin hatte sich erboten, sie abzulösen, aber die Mutter, welche einmal +den Unterricht Lewins mit angehört, und bemerkt hatte, daß derselbe +nicht so erteilt würde, wie der Lehrer in Moskau repetierte, so +erklärte sie ihm, verlegen und sich bemühend, Lewin nicht zu verletzen, +bestimmt, daß man nach dem Buche so vorgehen müsse, wie der Lehrer, und +daß sie dies am liebsten wohl selbst wieder thun möchte. + +Lewin ereiferte sich über Stefan Arkadjewitsch, weil dieser in seiner +Sorglosigkeit sich nicht selbst mit der Überwachung des Unterrichts +befaßte, sondern die Mutter, welche doch nichts davon verstand, +und ferner auch über die Lehrer, weil sie die Kinder so schlecht +unterrichteten; seiner Schwägerin aber gab er das Versprechen, daß er +den Unterricht so geben wolle, wie sie es wünschte. Er ging daher mit +Grischa nicht mehr nach seiner Methode weiter, sondern nach dem Buche, +und daher mit Widerwillen und häufig die Lehrzeit vergessend. + +So war es auch heute. + +»Nein, ich gehe, Dolly, bleib du sitzen,« sagte er; »wir werden schon +alles machen, wie es der Ordnung gemäß ist, nach dem Buche. Sobald +Stefan gekommen ist, wollen wir zur Jagd gehen; wir werden uns dann +schon die Zeit vertreiben.« + +Lewin begab sich zu Grischa. + +Das Nämliche sagte Warenka zu Kity. Warenka hatte es verstanden, sich +in dem glücklichen, wohlbestellten Haus der Lewin nützlich zu machen. + +»Ich will das Abendessen bestellen, Ihr aber bleibt nur sitzen,« sagte +sie und erhob sich, um zu Agathe Michailowna zu gehen. + +»Man hat wohl keine jungen Hühner gefunden. Denn« -- sagte Kity. + +»Ich werde schon mit Agathe Michailowna überlegen« -- und Warenka +verschwand mit dieser. + +»Welch ein liebes Mädchen,« sagte die Fürstin. + +»Nicht lieb, =Maman=, reizend, wie es keines weiter giebt.« + +»So erwartet Ihr also heute Stefan Arkadjewitsch?« sprach Sergey +Iwanowitsch, der augenscheinlich das Gespräch über Warenka nicht +fortzusetzen wünschte. »Es dürfte schwer sein, zwei Schwager zu finden, +die einander weniger ähnlich wären,« sagte er mit feinem Lächeln. »Der +Eine beweglich, nur in der Gesellschaft lebend wie ein Fisch im Wasser; +der Andere, unser Konstantin, lebhaft, schnell, empfänglich für alles; +aber sobald er in der Gesellschaft ist, erstirbt er, oder schlägt sich +sinnlos wie ein Fisch auf dem Lande.« + +»Ja, er ist sehr unüberlegt,« sagte die Fürstin, sich zu Sergey +Iwanowitsch wendend, »ich wollte Euch eben bitten, ihm zu sagen, +daß sie,« sie wies auf Kity, »unmöglich hier bleiben kann, sondern +jedenfalls nach Moskau kommen muß. Er sagt, er würde einen Arzt +verschreiben« -- + +»=Maman=, er thut alles und ist mit allem einverstanden,« antwortete +Kity, voll Verdruß über die Mutter, weil sie in dieser Angelegenheit +Sergey Iwanowitsch zum Richter berief. + +Mitten in ihrer Unterhaltung wurde in der Allee das Schnauben von +Pferden und das Geräusch von Rädern auf dem Schotter vernehmbar. + +Dolly hatte sich noch nicht erhoben, um ihrem Mann entgegenzugehen, +als Lewin aus dem Fenster des Zimmers, in welchem Grischa lernte, +hinabsprang und Grischa heruntersetzte. + +»Es ist Stefan!« rief Lewin unter dem Balkon hinauf, »wir sind fertig +Dolly; fürchte nichts!« fügte er hinzu, und begann wie ein Knabe, der +Equipage entgegenzurennen. + +»=Is, ea id, eius eius eius=,« schrie Grischa, auf der Allee +hinspringend. + +»Und noch jemand ist mit! Wahrscheinlich der Papa!« rief Lewin, am +Eingang der Allee stehen bleibend. »Kity geh nicht zu der steilen +Treppe herunter!« + +Lewin irrte indes, wenn er den, der noch im Wagen saß, für den alten +Fürsten gehalten hatte. Als er dem Wagen näher kam, erkannte er neben +Stefan Arkadjewitsch nicht den Fürsten, sondern einen rot aussehenden, +wohlbeleibten, jungen Mann in schottischer Mütze mit langen +Bandstreifen hinten hinunter. + +Dies war Wasjenka Wjeslowskij, ein Vetter im dritten Gliede von den +Schtscherbazkiy, und ein in Petersburg und Moskau glänzender junger +Mann, »ein ausgezeichneter Mensch und leidenschaftlicher Jäger«, wie +ihn Stefan Arkadjewitsch vorstellte. + +Durchaus nicht verlegen über die Enttäuschung, die er hervorrief, +indem er mit seiner Person die des alten Fürsten vertrat, begrüßte +Wjeslowskij Lewin heiter, an die alte Bekanntschaft erinnernd, und +Grischa in den Wagen hebend, setzte er denselben an des Pointeurs +Stelle, den Stefan Arkadjewitsch mitgebracht hatte, weiterfahrend. + +Lewin setzte sich nicht mit in den Wagen, sondern ging hinterdrein. +Er war verdrießlich, daß der alte Fürst nicht mitgekommen war, den +er umsomehr liebte, je mehr er ihn kennen lernte, sowie darüber, daß +dieser Wasjenka Wjeslowskij, ein vollständig fremder und überflüssiger +Mensch erschienen war. Derselbe kam ihm um so fremder und überflüssiger +vor, als er, indem Lewin zur Freitreppe schritt, auf welcher sich der +ganze lebhafte Trupp der Erwachsenen und Kinder versammelt hatte, +bemerkte, wie Wasjenka Wjeslowskij mit besonderer Zärtlichkeit und +galanter Miene Kity die Hand küßte. + +»Aha, wir sind ja Cousins mit Eurer Frau und alte Bekannte,« sagte +Wasjenka Wjeslowskiy, die Hand Lewins wiederholt außerordentlich stark +drückend. + +»Nun, giebt es viel Wild hier?« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an +Lewin, der kaum mit der Begrüßung eines jeden fertig wurde. »Ich und +der da, wir haben die ernstesten Absichten. Nun =maman=, seit dem +letzten Male nicht wieder in Moskau gewesen! Tanja, für dich habe ich +Etwas! Hole dir's, im Wagen, hinten,« so sprach er nach allen Seiten. +»Wie du dich erholt hast, Dollchen,« sagte er zu seiner Frau, ihr +nochmals die Hand küssend, indem er dieselbe in der seinen hielt und +sie von oben mit der andern sanft pätschelte. + +Lewin, eine Minute zuvor noch in der heitersten Stimmung gewesen, +blickte jetzt finster auf alle; es gefiel ihm jetzt nichts mehr. + +»Wen mag er gestern mit diesen Lippen da geküßt haben?« dachte er, die +Zärtlichkeit Stefan Arkadjewitschs für seine Gattin sehend. Er schaute +Dolly an, und auch sie gefiel ihm nicht. »Sie glaubt doch nicht an +seine Liebe. Weshalb ist sie denn so erfreut? -- Widerlich,« dachte +Lewin. + +Er schaute auf die Fürstin, die einen Augenblick zuvor noch so +liebenswürdig mit ihm gewesen war, und es gefiel ihm die Art und Weise +nicht, mit welcher sie diesen Wasjenka mit seinen Bändern bewillkommte, +als lüde sie ihn in ihr eigenes Haus. + +Selbst Sergey Iwanowitsch, der gleichfalls auf die Freitreppe +herausgetreten war, erschien ihm unangenehm mit jener geheuchelten +Freundlichkeit, mit der er Stefan Arkadjewitsch begegnete, obwohl doch +Lewin wußte, daß sein Bruder Oblonskiy weder liebte noch achtete. + +Selbst Warenka -- selbst diese war ihm zuwider, dadurch, daß sie sich +mit ihrem Ausdruck =sainte nitouche= mit diesem Herrn da bekannt +gemacht hatte, obwohl sie doch nur daran dachte, wie sie wohl einen +Mann bekommen könne. Am allerverhaßtesten aber war ihm Kity, da sie +sich dem nämlichen Tone der Heiterkeit hingab, mit welchem dieser +Herr, wie an einem Festtag, für sich und alle, seine Ankunft auf dem +Dorfe betrachtete, und sie war ihm ganz besonders unangenehm durch das +eigenartige Lächeln, mit welchem sie dem seinigen antwortete. + +In geräuschvoller Unterhaltung gingen alle in das Haus; man hatte sich +aber kaum niedergelassen, als Lewin sich wandte und hinausging. + +Kity sah, daß in ihrem Manne etwas vor sich ging. Sie wollte eine +Minute erhaschen, um mit ihm allein zu sprechen, er aber beeilte sich, +vor ihr fortzukommen, indem er sagte, er müsse nach dem Comptoir. + +Seit langem waren ihm die Wirtschaftsangelegenheiten nicht so wichtig +erschienen, als jetzt. »Sie haben hier immer Feiertag,« dachte er, +»hier aber giebt es Arbeiten, die nicht müßiger Natur sind, welche +nicht warten, und ohne die man nicht existieren kann.« + + + 7. + +Lewin kehrte erst nach Hause zurück, als man ihn zum Abendessen hatte +rufen lassen. Auf der Treppe stand Kity und Agathe Michailowna in der +Beratung über die Weine für das Abendessen. + +»Aber wozu solchen Aufwand machen? Setzt doch vor, was es gewöhnlich +giebt.« + +»Nein; Stefan trinkt nicht -- aber Konstantin, so warte doch, was ist +denn mit dir?« rief Kity, ihm nacheilend; er aber ging unbarmherzig, +ohne auf sie zu warten, mit großen Schritten nach dem Salon und mischte +sich sofort in das allgemeine, lebhafte Gespräch, das hier Wasjenka +Wjeslowskij und Stefan Arkadjewitsch unterhielten. + +»Nun, fahren wir morgen zur Jagd?« sagte Stefan Arkadjewitsch. + +»Bitte, fahren wir,« sagte Wjeslowskij, sich seitwärts auf einen +anderen Stuhl setzend und das fette Bein unterschlagend. + +»Freut mich sehr, wir werden fahren. Habt Ihr schon gejagt dieses +Jahr?« sagte Lewin zu Wjeslowskij, aufmerksam dessen Fuß betrachtend, +aber mit erheuchelter Freundlichkeit, die Kity so gut an ihm kannte, +und die ihm so wenig stand. »Ob wir Wachteln finden werden, weiß ich +nicht, doch Bekassinen sind viel vorhanden; nur muß man zeitig fahren. +Ihr seid doch nicht müde? Bist du nicht ermattet, Stefan?« + +»Ich ermattet? Ich bin noch nie matt gewesen. Wir wollen die ganze +Nacht nicht schlafen! Fahren wir spazieren!« + +»In der That; wir wollen einmal nicht schlafen! Ausgezeichnet!« stimmte +Wjeslowskij bei. + +»O, wir sind davon überzeugt, daß du nicht zu schlafen vermagst, und +andere nicht schlafen lassen kannst,« sagte Dolly zu ihrem Gatten mit +jener kaum bemerkbaren Ironie, mit welcher sie sich jetzt fast stets +an ihn wandte. »Aber nach meiner Ansicht ist es jetzt schon Zeit -- ich +will gehen, ich werde nicht zu Abend essen.« -- + +»Nein, du bleibst sitzen, Dollchen,« rief Stefan Arkadjewitsch, auf +ihre Seite am großen Tische hinübergehend, an welchem zu Abend gegessen +wurde. »Ich habe dir noch soviel zu erzählen.« + +»In Wahrheit aber nichts.« + +»Weißt du, Wjeslowskij war bei Anna; und er wird wieder zu den beiden +fahren. Sie sind freilich einige siebzig Werst weit von euch entfernt. +Auch ich werde zweifellos einmal hinfahren. Wjeslowskij, komm doch +hierher!« + +Wasjenka war zu den Damen gegangen, und hatte sich neben Kity +niedergelassen. + +»Ach bitte erzählt uns doch, bitte, Ihr waret also bei ihr? Wie geht es +ihr?« wandte sich Darja Aleksandrowna an ihn. + +Lewin war auf der anderen Seite des Tisches geblieben und sah, ohne in +dem Gespräch mit der Fürstin und Warenka innezuhalten, daß zwischen +Stefan Arkadjewitsch, Dolly, Kity und Wjeslowskij ein lebhaftes und +geheimnisvolles Gespräch geführt wurde. Obwohl das Gespräch leise +geführt wurde, gewahrte Lewin doch auf dem Gesicht seiner Frau den +Ausdruck einer ernsten Empfindung, als sie unverwandt in das rote +Gesicht Wasjenkas blickte, der lebhaft erzählte. + +»Es geht ihnen sehr gut,« berichtete Wasjenka von Wronskiy und Anna. + +»Ich natürlich möchte es nicht auf mich nehmen, zu urteilen, aber in +ihrem Hause befindet man sich wie in der Familie.« + +»Was beabsichtigen sie denn zu thun?« + +»Wie es scheint, wollen sie für den Winter nach Moskau.« + +»Wie schön wäre es, wenn wir zusammen zu ihnen reisen könnten. Wann +wirst du fahren?« frug Stefan Arkadjewitsch Wasjenka. + +»Ich werde den Juli bei ihnen zubringen.« + +»Und auch du wirst doch mitfahren?« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an +seine Frau. + +»Ich habe schon lange hingewollt und werde sicher fahren,« sagte +Dolly. »Sie thut mir leid, und ich kenne sie. Sie ist ein schönes +Weib. Ich werde allein reisen, wenn du weggehst, und niemand dadurch +belästigen. Es ist sogar besser, wenn du nicht da bist.« + +»Auch gut,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »und Kity?« + +»Ich? Weshalb sollte ich hinreisen?« antwortete Kity, in mächtige +Aufregung geratend, und schaute nach ihrem Gatten. + +»Aber Ihr seid doch mit Anna Arkadjewna bekannt?« frug sie Wjeslowskij, +»sie ist ein sehr anziehendes Weib.« + +»Ja,« antwortete sie Wjeslowskij, noch tiefer errötend, erhob sich, und +ging zu ihrem Manne. + +»Du willst also morgen auf die Jagd fahren?« sagte sie. + +Seine Eifersucht in diesen wenigen Augenblicken war, besonders +angesichts dieser Röte, die ihre Wangen bedeckte, als sie mit +Wjeslowskij sprach, schon hoch gestiegen. Jetzt faßte er, indem er ihre +Worte vernahm, diese nach seiner Weise auf. So seltsam es ihm auch +erschien, wenn er späterhin hieran zurückdachte, jetzt schien es ihm +klar zu sein, daß sie, wenn sie ihn frug, ob er auf die Jagd fahre, nur +interessierte, zu erfahren, ob er Wasjenka Wjeslowskij das Vergnügen +machen wolle, ihm, in den sie nach seiner Auffassung schon verliebt war. + +»Ja, ich werde fahren,« antwortete er mit unnatürlicher, ihm selbst +abstoßend erscheinender Stimme. + +»Aber Ihr verbrächtet doch besser den Tag morgen hier; Dolly hat ja +sonst ihren Mann gar nicht gesehen; übermorgen könntet Ihr fahren,« +sagte Kity. + +Der Sinn dieser Worte Kitys war von Lewin bereits so gewandelt: »Trenne +mich nicht von ihm. Daß du fährst, ist mir ganz gleichgültig, doch laß +mich die Gesellschaft dieses reizenden jungen Mannes genießen.« + +»Ach, wenn du willst, so werden wir morgen zu Haus bleiben,« antwortete +Lewin mit eigentümlicher Zuvorkommenheit. + +Wasjenka mittlerweile, der nicht im geringsten das Leid ahnte, welches +seine Anwesenheit verursacht hatte, war mittlerweile nach Kity vom +Tische aufgestanden und ihr, sie mit freundlichem lächelnden Blick +verfolgend, nachgegangen. + +Lewin sah diesen Blick. Er erblich und vermochte eine Minute nicht, +Atem zu schöpfen. »Wie kann man sich erlauben, so auf mein Weib zu +schauen,« schäumte es in ihm. + +»Also morgen? Fahren wir also,« sagte Wasjenka, sich auf den +Stuhl niederlassend und wiederum nach seiner Gewohnheit den Fuß +unterschlagend. + +Die Eifersucht Lewins stieg noch höher. Er sah sich schon als +betrogenen Gatten, den die Frau und ihr Liebhaber nur dazu brauchen, +ihnen die Annehmlichkeiten des Lebens und Vergnügungen zu gewähren. +Aber nichtsdestoweniger frug er Wasjenka liebenswürdig und +gastfreundlich nach seinen Jagdzügen, seinem Gewehr, den Stiefeln und +war einverstanden damit, morgen zu fahren. + +Zum Glück für Lewin kürzte die alte Fürstin seine Leiden dadurch, daß +sie sich erhob und Kity anriet, schlafen zu gehen. Aber auch hierbei +ging es nicht ohne einen neuen Schmerz für Lewin ab. Als sich Wasjenka +von der Frau des Hauses verabschiedete, wollte er wiederum ihre Hand +küssen, allein Kity sagte errötend, und mit einer naiven Herbheit, +wegen der ihr später die alte Fürstin Vorwürfe machte, indem sie ihm +ihre Hand entzog: »Das ist bei uns nicht üblich!« + +In den Augen Lewins war sie dadurch schuldig, daß sie solche +Beziehungen überhaupt zugelassen hatte, und noch schuldiger, weil sie +so ungeschickt bewiesen hatte, daß dieselben ihr nicht gefielen. + +»Was ist das für ein Vergnügen zu schlafen!« sprach Stefan +Arkadjewitsch, nachdem er beim Abendessen einige Gläser Wein geleert +hatte und in seine gemütliche und poetische Stimmung geraten war. +»Sieh Kity,« sagte er, auf den hinter den Linden heraufsteigenden +Mond weisend, »wie reizend! Wjeslowskij, das wäre etwas, wenn du eine +Serenade singen willst. Weißt du, er hat nämlich eine großartige +Stimme, wir haben zusammen unterwegs gesungen. Er hat schöne Romanzen +mit, zwei neue; die könnte man mit Barbara Andrejewna singen!« + + * * * * * + +Als sich alles schon zurückgezogen hatte, ging Stefan Arkadjewitsch mit +Wjeslowskij noch in der Allee spazieren, und man hörte ihre Stimmen in +der neuen Romanze. + +Lewin saß, den Stimmen lauschend, finster in dem Lehnstuhl im +Schlafgemach seiner Frau und schwieg hartnäckig auf deren Fragen, was +er denn habe; doch als sie endlich selbst schüchtern lächelnd frug: +»hat dir etwa irgend etwas mit Wjeslowskij nicht gefallen?« da brach +es hervor aus ihm, und er sagte alles. Das, was er aber hervorbrachte, +kränkte ihn, und erzürnte ihn nur so noch mehr. + +Er stand vor ihr mit furchtbar unter den finsterzusammengezogenen +Brauen blitzenden Augen, und preßte die starken Hände auf die Brust, +als biete er alle seine Kräfte auf, an sich zu halten. Der Ausdruck +seines Gesichtes wäre rauh und selbst hart gewesen, wenn nicht zugleich +auch der Schmerz sich darauf ausgeprägt hätte, was sie rührte. Seine +Kinnbacken knirschten und seine Stimme brach ab. + +»Verstehe wohl, daß ich nicht etwa eifersüchtig bin; dies ist ein +häßliches Wort! Ich kann nicht eifersüchtig sein und glauben, daß -- +ich kann nicht sagen, was ich fühle, doch dies ist furchtbar! Ich bin +nicht eifersüchtig, aber beleidigt, erniedrigt, dadurch, daß jemand +wagt, zu denken -- wagt, mit solchen Augen auf dich zu blicken!« -- -- + +»Aber mit was für Augen?« sagte Kity, sich bemühend, so gewissenhaft +als möglich sich alle ihre Reden und Bewegungen vom heutigen Abend, +sowie alle Schattierungen derselben ins Gedächtnis zurückzurufen. + +Auf dem Grund ihrer Seele fand sie, daß in jener Minute, als er ihr +nach dem andern Ende des Tisches gefolgt war, in der That etwas +gelegen hatte, aber sie wagte dies nicht einmal auch nur sich selbst +einzugestehen, und entschloß sich daher um so weniger, es ihm zu sagen +und dadurch seinen Schmerz noch zu vergrößern. + +»Was soll nur Anziehendes sein an mir, wie ich jetzt bin« -- + +»Ach!« rief er, sich an den Kopf greifend; »hättest du nicht so +gesprochen -- das heißt also, wenn du anziehend gewesen wärest« -- + +»Mein Konstantin, halt ein, höre doch!« -- sprach sie, ihn mit +leidendem und mitleidvollem Ausdruck anblickend. »Was denkst du nur? Wo +es für mich doch keinen Menschen giebt, keinen, keinen! Willst du, daß +ich niemand hier sehen soll?« + +In der ersten Minute war seine Eifersucht beleidigend für sie gewesen; +es war ihr verdrießlich gewesen, daß ihr auch die kleinste Zerstreuung, +selbst die unschuldigste, untersagt wurde; jetzt aber hätte sie sich +gern, nicht in solchen Kleinigkeiten, sondern in allem für seine Ruhe +geopfert, um ihn von dem Schmerz zu befreien, den er litt. + +»Begreife doch nur das Entsetzliche und das Komische meiner Lage,« +fuhr er in verzweifeltem Flüsterton fort, »daß er in meinem Hause +ist, daß er nichts Unanständiges begangen hat, abgesehen von jener +Ungezwungenheit und dem Übereinanderschlagen seiner Füße. Er hält dies +für den besten Ton, und demzufolge muß ich noch mit ihm liebenswürdig +sein!« + +»Aber, liebster Konstantin, du übertreibst ja,« sagte Kity, in der +Tiefe ihres Herzens erfreut über die Kraft seiner Liebe zu ihr, die +sich jetzt in seiner Eifersucht ausdrückte. + +»Am Entsetzlichsten von allem ist, daß du -- jetzt so wie du es stets +gewesen, ein Heiligtum für mich -- daß wir so glücklich gewesen sind, +so selten glücklich -- und plötzlich konnte dieser Wicht -- nicht +Wicht; weshalb sollte ich ihn schimpfen? -- Ich habe mit ihm nichts zu +schaffen! Aber weshalb soll mein Glück, dein Glück« -- -- + +»Weißt du, ich begreife, woher dies alles gekommen ist,« begann Kity. + +»Woher? Woher?« + +»Ich habe gesehen, wie du blicktest, als wir beim Abendessen sprachen.« + +»Nun ja, nun ja!« sagte Lewin erschreckt. + +Sie erzählte ihm, wovon man gesprochen hatte, und als sie es erzählte, +kam sie vor Erregung außer Atem. Lewin verstummte, betrachtete ihr +bleiches, angstvolles Gesicht und griff sich plötzlich an den Kopf. + +»Katja, ich habe dich gemartert! Mein Täubchen, verzeihe mir! Dieser +Wahnsinn! Katja, ich bin unendlich schuldig! Kann man nur durch solche +Thorheit sich quälen!« + +»Nein, du nur thust mir leid.« + +»Ich? Ich? Was für ein Wahnwitziger ich bin! Weshalb thue ich dir leid? +Es ist mir entsetzlich zu denken, daß jeder fremde Mensch unser Glück +zerstören kann.« + +»Natürlich! das ist eben das Kränkende« -- + +»Nein; so werde ich ihn mit Absicht den ganzen Sommer bei uns behalten +und mich in Liebenswürdigkeiten gegen ihn überbieten,« sprach Lewin, +ihr die Hand küssend. »Du wirst sehen. Morgen. Ja, es ist wahr, morgen +wollen wir fahren.« + + + 8. + +Am andern Tage hatten sich die Damen noch nicht erhoben, als die +Jagdwagen schon vor der Einfahrt standen und Laska, der bereits am +Morgen gemerkt hatte, daß es zur Jagd gehe, sich heulend und nachdem er +sich satt getummelt hatte, in den einen der Wagen neben dem Kutscher +setzte, welcher ärgerlich und mißlaunig über die Verspätung nach der +Thür blickte, aus welcher die Jäger noch immer nicht herauskommen +wollten. + +Zuerst erschien Wasjenka Wjeslowskij, in großen neuen Jagdstiefeln, +welche bis zur Hälfte der dicken Schenkel gingen; in grüner Bluse, +mit einer neuen, nach Juchten duftenden Patronentasche gegürtet und +in seiner Bändermütze und dem neuen englischen Gewehr. Laska sprang +ihm entgegen, begrüßte ihn, sprang an ihm empor und frug ihn auf seine +Weise, ob bald noch die anderen herauskommen würden, kehrte aber dann, +da er keine Antwort von ihm erhielt, auf seinen Warteposten zurück, um +hier wieder still zu werden, den Kopf auf die Seite gewendet und das +eine Ohr spitzend. + +Endlich öffnete sich kreischend die Thür, und heraus flog, sich +wirbelnd und in der Luft drehend, Krak, der hellgescheckte Pointeur +Stefan Arkadjewitschs, worauf dieser selbst heraustrat, die Flinte in +den Händen und die Cigarre im Munde. Freundlich rief er seinem Hunde +zu, der ihm die Pfoten auf Leib und Brust setzte und sich mit denselben +in der Jagdtasche verwickelte. + +Stefan Arkadjewitsch war mit ledernen Schnürstücken mit untergelegten +Strumpflappen an den Füßen, einem zerrissenen Beinkleid und einem +kurzen Rock bekleidet. Auf dem Kopfe saß die Ruine eines Hutes, das +Gewehr aber, nach modernstem System, war ein wahres Spielzeug und +die Jagdtasche und Patrontasche, obwohl abgetragen, von vorzüglicher +Qualität. + +Wasjenka Wjeslowskij hatte früher diese echte Jägerkoketterie +nicht begriffen, in Lumpen zu gehen, und dabei ein Jagdgerät von +vorzüglichster Güte zu führen. Er begriff sie aber jetzt, als er Stefan +Arkadjewitsch mit diesen Lumpen, in all seiner eleganten, wohlgenährten +und behaglich gestimmten Herrenerscheinung erblickte, und faßte den +Entschluß, sich bei der nächsten Jagd unfehlbar ebenso zu equipieren. + +»Nun, und was macht unser Wirt?« frug er. + +»Ein junges Weib,« sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd. + +»Und noch dazu ein reizendes.« + +»Er war bereits angekleidet, aber wahrscheinlich ist er nochmals zu ihr +gelaufen.« + +Stefan Arkadjewitsch hatte es erraten. Lewin war mehrmals zu seiner +Gattin geeilt, um sie noch einmal zu fragen, ob sie ihm seine gestrige +Dummheit vergeben habe, und dann, um sie zu bitten, doch um Christi +willen vorsichtiger zu sein. Hauptsächlich -- sich vor den Kindern +ferner zu halten -- sie konnten sie leicht einmal stoßen. Dann mußte er +von ihr nochmals die Versicherung erhalten, daß sie ihm nicht gram sei +darüber, daß er auf zwei Tage fortfuhr, und sie bitten, ihm unbedingt +morgen früh, mit dem ersten Zug, ein Billet zu schicken, und ihm +wenigstens zwei Worte zu schreiben, damit er nur wußte, daß sie sich +wohl befinde. + +Kity war es wie stets schmerzlich, sich auf zwei Tage von ihrem +Gatten trennen zu sollen; allein als sie seine lebhafte Erscheinung, +die besonders groß und kraftvoll in den Jagdstiefeln und der weißen +Bluse erschien, und einen gewissen, ihr unverständlichen Schimmer der +Jagdfreude wahrgenommen hatte, vergaß sie, um ihm seine Freude zu +lassen, ihren Schmerz, und verabschiedete sich heiter von ihm. + +»Entschuldigung, meine Herren!« sagte er, auf die Freitreppe +herauskommend. »Hat man das Frühstück eingepackt? Warum ist der Fuchs +rechts gespannt? Nun gleichviel! Laska -- leg' dich! -- Laß sie in die +ledige Herde,« wandte er sich an den Viehwärter, der an der Treppe mit +einer Frage über die Wallachen wartete. + +Lewin sprang vom Wagen, auf dem er sich schon setzen wollte, zu einem +Zimmermann hin, der mit einem Ellenmaß zur Treppe gekommen war. + +»Gestern ist er nicht ins Comptoir gekommen und heute hält er mich nun +ab. Was ist denn?« + +»Wir müssen noch drei Stufen hinzunehmen; dann paßt es; sie wird dann +bequemer liegen.« + +»Hättest du mir gehorcht,« antwortete Lewin ärgerlich. »Ich habe +gesagt, du sollst zuerst die Treppenlager, und die Stufen zuletzt +machen! Jetzt kommst du nun nicht aus. Thu wie ich dir befohlen habe, +und mache ein neues Lager.« + +Es handelte sich darum, daß in einem im Bau befindlichen Flügel der +Zimmermann die Treppe verpfuscht hatte, indem er sie selbständig, ohne +die Höhe zu berechnen, gefertigt hatte, sodaß nun alle Stufen schräg +hingen, als man die Treppe an ihrem Platz aufstellte. Der Zimmermann +wollte nun, die Treppe lassend wie sie war, nur noch drei Stufen +hinzufügen. + +»Es wird so viel besser werden.« + +»Aber wohin willst du denn kommen mit den drei Stufen!« + +»Gestattet,« antwortete der Zimmermann mit geringschätzigem Lächeln; +»da sie sich von unten erhebt,« er sprach dies mit überzeugender +Gebärde, »muß es gehen, sie muß passen!« + +»Aber drei Stufen gehen doch noch in die Länge? Wohin soll sie denn da +kommen?« + +»Da sie von unten auf geht, so muß sie passen,« beharrte der Zimmermann. + +»Bis unter die Decke und an die Wand kommt sie.« + +»Aber, mit Verlaub, sie kommt doch von unten, da wird sie passen.« + +Lewin ergriff seinen Ladestock und begann ihm im Staube die Treppe zu +zeichnen. + +»Siehst du nun?« + +»Wie Ihr befehlt,« sagte der Zimmermann, plötzlich mit den Augen hell +aufblickend und endlich offenbar die Sache begreifend. »Es ist klar, es +muß eine neue Treppe gezimmert werden.« + +»Nun also, thue nun, wie dir geheißen ist,« rief Lewin und setzte sich +wieder in den Wagen. »Fahr zu! -- Halt die Hunde, Philipp!« + +Lewin empfand jetzt, nachdem er alle Sorgen des Hauses und der +Wirtschaft hinter sich gelassen hatte, ein so mächtiges Gefühl von +Lebensfreude und Erwartung, daß er keine Lust verspürte, zu sprechen. +Er hatte auch das Gefühl der konzentrierten Aufregung, welche jeder +Jäger verspürt, wenn er sich seinem Revier nähert. Wenn ihn jetzt +überhaupt etwas beschäftigte, so waren es nur die Fragen, ob man im +Kolpenskischen Moor etwas finden werde, wie sich Laska im Vergleich zu +Krak zeigen, und wie ihm selbst heute das Jagdglück lächeln würde. + +Daß man sich vor einem fremden Jäger keine Blöße gab; daß Oblonskiy ihn +nicht überschießen möchte, auch dies kam ihm in den Kopf. + +Oblonskiy hatte ein ganz ähnliches Gefühl, und war gleichfalls +wortkarg. Nur Wasjenka Wjeslowskij schwatzte lustig und unaufhörlich +weiter. + +Als Lewin ihn jetzt hörte, fühlte er sich beschämt, wenn er daran +dachte, wie ungerecht er gestern gegen ihn gewesen sei. + +Wasjenka war in der That ein vorzüglicher, naiver, gutmütiger +und sehr heiterer Mensch. Wäre Lewin noch unverheiratet mit ihm +zusammengekommen, so würde er sich ihm genähert haben. Nur war ihm ein +wenig unangenehmer seine müßige Stellung zum Leben, und eine gewisse +Ungezwungenheit bei aller Eleganz. Er schien sich gewissermaßen selbst +eine hohe unzweifelhafte Bedeutung beizumessen, daß er lange Nägel +und eine kleine Mütze trug und alles übrige dementsprechend, doch +konnte man dies bei seiner Gutherzigkeit und Solidität entschuldigen. +Er gefiel Lewin wegen seiner guten Erziehung, einer ausgezeichneten +Aussprache des Französischen und Englischen, und dann deshalb, weil er +ein Mensch seiner eignen Welt war. + +Wasjenka gefiel das donische Steppenpferd am linken Strang +außerordentlich. Er war fortwährend exaltiert davon, »wie schön muß es +sich auf einem Steppenpferd durch die Steppe jagen lassen! Ha? Nicht +so?« sprach er. Er stellte sich in dem Ritt auf einem Steppenroß etwas +wundersames poetisches vor, woraus sich zwar nichts ergab, aber seine +Naivetät, besonders im Verein mit seiner Schönheit, seinem freundlichen +Lächeln und der Grazie seiner Bewegungen war sehr anziehend. Kam es +nun davon her, daß seine Natur Lewin sympathisch war, oder davon, daß +Lewin sich bemühte, zur Sühne für seinen gestrigen Fehltritt alles an +ihm gut zu finden, genug, Lewin fühlte sich angenehm von ihm berührt. + +Nachdem man drei Werst gefahren war, tastete Wjeslowskij plötzlich nach +seinen Cigarren und der Brieftasche, und wußte nicht, ob er beides +verloren oder auf dem Tische liegen gelassen hatte. + +In der Brieftasche waren dreihundertsiebzig Rubel, und daher durfte man +sie nicht im Stich lassen. + +»Wißt Ihr was, Lewin, ich werde auf diesem donischen Beipferd nach +Hause reiten. Das wäre ausgezeichnet. Nicht?« sagte er, schon bereit, +aufzusitzen. + +»Nein; warum das?« antwortete Lewin, der schon berechnet hatte, daß +Wasjenka nicht weniger als sechs Pud Gewicht haben müsse. »Ich werde +den Kutscher schicken.« + +Der Kutscher ritt auf dem Beipferd ab, und Lewin lenkte nun selbst die +beiden übrigen Pferde. + + + 9. + +»Was haben wir denn für eine Marschroute? Erzähle doch gefälligst ein +wenig,« sagte Stefan Arkadjewitsch. + +»Der Plan ist folgender: Jetzt werden wir bis Gwozdjowo fahren. In +Gwozdjowo befindet sich diesseits eine Niederung mit Schnepfen, +hinter Gwozdjowo aber ziehen sich wunderbare Bekassinensümpfe hin, +und Schnepfen sind auch da. Es ist jetzt heiß; wir werden gegen Abend +-- es sind noch zwanzig Werst -- ankommen, ein Abendfeld nehmen, dann +übernachten, und morgen schon in die großen Sümpfe gehen.« + +»Aber giebt es denn unterwegs nichts?« + +»O doch, aber wir würden uns da nur aufhalten und es ist heiß. Es giebt +zwei ausgezeichnete Plätze, aber schwerlich wird es da etwas geben.« + +Lewin hatte selbst Lust, nach jenen Plätzen zu gehen, aber dieselben +lagen seiner Wohnung zu nahe und er konnte sie stets erreichen; die +Plätze waren auch klein -- drei konnten nicht auf ihnen schießen. +Infolge dessen schlug er im Geiste einen Haken, und sagte, es dürfte +kaum etwas dort zu finden sein. Als sie an dem kleinen Sumpfe +angekommen waren, wollte Lewin vorüberfahren, doch der erfahrene +Jägerblick Stefan Arkadjewitschs unterschied sogleich die vom Wege her +sichtbare Feuchtigkeit. + +»Wollen wir nicht hinfahren?« sagte er, auf den Sumpf weisend. + +»Lewin bitte; wie reizend!« begann Wasjenka Wjeslowskij zu bitten, und +Lewin mußte einwilligen. + +Sie hatten noch nicht Halt gemacht, als schon die Hunde, sich +gegenseitig jagend, dem Sumpf zuflogen. + +»Krak! Laska!« + +Die Hunde kehrten zurück. + +»Zu Dreien wird es uns zu eng werden. Ich werde hier bleiben,« sagte +Lewin, in der Hoffnung, daß sie nichts finden möchten als Kibitze, die +sich vor den Hunden erhoben und sich im Fluge überschlagend, kläglich +über dem Sumpfe schrieen. + +»Nein! -- Kommt! Wir wollen zusammen gehen, Lewin!« rief Wjeslowskij. + +»Richtig ist das; es wird zu eng! -- Laska, zurück; -- Laska! -- +Braucht Ihr dann nicht einmal einen anderen Hund?« + +Lewin blieb bei dem Wagen und schaute voll Mißgunst auf die Jäger. +Diese durchwanderten den ganzen Sumpf, aber außer einer Henne und +Kibitzen, von denen Wjeslowskij einen erlegte, war nichts darin. + +»Nun da seht Ihr, daß ich den Sumpf nicht bedauerte,« sagte Lewin, +»wohl aber den Zeitverlust.« + +»Ach nein; es war immerhin ganz hübsch! Habt Ihr es gesehen?« sprach +Wasjenka Wjeslowskij, unbehilflich auf den Wagen kletternd, die Flinte +und den Kibitz in den Händen. »Wie ich den gut getroffen habe, nicht +wahr? Nun, werden wir denn bald an den richtigen Ort kommen?« + +Plötzlich rissen die Pferde in das Geschirr, Lewin schlug mit dem +Kopf an den Lauf eines der Gewehre, und ein Schuß ging los. Der Schuß +an sich ertönte schon früher, aber es schien Lewin nur so. Wasjenka +Wjeslowskij hatte, die Hähne in Ruhe setzend, den einen Drücker +berührt, während er den andern Hahn gehalten hatte. + +Die Ladung ging in die Luft, ohne jemand Schaden zuzufügen. Stefan +Arkadjewitsch schüttelte den Kopf und lächelte Wjeslowskij +vorwurfsvoll zu, Lewin aber war nicht in der Stimmung, ihm einen +Vorwurf zu machen; erstens wäre jeder Vorwurf nur durch die +vorübergegangene Gefahr und die Beule, welche auf der Stirn Lewins +auftrat, hervorgerufen erschienen, zweitens aber war Wjeslowskij +anfangs so naiv ärgerlich, und fing dann so gutmütig und ansteckend an +über die allgemeine Aufregung zu lachen, daß es unmöglich war, nicht +mit zu lachen. + +Als sie an den zweiten Sumpf gelangten, welcher ziemlich groß war, und +daher viel Zeit in Anspruch nehmen mußte, suchte Lewin dahin zu wirken, +daß man nicht hineinging. Doch Wjeslowskij besiegte ihn wieder durch +sein Bitten, und wiederum blieb Lewin, als gastfreundlicher Wirt, bei +dem Wagen zurück. + +Sogleich bei der Ankunft witterte Krak nach den Maulwurfshügeln. +Wasjenka Wjeslowskij lief als der Erste hinter dem Hunde her und +Stefan Arkadjewitsch war noch nicht herangekommen, als schon ein Vogel +aufging. Wjeslowskij schoß fehl und der Vogel ließ sich in einer +ungemähten Wiese wieder nieder. Wjeslowskij aber war diese Beute +bestimmt. Krak fand sie wieder auf, stellte sie und er schoß sie und +kehrte dann zu dem Wagen zurück. + +»Jetzt geht Ihr, und ich will bei den Pferden bleiben,« sprach er. + +Lewin begann der Jagdneid zu ergreifen. Er übergab Wjeslowskij die +Zügel und begab sich in den Sumpf. + +Laska, der schon lange kläglich gewinselt und sich über die +Ungerechtigkeit beklagt hatte, eilte vorauf direkt nach einem +verheißungsvollen, Lewin bekannten Gebiet, in welches Krak noch nicht +gekommen war. + +»Weshalb hältst du ihn denn nicht zurück?« rief Stefan Arkadjewitsch. + +»Er wird dich nicht schrecken,« antwortete Lewin, voll Freude über +seinen Hund, und ihm eilig folgend. + +Auf der Suche Laskas wuchs, je näher dieser den bekannten Hügeln +kam, mehr und mehr der Ernst der Situation. Ein kleiner Sumpfvogel +zerstreute diesen nur auf einen Augenblick. Er beschrieb einen Kreis +vor den Hügeln, begann einen zweiten, erschrak dann plötzlich und +verschwand. + +»Geh, geh Stefan!« rief Lewin, welcher fühlte, wie ihm das Herz höher +zu schlagen begann, und wie plötzlich, gleich als ob sich ein Riegel in +seiner seelischen Spannung zurückbewege, alle Geräusche, den Maßstab +ihrer Entfernung verlierend, ihn ungeregelt, aber scharf zu treffen +begannen. Er vernahm die Schritte Stefan Arkadjewitschs, sie für das +ferne Stampfen der Pferde haltend, er vernahm das spröde Geräusch +der mit den Wurzeln sich loslösenden Ecke eines Maulwurfhaufens, auf +welchen er getreten war, indem er dasselbe für den Flug eines Vogels +hielt. Er vernahm auch im Rücken in nicht großer Entfernung ein +Klatschen auf dem Wasser, von welchem er sich nicht Rechenschaft zu +geben vermochte. + +Indem er sich einen Standort für die Füße suchte, bewegte er sich auf +seinen Hund zu. + +Eine Bekassine machte sich vor dem Hunde auf. Lewin legte das Gewehr +an, aber in dem Augenblicke, als er zielte, verstärkte sich jenes +Geräusch von Klatschen auf dem Wasser; es kam näher, und mit ihm +vereinigte sich die Stimme Wjeslowskijs, der in sonderbarer Weise laut +rief. + +Lewin sah, daß er mit der Flinte die Bekassine von hinten treffen +werde, schoß aber gleichwohl. + +Überzeugt, daß er einen Fehlschuß gethan, blickte er um sich und +gewahrte, daß die Pferde mit dem einen Jagdwagen gar nicht mehr auf dem +Wege, sondern im Sumpfe waren. + +Wjeslowskij, welcher das Schießen hatte sehen wollen, war in den Sumpf +gefahren und hatte die Pferde in eine Untiefe geführt. + +»Hol' ihn der Teufel,« sagte Lewin zu sich selbst, zu der +feststeckenden Equipage zurückkehrend. »Weshalb seid Ihr denn +fortgefahren,« sagte er mit dürren Worten zu ihm, und machte sich, +nachdem er den Kutscher herbeigerufen hatte, daran die Pferde +loszubringen. + +Lewin war verdrießlich geworden, daß man ihn im Schießen gestört und +die Pferde in den Sumpf geführt hatte, hauptsächlich aber auch, daß +bei dem Ausspannen der Pferde, was erforderlich war um sie wieder +freizumachen, weder Stefan Arkadjewitsch, noch Wjeslowskij ihm und +dem Kutscher Hilfe leisteten, weil weder dieser noch jener auch nur +den geringsten Begriff davon hatte, worin eigentlich das Anschirren +bestehe. Ohne Wjeslowskij ein Wort auf dessen Versicherung, es sei +hier ganz trocken, zu antworten, arbeitete Lewin schweigend mit dem +Kutscher daran, die Pferde zu befreien. + +Als er indessen bei der Arbeit warm geworden war und sah, wie beflissen +und eifrig Wjeslowskij den Wagen an der Deichselstange zog, sodaß er +diese sogar abbrach, machte er sich selbst Vorwürfe darüber, daß er +unter dem Einfluß der gestrigen Empfindung allzu kalt gegen Wjeslowskij +gewesen war, und bemühte sich mit besonderer Liebenswürdigkeit seine +Barschheit wieder gutzumachen. + +Nachdem alles wieder in Ordnung gebracht war, und die Wagen sich wieder +auf dem Wege befanden, ließ Lewin das Frühstück bringen. + +»=Bon appétit -- bonne conscience! Ce poulet va tomber jusqu'au fond +de mes bottes=,« sagte Wjeslowskij, wieder lustig geworden, mit einem +französischen Sprichwort, ein zweites Hühnchen verspeisend. »Jetzt sind +unsere Leiden zu Ende und alles wird nun glücklich gehen. Nur will ich +wegen meines Vergehens dazu gezwungen sein, auf dem Bocke zu sitzen. +Ist es nicht recht so? Nein, ich bin Automedon! Paßt auf, wie ich Euch +fahren werde!« versetzte er, ohne die Zügel loszugeben, als ihn Lewin +bat, den Kutscher fahren zu lassen. »Nein; ich muß mein Vergehen wieder +gut machen, und befinde mich ganz wohl auf dem Bocke,« und er fuhr. + +Lewin fürchtete ein wenig, er möchte die Pferde malträtieren, besonders +das Handpferd, einen Fuchs, den er nicht zu lenken verstand; doch +unwillkürlich fügte er sich seiner Heiterkeit, lauschte er den +Romanzen, welche Wjeslowskij, auf dem Bocke sitzend, den ganzen Weg +entlang sang, oder seinen Erzählungen und Vorführungen, wie man auf +englische Manier =four in hand= fahre -- und alle fuhren nach dem +Frühstück in der heitersten Stimmung nach dem Sumpfe von Gwozdjowo. + + + 10. + +Wasjenka trieb die Pferde so schnell, daß sie zu früh bei dem Sumpfe +ankamen, und es noch immer heiß war. + +Als sie bei der Niederung angelangt waren, dem Hauptziele der Fahrt, +dachte Lewin unwillkürlich, wie er Wasjenka los werden und ohne eine +Störung jagen könnte. Stefan Arkadjewitsch wünschte augenscheinlich +das Nämliche, und auf seinem Gesicht sah Lewin den Ausdruck einer +Besorgnis, welche bei dem echten Jäger stets vor Beginn der Jagd +da zu sein pflegt, sowie den einer gewissen ihm eigenen gutmütigen +Verschlagenheit. + +»Wie wollen wir fahren? Der Sumpf ist ausgezeichnet, ich sehe es; auch +Habichte sind da,« sagte Stefan Arkadjewitsch auf zwei über dem Ried +kreisende, große Vögel weisend. »Wo Habichte sind, ist sicher auch +Wild.« + +»Nun, seht ihr Herren,« sagte Lewin, mit etwas mürrischem Ausdruck +seine Stiefel hochziehend und die Pistons auf dem Gewehr nachsehend; +»seht ihr diesen Ried?« Er wies auf eine kleine, dunkel in Schwarzgrün +schimmernde Insel, in einem weiten, sich auf dem rechten Ufer des +Flusses ausdehnenden, bis zur Hälfte gemähten nassen Wiesengrund. +»Der Sumpf beginnt hier, gerade vor uns, seht ihr -- wo das Grün ist. +Von da geht er rechts, wo die Pferde sind; -- hier befinden sich +auch Maulwurfshaufen und Bekassinen -- dann rund um diese Wiese bis +zu jenem Erlenwald und dicht bis zu der Mühle, dort wo man die Bucht +sieht. Das ist ein ausgezeichneter Platz; ich habe einmal siebzehn +Bekassinen hier geschossen; wir wollen uns nun mit den beiden Hunden +nach den verschiedenen Seiten trennen, und dort bei der Mühle wieder +zusammenkommen.« + +»Aber wer geht rechts; wer links?« frug Stefan Arkadjewitsch. »Rechts +ist es weiter; geht dort zu Zweien, ich will links gehen,« sagte er, so +harmlos, wie er nur konnte. + +»Schön; wir wollen ihn überschießen; also gehen wir, gehen wir,« +drängte Wasjenka. + +Lewin konnte damit nur einverstanden sein, und so trennten sie sich. +Kaum waren sie in den Sumpf gelangt, als beide Hunde gleichzeitig zu +suchen begannen und nach dem Schlamme witterten. Lewin kannte dieses +Suchen Laskas, vorsichtig und zurückhaltend; er kannte auch den Platz, +und erwartete den Schwarm der Schnepfen. + +»Wjeslowskij, geht nebenher, nebenher!« sagte er mit leiser +Stimme, zu dem im Wasser hinterher plätschernden Gefährten, dessen +Gewehrlaufrichtung Lewin nach dem unvorhergesehenen Schuß am +Kolpenskischen Sumpfe unwillkürlich interessierte. + +»Ach nein, ich will Euch nicht im Wege sein, denkt nur nicht an mich!« + +Lewin dachte aber unwillkürlich an ihn, und rief sich die Worte Kitys +ins Gedächtnis, mit denen diese ihn von sich gelassen: »Paßt auf, und +schießt einander nicht!« -- Näher und näher kamen die Hunde, einer am +anderen vorüber und jeder seine Spur verfolgend; die Erwartung war so +mächtig, daß Lewin das Schmatzen seines aus dem Schlamme emporgehobenen +Stiefelabsatzes als Schrei einer Schnepfe erschien, sodaß er den Kolben +des Gewehres packte und preßte. + +»Puff, puff,« klang es ihm in die Ohren. Wasjenka hatte in eine Schar +Enten geschossen, welche über dem Sumpfe schwebten und jetzt bei weitem +noch nicht für Jäger in Schußweite gekommen waren. Lewin hatte sich +kaum umgeschaut, als eine Schnepfe schmatzte; eine zweite, eine dritte +-- noch acht dazu erhoben sich -- eine nach der anderen. + +Stefan Arkadjewitsch erlegte eine gerade im Augenblick, als sie ihre +Zickzacklinien zu beschreiben begann, und die Schnepfe fiel wie ein +Klumpen in den Moorgrund. Oblonskiy legte hastig auf eine zweite an, +die noch niedrig flog, und auch diese fiel, zugleich mit dem Fall des +Schusses, und es war deutlich zu erkennen, wie sie von dem gemähten +Grunde aufsprang, mit dem heilgebliebenen weißen Flügel schlagend. + +Lewin war nicht so glücklich; er hatte auf die erste Schnepfe zu nahe +geschossen und gefehlt; er hatte auf sie angelegt, indem sie sich noch +erhob, aber zur gleichen Zeit flog noch eine weitere dicht vor seinen +Füßen auf, lenkte ihn ab, und er that einen zweiten Fehlschuß. + +Während sie die Gewehre wieder luden, erhob sich eine weitere Bekassine +und Wjeslowskij, der soeben zum zweitenmale geladen hatte, sandte +ihr über das Wasser noch zwei Ladungen feinen Schrot nach. Stefan +Arkadjewitsch sammelte seine Schnepfen und schaute mit glänzenden Augen +auf Lewin. + +»Nun, jetzt wollen wir uns trennen,« sprach er, und schritt, auf dem +linken Fuße hinkend, die Flinte in Bereitschaft haltend und dem Hunde +pfeifend, nach der einen Seite. + +Lewin mit Wjeslowskij gingen nach der anderen. + +Lewin ging es stets so, daß er, wenn die ersten Schüsse unglücklich +waren, in Wallung geriet, ärgerlich wurde und den ganzen Tag schlecht +schoß. So war es auch jetzt. + +Bekassinen zeigten sich eine Menge; dicht vor den Hunden, vor den Füßen +der Jäger gingen sie unaufhörlich auf, und Lewin hätte sein Mißgeschick +wieder gut machen können, aber je mehr er schoß, umsomehr blamierte er +sich vor Wjeslowskij, der wohlgemut darauf losplatzte, ohne etwas zu +erlegen, dadurch aber nicht im geringsten aus der Fassung kam. + +Lewin geriet in Unruhe, und mehr und mehr in Hitze, so daß er beim +Schießen schon fast nicht mehr hoffte, noch etwas zu erlegen. Auch +Laska schien dies zu verstehen; er begann, träger zu suchen, und +schaute wie zweifelnd und vorwurfsvoll auf die Jäger. Schuß auf Schuß +fiel. Pulverdampf lagerte sich um die Jäger, aber in dem großen Netze +der Jagdtasche befanden sich nur drei leichte kleine Bekassinen, von +denen eine noch durch Wjeslowskij, eine von beiden gemeinsam erlegt +war. Währenddem vernahm man auf der andern Seite des Sumpfes zwar nicht +häufige, wohl aber, wie Lewin schien, bedeutungsvolle Schüsse von +Stefan Arkadjewitsch, bei denen fast nach einem jeden ein: »Krak, Krak, +apport!« hörbar wurde. + +Dies regte Lewin noch mehr auf; die Bekassinen kreisten ohne +Aufhören in der Luft über der Niederung. Ihr Schmatzen am Boden und +das Schnarren in der Höhe war ohne Unterbrechung von allen Seiten +vernehmbar; die vorher aufgestiegenen, und in der Luft kreisenden Vögel +ließen sich vor den Jägern nieder und anstatt zweier Habichte schwebten +jetzt deren zehn pfeifend über dem Sumpfe. + +Nachdem sie die größere Hälfte des Sumpfes durchschritten hatten, +gelangten Lewin und Wjeslowskij zu einer Stelle, auf welcher mit langen +Streifen eine Bauernwiese abgeteilt war, durch eingetretene Streifen, +und durch einen gemähten Schwaden angemerkt. Die Hälfte dieser Wiese +war schon gemäht. + +Obwohl nun wenig Hoffnung war, auf dem nichtgemähten Teil ebensoviel +zu finden, wie auf dem gemähten, so hatte Lewin Stefan Arkadjewitsch +doch einmal versprochen, mit diesem wieder zusammentreffen zu wollen, +und schritt er daher mit seinem Gefährten weiter durch die gemähten und +ungemähten Streifen hindurch. + +»He da, ihr Jäger!« -- rief ihnen aus einem Trupp Bauern, welche bei +einem ausgespannten Wagen saßen, einer zu, »kommt her, eßt mit uns +Mittag! Hier giebt es auch Branntwein zu trinken!« -- + +Lewin schaute sich um. + +»Komm nur her!« rief ein heiterer bärtiger Landmann mit rotem Gesicht, +die weißen Zähne lächelnd zeigend, und die grünliche, in der Sonne +blitzende Flasche hochhaltend. + +»=Qu'est ce qu'ils disent=?« frug Wjeslowskij. + +»Sie laden uns ein zum Branntweintrinken. Wahrscheinlich haben sie die +Wiesen geteilt. Ich möchte schon einmal trinken,« sagte Lewin nicht +ohne Hintergedanken, in der Hoffnung, Wjeslowskij möchte sich vom +Branntwein verführen lassen und mit zu ihnen hingehen. + +»Weshalb laden sie uns ein?« -- + +»Nun; sie sind guter Laune. Geht doch einmal hin zu ihnen. Es wird Euch +interessieren.« + +»=Allons, c'est curieux=.« + +»Geht, geht, Ihr werdet den Weg zur Mühle schon finden!« rief Lewin, +schaute sich um, und bemerkte mit Vergnügen, daß Wjeslowskij, stolpernd +und mit müden Beinen, das Gewehr in dem gestreckten Arm haltend, sich +aus dem Ried zu den Bauern herausarbeitete. + +»Komm du doch auch!« rief der Bauer Lewin zu. »Alle Wetter, es giebt +Pasteten zu essen!« + +Lewin gelüstete es stark, einmal Branntwein zu trinken, und ein Stück +Brot zu essen. Er war müde geworden und fühlte, daß er nur noch mit +Mühe die einsinkenden Füße aus dem Morast zog; und einen Moment +schwankte er. Doch sein Hund hatte gestellt, und sofort war alle +Müdigkeit verschwunden; leicht schritt er über das Moor hin seinem +Hunde zu. Unter seinen Füßen flog eine Bekassine auf, er feuerte und +erlegte sie -- der Hund stand noch immer. »Los!« vor dem Hunde erhob +sich eine zweite. Lewin schoß; allein der Tag war nicht glücklich; er +fehlte, und als er die erlegte Schnepfe suchen wollte, fand er sie +nicht einmal. Er suchte den ganzen Ried ab, aber Laska wollte nicht +glauben, daß er eine Schnepfe erlegt habe, und als Lewin ihm befahl, zu +suchen, that er, als ob er suche, suchte aber nicht. + +Auch ohne Wasjenka, welchem Lewin sein Unglück beimaß, wurde also die +Sache nicht besser. Bekassinen waren auch hier viel, aber Lewin that +Fehlschuß auf Fehlschuß. + +Die schrägfallenden Strahlen der Sonne waren noch heiß, die Kleider, +von Schweiß durch und durch naß, klebten ihm am Leibe, der linke +Stiefel, voller Wasser, war schwer und schmatzte; über das vom +Pulverschmand besudelte Gesicht rann der Schweiß in Tropfen, im Munde +machte sich ein bitterer Geschmack fühlbar, in der Nase Pulvergeruch +und Schlammduft, und in den Ohren klang das unausgesetzte Schnarren +der Schnepfen; die Flintenläufe durfte er nicht anrühren, so erhitzt +waren sie, das Herz pochte ihm schnell und kurz, die Hände zitterten +vor Erregung und die mattgewordenen Beine stolperten und blieben in den +Maulwurfhaufen und im Morast stecken; aber er ging weiter und schoß. +Endlich, nachdem er wiederum einen schmählichen Fehlschuß gethan, warf +er das Gewehr und die Mütze zu Boden. + +»Nein; erst muß ich zur Besinnung kommen!« sagte er zu sich selbst. +Flinte und Mütze wieder aufhebend, rief er Laska zu seinen Füßen, +und verließ den Ried. Als er auf das Trockene gekommen war, setzte +er sich auf einen Erdhaufen, zog sich aus, goß die Stiefel aus, ging +dann zum Sumpfe zurück und trank Etwas von dem Wasser mit schlammigem +Beigeschmack, feuchtete die glühenden Läufe an und wusch sich Gesicht +und Hände. Nachdem er sich so erfrischt hatte, begab er sich wieder +nach dem Platze, auf dem sich eine Bekassine niedergesetzt hatte, mit +dem festen Vorsatz, nicht in Aufregung zu geraten. + +Er wollte ruhig sein, aber es blieb beim Alten. Sein Finger berührte +den Drücker früher, als er den Vogel aufs Korn genommen hatte; es ging +schlechter und schlechter. + +Er hatte nur fünf Stück in seiner Jagdtasche, als er aus dem Ried +heraus zu dem Erlenwalde kam, wo er mit Stefan Arkadjewitsch +zusammentreffen sollte. + +Bevor er diesen jedoch selbst erblickte, gewahrte er seinen Hund. +Hinter der Wurzel einer Erle hervor sprang Krak, ganz schwarz von +übelriechendem Moorschlamm, und beschnüffelte Laska mit dem Ausdruck +des Siegers. Hinter Krak erschien im Schatten der Erlen nun auch die +stattliche Gestalt Stefan Arkadjewitschs, der ihm, rot aussehend, +schweißbedeckt mit aufgeknöpftem Kragen, noch immer hinkend, +entgegenkam. + +»Nun, wie steht es? Ihr habt viel geschossen!« sagte er heiter lächelnd. + +»Und du?« frug Lewin. Das Fragen war indes nicht nötig, weil er schon +die gefüllte Jagdtasche erblickt hatte. + +»O, nichts von Bedeutung.« + +Er hatte vierzehn Stück. + +»Ein famoser Sumpf! Dich, scheint es, hat Wjeslowskij gestört. Zwei mit +einem Hunde, das ist allerdings unbequem,« sagte Stefan Arkadjewitsch, +seine Siegesfreude bezwingend. + + + 11. + +Als Lewin und Stefan Arkadjewitsch in der Hütte des Bauern ankamen, +bei welchem Ersterer stets rastete, war Wjeslowskij bereits da. +Er saß mitten in der Hütte, sich mit beiden Händen an einer Bank +anhaltend, vor welcher ihn ein Soldat, der Bruder der Bauersfrau, an +den schlammbedeckten Stiefeln herunterzerrte, und lachte mit seinem +ansteckend lustigen Lachen. + +»Ich bin soeben angekommen. =Ils ont été charmants=. Stellt Euch +vor, sie haben mich getränkt und gefüttert! Welch ein Brot, das +war wunderbar! =Delicieux=! Und ein Branntwein! Ich habe noch nie +schmackhafteren getrunken! Und sie wollten um keinen Preis Geld nehmen! +Sie sagten nur immer »=Nje obsudisj=!« -- + +»Warum sollten sie Geld nehmen? Haben sie denn den Branntwein zum +Verkauf?« sagte der Soldat, der endlich den durchnäßten Stiefel mit dem +schwarzgewordenen Strumpfe heruntergezogen hatte. + +Trotz der Unsauberkeit der Hütte, welche von den Stiefeln der Jäger und +den schmutzigen, sich leckenden Hunden noch erhöht wurde, trotz des +Geruches nach Schlamm und Pulver, von welchem dieselbe erfüllt war, +und des Fehlens von Messern und Gabeln, tranken die Jäger ihren Thee, +nahmen sie ihre Abendmahlzeit mit solchem Appetit, wie man eben nur auf +der Jagd ißt. Nachdem sie sich gewaschen und gereinigt hatten, gingen +sie nach dem sauber gefegten Heuschuppen, wo die Kutscher den Herren +ein Lager zurecht gemacht hatten. + +Doch obwohl es bereits dunkelte, hatte keiner der Jäger Lust, zu +schlafen. + +Hin- und herschweifend zwischen den Erinnerungen und Erzählungen über +das Schießen, die Hunde und frühere Jagden -- war die Unterhaltung +auf das alle interessierende Thema gekommen. Angesichts der bereits +mehrmals wiederholten Äußerungen des Entzückens Wasjenkas über den +Reiz dieses Nachtlagers, den Duft des Heues, das Anziehende eines +zerbrochenen Wagens -- der Wagen schien ihm zerbrochen, weil er von den +Vorderrädern genommen worden war -- über die Gutmütigkeit der Bauern, +die ihn mit Branntwein gefüttert hatten, über die Hunde, die beide zu +Füßen ihrer Herren lagen, berichtete Oblonskiy über die Reize einer +Jagd bei Maltus, wo er im vergangenen Jahre gewesen war. + +Maltus war ein bekannter Eisenbahnkrösus. Stefan Arkadjewitsch +erzählte, was für Jagdgründe dieser Maltus im Gouvernement von Twer +aufgekauft habe, und wie dieselben gepflegt würden, und weiter, was für +Equipagen die Jäger geführt hätten und was für ein Zelt zum Frühstück +an der Jagdniederung aufgestellt worden sei. + +»Ich begreife dich nicht,« sagte Lewin, sich auf seinem Heulager +aufrichtend, »daß dir diese Leute nicht widerlich sind? Ich begreife, +daß ein Frühstück mit Lafitte sehr angenehm ist, aber sollte dir +gerade dieser Luxus nicht zuwider sein? Alle diese Leute, unsere +einstigen Spekulanten, gewinnen ihr Geld so, daß sie mit ihrem Gewinste +nur die Verachtung der Menschen verdienen; aber sie verachten diese +Geringschätzung, und kaufen sich mit dem ehrlos Erworbenen von ihrer +früheren Verachtung los.« + +»Vollkommen richtig!« bemerkte Wasjenka Wjeslowskij, »vollkommen; +natürlich thut dies Oblonskiy nur aus Bonhomie, wie die anderen sagen; +Oblonskiy fährt nicht zu ihnen« -- + +»Keineswegs,« -- Lewin fühlte, wie Oblonskiy lächelte, als er dies +sprach, »ich halte ihn einfach nicht für unehrlicher, als sonst einen +der reichen Kaufleute und Adligen. Sowohl diese, wie jene sind reich +geworden durch ihre Arbeit und ihre Intelligenz.« + +»Ja, aber durch was für Arbeit? Ist das etwa Arbeit, daß sie +Konzessionen erbeuten und diese weiter verkaufen?« + +»Natürlich eine Arbeit. Eine Arbeit in dem Sinne, daß wenn es diese +Leute oder ihnen ähnliche nicht gäbe, auch keine Eisenbahnen da wären.« + +»Aber diese Arbeit ist doch nicht eine solche, wie die eines Bauern, +oder des Gelehrten.« + +»Nehmen wir so an; aber es ist eine Arbeit in dem Sinne, daß diese +Thätigkeit ein Resultat ergiebt -- die Eisenbahnen! Du freilich findest +wohl, daß die Eisenbahnen ohne Nutzen sind.« + +»Nein; das ist eine andere Frage; ich bin bereit anzuerkennen daß sie +nützlich sind, aber jeder Erwerb, welcher der für ihn aufgewandten Mühe +nicht entspricht, ist ehrlos.« + +»Wer bestimmt aber dieses Verhältnis?« + +»Erwerb auf unehrlichem Wege, durch Anwendung von List,« sagte Lewin, +im Gefühl, daß er die Grenze zwischen ehrlich und unehrlich nicht +klar zu bestimmen wußte, »ebenso wie der Erwerb der Bankbureaus,« +fuhr er fort, »sind von Übel; sie bestehen in der mühelosen Erwerbung +ungeheurer Summen, wie dies der Fall war bei den Aufkäufen; nur die +Form hat sich verändert. =Le roi est mort, vive le roi=! Kaum hatte +man die Bodenspekulation vernichtet, da erschienen die Eisenbahnen und +Banken; gleichfalls ein Erwerbsbetrieb ohne Müheaufwand.« + +»Ja, das kann alles recht wahr und scharfsinnig sein -- leg' dich Krak« +-- rief Stefan Arkadjewitsch seinem Hunde zu, der sich kratzte und das +Heu durchwühlte -- augenscheinlich von der Richtigkeit seiner Meinung +überzeugt und daher ruhig und ohne Übereilung. + +»Aber du unterscheidest nicht die Grenzen zwischen ehrlicher und +unehrlicher Arbeit. Daß ich an Gehalt mehr bekomme, als mein +Kanzleivorsteher, obwohl der die Sache besser versteht als ich, ist das +ehrlos?« + +»Ich weiß nicht.« + +»Nun, so will ich dir sagen: Daß du für deinen Müheaufwand in der +Landwirtschaft, sagen wir, fünftausend Rubel einnimmst, während unser +Wirt hier, der Bauer, so viel er auch arbeiten mag, nicht mehr als +fünfhundert hat, ist ganz ebenso ehrlos, wie, daß ich mehr als mein +Kanzleivorsteher erhalte, und daß Maltus mehr als ein Eisenbahnmeister +einnimmt. Im Gegenteil, ich erblicke ein gewisses, durch nichts +begründetes, feindseliges Verhalten der Gesellschaft diesen Leuten +gegenüber, und es scheint mir, daß hier der Neid« -- + +»Nein; das wäre ungerecht,« sagte Wjeslowskij, »Neid kann es hier nicht +geben, aber etwas Unsauberes liegt in diesem Geschäft.« + +»Gestatte;« fuhr Lewin fort. »Du sagst, es sei ungerecht, daß ich +fünftausend Rubel habe, und der Bauer fünfhundert; das ist wahr. Es ist +ungerecht, und ich fühle es, doch« -- + +»Es ist so in der That. Weshalb essen wir, trinken wir, jagen wir, +faulenzen wir, während er ewig, ewig bei der Arbeit ist?« sagte +Wasjenka Wjeslowskij, augenscheinlich zum erstenmal im Leben klar +hierüber nachdenkend, und infolge dessen auch vollständig aufrichtig. + +»Ja; du fühlst es wohl, würdest ihm aber dein Vermögen doch nicht +geben,« sagte Stefan Arkadjewitsch, gleichsam mit Absicht Lewin +zusetzend. + +In letzter Zeit war zwischen den beiden Schwagern eine Art von +verborgenem, feindseligem Verhältnis eingetreten; seit der Zeit, seit +welcher sie mit den Schwestern verheiratet waren, hatte sich zwischen +ihnen gleichsam ein Rivalentum darin entwickelt, wer sein Leben besser +fundiert hätte, und jetzt kam diese Gegnerschaft in einem Gespräch zum +Ausdruck, welches einen persönlichen Charakter anzunehmen begann. + +»Ich werde es ihm deshalb nicht geben, weil es niemand von mir fordert, +und wenn ich selbst wollte, würde ich es nicht können,« versetzte +Lewin, »wie überhaupt niemand.« + +»Gieb es nur dem Bauer hier; er wird dir nicht abschläglich antworten.« + +»Ja; aber wie soll ich es ihm geben? Soll ich mit ihm hinfahren und ihm +einen Kaufbrief ausstellen?« + +»Ich weiß nicht; doch wenn du überzeugt bist, daß du nicht das Recht +hast« -- + +»Ich bin durchaus nicht überzeugt hiervon; im Gegenteil fühle ich, daß +ich nicht das Recht habe, zu verschenken, daß ich Verbindlichkeiten +meinem Boden, wie meiner Familie gegenüber habe.« + +»Nein doch; gestatte; wenn du urteilst, daß diese Ungleichheit eine +ungerechte sei, weshalb handelst du dann nicht so?« + +»Ich handle ja so; nur aber negativ; in dem Sinne, daß ich mich nicht +bemühen will, jenen Unterschied der Lage, welcher zwischen mir und +jenem besteht, noch zu vergrößern.« + +»Nein, entschuldige, aber das ist paradox!« -- + +»Ja, das ist eine etwas sophistische Erklärung,« bestätigte +Wjeslowskij. »Ah, da kommt ja unser Wirt,« sprach er zu dem Bauer, +welcher, mit der Thür kreischend, in den Schuppen trat. + +»Nun, schläfst du denn noch nicht?« + +»Nein; wie soll man schlafen! Ich denke immer, unsere Herren schlafen, +da höre ich sie reden,« fügte er hinzu, behutsam mit den nackten Füßen +auftretend. + +»Wo schläfst du denn?« + +»Wir gehen auf die Nachtwache.« + +»Ach, welche Nacht!« sagte Wjeslowskij, auf die beim schwachen Scheine +der Abendröte in dem großen Rahmen der jetzt offenen Thür sichtbar +werdenden Umrisse der Hütte und des ausgeschirrten Wagens schauend. + +»Hört nur, da singen Weiberstimmen, und wahrhaftig, nicht schlecht. Wer +singt denn da, Herr Wirt!« + +»Ach, das sind die Mägde, vom Hof.« + +»Laßt uns hingehen; wir wollen spazieren gehen! Wir werden doch nicht +schlafen; Oblonskiy, kommt mit!« + +»Das wäre; ich liege, geht nur,« antwortete Oblonskiy sich reckend, »es +liegt sich ausgezeichnet hier.« + +»Nun, dann gehe ich allein,« sagte Wjeslowskij, lebhaft aufstehend und +kleidete sich an. »Auf Wiedersehen denn, ihr Herren. Wenn es hübsch +werden sollte, werde ich euch rufen; ihr habt mich mit Wild regaliert, +und ich werde eurer nicht vergessen.« + +»Nicht wahr, ein vortrefflicher Bursch?« sprach Oblonskiy, nachdem +Wjeslowskij gegangen war und der Bauer hinter ihm die Thür geschlossen +hatte. + +»Ja, vortrefflich,« erwiderte Lewin, weiter über das Thema des soeben +stattgehabten Gesprächs nachdenkend. Ihm schien es, als habe er, soweit +er es verstand, seine Ideen und Empfindungen klar ausgesprochen, und +doch hatten diese beiden, zwei nicht eben beschränkte, und aufrichtige +Männer, einstimmig gesagt, daß er sich mit Sophismen tröste. Dies +machte ihn ratlos. + +»So, so ist es, mein Freund. Eins von beiden ist nötig; entweder +zugestehen, daß die gegenwärtige Einrichtung der Gesellschaft gerecht +ist, und dann deine Rechte behaupten, oder zugestehen, daß du +unrechtmäßiger Vorzüge teilhaft bist --, wie ich dies thue -- und von +diesen mit Vergnügen Gebrauch machen.« + +»Nein. Wenn das ungerecht wäre, so könntest du diese Güter nicht mit +Vergnügen genießen -- ich wenigstens könnte es nicht. -- Mir ist die +Hauptsache -- ich muß fühlen, daß ich keine Schuld trage.« + +»Aber wollen wir nicht doch ein wenig mitgehen?« sagte Stefan +Arkadjewitsch, augenscheinlich abgespannt von dieser Anstrengung seines +Geistes. »Wir können ja doch nicht schlafen. Es ist wahr; gehen wir!« + +Lewin antwortete nicht. Das im Laufe des Gesprächs geäußerte Wort, daß +er, wenn auch nur im negativen Sinne, gerecht handle, beschäftigte ihn. + +»Sollte man nicht auch in negativem Sinne gerecht sein können?« frug er +sich selbst. + +»Wie stark doch auch das frische Heu duftet!« sprach Stefan +Arkadjewitsch, sich erhebend. »Ich kann um keinen Preis schlafen! +Wasjenka hat wohl schon etwas angestiftet da drüben. Hörst du das +Gelächter und seine Stimme? Wollen wir nicht hingehen? Komm!« + +»Nein; ich gehe nicht mit!« antwortete Lewin. + +»Wirklich nicht? Thust du dies auch nur aus Prinzip nicht?« sagte +lächelnd Stefan Arkadjewitsch, in der Finsternis nach seiner Mütze +suchend. + +»Nicht aus Prinzip, aber wozu sollte ich mitkommen?« + +»Weißt du, du machst dir selbst das Leben schwer,« sagte Stefan +Arkadjewitsch, der die Mütze gefunden hatte, aufstehend. + +»Inwiefern?« + +»Sah ich denn nicht, wie du dich mit deinem Weibe gestellt hast? Ich +habe gehört, wie es bei euch eine Frage der höchsten Wichtigkeit war, +ob du für zwei Tage auf die Jagd fahren solltest oder nicht! Alles +das ist ja ganz gut, wie ein Idyll, aber für das ganze Leben reicht es +nicht zu. Der Mann muß unabhängig sein; er hat seine Mannesinteressen!« + +»Der Mann muß männlich sein,« sprach Oblonskiy, die Thür öffnend. + +»Was heißt das? Etwa den Mägden die Cour schneiden?« frug Lewin. + +»Weshalb sollte man nicht einmal hingehen, wenn es dort lustig zugeht? +=Ça ne tire pas à conséquence=. Meine Frau wird sich davon nicht +schlechter und ich werde mich wohl befinden. Die Hauptsache ist aber +die, daß man das Heiligtum des Hauses wahrt; damit im Hause nichts +vorfällt; doch die Hände braucht man sich deshalb noch nicht zu binden!« + +»Mag sein,« versetzte Lewin trocken und wandte sich auf die Seite. +»Morgen müssen wir früh aufbrechen und ich werde niemand wecken, +sondern mit dem Zwielicht aufgehen.« + +»=Messieurs, venez vite=!« wurde die Stimme Wjeslowskijs vernehmbar, +der zurückkam. »=Charmante=! Das habe ich entdeckt. =Charmante=, +ein vollständiges Gretchen, und ich bin schon mit ihr bekannt +geworden! Wahrhaftig reizend!« -- erzählte er mit so billigendem +Gesichtsausdruck, als sei sie eigens für ihn selbst so hübsch +geschaffen worden, und als sei er zufrieden mit demjenigen, der dies +für ihn arrangiert hatte. + +Lewin stellte sich schlafend; Oblonskiy, die Pantoffeln anziehend und +eine Cigarre ansteckend, verließ den Schuppen, und bald waren beider +Stimmen verklungen. + +Lewin konnte lange Zeit nicht einschlafen. Er lauschte, wie seine +Pferde das Heu kauten, dann wie sein Wirt mit dem ältesten Sohne sich +fertig machte und zur Nachtwache abging; dann hörte er, wie der Soldat +sich mit einem Neffen, dem kleinen Sohne des Hausherrn, auf der andern +Seite des Schuppens schlafen legte, wie der Knabe mit seinem dünnen +Stimmchen dem Onkel seine Eindrücke über die Hunde mitteilte, die +ihm furchtbar und ungeheuer erschienen, ferner, wie der Knabe frug, +wen diese Hunde fangen wollten, und wie der Soldat mit heiserer und +schläfriger Stimme ihm sagte, daß die Jäger morgen in den Sumpf wollten +und aus ihren Flinten schießen würden, und wie er schließlich, um die +Fragen des Knaben los zu sein, sagte: »Schlaf, Waska, schlaf, oder« +-- Bald schnarchte er selbst, und alles war still geworden; nur das +Wiehern der Pferde und das Schnarren einer Schnepfe war hörbar. + +»Sollte es wirklich nur negativ sein?« wiederholte er sich, »aber was; +-- ich bin doch nicht schuld daran.« -- Und er begann hierauf, sich +den nächsten Tag zu überlegen. »Morgen will ich früh aufbrechen und +werde mir vornehmen, nicht in Aufregung zu kommen. Bekassinen giebt es +eine Unmenge. Und werde ich hierher heimkehren, so wird ein Brief von +Kity da sein. Ja, Stefan, hast du denn recht? Ich bin nicht männlich +gegen sie, ich bin verweichlicht. Aber was thun -- es ist wieder etwas +Negatives.« + +In sein Träumen hinein vernahm er das Lachen und das heitere Geschwätz +Wjeslowskijs und Stefan Arkadjewitschs. Für einen Augenblick öffnete er +die Augen; der Mond war aufgegangen und durch die geöffnete Thür, hell +von dem Mondlicht beleuchtet, sah er sie stehen und plaudern. + +Stefan Arkadjewitsch hatte etwas über die Frische der Mädchen +gesagt und sie mit einer eben von der Schale befreiten frischen +Nuß verglichen, und Wjeslowskij mit seinem ansteckenden Gelächter, +wiederholte wahrscheinlich die ihm von dem Bauer gesagten Worte: »Mach +dich soviel als möglich an dein Mädchen heran!« + +Lewin murmelte im Schlafe: + +»Ihr Herren, morgen mit Tagesanbruch!« und entschlummerte. + + + 12. + +Als Lewin mit dem frühen Morgenrot erwacht war, versuchte er es, die +Gefährten zu wecken. Wasjenka, auf dem Bauche liegend und den einen Fuß +noch mit dem Strumpfe von sich streckend, schlief so fest, daß keine +Antwort von ihm zu erhalten war. + +Oblonskiy weigerte sich im Schlafe, so früh aufzubrechen und selbst +Laska, verschlafen und im Kreis zusammengeringelt, am Rande des +Schuppens liegend, erhob sich nur ungern und streckte träge, eins nach +dem andern, die Hinterbeine von sich. + +Nachdem Lewin sich angekleidet hatte, ergriff er das Gewehr, öffnete +sachte die kreischende Thür des Schuppens, und trat auf die Gasse +hinaus. Die Kutscher schliefen bei den Wagen, die Pferde träumten; +nur eines fraß faul seinen Hafer, ihn mit seinem Schnauben auf der +Holzkrippe auseinanderblasend. + +Auf dem Hofe war alles noch grau. + +»So früh schon auf, Herr?« wandte sich, freundlich, wie zu einem alten +guten Bekannten, die alte Hausmutter, welche aus dem Bauernhause kam, +an ihn. + +»Ja, es soll zur Jagd gehen, Mütterchen! Komme ich dort nach dem +Sumpfe?« + +»Gerade durch die Gärten, unsere Tennen, lieber Mann, und die +Hanffelder; dort geht der Weg.« + +Behutsam mit den nackten, gebräunten Füßen auftretend, führte die Alte +Lewin und öffnete ihm den Verschlag bei der Tenne. + +»Geradeaus so und du kommst in den Sumpf; unsere Kinder haben dort +Nachtweide gehabt.« + +Laska lief lustig voraus auf dem Fußsteig; Lewin folgte ihm mit +schnellem, leichtem Schritt, fortwährend nach dem Himmel schauend. Er +wünschte, die Sonne möchte nicht früher aufgehen, als bis er zum Ried +gekommen wäre, doch die Sonne säumte nicht. Der Mond, welcher noch +schien, als er herausgetreten war, glänzte jetzt nur noch wie ein Stück +Quecksilber. Das Morgenrot, welches man vorher deutlich sehen mußte, +war jetzt zu suchen, und vorher unbestimmt gewesene Flecken im fernen +Felde waren jetzt klar sichtbar; es waren Kornfeime. Der ohne das +Sonnenlicht noch nicht sichtbar gewesene Thau in dem duftenden, hohen +Hanf durchnäßte die Füße und die Bluse Lewins bis über den Gürtel. In +der klaren Ruhe des Morgens waren die leisesten Geräusche vernehmlich. +Eine Biene flog mit dem Sausen der Kugel an Lewins Ohr vorüber. Er +schaute auf und sah eine zweite, eine dritte. Sie alle kamen hinter +dem Zaune des Bienengartens hervorgeflogen und verschwanden über dem +Hanf in der Richtung nach dem Ried. Der Fußsteig führte gerade aus in +den Sumpf, und diesen selbst konnte man schon an den Dünsten erkennen, +welche sich aus ihm erhoben, hier dichter, dort weniger dicht, so daß +die Wiese und Gebüsche wie kleine Inseln in dem Nebel flimmerten. + +Am Rande der Niederung und des Weges lagen Knaben und Bauern, welche +die Nacht beim Vieh gewacht hatten und im Morgenrot alle unter ihren +Kaftanen schliefen. Unweit von ihnen gingen drei gefesselte Pferde; +eines derselben klirrte in seinen Ketten. Laska ging neben seinem +Herrn, nach vorwärts strebend und sich umblickend. + +Nachdem Lewin bei den schlafenden Bauern vorübergegangen und an die +erste Wasserstelle gelangt war, besichtigte er die Pistons und ließ den +Hund los. Eines der Pferde, ein gutgefütterter, brauner Dreijähriger, +erschrak, als er den Hund erblickte, hob den Schweif und schnob. Die +übrigen Pferde gerieten gleichfalls in Schrecken, und eilten mit den +gefesselten Beinen im Wasser plätschernd, und mit den aus dem dichten +Lehm gezogenen Hufen einen Lärm verursachend, welcher dem Klopfen +ähnlich war, aus dem Sumpfe. + +Laska war stehen geblieben, schaute spöttisch auf die Pferde und +fragend auf Lewin. Dieser streichelte den Hund, und pfiff, zum Zeichen, +daß er nun beginnen könne. + +Munter und vorsichtig eilte Laska über das unter ihm schwankende Moor. + +Als er in den Sumpf geeilt war, witterte er unter den ihm vertrauten +Gerüchen und Sumpfgräsern, des Schlammes und des hier nicht +hergehörigen Duftes von Pferdemist, der in diesem ganzen Revier +verbreitet war, den Geruch eines Vogels, des Vogels, der ihn mehr als +alle anderen Witterungen in Aufregung versetzte. + +An manchen Stellen im Moos und bei Sumpfpflanzen war dieser Geruch sehr +stark, aber es ließ sich nicht entscheiden, nach welcher Seite hin er +zunahm oder schwächer wurde. + +Um die Richtung zu finden, war es nötig, weiter unter den Wind zu +gehen. Ohne die Bewegung seiner Füße zu fühlen, eilte Laska in scharfem +Galopp, doch derart, daß er bei jedem Sprung Halt machen konnte, wenn +es nötig werden sollte, nach rechts, hinweg von dem von Osten her +wehenden leichten Morgenwind, und wandte sich dann gegen denselben. +Mit offener Nase die Luft in sich einziehend, witterte er sogleich, +daß nicht nur die Spuren von ihnen, sondern sie selbst da waren, in +seiner Nähe, und nicht vereinzelt, sondern viele. Laska verminderte die +Schnelligkeit seines Laufes. Sie waren da, aber wo, vermochte er noch +nicht zu bestimmen. + +Um den Ort nun zu finden, begann er bereits einen Kreislauf, als ihn +die Stimme seines Herrn davon abzog. »Laska, dort,« sagte er, ihn auf +die andere Seite weisend. Der Hund stand, und frug ihn, ob es nicht +besser wäre, zu thun, wie er begonnen hätte. Doch der Herr wiederholte +mit strenger Stimme seinen Befehl, auf einen mit Wasser überdeckten +Fleck zeigend, wo nichts sein konnte. + +Er gehorchte ihm, sich stellend als suche er, um ihm Vergnügen zu +machen, durchstreifte den Fleck und kehrte dann zu seinem alten Platz +zurück, und sofort witterte er die Vögel wieder. Jetzt, da sein Herr +ihn nicht mehr störte, erkannte er, was zu thun sei, und begann, ohne +auf seine Füße acht zu haben und ärgerlich über die hohen Erdhügel +strauchelnd, oder ins Wasser fallend, aber mit flinken starken Füßen +seinen Kreislauf, welcher ihm alles klarmachen mußte. + +Der Geruch der Vögel wurde stärker und stärker, er drang immer +bestimmter und bestimmter auf ihn ein, und plötzlich war es ihm +vollkommen klar, daß einer derselben dort, hinter jenem Erdhügel sei, +fünf Schritte vor ihm; und er blieb stehen, blieb unbeweglich mit dem +ganzen Körper. + +Auf seinen niederen Beinen konnte er vor sich nichts sehen, an der +Witterung aber erkannte er, daß der Vogel nicht weiter als fünf Schritt +entfernt von ihm saß. Er stand, mehr und mehr des Wildes Nähe fühlend +und sich in der Erwartung freuend. Die steife Rute war hochgestreckt +und bebte nur ganz am Ende. Sein Maul war leicht geöffnet, die Ohren +waren gespitzt. Das eine Ohr hatte sich noch während des Laufs +zurückgelegt, und er atmete schwer, aber vorsichtig, und schaute sich +noch vorsichtiger nach seinem Herrn um, mehr mit den Augen, als mit +dem Kopfe. -- Dieser, mit seinem gewohnten Gesicht, aber den ihm stets +furchtbaren Augen, kam, über die Erdhaufen strauchelnd, ungewöhnlich +gemächlich, wie ihm schien, und doch lief er. + +Als Lewin das seltsame Suchen Laskas bemerkt hatte, wie sich dieser +ganz zur Erde drückte, mit großen Schritten der Hinterfüße gleichsam +rudernd, das Maul leicht geöffnet, erkannte er, daß Laska einer +Schnepfe nachspüre und eilte, im Geiste Gott bittend, daß er ihm +Erfolg, besonders für den ersten Vogel verleihe, zu dem Hunde. + +Als er nahe an diesen herangekommen war, hielt er in seiner Größe vor +sich Umschau und erblickte mit den Augen, was sein Hund mit der Nase +erkannt hatte. In einem Schlupfwinkel zwischen zwei Erdhügeln, in der +Entfernung von einem Faden, war eine Bekassine sichtbar. Den Kopf +gewendet, lauschte sie; dann plötzlich die Flügel leise reckend und sie +wieder zusammenlegend, schüttelte sie das Hinterteil und verbarg sich +hinter einer Ecke. + +»Stell, stell!« rief Lewin, Laska in den Rücken stoßend. + +»Ich kann ja nicht,« dachte Laska, »wohin soll ich gehen? Von dorther +wittere ich die Vögel, aber wenn ich mich vorwärts bewege, werde ich +nicht erfahren, wo sie sind.« Doch er stieß den Hund mit dem Knie und +sprach in aufgeregtem Flüsterton, »stell, mein Laska, stell!« + +»Nun, wenn er es denn will, werde ich es thun, doch ich bin jetzt für +nichts mehr verantwortlich,« dachte Laska, und drang in vollem Laufe +vorwärts zwischen den Erdhügeln. Er hatte bis jetzt noch nichts gemerkt +und nur geschaut und gelauscht, ohne etwas zu erfassen. + +Zehn Schritte von seinem vorigen Platze erhob sich mit breitem +Schnarchen und dem den Schnepfen eigenen vollen Ton des Flügelschlags +eine Schnepfe, stürzte aber sofort auf den Schuß schwer platschend mit +der weißen Brust auf den nassen Moor herab. Eine zweite ließ nicht auf +sich warten und stieg hinter Lewin ohne Hund auf. + +Als Lewin sich nach ihr umwandte, war sie schon weit entfernt, aber +sein Schuß erreichte sie. Nachdem sie zwanzig Schritt geflogen war, +stürzte sie, sich steil im Kreise erhebend und überschlagend, wie ein +geworfener Ball schwer auf einen trockenen Platz herab. + +»So hat das Ding Sinn!« dachte Lewin, die noch warmen, fetten Vögel in +seiner Jagdtasche bergend, »nicht so, Laskchen, das wird etwas werden?« + +Als Lewin, nachdem er das Gewehr wieder geladen hatte, sich weiter +bewegte, war die Sonne, obwohl hinter den Wolken noch nicht sichtbar, +bereits aufgegangen. Der Mond, seines Schimmers ganz verlustig +gegangen, stand bleich wie eine Wolke am Himmel, und von den Sternen +war kein einziger mehr sichtbar. Der Morast sah wie Bernstein aus; +die Bläue der Gräser ging über in gelbes Grün. Die kleinen Sumpfvögel +tummelten sich auf den von Thau schimmernden, lange Schatten am Bache +werfenden Büschen. Ein Habicht war erwacht und saß auf einem Schober, +den Kopf von einer Seite auf die andere wendend und grießgrämig auf den +Sumpf blickend. Dohlen flogen auf das Feld, und ein barfüßiger Junge +trieb schon die Pferde zu dem sich unter seinem Kaftan aufrichtenden, +und sich kratzenden Alten. Der Rauch der Schüsse lag weiß wie Milch auf +dem Grün des Grases. + +Einer der Knaben kam zu Lewin gelaufen. + +»Herr, gestern waren da Enten!« rief er ihm zu und folgte ihm aus der +Ferne. + +Lewin gewährte es doppeltes Vergnügen, vor den Augen des Knaben, +welcher seine Freude darüber ausdrückte, noch Schlag auf Schlag drei +Bekassinen erlegen zu können. + + + 13. + +Die alte Jägererfahrung, daß wenn das erste Wild, der erste Vogel, +nicht gefehlt worden ist, das Revier günstig bleibt, erwies sich als +richtig. + +Müde und hungrig, aber beglückt, kehrte Lewin um zehn Uhr morgens, +dreißig Werst hinter sich, mit neunzehn Stück schönen Wildprets und +einer Ente, die er an den Gürtel gebunden hatte, da sie schon nicht +mehr in die Jagdtasche ging, in sein Quartier zurück. Seine Gefährten +hatten schon längst ausgeschlafen, hatten Hunger empfunden und +gefrühstückt. + +»Halt, halt, ich weiß doch, daß es neunzehn sind,« sagte Lewin, zum +zweitenmal die Schnepfen durchzählend, welche jetzt nicht mehr den +charakteristischen Anblick zeigten, den sie boten, wie sie aufflogen; +zusammengekrümmt und eingeschrumpft, mit dem geronnenen Blute und +seitwärts herniederhängenden Köpfchen. + +Die Rechnung stimmte und der Neid Stefan Arkadjewitschs kitzelte Lewin. +Noch angenehmer aber war ihm, daß er, als er in das Quartier zurückkam, +schon einen Boten mit einem Brief von Kity antraf. + +»Ich bin gesund und munter. Wenn du Besorgnis um mich hegst, so +kannst du wohl noch ruhiger sein, als zuvor. Ich habe jetzt einen +neuen Leibhüter, Marja Wlasjewna,« dies war die Wehfrau, eine neue und +wichtige Persönlichkeit im Familienleben Lewins. »Sie ist gekommen, um +sich nach mir zu erkundigen, und hat mich vollständig gesund befunden; +wir haben sie bis zu deiner Rückkunft dabehalten. Alles ist gesund und +munter, aber, bitte, übereile dich nicht, und bleibe, wenn die Jagd gut +ist, noch einen Tag.« + +Diese beiden freudigen Ereignisse, die glückliche Jagd und der +Brief seiner Gattin, waren so schwerwiegend, daß zwei kleine +Unannehmlichkeiten nach der Jagd von Lewin leicht verwunden wurden. Die +eine bestand darin, daß das braune Handpferd, welches gestern offenbar +zu viel geleistet hatte, nicht fraß und den Kopf hängen ließ. Der +Kutscher sagte, es sei kreuzlahm. + +»Ihr habt es gestern übertrieben, Konstantin Dmitritsch,« sagte er; +»zehn Werst sind wir gar nicht auf dem Weg gefahren.« + +Die andere Unannehmlichkeit, die im ersten Augenblick seine gute Laune +verdarb, über die er indessen später viel lachte, bestand darin, daß +von dem ganzen Vorrat an Lebensmitteln, der von Kity in solcher Fülle +mitgegeben worden war, daß es schien, als könne er in einer Woche nicht +aufgezehrt werden, nichts mehr übrig war. + +Müde und hungrig von der Jagd heimkehrend, hatte Lewin so lebhaft von +den Pasteten geträumt, daß er, dem Quartier näher kommend, schon den +Duft und den Geschmack derselben im Munde witterte, wie Laska das Wild, +und sogleich Philipp befahl, sie ihm zu bringen. Da aber stellte sich +heraus, daß nicht nur keine Pasteten, sondern auch keine jungen Hühner +mehr da waren. + +»Es gab schon Appetit,« sagte Stefan Arkadjewitsch lachend, auf +Wasjenka Wjeslowskij weisend; »ich leide doch nicht gerade Mangel an +Appetit, aber dies war bewundernswert« -- + +»Nun, aber was jetzt thun!« sagte Lewin, mürrisch auf Wjeslowskij +blickend; »Philipp, so gieb mir Rindfleisch!« + +»Das Rindfleisch haben wir gegessen und die Knochen den Hunden +gegeben,« antwortete Philipp. + +Lewin ärgerte sich hierüber so, daß er voll Verdruß sagte: »Hätten sie +mir auch nur wenigstens etwas übrig gelassen!« und das Weinen stand ihm +nahe. + +»So weide denn ein Stück Wildbret aus,« sagte er mit bebender Stimme zu +Philipp, es vermeidend, Wasjenka anzublicken, »und lege Nesseln dazu. +Laß dir wenigstens etwas Milch für mich geben.« + +Bald darauf indessen, nachdem er die Milch getrunken hatte, that es +ihm leid, daß er seinen Verdruß einem fremden Menschen gegenüber +ausgesprochen hatte, und er begann über seinen hungrigen Zorn zu lachen. + +Am Abend machten sie noch einen Streifzug, in welchem auch Wasjenka +mehrere Stück erlegte und kehrten nachts heim. + +Die Heimfahrt war ebenso vergnügt, wie die Herfahrt. Wjeslowskij sang +bald, bald gedachte er mit Wonne seiner Erlebnisse bei den Bauern, die +ihn mit Branntwein bewirtet und ihm gesagt hatten, er solle sich nicht +besinnen; bald seiner nächtlichen Abenteuer mit den Nüssen und der +Magd und dem Bauer, der ihn gefragt hatte, ob er verheiratet sei, und +nachdem er erfahren, es wäre nicht der Fall, ihm gesagt hatte, er solle +sich nicht um die Frauen anderer kümmern, sondern möglichst bald selber +heiraten. Diese Worte hatten Wjeslowskij ganz besonders heiter gestimmt. + +»Im allgemeinen bin ich außerordentlich zufrieden mit unserer Fahrt. +Und Ihr, Lewin?« + +»Ich bin auch sehr zufrieden,« antwortete dieser, dem es recht froh +zu Mut war, aufrichtig. Er empfand nicht nur keine Feindseligkeit +mehr, wie er sie in dem Hause gegen Wasjenka Wjeslowskij gehegt hatte, +sondern, im Gegenteil, die freundschaftlichste Gesinnung für denselben. + + + 14. + +Am andern Tag um zehn Uhr klopfte Lewin, der schon die Ökonomie +inspiziert hatte, an das Zimmer, in welchem Wasjenka übernachtete. + +»=Entrez=!« rief ihm dieser entgegen. »Ihr entschuldigt mich wohl, ich +bin soeben erst mit meinen =ablutions= fertig,« sagte er lächelnd, im +bloßen Hemde vor ihm stehend. + +»Laßt Euch nicht stören, bitte,« sagte Lewin und setzte sich ans +Fenster. »Habt Ihr gut geschlafen?« + +»Wie ein Toter. Was für ein Tag doch heute zur Jagd wäre!« + +»Trinkt Ihr Thee oder Kaffee?« + +»Weder dies, noch das: ich frühstücke. Mir liegt übrigens etwas auf +dem Herzen. Haben sich die Damen bereits erhoben? Jetzt läßt sichs +vortrefflich einen Rundgang machen. Zeigt mir doch einmal Eure Pferde!« + +Nachdem Lewin mit durch den Garten gegangen und im Pferdestall eine +Weile gewesen, selbst einige gymnastische Übungen mit ihm am Barren +gemacht hatte, wandte er sich mit seinem Gaste dem Hause wieder zu und +trat mit ihm in den Salon. + +»Wir haben vortrefflich gejagt, und wieviele Eindrücke empfangen,« +sagte Wjeslowskij, zu Kity gehend, welche hinter dem Ssamowar saß. »Wie +schade, daß die Damen dieser Vergnügungen beraubt sind.« + +»Nun, er muß doch mit der Frau des Hauses sprechen,« dachte Lewin +bei sich; es zeigte sich ihm wiederum Etwas in dem Lächeln in jenem +triumphierenden Ausdruck, mit dem sich der Besucher an Kity wandte. + +Die Fürstin, jenseits des Tisches mit Marja Wlasjewna und Stefan +Arkadjewitsch sitzend, rief Lewin zu sich und begann mit ihm ein +Gespräch über die Umsiedelung nach Moskau wegen der Niederkunft Kitys +und der Anstalt zur Bestimmung eines Quartiers. + +Wie für Lewin schon alle Vorbereitungen bei der Hochzeit unangenehm +gewesen waren, die mit ihrer Niedrigkeit die Erhabenheit dessen, +was sich vollzog, beeinträchtigten, so erschienen ihm die Anstalten +für die bevorstehende Niederkunft, deren Zeit gleichsam an den +Fingern abgezählt wurde, noch verletzender. Er suchte geflissentlich +während dieser ganzen Zeit, die Gespräche über die Art der Windelung +des zu erwartenden Kindes zu überhören; er bemühte sich, gewisse +geheimnisvolle endlose gestrickte Streifen, gewisse dreieckige +Stückchen Leinwand, denen namentlich Dolly eine besondere Wichtigkeit +beimaß, und andere Dinge von sich zu weisen und nicht zu sehen. + +Das Ereignis der Geburt eines Sohnes -- er war überzeugt, es werde +ein Sohn sein -- das man ihm in Aussicht gestellt hatte, an welches er +aber gleichwohl nicht zu glauben vermochte, so ungewöhnlich dünkte es +ihm -- erschien ihm einerseits als ein so ungeheuerliches und daher +unmögliches Glück, anderseits als ein so geheimnisvoller Vorgang +-- daß diese vermeintliche Kenntnis dessen, was kommen würde, und +demnach die Vorbereitung dazu als zu etwas Gewöhnlichem, von Menschen +herbeigeführtem, ihm ärgerlich und herabwürdigend vorkam. + +Aber die Fürstin verstand seine Empfindungen nicht; sie erklärte +seine Unlust, darüber zu denken, zu sprechen, als Leichtsinn und +Gleichgültigkeit; und ließ ihn infolge dessen nicht in Ruhe. Sie +übertrug es Stefan Arkadjewitsch, eine Wohnung zu besichtigen, und rief +nun Lewin zu sich. + +»Ich weiß nichts, Fürstin. Thut, was Ihr wollt,« sagte dieser. + +»Es muß aber ein Entschluß gefaßt werden, wann Ihr übersiedelt.« + +»Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, daß Kinder zu Millionen auch +ohne Moskau geboren werden, und ohne Ärzte -- wozu das« -- + +»Aber wenn es so steht« -- + +»Nun; wie Kity will« -- + +»Mit Kity läßt sich hierüber nicht reden. Wie; willst du, daß ich sie +erschrecken soll? In diesem Frühling ist die Nataly Galizina gestorben +durch die Schuld eines Geburtsfehlers.« + +»Wie Ihr sagt, werde ich thun,« sagte er finster. + +Die Fürstin begann nun mit ihm weiter zu sprechen, aber er hörte sie +gar nicht. Obwohl ihn das Gespräch mit der Fürstin verstimmte, wurde er +nicht infolge desselben mißlaunig, sondern durch das, was er bei dem +Ssamowar sah. + +»Nein; es ist unmöglich,« dachte er, bisweilen nach Wasjenka blickend, +der zu Kity herniedergebeugt, dieser mit seinem hübschen Lächeln +etwas erzählte, und sie anblickte, die errötete und erregt war. Es +lag etwas Indecentes in der Stellung Wasjenkas, in seinem Blick, und +seinem Lächeln. Lewin sah sogar etwas Indecentes auch in der Haltung +und im Blick Kitys. Und wiederum verfinsterte sich die Welt vor +seinen Augen. Wiederum, wie gestern, plötzlich, ohne den geringsten +Übergang, fühlte er sich von der Höhe seines Glückes, seiner Ruhe und +Würde herabgeschleudert, in einen Abgrund der Verzweiflung, Wut und +Erniedrigung. Wiederum wurde ihm jedermann und alles widerlich. + +»Macht was Ihr wollt, Fürstin,« sagte er nochmals, sich umblickend. + +»Es ist gar schwer, alles allein thun zu sollen,« sagte Stefan +Arkadjewitsch scherzweise zu ihm, offenbar nicht nur auf das Gespräch +mit der Fürstin deutend, sondern auch auf die Ursache der Aufregung +Lewins, welche er bemerkt hatte. »Wie kommst du heute so spät, Dolly!« + +Alles erhob sich, um Darja Alexandrowna zu begrüßen. Wasjenka stand nur +für eine Minute auf, und verbeugte sich kaum, mit dem den neumodischen +jungen Herrn eigenem Mangel an Höflichkeit gegen die Damen, worauf er +seine Unterhaltung wieder fortsetzte, über irgend etwas in Gelächter +ausbrechend. + +»Mich hat Mascha gepeinigt. Sie schlief schlecht und ist heute +entsetzlich launisch gewesen,« sagte Dolly. + +Das Gespräch, welches Wasjenka und Kity pflogen, drehte sich wiederum +um das gestrige Thema, um Anna und die Frage, ob die Liebe höher stehen +könne als die Gesetze der Welt. + +Kity war das Gespräch unangenehm geworden; es regte sie schon durch +seinen Inhalt auf, sowie durch den Ton, in welchem es geführt wurde, +namentlich aber dadurch, daß sie schon inne geworden war, wie es auf +ihren Mann wirke. Sie war indessen zu naiv und zu unschuldig, um es zu +verstehen, das Gespräch abzubrechen, etwa schon um deswillen, jenes +äußere Behagen, welches ihr die sichtliche Aufmerksamkeit dieses jungen +Mannes verursachte, zu verbergen. + +Sie wollte das Gespräch abbrechen, wußte aber nicht, was sie da zu thun +habe. Was sie auch alles thun mochte, sie wußte, es wurde von ihrem +Gatten bemerkt, und alles werde auch nach der üblen Seite ausgelegt +werden. + +Und in der That, als sie Dolly frug, was mit Mascha sei, und Wasjenka +wartete, bis dieses für ihn langweilige Gespräch vorüber sein werde, +und er sich einstweilen damit beschäftigte, Dolly gleichgültig +anzuschauen, so erschien Lewin diese Frage unnatürlich und anwidernd in +ihrer Verschmitztheit. + +»Nun; werden wir denn heute in die Pilze gehen?« frug Dolly. + +»Laß uns gehen, bitte; auch ich komme mit!« sagte Kity und errötete. +Sie wollte Wasjenka aus Höflichkeit fragen, ob er mitkäme, frug aber +nicht. »Wohin willst du, Konstantin?« frug sie mit schuldbewußtem +Ausdruck ihren Gatten, als dieser mit entschlossenem Schritt an ihr +vorüberging. Dieser schuldbewußte Ausdruck bestätigte alle seine +Zweifel. + +»In meiner Abwesenheit ist ein Maschinist angekommen, ich habe ihn +noch nicht gesehen,« sagte er, ohne sie anzublicken. Er ging hinab, +hatte aber das Kabinett noch nicht verlassen, als er die wohlbekannten +Schritte seiner Frau vernahm, die ihm unvorsichtig schnell nachkam. +»Was willst du?« sagte er lakonisch zu ihr. »Ich bin beschäftigt.« + +»Entschuldigt,« wandte sie sich an den deutschen Maschinisten, »ich +habe einige Worte mit meinem Manne zu sprechen.« + +Der Deutsche wollte gehen, doch Lewin sagte zu ihm: + +»Laßt Euch nicht stören.« + +»Den Dreiuhrzug?« frug der Deutsche, »sollte man sich nicht verspätigen +können?« + +Lewin antwortete ihm nicht, sondern ging mit seiner Frau hinaus. + +»Nun, was habt Ihr mir zu sagen?« sprach er auf französisch. + +Er blickte nicht in ihr Gesicht, wollte nicht sehen, daß sie, in +ihrem Gesundheitszustand im ganzen Gesicht bebte und einen kläglichen +beschämten Ausdruck zeigte. + +»Ich -- ich will sagen, daß man so nicht leben kann, daß das eine +Marter ist,« fuhr sie fort. + +»Es sind Leute dort im Büffett,« sprach er zornig, »macht keine Scene!« + +»Nun; gehen wir hierher!« + +Sie standen in einem Zwischenzimmer. Kity wollte in das Nebenzimmer +treten, doch dort unterrichtete die Engländerin Tanja. + +»So wollen wir in den Garten gehen.« + +Im Garten stießen sie auf einen Mann, welcher den Weg säuberte. Aber +ohne daran zu denken, daß der Mann ihr verweintes Gesicht sehe und +Lewins erregte Züge, ohne daran zu denken, daß sie den Anblick von +Menschen boten, welche vor einem Unglück fliehen, gingen sie mit +schnellen Schritten vorwärts im Gefühl, daß sie sich aussprechen und +gegenseitig überzeugen müßten; von einer und derselben Qual eingenommen +oder befreit werden müßten, die sie beide empfanden. + +»So läßt sich nicht leben! Das ist eine Qual! Ich leide, du leidest! +Und weshalb?« sagte sie, als beide endlich zu einer abgelegenen Bank in +der Ecke einer Lindenallee gekommen waren. + +»Sage mir nur das Eine: War in seinem Tone etwas Unehrerbietiges, +Unlauteres, Erniedrigendes?« sprach er, vor sie wieder in der nämlichen +Stellung tretend, die Fäuste auf der Brust, wie er in jener Nacht vor +ihr gestanden. + +»Es lag etwas darin,« sagte sie mit zitternder Stimme. »Aber, mein +Konstantin, siehst du denn nicht, daß ich gar nicht schuldig bin? Seit +dem Morgen schon wollte ich einen Ton annehmen -- aber diese Menschen +-- warum ist er nur gekommen? Wie glücklich waren wir!« sprach sie, +tiefatmend vor Schluchzen, welches ihren sich allmählich füllenden +Körper hob. + +Der Gärtner sah mit Verwunderung -- trotzdem, daß sie nichts verfolgte +und sie nichts zu fliehen hatten, daß auch auf der Bank nichts +besonderes Erfreuliches zu finden sein konnte -- daß sie an ihm vorüber +nach dem Hause zurückkehrten, mit beruhigten, freudeschimmernden +Gesichtern. + + + 15. + +Nachdem Lewin sein Weib hinausbegleitet hatte, begab er sich in die +Gemächer Dollys. Darja Aleksandrowna ihrerseits war den ganzen Tag in +großer Erbitterung gewesen. Sie ging im Zimmer auf und ab und sprach +zornig zu ihrem in der Ecke stehenden weinenden kleinen Töchterchen. + +»Den ganzen Tag wirst du in der Ecke stehen und allein zu Mittag essen; +du sollst nicht eine einzige Puppe mehr zu sehen bekommen und auch kein +neues Kleid laß ich dir machen,« sprach sie, gar nicht mehr wissend, +womit sie sie noch weiter strafen sollte. »Nein, ist das ein häßliches +Kind!« wandte sie sich zu Lewin. »Woher kommen bei ihr diese schlimmen +Neigungen?« + +»Was hat sie denn begangen?« sagte ziemlich gleichgültig Lewin, der +sich über seine eigene Angelegenheit Rats zu erholen gewünscht hatte, +und dem es daher verdrießlich war, daß er zur unrechten Zeit kam. + +»Sie sind mit Grischa nach den Himbeeren gegangen und dort -- ich +kann dir gar nicht sagen, was sie gethan hat! Tausendmal bedauere ich +Miß Elliot. Die jetzige Gouvernante übt um keinen Preis Aufsicht. +Sie ist eine Maschine. =Figurez vous, que la petite=« -- und Darja +Aleksandrowna erzählte das Vergehen Maschas. + +»Dies beweist noch gar nichts; dies sind durchaus keine häßlichen +Neigungen, es ist einfach Mitleid,« beruhigte sie Lewin. + +»Aber du bist wie mißgestimmt? Weshalb kamst du?« frug Dolly, »wie geht +es drüben?« + +An dem Tone dieser Frage hörte Lewin, daß es ihm leicht sein würde, zu +sagen, was er zu sagen beabsichtigte. + +»Ich war nicht drüben, ich war mit Kity allein im Garten. Wir haben uns +ein zweites Mal gezankt, seit -- Stefan gekommen ist.« -- + +Dolly blickte ihn mit klugen, verständnisvollen Augen an. + +»Nun, sag' mir, Hand aufs Herz, wäre etwa nicht -- nicht bei Kity, +sondern bei jenem Herrn ein Ton, welcher unangenehm werden kann, nicht +nur unangenehm, sondern furchtbar, verletzend für einen Gatten?« + +»Das heißt -- wie soll ich sagen -- du bleibst stehen, in der Ecke!« +-- wandte sie sich zu Mascha, welche, ein kaum bemerkbares Lächeln auf +dem Gesicht der Mutter gewahrend, sich umgedreht hatte; »die Meinung +der Welt wäre die, daß er sich benimmt, wie sich alle jungen Männer +benehmen. =Il fait la cour à une jeune et jolie femme=, ein Mann von +Welt aber darf nur geschmeichelt sein hiervon.« + +»Ja, ja,« versetzte Lewin düster, »aber hast du es bemerkt?« + +»Nicht nur ich, auch Stefan hat es bemerkt. Er hat mir nach dem Thee +offen gesagt, =je crois, que Weslowskij fait un petit brin de cour à +Kity=.« + +»Schön; jetzt bin ich beruhigt. Ich werde ihn davonjagen,« sagte Lewin. + +»Was willst du, hast du den Verstand verloren?« rief Dolly mit +Schrecken. »Was thust du, Konstantin, komme zur Besinnung!« sagte sie +dann lachend -- »jetzt kannst du zu Fanny gehen« -- wandte sie sich zu +Mascha. -- »Nein; wenn du schon willst, so werde ich es Stefan sagen; +er mag ihn mit fortnehmen. Man kann ja sagen, du erwartetest Gäste. +Überhaupt gehört er ja nicht zu unserem Hause.« + +»Nein; das sage ich auch.« + +»Aber du wirst Händel suchen?« + +»Keineswegs. Mir wird es so ganz lieb sein,« sagte Lewin, in der That +mit heiter glänzenden Augen. »Nun aber vergieb ihr, Dolly; sie wird +es nicht wieder thun,« sagte er zu der kleinen Sünderin, die nicht +zu Fanny ging und unentschlossen vor der Mutter stand von unten her +schielend und wartend, und ihren Blick suchend. + +Die Mutter schaute sie an. Das Kind begann zu schluchzen und vergrub +das Gesicht zwischen die Kniee der Mutter, Dolly aber legte ihre +hagere, zarte Hand auf des Kindes Haupt. + +»Was ist denn Gemeinsames zwischen uns und ihm?« dachte Lewin, und +ging, um Wjeslowskij aufzusuchen. + +Als er durch das Vorzimmer ging, befahl er anzuspannen, um auf die +Station fahren zu können. + +»Es ist gestern die Feder gebrochen,« antwortete der Diener. + +»Dann nehmt den Tarantaß, aber schnell! Wo ist der Besuch?« + +Sie gingen nach seinem Zimmer. + +Lewin traf Wasjenka gerade, als dieser, der seine Sachen aus dem Koffer +ausgepackt und neue Romanzen aufgeschlagen hatte, Gamaschen zum Reiten +anprobierte. + +Lag nun im Gesicht Lewins etwas Besonderes, oder empfand Wasjenka +selbst, daß =ce petit brin de cour=, den er angestiftet, in dieser +Familie unstatthaft wäre; genug, er wurde ein wenig -- soviel dies eben +ein Weltmann werden kann -- verlegen beim Eintritt Lewins. + +»Ihr wollt in Gamaschen reiten?« + +»Ja; das ist bei weitem sauberer,« sagte Wasjenka, den feisten Fuß auf +einen Stuhl stellend, und die unterste Schnalle zumachend, wobei er +heiter lächelte. + +Er war unzweifelhaft ein ganz guter Mensch und that Lewin leid. Dieser +kämpfte mit sich selbst, als Herr des Hauses, als er die Schüchternheit +im Blick Wasjenkas wahrnahm. + +Am dem Tische lag ein Stück eines Stockes, den sie am Morgen beim +Turnen zusammen zerbrochen hatten, indem sie probierten, den Barren +zu heben. Lewin nahm den Trümmer in die Hand und begann, da er nicht +wußte, wie er anfangen sollte, das zersplitterte Ende rund herum +abzubrechen. + +»Ich wollte --« er verstummte, sagte aber dann plötzlich, Kitys +gedenkend und alles dessen, was geschehen war, und ihm entschlossen in +die Augen blickend, »ich habe befohlen, für Euch anspannen zu lassen.« + +»Was heißt das?« begann Wasjenka voll Verwunderung, »wohin soll es +gehen?« + +»Ihr sollt zur Bahn fahren,« sagte Lewin finster, die Spitze des +Stockes abzupfend. + +»Verreist Ihr, oder ist etwas vorgefallen?« + +»Es ist das vorgefallen, daß ich Besuch erwarte,« sprach Lewin, +schneller und schneller mit den starken Fingern die Zacken des +zersplitterten Stockes abbrechend. »Oder vielmehr ich erwarte nicht +Besuch, und es ist nichts vorgefallen, aber ich ersuche Euch, +abzureisen. Ihr mögt Euch meine Unhöflichkeit erklären, wie Ihr wollt.« + +Wasjenka richtete sich auf. + +»Ich bitte Euch, mir zu erklären,« sprach er mit Würde, endlich +begreifend. + +»Ich kann Euch nicht erklären,« fuhr Lewin, gedämpften Tones +und langsam sprechend fort, sich bemühend, das Beben seiner +Kinnbackenmuskeln zu verbergen, »und es ist auch besser für Euch, nicht +zu fragen.« + +Da sämtliche zersplitterte Enden bereits abgebrochen waren, machte sich +Lewin mit den Fingern an die dicken Enden, riß den Stock auseinander +und hob das hingefallene Stück sorgsam auf. + +Wahrscheinlich mochte der Anblick dieser straffangestrengten Hände, +dieser Muskeln da, welche er heute früh beim Turnen befühlt hatte, der +blitzenden Augen, der gedämpften Stimme und der bebenden Kinnbacken +Wasjenka mehr als Worte überzeugen; er verbeugte sich, nachdem er die +Achseln gezuckt und verächtlich gelächelt hatte. + +»Kann ich nicht Oblonskiy sehen?« + +Das Achselzucken und Lächeln brachten Lewin nicht auf, »was bleibt ihm +weiter übrig?« dachte dieser. + +»Ich werde ihn sofort zu Euch schicken.« + +»Was ist das für ein Unsinn,« sagte Stefan Arkadjewitsch der von dem +Freunde erfahren hatte, daß man ihn aus dem Hause jage, zu Lewin, als +er diesen im Garten fand, wo er, die Abfahrt des Gastes erwartend, +spazieren ging. + +»=Mais c'est ridicule=! Was für eine Fliege hat dich denn gestochen. +=Mais c'est du dernier ridicule=! Was ist dir darin erschienen, daß ein +junger Mann« -- + +Die Stelle, an welcher Lewin die Fliege gestochen hatte, schmerzte +aber offenbar noch, da derselbe abermals bleich wurde, als Stefan +Arkadjewitsch ihm die Ursache klarmachen wollte, und diesen hastig +unterbrach. + +»Bitte, erkläre mir keine Ursache! Ich kann nicht anders! Es thut mir +sehr leid um deinet- und seinetwillen, aber ihm, glaube ich, verursacht +es kein großes Herzeleid, abreisen zu müssen, während mir und meiner +Frau seine Gegenwart unangenehm ist.« + +»Es ist dies aber eine Beleidigung für ihn! =Et puis c'est ridicule=!« + +»Auch für mich ist es beleidigend und peinlich! Und doch bin ich an +nichts schuld, und habe keinen Grund, leiden zu sollen!« + +»Das hätte ich nicht von dir erwartet! =On peut être jaloux, mais à ce +point, c'est du dernier ridicule=!« + +Lewin wandte sich schnell um und ging von ihm hinweg in die Tiefe der +Allee, wo er seinen Spaziergang allein auf und abwärts fortsetzte. Bald +vernahm er das Rollen des Tarantaß und sah hinter den Bäumen hervor, +wie Wasjenka, auf Heu sitzend, denn leider gab es keine Sitzbank in dem +Tarantaß, mit seiner schottischen Mütze, von den Stößen in die Höhe +schnellend, durch die Allee fuhr. + +»Was giebt es denn noch?« dachte Lewin, als ein Diener, der aus dem +Hause eilte, den Tarantaß halten ließ. Es war der Maschinist, den +Lewin gänzlich vergessen hatte. Nachdem derselbe gegrüßt hatte, sprach +er etwas mit Wasjenka, stieg darnach auf den Tarantaß und sie fuhren +zusammen ab. + +Stefan Arkadjewitsch und die Fürstin waren verstimmt von der +Handlungsweise Lewins. Auch dieser selbst fühlte sich nicht nur im +höchsten Grade »=ridicule=«, sondern auch schuldig und beschimpft; als +er sich aber vergegenwärtigte, was er und sein Weib gelitten hatten, +gab er sich, indem er sich selbst frug, wie er ein zweites Mal handeln +würde, die Antwort, daß er es ganz wieder so gemacht hätte. + +Trotz alledem war zu Ende dieses Tages jedermann, mit Ausnahme +der Fürstin, welche Lewin sein Verfahren nicht verzeihen konnte, +außergewöhnlich lebhaft und heiter, gleichwie Kinder nach einer +Bestrafung oder Erwachsene nach einem wichtigen offiziösen Empfang, so +daß abends in der Abwesenheit der Fürstin von der Entfernung Wasjenkas +gesprochen wurde, wie von einem längst geschehenen Vorfall. + +Auch Dolly, welche von ihrem Vater die Gabe besaß, humoristisch zu +erzählen, brachte Warenka zu dem herzlichsten Lachen, als sie zum +dritten oder vierten Mal, mit immer neuen humoristischen Zuthaten +berichtete, wie sie gerade dabei gewesen sei, ihre neuen Halbstiefeln +des Gastes halber anzulegen und schon in den Salon gegangen sei, als +sie plötzlich das Kreischen einer alten Karrete vernommen hätte. Und +wer hätte darin gesessen? Wasjenka, mit der schottischen Mütze und den +Romanzen, mit den Reitgamaschen, auf dem Heu. + +»Hätte er nur wenigstens den Wagen anspannen lassen! Aber nein! und +dann hörte ich »halt!« -- Nun, denke ich, man hat Mitleid mit ihm +bekommen! Ich sehe nach; da setzt man noch den dicken Deutschen zu +ihm und fährt ihn weiter. Aus war es mit meinen hübschen schottischen +Bändern.« + + + 16. + +Darja Aleksandrowna führte ihre Absicht aus und reiste zu Anna. + +Es that ihr sehr leid, die Schwester erbittern und etwas thun zu +müssen, was deren Gatten unangenehm war; sie begriff, wie sehr recht +die Lewin hatten, mit dem Wunsche, keine Beziehungen mit den Wronskiy +zu pflegen, allein sie erachtete es für ihre Pflicht, zu Anna zu +kommen, und ihr zu zeigen, daß ihre Gefühle sich nicht verändern +könnten trotz der Veränderung ihrer Lage. + +Um bei dieser Reise nicht von den Lewin abhängen zu müssen, sandte +Darja Aleksandrowna nach ihrem Dorfe, um Pferde mieten zu lassen; doch +Lewin, der hiervon erfahren hatte, kam, um ihr Vorwürfe zu machen. + +»Warum denkst du, daß mir deine Reise unangenehm sei? Ja, und selbst +wenn sie mir unangenehm wäre, so wäre sie es mir dadurch noch mehr, +daß du nicht meine Pferde nimmst,« sagte er. »Du hast mir nicht ein +einziges Mal gesagt, daß du entschieden fahren wolltest. Und nun auf +dem Dorfe Pferde zu mieten, ist erstens unangenehm für mich, und dann, +was die Hauptsache ist, man mietet sie, aber sie bringen dich nicht +hin. Ich habe doch Pferde; und wenn du mich nicht böse machen willst, +so nimmst du sie.« + +Darja Aleksandrowna mußte einwilligen, und am festgesetzten Tag hatte +Lewin für seine Schwägerin ein Viergespann von Pferden und einen +Vorspann aus Zug- und Reitpferden gewählt, bereit gemacht, der nicht +sehr schön, aber doch imstande war, Darja Aleksandrowna in einem Tage +an ihr Ziel zu bringen. + +Jetzt, wo Pferde sowohl für die Fürstin, welche abreiste, wie für +die Wehfrau gebraucht wurden, war das eine schwierige Aufgabe für +Lewin gewesen, doch konnte derselbe der Pflicht der Gastfreundschaft +Folge leistend, nicht zugeben, daß Darja Aleksandrowna von seinem +Hause aus Pferde mietete, und außerdem wußte er auch, daß die zwanzig +Rubel, welche man von Darja Aleksandrowna für die Fahrt verlangte, +für dieselbe von großer Bedeutung waren; die Finanzverhältnisse Darja +Aleksandrownas, welche sich in sehr schlechtem Zustande befanden, +wurden von den Lewin empfunden, als wären es ihre eigenen. + +Darja Aleksandrowna fuhr nach dem Rate Lewins noch vor der Morgenröte +ab. Der Weg war gut, der Wagen ging ruhig, die Pferde liefen munter und +auf dem Bocke saß noch außer dem Kutscher, an Stelle eines Dieners, +der Comptoirschreiber, der von Lewin der Sicherheit halber mitgesandt +worden war. Darja Aleksandrowna träumte und erwachte erst, als sie +schon zu der Poststation gekommen war, wo die Pferde gewechselt werden +mußten. + +Nachdem sie den Thee bei jenem nämlichen begüterten Großbauern, +bei welchem Lewin auf seiner Fahrt zu Swijashskiy gerastet hatte, +eingenommen, und sich mit den Weibern über die Kinder, mit dem Alten +über den Grafen Wronskiy unterhalten hatte, den jener sehr lobte, fuhr +Darja Aleksandrowna um zehn Uhr weiter. Zu Hause hatte sie, vor Sorgen +um ihre Kinder, nie Zeit zu denken. Dafür aber häuften sich jetzt erst, +auf dieser vierstündigen Fahrt, alle die vorher unterdrückt gewesenen +Gedanken plötzlich in ihrem Kopfe, und sie überdachte ihr ganzes Leben, +wie sie es noch nie zuvor gethan, und von den verschiedensten Seiten +aus. Ihr selbst kamen ihre eigenen Gedanken seltsam vor. + +Im Anfang dachte sie ihrer Kinder, um die sie sich, obwohl ihr die +Fürstin, wie besonders Kity -- auf diese verließ sie sich vielmehr -- +versprochen hatten, nach ihnen zu sehen, gleichwohl beunruhigte. + +»Wie wenn Mascha wiederum dumme Streiche machte, wenn den Grischa ein +Pferd schlüge und der Magen Lilys noch mehr verdorben würde.« + +Dann aber begannen die Fragen der Gegenwart sich mit denen der nächsten +Zukunft abzulösen. Sie dachte jetzt daran, daß man in Moskau für diesen +Winter eine neue Wohnung mieten, die Möbel im Salon umtauschen und der +ältesten Tochter einen Pelz fertigen lassen müsse. Darnach tauchten die +Fragen der entfernten Zukunft vor ihr auf; wie sie ihre Kinder in die +Welt einführen würde, »mit den Mädchen ist es noch nichts«, dachte sie, +»aber mit den Knaben?« + +»Gut; ich beschäftige mich jetzt mit Grischa, aber ich kann es doch +nur deshalb, weil ich selbst jetzt kein Kind unter dem Herzen trage. +Auf Stefan läßt sich natürlich nicht rechnen. Jedoch mit Hilfe guter +Menschen werde ich sie schon erziehen; und wenn wieder einmal eine +Geburt« -- ihr kam der Gedanke, wie ungerecht der Ausspruch sei, daß +der Fluch auf dem Weibe liege, daß sie in Schmerzen Kinder gebäre. +»Die Geburt selbst hat nichts zu sagen, aber das Austragen -- das ist +das Qualvolle,« dachte sie, sich ihrer letzten Schwangerschaft und des +Todes dieses letzten Kindes erinnernd. Es fiel ihr auch das Gespräch +mit der jungen Frau auf dem Posthof wieder ein. Auf ihre Frage, ob sie +Kinder habe, hatte dieselbe ganz heiter geantwortet: »Ich hatte ein +Mädchen, aber Gott hat es erlöst, ich habe es zu den Fasten begraben.« + +»Hast du es sehr betrauert?« hatte Darja Aleksandrowna weiter gefragt. + +»Wozu betrauern? Der Alte hat Enkel, und zwar viel. Man hat doch nur +Sorge dabei, und kann weder arbeiten noch sonst etwas thun, sondern ist +nur gebunden.« + +Diese Antwort war Darja Aleksandrowna abstoßend erschienen, ungeachtet +des gutmütigen Äußeren der jungen Frau, jetzt aber vergegenwärtigte sie +sich unwillkürlich diese Worte. Es lag auch ein Teil von Wahrheit in +diesen cynischen Äußerungen. + +»Und im allgemeinen,« dachte Darja Aleksandrowna, auf ihr ganzes Leben +während der fünfzehn Jahre ihrer Ehe zurückblickend, »Schwangerschaft, +Übelkeiten, Stumpfsinn, Gleichgültigkeit für alles, und hauptsächlich +Ruin der Schönheit. Kity, die junge, hübsche Kity, auch sie war häßlich +geworden, ich aber werde in der Schwangerschaft ungeschlacht, ich weiß +es. Geburten, Leiden, undenkbare Schmerzen; dann jene letzte Minute +-- hierauf aber die Ernährung, alle die schlaflosen Nächte, diese +furchtbaren Schmerzen« -- + +Darja Aleksandrowna erbebte schon vor der Erinnerung an den Schmerz +einer aufgehenden Brustwarze, den sie fast bei jedem Kind gehabt +hatte. »Dann kommen die Kinderkrankheiten, diese ewige Angst, dann die +Gedanken wegen schlimmer Neigungen« -- sie dachte an das Vergehen der +kleinen Mascha in den Himbeeren -- »der Unterricht, das Latein, alles +das so unverständlich und schwierig. Und außer dem allen noch die +Möglichkeit des Todes eben dieser Kinder!« + +Und wiederum tauchte in ihrer Phantasie die ewig ihr Mutterherz +drückende, herbe Erinnerung an den Tod ihres letzten Knaben auf, der +noch an der Brust gelegen hatte, und in der Krippe gestorben war. Sie +dachte an sein Begräbnis, die allgemeinherrschende Gleichgültigkeit +für jenes kleine rosengeschmückte Grab, an ihren herzzerreißenden, +vereinsamten Schmerz über der bleichen, kleinen Stirn mit den hohen +Schläfen, über dem geöffneten, verwundert scheinenden Mündchen, welches +aus dem Sarge herausschaute, als man denselben mit einem Rosendeckel +und einem Kreuz bedeckte. + +»Und warum alles das? Was folgt aus alledem? Daß ich, ohne einen +Augenblick Ruhe zu haben, bald in gesegneten Umständen, bald ein +Kind nährend, ewig mich ereifernd, scheltend, mich selbst und andere +folternd, dem Manne zuwider, mein Leben hinlebe, und mir unglückliche, +schlecht erzogene und unbemittelte Kinder aufwachsen? + +»Und jetzt -- wäre nicht dieser Sommer bei den Lewin, ich wüßte nicht, +wie wir ihn verleben sollen. -- Natürlich sind Konstantin und Kity so +zartfühlend, daß sie es uns nicht merken lassen, aber es kann doch +nicht so fortgehen! Sie werden Kinder bekommen und uns nicht mehr +unterstützen können; sind sie doch schon jetzt in Bedrängnis. Und was +kann Papa, der für sich fast nichts mehr übrig behalten hat, noch +helfen? Die Verhältnisse liegen so, daß ich die Kinder nicht allein +erziehen kann, nur mit Hilfe anderer, und mit eigener Erniedrigung. Und +nehmen wir selbst den glücklichsten Fall; sollten mir keine Kinder mehr +sterben und sollte ich sie erziehen können, so werden sie im besten +Falle doch nur höchstens keine Taugenichtse werden. Das ist alles, +was ich wünschen kann. Und dafür so viele Qualen, so viele Mühen! Ein +ganzes, verlorenes Leben!« -- + +Und wieder fiel ihr ein, was die junge Frau gesagt hatte, wiederum +war es ihr widerlich, daran zu denken; und gleichwohl mußte sie doch +zugeben, daß in jenen Worten ein Stück rauher Wahrheit lag. + +»Ist es denn noch weit, Michail?« frug Darja Aleksandrowna den +Comptoirdiener, um sich ihren Gedanken, die sie bange machten, zu +entreißen. + +»Von diesem Dorfe sollen es noch sieben Werst sein!« + +Der Wagen fuhr in der Dorfgasse über eine kleine Brücke. Über die +Brücke ging geräuschvoll und lustig schwatzend ein Haufe frohgelaunter +Weiber. Die Weiber blieben auf der Brücke stehen, neugierig den +Wagen betrachtend. Alle ihr zugewandten Gesichter erschienen Darja +Aleksandrowna gesund, heiter, neckisch für sie in ihrer Lebenslust. + +»Sie alle leben, und freuen sich ihres Lebens,« fuhr Darja +Aleksandrowna in ihrem Gedankengang fort, an den Weibern +vorüberfahrend, einen Berg hinauf und dann im Trab wieder weiter, +angenehm gewiegt auf den geschmeidigen Federn der alten Kutsche, »ich +aber, wie aus einem Gefängnis hinausgelassen aus jener Welt, die mich +mit ihren Sorgen ertötet, komme nur jetzt auf einen Augenblick zur +Besinnung. Sie alle leben doch; diese Weiber, die Schwester Nataly, +Warenka, Anna, zu der ich fahre, -- nur ich lebe nicht! -- + +Anna greifen sie an; aber warum? Bin ich denn besser? Ich habe zwar +wenigstens einen Mann, den ich liebe. Wäre es nicht so, wie wollte ich +lieben, aber ich liebe ja ihn; während Anna den ihren nicht geliebt +hat. Wessen ist sie nun schuldig? Sie will leben! Gott hat uns das +in die Seele gelegt! Es ist sehr wohl möglich, daß ich das Nämliche +gethan hätte. Und bis heute weiß ich noch nicht, ob ich wohl daran +that, ihr in jener furchtbaren Zeit gehorcht zu haben, als sie zu mir +nach Moskau kam. Damals hätte ich meinen Gatten verlassen und ein +neues Leben beginnen müssen. Ich hätte lieben können und wahr geliebt +werden können! Und ist es nun etwa besser geworden? Ich achte ihn +nicht! Ich brauche ihn aber,« dachte sie ihres Gatten, »und so dulde +ich ihn. Ist das etwa besser? Damals konnte ich noch gefallen, da hatte +ich noch meine Schönheit,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, zu sinnen, +und sie hätte gern einmal in den Spiegel geblickt. In ihrem Reisesack +befand sich ein kleiner Reisespiegel, und sie wollte ihn hervorholen, +doch indem sie auf die Rücken des Kutschers und des schaukelnden +Comptoirdieners blickte, fühlte sie, daß es ihr fatal sein müßte, wenn +einer der beiden sich umschaute; und sie holte den Spiegel nicht hervor. + +Aber auch wenn sie nicht in den Spiegel blickte, meinte sie, sei es +jetzt noch nicht zu spät; und sie dachte an Sergey Iwanowitsch, der +besonders liebenswürdig gegen sie war, an den Freund Stefans, den +guten Turovzyn, der mit ihr zusammen ihre Kinder beim Scharlachfieber +gepflegt hatte und in sie verliebt war. Und noch ein ganz junger Mann +war da, welcher, wie ihr der Gatte im Scherz gesagt, gefunden hatte, +sie sei schöner, als alle ihre Schwestern. Die leidenschaftlichsten +und unmöglichsten Romane tauchten vor Darja Aleksandrowna auf. »Anna +hat recht gehandelt, und ich werde ihr nie den geringsten Vorwurf +mehr machen. Sie ist glücklich, begründet das Glück eines andern +Menschen, ist nicht abgestumpft, wie ich, sondern wahrhaftig so, wie +sie immer war, frisch, verständig und empfänglich für alles,« dachte +Darja Aleksandrowna und ein schlaues Lächeln kräuselte ihre Lippen, +namentlich, weil sie an den Roman Annas denkend, sich ähnlich dazu für +sich selbst einen eigenen, fast ebensolchen Roman erdachte, mit einem +erdichteten Musterhelden, der in sie verliebt war. Ebenso wie Anna, +gestand sie alles ihrem Gatten, und die Verwunderung und Bestürzung +Stefan Arkadjewitschs bei dieser Nachricht nun machte sie lächeln. + +In solchen Träumereien gelangten sie zu dem Scheideweg, welcher von der +Landstraße ab nach Wosdwishenskoje führte. + + + 17. + +Der Kutscher hielt das Viergespann an und blickte nach rechts, auf +ein Roggenfeld hinaus, auf welchem Bauern bei einem Wagen saßen. +Der Comptoirdiener wollte abspringen, besann sich aber anders und +rief befehlerisch einem Bauern zu, ihn zu sich heranwinkend. Der +leichte Wind, welcher während der Fahrt geweht, hatte sich gelegt, +als sie anhielten; die Bremsen hatten sich an die heftig abwehrenden, +schweißbedeckten Pferde festgesetzt. Das metallisch von dem Wagen +herübertönende Geräusch des Sensendengelns verstummte. Einer der Bauern +erhob sich und kam zum Wagen. + +»He, bist wohl vertrocknet!« rief der Comptoirdiener gereizt dem +langsam über die Erdhügel des nicht ausgefahrenen, trockenen Weges mit +den nackten Füßen schreitenden Bauern zu, »so lauf doch!« + +Ein kraushaariger Alter, das Haar mit Lindenbast aufgebunden und mit +von Schweiß dunkelgefärbtem gekrümmten Rücken, beschleunigte seinen +Schritt, trat an den Wagen heran und faßte mit der gebräunten Hand an +die Seite des Wagens. + +»Wollt Ihr nach Wosdwishenskoje?, auf den Herrenhof? Zum Grafen?« +wiederholte er, »dann fahrt nur so! Macht die Wendung nach links, dann +gerade aus und Ihr kommt gerade darauf. Zu wem wollt Ihr denn? Zum +Herrn selbst?« + +»Ist denn Eure Herrschaft zu Haus, Freund?« frug Darja Aleksandrowna +ausweichend, ohne zu wissen, wie sie, selbst dem Bauern gegenüber, nach +Anna fragen sollte. + +»Er ist wohl daheim,« sagte der Bauer einen Schritt vortretend und +dabei mit den nackten Füßen im Staube eine deutliche Spur seiner +Fußsohle mit den fünf Zehen hinterlassend. »Er wird wohl zu Haus sein,« +wiederholte er, augenscheinlich mit großer Lust, ein Gespräch zu +beginnen. »Gestern sind erst Gäste gekommen. Gäste -- es war eine Menge +-- Was willst du!« -- wandte er sich nach einem Burschen um, der ihm +vom Wagen her etwas zuschrie. »Sie sind kaum erst alle zu Pferde hier +vorbeigekommen, um eine Schnittmaschine zu besichtigen. Jetzt werden +sie wohl zu Hause sein. Wo kommt Ihr denn her?« + +»Wir sind von weiter weg,« sagte der Kutscher, auf den Bock steigend, +»also es ist nicht weit?« + +»Wie ich sage; dort! Wie Ihr eben fahrt« -- sagte er, mit der Hand nach +der Seite des Wagens deutend. + +Ein junger, gesunder und stämmiger Bursche kam auch heran. + +»Wie, haben wir keine Arbeit auf Rechnung der Ernte?« frug derselbe. + +»Weiß nicht, mein Lieber! Wie gesagt, wenn du dich links hältst, kommst +du gerade drauf,« sprach der Bauer, der augenscheinlich ungern die +Reisenden fortließ und mit ihnen schwatzen wollte. + +Der Kutscher fuhr weiter, doch kaum hatten sie eingelenkt, als der +Bauer rief: »Halt! He, Freund! Halt an!« Eine zweite Stimme rief +ebenso. Der Kutscher hielt an. + +»Da kommen sie selbst. Dort sind sie!« rief der Bauer. »Dort sind +sie!« fügte er hinzu, auf vier Reiter und zwei Personen in einem Wagen +weisend, welche den Weg daherkamen. + +Es war Wronskiy mit seinem Jockey, Wjeslowskij und Anna zu Pferde, die +Fürstin Barbara und Swijashskiy im Wagen. Sie waren spazieren geritten, +und wollten die Arbeit der neu eingeführten Erntemaschinen besichtigen. + +Als die Equipage stand, kamen die Reiter im Schritt heran. Voran ritt +Anna neben Wjeslowskij. Sie ritt in ruhigem Schritt eine kleine +englische Vollblutstute mit gestrählter Mähne und gestutztem Schweif. +Annas schönes Haupt mit den unter dem hohen Hut hervordringenden +schwarzen Haaren, ihre vollen Schultern, die schmale Taille in der +schwarzen Amazone und ihr ruhiger graziöser Sitz frappierten Dolly. + +Im ersten Augenblick erschien es ihr unpassend, daß Anna ritt. Mit der +Vorstellung vom Reiten der Damen verband sich nach dem Begriff Darja +Aleksandrownas auch die einer jugendlichen flatterhaften Koketterie, +die nach ihrer Meinung mit der Lage Annas nicht harmonierte; doch als +sie diese in der Nähe sah, söhnte sie sich sofort mit ihrem Reiten aus, +denn selbst bei ihrer Eleganz, war alles an ihr so einfach, ruhig und +würdevoll in Haltung und Kleidung, sowie auch in ihren Bewegungen, daß +nichts natürlicher erscheinen konnte. + +Neben Anna auf einem grauen feurigen Kavalleriepferd, welches die +starken Füße hochwarf und augenscheinlich mit sich kokettierte, ritt +Wasjenka Wjeslowskij in seiner schottischen Mütze mit den wehenden +Bändern, und Darja Aleksandrowna konnte sich ein Lächeln nicht +verbeißen, als sie ihn erkannte. + +Hinter ihnen ritt Wronskiy; er saß auf einem dunkelbraunen Vollblut, +welches sichtlich vom Galopp aufgeregt war; um es zu halten, arbeitete +er mit den Zügeln. + +Nach ihm kam ein kleiner Mensch in Jockeykostüm. Swijashskiy mit der +Fürstin in einem neuen Wagen, der von einem starken schwarzen Traber +gezogen wurde, folgten den Reitern. + +Das Gesicht Annas, als sie die in dem kleinen, alten Wagen in die Ecke +geschmiegte Gestalt Dollys erkannte, erglänzte von freudigem Lächeln. +Sie stieß einen Schrei aus, erbebte im Sattel und setzte das Pferd in +Galopp. Als sie am Wagen angelangt war, sprang sie ohne Beistand ab und +eilte, ihre Amazone aufnehmend, Dolly entgegen. + +»Ich dachte es wohl, wagte es aber nicht zu denken! Welche Freude! Du +vermagst dir meine Freude nicht vorzustellen,« sagte sie, sich bald mit +dem Gesicht an Dolly schmiegend, und sie küssend, bald sich entfernend +und sie mit einem Lächeln betrachtend. »Das ist eine Freude, Aleksey!« +sprach sie, sich nach Wronskiy umblickend, der vom Pferde gestiegen +war und zu ihnen herankam. + +Wronskiy trat, den grauen hohen Hut abnehmend, zu Dolly. + +»Ihr könnt nicht glauben, wie erfreut wir über Eure Ankunft sind,« +sagte er, seinen Worten ein besonderes Gewicht verleihend und lächelnd +dabei seine festen weißen Zähne zeigend. + +Wasjenka Wjeslowskij nahm, ohne vom Pferde zu steigen, die Mütze ab +und bewillkommnete den Besuch, freudig die Bänder über seinem Kopfe +schwingend. + +»Dies ist die Fürstin Barbara,« antwortete Anna auf den fragenden Blick +Dollys, als der Wagen herangekommen war. + +»Ah,« sagte Darja Aleksandrowna, und ihr Gesicht drückte unwillkürlich +Mißvergnügen aus. + +Die Fürstin Barbara war die Tante ihres Gatten und sie kannte sie +lange, achtete sie aber nicht. Wußte sie doch, daß die Fürstin Barbara +ihr ganzes Leben als Konkubine reicher Verwandter verbracht hatte. +Daß sie aber jetzt bei Wronskiy lebte, einem ihr fremden Mann, dies +verletzte in Hinsicht auf die Familie ihres Gatten. Anna bemerkte den +Ausdruck im Gesicht Dollys und wurde verlegen; sie errötete, ließ ihre +Amazone aus den Händen gleiten und stolperte über dieselbe. + +Darja Aleksandrowna begab sich zu dem stehen gebliebenen Wagen und +begrüßte kühl die Fürstin Barbara. Swijashskiy war ihr gleichfalls +bekannt. Er frug, wie sich sein Freund und Sonderling mit seiner jungen +Frau befinde und schlug den Damen, mit einem schnellen Blick auf die +nicht gerade dampfenden Pferde und den Wagen mit den ausgebesserten +Seiten, vor, in der Equipage zu fahren. + +»Ich hingegen werde in diesem Vehikel fahren,« sagte er, »das Pferd ist +sanft und die Fürstin fährt ausgezeichnet.« + +»Nein, bleibt, wie Ihr waret,« sagte Anna herzutretend, »aber wir +wollen in diesem Wagen fahren,« und Dolly bei der Hand nehmend, führte +sie dieselbe mit sich. + +Darja Aleksandrownas Augen schweiften über die elegante, von ihr noch +nicht gesehene Equipage, die schönen Pferde, die vornehmen, glänzenden +Personen, die sie umgaben, aber mehr als alles das frappierte sie die +Veränderung, welche mit der ihr so wohlbekannten, geliebten Anna vor +sich gegangen war. Ein anderes Weib, welches weniger aufmerksam gewesen +wäre, und Anna früher nicht gekannt hätte, insbesondere nicht die +Gedanken hegte, welchen Darja Aleksandrowna unterwegs nachgehangen +hatte, würde nichts Eigenartiges an Anna bemerkt haben. + +Jetzt aber war Dolly betroffen von jener nur zeitweisen Schönheit, +die allein in Momenten der Liebe bei den Frauen zu erscheinen +pflegt, und die sie jetzt auf Annas Gesicht fand. Alles an deren +Gesicht, die Schärfe der Grübchen in Wangen und Kinn, die Lage der +Lippen, das Lächeln, welches gleichsam rund um ihr Gesicht flog, der +Glanz der Augen, die Grazie und Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die +Fülle des Tones ihrer Stimme, selbst ihre Manieren, mit denen sie +ernst-freundlich Wjeslowskij antwortete, der sie um die Erlaubnis bat, +sich auf ihre Stute setzen zu dürfen, um sie Galopp mit Rechtseinsatz +lehren zu können -- alles das war eigentümlich anziehend und sie selbst +schien dies zu wissen und darüber Freude zu empfinden. + +Nachdem sich die beiden Frauen in den Wagen gesetzt hatten, überkam sie +beide eine plötzliche Verlegenheit. Anna geriet in Verwirrung wegen +des aufmerksam fragenden Blickes, mit dem Dolly sie anschaute. Dolly, +weil sie sich, nach den Worten Swijashskiys über das Vehikel, ihrer +schmutzigen alten Kalesche schämte, in welche sich Anna mit ihr gesetzt +hatte. + +Der Kutscher Philipp und der Comptoirdiener hatten das nämliche Gefühl. +Der Comptoirdiener beeilte sich, um seine Verlegenheit zu verbergen, +den Damen beim Niedersetzen behilflich zu sein, während Philipp, der +Kutscher, mürrisch geworden war, und sich vorgenommen hatte, dieser +äußeren Überlegenheit nicht nachzugeben. Ironisch lächelnd blickte er +auf den schwarzen Traber, und hatte schon im Geiste das Urteil gefällt, +daß dieser Rappe im Wagen nur gut sei zur »Promenade« und nicht vierzig +Werst weit scharf und ohne Ausspann laufen könne. + +Die Bauern hatten sich sämtlich von ihrem Wagen erhoben und schauten +neugierig und belustigt den Besuchern entgegen, ihre Bemerkungen dazu +machend. + +»Sehr erfreut, sehr lange nicht gesehen,« sagte der kraushaarige Alte +mit dem Lindenbast. + +»Nun, Vater Gerasim, der schwarze Hengst müßte die Garben +hereinbringen; das ginge lebhaft!« + +»Schaut an! Ist der da in den Hosen auch ein Frauenzimmer?« sagte +Einer, auf den im Damensattel sitzenden Wasjenka Wjeslowskij zeigend. + +»Über den Bauer! Wie geschickt er anspielt!« + +»Nun Kinder, wollen wir nicht ein Mittagsschläfchen halten?« + +»Ach was, jetzt gar Schlaf!« sagte der Alte, gebückt nach der Sonne +schauend. »Mittag ist vorbei! Nehmt die Griffe fest; los!« -- + + + 18. + +Anna blickte in Dollys hageres, übermüdetes Gesicht mit den Runzeln, +die vom Staube bedeckt waren; sie wollte sagen, was sie dachte, nämlich +daß Dolly recht abgemagert sei, aber indem sie sich vergegenwärtigte, +daß sie schöner geworden, und der Blick Dollys ihr dies sagte, seufzte +sie, und begann, von sich zu sprechen. + +»Du blickst mich an,« sagte sie, »und denkst, kann sie glücklich +sein in ihrer Lage. Nun, was soll ich sagen! Es ist schmachvoll, es +einzugestehen; aber ich -- ich bin unverzeihlich glücklich! -- Mir +ist etwas Zauberhaftes, Etwas wie ein Traum vor sich gegangen, in dem +es uns furchtbar, seltsam wird, aus dem man plötzlich erwacht, um zu +fühlen, daß alle diese Schrecken gar nicht da sind. Ich bin erwacht. +Ich habe Qualvolles, Furchtbares durchlebt, und es ist jetzt schon +geraume Zeit, besonders seit wir hier sind, daß ich so glücklich bin,« +sprach sie mit schüchternem, fragendem Lächeln Dolly ins Auge sehend. + +»Wie freue ich mich,« sagte Dolly lächelnd, aber unwillkürlich kühler, +als sie wollte. »Ich freue mich sehr über dich. Weshalb hast du mir +nicht geschrieben?« + +»Weshalb? Deshalb, weil ich es nicht wagte -- du vergißt meine Lage.« + +»Gegen mich? Gegen mich hast du es nicht gewagt? Wenn du wüßtest, wie +ich -- ich glaube« -- + +Darja Aleksandrowna wollte ihre Gedanken vom heutigen Morgen +aussprechen, aber aus irgend einem Grunde erschien ihr dies jetzt nicht +am Platze. + +»Doch davon später. Was ist das, alle diese Gebäude?« frug sie, im +Wunsche das Thema zu wechseln, auf die roten und grünen Dächer zeigend, +welche hinter dem Grün lebender Akazienzäune sichtbar wurden. Es sah +dies alles aus wie ein Städtchen. + +Anna antwortete ihr nicht. + +»Nein, nein; wie urteilst du über meine Lage, wie denkst du darüber; +wie?« frug sie. + +»Ich vermute,« wollte Darja Aleksandrowna beginnen, doch in diesem +Augenblick sprengte Wasjenka Wjeslowskij, der die Stute in Galopp mit +Rechtseinsatz gebracht hatte, schwerfällig in seinem kurzen Jaquet auf +dem sämischen Leder des Damensattels auf und niedergeworfen, an ihnen +vorüber. + +»Sie geht, Anna Arkadjewna!« schrie er. + +Anna schaute ihn indessen nicht einmal an, und Darja Aleksandrowna +schien es wiederum, daß es unpassend sei, in der Kalesche dieses +langatmige Thema anzuschlagen, und sie brach daher in der Äußerung +ihres Gedankens ab. + +»Ich urteile gar nicht darüber,« sagte sie, »ich habe dich stets +geliebt, und wenn man liebt, liebt man den ganzen Menschen so, wie er +ist, nicht so, wie man will, daß er sei.« + +Anna versank in Nachdenken, indem sie die Augen vom Gesicht der +Freundin wegwendete und blinzelte -- eine neue Gewohnheit, die Dolly +noch nicht an ihr gekannt hatte -- sie wünschte die Bedeutung dieser +Worte ganz zu erfassen. Nachdem sie sie augenscheinlich so, wie sie es +wünschte, aufgefaßt hatte, schaute sie Dolly an. + +»Wenn du Sünden haben solltest,« sprach sie, »so möchten sie dir alle +vergeben sein für dein Kommen und für diese Worte.« + +Dolly sah, daß ihr die Thränen in die Augen getreten waren. Schweigend +drückte sie Annas Hand. + +»Also was sind das für Gebäude? -- Wie viel es doch sind!« Sie +wiederholte nach einer Minute des Schweigens ihre Frage. + +»Dies sind die Gebäude des Personals, der Fabriken, die Ställe,« +antwortete Anna. »Dort beginnt der Park; alles das war verwildert, +aber Aleksey hat es wieder neu hergerichtet. Er liebt dieses +Besitztum sehr und fühlt sich, was ich nimmermehr erwartet hätte, +leidenschaftlich zur Landwirtschaft hingezogen. Er hat überhaupt eine +so reich beanlagte Natur! Was er auch anfassen mag, alles vollführt er +ausgezeichnet. Und er langweilt sich nicht nur nicht dabei, sondern +beschäftigt sich mit leidenschaftlichem Eifer. So wie ich ihn kenne, +ist er ein haushälterischer, vorzüglicher Hausherr geworden, sogar +geizig in der Wirtschaft ist er; aber auch nur in der Wirtschaft! Da, +wo es sich um Zehntausende handelt, rechnet er nicht,« sprach sie mit +jenem freudig schlauen Lächeln, mit welchem Frauen oft über geheime, +ihnen allein bekannte Eigenschaften eines geliebten Mannes sprechen. + +»Siehst du dieses große Gebäude da? Das ist das neue Krankenhaus. +Ich glaube, daß es mehr als hunderttausend Rubel kosten wird. Und +weißt du, woher das Geld gekommen ist? Die Bauern hatten ihn gebeten, +ihnen die Wiesen billiger abzulassen, er aber hatte sie abschläglich +beschieden, und ich machte ihm Vorwürfe wegen seines Geizes. Natürlich +nicht deswegen nun, aber alles in allem erwägend, begann er da dieses +Krankenhaus zu bauen, um zu zeigen, verstehst du, daß er nicht geizig +sei. Wenn du willst, =c'est une petitesse=, aber ich liebe ihn dafür +umsomehr. Doch du wirst sogleich das Wohnhaus erblicken. Es ist noch +vom Großvater her und an der Außenseite in nichts verändert worden.« + +»Wie schön,« sagte Dolly, mit unwillkürlichem Erstaunen, auf ein +schönes Haus mit Säulengängen blickend, welches aus dem bunten Grün der +alten Bäume des Gartens hervortrat. + +»Nicht wahr, das ist schön? Und vom Hause aus, von oben herab, ist die +Aussicht wunderbar.« + +Sie fuhren auf einen mit Schotter bedeckten und von Blumenbeeten +geschmückten Hof, auf welchem zwei Arbeiter ein Blumenbosquet mit +unbehauenen porösen Steinen garnierten, und hielten in der gedeckten +Einfahrt. + +»Ah, sie sind schon angekommen,« sagte Anna, auf die Reitpferde +blickend, die soeben von der Freitreppe hinweggeführt wurden. »Nicht +wahr, dieses Pferd ist schön? Es ist eine Stute, mein Liebling. +Führe es hierher und bringt Zucker. Wo ist der Graf?« frug sie +zwei herauseilende Paradelakaien. »Ah, dort ist er,« sagte sie, den +heraustretenden und ihr mit Wjeslowskij entgegenkommenden Wronskiy +erblickend. + +»Wo habt Ihr die Gräfin untergebracht?« sagte Wronskiy auf Französisch, +zu Anna gewendet, begrüßte dann nochmals, ohne eine Antwort abzuwarten, +Darja Aleksandrowna und küßte ihr jetzt die Hand: »Ich denke, wir +bringen unsern Besuch im großen Balkonzimmer unter? --« + +»O nein; das ist zu abgelegen! Besser im Eckzimmer, wir können uns +da mehr sehen. Gehen wir,« sagte Anna, den ihr von einem Lakaien +präsentierten Zucker dem Lieblingspferde reichend. + +»=Et vous oubliez votre devoir=,« sagte sie zu Wjeslowskij, welcher +gleichfalls auf der Freitreppe erschienen war. + +»=Pardon, j'en ai tout plein les poches=,« antwortete dieser lächelnd, +die Finger in die Westentasche steckend. + +»=Mais vous venez trop tard=,« sagte sie, mit dem Taschentuch die Hand +abwischend, welche ihr das Pferd feucht gemacht hatte, indem es den +Zucker nahm. + +Anna wandte sich zu Dolly: + +»Du bleibst doch für längere Zeit hier? Nur auf einen Tag? Das ist +unmöglich!« + +»Ich habe so versprochen, die Kinder --« sagte Dolly, mit einem Gefühl +der Verlegenheit, daß sie den Reisesack aus der Kalesche nehmen mußte, +sowie weil sie wußte, daß ihr Gesicht sehr mit Staub bedeckt sein müsse. + +»Nein, Dolly, Herzchen; doch wir werden ja sehen. Komm, komm!« Anna +führte Dolly in ihr Zimmer. + +Dieses Zimmer war nicht das Paradezimmer, welches Wronskiy +vorgeschlagen hatte, sondern das, von welchem Anna sagte, Dolly +möchte es entschuldigen. Jedoch auch dieses Gemach, für welches eine +Entschuldigung erforderlich gewesen war, war voll von einem Luxus, in +welchem Dolly niemals gelebt hatte, und der ihr die besten Salons des +Auslandes in die Erinnerung zurückrief. + +»Ach, Herzchen, wie bin ich glücklich!« sprach Anna, für eine Minute +in ihrer Amazone neben Dolly Platz nehmend, »erzähle mir doch von den +Deinen. Stefan habe ich flüchtig gesehen, doch von Kindern kann er +nicht reden. Was macht mein Liebling, die Tanja? Es ist ein großes +Mädchen geworden, glaube ich?« + +»Ja, sehr groß,« antwortete Darja Aleksandrowna kurz, selbst +verwundert, daß sie so kühl über ihre Kinder Bescheid gab. »Wir +befinden uns recht wohl bei den Lewin,« fügte sie hinzu. + +»Ach, hätte ich gewußt,« antwortete Anna, »daß du mich nicht +verachtest. Ihr hättet alle zu uns kommen müssen. Stefan ist doch ein +alter und intimer Freund Alekseys,« fügte sie hinzu, und errötete +plötzlich. + +»Wir befinden uns so ganz wohl,« versetzte Dolly verlegen. + +»Da habe ich übrigens aus Freude Dummheiten gesagt. Noch einmal, +Herzchen, wie freue ich mich über dich,« sagte Anna, sie wiederum +küssend, »aber du hast mir noch nicht gesagt, wie und was du über mich +denkst, und ich will alles wissen. Und ich freue mich darüber, daß du +mich durchschaust, wie ich bin. Es liegt mir nichts daran, vor allem, +daß man denke, ich wollte in irgend etwas demonstrieren. Ich will +nicht demonstrieren, sondern einfach nur leben; niemandem Übles thun, +außer mir selbst. Dieses Recht habe ich, nicht wahr? Doch das ist eine +langatmige Unterhaltung und wir werden schon noch über alles sprechen. +Ich gehe jetzt, mich umzukleiden und werde dir ein Mädchen schicken.« + + + 19. + +Allein geblieben, schaute sich Darja Aleksandrowna mit dem Blick der +Hausfrau in dem Zimmer um. Alles was sie vor dem Haus vorfand, und +durch dasselbe schreitend, sowie jetzt in ihrem Zimmer, erblickte, +verursachte ihr den Eindruck des Überflusses und der Koketterie, jenes +modernen, europäischen Luxus, von dem sie nur in englischen Romanen +gelesen, den sie aber noch nie in Rußland und auf dem Lande erblickt +hatte. Alles war neu, von den modernen französischen Tapeten an bis +zum Teppich, von welchem das ganze Zimmer bedeckt war. Das Bett war +mit Sprungfedermatratze versehen, hatte ein besonderes Kopfkissen und +Canevasüberzüge auf den kleinen Kissen. Das marmorne Waschbecken, die +Toilette, die Tische, die Bronceuhr auf dem Kamin, die Gardinen und +Portieren, alles das war teuer und neu. + +Die kokette Kammerzofe, welche herbeikam, um ihre Dienste anzubieten, +und eine Frisur und Robe trug, die noch moderner war, als diejenige +Dollys, sah eben so neu und kostspielig aus, wie das ganze Zimmer. + +Darja Aleksandrowna war ihre Höflichkeit, Sauberkeit und +Dienstwilligkeit sehr angenehm, doch fühlte sie sich nicht +behaglich in ihrer Gegenwart; sie schämte sich vor ihr wegen +ihres, unglücklicherweise infolge eines Irrtums von ihr gepackten, +ausgebesserten Corsets; sie schämte sich gerade jener Flicken und +gestopften Stellen, auf die sie daheim so stolz war. Zu Hause war es +ihr klar, daß zu sechs Leibchen vierundzwanzig Arschin Stoff gehörten, +zu je fünfundsechzig Kopeken, was mehr als fünfzehn Rubel ausmachte, +außer der Arbeit; und diese fünfzehn Rubel waren so herausgeschlagen. +Vor der Zofe aber empfand sie weniger Scham, als vielmehr Unbehagen. + +Darja Aleksandrowna verspürte große Erleichterung, als die ihr seit +alters bekannte Annuschka in das Zimmer trat. Die kokette Zofe war von +der Herrin verlangt worden und Annuschka blieb bei Darja Aleksandrowna +zurück. + +Annuschka war augenscheinlich sehr erfreut über die Ankunft der Dame +und schwatzte ohne Unterlaß. Dolly bemerkte, daß sie gern ihre Meinung +bezüglich der Lage ihrer Herrin ausgesprochen hätte, insbesondere +bezüglich der Liebe und Ergebenheit des Grafen für Anna Arkadjewna, +doch Dolly verhinderte sie geflissentlich daran, sobald sie davon zu +sprechen begann. + +»Ich bin mit Anna Arkadjewna herangewachsen, die Herrin geht mir über +alles! Doch wir haben über nichts zu richten, und, wie es scheint, so +zu lieben --« + +»Gieb mir doch gefälligst Waschwasser, wenn es geht,« unterbrach sie +Darja Aleksandrowna. + +»Zu Diensten. Bei uns sind zum Waschen allein zwei Frauen besonders +angestellt und die Wäsche wird nur mit Maschine gereinigt. Der Graf +führt alles ein. Das ist ein Mann --« + +Dolly war froh, als Anna bei ihr eintrat, und mit ihrem Kommen das +Geschwätz Annuschkas abschnitt. + +Anna hatte sich in eine sehr einfache Battistrobe geworfen und Dolly +betrachtete aufmerksam dieses einfache Kleid. Sie erkannte, daß dies +zu bedeuten habe, auch solch eine Einfachheit sei nur für Summen zu +erringen. + +»Eine alte Bekannte,« sagte Anna im Hinweis auf Annuschka. + +Anna war jetzt nicht mehr in Verlegenheit; sie erschien vollständig +ungezwungen und ruhig. Dolly erkannte, daß sich Anna jetzt wieder +vollständig von dem Eindruck ermannt hatte, welchen ihre Ankunft bei +dieser hervorgerufen, und daß sie jetzt wieder jenen hochfahrenden, +gleichmütigen Ton angenommen habe, mit welchem gleichsam die Thür zu +derjenigen Abteilung in ihr, in welcher sich ihre Gefühle und innersten +Gedanken befanden, verschlossen war. + +»Nun, was macht dein kleines Mädchen, Anna?« frug Dolly. + +»Die Any?« -- so nannte sie ihre Tochter Anna -- »sie befindet sich +wohl. Sie hat sich sehr entwickelt, willst du sie einmal sehen? Komm, +ich zeige sie dir! Es hat da unendlich viel Sorgen gegeben,« begann sie +zu erzählen, »mit den Ammen. Wir hatten als Amme eine Italienerin, sie +war gut, aber dumm! Wir wollten sie fortschicken, doch das Kind war so +gewöhnt an sie, daß wir sie noch immer haben.« + +»Und wie seid Ihr übereingekommen?« wollte Dolly fragen, welchen Namen +das Mädchen tragen sollte. Als sie indessen das finstergewordene +Gesicht Annas bemerkte, veränderte sie den Sinn ihrer Frage. »Und wie +seid Ihr übereingekommen? Habt Ihr es schon entwöhnt?« -- + +Doch Anna hatte verstanden. + +»Du wolltest nicht hiernach fragen? Du wolltest nach seinem Namen +fragen? Nicht wahr? Dies eben quält Aleksey! Sie hat keinen Namen. +Das heißt, sie ist -- eine Karenina« -- sagte Anna, die Augen soweit +zusammenkneifend, daß nur die zusammentreffenden Wimpern noch sichtbar +waren. »Übrigens,« fuhr sie mit plötzlich hellwerdendem Gesicht fort, +»von dem allen können wir ja später noch reden. Komm, ich will sie dir +zeigen! =Elle est très= -- =gentile= -- und kriecht schon fort.« + +In der Kinderstube überraschte Darja Alexandrowna der nämliche Luxus, +welcher sie im ganzen Hause schon frappiert hatte, noch mehr. Hier +gab es kleine Wagen, die aus England verschrieben waren, sowie +Gerätschaften für das Gehenlernen; einen eigens konstruierten Diwan +nach Art eines Billards zum Kriechen; Wiegen; eigenartige, neue Wannen. +Alles war von englischer Arbeit, dauerhaft und gediegen und offenbar +teuer. Das Zimmer war groß, sehr hoch und hell. + +Als sie eintraten, saß das kleine Mädchen nur im Hemdchen in einem +Stühlchen am Tisch und nahm Bouillon zu sich, mit welcher sie sich die +ganze kleine Brust begossen hatte. Ein russisches Mädchen, welches +in der Kinderstube diente, fütterte das Kind, und aß augenscheinlich +selbst mit diesem zugleich dabei. Weder die Amme, noch die Kinderfrau +war zugegen; sie befanden sich im Nebenzimmer und man vernahm von +dorther ihr Gespräch in seltsamem Französisch, in welchem sie sich +einander nur verständlich machen konnten. + +Die Stimme Annas vernehmend, trat eine hohe Engländerin mit +unangenehmem Gesicht und gemeinem Ausdruck, hastig ihre blonden Locken +schüttelnd in die Thür, und begann sich sogleich zu entschuldigen, +obwohl ihr Anna noch gar kein Vergehen beigemessen hatte. Auf jedes +Wort Annas antwortete die Engländerin schnell mit einem mehrmaligen +»=yes, mylady=!« + +Das kleine Mädchen mit seinen schwarzen Brauen und Haaren, den roten +Wangen, der festen straffen Haut und dem schönen Körperchen gefiel +Darja Aleksandrowna ungeachtet des mürrischen Ausdrucks, mit welchem +es auf das fremde Gesicht blickte, sehr; diese beneidete es sogar um +seines gesunden Aussehens willen. Auch wie das kleine Mädchen kroch, +gefiel ihr sehr; keines ihrer Kinder hatte so gekrochen. Dieses +Kindchen war, nachdem man es auf einen Teppich gesetzt, und ein Kleid +dahinter gestopft hatte, wunderbar lieblich. Wie ein Tierchen schaute +es mit seinen großen glänzenden schwarzen Augen um sich, offenbar +erfreut darüber, daß man sich freundlich mit ihm abgebe, stützte sich +lächelnd, und die Füßchen seitwärts haltend, energisch auf die Hände +und hob schnell das ganze Hinterteilchen empor, worauf es mit den +Händchen nach vorwärts faßte. + +Der allgemeine Charakter der Kinderstube jedoch, und namentlich die +Engländerin, gefiel Darja Aleksandrowna durchaus nicht. Nur damit, +daß in eine so illegitime Familie wie es diejenige Annas war, wohl +kein gutes Mädchen gehen mochte, erklärte sich Darja Aleksandrowna +selbst, daß Anna mit ihrer Menschenkenntnis für ihr Kind eine so +unsympathische, gar nicht respektable Engländerin hatte nehmen können. +Außerdem aber erkannte sie auch sogleich an einigen Worten, daß Anna, +die Amme, die Kinderfrau und das Kind sich nicht zusammengelebt hatten, +und der Besuch der Mutter ein ungewöhnliches Ereignis bildete. Anna +wollte dem Kinde ein Spielzeug geben und konnte es nicht einmal finden. + +Am wundersamsten aber von allem war, daß Anna auf die Frage, wie viel +Zähne das Kind habe, irrte und von den zwei letzten Zähnen noch gar +nichts wußte. + +»Es ist mir bisweilen schwer ums Herz, daß ich hier förmlich +überflüssig bin,« sagte sie beim Verlassen der Kinderstube, und nahm +ihre Schleppe auf, um an den bei der Thür stehenden Spielgeräten +vorüberzukommen. »So war es nicht bei meinem ersten Manne.« + +»Ich dachte, im Gegenteil,« sagte Darja Aleksandrowna schüchtern. + +»O nein; du weißt doch wohl, ich habe ihn gesehen -- meinen Sergey,« +sprach Anna, die Augen zusammenkneifend, als schaue sie nach etwas +weit Entferntem. »Doch davon können wir ja später sprechen. Du glaubst +nicht, ich bin wie eine Hungernde, der man plötzlich ein üppiges Mahl +vorgesetzt hat, ohne daß sie weiß, wonach sie langen soll. Das üppige +Mahl -- bist du und die mir bevorstehenden Gespräche mit dir, die ich +mit niemandem sonst führen konnte; ich weiß nun nicht, an welches Thema +ich zuerst gehen soll. =Mais je ne vous ferai grâce de rien= -- ich +muß mich ganz aussprechen. Ich muß dir ein Bild von der Gesellschaft +machen, die du bei uns findest,« begann sie, »und beginne mit den +Damen. Da ist die Fürstin Barbara. Du kennst sie und ich kenne deine +Meinung und diejenige Stefans über sie. Stefan sagt, der ganze Zweck +ihres Daseins bestehe darin, ihren Vorzug vor ihrer Tante Katharina +Pawlowna zu beweisen. Das ist ganz richtig, aber sie ist gut und ich +bin ihr sehr dankbar. In Petersburg gab es für mich einen Moment, in +welchem mir =un chaperon= notwendig war; da war sie bei mir; sie ist +wahrhaftig gut, und hat mir meine Lage sehr erleichtert. Ich sehe +wohl, daß du die ganze Schwierigkeit derselben nicht begreifst -- wie +sie dort, in Petersburg war,« fügte sie hinzu. »Hier lebe ich nun +vollkommen ruhig und glücklich; doch davon später, erst muß aufgezählt +werden. Zweitens kommt Swijashskiy; er ist Präsident und ein sehr +solider Mann, doch braucht er Aleksey in Manchem. Du verstehst jetzt, +nachdem wir uns auf dem Lande niedergelassen haben, kann Aleksey mit +seinen Verhältnissen großen Einfluß ausüben. Dann Tuschkjewitsch -- du +hast ihn ja gesehen; er war bei Betsy. Man hat ihn jetzt fallen lassen +und er ist nun zu uns gekommen. Wie Aleksey sagt, ist er einer von +denjenigen Menschen, die sehr angenehm sind, wenn man sie so nimmt, +wie sie scheinen wollen -- =et puis, il est comme il faut= -- wie die +Fürstin Barbara sagt. Ferner Wjeslowskij -- den kennst du ja. -- Er +ist ein sehr lieber Mensch,« sagte sie, mit schelmischem Lächeln die +Lippen kräuselnd. »Was ist denn das für eine seltsame Geschichte mit +Lewin gewesen? Wjeslowskij hat sie Aleksey erzählt und wir können sie +gar nicht glauben. =Il est très gentil et naif=« sagte sie, wieder mit +dem nämlichen Lächeln. »Die Männer bedürfen der Zerstreuung und Aleksey +braucht Menschen um sich; daher schätze ich diese ganze Gesellschaft. +Bei uns muß es lebhaft und heiter zugehen, damit sich Aleksey nichts +Neues wünscht. Dann wirst du auch den Direktor sehen. Er ist ein +Deutscher, ein sehr hübscher Mann, der auch seine Sache versteht; +Aleksey schätzt ihn sehr hoch. Ferner ist da der Arzt, ein noch junger +Mann; nicht gerade ein vollkommener Nihilist, aber, weißt du, >er ißt +mit dem Messer< -- sonst ist er ein sehr guter Arzt. Endlich ist noch +der Architekt da. -- =Une petite cour=.« -- + + + 20. + +»Hier bringe ich Euch Dolly, Fürstin, Ihr wolltet sie so gern sehen,« +sagte Anna, mit Darja Aleksandrowna die große Steinterrasse betretend, +auf welcher im Schatten, hinter dem Stickrahmen die Fürstin Barbara +saß, die einen Sessel für den Grafen Aleksey Kyrillowitsch stickte. +»Sie sagt zwar, daß sie bis zu Mittag nichts zu sich nehmen mag, +befehlt aber immerhin das Frühstück, während ich mittlerweile gehe, +Aleksey zu suchen und sie alle mit hierher bringe.« + +Die Fürstin Barbara empfing Dolly mit einer gewissen Gönnermiene und +begann sogleich, ihr auseinanderzusetzen, daß sie deshalb bei Anna +wohne, weil sie diese mehr liebe, als es deren Schwester, Katharina +Pawlowna, gethan, die Anna erzogen hätte, und daß sie es jetzt, nachdem +alle Anna verlassen hätten, als ihre Pflicht betrachtet habe, ihr in +diesem Übergangsstadium, dem allerschwierigsten, Beistand zu leisten. + +»Ihr Mann wird ihr den Konsens zur Ehescheidung geben und dann gehe +ich wieder in meine Einsamkeit, jetzt aber kann ich nützlich sein und +werde ich meine Pflicht erfüllen, so schwer es mir auch werden mag +-- ich handle nicht so, wie andere. Und wie lieb bist du, wie schön +hast du gehandelt, daß du gekommen bist! Sie leben vollkommen, wie die +besten Ehegatten und Gott wird über sie richten, nicht wir dürfen es! +Birjusowskij und die Avenijewa, Nikandroff, Wasiljeff und die Mamonowa, +und Lisa Neptunowa, da hat doch auch kein Mensch etwas gesagt? Und doch +endeten die Fälle so, daß sie sich alle heirateten. Dann aber, =c'est +un intérieur si joli, si comme il faut. Tout-à-fait à l'anglaise. On +se réunit le matin au breakfast et puis on se sépare=. Jeder thut, +was er will, bis zur Mittagszeit. Die Mittagstafel ist um sieben Uhr. +Stefan hat sehr wohl daran gethan, dich zu schicken. Er müßte sich an +sie halten. Du weißt ja, er vermag durch seine Mutter und seine Brüder +alles, und dann thun sie ja viel Gutes. Hat er dir noch nicht von +seinem Krankenhaus erzählt? =Ce sera admirable= -- und alles aus Paris.« + +Ihr Gespräch wurde durch Anna unterbrochen, welche die Gesellschaft +der Herren beim Billardspiel gefunden hatte und nun zusammen mit ihnen +zur Terrasse zurückkehrte. Bis zur Mittagstafel war noch lange Zeit, +das Wetter sehr schön und so wurden verschiedenartige Hilfsmittel, +die noch übrigen zwei Stunden auszufüllen in Vorschlag gebracht. Der +Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben, gab es sehr viele in +Wosdwishenskoje, und es waren alle nicht die, wie sie in Pokrowskoje +angewendet wurden. + +»=Une partie de Lawn tennis=,« schlug mit seinem hübschen Lächeln +Wjeslowskij vor, »ich spiele wieder mit Euch, Anna Arkadjewna!« + +»Ach nein; es ist zu heiß dazu; besser, wir gehen in den Park und +fahren auf dem Kahn, um Darja Aleksandrowna die Ufer zu zeigen,« schlug +Wronskiy vor. + +»Ich bin mit allem einverstanden,« meinte Swijashskiy. + +»Ich denke, daß es Dolly am angenehmsten sein wird, sich erst ein wenig +zu ergehen; nicht so? Und dann erst Kahn zu fahren,« sagte Anna. + +So wurde denn auch bestimmt. Wjeslowskij und Tuschkjewitsch begaben +sich ins Bad und versprachen, dort das Boot bereit machen und warten zu +wollen. + +Sie gingen in zwei Paaren auf dem Wege; Anna mit Swijashskiy und Dolly +mit Wronskiy. Dolly war ein wenig verwirrt und ängstlich in dieser ihr +vollständig neuen Umgebung, in der sie sich befand. Begeistert und +voll Theorien, rechtfertigte sie nicht nur, nein, billigte sie sogar +Annas Verfahren. Wie im allgemeinen nicht selten untadelhaft moralische +Frauen ermüdet von der Einförmigkeit des sittenstrengen Lebens thun, so +entschuldigte sie aus ihrer Ferne nicht nur die verbrecherische Liebe, +sie beneidete dieselbe sogar. + +Außerdem liebte sie Anna auch von Herzen, aber gleichwohl war es ihr +in der Wirklichkeit, nachdem sie diese inmitten aller dieser ihr +fremden Leute gesehen hatte, in dem für Darja Aleksandrowna neuen, +sogenanntem guten Tone, unbehaglich zu Mut. Besonders unangenehm war es +ihr, die Fürstin Barbara zu sehen, welche ihnen alles verzieh für die +Annehmlichkeiten, die sie dafür genoß. + +Im allgemeinen also billigte Dolly, hingerissen, das Vergehen Annas, +aber denjenigen sehen zu müssen, für welchen jenes Verbrechen begangen +worden, war ihr doch unangenehm. Wronskiy hatte ihr überhaupt nie +gefallen. Sie hielt ihn für sehr stolz, sah aber in ihm nichts von +alledem, worauf er hätte stolz sein können -- es wäre denn sein +Reichtum gewesen. -- + +Gegen ihren Willen jedoch imponierte er ihr hier in seinem Hause +noch mehr als früher, und sie konnte sich vor ihm nicht ungezwungen +benehmen. Empfand sie doch ihm gegenüber ein Gefühl, das ähnlich dem +war, welches sie über ihr Leibchen vor der Zofe empfunden hatte. +So wie ihr in deren Gegenwart nicht Scham, sondern Unmut wegen +der Ausbesserungen aufgestiegen war, so empfand sie auch vor ihm +fortwährend nicht etwas wie Scham, sondern wie Unmut über das eigene +Ich. + +Dolly fühlte sich verlegen und suchte ein Thema zur Unterhaltung. +Wiewohl sie urteilte, daß ihm in seinem Hochmut ein Lob seines Hauses +und Parkes unangenehm sein müsse, sagte sie ihm dennoch, keinen andern +Gegenstand der Unterhaltung findend, daß ihr sein Haus sehr gefallen +habe. + +»Ja; es ist ein sehr schönes Gebäude und nach gutem alten Stil,« sagte +er. + +»Mir hat auch der Hof vor der Freitreppe sehr gefallen. War der schon +so?« + +»O nein!« antwortete er, und sein Gesicht schimmerte vor Genugthuung. +»Wenn Ihr diesen Hof noch jetzt im Frühling gesehen hättet!« + +Und er begann nun anfangs zurückhaltend, dann aber sich freier +und freier hingebend, ihre Aufmerksamkeit auf die verschiedenen +Einzelheiten der Verschönerung in Haus und Garten hinzulenken. Es +war ersichtlich, daß Wronskiy nach dem Aufwand so vieler Mühe zur +Verbesserung und Verschönerung seines Landsitzes das Bedürfnis empfand, +sich desselben vor einer fremden Person zu rühmen, und sich über das +Lob Darja Aleksandrownas von ganzem Herzen freute. + +»Wenn Ihr noch das Krankenhaus besichtigen wollt und nicht ermüdet +seid, so ist dies nicht zu weit entfernt. Kommt,« sagte er, ihr ins +Gesicht blickend, um sich zu überzeugen, daß sie sich ja nicht etwa +langweile. + +»Kommst du mit, Anna?« wandte sie sich an diese. + +»Wir werden mit kommen; nicht wahr?« wandte sie sich an Swijashskiy. + +»=Mais il ne faut pas laisser le pauvre Weslowskij et Tuschkjewitsch se +morfondre là dans le bateau=. Man muß es ihnen sagen lassen.« + +»Das ist ein Denkmal, welches er sich hier aufrichtet,« sprach Anna, +sich zu Dolly wendend, mit dem nämlichen, wissenden und verschlagenen +Lächeln, mit welchem sie früher über das Krankenhaus gesprochen hatte. + +»O, ein Kapitalwerk,« rief Swijashskiy, fügte aber sogleich, um nicht +als Jasager Wronskiys zu erscheinen, leichthin eine kritische Bemerkung +hinzu. »Ich wundere mich nur, Graf,« sprach er, »daß Ihr, der Ihr +in sanitärer Beziehung so viel für das Volk thut, Euch den Schulen +gegenüber so gleichgültig verhaltet.« + +»=C'est devenu tellement commun les écoles=,« sagte Wronskiy, »Ihr +seht doch, daß ich nicht davon, sondern eben hiervon eingenommen bin. +-- Hierhin geht es nach dem Krankenhaus,« wandte er sich dann zu Darja +Aleksandrowna, nach einem Seitenausgang aus der Allee zeigend. + +Die Damen öffneten die Sonnenschirme und betraten den Seitenweg. +Nachdem sie einige Windungen durchschritten und zu einem Pförtchen +hinausgetreten waren, erblickte Darja Aleksandrowna vor sich auf +einem erhöhten Terrain ein großes, rotes, fast vollendetes Gebäude +von interessantem Aussehen. Das noch nicht gestrichene, eiserne Dach +strahlte blendend in der heißen Sonne. Neben dem fertigen Gebäude war +ein zweites, vom Wald umgeben, angelegt; Arbeiter auf den Gerüsten +legten Ziegel, übergossen die Lagen aus den Eimern und gleichten sie +mit Richtmaßen. + +»Wie schnell bei Euch die Arbeit vorwärts geht!« sagte Swijashskiy, +»als ich das letzte Mal hier war, war das Dach noch nicht da.« + +»Zum Herbste soll alles fertig sein, und innen ist fast alles bereits +ausgeputzt,« sagte Anna. + +»Und was ist das Neues dort?« + +»Es ist ein Gebäude für den Arzt und die Apotheke,« antwortete +Wronskiy, den in kurzem Überrock auf ihn zukommenden Architekten +erblickend; und ging, sich vor den Damen entschuldigend, diesem +entgegen. + +Die Kalkgrube umgehend, aus welcher die Arbeiter den Kalk holten, blieb +er beim Architekten stehen und begann eifrig zu sprechen. + +»Das Fronton liegt immer noch zu niedrig,« antwortete er Anna, welche +gefragt hatte, wovon die Rede sei. + +»Ich hatte gesagt, man müsse das Fundament erhöhen,« sagte Anna. + +»Ja, natürlich, das wäre besser, Anna Arkadjewna,« sagte der Architekt, +»es ist außer Acht gelassen worden.« + +»Ja, ich interessiere mich sehr hierfür,« antwortete Anna Swijashskiy, +welcher sein Erstaunen über ihre Kenntnisse in der Architektur +ausgedrückt hatte. »Das neue Gebäude muß dem Krankenhaus entsprechend +sein, ist aber erst später geplant und ohne Riß begonnen worden.« + +Nachdem die Rücksprache mit dem Architekten beendet war, gesellte sich +Wronskiy wieder zu den Damen und führte dieselben in das Innere des +Krankenhauses. + +Obwohl man außen noch die Karniese fertig machte und in der tieferen +Etage tünchte, war in der oberen schon alles fertig. Auf der breiten, +gußeisernen Treppe den Treppenabsatz überschreitend, betrat man das +erste große Zimmer. Die Wände waren mit Stuck, der sich wie Marmor +ausnahm, geziert, die großen Fenster waren schon eingesetzt, nur +der Parkettboden war noch nicht fertig und die Tischler, welche ein +emporgenommenes Quadrat hobelten, ließen die Arbeit liegen, um, ihre +schmalen Stirnbänder abnehmend, welche ihnen das Haar hielten, die +Herrschaft zu begrüßen. + +»Das ist das Empfangszimmer,« sagte Wronskiy, »es wird hier nur ein +Tisch und ein Schrank hereinkommen, weiter nichts.« + +»Hierher, hier wollen wir durchgehen! Komm nicht an das Fenster,« sagte +Anna, probierend, ob die Farbe schon getrocknet sei. »Aleksey, die +Farbe ist schon trocken,« fügte sie hinzu. + +Aus dem Empfangszimmer trat man in den Korridor. Hier zeigte Wronskiy +eine nach neuem System konstruierte Ventilation, dann die Marmorwannen +und Betten mit eigenartigen Federn. Hierauf zeigte er die Krankensäle, +einen nach dem anderen, die Vorratskammer, ein Zimmer für die Wäsche, +dann einen Ofen neuester Konstruktion, eine Art Rollen, welche kein +Geräusch machen sollten und die solche Gegenstände, die gebraucht +wurden beförderten, und noch vieles andere. Swijashskiy lobte alles, +als ein Mann, welcher alle neuen Vervollkommnungen kannte. Dolly war +geradezu erstaunt über diese Dinge, welche sie bis jetzt noch nicht +gesehen hatte, und frug im Begehren, alles zu erfassen, eingehend nach +allem, was Wronskiy augenscheinlich Vergnügen machte. + +»Ich glaube, dies wird das einzige, vollständig rationell +eingerichtete Krankenhaus in Rußland werden,« sagte Swijashskiy. + +»Werdet Ihr auch eine Abteilung für Wöchnerinnen haben,« frug Dolly. +»Das ist doch so notwendig auf dem Lande. Ich habe häufig« -- + +Bei aller seiner Höflichkeit fiel ihr hier Wronskiy ins Wort. + +»Das ist kein Geburtsinstitut, sondern ein Krankenhaus und für alle +Krankheiten bestimmt außer den ansteckenden,« sagte er. »Aber hier seht +einmal das,« er rollte einen neuerdings erst verschriebenen Lehnsessel +zu Darja Aleksandrowna, welcher für Genesende bestimmt war. »Paßt auf,« +er setzte sich in den Sessel und begann ihn fortzubewegen. »Wenn Einer +nicht gehen kann, noch zu schwach ist, oder fußleidend, aber Luft +schöpfen muß, so fährt er, rollt er sich« -- + +Darja Aleksandrowna interessierte sich für alles; alles gefiel ihr +sehr, am meisten aber Wronskiy selbst mit dieser natürlichen, naiven +Begeisterung. + +»Ja, ja, er ist ein sehr lieber und guter Mann,« dachte sie, ohne ihn +zu hören, aber auf ihn blickend und in seinen Ausdruck versunken, +während sie sich im Geiste in Anna versetzte. Er gefiel ihr jetzt so +wohl in seiner Lebhaftigkeit, daß sie begriff, wie Anna sich in ihn +hatte verlieben können. + + + 21. + +»Nein, ich glaube die Fürstin ist müde und die Pferde interessieren +sie nicht mehr,« sagte Wronskiy zu Anna, welche vorgeschlagen hatte, +zum Marstall zu gehen, wo Swijashskiy den neuen Hengst zu besichtigen +wünschte. »Geht Ihr dahin, während ich die Fürstin ins Haus begleite, +und wir wollen ein wenig plaudern, wenn es Euch angenehm ist?« sagte +er, zu derselben gewendet. + +»Von Pferden verstehe ich gar nichts; und es ist mir so recht +angenehm,« sagte Darja Aleksandrowna etwas verwundert. + +Sie sah im Gesicht Wronskiys, daß er etwas von ihr wünschte, und sie +irrte nicht. Kaum waren sie wiederum durch das Pförtchen in den Garten +gelangt, als er nach der Seite schaute, nach welcher Anna gegangen war, +und, nachdem er sich überzeugt hatte, daß diese ihn weder hören noch +sehen könne, begann: + +»Ihr habt erraten, daß ich mit Euch zu sprechen wünschte,« sagte er, +sie mit lachenden Augen anblickend, »ich irre nicht darin, daß Ihr +eine Freundin Annas seid.« Er nahm den Hut ab, zog ein Tuch hervor und +trocknete sich damit seinen Kopf mit dem spärlichen Haar. + +Darja Aleksandrowna antwortete nicht, sondern blickte ihn nur +erschrocken an. Nachdem sie mit ihm so allein geblieben, wurde es ihr +plötzlich ängstlich zu Mut; die lachenden Augen und der ernste Ausdruck +seines Gesichts erschreckten sie. + +Die verschiedenartigsten Vermutungen, worüber er wohl mit ihr könnte +sprechen wollen, gingen ihr durch den Kopf. »Er wird mich einladen, mit +den Kindern zu ihm auf Besuch zu kommen, und ich werde ihm abschläglich +antworten müssen: Oder soll ich in Moskau einen Kreis für Anna +schaffen, oder will er über Wasjenka Wjeslowskiy und dessen Beziehungen +zu Anna reden? Vielleicht auch von Kity, oder davon, daß er sich +schuldig fühlt?« Sie sah nur Unangenehmes, erriet aber nicht, wovon er +mit ihr mochte reden wollen. + +»Ihr habt so großen Einfluß auf Anna, sie liebt Euch so,« sagte er, +»helft mir doch!« + +Darja Aleksandrowna schaute fragend und schüchtern auf sein energisches +Gesicht, welches bald ganz, bald stellenweis in das Licht der Sonne +trat, das bald den Schatten der Linden durchdrang, bald vom Schatten +wieder verdunkelt wurde, und wartete auf das, was er weiter sagen +würde; doch er schritt, mit dem Spazierstock in den Kies bohrend, +schweigend neben ihr hin. + +»Wenn Ihr zu uns gekommen seid, Ihr, die einzige Frau unter den +früheren Freundinnen Annas -- die Fürstin Barbara rechne ich nicht -- +so verstehe ich darin, daß Ihr dies nicht gethan habt, weil Ihr etwa +unser Verhältnis für ein normales haltet, sondern weil Ihr, die ganze +Schwierigkeit dieses Verhältnisses begreifend, sie noch immer ebenso +liebt und ihr helfen wollt. Habe ich Euch so richtig aufgefaßt?« frug +er, sie anschauend. + +»O ja,« antwortete Darja Aleksandrowna, ihren Sonnenschirm schließend, +»doch« -- + +-- »Nein,« unterbrach er sie, und blieb stehen, unwillkürlich, und +vergessend, daß er hierdurch Darja Aleksandrowna in eine peinliche +Situation versetzte, indem diese genötigt war, gleichfalls stehen +zu bleiben. »Niemand empfindet mehr und stärker als ich die ganze +Schwierigkeit der Lage Annas, und dies ist begreiflich, wenn Ihr mir +die Ehre erweist, mich für einen Menschen zu halten, der Herz besitzt, +>ich bin die Ursache dieser Lage und deshalb fühle ich sie.<« + +»Ich verstehe,« sagte Darja Aleksandrowna, unwillkürlich freundlich +werdend, als er dies so aufrichtig und bestimmt aussprach, »aber eben +deswegen, weil Ihr Euch als die Ursache fühlt, übertreibt Ihr, wie ich +fürchte,« sagte sie, »Annas Lage ist eine schwierige in der Welt, ich +verstehe wohl.« + +»In der Welt ist sie eine Hölle,« fuhr er hastig fort, das Gesicht in +finstre Falten legend, »man kann sich keine schlimmeren moralischen +Qualen vorstellen, als die, welche sie in jenen vierzehn Tagen in +Petersburg durchlebt hat. Ich bitte Euch darum, das zu glauben.« + +»Aber hier, bis jetzt, so lange weder Anna, noch Ihr ein Bedürfnis nach +der Welt empfindet« -- + +»Die Welt« -- sagte er voll Verachtung, »welches Bedürfnis kann ich +nach der Welt empfinden?« + +»Bis jetzt -- und vielleicht bleibt das immer so -- seid Ihr glücklich +und ruhig. Ich sehe an Anna, daß sie glücklich ist, vollkommen +glücklich, sie hat es mir kaum erst geäußert« -- sagte Darja +Aleksandrowna lächelnd; doch unwillkürlich stiegen ihr, während sie +dies sprach, Zweifel auf, ob Anna wirklich glücklich war. + +Wronskiy hingegen schien hieran nicht zu zweifeln. + +»Ja, ja,« sagte er, »ich weiß, daß sie aufgelebt ist nach allen ihren +Leiden; sie ist glücklich. Sie ist wahrhaft glücklich. Aber ich? Ich +fürchte das, was uns erwartet. Doch entschuldigt, Ihr wollt gewiß +gehen?« + +»Nein, ganz gleich.« + +»Gut, setzen wir uns dann hierher!« + +Darja Aleksandrowna ließ sich auf einer Gartenbank in einer Ecke der +Allee nieder. Er blieb vor ihr stehen. + +»Ich sehe, daß sie glücklich ist,« wiederholte er und der Zweifel +daran, ob sie glücklich sei, beschlich Darja Aleksandrowna noch mehr. +»Aber kann dies so fortgehen? Mögen wir gut oder schlecht gehandelt +haben, das bleibt eine andre Frage, aber der Würfel ist gefallen,« +sagte er, aus der russischen in die französische Sprache übergehend, +»und wir sind für das ganze Leben miteinander verbunden; wir sind +vereint durch die heiligsten Bande der Liebe. Wir haben ein Kind, +wir können noch mehr Kinder haben. Aber das Gesetz und alle Umstände +in unserem Verhältnis sind derart, daß sich tausend Verwickelungen +zeigen, welche Anna jetzt, wo sie ihren Geist von all den Leiden und +Prüfungen ausruhen läßt, nicht sieht oder nicht sehen will. Und das ist +begreiflich. Ich aber muß sie sehen. Meine Tochter ist nach dem Gesetz +-- nicht meine Tochter, sondern eine Karenina. Ich will diese Täuschung +nicht,« sagte er, mit einer energischen Geste der Verneinung, und +düster fragend Darja Aleksandrowna anblickend. + +Diese antwortete nicht und schaute ihn nur an. Er fuhr fort: + +»Morgen kann mir ein Sohn geboren werden, mein Sohn, aber nach dem +Gesetz -- ist er ein Karenin; weder Erbe meines Namens, noch Erbe +meines Vermögens, und so glücklich wir in der Familie sein, soviel +Kinder wir auch bekommen mögen, zwischen mir und ihnen besteht kein +Band. Sie sind Karenin. Begreift nur das Drückende und Entsetzliche +dieser Lage! Ich habe es versucht, mit Anna darüber zu sprechen, aber +sie reizt dies nur. Sie versteht es nicht und ich vermag nicht, ihr +alles zu sagen. Betrachtet indes jetzt die Sache auch noch von einer +anderen Seite! Ich bin glücklich, glücklich durch ihre Liebe, aber ich +muß eine Beschäftigung haben! Diese Beschäftigung habe ich gefunden und +bin stolz auf sie; ich halte sie für edler, als es die Beschäftigung +meiner ehemaligen Kameraden am Hof und im Dienst ist, und ohne Zweifel +würde ich dieses Wirken nicht mit dem ihren vertauschen mögen. Ich +arbeite hier, auf meiner Scholle sitzend, und bin glücklich und +zufrieden, und wir brauchen nichts weiter zum Glück. Ich liebe diese +Thätigkeit. =Cela n'est pas un pis-aller=, im Gegenteil« -- + +Darja Aleksandrowna bemerkte, daß er an dieser Stelle seiner +Erklärung den Faden verlor; sie verstand diese Abschweifung nicht +recht und fühlte, daß er jetzt, nachdem er einmal über seine +Herzensangelegenheiten, über die er mit Anna nicht reden konnte, zu +sprechen angefangen hatte, alles aussprach, und daß sich die Frage +seiner Beschäftigung auf dem Lande in der nämlichen Abteilung seiner +innersten Gedanken befand, in welcher auch die Frage über seine +Beziehungen zu Anna war. + +»Indessen, ich fahre fort,« sagte er, wieder auf den rechten Weg +kommend, »das Wichtigste ist, daß ich beim Arbeiten die Überzeugung +hegen muß -- daß das von mir Geleistete nicht mit mir sterben wird, daß +ich Erben haben werde, -- und dies ist bei mir nicht der Fall! Stellt +Euch selbst die Situation eines Menschen vor, welcher im voraus weiß, +daß seine und seines von ihm geliebten Weibes Kinder nicht sein eigen +werden, sondern jemandes, der sie haßt und sie gar nicht kennen will. +-- Das ist doch furchtbar!« + +Er verstummte augenscheinlich in starker Erregung. + +»Ja, natürlich; ich begreife das. Aber was kann Anna thun?« frug Darja +Aleksandrowna. + +»Dies eben führt mich auf den Zweck meiner Aussprache,« sagte er, sich +gewaltsam bezwingend, »Anna kann Etwas thun; es hängt von ihr ab. +Selbst zu dem Gesuch an den Zaren um Adoptierung, ist die Ehescheidung +unumgänglich erforderlich. Und diese hängt von Anna ab; ihr Gatte +war mit der Scheidung einverstanden -- Euer Gatte hatte dies damals +vollkommen arrangiert, und auch jetzt noch, ich weiß es, würde er +sich nicht weigern. Es käme nur darauf an, daß man ihm schriebe. Er +hat damals offen geantwortet, daß er sich, wenn sie diesen Wunsch +aussprechen sollte, nicht weigern würde. Natürlich,« sagte er finster, +»ist dies nur eine jener Pharisäerhärten, deren allein Leute ohne Herz +fähig sind. Er weiß, welche Qual ihr jede Erinnerung an ihn kostet, +und fordert, da er es weiß, von ihr einen Brief. Ich begreife, daß +ihr das qualvoll sein muß, aber die Ursachen sind so wichtig, daß es +heißt =passer par-dessus toutes ces finesses de sentiment. Il y va du +bonheur et de l'existence d'Anne et de ses enfants.= Ich spreche nicht +von mir, obwohl es mir schwer, sehr schwer wird,« sagte er mit dem +Ausdruck einer Drohung gegen jemand, der es ihm so schwer machte. »Und +so klammere ich mich denn ohne Bedenken an Euch, Fürstin, wie an einen +Rettungsanker. Helft mir, sie zu überreden, daß sie ihm schreibt und +die Scheidung fordert.« + +»Ja, natürlich,« sagte Darja Aleksandrowna, sich lebhaft ihres letzten +Zusammenseins mit Aleksey Aleksandrowitsch erinnernd, »ja versteht +sich,« wiederholte sie entschlossen, mit dem Gedanken an Anna. + +»Macht von Eurem Einfluß auf sie Gebrauch und bewirkt, daß sie +schreibt. Ich will und kann nicht darüber mit ihr reden.« + +»Gut, ich werde mit ihr sprechen. Aber sie selbst sollte gar nicht +hieran denken?« sagte Darja Aleksandrowna, der plötzlich hierbei die +seltsame neue Gewohnheit Annas, zu zwinkern, einfiel. Sie dachte +wieder daran, daß Anna gerade da, als die Frage auf die Seiten ihres +Lebens, die ihr Herz berührten, kam, mit den Augen zwinkerte. »Gerade +als ob sie über ihr Leben zwinkerte, um es nicht zu sehen,« dachte +Dolly. »Ohne Zweifel muß ich im eigenen Interesse und in ihrem mit ihr +sprechen,« antwortete sie auf den Ausdruck seiner Dankbarkeit hin. + +Sie erhoben sich und schritten dem Hause zu. + + + 22. + +Als Anna Dolly bereits zurückgekehrt fand, schaute sie ihr aufmerksam +ins Auge, als wolle sie nach dem Gespräch fragen, welches sie mit +Wronskiy gehabt, frug aber nicht mit Worten. + +»Es scheint schon Zeit zur Mittagstafel zu sein,« sagte sie. »Wir haben +uns ja noch gar nicht gesehen. Ich rechne auf den Abend; jetzt muß ich +mich umkleiden, und ich denke wohl auch du wirst dies thun? Wir sind +auf dem Bau alle ganz schmutzig geworden.« + +Dolly ging nach ihrem Zimmer und war nun in einer komischen Situation. +Es war ihr nicht möglich, sich umzukleiden, denn sie hatte schon ihr +bestes Kleid angelegt; doch, um wenigstens in Etwas ihre Vorbereitung +zur Tafel kenntlich zu machen, bat sie die Zofe, ihr das Kleid zu +reinigen, wechselte die Manschetten und ein Band und legte Spitzen auf +den Kopf. + +»Das ist alles, was ich vermag,« sagte sie lächelnd zu Anna, welche in +dem dritten, wiederum einem sehr einfachen Kleide, zu ihr kam. + +»Ja, wir sind hier sehr kokett,« sagte Anna, sich gleichsam +entschuldigend wegen ihrer Toilette. »Aleksey ist erfreut über dein +Kommen, wie selten über Etwas. Er ist aufrichtig in dich verliebt,« +fügte sie hinzu. »Aber du bist doch nicht ermüdet?« + +Bis zur Tafel war keine Zeit mehr, noch über etwas zu sprechen. Als sie +in den Salon traten, trafen sie dort bereits die Fürstin Barbara und +die Herren in schwarzen Röcken. Der Architekt war im Frack. Wronskiy +stellte dem Besuch den Arzt vor. Den bauleitenden Architekten hatte er +mit Darja Aleksandrowna schon in dem Krankenhause bekannt gemacht. + +Der dicke Hausmeister, mit seinem glänzenden, runden rasierten Gesicht +und im steifgeplätteten Band seiner weißen Krawatte meldete, daß +das Essen bereit sei, und die Damen erhoben sich. Wronskiy ersuchte +Swijashskiy, Anna Arkadjewna den Arm zu reichen, während er selbst zu +Dolly trat. Wjeslowskij gab vor Tuschkjewitsch der Fürstin Barbara +seinen Arm, so daß dieser, der Baumeister und der Arzt allein gingen. + +Das ganze Essen, der Speisesalon, das Service, der Wein und die Speisen +entsprachen nicht nur dem allgemeinen Charakter des modernen Prunkes +in diesem Hause, sondern alles war wohl noch luxuriöser und moderner. +Darja Aleksandrowna musterte diese ihr neue Pracht und vertiefte sich +als Hausfrau, die ein Hauswesen führte -- obwohl ohne Hoffnung, etwas +von all dem Gesehenen mit ihrem Hauswesen vergleichen zu können, so +hoch stand hier alles an Pracht über ihrer Lebensweise -- unwillkürlich +in alle Einzelheiten und stellte sich dabei die Frage, wer dies alles +gemacht hatte und wie es gemacht war. + +Wasjenka Wjeslowskij, ihr Gatte und selbst Swijashskiy und viele Leute, +die sie kannte, hatten nie hierüber nachgedacht, sondern aufs Wort +daran geglaubt, daß jeder rechtschaffene Hausherr seine Gäste merken +zu lassen wünscht, alles, was bei ihm gut in der Einrichtung sei, habe +ihm, dem Hausherrn, nicht die geringste Mühe gekostet, sondern sei von +selbst geworden. + +Darja Aleksandrowna aber wußte, daß von selbst nicht einmal der Brei +zum Frühstück für die Kinder werde, und infolge dessen auf eine so +komplizierte und herrliche Einrichtung gewissermaßen verstärkte +Aufmerksamkeit hatte gerichtet werden müssen. Auch an dem Blicke des +Aleksey Kyrillowitsch, mit welchem dieser den Tisch überflog, und +wie er ein Zeichen mit dem Kopfe nach dem Hausmeister hin gab, und +wie er der Darja Aleksandrowna die Auswahl zwischen dem Kwasgericht +und der Suppe vorschlug, erkannte sie, daß alles durch die Fürsorge +des Herrn selbst geschehe und von dieser gehalten sei. Von Anna hing +augenscheinlich dies alles nicht in höherem Grade ab, als etwa von +Wjeslowskij. Sie, Swijashskiy, die Fürstin und Wjeslowskiy waren einzig +und allein die Gäste, welche heiter genossen, was für sie bereitet war. + +Anna war Hausfrau nur der Führung des Gesprächs nach, und dieses +Gespräch, sehr schwierig für die Hausherrin bei der nicht großen +Tafel, bei Personen wie dem Baumeister und dem Architekten, Leuten +einer vollständig anderen Welt, die sich bemühten, nicht zu erröten +vor dem ungewohnten Luxus, und nicht lange an dem gemeinsamen Gespräch +teilzunehmen vermochten -- dieses schwierige Gespräch führte Anna mit +ihrem gewohnten Takte, mit Natürlichkeit und selbst mit Vergnügen, wie +Darja Aleksandrowna merkte. + +Das Gespräch drehte sich darum, wie Tuschkjewitsch und Wjeslowskiy +allein im Boot gefahren waren; dann begann Tuschkjewitsch von den +letzten Bootwettfahrten in Petersburg im Jachtklub zu erzählen. Doch +Anna, eine Pause abwartend, wandte sich sogleich an den Architekten, um +denselben aus seinem Schweigen zu ziehen. + +»Nikolay Iwanitsch war überrascht,« sagte sie zu Swijashskiy, »wie das +neue Gebäude seit der Zeit, seit welcher er das letzte Mal hier war, +gewachsen ist; aber ich bin alltäglich dabei und verwundere mich selbst +alltäglich, wie schnell das geht.« + +»Mit Erlaucht arbeitet es sich auch gut,« sagte lächelnd der Architekt +-- er war im Gefühl seines Wertes ein ehrerbietiger und ruhiger Mensch +-- »man hat es hier nicht mit Gouvernementsmachthabern zu thun, bei +denen erst ein Ries Papier vollgeschrieben werden muß; ich mache dem +Grafen Meldung, wir besprechen und mit drei Worten ist die Sache +abgemacht.« + +»Amerikanische Manieren,« sagte Swijashskiy lächelnd. + +»Ja; dort werden die Gebäude rationell errichtet.« + +Das Gespräch kam auf den Mißbrauch der Macht in den Vereinigten +Staaten, doch Anna brachte es sogleich auf ein anderes Thema, um den +Baumeister aus seinem Schweigen zu ziehen. + +»Hast du schon einmal Erntemaschinen gesehen?« wandte sie sich an Darja +Aleksandrowna. »Wir waren hinausgeritten, sie anzusehen, als wir dir +begegneten. Ich selbst habe sie zum erstenmale gesehen.« + +»Wie arbeiten sie denn?« frug Dolly. + +»Genau so wie Scheren. Es ist ein Brett und daran sind viele kleine +Scheren. So hier« -- + +Anna ergriff mit ihren schönen, weißen, von Ringen bedeckten Händen +ein Messer und eine Gabel und begann zu zeigen. Sie sah offenbar, daß +sich aus ihrer Erklärung nichts erkennen lasse, setzte aber, recht wohl +wissend, daß sie angenehm sprach und daß ihre Hände schön seien, die +Erklärung fort. + +»Es sind eigentlich mehr Federmesser,« sagte Wjeslowskij lächelnd, ohne +die Augen von ihr zu verwenden. + +Anna lächelte kaum merklich, antwortete ihm aber nicht. + +»Nicht wahr, Karl Fjodorowitsch, es sind Scheren?« wandte sie sich an +den Baumeister. + +»O ja,« versetzte der Deutsche in deutscher Sprache, »es ist ein ganz +einfaches Ding,« und begann dann die Konstruktion der Maschine zu +erläutern. + +»Schade, daß sie nicht strickt. Ich habe auf der Wiener Weltausstellung +eine gesehen, die strickt Draht,« sagte Swijashskiy, »diese wären noch +nützlicher gewesen.« + +»Es kommt drauf an; der Preis vom Draht muß ausgerechnet werden,« sagte +der Deutsche in deutscher Sprache und wandte sich, seinem Schweigen +entrissen, an Wronskiy. + +»Das läßt sich ausrechnen, Erlaucht.« Der Deutsche hatte bereits in die +Tasche gegriffen, wo er Bleistift und ein Notizbuch trug, in welchem +er alles ausrechnete. Doch besann er sich, daß er bei Tische sitze und +stand, den kühlen Blick Wronskiys bemerkend, von seinem Vorhaben ab. +»Zu kompliziert; macht zuviel Klopot,« schloß er. + +»Wünscht man Dochots,[A] so hat man auch Klopots,«[B] sagte Wasjenka +Wjeslowskij auf Deutsch, sich über den Deutschen lustig machend. +»=J'adore l'allemand=,« wandte er sich mit dem nämlichen Lächeln zu +Anna. + + [A] =dochód= »Einkünfte«. + + [B] =chlópot= Gen. Plur. von =chlópoty= »Plackereien«. + +»=Cessez=!« sagte diese scherzhaft ernst. »Wir dachten Euch auf dem +Felde zu treffen, Wasiliy Ssemjonitsch?« wandte sie sich dann an den +Arzt, einen krankhaften Menschen, »waret Ihr dort?« + +»Ich war dort, zog mich aber zurück,« antwortete dieser mit mürrischem +Spott. + +»Wahrscheinlich habt Ihr Euch eine gute Motion gemacht?« + +»Herrlich!« + +»Wie ist denn das Befinden der Alten? Ich hoffe es ist nicht Typhus?« + +»Typhus oder nicht Typhus, in der Besserung befindet sie sich nicht +gerade.« + +»Wie schade,« sagte Anna, und wandte sich, nachdem sie so der +Höflichkeit ihren Hausgenossen gegenüber den Tribut gezollt hatte, +wieder zu den Ihrigen. + +»Es wäre jedenfalls nach Eurer Erzählung schwierig, eine Maschine zu +konstruieren, Anna Arkadjewna,« sagte Swijashskiy scherzend. + +»Nun; inwiefern?« versetzte Anna mit einem Lächeln, welches sagte, daß +sie wohl wisse, in ihrer Erklärung von der Maschinenkonstruktion habe +etwas Liebliches gelegen, was von Swijashskiy auch bemerkt worden sei. +Dieser neue Zug jugendlicher Koketterie überraschte Dolly unangenehm. + +»Dafür sind die Kenntnisse Anna Arkadjewnas in der Architektur +bewundernswürdige,« sagte Tuschkjewitsch. + +»Allerdings; ich hörte es; gestern sprach Anna Arkadjewna davon -- bis +auf die Plinthe ist sie Kennerin« -- sagte Wjeslowskij. + +»Es ist nichts Wunderbares dabei, wenn man so viel sieht und hört,« +antwortete Anna, »Ihr freilich wißt gewiß nicht einmal, wovon man ein +Haus baut.« + +Darja Aleksandrowna sah, daß Anna ungehalten über den Ton von Tändelei +war, der zwischen ihr und Wjeslowskij herrschte, und in welchen +unwillkürlich sie selbst geriet. + +Wronskiy handelte in diesem Falle durchaus nicht so, wie Lewin. Er maß +dem Geschwätz Wjeslowskijs offenbar nicht die geringste Bedeutung bei, +ja, würzte im Gegenteil noch dessen Scherze. + +»Nun sagt doch einmal, Wjeslowskij, womit bindet man denn die Steine!« + +»Natürlich mit Cement.« + +»Bravo! Aber was ist denn Cement?« + +»Nun so etwas wie ein dünner Brei, nein wie Kitt,« sagte Wjeslowskij, +ein allgemeines Gelächter hervorrufend. + +Die Konversation unter den Dinierenden mit Ausnahme des in tiefes +Schweigen versunkenen Arztes, des Architekten und des Baumeisters, +verstummte nicht, bald glatt fließend, bald stockend und jemanden +bei einer Schwäche fassend. Einmal wurde auch Darja Aleksandrowna +angegriffen und so aufgeregt davon, daß sie sogar errötete, und sich +besann, ob man ihr nicht etwas Überflüssiges und Unangenehmes gesagt +habe? Swijashskiy hatte über Lewin zu sprechen begonnen, und von seinen +seltsamen Urteilen, daß die Maschinen der russischen Landwirtschaft nur +schädlich seien, erzählt. + +»Ich habe nicht das Vergnügen, diesen Herrn Lewin zu kennen,« sagte +Wronskiy lächelnd, »aber wahrscheinlich hat er wohl niemals die +Maschinen gesehen, die er verwirft. Und wenn er eine gesehen und +erprobt hat, so wird sie darnach gewesen sein, nicht eine ausländische, +sondern eine russische. Wie kann man hierbei noch Ansichten haben?« + +»Im allgemeinen türkische Ansichten,« sagte Wjeslowskij lächelnd, sich +an Anna wendend. + +»Ich kann seine Urteile nicht vertreten,« fuhr Darja Aleksandrowna auf, +»aber ich kann sagen, daß er ein sehr gebildeter Mann ist, und, wenn er +hier wäre, schon wüßte, wie er Euch zu antworten hätte; ich verstehe es +allerdings nicht!« + +»Ich liebe ihn sehr und wir sind sehr gute Freunde,« sagte Swijashskiy +gutmütig lächelnd. »=Mais pardon, il est un petit peu toqué=; zum +Beispiel behauptet er, daß sowohl das Semstwo, wie die Schiedsrichter +nicht nötig wären, und beteiligt sich an nichts.« + +»Das ist unsere russische Indifferenz,« sagte Wronskiy, Wasser aus +einer Eiskaraffe in ein feines Glas auf langem Fuße gießend, »man +will sich keiner Verpflichtungen bewußt werden, die unsere Rechte uns +auferlegen, und stellt diese Pflichten daher in Abrede.« + +»Ich kenne keinen Menschen, der strenger wäre in der Erfüllung seiner +Pflichten,« sagte Darja Aleksandrowna, gereizt von diesem Tone der +Überlegenheit in Wronskiy. + +»Ich, im Gegenteil,« fuhr Wronskiy fort, offenbar aus irgend einem +Grunde von diesem Gespräch in einem gewissen Punkte getroffen, »ich im +Gegenteil, so wie Ihr mich seht, bin sehr dankbar für die Ehre, die Ihr +mir erwiesen habt, dank Nikolay Iwanitsch« -- er wies auf Swijashskiy +-- »indem ich zum Ehrenrichter gewählt worden bin. Ich meine, daß für +mich die Pflicht, zu den Zusammenkünften zu reisen, die Klage eines +Bauern über ein Pferd zu begutachten ebenso wichtig ist, wie alles, was +ich überhaupt thun kann. Ich werde es mir zur Ehre anrechnen, wenn man +mich zum stimmenden Richter macht. Nur damit kann ich jene Vorteile +wieder ausgleichen, welche ich als Grundherr besitze. Zum Unglück +versteht man die Bedeutung nicht, welche die Großgrundbesitzer im +Reiche haben müßten.« + +Darja Aleksandrowna berührte es seltsam, wie er so ruhig in seiner +Gerechtigkeit dasaß, in seinem Hause hinter seinem Tische. Sie dachte +daran, wie Lewin, von entgegengesetzter Meinung, ebenso entschieden war +in seinem Urteil, in seinem Hause, an seinem Tische. Doch sie liebte +Lewin und war daher auf seiner Seite. + +»So können wir also auf Euch rechnen, Graf, für die nächste +Zusammenkunft?« frug Swijashskiy. »Doch wird zeitig zu fahren sein, +damit man um acht Uhr schon dort ist. Wenn Ihr mir die Ehre erweisen +wolltet, zu mir zu kommen?« + +»Auch ich bin ein wenig einverstanden mit deinem =beau frère=,« sagte +Anna, »man darf nur nicht ganz so denken, wie er,« fügte sie lächelnd +hinzu. »Ich fürchte, daß in letzter Zeit für uns zu viel dieser +gesellschaftlichen Pflichten erstanden sind. Wie es früher so viel +Beamte gab, daß für jede Arbeit ein Beamter erforderlich war, so ist +jetzt alles gesellschaftlicher Faktor. Aleksey ist jetzt sechs Monate +hier und schon ist er Mitglied von wohl fünf oder sechs verschiedenen +socialen Institutionen -- als Vormund, Richter, Stimmrichter, Beisitzer +&c. =Du train que cela va=, alle seine Zeit geht darin auf. Ich +fürchte, daß bei der Masse dieser Geschäfte, alles nur Form ist. In wie +viel Orten seid Ihr Ratsmitglied des Gerichtshofs, Nikolay Iwanitsch,« +wandte sie sich an Swijashskiy, »mir scheint in mehr als zwanzig!« + +Anna sprach im Scherz, aber in ihrem Tone lag Bitterkeit. Darja +Aleksandrowna, welche Anna und Wronskiy aufmerksam beobachtet hatte, +bemerkte dies sogleich. Sie bemerkte auch, daß das Gesicht Wronskiys +bei diesem Gespräch sofort einen ernsten und eigensinnigen Ausdruck +annahm. Als sie dies bemerkt hatte, sowie auch, daß die Fürstin Barbara +sogleich, um das Thema zu ändern, hastig von Petersburger Bekannten zu +sprechen begann, sich ferner auch daran erinnert hatte, daß Wronskiy im +Garten nicht zur passenden Zeit über seine Thätigkeit gesprochen hatte, +erkannte Dolly, daß mit dieser Frage über die sociale Wirksamkeit ein +gewisser geheimer Zwist zwischen Anna und Wronskiy zusammenhing. + +Das Essen, die Weine, die Servierung, alles das war sehr gut, doch auch +ebenso, wie es Darja Aleksandrowna bei offiziellen Essen und Bällen, +von denen sie jetzt freilich ganz entwöhnt war, gesehen hatte, und von +dem nämlichen Charakter des Nichtigen und Gespreizten. Infolge dessen +machte auch alles dies, an dem gewöhnlichen Wochentag und in diesem +kleinen Kreis einen unangenehmen Eindruck auf sie. + +Nach dem Essen setzte man sich auf die Terrasse, dann wurde =lawn +tennis= gespielt, indem man sich in zwei Parteien schied, und auf +dem sorgfältig geebneten und abgesteckten =croket-ground=, auf +beiden Seiten des aufgespannten Netzes mit den vergoldeten Stäben +auseinandertrat. + +Darja Aleksandrowna versuchte zu spielen, konnte aber lange Zeit das +Spiel nicht begreifen; nachdem sie es aber erfaßt hatte, war sie so +müde geworden, daß sie sich bei der Fürstin Barbara niedersetzte und +den Spielenden nur noch zuschaute. Ihr Partner, Tuschkjewitsch, hatte +ebenfalls aufgehört, die übrigen aber setzten das Spiel noch lange +fort. Swijashskiy und Wronskiy spielten beide sehr gut und mit Ernst. +Sie folgten mit scharfen Blicken dem ihnen zugeworfenen Ball, ohne sich +zu überhasten oder etwas zu versäumen, liefen ihm behend nach, paßten +die Sprünge ab und schleuderten den Ball zielbewußt und richtig über +das Netz hinüber. + +Wjeslowskij spielte schlechter als die übrigen. Er war zu aufgeregt, +inspirierte aber dafür mit seiner Heiterkeit die Spieler. Sein +Gelächter und seine Rufe klangen unaufhörlich. Er legte wie alle +übrigen Herren, auf den Beschluß der Damen den Überrock ab, und +seine volle schöne Figur mit den weißen Hemdärmeln, dem roten +schweißbedeckten Gesicht, den hastigen Bewegungen prägte sich förmlich +dem Gedächtnis ein. + +Als Darja Aleksandrowna sich in dieser Nacht schlafen legte, sah sie, +als sie kaum die Augen geschlossen hatte, den über den =croket-ground= +huschenden Wasjenka Wjeslowskij. + +Während des Spieles war Darja Aleksandrowna nicht heiter gestimmt +gewesen. Ihr mißfiel das auch hierbei fortdauernde, tändelnde +Verhältnis zwischen Wasjenka und Anna, sowie die allgemeine +Gezwungenheit der Erwachsenen, wenn solche allein, ohne daß Kinder +dabei sind, ein Kinderspiel spielen. + +Um indessen die übrigen nicht zu stören, und irgendwie die Zeit doch +zu verbringen, gesellte sie sich endlich, nachdem sie sich erholt +hatte, dem Spiele wieder bei und stellte sich heiter. Diesen ganzen +Tag hindurch schien es ihr immer, als spiele sie auf einem Theater, +mit Schauspielern, die besser waren als sie, und als verderbe ihr +schlechtes Spiel die ganze Aufführung. + +Sie war mit der Absicht gekommen, zwei Tage hier zu bleiben, falls es +anginge. Aber am Abend während des Spielens, beschloß sie bei sich, +morgen schon abzureisen. Jene quälenden mütterlichen Sorgen, die sie +unterwegs so gehaßt hatte, erschienen ihr jetzt, nach einem Tage den +sie ohne dieselben verbracht hatte, schon in anderem Lichte und lockten +sie an sich. + +Als Darja Aleksandrowna nach dem Abendthee und einer Spazierfahrt am +Abend im Boot allein in ihr Zimmer getreten war, ihr Kleid abgelegt und +sich niedergesetzt hatte, um ihr dünnes Haar für die Nacht aufzubinden, +empfand sie große Erleichterung. + + + 23. + +Dolly wollte sich bereits niederlegen, als Anna im Nachtkostüm bei ihr +eintrat. + +Im Laufe des Tages hatte diese mehrmals Gespräche über +Herzensangelegenheiten begonnen, aber stets, nachdem sie einige Worte +gesprochen, wieder inne gehalten. »Später, allein unter uns, wollen wir +alles besprechen. Ich habe dir soviel zu sagen,« hatte sie geäußert. + +Jetzt waren sie allein, doch Anna wußte nicht, wovon sie sprechen +sollte. Sie saß am Fenster, auf Dolly blickend, fand aber, in ihrem +Geiste all den unerschöpflich scheinenden Stoff zu ihren Gesprächen +über Geistiges durchmusternd, nichts. + +Es schien ihr in dieser Minute, als ob alles schon gesagt wäre. + +»Was macht denn Kity?« sagte sie, schwer aufseufzend und im Gefühl +einer Schuld Dolly anblickend. »Sag' mir die Wahrheit, Dolly, zürnt sie +mir nicht?« + +»Sie zürnen? Nein« -- sagte Darja Aleksandrowna lächelnd. + +»Aber sie haßt, verachtet mich?« + +»O nein; doch du weißt ja, Eines läßt sich nicht vergeben.« + +»Ja, ja,« sagte Anna, sich abwendend und durch das geöffnete Fenster +schauend. »Aber ich war nicht schuld! Wer war denn schuld? Was heißt +denn schuldig? Konnte es anders kommen? Wie denkst du darüber? Wäre es +möglich gewesen, daß du nicht die Frau Stefans wurdest?« + +»Wahrhaftig; ich weiß nicht. Aber sage du mir doch das?« + +»Ja, ja, wir waren indessen noch nicht mit Kity fertig. Ist sie +glücklich? Er ist ein schöner Mann, wie man sagt.« + +»Das will wenig sagen, daß er schön ist. Ich kenne aber keinen besseren +Menschen.« + +»Ach, wie froh bin ich! Ich bin sehr froh! Es will wenig sagen, daß er +ein schöner Mann ist,« wiederholte sie. + +Dolly lächelte. + +»Erzähle mir doch etwas von dir selbst! Wir haben uns so viel zu +erzählen. Ich sprach auch mit« -- Dolly wußte nicht, wie sie ihn +nennen sollte; es war ihr peinlich, ihn Graf oder Aleksey Kyrillowitsch +zu nennen. + +»Mit Aleksey« -- sagte Anna, »ich weiß, daß Ihr miteinander gesprochen +habt. Aber ich wollte dich offen fragen, was du von mir, über mein +Leben denkst?« + +»Wie kann ich das so plötzlich sagen? Ich weiß es wahrhaftig nicht.« + +»Nein, nein, du mußt es mir dennoch sagen. Du siehst ja mein Leben. +Doch vergiß nicht, daß du uns im Sommer siehst, wo du gekommen bist, +und wir nicht allein sind. Wir aber kamen zeitig im Frühjahr hierher +und haben vollständig einsam gelebt, und werden auch einsam weiter +leben; etwas Besseres wünsche ich gar nicht. Stelle dir aber auch vor, +daß ich allein lebte, ohne ihn; und dies wird kommen. An allem sehe +ich, daß dies sich oft wiederholen wird, daß er die Hälfte seiner Zeit +außerhalb des Hauses zubringen wird,« sprach sie, aufstehend und sich +näher zu Dolly setzend. + +»Natürlich,« unterbrach sie Dolly, welche ihr entgegnen wollte, +»natürlich mit Gewalt werde ich ihn nicht zurückhalten! Ich halte ihn +gar nicht! Jetzt sind die Rennen; seine Pferde laufen; er reitet mit. +Ich freue mich sehr darüber. Aber was denkst du über mich, stelle dir +meine Lage vor. Was soll man dazu sagen?« Sie lächelte. »Wovon hat er +denn mit dir gesprochen?« + +»Er sprach über das, wovon ich selbst sprechen will und ich kann leicht +sein Anwalt sein. Er sprach davon, ob keine Möglichkeit vorhanden sei, +und es nicht gehe, daß« -- Darja Aleksandrowna stockte, »man deine Lage +verbessern könnte. Du weißt, wie ich sie betrachte. Aber gleichwohl, +wenn möglich, muß geheiratet werden« -- + +»Das heißt, eine Ehescheidung!« sagte Anna, »weißt du, daß das einzige +Weib, welches in Petersburg zu mir gekommen ist, Betsy Twerskaja +gewesen ist? Du kennst sie ja? =Au fond c'est la femme la plus dépravée +qui existe=. Sie stand in einem Verhältnis zu Tuschkjewitsch, in der +schmählichsten Weise ihren Mann hintergehend. Diese nun sagte mir, +daß sie mich nicht mehr kennen wollte, so lange mein Verhältnis ein +illegales bleibe. Denke nicht etwa, daß ich Vergleiche anstellte. Ich +kenne dich, mein Herz, doch ich denke unwillkürlich an sie. Was hat +dir denn Aleksey gesagt?« wiederholte sie. + +»Er hat mir gesagt, daß er leide, deinetwegen und seinetwegen. +Vielleicht wirst du sagen, das sei Egoismus, aber es ist ein so +begründeter und edler Egoismus! Er wünscht zunächst seine Tochter +legitim zu machen und dein Gatte zu werden; ein Recht auf dich zu +erhalten.« + +»Welche Frau, welche Magd kann bis zu solchem Grade Sklavin werden, als +ich es bin in meiner Lage!« unterbrach Anna düster. + +»Das Hauptsächlichste was er wünscht -- er will, daß du nicht mehr +leiden sollst.« + +»Das ist unmöglich! Und weiter?« + +»Nun, und das Loyalste -- er will, daß eure Kinder einen Namen haben.« + +»Welche Kinder denn?« sagte Anna, ohne Dolly anzublicken und mit den +Augen zwinkernd. + +»Any und die Künftigen« -- + +»Daraufhin kann er ruhig sein; ich werde keine Kinder mehr bekommen!« + +»Wie darfst du sagen, daß dies nicht mehr der Fall sein könnte?« + +»Deshalb nicht, weil ich es nicht will!« + +Trotz ihrer hohen Erregung lächelte Anna, als sie den naiven Ausdruck +von Neugier, Erstaunen und Schrecken auf Dollys Gesicht bemerkte. + +»Der Arzt hat mir nach meiner Krankheit gesagt, daß« -- -- -- -- -- -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +»Nicht möglich!« sagte Dolly, die Augen weit aufreißend. Für sie war +dies eine jener Offenbarungen, deren Folgerungen und Ausführungen so +ungeheuer sind, daß man in der ersten Minute nur fühlt, man könne sich +das Ganze nicht vorstellen, werde aber noch viel darüber nachzudenken +haben. + +Diese Eröffnung, welche ihr plötzlich über alle jene früher für sie +unbegreiflich gewesenen Familien, die nur ein oder zwei Kinder hatten, +eine Erklärung gab, rief in ihr soviel Gedanken, Phantasieen und +widerstreitende Empfindungen wach, daß sie nichts zu sagen wußte und +nur mit weit geöffneten Augen erstaunt auf Anna schaute. Das war das +Nämliche, wovon sie wohl schon geträumt hatte; aber jetzt, als sie +kennen gelernt, daß es möglich sei, erschrak sie. Sie fühlte, daß dies +die nur allzu einfache Lösung einer zu verwickelten Frage war. + +»=N'est ce pas immoral=!« sagte sie nur nach einigem Schweigen. + +»Inwiefern? Bedenke: Ich habe die Wahl zwischen zwei Dingen. Entweder +schwanger zu sein, das heißt krank, oder der Freund und Kamerad meines +Gatten zu sein, ganz wie ein Mann,« sprach Anna in hochfahrendem und +leichtsinnigem Tone. + +»Nun ja, nun ja,« sprach Darja Aleksandrowna, die nämlichen Argumente +hörend, die sie selbst für sich beigebracht hatte, in ihnen aber nicht +mehr die alte Beweiskraft findend. »Für dich, für andere,« sagte Anna, +als errate sie Dollys Gedanken, »kann noch ein Zweifel bestehen, für +mich aber -- begreife, ich bin kein angetrautes Weib! Er liebt mich so +lange, als er liebt. Und womit soll ich dann seine Liebe unterhalten? +Doch nur damit!« + +Sie streckte die weißen Arme vor ihrem Leibe aus. + +Mit ungewöhnlicher Schnelligkeit, wie dies in Momenten der Aufregung +zu sein pflegt, drängten sich Gedanken und Erinnerungen im Kopfe Darja +Aleksandrownas. + +»Ich,« dachte sie, »habe meinen Stefan doch nicht an mich fesseln +können. Er ging von mir zu anderen, und die erste, welche er für mich +eintauschte, hat ihn nicht einmal damit festgehalten, daß sie stets +schön und heiter war. Er verließ sie doch und nahm eine andere. Sollte +Anna auch nur damit den Grafen Wronskiy fesseln und halten wollen? Wenn +er das nur sucht, so wird er Toiletten und Manieren finden, die noch +anziehender sind und heiterer. Mögen auch ihre entblößten Arme noch +so weiß, so herrlich sein, ihr Leib in voller Schöne prangen, wie ihr +erhitztes Antlitz aus diesen schwarzen Haaren heraus -- er wird noch +Besseres finden, so wie mein ausschweifender, beklagenswerter und doch +geliebter Mann es sucht und findet.« + +Dolly antwortete nicht und seufzte nur. Anna bemerkte dieses Seufzen, +welches ihr Widerspruch bedeutete, und fuhr fort. Sie hatte noch +Beweisgründe vorrätig die so stark waren, daß es auf sie nichts mehr zu +antworten gab. + +»Du sagst, daß dies nicht gut sei? Man muß aber nur bedenken,« fuhr +sie fort, »du vergißt meine Lage. Wie könnte ich Kinder wünschen? +Ich spreche nicht von meinen Leiden; ich fürchte sie nicht. Bedenke +aber, was werden meine Kinder sein? Unglückliche Kinder, die einen +fremden Namen tragen. Allein durch ihre Geburt schon sind sie in die +Notwendigkeit versetzt, sich ihrer Mutter zu schämen, ihres Vaters, +sowie ihrer Geburt.« + +»Aber deshalb ist ja eben die Ehescheidung erforderlich.« + +Anna hörte sie nicht; sie wollte eben die nämlichen Beweisgründe +erschöpfend beibringen, mit welchen sie sich selbst schon so viele Mal +überzeugt hatte. + +»Warum ist mir der Verstand gegeben, wenn ich ihn nicht dazu anwenden +soll, keine Unglücklichen in die Welt zu setzen?« Sie blickte Dolly an, +fuhr aber ohne eine Antwort abzuwarten fort: »Ich würde mich immerdar +vor diesen unglücklichen Kindern schuldig fühlen,« sagte sie. »Wenn sie +nicht da sind, sind sie wenigstens nicht unglücklich, während, wenn sie +unglücklich sind, ich allein daran Schuld trage.« + +Es waren dies die nämlichen Beweisgründe, welche Darja Aleksandrowna +auch für sich selbst beigebracht hatte; aber jetzt hörte sie dieselben, +ohne sie zu verstehen. »Wie kann man vor Geschöpfen schuldig sein, +die nicht existieren?« dachte sie bei sich, und plötzlich kam ihr +in den Sinn, ob es wohl unter Umständen für ihren Liebling Grischa +besser gewesen wäre, wenn er nicht lebte? Dies aber erschien ihr so +wunderlich, so seltsam, daß sie den Kopf wiegte, um dieses Wirrsal +kreisender, wahnwitziger Gedanken zu zerstreuen. + +»Nein, ich weiß nicht, das ist nicht gut,« sagte sie mit einem Ausdruck +von Ekel auf den Zügen. + +»Ja, ja, aber du darfst nicht vergessen, was du bist und was ich bin +-- und außerdem,« fügte Anna hinzu, ungeachtet der Fülle ihrer eigenen +Beweisgründe und der Armut derjenigen bei Dolly, gleichsam anerkennend, +daß jenes nicht moralisch sei, »vergiß nicht die Hauptsache, daß ich +mich jetzt nicht in der Situation befinde, in welcher du bist. Für +dich ist einfach die Frage vorhanden, ob du keine Kinder mehr zu haben +wünschst; für mich hingegen, ob ich sie zu haben wünsche. Darin liegt +ein großer Unterschied. Du begreifst, daß ich in meiner Lage dies nicht +wünschen kann.« + +Darja Aleksandrowna erwiderte nichts. Sie empfand plötzlich, daß sie +schon so weit von Anna entfernt stehe, daß es zwischen ihnen Fragen +gab, in welchen sie nie mehr übereinkommen konnten, und von denen nicht +zu sprechen besser war. + + + 24. + +»Aber umsomehr wirst du daher deine Verhältnisse ordnen müssen, wenn es +möglich ist,« sagte Dolly. + +»Ja, wenn es möglich ist,« versetzte Anna mit plötzlich veränderter, +gedämpfter und trauriger Stimme. + +»Ist denn die Ehescheidung unmöglich? Man hat mir gesagt, daß dein Mann +damit einverstanden ist.« + +»Dolly! Ich mag nicht davon sprechen.« + +»Nun, dann wollen wir es auch nicht,« beeilte sich Darja Aleksandrowna +zu sagen, indem sie den Ausdruck des Leidens auf Annas Antlitz +bemerkte. »Ich sehe nur, daß du zu schwarz siehst.« + +»Ich? Keineswegs! Ich bin sehr heiter und zufrieden. Du hast ja +gesehen; =je fais des passions Wjeslowskij=« -- + +»Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, gefällt mir der Ton Wjeslowskijs +nicht,« sagte Darja Aleksandrowna, im Wunsche, das Thema zu ändern. + +»O, keineswegs! Das kitzelt Aleksey, weiter ist es nichts; er aber +ist ein Knabe und ganz in meinen Händen. Du verstehst wohl, ich leite +ihn, wie ich will. Er ist ganz das, was dein Grischa ist. Dolly!« -- +änderte sie plötzlich ihre Rede, »du sagst, ich blicke zu schwarz. Das +verstehst du nicht. Es ist zu entsetzlich. Ich suche lieber gar nicht +zu sehen.« + +»Aber mir scheint, man muß dies. Man muß alles thun, was möglich ist.« + +»Was ist denn möglich? Nichts! Du sagst, ich soll Aleksey heiraten, +und meinst ich dächte nicht daran. Ich soll nicht daran denken!« -- +wiederholte sie, und die Farbe trat ihr ins Gesicht. Sie erhob sich, +reckte ihre Brust empor, seufzte tief auf, und begann dann, mit ihrem +leichten Gang im Zimmer auf und abzuschreiten, bisweilen dabei stehen +bleibend. »Ich soll nicht daran denken? keinen Tag, keine Stunde giebt +es, in der ich nicht sänne -- und mir Vorwürfe machte über das was +ich denke -- deshalb, weil die Gedanken hierüber von Sinnen bringen +können. Von Sinnen bringen,« wiederholte sie. »Wenn ich daran denke, so +kann ich ohne Morphium schon nicht mehr schlafen. Doch gut. Wir werden +ruhig sprechen. Man spricht mir von Ehescheidung. Erstens wird er in +diese nicht willigen. Er steht jetzt unter dem Einfluß der Gräfin Lydia +Iwanowna.« + +Darja Aleksandrowna folgte, auf dem Stuhl steif emporgerichtet sitzend, +mit dem Ausdruck innigen Mitgefühls auf dem Gesicht und kopfschüttelnd +der hin und wieder wandernden Anna. + +»Man muß versuchen,« sprach sie leise. + +»Nehmen wir an, man versucht. Was hätte das zu bedeuten?« sagte +sie; augenscheinlich war dies ein Gedanke, den sie wohl tausendmal +überdacht, auswendig gelernt hatte. »Dies bedeutete für mich, die ihn +haßt, sich aber nichtsdestoweniger vor ihm als schuldig bekennt -- +ich halte ihn dabei noch für großmütig -- daß ich mich erniedrige, +wenn ich ihm schreibe. Aber gesetzt, ich überwinde mich und thue dies! +Entweder werde ich alsdann eine verletzende Antwort erhalten, oder +die Einwilligung. Gut; ich erhalte die Einwilligung.« -- Anna befand +sich gerade in einer entfernten Ecke des Gemachs und war dort stehen +geblieben, sich an der Gardine des Fensters zu schaffen machend. +»Ich erhalte also die Einwilligung -- aber -- mein _Sohn_? Den wird +man mir ja nicht geben! Er wird wohl heranwachsen, in der Verachtung +gegen mich, im Haus des Vaters, den ich verließ. Wisse, daß ich, wie +mir scheint, gleich stark, aber mehr noch als mich selbst, zwei Wesen +liebe, Sergey und Aleksey.« + +Sie trat in die Mitte des Zimmers und blieb vor Dolly stehen, beide +Hände auf ihre Brust pressend. In dem weißen Nachtgewand erschien ihre +Gestalt eigentümlich hoch und voll. Sie senkte den Kopf und schaute mit +feuchtschimmernden Augen von unten her auf die kleine, hagere und in +ihrem geflickten Korsett im Nachthäubchen so kläglich aussehende, am +ganzen Körper vor Aufregung zitternde Dolly. + +»Nur diese beiden Wesen liebe ich, und doch schließt eines das andere +aus. Ich kann sie nicht vereinigen und dies allein ist mir doch nur +Bedürfnis. Wenn es nicht angeht, so ist mir alles gleichgültig. Alles, +alles gleichgültig. Irgendwie muß es enden, und daher kann und mag +ich nicht davon sprechen! Mache du mir also keine Vorwürfe und richte +in nichts über mich! Du vermagst in deiner Reinheit nicht alles zu +erfassen, woran ich leide.« Sie trat heran, setzte sich neben Dolly, +blickte dieser mit schuldbewußtem Ausdruck ins Gesicht und nahm sie bei +der Hand. »Was denkst du? Was denkst du über mich? Verachte mich nicht! +Verachtung bin ich nicht wert. Ich bin doch schon unglücklich. Wenn +jemand unglücklich ist, so bin ich es,« sprach sie und brach, sich von +ihr abwendend, in Thränen aus. + +Allein geblieben, betete Dolly zu Gott und legte sich in ihr Bett. +Anna hatte ihr von ganzer Seele leid gethan, so lange sie mit ihr +gesprochen; jetzt aber konnte sie sich nicht mehr zum Nachdenken über +sie bringen. Die Erinnerungen an ihr Haus und ihre Kinder tauchten in +einem eigenartigen, ihr neuen Reiz, mit einem gewissen neuen Schimmer +in ihrer Vorstellungskraft auf. Diese ihr eigene Welt erschien ihr +jetzt so teuer und lieb, daß sie um keinen Preis außerhalb derselben +einen überflüssigen Tag hätte zubringen mögen, und sie beschloß, +bestimmt morgen abzureisen. + +Anna hatte mittlerweile, nach ihrem Kabinett zurückgekehrt, ein +Glas ergriffen, einige Tropfen Arznei hineingeschüttet, deren +hauptsächlichster Bestandteil Morphium war, und sich, nachdem sie +getrunken, und noch einige Zeit unbeweglich gesessen hatte, in ruhiger +und heiterer Stimmung nach dem Schlafgemach begeben. + +Als sie in dasselbe eintrat, blickte Wronskiy sie aufmerksam an. +Er suchte nach den Spuren des Gesprächs, welches sie, wie er wußte +mit Dolly gehabt haben mußte, da sie so lange im Zimmer derselben +geblieben war. Aber in ihrem Ausdruck, der zurückgehaltene Aufregung +und Geheimthuerei verriet, entdeckte er nur die zwar gewohnte, ihn aber +doch immer noch fesselnde Schönheit, ihr Bewußtsein davon, und ihren +Wunsch, sie auf ihn wirken zu lassen. Er wollte Anna nicht fragen, was +sie beide gesprochen hätten, sondern hoffte, sie werde es ihm selbst +sagen. Doch sie sprach nur: + +»Ich freue mich, daß Dolly dir gefallen hat. Nicht wahr?« + +»Ich kenne sie ja schon lange. Sie ist sehr gut, wie mir scheint, =mais +excessivement terre-à-terre=. Ich habe mich indessen gleichwohl sehr +über sie gefreut.« + +Er ergriff Annas Hand und schaute ihr fragend ins Auge. Sie lächelte +ihm zu, den Blick anders auffassend. + +Am anderen Morgen rüstete sich Darja Aleksandrowna trotz der Bitten +ihrer Wirte zur Abreise. Der Kutscher Lewins in seinem nicht mehr +gerade neuen Kaftan und dem Postkutscherhut, mit den Pferden von +verschiedener Farbe, ein Wagen mit den ausgebesserten Seiten, fuhr +mürrisch und entschlossen in die geöffnete, mit Sand bestreute Einfahrt. + +Der Abschied von der Fürstin Barbara und den Herren war Darja +Aleksandrowna unangenehm. Indem sie nur einen Tag hier geblieben +war, fühlte sie sowohl, wie ihre Wirte, deutlich, daß sie einander +nicht näher getreten waren, und es besser sei, wenn sie nicht mehr +zusammenkämen. Nur Anna empfand Schmerz hierüber. Sie wußte, daß jetzt, +mit Dollys Fortgehen, niemand mehr die Gefühle in ihrer Seele wachrufen +werde, die sich bei diesem Wiedersehen in ihr geregt hatten. Diese +Empfindungen wachzurufen, war ihr schmerzlich gewesen, aber gleichwohl +wußte sie doch, daß sie gerade den besten Teil ihrer Seele bildeten, +und daß dieser Teil ihrer Seele schnell überwuchert sein werde in dem +Leben, welches sie führte. + +Als sie auf das Feld hinausgekommen war, empfand Darja Aleksandrowna +ein angenehmes Gefühl der Erleichterung, und sie wollte soeben ihre +Leute fragen, wie es ihnen bei Wronskiy gefallen habe, als plötzlich +Philipp der Kutscher selbst anfing: + +»Sind die reich, so reich, und doch haben sie im ganzen nur drei Maß +Hafer gegeben. Bis die Hähne schrieen, hatten sie es rein aufgefressen. +Was sind denn drei Maß? Gerade zum Hineinbeißen. Jetzt kostet der Hafer +bei den Hofleuten fünfundvierzig Kopeken; während bei uns den Reisenden +soviel gegeben wird, als gefressen wird.« + +»Ein geiziger Herr,« bestätigte der Comptoirdiener. + +»Nun, aber seine Pferde haben dir gefallen?« frug Dolly. + +»Seine Pferde, das ist richtig. Das Essen ist ja auch gut. Aber mir +schien es so langweilig, Darja Aleksandrowna, ich weiß nicht, wie +es Euch gegangen ist,« sagte er, ihr sein rotes, gutmütiges Gesicht +zuwendend. + +»Mir ging es auch so. Werden wir denn bis zum Abend ankommen?« + +»Wir müssen.« + +Nachdem Darja Aleksandrowna heimgekommen war, und alles vollkommen +wohlbehalten und besonders herzlich gefunden hatte, erzählte sie mit +großer Lebhaftigkeit von ihrer Reise, wie man sie so gut aufgenommen +habe, von der Pracht und dem guten Geschmack der Lebensweise der +Wronskiy, sowie von ihren Zerstreuungen, und ließ niemand über sie zu +Worte kommen. + +»Man muß Anna und Wronskiy kennen -- ich habe ihn jetzt besser kennen +gelernt -- um erkennen zu können, wie liebenswürdig sie sind,« sprach +sie, jetzt vollkommen aufrichtig, nachdem sie das dunkle Gefühl von +Unzufriedenheit und Mißbehagen vergessen hatte, welches sie dort +empfunden. + + + 25. + +Wronskiy und Anna verlebten, in unveränderten Verhältnissen, und ohne +Maßregeln für die Ehescheidung zu ergreifen, den ganzen Sommer und +einen Teil des Herbstes auf dem Lande. Sie waren unter sich einig +geworden, nicht von hier weggehen zu wollen, fühlten beide aber, je +länger sie einsam waren, besonders im Herbste und wenn kein Besuch da +war, daß sie diese Lebensweise nicht würden ertragen können und ändern +müßten. + +Ihr Leben war so, wie man es besser nicht wünschen konnte; reicher +Überfluß, Gesundheit, ein Kind war da und beide hatten ihre +Beschäftigung. Anna beschäftigte sich, wenn kein Besuch da war, +mit sich selbst und sehr viel mit Lektüre von Romanen und ernsten +Büchern, welche in der Mode waren. Sie verschrieb alle Bücher, von +denen sie sich entsann, Günstiges in den ausländischen Zeitungen und +Journalen die sie erhielt, gelesen zu haben, und las dieselben mit +jener Aufmerksamkeit für das Gelesene, welche nur in der Einsamkeit +vorhanden zu sein pflegt. Außerdem aber studierte sie alles, womit sich +Wronskiy befaßte, nach Büchern oder Fachjournalen, sodaß er sich oft +mit landwirtschaftlichen, architektonischen, ja selbst bisweilen mit +sportsmännischen und Pferdezucht betreffenden Fragen an sie wandte. Er +erstaunte über ihr Wissen, ihr Gedächtnis, und wünschte anfänglich, +noch zweifelnd, Bestätigungen; sie fand dann auch in den Büchern das, +wonach er gefragt und zeigte es ihm. + +Die Einrichtung des Hospitals beschäftigte sie gleichfalls. Sie +leistete nicht nur Beistand, sondern richtete vieles selbst ein, oder +sann es aus. Ihre Hauptsorge aber bildete -- sie selbst; insofern sie +Wronskiy teuer war, insofern sie ihm alles ersetzte, was er aufgegeben +hatte. Wronskiy schätzte diesen zum einzigen Ziel ihres Lebens +gewordenen Wunsch -- den, ihm nicht nur zu gefallen, sondern ihm auch +zu dienen, aber zugleich dabei fühlte er sich doch bedrückt von den +Liebesbanden mit denen sie sich bemühte, ihn zu umstricken. + +Je mehr Zeit verging, wünschte er weniger sich von ihnen zu befreien +und herauszukommen, als zu versuchen und zu prüfen, ob sie seine +Freiheit wirklich einschränkten. Wäre nicht dieser immer stärker +werdende Wunsch, frei zu sein, der, nicht jedesmal eine Scene zu haben, +wenn er zu einer Gerichtssitzung, zu einem Rennen in die Stadt fahren +mußte, gewesen, so würde Wronskiy mit seinem Dasein völlig zufrieden +gewesen sein. + +Die Rolle, welche er sich erwählt hatte, die Rolle des reichen +Grundbesitzers, aus denen der Kern der russischen Aristokratie bestehen +müsse, war ihm nicht nur völlig nach Geschmack, sie machte ihm sogar +jetzt, nachdem er ein halbes Jahr darin gelebt hatte, ein mehr und +mehr wachsendes Vergnügen. Auch sein Werk, welches ihn mehr und mehr +beschäftigte und anzog, gedieh vortrefflich. Trotz der ungeheuren +Summen, welche ihn das Krankenhaus, die Maschinen, die aus der Schweiz +verschriebenen Kühe und vieles andere kosteten, war er sicher, daß +er sein Vermögen nicht zerrüttete, sondern vielmehr vergrößerte. +Wo es sich um Einkünfte, Waldverkäufe, Getreidelieferungen, Wolle, +Landverpachtung handelte, war Wronskiy hart wie ein Kieselstein, +und verstand es, auf den Preis zu halten. In Sachen seiner großen +Landwirtschaft befolgte er, sowohl auf diesem, wie auf seinen übrigen +Gütern, die einfachsten, die gefahrlosesten Methoden, und war höchst +sparsam und haushälterisch in den wirtschaftlichen Kleinigkeiten. Bei +aller Schlauheit und Gewandtheit seines Deutschen, der ihn in Ankäufe +zu verwickeln suchte und jede Berechnung so aufstellte, daß anfangs +bei weitem mehr nötig war, dann aber erwog, daß es möglich sei, das +Nämliche auch billiger machen, und dabei noch einen Gewinn erzielen zu +können, gab Wronskiy diesem in nichts nach. + +Er hörte seinen Verwalter an, frug ihn aus und stimmte ihm nur +dann bei, wenn das zu Verschreibende oder neu Einzurichtende das +allerneueste, in Rußland noch unbekannt, und imstande war, Bewunderung +zu erwecken. Im übrigen verstand er sich zu einer großen Ausgabe nur +dann, wenn flüssiges Geld vorhanden war, und kümmerte sich, indem er +die Ausgabe machte, um alle Einzelheiten, bestand auch darauf, nur +das Allerbeste für sein Geld zu erhalten; sodaß er, demzufolge sein +Vermögen offenbar nicht zerrüttete, sondern vergrößerte. + +Im Monat Oktober waren die Adelswahlen im Gouvernement von Kaschin, +in welchem sich die Güter Wronskiys, Swijashskiys, Koznyscheffs, +Oblonskiys und ein kleiner Teil von denen Lewins befanden. + +Diese Wahlen zogen infolge mannigfacher Umstände und in Anbetracht +der Persönlichkeiten, welche daran teilnahmen, die allgemeine +Aufmerksamkeit auf sich. Man sprach viel von ihnen und bereitete sich +darauf vor. Die Bewohner von Moskau, Petersburg, Fremde, die noch nicht +bei den Wahlen gewesen waren, kamen zu denselben. + +Wronskiy hatte Swijashskiy schon längst versprochen, dazu kommen zu +wollen. Noch vorher fuhr Swijashskiy, welcher Wosdwishenskoje häufig +besuchte zu Wronskiy. + +Am Vorabend des nämlichen Tages war zwischen Wronskiy und Anna fast +ein Streit wegen der geplanten Reise entstanden. Es war gerade die +langweiligste, schwerste Zeit auf dem Dorfe, die Herbstzeit, und, auf +den Kampf vorbereitet, machte Wronskiy mit einem ernsten und kühlen +Ausdruck, mit welchem er vorher noch nie zu Anna gesprochen hatte, +derselben Mitteilung von seiner Abreise. + +Zu seiner Verwunderung nahm Anna indessen diese Nachricht sehr ruhig +auf, und frug nur, wann er zurückkehren werde. Aufmerksam betrachtete +er sie, da er diese Ruhe nicht begriff. Sie lächelte zu seinem Blick. +Er kannte ihre Fähigkeit, sich in sich selbst zurückzuziehen, und +wußte, daß dies nur dann der Fall war, wenn sie bei sich selbst etwas +beschlossen hatte, ohne ihm von ihren Plänen Kenntnis zu geben. Er +fürchtete dies, doch wünschte er so sehr, eine Scene zu vermeiden, daß +er sich den Anschein gab zu glauben -- und teilweise glaubte er es auch +aufrichtig -- was er ja wünschte -- sie sei einsichtsvoll. + +»Ich hoffe, du wirst dich nicht langweilen.« + +»Ich hoffe es,« sagte Anna, »gestern habe ich eine Kiste Bücher von +Gautier erhalten. Nein, ich werde mich nicht langweilen.« + +»Sie wünscht diesen Ton festzuhalten; um so besser,« dachte er, »es +wäre ja doch sonst immer ein und dasselbe,« und fuhr, ohne sie zu einer +aufrichtigen Erklärung aufgefordert zu haben, zu den Wahlen. + +Es war dies zum erstenmal seit Beginn ihres Verhältnisses, daß er sich +von ihr trennte, ohne sich völlig mit ihr ausgesprochen zu haben. + +Einerseits beunruhigte ihn dies, andererseits fand er, daß es so +besser sei. »Es wird ihr dies im Anfang, wie jetzt, etwas Unklares, +Geheimnisvolles sein, aber später wird sie sich daran gewöhnen. +Jedenfalls kann ich ihr alles bieten, nur nicht meine männliche +Unabhängigkeit,« dachte er. + + + 26. + +Im September war Lewin wegen der Niederkunft Kitys nach Moskau +gefahren. Er hatte schon einen ganzen Monat müßig in Moskau verweilt, +als Sergey Iwanowitsch, welcher ein Gut im Gouvernement Kaschin +besaß und großes Interesse für die Fragen der bevorstehenden Wahlen +hegte, sich fertig machte, zu diesen zu fahren. Er nahm dazu auch den +Bruder mit sich, der im Sjeleznewskischen Kreis ansässig war. Lewin +hatte überdies in Kaschin ein sehr notwendiges Geschäft für seine +Schwester, die im Ausland lebte, in Vormundschaftssachen und wegen der +Empfangnahme von Geldern für einen Kauf zu erledigen. + +Lewin war noch immer unentschlossen, aber Kity, welche gewahrte, daß +er sich in Moskau langweile, hatte ihm angeraten, zu fahren und ihm +obendrein noch hinter seinem Rücken eine Adelsuniform, welche achtzig +Rubel kostete, bestellt. Diese achtzig Rubel, welche für die Uniform +bezahlt worden waren, bildeten den Hauptgrund, der Lewin bewog, zu +reisen, und so fuhr er nach Kaschin. + +Er war bereits den sechsten Tag daselbst, besuchte täglich die +Sobranje und befaßte sich mit der Angelegenheit seiner Schwester, +die noch nicht in Ordnung war. Die Oberrichter waren sämtlich von +den Wahlen in Anspruch genommen und man kam daher nicht bis zu einer +so einfachen Angelegenheit, die von der Vormundschaft abhing. Die +andere Angelegenheit, die Erhebung der Gelder, begegnete den gleichen +Schwierigkeiten. Nach langen Mühen um die Beseitigung der Hindernisse +lag das Geld endlich bereit zur Aushändigung, aber der Notar, ein sehr +dienstfertiger Mann, konnte den Talon nicht herausgeben, weil die +Unterschrift des Präsidenten dazu erforderlich war, dieser selbst aber +sich in der Session befand. Alle diese Plagen, das Umherlaufen von +Ort zu Ort, die Auseinandersetzungen mit den sehr guten freundlichen +Leuten, welche alle die Unannehmlichkeit der Lage des Petenten +vollkommen begriffen, diesem aber nicht helfen konnten, diese ganze +Anstrengung die keine Resultate ergab, erzeugte in Lewin ein peinliches +Gefühl, ähnlich jener ärgerlichen Ohnmacht, welche man im Schlafe +empfindet, wenn man physische Kraft anwenden will. Er empfand dies oft, +wenn er sich mit seinem sehr gutmütigen Pächter unterhielt. Dieser +Pächter that, wie es schien, alles Mögliche, und strengte alle seine +Kräfte an, um Lewin der Mühewaltung des Probierens zu entheben; nicht +nur einmal hatte er gesagt, dieser solle da oder dorthin fahren, indem +er einen ganzen Plan machte, wie er das Geschick umgehen könne, das +alles hinderte. Gleichwohl aber hatte er hinzugefügt, »man wird sich +freilich weiter sperren, doch probiert nur«. Und Lewin versuchte und +ging und fuhr. Jedermann war gut und liebenswürdig, aber es zeigte +sich, daß das bereits gangbar Gemachte am Ende wieder überwachsen war +und von neuem den Weg verlegte. Besonders unangenehm war es, daß Lewin +in keiner Weise erkennen konnte, mit wem er kämpfe, wer einen Vorteil +davon habe, daß die Angelegenheit nicht zur Erledigung gelangte. +Dies schien niemand zu wissen; auch der Pächter wußte es nicht. Hätte +Lewin es erfahren können, wie er wußte, weshalb man zur Kasse auf +der Eisenbahn nicht anders als in der Reihe Zutritt hat, so würde es +ihm nicht beleidigend und ärgerlich erschienen sein, aber bei den +Hindernissen, auf welche er in der Angelegenheit stieß, konnte ihm +niemand erklären, weshalb sie vorhanden wären. + +Lewin hatte sich indessen seit der Zeit seiner Verheiratung vielfach +geändert; er war duldsam geworden, und wenn er nicht gleich verstand, +wozu Etwas in einer bestimmten Weise eingerichtet sei, sagte er zu sich +selbst, daß er, wenn er nicht alles wisse, auch nicht urteilen könne; +daß es wahrscheinlich so sein müsse, und bemühte sich alsdann, nicht in +Aufregung zu geraten. + +Jetzt, bei den Wahlen gegenwärtig und an ihnen teilnehmend, bestrebte +er sich ebenfalls, nicht zu urteilen und zu hadern, sondern soviel als +möglich die Sache zu ergründen, mit der sich ehrenhafte und wackere +Männer, die er achtete, mit solchem Ernst und solcher Hingebung +beschäftigten. Seit er geheiratet hatte, eröffneten sich Lewin so viele +neue ernste Seiten, die ihm vordem, infolge einer oberflächlichen +Stellungnahme dazu, zu unbedeutend erschienen waren, daß er auch in den +Wahlen eine ernstere Bedeutung vermutete und suchte. + +Sergey Iwanowitsch erklärte ihm den Sinn und die Bedeutung der bei +diesen vorgeschlagenen Veränderungen. Der Gouvernementschef, in +dessen Händen nach dem Gesetz soviel wichtige sociale Aufgaben lagen +-- wie das Vormundschaftswesen, das nämliche, an welchem Lewin jetzt +laborierte, die ungeheuren Summen des Adelsvermögens, die Gymnasien, +das für Mädchen, das für Knaben und ein Kadettenhaus, die Volksbildung +nach den neuen Verhältnissen und endlich, das Semstwo -- dieser +Gouvernementschef Sjnetkoff war ein Herr von altem, adligen Schlag, der +ein ungeheures Vermögen besaß, ein guter Mensch, ehrenhaft in seiner +Weise war, aber nicht vollkommen die Anforderungen der Neuzeit erfaßte. +Er hielt in allem stets die Partei des Adels, wirkte schnurstracks +der Verbreitung der Volksbildung entgegen, und verlieh dem Semstwo, +welches doch so außerordentlich große Bedeutung haben sollte, den +Charakter einer Gesellschaft. Es war daher notwendig, an seinen Platz +einen frischen, in der Zeit stehenden, vernünftigen und vollkommen +neuen Mann einzustellen und die Sache so anzufassen, daß aus all den +Rechten, die dem Adel nicht als Adel, sondern als einem Element des +Semstwo verliehen waren, die Vorteile der Selbstverwaltung gezogen +würden, soviel ihrer zu ziehen waren. In dem reichen Gouvernement +von Kaschin, welches in allem stets den anderen vorangegangen war, +hatten sich jetzt so tüchtige Kräfte angesammelt, daß die Sache, +wenn sie hier so geleitet wurde, wie es nötig war, als Muster für +alle übrigen Gouvernements, ja für ganz Rußland, dienen konnte. +Infolgedessen hatte sie denn eine hohe Bedeutung. Als Gouvernementschef +an Stelle Sjnetkoffs hatte man entweder Swijashskiy oder noch besser +Njewjedowskiy, einen früheren Professor und außerordentlich klugen +Mann, den intimen Freund Sergey Iwanowitschs, in Vorschlag gebracht. + +Die Sobranje eröffnete der Gouverneur selbst, der den Edelleuten eine +Rede hielt, daß sie die Amtspersonen nicht nach dem Ansehen der Person, +sondern nach ihren Verdiensten und zum Wohle des Vaterlandes wählen +möchten, und daß er hoffe, der hohe Kaschinskische Adel werde, wie bei +den früheren Wahlen, seine Pflicht pietätvoll erfüllen, und das hohe +Vertrauen des Monarchen rechtfertigen. + +Nachdem der Gouverneur diese Rede geendet hatte, verließ er den Saal, +und die Adligen folgten ihm geräuschvoll und lebhaft, einige sogar voll +Enthusiasmus, und umgaben ihn, während er sich den Pelz anlegte und +mit dem Gouvernementsvorsteher freundschaftlich sprach. Lewin, welcher +alles erfahren und nichts unbeachtet lassen wollte, stand mit im Haufen +und hörte, wie der Gouverneur sagte: »teilt Marja Iwanowna gefälligst +mit, mein Weib bedaure sehr, daß sie ins Kloster geht.« Nach ihm +suchten sich die Adligen heiter ihre Pelze und begaben sich sämtlich in +den Gottesdienst. + +In der Kathedrale schwor Lewin, zusammen mit den übrigen die Hand +erhebend, und die Worte des Protopopen wiederholend, mit den ernstesten +Eiden, alles zu erfüllen, was der Gouverneur von ihnen erhoffe. + +Der Gottesdienst übte auf Lewin stets einen Einfluß, und als die Worte +gesprochen wurden: »Ich küsse das Kreuz« und er auf die Schar dieser +jungen und alten Männer blickte, welche alle das Gleiche wiederholten, +fühlte er sich bewegt. + +Am zweiten und dritten Tag wurden die Angelegenheiten der Adelsgelder +und des Mädchengymnasiums erörtert, die, wie Sergey Iwanowitsch erklärt +hatte, keine Wichtigkeit besaßen, und Lewin, von seinen Geschäftsgängen +in Anspruch genommen, verfolgte dieselben nicht. + +Am vierten Tage erfolgte am Gouverneurstisch die Prüfung der +Gouvernementsgelder, und hier gab es zum erstenmale einen Zusammenstoß +der neuen Partei mit der alten. Die Kommission, welcher die Prüfung +dieser Summe anvertraut war, legte der Sobranje dar, daß die Gelder +sämtlich unversehrt seien. Der Gouvernementsvorsteher erhob sich, +dankte dem Adel für sein Vertrauen und zerdrückte eine Thräne. Die +Adligen begrüßten ihn laut und drückten ihm die Hand. Aber zur selben +Zeit sagte ein Adliger aus der Partei Sergey Iwanowitschs, er habe +gehört, daß die Kommission die Gelder gar nicht geprüft habe, indem +sie die Revision als eine Kränkung des Gouverneurs betrachte. Eines +der Kommissionsmitglieder bestätigte dies auch unvorsichtigerweise. +Da begann ein ziemlich kleiner, sehr jung aussehender, aber sehr +scharfzüngiger Herr zu sprechen, daß es dem Gouvernementsvorsteher +wahrscheinlich angenehm sein würde, Rechenschaft über die Summen +ablegen zu können, und daß nur das überflüssige Taktgefühl der +Kommissionsmitglieder ihn dieser moralischen Genugthuung beraubt habe. +Die Kommissionsmitglieder sagten sich hierauf von ihrer Erklärung +los und Sergey Iwanowitsch begann ihnen logisch zu beweisen, daß sie +entweder anerkennen müßten, die Gelder seien von ihnen für richtig +befunden worden, oder nicht, und nahm dieses Dilemma gründlich durch. +Sergey Iwanowitsch beantwortete hierauf ein Sprecher der gegnerischen +Partei. Dann sprach Swijashskiy und darauf wieder der bissige Herr. Die +Debatten zogen sich in die Länge und verliefen ohne Resultat. Lewin war +erstaunt, daß man hierüber so lange streiten konnte, namentlich aber +darüber, daß Sergey Iwanowitsch, als er ihn frug, ob er vermute, daß +die Gelder verloren seien, antwortete: + +»O nein! Er ist ein ehrenhafter Mann, aber jene alte Sitte der +vaterländischen, familiären Verwaltung der Adelsgeschäfte mußte +erschüttert werden.« + +Am fünften Tage waren die Wahlen der Kreisvorsteher. Dieser Tag war +ziemlich stürmisch bei mehreren Kreisen. Im Kreise Sjelesnewo wurde +Swijashskiy einstimmig ohne Ballotage gewählt und bei ihm fand an +diesem Tage ein Essen statt. + + + 27. + +Am sechsten Tage waren die Gouvernementswahlen. Die großen und kleinen +Säle waren gefüllt von den Adligen in ihren verschiedenen Uniformen. +Viele kamen nur für diesen Tag. Bekannte, die sich lange nicht +gesehen hatten, der eine aus der Krim, der andere aus Petersburg, +ein dritter vom Auslande kommend, begegneten sich in den Sälen. Am +Gouverneurstisch, unter dem Bild des Zaren, fanden die Wahlkämpfe statt. + +Die Adligen, im großen, wie im kleinen Saale, gruppierten sich in Lager +und an der Feindseligkeit und dem Mißtrauen der Blicke, an dem bei der +Annäherung fremder Personen verstummenden Gespräch, daran, daß mehrere +flüsternd selbst in den abgelegenen Korridor gingen, war ersichtlich, +daß eine jede Partei Geheimnisse vor der anderen hatte. + +Dem äußeren Anschein nach hatten sich die Adligen scharf in zwei +Parteien geteilt, in die Alten und die Jungen. Die Alten waren +größtenteils in adligen altertümlichen, zugeknöpften Uniformen, mit +Degen und Hut, oder in ihren eigenen Kavallerie-, Infanterie- oder +Amtsuniformen. Die Uniformen der Alten waren in altertümlicher Weise +gestickt, mit Epaulettes auf den Schultern; sie erschienen klein, kurz +in den Taillen und so knapp, als hätten ihre Träger sie verwachsen. + +Die Jungen hingegen waren in Adelsuniformen mit niedrigen Taillen und +breiten Schultern, mit weißen Westen, oder in Uniformen mit schwarzen +Kragen und Lorbeer, der Stickerei des Justizministeriums. Zu den Jungen +gehörten auch die Hofuniformen, die hier und da die Menge zierten. + +Aber die Teilung in Junge und Alte fiel nicht mit der Teilung in die +Parteien zusammen; einige der Jungen gehörten nach den Beobachtungen +Lewins zur Partei der Alten, und im Gegensatz hierzu zischelten einige +sehr alte Edelleute mit Swijashskiy, und waren augenscheinlich eifrige +Anhänger der neuen Richtung. + +Lewin stand in dem kleinen Saale, in welchem man rauchte und aß, neben +einer Gruppe der Seinen, und lauschte auf das, was man sprach, indem +er seine Geisteskräfte geflissentlich anstrengte um zu verstehen, +was gesprochen wurde. Sergey Iwanowitsch bildete den Mittelpunkt, um +welchen sich die Übrigen gesellten. Er hörte jetzt Swijashskiy und +Chljustoff an, den Vorsteher eines anderen Kreises, der zu ihrer Partei +gehörte. + +Chljustoff stimmte mit seinem Kreis nicht dafür, Sjnetkoff um Ballotage +zu bitten, und Swijashskiy überredete ihn nun, es doch zu thun, während +Sergey Iwanowitsch diesen Plan guthieß. Lewin begriff nicht, weshalb +man die gegnerische Partei um Ballotage gerade bezüglich desjenigen +Vorstehers bitten wollte, den man ausballotieren wollte. + +Stefan Arkadjewitsch, der soeben gegessen und getrunken hatte, trat, +sich den Mund mit dem duftenden, eingefaßten Battisttaschentuch +wischend, in seiner Kammerherrenuniform zu ihnen. + +»Wir nehmen die Position,« sagte er, sich die Hälften seines +Backenbartes streichend, »Sergey Iwanowitsch!« Und aufmerksam dem +Gespräch Gehör schenkend, unterstützte er die Meinung Swijashskiys. +»Es ist genug mit einem Kreis, aber Swijashskiy ist augenscheinlich +schon Opposition,« sagte er, mit Worten, die allen, nur nicht Lewin, +verständlich waren. »Wie, Konstantin; es scheint, auch du kommst +hinter den Geschmack?« fügte er hinzu, sich an Lewin wendend und faßte +diesen unter dem Arme. Lewin wäre recht froh gewesen, hinter den +Geschmack gekommen zu sein, aber er konnte nicht verstehen, worum es +sich handle, und drückte, einige Schritte von den Redenden wegtretend, +Stefan Arkadjewitsch seine Unkenntnis darin aus, weshalb man den +Gouvernementsvorsteher bitten wollte. + +»=O sancta simplicitas=,« sagte Stefan Arkadjewitsch und erklärte Lewin +kurz und klar, um was es sich handle. + +»Wenn alle Kreise, wie in den früheren Wahlen, den +Gouvernementsvorsteher bitten würden, so wählte man ihn mit allen +weißen Kugeln. Jetzt ist man in acht Kreisen einverstanden, ihn darum +zu ersuchen; wenn nun zwei es verweigern, mit darum anzuhalten, so kann +Sjnetkoff die Ballotage verweigern, und dann wird die Partei der Alten +einen anderen von den Ihrigen wählen, sodaß unser ganzer Plan verloren +ist. Wenn aber nur der eine Kreis Swijashskiys nicht mit bittet, so +wird Sjnetkoff ballotieren. Man wird ihn dann selbst wählen und ihm +absichtlich das Amt wieder übertragen, sodaß sich die gegnerische +Partei verrechnet, und wenn sie einen Kandidaten von den Unseren +aufstellen, diesem das Amt überträgt.« + +Lewin verstand, aber nicht vollständig, und wollte soeben noch einige +Fragen stellen, als plötzlich alle durcheinander zu sprechen begannen, +lärmten und sich nach dem großen Saale in Bewegung setzten. + +»Was ist das? Wie? Wen wird man wählen? Vertrauen? Zu wem? Was ist? +Verwirft man? Es giebt kein Vertrauen! Man läßt Phleroff nicht zu. Was; +unter Anklage! So läßt man niemand zu! Das ist niedrig! Das Gesetz!« +hörte Lewin von verschiedenen Seiten rufen, und begab sich zusammen +mit der Menge, die sich drängte, und zu fürchten schien, daß sie etwas +versäumte, in den großen Saal. Er näherte sich in dem Gedränge der +Adligen dem Gouverneurstisch, an welchem der Gouvernementsvorsteher, +Swijashskiy und andere Wortführer eifrig miteinander debattierten. + + + 28. + +Lewin stand ziemlich entfernt. Ein schwer und heiser atmend neben ihm +stehender Adliger und ein zweiter mit knarrenden, dicken Stiefelsohlen, +störten ihn, deutlich zu hören. Aus der Ferne vernahm er nur die +weiche Stimme des Gouvernementsvorstehers, darauf das pfeifende Organ +des scharfzüngigen Adligen und dann die Stimme Swijashskiys. Sie +stritten, soviel er zu verstehen imstande war, über die Bedeutung +eines Paragraphen des Gesetzes und den Sinn der Worte, »wer sich unter +gerichtlicher Untersuchung befindet«. + +Der Haufe teilte sich, um dem zum Tisch herantretenden Sergey +Iwanowitsch Raum zu geben. Sergey Iwanowitsch sagte, nachdem er die +Beendigung der Rede des scharfzüngigen Adligen abgewartet hatte, ihm +scheine, daß es am richtigsten sei, sich nach dem Paragraphen des +Gesetzes zu richten und bat den Sekretär, den Paragraphen aufzusuchen. +In demselben war gesagt, daß man im Falle der Meinungsverschiedenheit +zu ballotieren habe. + +Sergey Iwanowitsch verlas den Paragraphen, und begann den Sinn +desselben zu erörtern, aber da unterbrach ihn ein großer, dicker und +krummer Gutsherr mit roten Ohren, in enger Uniform mit im Nacken hinten +hochstehendem Kragen. Er trat an den Tisch und rief laut, mit einem +Finger darauf schlagend: + +»Ballotieren! Zu den Kugeln greifen! Weg da mit dem Geschwätz! Zu den +Kugeln!« + +Mehrere Stimmen erhoben sich jetzt plötzlich zusammen, und der große +Adlige mit seinem Finger, mehr und mehr in Zorn geratend, schrie +lauter und lauter. Es ließ sich jedoch nicht unterscheiden, was er +sagte. Er sagte das Nämliche, was Sergey Iwanowitsch vorschlug, +aber offenbar haßte er diesen und dessen ganze Partei, und dieses +Gefühl des Hasses teilte sich nun der ganzen Partei mit und rief den +Widerstand einer gleichen, wenn auch gemäßigteren Erbitterung auf der +anderen Seite hervor. Rufe erschallten und eine Minute lang wogte +alles durcheinander, sodaß der Gouvernementsvorsteher genötigt war, um +Ordnung zu bitten. + +»Ballotieren! Ballotieren! Wer ein Edelmann ist, der sieht das ein! +Wir vergießen unser Blut! Das Vertrauen des Monarchen! Nicht den +Gouvernementsvorsteher achten; er ist kein Amtmann! Darum handelt es +sich nicht! Bitte, zu den Kugeln! Es ist eine Schande!« vernahm man +zornige, sinnlose Schreie von allen Seiten. + +Die Blicke und Gesichter wurden immer zorniger und die Reden immer +ungebärdiger. Sie drückten einen unversöhnlichen Haß aus. Lewin begriff +nicht im geringsten, worum es sich handle, und war erstaunt über die +Leidenschaftlichkeit, mit welcher die Frage, ob man über Phleroff +ballotieren solle oder nicht, behandelt wurde. Er hatte, wie ihm +später Sergey Iwanowitsch erklärte, jenen Syllogismus vergessen, daß +im Interesse des allgemeinen Wohls der Gouvernementsvorsteher entfernt +werden müsse; zu der Entfernung desselben aber war eine Majorität der +Kugeln erforderlich; zur Erlangung dieser Majorität weiterhin mußte man +Phleroff Stimmrecht erteilen, und zur Anerkennung Phleroffs als eines +Stimmberechtigten mußte man erklären, wie der Paragraph des Gesetzes +aufzufassen sei. + +»Also eine Stimme kann die ganze Angelegenheit entscheiden, und man muß +daher ernst und konsequent sein, wenn man der gemeinsamen Sache dienen +will,« schloß Sergey Iwanowitsch. + +Lewin hatte dies jedoch vergessen, und es wurde ihm schwer ums Herz, +diese von ihm geachteten braven Männer in einer so unangenehmen +schlimmen Erregung sehen zu müssen. + +Um sich von diesem beklemmenden Gefühl frei zu machen, ging er, ohne +das Ende des Streites abzuwarten, in den Saal, in welchem sich niemand +befand, als einige Lakaien beim Buffet. Als er die mit dem Abwischen +von Geschirr, dann Aufstellen von Tellern und Gläsern beschäftigten +Diener, ihre ruhigen, aber lebhaften Gesichter sah, empfand Lewin ein +unerwartetes Gefühl der Erleichterung, als sei er aus einem Zimmer +voll widrigen Geruchs in die reine Luft hinausgetreten. Er begann +auf und abzuschreiten, mit Befriedigung auf die Diener blickend. Es +gefiel ihm sehr, als einer derselben, ein Mann mit grauem Backenbart, +den jüngeren, die diesen zum besten hatten, voll Geringschätzung +lehrte, wie man Servietten falten müsse. Lewin hatte sich gerade mit +dem alten Diener in ein Gespräch eingelassen, als der Sekretär der +Adelsvormundschaft, ein alter Herr, der die spezielle Eigenschaft +besaß, alle Adligen des Gouvernements dem Namen und der Herkunft nach +zu kennen, ihn davon abzog. + +»Bitte gefälligst, Konstantin Dmitritsch,« sagte er zu ihm, »Euer +Bruder sucht Euch. Es wird ballotiert.« + +Lewin trat in den Saal, erhielt eine weiße Kugel und begab sich hinter +seinem Bruder Sergey Iwanowitsch zum Tische, an welchem mit wichtiger, +ironischer Miene Swijashskiy stand, der seinen Bart in die volle Hand +genommen hatte und daran roch. + +Sergey Iwanowitsch steckte die Hand in den Kasten, legte seine Kugel +hinein und blieb, Lewin Platz machend, am Orte stehen. Lewin trat +heran, wandte sich aber, da er vollständig vergessen hatte, um was es +sich handle und in Verlegenheit geraten war, an Sergey Iwanowitsch mit +der Frage, wohin er die Kugel legen solle? Er frug leise, während man +in seiner Nähe sprach, sodaß er hoffen konnte, es habe niemand seine +Frage vernommen. Aber die Sprechenden verstummten und seine unziemliche +Frage wurde gehört. Sergey Iwanowitsch runzelte die Stirn. + +»Das ist Sache der Überzeugung für einen jeden,« sagte er gemessen. +Einige lächelten. Lewin errötete, streckte hastig die Hand unter das +Tuch und legte die Kugel nach rechts, da sie sich gerade in seiner +rechten Hand befand. Nachdem er dies gethan hatte, besann er sich, daß +er auch die linke Hand hineinstecken müsse und steckte sie hinein, doch +schon zu spät, und zog sich dann, noch mehr in Verlegenheit geraten, +schnell in die hintersten Reihen zurück. + +»Einhundertsechsundzwanzig dafür! Achtundneunzig dagegen!« klang die +Stimme des Sekretärs, welcher den Buchstaben r nicht aussprechen +konnte. Gelächter erschallte: ein Knopf und zwei Nüsse waren in dem +Kasten gefunden worden. Der Adlige war zugelassen und die Jungpartei +hatte gesiegt. Aber die Partei der Alten hielt sich noch nicht für +besiegt. Lewin vernahm, daß man Sjnetkoff bat, zu ballotieren, und +gewahrte, daß ein Trupp der Edelleute den Gouvernementsvorsteher +umringte, welcher sprach. Lewin trat näher. Sjnetkoff sprach, indem er +den Edelleuten antwortete, vom Vertrauen des Adels, von dessen Liebe zu +ihm, deren er nicht würdig sei, da sein ganzes Verdienst nur in seiner +Ergebenheit für den Adel bestehe, dem er zwölf Jahre des Dienstes +geweiht hätte. Mehrmals wiederholte er die Worte »ich habe gedient, +soviel es meine Kräfte gestatteten, im Glauben und in der Wahrheit; ich +schätze euch hoch und danke euch!« und plötzlich hielt er, von Rührung +überwältigt, inne und verließ den Saal. + +Mochten nun diese Thränen von dem Gefühl einer Ungerechtigkeit gegen +ihn, von der Liebe zum Adel, oder von der Gespanntheit der Situation +herrühren, in welcher er sich befand, indem er sich von Gegnern umgeben +fühlte -- genug, die Erregung teilte sich weiter mit, die Majorität des +Adels war gerührt und auch Lewin empfand ein Gefühl von Zärtlichkeit +für Sjnetkoff. + +In der Thür stieß der Gouvernementsvorsteher mit Lewin zusammen. + +»Entschuldigt, bitte, entschuldigt,« sagte er wie zu einem Unbekannten, +lächelte aber, als er Lewin erkannt, und diesem schien es, als ob er +etwas hätte sagen wollen, aber vor Erregung nicht sprechen könne. + +Der Ausdruck seines Gesichts und seiner ganzen Gestalt in der Uniform, +mit den Ordenskreuzen und den weißen galonnierten Beinkleidern, +erinnerte Lewin, als er so hastig dahinschritt, an ein gemästetes +Schlachtvieh, welches sieht, daß es mit seiner Sache übel bestellt ist. + +Der Gesichtsausdruck des Mannes hatte etwas eigentümlich Rührendes für +Lewin, welcher erst am Tage vorher in Vormundschaftsangelegenheiten +in seinem Hause gewesen war und ihn in der ganzen Größe eines guten +und geselligen Menschen kennen gelernt hatte. Das große Haus mit den +altertümlichen Familienmeubles; keine geschniegelten oder unsauberen, +sondern ehrerbietige alte Diener, offenbar noch aus der Zeit der +ehemaligen Leibeigenschaft stammend, die ihren Herrn nicht geändert +hatten; eine wohlbeleibte, gutmütige Hausfrau im Häubchen mit Spitzen +und einem türkischen Spitzenshawl, welche ihr liebes Enkelchen, die +Tochter ihrer Tochter liebkoste; ein jugendlicher Sohn, Gymnasiast +der sechsten Klasse, welcher von der Schule gekommen war und den +Vater begrüßte, indem er ihm die große Hand küßte; die ermahnenden, +freundlichen Reden und Gebärden des Hausherrn; alles dies hatte +in Lewin gestern unwillkürlich Hochachtung und Sympathie erweckt. +Jetzt erschien ihm dieser alte Herr rührend und beklagenswert und er +wünschte, ihm einige angenehme Worte zu sagen. + +»Ihr werdet vielleicht wieder unser Vorsteher werden,« sprach er. + +»Kaum,« versetzte jener, erschreckt aufblickend, »ich bin abgespannt, +schon alt; es giebt würdigere und jüngere als ich, mögen die nun +dienen,« und der Vorsteher verschwand durch eine Seitenthür. + +Es trat nun der feierlichste Augenblick ein; man mußte zur Wahl +schreiten. Die Wortführer der einen und der anderen Partei zählten an +den Fingern die weißen und die schwarzen Kugeln nach. + +Die Debatten wegen Phleroff hatten der Jungpartei nicht nur die eine +Kugel Phleroffs mehr verschafft, sondern auch einen Gewinn an Zeit +herbeigeführt, sodaß noch drei Adlige herbeigeholt werden konnten, +welchen es durch Intriguen der Alten unmöglich gemacht worden war, an +den Wahlen teilzunehmen. Zwei der Adligen, die eine Schwäche für den +Wein besaßen, hatte man durch Kumpane Sjnetkoffs trunken gemacht, dem +dritten die Uniform entwendet. + +Als die Jungpartei dies erfahren hatte, sandte sie sogleich, während +der Debatten über Phleroff, in einer Mietkutsche Freunde fort, um den +Einen uniformieren zu lassen, und Einen der beiden Berauschten zur +Sobranje zu bringen. + +»Den Einen habe ich gebracht, ich habe ihn mit Wasser begossen,« sagte +der nach ihm gesandte Gutsherr, zu Swijashskiy tretend, »doch es ist +nicht gefährlich, er taugt schon noch dazu.« + +»Ist also nicht zu sehr berauscht, daß er nicht etwa umfällt?« sagte +Swijashskiy kopfschüttelnd. + +»Nein; er ist ganz munter; doch hatten sie ihn bald völlig +niedergetrunken. Ich habe dem Buffetier gesagt, er soll ihm auf keinen +Fall Wein geben.« + + + 29. + +Der enge Saal, in welchem man rauchte und aß, war gefüllt von den +Edelleuten. Die Aufregung stieg stetig, und auf allen Gesichtern war +die Unruhe bemerkbar. Namentlich waren die Wortführer in Aufregung, +da sie alle Einzelverhältnisse und die Berechnung aller Kugeln +kannten. Sie waren die Ordner der bevorstehenden Schlacht. Die Übrigen +suchten, wie die Krieger vor dem Kampfe, obwohl sie sich zu diesem +vorbereiteten, noch Zerstreuungen. Die Einen nahmen am Tische stehend +oder sitzend einen Imbiß; die Anderen gingen Cigaretten rauchend, in +dem langen Zimmer auf und nieder, und unterhielten sich mit lange nicht +gesehenen Freunden. + +Lewin verspürte keine Eßlust, er rauchte nicht; zu den Seinigen, mit +Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch, Swijashskiy und anderen +gehen, wollte er nicht, da bei ihnen in lebhaftem Gespräch Wronskiy in +Stallmeisteruniform stand. Schon gestern hatte ihn Lewin bei den Wahlen +erblickt, und geflissentlich vermieden, da er nicht wünschte ihm zu +begegnen. Er trat ans Fenster und setzte sich nieder, auf die Gruppen +blickend, und auf das horchend, was um ihn herum gesprochen wurde. + +Es bedrückte ihn namentlich, daß alle, wie er sah, aufgeregt, besorgt +und geschäftig waren, und nur er allein nebst einem alten, zahnlosen +Greis in Marineuniform, der neben ihm saß, ohne Interesse und ohne +Beschäftigung war. + +»Das ist ein Betrug! Ich habe ihm gesagt, daß es nicht so ist. Gewiß. +Er konnte auf drei Jahre nicht wählen,« sprach energisch ein etwas +verwachsener Gutsherr von kleiner Gestalt mit pomadisierten Haaren, die +auf dem gestickten Kragen seiner Uniform lagen, stark mit den Absätzen +seiner offenbar für die Wahlen neugefertigten Stiefeln aufstampfend, +und wandte sich dann, einen mißvergnügten Blick auf Lewin werfend, kurz +ab. + +»Ja, eine unsaubere Sache, was man auch sagen mag,« fuhr ein kleiner +Gutsherr mit dünner Stimme fort. + +Hinter ihnen näherte sich Lewin eilig ein ganzer Trupp von Gutsherrn, +einen dicken General umringend. Die Herren suchten offenbar einen +Platz, wo sie so sprechen konnten, daß man sie nicht hörte. + +»Wie kann er sich unterstehen, zu sagen, ich hätte ihm die Beinkleider +entwenden lassen! Er hat sie vertrunken, denke ich! Ich mache mir den +Teufel aus ihm und seinem Fürstenrang! Er soll es nicht wagen, das zu +äußern. Eine Schweinerei ist es!« + +»Aber erlaubt doch! Die berufen sich auf den Gesetzparagraphen,« sprach +man in einer anderen Gruppe, »die Frau muß als Adlige eingetragen +werden!« + +»Zum Teufel mit dem Paragraphen! Ich spreche wie es mir ums Herz ist! +Darauf stützen sich brave Edelleute. Man soll Vertrauen haben!« + +»Wollen Ew. Excellenz mitkommen, =fine champagne=.« + +Ein anderer Trupp ging zu einem laut schreienden Edelmann; es war dies +Einer der drei Berauschten. + +»Ich habe der Marja Ssemionowna stets geraten zu verpachten, weil +sie ihren Vorteil nicht zu wahren versteht,« sagte ein graubärtiger +Gutsherr mit angenehmer Stimme, in der Oberstenuniform des alten +Generalstabs. Es war dies der nämliche Herr, welchem Lewin bei +Swijashskiy begegnet war. Lewin erkannte ihn sofort, auch der Gutsherr +schaute nach Lewin, und sie begrüßten sich. + +»Sehr angenehm. Gewiß, ich erinnere mich noch recht wohl; wir sahen uns +im vergangenen Jahre bei Nikolay Iwanowitsch.« + +»Nun, wie steht es mit Eurer Ökonomie?« frug Lewin. + +»Man arbeitet stets mit Schaden,« antwortete der Gutsherr mit höflichem +Lächeln, aber mit einem Ausdruck von Ruhe und der Überzeugtheit, +daß es so sein müsse, neben Lewin stehen bleibend; »aber wie kommt +Ihr denn in unser Gouvernement?« frug er dann. »Ihr seid wohl +gekommen, um an unserem =coup d'état= teilzunehmen?« sagte er, +sicher, aber schlecht die französischen Worte aussprechend. »Ganz +Rußland ist zusammengekommen; auch die Kammerherren und beinahe +selbst die Minister.« Er wies auf die repräsentierende Gestalt Stefan +Arkadjewitschs in den weißen Pantalons und der Kammerherrenuniform, +welcher mit einem General ging. + +»Ich muß Euch gestehen, daß ich die Bedeutung der Adelswahlen recht +wenig verstehe,« sprach Lewin. + +Der Gutsherr schaute ihn an. + +»Was giebt es denn da zu verstehen? Eine Bedeutung liegt darin gar +nicht. Es ist das eine hinfällige Institution, welche ihr Fortleben nur +dem Trägheitsgesetz verdankt. Seht doch hin; die Uniformen sagen Euch +das ja schon. Dies ist eine Sobranje von Friedensrichtern, dauernden +Mitgliedern und so fort, aber nicht von Edelleuten.« + +»Aber weshalb seid Ihr denn gekommen?« frug Lewin. + +»Aus Gewohnheit; das ist das Eine. Ferner, um die Verbindungen aufrecht +zu erhalten. Darin liegt eine moralische Verpflichtung in gewisser +Hinsicht. Dann aber, wenn ich die Wahrheit sagen soll, auch aus meinem +eigenen Interesse. Mein Schwager wünscht als Mitglied gewählt zu +werden; die Familie ist arm und man muß sie vorwärts bringen. Weshalb +sind wohl diese Herren gekommen?« sagte er, auf den bissigen Adligen +zeigend, welcher hinter dem Gouverneurstisch sprach. + +»Das ist ein neues Adelsgeschlecht.« + +»Neues hin, neues her; aber kein Adel! Das sind Landleute, während wir +Gutsherren sind. Sie legen als Adlige die Hand an sich selbst.« + +»Aber Ihr sagt doch, es sei dies eine abgelebte Institution?« + +»Abgelebt hin, abgelebt her; man müßte sich aber doch pietätvoller +zu ihr stellen. Wäre wenigstens Sjnetkoff -- -- mögen wir gut oder +schlecht sein, aber tausend Jahre sind wir doch alt geworden. Wißt +Ihr, es kann einmal vorkommen, daß man vor seinem Hause einen Garten +anlegt und placiert. Da steht Euch nun aber gerade auf dem Platze ein +hundertjähriger Baum. Mag er gleich knorrig und alt sein, für die +Blumenbouquets wird man ihn doch wohl nicht umhauen, sondern diese so +anlegen, daß sie den Baum umfangen;« sagte er vorsichtig, und änderte +darauf das Thema. »Wie geht es denn mit Eurer Ökonomie?« frug er. + +»Auch nicht gut. Fünf Prozent wirft sie ab.« + +»Da rechnet Ihr Euch aber noch nicht mit! Ihr seid doch auch etwas +wert! Ich kann auch von mir selbst so reden. Während der Zeit, in der +ich nicht Landwirtschaft trieb, habe ich im Dienst dreitausend Rubel +gehabt. Jetzt arbeite ich mehr, als im Dienst, und habe ebenso wie Ihr, +meine fünf Prozent, und damit ist es gut. Meine Arbeit ist dabei noch +umsonst.« + +»Aber warum thut Ihr es denn, wenn Ihr nur Verlust habt?« + +»Nun, man arbeitet eben. Was wollt Ihr sonst? aus Gewohnheit; und man +weiß, daß man so muß. Ich will Euch weiter sagen,« und der Gutsbesitzer +stemmte sich mit den Ellbogen auf das Fenster und fuhr fort, »mein +Sohn hat keine Lust zur Landwirtschaft; er wird offenbar einmal ein +Gelehrter. Niemand wird somit die Sache einmal fortführen, und doch +arbeitet man. Jetzt habe ich einen Garten angelegt.« + +»Ja, ja,« sagte Lewin, »das ist völlig richtig. Ich fühle stets, daß in +meiner Ökonomie keine rechte Berechnung liegt, man arbeitet aber -- man +fühlt gleichsam eine Verpflichtung seinem Lande gegenüber.« + +»Da will ich Euch noch etwas sagen,« fuhr der Gutsbesitzer fort. »Mein +Nachbar, ein Kaufmann, war bei mir. Wir gingen das Land ab, und den +Garten. >Nein,< sagte er da, >Stefan Wasiljewitsch, bei Euch ist alles +in Ordnung, aber der Garten ist vernachlässigt.< Dabei befindet er sich +aber in vollständiger Ordnung. >Nach meiner Ansicht, würde ich diese +Linden anhauen. Man muß nur bis auf den Saft schlagen. Es sind da ihrer +tausend Linden, und jede von ihnen giebt zwei gute Schaffe.<« + +»Für den Erlös daraus müßte er Vieh kaufen oder Land und es den Bauern +pachtweise verteilen,« ergänzte Lewin, welcher offenbar schon mehr als +einmal mit ähnlichen Überschlägen zu thun gehabt hatte. »Und er wird +sich ein Vermögen begründen, während wir, Ihr und ich, wenn Gott es +giebt, nur das unsere zusammenhalten und den Kindern zu hinterlassen +streben müssen.« + +»Ihr seid verheiratet, wie ich hörte?« sagte der Gutsbesitzer. + +»Ja,« antwortete Lewin mit Stolz und Genugthuung. »Es ist aber etwas +Seltsames,« fuhr er fort, »wir leben zusammen gerade wie die alten +Vestalinnen, und hüten unser Herdfeuer.« + +Der Gutsbesitzer lächelte unter seinem weißen Bart. + +»So ist es auch bei uns, da hat sich unser Freund Nikolay Iwanitsch, +oder jetzt Graf Wronskiy seßhaft gemacht, die eine agronomische +Industrie einführen wollen; aber das hat nicht weiter, als bis zu +Kapitalverlust geführt.« + +»Aber weshalb machen wir es nicht, wie die Kaufleute? Warum fällen +wir nicht die Bäume im Garten der Rinde halber?« sagte Lewin, auf den +Gedanken zurückgreifend, der ihn frappiert hatte. + +»Nun, wie Ihr sagtet, man hütet sein Feuer. Dieses wäre ja auch nicht +ein adliges Verfahren. Unsere adlige Thätigkeit vollzieht sich nicht +hier, bei den Wahlen, sondern in unserem Winkel. Es giebt auch einen +Standesinstinkt bezüglich dessen, was man soll und was man nicht +soll. Bei den Bauern ist es ebenso; wenn ein Bauer gut ist, so sucht +er soviel Land zu pachten, als er kann. So schlecht dieses nun sein +mag, er pflügt es. Gleichfalls ohne Berechnung, und geradezu zu seinem +Schaden.« + +»Wie wir« -- sagte Lewin. »Es ist nur außerordentlich angenehm, Euch zu +treffen,« fügte er hinzu, indem er Swijashskiy zu ihm herantreten sah. + +»Ah, wir begegnen uns wohl zum erstenmal wieder, seit ich bei Euch +war,« begrüßte ihn der Gutsbesitzer, »wir haben uns auch verschworen.« + +»Wie, schmäht Ihr neue Einrichtungen?« frug Swijashskiy lächelnd. + +»Ein wenig.« + +»Man hat uns den Mut benommen.« + + + 30. + +Swijashskiy nahm Lewin unter den Arm und ging mit ihm zu seinen +Freunden. + +Jetzt konnte Lewin Wronskiy nicht mehr vermeiden, welcher bei Stefan +Arkadjewitsch und Sergey Iwanowitsch stand und offen dem herankommenden +Lewin entgegenblickte. + +»Sehr erfreut. Mir scheint, als hätte ich einmal das Vergnügen gehabt, +Euch begegnet zu sein -- bei der Fürstin Schtscherbazkaja,« sagte er, +Lewin die Hand reichend. + +»Ja; ich entsinne mich Eurer Begegnung recht wohl,« sagte Lewin, +purpurrot werdend, und wandte sich sogleich, um mit seinem Bruder zu +sprechen. + +Mit feinem Lächeln unterhielt sich Wronskiy mit Swijashskiy weiter, +offenbar ohne den geringsten Wunsch, in ein Gespräch mit Lewin zu +geraten; dieser hingegen blickte, mit dem Bruder redend, unverwandt +Wronskiy an und überlegte, wovon er wohl mit demselben sprechen könnte, +um seine Taktlosigkeit wieder gutzumachen. + +»Was verhandelt man jetzt?« frug Lewin, Swijashskiy und Wronskiy +anblickend. + +»Sjnetkoff. Er muß abschläglich antworten oder beistimmen,« antwortete +Swijashskiy. + +»Nun, hat er denn beigestimmt oder nicht?« + +»Darum handelt es sich ja eben; weder dies noch das ist der Fall,« +sagte Wronskiy. + +»Und wenn er es verweigert, wer wird dann ballotieren?« frug Lewin, +Wronskiy anschauend. + +»Wer da will,« sagte Swijashskiy. + +»Werdet Ihr es thun?« frug Lewin. + +»Nur ich nicht,« sagte Swijashskiy, in Verlegenheit geratend und einen +erschreckten Blick auf den neben ihm mit Sergey Iwanowitsch stehenden, +bissigen Herrn werfend. + +»Nun wer denn; Njewjedowskiy?« frug Lewin, im Gefühl, daß er sich +verwickelte. + +»Dies wäre aber noch schlimmer. Njewjedowskiy und Swijashskiy waren ja +die zwei Kandidaten.« + +»Ich werde es in keinem Falle thun,« antwortete der sarkastische Herr. +Es war Njewjedowskiy selbst. Swijashskiy machte Lewin mit demselben +bekannt. + +»Hat es auch deine Achillesferse getroffen?« sagte Stefan +Arkadjewitsch, Wronskiy zublinzelnd, »das ist etwas nach Art der +Wettrennen. Man kann da eine Wette machen.« + +»Ja; das berührt Einen bei der schwachen Seite,« sagte Wronskiy. »Und +hat man sich einmal mit der Sache abgegeben, so will man sie auch +ausführen. Es ist ein Kampf!« sagte er, stirnrunzelnd und die starken +Kinnbacken zusammenbeißend. + +»Was für ein Kenner der Swijashskiy ist. Wie klar bei ihm alles ist!« + +»Ach ja,« versetzte Wronskiy zerstreut. + +Ein Stillschweigen trat ein, während dessen Wronskiy so wie man eben +auf etwas Zufälliges blickt, auf Lewin, auf dessen Füße, Uniform und +Gesicht, schaute. Nachdem er die finster auf sich gerichteten Augen +bemerkt hatte, äußerte er, um doch wenigstens etwas zu sagen: + +»Wie kommt es denn -- Ihr seid doch ständiger Dorfbewohner, nicht +aber Friedensrichter? Ihr seid ja nicht in der Uniform eines +Friedensrichters?« + +»Das kommt daher, daß ich glaube, das Friedensgericht repräsentiert +eine thörichte Institution,« antwortete Lewin finster, der schon längst +darauf gewartet hatte, mit Wronskiy ins Gespräch zu kommen, um seine +Taktlosigkeit bei Gelegenheit wieder auszugleichen. + +»Ich glaube dies nicht; im Gegenteil,« sagte Wronskiy ruhig, aber mit +Verwunderung. + +»Es ist doch nur eine Spielerei,« unterbrach ihn Lewin. »Die +Friedensrichter sind uns nicht notwendig. Ich habe innerhalb acht +Jahren nicht eine einzige Klage gehabt, und was ich gehabt habe, das +wurde durch Ersatzleistung ausgeglichen. Der Friedensrichter wohnt in +einer Entfernung von vierzig Werst von mir. In einer Sache, in welcher +es sich um zwei Rubel handelt, muß ich dann einen Vertrauensmann, +welcher mich fünfzehn kostet, schicken.« + +Er erzählte nun, wie ein Bauer einem Müller Mehl gestohlen habe, +und der Bauer, als der Müller es ihm mitgeteilt, gegen diesen +Verleumdungsklage eingereicht hätte. Alles das paßte nicht hierher und +war dumm; und Lewin fühlte dies auch, während er sprach. + +»O, über dieses Original!« sagte Stefan Arkadjewitsch mit seinem +mandelsüßesten Lächeln, »indessen gehen wir; man scheint zu +ballotieren.« + +Sie gingen auseinander. + +»Ich begreife nicht,« sagte Sergey Iwanowitsch, den ungeschickten +Gang seines Bruders bemerkend, zu diesem, »ich begreife nicht, wie +es möglich ist, bis zu solchem Grade jeglichen politischen Taktes +bar zu sein. Das ist es eben, was wir Russen nicht haben. Der +Gouvernementsvorsteher ist unser Gegner, und du bist mit ihm =ami +cochon= und bittest ihn, zu ballotieren. Graf Wronskiy -- ich mache +ihn mir ja auch nicht zum Freunde -- hat mich zum Essen eingeladen. +Ich werde nicht zu ihm fahren, aber er ist auf unserer Seite, weshalb +soll ich uns deshalb einen Feind aus ihm machen? Dann frägst du +Njewjedowskiy, ob er ballotieren würde. Das geht doch nicht an.« + +»Ach, ich verstehe nichts davon! Alles das ist doch fades Zeug,« +antwortete Lewin mürrisch. + +»Du sagst da, daß dies alles fades Zeug sei, befassest du dich aber +damit, so verwickelst du dich dennoch.« + +Lewin blieb stumm und sie betraten zusammen den großen Saal. + +Der Gouvernementsvorsteher hatte sich, obwohl er den ihm bereiteten +Verrat in der Luft liegen fühlte, und nicht alle ihn darum gebeten +hatten, gleichwohl entschlossen, zu ballotieren. Im Saal wurde alles +still, der Sekretär verkündete mit lauter Stimme, daß Rittmeister der +Garde, Michail Ljepanowitsch Snjetkoff zum Gouvernementsvorsteher +gewählt werden solle. + +Die Kreisvorsteher kamen mit Tellern, auf welchen die Kugeln lagen, von +ihren Tischen zu dem Gouvernementstisch, und die Wahlen begannen. + +»Wirf rechts,« flüsterte Stefan Arkadjewitsch Lewin zu, als er zusammen +mit dessen Bruder hinter dem Vorsteher zu dem Tische schritt. + +Lewin hatte indessen jetzt jenes Kalkul vergessen, das man ihm erklärt +hatte, und fürchtete, Stefan Arkadjewitsch möchte sich geirrt haben, +indem er sagte »rechts«. Sujetkoff war doch offenbar der Gegner. Als +er daher zum Kasten gekommen war, hielt er die Kugel in der Rechten, +überlegte sich jedoch, daß er irre, und nahm, dicht vor dem Kasten, die +Kugel in die linke Hand, um sie dann offenbar links zu legen. + +Ein Kenner der Sache, welcher an dem Kasten stand, und an der bloßen +Bewegung des Ellbogens erkannte, wohin jeder warf, runzelte unwillig +die Stirn. Er hatte keine Lust, seinen Scharfsinn anzustrengen. + +Alles war still geworden und man vernahm nur das Zählen der Kugeln. +Darauf rief eine einzelne Stimme die Zahl der Wähler und der +Nichtwählenden aus. + +Der Vorsteher war mit beträchtlicher Majorität wieder gewählt worden. +Es erhob sich ein allgemeiner Lärm und man drängte nach der Thür. +Snjetkoff trat ein, und der Adel umringte ihn, unter Beglückwünschungen. + +»Nun, jetzt ist es wohl zu Ende?« frug Lewin Sergey Iwanowitsch. + +»Es fängt eben erst an,« versetzte für Sergey Iwanowitsch lächelnd +Swijashskiy; »der Kandidat des Vorstehers kann mehr Kugeln erhalten.« + +Lewin hatte dies vollkommen vergessen. Er entsann sich erst jetzt, daß +hier eine gewisse Feinheit verborgen lag, doch wurde es ihm zuviel, +sich darauf besinnen zu sollen, worin sie bestand. Niedergeschlagenheit +überkam ihn und er sehnte sich darnach, von diesem Haufen wegzukommen. + +Da ihn niemand beachtete, und er wie es schien, von niemand vermißt +wurde, begab er sich leise nach dem kleinen Saal, wo man speiste, und +fühlte große Erleichterung, als er die Diener wiederum erblickte. Der +alte Diener legte ihm die Speisenkarte vor, und Lewin willigte ein. +Nachdem er ein Kotelett mit Fasolen gegessen und sich mit dem Diener +über dessen frühere Herrschaft unterhalten hatte, begab sich Lewin, +der den Saal nicht wieder zu betreten wünschte, in welchem es ihm so +unangenehm war, auf die Tribünen. + +Diese waren angefüllt von geputzten Damen, die sich über das Geländer +beugten, im Bemühen, nicht ein einziges Wort von dem zu verlieren, was +unten gesprochen wurde. Um die Damen herum saßen und standen elegante +Advokaten, Gymnasialschüler mit Augengläsern, und Offiziere. Überall +wurde von den Wahlen gesprochen, und davon, wie der Vorsteher erschöpft +sei, und wie vortrefflich die Debatten gegangen wären; in der einen +Gruppe vernahm Lewin das Lob seines Bruders. Eine Dame sagte zu einem +Advokaten: + +»Wie freue ich mich, daß ich Koznyscheff gehört habe! Da ist es schon +der Mühe wert, ein wenig zu hungern. Es war reizend! Wie klar und +verständlich alles! Bei uns im Gericht spricht niemand so. Nur Maydel, +und selbst der ist noch bei weitem nicht so redegewandt.« + +Als Lewin einen freien Platz an dem Geländer gefunden hatte, beugte er +sich darüber und begann Umschau zu halten und zu lauschen. + +Alle Adligen saßen in Spalieren, in ihren Kreisabteilungen. In der +Mitte des Saales stand ein Mann in Uniform, welcher mit klingender +lauter Stimme rief: + +»Es wird ballotiert für die Kandidaten des Gouvernementsvorstehers des +Adels, Stabrittmeisters Evgeniy Iwanowitsch Apuchtin!« + +Totenstille trat ein, und man vernahm eine schwache Greisenstimme: + +»Ich verzichte!« + +»Es wird ballotiert der Hofrat Peter Petrowitsch Bolj,« begann wiederum +die Stimme. + +»Ich verzichte!« ertönte eine jugendliche pfeifende Stimme. + +Nochmals ertönte das Gleiche und wieder erschallte das »ich verzichte«; +und so ging es eine Stunde lang fort. Auf das Geländer gestemmt, +schaute und lauschte Lewin. Anfangs wunderte er sich und suchte zu +erfassen, was dies alles bedeute; dann aber, nachdem er sich überzeugt +hatte, er könne nichts verstehen, fing er an, sich zu langweilen. Als +er sich hierauf all die Aufregung und Erbitterung, die er auf den +Gesichtern aller wahrgenommen, vergegenwärtigte, wurde es ihm schwer +ums Herz; er beschloß abzureisen, und ging hinab. + +Als er durch die Vorhalle der Tribünen schritt, begegnete er einem +auf- und niederschreitenden, bedrückt aussehenden Gymnasiasten mit +thränenschwimmenden Augen. Auf der Treppe begegnete ihm ein Paar. Eine +Dame, welche eilig auf den Absätzen lief, war es und der gewandte +Genosse des Prokurators. + +»Ich habe Euch gesagt, daß Ihr nicht zu spät kommt,« sagte +der Prokurator, gerade, als Lewin zur Seite trat, um die Dame +vorüberzulassen. + +Lewin war schon auf der Ausgangstreppe und zog soeben aus der +Westentasche die Nummer seines Pelzes hervor, als ihn der Sekretär +abfing. + +»Gestattet, Konstantin Dmitritsch, man ballotiert!« + +Zum Kandidaten war Njewjedowskiy, der sich so entschieden geweigert +hatte, gewählt worden. + +Lewin schritt zur Saalthür; sie war verschlossen. Der Sekretär pochte, +die Thür öffnete sich und er befand sich zwei Gutsbesitzern mit +geröteten Gesichtern gegenüber. + +»In meiner Macht liegt es nicht,« sagte der eine rotaussehende +Gutsbesitzer. + +Hinter den beiden hob sich das Gesicht des Gouvernementsvorstehers +hervor. Dieses Gesicht erschien furchterweckend mit seinem Ausdruck von +Erschöpfung und Angst. + +»Ich habe dir befohlen, niemand hinauszulassen!« schrie er den +Thürhüter an. + +»Ich habe nur eingelassen, Ew. Excellenz!« + +»Mein Gott!« schwer seufzend ging der Gouvernementsvorsteher, müde in +seinen weißen Pantalons, den Kopf gesenkt, dahinschreitend, durch die +Mitte des Saales nach dem großen Tische. + +Man hatte das Amt Njewjedowskiy übertragen, wie es auch vorher geplant +worden war, und dieser war jetzt Gouvernementsvorsteher. Viele befanden +sich in heiterer Stimmung, viele waren zufrieden und glücklich, viele +entzückt, viele unzufrieden und unglücklich. Der Gouvernementsvorsteher +war in einer Verzweiflung, die er nicht verbergen konnte. Als +Njewjedowskiy den Saal verließ, umringte ihn die Menge, und folgte ihm +begeistert nach, so, wie sie am ersten Tage dem Gouvernementsvorsteher +gefolgt war, als derselbe die Wahlen eröffnet hatte, so, wie sie +Snjetkoff gefolgt war, als dieser gewählt wurde. + + + 31. + +Der neugewählte Gouvernementsvorsteher und viele aus der +triumphierenden Partei der Jungen, speisten an diesem Tage bei Wronskiy. + +Wronskiy war einmal deshalb zu den Wahlen gekommen, weil es ihm auf +dem Dorfe langweilig geworden war, und er seine Rechte auf Freiheit +vor Anna geltend machen mußte, als auch zum Zwecke, Swijashskiy mit +seiner Unterstützung bei den Wahlen für alle Bemühungen um Wronskiy bei +den Semstwowahlen zu lohnen, und vor allem deshalb, streng alle jene +Pflichten der Stellung eines Adligen und Gutsherrn zu erfüllen, die er +sich auserwählt hatte. + +Aber er hatte durchaus nicht erwartet, daß ihn diese Wahlen so sehr +interessieren, ihn so bei seinen Neigungen fassen würden, und daß er +der Sache so gewachsen sei. Er war in dem Kreise der Adligen eine +vollkommen neue Erscheinung, hatte aber offenbar Erfolg und irrte nicht +mit der Annahme, daß er bereits Einfluß unter denselben gewonnen habe. + +Zur Erringung dieses Einflusses unterstützte ihn sein Reichtum, und +sein vornehmer Rang, ein schönes Besitztum in der Stadt, welches +ihm ein alter Bekannter, Schirkoff abgetreten hatte, der sich mit +Finanzgeschäften befaßte und eine blühende Bank in Kaschin besaß; +ferner sein ausgezeichneter Koch, der vom Dorfe mit hereingebracht +worden war, dann seine Freundschaft mit dem Gouverneur, der sein +Kamerad, und zwar ein protegierter Kamerad Wronskiys gewesen -- vor +allem aber sein einfaches, allen gegenüber sich gleich bleibendes +Wesen, welches sehr bald die Mehrzahl der Edelleute veranlaßte, ihr +Urteil über seinen vermeintlichen Stolz zu ändern. + +Er fühlte selbst, daß, mit Ausnahme jenes sonderlichen Herrn, welcher +an die Kity Schtscherbazkaja verheiratet war, und der ihm, =à propos +de bottes=, mit wahnsinniger Wut einen Haufen ungereimter Dummheiten +nachsagte, jeder Edelmann, mit welchem er sich bekannt gemacht hatte, +sein Anhänger wurde. + +Er erkannte klar, und auch andere sahen dies ein, daß er zu dem Erfolg +Njewjedowskiys sehr viel beigetragen habe, und jetzt, an seiner Tafel, +verspürte er bei der Feier der Wahl Njewjedowskiys, die angenehme +Empfindung eines Triumphes über den Gewählten. + +Die Wahlen selbst hatten ihn derart gefesselt, daß er, falls er im Lauf +der nächsten drei Jahre verheiratet sein würde, selbst daran denken +wollte, ballotiert zu werden -- ganz so, wie man nach dem Gewinn einer +Prämie durch den Jockey Lust verspürt, selbst mit zu reiten. + +Jetzt wurde der Triumph des Jockeys gefeiert. Wronskiy saß an der +Spitze der Tafel, ihm zur Rechten der junge Gouverneur, als General +=en suite=. Für jedermann war er der Herr des Gouvernements, der +die Wahlen feierlich eröffnet, der eine Rede hielt, Aufmerksamkeit, +Hochachtung und Dienstwilligkeit bei vielen erweckte, wie Wronskiy sah +-- für Wronskiy aber war er Masloff Katka »der Sündenbock« -- dies war +sein Spitzname im Pagencorps gewesen -- der vor ihm in Verlegenheit +geriet, und den Wronskiy sich bemühte, =mettre à son aise=. Diesem zur +Linken saß Njewjedowskiy mit seinem jugendlichen, unerschütterlich +sarkastischen Gesichte; Wronskiy behandelte ihn einfach und +achtungsvoll. + +Swijashskiy ertrug seine Schlappe heiter. Es war ja nicht einmal +eine Schlappe für ihn, wie er selbst sagte, sich mit dem Pokal an +Njewjedowskiy wendend; ein besserer Führer jener neuen Richtung, +welcher der Adel folgen sollte, ließ sich nicht finden. Und so stand +denn, wie er sagte, die volle Rechtschaffenheit auf der Seite des +heutigen Erfolges und feierte denselben. + +Stefan Arkadjewitsch war gleichfalls bei guter Laune darüber, daß er +die Zeit vergnügt verbrachte, und alle zufrieden waren. Swijashskiy +ahmte humoristisch die weinerliche Rede des Vorstehers nach und +bemerkte, sich an Njewjedowskiy wendend, daß Excellenz wohl eine +andere, weit verwickeltere Revisionsweise der Gelder werde wählen +müssen, als Thränen. + +Ein anderer Spaßvogel unter den Edelleuten erzählte, wie zum +Gouverneurballe Lakaien in Kniestrümpfen verschrieben worden seien, und +man dieselben jetzt wieder fortschicken müsse, wenn nicht etwa der neue +Gouverneur den Ball mit den Lakaien in Kniestrümpfen geben sollte. + +Ununterbrochen während des Essens sagte man, wenn man sich zu +Njewjedowskiy wandte, »unser Gouverneursoberhaupt«, oder »Ew. +Excellenz«. + +Man sprach dies mit dem nämlichen Vergnügen, mit welchem man eine junge +Frau »Madame« nennt, mit dem Namen ihres Mannes dazu. + +Njewjedowskiy gab sich den Anschein, als lasse ihn das nicht nur +gleichgültig, sondern als schätze er diese Titulatur sogar gering, +aber es war augenscheinlich, daß er sich glücklich fühlte und sich +beherrschen müsse, sein Entzücken nicht auszudrücken, welches zu dieser +ungewohnten ungezwungenen Gesellschaft, in der sich alle befanden, +nicht gestimmt hätte. + +Nach der Tafel wurden mehrere Telegramme an Leute, welche sich +für den Verlauf der Wahlen interessierten, abgesandt. Auch Stefan +Arkadjewitsch, der sich in heiterster Stimmung befand, sandte an Darja +Aleksandrowna ein Telegramm folgenden Inhalts: »Njewjedowskiy mit +zwanzig Kugeln gewählt. Ich gratuliere ihm soeben. Teile es weiter +mit.« Er diktierte dasselbe laut und bemerkte dazu: »Man muß ihnen eine +Freude machen.« + +Als Darja Aleksandrowna die Depesche erhalten hatte, seufzte sie nur +über den Rubel, den es gekostet, und erkannte, daß die Sache jetzt wohl +bis zum Schluß der Tafel gediehen sein mußte. Sie wußte ja, daß Stefan +die Schwäche besaß, am Ende von Banketts »=faire jouer le télégraphe=«. + +Alles war, im Verein mit dem ausgezeichneten Essen und Weinen die +nicht von russischen Weinhändlern, sondern direkt von auswärts +stammten, sehr vornehm, ungekünstelt und fröhlich gewesen. Ein +kleiner Kreis von einigen zwanzig Herren, war von Swijashskiy aus der +Mitte der gleichgesinnten, freidenkenden, und zugleich geistreichen +und ordnungsliebenden Führer der Jungpartei, ausgewählt worden. +Man brachte Toaste aus, auch halbscherzhafte, sowohl auf den neuen +Gouvernementsvorsteher, als auf den Gouverneur, auf den Bankdirektor, +wie auf »unseren liebenswürdigen Wirt!« -- + +Wronskiy war zufrieden. Er hatte nimmermehr einen so angenehmen Ton in +der Provinz erwartet. + +Gegen das Ende des Essens wurde die Stimmung noch heiterer. Der +Gouverneur bat Wronskiy, in das Konzert zu Gunsten der »Brüderschaft« +zu fahren, welches seine Frau veranstaltet habe, die mit ihm bekannt zu +werden wünschte. + +»Es wird Ball dort sein und man sieht da unsere Schönheiten; in der +That bemerkenswert.« + +»=Not in my line=,« antwortete Wronskiy, der diesen Ausdruck liebte, +lächelte aber, und versprach doch zu kommen. + +Noch vor dem Aufstehen von der Tafel, als alles eben zu rauchen anfing, +trat der Kammerdiener Wronskiys zu diesem heran mit einen Briefe auf +der Präsentierschale. + +»Aus Wosdwishenskoje per Expressen,« meldete er mit bedeutungsvoller +Miene. + +»Wunderbar, wie ähnlich er unserem Kameraden, dem Prokurator Swentizkiy +sieht,« sagte einer der Gäste auf französisch, den Kammerdiener +meinend, während Wronskiy, sich verfinsternd, das Schreiben las. + +Der Brief war von Anna; schon bevor er ihn gelesen hatte, kannte er +seinen Inhalt. In der Annahme, daß die Wahlen in fünf Tagen vorüber +sein würden, hatte er versprochen, Freitag zurückkehren zu wollen. +Heute war Sonnabend, und er wußte, daß der Inhalt des Briefes aus +Vorwürfen bestehen würde, weil er nicht rechtzeitig zurückgekehrt +sei. Der Brief, welchen er gestern Abend abgeschickt hatte, war +wahrscheinlich noch nicht angekommen. + +Der Inhalt des Briefes war der erwartete, aber seine Form eine +unerwartete und ihm höchst unangenehme. + +»Any ist sehr krank; der Arzt sagt, es könne eine Entzündung eintreten. +Ich verliere in meiner Einsamkeit den Kopf. Die Fürstin Barbara ist +keine Hilfe, sondern ein Hindernis. Ich erwartete dich vorgestern, +gestern, und schicke jetzt, um zu erfahren, wo du eigentlich bist und +was du machst. Ich wollte selbst fahren, habe aber davon abgesehen, +da ich wußte, daß dir dies unangenehm gewesen sein würde. Gieb mir +Antwort, damit ich weiß, was ich anfangen soll.« + +»Das Kind ist krank und sie hat selbst reisen wollen! -- Unsere Tochter +ist krank und dieser feindselige Ton!« -- + +Diese harmlose Zerstreuung bei den Wahlen und jene düstere, lastende +Liebe, zu welcher er zurückkehren mußte, trafen Wronskiy durch ihren +Gegensatz. Aber man mußte abreisen und er fuhr mit dem ersten Zuge in +der Nacht nach Hause. + + + 32. + +Vor der Abreise Wronskiys zu den Wahlen, hatte Anna, in der Erwägung, +daß jene Scenen, welche sich zwischen ihnen bei jeder seiner Reisen +wiederholten, nur eine Erkältung herbeiführen, aber nicht fesseln +könnten, den Entschluß gefaßt, alle nur möglichen Anstrengungen über +sich selbst zu machen, um eine Trennung von ihm ruhig zu ertragen. +Aber jener kalte, ernste Blick, mit welchem er sie angeschaut hatte, +als er kam, um ihr von seiner Abreise Mitteilung zu machen, hatte sie +verletzt, und er war noch nicht abgereist, als ihre Ruhe auch schon +vernichtet war. + +In ihrer Einsamkeit dachte sie nochmals über jenen Blick nach, welcher +sein Recht auf Freiheit ausdrückte, und sie gelangte, wie stets, zu dem +Einen -- zu dem Bewußtsein ihrer Erniedrigung. -- + +»Er hat ein Recht zu reisen, wann und wohin er will; nicht nur zu +reisen, sondern auch mich zu verlassen. Er hat alle Rechte, ich gar +keine! Aber, wenn er dies auch weiß, darf er doch nicht so handeln. +Indessen, was hat er denn begangen? Er hat mich angeblickt, mit kaltem +ernstem Ausdruck. Dies ist natürlich etwas Unbestimmbares, nicht +Greifbares, aber es war früher nicht, und dieser Blick bedeutet viel,« +dachte sie, »dieser Blick beweist, daß die Abkühlung eintritt!« + +Obwohl sie sich überzeugt hatte, daß die Abkühlung eintrete, war es +ihr dennoch nicht möglich zu handeln, irgendwie ihre Beziehungen zu +ihm zu verändern. Nur allein so wie früher, allein mit Liebe und +Anhänglichkeit konnte sie ihn halten. Nur ebenso, wie früher durch +Arbeit am Tage und Morphium des Nachts, konnte sie die furchtbaren +Gedanken darüber ersticken, was werden sollte, wenn er sie zu lieben +einmal aufhören würde. + +Allerdings, es gab da noch ein Mittel -- nicht ihn zu halten; denn +dafür wollte sie nichts anderes, als seine Liebe haben, wohl aber, +sich ihm zu nähern, in eine Stellung zu treten, aus der er sie +nicht entfernen könnte. Dieses Mittel war die Ehescheidung und die +Verheiratung mit ihm. Und sie begann dies jetzt zu wünschen und +entschloß sich, zum erstenmal, darein zu willigen, sobald er oder +Stefan zu ihr davon sprechen würden. + +In solchen Gedanken verbrachte sie ohne ihn fünf Tage, die nämlichen, +während deren er abwesend sein mußte. + +Die Spaziergänge und Unterhaltungen mit der Fürstin Barbara, die +Besuche des Krankenhauses, und hauptsächlich die Lektüre eines Buches +nach dem andern, füllten ihre Zeit aus. + +Am sechsten Tage aber, als der Kutscher ohne Wronskiy zurückkehrte, +fühlte sie, daß sie nicht mehr die Kraft besitze, ihre Gedanken über +ihn und darüber, was er dort wohl thun möchte, zu unterdrücken. + +In dieser Zeit erkrankte ihr Töchterchen. Anna befaßte sich mit seiner +Pflege, aber auch dies zerstreute sie nicht, umsoweniger, als die +Krankheit nicht gefährlich war. Wie sie auch litt, sie konnte dieses +Kind nicht lieben, und Liebe zu heucheln, das vermochte sie nicht. +Gegen Abend dieses Tages fühlte Anna, allein, eine solche Bangnis +für Wronskiy, daß sie beschloß, nach der Stadt zu fahren; nachdem +sie indessen wohlweislich davon abgekommen war, schrieb sie jenes +widerspruchsvolle Billet, welches Wronskiy erhielt, und sandte es, ohne +es nochmals durchzulesen, mit einem expressen Boten ab. + +Am andern Morgen empfing sie sein Schreiben und bereute nun das ihrige. +Voll Schrecken erwartete sie die Wiederholung jenes ernsten Blickes, +den er auf sie gerichtet hatte als er abreiste, namentlich, nachdem sie +nun erfahren hatte, daß das kleine Mädchen nicht gefährlich krank sei. +Aber gleichwohl war sie froh darüber, ihm geschrieben zu haben. Jetzt +gestand sich Anna selbst bereits ein, daß er von ihr belästigt werde, +daß er mit Bedauern seine Freiheit aufgebe, um zu ihr zurückzukehren +-- war aber nichtsdestoweniger froh, daß er kam. Mochte er von ihr +belästigt werden -- wenn er nur hier war, damit sie ihn sähe, und jede +seiner Bewegungen kannte. + +Sie saß im Salon unter der Lampe mit einem neuen Buch von Taine, und +las, dem Geräusch des Windes draußen lauschend und jede Minute die +Ankunft der Equipage erwartend. Mehrmals schien ihr, als höre sie das +Geräusch von Rädern, doch sie hatte geirrt. Endlich vernahm sie nicht +nur dieses, sondern auch den Ruf des Kutschers und das dumpfe Geräusch +in der gedeckten Einfahrt. Selbst die Fürstin Barbara, welche Patience +gespielt hatte, bestätigte es und Anna, in Aufregung geratend, erhob +sich, blieb jetzt aber, anstatt hinabzugehen, wie sie schon früher +zweimal gethan hatte. Sie schämte sich plötzlich ihrer Täuschung, aber +am meisten Besorgnis empfand sie davor, wie er sie bewillkommen werde. +Das Gefühl der Kränkung war schon vergangen; sie fürchtete nur noch den +Ausdruck seiner Unzufriedenheit. Ihr fiel ein, daß ihr Kind schon seit +zwei Tagen wieder völlig gesund war. Sie war sogar verdrießlich über +das Kind, weil es gerade zu der Zeit, als der Brief abgeschickt worden +war, sich wieder besserte. Hierauf dachte sie daran, daß er nun hier +sei, ganz, mit seinen Händen und Augen. Sie vernahm seine Stimme, und +alles vergessend, lief sie ihm voll Freude entgegen. + +»Was macht Any?« sagte er, zaghaft von unten her Anna anblickend, die +auf ihn zueilte. + +Er setzte sich auf einen Stuhl und der Diener zog ihm die warmen +Stiefel aus. + +»Es ist nichts; ihr ist besser.« + +»Und du?« sagte er, sich schüttelnd. + +Sie ergriff mit ihren beiden Händen seine Hand und zog sie an ihre +Taille, ohne die Augen von ihm wegzuwenden. + +»Es freut mich sehr,« sagte er, sie kühl anblickend, ihre Frisur, ihr +Kleid, von dem er wußte, daß sie es seinetwegen angelegt hatte. + +All das gefiel ihm -- aber es hatte ihm schon sovielmal gefallen! Und +jener strenge versteinerte Ausdruck, den sie so sehr fürchtete an ihm, +blieb auf seinem Antlitz. + +»Nun, das freut mich sehr. Bist du auch gesund?« sagte er, mit dem +Tuche den nassen Bart abwischend und ihre Hand küssend. + +»Dies ist ja gleichgültig,« dachte sie, »wenn er nur hier ist, und wenn +er hier ist, so kann er nicht anders, wagt er nicht anders, als mich zu +lieben.« + +Der Abend verging voll Glück und Heiterkeit mit der Fürstin Barbara, +welche gegen Wronskiy klagte, daß Anna in seiner Abwesenheit Morphium +genommen habe. + +»Was ist zu thun? Ich konnte nicht schlafen. Meine Gedanken hinderten +mich daran. Wenn er da ist, nehme ich es fast nie; -- fast nie.« -- + +Er erzählte nun von den Wahlen, und Anna verstand es, ihn dabei mit +ihren Fragen auf dasjenige zu bringen, was ihn aufheiterte, auf seinen +Erfolg. Sie erzählte ihm von allem, was ihn daheim interessieren +konnte, und alle ihre Nachrichten waren nur die freundlichsten. + +Spät am Abend indessen, nachdem sie allein waren, wünschte Anna, welche +sah, daß sie ihn wieder vollständig beherrschte, den lastenden Eindruck +seines Blickes, den er infolge ihres Schreibens auf sie gerichtet +hatte, zu verwischen. + +»Gestehe, dir war es verdrießlich, das Schreiben zu empfangen und du +hast mir nicht geglaubt?« + +Sie hatte dies kaum gesagt, als sie auch schon erkannte, daß ihr +Wronskiy, so liebevoll für sie er auch gestimmt sein mochte, dies nicht +vergeben habe. + +»Ja,« antwortete er. »Der Brief war so befremdend. Bald war Any krank, +bald wolltest du selbst kommen.« + +»Es war alles wahr.« + +»Daran zweifle ich auch gar nicht.« + +»Doch; du zweifelst. Du bist mißgestimmt; ich sehe es.« + +»Keinen Augenblick. Ich bin nur darüber ungehalten; -- es ist ja +wahr -- du, du scheinst nicht zugeben zu wollen, es gäbe Pflichten« -- + +-- »Ins Konzert zu fahren« -- + +-- »Wir wollen nicht darüber sprechen,« sagte er. + +»Warum sollen wir nicht davon sprechen?« antwortete sie. + +»Ich will nur sagen, daß man unumgänglich notwendige Geschäfte +haben kann. So muß ich jetzt wieder nach Moskau fahren wegen einer +Angelegenheit meines Hauses. -- Ach, Anna, weshalb bist du so reizbar? +Weißt du denn nicht, daß ich ohne dich nicht leben kann?« + +»Wenn es so steht,« sprach Anna, plötzlich den Ton verändernd, »daß +dieses Leben dir lästig wird -- ja, du kommst auf einen Tag und fährst +wieder fort -- so machen es« -- + +-- »Anna, das ist hart. Ich bin bereit, mein ganzes Leben hinzugeben« -- + +Doch sie hörte ihn nicht. + +»Wenn du nach Moskau fährst, fahre auch ich mit. Ich bleibe nicht hier. +Entweder wir müssen uns trennen, oder miteinander leben!« -- + +»Aber du weißt doch, daß dies eben mein einziger Wunsch ist! Doch +hierzu« -- + +-- »Ist die Ehescheidung nötig? Ich werde ihm schreiben! Ich sehe, daß +ich nicht so leben kann. Aber ich werde mit dir nach Moskau gehen.« + +»Das ist ja, als wolltest du mir drohen? Ich wünsche doch nichts +weniger, als mich von dir zu trennen,« sagte Wronskiy lächelnd. + +Nicht nur der kalte, böse Blick eines Menschen, welcher verfolgt wird +und verstockt ist, glänzte in seinen Augen auf, als er diese zärtlichen +Worte sprach. + +Sie sah diesen Blick und erriet richtig seine Bedeutung. + +»Wenn es so steht, so ist es ein Unglück!« sprach dieser Blick. Es war +dies nur ein augenblicklicher Eindruck, aber sie hatte ihn nie mehr +vergessen können. + +Anna schrieb an ihren Mann einen Brief, mit der Bitte um die +Ehescheidung, und reiste zu Ende des November, sich von der Fürstin +Barbara trennend, welche nach Petersburg fahren mußte, zusammen mit +Wronskiy nach Moskau. Täglich eine Antwort von Aleksey Aleksandrowitsch +erwartend, und nach dieser die Ehescheidung, hatten sie sich jetzt wie +Eheleute zusammen einquartiert. + + + + + Siebenter Teil. + + 1. + + +Die Lewins wohnten bereits im dritten Monat in Moskau. Schon längst +war der Zeitpunkt verstrichen, wo nach den sichersten Berechnungen der +Leute, welche sich auf die Sache verstanden, Kity niederkommen mußte; +aber sie ging immer noch und an nichts war bemerkbar, daß die Zeit +jetzt näher gekommen sei, als sie zwei Monate vorher gewesen. + +Der Arzt, wie die Wehfrau, Dolly und die Mutter, und besonders Lewin, +vermochten nicht ohne Schrecken an das Kommende zu denken, und begannen +Ungeduld und Unruhe zu empfinden; allein Kity fühlte sich vollkommen +ruhig und glücklich. + +Sie fühlte jetzt deutlich in sich das Entstehen einer neuen Empfindung +von Liebe zu dem künftigen, für sie zum Teil schon vorhandenen Kinde, +und lauschte mit Wonne diesem Gefühl. Das Kind war jetzt nicht mehr +völlig ein Teil von ihr selbst, sondern lebte zeitweilig schon sein +eigenes, von ihr unabhängiges Leben. Oft war ihr dies schmerzhaft, +aber gleichzeitig hätte sie auch darüber lachen mögen in seltsamer, +ungekannter Freude. + +Alle, die sie liebte, waren bei ihr, und alle waren so gut mit ihr, +bemühten sich so sehr um sie, in allem bot sich ihr so völlig nur eine +große Annehmlichkeit, daß sie sich, wenn sie nicht gewußt und gefühlt +hätte, daß dies bald enden werde, kein besseres und angenehmeres Leben +gewünscht haben würde. + +Eines indessen, was ihr den Reiz an diesem Leben benahm, war, daß ihr +Gatte nicht mehr der nämliche war, als der er sie vorher geliebt hatte, +und der er auf dem Dorfe gewesen war. + +Sie liebte seinen ruhigen, freundlichen und entgegenkommenden Ton auf +dem Lande. In der Stadt hingegen schien er beständig in Unruhe und auf +der Hut zu sein, als fürchte er, es möchte ihn, oder hauptsächlich sie +jemand beleidigen. + +Auf dem Dorfe hatte er, offenbar wohl wissend, daß er dort an seinem +Platze sei, nie gehastet, war er nie in Anspruch genommen gewesen. Hier +aber, in der Stadt, war er beständig in geschäftiger Eile, als wolle er +Etwas nicht verfehlen, und doch hatte er gar nichts zu thun. + +Sie hatte Mitleid mit ihm; daß er den anderen nicht bemitleidenswert +erschien, wußte sie; im Gegenteil, wenn Kity in Gesellschaft auf ihn +blickte, wie man bisweilen auf einen geliebten Menschen schaut, im +Bemühen, ihn gleichsam wie einen Fremden anzusehen, um den Eindruck +in sich selbst bestimmen zu können, welchen derselbe auf die anderen +macht, sah sie zum Schrecken für ihre Eifersucht, daß er nicht nur +nicht kläglich, sondern sehr anziehend in seiner etwas altertümelnden +Rechtschaffenheit, seiner ängstlichen Höflichkeit gegen die Frauen, mit +seiner kraftvollen Erscheinung und dem eigenartigen, wie ihr schien +ausdrucksvollen Gesicht. Doch sie betrachtete ihn nicht von außen, +sondern von innen nach außen; sie sah, daß er hier nicht wahrhaftig +war; anders vermochte sie sich seinen Zustand nicht zu erklären. + +Bisweilen machte sie ihm innerlich Vorwürfe darüber, daß er nicht +verstehe, in der Stadt zu leben; bisweilen räumte sie sich ein, daß es +ihm in der That schwer werde, sein Leben hier so einzurichten, daß er +damit zufrieden sein konnte. + +Und in der That, was sollte er thun? Karten zu spielen liebte er +nicht; in den Klub ging er nicht; mit Lebemännern nach Art Oblonskiys +umzugehen -- was dies bedeutete, hatte sie jetzt schon kennen gelernt +-- bedeutete zu trinken und nach dem Trinken wer weiß wohin zu fahren. +Sie vermochte sich nicht ohne Schrecken zu denken, wohin bei solchen +Fällen die Herren sich begeben möchten. Sollte er in Gesellschaft +gehen? Sie wußte doch, daß man hierzu Vergnügen in der Annäherung an +junge Damen finden müsse, und konnte es daher nicht wünschen. Sollte +er daheim sitzen bleiben bei ihr, der Mutter und den Schwestern? So +angenehm und unterhaltend ihr auch ein und dieselben Gespräche -- der +alte Fürst nannte sie »Alina-Nadina« unter den Schwestern -- waren, +so wußte sie doch, daß ihm das langweilig werden müsse. Was blieb ihm +nun zu thun übrig? Sollte er fortfahren, sein Buch zu schreiben? Er +hatte schon versucht, dies zu thun, und sich in die Bibliothek begeben, +um sich mit Excerpten und Korrekturen für sein Werk zu beschäftigen, +je mehr er indessen, wie er zu ihr sagte, nichts that, um so weniger +blieb ihm Zeit übrig. Außerdem aber beklagte er sich bei ihr, daß er +hier allzuviel über sein Buch gesprochen habe, daß sich infolge dessen +alle Ideen über dasselbe in ihm verwirrten und man das Interesse daran +verloren habe. + +Ein Vorzug dieses Stadtaufenthalts war der, daß es hier unter ihnen +nie mehr Zwiste gab. Mochte dies daher kommen, daß die Bedingungen des +Stadtlebens andere waren, oder davon, daß sie beide vorsichtiger und +verständiger geworden waren in dieser Beziehung; genug, in Moskau gab +es keine Zwiste aus Eifersucht, die sie so gefürchtet hatten, als sie +nach der Stadt übersiedelten. + +In dieser Beziehung ereignete sich sogar ein für sie beide sehr +wichtiges Vorkommnis -- die Begegnung Kitys mit Wronskiy. -- Eine alte +Fürstin, Marja Borisowna, eine Pathe Kitys, die diese stets sehr lieb +gehabt hatte, wünschte Kity unbedingt zu sehen. Kity, welche in ihrem +Zustande nirgendshin ausfuhr, kam mit ihrem Vater zu der verehrten +alten Dame und begegnete bei ihr Wronskiy. + +Sie konnte sich bei dieser Begegnung nur damit einen Vorwurf machen, +daß ihr für einen Augenblick, als sie die ihr in dem Waffenrock einst +so bekannt gewesenen Züge erkannte, der Atem gestockt hatte, das Blut +zum Herzen geströmt war, und eine brennende Röte -- sie fühlte dies -- +auf ihr Antlitz trat. Doch dies währte nur einige Sekunden. Ihr Vater +hatte, absichtlich laut zu Wronskiy sprechend, sein Gespräch noch +nicht geendet, als sie sich schon völlig vorbereitet fühlte, Wronskiy +anschauen zu können, und mit ihm, wenn es nötig werden sollte, ganz +so zu sprechen, wie sie mit der Fürstin Marja Borisowna sprach: und +zwar in einer Weise, daß alles bis auf den geringsten Accent, das +geringste Lächeln, von ihrem Gatten gutgeheißen werden konnte, dessen +unsichtbare Gegenwart sie in dieser Minute gleichsam über sich fühlte. + +Sie sprach mit ihm einige Worte, lächelte sogar ruhig bei seinem Scherz +über die Wahlen, die er »unser Parlament« nannte. -- Man mußte hier +lächeln, um zu beweisen, daß sie den Scherz verstanden hatte. -- Doch +sofort wandte sie sich wieder zur Fürstin Marja Borisowna und blickte +nicht ein einziges Mal mehr nach ihm, bis er aufstand, um sich zu +verabschieden. Da erst blickte sie ihn wieder an, augenscheinlich aber +nur deshalb, weil es unhöflich war, einen Menschen nicht anzusehen, +wenn er grüßt. + +Sie war ihrem Vater dankbar dafür, daß er nichts von der Begegnung +mit Wronskiy gesagt hatte, doch sie sah an seiner eigenen Weichheit +nach der Visite, während des üblichen Spazierganges, daß er mit ihr +zufrieden gewesen war. Auch sie selbst war zufrieden mit sich. Sie +hatte keinesfalls erwartet, daß sich in ihr soviel Kraft finden +würde, in der Tiefe ihres Herzens alle Erinnerungen an eine frühere +Empfindung für Wronskiy zu unterdrücken, und diesem gegenüber nicht +nur vollständig gleichmütig und ruhig zu erscheinen, sondern es auch +wirklich zu sein. + +Lewin errötete bei weitem mehr als Kity, als diese ihm erzählte, daß +sie Wronskiy bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet sei. Es kam +ihr sehr schwer an, ihm dies zu sagen, doch noch schwerer, über die +Einzelheiten dieser Begegnung weiter sprechen zu müssen, da er sie +nicht frug, sondern sie nur, sich verfinsternd anblickte. + +»Es thut mir sehr leid, daß du nicht dabei warst,« sagte sie, »nicht, +weil du nicht im Zimmer warst -- ich würde nicht so natürlich geblieben +sein in deiner Gegenwart -- aber ich erröte jetzt weit mehr, weit, weit +mehr,« sagte sie, sich bis zu Thränen verfärbend, »ach, daß du nicht +durch einen Spalt schauen konntest.« + +Ihre ehrlichen Augen sagten Lewin, daß sie mit sich zufrieden gewesen +war, und er beruhigte sich sogleich, obwohl sie errötet war, und +begann nun, Kity selbst zu fragen, was diese ja nur wünschte. Nachdem +er alles erfahren hatte, selbst bis auf die Einzelheit, daß sie nur +in der ersten Sekunde nicht umhin gekonnt habe, zu erröten, sowie, +daß ihr dann so frei und leicht zu Mute geworden sei, wie dem ersten +besten Begegnenden gegenüber, wurde Lewin wieder vollständig heiter und +sagte, daß er sich sehr darüber freue, und jetzt nicht mehr so thöricht +handeln wolle, wie bei den Wahlen, sondern sich bemühen, bei der ersten +Begegnung mit Wronskiy so liebenswürdig als möglich zu sein. + +»Es ist so peinlich, denken zu müssen, daß man einen Menschen als Feind +besitzt, mit dem zusammentreffen zu müssen, uns schwer wird,« sagte +Lewin. »Ich bin sehr, sehr froh darüber.« + + + 2. + +»So fahre also zu den Bolj,« sagte Kity zu ihrem Gatten, als dieser um +elf Uhr, bevor er von Hause wegfuhr, zu ihr kam. »Ich weiß, daß du im +Klub essen wirst, Papa hat dich eingeschrieben. Was machst du denn aber +den Vormittag?« + +»Ich will nur zu Katawasoff,« antwortete Lewin. + +»Weshalb so früh?« + +»Er hat mir versprochen, mich mit Metroff bekannt zu machen. Ich will +mit diesem über mein Werk sprechen; er ist ein bekannter Gelehrter in +Petersburg,« sagte Lewin. + +»Ach, derselbe, dessen Abhandlung du so lobtest? Nun, und dann?« sagte +Kity. + +»Will ich, vielleicht, noch aufs Gericht, in Sachen meiner Schwester.« + +»Und ins Konzert?« frug sie. + +»Was soll ich allein dorthin!« + +»Nein, fahre nur; dort hat man jetzt Novitäten. Sie interessierten dich +doch so. Ich würde sicher hinfahren.« + +»Nun, jedenfalls komme ich vor dem Essen nach Haus,« sagte er, nach der +Uhr blickend. + +»Zieh deinen Gesellschaftsrock an, damit du direkt zur Gräfin Bolj +fahren kannst.« + +»Ist denn das so unbedingt notwendig?« + +»Unbedingt! Er ist bei uns gewesen. Und was kostet es dich? Du fährst +hin, setzest dich, sprichst fünf Minuten über das Wetter, stehst wieder +auf und fährst fort.« + +»Du glaubst nicht; ich bin dessen so entwöhnt, daß mir selbst dies +schwer wird. Wie wird man es aufnehmen? Kommt da ein fremder Mensch zu +ihnen, setzt sich, bleibt ohne jeden Grund länger sitzen, stört die +Familie, bringt sich aus der Stimmung, und geht dann wieder!« -- + +Kity lachte. + +»Aber du hast doch als Junggeselle noch Visiten gemacht?« sagte sie. + +»Allerdings; es ist mir aber stets unangenehm gewesen; jetzt bin ich +so davon entwöhnt, daß ich, bei Gott, lieber zwei Tage nicht essen +will, als diese Visite machen. So schwer fällt sie mir. Mir scheint +stets, als ob man verletzt sei und sagen wolle: >Weshalb bist du denn +eigentlich ohne Grund hierhergekommen?<« -- + +»O nein; man fühlt sich nicht verletzt. Dafür bürge ich dir schon,« +sagte Kity, ihm lachend ins Gesicht schauend. Sie nahm seine Hand, »nun +leb' wohl -- fahre hin, ich bitte dich.« Er wollte schon gehen, nachdem +er ihre Hand geküßt hatte, als sie ihn zurückhielt. »Mein Kostja, du +weißt wohl, daß ich nur noch fünfzig Rubel habe?« + +»Nun, dann will ich zur Bank fahren, um dort Geld zu erheben. Wieviel +brauchst du denn?« sagte er mit einem ihr bekannten Ausdruck von +Mißvergnügen. + +»Nein doch; warte.« Sie hielt ihn an der Hand zurück. »Sprechen +wir darüber; dies beunruhigt mich. Ich, glaube doch, gebe nichts +Überflüssiges aus, und doch geht das Geld nur so dahin. Wir machen +Etwas nicht richtig.« + +»Keineswegs,« sagte er, sich räuspernd und von unten her auf sie +blickend. Dieses Räuspern kannte sie. Es war das Zeichen hoher +Unzufriedenheit bei ihm, nicht über sie, sondern über sich selbst. +Er war in der That unzufrieden, doch nicht darüber, daß viel Geld +gebraucht wurde, sondern daß man ihn an das erinnerte, was er in der +Erkenntnis, daß Etwas nicht in Ordnung sei, zu vergessen wünschte. »Ich +habe Sokoloff befohlen, den Weizen zu verkaufen und das Geld für die +Mühle im voraus in Empfang zu nehmen. Geld wird jedenfalls kommen.« + +»Ja, aber ich fürchte, daß überhaupt viel« -- + +»Keineswegs, keineswegs,« wiederholte er -- »doch leb' wohl jetzt, +Herzchen.« + +»Nicht doch; ich beklage es bisweilen, daß ich auf Mama gehört habe. +Wie hübsch wäre es auf dem Dorfe gewesen! Und überdies quäle ich euch +alle noch und wir verschwenden Geld« -- + +»Durchaus nicht, durchaus nicht. Es ist noch nicht ein einziges Mal, +seit ich verheiratet bin, der Fall gewesen, daß ich gesagt hätte, es +wäre anders besser, als so, wie es eben ist« -- + +»Ist das wahr?« sagte sie, ihm in die Augen blickend. + +Er sprach dies, ohne etwas dabei zu denken, und nur um sie zu +beruhigen. Als er aber, sie anblickend, bemerkte, daß diese ehrlichen, +lieben Augen fragend auf ihn gerichtet waren, da wiederholte er das +Nämliche aus ganzer Seele. »Ich vergesse sie in der That,« dachte er, +und rief sich in das Gedächtnis zurück, was sie beide so bald erwartete. + +»Wird es denn bald? Wie fühlst du dich?« flüsterte er, sie bei beiden +Händen nehmend. + +»Ich habe schon sovielmal daran gedacht, daß ich jetzt nichts mehr +denke und nichts weiß.« + +»Hast du nicht Angst?« + +Sie lächelte geringschätzig. + +»Nicht die Idee,« sagte sie. + +»Wenn also Etwas vorkommen sollte, ich bin bei Katawasoff.« + +»Nein; es wird nichts vorkommen; denke auch du nicht daran. Ich werde +mit Papa auf den Boulevard fahren; wir wollen zu Dolly; vor dem Essen +erwarte ich dich. -- Ach ja! Du weißt wohl, daß die Lage Dollys +entschieden unhaltbar wird? Sie ist über und über verschuldet, und Geld +hat sie nicht. Ich habe gestern mit Mama und mit Arseniy,« -- so nannte +sie den Gatten ihrer Schwester, der Lwowa -- »gesprochen, und wir haben +beschlossen, dich und ihn zu Stefan zu schicken. So ist es entschieden +nicht mehr möglich. Mit Papa läßt sich darüber nicht sprechen, doch +wenn ihr beide« -- + +»Aber was können wir thun?« frug Lewin. + +»Du wirst doch wohl zu Arseniy gehen, sprich mit ihm; er wird dir +sagen, was wir beschlossen haben.« + +»Nun, mit Arseniy bin ich im voraus in allem einverstanden. Ich werde +also zu ihm fahren. Sollten sie gerade ins Konzert gehen, so werde ich +auch mit Nataly dorthin fahren. Jetzt leb' wohl.« + +Auf der Treppe hielt Lewin der alte, noch unverheiratet lebende Diener +Kusma zurück, welcher den Haushalt in der Stadt verwaltete. + +»Der Krasavtschik,« dies war das Handpferd, welches mit vom Lande +hereingebracht worden war, »ist beschlagen worden, er hinkt aber immer +noch,« berichtete er, »was befehlt ihr nun?« + +In der ersten Zeit des Aufenthalts in Moskau hatten Lewin die vom Land +mit hereingebrachten Pferde beschäftigt; er hatte sich auf diesem +Gebiet so gut und billig wie möglich einrichten wollen, allein es +stellte sich heraus, daß ihm seine Pferde teurer wurden, als die der +Mietkutscher, und Mietkutscher nahm man noch obendrein. + +»Laß ihn zum Roßarzt bringen, vielleicht ist eine Quetschung vorhanden.« + +»Nun, und für den Wagen Katharina Aleksandrownas?« frug Kusma. + +Lewin wunderte sich jetzt nicht mehr, wie während der ersten Zeit +seines Lebens in Moskau, daß zur Fahrt von der Wosdwishenka nach den +Siwzij Wrashki ein Paar starker Pferde in den schweren Wagen hatten +gespannt werden müssen, um diesen durch den kotigen Schnee ein viertel +Werst weit zu bringen, worauf sie vier Stunden standen und daß er dafür +fünf Rubel zahlte. Jetzt erschien ihm das schon natürlich. + +»Laß den Mietkutscher ein Paar Pferde für unseren Wagen bringen,« sagte +er. + +»Zu Diensten.« + +Nachdem Lewin auf diese Weise, dank den Verhältnissen der Stadt, +einfach und leicht eine Schwierigkeit geordnet hatte, welche auf dem +Lande soviel überflüssige Mühe und Aufmerksamkeit erfordert hätte, ging +er zur Freitreppe hinaus und rief einen Mietkutscher; setzte sich in +den Wagen und fuhr nach der Nikitskaja. Unterwegs dachte er nicht mehr +an Geld, sondern überlegte, wie er sich mit dem Petersburger Gelehrten, +der sich mit Socialwissenschaft beschäftigte, bekannt machen und mit +ihm über sein Buch sprechen wollte. + +Nur in der allerersten Zeit hatten Lewin in Moskau jene, dem +Landbewohner befremdlichen, eiteln und doch unvermeidlichen +Geldausgaben überrascht, die von allen Seiten von ihm gefordert wurden. +Jetzt hatte er sich jedoch schon an sie gewöhnt. Es ging ihm in dieser +Beziehung so, wie es dem Trinker gehen soll: das erste Glas ging +schwer, das zweite leichter -- nach dem dritten aber ging es wie im +Vogelschwarm. + +Als Lewin das erste Hundertrubelpapier zum Ankauf der Livree eines +Dieners und eines Portiers wechselte, stellte er sich unwillkürlich +vor, daß diese Livreen, die niemand etwas nützten, doch unumgänglich +erforderlich waren, darnach zu urteilen, wie sich die Fürstin und +Kity verwunderten bei der Andeutung, man könne auch ohne Livree +auskommen -- daß diese Livreen ihm zwei Sommerarbeiter, das heißt, +einige dreihundert Arbeitstage von der Osterwoche bis zu Fastnachten +kosteten, von denen jeder voll schwerer Arbeit vom frühen Morgen +bis zum späten Abend war -- und dieses Hundertrubelpapier ging ihm +noch schwer vom Herzen. Das folgende indessen, zum Einkauf von +Lebensmitteln zu einem Essen das er seinen Verwandten gab, das ihn +auf achtundzwanzig Rubel kam, ging, obwohl es in Lewin die Erinnerung +daran wachrief, daß achtundzwanzig Rubel doch neun Tschetwert Hafer +waren, welcher unter Schweiß und Stöhnen gemäht, gebunden, gedroschen, +geworfelt, wieder ausgesät oder aufgeschüttet wurde, schon leichter +fort. Jetzt aber riefen die gewechselten Scheine schon gar nicht mehr +derartige Erwägungen hervor, sondern flogen wie kleine Vögel davon. +Ob die Mühe, welche auf die Erwerbung des Geldes verwendet worden +war, dem Vergnügen, welches der dafür erkaufte Gegenstand gewährte, +wirklich entsprach, diese Erwägung war schon lange verloren gegangen. +Die wirtschaftliche Erwägung, daß es einen bestimmten Preis giebt, +unter welchem man das Getreide nicht verkaufen kann, war gleichfalls +vergessen. Das Getreide, auf dessen Preis er so lange gehalten hatte, +wurde für fünfzig Kopeken der Tschetwert billiger verkauft, als man +einen Monat vorher dafür gegeben hatte. Selbst die Erwägung, daß man +bei derartigen Ausgaben unmöglich ein ganzes Jahr leben könne, ohne +Schulden zu machen, selbst diese Erwägung hatte keine Bedeutung mehr +für ihn. Nur Eines war nötig; man mußte Geld auf der Bank haben, ohne +daß gefragt wurde, woher es kam, sodaß man stets wußte, wofür man den +nächsten Tag das Rindfleisch kaufen könnte. + +Er hatte nunmehr auch dies bei sich beobachtet: Stets hatte bei ihm +Geld in der Bank gelegen. Jetzt aber war es dort ausgegangen und +er wußte nicht recht, woher nun welches nehmen. Und dies versetzte +ihn, als Kity mit ihm über das Geld sprach, einen Augenblick in +Verlegenheit. Dabei aber hatte er auch keine Zeit, darüber nachzudenken. + +Er fuhr dahin, an Katawasoff und die bevorstehende Bekanntschaft mit +Metroff denkend. + + + 3. + +Lewin war mit seiner Ankunft hier wiederum eng mit seinem ehemaligen +Universitätsfreunde, dem Professor Katawasoff in Verkehr getreten, den +er seit der Zeit seiner Verheiratung nicht wieder gesehen hatte. + +Katawasoff war ihm angenehm durch die Klarheit und Einfachheit seiner +Weltanschauung. Lewin glaubte, daß die Klarheit dieser Weltanschauung +Katawasoffs aus der Armut von dessen Natur hervorgegangen sei, +Katawasoff hingegen meinte, daß die Inkonsequenz in der Denkweise +Lewins aus dem Mangel an geistiger Disciplin bei diesem hervorgehe; +aber die Klarheit Katawasoffs war Lewin willkommen, und der Überfluß +der undisciplinierten Gedanken Lewins war Katawasoff lieb; sie trafen +sich gern und debattierten dann. + +Lewin las Katawasoff einige Stellen aus seinem Werke vor und sie +gefielen diesem. Als gestern Katawasoff Lewin im Kolleg getroffen +hatte, hatte er zu ihm gesagt, daß der bekannte Metroff, dessen +Abhandlung Lewin so gut gefallen hatte, sich in Moskau befinde, und +sehr interessiert sei von dem, was ihm Katawasoff über die Arbeit +Lewins mitgeteilt hatte, daß Metroff morgen, um elf Uhr bei ihm, und +sehr erfreut sein würde, mit ihm bekannt zu werden. + +»Ihr lernt entschieden immer besser aussehen, Verehrtester; es macht +einem Freude, Euch zu sehen,« sagte Katawasoff, Lewin im kleinen Salon +entgegentretend. »Ich hörte die Glocke und dachte, nicht möglich, daß +er zur rechten Zeit käme -- nun, wie steht es mit den Tschernagorzen? +Nach der Art des Krieges« -- + +»Nun?« frug Lewin. + +Katawasoff teilte ihm in kurzen Worten die letzte Nachricht mit und +machte Lewin, in das Kabinett eintretend, mit einem kleinen, feisten +Manne von sehr angenehmem Äußern bekannt. Dies war Metroff. + +Das Gespräch drehte sich kurze Zeit um Politik, und darum, wie man in +den höchsten Sphären Petersburgs die jüngsten Ereignisse betrachte. + +Metroff teilte ihm aus zuverlässiger Quelle bekannte Worte mit, die bei +dieser Gelegenheit vom Zaren und einem der Minister geäußert worden +sein sollten. + +Katawasoff hatte auch als verbürgt erfahren, daß der Zar etwas +ganz anderes gesagt habe. Lewin bemühte sich, eine Situation +herauszuklügeln, nach welcher diese wie jene Worte gesagt worden sein +konnten, und das Gespräch über den Gegenstand wurde abgebrochen. + +»Der Herr hat auch ein Buch bald fertig geschrieben über die +natürlichen Verhältnisse des Arbeiters in Bezug auf den Boden,« sagte +Katawasoff, »ich bin zwar nicht Spezialist, doch hat es mir als +Naturwissenschaftler gefallen, daß er die Menschheit nicht als etwas +außerhalb der zoologischen Gesetze stehendes auffaßt, sondern im +Gegenteil die Abhängigkeit derselben von ihrer Umgebung erkennt und in +dieser Abhängigkeit die Gesetze ihrer Entwicklung erforscht.« + +»Das ist sehr interessant,« sagte Metroff. + +»Ich habe eigentlich nur ein Buch über die Landwirtschaft zu schreiben +begonnen, bin aber unwillkürlich, indem ich mich mit dem wichtigsten +Instrument der Landwirtschaft, dem Arbeiter, beschäftigte,« sagte Lewin +errötend, »zu vollständig unerwarteten Resultaten gekommen.« + +Und Lewin begann nun vorsichtig, als taste er nach Boden, seine +Anschauung darzulegen. + +Er wußte, daß Metroff eine Abhandlung gegen die allgemein herrschende +politisch-ökonomische Wissenschaft geschrieben hatte, wußte aber nicht, +bis zu welchem Grade er hoffen konnte, auf Teilnahme für seine neuen +Anschauungen bei ihm zu stoßen, und konnte dies auch nicht an dem +klugen und ruhigen Gesicht des Gelehrten erraten. + +»Aber worin seht Ihr die besonderen Eigenschaften des russischen +Arbeiters?« sagte Metroff, »in seinen zoologischen Eigenschaften, +sozusagen, oder in den Verhältnissen, in denen er sich befindet?« + +Lewin sah, daß in dieser Frage schon ein Gedanke ausgesprochen war, mit +welchem er nicht in Einklang stand, doch fuhr er fort, seine Idee zu +entwickeln, welche darin bestand, daß der russische Arbeiter einen im +Vergleich zu dem der Arbeiter anderer Völker vollkommen eigenartigen +Blick für sein Land besitze, und beeilte sich, um seine Behauptung +zu stützen, hinzuzufügen, daß nach seiner Meinung, dieser Blick des +russischen Volkes herrühre aus dem Bewußtsein seines Berufes, die +ungeheuren, noch unbebauten Gegenden im Osten bevölkern zu müssen. + +»Es ist leicht möglich, in einen Irrtum zu verfallen, wenn man einen +Schluß auf die allgemeine Bestimmung eines Volkes macht,« sagte +Metroff, Lewin unterbrechend. »Die Lage des Arbeiters wird stets von +dessen Beziehungen zu Boden und Kapital abhängen.« + +Ohne Lewin noch zu gestatten, seine Idee ganz auszusprechen, begann +nun Metroff, ihm die Eigenart seiner Lehre zu erklären. Worin die +Eigenart dieser Lehre bestand, begriff Lewin nicht, weil er sich gar +nicht bemühte, sie zu begreifen; er sah, daß Metroff, ebenso wie die +anderen, trotz seiner Abhandlung, in welcher die Wissenschaft der +Nationalökonomen gestürzt wurde, auf die Situation des russischen +Arbeiters doch nur vom Gesichtspunkt des Kapitals des Arbeiterlohnes +und der Rente blickte. + +Obwohl er nun zugestehen mußte, daß in dem östlichen, dem größten +Teile Rußlands, die Rente noch gleich Null war, daß der Arbeitslohn +für neun Zehntel der achtzig Millionen Einwohner nur die Ernährung in +sich selbst ausdrückte, und ein Kapital noch nicht anders vorhanden +sei, als in Gestalt von primitivsten Hilfsmitteln, so blickte er doch +lediglich von diesem Standpunkte aus auf die gesamten Arbeiter, obwohl +er in vielem gleichwohl nicht mit den Nationalökonomen übereinstimmte, +und hielt seine neue Theorie vom Arbeitslohn aufrecht, welche er Lewin +entwickelte. + +Dieser hörte nur ungern zu und opponierte anfangs. Er wollte Metroff +unterbrechen, um ihm seine Idee zu äußern, die nach seiner Meinung +eine weitere Erklärung überflüssig machte, aber nachdem er sich +überzeugt hatte, daß sie beide in so verschiedenem Grade die Sache +betrachteten, daß niemals Einer den Anderen verstehen würde, opponierte +er nicht mehr, und hörte nur noch zu. + +Ungeachtet dessen, das für ihn jetzt schon gar nicht mehr interessant +war, was Metroff sprach, verspürte er doch ein gewisses Vergnügen, +indem er ihm zuhörte. Seiner Eigenliebe wurde dadurch geschmeichelt, +daß ihm ein so gelehrter Mann so gern, mit so großer Aufmerksamkeit +und solchem Zutrauen zu seiner Kenntnis über den Gegenstand, bisweilen +mit einem einzigen Wink auf eine ganze Seite der Sache deutend, seine +Gedanken aussprach. + +Er schrieb dies seiner Würde zu, ohne zu wissen, daß Metroff in der +Unterhaltung mit allen seinen Bekannten besonders gern von jenem +Gegenstande mit jedem Menschen, der ihm neu bekannt wurde, sprach; daß +er überhaupt gern mit jedermann über eine Sache, die ihn beschäftigte +und ihm selbst noch unklar war, redete. + +»Doch ich werde mich verspätigen,« sagte Katawasoff, nach der Uhr +blickend, nachdem Metroff seine Darlegung soeben beendet hatte. »Ja, es +ist heute Sitzung in der Gesellschaft der Freunde zum Gedächtnis des +fünfzigjährigen Jubiläums Swintitschs,« antwortete er auf Lewins Frage. +»Ich habe mich an Peter Iwanowitsch gemacht, und habe versprochen, über +seine Arbeiten in der Zoologie zu lesen. Kommt mit mir, es ist sehr +interessant.« + +»In der That, es ist Zeit,« sagte Metroff. »Kommt mit uns, und, wenn +Ihr wollt, von da aus, mit zu mir. Ich wünschte sehr, von Eurer Arbeit +weiter zu hören.« + +»Nein; das wird nicht gehen; sie ist noch unvollendet. Aber in die +Sitzung komme ich sehr gern mit.« + +»Wie, Verehrtester, habt Ihr gehört? Er gab eine ganz eigene Meinung +zum besten,« sagte Katawasoff, im Nebenzimmer den Frack anlegend. + +Es begann ein Gespräch über die Universitätsfrage. Die +Universitätsfrage bildete einen sehr wichtigen Gegenstand während +dieses Winters in Moskau. Drei alte Professoren im Senat hatten die +Meinungen jüngerer nicht acceptiert; und diese vertraten nun eine +eigene Ansicht. + +Diese Ansicht war entsetzlich nach dem Urteile der Einen, sie war sehr +einfach und richtig nach dem der Anderen, und die Professoren hatten +sich in zwei Lager gespalten. + +Die Einen, zu denen Katawasoff gehörte, sahen auf der gegnerischen +Seite niedrige Verleumdung und Betrug; die Anderen Kinderei und +Mißachtung der Autorität. + +Lewin hatte, obwohl er dem Universitätsverband nicht angehörte, schon +mehrmals während seines Aufenthalts in Moskau von dieser Angelegenheit +gehört und darüber gesprochen, und sich in dieser Beziehung seine +eigene Meinung gebildet. Er nahm Teil an dem Gespräch, welches noch auf +der Straße fortgesetzt wurde, als alle drei nach dem Gebäude der alten +Universität gingen. + +Die Sitzung hatte schon begonnen. An einem Tische, welcher mit Tuch +gedeckt war und hinter dem sich Katawasoff und Metroff niederließen, +saßen sechs Herren, und einer von ihnen, der sich dicht über eine +Handschrift beugte, las etwas. + +Lewin setzte sich auf einen der leeren Stühle, welche um den Tisch +herum standen, und frug flüsternd einen dort sitzenden Studenten, was +man lese. + +Mit einem mißvergnügten Blick auf Lewin antwortete dieser: + +»Eine Biographie ist es.« + +Obwohl sich nun Lewin für die Biographie eines Gelehrten gerade nicht +interessierte, hörte er doch unwillkürlich zu und erfuhr so manches +Interessante und Neue über das Leben des berühmten Gelehrten. + +Als der Lektor geendet hatte, dankte ihm der Vorsitzende und las die +ihm für das Jubiläum eingesandten Verse des Dichters Ment vor, nebst +einigen Worten des Dankes für diesen. + +Darauf las Katawasoff mit seiner lauten, schreienden Stimme seine +Schrift über die Gelehrtenthätigkeit des Jubilars. + +Nachdem Katawasoff geendet hatte, blickte Lewin auf die Uhr und +gewahrte, daß es schon zwei Uhr sei; er überlegte, daß er bis zum +Konzert Metroff sein Werk nicht werde vorlesen können, und verspürte +dazu auch gar keine Lust. + +Während der Zeit des Lesens hatte er nur an die stattgehabte +Unterredung gedacht, und es war ihm jetzt klar, daß, obwohl vielleicht +auch die Ideen Metroffs ihre Bedeutung hatten, seine Ideen doch +ebenfalls eine solche besaßen, und aufklären und zu Etwas führen +könnten, wofern nur ein jeder für sich auf dem auserwählten Wege +arbeite, während aus einer Veränderung dieser beiden Ideen nichts +hervorgehen könne. + +Nachdem sich Lewin entschlossen hatte, die Einladung Metroffs +abzulehnen, begab er sich beim Schluß der Sitzung zu diesem hin. +Metroff machte Lewin mit dem Präsidenten bekannt, mit welchem er über +politische Neuigkeiten sprach. Hierbei erzählte Metroff dem Präsidenten +das Nämliche, was er Lewin erzählt hatte, während Lewin die gleichen +Bemerkungen machte, die er schon heute Vormittag geäußert hatte; zur +Abwechslung indessen sprach er auch seine eigene Meinung mit aus, die +ihm gerade einfiel. Hierauf begann wiederum das Gespräch über die +Universitätsfrage. Da Lewin indessen alles das schon gehört hatte, +beeilte er sich, Metroff zu sagen, er bedaure, von seiner Einladung +nicht Gebrauch machen zu können, empfahl sich und fuhr zu Lwoff. + + + 4. + +Lwoff, der mit Nataly, der Schwester Kitys verheiratet war, hatte sein +ganzes Leben in den Residenzen und im Auslande zugebracht, wo er auch +erzogen worden war und als Diplomat gedient hatte. + +Im vergangenen Jahre hatte er die diplomatische Carriere aufgegeben, +nicht infolge einer Unannehmlichkeit -- er hatte niemals mit jemand +Unannehmlichkeiten gehabt -- und war in das Hofgericht nach Moskau +übergetreten, um seinen beiden Söhnen eine bessere Erziehung angedeihen +zu lassen. + +Trotz des schärfsten Gegensatzes in den Gewohnheiten und Anschauungen, +sowie darin, daß Lwoff auch älter als Lewin war, waren beide in +diesem Winter in engen Verkehr miteinander getreten und hatten sich +gegenseitig liebgewonnen. + +Lwoff befand sich daheim, und Lewin trat ohne Anmeldung bei ihm ein. +Lwoff war im Hausrock mit Gürtel, und saß in Halbschuhen von sämischem +Leder in einem Lehnstuhl, durch das Pincenez mit blauen Gläsern ein +Buch lesend, welches auf einem Lesepult lag, während er, auf der Hut +vor der abfallenden Asche, mit der schönen Hand eine bis zur Hälfte +aufgerauchte Cigarre hielt. + +Sein schönes, feines und jugendliches Gesicht, welchem die lockigen, +glänzenden silbernen Haare noch mehr den Ausdruck angestammten Adels +verliehen, erglänzte von einem Lächeln, als er Lewin erblickte. + +»Ausgezeichnet! Ich wollte schon zu Euch schicken! Nun, was macht Kity! +Setzt Euch hierher, da ist es behaglicher,« er stand auf und bewegte +einen Rollstuhl herbei. + +»Habt Ihr schon das letzte Cirkular im >Journal de St. Petersbourg< +gelesen? Ich finde es vortrefflich,« sagte er mit etwas französischem +Accent. + +Lewin teilte ihm mit, was er von Katawasoff vernommen hatte, und was +man in Petersburg spräche, und berichtete, nachdem er über die Politik +gesprochen hatte, von seiner Bekanntschaft mit Metroff und seiner +Exkursion in die Sitzung. Lwoff interessierte dies sehr. + +»Ich beneide Euch, daß Ihr Zutritt zu dieser interessanten +Gelehrtenwelt habt,« sagte er, und ging dann, wie gewöhnlich sogleich +zu der ihm bequemeren französischen Sprache über. »Ich habe allerdings +leider auch keine Zeit; denn mein Dienst sowohl, als die Beschäftigung +mit meinen Kindern beraubt mich derselben; dann aber scheue ich mich +nicht, zu bekennen, daß meine Bildung allzu mangelhaft ist.« + +»Das glaube ich nicht,« antwortete Lewin lächelnd, und, wie gewöhnlich, +voll Erbarmen mit dieser niedrigen Meinung von sich selbst, die +durchaus nicht dem Wunsche, bescheiden zu erscheinen oder zu sein, +entsprang, sondern vollständig aufrichtig war. + +»Ach, gewiß doch! Ich fühle es jetzt, wie wenig gebildet ich bin. +Selbst zur Erziehung der Kinder muß ich viel wieder an meinem +Gedächtnis auffrischen, ja geradezu lernen! Denn trotzdem, daß Lehrer +da sind, muß auch ein Aufseher da sein, sowie in Eurer Ökonomie +Arbeiter nötig sind nebst einem Inspektor. Da lese ich eben« -- er +zeigte auf die Grammatik Buslajeffs, welche auf dem Lesepult lag, »das +fordert man von Mischa, und es ist doch so schwierig -- erklärt mir +dies. Hier sagt er« -- + +Lewin wollte ihm erklären, daß man dies nicht verstehen könne, sondern +lernen müsse, doch Lwoff stimmte dem nicht bei. + +»Ihr lacht darüber!« sagte er. + +»Im Gegenteil, Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie ich, im Hinblick +auf Euch, stets studiere, was mir auch bevorsteht, die Erziehung von +Kindern!« + +»Nun, aber das Lernen taugt doch nichts,« sagte Lwoff. + +»Ich kann nur sagen,« antwortete Lewin, »daß ich nie besser erzogene +Kinder gesehen habe, als die Euren, und keine besseren Kinder wünschte, +als die Euren sind.« + +Lwoff hielt augenscheinlich an sich, seine Freude zu zeigen, aber er +erglänzte doch von einem Lächeln. + +»Wenn sie nur besser werden als ich, das ist alles, was ich wünsche. +Ihr kennt noch nicht die ganze Mühe,« begann er, »mit den Knaben, +welche, wie die meinen, in diesem Leben im Auslande verwildert waren.« + +»Ihr holt alles ein. Es sind ja so befähigte Kinder, und was die +Hauptsache ist -- sie haben eine moralische Erziehung. Das ist es, was +ich studiere, wenn ich Eure Kinder anblicke.« + +»Ihr sagt, eine moralische Erziehung. Man kann sich nicht vorstellen, +wie schwer diese ist! Kaum habt Ihr die eine Seite bekämpft, so wachsen +andere hervor und es beginnt ein neuer Kampf. Hätte man nicht die +Stützen in der Religion -- wißt Ihr noch, wir haben zusammen darüber +gesprochen -- so würde kein Vater mit seinen Kräften allein, ohne diese +Hilfe, erziehen können.« + +Dieses Lewin stets interessierende Gespräch wurde durch den Eintritt +der zur Ausfahrt angekleideten, schönen Nataly Aleksandrowna, +unterbrochen. + +»Ah, ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr hier seid,« sagte sie, +augenscheinlich nicht mit Bedauern, sondern vielmehr erfreut, daß sie +dieses, ihr schon längst bekannte, langweilige Gespräch unterbrochen +hatte. »Was macht Kity? Ich esse heute bei Euch. Weißt du Arseny,« +wandte sie sich an ihren Gatten, »du nimmst den Wagen.« + +Unter den beiden Gatten begann nun ein Gespräch, wie sie den Tag +verleben wollten. Da der Gatte mit jemand im Amte zusammenkommen, +die Gattin aber in das Konzert und in die öffentliche Sitzung des +südöstlichen Komitees fahren mußte, so war viel zu beschließen und zu +überlegen. + +Lewin, als unabhängiger Mann, mußte Teil an diesen Plänen nehmen, +und es ward beschlossen, daß er mit Nataly in das Konzert und in die +öffentliche Sitzung fuhr, von da aus den Wagen nach dem Comptoir zu +Arseniy sende und dieser Nataly abholen und mit zu Kity nehmen solle -- +oder, wenn er mit seinen Geschäften noch nicht fertig wäre, den Wagen +zurückschicke und Lewin mit ihr fahre. + +»Er beschämt mich ganz,« sagte Lwoff zu seiner Frau, »er versichert +mir, daß unsere Kinder vorzüglich sind, während ich doch weiß, daß sie +soviel Fehler haben.« + +»Arseniy geht bis ins Extrem, ich sage es immer,« bemerkte seine +Gattin. »Wenn man Vollkommenheiten suchen will, so wird man nie +zufrieden werden, und Papa sagt die Wahrheit damit, daß es, als man +uns noch erzog, nur ein einziges Mittel gab -- man steckte uns ins +Entresol; während die Eltern in der Bel-Etage wohnten; jetzt hingegen +möchten die Eltern in die Rumpelkammer und die Kinder in die Bel-Etage! +Die Eltern möchten jetzt schon gar nicht mehr selbst leben, sondern nur +noch für ihre Kinder.« + +»Aber wie, wenn dies das Angenehmere wäre?« sagte Lwoff, mit seinem +schönen Lächeln, ihren Arm berührend. »Wer dich nicht kennt, wird +glauben, du seist keine Mutter, sondern eine Stiefmutter.« + +»Nein; das Extrem ist nie gut,« sagte Nataly ruhig, sein Papiermesser +auf den Tisch an den dafür bestimmten Platz legend. + +»Nun kommt einmal her, ihr Musterkinder,« sagte Lwoff zu seinen +eintretenden hübschen Knaben, welche, Lewin begrüßend, zu ihrem Vater +traten, offenbar in dem Wunsche, ihn nach etwas zu fragen. + +Lewin wollte mit ihnen reden und hören, was sie dem Vater zu sagen +hätten, aber Nataly begann mit ihm zu sprechen und soeben trat auch +ein Kollege Lwoffs im Amte, Machotin, in Hofuniform ein, um mit Lwoff +zusammen jemand zu treffen; es begann ein eifriges Gespräch über die +Herzogowina, die Fürstin Korzynska, die Duma und den plötzlichen Tod +der Apraksina. + +Lewin hatte den ihm gegebenen Auftrag ganz vergessen. Er erinnerte sich +desselben erst beim Verlassen des Vorzimmers. + +»Ach, Kity hat mir ja anvertraut, ich möchte Etwas mit Euch betreffs +Oblonskiys besprechen,« sagte er, als Lwoff auf der Treppe stehen +blieb, indem er sein Weib und ihn hinausbegleitete. + +»Ja, ja, =maman= wünscht, daß wir, =les beaux-frères=, ihn vornehmen,« +sagte er errötend, »aber weshalb wohl ich dabei sein soll?« -- + +»So werde ich ihn vornehmen,« sagte die Lwowa lächelnd, das Ende des +Gesprächs abwartend; »doch jetzt kommt!« + + + 5. + +In der Matinee führte man zwei sehr interessante Novitäten vor. Die +eine war eine Phantasie »König Lear in der Steppe«, die andere ein +Quartett, dem Andenken Bachs gewidmet. Beide Stücke waren neu und von +originellem Geiste und Lewin wünschte sich eine Meinung über sie zu +bilden. Nachdem er seine Schwägerin nach deren Stuhl begleitet hatte, +trat er an eine Säule und nahm sich vor, so aufmerksam und gewissenhaft +als möglich zuzuhören. Er bemühte sich, nicht abzuschweifen und den +Eindruck in sich zu beinträchtigen, indem er auf die Armbewegungen +des Kapellmeisters in der weißen Halsbinde blickte, die stets die +musikalische Aufmerksamkeit so unangenehm ablenkten, oder auf die +Damen in ihren Hüten, welche sich geflissentlich für das Konzert die +Ohren mit Bändern zugebunden hatten, oder auf alle jene Personen, +die entweder mit nichts beschäftigt, oder von den verschiedensten +Interessen, nur nicht dem für Musik, eingenommen waren. + +Er bemühte sich, den Begegnungen mit Musikkennern und Schwätzern aus +dem Wege zu gehen, und stand nur vor sich niederblickend und lauschte. +Doch je mehr er von der Phantasie König Lear hörte, um so ferner fühlte +er sich der Möglichkeit gerückt, sich selbst eine bestimmte Meinung zu +bilden. + +Unaufhörlich begann es, als bereite sich der Ausdruck einer +musikalischen Empfindung vor, sogleich aber fiel derselbe in Trümmer +von neuen Ansätzen zu musikalischen Phrasen auseinander, bisweilen +sogar einfach in durch nichts als die Laune des Komponisten verbundene, +aber außerordentlich komplizierte Klänge. + +Aber gerade die Unterbrechungen dieser musikalischen Phrasen, die +bisweilen gut waren, zeigten sich als unangenehm, weil sie vollständig +unerwartet und durch nichts vorbereitet erschienen. Frohsinn und +Trauer, Verzweiflung und Zartheit oder Triumph erschienen ohne jede +innere Berechtigung, gleichsam wie die Gefühle eines Wahnsinnigen; und +ebenso wie bei einem Wahnsinnigen, vergingen sie auch wieder unerwartet. + +Lewin hatte während der ganzen Zeit der Aufführung das Gefühl +eines Tauben, welcher auf Tanzende schaut. Er war in vollständiger +Ungewißheit, nachdem das Stück geendet hatte, und fühlte große Ermüdung +von der gespannten, durch nichts gelohnten Aufmerksamkeit. Von allen +Seiten wurde lautes Händeklatschen vernehmbar. Alles erhob sich und +begann herumzulaufen um sich zu unterhalten. + +Im Wunsche, nach dem Eindruck anderer seinen Zweifel aufzuklären, +begann auch Lewin zu gehen, um Kenner zu suchen, und war erfreut, +als er einen namhaften Musikkenner im Gespräch mit dem ihm bekannten +Peszoff erblickte. + +»Wunderbar!« sagte der tiefe Baß Peszoffs. + +»Guten Tag, Konstantin Dmitritsch. Ganz besonders formgerecht und +monumental, sozusagen; und wie reich an Farben ist jene Stelle, in +welcher man die Annäherung Cordelias fühlt, wo die Frau, >das ewig +Weibliche< wie der Deutsche sagt, in den Kampf mit dem Schicksal tritt. +Nicht wahr?« + +»Nun, inwiefern war denn da gerade Cordelia?« frug Lewin schüchtern; er +hatte vollständig vergessen, daß die Phantasie König Lear in der Steppe +ausdrücken solle. + +»Es zeigt sich Cordelia -- hier!« sagte Peszoff, mit den Fingern auf +den atlasglänzenden Zettel schlagend, den er in der Hand hielt und +Lewin nun hinreichte. + +Jetzt erst erinnerte sich Lewin des Titels der Phantasie und beeilte +sich nun, die Verse Shakespeares in der russischen Übersetzung zu +lesen, welche auf der Rückseite des Programms gedruckt standen. + +»Ohne dies kann man freilich nicht folgen,« sagte Peszoff, sich zu +Lewin wendend, da der Herr mit welchem er sich unterhalten hatte, +gegangen war, und er mit niemand mehr zu sprechen hatte. + +Im Zwischenakt entspann sich zwischen Lewin und Peszoff ein Streit über +die Vorzüge und Mängel der Wagnerschen Musikrichtung. Lewin wies nach, +daß der Irrtum Wagners und aller seiner Nachfolger darin bestehe, daß +hier die Musik in das Gebiet einer fremdartigen Kunst übergehen wolle, +daß auch die Poesie irre, wenn sie die Züge eines Gesichts beschreibe, +was die Malerei zu thun hätte, und führte als Beispiel eines solchen +Irrtums jenen Bildhauer an, welcher die Schatten der poetischen +Gestalten, die rings um die Figur des Dichters auf dem Piedestal +aufragten, in Marmor zu bilden gedachte. + +»Diese Schatten werden ebensowenig Schatten für den Bildhauer sein, daß +sie sich sogar an der Leiter anhalten können,« sagte Lewin. Der Satz +gefiel ihm, doch er konnte sich nicht entsinnen, ob er ihn nicht schon +früher einmal ausgesprochen hatte, gerade gegen Peszoff, und geriet +daher, nachdem er ihn geäußert, in Verlegenheit. + +Peszoff hingegen wies nach, daß die Kunst einheitlich sei und ihre +höchsten Offenbarungen nur in der Vereinigung aller ihrer Arten +erreichen könne. + +Die zweite Nummer des Konzerts konnte Lewin nicht mehr hören. Peszoff, +der neben ihm stehen geblieben war, hatte fast die ganze Zeit mit +ihm gesprochen, indem er dieses Stück wegen seiner übermäßigen +geschmackswidrigen, unvermittelten Einfachheit den Praeraphaeliten in +der Malerei verglich. + +Beim Hinausgehen begegnete Lewin noch vielen Bekannten, mit welchen er +über Politik, über Musik und gemeinsame Bekannte sprach, unter anderen +traf er auch den Grafen Bolj, dessen Besuch er gänzlich vergessen hatte. + +»Nun, so fahrt nur gleich hin,« sagte die Lwowa zu ihm, der er dies +mitgeteilt hatte, »vielleicht empfängt man Euch nicht und Ihr kommt +dann zu mir in die Sitzung. Ihr werdet mich da schon noch treffen.« + + + 6. + +»Man empfängt wohl nicht?« sagte Lewin, in den Flur des Hauses der +Gräfin Bolj tretend. + +»Man empfängt, bitte,« antwortete der Portier, ihm resolut den Pelz +abnehmend. + +»Ist das unangenehm,« dachte Lewin, mit einem Seufzer den einen +Handschuh abstreifend und seinen Hut glättend. »Weshalb komme ich denn +eigentlich? Was soll ich denn mit ihnen reden?« + +Durch den ersten Salon schreitend, traf Lewin in der Thür die Gräfin +Bolj, welche mit geschäftigem und ernstem Ausdruck dem Diener einen +Befehl erteilte. + +Als sie Lewin erblickte, lächelte sie und nötigte ihn in den folgenden, +kleinen Salon, aus welchem Stimmen vernehmbar waren. In diesem Salon +saßen auf Lehnstühlen die beiden Töchter der Gräfin und ein, Lewin +bekannter, Moskauer Oberst. Lewin näherte sich ihnen, grüßte, und ließ +sich neben dem Diwan nieder, den Hut auf dem Knie haltend. + +»Wie ist das Befinden Eurer Frau? Waret Ihr im Konzert? Wir konnten +nicht! Mama mußte bei einer Totenmesse gegenwärtig sein.« + +»Ja, ich habe gehört -- welch ein plötzlicher Todesfall,« sagte Lewin. + +Die Gräfin kam, setzte sich auf den Diwan und frug gleichfalls nach +seiner Frau und dem Konzert. + +Lewin antwortete und wiederholte die Frage nach dem plötzlichen Tode +der Apraksina. + +»Sie war überhaupt stets von schwacher Gesundheit.« + +»Waret Ihr gestern in der Oper?« + +»Ja, ich war da.« + +»Die Lucca war sehr gut.« + +»Ja, sehr gut,« sagte er und begann, da es ihm ganz gleichgültig war, +was man von ihm denken mochte, zu wiederholen, was er hundertmal schon +über die Eigentümlichkeit des Talentes der Sängerin gehört hatte. +Die Gräfin Bolj stellte sich, als höre sie zu. Als er dann genug +geredet hatte, und nun schwieg, begann der Oberst, welcher bis jetzt +geschwiegen hatte. + +Der Oberst fing gleichfalls an, über die Oper und die Beleuchtung +zu sprechen und als er endlich noch von einem vorgeschlagenen +=folle journée= bei Tjurin berichtet hatte, brach er in Gelächter +aus, verursachte ein Geräusch, erhob sich und ging. Auch Lewin war +aufgestanden, bemerkte aber an dem Gesicht der Gräfin, daß für ihn +die Zeit des Gehens noch nicht da sei; noch zwei Minuten fehlten, +und so setzte er sich denn wieder. Da er indessen noch immer darüber +nachdachte, wie thöricht das alles sei, so fand er auch keinen Stoff zu +einem Gespräch und blieb stumm. + +»Fahrt Ihr nicht in die öffentliche Sitzung? Man sagt, sie sei sehr +interessant,« begann die Gräfin. + +»Nein, ich habe nur meiner =belle soeur= versprochen, sie dort +abzuholen,« sagte Lewin. + +Ein Schweigen trat ein. Die Mutter wechselte nochmals einen Blick mit +der Tochter. + +»Jetzt scheint es Zeit zu sein,« dachte Lewin und stand auf. Die +Damen drückten ihm die Hand und baten, seiner Gattin =mille choses= +ausrichten zu wollen. + +Der Portier frug ihn, als er ihm den Pelz reichte, »wo beliebt Ihr zu +stehen?« und trug ihn sogleich in ein großes, hübsch gebundenes Buch +ein. + +»Mir ist das natürlich doch ganz gleichgültig, aber dennoch bleibt das +lästig und entsetzlich thöricht,« dachte Lewin, sich damit tröstend, +daß alle es ja so machten, und fuhr nach der öffentlichen Sitzung des +Komitees, wo er seine Schwägerin treffen sollte, um mit derselben +zusammen nach Haus zu fahren. + +In der öffentlichen Sitzung des Komitees war viel Volk und fast die +gesamte Gesellschaft zugegen. Lewin trat gerade ein, als das Protokoll +verlesen wurde, welches wie jedermann sagte, sehr interessant war. Als +die Lektüre des Protokolls beendet war, mischte sich die Gesellschaft +untereinander und Lewin traf auch Swijashskiy, der ihn für den Abend +dringend in die Gesellschaft für Landwirtschaft einlud, wo ein +berühmter Vortrag gelesen werden würde, ferner Stefan Arkadjewitsch, +der soeben von den Rennen gekommen war, und noch viele andere +Bekannte, und Lewin äußerte und vernahm verschiedene Urteile über +die Sitzung, über das neue Musikstück und einen Prozeß. Doch mochte +er, wohl infolge der Ermüdung seiner geistigen Spannkraft, die er zu +empfinden begann, irren, indem er von dem Prozeß sprach, und dieser +Irrtum kam ihm in der Folge mehrmals noch zu seinem Verdruß wieder +in die Erinnerung. Indem er von der bevorstehenden Bestrafung eines +Ausländers sprach, der in Rußland abgeurteilt wurde, sowie davon, daß +es ungesetzmäßig wäre, ihn mit Verbannung ins Ausland zu bestrafen, +wiederholte Lewin, was er gestern in einem Gespräch von einem Bekannten +vernommen hatte. »Ich denke, daß seine Ausweisung ebensoviel wert wäre, +als wenn man einen Hecht damit bestrafen wollte, daß man ihn ins Wasser +setzt,« meinte Lewin. Erst später dachte er wieder daran, daß dieser +scheinbar von ihm geäußerte Gedanke, den er von einem Bekannten gehört +hatte, aus einer Fabel Kryloffs stammte, der Bekannte aber diesen +Gedanken aus dem Feuilleton eines Journals wiederholt hatte. + +Nachdem Lewin mit seiner Schwägerin nach Haus gefahren war und Kity +heiter und wohl gefunden hatte, fuhr er nach dem Klub. + + + 7. + +Er kam erst zu vorgerückter Zeit in den Klub. Gleichzeitig mit ihm +kamen Gäste und Mitglieder vorgefahren. Er war sehr lange nicht hier +gewesen; seit der Zeit nicht, als er noch nach dem Verlassen der +Universität in Moskau gewohnt und die Gesellschaft besucht hatte. Er +entsann sich wohl noch des Klubs, und der äußeren Einzelheiten seiner +Einrichtung, hatte aber den Eindruck gänzlich vergessen, den er in +früherer Zeit davon erhalten hatte. + +Kaum jedoch hatte er, nachdem er auf den geräumigen halbrunden Hof +gefahren und aus dem Mietgeschirr gestiegen war, die Treppe betreten, +während ihm der Portier in seinem Brustgurt geräuschlos die Thür +öffnete und sich verbeugte; kaum hatte er in der Portierloge die +Kaloschen und Pelze von Mitgliedern wieder erblickt, welche erwogen +hatten, daß es weniger Mühe verursachte, die Kaloschen gleich unten +abzulegen, als sie mit nach oben zu nehmen; kaum hatte er den +geheimnisvollen, ihm vorauseilenden Glockenton vernommen, und die +schräge, mit Teppichen belegte Treppe betretend, auf dem Treppenabsatz +die Statue erblickt, und in den oberen Thüren den dritten, +altgewordenen, ihm wohlbekannten Portier in der Klublivree, der weder +zu schnell noch zu langsam die Thür öffnete und den Gast anblickte -- +da überkam Lewin wieder das alte Klubgefühl, ein Gefühl von Erholung, +Vergnügen und Noblesse. + +»Bitte, den Hut,« sagte der Portier zu Lewin, welcher die Klubregel, +den Hut in der Portierloge zu lassen, vergessen hatte. »Ihr seid lange +nicht hier gewesen. Der Fürst hat Euch noch gestern eingeschrieben. +Fürst Stefan Arkadjewitsch ist noch nicht anwesend.« + +Der Portier kannte nicht nur Lewin, sondern auch dessen sämtliche +Verbindungen und Verwandtschaft und that sofort der ihm nahestehenden +Männer Erwähnung. + +Den ersten Vorsaal mit den Ofenschirmen, und dann ein rechts +abgetrenntes Zimmer, in welchem der Obstverkäufer saß, durchschreitend, +überholte Lewin einen langsam gehenden Herrn und trat in das vom Lärm +versammelter Menschen erfüllte Speisezimmer. + +Er schritt längs der fast schon besetzten Tische hin, die Gäste +musternd. Hier und da fielen ihm die verschiedensten Personen, alte +und junge, aber kaum bekannte oder nahestehende ins Auge. Hier gab +es kein einziges gereiztes oder sorgenvolles Gesicht. Alle, wie +es schien, hatten in der Portierloge mit ihren Hüten auch ihre +Bedrängnisse und Sorgen zurückgelassen und sich vorgenommen, mit Muße +die materiellen Annehmlichkeiten des Lebens hier zu genießen. Hier war +auch Swijashskiy, Schtscherbazkiy, Njewjedowskiy, der alte Fürst, sowie +Wronskiy und Sergey Iwanowitsch. + +»Ah, hast du dich verspätet?« sagte der Fürst lächelnd, ihm mit der +Hand auf die Schulter schlagend. »Was macht Kity?« fügte er hinzu, +die Serviette ordnend, die er sich zwischen einem Knopf der Weste +eingeklemmt hatte. + +»Befindet sich ganz wohl; die Damen speisen zu Dreien zu Haus.« + +»Aha, Alina -- Nadina; nun, bei uns hier ist freilich kein Platz mehr. +Aber geh zu jenem Tisch und nimm möglichst schnell einen Platz ein,« +sagte der Fürst und ergriff, sich umwendend, behutsam einen Teller mit +Quappensuppe. + +»Lewin, hierher!« rief etwas weiterhin eine freundliche Stimme. Es war +Turowzyn. Er saß bei einem jungen Offizier und zwischen ihnen standen +zwei umgewendete Stühle. Lewin schritt erfreut auf sie zu. Er hatte den +gutmütigen Zecher Turowzyn stets lieb gehabt; mit ihm vereinigte sich +seine Erinnerung an die Liebeserklärung gegen Kity; heute aber, nach +all den angestrengten geistigen Unterhaltungen war ihm die gutmütige +Erscheinung Turowzyns besonders willkommen. + +»Diese Stühle sind für Euch und Oblonskiy. Er wird auch sogleich da +sein!« + +Der Offizier, welcher sich sehr gerade hielt, mit heiteren, ewig +lachenden Augen war ein Petersburger, namens Gagin. Turowzyn machte +beide miteinander bekannt. + +»Oblonskiy kommt doch ewig zu spät.« + +»Da ist er ja!« + +»Bist du soeben gekommen?« sagte Oblonskiy, schnell zu ihnen +herkommend. »Geht es gut? Hast du schon einen Liqueur genommen? Komm!« + +Lewin erhob sich und ging mit ihm nach dem großen Tisch, der mit +Liqueuren und den mannigfaltigsten Leckerbissen besetzt war. Man +konnte wohl aus zwanzig verschiedenen Dingen auswählen, was nach dem +Geschmack war, aber Stefan Arkadjewitsch forderte einen ganz besonderen +Liqueur, und einer der dastehenden Diener in Livree brachte sofort das +Gewünschte. Sie tranken jeder ein Glas und kehrten dann zum Tische +zurück. + +Sogleich, noch bei der Suppe, brachte man Gagin Champagner und dieser +ließ vier Gläser füllen. Lewin wies den angebotenen Wein nicht zurück +und bestellte eine zweite Flasche. Er war hungrig, speiste und trank +mit großem Appetit und nahm mit noch größerem Vergnügen an den heiteren +und leichten Gesprächen seiner Gesellschafter teil. Gagin, der die +Stimme hatte sinken lassen, erzählte eine neue Petersburger Anekdote, +die, obwohl indecent und ungereimt, doch lustig genug war, sodaß Lewin +so laut lachte, daß die Nachbarn ihn anblickten. + +»Das ist etwas von der Art, wie >dies gerade kann ich gar nicht +vertragen!< -- Weißt du?« -- frug Stefan Arkadjewitsch. »Ach, das ist +reizend! Noch eine Flasche,« sagte er zu dem Diener, und begann zu +erzählen. + +»Peter Iljitsch Winowskiy lassen bitten,« unterbrach ein alter Diener +Stefan Arkadjewitsch, zwei feine Gläser perlenden Champagners bringend +und sich an Stefan Arkadjewitsch und Lewin wendend. + +Stefan Arkadjewitsch ergriff das Glas und nickte lächelnd nach der +anderen Seite des Tisches, mit einem kahlköpfigen, rothaarigen und +bärtigen Herrn einen Blick tauschend, mit dem Kopfe. + +»Wer ist dies?« frug Lewin. + +»Du bist ihm schon einmal bei mir begegnet, besinnst du dich? Er ist +ein vortrefflicher Mensch.« + +Lewin that, was Stefan Arkadjewitsch that und nahm das Glas. + +Die Anekdote Stefan Arkadjewitschs war gleichfalls sehr ergötzlich. +Lewin erzählte nun seine Anekdote, welche auch gefiel, dann kam das +Gespräch auf Pferde, auf die Rennen des heutigen Tages und darauf, wie +schlau der Atlasny Wronskiys den ersten Preis gewonnen habe. Lewin +bemerkte gar nicht, wie die Zeit beim Essen verging. + +»Ah, da ist er ja selbst!« sagte gegen das Ende des Essens Stefan +Arkadjewitsch, sich über die Lehne des Stuhles beugend und dem in +Begleitung eines hohen Gardeobersten auf ihn zukommenden Wronskiy, die +Hand entgegenstreckend. In dem Gesicht Wronskiys leuchtete gleichfalls +die allgemeine heitere Klubgemütlichkeit. Frohgelaunt stützte er sich +auf die Schulter Stefan Arkadjewitschs, indem er demselben etwas +zuflüsterte, und streckte Lewin mit dem nämlichen heiteren Lächeln die +Hand entgegen. + +»Sehr erfreut, Euch hier zu treffen,« sagte er. »Ich hatte Euch +damals nach den Wahlen gesucht, man sagte mir aber, Ihr wäret schon +weggefahren.« + +»Ja; ich bin noch denselben Tag fortgefahren; wir hatten übrigens +soeben von Eurem Pferde gesprochen. Ich gratuliere Euch,« sagte Lewin, +»das war ein sehr schneller Ritt!« + +»Ihr habt doch wohl auch Pferde?« + +»Nein; mein Vater hatte welche; doch ich besinne mich noch und kenne +das.« + +»Wo hast du gespeist?« frug Stefan Arkadjewitsch. + +»Wir sitzen am zweiten Tisch; hinter den Säulen.« + +»Man hat ihm gratuliert,« sagte der hochgewachsene Oberst. + +»Es war der zweite Kaiserpreis; wenn ich doch solches Glück in den +Karten hätte, wie er mit den Pferden.« + +»Aber, wozu die goldene Zeit verlieren! Ich gehe in das Infernalische,« +sagte der Oberst und verließ den Tisch. + +»Das war Jaschwin,« sagte Wronskiy zu Turowzyn und setzte sich auf den +neben ihnen freigewordenen Platz. Nachdem er den ihm vorgesetzten Pokal +geleert hatte, bestellte er eine Bouteille. Mochte nun der Einfluß der +Klublaune oder der des genossenen Weines schuld sein, genug, Lewin +unterhielt sich mit Wronskiy über die beste Viehrasse, und es war ihm +sehr lieb, daß er keine Feindseligkeit mehr gegen diesen Mann empfand. +Er sagte demselben sogar unter anderem, er habe von seiner Frau gehört, +sie sei ihm bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet. + +»Ach, die Fürstin Marja Borisowna; die ist reizend!« sagte Stefan +Arkadjewitsch, und erzählte nun eine Anekdote von ihr, welche alle zu +lachen machte. Besonders Wronskiy lachte so herzlich, daß Lewin sich +vollständig mit ihm ausgesöhnt fühlte. + +»Nun, seid Ihr fertig?« frug Stefan Arkadjewitsch aufstehend, und +lächelte. »Gehen wir!« + + + 8. + +Vom Tische aufstehend, ging Lewin, in dem Gefühl, daß ihm beim Gehen +die Hände eigentümlich sicher und leicht in der Bewegung waren, mit +Gagin durch die hohen Zimmer nach dem Billardsaal. Als er durch den +großen Saal schritt, traf er seinen Schwiegervater. + +»Nun, was sagst du? Wie gefällt dir unser Tempel der Muße?« sagte der +Fürst, ihn am Arme nehmend. »Komm, gehen wir weiter!« + +»Auch ich wollte gehen und ein wenig zuschauen. Es ist interessant.« + +»Ja, für dich. Doch für mich ist das Interesse schon ein anderes, als +für dich. Du schaust freilich auf diesen Alten da,« sprach er, auf ein +gebücktes Mitglied des Klubs mit herabhängender Lippe zeigend, welches, +nur mit Mühe die Füße in den weiten Stiefeln weiterschiebend, ihnen +entgegenkam, »und denkst dabei, daß sie schon als solche alte Ruinen +geboren worden sind.« + +»Was ist das, Ruinen?« + +»Du kennst diese Benennung wohl noch nicht. Es ist das unser +Klubausdruck. Weißt du: wenn Einer Jahr aus Jahr ein in den Klub kommt, +so wird endlich eine Ruine aus ihm. Ja, du lachst darüber, aber unser +einer muß schon aufpassen, wenn er selbst unter die Ruinen kommt. Du +kennst doch den Fürsten Tschetschenskiy?« frug der Fürst und Lewin sah +an seinem Gesicht, daß er im Begriff sei, etwas Witziges zu sagen. + +»Nein, ich kenne ihn nicht.« + +»Nun, gewiß doch; der Fürst Tschetschenskiy ist ja bekannt. Doch +gleichviel! -- Der spielt also ewig Billard. Vor drei Jahren war er +noch nicht unter den Ruinen und noch rüstig. Ja, er selbst nannte +andere Ruinen. Doch da kommt er einstmals an, und unser Portier, du +kennst ihn doch, den Wasiliy? Nun, der Dicke! Der ist groß in Bonmots! +Den frägt der Fürst Tschetschenskiy, >he, Wasiliy, wer ist denn alles +gekommen? Sind Ruinen mit dabei?< Wasiliy antwortet ihm: >Ihr seid die +dritte darunter.< -- Ja, Bruder; so ist es.« -- + +Unter Gespräch und Begrüßungen mit begegnenden Bekannten ging Lewin +mit dem Fürsten durch alle Zimmer; durch das große, in welchem bereits +die Tische standen und die an nicht hohes Spiel gewöhnten Partner +spielten, dann in das Diwanzimmer, wo man Schach spielte, und wo +Sergey Iwanowitsch im Gespräch mit jemand saß -- hierauf durch das +Billardzimmer, wo in einer Zimmernische bei dem Diwan eine lustige +Champagnergesellschaft, an welcher Gagin teilnahm, sich etabliert +hatte. Sie warfen auch einen Blick in das »infernalische Zimmer«, wo +sich um einen Tisch, hinter welchem Jaschwin bereits Platz genommen +hatte, viele Setzende drängten. + +Sich bemühend, Geräusch zu vermeiden, begaben sie sich auch nach dem +dämmrigen Lesezimmer, wo unter den Lampen einsam ein junger Mann mit +galligem Gesicht saß, der ein Journal nach dem andern ergriff, und ein +kahlköpfiger General, der in seine Lektüre vertieft war. Sie gingen +auch nach dem Zimmer, welches der Fürst »das verständige« nannte. In +diesem Raume sprachen drei Herren eifrig über die letzte politische +Neuigkeit. + +»Fürst, wenn es gefällig ist; alles bereit,« sagte einer seiner +Partner, ihn hier findend, und der Fürst ging. Lewin blieb sitzen, +hörte zu, aber plötzlich wurde es ihm, indem er sich des heutigen +Morgens erinnerte, entsetzlich langweilig zu Mute. Er erhob sich hastig +und ging, um Oblonskiy und Turowzyn zu suchen, in deren Gesellschaft es +heiter zuging. + +Turowzyn saß mit einem Kruge auf einem hohen Diwan im Billardzimmer, +und Stefan Arkadjewitsch und Wronskiy unterhielten sich an der Thür in +einer entfernten Ecke des Zimmers. + +»Nicht, daß sie sich langweilte, aber diese Unbestimmtheit, die +Unentschiedenheit in ihrer Lage,« hörte Lewin und wollte sich eiligst +zurückziehen, doch Stefan Arkadjewitsch rief ihn herbei. + +»Lewin!« sagte Stefan Arkadjewitsch, und Lewin bemerkte in seinen Augen +zwar nicht Thränen, wohl aber eine gewisse Feuchtigkeit, wie dies stets +der Fall bei ihm war, wenn er entweder getrunken hatte, oder in Gefühl +zerfloß. Jetzt war bei ihm beides der Fall. + +»Lewin geh' nicht fort,« sprach er und drückte seinen Arm fest mit +seiner Hand, augenscheinlich mit dem Wunsche, ihn um keinen Preis von +sich zu lassen. + +»Dies ist mein aufrichtigster, vielleicht mein bester Freund,« sagte er +zu Wronskiy, »du bist mir gleichfalls mehr vertraut und teuer, und ich +will und weiß, daß ihr Freunde und Vertraute werden müßt, da ihr beide +gute Menschen seid.« + +»Nun, dann bleibt uns nur übrig, den Bruderkuß zu tauschen,« sagte +Wronskiy, gutmütig scherzend und Lewin die Hand reichend. + +Dieser nahm schnell die dargebotene Hand und drückte sie fest. + +»Es freut mich sehr, sehr,« sagte Lewin, seine Hand drückend. + +»Kellner, eine Flasche Champagner,« befahl Stefan Arkadjewitsch. + +»Auch ich freue mich herzlich,« äußerte Wronskiy. + +Trotz des Wunsches Stefan Arkadjewitschs, und ihrer beiderseitigen +Absicht, wußten sie doch nichts weiteres zu sagen, und beide fühlten +dies. + +»Du weißt, daß er mit Anna nicht bekannt ist?« sagte Stefan +Arkadjewitsch zu Wronskiy, »ich will ihn aber unbedingt mit ihr in +Verbindung bringen. Komm Lewin!« + +»Solltet Ihr!« sagte Wronskiy, »sie wird sich sehr freuen! Ich würde +sogleich nach Haus fahren,« fügte er hinzu, »doch Jaschwin beunruhigt +mich und ich will hier bleiben, bis er aufhört.« + +»Nun, steht es schlecht mit ihm?« + +»Er verliert fortwährend, und ich allein nur kann ihn abhalten.« + +»Wie wäre es mit einer Pyramide? Lewin spielst du? Schön!« sagte Stefan +Arkadjewitsch, »stelle eine Pyramide,« wandte er sich zu dem Marqueur. + +»Schon längst fertig,« erwiderte dieser, der bereits die Bälle in das +Dreieck gesetzt hatte und zum Zeitvertreib den roten roulieren ließ. + +»Stoßt!« + +Nach der Partie ließen sich Wronskiy und Lewin an dem Tische Gagins +nieder, und Lewin begann, dem Vorschlage Stefan Arkadjewitschs folgend, +auf die Asse zu setzen. Wronskiy saß bald am Tische, fortwährend +umgeben von zu ihm kommenden Bekannten, bald begab er sich in das +»Infernalische«, um nach Jaschwin zu sehen. Lewin verspürte eine +angenehme Erholung von der geistigen Abgespanntheit am Vormittag. Ihn +erfreute die Beilegung der Feindschaft mit Wronskiy, und ein Gefühl von +Beruhigung, Standeswürde und Frohsinn verließ ihn nicht mehr. + +Als die Partie zu Ende war, nahm Stefan Arkadjewitsch Lewin unter dem +Arm. + +»Gehen wir also zu Anna! Sogleich? Ja? Sie ist zu Haus. Ich habe ihr +schon seit Langem versprochen, dich einmal mit zu ihr zu bringen. Wohin +willst du für den Abend gehen?« + +»Ich habe nichts Besonderes vor. Swijashskiy hatte ich versprochen, in +die Gesellschaft für Landwirtschaft zu kommen. Fahren wir hin, wenn du +willst,« sagte Lewin. + +»Ausgezeichnet! Fahren wir! Frage doch, ob mein Wagen gekommen ist!« +wandte sich Stefan Arkadjewitsch an einen Lakaien. + +Lewin trat zum Tische, bezahlte vierzig Rubel, die von ihm auf die +Asse verspielt worden waren, sowie mit einer gewissen geheimnisvollen +Manier die Ausgaben für den Klub, die dem alten Lakaien, welcher an +der Schwelle stand, bekannt waren, und schritt dann mit eigentümlichen +Armbewegungen durch sämtliche Säle dem Ausgang zu. + + + 9. + +»Oblonskiys Wagen!« rief mit starkem Baß der Portier. + +Der Wagen fuhr vor und beide nahmen Platz. Nur während der ersten +Zeit, so lange der Wagen aus dem Thor des Klubhauses fuhr, hatte +Lewin noch das Gefühl der Klubbehaglichkeit, zufriedener Stimmung und +der unzweifelhaften Noblesse der Umgebung, kaum aber war der Wagen +auf die Straße hinausgefahren, kaum fühlte er das Rollen des Wagens +auf der unebenen Straße, hatte er den heftigen Ruf eines begegnenden +Mietkutschers vernommen, und bei der mangelhaften Beleuchtung das rote +Schild einer Schenke und eines Kaufladens wieder erblickt, da war +dieser Eindruck vernichtet, und er begann abermals seine Handlungsweise +zu überlegen und sich zu fragen, ob er gut daran thue, zu Anna zu +fahren. Was würde Kity sagen? + +Stefan Arkadjewitsch ließ ihn indessen nicht zum Nachdenken kommen, +und, als ob er seine Zweifel erriete, zerstreute er sie. + +»Wie freue ich mich,« sprach er, »daß du sie kennen lernen wirst. Du +weißt, Dolly hat dies längst gewünscht. Auch Lwoff war bei ihr und +kommt noch zu ihr. Obwohl sie meine Schwester ist,« fuhr er fort, »kann +ich doch rückhaltslos sagen, daß sie ein merkwürdiges Weib ist. Du +wirst ja sehen. Ihre Lage ist sehr schwierig, besonders jetzt.« + +»Weshalb denn besonders jetzt?« + +»Wir pflegen Verhandlungen mit ihrem Manne über die Ehescheidung. Er +ist damit einverstanden, aber es giebt Schwierigkeiten bezüglich ihres +Sohnes, und die Sache, welche schon längst erledigt sein müßte, zieht +sich nun schon drei Monate hin. Sobald die Scheidung stattgefunden +haben wird, heiratet sie Wronskiy. Wie thöricht ist doch jene alte +Gewohnheit des sich Drehens und Wendens, der niemand mehr glaubt, und +welche dem Glück der Leute im Wege steht!« sagte Stefan Arkadjewitsch. +»Nun, dann aber wird ihr Glück ein gesichertes sein, so wie das meine, +das deine.« + +»Worin beruht aber die Schwierigkeit?« frug Lewin. + +»Ach, das ist eine lange und langweilige Geschichte! Alles daran ist +so unbestimmt. Doch die Sache ist die, sie trägt die Schuld. Indem +sie diese Scheidung in Moskau erwartet, wohnt sie schon drei Monate +hier, wo jedermann ihn und sie kennt. Sie fährt nirgendshin, sieht +keine der Damen, außer Dolly, weil sie es, weißt du, nicht will, daß +man aus Mitleid zu ihr käme. Selbst diese Närrin, die Fürstin Barbara, +hat sie verlassen, weil sie ihre Gegenwart für unschicklich hält. +Unter solchen Verhältnissen, in solcher Lage, würde ein anderes Weib +keine Stützpunkte in sich finden. Sie aber, du wirst es sehen, wie +sie sich ihr Leben eingerichtet hat, wie ruhig, wie würdevoll sie +ist. -- Links, durch das Seitengäßchen, gegenüber der Kirche« -- rief +Stefan Arkadjewitsch plötzlich, sich durch das Wagenfenster beugend. +»O, welche Hitze!« sagte er, trotz der zwölf Grad Kälte noch mehr mit +seinem Pelze fächelnd, der schon offen stand. + +»Sie hat doch wohl eine Tochter, wahrscheinlich beschäftigt sie sich +mit dieser?« sagte Lewin. + +»Du scheinst dir jede Frau nur als eine Bruthenne vorzustellen, =une +couveuse=,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Wenn eine Frau beschäftigt +ist, muß sie es unfehlbar mit Kindern sein! Nun, sie erzieht das Kind +ja vorzüglich, wie es scheint, aber man hört nichts weiter davon. Sie +ist vor allem damit beschäftigt, zu schreiben. Ich sehe schon, du +lächelst ironisch, aber umsonst. Sie schreibt ein Buch für Kinder und +sagt niemand etwas davon; mir aber hat sie es vorgelesen und ich habe +das Manuskript Workujeff gegeben -- du weißt, der Verleger -- er ist ja +selbst Schriftsteller, wie mir scheint. Der versteht doch die Sache und +sagt, daß es sich hier um einen interessanten Stoff handle. Du denkst +gewiß, was ist ein schriftstellerndes Weib! Denke das nicht! Sie ist +vor allem ein Weib mit einem Herzen, du wirst ja sehen. Jetzt hat sie +eine kleine Engländerin und eine ganze Familie, von der sie in Anspruch +genommen ist.« + +»Also etwas Menschenfreundliches?« + +»Du siehst doch immer nur sofort das Üble; es ist nichts +philanthropisches, sondern eine Herzenssache. Sie hatten -- ich meine +Wronskiy -- einen englischen Traineur, einen Meister in seinem Fache, +aber auch Säufer. Der hat sich vollständig zu Schanden getrunken -- +=delirium tremens= -- und die Familie war verlassen. Da erblickte sie +die Leute, sie half, bekümmerte sich um sie, und jetzt ist die ganze +Familie in ihrer Obhut; und sie hat dies nicht nur so von oben herab +gethan, mit Geld, sondern bereitet selbst die Knaben auf russisch für +das Gymnasium vor und hat das kleine Mädchen zu sich genommen. Du wirst +dieses ja sehen.« + +Der Wagen fuhr auf den Hof und Stefan Arkadjewitsch schellte laut an +der Einfahrt, vor welcher ein Schlitten stand. + +Ohne den öffnenden Dienstmann zu fragen, ob man daheim sei, begab sich +Stefan Arkadjewitsch in den Flur. Lewin folgte ihm, mehr und mehr in +Zweifel geratend, ob er recht oder nicht recht handle. + +In einen Spiegel blickend, bemerkte er, daß er rot aussehe, doch war er +überzeugt, nicht berauscht zu sein und stieg die mit Teppichen belegte +Treppe hinauf, hinter Stefan Arkadjewitsch her. + +Oben frug dieser einen Lakaien, welcher sich verbeugte, wie man einen +niedriger Stehenden grüßt, wer bei Anna Arkadjewna sei? und erhielt zur +Antwort »Herr Workujeff«. + +»Wo ist man?« + +»Im Kabinett.« + +Durch den kleinen Speisesalon mit den dunkeln, holzbekleideten Wänden, +traten sie auf dem weichen Teppich in ein halbdunkles Kabinett, welches +nur von einer Lampe mit großem dunklen Schirm erleuchtet wurde. Eine +andere Lampe brannte als Refraktor an der Wand und erleuchtete das in +Lebensgröße gemalte Porträt einer Frau, welchem Lewin unwillkürlich +seine Aufmerksamkeit zuwandte. Es war dies das in Italien von +Michailoff gefertigte Porträt Annas. Während Stefan Arkadjewitsch +hinter eine Traillage schritt, und eine männliche Stimme, welche +gesprochen hatte, verstummte, betrachtete Lewin das Porträt, welches +in der schimmernden Beleuchtung aus dem Rahmen heraustrat, und konnte +sich nicht davon losreißen. Er hatte sogar vergessen, wo er war, und +verwendete, ohne zu hören, was gesprochen wurde, kein Auge von dem +wunderbaren Bild. + +Das war kein Bild mehr, sondern eine lebende, reizende Frau mit +schwarzen wallenden Haaren, entblößten Schultern und Händen und +sinnigem halben Lächeln auf den von einem zarten Flaume überdeckten +geöffneten Lippen, welche ihn sieghaft und zärtlich mit ihren +verwirrenden Augen anschaute. Nur insofern war sie nicht belebt, als +sie schöner war, wie eine Lebende sein konnte. + +»Sehr erfreut,« vernahm er plötzlich neben sich eine Stimme, die sich +augenscheinlich an ihn wandte; die Stimme desselben Weibes, in welches +er sich auf dem Porträt im Anschauen verloren hatte. + +Anna war ihm entgegengekommen, hinter der Traillage hervor, und Lewin +gewahrte im Zwielicht des Kabinetts die nämliche Frau des Porträts, +in dunklen, buntfarbig blauem Kleid, nicht in derselben Stellung, +nicht mit dem nämlichen Ausdruck, wohl aber mit derselben Hoheit jener +Schönheit, in welcher sie von dem Künstler auf dem Bilde erfaßt worden +war. Sie war weniger glänzend in der Wirklichkeit, aber dafür lag in +der Lebenden etwas Ungewohntes, Anziehendes, was nicht im Porträt war. + + + 10. + +Sie trat ihm entgegen, ohne ihre Freude, ihn zu sehen, zu verhehlen. +In dieser Ruhe, mit welcher sie ihm die kleine und energische Hand +entgegenstreckte, ihn mit Workujeff bekannt machte und dann auf ein +rothaariges, hübsches kleines Mädchen zeigte, welches hier bei einer +Arbeit saß, und das sie ihre Pflegebefohlene nannte, lagen die Lewin +bekannten, angenehmen Manieren der Frau aus der großen Welt, die stets +ruhig und natürlich sind. + +»Es ist mir sehr, sehr angenehm,« wiederholte sie, und in ihrem Munde +erhielten diese einfachen Worte für Lewin aus unbekanntem Grunde +eine eigentümliche Bedeutung. »Ich kenne und liebe Euch lange schon +wegen Eurer Freundschaft für Stefan und wegen Eures Weibes; ich habe +dieses nur kurze Zeit gekannt, aber es hat in mir den Eindruck einer +reizenden Blüte hinterlassen, ja, einer Blüte! Sie wird also bald +Mutter werden?« + +Anna sprach ungezwungen und ohne Hast, bisweilen ihren Blick von Lewin +auf ihren Bruder richtend. Ersterer empfand, daß der Eindruck, den er +hervorbrachte, ein guter sein mußte, und sogleich wurde es ihm nun in +ihrer Gesellschaft so leicht, so frei und behaglich zu Mut, als hätte +er sie von Kindheit an gekannt. + +»Ich habe mit Iwan Petrowitsch im Kabinett Alekseys Platz genommen,« +sagte sie, Stefan Arkadjewitsch auf dessen Frage, ob man rauchen +dürfe, -- antwortend »damit er eben rauchen könne,« und nahm, auf +Lewin blickend, anstatt zu fragen ob er rauche, ein Cigarrenetuis von +Schildkrot, aus welchem sie eine Cigarette zog. + +»Wie steht es jetzt mit deiner Gesundheit?« frug sie ihr Bruder. + +»Wie soll es gehen; die Nerven sind stets dieselben.« + +»Nicht wahr, ziemlich gut?« sagte Stefan Arkadjewitsch, bemerkend, daß +Lewin das Porträt betrachtete. + +»Ich habe noch nie ein besseres Porträt gesehen.« + +»Und ziemlich ähnlich, nicht wahr?« sagte Workujeff. + +Lewin schaute vom Porträt auf das Original. Ein eigentümlicher Glanz +erleuchtete das Antlitz Annas, während sie seinen Blick auf sich ruhen +fühlte. Lewin errötete, und wollte, um seine Verlegenheit zu verbergen, +fragen, ob es schon längere Zeit her sei, daß sie Darja Aleksandrowna +gesehen habe, doch im selben Augenblick begann Anna: + +»Ich habe mit Iwan Petrowitsch soeben von den letzten Gemälden +Waschtschenkoffs gesprochen. Habt Ihr sie gesehen?« + +»Ja, ich habe sie gesehen,« antwortete Lewin. + +»Doch entschuldigt, ich habe Euch unterbrochen, Ihr wolltet sagen« -- + +Lewin frug, ob sie vor längerer Zeit Dolly gesehen hätte. + +»Gestern war sie bei mir; sie ist wegen Grischa sehr schlecht auf das +Gymnasium zu sprechen. Der Lehrer im Lateinischen scheint es, ist +ungerecht gewesen gegen ihn.« + +»Ich habe die Bilder gesehen; sie haben mir sehr gefallen,« wandte sich +Lewin zu dem von ihr begonnenen Gespräch zurück. + +Lewin sprach jetzt ganz und gar nicht mehr von jener handwerksmäßigen +Stellung zum Gegenstande, aus der er am Morgen gesprochen hatte. Jedes +Wort der Unterhaltung mit ihr erhielt eine eigentümliche Bedeutung. +Schon mit ihr reden war ihm angenehm, noch angenehmer aber, ihr +zuzuhören. + +Anna sprach nicht nur natürlich, und klug, sondern auch klug und ohne +Zwang, ohne ihren Gedanken Wert beizulegen, während sie den Ideen des +anderen großes Gewicht beilegte. + +Das Gespräch drehte sich um die neue Richtung in der Kunst, um die neue +Illustration der Bibel durch einen französischen Künstler. Workujeff +zieh den Künstler eines Realismus, der bis zur Derbheit ging. Lewin +sagte, daß die Franzosen das Abstrakte in der Kunst entwickelt hätten +wie niemand, und sie daher ein besonderes Verdienst in der Rückkehr zum +Realismus erblickten. Schon darin, daß sie nicht mehr lögen, sähen sie +Poesie. + +Noch nie hatte Lewin etwas Vernünftiges, was er je einmal gesagt +haben mochte, so viel Vergnügen gemacht, als dies. Das Gesicht Annas +erglänzte plötzlich über und über, als sie diesen Gedanken momentan +abwog. Sie begann zu lächeln. + +»Ich lache,« sagte sie, »wie man lacht, wenn man ein sehr ähnliches +Porträt sieht. Das, was Ihr sagtet, charakterisiert jetzt vollkommen +die französische Kunst, wie sie jetzt ist, die Malerei, und selbst die +Litteratur; Zola, Daudet. Doch ist es vielleicht stets so, daß man +seine =conceptions= aus erdachten, abstrakten Gestalten konstruiert, +dann aber, nachdem alle =combinaisons= ausgeführt sind, die von +erdachten Gestalten langweilen und man beginnt, natürlichere wahrhafte +Gestalten auszusinnen.« + +»Das ist vollkommen richtig,« sagte Workujeff. + +»Ihr waret wohl im Klub?« wandte sie sich zu ihrem Bruder. + +»Ja, das ist ein Weib!« dachte Lewin, sich ganz vergessend und +unverwandt in ihr schönes, bewegliches Gesicht blickend, welches sich +jetzt plötzlich vollkommen verändert hatte. Lewin hörte nicht, wovon +sie sprach, indem sie sich zu ihrem Bruder gewandt hatte, er war +betroffen von der Veränderung ihres Ausdrucks. Vorher so herrlich in +seiner Ruhe, drückte ihr Gesicht plötzlich eine seltsame Neugier, Zorn +und Stolz aus. Doch dies währte nur eine Minute. Dann blinzelte sie, +als denke sie an Etwas. + +»Nun ja, dies ist aber doch für niemand von Interesse,« sagte sie und +wandte sich zu der kleinen Engländerin. + +»=Please, order the tea in the drawing-room=.« + +Das kleine Mädchen erhob sich und ging hinaus. + +»Nun; hat sie das Examen bestanden?« frug Stefan Arkadjewitsch. + +»Vorzüglich. Es ist ein sehr beanlagtes Mädchen und ein liebenswerter +Charakter.« + +»Und die Sache wird damit enden, daß du sie mehr liebst, als dein +eigenes Kind.« + +»So spricht ein Mann. In der Liebe giebt es kein mehr oder weniger; +ich liebe meine Tochter mit einer bestimmten, dieses Mädchen mit einer +anderen Liebe.« + +»Ich sage eben zu Anna Arkadjewna,« sagte Workujeff, »daß sie, wenn sie +auch nur ein Hundertstel der Energie, welche sie für diese Engländerin +einsetzt, auf das gemeinsame Werk der russischen Kindererziehung +verwendete, eine große, nützliche That vollbrächte.« + +»Ja, das was Ihr da wollt, konnte ich nicht. Graf Aleksey Kyrillowitsch +hat mich lebhaft ermuntert« -- indem sie die Worte »Graf Aleksey +Kyrillowitsch« aussprach, schaute sie schüchtern fragend Lewin an, +welcher ihr unwillkürlich mit einem ehrerbietigen und bestätigenden +Blicke antwortete, »mich mit dem Dorfschulwesen zu befassen. Ich +kümmerte mich mehrmals darum; die Schulen sind mir sehr wert, aber ich +vermochte es nicht, mich der Sache zu widmen. Ihr sprecht von Energie? +Die Energie beruht auf der Liebe, und die Liebe läßt sich nicht irgend +woher nehmen, nicht anbefehlen. So habe ich dieses Mädchen da lieb +gewonnen, ohne selbst zu wissen, weshalb.« + +Sie blickte wiederum Lewin an; ihr Lächeln, ihr Blick, alles sagte ihm, +daß sie an ihn nur ihre Worte richte, seine Meinung würdige, und dabei +im voraus wisse, daß sie sich gegenseitig verstanden. + +»Ich begreife das vollkommen,« antwortete Lewin, »für die Schule +und überhaupt für ähnliche Einrichtungen läßt sich nicht das Herz +einsetzen, und ich glaube, daß eben infolge dessen diese humanistischen +Einrichtungen stets so geringe Resultate erzielen.« + +Anna schwieg eine Weile, dann lächelte sie. »Ja, ja,« bestätigte sie, +»ich habe das nie vermocht. =Je n'ai pas le coeur assez large=, um ein +ganzes Bewahrungshaus voller häßlicher kleiner Mädchen lieb haben zu +können. =Cela ne m'a jamais réussi=. Es giebt jedoch so viele Frauen, +welche sich hieraus eine =position sociale= begründet haben. Und +jetzt,« sprach sie mit trauerndem, zutraulichem Ausdruck, äußerlich zu +ihrem Bruder gewendet, augenscheinlich aber nur zu Lewin: »jetzt, wo +mir eine Beschäftigung so nötig ist, kann ich es um so weniger.« + +Plötzlich finster werdend -- Lewin nahm wahr, daß sie es über sich +selbst wurde, weil sie über sich gesprochen hatte -- veränderte sie +aber das Thema. + +»Ich weiß von Euch,« sagte sie zu Lewin, »daß Ihr ein schlechter Bürger +seid, und ich habe Euch doch verteidigt, so gut ich es verstand.« + +»Wie habt Ihr mich denn verteidigt?« + +»Bezüglich gewisser Angriffe. Indessen, ist nicht ein wenig Thee +gefällig?« Sie erhob sich und nahm ein in Saffian gebundenes Buch zur +Hand. + +»Gebt mir dasselbe, Anna Arkadjewna,« sagte Workujeff, auf das Buch +zeigend, »es ist recht wohl wert.« + +»O nein; es ist noch so ungefeilt.« + +»Ich habe ihm davon gesagt,« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an seine +Schwester, auf Lewin deutend. + +»Das hast du unnötigerweise gethan. Meine Schrift ist so nach Art jener +Körbchen und Schnitzereien, die mir die Lisa Marzalowa aus den Ostrogs +bisweilen verkaufte. Sie besuchte in seiner Gesellschaft die Ostrogs. +Die Unglücklichen haben da Wunder an Geduldsproben geleistet.« + +Lewin entdeckte einen neuen Zug an diesem Weibe, das ihm so +außerordentlich gefiel. Außer Verstand, Grazie und Schönheit besaß +sie auch Treuherzigkeit. Sie wollte vor ihm all das Drückende ihrer +Lage gar nicht verheimlichen; und als sie dies gesagt hatte, seufzte +sie, und ihr Gesicht, welches plötzlich einen strengen Ausdruck +annahm, hatte sich gleichsam versteinert. Mit diesem Ausdruck auf +den Zügen aber war sie noch schöner als vorher, doch derselbe war ein +fremdartiger; er stand außerhalb dieses von Glück schimmernden, Glück +erzeugenden Kreises von Ausdrücken, wie sie von dem Künstler auf dem +Porträt aufgefangen worden waren. Lewin blickte noch einmal auf das +Bild und auf ihre Gestalt, wie sie, den Arm des Bruders nehmend, mit +diesem durch die hohe Thür schritt, und er empfand eine Zärtlichkeit +und ein Mitleid mit ihr, das ihn selbst in Erstaunen versetzte. + +Sie hatte Lewin und Workujeff gebeten, in den Salon zu treten, während +sie selbst zurückgeblieben war, um mit dem Bruder über Etwas zu +sprechen. + +»Spricht sie von ihrer Ehescheidung, von Wronskiy, oder darüber, was er +im Klub macht, oder von mir?« dachte Lewin, und die Frage, was sie mit +Stefan Arkadjewitsch besprechen möchte, versetzte ihn so in Aufregung, +daß er fast gar nicht vernahm, was ihm Workujeff über die Vorzüge des +von Anna Arkadjewna geschriebenen Kinderromans erzählte. + +Beim Thee wurde das nämliche, so angenehme, gehaltvolle Gespräch +fortgesetzt. Es gab nicht nur keine einzige Minute, während welcher man +nach einem Stoff für die Unterhaltung hätte suchen müssen, sondern im +Gegenteil war fühlbar, daß man nur aussprach, was man sagen wollte, um +sogleich bereitwillig innezuhalten und zu hören, was der andere sagte. +Alles aber, was man auch sprechen mochte, sagte sie es nun selbst, oder +Workujeff, oder Stefan Arkadjewitsch, alles erhielt wie Lewin schien, +dank ihrer Aufmerksamkeit und ihren Bemerkungen, ein eigenartiges +Gewicht. + +Das interessante Gespräch verfolgend, versenkte sich Lewin während der +ganzen Zeit in ihren Anblick und in ihre Schönheit, ihren Geist, ihre +Bildung, und zugleich in ihre Natürlichkeit und Innerlichkeit. Mochte +er zuhören oder reden, fortwährend dachte er an sie, an ihr inneres +Leben, und bemühte sich, ihre Empfindungen zu erraten. + +Er, der sie früher so streng verurteilt hatte, er rechtfertigte sie +jetzt nach einem seltsamen Gedankengang, bemitleidete sie zugleich, und +fürchtete, daß Wronskiy sie nicht vollkommen verstehen möchte. In der +elften Stunde, als Stefan Arkadjewitsch sich erhob, um vorzufahren -- +Workujeff war schon zeitiger aufgebrochen -- schien es Lewin, als sei +er soeben erst angekommen. Nur ungern stand er gleichfalls auf. + +»Lebt wohl,« sagte sie, seine Hand festhaltend und ihm mit anziehendem +Blick ins Auge schauend; »ich freue mich recht sehr, =que la glace est +rompue=.« Sie ließ seine Hand los und blinzelte mit den Augen. »Teilt +Eurer Gattin mit, daß ich sie noch so lieb habe wie früher, und daß +ich, wenn sie mir meine Situation nicht vergeben kann, wünsche, sie +möge mir niemals verzeihen. Um vergeben zu können, muß man durchleben, +was ich durchlebt habe, und davor behüte sie der Himmel.« + +»Ich werde es sicher ausrichten,« sagte Lewin errötend. + + + 11. + +»Welch ein bewundernswertes, liebenswertes und beklagenswertes Weib,« +dachte er, als er mit Stefan Arkadjewitsch in die kalte Luft hinaustrat. + +»Nun, was sagst du? Ich hatte dir schon gesagt,« begann Stefan +Arkadjewitsch, welcher sah, daß Lewin vollständig besiegt war. + +»Ja,« versetzte dieser gedankenvoll, »ein ungewöhnliches Weib! Nicht +nur, daß sie Verstand besitzt, sie ist auch wunderbar innig. Mir thut +sie außerordentlich leid.« + +»Jetzt wird ja wohl, so Gott will, bald alles in Ordnung sein. Man muß +nur nicht zu früh richten,« sagte Stefan Arkadjewitsch, die Wagenthür +öffnend; »entschuldige, wir haben doch nicht einen Weg.« + +Fortwährend an Anna denkend, an alle die so einfachen Gespräche, welche +mit ihr gepflogen worden waren, und sich dabei alle Einzelheiten ihres +Gesichtsausdrucks ins Gedächtnis zurückrufend, mehr und mehr in ihre +Lage eindringend und Mitleid mit ihr empfindend, fuhr Lewin nach Hause. + + * * * * * + +Daheim berichtete ihm Kusma, daß Katharina Aleksandrowna sich wohl +befinde, sowie, daß die Schwestern nicht lange erst weggefahren wären, +und überreichte zwei Briefe. + +Lewin las dieselben gleich an Ort und Stelle, im Vorzimmer, um sich +später nicht davon ablenken lassen zu müssen. Der eine Brief war von +Sokoloff, seinem Verwalter. Sokoloff schrieb, daß der Weizen nicht +verkauft werden könne, da man nur fünf und einen halben Rubel gebe, +und ein höheres Gebot nirgends zu erlangen sei. Der andere Brief war +von seiner Schwester. Dieselbe machte ihm Vorwürfe darüber, daß ihre +Angelegenheit noch immer nicht erledigt sei. + +»Nun; so werden wir für fünfeinhalb verkaufen, wenn man nicht +mehr geben will,« entschied Lewin sofort mit einer ungewöhnlichen +Leichtfertigkeit die erste Frage, die ihm früher so schwierig +erschienen war. »Wunderbar, wie hier die Zeit stets in Anspruch +genommen ist,« dachte er bei dem zweiten Briefe. Er fühlte sich +schuldig der Schwester gegenüber, weil er bis jetzt nicht erledigt +hatte, worum sie ihn gebeten. »Ich bin heute wieder nicht aufs +Gericht gekommen, aber es war heute auch, als hätte man nicht die +geringste Zeit.« Nachdem er beschlossen hatte, es morgen entschieden +zur Ausführung zu bringen, begab er sich zu seiner Gattin. Auf dem +Wege zu ihr ging er noch einmal schnell in der Erinnerung den ganzen +Tag durch, so wie er ihn verbracht hatte. Alle Erlebnisse des Tages +bestanden in Gesprächen -- Gesprächen, welche er angehört und an denen +er teilgenommen hatte. + +Alle Gespräche hatten von Dingen gehandelt, mit denen er sich, hätte +er allein und auf dem Lande gelebt, nie würde beschäftigt haben, die +aber hier sehr interessant waren. Alle diese Gespräche waren auch gut +gewesen; nur in zwei Punkten nicht so ganz. Der eine betraf das, was er +von dem Hechte gesagt hatte, der andere, daß ihm Etwas »nicht richtig« +vorkam in dem zarten Mitgefühl, welches er für Anna empfand. + +Lewin fand sein Weib verstimmt und gelangweilt. Die Tafel der drei +Schwestern hatte sich ganz heiter gestaltet, dann aber hatte man +auf ihn gewartet und gewartet, alles begann sich zu langweilen, die +Schwestern fuhren von dannen und sie war allein zurückgeblieben. + +»Nun, was hast du denn gemacht?« frug sie, ihm in die Augen blickend, +welche ein wenig verdächtig glänzten. Um ihn nicht zu hindern, alles zu +erzählen, verbarg sie jedoch ihre Wahrnehmung und hörte mit billigendem +Lächeln seiner Erzählung zu, wie er den Abend verlebt hatte. + +»Nun, ich freute mich sehr, daß ich Wronskiy begegnet bin. Ich habe +mich recht wohl und unbefangen in seiner Gesellschaft gefühlt. Du +begreifst, daß ich mich jetzt bemühen werde, ihn nie wieder zu sehen; +aber diese peinliche Situation mußte doch ihr Ende erreichen,« sprach +er, dachte daran, daß er »sich bemühend, ihn nie wieder zu sehen«, +sogleich darauf zu Anna gefahren war, und errötete. »Da reden wir, daß +das Volk trinkt; ich weiß nicht, wer mehr trinkt, das Volk oder unsere +Gesellschaft; das Volk thut es wenigstens nur an Feiertagen, aber« -- + +Kity interessierte indessen die Betrachtung, wie das Volk trinke, +nicht. Sie hatte gesehen, daß er rot geworden war, und wünschte zu +wissen, warum. + +»Nun, und wo warest du dann?« + +»Stefan bat mich aufs Dringendste, mit zu Anna Arkadjewna zu fahren.« + +Lewin hatte dies kaum gesagt, als er noch mehr errötete, und seine +Zweifel darüber, ob er gut oder übel daran gethan habe, zu Anna zu +fahren, waren endgültig entschieden. Er wußte jetzt, daß es nicht +gerade nötig gewesen war, dies zu thun. + +Die Augen Kitys öffneten sich eigentümlich weit und blitzten auf +bei dem Namen Annas, doch sich selbst bezwingend, verbarg Kity ihre +Aufregung und täuschte ihn. + +»Ah,« sagte sie nur. + +»Du wirst wohl nicht ungehalten sein, daß ich dahin gefahren bin. +Stefan bat mich und Dolly wünschte es,« fuhr Lewin fort. + +»O nein,« sagte sie, doch in ihren Augen las er ihre Anstrengung über +sich selbst, die ihm nichts Gutes verhieß. + +»Sie ist sehr liebenswürdig, sehr, sehr beklagenswert, ein gutes Weib,« +sagte er, von Anna erzählend, von ihren Beschäftigungen und von dem, +was sie ihm auszurichten befohlen hatte. + +»Ja, natürlich, sie ist sehr beklagenswert,« sagte Kity, nachdem er +geendet hatte. »Von wem hast du einen Brief erhalten?« + +Er gab ihr Bescheid, und ging, der Ruhe in ihrem Tone vertrauend, sich +auszukleiden. + +Als er zurückkehrte, fand er Kity noch in demselben Sessel sitzend. +Nachdem er zu ihr hingetreten war, blickte sie ihn an und brach in +Thränen aus. + +»Was ist? Was ist denn?« frug er, schon vorher den Grund kennend. + +»Du hast dich verliebt in dieses abscheuliche Weib; sie hat dich +bestrickt. Ich seh es an deinen Augen! Ja, ja; was soll daraus werden? +Du hast im Klub getrunken, getrunken, gespielt und dann bist du zu ihr +gefahren. Zu wem? Nein; wir reisen ab! Morgen reise ich ab!« + +Lewin vermochte lange nicht, sein Weib zu beruhigen. Endlich hatte er +sie indessen beschwichtigt, jedoch nur dadurch, daß er eingestand, daß +das Gefühl des Mitleids im Verein mit dem Weine ihn verleitet habe, +und daß er dem hinterlistigen Einfluß Annas unterlegen sei, diese aber +fortan meiden werde. + +Ein Umstand, welchen er am Aufrichtigsten eingestand, war der, daß er, +so lange schon in Moskau, lediglich durch diese Unterhaltung, das Essen +und Pokulieren um seine klare Vernunft gekommen sei. + +So sprachen sie bis drei Uhr nachts, und erst um drei Uhr hatten sie +sich so weit versöhnt, daß sie Schlaf fanden. + + + 12. + +Nachdem Anna ihre Gäste hinausgeleitet hatte, begann sie, ohne wieder +Platz zu nehmen, im Gemach auf und abzuschreiten. Obwohl sie unbewußt +-- wie sie in letzter Zeit in ihrem Verhalten jungen Männern gegenüber +stets gethan -- den ganzen Abend alles Mögliche versucht hatte, in +Lewin die Empfindung der Liebe für sie zu erwecken, obwohl sie wußte, +daß sie dies auch erreicht habe, so weit es eben in ihrem Verhältnis +einem ehrenhaften verheirateten Manne gegenüber und für einen einzigen +Abend möglich gewesen war -- obwohl auch er selbst ihr sehr gefallen +hatte (trotz des scharfen Kontrastes, welcher vom Gesichtspunkt des +Mannes aus zwischen Wronskiy und Lewin bestand, sah sie als Weib in +beiden ganz ebenso das Gemeinsame, wodurch Kity Wronskiy wie Lewin +liebgewonnen hatte), dachte sie nicht mehr seiner, sobald er das Zimmer +verlassen hatte. + +Einundderselbe Gedanke verfolgte sie unablässig in verschiedenen +Gestalten: »Wenn ich so auf andere wirke, auf diesen häuslichen, +liebenden Mann, wie kommt es da, daß er so kalt ist gegen mich? Oder +vielmehr, nicht daß er kalt wäre, er liebt mich, ich weiß es; aber +etwas Fremdartiges trennt uns jetzt! Wie kommt es, daß er den ganzen +Abend nicht hier ist? Er hat mir durch Stefan sagen lassen, daß er +Jaschwin nicht verlassen könne und dessen Spiel verfolgen müsse. Was +für ein Kind ist dieser Jaschwin? Aber gesetzt, es wäre wirklich so +-- er spricht ja nie die Unwahrheit -- so liegt in dieser Wahrheit +doch etwas anderes! Er freut sich über die Gelegenheit, mir zeigen zu +können, daß er auch noch andere Verpflichtungen hat. Ich weiß das, und +bin damit einverstanden. Aber weshalb muß er mir dies zeigen? Er will +mir beweisen, daß seine Liebe zu mir nicht seine Freiheit hemmen darf! +Aber ich brauche keine Beweise, sondern Liebe! Er hätte wohl all das +Drückende dieses meines Lebens in Moskau begreifen müssen; lebe ich +denn? Ich lebe nicht, ich erwarte eine Lösung, die sich mehr und mehr +hinauszieht. Wieder keine Antwort! Stefan sagt, er könne sich nicht zu +Aleksey Aleksandrowitsch begeben. Ich kann aber doch nicht nochmals +schreiben. Ich kann nichts thun, nichts anfangen, nichts ändern; ich +halte mich ruhig zurück, warte ab, indem ich mir Zeitvertreib ersinne +-- wie die Familie des Engländers, die Schriftstellerei und Lektüre -- +und doch ist das alles nur eine Täuschung, alles das ist das nämliche +Morphium! Er müßte mich beklagen,« sprach sie und fühlte, wie ihr die +Thränen des Jammers über sich selbst in die Augen traten. + +Da vernahm sie das jähe Läuten Wronskiys und wischte eilig diese +Thränen ab. Sie wischte nicht nur ihre Thränen weg, sie setzte sich +noch zur Lampe und schlug ein Buch auf, sich den Anschein der Ruhe +gebend. Galt es doch, ihm zu zeigen, daß sie mißgestimmt sei, weil er +nicht zurückgekehrt war, wie er versprochen hatte -- nur mißgestimmt; +aber nimmermehr wollte sie ihm ihren Schmerz zeigen, oder gar etwa ihr +Mitleid mit sich selbst. + +Sie durfte wohl Mitleid haben mit sich selbst, nicht aber er mit ihr. +Sie wollte keinen Hader, sie machte ihm einen Vorwurf daraus, daß er zu +streiten wünschte, und doch geriet sie unwillkürlich in streitlustige +Stimmung. + +»Du hast dich doch nicht gelangweilt?« sagte er, lebhaft und heiter zu +ihr kommend. »Welch eine furchtbare Leidenschaft -- das Spiel.« -- + +»Nein; ich habe mich nicht gelangweilt und habe schon seit langem +gelernt, mich nicht zu langweilen. Stefan und Lewin waren hier.« + +»Ja wohl; sie wollten zu dir fahren. Nun, wie hat dir Lewin gefallen?« +sprach er, sich neben ihr niederlassend. + +»Sehr gut. Sie sind nicht lange erst weggefahren. Was hat Jaschwin +gemacht?« + +»Er war im Gewinnen; siebzehntausend Rubel. Ich rief ihn zu mir, er war +vollkommen einverstanden, schon aufzubrechen, kehrte aber wieder um und +verspielt jetzt.« + +»Weshalb bist du denn dann geblieben?« frug sie, plötzlich die Augen +zu ihm erhebend. Der Ausdruck ihres Gesichts war kalt und feindselig, +»du hast Stefan gesagt, du wolltest bleiben, um Jaschwin mit zu dir zu +nehmen, und hast ihn doch verlassen.« + +Der nämliche Ausdruck kalter Kampfbereitschaft drückte sich auch auf +seinem Antlitz aus. + +»Erstens habe ich ihn in keiner Weise gebeten, dich von etwas zu +benachrichtigen, zweitens spreche ich nie die Unwahrheit. Die +Hauptsache ist, ich wollte bleiben und bin geblieben,« sagte er, +finster sprechend. »Anna, warum, warum nur das?« sprach er nach einer +Minute des Schweigens, sich zu ihr beugend und die Hand öffnend in der +Hoffnung, daß sie die ihre in sie legen werde. + +Sie freute sich über diese Aufforderung, zärtlich zu sein, aber eine +gewisse, seltsame Macht des Bösen gestattete ihr nicht, sich ihrem +Zuge zu ihm hinzugeben, gleich als ob die Ursachen zum Hader es nicht +zuließen, daß sie sich selbst überwinde. + +»Natürlich; du wolltest bleiben und bist geblieben. Du thust eben, was +du willst! Aber warum sagst du mir das? Zu welchem Zweck?« sagte sie, +immer mehr in Erregung geratend. »Macht dir denn jemand deine Rechte +streitig? Du willst in deinem Rechte sein; sei es.« + +Seine Hand schloß sich, er wandte sich ab und sein Gesicht nahm noch +mehr als vorher einen Ausdruck von Trotz an. + +»Für dich ist dies nur eine Frage des Eigensinnes,« sagte sie, ihn +unverwandt anblickend, indem sie plötzlich den Namen fand für diesen +sie in Wallung versetzenden Ausdruck seines Gesichts, »einfach des +Trotzes! Für dich giebt es nur die Frage, wirst du Sieger bleiben gegen +mich. Für mich aber« -- wieder empfand sie Mitleid mit sich selbst und +sie wäre beinahe in Thränen ausgebrochen. »Wüßtest du, um was es sich +für mich handelt! Wenn ich, so wie jetzt, fühle, daß du dich feindselig +gegen mich verhältst, thatsächlich feindselig, wüßtest du, was das für +mich bedeutet! Wenn du wüßtest, wie nahe ich in diesen Augenblicken dem +Unglück bin, wie ich mich selbst fürchte!« -- Sie wandte sich ab, ihr +Schluchzen unterdrückend. + +»Wovon sprichst du da?« sagte er, erschreckt vor dem Ausdruck ihrer +Verzweiflung, und sich wiederum zu ihr neigend, ihre Hand ergreifend +und sie küssend. »Meide ich etwa nicht den Umgang mit den Weibern?« + +»Das wäre auch noch!« sagte sie. + +»Nun sag', was ich thun soll, damit du beruhigt bist? Ich bin bereit, +alles zu thun, daß du glücklich sein möchtest,« sprach er, gerührt von +ihrer Verzweiflung, »was thue ich nicht, um dich von einem Schmerz zu +befreien, wie er dich jetzt erfüllt, Anna,« sagte er. + +»Nicht doch, nicht doch,« sprach sie, »ich weiß selbst nicht; ist +es das einsame Leben, sind es die Nerven -- nun, wir wollen nicht +weiter davon sprechen! Wie war es mit dem Rennen? Du hast mir nicht +davon erzählt?« frug sie, sich bemühend, den Triumph über den Sieg zu +verbergen, welcher nun doch auf ihrer Seite geblieben war. + +Er befahl das Abendessen und begann ihr Einzelheiten über die Rennen zu +erzählen, aber an seinem Tone, seinen Blicken, die kühler und kühler +wurden, erkannte sie, daß er ihr ihren Sieg nicht vergeben hatte, daß +jenes Gefühl des Trotzes, gegen welchen sie gekämpft hatte, wieder in +ihm erstanden war. Er war kühler gegen sie, als vorher, gleichsam als +bereute er es, sich unterworfen zu haben, während sie, an die Worte +denkend, welche ihr den Sieg verliehen hatten »ich bin nahe einem +furchtbaren Unglück und fürchte mich selbst«, erkannt hatte, daß diese +Waffe eine gefährliche war, und sie dieselbe nicht ein zweites Mal +anwenden könne. + +Sie fühlte aber auch, daß neben der Liebe, die sie beide vereinte, +zwischen ihnen der böse Geist einer Kampflust getreten war, den sie +weder aus seinem Herzen, noch viel weniger aber aus dem ihren zu +vertreiben vermochte. + + + 13. + +Es giebt keine Verhältnisse, an die sich der Mensch nicht gewöhnen +könnte; besonders wenn er sieht, daß alle, die ihn umgeben, ebenso +leben. + +Lewin hätte vor drei Monaten nicht geglaubt, daß er unter den +Verhältnissen, in denen er sich jetzt befand, ruhig einschlafen +könne; nie gedacht, daß er, indem er ein zweckloses, gehaltloses +Leben führte, welches noch dazu über seine Mittel ging, nach seinem +Rausche, -- denn anders konnte er das nicht nennen, was es im Klub +gab -- nach Anknüpfung ungereimter, freundschaftlicher Beziehungen +zu einem Manne, in welchen einst seine Frau verliebt gewesen war, +und einem noch ungereimteren Besuch bei einer Frau, die man nur als +gefallen bezeichnen konnte, sowie nach seinem Enthusiasmus für diese +Frau und der Erbitterung der Gattin -- unter solchen Verhältnissen +ruhig einschlafen könne. Allein unter dem Einfluß der Ermüdung, einer +schlaflos verbrachten Nacht und des genossenen Weines, entschlief er +sanft und selig. + +Um fünf Uhr weckte ihn das Kreischen einer geöffneten Thür. Er fuhr auf +und schaute sich um. Kity war nicht mehr im Bett neben ihm, aber hinter +der spanischen Wand bewegte sich ein Licht und er vernahm ihre Schritte. + +»Was giebt es, was giebt es?« sprach er, aus dem Schlafe auffahrend, +»Kity, was ist?« + +»Nichts,« antwortete diese, das Licht in der Hand, hinter der +Zwischenwand hervortretend. »Es war mir unwohl geworden,« sagte sie, +mit eigentümlich weichem ausdrucksvollen Lächeln. + +»Was ist? Fängt es an, fängt es an?« fuhr er erschreckt fort, »da muß +geschickt werden,« und hastig wollte er sich ankleiden. + +»Nein, nein,« sagte sie, lächelnd, und ihn mit der Hand zurückhaltend. +»Es ist augenscheinlich nicht von Bedeutung. Es war mir nur ein wenig +unwohl geworden. Jetzt aber ist es vorüber.« + +Zu ihrem Bett gehend, löschte sie wieder das Licht, legte sich nieder +und blieb still liegen. Obwohl ihm ihre Ruhe, wie die eines verhaltenen +Atmens, und mehr noch der Ausdruck einer eigenartigen Weichheit +und Aufgeregtheit an ihr, mit welchem sie, hinter der Zwischenwand +hervortretend, das »nichts« zu ihm gesagt hatte, verdächtig erschien, +verlangte es ihn doch so sehr nach Schlaf, daß er sofort wieder +einschlummerte. Erst später gedachte er dieses stillen Atmens, verstand +er da alles, was in ihrer edlen, lieben Seele damals vor sich gegangen +war, als sie, ohne sich zu rühren, in der Erwartung des wichtigsten +Ereignisses im Leben des Weibes, neben ihm gelegen hatte. + +Um sieben Uhr erweckte ihn ihre Hand, die ihn an der Schulter berührte, +sowie ein leises Flüstern. Sie kämpfte gleichsam noch zwischen dem +Bedauern, ihn wecken zu müssen und dem Wunsche, mit ihm zu sprechen. + +»Mein Konstantin, erschrick nicht. Es ist nichts. Aber nur scheint -- +wir müssen nach der Lisabetha Petrowna schicken« -- + +Das Licht wurde wieder angezündet. Sie setzte sich im Bett und hielt +ein Strickzeug in der Hand, mit welchem sie sich in den letzten Tagen +beschäftigt hatte. + +»Bitte, erschrick nicht, es ist nichts. Ich habe durchaus keine Angst,« +sprach sie, sein erschrecktes Gesicht gewahrend, und drückte seine Hand +an ihren Busen und dann an ihre Lippen. + +Eilig sprang er auf, sich selbst nicht mehr empfindend und kein Auge +von ihr wendend, zog seinen Hausrock an und blieb stehen, sie noch +immer anblickend. Er mußte gehen, konnte sich aber nicht losreißen +von ihrem Blick. Wie sehr er auch ihr Antlitz liebte, ihre Mienen +kannte, und ihren Blick, aber so hatte er sie doch noch nie gesehen! +Wie abscheulich und furchtbar erschien er jetzt sich selbst, indem +er sich ihrer gestrigen Erbitterung entsann, hier vor ihr in ihrer +Lage jetzt! Ihr gerötetes Gesicht, umgeben von dem sich unter dem +Nachthäubchen hervordrängenden, weichen Haar, schimmerte von Freude +und Entschlossenheit. So wenig Unnatürliches und Gekünsteltes auch im +allgemeinen Charakter Kitys lag, so war Lewin dennoch betroffen von +dem, was sich vor ihm jetzt enthüllte, als plötzlich alle die Schleier +abgenommen waren, und der ganze Kern ihrer Seele in ihren Augen +leuchtete. + +In dieser Einfachheit und Hüllenlosigkeit wurde sie, die, welche er +liebte, noch klarer sichtbar für ihn. Lächelnd schaute sie auf ihn, +doch plötzlich erbebten ihre Brauen, sie hob das Haupt, und schnell zu +ihm tretend, nahm sie ihn bei der Hand; sie schmiegte sich eng an ihn, +und umgab ihn mit ihrem heißen Odem. Sie litt und es war, als beklage +sie sich bei ihm über ihr Leiden. Auch ihm schien im ersten Augenblick +nach seiner Gewohnheit, als sei er schuldig, aber in ihrem Blick lag +eine Zärtlichkeit, welche sagte, daß sie ihm nicht nur keinen Vorwurf +mache, sondern ihn für diese Leiden liebe. »Wenn ich es nicht bin -- +wer trüge dann die Schuld hieran?« dachte er unwillkürlich, den Urheber +aller dieser Leiden suchend, um ihn zu strafen; aber es war kein +Schuldiger da. Sie litt, klagte und triumphierte zugleich über diese +Leiden, sie freute sich ihrer und liebte sie. Er sah, daß sich in ihrer +Seele etwas Schönes vollziehe, aber was es war? Er konnte es nicht +erfassen. Es stand über seinem Erkenntnisvermögen. + +»Ich habe zu Mama geschickt, fahre du möglichst schnell nach der +Lisabetha Petrowna -- mein Konstantin -- es ist nichts; schon vorüber« +-- Sie verließ ihn und schellte. »Also geh jetzt; Pascha kommt. Mir +fehlt nichts.« + +Mit Verwunderung sah Lewin, daß sie die Strickerei ergriff, die sie am +Abend mitgebracht hatte und von neuem zu stricken begann. + +Während Lewin durch die eine Thür hinausging, hörte er noch, wie das +Mädchen durch die andere hereintrat. Er blieb an der Thür stehen und +vernahm, wie Kity der Zofe ausführliche Anweisungen erteilte, und mit +ihr selbst das Bett zu rücken begann. + +Er kleidete sich an und eilte, bis man die Pferde angespannt haben +würde -- ein Mietgeschirr war noch nicht zu haben -- wieder nach dem +Schlafzimmer, nicht auf den Fußspitzen, sondern auf Flügeln wie ihm +schien. + +Zwei Mädchen räumten geschäftig um im Schlafzimmer; Kity selbst ging +umher und strickte, schnell die Maschen werfend und Anordnungen dabei +treffend. + +»Ich werde sogleich zum Arzte eilen. Nach der Lisabetha Petrowna ist +man gefahren; ich aber will erst noch hin, ist nicht noch etwas nötig? +Soll ich zu Dolly?« + +Sie blickte ihn an, offenbar ohne zu hören, was er sprach. + +»Ja, ja. Geh,« sprach sie schnell, sich verfinsternd und ihm mit der +Hand zuwinkend. Er war schon in den Salon hinaus, als plötzlich ein +klägliches, sogleich wieder verstummendes Stöhnen aus dem Schlafzimmer +ertönte. Er blieb stehen und konnte lange nicht verstehen. + +»Ja; das war sie,« sagte er zu sich selbst und lief, sich nach dem +Kopfe greifend, hinab. »Gott erbarme dich! Vergieb mir und steh' mir +bei!« stammelte er mit Worten, die gleichsam plötzlich und unerwartet +ihm über die Lippen kamen. Er, der da nicht glaubte, wiederholte diese +Worte nicht nur mit dem Munde allein. Jetzt, in dieser Minute erkannte +er, daß nicht nur alle seine Zweifel, sondern auch die Unmöglichkeit, +aus Verstandesgründen zu glauben, die er in sich selbst wahrgenommen +hatte, ihn keineswegs daran verhinderten, sich an Gott zu wenden. Alles +das flog ihm jetzt wie Staub von seiner Seele herunter. An wen sollte +er sich wenden, wenn nicht an den, in dessen Händen er sich fühlte, +seine Seele und seine Liebe? + +Das Pferd war noch nicht fertig, und so eilte er im Gefühl +einer eigentümlichen Spannung seiner physischen Kräfte und +Wahrnehmungsfähigkeit für das, was er zu thun hatte, damit nicht eine +Minute verloren ging -- ohne auf das Pferd zu warten -- zu Fuß hinweg +und befahl Kusma, ihm nachzukommen. An der Ecke traf er auf eine +daherjagende Nachtdroschke. In einem kleinen Schlitten, mit kurzem +Sammetpelzmantel und in ein Umschlagtuch gewickelt, saß Lisabetha +Petrowna. + +»Gott sei Dank, Gott sei Dank!« sagte er, mit Entzücken sie und ihr +kleines blondes Gesicht, welches jetzt einen eigentümlich ernsten, +sogar strengen Ausdruck hatte, erkennend. Ohne dem Kutscher zu +befehlen, anzuhalten, rannte er neben ihr wieder mit zurück. + +»Also seit zwei Stunden? Nicht wahr?« frug sie, »Ihr werdet Peter +Dmitrjewitsch schon treffen, aber drängt ihn nur nicht! Nehmt auch +Opium aus der Apotheke mit.« + +»So denkt Ihr also, daß es glücklich geht? Gott erbarme sich und steh' +mir bei!« sagte Lewin, welcher jetzt sein aus dem Thor herauskommendes +Geschirr erblickte. Zu Kusma in den Schlitten springend, befahl er +diesem, zum Arzt zu fahren. + + + 14. + +Der Arzt war noch nicht aufgestanden und der Diener sagte, er sei spät +zu Bett gegangen und habe nicht befohlen, ihn zu wecken, doch stehe er +bald auf. + +Der Diener putzte Lampengläser und schien davon sehr in Anspruch +genommen zu sein. Diese Aufmerksamkeit des Dieners für seine Gläser +und der Gleichmut gegenüber dem, was sich bei Lewin vollzog, setzte +diesen anfangs außer Fassung, doch erkannte er, zur Überlegung kommend +sogleich, daß ja niemand seine Empfindungen kenne, und kennen müsse, +und es daher um so notwendiger sei, ruhig zu handeln, wohlüberlegt und +entschlossen, um diese Mauer der Indifferenz zu durchbrechen und seinen +Zweck zu erreichen. + +»Eile mit Weile,« sagte Lewin zu sich selbst, mehr und mehr eine +Zunahme seiner physischen Kräfte, sowie seiner Wahrnehmungsfähigkeit +für alles das, was er zu thun hatte, verspürend. + +Nachdem er gehört, daß der Arzt noch nicht aufgestanden sei, blieb +Lewin innerhalb der verschiedenen Pläne, die in ihm erstanden, bei +dem, daß Kusma mit einem Billet zu einem andern Arzte fuhr, während +er selbst in die Apotheke nach Opium eilte; sollte aber, wenn er +zurückkäme, der Doktor noch nicht aufgestanden sein, so wollte er den +Diener bestechen oder wenn derselbe nicht einwilligte, den Arzt mit +Gewalt wecken, koste es, was es wolle. + +In der Apotheke verschloß ein dürrer Provisor mit ganz dem nämlichen +Gleichmut, mit welchem der Lakai die Gläser geputzt hatte, vermittelst +einer Oblate Pulver für einen wartenden Kutscher, und verweigerte das +Opium. Im Bestreben, nichts zu überhasten und nicht in Aufregung zu +geraten, begann Lewin, nachdem er den Namen des Arztes und der Hebamme +genannt, und erklärt hatte, wozu das Opium nötig sei, den Provisor +zu überreden. Derselbe frug in deutscher Sprache um Rat, ob er es +geben könne, und holte, nachdem er hinter einer Zwischenwand heraus +Zustimmung erhalten hatte, ein Gläschen und einen Trichter herbei, +worauf er langsam aus einem großen Gefäß in ein kleines Fläschchen goß, +einen weißen Papierstreif anklebte und siegelte. Ungeachtet der Bitte +Lewins, es nicht zu thun, wollte er das Fläschchen nochmals einwickeln. +Das konnte aber Lewin nicht mehr aushalten; entschlossen riß er dem +Manne das Fläschchen aus den Händen und stürzte zu der großen Glasthür +hinaus. + +Der Arzt war noch nicht aufgestanden, und der Diener, jetzt mit dem +Aufbreiten eines Teppichs beschäftigt, weigerte sich, ihn zu wecken. +Lewin zog ohne Überstürzung ein Zehnrubelpapier hervor, gab es ihm, mit +einigen langsam gesprochenen Worten, aber ohne Zeit zu verlieren, und +erklärte, daß Peter Dmitrjewitsch -- wie erhaben und bedeutungsvoll +erschien Lewin jetzt der vorher so unbedeutend gewesene Peter +Dmitrjewitsch -- versprochen habe, zu jeder Zeit da sein zu wollen, +und sicherlich nicht ungehalten sein werde selbst darüber, daß er ihn +sogleich wecke. + +Der Diener gehorchte, ging nach oben und lud Lewin ein, in das +Empfangszimmer zu treten. + +Lewin vermochte hinter der Thür zu hören, wie der Arzt hustete, +umherging, sich wusch und Etwas sagte. Es vergingen drei Minuten; Lewin +schien es, als wäre mehr als eine halbe Stunde vergangen. Er konnte +nicht länger warten. + +»Peter Dmitrjewitsch, Peter Dmitrjewitsch,« rief er mit beschwörender +Stimme in die geöffnete Thür hinein; »um Gottes willen, verzeiht mir, +nehmt mich heute, wie ich bin; es hat schon seit mehr als zwei Stunden +begonnen!« + +»Sofort, sofort!« antwortete eine Stimme und Lewin hörte mit Erstaunen, +daß der Arzt dies lächelnd sagte. + +»Auf eine Minute!« + +»Sogleich.« + +Es vergingen noch zwei Minuten, während deren der Arzt die Stiefel +anzog, zwei weitere, während er das Tuch umwarf und sich den Kopf +bürstete. + +»Peter Dmitrjewitsch,« begann Lewin abermals mit kläglicher Stimme, +doch gerade erschien der Arzt, angekleidet und gekämmt. »Diese Leute +haben kein Gewissen,« dachte Lewin, »sich zu kämmen, während wir +verderben!« + +»Guten Morgen!« sagte der Arzt zu ihm, die Hand hinreichend, als wollte +er ihn mit seiner Ruhe necken. »Beunruhigt Euch nicht, wie steht es?« + +Sich bemühend, so ausführlich wie möglich zu sein, begann Lewin alle +unnötigen Einzelheiten über den Zustand seiner Frau zu erzählen, seinen +Bericht unaufhörlich mit Bitten, der Arzt möchte sogleich mit ihm +kommen, unterbrechend. + +»Habt keine Angst; Ihr kennt das wohl noch nicht. Ich bin gewiß gar +nicht notwendig, habe es aber versprochen und werde kommen. Aber +Eile hat es keine. Setzt Euch doch gefälligst; ist nicht ein Kaffee +gefällig?« + +Lewin schaute ihn an, mit dem Blick fragend, ob sich der Arzt über ihn +lustig machen wolle. Doch dieser dachte gar nicht daran, zu scherzen. + +»Ich weiß schon, weiß schon,« sprach er lächelnd, »auch ich bin +Familienvater, aber wir, die Männer, sind in diesen Augenblicken doch +die beklagenswertesten Menschen. Ich habe da eine Patientin, deren Mann +in solchen Momenten stets in den Pferdestall läuft.« + +»Aber wie meint Ihr, Peter Dmitrjewitsch? Glaubt Ihr, daß alles +glücklich gehen kann?« + +»Alle Bedingungen für einen günstigen Ausgang sind vorhanden.« + +»Ihr kommt also sofort?« sagte Lewin, zornig auf den Diener blickend, +der den Kaffee brachte. + +»In einem Stündchen.« + +»Ach, nein doch, um Gottes willen!« + +»Aber dann laßt mich doch wenigstens meinen Kaffee trinken.« + +Der Arzt widmete sich dem Kaffee. Beide schwiegen. + +»Man wird die Türken doch entschieden schlagen. Habt Ihr die gestrige +Depesche gelesen?« sagte der Doktor semmelkauend. + +»Nein; ich kann nicht mehr,« rief Lewin aufspringend, »Ihr werdet also +nach Verlauf einer Viertelstunde kommen?« + +»In einer halben Stunde.« + +»Auf Ehrenwort?« + +Als Lewin wieder nach Hause kam, traf er mit der Fürstin zusammen, +und beide begaben sich zur Thür des Schlafzimmers. Die Fürstin hatte +Thränen in den Augen und ihre Hände zitterten; als sie Lewin erblickte, +umarmte sie ihn und brach in Thränen aus. + +»Nun, liebe Lisabetha Petrowna,« sagte sie, die ihnen mit hellem, +sorglichen Gesicht daraus entgegentretende Lisabetha Petrowna an der +Hand fassend. + +»Es geht gut,« sagte sie, »überredet sie nur, sich niederzulegen. Es +wird ihr dann leichter sein.« + +Seit dem Augenblick, als er erwacht war und erkannt hatte, um was es +sich handelte, hatte er sich darauf vorbereitet, ohne Erwägungen und +Vermutungen im voraus anzustellen, alle Gedanken und Gefühle in sich +verschließend, mannhaft, sein Weib nicht aus der Fassung bringend, +sondern im Gegenteil sie beruhigend und ihren Heldenmut stützend -- zu +ertragen, was ihm bevorstand. + +Ohne sich zu gestatten, nur daran zu denken, was kommen würde, und wie +das enden sollte, nur nach seinen eingehenden Erkundigungen, wie sehr +sich derartige Ereignisse gewöhnlich in die Länge zögen, urteilend, +hatte sich Lewin innerlich gefaßt gemacht, zu dulden, fünf Stunden +lang, und es hatte ihm das auch möglich geschienen. + +Als er indessen vom Arzte heimgekommen war und von neuem ihre Leiden +sah, begann er öfter und öfter zu wiederholen »Gott vergieb mir und +steh' mir bei!« und seufzend den Kopf emporzuheben, und fing an zu +befürchten, daß er dies nicht aushalten, sondern in Thränen ausbrechen, +oder davonlaufen würde. In solch qualvoller Stimmung befand er sich, +und doch war erst eine Stunde vergangen. + +Aber nach dieser Stunde verging noch eine; zwei, drei, alle fünf +Stunden vergingen, die er sich als höchste Frist seiner Geduldsprobe +gesetzt hatte, und die Situation war noch immer dieselbe; er litt +noch immer, weil sich weiter nichts thun ließ als leiden, jede Minute +denkend, er sei bis an die äußersten Grenzen der Geduld gekommen, und +das Herz müsse ihm nun von Mitleid zerrissen werden. + +Aber Minuten vergingen, Stunden, Stunden auf Stunden, und die +Empfindungen von Schmerz und Angst in ihm wuchsen und wurden noch höher +gespannt. + +Alle jene gewöhnlichen Verhältnisse im Leben, ohne die man sich +gewöhnlich nichts vorstellen kann, waren für Lewin nicht mehr +vorhanden. Er hatte das Zeitbewußtsein verloren. Jene Minuten -- jene +Minuten, da sie ihn zu sich rief und er ihre schweißbedeckte, mit +außergewöhnlicher Kraft seine Hand bald pressende, bald hinwegstoßende +Rechte hielt, schienen ihm bald Stunden, bald schienen sie ihm Minuten. +Er war verwundert, als Lisabetha Petrowna ihn bat, das Licht hinter dem +Schirm anzuzünden und als er wahrnahm, daß es bereits fünf Uhr abends +war. + +Hätte man ihm gesagt, daß es jetzt erst zehn Uhr morgens wäre, er +würde ebensowenig verwundert gewesen sein. Wo er während dieser +Zeit war, wußte er ebensowenig, wie wenn Etwas geschah. Er sah ihr +glühendes, bald verzweifeltes und leidendes, bald lächelndes und ihn +beschwichtigendes Gesicht. Er sah auch die Fürstin, rot im Gesicht, +aufgeregt, mit den aufgegangenen Locken der grauen Haare, und in +Thränen, die sie mühsam verschluckte, sich die Lippen zernagen; er +sah Dolly, den Arzt, welcher dicke Cigaretten rauchte, und Lisabetha +Petrowna mit ihrem festen, energischen und ruhigen Gesicht, sowie den +alten Fürsten, der mit finsterem Gesicht im Salon auf und abschritt. +Aber wie sie gekommen waren oder gingen, wo sie waren -- er wußte es +nicht. + +Die Fürstin war bald bei dem Arzte im Schlafzimmer, bald im Kabinett, +wo sich ein gedeckter Tisch befand; bald war sie abwesend und Dolly war +da. Dann erinnerte sich Lewin, daß man ihn fortgeschickt hatte; einmal +hatte man ihn geschickt, einen Tisch und ein Sofa zu transportieren. Er +hatte dies voll Eifers gethan, indem er meinte, es sei für sie nötig, +und erst dann erkannt, daß er sich selbst damit ein Nachtlager bereitet +hatte. Darauf sandte man ihn zum Arzt ins Kabinett, damit er nach etwas +frage. Der Arzt antwortete und begann dann von den Unordnungen in der +Duma zu sprechen. Hierauf schickte man ihn in das Schlafzimmer zur +Fürstin, derselben ein Heiligenbild in silbernem, vergoldetem Gewand +zu bringen. Er kletterte nebst der alten Kammerfrau der Fürstin auf +einen Schrank, um es zu erlangen und zerbrach dabei eine Lampe; die +Kammerfrau der Fürstin beruhigte ihn über seine Frau und über die +Lampe und er brachte das Heiligenbild und stellte es zu Häupten Kitys, +es sorgfältig hinter die Kissen steckend. Aber wo, wann und warum +alles das war, wußte er nicht. Er verstand auch nicht, weshalb ihn die +Fürstin bei der Hand nahm und ihn mit einem Blick voll Mitleid bat, +sich zu beruhigen, weshalb Dolly ihm zuredete, zu essen, und ihn aus +dem Zimmer führte, ja, selbst der Doktor ihn ernst und teilnahmsvoll +anschaute und ihm einen stärkenden Tropfen empfahl. + +Er wußte und fühlte nur, daß das, was sich jetzt vollzog, dem ähnlich +war, was sich ein Jahr vorher in dem Hotel der Gouvernementsstadt auf +dem Totenbett seines Bruders Nikolay vollzogen hatte. + +Jenes aber war ein Schmerz gewesen -- dies war eine Freude! -- Doch +sowohl jener Schmerz, wie diese Freude lagen vereinsamt außerhalb aller +gewohnten Verhältnisse des Lebens; sie bildeten in diesem gewöhnlichen +Leben gleichsam Öffnungen, durch welche etwas Höheres erschien. In ganz +gleicher Weise unergründlich, erhob sich die Seele vor der Betrachtung +dieses Höchsten auf eine Höhe, wie sie nie zuvor begriffen, und wohin +der Verstand nicht mehr reichte. + +»Gott vergieb mir und steh' mir bei,« stammelte er ohne Unterlaß, +ungeachtet der so langjährigen und ihm vollkommen erschienenen +Entfremdung, in dem Gefühl, daß er sich ganz so vertrauensselig und +naiv wieder zu Gott wende, wie in den Zeiten seiner Kindheit und ersten +Jugend. + +Während dieser ganzen Zeit herrschten in ihm zwei in sich gesonderte +Stimmungen. Die eine war vorhanden, wenn er sich nicht in der Gegenwart +seiner Frau befand; sie gruppierte sich um den Arzt, welcher eine +seiner dicken Zigaretten nach der anderen rauchte und sie dann an dem +Rande des gefüllten Aschenbechers löschte, um Dolly und den Fürsten, +von denen ein Gespräch über das Essen, über die Politik und die +Krankheit Marja Petrownas gepflogen wurde, und wo Lewin plötzlich +auf einen Moment völlig vergaß, was vorging, sich gleichsam erwacht +fühlte -- die andere herrschte in ihm, wenn er in ihrer Gegenwart war; +an ihrem Kopfkissen stand, und es ihm das Herz zerreißen wollte vor +Mitleid und doch nicht zerriß, und wo er ohne Aufhören zu Gott flehte. + +Jedesmal, wenn ihn ein aus dem Schlafzimmer zu ihm dringender Schrei +einer Minute des Vergessens wieder entriß, geriet er in den nämlichen +seltsamen Irrtum, dem er in der ersten Minute verfallen war. Jedesmal, +sobald er einen Schrei vernahm, sprang er auf und eilte, um sich zu +entschuldigen, besann sich aber unterwegs, daß er ja nicht schuld sei; +er wollte schützen, helfen. Erblickte er sie aber dann, sah er von +neuem, daß es unmöglich sei zu helfen, so geriet er in Schrecken und +sprach »Gott vergieb mir und steh mir bei.« + +Je weiter die Zeit vorrückte, um so stärker wurden diese beiden +Stimmungen; um so ruhiger wurde er, indem er seine Frau völlig vergaß, +in der Abwesenheit von ihr, um so qualvoller wurden ihm aber auch ihre +Leiden und das Gefühl der Hilflosigkeit, diesen gegenüber. Er sprang +empor, wollte fort, und lief zu ihr. + +Bisweilen, wenn sie ihn immer und immer wieder rief, machte er ihr +Vorwürfe, doch wenn er ihr ergebenes, lächelndes Antlitz gesehen, +ihre Worte gehört hatte: »Ich martere dich,« machte er Gott Vorwürfe, +gedachte er aber Gottes, so flehte er sogleich um Vergebung und +Erbarmen. + + + 15. + +Er wußte nicht, ob es spät oder früh war. Die Kerzen waren schon +sämtlich niedergebrannt. Dolly war soeben im Kabinett gewesen und hatte +dem Arzte vorgeschlagen, sich niederzulegen. + +Lewin saß, den Erzählungen des Doktors über den Charlatanismus eines +Magnetiseurs zuhörend, und schaute auf die Asche seiner Cigarette. Es +war eine Ruhepause eingetreten und er hatte sich in Gedanken verloren. +Er hatte vollständig vergessen, was jetzt vorging, hörte der Erzählung +des Arztes zu und verstand sie. Plötzlich ertönte ein mit nichts mehr +zu vergleichender Schrei. Der Schrei war so furchtbar, daß Lewin nicht +einmal aufsprang, sondern mit stockendem Atem, erschrocken fragend +den Arzt anblickte. Dieser neigte lauschend den Kopf seitwärts, und +lächelte befriedigt. Alles war so außergewöhnlich gewesen, daß Lewin +schon nichts mehr in Erstaunen versetzte. »Es muß wahrscheinlich so +sein,« dachte er und blieb sitzen. Von wem rührte der Schrei her? +Er sprang auf und eilte auf den Fußspitzen in das Schlafzimmer; er +eilte an Lisabetha Petrowna und der Fürstin vorüber und trat auf +seinen Platz zu Häupten. Der Schrei war verstummt, aber es ging jetzt +eine Veränderung vor sich. Was es war -- das sah und erkannte er +nicht, wollte er auch weder sehen, noch erkennen. Aber er nahm diese +Veränderung wahr an dem Gesicht Lisabetha Petrownas, welches streng und +bleich, noch immer so energisch war, obwohl ihre Kinnbacken bisweilen +leise bebten und ihre Augen unverwandt auf Kity gerichtet waren. + +Das glühende, erschöpfte Antlitz Kitys mit dem am schweißbedeckten +Gesicht klebenden Haargewirr war ihm zugewendet und suchte seinen +Blick. Ihre erhobenen Arme verlangten nach den seinen, und mit ihren +schweißbedeckten Händen die seinen, welche kalt waren, fassend, drückte +sie dieselben an ihr Gesicht. + +»Geh' nicht von mir, geh' nicht von mir! Ich habe keine Angst, ich habe +keine Angst!« sprach sie rasch. »Mama, nehmt mir die Ohrringe weg, +sie stören mich. Hast du auch keine Angst? -- Bald, bald, Lisabetha +Petrowna!« -- + +Sie sprach schnell, schnell, und wollte lächeln, aber plötzlich +verzerrte sich ihr Gesicht und sie stieß ihn von sich. + +»Nein, das ist furchtbar! Ich sterbe, sterbe! Komm her, komm her!« +schrie sie auf, und wieder ertönte der nämliche, mit nichts zu +vergleichende Schrei. + +Lewin griff sich nach dem Kopfe und stürzte aus dem Zimmer hinaus. + +»Es ist nichts, nichts; alles geht gut!« rief Dolly ihm nach. + +Doch was man auch sagen mochte, er wußte, daß jetzt alles verloren +war. Den Kopf gegen die Oberschwelle der Thür gelehnt, stand er im +Nebenzimmer und vernahm ein von ihm noch nie gehörtes Wimmern und +Schreien; er erkannte, das jetzt ein Wesen schrie, welches früher Kity +gewesen war. Ein Kind hatte er nicht gewünscht. Er haßte jetzt dieses +Kind, ja wünschte jetzt nicht einmal dessen Leben, sondern nur die +Abkürzung dieser entsetzlichen Leiden. + +»Doktor! Was ist das! Was ist das; mein Gott!« sagte er, den +eintretenden Arzt am Arme packend. + +»Es geht zu Ende,« sagte der Arzt; sein Gesicht war so ernst, als er +dies sagte, daß Lewin dieses »es geht zu Ende« in dem Sinne auffaßte, +als ob sie stürbe. + +Nicht mehr bei Sinnen, rannte er in das Schlafzimmer. Das erste, was +er hier erblickte, war das Gesicht Lisabetha Petrownas. Es war noch +finstrer und ernstrer geworden. Das Gesicht Kitys war nicht da. An +der Stelle, wo es vorher gewesen, lag etwas Entsetzenerregendes, nach +dem Ausdruck von Anstrengung und den Tönen die von dorther kamen, zu +urteilen. Er fiel mit dem Kopfe auf die Bettstelle, und fühlte, wie es +ihm das Herz zerriß. Das furchtbare Schreien verstummte nicht mehr, +es wurde noch furchtbarer und, als wäre es bis zur höchsten Grenze +des Entsetzlichen gelangt -- verstummte es plötzlich. Lewin traute +seinen Ohren nicht, aber es war nicht zu bezweifeln; das Schreien war +verstummt und man hörte jetzt ein leises Geräusch und schnelles Atmen, +sowie ihre sich losringende, lebhafte, milde und glückselige Stimme die +ein leises »vorbei« hervorbrachte. + +Er hob den Kopf. Kraftlos die Hand auf die Bettdecke sinken lassend, +schaute sie ihn, seltsam schön und still, wortlos an; sie wollte +lächeln, vermochte es aber nicht, und plötzlich fühlte sich Lewin +aus jener geheimnisvollen und furchtbaren, überirdischen Welt, in +der er die letzten zweiundzwanzig Stunden gelebt hatte, in die +frühere, gewohnte zurückversetzt, die ihm jetzt jedoch in solch neuem +Glanze von Glück erschien, daß er ihn nicht ertragen konnte. Die +gespannt gewesenen Saiten waren sämtlich gerissen. Schluchzen und +Freudenthränen, die er nimmermehr vorausgesehen hätte, stiegen in ihm +mit solcher Gewalt, seinen ganzen Körper erschütternd, auf, daß sie ihn +lange Zeit am Sprechen verhinderten. + +Auf die Kniee niederfallend vor dem Bett, hielt er die Hand seines +Weibes an seine Lippen und küßte sie, und diese Hand antwortete seinen +Küssen mit einer schwachen Bewegung der Finger. Währenddem aber +bewegte sich unten, zu Füßen des Bettes, in den gewandten Händen der +Lisabetha Petrowna, wie ein Flämmchen aus dem Leuchter, ein lebendiges +menschliches Wesen hin und her, welches früher nie gewesen war, nun +aber mit dem gleichen Rechte, mit der nämlichen Bedeutung für sich +selbst, leben sollte und seinesgleichen zeugen. + +»Es lebt, es lebt! Und noch dazu ein Junge! Fürchtet nichts!« hörte +Lewin die Stimme der Lisabetha Petrowna, die mit der zitternden Hand +klatschend den Rücken des Kindes schlug. + +»Mama, ist es wahr?« sagte die Stimme Kitys. + +Nur das Schluchzen der Fürstin antwortete ihr. + +Inmitten des Schweigens aber ertönte, wie eine unbegreifbare Antwort +auf die Frage an die Mutter, eine Stimme, die vollkommen verschieden +war von den Stimmen, welche verhalten im Zimmer sprachen. Es war der +kecke, dreiste, unbekümmerte Schrei eines neuen menschlichen Wesens, +das auf unbegreiflichem Wege erschienen ist. + +Hätte man Lewin früher gesagt, daß Kity einmal sterben werde und er +mit ihr zusammen, und daß ihre Kinder Engel würden und Gott dann bei +ihnen sein werde -- er hätte sich über nichts gewundert; jetzt aber, +in die Welt der Wirklichkeit zurückversetzt, machte er die größten +Anstrengungen im Denken, um zu begreifen, daß sie noch lebte, gesund +sei, und daß jenes verzweifelt wimmernde Wesen sein Sohn sei. + +Kity lebte, ihre Leiden waren vorüber, und er war unsagbar glücklich. +Das erkannte er, und er war vollkommen glücklich darüber. Aber das +Kind? Woher kam es, warum war es und was war es? Er vermochte sich +durchaus nicht an diesen Gedanken zu gewöhnen; es erschien ihm aber +auch durch irgend einen Umstand, an den er sich nicht gewöhnen konnte, +überflüssig, überzählig. + + + 16. + +In der zehnten Stunde saßen der alte Fürst, Sergey Iwanowitsch und +Stefan Arkadjewitsch bei Lewin. Nachdem man über die Wöchnerin +gesprochen hatte, unterhielt man sich auch über nebensächliche Dinge. + +Lewin hörte ihnen zu und dachte unwillkürlich bei diesen Gesprächen +der Vergangenheit, dessen, was bis zum heutigen Morgen geschehen war; +er vergegenwärtigte sich auch, wie er sich noch gestern dazu gestellt +hatte. Es war ihm, als seien seit dieser Zeit hundert Jahre vergangen. +Er fühlte sich auf einer gewissen unzugänglichen Höhe, von welcher +er sich vorsorglich herabließ, um diejenigen nicht zu verletzen, mit +denen er sprach. Er sprach, und dachte dabei fortwährend seines +Weibes, der Einzelheiten ihres jetzigen Zustandes, und seines Sohnes, +und suchte sich an den Gedanken seines Vorhandenseins zu gewöhnen. Die +ganze Welt des Weiblichen, welche für ihn eine neue, ihm unbekannt +gewesene Bedeutung erlangt hatte, seitdem er verheiratet war, erhob +sich jetzt in seinem Begriffsvermögen so hoch, daß er sie mit seiner +Vorstellungskraft nicht mehr zu umfassen vermochte. Er hörte auf das +Gespräch über ein Essen am gestrigen Tag im Klub und dachte dabei »wie +mag es jetzt mit ihr stehen, ob sie eingeschlafen ist? Wie mag sie sich +befinden? Was mag sie denken? Schreit der kleine Dmitry?« Und mitten in +der Unterhaltung sprang er auf und verließ das Zimmer. + +»Man hat mir gemeldet, man kann zu ihr,« sagte der Fürst. »Gut; +sogleich« -- antwortete Lewin, und ging ohne Verzug zu ihr. + +Sie schlief nicht und sprach leise mit ihrer Mutter, Pläne über die +bevorstehende Taufe entwerfend. + +Geputzt, frisiert und in einem zierlichen Häubchen mit blauem Band, +die Hände auf der Bettdecke ausgestreckt, lag sie auf dem Rücken, und +winkte ihn mit dem Blick zu sich, indem sie dem seinigen begegnete. +Ihr Blick, schon ohnehin hell, wurde noch lichter im Maße, als er sich +ihr näherte. Auf ihrem Gesicht lag jene Wandlung vom Irdischen zum +Überirdischen, welche auf dem Gesicht Verstorbener zu liegen pflegt. +Dort aber liegt Vergebung darauf; hier ein Wunsch nach Begegnung. +Wiederum trat ihm jene Wallung, ähnlich derjenigen, die er in den +Augenblicken der Niederkunft empfunden hatte, ans Herz. Sie nahm ihn +bei der Hand und frug, ob er geschlafen habe. Er konnte nicht antworten +und wandte sich ab, von seiner Schwäche übermannt. + +»Ich habe mich vergessen, mein Konstantin,« sagte sie zu ihm, »doch +jetzt befinde ich mich recht wohl.« Sie schaute ihn an, doch plötzlich +veränderte sich ihr Ausdruck. »Gebt ihn mir her,« sprach sie, das +Wimmern des Kindes vernehmend. »Gebt ihn her, Lisabetha Petrowna, er +soll ihn sehen.« + +»Hier, der Papa muß ihn sehen,« sagte Lisabetha Petrowna, ein rotes, +seltsames, sich bewegendes Etwas emporhebend und herbeibringend; »doch +halt, wir wollen ihn erst putzen,« und Lisabetha Petrowna legte dieses +sich bewegende, rote Ding auf das Bett, wickelte das Kind auf, und +wickelte es wieder zu, nachdem sie es mit einem Finger aufgehoben, +umgewendet, und es mit irgend etwas bestreut hatte. + +Lewin machte, indem er dieses einzige, klägliche Wesen ansah, +vergebliche Anstrengungen, in seiner Seele einige Kennzeichen +von Vatergefühl für dasselbe zu entdecken. Er empfand nur Ekel +vor ihm. Nachdem es jedoch der Hüllen entledigt war, die zarten +Ärmchen, Füßchen, die wie Saffran aussahen, sichtbar wurden, mit den +kleinen Fingerchen, selbst mit dem Daumen, der sich vor den anderen +auszeichnete, und als er wahrnahm, wie Lisabetha Petrowna -- als wären +es weiche Sprungfedern -- die gespreizten Ärmchen andrückte, indem sie +sie in ein leinenes Jüpchen steckte, überkam ihn ein solches Mitleid +mit diesem Wesen, und eine solche Angst, sie könne demselben schaden, +daß er sie an der Hand festhielt. + +Lisabetha Petrowna lachte. + +»Habt keine Angst; habt keine Angst!« + +Nachdem das Kind angezogen und zu einer drallen Puppe umgewandelt +worden war, wälzte es Lisabetha Petrowna, als sei sie stolz auf ihr +Werk, und trat dann zurück, damit Lewin den Sohn in seiner ganzen +Schönheit sehen könne. + +Kity schaute unverwandt gleichfalls nach ihm hin. + +»Reicht ihn her, reicht ihn her!« sagte sie und wollte sich sogar +erheben. + +»Was macht Ihr, Katharina Aleksandrowna, solche Bewegungen dürft Ihr +nicht machen! Wartet nur, ich werde ihn Euch schon geben. Jetzt wollen +wir uns aber erst Papa zeigen, wie hübsch wir sind.« + +Und Lisabetha Petrowna erhob auf dem einen Arme -- der andere stützte +nur mit den Fingern das noch haltlose Genick -- dieses seltsame, +zappelnde, seinen Kopf unter dem Saum der Windel verbergende rote +Wesen. Doch es hatte auch eine Nase, schielende Augen und schmatzende +Lippen. + +»Ein schönes Kind!« sagte Lisabetha Petrowna. + +Lewin seufzte voll Ingrimm. Dieses schöne Kind flößte ihm nur das +Gefühl des Abscheues und des Mitleids ein. Das war durchaus nicht das +Gefühl, welches er erwartet hatte. + +Er wandte sich ab, während Lisabetha Petrowna das Kind an die noch +nicht gewohnte Brust zu legen suchte. + +Ein Lachen ließ ihn plötzlich den Kopf heben. Kity hatte gelacht. Das +Kind hatte sich an ihre Brust gemacht. + +»Genug, genug nun!« sagte Lisabetha Petrowna, doch Kity ließ es nicht +von sich. Es schlief in ihren Armen ein. + +»Sieh jetzt her,« sprach Kity, ihm das Kind so zuwendend, daß er +es sehen konnte. Das ältlich aussehende Gesichtchen runzelte sich +plötzlich noch mehr; das Kind nieste. + +Lächelnd und mit Mühe die Thränen zurückhaltend, küßte Lewin sein Weib +und verließ das verdunkelte Gemach. + +Was er für dieses kleine Geschöpf empfand, war durchaus nicht das, was +er erwartet hatte. Nichts Heiteres und Freudiges lag in diesem Gefühl; +im Gegenteil, es verursachte ihm eine ungewohnte, peinliche Angst; +die Erkenntnis eines neuen Gebietes, auf dem er verwundbar war. Diese +Erkenntnis war ihm in der ersten Zeit so peinlich, die Angst davor, daß +dieses hilflose Wesen nicht litte, war so stark, daß infolge derselben +die Empfindung einer ungemessenen Freude, selbst des Stolzes, die er +hatte, als das Kind nieste, gar nicht bemerkbar wurde. + + + 17. + +Die Verhältnisse Stefan Arkadjewitschs hatten sich sehr verschlechtert. +Die Gelder für zwei Drittel des Waldes waren bereits verlebt, und +das dritte Drittel hatte er unter einem Zinsenabzug von zehn Prozent +bei dem Kaufmann schon im voraus fast ganz erhoben. Der Kaufmann gab +kein Geld mehr her, umsoweniger, als sich in diesem Winter Darja +Aleksandrowna, zum erstenmale rückhaltlos ihre Rechte auf ihr Vermögen +geltend machend, geweigert hatte, einen Kontrakt über den Empfang des +Betrages für das letzte Drittel des Waldes zu unterschreiben. + +Der ganze Gehalt ging für die häuslichen Ausgaben, sowie für die +Begleichung der kleinen Forderungen auf, die sich nicht aufschieben +ließen. An Geld war vollständige Ebbe eingetreten. + +Das war unangenehm, peinlich, und konnte nach der Meinung Stefan +Arkadjewitschs nicht so fortgehen. Die Ursache lag nach seiner +Auffassung darin, daß er einen zu geringen Gehalt bezog. Das Amt, +welches er bekleidete, war offenbar sehr gut gewesen vor fünf Jahren, +jetzt aber war dem nicht mehr so. Petroff, der Bankdirektor, hatte +zwölftausend Rubel; Swentizkiy, ein Mitglied der Gesellschaft, hatte +siebzehntausend, und Mitin, der die Bank gegründet hatte, bezog +fünfzigtausend Rubel. »Offenbar habe ich geschlafen und man hat mich +vergessen,« dachte Stefan Arkadjewitsch bei sich, und fing nun an, +das Ohr zu spitzen, und um sich zu schauen, und gegen das Ende des +Winters hin hatte er eine sehr gute Stelle erspäht, auf welche er nun +eine Attacke machte; zuerst von Moskau aus, mit Hilfe seiner Tanten, +Onkel und Freunde, dann aber, nachdem die Sache reif geworden, fuhr +er mit dem Frühling selbst nach Petersburg. Es war eines jener Ämter, +deren jetzt, mit Einkünften von ein bis zu fünfzigtausend Rubel +jährlich Gehalt, mehr geworden sind, als früher vorhanden waren, +behagliche, sportelfette Ämter. Es war die Stellung eines Mitglieds +in der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz der +südlichen Eisenbahnen und Bankinstitute. Dieses Amt forderte, wie alle +derartigen Stellungen, so ungeheure Kenntnisse, solche Thätigkeit, daß +es schwer war, es in einem einzelnen Menschen zu vereinigen. + +Da nun ein solcher Mann, der diese Eigenschaften in sich vereinigte, +nicht vorhanden war, war es immer noch das beste, wenn das Amt +ein ehrenhafter Mann bekleidete, als ein unehrenhafter. Stefan +Arkadjewitsch aber war nicht nur ein Ehrenmann -- ohne Betonung -- +sondern er war ein ehrlicher Mensch -- mit Betonung -- in jenem +eigentümlichen Sinne, den dieses Wort in Moskau besitzt, wenn man sagt: +Ein ehrlicher Beamter, Schriftsteller, ein ehrliches Journal, eine +solide Unternehmung, ehrliche Richtung; und welcher nicht nur andeutet, +daß ein Mensch oder eine Institution nicht unehrenhaft ist, sondern +auch, daß dieselben fähig sind, bei Gelegenheit der Regierung einen +Stich zu versetzen. + +Stefan Arkadjewitsch verkehrte in Moskau in denjenigen Kreisen, in +denen dieses Wort eingeführt war, in denen er als ehrenhafter Mann +angesehen wurde und demgemäß mehr Anrechte auf diese Stellung hatte, +als andere. + +Das Amt warf jährlich von sieben bis zu zehntausend Rubel ab und +Oblonskiy konnte es bekleiden, ohne dabei seinen Regierungsposten +aufzugeben. Es hing von zwei Ministerien ab, von einer Dame und zwei +Juden, und alle diese Leute mußte Stefan Arkadjewitsch -- obwohl sie +schon vorbereitet waren -- in Petersburg besuchen. Außerdem hatte er +seiner Schwester Anna versprochen, von Karenin eine bestimmte Antwort +betreffs der Ehescheidung zu erlangen. + +Nachdem er sich von Dolly fünfzig Rubel erbeten hatte, fuhr er nach +Petersburg. + +In dem Kabinett Karenins sitzend, und dessen Projekt betreffs des +schlechten Zustandes der russischen Finanzen anhörend, wartete Stefan +Arkadjewitsch nur auf die Minute, wo Karenin enden würde, um von seiner +Angelegenheit und von Anna zu beginnen. + +»Ja, das ist sehr wichtig,« sagte er, als Aleksey Aleksandrowitsch sein +Pincenez abnahm, ohne welches er jetzt nicht mehr lesen konnte, und +fragend seinen ehemaligen Schwager anschaute, »das ist sehr richtig in +den Einzelheiten, aber bei alledem ist doch das Prinzip unserer Zeit -- +die Freiheit.« + +»Ich stelle aber eben ein anderes Prinzip auf, welches das Prinzip +der Freiheit mit einschließt,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, das +Wort »einschließt« betonend und das Pincenez wieder aufsetzend, um +noch einmal seinem Zuhörer die Stelle vorzulesen, in welcher eben dies +gesagt war. + +Das schöngeschriebene Manuskript mit den großen weißen Rändern +durchblätternd, las Aleksey Aleksandrowitsch aufs neue die überzeugende +Stelle. + +»Ich will kein Protektionssystem, keines im Interesse einzelner +Privatpersonen, sondern eines im Interesse des allgemeinen Wohls -- für +die niedrigsten ebenso wie für die höchsten Klassen« -- sagte er, über +dem Pincenez hinweg nach Oblonskiy blickend. »Aber die oben können das +nicht begreifen, die sind nur von persönlichen Interessen eingenommen +und von Phrasen begeistert.« + +Stefan Arkadjewitsch wußte, daß Karenin, wenn er davon zu sprechen +begann, was _die oben_ thäten und dächten, die Nämlichen, welche seine +Projekte nicht annehmen wollten und die die Ursache aller Übelstände in +Rußland waren, dem Schluß schon ziemlich nahe war, und entsagte daher +jetzt gern der Verteidigung seines Princips der Freiheit und stimmte +vollständig ein. Aleksey Aleksandrowitsch verstummte, nachdenklich +seine Schrift durchblätternd. + +»Ach, bei dieser Gelegenheit« -- sagte Stefan Arkadjewitsch, »wollte +ich dich bitten, wenn du Pomorskiy sehen solltest, ihm doch ein paar +Worte davon zu sagen, daß ich recht sehr die offene Stellung als +Mitglied der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz +der südlichen Eisenbahnen zu haben wünschte.« Stefan Arkadjewitsch +war der Titel dieses Amtes, das ihm so sehr am Herzen lag, bereits +gewohnt geworden und er sprach ihn schnell herunter, ohne sich dabei zu +versehen. + +Aleksey Aleksandrowitsch erkundigte sich, worin die Thätigkeit dieser +neuen Kommission bestände und überlegte. Er erwog, ob in der Thätigkeit +dieser Kommission nicht etwas seinen Plänen Feindliches liegen könne. +Doch da die Thätigkeit dieses neuen Instituts eine sehr komplizierte +war, und seine Pläne ein sehr großes Gebiet umfaßten, so vermochte er +sich dies nicht sofort klarzumachen und sagte, das Pincenez abnehmend: + +»Ohne Zweifel kann ich mit ihm davon sprechen; aber warum wünschest du +gerade dieses Amt zu übernehmen?« + +»Der Gehalt ist gut, gegen neuntausend Rubel, und meine Mittel« -- + +»Neuntausend,« wiederholte Aleksey Aleksandrowitsch und verfinsterte +sich. Die Höhe dieses Gehaltes erinnerte ihn daran, daß nach dieser +Seite eine vorausgesetzte Thätigkeit Stefan Arkadjewitschs dem +Hauptgedanken seiner Projekte entgegen sein würde, welche stets für die +Sparsamkeit waren. + +»Ich finde, und habe auch darüber eine Denkschrift geschrieben, daß in +unserer Zeit diese ungeheuren Gehälter die Kennzeichen einer falschen +ökonomischen =assiette= unserer Regierung sind.« + +»Was willst du?« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Nehmen wir an, ein +Bankdirektor erhält zehntausend Rubel, so ist er diese doch wohl wert. +Oder ein Ingenieur erhält zwanzigtausend.« + +»Ich meine, daß der Gehalt eine Bezahlung für Ware ist, und dem Gesetz +der Nachfrage und des Angebotes entsprechen muß. Wenn die Normierung +eines Gehaltes von diesem Gesetz abweicht, wie zum Beispiel, wenn +ich sehe, daß aus einem Institut zwei Ingenieure hervorgehen, gleich +kenntnisreich und befähigt, und der eine vierzigtausend Rubel Gehalt +erhält, während sich der andere mit zweitausend begnügt; oder wenn +man zu Direktoren einer Bank mit ungeheuren Gehältern Rechtsgelehrte +einsetzt, die kein bestimmtes Spezialwissen besitzen -- so schließe +ich daraus, daß der Gehalt nicht nach dem Gesetz von Nachfrage und +Angebot bestimmt ist, sondern geradezu nach dem Ansehen der Person. +Hierin aber liegt ein Mißbrauch, der sich, wichtig an und für sich, als +schadenbringend im Staatsdienst erweist. Ich glaube« -- + +Stefan Arkadjewitsch beeilte sich, seinen Schwager zu unterbrechen. + +»Ja, aber du giebst doch zu, daß sich da eine neue, unzweifelhaft +nutzbringende Institution eröffnet; ein lebensfähiges Unternehmen, +wenn du willst. Man schätzt es namentlich insofern hoch, als es auf +ehrenhafte Weise geleitet werden soll,« sagte Stefan Arkadjewitsch +gewichtig. + +Die Moskauer Bedeutung des Wortes »ehrenhaft« war jedoch für Aleksey +Aleksandrowitsch unverständlich. + +»Ehrenhaftigkeit ist nur eine negative Eigenschaft,« sagte er. + +»Aber du würdest mir gleichwohl einen großen Gefallen erweisen,« sagte +Stefan Arkadjewitsch, »wenn du ein Wort für mich bei Pomorskiy einlegen +wolltest,« das Wörtchen »Pomorskiy« unterdrückend, »so im Gespräch.« + +»Das hängt aber doch mehr von Bolgarinoff ab, wie mir scheint,« sagte +Aleksey Aleksandrowitsch. + +»Bolgarinoff seinerseits ist völlig einverstanden,« sagte Stefan +Arkadjewitsch errötend. Er errötete bei der Erwähnung dieses Namens, +weil er erst am nämlichen Tage früh bei dem Juden Bolgarinoff gewesen +war und dieser Besuch einen unangenehmen Eindruck in ihm hinterlassen +hatte. + +Stefan Arkadjewitsch wußte genau, daß das Unternehmen, dem er seine +Kräfte weihen wollte, neu, lebensfähig und solid war, aber am heutigen +Morgen, als Bolgarinoff ihn offenbar mit Absicht zwei Stunden mit +anderen Bittstellern im Empfangszimmer hatte warten lassen, da war +es ihm dennoch plötzlich peinlich zu Mute geworden. Ob nun deswegen, +daß er, ein Nachkomme Rjuriks, ein Fürst Oblonskiy, zwei Stunden in +dem Empfangszimmer eines Juden wartete, oder weil er zum erstenmal +im Leben das Beispiel der Vorfahren, der Regierung zu dienen, nicht +befolgt hatte und eine neue Laufbahn betrat; jedenfalls war ihm höchst +unbehaglich zu Mute gewesen. + +Während der zwei Stunden seines Wartens bei Bolgarinoff hatte Stefan +Arkadjewitsch, schnell im Empfangssalon auf und abgehend, sich den +Lockenbart streichend, mit anderen Bittstellern Gespräche anknüpfend, +und über einen Kalauer nachdenkend, den er darüber zum besten geben +wollte, wie er bei dem Juden gewartet habe, geflissentlich vor den +anderen, ja selbst vor sich, das Gefühl, welches er empfand, verborgen. +Er war während dieser ganzen Zeit in unbehaglicher und verdrießlicher +Stimmung gewesen, ohne daß er wußte, wie dies kam; ob vielleicht daher, +daß aus dem Kalauer, in dem er sich versuchte, nichts wurde -- er +lautete: »ich hatt' es zu thun mit Juden und dafür mußt' ich bluten«[C] +-- oder aus einem anderen Grunde. + + [C] Der Originaltext lautet: »=bylo djelo do [.z]yda, i ja + do[.z]idalsja=«, »es gab mit einem Juden Etwas zu thun und ich + mußte tüchtig warten«. + +Nachdem ihn nun endlich Bolgarinoff mit außerordentlicher Höflichkeit +empfangen, augenscheinlich im Triumph über seine Erniedrigung, und ihm +einen fast abschläglichen Bescheid erteilt hatte, suchte er dies so +schnell als möglich zu vergessen. Jetzt indessen, als er sich hieran +erinnerte, errötete er. + + + 18. + +»Jetzt habe ich noch ein Anliegen, und du weißt ja welches. Es betrifft +Anna,« sagte Stefan Arkadjewitsch, nachdem er eine Weile geschwiegen, +und den unangenehmen Eindruck von sich abgeschüttelt hatte. + +Kaum hatte Oblonskiy den Namen Annas ausgesprochen, so veränderte sich +das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs vollständig; anstatt der früheren +Lebhaftigkeit drückte es Ermüdung und etwas Totenhaftes aus. + +»Was wollt Ihr denn gerade von mir?« sagte er, sich im Sessel wendend +und sein Pincenez zusammenklemmend. + +»Einen Entschluß, irgend einen Bescheid, Aleksey Aleksandrowitsch. Ich +wende mich jetzt zu dir -- nicht zu dem beleidigten Gatten« -- wollte +Stefan Arkadjewitsch sagen, veränderte jedoch diese Worte in der +Furcht, die Sache damit zu verderben, indem er fortfuhr, »nicht als zu +dem Staatsmann (was übrigens auch nicht recht angebracht war), sondern +einfach zu dir als Menschen, und zwar als guten Menschen und Christen. +Du mußt Mitleid mit ihr haben,« sprach er. + +»Das heißt, inwiefern denn eigentlich?« sagte Karenin leise. + +»Ja, Mitleid mit ihr haben! Wenn du sie sähest, wie ich sie gesehen +habe -- ich habe den ganzen Winter bei ihr zugebracht -- du würdest +Erbarmen mit ihr haben. Ihre Lage ist entsetzlich, wirklich +entsetzlich.« + +»Mir schien,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch mit noch dünnerer, +fast pfeifender Stimme, »als habe doch nun Anna Arkadjewna alles das, +was sie selbst gewollt hat.« + +»Ach, Aleksey Aleksandrowitsch, um Gottes willen keine Rekriminationen! +Was vorbei ist, ist vorbei, und du weißt, was sie wünscht und ersehnt +-- die Ehescheidung.« + +»Ich habe aber geglaubt, Anna Arkadjewna wird in die Ehescheidung +nicht einwilligen für den Fall, daß ich die Bedingung, mir den Sohn zu +lassen, stelle. So habe ich auch geantwortet und gemeint, daß diese +Angelegenheit abgethan wäre. Ich erachte sie für abgethan,« sprach +Aleksey Aleksandrowitsch mit tönender Stimme. + +»Um Gott, ereifere dich nicht,« sprach Stefan Arkadjewitsch, die Kniee +seines Schwagers berührend, »die Angelegenheit ist nicht abgethan. Wenn +du mir erlaubst, zu rekapitulieren, so lag die Sache so: Als ihr euch +trenntet, warest du großmütig, wie man nur großmütig sein kann; du hast +ihr alles bewilligt -- die Freiheit, sogar die Trennung! Sie weiß das +zu schätzen. Nein, denke nicht anders, sie hat es wirklich geschätzt; +bis zu einem Grade, daß sie während jener ersten Minuten im Gefühl +ihrer Schuld vor dir, nicht einmal alles überdachte oder überdenken +konnte. Sie hat auf alles verzichtet, aber die Wirklichkeit, die Zeit, +haben ihr gezeigt, daß ihre Lage qualvoll und unmöglich ist.« + +»Das Leben Anna Arkadjewnas kann mich nicht interessieren,« unterbrach +ihn Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend. + +»Gestatte mir, dies zu bezweifeln,« entgegnete ihm Stefan Arkadjewitsch +geschmeidig, »ihre Lage ist peinlich für sie, und unersprießlich für +jedermann, wer es auch sei. Sie hat dieselbe verdient, sagst du. Das +weiß sie, und sie bittet dich auch nicht, sagt vielmehr offen heraus, +daß sie nicht wagt, um Etwas zu bitten. Ich aber, wir Verwandten alle, +alle, die sie lieb haben, wir bitten, wir beschwören dich. Warum soll +sie sich quälen? Wem würde besser dadurch?« + +»Erlaubt; Ihr versetzt mich, wie es scheint, in die Lage eines +Angeklagten,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort. + +»O nein, o nein; keineswegs; verstehe mich recht,« sagte Stefan +Arkadjewitsch, abermals seine Hände berührend, als wäre er überzeugt, +daß diese Berührung den Schwager erweichen würde; »ich sage nur +das Eine, ihre Lage ist qualvoll, dieselbe kann erleichtert werden +durch dich, und du verlierst nichts dabei! Ich werde für dich alles +so arrangieren, daß du es nicht merkst. Du hattest mir es doch +versprochen.« + +»Das Versprechen ist früher gegeben worden. Ich habe geglaubt, daß die +Frage über den Sohn die Angelegenheit entschieden hätte. Außerdem habe +ich gehofft, daß Anna Arkadjewna Großmut genug haben werde« -- Aleksey +Aleksandrowitsch brachte dies mit Anstrengung hervor, erbleichend und +mit bebenden Lippen. + +»Sie stellt alles deiner Großmut anheim und bittet, fleht nur um das +Eine -- sie dieser unmöglichen Lage zu entheben, in der sie sich +befindet! Sie bittet nicht mehr um den Sohn! Aleksey Aleksandrowitsch, +du bist ein guter Mensch, versetze dich einen Augenblick in ihre Lage. +Die Frage der Ehescheidung ist für sie in ihrer Situation, eine Frage +über Leben und Tod. Hättest du nicht früher das Versprechen gegeben, +so würde sie sich mit ihrer Lage abzufinden suchen und auf dem Lande +bleiben. Aber du hast versprochen, sie hat dir geschrieben und ist +nach Moskau gekommen, und in Moskau, wo ihr jede Begegnung einen Stich +ins Herz giebt, lebt sie nun seit sechs Monaten, mit jedem Tage eine +Entscheidung erwartend. Das ist doch wohl ganz das Nämliche, als wenn +man einen zum Tode Verurteilten Monate hindurch mit der Schlinge um den +Hals hält, indem man ihm bald den Tod, bald Begnadigung als möglich in +Aussicht stellt. Erbarme dich ihrer, und dann will ich es schon auf +mich nehmen die Sache zu ordnen! -- =Vos scrupules=« -- + +»Ich spreche nicht davon, nicht davon,« unterbrach ihn Aleksey +Aleksandrowitsch mit Widerwillen, »ich hatte da vielleicht etwas +versprochen, was zu versprechen ich gar kein Recht hatte.« + +»So stellst du also in Abrede, mir ein Versprechen gegeben zu haben?« + +»Ich habe mich nie bei der Erfüllung einer Möglichkeit geweigert, +wünsche aber Zeit zu haben, um überlegen zu können, inwieweit das +Versprochene erfüllbar ist.« + +»Nein, Aleksey Aleksandrowitsch!« begann Oblonskiy aufspringend, »daran +will ich nicht glauben! Sie ist so unglücklich, wie nur ein Weib +unglücklich sein kann, und du kannst dich nicht weigern, eine solche« -- + +-- »Soweit mein Versprechen erfüllbar ist. =Vous professez d'être +un libre penseur=, ich aber, als Rechtgläubiger, kann in einer so +wichtigen Angelegenheit nicht wider das christliche Gebot handeln.« + +»Aber in der christlichen Gesellschaft und bei uns ist doch, soviel +ich weiß, die Ehescheidung zulässig,« sagte Stefan Arkadjewitsch; »die +Ehescheidung ist auch in unserer Kirche zulässig und wir sehen« -- + +-- »Sie ist gestattet, doch nicht in diesem Sinne.« + +»Aleksey Aleksandrowitsch, ich erkenne dich nicht wieder,« sagte +Oblonskiy flehend, »hast du nicht alles vergeben? Haben wir dies nicht +hoch angeschlagen? Warest du nicht, getrieben gerade vom christlichen +Gefühl, bereit, alles zu opfern? Du selbst hast gesagt, man solle auch +den Rock hingeben wenn man das Hemd nähme, und jetzt« -- + +»Ich bitte dich,« begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich auf die +Füße springend, bleich, mit bebenden Kinnbacken und pfeifender Stimme, +»ich bitte Euch, abzubrechen, abzubrechen -- dieses Gespräch« -- + +»O nein doch! Verzeihe mir, verzeih', wenn ich dich gekränkt habe,« +beharrte Stefan Arkadjewitsch, verlegen lächelnd und die Hand +hinstreckend, »ich habe ja nur wie ein Gesandter meinen Auftrag +übermittelt.« + +Aleksey Aleksandrowitsch gab ihm die Hand, begann nachzudenken. + +»Ich muß überlegen und mich nach Weisungen umsehen. Übermorgen +werde ich Euch eine bestimmte Antwort geben,« sagte er nach einigem +Nachdenken. + + + 19. + +Stefan Arkadjewitsch wollte schon gehen, als Korney erschien mit der +Meldung: + +»Sergey Aleksejewitsch!« + +»Wer ist dieser Sergey Aleksejewitsch?« wollte Stefan Arkadjewitsch +anfangen, besann sich aber sogleich. »Ach, der kleine Sergey,« sagte +er, »Sergey Aleksejewitsch! Ich dachte, der Direktor des Departements +wäre es. Anna hat mich ja gebeten, ihn zu besuchen,« erinnerte er sich, +und rief sich jenen schüchternen, mitleiderweckenden Ausdruck wieder +ins Gedächtnis, mit welchem ihm Anna, indem sie ihn entließ, gesagt +hatte, »du wirst ihn sehen, erforsche genau, wo er ist und wer bei ihm +ist. Und mein Stefan -- wenn es möglich wäre; es wird doch möglich +sein?« Stefan Arkadjewitsch verstand was dieses »wenn es möglich wäre« +bedeutete. Wenn es möglich wäre, die Scheidung so zu stande zu bringen, +daß er ihr den Sohn überließ! Jetzt sah er indessen, daß hieran nicht +zu denken war, aber dennoch freute er sich, den Neffen zu sehen. + +Aleksey Aleksandrowitsch machte seinen Schwager darauf aufmerksam, +daß man zu seinem Sohne nie von der Mutter spreche und er ihn daher +ersuche, kein Wort von derselben zu erwähnen. + +»Er war sehr krank geworden nach jenem Wiedersehen mit seiner +Mutter, welches wir nicht vorausgesehen hatten,« sagte Aleksey +Aleksandrowitsch. »Wir fürchteten sogar für sein Leben. Aber eine +verständige Pflege und Seebäder im Sommer haben seine Gesundheit +wiederhergestellt, und jetzt habe ich ihn auf Anraten des Arztes in die +Schule gegeben. In der That hat auch der Einfluß der Kameraden auf ihn +eine günstige Wirkung gehabt und er ist vollkommen gesund und lernt +gut.« + +»Was für ein hübscher Bursch er geworden ist; das ist nicht mehr der +kleine Sergey Aleksejewitsch!« lächelte Stefan Arkadjewitsch, auf den +hurtig und ungezwungen eintretenden hübschen, breitschulterigen Knaben +in blauer Kutte und langen Beinkleidern blickend. Der Knabe sah gesund +und munter aus. Er verneigte sich vor dem Onkel wie vor einem Fremden, +doch, als er ihn erkannt hatte, errötete er und wandte sich, als sei +er von Etwas beleidigt und erzürnt, hastig von ihm ab. Der Knabe ging +zu seinem Vater und gab ihm ein Billet über Censuren, welche er in der +Schule erhalten hatte. + +»Nun, recht so,« sagte der Vater, »du kannst gehen.« + +»Er ist magerer geworden und gewachsen, er hat aufgehört, ein Kind zu +sein und ist ein großer Knabe geworden; das liebe ich,« sagte Stefan +Arkadjewitsch, »besinnst du dich noch auf mich?« + +Der Knabe blickte schnell nach seinem Vater. + +»Ich besinne mich, =mon oncle=,« antwortete er, auf den Oheim blickend +und wiederum in Verwirrung geratend. + +Der Onkel rief den Knaben zu sich und nahm ihn bei der Hand. + +»Nun, wie geht es denn?« sagte er, im Wunsche, Etwas zu sagen, obwohl +er nicht recht wußte, was er sagen sollte. + +Der Knabe zog errötend und ohne zu antworten, behutsam seine Hand aus +der des Onkels, und sobald Stefan Arkadjewitsch losgelassen hatte, +eilte er wie ein Vogel, den man in Freiheit gesetzt hat, mit einem +fragenden Blick auf den Vater schnellen Schrittes aus dem Gemach. + +Ein Jahr war vergangen, seit der kleine Sergey seine Mutter zum +letztenmale gesehen hatte. Seit jener Zeit hatte er nie wieder von +ihr gehört. In diesem Jahre nun war er in die Schule gegeben worden +und hatte hier Kameraden kennen und lieben gelernt. Jene Gedanken und +Erinnerungen an seine Mutter, die ihn nach dem Wiedersehen mit ihr +krank gemacht hatten, beschäftigten ihn jetzt nicht mehr. Wenn sie ihn +überkamen, scheuchte er sie geflissentlich von sich, indem er sie für +schimpflich und nur den Mädchen angemessen hielt aber nicht für einen +Knaben und Schulkameraden. Er wußte, daß zwischen Vater und Mutter ein +Zwist bestand, der beide trennte; er wußte, daß es ihm beschieden war, +bei dem Vater zu bleiben, und suchte sich nun an diesen Gedanken zu +gewöhnen. + +Daß er den Onkel, welcher seiner Mutter ähnlich war, wiedersah, war +ihm unangenehm, weil dies eben wieder jene Erinnerungen, die er für +schimpflich hielt, in ihm wachrief. Es war ihm dies um so unangenehmer, +als er, nach einigen Worten, die er gehört hatte, indem er an der +Thür des Kabinetts wartete, und namentlich nach dem Gesichtsausdruck +des Vaters und des Onkels zu urteilen erriet, daß zwischen beiden die +Rede von seiner Mutter gewesen sein mußte, und um nun diesen Vater, +bei welchem er lebte, und von dem er abhing, nicht hintenanzusetzen, +hauptsächlich jedoch sich nicht einer Empfindsamkeit hinzugeben, die er +für so verächtlich hielt, bemühte sich der kleine Sergey, diesen Onkel +gar nicht anzublicken, welcher gekommen war seine Ruhe zu stören, und +nicht an das zu denken, was er ihm ins Gedächtnis zurückrief. + +Als ihn jedoch Stefan Arkadjewitsch, der hinter ihm hinausgegangen, +und seiner auf der Treppe ansichtig geworden war, zu sich rief, und +frug, wie er in der Schule die Zeit in den Zwischenstunden verbringe, +unterhielt sich Sergey, außer Gesichtsweite des Vaters, mit ihm. + +»Jetzt machen wir Eisenbahn,« sagte er, auf die Frage antwortend. »Und +wißt Ihr wie? Zwei setzen sich auf eine Bank; das sind die Passagiere. +Einer steht auf der Bank, und alle spannen sich nun davor. Man kann sie +nun mit den Händen oder auch an den Gürteln ziehen und so geht es durch +alle Säle. Die Thüren werden schon vorher geöffnet. Nun ist es schwer +dabei den Kondukteur zu machen.« + +»Das ist der, welcher steht?« frug Stefan Arkadjewitsch lächelnd. + +»Ja; da ist Kühnheit und Gewandtheit notwendig, besonders wenn sie +schnell stehen bleiben oder wenn einer fällt.« + +»Ja, das ist kein Spaß,« sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Wehmut in +diese lebhaften, an die Mutter gemahnenden Augen blickend, die jetzt +nicht mehr Kinderaugen, schon nicht ganz unschuldsvoll waren, und +obwohl er Aleksey Aleksandrowitsch versprochen hatte, nicht von Anna zu +sprechen, hielt er es doch nicht aus. + +»Denkst du denn noch deiner Mama?« frug er plötzlich. + +»Nein; ich denke nicht mehr an sie,« antwortete Sergey, schnell und +schlug, purpurrot werdend, die Augen nieder. Der Onkel konnte nun +nichts mehr aus ihm herausbringen. + +Der Erzieher Slavjanin fand nach einer halben Stunde seinen Zögling auf +der Treppe und konnte lange nicht verstehen, ob Sergey jemand zürne +oder weine. + +»Ihr habt Euch wohl gestoßen, als Ihr fielet?« sagte der Erzieher. »Ich +habe doch immer gesagt, daß dies ein gefährliches Spiel ist. Das wird +wohl dem Direktor gesagt werden müssen.« + +»Wenn ich mich gestoßen hätte, so hätte dies ja doch niemand bemerkt. +Das ist doch sicher wahr!« + +»Nun was aber ist Euch denn dann?« + +»Laßt mich! Ob ich daran denke oder nicht! Was geht das ihn an? Warum +soll ich daran denken? Laßt mich in Ruhe!« wandte er sich schon nicht +mehr an den Erzieher, sondern an die ganze Welt. + + + 20. + +Stefan Arkadjewitsch hatte, wie stets, die Zeit in Petersburg nicht +müßig zugebracht. In Petersburg hatte er an Geschäften außer der +Scheidung der Schwester und der Angelegenheit mit dem Amte wie immer, +noch eine Erholung von nöten nach dem Moskauer Stumpfsinn, wie er sagte. + +Moskau war ungeachtet seiner Caféchantants und Omnibusse doch für ihn +nur ein stehender Sumpf. Dies fühlte Stefan Arkadjewitsch stets, und +wenn er in Moskau besonders bei seiner Familie gelebt hatte, fühlte +er, daß sein Lebensmut sank. Wenn er lange Zeit, ohne fortzukommen in +Moskau zugebracht hatte, kam er soweit, daß er anfing, sich über die +schlechte Laune und die Vorwürfe seines Weibes Gedanken zu machen, über +die Gesundheit und Erziehung der Kinder, und die kleinen Interessen +seines Dienstes; selbst der Umstand, daß er Schulden hatte, beunruhigte +ihn. + +Es war indessen nur nötig, daß er nach Petersburg kam und sich dort +aufhielt, in dem Kreise, in welchem er verkehrte, und in welchem man +lebte, ja wirklich lebte, und nicht erfror wie in Moskau, um sogleich +alle diese Gedanken verschwinden und schmelzen zu lassen, wie Wachs vor +dem Scheine des Feuers. + +Und sein Weib? -- Erst heute hatte er mit dem Fürsten Tschetschenskiy +gesprochen. Der Fürst Tschetschenskiy hatte Frau und Kinder -- die +erwachsenen Kinder waren Pagen -- und doch auch eine zweite, illegitime +Familie, in welcher gleichfalls Kinder vorhanden waren. Obwohl nun die +erste Familie auch gut war, fühlte sich der Fürst doch glücklicher +in der zweiten; er brachte seinen ältesten Sohn mit in seine zweite +Familie und erzählte Stefan Arkadjewitsch, er fände, dies sei ihm +nützlich und förderlich. + +Was hätte man hierzu in Moskau gesagt? + +Seine Kinder? -- In Petersburg hinderten die Kinder die Väter nicht +daran, zu leben. Die Kinder wurden in Instituten erzogen, und es gab +hier nicht jene in Moskau -- bei Lwoff zum Beispiel -- verbreitete, +seltsame Auffassung, daß den Kindern aller Luxus des Lebens, den Eltern +allein Mühe und Sorgen zukämen. Hier hatte man erkannt, daß der Mensch +verpflichtet sei, für sich selbst zu leben, wie ein gebildeter Mensch +eben leben müsse. + +Sein Dienst? -- Der Dienst war hier gleichfalls nicht eine so strenge +hoffnungslose Fessel, wie die, welche man in Moskau trug; hier war +ein Interesse am Dienst vorhanden. Eine Begegnung, ein Verdienst, ein +treffendes Wort, die Fähigkeit, sich in den Personen nur verschiedene +Gegenstände vorzustellen, war alles, um jemand plötzlich Carriere +machen zu lassen, wie Bojanzeff, dem Stefan Arkadjewitsch gestern +begegnet und der jetzt einer der ersten Beamten war, sie gemacht hatte. +Dieser Dienst gewährte Interesse. + +Insbesondere wirkten aber die Petersburger Anschauungen in +finanziellen Dingen beruhigend auf Stefan Arkadjewitsch. Bartejanskij, +welcher mindestens fünfzigtausend Rubel in dem =train=, welchen er +gerade verfolgte, verbrauchte, hatte ihm erst gestern darüber ein +bemerkenswertes Wort fallen lassen. + +Vor dem Essen hatte Stefan Arkadjewitsch in der Unterhaltung zu +Bartejanskij gesagt: + +»Du scheinst dem Mordwinskij nahe zu stehen und könntest mir daher +einen Dienst erweisen, wenn du bei ihm für mich ein gutes Wort einlegen +wolltest. Es ist da ein Amt vorhanden, welches ich haben möchte, als +Mitglied der Agentur« -- + +»Nun, ich erinnere mich nicht so ganz -- aber was hast du für eine +Sehnsucht nach diesen Eisenbahngeschäften mit Juden? Doch wie du +willst; aber es ist doch etwas Widerwärtiges dabei« -- + +Stefan Arkadjewitsch sagte ihm nicht, daß es sich um ein lebensfähiges +Unternehmen handle: Bartejanskij hätte dies nicht verstanden. + +»Ich brauche Geld; habe nichts mehr zu leben.« + +»Aber du lebst doch?« + +»Ich lebe wohl, habe aber viel Schulden.« + +»Was willst du? Hast du viel?« sagte Bartejanskij mitleidig. + +»Sehr viel, zwanzigtausend Rubel.« + +Bartejanskij lachte lustig auf. + +»O glücklicher Mensch!« sagte er, »ich habe anderthalb Million und +besitze gar nichts, aber, wie du siehst, kann man doch noch dabei +leben!« + +Stefan Arkadjewitsch fand nicht sowohl in den Worten allein, als in der +Sache selbst die Richtigkeit des Gesagten. + +Schivachoff hatte dreihunderttausend Rubel Schulden und nicht eine +Kopeke im Vermögen und er lebte doch, und noch dazu auf welche +Weise! Den Grafen Krivzoff hatten alle schon totgesungen und er +unterhielt doch noch zwei Maitressen. Petrowskiy hatte fünf Millionen +durchgebracht und lebte noch immer auf demselben Fuße, verwaltete sogar +noch immer Finanzen und bezog zwanzigtausend Rubel Gehalt. + +Außer alledem aber wirkte Petersburg auch physisch angenehm auf Stefan +Arkadjewitsch ein. Es verjüngte ihn. + +In Moskau schaute er zuweilen nach einem grauen Haar, schlief nach +dem Essen, reckte sich, stieg im Schritt, schwer atmend die Treppen, +langweilte sich mit jungen Weibern und tanzte nicht auf den Bällen. In +Petersburg hingegen fühlte er sich stets um zehn Jahre jünger. + +Er empfand in Petersburg das, was ihm gestern erst der sechzigjährige +Graf Oblonskiy, Peter, der soeben aus dem Ausland zurückgekommen war, +gesagt hatte. + +»Wir verstehen hier nicht zu leben,« hatte Peter Oblonskiy gesagt, +»glaubst du es wohl -- ich habe den Sommer in Baden verlebt, aber, +wahrhaftig, mich ganz wie ein junger Mensch gefühlt. Kaum sah ich ein +junges Frauenzimmer, so gingen die Gedanken -- man aß und trank so +leichthin -- Kraft und Mut war vorhanden. Da aber bin ich nun nach +Rußland gekommen -- ich mußte zu meiner Frau und auf das Dorf -- ja; +du wirst es nicht glauben; vierzehn Tage hindurch hatte ich meinen +Hausrock angezogen und aufgehört, zur Tafel Toilette zu machen. An die +jungen Frauenzimmer denke ich nicht mehr, ich bin ein vollständiger +Greis geworden. Nur das Seelenheil zu retten, bleibt mir noch. Dann +aber fuhr ich nach Paris -- da kam ich wieder in Ordnung.« + +Stefan Arkadjewitsch empfand ganz den nämlichen Unterschied, wie Peter +Oblonskiy. In Moskau hatte er so nachgelassen, daß er in der That, wenn +er lange noch so hätte fortleben müssen, dazu gekommen wäre -- was +übrigens ganz gut gewesen sein würde -- für das Heil seiner Seele zu +sorgen. In Petersburg aber fühlte er sich wieder als wahrer Mensch. + +Zwischen der Fürstin Betsy Twerskaja und Stefan Arkadjewitsch bestanden +alte, sehr seltsame Beziehungen. Stefan Arkadjewitsch machte ihr stets +launig den Hof und sagte ihr, immer im Scherz, die indecentesten Dinge, +wobei er recht wohl wußte, daß ihr dies ganz besonders gefiel. Am Tage +nach seinem Gespräch mit Karenin begab sich Stefan Arkadjewitsch zu +ihr. Er fühlte sich so jung, daß er in dieser scherzhaften Cour und +seichten Plauderei unvermutet so weit kam, daß er nicht mehr wußte, wie +er sich wieder heraushelfen sollte, obwohl sie ihm leider nicht nur +nicht gefiel, sondern sogar widerlich war. Dieser Ton herrschte nun +deswegen, weil er ihr sehr gefiel, und so kam es, daß er recht froh +über die Ankunft der Fürstin Mjagkaja war, welche diesem Alleinsein zu +Zweien ein Ende machte. + +»Ah, Ihr hier,« sagte sie, ihn erblickend, »nun, wie befindet sich Eure +arme Schwester? Haltet mich nicht für neugierig,« fügte sie hinzu, +»seit alle sie verlassen haben, alle die, die tausendmal schlechter +sind, als sie, finde ich, daß sie schön gehandelt hat. Ich kann es +Wronskiy nicht verzeihen, daß er es mich nicht hat wissen lassen, +als sie in Petersburg war. Ich wäre zu ihr, und mit ihr überall +hingefahren. Übermittelt ihr doch gefälligst den Ausdruck meiner Liebe +für sie, und erzählt mir nun von ihr.« + +»Ja, ihre Lage ist schwer,« begann Stefan Arkadjewitsch zu erzählen, +in der Einfalt seines Herzens die Worte der Fürstin Mjagkaja, für +bare Münze nehmend, doch diese unterbrach ihn sogleich, nach ihrer +Gewohnheit, und begann selbst zu erzählen. + +»Sie hat gethan, was alle außer mir auch thun, jedoch verheimlichen. +Sie aber hat nicht täuschen wollen, sondern schön gehandelt, und noch +schöner gehandelt, weil sie diesen halben Narren, Euren Schwager, +verließ. Ihr entschuldigt mich wohl; alle haben gesagt, daß er klug +sei, klug -- nur ich allein habe gesagt, daß er ein Thor ist. Jetzt, +nachdem er sich mit der Lydia Iwanowna verbunden hat, und mit dem +Landau, sagt jedermann, daß er halbverrückt ist. Ich wäre froh, wenn +ich nicht mit jedermann einzustimmen brauchte, aber diesmal kann ich +doch nicht anders!« + +»Erklärt mir doch gefälligst,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »was das +eigentlich bedeutet? Gestern war ich bei ihm in der Angelegenheit +meiner Schwester und ersuchte ihn um einen bestimmten Bescheid. Er gab +mir keine Antwort und sagte, er wolle sich bedenken, heute morgen aber +erhielt ich anstatt der Antwort eine Einladung für diesen Abend zu der +Gräfin Lydia Iwanowna.« + +»So, so,« sagte die Fürstin Mjagkaja voll Vergnügen. »Sie werden Landau +befragen, was der sagen wird.« + +»Wie, Landau? Warum? Wer ist das, Landau?« -- + +»Wie, Ihr kennt nicht =Jules Landau le fameux, Jules Landau le +clairvoyant=? Der ist auch halbverrückt, und doch, von ihm hängt das +Schicksal Eurer Schwester ab. Aber das kommt eben vom Leben in der +Provinz -- Ihr wißt von nichts! -- Landau, seht Ihr, war ein Kommis +in einem Pariser Magazin und kam einmal zu einem Arzte. Beim Arzt +schlief er im Empfangszimmer ein und begann im Schlaf allen Kranken +Rat zu erteilen, wunderbare Ratschläge! Hierauf hörte die Frau des +Juriy Meledinskiy -- Ihr wißt, des Kranken -- von diesem Landau und +nahm ihn mit zu ihrem Manne. Er kurierte nun ihren Gatten, doch hat +er ihm noch keinerlei Nutzen gebracht, nach meiner Meinung, da dieser +noch immer so gelähmt ist; allein man glaubt an ihn und giebt sich mit +ihm ab. Sie haben ihn mit nach Rußland gebracht, hier hat sich alles +auf ihn gestürzt und er hat sie alle zu kurieren begonnen. Die Gräfin +Bessubowa hat er geheilt und sie hat ihn so lieb gewonnen, daß sie ihn +zu ihrem Sohne gemacht hat.« + +»Wie, zu ihrem Sohne?« + +»Jawohl, adoptiert. Er ist jetzt kein Landau mehr, sondern ein Graf +Bessuboff. Doch darum handelt es sich nicht; Lydia jedoch -- ich liebe +sie sehr, aber sie hat den Kopf nicht auf dem rechten Flecke -- hat +sich natürlich jetzt diesem Landau in die Arme geworfen und ohne ihn +wird weder bei ihr, noch bei Aleksey Aleksandrowitsch ein Beschluß +gefaßt, weshalb das Schicksal Eurer Schwester jetzt in den Händen +dieses Landau, alias Grafen Bessuboff, liegt.« + + + 21. + +Von einem vorzüglichen Essen und dem Genuß einer beträchtlichen +Quantität Cognac, den er bei Bartejanskij getrunken hatte, kam Stefan +Arkadjewitsch, nur ein wenig spät für die festgesetzte Zeit, zur Gräfin +Lydia Iwanowna. + +»Wer ist noch bei der Gräfin? Der Franzose?« frug er den Schweizer, +indem er den wohlbekannten Überzieher Aleksey Aleksandrowitschs und +einen eigentümlichen, wunderbaren Paletot mit Spangen erblickte. + +»Aleksey Aleksandrowitsch Karenin und Graf Bessuboff,« antwortete der +Portier gemessen. + +»Die Fürstin Mjagkaja hat richtig vermutet,« dachte Stefan +Arkadjewitsch, als er die Treppe hinaufstieg. »Seltsam; es wäre aber +doch wohl ganz gut, sich ihr zu nähern. Sie besitzt einen ungeheuren +Einfluß. Wenn sie mit Pomorskiy ein Wörtchen spricht, dann ist mir's +gewiß.« + +Es war draußen noch vollständig hell, in dem kleinen Salon der Gräfin +Lydia Iwanowna aber brannten hinter den herabgelassenen Gardinen schon +die Lampen. + +An einem runden Tisch hinter der Lampe saß die Gräfin und Aleksey +Aleksandrowitsch in leise geführtem Gespräch. Ein kleiner, magerer +Mensch mit einer Weibertaille, an den Knieen eingebogenen Füßen, sehr +bleich, hübsch, mit glänzenden, schönen Augen und langen Haaren die auf +dem Kragen seines Rockes lagen, stand an dem anderen Ende des Zimmers, +die Wand mit den Porträts betrachtend. + +Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Dame des Hauses und Aleksey +Aleksandrowitsch begrüßt hatte, blickte er nochmals unwillkürlich nach +dem unbekannten Manne. + +»Monsieur Landau,« wandte sich die Gräfin an denselben mit einer +Oblonskiy verblüffenden Weichheit und Rücksichtnahme, und machte die +beiden miteinander bekannt. + +Landau hatte sich schnell umgeblickt, war herangekommen, und hatte +lächelnd in die ausgestreckte Rechte Stefan Arkadjewitschs eine +unbewegliche, schwitzende Hand gelegt, trat aber dann sogleich hinweg +und sah wieder die Porträts an. Die Gräfin und Aleksey Aleksandrowitsch +wechselten einen ausdrucksvollen Blick. + +»Ich bin sehr erfreut, Euch zu sehen, insbesondere heute,« sagte die +Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch einen Platz neben Karenin +anweisend. + +»Ich habe Euch mit ihm als einem Landau bekannt gemacht,« sprach +sie mit leiser Stimme, den Franzosen und dann sogleich Aleksey +Aleksandrowitsch anblickend, »doch eigentlich ist er Graf Bessuboff, +wie Ihr wahrscheinlich wißt. Er liebt indessen diesen Titel nicht.« + +»Ja, ich habe davon gehört,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »man +sagt, er habe die Gräfin Bessubowa vollständig wiederhergestellt.« + +»Sie war jetzt bei mir, sie ist so zu beklagen,« wandte sich die Gräfin +an Aleksey Aleksandrowitsch. »Diese Trennung ist für sie entsetzlich. +Es ist ein solcher Schlag für sie.« + +»Reist er denn bestimmt ab?« frug Aleksey Aleksandrowitsch. + +»Ja; er geht nach Paris; gestern hat er die Stimme gehört,« sagte die +Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch anblickend. + +»Ah, die Stimme,« wiederholte Oblonskiy im Gefühl, daß man sich so +vorsichtig wie möglich in dieser Gesellschaft zu verhalten habe, in +welcher etwas Absonderliches vor sich ging oder vor sich gehen sollte, +zu dem er noch keinen Schlüssel besaß. + +Ein minutenlanges Schweigen trat ein, worauf die Gräfin Lydia Iwanowna, +gleichsam Sturm laufend auf den Hauptpunkt des Gesprächs, mit feinem +Lächeln zu Oblonskiy sagte: + +»Ich kenne Euch seit langem und freue mich sehr, Euch näher kennen +zu lernen. =Les amis de nos amis sont nos amis=, aber um ein Freund +zu sein, muß man sich in den Seelenzustand des anderen Freundes +hineindenken; wobei ich jedoch fürchte, daß Ihr dies mit Bezug auf +Aleksey Aleksandrowitsch nicht thut. Ihr versteht, wovon ich rede,« +sprach sie, ihre schönen, sinnigen Augen erhebend. + +»Zum Teil, Gräfin, verstehe ich, daß die Lage Aleksey +Aleksandrowitschs« -- sagte Oblonskiy, ohne recht zu begreifen, worum +es sich handelte und daher mit der Absicht, sich allgemein zu halten. + +»Die Veränderung liegt nicht in der äußerlichen Situation,« sagte die +Gräfin Lydia Iwanowna ernst, zugleich mit liebevollem Blick dem sich +erhebenden und zu Landau gehenden Aleksey Aleksandrowitsch folgend, +»sein Herz hat sich verändert, ihm ist ein neues Herz verliehen worden, +und ich fürchte, daß Ihr Euch nicht vollkommen in diese Veränderung +hineingedacht habt, die in ihm vor sich gegangen ist.« + +»Nun, ich kann mir in allgemeinen Umrissen diese Veränderung schon +vorstellen. Wir sind stets Freunde gewesen, und jetzt« -- sagte Stefan +Arkadjewitsch, mit einem zärtlichen Blicke dem Blick der Gräfin +antwortend, wobei er überlegte, welchem der beiden Minister sie näher +stände, damit er wissen könne, in bezug auf welchen von den beiden er +sie anzugehen hätte. + +»Die Veränderung, welche in ihm vor sich gegangen ist, kann seine +Gefühle der Nächstenliebe nicht abschwächen; im Gegenteil, diese +Veränderung muß die Liebe noch erhöhen. Doch ich fürchte, Ihr versteht +mich nicht. Wollt Ihr nicht Thee nehmen?« sagte sie, mit den Augen auf +den Diener weisend, welcher auf dem Präsentierbrett Thee reichte. + +»Nicht ganz, Gräfin. Versteht sich, sein Unglück« -- + +»Ja, das Unglück, welches sein größtes Glück geworden ist, da sein Herz +ein neues ward, von ihm erfüllt,« sagte sie, voll Liebe auf Aleksey +Aleksandrowitsch schauend. + +»Ich glaube, man wird sie schon darum bitten können, mit beiden zu +sprechen,« dachte Stefan Arkadjewitsch. »O gewiß, Gräfin,« sagte +er, »doch ich denke, diese Veränderungen sind so innerlicher Natur, +daß niemand, selbst nicht der am allernächsten Stehende, gern davon +spricht.« + +»Im Gegenteil; wir müssen davon reden, und einander beistehen.« + +»Nun ja, ohne Zweifel, es bleibt aber doch ein gewisser Unterschied +in den Überzeugungen und dabei« -- sagte Oblonskiy mit geschmeidigem +Lächeln. + +»Es kann keinen Unterschied geben in Sachen der heiligen Wahrheit.« + +»Ja, ja, gewiß, doch« -- und in Verlegenheit geratend, verstummte +Stefan Arkadjewitsch. Er hatte erkannt, daß es sich um die Religion +handelte. + +»Mir scheint, er wird sogleich einschlafen,« sagte Aleksey +Aleksandrowitsch bedeutungsvoll flüsternd, indem er zu Lydia Iwanowna +herantrat. + +Stefan Arkadjewitsch schaute sich um. Landau saß am Fenster, auf die +Armlehne und Rücklehne eines Sessels gestützt, mit herniedergesunkenem +Haupte. Als er die auf ihn gerichteten Blicke bemerkte, hob er den Kopf +und lächelte kindlich-naiv. + +»Beobachtet ihn nicht,« sagte Lydia Iwanowna, mit leichter Bewegung +ihren Stuhl zu Aleksey Aleksandrowitsch rückend, »ich habe bemerkt« -- +begann sie, als der Diener mit einem Briefe in das Zimmer trat. Lydia +Iwanowna durchflog schnell das Billet, und schrieb dann, nachdem sie +um Entschuldigung gebeten, mit außerordentlicher Schnelligkeit etwas +nieder, gab die Antwort hinaus und wandte sich wieder zu dem Tische. +»Ich habe bemerkt,« fuhr sie in dem begonnenen Gespräch fort, »daß die +Moskauer, insbesondere die Herren, die gleichgültigsten Menschen der +Religion gegenüber sind.« + +»O nein Gräfin, mir scheint, daß die Moskauer im Rufe stehen, die +glaubenstreuesten Menschen zu sein,« antwortete Stefan Arkadjewitsch. + +»Nun, soviel ich es verstehe, seid Ihr leider einer der +Gleichgültigen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit mattem +Lächeln an ihn wendend. + +»Wie kann man nur gleichgültig sein!« sagte Lydia Iwanowna. + +»Ich bin in dieser Beziehung weniger gleichgültig, als daß ich nur +harre,« antwortete Stefan Arkadjewitsch mit seinem weichsten Lächeln, +»ich glaube nicht, daß für mich eine Zeit für solche Fragen kommen +könnte.« + +Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna wechselten einen Blick. + +»Wir können nie wissen, ob die Zeit für uns gekommen ist oder nicht,« +sagte Aleksey Aleksandrowitsch streng. »Wir dürfen nicht denken, ob +wir bereit sind oder nicht bereit; die göttliche Fügung wird nicht von +menschlichem Denken geleitet; sie trifft bisweilen nicht diejenigen, +welche streben, sondern die, welche unvorbereitet sind, wie sie Saul +traf.« + +»Nein; mir scheint, jetzt noch nicht,« sagte Lydia Iwanowna, die +währenddem den Bewegungen des Franzosen gefolgt war. + +Landau erhob sich und trat zu ihnen. + +»Gestattet Ihr mir, zuzuhören?« frug er. + +»O gewiß; ich wollte Euch nicht stören,« sagte Lydia Iwanowna ihn +zärtlich anblickend, »setzt Euch zu uns.« + +»Man soll nur die Augen nicht schließen, um nicht des Lichtes beraubt +zu sein,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort. + +»Ach, wenn Ihr jenes Glück känntet, welches wir empfinden in dem Gefühl +von Gottes steter Gegenwart in unserer Seele!« sagte die Gräfin Lydia +Iwanowna, verzückt lächelnd. + +»Aber der Mensch kann sich bisweilen unfähig fühlen, sich zu dieser +Höhe zu erheben,« sagte Stefan Arkadjewitsch, welcher merkte, daß er +einen Bogen schlug, indem er die Höhe der Religion anerkannte, sich +aber zugleich dabei nicht entschließen konnte, seine Freidenkerei vor +einer Person einzugestehen, welche ihm mit einem einzigen Worte zu +Pomorskiy das gewünschte Amt zu verschaffen vermochte. + +»Das heißt, Ihr wollt sagen, daß die Sünde ihn daran hindere?« sagte +Lydia Iwanowna. »Dies ist eine falsche Ansicht. Es giebt keine Sünde +für die Gläubigen, ihre Sünde ist schon losgekauft. -- Pardon,« fügte +sie hinzu, auf den wiederum mit einem anderen Billet eintretenden +Diener blickend. Sie las und antwortete dann in Worten: »Morgen sind +wir bei der hohen Fürstin, sagt das; für den Gläubigen giebt es keine +Sünde,« setzte sie das Gespräch fort. + +»Ja; aber der Glaube ohne Worte ist doch tot,« sagte Stefan +Arkadjewitsch, sich dieses Satzes aus dem Katechismus erinnernd, und +nur noch durch ein Lächeln seine Unabhängigkeit wahrend. + +»So ist es; das ist aus dem Brief des Apostel Jakobus,« sagte Aleksey +Aleksandrowitsch, etwas vorwurfsvoll zu Lydia Iwanowna gewendet, +wie betreffs einer Sache, über die sie noch nicht ein einziges Mal +gesprochen hätten. + +»Wie viel Schaden hat die falsche Auslegung dieser Stelle angerichtet! +Nichts zieht so sehr vom Glauben ab, als diese Auslegung; >ich habe +keine Werke, also auch keinen Glauben< und doch ist dies nirgends +gesagt. Es ist das Umgekehrte gesagt.« + +»In Gott sich zu mühen, mit Kasteiungen, in Fasten die Seele +zu retten,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna mit widerlicher +Geringschätzung, »das sind nur wunderliche Auffassungen unserer Mönche. +Denn das ist nirgends gesagt. Es ist dies bei weitem einfacher und +leichter,« fügte sie hinzu, Oblonskiy mit dem nämlichen ermutigenden +Lächeln anblickend, mit welchem sie bei Hofe die jungen, von der +ungewohnten Umgebung verwirrten Damen ermutigte. + +»Wir sind erlöst durch Christum, der für uns gelitten hat. Wir sind +erlöst im Glauben,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Worte mit +seinem Blick billigend. + +»=Vous comprenez l'anglais=?« frug Lydia Iwanowna und erhob sich, +nachdem sie eine bejahende Antwort erhalten hatte, um auf einem kleinen +Bücherbrett in den Büchern zu suchen. + +»Soll ich >=Safe and Happy=< oder >=Under the Wing=< lesen?« sprach +sie, Karenin fragend anblickend, setzte sich, nachdem sie das Buch +gefunden hatte, wieder auf ihren Platz und schlug es auf. + +Die Ausführung war sehr kurz. Es wurde hier der Weg beschrieben, auf +welchem der Glaube erworben wird und jenes Glück, welches höher ist, +als alles Irdische, das hierbei doch die Seele erfüllt. Der Gläubige +kann nicht unglücklich sein, weil er nicht allein ist. »Da seht Ihr.« +Sie wollte schon weiter lesen, als der Diener wiederum hereintrat. + +»Bovosdin? Sagt, morgen um zwei Uhr! -- Ja,« sprach sie, die Stelle +in dem Buch mit dem Finger bedeckend, und seufzend, mit ihren +nachdenklichen schönen Augen vor sich hinblickend. »So wirkt der wahre +Glaube; Ihr kennt die Mary Sanina? Ihr kennt ihr Unglück? Sie verlor +ihr einziges Kind und war in Verzweiflung. Was geschah da? Sie fand +diesen Freund und dankt jetzt Gott für den Tod ihres Kindes. Dies ist +das Glück, welches der Glaube verleiht!« + +»Ja, ja, das ist viel« -- sagte Stefan Arkadjewitsch, zufrieden damit, +daß man las und ihm so Gelegenheit geben würde, ein klein wenig zur +Überlegung zu kommen. »Es ist doch offenbar am besten heute nicht um +etwas zu bitten,« dachte er, »könnte man nur, ohne etwas zu verderben, +von hier fortkommen.« + +»Es wird Euch langweilig werden,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, sich +an Landau wendend, »Ihr versteht nicht Englisch; doch es ist nur kurz.« + +»O, ich verstehe schon,« sagte Landau mit dem nämlichen Lächeln und +schloß die Augen. + +Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna sahen sich bedeutungsvoll +an und die Lektüre begann. + + + 22. + +Stefan Arkadjewitsch fühlte sich vollkommen verblüfft von den neuen, +ihm fremdartigen Gesprächen, die er vernahm. Das Getriebe des +Petersburger Lebens wirkte im allgemeinen anregend auf ihn ein, indem +es ihn aus dem stagnierenden Moskauer Sumpfe herausbrachte, aber er +liebte und verstand dieses Getriebe nur in den ihm nahestehenden und +bekannten Kreisen -- in dieser fremdartigen Umgebung hier wurde er +verlegen, konnte er nicht alles verstehen. Indem er der Gräfin Lydia +Iwanowna zuhörte, und die auf ihn gerichteten schönen, naiven oder +verschlagenen Augen Landaus -- er wußte es selbst nicht -- sah, begann +Stefan Arkadjewitsch eine gewisse eigenartige Schwere im Kopfe zu +empfinden. + +Die verschiedenartigsten Gedanken gingen in seinem Kopfe durcheinander. +Mary Sanina freut sich, daß ihr Kind gestorben ist -- es wäre recht +angenehm, könnte man jetzt ein wenig rauchen -- um sein Seelenheil zu +retten, ist nur nötig, daß man glaubt, und die Mönche wissen nicht, wie +man das machen muß, wohl aber die Gräfin Lydia Iwanowna kennt das -- +woher nur das schwere Gefühl in dem Kopfe? Von dem Cognac oder davon, +daß das da alles so sehr seltsam ist? Ich glaube doch wohl bis jetzt +nichts Anstößiges begangen zu haben; und doch kann ich sie nicht mehr +bitten. Man sagt, sie veranlaßt einen zum Beten; als ob sie mich nicht +dazu veranlaßt hätten? Das wird doch gar zu dumm. Und welchen Unsinn +sie da liest, sie spricht aber gut aus. Landau -- Bessuboff -- weshalb +heißt er Bessuboff? Plötzlich fühlte Stefan Arkadjewitsch, wie seine +Kinnlade unwiderstehlich sich zum Gähnen auszurenken begann. Er strich +sich seinen Backenbart, indem er das Gähnen verbarg und schüttelte +sich, fühlte aber dann, daß er bereits schlafe und schon zu schnarchen +anfange. Er erwachte in dem nämlichen Moment, als die Stimme der Gräfin +Lydia Iwanowna sprach »er schläft«. + +Stefan Arkadjewitsch kam erschrocken zur Besinnung, er fühlte sich +schuldbewußt und überführt, tröstete sich aber sogleich, nachdem er +wahrgenommen hatte, die Worte »er schläft« sich nicht auf ihn bezogen, +sondern auf Landau. + +Der Franzose war ebenso eingeschlafen, wie Stefan Arkadjewitsch. Aber +während sein Schlaf sie, wie er meinte, verletzt haben würde -- doch +selbst hieran dachte er nicht einmal, so seltsam schien ihm alles -- +erfreute sie der Schlaf Landaus, besonders die Gräfin Lydia Iwanowna, +außerordentlich. + +»=Mon ami=,« sagte Lydia Iwanowna, vorsichtig, um nicht Geräusch zu +verursachen, die Falten ihres seidenen Kleides streichend und in ihrer +Aufregung Karenin schon nicht mehr Aleksey Aleksandrowitsch nennend, +sondern »=mon ami -- donnez lui la main. Vous voyez=? St!« -- lispelte +sie dem abermals eintretenden Diener zu: »Niemand wird empfangen.« + +Der Franzose schlief, oder stellte sich schlafend, den Kopf nach der +Rücklehne des Sessels geneigt und mit der schwitzenden Hand, die auf +dem Knie lag, schwache Bewegungen machend, als ob er etwas fangen +wollte. Aleksey Aleksandrowitsch erhob sich, ging vorsichtig, sich an +dem Tische anhaltend herzu und legte seine Hand in die des Franzosen. +Stefan Arkadjewitsch stand gleichfalls auf, die Augen weit öffnend, +im Wunsche, völlig wach zu werden, falls er etwa noch schliefe, und +blickte bald auf dieses, bald auf jenes. Alles war Wirklichkeit. Stefan +Arkadjewitsch fühlte, daß es ihm im Kopfe immer unbehaglicher wurde. + +»=Que la personne qui est arrivée la dernière, celle qui demande, +qu'elle sorte! -- Qu'elle sorte=!« -- sprach der Franzose, ohne die +Augen zu öffnen. + +»=Vous m'excuserez, mais vous voyez -- revenez vers dix heurs, encore +mieux demain=.« + +»=Qu'elle sorte=!« wiederholte der Franzose ungeduldig. + +»=C'est moi, n'est ce pas=?« Mit der bestätigenden Antwort ging Stefan +Arkadjewitsch. Er vergaß, um was er Lydia Iwanowna hatte bitten +wollen; er vergaß die Sache seiner Schwester, auf den Fußspitzen ging +er hinaus, nur in dem einzigen Wunsche, möglichst schnell von hier +fortzukommen, wie aus einer Lasterhöhle. Er eilte auf die Straße +hinaus und unterhielt sich geraume Zeit scherzend mit dem Kutscher, um +möglichst bald wieder zu Verstande zu kommen. + +Im französischen Theater, welches er noch für den letzten Akt besuchte, +und darauf bei den Tataren beim Champagner, in der ihm eigenen Sphäre, +erholte sich Stefan Arkadjewitsch ein wenig, aber gleichwohl war es ihm +an diesem Abend gar nicht recht nach Wunsch. + +Als er nach Haus zu Peter Oblonskiy gekommen war, bei dem er in +Petersburg wohnte, fand er ein Billet von Betsy vor. Dieselbe schrieb +ihm, sie wünsche sehr die begonnene Unterhaltung zu beendigen und +bitte ihn, morgen zu ihr zu kommen. Er hatte dieses Schreiben kaum +durchgelesen, und eine finstere Miene dazu gemacht, als unten die +wuchtigen Schritte von Leuten vernehmbar wurden, welche etwas Schweres +trugen. + +Stefan Arkadjewitsch ging hinaus, um nachzusehen; es war der wieder +junggewordene Peter Oblonskiy, welcher so berauscht war, daß er nicht +die Treppe heraufgehen konnte. Gleichwohl aber befahl er selbst, +ihn auf die Füße zu stellen, als er Stefan Arkadjewitschs ansichtig +geworden, und ging mit diesem, an ihn angehängt, in dessen Zimmer, +wo er ihm zu erzählen anfing, wie er den Abend verbracht habe. Hier +schlief er dann auch ein. + +Stefan Arkadjewitsch hatte die Laune verloren, was sich bei ihm selten +ereignete, und konnte lange Zeit den Schlaf nicht finden. Alles woran +er auch denken mochte, war widerwärtig, aber als das Widerwärtigste, +als etwas gewissermaßen Beschämendes, rief er sich den Abend bei der +Gräfin Lydia Iwanowna ins Gedächtnis zurück. + +Am andern Tage erhielt er von Aleksey Aleksandrowitsch eine bestimmte +Verweigerung der Scheidung Annas, und erkannte nun, daß dieser +Entschluß auf dem fußte, was der Franzose gestern in seinem wirklichen +oder verstellten Schlafe gesagt haben mochte. + + + 23. + +Soll im Familienleben etwas unternommen werden, so bedarf es dazu +entweder eines vollständigen Zerfalls unter den Gatten, oder einer +liebevollen Übereinstimmung. Wenn aber die Beziehungen unter den Gatten +unbestimmte sind, weder so noch so, dann kann nichts unternommen werden. + +Viele Familien bleiben Jahre lang auf dem alten Platze, der den beiden +Gatten gleichgültig geworden ist, nur aus dem Grunde, weil weder ein +völliger Zerfall, noch ein ebensolches Einverständnis vorhanden ist. + +Sowohl Wronskiy wie Anna war das Moskauer Leben in seiner Hitze, +seinem Staub, wobei die Sonne nicht mehr wie im Frühling, sondern wie +im Sommer schien, alle Bäume auf den Boulevards längst schon belaubt +standen und die Blätter schon von Staub bedeckt waren -- unerträglich +geworden; doch lebten beide, ohne nach Wosdwishenskoje umzusiedeln, wie +schon längst beschlossen war, indem ihnen langweilig gewordenen Moskau +weiter, weil zwischen ihnen in letzter Zeit kein Einverständnis mehr +bestand. + +Die Verstimmung, die sie trennte, hatte keine äußerliche Ursache, und +alle Versuche einer Aussprache beseitigten dieselbe nicht nur nicht, +sondern vergrößerten sie noch. Es war dies eine innere Verbitterung, +welche für Anna ihren Grund in der Abnahme seiner Liebe hatte, für +Wronskiy in der Reue darüber, daß er sich ihretwegen in eine schwierige +Situation verwickelt hatte, welche Anna, anstatt sie zu erleichtern, +nur noch drückender gestaltete. Weder eins, noch das andere von beiden +äußerte die Ursache seines Grolls, aber sie hielten sich gegenseitig +für ungerecht, und bemühten sich bei jeder Gelegenheit, dies einander +zu zeigen. + +Für sie war er in seinem ganzen Wesen, mit allen seinen Gewohnheiten, +Gedanken, Wünschen, mit seiner ganzen seelischen und physischen +Beanlagung nur Eins -- die Liebe zum Weib; diese Liebe aber mußte nach +ihrem Gefühl, ganz auf sie allein konzentriert sein. Sie hatte sich +jedoch vermindert, und folglich hatte er nach ihrem Urteil einen Teil +derselben auf andere, oder auf ein anderes Weib übertragen müssen +-- und so war sie eifersüchtig geworden. Sie war nicht wegen eines +anderen Weibes eifersüchtig auf ihn, sondern wegen der Abnahme seiner +Liebe. Sie besaß noch keinen Gegenstand auf den sich ihre Eifersucht +erstrecken konnte, suchte denselben jedoch, und übertrug bei dem +geringsten Fingerzeig diese Eifersucht von dem einen Gegenstand auf den +anderen. Bald hegte sie Eifersucht auf ihn wegen jener gewöhnlichen +Frauenzimmer, mit denen er dank seinen Junggesellenverbindungen, so +leicht in Verbindung treten konnte, bald wegen jener Weltdamen, mit +denen er zusammentreffen konnte, bald auch hegte sie Eifersucht auf ein +nur in ihrer Vorstellung vorhandenes Mädchen, welches er, indem er sein +Verhältnis mit ihr löste, lieben könnte. + +Diese letztere Art ihrer Eifersucht folterte sie am meisten, +insbesondere deshalb, weil er ihr selbst unvorsichtigerweise in einer +offenherzigen Minute gesagt hatte, seine Mutter verstehe ihn so wenig, +daß sie sich erlaubt hätte, ihn zur Heirat mit der jungen Fürstin +Sorokina zu überreden. + +In dieser Eifersucht grollte ihm Anna, und suchte nun in allem Gründe +zum Grollen. In allem, was es Drückendes gab in ihrer Lage, klagte +sie ihn an; der qualvolle Zustand des Wartens, den sie in Moskau +-- zwischen Himmel und Erde -- durchlebte, die Langsamkeit und +Unentschlossenheit Aleksey Aleksandrowitschs, ihre Vereinsamung -- +alles legte sie ihm zur Last. Wenn er sie liebte, würde er all das +Drückende ihrer Lage begriffen, und sie aus derselben befreit haben; +daran, daß sie noch in Moskau lebte, und nicht auf dem Lande, war nur +er schuld. Er konnte nicht leben, wenn er sich auf dem Lande vergrub, +so wie sie es wünschte; ihm war die Gesellschaft unentbehrlich und er +hatte sie in diese furchtbare Situation gebracht, deren Schwierigkeit +er nicht verstehen wollte. Dann aber trug er auch schuld daran, daß sie +auf ewig von ihrem Sohne getrennt war. + +Selbst die seltenen Minuten der Zärtlichkeit, die für beide kamen, +beruhigten sie nicht; in seiner Zärtlichkeit fand sie jetzt einen +Anflug von Ruhe und Zuversicht; was früher nicht gewesen war und sie +reizte. + +Die Dämmerung war schon eingetreten. Anna schritt allein, seine +Heimkehr von einem Essen unter Junggesellen erwartend, zu dem er +gefahren war, im Kabinett auf und nieder, einem Raum, in welchem +das Geräusch vom Trottoir weniger vernehmlich war -- und überdachte +nochmals die Ausdrücke, welche bei ihrem gestrigen Zwist gefallen +waren, in allen Einzelheiten. + +Indem sie immer weiter rückwärts ging von den ihr erinnerlichen, +kränkenden Worten bei diesem Streite, bis zu dem, was die Veranlassung +dazu gebildet hatte, gelangte sie endlich auf den Beginn der +Auseinandersetzung. Lange vermochte sie nicht daran zu glauben, daß +der Streit aus einem Gespräch entstanden war, welches völlig harmlos, +und für keines der beiden von höherem Werte gewesen war. Es war +wirklich so. Alles war daher gekommen, daß er über die Mädchengymnasien +gespöttelt hatte, indem er sie für unnütz hielt, während sie für +dieselben eingetreten war. + +Er hatte sich im allgemeinen der weiblichen Bildung gegenüber +respektlos verhalten und gesagt, daß Hanna, die von Anna protegierte +Engländerin, durchaus keine Kenntnisse in der Physik nötig habe. + +Dies hatte Anna gereizt; sie sah hierin eine geringschätzige Hindeutung +auf ihre eigenen Beschäftigungen, und ersann und äußerte nun einen +Satz, der ihm den ihr bereiteten Schmerz heimzahlen sollte. + +»Ich erwarte nicht, daß Ihr an mich und meine Empfindungen dächtet, wie +dies nur ein liebender Mann kann, ich hätte aber nur einfach Taktgefühl +erwartet,« sagte sie. + +Und in der That, er errötete vor Verdruß und antwortete etwas +Unangenehmes. Sie besann sich nicht mehr auf ihre Antwort, aber gleich +darauf hatte er, offenbar in dem Wunsche, ihr auch weh zu thun, +geantwortet: + +»Eure Leidenschaft für dieses Mädchen interessiert mich nicht, weil ich +sehe, daß sie nicht natürlich ist.« + +Diese Härte seinerseits, mit welcher er eine Welt stürzte, die sie +sich mit soviel Mühe aufgebaut, um ihr schweres Dasein ertragen zu +können, diese Ungerechtigkeit, mit der er sie der Heuchelei, der +Unnatürlichkeit zieh, empörte sie. + +»Ich beklage sehr, daß allein das Rohe und Materielle Euch verständlich +und natürlich erscheint,« sprach sie und verließ das Zimmer. + +Als er gestern Abend zu ihr gekommen war, hatten sie des vorgefallenen +Zwists gar nicht gedacht, aber beide gefühlt, daß derselbe wohl +beigelegt aber nicht vorüber war. + +Heute war er nun den ganzen Tag über nicht zu Haus gewesen und sie +fühlte sich so vereinsamt und bedrückt in dem Gefühl, mit ihm uneinig +zu sein, daß sie alles vergessen, vergeben, sich mit ihm aussöhnen und +sich selbst anklagen, ihn aber rechtfertigen wollte. + +»Ich selbst bin schuld. Ich bin reizbar und sinnlos eifersüchtig. Ich +werde mich mit ihm aussöhnen und wir werden auf das Dorf fahren, dort +werde ich ruhiger werden,« sprach sie zu sich selbst. + +»Unnatürlich«, kam ihr plötzlich nicht so sehr das Wort, welches sie +vor allem verletzt hatte, wieder ins Gedächtnis, als vielmehr eine +Absicht, ihr wehe zu thun. »Ich weiß, was er sagen wollte; er wollte +sagen, es sei unnatürlich, nicht die eigene Tochter zu lieben, wohl +aber ein fremdes Kind. Was versteht er von Liebe zu Kindern, von +meiner Liebe zu Sergey, welchen ich ihm geopfert habe? Aber es war +so sein Wunsch, mir weh zu thun! Nein; er liebt eine andere, es kann +nicht anders sein,« und indem sie gewahrte, daß sie, im Wunsche, +ruhig zu werden, wiederum den soviel Mal schon von ihr durchlaufenen +Kreis vollendet hatte und zu der alten Erbitterung zurückgekehrt war, +erschrak sie über sich selbst. + +»Geht es denn aber wirklich nicht an? Sollte ich es nicht auf mich +nehmen können?« sprach sie zu sich selbst und begann abermals von +Anfang an. »Er ist gerecht, ehrenhaft, er liebt mich. Ich liebe ihn, +bald wird die Scheidung erfolgen. Wessen bedarf es da noch? Nur der +Ruhe, des Vertrauens, und ich will es auf mich nehmen. Ja, jetzt, +sobald er kommt, werde ich ihm sagen, daß ich die Schuldige gewesen +bin, obwohl ich es nicht war -- und wir wollen dann abreisen,« und um +nicht mehr denken, sich nicht mehr ihrem Groll überlassen zu müssen, +schellte sie und befahl die Koffer zum Einpacken der Sachen für die +Reise aufs Dorf herbeizubringen. + +Um zehn Uhr kam Wronskiy an. + + + 24. + +»Nun; ging es recht vergnügt zu?« frug sie mit schuldbewußtem und +sanftem Ausdruck in den Zügen, ihm entgegentretend. + +»Wie gewöhnlich,« versetzte er, sogleich mit einem einzigen Blick auf +sie erkennend, daß sie in einer ihrer besten Stimmungen sei. Er war an +diese Übergänge schon gewöhnt und heute ganz besonders erfreut davon, +weil er selbst sich gleichfalls in bester Laune befand. + +»Was sehe ich! So ist's recht!« sagte er, auf die Koffer im Vorzimmer +weisend. + +»Ja, wir müssen abreisen, und es ist ganz gut, daß wir auf das Dorf +wollen. Dich hält doch wohl nichts zurück?« + +»Nur eines wünschte ich. Ich komme sogleich wieder, wir wollen dann +sprechen, ich möchte mich nur umkleiden. Laß den Thee geben.« + +Er begab sich in sein Kabinett. + +Es hatte etwas Verletzendes darin gelegen, als er sagte, »so ist's +recht«; wie man zu einem Kinde spricht, wenn dieses aufgehört hat +launisch zu sein; und noch verletzender war der Gegensatz zwischen dem +schuldbewußten Tone bei ihr und dem selbstbewußten bei ihm; auf einen +Augenblick empfand sie in sich den aufsteigenden Wunsch nach Kampf; +allein indem sie sich selbst bezwang, erstickte sie denselben und +begegnete Wronskiy noch immer so heiter. + +Nachdem dieser wieder zu ihr gekommen war, erzählte sie ihm, teilweise +die zurechtgelegten Worte wiederholend, davon, wie sie den Tag +zugebracht hatte, sowie von ihren Plänen zur Abreise. + +»Weißt du, es ist über mich fast wie eine Begeisterung gekommen,« +sprach sie, »weshalb sollen wir hier auf die Scheidung warten? Geht das +nicht ganz ebenso auf dem Dorfe? Ich kann nicht mehr länger warten, +ich will nicht hoffen, nichts hören von der Scheidung. Ich habe +beschlossen, daß dies keinen Einfluß mehr auf mein Leben ausüben soll. +Bist du auch einverstanden?« + +»O ja;« sagte er, ihr beunruhigt in das erregte Gesicht blickend. + +»Was habt Ihr denn dort angegeben? Wer war dabei?« sagte sie. + +Wronskiy nannte die Gäste. Es war ein vorzügliches Essen gegeben +worden, eine Bootwettfahrt dazu und alles das war ganz hübsch +ausgefallen, aber in Moskau thut man es nicht ohne ein =ridicule=. Es +war auch eine Dame, eine Schwimmlehrerin der Königin von Schweden dabei +aufgetreten und hatte ihre Kunst gezeigt. + +»Wie? Sie schwamm?« frug Anna, sich verfinsternd. + +»In einem roten =costume de natation=; sie war alt und häßlich. Aber +wann reisen wir?« + +»Welch thörichte Phantasie! Schwimmt sie denn in einer ganz besonderen +Weise?« sagte Anna, ohne hierauf zu antworten. + +»Durchaus nichts Besonderes war dabei; ich muß sogar sagen, es war ein +furchtbarer Unsinn. Aber wann also denkst du zu reisen?« + +Anna schüttelte den Kopf, als wünsche sie, einen unangenehmen Gedanken +zu verscheuchen. + +»Wann wir reisen? Nun, je früher, um so besser. Morgen werden wir noch +nicht fertig sein; aber übermorgen.« + +»Ja -- doch nein, halt. Übermorgen ist Sonntag, da muß ich zu =maman=,« +sagte Wronskiy, in Verlegenheit geratend, weil er, sofort nachdem er +den Namen der Mutter ausgesprochen hatte, ihren starr und argwöhnisch +auf sich gerichteten Blick fühlte. Seine Verwirrung bestätigte ihr +ihren Verdacht. Sie geriet in Wallung und entfernte sich von ihm. Jetzt +war es nicht mehr die Lehrerin der Königin von Schweden, sondern die +junge Fürstin Sorokina, welche mit der Gräfin Wronskaja zusammen auf +einem Dorfe bei Moskau lebte, die vor Anna auftauchte. + +»Du kannst doch morgen zu ihr fahren?« sprach sie. + +»Nein, nein! In der Angelegenheit, in welcher ich zu ihr will -- läßt +sich ein Kreditschein und das Geld morgen nicht erhalten,« antwortete +er. + +»Wenn dem so ist, so werden wir gar nicht reisen.« + +»Warum das?« + +»Ich werde nicht später abreisen. Entweder Montag oder gar nicht.« + +»Aber warum?« sagte Wronskiy, wie mit Erstaunen. »Das hat doch gar +keinen Sinn.« + +»Für dich hat es keinen Sinn, weil du mit mir nichts zu thun hast. +Du willst mein Leben nicht begreifen. Das einzige, was mich hier +interessiert hat -- war Hanna. Du sagst, dies sei eine Heuchelei. +Du hast erst gestern gesagt -- daß ich meine Tochter nicht liebte, +sondern mich stellte, als ob ich diese Engländerin liebte -- dies wäre +unnatürlich. Ich möchte nun wissen, welches Leben hier für mich ein +natürliches sein könnte!« + +Einen Augenblick kam sie zur Besinnung und erschrak darüber, daß sie +ihrem Vorsatz untreu geworden war. Aber obwohl sie wußte, daß sie +sich damit verderbe, vermochte sie nicht mehr an sich zu halten; sie +mußte ihm zeigen, wie ungerecht er war, sie konnte sich ihm nicht mehr +unterordnen. + +»Ich habe dies niemals gesagt; ich habe gesagt, daß ich dieser so +plötzlichen Liebe nicht nachfühlen könnte.« + +»Warum sprichst du, der mit seiner Offenheit prahlt, nicht die +Wahrheit?« + +»Ich prahle nie und spreche nie die Unwahrheit,« sprach er ruhig, den +in ihm aufsteigenden Groll niederhaltend, »es ist sehr bedauerlich, +wenn du mich nicht achtest« -- + +»Die Achtung hat man erdacht, um eine leere Stelle damit zu verdecken, +auf welcher die Liebe sein müßte. Aber wenn du mich nicht mehr liebst, +so ist es besser und ehrenhafter, dies auszusprechen.« + +»Nein, das wird unerträglich!« rief Wronskiy, vom Stuhle aufstehend. +Vor ihr stehen bleibend, sprach er dann langsam: »Weshalb stellst +du meine Geduld auf die Probe?« Er sprach dies mit einem Ausdruck, +als könnte er noch mehr sagen, halte aber an sich; »es giebt gewisse +Grenzen!« + +»Was wollt Ihr damit sagen?« rief sie, mit Schrecken auf den offenen +Ausdruck von Haß schauend, der in seinem ganzen Gesicht, und besonders +in den harten, drohenden Augen lag. + +»Ich will sagen,« begann er, stockte aber, »ich muß fragen, was Ihr von +mir wollt?« + +»Was könnte ich wollen? Ich könnte nur wollen, daß Ihr mich nicht +vernachlässigt, wie Ihr es beabsichtigt« -- sagte sie, vollkommen +verstehend, was er nicht vollendet hatte, »aber das will ich nicht; das +kommt erst in zweiter Reihe. Ich will Liebe, und diese giebt es nicht +mehr. Vielleicht, daß alles schon vorbei ist.« + +Sie schritt der Thür zu. + +»Bleib -- bleibe!« sagte Wronskiy, ohne seine finster zusammengezogenen +Brauen zu glätten, und ergriff sie bei der Hand. »Was ist denn +eigentlich? Ich habe gesagt, daß die Abreise auf drei Tage verschoben +werden muß, du hast mir darauf geantwortet, ich lüge und sei ein +ehrloser Mensch!« + +»Ja, und ich wiederhole, daß ein Mensch, der mir vorwirft, alles für +mich geopfert zu haben« -- sprach sie in der Erinnerung an die Worte +eines anderen, früheren Streites -- »daß er schlimmer ist, ein Mensch +ohne Herz, als ein ehrloser Mensch!« + +»Nein; es giebt aber doch eine Grenze für die Geduld!« rief er aus, +ihre Hand schnell loslassend. + +»Er haßt mich, das ist klar,« dachte sie, und verließ schweigend, +ohne sich umzublicken, mit unsicheren Schritten das Gemach. »Er liebt +eine andere; das ist noch klarer,« sprach sie zu sich, in ihr Zimmer +tretend, »ich will Liebe, aber die ist nicht mehr da. Vielleicht ist +alles vorüber,« wiederholte sie mit den von ihr schon geäußerten +Worten, »und wir müssen ein Ende machen. Aber wie?« frug sie sich und +setzte sich in einem Sessel vor dem Spiegel. Gedanken daran, wohin +sie jetzt fahren könnte -- zu der Tante vielleicht, bei welcher sie +erzogen worden war, zu Dolly, oder einfach ins Ausland, ferner daran, +was er jetzt, allein in seinem Kabinett thun möge; ob dieser Streit ein +entscheidender gewesen oder eine Aussöhnung noch möglich sei, sowie, +was jetzt alle ihre früheren Petersburger Bekannten von ihr sagen +würden, wie Aleksey Aleksandrowitsch die Sache betrachten würde; viele +andere Ideen, was jetzt werden solle nach dem Bruch, kamen ihr in den +Kopf, aber sie gab sich ihnen nicht mit ganzer Seele hin. + +In ihrer Seele lebte ein unklarer Gedanke, der sie ausschließlich +interessierte, doch konnte sie sich nicht klar darüber werden. Indem +sie aber nochmals an Aleksey Aleksandrowitsch dachte, rief sie sich +zugleich auch die Zeit ihrer Krankheit nach ihrer Niederkunft und jenes +Gefühl wieder ins Gedächtnis zurück, welches sie damals nicht verlassen +hatte »warum bin ich nicht gestorben?« und erkannte nun plötzlich das +Gefühl, welches in ihrer Seele lebte. Ja; er war es, der Gedanke, der +allein alles entschied, »sie mußte sterben.« + +»Die Schmach und Schande Aleksey Aleksandrowitschs, Sergeys, und meine +eigene furchtbare Schmach -- das alles wird durch den Tod gesühnt. Sie +wollte -- sterben, er aber sollte bereuen, er muß Mitleid empfinden, +Liebe, und soll meinethalben leiden!« + +Mit beständigem Lächeln des Mitleids mit sich selbst saß sie in dem +Lehnstuhl, die Ringe ihrer linken Hand abziehend und wieder aufsetzend, +und sich lebhaft seine Gefühle nach ihrem Tode, von den verschiedenen +Seiten aus, vorstellend. + +Sich nähernde Schritte, es waren seine Schritte, zogen sie ab. Als wäre +sie mit dem Weglegen ihrer Ringe beschäftigt wandte sie sich nicht +einmal nach ihm um. + +Er trat zu ihr und ihre Hand ergreifend, sagte er leise: + +»Anna, wir wollen übermorgen fahren, wenn du willst. Ich bin mit allem +einverstanden.« + +Sie schwieg. + +»Nun?« frug er. + +»Du weißt ja selbst,« sagte sie und brach sogleich, unfähig, noch +länger an sich zu halten, in Schluchzen aus. »Verlaß mich, verlaß +mich!« sprach sie unter Schluchzen, »ich werde morgen fortgehen -- ich +werde noch mehr thun! Wer bin ich noch? Ein lasterhaftes Weib, ein +Stein auf deinem Wege. Ich will dich nicht quälen, ich will nicht, und +werde dich befreien. Du liebst nicht, liebst eine andere!« + +Wronskiy beschwor sie, sich zu beruhigen und beteuerte, daß es doch gar +keinen Anlaß zur Eifersucht für sie gäbe, daß er niemals aufgehört habe +oder aufhören werde, sie zu lieben, und sie noch mehr liebe, als je +zuvor. + +»Anna, wozu sollen wir uns beide so quälen?« sagte er, ihr die Hände +küssend. In seinen Zügen malte sich jetzt Zärtlichkeit und ihr schien +es, als vernehme sie mit ihrem Ohr einen Klang von Thränen in seiner +Stimme, als verspüre sie das Feuchte dieser Thränen auf ihrer Hand, und +augenblicklich ging die verzweiflungsvolle Eifersucht Annas in eine +verzweiflungsvolle, leidenschaftliche Zärtlichkeit über. Sie umfing ihn +und bedeckte ihm Kopf, Hals und Hände mit Küssen. + + + 25. + +In dem Gefühl, daß die Aussöhnung eine vollständige war, beschäftigte +sich Anna vom andern Morgen ab munter mit den Anstalten zur Abreise. + +Obwohl noch gar nicht beschlossen war, ob man Montag oder Dienstag +reisen würde, da beide sich gestern gegenseitig Konzessionen gemacht +hatten, bereitete sich Anna eifrig auf die Abreise vor, jetzt +vollkommen gleichgültig dem gegenüber, ob man früh oder spät am Tage +abreiste. Sie stand eben in ihrem Zimmer vor einem geöffneten Schranke, +und nahm Sachen heraus, als er bereits angekleidet, früher als +gewöhnlich, bei ihr eintrat. + +»Ich muß sofort zu =maman= fahren; sie kann mir das Geld durch Jegoroff +übersenden. Morgen bin ich dann bereit zu reisen,« sagte er. + +Mochte sie nun auch noch so gut gelaunt sein, die Erwähnung der Abreise +auf den Landsitz schnitt ihr ins Herz. + +»O, auch ich beeile mich nicht,« sagte sie, dachte aber sogleich: +vielleicht ist es doch noch möglich, es so einzurichten, daß man +thut wie ich wünschte. -- »Nein, thu' wie du willst! Geh' in den +Speisesalon, ich werde sogleich auch kommen und will nur noch diese +überflüssigen Sachen herauslegen,« sprach sie, noch etwas auf +Annuschkas Arme packend, auf welchen bereits ein Berg Leinen ruhte. + +Wronskiy verzehrte gerade sein Beefsteak, als sie in den Speisesalon +trat. + +»Du glaubst nicht, wie kalt mich diese Gemächer lassen,« sagte +sie, sich neben ihm zu ihrem Kaffee setzend. »Es giebt doch nichts +Schrecklicheres als diese =chambres garnies=. Es liegt kein Ausdruck, +keine Seele in ihnen. Diese Uhren, Gardinen, und namentlich diese +Tapeten -- sind wie ein Alp. Ich gedenke Wosdwishenskojes, wie des +gelobten Landes. Du hast noch keine Pferde hergeschickt?« + +»Nein; sie werden kommen wenn wir fort sind. Fährst du noch einmal aus?« + +»Ich wollte noch zur Wilson; ich muß ihr Kleider bringen. Also +morgen ist es gewiß?« sprach sie mit heiterer Stimme; doch plötzlich +veränderte sich ihr Antlitz. + +Der Kammerdiener Wronskiys kam, um sich die Unterschrift für ein +Telegramm aus Petersburg auszubitten. + +Es war nichts Besonderes in der Empfangnahme einer Depesche seitens +Wronskiys, aber gleichwohl sagte dieser, als wünschte er etwas vor ihr +zu verheimlichen, er wolle im Kabinett unterschreiben, und wandte sich +dann hastig zu ihr. + +»Gewiß werde ich morgen mit allem in Ordnung sein.« + +»Von wem war die Depesche?« frug sie, ohne ihn zu hören. + +»Von Stefan,« antwortete er gezwungen. + +»Warum hast du mir sie nicht gezeigt? Welches Geheimnis kann es +zwischen Stefan und mir geben?« + +Wronskiy rief den Kammerdiener zurück und befahl, die Depesche zu +bringen. + +»Ich wollte sie dir nicht zeigen, weil Stefan eine Leidenschaft hat, zu +telegraphieren. Wozu telegraphieren, wenn nichts entschieden ist?« + +»Über die Scheidung?« + +»Ja. Doch er schreibt, er habe noch nichts erreichen können. Kürzlich +versprach er einen endgültigen Bescheid. Da lies.« + +Mit bebenden Händen ergriff Anna die Depesche und las noch einmal das, +was Wronskiy gesagt hatte. Am Schluß war noch hinzugefügt »es ist wenig +Hoffnung vorhanden, aber ich werde alles Mögliche und Unmögliche thun.« + +»Ich habe gestern gesagt, daß es mir vollkommen gleichgültig ist, wann +ich die Scheidung erhalte, ja, selbst, ob ich sie erhalte,« sprach +sie errötend. »Es lag aber doch keine Notwendigkeit vor, mir Etwas zu +verheimlichen. So kann er auch vor mir seine Korrespondenz mit Frauen +verheimlichen, und er verheimlicht sie auch,« dachte sie dabei. + +»Jaschwin wollte heute früh mit Woytoff herkommen,« sagte Wronskiy, »es +scheint, daß er Pjevzoff alles abgewonnen hat, ja, sogar noch mehr, +als dieser bezahlen kann; einige sechzigtausend Rubel.« + +»Nein,« versetzte sie, erzürnt darüber, daß er mit diesem Wechsel des +Themas so augenfällig zu verstehen gab, daß sie gereizt sei, »weshalb +glaubst du, daß diese Nachricht mich so interessiert, daß man sie sogar +zu verbergen hätte? Ich habe gesagt, daß ich nicht daran denken mag, +und wünschte, du möchtest ebensowenig davon interessiert werden, wie +ich.« + +»Ich interessiere mich nur deshalb dafür, weil ich Klarheit liebe,« +sagte er. + +»Klarheit liegt nicht in der Form, sondern in der Liebe,« sagte sie, +mehr und mehr in Erregung geratend, aber nicht durch seine Worte, +sondern durch den Ton kalter Ruhe, mit welchem er sprach. »Weshalb +wünschest du Klarheit?« + +»Mein Gott! Wieder die Liebe!« dachte er, finster werdend. »Du weißt +doch, wozu? Für dich, und für die Kinder, welche kommen werden,« sagte +er. + +»Kinder wird es nicht geben.« + +»Das ist sehr bedauerlich,« sagte er. + +»Dir ist sie erforderlich für die Kinder, aber an mich denkst du +nicht,« sprach sie, vollständig vergessend und überhörend, daß er +gesagt hatte »für dich und für die Kinder«. -- + +Die Frage nach der Möglichkeit, ob sie noch Kinder haben würden, hatte +für sie seit Langem eine Streitfrage gebildet, die sie erbitterte. +Seinen Wunsch, Kinder zu haben, legte sie sich dahin aus, daß er ihre +Schönheit nicht schätze. + +»O, ich sagte doch für dich! Vor allem für dich,« wiederholte er, sich +wie unter einem Schmerzgefühl verfinsternd, »weil ich überzeugt bin, +daß ein großer Teil deiner _Gereiztheit_ von der Unbestimmtheit unserer +Lage herrührt.« + +»Ja, jetzt hat er aufgehört, sich zu verstellen und alle seine kalte +Gehässigkeit gegen mich ist nun sichtbar,« dachte sie, seine Worte +nicht vernehmend, aber mit Schrecken auf den kalten, harten Richter +blickend, der, mit ihr Spott treibend, aus seinen Augen herausschaute. +»Dies ist nicht der Grund,« sagte sie, »ich begreife selbst nicht, daß +der Grund meiner _Gereiztheit_ -- wie du es nennst, der sein kann, mich +vollständig in deiner Gewalt zu befinden. Was für eine Unbestimmtheit +der Lage giebt es hierbei? Im Gegenteil.« + +»Es ist sehr bedauerlich, daß du nicht verstehen willst,« unterbrach +er sie, beharrlich in dem Wunsche, seinen Gedanken auszusprechen, »die +Unbestimmtheit liegt darin, daß dir scheint, als wäre ich frei.« + +»Diesbezüglich kannst du ganz ruhig sein,« sagte sie, und begann, indem +sie sich von ihm abwandte, ihren Kaffee zu trinken. + +Sie hob die Tasse, und führte sie, den kleinen Finger von sich +streckend zum Munde. Nachdem sie einige Schlucke genommen, blickte sie +ihn an. An dem Ausdruck seines Gesichts erkannte sie klar, daß ihm ihre +Hand und ihre Geste zuwider war, wie das Geräusch, welches sie mit den +Lippen verursacht hatte. + +»Mir ist alles vollständig gleichgültig, was deine Mutter denkt, und +wie sie dich verheiraten will,« sagte sie, mit zitternder Hand die +Tasse niedersetzend. + +»Davon sprechen wir ja aber gar nicht.« + +»O, eben davon; und glaube mir, daß für mich ein Weib ohne Herz -- sei +es alt oder nicht alt, deine Mutter oder eine Fremde -- ohne Interesse +ist, und ich es nicht kennen mag!« + +»Anna, ich bitte dich, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu reden.« + +»Ein Weib, welches nicht mit seinem Herzen erraten hat, worin das Glück +und die Ehre des Sohnes beruht -- hat kein Herz.« + +»Ich wiederhole meine Bitte, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu +sprechen, die ich achte,« sagte er, seine Stimme hebend und sie streng +anblickend. + +Sie antwortete nicht. Starr schaute sie ihn an, sein Gesicht, seine +Hände; sie rief sich die gestrige Versöhnungsscene mit allen ihren +Einzelheiten ins Gedächtnis zurück, sowie seine leidenschaftlichen +Liebkosungen. »Ganz die nämlichen Liebkosungen hat er an andere Weiber +verschwendet, er wird es weiterhin thun, er will es thun,« dachte sie. + +»Du liebst deine Mutter nicht. -- Das sind alles Phrasen, nur Phrasen!« +-- sprach sie, ihn haßerfüllt anblickend. + +»Wenn es so allerdings steht, dann heißt es« -- + +-- »Zu einem Entschluß kommen; und ich bin entschlossen;« sagte sie +und wollte gehen, doch gerade trat Jaschwin ins Zimmer. Anna begrüßte +ihn und blieb. + +Warum sie, während in ihrer Seele ein Sturm tobte, und sie fühlte, daß +sie auf einem Wendepunkt ihres Lebens stehe, der furchtbare Folgen +haben könne -- warum sie sich während dieser Minute vor einem fremden +Menschen verstellen mußte, der früher oder später ja doch alles +erfahren würde, -- sie wußte es nicht, sondern ließ sich, den Sturm +in sich beschwichtigend, sogleich nieder und begann mit dem Besuch zu +konversieren. + +»Nun, wie steht es mit Eurer Angelegenheit; habt Ihr eine +Schuldverschreibung erhalten?« frug sie Jaschwin. + +»Nicht der Rede wert. Mir scheint, daß ich nicht alles erhalten werde, +ich muß Mittwoch verreisen. Wann reist Ihr?« antwortete dieser, mit den +Augen zwinkernd und Wronskiy anblickend. Er erriet augenscheinlich, daß +ein Zwist obgewaltet hatte. + +»Übermorgen wahrscheinlich,« sagte Wronskiy. + +»Ihr bereitet Euch übrigens schon seit Langem darauf vor.« + +»Jetzt ist es jedoch beschlossen,« sprach Anna, Wronskiy gerade ins +Auge schauend, mit einem Blick, der diesem sagte, er solle nicht mehr +an die Möglichkeit einer Aussöhnung denken. »Thut Euch denn dieser +unglückliche Pjevzoff nicht leid?« setzte sie dann ihr Gespräch mit +Jaschwin fort. + +»Ich habe mich noch nie gefragt, Anna Arkadjewna, ob mir etwas leid +thut oder nicht. Hier ist mein ganzes Vermögen« -- er wies auf seine +Seitentasche -- »und jetzt bin ich ein reicher Mann. Heute fahre ich in +den Klub, um ihn vielleicht als Bettler wieder zu verlassen. Wird mich +doch jeder der sich mit mir zum Spiel niedersetzt, auch bis aufs Hemd +ausplündern, so wie ich es mit ihm mache. Wir kämpfen eben miteinander +-- und darin liegt das Vergnügen.« + +»Aber wenn Ihr nun verheiratet wäret,« sagte Anna, »was würde da aus +Eurer Frau.« + +Jaschwin brach in Gelächter aus. + +»Eben deshalb habe ich auch nicht geheiratet, mir dies auch niemals +vorgenommen!« + +»Und Helsingfors?« frug Wronskiy, sich in die Unterhaltung mischend und +Anna, welche lächelte, anblickend. Seinem Blick begegnend, nahm das +Antlitz Annas plötzlich einen kalten, strengen Ausdruck an, als wollte +sie ihm sagen, »es ist nichts vergessen; es ist noch beim Alten.« + +»Aber Ihr seid doch gewiß einmal verliebt gewesen?« wandte sie sich zu +Jaschwin. + +»O Gott, wie oft. Aber -- merkt wohl auf, es kann sich einer zum Spiel +setzen, um stets dann davon aufzustehen, sobald die Zeit des Rendezvous +kommt -- ich kann mich zwar auch mit der Liebe beschäftigen, doch immer +nur so, daß ich abends die Partie nicht versäume. So halte ich es.« + +»Darnach frage ich nicht; sondern nach dem, um was es sich jetzt +handelt;« sie wollte sagen »Helsingfors,« das Wort aber nicht +aussprechen, welches von Wronskiy gesprochen worden war. + +Es kam nun Wojtoff, welcher einen Hengst gekauft hatte; Anna erhob sich +und verließ das Zimmer. + +Bevor Wronskiy von Hause wegfuhr, trat er noch bei ihr ein. Sie wollte +sich stellen, als suchte sie Etwas auf dem Tische, blickte ihm aber, +von ihrer Heuchelei beschämt, offen und mit kühlem Blick ins Antlitz. + +»Was wollt Ihr?« frug sie ihn auf französisch. + +»Das Attestat über den Gambetta holen. Ich habe ihn verkauft,« sprach +er in einem Tone, der deutlicher als Worte ausdrückte, »ich habe mich +durchaus nicht zu erklären und es würde dies auch zu nichts führen. +Ich trage doch keine Schuld ihr gegenüber,« dachte er, »wenn sie +sich selbst bestrafen will, =tant pis pour elle=!« Im Hinausgehen +aber schien ihm, als habe sie etwas gesagt und sein Herz regte sich +plötzlich in Mitleid für sie. + +»Was ist, Anna?« frug er. + +»Ich sagte nichts,« antwortete sie immer noch so kalt und ruhig. + +»Ah, nichts dann -- =tant pis=,« dachte er, wieder kühl werdend, wandte +sich und ging. Indem er hinausschritt, erblickte er im Spiegel ihr +Gesicht, bleich, mit bebenden Lippen. Er wollte nun wohl stehen bleiben +und ihr ein tröstendes Wort sagen, doch seine Füße trugen ihn aus dem +Zimmer, schneller, als er sich ausgedacht hatte, was er sagen sollte. + +Diesen ganzen Tag brachte er außerhalb des Hauses zu; als er spät +Abends heimkehrte, sagte ihm die Zofe, daß Anna Arkadjewna Kopfweh habe +und bitten lasse, sie nicht zu besuchen. + + + 26. + +Noch nie war ein Tag im Hader vorübergegangen. Es war dies das erstemal +gewesen. Aber es war auch kein Streit mehr, sondern das offenkundige +Eingeständnis einer vollständigen Erkaltung. Konnte man sie denn +so anblicken, wie er es gethan hatte, indem er nach dem Attest in +das Zimmer getreten war. Sie anzuschauen und zu sehen, daß ihr Herz +zerrissen war von Verzweiflung, und schweigend weiterzugehen mit diesem +gleichgültigen, ruhigen Gesicht? Nicht nur, daß er kühl gegen sie +geworden war; haßte er sie auch, weil er eine andere liebte -- das war +klar. -- Und indem sie sich alle jene harten Worte, die er gesprochen +hatte, ins Gedächtnis zurückrief, überdachte sie nochmals diejenigen, +die er offenbar ihr zu sagen gewünscht hatte oder ihr sagen konnte, und +mehr und mehr geriet sie in Erbitterung. + +»Ich halte Euch nicht,« konnte er sagen, »Ihr könnt gehen, wohin Ihr +wollt. Ihr habt Euch von Eurem Manne nicht scheiden lassen wollen, +wahrscheinlich, um zu ihm zurückzukehren. Kehrt zurück! Wenn Ihr Geld +braucht, will ich es Euch geben. Wieviel Rubel braucht Ihr?« + +Die allerhärtesten Worte, welche ihr der rauhe Mann sagen konnte, er +sagte sie ihr in ihrer Einbildungskraft und sie verzieh ihm dieselben +nicht, als hätte er sie ihr wirklich gesagt. + +»Aber hatte er ihr nicht gestern erst seine Liebe geschworen, er, der +gerechte und ehrenhafte Mann? Bin ich nicht etwa schon viele Male +grundlos in Verzweiflung gewesen?« sprach sie hierauf zu sich selbst. + +Diesen ganzen Tag verbrachte Anna, mit Ausnahme einer Fahrt zur Wilson, +die sie zwei Stunden in Anspruch nahm, in Ungewißheit darüber, ob alles +vorbei, oder noch eine Hoffnung auf Versöhnung vorhanden wäre, ob sie +sogleich fort müsse, oder ihn erst noch einmal sehen solle. Sie wartete +auf ihn den ganzen Tag, und erwog bei sich, nachdem sie am Abend, als +sie sich in ihr Zimmer zurückzog, befohlen hatte mitzuteilen, daß +sie Kopfweh habe; wenn er trotz der Worte der Zofe, zu mir kommt, so +bedeutet dies, daß er noch liebt, wenn nicht, daß alles zu Ende ist, +und dann werde ich entscheiden, was ich zu thun habe.« -- + +Am Abend vernahm sie das Geräusch seines Wagens, sein Läuten, seine +Schritte und sein Gespräch mit der Zofe. Er glaubte, was man ihm gesagt +hatte, wollte nichts Weiteres hören und begab sich in seine Räume. Es +war also wohl alles vorüber. + +Der Tod als das einzige Mittel, in seinem Herzen die Liebe zu ihr zu +erhalten, ihn zu strafen und den Sieg davonzutragen in diesem Kampfe, +den der in ihrem Herzen heimisch gewordene böse Geist mit ihm führte, +erschien klar und lebendig vor ihr. + +Jetzt war alles gleich; fuhr man nach Wosdwishenskoje oder nicht, +erhielt man die Scheidung von dem Gatten oder nicht -- es war nichts +mehr nötig. Nötig war nur Eines noch -- ihn zu strafen! -- + +Als sie sich die gewohnte Dosis Opium eingoß, und daran dachte, daß man +nur die ganze Phiole zu leeren brauchte, um zu sterben, erschien ihr +dies so leicht und einfach, daß sie abermals mit Genugthuung daran zu +denken begann, wie er Qual und Reue empfinden und sie in der Erinnerung +lieben würde, wenn es schon zu spät wäre. + +Sie lag im Bett mit offenen Augen, beim Scheine einer einsamen, +niedergebrannten Kerze nach dem Stuckkarnies der Zimmerdecke und dem +Teile derselben blickend, welcher den Schatten des Bettschirmes hatte, +und stellte sich lebendig vor, was er empfinden würde, wenn sie erst +nicht mehr wäre, wenn sie für ihn nur noch eine Erinnerung bildete. + +»Wie konnte ich diese harten Worte zu ihr sagen,« würde er sprechen, +»wie konnte ich aus ihrem Zimmer gehen, ohne ihr ein Wort zu sagen? +Jetzt ist sie nicht mehr. Sie ist von mir gegangen. Sie ist dort« -- + +Da bewegte sich plötzlich der Schatten des Bettschirmes, umfing das +ganze Karnies, die ganze Decke, andere Schatten von der anderen Seite +stürzten ihr entgegen; auf einen Augenblick flohen dieselben davon, +bewegten sich aber dann mit erneuter Schnelligkeit heran, wankten hin +und her, verschwammen ineinander und alles wurde dunkel. + +»Der Tod?« dachte sie, und ein Schrecken überkam sie, daß sie lange +nicht wußte, wo sie war, und lange mit den bebenden Händen kein +Zündholz finden konnte, um eine neue Kerze an Stelle derjenigen, welche +herabgebrannt und erloschen war, anzuzünden. + +»Nein -- aber doch -- nur leben! Ich liebe ihn ja doch, und er liebt ja +mich! Dies ist geschehen und wird vorübergehen!« sprach sie im Gefühl, +daß ihr die Thränen der Freude ob ihrer Rückkehr zum Leben über die +Wangen flossen. Um sich von ihrem Schrecken zu erholen, begab sie sich +hastig nach seinem Kabinett. + +Er schlief in demselben, in festem Schlummer. Sie trat zu ihm heran, +und betrachtete ihn, lange sein Gesicht von oben herab beleuchtend. +Jetzt, da er schlief, liebte sie ihn so sehr, daß sie bei seinem +Anblick die Thränen der Zärtlichkeit nicht zurückzuhalten vermochte; +aber sie wußte, daß er sie, wenn er erwachte, mit dem kalten Blick, der +sich seines Rechtes bewußt ist, anschauen würde, und sie ihm, bevor +sie ihm von ihrer Liebe sprach, darlegen müsse, daß er vor ihr der +Schuldige sei. Ohne ihn zu wecken kehrte sie zurück, und schlief nach +einer zweiten Dosis Opium bis zum Morgen in schwerem Halbschlummer, +währenddessen sie ununterbrochen ihr Empfindungsvermögen behielt. + +Am Morgen erschien ihr der furchtbare Alp, der sich mehrmals in ihren +Traumbildern, schon vor der Zeit ihres Verhältnisses mit Wronskiy +wiederholt hatte, von neuem und erweckte sie. Jener Alte mit dem +wirren Barte arbeitete, auf sein Eisen gebeugt und unverständliche, +französische Worte sprechend, während sie -- wie stets unter diesem +Alpdrücken -- empfand, was den eigentlichen Schrecken für sie bildete, +daß dieser Bauer ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit widmete, +sondern eine furchtbare Arbeit in Eisen verrichtete -- über ihr. -- + +Sie erwachte in kaltem Schweiß liegend. Als sie sich erhob, erinnerte +sie sich des gestrigen Tages wie im Nebel. + +»Es hatte Streit gegeben, das Nämliche, was schon mehrmals +stattgefunden hatte. Ich hatte gesagt, daß ich Kopfschmerzen hätte, +und er ist nicht zu mir gekommen. Morgen wollen wir reisen; ich muß ihn +sehen und mich zur Abreise vorbereiten,« sagte sie zu sich selbst, und +begab sich, nachdem sie gehört hatte, daß er sich in seinem Kabinett +befände, zu ihm. Als sie durch den Salon schritt, hörte sie, daß vor +der Einfahrt eine Equipage hielt und erblickte durchs Fenster schauend, +einen Wagen, aus welchem sich ein junges Mädchen in lilafarbenem Hut +herausbeugte, das ihrem Diener, welcher läutete einen Befehl erteilte. + +Nach einem Zwiegespräch im Vorzimmer, kam jemand herauf und neben dem +Salon wurden die Tritte Wronskiys vernehmbar, welcher mit schnellen +Schritten die Treppe hinabeilte. + +Anna trat wieder an das Fenster. Da trat er ohne Hut auf die Freitreppe +und ging zum Wagen. Das junge Mädchen im lilafarbigen Hut übergab ihm +ein Paket. Wronskiy sagte ihr lächelnd etwas und der Wagen fuhr wieder +fort. Er eilte schnell wieder zurück die Treppe herauf. + +Der Nebel, welcher sich über ihre Seele gebreitet hatte, zerstreute +sich plötzlich. Die Empfindungen von gestern preßten mit neuem Weh ihr +krankes Herz. + +Sie konnte jetzt nicht mehr begreifen, daß sie sich soweit hatte +erniedrigen können, noch einen ganzen Tag bei ihm in seinem Hause zu +bleiben, und kehrte in ihr Zimmer zurück, um ihn von ihrem Entschluß in +Kenntnis zu setzen. + +»Die Sorokina war mit ihrer Tochter gekommen und hat mir Geld und +Papiere von =maman= gebracht. Ich konnte es gestern nicht erhalten. Wie +steht es mit deinem Kopf; besser?« sprach er ruhig, ohne den düsteren +und ernsten und feierlichen Ausdruck ihres Gesichts bemerken zu wollen. + +Sie blickte ihn schweigend und starr an, in der Mitte des Zimmers +stehend. Er schaute sie an, verfinsterte sich einen Augenblick und +fuhr dann fort, einen Brief zu lesen. Sie wandte sich und ging langsam +nach der Thür. Er hätte sie noch zurückrufen können, aber sie war bis +an die Thür gegangen und er schwieg noch immer; nur das Rauschen eines +gewendeten Blattes des Briefes war vernehmbar. + +»Also,« begann er in dem Augenblick, als sie schon in der Thür stand, +»morgen werden wir entschieden fahren, nicht wahr?« + +»Ihr, nicht ich,« sprach sie, sich zu ihm wendend. + +»Anna; es ist unmöglich, so zu leben« -- + +»Ihr, nicht ich,« wiederholte sie. + +»Das wird unerträglich!« + +»Ihr, Ihr werdet die Reue empfinden,« sprach sie und ging hinaus. + +Erschreckt von dem verzweifelten Ausdruck, mit welchem diese Worte +gesprochen worden waren, sprang er auf und wollte ihr nacheilen, +doch indem er sich besann, setzte er sich wieder, sein Gesicht wurde +finster, indem er die Zähne fest aufeinanderbiß. + +Diese Drohung, welche unziemlich war, wie er fand, hatte ihn gereizt. + +»Ich habe alles versucht,« dachte er, »es bleibt nur noch Eins übrig -- +sie nicht mehr zu beachten« -- und machte sich fertig, in die Stadt zu +fahren, nochmals zur Mutter, von welcher er eine Unterschrift für die +Vollmacht haben mußte. + +Sie vernahm das Geräusch seiner Schritte im Kabinett und durch den +Speisesalon. Im Salon blieb er stehen; doch wandte er sich nicht zu +ihr, sondern erteilte nur Befehl, daß man in seiner Abwesenheit den +Hengst an Wojtoff ausliefere. Dann vernahm sie, wie man den Wagen +brachte, die Thür sich öffnete und er wiederum hinaustrat. Aber er +kehrte nochmals in den Flur zurück und es kam jemand nach oben geeilt. +Der Kammerdiener lief nach den vergessenen Handschuhen. Sie trat an das +Fenster und sah, wie er, ohne hinzublicken die Handschuhe ergriff, mit +der Hand den Rücken des Kutschers berührte und demselben etwas sagte. +Ohne die Fenster zu mustern, setzte er sich hierauf in seiner gewohnten +Pose in den Wagen, legte die Füße übereinander und drückte sich, einen +Handschuh anstreifend, in die Ecke. + + + 27. + +»Er ist fort. Es ist zu Ende!« sprach Anna zu sich selbst, am Fenster +stehend und zur Antwort auf diese Worte erfüllten jene Eindrücke in +der Finsternis nach dem Erlöschen des Lichtes, und des furchtbaren +Traumbildes in Eins zusammengeflossen, ihr Herz mit kaltem Entsetzen. +»Nein, es kann nicht sein!« schrie sie auf und schellte heftig, durch +das Zimmer eilend. Ihr war es jetzt so bange, allein zu bleiben, daß +sie, ohne das Erscheinen des Dieners abzuwarten, diesem entgegenkam. + +»Erkundigt Euch, wohin der Graf gefahren ist,« sagte sie. + +Der Diener versetzte, der Graf sei nach den Marställen gefahren. + +»Der Herr haben befohlen zu melden, daß der Wagen sogleich zurückkehren +würde, falls es Euch gefällig wäre, auszufahren.« + +»Gut. Bleibt. Ich werde sogleich ein Billet schreiben. Schickt Michail +mit dem Billet nach den Marställen, so schnell als möglich.« + +Sie setzte sich und begann zu schreiben: + +»Ich bin schuld. Kehre heim, wir müssen ins Klare kommen. Um Gott, +komm, mir ist furchtbar.« + +Sie siegelte und übergab dem Diener das Billet. + +Jetzt fürchtete sie sich allein zu bleiben und begab sich, nachdem der +Diener gegangen war, aus dem Zimmer nach der Kinderstube. + +»Was ist das? Das ist er nicht! Das ist nicht Er! Wo sind seine blauen +Augen, wo ist sein mildes, sanftes Lächeln?« war ihr erster Gedanke, +als sie ihr dralles, rotbäckiges kleines Mädchen mit den schwarzen +krausen Haaren anstatt Sergeys, den sie in einer Verwirrung ihrer +Gedanken in der Kinderstube zu sehen erwartet hatte, erblickte. + +Das Kind saß am Tische, hartnäckig und geräuschvoll mit einem +Korkpfropfen auf den Tisch pochend, und schaute mit seinen zwei +schwarzen Augen verständnislos die Mutter an. + +Nachdem Anna der Engländerin geantwortet hatte, daß sie sich völlig +wohl befinde und morgen aufs Land gehen werde, setzte sie sich zu +ihrem Kinde und begann vor demselben den Pfropfen von einer Karaffe zu +drehen. Das laute, tönende Lachen des Kindes und die Bewegung, welche +dasselbe mit den Brauen machte, brachten ihr aber Wronskiy so lebhaft +in die Erinnerung, daß sie, ein Aufschluchzen unterdrückend, hastig +aufstand und hinausging. + +»Ist denn wirklich alles zu Ende? Nein, es kann nicht sein,« dachte +sie. »Er wird zurückkehren! Aber wie soll er mir jenes Lächeln +erklären, seine Lebhaftigkeit, nachdem er mit ihr gesprochen hatte? +Indessen auch wenn er mir es nicht erklärt, will ich ihm glauben. +Glaube ich ihm nicht, dann bleibt mir noch Eins -- aber ich will +nicht.« -- + +Sie sah nach der Uhr. Es waren zwanzig Minuten vergangen. + +»Jetzt hat er mein Billet bereits erhalten und kehrt zurück. Nicht +lange mehr, noch zehn Minuten -- aber wie, wenn er nicht zurückkehrt? +Doch nein, das kann nicht sein! Er darf mich indessen nicht mit +verweinten Augen sehen. Ich will gehen und mich waschen. Bin ich denn +frisiert oder nicht?« frug sie sich, ohne sich erinnern zu können. +Sie fühlte sich nach dem Kopfe, »ja, ich bin frisiert, aber wann es +geschah, weiß ich wirklich nicht mehr.« Sie glaubte nicht einmal der +eigenen Hand und ging zu dem Trumeau, um nachzusehen, ob sie in der +That frisiert sei oder nicht. Sie war frisiert und konnte sich dennoch +nicht erinnern, wann sie es gethan hatte. »Wer ist das?« dachte sie, in +den Spiegel blickend, und ein fieberhaft glühendes Antlitz mit seltsam +blitzenden Augen, die sie erschreckt ansahen, gewahrend. »Das bin ich +doch,« erkannte sie plötzlich und ihre ganze Erscheinung musternd, +fühlte sie plötzlich seine Küsse auf sich und zuckte zusammenschauernd +mit den Schultern. Dann hob sie die Hand zu den Lippen und küßte sie. +»Was ist das; ich bin von Sinnen,« sprach sie und begab sich in das +Schlafzimmer, wo Annuschka aufräumte. »Annuschka,« sagte sie, vor der +Zofe stehen bleibend und sie anschauend, ohne zu wissen, was sie ihr +eigentlich sagen wollte. + +»Ihr wolltet zu Darja Aleksandrowna fahren,« antwortete die Zofe, als +ob sie verstanden hätte. + +»Zu Darja Aleksandrowna? Ja, ich werde fahren.« + +»Fünfzehn Minuten hin, fünfzehn Minuten zurück! Er wird schon kommen, +er kommt sogleich.« Sie zog die Uhr hervor und sah darnach. »Wie konnte +er nur wegfahren, und mich in einer solchen Lage zurücklassen? Wie kann +er leben, ohne mit mir ausgesöhnt zu sein?« Sie trat ans Fenster und +schaute auf die Straße hinab. Der Zeit nach hätte er schon zurücksein +können. Aber ihre Berechnung konnte nicht richtig sein und sie begann +aufs neue, sich zu vergegenwärtigen, wann er weggefahren war, und die +Minuten zu berechnen. Gerade als sie nach einer größeren Uhr ging, um +die ihrige darnach zu vergleichen, kam jemand angefahren. Durch das +Fenster blickend, gewahrte sie seinen Wagen. Es kam jedoch niemand zur +Treppe herauf, während unten Stimmen vernehmbar wurden. Der Bote war +es, welcher im Wagen zurückkehrte. Sie ging zu ihm hinunter. + +Der Graf war nicht zu treffen gewesen, er war auf der Chaussee von +Nishegorod weggefahren. + +»Was bringst du? Was« -- wandte sie sich zu dem rotbäckigen, fröhlichen +Michail, der ihr das Billet wieder zurückgab. »Er hat es ja gar nicht +erhalten,« sagte sie sich. »Fahre mit diesem Billet auf das Dorf zur +Gräfin Wronskaja, verstehst du? Und bringe sofort Antwort,« sagte sie +zu dem Boten. »Aber was soll ich selbst thun?« dachte sie, »nun, ich +werde zu Dolly fahren, oder, wahrhaftig, ich verliere den Verstand. Ich +kann ja auch noch telegraphieren.« Sie schrieb sogleich eine Depesche +nieder. + +»Ich muß dich sprechen, komm sogleich.« + +Nachdem sie das Telegramm abgeschickt hatte, ging sie sich anzukleiden. +Bereits angekleidet und im Hut blickte sie nochmals der etwas beleibt +gewordenen, ruhigen Annuschka in die Augen. Offenes Mitleid war in +diesen kleinen, gutmütigen, grauen Augen sichtbar. + +»Liebe Annuschka, was soll ich thun?« sagte Anna weinend, sich hilflos +in einem Lehnsessel sinken lassend. + +»Wozu sich so beunruhigen, Anna Arkadjewna! So geht es eben! Fahrt nur +und zerstreut Euch,« antwortete die Zofe. + +»Ja, ich werde fahren,« sagte Anna, sich ermannend und aufstehend. +»Wenn in meiner Abwesenheit ein Telegramm einlaufen sollte, so soll es +zu Darja Aleksandrowna geschickt werden -- oder nein; ich werde selbst +zurückkommen!« -- + +»Ja, man muß nicht grübeln, sondern etwas thun, ausfahren, und +hauptsächlich dieses Haus verlassen,« sprach sie, mit Entsetzen die +furchtbare Wallung wahrnehmend, welche in ihrem Herzen entstand, ging +hastig hinaus und setzte sich in den Wagen. + +»Wohin befehlt Ihr?« frug Peter, bevor er sich auf den Bock setzte. +»Nach Znamenka, zu den Oblonskiy!« + + + 28. + +Das Wetter war klar. Den ganzen Morgen war ein dichter, feiner Regen +gefallen und jetzt hatte es sich seit kurzem erst aufgehellt. Die +eisernen Dächer, die Trottoirsteine und Pflastersteine, die Räder, das +Lederzeug, Kupfer und Blech an den Equipagen, alles glänzte hell in der +Maisonne. Es war drei Uhr, die Zeit, zu welcher es auf den Straßen am +lebhaftesten ist. + +In der Ecke des ruhig gehenden Wagens sitzend, der auf seinen +Sprungfedern bei dem schnellen Gange der beiden Grauen kaum schaukelte, +ließ Anna unter dem eintönigen Rasseln der Räder, den schnell +wechselnden Eindrücken bei der klaren Luft, von neuem die Vorkommnisse +der letzten Tage an sich vorüberziehen und sie erkannte ihre Lage +als eine ganz andere, als wie sie ihr zu Haus erschienen war. Jetzt +erschien ihr selbst der Gedanke an den Tod nicht mehr so furchtbar und +deutlich, und der Tod selbst erschien ihr nicht mehr unvermeidlich. +Jetzt machte sie sich Vorwürfe über die Niedergeschlagenheit, bis zu +welcher sie sich hatte führen lassen. + +»Ich werde ihn beschwören mir zu verzeihen. Ich habe mich ihm +untergeordnet und mich schuldig bekannt. Aber warum? Kann ich denn ohne +ihn nicht leben?« + +Und ohne sich auf die Frage, wie sie ohne ihn leben könnte, zu +antworten, begann sie die Ladenschilder zu lesen. »Comptoir und +Niederlage. -- Zahnarzt -- ja, ich werde Dolly alles sagen. Sie liebt +Wronskiy nicht. Für mich wird es schmachvoll, schmerzlich sein, aber +ich will ihr alles sagen. Sie liebt mich und ich werde ihrem Rate +folgen. Ich werde mich ihm nicht unterwerfen, ihm nicht gestatten, +mich zu erziehen. -- Philippoff, Kalatschenkauf. -- Man soll den Teig +auch nach Petersburg bringen. Das Moskauer Wasser ist so gut; ja die +Brunnen von Mytichy und die Pfannkuchen« -- und sie erinnerte sich, wie +sie vor langer, langer Zeit, als sie noch siebzehn Jahre zählte, mit +der Tante zum Pfingstfest gekommen war; zu Pferde noch. War ich denn +das wirklich, ich mit den schönen Händen? Wie vieles von dem, was mir +damals so schön und unerreichbar erschien, ist dahin, während mir das, +was ich damals besaß, jetzt auf ewig unerreichbar geworden ist. + +Hätte ich damals geglaubt, daß ich bis zu einem solchen Grade von +Erniedrigung gelangen könnte? Wie wird er stolz und befriedigt sein, +wenn er mein Billet empfängt! Aber ich werde ihm zeigen. -- Wie +übel doch diese Farbe hier riecht! Warum streicht und baut man nur +fortwährend? -- »Moden- und Putzwaaren« -- las sie weiter. Ein Mann +grüßte sie; es war der Gatte Annuschkas; »unsere Parasiten,« dachte +sie, sich der Worte Wronskiys erinnernd. »Unsere? Warum unsere? Es ist +entsetzlich, daß man die Vergangenheit nicht mit der Wurzel ausreißen +kann! Man kann sie nicht ausreißen, aber die Erinnerung daran bedecken. +Und ich will sie verhüllen.« + +Und jetzt dachte sie an ihr vergangenes Leben mit Aleksey +Aleksandrowitsch, daran, daß sie ihn aus ihrem Gedächtnis gelöscht +hatte. »Dolly wird denken, daß ich nun den zweiten Mann verlasse, und +daher gewiß im Unrecht bin. Kann ich denn aber im Rechte sein? Ich kann +es nicht,« fuhr sie fort und die Thränen stiegen in ihr auf. Doch sie +begann sogleich, sich zu denken, warum wohl jene beiden Mädchen dort +so lächelten. Wahrscheinlich in Liebesgedanken? Sie wissen nicht, wie +traurig, wie niedrig das ist! + +Da kommt der Boulevard; Kinder spielen auf ihm. Drei Knaben laufen +da und spielen Pferd. -- Mein Sergey! -- Alles verliere ich und ihn +kann ich nicht wieder erhalten. Ja, alles verliere ich, wenn er nicht +zurückkehrt. Vielleicht hat er sich mit dem Zug verspätet und ist jetzt +schon zurück. Aber soll ich mich schon wieder erniedrigen?« frug sie +sich selbst, »nein, ich will zu Dolly und ihr offen sagen, ich bin +unglücklich, ich habe es verdient und bin schuldig -- immer aber doch +unglücklich -- hilf mir! -- Diese Pferde, dieser Wagen, wie abscheulich +komme ich mir selbst in diesem Wagen vor -- alles ist ja sein; doch ich +werde nichts mehr davon sehen.« -- + +Indem sie sich die Worte überlegte, mit welchen sie Dolly alles sagen +wollte, absichtlich sich ihr Herz zerreißend, betrat Anna die Treppe. + +»Ist man daheim?« frug sie im Vorzimmer. + +»Katharina Aleksandrowna Lewina ist zugegen,« antwortete der Diener. + +»Kity! Die nämliche Kity, in welche Wronskiy verliebt gewesen ist,« +dachte Anna, »die nämliche, der er in Liebe gedachte. Er bedauerte, sie +nicht geheiratet zu haben, aber meiner gedenkt er in Haß und er beklagt +es, sich mit mir vereint zu haben.« + +Unter den Schwestern fand, als Anna ankam, gerade eine Beratung +betreffs der Ernährungsfrage des Kindes statt. Dolly ging allein +hinaus, um den Besuch zu empfangen, der in diesem Augenblick ihr +Gespräch störte. + +»Ach, du bist noch nicht abgereist? Ich wollte selbst zu dir kommen« -- +sagte sie, »heute habe ich einen Brief von Stefan erhalten!« + +»Wir haben gleichfalls eine Depesche empfangen,« antwortete Anna, sich +umschauend, um Kity zu sehen. + +»Er schreibt, er könne nicht begreifen, was Aleksey Aleksandrowitsch +eigentlich wolle, würde aber nicht ohne einen Bescheid abreisen.« + +»Ich dachte, es wäre jemand bei dir. Kann man den Brief lesen?« + +»Ja, Kity ist da,« sprach Dolly, in Verlegenheit geratend, »sie ist in +der Kinderstube geblieben; sie war sehr krank.« + +»Ich habe davon gehört. Kann ich den Brief lesen?« + +»Sogleich will ihn bringen. Doch er giebt keinen abschläglichen +Bescheid, im Gegenteil, Stefan hofft,« sagte Dolly, in der Thür stehen +bleibend. + +»Ich hoffe und wünsche auch nichts,« antwortete Anna. »Was heißt das, +hält es Kity für entwürdigend, mit mir zusammenzutreffen?« dachte Anna, +während sie allein war. »Vielleicht ist sie damit auch im Rechte, aber +nur durfte sie gerade, welche in Wronskiy verliebt gewesen ist, mir +es nicht zeigen, auch wenn dies verdient wäre. Ich weiß, daß mich in +meiner Lage kein ehrenhaftes Weib empfangen kann, weiß, daß ich ihm von +jener ersten Minute an alles geopfert habe. Nun habe ich meinen Lohn! +O, wie ich ihn hasse! Und warum bin ich hierher gefahren? Nur, damit +mir noch trauriger und schwerer zu Mute wird!« + +Sie vernahm aus dem Nebenzimmer die Stimmen der unter sich sprechenden +Schwestern. »Was soll ich jetzt Dolly sagen? Kity ein Vergnügen damit +machen, daß ich unglücklich bin, mich ihrer Gönnerschaft aussetzen? +Nein, auch Dolly wird nicht begreifen, und ich brauche nichts mit ihr +zu reden. Interessant wäre es mir nur gewesen, Kity einmal zu sehen +und ihr zu zeigen, daß ich alle, alles verachte, wie mir jetzt alles +gleichgültig ist.« + +Dolly trat mit dem Briefe ein. Anna las ihn und gab ihn schweigend +zurück. + +»Das habe ich alles gewußt,« sagte sie, »und es interessierte mich +nicht im geringsten.« + +»Aber warum nicht? Ich, im Gegenteil, habe Hoffnung,« sagte Dolly, Anna +neugierig anblickend. Noch nie hatte sie diese in einem so seltsamen +Zustande von Erbitterung gesehen, »wann fährst du?« frug sie. + +Anna schaute finster vor sich hin und antwortete ihr nicht. + +»Versteckt sich Kity vor mir?« sprach sie nach der Thür blickend und +rot werdend. + +»O, was das für Thorheiten sind! Sie läßt das Kind trinken, aber es +glückt ihr nicht recht; ich habe ihr geraten -- sie ist vielmehr sehr +erfreut, und wird sogleich kommen,« sagte Dolly etwas unsicher, da sie +nicht zu lügen verstand. »Da ist sie ja!« -- + +Nachdem Kity erfahren hatte, daß Anna gekommen sei, wollte sie nicht +erscheinen, doch Dolly redete ihr zu. Nachdem sie sich gesammelt hatte, +kam sie nun und trat errötend näher, Anna die Hand reichend. + +»Ich freue mich sehr,« sprach sie mit zitternder Stimme. + +Kity war verwirrt gewesen über den Kampf, der in ihr vor sich ging, +und zwischen der Feindschaft gegen dieses verworfene Weib, und dem +Wunsche, entgegenkommend gegen es zu sein, schwankte sie, allein sobald +sie das schöne sympathische Gesicht Annas erblickt hatte, war alle +Feindseligkeit sogleich verschwunden. + +»Ich würde mich nicht gewundert haben, wenn Ihr nicht wünschtet, mir zu +begegnen. Ich bin an alles gewöhnt. Ihr seid krank gewesen? Allerdings, +Ihr habt Euch verändert,« sprach Anna. + +Kity empfand, daß Anna sie feindselig betrachtete. Sie erklärte sich +diese Feindseligkeit aus der peinlichen Lage, in welcher sich Anna, die +früher eine Protektorschaft über sie geübt hatte, vor ihr fühlte. + +Sie sprachen von der Krankheit, dem Kinde, von Stefan, aber nichts von +alledem interessierte Anna. + +»Ich bin gekommen, mich von dir zu verabschieden,« sagte sie aufstehend. + +»Wann fahrt Ihr?« + +Anna wandte sich abermals, ohne zu antworten, zu Kity. + +»Es freut mich sehr, Euch wiedergesehen zu haben,« sprach sie lächelnd. +»Ich habe über Euch von allen Seiten gehört, selbst von Eurem Gatten. +Er ist bei mir gewesen und hat mir sehr gefallen,« fügte sie, +augenscheinlich in übler Absicht hinzu. »Wo ist er denn?« + +»Er ist aufs Dorf gefahren,« antwortete Kity errötend. + +»Grüßt ihn von mir, grüßt ihn ja von mir!« + +»Gewiß,« wiederholte Kity treuherzig, ihr voll Mitleid in die Augen +blickend. + +»Also leb' wohl, Dolly?« Nachdem Anna Dolly geküßt und Kity die Hand +gedrückt hatte, ging Anna eilig fort. + +»Sie bleibt immer die gleiche, fesselnde; sie ist sehr hübsch,« sagte +Kity, nachdem sie mit der Schwester allein geblieben, »aber es liegt +etwas Mitleiderweckendes in ihr. Es ist doch entsetzlich traurig!« + +»Nein, heute lag in ihr etwas Eigenartiges,« sagte Dolly, »als ich sie +hinausbegleitete, schien mir im Vorzimmer, als ob sie weinen wollte.« + + + 29. + +Anna setzte sich wieder in den Wagen, noch düsterer gestimmt, als sie +es bei ihrer Wegfahrt von Hause gewesen war. Zu den früheren Qualen +gesellte sich jetzt das Gefühl der Kränkung und Verstoßenheit, welches +sie deutlich bei ihrer Begegnung mit Kity empfunden hatte. + +»Wohin befehlt Ihr? Nach Hause?« frug Peter. + +»Ja, nach Hause,« sagte sie, jetzt gar nicht mehr daran denkend, wohin +sie fuhr. + +»Wie sie mich anblickten; gerade, als wäre ich etwas Furchtbares, +Unbegreifliches und Neugier Erregendes. Wovon mag der da wohl mit +solchem Eifer dem andern erzählen,« dachte sie, auf zwei Fußgänger +blickend. -- »Kann man denn einem andern erzählen, was man empfindet? +Ich wollte es Dolly erzählen, aber es ist gut, daß ich nicht erzählt +habe. Wie froh wäre sie über mein Unglück gewesen! Sie hätte dies zwar +verheimlicht, aber in der Hauptsache wäre ihr Gefühl nur die Freude +darüber gewesen, daß ich für jene Lust bestraft worden bin, um welche +sie mich beneidet hat. Kity nun würde sich noch mehr gefreut haben. +Wie ich sie jetzt durch und durch kenne! Sie weiß, daß ich gegen ihren +Mann außergewöhnlich liebenswürdig gewesen bin, ist nun eifersüchtig +auf mich und haßt mich. Sie verachtete mich aber auch noch. In ihren +Augen bin ich ein Weib ohne Moral. Ich hätte ihren Mann mit Liebe zu +mir erfüllen können, wenn ich ein sittenloses Weib wäre. -- Wenn ich +gewollt hätte. -- Ich habe auch gewollt! -- Der dort ist zufrieden mit +sich selbst« -- dachte sie beim Anblicke eines dicken, rotaussehenden +Herrn, der an ihr vorübergefahren kam, sie für eine Bekannte hielt, +und den Hut auf seinem glänzenden Glatzkopf lüftete, sich dann aber +überzeugte, daß er geirrt habe. + +»Er glaubte, mich zu kennen, und er kannte mich doch so wenig, wie mich +überhaupt jemand auf der Welt kennen mag. Ich selbst kenne ihn nicht. +Ich kenne nur seine =appetits=, wie die Franzosen sagen. -- Die da +möchten dieses schmutzige Gefrorene haben,« dachte sie, auf zwei Knaben +blickend, welche einen Eisverkäufer angehalten hatten, der seinen Tuber +vom Kopfe nahm und mit dem Zipfel seines Handtuchs das schweißbedeckte +Gesicht abtrocknete. »Uns alle verlangt nach Süßigkeit und Leckerei. +Ist es nicht Konfekt, so kann es schmutziges Gefrorenes sein. Auch +mit Kity ist es so; war es nicht Wronskiy, so war es Lewin. Und sie +beneidet mich, und haßt mich dafür. Wir alle hassen uns gegenseitig. +Ich Kity -- Kity mich! Das ist die Wahrheit. -- >Tjutkin, Coiffeur. -- +=Je me fais coiffer par Tjutkin=.< Dies werde ich ihm sagen, wenn er +kommt,« dachte sie und lächelte. Doch im selben Augenblick erinnerte +sie sich, daß sie jetzt nicht Ursache habe, jemand etwas Scherzhaftes +zu sagen; »es giebt auch nichts Scherzhaftes oder Heiteres dabei, +alles ist häßlich. Man läutet zur Vesper; wie sorgsam sich dieser +Kaufmann bekreuzigt. Als ob er fürchtete, etwas zu verlieren. Wozu +diese Kirchen, dieses Läuten, diese Lüge? Nur dazu, um zu verbergen, +daß wir uns alle einander hassen, wie diese Mietkutscher da, die +sich so erbost streiten. Jaschwin sagt: Der Gegner sucht mich bis +aufs Hemd auszuplündern, also thue ich dies auch mit ihm. Das ist +Gerechtigkeit!« -- + +In diesen Gedanken, welche sie so beschäftigten, daß sie selbst +über ihre Lage nachzudenken aufgehört hatte, fand sie sich, als der +Wagen vor der Freitreppe ihres Hauses anhielt. Erst als sie den ihr +entgegenkommenden Portier erblickte, erinnerte sie sich wieder, daß sie +ein Billet und ein Telegramm abgeschickt hatte. + +»Ist Antwort da?« frug sie. + +»Ich werde sogleich nachsehen,« versetzte der Portier, schaute in das +kleine Comptoir, langte hinein und reichte ihr ein viereckiges, dünnes +Couvert mit einem Telegramm. »Ich kann nicht früher als um zehn Uhr +kommen. Wronskiy.« -- las sie. + +»Der Bote ist nicht zurückgekehrt?« + +»Nein,« antwortete der Portier. + +»Wenn es so steht, weiß ich, was ich zu thun habe,« sagte sie und eilte +in dem Gefühl eines in ihr aufsteigenden, unklaren Grimmes und des +Verlangens nach Rache hinauf. »Ich werde selbst zu ihm fahren; bevor +ich auf immer gehe, will ich ihm noch alles sagen! Nie habe ich einen +Menschen so gehaßt, wie diesen Mann!« dachte sie. Als sie seinen Hut am +Kleidergestell erblickte, schauerte sie zusammen vor Widerwillen. + +Sie bedachte nicht, daß sein Telegramm die Antwort auf das ihrige +bildete, und er ihren Brief noch gar nicht erhalten hatte. Sie stellte +sich ihn jetzt vor in ruhigem Gespräch mit seiner Mutter und der +Sorokina, voll Freude über ihre Leiden. »Ja, ich muß möglichst bald +fahren,« sprach sie zu sich, noch ohne zu wissen, wohin. Es verlangte +sie, möglichst schnell den Empfindungen entgehen zu können, welche sie +in diesem furchtbaren Hause hatte. Die Dienstboten, die Wände, die +Gegenstände in diesem Hause -- alles forderte in ihr Widerwillen und +Zorn heraus, und beklemmte sie mit einer gewissen Schwere. + +»Ich muß auf die Eisenbahnstation fahren, und ist er nicht dort, zu ihm +selbst und ihn überführen!« + +Anna sah in den Zeitungen nach den Fahrplänen der Züge. Es ging abends +acht Uhr zwei Minuten ein Zug. »Ja, da will ich eilen.« + +Sie befahl andere Pferde anzuspannen, und widmete sich dem Einpacken +von Sachen in eine Reisetasche, die ihr für einige Tage erforderlich +waren. Sie wußte, daß sie nicht wieder hierher zurückkehren werde. In +ihrer Aufregung entschloß sie sich unter den Plänen die ihr in den Kopf +kamen, je nach den Vorgängen auf der Station oder auf dem Gute der +Gräfin, auf der Strecke Nishegorod bis zur nächsten Stadt zu fahren und +dort zu bleiben. + +Das Essen stand auf dem Tische. Sie trat heran, roch an Brot und Käse +und befahl, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß der Geruch alles +Eßbaren ihr nur widerlich sei, den Wagen anzuspannen, worauf sie +hinausging. + +Das Haus warf seinen Schatten bereits über die ganze Straße; es war ein +klarer, noch warmer und sonniger Abend. + +Sowohl Annuschka, die ihr mit den Sachen folgte, als Peter, welcher +dieselben im Wagen unterbrachte und der Kutscher, der augenblicklich +schlechte Laune hatte -- alle waren ihr widerlich und reizten sie mit +ihren Worten und Bewegungen. + +»Ich brauche dich nicht, Peter!« + +»Aber das Billet?« + +»Nun, wie du willst, mir ist alles gleich,« sprach sie verdrießlich. + +Peter stieg hinten auf und befahl, die Hände in die Seite gestützt, +nach dem Bahnhof zu fahren. + + + 30. + +»Da ist es wieder! Wieder erfasse ich alles,« sprach Anna zu sich, +sobald der Wagen sich in Bewegung gesetzt hatte, schütternd über das +Pflaster fuhr, und die Eindrücke sich wiederum, einer nach dem andern, +abwechselten. »Was dachte ich denn zuletzt so Angenehmes,« suchte sie +in ihrer Erinnerung. »>Tjutkin, Coiffeur?< -- Nein, das war es nicht. +Ach ja, wovon Jaschwin gesprochen: Der Kampf ums Dasein und der Haß, +sie sind das Eine, was die Menschheit zusammenhält. O, Ihr fahrt +umsonst,« wandte sie sich in Gedanken zu einer Gesellschaft, die in +einer Tschetwernja dahinfuhr, wohl um sich außerhalb der Stadt zu +vergnügen. »Auch der Hund, den Ihr da mit Euch führt, wird Euch nichts +helfen; Ihr werdet Euch nicht voneinander verlieren.« Indem sie den +Blick nach der Seite richtete, nach der sich Peter wandte, erblickte +sie einen fast bis zur Besinnungslosigkeit berauschten Fabrikarbeiter +mit wackelndem Kopfe, den ein Polizist führte. + +»Da der -- das geht schon eher;« dachte sie, »dieses Vergnügen habe +ich mit dem Grafen Wronskiy noch nicht genossen, obwohl ich viel +von ihm erwartet hatte.« Zum erstenmale ließ Anna jetzt die scharfe +Beleuchtung, unter der sie alles erblickte, auf ihre Beziehungen zu ihm +fallen, über die sie nachzudenken vorher vermieden hatte. + +»Was hat er in mir gesucht? Liebe doch nicht so sehr, als mehr eine +Befriedigung seiner Eitelkeit.« + +Sie erinnerte sich seiner Worte, des Ausdrucks seiner Züge, die in der +ersten Zeit ihres Verhältnisses den Eindruck eines ergebenen Jagdhundes +auf sie gemacht hatten. Alles bestätigte dies jetzt. »Ja, in ihm lebte +der Triumph über einen Erfolg seines Ehrgeizes. Natürlich war ja auch +Liebe dabei gewesen, aber den Hauptteil bildete doch der Stolz auf +seinen Erfolg. Er hat sich mit mir gebrüstet! Jetzt ist das vorüber. +Er soll nun auf nichts mehr stolz sein. Es giebt jetzt keinen Stolz +mehr für ihn, sondern nur noch Schande. Er hat mir alles genommen, +was er nehmen konnte, jetzt braucht er mich nicht mehr. Er ist meiner +überdrüssig, und will nicht mehr mir gegenüber ehrlos sein. Er hat +sich gestern versprochen -- er will die Scheidung und die Heirat nur, +um die Schiffe hinter sich abzubrennen. Er liebt mich -- aber wie? -- +=The zest is gone=. -- Der da will alle in Erstaunen setzen und ist +ja sehr zufrieden mit sich selbst,« dachte sie, auf einen rotbäckigen +Handlungsdiener blickend, welcher ein Manegepferd ritt. »Ja, der alte +Geschmack an mir ist nicht mehr bei ihm vorhanden. Wenn ich von ihm +gehe, wird er herzlich froh sein.« + +Dies war keine Vermutung -- sie sah es klar in jenem durchdringenden +Lichte, welches ihr jetzt den Sinn des Lebens und der menschlichen +Verhältnisse offenbarte. + +»Meine Liebe wird immer leidenschaftlicher und egoistischer, die seine +aber erlischt mehr und mehr, und deshalb trennen wir uns,« fuhr sie +fort zu grübeln. »Und Hilfe ist hierbei unmöglich. Für mich liegt alles +in ihm allein und ich fordere, daß er immer mehr und mehr sich mir +hingebe. Er aber immer will mehr und mehr von mir entweichen. Wir sind +bis zum Bunde miteinander zusammengekommen, gehen aber nun unaufhaltsam +nach verschiedenen Richtungen wieder auseinander. Und dies läßt sich +auch nicht ändern. Er sagt mir, ich sei sinnlos eifersüchtig, und ich +selbst habe mir gesagt, ich bin sinnlos eifersüchtig -- aber das ist +unwahr. Ich bin nicht eifersüchtig, sondern unzufrieden! Doch« -- sie +öffnete den Mund und veränderte den Sitz im Wagen vor der Erregung, +die in ihr durch einen plötzlich auftauchenden Gedanken hervorgerufen +wurde. »Wenn ich noch etwas Anderes sein könnte, als seine Geliebte, +die leidenschaftlich nur seine Liebkosungen liebt; aber ich kann und +will gar nichts Anderes sein. Mit diesem Wunsche aber erwecke ich in +ihm Widerwillen, er in mir Wut; das kann nicht anders sein! Weiß ich +etwa nicht, daß er nicht schon anfinge mich zu hintergehen? Daß er +nicht Absichten auf die Sorokina hätte, daß er Kity geliebt hat und +mich verrät? Alles dies weiß ich, und mir wird davon nicht leichter. +Wenn er, ohne mich zu lieben, nur _aus Pflicht_ gut und zärtlich gegen +mich ist, nicht aber das sein will, was ich wünsche; so wäre es noch +tausendmal schlimmer, als Haß! Das wäre -- die Hölle! Und so ist es +auch! Er liebt mich schon lange nicht mehr, und wo die Liebe aufhört, +da fängt der Haß an. Diese Straßen kenne ich doch gar nicht. Berge, +und Häuser auf Häuser, in den Häusern aber Menschen, nur Menschen. Wie +viele Menschen giebt es da, kein Ende ist abzusehen, und alle hassen +einander. Aber ich will mir doch einmal ausdenken, was ich eigentlich +will, um glücklich zu sein? Nun, gesetzt, ich erhalte die Ehescheidung, +Aleksey Aleksandrowitsch giebt mir Sergey und ich heirate Wronskiy.« + +Indem sie Aleksey Aleksandrowitschs gedachte, stellte sie sich ihn +sogleich mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit vor, als ob er lebendig vor +ihr stände, mit seinen sanften, leblosen, erloschenen Augen, den blauen +Adern auf den weißen Händen, seinen Betonungen und dem Knacken seiner +Finger, und indem sie sich des Gefühls erinnerte, welches zwischen +ihnen bestanden und auch Liebe geheißen hatte, erschauerte sie vor Ekel. + +»Nun, ich werde die Scheidung erhalten und Wronskiys Weib werden. Wird +aber Kity dann aufhören, so auf mich zu schauen, wie sie es heute +gethan hat? Nein. Wird dann Sergey aufhören, nach meinen zwei Männern +zu fragen oder über sie nachzudenken? Und welches neue Gefühl soll +ich mir für Wronskiy und mich ausdenken? Ist ein Etwas möglich, das +nicht mehr Glück, und doch auch nicht eine Qual wäre? -- Nein und aber +nein!« -- antwortete sie sich selbst, jetzt ohne das geringste Zaudern. +»Es ist unmöglich! Wir werden durch das Leben getrennt; ich bin sein +Unglück, er ist das meine, und es ist unmöglich, ihn oder mich zu +rehabilitieren. Alle Versuche sind gemacht worden, die Schraube ist +abgelaufen. -- Da, eine Bettlerin mit ihrem Kinde! -- Sie glaubt, man +habe Mitleid mit ihr. Sind wir denn nicht alle nur dazu in die Welt +geworfen worden, um einander zu hassen, und uns und die anderen deshalb +zu martern? -- Da kommen Gymnasiasten. -- Sie lachen! Ist Sergey +darunter?« -- dachte sie. »Ich habe auch geglaubt, daß ich ihn liebte, +und war gerührt von seiner Zärtlichkeit. Und doch habe ich auch ohne +ihn gelebt, habe ich ihn um eine andere Liebe vertauscht und diesen +Tausch nicht beklagt, so lange ich in dieser Liebe Genüge fand.« + +Mit Widerwillen erinnerte sie sich dessen, was sie mit dieser Liebe +bezeichnete. Die Klarheit, mit welcher sie jetzt ihr Leben und +dasjenige aller Menschen schaute, verursachte ihr Freude. »So mache ich +es, wie Peter, oder der Kutscher Fjodor, oder dieser Kaufmann da, und +alle anderen Leute, die dort längs der Wolga wohnen, und es ist überall +und immer so,« dachte sie, als sie bei dem niedrigen Stationsgebäude +der Nishegoroder Bahn angekommen war und die Artjelschtschiks ihr +entgegeneilten. + +»Befehlt Ihr nach Obiralovka?« frug Peter. + +Sie hatte vollkommen vergessen, wohin und weshalb sie reisen wollte und +vermochte nur mit größter Anstrengung die Frage zu erfassen. + +»Ja,« sagte sie zu ihm, ihr Geldtäschchen hinreichend und stieg, die +kleine rote Tasche in die Hand nehmend, aus dem Wagen. + +Durch das Gedränge nach dem Wartesaal der ersten Klasse gehend, +rief sie sich ein wenig alle die Einzelheiten ihrer Lage und die +Entscheidungen ins Gedächtnis zurück, zwischen denen sie schwankte. + +Wiederum begann bald Hoffnung, bald Verzweiflung in den alten kranken +Stellen die Wunden ihres gemarterten, entsetzlich schlagenden Herzens +wieder aufzureißen. In der Erwartung des Zuges auf dem sternförmigen +Diwan sitzend, dachte sie, den Blick voll Widerwillen auf die Kommenden +und Gehenden gerichtet -- sie alle waren ihr widerlich -- bald +daran, wie sie, auf der Station angekommen, ihm ein Billet schreiben +wolle, und was sie ihm schreiben würde; bald daran, wie er sich bei +seiner Mutter -- die ja Leiden gar nicht verstand -- über seine Lage +beklagen mochte, wie sie selbst ins Zimmer hereintreten, und was sie +zu ihm sagen wollte. Sie dachte auch darüber nach, wie ihr Leben noch +glücklich werden könnte und wie qualvoll sie ihn liebe und hasse, und +wie entsetzlich ihr Herz schlage. + + + 31. + +Die Glocke ertönte; mehrere junge Männer, häßlich, dreist, zudringlich, +und zugleich aufmerksam den Eindruck den sie hervorbrachten, +beobachtend, kamen vorüber; auch Peter schritt durch den Wartesaal +in seiner Livree und Stiefletten, mit stumpfem, tierischen +Gesichtsausdruck, und trat zu ihr heran, um sie zum Waggon zu +begleiten. Die geräuschvoll aufgetretenen Herren verstummten, als sie +an ihnen auf dem Bahnsteig vorüberschritt und einer flüsterte dem +andern etwas zu, natürlich etwas Garstiges. Sie trat auf die hohe +Stufe und setzte sich allein im Coupé auf den gepolsterten, fleckig +gewordenen, einstmals weiß gewesenen Diwan. Die Reisetasche, noch auf +dem Polster springend, war soeben hereingelegt worden, mit stupidem +Lächeln lüftete Peter vor dem Fenster seine galonierte Mütze zum +Zeichen des Abschieds, rücksichtslos warf der Kondukteur die Thür zu +und klinkte sie ein. + +Eine Dame, ungestaltet, mit einer Tournüre -- Anna entkleidete sie in +Gedanken und erschrak über ihre Unförmigkeit -- und ein junges Mädchen, +welches unnatürlich lachte, liefen unten vorbei. + +»Bei Katharina Andrejewna -- alles bei ihr -- =ma tante=!« rief das +junge Mädchen. + +»Selbst dieses Mädchen ist ungestaltet und heuchelt,« dachte Anna. +Um niemand zu sehen, stand sie schnell auf und setzte sich an das +gegenüberliegende Fenster in dem leeren Waggon. Ein schmutziger, +ungeschlachter Mensch in einer Mütze, unter welcher das Haar wirr +hervorstarrte, ging an dem Fenster vorüber, sich zu den Rädern des +Waggons niederbeugend. »Es liegt mir etwas Bekanntes in diesem +unförmigen Menschen da,« dachte Anna, und ihres Traumes sich erinnernd, +trat sie, vor Entsetzen zitternd, zu der gegenüberliegenden Thür. Der +Kondukteur öffnete die Thür und ließ einen Mann mit seiner Frau herein. + +»Wollt Ihr vielleicht hinaus?« + +Anna antwortete nicht. Der Kondukteur und die Eingetretenen bemerkten +unter dem Schleier das Entsetzen auf ihren Zügen nicht. Sie wandte sich +nach ihrer Ecke und setzte sich. + +Das Ehepaar nahm auf der gegenüberliegenden Seite Platz, aufmerksam, +aber verstohlen ihr Kleid betrachtend. Der Mann wie das Weib erschienen +Anna widerlich. Der Mann frug, ob sie ihm gestatte, zu rauchen, +offenbar nicht, daß er rauchen konnte, sondern um mit ihr eine +Unterhaltung anzuspinnen. Nachdem er ihre Erlaubnis erhalten hatte, +begann er mit seiner Frau auf französisch über Etwas zu reden, was er +noch weniger als das Rauchen brauchte. Sie sprachen, indem sie sich +verstellten, von lauter Albernheiten, nur zu dem Zwecke, daß sie es +hörte. Anna sah deutlich, wie die beiden sich gegenseitig langweilten +und einander haßten. Man konnte auch nicht anders, als solche +kläglichen Ausgeburten hassen. + +Das zweite Läuten wurde hörbar und gleich darauf folgte der Transport +des Gepäckes, unter Lärm, Rufen und Lachen. Anna war es so klar, daß +niemand Ursache hatte, sich zu freuen, daß dieses Lachen sie bis zur +Schmerzhaftigkeit erbitterte und sie die Ohren schließen wollte, um es +nicht hören zu müssen. + +Endlich erklang das dritte Läuten, ein Pfiff und das heulende Signal +des Dampfkessels ertönte, eine Kette riß und der Ehemann bekreuzigte +sich. + +»Es wäre eigentlich interessant, ihn zu fragen, was er sich dabei +wohl denkt,« dachte Anna, ihn zornig anblickend. Sie schaute neben der +Dame vorüber durch das Fenster auf die Menschen, die sich gleichsam +rückwärts zu wälzen schienen, indem sie auf dem Bahnsteig stehend, +dem Zug das Geleite gaben. Unter gleichmäßig sich wiederholenden +Erschütterungen auf den Verbindungspunkten der Schienen, bewegte sich +der Waggon, in welchem Anna saß, an dem Bahnsteig, einer steinernen +Mauer, und anderen Waggons vorüber. Die Räder rasselten flüchtiger +und geschmeidiger mit leichtem Geräusch auf den Schienen, das Fenster +erglänzte in der hellen Abendsonne und ein leichter Wind spielte mit +dem Vorhang. + +Anna hatte ihre Nachbarn im Waggon vergessen und fing wieder an, +bei dem leichten Rollen während der Fahrt, die frische Luft in sich +einzuatmen und wieder zu grübeln: + +»Wo war ich denn stehen geblieben? Halt, dabei, daß ich mir keine Lage +ausfindig machen konnte, in welcher das Leben nicht eine Qual wäre; +dabei, daß wir alle dazu geboren sind, einander zu foltern und wir +alle dies wissen und alle nur Mittel ausklügeln, um uns gewissermaßen +darüber hinwegzutäuschen. Wenn man aber nun die Wahrheit erkennt, was +soll man da thun?« + +»Dazu ward dem Menschen der Verstand, daß er sich von dem befreit, was +ihn quält,« sagte die Dame auf französisch, offenbar sehr befriedigt +von ihrem Satze und mit Hilfe ihrer Zunge Grimassen machend. + +Diese Worte antworteten gleichsam auf den Gedanken Annas. + +»Daß er sich befreit von dem, was ihn quält,« wiederholte Anna, und +begriff mit einem Blick auf den rotbäckigen Mann und die hagere +Frau, daß hier ein krankes Weib sich selbst für unverstanden halte, +und ihr Gatte, diese Meinung über sich selbst in ihr unterstütze. +Anna durchschaute gleichsam die Geschichte der beiden da und alle +versteckten Winkel ihrer Seelen, indem sie ihr Licht auf sie übertrug, +aber etwas Interessantes lag nicht darin und sie verfolgte ihren +Gedankengang weiter. + +»Ja, er quält mich sehr und dazu ward dem Menschen der Verstand, daß +er sich befreie. Es ist wohl auch notwendig, sich zu befreien. Warum +soll man nicht das Licht verlöschen, wenn man nichts mehr zu sehen hat, +wenn es widerlich wird, alles das zu sehen? Weshalb läuft doch jener +Kondukteur an der Stange, weshalb schreien jene jungen Leute in dem +Waggon? Weshalb sprechen und lachen sie? Das ist doch alles unwahr, +alles Lug, alles Trug, alles böse« -- -- + +Nachdem der Zug in die Station eingelaufen war, stieg Anna mit der +Menge der anderen Passagiere aus, blieb aber dann, sich vor ihnen wie +vor Verfehmten fernhaltend, auf dem Bahnsteig zurück, und suchte sich +ins Gedächtnis zurückzurufen, warum sie denn hierhergefahren sei und +was sie hatte thun wollen. + +Alles, was ihr vorher als möglich erschienen war, wurde ihrer +Vorstellungskraft jetzt so schwer, namentlich vor dem lärmenden Haufen +aller dieser ungeschlachten Menschen, die ihr keine Ruhe ließen. Bald +kamen Artjeljschtschiks zu ihr gelaufen, die ihre Dienste anboten, +bald blickten sie junge Leute an, die mit den Stiefelabsätzen auf den +Bohlen des Bahnsteigs stampften und laut miteinander sprachen, bald +wichen ihr Begegnende nicht aus. Nachdem sie sich besonnen hatte, daß +sie weiter fahren wollte, falls keine Antwort da wäre, hielt sie einen +Artjeljschtschik an und frug, ob nicht ein Kutscher mit einem Briefe +für den Grafen Wronskiy hier sei. + +»Graf Wronskiy? Von dem war soeben jemand hier. Man hat die Fürstin +Sorokina nebst Tochter abgeholt. Aber wie sieht denn der Kutscher aus?« + +Während sie noch mit dem Artjeljschtschik sprach, trat der Kutscher +Michail, rotbäckig und heiter in seiner blauen flotten Poddjevka +und Uhrkette, offenbar stolz darauf, daß er seinen Auftrag so gut +ausgeführt hatte, zu ihr heran und überreichte ein Billet. + +Sie erbrach es; ihr Herz zog sich zusammen, noch bevor sie es gelesen +hatte. + +»Ich bedaure sehr, daß mich das Billet nicht angetroffen hat; um zehn +Uhr werde ich kommen,« hatte Wronskiy mit flüchtiger Hand geschrieben. + +»So. Das hatte ich erwartet,« sprach sie mit unglückverheißendem +Lächeln. »Gut! Fahr' heim!« fuhr sie dann, zu Michail gewendet, leise +fort. Sie sprach leise, weil die Schnelligkeit ihres Herzschlags sie am +Atmen behinderte. + +»Nein, ich werde dir nicht mehr Gelegenheit geben, mich zu martern,« +dachte sie, sich in ihrer Drohung weder an ihn, noch an sich selbst +wendend, sondern an den, welcher sie veranlaßt hatte, sich selbst +zu foltern, und schritt auf dem Bahnsteig dahin, am Stationsgebäude +vorüber. + +Zwei Zofen, welche auf der Plattform hingingen, drehten die Köpfe +rückwärts, indem sie nach ihr blickten, und mit vernehmlicher Stimme +über ihre Toilette Betrachtungen anstellten. »Das sind echte«, sagten +sie über die Spitzen, die sie trug. Die jungen Männer ließen sie auch +nicht in Ruhe. Sie schauten ihr wieder ins Gesicht und gingen lachend, +mit unnatürlicher Stimme rufend, an ihr vorbei. + +Der Stationsvorsteher trat heran und frug sie, ob sie fahren wolle? +Ein Knabe, welcher Kwas verkaufte, ließ sie nicht aus den Augen. »Mein +Gott, wohin soll ich flüchten?« dachte sie, sich weiter und weiter von +dem Bahnsteig entfernend. + +Am Ende desselben blieb sie stehen. Damen und Kinder, welche einen +bebrillten Herrn begrüßten und laut lachten und sprachen, verstummten +bei ihrem Anblick, als sie neben ihnen angelangt war. Sie beschleunigte +ihren Schritt und entfernte sich von ihnen nach dem Rande des +Bahnsteigs hin. Ein Güterzug kam heran. Der Perron erbebte und ihr +schien es, als ob sie wieder fahre. Plötzlich aber, indem ihr die +Zermalmung jenes Menschen am Tage ihrer ersten Begegnung mit Wronskiy +einfiel, erkannte sie, was sie zu thun hatte. Schnellen leichten +Schrittes stieg sie die Stufen hinab, welche zu den Schienen führten +und blieb neben dem dicht an ihr vorüberfahrenden Train stehen. Sie +schaute unter die Waggons, auf die Schrauben und Ketten, auf die +großen, gußeisernen Räder des langsam rollenden, ersten Waggons und +suchte mit dem Augenmaß den Mittelpunkt zwischen den Vorder- und +Hinterrädern, sowie den Augenblick zu bestimmen, in welchem sich dieser +Mittelpunkt vor ihr befinden würde. + +»Dahin!« -- sprach sie zu sich selbst, nach dem Schatten des Waggons +auf dem mit Kohlenstaub vermischten Sand, von welchem der Boden bedeckt +war, schauend, »dahin, gerade in die Mitte, und ich strafe ihn und bin +von allem erlöst; wie von mir selbst.« -- -- + +Sie wollte sich unter den ersten Waggon, der mit seinem Mittelpunkt +neben ihr angekommen war, werfen, allein die rote Reisetasche, die +sie nun von dem Arme nahm, hinderte sie und es war schon zu spät. Der +Mittelpunkt war an ihr vorüber. Sie mußte also den folgenden Waggon +erwarten. Ein Gefühl, ähnlich dem, wie sie es empfunden hatte, wenn sie +sich beim Baden bereit machte, in das Wasser zu steigen, wandelte sie +an, und sie bekreuzte sich. Die gewohnte Geste der Bekreuzigung rief in +ihrer Seele eine ganze Reihe von Erinnerungen aus ihrer Mädchen- und +Kinderzeit herauf, und plötzlich zerriß die Finsternis, die alles vor +ihr verdeckt hatte, und das Leben trat für einen Moment vor sie hin, +mit all seinen lichten, vergangenen Freuden. + +Sie verwandte während dessen kein Auge von den Rädern des +herankommenden Waggons, und genau in dem Augenblick, als der +Mittelpunkt zwischen den Rädern vor ihr war, schleuderte sie den roten +Reisesack von sich, fiel, den Kopf zwischen die Schultern ziehend, auf +die Hände unter dem Waggon, und ließ sich mit einer leichten Bewegung, +als sei sie bereit, sofort wieder aufzustehen, in die Kniee sinken. In +dem nämlichen Augenblick aber erschrak sie über das, was sie gethan +hatte, »wo bin ich, was thue ich, warum?« -- Sie wollte sich wieder +erheben, sich zurückwerfen, aber etwas Ungeheures, Unerbittliches stieß +sie vor den Kopf und nahm sie beim Rücken mit. »Herr Gott vergieb mir +alles!« sprach sie, die Unmöglichkeit eines Kampfes fühlend. Der Mensch +arbeitete im Selbstgespräch in dem Eisen. Das Licht, bei welchem sie +das von Mühsal und Lüge, Weh und Übel erfüllte Buch gelesen hatte, +flammte in noch hellerem Glanze empor als je, und erleuchtete alles +vor ihr, was früher für sie im Dunkeln gelegen hatte, es prasselte, +verdunkelte sich und erlosch auf ewig. + + + + + Achter Teil. + + 1. + + +Fast zwei Monate waren vergangen. Die Hälfte der heißen Jahreszeit war +schon verstrichen und Sergey Iwanowitsch machte erst jetzt Anstalt, +Moskau zu verlassen. + +Im Leben Sergey Iwanowitschs hatte sich während dieser Zeit Mehrfaches +ereignet. Ein Jahr vorher bereits war sein Buch, die Frucht einer +sechsjährigen Arbeit mit dem Titel: »Versuch eines Überblickes über die +Grundlagen und Formen des Staatswesens in Europa und Rußland«, beendet +worden. + +Einige Teile nebst der Einleitung waren in zeitgemäßen Publikationen +gedruckt, andere von Sergey Iwanowitsch Männern aus seiner Umgebung +vorgelesen worden, sodaß die Gedanken dieses neuen Werkes schon +nicht mehr eine vollkommene Neuheit für das Publikum bilden konnten. +Gleichwohl aber hatte Sergey Iwanowitsch erwartet, daß das Buch mit +seinem Erscheinen einen tiefen Eindruck auf die Gesellschaft und, +wenn nicht eine Umwälzung in der Wissenschaft, so doch jedenfalls +mächtige Sensation in der Gelehrtenwelt machen werde. Das Buch war +nach sorgfältigem Druck im vergangenen Jahre zum Erscheinen und zur +Versendung an die Buchhändler gelangt. + +Ohne nun jemand über das Werk zu befragen, und ungern und mit +erheuchelter Gleichgültigkeit auf die Fragen seiner Freunde, wie +dasselbe gehe, antwortend, ohne sich selbst bei den Buchhändlern nach +dem Absatz zu erkundigen, verfolgte Sergey Iwanowitsch scharf und mit +gespannter Aufmerksamkeit den ersten Eindruck, welchen sein Werk in der +Gesellschaft und in der Litteratur hervorbrächte. + +Aber es verging eine Woche, eine zweite, dritte, und in der +Gesellschaft war kein Eindruck wahrzunehmen. Seine Freunde, +Spezialisten und Gelehrte, begannen bisweilen, augenscheinlich aus +Höflichkeit, von dem Buche zu sprechen, seine übrigen Bekannten aber, +die sich nicht für ein Werk von gelehrter Richtung interessierten, +sprachen gar nicht davon. In der Gesellschaft, welche besonders +jetzt von anderen Dingen in Anspruch genommen war, herrschte völlige +Gleichgültigkeit, und in der Litteratur erschien im Verlauf eines +Monats gleichfalls kein Wort über das Buch. + +Sergey Iwanowitsch berechnete bis in die Einzelheiten die Zeit, welche +zur Abfassung einer Recension erforderlich war, aber es verging ein +Monat, ein zweiter unter dem nämlichen Schweigen. + +Nur im »Ssjevernyj Shuk«, in einem humoristischen Feuilleton über den +Sänger Drabanti, welcher seine Stimme verloren hatte, waren so nebenbei +einige geringschätzige Worte über das Buch Koznyscheffs gefallen. +Dieselben zeigten, daß dieses schon längst allgemein verurteilt, dem +allgemeinen Spott anheimgefallen war. + +Erst im dritten Monat erschien in einem Journal ernster Richtung eine +kritische Abhandlung. Sergey Iwanowitsch kannte sogar den Verfasser +derselben; er war ihm einmal bei Golubzoff begegnet. + +Der Verfasser der Abhandlung war ein sehr junger und bissiger +Feuilletonist, höchst gewandt als Schriftsteller, aber außerordentlich +wenig gebildet, und schüchtern in seinen persönlichen Beziehungen. + +Ungeachtet seiner vollkommenen Verachtung für den Autor, machte sich +Sergey Iwanowitsch gleichwohl mit vollkommenem Ernst an die Lektüre der +Abhandlung. Die Kritik war höchst traurig. + +Augenscheinlich hatte der Feuilletonist das ganze Buch gerade so +aufgefaßt, wie es unmöglich aufgefaßt werden durfte. Er hatte aber +so gewandt die Citate aus demselben zusammengestellt, daß es für +diejenigen, welche das Buch nicht gelesen hatten -- und offenbar hatte +es fast niemand gelesen -- vollständig klar wurde, das ganze Werk +sei nichts anderes, als eine Sammlung hochtrabender Worte, die noch +dazu nicht einmal in passender Weise angewendet worden waren -- wie +die Fragezeichen bewiesen -- und der Verfasser des Buches ein völlig +unwissender Mensch. Alles aber war dabei so geistreich, daß selbst +Sergey Iwanowitsch sich diesem Scharfsinn gegenüber nicht ablehnend +verhalten konnte -- aber das alles war doch höchst traurig. -- + +Trotz der vollkommenen Gewissenhaftigkeit, mit welcher Sergey +Iwanowitsch die Richtigkeit der Ausführungen des Recensenten prüfte, +blieb er doch nicht eine Minute bei den Fehlern und Gebräuchen +stehen, welche darin verspottet wurden, sondern begann sich sogleich +unwillkürlich bis in die kleinsten Einzelheiten jene Begegnung und sein +Gespräch mit dem Verfasser des Aufsatzes ins Gedächtnis zurückzurufen. + +»Habe ich ihn irgendwomit beleidigt?« frug sich Sergey Iwanowitsch, und +indem er sich erinnerte, daß er bei jener Begegnung diesen jungen Mann, +der mit einem Worte seine Unwissenheit dokumentiert hatte, korrigiert +habe, fand er die Erklärung für die Tendenz der Abhandlung. + +Auf diese Kritik folgte ein tödliches Schweigen über das Buch, sowohl +in der Presse, wie in der Konversation, und Sergey Iwanowitsch sah, daß +sein seit sechs Jahren, mit soviel Liebe und Mühe erschaffenes Werk +erfolglos vorübergegangen war. + +Die Lage Sergey Iwanowitschs wurde noch schwieriger dadurch, daß er +nach der Beendigung desselben keine Kabinettarbeit mehr hatte, wie sie +vorher den größten Teil seiner Zeit in Anspruch genommen. + +Sergey Iwanowitsch war klug, gebildet, gesund und thätig und wußte nun +nicht, wie er seine Arbeitskraft anwenden sollte. Die Gespräche in +den Hotels, bei den Zusammenkünften, Sobranjen und in Komitees, sowie +überall da, wo man sprechen konnte, nahmen wohl einen Teil seiner Zeit +in Anspruch, doch gestattete er sich, als langjähriger Bewohner der +Stadt nicht, völlig im Reden aufzugehen, wie dies sein unerfahrener +Bruder that, wenn er in Moskau war. Es blieb ihm daher noch viel freie +Zeit und Geisteskraft. + +Zu seinem Glück tauchte in dieser, infolge des Fehlschlagens seines +Buches für ihn so schweren Zeit als Ablösung der Dissidentenfrage, +des amerikanischen Bündnisses, der samarischen Hungersnot, der +Weltausstellung und des Spiritismus, die slavische Frage auf, die +vorher nur in der Gesellschaft geduldet worden war, und Sergey +Iwanowitsch, der bereits früher zu denen gehört hatte, welche diese +Frage anregten, widmete sich ihr nun ganz. + +Im Kreis derer, zu welchen auch Sergey Iwanowitsch gehörte, sprach +und schrieb man zu dieser Zeit von nichts anderem, als dem serbischen +Kriege. Alles, was gewöhnlich der müßige Haufe thut, um die Zeit +totzuschlagen, wurde jetzt zu Gunsten der Slaven gethan. Bälle, +Konzerte, Essen, Speeches, die Damentoiletten, das Bier, die Gasthäuser +-- alles gab Zeugnis von der Sympathie für die Slaven. + +Mit vielem von dem, was man bei dieser Gelegenheit sprach und schrieb, +war Sergey Iwanowitsch in den Einzelheiten nicht einverstanden. Er sah, +daß die slavische Frage eine jener Modefragen wurde, die stets, eine +die andere ablösend, der Gesellschaft zum Gegenstand der Unterhaltung +dienen. + +Er sah auch, daß viele mit gewinnsüchtigen oder ehrgeizigen Absichten +unter denen waren, die sich an diesem Werke beteiligten. Er erkannte +ferner, daß die Zeitungen vieles Unnötige und Übertriebene abdruckten +allein in der Absicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und +andere zu übertönen. Er sah, daß bei dieser allgemeinen Erhebung der +Gesellschaft alle, denen Etwas fehlgegangen war, oder die beleidigt +worden waren, sich vor allen übrigen hervorthaten und am lautesten +die Stimme erhoben: Oberkommandierende ohne Armee, Minister ohne +Portefeuilles, Journalisten ohne Journale, Parteiführer ohne Anhänger. +Er sah, daß viel Leichtsinn und Lächerlichkeit dabei war, sah und +erkannte aber auch den unleugbaren, alles überwuchernden Enthusiasmus, +der alle Klassen der Gesellschaft in Eins vereinigte, und welchem man +die Sympathie nicht versagen konnte. Das Geschick der Glaubensgenossen +und slavischen Mitbrüder rief das Mitgefühl für die Leidenden und den +Unwillen gegen deren Bedrücker hervor. Der Heldenmut der Serben und +Tschernagorzen, die für eine erhabene Sache kämpften, rief im ganzen +Volke den Wunsch hervor, den Brüdern zu helfen, aber nicht mehr mit +Worten, sondern mit der That. + +Hierbei zeigte sich indessen eine andere, für Sergey Iwanowitsch +erfreuliche Erscheinung -- die Offenbarung der allgemeinen Meinung. +-- Die Gesellschaft äußerte ihren Wunsch in bestimmter Weise. Der +Volksgeist erhielt einen Ausdruck, wie Sergey Iwanowitsch sagte, und +je mehr sich derselbe mit dem Gegenstand befaßte, um so einleuchtender +schien ihm, daß es sich hier um eine Sache handle, welcher die meiste +Verbreitung zu Teil werden müsse, und die Epoche machen werde. + +Er widmete sich nun ganz dem Dienst dieser erhabenen Sache und hatte +dabei ganz vergessen, seines Buchs noch zu gedenken. Seine ganze +Zeit war jetzt ausgefüllt, sodaß er nicht imstande war, alle an ihn +gerichteten Korrespondenzen und Bitten zu genügen. + +Nachdem er nun den ganzen Frühling und einen Teil des Sommers hindurch +gearbeitet hatte, machte er sich erst im Juli bereit, auf das Land zu +seinem Bruder zu gehen. + +Er reiste ab, sowohl, um sich für einige Wochen zu erholen, als +um in der ländlichen Einsamkeit sich an dem Anblick der Erhebung +des Volksgeistes zu freuen, von der er und alle Bewohner der Stadt +vollständig überzeugt waren. Katawasoff, der schon längst ein Lewin +gegebenes Versprechen, diesen zu besuchen, hatte erfüllen wollen, +reiste mit ihm zusammen. + + + 2. + +Sergey Iwanowitsch und Katawasoff hatten kaum die heute besonders von +Menschen belebte Station der Kursker Eisenbahn erreicht, und sich beim +Verlassen des Wagens nach dem mit dem Gepäck nachkommenden Diener +umgesehen, als in vier Mietkutschen Freiwillige anlangten. Damen mit +Bouquets kamen ihnen entgegen, und sie betraten im Geleite von Scharen +hinter ihnen drein strömender Menschen die Station. + +Eine von den Damen, welche die Freiwilligen begrüßten, wandte sich, +indem sie den Saal verließ, an Sergey Iwanowitsch. + +»Seid Ihr auch gekommen, ihnen das Geleite zu geben?« frug sie auf +französisch. + +»Nein; ich reise für mich, Fürstin, um mich bei meinem Bruder zu +erholen. Ihr gebt wohl fortwährend Geleit?« frug Sergey Iwanowitsch mit +einem kaum merklichen Lächeln. + +»Das ginge ja nicht,« antwortete die Fürstin, »aber freilich haben wir +selbst bereits achthundert befördert. Malwinskiy glaubte es mir nicht.« + +»Mehr als achthundert! Wenn man diejenigen mitzählt, welche nicht +direkt von Moskau expediert worden sind, so wären es schon mehr als +tausend,« sagte Sergey Iwanowitsch. + +»Da haben wir's. Das habe ich ja gesagt!« pflichtete die Dame freudig +bei. »Und nicht wahr, es ist jetzt ungefähr eine Million dafür geopfert +worden?« + +»Mehr noch, Fürstin.« + +»Was ist denn heute für ein Telegramm gekommen? Wieder die Türken +geschlagen?« + +»Ja, ich habe es gelesen,« antwortete Sergey Iwanowitsch. Sie +unterhielten sich nun über die neueste Depesche, welche bestätigte, daß +während dreier aufeinanderfolgender Tage die Türken auf allen Punkten +geschlagen worden seien und sich auf der Flucht befänden, und daß +morgen die Entscheidungsschlacht erwartet werde. + +»Da hat sich auch ein junger, hübscher Mann gemeldet. Ich weiß nicht, +weshalb man Schwierigkeiten gemacht hat, und da wollte ich Euch bitten +-- ich kenne ihn -- daß Ihr doch gefälligst ein Billet schriebt. Er ist +von der Gräfin Lydia Iwanowna geschickt.« + +Nachdem sich Sergey Iwanowitsch nach den Einzelheiten erkundigt hatte, +welche die Fürstin über den jungen Mann, welcher sich gestellt hatte, +kannte, schrieb er, in die erste Klasse tretend, ein Billet an die +Persönlichkeit, von welcher die Sache abhing und übergab es der Fürstin. + +»Ihr wißt wohl, Graf Wronskiy, der bekannte -- fährt auch mit diesem +Zug,« sagte die Fürstin mit triumphierendem und vielsagendem Lächeln, +als er wieder zurückgekommen war und ihr das Schreiben übergab. + +»Ich habe wohl gehört, daß er auch fortginge, aber nicht gewußt, wann. +Mit diesem Zuge also fährt er?« + +»Ich habe ihn gesehen. Er ist hier. Nur seine Mutter begleitet ihn. Es +war dies doch immer noch das beste, was er thun konnte.« + +»Gewiß. Versteht sich.« + +Während sie sprachen, strömte der Haufe an ihnen vorüber zur +Mittagstafel. Sie gingen gleichfalls mit und vernahmen dabei die laute +Stimme eines Herrn, welcher, den Pokal in der Hand, eine Rede an die +Freiwilligen hielt. »Für den Glauben dient, für die Menschlichkeit und +unsere Mitbrüder,« sprach der Herr mit erhöhter Stimme, »zum erhabenem +Werke segne euch unsere Matuschka Moskwa! Zhivio!« -- schloß er +dröhnend und mit thränenerstickter Stimme. + +Alles rief »Zhivio«! und eine neue Schar, die die Fürstin beinahe über +den Haufen geworfen hätte, wälzte sich in den Saal. + +»Ah, Fürstin, wie geht es!« rief freudestrahlend Stefan Arkadjewitsch, +der plötzlich inmitten derselben erschien. »Hat er nicht herrlich, +feurig gesprochen? Bravo! -- Und Sergey Iwanowitsch, Ihr müßtet +gleichfalls sprechen -- einige Worte, Ihr wißt, so eine Anfeuerung. +Ihr versteht dies ja so gut,« fügte er mit mildem, ehrerbietigem und +aufmerksamem Lächeln hinzu, Sergey Iwanowitsch am Arme vorwärtsbewegend. + +»Nein, ich fahre sogleich.« + +»Wohin denn?« + +»Auf das Land zu meinen Bruder,« antwortete Sergey Iwanowitsch. + +»Da seht Ihr ja meine Frau. Ich habe ihr geschrieben, aber Ihr werdet +sie schon eher sehen; sagt ihr doch, bitte, daß Ihr mit mir gesprochen +habt und alles =allright= ist. Sie wird es schon verstehen. Habt auch +die Güte, ihr mitzuteilen, daß ich zum Mitglied der Kommission der +vereinigten -- Ihr wißt ja, =les petites misères de la vie humaine=,« +wandte er sich wie zur Entschuldigung an die Fürstin. + +»Die Mjachkaja -- nicht Lisa, sondern Bibisch -- schickt tausend +Gewehre und zwölf Schwestern. Ich hatte es Euch wohl gesagt?« + +»Ja, ich hörte davon,« antwortete Koznyscheff widerwillig. + +»Es ist eigentlich schade, daß Ihr abreist,« fuhr Stefan Arkadjewitsch +fort, »wir geben morgen ein Essen für zwei mit Abgehende -- Dimjor +Bartejanskiy von Petersburg und unseren Wjeslowskiy, Grischa. Sie gehen +beide. Wjeslowskiy hat unlängst geheiratet. Das ist ein braver Bursch. +Nicht so, Fürstin?« wandte er sich zu der Dame. + +Die Fürstin blickte ohne zu antworten Koznyscheff an; daß Sergey +Iwanowitsch sowohl wie die Fürstin fast wünschten, von ihm loszukommen, +brachte Stefan Arkadjewitsch nicht im geringsten in Verlegenheit. +Lächelnd blickte er bald auf die Hutfeder der Fürstin, bald seitwärts, +als besinne er sich etwas. Als er eine vorüberschreitende Dame +mit einer Sammelbüchse bemerkte, rief er sie heran und legte ein +Fünfrubelpapier in die Büchse. + +»Ich kann diese Sammelbüchsen nicht mit ruhigem Blute sehen, so lange +ich Geld habe,« sagte er. »Was für eine Depesche haben wir denn heute? +Die Tschernogorzen sind doch wackere Kerle!« -- + +-- »Was Ihr sagt!« rief er aus, als ihm die Fürstin mitteilte, daß +Wronskiy mit diesem Zug abfahre. Für einen Augenblick drückte das +Gesicht Stefan Arkadjewitschs Trauer aus, aber nach Verlauf einer +Minute hatte er, nachdem er leicht mit jedem Fuße einige Male gezuckt, +und sich dann den Backenbart gestrichen hatte, das Zimmer, in welchem +Wronskiy war, betretend, schon völlig sein verzweifeltes Schluchzen +über dem Leichnam der Schwester vergessen, und sah in Wronskiy nur den +Helden und alten Freund. + +»Bei all seinen Mängeln kann man nicht anders, als ihm Gerechtigkeit +widerfahren lassen,« sagte die Fürstin zu Sergey Iwanowitsch, sobald +Oblonskiy sie beide verlassen hatte. »Es ist das so eine echt +russische, slavische Natur! Nur fürchte ich, es wird Wronskiy nicht +angenehm sein, ihn zu sehen. Was Ihr auch sagen mögt, mich rührt das +Geschick dieses Mannes. Ihr werdet wohl mit ihm während der Fahrt +sprechen,« sagte die Fürstin. + +»Ja vielleicht, wenn sich Gelegenheit bietet.« + +»Ich habe ihn nie gern gehabt. Aber dieser Entschluß macht vieles +wieder gut. Er reist nicht nur für sich allein, sondern führt eine +Eskadron auf eigne Rechnung mit.« + +»Ja, ich habe davon gehört.« + +Die Glocke ertönte; alles drängte sich nach den Thüren. + +»Da ist er!« fuhr die Fürstin fort, auf Wronskiy weisend, welcher, im +langen Überrock und schwarzem Hut mit breitem Rande, seine Mutter am +Arm führte. Oblonskiy ging lebhaft sprechend neben ihm. + +Wronskiy blickte finster vor sich hin, als höre er nicht, was Stefan +Arkadjewitsch sprach. + +Wahrscheinlich auf eine Weisung Oblonskiys hin, schaute er nach der +Seite, auf welcher die Fürstin und Sergey Iwanowitsch standen und +lüftete schweigend den Hut. Sein gealtertes, und Leiden ausdrückendes +Gesicht erschien wie versteinert. + +Nachdem Wronskiy über den Bahnsteig gegangen war, stieg er, die Mutter +loslassend, in das Coupé des Waggons. + +Auf dem Bahnsteig erschallte es »=Boshe Zarja chrani=!« und »Hurrah« +und »Zhivio!« + +Einer der Freiwilligen, ein hochgewachsener, sehr junger Mann, mit +eingefallener Brust, grüßte besonders bemerkbar, indem er seinen +Filzhut und ein Bouquet über dem Kopfe schwang. Hinter ihm schauten, +gleichfalls grüßend, zwei Offiziere und ein älterer Mann mit großem +Barte und in einer fettigen Mütze heraus. + + + 3. + +Nachdem sich Sergey Iwanowitsch von der Fürstin verabschiedet hatte, +stieg er mit dem herangetretenen Katawasoff in den zum Brechen +vollgepfropften Waggon, und der Zug setzte sich in Bewegung. + +Auf der Station Tarizyn wurde der Zug von einem schönen Chor junger +Leute, welche das »=Slavsja=« sangen, bewillkommnet. Wieder dankten +die Freiwilligen grüßend, und legten sich heraus, doch schenkte +ihnen Sergey Iwanowitsch keine Beachtung. Er hatte soviel mit den +Freiwilligen zu thun, daß er ihren Durchschnittstypus schon kannte +und ihn dies nicht mehr interessierte. Katawasoff hingegen, der bei +seinen Arbeiten nicht Gelegenheit gehabt hatte, die Freiwilligen zu +beobachten, wurde sehr von ihnen interessiert, und erkundigte sich bei +Sergey Iwanowitsch über sie. + +Sergey Iwanowitsch empfahl ihm, sich doch in die zweite Klasse zu +setzen, und dort selbst einmal mit ihnen zu reden, und auf der +folgenden Station befolgte Katawasoff diesen Rat. + +Beim ersten Aufenthalt siedelte er in die zweite Klasse über, und +machte sich mit den Freiwilligen bekannt. Sie saßen in einer Ecke des +Waggons in lautem Gespräch und wußten augenscheinlich recht wohl, daß +die Aufmerksamkeit der Passagiere und des eingetretenen Katawasoff auf +sie gerichtet sei. + +Lauter als alle anderen sprach der hochgewachsene Jüngling mit der +flachen Brust. Er war offenbar berauscht und erzählte eine Geschichte, +die sich auf ihrem Transport zugetragen hatte. Ihm gegenüber saß ein +schon nicht mehr junger Offizier im Rocke der österreichischen Garde. +Er hörte lächelnd dem Erzähler zu und hielt ihn in Schranken. Ein +Dritter, in Artillerieuniform, saß auf einem Koffer neben ihnen. Ein +Vierter schlief. + +Ein Gespräch mit dem Jüngling anknüpfend, erfuhr Katawasoff bald, daß +dieser ein reicher Moskauer Kaufmann gewesen sei, welcher sein großes +Vermögen bis zum zweiundzwanzigsten Jahre durchgebracht hatte. Er +gefiel Katawasoff nicht, weil er verweichlicht, verzärtelt, und von +schwacher Gesundheit war; augenscheinlich hatte er die Überzeugung, +namentlich jetzt, im Rausche, daß er eine Heldenthat vollbringen werde, +und flunkerte in unangenehmster Weise. + +Ein anderer, ein verabschiedeter Offizier, machte auf Katawasoff +gleichfalls einen unangenehmen Eindruck. Er war, wie man sah, ein +Mensch, der schon alles versucht hatte. Er war an der Eisenbahn +gewesen, dann Geschäftsführer eines Handlungshauses, und hatte Fabriken +angelegt. Er sprach über alles, ohne jede Veranlassung, und wendete +unpassend gelehrte Ausdrücke an. + +Ein dritter, ein Artillerist jedoch, gefiel Katawasoff recht +wohl. Er war ein bescheidener, stiller Mensch, der sich offenbar +vor den Kenntnissen des abgedankten Gardisten und der heroischen +Selbstberäucherung des Kaufmanns beugte, und von sich selbst gar nicht +sprach. Als ihn Katawasoff frug, was ihn veranlaßt hätte, nach Serbien +zu gehen, antwortete er bescheiden: + +»Nun, es gehen ja alle hin. Da gilt es, den Serben auch mit zu helfen. +Es thut einem ja leid.« + +»Ja; besonders Artilleristen sind ja auch nicht zahlreich dort,« sagte +Katawasoff. + +»Ich habe freilich nur kurze Zeit in der Artillerie gedient und es ist +möglich, daß man mich zur Infanterie oder Kavallerie bestimmt.« + +»Weshalb denn zum Fußvolk, wenn man vor allem Artilleristen braucht?« +sagte Katawasoff, nach dem Alter des Artilleristen urteilend, daß er +schon eine höhere Charge bekleiden müsse. + +»Ich habe nicht lange in der Artillerie gedient, und bin als Junker +entlassen,« sagte er und begann nun auseinanderzusetzen, weshalb er das +Examen nicht bestanden hätte. + +Alles das zusammengenommen, machte auf Katawasoff einen unangenehmen +Eindruck, und als die Freiwilligen auf der Station ausstiegen, um +einmal zu trinken, wünschte Katawasoff, in einem Gespräch mit jemand +diese unangenehmen Eindrücke auszutauschen. Ein mitreisender alter +Herr in Uniform hatte die ganze Zeit dem Gespräch Katawasoffs mit den +Freiwilligen zugehört. Nachdem ersterer mit diesem allein geblieben +war, wandte er sich zu ihm. + +»Wie groß doch der Unterschied der Verhältnisse aller dieser Leute ist, +die nach dorthin abgehen,« sagte Katawasoff unbestimmt, im Wunsche, +seine Meinung auszusprechen und zugleich dabei diejenige des Alten zu +erforschen. Der Alte war ein Militär, der zwei Feldzüge mitgemacht +hatte. Er wußte was ein Soldat zu bedeuten habe, und hielt diese Leute +nach ihrem Aussehen und Sprechen und nach dem Eifer, mit welchem sie +unterwegs der Flasche zusprachen, für schlechte Soldaten. Er war auch +Bewohner einer Kreisstadt und erzählte, daß aus seiner Vaterstadt einer +unter die Soldaten gegangen sei, der Trunkenbold und Dieb gewesen, und +den niemand mehr als Arbeiter hätte nehmen mögen. Da er indessen aus +Erfahrung wußte, daß es unter der jetzigen Stimmung der Gesellschaft +gefährlich sei, eine Meinung auszusprechen, welche der allgemein +herrschenden entgegenliefe, und insbesondere, die Freiwilligen abfällig +zu beurteilen, sondierte er gleichfalls Katawasoff. + +»Ja, dort sind Leute nötig,« sprach er, mit den Augen lachend. Sie +begannen nun, von der letzten Nachricht vom Kriegsschauplatz zu +sprechen, verbargen aber voreinander ihre Unwissenheit darüber, gegen +wen sie morgen die Entscheidungsschlacht erwarteten, nachdem die Türken +der letzten Nachricht gemäß auf allen Punkten geschlagen waren. So +trennten sie sich denn beide, ohne ihre Meinung ausgesprochen zu haben. + +Nachdem Katawasoff in seinen Waggon zurückgekehrt war, erzählte er, +Sergey Iwanowitsch unwillkürlich ausweichend, von seinen Beobachtungen +der Freiwilligen, die sich ihm als vorzügliche Burschen erwiesen +hatten. + +Auf der großen Station in einer Stadt begrüßte wieder Gesang und Zuruf +die Freiwilligen, wieder erschienen Sammelnde beiderlei Geschlechts +mit Büchsen, die vornehmen Damen des Gouvernements brachten den +Freiwilligen Bouquets und begleiteten sie zum Büffett, doch war alles +das bei weitem matter und in geringerem Maßstabe angelegt als in Moskau. + + + 4. + +Während des Aufenthalts in der Gouvernementsstadt ging Sergey +Iwanowitsch nicht ans Büffett, sondern schritt auf dem Bahnsteig auf +und nieder. + +Als er zum erstenmal am Coupé Wronskiys vorüberkam, bemerkte er, daß +das Fenster zugezogen war, bei nochmaligem Passieren desselben indessen +erblickte er die alte Gräfin am Fenster, welche Koznyscheff zu sich +rief. + +»Ich fahre auch mit und begleite ihn bis Kursk,« sagte sie. + +»Ich habe schon gehört,« antwortete Sergey Iwanowitsch, an ihrem +Fenster stehen bleibend und in dasselbe hineinblickend. »Welch schöner +Zug von ihm,« fügte er hinzu, nachdem er bemerkt hatte, daß Wronskiy +nicht im Coupé war. + +»Ja, was blieb ihm nach seinem Unglück zu thun übrig?« + +»Welch furchtbares Ereignis!« sagte Sergey Iwanowitsch. + +»O, was habe ich durchgemacht; aber bitte, tretet doch ein! -- O, was +habe ich durchgemacht!« wiederholte sie, nachdem Sergey Iwanowitsch +eingetreten war und sich neben ihr auf das Polster gesetzt hatte. »Das +vermag sich niemand vorzustellen. Sechs Wochen hat er mit niemand +gesprochen und nur erst dann gegessen, wenn ich ihn darum angefleht. +Nicht eine Minute durfte man ihn allein lassen. Wir haben alles +weggenommen, womit er sich hätte ein Leids anthun können; wir wohnten +in der niederen Etage; es ließ sich eben nichts voraussehen. Ihr wißt +ja, daß er sich schon einmal ihretwegen geschossen hat,« sprach sie, +und die Brauen der alten Frau zogen sich finster zusammen bei dieser +Erinnerung. »Ja; sie hat geendet, wie solch ein Weib enden mußte. +Selbst den Tod hat sie sich gemein und niedrig erwählt!« -- + +»Wir dürfen nicht richten, Gräfin,« sagte Sergey Iwanowitsch seufzend, +»doch ich begreife, wie schwer dies für Euch gewesen sein muß.« + +»O, sprecht nicht davon! Ich wohnte auf meinem Gute, und er war gerade +bei mir. Da bringt man ein Billet. Er schreibt Antwort und sendet sie +ab. Wir ahnten nicht, daß sie schon da auf der Station war. Abends +-- ich hatte mich soeben zurückgezogen -- erzählt mir meine Mary, +daß sich auf der Station eine Dame unter den Eisenbahnzug gestürzt +hätte. Dies traf mich wie ein Donnerschlag! Ich erkannte das müsse sie +gewesen sein, und das erste, was ich sagen konnte war: Nur ihm nichts +mitteilen! -- Doch hatte man es ihm schon gesagt. Sein Kutscher war +dort gewesen und hatte alles gesehen. Als ich auf sein Zimmer kam, war +er nicht mehr bei Sinnen -- er war furchtbar anzusehen. Kein Wort hat +er gesprochen und ist fortgesprengt. Was dort geschehen ist, ich weiß +es nicht, aber sie haben ihn wie einen Toten gebracht. Ich hätte ihn +nicht erkannt. -- >=Prostration complète=!< erklärte der Arzt. Dann +brach fast eine Tobwut aus. Doch, was soll ich da erzählen!« sprach die +Gräfin mit der Hand abwehrend. »Eine entsetzliche Zeit! Nein, was Ihr +auch sagen mögt, es war ein schlechtes Weib! Und was waren das auch +für verzweifelte Leidenschaften! Das mußte auf etwas Absonderliches +hinauslaufen und sie hat es auch bewiesen. Sie hat sich vernichtet und +zwei edle Männer -- ihren Gatten und meinen unglücklichen Sohn!« + +»Was sagt denn ihr Gatte dazu?« frug Sergey Iwanowitsch. + +»Er hat ihr Kind zu sich genommen. Mein Aleksander war in der ersten +Zeit mit allem einverstanden, doch jetzt quält es ihn furchtbar, daß +er einem fremden Menschen seine Tochter übergeben hat. Sein Wort +zurücknehmen aber kann er nicht. Karenin kam auch zum Begräbnis, doch +bemühten wir uns, ihn nicht Aleksander begegnen zu lassen. Für ihn, den +Ehemann, war es immerhin doch noch leichter zu ertragen. Sie hat ihn ja +erlöst, aber mein armer Sohn hatte sich ihr so ganz dahingegeben. Alles +hatte er für sie aufgegeben, seine Carriere, mich, und dabei hatte sie +noch nicht einmal Mitleid mit ihm, sondern hat ihn mit Berechnung noch +völlig gemordet. Nein, was Ihr auch sagen mögt, selbst ihr Tod -- ist +nur der Tod eines abscheulichen Weibes, das keine Religion besaß! Möge +Gott mir verzeihen, aber ich muß ihr Angedenken hassen, wenn ich auf +den Untergang meines Sohnes schaue.« + +»Und wie trägt er es jetzt?« + +»Gott hat uns geholfen -- dieser serbische Feldzug ist gekommen. +Ich bin ein greises Weib, und verstehe nichts davon, aber Gott hat +ihm dies gesandt. Mir als Mutter ist es natürlich entsetzlich, und, +was die Hauptsache ist, man sagt =ce n'est pas très= -- =bien vu à +Pétersbourg= -- aber -- was thun! Dies allein nur konnte ihn wieder +aufrichten. Jaschwin -- sein Freund -- hat alles verspielt und sich +nach Serbien begeben; er ist zu ihm gekommen und hat ihn überredet. +Jetzt beschäftigt ihn die Sache doch. Unterhaltet Euch, bitte, mit ihm, +ich will ihn zerstreuen. Er ist so schwermütig. Unglücklicherweise hat +er auch noch Zahnschmerzen bekommen. Über Euch wird er sich recht sehr +freuen. Bitte sprecht mit ihm; dort drüben geht er.« + +Sergey Iwanowitsch sagte, es würde ihm Freude machen und begab sich auf +die andere Seite des Zuges. + + + 5. + +In dem schrägen Abendschatten von Säcken, welche auf dem Bahnsteig +aufgetürmt lagen, ging Wronskiy in seinem langen Überrock, mit +bedecktem Kopfe und die Hände in den Taschen hin und her, wie ein +wildes Tier im Käfig, sich alle zwanzig Schritte schnell wieder +wendend. Als Sergey Iwanowitsch sich Wronskiy näherte, schien ihm, +als ob ihn dieser sehe, sich jedoch stelle, als bemerke er ihn nicht. +Sergey Iwanowitsch war dies ganz gleichgültig. Er stand außerhalb aller +persönlicher Beziehungen mit Wronskiy. + +In dieser Minute war Wronskiy in seinen Augen ein wichtiger Faktor +in dem großen Werke und Koznyscheff hielt es für seine Pflicht, ihn +anzufeuern und aufzumuntern. Er trat zu ihm. + +Wronskiy blieb stehen, blickte auf, erkannte Sergey Iwanowitsch und +drückte demselben, indem er ihm einige Schritte entgegentrat, warm die +Hand. + +»Ihr habt vielleicht nicht mit mir sprechen wollen,« sagte Sergey +Iwanowitsch, »aber kann ich Euch nicht nützlich sein?« + +»Mit niemand könnte es mir angenehmer sein, zusammenzutreffen, als mit +Euch,« sagte Wronskiy, »entschuldigt mich, aber Erfreuliches giebt es +für mich nicht mehr im Leben.« + +»Ich verstehe; ich wollte Euch meine Dienste anbieten,« sagte Sergey +Iwanowitsch, Wronskiy in das sichtlich leidende Gesicht blickend. »Habt +Ihr nicht einen Brief für Ristitsch, oder an Milan nötig?« + +»O nein!« antwortete Wronskiy, fast als werde es ihm schwer, zu +verstehen: »Wenn es Euch gleich ist, so spazieren wir ein wenig. In den +Waggons herrscht eine solche Schwüle! Ob ich ein Schreiben brauche? +Nein; ich danke Euch, zum Sterben braucht man keine Empfehlungen. Nur +gegen die Türken« -- sagte er lächelnd, mechanisch. Seine Augen hatten +noch immer ihren Ausdruck von Erregtheit und Leiden. + +»Es wird Euch aber leichter werden, mit vorbereiteten Persönlichkeiten +die Beziehungen anzuknüpfen, welche doch jedenfalls erforderlich sind. +Indes, wie Ihr wollt. Ich hatte mich sehr gefreut, von Eurem Entschluß +zu hören. Giebt es doch schon so viele Angriffe auf die Freiwilligen, +daß ein Mann wie Ihr, dieselben in der öffentlichen Meinung nur heben +kann!« + +»Ich bin als Mensch,« sagte Wronskiy, »nur insofern brauchbar, als das +Leben mir nichts mehr wert ist. Nur, daß physische Energie genug in mir +ist, ein Carré zu sprengen, und es zu zerschmettern, oder zu fallen +-- das weiß ich! Ich freue mich darüber, daß es etwas giebt, wofür +ich mein Leben opfern darf, das mir nicht allein überflüssig, nein, +interesselos geworden ist. So kommt es doch noch jemand zu nutze.« + +Er bewegte ungeduldig die Kinnbacken, infolge des beständigen, nagenden +Zahnschmerzes, der ihn sogar daran hinderte, mit dem Ausdruck zu +sprechen, den er beabsichtigte. + +»Ihr werdet wieder genesen, ich prophezeie es Euch,« sagte Sergey +Iwanowitsch, mit einem Gefühl von Rührung. »Die Erlösung unserer +Mitbrüder von einem Joch ist ein Ziel, würdig des Todes wie des Lebens. +Verleihe Gott Euch äußeren Erfolg und inneren Frieden,« fügte er hinzu +und reichte ihm die Hand hin. + +Wronskiy drückte warm die dargebotene Hand Sergey Iwanowitschs. + +»Ja, als Waffe -- kann ich noch zu etwas taugen. -- Aber als Mensch -- +bin ich eine Ruine« -- sprach er in Absätzen. + +Der quälende Schmerz des Zahnes, welcher ihm den Mund mit Speichel +füllte, hinderte Wronskiy am Reden. Er schwieg, nach den Rädern eines +langsam und gleichmäßig auf den Schienen hinrollenden Tenders blickend, +und plötzlich ließ ihn eine andere Qual, nicht ein Schmerz, sondern ein +allgemeines, inneres Unbehagen auf einen Augenblick seinen Zahnschmerz +vergessen. + +Der Anblick des Tenders und der Schienen, der Einfluß des Gesprächs mit +einem Bekannten, welchen er nach dem Verhängnis, das ihn betroffen, +nicht begegnet war, brachte ihm ihr Angedenken plötzlich wieder in die +Erinnerung, oder vielmehr das, was ihm von ihr noch geblieben war, als +er wie ein Wahnsinniger in den Schuppen der Eisenbahnstation gelaufen +kam: Auf einem Tische in demselben, schmählich von den Händen Fremder +ausgestreckt, ihr blutiger Leib, noch voll von dem kaum entflohenen +Leben; der nach hinten geworfene, unversehrt gebliebene Kopf mit +seinen schweren Flechten und wallenden Locken an den Schläfen, und +auf dem reizvollen Antlitz, mit dem halbgeöffneten roten Munde, der +erstarrte, seltsame, klägliche Ausdruck der Lippen, der furchtbar in +den nichtgeschlossenen Augen lag, und wie mit Worten das furchtbare +Wort aussprach, daß er bereuen solle -- das Wort, welches sie während +ihres Streites zu ihm gesagt hatte. + +Und er bemühte sich, sie so in sein Gedächtnis zurückzurufen, +wie sie gewesen, als er ihr zum erstenmale, gleichfalls auf der +Eisenbahnstation, begegnet war, ihr, der Geheimnisvollen, der +Reizenden, der Liebevollen, Glücksuchenden und -spendenden, aber nicht +der hartherzig Quälenden, als die sie ihm aus der letzten Minute ins +Gedächtnis kam. + +Er suchte sich der seligsten Minuten mit ihr zu erinnern, doch +diese waren ihm auf ewig vergiftet. Er rief sie sich nur als die +Triumphierende ins Gedächtnis zurück, welche ihre Drohung ausgeführt +hatte, die niemand nützte und durch Reue nicht auszugleichen war. +Den Zahnschmerz fühlte er nicht mehr, aber Schluchzen verzerrte sein +Gesicht. + +Nachdem er zweimal wortlos an den Säcken vorübergeschritten war, wandte +er sich, nachdem er seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte, +ruhig an Sergey Iwanowitsch. + +»Habt Ihr keine Depesche seit der gestrigen erhalten? Der Feind +ist zwar zum drittenmal geschlagen, aber morgen erwartet man die +Entscheidungsschlacht.« + +Nachdem sie noch über die Proklamation des Königs Milan und die +weittragenden Folgen, welche dieselbe haben könne, gesprochen hatten, +trennten sich beide nach dem zweiten Glockensignal und gingen nach +ihren beiderseitigen Waggons. + + + 6. + +Da Sergey Iwanowitsch nicht wußte, wann er Moskau würde verlassen +können, hatte er nicht an seinen Bruder telegraphiert, daß man ihn +abhole. + +Lewin war nicht daheim, als Katawasoff und Sergey Iwanowitsch in einem +kleinen Tarantaß, der auf der Station gemietet worden war, staubbedeckt +wie Araber um zwölf Uhr mittags vor der Freitreppe des Herrenhauses von +Pokrowskoje vorfuhren. + +Kity, welche mit ihrem Vater und der Schwester auf dem Balkon gesessen +hatte, erkannte den Schwager und eilte hinunter, ihn zu bewillkommen. + +»Wie unrecht von euch, uns nicht Nachricht zu geben,« sagte sie Sergey +Iwanowitsch die Hand reichend und ihm die Stirn darbietend. + +»Wir sind ganz wohlbehalten hierher gelangt und haben euch nicht +erst Umstände gemacht,« antwortete Sergey Iwanowitsch. »Ich bin so +voll Staub, daß ich mich fürchte, jemand anzurühren. Ich war auch so +beschäftigt, daß ich nicht einmal wußte, wann ich mich würde losmachen +können. Aber ihr haltet es nach altgewohnter Weise,« lächelte er, »ihr +freut euch eures stillen Glückes fern von Zeitläuften in eurem stillen +Heim. Da hat sich auch mein Freund Fjodor Wasiljewitsch endlich mit +aufgemacht.« + +»Ich bin indessen kein Neger, sondern werde mich waschen -- und dann +einem Menschen ähnlich sehen,« sagte Katawasoff mit seinem gewohnten +Humor, einen Händedruck wechselnd und mit seinen schimmernden Zähnen in +dem geschwärzten Gesicht eigentümlich lächelnd. + +»Mein Konstantin wird sich sehr freuen. Er ist nach dem Vorwerk hinaus +und muß bald kommen.« + +»Er beschäftigt sich nur mit der Landwirtschaft; so macht man es eben +hier,« sagte Katawasoff, »bei uns in der Stadt aber ist außer dem +serbischen Kriege auch nichts weiter zu sehen. Wie geht es denn meinem +Freunde? Was macht er? Ein wenig Sonderling, nicht?« -- + +»Nun, ja, ein wenig;« antwortete Kity etwas verlegen werdend, mit +einem Blick auf Sergey Iwanowitsch, »doch ich will nach ihm schicken. +Auch Papa ist bei uns auf Besuch. Er ist erst unlängst aus dem Ausland +angekommen.« + +Nachdem Kity befohlen hatte, nach Lewin zu schicken, die staubbedeckten +Gäste zur Toilette zu führen, den einen in das Kabinett, den anderen in +Dollys ehemaliges Zimmer, und ein Frühstück für sie zu servieren, eilte +sie, wieder in dem Vollbesitz hurtiger Beweglichkeit, dessen sie in der +Zeit ihrer Schwangerschaft beraubt gewesen war, auf den Balkon hinauf. + +»Es ist Sergey Iwanowitsch und Katawasoff, der Professor,« sagte sie. + +»O weh,« sagte der Fürst. + +»Er ist aber sehr liebenswürdig, Papa, und Konstantin hat ihn sehr +lieb,« sagte Kity lächelnd, ihm gleichsam zuredend, indem sie den +Ausdruck von Ironie auf dem Gesicht des Vaters bemerkte. + +»Nun, meinetwegen.« + +»Geh doch zu ihnen Herzchen,« wandte sich Kity zu ihrer Schwester, »und +unterhalte sie. Sie haben Stefan auf der Station gesehen, er befindet +sich wohl. Ich aber will zu Mita laufen. Wie unangenehm aber, ich +habe seit dem Thee nicht wieder angelegt. Der Kleine wird jetzt wach +geworden sein und wahrscheinlich schreien,« und mit schnellen Schritten +ging sie, den Andrang der Milch verspürend, nach der Kinderstube. + +Sie hatte in der That den Andrang der Milch nicht bloß vermutet -- sie +legte das Kind noch an -- sondern kannte an dem Andrang der Milch bei +ihr die Zeit des Bedürfnisses bei demselben genau. + +Sie wußte, daß der Kleine schrie, noch bevor sie zur Kinderstube +gelangt war. Und wirklich schrie er. Sie vernahm seine Stimme und +beschleunigte ihren Schritt, aber je schneller sie ging, um so lauter +schrie das Kind. Seine Stimme war gut, gesund, nur hungrig und +ungeduldig. + +»Schreit es schon lange?« frug Kity eilig die Kindermuhme, sich auf +einen Stuhl setzend und zum Anlegen vorbereitend. »Gebt es schnell her. +Ach, Muhme, wie langweilig Ihr doch seid; nun, bindet doch das Häubchen +später!« + +Das Kind zappelte schreiend vor Gier. + +»Das geht aber nicht, Matuschka,« sagte Agathe Michailowna, die fast +stets in der Kinderstube zugegen war. »Man muß es hübsch ordentlich +putzen;« »Eia, eia«, sang sie über dem Kinde, ohne von der Mutter Notiz +zu nehmen. + +Die Kinderfrau trug das Kind zu der Mutter. Agathe Michailowna folgte +ihm mit vor Zärtlichkeit leuchtenden Zügen. + +»Er weiß es ja, er weiß es; glaubt mir bei Gott, Matuschka Katharina +Aleksandrowna, er hat mich erkannt!« rief Agathe Michailowna dem Kinde +zu. + +Doch Kity hörte ihre Worte nicht. Ihre Ungeduld war ebenso hoch +gestiegen, wie die des Kindes, und vor Ungeduld wollte die Sache lange +nicht von statten gehen. Das Kind faßte nicht, wo es fassen sollte und +wurde ungebärdig. + +Endlich aber, nach einem verzweifelten, erstickten Schrei und +hohlklingenden Schmatzen war es gelungen, und Mutter wie Kind fühlten +sich gleichzeitig befriedigt und wurden still. + +»Er ist doch ganz in Schweiß gebadet, der arme Kleine,« sprach Kity, +das Kind befühlend. »Weshalb denkt Ihr denn, daß das Kind euch kennt?« +fügte sie hinzu, seitwärts auf die verschmitzt, wie ihr schien, unter +dem emporgerückten Häubchen hervorschauenden Äuglein des Kindes, die +taktmäßig schwellenden Bäckchen und sein Ärmchen mit der roten Hand +blickend, mit dem es kreisende Bewegungen machte. »Kann nicht sein! +Wenn es schon jemand erkännte, so müßte es mich erkennen,« sagte Kity +auf die Versicherung Agathe Michailownas hin und lächelte. + +Sie lächelte darüber, daß sie, wenn sie auch sagte, es könne noch +niemand erkennen, in ihrem Herzen wußte, es kenne nicht nur Agathe +Michailowna, sondern wisse und verstehe alles, wisse und verstehe noch +mehr von Dingen, die niemand kenne, und die nur sie, die Mutter selbst, +nur dank dem Kinde kennen lernte und begriff. Für Agathe Michailowna, +die Kinderfrau, den Onkel und selbst ihren Vater war der kleine Mitja +nur ein lebendiges Wesen, welches für sich lediglich materielle Pflege +verlangte, aber für die Mutter war es schon längst ein Geschöpf +mit Charakter, in dem sich bereits eine ganze Geschichte seelischer +Beziehungen abgespielt hatte. + +»Er erwacht, gebe Gott, daß Ihr es selbst seht! Wenn ich es so mache, +glänzt er nur so auf, der Liebling. Er glänzt so auf wie der helle +Tag,« sprach Agathe Michailowna. + +»Nun gut, gut: wir werden ja dann sehen,« flüsterte Kity, »geht jetzt; +der Kleine schläft ein.« + + + 7. + +Agathe Michailowna ging auf den Zehen hinaus, die Kinderfrau ließ +die Gardinen herab, verscheuchte die Fliegen aus dem nesseltuchenen +Wiegenvorhang des Bettchens und eine Bremse, die sich am Fensterrahmen +stieß und setzte sich, mit einem welken Birkenzweig der Mutter und dem +Kinde zufächelnd. + +»Die Hitze, die Hitze; wenn doch Gott Regen gäbe,« sprach sie. + +»Ja, ja, sch--sch--sch,« antwortete Kity nur, das dralle Ärmchen, +welches Mitja noch immer leise bewegte indem er die Äuglein bald +öffnete, bald schloß, leicht schüttelnd und zärtlich drückend. + +Dieses Händchen machte Kity unentschlossen; sie wollte es küssen, +scheute sich aber, es zu thun, um das Kind nicht zu wecken. Das Ärmchen +hörte endlich auf, sich zu bewegen und die Äuglein schlossen sich. Nur +bisweilen erhob das Kind, seine Thätigkeit fortsetzend, die langen +gebogenen Wimpern und blickte die Mutter mit seinen in der Dämmerung +schwarz erscheinenden, feuchtschimmernden Augen an. + +Die Kinderfrau hörte auf zu fächeln und begann zu träumen. Von +oben wurde das Lachen der Stimme des alten Fürsten und Katawasoffs +vernehmbar. + +»Sie sind auch ohne mich in Unterhaltung gekommen,« dachte Kity, »aber +es ist doch ärgerlich, daß Konstantin nicht da ist. Er wird wohl wieder +nach dem Bienengarten gegangen sein. Obwohl ich beklage, daß er so oft +dort ist, freue ich mich doch auch, denn es zerstreut ihn. Er ist jetzt +viel heiterer und angenehmer geworden, als er im Frühjahr war. War er +doch sonst immer so finster und peinigte sich, daß es mir recht bang +um ihn wurde. Und wie komisch er ist!« flüsterte sie lächelnd. + +Sie wußte, was ihren Mann quälte; es war sein Unglaube. Obwohl Kity, +wenn man sie gefragt hätte, ob sie überzeugt sei, daß er, im Falle +seines Unglaubens im ewigen Leben der Vernichtung anheimfallen werde, +hätte einverstanden damit sein müssen, daß er untergehe -- so bildete +sein Unglaube doch kein Unglück in ihren Augen, und sie gedachte, +obwohl sie sich zugestand, daß es für den Ungläubigen kein Seelenheil +geben könne, und die Seele ihres Mannes über alles in der Welt liebend, +mit Lächeln seines Unglaubens, und sagte sich selbst, er sei komisch. + +»Wozu studiert er ein ganzes Jahr hindurch nur Philosophie,« dachte +sie. »Wenn dies alles in jenen Büchern geschrieben steht, dann kann +er sie auch verstehen. Wäre Unrichtiges darin, wozu sollte er sie +dann lesen? Er selbst sagt, daß er glauben möchte. Weshalb glaubt er +dann nicht? Gewiß deshalb, weil er zu viel denkt? Aber er denkt zu +viel wegen seiner einsamen Lebensweise. Er ist stets, stets einsam. +Mit uns kann er freilich nicht von allem reden. Ich denke aber, der +Besuch wird ihm willkommen sein, besonders Katawasoff. Er liebt es, +mit ihm zu disputieren,« dachte sie und versetzte sich dann sogleich +in den Gedanken, wo sie gerade Katawasoff am bequemsten zum Schlafen +unterbringen könne -- separat oder zusammen mit Sergey Iwanowitsch? +Und dann kam ihr plötzlich wieder ein Gedanke, der sie vor Aufregung +erzittern ließ und selbst Mitja erschreckte, der sie dafür ernst +anblickte. »Die Wäscherin scheint die Wäsche noch nicht gebracht zu +haben und für die Gastbetten ist noch keine Bettwäsche da. Wenn man +da nicht anordnet, wird Agathe Michailowna dem Sergey Iwanowitsch +gewöhnliche Wäsche geben,« und bei diesem Gedanken stieg Kity das +Blut ins Gesicht. »Ja, ich muß es anordnen,« beschloß sie, und besann +sich dann, wieder zu ihrem vorigen Gedanken zurückkehrend, daß etwas +Wichtiges doch noch nicht bis zum Schluß von ihr überdacht sei. Sie +sann nun nach, was es gewesen war. »Ach ja, Konstantin ist ungläubig!« +sagte sie, abermals lächelnd. »Nun, also ungläubig! Mag er lieber stets +so bleiben, als so werden, wie Madame Stahl war, oder ich im Auslande +einmal werden wollte. Nein er kann nicht mehr heucheln!« Ein Zug von +seiner Güte tauchte aus jüngster Zeit lebendig vor ihr auf. + +Vor vierzehn Tagen war ein reuiges Schreiben Stefan Arkadjewitschs an +Dolly angekommen. Stefan beschwor diese darin, seine Ehre zu retten, +und ihr Gut zu verkaufen, damit er seine Schulden bezahlen könne. + +Dolly war in Verzweiflung; sie haßte ihren Mann, verachtete und +beklagte ihn, und entschloß sich zur Scheidung, wollte sich von ihm +lossagen, willigte aber schließlich doch in den Verkauf eines Teils +ihres Gutes ein. Und nun vergegenwärtige sich Kity mit unwillkürlichem, +gerührtem Lächeln die Ratlosigkeit ihres Gatten, seine mehrmaligen +unbeholfenen Anläufe in dieser Sache, die ihm am Herzen lag, und wie er +endlich, als einziges Mittel, Dolly zu helfen, ohne sie zu verletzen, +den Ausweg erdacht hatte, Kity vorzuschlagen, sie möchte ihr Teil an +dem Vermögen -- sie selbst hatte vorher gar nicht hieran gedacht -- +hingeben. + +»Was wäre das für ein Ungläubiger? Mit solchem Herzen, solcher +Besorgnis, einen Menschen zu verletzen, ja nur ein Kind! Alles thut +er für seine Nächsten, nichts für sich! Sergey Iwanowitsch denkt, es +sei Konstantins Pflicht, für ihn den Verwalter zu spielen. Auch seine +Schwester denkt so. Jetzt befindet sich Dolly mit ihren Kindern unter +seiner Vormundschaft. Alle die Bauern, welche täglich zu ihm kommen, +ist er gleichsam verpflichtet zu bedienen. Bleibe du nur so,« fuhr sie +fort, Mitja der Kinderfrau übergebend und des Kindes Wange mit ihren +Lippen berührend. + + + 8. + +Seit jener Minute, da Lewin beim Anblick des geliebten sterbenden +Bruders zum erstenmal auf die Frage des Lebens, wie des Todes durch +jene -- wie er sie nannte -- neuen Überzeugungen hindurchblickte, die, +unmerklich für ihn, während der Zeit von seinem zwanzigsten bis zum +vierunddreißigsten Jahre, seine Überzeugungen aus der Kinderzeit wie +die seines Jünglingsalters ausgelöst hatten, erschrak er nicht so sehr +vor dem Tode, als vor einem Leben, über das er nicht die geringste +Kenntnis, woher es stamme, warum es sei und was es sei, besäße. + +Der Organismus, die Verrichtungen desselben, die Unerschöpflichkeit +der Materie, das Gesetz der Erhaltung der Kraft, die Entwicklung -- so +lauteten die Begriffe -- die für seinen alten Glauben eingetreten waren. + +Diese Worte und die mit ihnen verbundenen Vorstellungen waren recht gut +für Verstandeszwecke, für das Leben aber ergaben sie nichts und Lewin +fühlte sich plötzlich in der Lage eines Menschen, der einen warmen +Pelz für einen Kattunanzug vertauscht hat, und zum erstenmal in der +Kälte untrüglich, nicht durch logische Erwägungen, sondern in seiner +ganzen Wesenheit davon überzeugt wird, daß er geradezu nackt und einem +unvermeidlichen, qualvollen Untergang verfallen sei. + +Seit jener Minute hatte Lewin, ohne sich indessen davon Rechenschaft zu +geben, und indem er sein Leben wie bisher fortsetzte, fortwährend diese +Angst über sein Nichtwissen empfunden. + +Außerdem aber empfand er voll Unruhe, daß das, was er seine +Überzeugungen nannte, nicht nur Unwissenheit war, sondern eine Richtung +im Denken, unter welcher ihm die Erkenntnis dessen, was ihm nötig war, +unmöglich wurde. + +In der ersten Zeit hatte seine Heirat, sowie ungekannte Freuden und +Pflichten die er dabei kennen lernte, diese Gedanken vollständig in +ihm erstickt, aber seit kurzem, nach der Niederkunft seiner Frau, +während er müßig in Moskau gelebt hatte, war bei Lewin immer häufiger, +und immer nachdrücklicher, diese Frage, eine Entscheidung verlangend, +aufgetaucht. Die Frage bestand für ihn hierin: »Wenn ich jene Antworten +nicht anerkenne, die das Christentum auf die Fragen über mein Leben +erteilt, welche Antworten erkenne ich dann an?« Und in dem gesamten +Arsenal seiner Überzeugungen vermochte er weder die geringste Antwort +zu finden, noch etwas, was einer solchen ähnlich gewesen wäre. + +Er befand sich in der Lage eines Menschen, der Nahrung sucht in +Spielzeugmagazinen oder Waffenläden. + +Unwillkürlich und ihm selbst unbewußt suchte er jetzt in jedem Buche, +bei jedem Gespräch, in jedem Menschen Beziehungen zu diesen Fragen und +Lösungen derselben. + +Am meisten setzte ihn hierbei der Umstand in Zweifel, daß die Mehrzahl +der Menschen seines Kreises und Alters, die doch ebenso wie er, +frühere Überzeugungen mit eben solchen neuen vertauscht hatten, wie +er sie besaß, hierin kein Unglück sehen, sondern vollkommen zufrieden +und ruhig waren, und so kam es, daß Lewin neben der Hauptfrage auch +noch Nebenfragen quälten. Ob diese Menschen aufrichtig waren? Ob +sie sich nicht verstellten? Oder ob sie etwa anders als er, klarer, +die Antworten aufgefaßt hatten, welche die Wissenschaft auf die ihn +beschäftigenden Fragen gab? Geflissentlich studierte er die Meinungen +dieser Menschen und die Bücher, welche diese Antworten gaben. + +Eins, was er seit der Zeit, seit der ihn diese Fragen beschäftigt, +gefunden hatte, war dies, daß er sich geirrt habe in jener Annahme, die +noch auf den Erinnerungen aus dem Jünglingskreis auf der Universität +beruhte, die Religion habe sich überlebt und existiere gar nicht mehr. +Sowohl der alte Fürst, wie Lwoff, den er so lieb gewonnen hatte, und +Sergey Iwanowitsch und alle Frauen, auch sein Weib, glaubten so, wie er +in seiner Kindheit geglaubt hatte; neunzig Hundertstel des russischen +Volkes, ja, jenes ganze Volk, dessen Leben ihm die höchste Achtung +einflößte, glaubte. + +Ein Zweites war dies, daß er sich nach der Lektüre vieler Bücher +überzeugt hatte, die Menschen, die mit ihm gemeinsame Anschauungen +hatten, könnten sich unter diesen nichts anderes denken, und +verneinten jene Fragen einfach, ohne sie zu erklären, jene Fragen, +ohne deren Beantwortung er -- er fühlte es -- nicht leben könne, und +bemühten sich, ganz andere dafür zu lösen, die seine Fragen gar nicht +interessieren konnten, wie zum Beispiel die über die Entwicklung der +Organismen, über die mechanischen Offenbarungen der Seele u. s. w. + +Außerdem hatte sich aber noch während der Niederkunft seiner Frau etwas +für ihn Ungewöhnliches ereignet. Er hatte dabei, ohne Glauben, zu beten +begonnen und während der Minute in der er betete, auch geglaubt. Diese +Minute war indessen vorübergegangen und er vermochte jener Stimmung von +damals in seinem Leben nicht wieder stattzugeben. + +Er vermochte nicht zuzugestehen, daß er damals das Rechte erkannt +habe, jetzt aber irre; weil ihm, sobald er ruhig darüber nachzudenken +begann, alles in Trümmer fiel. Er vermochte auch das nicht +zuzugestehen, daß er damals geirrt habe, weil er seine seelische +Stimmung von damals hochschätzte, während, indem er sie für eine Folge +seiner Schwachheit anerkannte, jene Minuten entweiht haben würde. + +Er befand sich in einer qualvollen Disharmonie mit sich selbst und +spannte alle Geisteskräfte an, aus derselben herauszukommen. + + + 9. + +Diese Gedanken peinigten und quälten ihn bald mehr, bald weniger, nie +aber verließen sie ihn ganz. Er las und dachte, und je mehr er las und +sann, desto weiter entfernt von dem verfolgten Ziele fühlte er sich. + +Nachdem er sich in jüngster Zeit in Moskau und auf dem Dorfe überzeugt +hatte, daß er bei den Materialisten keine Antwort finden werde, las er +immer aufs neue wieder Plato und Spinoza, Kant, Schelling, Hegel und +Schopenhauer, die Philosophen, welche das Leben nicht materialistisch +erklärten. Diese Ideen erschienen ihm fruchtbringend, mochte er nun +lesen, oder selbst Gegengründe gegen die Lehren anderer aussinnen, +insbesondere gegen die materialistischen. Doch kaum hatte er gelesen +und sich selbst eine Antwort auf die Fragen ausgedacht, da wiederholte +sich bei ihm stets ein und dasselbe. Indem er der gegebenen Bestimmung +unklarer Begriffe, wie »Geist, Wille, Freiheit, Substanz« folgte und +absichtlich in die Wörterfalle ging, die ihm die Philosophen oder auch +er selbst sich gestellt hatte, begann er einigermaßen zu begreifen. + +Aber er brauchte nur den künstlichen Gedankengang zu vergessen, und +sich zu dem zu wenden, was im Leben befriedigte, wenn er dem gegebenen +Faden folgend, nachdachte -- und plötzlich stürzte der ganze kunstvolle +Bau zusammen wie ein Kartenhaus, und es wurde ihm klar, daß der Bau aus +denselben Worten bestand, die nur umgestellt, und unabhängig waren von +Etwas, das im Leben viel bedeutungsvoller war, als der Verstand. + +Bei der Lektüre Schopenhauers setzte er einmal an Stelle des Begriffs +eigner Wille, den der Liebe, und diese neue Philosophie machte ihm zwei +Tage lang, so lange er sich mit ihr beschäftigte, Vergnügen. Sie fiel +aber gleichsam zusammen, als er darauf aus dem Leben heraus auf sie +blickte, und es zeigte sich wieder jenes kattunene Gewand, das nicht +warm hielt. + +Sein Bruder Iwanowitsch riet ihm, die theologischen Werke Chomjakoffs +zu lesen. Lewin las den zweiten Band derselben und war, ungeachtet der +ihn anfangs abstoßenden, polemischen, eleganten und scharfsinnigen +Diktion, überrascht von Chomjakoffs Lehrmeinung über die Kirche. +Ihn überraschte anfangs die Idee, daß die Erlangung der göttlichen +Wahrheiten dem Menschen nicht verliehen sei, sondern nur einer +Gemeinschaft von Menschen, vereint in der Liebe -- der Kirche. + +Er freute sich bei dem Gedanken, wie viel leichter es wäre, an eine +vorhandene, gegenwärtig lebendige Kirche zu glauben, welche alle +Glaubensbekenntnisse der Menschen in sich begreife, und Gott zum +Haupte habe, infolge dessen aber heilig und unfehlbar sei, und von +ihr nun den Glauben an Gott erst zu empfangen, den an die Schöpfung, +den Sündenfall, und die Erlösung -- als wenn man mit Gott, dem weit +entfernten, geheimnisvollen Gott, der Schöpfung &c. begänne. + +Als er nun aber dann die Kirchengeschichte eines katholischen und +die eines rechtgläubigen Schriftstellers las und gewahrte, daß beide +Kirchen, jede unfehlbar in ihrem Wesen, sich gegenseitig negierten, da +verzweifelte er auch an Chomjakoffs Kirchenlehre und das ganze Gebäude +wurde von dem gleichen Staub bedeckt, wie die philosophischen Gebäude. + +Während dieses ganzen Frühlings hatte er so mit sich selbst im Kampfe +gelegen und schreckliche Augenblicke durchlebt. + +»Ohne zu wissen, was ich bin und warum ich hier bin -- kann man nicht +leben! Erfahren aber kann ich es nicht, folglich kann ich nicht leben,« +sprach Lewin zu sich selbst. »In der Unendlichkeit der Zeit, der +Unendlichkeit des Stoffes, der Unendlichkeit des Raumes bildet sich die +organische Zelle; dieses Bläschen wird eine Zeitlang bestehen und dann +zerplatzen; -- das bin ich.« + +Dies bildete das einzige Resultat jahrhundertelanger menschlicher +Denkarbeit nach dieser Richtung. + +Es war die letzte Überzeugung, auf welcher sich alle Forschungen des +menschlichen Denkens in fast allen ihren Ausläufern aufbauten. Es war +die herrschende Überzeugung und Lewin machte dieselbe vor allen anderen +Erklärungen als die immer noch klarste, unwillkürlich und ohne zu +wissen wann und wie, zu der seinigen. + +Aber dies war nicht nur falsch, sondern vielmehr der hartherzige Hohn +einer bösen Macht, einer so bösen, widrigen, daß er sich ihr nicht +unterordnen konnte. + +Man mußte sich befreien von dieser Macht, und die Befreiung lag in +den Händen eines jeden. Es galt, diese Abhängigkeit vom Bösen zu +beseitigen, und dafür gab es nur ein Mittel -- den Tod. + +Als glückliches Familienoberhaupt, als ein gesunder Mensch, war Lewin +mehrmals dem Selbstmord so nahe, daß er die Schnur versteckte, damit er +sich nicht an ihr hing, und sich fürchtete, mit der Flinte zu gehen, um +sich nicht zu erschießen. + +Doch Lewin erschoß sich weder, noch hing er sich, sondern lebte weiter. + + + 10. + +Solange Lewin darüber nachdachte, was er sei und wozu er lebe, fand er +keine Antwort und geriet in Verzweiflung, doch als er aufgehört hatte, +sich selbst darnach zu fragen, erfuhr er gewissermaßen, was er sei und +wozu er lebte, weil er fleißig und zweckmäßig thätig war und lebte. +Gerade in dieser jüngsten Zeit hatte er bei weitem konsequenter und +zweckbewußter, als früher gelebt. + +Im Anfang des Juli aufs Dorf zurückgekehrt, widmete er sich wieder +seinen gewöhnlichen Arbeiten. Die Landwirtschaft, die Beziehungen zu +den Bauern und Nachbarn, die Hauswirtschaft, die Angelegenheiten seines +Bruders und der Schwester, die in seinen Händen lagen, sein Verhältnis +zu den Verwandten, zu seinem Weibe, die Sorge um sein Kind, die ihm +neue Bienenjagd, der er sich seit dem heurigen Frühling gewidmet hatte, +alles das nahm seine Zeit in Anspruch. + +Diese Beschäftigungen interessierten ihn nicht deshalb, weil er sie +vor sich selbst mit gewissen allgemeinen Anschauungen rechtfertigen +konnte, so wie er dies früher gethan hatte, sondern im Gegenteil +hatte er jetzt, wo er einerseits durch das Mißlingen seiner einstigen +Unternehmungen für das allgemeine Wohl ernüchtert worden, andererseits +von seinen Ideen und der Menge der Geschäfte viel zu sehr in Anspruch +genommen war, die von allen Seiten auf ihn einstürmten, alle Gedanken +über das allgemeine Wohl fahren lassen, und diese Dinge interessierten +ihn nur, wie ihm schien, deshalb, weil er eben thun _mußte_, was er +that -- weil er nicht anders konnte. Wenn er sich früher bemühte, +etwas zu thun (dies hatte fast von seiner Kindheit auf angefangen und +sich bis zu seiner vollen Mannbarkeit mehr und mehr entwickelt) was +eine Wohlthat für jedermann, für die Menschheit, für Rußland, für das +ganze Dorf gewesen wäre -- so hatte er bemerkt, daß das Nachdenken +darüber ihm angenehm, die Thätigkeit selbst aber stets eine nicht damit +harmonierende gewesen war; es hatte die volle Zuversicht dazu, daß +die Unternehmung wirklich notwendig sei gefehlt, und die Wirksamkeit +selbst, die ihm anfangs so erhaben erschienen war, schwand, immer +mehr und mehr abnehmend, in ein Nichts zusammen. Jetzt hingegen, wo +er verheiratet war und sein Leben für sich selbst mehr und mehr mit +bestimmten Grenzen zu umziehen begonnen hatte, empfand er, obwohl er +keine Freude mehr bei dem Gedanken an seine Thätigkeit fühlte, die +Überzeugung, daß diese Thätigkeit eine notwendige sei, erkannte er, +daß sie weit ersprießlicher, als sie früher war, und größer und größer +werde. + +Jetzt drang er, gleichsam wider seinen Willen, immer tiefer und tiefer +in die Erde ein, wie ein Pflug, so daß er gar nicht wieder heraus +konnte, ohne die Furchen aufzureißen. + +Seiner Familie zu leben, so wie dies Vater und Mutter gewohnt gewesen +waren, das heißt, unter den nämlichen Grundlagen der Bildung und +Erziehung der Kinder -- war ohne Zweifel die Aufgabe. Dies war ebenso +notwendig, wie das Essen, wenn man Appetit hat, und zu diesem Zwecke +nun war es ebenso notwendig, wie die Bereitung des Essens, das +wirtschaftliche Getriebe in Pokrovskoje so zu leiten, daß Einkünfte +flossen. + +Ebenso sicher, wie man eine Schuld zurückzahlen muß, war es +erforderlich, das angestammte Land immer in dem nämlichen Zustande +zu erhalten, damit der Sohn, der das Erbe einmal empfing, dem Vater +ebenso Dank wisse, wie Lewin seinem Vater für das, was derselbe gebaut +und gepflanzt hatte. Hierzu aber war erforderlich, daß kein Boden +mehr verpachtet wurde, sondern man diesen selbst bewirtschaftete, Vieh +züchtete, die Felder düngte und Waldungen anlegte. + +Es war ihm unmöglich, die Führung der Geschäfte für Sergey Iwanowitsch +und seine Schwester und alle Bauern, die gewohnt waren, sich Rats bei +ihm zu erholen, aufzugeben, ebensowenig wie man ein Kind fortwerfen +kann, welches man schon auf den Armen hielt. Es galt, für die +Bequemlichkeit der eingeladenen Schwägerin mit ihren Kindern zu sorgen, +des Weibes mit dem eigenen Kinde, und er mußte auch wenigstens einen +kleinen Teil des Tages bei ihnen weilen. + +Alles das, zusammen mit der Jagd auf Wild und Bienen, füllte für Lewin +ein Leben aus, welches für ihn selbst keinen Sinn mehr hatte, sobald er +darüber nachdachte. + +Wenn aber Lewin recht gut wußte, _was_ er zu thun habe, so wußte +er auch ebenso gut, _wie_ er zu handeln habe und welches von zwei +Geschäften das wichtigere sei. Er wußte, daß er die Arbeiter so billig +als möglich mieten müsse, doch sie auf eine Schuldverschreibung +annehmen, indem er ihnen Vorschuß gab, war noch billiger; wie viel sie +wert waren, brauchte nicht gegeben zu werden, was auch noch vorteilhaft +war. Bei Futtermangel konnte er den Bauern Stroh verkaufen, wenn sie +ihn dabei auch jammerten, der Gasthof und die Branntweinschenke aber +mußten, obwohl sie Einkünfte brachten, beseitigt werden. Gegen das +Holzhauen mußte man so streng wie möglich vorgehen, für vertriebenes +Vieh hingegen sollte keine Strafe erhoben werden. Obwohl dies freilich +die Karaulschtschiks erbitterte und die Furcht verringerte, mußte man +das Vieh laufen lassen. + +Dem Peter, welcher an einen Wucherer zehn Prozent monatlich zahlte, +mußte er Geld borgen, um ihn davon zu befreien, aber deshalb brauchte +er den Bauern noch nicht den Obrok zu erlassen oder den säumigen +Zahlern Frist zu bewilligen. Man konnte es dem Verwalter nicht hingehen +lassen, daß eine kleine Wiese nicht gemäht wurde und das Gras darauf +ungenützt verkam, aber man brauchte wieder nicht die achtzig Desjatinen +zu mähen, auf denen junger Wald angepflanzt stand. Man brauchte nicht +dem Arbeiter zu verzeihen, der unter der Arbeit nach Hause gelaufen +war, weil sein Vater starb -- so leid ihm das auch that -- und mußte +ihn dafür billiger für die kostspieligen Monate ansetzen, in denen es +nichts zu thun gab. Aber man mußte gleichwohl den Alten, die zu nichts +mehr zu brauchen waren, einen Monatsauszug geben. + +Lewin wußte wohl, daß er bei seiner Rückkehr nach Hause vor allem zu +seiner Frau gehen mußte, wenn diese unwohl war, aber die Bauern, die +schon seit drei Stunden auf ihn gewartet hatten, konnten noch länger +warten. Er wußte auch, daß er bei allem Vergnügen, welches er bei dem +Einfangen eines Bienenschwarms hatte, sich dieses Vergnügens begeben +und es dem Alten überlassen mußte, in seiner Abwesenheit den Schwarm zu +fangen, indem er zu den Bauern ging, die ihn im Bienengarten gefunden +hatten, um sich zu besprechen. + +Mochte er damit gut oder schlecht handeln, er wußte es nicht, und würde +jetzt nicht nur nicht den Beweis dafür angetreten, sondern vielmehr +alle Gespräche und Gedanken darüber vermieden haben. + +Die Grübeleien versetzten ihn in Zweifel und hinderten ihn, zu sehen, +was er sehen mußte, oder was nicht. Indem er jedoch nicht mehr +dachte, sondern lebte, fühlte er in seiner Seele die stete Gegenwart +eines unfehlbaren Richters, der entschied, welche von zwei möglichen +Handlungen die bessere und welche die schlechtere war, und sobald er +dann nicht so handelte, wie es nötig war, fühlte er dies sogleich. + +So lebte er denn ohne die Möglichkeit einer Erkenntnis dessen, zu +sehen, was er sei und wozu er auf der Welt lebe, gequält von dieser +Unkenntnis bis zu einem Grade, daß er den Selbstmord fürchtete und sich +doch zugleich damit fest einen sicheren Weg durch das Leben bahnend. + + + 11. + +Gerade an dem Tage, an welchem Sergey Iwanowitsch nach Pokrovskoje +gekommen war, befand sich Lewin in einer seiner peinlichsten Stimmungen. + +Es war mitten in der Arbeitszeit, wo alles Volk eine so ungewöhnliche +Anspannung in der Selbstaufopferung bei der Arbeit zeigt, wie sie sonst +unter keinen Bedingungen im Leben erscheint und die hoch geschätzt +werden würde, wenn die Leute, welche diese Eigenschaften zeigen, +sie selbst schätzten, wenn sich nicht ein und dasselbe alljährlich +wiederholte, und die Resultate dieses Kraftaufwands nicht so einfach +wären. + +Roggen schneiden und Hafer, und ihn hereinzubringen, Wiesen zu mähen, +Korn ausdreschen und Wintersaat aussäen -- alles das scheint einfach +und gewöhnlich; aber um es mit Erfolg zu thun, ist es nötig, daß alle, +vom Ältesten an bis zum Jüngsten rastlos, dreimal mehr als gewöhnlich, +während drei oder vier Wochen arbeiten, sich nur von Kwas, Zwiebel und +Schwarzbrot nährend, dreschend, des Nachts Feime abfahrend und sich zum +Schlaf nicht mehr als drei Stunden den ganzen Tag gönnend. Alljährlich +ist dies so in ganz Rußland. + +Lewin, der einen großen Teil seines Lebens auf dem Dorfe, in nahen +Beziehungen zum Volke gelebt hatte, fühlte stets während der +Arbeitszeit, daß sich diese allgemeine Regsamkeit der Leute auch ihm +mitteile. + +Am Morgen fuhr er zum ersten Roggenschnitt oder nach dem Hafer, den +man in Feime gesetzt hatte, und kehrte dann, wenn sein Weib und die +Schwägerin sich erhoben, heim; trank mit ihnen Kaffee und begab +sich dann zu Fuße nach dem Vorwerk, wo man eine neu aufgestellte +Dreschmaschine zur Vorbereitung des Samens in Gang setzte. + +Diesen ganzen Tag hatte Lewin im Gespräch mit dem Verwalter und den +Bauern, zu Hause mit seinem Weib, mit Dolly und ihren Kindern, und mit +dem Schwiegervater, immer nur über das Eine nachgedacht, was ihn in +dieser Zeit neben seinen wirtschaftlichen Sorgen beschäftigte, und in +allem nur die Antwort auf seine Frage gesucht: »Was bin ich, wo bin +ich; warum bin ich hier?« + +In der Kühle der neugedeckten Trockenscheune stehend, blickte Lewin +bald durch die geöffnete Thür hinaus, in welcher der trockene und +scharfe Staub vom Dreschen wirbelte, auf das von der glänzenden Sonne +beleuchtete Gras der Tenne und das frische Stroh, das soeben erst +aus dem Schuppen geholt worden war -- bald nach den weißhalsigen +Schwalben mit ihren bunten Köpfen, die mit Gezwitscher unter das Dach +flogen und mit schlagenden Flügeln an den Fensteröffnungen der Thüre +hängen blieben, bald auf die Leute, welche in der dunklen, staubigen +Trockenscheune hantierten, und hatte dabei seltsame Gedanken. + +»Warum geschieht das alles?« grübelte er. »Warum stehe ich hier und +lasse arbeiten? Weshalb hasten die alle und mühen sich, mir ihren Eifer +zu zeigen? Warum plagt sich die alte Matrjona da, die ich kenne? Ich +habe sie ja kuriert, als bei einer Feuersbrunst der Dachbalken auf sie +gestürzt war,« dachte er, indem er dem hageren Weibe zusah, welches +mit der Schaufel Korn werfend, angestrengt mit den schwarzgebräunten, +nackten Füßen auf den unebenen harten Tennenplatz vortrat. + +»Sie ist damals wieder gesund geworden, aber dennoch, zwar nicht +heute, doch vielleicht nach zehn Jahren verscharrt man sie, und nichts +bleibt mehr von ihr; ebensowenig wie von jener Kokette dort im roten +Tuch, die mit so gewandter Bewegung die Spreu von den Ähren sondert. +Auch sie wird man einscharren, wie den gescheckten Wallachen dort +-- und sehr bald sogar,« dachte er, auf das mit geöffneten Nüstern +schnaubende Pferd mit dem schwerhängenden Bauche schauend, welches um +ein liegendes Rad lief, das sich unter ihm bewegte. »Auch das Pferd +wird man verscharren und den Fjodor mit seinem krausen, voll Spreu +hängenden Barte und dem zerrissenen Hemd auf der hellschimmernden +Schulter -- man wird sie begraben! Er wühlt die Garben auseinander und +ordnet an, ruft den Weibern zu und regelt mit schneller Bewegung den +Riemen am Schwungrad. Aber vor allem, nicht nur sie, auch mich wird +man einscharren und nichts wird bleiben. Und wozu?« So sann er und +schaute dabei nach der Uhr, um zu berechnen, wie viel in einer Stunde +gedroschen werde. Er mußte dies wissen, um hiernach das Arbeitspensum +für den Tag geben zu können. + +»Schon bald eine Stunde und sie haben erst den dritten Feim +angefangen,« dachte Lewin, trat zu dem Zugeber und sagte zu ihm, das +Geräusch der Maschine überschreiend, er gäbe zu schnell zu. + +»Du giebst zu viel hinein, Fjodor -- siehst du, sie bleibt hängen und +geht daher nicht schnell genug! Du mußt das ausgleichen!« + +Fjodor, von dem Staube der ihm am schweißbedeckten Gesicht klebte, +schwarz geworden, schrie etwas als Antwort, that aber nicht, wie Lewin +wollte. + +Dieser trat daher an den Cylinder, ließ Fjodor beiseite treten und +begann selbst zuzugeben. Nachdem er bis zu der Mittagspause der Bauern +gearbeitet hatte, bis zu welcher nicht mehr viel Zeit war, verließ er +zusammen mit dem Zugeber die Trockenscheune und sprach mit ihm. + +Der Zugeber war aus einem entfernter liegenden Dorfe, dem nämlichen, +in welchem Lewin früher Land zur Bildung der Arbeitsgenossenschaft +vergeben hatte. Jetzt war das Land in Pacht gegeben. + +Lewin unterhielt sich mit Fjodor über dieses Land und frug ihn, ob +Platon, der reiche und tüchtige Bauer jenes Dorfes, für das nächste +Jahr welches nehmen werde. + +»Der Preis ist zu hoch und Ihr solltet an Platon nicht vergeben,« sagte +Fjodor, sich die Ähren von der schweißbedeckten Brust nehmend. + +»Aber Kiriloff giebt ihm doch welches?« + +»Mitjucha, Konstantin Dmitritsch, warum sollte der es nicht thun! Der +drückt die Menschen und nimmt sich schon das Seine. Den dauert kein +Christenmensch. Onkel Fokanitsch aber,« so nannte er den Bauern Platon, +»zieht der etwa dem Menschen das Fell über die Ohren? Hier giebt er +eine Schuldforderung, dort erläßt er -- oder nimmt selbst gar nichts. +Das ist auch ein Mensch.« + +»Aber warum erläßt er Etwas.« + +»Nun, die Leute sind eben verschieden. Der eine lebt nur für seinen +Leib, wenigstens Mitjucha; der stopft sich nur den Wanst voll, aber +Fokanitsch -- das ist ein rechtschaffener alter Mann. Er lebt nur für +sein Seelenheil, und denkt an Gott!« + +»Wie soll er denn an Gott denken? Wie soll er nur für sein Seelenheil +leben?« schrie Lewin fast. + +»Nun, das ist doch bekannt, nach der Gerechtigkeit, in Gott. Die +Menschen sind eben verschieden! Man braucht ja nur Euch anzusehen; Ihr +beleidigt auch keinen Menschen.« + +»Nun leb' wohl,« fuhr Lewin fort, vor Erregung tief Atem holend, +ergriff, sich nun umwendend, seinen Stock und schritt eilig dem Hause +zu. + +Bei den Worten des Bauern, daß Fokanitsch für sein Seelenheil, nach +der Gerechtigkeit und in Gott lebe, waren ihm unklare, aber wichtige +Ideen in Masse, als hätten sie sich aus einem Gewahrsam freigemacht, +gekommen, und diese alle wirbelten nun, nach einem Ziele strebend, in +seinem Kopfe herum und blendeten ihn mit ihrem Licht. + + + 12. + +Lewin ging mit großen Schritten die Landstraße entlang, weniger seinen +Gedanken Gehör gebend -- er vermochte noch nicht, sie zu sichten -- als +mit seinem Seelenzustand beschäftigt, der jetzt so war, wie er ihn noch +nie an sich kennen gelernt hatte. + +Die Worte, die ihm von dem Bauern gesagt worden waren, brachten +in seiner Seele die Wirkung eines elektrischen Funkens hervor, +der plötzlich erscheint, zusammengesetzt aus einer ganzen Schar +gesonderter, unkräftiger Gedanken, die nicht aufhörten, ihn zu +beschäftigen. Diese Gedanken hatten ihn, ohne daß er es merkte, schon +während der Zeit, als er von dem Landverkauf sprach, beschäftigt. + +Er fühlte in seiner Seele etwas Neues und empfand dieses Neue mit +Befriedigung, doch ohne zu wissen, was es sei. + +»Nicht für meine Notdurft allein soll ich leben, sondern für Gott. Für +welchen Gott? Kann man etwas Unsinnigeres äußern, als das, was Fjodor +sagte? Er sagte, man müsse nicht nur für seine Bedürfnisse leben, +das heißt, für das, was wir verstehen, wozu wir Neigung empfinden, +wonach uns verlangt, sondern für etwas Unbegreifliches, für einen +Gott, den niemand begreifen, oder bezeichnen kann. Und was will ich? +Habe ich die sinnlosen Worte Fjodors nicht verstanden? Wenn ich sie +verstanden habe, zweifle ich denn an ihrer Richtigkeit? Habe ich sie +thöricht, unklar und ungenau gefunden? Nein, ich habe ihn verstanden, +und vollkommen so, wie er selbst versteht; er hat vollständig, und +klarer verstanden, als ich Etwas im Leben verstehe, und nie im Leben +habe ich daran gezweifelt, werde ich daran zweifeln können. Nicht ich +allein aber, sondern jedermann, die ganze Welt, erkennt dieses Eine +völlig und zweifelt nicht daran und ist damit einverstanden. Aber ich +suchte Wunder, ich habe es beklagt, daß ich kein Wunder sah, welches +mich überzeugte. Ein materielles Wunder hätte mich gelockt. Aber es +giebt ja ein Wunder, das einzig mögliche, immerwährend vorhandene, mich +von allen Seiten umgebende -- und ich habe das nicht bemerkt! Fjodor +sagt, daß Kiriloff nur für seinen Bauch lebt. Dies ist begreiflich und +verständig. Wir alle, als vernünftige Wesen, können nicht anders leben, +als für unseren Leib. Und da sagt nun dieser Fjodor plötzlich, daß es +häßlich sei, nur für den Wanst zu leben; man müsse der Gerechtigkeit, +für Gott leben, und ich verstehe ihn aus diesem Fingerzeig. Ich +sowohl, wie die Millionen von Menschen, welche Jahrhunderte vor uns +gelebt haben und jetzt noch leben, die Bauern, die Bettler am Geist +und die Weisen, die, welche darüber gedacht und geschrieben haben, +in ihrer unklaren Sprache dasselbe sagend -- wir alle sind in dem +Einen einverstanden: Weshalb man leben muß, und was gut ist! -- Mit +allen Menschen habe ich nur _eine_ feste, unzweifelhafte und klare +Erkenntnis, und diese Erkenntnis kann nicht vom Verstand erläutert +werden, sie liegt außerhalb desselben und hat keine Gründe, kann +auch keine Folgen haben. Wenn das Gute eine Ursache hat, so ist es +schon nicht mehr gut; wenn es eine Folge hat, eine Belohnung, so ist +es gleichfalls nicht gut. Vielleicht liegt das Gute außerhalb der +Kette von Ursache und Wirkung. Und ich kenne das; wir alle kennen +es. Welches Wunder könnte es geben, das größer wäre, als dies? Habe +ich denn wirklich die Lösung des Ganzen gefunden, sollten jetzt alle +meine Leiden vorüber sein?« dachte Lewin, auf dem staubigen Wege +hinschreitend, ohne die Hitze zu merken oder die Ermüdung, aber im +Gefühl einer Abspannung von den langen Leiden. + +Dieses Gefühl war ein so freudiges, daß es ihm ganz unwahrscheinlich +vorkam. Er atmete schwer vor Erregung, und bog, ohne die Kraft, noch +weiter zu gehen, vom Wege ab in den Wald und setzte sich in den +Schatten einer Esche auf das nicht gemähte Gras. Er nahm den Hut von +dem nassen Kopfe und legte sich, auf den Arm gestemmt, in das saftige, +schwellende Waldgras. + +»Ja, ich muß mir alles klar machen, und verstehen,« dachte er, starr +auf das nicht niedergedrückte Gras blickend, welches vor ihm stand, und +den Bewegungen eines grünen Blattlauskäfers folgend, der sich an dem +Stengel eines Queckengrases erhob, in seinem Aufstieg aber durch ein +Blatt gehindert wurde. + +»Was habe ich entdeckt?« frug er sich, das Blatt entfernend, um +das Insekt nicht zu hindern, und ein anderes Gras biegend, daß der +Blattlauskäfer auf dasselbe hinüberlaufen könne. »Was freut mich denn +so? Was habe ich denn entdeckt? Ich habe nichts entdeckt! Ich habe +nur erkannt, was ich weiß. Ich habe jene Kraft erkannt, die nicht +nur in der Vergangenheit liegt, die mir das Leben gegeben hat und +mir auch jetzt das Leben verleiht. Ich habe mich vom Irrtum befreit +und den Herrn erkannt! Früher sagte ich, daß sich in meinem Körper, +in dem Körper dieses Grases und dieses Käfers -- da, er hat nicht +auf das Gras gewollt, die Flügel ausgebreitet und ist fortgeflogen +-- nach physikalischen, chemischen und physiologischen Gesetzen ein +Stoffwechsel vollzieht. In uns allen aber, gleich wie in jenen Espen, +in den Wolken und den Nebelflecken, vollzieht sich eine Entwicklung. +Woher stammt diese Entwicklung? Auf was geht sie? Es ist eine endlose +Entwicklung, ein Kampf. Ganz ebenso nun kann eine gewisse Richtung, +ein Kampf in dem Unendlichen sein. Und da habe ich mich gewundert, +daß mir trotz der größten geistigen Anstrengungen auf diesem Wege, +dennoch nicht der Gedanke des Lebens geoffenbart worden ist! Jetzt +spreche ich es aus, daß ich den Gedanken meines Daseins kenne: Leben +für Gott und für die Seele! Und dieser Gedanke ist ungeachtet seiner +Klarheit geheimnisvoll und wundersam. So ist auch der Gedanke des +gesamten Seins,« sprach er zu sich selbst, sich auf den Leib wälzend +und Grashalme in Bündel zusammennehmend, wobei er sich hütete, sie zu +zerknicken. In Kürze wiederholte er sich nun selbst den ganzen Gang +seiner Gedanken während der letzten beiden Jahre, dessen Anfang klar +war; der deutliche Gedanke an den Tod bei dem Anblick des geliebten, +hoffnungslos kranken Bruders. + +Zum erstenmale, damals klar erkennend, daß es für jeden Menschen, und +auch für ihn, in Zukunft nichts als Leiden, Tod und ewige Vergessenheit +geben werde, entschied er, daß er so nicht weiter leben könne, und sich +sein Leben entweder so abklären müsse, daß es nicht mehr als der böse +Streich eines Satans erscheine -- oder er sich erschießen müsse. + +Er that indes weder das Eine noch das Andere, sondern lebte ruhig +weiter und fuhr fort, zu sinnen und zu spüren; hatte sogar gerade +in dieser Zeit geheiratet, erlebte viele Freuden und fühlte sich +glücklich, wenn er nicht an den Zweck seines Daseins dachte. + +Was aber bedeutete das? Es bedeutete, daß er rechtschaffen lebte, +aber schlecht dachte. Er lebte -- ohne dies zu erkennen -- von jenen +geistigen Wahrheiten, die er mit der Muttermilch eingesogen hatte, und +dachte, ohne diese Wahrheiten anzuerkennen, ja, sie geflissentlich +umgehend. + +Jetzt wurde es ihm klar, daß er leben konnte nur dank jenen +Überzeugungen, in denen er erzogen war. + +»Was würde ich gewesen sein, und wie hätte ich mein Leben verbracht, +hätte ich diese Überzeugungen nicht gehabt, nicht gewußt, daß man +für Gott leben muß und nicht für die eigenen Bedürfnisse? Ich hätte +geraubt, gelogen, gemordet. Nichts von dem, was die höchsten Freuden +meines Lebens ausmacht, würde für mich vorhanden gewesen sein.« + +Aber trotz der größten Anstrengungen seiner Vorstellungskraft, konnte +er sich doch nicht jenes tierische Geschöpf vorstellen, welches er +selbst gewesen sein würde, wenn er nicht erfahren hätte, wozu er lebte. + +»Ich habe die Antwort auf meine Frage gesucht, aber diese Antwort +kann nicht das Denken geben, welches in unmeßbarem Verhältnis zu der +Frage steht. Die Antwort hat mir das Leben selbst gegeben in meiner +Erkenntnis dessen, was gut und schlecht sei. Aber diese Erkenntnis habe +ich nicht durch Etwas erworben, sondern sie ist mir gegeben gewesen +zugleich mit allem, _gegeben_ deswegen, weil ich sie von nirgendsher +nehmen konnte. Woher habe ich sie genommen? Bin ich durch meinen +Verstand darauf gekommen, daß ich meinen Nächsten lieben soll und ihn +nicht erwürgen darf. Man hat mir das in der Kindheit gesagt und ich +habe es freudig geglaubt, weil man mir nur gesagt hatte, was mir schon +in der Seele lag. Aber wer hat dies entdeckt? Der Verstand nicht! Der +Verstand hat den Kampf ums Dasein entdeckt und das Gesetz, welches +fordert, daß man alle, die uns an der Befriedigung unserer Wünsche +hindern, beseitigen soll. Dies ist die Lehre des Verstandes, aber die +Nächstenliebe konnte der Verstand nicht lehren, weil das unverständig +gewesen wäre.« + + + 13. + +Lewin fiel die kürzlich stattgehabte Scene mit Dolly und ihren Kindern +ein. Die Kinder, allein gelassen, hatten Himbeeren über Kerzen geröstet +und sich die Milch als Fontäne in den Mund gespritzt. Die Mutter, +welche sie auf der That ertappt, hatte ihnen in Lewins Gegenwart zu +Gemüt geführt, welche große Mühe den Erwachsenen das verursache, was +sie da verdorben, und daß diese Arbeit doch für sie geschähe, und sie, +wenn sie die Tassen zerschlügen, nichts haben würden, woraus sie Thee +tränken; wenn sie aber Milch vergössen, so würden sie nichts zu essen +haben und müßten Hungers sterben. + +Lewin überraschte die stille Niedergeschlagenheit und der Argwohn, +mit welchem die Kinder diese Worte der Mutter anhörten. Sie waren nur +darüber erbittert, daß ihr unterhaltendes Spiel abgebrochen worden +war, und glaubten kein Wort von dem was die Mutter sagte. Sie konnten +es auch nicht glauben, weil sie sich den ganzen Umfang dessen, was sie +begangen, gar nicht vorstellen, und infolge dessen sich nicht denken +konnten, daß das, was sie verdorben hatten, eben das sei, wovon sie +lebten. + +»Das ist alles für sich allein da,« dachten sie, »und etwas +Interessantes oder Wichtiges liegt nicht darin, deswegen weil es stets +war und sein wird und stets ein und dasselbe ist. Wir brauchen daher +gar nicht daran zu denken, denn das ist alles schon da und wir wollen +nur etwas Eigenes und recht Neues dabei ausdenken. So haben wir uns +ausgedacht, in die Tasse Himbeeren zu nehmen und sie über einem Licht +zu rösten, die Milch aber als Fontäne uns gegenseitig in den Mund zu +spritzen. Das ist lustig und neu und in nichts schlechter, als aus den +Tassen zu trinken.« + +»Thun wir nun nicht etwa ganz das Nämliche, thue ich es nicht, mit +meinem Verstande die Bedeutung der Naturkräfte erforschend und den +Gedanken des menschlichen Lebens?« fuhr Lewin fort zu denken. »Und +thun dies nicht alle philosophischen Theorieen, indem sie auf einem +seltsamen, dem Menschen nicht eigenen Gedankenweg, zu der Erkenntnis +dessen führen, was der Mensch lange schon weiß, so genau weiß, daß +er ohne es gar nicht hätte leben können. Ist es denn nicht aus der +Entwicklung der Theorie eines jeden Philosophen klar ersichtlich, daß +er im voraus unfehlbar ebenso gut, wie der Bauer Fjodor und durchaus +nicht genauer als dieser, den Hauptgedanken des Daseins kennt, und nur +auf dem zweifelhaften Wege des Verstandes zu dem gelangen will, was +allen bekannt ist? Wollte man die Kinder allein auf Erwerb ausgehen +lassen, sollten dieselben Geschirr fertigen, Milch melken &c., würden +sie dann Mutwillen treiben? Sie würden Hungers sterben. Nun, so wollen +wir doch mit unseren Leidenschaften und Gedanken ohne Verständnis +des einigen Gottes und Schöpfers bleiben, oder ohne Verständnis von +dem, was gut ist, ohne Offenbarung des moralisch Schlechten. >Aber +schafft Ihr etwas ohne dieses Verständnis!< >Wir zerstören nur, weil +wir geistig satt sind. Wir sind eben Kinder!< Woher kommt in mir diese +freudige, mir mit dem Bauern gemeinsame Erkenntnis, welche mir allein +die Seelenruhe verleiht? Woher habe ich sie genommen? Erzogen in der +Vorstellung eines Gottes, als Christ, und mein ganzes Leben hindurch +erfüllt von diesen geistigen Gütern, die mir das Christentum verliehen +hat, welches an diesen lebendigen Schätzen überreich ist und in ihnen +lebt, zerstöre ich diese, wie die Kinder, ohne sie zu verstehen, -- +das heißt, ich will zerstören -- das, wodurch ich lebe. Sobald jedoch +eine ernste Minute des Lebens naht, gehe ich, wie die Kinder, wenn +sie frieren oder hungrig sind, zu Ihm, und fühle noch weniger als +Kinder, welche die Mutter wegen kindischer Streiche schilt, daß meine +kindlichen Versuche, über die man genugsam schelten könnte, mir nicht +angerechnet werden. Also das, was ich weiß, weiß ich nicht infolge +des Verstandes, sondern es ist mir gegeben, mir geoffenbart, und ich +weiß es durch mein Herz, meinen Glauben an das Höchste, was die Kirche +bekennt.« + +»Die Kirche? Die Kirche?« wiederholte Lewin, sich auf die andere Seite +legend und schaute, auf den Ellbogen gestützt, in die Ferne nach einer +jenseits zum Flusse gehenden Herde. »Kann ich dann aber an alles +glauben, was die Kirche lehrt?« dachte er, sich prüfend und alles das +überdenkend, was seine jetzige Ruhe stören konnte. Absichtlich begann +er, sich diejenigen Lehren der Kirche zu vergegenwärtigen, die ihm vor +allen anderen stets befremdlich gewesen waren und ihn verleitet hatten. + +»Die Schöpfung? Womit habe ich denn das Sein erklärt? Mit dem Sein? +Mit dem Nichts? -- Teufel und Sünde! -- Womit erkläre ich das Böse? -- +Was ist der Erlöser? -- Ich weiß eben nichts, nichts, und kann nichts +wissen, als nur das, was mir und allen anderen gesagt worden ist.« -- + +Und jetzt schien es ihm, als gäbe es kein einziges unter den +Bekenntnissen der Kirche, welches die Hauptsache, den Glauben an Gott, +an das Gute, als die einzige Bestimmung des Menschen stürzte. Für jedes +Bekenntnis der Kirche konnte das Bekenntnis zum Dienst in der Wahrheit +anstatt in den Lüsten eingesetzt werden. Und jedes derselben warf dies +nicht nur nicht um, sondern war vielmehr erforderlich dazu, daß sich +jenes höchste, beständig auf Erden erscheinende Wunder auch vollzog, +welches darin bestand, daß es jedem möglich werde, gemeinsam mit +Millionen verschiedenartigster Menschen, mit Weisen und Narren, Kindern +und Greisen -- mit allen, mit den Bauern und mit Lwoff, mit Kity, und +mit Bettlern oder Königen untrüglich ein und dasselbe zu erkennen, und +das Leben der Seele hinzuzustellen, für welches allein es schon der +Mühe wert war zu leben, und das allein wir schützen. + +Auf dem Rücken liegend, sah er jetzt in den hohen, wolkenlosen Himmel +hinein. + +»Weiß ich denn nicht, daß dies ein endloser Raum ist, und kein rundes +Gewölbe? Aber wie ich auch den Blick anstrengen mag, ich kann ihn nicht +anders erblicken als rund und unbegrenzt und ungeachtet meiner Kenntnis +seiner unbegrenzten Weite habe ich unzweifelhaft recht. Wenn ich das +feste blaue Gewölbe ansehe, handle ich richtiger, als wenn ich mich +anstrenge, weiter zu blicken.« + +Lewin hörte schon auf zu denken, gleich als ob er geheimnisvollen +Stimmen lauschte, die sich freudig und sorglich unterhielten. + +»Sollte dies etwa der Glaube sein?« dachte er, sich scheuend, +seinem Glück zu trauen. »Mein Gott, ich danke dir!« sprach er, ein +aufsteigendes Schluchzen hinunterschluckend und sich mit beiden Händen +die Thränen abwischend, von denen seine Augen voll standen. + + + 14. + +Lewin schaute vor sich hin und sah die Herde, dann erblickte er seinen +Wagen mit dem Braunen bespannt, und den Kutscher, welcher zur Herde +heranfahrend, mit dem Hirten sprach. Hierauf vernahm er, bereits in +seiner Nähe, das Geräusch von Rädern und das Schnauben eines satten +Pferdes, doch war er so versunken in seinen Gedanken, daß er gar nicht +daran dachte, weshalb der Kutscher zu ihm gefahren komme. + +Es fiel ihm das erst ein, als ihm dieser, bereits ganz nahe bei ihm, +zurief: + +»Die Herrin schickt mich. Der Bruder und noch ein Herr sind angekommen.« + +Lewin setzte sich auf den Wagen und ergriff die Zügel. Wie aus dem +Schlaf erwacht, konnte er lange Zeit nicht zur klaren Besinnung kommen. +Er betrachtete das satte Pferd, blickte den Kutscher Iwan an, der neben +ihm saß und besann sich nun, daß er den Bruder ja erwartete, daß seine +Frau wahrscheinlich über sein langes Ausbleiben besorgt sein werde; +und er bemühte sich nun, zu raten, wer der Gast sein könne, der mit +dem Bruder gekommen war. Sowohl dieser, wie sein eigenes Weib und der +unbekannte Besuch erschienen ihm jetzt anders, als vorher. Ihm schien, +als ob jetzt seine Beziehungen zu allen Menschen schon andere werden +wollten. + +»Dem Bruder gegenüber wird jetzt nicht mehr die Rede von jener +Entfremdung sein, die stets zwischen uns herrschte, es sollten keine +Streitigkeiten mehr herrschen; auch mit Kity sollte es nie mehr Zwist +geben und mit dem Gaste, wer es auch sein mag, werde ich freundlich und +gut sein; auch mit den Leuten, mit Iwan -- alles wird anders werden.« + +Straff das vor Ungeduld schnaubende, eine schnellere Gangart +anstrebende, gute Pferd haltend, schaute Lewin den neben ihm sitzenden +Iwan an, der nicht wußte, was er mit seinen zur Unthätigkeit +verurteilten Händen machen sollte, und beständig sein aufgeblähtes Hemd +andrückte und suchte nach einem Thema, um ein Gespräch mit diesem zu +beginnen. + +Er wollte sagen, daß Iwan überflüssigerweise den Sattelriemen zu hoch +gezogen habe, doch dies wäre einem Vorwurf ähnlich gewesen und er +wollte jetzt nur freundliche Gespräche führen. Etwas anderes kam ihm +nicht in den Kopf. + +»Nehmt doch, bitte rechts, sonst wird der Baumstamm da« -- sagte der +Kutscher, Lewins Zügel dirigierend. + +»Laß das gefälligst und belehre mich nicht!« antwortete Lewin, +ungehalten über diese Einmischung des Kutschers. + +So wie immer, machte ihn auch jetzt eine Einmischung verstimmt, und er +fühlte sogleich voll Schmerz, wie irrig seine Vermutung gewesen war, +daß seine Seelenstimmung ihn sogleich bis zu einer Anpassung an die +Wirklichkeit hätte wandeln können. + +Als er sich seinem Hause bis auf eine viertel Werst genähert hatte, +erblickte er Grischa und Tanja, die ihm entgegeneilten. + +»Onkel Konstantin! Mama kommt auch, und der Onkel, und Sergey +Iwanowitsch und noch jemand,« sagten sie auf den Wagen kletternd. + +»Wer denn?« + +»Außerordentlich seltsam! Er macht es mit den Händen immer so,« sagte +Tanja, sich im Wagen erhebend und Katawasoff nachahmend. + +»Ist er alt oder jung?« frug Lewin lachend, die Vorstellung Tanjas +hatte ihn an jemand erinnert. »O, wenn es nur kein unangenehmer Mensch +ist!« dachte er. + +Kaum um die Biegung des Weges herum, gewahrte Lewin die +Entgegenkommenden, und erkannte Katawasoff im Strohhut, wie er im Gehen +mit den Armen schwenkte, so wie es Tanja vorgemacht hatte. + +Katawasoff sprach sehr gern über Philosophie, obwohl er von ihr nur +einen Begriff aus den Naturwissenschaften besaß, und sich sonst nie +damit beschäftigt hatte. In Moskau hatte Lewin in letzter Zeit viel mit +ihm disputiert. Eines jener Gespräche, in welchem Katawasoff jedenfalls +gehofft hatte Sieger zu bleiben, fiel Lewin sofort wieder ein, nachdem +er Katawasoff erkannt hatte. + +»Nein; streiten und in unüberlegter Weise meine Ideen äußern werde ich +um keinen Preis,« dachte er. + +Aus dem Wagen steigend und den Bruder nebst Katawasoff begrüßend, frug +Lewin dann nach seiner Frau. + +»Sie hat Mitja in das Wäldchen beim Hause getragen. Sie wollte es +dorthin bringen, denn im Hause ist es zu warm,« berichtete Dolly. Lewin +hatte seiner Gattin stets davon abgeraten, das Kind in den Wald zu +tragen, da er dies für gefährlich befand, und die Nachricht war ihm +daher unangenehm. + +»Sie schleppt sich mit ihm von Ort zu Ort,« sagte der Fürst lächelnd. +»Ich habe ihr geraten, es in den Eiskeller zu bringen.« + +»Sie wollte nach dem Bienengarten gehen, da sie dachte, du würdest dort +sein. Wir gehen soeben hin,« sagte Dolly. + +»Nun, was machst du denn?« sagte Sergey Iwanowitsch, von den anderen +weggehend und sich zu dem Bruder gesellend. + +»Nichts Besonderes. Wie immer, beschäftige ich mich mit der Ökonomie,« +antwortete Lewin. »Und du? Bleibst du lange hier? Wir haben dich so +lange erwartet.« + +Bei diesen Worten begegneten sich die Augen der Brüder und Lewin +fühlte, trotz des steten und jetzt bei ihm besonders lebhaft gewordenen +Wunsches, in freundschaftliche und hauptsächlich klare Beziehungen +zu seinem Bruder zu treten, daß es ihm peinlich war, denselben +anzublicken. Er schlug die Augen nieder und wußte nicht, was er sagen +sollte. + +Indem er die Themen durchging, welche Sergey Iwanowitsch willkommen +sein und ihn von dem Gespräch über den serbischen Krieg und die +slawische Frage ablenken konnten, auf die er schon mit einem Hinweis +auf seine Geschäfte in Moskau hingewiesen hatte, begann Lewin von dem +Buche Sergey Iwanowitschs zu sprechen. + +»Nun, sind denn Recensionen über dein Buch erschienen?« frug er. + +Sergey Iwanowitsch lächelte über das Vorbedachte in der Frage. + +»Es hat sich niemand darum gekümmert; ich am allerwenigsten,« sagte er. +»Paßt auf, Darja Aleksandrowna, es wird Regen geben,« fügte er hinzu, +mit dem Schirme auf die über den Wipfeln der Espen erscheinenden weißen +Wolken deutend. + +Es waren genug Worte gefallen, die, wenn nicht eine feindselige, so +doch kühle Beziehung zwischen beiden, wie sie Lewin so gern vermieden +hätte, wiederum zwischen den Brüdern eintreten lassen konnten. + +Lewin ging zu Katawasoff. + +»Wie gut Ihr daran thatet, Euch zu einem Besuch bei uns zu +entschließen,« sagte er zu ihm. + +»Ich war schon lange dazu im Begriff gewesen. Nun können wir +disputieren. Laßt doch sehen. Habt Ihr Spencer gelesen?« + +»Nun, nicht ganz,« versetzte Lewin, »ich brauche ihn übrigens jetzt +nicht.« + +»Was heißt das? Er ist doch so interessant. Warum denn nicht?« + +»Ich habe mich endgültig überzeugt, daß ich die Lösungen der Fragen, +welche mich beschäftigen, nicht in ihm und seinesgleichen finde. +Jetzt« -- + +Der ruhige, heitere Gesichtsausdruck Katawasoffs überraschte ihn +plötzlich, und um seine Stimmung, die er offenbar mit diesem Gespräch +fahren lassen mußte, war es ihm nun so leid, daß er in der Erinnerung +an seinen Vorsatz, innehielt. + +»Sprechen wir übrigens später davon,« fügte er hinzu. »Wenn wir nach +dem Bienengarten wollen, so müssen wir hierhin, auf diesem Fußweg,« +wandte er sich an die Gesellschaft. + +Als man auf dem engen Fußwege bis zu einer ungemähten Wiese gekommen +war, auf welcher auf der einen Seite dichter heller Kuhweizen stand, +während sich in der Mitte viele dunkelgrüne hohe Büsche von Nießwurz +befanden, ließ Lewin seine Gäste in dem tiefen kühlen Schatten der +jungen Espen auf einer Bank und auf Holzklötzen, die für die Besucher +des Bienengartens, welche sich vor den Bienen fürchteten, eigens +vorgerichtet waren, niedersetzen, und begab sich selbst zu einem +Verhau, um den Kindern und Erwachsenen Brot, Gurken und frischen Honig +zu holen. + +Im Bemühen, sich möglichst ruhig zu bewegen, und den immer häufiger und +häufiger an ihm vorüberfliegenden Bienen lauschend, ging er auf dem +Fußweg bis zur Hütte. Dicht vor dem Flur summte eine Biene auf, die +sich in seinem Barte verwickelt hatte, doch er befreite sie behutsam. + +Nachdem er in den schattigen Flur getreten war, nahm er von der Wand +sein dort an einem Pflock aufgehängtes Netz herab und ging, sobald +er es angelegt und die Hände in die Taschen gesteckt hatte, in den +umzäunten Bienengarten, in welchem in regelmäßig angelegten Reihen, +mit Bast an Pfähle festgebunden, inmitten eines glattgemähten Platzes +die sämtlichen, ihm so wohlbekannten Bienenkörbe standen -- die jeder +seine eigene Geschichte hatten -- an den Seiten des Zaunes aber +befanden sich die jungen, welche erst im laufenden Jahre eingesetzt +worden waren. Vor den Fluglöchern der Bienenstöcke flimmerten in den +Augen die kreisenden und sich auf einem Punkte zusammendrängenden +Bienen und Drohnen und unter ihnen, immer in der nämlichen Richtung +zum Wald hinüber nach einer blühenden Linde, und zu den Stöcken +zurück flogen die Arbeitsbienen mit ihrer Ladung oder nach derselben. +Man hatte nur das unausgesetzte wechselnde Summen der in Thätigkeit +begriffenen, eilig dahinfliegenden Arbeitsbiene, oder der blasenden, +müßigen Drohne im Ohr, oder das von Erschreckten, die ihre Beute vor +einem Feinde in Sicherheit brachten und im Begriff waren, nun bei +den Wachen des Stockes Beschwerde zu führen. Jenseits der Umzäunung +hobelte ein alter Mann, der Lewin nicht bemerkt. Dieser blieb in der +Mitte des Bienengartens stehen, ohne jenen anzurufen. Er freute sich +über die Gelegenheit, wieder allein zu sein, sich von der Wirklichkeit +wieder erholen zu können, welche ihm bereits seine Stimmung wieder +herabgemindert hatte. + +Er erinnerte sich, daß er schon auf Iwan ungehalten gewesen war, seinem +Bruder Kälte gezeigt und mit Katawasoff oberflächlich zu sprechen +angefangen hatte. + +»Sollte das doch nur eine zeitweilige Stimmung gewesen sein, welche +vorübergeht, ohne eine Spur zu hinterlassen?« dachte er. + +Doch im nämlichen Augenblick, indem er sich seiner Stimmung zuwandte, +empfand er voll Freude, daß etwas Neues und Bedeutsames in ihm vorging. +Die Wirklichkeit hatte nur für einige Zeit jene seelische Ruhe +überdeckt, die er gefunden hatte, diese aber war noch unversehrt in ihm. + +Gleichwie die Bienen, welche ihn jetzt umschwirrten, ihm drohten und +ihn weglockten, ihn seiner vollen physischen Ruhe beraubten, ihn +zwangen, sich zu krümmen und ihnen auszuweichen, so hatten ihn die +Sorgen, seit dem Augenblick an ihn herangetreten, da er sich in den +Wagen gesetzt hatte, seiner geistigen Freiheit beraubt; aber dies +währte nur so lange, bis er mitten unter ihnen war. + +Wie seine körperliche Kraft unversehrt in ihm lebte, so war auch die +Kraft seines Geistes, deren er sich aufs neue bewußt geworden war, noch +unversehrt in ihm. + + + 15. + +»Weißt du, Konstantin, mit wem Sergey Iwanowitsch hierher gefahren +ist?« frug Dolly, unter ihre Kinder Gurken und Honig verteilend, »mit +Wronskiy! Er geht nach Serbien!« + +»Und nicht etwa nur allein; er führt eine Eskadron auf seine eigenen +Kosten mit!« sagte Katawasoff. + +»Das sieht ihm ähnlich,« sagte Lewin. »Ziehen denn noch immer +Freiwillige hinaus?« fügte er mit einem Blick auf Sergey Iwanowitsch +hinzu. + +Dieser nahm, ohne zu antworten, behutsam aus der Tasse, auf welcher +eine weiße Honigscheibe lag, mit dem Taschenmesser eine noch lebende, +in dem flüssigen Honig klebende Biene heraus. + +»Und wie viel! Ihr hättet sehen müssen, was gestern noch auf der +Station vorging!« sagte Katawasoff, vernehmlich in die Gurke beißend. + +»Wie soll ich das verstehen? Erklärt mir doch um Gottes willen Sergey +Iwanowitsch, wohin alle diese Freiwilligen fahren, und gegen wen sie +kämpfen?« frug der alte Fürst, ein Gespräch fortsetzend, das wohl in +Lewins Abwesenheit begonnen worden war. + +»Gegen die Türken,« antwortete Sergey Iwanowitsch mit ruhigem Lächeln, +die sich mit ihren Beinchen hilflos bewegende Biene befreiend, die von +dem Honig schwarz geworden war, und sie von dem Messer auf ein starkes +Espenblatt setzend. + +»Und wer hat den Türken den Krieg erklärt? Iwan Iwanitsch Ragozoff, die +Gräfin Lydia Iwanowna und Madame Stahl!« + +»Niemand hat den Krieg erklärt, die Leute fühlen nur Mitleid mit ihren +Nächsten und wollen ihnen helfen,« sagte Sergey Iwanowitsch. + +»Aber der Fürst spricht nicht von der Hilfe,« sagte Lewin, für seinen +Schwiegervater eintretend, »sondern von dem Kriege. Der Fürst sagt, daß +Privatleute keinen Teil an einem Kriege haben können, wenn nicht die +Regierung eine Entscheidung darüber gegeben hat.« + +»Konstantin, sieh, da ist eine Biene! Wahrhaftig sie werden uns noch +stechen!« sagte Dolly, eine Wespe abwehrend. + +»Das ist keine Biene, es ist eine Wespe,« sagte Lewin. + +»Nun also, wie steht es mit Eurer Theorie?« sagte Katawasoff lächelnd +zu Lewin, diesen offenbar zum Disput auffordernd. »Weshalb haben +Privatleute kein Recht?« + +»Meine Theorie ist die: Ein Krieg ist einerseits ein solches Ungeheuer, +etwas so Hartes, Furchtbares, daß kein Mensch -- ich sage noch +gar nicht Christ -- auf seine persönliche Verantwortung hin seine +Anstiftung übernehmen kann. Dies kann nur eine Regierung, welche dazu +berufen ist und zu einem unvermeidlichen Kriege gedrängt wird. Dann +aber verzichten ja auch sowohl nach der sachwissenschaftlichen Seite, +wie nach dem gesunden Menschenverstand die Bürger in Regierungssachen, +insbesondere in Kriegsfragen, auf ihren persönlichen Willen.« + +Sergey Iwanowitsch und Katawasoff ergriffen mit ihren schon +bereitgehaltenen Erwiderungen gleichzeitig das Wort. + +»Darin liegt aber ja eben der Schwerpunkt, daß es Fälle geben kann, in +denen die Regierung den Willen der Bürger nicht erfüllt; dann zeigt die +Gesellschaft den ihren,« sagte Katawasoff. + +Sergey Iwanowitsch stimmte indessen diesem Einwand augenscheinlich +nicht zu. Er zog die Stirn bei den Worten Katawasoffs und sagte etwas +Anderes. + +»Du stellst so die Frage unnütz auf. Es handelt sich hier nicht um +eine Kriegserklärung, sondern einfach um den Ausdruck des humanen +christlichen Gefühls. Man mordet unsere Stammesbrüder, die mit uns +des nämlichen Blutes und Glaubens sind. Nun, nehmen wir an, sie wären +selbst nicht unsere Mitbrüder, nicht unsere Glaubensgenossen, sondern +einfach Kinder, Weiber, Greise. Da empört sich doch das Gefühl, und +die Russen eilen zu Hilfe, um diese Schrecken zu verkürzen. Stelle +dir vor, du gingest auf der Straße und sähest, daß Trunkene ein Weib +schlügen oder ein Kind. Ich denke, da würdest du wohl nicht erst +fragen, ob hier jenen Menschen der Krieg erklärt worden sei oder nicht, +sondern darauf zueilen und den Beleidigten verteidigen.« + +»Aber den Gegner nicht töten,« sagte Lewin. + +»Doch, du würdest ihn töten.« + +»Ich weiß nicht. Wenn ich dergleichen sähe, würde ich mich meinem +unmittelbaren Gefühl hingeben, im voraus aber kann ich nichts sagen. +Ein solches unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der Südslaven +ist aber nicht vorhanden, kann es auch gar nicht sein.« + +»Doch wohl nur für dich nicht! Für die anderen ist es vorhanden,« sagte +Sergey Iwanowitsch mißvergnügt die Stirne runzelnd. »Im Volke sind +die Überlieferungen über Rechtgläubige lebendig, die unter dem Joch +der Gottlosigkeit litten. Das Volk hat von den Leiden der Mitbrüder +vernommen und gesprochen.« + +»Kann sein,« sagte Lewin nachgiebig, »aber ich sehe das nicht ein; ich +bin selbst Volk und fühle dies doch nicht.« + +»Ich auch nicht,« sagte der Fürst. »Ich habe im Auslande gelebt, die +Zeitungen gelesen und -- ich gestehe es -- selbst was die bulgarischen +Schrecken anbetrifft -- niemals recht begreifen können, weshalb +plötzlich alle Russen ihre slavischen Brüder so zu lieben anfingen, +während ich nicht die geringste Liebe für sie verspürte. Ich ärgerte +mich darüber sehr, dachte, ich sei ein Ungeheuer, oder Karlsbad hätte +auf mich so eingewirkt, aber nachdem ich hierher gekommen, war ich +beruhigt. Ich sehe, daß es auch außer mir noch Leute giebt, die nur für +Rußland Interesse haben, und nicht für die slavischen Brüder -- Leute, +wie Konstantin.« -- + +»Persönliche Meinungen bedeuten hier nichts,« sagte Sergey Iwanowitsch, +»es kommt nicht auf persönliche Meinungen an, wenn ganz Rußland -- das +Volk -- seinen Willen geäußert hat.« + +»Bitte recht sehr, aber das sehe ich nicht. Das Volk weiß was rechtes,« +sagte der Fürst. + +»O Papa, warum das? Kommst du Sonntag mit in die Kirche?« frug Dolly, +die dem Gespräch zuhörte. »Gieb mir doch das Handtuch,« wandte sie +sich zu dem alten Herrn, der lächelnd auf ihre Kinder blickte. »Es kann +doch nicht sein, daß alle« -- + +»Was willst du denn am Sonntag in der Kirche? Man hatte den Geistlichen +ersucht, eine Messe zu lesen. Er las sie. Die Leute aber haben nichts +verstanden, sie seufzten, wie bei jeder Beichte,« fuhr der Fürst fort. +»Dann sagte man ihnen, daß man für den heiligen Zweck in der Kirche +sammle. Nun, da holten sie denn ihre Kopeke hervor und gaben sie, wozu +aber, das haben sie nicht gewußt.« + +»Das Volk muß es wissen. Das Bewußtsein seines Geschickes lebt stets +in einem Volke, und in Minuten, wie es die jetzigen sind, wird ihm +dasselbe klar,« sagte Sergey Iwanowitsch voll Überzeugung, nach dem +alten Bienenzüchter schauend. + +Ein schöner Greis, mit schwarzem, graumeliertem Bart und dichtem, +silbernem Lockenhaar, stand dieser unbeweglich, eine Schale mit Honig +haltend, freundlich und ruhig da, aus seiner vollen Größe auf die +Herren herniederblickend, offenbar ohne Etwas zu verstehen, noch mit +dem Wunsche darnach. + +»So ist es,« sagte er, ausdrucksvoll den Kopf schüttelnd, zu den Worten +Sergey Iwanowitschs. + +»Ja, fragt ihn nur! Er weiß nichts und denkt nicht,« sagte Lewin. +»Du hörst wohl, Michailitsch, wir sprechen von dem Krieg?« wandte er +sich an diesen. »Ihr habt das ja in der Kirche gelesen. Wie denkst du +darüber? Müssen wir für die Christen kämpfen?« + +»Was haben wir dabei mit zu denken? Aleksander Nikolajewitsch der +Kaiser denkt für uns, er denkt für uns in allen Dingen. Ihm ist alles +klarer. Soll ich nicht noch ein Stück Brot holen?« wandte er sich an +Darja Aleksandrowna, auf Grischa weisend, der soeben mit seiner Rinde +fertig geworden war. + +»Ich brauche eigentlich gar nicht zu fragen,« sagte Sergey Iwanowitsch, +»wir haben hunderte und aber hunderte von Menschen gesehen und sehen +sie noch, die alles verlassen, um einer guten Sache zu dienen. Von +allen Enden Rußlands kommen sie herbei, und äußern offen und klar ihre +Gedanken und Absichten. Sie bringen ihr Erspartes mit oder kommen +selbst und sagen rückhaltlos, warum. Was bedeutet dies nun?« + +»Es bedeutet, nach meiner Meinung,« sagte Lewin, der warm zu werden +begann, »daß sich in einem Volke von achtzig Millionen immer nicht nur +Hunderte, wie jetzt, sondern Tausende von Menschen finden werden, die +ihre gesellschaftliche Stellung eingebüßt haben, von Müßiggängern, die +stets bereit sind, zur Bande Pugatscheffs, nach Khiwa oder nach Serbien +zu gehen.« + +»Ich sage dir aber, daß es nicht Hunderte und keine Müßiggänger, +sondern die besten Repräsentanten des Volkes sind,« sagte Sergey +Iwanowitsch mit einer Gereiztheit, als verteidige er seine eigene +Würde. »Und die Opfer? Hier drückt doch das ganze Volk seinen Willen +aus!« + +»Das Wort >Volk< ist so unbestimmt,« sagte Lewin. »Die +Bezirksschreiber, Lehrer, und von den Bauern je der Tausendste wissen +wohl, worum es sich handelt. Die Übrigen achtzig Millionen, drücken +nicht nur, wie Michailoff, ihren Willen gar nicht aus, nein, sie haben +nicht einmal auch nur den geringsten Begriff davon, worüber sie ihren +Willen äußern sollten. Welches Recht haben wir nun da, von einem +Volkswillen zu sprechen?« + + + 16. + +Sergey Iwanowitsch, in der Dialektik bewandert, leitete, ohne hierauf +etwas einzuwenden, das Gespräch sogleich auf ein anderes Gebiet. + +»Wenn du den Volksgeist auf arithmetischem Wege erkennen willst, dann +ist dies natürlich sehr schwer zu erreichen. Eine Abstimmung ist bei +uns nicht eingeführt, und kann auch nicht eingeführt werden, weil sie +den Willen des Volkes nicht ausdrückt; doch dafür giebt es andere +Wege. Das liegt in der Luft und wird im Herzen empfunden. Ich spreche +nicht mehr von jenen tieferen Strömungen, welche im stehenden Meere +des Volkes sich bewegen und für jeden nicht von Vorurteilen befangenen +Menschen klar sind. Man schaut nur die Gesellschaft im engsten Sinne +des Wortes an. Alle die verschiedenartigsten Teile in der Welt der +Intelligenz die sich vorher feindlich gegenüberstanden, fließen hier +in Eins zusammen. Jeder Unterschied hört auf, alle gesellschaftlichen +Organe sagen ein und dasselbe, alle empfinden eine elementare Kraft, +die sie ergriffen hat und nun in einer bestimmten Richtung trägt.« + +»Die Zeitungen sagen allerdings ein und dasselbe,« meinte der Fürst. +»Es ist damit ganz ebenso, wie bei den Fröschen vor einem Gewitter. Von +ihrem Geschrei hört man nichts weiter.« + +»Frösche hin, Frösche her; ich gebe keine Zeitungen heraus und will +sie auch nicht vertreten, sondern spreche nur von der Einmütigkeit im +Denken in der Welt der Intelligenz,« sagte Sergey Iwanowitsch, sich zu +seinem Bruder wendend. + +Lewin wollte antworten, doch der alte Fürst fiel ihm ins Wort. + +»Über diese Einmütigkeit läßt sich auch noch etwas Anderes sagen,« +begann er, »da habe ich einen Schwiegersohn, Stefan Arkadjewitsch, Ihr +kennt ihn ja. Er hat jetzt ein Amt als Mitglied einer Komiteekommission +und noch etwas, ich weiß nicht mehr genau. Aber er hat da gar nichts +zu thun -- nicht so Dolly, es ist ja kein Geheimnis! -- und bezieht +doch achttausend Rubel Gehalt. Probiert nun und fragt ihn einmal, ob +ihm dieses Amt etwas nützt; er wird Euch beweisen, daß es eines der +notwendigsten ist. So rechtschaffen er auch sein mag, an einen Nutzen +dieser achttausend Rubel wird er mich nicht glauben machen.« + +»Ja, er hat mich gebeten, Darja Aleksandrowna von der Erlangung des +Amtes Mitteilung zu machen,« sagte Sergey Iwanowitsch mißvergnügt, in +der Meinung, der Fürst spreche nicht zur Sache. + +»So ist es auch mit der Harmonie in der Presse. Man hat mir erklärt, +so bald es Krieg giebt, giebt es verdoppelte Einnahmen. Warum sollen +sie da nicht denken, daß die Geschicke des Volkes und der slavischen +Brüder« -- + +»Ich liebe viele Zeitungen nicht, doch ist das ungerecht,« sagte Sergey +Iwanowitsch. + +»Ich würde nur eine Bedingung stellen,« fuhr der Fürst fort. »Alphonse +Karr schrieb dies recht gut vor dem Kriege mit Preußen. >Ihr meint +doch, daß der Krieg notwendig ist! Schön! -- Einer erklärt ihn denn +auch, und in der Avantgarde geht es zum Sturm, zur Attacke, allen +voran!<« -- + +»Die Redakteure werden sich am besten dabei stehen!« lachte Katawasoff +laut, sich seine Bekannten unter den Redakteuren vorstellend, wie sie +in der Legion der Auserwählten ständen. + +»Nun, sie werden höchstens davonlaufen,« sagte Dolly, »sie können doch +nur hinderlich sein.« + +»Wenn sie fliehen, so muß man mit Kartätschen dahinterherfeuern oder +Kosaken mit Knuten hinstellen,« sagte der Fürst. + +»Das ist ein Scherz aber kein guter, nehmt es mir nicht übel, Fürst,« +sagte Sergey Iwanowitsch. + +»Ich sehe nicht ein, daß es sich hier um Scherz handelte, daß« -- +begann Lewin, doch Sergey Iwanowitsch unterbrach ihn. + +»Jedes Mitglied der Gesellschaft ist berufen, die ihm gehörige +Aufgabe zu vollführen,« sagte er. »Die Männer des Geistes erfüllen +ihre Aufgabe, indem sie die öffentliche Meinung wiederspiegeln. Der +einmütige und vollständige Ausdruck der öffentlichen Meinung ist der +Dienst der Presse, und er ist auch eine sehr erfreuliche Erscheinung. +Vor zwanzig Jahren hätten wir noch geschwiegen, jetzt aber wird +die Stimme des russischen Volkes gehört, welches bereit ist, sich +zu erheben, wie ein Mann, bereit, sich selbst zu opfern für die +unterdrückten Mitbrüder. Dies ist ein großer Fortschritt, ein Gewinn an +Kraft.« + +»Aber man will doch nicht nur opfern, sondern vielmehr den Türken +schlagen,« bemerkte Lewin schüchtern. »Das Volk opfert und ist bereit, +für seine Seele zu opfern, nicht aber für den Mord,« fügte er hinzu, +das Thema unwillkürlich mit den Gedanken verbindend, die ihn so sehr +beschäftigten. + +»Wie, für die Seele? Dies ist für den Naturforscher bekanntlich ein +sehr schwieriger Ausdruck. Was ist denn Seele?« lächelte Katawasoff. + +»O, Ihr wißt es schon!« + +»Bei Gott, ich habe nicht die geringste Ahnung davon!« antwortete +Katawasoff mit lautem Lachen. + +-- »Ich bin nicht die Welt, aber ich habe ein Schwert gebracht, spricht +Christus« -- entgegnete Sergey Iwanowitsch, einfach, als handle es sich +um die leichtverständlichste Sache, und brachte damit jene Stelle aus +dem Evangelium bei, die Lewin stets vor allem in Verwirrung gesetzt +hatte. + +»So ist es,« wiederholte jetzt der Alte, der bei ihnen stand, indem er +auf einen zufällig auf ihn gerichteten Blick antwortete. + +»Ja, ja, Batjuschka, wir sind geschlagen, vollständig geschlagen!« rief +Katawasoff heiter. + +Lewin errötete vor Verdruß, nicht deshalb, weil er geschlagen sein +sollte, sondern weil er nicht mehr an sich halten konnte, und wollte in +den Wortstreit eintreten. + +»Doch nein,« dachte er dann, »ich mag nicht mit ihnen streiten, sie +tragen einen undurchdringlichen Panzer, während ich nackt bin.« + +Er sah, daß er seinen Bruder und Katawasoff nicht überzeugen könne, +und daß nun noch weniger eine Möglichkeit, mit ihnen seinerseits +übereinzukommen vorhanden sei. Das, was sie predigten, war aber jener +geistige Hochmut, der ihn beinahe vernichtet hätte. Er konnte sich +nicht damit einverstanden erklären, daß eine Handvoll Menschen, unter +ihnen sein Bruder, das Recht haben sollten, auf Grund dessen, was ihnen +die hunderte der durch die Hauptstädte reisenden Freiwilligen erzählt +hatten, zu sagen, sie und die Presse drückten die Meinung des Volkes +aus, und noch dazu eine Meinung, die in Vergeltung und Mord ihren +Ausdruck fand. + +Er konnte damit nicht übereinkommen, weil er gar keinen Ausdruck dieser +Gedanken in dem Volke, in dessen Mitte er lebte, bemerkt, dieselben +auch in sich selbst nicht gefunden hatte, und er konnte sich nicht für +etwas Anderes halten, als für einen von jenen Menschen, aus denen das +russische Volk besteht, hauptsächlich aber konnte er deshalb nicht +zustimmen, weil er gleich dem Volke, weder wußte noch erfahren konnte, +worin das allgemeine Wohl bestehe, während er genau wußte, daß die +Erreichung dieses allgemeinen Wohles nur bei strenger Erfüllung jenes +Gesetzes des Guten möglich sei, das jedem Menschen geoffenbart ist +und er schon deshalb einen Krieg nicht wünschen, oder für allgemeine +Zwecke irgend welcher Art eintreten könne. Er sprach im Einklang mit +Michailowitsch und dem Volke, das seine Meinungen in der Überlieferung +von der Herbeirufung der Warjäger ausdrückte: + +»Herrscht über uns, wir versprechen Euch freudig volle Ergebenheit. +Alle Arbeit, alle Erniedrigung, alle Opfer nehmen wir auf uns, und wir +wollen nicht selber richten und schlichten.« + +Jetzt aber hatte nach den Worten des Sergey Iwanowitsch das Volk auf +dieses so teuer erkaufte Recht verzichtet. + +Er wollte noch sagen, daß wenn die öffentliche Meinung ein unfehlbarer +Richter wäre, die Revolution und die Kommune doch ebenso gesetzmäßig +sein müßte, wie diese Bewegung zu Gunsten der Slaven. + +Dies alles aber waren nur Gedanken, die nichts entscheiden konnten. +Eines allein war unzweifelhaft zu sehr erkennbar: der Streit hatte +Sergey Iwanowitsch jetzt gereizt, und es war deswegen nicht gut mit +demselben zu disputieren. Lewin schwieg daher, und widmete seine +Aufmerksamkeit nun den Gästen, da Wolken heraufgezogen kamen und man +wohl daran that, nach Hause zu gehen, bevor es zu regnen begann. + + + 17. + +Der Fürst und Sergey Iwanowitsch setzten sich in den Wagen und fuhren; +die übrige Gesellschaft ging langsam zu Fuß nach Haus. + +Die Wolke kam indessen, bald weiß, bald schwarz, so schnell herauf, daß +man den Schritt verdoppeln mußte, um noch vor dem Regen heim zu sein. + +Die vorauseilenden Wolken, niedrighängend und dunkel, wie Rauch mit +Ruß, kamen mit ungewöhnlicher Schnelligkeit am Himmel herauf. Bis nach +dem Hause waren noch zweihundert Schritt und schon erhob sich der Wind. +Jede Sekunde mußte man den Regen erwarten. + +Die Kinder eilten mit erschrecktem und lustigem Geschrei voraus. Darja +Aleksandrowna, die mühsam mit ihren Röcken kämpfte, welche sich um ihre +Beine schlugen, ging schon nicht mehr, sondern lief, die Kinder nicht +aus den Augen lassend. Die Männer gingen, ihre Hüte haltend, mit großen +Schritten dahin, und waren gerade vor der Freitreppe, als ein großer +Tropfen fiel und auf dem Rand der eisernen Rinne aufschlug. Die Kinder +und hinter ihnen die Erwachsenen eilten in lustigem Gespräch unter das +schützende Dach. + +»Wo ist Katharina Aleksandrowna?« frug Lewin die ihnen im Vorzimmer +begegnende Michailowna, welche die Tücher und Plaids trug. + +»Wir dachten, sie käme mit Euch,« sagte sie. + +»Und Mitja?« + +»Ist wohl im Wäldchen, die Kinderfrau wird bei ihm sein.« + +Lewin ergriff sein Plaid und eilte nach dem Wäldchen. + +Während der kurzen Zwischenzeit hatte sich die Wolke schon so weit +heraufbewegt, daß sie mit ihrem Mittelpunkt die Sonne deckte, und es so +dunkel geworden war wie bei einer Sonnenfinsternis. + +Der Wind blies hartnäckig, als bestehe er auf seinem Rechte, und +erschwerte Lewin das Gehen; er riß Blätter und Blüten von den Linden +ab und beugte ungeschlacht die weißen Äste der Birken nach einer Seite +nieder, die Akazien, die Blumen, das Gras und die Wipfel der Bäume. +Mägde, die im Garten gearbeitet hatten, liefen mit Geschrei unter das +Dach des Gesindehauses. Der weiße Schleier des strömenden Regens hatte +schon den ganzen, fernen Wald bedeckt und die Hälfte des Feldes, und +bewegte sich schnell auf das Wäldchen zu. Die Feuchtigkeit des Regens, +der in feine Tröpfchen zersprühte, war in der Luft zu spüren. + +Den Kopf nach vorn niedergebeugt und mit dem Winde kämpfend, der ihm +das Tuch entriß, war Lewin schon an das Wäldchen gelangt; schon hatte +er etwas Weißes hinter einer Eiche erblickt, als plötzlich alles in +Flammen stand, die ganze Erde aufloderte und gerade über Lewins Kopfe +das Himmelsgewölbe krachend erbebte. Die geblendeten Augen öffnend, +erblickte Lewin durch den dichten Schleier des Regens, der ihn jetzt +vom Wäldchen trennte, zunächst den grünen Wipfel der ihm bekannten +Eiche inmitten des Waldes, welcher in sonderbarer Weise seine Stellung +verändert hatte. + +»Sollte sie zersplittert sein?« -- Lewin hatte dies noch kaum gedacht, +als plötzlich der Wipfel der Eiche mehr und mehr die Bewegung +beschleunigend, hinter den anderen Bäumen verschwand. Er vernahm das +Krachen der auf die umgebenden Bäume stürzenden, großen Eiche. + +Das Licht des Blitzes, das Hallen des Donners und die Empfindung von +einem ihn plötzlich mit Kälte umgebenden Körper flossen für Lewin in +einem einzigen Eindruck des Schreckens zusammen. + +»Mein Gott! Mein Gott! Wenn es nur sie nicht getroffen hat!« brachte er +hervor. Obwohl er sich sogleich sagte, wie sinnlos die Bitte von ihm +war, sie möchten von der Eiche nicht getroffen worden sein, die nun +doch schon gestürzt lag, wiederholte er dieselbe nochmals, da er nichts +Besseres als so gedankenlos zu beten, zu thun wußte. + +An dem Platze, wo sie sich gewöhnlich aufhielten, fand er sie nicht. +Sie waren am anderen Rande des Waldes unter einer alten Linde und +riefen ihn. Zwei Gestalten in dunkeln Kleidern -- sie waren vorher +hell gewesen -- standen dort, über etwas gebeugt. Es war Kity und die +Kinderfrau. Der Regen hatte bereits aufgehört, und es begann wieder +hell zu werden, als Lewin sie erreichte. Die Kinderfrau hatte die +Unterkleider noch trocken, Kitys Kleid aber war durch und durch naß und +klebte. Obwohl kein Regen mehr fiel, verharrten sie noch immer in der +Stellung, die sie eingenommen hatten, als das Gewitter losbrach. Beide +standen mit einem grünen Sonnenschirme über den kleinen Wagen gebeugt. + +»Lebt Ihr? Seid Ihr unversehrt? Gott sei gedankt!« sprach er, mit dem +wassergefüllten Stiefel in das Wasser tretend, welches sich noch nicht +verlaufen hatte. + +Das gerötete, feuchte Gesicht Kitys war ihm zugewandt und lächelte +sanft unter dem Hute hervor, der seine Façon verloren hatte. + +»Du müßtest dir aber Vorwürfe machen! Ich begreife nicht, wie man so +unvorsichtig sein kann!« sagte er ärgerlich zu seinem Weibe. + +»Ich bin bei Gott nicht schuld. Wir wollten gerade fort, da ging es +los. Wir mußten das Kind anders legen und waren kaum« -- entschuldigte +sich Kity. + +Mitja war unversehrt, trocken und schlief ruhig fort. + +»Gott sei gedankt! Ich weiß nicht, was ich sagen soll.« + +Sie nahmen die nassen Windeln, die Kinderfrau wickelte das Kind aus +und trug es. Lewin ging neben seiner Frau; er machte sich Vorwürfe +wegen seiner Heftigkeit und drückte ihr, nur verstohlen, wegen der +Kinderfrau, die Hand. + + 18. + +Während des ganzen Tages empfand Lewin in den verschiedensten +Gesprächen, an denen er gleichsam nur mit der Außenseite seines +Verstandes teilnahm, mit Freude, wie voll sein Herz war. + +Nach dem Regen war es zu naß zum Spazierengehen geworden; dazu kam, daß +auch die Gewitterwolken nicht vom Horizonte wichen, sondern donnernd +und dunkel am Rande des Himmels bald hierhin bald dorthin zogen. Die +ganze Gesellschaft verbrachte daher den Rest des Tages im Hause. + +Debatten gab es nicht mehr, im Gegenteil befand sich alles nach dem +Mittagessen bei bester Laune. + +Katawasoff unterhielt die Damen anfangs mit seinen originellen Späßen, +die stets so gut gefielen, sobald man mit ihm bekannt wurde, sprach +aber dann, von Sergey Iwanowitsch aufgefordert, über seine sehr +interessanten Beobachtungen des Unterschieds in den Charakteren und +selbst Physiognomien der männlichen und weiblichen Mücken, sowie von +deren Leben. + +Sergey Iwanowitsch war gleichfalls gut aufgelegt und entwickelte, vom +Bruder veranlaßt, beim Thee seine Ansicht über die Zukunft der Frage +bezüglich des Ostens, so einfach und so gut, daß ihm alles lauschte. + +Nur Kity konnte ihn nicht zu Ende hören; man rief sie zu Mitja, der +gewaschen werden sollte. + +Wenige Minuten, nachdem Kity verschwunden war, wurde Lewin zu ihr in +die Kinderstube gebeten. Seinen Thee stehen lassend, ging er, die +Unterbrechung des interessanten Gesprächs bedauernd, zugleich aber +auch besorgt über den Grund weshalb man ihn rufe -- er wurde nur bei +wichtigen Dingen gerufen -- in die Kinderstube. + +Obwohl ihn der nicht zu Ende gehörte Plan Sergey Iwanowitschs, wie +die befreite Welt der vierzig Millionen Slaven mit Rußland zusammen +eine neue historische Epoche herbeiführen müsse, ein Plan, der für +ihn als etwas völlig Neues sehr interessant war -- obwohl ihn daher +die Neugier, zugleich aber auch die Besorgnis, weshalb man ihn rufe, +quälten -- so fielen ihm doch, sobald er allein war und den Salon +hinter sich hatte, seine Gedanken vom Morgen wieder ein, und alle +die Betrachtungen über die Bedeutung des slawischen Elements in der +Weltgeschichte erschienen ihm nun so nichtig im Vergleich zu dem, was +in seiner Seele geschah, daß er augenblicklich alles dies vergaß und +sich wieder in die Stimmung versetzte, in der er heute Morgen gewesen. + +Er rief sich jetzt nicht mehr wie früher erst seinen ganzen +Gedankengang ins Gedächtnis zurück -- das brauchte er nicht mehr -- +sondern versetzte sich sofort in das Gefühl, welches ihn beherrschte, +und mit jenen Gedanken in Verbindung stand, und fand dasselbe in seiner +Seele noch weit stärker und bestimmter geworden, als früher. Es ging +ihm jetzt nicht mehr so, wie bei seinen früheren künstlich ersonnenen +Beruhigungsversuchen, bei denen er seinen gesamten Gedankengang wieder +zusammenstellen mußte, um ein Gefühl zu finden. Jetzt war im Gegenteil +die Empfindung der Freude und Ruhe lebendiger als vorher und sein +Denken reifte gar nicht vor seinem Fühlen. + +Er schritt über die Terrasse und schaute nach zwei Sternen, die an +dem schon dunkelnden Himmel hervortraten, und plötzlich fiel ihm ein, +»ja, zum Himmel emporblickend, habe ich gegrübelt, daß das Gewölbe da +oben, welches ich sehe, nicht wirklich sei, dabei aber ein Etwas nicht +mitbedacht, was ich vor mir selbst verbarg! Nun, was dort oben auch +sein mag, einen Einwand kann es nicht geben. Man muß das wohl bedenken +-- und alles klärt sich dann auf.« + +Schon bei seinem Eintritt in die Kinderstube fiel es ihm bei, was er +sich selbst verhehlt hatte. Es war dies: »Wenn der höchste Beweis der +Gottheit in deren Offenbarung, im Wesen des Guten beruhte, weshalb +beschränkte sich dann diese nur auf die christliche Kirche? In was für +Beziehungen zu dieser Offenbarung standen nun die Glaubensbekenntnisse +der Buddhisten, der Mohammedaner, die doch auch an das Gute glaubten +und es thaten?« + +Ihm schien, daß es eine Antwort auf diese Frage für ihn gab, doch hatte +er sich diese noch nicht gegeben, da trat er schon in die Kinderstube +ein. + +Kity stand mit aufgestreiften Ärmeln an der Wanne über das +plätschernde Kind gebeugt und wandte, als sie die Schritte des Gatten +hörte, diesem ihr Gesicht zu. Sie rief ihn lächelnd zu sich. Mit der +einen Hand hielt sie den wohlgenährten Kleinen, der auf dem Rücken +schwamm, unter dem Köpfchen, mit der andern drückte sie ein Schwämmchen +über ihm aus. + +»Ach, sieh nur sieh,« sagte sie, als ihr Mann herzutrat. »Agathe +Michailowna hat Recht. Es erkennt uns schon.« + +Es hatte sich also darum gehandelt, daß Mitja seit dem heutigen Tage +augenscheinlich schon alle die Seinen erkannte. + +Kaum war Lewin an die Wanne getreten, so wurde vor ihm der Versuch +angestellt, und er gelang vollständig. Die Köchin, die eigens dazu +herbeigerufen worden war, beugte sich über das Kind. Das Kind machte +ein mürrisches Gesicht und bewegte ablehnend das Köpfchen. Nun beugte +sich Kity darüber, da erglänzte es von einem Lächeln, stemmte sich +mit den Ärmchen gegen den Schwamm und stieß einen so behaglichen und +eigentümlichen Laut aus, daß nicht nur Kity und die Kinderfrau, sondern +auch Lewin in ungeahntes Entzücken gerieten. Man nahm das Kind auf +einem Arme aus der Wanne, spülte es mit Wasser ab, wickelte es in ein +Tuch und gab es, nachdem nochmals ein durchdringender Schrei ertönt +war, der Mutter. + +»Ich freue mich nur, daß du anfängst, es lieb zu gewinnen,« sagte Kity +zu ihrem Gatten, nachdem sie sich, das Kind am Busen, ruhig auf ihren +gewohnten Platz gesetzt hatte. »Ich freue mich sehr darüber. Es hatte +mich auch schon recht erbittert. Du sagtest doch, daß du gar nichts für +den Kleinen fühltest.« + +»Nun, habe ich etwa gesagt, ich fühlte nichts für ihn? Ich habe nur +gesagt, daß ich von ihm enttäuscht worden wäre.« + +»Wie; von dem Kinde enttäuscht?« + +»Nicht von ihm enttäuscht, wohl aber von meinem Gefühl. Ich hatte mehr +erwartet. Ich hatte erwartet, daß sich, gleich einer Überraschung, in +mir ein ganz neues und angenehmes Gefühl regen würde. Und plötzlich, +anstatt dessen, fühlte ich nur Widerwillen und Mitleid« -- + +Sie hörte ihm aufmerksam zu, während sie ihre Ringe wieder auf die +feinen Finger steckte, die sie vorher abgestreift hatte, um das Kind zu +baden. + +»Die Hauptsache dabei war doch, daß es bei weitem mehr Schrecken und +Schmerz gegeben hat, als Freude. Heute, nach dem Schrecken während des +Gewitters habe ich erkannt, wie ich das Kind liebe.« + +Kity erstrahlte von einem Lächeln. + +»Du warst wohl sehr in Schrecken?« frug sie. »Ich war es auch, doch ist +mir es jetzt noch viel ängstlicher zu Mut, nachdem es vorbei ist. Ich +werde mir die Eiche besehen. O wie lieb doch Mitja ist! Das Kind ist +überhaupt den ganzen Tag so reizend gewesen, doch du bist wohl so gut, +dich mit Sergey Iwanowitsch zu beschäftigen -- wenn du willst -- geh' +doch jetzt zu ihm. Es ist so wie so hier bei der Wanne stets sehr heiß +und dunstig.« + + + 19. + +Nachdem Lewin die Kinderstube verlassen hatte und allein war, fiel ihm +sogleich jener Gedanke wieder ein, in dem ihm etwas unklar geblieben +war. + +Anstatt in den Salon zu gehen, aus welchem Stimmen vernehmbar waren, +blieb er auf der Terrasse stehen und schaute, auf das Geländer +gestützt, zum Himmel hinauf. + +Es war schon völlig dunkel geworden, doch im Süden, wohin er blickte, +waren keine Wolken sichtbar. Diese standen auf der entgegengesetzten +Seite und von dorther zuckten Blitze und war ferner Donner vernehmbar. +Lewin lauschte den taktmäßig von den Linden des Gartens fallenden +Regentropfen und blickte zu dem ihm so wohlbekannten Sternendreieck auf +und der mitten hindurchgehenden Milchstraße mit ihrem Schimmer. Bei +jedem Aufleuchten des Blitzes verschwanden nicht nur die Milchstraße, +sondern auch die hellen Sterne, kaum aber war der Funke erloschen, so +zeigten sie sich wieder wie von einer Hand geworfen, an ihren alten +Stellen. + +»Nun, was beunruhigt mich denn?« sagte Lewin zu sich, schon vorher +empfindend, daß die Lösung seiner Zweifel, obwohl er dieselbe noch +nicht kannte, bereits fertig in seiner Seele liege. »Ja, Eines ist +die offenkundige, unzweifelhafte Offenbarung der Gottheit; das sind +die Gesetze des Guten, die der Welt als Offenbarung kund gethan sind, +die ich in mir fühle und zu deren Erkenntnis ich -- mag ich wollen +oder nicht -- mit den anderen Menschen vereinigt bin zu einer einzigen +Gesellschaft von Gläubigen die man Kirche nennt. Auch die Hebräer, +Chinesen, Buddhisten -- was sind sie?« legte er sich jene Frage vor, +die ihm so gefährlich erschienen war. »Sollten diese Hunderte von +Millionen Menschen jenes höchsten Gutes beraubt sein, ohne welches +das Dasein keinen Sinn hat?« Er wurde nachdenklich, raffte sich aber +sogleich wieder auf, »wonach frage ich denn? Ich frage nach den +Beziehungen aller der verschiedenen Glaubensrichtungen der ganzen +Menschheit zur Gottheit. Ich frage nach der allgemeinen Offenbarung +Gottes für die ganze Welt mit all diesen Nebelflecken dort oben. Was +aber thue ich? Mir persönlich, meinem Herzen ist jene Erkenntnis +unzweifelhaft geoffenbart, die unerreichbar bleibt für den Verstand, +während ich sie hartnäckig durch meinen Verstand und mein Wort +ausdrücken will. Weiß ich denn nicht, daß die Sterne nicht wandelten?« +frug er sich, nach einem hellleuchtenden Planeten aufschauend, der +bereits seine Stellung zu dem obersten Ast einer Birke verändert hatte. +»Dennoch aber kann ich mir, auf die Bewegung der Sterne blickend, nicht +auch vorstellen, daß die Erde sich bewegt, und ich habe doch recht mit +der Behauptung, daß die Sterne wandeln. Hätten denn die Astronomen +etwas erkennen und berechnen können, wenn sie alle die verwickelten +verschiedenartigen Bewegungen der Erde mit ins Auge gefaßt hätten? Alle +ihre wunderbaren Schlüsse über den Abstand, das Gewicht, die Bewegungen +und Veränderungen der Himmelskörper sind nur auf der wahrnehmbaren +Bewegung der Gestirne rings um die unbewegliche Erde begründet, auf +der nämlichen Bewegung, die jetzt vor mir liegt und so gewesen ist für +Millionen von Menschen im Lauf von Jahrhunderten und stets sich gleich +bleiben wird, auch stets kontrolliert werden kann. Ebenso nun, wie die +Schlüsse der Astronomen müßig gewesen sein würden, wären sie nicht auf +den Beobachtungen des sichtbaren Himmels mit einem Meridian und einem +Horizont begründet, ebenso würden auch meine Schlüsse müßig sein, +wären sie nicht auf dem Begriff des Guten begründet, das für alle +stets vorhanden war und unangetastet bleiben wird, und, mir durch das +Christentum geoffenbart, in meiner Seele stets beglaubigt werden kann. +Die Fragen nach anderen Glaubensrichtungen und deren Beziehungen zur +Gottheit habe ich weder das Recht noch das Vermögen, zu entscheiden.« + +»Bist du nicht heimgegangen?« erklang plötzlich die Stimme Kitys, die +auf demselben Wege nach dem Salon ging. »Was sagst du, bist du nicht +bei Laune?« sprach sie, ihm aufmerksam beim Scheine der Sterne ins +Gesicht blickend. Sie würde dieses aber nicht genau erkannt haben, wenn +ihn nicht abermals ein Blitz, der die Sterne verdunkelte, beleuchtet +hätte. Bei dem Schein desselben gewahrte sie sein Antlitz und lächelte, +nachdem sie bemerkt hatte, daß es ruhig und froh erschien. + +»Sie versteht,« dachte er, »sie weiß woran ich denke. Soll ich es ihr +sagen oder nicht? Ja, ich sage es ihr.« + +Doch gerade im Augenblick, als er zu sprechen beginnen wollte, ergriff +auch sie das Wort. + +»Mein Konstantin, thu' mir doch den Gefallen,« sagte sie, »und gehe +nach dem Eckzimmer, um nachzusehen, ob für Sergey Iwanowitsch alles in +Ordnung gebracht ist. Für mich ist das nicht recht schicklich. Hat man +ein neues Waschbecken hineingestellt?« + +»Gut, ich werde sofort gehen,« sagte Lewin, indem er aufstand und sie +küßte. »Nein, ich brauche nicht zu reden,« dachte er, während sie ihm +voranschritt. »Dies ist ein Geheimnis, das nur für mich war, wichtig +und nicht in Worten auszudrücken. Dieses neue Gefühl hat mich nicht +verraten, nicht des Glückes beraubt, mich nicht plötzlich erleuchtet, +wie ich geträumt hatte -- ebensowenig wie die Empfindung für meinen +Sohn. Es war auch keine Überraschung dabei. Ist dies nun der Glaube, +oder ist er es nicht, ich weiß nicht, was es ist, aber es ist mir +unmerklich in meinen Leiden gekommen und hat sich in meiner Seele fest +eingenistet. Ich werde noch immer so auf meinen Kutscher Iwan zornig +werden, werde noch so weiter disputieren, meine Gedanken rückhaltlos +aussprechen, es wird die heilige Mauer bestehen bleiben zwischen meiner +Seele und den anderen, selbst meinem Weibe, ich werde dieses auch +tadeln wegen seiner Furcht, und Reue darüber empfinden und werde nicht +mit dem Verstande begreifen, warum ich bete; aber ich werde beten und +mein Leben, mein ganzes Leben soll jetzt von allem unabhängig sein, +was sich mit mir ereignen kann; keine Minute desselben soll mehr +gedankenlos bleiben -- wie früher -- sondern die nicht anzuzweifelnde +Idee des Guten in sich tragen, die ich die Macht besitze, ihr +einzupflanzen.« + + _Ende_. + + * * * * * + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise +und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten. + +Die unterschiedlichen Schreibweisen der Vor- und Zunamen wurden +beibehalten, außer es handelt sich um offensichtliche Druckfehler. + +In der Fußnote [C] wurde der Punkt über dem Buchstaben z in [.z] in den +Worten [.z]yda und do[.z]idalsja geändert. + +Gesperrter Text wurde mit Unterstrich markiert (_Text_). Text in Antiqua +wurde mit Gleichheitszeichen markiert (=text=). + +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + + S. 10: aller Gebräuche beharrte -> beharrten + S. 11: mit seiner, auf der -> dem + S. 16: versetzte Lewin und befahl Kuzma -> Kusma + S. 17: Fonds des Ikonastas -> Ikonostas + S. 28: sie so verweint -> verweint aus + S. 30: deswegen wird der Mensch -> »deswegen + S. 30: »Jesu freue dich« ausführte -> ausführten + S. 35: einem zärtlichen langem -> langen + S. 38: das Böse, daß -> das sie + S. 40: klammerte er sich an jeder -> jede + S. 50: um es zu berechnen -> brechen + S. 51: aber seine Lippen fibrierten -> vibrierten + S. 52: haben, was sie sah -> sahen + S. 53: noch nicht angeschlagenes. -> angeschlagenes.« + S. 53: die Einheit des Eindrucks. -> Eindrucks.« + S. 55: Standpunkte der Ueberzeugung -> Überzeugung + S. 67: Du hast da ein -> »Du + S. 67: sonst werde ich in -> »sonst + S. 69: sie beide in beständigen -> beständigem + S. 77: Gatten blickend, welchen -> welchem + S. 101: Ich thue das nicht von mir aus -> aus. + S. 102: Zeit in Petersburg verbereitet -> verbreitet + S. 110: welch ein herrlicher Tag ist -> »welch + S. 121: Sergey schaute mit erschreckten -> erschrecktem + S. 124: Sagt mirs doch, -> doch,« + S. 127: er diese wenige -> wenigen + S. 136: seine Mutter versetzten -> versetzte + S. 136: was der Mutter sogar -> so gar + S. 144: seiner Worte gar nicht zu verstehen -> verstehen. + S. 156: hübscher Zeitvertreib ist. -> ist.« + S. 160: aber er konnte -> könnte + S. 169: »Ich werde jetzt -> Ich + S. 185: daß er in meinem -> »daß + S. 186: in der Luft drehend, Krack -> Krak + S. 192: bei der Ankunft witterte Krack -> Krak + S. 192: in welches Krack -> Krak + S. 193: Eine Bekasse machte sich -> Bekassine + S. 197: Wjeslowskij, der wolgemut -> wohlgemut + S. 205: nur aus Prinzip nicht? -> nicht?« + S. 208: ihm mit schnellen, leichten -> schnellem, leichtem + S. 211: nicht erfahren, wo sie sind. -> sind.« + S. 211: stell', mein Laska, stell'! -> stell, mein Laska, stell! + S. 213: Maria Wlasjewna -> Marja + S. 225: sehr recht die Lewin hatte -> hatten + S. 227: an der Krippe -> in der Krippe + S. 228: mich ereifernd, schaltend -> scheltend + S. 230: Sensendängelns -> Sensendengelns + S. 237: in nichts verändert worden, -> worden. + S. 241: Die Ani? -> Any + S. 242: yes, mylady! -> »yes + S. 244: Il est très-gentil -> très gentil + S. 245: au breakfeast -> breakfast + S. 245: Lown tennis -> Lawn tennis + S. 255: Gerade als ob sie -> »Gerade + S. 259: die Plinte -> Plinthe + S. 269: Ich sehe nur -> »Ich + S. 275: wenn er zurückkehren -> wann er zurückkehren + S. 281: wie im kleinen Sale -> Saale + S. 287: welches ihr liebes Enkelchen -> welche + S. 289: neben ihm saß -> der neben ihm saß + S. 293: sagte Swijashskiy -> Swijashskiy. + S. 304: Unterhaltungen mit der Fürstin Barbara -> Barbara, + S. 310: in einer Weise, das -> daß + S. 313: doch nicht darüber, das -> daß + S. 314: frug Lewin.« -> Lewin. + S. 315: und für den Wagen Katarina -> Katharina + S. 320: nach dem Metroff -> nachdem + S. 321: Verse des Dichters Mcnt -> Ment + S. 324: mit den Knaben -> »mit + S. 329: plötzlichen Tode der Arpaksin -> Apraksina + S. 331: verursachte, die Galoschen -> Kaloschen + S. 336: etwas Witziges zu sagen.« -> sagen. + S. 338: Solltet Ihr? -> Ihr! + S. 338: Lewin spielst du?« -> du? + S. 345: Graf Aleksey Kyrillowitsch -> Kyrillowitsch« + S. 349: warum sie ihn gebeten -> worum + S. 350: waren endgiltig entschieden -> endgültig + S. 364: Arzt, welche eine -> welcher + S. 366: Antlitz Kitys mit den -> dem + S. 371: sagte Lisebetha Petrowna -> Lisabetha + S. 372: welche er nun eine Attake -> Attacke + S. 373: las Aleksey Alesandrowitsch -> Aleksandrowitsch + S. 375: Die moskauer -> Moskauer + S. 382: das sind die Passagiere; -> Passagiere. + S. 382: voll Wemut -> Wehmut + S. 382: schlug, purporrot werdend -> purpurrot + S. 387: zu der Gräfin Lydia Iwanowna. -> Iwanowna.« + S. 388: zu ihrem Sohne gemacht hat. -> hat.« + S. 389: hat er die Stimme gehört, -> gehört,« + S. 390: warum es sich handelte -> worum + S. 402: Aber wenn -> wann + S. 402: Wenn wir reisen -> Wann + S. 404: ohne seine finstere -> finster + S. 404: daß er schlimmer -> »daß + S. 405: ich nicht gestorben? -> gestorben?« + S. 405: sie mußte sterben«. -> sterben.« + S. 406: auf welcher -> welchen + S. 406: gerade sein Beafsteak -> Beefsteak + S. 407: versprach er einen entgültigen -> endgültigen + S. 407: dachte sie dabe -> dabei + S. 410: Wenn reist Ihr -> Wann + S. 415: in lilafarbigen Hut -> im + S. 418: frisiert, aber wenn -> wann + S. 418: nicht erinnern, wenn -> wann + S. 418: Wie konnte er nur -> »Wie + S. 426: Das ist Gerechtigkeit! -> Gerechtigkeit!« + S. 427: auf der Strecke Nishnegorod -> Nishegorod + S. 428: mit selbst -> mit sich selbst + S. 429: aber nun unaufenthaltsam -> unaufhaltsam + S. 430: Stationsgebäude der Nishnegoroder -> Nishegoroder + S. 432: anders, als solche klägliche -> kläglichen + S. 439: folgte ein tötliches -> tödliches + S. 440: Speechs -> Speeches + S. 447: gegen wenn -> wen + S. 447: als vorzügliche Bursche -> Burschen + S. 449: unter dem Eisenbahnzug -> den + S. 455: Man muß es hübsch -> »Man + S. 455: Es weiß es ja -> Er + S. 460: solchen neuen zu vertauscht -> solchen neuen vertauscht + S. 465: aufzugeben, ebenso -> ebensowenig + S. 470: 13. -> 12. + S. 471: daß es ihn ganz -> ihm + S. 473: fordert, das man alle -> daß + S. 476: Was ist der Erlöser?« -> Erlöser? + S. 476: sich schauend -> scheuend + S. 477: Wagen mit den -> dem + S. 483: darüber gegeben hat. -> hat.« + S. 483: warum es sich handelt -> worum + S. 495: unter dem Köpfchen -> Köpfchen, + S. 496: so wohlkannten Sternendreieck -> wohlbekannten + + + + + +End of Project Gutenberg's Anna Karenina, 2. Band, by Leo N. Tolstoi + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44957 *** |
