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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44957 ***
+
+ Anna Karenina.
+
+
+ Roman aus dem Russischen
+
+ des
+
+ Grafen Leo N. Tolstoi.
+
+
+
+ Nach der siebenten Auflage übersetzt
+
+ von
+
+ Hans Moser.
+
+
+ Zweiter Band.
+
+
+
+ Leipzig
+
+ Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ Fünfter Teil.
+
+ 1.
+
+
+Die Fürstin Schtscherbazkaja fand, daß es unmöglich sei, die Hochzeit
+vor den Fasten, bis zu denen noch fünf Wochen waren, zu feiern, da die
+eine Hälfte der Ausstattung bis dahin nicht fertig zu stellen war;
+doch konnte sie nicht umhin, sich mit Lewin einverstanden zu erklären,
+daß es nach den Fasten wieder viel zu spät werden würde, da eine alte
+Tante des Fürsten Schtscherbazkiy sehr krank war und bald sterben
+konnte, und alsdann die Trauer die Hochzeit noch weiter verzögert
+haben würde. Die Fürstin erklärte sich infolge dessen, nachdem sie die
+Mitgift in zwei Partieen -- eine große und eine kleine geteilt hatte,
+damit einverstanden, daß die Hochzeit zu den Fasten gefeiert würde. Sie
+beschloß den kleineren Teil der Mitgift schon jetzt bereit zu machen,
+während der größere später folgen würde, und war sehr erbost über
+Lewin, weil dieser ihr durchaus nicht ernsthaft zu antworten vermochte,
+ob er hiermit einverstanden sei oder nicht. Diese Ordnung der Dinge war
+um so bequemer, als die jungen Eheleute sogleich nach der Hochzeit auf
+das Land gingen, wo die große Mitgift gar nicht erforderlich war.
+
+Lewin befand sich noch immer in jenem Zustande der Verzücktheit, in
+welchem es ihm schien, als ob er und sein Glück den hauptsächlichsten
+und einzigen Zweck alles Seienden bildete, daß er jetzt an nichts
+denken, für nichts sorgen dürfe, daß vielmehr alles für ihn von anderen
+gemacht wurde oder gemacht werden würde. Er hatte durchaus keine Pläne
+oder Ziele für sein zukünftiges Leben, sondern gab die Entscheidung
+hierüber anderen anheim in der Überzeugung, es werde schon alles gut
+gehen. Sein Bruder Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch und die
+Fürstin leiteten ihn an, was er zu thun habe, und er war vollständig
+einverstanden mit allem, was man ihm vorschlug. Sein Bruder nahm Geld
+für ihn auf, die Fürstin riet, nach der Hochzeit Moskau zu verlassen,
+Stefan Arkadjewitsch riet, eine Hochzeitsreise ins Ausland zu machen.
+Er war mit allem einverstanden. »Thut was Ihr wollt, wenn es Euch
+Vergnügen macht. Ich bin glücklich, und mein Glück kann nicht größer
+sein und nicht kleiner, was immer Ihr auch thun möget,« dachte er.
+
+Als er Kity den Rat Stefan Arkadjewitschs mitteilte, eine
+Hochzeitsreise ins Ausland zu machen, wunderte er sich sehr, daß sie
+damit nicht einverstanden war, sondern bezüglich des beiderseitigen
+künftigen Lebens gewisse eigene bestimmte Forderungen stellte. Sie
+wußte, daß Lewin seine Beschäftigung auf dem Lande hatte, die er
+liebte. Sie verstand, wie er sah, nicht nur nichts hiervon, sondern
+wollte auch gar nichts davon verstehen lernen, doch hinderte sie dies
+nicht, jene Beschäftigung für sehr wichtig zu halten. Sie wußte ferner,
+daß ihr Haus in einem Dorfe stand, und wünschte nun eben, nicht ins
+Ausland zu fahren, wo sie ja nicht leben würde, sondern dorthin, wo
+ihr Haus stand. Dieser bestimmt ausgeprägte Entschluß setzte Lewin
+in Verwunderung, doch da ihm alles gleichgültig war, bat er sogleich
+Stefan Arkadjewitsch, als ob dies dessen Verpflichtung wäre, auf das
+Dorf zu fahren und dort alles vorzubereiten, wie er es verstünde, mit
+jenem Geschmack, den er in so reichem Maße besäße.
+
+»Höre einmal,« sagte nun eines Tags Stefan Arkadjewitsch zu Lewin,
+-- vom Dorfe zurückgekommen, woselbst er alles für die Ankunft des
+jungen Paares eingerichtet hatte -- »hast du denn ein Zeugnis, daß du
+gebeichtet hast?«
+
+»Nein. Warum?«
+
+»Ohne dies wirst du nicht getraut!«
+
+»O, o, o,« rief Lewin aus; »ich habe ja schon seit neun Jahren keine
+Fasten mehr innegehalten. Daran habe ich gar nicht gedacht!«
+
+»Du bist mir Einer,« lachte Stefan Arkadjewitsch, »und mich willst
+du einen Nihilisten nennen! Aber das geht wirklich nicht -- du mußt
+fasten.«
+
+»Wann denn? Es sind noch vier Tage übrig.«
+
+Stefan Arkadjewitsch ordnete auch dies, und Lewin begann zu fasten.
+Für ihn, als einen Häretiker, der aber gleichwohl den Glauben anderer
+achtete, war die Gegenwart und Teilnahme bei jeder Art von kirchlichen
+Ceremonien sehr lästig. Jetzt, in seiner allen gegenüber gefühlvollen,
+weichen Seelenstimmung, in der er sich befand, war dieser Zwang zu
+heucheln, Lewin nicht nur lästig, er schien ihm vielmehr vollständig
+undurchführbar. Jetzt, in seiner vollen Mannhaftigkeit und Blüte sollte
+er entweder lügen oder spotten! Er fühlte sich nicht in der Lage, eines
+von beiden zu thun, aber soviel er Stefan Arkadjewitsch auch anliegen
+mochte, ob er nicht ein Zeugnis erhalten könne, ohne gefastet zu haben,
+Stefan Arkadjewitsch erklärte, dies sei unmöglich.
+
+»Und was kann es dir darauf ankommen -- zwei Tage? Er ist ein so
+lieber, verständiger Geistlicher und wird dir diesen Zahn ausziehen,
+daß du es gar nicht gewahr wirst.«
+
+In der ersten Messe machte Lewin den Versuch, in sich die Erinnerungen
+an seine Jünglingszeit und jene mächtigen religiösen Gefühlsregungen
+wieder aufzufrischen, die er in seinem sechzehnten und siebzehnten
+Jahre durchlebt hatte. Doch alsbald überzeugte er sich, daß ihm dies
+vollständig unmöglich war. Er versuchte nun, auf alles das zu blicken,
+wie auf eine eitle Sitte, die keine innere Bedeutung besaß, und
+Ähnlichkeit mit der Sitte des Visitemachens hatte, empfand aber, daß
+er auch dies durchaus nicht über sich gewann. Lewin befand sich der
+Religion gegenüber, wie die Mehrzahl seiner Altersgenossen, auf einem
+vollständig unbestimmten Standpunkt. Glauben konnte er nicht, war aber
+bei alledem doch nicht fest überzeugt davon, daß alles Glauben unwahr
+sei, und so empfand er denn -- weder imstande, an die Bedeutsamkeit
+dessen zu glauben, was er that, noch fähig, gleichgültig darauf zu
+schauen, wie auf eine leere Formalität -- während der ganzen Zeit
+dieser Fasten ein Gefühl von Unbehagen und Scham, indem er that, was
+er selbst nicht verstand und was, wie ihm eine innere Stimme sagte,
+gewissermaßen irrig und nicht gut war.
+
+Während der Kirchenfeier lauschte er bald den Gebeten und bemühte sich,
+ihnen eine Bedeutung beizulegen, die mit seinen Anschauungen nicht
+in Konflikt geriet, bald suchte er, in der Empfindung, daß er nichts
+verstehen könne und sie verwerfen müsse, die Gebete nicht zu hören und
+beschäftigte sich mit seinen Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen,
+die mit außerordentlicher Lebhaftigkeit während dieses müßigen Stehens
+in der Kirche in seinem Kopfe durcheinandergingen.
+
+Er hörte die ganze Messe, die Vigilien und am andern Tage, zeitiger als
+sonst aufgestanden, begab er sich, ohne den Thee genommen zu haben,
+um acht Uhr morgens wieder in die Kirche, um die Frühgebete und die
+Beichte zu hören.
+
+In der Kirche befand sich nur ein armer Soldat, zwei alte Weiber und
+die Kirchendiener.
+
+Ein junger Diakonus, dessen langer Rücken sich in zwei Hälften
+scharf unter dem dünnen Leibrock abhob, trat ihm entgegen und begann
+sogleich, zu einem kleinen Tischchen an der Wand tretend, zu lesen.
+An der Art seines Lesens, besonders an der häufigen und schnell
+aufeinanderfolgenden Wiederholung der nämlichen Worte »Herr erbarme
+dich unser«, die von der Hast völlig entstellt klangen, fühlte Lewin,
+wie ihr Sinn für diesen Mann verschlossen und versiegelt war, fühlte
+aber auch, daß es sich nicht zieme, jetzt daran zu rühren, da hieraus
+nur eine Verwickelung entstehen konnte -- und so fuhr er fort, hinter
+dem Geistlichen stehend, ohne ihn zu hören oder sich in ihn zu
+versenken, an seine eigenen Angelegenheiten zu denken.
+
+»Es liegt wunderbar viel Ausdruck in ihrer Hand,« dachte er, sich
+vergegenwärtigend, wie sie gestern beide am Ecktisch gesessen hatten.
+Zu sprechen hatten sie wenig miteinander gehabt, wie das fast stets
+während dieser Zeit ist; sie hatte, nur die Hand auf den Tisch legend,
+diese geöffnet und geschlossen und dazu gelacht, indem sie auf ihre
+Bewegung blickte. Er dachte daran, wie er die Hand geküßt und dann die
+ineinanderlaufenden Linien auf der rosigen Handfläche betrachtet hatte.
+
+»Wieder das entstellte >Herr erbarm dich<,« dachte Lewin, sich
+bekreuzend, verbeugend und auf die geschmeidige Bewegung des Rückens
+des sich beugenden Diakonus schauend. »Sie nahm darauf meine Hand und
+betrachtete die Linien; >du hast eine schöne Hand<, hatte sie gesagt«
+und er schaute auf seine Hand und auf die kurze Hand des Diakonus. »Ja,
+nun ist es bald zu Ende,« dachte er, »nein, es scheint wieder von vorn
+anzufangen,« dachte er, den Gebeten lauschend; »doch, es ist zu Ende,
+da neigt er sich schon bis zur Erde, das ist stets erst zuletzt der
+Fall.«
+
+Diskret mit der Hand unter dem Plüschaufschlag ein Dreirubelpapier
+in Empfang nehmend, sagte der Diakon, er werde nun registrieren
+und schritt mit seinen neuen Stiefeln schnell und hallend über die
+Steinplatten der leeren Kirche zum Altar. Nach Verlauf einer Minute
+schaute er von dort wieder zurück und winkte Lewin. Der Gedanke,
+welchen dieser bisher in sich verschlossen gehabt, regte sich jetzt
+wieder in seinem Hirn, doch bestrebte er sich sogleich, ihn von sich zu
+weisen.
+
+»Es wird sich schon machen,« dachte er und schritt zu dem Altar.
+Er stieg die Stufen empor und erblickte, sich rechts wendend, den
+Geistlichen. Der greise Priester mit spärlichem, halbergrautem Bart und
+mattem gutmütigem Blick stand und blätterte in der Agende. Nachdem er
+Lewin leicht gegrüßt hatte, begann er mit der gewohnten Stimme sogleich
+die Gebete zu lesen. Als er hiermit zu Ende war, neigte er sich bis zur
+Erde und wandte sich hierauf mit dem Gesicht nach Lewin.
+
+»Christus steht unsichtbar hier und nimmt Eure Beichte entgegen,«
+sprach er, auf das Kruzifix deutend. »Glaubet Ihr an alles, was uns
+die heilige apostolische Kirche lehrt?« fuhr der Geistliche fort, die
+Augen von Lewins Gesicht wegwendend und die Arme auf sein Epitrachelion
+legend.
+
+»Ich habe gezweifelt und zweifle noch an allem,« sagte Lewin mit einer
+Stimme, die ihm selbst unangenehm war, und schwieg dann.
+
+Der Geistliche wartete einige Sekunden, ob Lewin nicht noch etwas
+Weiteres sagen würde, und sprach dann, die Augen schließend, in
+schnellem wladimirschen o-Dialekt:
+
+»Die Zweifel sind der menschlichen Schwachheit eigen, aber wir müssen
+beten, auf daß der barmherzige Gott uns stärke. Was für besondere
+Sünden habt Ihr auf Eurem Gewissen?« fügte er hinzu, ohne die geringste
+Pause dabei zu machen, und gleichsam, als wollte er keine Zeit
+verlieren.
+
+»Meine vornehmste Sünde ist mein Zweifeln. Ich zweifle an allem, ich
+befinde mich größtenteils nur in Zweifeln.«
+
+»Der Zweifel ist der menschlichen Schwäche eigen,« wiederholte
+der Geistliche mit den nämlichen Worten, »aber woran zweifelt Ihr
+vornehmlich?«
+
+»An allem. Ich zweifle bisweilen selbst an Gottes Dasein,« antwortete
+Lewin unwillkürlich, und erschrak über das Unziemliche dessen, was er
+gesprochen hatte.
+
+Auf den Geistlichen machten indessen, wie es schien, die Worte Lewins
+keinen Eindruck.
+
+»Welche Zweifel können wohl über Gottes Dasein walten?« sagte er
+schnell und mit kaum merklichem Lächeln.
+
+Lewin schwieg.
+
+»Welchen Zweifel könnt Ihr an dem Weltenschöpfer haben, wenn Ihr seine
+Werke schaut?« fuhr der Priester in schneller, gewohnheitsmäßiger
+Sprache fort. »Wer hat den Himmelsdom mit Sternen geschmückt? Wer hat
+die Welt in ihrer Schönheit gekleidet? Wie sollte das ohne den Schöpfer
+möglich gewesen sein?« sprach er, fragend auf Lewin schauend.
+
+Dieser fühlte, daß es unschicklich gewesen wäre, einen philosophischen
+Wortwechsel mit dem Geistlichen zu beginnen und gab deshalb zur Antwort
+nur, was sich auf die Frage selbst bezog.
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Ihr wißt es nicht? Aber wie könnt Ihr dann daran zweifeln, daß Gott
+alles geschaffen hat?« versetzte heiter-bedenklich der Geistliche.
+
+»Ich begreife nichts,« antwortete Lewin errötend, und im Gefühl, daß
+seine Worte thöricht waren und in dieser Situation thöricht sein mußten.
+
+»Betet zu Gott und bittet ihn. Auch die Kirchenväter haben gezweifelt
+und Gott gebeten um Stärkung ihres Glaubens. Der Teufel hat gar große
+Macht und wir dürfen uns ihm nicht überliefern. Betet zu Gott und
+bittet ihn. Betet zu Gott,« -- wiederholte der Geistliche und schwieg
+hierauf einige Zeit, als sei er in Nachdenken versunken. »Wie ich
+vernommen habe, bereitet Ihr Euch vor, in den Ehebund mit der Tochter
+meines Pfarrbefohlenen und Beichtkindes, des Fürsten Schtscherbazkiy zu
+treten?« frug er lächelnd, »das ist eine herrliche Jungfrau!«
+
+»Ja,« antwortete Lewin, über den Geistlichen errötend; »wozu brauchte
+derselbe bei der Beichte hiernach zu fragen?« dachte er bei sich.
+
+Als ob der Geistliche diesen Gedanken beantworten wollte, sagte er
+zu Lewin: »Ihr bereitet Euch vor, in den Stand der heiligen Ehe zu
+treten, und Gott kann Euch mit Nachkommenschaft segnen, nicht so?
+Welche Erziehung könnt Ihr alsdann Euren Kindlein geben, wenn Ihr
+selbst in Euch nicht die Versuchung des Teufels besiegen wollt, der
+Euch zum Unglauben verleitet?« frug der Geistliche mit sanftem Vorwurf.
+»Wenn Ihr Euer Kind liebt, so werdet Ihr, als ein guter Vater, nicht
+nur Reichtum, Überfluß und Würden Eurem Kinde wünschen; Ihr werdet
+auch sein Heil wünschen, seine geistige Erleuchtung durch das Licht
+der Wahrheit. Ist es nicht so? Was werdet Ihr antworten, wenn das
+unschuldige Kindlein Euch frägt, Vater, wer hat das alles geschaffen,
+das mich in dieser Welt so sehr ergötzt, Erde, Wasser, Sonne, Blumen
+und Gräser? Solltet Ihr ihm antworten wollen, ich weiß es nicht?
+Ihr müßt es wissen, da Gott der Herr in seiner hohen Gnade es Euch
+geoffenbart haben wird. Oder wenn Euer Kind Euch früge >was erwartet
+mich im ewigen Leben?< Was werdet Ihr ihm da antworten, wenn Ihr nichts
+wißt? Wie wollt Ihr ihm einen Bescheid geben? Werdet Ihr ihm den Reiz
+der Welt und des Teufels zeigen? Das wäre nicht gut,« sagte er und
+hielt inne, das Haupt auf die Seite neigend und Lewin mit guten sanften
+Augen anschauend.
+
+Dieser antwortete jetzt nicht; nicht deswegen, weil er etwa nicht in
+einen Streit mit dem Geistlichen hätte kommen mögen, sondern, weil ihm
+noch niemand derartige Fragen gestellt hatte, und er, wenn erst einmal
+Nachkommen sie ihm stellen würden, noch Zeit genug hatte, darüber
+nachzudenken, was er dann antworten wollte.
+
+»Ihr tretet ein in diejenige Zeit Eures Lebens,« fuhr der Geistliche
+fort, »da es nötig ist, einen Weg zu wählen und sich auf demselben zu
+halten. Betet zu Gott, damit er in seiner Güte Euch helfe und sich
+Eurer erbarme,« schloß er. »Unser Herr und Gott Jesus Christus in
+seiner göttlichen Gnade und Milde, seiner Liebe zu den Menschen vergebe
+dir mein Sohn!« und das Sühnegebet beendend, segnete ihn der Priester
+und entließ ihn.
+
+Als Lewin an diesem Tage heimgekehrt war, empfand er ein freudiges
+Gefühl darüber, daß diese peinliche Lage nun ihr Ende erreicht hatte,
+so erreicht, daß er nicht hatte zur Lüge greifen müssen. Daneben aber
+war in ihm auch eine unklare Erinnerung davon zurückgeblieben, daß das,
+was jener gute und liebenswerte Greis gesagt hatte, durchaus nicht so
+dumm gewesen war, als es ihm anfänglich geschienen, und daß es etwas
+hierbei gebe, was der Aufklärung bedürfe.
+
+»Natürlich nicht jetzt,« dachte Lewin, »aber später einmal.« Lewin
+fühlte jetzt mehr, als früher, daß in seiner Seele etwas unklar und
+unrein sei, und daß er sich in Bezug auf die Religion in der nämlichen
+Lage befinde, die er so klar bei andern erkannt und nicht eben gern
+gesehen hatte, wegen deren er seinem Freunde Swijashskiy Vorwürfe
+gemacht.
+
+Lewin war, den Abend mit seiner Braut bei Dolly verbringend, ausnehmend
+heiter, und sagte, als er Stefan Arkadjewitsch von der gährenden
+Gemütsverfassung Mitteilung machte, in der er sich befand, daß er sich
+wohl befinde wie ein Hund, den man durch den Reifen zu springen gelehrt
+habe und der nun, nachdem er endlich begriffen und ausgeführt hat, was
+von ihm verlangt wurde, winselt, und schweifwedelnd vor Entzücken auf
+Tische und Fenster springt.
+
+
+ 2.
+
+Am Tage der Trauung bekam Lewin nach der üblichen Sitte -- auf
+der Beobachtung aller Gebräuche beharrten die Fürstin und Darja
+Aleksandrowna streng -- seine Braut nicht zu sehen und speiste im
+Hotel wo er wohnte, zusammen mit drei Junggesellen, die sich zufällig
+gefunden hatten; Sergey Iwanowitsch, Katawasoff, ein Universitätsfreund
+und nunmehriger Professor der Naturwissenschaften, den Lewin auf der
+Straße getroffen und mit sich genommen hatte, und Tschirikoff, ein
+Moskauer Friedensrichter und Gefährte Lewins auf der Bärenjagd.
+
+Beim Diner ging es sehr heiter zu. Sergey Iwanowitsch war in
+aufgeräumtester Stimmung und trieb seine Kurzweil mit Katawasoffs
+Eigentümlichkeit. Katawasoff, welcher fühlte, daß seine Originalität
+geschätzt und verstanden werde, kokettierte mit derselben und
+Tschirikoff unterstützte die allgemeine Unterhaltung in seiner heiteren
+und gutmütigen Art.
+
+»Da haben wir es ja,« sagte Katawasoff mit seiner, auf dem Katheder
+angenommenen Art, die Worte zu dehnen, »welch ein tüchtiger Bursch
+unser Freund Konstantin Dmitritsch ist. Ich spreche von dem Abwesenden
+natürlich, denn er ist schon gar nicht mehr hier. Erst liebte er die
+Wissenschaft, und nach seinem Abschied von der Universität pflegte
+er menschliche Interessen; jetzt verwendet er die eine Hälfte seiner
+Fähigkeiten darauf, sich selbst zu betrügen, und die andere -- um
+diesen Betrug zu rechtfertigen.«
+
+»Einen entschiedeneren Feind des Heiratens, als Euch, habe ich noch
+nicht gesehen,« sagte Sergey Iwanowitsch.
+
+»O nein; ich bin kein Feind davon; ich bin vielmehr ein Freund der
+Arbeitsteilung. Die Menschen, welche selbst nichts fertig bringen
+können, müssen Menschen hervorbringen, und die übrigen -- müssen zu
+deren Aufklärung und Beglückung wirken. So fasse ich die Sache auf. Für
+die Mischung dieser beiden Berufszweige giebt es ja eine Unmasse von
+Liebhabern, ich aber gehöre nicht unter die Zahl derselben.«
+
+»Wie glücklich würde ich sein, wenn ich einmal erführe, daß Ihr Euch
+verliebt hättet,« sagte Lewin, »ladet mich nur ja zur Hochzeit ein!«
+
+»Ich bin schon verliebt.«
+
+»Ja, ja, vielleicht in einen Tintenfisch. Du weißt doch,« wandte sich
+Lewin an seinen Bruder, »daß Michail Ssemionowitsch ein Werk über
+Ernährung schreibt und« --
+
+»Nun; nur nichts durcheinanderbringen! Das ist doch ganz gleich. Es
+handelt sich jetzt nur darum, daß ich wirklich einen Tintenfisch lieben
+soll.«
+
+»Das hindert Euch aber nicht, auch ein Weib zu lieben.«
+
+»Er nicht, aber das Weib hindert.«
+
+»Inwiefern denn.«
+
+»Ihr werdet es schon noch sehen. Ihr liebt das Landleben, die Jagd --
+paßt nur auf!«
+
+»Archip war heute hier und meldete, daß eine Masse Elentiere in Prudno
+wären, und zwei Bären,« sagte jetzt Tschirikoff.
+
+»Nun; die müßt Ihr schon ohne mich fangen.«
+
+»Ganz richtig,« sagte Sergey Iwanowitsch, »empfehle dich nur gleich
+von vornherein der Bärenjagd -- deine Frau wird dich nicht mehr
+fortlassen.«
+
+Lewin lächelte. Der Gedanke, daß seine Frau ihn nicht mehr zur
+Bärenjagd lassen würde, war ihm so angenehm, daß er bereit war, dem
+Vergnügen, Bären zu sehen, für immer zu entsagen.
+
+»Aber es ist doch schade, daß diese beiden Bären ohne Euch erlegt
+werden. Besinnt Ihr Euch noch, das letzte Mal in Chapilowo? Das war
+eine wunderbare Jagd,« sagte Tschirikoff.
+
+Lewin wollte ihn nicht ernüchtern, indem er sagte, daß es auch ohne die
+Bärenjagd noch manches Schöne geben könne und antwortete daher nicht.
+
+»Nicht unnützerweise hat sich diese Sitte des Abschiednehmens vom
+Junggesellenleben eingebürgert,« sagte Sergey Iwanowitsch, »wie
+glücklich du auch sein magst, schade ist es doch um die verlorene
+Freiheit. Gesteht nur, man hat dabei ein Gefühl wie der Gogolsche
+Bräutigam, daß man durch das Fenster hinausspringen möchte.«
+
+»Natürlich ist es so, aber er will es nur nicht zugeben,« sagte
+Katawasoff und brach in lautes Gelächter aus.
+
+»Was denn! Das Fenster ist ja noch geöffnet! Fahren wir sogleich nach
+Twjerj! Dort ist eine Bärin, zu der können wir ins Lager. Fahren wir
+mit dem Fünfuhrzug. Dort macht man was man will,« meinte Tschirikoff
+lächelnd.
+
+»Nun, bei Gott,« antwortete Lewin lächelnd, »ich kann in meinem Innern
+dieses Gefühl des Bedauerns über meine verlorne Freiheit nicht finden.«
+
+»Ja, in Eurer Seele ist jetzt aber auch ein solches Chaos, daß Ihr
+überhaupt nichts darin finden könnt,« sagte Katawasoff, »wartet nur,
+wenn Ihr erst ein klein wenig mit Euch ins klare gekommen sein werdet,
+dann werdet Ihr es schon finden.«
+
+»Nein, fühlte ich auch nur im geringsten, daß es außer meinem Gefühl,«
+-- von Liebe wollte er vor dem Freunde nicht reden, »noch ein Glück
+gäbe, dann wäre es schade, die Freiheit zu verlieren -- aber im
+Gegenteil, ich freue mich sogar über diesen Verlust meiner Freiheit!«
+
+»Schlimm! Ein hoffnungslos Verlorener!« sagte Katawasoff, »nun, trinken
+wir auf seine Genesung, oder wünschen wir ihm nur, daß wenigstens ein
+Hundertstel seiner Träume in Erfüllung gehe. Schon dies wird ein Glück
+werden, wie es nie auf der Erde existiert hat.«
+
+Bald nach dem Essen verabschiedeten sich die Gäste, um zur
+Hochzeitsfeier Toilette zu machen.
+
+Allein zurückgeblieben und sich die Gespräche dieser Hagestolze
+vergegenwärtigend, frug sich Lewin noch einmal, ob er denn wirklich
+dieses Gefühl des Bedauerns über den Verlust seiner Freiheit in der
+Seele habe, von dem sie gesprochen. Er lächelte bei dieser Frage.
+»Freiheit? Warum Freiheit? Das Glück besteht allein darin, daß man
+liebt, wünscht und denkt mit ihren Wünschen, ihren Gedanken, das heißt,
+ohne jede Freiheit -- dies ist das Glück! -- Aber kenne ich denn ihre
+Gedanken, ihre Wünsche, ihre Gefühle?« flüsterte ihm plötzlich eine
+Stimme zu. Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht und er versank
+in Nachdenken. Plötzlich hatte ihn eine seltsame Stimmung erfaßt,
+es überkam ihn Furcht und Zweifel -- ein Zweifel an allem. -- »Wie,
+wenn sie mich gar nicht liebte? Wie, wenn sie mich nur deswegen
+heiratete, um sich eben zu verheiraten? Oder, wenn sie gar selbst nicht
+wüßte, was sie thut?« frug er sich. »Sie kann zur Erkenntnis kommen
+und, kaum verheiratet erkennen, daß sie gar nicht liebt, mich nicht
+lieben kann?« Die seltsamsten und schlimmsten Ideen über sie begannen
+ihm aufzutauchen. Er war eifersüchtig auf sie gegen Wronskiy, wie
+ein Jahr zuvor; als ob jener Abend, an welchem er sie bei Wronskiy
+gesehen hatte, erst gestern gewesen wäre. Er argwöhnte, daß sie ihm
+nicht alles gesagt habe, und er sprang schnell auf. »Nein, so geht es
+nicht!« sprach er voll Verzweiflung zu sich. »Ich werde zu ihr gehen,
+sie fragen, und ein letztes Mal ihr sagen: Wir sind noch frei, ist es
+nicht besser, es zu bleiben? Es wäre dies doch besser, als ein ewiges
+Unglück, als Schande und Untreue!« Verzweiflung im Herzen und voll Zorn
+gegen die ganze Menschheit, auf sich und sie, verließ er das Hotel und
+fuhr zu ihr.
+
+Er traf sie in den Hinterzimmern. Sie saß auf einem Koffer und traf mit
+einer Dienerin Anordnungen, einen Haufen verschiedenartiger Kleider
+durchmusternd, welche auf den Rücklehnen der Stühle und auf dem
+Fußboden ausgebreitet lagen.
+
+»Ah!« rief sie, ihn erblickend, und ihr Gesicht erstrahlte vor Freude.
+»Wie kommst du -- wie kommt Ihr« -- bis zu diesem letzten Tage hatte
+sie bald »du«, bald »Ihr« zu ihm gesagt -- »das habe ich nicht
+erwartet. Ich mustere soeben meine Mädchenkleider, für wen das Eine
+oder Andere« --
+
+»Ach, sehr gut!« antwortete er düster, auf die Zofe blickend.
+
+»Geh hinaus, Dunjascha, ich werde dich dann rufen,« sagte Kity. »Was
+ist dir?« frug sie, ihn unbedenklich mit »du« ansprechend, sobald das
+Mädchen gegangen war. Sie bemerkte sein seltsames Gesicht, welches
+aufgeregt und düster aussah, und ein Schrecken befiel sie.
+
+»Kity; ich leide. Ich kann aber nicht allein leiden,« sprach er,
+Verzweiflung in der Stimme, blieb vor ihr stehen und schaute ihr
+beschwörend in die Augen. Er hatte schon an ihrem liebevollen,
+treuherzigen Gesicht gesehen, daß sich nichts aus dem ergeben werde,
+was er ihr zu sagen beabsichtigte, aber gleichwohl hatte er das
+Bedürfnis, von ihr selbst seine Zweifel zerstreut zu sehen. »Ich bin
+gekommen, dir zu sagen, daß es noch nicht zu spät ist, daß alles wieder
+aufgehoben und in das alte Geleis zurückgebracht werden kann.«
+
+»Was denn? Ich verstehe nichts. Was ist dir?«
+
+»Das was ich tausendmal gesagt habe und woran ich immer denken muß;
+das, daß ich deiner nicht wert bin. Du konntest nicht einwilligen,
+mich zum Manne zu nehmen. Bedenke es. Du hast einen Irrtum begangen.
+Überlege recht wohl! Du kannst mich nicht lieben! Wenn -- sage lieber«
+-- sprach er, ohne sie anzublicken. »Ich werde unglücklich sein. Mögen
+alle reden, was sie wollen, es ist besser so, als ein Unglück; es ist
+besser, jetzt zu sprechen, so lange es noch Zeit ist« --
+
+»Ich verstehe nicht,« antwortete sie erschreckt, »das heißt, du willst
+alles aufheben, daß es nicht mehr nötig sei?« --
+
+»Ja, wenn du mich nicht liebst.«
+
+»Du bist von Sinnen!« rief sie aus, vor Unwillen errötend. Aber sein
+Gesicht sah so kläglich aus, daß sie ihren Verdruß unterdrückte, und
+sich, die Kleider von einem Lehnstuhl werfend, ihm näher setzte. »Was
+denkst du eigentlich; sage mir alles!«
+
+»Ich denke, daß du mich nicht lieben kannst. Weshalb solltest du mich
+denn lieben können?«
+
+»Mein Gott, was soll ich anfangen?« sagte sie und brach in Thränen aus.
+
+»O, was habe ich gethan!« rief er jetzt und begann, vor ihr auf die
+Kniee niederfallend, ihre Hände zu küssen.
+
+Als fünf Minuten später die Fürstin in das Zimmer trat, fand sie die
+beiden schon vollständig beruhigt. Kity hatte ihm nicht nur versichert,
+daß sie ihn liebe, sondern ihm sogar, auf seine Frage antwortend,
+weshalb sie ihn denn liebe, erklärt, warum.
+
+Sie hatte ihm gesagt, daß sie ihn liebe, weil sie ihn ganz kenne, weil
+sie wisse, was er lieben müsse, und daß alles, was er liebe, stets
+gut sei. Und dies war ihm auch vollständig klar erschienen. Als die
+Fürstin bei ihnen eintrat, saßen sie beide nebeneinander auf dem Koffer
+und musterten Kleider, streitend, daß Kity jenes zimmetfarbene Kleid,
+welches sie getragen, als ihr Lewin seinen Antrag gemacht hatte, der
+Dunjascha geben wollte, während er darauf bestand, man dürfe dieses
+Kleid an niemand weggeben, sondern möge der Dunjascha das blaue
+schenken.
+
+»Aber verstehst du nicht? Sie ist doch brünett und dies wird ihr daher
+nicht stehen. Bei mir ist alles schon vorbedacht.«
+
+Als die Fürstin erfahren hatte, weshalb er gekommen sei, geriet sie
+halb im Scherz und halb im Ernst in Groll und schickte ihn wieder nach
+Hause, damit er sich ankleide und Kity bei der Toilette nicht störe, da
+Charles sogleich kommen würde.
+
+»Sie hat so schon während dieser ganzen Tage nicht gegessen und ist
+magerer geworden und du bringst sie nun mit deinen Thorheiten noch mehr
+aus der Fassung,« sagte sie zu ihm; »mach daß du fortkommst nach Hause,
+nach Hause mein Lieber.«
+
+Lewin kehrte verlegen und beschämt, aber beruhigt, nach seinem Hotel
+zurück. Sein Bruder, Darja Aleksandrowna und Stefan Arkadjewitsch, alle
+in voller Gesellschaftstoilette, erwarteten ihn schon, um ihn mit dem
+Heiligenbild zu segnen. Es war keine Zeit mehr zu verlieren.
+
+Darja Aleksandrowna mußte noch nach Hause zurückkehren, um ihren
+pomadisierten und frisierten Sohn zu holen, welcher das Heiligenbild
+mit der Braut tragen sollte. Dann mußte ein Wagen nach dem Brautführer
+gesandt werden und ein anderer, der Sergey Iwanowitsch fortbrachte,
+wieder hergeschickt werden. Überhaupt gab es sehr viele und verwickelte
+Überlegungen hierbei, und nur Eines war unzweifelhaft, daß nicht mehr
+gesäumt werden dürfe, da es bereits halb sieben Uhr war.
+
+Die Segnung mit dem Bilde hatte nichts weiter auf sich. Stefan
+Arkadjewitsch stellte sich in komisch-feierlicher Haltung neben seine
+Gattin, nahm das Heiligenbild, segnete Lewin, nachdem er diesem
+befohlen hatte, sich bis auf die Erde zu verbeugen, mit seinem
+gutmütigen und sarkastischen Lächeln und küßte ihn dreimal. Das
+Nämliche that Darja Aleksandrowna, die sich dann sogleich beeilte,
+abzufahren und abermals in das Arrangement der Bewegung der Wagen
+vertiefte.
+
+»Nun, so wollen wir es also machen: du fährst in unserem Wagen ihn
+abzuholen, und Sergey Iwanowitsch würde, wenn er die Güte haben wollte,
+vorausfahren, den Wagen aber zurückschicken.«
+
+»Gewiß, sehr gern.«
+
+»Wir aber können gleich mit ihm fahren. Sind die Kleider in Ordnung?«
+frug Stefan Arkadjewitsch.
+
+»Sie sind es,« versetzte Lewin und befahl Kusma, seinen Anzug zu
+bringen.
+
+
+ 3.
+
+Ein Haufe von Menschen, namentlich Weibern, umringte die zur
+Trauungsfeier erleuchtete Kirche. Diejenigen, welche nicht bis in die
+Mitte hatten vordringen können, drängten sich um die Kirchenfenster
+unter Stoßen und Streiten und schauten durch die Gitter.
+
+Mehr als zwanzig Wagen waren bereits von der Polizei die Straße
+entlang aufgestellt worden und der Polizeioffizier stand, die Kälte
+nicht achtend, in seiner glänzenden Uniform am Eingang. Unaufhörlich
+kamen noch weitere Equipagen angefahren und bald traten Damen in
+Blumenschmuck mit hochgenommenen Schleppen, bald Herren, das Käppi
+oder den schwarzen Hut abnehmend, in die Kirche ein. In dieser selbst
+waren die beiden Lustres und alle Kerzen vor den feststehenden
+Heiligenbildern bereits angezündet. Der goldige Schimmer auf dem roten
+Fonds des Ikonostas, das vergoldete Schnitzwerk an den Bildern und das
+Silber der Kronleuchter und Leuchter, die Steinplatten des Fußbodens
+mit den Teppichen, sowie die Banner oben über den Chören, die Stufen
+des Altars und die vom Alter schwarzgewordenen Kirchenbücher, die
+Leibröcke und Chorröcke, alles das war wie von Licht übergossen. Auf
+der rechten Seite der geheizten Kirche, in der Masse der Fracks und
+weißen Krawatten, der Uniformen und verschiedenen Stoff-, Samt- und
+Atlasroben, der Haarfrisuren und Blumen, der dekolletierten Schultern
+und Arme, und hohen Handschuhe summte ein verhaltenes, aber lebhaftes
+Gespräch, das seltsam in dem hohen Kuppelbau wiederhallte. Sobald
+das Kreischen der aufgehenden Kirchenthür ertönte, verstummte das
+Gespräch in dem Haufen und alles schaute auf in der Erwartung, den
+eintretenden Bräutigam und die Braut zu erblicken. Aber die Thür
+hatte sich schon mehr als zehnmal geöffnet, und immer war es nur ein
+verspäteter Geladener oder eine Geladene gewesen, die sich nun nach
+rechts dem Kreis der Gäste beigesellte, oder eine Zuschauerin, die den
+Polizeioffizier überlistet oder nachsichtig gestimmt hatte, und sich
+nun dem fremden Haufen links anschloß. Die Verwandten und Bekannten
+hatten schon die ganze Stufenleiter des Wartens durchlaufen.
+
+Anfangs glaubte man, daß der Bräutigam und die Braut in jedem
+Augenblick erscheinen müßten und schrieb der Verspätung keinerlei
+Bedeutung zu. Dann begann man öfter und öfter nach der Thür zu schauen,
+und davon zu sprechen, es möchte doch ja nichts vorgefallen sein. Dann
+wurde die Verspätung schon peinlich und die Verwandten wie die Gäste
+gaben sich den Anschein, als ob sie gar nicht mehr an den Bräutigam
+dächten und ganz von ihrem Gespräch in Anspruch genommen seien.
+
+Der Protodiakonus räusperte sich ungeduldig, gleichsam zur Andeutung
+des Wertes seiner Zeit, und machte damit die Scheiben in den Fenstern
+klirren. Auf dem Chor wurden die Proben der Stimmen vernehmbar, dann
+das Schneuzen der sich langweilenden Chorsänger. Der Geistliche sandte
+fortwährend bald den Küster, bald den Diakonus nach Erkundigung fort,
+ob der Bräutigam noch nicht gekommen sei und ging sogar selbst in
+seinem lilafarbenen Priestergewand mit dem gestickten Gürtel, häufiger
+und häufiger zu den Seitenthüren, in der Erwartung des Bräutigams.
+
+Endlich sagte eine der Damen nach der Uhr blickend »das ist aber doch
+seltsam« und alle Trauzeugen gerieten in Unruhe und begannen laut
+ihre Verwunderung und ihr Mißvergnügen zu äußern. Einer der Herren
+fuhr wieder fort, sich zu erkundigen, was denn geschehen sei. Kity
+stand währenddem, schon lange fertig, im weißen Kleid, langen Schleier
+und Kranz von Pomeranzenblüte nebst der die Mutter und Schwester
+vertretenden Frau Lwoffs im Saale des Hauses der Schtscherbazkiy und
+blickte durch das Fenster, schon seit einer halben Stunde vergeblich
+die Benachrichtigung des Brautführers von der Ankunft des Bräutigams in
+der Kirche erwartend.
+
+Lewin indessen lief noch, zwar in den Beinkleidern, aber ohne Weste
+und Frack in seinem Zimmer auf und ab, unaufhörlich den Kopf zur Thür
+hinaussteckend und den Korridor entlang blickend. Auf dem Korridor
+jedoch wurde derjenige nicht sichtbar, den er erwartete, und voll
+Verzweiflung kehrte er, mit den Armen fuchtelnd wieder zurück und
+wandte sich an den ruhig rauchenden Stefan Arkadjewitsch.
+
+»Hat sich jemals wohl ein Mensch in einer gleich entsetzlichen und
+albernen Lage befunden?« sagte er.
+
+»Ja, es ist dumm,« bestätigte Stefan Arkadjewitsch, sanft lächelnd,
+»doch beruhige dich, man wird es sogleich bringen.«
+
+»Nein, sicherlich,« sagte Lewin mit verhaltener Wut, »und diese
+albernen ausgeschnittenen Westen! Unmöglich!« sagte er mit einem Blick
+auf den zerknitterten Brusteinsatz seines Oberhemds. »Und wie, wenn die
+Sachen schon zur Bahn wären?« rief er voll Verzweiflung.
+
+»Dann ziehst du ein Hemd von mir an!«
+
+»Das hätte aber schon längst geschehen sein müssen!«
+
+»Es ist allerdings nicht angenehm, lächerlich zu werden. Warte doch, es
+wird sich machen.«
+
+Die Sache lag so, daß als Lewin die Toilette befahl, Kusma, der alte
+Diener Lewins, den Frack, die Weste und alles was nötig war, brachte.
+
+»Und das Hemd?« rief Lewin.
+
+»Das habt Ihr ja schon an,« versetzte Kusma mit stoischem Lächeln.
+
+Kusma hatte nicht daran gedacht, ein frisches Hemd dazubehalten, und
+nachdem er den Befehl erhalten hatte, alles einzupacken und zu den
+Schtscherbazkiy zu bringen, von wo aus das junge Ehepaar noch am Abend
+abreisen wollte, that er also und packte alles ein außer einem Paar
+Fräcken.
+
+Das am Morgen angezogene Hemd war schon zerknittert, und ließ sich
+unmöglich unter der modernen offenstehenden Weste tragen. Zu den
+Schtscherbazkiy zu schicken, war es zu weit. Man schickte in ein
+Geschäft.
+
+Der Diener kam zurück: »Alles war geschlossen -- es ist Sonntag
+heute.« -- Man schickte nun zu Stefan Arkadjewitsch, ein Hemd kam,
+aber es war viel zu weit und kurz. Man schickte endlich doch zu den
+Schtscherbazkiy, um wieder auspacken zu lassen. Der Bräutigam wurde in
+der Kirche erwartet, und lief wie ein im Käfig eingekerkertes, wildes
+Tier im Zimmer umher, auf den Korridor hinausschauend und mit Entsetzen
+und Verzweiflung daran denkend, was er Kity sagen sollte und was diese
+jetzt denken mochte.
+
+Endlich flog der unglückliche Kusma, mit Mühe nach Atem ringend, mit
+dem Hemd in das Zimmer herein.
+
+»Ich habe sie gerade noch erwischt; die Sachen waren schon auf dem
+Fuhrwerk,« sagte er.
+
+Drei Minuten später stürzte Lewin, ohne nach der Uhr zu sehen, um seine
+Wunde nicht noch zu vergrößern, Hals über Kopf den Korridor entlang.
+
+»Damit kannst du nicht mehr viel helfen,« sagte Stefan Arkadjewitsch
+lächelnd, ihm hastig nachstrebend. »Es wird sich schon machen, es wird
+sich schon machen -- sage ich dir!«
+
+
+ 4.
+
+»Er ist da! -- Da ist er! Welcher ist es? Ist er nicht ziemlich jung?
+Und sie -- ja -- mehr tot als lebendig!« -- klang es in der Menge
+durcheinander, als Lewin, nachdem er seine Braut an der Einfahrt
+begrüßt hatte, mit dieser zusammen die Kirche betrat.
+
+Stefan Arkadjewitsch hatte seiner Gattin die Ursache der Verzögerung
+mitgeteilt, und die Trauzeugen zischelten nun lächelnd untereinander.
+Lewin sah und hörte nichts, er musterte nur unverwandten Blickes seine
+Braut.
+
+Alle sagten, daß sie in den letzten Tagen sehr abgenommen hätte, und im
+Kranze bei weitem nicht so gut aussah, wie gewöhnlich, aber Lewin fand
+dies nicht. Er schaute ihre hohe Frisur mit dem langen weißen Schleier
+und den weißen Blüten an, den hochstehenden gefalteten Kragen, der
+eigenartig jungfräulich von den Seiten und von vorn ihren schlanken
+Hals bedeckte und auf die überraschend enge Taille, und ihm schien,
+daß sie so schöner sei, als sie je gewesen, nicht deshalb, weil diese
+Blüten, dieser Schleier, dieses aus Paris verschriebene Kleid zu ihrer
+Schönheit noch etwas hätte hinzufügen können, sondern, weil trotz der
+künstlichen Pracht der Kleidung der Ausdruck ihres guten Gesichtchens,
+ihres Blickes, ihrer Lippen, immer der nämliche bei ihr geblieben war
+mit seiner unschuldigen Treuherzigkeit.
+
+»Ich dachte schon, du wolltest mir davonlaufen,« sagte sie lächelnd zu
+ihm.
+
+»Es war so thöricht, was sich mit mir zugetragen hat, daß ich es gar
+nicht erzählen kann,« antwortete er, errötend, mußte sich aber jetzt zu
+seinem an ihn herantretenden Bruder Sergey Iwanowitsch wenden.
+
+»Nicht übel, die Geschichte mit deinem Hemd,« sagte Sergey Iwanowitsch,
+lächelnd den Kopf schüttelnd.
+
+»Ja, ja,« versetzte Lewin, ohne zu verstehen, wovon man mit ihm sprach.
+
+»Nun, mein Konstantin, jetzt müssen wir,« sagte Stefan Arkadjewitsch
+mit scheinbar erschrecktem Gesicht, »eine wichtige Frage entscheiden.
+Du nur bist jetzt in der Verfassung, die ganze Bedeutung derselben zu
+ermessen. Man frägt mich, ob heruntergebrannte Kerzen angesteckt werden
+sollen, oder nicht heruntergebrannte? Der Unterschied macht zehn Rubel
+aus,« fügte er hinzu, die Lippen zu einem Lächeln kräuselnd, »ich habe
+entschieden, fürchte jedoch, daß du mir deine Einwilligung nicht geben
+wirst.«
+
+Lewin erkannte, daß dies ein Scherz sein sollte, aber er vermochte
+nicht zu lächeln.
+
+»Also wie? Nicht gebrannte oder heruntergebrannte? Das ist die Frage.«
+
+»Nun, nicht gebrannte.«
+
+»Nun, freut mich sehr. Die Frage ist entschieden,« sagte Stefan
+Arkadjewitsch lächelnd. »Aber wie thöricht doch die Menschen in einer
+solchen Situation werden,« fuhr er zu Tschirikoff gewendet fort,
+nachdem Lewin, ihn zerstreut anblickend, wieder zu seiner Braut
+getreten war.
+
+»Paß auf, Kity, du mußt also zuerst auf den Teppich treten,« sagte die
+Gräfin Nordstone herzukommend. »Wie stattlich Ihr ausseht,« wandte sie
+sich an Lewin.
+
+»Dir ist doch nicht ängstlich?« frug Marja Dmitrjewna, ihre alte Tante.
+
+»Ist dir nicht wohl? Du bist blaß. Halt, beuge dich ein wenig,« sagte
+die Lwowa, die Schwester Kitys, ihre vollen schönen Arme krümmend und
+lächelnd ihr die Blüten auf dem Haupte ordnend.
+
+Auch Dolly kam; sie wollte etwas sagen, konnte aber nichts
+herausbringen und begann zu weinen und unnatürlich zu lachen.
+
+Kity schaute alle mit den nämlichen abwesenden Blicken an, wie Lewin.
+Mittlerweile hatten die Kirchendiener ihren priesterlichen Schmuck
+angelegt und der Geistliche mit dem Diakonus traten zu dem Altar,
+welcher in der Vorhalle der Kirche stand. Der Geistliche wandte sich an
+Lewin und sagte zu diesem einige Worte. Lewin vernahm nicht, was der
+Priester gesagt hatte.
+
+»Nehmt Eure Braut an der Hand und führt sie,« sagte der Brautherr zu
+ihm.
+
+Lange Zeit konnte Lewin nicht verstehen, was man von ihm wollte. Man
+besserte lange an ihm herum und wollte schon die Hoffnung aufgeben --
+weil er stets nicht mit der richtigen Hand griff, oder den richtigen
+Arm nahm -- als er endlich erkannte, daß er mit der rechten Hand ohne
+seine eigene Stellung zu verändern, sie ebenfalls bei der rechten Hand
+zu nehmen hatte. Nachdem er endlich die Braut in der gehörigen Weise
+bei der Hand genommen hatte, ging der Priester einige Schritte vor
+und blieb auf der Altarerhöhung stehen. Die Schar der Verwandten und
+Bekannten in summendem Gespräch und unter dem Rauschen der Schleppen
+folgte ihnen; jemand beugte sich nieder und ordnete die Schleppe
+der Braut. In der Kirche wurde es so still, daß man das Fallen der
+Wachstropfen vernahm.
+
+Der alte Priester im Scheitelkäppchen mit seinen schimmernden,
+silbergrauen Haarlocken, die hinter den Ohren nach beiden Seiten
+geteilt waren, streckte die greisen kleinen Hände aus dem schweren
+silbernen und mit einem goldenen Kreuz auf dem Rücken geschmückten
+Gewand hervor und blätterte noch ein wenig auf dem Altar.
+
+Stefan Arkadjewitsch begab sich behutsam zu ihm hin und flüsterte ihm,
+nach Lewin hinblinzelnd etwas zu, worauf er wieder zurückkehrte.
+
+Der Geistliche zündete zwei mit Blumen geschmückte Kerzen an, indem er
+sie mit der linken Hand schräg hielt, sodaß das Wachs langsam von ihnen
+herniedertropfte und wandte sich zu den Neuvermählten. Der Geistliche
+war der nämliche, bei welchem Lewin gebeichtet hatte. Er schaute mit
+mattem, traurigen Blick auf Bräutigam und Braut, seufzte und segnete
+mit der Rechten, die er unter dem Priestergewand hervorstreckte, den
+Bräutigam, worauf er gleichfalls, aber mit einem Anschein hütender
+Zärtlichkeit, die Finger auf das geneigte Haupt Kitys legte. Er reichte
+hierauf beiden die Kerzen und verließ sie langsam, das Räucherfaß
+nehmend.
+
+»Ist es denn wahr?« dachte Lewin und blickte auf seine Braut. Wie von
+oben herab erschien ihm ihr Profil, und an einer kaum bemerkbaren
+Bewegung ihrer Lippen und Wimpern erkannte er, daß sie seinen Blick
+empfunden hatte. Sie schaute nicht auf, aber der hohe Rüschenkragen
+bewegte sich leise, der bis zu ihrem rosigen kleinen Ohr heraufging. Er
+sah, daß ein Seufzer ihre Brust belastete und die kleine Hand zitterte,
+welche in dem hohen Handschuh das Licht hielt. All jener eitle Kram mit
+dem Hemd, der Verspätung, die Auseinandersetzung mit den Bekannten und
+Verwandten, deren Mißvergnügen, seine komische Situation -- alles das
+war plötzlich verschwunden und es wurde ihm freudig und bange zugleich
+zu Mut.
+
+Der schöne stattliche Protodiakonus im silbern-schimmernden Chorhemd
+und den nach seitwärts in gewundenen Locken gekämmten Haaren trat
+schnell vor und blieb, in der üblichen Geste mit zwei Fingern die Stola
+hebend, dem Geistlichen gegenüber stehen.
+
+»Segne, Herr!« ertönten langsam einer nach dem anderen, feierliche
+Klänge, die Luft in Schwingungen versetzend.
+
+»Gelobt sei unser Gott immerdar jetzt und fürderhin in alle Ewigkeit,«
+antwortete sanft und in singendem Tone der alte Geistliche, noch immer
+auf dem Altar nach etwas suchend. Die ganze Kirche erfüllend von den
+Fenstern an bis zu den Kreuzbögen, erhob sich, harmonisch und getragen,
+ein voller Akkord vom unsichtbaren Chor aus, wuchs an, stand einen
+Augenblick und erstarb dann.
+
+Man betete, wie üblich, für den himmlischen Frieden und das Seelenheil,
+für die Synode und für Gott, es wurde gebetet auch für den Knecht
+Gottes, Konstantin, und Jekaterina, die sich jetzt verlobten.
+
+»Daß ihnen sende hernieder eine völlige friedsame Liebe, daß ihnen
+helfe Gott, das bitten wir,« atmete gleichsam die ganze Kirche von der
+Stimme des Protodiakonus.
+
+Lewin vernahm die Worte und sie machten ihn betroffen. »Wie konnte man
+vermuten, daß Hilfe not that, gerade Hilfe?« dachte er, sich alle seine
+kürzlichen Befürchtungen und Zweifel wieder zurückrufend. »Was weiß
+ich! Was vermag ich in dieser schweren Aufgabe ohne Hilfe? Allerdings,
+Hilfe thut mir jetzt not.«
+
+Als der Diakonus die Litanei beendet hatte, wandte sich der Priester
+mit seinem Buche zu den Verlobten: »Ewiger Gott, der du das Getrennte
+vereinet hast,« las er mit weicher, singender Stimme, »der das Band
+der Liebe unauflöslich gestiftet, und Isaak und Rebekka gesegnet hat,
+dir stelle ich diese als Nachfolger in deinem Bunde vor. Segne du sie
+selbst, diese deine Knechte, Konstantin und Jekaterina, denen ich allen
+Segen wünsche, gleichwie du ein erbarmender Gott voll Menschenliebe
+bist und wir dir Lob singen, dem Vater und dem Sohne und dem heiligen
+Geiste jetzt und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.« Wiederum ertönte in
+der Höhe der unsichtbare Chor.
+
+»Der das Getrennte vereinet hat und das Band der Liebe gestiftet, wie
+gedankenvoll diese Worte sind und wie sie dem entsprechen, was man in
+diesem Augenblick empfindet,« dachte Lewin. »Ob sie wohl das Nämliche
+fühlt wie ich?«
+
+Aufschauend begegnete er ihrem Blick, aus dessen Ausdruck er schloß,
+daß sie ebenso verstanden hatte, wie er. Aber dies war durchaus nicht
+der Fall; sie hatte fast gar nichts von den Worten der Ceremonie
+verstanden, ja, diese während der Verlobung nicht einmal vernommen. Sie
+war nicht fähig, sie zu vernehmen und zu fassen, so mächtig war jenes
+eine Gefühl, welches ihr die Seele füllte und mehr und mehr zunahm.
+Dieses Gefühl war das der Freude über die endgültige Vollendung dessen,
+was schon sechs Wochen zuvor in ihrer Seele vollendet gewesen war
+und sie im Laufe dieser langen Wochen erfreut und zugleich bedrückt
+hatte. In ihrer Seele hatte sich, am nämlichen Tage, als sie in dem
+zimmetfarbenen Kleid im Salon des Hauses Arbatskiy schweigend zu
+ihm hingetreten war und sich ihm ergeben hatte, zu Tag und Stunde
+ein völliger Bruch mit ihrem früheren Leben vollzogen; sie hatte
+ein vollständig anderes, neues, ihr noch völlig unbekanntes Leben
+begonnen, in der Wirklichkeit freilich das alte nur fortgesetzt.
+Diese sechs Wochen bildeten die seligste und doch zugleich auch
+qualvollste Zeit für sie. Ihr ganzes Leben, alle ihre Wünsche und
+Hoffnungen, vereinigten sich in jenem einen, von ihr noch nicht
+verstandenen Manne, mit welchem sie ein Etwas, welches von ihr noch
+weniger begriffen wurde, als jener Mann selbst, verband, ein bald
+näherungslustiges, bald abstoßendes Gefühl; bei alledem aber fuhr sie
+fort, in den Verhältnissen ihres vorherigen Lebens weiter zu leben.
+In diesem ihren alten Leben hatte sie Schrecken empfunden über sich
+selbst, über ihre vollendete, unbezwingbare Gleichgültigkeit ihrer
+gesamten Vergangenheit gegenüber; ihrem Eigentum, ihren Gewohnheiten,
+den Menschen, die sie geliebt hatten und noch liebten, ihrer Mutter die
+über diese Gleichgültigkeit erbost war, und ihrem guten, früher über
+alles in der Welt geliebten, zärtlichen Vater gegenüber. Bald erschrak
+sie über diesen Gleichmut, bald empfand sie Freude über das, was sie
+dazu gebracht hatte. Sie mochte nichts weiter denken oder wünschen
+als ein Leben mit jenem Manne, aber dieses neue Leben war noch nicht
+eingetreten, und sie vermochte es sich nicht einmal klar vorzustellen.
+Es war nur ein Erwarten -- Furcht und Freude über etwas Neues und
+noch nicht Bekanntes. Jetzt aber, siehe da, war dies Erwarten und
+die Unkenntnis, die Reue über den Verzicht auf ihr vorheriges Leben
+vorüber, und etwas Neues sollte beginnen. Dieses Neue aber konnte nicht
+furchtbar sein in seiner Unbekanntheit; gleichviel, mochte es furchtbar
+oder nicht furchtbar sein, es hatte sich sechs Wochen vorher schon in
+ihrer Seele voll entwickelt und wurde jetzt nur das geweiht, was sich
+lange vorher schon in derselben vollzogen hatte.
+
+Wieder auf den Altar zurückgekehrt, nahm der Geistliche mit Mühe den
+sehr kleinen Ring Kitys und steckte ihn, sich Lewins Hand reichen
+lassend, an dessen erstes Fingerglied. »Es wird verbunden der Knecht
+Gottes Konstantin mit der Magd Gottes Jekaterina.« Nachdem er den
+großen Ring an den rosigen kleinen, in seiner Schwächlichkeit Mitleid
+erregenden Finger Kitys gesteckt hatte, wiederholte der Priester das
+Nämliche.
+
+Mehrmals glaubten die Brautleute zu erraten, was sie thun müßten,
+irrten aber jedesmal, und der Geistliche wies sie mit flüsternder
+Stimme an. Endlich, nachdem alles Erforderliche erledigt war, und er
+die Ringe gesegnet hatte, übergab er nochmals Kity den großen und
+Lewin den kleinen Ring, aber von neuem gerieten beide in Verwirrung,
+und wechselten zweimal den Ring, ohne daß das zu stande kam, was
+erforderlich war.
+
+Dolly, Tschirikoff und Stefan Arkadjewitsch traten vor, um zu
+verbessern. Eine Konfusion, Zischeln und Lächeln entstand, aber der
+feierlich stille Ausdruck auf den Zügen des Brautpaares änderte sich
+nicht, im Gegenteil, als sie sich mit den Händen geirrt hatten,
+schauten sie noch ernster und feierlicher als vorher, und das Lächeln,
+mit welchem Stefan Arkadjewitsch flüsterte, daß jetzt jedes seinen
+eigenen Ring aufzustecken habe, erstarb unwillkürlich auf dessen
+Lippen. Er fühlte, daß jedes Lächeln sie nur kränken könne.
+
+»Denn du hast von Anfang an das männliche Geschlecht geschaffen und
+das weibliche,« las der Priester weiter nach dem Ringwechsel, »und von
+dir wird dem Manne das Weib gesellt zur Hilfe und zur Fortpflanzung
+des Menschengeschlechts. Denn du selbst, Herr unser Gott, hast die
+Wahrheit gesandt zu deiner Nachfolge und für deinen Bund, für deine
+Knechte, unsere heiligen Väter, deine Auserwählten; schaue auf deinen
+Knecht Konstantin und deine Magd Jekaterina und bestätige ihren Bund im
+Glauben und in der Einmütigkeit und in der Wahrheit und in der Liebe.«
+
+Lewin empfand mehr und mehr, daß alle seine Ideen über das Heiraten,
+seine Gedanken darüber, wie er sein Leben hatte einrichten wollen,
+kindlich gewesen waren, und daß hier etwas vor sich ging, was er
+bis jetzt noch nicht verstanden hatte, und jetzt sogar noch weniger
+verstehe, obwohl es sich über ihm selbst vollzog. In seiner Brust hoben
+sich höher und höher innere Schauer, und zudringliche Thränen traten
+ihm in die Augen.
+
+
+ 5.
+
+In der Kirche befand sich ganz Moskau an Verwandten und Bekannten.
+Während der Ceremonie der Trauung, in der glänzend erleuchteten
+Kirche, im Kreise der geputzten Damen und jungen Mädchen, der Herren
+in weißen Krawatten, in Fräcken und Uniformen war ununterbrochen eine
+leise Konversation geführt worden, die namentlich die Herren anregten,
+während die Damen in der Beobachtung aller Einzelheiten einer sie stets
+ja sehr fesselnden heiligen Handlung versunken waren.
+
+In dem Kreise der der Braut zunächst Stehenden befanden sich deren
+beide Schwestern, Dolly und die ältere, ruhige und schöne Lwowa, die
+aus dem Auslande gekommen war.
+
+»Was ist das für ein Mary-Kostüm in Veilchenblau; gerade als wäre es
+schwarz -- zu einer Hochzeit« -- sprach die Korsunskaja.
+
+»Die einzige Rettung für ihren Teint,« antwortete die Trubezkaja.
+»Mich wundert, daß man die Trauung abends ausgeführt hat -- das ist so
+kaufmännisch« --
+
+-- »Aber schöner. Auch ich bin abends getraut worden,« antwortete die
+Korsunskaja und seufzte, als sie daran dachte, wie schön sie an jenem
+Tage, wie lächerlich verliebt in sie ihr Mann damals gewesen war, und
+wie jetzt so alles ganz anders geworden sei.
+
+»Man sagt, daß jemand der mehr als zehnmal Brautführer gewesen ist,
+nicht heirate; ich wollte es heute zum zehntenmale sein, um mich in
+Furcht zu setzen, allein die Stelle war besetzt,« sprach Graf Sinjawin
+zu der hübschen jungen Fürstin Tscharskaja, die Absichten auf ihn hatte.
+
+Die Tscharskaja antwortete ihm nur mit einem Lächeln. Sie blickte auf
+Kity, und dachte daran, wie und wann sie selbst mit dem Grafen Sinjawin
+an Kitys Stelle sein würde, und wie sie diesen dann an seinen jetzigen
+Scherz erinnern wollte.
+
+Schtscherbazkiy sagte dem alten Fräulein Nikolajewa, daß er den Kranz
+auf Kitys Chignon setzen werde, damit sie glücklich werde.
+
+»Es ist gar nicht nötig einen Chignon aufzusetzen,« antwortete die
+Nikolajewa, die schon längst entschlossen war, daß, wenn sie der alte
+Witwer, nach welchem sie angelte, heiraten sollte, die Trauung die
+allereinfachste sein sollte. »Ich liebe dieses >fast< nicht.«
+
+Sergey Iwanowitsch sprach mit Darja Dmitrjewna, sie scherzend
+versichernd, daß die Sitte, nach der Vermählung abzureisen, deswegen so
+verbreitet sei, weil Neuvermählte stets kein gutes Gewissen hätten.
+
+»Euer Bruder kann stolz sein. Es ist wunderbar, wie schön sie ist. Ich
+glaube, Ihr beneidet ihn?«
+
+»Ich habe das schon durchgemacht, Darja Dmitrjewna,« antwortete er und
+sein Gesicht nahm unerwartet einen trüben und ernsten Ausdruck an.
+
+Stefan Arkadjewitsch erzählte nun seiner Schwägerin einen schlechten
+Witz über eine Ehescheidung.
+
+»Man muß den Kranz zurechtrücken,« antwortete diese, ohne ihn zu hören.
+
+»Wie schade, daß sie so angegriffen aussieht,« sagte die Gräfin
+Nordstone zu der Lwowa. »Und gleichwohl wiegt er ihren kleinen Finger
+nicht auf. Nichtwahr?«
+
+»O, mir gefällt er sehr gut; aber nicht deswegen etwa, weil er mein
+künftiger =beau frère= ist,« antwortete die Lwowa, »und wie schön er
+sich hält! Es ist so schwer, sich in solch einer Situation gut zu
+halten und nicht komisch zu werden. Er aber ist nicht komisch, nicht
+steif, er ist offenbar ergriffen.«
+
+»Ihr habt dies wahrscheinlich erwartet?«
+
+»Fast so. Sie hat ihn stets geliebt.«
+
+»Nun, beobachten wir, wer von ihnen zuerst auf den Teppich tritt. Ich
+habe es Kity geraten.«
+
+»Gleichviel,« antwortete die Lwowa, »wir sind doch alle die
+untergebenen Weiber; es liegt dies doch einmal in unserer Rasse.«
+
+»Ich bin aber doch vorsätzlich zuerst mit Wasiliy darauf getreten; und
+Ihr Dolly?«
+
+Dolly stand neben ihnen, sie hörte wohl, antwortete aber nicht;
+sie war tief gerührt. Die Thränen standen ihr in den Augen und sie
+hätte kein Wort reden können, ohne in Thränen auszubrechen. Sie
+freute sich über Kity und Lewin; in ihrer Erinnerung zu der eigenen
+Trauung zurückkehrend, blickte sie nach dem wonneglänzenden Stefan
+Arkadjewitsch, vergaß alles Gegenwärtige und dachte nur ihrer ersten
+unschuldigen Liebe. Sie dachte nicht allein an sich, sondern auch
+an alle nahestehenden oder ihr bekannten Frauen. Sie erinnerte sich
+ihrer in jener einzigen, für sie so feierlichen Zeit, da sie ebenso
+wie Kity unter dem Kranze gestanden hatte mit Liebe, Hoffnung und
+Bangen im Herzen, sich lossagend von der Vergangenheit und in eine
+geheimnisvolle Zukunft eintretend. In der Zahl aller dieser Bräute, die
+ihr ins Gedächtnis kamen, sah sie auch ihre geliebte Anna, über deren
+vermutliche Trennung sie unlängst die Einzelheiten gehört hatte. Auch
+sie hatte rein in den Pomeranzenblüten und dem Schleier da gestanden.
+Und jetzt? »Furchtbar seltsam« -- sagte sie.
+
+Aber nicht nur die Schwestern, auch die Freundinnen und weiblichen
+Verwandten folgten allen Einzelheiten der heiligen Handlung; auch
+die fremden Frauen, die Zuschauerinnen beobachteten voll Aufregung,
+mit stockendem Atem, in der Furcht, eine einzige Bewegung verlieren
+zu können, den Ausdruck der Mienen des Bräutigams und der Braut, und
+antworteten ärgerlich den gleichgültigen Reden der gleichgültigen
+Männer gar nicht, oder überhörten sie oft sogar, wenn dieselben
+scherzhafte oder nebensächliche Bemerkungen fallen ließen.
+
+»Weshalb sieht sie so verweint aus? Folgt sie ihm gezwungen?«
+
+»Was, gezwungen einem so schönen Manne! Ist er nicht ein Fürst?«
+
+»Das ist wohl seine Schwester dort im weißen Atlaskleid? Höre nur, wie
+der Diakonus plärrt >und sie soll ihren Mann fürchten<.«
+
+»Sind sie denn fremd?«
+
+»Nein, es sind synodale.«
+
+»Ich habe einen Diener gefragt. Er sagte, daß der Bräutigam die Braut
+sogleich mit sich auf sein Gut nehmen würde. Er soll unendlich reich
+sein, heißt es. Deswegen hat man ihm auch die Braut gegeben.«
+
+»Nicht doch, das Paar ist so schön.«
+
+»Und da habt Ihr nun gestritten, Marja Wasiljewna, daß die
+Kanarienvögel wegflögen. Sieh die dort, es soll eine Gesandtin sein,
+wie gewählt« --
+
+»Die Braut ist doch zu lieblich, wie ein geputztes Lämmchen. Was Ihr
+auch sagen mögt; es ist doch schade um sie.«
+
+So schwatzte der Haufe der Zuschauerinnen durcheinander, dem es
+gelungen war, durch die Thüren der Kirche hereinzuschlüpfen.
+
+
+ 6.
+
+Nachdem die Trauungsfeier in der Kirche beendet war, breitete der
+Küster vor dem Altarplatz in der Mitte der Kirche ein rosafarbenes,
+seidenes Zeug aus; der Chor stimmte einen kunstvollen und schwierigen
+Psalm an, in welchem Tenor und Baß sich antworteten und der Priester,
+sich umwendend, wies die Verlobten auf das ausgebreitete rosafarbene
+Stück Zeug hin. So oft diese nun schon davon gehört hatten, daß, wer
+zuerst auf den Teppich träte, das Regiment in der Familie führen würde,
+vermochten sich doch weder Lewin noch Kity dessen zu entsinnen, als sie
+die wenigen Schritte zurücklegten. Sie hörten weder die vernehmbaren
+Bemerkungen und Auseinandersetzungen, daß nach der Beobachtung der
+Einen er, nach der Meinung der Anderen -- beide zugleich darauf
+getreten wären.
+
+Nach den üblichen Fragen betreffs ihres Wunsches die Ehe zu schließen,
+ob sie nicht anderweit Versprechungen gegeben hätten, auf die ihre
+Antworten ihnen selbst seltsam genug klangen, begann eine neue
+Ceremonie.
+
+Kity hörte die Worte des Gebetes und bemühte sich, deren Sinn zu
+verstehen, aber sie vermochte dies nicht. Das Gefühl des Stolzes
+und der lichten Freude begann mit der sich dem Ende nähernden Feier
+mehr und mehr ihre Seele zu erfüllen, und machte es ihr unmöglich,
+aufmerksam zu sein. Man betete: »Gieb ihnen Weisheit und Leibesfrucht
+zu ihrem Nutzen, damit sie heiter seien beim Anblick ihrer Söhne und
+Töchter;« es wurde erwähnt, daß Gott das Weib aus einer Rippe Adams
+geschaffen habe, und »deswegen wird der Mensch Vater und Mutter
+verlassen und dem Weibe anhangen und sie werden beide sein ein Leib,«
+und »dieses Geheimnis ein großes« sei; man betete, daß Gott ihnen
+Fruchtbarkeit und Segen verleihe, wie Isaak und Rebekka, Joseph und
+Mose, und daß sie die Söhne ihrer Söhne noch sehen möchten. »Alles
+das ist schön,« dachte Kity, als sie diese Worte vernahm, »alles das
+kann auch gar nicht anders sein« und ein Lächeln der Freude, das sich
+unwillkürlich allen denen, die sie anschauten, mitteilte, glänzte auf
+ihrem hellgewordenen Antlitz auf.
+
+»Setzt ihn nur ordentlich auf!« vernahm man zuredende Stimmen, als
+der Geistliche ihnen die Kränze aufsetzte, und Schtscherbazkiy mit
+zitternder Hand, im dreiknöpfigen Handschuh, den Kranz hoch über Kitys
+Kopf hielt.
+
+»Setzt ihn auf,« flüsterte diese lächelnd.
+
+Lewin blickte sie an und war überrascht von dem freudestrahlenden
+Glanze, welcher auf ihrem Gesicht lag; diese Empfindung teilte sich
+auch ihm unwillkürlich mit, und auch ihm wurde dabei so leicht und
+heiter zu Mut, wie ihr.
+
+Es machte ihnen Freude, dem Lesen der Apostelsendung zu lauschen und
+dem Verrauschen der Stimme des Protodiakonus beim letzten Vers, das
+von dem zuschauenden Publikum mit großer Ungeduld erwartet worden war.
+Es machte ihnen Freude, aus der flachen Schale den lauen roten Wein,
+mit Wasser gemischt, zu trinken, es machte ihnen noch mehr Freude, als
+der Geistliche, das Meßgewand zurückwerfend, ihrer beider Hände in
+die seine nahm und sie unter dem Dröhnen der Bässe, welche das »Jesu
+freue dich« ausführten, rings um den Altar geleitete. Schtscherbazkiy
+und Tschirikoff, welche die Kränze hielten, verwickelten sich in die
+Schleppe der Braut, lächelten gleichfalls und waren heiter, bald
+stehen bleibend, bald nach vorn anstoßend an die Jungvermählten,
+sobald der Geistliche eine Pause im Rundgang machte. Der Götterfunke
+der Freude, der in Kity entzündet war, schien sich allen mitzuteilen,
+die in der Kirche anwesend waren; und Lewin dünkte es, als wenn auch
+der Geistliche und der Diakonus, ebenso wie er, zu einem Lächeln
+neigten.
+
+Der Geistliche nahm die Kränze von ihren Häuptern, las das letzte
+Gebet und beglückwünschte die jungen Eheleute. Lewin schaute auf Kity
+und noch nie bisher hatte er diese so gesehen. Sie war reizend in dem
+ungewohnten Schimmer von Glück, welcher auf ihrem Antlitz lag. Lewin
+wollte zu ihr sprechen, aber er wußte nicht, ob die Feier zu Ende sei.
+Der Geistliche entriß ihn seinen Bedenken, er lächelte ihm gutmütig zu
+und sagte leise, »küßt Euer Weib, und Ihr, küßt Euren Mann« und nahm
+ihnen die Lichter aus den Händen.
+
+Lewin küßte taktvoll ihre lächelnden Lippen, reichte ihr den Arm, und
+verließ im Gefühl der Nähe eines neuen, seltsam berührenden Etwas die
+Kirche.
+
+Er glaubte nicht und konnte nicht glauben, daß es Wahrheit sei. Erst
+als ihn verwunderte und schüchterne Blicke trafen, glaubte er daran,
+weil er fühlte, daß sie schon Eins waren.
+
+Nach dem Souper, noch in der nämlichen Nacht, fuhren die jungen Leute
+nach dem Dorfe ab.
+
+
+ 7.
+
+Wronskiy und Anna reisten bereits seit drei Monaten zusammen in Europa.
+Sie hatten Venedig, Rom, Neapel besucht und waren soeben in einer
+kleinen italienischen Stadt angekommen, wo sie sich für einige Zeit
+niederzulassen gedachten.
+
+Ein eleganter Oberkellner, mit einem vom Nacken beginnenden Scheitel im
+dicht pomadisierten Haar, im Frack und mit breiter weißer Battistbrust
+im Oberhemd, auch einem Bündel Berloques auf dem gerundeten Bäuchlein,
+antwortete gerade, die Hände in den Taschen und geringschätzig mit
+den Augen zwinkernd, in gemessenem Tone einem stehenbleibenden Herrn.
+Als er von der andern Seite der Einfahrt Schritte vernahm, welche die
+Treppe hinaufgingen, wandte sich der Oberkellner um, zog, als er den
+russischen Grafen erblickte, welcher hier die besten Zimmer gemietet
+hatte, respektvoll die Hände aus den Taschen und erklärte mit einer
+Verbeugung, daß der Kurier da wäre, und die Angelegenheit mit dem
+Mieten eines Palazzo im Gange sei.
+
+»Ach, das freut mich sehr,« sagte Wronskiy, »ist die gnädige Frau
+daheim oder nicht?«
+
+»Gnädige Frau waren spazieren gegangen, sind aber jetzt zurückgekehrt,«
+antwortete der Kellner.
+
+Wronskiy nahm den weichen, breitkrempigen Hut vom Kopfe und trocknete
+mit dem Taschentuch die schweißbedeckte Stirn und die halb über den
+Ohren hängenden Haare, welche zurückgekämmt waren und die kahle Stelle
+auf seinem Kopfe bedeckten. Zerstreut auf den noch immer dastehenden
+und ihn anschauenden Herrn blickend, wollte er vorübergehen.
+
+»Dieser Herr ist Russe und frug nach Ihnen,« berichtete der Oberkellner.
+
+Mit einem Gefühl, in dem sich Verlegenheit und der Verdruß mischten,
+daß man nirgends seinen Bekannten entgehen könne, aber im Wunsche,
+doch wenigstens eine Zerstreuung in der Einförmigkeit seines Lebens zu
+finden, blickte Wronskiy nochmals den abseits getretenen und wartenden
+Herrn an, und in ein und demselben Augenblick leuchteten beider Augen
+auf.
+
+»Golenischtscheff!«
+
+»Wronskiy!«
+
+In der That, es war Golenischtscheff, ein Kamerad Wronskiys
+vom Pagencorps her. Golenischtscheff gehörte im Pagencorps der
+freidenkenden Richtung an, trat aus demselben mit bürgerlichem Range
+aus und hatte nirgends Dienste genommen. Die Kameraden waren seit
+dem Verlassen des Corps ganz auseinandergekommen und hatten sich in
+späterer Zeit nur einmal wiedergesehen.
+
+Bei jener Begegnung erkannte aber Wronskiy, daß Golenischtscheff eine
+hochgeschraubte, freisinnige Wirksamkeit entwickelt hatte und infolge
+dessen die Thätigkeit und den Beruf Wronskiys gering schätzte, und so
+kam es, daß dieser bei dem Zusammentreffen mit Golenischtscheff jene
+kalte stolze Haltung annahm, die er den Menschen gegenüber anzunehmen
+verstand, und deren Gedanke der war: »Mag Euch meine Lebensart
+anstehen oder nicht, dies ist mir ganz gleichgültig; Ihr müßt mich aber
+achten, wenn Ihr meine Bekanntschaft sucht.«
+
+Golenischtscheff hingegen verhielt sich diesem Tone Wronskiys gegenüber
+mit geringschätzigem Gleichmut. Es dürfte nun scheinen, als ob jene
+Begegnung sie noch mehr voneinander hätte trennen müssen, jetzt aber
+erglänzten beider Mienen und sie riefen sich freudig an, indem sie
+einander erkannten.
+
+Wronskiy hätte nie erwartet, daß er sich über Golenischtscheff so
+freuen könne, aber wahrscheinlich wußte er nur selbst nicht, wie er
+sich langweilte. Er hatte den unangenehmen Eindruck ihrer letzten
+Begegnung vergessen und streckte jetzt dem einstigen Schulkameraden
+mit offener, freudiger Miene die Hand entgegen. Ein solcher Ausdruck
+von Freude veränderte auch den ersten unsicheren Ausdruck im Gesicht
+Golenischtscheffs.
+
+»Wie freue ich mich, dich zu treffen!« sagte Wronskiy, freundschaftlich
+lächelnd seine festen weißen Zähne zeigend.
+
+»Ich habe gehört, ein Wronskiy ist hier; wußte aber nicht, welcher. Ich
+freue mich ganz außerordentlich!« --
+
+»Komm doch mit herauf. Nun, was machst du denn?«
+
+»Ich wohne schon seit zwei Jahren hier. Ich arbeite.«
+
+»Ach so,« versetzte Wronskiy voll Teilnahme, »also komme mit herein.«
+
+Nach der Gewohnheit der Russen begann er französisch, anstatt gerade
+russisch das zu sagen, was er vor der Dienerschaft verbergen wollte.
+
+»Bist du mit der Karenina bekannt? Wir reisen zusammen. -- Ich gehe zu
+ihr,« -- fuhr er auf französisch fort, Golenischtscheff aufmerksam ins
+Gesicht blickend.
+
+»Ah, ich wüßte nicht,« antwortete Golenischtscheff ruhig -- der
+recht wohl das Verhältnis kannte -- »bist du schon seit lange hier
+angekommen?« fügte er hinzu.
+
+»Ich? Seit vier Tagen,« antwortete Wronskiy, noch einmal aufmerksam das
+Gesicht des Schulkameraden musternd.
+
+»Ja wohl, er ist ein vernünftiger Mensch und nimmt die Dinge, wie
+sichs gehört,« sagte Wronskiy zu sich selbst, die Bedeutung des
+Gesichtsausdrucks Golenischtscheffs und den Wechsel der Unterhaltung
+verstehend; »man kann ihn schon mit Anna bekannt machen; er verhält
+sich ganz so, wie es sich gehört.«
+
+Wronskiy hatte sich während der drei Monate, die er im Auslande mit
+Anna zugebracht hatte, im Zusammentreffen mit den Menschen stets die
+Frage vorgelegt, wie die betreffende neuerscheinende Person seine
+Beziehungen zu Anna betrachte, und größtenteils begegnete er bei den
+Männern der Auffassung »wie es sich gehörte«. Wenn man ihn aber frug,
+oder diejenigen frug, welche verstanden, was das »wie es sich gehört«,
+eigentlich bedeute, so wäre wohl er selbst ebenso wie jene in großer
+Verlegenheit gewesen.
+
+In Wirklichkeit verstanden diejenigen, welche nach Wronskiys Meinung
+das »wie es sich gehört« kannten, dieses nicht im geringsten, sondern
+verhielten sich nur im allgemeinen so, wie wohlerzogene Leute sich
+in allen verwickelten und unlösbaren Fragen zu verhalten pflegen,
+die das Leben von allen Seiten umgeben -- sie verhielten sich
+zurückhaltend, und mieden Anspielungen und unangenehme Fragen. Sie
+gaben sich den Anschein, als ob sie vollständig Bedeutung und Sinn
+der Situation erfaßt hätten, sie erkannten dieselbe an und hießen sie
+sogar gut, hielten es aber für unangebracht und überflüssig, das alles
+auszusprechen.
+
+Wronskiy hatte sich nicht sogleich gedacht, daß Golenischtscheff einer
+von diesen Leuten wäre, und er war daher doppelt erfreut über ihn.
+In der That verhielt sich Golenischtscheff der Karenina gegenüber,
+nachdem er bei derselben eingeführt worden war, so, wie Wronskiy es nur
+immer wünschen konnte. Augenscheinlich vermied er ohne die geringsten
+Schwierigkeiten alle Gespräche, die zu einer peinlichen Situation
+hätten führen können.
+
+Er hatte Anna früher nicht gekannt und war überrascht von ihrer
+Schönheit, noch mehr aber von der Naivetät, mit welcher sie ihre Lage
+auffaßte. Sie errötete, als Wronskiy Golenischtscheff einführte, und
+dieses kindliche Erröten, das ihr offenes schönes Gesicht überzog,
+gefiel ihm außerordentlich. Besonders aber sprach ihn an, daß sie
+sogleich, wie in der Absicht keinerlei Zweifel in Gegenwart eines
+Fremden möglich bleiben zu lassen, Wronskiy einfach »Aleksey« nannte
+und erzählte, daß sie mit ihm in ein neugemietetes Haus übersiedeln
+werde, welches man hier den Palazzo nenne. Dieses offenherzige und
+naive Verhalten angesichts ihrer Lage gefiel Golenischtscheff.
+Angesichts dieser gutmütig heitern energischen Art und Weise Annas und
+seiner Bekanntschaft mit Aleksey Aleksandrowitsch und Wronskiy schien
+es ihm, als ob er sie vollständig verstände. Es schien ihm als ob er
+erkenne, was sie nicht im entferntesten erkannte; nämlich das, daß sie
+sich, das Unglück eines Mannes verschuldend, indem sie ihn und ihren
+Sohn verließ und ihren guten Ruf verlor, dennoch voll Energie heiter
+und glücklich fühlen konnte.
+
+»Er liegt dort drüben,« sagte Golenischtscheff, den Palazzo meinend,
+den Wronskiy gemietet hatte. »Es befindet sich ein schöner Tintoretto
+dort, aus der letzten Epoche des Künstlers.«
+
+»Wißt Ihr was? Das Wetter ist schön, begeben wir uns einmal hin und
+besichtigen wir ihn nochmals,« sagte Wronskiy, sich zu Anna wendend.
+
+»Sehr erfreut; ich komme sogleich mit und will nur meinen Hut
+aufsetzen, Ihr sagt, es ist heiß?« sprach sie, an der Thür stehen
+bleibend und fragend auf Wronskiy blickend. Wiederum bedeckte eine
+helle Röte ihr Gesicht.
+
+Wronskiy erkannte an ihrem Blick, daß sie nicht wisse, in welchen
+Beziehungen er mit Golenischtscheff zu stehen gedenke, und besorgt sei,
+ob sie sich auch so verhalten habe, wie er es gewünscht haben möchte.
+
+Er schaute sie mit einem zärtlichen langen Blicke an.
+
+»Nein, nicht so sehr,« versetzte er.
+
+Ihr schien, daß sie damit alles verstanden hatte, namentlich, daß er
+zufrieden mit ihr sei, und ihm zulächelnd ging sie schnellen Schrittes
+zur Thür hinaus.
+
+Die Freunde blickten einander an und in den Zügen beider erschien
+Verlegenheit, es war, als ob Golenischtscheff, augenscheinlich
+bezaubert von ihr, etwas über sie zu sagen wünschte, aber nicht fände
+was, während Wronskiy das Nämliche wünschte und es doch zugleich
+fürchtete.
+
+»So ist es also« -- begann Wronskiy, um doch wieder eine Unterhaltung
+anzuknüpfen, »du hast dich hier angesiedelt? Treibst du denn noch immer
+deine alte Beschäftigung?« fuhr er fort, sich erinnernd, daß man ihm
+gesagt hatte, Golenischtscheff schriebe etwas.
+
+»Ja. Ich schreibe den zweiten Teil meiner >Zwei Gesetze<,« antwortete
+dieser, vor Vergnügen über diese Frage ins Feuer geratend, »das heißt,
+um genau zu sein, ich schreibe noch nicht, sondern bereite noch vor,
+ich sammle Material. Dieser zweite Teil wird bei weitem umfangreicher
+werden und fast sämtliche Fragen umfassen. Man will bei uns in Rußland
+nicht begreifen, daß wir die Erben von Byzanz sind,« begann er eine
+lange eifrige Auseinandersetzung.
+
+Wronskiy war es anfangs peinlich, daß er die erste Abhandlung über
+die »Zwei Gesetze«, über welche der Autor mit ihm sprach, als ob sie
+etwas ganz Bekanntes wäre, gar nicht kannte. Als aber Golenischtscheff
+seine Ideen zu entwickeln begann, und Wronskiy ihm zu folgen vermochte,
+hörte ihn der Letztere, auch ohne die »Zwei Gesetze« zu kennen, mit
+Interesse an, da Golenischtscheff gut sprach, doch versetzte ihn die
+verbissene Erregtheit, mit welcher Golenischtscheff über den ihn
+beschäftigenden Gegenstand sprach, in Erstaunen und Mißstimmung. Je
+länger jener sprach, umsomehr entflammte sich sein Blick, umsomehr
+beeilte er sich, eingebildeten Gegnern zu replizieren und um so
+unruhiger und trüber wurde sein Gesichtsausdruck. Wronskiy war, indem
+er sich Golenischtscheff als den hageren, lebhaften und gutmütigen
+Knaben von gutem Herkommen, der stets der Erste im Corps gewesen war,
+in die Erinnerung zurückrief, nicht imstande, einen Grund für diese
+Gereiztheit zu finden, und schüttelte den Kopf über ihn. Insbesondere
+wollte ihm nicht gefallen, daß Golenischtscheff als ein Mann aus der
+guten Gesellschaft, sich auf eine Stufe mit gewissen Skriblern stellte,
+die ihn gereizt hatten, und denen er nun grollte. War das die Sache
+wert? Wronskiy gefiel dies nicht, aber er empfand, daß Golenischtscheff
+unglücklich war, und fühlte Mitleid mit ihm. Verzweiflung, ja fast
+Geistesverwirrung war auf diesen beweglichen, ziemlich angenehmen Zügen
+sichtbar, während er, Annas Eintreten gar nicht einmal bemerkend,
+fortfuhr, hastig und eifrig seine Ideen zu äußern.
+
+Als Anna in Hut und Überwurf, mit ihrer schönen Hand in schnellen
+Bewegungen mit dem Sonnenschirm spielend, neben Wronskiy stehen blieb,
+riß sich dieser mit einem Gefühl der Erleichterung von den starr
+auf ihn gerichteten, klagenden Blicken Golenischtscheffs los und
+schaute mit neuer Liebe auf seine reizende Freundin in ihrer Fülle von
+Lebenskraft und Freude.
+
+Golenischtscheff konnte sich nur schwer wieder sammeln und blieb
+anfangs niedergeschlagen und finster, doch belebte ihn Anna, freundlich
+gegen jedermann gestimmt -- wie sie überhaupt während dieser Zeit
+war -- bald wieder durch die Natürlichkeit und Heiterkeit ihres
+Verkehrs. Nachdem sie verschiedene Themata versucht hatte, brachte sie
+das Gespräch auf die Malerei, über die er sehr gut sprach und hörte
+ihm aufmerksam zu. Sie gingen zu Fuße nach dem gemieteten Haus und
+besichtigten es.
+
+»Über Eines freue ich mich sehr,« sagte Anna zu Golenischtscheff, als
+sie bereits auf dem Rückwege waren. »Aleksey wird ein gutes Atelier
+haben. Du wirst doch ohne Zweifel dieses Zimmer nehmen,« sagte sie zu
+Wronskiy auf russisch, ihn jetzt duzend, da sie schon erkannt hatte,
+daß Golenischtscheff ihnen in ihrer Einsamkeit sehr nahe treten würde,
+und man so vor ihm nichts zu verhehlen brauche.
+
+»Malst du denn?« sagte dieser, sich schnell zu Wronskiy hinwendend.
+
+»Ja, ich habe mich lange damit beschäftigt und jetzt wieder ein wenig
+angefangen,« versetzte Wronskiy errötend.
+
+»Er hat ein bedeutendes Talent,« antwortete Anna mit freudigem Lächeln,
+»ich bin natürlich kein Kritiker, aber kundige Kunstrichter haben es
+auch gesagt.«
+
+
+ 8.
+
+Anna fühlte sich in dieser ersten Zeit ihrer Freiheit und schnellen
+Genesung in einer Weise glücklich und voll Lebensfreude, die nicht zu
+vergeben war. Die Erinnerung an das Unglück ihres Gatten vergällte ihr
+ihre Seligkeit nicht. Diese Erinnerung war ihr einerseits zu furchtbar,
+als daß sie daran hätte denken mögen, andrerseits verlieh ihr das
+Unglück des Gatten eine viel zu hohe Seligkeit, als daß sie Reue über
+dasselbe hätte empfinden können. Die Erinnerung an alles, was sich mit
+ihr seit ihrer Krankheit zugetragen, die Aussöhnung mit dem Gatten,
+der Bruch mit ihm, die Nachricht von der Verwundung Wronskiys, dessen
+erneutes Erscheinen bei ihr, die Vorbereitung der Ehescheidung, das
+Verlassen des Hauses ihres Gatten, der Abschied von ihrem Sohne --
+alles das erschien ihr wie ein Fiebertraum, aus welchem sie, allein
+mit Wronskiy, im Auslande erwacht war. Die Erinnerung -- das Böse, das
+sie ihrem Gatten zugefügt hatte, erweckte in ihr ein Gefühl, welches
+dem Ekel und dem Gefühl ähnlich war, welches ein Mensch empfindet, der
+ertrinken wollte und sich von einem andern losgerissen hat, der sich an
+ihn anklammerte. Dieser letztere Mensch war ertrunken. Natürlich war
+das keine schöne Handlung, aber es war die einzige Rettung und man that
+daher am besten, an diese furchtbaren Einzelheiten nicht mehr zu denken.
+
+Ein Schluß der sie über ihre Handlungsweise beruhigte, kam ihr damals,
+in der ersten Minute nach dem Bruch, und wenn sie jetzt an ihre ganze
+Vergangenheit dachte, erinnerte sie sich dieses Schlusses. »Ich habe
+unwiderleglich das Verhängnis dieses Mannes herbeigeführt,« dachte sie,
+»aber ich will aus diesem Unglück keinen Vorteil ziehen; auch ich leide
+und werde leiden, ich bin dessen beraubt, was ich über alles schätzte,
+-- des ehrenhaften Namens und meines Sohnes. Ich habe schlecht
+gehandelt, und will daher kein Glück, keine Ehescheidung; ich werde
+leiden in meiner Schmach und der Trennung von dem Sohne.«
+
+Aber so aufrichtig Anna auch leiden wollte, sie litt nicht; und ihre
+Schmach war für sie nicht vorhanden. Mit dem Takte, von welchem sie
+beide so viel besaßen, kamen sie im Auslande, indem sie russische Damen
+mieden, nie in eine falsche Situation und überall trafen sie Leute,
+die sich stellten, als ob sie die beiderseitige Lage noch weit besser
+verständen, als sie selbst sie auffaßten. Selbst die Trennung von ihrem
+Sohne, den sie liebte, war ihr in der ersten Zeit nicht schmerzlich.
+Ihr Töchterchen, sein Kind, war so lieb, hatte Anna so für sich
+eingenommen, seit ihr das Mädchen allein verblieben war, daß sie nur
+selten noch des Sohnes gedachte.
+
+Ihr Bedürfnis zu leben, mit der Genesung erhöht, war so stark, und ihre
+Lebensverhältnisse waren so ungewohnte und angenehme, daß Anna sich
+unverzeihlich glücklich fühlte.
+
+Je mehr sie Wronskiy erkannte, desto mehr liebte sie ihn. Sie liebte
+ihn um seiner selbst willen und wegen seiner Liebe für sie. Ihre
+vollständige Herrschaft über ihn war ihr eine fortwährende Freude.
+Seine Nähe war ihr stets willkommen. Alle Züge seines Charakters,
+den sie mehr und mehr erkannte, waren ihr unaussprechlich lieblich.
+Sein Äußeres, das sich im Civilanzug verändert hatte, war für sie so
+anziehend, wie für eine liebende junge Frau. In allem was er sprach,
+dachte und that, sah sie etwas besonders Edles und Erhabenes, und ihr
+Entzücken über ihn erschreckte sie selbst sogar häufig. Sie suchte
+nichts Unschönes in ihm und konnte auch nichts finden; sie wagte es
+nicht, das Bewußtsein ihrer Nichtigkeit vor ihm gewahr werden zu
+lassen, denn es schien ihr, als ob er, wenn er dies wüßte, schneller
+aufhören könne, sie zu lieben. Jetzt aber fürchtete sie nichts so sehr
+-- obwohl sie nicht den geringsten Anlaß hierzu hatte -- als, seine
+Liebe zu verlieren. Sie konnte nicht umhin, ihm dankbar zu sein für
+sein Verhältnis zu ihr und mußte ihm zeigen, wie hoch sie dasselbe
+schätzte. Er, der nach ihrer Meinung einen so ausgeprägten Beruf für
+die Staatscarriere besaß, in der er einmal eine bedeutende Rolle
+spielen mußte -- er hatte seinen Ehrgeiz für sie geopfert, ohne je auch
+nur das geringste Bedauern darüber zu zeigen.
+
+Er war mehr noch als früher, liebevoll und achtungsvoll gegen sie
+geworden und der Gedanke, sie möchte sich des Peinlichen ihrer Lage
+niemals bewußt werden, verließ ihn nicht eine Minute. Er, so ganz ein
+Mann, war vor ihr nicht nur widerspruchslos, er hatte nicht einmal
+seinen eigenen Willen, und war offenbar nur damit beschäftigt, auf
+welche Weise er ihren Wünschen zuvorkommen könne. Und sie konnte
+nicht umhin, dies hochzuschätzen, obwohl sie das Übermaß seiner
+Aufmerksamkeit für sie, diese Atmosphäre liebevoller Sorgfalt mit der
+er sie umgab, bisweilen bedrückte.
+
+Wronskiy jedoch war ungeachtet der vollständigen Verwirklichung
+dessen, was er so lange ersehnt hatte, nicht vollkommen glücklich.
+Er fühlte bald, daß die Verwirklichung seines Wunsches ihm nur ein
+Körnlein von jenem Berg von Glück gewährt hatte, den er erwartete.
+Diese Verwirklichung zeigte ihm nur den ewigen Fehler, den die Menschen
+begehen, indem sie sich das Glück als Verwirklichung eines Wunsches
+denken. In der ersten Zeit, nachdem er sich mit ihr vereinigt und
+den Civilrock angelegt hatte, empfand er all den Reiz der Freiheit im
+allgemeinen, den er nicht vorher gekannt hatte, sowie die Freiheit der
+Liebe, und er war zufrieden; doch nicht auf lange. Bald fühlte er, daß
+sich in seiner Brust der Wunsch der Wünsche regte -- die Langeweile.
+-- Ganz ohne seinen Willen klammerte er sich an jede vorüberhuschende
+Laune, indem er sie als Wunsch und Ziel erfaßte. Sechzehn Stunden
+des Tages mußte man sich beschäftigen, obwohl man im Ausland in
+vollkommener Freiheit lebte, außerhalb jenes Kreises von Anforderungen
+des gesellschaftlichen Lebens, wie er die Zeit in Petersburg für sich
+in Anspruch nahm.
+
+An jene Zerstreuungen des Junggesellenlebens, die Wronskiy bei früheren
+Reisen ins Ausland beschäftigt hatten, war nicht mehr zu denken,
+da schon ein einziger Versuch dieser Art einen unerwarteten, einem
+verspäteten Abendbrot unter Bekannten nicht entsprechenden Trübsinn
+in Anna hervorrief. Beziehungen zu der Gesellschaft des Ortes, auch
+den Russen hier, konnten sie bei der Unbestimmtheit ihrer Verhältnisse
+ebenfalls nicht unterhalten. Eine Besichtigung der Sehenswürdigkeiten
+hatte, abgesehen davon, daß sie alles schon gesehen hatten, für ihn
+als einen Russen, und verständigen Menschen, nicht jene unerklärbare
+Bedeutung, wie sie die Engländer diesem Punkte beimessen.
+
+Wie daher das hungernde Tier nach jedem fallenden Gegenstande schnappt,
+in der Hoffnung, in ihm etwas zu fressen zu finden, so griff auch
+Wronskiy vollständig instinktiv bald zur Politik, bald nach neuen
+Büchern, bald nach der Malerei.
+
+Da er von Kindheit an Talent zur Malerei gehabt, und, indem er nicht
+wußte, wofür er sein Geld verausgaben sollte, Stahlstiche zu sammeln
+begonnen hatte, so blieb er endlich bei der Malerei, und begann sich
+mit ihr zu beschäftigen und jenen brachliegenden Wust von Wünschen,
+welcher nach Verwirklichung verlangte, in ihr abzulagern.
+
+Er besaß die Fähigkeit, die Kunst zu erfassen, und in der That mit
+Geschmack die Kunst nachzuahmen; er meinte auch, daß er dasselbe
+besäße, was der Künstler brauche, und befaßte sich, nachdem er einige
+Zeit geschwankt hatte, welches Genre der Malerei er erwählen solle: das
+religiöse, historische oder realistische, mit Malen. Er verstand sich
+auf jedes Genre und konnte sich für dieses, wie für jenes begeistern,
+aber er vermochte sich nicht vorzustellen, daß es auch möglich sei,
+ganz und gar nichts zu wissen, was es für Richtungen in der Malerei
+gebe, und sich unmittelbar von dem inspirieren zu lassen, was in
+der Seele lebte, ohne Sorge, ob das, was man malte, auch zu einem
+bestimmten Genre in der Kunst gehörte. Da er dies nicht kannte, und
+sich nicht unmittelbar vom Leben beeinflussen ließ, sondern mittelbar,
+vom Leben wie es durch die Kunst schon verkörpert war, so begeisterte
+er sich sehr schnell und leicht und erreichte ebenso schnell und
+leicht, daß das, was er malte, demjenigen Genre sehr ähnlich wurde,
+welches er nachzuahmen wünschte.
+
+Vor allem gefiel ihm die französische Schule, die graziöse und
+effektvolle, und nach dieser begann er, das Bild Annas in italienischem
+Kostüm zu malen. Das Porträt erschien ihm und jedermann, der es sah,
+als sehr gelungen.
+
+
+ 9.
+
+Der alte vernachlässigte Palazzo mit den hohen bossierten Plafonds und
+Fresken an den Wänden, Mosaikboden und schweren gelben Stoffgardinen an
+den hohen Fenstern; Vasen auf den Konsolen und Kaminen, geschnitzten
+Thüren und dämmerigen Sälen, die mit Gemälden vollgehängt waren --
+dieser Palazzo hielt, nachdem sie in ihn übergesiedelt waren, schon in
+seiner äußeren Erscheinung in Wronskiy eine angenehme Täuschung wach,
+die, daß er weniger ein russischer Gutsherr und Stallmeister ohne Amt
+sei, als vielmehr ein erlauchter Liebhaber und Kunstmäcen, und er
+selbst -- ein bescheidener Künstler, der sich von der Welt losgesagt
+hatte, von seinen Verbindungen und dem Ehrgeiz -- für ein geliebtes
+Weib.
+
+Die Rolle, welche Wronskiy mit seinem Umzug in den Palazzo erwählt
+hatte, gelang vollständig und durch Vermittelung Golenischtscheffs mit
+einigen interessanten Personen bekannt geworden, fühlte er sich für die
+Anfangszeit beruhigt. Er malte unter der Leitung eines italienischen
+Professors der Malerei Studien nach der Natur und beschäftigte sich mit
+dem Kunstleben Italiens im Mittelalter. Das mittelalterliche Kunstleben
+Italiens hatte für Wronskiy in letzter Zeit soviel Reiz gewonnen,
+daß dieser selbst einen Hut und das Plaid über der Schulter nach der
+mittelalterlichen Mode zu tragen begann, was ihm sehr gut stand.
+
+»Da leben wir hier und wissen gar nichts davon,« sagte eines Tages
+Wronskiy zu Golenischtscheff, der früh zu ihm gekommen war. »Hast du
+das Gemälde Michailoffs gesehen?« Er reichte die am Morgen soeben
+erhaltene russische Zeitung hin, und wies auf einen Artikel über einen
+russischen Maler, der in der nämlichen Stadt lebte und hier ein Gemälde
+ausgeführt hatte, über welches schon lange Gerüchte umliefen und das
+schon im voraus angekauft worden war.
+
+In dem Aufsatz wurden der Regierung und der Akademie Vorwürfe gemacht,
+daß der vorzügliche Künstler jeder Aufmunterung und Unterstützung
+entbehre.
+
+»Ich habe das Bild gesehen,« antwortete Golenischtscheff, »natürlich
+ist er nicht talentlos, aber er verfolgt eine vollständig verkehrte
+Richtung; das ist noch immer jene Richtung Iwanoff-Strauß-Rénan,
+Christus und der kirchlichen Malerei gegenüber.«
+
+»Was stellt das Gemälde dar?« frug Anna.
+
+»Christus vor Pilatus. Christus ist als Hebräer mit allem Realismus
+der neuen Schule dargestellt« -- durch die Frage nach dem Inhalt
+des Gemäldes auf eines seiner Lieblingsthemen gebracht, begann
+Golenischtscheff zu erklären.
+
+»Ich begreife nicht, wie man einem so groben Irrtum verfallen kann.
+Christus hat doch schon seine bestimmte Verkörperung in der Kunst
+der größten Altmeister. Wenn man nicht Gott darstellen will, sondern
+einen Revolutionär oder Weisen, so mag man sich den Sokrates aus der
+Geschichte wählen, den Franklin, die Charlotte Corday -- aber nur nicht
+Christus. -- Man nimmt da aber gerade diejenige Gestalt, die man für
+die Kunst nicht nehmen soll, und dann« --
+
+»Aber ist es denn wahr, daß sich dieser Michailoff in so großer Armut
+befindet?« frug Wronskiy in dem Gedanken, daß er, als russischer Mäcen,
+ohne Rücksicht darauf, ob das Gemälde gut oder schlecht sei, dem
+Künstler helfen könne.
+
+»Kaum; er ist ein bedeutender Porträtmaler. Ihr habt wohl sein Porträt
+der Wasiljtschikowa gesehen? Er scheint indessen nicht mehr Porträts
+malen zu wollen, und kann es allerdings möglich sein, daß er sich
+wirklich in Not befindet. Ich sage, daß? --
+
+»Könnte man ihn nicht bitten, ein Porträt der Anna Arkadjewna zu
+malen?« sagte Wronskiy.
+
+»Weshalb meines?« fiel Anna ein, »außer dem deinigen möchte ich kein
+anderes haben. Oder noch besser wäre Any« -- so nannte sie ihr kleines
+Mädchen -- »da ist sie gerade,« fügte sie hinzu, durch das Fenster auf
+eine hübsche italienische Amme schauend, welche das Kind in den Garten
+trug, und dann sorglich verstohlen auf Wronskiy blickend.
+
+Die hübsche Amme, deren Kopf Wronskiy für sein Gemälde porträtiert
+hatte, bildete das einzige geheime Leid im Leben Annas. Wronskiy hatte
+sie gemalt, sich in ihre Anmut und Mittelalterlichkeit verliebt, und
+Anna wagte nicht, sich zu gestehen, daß sie fürchtete, sie könne auf
+diese Amme eifersüchtig werden. Infolge dessen behandelte sie dieselbe
+ausnehmend gut und verzärtelte sie sogar, ebenso wie den kleinen Sohn
+derselben.
+
+Wronskiy blickte ebenfalls durch das Fenster und dann Anna in die
+Augen, wandte sich jedoch hierauf sogleich wieder zu Golenischtscheff
+und sagte:
+
+»Kennst du diesen Michailoff?«
+
+»Ich bin ihm begegnet, doch ist er ein Sonderling und ohne jede
+Bildung. Wißt Ihr, er ist einer jener Wilden, jener Neuerer, die man
+jetzt so häufig trifft; einer jener Freidenker, welche =d'emblée=,
+in den Begriffen des Unglaubens, der Negierung und des Materialismus
+aufgezogen sind. Früher,« fuhr Golenischtscheff fort, ohne zu bemerken,
+oder bemerken zu wollen, daß auch Wronskiy und Anna zu reden wünschten,
+»früher war ein Freidenker ein Mensch, der in den Begriffen Religion,
+Gesetz und Moral erzogen worden, und selbst durch Kampf und Mühe
+zum Freidenkertum gelangt war; jetzt zeigt sich ein neuer Typus der
+selbstgewordenen Freidenker, welche emporwachsen, ohne auch nur davon
+gehört zu haben, daß es Gesetze der Moral, der Religion giebt, und daß
+Autoritäten existieren; solcher, die eben geradezu in den Begriffen
+des absoluten Nein, das heißt also, wie Wilde aufwachsen. So Einer ist
+er nun; der Sohn eines höheren Moskauer Lakaien wohl, der keinerlei
+Bildung empfangen hat. Nachdem er in die Akademie eingetreten war und
+sich einen Namen gemacht hatte, begann er, gerade kein Dummkopf, das
+Bedürfnis nach Bildung zu fühlen. Er wandte sich daher zu dem, was ihm
+als Quelle der Bildung erschien -- zu den Journalen. Man bedenke nur,
+in der alten Zeit hätte ein Mensch, der sich bilden wollte, nehmen
+wir an, ein Franzose, alle Klassiker studieren müssen: die Theologen,
+Tragiker, Historiker und Philosophen; man bedenke die geistige
+Arbeit, die ihm da obgelegen haben würde. Jetzt aber, bei uns, ist
+er geradenwegs auf die oppositionelle Litteratur gestoßen, hat sich
+schnell den ganzen Extrakt der Verneinungswissenschaft zu eigen gemacht
+-- und ist fertig! Vor zwanzig Jahren würde er in dieser Litteratur
+die Kennzeichen eines Kampfes mit der Autorität, mit hundertjährigen
+Anschauungen gefunden haben, er würde aus diesem Kampfe erkannt haben,
+daß es noch etwas Anderes gebe, jetzt aber verfällt er geradenwegs
+einer Litteratur, in welcher man die alten Anschauungen nicht einmal
+mehr einer Bekämpfung würdigt, sondern unverhohlen heraussagt, >das
+ist nichts mehr, =évolution=, Kampf ums Dasein!< Ich habe in meiner
+Abhandlung« --
+
+»Wißt Ihr was,« sagte Anna, die schon lange aufmerksame Blicke mit
+Wronskiy gewechselt hatte, und wußte, daß diesen der Bildungsgang des
+Künstlers nicht interessierte, sondern nur der Gedanke beschäftigte,
+ihm zu helfen, ihm ein Porträt zuzuweisen: »Wißt Ihr was?« unterbrach
+sie den sich im Redefluß verlierenden Golenischtscheff, »wir wollen zu
+ihm gehen!«
+
+Golenischtscheff sammelte sich und stimmte bereitwillig zu, da jedoch
+der Künstler in einem entfernteren Viertel wohnte, beschloß man einen
+Wagen zu nehmen.
+
+Nach Verlauf einer Stunde fuhren Anna die neben Golenischtscheff
+saß, und Wronskiy, der auf dem Vordersitz des Wagens Platz genommen
+hatte, vor einem neuen, unschön aussehenden Gebäude in dem abgelegenen
+Stadtviertel vor. Nachdem sie von der heraustretenden Frau des
+Hausmanns erfahren hatten, daß Michailoff den Zutritt zu seinem Atelier
+wohl gewähre, augenblicklich aber sich in seiner Privatwohnung, die
+wenige Schritte entfernt lag, befinde, so sandten sie ihm ihre Karten
+mit der Bitte um die Erlaubnis, seine Gemälde sehen zu dürfen.
+
+
+ 10.
+
+Der Maler Michailoff war, wie immer, bei der Arbeit, als man ihm die
+Karten des Grafen Wronskiy und Golenischtscheffs überbrachte. Er hatte
+diesen Morgen in seinem Atelier an einem großen Gemälde gearbeitet.
+Als er in seine Wohnung gekommen war, hatte er sich über seine Frau
+geärgert, weil diese nicht mit der Hauswirtin umzugehen verstand, die
+Geld verlangte.
+
+»Zwanzigmal wohl habe ich dir gesagt, laß dich nicht in Erklärungen
+ein, du bist ohnehin schon dumm genug; willst du aber auf italienisch
+etwas erklären, dann wirst du noch dreimal dümmer,« sagte er zu ihr
+nach langem Gezänk.
+
+»Sei lieber nicht so nachlässig! Ich kann doch nicht dafür. Wenn ich
+Geld hätte« --
+
+»Laß mich in Ruhe, um Gottes willen!« rief Michailoff, Thränen in der
+Stimme, eilte, sich die Ohren zuhaltend, in sein Arbeitszimmer hinter
+die Zwischenwand, und schloß die Thür hinter sich. »Einfältige,« sprach
+er zu sich selbst, ließ sich an seinem Tische nieder, klappte den
+Karton auseinander und machte sich mit besonderem Eifer an eine schon
+begonnene Zeichnung.
+
+Niemals arbeitete er mit so großem Eifer und Erfolg, als wenn es ihm
+im Leben nicht gut ging, besonders aber, wenn er sich mit seiner Frau
+gezankt hatte.
+
+»Könnte man nur sonstwohin durchbrennen!« dachte er bei seiner Arbeit.
+Er entwarf eine Zeichnung zu der Figur eines Menschen, der sich im
+Zornanfall befindet. Die Zeichnung war schon vorher entworfen, aber
+er war mit derselben nicht zufrieden. »Nein, die andere war besser;
+wo ist sie denn nur?« Er ging zu seiner Frau, und frug grollend, und
+ohne aufzublicken, die alte Magd, wo das Papier wäre, welches er ihnen
+gegeben hätte. Das Papier mit der darauf hingeworfenen Zeichnung fand
+sich, es war aber beschmutzt und mit Stearin betropft. Gleichwohl nahm
+er die Zeichnung, legte sie vor sich auf den Tisch, und begann, nachdem
+er mit den Augen blinzelnd zurückgetreten war, sie zu betrachten.
+Plötzlich lächelte er und schwenkte freudig mit den Armen. »So ist
+es, so!« sagte er, und begann, den Bleistift ergreifend, schnell
+zu zeichnen. Ein Stearinflecken hatte der Figur eine neue Stellung
+verliehen. Er zeichnete diese neue Stellung und plötzlich fiel ihm das
+energische Gesicht eines Kaufmanns mit hervorstehendem Unterkinn ein,
+bei dem er sich seine Cigarren kaufte, und dieses Gesicht, dieses Kinn
+gab er nun seiner Figur. Er lachte vor Lust; die Gestalt war plötzlich
+aus einer toten, nur gedachten, lebendig, eine solche geworden, die
+man nicht mehr verändern konnte. Diese Figur lebte, sie war deutlich
+und zweifellos bestimmt. Man konnte jetzt wohl noch die Zeichnung
+ändern, im Einklang mit den Erfordernissen der Gestalt, man konnte wohl
+selbst die Füße anders stellen, die Haltung des linken Armes gänzlich
+ändern, die Haare zurücklegen. Brachte man auch diese Verbesserungen
+an, so verankerte man doch nicht die Figur, sondern nur das, was die
+Figur verdeckte. Er nahm damit gleichsam nur die Hüllen von ihr ab,
+wegen deren sie nicht ganz sichtbar war und jeder neue Strich zeigte
+die ganze Gestalt nur noch mehr in all ihrer energischen Kraft, einer
+Kraft, die ihm plötzlich von den Stearinflecken hervorgebracht zu sein
+schien. Sorgfältig beendete er gerade die Figur, als man ihm die Karten
+brachte.
+
+»Sogleich, sogleich!«
+
+Er eilt zu seiner Frau.
+
+»Laß es gut sein, Sascha, sei nicht mehr böse!« sagte er zu ihr,
+schüchtern und zärtlich lächelnd, »du warst schuld und ich war
+schuld; ich will schon alles in Ordnung bringen.« Nachdem er sich mit
+seiner Frau ausgesöhnt hatte, zog er einen olivenfarbigen Paletot mit
+Sammetkragen an, setzte seinen Hut auf, und begab sich nach seinem
+Atelier. Die so wohlgelungene Figur hatte er bereits vergessen. Es
+erfreute und erregte ihn jetzt nur der Besuch seines Ateliers seitens
+dieser vornehmen Russen, die im Wagen angekommen waren.
+
+Über sein Gemälde, dasselbe, welches jetzt auf seinem Platze stand,
+hatte er auf dem Grunde seines Herzens nur ein Urteil -- dies, daß ein
+ähnliches Gemälde bisher noch niemand gemalt habe. Er wähnte nicht,
+daß sein Bild besser sei als alle Rafaelschen, er wußte nur, daß das,
+was er auf demselben wiedergeben wollte, noch nie jemand wiedergegeben
+hatte. Dies wußte er genau und er wußte es schon lange, seit jener
+Zeit, da er es zu malen begonnen hatte. Aber die Urteile der Menschen
+hatten für ihn, wie sie auch sein mochten, gleichwohl eine ungeheure
+Wichtigkeit, und sie regten ihn bis auf den Grund seiner Seele auf.
+Jede Bemerkung, selbst die allergeringste, welche bewies, daß seine
+Kritiker auch nur den kleinsten Teil von dem erkannten, was er in
+diesem Gemälde gesehen hatte, regte ihn bis auf den Grund seiner Seele
+auf.
+
+Seinen Kritikern maß er stets größere Tiefe an Verständnis bei, als wie
+er selbst besaß, und er erwartete von ihnen stets etwas, was er selbst
+noch nicht in seinem Gemälde gesehen hatte. Oft fand er dies auch, wie
+ihm schien, in den Urteilen der Beschauer.
+
+Schnellen Schrittes näherte er sich der Thür seines Ateliers; und trotz
+seiner inneren Erregtheit, frappierte ihn die matte Beleuchtung der
+Gestalt Annas, wie sie im Schatten der Einfahrt stand und dem eifrig
+ihr etwas auseinandersetzenden Golenischtscheff zuhörte, zu gleicher
+Zeit aber auch offenbar wünschte, den herankommenden Künstler zu sehen.
+
+Er selbst war sich dessen gar nicht bewußt geworden, daß er an sie
+herantretend, diesen Eindruck erfaßt und sich zu eigen gemacht hatte,
+ebenso wie das Unterkinn jenes Kaufmanns der ihm Cigarren verkaufte,
+und er barg ihn nun an eine Stelle, von der er ihn wieder hervorholen
+würde, sobald er ihn brauchte. Die Besucher, schon vorher durch
+Golenischtscheffs Erzählung über den Künstler ernüchtert, wurden dies
+noch mehr durch dessen äußere Erscheinung.
+
+Von mittlerer Größe, gedrungen, mit schwankendem Gang, machte
+Michailoff in seinem zimmetfarbenen Hut, dem olivengrünen Paletot und
+den engen Beinkleidern -- man trug zu dieser Zeit längst schon weite
+-- insbesondere aber durch das Gewöhnliche seines breiten Gesichts und
+einen Ausdruck, in welchem sich Schüchternheit mit dem Wunsche, seine
+Würde zu beobachten, vereinigte, einen nicht eben angenehmen Eindruck.
+
+»Bitte ergebenst,« sagte er, sich bemühend, gleichmütig zu erscheinen,
+und zog, in den Hausflur tretend, einen Schlüssel aus der Tasche um die
+Thür zu öffnen.
+
+
+ 11.
+
+Beim Eintritt in das Atelier musterte der Künstler Michailoff
+noch einmal seinen Besuch und prägte seinem Gedächtnis noch den
+Gesichtsausdruck Wronskiys ein, insbesondere dessen Backenpartieen.
+
+Wenn auch sein künstlerisches Empfinden fortwährend thätig war, indem
+es Material sammelte, wenn er auch immer mehr und mehr die Erregung
+darüber empfand, daß die Minute der Beurteilung seines Werkes nahte,
+so hatte er sich doch dabei schnell und feinsinnig aus unmerklichen
+Anzeichen eine Vorstellung über diese drei Personen gebildet.
+
+Der Eine da -- Golenischtscheff -- war ein hiesiger Russe. Michailoff
+entsann sich weder seiner Familie, noch wußte er mehr, wo er ihm
+begegnet war, und was er mit ihm gesprochen hatte. Er entsann sich
+nur noch seines Gesichts, wie er sich überhaupt aller Gesichter
+entsann, die er einmal gesehen hatte, doch entsann er sich auch,
+daß dies eines jener Gesichter war, die von seiner Phantasie in
+die höchst umfangreiche Klasse der unwahren und ausdrucksarmen
+einregistriert wurden. Die langen Haare und die sehr offene Stirn
+verliehen dem Gesicht äußere Bedeutung, obwohl sich auf ihm nur wenig,
+kindlich-unruhiger Ausdruck, der sich über der schmalen Nasenwurzel
+konzentrierte, zeigte.
+
+Wronskiy und die Karenina mußten nach der Vorstellung, die sich
+Michailoff von ihnen machte, vornehme und reiche Russen sein, die
+nichts von Kunst verstanden, wie alle diese reichen Russen, sich aber
+als Liebhaber und Verehrer derselben gebärdeten.
+
+»Sie haben gewiß schon die ganze alte Kunst gesehen und bereisen
+jetzt die Ateliers der neuen Meister, die deutschen Charlatane und
+die englischen Praerafaelistennarren, und kommen nun zu mir nur der
+Vervollständigung der Umschau halber,« dachte er.
+
+Er kannte die Manier der Dilettanten sehr genau -- je klüger diese
+erschienen, um so schlimmer war es -- welche die Ateliers der
+zeitgenössischen Künstler nur mit der Absicht zu sehen kamen, daß sie
+das Recht hätten sagen zu können, die Kunst sei im Niedergang begriffen
+und daß sich, je mehr man auf die Neuen schaue, umsomehr wahrnehmen
+lasse, wie unnachahmlich erhaben die alten Meister geblieben seien.
+
+Er erwartete alles dies, sah alles dies, schon auf ihren Gesichtern,
+in dieser gleichmütigen Nachlässigkeit, mit der sie unter sich
+sprachen und auf die Büsten blickten und sich ungezwungen bewegten,
+in der Erwartung, daß er ihnen das Gemälde zeigen würde. Aber
+nichtsdestoweniger empfand er beim Durchblättern seiner Skizzen und als
+er die Vorhänge hob und die Decke wegnahm, eine hohe tiefe Erregung;
+umsomehr, als ihm, obwohl alle vornehmen und reichen Russen dumm und
+beschränkt nach seinen Begriffen sein mußten, Wronskiy sowohl wie
+besonders Anna, gefielen.
+
+»So, ist es gefällig?« sprach er, mit linkischem Gange auf die Seite
+tretend und nach dem Bilde weisend. »Es ist die Mahnung des Pilatus.
+Matthäi Kap. =XXVII=« -- sagte er, im Gefühl, daß seine Lippen vor
+Aufregung zu zittern begannen. Er ging abseits und trat hinter sie.
+
+Während der wenigen Sekunden, während deren die Besucher schweigend
+das Gemälde beschauten, blickte es Michailoff gleichfalls an, und er
+schaute mit gleichgültigem, interesselosem Blick darauf. Während dieser
+wenigen Sekunden hatte er sich im voraus davon überzeugt, daß das
+höchste und gerechteste Urteil von ihnen ausgesprochen werden würde,
+gerade von diesen Besuchern, welche er eine Minute zuvor noch so gering
+geschätzt hatte. Er hatte alles vergessen, was er über sein Bild vorher
+gedacht hatte während der drei Jahre, in denen es von ihm gemalt ward;
+er vergaß alle Vorzüge desselben, die für ihn zweifellos vorhanden
+waren und sah sein Bild nur mit ihrem unbewegten, unparteiischen und
+frischen Blick an; und jetzt sah er an ihm nichts Gutes mehr. Er sah im
+Vordergrund das unwillige Gesicht des Pilatus und das ruhige Antlitz
+Christi, im Hintergrund die Gestalten der Kreaturen des Pilatus und
+das Gesicht Johannis, die Vorgänge beobachtend. Jedes Gesicht, unter
+so vielem Suchen, so vielem Irren, Verbessern an seinem eigenartigen
+Charakter in ihm erstanden, jedes dieser Gesichter, die ihm soviel
+Mühe und Freude gemacht hatten, sie alle, so oft umgeändert unter der
+Rücksichtnahme auf den Gesamteindruck, und auf alle diese Nüancen des
+Kolorits und der Töne, die er mit soviel Mühe erzielt hatte, alles
+dies vereint, zeigte sich ihm jetzt, indem er die Augen der Besucher
+beobachtete, als Trivialität, die schon tausendmal wiederholt worden
+war.
+
+Selbst das wertvollste dieser Gesichter, das Antlitz Christi, als
+Mittelpunkt des Bildes, der ihm soviel Freude gemacht hatte, als er
+es endlich gefunden, alles das erschien jetzt verloren für ihn, als
+er auf sein Gemälde mit ihren Augen blickte. Er sah nur eine gut --
+und selbst das nicht einmal, da er jetzt klar eine Masse von Mängeln
+wahrnahm -- gemalte Wiederholung aller jener zahllosen Christusbilder
+Tizians, Rafaels, Rubens', und der nämlichen Söldner des Pilatus.
+Alles war trivial, dürftig und veraltet, ja, selbst schlecht gemalt --
+bunt und schwach. Sie werden recht haben, wenn sie in Gegenwart des
+Künstlers verstellte höfliche Phrasen drechseln, ihn aber bedauern und
+verspotten, sobald sie unter sich sind.
+
+Das Schweigen wurde ihm allzu drückend, obwohl es nicht länger als eine
+Minute gewährt hatte; um es zu brechen und zu zeigen, daß er nicht aus
+seiner Ruhe gekommen sei, wandte er sich, indem er sich zusammenraffte,
+an Golenischtscheff.
+
+»Ich hatte wohl, wie mir scheint, das Vergnügen« -- sagte er zu
+demselben, unruhig bald auf Anna, bald auf Wronskiy blickend, um nicht
+einen einzigen Zug des Ausdrucks ihrer Gesichter zu verlieren -- »Ihnen
+schon begegnet zu sein?« --
+
+»Gewiß! -- Wir sahen uns bei Rossi, entsinnt Ihr Euch jenes Abends,
+als jene italienische Dame vortrug,« begann Golenischtscheff frei, und
+ohne das geringste Bedauern den Blick von dem Gemälde ab und zum Maler
+wendend.
+
+Als er indessen bemerkte, daß Michailoff ein Urteil über sein Gemälde
+erwarte, sagte er: »Euer Bild hat gute Fortschritte gemacht, seit ich
+es zum letztenmal gesehen habe. So wie damals, überrascht mich auch
+jetzt die Figur des Pilatus. So muß man diesen Mann auffassen, als gut
+und brav, aber als Beamter bis auf den Kern seiner Seele, der nicht
+weiß, was er anrichtet. Mir scheint indessen« --
+
+Michailoffs bewegliches Gesicht erglänzte plötzlich über und über,
+seine Augen leuchteten auf.
+
+Er wollte etwas sagen, konnte es aber vor Erregung nicht, und
+stellte sich nun, als müsse er husten. So niedrig wie er auch
+die Fähigkeit Golenischtscheff, die Kunst zu verstehen, anschlug,
+so unbedeutend auch die treffende Bemerkung desselben über die
+Wahrheit des Gesichtsausdruckes des Pilatus als eines Beamten war, so
+zurücksetzend für ihn die Äußerung einer so unbedeutenden Bemerkung
+erscheinen konnte, die zuerst kam, während über das Hauptsächlichste
+nicht gesprochen worden war, befand sich Michailoff gleichwohl in
+Entzücken über dieselbe. Er selbst dachte über die Figur des Pilatus
+das Nämliche, was Golenischtscheff ausgesprochen hatte. Der Umstand,
+daß dieses Gutachten nur eines von Millionen anderer war, die, wie
+Michailoff sicher wußte, alle richtig gewesen sein würden, verminderte
+für ihn die Bedeutung desselben nicht. Er gewann Golenischtscheff
+für diese Bemerkung lieb und fiel aus der Stimmung der Beklommenheit
+plötzlich in die des Entzückens. Sofort lebte sein ganzes Gemälde
+vor ihm wieder auf in all der unaussprechlichen Schwierigkeit alles
+Lebenden. Michailoff versuchte es nochmals zu sagen, daß er sich
+den Pilatus ebenso gedacht habe, aber seine Lippen vibrierten nur
+widerspenstig und er konnte sich nicht äußern. Wronskiy und Anna sagten
+gleichfalls etwas mit jener leisen Stimme, mit welcher man gewöhnlich
+-- teils um den Künstler nicht zu verletzen, teils um nicht laut eine
+Dummheit zu sagen, die man so leicht äußern kann, wenn man über Kunst
+spricht -- in Gemäldeausstellungen konversiert.
+
+Michailoff schien es, als ob sein Bild auch auf sie Eindruck gemacht
+hätte. Er trat zu ihnen hin.
+
+»Wie wunderbar ist der Ausdruck des Christus!« sagte Anna. Vor allem,
+was sie gesehen, hatte ihr dieser Ausdruck gefallen, und sie fühlte,
+daß dies der Mittelpunkt des Gemäldes war und deshalb ein solches Lob
+dem Künstler angenehm sein würde.
+
+»Man sieht, wie er Pilatus bemitleidet!«
+
+Dies war wiederum eins aus der Million richtiger Urteile, die man an
+seinem Bilde und an der Figur des Christus finden konnte.
+
+Sie hatte gesagt, daß es ihm leid thue um Pilatus. In dem Ausdruck
+des Christus mußte ja auch der von Mitleid liegen, da in ihm der
+der Liebe lag, einer überirdischen Ruhe und Todesbereitschaft, des
+Bewußtseins einer bevorstehenden Rechenschaft über seine Worte. Gewiß
+lag der Ausdruck des dienstthuenden Beamten in dem Pilatus, der des
+Mitleids mit diesem in dem Christus, da der Eine die Verkörperung des
+fleischlichen, der Andere die des geistigen Lebens ist. Alles das
+und noch vieles andere ging Michailoff durch den Kopf, und abermals
+leuchtete sein Auge auf vor Entzücken.
+
+»Und wie diese Figur gearbeitet ist, wie viel Luft; man kann um ihn
+herumgehen,« sagte Golenischtscheff, offenbar um mit dieser Bemerkung
+anzudeuten, daß er den Gedanken und Sinn der Figur nicht billige.
+
+»Ja, ein wunderbares Meisterstück. Wie jene Figuren in dem
+Hintergrunde sich abheben! Das ist Technik!« sagte Wronskiy, sich
+zu Golenischtscheff wendend, und damit auf ein zwischen ihnen
+stattgehabtes Gespräch darüber, daß Wronskiy an der Erwerbung dieser
+Technik verzweifelte, anspielend.
+
+»Ja, ja, wunderbar,« bestätigten Golenischtscheff und Anna.
+
+Trotz des aufgeregten Zustandes, in welchem sich Michailoff befand,
+griff diesen doch die Bemerkung über die Technik schmerzlich ans Herz
+und grollend auf Wronskiy blickend, verfinsterte er sich plötzlich. Oft
+schon hatte er das Wort Technik gehört und durchaus nicht begriffen,
+was man eigentlich darunter verstände. Er wußte, daß man mit diesem
+Worte die mechanische Fertigkeit des Malens und Zeichnens meine, die
+vollständig unabhängig war von dem Inhaltlichen. Oft schon hatte er
+bemerkt -- auch bei der gegenwärtigen Lobesspende -- daß man die
+Technik dem inneren Werte gegenüberstelle, gerade als ob es möglich
+wäre, das gut zu malen, was schlecht sei. Er wußte wohl, daß viel
+Aufmerksamkeit und Vorsicht erforderlich sei, um ein Gemälde nicht
+zu schädigen, wenn man von ihm die Hüllen abnahm, aber eine Kunst
+des Malens -- eine Technik -- die gab es dabei nicht. Hätte sich
+einem kleinen Kinde, oder seiner Köchin das ebenfalls geoffenbart,
+was er sah, dann würden diese gleichfalls das herauszuschälen
+verstanden haben, was sie sahen. Aber selbst der erfahrenste und
+auch geschickteste Beherrscher der Maltechnik wäre allein mit der
+mechanischen Fertigkeit nicht imstande gewesen, etwas zu malen, wenn
+sich ihm nicht vorher die Grenzen des Inhaltlichen offenbarten. Dann
+aber wußte er auch, daß wenn man nun einmal von einer Technik sprach,
+er ihretwegen nicht gerühmt werden konnte. In allem was er malte und
+schon gemalt hatte, erkannte er ihm in die Augen fallende Mängel, die
+aus der Unvorsichtigkeit hervorgegangen waren, mit der er die Hüllen
+entfernt hatte, und die er nun nicht mehr verbessern konnte, ohne die
+ganze Schöpfung zu verderben. Fast auf allen Figuren und Gesichtern
+sah er noch die Mängel nicht vollständig abgenommener Hüllen, die sein
+Gemälde verdarben.
+
+»Eines, wenn Ihr mir gestattet, diese Bemerkung zu machen, ließe sich
+sagen,« äußerte Golenischtscheff.
+
+»Ah, sehr erfreut, ich bitte Euch,« antwortete Michailoff mit
+gekünsteltem Lächeln.
+
+»Es ist dies, daß dieser Christus da bei Euch ein Menschgott, aber kein
+Gottmensch geworden ist. Indessen, ich weiß ja, daß Ihr es eben so
+gewollt habt.«
+
+»Ich konnte den Christus nicht malen, der nicht in meiner Seele ist,«
+versetzte der Maler mürrisch.
+
+»Ja, aber in diesem Falle -- wenn Ihr mir gestattet meine Idee
+auszusprechen -- Euer Gemälde ist so gut, daß meine Bemerkung ihm nicht
+schaden kann, und dann ist dies ja auch nur meine persönliche Meinung.
+Bei Euch ist das etwas Anderes; selbst das Motiv ist ein anderes. Aber
+nehmen wir etwa den Iwanoff. -- Ich glaube, daß wenn Christus mit der
+Norm eines historischen Gesichts zusammengebracht wird, es für Iwanoff
+besser wäre, ein anderes historisches Thema zu wählen, ein neues, noch
+nicht angeschlagenes.«
+
+»Wie aber, wenn dies das erhabenste Thema wäre, welches sich der Kunst
+bietet« --
+
+»Wenn man nur suchen will, so wird man auch andere finden. Es handelt
+sich nur darum, daß die Kunst keinen Streit, und keine Düfteleien
+duldet. Vor einem Gemälde Iwanoffs ersteht für den Gläubigen wie für
+den Nichtgläubigen die Frage: Ist das Gott oder ist es nicht Gott? und
+diese stört die Einheit des Eindrucks.«
+
+»Warum? Mir scheint, daß für gebildete Menschen,« sagte Michailoff,
+»ein Streit nicht mehr bestehen kann.«
+
+Golenischtscheff war hiermit nicht einverstanden und fertigte
+Michailoff mit seinem ersten Gedanken über die Einheit des Eindrucks
+ab, die in der Kunst notwendig sei.
+
+Michailoff geriet in Erregung, wußte aber nichts zur Verteidigung
+seines Gedankens zu sagen.
+
+
+ 12.
+
+Anna und Wronskiy hatten schon längere Zeit Blicke miteinander
+gewechselt im Bedauern über die scharfsinnige Redefertigkeit ihres
+Freundes; endlich schritt Wronskiy, ohne auf den Hausherrn zu warten,
+zu einem anderen, einem kleinen Gemälde.
+
+»Ah, wie reizend, wie reizend! Wundersam! Wie reizend!« riefen beide
+mit einer Stimme.
+
+»Was hat ihnen so gefallen?« dachte Michailoff. Er hatte das vor drei
+Jahren gemalte Bild vergessen; vergessen alle die Leiden und Freuden,
+welche er mit diesem Bilde durchlebt hatte, indem es ihn mehrere Monate
+hindurch ausschließlich, und ohne daß er sich davon hätte trennen
+können, Tag und Nacht beschäftigte, es vergessen, wie er überhaupt
+stets seine vollendeten Bilder vergaß. Er liebte nicht einmal, es
+anzuschauen, und stellte es nur deshalb aus, weil er einen Engländer
+erwartete, der es zu kaufen wünschte.
+
+»Ah; eine alte Studie,« sagte er.
+
+»Wie hübsch,« rief Golenischtscheff, gleichfalls augenscheinlich
+aufrichtig von dem Reiz des Bildes gefesselt.
+
+Zwei Knaben im Schatten einer Bachweide angelten Fische. Der Eine,
+ältere, hatte soeben die Angel ausgeworfen und führte aufmerksam
+die Angelspule aus einem Gestrüpp heraus, ganz versunken in diese
+Beschäftigung; der Andere, jüngere lag im Grase, den wirren Blondkopf
+auf die Ellbogen gestützt, und schaute mit den blauen Augen
+nachdenklich auf das Wasser.
+
+Woran mochte er denken?
+
+Das Entzücken über dieses sein Bild rief in Michailoff die frühere
+Erregung hervor, doch scheute er sich vor diesem unangenehmen müßigen
+Interesse für ältere Arbeiten, und so suchte er, obwohl ihm dieses Lob
+angenehm war, die Besucher zu dem dritten Bilde hinzuziehen.
+
+Doch Wronskiy frug, ob er dieses Gemälde verkaufe. Michailoff, von dem
+Besuch erregt, war diese Frage über Geldgeschäfte jetzt sehr unangenehm.
+
+»Es ist zum Verkauf ausgestellt,« versetzte er, sich verfinsternd.
+
+Nachdem die Besucher gegangen waren, setzte sich Michailoff vor
+seinem Bilde »Pilatus und Christus« nieder und wiederholte sich in
+Gedanken alles, was gesprochen worden, oder, wenn nicht ausgesprochen,
+so doch von den Besuchern angedeutet worden war. Und seltsam, was
+so hohe Bedeutung für ihn gehabt hatte, während sie hier waren und
+er sich in Gedanken auf ihren Standpunkt versetzte, hatte jetzt
+plötzlich für ihn allen Wert verloren. Er schaute jetzt auf sein
+Gemälde mit seinem vollen künstlerischen Blick, und kam zu demjenigen
+Standpunkte der Überzeugung von seiner Vollkommenheit und darnach auch
+Bedeutung, welcher ihm notwendig war zu der alle anderen Interessen
+ausschließenden Spannkraft, mit welcher allein er nur zu arbeiten
+vermochte.
+
+Der eine Fuß des Christus war allerdings nicht recht befriedigend.
+Er nahm die Palette und machte sich an die Arbeit. Indem er den Fuß
+besserte, blickte er fortwährend auf die Gestalt des Johannes im
+Hintergrund, welche die Besucher gar nicht bemerkt hatten, und die
+gleichwohl -- er wußte es -- noch über der Vollkommenheit selbst stand.
+Nachdem er mit dem Fuß fertig war, wollte er sich an diese Figur
+begeben, aber er fühlte sich allzu erregt dazu. Nichtsdestoweniger
+konnte er aber auch nicht arbeiten, wenn er ganz kühl, sowie wenn er
+zu weich gestimmt war und alles zu sehr sah. Es gab nur eine Stimmung
+in dem Übergang von der Kühle bis zur Begeisterung, in welcher ihm die
+Arbeit möglich war. Jetzt befand er sich in allzugroßer Aufregung. Er
+wollte das Gemälde verhüllen, hielt aber inne, mit der Hand den Vorhang
+haltend, und schaute lange, beglückt lächelnd, auf die Gestalt des
+Johannes. Endlich, gleichsam mit Schmerz sich losreißend, ließ er den
+Vorhang fallen und begab sich ermüdet, aber beglückt heim.
+
+Wronskiy, Anna und Golenischtscheff waren, heimgekehrt, in ausnehmend
+angeregter und heiterer Stimmung. Man sprach von Michailoff und seinen
+Bildern. Das Wort »Talent«, unter welchem sie eine angeborene, fast
+physische Fähigkeit, unabhängig von Verstand und Herz verstanden,
+und als das sie alles bezeichneten, was von dem Künstler durchlebt
+wird, tauchte besonders häufig in ihrer Unterhaltung auf, da es ihnen
+unentbehrlich dazu war, das zu bezeichnen, wofür sie kein Verständnis
+besaßen, und worüber sie doch sprechen wollten. Sie sagten, man könne
+ihm das Talent nicht absprechen, infolge der mangelnden Bildung aber
+vermöge sich dieses nicht zu entwickeln. -- Dies sei das Unglück aller
+russischen Künstler! -- Aber das Bild mit den beiden Knaben war doch in
+ihrer Erinnerung haften geblieben und immer wieder kehrten sie zu ihm
+zurück. Wie reizend! Wie schön war es ihm gelungen! Und wie einfach!
+Er selbst weiß gar nicht, wie schön es ist. »Ja, das darf man nicht
+fortlassen, das muß man kaufen,« sagte Wronskiy.
+
+
+ 13.
+
+Michailoff verkaufte Wronskiy das Bild und willigte auch ein, Annas
+Porträt zu malen. Am festgesetzten Tage kam er und begann seine Arbeit.
+
+Von der fünften Sitzung an setzte das Porträt jedermann in Erstaunen,
+besonders Wronskiy, nicht nur durch die Ähnlichkeit, sondern
+vornehmlich durch seine Schönheit. Es war seltsam, wie Michailoff jene
+nur ihr eigene Schönheit hatte treffen können. »Man muß sie kennen und
+lieben, wie ich sie geliebt habe, um diesen eigenen, lieblichen und
+seelischen Ausdruck bei ihr zu entdecken,« dachte Wronskiy, obwohl nur
+er in diesem Gemälde den lieblichen, seelischen Ausdruck erkannte.
+Derselbe war aber so getreu, daß es ihm und anderen schien, als ob
+sie ihn schon längst gekannt hätten. »Wie lange habe ich mich nun
+schon geplagt, und nichts fertig gebracht,« sprach er bezüglich seines
+eigenen Porträts, »und er hat sie nur angeschaut und gemalt! Das ist
+die Technik.«
+
+»Es wird noch kommen,« tröstete ihn Golenischtscheff, nach dessen
+Auffassung Wronskiy Talent besaß und, was die Hauptsache war, auch
+die Bildung, die einen erhabneren Blick auf die Kunst verlieh. Die
+Überzeugung Golenischtscheffs von Wronskiys Talent wurde noch dadurch
+gestützt, daß Golenischtscheff Wronskiys Teilnahme und Lob für seine
+Arbeiten und seine Ideen brauchte, und so fühlte er, daß Lob und
+Unterstützung hier auf Gegenseitigkeit beruhten.
+
+In einem fremden Hause, und insbesondere in dem Palazzo bei Wronskiy
+war Michailoff ein abweisend anderer Mensch, als in seinem Atelier.
+Er war abstoßend höflich, gerade als fürchte er die Annäherung an
+Menschen, die er nicht achte. Er nannte Wronskiy Ew. Erlaucht und blieb
+niemals, ungeachtet der Einladungen Annas und Wronskiys, zum Essen da,
+kam auch nicht zu anderen Zeiten, als zu den Sitzungen. Anna war gegen
+ihn freundlicher, als gegen andere, und ihm dankbar für das Porträt.
+Wronskiy war mehr als nur höflich gegen ihn, und interessierte sich
+augenscheinlich für das Urteil des Künstlers über sein eigenes Gemälde.
+Golenischtscheff ließ keine Gelegenheit vorüber, Michailoff die wahren
+Begriffe über Kunst beizubringen, allein Michailoff blieb sich immer
+gleich in seiner Zurückhaltung gegen alle. Anna fühlte an seinem Blick,
+daß er sie gern betrachtete, doch er mied Gespräche mit ihr. Zu den
+Gesprächen Wronskiys über dessen Malerei schwieg er beharrlich, und er
+schwieg ebenso beharrlich, als man ihm das Bild Wronskiys zeigte; er
+fühlte sich auch offenbar belästigt von den Reden Golenischtscheffs und
+erwiderte diesem nichts.
+
+Im allgemeinen gefiel ihnen daher Michailoff mit seinem zurückhaltenden
+und unangenehmen, gleichsam feindseligen Verhalten sehr wenig, nachdem
+man ihn näher kennen gelernt hatte, und man war deshalb froh, daß
+als die Sitzungen beendet waren, in ihren Händen ein schönes Porträt
+zurückblieb, während er selbst sein Kommen einstellte.
+
+Golenischtscheff war es zuerst, der den Gedanken aussprach, den alle
+hatten, nämlich, daß Michailoff auf Wronskiy einfach neidisch sei.
+
+»Gesetzt, er beneidete ihn nicht, weil er Talent besitzt, ist es ihm
+doch verdrießlich, daß ein Hofmann und reicher Mann, noch dazu ein
+Graf, was schon alle beneiden, ohne besondere Mühe das Nämliche, wenn
+nicht noch Besseres, leistet, als er, der sein ganzes Leben dem geweiht
+hat. Die Hauptsache bleibt doch die Bildung, die jener nicht hat.«
+
+Wronskiy verteidigte Michailoff, doch auf dem Grunde seines Herzens
+glaubte er hieran, weil nach seiner Auffassung ein Mensch aus jener
+anderen, niedrigeren Welt Neid hegen mußte.
+
+Das Porträt Annas, ebenfalls in derselben Weise nach der Natur gemalt
+von ihm wie von Michailoff, hätte Wronskiy den Unterschied zeigen
+müssen, welcher zwischen ihm und jenem bestand, aber er gewahrte
+denselben nicht. Er hörte nach der Arbeit Michailoffs nur auf, sein
+Porträt von Anna weiter zu malen, indem er meinte, dies sei nunmehr
+überflüssig geworden. Sein Gemälde aus dem mittelalterlichen Leben
+hingegen setzte er fort, und er selbst, wie auch Golenischtscheff und
+namentlich Anna fanden, daß es sehr schön sei, weil es den berühmten
+Bildern viel ähnlicher werde, als das Bild Michailoffs.
+
+Dieser nun war, ungeachtet dessen, daß ihn die Porträtierung Annas sehr
+angezogen hatte, seinerseits noch froher als jene, als die Sitzungen
+zu Ende waren und er nicht mehr das Geschwätz Golenischtscheffs über
+Kunst anzuhören brauchte, und die Malerei Wronskiys vergessen durfte.
+Er wußte, daß es unmöglich war, Wronskiy zu verbieten, mit der Malerei
+Mutwillen zu treiben; er wußte, daß dieser ebenso wie alle anderen
+Dilettanten das volle Recht besaß, zu malen was ihm anstand -- aber
+ihm war dies unangenehm. Es war eben unmöglich, einem Menschen zu
+untersagen, sich eine große Puppe aus Wachs zu machen und sie zu
+küssen. Aber wenn nun gar dieser Mensch mit der Puppe kam, und sich
+vor einem Verliebten hinsetzte und beginnen wollte, seine Puppe zu
+liebkosen, wie ein Verliebter die, welche er liebt, so mußte das
+dem Verliebten widerlich sein. Und dieses widerliche Gefühl empfand
+Michailoff beim Anblick der Malerei Wronskiys; es wurde ihm dabei
+komisch und ärgerlich, kläglich und grimmig zugleich zu Mut.
+
+Die Passion Wronskiys für die Malerei und das Mittelalter hielt nicht
+lange an. Wronskiy besaß doch soviel Geschmack für Malerei, daß er sein
+Bild nicht zu beenden vermochte und es blieb liegen. Voll Bestürzung
+war er inne geworden, daß die Mängel des Bildes, im Anfang weniger
+bemerkbar, überraschend wirkten, wenn er es fortsetzte. Es ging ihm,
+wie Golenischtscheff, der fühlte, daß es ihm auf das Reden nicht
+ankomme und sich beständig damit selbst täuschte, daß nur seine Idee
+noch nicht ausgereift sei, daß er sie erst austragen und Material
+sammeln wolle. Aber Golenischtscheff hatte dies verbittert gemacht
+und es marterte ihn; Wronskiy hingegen vermochte sich weder selbst
+zu täuschen noch zu peinigen oder gar über sich selbst verbittert zu
+werden; mit der ihm eigenen Charakterfestigkeit hörte er eben auf, ohne
+eine Erklärung oder Rechtfertigung, zu malen.
+
+Ohne diese Beschäftigung indessen erschien ihnen -- sowohl ihm wie
+Anna, die sich über seine Ernüchterung verwunderte -- das Leben nun
+so langweilig in der italienischen Stadt, wurde der Palazzo plötzlich
+so sichtlich alt und schmutzig, schauten die Flecken auf den Gardinen
+so unangenehm hervor, die Ritzen auf den Fußböden, die abgefallene
+Stuccatur an den Karnisen, wurde ihnen auch der ewige Golenischtscheff,
+der italienische Professor und ein deutscher Reisender nach und nach
+so langweilig, daß man dieses Leben ändern mußte. Man beschloß, nach
+Rußland auf das Land zu gehen. In Petersburg gedachte Wronskiy mit
+seinem Bruder eine Vermögensteilung vorzunehmen, während Anna ihren
+Sohn wiedersehen wollte. Den Sommer beabsichtigten sie auf dem großen
+Erbbesitz Wronskiys zu verleben.
+
+
+ 14.
+
+Lewin war seit drei Monaten verheiratet. Er war glücklich, aber nicht
+ganz so wie er erwartet hatte. Auf jedem Schritte begegnete er der
+Enttäuschung in früheren Träumen, doch auch neuen, unerwarteten Reizen.
+Er war glücklich, sah aber, nachdem er ins Familienleben getreten war,
+auf jedem Schritte, daß dieses durchaus nicht so war, wie er es sich
+vorgestellt hatte. Auf jedem Schritte erfuhr er an sich, was ein Mensch
+fühlen mag, der sich an der glatten glücklichen Fahrt eines Nachens
+auf dem See ergötzt, nachdem er sich etwa selbst hineingesetzt hat.
+Er sah, daß er, indem er schon ruhig sitzen mußte und nicht schaukeln
+durfte, sich auch noch dessen bewußt sein mußte -- ohne nur eine
+Minute zu vergessen, wohin er fahren wollte -- daß unter seinen Füßen
+Wasser war und er rudern mußte, und daß dies den nicht daran gewohnten
+Händen mühsam wurde. Die Sache sah wohl sehr leicht aus, aber sie zu
+vollbringen -- wenn es auch mit viel Freude verbunden war -- blieb
+doch sehr schwierig.
+
+Als Junggeselle hatte er oft, auf das Eheleben mit seinen kleinlichen
+Sorgen, seinem Streit, seiner Eifersucht blickend, geringschätzig in
+seinem Innern gelächelt. In seinem künftigen Eheleben konnte nach
+seiner Überzeugung nicht nur nichts Ähnliches existieren, es sollten
+sogar alle äußerlichen Formen desselben, wie ihm dünkte, dem Leben
+der anderen in allem vollständig unähnlich sein. Plötzlich aber
+hatte sich anstatt dessen auch sein Leben mit seinem Weibe nicht
+nur nicht besonders gestaltet, sondern sich im Gegenteil, gerade
+aus all jenen kleinlichsten Kleinigkeiten zusammengesetzt, die er
+vordem so sehr verachtet hatte, die aber jetzt, gegen seinen Willen,
+eine ungewöhnliche und unabweisbare Bedeutung erhalten hatten. Lewin
+erkannte auch, daß die Regelung aller dieser Kleinigkeiten durchaus
+nicht so leicht war, als ihm früher geschienen hatte. Ungeachtet
+dessen, daß Lewin glaubte, die richtigsten Begriffe vom Eheleben
+zu besitzen, stellte er sich, wie alle Männer, das Familienleben
+unwillkürlich nur als eine Befriedigung seiner Liebe vor, der kein
+Hindernis mehr in den Weg treten durfte, und von welcher ihn keine
+kleinlichen Sorgen abziehen sollten. Er sollte nach seiner Auffassung
+seine Arbeit verrichten und von derselben ausruhen im Glück der Liebe.
+Sie sollte daher auch nur geliebt werden; allein er hatte dabei, wie
+alle Männer, vergessen, daß auch sie arbeiten müsse. Er wunderte sich,
+wie sie, die poetische, reizende Kity, nicht in den ersten Wochen,
+nein, schon in den ersten Tagen des Ehelebens bereits, denken, sich
+erinnern, sich sorgen konnte um Tischtücher, Möbel, Matratzen für die
+anreisenden Besuche, das Geschirr, den Koch, das Essen und dergleichen.
+Schon als Bräutigam war er in Erstaunen gesetzt worden von der
+Bestimmtheit, mit welcher sie auf eine Reise ins Ausland verzichtete
+und sich dafür entschieden hatte, auf das Dorf zu gehen, gerade als ob
+sie schon wüßte, was not thue, und daß sie außer an ihre Liebe, auch
+noch an Nebensächliches denken könne. Dies hatte ihn damals verstimmt,
+und auch jetzt verstimmten ihn mehrmals ihre kleinen Mühen und Sorgen.
+Doch er sah, daß ihr dies ein Bedürfnis war, und da er sie liebte, so
+konnte er nicht umhin, sich über diese Sorgsamkeit zu freuen, wenn er
+auch nicht wußte weshalb, und wenn er auch darüber spöttelte.
+
+Er lächelte darüber, wie sie die Möbel stellte, welche aus Moskau
+gebracht worden waren, wie sie ihr Zimmer und seines neu ausschmückte,
+Gardinen aufsteckte, über die künftige Unterbringung der Besuche
+verfügte, wie die Dollys; ferner wie sie ihre neue Zofe unterbrachte,
+wie sie dem alten Koch das Menü vorschrieb und mit Agathe Michailowna
+in Widerspruch geriet und diese der Verwaltung der Speisekammer enthob.
+Er sah, daß der alte Koch lächelte und damit zufrieden war, sah, daß
+Agathe Michailowna bedenklich, aber freundlich den Kopf schüttelte
+über die neuen Verfügungen der jungen Herrin in der Vorratskammer; er
+sah, wie Kity ungewöhnlich lieblich war, wenn sie lachend und weinend
+zugleich, zu ihm kam, um ihm mitzuteilen, daß die Magd Mascha gewöhnt
+sei, Agathe als Herrin zu betrachten, und daß deshalb niemand auf sie
+höre. Ihm erschien dies lieblich, aber auch seltsam, und er dachte es
+würde wohl besser sein, wenn dies nicht wäre.
+
+Er kannte jenes Gefühl der Veränderung nicht, welches sie nun kennen
+gelernt, nachdem sie daheim wohl bisweilen einmal nach Kohl mit Kwas
+oder Konfekt verlangt hatte, ohne daß dies oder jenes zu haben gewesen
+wäre, während sie jetzt befehlen durfte, was sie wollte, ganze Haufen
+von Konfekt kaufen, Geld soviel sie wollte ausgeben, oder Backwerk
+bestellen konnte nach Herzenslust.
+
+Mit Freude dachte sie jetzt auch der Ankunft Dollys und der
+Kinder, besonders deswegen, weil sie für jedes der Kinder dessen
+Lieblingsgebäck hatte backen lassen, und Dolly ihre ganze neue
+Einrichtung abschätzen lassen wollte. Sie wußte zwar selbst nicht,
+warum und zu welchem Zwecke, aber das Hauswesen zog sie unwiderstehlich
+an. Instinktiv fühlte sie das Nahen des Frühlings und wohl wissend, daß
+es auch für sie schwere Stunden geben werde, baute sie sich, wie sie es
+verstand, ihr Nest, und mühte sich zu gleicher Zeit zu lernen, wie man
+bauen müsse.
+
+Diese pedantische Sorglichkeit Kitys, dem Ideal Lewins von einem
+erhabenen Glück der ersten Zeit so sehr entgegengesetzt, war eine der
+Enttäuschungen. Diese liebliche Fürsorge, deren Sinn er nicht begriff,
+die er aber lieben mußte, war die erste der neuen Enttäuschungen.
+
+Eine zweite Ernüchterung, zugleich aber auch einen Reiz bildeten die
+Zwiste. Lewin hatte sich nie vorstellen können, daß zwischen ihm und
+seinem Weibe andere Beziehungen, als zärtliche, achtungsvolle und
+liebevolle bestehen könnten, und plötzlich, gleich von den ersten Tagen
+an, gerieten sie einmal so in Zwist, daß sie zu ihm sagte, er liebe sie
+gar nicht, liebe nur sich selbst und nun zu weinen begann, und die Arme
+hochhob.
+
+Dieser erste Streit kam davon her, daß Lewin nach einer neuen Meierei
+gefahren und eine halbe Stunde länger geblieben war, weil er auf einem
+kürzeren Wege hatte heimfahren wollen, in welchem er sich jedoch
+geirrt hatte. Er fuhr heim, nur in Gedanken an sie, an ihre Liebe
+und sein Glück, und je näher er kam, um so heißer wallte in ihm die
+Zärtlichkeit für sie. Er eilte nach ihrem Zimmer noch mit der nämlichen
+Empfindung -- ja einer noch stärkeren -- als die gewesen, mit der er
+sich dem Hause der Schtscherbazkiy genähert hatte, um seine Werbung
+anzubringen. Da aber begegnete ihm plötzlich ein finsterer, noch nie an
+ihr gesehener Ausdruck; er will sie küssen, sie stößt ihn von sich.
+
+»Was hast du?«
+
+»Du hast ja recht gute Laune,« begann sie, sich bemühend, ruhig und
+sarkastisch zu erscheinen.
+
+Kaum aber hat sie den Mund geöffnet, als der Redestrom der Vorwürfe
+einer sinnlosen Eifersucht sich ihr entrang, alles dessen, was sie
+in dieser halben Stunde gemartert hatte, die von ihr, indem sie
+unbeweglich am Fenster saß verbracht worden war. Da erkannte er zum
+erstenmal klar, was er noch nicht gewußt, als er sie nach der Trauung
+aus der Kirche geführt hatte. Er erkannte, daß sie ihm nicht nur nahe
+stehe, sondern daß er jetzt nicht einmal mehr wisse, wo sie aufhöre
+und wo er anfange. Er empfand dies an jenem quälenden Gefühl der
+Zweiheit, welches er in dieser Minute hatte. Im ersten Augenblick war
+er verletzt, ebenso schnell aber wurde er auch inne, daß er von ihr
+nicht verletzt werden könne, daß sie ja er selbst sei. Er empfand in
+diesem ersten Augenblick ein Gefühl, ähnlich dem, welches ein Mensch
+hat, wenn er, plötzlich einen starken Schlag von hinten erhaltend,
+sich gereizt und mit dem Wunsch nach Rache umwendet, den Schuldigen
+zu entdecken, sich aber dabei überzeugt, daß er sich unvermutet selbst
+geschlagen hat, und daher niemandem zürnen dürfe, sondern seinen
+Schmerz überwinden und beschwichtigen müsse.
+
+Niemals hatte er dies mit solcher Macht in der Folge wieder empfunden,
+aber jenes erste Mal konnte er sich lange Zeit darüber selbst nicht
+wieder finden. Ein natürliches Gefühl erheischte von ihm, daß er sich
+rechtfertigte und ihr ihre Schuld vorhalte; dies aber thun, hieß
+sie nur noch mehr reizen und den Bruch noch größer machen, der die
+Ursache des ganzen Leides bildete. Die eine, gewöhnlich vorhandene
+Empfindung zog ihn, die Schuld von sich ab und auf sie zu wälzen, eine
+andere, noch viel stärkere aber, schnell -- so schnell als möglich
+-- den stattfindenden Gefühlsausbruch, zu besänftigen und ihn nicht
+stärker werden zu lassen. Es war qualvoll, unter einer ungerechten
+Beschuldigung zu leiden, allein sich zu rechtfertigen und ihr wehe
+zu thun, war noch schlimmer. Wie ein Mensch im Halbschlaf, der von
+einem Schmerz gequält ist, so wollte er jetzt die schmerzende Stelle
+losreißen, von sich werfen und fühlte, als er zur Besinnung kam, daß
+diese schmerzende Stelle -- er selbst war. -- Man konnte sich somit
+nur bemühen, der kranken Stelle behilflich zu sein, zu dulden, und er
+bemühte sich denn, dies zu thun.
+
+Beide söhnten sich aus; sie, indem sie ihre Schuld einsah, ohne sie
+jedoch einzugestehen, wurde wieder zärtlich gegen ihn, und beide
+verspürten ein neues verdoppeltes Glück in ihrer Liebe. Dies hinderte
+indessen nicht, daß sich diese Zusammenstöße nicht wiederholten, ja
+sogar ziemlich häufig, und bei den unerwartetsten und geringfügigsten
+Anlässen. Diese Zusammenstöße entstanden oft daraus, daß sie noch
+nicht wußten, was das Eine für das Andere bedeutete, daraus, daß sie
+in dieser ganzen ersten Zeit beide häufig in schlechter Laune waren.
+Befand sich der eine Teil in guter, der andere in übler Stimmung,
+so wurde der Frieden nicht gestört, wenn sich aber beide gerade in
+Mißstimmmung befanden, so entstanden Zwiste aus Ursachen, die ihrer
+Nichtigkeit halber so unbegreiflich waren, daß beide sich nachher
+durchaus nicht mehr zu entsinnen vermochten, worüber sie sich entzweit
+hatten. Allerdings verdoppelte sich hingegen das Glück ihres Lebens,
+wenn sie beide bei guter Stimmung waren. Nichtsdestoweniger war aber
+doch diese erste Zeit eine schwere für sie.
+
+Während dieser ganzen Zeit hatte sich eine lebhafte Spannung, gleich
+einem Zerren nach den beiden Enden einer Kette, durch die sie verbunden
+waren, fühlbar gemacht.
+
+Überhaupt war jener Honigmonat, das heißt der Monat nach der Hochzeit,
+von dem sich Lewin, der Überlieferung nach, so viel versprochen hatte,
+nicht nur nicht süß, sondern bildete vielmehr in der Erinnerung beider
+gerade die schwerste und niederdrückendste Periode ihres Lebens.
+Indessen bemühten sie sich beide für ihr späteres Leben alle die
+häßlichen und beschämenden Umstände dieser ungesunden Zeit, in der sie
+doch beide selten in normalem Seelenzustand, selten sie selbst gewesen
+waren, aus ihrem Gedächtnis zu verwischen.
+
+Erst im dritten Monat ihres Ehestandes, nach der Rückkehr von Moskau,
+wohin sie sich für einen Monat begeben hatten, gestaltete sich ihr
+Leben geebneter.
+
+
+ 15.
+
+Sie waren kaum von Moskau wieder zurückgekommen und freuten sich nun
+ihrer Einsamkeit. Er saß im Kabinett am Schreibtisch und schrieb;
+sie, in jenem dunkellila Kleid, welches sie in den ersten Tagen
+ihres Ehestandes getragen und heute wiederum angelegt hatte, und das
+besonders denkwürdig und teuer für ihn war, saß auf dem Diwan, dem
+nämlichen altmodischen Lederdiwan, der stets unter dem Großvater und
+Vater Lewins im Kabinett gestanden hatte und stickte eine =broderie
+anglaise=. Er sann und schrieb, fortwährend in dem angenehmen
+Gefühl ihrer Gegenwart. Seine Beschäftigung, sowohl die mit der
+Landwirtschaft, als seinem Werke, in welchem die Prinzipien einer neuen
+Landwirtschaft dargelegt werden sollten, war nicht von ihm aufgegeben
+worden, aber so wie ihm vordem schon diese Arbeiten und Ideen klein und
+geringfügig erschienen waren im Vergleich mit dem Dunkel, welches das
+ganze Leben bedecke, so erschienen sie ihm auch jetzt noch unwichtig
+und kleinlich im Vergleich mit dem vom warmen Lichtglanz des Glückes
+überfluteten Leben, das vor ihm lag. Er setzte seine Arbeiten fort,
+empfand aber jetzt, daß der Schwerpunkt seiner Aufmerksamkeit auf
+etwas Anderes übergegangen sei und er infolge dessen ganz anders und
+klarer auf die Sache blickte. Vordem war für ihn diese Beschäftigung
+sein Lebensheil gewesen, vordem hatte er empfunden, daß ohne dieselbe
+sein Dasein allzu düster sein würde; jetzt aber waren ihm diese
+Arbeiten notwendig, damit ihm das Leben nicht zu einförmig erhellt
+sein möchte. Nachdem er sich von neuem seinen Manuskripten gewidmet
+hatte, fand er beim Durchlesen des Geschriebenen mit Genugthuung, das
+Werk sei es wert, daß er sich mit ihm befaßte. Viele der früheren
+Ideen zeigten sich ihm zwar überflüssig oder übertrieben, aber vieles
+noch Fehlende wurde ihm auch klar, als er das ganze Werk in seinen
+Gedanken wieder auffrischte. Er schrieb jetzt ein neues Kapitel über
+die Gründe der ungünstigen Lage des Ackerbaues in Rußland. Er legte
+dar, daß die Armut Rußlands nicht nur von der unregelmäßigen Verteilung
+des Grundbesitzes und falscher Methode herrühre, sondern auch in der
+letzten Zeit die in Rußland in nicht normaler Weise zur Entwickelung
+gelangte äußerliche Civilisation hierzu beigetragen habe, insbesondere
+durch die Verkehrswege, die Eisenbahnen, welche die Centralisierung
+in den Städten mit sich gebracht hätten, die Entwickelung des Luxus,
+und in der Folge hiervon, zum Schaden für die Landwirtschaft, die
+Entwickelung des Fabrikwesens, des Kreditwesens und seines Trabanten --
+des Börsenspiels. --
+
+Ihm schien, daß bei einer normalen Entwickelung des Wohlstandes im
+Reiche, alle diese Erscheinungen erst auftreten, nachdem man auf die
+Landwirtschaft schon bedeutende Mühe verwendet hätte und dieselbe
+in gesetzliche, oder wenigstens bestimmte Verhältnisse getreten
+sei; daß der Reichtum einer Gegend in gleichmäßigem Wachstum stehen
+müsse, und insbesondere in der Weise, daß andere Schößlinge der
+Kapitalwirtschaft nicht der Landwirtschaft zuvorkommen dürften, daß
+im Einklang mit notorisch bekannten Verhältnissen der Landwirtschaft
+auch dementsprechende Verkehrswege dafür vorhanden sein müßten; und
+daß bei der gegenwärtigen ungeregelten Ausnutzung des Bodens die
+Eisenbahnen, welche nicht einem landwirtschaftlichen, sondern einem
+politischen Bedürfnis entsprängen, verfrüht wären, und, anstatt zu der
+Hebung der Landwirtschaft, welche letztere man doch von ihnen erwarte
+beizutragen, dem Landbau zuvorkommend, nur eine Entwickelung der
+Industrie und des Kredits hervorriefen, jenen aber hemmten. Er bewies,
+daß weil nun die einseitige und verfrühte Entwickelung eines einzelnen
+Organs im lebenden Organismus dessen Gesamtentwickelung hemmte, auch
+der Kredit auf die allgemeine Entwickelung des Wohlstandes in Rußland,
+die Verkehrswege, den Kraftaufwand der industriellen Thätigkeit, die in
+Europa so zweifellos notwendig, weil alle zur rechten Zeit entstanden
+seien, in Rußland nur Schaden verursachten, indem sie die Hauptfrage
+der Organisierung des Ackerbaues verdrängten.
+
+Während er so seine Ideen niederschrieb, dachte sie daran, wie
+unnatürlich aufmerksam ihr Gatte gegen den jungen Fürsten Tscharskiy
+gewesen sei, der ihr am Abend vor der Abreise sehr taktlos die Cour
+gemacht hatte.
+
+»Er ist offenbar eifersüchtig,« dachte sie; »mein Gott, wie gut und
+befangen er ist! Er ist eifersüchtig auf mich! Wenn er wüßte, daß alle
+für mich soviel sind, wie Peter der Koch.« Und mit einer ihr selbst
+wunderlichen Empfindung von Selbstgefühl blickte sie auf seinen Nacken
+und den rotschimmernden Hals. »Es ist zwar schade, ihn seiner Arbeit
+zu entreißen -- er macht Fortschritte -- so muß ich doch sein Gesicht
+sehen; ob er wohl fühlt, daß ich nach ihm schaue? Ich will, daß er
+sich umwendet! Ich will es, nun!« und sie öffnete die Augen weiter, im
+Wunsche, damit die Wirkung ihres Blickes zu verstärken.
+
+»Ja, sie saugen alle Säfte in sich auf und geben einen falschen Glanz,«
+murmelte er, mit Schreiben innehaltend, und blickte sich um, indem er
+fühlte, daß sie auf ihn schaue, und lächelte.
+
+»Was ist?« frug er noch lächelnd, und erhob sich.
+
+»Er hat sich umgeblickt,« dachte sie.
+
+»Nichts. Ich wollte nur, daß du dich umschautest,« versetzte sie, ihn
+anblickend und zu erraten suchend, ob es ihm unangenehm gewesen sei
+oder nicht, daß sie ihn gestört habe.
+
+»Wie wohl wir uns doch so zu Zweien befinden! Ich wenigstens,« sagte
+er, zu ihr hintretend und von einem Lächeln des Glückes strahlend.
+
+»Auch mir ist so wohl! Ich werde nirgends mehr hinfahren, namentlich
+nicht nach Moskau.«
+
+»Woran dachtest du denn eigentlich?«
+
+»Ich? Ich habe gedacht -- nein, nein, geh nur, schreib, zerstreue dich
+nicht,« sprach sie, die Lippen kräuselnd, »ich muß jetzt diese kleinen
+Löcher hier ausschneiden, siehst du?« --
+
+Sie ergriff die Schere und begann auszuschneiden.
+
+»Ach nein, sage mir doch, woran dachtest du?« sagte er, sich zu ihr
+setzend und der kreisförmigen Bewegung der kleinen Schere folgend.
+
+»O, woran ich dachte? Ich dachte? An Moskau, an deinen Nacken.«
+
+»O, warum mir solch ein Glück? Es ist übernatürlich. Das ist zu schön,«
+sagte er, ihr die Hand küssend.
+
+»Mir ist es im Gegenteil um so schöner, je natürlicher es ist.«
+
+»Du hast da ein Zöpfchen,« sagte er, behutsam ihren Kopf wendend. »Ein
+Zöpfchen. Siehst du hier. Doch nein, nein, arbeiten wir!«
+
+Die Arbeit wurde indessen nicht mehr fortgesetzt, und sie fuhren wie
+schuldbewußt auseinander, als Kusma eintrat, um zu melden, daß der Thee
+serviert sei.
+
+»Ist aus der Stadt Etwas angekommen?« frug Lewin Kusma.
+
+»Soeben. Es wird ausgepackt.«
+
+»Komm sobald als möglich,« sagte sie zu ihm, das Kabinett verlassend,
+»sonst werde ich in deiner Abwesenheit die Briefe lesen. Wir wollen
+auch vierhändig spielen.«
+
+Allein geblieben, packte er seine Hefte in das neu von ihr gekaufte
+Portefeuille und wusch sich alsdann die Hände in dem neuen Waschbecken
+und mit dem neuen, mit ihr zugleich hier erschienenen eleganten
+Zubehör. Lewin lächelte über seine Gedanken und schüttelte mißbilligend
+den Kopf darüber; eine Empfindung, die der Reue ähnlich war, quälte
+ihn. Etwas Beschämendes, Verweichlichtes, Capuanisches, wie er es sich
+selbst nannte, lag in seiner jetzigen Lebensweise.
+
+»Es ist nicht gut, so zu leben,« dachte er bei sich. »Bald sind es nun
+schon drei Monate und ich arbeite fast nichts. Heute habe ich mich
+beinahe zum erstenmal wieder ernstlich an eine Arbeit gemacht, und was
+geschah dabei? Kaum angefangen, habe ich sie wieder beiseite geworfen.
+Selbst meine gewöhnlichen Übungen, selbst die habe ich fast aufgegeben.
+Die Ökonomie, ich gehe fast gar nicht mehr nach ihr und fahre auch
+nicht mehr. Bald thut es mir leid, sie im Stich lassen zu müssen, bald
+sehe ich, daß sie sich langweilt. Habe ich doch gedacht, daß bis zur
+Heirat das Leben an und für sich nicht gerechnet werden kann, daß es
+erst nach derselben als ein wirkliches beginnt. Aber nun sind es schier
+drei Monate, und noch nie habe ich meine Zeit so müßig und so nutzlos
+hingebracht! Nein; das kann nicht mehr so fortgehen; man muß anfangen.
+Natürlich ist sie nicht schuld. Ihr kann man in keiner Beziehung
+Vorwürfe machen. Ich selbst hätte fester sein und meine männliche
+Unabhängigkeit wahren müssen. Indessen ist es ja möglich, sich selbst
+wieder daran zu gewöhnen und auch sie darin zu unterrichten; natürlich
+ist ihr keinerlei Schuld beizumessen,« sprach er zu sich selbst.
+
+Es ist indessen schwer für einen unzufriedenen Menschen, einem anderen,
+und zwar gerade dem, der ihm am nächsten steht, in Bezug auf das,
+worüber er unzufrieden ist, nicht Vorwürfe zu machen. Auch Lewin war es
+dunkel in den Kopf gekommen, daß -- nicht, daß sie selbst schuld daran
+gewesen wäre -- sie konnte an nichts Schuld tragen -- ihre Erziehung
+wohl schuld sei, die allzu oberflächlich und frivol gewesen war --
+(dieser Narr Tscharskiy; sie, das weiß ich, wollte ihn wohl von sich
+abweisen, aber sie verstand es nicht). Außer dem Interesse für das Haus
+-- das heißt ihre Familie -- außer ihrer Toilette und der =broderie
+anglaise= hat sie keine ernsthaften Interessen. Sie hat kein Interesse
+für ihre eigene Angelegenheit, die Wirtschaft, ihre Bauern, auch nicht
+für die Musik, in der sie doch ziemlich sicher war, noch für Lektüre.
+Sie thut nichts und ist doch vollständig zufrieden.
+
+Lewin tadelte dies in seinem Innern und erkannte noch nicht, daß sie
+sich auf diejenige Periode ihrer Wirksamkeit vorbereite, die für sie
+erscheinen mußte, und in welcher sie zu gleicher Zeit als Frau ihres
+Gatten, und Herrin des Hauswesens Kinder zu nähren und zu erziehen
+haben würde. Er erkannte nicht, daß sie dies durch ihre Ahnung schon
+wußte und sich in der Vorbereitung auf diese schwere Mühe über die
+Augenblicke der Sorglosigkeit und des Liebesglückes, die sie jetzt noch
+genoß, keine Vorwürfe machte, sondern heiter ihr künftiges Nest sich
+baute.
+
+
+ 16.
+
+Als Lewin nach oben kam, saß seine Gattin vor dem neusilbernen Ssamowar
+hinter dem neuen Theegeschirr und las, nachdem sie die alte Agathe
+Michailowna mit einer ihr kredenzten Tasse Thee mit an das kleine
+Tischchen gesetzt hatte, einen Brief Dollys, mit welcher sie beide in
+beständigem und lebhaftem Briefwechsel standen.
+
+»Da seht, Eure Herrin hat mich hierher gesetzt; sie sagte, ich solle
+auch mit bei ihr sitzen,« begann Agathe Michailowna, Kity gutmütig
+zulächelnd.
+
+In diesen Worten Agathe Michailownas sah Lewin die Lösung eines
+Dramas, welches sich in jüngster Zeit zwischen dieser und Kity
+abgespielt hatte. Er sah, daß ungeachtet alles Leides, welches der
+Agathe Michailowna durch die neue Herrin verursacht worden war, die
+ihr die Zügel des Hausregiments aus der Hand genommen hatte, Kity sie
+gleichwohl überwunden und gezwungen hatte, sie zu lieben.
+
+»Da habe ich einen Brief an dich gelesen,« sagte Kity, ihm einen
+fehlerhaft geschriebenen Brief reichend. »Hier ist einer von jenem
+Weibe deines Bruders, wie es scheint,« sagte sie, »ich habe ihn nicht
+gelesen. Der hier ist von den Meinen und von Dolly. Denke dir, Dolly
+hat Grischa und Tanja zum Kinderball zu den Sarmatskiy geführt! Tanja
+hatte dabei eine Marquise gemacht.«
+
+Lewin hörte sie jedoch gar nicht; errötend hatte er das Schreiben von
+Marja Nikolajewna, der früheren Geliebten Nikolays, ergriffen und es
+zu lesen begonnen. Es war dies bereits das zweite Schreiben von ihr.
+Im ersten Briefe hatte sie geschrieben, daß sein Bruder sich ihrer
+entledigt habe, ohne daß sie sich eine Schuld beizumessen hätte, und
+mit rührender Naivetät hinzugefügt, daß sie, obwohl sie nun wieder
+im Elend lebe, um nichts bitte und nichts wünsche, und daß sie nur
+der Gedanke quäle, Nikolay Dmitrjewitsch könne ohne sie mit seiner
+schwachen Gesundheit ins Verderben geraten; sie hatte den Bruder
+gebeten, Sorge für ihn zu tragen. Jetzt schrieb sie einen zweiten
+Brief. Sie hatte Nikolay Dmitrjewitsch gefunden, sich wieder mit
+ihm in Moskau vereint, und war mit ihm in eine Gouvernementsstadt
+gereist, woselbst er ein Amt erhalten hatte. Dort war er indessen mit
+seinem Vorgesetzten in Differenzen geraten und wieder nach Moskau
+zurückgekehrt, »und der teure Mann ist nunmehr so krank geworden, daß
+er wohl schwerlich je wieder aufkommen wird,« schrieb sie; »er hat
+fortwährend Eurer gedacht, Geld besitzt er gar nicht mehr.«
+
+»Lies, da schreibt Dolly von dir,« begann Kity lächelnd, hielt aber
+plötzlich inne, als sie die Veränderung ihres Gatten gewahrte.
+
+»Was hast du? Was ist da?«
+
+»Sie schreibt mir, daß mein Bruder Nikolay dem Tode nahe ist. Ich muß
+zu ihm.«
+
+Das Gesicht Kitys veränderte sich plötzlich. Die Gedanken an Tanja als
+Marquise, an Dolly, alles war verschwunden.
+
+»Wann wirst du fahren?« sagte sie.
+
+»Morgen.«
+
+»Und ich gehe mit dir, darf ich!« fuhr sie fort.
+
+»Kity! Was soll das?« frug er vorwurfsvoll.
+
+»Was das soll?« erwiderte sie, gekränkt, daß er darüber wie es schien
+ungern und mit Verdruß ihren Vorschlag entgegennahm. »Weshalb soll ich
+nicht mit reisen? Ich werde dir nicht hinderlich sein. Ich« --
+
+»Ich reise, weil mein Bruder stirbt,« antwortete Lewin. »Weshalb sollst
+du da« --
+
+»Weshalb? Eben deshalb, weshalb du reisest« --
+
+»In einer für mich so ernsten Minute denkt sie nur daran, daß sie sich
+allein könnte langweilen,« dachte Lewin, und die Auslegung in der so
+ernsten Angelegenheit brachte ihn auf. »Es ist aber unmöglich,« sagte
+er in strengem Tone.
+
+Agathe Michailowna, welche sah, daß es zum Streit kommen wollte, setzte
+leise ihre Tasse nieder und ging hinaus. Kity hatte sie gar nicht
+bemerkt. Der Ton in welchem ihr Mann die letzten Worte gesprochen
+hatte, hatte sie insofern besonders verletzt, als dieser offenbar dem
+nicht glaubte, was sie sagte.
+
+»Ich sage dir, daß wenn du reisest, ich mit dir reisen werde;
+unbedingt mit reisen werde,« fügte sie eifernd und zürnend hinzu.
+»Weshalb ist denn das unmöglich? Weshalb sagst du, es sei unmöglich?«
+
+»Weil wir, Gott weiß wohin, auf was für Wegen und mit welchen
+Gasthäusern zu reisen haben werden. Du wirst mir nur beschwerlich
+sein,« sprach Lewin, sich bemühend, kaltblütig zu bleiben.
+
+»Auf keinen Fall! Ich habe keinerlei Bedürfnisse. Wo du bist, kann ich
+auch sein!«
+
+»Nun dann, schon deshalb kannst du nicht, weil sich dort jenes Weib
+befindet, dem du dich doch nicht nähern kannst« --
+
+»Ich weiß nichts und will nicht wissen, wer oder was dort ist! Ich weiß
+nur, daß der Bruder meines Gatten stirbt und daß mein Gatte zu ihm
+geht; ich aber mit meinem Gatten gehen will, um« --
+
+»Kity! Rege dich nicht auf! Bedenke, die Sache ist zu wichtig, so daß
+es mir schmerzlich ist, zu denken, du könntest die Empfindung einer
+Schwäche, die Abneigung davor, allein zu bleiben, hereinmengen. Nun,
+wird es für dich langweilig hier, so fahre nach Moskau.«
+
+»Da haben wirs! Stets schreibst du mir nur schlechte, niedrige Gedanken
+zu,« fuhr sie fort, unter den Thränen der Erbitterung und des Zornes.
+»Ich will nichts; es ist keine Schwäche, nichts; ich fühle nur, daß es
+meine Pflicht ist, mit meinem Gatten zu sein, wenn er Leid trägt; du
+aber willst mir absichtlich weh thun, willst mich absichtlich nicht
+verstehen.«
+
+»Nein; das ist doch zu schrecklich; geradezu ein Sklave zu sein!« rief
+Lewin aus, indem er aufstand. Er war nicht fähig, seinen Verdruß noch
+länger zurückzuhalten. Doch in diesem Augenblick empfand er, daß er
+sich selbst traf.
+
+»Aber weshalb hast du dann geheiratet? Wärest du doch frei geblieben!
+Weshalb hast du geheiratet, wenn du es bereust!« fuhr sie fort, sprang
+auf und eilte in den Salon.
+
+Als er ihr nachfolgte, brach sie in Schluchzen aus. Er begann ihr
+zuzureden mit dem Wunsche die Worte zu finden, welche sie, wenn nicht
+überzeugen, doch wenigstens beschwichtigen könnten. Aber sie hörte ihn
+nicht und war mit nichts einverstanden. Er beugte sich herab zu ihr,
+und ergriff ihre abwehrende Hand. Er küßte die Hand, er küßte ihr das
+Haar und küßte wiederum ihre Hand -- sie schwieg beharrlich. -- Als er
+sie aber mit beiden Händen beim Kopfe nahm und »Kity« sagte, da kam sie
+plötzlich zur Besinnung, brach in Thränen aus und war beschwichtigt.
+
+Es wurde also bestimmt, daß man morgen vereint reiste. Lewin sagte zu
+seinem Weibe, daß er wohl glaube, sie wollte nur mitreisen, um ihm
+nützlich zu sein; er gab auch zu, daß Marja Nikolajewnas Aufenthalt bei
+dem Bruder nichts Anstößiges habe -- reiste aber nichtsdestoweniger,
+auf dem Grund seiner Seele unzufrieden mit ihr und mit sich selbst.
+
+Mit ihr war er unzufrieden, weil sie es nicht hatte über sich gewinnen
+können, ihn fort zu lassen, obwohl es doch notwendig war. Wie seltsam
+ward es ihm jetzt bei dem Gedanken, daß er, der ja noch vor kurzem
+nicht gewagt hatte, an das Glück zu glauben, daß sie ihn lieben könne,
+sich jetzt darüber unglücklich fühlte, daß sie ihn zu sehr liebte!
+-- Mit sich hingegen war er unzufrieden, daß er seinen Willen nicht
+durchgesetzt hatte. Noch weniger war er im Grund seiner Seele damit
+einverstanden, daß sie mit jener Weibsperson, die bei seinem Bruder
+lebte, etwas zu thun haben sollte, und er dachte mit Schrecken an alle
+Berührungen, welche stattfinden konnten.
+
+Schon das Eine, daß sein Weib, seine Kity, in einem Raume mit jenem
+Mädchen leben sollte, machte ihn schaudern vor Ekel und Entsetzen.
+
+
+ 17.
+
+Das Gasthaus der Gouvernementsstadt, in welcher Nikolay Lewin krank
+lag, war eines jener Gouvernementshotels, wie sie nach neuen,
+vervollkommneten Mustern gebaut werden, ausgestattet mit den
+vorzüglichsten Rücksichtnahmen auf Sauberkeit, Komfort und selbst
+Eleganz, sich aber infolge des Publikums, das sie besucht, mit
+außerordentlicher Schnelligkeit in schmutzige Schenken, unter dem
+Anstrich zeitgemäßer Vervollkommnung, verwandeln, damit aber noch
+schlimmer werden, als die altmodischen, nur unsauberen Gasthäuser.
+
+Das Hotel war schon in diesen Zustand geraten, und der Soldat in
+schmutziger Uniform, welcher am Eingang eine Cigarette qualmte, und
+das Amt eines Portiers versah, sowie die gußeiserne, zugige, düstere
+und unfreundliche Treppe, der freche Kellner in schmutzigem Frack und
+der öffentliche Salon mit dem staubbedeckten Bouquet von Wachsblumen,
+welches den Tisch zierte, der Staub und Schmutz, die Unordnung überall,
+und dazu noch die eigentümliche gleichzeitig bemerkbare Eisenbahnhast,
+riefen in dem Lewinschen Ehepaar nach dem jungen Eheleben ein
+beklemmendes Gefühl hervor; besonders beklemmend dadurch, daß sich der
+scheinbare Eindruck, den das Gasthaus machte, in keiner Weise mit dem
+vereinbarte, was beide darin erwartete.
+
+Wie immer, so zeigte es sich auch jetzt, daß, nachdem sie die Frage, zu
+welchem Preise sie ein Zimmer zu haben wünschten beantwortet hatten,
+nicht ein einziges in gutem Zustande befindliches da war. Ein gutes
+Zimmer war von einem Eisenbahnrevisor besetzt, ein zweites von einem
+Moskauer Advokaten, ein drittes von der Fürstin Astaphjewa, die vom
+Dorfe gekommen war. Es blieb nur ein schmutziger Raum, neben dem man am
+Abend noch ein zweites freizumachen versprach.
+
+Voll Verdruß über sein Weib, da es so kam, wie er erwartet hatte, und
+namentlich, daß er im Augenblick der Ankunft, wo ihm das Herz von
+Bewegung ergriffen war bei dem Gedanken, wie es mit dem Bruder stehen
+möge, Sorge für sie zu tragen hatte, anstatt sofort zu dem Bruder eilen
+zu können, führte Lewin seine Frau in das ihnen zugewiesene Zimmer.
+
+»Geh, geh,« sagte sie, ihn mit schüchternem, schuldbewußtem Blick
+anschauend.
+
+Schweigend schritt er aus der Thür und traf hier mit Marja Nikolajewna
+zusammen, die von seiner Ankunft erfahren hatte, aber nicht wagte,
+bei ihm einzutreten. Sie sah noch geradeso aus, wie er sie in Moskau
+gesehen hatte, das nämliche wollene Kleid, Arme und Hals nackt, und das
+nämliche, gutmütig stumpfe, nur etwas voller gewordene, pockennarbige
+Gesicht.
+
+»Wie geht es? Was macht er? Wie?«
+
+»Sehr schlecht. Er steht gar nicht mehr auf. Er hat Euch schon
+erwartet. Er -- Ihr seid mit Eurer Gattin gekommen?«
+
+Lewin verstand in der ersten Minute nicht, was sie in Verlegenheit
+setzte, doch klärte sie ihn sogleich auf.
+
+»Ich will gehen -- nach der Küche,« sagte sie; »der Herr wird sich
+freuen. Er hat schon gehört, und kennt die Dame, und entsinnt sich
+ihrer noch vom Auslande her.«
+
+Lewin verstand jetzt erst, daß sie seine Frau meine, wußte aber nicht,
+was er ihr antworten sollte.
+
+»Kommt, kommt!« sagte er.
+
+Kaum hatte er sich jedoch zum Gehen angeschickt, als sich die Thür
+seines Zimmers öffnete und Kity herausblickte. Lewin errötete vor Scham
+und Ärger über sein Weib, das sich selbst und ihn in diese schwierige
+Situation gebracht hatte; Marja Nikolajewna errötete aber noch mehr.
+Sie drückte sich seitwärts, bis zum Weinen rot geworden und drehte die
+Zipfel ihres Tuches, die sie mit beiden Händen ergriffen hatte, in
+ihren roten Fingern, ohne zu wissen, was sie sagen oder anfangen sollte.
+
+Im ersten Moment sah Lewin den Ausdruck einer lebhaften Neugier in dem
+Blick, mit welchem Kity auf dieses für sie unbegreifliche, schreckliche
+Weib schaute, aber dies währte nur einen Augenblick.
+
+»Nun, wie ist es denn, wie ist es denn?« wandte sie sich an ihren
+Gatten und an jene. »Was macht er?« wandte sie sich an ihren Mann und
+dann an sie.
+
+»Man kann indessen auf dem Korridor nicht sprechen!« sagte Lewin sich
+voll Verdruß nach einem Herrn umblickend, welcher dröhnenden Schrittes,
+als wäre er ganz allein hier, soeben den Korridor hinabging.
+
+»Nun, so kommt doch herein,« sagte Kity, zu der sich emporrichtenden
+Marja Nikolajewna gewendet, fügte aber, als sie das erschreckte Gesicht
+ihres Mannes erblickte, sogleich hinzu, »oder geht, geht, und schickt
+nach mir,« und wandte sich wieder in ihr Zimmer zurück.
+
+Lewin ging zu seinem Bruder. Er hatte durchaus nicht erwartet, was er
+bei dem Bruder sah und empfand. Er hatte erwartet, noch den nämlichen
+Zustand der Selbsttäuschung zu finden, welcher -- er hatte dies gehört
+-- bei Brustleidenden so häufig sein soll, und der ihn während des
+Besuchs seines Bruders im Herbst so betroffen gemacht hatte. Er hatte
+erwartet, die physischen Anzeichen des nahenden Todes noch ausgeprägter
+zu finden, eine größere Schwäche und größere Magerkeit, aber es zeigte
+sich fast noch immer der nämliche Zustand. Er hatte erwartet, selbst
+wieder jenes Gefühl des Schmerzes über den Verlust des geliebten
+Bruders und des Entsetzens vor dessen Tode zu empfinden, welches er
+damals gehabt hatte, nur in noch höherem Grade. Er hatte sich selbst
+darauf vorbereitet, aber er fand etwas ganz Anderes.
+
+In einem kleinen, unsauberen Zimmer, deren gemaltes Getäfel an den
+Wänden bespieen und hinter dessen dünner Zwischenwand Gespräch
+vernehmbar war, in einer von erstickendem Geruch verunreinigten Luft
+lag auf einem von der Wand abgerückten Bett ein vom Deckbett verhüllter
+menschlicher Körper. Ein Arm dieses Körpers lag oben auf der Bettdecke,
+und die große, wie eine Harke aussehende Hand dieses Armes hing auf
+unbegreifliche Weise an einer dünnen, langen, von Anfang bis zur Mitte
+gleichmäßig verlaufenden Spule fest. Der Kopf lag seitwärts gedreht auf
+dem Kissen. Lewin sah die schweißbedeckten, spärlichen Haare an den
+Schläfen und über der Stirn.
+
+»Es kann nicht sein, daß dieser entsetzliche Körper mein Bruder Nikolay
+ist,« dachte Lewin. Doch er trat näher, erblickte das Gesicht und sein
+Zweifel war schon unmöglich geworden. Trotz der furchtbaren Veränderung
+dieser Züge, mußte Lewin doch erst noch diese lebhaften, sich auf den
+Eintretenden richtenden Augen, und diese leichte Bewegung des Mundes
+unter dem zusammenklebenden Schnurrbart erblicken, wollte er die
+furchtbare Wahrheit begreifen, daß dieser Totenkörper da sein lebender
+Bruder war.
+
+Die glänzenden Augen blickten ernst und vorwurfsvoll auf den
+eintretenden Bruder, und sogleich mit diesem Blicke entstand eine
+lebhafte Wechselbeziehung unter den Lebenden. Lewin fühlte sofort den
+Vorwurf in dem auf ihn gerichteten Blick, und Reue über sein eigenes
+Glück.
+
+Als Konstantin Nikolays Hand ergriff, lächelte dieser. Sein Lächeln war
+schwach, kaum merklich, und trotz dieses Lächelns schwand der strenge
+Ausdruck seiner Augen nicht.
+
+»Du hast wohl nicht erwartet, mich so zu finden,« brachte er mit
+Anstrengung hervor.
+
+»Ja -- nein« -- sprach Lewin, in seinen eigenen Worten irre werdend.
+»Warum konntest du nicht früher von dir wissen lassen, zur Zeit meiner
+Verheiratung? Ich habe überall Nachforschungen nach dir angestellt.«
+
+Es mußte gesprochen werden, damit man nicht schwieg, und er wußte
+doch nicht, was er sagen sollte, um so weniger, als sein Bruder nicht
+antwortete, sondern nur unverwandt schaute, und offenbar in den Sinn
+eines jeden Wortes eindringen wollte. Lewin teilte dem Bruder mit, daß
+auch seine Frau mit ihm gekommen sei. Nikolay drückte sein Vergnügen
+darüber aus, sagte aber, er fürchte, sie durch seinen Zustand zu
+erschrecken. Ein Schweigen trat ein. Plötzlich regte sich Nikolay und
+begann zu sprechen. Lewin erwartete etwas besonders Bedeutendes und
+Gewichtiges dem Ausdruck seines Gesichts nach, doch sprach Nikolay nur
+über seine Gesundheit. Er klagte den Doktor an, beklagte, daß er keinen
+berühmten Moskauer Arzt habe und Lewin erkannte, daß er noch immer
+Hoffnung hegte.
+
+Die erste Minute des Schweigens benutzend, erhob sich Lewin, im
+Wunsche, wenigstens für eine Minute von dem peinigenden Gefühl erlöst
+zu sein, und sagte, daß er gehen wolle, um seine Frau herzuführen.
+
+»Gut, ich will indessen anordnen, daß hier gesäubert wird. Es ist
+schmutzig hier und riecht übel, glaube ich. Mascha! Räume hier auf,«
+sagte der Kranke mit Anstrengung, »und wenn du aufgeräumt hast, kannst
+du hinausgehen,« fügte er hinzu, den Blick fragend auf den Bruder
+richtend.
+
+Lewin antwortete nichts. Als er auf den Korridor hinaustrat, blieb er
+stehen. Er hatte gesagt, daß er seine Frau herführen wolle, jetzt aber,
+als er sich Rechenschaft von jenem Gefühl gab, welches er empfunden
+hatte, beschloß er, im Gegenteil zu versuchen, sie zu überreden,
+daß sie nicht zu dem Kranken gehe. »Wozu sie peinigen, wie ich mich
+peinige?« dachte er.
+
+»Nun? Was ist? Wie steht es?« frug ihn Kity mit erschrecktem Gesicht.
+
+»Ach, es ist doch entsetzlich, entsetzlich. Warum bist du nur
+mitgekommen?« sagte Lewin.
+
+Kity schwieg einige Sekunden, schüchtern und kläglich auf ihren Mann
+blickend; dann trat sie auf ihn zu und hing sich mit beiden Armen an
+seinen Ellbogen.
+
+»Mein Konstantin! führe mich zu ihm, es wird uns zu Zweien leichter
+werden. Führe du mich nur, führe mich, bitte, und komm,« sagte sie,
+»begreife doch, daß es mir bei weitem schwerer wird, dich zu sehen
+und ihn nicht. Dort werde ich vielleicht dir und ihm nützlich werden
+können. Bitte gestatte es!« beschwor sie ihren Mann, als ob das Glück
+ihres Lebens hiervon abhinge.
+
+Lewin mußte einwilligen und begab sich, nachdem er sich etwas erholt
+hatte, Marja Nikolajewna schon ganz vergessend, mit Kity wieder zu
+seinem Bruder.
+
+Leisen Schrittes und unverwandt auf ihren Gatten blickend, welchem sie
+ihr mutiges und doch gefühlvolles Antlitz wies, betrat sie das Zimmer
+des Kranken und schloß, sich ohne Hast zurückwendend, geräuschlos
+die Thür. Mit unhörbaren Schritten näherte sie sich rasch dem Lager
+des Kranken und so herantretend, daß dieser den Kopf nicht zu drehen
+brauchte, nahm sie sogleich das Skelett seiner großen Hand in ihre
+frische, jugendliche, drückte sie und begann dann, mit jener, nur den
+Frauen eigenen, und nicht verletzenden stillen Lebhaftigkeit mit ihm zu
+sprechen.
+
+»Wir sind uns in Soden begegnet, sind uns aber dort nicht bekannt
+gewesen,« sagte sie, »Ihr habt da nicht vermutet, daß ich einmal Eure
+Schwester werden würde.«
+
+»Ihr solltet Euch nicht nach mir erkundigt haben?« frug er mit dem
+Lächeln, welches schon bei ihrem Eintreten aufleuchtete.
+
+»Nein; dann hätte ich ja erfahren. Wie recht Ihr doch gethan habt, uns
+von Euch Nachricht zu geben! Kein Tag ist vergangen, daß Konstantin
+nicht Eurer gedacht und sich beunruhigt hätte um Euch.«
+
+Die Lebhaftigkeit des Kranken währte indessen nicht lange. Sie hatte
+noch nicht aufgehört zu sprechen, als auf seinem Gesicht abermals der
+strenge vorwurfsvolle Ausdruck des Neides des Sterbenden gegenüber dem
+Lebenden erschien.
+
+»Ich fürchte, Ihr werdet Euch hier nicht recht wohl befinden,« sagte
+sie, sich von seinem starren Blicke abwendend und im Zimmer Umschau
+haltend. »Man muß bei dem Wirt ein anderes Zimmer erbitten,« sagte sie
+zu ihrem Manne, »schon, damit wir näher sind.«
+
+
+ 18.
+
+Lewin konnte den Bruder nicht ruhig ansehen, nicht natürlich und
+ruhig unbewegt in seiner Gegenwart sein. Als er bei dem Kranken
+eingetreten war, hatte sich sein Blick und seine Wahrnehmungskraft
+unbewußt verdunkelt, und er gewahrte nicht mehr die Einzelheiten des
+Zustandes seines Bruders. Er hörte von dem entsetzlichen Geruch, sah
+die Unsauberkeit, Unordnung und die peinvolle Lage, dieses Stöhnen,
+und fühlte, daß Hilfe nicht mehr möglich war. Es war ihm nicht einmal
+in den Sinn gekommen, daran zu denken, daß er alle Einzelheiten in
+dem Zustande des Kranken erfaßte, daß da unter der Decke dieser
+Körper lag, diese gekrümmten abgezehrten Beine, Brustknochen, dieser
+Rücken und ob es nicht anginge, das alles besser zu legen, etwas
+zu thun, was die Lage, wenn nicht besser, so doch weniger mißlich
+gestaltete. Kalt rieselte es ihm über den Rücken hinab, als er an
+alle diese Einzelheiten zu denken begann. Er war fest überzeugt, daß
+hier nichts mehr zu thun war, weder etwas für eine Verlängerung des
+Lebens, noch für eine Erleichterung der Leiden; doch das Bewußtsein,
+sich eingestehen zu müssen, jede Hilfe sei unmöglich, machte sich ihm
+schmerzlich fühlbar und versetzte ihn in Erbitterung. Lewin wurde es
+infolge dessen noch schwerer ums Herz. Der Aufenthalt in dem Zimmer des
+Kranken war qualvoll für ihn, nicht darin zu sein aber noch schlimmer.
+Unter verschiedenen Vorwänden begab er sich daher fortwährend hinaus,
+da er nicht die Kraft besaß, allein hier zu bleiben.
+
+Kity aber dachte, fühlte und handelte durchaus nicht ebenso. Bei dem
+Anblick des Kranken jammerte es sie um ihn, und das Mitleid in ihrer
+Frauenseele erweckte durchaus nicht jenes Gefühl des Entsetzens und des
+Ekels bei ihr, wie es dies bei ihrem Manne hervorgerufen hatte, sondern
+lediglich die Erkenntnis ihrer Pflicht zu handeln, alle Einzelheiten
+seines Zustandes kennen zu lernen und ihnen beizukommen. Und da in ihr
+nicht der geringste Zweifel darüber bestand, daß sie ihm Hilfe leisten
+müsse, so zweifelte sie auch nicht daran, daß dies möglich sei und
+begab sich sofort ans Werk.
+
+Alle jene Einzelumstände, deren bloße Vorstellung schon ihren Mann in
+Schrecken versetzt hatte, lenkten sogleich ihre Aufmerksamkeit auf
+sich. Sie schickte nach einem Arzt und in die Apotheke, befahl der mit
+ihr gekommenen Zofe, sowie Marja Nikolajewna, zu fegen, den Staub zu
+wischen und den Kranken zu waschen, wusch selbst mit ab, und reichte
+Etwas unter die Bettdecke. Gegenstände wurden herbeigebracht oder aus
+dem Krankenzimmer hinausgetragen nach ihrer Anordnung, und sie selbst
+begab sich mehrmals nach ihrem Zimmer, ohne die ihr begegnenden Herren
+zu bemerken, langte Betttücher und Überzüge, Handtücher und Hemden
+hervor und brachte sie herbei.
+
+Der Diener, welcher im Gesellschaftssaale ein Essen für Ingenieure
+auszurichten hatte, erschien mehrere Male mit ärgerlicher Miene auf
+ihren Ruf, konnte aber nicht umhin, ihre Befehle zu erfüllen, da
+sie dieselben mit so wohlwollender Bestimmtheit erteilte, daß man
+sie unmöglich sich selbst überlassen konnte. Lewin hieß dies alles
+durchaus nicht gut; er glaubte nicht, daß daraus noch irgend ein Nutzen
+für den Kranken erwüchse, vor allem aber fürchtete er, der Kranke
+könne dabei noch in Aufregung geraten. Dieser jedoch verhielt sich,
+wenigstens wie es schien, dem gegenüber gleichgültig und geriet nicht
+in Erregung, sondern empfand nur eine gewisse Scham, interessierte
+sich aber im allgemeinen für das, was sie an ihm that. Vom Arzte
+zurückgekehrt, zu welchem Kity ihn gesandt hatte, fand Lewin, die
+Thüre öffnend, den Kranken in dem Moment, als man nach Kitys Anordnung
+seine Wäsche wechselte. Das lange bleiche Skelett des Rückens mit den
+großen hervorstehenden Schulterblättern, und den starrenden Rippen
+und Rückgratwirbeln war entblößt; Marja Nikolajewna und der Diener
+waren mit dem einen Hemdärmel in Unordnung geraten und konnten den
+langen herabhängenden Arm nicht hineinbringen. Kity, welche geschäftig
+die Thür hinter Lewin wieder schloß, hatte nicht nach dieser Seite
+geblickt, aber der Kranke stöhnte auf und sie wandte sich schnell zu
+ihm hin.
+
+»Schneller,« befahl sie.
+
+»Ihr geht ja nicht,« sagte der Kranke gereizt, »ich will selber« --
+
+»Was sagt Ihr?« frug Marja Nikolajewna dazwischen.
+
+Kity hatte jedoch gehört und verstanden, daß es ihm peinlich und
+unangenehm war, in ihrer Gegenwart entblößt zu sein.
+
+»Ich sehe nicht hin, sehe nicht hin!« sagte sie daher, den Arm
+richtend, »Marja Nikolajewna, tretet von dieser Seite, bringt ihn in
+Ordnung,« fügte sie hinzu. -- »Geh doch -- bitte -- in meinem kleinen
+Reisesack befindet sich ein Riechfläschchen,« wandte sie sich an ihren
+Mann, »du weißt ja, in der Seitentasche. Bring es mir doch, während man
+hier noch vollends Ordnung macht.«
+
+Als Lewin mit dem Riechfläschchen zurückkehrte, fand er den Kranken
+bereits wieder zurecht gelegt, und alles in seiner Umgebung völlig
+verwandelt. Der drückende üble Geruch war mit einer Atmosphäre von
+Essig und Parfüms vertauscht worden, welche Kity mit gespitzten Lippen
+und aufgeblasenen roten Wangen durch das Flacon umhersprengte. Von
+Staub war nichts mehr zu sehen und vor dem Bett lag ein Teppich.
+Aus dem Tische standen geordnet Flacons und Caraffen, lag auch die
+nötige Wäsche, sowie eine Arbeit in =broderie anglaise= von Kity. Auf
+einem andern Tische am Bett des Kranken, stand Getränk, ein Licht und
+Arzneipulver. Der Kranke selbst, gesäubert und gekämmt, lag in frischen
+Überzügen, auf hochgemachten Kissen und in weißem Hemd mit einem weißen
+Kragen um den unnatürlich dünnen Hals, und blickte mit einem Ausdruck
+von Hoffnung unverwandt auf Kity.
+
+Der von Lewin herbeigebrachte, erst im Klub aufgefundene Arzt, war
+nicht der nämliche, welcher Nikolay Lewin sonst behandelte und mit
+welchem dieser unzufrieden war. Der neue Arzt langte ein Hörrohr hervor
+und behorchte den Kranken, schüttelte den Kopf, verschrieb eine Arznei,
+und erklärte mit großer Ausführlichkeit zunächst, wie die Arznei zu
+nehmen sei, und dann, welche Diät beobachtet werden sollte. Er empfahl
+rohe oder nur weichgekochte Eier, und Selterswasser mit warmer Milch
+von bestimmter Temperatur.
+
+Nachdem der Arzt gegangen war, sagte der Kranke etwas zu seinem Bruder,
+allein Lewin vernahm nur die letzten Worte »deine Katja«; an dem Blicke
+jedoch, mit welchem jener sie anschaute, erkannte Lewin, daß sie gelobt
+worden sei. Er rief nun auch Katja, wie Nikolay sie genannt hatte.
+
+»Mir ist schon bei weitem besser,« sagte er, »bei Euch wäre ich
+freilich schon längst wieder gesund geworden. Wie wohl mir ist!« Er
+ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen, gab aber, wie in der
+Furcht, es möchte ihr dies unangenehm sein, seine Absicht auf, ließ die
+Hand sinken und streichelte sie nur. Kity faßte diese Hand mit ihren
+beiden Händen und drückte sie. »Jetzt legt mich auf die linke Seite und
+geht schlafen,« fuhr er fort.
+
+Niemand hatte verstanden, was er sprach, nur Kity hatte es erfaßt. Sie
+hatte es verstanden, weil sie fortwährend in Gedanken beobachtete, was
+er wünschen möchte.
+
+»Auf die andere Seite,« sagte sie zu ihrem Manne, »er schläft stets
+auf jener. Lege du ihn um, ich möchte nicht gern die Dienerschaft dazu
+rufen. Ich aber kann es nicht. Ihr könnt es auch nicht?« wandte sie
+sich an Marja Nikolajewna.
+
+»Ich fürchte mich,« versetzte diese.
+
+So entsetzlich es Lewin auch sein mochte, diesen grauenhaften Körper
+mit beiden Armen umfassen zu müssen und Stellen unter der Bettdecke
+zu berühren, von denen er nichts wissen mochte, machte Lewin, dem
+Einflusse seines Weibes nachgebend, das energische Gesicht, das dieses
+schon an ihm kannte und schickte sich dazu an, indem er die Arme
+vorstreckte, war aber bei aller seiner Kraft, von der seltsamen Schwere
+dieser ausgemergelten Glieder überrascht.
+
+Während er ihn wandte, seinen Hals von dem abgezehrten, langen Arme
+umfaßt fühlend, drehte Kity schnell und leise das Kopfkissen um und
+schob es wieder unter, legte den Kopf des Kranken zurecht und ordnete
+ihm das spärliche Haar, welches wieder an den Schläfen klebte.
+
+Der Kranke hielt des Bruders Hand in der seinen. Lewin fühlte, daß
+er etwas mit dieser Hand zu thun wünsche und dieselbe mit sich zog;
+erstarrend folgte er derselben. Nikolay führte seine Hand an die Lippen
+und küßte sie und Lewin erschauerte in Schluchzen und verließ, nicht
+fähig zu reden, das Gemach.
+
+
+ 19.
+
+»Er hat sich vor den Weisen verborgen und den Kindern und Thoren
+entdeckt.« So dachte Lewin auch über sein Weib, als er an diesem Abend
+mit ihr sprach.
+
+Lewin dachte an das Wort des Evangeliums nicht deshalb, weil er
+selbst sich für weise gehalten hätte. Er hielt sich nicht für weise,
+wußte aber auch recht wohl, daß er doch klüger war, als sein Weib und
+als Agathe Michailowna; wußte recht wohl, daß er, wenn er des Todes
+gedachte, dies mit allen Kräften seines Geistes that. Er wußte auch,
+daß viele höhere Geister von Männern, deren Gedanken er darüber gelesen
+hatte, nicht ein Hundertstel von dem gedacht hatten, was sein Weib
+und Agathe Michailowna darüber wußten. So ungleich nun diese beiden
+Weiber einander sein mochten, Agathe Michailowna und Katja, wie sie
+sein Bruder Nikolay, und auch Lewin sehr gern nannte, hierin waren sie
+einander vollkommen ähnlich. Beide wußten sicher, was Leben eigentlich
+war, und auch was Tod sei, und obwohl sie nicht antworten konnten,
+oder die Fragen auch nur verstehen, die sich Lewin aufdrängten, so
+zweifelten sie beide doch nicht an der Bedeutung dieser Erscheinung und
+betrachteten dieselbe vollkommen gleichartig, nicht nur unter sich,
+sondern, indem sie ihre Anschauung mit Millionen Menschen teilten. Der
+Beweis dafür, daß sie genau wußten, was Tod sei, lag darin, daß sie,
+ohne sich eine Sekunde zu besinnen, wußten, wie man mit Sterbenden
+umgehen müsse, und diese nicht fürchteten. Lewin und die anderen
+wußten, obwohl sie viel über den Tod sagen konnten, augenscheinlich
+nicht, warum sie ihn fürchteten; sie wußten sicher nicht, was zu
+thun sei, wenn ein Mensch starb. Wäre Lewin jetzt allein gewesen mit
+seinem Bruder, so würde er ihn voll Entsetzen betrachtet, und mit noch
+größerem Entsetzen gewartet haben, aber nicht imstande gewesen sein,
+irgendwie zu handeln.
+
+Er wußte nicht, was er sagen, wie er blicken, wie er gehen sollte.
+Über Fernerliegendes mit ihm zu sprechen, erschien verletzend, das ging
+nicht; über den Tod zu sprechen, die finstere Macht, ging auch nicht;
+schweigen -- gleichfalls nicht. -- Blickte er den Kranken an, so konnte
+dieser denken, er wolle ihn durchforschen, blickte er ihn nicht an, so
+konnte Nikolay denken, er sei bei etwas ganz Anderem. Ging er auf den
+Fußspitzen, so mochte der Bruder unzufrieden damit sein, trat er voll
+auf, so schickte sich das nicht.
+
+Kity dachte augenscheinlich gar nicht an sich und hatte wohl auch nicht
+die Zeit, an sich zu denken; sie dachte nur an ihn, weil sie etwas
+Bestimmtes wußte, und alles ging gut bei ihr von statten. Sie hatte
+ihm von sich erzählt, von ihrer Hochzeit und hatte gelächelt und ihn
+bemitleidet, ihm geschmeichelt, und mit ihm über Fälle von Genesungen
+gesprochen, und das alles ging ihr gut von statten; vielleicht weil sie
+etwas wußte.
+
+Der Beweis dafür, daß ihre Wirksamkeit, wie diejenige Agathe
+Michailownas, keine instinktive, rein physische unbedachte war, lag
+darin, daß außer der physischen Beruhigung, der Erleichterung der
+Leiden, sowohl Agathe Michailowna als Kity für den Sterbenden noch
+etwas weit Wichtigeres anstrebten, als physische Beruhigung, ein
+Etwas, das nichts Gemeinsames besaß mit physischen Umständen. Agathe
+Michailowna hatte in dem Gespräch über jenen verstorbenen Alten gesagt:
+»Nun, man hat ihm das Abendmahl, die letzte Ölung gegeben, gebe Gott,
+daß ein jeder so sterbe!« Ganz ebenso hatte Kity ungeachtet aller Sorge
+für die Wäsche, die wundgelegenen Stellen, das Trinken des Kranken
+bereits am ersten Tage demselben von der Notwendigkeit gesprochen, daß
+er kommuniziere.
+
+Nachdem sie für die Nacht von dem Kranken in ihre beiden Zimmer
+zurückgekehrt waren, hatte sich Lewin niedergesetzt und den Kopf sinken
+lassen, ohne zu wissen, was er beginnen solle.
+
+Geschweige, daß er davon gesprochen hätte, zu Abend speisen zu wollen,
+oder das Nachtlager in Ordnung zu bringen, und zu überlegen, was nun zu
+thun sei, vermochte er nicht einmal mit seiner Frau zu reden; so schwer
+war ihm das Herz. Kity hingegen war geschäftiger, als gewöhnlich;
+sie war sogar lebhafter, als sonst. Sie befahl Abendessen zu bringen,
+packte selbst die Sachen aus, half die Betten vorzurichten und vergaß
+nicht einmal, sie mit persischem Pulver zu bestreuen. In ihr lag eine
+Munterkeit, eine Präcision im Denken, wie sie sich bei den Männern vor
+einer Schlacht, einem Kampfe, in gefahrvollen entscheidenden Momenten
+zeigt, jenen Minuten, in welchen ein für allemal der Mann seinen Wert
+zeigt und beweist, daß seine ganze Vergangenheit nicht umsonst gewesen
+ist, sondern eine Vorbereitung war für diese Minuten.
+
+Alles ging ihr von statten, und es war noch nicht zwölf Uhr, als
+alle Sachen sauber ausgepackt waren; sorgfältig und in einer Weise,
+daß das Zimmer ihrem eigenen Hause ähnlich wurde, ihren Zimmern. Die
+Betten waren aufgeschlagen, die Bürsten, Kämme, Spiegel aufgelegt, und
+Servietten übergebreitet.
+
+Lewin fand es sei unverzeihlich, jetzt zu essen, zu schlafen, ja selbst
+zu reden und dabei zu empfinden, daß jede seiner Bewegungen nicht
+schicklich sei. Sie hingegen steckte die Bürsten aus, verrichtete aber
+alles so, daß nichts Verletzendes darin lag.
+
+Essen konnten sie allerdings nicht und lange Zeit fanden sie auch
+keinen Schlaf, ja sie wollten erst lange Zeit gar nicht zur Ruhe gehen.
+
+»Ich bin sehr froh, daß ich ihm zugeredet habe, morgen zu
+kommunizieren,« sagte sie, im Ärmelleibchen vor ihrem Necessaire
+sitzend und sich mit dem dichten Kamme das reiche duftige Haar
+strählend, »ich habe dies noch nie gesehen, weiß aber, daß Mama mir
+gesagt hat, es wären Gebete für die Herstellung dabei.«
+
+»Glaubst du wirklich, daß er wieder gesund werden kann?« sagte Lewin,
+nach der, sobald sie den Kamm vorwärts bewegte, fortwährend verhüllten
+dichten Zahnreihe an der hinteren Seite ihres runden Köpfchens schauend.
+
+»Ich habe den Arzt gefragt; er sagte mir, daß er nicht länger als noch
+drei Tage leben könne. Aber können die es wissen? Ich bin gleichwohl
+sehr froh, daß ich ihn überredet habe,« sagte sie, unter ihrem Haar
+hervor seitwärts nach ihrem Manne blickend. »Es ist alles möglich,«
+fügte sie hinzu mit jenem eigentümlichen, ein wenig schlauen Ausdruck,
+der stets auf ihrem Gesicht lag, wenn sie über Religion sprach.
+
+Nach jenem Gespräch über die Religion, zur Zeit als sie noch Bräutigam
+und Braut waren, hatte weder er noch sie ein Gespräch darüber wieder
+angeknüpft, sie aber erfüllte dies Ceremoniell des Kirchenbesuchs,
+des Gebetes, stets in dem nämlichen ruhigen Bewußtsein, daß es so
+erforderlich sei. Ungeachtet seiner Versicherungen des Gegenteils
+war sie fest überzeugt, daß er ein ebensolcher, ja, noch besserer
+Christ war, wie sie und daß alles, was er darüber sprach, nur eine
+seiner sarkastischen Männerlaunen sei, ebenso wie das, was er über die
+=broderie anglaise= sagte: »Möchten doch die guten Leute lieber die
+Löcher zustopfen, hier aber werden sie absichtlich eingeschnitten« und
+Ähnliches.
+
+»Jenes Weib da, die Marja Nikolajewna hat nicht verstanden, alles
+das einzurichten,« sagte Lewin, »und -- ich muß es eingestehen, daß
+ich sehr, sehr froh bin, daß du mitgekommen bist. Du bist solch eine
+Reinheit, daß« -- er ergriff ihre Hand, küßte sie aber nicht -- das
+Küssen ihrer Hand in dieser Nähe des Todes, erschien ihm unpassend
+-- sondern preßte sie nur, mit schuldbewußtem Ausdruck in ihre
+aufleuchtenden Augen blickend.
+
+»Für dich allein wäre es doch so peinlich geworden,« sagte sie, wand
+die Hände emporhebend, welche ihre vor Freude erglühenden Wangen
+deckten, die Zöpfe auf dem Scheitel zusammen und steckte sie fest.
+»Nein,« sprach sie, »das hat sie nicht verstanden. Zum Glück habe ich
+viel in Soden gelernt.«
+
+»Waren denn dort derartige Kranke?«
+
+»Noch schlimmere sogar.«
+
+»Es ist furchtbar für mich, daß ich ihn stets so sehen muß, wie er in
+der Jugend war. Du glaubst nicht, welch ein schöner Jüngling er gewesen
+ist; ich aber habe ihn damals nur nicht verstanden.«
+
+»Ich glaube es wohl, recht wohl. Wie empfinde ich es, daß wir so gut
+mit ihm gewesen sein würden,« sagte sie, erschrak aber sogleich über
+das was sie gesagt hatte, sich nach ihrem Manne umschauend, und Thränen
+traten ihr in die Augen.
+
+»Ja -- gewesen sein würden« -- sagte er traurig, »das ist eben einer
+jener Menschen, von denen man sagt, daß sie nicht für diese Welt sind.«
+
+»Gleichviel, uns stehen noch viele Tage bevor, doch wir müssen uns
+niederlegen,« sagte Kity, auf ihre winzige Uhr sehend.
+
+
+ 20.
+
+ Der Tod.
+
+Am anderen Tage empfing der Kranke das Abendmahl und die letzte Ölung.
+Während der Ceremonie betete Nikolay Lewin inbrünstig. In seinen
+großen Augen, die nach der Monstranz gerichtet waren, welche auf einem
+mit farbiger Serviette überdeckten L'hombretisch stand, drückte sich
+ein so leidenschaftliches Flehen, eine Hoffnung aus, daß es Lewin
+entsetzlich war, dies mit ansehen zu müssen. Lewin wußte, daß diese
+leidenschaftliche Bitte und Hoffnung ihm die Trennung vom Leben, das
+er so sehr liebte, nur noch schwerer machen würde. Lewin kannte seinen
+Bruder und den Gang seiner Gedanken; er wußte, daß sein Unglaube nicht
+davon herrührte, weil es ihm leichter ankam, ohne Glauben zu leben,
+sondern davon, weil Schritt für Schritt die modernen wissenschaftlichen
+Erklärungen der Welterscheinungen das Glauben verdrängt hatten, und
+weil er wußte, daß seine jetzige Rückkehr zu demselben keine logische
+war, die sich auf dem Wege eines solchen Gedankenganges vollzogen
+hätte, sondern eine nur vorübergehende, egoistische, entstanden in
+der sinnlosen Hoffnung auf eine Genesung. Lewin wußte auch, daß Kity
+diese Hoffnung noch durch Erzählungen von ungewöhnlichen Heilungen
+von denen sie gehört, genährt hatte. Alles dies wußte er, und es war
+ihm qualvoll, auf diesen flehenden, hoffnungsvollen Blick, auf diese
+abgezehrte Hand schauen zu müssen, die sich mühsam erhob, um das
+Zeichen des Kreuzes auf der überhängenden Stirn, den hervorstehenden
+Schultern und der heiserröchelnden, verödeten Brust zu machen, die
+alle nicht mehr das Leben in sich zu bergen vermochten, um welches
+der Kranke bat. Während des Sakraments that Lewin, was er in seinem
+Unglauben tausendmal gethan hatte. Er sprach, sich zu Gott wendend:
+»Mache, wenn du bist, daß dieser Mensch gesunde,« und wiederholte dies
+mehrere Male, »und du wirst ihn und mich erretten.«
+
+Nach der Salbung wurde es dem Kranken plötzlich bei weitem besser. Er
+hustete nicht ein einziges Mal im Verlauf einer Stunde, er lächelte,
+küßte Kity die Hand, dankte ihr mit Thränen und sagte, daß ihm wohl
+sei, daß er sich nirgends krank fühle und Eßlust und Kraft verspüre.
+Er erhob sich sogar selbst, als man ihm Suppe brachte und bat noch um
+ein Kotelett. So hoffnungslos Lewin nun auch war, so augenscheinlich es
+bei seinem Anblick wurde, daß er nicht genesen könne, befand er sich
+und Kity während dieser Stunde in dem gleichen Glück, der nämlichen
+Erregung darüber, ob man sich vielleicht doch nicht im Irrtum befinde.
+
+»Ist er besser? -- Ja, bei weitem. -- Wunderbar. -- Nichts Wunderbares.
+-- Er ist doch besser,« so sprachen sie flüsternd und einander
+zulächelnd.
+
+Die Täuschung war indessen nicht von langer Dauer. Der Kranke schlief
+ruhig ein, nach einer halben Stunde jedoch weckte ihn der Husten, und
+plötzlich waren alle Hoffnungen seiner Umgebung und in ihm selbst
+geschwunden. Die Wirklichkeit des Leidens vernichtete, auch abgesehen
+von dem Zweifel, an den vorher gehegten Erwartungen oder selbst der
+Erinnerung an sie, die Hoffnungen Lewins und Kitys und die des Kranken
+selbst.
+
+Ohne dessen zu gedenken, woran er eine halbe Stunde vorher noch
+geglaubt hatte, gleichsam als wäre es tadelnswert, sich daran zu
+erinnern, verlangte er, daß man ihm das Jod, in einem Glase, welches
+von durchlochtem Papier überdeckt war, zum Einatmen gebe. Lewin reichte
+ihm die Flasche und der nämliche Blick leidenschaftlicher Hoffnung,
+mit welchem er kommuniziert hatte, richtete sich jetzt auf den Bruder,
+von diesem Bestätigung für die Worte des Arztes heischend, daß die
+Einatmung von Jod Wunder thue.
+
+»Wie, ist Kity nicht hier?« raunte er umherblickend, nachdem ihm
+Lewin die Worte des Arztes mit innerem Widerstreben bekräftigt hatte.
+»Nun, so kann ich es sagen; nur ihr zu Liebe habe ich diese Komödie
+durchgemacht. Sie ist so lieb, aber wir beide können uns gegenseitig
+nicht mehr täuschen. Hieran glaube ich,« sprach er, die Flasche mit
+seiner Knochenhand pressend, und begann über ihr zu atmen.
+
+Um acht Uhr am Abend nahm Lewin mit seiner Frau den Thee auf seinem
+Zimmer ein, als Marja Nikolajewna atemlos ins Zimmer gestürzt kam. Sie
+war bleich und ihre Lippen bebten.
+
+»Er stirbt!« flüsterte sie; »ich fürchte, er stirbt sogleich!«
+
+Beide eilten zu ihm. Er hatte sich erhoben und saß, mit dem Arme
+auf die Bettdecke gestützt, den langen Rücken gekrümmt, mit tief
+herniederhängendem Kopfe.
+
+»Wie fühlst du dich?« frug Lewin flüsternd nach einer Pause.
+
+»Ich fühle, daß ich scheide,« sprach Nikolay mit Anstrengung, aber
+die Worte mit einer außerordentlichen Bestimmtheit langsam aus sich
+herauspressend. Er hob den Kopf nicht, sondern richtete nur das Auge
+nach oben, ohne mit ihnen das Gesicht des Bruders zu erreichen. »Katja,
+geh' hinaus,« fuhr er fort.
+
+Lewin sprang auf und befahl ihr mit gebieterischem Flüstern
+hinauszugehen.
+
+»Ich scheide,« sagte er wiederum.
+
+»Weshalb denkst du das?« antwortete Lewin, um etwas zu sagen.
+
+»Deshalb, weil ich scheide,« wiederholte Nikolay, sich gleichsam in
+diesem Ausdruck gefallend. »Es ist zu Ende.«
+
+Marja Nikolajewna trat zu ihm.
+
+»Ihr müßtet Euch legen, dann würde Euch leichter,« sprach sie.
+
+»Bald werde ich liegen,« versetzte er leise, »als ein Toter,« er sprach
+höhnisch, erbittert, »nun, aber legt mich nur, wenn Ihr wollt.«
+
+Lewin legte den Bruder auf den Rücken, ließ sich neben ihm nieder, und
+blickte ihm, mit angehaltenem Atem ins Gesicht.
+
+Der Sterbende lag mit geschlossenen Augen, aber auf seiner Stirn
+bewegte sich ein leises Muskelspiel, wie bei einem Menschen, der tief
+und angestrengt sinnt. Unwillkürlich dachte Lewin zusammen mit ihm das,
+was sich jetzt in Nikolay vollziehen mochte, aber ungeachtet aller
+geistigen Anstrengungen mit jenem übereinzukommen, gewahrte er an dem
+Ausdruck dieses ruhigen ernsten Gesichts und dem Muskelspiel über den
+Brauen, daß einem Sterbenden sich voll und ganz jenes Eine offenbart
+ebenso, wie es für Lewin dunkel blieb.
+
+»Ja, ja, so,« brachte der Sterbende abgebrochen und langsam hervor.
+»Bleibt.« Er schwieg wieder. »So,« sagte er dann gedehnt und
+befriedigt, als habe sich nun alles für ihn entschieden. »O Gott!«
+begann er dann nochmals und seufzte schwer.
+
+Marja Nikolajewna fühlte seine Füße an, »sie werden kalt«, flüsterte
+sie.
+
+Lange, sehr lange, wie es Lewin schien, lag der Kranke unbeweglich.
+Aber er war noch immer am Leben und bisweilen atmete er auf. Lewin war
+bereits abgespannt von der Anstrengung des Denkens. Er fühlte, daß er
+trotz aller geistigen Anstrengung nicht begreifen könne, was jenes »so«
+bedeutete. Er fühlte, daß er weit entfernt stand von dem Sterbenden.
+Über die Frage des Todes selbst vermochte er nicht mehr nachzusinnen,
+aber unwillkürlich kamen ihm Gedanken darüber, was er jetzt sofort zu
+thun haben werde; dem Bruder die Augen zuzudrücken, ihn ankleiden zu
+lassen und die Beerdigung zu bestellen. Und seltsam, er fühlte sich
+dabei vollkommen ruhig und empfand weder Schmerz, noch einen Verlust,
+und noch weniger Mitleid mit dem Bruder. Wenn jetzt ein Gefühl für
+seinen Bruder in ihm war, so war es eher der Neid wegen jenes Wissens,
+welches der Sterbende nun hatte, er aber nicht besitzen konnte.
+
+Noch lange saß er so bei ihm, immer das Ende erwartend, aber das Ende
+kam nicht. Die Thür öffnete sich und Kity erschien. Lewin stand auf, um
+sie zurückzuhalten, aber gerade im Augenblick, als er sich erhob, hörte
+er, daß der Sterbende sich regte.
+
+»Geh nicht fort,« sagte Nikolay und streckte die Hand aus. Lewin gab
+ihm die seine und winkte heftig seiner Frau, hinauszugehen.
+
+Die Hand des Sterbenden in der seinen, saß er eine halbe Stunde, eine
+ganze Stunde und noch eine Stunde.
+
+Er dachte jetzt schon gar nicht mehr an den Tod; er dachte daran, was
+Kity machen möge. Wer wohnte wohl in dem benachbarten Zimmer? Besaß
+der Arzt ein eigenes Haus? Er sehnte sich nach Essen und Schlaf,
+behutsam befreite er seine Hand und fühlte nach den Füßen. Sie waren
+kalt, aber der Kranke atmete noch. Lewin wollte nun auf den Zehen
+wieder herausgehen, aber von neuem regte sich der Kranke und sagte:
+»Geh' nicht fort« -- -- --
+
+Der Tag dämmerte herauf. Der Zustand des Kranken blieb noch immer
+derselbe. Lewin befreite leise seine Hand, ohne auf den Sterbenden
+zu blicken, begab sich nach seinem Zimmer und schlief ein. Als er
+erwachte, erfuhr er anstatt der Nachricht vom Tode seines Bruders, die
+er erwartete, daß der Kranke in den früheren Zustand zurückverfallen
+sei. Er hatte sich wieder gesetzt, wieder gehustet, wieder zu essen und
+zu sprechen angefangen, und wieder aufgehört, vom Tode zu reden. Er
+hatte wieder Hoffnung auf Genesung ausgedrückt, und war noch reizbarer
+und mürrischer geworden als vorher. Niemand, weder sein Bruder, noch
+Kity vermochten ihn zu besänftigen. Er war gegen jedermann gereizt,
+sagte jedermann Unangenehmes, machte allen Vorwürfe über seine
+Leiden und verlangte, daß man ihm einen berühmten Arzt aus Moskau
+herbeischaffe. Auf alle Fragen, die man an ihn über sein Befinden
+richtete, antwortete er stets mit dem Ausdruck von Wut und Vorwurf »ich
+leide furchtbar, unerträglich!«
+
+Der Kranke litt mehr und mehr, besonders infolge der aufgelegenen
+Stellen, die sich nicht mehr heilen ließen, und geriet mehr in Wut
+über seine Umgebung, der er Vorwürfe über alles machte, und namentlich
+darüber, daß man ihm den Arzt aus Moskau nicht herbeischaffe. Kity
+bemühte sich in jeder Weise, ihm Beistand zu leisten und ihn zu
+beschwichtigen, aber alles war vergebens und Lewin sah, daß sie selbst
+körperlich, wie geistig erschöpft war, obwohl sie es nicht eingestand.
+Jene Ahnung des Todes, welche in allen durch seinen Abschied vom
+Leben in jener Nacht, als er den Bruder rief, erweckt worden war, war
+verwischt. Sie alle wußten wohl, daß er unwiderruflich und binnen
+kurzem sterben werde, daß er zur Hälfte schon tot sei, sie alle
+wünschten nur das Eine, er möchte so bald als möglich sterben, aber
+sie alle gaben ihm, indem sie dies verbargen, aus der Flasche die
+Arznei, forschten nach Heilmitteln und Ärzten und täuschten ihn, und
+sich selbst untereinander. Alles dies war eine Lüge, eine häßliche,
+verletzende und hohnvolle Lüge. Und diese Lüge empfand Lewin, sowohl
+der Eigenart seines Charakters halber, als auch, weil er den Sterbenden
+mehr als alle anderen liebte, besonders schmerzlich.
+
+Lewin, welchen der Gedanke, seine beiden Brüder wenigstens vor dem Tode
+noch auszusöhnen, schon lange beschäftigt hatte, schrieb an Sergey
+Iwanowitsch, und las, nachdem er Antwort erhalten hatte, dem Kranken
+das Schreiben vor. Sergey Iwanowitsch schrieb, daß er selbst nicht
+kommen könne, bat aber in rührenden Ausdrücken den Bruder um Verzeihung.
+
+Der Kranke erwiderte nichts.
+
+»Was soll ich ihm nun schreiben?« frug Lewin. »Ich hoffe, daß du ihm
+nicht mehr gram bist?«
+
+»Nein, keineswegs!« antwortete Nikolay voll Verdruß über diese Frage.
+»Schreibe ihm, er möge nur einen Arzt schicken!«
+
+Es vergingen noch weitere drei qualvolle Tage; der Kranke befand sich
+immer im gleichen Zustand. Das Gefühl des Wunsches, er möchte sterben,
+hatten jetzt alle, die ihn sahen, sowohl der Diener des Hotels, wie
+der Wirt desselben und alle Insassen des Hauses; der Arzt und Marja
+Nikolajewna, wie Lewin und Kity.
+
+Allein der Kranke drückte dieses Gefühl nicht aus, sondern eiferte
+im Gegenteil darüber, daß man den Arzt nicht schaffe, und fuhr
+fort, Arznei zu nehmen und vom Leben zu sprechen. Nur in den
+gezählten Minuten, in denen das Opium ihn für einen Augenblick die
+ununterbrochenen Leiden vergessen ließ, sprach er im Halbschlaf
+bisweilen aus, was mächtiger als bei allen anderen, in seiner Seele
+ruhte: »O, wenn doch ein Ende käme«, oder »wann wird das vorüber sein«.
+
+Die Qualen, stetig wachsend, thaten das ihre, und bereiteten ihn
+zum Tode vor. Es gab jetzt keine Stellung mehr, in welcher er nicht
+gelitten hätte; es gab keine Minute mehr, in welcher er einmal sich
+selbst vergessen hätte, keine Stelle, kein Glied seines Körpers,
+welches nicht geschmerzt, ihn nicht gemartert hätte. Selbst die
+Erinnerung, die Eindrücke und die Gedanken über diesen Körper erregten
+in ihm jetzt bereits einen solchen Ekel, wie der Körper selbst.
+Der Anblick der übrigen Menschen, ihre Gespräche, ihre eigenen
+Erinnerungen, alles das war für ihn nur peinlich. Seine Umgebung
+empfand dies, und gestattete sich daher wie unbewußt in seiner Nähe
+weder eine freie Bewegung, noch Gespräche oder Äußerungen von Wünschen.
+Sein ganzes Leben zerfloß in das eine Gefühl des Leidens, und des
+Wunsches, hiervon erlöst zu sein.
+
+Augenscheinlich hatte sich nun jene Wandlung in ihm, die ihn auf
+den Tod wie auf eine Erfüllung seiner Wünsche, wie auf ein Glück
+blicken lassen mußte, vollendet. Früher war jedem besonderen Wunsche,
+hervorgerufen durch Leiden oder Entbehrung, wie Hunger, Müdigkeit,
+Durst, schon ein Zurechtrücken des Körpers, welches ihm Befriedigung
+gewährte, genügt worden; jetzt aber fand die Entbehrung und der Schmerz
+keine Befriedigung mehr, denn schon der Versuch zu einer Befriedigung
+rief neue Schmerzen hervor, und so flossen denn alle Wünsche in dem
+einen zusammen -- dem Wunsche, erlöst zu sein von all den Qualen und
+von der Quelle derselben -- dem Körper.
+
+Aber zum Ausdruck dieses Wunsches nach Befreiung hatte er keine Worte,
+und daher sprach er nicht davon, sondern forderte nur noch nach seiner
+Gewohnheit die Befriedigung der Wünsche, die schon nicht mehr erfüllt
+werden konnten.
+
+»Legt mich auf die andere Seite,« sagte er und verlangte gleich darauf,
+daß man ihn wieder lege, wie vorher. »Gebt mir Bouillon! Schafft
+sie fort! Sprecht doch etwas, weshalb schweigt ihr so!« Sobald man
+aber angefangen hatte, zu sprechen, schloß er die Augen, und drückte
+Ermattung, Gleichgültigkeit und Widerwillen aus.
+
+Am zehnten Tage nach der Ankunft in der Stadt erkrankte Kity. Es
+stellte sich Kopfschmerz und Erbrechen bei ihr ein, und sie vermochte
+den ganzen Morgen nicht, das Bett zu verlassen.
+
+Der Arzt erklärte, daß das Unwohlsein von Ermüdung und Aufregung
+herrühre und empfahl geistige Ruhe.
+
+Nach Tische indessen erhob sich Kity und begab sich wie gewöhnlich, mit
+einer Arbeit zu dem Kranken. Er blickte sie streng an, als sie eintrat
+und lächelte verächtlich, als sie sagte, daß sie unwohl sei. An diesem
+Tage schneuzte er sich unaufhörlich und stöhnte kläglich.
+
+»Wie fühlt Ihr Euch?« frug sie ihn.
+
+»Schlechter,« brachte er mit Mühe heraus, »es schmerzt so.«
+
+»Wo schmerzt es?«
+
+»Überall.«
+
+»Heute geht es zu Ende, paßt auf,« sagte Marja Nikolajewna; zwar
+flüsternd, aber doch so, daß der Kranke, welcher fein hörte, wie Lewin
+bemerkt hatte, sie vernehmen mußte. Lewin zischte ihr zu und blickte
+sich nach dem Kranken um. Nikolay hatte dies gehört, aber die Worte
+brachten bei ihm keinen Eindruck hervor. Sein Blick war noch der
+nämliche vorwurfsvolle und gespannte.
+
+»Warum denkt Ihr das?« frug Lewin sie, als sie ihm auf den Korridor
+hinaus folgte.
+
+»Er hat angefangen, sich abzunehmen,« sagte Marja Nikolajewna.
+
+»Was ist denn das?«
+
+»Nun dies,« antwortete sie, die Falten in ihrem wollenen Kleide
+aufzupfend; in der That bemerkte Lewin, daß der Kranke an diesem ganzen
+Tage an sich etwas herunterreißen wollte. Die Voraussagung Marja
+Nikolajewnas war richtig. Der Kranke war bis zum Abend schon nicht mehr
+bei Kräften, die Arme zu heben, und schaute nun vor sich hin, ohne den
+Ausdruck konzentrierter Aufmerksamkeit im Blick zu verändern. Selbst
+wenn sein Bruder oder Kity sich über ihn beugten, so daß er sie sehen
+konnte, blickte er so. Kity sandte nach einem Geistlichen, um das
+Sterbegebet sprechen zu lassen.
+
+Während dieser das Gebet las, gab der Kranke kein Lebenszeichen von
+sich, seine Augen waren geschlossen. Lewin, Kity und Marja Nikolajewna
+standen am Bett. Das Gebet war von dem Geistlichen noch nicht zu Ende
+gelesen worden, als sich der Sterbende streckte, seufzte und die Augen
+schloß. Der Geistliche legte, nachdem er das Gebet beendet, das Kreuz
+auf die kalte Stirn, zog es darauf langsam unter sein Gewand zurück,
+und berührte, nachdem er noch zwei Minuten schweigend gestanden, die
+erkaltete, blutlose große Hand.
+
+»Er hat vollendet,« sprach er und wollte gehen, da aber bewegte sich
+plötzlich der zusammengeklebte Bart des Toten und deutlich in der
+Stille wurden aus der Tiefe der Brust bestimmt und klar die Worte
+vernehmbar:
+
+»Nicht ganz -- aber bald.« --
+
+Nach Verlauf einer Minute erst erhellte sich das Gesicht, ein Lächeln
+trat unter dem Barte hervor und die anwesenden Frauen befaßten sich nun
+bestürzt damit, den Verstorbenen anzukleiden.
+
+Der Anblick des Bruders und die Nähe des Todes erneuerte in der
+Seele Lewins jene Empfindung des Entsetzens vor dem Rätselhaften und
+zugleich vor der Nähe und Unvermeidbarkeit des Todes, das ihn an jenem
+Herbstabend ergriffen hatte, als sein Bruder zu ihm gekommen war.
+
+Dieses Gefühl war jetzt noch mächtiger als früher; noch weniger, als
+früher fühlte er sich fähig, die Vorstellung vom Tode zu verstehen,
+und noch entsetzlicher stellte sich ihm das Unvermeidliche desselben
+vor Augen. Jetzt aber brachte ihn dieses Gefühl, dank der Nähe seines
+Weibes, nicht zur Verzweiflung und trotz des Todes fühlte er die
+Notwendigkeit, zu leben und zu lieben. Er fühlte, daß die Liebe ihn
+von der Verzweiflung errettet hatte, und daß diese Liebe unter den
+Schrecken der Verzweiflung nur noch stärker und reiner geworden war.
+
+Das Geheimnis des Todes hatte sich nicht sobald vor seinen Augen
+vollzogen, ungelöst geblieben, als schon ein anderes auftauchte, ebenso
+unlösbar und herausfordernd zu Liebe und Leben.
+
+Der Arzt hatte seine Vermutungen bezüglich Kitys bestätigt; ihr
+Unwohlsein bestand in Schwangerschaft.
+
+
+ 21.
+
+Seit der Minute, in welcher Aleksey Aleksandrowitsch aus den
+Erklärungen mit Betsy und mit Stefan Arkadjewitsch erkannt hatte,
+daß von ihm nur gefordert wurde, er möge sein Weib in Ruhe lassen,
+indem er sie nicht mehr mit seiner Gegenwart belästigte, und daß sein
+Weib selbst dies wünschte, fühlte er sich so verlassen, daß er keinen
+selbständigen Beschluß mehr zu fassen vermochte, nicht mehr wußte, was
+er jetzt wollte, und sich in die Hände von Leuten gebend, welche sich
+mit dem bekannten Vergnügen um seine Angelegenheiten kümmerten, auf
+alles nur billigende Antworten gab.
+
+Nun nachdem Anna schon sein Haus verlassen hatte, und die Engländerin
+sandte, um ihn fragen zu lassen, ob sie mit ihm zusammen zu Mittag
+speisen werde oder allein, da erkannte er zum erstenmale klar seine
+Lage und erschrak über sie.
+
+Am schwierigsten in dieser Lage war vor allem, daß er in keiner Weise
+seine Vergangenheit mit ihr so wie sie jetzt war, in Einklang und
+Harmonie bringen konnte. Nicht jene Vergangenheit, in der er glücklich
+mit seinem Weibe gelebt hatte, machte ihn ratlos. Den Übergang aus
+derselben zu der Erkenntnis der Untreue seines Weibes hatte er bereits
+wie ein Märtyrer durchlebt, der Zustand war schwer, aber er war ihm
+verständlich gewesen. Wäre sein Weib damals, nachdem sie ihm von ihrer
+Untreue Mitteilung gemacht, von ihm gegangen, so würde er erbittert,
+unglücklich gewesen sein, aber er hätte sich dann nicht in jener für
+ihn selbst unentwirrbaren, unbegreiflichen Lage befunden, in der er
+sich jetzt fühlte.
+
+Er konnte sich durchaus nicht seine neuerliche Verzeihung vergeben,
+seine Versöhnlichkeit, seine Liebe zu dem kranken Weibe, und dem
+fremden Kinde, angesichts dessen, was jetzt war, das heißt, dessen, was
+er, gleichsam als Belohnung für alles dies, jetzt empfand, vereinsamt,
+beschimpft, verlacht, niemandem brauchbar und von allen verachtet.
+
+In den ersten zwei Tagen nach der Abreise seines Weibes empfing Aleksey
+Aleksandrowitsch Bittsteller, den Geschäftsführer, begab sich ins
+Komitee, und ging zur Mittagstafel nach dem Salon wie gewöhnlich. Ohne
+sich Rechenschaft, weshalb er dies thue, zu geben, verwandte er alle
+Kräfte seines Geistes in diesen zwei Tagen nur darauf, ein ruhiges, ja
+selbst gleichmütiges Aussehen zu behaupten.
+
+Indem er auf die Fragen, wie mit den Sachen und den Räumen der
+Anna Arkadjewna verfahren werden sollte, antwortete, machte er
+die gewaltigsten Anstrengungen über sich selbst, um den Anschein
+eines Mannes zu wahren, für den das stattgehabte Ereignis nicht
+unvorhergesehen gekommen sei, und nichts in sich trage, was aus der
+Reihe der gewöhnlichen Vorkommnisse heraustrete; und er erreichte
+seine Absicht! Niemand vermochte an ihm Anzeichen der Verzweiflung
+zu finden. Am zweiten Tag nach der Abreise aber, als Korney ihm die
+Rechnung vom Modewarenmagazin überreichte, welche Anna zu begleichen
+vergessen hatte, und meldete, der Commis sei selbst da, befahl Aleksey
+Aleksandrowitsch, diesen hereinkommen zu lassen.
+
+»Entschuldigen Excellenz, daß ich zu stören wage. Aber wenn Excellenz
+befehlen, daß ich mich an gnädige Frau wende, so geruhen Excellenz
+wohl, deren Adresse mitzuteilen.«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach, wenigstens wie es dem Commis
+schien, und setzte sich, abgewendet, plötzlich an seinen Tisch. Den
+Kopf in die Hände gestützt, verharrte er lange in dieser Stellung,
+einige Male zu sprechen versuchend, aber wieder innehaltend.
+
+Die Empfindungen seines Herrn begreifend, bat Korney den Commis, ein
+ander Mal wiederzukommen. Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch wieder
+allein war, erkannte er, daß er nicht die Kräfte besitze, die Rolle der
+Festigkeit und Ruhe noch weiter zu behaupten. Er befahl den auf ihn
+wartenden Wagen wieder auszuspannen, niemand vorzulassen, und ging auch
+nicht zur Mittagstafel.
+
+Er fühlte, daß er diesem allgemeinen Andrang von Verachtung und
+Gefühllosigkeit, wie er beides auf den Zügen des Commis und Korneys
+und aller ohne Ausnahme, denen er in diesen zwei Tagen begegnet war,
+offen gesehen hatte, nicht widerstehen könne. Er fühlte, daß er die
+Gehässigkeit der Menschen nicht werde zurückweisen können, weil
+diese Gehässigkeit nicht davon herrührte, daß er ein Narr war -- in
+diesem Falle hätte er schon sich bemühen können, als etwas Besseres
+zu erscheinen -- sondern davon, daß er schmachvoll und widerlich
+unglücklich war.
+
+Er wußte, daß man deswegen -- eben deswegen, weil sein Herz zerrissen
+war -- mit ihm mitleidlos sein würde. Er fühlte, daß die Menschen ihn
+vernichteten, wie man einen zerrissenen Hund, der vor Schmerz winselt,
+noch erwürgt. Er wußte, daß seine einzige Rettung vor den Menschen die
+war -- seine Wunden vor ihnen zu verbergen -- und er hatte dies zwei
+Tage unbewußt zu thun versucht, fühlte sich aber jetzt nicht mehr bei
+Kräften, diesen ungleichen Kampf fortzusetzen.
+
+Seine Verzweiflung vergrößerte sich noch in dem Bewußtsein, daß er
+vollständig vereinsamt dastand mit seinem Leid. Nicht nur in Petersburg
+besaß er keinen einzigen Menschen, dem er alles hätte anvertrauen
+können, was er erfahren hatte, der in ihm nicht den hochgestellten
+Beamten, nicht das Mitglied der guten Gesellschaft bemitleidet hätte,
+sondern einfach den leidenden Menschen -- nein, nirgends hatte er einen
+solchen Menschen.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch war als Waise aufgewachsen; sie waren ihrer
+zwei Brüder gewesen. Auf den Vater konnten sie sich nicht mehr
+besinnen, die Mutter war gestorben, als Aleksey Aleksandrowitsch zehn
+Jahre zählte. Das Vermögen war klein; der Onkel Karenin, ein hoher
+Beamter und einstiger Günstling des verstorbenen Kaisers, erzog die
+beiden.
+
+Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch das Gymnasium und die Universität mit
+Prämien absolviert hatte, betrat er sogleich mit Hilfe des Onkels die
+dienstliche Laufbahn und ergab sich von dieser Zeit an ausschließlich
+dem amtlichen Strebertum. Weder auf dem Gymnasium noch auf der
+Universität, oder später im Amte hatte Aleksey Aleksandrowitsch mit
+irgend jemand freundschaftliche Beziehungen angeknüpft. Sein Bruder
+war ihm der geistig zunächst stehende Mensch gewesen, doch hatte
+derselbe im Ministerium der äußeren Angelegenheiten gearbeitet, war
+stets im Auslande gewesen, und auch bald nach der Verheiratung Aleksey
+Aleksandrowitschs hier gestorben.
+
+Während er eine Gouverneurstelle bekleidete, hatte die Tante Annas,
+eine reiche Dame im Gouvernement, den zwar nicht mehr jungen Mann, wohl
+aber jungen Gouverneur, mit ihrer Nichte bekannt gemacht, und ihn in
+eine Situation verwickelt, nach welcher er sich entweder erklären oder
+die Stadt verlassen mußte. Aleksey Aleksandrowitsch schwankte lange. Es
+gab damals ebenso viel Gründe für diesen Schritt, wie gegen denselben,
+und es gab keinen entscheidenden Anlaß, der ihn bewogen hätte, seinen
+Grundsatz, sich im Unentschiedenen zu erhalten, zu ändern. Die Tante
+Annas indessen hatte ihm bereits durch einen Bekannten zu verstehen
+geben lassen, daß er das junge Mädchen bereits kompromittiert habe und
+die Rücksicht auf seine Ehre ihn zwingen müsse, einen Antrag zu machen.
+Er machte den Antrag, und weihte seiner Braut und Frau alles Gefühl,
+dessen er fähig war.
+
+Jene Anhänglichkeit, die er für Anna empfand, schloß in seiner Seele
+auch die letzten Voraussetzungen für eine Unterhaltung herzlicher
+Beziehungen zu den Menschen aus, und jetzt besaß er unter allen seinen
+Bekannten keinen Vertrauten. Er besaß wohl viel von dem, was man
+Verbindungen nennt, Freundschaftsverhältnisse aber hatte er nicht.
+Aleksey Aleksandrowitsch hatte auch viele, die er zu sich zur Tafel
+einladen, um Teilnahme in einer ihn interessierenden Sache bitten
+konnte, um Protektion eines Petenten, mit denen er sich aufrichtig
+über die Thätigkeit anderer Männer und der höchsten Regierungsstelle
+äußern konnte -- aber seine Beziehungen zu diesen Personen waren in
+einem durch Sitte und Gewohnheit festbestimmten Bereich begrenzt, aus
+dem es unmöglich war, herauszutreten. Es war da ein Universitätsfreund,
+welchem er sich später wieder genähert hatte, und mit dem er über
+sein persönliches Leid hätte sprechen können, aber dieser Kamerad
+war Inspizient eines ferngelegenen Lehrbezirks. Unter den Personen,
+welche in Petersburg waren, standen ihm am nächsten und waren noch die
+denkbarsten von allen der Kanzleidirektor und sein Arzt.
+
+Michail Wasiljewitsch Sljudin, war ein einfacher, verständiger, guter
+und moralischer Mensch, und in ihm verspürte Aleksey Aleksandrowitsch
+eine persönliche Neigung für sich, aber ihre fünfjährige amtliche
+Thätigkeit hatte zwischen beiden eine Schranke für seelische
+Beziehungen aufgerichtet.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch, die Unterschrift der Papiere beendend,
+schwieg lange, auf Michail Wasiljewitsch blickend, und versuchte
+mehrmals zu sprechen, ohne daß er es vermochte. Er hatte schon den Satz
+vorbereitet »habt ihr von meinem Unglück gehört?« Aber er vollendete
+damit, daß er, wie gewöhnlich sagte, »macht mir das also fertig,« womit
+er ihn entließ.
+
+Der zweite Mensch war sein Arzt, der gleichfalls freundschaftlich
+gesinnt für ihn war, aber zwischen ihnen bestand schon seit langem
+ein schweigendes Einverständnis darüber, daß sie beide mit Geschäften
+überhäuft wären, und sich beeilen müßten.
+
+An seine weiblichen Freunde, selbst an den nervösesten unter ihnen, die
+Gräfin Lydia Iwanowna, hatte Aleksey Aleksandrowitsch nicht gedacht.
+Alle Weiber, schlechtweg als Weiber, waren ihm furchtbar und widerlich.
+
+
+ 22.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch hatte die Gräfin Lydia Iwanowna vergessen,
+diese aber nicht ihn. In der schwersten Minute seiner Vereinsamung
+und Verzweiflung gerade kam sie zu ihm und trat ohne Meldung in sein
+Kabinett. Sie traf ihn in der Stellung, in welcher er gesessen hatte,
+den Kopf auf beide Arme gestützt.
+
+»=J'ai forcé la consigne=,« sagte sie, indem sie mit schnellen
+Schritten und schwer atmend vor Erregung und der schnellen Bewegung
+eintrat. »Ich habe alles gehört! Aleksey Aleksandrowitsch! -- Mein
+Freund!« -- fuhr sie fort, mit beiden Händen fest die seine drückend
+und ihm mit ihren schönen, sinnigen Augen ins Auge blickend.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich, erhob sich ein wenig, und
+schob ihr, seine Hand von ihr losmachend, einen Stuhl zu.
+
+»Nicht gefällig, Gräfin? Ich empfange nicht, weil ich krank bin,« sagte
+er und seine Lippen bebten.
+
+»Mein Freund!« wiederholte die Gräfin Lydia Iwanowna, ohne die Augen
+von ihm zu verwenden, und plötzlich hoben sich ihre Brauen mit den
+inneren Seiten, ein Dreieck auf der Stirn bildend, und ihr unschönes
+gelbes Gesicht wurde noch unschöner; doch Aleksey Aleksandrowitsch
+empfand, daß sie ihn bemitleide und im Begriff war, zu weinen. Auch ihn
+überkam eine weiche Stimmung; er ergriff ihre fleischige Hand und küßte
+sie. »Mein Freund!« sagte sie mit von Erregung unterbrochener Stimme.
+»Ihr dürft Euch dem Schmerz nicht so hingeben. Euer Leid ist groß, aber
+Ihr müßt Trost finden.«
+
+»Ich bin zerschmettert, vernichtet, ich bin kein Mensch mehr,« sagte
+Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Hand freilassend, aber weiter, in
+ihre von Thränen gefüllten Augen schauend. »Meine Lage ist furchtbar
+dadurch, daß ich nirgends, in mir selbst nicht einmal, einen Stützpunkt
+dafür finde.«
+
+»Ihr werdet eine Stütze finden; sucht sie aber nicht in mir; obwohl ich
+Euch bitte, an meine Freundschaft zu glauben,« antwortete sie mit einem
+Seufzer, »unsere Stütze ist die Liebe, jene Liebe, die der da droben
+uns gegeben hat. Eine Bürde in ihm ist leicht,« sagte sie mit jenem
+verzückten Blick, den Aleksey Aleksandrowitsch so gut kannte, »er wird
+Euch halten und Euch beistehen!«
+
+Trotzdem, daß in diesen Worten sowohl das Mitleid mit seinen erhabenen
+Empfindungen, wie auch jene, Aleksey Aleksandrowitsch überflüssig
+erscheinende, neue verzückte, erst seit kurzem in Petersburg
+verbreitete, mystische Stimmung lag, war es diesem angenehm, sie jetzt
+zu vernehmen.
+
+»Ich bin schwach. Ich bin vernichtet. Ich habe nichts vorausgesehen und
+fasse jetzt nichts.«
+
+»Mein Freund,« wiederholte Lydia Iwanowna.
+
+»Nicht der Verlust dessen ist es, was jetzt nicht mehr ist, nicht
+dies!« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort, »ich klage um nichts. Aber
+ich muß mich schämen vor den Menschen wegen der Lage, in der ich mich
+befinde. Das ist schlimm, aber ich kann nicht, kann nicht anders.«
+
+»Nicht Ihr habt jene erhabene That der Vergebung ausgeführt, von der
+ich entzückt bin, wie jedermann, sondern der droben, der in Eurem
+Herzen wohnt,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, verzückt die Augen
+hebend, »und daher dürft Ihr Euch Eurer Handlungsweise nicht schämen.«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch verzog das Gesicht und begann, die Hände
+hinter sich nehmend, mit den Fingern zu knacken.
+
+»Man muß eben alle Einzelheiten kennen,« sagte er mit dünner Stimme,
+»die Kräfte des Menschen haben ihre Grenze, Gräfin, und ich habe
+die Grenze der meinigen gefunden. Den ganzen Tag jetzt muß ich
+Verfügungen treffen, Verfügungen über das Hauswesen, die sich für
+mich ergeben haben« -- er betonte das letztere Wort -- »aus meiner
+neuen, vereinsamten Stellung. Das Gesinde, die Gouvernante, die
+Rechnungen -- dieses Kreuzfeuer hat mich versengt und ich war nicht bei
+Kräften, es zu ertragen. Bei Tische -- ich bin gestern kaum seit der
+Mittagstafel hinausgekommen. Ich konnte es nicht ertragen, wie mich
+mein Sohn anblickte. Er frug mich nicht, was das alles bedeuten solle,
+aber er wollte fragen, und ich konnte diesen Blick nicht ertragen.
+Er fürchtete, mich anzuschauen, aber das ist noch wenig« -- Aleksey
+Aleksandrowitsch wollte jener Rechnung Erwähnung thun, die man ihm
+gebracht hatte, doch seine Stimme begann zu zittern und er hielt inne.
+An diese Rechnung auf blauem Papier, mit den Hüten und Bändern, konnte
+er nicht ohne Mitleid mit sich selbst denken.
+
+»Ich verstehe, mein Freund,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna. »Ich
+verstehe alles. Hilfe und Trost werdet Ihr nicht in mir finden, aber
+ich bin dennoch nur deshalb gekommen, Euch beizustehen, wenn ich kann.
+Wenn ich doch alle diese kleinlichen, erniedrigenden Mühewaltungen
+von Euch nehmen könnte. Ich verstehe, daß hier ein Frauenwort, ein
+weibliches Regiment not thut. Vertraut Ihr es mir an?«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch drückte ihr schweigend und dankerfüllt die
+Hand.
+
+»Wir wollen uns mit dem kleinen Sergey beschäftigen. Ich bin nicht
+stark in praktischen Dingen. Aber ich werde mich nützlich machen und
+Eure Hausverwalterin sein. Dankt mir nicht. Ich thue das nicht von mir
+aus.« --
+
+»Ich muß danken.«
+
+»Aber, mein Freund, überlaßt Euch nicht diesem Gefühl, von welchem Ihr
+gesprochen habt -- daß Ihr Euch dessen schämtet, was das höchste Gebot
+des Christen ist: Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.
+Und danken könnt Ihr nicht mir. Ihm ist zu danken, ihn muß man um Hilfe
+bitten, in ihm allein finden wir Ruhe, Trost, Heil und Liebe,« sagte
+sie, und die Augen zum Himmel emporhebend, begann sie zu beten, wie
+Aleksey Aleksandrowitsch aus ihrem Schweigen erkannte.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch vernahm sie jetzt auch, und jene Ausdrücke,
+welche ihm früher, wenn nicht unangenehm, so doch überflüssig
+erschienen waren, kamen ihm jetzt natürlich und tröstlich vor. Aleksey
+Aleksandrowitsch liebte diesen neuen, verzückten Geist nicht; er
+war ein religiöser Mensch, der sich für Religion hauptsächlich im
+politischen Sinne interessierte, aber die neue Lehre, die sich mehrere
+neue Auslegungen gestattete, war ihm deshalb besonders, weil sie dem
+Streit und der Analyse Thür und Thor öffnete, grundsätzlich unangenehm.
+Früher hatte er sich kühl, ja selbst feindselig gegen diese neue
+Lehre verhalten, und mit der Gräfin Lydia Iwanowna, die von derselben
+eingenommen worden war, zwar nie gestritten, aber geflissentlich durch
+Schweigen ihre Herausforderungen umgangen. Jetzt nun zum erstenmal
+hörte er ihre Worte mit Befriedigung und widersprach ihnen innerlich
+nicht.
+
+»Ich bin Euch sehr, sehr dankbar, sowohl für Eure Thaten als für Eure
+Worte,« sprach er, als sie mit Beten fertig war.
+
+Die Gräfin Lydia Iwanowna drückte ihrem Freunde nochmals beide Hände.
+
+»Jetzt will ich ans Werk gehen,« sagte sie lächelnd, nachdem sie eine
+Weile geschwiegen und sich die Spuren der Thränen aus dem Gesicht
+gewischt hatte. »Ich werde zu Sergey gehen, und mich nur im äußersten
+Notfall an Euch wenden.« Sie erhob sich und ging hinaus.
+
+Die Gräfin Lydia Iwanowna begab sich zu Sergey und erzählte dem
+erschreckten Knaben, ihm die Wangen mit Thränen bethauend, daß sein
+Vater ein Heiliger und seine Mutter gestorben sei.
+
+Die Gräfin Lydia Iwanowna erfüllte ihr Versprechen. Sie nahm in der
+That alle Sorgen und das Arrangement und die Hausverwaltung Aleksey
+Aleksandrowitschs auf sich, hatte aber nicht übertrieben, wenn sie
+sagte, daß sie in praktischen Dingen nicht stark sei. Alle ihre
+Anordnungen mußten abgeändert werden, da sie unausführbar waren,
+und sie wurden abgeändert durch Korney, den Kammerdiener Aleksey
+Aleksandrowitschs, der jetzt, ohne daß dies jemand merkte, das ganze
+Haus Karenins leitete, und ruhig und schonungsvoll während des
+Ankleidens seinem Herrn berichtete, was notwendig war. Gleichwohl
+aber blieb die Hilfe Lydia Iwanownas im höchsten Grade wesentlich:
+sie verlieh Aleksey Aleksandrowitsch eine moralische Stütze in der
+Erkenntnis ihrer Liebe und Achtung für ihn, und insbesondere darin,
+daß sie ihn, -- es war ihr dies ein tröstlicher Gedanke -- fast zum
+Christentum bekehrte, das heißt, aus einem gleichgültig und träg
+Religiösgesinnten zum eifrigen und festüberzeugten Parteigänger jener
+neuen Offenbarung der christlichen Lehre machte, welche sich in der
+jüngsten Zeit in Petersburg verbreitet hatte.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch wurde es leicht, sich von dieser Lehre
+überzeugen zu lassen. Er ebenso wie Lydia Iwanowna und andere Leute,
+die ihre Anschauungen zersplitterten, war einer wahrhaft vertieften
+Vorstellungskraft, jener geistigen Fähigkeit, dank welcher die
+Vorstellungen, welche von der Phantasie so hervorgerufen sind, ja
+thatsächlich werden, daß sie mit den anderen Vorstellungen und mit
+der Wirklichkeit einen Einklang fordern, völlig beraubt. Er erblickte
+nichts Unmögliches und Ungestaltes in der Vorstellung, daß der Tod, für
+die Ungläubigen wirklich vorhanden, für ihn aber nicht da sei, und daß,
+da er den wahrsten Glauben besitze, über den er selbst Richter wäre,
+auch keine Sünde mehr in seiner Seele sei, und er schon hier auf Erden
+ein volles Seelenheil kennen lerne.
+
+Allerdings wurde die Leichtfertigkeit und Fehlerhaftigkeit dieser
+Vorstellung von seinem eignen Glauben Aleksey Aleksandrowitsch dunkel
+fühlbar, und er wußte, daß er, wenn er ohne daran zu denken, daß seine
+Verzeihung die Wirkung einer höheren Kraft gewesen war, sich diesem
+Gefühl unmittelbar hingab, mehr Glück verspürte, als wenn er, wie
+jetzt, jede Minute dachte, daß Christus in seiner Seele sei und er,
+wenn er Akten unterschrieb, damit nur dessen Willen erfülle. Aleksey
+Aleksandrowitsch war es indessen so unumgänglich notwendig, so zu
+denken, es war ihm so notwendig, in seiner Herabwürdigung eine, wenn
+auch nur erklügelte, Erhabenheit zu besitzen, mit welcher er, von allen
+sonst verachtet, auch alle selbst verachten konnte, daß er sich, wie an
+eine Rettung, an sein vermeintliches Seelenheil anklammerte.
+
+
+ 23.
+
+Die Gräfin Lydia Iwanowna war noch als sehr junges, exaltiertes Mädchen
+an einen reichen, vornehmen, sehr gutmütigen und sehr ausschweifenden
+Lebemann verheiratet worden.
+
+Im zweiten Monat schon vernachlässigte sie ihr Gatte und antwortete auf
+die exaltierten Versicherungen ihrer zärtlichen Gesinnung für ihn nur
+mit Spott, ja selbst Feindseligkeit, welche sich diejenigen, die das
+gute Herz des Grafen kannten, und keinerlei Fehler in der verzückten
+Lydia wahrnahmen, nicht erklären konnten.
+
+Seit jener Zeit lebten beide, wenn auch nicht getrennt, so doch
+gesondert, und wenn der Gatte seiner Frau begegnete, dann trug er gegen
+sie einen sich stets gleichbleibenden beißenden Sarkasmus zur Schau,
+dessen Ursache man nicht begreifen konnte.
+
+Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte schon längst aufgehört, in ihren Mann
+verliebt zu sein, hörte aber von da an nie mehr auf, in irgend jemand
+sonst verliebt zu sein. Sie war in Mehrere zugleich verliebt, in Männer
+wie in Frauen; sie war in fast alle Menschen verliebt, die irgendwie
+besonders hervortraten. Sie war verliebt in alle neuen Prinzessinnen
+und Prinzen, die mit der Familie des Zaren in Verwandtschaft traten,
+sie war verliebt in einen Metropoliten, einen Vizegeistlichen und einen
+Kapellan. Sie war verliebt in einen Journalisten, drei Slovenen und in
+Komissaroff, in einen Minister, einen Arzt, einen englischen Missionär
+und in Karenin. Alle diese Liebesverhältnisse, bald sich abschwächend,
+bald stärker werdend, behinderten sie nicht in der Unterhaltung der
+verzweigtesten und verwickeltsten Beziehungen mit dem Hof und der
+Gesellschaft, aber seit der Zeit, da sie nach dem Verhängnis, welches
+Karenin betroffen, diesen unter ihre Fürsorge genommen hatte, seit
+der Zeit, da sie im Hause Karenins waltete, in der Sorge um dessen
+Wohlergehen, empfand sie, daß alle die übrigen Liebesverhältnisse keine
+echten gewesen waren, und sie jetzt wahrhaft nur in Karenin allein
+verliebt war.
+
+Das Gefühl, welches sie jetzt für diesen empfand, erschien ihr stärker,
+als alle früheren Gefühle, und indem sie dasselbe untersuchte und es
+mit diesen verglich, erkannte sie klar, daß sie in Komissaroff nicht
+verliebt gewesen sein würde, wenn er nicht das Leben des Zaren gerettet
+hätte, daß sie in Ristitsch-Kudschizkiy nicht verliebt gewesen sein
+würde, wenn es keine slavische Frage gäbe, daß sie aber Karenin um
+seiner selbst willen liebte, um seines hohen, nicht zu erfassenden
+Geistes, des milden, für sie so zarten Klanges seiner Stimme mit ihren
+gedehnten Accenten, um seines matten Blickes, seines Charakters, seiner
+weichen weißen Hände mit den aufgetretenen Adern willen.
+
+Sie freute sich nicht nur der Begegnung mit ihm, sie suchte auch auf
+seinem Gesicht Kennzeichen des Eindruckes, den sie auf ihn machte.
+Sie wollte ihm nicht nur in ihren Reden gefallen, sondern mit ihrer
+ganzen Persönlichkeit. Ihm zu Liebe beschäftigte sie sich jetzt mehr
+mit ihrer Toilette, als je zuvor. Sie ertappte sich auf Träumereien,
+was wohl geschehen könne, wenn sie nicht verheiratet und er frei wäre.
+Sie errötete vor Vergnügen, wenn er in das Zimmer trat, und konnte ein
+Lächeln des Entzückens nicht unterdrücken, wenn er ihr etwas Angenehmes
+sagte.
+
+Schon mehrere Tage befand sich die Gräfin Lydia Iwanowna in einer
+sehr starken Aufregung. Sie hatte erfahren, daß Anna und Wronskiy
+wieder in Petersburg seien. Man mußte Aleksey Aleksandrowitsch vor dem
+Wiedersehen mit ihr bewahren, man mußte ihn bewahren selbst vor der
+qualvollen Kenntnisnahme davon, daß dieses furchtbare Weib in ein und
+derselben Stadt mit ihm sei und er ihr jeden Augenblick begegnen könne.
+
+Lydia Iwanowna erforschte durch ihre Bekannten, was jene »widerlichen
+Menschen«, wie sie Anna und Wronskiy nannte, zu thun beabsichtigten,
+und bemühte sich nun während dieser Tage, alle Bewegungen ihres
+Freundes zu leiten, damit er ihnen nicht begegnen könnte.
+
+Ein junger Adjutant, ein Freund Wronskiys, durch welchen sie ihre
+Nachrichten empfangen hatte, und der durch die Gräfin Lydia Iwanowna
+eine Konzession zu erhalten hoffte, teilte ihr mit, daß die beiden ihre
+Angelegenheiten ordneten und am nächsten Tage abreisen würden.
+
+Lydia Iwanowna war schon ruhiger geworden, als man ihr am andern Morgen
+ein Billet brachte, dessen Handschrift sie mit Entsetzen erkannte.
+
+Es war die Handschrift Anna Kareninas. Das Couvert bestand aus dickem,
+rindenartigem Papier, war länglich und von gelber Farbe und trug ein
+großes Monogramm, während das Schreiben selbst Wohlgerüche ausströmte.
+
+»Wer hat das gebracht?«
+
+»Ein Beauftragter aus dem Hotel.«
+
+Die Gräfin Lydia Iwanowna vermochte lange nicht, sich zu setzen und den
+Brief zu lesen. Sie bekam vor Aufregung einen Anfall von Atemnot, an
+der sie litt. Nachdem sie sich indes beruhigt hatte, las sie folgendes,
+französisch abgefaßte Schreiben:
+
+»=Madame la Comtesse=! Die christlichen Gefühle, welche Ihr Herz
+erfüllen, verleihen mir die, ich fühle es, unverzeihliche Kühnheit,
+Ihnen zu schreiben. Ich bin unglücklich über die Trennung von meinem
+Sohne. Ich flehe Sie um die Erlaubnis an, ihn nur ein einziges Mal
+sehen zu dürfen vor meiner Abreise. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen
+mich selbst in Erinnerung bringe, ich habe mich an Sie, und nicht
+an Aleksey Aleksandrowitsch nur deshalb gewandt, weil ich diesen
+hochherzigen Mann nicht veranlassen will, in der Erinnerung an mich, zu
+leiden. Da ich Ihre freundschaftliche Gesinnung für ihn kenne, werden
+Sie mich verstehen. Senden Sie Sergey zu mir, oder soll ich ins Haus
+kommen zu der üblichen, festgesetzten Stunde -- oder würden Sie mich
+wissen lassen, wann und wo ich ihn außerhalb des Hauses sehen kann?
+Ich versehe mich nicht einer Verweigerung, da ich die Großmut dessen
+kenne, von dem dies abhängt. Sie können sich die heiße Sehnsucht ihn
+zu sehen nicht vorstellen, die ich empfinde, und daher auch nicht die
+Dankbarkeit, die Ihr Beistand in mir hervorrufen würde.
+
+ Anna.«
+
+Alles in diesem Briefe versetzte die Gräfin Lydia Iwanowna in Zorn;
+sowohl der Inhalt im allgemeinen, als der Hinweis auf Großmut und
+insbesondere der, wie ihr schien, frivole Ton.
+
+»Sag', es gebe keine Antwort,« sprach die Gräfin Lydia Iwanowna, und
+schrieb sogleich an Aleksey Aleksandrowitsch, sie hoffe, ihn um ein Uhr
+zur Hofcour zu sehen.
+
+»Ich habe mit Euch über eine wichtige und traurige Angelegenheit zu
+sprechen, und dort wollen wir verabreden, wo dies geschehen kann. Am
+besten wohl bei mir, wo ich den Thee so wie Ihr ihn ja liebt, bereiten
+lassen werde. Es ist unbedingt notwendig. Gott legt uns das Kreuz
+auf, aber er giebt uns auch die Kraft,« fügte sie hinzu, um ihn doch
+wenigstens in Etwas vorzubereiten.
+
+Die Gräfin Lydia Iwanowna schrieb gewöhnlich zwei oder drei Briefe
+täglich an Aleksey Aleksandrowitsch. Sie liebte diese Verkehrsweise mit
+ihm, da sie an sich Eleganz und Diskretion besaß, wie sie sich ihr in
+persönlichen Beziehungen nicht bot.
+
+
+ 24.
+
+Die Hofcour war vorüber. Die Abfahrenden pflogen bei der Begegnung
+noch Gespräche über die letzten Tagesneuigkeiten, über neuempfangene
+Auszeichnungen und Versetzungen hoher Beamter.
+
+»Etwa der Gräfin Marja Borisowna das Kriegsportefeuille, und an die
+Spitze des Stabes die Fürstin Watkowskaja,« sagte ein alter Herr in
+goldgestickter Uniform zu einer hochgewachsenen Schönheit, die sich bei
+ihm über die Beförderungen erkundigt hatte.
+
+»Und mich zum Adjutanten,« versetzte das Fräulein lächelnd.
+
+»Ihr habt bereits Eure Bestimmung. Man bestellt Euch in das Ressort für
+geistliche Sachen. Und zu Eurem Beistande -- Karenin.«
+
+»Guten Tag, Fürst,« sagte der alte Herr, einem Hinzutretenden die Hand
+drückend.
+
+»Was habt Ihr zu Karenin gesagt?« sprach der Fürst.
+
+»Er und Putjakoff haben den Alexander Newskiy erhalten.«
+
+»Ich dachte, er hätte ihn schon.«
+
+»Nein. Seht ihn Euch doch an,« sagte der alte Herr, mit dem
+goldgestickten Hute auf den, bei einem einflußreichen Mitglied
+des Staatsrats an der Saalthür stehenden Karenin weisend, der in
+Galauniform war und das neue rote Band über der Schulter trug.
+»Glücklich und zufrieden, wie ein Kupfergroschen,« fügte er hinzu,
+stehen bleibend, um einem athletischgebauten, schöngewachsenen
+Kammerherrn die Hand zu drücken.
+
+»Er ist gealtert,« sagte der Kammerherr.
+
+»Von Sorgen. Er macht jetzt nur Projekte. Keinen Unglücklichen entläßt
+er jetzt, bevor er nicht alles gewissenhaft dargelegt hat.«
+
+»Wie, gealtert? =Il fait des passions=. Ich glaube, die Gräfin Lydia
+Iwanowna ist jetzt eifersüchtig auf seine Frau.«
+
+»Was soll das heißen! Über die Gräfin Lydia Iwanowna, bitte, sprecht
+nichts Übles!«
+
+»Ist denn das schlecht, wenn sie in Karenin verliebt ist?«
+
+»Ist es denn wahr, daß die Karenina hier ist?«
+
+»Das heißt nicht hier am Hofe, sondern in Petersburg! Ich begegnete
+ihr gestern mit Aleksey Wronskiy, =bras dessus, bras dessous=, auf der
+Morskaja.«
+
+»=C'est un homme qui n'a pas=« -- -- begann der Kammerherr, hielt aber
+inne, indem er grüßend Platz machte vor einer vorüberschreitenden
+Persönlichkeit aus der Familie des Zaren.
+
+So sprach man fortwährend von Aleksey Aleksandrowitsch, ihn richtend
+und verspottend, während dieser, dem von ihm in Beschlag genommenen
+Mitglied des Staatsrates den Weg vertretend, und um keine Minute seine
+Ausführungen verkürzend, um ihn nicht fortlassen zu müssen, demselben
+Punkt für Punkt einen Finanzplan vorlegte.
+
+Fast zu gleicher Zeit, als Aleksey Aleksandrowitsch von seinem Weibe
+verlassen wurde, ereignete sich für diesen das bitterste Ereignis was
+einem Beamten passieren kann -- Stillstand in seiner aufwärtsführenden
+Carriere. Derselbe war Thatsache geworden, und alle erkannten dies
+klar, Aleksey Aleksandrowitsch selbst aber hatte sich noch nicht
+eingestanden, daß seine Carriere zu Ende sei. War es der Zusammenstoß
+mit Stremoff, war es das Unglück mit seinem Weibe, oder einfach der
+Umstand, daß Aleksey Aleksandrowitsch zu der ihm bestimmten Grenze
+gelangt war, für jedermann war es im laufenden Jahre klar geworden,
+daß es mit seiner amtlichen Laufbahn vorüber war. Er bekleidete noch
+einen wichtigen Posten, er war noch Mitglied vieler Kommissionen und
+Komitees, aber auch ein Mann, der in Ungnade gefallen, und von welchem
+man nichts mehr erwartete. Was er auch reden mochte, was er auch in
+Vorschlag brachte, man hörte ihn, als wäre das, was er beantragte,
+schon längst bekannt und eben gerade das, was gar nicht notwendig war.
+
+Aber Aleksey Aleksandrowitsch merkte das nicht, im Gegenteil, der
+direkten Teilnahme an der Regierungsthätigkeit fernstehend, sah er
+jetzt viel klarer, als früher, die Mängel und Fehler in der Thätigkeit
+anderer, und hielt es für seine Pflicht, auf die Mittel zu deren
+Verbesserung hinzuweisen.
+
+Bald nach seiner Trennung von der Gattin begann er, seine Denkschrift
+über die neue Rechtsordnung zu schreiben, die erste aus einer zahllosen
+Reihe niemandem nutzbringender Denkschriften über alle Zweige der
+Verwaltung, welche er sich vorgenommen hatte, zu schreiben.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch erkannte seine hoffnungslose Stellung in der
+Beamtenwelt nicht nur nicht, er war auch nicht erbittert hierüber,
+sondern eher noch mehr als je zufrieden mit seiner Thätigkeit.
+
+»Ein Beweibter sorgt sich um das Eitle, wie er seinem Weibe gefallen
+mag, ein Unbeweibter um das Erhabene, wie er dem Herrn gefallen kann,«
+sagt der Apostel Paulus, und Aleksey Aleksandrowitsch, in allen Dingen
+jetzt nur noch geleitet von der heiligen Schrift, erinnerte sich oft
+dieses Textes. Es schien ihm, daß er seit der Zeit, seit welcher er
+ohne seine Frau lebte, gerade mit diesen Projekten dem Herrn mehr
+diente, als früher.
+
+Die augenscheinliche Ungeduld des Mitgliedes des Staatsrats, welches
+wünschte, von ihm loszukommen, setzte Aleksey Aleksandrowitsch nicht in
+Verlegenheit; er hörte nicht eher damit auf, seinen Plan zu entwickeln,
+als bis das Ratsmitglied, die Gelegenheit des Vorüberschreitens der
+Persönlichkeit aus der Zarenfamilie benutzend, ihm entschlüpft war.
+
+Allein geblieben, ließ Aleksey Aleksandrowitsch den Kopf sinken, indem
+er seine Gedanken sammelte, blickte dann zerstreut um sich, und schritt
+der Thür zu, an welcher er der Gräfin Lydia Iwanowna zu begegnen hoffte.
+
+»Wie sind sie alle körperlich so stark und gesund,« dachte Aleksey
+Aleksandrowitsch, auf den mächtigen Kammerherrn mit seinem frisierten,
+wohlriechenden Backenbart blickend, auf den rotschimmernden Hals
+des straff in seiner Uniform erscheinenden Fürsten, an denen er
+vorbeizuschreiten hatte. »Es ist ganz richtig gesagt, daß alles in der
+Welt von Übel ist,« dachte er, nochmals seitwärts nach den Waden des
+Kammerherrn blickend.
+
+Langsam seine Beine weiterbewegend, verbeugte er sich mit dem
+gewöhnlichen Ausdruck von Ermüdung und Würde vor jenen Herren, welche
+von ihm gesprochen hatten, und suchte, nach der Thür blickend, mit
+seinen Augen die Gräfin Lydia Iwanowna.
+
+»Ah, Aleksey Aleksandrowitsch!« sagte der alte Herr, mit boshaft
+blinzelnden Augen, während Karenin neben ihm hinschritt und mit kalter
+Bewegung den Kopf neigte.
+
+»Ich habe Euch noch nicht beglückwünscht,« sagte der alte Herr, auf
+sein neuempfangenes Ordensband weisend.
+
+»Ich danke Euch,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch, »welch ein
+herrlicher Tag ist heute,« fügte er hinzu, nach seiner Gewohnheit
+besonders Betonung auf das Wort »herrlich« legend.
+
+Daß man über ihn lachte, wußte er, aber er erwartete von ihnen ja auch
+gar nichts anderes als Feindseligkeit; er war schon daran gewöhnt.
+
+Als er die aus dem Korsett emporsteigenden gelben Schultern der Gräfin
+Lydia Iwanowna, die in die Thür getreten war, und ihre ihn zu sich
+rufenden, schönen sinnigen Augen erblickte, lächelte er, die weißen,
+nicht schlecht gewordenen Zähne zeigend, und begab sich zu ihr hin.
+
+Die Toilette Lydia Iwanownas hatte große Mühe gekostet, wie überhaupt
+alle ihre Toiletten in der letzten Zeit. Der Zweck derselben war jetzt
+ein vollständig umgekehrter im Vergleich zu dem, welchen sie vor
+dreißig Jahren damit verfolgt hatte.
+
+Damals hatte sie sich nur mit Etwas putzen wollen, je mehr, um so
+besser. Jetzt, im Gegenteil hatte sie so notorisch in einer ihren
+Jahren und ihrer Figur nicht entsprechenden Weise an Schönheit
+verloren, daß sie nur noch darum bemüht war, den Gegensatz zwischen
+diesem Putz und ihrer äußeren Erscheinung nicht gar zu schrecklich
+werden zu lassen.
+
+Was Aleksey Aleksandrowitsch anbetraf, so hatte sie dies erreicht, und
+erschien diesem anziehend. Sie bildete für ihn die einzige Insel nicht
+nur von Zuneigung, sondern auch der Liebe, inmitten des Meeres von
+Feindseligkeit und Hohn, das ihn umgab.
+
+Durch die Spießrutengasse von höhnischen Blicken hindurchschreitend,
+strebte er naturgemäß ihrem Blick voll Liebe zu, wie die Pflanze dem
+Licht.
+
+»Ich gratuliere Euch,« sprach sie zu ihm, mit den Augen auf sein
+Ordensband weisend.
+
+Ein Lächeln des Vergnügens unterdrückend, zuckte er nur mit den
+Schultern, die Augen schließend, als wollte er sagen, es könne ihn
+dies nicht erfreuen. Die Gräfin Lydia Iwanowna wußte recht wohl, daß
+dies für ihn eine der höchsten Freuden war, obwohl er es nimmermehr
+eingestanden haben würde.
+
+»Was macht unser Engel?« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, an Sergey
+denkend.
+
+»Kann nicht gerade sagen, daß ich vollständig zufrieden mit ihm wäre,«
+sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend und die
+Augen öffnend. »Auch Sitnikoff ist nicht zufrieden mit ihm.« Sitnikoff
+war der Pädagog, dem die weltliche Erziehung Sergeys anvertraut war.
+»Wie ich Euch schon gesagt habe, besitzt er eine gewisse Kühlheit
+gerade denjenigen Hauptfragen gegenüber, die die Seele eines jeden
+Menschen, und jedes Kind berühren,« begann er, seine Gedanken über die
+einzige, ihn neben seiner amtlichen Thätigkeit interessierende Frage zu
+entwickeln -- über die Erziehung seines Sohnes.
+
+Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch mit Hilfe Lydia Iwanownas aufs neue
+dem Leben und der Thätigkeit wieder geschenkt worden war, fühlte
+er auch seine Verpflichtung, sich mit der Erziehung des Kindes zu
+befassen, welches in seinen Händen geblieben war. Da er sich vorher
+niemals mit Erziehungsangelegenheiten beschäftigt hatte, so opferte
+Aleksey Aleksandrowitsch einige Zeit dem theoretischen Studium des
+Gegenstandes, und indem er einige anthropologische, pädagogische und
+didaktische Bücher durchlas, stellte er einen Erziehungsplan auf,
+und ging, den besten Petersburger Schulmann zur Leitung desselben
+einladend, ans Werk. Dieses Werk nun beschäftigte ihn beständig.
+
+»Ja, aber das Herz? Ich erkenne in ihm das Herz des Vaters und mit
+einem solchen Herzen kann ein Kind nicht schlecht sein,« sagte Lydia
+Iwanowna verzückt.
+
+»Ja, mag sein; was mich anbetrifft, so erfülle ich meine Pflicht. Das
+ist alles, was ich thun kann.«
+
+»Ihr kommt doch mit zu mir,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, eine
+Pause machend, »ich muß über eine traurige Angelegenheit mit Euch
+reden. Alles hätte ich darum gegeben, Euch mit gewissen Erinnerungen zu
+verschonen, aber die anderen denken ja nicht so. Ich habe ein Schreiben
+>von ihr< erhalten. Sie ist hier, in Petersburg.«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch erschrak bei der Gemahnung an sein Weib,
+sofort aber stand auch jene totenhafte Unbeweglichkeit auf seinen
+Zügen, welche seine vollkommene Hilflosigkeit in dieser Sache
+ausdrückte.
+
+»Ich habe das erwartet,« sagte er.
+
+Die Gräfin Lydia Iwanowna blickte ihn verzückt an, und die Thränen des
+Enthusiasmus vor seiner Seelengröße traten ihr in die Augen.
+
+
+ 25.
+
+Als Aleksey Aleksandrowitsch in das kleine, mit altertümlichem
+Porzellan dekorierte und Gemälden behängte anheimelnde Kabinett Lydia
+Iwanownas trat, war die Herrin selbst noch nicht anwesend. Sie kleidete
+sich um.
+
+Auf einem runden Tische war ein Tafeltuch aufgedeckt, auf welchem ein
+chinesisches Service und eine silberne Theemaschine stand. Aleksey
+Aleksandrowitsch betrachtete zerstreut die unzähligen, ihm bekannten
+Porträts, welche das Kabinett schmückten, und öffnete, nachdem er sich
+an dem Tische niedergelassen, das auf demselben liegende Evangelium.
+
+Das Rauschen des seidenen Kleides der Gräfin zog ihn davon ab.
+
+»So, nun wollen wir uns gemächlich setzen,« sagte die Gräfin Lydia
+Iwanowna, mit aufgeregtem Lächeln hastig zwischen Tisch und Diwan
+durchschreitend, »und bei unserem Thee sprechen.«
+
+Nach einigen Worten der Vorbereitung gab die Gräfin Lydia Iwanowna
+schwer atmend und errötend das empfangene Schreiben Aleksey
+Aleksandrowitsch in die Hände.
+
+Das Schreiben durchlesend, blieb dieser lange stumm.
+
+»Ich glaube nicht das Recht zu haben, ihr einen abschläglichen Bescheid
+geben zu dürfen,« sagte er zaghaft, die Augen erhebend.
+
+»Mein Freund, Ihr seht doch in keinem Menschen das Böse!«
+
+»Im Gegenteil sehe ich, daß alles von Übel ist! Ob es aber richtig ist.«
+
+In seinem Gesicht lag Unentschlossenheit und das Suchen nach Rat, nach
+Unterstützung und Leitung in der Sache, die ihm unerfaßbar war.
+
+»Nein« -- unterbrach ihn die Gräfin Lydia Iwanowna, »alles hat seine
+Grenze! Ich begreife die Unmoral,« sagte sie -- nicht ganz aufrichtig,
+da sie nie begreifen konnte, was Frauen zur Unmoral führt -- »begreife
+aber nicht diese Hartherzigkeit. Gegen wen? gegen Euch! Wie kann man in
+dieser Stadt verbleiben, in welcher Ihr seid? Nein; man kann hundert
+Jahre leben und lernt nicht aus! Ich aber lerne Eure Erhabenheit und
+ihre Niedrigkeit erkennen!« --
+
+»Wer will einen Stein auf sie werfen?« sagte Aleksey Aleksandrowitsch,
+augenscheinlich mit seiner Rolle zufrieden. »Ich habe alles vergeben,
+und kann sie daher nicht dessen berauben, was eine Forderung ihrer
+Liebe ist, der Liebe zu ihrem Kinde« --
+
+»Aber ist denn das Liebe, mein Freund? Ist das aufrichtig von Euch?
+Gesetzt auch, Ihr habt ihr vergeben, Ihr verzeiht ihr -- haben wir
+deshalb das Recht, auf die Seele jenes Engels einzuwirken? Er hält sie
+für tot. Er betet für sie und bittet Gott, ihr ihre Sünden zu vergeben.
+So ist es doch am besten. Sonst aber -- was wird er da denken?« --
+
+»Hieran dachte ich nicht,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch,
+augenscheinlich zustimmend.
+
+Die Gräfin Lydia Iwanowna bedeckte das Gesicht mit den Händen und blieb
+stumm. Sie betete.
+
+»Wenn Ihr nach meinem Rate fragt,« sagte sie, mit beten fertig und das
+Gesicht wieder aufdeckend, »dann empfehle ich Euch, dies nicht zu thun.
+Sehe ich denn nicht selbst, wie Ihr leidet, wie dies alle Eure Wunden
+wieder geöffnet hat? Aber nehmen wir an, Ihr vergäßet, wie immer, Euch
+selbst; wozu könnte das dann führen? Zu neuen Leiden nur Eurerseits, zu
+Qualen für das Kind! Wenn in ihr noch etwas Menschliches geblieben ist,
+so darf sie dies selbst nicht wünschen. Ich rate, ohne mich dabei
+zu bedenken, nicht dazu, und wenn Ihr bestimmt, werde ich ihr
+schreiben.« --
+
+Aleksey Aleksandrowitsch willigte darein, und die Gräfin Lydia Iwanowna
+schrieb folgendes Billet auf Französisch:
+
+»Geehrte Frau! Die Erinnerung an Euch kann für Euren Sohn zu Fragen
+seinerseits führen, auf die es keine Antwort giebt, welche in die Seele
+des Kindes nicht den Geist des Tadels dem gegenüber einpflanzen müßte,
+was für ihn ein Heiligtum sein soll; demgemäß ersuche ich Euch, den
+abschläglichen Bescheid Eures Gatten im Geiste der christlichen Liebe
+aufzufassen.
+
+Ich bitte den Höchsten um seine Barmherzigkeit mit Euch.
+
+ Gräfin Lydia Iwanowna.«
+
+Dieses Schreiben verfolgte jenen geheimen Zweck, den die Gräfin Lydia
+Iwanowna sogar vor sich selbst verhehlte. Es traf Anna bis auf den
+Grund der Seele.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch seinerseits von Lydia Iwanowna nach Hause
+zurückgekehrt, vermochte es nicht, sich an diesem Tage seinen
+gewöhnlichen Geschäften zu widmen, und jenen inneren Frieden des
+gläubigen und geretteten Menschen zu finden, den er vorher empfunden
+hatte.
+
+Die Erinnerung an sein Weib, das so schuldbeladen vor ihm war, und vor
+welchem er so hehr erschien, wie ihm ganz richtig die Gräfin Lydia
+Iwanowna gesagt hatte, hätte ihn nicht beunruhigen dürfen; und doch war
+er nicht ruhig; er vermochte das Buch nicht zu verstehen, welches er
+las, er vermochte die quälenden Erinnerungen an seine Beziehungen zu
+ihr nicht von sich zu weisen, die Erinnerung an jene Fehler, die er,
+wie ihm jetzt schien, ihr gegenüber begangen hatte.
+
+Die Erinnerung daran, wie er, bei der Rückkehr von den Rennen, das
+Geständnis ihrer Untreue entgegengenommen hatte -- besonders dies,
+daß er von ihr nur äußeren Anstand verlangt und nicht zum Duell
+herausgefordert hatte -- peinigte ihn jetzt wie eine Reue. Ebenso
+folterte ihn auch die Erinnerung an das Schreiben, welches er ihr
+gesandt hatte, und insbesondere seine Verzeihung, die niemand etwas
+genützt hatte, und seine Sorge um jenes ihm fremde Kind versengte sein
+Herz vor Scham und Reue.
+
+Ganz das nämliche Gefühl der Scham und Reue empfand er auch jetzt,
+da er seine ganze Vergangenheit mit ihr durchmusterte, und indem er
+sich der ungeschickten Worte erinnerte, mit denen er ihr nach langem
+Zaudern, seine Erklärung gemacht hatte.
+
+»Aber woran trage ich eine Schuld?« sprach er zu sich selbst, und diese
+Frage rief in ihm stets eine andere hervor -- die, ob die anderen
+Menschen wohl anders empfänden, anders liebten, anders heirateten.
+Jene Wronskiy, Oblonskiy, diese Kammerherren mit den drallen Waden,
+und eine ganze Reihe von jenen strotzenden, starken, rücksichtslosen
+Männern stieg vor ihm auf, die stets, wider seinen Willen und
+allerorten seine Neugier und Aufmerksamkeit erregt hatten.
+
+Er wies diese Gedanken von sich, er bemühte sich, sich zu überzeugen,
+daß er nicht für das gegenwärtige Leben lebe, sondern für das ewige,
+daß sich in seiner Seele der Frieden und die Liebe befinde. Aber das,
+was er in diesem zeitlichen, nichtigen Leben begangen hatte, wie ihm
+schien, einige unbedeutende Fehler, peinigte ihn doch so, als gäbe es
+jenes ewige Seelenheil gar nicht, an welches er glaubte.
+
+Aber diese Versuchung währte nicht lange, und alsbald erstand wieder
+in der Seele Aleksey Aleksandrowitschs jene Ruhe und Erhabenheit, dank
+welcher er das zu vergessen vermochte, dessen er nicht zu gedenken
+wünschte.
+
+
+ 26.
+
+»Nun, wie steht's Kapitonitsch?« sagte der kleine Sergey rotwangig
+und heiter, von dem Spaziergang am Vorabend seines Geburtstags
+zurückkehrend und seine faltige Poddjovka dem hochgewachsenen, aus
+seiner ganzen Größe auf den Kleinen herablächelnden alten Portier
+reichend.
+
+»War heute jener zurückgesetzte Beamte da? Hat ihn der Papa empfangen?«
+
+»Empfangen. Soeben ist der Direktor gegangen und ich habe ihn
+gemeldet,« sagte der Schweizer heiter blinzelnd. »Gestattet mir, daß
+ich Euch auskleide.«
+
+»Sergey!« sagte der Erzieher, in der Thüre stehen bleibend, welche nach
+den inneren Gemächern führte. »Legt selbst ab!«
+
+Doch Sergey widmete, obwohl er die schwache Stimme des Pädagogen gehört
+hatte, diesem nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er stand, sich mit
+der Hand an dem Brustgurt des Portiers anhaltend und ihm ins Gesicht
+blickend.
+
+»Hat denn Papa auch für ihn gethan, was not thut?«
+
+Der Portier nickte bestätigend mit dem Kopfe.
+
+Ein Beamter, der schon siebenmal bei Aleksey Aleksandrowitsch mit einem
+Anliegen vorgesprochen hatte, interessierte Sergey und den Portier.
+Sergey hatte denselben auf dem Vorsaal getroffen und gehört, wie
+kläglich er den Portier bat, sein Anliegen vorzutragen, und gesagt
+hatte, daß er mit seinen Kindern werde untergehen müssen.
+
+Seit dieser Zeit interessierte sich Sergey, der dem Beamten noch ein
+zweites Mal auf dem Vorsaal begegnet war, für diesen.
+
+»Hat er sich denn recht gefreut?« frug er.
+
+»Wie sollte er sich nicht gefreut haben? Bald gesprungen wäre er, als
+er von hier fortging.«
+
+»Hat man etwas für uns gebracht?« -- frug Sergey nach einer Pause.
+
+»Nein, Herr,« antwortete kopfschüttelnd und flüsternd der Portier, »von
+der Gräfin ist etwas da.«
+
+Sergey ersah sofort, daß das, wovon der Schweizer sprach, ein Geschenk
+von der Gräfin Lydia Iwanowna zu seinem Geburtstage sein müsse.
+
+»Was sagst du? Wo ist es denn?«
+
+»Korney hat es zu Papa getragen. Es scheint etwas recht Schönes.«
+
+»Wie groß ist es denn? -- So?« -- --
+
+»Kleiner, aber was Hübsches.«
+
+»Ein Buch?«
+
+»Nein, ein Spielzeug. Aber geht, geht, Wasiliy Lukitsch wird gleich
+rufen,« sagte der Portier, die nahenden Schritte des Gouverneurs
+vernehmend und behutsam das bis zur Hälfte im abgezogenen Handschuh
+steckende Händchen, welches ihn noch bei seinem Ledergurt hielt,
+losmachend.
+
+»Wasiliy Lukitsch, diese Minute!« antwortete Sergey mit dem nämlichen
+heiteren und lieblichen Lächeln, welches den seines Amtes beflissenen
+Wasiliy Lukitsch stets besiegte.
+
+Sergey war in viel zu heiterer und glücklicher Stimmung, als daß er
+sich mit seinem Freund, dem Portier, nicht erst noch hätte in das
+freudige Familienereignis teilen sollen, von dem er auf dem Spaziergang
+im Sommergarten durch die Nichte der Gräfin Lydia Iwanowna erfahren
+hatte.
+
+Dieses freudige Ereignis erschien ihm besonders wichtig nach dem
+Zusammentreffen mit dem Glücksfall des Beamten und seiner eigenen
+Freude darüber, daß man ihm ein Spielzeug gebracht hatte. Sergey
+schien es, daß heute ein Tag sei, an welchem jedermann glücklich und
+heiter sein müsse.
+
+»Weißt du, daß Papa den Alexander Newskiy erhalten hat?«
+
+»Warum sollte ich das nicht wissen? Man ist ja schon gekommen, um zu
+gratulieren.«
+
+»So; freut er sich?«
+
+»Wie sollte man sich über des Zaren Gunst nicht freuen? Das heißt, er
+hat ihn ja auch verdient,« sagte der Portier streng und ernst.
+
+Der kleine Sergey wurde nachdenklich, blickte in das von ihm schon
+bis in die kleinsten Einzelheiten studierte Gesicht des Portiers,
+insbesondere auf das Kinn, welches zwischen den grauen Backenbärten
+hing und das niemand außer Sergey je erblickt hatte, da dieser ihn nie
+anders als von unten herauf anschaute.
+
+»Deine Tochter ist lange nicht bei dir gewesen?«
+
+Die Tochter des Portiers war Balletttänzerin.
+
+»Wie soll sie an den Wochentagen ausgehen können? Die haben auch zu
+lernen. Und auch Ihr müßt nun lernen, Herr, geht.« --
+
+In das Zimmer tretend, erzählte Sergey, anstatt sich zur Lektion
+niederzulassen, seinem Lehrer von seinen Vermutungen darüber, ob das
+was man für ihn gebracht habe, eine Maschine sein könnte.
+
+»Was meint Ihr dazu?« frug er.
+
+Wasiliy Lukitsch dachte nur daran, daß ein Lehrer lediglich die
+Grammatikstunde zu geben habe, welche um zwei Uhr begann.
+
+»Nein, sagt mir nur, Wasiliy Lukitsch,« frug er plötzlich, schon hinter
+dem Arbeitstisch sitzend und das Buch in der Hand haltend, »was ist
+denn noch mehr, als der Alexander Newskiy? Ihr wißt, daß Papa den
+Alexander Newskiy erhalten hat?«
+
+Wasiliy Lukitsch antwortete, daß der Wladimir höher sei als der
+Alexander Newskiy.
+
+»Und noch höher?«
+
+»Am höchsten ist der Orden des heiligen Andreas.«
+
+»Und höher noch als der Andreas?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Was; selbst Ihr wißt das nicht?« und Sergey versank, sich aufstemmend,
+in Nachdenken.
+
+Seine Überlegungen waren sehr verwickelt und mannigfaltig. Er
+überlegte, wie sein Vater plötzlich auch den Wladimir und den
+Andreasorden erhalten könnte, und wie er infolgedessen heute in der
+Lektion bei weitem fleißiger sein wolle, und wie er selbst, wenn er
+erst einmal groß wäre, alle Orden, und auch das, was noch höher als der
+Andreasorden sei, erhalten wollte. Sobald man einen ausgesonnen hätte,
+wollte er ihn verdienen; und dächte man ihn noch höher aus, so wollte
+er ihn sofort auch verdienen.
+
+In solchen Überlegungen verstrich die Zeit, bis der Lehrer kam. Die
+Lektion über die Umstände der Zeit und des Ortes und den Umstand der
+Art und Weise saß nicht, und der Lehrer war nicht nur unzufrieden,
+sondern selbst erzürnt. Der Groll des Lehrers rührte Sergey. Er fühlte
+sich schuldig, weil er seine Lektion nicht gelernt hatte, aber wie er
+sich auch bemühen mochte, er konnte es durchaus nicht ermöglichen; so
+lange der Lehrer ihm Etwas erklärte, überzeugte er sich und schien zu
+verstehen, doch sobald er allein war, vermochte er sich durchaus nicht
+mehr zu entsinnen, und zu begreifen, daß das ziemliche kurze und so
+verständliche Wort »plötzlich« ein »Umstand der Art und Weise« sei;
+allein dennoch that es ihm leid, daß er den Lehrer kränkte.
+
+Er wählte eine Minute, in welcher der Lehrer schweigend in das Buch
+blickte.
+
+»Michail Iwanitsch, wann wird Euer Namenstag sein?« frug er plötzlich.
+
+»Ihr dächtet doch besser an Eure Arbeit; die Namenstage haben keinerlei
+Bedeutung für ein vernünftiges Wesen. Es sind Tage wie alle anderen, an
+denen man arbeiten muß.«
+
+Der kleine Sergey schaute aufmerksam seinen Lehrer an, dessen
+spärlichen Bart und die Brille, welche sich unter die Kerbe, die auf
+der Nase war, gesenkt hatte, und versank so tief in Gedanken, daß
+er nichts mehr von dem hörte, was der Lehrer ihm erklärte. Er hatte
+erkannt, daß dieser nicht so dachte, wie er gesprochen hatte; er fühlte
+dies an dem Tone, in welchem es gesagt worden war.
+
+»Aber warum haben sie sich alle verabredet, dies immer in ein und
+derselben Weise zu äußern, immer so langweilig und so zwecklos? Warum
+stößt er mich von sich, warum liebt er mich nicht?« frug er sich
+betrübt und konnte keine Antwort finden.
+
+
+ 27.
+
+Nach der Lektion seitens des Lehrers folgte eine Stunde beim Vater.
+Bis dieser erschien, hatte sich Sergey an den Tisch gesetzt, mit
+seinem Messerchen spielend, und zu grübeln begonnen. Zu der Zahl der
+Lieblingsbeschäftigungen Sergeys hatte das Aufsuchen seiner Mutter
+während des Spazierganges derselben gehört. Er glaubte nicht an den
+Tod überhaupt, und im besonderen nicht an den ihren, soviel ihm auch
+Lydia Iwanowna davon gesagt und der Vater es bestätigt hatte, und so
+suchte er sie, auch nachdem man ihm mitgeteilt hatte, daß sie tot
+sei, noch immer während der Zeit seiner Ausgänge. Jede vollgebaute,
+graziöse Dame mit dunklem Haar war seine Mutter. Bei dem Anblick einer
+solchen Dame regte sich in seiner Seele ein Gefühl der Zärtlichkeit,
+ein Gefühl, daß er tief Atem holte und die Thränen ihm in die Augen
+traten, und so wartete er denn, daß sie wieder zu ihm kommen und ihren
+Schleier aufheben möchte. Ihr Gesicht würde wieder sichtbar werden, sie
+würde wieder lächeln, ihn umarmen, er würde ihren Duft wahrnehmen, die
+Zartheit ihrer Hand fühlen und glückselig weinen, wie er schon einmal
+des Abends ihr zu Füßen gefallen war und sie ihn gestreichelt hatte; er
+aber hatte gelacht und sie in die weiße beringte Hand gebissen. Später,
+als er dann zufällig von der Kinderfrau erfuhr, daß die Mutter nicht
+gestorben sei, und sein Vater und Lydia Iwanowna ihm erklärten, sie sei
+_für ihn_ tot, weil sie nicht gut gewesen -- was er durchaus nicht zu
+glauben vermochte, da sie ihn ja geliebt hatte -- so forschte er noch
+immer nach ihr und wartete auf sie.
+
+Heute nun im Sommergarten war eine Dame in einem lila Schleier gewesen,
+welcher er mit stockendem Herzen in der Erwartung, sie wäre es, mit den
+Blicken gefolgt war, während sie auf dem Wege zu ihnen herankam. Die
+Dame aber hatte sie nicht erreicht, sondern war abgebogen.
+
+Heute nun fühlte Sergey stärker als je die Regungen dieser Liebe zu
+ihr und völlig sich selbst vergessend in der Erwartung des Vaters,
+zerschnitt er den ganzen Rand des Tisches mit dem Messerchen, mit
+blitzenden Augen vor sich hinblickend und ihrer gedenkend.
+
+»Papa kommt,« riß ihn Wasiliy Lukitsch aus seiner Träumerei. Sergey
+sprang auf, eilte auf seinen Vater zu, küßte ihm die Hand, und blickte
+ihn aufmerksam an, nach Kennzeichen der Freude über den Empfang des
+Alexander Newskiy-Ordens an ihm suchend.
+
+»Hast du einen hübschen Spaziergang gemacht?« sagte Aleksey
+Aleksandrowitsch, sich in seinen Lehnstuhl setzend, ein Exemplar des
+Alten Testamentes heranziehend und es aufschlagend. Ungeachtet dessen,
+daß Aleksey Aleksandrowitsch Sergey öfter gesagt hatte, jeder Christ
+müsse die biblische Geschichte sicher kennen, hatte er sich doch öfter
+mit Hilfe des Buches verbessern müssen, und Sergey hatte dies bemerkt.
+
+»Ja, es war sehr lustig, Papa,« sagte er, sich seitwärts auf den Stuhl
+setzend und ihn schaukelnd -- was ihm verboten war.
+
+»Ich habe Nadenka gesehen,« Nadenka war die bei Lydia Iwanowna zur
+Erziehung befindliche Nichte, »sie hat mir erzählt, daß man Euch einen
+neuen Stern verliehen hätte. Freut Ihr Euch auch?«
+
+»Zuerst -- schaukle nicht, bitte,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch,
+»zweitens eine Belohnung ist nicht kostbar, nur die Arbeit dafür. Ich
+möchte du verständest dies. Wenn du arbeitest und lernst, zum Zwecke,
+Früchte dafür zu ernten, so wird dir die Arbeit schwer erscheinen; wenn
+du aber arbeitest« -- sprach Aleksey Aleksandrowitsch, indem er sich
+vergegenwärtigte, wie er sich nur durch sein Pflichtbewußtsein bei der
+langweiligen Arbeit des heutigen Morgens, die in dem Unterschreiben
+von hundertundachtzehn Papieren bestanden, aufrecht erhalten hatte --
+»indem du die Arbeit selbst liebst, so wirst du für dich selbst darin
+eine Belohnung finden.«
+
+Die von Zärtlichkeit und Lust glänzenden Augen Sergeys wurden trübe
+und senkten sich unter dem Blick des Vaters. Das war der nämliche, ihm
+längst bekannte Ton, mit dem ihm sein Vater stets begegnete, und dem
+Sergey schon sich anzubequemen gelernt hatte.
+
+Der Vater sprach stets mit ihm -- so fühlte Sergey -- als wende er
+sich an einen für ihn nur in der Vorstellung vorhandenen Knaben,
+einen Knaben, wie sie nur in Büchern vorkommen, und der dem Sergey
+vollständig unähnlich war; und Sergey bemühte sich nun stets, sich vor
+dem Vater zu stellen, als sei er ein ebensolcher Bücherknabe.
+
+»Du verstehst das, hoffe ich?« sagte dieser.
+
+»Ja, Papa,« antwortete Sergey, sich stellend, als sei er ein solcher
+Phantasieknabe.
+
+Die Lektion bestand in dem Auswendiglernen einiger Verse aus dem
+Evangelium, und der Wiederholung des Anfangs des Alten Testaments. Die
+Verse des Evangeliums hatte Sergey ordentlich gelernt, aber im selben
+Augenblick, als er sie hersagte, schaute er auf des Vaters Stirnbein,
+welches sich so scharf an der Schläfe bog, daß er den Faden verlor und
+das Ende des einen Verses in einem einzelnen Worte mit dem Anfang des
+anderen zusammenbrachte. Aleksey Aleksandrowitsch war es klar, daß
+Sergey nicht verstanden hatte, was er hersagte, und dies reizte ihn.
+
+Er wurde finster und begann wieder das Nämliche zu erklären, was Sergey
+schon viele Male gehört hatte und nie wieder vergessen konnte, weil er
+es schon allzu klar erkannt hatte, in der nämlichen Weise, wie dies,
+daß »plötzlich« ein Umstand der Art und Weise sei.
+
+Sergey schaute mit erschrecktem Blick auf den Vater und dachte nur an
+das Eine: Will der Vater wiederholen lassen oder nicht, was er gesagt
+hatte, wie es doch bisweilen der Fall war? Dieser Gedanke erschreckte
+Sergey so sehr, daß er nun gar nichts mehr begriff. Der Vater ließ
+ihn indessen nicht wiederholen und ging zu der Lektion aus dem Alten
+Testament über. Sergey recitierte die Ereignisse selbst gut, doch
+als er Fragen darüber beantworten sollte, was einige der Ereignisse
+bedeuten sollten, wußte er nichts, obwohl er schon wegen dieser
+Lektion bestraft worden war. Die Stelle, bei welcher er nichts mehr
+zu antworten wußte und in Unruhe geriet, in den Tisch schnitt oder
+mit dem Stuhle schaukelte, war die, wo er von den vorsündflutlichen
+Patriarchen zu sprechen hatte.
+
+Er kannte keinen von ihnen, außer Henoch, der lebendig in den Himmel
+aufgenommen worden war. Früher hatte er die Namen gewußt, sie jetzt
+aber ganz und gar vergessen, besonders deshalb, weil Henoch seine
+Lieblingsgestalt aus dem ganzen Alten Testament war, und sich an dessen
+Aufnahme bei Lebzeiten in den Himmel eine ganze, lange Reihe von Ideen
+in seinem Kopfe knüpfte, der er sich auch jetzt hingab, mit den Augen
+auf der Uhrkette des Vaters und an einem halb zugeknöpften Knopfe der
+Weste desselben haften bleibend.
+
+An den Tod, von welchem ihm so oft gesprochen wurde, glaubte Sergey
+nicht so ganz. Er glaubte nicht daran, daß die von ihm geliebten Leute
+sterben könnten, und insbesondere nicht, daß er selbst sterben würde.
+Dies war für ihn vollständig unmöglich und unbegreiflich. Doch man
+sagte ihm, daß alle Menschen sterben müßten; er frug nun selbst die
+Leute, denen er glaubte, und diese bestätigten es; die Kinderfrau hatte
+es ihm auch gesagt, wenn schon ungern. Aber Henoch war doch nicht
+gestorben, und so starben vielleicht nicht alle Menschen.
+
+»Weshalb soll denn nicht jeder sich vor Gott ebenso verdient machen
+können und lebend in den Himmel aufgenommen werden?« dachte Sergey. Die
+Bösen, das heißt, die Menschen, welche Sergey nicht liebte, die konnten
+sterben, doch die Guten konnten sämtlich sein wie Henoch.
+
+»Nun, welche sind die Patriarchen?«
+
+»Henoch, Henoch« --
+
+»Aber das hast du ja schon gesagt. Das ist schlecht, Sergey, sehr
+schlecht. Wenn du dir nicht Mühe giebst, zu erkennen, was das Nötigste
+ist von allem für den Christen« -- sagte der Vater aufstehend -- »was
+kann dich denn dann noch interessieren? Ich bin unzufrieden mit dir und
+auch Peter Ignatzitsch« -- dies war der Hauptlehrer -- »ist unzufrieden
+mit dir. Ich muß dich bestrafen.«
+
+Der Vater und der Lehrer waren beide mit Sergey unzufrieden, und in der
+That hatte dieser sehr schlecht gelernt. Damit ließ sich aber durchaus
+nicht sagen, daß er ein unbefähigter Knabe gewesen wäre. Im Gegenteil,
+er war viel fähiger, als diejenigen Knaben, welche der Pädagog Sergey
+als Muster hinstellte. Vom Gesichtspunkte des Vaters aus wollte er
+nicht lernen, was jene lernten. In Wirklichkeit aber -- konnte er
+es nicht lernen. -- Er konnte es deshalb nicht, weil sein Geist
+Bedürfnisse hatte, welche für ihn viel bindender waren, als die, welche
+ihm der Vater und der Erzieher auseinandersetzten. Diese Bedürfnisse
+bestanden in dem Drang zu widersprechen, und er stritt kühnlich mit
+seinen Erziehern. Sergey war neun Jahre alt, noch ein Kind, aber seine
+Seele kannte er und sie war ihm teuer, er hütete sie, wie das Augenlid
+das Auge schützt, und ohne den Schlüssel der Liebe ließ er niemand in
+seine Seele hinein!
+
+Seine Erzieher beklagten sich über ihn, daß er nicht lernen wolle, aber
+seine Seele war erfüllt von dem Durst nach Erkenntnis. Und er lernte
+bei Kapitonitsch, bei der Kinderfrau, bei Nadenka, bei Wasiliy Lukitsch
+-- aber nicht bei seinen Lehrern. -- Das Wasser, welches ihm der Vater
+und der Erzieher auf die Räder gaben, war schon längst versiegt und
+arbeitete an einem anderen Platze.
+
+Der Vater bestrafte Sergey, indem er ihn nicht zu Nadenka, der Nichte
+Lydia Iwanownas ließ, aber diese Bestrafung erschien Sergey sehr
+gelegen zu kommen. Wasiliy Lukitsch war bei guter Laune und wies ihm,
+wie man Windmühlen baut. Der ganze Abend verging nun über dieser Arbeit
+und den Gedanken daran, wie sich eine Windmühle so bauen ließe, daß man
+sich selbst auf ihr drehen könne, indem man sie mit den Armen bei den
+Flügeln faßte, oder sich daran festband -- und sich drehen ließ. --
+
+An die Mutter dachte er den ganzen Abend nicht, doch als er sich ins
+Bett legte, fiel sie ihm plötzlich wieder ein und er betete in seinen
+Worten, daß seine Mutter morgen, zu seinem Geburtstage, nicht mehr
+länger für ihn verborgen bleiben und zu ihm kommen möchte.
+
+»Wasiliy Lukitsch, wißt Ihr, worum ich noch außer dem Sonstigen gebetet
+habe?«
+
+»Damit Ihr besser lernt?«
+
+»Nein.«
+
+»Vom Spielzeug?«
+
+»Nein. Ihr ratet es nicht. Es ist ausgezeichnet, aber ein Geheimnis!
+Wenn es sich erfüllt, sage ich es Euch. Habt Ihr es noch nicht heraus?«
+
+»Nein. Ich rate es nicht. Sagt mirs doch,« sprach Wasiliy Lukitsch, und
+lächelte, was bei ihm selten der Fall war. »Doch, legt Euch nur, ich
+will das Licht auslöschen.«
+
+»Mir ist ohne Licht das, was ich sehe und wovon ich betete, nur noch
+sichtbarer. Da -- beinahe hätte ich jetzt mein Geheimnis verraten!« --
+sagte Sergey unter heiterem Lachen.
+
+Nachdem man das Licht fortgebracht hatte, hörte und fühlte Sergey seine
+Mutter. Sie stand über ihm und koste ihn mit liebevollem Blick, doch da
+erschienen die Windmühlen, sein Messerchen, alles ging durcheinander,
+und er schlief ein.
+
+
+ 28.
+
+In Petersburg angekommen, waren Wronskiy und Anna in einem der
+besten Hotels abgestiegen. Wronskiy gesondert, in der unteren Etage,
+Anna oben, mit ihrem Kinde, der Amme und der Zofe, in einem großen
+Appartement, welches aus vier Zimmern bestand.
+
+Am ersten Tage nach seiner Ankunft fuhr Wronskiy zu seinem Bruder;
+woselbst er seine in Geschäften von Moskau angekommene Mutter traf.
+Die Mutter und Schwägerin begegneten ihm, wie sonst, sie frugen über
+seine Reise ins Ausland, sprachen von gemeinsamen Bekannten, erwähnten
+aber mit keinem Worte sein Verhältnis zu Anna. Sein Bruder aber kam
+am anderen Tage früh zu ihm und frug ihn selbst nach ihr und Aleksey
+Wronskiy erzählte ihm offen, daß er seinen Bund mit der Karenina gleich
+einer Ehe betrachte; daß er hoffe, die Scheidung zu erlangen und sie
+dann heiraten werde und daß er sie bis dahin ebenso als sein Weib
+achte, wie man jedes andere Weib achte, und bat ihn, dies der Mutter
+und seiner Gemahlin so mitzuteilen.
+
+»Wenn die Welt es nicht billigt, so ist mir das gleichgültig,« sagte
+Wronskiy, »aber wenn meine Verwandten mit mir in verwandtschaftlichen
+Beziehungen stehen wollen, so müssen sie in den nämlichen Beziehungen
+auch mit meiner Frau stehen!«
+
+Der ältere Bruder, welcher die Urteile des jüngeren stets geachtet
+hatte, wußte nicht recht, ob dies richtig oder falsch sei, so lange
+die Welt selbst die Frage entschieden haben würde. Er seinerseits hatte
+gar nichts gegen die Sache und ging zusammen mit Aleksey zu Anna.
+
+Wronskiy sagte in Gegenwart seines Bruders, wie in der aller anderen
+zu dieser »Ihr«, und verkehrte mit Anna wie mit einer nahen Bekannten,
+aber doch herrschte die stillschweigende Voraussetzung dabei, daß der
+Bruder ihre Beziehungen kannte und es wurde davon gesprochen, daß Anna
+nach dem Gute Wronskiys gehe.
+
+Trotz aller seiner Welterfahrung war Wronskiy nach dem Eintritt in
+das neue Verhältnis, in welchem er sich befand, in einem furchtbaren
+Irrtum. Wohl hatte es ihm begreiflich erscheinen müssen, daß die Welt
+für ihn und Anna verschlossen war, aber jetzt entstanden in seinem
+Kopfe gewisse unklare Vorstellungen, daß es nur in der älteren Zeit so
+gewesen sei, und jetzt bei dem schnellen Fortschreiten der Zeit -- er
+war jetzt, ohne daß er selbst es merkte, ein Anhänger jeder Art von
+Fortschritt geworden -- der Blick der Gesellschaft sich verändert habe,
+und daß auch die Frage, ob sie in der Gesellschaft wieder angenommen
+werden würden, noch nicht entschieden sei. »Natürlich,« dachte er, »die
+Hofkreise werden Anna nicht aufnehmen, aber die ihr nahestehenden Leute
+können und müssen die Sache auffassen, wie es sich gehört.«
+
+Man kann einige Stunden sitzen, die Füße übereinandergeschlagen, und
+in ein und derselben Stellung, wenn man weiß, daß uns nichts hindert,
+diese Lage zu verändern; wenn aber ein Mensch weiß, daß er so mit
+unterschlagenen Beinen sitzen muß, dann befällt ihn der Krampf, die
+Füße werden zittern und sich nach dem Orte hinziehen, an den man sie
+bringen möchte.
+
+Dies erfuhr auch Wronskiy an sich bezüglich seiner Stellung zur Welt.
+Obwohl er auf dem Grund seiner Seele wußte, daß dieselbe für sie beide
+verschlossen sei, so versuchte er es doch, ob sich die Welt jetzt nicht
+ändere und sie doch aufnehmen werde. Aber sehr bald wurde er inne,
+obwohl die Welt für ihn persönlich offen stand, sie doch für Anna
+verschlossen blieb. Wie bei dem Spiele Katze und Maus, senkten sich die
+Hände, die vor ihm erhoben wurden, sofort vor Anna.
+
+Eine der ersten Damen der Petersburger Gesellschaft, welche Wronskiy
+wiedersah, war seine Cousine Betsy.
+
+»Endlich!« begegnete ihm diese voll Freude. »Und Anna? Wie freue ich
+mich. Wo seid Ihr abgestiegen? Ich kann mir denken, wie nach Eurer
+reizenden Reise unser Petersburg Euch schrecklich sein muß; ich kann
+mir Euren Honigmond in Rom vorstellen. Was wird mit der Scheidung? Habt
+Ihr alles besorgt?«
+
+Wronskiy bemerkte, daß der Enthusiasmus Betsys sich verringerte, als
+sie erfahren hatte, daß eine Scheidung noch nicht erfolgt sei.
+
+»Auf mich wird man den Stein werfen, ich weiß es,« sagte sie, »aber ich
+werde zu Anna kommen; ja, ich komme sicherlich. Ihr bleibt wohl nur
+kurze Zeit hier?«
+
+Und in der That, noch am nämlichen Tage kam sie zu Anna gefahren,
+doch war ihr Ton schon nicht ganz so der nämliche wie früher. Sie war
+offenbar stolz auf ihre Kühnheit und wünschte, daß Anna die Treue ihrer
+Freundschaft schätze. Sie blieb nicht länger als zehn Minuten, von den
+Stadtneuigkeiten sprechend, und sagte beim Abschied: »Ihr habt mir
+nicht gesagt, wenn die Ehescheidung stattfindet? Gesetzt auch, daß ich
+meinerseits der Sache durch die Finger sehe, so werden doch die anderen
+Euch kalt entgegenkommen, so lange Ihr nicht geheiratet habt. Und das
+geht ja jetzt so leicht. =Ça se fait=. Ihr reist also Freitag ab?
+Schade, daß wir uns nicht noch einmal wiedersehen können.«
+
+Am Tone Betsys konnte Wronskiy erkennen, was er von der Welt zu
+erwarten hatte, er machte aber gleichwohl noch einen Versuch in seiner
+Familie. Auf seine Mutter hoffte er dabei freilich nicht. Er wußte,
+daß diese, von Anna in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft so entzückt
+gewesen, ihr gegenüber jetzt unerbittlich hart war, weil sie an der
+Vernichtung der Carriere ihres Sohnes Schuld trug. Dieser aber setzte
+große Hoffnungen auf Warja, die Frau seines Bruders. Ihm schien, daß
+Warja den Stein nicht mit werfen, sondern in ihrer Einfachheit und
+Entschlossenheit zu Anna kommen und diese auch empfangen würde.
+
+Am Tage nach seiner Ankunft fuhr Wronskiy denn auch zu ihr, und teilte
+ihr -- er traf sie allein an -- offen seinen Wunsch mit.
+
+»Du weißt, Aleksander,« sprach sie, ihn ruhig zu Ende hörend, »wie
+ich dich liebe, und wie bereit ich bin, alles für dich zu thun; doch
+ich habe geschwiegen, weil ich wußte, daß ich weder dir, noch Anna
+Arkadjewna nützlich sein kann,« sagte sie, den Namen Anna Arkadjewna
+mit eigentümlicher Betonung aussprechend. »Denke nicht, daß ich etwa
+einen Tadel äußern will, vielleicht hätte ich an ihrer Stelle ganz das
+Nämliche gethan. Ich will und kann nicht auf Einzelheiten eingehen,«
+fuhr sie fort, zaghaft in sein finsteres Gesicht schauend. »Doch muß
+man das Ding beim Namen nennen. Du willst, daß ich sie besuche, sie
+auch empfange, und damit in der Gesellschaft rehabilitiere, aber
+verstehe wohl, ich _kann_ das ja nicht thun! Meine Töchter wachsen
+heran und ich muß in der Welt für meinen Mann leben. Nun komme ich zu
+Anna Arkadjewna; diese wird ihrerseits begreifen, daß ich sie nicht
+zu mir einladen kann, oder es dann wenigstens so thun müßte, daß sie
+nicht Leuten begegnet, die andere Anschauungen haben. Das aber wird sie
+verletzen! Ich kann ihr nicht aufhelfen.«
+
+»Ich kann aber nicht glauben, daß sie tiefer gefallen sein sollte, als
+Hunderte von Frauen, die Ihr empfangt,« unterbrach sie Wronskiy noch
+düsterer, und erhob sich schweigend in der Erkenntnis, daß das Urteil
+seiner Schwägerin unabänderlich sei.
+
+»Aleksey! Sei nur nicht bös! Beherzige, bitte, daß ich nicht schuld
+bin,« begann Warja wieder, mit schüchternem Lächeln auf ihn blickend.
+
+»Ich zürne dir nicht,« sagte er, noch ebenso finster, »aber mir ist
+das doppelt schmerzlich. Mir ist noch schmerzlich, daß dieser Umstand
+unsere Freundschaft zerstört, oder wenn nicht zerstört, so doch
+schwächt. Du begreifst, daß dies für mich ja auch nicht anders sein
+kann.«
+
+Mit diesen Worten verließ er sie.
+
+Wronskiy hatte erkannt, daß weitere Versuche vergeblich sein würden,
+und er diese wenigen Tage in Petersburg so zu verleben hätte, wie
+in einer fremden Stadt, indem er alle Beziehungen zu der früheren
+Gesellschaft mied, um sich nicht Unannehmlichkeiten und Kränkungen
+aussetzen zu müssen, die ihm doch so peinlich waren.
+
+Eine der hauptsächlichsten Unannehmlichkeiten seiner Lage in Petersburg
+war die, daß Aleksey Aleksandrowitsch und sein Name, wie es schien,
+überall zu finden war. Man konnte von nichts zu sprechen anfangen,
+ohne daß das Gespräch auf Aleksey Aleksandrowitsch kam, man konnte
+nirgendshin fahren, ohne ihm zu begegnen. So schien es wenigstens
+Wronskiy, indem er sich wie ein Mensch mit einem schlimmen Finger
+vorkam, der, als wäre es absichtlich, gerade mit diesem schlimmen
+Finger an alles anstößt.
+
+Der Aufenthalt in Petersburg erschien Wronskiy auch noch dadurch um
+so schwerer, als er während dieser ganzen Zeit in Anna gleichsam ein
+neues, ihm unverständliches Geschöpf erblickte. Bald war sie wie
+verliebt in ihn, bald wurde sie kalt, reizbar und unergründlich. Sie
+litt eine Qual und verbarg Etwas vor ihm; bemerkte aber wie es schien,
+die Kränkungen nicht, die ihm das Leben vergifteten, und für sie mit
+ihrem feinen Wahrnehmungsvermögen, doch nur noch qualvoller sein mußten.
+
+
+ 29.
+
+Unter den Zwecken, welche der Reise nach Rußland zu Grunde lagen, war
+für Anna auch der des Wiedersehens mit ihrem Sohne. Seit dem Tage, seit
+welchem sie Italien verlassen, hatte dieser Gedanke nicht aufgehört,
+sie in Aufregung zu erhalten, und je näher sie Petersburg kam, desto
+mehr und immer mehr erschien vor ihr das Freudige und Bedeutungsvolle
+dieses Wiedersehens. Sie legte sich gar nicht die Frage vor, wie
+sie dieses Wiedersehen bewerkstelligen wollte. Es erschien ihr ganz
+natürlich und einfach, daß sie ihren Sohn wiedersah, wenn sie mit
+demselben in einer und derselben Stadt sich befand; allein nach ihrer
+Ankunft in Petersburg, zeigte sich plötzlich ihre jetzige Stellung in
+der Gesellschaft klar vor ihr, und sie erkannte, daß es schwierig sei,
+das Wiedersehen zu ermöglichen.
+
+Bereits zwei Tage war sie in Petersburg. Der Gedanke an den Sohn
+verließ sie nicht eine Minute, und noch hatte sie ihn nicht gesehen.
+Geradenwegs in das Haus zu fahren, wo sie mit Aleksey Aleksandrowitsch
+zusammentreffen konnte, dazu, sie fühlte es, besaß sie nicht das Recht.
+Man konnte sie vielleicht gar nicht einlassen und sie beleidigen. Zu
+schreiben und sich mit ihrem Manne in Verbindung zu setzen, war ihr
+schon dem Gedanken nach peinlich. Sie vermochte nur dann ruhig zu
+bleiben, wenn sie ihres Mannes gar nicht gedachte. Den Sohn auf dem
+Spaziergange zu sehen, nachdem sie sich erkundigt hatte, wohin und wann
+er ausgehe, war ihr nicht genug; sie hatte sich so sehr auf dieses
+Wiedersehen vorbereitet, sie hatte ihm soviel zu sagen, es verlangte
+sie so sehr, ihn in ihre Arme zu schließen, ihn zu küssen. Die alte
+Amme Sergeys konnte ihr behilflich sein und sie benachrichtigen. Aber
+diese befand sich nicht mehr im Hause Aleksey Aleksandrowitschs. In
+solcher Ungewißheit und unter Erkundigungen nach der Amme waren die
+zwei Tage vergangen.
+
+Nachdem Anna von den nahen Beziehungen Aleksey Aleksandrowitschs zur
+Gräfin Lydia Iwanowna vernommen hatte, entschloß sie sich am dritten
+Tage, dieser einen Brief zu schreiben, der ihr viel Überwindung
+kostete, und in welchem sie mit Vorbedacht sagte, daß der Entscheid
+darüber, ob sie ihren Sohn sehen könne, von der Großmut ihres Mannes
+abhängen müsse. Sie wußte, daß wenn man den Brief ihrem Manne wies,
+dieser ihr, seine Rolle des Großmütigen weiterspielend, keinen
+abschlägigen Bescheid geben würde.
+
+Der Bote, welcher den Brief hingetragen hatte, überbrachte ihr die so
+harte und unerwartete Nachricht, daß es keine Antwort gebe.
+
+Noch nie hatte sie sich so erniedrigt gefühlt, als in dieser Minute,
+als sie, den Boten kommen lassend, von diesem die einfache Mitteilung
+vernahm, daß er gewartet habe, und man ihm endlich gesagt hätte, es
+würde keine Antwort erteilt werden. Anna fühlte sich gedemütigt,
+verletzt, aber sie erkannte, daß von ihrem Gesichtspunkt aus die Gräfin
+Lydia Iwanowna recht habe. Ihr Schmerz war um so größer, als er ein
+vereinsamter war. Sie konnte und wollte ihn nicht mit Wronskiy teilen.
+Sie wußte, daß für ihn, obwohl er doch die Hauptursache ihres Unglücks
+bildete, die Frage ihres Wiedersehens mit ihrem Kinde von höchst
+geringer Bedeutung sei. Sie wußte, daß er niemals fähig sein werde,
+ihre Leiden in deren ganzer Tiefe zu verstehen, sie wußte, daß sie ihn
+wegen eines kühlen Tones bei Erwähnung der Sache würde hassen müssen.
+Dies aber fürchtete sie über alles in der Welt, und so verbarg sie vor
+ihm alles, was ihren Sohn betraf.
+
+Den ganzen Tag über zu Haus verweilend, hatte sie die Mittel erwogen,
+zu einem Wiedersehen mit ihrem Sohne, und war bei dem Entschluß stehen
+geblieben, an ihren Mann zu schreiben. Sie setzte den Brief noch auf,
+als ihr das Schreiben Lydia Iwanownas gebracht wurde. Das Schweigen
+der Gräfin hatte sie beruhigt und besänftigt, das Schreiben aber, und
+alles das, was sie zwischen den Zeilen desselben las, versetzte sie in
+solche Erbitterung, erschien ihr, gegenüber ihrer leidenschaftlichen
+natürlichen Zärtlichkeit für ihr Kind so aufreizend in seiner
+Gehässigkeit, daß sie gegen andere gereizt wurde und aufhörte, sich
+selbst anzuklagen.
+
+»Diese Kälte -- diese Gefühlsheuchelei!« sagte sie zu sich selbst.
+»Ihnen war es ein Bedürfnis, mich zu beleidigen und das Kind zu
+foltern, und ich soll mich vor ihnen demütigen! Um keinen Preis! Sie
+ist schlechter, als ich! Ich lüge wenigstens nicht!« --
+
+Und nun entschloß sie sich, morgen, am Geburtstage Sergeys, geradenwegs
+in das Haus Aleksey Aleksandrowitschs zu fahren, die Leute zu
+bestechen und List anzuwenden, um -- koste es was es wolle -- den
+Sohn wiederzusehen und den ungeheuerlichen Trug, mit welchem man das
+unglückliche Kind umgeben hatte, zu zerstreuen.
+
+Sie fuhr nach einem Spielwarenladen, kaufte Spielzeug und überlegte
+sich ihren Operationsplan. Frühmorgens, um acht Uhr, wenn Aleksey
+Aleksandrowitsch, wahrscheinlich, noch nicht aufgestanden war, wollte
+sie sich hinbegeben; sie wollte Geld nehmen, es dem Portier und dem
+Diener in die Hände drücken, damit man sie einlasse, und wollte, ohne
+den Schleier zu lüften, sagen, sie käme von einem Paten Sergeys, um
+diesem zu gratulieren, und ihr sei aufgetragen, Spielzeug auf das Bett
+des Kindes zu legen. Sie bereitete sich nicht auf die Worte vor, welche
+sie zum Sohne sprechen wollte -- soviel sie auch darüber nachdachte,
+sie vermochte nichts auszudenken.
+
+Am andern Tage um acht Uhr morgens, stieg Anna allein aus der
+Mietkutsche und läutete an der großen Einfahrt ihres ehemaligen Hauses.
+
+»Sieh nach, was man will. Wer die Dame ist,« sagte Kapitonitsch, noch
+nicht angekleidet, im Überrock und Kaloschen, indem er durch das
+Fenster nach der Dame blickte, die von einem Schleier bedeckt, dicht
+vor der Thür stand. Der Gehilfe des Portiers, ein Anna nicht bekannter,
+junger Bursch, hatte dieser nicht sobald die Thür geöffnet, als sie
+schon in dieselbe hineintrat, ein Dreirubelpapier aus dem Muff nahm und
+es ihm in die Hand drückte.
+
+»Sergey -- Sergey Aleksandrowitsch,« sprach sie und wollte
+voranschreiten. Der Gehilfe des Portiers besah das Rubelpapier, hielt
+sie aber an der zweiten Glasthür fest.
+
+»Was wollt Ihr?« frug er.
+
+Sie hörte weder seine Worte, noch antwortete sie etwas.
+
+Als Kapitonitsch die Verwirrung der Unbekannten bemerkte, kam er selbst
+zu ihr, ließ sie in die Thür herein und frug, was ihr gefällig wäre.
+
+»Vom Fürsten Skorodumoff komme ich und will zu Sergey
+Aleksandrowitsch,« sprach sie.
+
+»Der junge Herr ist noch nicht aufgestanden,« antwortete der Portier,
+sie aufmerksam betrachtend.
+
+Anna hatte durchaus nicht erwartet, daß das vollständig unverändert
+gebliebene Äußere des Vorzimmers dieses Hauses, in welchem sie neun
+Jahre gelebt hatte, so mächtig auf sie einwirken würde. Eine nach der
+anderen, erhoben sich frohe und trübe Erinnerungen in ihrer Seele und
+für einen Augenblick hatte sie vergessen, weshalb sie hier war.
+
+»Wollt Ihr gefälligst warten?« sagte Kapitonitsch, ihr den Pelz
+abnehmend. Nachdem er den Pelz abgenommen hatte, blickte er ihr ins
+Gesicht, erkannte sie und machte schweigend eine tiefe Verbeugung.
+»Bitte gefälligst, gnädigste Frau,« sagte er zu ihr.
+
+Sie wollte etwas erwidern, doch versagte ihr die Stimme, so daß sie
+keinen Ton hervorzubringen vermochte. Wie schuldbewußt bittend, blickte
+sie den Alten an, und stieg dann mit schnellen Schritten die Treppe
+hinauf. Ganz vorgebeugt und mit den Kaloschen an den Stufen hängen
+bleibend, lief Kapitonitsch ihr nach im Bemühen, ihr zuvorzukommen.
+
+»Der Lehrer ist dort, er ist vielleicht nicht angekleidet. Ich muß erst
+melden.«
+
+Anna ging weiter die ihr bekannte Treppe hinauf, ohne zu verstehen, was
+der Alte gesprochen hatte.
+
+»Hierher, bitte links. Entschuldigt, daß alles noch unsauber ist.
+Der junge Herr ist jetzt im früheren Diwanzimmer,« sagte der Portier
+keuchend. »Gestattet, geduldet Euch ein wenig, Excellenz, ich will
+nachsehen,« sagte er, öffnete, vor sie tretend, die hohe Thür und
+verschwand in derselben. Anna blieb stehen und wartete.
+
+»Er ist soeben erwacht,« sagte der Portier, wieder aus der Thür kommend.
+
+Im nämlichen Augenblick, als der Portier dies sagte, hörte Anna den
+Klang eines kindlichen Gähnens. Schon an der Stimme dieses Gähnens
+erkannte sie den Sohn und sie sah ihn wie lebendig vor sich.
+
+»Laß mich hinein, laß mich, laß mich!« sprach sie und trat durch die
+hohe Thür. Rechts von derselben stand das Bett, und im Bett saß der
+Knabe, welcher sich aufgerichtet hatte, im halbgelösten Hemdchen, den
+kleinen Körper vorgebeugt, sich streckend und ausgähnend.
+
+Im Augenblick, als seine Lippen sich schlossen, kräuselten sie sich zu
+einem glücklichen traumhaften Lächeln, und mit diesem Lächeln legte er
+sich langsam und zufrieden wieder zurück.
+
+»Mein Sergey!« flüsterte sie, unhörbar an ihn herantretend.
+
+Während ihrer Trennung von ihm, und unter dem Einfluß der Liebe,
+welche sie in dieser ganzen letzten Zeit empfunden, hatte sie sich
+ihn als vierjährigen Knaben, so wie sie ihn am liebsten gehabt hatte,
+vorgestellt.
+
+Jetzt war er schon nicht einmal mehr so, wie sie ihn verlassen hatte.
+Er hatte sich noch weiter entfernt vom Alter des Vierjährigen, war
+noch mehr gewachsen und magerer geworden. -- Was war das? -- Wie hager
+erschien sein Gesicht, wie kurz war sein Haar? Wie lang seine Hände!
+Wie hatte er sich verändert seit jener Zeit, da sie ihn verlassen!
+Aber er war es doch, mit dieser Form seines Kopfes, seinen Lippen, dem
+geschmeidigen Hals und den breiten kleinen Schultern.
+
+»Sergey!« wiederholte sie dicht über dem Ohr des Kindes.
+
+Dieser erhob sich wiederum auf den Ellbogen, wandte den Kopf verwirrt
+nach beiden Seiten, als suche er etwas und öffnete die Augen. Still
+und fragend blickte Sergey einige Sekunden auf die unbeweglich vor
+ihm stehende Mutter, dann lächelte er plötzlich, glückselig, schloß
+wiederum die noch schlaftrunkenen Augen, und warf sich, nicht mehr
+zurück, sondern ihr entgegen, in ihre Arme.
+
+»Sergey! Geliebter Knabe!« sprach sie mit erstickter Stimme, mit beiden
+Armen den blühenden Körper umfangend.
+
+»Mama!« sagte er, sich regend in ihren Armen, um mit wechselnden
+Stellen seines Leibes ihre Arme berühren zu können.
+
+Schlaftrunken lächelnd, noch immer mit geschlossenen Augen, faßte er
+mit den runden Ärmchen von der Bettlehne nach ihren Schultern, und
+warf sich auf sie, jenen lieblichen Schlafduft, jene Wärme von sich
+ausströmend, die nur bei Kindern da ist, und begann dann, sein Gesicht
+an ihrem Hals und ihren Schultern zu reiben.
+
+»Ich wußte es,« sagte er, die Augen öffnend. »Heute ist mein
+Geburtstag. Ich wußte es, daß du kommen würdest. Sogleich werde ich
+aufstehen.«
+
+Mit diesen Worten kam er zu sich.
+
+Voll Sehnsucht betrachtete ihn Anna; sie sah, wie er gewachsen war und
+sich in ihrer Abwesenheit verändert hatte. Sie erkannte und erkannte
+auch nicht seine nackten Füße, die jetzt so groß geworden waren und
+aus der Bettdecke hervorschauten, sie erkannte diese hager gewordenen
+Wangen, diese verschnittenen, kurzen Haarlocken im Nacken, auf welchen
+sie ihn so oft geküßt hatte. Sie befühlte alles dies und vermochte
+nichts zu sprechen; die Thränen erstickten sie.
+
+»Weshalb weinst du denn Mama?« sagte er, vollständig aus dem Schlafe
+erwacht. »Mama, weshalb weinst du?« rief er aus mit weinerlicher Stimme.
+
+»Ich weine nicht; ich weine vor Freude; ich habe dich so lange nicht
+gesehen. Nein, ich werde nicht, werde nicht weinen,« sagte sie, ihre
+Thränen verschluckend und sich abwendend. »Nun, jetzt mußt du dich
+aber ankleiden,« fügte sie, sich aufrichtend hinzu, und setzte sich,
+ohne seine Hände loszulassen, neben seinem Bett auf einen Stuhl, auf
+welchem sein Anzug bereit lag.
+
+»Wie kleidest du dich ohne mich an? Wie« -- wollte sie natürlich und
+heiter zu sprechen beginnen, aber sie vermochte es nicht, und wandte
+sich abermals ab.
+
+»Ich wasche mich nicht in kaltem Wasser. Papa hat es nicht gestattet.
+Aber Wasiliy Lukitsch, den hast du wohl noch nicht gesehen? Er wird
+gleich kommen. Du hast dich ja auf mein Kleid gesetzt!«
+
+Sergey lachte auf; sie blickte ihn an und lächelte.
+
+»Mama, mein Herz, meine Taube!« rief er aus, sich wieder ihr
+entgegenwerfend und sie umfangend. Es war, als ob er jetzt erst, indem
+er ihr Lächeln erblickte, klar erkannt hätte, was vorgefallen sei. »Das
+ist nicht nötig,« sagte er, ihr den Hut abnehmend, und gleichsam, als
+ob er sie aufs neue ohne den Hut erkännte, warf er sich abermals ihr
+entgegen, um sie zu küssen.
+
+»Aber was hast du von mir gedacht? Du hast nicht gemeint, daß ich tot
+sei?«
+
+»Niemals habe ich es geglaubt.«
+
+»Du hast es nicht geglaubt, mein Herz?«
+
+»Ich habe gewußt, gewußt!« wiederholte er mit seiner Lieblingsphrase,
+und begann, nachdem er ihre Hand ergriffen, die mit seinem Haar
+spielte, sie mit der inneren Fläche an seinen Mund zu pressen und zu
+küssen.
+
+
+ 30.
+
+Wasiliy Lukitsch, welcher anfangs nicht begriff, wer diese Dame da
+war, und erst aus dem Gespräch erkannte, dies sei jene selbe Mutter,
+welche ihren Gatten verlassen, und die er nicht kannte, da er erst nach
+ihrem Scheiden dieses Haus betreten hatte, befand sich in Zweifel, ob
+er eintreten oder Aleksey Aleksandrowitsch Mitteilung machen sollte.
+Nachdem er aber erwogen hatte, daß seine Verpflichtung nur darin
+bestehe, bei Sergey zur bestimmten Stunde zu inspizieren, und er
+demgemäß keine Beobachtungen anzustellen habe, wer dort saß, die Mutter
+oder jemand anderes, sondern nur seine Pflicht erfüllen müsse, so
+kleidete er sich an, trat zur Thür und öffnete sie.
+
+Aber die Liebkosungen zwischen Mutter und Kind, der Klang ihrer Stimmen
+und das, was sie sprachen, ließ ihn doch noch seinen Entschluß ändern.
+Er schüttelte den Kopf, seufzte und schloß die Thür wieder.
+
+»Ich werde noch zehn Minuten warten,« sagte er zu sich selbst, hustend
+und sich Thränen abwischend.
+
+In der Dienerschaft des Hauses war mittlerweile eine mächtige Bewegung
+entstanden. Alle hatten erfahren, daß die Herrin angekommen sei,
+und Kapitonitsch sie eingelassen habe, daß sie sich jetzt in der
+Kinderstube befinde, während sich doch der Herr selbst stets in der
+neunten Stunde dorthin begebe; und alle erkannten, daß eine Begegnung
+der beiden Gatten unmöglich war, und verhindert werden müsse.
+
+Korney, der Kammerdiener, begab sich in die Portierloge und frug, wer
+die Dame eingelassen habe, und wie dies zugegangen sei, und als er
+gehört hatte, daß Kapitonitsch sie empfangen und hereingeleitet habe,
+machte er dem Alten Vorwürfe. Dieser hörte mit hartnäckigem Schweigen
+zu, als ihm aber Korney sagte, daß man ihn deswegen davonjagen müßte,
+sprang Kapitonitsch auf ihn zu und sagte, mit den Händen vor Korneys
+Gesicht fuchtelnd:
+
+»Ja, du hättest sie freilich nicht eingelassen! Ich habe zehn Jahre
+hier gedient und nichts als Liebes gesehen, du aber wärest gekommen und
+hättest gesagt >bitte, gefälligst hinaus!< -- Du verstehst die Politik
+fein! So ist es! Du scheinst auf deine Weise schon zu verstehen, wie
+man einen Herrn für sich einnimmt und den Mantel nach dem Winde hängt!«
+
+»Ein Soldat!« erwiderte Korney verächtlich, und wandte sich zu der
+eintretenden Amme: »Urteilt Ihr, Marja Jesimowna: Er hat die Gnädige
+eingelassen, ohne jemandem etwas davon zu sagen,« wandte sich Korney zu
+ihr.
+
+»Aleksey Aleksandrowitsch wird sogleich erscheinen und nach der
+Kinderstube gehen.«
+
+»Was giebt es da für Auseinandersetzungen,« sagte diese, »Ihr Korney
+Wasiljewitsch, habt ihn irgendwo ein wenig zurückzuhalten, den Herrn
+nämlich, und ich laufe sogleich, um die gnädige Frau irgendwie beiseite
+zu bringen. Sind das Auseinandersetzungen!« --
+
+Als die Kinderfrau in die Kinderstube trat, erzählte Sergey der Mutter
+gerade, wie er mit Nadenka vom Berge herab, beim Eisfahren gefallen
+sei und daß sich dabei beide dreimal umkugelt hätten. Sie lauschte den
+Klängen seiner Stimme, sah sein Gesicht und das Spiel seiner Mienen,
+sie fühlte seine Hand, aber sie verstand nicht, was er sprach.
+
+»Ich muß fort, und ihn verlassen,« das allein nur dachte und fühlte
+sie noch. Sie vernahm wohl die Schritte Wasiliy Lukitschs, der zur
+Thür schritt, und hustete, sie vernahm wohl die Schritte der nahenden
+Kinderfrau, aber sie saß, wie zu Stein geworden, und nicht bei Kräften
+zu sprechen oder aufzustehen.
+
+»Gnädige Frau, meine Liebe!« begann die Amme, sich Anna nähernd, und
+ihr Hände und Schultern küssend. »Gott hat unserem Geburtstagskinde
+Freude gebracht. Ihr habt Euch doch gar nicht verändert.«
+
+»Ach, Amme, du Gute, ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr noch im Hause
+seid,« sagte Anna, für eine Minute zur Besinnung kommend.
+
+»Ich wohne nicht hier, sondern bei meiner Tochter, und bin nur
+gekommen, um zu gratulieren, Anna Arkadjewna, meine Teure.«
+
+Die Amme brach plötzlich in Thränen aus und küßte von neuem die Hand
+der Herrin.
+
+Sergey hielt sich, mit glänzenden Augen lächelnd, mit der einen Hand
+an seiner Mutter, mit der anderen an der Amme an und stampfte mit den
+wohlgenährten Füßchen auf den Teppich. Die Zärtlichkeit der geliebten
+Amme gegen seine Mutter versetzte ihn in Entzücken.
+
+»Mama! Sie kommt oft zu mir, und wenn sie kommt« -- wollte er beginnen,
+hielt aber inne, als er bemerkte, daß seine Amme der Mutter etwas
+zuflüsterte, und auf deren Gesicht sich Schrecken auspräge, und etwas
+wie Scham, was der Mutter so gar nicht zu Gesicht stand.
+
+Diese kam zu ihm.
+
+»Mein Liebling,« sprach sie.
+
+Sie konnte nicht sagen, »lebewohl«, aber der Ausdruck ihres Gesichts
+sagte es, und er verstand.
+
+»Mein süßer, lieber Kleiner!« sagte sie zu ihm und nannte ihn mit einem
+Kosenamen, mit welchem sie ihn als er noch ganz klein gewesen, zu
+rufen pflegte, »wirst du mich auch nicht vergessen? Du« -- doch weiter
+vermochte sie nicht zu sprechen.
+
+Soviel Worte sie sich auch später noch ausdachte, die sie ihm hätte
+sagen können -- jetzt wußte und vermochte sie nichts zu sagen. --
+Sergey aber verstand alles, was sie ihm mitteilen wollte. Er verstand,
+daß sie unglücklich sei und ihn liebte. Er verstand sogar, was die Amme
+flüsternd gesprochen hatte. Hörte er doch die Worte: »Stets in der
+neunten Stunde«; und er begriff, daß damit sein Vater gemeint sei, und
+die Mutter mit dem Vater nicht zusammentreffen dürfe. Dies verstand
+er; Eins aber konnte er nicht begreifen: weshalb sich auf ihrem
+Antlitz Schrecken und Scham gezeigt hatte! Sie war nicht schuldig,
+und fürchtete ihn doch und empfand Scham über Etwas. Er wollte eine
+Frage stellen, die ihm diesen Zweifel hätte aufklären können, wagte es
+aber nicht zu thun. Er sah, daß sie litt, und empfand Mitleid mit ihr.
+Schweigend schmiegte er sich an sie und sprach flüsternd:
+
+»Geh' noch nicht. Er kommt noch nicht gleich.«
+
+Die Mutter schob ihn von sich, um zu erkennen, ob er auch so denke,
+wie er gesprochen hatte, und las aus dem erschreckten Ausdruck seines
+Gesichts, daß er nicht nur von dem Vater gesprochen habe, sondern sie
+sogar gleichsam frage, wie er wohl über seinen Vater denken solle.
+
+»Sergey, mein Herzblatt,« sagte sie, »liebe ihn, er ist besser und
+edler als ich, und ich trage eine Schuld vor ihm. Wenn du einmal groß
+bist, dann wirst du urteilen können.«
+
+»Bessere Menschen als dich giebt es nicht!« rief er voll Verzweiflung,
+durch Thränen hindurch, faßte sie an den Schultern, und begann sie aus
+allen Kräften an sich zu pressen mit vor Anstrengung bebenden Armen.
+
+»Meine Seele, mein liebes Kind!« sagte Anna, und begann, hingerissen,
+so nach Kinderart zu weinen, wie er selber weinte.
+
+Da öffnete sich die Thür und Wasiliy Lukitsch trat ein.
+
+An der anderen Thür wurden Schritte vernehmbar, und entsetzt flüsterte
+ihr die Amme zu »er kommt« und reichte Anna den Hut.
+
+Sergey ließ sich auf sein Bett sinken und begann zu schluchzen, das
+Gesicht mit den Händen bedeckend. Anna nahm diese Hände weg, küßte ihm
+noch einmal das bethaute Antlitz und ging schnellen Schrittes zur Thür
+hinaus.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch trat ihr in den Weg. Als er sie erblickt
+hatte, blieb er stehen und beugte den Kopf.
+
+Ungeachtet dessen, daß sie soeben erst gesagt hatte, er sei besser und
+edler als sie, erfaßten sie bei dem schnellen Blick, den sie auf ihn
+warf, seine ganze Erscheinung mit allen ihren Einzelheiten umfangend,
+die Gefühle des Widerwillens gegen ihn; der Wut und des Neides um den
+Sohn. Mit schneller Bewegung ließ sie den Schleier fallen, und eilte
+fast, ihren Schritt verdoppelnd, aus dem Zimmer.
+
+Sie war nicht dazu gekommen, die Geschenke herauszunehmen, die sie mit
+so großer Liebe und so großem Schmerz gestern im Laden gekauft hatte,
+und brachte sie wieder mit nach Hause.
+
+
+ 31.
+
+So sehr wie Anna auch ein Wiedersehen mit ihrem Sohne gewünscht hatte,
+so lange sie auch nur hieran gedacht, sich nur hierauf vorbereitet
+hatte, so hatte sie doch keineswegs erwartet, daß dieses Wiedersehen
+eine so mächtige Wirkung auf sie ausüben würde.
+
+Zurückgekehrt in ihre einsamen Appartements im Hotel, konnte sie lange
+nicht fassen, warum sie eigentlich hier sei.
+
+»Ja; das ist alles vorüber und ich bin wieder allein,« sagte sie zu
+sich und setzte sich, ohne den Hut abzulegen, auf einen am Kamin
+stehenden Sessel. Mit unbeweglichen Augen auf die Bronzeuhr blickend,
+welche auf dem Tische zwischen den Fenstern stand, begann sie zu sinnen.
+
+Die französische Zofe, die mit aus dem Auslande gebracht worden war,
+trat ein, um sie anzukleiden. Verwundert blickte sie dieselbe an
+und sagte nur »später«. Der Lakai brachte den Kaffee; sie sagte nur
+»später«. Die italienische Amme, die das kleine Mädchen geputzt hatte,
+trat mit demselben ein und brachte es Anna. Das dicke, wohlgenährte
+Kind hob, wie stets, wenn es die Mutter sah, die nackten mit Bändern
+umspannten Händchen, die Handflächen nach unten, und begann, mit dem
+noch zahnlosen Mündchen lächelnd, wie ein Fisch an der Angel mit den
+Händchen zu arbeiten, und mit ihnen an den gesteiften Falten des
+gestickten Jäckchens zu scheuern.
+
+Man mußte unwillkürlich lächeln und das Kindchen küssen, man mußte
+ihm einen Finger vorhalten, an dem es anfassen konnte, jauchzend und
+mit dem ganzen Körper in Bewegung. Man konnte nicht umhin, ihm die
+Lippe darzubieten, die es anstatt eines Kusses in das Mündchen nahm.
+Und alles das that Anna, und sie nahm das Kind auf ihre Arme und ließ
+es hüpfen, und küßte es auf die frische Wange und die entblößten
+Ärmchen, aber bei dem Anblick dieses Kindes wurde es ihr nur noch
+klarer, daß das Gefühl, welches sie für dasselbe hegte, nicht einmal
+Liebe war im Vergleich zu dem, was sie für Sergey fühlte. Alles an
+diesem kleinen Mädchen war lieblich, aber alles das fand keinen Eingang
+in ihr Herz. Auf ihrem ersten Kinde -- hatte sie es auch gleich von
+einem ungeliebten Manne -- ruhte alle Kraft jener Liebe, die keine
+Befriedigung gefunden hatte; das Mädchen war unter den schwierigsten
+Verhältnissen geboren worden, und auf dasselbe war nicht der hundertste
+Teil der Sorgfalt verwendet worden, wie auf das erste Kind; außerdem
+war bei diesem Mädchen alles noch Erwartung, Sergey hingegen schon
+fast wahrhaft Mensch und ein geliebter Mensch; in ihm kämpften bereits
+Gedanken und Gefühle miteinander. Er begriff und liebte, er beurteilte
+sie, wie sie meinte, indem sie seiner Worte und Blicke gedachte. Und
+doch war sie auf immer nicht nur körperlich, sondern auch geistig von
+ihm getrennt, ließ sich nichts mehr besser gestalten.
+
+Sie gab das kleine Mädchen der Amme zurück, entließ diese, und öffnete
+ein Medaillon, in welchem ein Porträt Sergeys war, ihn darstellend, als
+er noch fast das nämliche Alter hatte, wie das kleine Mädchen jetzt.
+Sie stand auf und nahm, ihren Hut ablegend, von einem kleinen Tische
+ein Album, in welchem sich Photographieen ihres Sohnes aus anderen
+Lebensaltern befanden. Sie wollte diese Photographieen vergleichen,
+und begann sie aus dem Album herauszunehmen; sie nahm sie alle heraus,
+nur eine einzige, die letzte und beste, war noch übrig. In weißem
+Hemd saß er darauf auf einem Stuhle, machte böse Augen und lächelte
+mit dem Munde. Dies war ein ganz eigentümlicher Ausdruck, der ihm am
+besten stand. Mit den kleinen, flinken Händen, die sich jetzt besonders
+angespannt mit ihren weißen, schmalen Fingern bewegten, hatte sie
+mehrmals an die Ecke des Bildes geklopft, aber das Bild war losgerissen
+und sie konnte es nicht erlangen. Ein Messer befand sich nicht auf dem
+Tische, und sie nahm daher eine Photographie, welche daneben stand --
+es war ein in Rom gefertigtes Bild Wronskiys, welches ihn in rundem Hut
+und langen Haaren darstellte -- und stieß damit das Bild ihres Sohnes
+heraus.
+
+»Das ist ja er!« sagte sie, auf das Bild Wronskiys blickend, und sich
+plötzlich vergegenwärtigend, wer die Ursache ihres jetzigen Harmes sei.
+Sie hatte noch nicht ein einziges Mal während dieses ganzen Morgens
+an ihn gedacht. Jetzt aber, als sie dieses männliche, edle, ihr so
+vertraute und liebe Gesicht wieder erblickte, empfand sie plötzlich
+eine unerwartete Regung der Liebe zu ihm. »Aber wo bleibt er denn? Läßt
+er mich allein mit meinem Leiden?« dachte sie mit einem Gefühl des
+Vorwurfs, und vergaß dabei, daß sie selbst vor ihm doch alles verborgen
+hielt, was ihren Sohn betraf. Sie sandte zu ihm mit der Bitte, doch
+sogleich zu ihr zu kommen; mit stockendem Herzen, sich die Worte
+vergegenwärtigend, mit denen sie ihm alles sagen wollte, und die Worte
+seiner Liebe, mit welchen er sie trösten würde, erwartete sie ihn. Der
+Bote kam mit dem Bescheid zurück, der Herr habe Besuch, würde aber
+sofort kommen; Wronskiy hatte befohlen, bei ihr anzufragen, ob sie ihn
+zusammen mit dem Fürsten Jaschwin, der nach Petersburg gekommen sei,
+empfangen könne.
+
+»Er kommt nicht allein, und hat mich doch seit dem gestrigen Mittag
+nicht gesehen,« dachte sie, »er kommt nicht allein, daß ich ihm alles
+sagen kann, sondern mit Jaschwin.« Und plötzlich tauchte ein seltsamer
+Gedanke in ihr auf. »Wie wenn er aufgehört hätte, sie zu lieben?«
+
+Und indem sie die Vorkommnisse der letzten Tage musterte, schien ihr,
+als ob sie in allem eine Bestätigung dieses entsetzlichen Gedankens
+sehe; schon darin, daß er gestern nicht zu Haus zu Mittag gespeist
+hatte, daß er darauf bestanden hatte, sie möchten in Petersburg
+getrennt logieren, wie darin, daß er jetzt nicht einmal allein zu ihr
+kam, gerade als ob er einem Wiedersehen Auge in Auge mit ihr aus dem
+Wege gehen wollte.
+
+»Aber er muß mir dies sagen. Ich muß es wissen; und so bald ich es
+weiß, dann weiß ich auch, was ich zu thun habe,« sagte sie zu sich,
+ohne Fähigkeit, sich die Lage vorzustellen, in welche sie kommen würde,
+wenn sie sich von seiner Gleichgültigkeit überzeugte. Sie glaubte, er
+habe aufgehört, sie zu lieben, sie fühlte sich der Verzweiflung nahe,
+und infolge dessen besonders reizbar. Sie schellte der Zofe und begab
+sich nach dem Ankleidezimmer. Beim Ankleiden beschäftigte sie sich
+mehr als während der letztvergangenen Tage mit ihrer Toilette, als ob
+Wronskiy sie, wenn er sie nicht mehr lieben sollte, deshalb von neuem
+lieben müsse, weil sie diese Robe und jene Frisur, die ihr besser
+standen, trug.
+
+Sie hörte die Glocke, noch bevor sie fertig war. Als sie in den Salon
+trat, begegnete nicht er, sondern Jaschwin ihrem Blick. Jaschwin
+betrachtete die Photographieen ihres Sohnes, die sie auf dem Tische
+vergessen hatte, und er beeilte sich nicht eben, den Blick nach ihr zu
+wenden.
+
+»Wir sind ja Bekannte,« sagte sie, ihre kleine Hand in die große
+Jaschwins legend, der in Verwirrung geraten war -- was sich bei dem
+riesigen Wuchs und dem derben Gesicht desselben sonderbar genug
+ausnahm. -- »Wir sind Bekannte seit dem vorigen Jahre, von den Rennen.
+Gebt doch her,« sagte sie, mit schneller Bewegung die Bilder des
+Sohnes, die er ansah, vor Wronskiy wegnehmend, und ihn bedeutungsvoll
+mit den blitzenden Augen anschauend. »Waren im gegenwärtigen Jahre die
+Rennen gut? Anstatt der unsrigen, habe ich die Rennen auf dem Corso
+in Rom gesehen. Ihr liebt übrigens wohl nicht das Leben im Ausland?«
+frug sie mit freundlichem Lächeln. »Ich kenne Euch, und kenne alle Eure
+Geschmacksrichtungen, obwohl ich Euch wenig begegnet bin.«
+
+»Das thut mir sehr leid, da meine Geschmacksrichtungen immer schlechter
+werden,« sagte Jaschwin, sich in seinen linken Schnurrbart beißend.
+
+Nachdem er noch einige Zeit geplaudert und bemerkt hatte, daß
+Wronskiy nach der Uhr blickte, frug Jaschwin sie, ob sie noch lange
+in Petersburg bleiben werden und griff, seine mächtige Gestalt
+einknickend, ans Käppi.
+
+»Wahrscheinlich nicht mehr lange,« sagte sie voll Verwirrung, auf
+Wronskiy blickend.
+
+»So sehen wir uns also nicht wieder?« antwortete Jaschwin, aufstehend
+und sich an Wronskiy wendend, »wo speisest du?«
+
+»Kommt, mit mir zu dinieren,« sagte Anna entschlossenen Tones,
+gleichsam erzürnt über sich selbst wegen ihrer Verlegenheit, aber
+errötend, wie dies stets bei ihr der Fall war, wenn sie vor einer ihr
+nicht vertrauten Persönlichkeit ihre Meinung äußerte. »Das Essen ist
+hier nicht gut, aber Ihr könnt ihn doch wenigstens wiedersehen. Aleksey
+liebt von allen seinen Kameraden aus dem Regiment keinen so, wie Euch.«
+
+»Sehr erfreut,« sagte Jaschwin mit einem Lächeln, aus dem Wronskiy
+ersah, daß ihm Anna sehr gefiel.
+
+Jaschwin empfahl sich und ging, Wronskiy blieb allein zurück.
+
+»Du gehst auch?« sagte sie.
+
+»Ich habe mich schon verspätet,« antwortete er, »geh! Ich komme dir
+sogleich nach!« rief er Jaschwin nach.
+
+Sie nahm ihn bei der Hand und blickte ihn, ohne das Auge abzuwenden,
+an, in ihren Gedanken suchend, was sie ihm sagen sollte, um ihn
+zurückzuhalten.
+
+»Warte, ich habe dir etwas zu sagen,« seine kleine Hand nehmend, preßte
+sie dieselbe an ihren Hals, »nicht wahr, es thut nichts, daß ich ihn
+zum Essen geladen habe?«
+
+»Das hast du ganz recht gemacht,« sagte er, mit ruhigem Lächeln seine
+engstehenden Zähne zeigend und ihre Hand küssend.
+
+»Aleksey, du bist nicht anders geworden gegen mich?« sprach sie, mit
+beiden Händen seine Rechte drückend. »Aleksey, ich quäle mich hier ab,
+wann reisen wir?«
+
+»Bald, bald. Du kannst nicht glauben, wie auch mir das Leben hier
+schwer ist,« sagte er, seine Hand ausstreckend.
+
+»Nun so geh, geh,« sagte sie verletzt und ging schnell von ihm hinweg.
+
+
+ 32.
+
+Als Wronskiy heimkehrte, war Anna noch nicht wieder da. Bald nach ihm
+war, wie man ihm sagte, eine Dame angekommen und mit dieser zusammen
+sei sie weggefahren.
+
+Daß sie weggefahren war, ohne gesagt zu haben wohin, was bei ihr bis
+jetzt noch nicht der Fall gewesen war, daß sie noch an diesem Morgen
+ausgefahren, ohne ihm etwas davon zu sagen -- alles das, zusammen mit
+dem seltsam aufgeregten Ausdruck ihres Gesichts heute früh und mit der
+Erinnerung an die feindselige Haltung, mit welcher sie in Gegenwart
+Jaschwins die Bilder ihres Sohnes fast seinen Händen entrissen hatte,
+stimmte ihn nachdenklich.
+
+Er schloß, daß es notwendig sei, sich mit ihr auszusprechen, und er
+erwartete sie nun in ihrem Salon. Anna kehrte indessen nicht allein
+zurück, sondern brachte ihre Tante mit sich, eine alte Jungfer, die
+Fürstin Oblonskaja. Das war die Dame, welche heute früh angekommen und
+mit welcher Anna Einkäufe zu machen ausgefahren war.
+
+Anna schien den besorgten und fragenden Ausdruck der Züge Wronskiys
+nicht zu bemerken, und berichtete ihm heiter, was sie heute Morgen
+gekauft habe. Er sah, daß in ihr etwas Besonderes vorgehe; denn in
+ihren blitzenden Augen lag, wenn sie sich auf ihn im Vorübergleiten
+hefteten, eine gespannte Aufmerksamkeit, und in ihrer Rede, in ihren
+Bewegungen jene nervöse Schnelligkeit und Grazie, die ihn in der ersten
+Zeit ihrer Bekanntschaft so bestrickt hatte, jetzt aber beunruhigte und
+erschreckte.
+
+Das Diner wurde für Vier gedeckt. Alle waren bereits versammelt, um
+in das kleine Speisezimmer zu gehen, als Tuschkjewitsch mit einem
+Auftrag für Anna von der Fürstin Betsy ankam. Die Fürstin Betsy bat
+um Entschuldigung, daß sie nicht gekommen sei, um Abschied zu nehmen.
+Sie fühle sich unwohl, bat aber Anna, zwischen halb acht und neun Uhr
+zu ihr zu kommen. Wronskiy blickte Anna an bei dieser Zeitbestimmung,
+welche bewies, daß Maßregeln getroffen waren, sie niemandem begegnen zu
+lassen, doch schien dies Anna gar nicht zu bemerken.
+
+»Sehr schade, daß ich gerade zwischen halb acht und neun Uhr nicht
+kann,« sagte sie mit leisem Lächeln.
+
+»Die Fürstin wird das sehr bedauern.«
+
+»Auch ich.«
+
+»Ihr wollt wahrscheinlich die Patti hören?« sagte Tuschkjewitsch.
+
+»Die Patti? Ihr gebt mir da einen guten Gedanken ein. Ich würde
+hinfahren, wenn es möglich wäre, eine Loge zu erhalten.«
+
+»Ich kann sie erhalten,« brüstete sich Tuschkjewitsch.
+
+»Ach, da würde ich Euch recht sehr dankbar sein,« antwortete Anna,
+»aber wollt Ihr nicht mit uns speisen?«
+
+Wronskiy zuckte kaum merklich die Achsel; er verstand absolut nicht,
+was Anna that. Weshalb brachte sie diese alte Fürstin mit, weshalb
+veranlaßte sie Tuschkjewitsch, mitzuspeisen, und, was am wunderbarsten
+war, weshalb schickte sie ihn nach einer Loge? War es denn denkbar, daß
+sie in ihrer Lage in das Abonnement der Patti fuhr, wo die gesamte,
+ihr bekannte Welt zugegen sein würde? Mit ernstem Blick schaute er
+sie an, doch sie antwortete ihm mit jenem herausfordernden, weniger
+heiteren, als verzweifelten Blick, dessen Bedeutung er nicht verstehen
+konnte. Bei Tische war sie provozierend heiter, sie kokettierte fast
+mit Tuschkjewitsch und Jaschwin. Als man vom Tische aufstand und
+Tuschkjewitsch wegfuhr, um die Loge zu bestellen, während Jaschwin
+ging, um zu rauchen, begab sich Wronskiy mit letzterem zusammen hinweg
+in seine Zimmer. Nachdem er einige Zeit hier verweilt hatte, eilte er
+wieder nach oben. Anna hatte sich schon in eine hellseidene Toilette
+mit Samt geworfen, die für sie in Paris gefertigt worden war, mit
+offener Brust und kostbaren weißen Spitzen auf dem Kopfe, die ihr
+Gesicht einrahmten, und ihre blendende Schönheit besonders vorteilhaft
+hervorhob.
+
+»Ihr fahrt bestimmt zum Theater?« sagte er, sie geflissentlich nicht
+ansehend.
+
+»Weshalb fragt Ihr so voll Furcht?« antwortete sie, aufs neue verletzt
+davon, daß er sie nicht anblickte, »weshalb sollte ich nicht?« --
+
+Sie schien den Sinn seiner Worte gar nicht zu verstehen.
+
+»Natürlich, nicht die geringste Ursache, warum man es nicht thun
+sollte,« antwortete er finster werdend.
+
+»Das sage ich eben auch,« versetzte sie, mit Absicht keine Ironie in
+ihren Ton legend, und ruhig den schmalen, duftenden Handschuh umwendend.
+
+»Anna, um Gott! Was ist mit Euch?« frug er, sie zur Besinnung bringend,
+ganz ebenso, wie einst ihr Mann zu ihr gesprochen hatte.
+
+»Ich verstehe nicht, wonach Ihr fragt.«
+
+»Ihr wißt, es ist unmöglich ins Theater zu fahren.«
+
+»Warum? Ich fahre ja nicht allein. Die Fürstin Barbara geht, um sich
+anzukleiden, sie wird mit mir fahren.«
+
+Er zuckte die Schultern mit dem Ausdruck der Unentschlossenheit und
+Verzweiflung.
+
+»Aber wißt Ihr denn nicht« -- begann er.
+
+»Ich will nichts wissen!« schrie sie fast auf. »Ich will nicht! Bereue
+ich denn, was ich gethan habe? Nein, nein, und aber nein! Und geschähe
+wieder das Nämliche, von Anfang an, so wäre es wieder so. Für uns, für
+mich und Euch ist nur Eines von Wichtigkeit: ob wir uns gegenseitig
+lieben! -- Andere Erwägungen giebt es nicht! Wozu wohnen wir hier
+gesondert und sehen uns nicht? Warum kann ich nicht ins Theater fahren?
+Ich liebe dich und mir ist alles gleich,« sprach sie russisch, mit
+jenem eigenartigen, unverständlichen Glanz der Augen auf ihn blickend,
+»wenn du dich nicht verändert hast. Warum schaust du mich nicht an?«
+
+Er blickte sie an. Er sah die ganze Schönheit ihres Gesichts, dieser
+Toilette, die ihr stets so gut zu Gesicht stand. Aber jetzt war gerade
+ihre Schönheit und Eleganz das, was ihn betroffen machte.
+
+»Meine Empfindungen können sich nicht ändern; Ihr wißt es, aber ich
+bitte Euch, nicht dorthin zu fahren, ich beschwöre Euch,« sprach er,
+wieder auf französisch, und mit zärtlicher Bitte in der Stimme, aber
+Kälte im Blick.
+
+Sie hörte seine Worte nicht, sondern sah nur die Kälte des Blicks und
+antwortete gereizt:
+
+»Ich bitte Euch nur, mir zu erklären, warum ich nicht fahren soll.«
+
+»Weil es Euch Ursache werden könnte zu« -- er blieb stecken.
+
+»Ich verstehe nichts. Jaschwin =n'est pas compromettant= und die
+Fürstin Barbara ist in nichts schlechter, als die anderen. -- Da ist
+sie ja!« --
+
+
+ 33.
+
+Wronskiy empfand zum erstenmale ein Gefühl des Verdrusses, fast des
+Zornes über Anna, wegen ihres absichtlichen Mißverstehens ihrer
+Situation. Dieses Gefühl verstärkte sich noch dadurch, daß er ihr
+die Ursache seines Verdrusses nicht aussprechen konnte. Hätte er ihr
+offen mitgeteilt, was er dachte, dann hätte er ihr gesagt: »In dieser
+Toilette sich mit der jedermann bekannten, unverheirateten Fürstin
+im Theater zu zeigen -- hieß nicht nur die Lage eines gefallenen
+Weibes selbst eingestehen, sondern auch, der Welt eine Herausforderung
+zuschleudern, oder, mit anderen Worten, sich für immer von dieser
+lossagen.«
+
+Dies konnte er ihr nicht sagen. »Aber wie kann sie es nicht verstehen,
+und was geht in ihr vor?« sagte er zu sich. Er fühlte, wie sich zu
+ein und derselben Zeit seine Achtung vor ihr verminderte, während die
+Erkenntnis ihrer Schönheit in ihm wuchs.
+
+Finster kehrte er nach seinem Zimmer zurück und befahl, sich zu
+Jaschwin setzend, welcher seine langen Beine auf einen Stuhl gestreckt
+hatte und einen Cognac mit Selterwasser trank, ihm das Nämliche zu
+bringen.
+
+»Du sagst, der Moguschtschij Lankowskiys. Das ist ein gutes Pferd,
+ich rate dir, es zu kaufen,« sagte Jaschwin, das finstere Gesicht des
+Kameraden musternd. »Er hat zwar ein Hängekreuz -- aber seine Füße und
+der Kopf -- etwas besseres kann man nicht verlangen!«
+
+»Ich denke, daß ich ihn kaufen werde,« antwortete Wronskiy.
+
+Das Gespräch über die Pferde beschäftigte ihn zwar, aber er vergaß
+nicht eine Minute Annas, unwillkürlich dem Klange der Schritte auf dem
+Korridor lauschend, und nach der Uhr auf dem Kamin blickend.
+
+»Anna Arkadjewna hat befohlen zu melden, daß sie ins Theater gefahren
+ist.«
+
+Jaschwin stürzte noch ein Glas Cognac mit Sodawasser hinunter, stand
+auf und knöpfte sich zu.
+
+»Nun, fahren wir?« sagte er, fein lächelnd unter dem Schnurrbart, und
+mit diesem Lächeln zeigend, daß er den Grund der Mißstimmung Wronskiys
+begreife, derselben aber keine Bedeutung beimesse.
+
+»Ich werde nicht mitfahren,« versetzte Wronskiy.
+
+»Ich aber muß; ich habe es versprochen. Nun denn, auf Wiedersehen.
+Kommst du in den Klub? Du kannst Krusinskijs Platz nehmen,« sagte er im
+Gehen noch.
+
+»Nein, ich habe Geschäfte.«
+
+»Mit einem Weibe hat man schon Sorgen, aber mit einer, die nicht unser
+Weib ist, ist es noch schlimmer,« dachte Jaschwin, das Hotel verlassend.
+
+Wronskiy, allein geblieben, erhob sich vom Stuhle und begann im Zimmer
+auf und abzuschreiten.
+
+»Was ist denn heute? Das vierte Abonnement. Jegor ist mit seiner Frau
+dort und meine Mutter wahrscheinlich. Das heißt, ganz Petersburg
+ist da. Jetzt kommt sie nun, legt den Pelz ab und tritt in die
+Gesellschaft. Tuschkjewitsch, Jaschwin und die Fürstin Barbara,« malte
+er sich aus, »und ich? Entweder fürchte ich mich, oder ich habe meine
+Protektion über sie an Tuschkjewitsch abgetreten. Wie man die Sache
+auch betrachten mag -- sie ist dumm, dumm! -- Aber warum bringt sie
+mich nur in diese Lage?« sagte er, mit der Hand ausschlagend.
+
+Mit dieser Bewegung traf er den kleinen Tisch, auf welchem das
+Selterswasser und eine Caraffe mit Cognac stand und stieß ihn fast um.
+Er wollte ihn halten, ließ ihn aber fallen, und voll Verdruß stieß er
+ihn mit dem Fuße um. Er schellte.
+
+»Wenn du bei mir dienen willst,« sagte er zu dem eintretenden
+Kammerdiener, »so merke dir deinen Dienst. Daß dies nicht wieder
+vorkommt! Du hast Ordnung zu machen.«
+
+Der Kammerdiener, welcher sich schuldlos fühlte, wollte sich
+rechtfertigen, mit einem Blick auf seinen Herrn aber gewahrte er
+an dessen Miene, daß er hier nur zu schweigen habe, und ließ sich,
+geschäftig zusammengekrümmt, auf den Teppich nieder, auf dem er
+die ganz gebliebenen und die zerbrochenen Gläser und Flaschen
+zusammenzulesen anfing.
+
+»Das ist nicht deine Arbeit, geh, der Diener kann das zusammenlesen,
+lege mir meinen Frack bereit!« --
+
+ * * * * *
+
+Wronskiy ging halb neun Uhr ins Theater. Die Vorstellung war in vollem
+Gange.
+
+Der Theaterdiener, ein kleiner Alter, nahm Wronskiy den Pelz ab
+und begrüßte ihn, nachdem er ihn wiedererkannt hatte, mit »Eure
+Durchlaucht;« schlug ihm vor, lieber nicht eine Nummer zu nehmen, und
+rief einfach Fjodor. In dem hellen Korridor war niemand außer dem
+Theaterdiener und zwei Lakaien mit Pelzen auf den Armen, die an der
+Thüre horchten. Aus einer verschlossenen Thür heraus waren die Klänge
+des vorsichtigen Accompagnements des Orchesters in =staccato= hörbar,
+sowie die einer weiblichen Stimme, welche ausgezeichnet ein Recitativ
+vortrug. Die Thür öffnete sich, den Theaterdiener durchlassend und
+der Satz, welcher zu Ende ging, traf klar ans Ohr Wronskiys. Die Thür
+schloß sich indessen sofort wieder und Wronskiy hörte das Ende und die
+Kadenz nicht mehr, nahm aber an dem dröhnenden Beifallsklatschen durch
+die Thür heraus wahr, daß die Schlußkadenz zu Ende sei.
+
+Als er in den hell von Lustres und bronzenen Gasarmen erleuchteten Saal
+trat, dauerte der Lärm noch fort. Auf der Scene stand eine Sängerin,
+schimmernd in ihren entblößten Schultern und ihren Brillanten, sich
+verbeugend und lächelnd, und sammelte mit Hilfe ihres Tenors, der
+sie an der Hand führte, die ungeschickt über die Rampe geworfenen
+Bouquets auf, wobei sie zu einem Herrn, mit einem Scheitel in der Mitte
+der pomadeglänzenden Haare, welcher sich mit langen Armen mit einem
+Gegenstande über die Rampe beugte, trat, und das gesamte Publikum im
+Parterre wie in den Logen, voller Bewegung, sich vorbeugte, rief und
+klatschte.
+
+Der Kapellmeister auf seinem erhöhten Platze half bei der Übergabe
+des Gegenstandes und ordnete dann seine weiße Krawatte. Wronskiy trat
+in die Mitte des Parterre und begann, stehen bleibend, Umschau zu
+halten. Weniger als je, widmete er seine Aufmerksamkeit der bekannten,
+gewohnten Umgebung, der Bühne, und diesem Lärm, dieser ganzen,
+wohlbekannten, bunten Schar der Zuschauer in dem dichtbesetzten
+Theater, die ihn nicht interessierten.
+
+Dieselben gewissen Damen mit den gewissen Offizieren waren da wieder
+im Hintergrund der Logen; dieselben buntfarbigen Damen, Gott weiß wer
+sie waren, und Uniformen und Röcke, der nämliche schmutzige Haufe
+auf dem Paradies oben, und in dieser ganzen Masse, in den Logen, dem
+ersten Rang befanden sich nur einige vierzig »wirkliche« Herren und
+Damen. Nach dieser Oase richtete sich sogleich Wronskiys Augenmerk und
+sogleich war auch er mit ihr in Beziehung getreten.
+
+Der Akt war zu Ende, als er eintrat, und daher schritt er, ohne in die
+Loge seines Bruders zu treten, bis zur ersten Reihe, und blieb an der
+Rampe bei Serpuchowskoy stehen, welcher, das eine Knie geknickt und
+mit dem Absatz gegen die Rampe klappend, ihn schon von weitem erblickt
+hatte, und ihn mit einem Lächeln zu sich rief.
+
+Wronskiy hatte Anna noch nicht wahrgenommen; er blickte absichtlich
+nicht nach der Seite, auf der sie war, doch sah er schon an der
+Richtung der Blicke, wo sie sich befand. Verstohlen blickte er um sich,
+suchte sie aber nicht. Das Schlimmste erwartend, suchte er mit den
+Augen Aleksey Aleksandrowitsch; doch zu seinem Glück war derselbe für
+diesmal nicht im Theater.
+
+»Wie wenig vom Soldaten ist doch an dir geblieben,« sagte
+Serpuchowskoy. »Diplomat, Artist -- das wäre so Etwas für dich.«
+
+»Ja, ja, als ich nach Haus kam, zog ich den Frack an,« sagte Wronskiy
+lächelnd, langsam sein Augenglas nehmend.
+
+»Ich beneide dich eigentlich, offen gestanden darin. Stets, wenn ich
+aus dem Ausland heimkehre, und dies wieder anlege,« sagte er, seine
+Epauletten berührend, »dann thut es mir leid um die Freiheit.«
+
+Serpuchowskoy hatte schon längst seine Erwartungen bezüglich einer
+dienstlichen Wirksamkeit Wronskiys aufgegeben, liebte diesen aber noch
+wie früher, und war jetzt besonders liebenswürdig gegen ihn.
+
+»Schade, daß du dich zu dem ersten Akte verspätet hast.«
+
+Wronskiy, der nur mit halbem Ohr zuhörte, ließ sein Glas über die
+Bel-Etage gleiten und musterte die Logen. Neben einer Dame im Turban
+und einem kahlköpfigen Alten, der zornig in dem Glase des auf ihn
+gerichteten Krimstechers blinzelte, erblickte Wronskiy plötzlich
+den Kopf Annas, stolz, frappierend in seiner Schönheit, lächelnd in
+der Umrahmung der Spitzen. Sie saß nur zwanzig Schritte von ihm von
+vorn, und sprach, leicht gewendet, zu Jaschwin etwas. Die Haltung
+ihres Kopfes auf den schönen breiten Schultern und der verhalten
+herausfordernde Glanz ihrer Augen und ihres ganzen Antlitzes erinnerte
+ihn ganz an sie, wie er sie ebenso auf dem Balle in Moskau erblickt
+hatte. Jetzt aber empfand er diese Schönheit ganz anders. In seinem
+Gefühl für sie lag nichts Geheimnisvolles mehr, und daher zog ihn zwar
+ihre Schönheit selbst stärker noch als früher an, zugleich damit aber
+bereitete sie ihm jetzt auch Schmerz. Sie schaute nicht in der Richtung
+nach ihm, aber Wronskiy fühlte, daß Anna ihn schon gesehen hatte.
+
+Als Wronskiy das Glas abermals nach jener Richtung bewegte, bemerkte
+er, daß die unverheiratete Fürstin Barbara auffallend rot aussah,
+unnatürlich lachte und unaufhörlich nach der Nachbarloge blickte. Anna
+hingegen, die den Fächer zusammengelegt hatte und mit ihm auf den roten
+Sammet klopfte, schaute in unbestimmter Richtung, und sah nicht, oder
+wollte offenbar nicht sehen, was in der Nachbarloge vorging. Auf dem
+Gesicht Jaschwins lag jener Ausdruck, den es annahm, wenn er verspielt
+hatte. Mürrisch nahm er tiefer und tiefer seinen linken Schnurrbart in
+den Mund und schielte nach der gleichen Nachbarloge hinüber.
+
+In dieser, ihnen zur Linken, befanden sich die Kartasoff. Wronskiy
+kannte sie, und wußte auch, daß Anna mit ihnen bekannt war. Die
+Kartasowa, ein mageres, kleines Weib, stand in ihrer Loge, und
+warf, mit dem Rücken gegen Anna gewandt, einen ihr von ihrem Gatten
+gereichten Überwurf um. Ihr Gesicht sah blaß und böse aus und sie
+sprach in erregtem Tone. Kartasoff, ein dicker, kahlköpfiger Herr,
+schaute Anna fortwährend an und bemühte sich dabei, seine Frau zu
+besänftigen. Nachdem diese gegangen war, zögerte er noch lange, suchte
+mit seinen Augen den Blick Annas und wollte sie offenbar grüßen.
+Anna jedoch, die ihn offenbar absichtlich nicht bemerkte, hatte sich
+rückwärts gewandt und sprach zu Jaschwin, der sich zu ihr mit seinem
+frisierten Kopfe herniederbeugte. Kartasoff ging, ohne grüßen zu
+können, und die Loge stand leer.
+
+Wronskiy erkannte nicht, was zwischen den Kartasoff und Anna
+vorgefallen sei, aber er begriff, daß etwas für Anna Erniedrigendes
+geschehen war.
+
+Er erkannte dies schon an dem, was er wahrnahm, und vor allem an dem
+Gesicht Annas, die -- er wußte es -- ihre letzten Kräfte zusammennahm,
+um die einmal übernommene Rolle zu Ende zu führen. Diese Rolle, die
+äußerlich Ruhige zu spielen, gelang ihr vollständig. Wer sie und
+ihre Kreise nicht kannte, nicht alle die Äußerungen des Bedauerns,
+des Unwillens und der Verwunderung seitens der Frauen darüber hörte,
+daß sie sich erlaubt hatte, in der Welt zu erscheinen und sich mit
+ihrem Spitzenschmuck und ihrer Schönheit so bemerkbar zu machen, die
+bewunderten die Ruhe und Schönheit dieser Frau und ahnten nicht,
+daß sie die Empfindungen eines Menschen in sich trug, der an den
+Schandpfahl gestellt ist.
+
+In der Gewißheit, daß Etwas vorgefallen sei, aber ohne zu wissen
+was, fühlte Wronskiy eine quälende Unruhe und begab sich, in der
+Hoffnung, etwas darüber erfahren zu können, nach der Loge seines
+Bruders. Absichtlich einen der Loge Annas gegenüberliegenden Gang
+im Parterre wählend, stieß er im Hinausgehen mit seinem früheren
+Regimentskommandeur, der mit zwei Bekannten sprach, zusammen. Wronskiy
+hörte, daß der Name der Karenin genannt wurde, und bemerkte, wie der
+Regimentskommandeur sich beeilte, laut den Namen Wronskiys zu nennen,
+indem er die Sprechenden anblickte.
+
+»Ah, Wronskiy! Wann kommst du denn einmal zum Regiment? Wir können dich
+nicht ohne ein Fest fortlassen. Du bist unser Stammhalter,« sagte der
+Regimentskommandeur.
+
+»Es thut mir sehr leid, ein ander Mal,« sagte Wronskiy und eilte die
+Treppe hinauf in die Loge seines Bruders.
+
+Die alte Gräfin, die Mutter Wronskiys, mit ihren stahlblauen Haarlocken
+befand sich in derselben. Warja und die Fürstin Sorokina begegneten
+ihm auf dem Korridor der Bel-Etage.
+
+Nachdem Warja die Fürstin Sorokina zu ihrer Mutter geführt hatte,
+reichte sie ihrem Schwager die Hand, und begann dann sogleich mit ihm
+über das zu sprechen, was ihn interessierte. Sie war so aufgeregt, wie
+er sie nur selten gesehen hatte.
+
+»Ich finde, daß dies niedrig und gemein ist, und Madame Kartasowa dazu
+nicht das geringste Recht hatte. Madame Kartasowa« -- begann sie.
+
+»Aber was ist denn? Ich weiß gar nicht« --
+
+»Wie, du hast nicht gehört?«
+
+»Du hörst wohl, daß ich der Letzte bin, der also davon erfährt.«
+
+»Giebt es wohl ein schlechteres Geschöpf, als diese Kartasowa.«
+
+»Aber was hat sie denn gethan?«
+
+»Mir hat es mein Mann erzählt -- sie hat die Karenina beleidigt.
+Ihr Mann hatte mit dieser über die Loge hinüber gesprochen, und die
+Kartasowa ihm darauf eine Scene gemacht. Sie hat, wie er mir erzählt,
+sich laut in kränkender Weise ausgesprochen und ist dann gegangen.«
+
+»Graf, Mama läßt Euch rufen,« sagte die Fürstin Sorokina, aus der Thür
+der Loge blickend.
+
+»Ich warte schon lange auf dich,« sprach die Mutter zu ihm, sarkastisch
+lächelnd. »Man sieht dich ja gar nicht mehr.«
+
+Der Sohn erkannte, daß sie ein Lächeln der Freude nicht unterdrücken
+konnte.
+
+»Guten Tag, =Maman=; ich kam eben zu Euch,« sagte er kühl.
+
+»Warum gehst du denn nicht, =faire la cour à madame Karènine=?« fügte
+sie hinzu, als die Fürstin Sorokina weggetreten war. »=Elle fait
+sensation. On oublie la Patti pour elle=.« --
+
+»=Maman=, ich bat Euch, nur nicht hiervon zu sprechen,« antwortete er
+sich verfinsternd.
+
+»Ich spreche nur das, was alle sprechen.«
+
+Wronskiy erwiderte nichts, und ging wieder, nachdem er der Fürstin
+Sorokina noch einige Worte gesagt hatte. In der Thür begegnete er
+seinem Bruder.
+
+»Ah, Aleksey,« sagte dieser. »Welche Niedrigkeit! Diese Närrin --
+weiter ist sie nichts! Ich wollte soeben zu ihr gehen. Komm, wir gehen
+zusammen.« --
+
+Wronskiy hörte ihn nicht. Mit schnellen Schritten stieg er hinunter; er
+empfand, daß er etwas thun müsse, wußte aber nicht, was. Sein Verdruß
+über Anna, daß sie sich und ihn in eine so schiefe Lage gebracht hatte,
+doch auch das Mitleid mit ihr wegen ihrer Leiden, versetzten ihn in
+Aufregung. Er ging hinunter ins Parterre und schritt geradenwegs auf
+den Platz Annas zu. Neben diesem stand Stremoff, der sich mit ihr
+unterhielt.
+
+»Tenöre giebt es eben nicht mehr. =Le moule en est brisé=!«
+
+Wronskiy verneigte sich vor ihr und blieb stehen, Stremoff begrüßend.
+
+»Ihr scheint spät gekommen zu sein und die besten Arien nicht gehört
+zu haben,« sagte Anna zu Wronskiy, ihn spöttisch anblickend, wie ihm
+schien.
+
+»Ich bin ein schlechter Kritiker,« antwortete er, streng auf sie
+schauend.
+
+»Wie der Fürst Jaschwin,« sagte sie lächelnd, »welcher findet, daß die
+Patti zu laut singt. Ich danke Euch,« mit der kleinen Hand im hohen
+Handschuh einen von Wronskiy aufgehobenen Theaterzettel nehmend; und
+plötzlich, in diesem Augenblick, erbebten ihre schönen Züge. Sie stand
+auf und begab sich in die Tiefe der Loge.
+
+Als Wronskiy bemerkt hatte, daß im folgenden Akt ihre Loge leer
+war, ging er, während sich in dem bei den Tönen einer Kavatine
+stillgewordenen Theater ein Zischeln erhob, aus dem Parterre und fuhr
+heim.
+
+Anna war schon zu Haus. Als Wronskiy bei ihr eintrat, befand sie sich
+noch in der Toilette, in welcher sie im Theater gewesen war. Sie saß
+auf dem nächsten an der Wand stehenden Lehnstuhl und starrte vor sich
+hin. Sie blickte ihn an und nahm dann ihre frühere Stellung wieder ein.
+
+»Anna!« sagte er.
+
+»Du, du bist schuld an allem!« rief sie unter Thränen der Verzweiflung
+und der Wut in der Stimme, und erhob sich.
+
+»Ich habe dich gebeten, dich beschworen, nicht zu fahren; ich habe
+gewußt, daß es dir unangenehm werden würde« --
+
+»Unangenehm!« rief sie, -- »entsetzlich! So lange ich lebe, werde ich
+dies nicht vergessen! -- Sie hat gesagt, es sei entehrend, neben mir
+sitzen zu müssen!« --
+
+»Die Worte eines thörichten Weibes,« sagte er, »aber wozu mußtest du
+dazu herausfordern?«
+
+»Ich hasse deine Ruhe! Du durftest mich nicht so weit bringen. Wenn du
+mich geliebt hättest« --
+
+»Anna! Wozu hier eine Frage nach meiner Liebe« --
+
+»Ja, wenn du mich liebtest, wie ich dich liebe, wenn du dich
+martertest, wie ich mich martere« -- sprach sie, mit dem Ausdruck des
+Entsetzens auf ihn blickend.
+
+Es that ihm wehe um sie, und dennoch empfand er auch Verdruß. Er
+versicherte sie seiner Liebe, weil er sah, daß nur dies allein sie
+jetzt beruhigen konnte, und machte ihr keine Vorwürfe mit Worten; wohl
+aber tadelte er sie in seinem Innern.
+
+Und jene Versicherungen der Liebe, die ihm so niedrig erschienen, daß
+es ihm schwer ankam, sie auszusprechen, sog sie in sich ein und wurde
+etwas ruhiger. Am andern Tage fuhren beide, vollständig ausgesöhnt, auf
+das Land.
+
+
+
+
+ Sechster Teil.
+
+ 1.
+
+
+Darja Aleksandrowna verbrachte den Sommer mit den Kindern in
+Pokrowskoje bei ihrer Schwester Kity Lewina.
+
+Auf ihrem Gute war das Wohnhaus gänzlich in Verfall geraten, und
+Lewin mit seiner Gattin hatten ihr zugeredet, den Sommer bei ihnen
+zuzubringen.
+
+Stefan Arkadjewitsch billigte dieses Arrangement sehr; er drückte sein
+Bedauern darüber aus, daß der Dienst ihn verhindere, den Sommer mit der
+Familie zusammen auf dem Dorfe zu verleben, was für ihn das höchste
+Glück bilde, und kam, in Moskau bleibend, nur selten für einen Tag oder
+für zwei auf das Land.
+
+Außer den Oblonskiys mit all ihren Kindern und der Gouvernante war bei
+Lewins während dieses Sommers noch die alte Fürstin, welche es für
+ihre Pflicht hielt, ihre unerfahrene Tochter im Auge zu behalten, die
+sich in gewissen Umständen befand. Weiterhin hatte auch Warenka, die
+Freundin Kitys, von dem Aufenthalt im Auslande her ihr Versprechen
+erfüllt, zu Kity zu kommen, wenn diese verheiratet sein würde, und war
+jetzt bei ihrer Freundin zu Besuch.
+
+Alles waren Verwandte und Freunde der Frau Lewins, aber obgleich
+dieser sie alle lieb hatte, war es ihm doch einigermaßen leid um seine
+»Lewinsche Welt« und die Ordnung, welche durch diese Überschwemmung
+mit dem »Schtscherbazkischen Element«, verschlungen worden war, wie er
+sich selbst sagte. Von Verwandten seiner Linie weilte in diesem Sommer
+nur Sergey Iwanowitsch zu Besuch da, und auch dieser war kein Mensch
+von Lewins, sondern von Koznyscheffschem Schlag, so daß Lewins geistige
+Sphäre vollständig unterdrückt war.
+
+In Lewins so lange verödet gewesenem Hause befanden sich jetzt so
+viel Menschen, daß fast alle Räume besetzt waren, und fast jeden Tag
+kam es vor, daß die alte Fürstin, wenn sie bei Tische sitzend alles
+überzählte, den dreizehnten, Enkel oder Enkelin, an einen besonderen
+kleinen Tisch setzen mußte. Auch für Kity, die sich sorgsam mit der
+Hauswirtschaft befaßte, gab es nicht wenig Sorge um die Beschaffung der
+Hühner, Kapaunen und Enten, welche bei dem Sommerappetit der Gäste und
+der Kinder zahlreich verbraucht wurden.
+
+Die ganze Familie saß bei Tische. Die Kinder Dollys machten mit der
+Gouvernante und Warenka Pläne, wohin sie Pilze suchen gehen wollten.
+Sergey Iwanowitsch, welcher im Kreise sämtlicher Gäste einen Respekt
+vor seinem Geist und seiner Gelehrsamkeit genoß, der fast bis zur
+Verehrung ging, sah alles in die Unterhaltung von den Pilzen vertieft.
+
+»Aber mich nehmt Ihr doch auch mit Euch. Ich gehe sehr gern Pilze
+suchen,« sagte er, Warenka anblickend, »und finde, daß das ein sehr
+hübscher Zeitvertreib ist.«
+
+»Nun, wir werden uns sehr freuen,« antwortete Warenka errötend. Kity
+wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Dolly. Der Vorschlag des
+gelehrten und geistreichen Sergey Iwanowitsch, mit Warenka Pilze
+suchen zu wollen, stützte gewisse Vermutungen in Kity, welche diese in
+jüngster Zeit lebhaft beschäftigt hatten. Schnell begann sie mit ihrer
+Mutter zu sprechen, damit ihr Blick nicht bemerkt werden möchte.
+
+Nach Tisch setzte sich Sergey Iwanowitsch mit seiner Tasse Mokka an das
+Fenster im Salon, ein mit dem Bruder begonnenes Gespräch fortsetzend
+und dabei nach der Thür blickend, zu welcher die Kinder hinausgehen
+mußten, die sich fertig machten, in die Pilze zu gehen.
+
+Lewin saß auf dem Fenster bei seinem Bruder, Kity stand neben ihrem
+Manne, sichtlich auf das Ende des für sie nicht interessanten Gesprächs
+wartend, um ihm etwas mitzuteilen.
+
+»Du hast dich sehr verändert, seit du verheiratet bist, und zwar
+zu deinem Vorteil,« sagte Sergey Iwanowitsch, Kity zulächelnd und
+augenscheinlich von der Unterhaltung wenig interessiert, »aber du bist
+deiner Leidenschaft, die paradoxesten Themen zu verteidigen, getreu
+geblieben.«
+
+»Katja, es ist für dich nicht gut, zu stehen,« sagte der Gatte zu ihr,
+einen Stuhl heranschiebend und sie bedeutungsvoll anschauend.
+
+»Ah; ich habe übrigens gar keine Zeit mehr,« fügte Sergey Iwanowitsch
+hinzu, die hinauseilenden Kinder erblickend.
+
+Allen voran, von seitwärts im Galopp mit den drallsitzenden
+Strümpfchen, ein Körbchen und den Hut Sergey Iwanowitschs schwingend,
+kam Tanja gerade auf letzteren zugeeilt. Frohmutig auf ihn zueilend mit
+leuchtenden Augen, die in ihrer Schönheit denen des Vaters so ähnlich
+waren, reichte sie Sergey Iwanowitsch den Hut und that, als wolle
+sie ihm denselben aufsetzen, mit schüchternem, sanftem Lächeln ihre
+Ungebundenheit zügelnd.
+
+»Warenka wartet schon,« sagte sie, ihm den Hut behutsam aufsetzend,
+nachdem sie an dem Lächeln Sergey Iwanowitschs erkannt hatte, daß sie
+dies dürfe.
+
+Warenka stand in der Thür, in einem gelben Kattunkleid, um den Kopf ein
+weißes Tuch geschlungen.
+
+»Ich komme schon, ich komme, Barbara Andrejewna,« sagte Sergey
+Iwanowitsch, seine Tasse Mokka leerend und ein Schnupftuch nebst dem
+Cigarrenetuis in seinen Taschen verteilend.
+
+»Wie reizend ist doch meine Warenka, nicht wahr?« sagte Kity zu ihrem
+Manne, sobald Sergey Iwanowitsch aufgestanden war. Sie sagte dies so,
+daß Sergey Iwanowitsch sie vernehmen konnte, woran ihr offenbar gelegen
+war. »Und wie schön sie ist, wie edel schön! Warenka!« rief Kity. »Ihr
+werdet wohl im Mühlenholz sein? Wir kommen zu Euch hin!«
+
+»Du vergißt doch entschieden deinen Zustand Kity,« bemerkte die alte
+Fürstin, schnell zur Thür herauskommend, »du darfst nicht so schreien.«
+
+Warenka, welche die Stimme Kitys sowie die Äußerung der Mutter
+vernommen hatte, kam leichten Schrittes zu Kity geeilt. Die
+Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die Farbe, welche ihr munteres
+Gesicht bedeckte -- alles das bewies, daß in ihr etwas Ungewöhnliches
+vorging. Kity wußte, was dieses Ungewöhnliche war, und beobachtete
+sie aufmerksam. Sie hatte jetzt Warenka nur gerufen, um ihr für ein
+wichtiges Ereignis, welches sich nach ihrer Erwägung heute, nach Tische
+im Walde vollziehen mußte, innerlich Segen zu wünschen.
+
+»Warenka, ich würde sehr glücklich, wenn sich etwas ereignen sollte,«
+sagte Kity flüsternd und sie küssend.
+
+»Ihr werdet aber mit uns kommen?« sagte Warenka in Verwirrung geratend,
+zu Lewin, und gab sich den Anschein, als habe sie gar nicht gehört, was
+zu ihr gesagt worden war.
+
+»Ich werde kommen, doch nur bis zur Tenne, und dort werde ich bleiben.«
+
+»Was hast du denn vor?« sagte Kity.
+
+»Ich muß die neuen Fuhren inspizieren und nachzählen,« antwortete
+Lewin, »doch wo wirst du bleiben?«
+
+»Auf der Terrasse.«
+
+
+ 2.
+
+Auf der Terrasse hatte sich die ganze weibliche Gesellschaft
+versammelt. Die Damen liebten es, überhaupt dort nach Tische zu sitzen,
+aber heute gab es da sogar etwas zu thun. Außer dem Nähen und Sticken,
+womit sich alle beschäftigten, wurde heute Eingemachtes nach einer
+für Agathe Michailowna ganz neuen Methode -- ohne Zuguß von Wasser --
+zubereitet.
+
+Kity hatte diese neue Methode, welche bei ihr zu Haus in Gebrauch
+war, eingeführt. Agathe Michailowna, welcher früher dieses Geschäft
+anvertraut gewesen war, hatte in der Ansicht, daß das, was im Haus
+der Lewin gemacht wurde, doch nicht schlecht sein könne, gleichwohl
+ihr Wasser über die Wald- und Gartenerdbeeren mit der Versicherung
+gegossen, daß es unmöglich anders sein könne, aber sie wurde in ihrer
+Meinung überführt, und jetzt brodelte vor aller Augen die Himbeere, und
+Agathe Michailowna mußte sich überzeugt sehen, daß auch ohne Wasser das
+Eingemachte gut werde.
+
+Agathe Michailowna mit erhitztem, erbittertem Gesicht, wirren Haaren,
+und bis an den Ellbogen entblößten, hageren Armen schwenkte die
+Schüssel im Kreise über dem Feuerbecken und blickte grollend auf die
+Beeren, aus Seelengrunde wünschend, sie möchten nicht gar werden.
+
+Die Fürstin, welche merkte, daß auf sie, als die hauptsächlichste
+Ratgeberin bei der Zubereitung der Beeren, der Zorn Agathe Michailownas
+gerichtet sein müsse, bemühte sich, den Anschein zu wahren, als sei sie
+mit ganz anderen Dingen beschäftigt, und interessiere sich gar nicht
+für die Himbeeren; sie sprach von Nebensächlichem, schaute aber immer
+dabei seitwärts nach dem Kohlenbecken.
+
+»Ich kaufe den Mädchen stets Kleider,« sagte die Fürstin, ein
+begonnenes Gespräch fortsetzend -- »wollen wir jetzt nicht den Schaum
+abnehmen, Liebe?« -- fügte sie aber hinzu, sich an Agathe Michailowna
+wendend. »Das brauchst du durchaus nicht selbst zu thun, es ist heiß,«
+hielt Kity diese dabei zurück.
+
+»Ich werde es thun,« sagte Dolly, stand auf und begann behutsam den
+Löffel über den schäumenden Zucker zu führen; bisweilen damit, um
+von ihm das daran haften Gebliebene zu entfernen, auf einen Teller
+klopfend, der bereits von mischfarbigem, gelbrotem Schaum und flüssigem
+blutrotem Syrup bedeckt war. »Wie sie das schlecken werden zum Thee,«
+gedachte sie dabei ihrer Kinder und rief sich ins Gedächtnis zurück,
+wie sie selbst, als sie noch ein Kind gewesen, sich schon immer
+verwundert hatte, daß die Erwachsenen nicht gerade das Beste äßen --
+nämlich den Schaum -- »Stefan sagt, es sei bei weitem besser, Geld
+zu geben,« sagte Dolly dabei, das begonnene, interessante Gespräch
+darüber, wie man die Dienstleute beschenken solle, fortsetzend,
+»allein« --
+
+»So viel es möglich ist, Geld,« sagten wie mit einer Stimme die Fürstin
+und Kity. »Sie schätzen das.«
+
+»Nun, ich habe beispielsweise im vergangenen Jahre unserer Matrjona
+Ssemjonowna ein Kleid gekauft,« sprach die Fürstin.
+
+»Ich besinne mich, zu Eurem Geburtstage ging sie darin.«
+
+»Ein reizendes Muster -- so einfach und fein. Ich hätte es mir selbst
+machen lassen, wenn es nicht ihr gehört hätte; -- so, wie das von
+Warenka war es. So hübsch und billig.«
+
+»Jetzt scheint es fertig zu sein,« sagte Dolly, den Syrup vom Löffel
+laufen lassend.
+
+»Wenn Kringel werden, ist es gut. Kocht noch weiter, Agathe
+Michailowna.«
+
+»Diese Fliegen,« antwortete Agathe Michailowna gereizt.
+
+»O, wie niedlich, verjagt ihn nicht!« sprach Kity plötzlich, auf einen
+Spatz blickend, der sich auf dem Geländer niedergesetzt hatte und das
+Mark einer Himbeere zu picken begann.
+
+»Ja, aber du mußt etwas weiter vom Kohlenbecken weg,« sprach die Mutter.
+
+»=A propos de Warenka=,« begann Kity französisch, wie sie stets
+sprachen, damit Agathe Michailowna sie nicht verstehe. »Ihr wißt,
+=maman=, daß ich heute aus gewissen Gründen eine Entscheidung erwarte.
+Ihr versteht wohl, welche. Wie schön wäre das!«
+
+»Ah, welch meisterhafte Freibewerberin du bist,« sprach Dolly, »wie sie
+behutsam und geschickt die Leute zusammenführt.«
+
+»Nun, =maman=, sagt doch, was Ihr dazu meint!«
+
+»Was soll ich meinen? Er« -- unter dem Er verstand man Sergey
+Iwanowitsch -- »konnte stets die erste Partie in Rußland machen, er ist
+zwar jetzt nicht mehr so jung, aber gleichwohl, ich weiß es, würden ihn
+auch jetzt noch viele Frauen nehmen. Sie ist sehr gut, aber er könnte
+doch« --
+
+»Nein, seht nur erst ein, =maman=, warum etwas Besseres für ihn, wie
+für sie nicht zu denken ist. Erstens -- sie ist eine Schönheit!« sprach
+Kity, einen Finger ausstreckend.
+
+»Sie gefällt ihm sehr, das ist wahr,« bestätigte Dolly.
+
+»Dann nimmt er eine solche Stellung in der Welt ein, daß ihm ein
+Vermögen, ein Stand in der Welt für seine Frau ganz und gar nicht
+erforderlich ist. Ihm ist Eins nur nötig -- ein gutes, liebevolles
+ruhiges Weib.«
+
+»Jawohl, und mit ihr kann man ruhig leben,« bestätigte Dolly.
+
+»Drittens; sie muß ihn lieben! So ist es ja auch -- und soweit wäre
+alles ganz gut. Ich erwarte, daß sie aus dem Walde kommen und alles
+entschieden ist. Ich werde es sogleich an ihren Augen erkennen; und
+würde mich so sehr freuen! Wie denkst du darüber, Dolly?«
+
+»Rege dich nur nicht auf. Du darfst dich durchaus nicht erregen,« sagte
+die Mutter.
+
+»Aber ich rege mich ja gar nicht auf, =maman=; mir scheint nur, daß er
+heute seinen Antrag machen wird.«
+
+»Ach; es ist so seltsam, wenn ein Mann eine Liebeserklärung macht. Erst
+ist so eine Scheidewand vorhanden, und plötzlich ist sie durchbrochen,«
+sagte Dolly, gedankenvoll lächelnd und sich an die Vergangenheit mit
+Stefan Arkadjewitsch erinnernd.
+
+»Mama, wie hat Euch denn Papa seine Liebeserklärung gemacht?« frug Kity
+plötzlich.
+
+»Es war nichts Außergewöhnliches dabei, sehr einfach,« antwortete die
+Fürstin, aber ihr ganzes Gesicht erglänzte bei dieser Erinnerung.
+
+»Nun, wie denn? Ihr habt ihn doch geliebt, bevor Euch noch erlaubt war,
+mit ihm zu sprechen.«
+
+Kity fand einen eigenen Reiz darin, mit ihrer Mutter jetzt wie mit
+einer Gleichgestellten über diese höchsten Fragen des Frauenlebens
+sprechen zu können.
+
+»Versteht sich, liebte er mich! Er kam zu uns auf das Land.«
+
+»Aber wie entschied es sich? Mama?«
+
+»Du denkst wahrscheinlich, daß ihr beide euch etwas Neues ausgedacht
+hättet? Es war ganz dieselbe Geschichte; mit Blicken und Lächeln« --
+
+»Wie Ihr das so schön ausgesprochen habt, =maman=! Ja, die Augen, das
+Lächeln,« bestätigte Dolly.
+
+»Aber welche Worte sprach er denn?«
+
+»Was für Worte hat dir dein Konstantin gesagt?«
+
+»Er schrieb sie mit Kreide. Es war wunderbar. Wie weit scheint mir dies
+schon dahinten zu liegen,« antwortete Kity.
+
+Die drei Frauen sannen jetzt über ein und dasselbe nach. Kity brach
+zuerst wieder das Schweigen. Der ganze letzte Winter vor ihrer
+Verheiratung, ihre Leidenschaft für Wronskiy kam ihr wieder ins
+Gedächtnis.
+
+»Aber noch Eins -- jene frühere Leidenschaft Warenkas,« sagte sie,
+in einem natürlichen Gedankengang sich dessen erinnernd. »Ich wollte
+Sergey Iwanowitsch schon irgendwie Mitteilung machen, ihn vorbereiten.
+Sie sind ja alle Männer,« fügte sie hinzu, »und entsetzlich
+eifersüchtig auf unsere Vergangenheit.«
+
+»Nicht alle,« antwortete Dolly, »du urteilst so nach deinem Manne; der
+martert sich noch jetzt ab in der Erinnerung an Wronskiy. Nicht wahr?
+Habe ich nicht recht?«
+
+»Du hast recht,« antwortete Kity, gedankenvoll mit den Augen lächelnd.
+
+»Ich weiß nun nicht,« fuhr die Fürstin fort, ihre mütterliche Obhut
+für die Tochter wieder übernehmend, »was eigentlich in deiner
+Vergangenheit ihn stören könnte? Daß Wronskiy dir den Hof machte? Das
+passiert jedem jungen Mädchen.«
+
+»Ach, sprechen wir nicht davon,« sagte Kity errötend.
+
+»Nein, gestatte,« fuhr die Mutter fort, »du selbst wolltest mir ja
+nicht gestatten, mit Wronskiy Rücksprache zu nehmen. Weißt du noch?«
+
+»Ach, Mama!« sagte Kity mit einem Ausdruck von Leiden.
+
+»Deine Beziehungen zu ihm konnten ja nicht weitergehen als sie durften;
+ich selbst würde ihn noch ermutigt haben. Doch im übrigen, liebe Seele,
+taugt es nicht für dich, wenn du dich erregst. Denke, bitte, hieran,
+und beruhige dich.«
+
+»Ich bin vollkommen ruhig, =maman=.«
+
+»Wie war es doch zum Glück damals für Kity, daß Anna kam,« sagte
+Dolly, »und wie verhängnisvoll wurde das für sie selbst. Da haben wir
+es gerade umgekehrt,« fügte sie hinzu, betroffen über ihren eigenen
+Gedanken. »Damals war Anna so glücklich und Kity hielt sich für
+unglücklich. Welch ein völliger Umschlag! Ich denke oft an sie.«
+
+»Das wäre das Weib, an welches man denken dürfte! Ein häßliches,
+ausschweifendes Weib ohne Herz,« sprach die Mutter, welche nicht
+vergessen konnte, daß Kity nicht einen Wronskiy, sondern einen Lewin
+geheiratet hatte.
+
+»Was ist es für ein Vergnügen, hiervon zu sprechen,« fuhr Kity voll
+Verdruß fort, »ich denke nicht daran und will nicht daran denken. Ich
+will nicht daran denken,« sprach sie, dabei dem wohlbekannten Klang der
+Schritte ihres Mannes auf den Stufen zur Terrasse lauschend.
+
+»Wovon ist denn die Rede >ich will nicht daran denken?<« frug Lewin,
+die Terrasse betretend.
+
+Niemand antwortete ihm, und er wiederholte seine Frage nicht.
+
+»Ich bedaure, euer Frauenreich gestört zu haben,« sprach er,
+mißvergnügt alle anblickend und wohl gewahrend, daß man über etwas
+gesprochen hatte, wovon man in seiner Gegenwart nicht geredet haben
+würde.
+
+Einen Augenblick empfand er, daß er die Gefühle Agathe Michailownas
+teile, die Unzufriedenheit darüber, daß man die Himbeeren ohne Wasser
+einkoche, und über den fremdartigen Einfluß der Schtscherbazkiy. Er
+lächelte aber doch und trat zu Kity.
+
+»Nun, wie befindest du dich?« frug er sie, mit dem gleichen Ausdruck
+auf sie blickend, mit welchem sich ihr jetzt alle zuwandten.
+
+»Oh; ich befinde mich recht wohl,« sagte Kity lächelnd, »und wie geht
+es bei dir?«
+
+»Man fährt dreimal mehr, als der Wagen aushält. Aber wollen wir zu den
+Kindern hinausfahren? Ich habe anspannen lassen.«
+
+»Wie, willst du Kity im Wagen ausfahren?« frug die Mutter vorwurfsvoll.
+
+»Wir fahren natürlich Schritt, Fürstin.«
+
+Lewin nannte die Fürstin nie =maman=, wie das sonst Schwiegersöhne
+thun, und dies war der Fürstin unangenehm, aber wenn er die Fürstin
+auch sehr lieb hatte und achtete, konnte er sie doch nicht so nennen,
+ohne die Empfindungen für seine dahingeschiedene Mutter zu entweihen.
+
+»Fahret mit uns, =maman=,« sagte Kity.
+
+»Ich will diese Unüberlegtheit nicht mit ansehen.«
+
+»Dann gehe ich zu Fuß. Ich befinde mich ja ganz wohl.« Kity erhob sich,
+trat zu ihrem Gatten und nahm dessen Arm.
+
+»Ganz wohl, aber alles mit Maßen« -- bemerkte die Fürstin.
+
+»Nun, Agathe Michailowna, ist das Eingemachte fertig?« sagte Lewin
+lächelnd zu Agathe Michailowna, mit dem Wunsche sie heiter zu stimmen.
+»Geht es gut nach der neuen Mode?«
+
+»Muß wohl; es geht gut. Nach meiner Meinung ist es fertig.«
+
+»Es ist besser so, Agathe Michailowna; das Eingemachte wird nicht sauer
+und bei uns ist das Eis jetzt ohnehin schon gethaut, so daß es keinen
+Platz zum Aufbewahren giebt,« sagte Kity, sogleich die Absicht ihres
+Mannes durchschauend und sich in der nämlichen Absicht an die Alte
+wendend. »Übrigens ist Euer Pökel so gut, daß Mama behauptet, ihn noch
+nirgends so gegessen zu haben,« fügte sie hinzu, sich lächelnd einen
+Zopf ordnend.
+
+Agathe Michailowna blickte grollend Kity an.
+
+»Ihr braucht mich nicht zu trösten, Herrin; ich beurteile Euch, wie er,
+und befinde mich wohl dabei« -- sprach sie; der rauhe Ausdruck »er«
+statt »der Herr« verletzte Kity.
+
+»Wir wollen zusammen nach Pilzen gehen, Ihr könnt uns die Plätze
+zeigen.« Agathe Michailowna lächelte kopfschüttelnd, als wollte sie
+sagen »wenn ich Euch auch gern gram sein möchte, so kann ich es doch
+nicht.«
+
+»Handelt, bitte, nach meinem Rate,« sprach die alte Fürstin, »über das
+Eingemachte legt Ihr ein Papier und feuchtet es mit Rum an; auch ohne
+Eis wird alsdann niemals ein Kahm darauf kommen.«
+
+
+ 3.
+
+Kity war herzlich froh über die Gelegenheit, mit ihrem Gatten einmal
+Auge in Auge allein sein zu können, da sie bemerkt hatte, wie ein
+Schatten der Verstimmung über sein Alles so lebhaft ausdrückendes
+Gesicht huschte, im Augenblicke da er die Terrasse betreten und man
+ihm, als er gefragt hatte, wovon man spreche, nicht antwortete.
+
+Als sie zu Fuß den anderen vorausgingen und außer Sehweite des Hauses
+den ausgefahrenen, staubigen und mit Kornähren und Körnern überstreuten
+Weg hinausschritten, stützte sie sich fester auf seinen Arm und preßte
+denselben an sich.
+
+Er hatte jenen momentanen, unangenehmen Eindruck bereits vergessen,
+und empfand, in der Einsamkeit mit ihr, jetzt, da ihn der Gedanke an
+ihre Schwangerschaft keinen Augenblick verließ, jene ihm noch neue,
+freudige, vollkommen von Sinnenlust freie Befriedigung in der Nähe des
+geliebten Weibes.
+
+Zu sprechen war nichts, aber ihn verlangte es, den Ton ihrer Stimme zu
+hören, die sich ebenso wie ihr Blick, jetzt in ihrer Schwangerschaft
+verändert hatte. In ihrer Stimme wie in ihrem Blicke war eine
+Weichheit, ein Ernst, ähnlich jener, die bei Leuten vorhanden zu sein
+pflegt, die beständig auf ein einzelnes geliebtes Werk konzentriert
+sind.
+
+»Du wirst doch nicht müde werden? Stütze dich fester,« sagte er.
+
+»Nein, ich bin so froh über die Gelegenheit, mit dir einmal allein zu
+sein, und gestehe dir, daß mir, so wohl mir auch in ihrer Gesellschaft
+ist, doch unsere Winterabende zu Zweien recht leid thun.«
+
+»Es war schön, doch dies ist noch besser. Wir beide sind besser daran,«
+sagte er, ihren Arm drückend.
+
+»Du weißt, wovon wir sprachen, als du eintratest?«
+
+»Von dem Eingemachten?«
+
+»Ja, auch von dem Eingemachten, dann aber davon, wie man einen
+Heiratsantrag macht.«
+
+»Ah,« sagte Lewin, mehr den Klang ihrer Stimme hörend, als die Worte
+die sie sprach, und fortwährend auf den Weg Bedacht nehmend, der jetzt
+im Walde hinführte und diejenigen Stellen vermeidend, die sie nicht
+sicher hätte betreten können.
+
+»Auch von Sergey Iwanowitsch und Warenka. Du hast wohl bemerkt? -- Ich
+wünschte es sehr,« fuhr sie fort, »wie denkst du darüber?« Sie blickte
+ihm ins Gesicht.
+
+»Ich weiß nicht, was man da denken muß,« antwortete Lewin und lächelte.
+»Sergey erscheint mir in dieser Beziehung sehr seltsam. Ich habe dir
+wohl erzählt« --
+
+»Daß er jenes Mädchen, welches gestorben ist, geliebt hatte« --
+
+»Das war der Fall, als ich noch ein Kind war. Ich kenne dies nur aus
+der Überlieferung, kann mich aber noch auf ihn damals besinnen. Er war
+wunderbar liebenswert. Seit jener Zeit beobachte ich ihn im Umgang mit
+den Frauen; er ist liebenswürdig, manche gefallen ihm auch, aber man
+fühlt, daß sie für ihn einfach nur Menschen sind, keine Weiber.«
+
+»Ja, aber jetzt mit Warenka. Es scheint, daß doch etwas« --
+
+»Kann sein, daß dem so ist -- doch muß man ihn eben erst kennen lernen;
+er ist ein absonderlicher und wunderlicher Mensch. Er lebt nur ein
+geistiges Leben und ist ein Mensch von allzu reinem und erhabenem
+Gemüt.«
+
+»Wie? Sollte ihn denn etwa ein solches Verhältnis erniedrigen?«
+
+»Nein; aber er ist so daran gewöhnt, ein einsames Geistesleben zu
+führen, daß er sich mit der Wirklichkeit nicht vertragen kann, und
+Warenka ist doch immerhin eine Wirklichkeit.«
+
+Lewin war jetzt schon gewohnt, seine Gedanken frei auszusprechen, ohne
+sich zu bemühen, dieselben dabei in präcise Worte zu kleiden, er wußte,
+daß sein Weib in den Minuten der Liebe, sowie auch jetzt schon aus der
+Andeutung verstehen würde, was er sagen wollte, und Kity verstand ihn
+auch.
+
+»Ja; aber in ihr ist doch nicht diese Wirklichkeit, wie in mir; ich
+verstehe; daß er mich wohl niemals hätte liebgewinnen können; sie
+hingegen ist ganz Gemüt.«
+
+»O nein; er liebt dich sehr, und mir ist es stets so angenehm, wenn die
+Meinigen dich lieb haben.«
+
+»Ja; er ist gut gegen mich, aber« --
+
+»-- nicht so, wie mit dem verstorbenen Nikolay; ihr habt einander
+liebgewonnen,« vollendete Lewin. »Weshalb sollte ich das nicht sagen?«
+fügte er hinzu, »ich mache mir manchmal Vorwürfe, und das hört erst
+damit auf, daß man vergißt. O, welch ein furchterweckender, und doch
+reizvoller Mensch war er! Doch wovon sprachen wir?« sagte Lewin,
+nachdem er eine Weile geschwiegen hatte.
+
+»Du denkst, daß er nicht zu lieben vermag,« sagte Kity, in ihre Sprache
+übersetzend.
+
+»Nicht, daß er nicht lieben könnte,« antwortete Lewin lächelnd, »aber
+er besitzt nicht die Schwäche, die dazu nötig ist -- ich habe ihn stets
+beneidet und selbst jetzt, wo ich doch so glücklich bin, beneide ich
+ihn noch darum.«
+
+»Du beneidest ihn, weil er nicht lieben kann?«
+
+»Ich beneide ihn darum, daß er besser ist, als ich,« antwortete Lewin
+lächelnd. »Er lebt nicht für sich; sein ganzes Leben ist der Pflicht
+geweiht, und infolge dessen kann er ruhig und zufrieden sein.«
+
+»Und du?« frug Kity mit schelmischem, liebevollem Lächeln.
+
+Sie konnte nicht im entferntesten den Gedankengang ausdrücken, der sie
+lächeln machte; aber das letzte Resultat desselben war dies, daß ihr
+Gatte, von seinem Bruder entzückt, und sich vor demselben herabsetzend,
+nicht mehr aufrichtig blieb.
+
+Kity wußte, daß diese Heuchelei seinerseits von der Liebe zu dem Bruder
+herrührte, von dem Gefühl seiner Besorgtheit darüber, daß er allzu
+glücklich sei, und insbesondere seinem Wunsche, der ihn nie verließ,
+besser zu sein. Sie liebte dies an ihm und lächelte daher.
+
+»Und du? Womit bist du unzufrieden?« frug sie mit dem nämlichen Lächeln.
+
+Ihr Mißtrauen seiner Unzufriedenheit mit sich selbst gegenüber,
+erfreute ihn und ohne Besinnen forderte er sie heraus, ihm die Ursachen
+ihres Mißtrauens mitzuteilen.
+
+»Ich bin glücklich, aber mit mir nicht zufrieden,« sprach er.
+
+»So kannst du also unzufrieden sein, wenn du glücklich bist?«
+
+»Wie soll ich sagen. Ich wünsche in meinem Herzen nichts, als daß du
+nicht strauchelst; so darf man natürlich nicht springen!« brach er das
+Gespräch ab, mit einem Vorwurf, weil sie eine zu schnelle Bewegung
+gemacht hatte, indem sie über einen auf dem Fußwege liegenden Ast
+weggestiegen war, »wenn ich über mich Betrachtungen anstelle und mich
+mit anderen vergleiche, besonders mit meinem Bruder, dann fühle ich,
+daß ich ein Nichts bin.«
+
+»Aber inwiefern denn?« fuhr Kity noch mit dem nämlichen Lächeln fort,
+»wirkst du etwa nicht auch für andere? Und deine Meiereien, deine
+Ökonomie, dein Buch?«
+
+»Nein; ich fühle es namentlich jetzt -- und du bist schuld daran,«
+sagte er, ihr den Arm pressend, »daß dem eben nicht so ist. Ich arbeite
+nur so leichthin. Wenn ich all dieses Wirken lieben könnte, wie ich
+dich liebe -- aber so habe ich die ganze letzte Zeit gearbeitet, wie
+nach einer mir aufgegebenen Lektion.«
+
+»Und was würdest du da über Papa sagen,« frug Kity; »er ist jedenfalls
+auch nichts wert, weil er nichts für das Allgemeine gewirkt hat.«
+
+»Er? Nein. Aber man muß jene Natürlichkeit, Klarheit, Güte besitzen,
+wie dein Vater. Habe ich die etwa? Ich arbeite nicht, ich quäle mich
+nur, und alles das hast du mir zugefügt! Wärest du nicht gewesen, so
+wäre auch das da noch nicht,« sagte er, mit einem Blick auf ihren
+Körper, den sie verstand, »so würde ich alle meine Kräfte auf die
+Arbeit verwenden; jetzt aber kann ich dies nicht, und darüber ist mir
+das Herz schwer; ich arbeite wie man eine aufgegebene Lektion lernt,
+ich heuchle« --
+
+»Nun, dann würdest du dich sogleich mit Sergey Iwanowitsch
+ausgewechselt wünschen,« sagte Kity. »Würdest wünschen, jene
+gemeinnützige Thätigkeit betreiben, und jene aufgegebene Lektion lieben
+zu können, wie er sie liebt, und weiter nichts?«
+
+»Natürlich nicht,« antwortete Lewin. »Im übrigen bin ich ja so
+glücklich, daß ich nichts weiter begreife. Du denkst also, daß er ihr
+heute schon seinen Antrag machen wird?« fügte er nach einer Pause hinzu.
+
+»Ich denke, vielleicht aber wird er's auch nicht. Jedenfalls wünsche
+ich es aufs Sehnlichste. Da, halt« -- sie beugte sich nieder und
+pflückte am Rande des Weges eine wilde Kamille ab. »Nun zähle: Entweder
+erklärt er sich heute, oder er erklärt sich nicht,« sprach sie und
+reichte ihm die Blume.
+
+»Er thut es, er thut es nicht,« sagte Lewin, die weißen, schmalen
+langen Blätter abreißend.
+
+»Nein, nein!« hemmte ihn Kity jetzt, seine Hand erfassend, nachdem sie
+seinen Fingern voll Erregung gefolgt war. »Du hast zwei abgerissen!«
+
+»Nun, dafür kommt dann dieses kleine hier nicht mit in Anrechnung,«
+antwortete Lewin, ein kurzes, noch nicht entwickeltes Blättchen
+abpflückend, »doch da hat uns der Wagen erreicht.«
+
+»Bist du nicht ermüdet Kity!« rief die Fürstin.
+
+»Nicht im geringsten!«
+
+»So setze dich doch in den Wagen, wenn die Pferde ruhig sind, und fahrt
+Schritt.«
+
+Doch in den Wagen zu steigen, hätte keinen Zweck mehr gehabt; man war
+schon dem Ziel nahe und alles ging zu Fuß weiter.
+
+
+ 4.
+
+Warenka mit ihrem weißen Tuch auf dem schwarzen Haar, von den Kindern
+umringt, und gutherzig und heiter mit ihnen beschäftigt, erschien,
+augenscheinlich aufgeregt durch die Möglichkeit einer Erklärung mit dem
+Manne, welcher ihr gefallen hatte, sehr anziehend.
+
+Sergey Iwanowitsch schritt neben ihr hin und ließ nicht nach, ihr
+Aufmerksamkeiten zu erweisen. Sie anblickend, rief er sich alle die
+freundlichen Worte ins Gedächtnis zurück, die er von ihr vernommen
+hatte, alles, was er von ihr Gutes wußte, und erkannte dabei immer mehr
+und mehr, daß das Gefühl, welches er für sie empfand, ein gewisses
+besonderes war, das er schon lange vorher nur einmal gehegt hatte in
+seiner ersten Jugend. Das Gefühl der Freude über ihre Nähe wurde immer
+stärker, und ging so weit, daß er, als er ihr einen von ihm gefundenen
+Birkenschwamm auf dünnem Stengel in ihren Korb gab, und die Röte der
+freudigen und zugleich ängstlichen Aufregung gewahrte, die ihr Gesicht
+überdeckte, selbst in Verwirrung geriet, und ihr schweigend zulächelte,
+in einer Weise, die nur zu sprechend war.
+
+»Wenn dem so ist,« sagte er zu sich, »muß ich erwägen und mich
+entscheiden, aber mich nicht wie ein Knabe der Verleitung des
+Augenblickes hingeben. Ich werde jetzt abgesondert von allen, Pilze
+suchen gehen, da sonst meine Ausbeute nicht bemerkenswert ausfallen
+wird,« sprach er und ging allein vom Rande des Waldes, an welchem
+sie auf dem seidenartigen, niedrigen Grase zwischen vereinzelten
+alten Birken hingeschritten waren, nach der Mitte des Waldes zu, wo
+zwischen den weißen Birkenstämmen graue Eschen und dunkle Nußbüsche
+schimmerten. Nachdem er vierzig Schritt abseits gegangen war und einen
+in voller Blüte rosenrot prangenden Busch erreicht hatte, blieb Sergey
+Iwanowitsch stehen, da er wußte, daß man ihn nicht mehr sehen könne.
+
+Rings um ihn herrschte vollkommene Stille. Nur im Wipfel der Birken,
+unter welchen er stand, summten gleich einem Bienenschwarm, ohne zu
+verstummen, die Fliegen, und vereinzelt klangen auch die Stimmen
+der Kinder bis zu ihm. Plötzlich, unweit des Waldrandes, erklang
+die Altstimme Warenkas, die Grischa rief, und ein freudiges Lächeln
+trat auf die Züge Sergey Iwanowitschs. Seines Lächelns inne werdend,
+schüttelte er mißbilligend den Kopf über seinen Zustand, holte das
+Cigarrenetuis hervor und begann zu rauchen. Lange gelang es ihm
+nicht, das Zündholz an einem Fichtenstamm in Brand zu setzen. Eine
+feine Schicht der weißen Rinde haftete auf dem Phosphor und das Feuer
+erlosch. Endlich brannte eines der Zündhölzer und der duftige Rauch
+der Cigarre verbreitete sich wie ein hin und her wallendes, breites
+Tischtuch scharfbegrenzt vor- und rückwärts über dem Busch unter den
+herniederhängenden Zweigen der Birke. Mit den Augen den Streifen des
+Rauches folgend, ging Sergey Iwanowitsch leisen Schrittes weiter, über
+seine seelische Verfassung nachdenkend.
+
+»Warum sollte ich nicht?« dachte er. »Wäre es ein Strohfeuer oder
+ein leidenschaftlicher Rausch, fühlte ich nur diese Neigung, diese
+wechselseitige Neigung -- ich kann sagen >wechselseitige< -- und fühlte
+ich dabei, daß sie im Widerspruch mit meiner ganzen Art zu leben --
+fühlte ich, daß ich in der Hingabe an diese Neigung meinen Beruf, meine
+Pflicht verletzte, -- aber dies ist nicht der Fall! Das Einzige, was
+ich dagegen sagen kann, ist dies, daß ich, als ich Maria verlor, mir
+sagte, ich wollte ihrem Angedenken getreu bleiben. Dies Eine nur kann
+ich gegen mein Gefühl einwenden; >und das ist wichtig,<« sagte Sergey
+Iwanowitsch zu sich, zugleich dabei empfindend, daß dieser Gedanke
+für ihn persönlich keine Bedeutung weiter habe, als die, daß er etwa
+in den Augen anderer Leute seine poetische Rolle verdarb. »Abgesehen
+hiervon, werde ich, soviel ich auch suchen mag, nichts finden, was ich
+gegen meine Empfindung einzuwenden hätte. Hätte ich allein mit meinem
+Verstande gewählt, ich könnte nichts Besseres finden.«
+
+So viele Frauen und Mädchen aus seiner Bekanntschaft er sich auch
+vergegenwärtigen mochte, er konnte sich keiner Jungfrau erinnern, die
+bis zu solchem Grade alle, gerade alle diejenigen Eigenschaften in sich
+vereinigte, welche er bei kühler Beurteilung einmal in seinem Weibe zu
+sehen gewünscht hätte.
+
+Sie besaß den ganzen Reiz und die Frische der Jugend, war aber kein
+Kind mehr, und wenn sie ihn liebte, liebte sie ihn mit Bewußtsein, so
+wie ein Weib lieben muß. Dies war das Eine.
+
+Ein Zweites lag darin, daß sie nicht nur der Weltlichkeit fern stand,
+sondern offenbar einen Ekel vor der Welt empfand, sie zugleich aber
+doch kannte, und alle die Manieren der Frau aus der guten Gesellschaft
+besaß, ohne welche für Sergey Iwanowitsch eine Lebensgefährtin
+undenkbar war.
+
+Ein Drittes bestand darin, daß sie religiös war; doch nicht wie ein
+Kind, religiös, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, und gut wie
+beispielsweise Kity; sondern ihr Leben war auf religiösen Überzeugungen
+begründet. Selbst bis auf Kleinigkeiten fand Sergey Iwanowitsch in ihr
+alles, was er von einer Frau wünschte; sie war arm und stand allein; so
+daß sie keinen Haufen von Verwandten und deren Einfluß mit in das Haus
+des Mannes schleppte, so, wie er das bei Kity sah; sie mußte vielmehr
+ihrem Gatten in allem verpflichtet sein, was er auch immer für sein
+künftiges Familienleben gewünscht hätte.
+
+Und dieses Mädchen nun, welches alle jene Eigenschaften in sich
+vereinte, liebte ihn. Er war bescheiden, mußte dies aber doch
+wahrnehmen -- und liebte sie wieder. -- Den einzigen Gegengrund
+bildeten seine Jahre. Doch seine Konstitution war dauerhaft, er hatte
+noch kein einziges graues Haar, niemand maß ihm vierzig Jahre bei und
+er entsann sich, daß Warenka gesagt hatte, nur in Rußland hielten sich
+die Leute von fünfzig Jahren für Greise, während sich in Frankreich
+der fünfzigjährige Mann »=dans la force de l'âge=« erachte, ja, der
+vierzigjährige als »=un jeune homme=«.
+
+Aber was bedeutete die Altersrechnung, da er sich jung an Geist fühlte,
+so wie er es vor zwanzig Jahren gewesen? War denn nicht Jugend das
+Gefühl, welches er jetzt empfand, da er, auf der anderen Seite wieder
+zu dem Rande des Waldes hinaustretend, im hellen Glanz der schrägen
+Sonnenstrahlen die graziöse Gestalt Warenkas im gelben Kleid und
+mit dem Körbchen, leichten Schrittes an dem Stamm einer alten Birke
+vorüberschreitend erblickte, und der Eindruck dieser Erscheinung
+Warenkas in Eins zusammenfloß mit dem ihn durch seine Schönheit
+frappierenden Anblick des von den schrägen Lichtstrahlen übergossenen,
+gelbschimmernden Haferfeldes und des alten fernen Waldes hinter dem
+Felde, der, mit Gelb ins Bunte spielend, in blauer Ferne verschwamm?
+
+Sein Herz zog sich zusammen vor Lust, ein Gefühl des Friedens überkam
+ihn, und er empfand, daß er einen Entschluß gefaßt hatte.
+
+Warenka, welche sich soeben niedergelassen hatte, um einen Pilz
+aufzunehmen, erhob sich mit schneller Bewegung und schaute sich um.
+Die Cigarre wegwerfend, begab sich Sergey Iwanowitsch mit schnellen
+Schritten auf sie zu.
+
+
+ 5.
+
+»Barbara Andrejewna, als ich noch sehr jung war, hatte ich mir ein
+Ideal vom Weib gebildet, wie ich es einmal lieben wollte und welches
+mein Weib nennen zu können, ich glücklich sein würde. Ich habe nun ein
+langes Leben gelebt und begegne jetzt zum erstenmal dem, was ich suche,
+in Euch. Ich liebe Euch und trage Euch meine Hand an.« --
+
+Sergey Iwanowitsch hatte dies zu sich selbst gesagt, während er noch
+zehn Schritte von Warenka entfernt war. Auf den Knieen liegend, und mit
+den Händen einen Pilz vor Grischa schützend, rief sie die kleine Mascha.
+
+»Hierher, hierher; ihr Kleinen! Hier sind viel!« rief sie mit ihrer
+milden Bruststimme.
+
+Als sie den Sergey Iwanowitsch herankommen sah, erhob sie sich nicht,
+veränderte auch ihre Stellung nicht; alles aber sagte ihm, daß sie sein
+Kommen fühle und sich dessen freue.
+
+»Habt Ihr denn etwas gefunden?« frug sie unter ihrem weißen Tuch
+hervor, ihm das schöne, ruhig lächelnde Antlitz zukehrend.
+
+»Nicht einen einzigen,« sagte Sergey Iwanowitsch, »und Ihr?«
+
+Sie antwortete ihm nicht, mit den Kindern beschäftigt, die sie
+umringten.
+
+»Noch diesen, neben dem Zweige da,« wies sie der kleinen Mascha einen
+kleinen eßbaren Erdschwamm, dessen elastischer roter Hut quer von einem
+trockenen Grase durchschnitten war, unter dem er sich hervorgemacht
+hatte.
+
+Warenka erhob sich, als Mascha den Pilz, den sie in zwei Hälften
+zerbrochen hatte, aufgenommen hatte.
+
+»Dies ruft mir meine eigene Kindheit ins Gedächtnis,« fügte sie hinzu,
+an der Seite Sergey Iwanowitschs von den Kindern hinwegschreitend.
+
+Sie gingen schweigend einige Schritte. Warenka sah, daß er sprechen
+wollte; sie vermutete auch, was, und erstarrte fast in freudiger
+Erregung und Angst. Beide waren so weit hinweg geschritten, daß sie
+niemand mehr vernehmen konnte, aber noch begann er nicht zu sprechen.
+Für Warenka wäre es besser gewesen, zu schweigen. Nach einigem
+Stillschweigen war es leichter, das zu sagen, was sie sagen wollte,
+als nach den Worten über die Pilze, aber gegen ihren Willen, gleichsam
+wider Erwarten, sprach sie:
+
+»So habt Ihr also nichts gefunden? Inmitten des Waldes giebt es
+allerdings stets weniger.«
+
+Sergey Iwanowitsch seufzte und erwiderte nichts. Es war ihm
+verdrießlich, daß sie wieder von den Pilzen anfing. Hatte er sie doch
+auf ihre ersten Worte, die sie über ihre Kindheit gesagt hatte, führen
+wollen. Gleichsam wider seinen Willen, äußerte er nun, nachdem er
+einige Zeit geschwiegen, eine Bemerkung zu ihren letzten Worten.
+
+»Ich habe nur gehört, daß die weißen vorzugsweise am Rande stehen,
+obwohl ich den weißen nicht zu unterscheiden verstehe.«
+
+Wieder vergingen einige Minuten; sie gingen noch weiter von den Kindern
+hinweg und waren jetzt vollständig allein. Das Herz Warenkas pochte so
+stark, daß sie seine Schläge vernahm, und empfand, daß sie errötete,
+blaß wurde und wieder errötete.
+
+Die Frau eines Mannes wie Koznyscheff zu sein, nach ihrer Stellung
+bei Madame Stahl, erschien ihr als Gipfel des Glücks. Dann aber war
+sie auch fest überzeugt, daß sie ihn liebe; und dies sollte nun bald
+entschieden werden. Ihr war furchtbar zu Mut; furchtbar, daß er
+sprechen würde, furchtbar, daß er nicht sprach.
+
+Jetzt oder nie mußte man sich erklären; und dies empfand auch Sergey
+Iwanowitsch. Alles, im Blick, in der Röte ihres Gesichts, in den
+niedergeschlagenen Augen Warenkas, zeigte ihm ihre schmerzliche
+Erwartung. Sergey Iwanowitsch sah es und empfand Mitleid mit ihr. Er
+fühlte sogar, daß es sie bedeutend verletzt haben würde, wenn er jetzt
+nicht sprach. Er wiederholte nun schnell im Geiste die Gründe, die
+für seinen Entschluß sprachen, er wiederholte die Worte, mit welchen
+er seinen Antrag ausdrücken wollte; anstatt dieser Worte aber frug er
+infolge einer ihn unerwartet überkommenden Idee plötzlich:
+
+»Welcher Unterschied ist denn zwischen einem weißen Pilz und einem
+Birkenschwamm?«
+
+Die Lippen Warenkas bebten vor Erregung, als sie antwortete: »In den
+Köpfen ist fast gar kein Unterschied, nur im Stengel.«
+
+Und kaum waren diese Worte gesagt, so hatte er wie sie erkannt, daß
+alles vorüber war; daß das, was hätte gesagt werden müssen, nun nicht
+gesagt werden würde, und die gemeinsame Erregung, die auf den höchsten
+Grad gestiegen war, begann sich zu legen.
+
+»Der Birkenpilz -- sein Stengel -- erinnert an einen seit zwei Tagen
+nicht rasierten Bart eines Brünetten,« sagte Sergey Iwanowitsch, schon
+ruhig geworden.
+
+»Ja, es ist wahr,« antwortete Warenka lächelnd; unwillkürlich hatte
+sich die Richtung ihrer Promenade verändert. Sie begannen sich den
+Kindern wieder zu nähern. Warenka war es schmerzlich zu Mute, und
+sie empfand Scham, zugleich aber auch verspürte sie ein Gefühl der
+Erleichterung.
+
+Als Sergey Iwanowitsch heimgekehrt war und alle seine Beweisgründe
+wiederum durchmusterte, fand er, daß er falsch spekuliert hatte. Er
+konnte an dem Gedächtnis Marias nicht Verrat üben.
+
+»Stiller, Kinder, seid stiller!« rief Lewin fast zornig den Kindern zu,
+vor seinem Weibe stehend, um es zu schützen, als der Haufe der Kinder
+mit Freudengeschrei ihnen entgegenflog.
+
+Nach den Kindern war auch Sergey Iwanowitsch mit Warenka aus dem Walde
+gekommen. Kity brauchte Warenka nicht zu fragen; an dem ruhigen und
+etwas kühlen Ausdruck auf beider Gesichtern erkannte sie, daß sich ihre
+Pläne nicht verwirklicht hatten.
+
+»Nun, wie steht es?« frug ihr Gatte sie, als sie wieder nach Hause
+zurückgekehrt waren.
+
+»Er nimmt sie nicht,« sagte Kity, in Lächeln und Sprachweise an den
+Vater gemahnend, was Lewin häufig mit Vergnügen an ihr wahrnahm.
+
+»Warum sollte er nicht?« --
+
+»So steht es,« sprach sie, die Hand des Gatten ergreifend, sie an ihren
+Mund führend und mit geschlossenen Lippen berührend; »so wie man die
+Hand des Priesters küßt.«
+
+»Wer aber mag denn wohl nicht?« sagte er lachend.
+
+»Beide. -- Sie müßten so hier« --
+
+»Es kommen Bauern vorüber« --
+
+»Sie haben nichts gesehen.« --
+
+
+ 6.
+
+Während die Kinder den Thee erhielten, saßen die Erwachsenen auf dem
+Balkon und unterhielten sich, als sei nichts vorgefallen, obwohl doch
+alle und insbesondere Sergey Iwanowitsch und Warenka, recht gut wußten,
+daß sich ein wenn auch negativer, so doch sehr wichtiger Umstand
+ereignet hatte.
+
+Sie empfanden beide das nämliche Gefühl, ähnlich dem, welches wohl
+ein Schüler haben mag, der nach einem mißglückten Examen in der alten
+Klasse zurückgeblieben, oder für immer aus der Anstalt ausgewiesen
+worden ist. Alle Anwesenden, gleichfalls empfindend, daß etwas
+geschehen sei, sprachen lebhaft von Nebendingen.
+
+Lewin und Kity fühlten sich besonders glücklich und liebeerfüllt an
+diesem Abend. Daß sie glücklich waren in ihrer Liebe, das schloß
+freilich einen unangenehmen Wink für diejenigen in sich, welche es
+ebenfalls sein wollten und nicht konnten -- und hieraus machten sie
+sich ein Gewissen.
+
+»Denkt an mein Wort, =Alexandre= wird nicht kommen,« sagte die alte
+Fürstin.
+
+Am heutigen Abend erwartete man Stefan Arkadjewitsch von der Bahn, und
+auch der alte Fürst hatte geschrieben, daß er vielleicht gleichfalls
+kommen werde.
+
+»Ich weiß, woher es kommt,« fuhr die Fürstin fort, »er sagt, man müsse
+junge Leute in der ersten Zeit allein lassen.«
+
+»So hat Papa auch uns gelassen. Wir haben ihn noch nicht
+wiedergesehen,« sagte Kity, »und was wären wir denn für junge Eheleute?
+Wir sind doch schon so alt!«
+
+»Nun, wenn er nicht kommt, muß ich euch verlassen, Kinder,« sprach die
+Fürstin, bekümmert seufzend.
+
+»Was ist dir, Mama?« fielen ihr beide Töchter ins Wort. »Bedenke doch,
+sein Befinden -- wir sind doch jetzt« --
+
+-- Die Stimme der alten Fürstin begann plötzlich und unverhofft zu
+schwanken. Die Töchter verstummten und blickten sich gegenseitig an.
+»=Maman= findet stets eine rührende Seite für sich,« sagten sie mit
+diesem Blick. Sie wußten nicht, daß, so wohl sich auch die Fürstin
+bei ihrer Tochter befand, so notwendig sie sich für diese auch hier
+fühlte, es ihr gleichwohl qualvoll traurig zu Mute war, ihr, wie ihrem
+Gatten, seit der Zeit, seit welcher sie ihre letzte geliebte Tochter
+verheiratet hatten, und das elterliche Heim verödet war.
+
+»Was ist Euch, Agathe Michailowna?« frug Kity plötzlich die mit
+geheimnisvoller Miene und bedeutungsvollem Gesicht stehen gebliebene
+Agathe Michailowna.
+
+»Die Bestimmung für das Abendessen.«
+
+»Schön so,« sagte Dolly, »gehe du, um deine Verfügungen zu treffen, ich
+will mit Grischa dessen Lektion wiederholen; er hat ohnehin heute noch
+nichts gethan.«
+
+»Laß mich doch diese Lektion geben! Nein, Dolly, ich will gehen« --
+sagte Lewin aufspringend.
+
+Grischa, welcher bereits das Gymnasium besuchte, mußte im Sommer
+seine Lektionen repetieren. Darja Aleksandrowna, welche schon in
+Moskau mit ihrem Sohne zugleich die lateinische Sprache gelernt hatte,
+hatte es sich, nachdem sie zu Lewin gekommen war, zum Gesetz gemacht,
+mit ersterem die schwierigsten Lektionen im Lateinischen und der
+Arithmetik, wenigstens einmal täglich, zu repetieren.
+
+Lewin hatte sich erboten, sie abzulösen, aber die Mutter, welche einmal
+den Unterricht Lewins mit angehört, und bemerkt hatte, daß derselbe
+nicht so erteilt würde, wie der Lehrer in Moskau repetierte, so
+erklärte sie ihm, verlegen und sich bemühend, Lewin nicht zu verletzen,
+bestimmt, daß man nach dem Buche so vorgehen müsse, wie der Lehrer, und
+daß sie dies am liebsten wohl selbst wieder thun möchte.
+
+Lewin ereiferte sich über Stefan Arkadjewitsch, weil dieser in seiner
+Sorglosigkeit sich nicht selbst mit der Überwachung des Unterrichts
+befaßte, sondern die Mutter, welche doch nichts davon verstand,
+und ferner auch über die Lehrer, weil sie die Kinder so schlecht
+unterrichteten; seiner Schwägerin aber gab er das Versprechen, daß er
+den Unterricht so geben wolle, wie sie es wünschte. Er ging daher mit
+Grischa nicht mehr nach seiner Methode weiter, sondern nach dem Buche,
+und daher mit Widerwillen und häufig die Lehrzeit vergessend.
+
+So war es auch heute.
+
+»Nein, ich gehe, Dolly, bleib du sitzen,« sagte er; »wir werden schon
+alles machen, wie es der Ordnung gemäß ist, nach dem Buche. Sobald
+Stefan gekommen ist, wollen wir zur Jagd gehen; wir werden uns dann
+schon die Zeit vertreiben.«
+
+Lewin begab sich zu Grischa.
+
+Das Nämliche sagte Warenka zu Kity. Warenka hatte es verstanden, sich
+in dem glücklichen, wohlbestellten Haus der Lewin nützlich zu machen.
+
+»Ich will das Abendessen bestellen, Ihr aber bleibt nur sitzen,« sagte
+sie und erhob sich, um zu Agathe Michailowna zu gehen.
+
+»Man hat wohl keine jungen Hühner gefunden. Denn« -- sagte Kity.
+
+»Ich werde schon mit Agathe Michailowna überlegen« -- und Warenka
+verschwand mit dieser.
+
+»Welch ein liebes Mädchen,« sagte die Fürstin.
+
+»Nicht lieb, =Maman=, reizend, wie es keines weiter giebt.«
+
+»So erwartet Ihr also heute Stefan Arkadjewitsch?« sprach Sergey
+Iwanowitsch, der augenscheinlich das Gespräch über Warenka nicht
+fortzusetzen wünschte. »Es dürfte schwer sein, zwei Schwager zu finden,
+die einander weniger ähnlich wären,« sagte er mit feinem Lächeln. »Der
+Eine beweglich, nur in der Gesellschaft lebend wie ein Fisch im Wasser;
+der Andere, unser Konstantin, lebhaft, schnell, empfänglich für alles;
+aber sobald er in der Gesellschaft ist, erstirbt er, oder schlägt sich
+sinnlos wie ein Fisch auf dem Lande.«
+
+»Ja, er ist sehr unüberlegt,« sagte die Fürstin, sich zu Sergey
+Iwanowitsch wendend, »ich wollte Euch eben bitten, ihm zu sagen,
+daß sie,« sie wies auf Kity, »unmöglich hier bleiben kann, sondern
+jedenfalls nach Moskau kommen muß. Er sagt, er würde einen Arzt
+verschreiben« --
+
+»=Maman=, er thut alles und ist mit allem einverstanden,« antwortete
+Kity, voll Verdruß über die Mutter, weil sie in dieser Angelegenheit
+Sergey Iwanowitsch zum Richter berief.
+
+Mitten in ihrer Unterhaltung wurde in der Allee das Schnauben von
+Pferden und das Geräusch von Rädern auf dem Schotter vernehmbar.
+
+Dolly hatte sich noch nicht erhoben, um ihrem Mann entgegenzugehen,
+als Lewin aus dem Fenster des Zimmers, in welchem Grischa lernte,
+hinabsprang und Grischa heruntersetzte.
+
+»Es ist Stefan!« rief Lewin unter dem Balkon hinauf, »wir sind fertig
+Dolly; fürchte nichts!« fügte er hinzu, und begann wie ein Knabe, der
+Equipage entgegenzurennen.
+
+»=Is, ea id, eius eius eius=,« schrie Grischa, auf der Allee
+hinspringend.
+
+»Und noch jemand ist mit! Wahrscheinlich der Papa!« rief Lewin, am
+Eingang der Allee stehen bleibend. »Kity geh nicht zu der steilen
+Treppe herunter!«
+
+Lewin irrte indes, wenn er den, der noch im Wagen saß, für den alten
+Fürsten gehalten hatte. Als er dem Wagen näher kam, erkannte er neben
+Stefan Arkadjewitsch nicht den Fürsten, sondern einen rot aussehenden,
+wohlbeleibten, jungen Mann in schottischer Mütze mit langen
+Bandstreifen hinten hinunter.
+
+Dies war Wasjenka Wjeslowskij, ein Vetter im dritten Gliede von den
+Schtscherbazkiy, und ein in Petersburg und Moskau glänzender junger
+Mann, »ein ausgezeichneter Mensch und leidenschaftlicher Jäger«, wie
+ihn Stefan Arkadjewitsch vorstellte.
+
+Durchaus nicht verlegen über die Enttäuschung, die er hervorrief,
+indem er mit seiner Person die des alten Fürsten vertrat, begrüßte
+Wjeslowskij Lewin heiter, an die alte Bekanntschaft erinnernd, und
+Grischa in den Wagen hebend, setzte er denselben an des Pointeurs
+Stelle, den Stefan Arkadjewitsch mitgebracht hatte, weiterfahrend.
+
+Lewin setzte sich nicht mit in den Wagen, sondern ging hinterdrein.
+Er war verdrießlich, daß der alte Fürst nicht mitgekommen war, den
+er umsomehr liebte, je mehr er ihn kennen lernte, sowie darüber, daß
+dieser Wasjenka Wjeslowskij, ein vollständig fremder und überflüssiger
+Mensch erschienen war. Derselbe kam ihm um so fremder und überflüssiger
+vor, als er, indem Lewin zur Freitreppe schritt, auf welcher sich der
+ganze lebhafte Trupp der Erwachsenen und Kinder versammelt hatte,
+bemerkte, wie Wasjenka Wjeslowskij mit besonderer Zärtlichkeit und
+galanter Miene Kity die Hand küßte.
+
+»Aha, wir sind ja Cousins mit Eurer Frau und alte Bekannte,« sagte
+Wasjenka Wjeslowskiy, die Hand Lewins wiederholt außerordentlich stark
+drückend.
+
+»Nun, giebt es viel Wild hier?« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an
+Lewin, der kaum mit der Begrüßung eines jeden fertig wurde. »Ich und
+der da, wir haben die ernstesten Absichten. Nun =maman=, seit dem
+letzten Male nicht wieder in Moskau gewesen! Tanja, für dich habe ich
+Etwas! Hole dir's, im Wagen, hinten,« so sprach er nach allen Seiten.
+»Wie du dich erholt hast, Dollchen,« sagte er zu seiner Frau, ihr
+nochmals die Hand küssend, indem er dieselbe in der seinen hielt und
+sie von oben mit der andern sanft pätschelte.
+
+Lewin, eine Minute zuvor noch in der heitersten Stimmung gewesen,
+blickte jetzt finster auf alle; es gefiel ihm jetzt nichts mehr.
+
+»Wen mag er gestern mit diesen Lippen da geküßt haben?« dachte er, die
+Zärtlichkeit Stefan Arkadjewitschs für seine Gattin sehend. Er schaute
+Dolly an, und auch sie gefiel ihm nicht. »Sie glaubt doch nicht an
+seine Liebe. Weshalb ist sie denn so erfreut? -- Widerlich,« dachte
+Lewin.
+
+Er schaute auf die Fürstin, die einen Augenblick zuvor noch so
+liebenswürdig mit ihm gewesen war, und es gefiel ihm die Art und Weise
+nicht, mit welcher sie diesen Wasjenka mit seinen Bändern bewillkommte,
+als lüde sie ihn in ihr eigenes Haus.
+
+Selbst Sergey Iwanowitsch, der gleichfalls auf die Freitreppe
+herausgetreten war, erschien ihm unangenehm mit jener geheuchelten
+Freundlichkeit, mit der er Stefan Arkadjewitsch begegnete, obwohl doch
+Lewin wußte, daß sein Bruder Oblonskiy weder liebte noch achtete.
+
+Selbst Warenka -- selbst diese war ihm zuwider, dadurch, daß sie sich
+mit ihrem Ausdruck =sainte nitouche= mit diesem Herrn da bekannt
+gemacht hatte, obwohl sie doch nur daran dachte, wie sie wohl einen
+Mann bekommen könne. Am allerverhaßtesten aber war ihm Kity, da sie
+sich dem nämlichen Tone der Heiterkeit hingab, mit welchem dieser
+Herr, wie an einem Festtag, für sich und alle, seine Ankunft auf dem
+Dorfe betrachtete, und sie war ihm ganz besonders unangenehm durch das
+eigenartige Lächeln, mit welchem sie dem seinigen antwortete.
+
+In geräuschvoller Unterhaltung gingen alle in das Haus; man hatte sich
+aber kaum niedergelassen, als Lewin sich wandte und hinausging.
+
+Kity sah, daß in ihrem Manne etwas vor sich ging. Sie wollte eine
+Minute erhaschen, um mit ihm allein zu sprechen, er aber beeilte sich,
+vor ihr fortzukommen, indem er sagte, er müsse nach dem Comptoir.
+
+Seit langem waren ihm die Wirtschaftsangelegenheiten nicht so wichtig
+erschienen, als jetzt. »Sie haben hier immer Feiertag,« dachte er,
+»hier aber giebt es Arbeiten, die nicht müßiger Natur sind, welche
+nicht warten, und ohne die man nicht existieren kann.«
+
+
+ 7.
+
+Lewin kehrte erst nach Hause zurück, als man ihn zum Abendessen hatte
+rufen lassen. Auf der Treppe stand Kity und Agathe Michailowna in der
+Beratung über die Weine für das Abendessen.
+
+»Aber wozu solchen Aufwand machen? Setzt doch vor, was es gewöhnlich
+giebt.«
+
+»Nein; Stefan trinkt nicht -- aber Konstantin, so warte doch, was ist
+denn mit dir?« rief Kity, ihm nacheilend; er aber ging unbarmherzig,
+ohne auf sie zu warten, mit großen Schritten nach dem Salon und mischte
+sich sofort in das allgemeine, lebhafte Gespräch, das hier Wasjenka
+Wjeslowskij und Stefan Arkadjewitsch unterhielten.
+
+»Nun, fahren wir morgen zur Jagd?« sagte Stefan Arkadjewitsch.
+
+»Bitte, fahren wir,« sagte Wjeslowskij, sich seitwärts auf einen
+anderen Stuhl setzend und das fette Bein unterschlagend.
+
+»Freut mich sehr, wir werden fahren. Habt Ihr schon gejagt dieses
+Jahr?« sagte Lewin zu Wjeslowskij, aufmerksam dessen Fuß betrachtend,
+aber mit erheuchelter Freundlichkeit, die Kity so gut an ihm kannte,
+und die ihm so wenig stand. »Ob wir Wachteln finden werden, weiß ich
+nicht, doch Bekassinen sind viel vorhanden; nur muß man zeitig fahren.
+Ihr seid doch nicht müde? Bist du nicht ermattet, Stefan?«
+
+»Ich ermattet? Ich bin noch nie matt gewesen. Wir wollen die ganze
+Nacht nicht schlafen! Fahren wir spazieren!«
+
+»In der That; wir wollen einmal nicht schlafen! Ausgezeichnet!« stimmte
+Wjeslowskij bei.
+
+»O, wir sind davon überzeugt, daß du nicht zu schlafen vermagst, und
+andere nicht schlafen lassen kannst,« sagte Dolly zu ihrem Gatten mit
+jener kaum bemerkbaren Ironie, mit welcher sie sich jetzt fast stets
+an ihn wandte. »Aber nach meiner Ansicht ist es jetzt schon Zeit -- ich
+will gehen, ich werde nicht zu Abend essen.« --
+
+»Nein, du bleibst sitzen, Dollchen,« rief Stefan Arkadjewitsch, auf
+ihre Seite am großen Tische hinübergehend, an welchem zu Abend gegessen
+wurde. »Ich habe dir noch soviel zu erzählen.«
+
+»In Wahrheit aber nichts.«
+
+»Weißt du, Wjeslowskij war bei Anna; und er wird wieder zu den beiden
+fahren. Sie sind freilich einige siebzig Werst weit von euch entfernt.
+Auch ich werde zweifellos einmal hinfahren. Wjeslowskij, komm doch
+hierher!«
+
+Wasjenka war zu den Damen gegangen, und hatte sich neben Kity
+niedergelassen.
+
+»Ach bitte erzählt uns doch, bitte, Ihr waret also bei ihr? Wie geht es
+ihr?« wandte sich Darja Aleksandrowna an ihn.
+
+Lewin war auf der anderen Seite des Tisches geblieben und sah, ohne in
+dem Gespräch mit der Fürstin und Warenka innezuhalten, daß zwischen
+Stefan Arkadjewitsch, Dolly, Kity und Wjeslowskij ein lebhaftes und
+geheimnisvolles Gespräch geführt wurde. Obwohl das Gespräch leise
+geführt wurde, gewahrte Lewin doch auf dem Gesicht seiner Frau den
+Ausdruck einer ernsten Empfindung, als sie unverwandt in das rote
+Gesicht Wasjenkas blickte, der lebhaft erzählte.
+
+»Es geht ihnen sehr gut,« berichtete Wasjenka von Wronskiy und Anna.
+
+»Ich natürlich möchte es nicht auf mich nehmen, zu urteilen, aber in
+ihrem Hause befindet man sich wie in der Familie.«
+
+»Was beabsichtigen sie denn zu thun?«
+
+»Wie es scheint, wollen sie für den Winter nach Moskau.«
+
+»Wie schön wäre es, wenn wir zusammen zu ihnen reisen könnten. Wann
+wirst du fahren?« frug Stefan Arkadjewitsch Wasjenka.
+
+»Ich werde den Juli bei ihnen zubringen.«
+
+»Und auch du wirst doch mitfahren?« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an
+seine Frau.
+
+»Ich habe schon lange hingewollt und werde sicher fahren,« sagte
+Dolly. »Sie thut mir leid, und ich kenne sie. Sie ist ein schönes
+Weib. Ich werde allein reisen, wenn du weggehst, und niemand dadurch
+belästigen. Es ist sogar besser, wenn du nicht da bist.«
+
+»Auch gut,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »und Kity?«
+
+»Ich? Weshalb sollte ich hinreisen?« antwortete Kity, in mächtige
+Aufregung geratend, und schaute nach ihrem Gatten.
+
+»Aber Ihr seid doch mit Anna Arkadjewna bekannt?« frug sie Wjeslowskij,
+»sie ist ein sehr anziehendes Weib.«
+
+»Ja,« antwortete sie Wjeslowskij, noch tiefer errötend, erhob sich, und
+ging zu ihrem Manne.
+
+»Du willst also morgen auf die Jagd fahren?« sagte sie.
+
+Seine Eifersucht in diesen wenigen Augenblicken war, besonders
+angesichts dieser Röte, die ihre Wangen bedeckte, als sie mit
+Wjeslowskij sprach, schon hoch gestiegen. Jetzt faßte er, indem er ihre
+Worte vernahm, diese nach seiner Weise auf. So seltsam es ihm auch
+erschien, wenn er späterhin hieran zurückdachte, jetzt schien es ihm
+klar zu sein, daß sie, wenn sie ihn frug, ob er auf die Jagd fahre, nur
+interessierte, zu erfahren, ob er Wasjenka Wjeslowskij das Vergnügen
+machen wolle, ihm, in den sie nach seiner Auffassung schon verliebt war.
+
+»Ja, ich werde fahren,« antwortete er mit unnatürlicher, ihm selbst
+abstoßend erscheinender Stimme.
+
+»Aber Ihr verbrächtet doch besser den Tag morgen hier; Dolly hat ja
+sonst ihren Mann gar nicht gesehen; übermorgen könntet Ihr fahren,«
+sagte Kity.
+
+Der Sinn dieser Worte Kitys war von Lewin bereits so gewandelt: »Trenne
+mich nicht von ihm. Daß du fährst, ist mir ganz gleichgültig, doch laß
+mich die Gesellschaft dieses reizenden jungen Mannes genießen.«
+
+»Ach, wenn du willst, so werden wir morgen zu Haus bleiben,« antwortete
+Lewin mit eigentümlicher Zuvorkommenheit.
+
+Wasjenka mittlerweile, der nicht im geringsten das Leid ahnte, welches
+seine Anwesenheit verursacht hatte, war mittlerweile nach Kity vom
+Tische aufgestanden und ihr, sie mit freundlichem lächelnden Blick
+verfolgend, nachgegangen.
+
+Lewin sah diesen Blick. Er erblich und vermochte eine Minute nicht,
+Atem zu schöpfen. »Wie kann man sich erlauben, so auf mein Weib zu
+schauen,« schäumte es in ihm.
+
+»Also morgen? Fahren wir also,« sagte Wasjenka, sich auf den
+Stuhl niederlassend und wiederum nach seiner Gewohnheit den Fuß
+unterschlagend.
+
+Die Eifersucht Lewins stieg noch höher. Er sah sich schon als
+betrogenen Gatten, den die Frau und ihr Liebhaber nur dazu brauchen,
+ihnen die Annehmlichkeiten des Lebens und Vergnügungen zu gewähren.
+Aber nichtsdestoweniger frug er Wasjenka liebenswürdig und
+gastfreundlich nach seinen Jagdzügen, seinem Gewehr, den Stiefeln und
+war einverstanden damit, morgen zu fahren.
+
+Zum Glück für Lewin kürzte die alte Fürstin seine Leiden dadurch, daß
+sie sich erhob und Kity anriet, schlafen zu gehen. Aber auch hierbei
+ging es nicht ohne einen neuen Schmerz für Lewin ab. Als sich Wasjenka
+von der Frau des Hauses verabschiedete, wollte er wiederum ihre Hand
+küssen, allein Kity sagte errötend, und mit einer naiven Herbheit,
+wegen der ihr später die alte Fürstin Vorwürfe machte, indem sie ihm
+ihre Hand entzog: »Das ist bei uns nicht üblich!«
+
+In den Augen Lewins war sie dadurch schuldig, daß sie solche
+Beziehungen überhaupt zugelassen hatte, und noch schuldiger, weil sie
+so ungeschickt bewiesen hatte, daß dieselben ihr nicht gefielen.
+
+»Was ist das für ein Vergnügen zu schlafen!« sprach Stefan
+Arkadjewitsch, nachdem er beim Abendessen einige Gläser Wein geleert
+hatte und in seine gemütliche und poetische Stimmung geraten war.
+»Sieh Kity,« sagte er, auf den hinter den Linden heraufsteigenden
+Mond weisend, »wie reizend! Wjeslowskij, das wäre etwas, wenn du eine
+Serenade singen willst. Weißt du, er hat nämlich eine großartige
+Stimme, wir haben zusammen unterwegs gesungen. Er hat schöne Romanzen
+mit, zwei neue; die könnte man mit Barbara Andrejewna singen!«
+
+ * * * * *
+
+Als sich alles schon zurückgezogen hatte, ging Stefan Arkadjewitsch mit
+Wjeslowskij noch in der Allee spazieren, und man hörte ihre Stimmen in
+der neuen Romanze.
+
+Lewin saß, den Stimmen lauschend, finster in dem Lehnstuhl im
+Schlafgemach seiner Frau und schwieg hartnäckig auf deren Fragen, was
+er denn habe; doch als sie endlich selbst schüchtern lächelnd frug:
+»hat dir etwa irgend etwas mit Wjeslowskij nicht gefallen?« da brach
+es hervor aus ihm, und er sagte alles. Das, was er aber hervorbrachte,
+kränkte ihn, und erzürnte ihn nur so noch mehr.
+
+Er stand vor ihr mit furchtbar unter den finsterzusammengezogenen
+Brauen blitzenden Augen, und preßte die starken Hände auf die Brust,
+als biete er alle seine Kräfte auf, an sich zu halten. Der Ausdruck
+seines Gesichtes wäre rauh und selbst hart gewesen, wenn nicht zugleich
+auch der Schmerz sich darauf ausgeprägt hätte, was sie rührte. Seine
+Kinnbacken knirschten und seine Stimme brach ab.
+
+»Verstehe wohl, daß ich nicht etwa eifersüchtig bin; dies ist ein
+häßliches Wort! Ich kann nicht eifersüchtig sein und glauben, daß --
+ich kann nicht sagen, was ich fühle, doch dies ist furchtbar! Ich bin
+nicht eifersüchtig, aber beleidigt, erniedrigt, dadurch, daß jemand
+wagt, zu denken -- wagt, mit solchen Augen auf dich zu blicken!« -- --
+
+»Aber mit was für Augen?« sagte Kity, sich bemühend, so gewissenhaft
+als möglich sich alle ihre Reden und Bewegungen vom heutigen Abend,
+sowie alle Schattierungen derselben ins Gedächtnis zurückzurufen.
+
+Auf dem Grund ihrer Seele fand sie, daß in jener Minute, als er ihr
+nach dem andern Ende des Tisches gefolgt war, in der That etwas
+gelegen hatte, aber sie wagte dies nicht einmal auch nur sich selbst
+einzugestehen, und entschloß sich daher um so weniger, es ihm zu sagen
+und dadurch seinen Schmerz noch zu vergrößern.
+
+»Was soll nur Anziehendes sein an mir, wie ich jetzt bin« --
+
+»Ach!« rief er, sich an den Kopf greifend; »hättest du nicht so
+gesprochen -- das heißt also, wenn du anziehend gewesen wärest« --
+
+»Mein Konstantin, halt ein, höre doch!« -- sprach sie, ihn mit
+leidendem und mitleidvollem Ausdruck anblickend. »Was denkst du nur? Wo
+es für mich doch keinen Menschen giebt, keinen, keinen! Willst du, daß
+ich niemand hier sehen soll?«
+
+In der ersten Minute war seine Eifersucht beleidigend für sie gewesen;
+es war ihr verdrießlich gewesen, daß ihr auch die kleinste Zerstreuung,
+selbst die unschuldigste, untersagt wurde; jetzt aber hätte sie sich
+gern, nicht in solchen Kleinigkeiten, sondern in allem für seine Ruhe
+geopfert, um ihn von dem Schmerz zu befreien, den er litt.
+
+»Begreife doch nur das Entsetzliche und das Komische meiner Lage,«
+fuhr er in verzweifeltem Flüsterton fort, »daß er in meinem Hause
+ist, daß er nichts Unanständiges begangen hat, abgesehen von jener
+Ungezwungenheit und dem Übereinanderschlagen seiner Füße. Er hält dies
+für den besten Ton, und demzufolge muß ich noch mit ihm liebenswürdig
+sein!«
+
+»Aber, liebster Konstantin, du übertreibst ja,« sagte Kity, in der
+Tiefe ihres Herzens erfreut über die Kraft seiner Liebe zu ihr, die
+sich jetzt in seiner Eifersucht ausdrückte.
+
+»Am Entsetzlichsten von allem ist, daß du -- jetzt so wie du es stets
+gewesen, ein Heiligtum für mich -- daß wir so glücklich gewesen sind,
+so selten glücklich -- und plötzlich konnte dieser Wicht -- nicht
+Wicht; weshalb sollte ich ihn schimpfen? -- Ich habe mit ihm nichts zu
+schaffen! Aber weshalb soll mein Glück, dein Glück« -- --
+
+»Weißt du, ich begreife, woher dies alles gekommen ist,« begann Kity.
+
+»Woher? Woher?«
+
+»Ich habe gesehen, wie du blicktest, als wir beim Abendessen sprachen.«
+
+»Nun ja, nun ja!« sagte Lewin erschreckt.
+
+Sie erzählte ihm, wovon man gesprochen hatte, und als sie es erzählte,
+kam sie vor Erregung außer Atem. Lewin verstummte, betrachtete ihr
+bleiches, angstvolles Gesicht und griff sich plötzlich an den Kopf.
+
+»Katja, ich habe dich gemartert! Mein Täubchen, verzeihe mir! Dieser
+Wahnsinn! Katja, ich bin unendlich schuldig! Kann man nur durch solche
+Thorheit sich quälen!«
+
+»Nein, du nur thust mir leid.«
+
+»Ich? Ich? Was für ein Wahnwitziger ich bin! Weshalb thue ich dir leid?
+Es ist mir entsetzlich zu denken, daß jeder fremde Mensch unser Glück
+zerstören kann.«
+
+»Natürlich! das ist eben das Kränkende« --
+
+»Nein; so werde ich ihn mit Absicht den ganzen Sommer bei uns behalten
+und mich in Liebenswürdigkeiten gegen ihn überbieten,« sprach Lewin,
+ihr die Hand küssend. »Du wirst sehen. Morgen. Ja, es ist wahr, morgen
+wollen wir fahren.«
+
+
+ 8.
+
+Am andern Tage hatten sich die Damen noch nicht erhoben, als die
+Jagdwagen schon vor der Einfahrt standen und Laska, der bereits am
+Morgen gemerkt hatte, daß es zur Jagd gehe, sich heulend und nachdem er
+sich satt getummelt hatte, in den einen der Wagen neben dem Kutscher
+setzte, welcher ärgerlich und mißlaunig über die Verspätung nach der
+Thür blickte, aus welcher die Jäger noch immer nicht herauskommen
+wollten.
+
+Zuerst erschien Wasjenka Wjeslowskij, in großen neuen Jagdstiefeln,
+welche bis zur Hälfte der dicken Schenkel gingen; in grüner Bluse,
+mit einer neuen, nach Juchten duftenden Patronentasche gegürtet und
+in seiner Bändermütze und dem neuen englischen Gewehr. Laska sprang
+ihm entgegen, begrüßte ihn, sprang an ihm empor und frug ihn auf seine
+Weise, ob bald noch die anderen herauskommen würden, kehrte aber dann,
+da er keine Antwort von ihm erhielt, auf seinen Warteposten zurück, um
+hier wieder still zu werden, den Kopf auf die Seite gewendet und das
+eine Ohr spitzend.
+
+Endlich öffnete sich kreischend die Thür, und heraus flog, sich
+wirbelnd und in der Luft drehend, Krak, der hellgescheckte Pointeur
+Stefan Arkadjewitschs, worauf dieser selbst heraustrat, die Flinte in
+den Händen und die Cigarre im Munde. Freundlich rief er seinem Hunde
+zu, der ihm die Pfoten auf Leib und Brust setzte und sich mit denselben
+in der Jagdtasche verwickelte.
+
+Stefan Arkadjewitsch war mit ledernen Schnürstücken mit untergelegten
+Strumpflappen an den Füßen, einem zerrissenen Beinkleid und einem
+kurzen Rock bekleidet. Auf dem Kopfe saß die Ruine eines Hutes, das
+Gewehr aber, nach modernstem System, war ein wahres Spielzeug und
+die Jagdtasche und Patrontasche, obwohl abgetragen, von vorzüglicher
+Qualität.
+
+Wasjenka Wjeslowskij hatte früher diese echte Jägerkoketterie
+nicht begriffen, in Lumpen zu gehen, und dabei ein Jagdgerät von
+vorzüglichster Güte zu führen. Er begriff sie aber jetzt, als er Stefan
+Arkadjewitsch mit diesen Lumpen, in all seiner eleganten, wohlgenährten
+und behaglich gestimmten Herrenerscheinung erblickte, und faßte den
+Entschluß, sich bei der nächsten Jagd unfehlbar ebenso zu equipieren.
+
+»Nun, und was macht unser Wirt?« frug er.
+
+»Ein junges Weib,« sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd.
+
+»Und noch dazu ein reizendes.«
+
+»Er war bereits angekleidet, aber wahrscheinlich ist er nochmals zu ihr
+gelaufen.«
+
+Stefan Arkadjewitsch hatte es erraten. Lewin war mehrmals zu seiner
+Gattin geeilt, um sie noch einmal zu fragen, ob sie ihm seine gestrige
+Dummheit vergeben habe, und dann, um sie zu bitten, doch um Christi
+willen vorsichtiger zu sein. Hauptsächlich -- sich vor den Kindern
+ferner zu halten -- sie konnten sie leicht einmal stoßen. Dann mußte er
+von ihr nochmals die Versicherung erhalten, daß sie ihm nicht gram sei
+darüber, daß er auf zwei Tage fortfuhr, und sie bitten, ihm unbedingt
+morgen früh, mit dem ersten Zug, ein Billet zu schicken, und ihm
+wenigstens zwei Worte zu schreiben, damit er nur wußte, daß sie sich
+wohl befinde.
+
+Kity war es wie stets schmerzlich, sich auf zwei Tage von ihrem
+Gatten trennen zu sollen; allein als sie seine lebhafte Erscheinung,
+die besonders groß und kraftvoll in den Jagdstiefeln und der weißen
+Bluse erschien, und einen gewissen, ihr unverständlichen Schimmer der
+Jagdfreude wahrgenommen hatte, vergaß sie, um ihm seine Freude zu
+lassen, ihren Schmerz, und verabschiedete sich heiter von ihm.
+
+»Entschuldigung, meine Herren!« sagte er, auf die Freitreppe
+herauskommend. »Hat man das Frühstück eingepackt? Warum ist der Fuchs
+rechts gespannt? Nun gleichviel! Laska -- leg' dich! -- Laß sie in die
+ledige Herde,« wandte er sich an den Viehwärter, der an der Treppe mit
+einer Frage über die Wallachen wartete.
+
+Lewin sprang vom Wagen, auf dem er sich schon setzen wollte, zu einem
+Zimmermann hin, der mit einem Ellenmaß zur Treppe gekommen war.
+
+»Gestern ist er nicht ins Comptoir gekommen und heute hält er mich nun
+ab. Was ist denn?«
+
+»Wir müssen noch drei Stufen hinzunehmen; dann paßt es; sie wird dann
+bequemer liegen.«
+
+»Hättest du mir gehorcht,« antwortete Lewin ärgerlich. »Ich habe
+gesagt, du sollst zuerst die Treppenlager, und die Stufen zuletzt
+machen! Jetzt kommst du nun nicht aus. Thu wie ich dir befohlen habe,
+und mache ein neues Lager.«
+
+Es handelte sich darum, daß in einem im Bau befindlichen Flügel der
+Zimmermann die Treppe verpfuscht hatte, indem er sie selbständig, ohne
+die Höhe zu berechnen, gefertigt hatte, sodaß nun alle Stufen schräg
+hingen, als man die Treppe an ihrem Platz aufstellte. Der Zimmermann
+wollte nun, die Treppe lassend wie sie war, nur noch drei Stufen
+hinzufügen.
+
+»Es wird so viel besser werden.«
+
+»Aber wohin willst du denn kommen mit den drei Stufen!«
+
+»Gestattet,« antwortete der Zimmermann mit geringschätzigem Lächeln;
+»da sie sich von unten erhebt,« er sprach dies mit überzeugender
+Gebärde, »muß es gehen, sie muß passen!«
+
+»Aber drei Stufen gehen doch noch in die Länge? Wohin soll sie denn da
+kommen?«
+
+»Da sie von unten auf geht, so muß sie passen,« beharrte der Zimmermann.
+
+»Bis unter die Decke und an die Wand kommt sie.«
+
+»Aber, mit Verlaub, sie kommt doch von unten, da wird sie passen.«
+
+Lewin ergriff seinen Ladestock und begann ihm im Staube die Treppe zu
+zeichnen.
+
+»Siehst du nun?«
+
+»Wie Ihr befehlt,« sagte der Zimmermann, plötzlich mit den Augen hell
+aufblickend und endlich offenbar die Sache begreifend. »Es ist klar, es
+muß eine neue Treppe gezimmert werden.«
+
+»Nun also, thue nun, wie dir geheißen ist,« rief Lewin und setzte sich
+wieder in den Wagen. »Fahr zu! -- Halt die Hunde, Philipp!«
+
+Lewin empfand jetzt, nachdem er alle Sorgen des Hauses und der
+Wirtschaft hinter sich gelassen hatte, ein so mächtiges Gefühl von
+Lebensfreude und Erwartung, daß er keine Lust verspürte, zu sprechen.
+Er hatte auch das Gefühl der konzentrierten Aufregung, welche jeder
+Jäger verspürt, wenn er sich seinem Revier nähert. Wenn ihn jetzt
+überhaupt etwas beschäftigte, so waren es nur die Fragen, ob man im
+Kolpenskischen Moor etwas finden werde, wie sich Laska im Vergleich zu
+Krak zeigen, und wie ihm selbst heute das Jagdglück lächeln würde.
+
+Daß man sich vor einem fremden Jäger keine Blöße gab; daß Oblonskiy ihn
+nicht überschießen möchte, auch dies kam ihm in den Kopf.
+
+Oblonskiy hatte ein ganz ähnliches Gefühl, und war gleichfalls
+wortkarg. Nur Wasjenka Wjeslowskij schwatzte lustig und unaufhörlich
+weiter.
+
+Als Lewin ihn jetzt hörte, fühlte er sich beschämt, wenn er daran
+dachte, wie ungerecht er gestern gegen ihn gewesen sei.
+
+Wasjenka war in der That ein vorzüglicher, naiver, gutmütiger
+und sehr heiterer Mensch. Wäre Lewin noch unverheiratet mit ihm
+zusammengekommen, so würde er sich ihm genähert haben. Nur war ihm ein
+wenig unangenehmer seine müßige Stellung zum Leben, und eine gewisse
+Ungezwungenheit bei aller Eleganz. Er schien sich gewissermaßen selbst
+eine hohe unzweifelhafte Bedeutung beizumessen, daß er lange Nägel
+und eine kleine Mütze trug und alles übrige dementsprechend, doch
+konnte man dies bei seiner Gutherzigkeit und Solidität entschuldigen.
+Er gefiel Lewin wegen seiner guten Erziehung, einer ausgezeichneten
+Aussprache des Französischen und Englischen, und dann deshalb, weil er
+ein Mensch seiner eignen Welt war.
+
+Wasjenka gefiel das donische Steppenpferd am linken Strang
+außerordentlich. Er war fortwährend exaltiert davon, »wie schön muß es
+sich auf einem Steppenpferd durch die Steppe jagen lassen! Ha? Nicht
+so?« sprach er. Er stellte sich in dem Ritt auf einem Steppenroß etwas
+wundersames poetisches vor, woraus sich zwar nichts ergab, aber seine
+Naivetät, besonders im Verein mit seiner Schönheit, seinem freundlichen
+Lächeln und der Grazie seiner Bewegungen war sehr anziehend. Kam es
+nun davon her, daß seine Natur Lewin sympathisch war, oder davon, daß
+Lewin sich bemühte, zur Sühne für seinen gestrigen Fehltritt alles an
+ihm gut zu finden, genug, Lewin fühlte sich angenehm von ihm berührt.
+
+Nachdem man drei Werst gefahren war, tastete Wjeslowskij plötzlich nach
+seinen Cigarren und der Brieftasche, und wußte nicht, ob er beides
+verloren oder auf dem Tische liegen gelassen hatte.
+
+In der Brieftasche waren dreihundertsiebzig Rubel, und daher durfte man
+sie nicht im Stich lassen.
+
+»Wißt Ihr was, Lewin, ich werde auf diesem donischen Beipferd nach
+Hause reiten. Das wäre ausgezeichnet. Nicht?« sagte er, schon bereit,
+aufzusitzen.
+
+»Nein; warum das?« antwortete Lewin, der schon berechnet hatte, daß
+Wasjenka nicht weniger als sechs Pud Gewicht haben müsse. »Ich werde
+den Kutscher schicken.«
+
+Der Kutscher ritt auf dem Beipferd ab, und Lewin lenkte nun selbst die
+beiden übrigen Pferde.
+
+
+ 9.
+
+»Was haben wir denn für eine Marschroute? Erzähle doch gefälligst ein
+wenig,« sagte Stefan Arkadjewitsch.
+
+»Der Plan ist folgender: Jetzt werden wir bis Gwozdjowo fahren. In
+Gwozdjowo befindet sich diesseits eine Niederung mit Schnepfen,
+hinter Gwozdjowo aber ziehen sich wunderbare Bekassinensümpfe hin,
+und Schnepfen sind auch da. Es ist jetzt heiß; wir werden gegen Abend
+-- es sind noch zwanzig Werst -- ankommen, ein Abendfeld nehmen, dann
+übernachten, und morgen schon in die großen Sümpfe gehen.«
+
+»Aber giebt es denn unterwegs nichts?«
+
+»O doch, aber wir würden uns da nur aufhalten und es ist heiß. Es giebt
+zwei ausgezeichnete Plätze, aber schwerlich wird es da etwas geben.«
+
+Lewin hatte selbst Lust, nach jenen Plätzen zu gehen, aber dieselben
+lagen seiner Wohnung zu nahe und er konnte sie stets erreichen; die
+Plätze waren auch klein -- drei konnten nicht auf ihnen schießen.
+Infolge dessen schlug er im Geiste einen Haken, und sagte, es dürfte
+kaum etwas dort zu finden sein. Als sie an dem kleinen Sumpfe
+angekommen waren, wollte Lewin vorüberfahren, doch der erfahrene
+Jägerblick Stefan Arkadjewitschs unterschied sogleich die vom Wege her
+sichtbare Feuchtigkeit.
+
+»Wollen wir nicht hinfahren?« sagte er, auf den Sumpf weisend.
+
+»Lewin bitte; wie reizend!« begann Wasjenka Wjeslowskij zu bitten, und
+Lewin mußte einwilligen.
+
+Sie hatten noch nicht Halt gemacht, als schon die Hunde, sich
+gegenseitig jagend, dem Sumpf zuflogen.
+
+»Krak! Laska!«
+
+Die Hunde kehrten zurück.
+
+»Zu Dreien wird es uns zu eng werden. Ich werde hier bleiben,« sagte
+Lewin, in der Hoffnung, daß sie nichts finden möchten als Kibitze, die
+sich vor den Hunden erhoben und sich im Fluge überschlagend, kläglich
+über dem Sumpfe schrieen.
+
+»Nein! -- Kommt! Wir wollen zusammen gehen, Lewin!« rief Wjeslowskij.
+
+»Richtig ist das; es wird zu eng! -- Laska, zurück; -- Laska! --
+Braucht Ihr dann nicht einmal einen anderen Hund?«
+
+Lewin blieb bei dem Wagen und schaute voll Mißgunst auf die Jäger.
+Diese durchwanderten den ganzen Sumpf, aber außer einer Henne und
+Kibitzen, von denen Wjeslowskij einen erlegte, war nichts darin.
+
+»Nun da seht Ihr, daß ich den Sumpf nicht bedauerte,« sagte Lewin,
+»wohl aber den Zeitverlust.«
+
+»Ach nein; es war immerhin ganz hübsch! Habt Ihr es gesehen?« sprach
+Wasjenka Wjeslowskij, unbehilflich auf den Wagen kletternd, die Flinte
+und den Kibitz in den Händen. »Wie ich den gut getroffen habe, nicht
+wahr? Nun, werden wir denn bald an den richtigen Ort kommen?«
+
+Plötzlich rissen die Pferde in das Geschirr, Lewin schlug mit dem
+Kopf an den Lauf eines der Gewehre, und ein Schuß ging los. Der Schuß
+an sich ertönte schon früher, aber es schien Lewin nur so. Wasjenka
+Wjeslowskij hatte, die Hähne in Ruhe setzend, den einen Drücker
+berührt, während er den andern Hahn gehalten hatte.
+
+Die Ladung ging in die Luft, ohne jemand Schaden zuzufügen. Stefan
+Arkadjewitsch schüttelte den Kopf und lächelte Wjeslowskij
+vorwurfsvoll zu, Lewin aber war nicht in der Stimmung, ihm einen
+Vorwurf zu machen; erstens wäre jeder Vorwurf nur durch die
+vorübergegangene Gefahr und die Beule, welche auf der Stirn Lewins
+auftrat, hervorgerufen erschienen, zweitens aber war Wjeslowskij
+anfangs so naiv ärgerlich, und fing dann so gutmütig und ansteckend an
+über die allgemeine Aufregung zu lachen, daß es unmöglich war, nicht
+mit zu lachen.
+
+Als sie an den zweiten Sumpf gelangten, welcher ziemlich groß war, und
+daher viel Zeit in Anspruch nehmen mußte, suchte Lewin dahin zu wirken,
+daß man nicht hineinging. Doch Wjeslowskij besiegte ihn wieder durch
+sein Bitten, und wiederum blieb Lewin, als gastfreundlicher Wirt, bei
+dem Wagen zurück.
+
+Sogleich bei der Ankunft witterte Krak nach den Maulwurfshügeln.
+Wasjenka Wjeslowskij lief als der Erste hinter dem Hunde her und
+Stefan Arkadjewitsch war noch nicht herangekommen, als schon ein Vogel
+aufging. Wjeslowskij schoß fehl und der Vogel ließ sich in einer
+ungemähten Wiese wieder nieder. Wjeslowskij aber war diese Beute
+bestimmt. Krak fand sie wieder auf, stellte sie und er schoß sie und
+kehrte dann zu dem Wagen zurück.
+
+»Jetzt geht Ihr, und ich will bei den Pferden bleiben,« sprach er.
+
+Lewin begann der Jagdneid zu ergreifen. Er übergab Wjeslowskij die
+Zügel und begab sich in den Sumpf.
+
+Laska, der schon lange kläglich gewinselt und sich über die
+Ungerechtigkeit beklagt hatte, eilte vorauf direkt nach einem
+verheißungsvollen, Lewin bekannten Gebiet, in welches Krak noch nicht
+gekommen war.
+
+»Weshalb hältst du ihn denn nicht zurück?« rief Stefan Arkadjewitsch.
+
+»Er wird dich nicht schrecken,« antwortete Lewin, voll Freude über
+seinen Hund, und ihm eilig folgend.
+
+Auf der Suche Laskas wuchs, je näher dieser den bekannten Hügeln
+kam, mehr und mehr der Ernst der Situation. Ein kleiner Sumpfvogel
+zerstreute diesen nur auf einen Augenblick. Er beschrieb einen Kreis
+vor den Hügeln, begann einen zweiten, erschrak dann plötzlich und
+verschwand.
+
+»Geh, geh Stefan!« rief Lewin, welcher fühlte, wie ihm das Herz höher
+zu schlagen begann, und wie plötzlich, gleich als ob sich ein Riegel in
+seiner seelischen Spannung zurückbewege, alle Geräusche, den Maßstab
+ihrer Entfernung verlierend, ihn ungeregelt, aber scharf zu treffen
+begannen. Er vernahm die Schritte Stefan Arkadjewitschs, sie für das
+ferne Stampfen der Pferde haltend, er vernahm das spröde Geräusch
+der mit den Wurzeln sich loslösenden Ecke eines Maulwurfhaufens, auf
+welchen er getreten war, indem er dasselbe für den Flug eines Vogels
+hielt. Er vernahm auch im Rücken in nicht großer Entfernung ein
+Klatschen auf dem Wasser, von welchem er sich nicht Rechenschaft zu
+geben vermochte.
+
+Indem er sich einen Standort für die Füße suchte, bewegte er sich auf
+seinen Hund zu.
+
+Eine Bekassine machte sich vor dem Hunde auf. Lewin legte das Gewehr
+an, aber in dem Augenblicke, als er zielte, verstärkte sich jenes
+Geräusch von Klatschen auf dem Wasser; es kam näher, und mit ihm
+vereinigte sich die Stimme Wjeslowskijs, der in sonderbarer Weise laut
+rief.
+
+Lewin sah, daß er mit der Flinte die Bekassine von hinten treffen
+werde, schoß aber gleichwohl.
+
+Überzeugt, daß er einen Fehlschuß gethan, blickte er um sich und
+gewahrte, daß die Pferde mit dem einen Jagdwagen gar nicht mehr auf dem
+Wege, sondern im Sumpfe waren.
+
+Wjeslowskij, welcher das Schießen hatte sehen wollen, war in den Sumpf
+gefahren und hatte die Pferde in eine Untiefe geführt.
+
+»Hol' ihn der Teufel,« sagte Lewin zu sich selbst, zu der
+feststeckenden Equipage zurückkehrend. »Weshalb seid Ihr denn
+fortgefahren,« sagte er mit dürren Worten zu ihm, und machte sich,
+nachdem er den Kutscher herbeigerufen hatte, daran die Pferde
+loszubringen.
+
+Lewin war verdrießlich geworden, daß man ihn im Schießen gestört und
+die Pferde in den Sumpf geführt hatte, hauptsächlich aber auch, daß
+bei dem Ausspannen der Pferde, was erforderlich war um sie wieder
+freizumachen, weder Stefan Arkadjewitsch, noch Wjeslowskij ihm und
+dem Kutscher Hilfe leisteten, weil weder dieser noch jener auch nur
+den geringsten Begriff davon hatte, worin eigentlich das Anschirren
+bestehe. Ohne Wjeslowskij ein Wort auf dessen Versicherung, es sei
+hier ganz trocken, zu antworten, arbeitete Lewin schweigend mit dem
+Kutscher daran, die Pferde zu befreien.
+
+Als er indessen bei der Arbeit warm geworden war und sah, wie beflissen
+und eifrig Wjeslowskij den Wagen an der Deichselstange zog, sodaß er
+diese sogar abbrach, machte er sich selbst Vorwürfe darüber, daß er
+unter dem Einfluß der gestrigen Empfindung allzu kalt gegen Wjeslowskij
+gewesen war, und bemühte sich mit besonderer Liebenswürdigkeit seine
+Barschheit wieder gutzumachen.
+
+Nachdem alles wieder in Ordnung gebracht war, und die Wagen sich wieder
+auf dem Wege befanden, ließ Lewin das Frühstück bringen.
+
+»=Bon appétit -- bonne conscience! Ce poulet va tomber jusqu'au fond
+de mes bottes=,« sagte Wjeslowskij, wieder lustig geworden, mit einem
+französischen Sprichwort, ein zweites Hühnchen verspeisend. »Jetzt sind
+unsere Leiden zu Ende und alles wird nun glücklich gehen. Nur will ich
+wegen meines Vergehens dazu gezwungen sein, auf dem Bocke zu sitzen.
+Ist es nicht recht so? Nein, ich bin Automedon! Paßt auf, wie ich Euch
+fahren werde!« versetzte er, ohne die Zügel loszugeben, als ihn Lewin
+bat, den Kutscher fahren zu lassen. »Nein; ich muß mein Vergehen wieder
+gut machen, und befinde mich ganz wohl auf dem Bocke,« und er fuhr.
+
+Lewin fürchtete ein wenig, er möchte die Pferde malträtieren, besonders
+das Handpferd, einen Fuchs, den er nicht zu lenken verstand; doch
+unwillkürlich fügte er sich seiner Heiterkeit, lauschte er den
+Romanzen, welche Wjeslowskij, auf dem Bocke sitzend, den ganzen Weg
+entlang sang, oder seinen Erzählungen und Vorführungen, wie man auf
+englische Manier =four in hand= fahre -- und alle fuhren nach dem
+Frühstück in der heitersten Stimmung nach dem Sumpfe von Gwozdjowo.
+
+
+ 10.
+
+Wasjenka trieb die Pferde so schnell, daß sie zu früh bei dem Sumpfe
+ankamen, und es noch immer heiß war.
+
+Als sie bei der Niederung angelangt waren, dem Hauptziele der Fahrt,
+dachte Lewin unwillkürlich, wie er Wasjenka los werden und ohne eine
+Störung jagen könnte. Stefan Arkadjewitsch wünschte augenscheinlich
+das Nämliche, und auf seinem Gesicht sah Lewin den Ausdruck einer
+Besorgnis, welche bei dem echten Jäger stets vor Beginn der Jagd
+da zu sein pflegt, sowie den einer gewissen ihm eigenen gutmütigen
+Verschlagenheit.
+
+»Wie wollen wir fahren? Der Sumpf ist ausgezeichnet, ich sehe es; auch
+Habichte sind da,« sagte Stefan Arkadjewitsch auf zwei über dem Ried
+kreisende, große Vögel weisend. »Wo Habichte sind, ist sicher auch
+Wild.«
+
+»Nun, seht ihr Herren,« sagte Lewin, mit etwas mürrischem Ausdruck
+seine Stiefel hochziehend und die Pistons auf dem Gewehr nachsehend;
+»seht ihr diesen Ried?« Er wies auf eine kleine, dunkel in Schwarzgrün
+schimmernde Insel, in einem weiten, sich auf dem rechten Ufer des
+Flusses ausdehnenden, bis zur Hälfte gemähten nassen Wiesengrund.
+»Der Sumpf beginnt hier, gerade vor uns, seht ihr -- wo das Grün ist.
+Von da geht er rechts, wo die Pferde sind; -- hier befinden sich
+auch Maulwurfshaufen und Bekassinen -- dann rund um diese Wiese bis
+zu jenem Erlenwald und dicht bis zu der Mühle, dort wo man die Bucht
+sieht. Das ist ein ausgezeichneter Platz; ich habe einmal siebzehn
+Bekassinen hier geschossen; wir wollen uns nun mit den beiden Hunden
+nach den verschiedenen Seiten trennen, und dort bei der Mühle wieder
+zusammenkommen.«
+
+»Aber wer geht rechts; wer links?« frug Stefan Arkadjewitsch. »Rechts
+ist es weiter; geht dort zu Zweien, ich will links gehen,« sagte er, so
+harmlos, wie er nur konnte.
+
+»Schön; wir wollen ihn überschießen; also gehen wir, gehen wir,«
+drängte Wasjenka.
+
+Lewin konnte damit nur einverstanden sein, und so trennten sie sich.
+Kaum waren sie in den Sumpf gelangt, als beide Hunde gleichzeitig zu
+suchen begannen und nach dem Schlamme witterten. Lewin kannte dieses
+Suchen Laskas, vorsichtig und zurückhaltend; er kannte auch den Platz,
+und erwartete den Schwarm der Schnepfen.
+
+»Wjeslowskij, geht nebenher, nebenher!« sagte er mit leiser
+Stimme, zu dem im Wasser hinterher plätschernden Gefährten, dessen
+Gewehrlaufrichtung Lewin nach dem unvorhergesehenen Schuß am
+Kolpenskischen Sumpfe unwillkürlich interessierte.
+
+»Ach nein, ich will Euch nicht im Wege sein, denkt nur nicht an mich!«
+
+Lewin dachte aber unwillkürlich an ihn, und rief sich die Worte Kitys
+ins Gedächtnis, mit denen diese ihn von sich gelassen: »Paßt auf, und
+schießt einander nicht!« -- Näher und näher kamen die Hunde, einer am
+anderen vorüber und jeder seine Spur verfolgend; die Erwartung war so
+mächtig, daß Lewin das Schmatzen seines aus dem Schlamme emporgehobenen
+Stiefelabsatzes als Schrei einer Schnepfe erschien, sodaß er den Kolben
+des Gewehres packte und preßte.
+
+»Puff, puff,« klang es ihm in die Ohren. Wasjenka hatte in eine Schar
+Enten geschossen, welche über dem Sumpfe schwebten und jetzt bei weitem
+noch nicht für Jäger in Schußweite gekommen waren. Lewin hatte sich
+kaum umgeschaut, als eine Schnepfe schmatzte; eine zweite, eine dritte
+-- noch acht dazu erhoben sich -- eine nach der anderen.
+
+Stefan Arkadjewitsch erlegte eine gerade im Augenblick, als sie ihre
+Zickzacklinien zu beschreiben begann, und die Schnepfe fiel wie ein
+Klumpen in den Moorgrund. Oblonskiy legte hastig auf eine zweite an,
+die noch niedrig flog, und auch diese fiel, zugleich mit dem Fall des
+Schusses, und es war deutlich zu erkennen, wie sie von dem gemähten
+Grunde aufsprang, mit dem heilgebliebenen weißen Flügel schlagend.
+
+Lewin war nicht so glücklich; er hatte auf die erste Schnepfe zu nahe
+geschossen und gefehlt; er hatte auf sie angelegt, indem sie sich noch
+erhob, aber zur gleichen Zeit flog noch eine weitere dicht vor seinen
+Füßen auf, lenkte ihn ab, und er that einen zweiten Fehlschuß.
+
+Während sie die Gewehre wieder luden, erhob sich eine weitere Bekassine
+und Wjeslowskij, der soeben zum zweitenmale geladen hatte, sandte
+ihr über das Wasser noch zwei Ladungen feinen Schrot nach. Stefan
+Arkadjewitsch sammelte seine Schnepfen und schaute mit glänzenden Augen
+auf Lewin.
+
+»Nun, jetzt wollen wir uns trennen,« sprach er, und schritt, auf dem
+linken Fuße hinkend, die Flinte in Bereitschaft haltend und dem Hunde
+pfeifend, nach der einen Seite.
+
+Lewin mit Wjeslowskij gingen nach der anderen.
+
+Lewin ging es stets so, daß er, wenn die ersten Schüsse unglücklich
+waren, in Wallung geriet, ärgerlich wurde und den ganzen Tag schlecht
+schoß. So war es auch jetzt.
+
+Bekassinen zeigten sich eine Menge; dicht vor den Hunden, vor den Füßen
+der Jäger gingen sie unaufhörlich auf, und Lewin hätte sein Mißgeschick
+wieder gut machen können, aber je mehr er schoß, umsomehr blamierte er
+sich vor Wjeslowskij, der wohlgemut darauf losplatzte, ohne etwas zu
+erlegen, dadurch aber nicht im geringsten aus der Fassung kam.
+
+Lewin geriet in Unruhe, und mehr und mehr in Hitze, so daß er beim
+Schießen schon fast nicht mehr hoffte, noch etwas zu erlegen. Auch
+Laska schien dies zu verstehen; er begann, träger zu suchen, und
+schaute wie zweifelnd und vorwurfsvoll auf die Jäger. Schuß auf Schuß
+fiel. Pulverdampf lagerte sich um die Jäger, aber in dem großen Netze
+der Jagdtasche befanden sich nur drei leichte kleine Bekassinen, von
+denen eine noch durch Wjeslowskij, eine von beiden gemeinsam erlegt
+war. Währenddem vernahm man auf der andern Seite des Sumpfes zwar nicht
+häufige, wohl aber, wie Lewin schien, bedeutungsvolle Schüsse von
+Stefan Arkadjewitsch, bei denen fast nach einem jeden ein: »Krak, Krak,
+apport!« hörbar wurde.
+
+Dies regte Lewin noch mehr auf; die Bekassinen kreisten ohne
+Aufhören in der Luft über der Niederung. Ihr Schmatzen am Boden und
+das Schnarren in der Höhe war ohne Unterbrechung von allen Seiten
+vernehmbar; die vorher aufgestiegenen, und in der Luft kreisenden Vögel
+ließen sich vor den Jägern nieder und anstatt zweier Habichte schwebten
+jetzt deren zehn pfeifend über dem Sumpfe.
+
+Nachdem sie die größere Hälfte des Sumpfes durchschritten hatten,
+gelangten Lewin und Wjeslowskij zu einer Stelle, auf welcher mit langen
+Streifen eine Bauernwiese abgeteilt war, durch eingetretene Streifen,
+und durch einen gemähten Schwaden angemerkt. Die Hälfte dieser Wiese
+war schon gemäht.
+
+Obwohl nun wenig Hoffnung war, auf dem nichtgemähten Teil ebensoviel
+zu finden, wie auf dem gemähten, so hatte Lewin Stefan Arkadjewitsch
+doch einmal versprochen, mit diesem wieder zusammentreffen zu wollen,
+und schritt er daher mit seinem Gefährten weiter durch die gemähten und
+ungemähten Streifen hindurch.
+
+»He da, ihr Jäger!« -- rief ihnen aus einem Trupp Bauern, welche bei
+einem ausgespannten Wagen saßen, einer zu, »kommt her, eßt mit uns
+Mittag! Hier giebt es auch Branntwein zu trinken!« --
+
+Lewin schaute sich um.
+
+»Komm nur her!« rief ein heiterer bärtiger Landmann mit rotem Gesicht,
+die weißen Zähne lächelnd zeigend, und die grünliche, in der Sonne
+blitzende Flasche hochhaltend.
+
+»=Qu'est ce qu'ils disent=?« frug Wjeslowskij.
+
+»Sie laden uns ein zum Branntweintrinken. Wahrscheinlich haben sie die
+Wiesen geteilt. Ich möchte schon einmal trinken,« sagte Lewin nicht
+ohne Hintergedanken, in der Hoffnung, Wjeslowskij möchte sich vom
+Branntwein verführen lassen und mit zu ihnen hingehen.
+
+»Weshalb laden sie uns ein?« --
+
+»Nun; sie sind guter Laune. Geht doch einmal hin zu ihnen. Es wird Euch
+interessieren.«
+
+»=Allons, c'est curieux=.«
+
+»Geht, geht, Ihr werdet den Weg zur Mühle schon finden!« rief Lewin,
+schaute sich um, und bemerkte mit Vergnügen, daß Wjeslowskij, stolpernd
+und mit müden Beinen, das Gewehr in dem gestreckten Arm haltend, sich
+aus dem Ried zu den Bauern herausarbeitete.
+
+»Komm du doch auch!« rief der Bauer Lewin zu. »Alle Wetter, es giebt
+Pasteten zu essen!«
+
+Lewin gelüstete es stark, einmal Branntwein zu trinken, und ein Stück
+Brot zu essen. Er war müde geworden und fühlte, daß er nur noch mit
+Mühe die einsinkenden Füße aus dem Morast zog; und einen Moment
+schwankte er. Doch sein Hund hatte gestellt, und sofort war alle
+Müdigkeit verschwunden; leicht schritt er über das Moor hin seinem
+Hunde zu. Unter seinen Füßen flog eine Bekassine auf, er feuerte und
+erlegte sie -- der Hund stand noch immer. »Los!« vor dem Hunde erhob
+sich eine zweite. Lewin schoß; allein der Tag war nicht glücklich; er
+fehlte, und als er die erlegte Schnepfe suchen wollte, fand er sie
+nicht einmal. Er suchte den ganzen Ried ab, aber Laska wollte nicht
+glauben, daß er eine Schnepfe erlegt habe, und als Lewin ihm befahl, zu
+suchen, that er, als ob er suche, suchte aber nicht.
+
+Auch ohne Wasjenka, welchem Lewin sein Unglück beimaß, wurde also die
+Sache nicht besser. Bekassinen waren auch hier viel, aber Lewin that
+Fehlschuß auf Fehlschuß.
+
+Die schrägfallenden Strahlen der Sonne waren noch heiß, die Kleider,
+von Schweiß durch und durch naß, klebten ihm am Leibe, der linke
+Stiefel, voller Wasser, war schwer und schmatzte; über das vom
+Pulverschmand besudelte Gesicht rann der Schweiß in Tropfen, im Munde
+machte sich ein bitterer Geschmack fühlbar, in der Nase Pulvergeruch
+und Schlammduft, und in den Ohren klang das unausgesetzte Schnarren
+der Schnepfen; die Flintenläufe durfte er nicht anrühren, so erhitzt
+waren sie, das Herz pochte ihm schnell und kurz, die Hände zitterten
+vor Erregung und die mattgewordenen Beine stolperten und blieben in den
+Maulwurfhaufen und im Morast stecken; aber er ging weiter und schoß.
+Endlich, nachdem er wiederum einen schmählichen Fehlschuß gethan, warf
+er das Gewehr und die Mütze zu Boden.
+
+»Nein; erst muß ich zur Besinnung kommen!« sagte er zu sich selbst.
+Flinte und Mütze wieder aufhebend, rief er Laska zu seinen Füßen,
+und verließ den Ried. Als er auf das Trockene gekommen war, setzte
+er sich auf einen Erdhaufen, zog sich aus, goß die Stiefel aus, ging
+dann zum Sumpfe zurück und trank Etwas von dem Wasser mit schlammigem
+Beigeschmack, feuchtete die glühenden Läufe an und wusch sich Gesicht
+und Hände. Nachdem er sich so erfrischt hatte, begab er sich wieder
+nach dem Platze, auf dem sich eine Bekassine niedergesetzt hatte, mit
+dem festen Vorsatz, nicht in Aufregung zu geraten.
+
+Er wollte ruhig sein, aber es blieb beim Alten. Sein Finger berührte
+den Drücker früher, als er den Vogel aufs Korn genommen hatte; es ging
+schlechter und schlechter.
+
+Er hatte nur fünf Stück in seiner Jagdtasche, als er aus dem Ried
+heraus zu dem Erlenwalde kam, wo er mit Stefan Arkadjewitsch
+zusammentreffen sollte.
+
+Bevor er diesen jedoch selbst erblickte, gewahrte er seinen Hund.
+Hinter der Wurzel einer Erle hervor sprang Krak, ganz schwarz von
+übelriechendem Moorschlamm, und beschnüffelte Laska mit dem Ausdruck
+des Siegers. Hinter Krak erschien im Schatten der Erlen nun auch die
+stattliche Gestalt Stefan Arkadjewitschs, der ihm, rot aussehend,
+schweißbedeckt mit aufgeknöpftem Kragen, noch immer hinkend,
+entgegenkam.
+
+»Nun, wie steht es? Ihr habt viel geschossen!« sagte er heiter lächelnd.
+
+»Und du?« frug Lewin. Das Fragen war indes nicht nötig, weil er schon
+die gefüllte Jagdtasche erblickt hatte.
+
+»O, nichts von Bedeutung.«
+
+Er hatte vierzehn Stück.
+
+»Ein famoser Sumpf! Dich, scheint es, hat Wjeslowskij gestört. Zwei mit
+einem Hunde, das ist allerdings unbequem,« sagte Stefan Arkadjewitsch,
+seine Siegesfreude bezwingend.
+
+
+ 11.
+
+Als Lewin und Stefan Arkadjewitsch in der Hütte des Bauern ankamen,
+bei welchem Ersterer stets rastete, war Wjeslowskij bereits da.
+Er saß mitten in der Hütte, sich mit beiden Händen an einer Bank
+anhaltend, vor welcher ihn ein Soldat, der Bruder der Bauersfrau, an
+den schlammbedeckten Stiefeln herunterzerrte, und lachte mit seinem
+ansteckend lustigen Lachen.
+
+»Ich bin soeben angekommen. =Ils ont été charmants=. Stellt Euch
+vor, sie haben mich getränkt und gefüttert! Welch ein Brot, das
+war wunderbar! =Delicieux=! Und ein Branntwein! Ich habe noch nie
+schmackhafteren getrunken! Und sie wollten um keinen Preis Geld nehmen!
+Sie sagten nur immer »=Nje obsudisj=!« --
+
+»Warum sollten sie Geld nehmen? Haben sie denn den Branntwein zum
+Verkauf?« sagte der Soldat, der endlich den durchnäßten Stiefel mit dem
+schwarzgewordenen Strumpfe heruntergezogen hatte.
+
+Trotz der Unsauberkeit der Hütte, welche von den Stiefeln der Jäger und
+den schmutzigen, sich leckenden Hunden noch erhöht wurde, trotz des
+Geruches nach Schlamm und Pulver, von welchem dieselbe erfüllt war,
+und des Fehlens von Messern und Gabeln, tranken die Jäger ihren Thee,
+nahmen sie ihre Abendmahlzeit mit solchem Appetit, wie man eben nur auf
+der Jagd ißt. Nachdem sie sich gewaschen und gereinigt hatten, gingen
+sie nach dem sauber gefegten Heuschuppen, wo die Kutscher den Herren
+ein Lager zurecht gemacht hatten.
+
+Doch obwohl es bereits dunkelte, hatte keiner der Jäger Lust, zu
+schlafen.
+
+Hin- und herschweifend zwischen den Erinnerungen und Erzählungen über
+das Schießen, die Hunde und frühere Jagden -- war die Unterhaltung
+auf das alle interessierende Thema gekommen. Angesichts der bereits
+mehrmals wiederholten Äußerungen des Entzückens Wasjenkas über den
+Reiz dieses Nachtlagers, den Duft des Heues, das Anziehende eines
+zerbrochenen Wagens -- der Wagen schien ihm zerbrochen, weil er von den
+Vorderrädern genommen worden war -- über die Gutmütigkeit der Bauern,
+die ihn mit Branntwein gefüttert hatten, über die Hunde, die beide zu
+Füßen ihrer Herren lagen, berichtete Oblonskiy über die Reize einer
+Jagd bei Maltus, wo er im vergangenen Jahre gewesen war.
+
+Maltus war ein bekannter Eisenbahnkrösus. Stefan Arkadjewitsch
+erzählte, was für Jagdgründe dieser Maltus im Gouvernement von Twer
+aufgekauft habe, und wie dieselben gepflegt würden, und weiter, was für
+Equipagen die Jäger geführt hätten und was für ein Zelt zum Frühstück
+an der Jagdniederung aufgestellt worden sei.
+
+»Ich begreife dich nicht,« sagte Lewin, sich auf seinem Heulager
+aufrichtend, »daß dir diese Leute nicht widerlich sind? Ich begreife,
+daß ein Frühstück mit Lafitte sehr angenehm ist, aber sollte dir
+gerade dieser Luxus nicht zuwider sein? Alle diese Leute, unsere
+einstigen Spekulanten, gewinnen ihr Geld so, daß sie mit ihrem Gewinste
+nur die Verachtung der Menschen verdienen; aber sie verachten diese
+Geringschätzung, und kaufen sich mit dem ehrlos Erworbenen von ihrer
+früheren Verachtung los.«
+
+»Vollkommen richtig!« bemerkte Wasjenka Wjeslowskij, »vollkommen;
+natürlich thut dies Oblonskiy nur aus Bonhomie, wie die anderen sagen;
+Oblonskiy fährt nicht zu ihnen« --
+
+»Keineswegs,« -- Lewin fühlte, wie Oblonskiy lächelte, als er dies
+sprach, »ich halte ihn einfach nicht für unehrlicher, als sonst einen
+der reichen Kaufleute und Adligen. Sowohl diese, wie jene sind reich
+geworden durch ihre Arbeit und ihre Intelligenz.«
+
+»Ja, aber durch was für Arbeit? Ist das etwa Arbeit, daß sie
+Konzessionen erbeuten und diese weiter verkaufen?«
+
+»Natürlich eine Arbeit. Eine Arbeit in dem Sinne, daß wenn es diese
+Leute oder ihnen ähnliche nicht gäbe, auch keine Eisenbahnen da wären.«
+
+»Aber diese Arbeit ist doch nicht eine solche, wie die eines Bauern,
+oder des Gelehrten.«
+
+»Nehmen wir so an; aber es ist eine Arbeit in dem Sinne, daß diese
+Thätigkeit ein Resultat ergiebt -- die Eisenbahnen! Du freilich findest
+wohl, daß die Eisenbahnen ohne Nutzen sind.«
+
+»Nein; das ist eine andere Frage; ich bin bereit anzuerkennen daß sie
+nützlich sind, aber jeder Erwerb, welcher der für ihn aufgewandten Mühe
+nicht entspricht, ist ehrlos.«
+
+»Wer bestimmt aber dieses Verhältnis?«
+
+»Erwerb auf unehrlichem Wege, durch Anwendung von List,« sagte Lewin,
+im Gefühl, daß er die Grenze zwischen ehrlich und unehrlich nicht
+klar zu bestimmen wußte, »ebenso wie der Erwerb der Bankbureaus,«
+fuhr er fort, »sind von Übel; sie bestehen in der mühelosen Erwerbung
+ungeheurer Summen, wie dies der Fall war bei den Aufkäufen; nur die
+Form hat sich verändert. =Le roi est mort, vive le roi=! Kaum hatte
+man die Bodenspekulation vernichtet, da erschienen die Eisenbahnen und
+Banken; gleichfalls ein Erwerbsbetrieb ohne Müheaufwand.«
+
+»Ja, das kann alles recht wahr und scharfsinnig sein -- leg' dich Krak«
+-- rief Stefan Arkadjewitsch seinem Hunde zu, der sich kratzte und das
+Heu durchwühlte -- augenscheinlich von der Richtigkeit seiner Meinung
+überzeugt und daher ruhig und ohne Übereilung.
+
+»Aber du unterscheidest nicht die Grenzen zwischen ehrlicher und
+unehrlicher Arbeit. Daß ich an Gehalt mehr bekomme, als mein
+Kanzleivorsteher, obwohl der die Sache besser versteht als ich, ist das
+ehrlos?«
+
+»Ich weiß nicht.«
+
+»Nun, so will ich dir sagen: Daß du für deinen Müheaufwand in der
+Landwirtschaft, sagen wir, fünftausend Rubel einnimmst, während unser
+Wirt hier, der Bauer, so viel er auch arbeiten mag, nicht mehr als
+fünfhundert hat, ist ganz ebenso ehrlos, wie, daß ich mehr als mein
+Kanzleivorsteher erhalte, und daß Maltus mehr als ein Eisenbahnmeister
+einnimmt. Im Gegenteil, ich erblicke ein gewisses, durch nichts
+begründetes, feindseliges Verhalten der Gesellschaft diesen Leuten
+gegenüber, und es scheint mir, daß hier der Neid« --
+
+»Nein; das wäre ungerecht,« sagte Wjeslowskij, »Neid kann es hier nicht
+geben, aber etwas Unsauberes liegt in diesem Geschäft.«
+
+»Gestatte;« fuhr Lewin fort. »Du sagst, es sei ungerecht, daß ich
+fünftausend Rubel habe, und der Bauer fünfhundert; das ist wahr. Es ist
+ungerecht, und ich fühle es, doch« --
+
+»Es ist so in der That. Weshalb essen wir, trinken wir, jagen wir,
+faulenzen wir, während er ewig, ewig bei der Arbeit ist?« sagte
+Wasjenka Wjeslowskij, augenscheinlich zum erstenmal im Leben klar
+hierüber nachdenkend, und infolge dessen auch vollständig aufrichtig.
+
+»Ja; du fühlst es wohl, würdest ihm aber dein Vermögen doch nicht
+geben,« sagte Stefan Arkadjewitsch, gleichsam mit Absicht Lewin
+zusetzend.
+
+In letzter Zeit war zwischen den beiden Schwagern eine Art von
+verborgenem, feindseligem Verhältnis eingetreten; seit der Zeit, seit
+welcher sie mit den Schwestern verheiratet waren, hatte sich zwischen
+ihnen gleichsam ein Rivalentum darin entwickelt, wer sein Leben besser
+fundiert hätte, und jetzt kam diese Gegnerschaft in einem Gespräch zum
+Ausdruck, welches einen persönlichen Charakter anzunehmen begann.
+
+»Ich werde es ihm deshalb nicht geben, weil es niemand von mir fordert,
+und wenn ich selbst wollte, würde ich es nicht können,« versetzte
+Lewin, »wie überhaupt niemand.«
+
+»Gieb es nur dem Bauer hier; er wird dir nicht abschläglich antworten.«
+
+»Ja; aber wie soll ich es ihm geben? Soll ich mit ihm hinfahren und ihm
+einen Kaufbrief ausstellen?«
+
+»Ich weiß nicht; doch wenn du überzeugt bist, daß du nicht das Recht
+hast« --
+
+»Ich bin durchaus nicht überzeugt hiervon; im Gegenteil fühle ich, daß
+ich nicht das Recht habe, zu verschenken, daß ich Verbindlichkeiten
+meinem Boden, wie meiner Familie gegenüber habe.«
+
+»Nein doch; gestatte; wenn du urteilst, daß diese Ungleichheit eine
+ungerechte sei, weshalb handelst du dann nicht so?«
+
+»Ich handle ja so; nur aber negativ; in dem Sinne, daß ich mich nicht
+bemühen will, jenen Unterschied der Lage, welcher zwischen mir und
+jenem besteht, noch zu vergrößern.«
+
+»Nein, entschuldige, aber das ist paradox!« --
+
+»Ja, das ist eine etwas sophistische Erklärung,« bestätigte
+Wjeslowskij. »Ah, da kommt ja unser Wirt,« sprach er zu dem Bauer,
+welcher, mit der Thür kreischend, in den Schuppen trat.
+
+»Nun, schläfst du denn noch nicht?«
+
+»Nein; wie soll man schlafen! Ich denke immer, unsere Herren schlafen,
+da höre ich sie reden,« fügte er hinzu, behutsam mit den nackten Füßen
+auftretend.
+
+»Wo schläfst du denn?«
+
+»Wir gehen auf die Nachtwache.«
+
+»Ach, welche Nacht!« sagte Wjeslowskij, auf die beim schwachen Scheine
+der Abendröte in dem großen Rahmen der jetzt offenen Thür sichtbar
+werdenden Umrisse der Hütte und des ausgeschirrten Wagens schauend.
+
+»Hört nur, da singen Weiberstimmen, und wahrhaftig, nicht schlecht. Wer
+singt denn da, Herr Wirt!«
+
+»Ach, das sind die Mägde, vom Hof.«
+
+»Laßt uns hingehen; wir wollen spazieren gehen! Wir werden doch nicht
+schlafen; Oblonskiy, kommt mit!«
+
+»Das wäre; ich liege, geht nur,« antwortete Oblonskiy sich reckend, »es
+liegt sich ausgezeichnet hier.«
+
+»Nun, dann gehe ich allein,« sagte Wjeslowskij, lebhaft aufstehend und
+kleidete sich an. »Auf Wiedersehen denn, ihr Herren. Wenn es hübsch
+werden sollte, werde ich euch rufen; ihr habt mich mit Wild regaliert,
+und ich werde eurer nicht vergessen.«
+
+»Nicht wahr, ein vortrefflicher Bursch?« sprach Oblonskiy, nachdem
+Wjeslowskij gegangen war und der Bauer hinter ihm die Thür geschlossen
+hatte.
+
+»Ja, vortrefflich,« erwiderte Lewin, weiter über das Thema des soeben
+stattgehabten Gesprächs nachdenkend. Ihm schien es, als habe er, soweit
+er es verstand, seine Ideen und Empfindungen klar ausgesprochen, und
+doch hatten diese beiden, zwei nicht eben beschränkte, und aufrichtige
+Männer, einstimmig gesagt, daß er sich mit Sophismen tröste. Dies
+machte ihn ratlos.
+
+»So, so ist es, mein Freund. Eins von beiden ist nötig; entweder
+zugestehen, daß die gegenwärtige Einrichtung der Gesellschaft gerecht
+ist, und dann deine Rechte behaupten, oder zugestehen, daß du
+unrechtmäßiger Vorzüge teilhaft bist --, wie ich dies thue -- und von
+diesen mit Vergnügen Gebrauch machen.«
+
+»Nein. Wenn das ungerecht wäre, so könntest du diese Güter nicht mit
+Vergnügen genießen -- ich wenigstens könnte es nicht. -- Mir ist die
+Hauptsache -- ich muß fühlen, daß ich keine Schuld trage.«
+
+»Aber wollen wir nicht doch ein wenig mitgehen?« sagte Stefan
+Arkadjewitsch, augenscheinlich abgespannt von dieser Anstrengung seines
+Geistes. »Wir können ja doch nicht schlafen. Es ist wahr; gehen wir!«
+
+Lewin antwortete nicht. Das im Laufe des Gesprächs geäußerte Wort, daß
+er, wenn auch nur im negativen Sinne, gerecht handle, beschäftigte ihn.
+
+»Sollte man nicht auch in negativem Sinne gerecht sein können?« frug er
+sich selbst.
+
+»Wie stark doch auch das frische Heu duftet!« sprach Stefan
+Arkadjewitsch, sich erhebend. »Ich kann um keinen Preis schlafen!
+Wasjenka hat wohl schon etwas angestiftet da drüben. Hörst du das
+Gelächter und seine Stimme? Wollen wir nicht hingehen? Komm!«
+
+»Nein; ich gehe nicht mit!« antwortete Lewin.
+
+»Wirklich nicht? Thust du dies auch nur aus Prinzip nicht?« sagte
+lächelnd Stefan Arkadjewitsch, in der Finsternis nach seiner Mütze
+suchend.
+
+»Nicht aus Prinzip, aber wozu sollte ich mitkommen?«
+
+»Weißt du, du machst dir selbst das Leben schwer,« sagte Stefan
+Arkadjewitsch, der die Mütze gefunden hatte, aufstehend.
+
+»Inwiefern?«
+
+»Sah ich denn nicht, wie du dich mit deinem Weibe gestellt hast? Ich
+habe gehört, wie es bei euch eine Frage der höchsten Wichtigkeit war,
+ob du für zwei Tage auf die Jagd fahren solltest oder nicht! Alles
+das ist ja ganz gut, wie ein Idyll, aber für das ganze Leben reicht es
+nicht zu. Der Mann muß unabhängig sein; er hat seine Mannesinteressen!«
+
+»Der Mann muß männlich sein,« sprach Oblonskiy, die Thür öffnend.
+
+»Was heißt das? Etwa den Mägden die Cour schneiden?« frug Lewin.
+
+»Weshalb sollte man nicht einmal hingehen, wenn es dort lustig zugeht?
+=Ça ne tire pas à conséquence=. Meine Frau wird sich davon nicht
+schlechter und ich werde mich wohl befinden. Die Hauptsache ist aber
+die, daß man das Heiligtum des Hauses wahrt; damit im Hause nichts
+vorfällt; doch die Hände braucht man sich deshalb noch nicht zu binden!«
+
+»Mag sein,« versetzte Lewin trocken und wandte sich auf die Seite.
+»Morgen müssen wir früh aufbrechen und ich werde niemand wecken,
+sondern mit dem Zwielicht aufgehen.«
+
+»=Messieurs, venez vite=!« wurde die Stimme Wjeslowskijs vernehmbar,
+der zurückkam. »=Charmante=! Das habe ich entdeckt. =Charmante=,
+ein vollständiges Gretchen, und ich bin schon mit ihr bekannt
+geworden! Wahrhaftig reizend!« -- erzählte er mit so billigendem
+Gesichtsausdruck, als sei sie eigens für ihn selbst so hübsch
+geschaffen worden, und als sei er zufrieden mit demjenigen, der dies
+für ihn arrangiert hatte.
+
+Lewin stellte sich schlafend; Oblonskiy, die Pantoffeln anziehend und
+eine Cigarre ansteckend, verließ den Schuppen, und bald waren beider
+Stimmen verklungen.
+
+Lewin konnte lange Zeit nicht einschlafen. Er lauschte, wie seine
+Pferde das Heu kauten, dann wie sein Wirt mit dem ältesten Sohne sich
+fertig machte und zur Nachtwache abging; dann hörte er, wie der Soldat
+sich mit einem Neffen, dem kleinen Sohne des Hausherrn, auf der andern
+Seite des Schuppens schlafen legte, wie der Knabe mit seinem dünnen
+Stimmchen dem Onkel seine Eindrücke über die Hunde mitteilte, die
+ihm furchtbar und ungeheuer erschienen, ferner, wie der Knabe frug,
+wen diese Hunde fangen wollten, und wie der Soldat mit heiserer und
+schläfriger Stimme ihm sagte, daß die Jäger morgen in den Sumpf wollten
+und aus ihren Flinten schießen würden, und wie er schließlich, um die
+Fragen des Knaben los zu sein, sagte: »Schlaf, Waska, schlaf, oder«
+-- Bald schnarchte er selbst, und alles war still geworden; nur das
+Wiehern der Pferde und das Schnarren einer Schnepfe war hörbar.
+
+»Sollte es wirklich nur negativ sein?« wiederholte er sich, »aber was;
+-- ich bin doch nicht schuld daran.« -- Und er begann hierauf, sich
+den nächsten Tag zu überlegen. »Morgen will ich früh aufbrechen und
+werde mir vornehmen, nicht in Aufregung zu kommen. Bekassinen giebt es
+eine Unmenge. Und werde ich hierher heimkehren, so wird ein Brief von
+Kity da sein. Ja, Stefan, hast du denn recht? Ich bin nicht männlich
+gegen sie, ich bin verweichlicht. Aber was thun -- es ist wieder etwas
+Negatives.«
+
+In sein Träumen hinein vernahm er das Lachen und das heitere Geschwätz
+Wjeslowskijs und Stefan Arkadjewitschs. Für einen Augenblick öffnete er
+die Augen; der Mond war aufgegangen und durch die geöffnete Thür, hell
+von dem Mondlicht beleuchtet, sah er sie stehen und plaudern.
+
+Stefan Arkadjewitsch hatte etwas über die Frische der Mädchen
+gesagt und sie mit einer eben von der Schale befreiten frischen
+Nuß verglichen, und Wjeslowskij mit seinem ansteckenden Gelächter,
+wiederholte wahrscheinlich die ihm von dem Bauer gesagten Worte: »Mach
+dich soviel als möglich an dein Mädchen heran!«
+
+Lewin murmelte im Schlafe:
+
+»Ihr Herren, morgen mit Tagesanbruch!« und entschlummerte.
+
+
+ 12.
+
+Als Lewin mit dem frühen Morgenrot erwacht war, versuchte er es, die
+Gefährten zu wecken. Wasjenka, auf dem Bauche liegend und den einen Fuß
+noch mit dem Strumpfe von sich streckend, schlief so fest, daß keine
+Antwort von ihm zu erhalten war.
+
+Oblonskiy weigerte sich im Schlafe, so früh aufzubrechen und selbst
+Laska, verschlafen und im Kreis zusammengeringelt, am Rande des
+Schuppens liegend, erhob sich nur ungern und streckte träge, eins nach
+dem andern, die Hinterbeine von sich.
+
+Nachdem Lewin sich angekleidet hatte, ergriff er das Gewehr, öffnete
+sachte die kreischende Thür des Schuppens, und trat auf die Gasse
+hinaus. Die Kutscher schliefen bei den Wagen, die Pferde träumten;
+nur eines fraß faul seinen Hafer, ihn mit seinem Schnauben auf der
+Holzkrippe auseinanderblasend.
+
+Auf dem Hofe war alles noch grau.
+
+»So früh schon auf, Herr?« wandte sich, freundlich, wie zu einem alten
+guten Bekannten, die alte Hausmutter, welche aus dem Bauernhause kam,
+an ihn.
+
+»Ja, es soll zur Jagd gehen, Mütterchen! Komme ich dort nach dem
+Sumpfe?«
+
+»Gerade durch die Gärten, unsere Tennen, lieber Mann, und die
+Hanffelder; dort geht der Weg.«
+
+Behutsam mit den nackten, gebräunten Füßen auftretend, führte die Alte
+Lewin und öffnete ihm den Verschlag bei der Tenne.
+
+»Geradeaus so und du kommst in den Sumpf; unsere Kinder haben dort
+Nachtweide gehabt.«
+
+Laska lief lustig voraus auf dem Fußsteig; Lewin folgte ihm mit
+schnellem, leichtem Schritt, fortwährend nach dem Himmel schauend. Er
+wünschte, die Sonne möchte nicht früher aufgehen, als bis er zum Ried
+gekommen wäre, doch die Sonne säumte nicht. Der Mond, welcher noch
+schien, als er herausgetreten war, glänzte jetzt nur noch wie ein Stück
+Quecksilber. Das Morgenrot, welches man vorher deutlich sehen mußte,
+war jetzt zu suchen, und vorher unbestimmt gewesene Flecken im fernen
+Felde waren jetzt klar sichtbar; es waren Kornfeime. Der ohne das
+Sonnenlicht noch nicht sichtbar gewesene Thau in dem duftenden, hohen
+Hanf durchnäßte die Füße und die Bluse Lewins bis über den Gürtel. In
+der klaren Ruhe des Morgens waren die leisesten Geräusche vernehmlich.
+Eine Biene flog mit dem Sausen der Kugel an Lewins Ohr vorüber. Er
+schaute auf und sah eine zweite, eine dritte. Sie alle kamen hinter
+dem Zaune des Bienengartens hervorgeflogen und verschwanden über dem
+Hanf in der Richtung nach dem Ried. Der Fußsteig führte gerade aus in
+den Sumpf, und diesen selbst konnte man schon an den Dünsten erkennen,
+welche sich aus ihm erhoben, hier dichter, dort weniger dicht, so daß
+die Wiese und Gebüsche wie kleine Inseln in dem Nebel flimmerten.
+
+Am Rande der Niederung und des Weges lagen Knaben und Bauern, welche
+die Nacht beim Vieh gewacht hatten und im Morgenrot alle unter ihren
+Kaftanen schliefen. Unweit von ihnen gingen drei gefesselte Pferde;
+eines derselben klirrte in seinen Ketten. Laska ging neben seinem
+Herrn, nach vorwärts strebend und sich umblickend.
+
+Nachdem Lewin bei den schlafenden Bauern vorübergegangen und an die
+erste Wasserstelle gelangt war, besichtigte er die Pistons und ließ den
+Hund los. Eines der Pferde, ein gutgefütterter, brauner Dreijähriger,
+erschrak, als er den Hund erblickte, hob den Schweif und schnob. Die
+übrigen Pferde gerieten gleichfalls in Schrecken, und eilten mit den
+gefesselten Beinen im Wasser plätschernd, und mit den aus dem dichten
+Lehm gezogenen Hufen einen Lärm verursachend, welcher dem Klopfen
+ähnlich war, aus dem Sumpfe.
+
+Laska war stehen geblieben, schaute spöttisch auf die Pferde und
+fragend auf Lewin. Dieser streichelte den Hund, und pfiff, zum Zeichen,
+daß er nun beginnen könne.
+
+Munter und vorsichtig eilte Laska über das unter ihm schwankende Moor.
+
+Als er in den Sumpf geeilt war, witterte er unter den ihm vertrauten
+Gerüchen und Sumpfgräsern, des Schlammes und des hier nicht
+hergehörigen Duftes von Pferdemist, der in diesem ganzen Revier
+verbreitet war, den Geruch eines Vogels, des Vogels, der ihn mehr als
+alle anderen Witterungen in Aufregung versetzte.
+
+An manchen Stellen im Moos und bei Sumpfpflanzen war dieser Geruch sehr
+stark, aber es ließ sich nicht entscheiden, nach welcher Seite hin er
+zunahm oder schwächer wurde.
+
+Um die Richtung zu finden, war es nötig, weiter unter den Wind zu
+gehen. Ohne die Bewegung seiner Füße zu fühlen, eilte Laska in scharfem
+Galopp, doch derart, daß er bei jedem Sprung Halt machen konnte, wenn
+es nötig werden sollte, nach rechts, hinweg von dem von Osten her
+wehenden leichten Morgenwind, und wandte sich dann gegen denselben.
+Mit offener Nase die Luft in sich einziehend, witterte er sogleich,
+daß nicht nur die Spuren von ihnen, sondern sie selbst da waren, in
+seiner Nähe, und nicht vereinzelt, sondern viele. Laska verminderte die
+Schnelligkeit seines Laufes. Sie waren da, aber wo, vermochte er noch
+nicht zu bestimmen.
+
+Um den Ort nun zu finden, begann er bereits einen Kreislauf, als ihn
+die Stimme seines Herrn davon abzog. »Laska, dort,« sagte er, ihn auf
+die andere Seite weisend. Der Hund stand, und frug ihn, ob es nicht
+besser wäre, zu thun, wie er begonnen hätte. Doch der Herr wiederholte
+mit strenger Stimme seinen Befehl, auf einen mit Wasser überdeckten
+Fleck zeigend, wo nichts sein konnte.
+
+Er gehorchte ihm, sich stellend als suche er, um ihm Vergnügen zu
+machen, durchstreifte den Fleck und kehrte dann zu seinem alten Platz
+zurück, und sofort witterte er die Vögel wieder. Jetzt, da sein Herr
+ihn nicht mehr störte, erkannte er, was zu thun sei, und begann, ohne
+auf seine Füße acht zu haben und ärgerlich über die hohen Erdhügel
+strauchelnd, oder ins Wasser fallend, aber mit flinken starken Füßen
+seinen Kreislauf, welcher ihm alles klarmachen mußte.
+
+Der Geruch der Vögel wurde stärker und stärker, er drang immer
+bestimmter und bestimmter auf ihn ein, und plötzlich war es ihm
+vollkommen klar, daß einer derselben dort, hinter jenem Erdhügel sei,
+fünf Schritte vor ihm; und er blieb stehen, blieb unbeweglich mit dem
+ganzen Körper.
+
+Auf seinen niederen Beinen konnte er vor sich nichts sehen, an der
+Witterung aber erkannte er, daß der Vogel nicht weiter als fünf Schritt
+entfernt von ihm saß. Er stand, mehr und mehr des Wildes Nähe fühlend
+und sich in der Erwartung freuend. Die steife Rute war hochgestreckt
+und bebte nur ganz am Ende. Sein Maul war leicht geöffnet, die Ohren
+waren gespitzt. Das eine Ohr hatte sich noch während des Laufs
+zurückgelegt, und er atmete schwer, aber vorsichtig, und schaute sich
+noch vorsichtiger nach seinem Herrn um, mehr mit den Augen, als mit
+dem Kopfe. -- Dieser, mit seinem gewohnten Gesicht, aber den ihm stets
+furchtbaren Augen, kam, über die Erdhaufen strauchelnd, ungewöhnlich
+gemächlich, wie ihm schien, und doch lief er.
+
+Als Lewin das seltsame Suchen Laskas bemerkt hatte, wie sich dieser
+ganz zur Erde drückte, mit großen Schritten der Hinterfüße gleichsam
+rudernd, das Maul leicht geöffnet, erkannte er, daß Laska einer
+Schnepfe nachspüre und eilte, im Geiste Gott bittend, daß er ihm
+Erfolg, besonders für den ersten Vogel verleihe, zu dem Hunde.
+
+Als er nahe an diesen herangekommen war, hielt er in seiner Größe vor
+sich Umschau und erblickte mit den Augen, was sein Hund mit der Nase
+erkannt hatte. In einem Schlupfwinkel zwischen zwei Erdhügeln, in der
+Entfernung von einem Faden, war eine Bekassine sichtbar. Den Kopf
+gewendet, lauschte sie; dann plötzlich die Flügel leise reckend und sie
+wieder zusammenlegend, schüttelte sie das Hinterteil und verbarg sich
+hinter einer Ecke.
+
+»Stell, stell!« rief Lewin, Laska in den Rücken stoßend.
+
+»Ich kann ja nicht,« dachte Laska, »wohin soll ich gehen? Von dorther
+wittere ich die Vögel, aber wenn ich mich vorwärts bewege, werde ich
+nicht erfahren, wo sie sind.« Doch er stieß den Hund mit dem Knie und
+sprach in aufgeregtem Flüsterton, »stell, mein Laska, stell!«
+
+»Nun, wenn er es denn will, werde ich es thun, doch ich bin jetzt für
+nichts mehr verantwortlich,« dachte Laska, und drang in vollem Laufe
+vorwärts zwischen den Erdhügeln. Er hatte bis jetzt noch nichts gemerkt
+und nur geschaut und gelauscht, ohne etwas zu erfassen.
+
+Zehn Schritte von seinem vorigen Platze erhob sich mit breitem
+Schnarchen und dem den Schnepfen eigenen vollen Ton des Flügelschlags
+eine Schnepfe, stürzte aber sofort auf den Schuß schwer platschend mit
+der weißen Brust auf den nassen Moor herab. Eine zweite ließ nicht auf
+sich warten und stieg hinter Lewin ohne Hund auf.
+
+Als Lewin sich nach ihr umwandte, war sie schon weit entfernt, aber
+sein Schuß erreichte sie. Nachdem sie zwanzig Schritt geflogen war,
+stürzte sie, sich steil im Kreise erhebend und überschlagend, wie ein
+geworfener Ball schwer auf einen trockenen Platz herab.
+
+»So hat das Ding Sinn!« dachte Lewin, die noch warmen, fetten Vögel in
+seiner Jagdtasche bergend, »nicht so, Laskchen, das wird etwas werden?«
+
+Als Lewin, nachdem er das Gewehr wieder geladen hatte, sich weiter
+bewegte, war die Sonne, obwohl hinter den Wolken noch nicht sichtbar,
+bereits aufgegangen. Der Mond, seines Schimmers ganz verlustig
+gegangen, stand bleich wie eine Wolke am Himmel, und von den Sternen
+war kein einziger mehr sichtbar. Der Morast sah wie Bernstein aus;
+die Bläue der Gräser ging über in gelbes Grün. Die kleinen Sumpfvögel
+tummelten sich auf den von Thau schimmernden, lange Schatten am Bache
+werfenden Büschen. Ein Habicht war erwacht und saß auf einem Schober,
+den Kopf von einer Seite auf die andere wendend und grießgrämig auf den
+Sumpf blickend. Dohlen flogen auf das Feld, und ein barfüßiger Junge
+trieb schon die Pferde zu dem sich unter seinem Kaftan aufrichtenden,
+und sich kratzenden Alten. Der Rauch der Schüsse lag weiß wie Milch auf
+dem Grün des Grases.
+
+Einer der Knaben kam zu Lewin gelaufen.
+
+»Herr, gestern waren da Enten!« rief er ihm zu und folgte ihm aus der
+Ferne.
+
+Lewin gewährte es doppeltes Vergnügen, vor den Augen des Knaben,
+welcher seine Freude darüber ausdrückte, noch Schlag auf Schlag drei
+Bekassinen erlegen zu können.
+
+
+ 13.
+
+Die alte Jägererfahrung, daß wenn das erste Wild, der erste Vogel,
+nicht gefehlt worden ist, das Revier günstig bleibt, erwies sich als
+richtig.
+
+Müde und hungrig, aber beglückt, kehrte Lewin um zehn Uhr morgens,
+dreißig Werst hinter sich, mit neunzehn Stück schönen Wildprets und
+einer Ente, die er an den Gürtel gebunden hatte, da sie schon nicht
+mehr in die Jagdtasche ging, in sein Quartier zurück. Seine Gefährten
+hatten schon längst ausgeschlafen, hatten Hunger empfunden und
+gefrühstückt.
+
+»Halt, halt, ich weiß doch, daß es neunzehn sind,« sagte Lewin, zum
+zweitenmal die Schnepfen durchzählend, welche jetzt nicht mehr den
+charakteristischen Anblick zeigten, den sie boten, wie sie aufflogen;
+zusammengekrümmt und eingeschrumpft, mit dem geronnenen Blute und
+seitwärts herniederhängenden Köpfchen.
+
+Die Rechnung stimmte und der Neid Stefan Arkadjewitschs kitzelte Lewin.
+Noch angenehmer aber war ihm, daß er, als er in das Quartier zurückkam,
+schon einen Boten mit einem Brief von Kity antraf.
+
+»Ich bin gesund und munter. Wenn du Besorgnis um mich hegst, so
+kannst du wohl noch ruhiger sein, als zuvor. Ich habe jetzt einen
+neuen Leibhüter, Marja Wlasjewna,« dies war die Wehfrau, eine neue und
+wichtige Persönlichkeit im Familienleben Lewins. »Sie ist gekommen, um
+sich nach mir zu erkundigen, und hat mich vollständig gesund befunden;
+wir haben sie bis zu deiner Rückkunft dabehalten. Alles ist gesund und
+munter, aber, bitte, übereile dich nicht, und bleibe, wenn die Jagd gut
+ist, noch einen Tag.«
+
+Diese beiden freudigen Ereignisse, die glückliche Jagd und der
+Brief seiner Gattin, waren so schwerwiegend, daß zwei kleine
+Unannehmlichkeiten nach der Jagd von Lewin leicht verwunden wurden. Die
+eine bestand darin, daß das braune Handpferd, welches gestern offenbar
+zu viel geleistet hatte, nicht fraß und den Kopf hängen ließ. Der
+Kutscher sagte, es sei kreuzlahm.
+
+»Ihr habt es gestern übertrieben, Konstantin Dmitritsch,« sagte er;
+»zehn Werst sind wir gar nicht auf dem Weg gefahren.«
+
+Die andere Unannehmlichkeit, die im ersten Augenblick seine gute Laune
+verdarb, über die er indessen später viel lachte, bestand darin, daß
+von dem ganzen Vorrat an Lebensmitteln, der von Kity in solcher Fülle
+mitgegeben worden war, daß es schien, als könne er in einer Woche nicht
+aufgezehrt werden, nichts mehr übrig war.
+
+Müde und hungrig von der Jagd heimkehrend, hatte Lewin so lebhaft von
+den Pasteten geträumt, daß er, dem Quartier näher kommend, schon den
+Duft und den Geschmack derselben im Munde witterte, wie Laska das Wild,
+und sogleich Philipp befahl, sie ihm zu bringen. Da aber stellte sich
+heraus, daß nicht nur keine Pasteten, sondern auch keine jungen Hühner
+mehr da waren.
+
+»Es gab schon Appetit,« sagte Stefan Arkadjewitsch lachend, auf
+Wasjenka Wjeslowskij weisend; »ich leide doch nicht gerade Mangel an
+Appetit, aber dies war bewundernswert« --
+
+»Nun, aber was jetzt thun!« sagte Lewin, mürrisch auf Wjeslowskij
+blickend; »Philipp, so gieb mir Rindfleisch!«
+
+»Das Rindfleisch haben wir gegessen und die Knochen den Hunden
+gegeben,« antwortete Philipp.
+
+Lewin ärgerte sich hierüber so, daß er voll Verdruß sagte: »Hätten sie
+mir auch nur wenigstens etwas übrig gelassen!« und das Weinen stand ihm
+nahe.
+
+»So weide denn ein Stück Wildbret aus,« sagte er mit bebender Stimme zu
+Philipp, es vermeidend, Wasjenka anzublicken, »und lege Nesseln dazu.
+Laß dir wenigstens etwas Milch für mich geben.«
+
+Bald darauf indessen, nachdem er die Milch getrunken hatte, that es
+ihm leid, daß er seinen Verdruß einem fremden Menschen gegenüber
+ausgesprochen hatte, und er begann über seinen hungrigen Zorn zu lachen.
+
+Am Abend machten sie noch einen Streifzug, in welchem auch Wasjenka
+mehrere Stück erlegte und kehrten nachts heim.
+
+Die Heimfahrt war ebenso vergnügt, wie die Herfahrt. Wjeslowskij sang
+bald, bald gedachte er mit Wonne seiner Erlebnisse bei den Bauern, die
+ihn mit Branntwein bewirtet und ihm gesagt hatten, er solle sich nicht
+besinnen; bald seiner nächtlichen Abenteuer mit den Nüssen und der
+Magd und dem Bauer, der ihn gefragt hatte, ob er verheiratet sei, und
+nachdem er erfahren, es wäre nicht der Fall, ihm gesagt hatte, er solle
+sich nicht um die Frauen anderer kümmern, sondern möglichst bald selber
+heiraten. Diese Worte hatten Wjeslowskij ganz besonders heiter gestimmt.
+
+»Im allgemeinen bin ich außerordentlich zufrieden mit unserer Fahrt.
+Und Ihr, Lewin?«
+
+»Ich bin auch sehr zufrieden,« antwortete dieser, dem es recht froh
+zu Mut war, aufrichtig. Er empfand nicht nur keine Feindseligkeit
+mehr, wie er sie in dem Hause gegen Wasjenka Wjeslowskij gehegt hatte,
+sondern, im Gegenteil, die freundschaftlichste Gesinnung für denselben.
+
+
+ 14.
+
+Am andern Tag um zehn Uhr klopfte Lewin, der schon die Ökonomie
+inspiziert hatte, an das Zimmer, in welchem Wasjenka übernachtete.
+
+»=Entrez=!« rief ihm dieser entgegen. »Ihr entschuldigt mich wohl, ich
+bin soeben erst mit meinen =ablutions= fertig,« sagte er lächelnd, im
+bloßen Hemde vor ihm stehend.
+
+»Laßt Euch nicht stören, bitte,« sagte Lewin und setzte sich ans
+Fenster. »Habt Ihr gut geschlafen?«
+
+»Wie ein Toter. Was für ein Tag doch heute zur Jagd wäre!«
+
+»Trinkt Ihr Thee oder Kaffee?«
+
+»Weder dies, noch das: ich frühstücke. Mir liegt übrigens etwas auf
+dem Herzen. Haben sich die Damen bereits erhoben? Jetzt läßt sichs
+vortrefflich einen Rundgang machen. Zeigt mir doch einmal Eure Pferde!«
+
+Nachdem Lewin mit durch den Garten gegangen und im Pferdestall eine
+Weile gewesen, selbst einige gymnastische Übungen mit ihm am Barren
+gemacht hatte, wandte er sich mit seinem Gaste dem Hause wieder zu und
+trat mit ihm in den Salon.
+
+»Wir haben vortrefflich gejagt, und wieviele Eindrücke empfangen,«
+sagte Wjeslowskij, zu Kity gehend, welche hinter dem Ssamowar saß. »Wie
+schade, daß die Damen dieser Vergnügungen beraubt sind.«
+
+»Nun, er muß doch mit der Frau des Hauses sprechen,« dachte Lewin
+bei sich; es zeigte sich ihm wiederum Etwas in dem Lächeln in jenem
+triumphierenden Ausdruck, mit dem sich der Besucher an Kity wandte.
+
+Die Fürstin, jenseits des Tisches mit Marja Wlasjewna und Stefan
+Arkadjewitsch sitzend, rief Lewin zu sich und begann mit ihm ein
+Gespräch über die Umsiedelung nach Moskau wegen der Niederkunft Kitys
+und der Anstalt zur Bestimmung eines Quartiers.
+
+Wie für Lewin schon alle Vorbereitungen bei der Hochzeit unangenehm
+gewesen waren, die mit ihrer Niedrigkeit die Erhabenheit dessen,
+was sich vollzog, beeinträchtigten, so erschienen ihm die Anstalten
+für die bevorstehende Niederkunft, deren Zeit gleichsam an den
+Fingern abgezählt wurde, noch verletzender. Er suchte geflissentlich
+während dieser ganzen Zeit, die Gespräche über die Art der Windelung
+des zu erwartenden Kindes zu überhören; er bemühte sich, gewisse
+geheimnisvolle endlose gestrickte Streifen, gewisse dreieckige
+Stückchen Leinwand, denen namentlich Dolly eine besondere Wichtigkeit
+beimaß, und andere Dinge von sich zu weisen und nicht zu sehen.
+
+Das Ereignis der Geburt eines Sohnes -- er war überzeugt, es werde
+ein Sohn sein -- das man ihm in Aussicht gestellt hatte, an welches er
+aber gleichwohl nicht zu glauben vermochte, so ungewöhnlich dünkte es
+ihm -- erschien ihm einerseits als ein so ungeheuerliches und daher
+unmögliches Glück, anderseits als ein so geheimnisvoller Vorgang
+-- daß diese vermeintliche Kenntnis dessen, was kommen würde, und
+demnach die Vorbereitung dazu als zu etwas Gewöhnlichem, von Menschen
+herbeigeführtem, ihm ärgerlich und herabwürdigend vorkam.
+
+Aber die Fürstin verstand seine Empfindungen nicht; sie erklärte
+seine Unlust, darüber zu denken, zu sprechen, als Leichtsinn und
+Gleichgültigkeit; und ließ ihn infolge dessen nicht in Ruhe. Sie
+übertrug es Stefan Arkadjewitsch, eine Wohnung zu besichtigen, und rief
+nun Lewin zu sich.
+
+»Ich weiß nichts, Fürstin. Thut, was Ihr wollt,« sagte dieser.
+
+»Es muß aber ein Entschluß gefaßt werden, wann Ihr übersiedelt.«
+
+»Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, daß Kinder zu Millionen auch
+ohne Moskau geboren werden, und ohne Ärzte -- wozu das« --
+
+»Aber wenn es so steht« --
+
+»Nun; wie Kity will« --
+
+»Mit Kity läßt sich hierüber nicht reden. Wie; willst du, daß ich sie
+erschrecken soll? In diesem Frühling ist die Nataly Galizina gestorben
+durch die Schuld eines Geburtsfehlers.«
+
+»Wie Ihr sagt, werde ich thun,« sagte er finster.
+
+Die Fürstin begann nun mit ihm weiter zu sprechen, aber er hörte sie
+gar nicht. Obwohl ihn das Gespräch mit der Fürstin verstimmte, wurde er
+nicht infolge desselben mißlaunig, sondern durch das, was er bei dem
+Ssamowar sah.
+
+»Nein; es ist unmöglich,« dachte er, bisweilen nach Wasjenka blickend,
+der zu Kity herniedergebeugt, dieser mit seinem hübschen Lächeln
+etwas erzählte, und sie anblickte, die errötete und erregt war. Es
+lag etwas Indecentes in der Stellung Wasjenkas, in seinem Blick, und
+seinem Lächeln. Lewin sah sogar etwas Indecentes auch in der Haltung
+und im Blick Kitys. Und wiederum verfinsterte sich die Welt vor
+seinen Augen. Wiederum, wie gestern, plötzlich, ohne den geringsten
+Übergang, fühlte er sich von der Höhe seines Glückes, seiner Ruhe und
+Würde herabgeschleudert, in einen Abgrund der Verzweiflung, Wut und
+Erniedrigung. Wiederum wurde ihm jedermann und alles widerlich.
+
+»Macht was Ihr wollt, Fürstin,« sagte er nochmals, sich umblickend.
+
+»Es ist gar schwer, alles allein thun zu sollen,« sagte Stefan
+Arkadjewitsch scherzweise zu ihm, offenbar nicht nur auf das Gespräch
+mit der Fürstin deutend, sondern auch auf die Ursache der Aufregung
+Lewins, welche er bemerkt hatte. »Wie kommst du heute so spät, Dolly!«
+
+Alles erhob sich, um Darja Alexandrowna zu begrüßen. Wasjenka stand nur
+für eine Minute auf, und verbeugte sich kaum, mit dem den neumodischen
+jungen Herrn eigenem Mangel an Höflichkeit gegen die Damen, worauf er
+seine Unterhaltung wieder fortsetzte, über irgend etwas in Gelächter
+ausbrechend.
+
+»Mich hat Mascha gepeinigt. Sie schlief schlecht und ist heute
+entsetzlich launisch gewesen,« sagte Dolly.
+
+Das Gespräch, welches Wasjenka und Kity pflogen, drehte sich wiederum
+um das gestrige Thema, um Anna und die Frage, ob die Liebe höher stehen
+könne als die Gesetze der Welt.
+
+Kity war das Gespräch unangenehm geworden; es regte sie schon durch
+seinen Inhalt auf, sowie durch den Ton, in welchem es geführt wurde,
+namentlich aber dadurch, daß sie schon inne geworden war, wie es auf
+ihren Mann wirke. Sie war indessen zu naiv und zu unschuldig, um es zu
+verstehen, das Gespräch abzubrechen, etwa schon um deswillen, jenes
+äußere Behagen, welches ihr die sichtliche Aufmerksamkeit dieses jungen
+Mannes verursachte, zu verbergen.
+
+Sie wollte das Gespräch abbrechen, wußte aber nicht, was sie da zu thun
+habe. Was sie auch alles thun mochte, sie wußte, es wurde von ihrem
+Gatten bemerkt, und alles werde auch nach der üblen Seite ausgelegt
+werden.
+
+Und in der That, als sie Dolly frug, was mit Mascha sei, und Wasjenka
+wartete, bis dieses für ihn langweilige Gespräch vorüber sein werde,
+und er sich einstweilen damit beschäftigte, Dolly gleichgültig
+anzuschauen, so erschien Lewin diese Frage unnatürlich und anwidernd in
+ihrer Verschmitztheit.
+
+»Nun; werden wir denn heute in die Pilze gehen?« frug Dolly.
+
+»Laß uns gehen, bitte; auch ich komme mit!« sagte Kity und errötete.
+Sie wollte Wasjenka aus Höflichkeit fragen, ob er mitkäme, frug aber
+nicht. »Wohin willst du, Konstantin?« frug sie mit schuldbewußtem
+Ausdruck ihren Gatten, als dieser mit entschlossenem Schritt an ihr
+vorüberging. Dieser schuldbewußte Ausdruck bestätigte alle seine
+Zweifel.
+
+»In meiner Abwesenheit ist ein Maschinist angekommen, ich habe ihn
+noch nicht gesehen,« sagte er, ohne sie anzublicken. Er ging hinab,
+hatte aber das Kabinett noch nicht verlassen, als er die wohlbekannten
+Schritte seiner Frau vernahm, die ihm unvorsichtig schnell nachkam.
+»Was willst du?« sagte er lakonisch zu ihr. »Ich bin beschäftigt.«
+
+»Entschuldigt,« wandte sie sich an den deutschen Maschinisten, »ich
+habe einige Worte mit meinem Manne zu sprechen.«
+
+Der Deutsche wollte gehen, doch Lewin sagte zu ihm:
+
+»Laßt Euch nicht stören.«
+
+»Den Dreiuhrzug?« frug der Deutsche, »sollte man sich nicht verspätigen
+können?«
+
+Lewin antwortete ihm nicht, sondern ging mit seiner Frau hinaus.
+
+»Nun, was habt Ihr mir zu sagen?« sprach er auf französisch.
+
+Er blickte nicht in ihr Gesicht, wollte nicht sehen, daß sie, in
+ihrem Gesundheitszustand im ganzen Gesicht bebte und einen kläglichen
+beschämten Ausdruck zeigte.
+
+»Ich -- ich will sagen, daß man so nicht leben kann, daß das eine
+Marter ist,« fuhr sie fort.
+
+»Es sind Leute dort im Büffett,« sprach er zornig, »macht keine Scene!«
+
+»Nun; gehen wir hierher!«
+
+Sie standen in einem Zwischenzimmer. Kity wollte in das Nebenzimmer
+treten, doch dort unterrichtete die Engländerin Tanja.
+
+»So wollen wir in den Garten gehen.«
+
+Im Garten stießen sie auf einen Mann, welcher den Weg säuberte. Aber
+ohne daran zu denken, daß der Mann ihr verweintes Gesicht sehe und
+Lewins erregte Züge, ohne daran zu denken, daß sie den Anblick von
+Menschen boten, welche vor einem Unglück fliehen, gingen sie mit
+schnellen Schritten vorwärts im Gefühl, daß sie sich aussprechen und
+gegenseitig überzeugen müßten; von einer und derselben Qual eingenommen
+oder befreit werden müßten, die sie beide empfanden.
+
+»So läßt sich nicht leben! Das ist eine Qual! Ich leide, du leidest!
+Und weshalb?« sagte sie, als beide endlich zu einer abgelegenen Bank in
+der Ecke einer Lindenallee gekommen waren.
+
+»Sage mir nur das Eine: War in seinem Tone etwas Unehrerbietiges,
+Unlauteres, Erniedrigendes?« sprach er, vor sie wieder in der nämlichen
+Stellung tretend, die Fäuste auf der Brust, wie er in jener Nacht vor
+ihr gestanden.
+
+»Es lag etwas darin,« sagte sie mit zitternder Stimme. »Aber, mein
+Konstantin, siehst du denn nicht, daß ich gar nicht schuldig bin? Seit
+dem Morgen schon wollte ich einen Ton annehmen -- aber diese Menschen
+-- warum ist er nur gekommen? Wie glücklich waren wir!« sprach sie,
+tiefatmend vor Schluchzen, welches ihren sich allmählich füllenden
+Körper hob.
+
+Der Gärtner sah mit Verwunderung -- trotzdem, daß sie nichts verfolgte
+und sie nichts zu fliehen hatten, daß auch auf der Bank nichts
+besonderes Erfreuliches zu finden sein konnte -- daß sie an ihm vorüber
+nach dem Hause zurückkehrten, mit beruhigten, freudeschimmernden
+Gesichtern.
+
+
+ 15.
+
+Nachdem Lewin sein Weib hinausbegleitet hatte, begab er sich in die
+Gemächer Dollys. Darja Aleksandrowna ihrerseits war den ganzen Tag in
+großer Erbitterung gewesen. Sie ging im Zimmer auf und ab und sprach
+zornig zu ihrem in der Ecke stehenden weinenden kleinen Töchterchen.
+
+»Den ganzen Tag wirst du in der Ecke stehen und allein zu Mittag essen;
+du sollst nicht eine einzige Puppe mehr zu sehen bekommen und auch kein
+neues Kleid laß ich dir machen,« sprach sie, gar nicht mehr wissend,
+womit sie sie noch weiter strafen sollte. »Nein, ist das ein häßliches
+Kind!« wandte sie sich zu Lewin. »Woher kommen bei ihr diese schlimmen
+Neigungen?«
+
+»Was hat sie denn begangen?« sagte ziemlich gleichgültig Lewin, der
+sich über seine eigene Angelegenheit Rats zu erholen gewünscht hatte,
+und dem es daher verdrießlich war, daß er zur unrechten Zeit kam.
+
+»Sie sind mit Grischa nach den Himbeeren gegangen und dort -- ich
+kann dir gar nicht sagen, was sie gethan hat! Tausendmal bedauere ich
+Miß Elliot. Die jetzige Gouvernante übt um keinen Preis Aufsicht.
+Sie ist eine Maschine. =Figurez vous, que la petite=« -- und Darja
+Aleksandrowna erzählte das Vergehen Maschas.
+
+»Dies beweist noch gar nichts; dies sind durchaus keine häßlichen
+Neigungen, es ist einfach Mitleid,« beruhigte sie Lewin.
+
+»Aber du bist wie mißgestimmt? Weshalb kamst du?« frug Dolly, »wie geht
+es drüben?«
+
+An dem Tone dieser Frage hörte Lewin, daß es ihm leicht sein würde, zu
+sagen, was er zu sagen beabsichtigte.
+
+»Ich war nicht drüben, ich war mit Kity allein im Garten. Wir haben uns
+ein zweites Mal gezankt, seit -- Stefan gekommen ist.« --
+
+Dolly blickte ihn mit klugen, verständnisvollen Augen an.
+
+»Nun, sag' mir, Hand aufs Herz, wäre etwa nicht -- nicht bei Kity,
+sondern bei jenem Herrn ein Ton, welcher unangenehm werden kann, nicht
+nur unangenehm, sondern furchtbar, verletzend für einen Gatten?«
+
+»Das heißt -- wie soll ich sagen -- du bleibst stehen, in der Ecke!«
+-- wandte sie sich zu Mascha, welche, ein kaum bemerkbares Lächeln auf
+dem Gesicht der Mutter gewahrend, sich umgedreht hatte; »die Meinung
+der Welt wäre die, daß er sich benimmt, wie sich alle jungen Männer
+benehmen. =Il fait la cour à une jeune et jolie femme=, ein Mann von
+Welt aber darf nur geschmeichelt sein hiervon.«
+
+»Ja, ja,« versetzte Lewin düster, »aber hast du es bemerkt?«
+
+»Nicht nur ich, auch Stefan hat es bemerkt. Er hat mir nach dem Thee
+offen gesagt, =je crois, que Weslowskij fait un petit brin de cour à
+Kity=.«
+
+»Schön; jetzt bin ich beruhigt. Ich werde ihn davonjagen,« sagte Lewin.
+
+»Was willst du, hast du den Verstand verloren?« rief Dolly mit
+Schrecken. »Was thust du, Konstantin, komme zur Besinnung!« sagte sie
+dann lachend -- »jetzt kannst du zu Fanny gehen« -- wandte sie sich zu
+Mascha. -- »Nein; wenn du schon willst, so werde ich es Stefan sagen;
+er mag ihn mit fortnehmen. Man kann ja sagen, du erwartetest Gäste.
+Überhaupt gehört er ja nicht zu unserem Hause.«
+
+»Nein; das sage ich auch.«
+
+»Aber du wirst Händel suchen?«
+
+»Keineswegs. Mir wird es so ganz lieb sein,« sagte Lewin, in der That
+mit heiter glänzenden Augen. »Nun aber vergieb ihr, Dolly; sie wird
+es nicht wieder thun,« sagte er zu der kleinen Sünderin, die nicht
+zu Fanny ging und unentschlossen vor der Mutter stand von unten her
+schielend und wartend, und ihren Blick suchend.
+
+Die Mutter schaute sie an. Das Kind begann zu schluchzen und vergrub
+das Gesicht zwischen die Kniee der Mutter, Dolly aber legte ihre
+hagere, zarte Hand auf des Kindes Haupt.
+
+»Was ist denn Gemeinsames zwischen uns und ihm?« dachte Lewin, und
+ging, um Wjeslowskij aufzusuchen.
+
+Als er durch das Vorzimmer ging, befahl er anzuspannen, um auf die
+Station fahren zu können.
+
+»Es ist gestern die Feder gebrochen,« antwortete der Diener.
+
+»Dann nehmt den Tarantaß, aber schnell! Wo ist der Besuch?«
+
+Sie gingen nach seinem Zimmer.
+
+Lewin traf Wasjenka gerade, als dieser, der seine Sachen aus dem Koffer
+ausgepackt und neue Romanzen aufgeschlagen hatte, Gamaschen zum Reiten
+anprobierte.
+
+Lag nun im Gesicht Lewins etwas Besonderes, oder empfand Wasjenka
+selbst, daß =ce petit brin de cour=, den er angestiftet, in dieser
+Familie unstatthaft wäre; genug, er wurde ein wenig -- soviel dies eben
+ein Weltmann werden kann -- verlegen beim Eintritt Lewins.
+
+»Ihr wollt in Gamaschen reiten?«
+
+»Ja; das ist bei weitem sauberer,« sagte Wasjenka, den feisten Fuß auf
+einen Stuhl stellend, und die unterste Schnalle zumachend, wobei er
+heiter lächelte.
+
+Er war unzweifelhaft ein ganz guter Mensch und that Lewin leid. Dieser
+kämpfte mit sich selbst, als Herr des Hauses, als er die Schüchternheit
+im Blick Wasjenkas wahrnahm.
+
+Am dem Tische lag ein Stück eines Stockes, den sie am Morgen beim
+Turnen zusammen zerbrochen hatten, indem sie probierten, den Barren
+zu heben. Lewin nahm den Trümmer in die Hand und begann, da er nicht
+wußte, wie er anfangen sollte, das zersplitterte Ende rund herum
+abzubrechen.
+
+»Ich wollte --« er verstummte, sagte aber dann plötzlich, Kitys
+gedenkend und alles dessen, was geschehen war, und ihm entschlossen in
+die Augen blickend, »ich habe befohlen, für Euch anspannen zu lassen.«
+
+»Was heißt das?« begann Wasjenka voll Verwunderung, »wohin soll es
+gehen?«
+
+»Ihr sollt zur Bahn fahren,« sagte Lewin finster, die Spitze des
+Stockes abzupfend.
+
+»Verreist Ihr, oder ist etwas vorgefallen?«
+
+»Es ist das vorgefallen, daß ich Besuch erwarte,« sprach Lewin,
+schneller und schneller mit den starken Fingern die Zacken des
+zersplitterten Stockes abbrechend. »Oder vielmehr ich erwarte nicht
+Besuch, und es ist nichts vorgefallen, aber ich ersuche Euch,
+abzureisen. Ihr mögt Euch meine Unhöflichkeit erklären, wie Ihr wollt.«
+
+Wasjenka richtete sich auf.
+
+»Ich bitte Euch, mir zu erklären,« sprach er mit Würde, endlich
+begreifend.
+
+»Ich kann Euch nicht erklären,« fuhr Lewin, gedämpften Tones
+und langsam sprechend fort, sich bemühend, das Beben seiner
+Kinnbackenmuskeln zu verbergen, »und es ist auch besser für Euch, nicht
+zu fragen.«
+
+Da sämtliche zersplitterte Enden bereits abgebrochen waren, machte sich
+Lewin mit den Fingern an die dicken Enden, riß den Stock auseinander
+und hob das hingefallene Stück sorgsam auf.
+
+Wahrscheinlich mochte der Anblick dieser straffangestrengten Hände,
+dieser Muskeln da, welche er heute früh beim Turnen befühlt hatte, der
+blitzenden Augen, der gedämpften Stimme und der bebenden Kinnbacken
+Wasjenka mehr als Worte überzeugen; er verbeugte sich, nachdem er die
+Achseln gezuckt und verächtlich gelächelt hatte.
+
+»Kann ich nicht Oblonskiy sehen?«
+
+Das Achselzucken und Lächeln brachten Lewin nicht auf, »was bleibt ihm
+weiter übrig?« dachte dieser.
+
+»Ich werde ihn sofort zu Euch schicken.«
+
+»Was ist das für ein Unsinn,« sagte Stefan Arkadjewitsch der von dem
+Freunde erfahren hatte, daß man ihn aus dem Hause jage, zu Lewin, als
+er diesen im Garten fand, wo er, die Abfahrt des Gastes erwartend,
+spazieren ging.
+
+»=Mais c'est ridicule=! Was für eine Fliege hat dich denn gestochen.
+=Mais c'est du dernier ridicule=! Was ist dir darin erschienen, daß ein
+junger Mann« --
+
+Die Stelle, an welcher Lewin die Fliege gestochen hatte, schmerzte
+aber offenbar noch, da derselbe abermals bleich wurde, als Stefan
+Arkadjewitsch ihm die Ursache klarmachen wollte, und diesen hastig
+unterbrach.
+
+»Bitte, erkläre mir keine Ursache! Ich kann nicht anders! Es thut mir
+sehr leid um deinet- und seinetwillen, aber ihm, glaube ich, verursacht
+es kein großes Herzeleid, abreisen zu müssen, während mir und meiner
+Frau seine Gegenwart unangenehm ist.«
+
+»Es ist dies aber eine Beleidigung für ihn! =Et puis c'est ridicule=!«
+
+»Auch für mich ist es beleidigend und peinlich! Und doch bin ich an
+nichts schuld, und habe keinen Grund, leiden zu sollen!«
+
+»Das hätte ich nicht von dir erwartet! =On peut être jaloux, mais à ce
+point, c'est du dernier ridicule=!«
+
+Lewin wandte sich schnell um und ging von ihm hinweg in die Tiefe der
+Allee, wo er seinen Spaziergang allein auf und abwärts fortsetzte. Bald
+vernahm er das Rollen des Tarantaß und sah hinter den Bäumen hervor,
+wie Wasjenka, auf Heu sitzend, denn leider gab es keine Sitzbank in dem
+Tarantaß, mit seiner schottischen Mütze, von den Stößen in die Höhe
+schnellend, durch die Allee fuhr.
+
+»Was giebt es denn noch?« dachte Lewin, als ein Diener, der aus dem
+Hause eilte, den Tarantaß halten ließ. Es war der Maschinist, den
+Lewin gänzlich vergessen hatte. Nachdem derselbe gegrüßt hatte, sprach
+er etwas mit Wasjenka, stieg darnach auf den Tarantaß und sie fuhren
+zusammen ab.
+
+Stefan Arkadjewitsch und die Fürstin waren verstimmt von der
+Handlungsweise Lewins. Auch dieser selbst fühlte sich nicht nur im
+höchsten Grade »=ridicule=«, sondern auch schuldig und beschimpft; als
+er sich aber vergegenwärtigte, was er und sein Weib gelitten hatten,
+gab er sich, indem er sich selbst frug, wie er ein zweites Mal handeln
+würde, die Antwort, daß er es ganz wieder so gemacht hätte.
+
+Trotz alledem war zu Ende dieses Tages jedermann, mit Ausnahme
+der Fürstin, welche Lewin sein Verfahren nicht verzeihen konnte,
+außergewöhnlich lebhaft und heiter, gleichwie Kinder nach einer
+Bestrafung oder Erwachsene nach einem wichtigen offiziösen Empfang, so
+daß abends in der Abwesenheit der Fürstin von der Entfernung Wasjenkas
+gesprochen wurde, wie von einem längst geschehenen Vorfall.
+
+Auch Dolly, welche von ihrem Vater die Gabe besaß, humoristisch zu
+erzählen, brachte Warenka zu dem herzlichsten Lachen, als sie zum
+dritten oder vierten Mal, mit immer neuen humoristischen Zuthaten
+berichtete, wie sie gerade dabei gewesen sei, ihre neuen Halbstiefeln
+des Gastes halber anzulegen und schon in den Salon gegangen sei, als
+sie plötzlich das Kreischen einer alten Karrete vernommen hätte. Und
+wer hätte darin gesessen? Wasjenka, mit der schottischen Mütze und den
+Romanzen, mit den Reitgamaschen, auf dem Heu.
+
+»Hätte er nur wenigstens den Wagen anspannen lassen! Aber nein! und
+dann hörte ich »halt!« -- Nun, denke ich, man hat Mitleid mit ihm
+bekommen! Ich sehe nach; da setzt man noch den dicken Deutschen zu
+ihm und fährt ihn weiter. Aus war es mit meinen hübschen schottischen
+Bändern.«
+
+
+ 16.
+
+Darja Aleksandrowna führte ihre Absicht aus und reiste zu Anna.
+
+Es that ihr sehr leid, die Schwester erbittern und etwas thun zu
+müssen, was deren Gatten unangenehm war; sie begriff, wie sehr recht
+die Lewin hatten, mit dem Wunsche, keine Beziehungen mit den Wronskiy
+zu pflegen, allein sie erachtete es für ihre Pflicht, zu Anna zu
+kommen, und ihr zu zeigen, daß ihre Gefühle sich nicht verändern
+könnten trotz der Veränderung ihrer Lage.
+
+Um bei dieser Reise nicht von den Lewin abhängen zu müssen, sandte
+Darja Aleksandrowna nach ihrem Dorfe, um Pferde mieten zu lassen; doch
+Lewin, der hiervon erfahren hatte, kam, um ihr Vorwürfe zu machen.
+
+»Warum denkst du, daß mir deine Reise unangenehm sei? Ja, und selbst
+wenn sie mir unangenehm wäre, so wäre sie es mir dadurch noch mehr,
+daß du nicht meine Pferde nimmst,« sagte er. »Du hast mir nicht ein
+einziges Mal gesagt, daß du entschieden fahren wolltest. Und nun auf
+dem Dorfe Pferde zu mieten, ist erstens unangenehm für mich, und dann,
+was die Hauptsache ist, man mietet sie, aber sie bringen dich nicht
+hin. Ich habe doch Pferde; und wenn du mich nicht böse machen willst,
+so nimmst du sie.«
+
+Darja Aleksandrowna mußte einwilligen, und am festgesetzten Tag hatte
+Lewin für seine Schwägerin ein Viergespann von Pferden und einen
+Vorspann aus Zug- und Reitpferden gewählt, bereit gemacht, der nicht
+sehr schön, aber doch imstande war, Darja Aleksandrowna in einem Tage
+an ihr Ziel zu bringen.
+
+Jetzt, wo Pferde sowohl für die Fürstin, welche abreiste, wie für
+die Wehfrau gebraucht wurden, war das eine schwierige Aufgabe für
+Lewin gewesen, doch konnte derselbe der Pflicht der Gastfreundschaft
+Folge leistend, nicht zugeben, daß Darja Aleksandrowna von seinem
+Hause aus Pferde mietete, und außerdem wußte er auch, daß die zwanzig
+Rubel, welche man von Darja Aleksandrowna für die Fahrt verlangte,
+für dieselbe von großer Bedeutung waren; die Finanzverhältnisse Darja
+Aleksandrownas, welche sich in sehr schlechtem Zustande befanden,
+wurden von den Lewin empfunden, als wären es ihre eigenen.
+
+Darja Aleksandrowna fuhr nach dem Rate Lewins noch vor der Morgenröte
+ab. Der Weg war gut, der Wagen ging ruhig, die Pferde liefen munter und
+auf dem Bocke saß noch außer dem Kutscher, an Stelle eines Dieners,
+der Comptoirschreiber, der von Lewin der Sicherheit halber mitgesandt
+worden war. Darja Aleksandrowna träumte und erwachte erst, als sie
+schon zu der Poststation gekommen war, wo die Pferde gewechselt werden
+mußten.
+
+Nachdem sie den Thee bei jenem nämlichen begüterten Großbauern,
+bei welchem Lewin auf seiner Fahrt zu Swijashskiy gerastet hatte,
+eingenommen, und sich mit den Weibern über die Kinder, mit dem Alten
+über den Grafen Wronskiy unterhalten hatte, den jener sehr lobte, fuhr
+Darja Aleksandrowna um zehn Uhr weiter. Zu Hause hatte sie, vor Sorgen
+um ihre Kinder, nie Zeit zu denken. Dafür aber häuften sich jetzt erst,
+auf dieser vierstündigen Fahrt, alle die vorher unterdrückt gewesenen
+Gedanken plötzlich in ihrem Kopfe, und sie überdachte ihr ganzes Leben,
+wie sie es noch nie zuvor gethan, und von den verschiedensten Seiten
+aus. Ihr selbst kamen ihre eigenen Gedanken seltsam vor.
+
+Im Anfang dachte sie ihrer Kinder, um die sie sich, obwohl ihr die
+Fürstin, wie besonders Kity -- auf diese verließ sie sich vielmehr --
+versprochen hatten, nach ihnen zu sehen, gleichwohl beunruhigte.
+
+»Wie wenn Mascha wiederum dumme Streiche machte, wenn den Grischa ein
+Pferd schlüge und der Magen Lilys noch mehr verdorben würde.«
+
+Dann aber begannen die Fragen der Gegenwart sich mit denen der nächsten
+Zukunft abzulösen. Sie dachte jetzt daran, daß man in Moskau für diesen
+Winter eine neue Wohnung mieten, die Möbel im Salon umtauschen und der
+ältesten Tochter einen Pelz fertigen lassen müsse. Darnach tauchten die
+Fragen der entfernten Zukunft vor ihr auf; wie sie ihre Kinder in die
+Welt einführen würde, »mit den Mädchen ist es noch nichts«, dachte sie,
+»aber mit den Knaben?«
+
+»Gut; ich beschäftige mich jetzt mit Grischa, aber ich kann es doch
+nur deshalb, weil ich selbst jetzt kein Kind unter dem Herzen trage.
+Auf Stefan läßt sich natürlich nicht rechnen. Jedoch mit Hilfe guter
+Menschen werde ich sie schon erziehen; und wenn wieder einmal eine
+Geburt« -- ihr kam der Gedanke, wie ungerecht der Ausspruch sei, daß
+der Fluch auf dem Weibe liege, daß sie in Schmerzen Kinder gebäre.
+»Die Geburt selbst hat nichts zu sagen, aber das Austragen -- das ist
+das Qualvolle,« dachte sie, sich ihrer letzten Schwangerschaft und des
+Todes dieses letzten Kindes erinnernd. Es fiel ihr auch das Gespräch
+mit der jungen Frau auf dem Posthof wieder ein. Auf ihre Frage, ob sie
+Kinder habe, hatte dieselbe ganz heiter geantwortet: »Ich hatte ein
+Mädchen, aber Gott hat es erlöst, ich habe es zu den Fasten begraben.«
+
+»Hast du es sehr betrauert?« hatte Darja Aleksandrowna weiter gefragt.
+
+»Wozu betrauern? Der Alte hat Enkel, und zwar viel. Man hat doch nur
+Sorge dabei, und kann weder arbeiten noch sonst etwas thun, sondern ist
+nur gebunden.«
+
+Diese Antwort war Darja Aleksandrowna abstoßend erschienen, ungeachtet
+des gutmütigen Äußeren der jungen Frau, jetzt aber vergegenwärtigte sie
+sich unwillkürlich diese Worte. Es lag auch ein Teil von Wahrheit in
+diesen cynischen Äußerungen.
+
+»Und im allgemeinen,« dachte Darja Aleksandrowna, auf ihr ganzes Leben
+während der fünfzehn Jahre ihrer Ehe zurückblickend, »Schwangerschaft,
+Übelkeiten, Stumpfsinn, Gleichgültigkeit für alles, und hauptsächlich
+Ruin der Schönheit. Kity, die junge, hübsche Kity, auch sie war häßlich
+geworden, ich aber werde in der Schwangerschaft ungeschlacht, ich weiß
+es. Geburten, Leiden, undenkbare Schmerzen; dann jene letzte Minute
+-- hierauf aber die Ernährung, alle die schlaflosen Nächte, diese
+furchtbaren Schmerzen« --
+
+Darja Aleksandrowna erbebte schon vor der Erinnerung an den Schmerz
+einer aufgehenden Brustwarze, den sie fast bei jedem Kind gehabt
+hatte. »Dann kommen die Kinderkrankheiten, diese ewige Angst, dann die
+Gedanken wegen schlimmer Neigungen« -- sie dachte an das Vergehen der
+kleinen Mascha in den Himbeeren -- »der Unterricht, das Latein, alles
+das so unverständlich und schwierig. Und außer dem allen noch die
+Möglichkeit des Todes eben dieser Kinder!«
+
+Und wiederum tauchte in ihrer Phantasie die ewig ihr Mutterherz
+drückende, herbe Erinnerung an den Tod ihres letzten Knaben auf, der
+noch an der Brust gelegen hatte, und in der Krippe gestorben war. Sie
+dachte an sein Begräbnis, die allgemeinherrschende Gleichgültigkeit
+für jenes kleine rosengeschmückte Grab, an ihren herzzerreißenden,
+vereinsamten Schmerz über der bleichen, kleinen Stirn mit den hohen
+Schläfen, über dem geöffneten, verwundert scheinenden Mündchen, welches
+aus dem Sarge herausschaute, als man denselben mit einem Rosendeckel
+und einem Kreuz bedeckte.
+
+»Und warum alles das? Was folgt aus alledem? Daß ich, ohne einen
+Augenblick Ruhe zu haben, bald in gesegneten Umständen, bald ein
+Kind nährend, ewig mich ereifernd, scheltend, mich selbst und andere
+folternd, dem Manne zuwider, mein Leben hinlebe, und mir unglückliche,
+schlecht erzogene und unbemittelte Kinder aufwachsen?
+
+»Und jetzt -- wäre nicht dieser Sommer bei den Lewin, ich wüßte nicht,
+wie wir ihn verleben sollen. -- Natürlich sind Konstantin und Kity so
+zartfühlend, daß sie es uns nicht merken lassen, aber es kann doch
+nicht so fortgehen! Sie werden Kinder bekommen und uns nicht mehr
+unterstützen können; sind sie doch schon jetzt in Bedrängnis. Und was
+kann Papa, der für sich fast nichts mehr übrig behalten hat, noch
+helfen? Die Verhältnisse liegen so, daß ich die Kinder nicht allein
+erziehen kann, nur mit Hilfe anderer, und mit eigener Erniedrigung. Und
+nehmen wir selbst den glücklichsten Fall; sollten mir keine Kinder mehr
+sterben und sollte ich sie erziehen können, so werden sie im besten
+Falle doch nur höchstens keine Taugenichtse werden. Das ist alles,
+was ich wünschen kann. Und dafür so viele Qualen, so viele Mühen! Ein
+ganzes, verlorenes Leben!« --
+
+Und wieder fiel ihr ein, was die junge Frau gesagt hatte, wiederum
+war es ihr widerlich, daran zu denken; und gleichwohl mußte sie doch
+zugeben, daß in jenen Worten ein Stück rauher Wahrheit lag.
+
+»Ist es denn noch weit, Michail?« frug Darja Aleksandrowna den
+Comptoirdiener, um sich ihren Gedanken, die sie bange machten, zu
+entreißen.
+
+»Von diesem Dorfe sollen es noch sieben Werst sein!«
+
+Der Wagen fuhr in der Dorfgasse über eine kleine Brücke. Über die
+Brücke ging geräuschvoll und lustig schwatzend ein Haufe frohgelaunter
+Weiber. Die Weiber blieben auf der Brücke stehen, neugierig den
+Wagen betrachtend. Alle ihr zugewandten Gesichter erschienen Darja
+Aleksandrowna gesund, heiter, neckisch für sie in ihrer Lebenslust.
+
+»Sie alle leben, und freuen sich ihres Lebens,« fuhr Darja
+Aleksandrowna in ihrem Gedankengang fort, an den Weibern
+vorüberfahrend, einen Berg hinauf und dann im Trab wieder weiter,
+angenehm gewiegt auf den geschmeidigen Federn der alten Kutsche, »ich
+aber, wie aus einem Gefängnis hinausgelassen aus jener Welt, die mich
+mit ihren Sorgen ertötet, komme nur jetzt auf einen Augenblick zur
+Besinnung. Sie alle leben doch; diese Weiber, die Schwester Nataly,
+Warenka, Anna, zu der ich fahre, -- nur ich lebe nicht! --
+
+Anna greifen sie an; aber warum? Bin ich denn besser? Ich habe zwar
+wenigstens einen Mann, den ich liebe. Wäre es nicht so, wie wollte ich
+lieben, aber ich liebe ja ihn; während Anna den ihren nicht geliebt
+hat. Wessen ist sie nun schuldig? Sie will leben! Gott hat uns das
+in die Seele gelegt! Es ist sehr wohl möglich, daß ich das Nämliche
+gethan hätte. Und bis heute weiß ich noch nicht, ob ich wohl daran
+that, ihr in jener furchtbaren Zeit gehorcht zu haben, als sie zu mir
+nach Moskau kam. Damals hätte ich meinen Gatten verlassen und ein
+neues Leben beginnen müssen. Ich hätte lieben können und wahr geliebt
+werden können! Und ist es nun etwa besser geworden? Ich achte ihn
+nicht! Ich brauche ihn aber,« dachte sie ihres Gatten, »und so dulde
+ich ihn. Ist das etwa besser? Damals konnte ich noch gefallen, da hatte
+ich noch meine Schönheit,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, zu sinnen,
+und sie hätte gern einmal in den Spiegel geblickt. In ihrem Reisesack
+befand sich ein kleiner Reisespiegel, und sie wollte ihn hervorholen,
+doch indem sie auf die Rücken des Kutschers und des schaukelnden
+Comptoirdieners blickte, fühlte sie, daß es ihr fatal sein müßte, wenn
+einer der beiden sich umschaute; und sie holte den Spiegel nicht hervor.
+
+Aber auch wenn sie nicht in den Spiegel blickte, meinte sie, sei es
+jetzt noch nicht zu spät; und sie dachte an Sergey Iwanowitsch, der
+besonders liebenswürdig gegen sie war, an den Freund Stefans, den
+guten Turovzyn, der mit ihr zusammen ihre Kinder beim Scharlachfieber
+gepflegt hatte und in sie verliebt war. Und noch ein ganz junger Mann
+war da, welcher, wie ihr der Gatte im Scherz gesagt, gefunden hatte,
+sie sei schöner, als alle ihre Schwestern. Die leidenschaftlichsten
+und unmöglichsten Romane tauchten vor Darja Aleksandrowna auf. »Anna
+hat recht gehandelt, und ich werde ihr nie den geringsten Vorwurf
+mehr machen. Sie ist glücklich, begründet das Glück eines andern
+Menschen, ist nicht abgestumpft, wie ich, sondern wahrhaftig so, wie
+sie immer war, frisch, verständig und empfänglich für alles,« dachte
+Darja Aleksandrowna und ein schlaues Lächeln kräuselte ihre Lippen,
+namentlich, weil sie an den Roman Annas denkend, sich ähnlich dazu für
+sich selbst einen eigenen, fast ebensolchen Roman erdachte, mit einem
+erdichteten Musterhelden, der in sie verliebt war. Ebenso wie Anna,
+gestand sie alles ihrem Gatten, und die Verwunderung und Bestürzung
+Stefan Arkadjewitschs bei dieser Nachricht nun machte sie lächeln.
+
+In solchen Träumereien gelangten sie zu dem Scheideweg, welcher von der
+Landstraße ab nach Wosdwishenskoje führte.
+
+
+ 17.
+
+Der Kutscher hielt das Viergespann an und blickte nach rechts, auf
+ein Roggenfeld hinaus, auf welchem Bauern bei einem Wagen saßen.
+Der Comptoirdiener wollte abspringen, besann sich aber anders und
+rief befehlerisch einem Bauern zu, ihn zu sich heranwinkend. Der
+leichte Wind, welcher während der Fahrt geweht, hatte sich gelegt,
+als sie anhielten; die Bremsen hatten sich an die heftig abwehrenden,
+schweißbedeckten Pferde festgesetzt. Das metallisch von dem Wagen
+herübertönende Geräusch des Sensendengelns verstummte. Einer der Bauern
+erhob sich und kam zum Wagen.
+
+»He, bist wohl vertrocknet!« rief der Comptoirdiener gereizt dem
+langsam über die Erdhügel des nicht ausgefahrenen, trockenen Weges mit
+den nackten Füßen schreitenden Bauern zu, »so lauf doch!«
+
+Ein kraushaariger Alter, das Haar mit Lindenbast aufgebunden und mit
+von Schweiß dunkelgefärbtem gekrümmten Rücken, beschleunigte seinen
+Schritt, trat an den Wagen heran und faßte mit der gebräunten Hand an
+die Seite des Wagens.
+
+»Wollt Ihr nach Wosdwishenskoje?, auf den Herrenhof? Zum Grafen?«
+wiederholte er, »dann fahrt nur so! Macht die Wendung nach links, dann
+gerade aus und Ihr kommt gerade darauf. Zu wem wollt Ihr denn? Zum
+Herrn selbst?«
+
+»Ist denn Eure Herrschaft zu Haus, Freund?« frug Darja Aleksandrowna
+ausweichend, ohne zu wissen, wie sie, selbst dem Bauern gegenüber, nach
+Anna fragen sollte.
+
+»Er ist wohl daheim,« sagte der Bauer einen Schritt vortretend und
+dabei mit den nackten Füßen im Staube eine deutliche Spur seiner
+Fußsohle mit den fünf Zehen hinterlassend. »Er wird wohl zu Haus sein,«
+wiederholte er, augenscheinlich mit großer Lust, ein Gespräch zu
+beginnen. »Gestern sind erst Gäste gekommen. Gäste -- es war eine Menge
+-- Was willst du!« -- wandte er sich nach einem Burschen um, der ihm
+vom Wagen her etwas zuschrie. »Sie sind kaum erst alle zu Pferde hier
+vorbeigekommen, um eine Schnittmaschine zu besichtigen. Jetzt werden
+sie wohl zu Hause sein. Wo kommt Ihr denn her?«
+
+»Wir sind von weiter weg,« sagte der Kutscher, auf den Bock steigend,
+»also es ist nicht weit?«
+
+»Wie ich sage; dort! Wie Ihr eben fahrt« -- sagte er, mit der Hand nach
+der Seite des Wagens deutend.
+
+Ein junger, gesunder und stämmiger Bursche kam auch heran.
+
+»Wie, haben wir keine Arbeit auf Rechnung der Ernte?« frug derselbe.
+
+»Weiß nicht, mein Lieber! Wie gesagt, wenn du dich links hältst, kommst
+du gerade drauf,« sprach der Bauer, der augenscheinlich ungern die
+Reisenden fortließ und mit ihnen schwatzen wollte.
+
+Der Kutscher fuhr weiter, doch kaum hatten sie eingelenkt, als der
+Bauer rief: »Halt! He, Freund! Halt an!« Eine zweite Stimme rief
+ebenso. Der Kutscher hielt an.
+
+»Da kommen sie selbst. Dort sind sie!« rief der Bauer. »Dort sind
+sie!« fügte er hinzu, auf vier Reiter und zwei Personen in einem Wagen
+weisend, welche den Weg daherkamen.
+
+Es war Wronskiy mit seinem Jockey, Wjeslowskij und Anna zu Pferde, die
+Fürstin Barbara und Swijashskiy im Wagen. Sie waren spazieren geritten,
+und wollten die Arbeit der neu eingeführten Erntemaschinen besichtigen.
+
+Als die Equipage stand, kamen die Reiter im Schritt heran. Voran ritt
+Anna neben Wjeslowskij. Sie ritt in ruhigem Schritt eine kleine
+englische Vollblutstute mit gestrählter Mähne und gestutztem Schweif.
+Annas schönes Haupt mit den unter dem hohen Hut hervordringenden
+schwarzen Haaren, ihre vollen Schultern, die schmale Taille in der
+schwarzen Amazone und ihr ruhiger graziöser Sitz frappierten Dolly.
+
+Im ersten Augenblick erschien es ihr unpassend, daß Anna ritt. Mit der
+Vorstellung vom Reiten der Damen verband sich nach dem Begriff Darja
+Aleksandrownas auch die einer jugendlichen flatterhaften Koketterie,
+die nach ihrer Meinung mit der Lage Annas nicht harmonierte; doch als
+sie diese in der Nähe sah, söhnte sie sich sofort mit ihrem Reiten aus,
+denn selbst bei ihrer Eleganz, war alles an ihr so einfach, ruhig und
+würdevoll in Haltung und Kleidung, sowie auch in ihren Bewegungen, daß
+nichts natürlicher erscheinen konnte.
+
+Neben Anna auf einem grauen feurigen Kavalleriepferd, welches die
+starken Füße hochwarf und augenscheinlich mit sich kokettierte, ritt
+Wasjenka Wjeslowskij in seiner schottischen Mütze mit den wehenden
+Bändern, und Darja Aleksandrowna konnte sich ein Lächeln nicht
+verbeißen, als sie ihn erkannte.
+
+Hinter ihnen ritt Wronskiy; er saß auf einem dunkelbraunen Vollblut,
+welches sichtlich vom Galopp aufgeregt war; um es zu halten, arbeitete
+er mit den Zügeln.
+
+Nach ihm kam ein kleiner Mensch in Jockeykostüm. Swijashskiy mit der
+Fürstin in einem neuen Wagen, der von einem starken schwarzen Traber
+gezogen wurde, folgten den Reitern.
+
+Das Gesicht Annas, als sie die in dem kleinen, alten Wagen in die Ecke
+geschmiegte Gestalt Dollys erkannte, erglänzte von freudigem Lächeln.
+Sie stieß einen Schrei aus, erbebte im Sattel und setzte das Pferd in
+Galopp. Als sie am Wagen angelangt war, sprang sie ohne Beistand ab und
+eilte, ihre Amazone aufnehmend, Dolly entgegen.
+
+»Ich dachte es wohl, wagte es aber nicht zu denken! Welche Freude! Du
+vermagst dir meine Freude nicht vorzustellen,« sagte sie, sich bald mit
+dem Gesicht an Dolly schmiegend, und sie küssend, bald sich entfernend
+und sie mit einem Lächeln betrachtend. »Das ist eine Freude, Aleksey!«
+sprach sie, sich nach Wronskiy umblickend, der vom Pferde gestiegen
+war und zu ihnen herankam.
+
+Wronskiy trat, den grauen hohen Hut abnehmend, zu Dolly.
+
+»Ihr könnt nicht glauben, wie erfreut wir über Eure Ankunft sind,«
+sagte er, seinen Worten ein besonderes Gewicht verleihend und lächelnd
+dabei seine festen weißen Zähne zeigend.
+
+Wasjenka Wjeslowskij nahm, ohne vom Pferde zu steigen, die Mütze ab
+und bewillkommnete den Besuch, freudig die Bänder über seinem Kopfe
+schwingend.
+
+»Dies ist die Fürstin Barbara,« antwortete Anna auf den fragenden Blick
+Dollys, als der Wagen herangekommen war.
+
+»Ah,« sagte Darja Aleksandrowna, und ihr Gesicht drückte unwillkürlich
+Mißvergnügen aus.
+
+Die Fürstin Barbara war die Tante ihres Gatten und sie kannte sie
+lange, achtete sie aber nicht. Wußte sie doch, daß die Fürstin Barbara
+ihr ganzes Leben als Konkubine reicher Verwandter verbracht hatte.
+Daß sie aber jetzt bei Wronskiy lebte, einem ihr fremden Mann, dies
+verletzte in Hinsicht auf die Familie ihres Gatten. Anna bemerkte den
+Ausdruck im Gesicht Dollys und wurde verlegen; sie errötete, ließ ihre
+Amazone aus den Händen gleiten und stolperte über dieselbe.
+
+Darja Aleksandrowna begab sich zu dem stehen gebliebenen Wagen und
+begrüßte kühl die Fürstin Barbara. Swijashskiy war ihr gleichfalls
+bekannt. Er frug, wie sich sein Freund und Sonderling mit seiner jungen
+Frau befinde und schlug den Damen, mit einem schnellen Blick auf die
+nicht gerade dampfenden Pferde und den Wagen mit den ausgebesserten
+Seiten, vor, in der Equipage zu fahren.
+
+»Ich hingegen werde in diesem Vehikel fahren,« sagte er, »das Pferd ist
+sanft und die Fürstin fährt ausgezeichnet.«
+
+»Nein, bleibt, wie Ihr waret,« sagte Anna herzutretend, »aber wir
+wollen in diesem Wagen fahren,« und Dolly bei der Hand nehmend, führte
+sie dieselbe mit sich.
+
+Darja Aleksandrownas Augen schweiften über die elegante, von ihr noch
+nicht gesehene Equipage, die schönen Pferde, die vornehmen, glänzenden
+Personen, die sie umgaben, aber mehr als alles das frappierte sie die
+Veränderung, welche mit der ihr so wohlbekannten, geliebten Anna vor
+sich gegangen war. Ein anderes Weib, welches weniger aufmerksam gewesen
+wäre, und Anna früher nicht gekannt hätte, insbesondere nicht die
+Gedanken hegte, welchen Darja Aleksandrowna unterwegs nachgehangen
+hatte, würde nichts Eigenartiges an Anna bemerkt haben.
+
+Jetzt aber war Dolly betroffen von jener nur zeitweisen Schönheit,
+die allein in Momenten der Liebe bei den Frauen zu erscheinen
+pflegt, und die sie jetzt auf Annas Gesicht fand. Alles an deren
+Gesicht, die Schärfe der Grübchen in Wangen und Kinn, die Lage der
+Lippen, das Lächeln, welches gleichsam rund um ihr Gesicht flog, der
+Glanz der Augen, die Grazie und Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die
+Fülle des Tones ihrer Stimme, selbst ihre Manieren, mit denen sie
+ernst-freundlich Wjeslowskij antwortete, der sie um die Erlaubnis bat,
+sich auf ihre Stute setzen zu dürfen, um sie Galopp mit Rechtseinsatz
+lehren zu können -- alles das war eigentümlich anziehend und sie selbst
+schien dies zu wissen und darüber Freude zu empfinden.
+
+Nachdem sich die beiden Frauen in den Wagen gesetzt hatten, überkam sie
+beide eine plötzliche Verlegenheit. Anna geriet in Verwirrung wegen
+des aufmerksam fragenden Blickes, mit dem Dolly sie anschaute. Dolly,
+weil sie sich, nach den Worten Swijashskiys über das Vehikel, ihrer
+schmutzigen alten Kalesche schämte, in welche sich Anna mit ihr gesetzt
+hatte.
+
+Der Kutscher Philipp und der Comptoirdiener hatten das nämliche Gefühl.
+Der Comptoirdiener beeilte sich, um seine Verlegenheit zu verbergen,
+den Damen beim Niedersetzen behilflich zu sein, während Philipp, der
+Kutscher, mürrisch geworden war, und sich vorgenommen hatte, dieser
+äußeren Überlegenheit nicht nachzugeben. Ironisch lächelnd blickte er
+auf den schwarzen Traber, und hatte schon im Geiste das Urteil gefällt,
+daß dieser Rappe im Wagen nur gut sei zur »Promenade« und nicht vierzig
+Werst weit scharf und ohne Ausspann laufen könne.
+
+Die Bauern hatten sich sämtlich von ihrem Wagen erhoben und schauten
+neugierig und belustigt den Besuchern entgegen, ihre Bemerkungen dazu
+machend.
+
+»Sehr erfreut, sehr lange nicht gesehen,« sagte der kraushaarige Alte
+mit dem Lindenbast.
+
+»Nun, Vater Gerasim, der schwarze Hengst müßte die Garben
+hereinbringen; das ginge lebhaft!«
+
+»Schaut an! Ist der da in den Hosen auch ein Frauenzimmer?« sagte
+Einer, auf den im Damensattel sitzenden Wasjenka Wjeslowskij zeigend.
+
+»Über den Bauer! Wie geschickt er anspielt!«
+
+»Nun Kinder, wollen wir nicht ein Mittagsschläfchen halten?«
+
+»Ach was, jetzt gar Schlaf!« sagte der Alte, gebückt nach der Sonne
+schauend. »Mittag ist vorbei! Nehmt die Griffe fest; los!« --
+
+
+ 18.
+
+Anna blickte in Dollys hageres, übermüdetes Gesicht mit den Runzeln,
+die vom Staube bedeckt waren; sie wollte sagen, was sie dachte, nämlich
+daß Dolly recht abgemagert sei, aber indem sie sich vergegenwärtigte,
+daß sie schöner geworden, und der Blick Dollys ihr dies sagte, seufzte
+sie, und begann, von sich zu sprechen.
+
+»Du blickst mich an,« sagte sie, »und denkst, kann sie glücklich
+sein in ihrer Lage. Nun, was soll ich sagen! Es ist schmachvoll, es
+einzugestehen; aber ich -- ich bin unverzeihlich glücklich! -- Mir
+ist etwas Zauberhaftes, Etwas wie ein Traum vor sich gegangen, in dem
+es uns furchtbar, seltsam wird, aus dem man plötzlich erwacht, um zu
+fühlen, daß alle diese Schrecken gar nicht da sind. Ich bin erwacht.
+Ich habe Qualvolles, Furchtbares durchlebt, und es ist jetzt schon
+geraume Zeit, besonders seit wir hier sind, daß ich so glücklich bin,«
+sprach sie mit schüchternem, fragendem Lächeln Dolly ins Auge sehend.
+
+»Wie freue ich mich,« sagte Dolly lächelnd, aber unwillkürlich kühler,
+als sie wollte. »Ich freue mich sehr über dich. Weshalb hast du mir
+nicht geschrieben?«
+
+»Weshalb? Deshalb, weil ich es nicht wagte -- du vergißt meine Lage.«
+
+»Gegen mich? Gegen mich hast du es nicht gewagt? Wenn du wüßtest, wie
+ich -- ich glaube« --
+
+Darja Aleksandrowna wollte ihre Gedanken vom heutigen Morgen
+aussprechen, aber aus irgend einem Grunde erschien ihr dies jetzt nicht
+am Platze.
+
+»Doch davon später. Was ist das, alle diese Gebäude?« frug sie, im
+Wunsche das Thema zu wechseln, auf die roten und grünen Dächer zeigend,
+welche hinter dem Grün lebender Akazienzäune sichtbar wurden. Es sah
+dies alles aus wie ein Städtchen.
+
+Anna antwortete ihr nicht.
+
+»Nein, nein; wie urteilst du über meine Lage, wie denkst du darüber;
+wie?« frug sie.
+
+»Ich vermute,« wollte Darja Aleksandrowna beginnen, doch in diesem
+Augenblick sprengte Wasjenka Wjeslowskij, der die Stute in Galopp mit
+Rechtseinsatz gebracht hatte, schwerfällig in seinem kurzen Jaquet auf
+dem sämischen Leder des Damensattels auf und niedergeworfen, an ihnen
+vorüber.
+
+»Sie geht, Anna Arkadjewna!« schrie er.
+
+Anna schaute ihn indessen nicht einmal an, und Darja Aleksandrowna
+schien es wiederum, daß es unpassend sei, in der Kalesche dieses
+langatmige Thema anzuschlagen, und sie brach daher in der Äußerung
+ihres Gedankens ab.
+
+»Ich urteile gar nicht darüber,« sagte sie, »ich habe dich stets
+geliebt, und wenn man liebt, liebt man den ganzen Menschen so, wie er
+ist, nicht so, wie man will, daß er sei.«
+
+Anna versank in Nachdenken, indem sie die Augen vom Gesicht der
+Freundin wegwendete und blinzelte -- eine neue Gewohnheit, die Dolly
+noch nicht an ihr gekannt hatte -- sie wünschte die Bedeutung dieser
+Worte ganz zu erfassen. Nachdem sie sie augenscheinlich so, wie sie es
+wünschte, aufgefaßt hatte, schaute sie Dolly an.
+
+»Wenn du Sünden haben solltest,« sprach sie, »so möchten sie dir alle
+vergeben sein für dein Kommen und für diese Worte.«
+
+Dolly sah, daß ihr die Thränen in die Augen getreten waren. Schweigend
+drückte sie Annas Hand.
+
+»Also was sind das für Gebäude? -- Wie viel es doch sind!« Sie
+wiederholte nach einer Minute des Schweigens ihre Frage.
+
+»Dies sind die Gebäude des Personals, der Fabriken, die Ställe,«
+antwortete Anna. »Dort beginnt der Park; alles das war verwildert,
+aber Aleksey hat es wieder neu hergerichtet. Er liebt dieses
+Besitztum sehr und fühlt sich, was ich nimmermehr erwartet hätte,
+leidenschaftlich zur Landwirtschaft hingezogen. Er hat überhaupt eine
+so reich beanlagte Natur! Was er auch anfassen mag, alles vollführt er
+ausgezeichnet. Und er langweilt sich nicht nur nicht dabei, sondern
+beschäftigt sich mit leidenschaftlichem Eifer. So wie ich ihn kenne,
+ist er ein haushälterischer, vorzüglicher Hausherr geworden, sogar
+geizig in der Wirtschaft ist er; aber auch nur in der Wirtschaft! Da,
+wo es sich um Zehntausende handelt, rechnet er nicht,« sprach sie mit
+jenem freudig schlauen Lächeln, mit welchem Frauen oft über geheime,
+ihnen allein bekannte Eigenschaften eines geliebten Mannes sprechen.
+
+»Siehst du dieses große Gebäude da? Das ist das neue Krankenhaus.
+Ich glaube, daß es mehr als hunderttausend Rubel kosten wird. Und
+weißt du, woher das Geld gekommen ist? Die Bauern hatten ihn gebeten,
+ihnen die Wiesen billiger abzulassen, er aber hatte sie abschläglich
+beschieden, und ich machte ihm Vorwürfe wegen seines Geizes. Natürlich
+nicht deswegen nun, aber alles in allem erwägend, begann er da dieses
+Krankenhaus zu bauen, um zu zeigen, verstehst du, daß er nicht geizig
+sei. Wenn du willst, =c'est une petitesse=, aber ich liebe ihn dafür
+umsomehr. Doch du wirst sogleich das Wohnhaus erblicken. Es ist noch
+vom Großvater her und an der Außenseite in nichts verändert worden.«
+
+»Wie schön,« sagte Dolly, mit unwillkürlichem Erstaunen, auf ein
+schönes Haus mit Säulengängen blickend, welches aus dem bunten Grün der
+alten Bäume des Gartens hervortrat.
+
+»Nicht wahr, das ist schön? Und vom Hause aus, von oben herab, ist die
+Aussicht wunderbar.«
+
+Sie fuhren auf einen mit Schotter bedeckten und von Blumenbeeten
+geschmückten Hof, auf welchem zwei Arbeiter ein Blumenbosquet mit
+unbehauenen porösen Steinen garnierten, und hielten in der gedeckten
+Einfahrt.
+
+»Ah, sie sind schon angekommen,« sagte Anna, auf die Reitpferde
+blickend, die soeben von der Freitreppe hinweggeführt wurden. »Nicht
+wahr, dieses Pferd ist schön? Es ist eine Stute, mein Liebling.
+Führe es hierher und bringt Zucker. Wo ist der Graf?« frug sie
+zwei herauseilende Paradelakaien. »Ah, dort ist er,« sagte sie, den
+heraustretenden und ihr mit Wjeslowskij entgegenkommenden Wronskiy
+erblickend.
+
+»Wo habt Ihr die Gräfin untergebracht?« sagte Wronskiy auf Französisch,
+zu Anna gewendet, begrüßte dann nochmals, ohne eine Antwort abzuwarten,
+Darja Aleksandrowna und küßte ihr jetzt die Hand: »Ich denke, wir
+bringen unsern Besuch im großen Balkonzimmer unter? --«
+
+»O nein; das ist zu abgelegen! Besser im Eckzimmer, wir können uns
+da mehr sehen. Gehen wir,« sagte Anna, den ihr von einem Lakaien
+präsentierten Zucker dem Lieblingspferde reichend.
+
+»=Et vous oubliez votre devoir=,« sagte sie zu Wjeslowskij, welcher
+gleichfalls auf der Freitreppe erschienen war.
+
+»=Pardon, j'en ai tout plein les poches=,« antwortete dieser lächelnd,
+die Finger in die Westentasche steckend.
+
+»=Mais vous venez trop tard=,« sagte sie, mit dem Taschentuch die Hand
+abwischend, welche ihr das Pferd feucht gemacht hatte, indem es den
+Zucker nahm.
+
+Anna wandte sich zu Dolly:
+
+»Du bleibst doch für längere Zeit hier? Nur auf einen Tag? Das ist
+unmöglich!«
+
+»Ich habe so versprochen, die Kinder --« sagte Dolly, mit einem Gefühl
+der Verlegenheit, daß sie den Reisesack aus der Kalesche nehmen mußte,
+sowie weil sie wußte, daß ihr Gesicht sehr mit Staub bedeckt sein müsse.
+
+»Nein, Dolly, Herzchen; doch wir werden ja sehen. Komm, komm!« Anna
+führte Dolly in ihr Zimmer.
+
+Dieses Zimmer war nicht das Paradezimmer, welches Wronskiy
+vorgeschlagen hatte, sondern das, von welchem Anna sagte, Dolly
+möchte es entschuldigen. Jedoch auch dieses Gemach, für welches eine
+Entschuldigung erforderlich gewesen war, war voll von einem Luxus, in
+welchem Dolly niemals gelebt hatte, und der ihr die besten Salons des
+Auslandes in die Erinnerung zurückrief.
+
+»Ach, Herzchen, wie bin ich glücklich!« sprach Anna, für eine Minute
+in ihrer Amazone neben Dolly Platz nehmend, »erzähle mir doch von den
+Deinen. Stefan habe ich flüchtig gesehen, doch von Kindern kann er
+nicht reden. Was macht mein Liebling, die Tanja? Es ist ein großes
+Mädchen geworden, glaube ich?«
+
+»Ja, sehr groß,« antwortete Darja Aleksandrowna kurz, selbst
+verwundert, daß sie so kühl über ihre Kinder Bescheid gab. »Wir
+befinden uns recht wohl bei den Lewin,« fügte sie hinzu.
+
+»Ach, hätte ich gewußt,« antwortete Anna, »daß du mich nicht
+verachtest. Ihr hättet alle zu uns kommen müssen. Stefan ist doch ein
+alter und intimer Freund Alekseys,« fügte sie hinzu, und errötete
+plötzlich.
+
+»Wir befinden uns so ganz wohl,« versetzte Dolly verlegen.
+
+»Da habe ich übrigens aus Freude Dummheiten gesagt. Noch einmal,
+Herzchen, wie freue ich mich über dich,« sagte Anna, sie wiederum
+küssend, »aber du hast mir noch nicht gesagt, wie und was du über mich
+denkst, und ich will alles wissen. Und ich freue mich darüber, daß du
+mich durchschaust, wie ich bin. Es liegt mir nichts daran, vor allem,
+daß man denke, ich wollte in irgend etwas demonstrieren. Ich will
+nicht demonstrieren, sondern einfach nur leben; niemandem Übles thun,
+außer mir selbst. Dieses Recht habe ich, nicht wahr? Doch das ist eine
+langatmige Unterhaltung und wir werden schon noch über alles sprechen.
+Ich gehe jetzt, mich umzukleiden und werde dir ein Mädchen schicken.«
+
+
+ 19.
+
+Allein geblieben, schaute sich Darja Aleksandrowna mit dem Blick der
+Hausfrau in dem Zimmer um. Alles was sie vor dem Haus vorfand, und
+durch dasselbe schreitend, sowie jetzt in ihrem Zimmer, erblickte,
+verursachte ihr den Eindruck des Überflusses und der Koketterie, jenes
+modernen, europäischen Luxus, von dem sie nur in englischen Romanen
+gelesen, den sie aber noch nie in Rußland und auf dem Lande erblickt
+hatte. Alles war neu, von den modernen französischen Tapeten an bis
+zum Teppich, von welchem das ganze Zimmer bedeckt war. Das Bett war
+mit Sprungfedermatratze versehen, hatte ein besonderes Kopfkissen und
+Canevasüberzüge auf den kleinen Kissen. Das marmorne Waschbecken, die
+Toilette, die Tische, die Bronceuhr auf dem Kamin, die Gardinen und
+Portieren, alles das war teuer und neu.
+
+Die kokette Kammerzofe, welche herbeikam, um ihre Dienste anzubieten,
+und eine Frisur und Robe trug, die noch moderner war, als diejenige
+Dollys, sah eben so neu und kostspielig aus, wie das ganze Zimmer.
+
+Darja Aleksandrowna war ihre Höflichkeit, Sauberkeit und
+Dienstwilligkeit sehr angenehm, doch fühlte sie sich nicht
+behaglich in ihrer Gegenwart; sie schämte sich vor ihr wegen
+ihres, unglücklicherweise infolge eines Irrtums von ihr gepackten,
+ausgebesserten Corsets; sie schämte sich gerade jener Flicken und
+gestopften Stellen, auf die sie daheim so stolz war. Zu Hause war es
+ihr klar, daß zu sechs Leibchen vierundzwanzig Arschin Stoff gehörten,
+zu je fünfundsechzig Kopeken, was mehr als fünfzehn Rubel ausmachte,
+außer der Arbeit; und diese fünfzehn Rubel waren so herausgeschlagen.
+Vor der Zofe aber empfand sie weniger Scham, als vielmehr Unbehagen.
+
+Darja Aleksandrowna verspürte große Erleichterung, als die ihr seit
+alters bekannte Annuschka in das Zimmer trat. Die kokette Zofe war von
+der Herrin verlangt worden und Annuschka blieb bei Darja Aleksandrowna
+zurück.
+
+Annuschka war augenscheinlich sehr erfreut über die Ankunft der Dame
+und schwatzte ohne Unterlaß. Dolly bemerkte, daß sie gern ihre Meinung
+bezüglich der Lage ihrer Herrin ausgesprochen hätte, insbesondere
+bezüglich der Liebe und Ergebenheit des Grafen für Anna Arkadjewna,
+doch Dolly verhinderte sie geflissentlich daran, sobald sie davon zu
+sprechen begann.
+
+»Ich bin mit Anna Arkadjewna herangewachsen, die Herrin geht mir über
+alles! Doch wir haben über nichts zu richten, und, wie es scheint, so
+zu lieben --«
+
+»Gieb mir doch gefälligst Waschwasser, wenn es geht,« unterbrach sie
+Darja Aleksandrowna.
+
+»Zu Diensten. Bei uns sind zum Waschen allein zwei Frauen besonders
+angestellt und die Wäsche wird nur mit Maschine gereinigt. Der Graf
+führt alles ein. Das ist ein Mann --«
+
+Dolly war froh, als Anna bei ihr eintrat, und mit ihrem Kommen das
+Geschwätz Annuschkas abschnitt.
+
+Anna hatte sich in eine sehr einfache Battistrobe geworfen und Dolly
+betrachtete aufmerksam dieses einfache Kleid. Sie erkannte, daß dies
+zu bedeuten habe, auch solch eine Einfachheit sei nur für Summen zu
+erringen.
+
+»Eine alte Bekannte,« sagte Anna im Hinweis auf Annuschka.
+
+Anna war jetzt nicht mehr in Verlegenheit; sie erschien vollständig
+ungezwungen und ruhig. Dolly erkannte, daß sich Anna jetzt wieder
+vollständig von dem Eindruck ermannt hatte, welchen ihre Ankunft bei
+dieser hervorgerufen, und daß sie jetzt wieder jenen hochfahrenden,
+gleichmütigen Ton angenommen habe, mit welchem gleichsam die Thür zu
+derjenigen Abteilung in ihr, in welcher sich ihre Gefühle und innersten
+Gedanken befanden, verschlossen war.
+
+»Nun, was macht dein kleines Mädchen, Anna?« frug Dolly.
+
+»Die Any?« -- so nannte sie ihre Tochter Anna -- »sie befindet sich
+wohl. Sie hat sich sehr entwickelt, willst du sie einmal sehen? Komm,
+ich zeige sie dir! Es hat da unendlich viel Sorgen gegeben,« begann sie
+zu erzählen, »mit den Ammen. Wir hatten als Amme eine Italienerin, sie
+war gut, aber dumm! Wir wollten sie fortschicken, doch das Kind war so
+gewöhnt an sie, daß wir sie noch immer haben.«
+
+»Und wie seid Ihr übereingekommen?« wollte Dolly fragen, welchen Namen
+das Mädchen tragen sollte. Als sie indessen das finstergewordene
+Gesicht Annas bemerkte, veränderte sie den Sinn ihrer Frage. »Und wie
+seid Ihr übereingekommen? Habt Ihr es schon entwöhnt?« --
+
+Doch Anna hatte verstanden.
+
+»Du wolltest nicht hiernach fragen? Du wolltest nach seinem Namen
+fragen? Nicht wahr? Dies eben quält Aleksey! Sie hat keinen Namen.
+Das heißt, sie ist -- eine Karenina« -- sagte Anna, die Augen soweit
+zusammenkneifend, daß nur die zusammentreffenden Wimpern noch sichtbar
+waren. »Übrigens,« fuhr sie mit plötzlich hellwerdendem Gesicht fort,
+»von dem allen können wir ja später noch reden. Komm, ich will sie dir
+zeigen! =Elle est très= -- =gentile= -- und kriecht schon fort.«
+
+In der Kinderstube überraschte Darja Alexandrowna der nämliche Luxus,
+welcher sie im ganzen Hause schon frappiert hatte, noch mehr. Hier
+gab es kleine Wagen, die aus England verschrieben waren, sowie
+Gerätschaften für das Gehenlernen; einen eigens konstruierten Diwan
+nach Art eines Billards zum Kriechen; Wiegen; eigenartige, neue Wannen.
+Alles war von englischer Arbeit, dauerhaft und gediegen und offenbar
+teuer. Das Zimmer war groß, sehr hoch und hell.
+
+Als sie eintraten, saß das kleine Mädchen nur im Hemdchen in einem
+Stühlchen am Tisch und nahm Bouillon zu sich, mit welcher sie sich die
+ganze kleine Brust begossen hatte. Ein russisches Mädchen, welches
+in der Kinderstube diente, fütterte das Kind, und aß augenscheinlich
+selbst mit diesem zugleich dabei. Weder die Amme, noch die Kinderfrau
+war zugegen; sie befanden sich im Nebenzimmer und man vernahm von
+dorther ihr Gespräch in seltsamem Französisch, in welchem sie sich
+einander nur verständlich machen konnten.
+
+Die Stimme Annas vernehmend, trat eine hohe Engländerin mit
+unangenehmem Gesicht und gemeinem Ausdruck, hastig ihre blonden Locken
+schüttelnd in die Thür, und begann sich sogleich zu entschuldigen,
+obwohl ihr Anna noch gar kein Vergehen beigemessen hatte. Auf jedes
+Wort Annas antwortete die Engländerin schnell mit einem mehrmaligen
+»=yes, mylady=!«
+
+Das kleine Mädchen mit seinen schwarzen Brauen und Haaren, den roten
+Wangen, der festen straffen Haut und dem schönen Körperchen gefiel
+Darja Aleksandrowna ungeachtet des mürrischen Ausdrucks, mit welchem
+es auf das fremde Gesicht blickte, sehr; diese beneidete es sogar um
+seines gesunden Aussehens willen. Auch wie das kleine Mädchen kroch,
+gefiel ihr sehr; keines ihrer Kinder hatte so gekrochen. Dieses
+Kindchen war, nachdem man es auf einen Teppich gesetzt, und ein Kleid
+dahinter gestopft hatte, wunderbar lieblich. Wie ein Tierchen schaute
+es mit seinen großen glänzenden schwarzen Augen um sich, offenbar
+erfreut darüber, daß man sich freundlich mit ihm abgebe, stützte sich
+lächelnd, und die Füßchen seitwärts haltend, energisch auf die Hände
+und hob schnell das ganze Hinterteilchen empor, worauf es mit den
+Händchen nach vorwärts faßte.
+
+Der allgemeine Charakter der Kinderstube jedoch, und namentlich die
+Engländerin, gefiel Darja Aleksandrowna durchaus nicht. Nur damit,
+daß in eine so illegitime Familie wie es diejenige Annas war, wohl
+kein gutes Mädchen gehen mochte, erklärte sich Darja Aleksandrowna
+selbst, daß Anna mit ihrer Menschenkenntnis für ihr Kind eine so
+unsympathische, gar nicht respektable Engländerin hatte nehmen können.
+Außerdem aber erkannte sie auch sogleich an einigen Worten, daß Anna,
+die Amme, die Kinderfrau und das Kind sich nicht zusammengelebt hatten,
+und der Besuch der Mutter ein ungewöhnliches Ereignis bildete. Anna
+wollte dem Kinde ein Spielzeug geben und konnte es nicht einmal finden.
+
+Am wundersamsten aber von allem war, daß Anna auf die Frage, wie viel
+Zähne das Kind habe, irrte und von den zwei letzten Zähnen noch gar
+nichts wußte.
+
+»Es ist mir bisweilen schwer ums Herz, daß ich hier förmlich
+überflüssig bin,« sagte sie beim Verlassen der Kinderstube, und nahm
+ihre Schleppe auf, um an den bei der Thür stehenden Spielgeräten
+vorüberzukommen. »So war es nicht bei meinem ersten Manne.«
+
+»Ich dachte, im Gegenteil,« sagte Darja Aleksandrowna schüchtern.
+
+»O nein; du weißt doch wohl, ich habe ihn gesehen -- meinen Sergey,«
+sprach Anna, die Augen zusammenkneifend, als schaue sie nach etwas
+weit Entferntem. »Doch davon können wir ja später sprechen. Du glaubst
+nicht, ich bin wie eine Hungernde, der man plötzlich ein üppiges Mahl
+vorgesetzt hat, ohne daß sie weiß, wonach sie langen soll. Das üppige
+Mahl -- bist du und die mir bevorstehenden Gespräche mit dir, die ich
+mit niemandem sonst führen konnte; ich weiß nun nicht, an welches Thema
+ich zuerst gehen soll. =Mais je ne vous ferai grâce de rien= -- ich
+muß mich ganz aussprechen. Ich muß dir ein Bild von der Gesellschaft
+machen, die du bei uns findest,« begann sie, »und beginne mit den
+Damen. Da ist die Fürstin Barbara. Du kennst sie und ich kenne deine
+Meinung und diejenige Stefans über sie. Stefan sagt, der ganze Zweck
+ihres Daseins bestehe darin, ihren Vorzug vor ihrer Tante Katharina
+Pawlowna zu beweisen. Das ist ganz richtig, aber sie ist gut und ich
+bin ihr sehr dankbar. In Petersburg gab es für mich einen Moment, in
+welchem mir =un chaperon= notwendig war; da war sie bei mir; sie ist
+wahrhaftig gut, und hat mir meine Lage sehr erleichtert. Ich sehe
+wohl, daß du die ganze Schwierigkeit derselben nicht begreifst -- wie
+sie dort, in Petersburg war,« fügte sie hinzu. »Hier lebe ich nun
+vollkommen ruhig und glücklich; doch davon später, erst muß aufgezählt
+werden. Zweitens kommt Swijashskiy; er ist Präsident und ein sehr
+solider Mann, doch braucht er Aleksey in Manchem. Du verstehst jetzt,
+nachdem wir uns auf dem Lande niedergelassen haben, kann Aleksey mit
+seinen Verhältnissen großen Einfluß ausüben. Dann Tuschkjewitsch -- du
+hast ihn ja gesehen; er war bei Betsy. Man hat ihn jetzt fallen lassen
+und er ist nun zu uns gekommen. Wie Aleksey sagt, ist er einer von
+denjenigen Menschen, die sehr angenehm sind, wenn man sie so nimmt,
+wie sie scheinen wollen -- =et puis, il est comme il faut= -- wie die
+Fürstin Barbara sagt. Ferner Wjeslowskij -- den kennst du ja. -- Er
+ist ein sehr lieber Mensch,« sagte sie, mit schelmischem Lächeln die
+Lippen kräuselnd. »Was ist denn das für eine seltsame Geschichte mit
+Lewin gewesen? Wjeslowskij hat sie Aleksey erzählt und wir können sie
+gar nicht glauben. =Il est très gentil et naif=« sagte sie, wieder mit
+dem nämlichen Lächeln. »Die Männer bedürfen der Zerstreuung und Aleksey
+braucht Menschen um sich; daher schätze ich diese ganze Gesellschaft.
+Bei uns muß es lebhaft und heiter zugehen, damit sich Aleksey nichts
+Neues wünscht. Dann wirst du auch den Direktor sehen. Er ist ein
+Deutscher, ein sehr hübscher Mann, der auch seine Sache versteht;
+Aleksey schätzt ihn sehr hoch. Ferner ist da der Arzt, ein noch junger
+Mann; nicht gerade ein vollkommener Nihilist, aber, weißt du, >er ißt
+mit dem Messer< -- sonst ist er ein sehr guter Arzt. Endlich ist noch
+der Architekt da. -- =Une petite cour=.« --
+
+
+ 20.
+
+»Hier bringe ich Euch Dolly, Fürstin, Ihr wolltet sie so gern sehen,«
+sagte Anna, mit Darja Aleksandrowna die große Steinterrasse betretend,
+auf welcher im Schatten, hinter dem Stickrahmen die Fürstin Barbara
+saß, die einen Sessel für den Grafen Aleksey Kyrillowitsch stickte.
+»Sie sagt zwar, daß sie bis zu Mittag nichts zu sich nehmen mag,
+befehlt aber immerhin das Frühstück, während ich mittlerweile gehe,
+Aleksey zu suchen und sie alle mit hierher bringe.«
+
+Die Fürstin Barbara empfing Dolly mit einer gewissen Gönnermiene und
+begann sogleich, ihr auseinanderzusetzen, daß sie deshalb bei Anna
+wohne, weil sie diese mehr liebe, als es deren Schwester, Katharina
+Pawlowna, gethan, die Anna erzogen hätte, und daß sie es jetzt, nachdem
+alle Anna verlassen hätten, als ihre Pflicht betrachtet habe, ihr in
+diesem Übergangsstadium, dem allerschwierigsten, Beistand zu leisten.
+
+»Ihr Mann wird ihr den Konsens zur Ehescheidung geben und dann gehe
+ich wieder in meine Einsamkeit, jetzt aber kann ich nützlich sein und
+werde ich meine Pflicht erfüllen, so schwer es mir auch werden mag
+-- ich handle nicht so, wie andere. Und wie lieb bist du, wie schön
+hast du gehandelt, daß du gekommen bist! Sie leben vollkommen, wie die
+besten Ehegatten und Gott wird über sie richten, nicht wir dürfen es!
+Birjusowskij und die Avenijewa, Nikandroff, Wasiljeff und die Mamonowa,
+und Lisa Neptunowa, da hat doch auch kein Mensch etwas gesagt? Und doch
+endeten die Fälle so, daß sie sich alle heirateten. Dann aber, =c'est
+un intérieur si joli, si comme il faut. Tout-à-fait à l'anglaise. On
+se réunit le matin au breakfast et puis on se sépare=. Jeder thut,
+was er will, bis zur Mittagszeit. Die Mittagstafel ist um sieben Uhr.
+Stefan hat sehr wohl daran gethan, dich zu schicken. Er müßte sich an
+sie halten. Du weißt ja, er vermag durch seine Mutter und seine Brüder
+alles, und dann thun sie ja viel Gutes. Hat er dir noch nicht von
+seinem Krankenhaus erzählt? =Ce sera admirable= -- und alles aus Paris.«
+
+Ihr Gespräch wurde durch Anna unterbrochen, welche die Gesellschaft
+der Herren beim Billardspiel gefunden hatte und nun zusammen mit ihnen
+zur Terrasse zurückkehrte. Bis zur Mittagstafel war noch lange Zeit,
+das Wetter sehr schön und so wurden verschiedenartige Hilfsmittel,
+die noch übrigen zwei Stunden auszufüllen in Vorschlag gebracht. Der
+Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben, gab es sehr viele in
+Wosdwishenskoje, und es waren alle nicht die, wie sie in Pokrowskoje
+angewendet wurden.
+
+»=Une partie de Lawn tennis=,« schlug mit seinem hübschen Lächeln
+Wjeslowskij vor, »ich spiele wieder mit Euch, Anna Arkadjewna!«
+
+»Ach nein; es ist zu heiß dazu; besser, wir gehen in den Park und
+fahren auf dem Kahn, um Darja Aleksandrowna die Ufer zu zeigen,« schlug
+Wronskiy vor.
+
+»Ich bin mit allem einverstanden,« meinte Swijashskiy.
+
+»Ich denke, daß es Dolly am angenehmsten sein wird, sich erst ein wenig
+zu ergehen; nicht so? Und dann erst Kahn zu fahren,« sagte Anna.
+
+So wurde denn auch bestimmt. Wjeslowskij und Tuschkjewitsch begaben
+sich ins Bad und versprachen, dort das Boot bereit machen und warten zu
+wollen.
+
+Sie gingen in zwei Paaren auf dem Wege; Anna mit Swijashskiy und Dolly
+mit Wronskiy. Dolly war ein wenig verwirrt und ängstlich in dieser ihr
+vollständig neuen Umgebung, in der sie sich befand. Begeistert und
+voll Theorien, rechtfertigte sie nicht nur, nein, billigte sie sogar
+Annas Verfahren. Wie im allgemeinen nicht selten untadelhaft moralische
+Frauen ermüdet von der Einförmigkeit des sittenstrengen Lebens thun, so
+entschuldigte sie aus ihrer Ferne nicht nur die verbrecherische Liebe,
+sie beneidete dieselbe sogar.
+
+Außerdem liebte sie Anna auch von Herzen, aber gleichwohl war es ihr
+in der Wirklichkeit, nachdem sie diese inmitten aller dieser ihr
+fremden Leute gesehen hatte, in dem für Darja Aleksandrowna neuen,
+sogenanntem guten Tone, unbehaglich zu Mut. Besonders unangenehm war es
+ihr, die Fürstin Barbara zu sehen, welche ihnen alles verzieh für die
+Annehmlichkeiten, die sie dafür genoß.
+
+Im allgemeinen also billigte Dolly, hingerissen, das Vergehen Annas,
+aber denjenigen sehen zu müssen, für welchen jenes Verbrechen begangen
+worden, war ihr doch unangenehm. Wronskiy hatte ihr überhaupt nie
+gefallen. Sie hielt ihn für sehr stolz, sah aber in ihm nichts von
+alledem, worauf er hätte stolz sein können -- es wäre denn sein
+Reichtum gewesen. --
+
+Gegen ihren Willen jedoch imponierte er ihr hier in seinem Hause
+noch mehr als früher, und sie konnte sich vor ihm nicht ungezwungen
+benehmen. Empfand sie doch ihm gegenüber ein Gefühl, das ähnlich dem
+war, welches sie über ihr Leibchen vor der Zofe empfunden hatte.
+So wie ihr in deren Gegenwart nicht Scham, sondern Unmut wegen
+der Ausbesserungen aufgestiegen war, so empfand sie auch vor ihm
+fortwährend nicht etwas wie Scham, sondern wie Unmut über das eigene
+Ich.
+
+Dolly fühlte sich verlegen und suchte ein Thema zur Unterhaltung.
+Wiewohl sie urteilte, daß ihm in seinem Hochmut ein Lob seines Hauses
+und Parkes unangenehm sein müsse, sagte sie ihm dennoch, keinen andern
+Gegenstand der Unterhaltung findend, daß ihr sein Haus sehr gefallen
+habe.
+
+»Ja; es ist ein sehr schönes Gebäude und nach gutem alten Stil,« sagte
+er.
+
+»Mir hat auch der Hof vor der Freitreppe sehr gefallen. War der schon
+so?«
+
+»O nein!« antwortete er, und sein Gesicht schimmerte vor Genugthuung.
+»Wenn Ihr diesen Hof noch jetzt im Frühling gesehen hättet!«
+
+Und er begann nun anfangs zurückhaltend, dann aber sich freier
+und freier hingebend, ihre Aufmerksamkeit auf die verschiedenen
+Einzelheiten der Verschönerung in Haus und Garten hinzulenken. Es
+war ersichtlich, daß Wronskiy nach dem Aufwand so vieler Mühe zur
+Verbesserung und Verschönerung seines Landsitzes das Bedürfnis empfand,
+sich desselben vor einer fremden Person zu rühmen, und sich über das
+Lob Darja Aleksandrownas von ganzem Herzen freute.
+
+»Wenn Ihr noch das Krankenhaus besichtigen wollt und nicht ermüdet
+seid, so ist dies nicht zu weit entfernt. Kommt,« sagte er, ihr ins
+Gesicht blickend, um sich zu überzeugen, daß sie sich ja nicht etwa
+langweile.
+
+»Kommst du mit, Anna?« wandte sie sich an diese.
+
+»Wir werden mit kommen; nicht wahr?« wandte sie sich an Swijashskiy.
+
+»=Mais il ne faut pas laisser le pauvre Weslowskij et Tuschkjewitsch se
+morfondre là dans le bateau=. Man muß es ihnen sagen lassen.«
+
+»Das ist ein Denkmal, welches er sich hier aufrichtet,« sprach Anna,
+sich zu Dolly wendend, mit dem nämlichen, wissenden und verschlagenen
+Lächeln, mit welchem sie früher über das Krankenhaus gesprochen hatte.
+
+»O, ein Kapitalwerk,« rief Swijashskiy, fügte aber sogleich, um nicht
+als Jasager Wronskiys zu erscheinen, leichthin eine kritische Bemerkung
+hinzu. »Ich wundere mich nur, Graf,« sprach er, »daß Ihr, der Ihr
+in sanitärer Beziehung so viel für das Volk thut, Euch den Schulen
+gegenüber so gleichgültig verhaltet.«
+
+»=C'est devenu tellement commun les écoles=,« sagte Wronskiy, »Ihr
+seht doch, daß ich nicht davon, sondern eben hiervon eingenommen bin.
+-- Hierhin geht es nach dem Krankenhaus,« wandte er sich dann zu Darja
+Aleksandrowna, nach einem Seitenausgang aus der Allee zeigend.
+
+Die Damen öffneten die Sonnenschirme und betraten den Seitenweg.
+Nachdem sie einige Windungen durchschritten und zu einem Pförtchen
+hinausgetreten waren, erblickte Darja Aleksandrowna vor sich auf
+einem erhöhten Terrain ein großes, rotes, fast vollendetes Gebäude
+von interessantem Aussehen. Das noch nicht gestrichene, eiserne Dach
+strahlte blendend in der heißen Sonne. Neben dem fertigen Gebäude war
+ein zweites, vom Wald umgeben, angelegt; Arbeiter auf den Gerüsten
+legten Ziegel, übergossen die Lagen aus den Eimern und gleichten sie
+mit Richtmaßen.
+
+»Wie schnell bei Euch die Arbeit vorwärts geht!« sagte Swijashskiy,
+»als ich das letzte Mal hier war, war das Dach noch nicht da.«
+
+»Zum Herbste soll alles fertig sein, und innen ist fast alles bereits
+ausgeputzt,« sagte Anna.
+
+»Und was ist das Neues dort?«
+
+»Es ist ein Gebäude für den Arzt und die Apotheke,« antwortete
+Wronskiy, den in kurzem Überrock auf ihn zukommenden Architekten
+erblickend; und ging, sich vor den Damen entschuldigend, diesem
+entgegen.
+
+Die Kalkgrube umgehend, aus welcher die Arbeiter den Kalk holten, blieb
+er beim Architekten stehen und begann eifrig zu sprechen.
+
+»Das Fronton liegt immer noch zu niedrig,« antwortete er Anna, welche
+gefragt hatte, wovon die Rede sei.
+
+»Ich hatte gesagt, man müsse das Fundament erhöhen,« sagte Anna.
+
+»Ja, natürlich, das wäre besser, Anna Arkadjewna,« sagte der Architekt,
+»es ist außer Acht gelassen worden.«
+
+»Ja, ich interessiere mich sehr hierfür,« antwortete Anna Swijashskiy,
+welcher sein Erstaunen über ihre Kenntnisse in der Architektur
+ausgedrückt hatte. »Das neue Gebäude muß dem Krankenhaus entsprechend
+sein, ist aber erst später geplant und ohne Riß begonnen worden.«
+
+Nachdem die Rücksprache mit dem Architekten beendet war, gesellte sich
+Wronskiy wieder zu den Damen und führte dieselben in das Innere des
+Krankenhauses.
+
+Obwohl man außen noch die Karniese fertig machte und in der tieferen
+Etage tünchte, war in der oberen schon alles fertig. Auf der breiten,
+gußeisernen Treppe den Treppenabsatz überschreitend, betrat man das
+erste große Zimmer. Die Wände waren mit Stuck, der sich wie Marmor
+ausnahm, geziert, die großen Fenster waren schon eingesetzt, nur
+der Parkettboden war noch nicht fertig und die Tischler, welche ein
+emporgenommenes Quadrat hobelten, ließen die Arbeit liegen, um, ihre
+schmalen Stirnbänder abnehmend, welche ihnen das Haar hielten, die
+Herrschaft zu begrüßen.
+
+»Das ist das Empfangszimmer,« sagte Wronskiy, »es wird hier nur ein
+Tisch und ein Schrank hereinkommen, weiter nichts.«
+
+»Hierher, hier wollen wir durchgehen! Komm nicht an das Fenster,« sagte
+Anna, probierend, ob die Farbe schon getrocknet sei. »Aleksey, die
+Farbe ist schon trocken,« fügte sie hinzu.
+
+Aus dem Empfangszimmer trat man in den Korridor. Hier zeigte Wronskiy
+eine nach neuem System konstruierte Ventilation, dann die Marmorwannen
+und Betten mit eigenartigen Federn. Hierauf zeigte er die Krankensäle,
+einen nach dem anderen, die Vorratskammer, ein Zimmer für die Wäsche,
+dann einen Ofen neuester Konstruktion, eine Art Rollen, welche kein
+Geräusch machen sollten und die solche Gegenstände, die gebraucht
+wurden beförderten, und noch vieles andere. Swijashskiy lobte alles,
+als ein Mann, welcher alle neuen Vervollkommnungen kannte. Dolly war
+geradezu erstaunt über diese Dinge, welche sie bis jetzt noch nicht
+gesehen hatte, und frug im Begehren, alles zu erfassen, eingehend nach
+allem, was Wronskiy augenscheinlich Vergnügen machte.
+
+»Ich glaube, dies wird das einzige, vollständig rationell
+eingerichtete Krankenhaus in Rußland werden,« sagte Swijashskiy.
+
+»Werdet Ihr auch eine Abteilung für Wöchnerinnen haben,« frug Dolly.
+»Das ist doch so notwendig auf dem Lande. Ich habe häufig« --
+
+Bei aller seiner Höflichkeit fiel ihr hier Wronskiy ins Wort.
+
+»Das ist kein Geburtsinstitut, sondern ein Krankenhaus und für alle
+Krankheiten bestimmt außer den ansteckenden,« sagte er. »Aber hier seht
+einmal das,« er rollte einen neuerdings erst verschriebenen Lehnsessel
+zu Darja Aleksandrowna, welcher für Genesende bestimmt war. »Paßt auf,«
+er setzte sich in den Sessel und begann ihn fortzubewegen. »Wenn Einer
+nicht gehen kann, noch zu schwach ist, oder fußleidend, aber Luft
+schöpfen muß, so fährt er, rollt er sich« --
+
+Darja Aleksandrowna interessierte sich für alles; alles gefiel ihr
+sehr, am meisten aber Wronskiy selbst mit dieser natürlichen, naiven
+Begeisterung.
+
+»Ja, ja, er ist ein sehr lieber und guter Mann,« dachte sie, ohne ihn
+zu hören, aber auf ihn blickend und in seinen Ausdruck versunken,
+während sie sich im Geiste in Anna versetzte. Er gefiel ihr jetzt so
+wohl in seiner Lebhaftigkeit, daß sie begriff, wie Anna sich in ihn
+hatte verlieben können.
+
+
+ 21.
+
+»Nein, ich glaube die Fürstin ist müde und die Pferde interessieren
+sie nicht mehr,« sagte Wronskiy zu Anna, welche vorgeschlagen hatte,
+zum Marstall zu gehen, wo Swijashskiy den neuen Hengst zu besichtigen
+wünschte. »Geht Ihr dahin, während ich die Fürstin ins Haus begleite,
+und wir wollen ein wenig plaudern, wenn es Euch angenehm ist?« sagte
+er, zu derselben gewendet.
+
+»Von Pferden verstehe ich gar nichts; und es ist mir so recht
+angenehm,« sagte Darja Aleksandrowna etwas verwundert.
+
+Sie sah im Gesicht Wronskiys, daß er etwas von ihr wünschte, und sie
+irrte nicht. Kaum waren sie wiederum durch das Pförtchen in den Garten
+gelangt, als er nach der Seite schaute, nach welcher Anna gegangen war,
+und, nachdem er sich überzeugt hatte, daß diese ihn weder hören noch
+sehen könne, begann:
+
+»Ihr habt erraten, daß ich mit Euch zu sprechen wünschte,« sagte er,
+sie mit lachenden Augen anblickend, »ich irre nicht darin, daß Ihr
+eine Freundin Annas seid.« Er nahm den Hut ab, zog ein Tuch hervor und
+trocknete sich damit seinen Kopf mit dem spärlichen Haar.
+
+Darja Aleksandrowna antwortete nicht, sondern blickte ihn nur
+erschrocken an. Nachdem sie mit ihm so allein geblieben, wurde es ihr
+plötzlich ängstlich zu Mut; die lachenden Augen und der ernste Ausdruck
+seines Gesichts erschreckten sie.
+
+Die verschiedenartigsten Vermutungen, worüber er wohl mit ihr könnte
+sprechen wollen, gingen ihr durch den Kopf. »Er wird mich einladen, mit
+den Kindern zu ihm auf Besuch zu kommen, und ich werde ihm abschläglich
+antworten müssen: Oder soll ich in Moskau einen Kreis für Anna
+schaffen, oder will er über Wasjenka Wjeslowskiy und dessen Beziehungen
+zu Anna reden? Vielleicht auch von Kity, oder davon, daß er sich
+schuldig fühlt?« Sie sah nur Unangenehmes, erriet aber nicht, wovon er
+mit ihr mochte reden wollen.
+
+»Ihr habt so großen Einfluß auf Anna, sie liebt Euch so,« sagte er,
+»helft mir doch!«
+
+Darja Aleksandrowna schaute fragend und schüchtern auf sein energisches
+Gesicht, welches bald ganz, bald stellenweis in das Licht der Sonne
+trat, das bald den Schatten der Linden durchdrang, bald vom Schatten
+wieder verdunkelt wurde, und wartete auf das, was er weiter sagen
+würde; doch er schritt, mit dem Spazierstock in den Kies bohrend,
+schweigend neben ihr hin.
+
+»Wenn Ihr zu uns gekommen seid, Ihr, die einzige Frau unter den
+früheren Freundinnen Annas -- die Fürstin Barbara rechne ich nicht --
+so verstehe ich darin, daß Ihr dies nicht gethan habt, weil Ihr etwa
+unser Verhältnis für ein normales haltet, sondern weil Ihr, die ganze
+Schwierigkeit dieses Verhältnisses begreifend, sie noch immer ebenso
+liebt und ihr helfen wollt. Habe ich Euch so richtig aufgefaßt?« frug
+er, sie anschauend.
+
+»O ja,« antwortete Darja Aleksandrowna, ihren Sonnenschirm schließend,
+»doch« --
+
+-- »Nein,« unterbrach er sie, und blieb stehen, unwillkürlich, und
+vergessend, daß er hierdurch Darja Aleksandrowna in eine peinliche
+Situation versetzte, indem diese genötigt war, gleichfalls stehen
+zu bleiben. »Niemand empfindet mehr und stärker als ich die ganze
+Schwierigkeit der Lage Annas, und dies ist begreiflich, wenn Ihr mir
+die Ehre erweist, mich für einen Menschen zu halten, der Herz besitzt,
+>ich bin die Ursache dieser Lage und deshalb fühle ich sie.<«
+
+»Ich verstehe,« sagte Darja Aleksandrowna, unwillkürlich freundlich
+werdend, als er dies so aufrichtig und bestimmt aussprach, »aber eben
+deswegen, weil Ihr Euch als die Ursache fühlt, übertreibt Ihr, wie ich
+fürchte,« sagte sie, »Annas Lage ist eine schwierige in der Welt, ich
+verstehe wohl.«
+
+»In der Welt ist sie eine Hölle,« fuhr er hastig fort, das Gesicht in
+finstre Falten legend, »man kann sich keine schlimmeren moralischen
+Qualen vorstellen, als die, welche sie in jenen vierzehn Tagen in
+Petersburg durchlebt hat. Ich bitte Euch darum, das zu glauben.«
+
+»Aber hier, bis jetzt, so lange weder Anna, noch Ihr ein Bedürfnis nach
+der Welt empfindet« --
+
+»Die Welt« -- sagte er voll Verachtung, »welches Bedürfnis kann ich
+nach der Welt empfinden?«
+
+»Bis jetzt -- und vielleicht bleibt das immer so -- seid Ihr glücklich
+und ruhig. Ich sehe an Anna, daß sie glücklich ist, vollkommen
+glücklich, sie hat es mir kaum erst geäußert« -- sagte Darja
+Aleksandrowna lächelnd; doch unwillkürlich stiegen ihr, während sie
+dies sprach, Zweifel auf, ob Anna wirklich glücklich war.
+
+Wronskiy hingegen schien hieran nicht zu zweifeln.
+
+»Ja, ja,« sagte er, »ich weiß, daß sie aufgelebt ist nach allen ihren
+Leiden; sie ist glücklich. Sie ist wahrhaft glücklich. Aber ich? Ich
+fürchte das, was uns erwartet. Doch entschuldigt, Ihr wollt gewiß
+gehen?«
+
+»Nein, ganz gleich.«
+
+»Gut, setzen wir uns dann hierher!«
+
+Darja Aleksandrowna ließ sich auf einer Gartenbank in einer Ecke der
+Allee nieder. Er blieb vor ihr stehen.
+
+»Ich sehe, daß sie glücklich ist,« wiederholte er und der Zweifel
+daran, ob sie glücklich sei, beschlich Darja Aleksandrowna noch mehr.
+»Aber kann dies so fortgehen? Mögen wir gut oder schlecht gehandelt
+haben, das bleibt eine andre Frage, aber der Würfel ist gefallen,«
+sagte er, aus der russischen in die französische Sprache übergehend,
+»und wir sind für das ganze Leben miteinander verbunden; wir sind
+vereint durch die heiligsten Bande der Liebe. Wir haben ein Kind,
+wir können noch mehr Kinder haben. Aber das Gesetz und alle Umstände
+in unserem Verhältnis sind derart, daß sich tausend Verwickelungen
+zeigen, welche Anna jetzt, wo sie ihren Geist von all den Leiden und
+Prüfungen ausruhen läßt, nicht sieht oder nicht sehen will. Und das ist
+begreiflich. Ich aber muß sie sehen. Meine Tochter ist nach dem Gesetz
+-- nicht meine Tochter, sondern eine Karenina. Ich will diese Täuschung
+nicht,« sagte er, mit einer energischen Geste der Verneinung, und
+düster fragend Darja Aleksandrowna anblickend.
+
+Diese antwortete nicht und schaute ihn nur an. Er fuhr fort:
+
+»Morgen kann mir ein Sohn geboren werden, mein Sohn, aber nach dem
+Gesetz -- ist er ein Karenin; weder Erbe meines Namens, noch Erbe
+meines Vermögens, und so glücklich wir in der Familie sein, soviel
+Kinder wir auch bekommen mögen, zwischen mir und ihnen besteht kein
+Band. Sie sind Karenin. Begreift nur das Drückende und Entsetzliche
+dieser Lage! Ich habe es versucht, mit Anna darüber zu sprechen, aber
+sie reizt dies nur. Sie versteht es nicht und ich vermag nicht, ihr
+alles zu sagen. Betrachtet indes jetzt die Sache auch noch von einer
+anderen Seite! Ich bin glücklich, glücklich durch ihre Liebe, aber ich
+muß eine Beschäftigung haben! Diese Beschäftigung habe ich gefunden und
+bin stolz auf sie; ich halte sie für edler, als es die Beschäftigung
+meiner ehemaligen Kameraden am Hof und im Dienst ist, und ohne Zweifel
+würde ich dieses Wirken nicht mit dem ihren vertauschen mögen. Ich
+arbeite hier, auf meiner Scholle sitzend, und bin glücklich und
+zufrieden, und wir brauchen nichts weiter zum Glück. Ich liebe diese
+Thätigkeit. =Cela n'est pas un pis-aller=, im Gegenteil« --
+
+Darja Aleksandrowna bemerkte, daß er an dieser Stelle seiner
+Erklärung den Faden verlor; sie verstand diese Abschweifung nicht
+recht und fühlte, daß er jetzt, nachdem er einmal über seine
+Herzensangelegenheiten, über die er mit Anna nicht reden konnte, zu
+sprechen angefangen hatte, alles aussprach, und daß sich die Frage
+seiner Beschäftigung auf dem Lande in der nämlichen Abteilung seiner
+innersten Gedanken befand, in welcher auch die Frage über seine
+Beziehungen zu Anna war.
+
+»Indessen, ich fahre fort,« sagte er, wieder auf den rechten Weg
+kommend, »das Wichtigste ist, daß ich beim Arbeiten die Überzeugung
+hegen muß -- daß das von mir Geleistete nicht mit mir sterben wird, daß
+ich Erben haben werde, -- und dies ist bei mir nicht der Fall! Stellt
+Euch selbst die Situation eines Menschen vor, welcher im voraus weiß,
+daß seine und seines von ihm geliebten Weibes Kinder nicht sein eigen
+werden, sondern jemandes, der sie haßt und sie gar nicht kennen will.
+-- Das ist doch furchtbar!«
+
+Er verstummte augenscheinlich in starker Erregung.
+
+»Ja, natürlich; ich begreife das. Aber was kann Anna thun?« frug Darja
+Aleksandrowna.
+
+»Dies eben führt mich auf den Zweck meiner Aussprache,« sagte er, sich
+gewaltsam bezwingend, »Anna kann Etwas thun; es hängt von ihr ab.
+Selbst zu dem Gesuch an den Zaren um Adoptierung, ist die Ehescheidung
+unumgänglich erforderlich. Und diese hängt von Anna ab; ihr Gatte
+war mit der Scheidung einverstanden -- Euer Gatte hatte dies damals
+vollkommen arrangiert, und auch jetzt noch, ich weiß es, würde er
+sich nicht weigern. Es käme nur darauf an, daß man ihm schriebe. Er
+hat damals offen geantwortet, daß er sich, wenn sie diesen Wunsch
+aussprechen sollte, nicht weigern würde. Natürlich,« sagte er finster,
+»ist dies nur eine jener Pharisäerhärten, deren allein Leute ohne Herz
+fähig sind. Er weiß, welche Qual ihr jede Erinnerung an ihn kostet,
+und fordert, da er es weiß, von ihr einen Brief. Ich begreife, daß
+ihr das qualvoll sein muß, aber die Ursachen sind so wichtig, daß es
+heißt =passer par-dessus toutes ces finesses de sentiment. Il y va du
+bonheur et de l'existence d'Anne et de ses enfants.= Ich spreche nicht
+von mir, obwohl es mir schwer, sehr schwer wird,« sagte er mit dem
+Ausdruck einer Drohung gegen jemand, der es ihm so schwer machte. »Und
+so klammere ich mich denn ohne Bedenken an Euch, Fürstin, wie an einen
+Rettungsanker. Helft mir, sie zu überreden, daß sie ihm schreibt und
+die Scheidung fordert.«
+
+»Ja, natürlich,« sagte Darja Aleksandrowna, sich lebhaft ihres letzten
+Zusammenseins mit Aleksey Aleksandrowitsch erinnernd, »ja versteht
+sich,« wiederholte sie entschlossen, mit dem Gedanken an Anna.
+
+»Macht von Eurem Einfluß auf sie Gebrauch und bewirkt, daß sie
+schreibt. Ich will und kann nicht darüber mit ihr reden.«
+
+»Gut, ich werde mit ihr sprechen. Aber sie selbst sollte gar nicht
+hieran denken?« sagte Darja Aleksandrowna, der plötzlich hierbei die
+seltsame neue Gewohnheit Annas, zu zwinkern, einfiel. Sie dachte
+wieder daran, daß Anna gerade da, als die Frage auf die Seiten ihres
+Lebens, die ihr Herz berührten, kam, mit den Augen zwinkerte. »Gerade
+als ob sie über ihr Leben zwinkerte, um es nicht zu sehen,« dachte
+Dolly. »Ohne Zweifel muß ich im eigenen Interesse und in ihrem mit ihr
+sprechen,« antwortete sie auf den Ausdruck seiner Dankbarkeit hin.
+
+Sie erhoben sich und schritten dem Hause zu.
+
+
+ 22.
+
+Als Anna Dolly bereits zurückgekehrt fand, schaute sie ihr aufmerksam
+ins Auge, als wolle sie nach dem Gespräch fragen, welches sie mit
+Wronskiy gehabt, frug aber nicht mit Worten.
+
+»Es scheint schon Zeit zur Mittagstafel zu sein,« sagte sie. »Wir haben
+uns ja noch gar nicht gesehen. Ich rechne auf den Abend; jetzt muß ich
+mich umkleiden, und ich denke wohl auch du wirst dies thun? Wir sind
+auf dem Bau alle ganz schmutzig geworden.«
+
+Dolly ging nach ihrem Zimmer und war nun in einer komischen Situation.
+Es war ihr nicht möglich, sich umzukleiden, denn sie hatte schon ihr
+bestes Kleid angelegt; doch, um wenigstens in Etwas ihre Vorbereitung
+zur Tafel kenntlich zu machen, bat sie die Zofe, ihr das Kleid zu
+reinigen, wechselte die Manschetten und ein Band und legte Spitzen auf
+den Kopf.
+
+»Das ist alles, was ich vermag,« sagte sie lächelnd zu Anna, welche in
+dem dritten, wiederum einem sehr einfachen Kleide, zu ihr kam.
+
+»Ja, wir sind hier sehr kokett,« sagte Anna, sich gleichsam
+entschuldigend wegen ihrer Toilette. »Aleksey ist erfreut über dein
+Kommen, wie selten über Etwas. Er ist aufrichtig in dich verliebt,«
+fügte sie hinzu. »Aber du bist doch nicht ermüdet?«
+
+Bis zur Tafel war keine Zeit mehr, noch über etwas zu sprechen. Als sie
+in den Salon traten, trafen sie dort bereits die Fürstin Barbara und
+die Herren in schwarzen Röcken. Der Architekt war im Frack. Wronskiy
+stellte dem Besuch den Arzt vor. Den bauleitenden Architekten hatte er
+mit Darja Aleksandrowna schon in dem Krankenhause bekannt gemacht.
+
+Der dicke Hausmeister, mit seinem glänzenden, runden rasierten Gesicht
+und im steifgeplätteten Band seiner weißen Krawatte meldete, daß
+das Essen bereit sei, und die Damen erhoben sich. Wronskiy ersuchte
+Swijashskiy, Anna Arkadjewna den Arm zu reichen, während er selbst zu
+Dolly trat. Wjeslowskij gab vor Tuschkjewitsch der Fürstin Barbara
+seinen Arm, so daß dieser, der Baumeister und der Arzt allein gingen.
+
+Das ganze Essen, der Speisesalon, das Service, der Wein und die Speisen
+entsprachen nicht nur dem allgemeinen Charakter des modernen Prunkes
+in diesem Hause, sondern alles war wohl noch luxuriöser und moderner.
+Darja Aleksandrowna musterte diese ihr neue Pracht und vertiefte sich
+als Hausfrau, die ein Hauswesen führte -- obwohl ohne Hoffnung, etwas
+von all dem Gesehenen mit ihrem Hauswesen vergleichen zu können, so
+hoch stand hier alles an Pracht über ihrer Lebensweise -- unwillkürlich
+in alle Einzelheiten und stellte sich dabei die Frage, wer dies alles
+gemacht hatte und wie es gemacht war.
+
+Wasjenka Wjeslowskij, ihr Gatte und selbst Swijashskiy und viele Leute,
+die sie kannte, hatten nie hierüber nachgedacht, sondern aufs Wort
+daran geglaubt, daß jeder rechtschaffene Hausherr seine Gäste merken
+zu lassen wünscht, alles, was bei ihm gut in der Einrichtung sei, habe
+ihm, dem Hausherrn, nicht die geringste Mühe gekostet, sondern sei von
+selbst geworden.
+
+Darja Aleksandrowna aber wußte, daß von selbst nicht einmal der Brei
+zum Frühstück für die Kinder werde, und infolge dessen auf eine so
+komplizierte und herrliche Einrichtung gewissermaßen verstärkte
+Aufmerksamkeit hatte gerichtet werden müssen. Auch an dem Blicke des
+Aleksey Kyrillowitsch, mit welchem dieser den Tisch überflog, und
+wie er ein Zeichen mit dem Kopfe nach dem Hausmeister hin gab, und
+wie er der Darja Aleksandrowna die Auswahl zwischen dem Kwasgericht
+und der Suppe vorschlug, erkannte sie, daß alles durch die Fürsorge
+des Herrn selbst geschehe und von dieser gehalten sei. Von Anna hing
+augenscheinlich dies alles nicht in höherem Grade ab, als etwa von
+Wjeslowskij. Sie, Swijashskiy, die Fürstin und Wjeslowskiy waren einzig
+und allein die Gäste, welche heiter genossen, was für sie bereitet war.
+
+Anna war Hausfrau nur der Führung des Gesprächs nach, und dieses
+Gespräch, sehr schwierig für die Hausherrin bei der nicht großen
+Tafel, bei Personen wie dem Baumeister und dem Architekten, Leuten
+einer vollständig anderen Welt, die sich bemühten, nicht zu erröten
+vor dem ungewohnten Luxus, und nicht lange an dem gemeinsamen Gespräch
+teilzunehmen vermochten -- dieses schwierige Gespräch führte Anna mit
+ihrem gewohnten Takte, mit Natürlichkeit und selbst mit Vergnügen, wie
+Darja Aleksandrowna merkte.
+
+Das Gespräch drehte sich darum, wie Tuschkjewitsch und Wjeslowskiy
+allein im Boot gefahren waren; dann begann Tuschkjewitsch von den
+letzten Bootwettfahrten in Petersburg im Jachtklub zu erzählen. Doch
+Anna, eine Pause abwartend, wandte sich sogleich an den Architekten, um
+denselben aus seinem Schweigen zu ziehen.
+
+»Nikolay Iwanitsch war überrascht,« sagte sie zu Swijashskiy, »wie das
+neue Gebäude seit der Zeit, seit welcher er das letzte Mal hier war,
+gewachsen ist; aber ich bin alltäglich dabei und verwundere mich selbst
+alltäglich, wie schnell das geht.«
+
+»Mit Erlaucht arbeitet es sich auch gut,« sagte lächelnd der Architekt
+-- er war im Gefühl seines Wertes ein ehrerbietiger und ruhiger Mensch
+-- »man hat es hier nicht mit Gouvernementsmachthabern zu thun, bei
+denen erst ein Ries Papier vollgeschrieben werden muß; ich mache dem
+Grafen Meldung, wir besprechen und mit drei Worten ist die Sache
+abgemacht.«
+
+»Amerikanische Manieren,« sagte Swijashskiy lächelnd.
+
+»Ja; dort werden die Gebäude rationell errichtet.«
+
+Das Gespräch kam auf den Mißbrauch der Macht in den Vereinigten
+Staaten, doch Anna brachte es sogleich auf ein anderes Thema, um den
+Baumeister aus seinem Schweigen zu ziehen.
+
+»Hast du schon einmal Erntemaschinen gesehen?« wandte sie sich an Darja
+Aleksandrowna. »Wir waren hinausgeritten, sie anzusehen, als wir dir
+begegneten. Ich selbst habe sie zum erstenmale gesehen.«
+
+»Wie arbeiten sie denn?« frug Dolly.
+
+»Genau so wie Scheren. Es ist ein Brett und daran sind viele kleine
+Scheren. So hier« --
+
+Anna ergriff mit ihren schönen, weißen, von Ringen bedeckten Händen
+ein Messer und eine Gabel und begann zu zeigen. Sie sah offenbar, daß
+sich aus ihrer Erklärung nichts erkennen lasse, setzte aber, recht wohl
+wissend, daß sie angenehm sprach und daß ihre Hände schön seien, die
+Erklärung fort.
+
+»Es sind eigentlich mehr Federmesser,« sagte Wjeslowskij lächelnd, ohne
+die Augen von ihr zu verwenden.
+
+Anna lächelte kaum merklich, antwortete ihm aber nicht.
+
+»Nicht wahr, Karl Fjodorowitsch, es sind Scheren?« wandte sie sich an
+den Baumeister.
+
+»O ja,« versetzte der Deutsche in deutscher Sprache, »es ist ein ganz
+einfaches Ding,« und begann dann die Konstruktion der Maschine zu
+erläutern.
+
+»Schade, daß sie nicht strickt. Ich habe auf der Wiener Weltausstellung
+eine gesehen, die strickt Draht,« sagte Swijashskiy, »diese wären noch
+nützlicher gewesen.«
+
+»Es kommt drauf an; der Preis vom Draht muß ausgerechnet werden,« sagte
+der Deutsche in deutscher Sprache und wandte sich, seinem Schweigen
+entrissen, an Wronskiy.
+
+»Das läßt sich ausrechnen, Erlaucht.« Der Deutsche hatte bereits in die
+Tasche gegriffen, wo er Bleistift und ein Notizbuch trug, in welchem
+er alles ausrechnete. Doch besann er sich, daß er bei Tische sitze und
+stand, den kühlen Blick Wronskiys bemerkend, von seinem Vorhaben ab.
+»Zu kompliziert; macht zuviel Klopot,« schloß er.
+
+»Wünscht man Dochots,[A] so hat man auch Klopots,«[B] sagte Wasjenka
+Wjeslowskij auf Deutsch, sich über den Deutschen lustig machend.
+»=J'adore l'allemand=,« wandte er sich mit dem nämlichen Lächeln zu
+Anna.
+
+ [A] =dochód= »Einkünfte«.
+
+ [B] =chlópot= Gen. Plur. von =chlópoty= »Plackereien«.
+
+»=Cessez=!« sagte diese scherzhaft ernst. »Wir dachten Euch auf dem
+Felde zu treffen, Wasiliy Ssemjonitsch?« wandte sie sich dann an den
+Arzt, einen krankhaften Menschen, »waret Ihr dort?«
+
+»Ich war dort, zog mich aber zurück,« antwortete dieser mit mürrischem
+Spott.
+
+»Wahrscheinlich habt Ihr Euch eine gute Motion gemacht?«
+
+»Herrlich!«
+
+»Wie ist denn das Befinden der Alten? Ich hoffe es ist nicht Typhus?«
+
+»Typhus oder nicht Typhus, in der Besserung befindet sie sich nicht
+gerade.«
+
+»Wie schade,« sagte Anna, und wandte sich, nachdem sie so der
+Höflichkeit ihren Hausgenossen gegenüber den Tribut gezollt hatte,
+wieder zu den Ihrigen.
+
+»Es wäre jedenfalls nach Eurer Erzählung schwierig, eine Maschine zu
+konstruieren, Anna Arkadjewna,« sagte Swijashskiy scherzend.
+
+»Nun; inwiefern?« versetzte Anna mit einem Lächeln, welches sagte, daß
+sie wohl wisse, in ihrer Erklärung von der Maschinenkonstruktion habe
+etwas Liebliches gelegen, was von Swijashskiy auch bemerkt worden sei.
+Dieser neue Zug jugendlicher Koketterie überraschte Dolly unangenehm.
+
+»Dafür sind die Kenntnisse Anna Arkadjewnas in der Architektur
+bewundernswürdige,« sagte Tuschkjewitsch.
+
+»Allerdings; ich hörte es; gestern sprach Anna Arkadjewna davon -- bis
+auf die Plinthe ist sie Kennerin« -- sagte Wjeslowskij.
+
+»Es ist nichts Wunderbares dabei, wenn man so viel sieht und hört,«
+antwortete Anna, »Ihr freilich wißt gewiß nicht einmal, wovon man ein
+Haus baut.«
+
+Darja Aleksandrowna sah, daß Anna ungehalten über den Ton von Tändelei
+war, der zwischen ihr und Wjeslowskij herrschte, und in welchen
+unwillkürlich sie selbst geriet.
+
+Wronskiy handelte in diesem Falle durchaus nicht so, wie Lewin. Er maß
+dem Geschwätz Wjeslowskijs offenbar nicht die geringste Bedeutung bei,
+ja, würzte im Gegenteil noch dessen Scherze.
+
+»Nun sagt doch einmal, Wjeslowskij, womit bindet man denn die Steine!«
+
+»Natürlich mit Cement.«
+
+»Bravo! Aber was ist denn Cement?«
+
+»Nun so etwas wie ein dünner Brei, nein wie Kitt,« sagte Wjeslowskij,
+ein allgemeines Gelächter hervorrufend.
+
+Die Konversation unter den Dinierenden mit Ausnahme des in tiefes
+Schweigen versunkenen Arztes, des Architekten und des Baumeisters,
+verstummte nicht, bald glatt fließend, bald stockend und jemanden
+bei einer Schwäche fassend. Einmal wurde auch Darja Aleksandrowna
+angegriffen und so aufgeregt davon, daß sie sogar errötete, und sich
+besann, ob man ihr nicht etwas Überflüssiges und Unangenehmes gesagt
+habe? Swijashskiy hatte über Lewin zu sprechen begonnen, und von seinen
+seltsamen Urteilen, daß die Maschinen der russischen Landwirtschaft nur
+schädlich seien, erzählt.
+
+»Ich habe nicht das Vergnügen, diesen Herrn Lewin zu kennen,« sagte
+Wronskiy lächelnd, »aber wahrscheinlich hat er wohl niemals die
+Maschinen gesehen, die er verwirft. Und wenn er eine gesehen und
+erprobt hat, so wird sie darnach gewesen sein, nicht eine ausländische,
+sondern eine russische. Wie kann man hierbei noch Ansichten haben?«
+
+»Im allgemeinen türkische Ansichten,« sagte Wjeslowskij lächelnd, sich
+an Anna wendend.
+
+»Ich kann seine Urteile nicht vertreten,« fuhr Darja Aleksandrowna auf,
+»aber ich kann sagen, daß er ein sehr gebildeter Mann ist, und, wenn er
+hier wäre, schon wüßte, wie er Euch zu antworten hätte; ich verstehe es
+allerdings nicht!«
+
+»Ich liebe ihn sehr und wir sind sehr gute Freunde,« sagte Swijashskiy
+gutmütig lächelnd. »=Mais pardon, il est un petit peu toqué=; zum
+Beispiel behauptet er, daß sowohl das Semstwo, wie die Schiedsrichter
+nicht nötig wären, und beteiligt sich an nichts.«
+
+»Das ist unsere russische Indifferenz,« sagte Wronskiy, Wasser aus
+einer Eiskaraffe in ein feines Glas auf langem Fuße gießend, »man
+will sich keiner Verpflichtungen bewußt werden, die unsere Rechte uns
+auferlegen, und stellt diese Pflichten daher in Abrede.«
+
+»Ich kenne keinen Menschen, der strenger wäre in der Erfüllung seiner
+Pflichten,« sagte Darja Aleksandrowna, gereizt von diesem Tone der
+Überlegenheit in Wronskiy.
+
+»Ich, im Gegenteil,« fuhr Wronskiy fort, offenbar aus irgend einem
+Grunde von diesem Gespräch in einem gewissen Punkte getroffen, »ich im
+Gegenteil, so wie Ihr mich seht, bin sehr dankbar für die Ehre, die Ihr
+mir erwiesen habt, dank Nikolay Iwanitsch« -- er wies auf Swijashskiy
+-- »indem ich zum Ehrenrichter gewählt worden bin. Ich meine, daß für
+mich die Pflicht, zu den Zusammenkünften zu reisen, die Klage eines
+Bauern über ein Pferd zu begutachten ebenso wichtig ist, wie alles, was
+ich überhaupt thun kann. Ich werde es mir zur Ehre anrechnen, wenn man
+mich zum stimmenden Richter macht. Nur damit kann ich jene Vorteile
+wieder ausgleichen, welche ich als Grundherr besitze. Zum Unglück
+versteht man die Bedeutung nicht, welche die Großgrundbesitzer im
+Reiche haben müßten.«
+
+Darja Aleksandrowna berührte es seltsam, wie er so ruhig in seiner
+Gerechtigkeit dasaß, in seinem Hause hinter seinem Tische. Sie dachte
+daran, wie Lewin, von entgegengesetzter Meinung, ebenso entschieden war
+in seinem Urteil, in seinem Hause, an seinem Tische. Doch sie liebte
+Lewin und war daher auf seiner Seite.
+
+»So können wir also auf Euch rechnen, Graf, für die nächste
+Zusammenkunft?« frug Swijashskiy. »Doch wird zeitig zu fahren sein,
+damit man um acht Uhr schon dort ist. Wenn Ihr mir die Ehre erweisen
+wolltet, zu mir zu kommen?«
+
+»Auch ich bin ein wenig einverstanden mit deinem =beau frère=,« sagte
+Anna, »man darf nur nicht ganz so denken, wie er,« fügte sie lächelnd
+hinzu. »Ich fürchte, daß in letzter Zeit für uns zu viel dieser
+gesellschaftlichen Pflichten erstanden sind. Wie es früher so viel
+Beamte gab, daß für jede Arbeit ein Beamter erforderlich war, so ist
+jetzt alles gesellschaftlicher Faktor. Aleksey ist jetzt sechs Monate
+hier und schon ist er Mitglied von wohl fünf oder sechs verschiedenen
+socialen Institutionen -- als Vormund, Richter, Stimmrichter, Beisitzer
+&c. =Du train que cela va=, alle seine Zeit geht darin auf. Ich
+fürchte, daß bei der Masse dieser Geschäfte, alles nur Form ist. In wie
+viel Orten seid Ihr Ratsmitglied des Gerichtshofs, Nikolay Iwanitsch,«
+wandte sie sich an Swijashskiy, »mir scheint in mehr als zwanzig!«
+
+Anna sprach im Scherz, aber in ihrem Tone lag Bitterkeit. Darja
+Aleksandrowna, welche Anna und Wronskiy aufmerksam beobachtet hatte,
+bemerkte dies sogleich. Sie bemerkte auch, daß das Gesicht Wronskiys
+bei diesem Gespräch sofort einen ernsten und eigensinnigen Ausdruck
+annahm. Als sie dies bemerkt hatte, sowie auch, daß die Fürstin Barbara
+sogleich, um das Thema zu ändern, hastig von Petersburger Bekannten zu
+sprechen begann, sich ferner auch daran erinnert hatte, daß Wronskiy im
+Garten nicht zur passenden Zeit über seine Thätigkeit gesprochen hatte,
+erkannte Dolly, daß mit dieser Frage über die sociale Wirksamkeit ein
+gewisser geheimer Zwist zwischen Anna und Wronskiy zusammenhing.
+
+Das Essen, die Weine, die Servierung, alles das war sehr gut, doch auch
+ebenso, wie es Darja Aleksandrowna bei offiziellen Essen und Bällen,
+von denen sie jetzt freilich ganz entwöhnt war, gesehen hatte, und von
+dem nämlichen Charakter des Nichtigen und Gespreizten. Infolge dessen
+machte auch alles dies, an dem gewöhnlichen Wochentag und in diesem
+kleinen Kreis einen unangenehmen Eindruck auf sie.
+
+Nach dem Essen setzte man sich auf die Terrasse, dann wurde =lawn
+tennis= gespielt, indem man sich in zwei Parteien schied, und auf
+dem sorgfältig geebneten und abgesteckten =croket-ground=, auf
+beiden Seiten des aufgespannten Netzes mit den vergoldeten Stäben
+auseinandertrat.
+
+Darja Aleksandrowna versuchte zu spielen, konnte aber lange Zeit das
+Spiel nicht begreifen; nachdem sie es aber erfaßt hatte, war sie so
+müde geworden, daß sie sich bei der Fürstin Barbara niedersetzte und
+den Spielenden nur noch zuschaute. Ihr Partner, Tuschkjewitsch, hatte
+ebenfalls aufgehört, die übrigen aber setzten das Spiel noch lange
+fort. Swijashskiy und Wronskiy spielten beide sehr gut und mit Ernst.
+Sie folgten mit scharfen Blicken dem ihnen zugeworfenen Ball, ohne sich
+zu überhasten oder etwas zu versäumen, liefen ihm behend nach, paßten
+die Sprünge ab und schleuderten den Ball zielbewußt und richtig über
+das Netz hinüber.
+
+Wjeslowskij spielte schlechter als die übrigen. Er war zu aufgeregt,
+inspirierte aber dafür mit seiner Heiterkeit die Spieler. Sein
+Gelächter und seine Rufe klangen unaufhörlich. Er legte wie alle
+übrigen Herren, auf den Beschluß der Damen den Überrock ab, und
+seine volle schöne Figur mit den weißen Hemdärmeln, dem roten
+schweißbedeckten Gesicht, den hastigen Bewegungen prägte sich förmlich
+dem Gedächtnis ein.
+
+Als Darja Aleksandrowna sich in dieser Nacht schlafen legte, sah sie,
+als sie kaum die Augen geschlossen hatte, den über den =croket-ground=
+huschenden Wasjenka Wjeslowskij.
+
+Während des Spieles war Darja Aleksandrowna nicht heiter gestimmt
+gewesen. Ihr mißfiel das auch hierbei fortdauernde, tändelnde
+Verhältnis zwischen Wasjenka und Anna, sowie die allgemeine
+Gezwungenheit der Erwachsenen, wenn solche allein, ohne daß Kinder
+dabei sind, ein Kinderspiel spielen.
+
+Um indessen die übrigen nicht zu stören, und irgendwie die Zeit doch
+zu verbringen, gesellte sie sich endlich, nachdem sie sich erholt
+hatte, dem Spiele wieder bei und stellte sich heiter. Diesen ganzen
+Tag hindurch schien es ihr immer, als spiele sie auf einem Theater,
+mit Schauspielern, die besser waren als sie, und als verderbe ihr
+schlechtes Spiel die ganze Aufführung.
+
+Sie war mit der Absicht gekommen, zwei Tage hier zu bleiben, falls es
+anginge. Aber am Abend während des Spielens, beschloß sie bei sich,
+morgen schon abzureisen. Jene quälenden mütterlichen Sorgen, die sie
+unterwegs so gehaßt hatte, erschienen ihr jetzt, nach einem Tage den
+sie ohne dieselben verbracht hatte, schon in anderem Lichte und lockten
+sie an sich.
+
+Als Darja Aleksandrowna nach dem Abendthee und einer Spazierfahrt am
+Abend im Boot allein in ihr Zimmer getreten war, ihr Kleid abgelegt und
+sich niedergesetzt hatte, um ihr dünnes Haar für die Nacht aufzubinden,
+empfand sie große Erleichterung.
+
+
+ 23.
+
+Dolly wollte sich bereits niederlegen, als Anna im Nachtkostüm bei ihr
+eintrat.
+
+Im Laufe des Tages hatte diese mehrmals Gespräche über
+Herzensangelegenheiten begonnen, aber stets, nachdem sie einige Worte
+gesprochen, wieder inne gehalten. »Später, allein unter uns, wollen wir
+alles besprechen. Ich habe dir soviel zu sagen,« hatte sie geäußert.
+
+Jetzt waren sie allein, doch Anna wußte nicht, wovon sie sprechen
+sollte. Sie saß am Fenster, auf Dolly blickend, fand aber, in ihrem
+Geiste all den unerschöpflich scheinenden Stoff zu ihren Gesprächen
+über Geistiges durchmusternd, nichts.
+
+Es schien ihr in dieser Minute, als ob alles schon gesagt wäre.
+
+»Was macht denn Kity?« sagte sie, schwer aufseufzend und im Gefühl
+einer Schuld Dolly anblickend. »Sag' mir die Wahrheit, Dolly, zürnt sie
+mir nicht?«
+
+»Sie zürnen? Nein« -- sagte Darja Aleksandrowna lächelnd.
+
+»Aber sie haßt, verachtet mich?«
+
+»O nein; doch du weißt ja, Eines läßt sich nicht vergeben.«
+
+»Ja, ja,« sagte Anna, sich abwendend und durch das geöffnete Fenster
+schauend. »Aber ich war nicht schuld! Wer war denn schuld? Was heißt
+denn schuldig? Konnte es anders kommen? Wie denkst du darüber? Wäre es
+möglich gewesen, daß du nicht die Frau Stefans wurdest?«
+
+»Wahrhaftig; ich weiß nicht. Aber sage du mir doch das?«
+
+»Ja, ja, wir waren indessen noch nicht mit Kity fertig. Ist sie
+glücklich? Er ist ein schöner Mann, wie man sagt.«
+
+»Das will wenig sagen, daß er schön ist. Ich kenne aber keinen besseren
+Menschen.«
+
+»Ach, wie froh bin ich! Ich bin sehr froh! Es will wenig sagen, daß er
+ein schöner Mann ist,« wiederholte sie.
+
+Dolly lächelte.
+
+»Erzähle mir doch etwas von dir selbst! Wir haben uns so viel zu
+erzählen. Ich sprach auch mit« -- Dolly wußte nicht, wie sie ihn
+nennen sollte; es war ihr peinlich, ihn Graf oder Aleksey Kyrillowitsch
+zu nennen.
+
+»Mit Aleksey« -- sagte Anna, »ich weiß, daß Ihr miteinander gesprochen
+habt. Aber ich wollte dich offen fragen, was du von mir, über mein
+Leben denkst?«
+
+»Wie kann ich das so plötzlich sagen? Ich weiß es wahrhaftig nicht.«
+
+»Nein, nein, du mußt es mir dennoch sagen. Du siehst ja mein Leben.
+Doch vergiß nicht, daß du uns im Sommer siehst, wo du gekommen bist,
+und wir nicht allein sind. Wir aber kamen zeitig im Frühjahr hierher
+und haben vollständig einsam gelebt, und werden auch einsam weiter
+leben; etwas Besseres wünsche ich gar nicht. Stelle dir aber auch vor,
+daß ich allein lebte, ohne ihn; und dies wird kommen. An allem sehe
+ich, daß dies sich oft wiederholen wird, daß er die Hälfte seiner Zeit
+außerhalb des Hauses zubringen wird,« sprach sie, aufstehend und sich
+näher zu Dolly setzend.
+
+»Natürlich,« unterbrach sie Dolly, welche ihr entgegnen wollte,
+»natürlich mit Gewalt werde ich ihn nicht zurückhalten! Ich halte ihn
+gar nicht! Jetzt sind die Rennen; seine Pferde laufen; er reitet mit.
+Ich freue mich sehr darüber. Aber was denkst du über mich, stelle dir
+meine Lage vor. Was soll man dazu sagen?« Sie lächelte. »Wovon hat er
+denn mit dir gesprochen?«
+
+»Er sprach über das, wovon ich selbst sprechen will und ich kann leicht
+sein Anwalt sein. Er sprach davon, ob keine Möglichkeit vorhanden sei,
+und es nicht gehe, daß« -- Darja Aleksandrowna stockte, »man deine Lage
+verbessern könnte. Du weißt, wie ich sie betrachte. Aber gleichwohl,
+wenn möglich, muß geheiratet werden« --
+
+»Das heißt, eine Ehescheidung!« sagte Anna, »weißt du, daß das einzige
+Weib, welches in Petersburg zu mir gekommen ist, Betsy Twerskaja
+gewesen ist? Du kennst sie ja? =Au fond c'est la femme la plus dépravée
+qui existe=. Sie stand in einem Verhältnis zu Tuschkjewitsch, in der
+schmählichsten Weise ihren Mann hintergehend. Diese nun sagte mir,
+daß sie mich nicht mehr kennen wollte, so lange mein Verhältnis ein
+illegales bleibe. Denke nicht etwa, daß ich Vergleiche anstellte. Ich
+kenne dich, mein Herz, doch ich denke unwillkürlich an sie. Was hat
+dir denn Aleksey gesagt?« wiederholte sie.
+
+»Er hat mir gesagt, daß er leide, deinetwegen und seinetwegen.
+Vielleicht wirst du sagen, das sei Egoismus, aber es ist ein so
+begründeter und edler Egoismus! Er wünscht zunächst seine Tochter
+legitim zu machen und dein Gatte zu werden; ein Recht auf dich zu
+erhalten.«
+
+»Welche Frau, welche Magd kann bis zu solchem Grade Sklavin werden, als
+ich es bin in meiner Lage!« unterbrach Anna düster.
+
+»Das Hauptsächlichste was er wünscht -- er will, daß du nicht mehr
+leiden sollst.«
+
+»Das ist unmöglich! Und weiter?«
+
+»Nun, und das Loyalste -- er will, daß eure Kinder einen Namen haben.«
+
+»Welche Kinder denn?« sagte Anna, ohne Dolly anzublicken und mit den
+Augen zwinkernd.
+
+»Any und die Künftigen« --
+
+»Daraufhin kann er ruhig sein; ich werde keine Kinder mehr bekommen!«
+
+»Wie darfst du sagen, daß dies nicht mehr der Fall sein könnte?«
+
+»Deshalb nicht, weil ich es nicht will!«
+
+Trotz ihrer hohen Erregung lächelte Anna, als sie den naiven Ausdruck
+von Neugier, Erstaunen und Schrecken auf Dollys Gesicht bemerkte.
+
+»Der Arzt hat mir nach meiner Krankheit gesagt, daß« -- -- -- -- -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+»Nicht möglich!« sagte Dolly, die Augen weit aufreißend. Für sie war
+dies eine jener Offenbarungen, deren Folgerungen und Ausführungen so
+ungeheuer sind, daß man in der ersten Minute nur fühlt, man könne sich
+das Ganze nicht vorstellen, werde aber noch viel darüber nachzudenken
+haben.
+
+Diese Eröffnung, welche ihr plötzlich über alle jene früher für sie
+unbegreiflich gewesenen Familien, die nur ein oder zwei Kinder hatten,
+eine Erklärung gab, rief in ihr soviel Gedanken, Phantasieen und
+widerstreitende Empfindungen wach, daß sie nichts zu sagen wußte und
+nur mit weit geöffneten Augen erstaunt auf Anna schaute. Das war das
+Nämliche, wovon sie wohl schon geträumt hatte; aber jetzt, als sie
+kennen gelernt, daß es möglich sei, erschrak sie. Sie fühlte, daß dies
+die nur allzu einfache Lösung einer zu verwickelten Frage war.
+
+»=N'est ce pas immoral=!« sagte sie nur nach einigem Schweigen.
+
+»Inwiefern? Bedenke: Ich habe die Wahl zwischen zwei Dingen. Entweder
+schwanger zu sein, das heißt krank, oder der Freund und Kamerad meines
+Gatten zu sein, ganz wie ein Mann,« sprach Anna in hochfahrendem und
+leichtsinnigem Tone.
+
+»Nun ja, nun ja,« sprach Darja Aleksandrowna, die nämlichen Argumente
+hörend, die sie selbst für sich beigebracht hatte, in ihnen aber nicht
+mehr die alte Beweiskraft findend. »Für dich, für andere,« sagte Anna,
+als errate sie Dollys Gedanken, »kann noch ein Zweifel bestehen, für
+mich aber -- begreife, ich bin kein angetrautes Weib! Er liebt mich so
+lange, als er liebt. Und womit soll ich dann seine Liebe unterhalten?
+Doch nur damit!«
+
+Sie streckte die weißen Arme vor ihrem Leibe aus.
+
+Mit ungewöhnlicher Schnelligkeit, wie dies in Momenten der Aufregung
+zu sein pflegt, drängten sich Gedanken und Erinnerungen im Kopfe Darja
+Aleksandrownas.
+
+»Ich,« dachte sie, »habe meinen Stefan doch nicht an mich fesseln
+können. Er ging von mir zu anderen, und die erste, welche er für mich
+eintauschte, hat ihn nicht einmal damit festgehalten, daß sie stets
+schön und heiter war. Er verließ sie doch und nahm eine andere. Sollte
+Anna auch nur damit den Grafen Wronskiy fesseln und halten wollen? Wenn
+er das nur sucht, so wird er Toiletten und Manieren finden, die noch
+anziehender sind und heiterer. Mögen auch ihre entblößten Arme noch
+so weiß, so herrlich sein, ihr Leib in voller Schöne prangen, wie ihr
+erhitztes Antlitz aus diesen schwarzen Haaren heraus -- er wird noch
+Besseres finden, so wie mein ausschweifender, beklagenswerter und doch
+geliebter Mann es sucht und findet.«
+
+Dolly antwortete nicht und seufzte nur. Anna bemerkte dieses Seufzen,
+welches ihr Widerspruch bedeutete, und fuhr fort. Sie hatte noch
+Beweisgründe vorrätig die so stark waren, daß es auf sie nichts mehr zu
+antworten gab.
+
+»Du sagst, daß dies nicht gut sei? Man muß aber nur bedenken,« fuhr
+sie fort, »du vergißt meine Lage. Wie könnte ich Kinder wünschen?
+Ich spreche nicht von meinen Leiden; ich fürchte sie nicht. Bedenke
+aber, was werden meine Kinder sein? Unglückliche Kinder, die einen
+fremden Namen tragen. Allein durch ihre Geburt schon sind sie in die
+Notwendigkeit versetzt, sich ihrer Mutter zu schämen, ihres Vaters,
+sowie ihrer Geburt.«
+
+»Aber deshalb ist ja eben die Ehescheidung erforderlich.«
+
+Anna hörte sie nicht; sie wollte eben die nämlichen Beweisgründe
+erschöpfend beibringen, mit welchen sie sich selbst schon so viele Mal
+überzeugt hatte.
+
+»Warum ist mir der Verstand gegeben, wenn ich ihn nicht dazu anwenden
+soll, keine Unglücklichen in die Welt zu setzen?« Sie blickte Dolly an,
+fuhr aber ohne eine Antwort abzuwarten fort: »Ich würde mich immerdar
+vor diesen unglücklichen Kindern schuldig fühlen,« sagte sie. »Wenn sie
+nicht da sind, sind sie wenigstens nicht unglücklich, während, wenn sie
+unglücklich sind, ich allein daran Schuld trage.«
+
+Es waren dies die nämlichen Beweisgründe, welche Darja Aleksandrowna
+auch für sich selbst beigebracht hatte; aber jetzt hörte sie dieselben,
+ohne sie zu verstehen. »Wie kann man vor Geschöpfen schuldig sein,
+die nicht existieren?« dachte sie bei sich, und plötzlich kam ihr
+in den Sinn, ob es wohl unter Umständen für ihren Liebling Grischa
+besser gewesen wäre, wenn er nicht lebte? Dies aber erschien ihr so
+wunderlich, so seltsam, daß sie den Kopf wiegte, um dieses Wirrsal
+kreisender, wahnwitziger Gedanken zu zerstreuen.
+
+»Nein, ich weiß nicht, das ist nicht gut,« sagte sie mit einem Ausdruck
+von Ekel auf den Zügen.
+
+»Ja, ja, aber du darfst nicht vergessen, was du bist und was ich bin
+-- und außerdem,« fügte Anna hinzu, ungeachtet der Fülle ihrer eigenen
+Beweisgründe und der Armut derjenigen bei Dolly, gleichsam anerkennend,
+daß jenes nicht moralisch sei, »vergiß nicht die Hauptsache, daß ich
+mich jetzt nicht in der Situation befinde, in welcher du bist. Für
+dich ist einfach die Frage vorhanden, ob du keine Kinder mehr zu haben
+wünschst; für mich hingegen, ob ich sie zu haben wünsche. Darin liegt
+ein großer Unterschied. Du begreifst, daß ich in meiner Lage dies nicht
+wünschen kann.«
+
+Darja Aleksandrowna erwiderte nichts. Sie empfand plötzlich, daß sie
+schon so weit von Anna entfernt stehe, daß es zwischen ihnen Fragen
+gab, in welchen sie nie mehr übereinkommen konnten, und von denen nicht
+zu sprechen besser war.
+
+
+ 24.
+
+»Aber umsomehr wirst du daher deine Verhältnisse ordnen müssen, wenn es
+möglich ist,« sagte Dolly.
+
+»Ja, wenn es möglich ist,« versetzte Anna mit plötzlich veränderter,
+gedämpfter und trauriger Stimme.
+
+»Ist denn die Ehescheidung unmöglich? Man hat mir gesagt, daß dein Mann
+damit einverstanden ist.«
+
+»Dolly! Ich mag nicht davon sprechen.«
+
+»Nun, dann wollen wir es auch nicht,« beeilte sich Darja Aleksandrowna
+zu sagen, indem sie den Ausdruck des Leidens auf Annas Antlitz
+bemerkte. »Ich sehe nur, daß du zu schwarz siehst.«
+
+»Ich? Keineswegs! Ich bin sehr heiter und zufrieden. Du hast ja
+gesehen; =je fais des passions Wjeslowskij=« --
+
+»Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, gefällt mir der Ton Wjeslowskijs
+nicht,« sagte Darja Aleksandrowna, im Wunsche, das Thema zu ändern.
+
+»O, keineswegs! Das kitzelt Aleksey, weiter ist es nichts; er aber
+ist ein Knabe und ganz in meinen Händen. Du verstehst wohl, ich leite
+ihn, wie ich will. Er ist ganz das, was dein Grischa ist. Dolly!« --
+änderte sie plötzlich ihre Rede, »du sagst, ich blicke zu schwarz. Das
+verstehst du nicht. Es ist zu entsetzlich. Ich suche lieber gar nicht
+zu sehen.«
+
+»Aber mir scheint, man muß dies. Man muß alles thun, was möglich ist.«
+
+»Was ist denn möglich? Nichts! Du sagst, ich soll Aleksey heiraten,
+und meinst ich dächte nicht daran. Ich soll nicht daran denken!« --
+wiederholte sie, und die Farbe trat ihr ins Gesicht. Sie erhob sich,
+reckte ihre Brust empor, seufzte tief auf, und begann dann, mit ihrem
+leichten Gang im Zimmer auf und abzuschreiten, bisweilen dabei stehen
+bleibend. »Ich soll nicht daran denken? keinen Tag, keine Stunde giebt
+es, in der ich nicht sänne -- und mir Vorwürfe machte über das was
+ich denke -- deshalb, weil die Gedanken hierüber von Sinnen bringen
+können. Von Sinnen bringen,« wiederholte sie. »Wenn ich daran denke, so
+kann ich ohne Morphium schon nicht mehr schlafen. Doch gut. Wir werden
+ruhig sprechen. Man spricht mir von Ehescheidung. Erstens wird er in
+diese nicht willigen. Er steht jetzt unter dem Einfluß der Gräfin Lydia
+Iwanowna.«
+
+Darja Aleksandrowna folgte, auf dem Stuhl steif emporgerichtet sitzend,
+mit dem Ausdruck innigen Mitgefühls auf dem Gesicht und kopfschüttelnd
+der hin und wieder wandernden Anna.
+
+»Man muß versuchen,« sprach sie leise.
+
+»Nehmen wir an, man versucht. Was hätte das zu bedeuten?« sagte
+sie; augenscheinlich war dies ein Gedanke, den sie wohl tausendmal
+überdacht, auswendig gelernt hatte. »Dies bedeutete für mich, die ihn
+haßt, sich aber nichtsdestoweniger vor ihm als schuldig bekennt --
+ich halte ihn dabei noch für großmütig -- daß ich mich erniedrige,
+wenn ich ihm schreibe. Aber gesetzt, ich überwinde mich und thue dies!
+Entweder werde ich alsdann eine verletzende Antwort erhalten, oder
+die Einwilligung. Gut; ich erhalte die Einwilligung.« -- Anna befand
+sich gerade in einer entfernten Ecke des Gemachs und war dort stehen
+geblieben, sich an der Gardine des Fensters zu schaffen machend.
+»Ich erhalte also die Einwilligung -- aber -- mein _Sohn_? Den wird
+man mir ja nicht geben! Er wird wohl heranwachsen, in der Verachtung
+gegen mich, im Haus des Vaters, den ich verließ. Wisse, daß ich, wie
+mir scheint, gleich stark, aber mehr noch als mich selbst, zwei Wesen
+liebe, Sergey und Aleksey.«
+
+Sie trat in die Mitte des Zimmers und blieb vor Dolly stehen, beide
+Hände auf ihre Brust pressend. In dem weißen Nachtgewand erschien ihre
+Gestalt eigentümlich hoch und voll. Sie senkte den Kopf und schaute mit
+feuchtschimmernden Augen von unten her auf die kleine, hagere und in
+ihrem geflickten Korsett im Nachthäubchen so kläglich aussehende, am
+ganzen Körper vor Aufregung zitternde Dolly.
+
+»Nur diese beiden Wesen liebe ich, und doch schließt eines das andere
+aus. Ich kann sie nicht vereinigen und dies allein ist mir doch nur
+Bedürfnis. Wenn es nicht angeht, so ist mir alles gleichgültig. Alles,
+alles gleichgültig. Irgendwie muß es enden, und daher kann und mag
+ich nicht davon sprechen! Mache du mir also keine Vorwürfe und richte
+in nichts über mich! Du vermagst in deiner Reinheit nicht alles zu
+erfassen, woran ich leide.« Sie trat heran, setzte sich neben Dolly,
+blickte dieser mit schuldbewußtem Ausdruck ins Gesicht und nahm sie bei
+der Hand. »Was denkst du? Was denkst du über mich? Verachte mich nicht!
+Verachtung bin ich nicht wert. Ich bin doch schon unglücklich. Wenn
+jemand unglücklich ist, so bin ich es,« sprach sie und brach, sich von
+ihr abwendend, in Thränen aus.
+
+Allein geblieben, betete Dolly zu Gott und legte sich in ihr Bett.
+Anna hatte ihr von ganzer Seele leid gethan, so lange sie mit ihr
+gesprochen; jetzt aber konnte sie sich nicht mehr zum Nachdenken über
+sie bringen. Die Erinnerungen an ihr Haus und ihre Kinder tauchten in
+einem eigenartigen, ihr neuen Reiz, mit einem gewissen neuen Schimmer
+in ihrer Vorstellungskraft auf. Diese ihr eigene Welt erschien ihr
+jetzt so teuer und lieb, daß sie um keinen Preis außerhalb derselben
+einen überflüssigen Tag hätte zubringen mögen, und sie beschloß,
+bestimmt morgen abzureisen.
+
+Anna hatte mittlerweile, nach ihrem Kabinett zurückgekehrt, ein
+Glas ergriffen, einige Tropfen Arznei hineingeschüttet, deren
+hauptsächlichster Bestandteil Morphium war, und sich, nachdem sie
+getrunken, und noch einige Zeit unbeweglich gesessen hatte, in ruhiger
+und heiterer Stimmung nach dem Schlafgemach begeben.
+
+Als sie in dasselbe eintrat, blickte Wronskiy sie aufmerksam an.
+Er suchte nach den Spuren des Gesprächs, welches sie, wie er wußte
+mit Dolly gehabt haben mußte, da sie so lange im Zimmer derselben
+geblieben war. Aber in ihrem Ausdruck, der zurückgehaltene Aufregung
+und Geheimthuerei verriet, entdeckte er nur die zwar gewohnte, ihn aber
+doch immer noch fesselnde Schönheit, ihr Bewußtsein davon, und ihren
+Wunsch, sie auf ihn wirken zu lassen. Er wollte Anna nicht fragen, was
+sie beide gesprochen hätten, sondern hoffte, sie werde es ihm selbst
+sagen. Doch sie sprach nur:
+
+»Ich freue mich, daß Dolly dir gefallen hat. Nicht wahr?«
+
+»Ich kenne sie ja schon lange. Sie ist sehr gut, wie mir scheint, =mais
+excessivement terre-à-terre=. Ich habe mich indessen gleichwohl sehr
+über sie gefreut.«
+
+Er ergriff Annas Hand und schaute ihr fragend ins Auge. Sie lächelte
+ihm zu, den Blick anders auffassend.
+
+Am anderen Morgen rüstete sich Darja Aleksandrowna trotz der Bitten
+ihrer Wirte zur Abreise. Der Kutscher Lewins in seinem nicht mehr
+gerade neuen Kaftan und dem Postkutscherhut, mit den Pferden von
+verschiedener Farbe, ein Wagen mit den ausgebesserten Seiten, fuhr
+mürrisch und entschlossen in die geöffnete, mit Sand bestreute Einfahrt.
+
+Der Abschied von der Fürstin Barbara und den Herren war Darja
+Aleksandrowna unangenehm. Indem sie nur einen Tag hier geblieben
+war, fühlte sie sowohl, wie ihre Wirte, deutlich, daß sie einander
+nicht näher getreten waren, und es besser sei, wenn sie nicht mehr
+zusammenkämen. Nur Anna empfand Schmerz hierüber. Sie wußte, daß jetzt,
+mit Dollys Fortgehen, niemand mehr die Gefühle in ihrer Seele wachrufen
+werde, die sich bei diesem Wiedersehen in ihr geregt hatten. Diese
+Empfindungen wachzurufen, war ihr schmerzlich gewesen, aber gleichwohl
+wußte sie doch, daß sie gerade den besten Teil ihrer Seele bildeten,
+und daß dieser Teil ihrer Seele schnell überwuchert sein werde in dem
+Leben, welches sie führte.
+
+Als sie auf das Feld hinausgekommen war, empfand Darja Aleksandrowna
+ein angenehmes Gefühl der Erleichterung, und sie wollte soeben ihre
+Leute fragen, wie es ihnen bei Wronskiy gefallen habe, als plötzlich
+Philipp der Kutscher selbst anfing:
+
+»Sind die reich, so reich, und doch haben sie im ganzen nur drei Maß
+Hafer gegeben. Bis die Hähne schrieen, hatten sie es rein aufgefressen.
+Was sind denn drei Maß? Gerade zum Hineinbeißen. Jetzt kostet der Hafer
+bei den Hofleuten fünfundvierzig Kopeken; während bei uns den Reisenden
+soviel gegeben wird, als gefressen wird.«
+
+»Ein geiziger Herr,« bestätigte der Comptoirdiener.
+
+»Nun, aber seine Pferde haben dir gefallen?« frug Dolly.
+
+»Seine Pferde, das ist richtig. Das Essen ist ja auch gut. Aber mir
+schien es so langweilig, Darja Aleksandrowna, ich weiß nicht, wie
+es Euch gegangen ist,« sagte er, ihr sein rotes, gutmütiges Gesicht
+zuwendend.
+
+»Mir ging es auch so. Werden wir denn bis zum Abend ankommen?«
+
+»Wir müssen.«
+
+Nachdem Darja Aleksandrowna heimgekommen war, und alles vollkommen
+wohlbehalten und besonders herzlich gefunden hatte, erzählte sie mit
+großer Lebhaftigkeit von ihrer Reise, wie man sie so gut aufgenommen
+habe, von der Pracht und dem guten Geschmack der Lebensweise der
+Wronskiy, sowie von ihren Zerstreuungen, und ließ niemand über sie zu
+Worte kommen.
+
+»Man muß Anna und Wronskiy kennen -- ich habe ihn jetzt besser kennen
+gelernt -- um erkennen zu können, wie liebenswürdig sie sind,« sprach
+sie, jetzt vollkommen aufrichtig, nachdem sie das dunkle Gefühl von
+Unzufriedenheit und Mißbehagen vergessen hatte, welches sie dort
+empfunden.
+
+
+ 25.
+
+Wronskiy und Anna verlebten, in unveränderten Verhältnissen, und ohne
+Maßregeln für die Ehescheidung zu ergreifen, den ganzen Sommer und
+einen Teil des Herbstes auf dem Lande. Sie waren unter sich einig
+geworden, nicht von hier weggehen zu wollen, fühlten beide aber, je
+länger sie einsam waren, besonders im Herbste und wenn kein Besuch da
+war, daß sie diese Lebensweise nicht würden ertragen können und ändern
+müßten.
+
+Ihr Leben war so, wie man es besser nicht wünschen konnte; reicher
+Überfluß, Gesundheit, ein Kind war da und beide hatten ihre
+Beschäftigung. Anna beschäftigte sich, wenn kein Besuch da war,
+mit sich selbst und sehr viel mit Lektüre von Romanen und ernsten
+Büchern, welche in der Mode waren. Sie verschrieb alle Bücher, von
+denen sie sich entsann, Günstiges in den ausländischen Zeitungen und
+Journalen die sie erhielt, gelesen zu haben, und las dieselben mit
+jener Aufmerksamkeit für das Gelesene, welche nur in der Einsamkeit
+vorhanden zu sein pflegt. Außerdem aber studierte sie alles, womit sich
+Wronskiy befaßte, nach Büchern oder Fachjournalen, sodaß er sich oft
+mit landwirtschaftlichen, architektonischen, ja selbst bisweilen mit
+sportsmännischen und Pferdezucht betreffenden Fragen an sie wandte. Er
+erstaunte über ihr Wissen, ihr Gedächtnis, und wünschte anfänglich,
+noch zweifelnd, Bestätigungen; sie fand dann auch in den Büchern das,
+wonach er gefragt und zeigte es ihm.
+
+Die Einrichtung des Hospitals beschäftigte sie gleichfalls. Sie
+leistete nicht nur Beistand, sondern richtete vieles selbst ein, oder
+sann es aus. Ihre Hauptsorge aber bildete -- sie selbst; insofern sie
+Wronskiy teuer war, insofern sie ihm alles ersetzte, was er aufgegeben
+hatte. Wronskiy schätzte diesen zum einzigen Ziel ihres Lebens
+gewordenen Wunsch -- den, ihm nicht nur zu gefallen, sondern ihm auch
+zu dienen, aber zugleich dabei fühlte er sich doch bedrückt von den
+Liebesbanden mit denen sie sich bemühte, ihn zu umstricken.
+
+Je mehr Zeit verging, wünschte er weniger sich von ihnen zu befreien
+und herauszukommen, als zu versuchen und zu prüfen, ob sie seine
+Freiheit wirklich einschränkten. Wäre nicht dieser immer stärker
+werdende Wunsch, frei zu sein, der, nicht jedesmal eine Scene zu haben,
+wenn er zu einer Gerichtssitzung, zu einem Rennen in die Stadt fahren
+mußte, gewesen, so würde Wronskiy mit seinem Dasein völlig zufrieden
+gewesen sein.
+
+Die Rolle, welche er sich erwählt hatte, die Rolle des reichen
+Grundbesitzers, aus denen der Kern der russischen Aristokratie bestehen
+müsse, war ihm nicht nur völlig nach Geschmack, sie machte ihm sogar
+jetzt, nachdem er ein halbes Jahr darin gelebt hatte, ein mehr und
+mehr wachsendes Vergnügen. Auch sein Werk, welches ihn mehr und mehr
+beschäftigte und anzog, gedieh vortrefflich. Trotz der ungeheuren
+Summen, welche ihn das Krankenhaus, die Maschinen, die aus der Schweiz
+verschriebenen Kühe und vieles andere kosteten, war er sicher, daß
+er sein Vermögen nicht zerrüttete, sondern vielmehr vergrößerte.
+Wo es sich um Einkünfte, Waldverkäufe, Getreidelieferungen, Wolle,
+Landverpachtung handelte, war Wronskiy hart wie ein Kieselstein,
+und verstand es, auf den Preis zu halten. In Sachen seiner großen
+Landwirtschaft befolgte er, sowohl auf diesem, wie auf seinen übrigen
+Gütern, die einfachsten, die gefahrlosesten Methoden, und war höchst
+sparsam und haushälterisch in den wirtschaftlichen Kleinigkeiten. Bei
+aller Schlauheit und Gewandtheit seines Deutschen, der ihn in Ankäufe
+zu verwickeln suchte und jede Berechnung so aufstellte, daß anfangs
+bei weitem mehr nötig war, dann aber erwog, daß es möglich sei, das
+Nämliche auch billiger machen, und dabei noch einen Gewinn erzielen zu
+können, gab Wronskiy diesem in nichts nach.
+
+Er hörte seinen Verwalter an, frug ihn aus und stimmte ihm nur
+dann bei, wenn das zu Verschreibende oder neu Einzurichtende das
+allerneueste, in Rußland noch unbekannt, und imstande war, Bewunderung
+zu erwecken. Im übrigen verstand er sich zu einer großen Ausgabe nur
+dann, wenn flüssiges Geld vorhanden war, und kümmerte sich, indem er
+die Ausgabe machte, um alle Einzelheiten, bestand auch darauf, nur
+das Allerbeste für sein Geld zu erhalten; sodaß er, demzufolge sein
+Vermögen offenbar nicht zerrüttete, sondern vergrößerte.
+
+Im Monat Oktober waren die Adelswahlen im Gouvernement von Kaschin,
+in welchem sich die Güter Wronskiys, Swijashskiys, Koznyscheffs,
+Oblonskiys und ein kleiner Teil von denen Lewins befanden.
+
+Diese Wahlen zogen infolge mannigfacher Umstände und in Anbetracht
+der Persönlichkeiten, welche daran teilnahmen, die allgemeine
+Aufmerksamkeit auf sich. Man sprach viel von ihnen und bereitete sich
+darauf vor. Die Bewohner von Moskau, Petersburg, Fremde, die noch nicht
+bei den Wahlen gewesen waren, kamen zu denselben.
+
+Wronskiy hatte Swijashskiy schon längst versprochen, dazu kommen zu
+wollen. Noch vorher fuhr Swijashskiy, welcher Wosdwishenskoje häufig
+besuchte zu Wronskiy.
+
+Am Vorabend des nämlichen Tages war zwischen Wronskiy und Anna fast
+ein Streit wegen der geplanten Reise entstanden. Es war gerade die
+langweiligste, schwerste Zeit auf dem Dorfe, die Herbstzeit, und, auf
+den Kampf vorbereitet, machte Wronskiy mit einem ernsten und kühlen
+Ausdruck, mit welchem er vorher noch nie zu Anna gesprochen hatte,
+derselben Mitteilung von seiner Abreise.
+
+Zu seiner Verwunderung nahm Anna indessen diese Nachricht sehr ruhig
+auf, und frug nur, wann er zurückkehren werde. Aufmerksam betrachtete
+er sie, da er diese Ruhe nicht begriff. Sie lächelte zu seinem Blick.
+Er kannte ihre Fähigkeit, sich in sich selbst zurückzuziehen, und
+wußte, daß dies nur dann der Fall war, wenn sie bei sich selbst etwas
+beschlossen hatte, ohne ihm von ihren Plänen Kenntnis zu geben. Er
+fürchtete dies, doch wünschte er so sehr, eine Scene zu vermeiden, daß
+er sich den Anschein gab zu glauben -- und teilweise glaubte er es auch
+aufrichtig -- was er ja wünschte -- sie sei einsichtsvoll.
+
+»Ich hoffe, du wirst dich nicht langweilen.«
+
+»Ich hoffe es,« sagte Anna, »gestern habe ich eine Kiste Bücher von
+Gautier erhalten. Nein, ich werde mich nicht langweilen.«
+
+»Sie wünscht diesen Ton festzuhalten; um so besser,« dachte er, »es
+wäre ja doch sonst immer ein und dasselbe,« und fuhr, ohne sie zu einer
+aufrichtigen Erklärung aufgefordert zu haben, zu den Wahlen.
+
+Es war dies zum erstenmal seit Beginn ihres Verhältnisses, daß er sich
+von ihr trennte, ohne sich völlig mit ihr ausgesprochen zu haben.
+
+Einerseits beunruhigte ihn dies, andererseits fand er, daß es so
+besser sei. »Es wird ihr dies im Anfang, wie jetzt, etwas Unklares,
+Geheimnisvolles sein, aber später wird sie sich daran gewöhnen.
+Jedenfalls kann ich ihr alles bieten, nur nicht meine männliche
+Unabhängigkeit,« dachte er.
+
+
+ 26.
+
+Im September war Lewin wegen der Niederkunft Kitys nach Moskau
+gefahren. Er hatte schon einen ganzen Monat müßig in Moskau verweilt,
+als Sergey Iwanowitsch, welcher ein Gut im Gouvernement Kaschin
+besaß und großes Interesse für die Fragen der bevorstehenden Wahlen
+hegte, sich fertig machte, zu diesen zu fahren. Er nahm dazu auch den
+Bruder mit sich, der im Sjeleznewskischen Kreis ansässig war. Lewin
+hatte überdies in Kaschin ein sehr notwendiges Geschäft für seine
+Schwester, die im Ausland lebte, in Vormundschaftssachen und wegen der
+Empfangnahme von Geldern für einen Kauf zu erledigen.
+
+Lewin war noch immer unentschlossen, aber Kity, welche gewahrte, daß
+er sich in Moskau langweile, hatte ihm angeraten, zu fahren und ihm
+obendrein noch hinter seinem Rücken eine Adelsuniform, welche achtzig
+Rubel kostete, bestellt. Diese achtzig Rubel, welche für die Uniform
+bezahlt worden waren, bildeten den Hauptgrund, der Lewin bewog, zu
+reisen, und so fuhr er nach Kaschin.
+
+Er war bereits den sechsten Tag daselbst, besuchte täglich die
+Sobranje und befaßte sich mit der Angelegenheit seiner Schwester,
+die noch nicht in Ordnung war. Die Oberrichter waren sämtlich von
+den Wahlen in Anspruch genommen und man kam daher nicht bis zu einer
+so einfachen Angelegenheit, die von der Vormundschaft abhing. Die
+andere Angelegenheit, die Erhebung der Gelder, begegnete den gleichen
+Schwierigkeiten. Nach langen Mühen um die Beseitigung der Hindernisse
+lag das Geld endlich bereit zur Aushändigung, aber der Notar, ein sehr
+dienstfertiger Mann, konnte den Talon nicht herausgeben, weil die
+Unterschrift des Präsidenten dazu erforderlich war, dieser selbst aber
+sich in der Session befand. Alle diese Plagen, das Umherlaufen von
+Ort zu Ort, die Auseinandersetzungen mit den sehr guten freundlichen
+Leuten, welche alle die Unannehmlichkeit der Lage des Petenten
+vollkommen begriffen, diesem aber nicht helfen konnten, diese ganze
+Anstrengung die keine Resultate ergab, erzeugte in Lewin ein peinliches
+Gefühl, ähnlich jener ärgerlichen Ohnmacht, welche man im Schlafe
+empfindet, wenn man physische Kraft anwenden will. Er empfand dies oft,
+wenn er sich mit seinem sehr gutmütigen Pächter unterhielt. Dieser
+Pächter that, wie es schien, alles Mögliche, und strengte alle seine
+Kräfte an, um Lewin der Mühewaltung des Probierens zu entheben; nicht
+nur einmal hatte er gesagt, dieser solle da oder dorthin fahren, indem
+er einen ganzen Plan machte, wie er das Geschick umgehen könne, das
+alles hinderte. Gleichwohl aber hatte er hinzugefügt, »man wird sich
+freilich weiter sperren, doch probiert nur«. Und Lewin versuchte und
+ging und fuhr. Jedermann war gut und liebenswürdig, aber es zeigte
+sich, daß das bereits gangbar Gemachte am Ende wieder überwachsen war
+und von neuem den Weg verlegte. Besonders unangenehm war es, daß Lewin
+in keiner Weise erkennen konnte, mit wem er kämpfe, wer einen Vorteil
+davon habe, daß die Angelegenheit nicht zur Erledigung gelangte.
+Dies schien niemand zu wissen; auch der Pächter wußte es nicht. Hätte
+Lewin es erfahren können, wie er wußte, weshalb man zur Kasse auf
+der Eisenbahn nicht anders als in der Reihe Zutritt hat, so würde es
+ihm nicht beleidigend und ärgerlich erschienen sein, aber bei den
+Hindernissen, auf welche er in der Angelegenheit stieß, konnte ihm
+niemand erklären, weshalb sie vorhanden wären.
+
+Lewin hatte sich indessen seit der Zeit seiner Verheiratung vielfach
+geändert; er war duldsam geworden, und wenn er nicht gleich verstand,
+wozu Etwas in einer bestimmten Weise eingerichtet sei, sagte er zu sich
+selbst, daß er, wenn er nicht alles wisse, auch nicht urteilen könne;
+daß es wahrscheinlich so sein müsse, und bemühte sich alsdann, nicht in
+Aufregung zu geraten.
+
+Jetzt, bei den Wahlen gegenwärtig und an ihnen teilnehmend, bestrebte
+er sich ebenfalls, nicht zu urteilen und zu hadern, sondern soviel als
+möglich die Sache zu ergründen, mit der sich ehrenhafte und wackere
+Männer, die er achtete, mit solchem Ernst und solcher Hingebung
+beschäftigten. Seit er geheiratet hatte, eröffneten sich Lewin so viele
+neue ernste Seiten, die ihm vordem, infolge einer oberflächlichen
+Stellungnahme dazu, zu unbedeutend erschienen waren, daß er auch in den
+Wahlen eine ernstere Bedeutung vermutete und suchte.
+
+Sergey Iwanowitsch erklärte ihm den Sinn und die Bedeutung der bei
+diesen vorgeschlagenen Veränderungen. Der Gouvernementschef, in
+dessen Händen nach dem Gesetz soviel wichtige sociale Aufgaben lagen
+-- wie das Vormundschaftswesen, das nämliche, an welchem Lewin jetzt
+laborierte, die ungeheuren Summen des Adelsvermögens, die Gymnasien,
+das für Mädchen, das für Knaben und ein Kadettenhaus, die Volksbildung
+nach den neuen Verhältnissen und endlich, das Semstwo -- dieser
+Gouvernementschef Sjnetkoff war ein Herr von altem, adligen Schlag, der
+ein ungeheures Vermögen besaß, ein guter Mensch, ehrenhaft in seiner
+Weise war, aber nicht vollkommen die Anforderungen der Neuzeit erfaßte.
+Er hielt in allem stets die Partei des Adels, wirkte schnurstracks
+der Verbreitung der Volksbildung entgegen, und verlieh dem Semstwo,
+welches doch so außerordentlich große Bedeutung haben sollte, den
+Charakter einer Gesellschaft. Es war daher notwendig, an seinen Platz
+einen frischen, in der Zeit stehenden, vernünftigen und vollkommen
+neuen Mann einzustellen und die Sache so anzufassen, daß aus all den
+Rechten, die dem Adel nicht als Adel, sondern als einem Element des
+Semstwo verliehen waren, die Vorteile der Selbstverwaltung gezogen
+würden, soviel ihrer zu ziehen waren. In dem reichen Gouvernement
+von Kaschin, welches in allem stets den anderen vorangegangen war,
+hatten sich jetzt so tüchtige Kräfte angesammelt, daß die Sache,
+wenn sie hier so geleitet wurde, wie es nötig war, als Muster für
+alle übrigen Gouvernements, ja für ganz Rußland, dienen konnte.
+Infolgedessen hatte sie denn eine hohe Bedeutung. Als Gouvernementschef
+an Stelle Sjnetkoffs hatte man entweder Swijashskiy oder noch besser
+Njewjedowskiy, einen früheren Professor und außerordentlich klugen
+Mann, den intimen Freund Sergey Iwanowitschs, in Vorschlag gebracht.
+
+Die Sobranje eröffnete der Gouverneur selbst, der den Edelleuten eine
+Rede hielt, daß sie die Amtspersonen nicht nach dem Ansehen der Person,
+sondern nach ihren Verdiensten und zum Wohle des Vaterlandes wählen
+möchten, und daß er hoffe, der hohe Kaschinskische Adel werde, wie bei
+den früheren Wahlen, seine Pflicht pietätvoll erfüllen, und das hohe
+Vertrauen des Monarchen rechtfertigen.
+
+Nachdem der Gouverneur diese Rede geendet hatte, verließ er den Saal,
+und die Adligen folgten ihm geräuschvoll und lebhaft, einige sogar voll
+Enthusiasmus, und umgaben ihn, während er sich den Pelz anlegte und
+mit dem Gouvernementsvorsteher freundschaftlich sprach. Lewin, welcher
+alles erfahren und nichts unbeachtet lassen wollte, stand mit im Haufen
+und hörte, wie der Gouverneur sagte: »teilt Marja Iwanowna gefälligst
+mit, mein Weib bedaure sehr, daß sie ins Kloster geht.« Nach ihm
+suchten sich die Adligen heiter ihre Pelze und begaben sich sämtlich in
+den Gottesdienst.
+
+In der Kathedrale schwor Lewin, zusammen mit den übrigen die Hand
+erhebend, und die Worte des Protopopen wiederholend, mit den ernstesten
+Eiden, alles zu erfüllen, was der Gouverneur von ihnen erhoffe.
+
+Der Gottesdienst übte auf Lewin stets einen Einfluß, und als die Worte
+gesprochen wurden: »Ich küsse das Kreuz« und er auf die Schar dieser
+jungen und alten Männer blickte, welche alle das Gleiche wiederholten,
+fühlte er sich bewegt.
+
+Am zweiten und dritten Tag wurden die Angelegenheiten der Adelsgelder
+und des Mädchengymnasiums erörtert, die, wie Sergey Iwanowitsch erklärt
+hatte, keine Wichtigkeit besaßen, und Lewin, von seinen Geschäftsgängen
+in Anspruch genommen, verfolgte dieselben nicht.
+
+Am vierten Tage erfolgte am Gouverneurstisch die Prüfung der
+Gouvernementsgelder, und hier gab es zum erstenmale einen Zusammenstoß
+der neuen Partei mit der alten. Die Kommission, welcher die Prüfung
+dieser Summe anvertraut war, legte der Sobranje dar, daß die Gelder
+sämtlich unversehrt seien. Der Gouvernementsvorsteher erhob sich,
+dankte dem Adel für sein Vertrauen und zerdrückte eine Thräne. Die
+Adligen begrüßten ihn laut und drückten ihm die Hand. Aber zur selben
+Zeit sagte ein Adliger aus der Partei Sergey Iwanowitschs, er habe
+gehört, daß die Kommission die Gelder gar nicht geprüft habe, indem
+sie die Revision als eine Kränkung des Gouverneurs betrachte. Eines
+der Kommissionsmitglieder bestätigte dies auch unvorsichtigerweise.
+Da begann ein ziemlich kleiner, sehr jung aussehender, aber sehr
+scharfzüngiger Herr zu sprechen, daß es dem Gouvernementsvorsteher
+wahrscheinlich angenehm sein würde, Rechenschaft über die Summen
+ablegen zu können, und daß nur das überflüssige Taktgefühl der
+Kommissionsmitglieder ihn dieser moralischen Genugthuung beraubt habe.
+Die Kommissionsmitglieder sagten sich hierauf von ihrer Erklärung
+los und Sergey Iwanowitsch begann ihnen logisch zu beweisen, daß sie
+entweder anerkennen müßten, die Gelder seien von ihnen für richtig
+befunden worden, oder nicht, und nahm dieses Dilemma gründlich durch.
+Sergey Iwanowitsch beantwortete hierauf ein Sprecher der gegnerischen
+Partei. Dann sprach Swijashskiy und darauf wieder der bissige Herr. Die
+Debatten zogen sich in die Länge und verliefen ohne Resultat. Lewin war
+erstaunt, daß man hierüber so lange streiten konnte, namentlich aber
+darüber, daß Sergey Iwanowitsch, als er ihn frug, ob er vermute, daß
+die Gelder verloren seien, antwortete:
+
+»O nein! Er ist ein ehrenhafter Mann, aber jene alte Sitte der
+vaterländischen, familiären Verwaltung der Adelsgeschäfte mußte
+erschüttert werden.«
+
+Am fünften Tage waren die Wahlen der Kreisvorsteher. Dieser Tag war
+ziemlich stürmisch bei mehreren Kreisen. Im Kreise Sjelesnewo wurde
+Swijashskiy einstimmig ohne Ballotage gewählt und bei ihm fand an
+diesem Tage ein Essen statt.
+
+
+ 27.
+
+Am sechsten Tage waren die Gouvernementswahlen. Die großen und kleinen
+Säle waren gefüllt von den Adligen in ihren verschiedenen Uniformen.
+Viele kamen nur für diesen Tag. Bekannte, die sich lange nicht
+gesehen hatten, der eine aus der Krim, der andere aus Petersburg,
+ein dritter vom Auslande kommend, begegneten sich in den Sälen. Am
+Gouverneurstisch, unter dem Bild des Zaren, fanden die Wahlkämpfe statt.
+
+Die Adligen, im großen, wie im kleinen Saale, gruppierten sich in Lager
+und an der Feindseligkeit und dem Mißtrauen der Blicke, an dem bei der
+Annäherung fremder Personen verstummenden Gespräch, daran, daß mehrere
+flüsternd selbst in den abgelegenen Korridor gingen, war ersichtlich,
+daß eine jede Partei Geheimnisse vor der anderen hatte.
+
+Dem äußeren Anschein nach hatten sich die Adligen scharf in zwei
+Parteien geteilt, in die Alten und die Jungen. Die Alten waren
+größtenteils in adligen altertümlichen, zugeknöpften Uniformen, mit
+Degen und Hut, oder in ihren eigenen Kavallerie-, Infanterie- oder
+Amtsuniformen. Die Uniformen der Alten waren in altertümlicher Weise
+gestickt, mit Epaulettes auf den Schultern; sie erschienen klein, kurz
+in den Taillen und so knapp, als hätten ihre Träger sie verwachsen.
+
+Die Jungen hingegen waren in Adelsuniformen mit niedrigen Taillen und
+breiten Schultern, mit weißen Westen, oder in Uniformen mit schwarzen
+Kragen und Lorbeer, der Stickerei des Justizministeriums. Zu den Jungen
+gehörten auch die Hofuniformen, die hier und da die Menge zierten.
+
+Aber die Teilung in Junge und Alte fiel nicht mit der Teilung in die
+Parteien zusammen; einige der Jungen gehörten nach den Beobachtungen
+Lewins zur Partei der Alten, und im Gegensatz hierzu zischelten einige
+sehr alte Edelleute mit Swijashskiy, und waren augenscheinlich eifrige
+Anhänger der neuen Richtung.
+
+Lewin stand in dem kleinen Saale, in welchem man rauchte und aß, neben
+einer Gruppe der Seinen, und lauschte auf das, was man sprach, indem
+er seine Geisteskräfte geflissentlich anstrengte um zu verstehen,
+was gesprochen wurde. Sergey Iwanowitsch bildete den Mittelpunkt, um
+welchen sich die Übrigen gesellten. Er hörte jetzt Swijashskiy und
+Chljustoff an, den Vorsteher eines anderen Kreises, der zu ihrer Partei
+gehörte.
+
+Chljustoff stimmte mit seinem Kreis nicht dafür, Sjnetkoff um Ballotage
+zu bitten, und Swijashskiy überredete ihn nun, es doch zu thun, während
+Sergey Iwanowitsch diesen Plan guthieß. Lewin begriff nicht, weshalb
+man die gegnerische Partei um Ballotage gerade bezüglich desjenigen
+Vorstehers bitten wollte, den man ausballotieren wollte.
+
+Stefan Arkadjewitsch, der soeben gegessen und getrunken hatte, trat,
+sich den Mund mit dem duftenden, eingefaßten Battisttaschentuch
+wischend, in seiner Kammerherrenuniform zu ihnen.
+
+»Wir nehmen die Position,« sagte er, sich die Hälften seines
+Backenbartes streichend, »Sergey Iwanowitsch!« Und aufmerksam dem
+Gespräch Gehör schenkend, unterstützte er die Meinung Swijashskiys.
+»Es ist genug mit einem Kreis, aber Swijashskiy ist augenscheinlich
+schon Opposition,« sagte er, mit Worten, die allen, nur nicht Lewin,
+verständlich waren. »Wie, Konstantin; es scheint, auch du kommst
+hinter den Geschmack?« fügte er hinzu, sich an Lewin wendend und faßte
+diesen unter dem Arme. Lewin wäre recht froh gewesen, hinter den
+Geschmack gekommen zu sein, aber er konnte nicht verstehen, worum es
+sich handle, und drückte, einige Schritte von den Redenden wegtretend,
+Stefan Arkadjewitsch seine Unkenntnis darin aus, weshalb man den
+Gouvernementsvorsteher bitten wollte.
+
+»=O sancta simplicitas=,« sagte Stefan Arkadjewitsch und erklärte Lewin
+kurz und klar, um was es sich handle.
+
+»Wenn alle Kreise, wie in den früheren Wahlen, den
+Gouvernementsvorsteher bitten würden, so wählte man ihn mit allen
+weißen Kugeln. Jetzt ist man in acht Kreisen einverstanden, ihn darum
+zu ersuchen; wenn nun zwei es verweigern, mit darum anzuhalten, so kann
+Sjnetkoff die Ballotage verweigern, und dann wird die Partei der Alten
+einen anderen von den Ihrigen wählen, sodaß unser ganzer Plan verloren
+ist. Wenn aber nur der eine Kreis Swijashskiys nicht mit bittet, so
+wird Sjnetkoff ballotieren. Man wird ihn dann selbst wählen und ihm
+absichtlich das Amt wieder übertragen, sodaß sich die gegnerische
+Partei verrechnet, und wenn sie einen Kandidaten von den Unseren
+aufstellen, diesem das Amt überträgt.«
+
+Lewin verstand, aber nicht vollständig, und wollte soeben noch einige
+Fragen stellen, als plötzlich alle durcheinander zu sprechen begannen,
+lärmten und sich nach dem großen Saale in Bewegung setzten.
+
+»Was ist das? Wie? Wen wird man wählen? Vertrauen? Zu wem? Was ist?
+Verwirft man? Es giebt kein Vertrauen! Man läßt Phleroff nicht zu. Was;
+unter Anklage! So läßt man niemand zu! Das ist niedrig! Das Gesetz!«
+hörte Lewin von verschiedenen Seiten rufen, und begab sich zusammen
+mit der Menge, die sich drängte, und zu fürchten schien, daß sie etwas
+versäumte, in den großen Saal. Er näherte sich in dem Gedränge der
+Adligen dem Gouverneurstisch, an welchem der Gouvernementsvorsteher,
+Swijashskiy und andere Wortführer eifrig miteinander debattierten.
+
+
+ 28.
+
+Lewin stand ziemlich entfernt. Ein schwer und heiser atmend neben ihm
+stehender Adliger und ein zweiter mit knarrenden, dicken Stiefelsohlen,
+störten ihn, deutlich zu hören. Aus der Ferne vernahm er nur die
+weiche Stimme des Gouvernementsvorstehers, darauf das pfeifende Organ
+des scharfzüngigen Adligen und dann die Stimme Swijashskiys. Sie
+stritten, soviel er zu verstehen imstande war, über die Bedeutung
+eines Paragraphen des Gesetzes und den Sinn der Worte, »wer sich unter
+gerichtlicher Untersuchung befindet«.
+
+Der Haufe teilte sich, um dem zum Tisch herantretenden Sergey
+Iwanowitsch Raum zu geben. Sergey Iwanowitsch sagte, nachdem er die
+Beendigung der Rede des scharfzüngigen Adligen abgewartet hatte, ihm
+scheine, daß es am richtigsten sei, sich nach dem Paragraphen des
+Gesetzes zu richten und bat den Sekretär, den Paragraphen aufzusuchen.
+In demselben war gesagt, daß man im Falle der Meinungsverschiedenheit
+zu ballotieren habe.
+
+Sergey Iwanowitsch verlas den Paragraphen, und begann den Sinn
+desselben zu erörtern, aber da unterbrach ihn ein großer, dicker und
+krummer Gutsherr mit roten Ohren, in enger Uniform mit im Nacken hinten
+hochstehendem Kragen. Er trat an den Tisch und rief laut, mit einem
+Finger darauf schlagend:
+
+»Ballotieren! Zu den Kugeln greifen! Weg da mit dem Geschwätz! Zu den
+Kugeln!«
+
+Mehrere Stimmen erhoben sich jetzt plötzlich zusammen, und der große
+Adlige mit seinem Finger, mehr und mehr in Zorn geratend, schrie
+lauter und lauter. Es ließ sich jedoch nicht unterscheiden, was er
+sagte. Er sagte das Nämliche, was Sergey Iwanowitsch vorschlug,
+aber offenbar haßte er diesen und dessen ganze Partei, und dieses
+Gefühl des Hasses teilte sich nun der ganzen Partei mit und rief den
+Widerstand einer gleichen, wenn auch gemäßigteren Erbitterung auf der
+anderen Seite hervor. Rufe erschallten und eine Minute lang wogte
+alles durcheinander, sodaß der Gouvernementsvorsteher genötigt war, um
+Ordnung zu bitten.
+
+»Ballotieren! Ballotieren! Wer ein Edelmann ist, der sieht das ein!
+Wir vergießen unser Blut! Das Vertrauen des Monarchen! Nicht den
+Gouvernementsvorsteher achten; er ist kein Amtmann! Darum handelt es
+sich nicht! Bitte, zu den Kugeln! Es ist eine Schande!« vernahm man
+zornige, sinnlose Schreie von allen Seiten.
+
+Die Blicke und Gesichter wurden immer zorniger und die Reden immer
+ungebärdiger. Sie drückten einen unversöhnlichen Haß aus. Lewin begriff
+nicht im geringsten, worum es sich handle, und war erstaunt über die
+Leidenschaftlichkeit, mit welcher die Frage, ob man über Phleroff
+ballotieren solle oder nicht, behandelt wurde. Er hatte, wie ihm
+später Sergey Iwanowitsch erklärte, jenen Syllogismus vergessen, daß
+im Interesse des allgemeinen Wohls der Gouvernementsvorsteher entfernt
+werden müsse; zu der Entfernung desselben aber war eine Majorität der
+Kugeln erforderlich; zur Erlangung dieser Majorität weiterhin mußte man
+Phleroff Stimmrecht erteilen, und zur Anerkennung Phleroffs als eines
+Stimmberechtigten mußte man erklären, wie der Paragraph des Gesetzes
+aufzufassen sei.
+
+»Also eine Stimme kann die ganze Angelegenheit entscheiden, und man muß
+daher ernst und konsequent sein, wenn man der gemeinsamen Sache dienen
+will,« schloß Sergey Iwanowitsch.
+
+Lewin hatte dies jedoch vergessen, und es wurde ihm schwer ums Herz,
+diese von ihm geachteten braven Männer in einer so unangenehmen
+schlimmen Erregung sehen zu müssen.
+
+Um sich von diesem beklemmenden Gefühl frei zu machen, ging er, ohne
+das Ende des Streites abzuwarten, in den Saal, in welchem sich niemand
+befand, als einige Lakaien beim Buffet. Als er die mit dem Abwischen
+von Geschirr, dann Aufstellen von Tellern und Gläsern beschäftigten
+Diener, ihre ruhigen, aber lebhaften Gesichter sah, empfand Lewin ein
+unerwartetes Gefühl der Erleichterung, als sei er aus einem Zimmer
+voll widrigen Geruchs in die reine Luft hinausgetreten. Er begann
+auf und abzuschreiten, mit Befriedigung auf die Diener blickend. Es
+gefiel ihm sehr, als einer derselben, ein Mann mit grauem Backenbart,
+den jüngeren, die diesen zum besten hatten, voll Geringschätzung
+lehrte, wie man Servietten falten müsse. Lewin hatte sich gerade mit
+dem alten Diener in ein Gespräch eingelassen, als der Sekretär der
+Adelsvormundschaft, ein alter Herr, der die spezielle Eigenschaft
+besaß, alle Adligen des Gouvernements dem Namen und der Herkunft nach
+zu kennen, ihn davon abzog.
+
+»Bitte gefälligst, Konstantin Dmitritsch,« sagte er zu ihm, »Euer
+Bruder sucht Euch. Es wird ballotiert.«
+
+Lewin trat in den Saal, erhielt eine weiße Kugel und begab sich hinter
+seinem Bruder Sergey Iwanowitsch zum Tische, an welchem mit wichtiger,
+ironischer Miene Swijashskiy stand, der seinen Bart in die volle Hand
+genommen hatte und daran roch.
+
+Sergey Iwanowitsch steckte die Hand in den Kasten, legte seine Kugel
+hinein und blieb, Lewin Platz machend, am Orte stehen. Lewin trat
+heran, wandte sich aber, da er vollständig vergessen hatte, um was es
+sich handle und in Verlegenheit geraten war, an Sergey Iwanowitsch mit
+der Frage, wohin er die Kugel legen solle? Er frug leise, während man
+in seiner Nähe sprach, sodaß er hoffen konnte, es habe niemand seine
+Frage vernommen. Aber die Sprechenden verstummten und seine unziemliche
+Frage wurde gehört. Sergey Iwanowitsch runzelte die Stirn.
+
+»Das ist Sache der Überzeugung für einen jeden,« sagte er gemessen.
+Einige lächelten. Lewin errötete, streckte hastig die Hand unter das
+Tuch und legte die Kugel nach rechts, da sie sich gerade in seiner
+rechten Hand befand. Nachdem er dies gethan hatte, besann er sich, daß
+er auch die linke Hand hineinstecken müsse und steckte sie hinein, doch
+schon zu spät, und zog sich dann, noch mehr in Verlegenheit geraten,
+schnell in die hintersten Reihen zurück.
+
+»Einhundertsechsundzwanzig dafür! Achtundneunzig dagegen!« klang die
+Stimme des Sekretärs, welcher den Buchstaben r nicht aussprechen
+konnte. Gelächter erschallte: ein Knopf und zwei Nüsse waren in dem
+Kasten gefunden worden. Der Adlige war zugelassen und die Jungpartei
+hatte gesiegt. Aber die Partei der Alten hielt sich noch nicht für
+besiegt. Lewin vernahm, daß man Sjnetkoff bat, zu ballotieren, und
+gewahrte, daß ein Trupp der Edelleute den Gouvernementsvorsteher
+umringte, welcher sprach. Lewin trat näher. Sjnetkoff sprach, indem er
+den Edelleuten antwortete, vom Vertrauen des Adels, von dessen Liebe zu
+ihm, deren er nicht würdig sei, da sein ganzes Verdienst nur in seiner
+Ergebenheit für den Adel bestehe, dem er zwölf Jahre des Dienstes
+geweiht hätte. Mehrmals wiederholte er die Worte »ich habe gedient,
+soviel es meine Kräfte gestatteten, im Glauben und in der Wahrheit; ich
+schätze euch hoch und danke euch!« und plötzlich hielt er, von Rührung
+überwältigt, inne und verließ den Saal.
+
+Mochten nun diese Thränen von dem Gefühl einer Ungerechtigkeit gegen
+ihn, von der Liebe zum Adel, oder von der Gespanntheit der Situation
+herrühren, in welcher er sich befand, indem er sich von Gegnern umgeben
+fühlte -- genug, die Erregung teilte sich weiter mit, die Majorität des
+Adels war gerührt und auch Lewin empfand ein Gefühl von Zärtlichkeit
+für Sjnetkoff.
+
+In der Thür stieß der Gouvernementsvorsteher mit Lewin zusammen.
+
+»Entschuldigt, bitte, entschuldigt,« sagte er wie zu einem Unbekannten,
+lächelte aber, als er Lewin erkannt, und diesem schien es, als ob er
+etwas hätte sagen wollen, aber vor Erregung nicht sprechen könne.
+
+Der Ausdruck seines Gesichts und seiner ganzen Gestalt in der Uniform,
+mit den Ordenskreuzen und den weißen galonnierten Beinkleidern,
+erinnerte Lewin, als er so hastig dahinschritt, an ein gemästetes
+Schlachtvieh, welches sieht, daß es mit seiner Sache übel bestellt ist.
+
+Der Gesichtsausdruck des Mannes hatte etwas eigentümlich Rührendes für
+Lewin, welcher erst am Tage vorher in Vormundschaftsangelegenheiten
+in seinem Hause gewesen war und ihn in der ganzen Größe eines guten
+und geselligen Menschen kennen gelernt hatte. Das große Haus mit den
+altertümlichen Familienmeubles; keine geschniegelten oder unsauberen,
+sondern ehrerbietige alte Diener, offenbar noch aus der Zeit der
+ehemaligen Leibeigenschaft stammend, die ihren Herrn nicht geändert
+hatten; eine wohlbeleibte, gutmütige Hausfrau im Häubchen mit Spitzen
+und einem türkischen Spitzenshawl, welche ihr liebes Enkelchen, die
+Tochter ihrer Tochter liebkoste; ein jugendlicher Sohn, Gymnasiast
+der sechsten Klasse, welcher von der Schule gekommen war und den
+Vater begrüßte, indem er ihm die große Hand küßte; die ermahnenden,
+freundlichen Reden und Gebärden des Hausherrn; alles dies hatte
+in Lewin gestern unwillkürlich Hochachtung und Sympathie erweckt.
+Jetzt erschien ihm dieser alte Herr rührend und beklagenswert und er
+wünschte, ihm einige angenehme Worte zu sagen.
+
+»Ihr werdet vielleicht wieder unser Vorsteher werden,« sprach er.
+
+»Kaum,« versetzte jener, erschreckt aufblickend, »ich bin abgespannt,
+schon alt; es giebt würdigere und jüngere als ich, mögen die nun
+dienen,« und der Vorsteher verschwand durch eine Seitenthür.
+
+Es trat nun der feierlichste Augenblick ein; man mußte zur Wahl
+schreiten. Die Wortführer der einen und der anderen Partei zählten an
+den Fingern die weißen und die schwarzen Kugeln nach.
+
+Die Debatten wegen Phleroff hatten der Jungpartei nicht nur die eine
+Kugel Phleroffs mehr verschafft, sondern auch einen Gewinn an Zeit
+herbeigeführt, sodaß noch drei Adlige herbeigeholt werden konnten,
+welchen es durch Intriguen der Alten unmöglich gemacht worden war, an
+den Wahlen teilzunehmen. Zwei der Adligen, die eine Schwäche für den
+Wein besaßen, hatte man durch Kumpane Sjnetkoffs trunken gemacht, dem
+dritten die Uniform entwendet.
+
+Als die Jungpartei dies erfahren hatte, sandte sie sogleich, während
+der Debatten über Phleroff, in einer Mietkutsche Freunde fort, um den
+Einen uniformieren zu lassen, und Einen der beiden Berauschten zur
+Sobranje zu bringen.
+
+»Den Einen habe ich gebracht, ich habe ihn mit Wasser begossen,« sagte
+der nach ihm gesandte Gutsherr, zu Swijashskiy tretend, »doch es ist
+nicht gefährlich, er taugt schon noch dazu.«
+
+»Ist also nicht zu sehr berauscht, daß er nicht etwa umfällt?« sagte
+Swijashskiy kopfschüttelnd.
+
+»Nein; er ist ganz munter; doch hatten sie ihn bald völlig
+niedergetrunken. Ich habe dem Buffetier gesagt, er soll ihm auf keinen
+Fall Wein geben.«
+
+
+ 29.
+
+Der enge Saal, in welchem man rauchte und aß, war gefüllt von den
+Edelleuten. Die Aufregung stieg stetig, und auf allen Gesichtern war
+die Unruhe bemerkbar. Namentlich waren die Wortführer in Aufregung,
+da sie alle Einzelverhältnisse und die Berechnung aller Kugeln
+kannten. Sie waren die Ordner der bevorstehenden Schlacht. Die Übrigen
+suchten, wie die Krieger vor dem Kampfe, obwohl sie sich zu diesem
+vorbereiteten, noch Zerstreuungen. Die Einen nahmen am Tische stehend
+oder sitzend einen Imbiß; die Anderen gingen Cigaretten rauchend, in
+dem langen Zimmer auf und nieder, und unterhielten sich mit lange nicht
+gesehenen Freunden.
+
+Lewin verspürte keine Eßlust, er rauchte nicht; zu den Seinigen, mit
+Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch, Swijashskiy und anderen
+gehen, wollte er nicht, da bei ihnen in lebhaftem Gespräch Wronskiy in
+Stallmeisteruniform stand. Schon gestern hatte ihn Lewin bei den Wahlen
+erblickt, und geflissentlich vermieden, da er nicht wünschte ihm zu
+begegnen. Er trat ans Fenster und setzte sich nieder, auf die Gruppen
+blickend, und auf das horchend, was um ihn herum gesprochen wurde.
+
+Es bedrückte ihn namentlich, daß alle, wie er sah, aufgeregt, besorgt
+und geschäftig waren, und nur er allein nebst einem alten, zahnlosen
+Greis in Marineuniform, der neben ihm saß, ohne Interesse und ohne
+Beschäftigung war.
+
+»Das ist ein Betrug! Ich habe ihm gesagt, daß es nicht so ist. Gewiß.
+Er konnte auf drei Jahre nicht wählen,« sprach energisch ein etwas
+verwachsener Gutsherr von kleiner Gestalt mit pomadisierten Haaren, die
+auf dem gestickten Kragen seiner Uniform lagen, stark mit den Absätzen
+seiner offenbar für die Wahlen neugefertigten Stiefeln aufstampfend,
+und wandte sich dann, einen mißvergnügten Blick auf Lewin werfend, kurz
+ab.
+
+»Ja, eine unsaubere Sache, was man auch sagen mag,« fuhr ein kleiner
+Gutsherr mit dünner Stimme fort.
+
+Hinter ihnen näherte sich Lewin eilig ein ganzer Trupp von Gutsherrn,
+einen dicken General umringend. Die Herren suchten offenbar einen
+Platz, wo sie so sprechen konnten, daß man sie nicht hörte.
+
+»Wie kann er sich unterstehen, zu sagen, ich hätte ihm die Beinkleider
+entwenden lassen! Er hat sie vertrunken, denke ich! Ich mache mir den
+Teufel aus ihm und seinem Fürstenrang! Er soll es nicht wagen, das zu
+äußern. Eine Schweinerei ist es!«
+
+»Aber erlaubt doch! Die berufen sich auf den Gesetzparagraphen,« sprach
+man in einer anderen Gruppe, »die Frau muß als Adlige eingetragen
+werden!«
+
+»Zum Teufel mit dem Paragraphen! Ich spreche wie es mir ums Herz ist!
+Darauf stützen sich brave Edelleute. Man soll Vertrauen haben!«
+
+»Wollen Ew. Excellenz mitkommen, =fine champagne=.«
+
+Ein anderer Trupp ging zu einem laut schreienden Edelmann; es war dies
+Einer der drei Berauschten.
+
+»Ich habe der Marja Ssemionowna stets geraten zu verpachten, weil
+sie ihren Vorteil nicht zu wahren versteht,« sagte ein graubärtiger
+Gutsherr mit angenehmer Stimme, in der Oberstenuniform des alten
+Generalstabs. Es war dies der nämliche Herr, welchem Lewin bei
+Swijashskiy begegnet war. Lewin erkannte ihn sofort, auch der Gutsherr
+schaute nach Lewin, und sie begrüßten sich.
+
+»Sehr angenehm. Gewiß, ich erinnere mich noch recht wohl; wir sahen uns
+im vergangenen Jahre bei Nikolay Iwanowitsch.«
+
+»Nun, wie steht es mit Eurer Ökonomie?« frug Lewin.
+
+»Man arbeitet stets mit Schaden,« antwortete der Gutsherr mit höflichem
+Lächeln, aber mit einem Ausdruck von Ruhe und der Überzeugtheit,
+daß es so sein müsse, neben Lewin stehen bleibend; »aber wie kommt
+Ihr denn in unser Gouvernement?« frug er dann. »Ihr seid wohl
+gekommen, um an unserem =coup d'état= teilzunehmen?« sagte er,
+sicher, aber schlecht die französischen Worte aussprechend. »Ganz
+Rußland ist zusammengekommen; auch die Kammerherren und beinahe
+selbst die Minister.« Er wies auf die repräsentierende Gestalt Stefan
+Arkadjewitschs in den weißen Pantalons und der Kammerherrenuniform,
+welcher mit einem General ging.
+
+»Ich muß Euch gestehen, daß ich die Bedeutung der Adelswahlen recht
+wenig verstehe,« sprach Lewin.
+
+Der Gutsherr schaute ihn an.
+
+»Was giebt es denn da zu verstehen? Eine Bedeutung liegt darin gar
+nicht. Es ist das eine hinfällige Institution, welche ihr Fortleben nur
+dem Trägheitsgesetz verdankt. Seht doch hin; die Uniformen sagen Euch
+das ja schon. Dies ist eine Sobranje von Friedensrichtern, dauernden
+Mitgliedern und so fort, aber nicht von Edelleuten.«
+
+»Aber weshalb seid Ihr denn gekommen?« frug Lewin.
+
+»Aus Gewohnheit; das ist das Eine. Ferner, um die Verbindungen aufrecht
+zu erhalten. Darin liegt eine moralische Verpflichtung in gewisser
+Hinsicht. Dann aber, wenn ich die Wahrheit sagen soll, auch aus meinem
+eigenen Interesse. Mein Schwager wünscht als Mitglied gewählt zu
+werden; die Familie ist arm und man muß sie vorwärts bringen. Weshalb
+sind wohl diese Herren gekommen?« sagte er, auf den bissigen Adligen
+zeigend, welcher hinter dem Gouverneurstisch sprach.
+
+»Das ist ein neues Adelsgeschlecht.«
+
+»Neues hin, neues her; aber kein Adel! Das sind Landleute, während wir
+Gutsherren sind. Sie legen als Adlige die Hand an sich selbst.«
+
+»Aber Ihr sagt doch, es sei dies eine abgelebte Institution?«
+
+»Abgelebt hin, abgelebt her; man müßte sich aber doch pietätvoller
+zu ihr stellen. Wäre wenigstens Sjnetkoff -- -- mögen wir gut oder
+schlecht sein, aber tausend Jahre sind wir doch alt geworden. Wißt
+Ihr, es kann einmal vorkommen, daß man vor seinem Hause einen Garten
+anlegt und placiert. Da steht Euch nun aber gerade auf dem Platze ein
+hundertjähriger Baum. Mag er gleich knorrig und alt sein, für die
+Blumenbouquets wird man ihn doch wohl nicht umhauen, sondern diese so
+anlegen, daß sie den Baum umfangen;« sagte er vorsichtig, und änderte
+darauf das Thema. »Wie geht es denn mit Eurer Ökonomie?« frug er.
+
+»Auch nicht gut. Fünf Prozent wirft sie ab.«
+
+»Da rechnet Ihr Euch aber noch nicht mit! Ihr seid doch auch etwas
+wert! Ich kann auch von mir selbst so reden. Während der Zeit, in der
+ich nicht Landwirtschaft trieb, habe ich im Dienst dreitausend Rubel
+gehabt. Jetzt arbeite ich mehr, als im Dienst, und habe ebenso wie Ihr,
+meine fünf Prozent, und damit ist es gut. Meine Arbeit ist dabei noch
+umsonst.«
+
+»Aber warum thut Ihr es denn, wenn Ihr nur Verlust habt?«
+
+»Nun, man arbeitet eben. Was wollt Ihr sonst? aus Gewohnheit; und man
+weiß, daß man so muß. Ich will Euch weiter sagen,« und der Gutsbesitzer
+stemmte sich mit den Ellbogen auf das Fenster und fuhr fort, »mein
+Sohn hat keine Lust zur Landwirtschaft; er wird offenbar einmal ein
+Gelehrter. Niemand wird somit die Sache einmal fortführen, und doch
+arbeitet man. Jetzt habe ich einen Garten angelegt.«
+
+»Ja, ja,« sagte Lewin, »das ist völlig richtig. Ich fühle stets, daß in
+meiner Ökonomie keine rechte Berechnung liegt, man arbeitet aber -- man
+fühlt gleichsam eine Verpflichtung seinem Lande gegenüber.«
+
+»Da will ich Euch noch etwas sagen,« fuhr der Gutsbesitzer fort. »Mein
+Nachbar, ein Kaufmann, war bei mir. Wir gingen das Land ab, und den
+Garten. >Nein,< sagte er da, >Stefan Wasiljewitsch, bei Euch ist alles
+in Ordnung, aber der Garten ist vernachlässigt.< Dabei befindet er sich
+aber in vollständiger Ordnung. >Nach meiner Ansicht, würde ich diese
+Linden anhauen. Man muß nur bis auf den Saft schlagen. Es sind da ihrer
+tausend Linden, und jede von ihnen giebt zwei gute Schaffe.<«
+
+»Für den Erlös daraus müßte er Vieh kaufen oder Land und es den Bauern
+pachtweise verteilen,« ergänzte Lewin, welcher offenbar schon mehr als
+einmal mit ähnlichen Überschlägen zu thun gehabt hatte. »Und er wird
+sich ein Vermögen begründen, während wir, Ihr und ich, wenn Gott es
+giebt, nur das unsere zusammenhalten und den Kindern zu hinterlassen
+streben müssen.«
+
+»Ihr seid verheiratet, wie ich hörte?« sagte der Gutsbesitzer.
+
+»Ja,« antwortete Lewin mit Stolz und Genugthuung. »Es ist aber etwas
+Seltsames,« fuhr er fort, »wir leben zusammen gerade wie die alten
+Vestalinnen, und hüten unser Herdfeuer.«
+
+Der Gutsbesitzer lächelte unter seinem weißen Bart.
+
+»So ist es auch bei uns, da hat sich unser Freund Nikolay Iwanitsch,
+oder jetzt Graf Wronskiy seßhaft gemacht, die eine agronomische
+Industrie einführen wollen; aber das hat nicht weiter, als bis zu
+Kapitalverlust geführt.«
+
+»Aber weshalb machen wir es nicht, wie die Kaufleute? Warum fällen
+wir nicht die Bäume im Garten der Rinde halber?« sagte Lewin, auf den
+Gedanken zurückgreifend, der ihn frappiert hatte.
+
+»Nun, wie Ihr sagtet, man hütet sein Feuer. Dieses wäre ja auch nicht
+ein adliges Verfahren. Unsere adlige Thätigkeit vollzieht sich nicht
+hier, bei den Wahlen, sondern in unserem Winkel. Es giebt auch einen
+Standesinstinkt bezüglich dessen, was man soll und was man nicht
+soll. Bei den Bauern ist es ebenso; wenn ein Bauer gut ist, so sucht
+er soviel Land zu pachten, als er kann. So schlecht dieses nun sein
+mag, er pflügt es. Gleichfalls ohne Berechnung, und geradezu zu seinem
+Schaden.«
+
+»Wie wir« -- sagte Lewin. »Es ist nur außerordentlich angenehm, Euch zu
+treffen,« fügte er hinzu, indem er Swijashskiy zu ihm herantreten sah.
+
+»Ah, wir begegnen uns wohl zum erstenmal wieder, seit ich bei Euch
+war,« begrüßte ihn der Gutsbesitzer, »wir haben uns auch verschworen.«
+
+»Wie, schmäht Ihr neue Einrichtungen?« frug Swijashskiy lächelnd.
+
+»Ein wenig.«
+
+»Man hat uns den Mut benommen.«
+
+
+ 30.
+
+Swijashskiy nahm Lewin unter den Arm und ging mit ihm zu seinen
+Freunden.
+
+Jetzt konnte Lewin Wronskiy nicht mehr vermeiden, welcher bei Stefan
+Arkadjewitsch und Sergey Iwanowitsch stand und offen dem herankommenden
+Lewin entgegenblickte.
+
+»Sehr erfreut. Mir scheint, als hätte ich einmal das Vergnügen gehabt,
+Euch begegnet zu sein -- bei der Fürstin Schtscherbazkaja,« sagte er,
+Lewin die Hand reichend.
+
+»Ja; ich entsinne mich Eurer Begegnung recht wohl,« sagte Lewin,
+purpurrot werdend, und wandte sich sogleich, um mit seinem Bruder zu
+sprechen.
+
+Mit feinem Lächeln unterhielt sich Wronskiy mit Swijashskiy weiter,
+offenbar ohne den geringsten Wunsch, in ein Gespräch mit Lewin zu
+geraten; dieser hingegen blickte, mit dem Bruder redend, unverwandt
+Wronskiy an und überlegte, wovon er wohl mit demselben sprechen könnte,
+um seine Taktlosigkeit wieder gutzumachen.
+
+»Was verhandelt man jetzt?« frug Lewin, Swijashskiy und Wronskiy
+anblickend.
+
+»Sjnetkoff. Er muß abschläglich antworten oder beistimmen,« antwortete
+Swijashskiy.
+
+»Nun, hat er denn beigestimmt oder nicht?«
+
+»Darum handelt es sich ja eben; weder dies noch das ist der Fall,«
+sagte Wronskiy.
+
+»Und wenn er es verweigert, wer wird dann ballotieren?« frug Lewin,
+Wronskiy anschauend.
+
+»Wer da will,« sagte Swijashskiy.
+
+»Werdet Ihr es thun?« frug Lewin.
+
+»Nur ich nicht,« sagte Swijashskiy, in Verlegenheit geratend und einen
+erschreckten Blick auf den neben ihm mit Sergey Iwanowitsch stehenden,
+bissigen Herrn werfend.
+
+»Nun wer denn; Njewjedowskiy?« frug Lewin, im Gefühl, daß er sich
+verwickelte.
+
+»Dies wäre aber noch schlimmer. Njewjedowskiy und Swijashskiy waren ja
+die zwei Kandidaten.«
+
+»Ich werde es in keinem Falle thun,« antwortete der sarkastische Herr.
+Es war Njewjedowskiy selbst. Swijashskiy machte Lewin mit demselben
+bekannt.
+
+»Hat es auch deine Achillesferse getroffen?« sagte Stefan
+Arkadjewitsch, Wronskiy zublinzelnd, »das ist etwas nach Art der
+Wettrennen. Man kann da eine Wette machen.«
+
+»Ja; das berührt Einen bei der schwachen Seite,« sagte Wronskiy. »Und
+hat man sich einmal mit der Sache abgegeben, so will man sie auch
+ausführen. Es ist ein Kampf!« sagte er, stirnrunzelnd und die starken
+Kinnbacken zusammenbeißend.
+
+»Was für ein Kenner der Swijashskiy ist. Wie klar bei ihm alles ist!«
+
+»Ach ja,« versetzte Wronskiy zerstreut.
+
+Ein Stillschweigen trat ein, während dessen Wronskiy so wie man eben
+auf etwas Zufälliges blickt, auf Lewin, auf dessen Füße, Uniform und
+Gesicht, schaute. Nachdem er die finster auf sich gerichteten Augen
+bemerkt hatte, äußerte er, um doch wenigstens etwas zu sagen:
+
+»Wie kommt es denn -- Ihr seid doch ständiger Dorfbewohner, nicht
+aber Friedensrichter? Ihr seid ja nicht in der Uniform eines
+Friedensrichters?«
+
+»Das kommt daher, daß ich glaube, das Friedensgericht repräsentiert
+eine thörichte Institution,« antwortete Lewin finster, der schon längst
+darauf gewartet hatte, mit Wronskiy ins Gespräch zu kommen, um seine
+Taktlosigkeit bei Gelegenheit wieder auszugleichen.
+
+»Ich glaube dies nicht; im Gegenteil,« sagte Wronskiy ruhig, aber mit
+Verwunderung.
+
+»Es ist doch nur eine Spielerei,« unterbrach ihn Lewin. »Die
+Friedensrichter sind uns nicht notwendig. Ich habe innerhalb acht
+Jahren nicht eine einzige Klage gehabt, und was ich gehabt habe, das
+wurde durch Ersatzleistung ausgeglichen. Der Friedensrichter wohnt in
+einer Entfernung von vierzig Werst von mir. In einer Sache, in welcher
+es sich um zwei Rubel handelt, muß ich dann einen Vertrauensmann,
+welcher mich fünfzehn kostet, schicken.«
+
+Er erzählte nun, wie ein Bauer einem Müller Mehl gestohlen habe,
+und der Bauer, als der Müller es ihm mitgeteilt, gegen diesen
+Verleumdungsklage eingereicht hätte. Alles das paßte nicht hierher und
+war dumm; und Lewin fühlte dies auch, während er sprach.
+
+»O, über dieses Original!« sagte Stefan Arkadjewitsch mit seinem
+mandelsüßesten Lächeln, »indessen gehen wir; man scheint zu
+ballotieren.«
+
+Sie gingen auseinander.
+
+»Ich begreife nicht,« sagte Sergey Iwanowitsch, den ungeschickten
+Gang seines Bruders bemerkend, zu diesem, »ich begreife nicht, wie
+es möglich ist, bis zu solchem Grade jeglichen politischen Taktes
+bar zu sein. Das ist es eben, was wir Russen nicht haben. Der
+Gouvernementsvorsteher ist unser Gegner, und du bist mit ihm =ami
+cochon= und bittest ihn, zu ballotieren. Graf Wronskiy -- ich mache
+ihn mir ja auch nicht zum Freunde -- hat mich zum Essen eingeladen.
+Ich werde nicht zu ihm fahren, aber er ist auf unserer Seite, weshalb
+soll ich uns deshalb einen Feind aus ihm machen? Dann frägst du
+Njewjedowskiy, ob er ballotieren würde. Das geht doch nicht an.«
+
+»Ach, ich verstehe nichts davon! Alles das ist doch fades Zeug,«
+antwortete Lewin mürrisch.
+
+»Du sagst da, daß dies alles fades Zeug sei, befassest du dich aber
+damit, so verwickelst du dich dennoch.«
+
+Lewin blieb stumm und sie betraten zusammen den großen Saal.
+
+Der Gouvernementsvorsteher hatte sich, obwohl er den ihm bereiteten
+Verrat in der Luft liegen fühlte, und nicht alle ihn darum gebeten
+hatten, gleichwohl entschlossen, zu ballotieren. Im Saal wurde alles
+still, der Sekretär verkündete mit lauter Stimme, daß Rittmeister der
+Garde, Michail Ljepanowitsch Snjetkoff zum Gouvernementsvorsteher
+gewählt werden solle.
+
+Die Kreisvorsteher kamen mit Tellern, auf welchen die Kugeln lagen, von
+ihren Tischen zu dem Gouvernementstisch, und die Wahlen begannen.
+
+»Wirf rechts,« flüsterte Stefan Arkadjewitsch Lewin zu, als er zusammen
+mit dessen Bruder hinter dem Vorsteher zu dem Tische schritt.
+
+Lewin hatte indessen jetzt jenes Kalkul vergessen, das man ihm erklärt
+hatte, und fürchtete, Stefan Arkadjewitsch möchte sich geirrt haben,
+indem er sagte »rechts«. Sujetkoff war doch offenbar der Gegner. Als
+er daher zum Kasten gekommen war, hielt er die Kugel in der Rechten,
+überlegte sich jedoch, daß er irre, und nahm, dicht vor dem Kasten, die
+Kugel in die linke Hand, um sie dann offenbar links zu legen.
+
+Ein Kenner der Sache, welcher an dem Kasten stand, und an der bloßen
+Bewegung des Ellbogens erkannte, wohin jeder warf, runzelte unwillig
+die Stirn. Er hatte keine Lust, seinen Scharfsinn anzustrengen.
+
+Alles war still geworden und man vernahm nur das Zählen der Kugeln.
+Darauf rief eine einzelne Stimme die Zahl der Wähler und der
+Nichtwählenden aus.
+
+Der Vorsteher war mit beträchtlicher Majorität wieder gewählt worden.
+Es erhob sich ein allgemeiner Lärm und man drängte nach der Thür.
+Snjetkoff trat ein, und der Adel umringte ihn, unter Beglückwünschungen.
+
+»Nun, jetzt ist es wohl zu Ende?« frug Lewin Sergey Iwanowitsch.
+
+»Es fängt eben erst an,« versetzte für Sergey Iwanowitsch lächelnd
+Swijashskiy; »der Kandidat des Vorstehers kann mehr Kugeln erhalten.«
+
+Lewin hatte dies vollkommen vergessen. Er entsann sich erst jetzt, daß
+hier eine gewisse Feinheit verborgen lag, doch wurde es ihm zuviel,
+sich darauf besinnen zu sollen, worin sie bestand. Niedergeschlagenheit
+überkam ihn und er sehnte sich darnach, von diesem Haufen wegzukommen.
+
+Da ihn niemand beachtete, und er wie es schien, von niemand vermißt
+wurde, begab er sich leise nach dem kleinen Saal, wo man speiste, und
+fühlte große Erleichterung, als er die Diener wiederum erblickte. Der
+alte Diener legte ihm die Speisenkarte vor, und Lewin willigte ein.
+Nachdem er ein Kotelett mit Fasolen gegessen und sich mit dem Diener
+über dessen frühere Herrschaft unterhalten hatte, begab sich Lewin,
+der den Saal nicht wieder zu betreten wünschte, in welchem es ihm so
+unangenehm war, auf die Tribünen.
+
+Diese waren angefüllt von geputzten Damen, die sich über das Geländer
+beugten, im Bemühen, nicht ein einziges Wort von dem zu verlieren, was
+unten gesprochen wurde. Um die Damen herum saßen und standen elegante
+Advokaten, Gymnasialschüler mit Augengläsern, und Offiziere. Überall
+wurde von den Wahlen gesprochen, und davon, wie der Vorsteher erschöpft
+sei, und wie vortrefflich die Debatten gegangen wären; in der einen
+Gruppe vernahm Lewin das Lob seines Bruders. Eine Dame sagte zu einem
+Advokaten:
+
+»Wie freue ich mich, daß ich Koznyscheff gehört habe! Da ist es schon
+der Mühe wert, ein wenig zu hungern. Es war reizend! Wie klar und
+verständlich alles! Bei uns im Gericht spricht niemand so. Nur Maydel,
+und selbst der ist noch bei weitem nicht so redegewandt.«
+
+Als Lewin einen freien Platz an dem Geländer gefunden hatte, beugte er
+sich darüber und begann Umschau zu halten und zu lauschen.
+
+Alle Adligen saßen in Spalieren, in ihren Kreisabteilungen. In der
+Mitte des Saales stand ein Mann in Uniform, welcher mit klingender
+lauter Stimme rief:
+
+»Es wird ballotiert für die Kandidaten des Gouvernementsvorstehers des
+Adels, Stabrittmeisters Evgeniy Iwanowitsch Apuchtin!«
+
+Totenstille trat ein, und man vernahm eine schwache Greisenstimme:
+
+»Ich verzichte!«
+
+»Es wird ballotiert der Hofrat Peter Petrowitsch Bolj,« begann wiederum
+die Stimme.
+
+»Ich verzichte!« ertönte eine jugendliche pfeifende Stimme.
+
+Nochmals ertönte das Gleiche und wieder erschallte das »ich verzichte«;
+und so ging es eine Stunde lang fort. Auf das Geländer gestemmt,
+schaute und lauschte Lewin. Anfangs wunderte er sich und suchte zu
+erfassen, was dies alles bedeute; dann aber, nachdem er sich überzeugt
+hatte, er könne nichts verstehen, fing er an, sich zu langweilen. Als
+er sich hierauf all die Aufregung und Erbitterung, die er auf den
+Gesichtern aller wahrgenommen, vergegenwärtigte, wurde es ihm schwer
+ums Herz; er beschloß abzureisen, und ging hinab.
+
+Als er durch die Vorhalle der Tribünen schritt, begegnete er einem
+auf- und niederschreitenden, bedrückt aussehenden Gymnasiasten mit
+thränenschwimmenden Augen. Auf der Treppe begegnete ihm ein Paar. Eine
+Dame, welche eilig auf den Absätzen lief, war es und der gewandte
+Genosse des Prokurators.
+
+»Ich habe Euch gesagt, daß Ihr nicht zu spät kommt,« sagte
+der Prokurator, gerade, als Lewin zur Seite trat, um die Dame
+vorüberzulassen.
+
+Lewin war schon auf der Ausgangstreppe und zog soeben aus der
+Westentasche die Nummer seines Pelzes hervor, als ihn der Sekretär
+abfing.
+
+»Gestattet, Konstantin Dmitritsch, man ballotiert!«
+
+Zum Kandidaten war Njewjedowskiy, der sich so entschieden geweigert
+hatte, gewählt worden.
+
+Lewin schritt zur Saalthür; sie war verschlossen. Der Sekretär pochte,
+die Thür öffnete sich und er befand sich zwei Gutsbesitzern mit
+geröteten Gesichtern gegenüber.
+
+»In meiner Macht liegt es nicht,« sagte der eine rotaussehende
+Gutsbesitzer.
+
+Hinter den beiden hob sich das Gesicht des Gouvernementsvorstehers
+hervor. Dieses Gesicht erschien furchterweckend mit seinem Ausdruck von
+Erschöpfung und Angst.
+
+»Ich habe dir befohlen, niemand hinauszulassen!« schrie er den
+Thürhüter an.
+
+»Ich habe nur eingelassen, Ew. Excellenz!«
+
+»Mein Gott!« schwer seufzend ging der Gouvernementsvorsteher, müde in
+seinen weißen Pantalons, den Kopf gesenkt, dahinschreitend, durch die
+Mitte des Saales nach dem großen Tische.
+
+Man hatte das Amt Njewjedowskiy übertragen, wie es auch vorher geplant
+worden war, und dieser war jetzt Gouvernementsvorsteher. Viele befanden
+sich in heiterer Stimmung, viele waren zufrieden und glücklich, viele
+entzückt, viele unzufrieden und unglücklich. Der Gouvernementsvorsteher
+war in einer Verzweiflung, die er nicht verbergen konnte. Als
+Njewjedowskiy den Saal verließ, umringte ihn die Menge, und folgte ihm
+begeistert nach, so, wie sie am ersten Tage dem Gouvernementsvorsteher
+gefolgt war, als derselbe die Wahlen eröffnet hatte, so, wie sie
+Snjetkoff gefolgt war, als dieser gewählt wurde.
+
+
+ 31.
+
+Der neugewählte Gouvernementsvorsteher und viele aus der
+triumphierenden Partei der Jungen, speisten an diesem Tage bei Wronskiy.
+
+Wronskiy war einmal deshalb zu den Wahlen gekommen, weil es ihm auf
+dem Dorfe langweilig geworden war, und er seine Rechte auf Freiheit
+vor Anna geltend machen mußte, als auch zum Zwecke, Swijashskiy mit
+seiner Unterstützung bei den Wahlen für alle Bemühungen um Wronskiy bei
+den Semstwowahlen zu lohnen, und vor allem deshalb, streng alle jene
+Pflichten der Stellung eines Adligen und Gutsherrn zu erfüllen, die er
+sich auserwählt hatte.
+
+Aber er hatte durchaus nicht erwartet, daß ihn diese Wahlen so sehr
+interessieren, ihn so bei seinen Neigungen fassen würden, und daß er
+der Sache so gewachsen sei. Er war in dem Kreise der Adligen eine
+vollkommen neue Erscheinung, hatte aber offenbar Erfolg und irrte nicht
+mit der Annahme, daß er bereits Einfluß unter denselben gewonnen habe.
+
+Zur Erringung dieses Einflusses unterstützte ihn sein Reichtum, und
+sein vornehmer Rang, ein schönes Besitztum in der Stadt, welches
+ihm ein alter Bekannter, Schirkoff abgetreten hatte, der sich mit
+Finanzgeschäften befaßte und eine blühende Bank in Kaschin besaß;
+ferner sein ausgezeichneter Koch, der vom Dorfe mit hereingebracht
+worden war, dann seine Freundschaft mit dem Gouverneur, der sein
+Kamerad, und zwar ein protegierter Kamerad Wronskiys gewesen -- vor
+allem aber sein einfaches, allen gegenüber sich gleich bleibendes
+Wesen, welches sehr bald die Mehrzahl der Edelleute veranlaßte, ihr
+Urteil über seinen vermeintlichen Stolz zu ändern.
+
+Er fühlte selbst, daß, mit Ausnahme jenes sonderlichen Herrn, welcher
+an die Kity Schtscherbazkaja verheiratet war, und der ihm, =à propos
+de bottes=, mit wahnsinniger Wut einen Haufen ungereimter Dummheiten
+nachsagte, jeder Edelmann, mit welchem er sich bekannt gemacht hatte,
+sein Anhänger wurde.
+
+Er erkannte klar, und auch andere sahen dies ein, daß er zu dem Erfolg
+Njewjedowskiys sehr viel beigetragen habe, und jetzt, an seiner Tafel,
+verspürte er bei der Feier der Wahl Njewjedowskiys, die angenehme
+Empfindung eines Triumphes über den Gewählten.
+
+Die Wahlen selbst hatten ihn derart gefesselt, daß er, falls er im Lauf
+der nächsten drei Jahre verheiratet sein würde, selbst daran denken
+wollte, ballotiert zu werden -- ganz so, wie man nach dem Gewinn einer
+Prämie durch den Jockey Lust verspürt, selbst mit zu reiten.
+
+Jetzt wurde der Triumph des Jockeys gefeiert. Wronskiy saß an der
+Spitze der Tafel, ihm zur Rechten der junge Gouverneur, als General
+=en suite=. Für jedermann war er der Herr des Gouvernements, der
+die Wahlen feierlich eröffnet, der eine Rede hielt, Aufmerksamkeit,
+Hochachtung und Dienstwilligkeit bei vielen erweckte, wie Wronskiy sah
+-- für Wronskiy aber war er Masloff Katka »der Sündenbock« -- dies war
+sein Spitzname im Pagencorps gewesen -- der vor ihm in Verlegenheit
+geriet, und den Wronskiy sich bemühte, =mettre à son aise=. Diesem zur
+Linken saß Njewjedowskiy mit seinem jugendlichen, unerschütterlich
+sarkastischen Gesichte; Wronskiy behandelte ihn einfach und
+achtungsvoll.
+
+Swijashskiy ertrug seine Schlappe heiter. Es war ja nicht einmal
+eine Schlappe für ihn, wie er selbst sagte, sich mit dem Pokal an
+Njewjedowskiy wendend; ein besserer Führer jener neuen Richtung,
+welcher der Adel folgen sollte, ließ sich nicht finden. Und so stand
+denn, wie er sagte, die volle Rechtschaffenheit auf der Seite des
+heutigen Erfolges und feierte denselben.
+
+Stefan Arkadjewitsch war gleichfalls bei guter Laune darüber, daß er
+die Zeit vergnügt verbrachte, und alle zufrieden waren. Swijashskiy
+ahmte humoristisch die weinerliche Rede des Vorstehers nach und
+bemerkte, sich an Njewjedowskiy wendend, daß Excellenz wohl eine
+andere, weit verwickeltere Revisionsweise der Gelder werde wählen
+müssen, als Thränen.
+
+Ein anderer Spaßvogel unter den Edelleuten erzählte, wie zum
+Gouverneurballe Lakaien in Kniestrümpfen verschrieben worden seien, und
+man dieselben jetzt wieder fortschicken müsse, wenn nicht etwa der neue
+Gouverneur den Ball mit den Lakaien in Kniestrümpfen geben sollte.
+
+Ununterbrochen während des Essens sagte man, wenn man sich zu
+Njewjedowskiy wandte, »unser Gouverneursoberhaupt«, oder »Ew.
+Excellenz«.
+
+Man sprach dies mit dem nämlichen Vergnügen, mit welchem man eine junge
+Frau »Madame« nennt, mit dem Namen ihres Mannes dazu.
+
+Njewjedowskiy gab sich den Anschein, als lasse ihn das nicht nur
+gleichgültig, sondern als schätze er diese Titulatur sogar gering,
+aber es war augenscheinlich, daß er sich glücklich fühlte und sich
+beherrschen müsse, sein Entzücken nicht auszudrücken, welches zu dieser
+ungewohnten ungezwungenen Gesellschaft, in der sich alle befanden,
+nicht gestimmt hätte.
+
+Nach der Tafel wurden mehrere Telegramme an Leute, welche sich
+für den Verlauf der Wahlen interessierten, abgesandt. Auch Stefan
+Arkadjewitsch, der sich in heiterster Stimmung befand, sandte an Darja
+Aleksandrowna ein Telegramm folgenden Inhalts: »Njewjedowskiy mit
+zwanzig Kugeln gewählt. Ich gratuliere ihm soeben. Teile es weiter
+mit.« Er diktierte dasselbe laut und bemerkte dazu: »Man muß ihnen eine
+Freude machen.«
+
+Als Darja Aleksandrowna die Depesche erhalten hatte, seufzte sie nur
+über den Rubel, den es gekostet, und erkannte, daß die Sache jetzt wohl
+bis zum Schluß der Tafel gediehen sein mußte. Sie wußte ja, daß Stefan
+die Schwäche besaß, am Ende von Banketts »=faire jouer le télégraphe=«.
+
+Alles war, im Verein mit dem ausgezeichneten Essen und Weinen die
+nicht von russischen Weinhändlern, sondern direkt von auswärts
+stammten, sehr vornehm, ungekünstelt und fröhlich gewesen. Ein
+kleiner Kreis von einigen zwanzig Herren, war von Swijashskiy aus der
+Mitte der gleichgesinnten, freidenkenden, und zugleich geistreichen
+und ordnungsliebenden Führer der Jungpartei, ausgewählt worden.
+Man brachte Toaste aus, auch halbscherzhafte, sowohl auf den neuen
+Gouvernementsvorsteher, als auf den Gouverneur, auf den Bankdirektor,
+wie auf »unseren liebenswürdigen Wirt!« --
+
+Wronskiy war zufrieden. Er hatte nimmermehr einen so angenehmen Ton in
+der Provinz erwartet.
+
+Gegen das Ende des Essens wurde die Stimmung noch heiterer. Der
+Gouverneur bat Wronskiy, in das Konzert zu Gunsten der »Brüderschaft«
+zu fahren, welches seine Frau veranstaltet habe, die mit ihm bekannt zu
+werden wünschte.
+
+»Es wird Ball dort sein und man sieht da unsere Schönheiten; in der
+That bemerkenswert.«
+
+»=Not in my line=,« antwortete Wronskiy, der diesen Ausdruck liebte,
+lächelte aber, und versprach doch zu kommen.
+
+Noch vor dem Aufstehen von der Tafel, als alles eben zu rauchen anfing,
+trat der Kammerdiener Wronskiys zu diesem heran mit einen Briefe auf
+der Präsentierschale.
+
+»Aus Wosdwishenskoje per Expressen,« meldete er mit bedeutungsvoller
+Miene.
+
+»Wunderbar, wie ähnlich er unserem Kameraden, dem Prokurator Swentizkiy
+sieht,« sagte einer der Gäste auf französisch, den Kammerdiener
+meinend, während Wronskiy, sich verfinsternd, das Schreiben las.
+
+Der Brief war von Anna; schon bevor er ihn gelesen hatte, kannte er
+seinen Inhalt. In der Annahme, daß die Wahlen in fünf Tagen vorüber
+sein würden, hatte er versprochen, Freitag zurückkehren zu wollen.
+Heute war Sonnabend, und er wußte, daß der Inhalt des Briefes aus
+Vorwürfen bestehen würde, weil er nicht rechtzeitig zurückgekehrt
+sei. Der Brief, welchen er gestern Abend abgeschickt hatte, war
+wahrscheinlich noch nicht angekommen.
+
+Der Inhalt des Briefes war der erwartete, aber seine Form eine
+unerwartete und ihm höchst unangenehme.
+
+»Any ist sehr krank; der Arzt sagt, es könne eine Entzündung eintreten.
+Ich verliere in meiner Einsamkeit den Kopf. Die Fürstin Barbara ist
+keine Hilfe, sondern ein Hindernis. Ich erwartete dich vorgestern,
+gestern, und schicke jetzt, um zu erfahren, wo du eigentlich bist und
+was du machst. Ich wollte selbst fahren, habe aber davon abgesehen,
+da ich wußte, daß dir dies unangenehm gewesen sein würde. Gieb mir
+Antwort, damit ich weiß, was ich anfangen soll.«
+
+»Das Kind ist krank und sie hat selbst reisen wollen! -- Unsere Tochter
+ist krank und dieser feindselige Ton!« --
+
+Diese harmlose Zerstreuung bei den Wahlen und jene düstere, lastende
+Liebe, zu welcher er zurückkehren mußte, trafen Wronskiy durch ihren
+Gegensatz. Aber man mußte abreisen und er fuhr mit dem ersten Zuge in
+der Nacht nach Hause.
+
+
+ 32.
+
+Vor der Abreise Wronskiys zu den Wahlen, hatte Anna, in der Erwägung,
+daß jene Scenen, welche sich zwischen ihnen bei jeder seiner Reisen
+wiederholten, nur eine Erkältung herbeiführen, aber nicht fesseln
+könnten, den Entschluß gefaßt, alle nur möglichen Anstrengungen über
+sich selbst zu machen, um eine Trennung von ihm ruhig zu ertragen.
+Aber jener kalte, ernste Blick, mit welchem er sie angeschaut hatte,
+als er kam, um ihr von seiner Abreise Mitteilung zu machen, hatte sie
+verletzt, und er war noch nicht abgereist, als ihre Ruhe auch schon
+vernichtet war.
+
+In ihrer Einsamkeit dachte sie nochmals über jenen Blick nach, welcher
+sein Recht auf Freiheit ausdrückte, und sie gelangte, wie stets, zu dem
+Einen -- zu dem Bewußtsein ihrer Erniedrigung. --
+
+»Er hat ein Recht zu reisen, wann und wohin er will; nicht nur zu
+reisen, sondern auch mich zu verlassen. Er hat alle Rechte, ich gar
+keine! Aber, wenn er dies auch weiß, darf er doch nicht so handeln.
+Indessen, was hat er denn begangen? Er hat mich angeblickt, mit kaltem
+ernstem Ausdruck. Dies ist natürlich etwas Unbestimmbares, nicht
+Greifbares, aber es war früher nicht, und dieser Blick bedeutet viel,«
+dachte sie, »dieser Blick beweist, daß die Abkühlung eintritt!«
+
+Obwohl sie sich überzeugt hatte, daß die Abkühlung eintrete, war es
+ihr dennoch nicht möglich zu handeln, irgendwie ihre Beziehungen zu
+ihm zu verändern. Nur allein so wie früher, allein mit Liebe und
+Anhänglichkeit konnte sie ihn halten. Nur ebenso, wie früher durch
+Arbeit am Tage und Morphium des Nachts, konnte sie die furchtbaren
+Gedanken darüber ersticken, was werden sollte, wenn er sie zu lieben
+einmal aufhören würde.
+
+Allerdings, es gab da noch ein Mittel -- nicht ihn zu halten; denn
+dafür wollte sie nichts anderes, als seine Liebe haben, wohl aber,
+sich ihm zu nähern, in eine Stellung zu treten, aus der er sie
+nicht entfernen könnte. Dieses Mittel war die Ehescheidung und die
+Verheiratung mit ihm. Und sie begann dies jetzt zu wünschen und
+entschloß sich, zum erstenmal, darein zu willigen, sobald er oder
+Stefan zu ihr davon sprechen würden.
+
+In solchen Gedanken verbrachte sie ohne ihn fünf Tage, die nämlichen,
+während deren er abwesend sein mußte.
+
+Die Spaziergänge und Unterhaltungen mit der Fürstin Barbara, die
+Besuche des Krankenhauses, und hauptsächlich die Lektüre eines Buches
+nach dem andern, füllten ihre Zeit aus.
+
+Am sechsten Tage aber, als der Kutscher ohne Wronskiy zurückkehrte,
+fühlte sie, daß sie nicht mehr die Kraft besitze, ihre Gedanken über
+ihn und darüber, was er dort wohl thun möchte, zu unterdrücken.
+
+In dieser Zeit erkrankte ihr Töchterchen. Anna befaßte sich mit seiner
+Pflege, aber auch dies zerstreute sie nicht, umsoweniger, als die
+Krankheit nicht gefährlich war. Wie sie auch litt, sie konnte dieses
+Kind nicht lieben, und Liebe zu heucheln, das vermochte sie nicht.
+Gegen Abend dieses Tages fühlte Anna, allein, eine solche Bangnis
+für Wronskiy, daß sie beschloß, nach der Stadt zu fahren; nachdem
+sie indessen wohlweislich davon abgekommen war, schrieb sie jenes
+widerspruchsvolle Billet, welches Wronskiy erhielt, und sandte es, ohne
+es nochmals durchzulesen, mit einem expressen Boten ab.
+
+Am andern Morgen empfing sie sein Schreiben und bereute nun das ihrige.
+Voll Schrecken erwartete sie die Wiederholung jenes ernsten Blickes,
+den er auf sie gerichtet hatte als er abreiste, namentlich, nachdem sie
+nun erfahren hatte, daß das kleine Mädchen nicht gefährlich krank sei.
+Aber gleichwohl war sie froh darüber, ihm geschrieben zu haben. Jetzt
+gestand sich Anna selbst bereits ein, daß er von ihr belästigt werde,
+daß er mit Bedauern seine Freiheit aufgebe, um zu ihr zurückzukehren
+-- war aber nichtsdestoweniger froh, daß er kam. Mochte er von ihr
+belästigt werden -- wenn er nur hier war, damit sie ihn sähe, und jede
+seiner Bewegungen kannte.
+
+Sie saß im Salon unter der Lampe mit einem neuen Buch von Taine, und
+las, dem Geräusch des Windes draußen lauschend und jede Minute die
+Ankunft der Equipage erwartend. Mehrmals schien ihr, als höre sie das
+Geräusch von Rädern, doch sie hatte geirrt. Endlich vernahm sie nicht
+nur dieses, sondern auch den Ruf des Kutschers und das dumpfe Geräusch
+in der gedeckten Einfahrt. Selbst die Fürstin Barbara, welche Patience
+gespielt hatte, bestätigte es und Anna, in Aufregung geratend, erhob
+sich, blieb jetzt aber, anstatt hinabzugehen, wie sie schon früher
+zweimal gethan hatte. Sie schämte sich plötzlich ihrer Täuschung, aber
+am meisten Besorgnis empfand sie davor, wie er sie bewillkommen werde.
+Das Gefühl der Kränkung war schon vergangen; sie fürchtete nur noch den
+Ausdruck seiner Unzufriedenheit. Ihr fiel ein, daß ihr Kind schon seit
+zwei Tagen wieder völlig gesund war. Sie war sogar verdrießlich über
+das Kind, weil es gerade zu der Zeit, als der Brief abgeschickt worden
+war, sich wieder besserte. Hierauf dachte sie daran, daß er nun hier
+sei, ganz, mit seinen Händen und Augen. Sie vernahm seine Stimme, und
+alles vergessend, lief sie ihm voll Freude entgegen.
+
+»Was macht Any?« sagte er, zaghaft von unten her Anna anblickend, die
+auf ihn zueilte.
+
+Er setzte sich auf einen Stuhl und der Diener zog ihm die warmen
+Stiefel aus.
+
+»Es ist nichts; ihr ist besser.«
+
+»Und du?« sagte er, sich schüttelnd.
+
+Sie ergriff mit ihren beiden Händen seine Hand und zog sie an ihre
+Taille, ohne die Augen von ihm wegzuwenden.
+
+»Es freut mich sehr,« sagte er, sie kühl anblickend, ihre Frisur, ihr
+Kleid, von dem er wußte, daß sie es seinetwegen angelegt hatte.
+
+All das gefiel ihm -- aber es hatte ihm schon sovielmal gefallen! Und
+jener strenge versteinerte Ausdruck, den sie so sehr fürchtete an ihm,
+blieb auf seinem Antlitz.
+
+»Nun, das freut mich sehr. Bist du auch gesund?« sagte er, mit dem
+Tuche den nassen Bart abwischend und ihre Hand küssend.
+
+»Dies ist ja gleichgültig,« dachte sie, »wenn er nur hier ist, und wenn
+er hier ist, so kann er nicht anders, wagt er nicht anders, als mich zu
+lieben.«
+
+Der Abend verging voll Glück und Heiterkeit mit der Fürstin Barbara,
+welche gegen Wronskiy klagte, daß Anna in seiner Abwesenheit Morphium
+genommen habe.
+
+»Was ist zu thun? Ich konnte nicht schlafen. Meine Gedanken hinderten
+mich daran. Wenn er da ist, nehme ich es fast nie; -- fast nie.« --
+
+Er erzählte nun von den Wahlen, und Anna verstand es, ihn dabei mit
+ihren Fragen auf dasjenige zu bringen, was ihn aufheiterte, auf seinen
+Erfolg. Sie erzählte ihm von allem, was ihn daheim interessieren
+konnte, und alle ihre Nachrichten waren nur die freundlichsten.
+
+Spät am Abend indessen, nachdem sie allein waren, wünschte Anna, welche
+sah, daß sie ihn wieder vollständig beherrschte, den lastenden Eindruck
+seines Blickes, den er infolge ihres Schreibens auf sie gerichtet
+hatte, zu verwischen.
+
+»Gestehe, dir war es verdrießlich, das Schreiben zu empfangen und du
+hast mir nicht geglaubt?«
+
+Sie hatte dies kaum gesagt, als sie auch schon erkannte, daß ihr
+Wronskiy, so liebevoll für sie er auch gestimmt sein mochte, dies nicht
+vergeben habe.
+
+»Ja,« antwortete er. »Der Brief war so befremdend. Bald war Any krank,
+bald wolltest du selbst kommen.«
+
+»Es war alles wahr.«
+
+»Daran zweifle ich auch gar nicht.«
+
+»Doch; du zweifelst. Du bist mißgestimmt; ich sehe es.«
+
+»Keinen Augenblick. Ich bin nur darüber ungehalten; -- es ist ja
+wahr -- du, du scheinst nicht zugeben zu wollen, es gäbe Pflichten« --
+
+-- »Ins Konzert zu fahren« --
+
+-- »Wir wollen nicht darüber sprechen,« sagte er.
+
+»Warum sollen wir nicht davon sprechen?« antwortete sie.
+
+»Ich will nur sagen, daß man unumgänglich notwendige Geschäfte
+haben kann. So muß ich jetzt wieder nach Moskau fahren wegen einer
+Angelegenheit meines Hauses. -- Ach, Anna, weshalb bist du so reizbar?
+Weißt du denn nicht, daß ich ohne dich nicht leben kann?«
+
+»Wenn es so steht,« sprach Anna, plötzlich den Ton verändernd, »daß
+dieses Leben dir lästig wird -- ja, du kommst auf einen Tag und fährst
+wieder fort -- so machen es« --
+
+-- »Anna, das ist hart. Ich bin bereit, mein ganzes Leben hinzugeben« --
+
+Doch sie hörte ihn nicht.
+
+»Wenn du nach Moskau fährst, fahre auch ich mit. Ich bleibe nicht hier.
+Entweder wir müssen uns trennen, oder miteinander leben!« --
+
+»Aber du weißt doch, daß dies eben mein einziger Wunsch ist! Doch
+hierzu« --
+
+-- »Ist die Ehescheidung nötig? Ich werde ihm schreiben! Ich sehe, daß
+ich nicht so leben kann. Aber ich werde mit dir nach Moskau gehen.«
+
+»Das ist ja, als wolltest du mir drohen? Ich wünsche doch nichts
+weniger, als mich von dir zu trennen,« sagte Wronskiy lächelnd.
+
+Nicht nur der kalte, böse Blick eines Menschen, welcher verfolgt wird
+und verstockt ist, glänzte in seinen Augen auf, als er diese zärtlichen
+Worte sprach.
+
+Sie sah diesen Blick und erriet richtig seine Bedeutung.
+
+»Wenn es so steht, so ist es ein Unglück!« sprach dieser Blick. Es war
+dies nur ein augenblicklicher Eindruck, aber sie hatte ihn nie mehr
+vergessen können.
+
+Anna schrieb an ihren Mann einen Brief, mit der Bitte um die
+Ehescheidung, und reiste zu Ende des November, sich von der Fürstin
+Barbara trennend, welche nach Petersburg fahren mußte, zusammen mit
+Wronskiy nach Moskau. Täglich eine Antwort von Aleksey Aleksandrowitsch
+erwartend, und nach dieser die Ehescheidung, hatten sie sich jetzt wie
+Eheleute zusammen einquartiert.
+
+
+
+
+ Siebenter Teil.
+
+ 1.
+
+
+Die Lewins wohnten bereits im dritten Monat in Moskau. Schon längst
+war der Zeitpunkt verstrichen, wo nach den sichersten Berechnungen der
+Leute, welche sich auf die Sache verstanden, Kity niederkommen mußte;
+aber sie ging immer noch und an nichts war bemerkbar, daß die Zeit
+jetzt näher gekommen sei, als sie zwei Monate vorher gewesen.
+
+Der Arzt, wie die Wehfrau, Dolly und die Mutter, und besonders Lewin,
+vermochten nicht ohne Schrecken an das Kommende zu denken, und begannen
+Ungeduld und Unruhe zu empfinden; allein Kity fühlte sich vollkommen
+ruhig und glücklich.
+
+Sie fühlte jetzt deutlich in sich das Entstehen einer neuen Empfindung
+von Liebe zu dem künftigen, für sie zum Teil schon vorhandenen Kinde,
+und lauschte mit Wonne diesem Gefühl. Das Kind war jetzt nicht mehr
+völlig ein Teil von ihr selbst, sondern lebte zeitweilig schon sein
+eigenes, von ihr unabhängiges Leben. Oft war ihr dies schmerzhaft,
+aber gleichzeitig hätte sie auch darüber lachen mögen in seltsamer,
+ungekannter Freude.
+
+Alle, die sie liebte, waren bei ihr, und alle waren so gut mit ihr,
+bemühten sich so sehr um sie, in allem bot sich ihr so völlig nur eine
+große Annehmlichkeit, daß sie sich, wenn sie nicht gewußt und gefühlt
+hätte, daß dies bald enden werde, kein besseres und angenehmeres Leben
+gewünscht haben würde.
+
+Eines indessen, was ihr den Reiz an diesem Leben benahm, war, daß ihr
+Gatte nicht mehr der nämliche war, als der er sie vorher geliebt hatte,
+und der er auf dem Dorfe gewesen war.
+
+Sie liebte seinen ruhigen, freundlichen und entgegenkommenden Ton auf
+dem Lande. In der Stadt hingegen schien er beständig in Unruhe und auf
+der Hut zu sein, als fürchte er, es möchte ihn, oder hauptsächlich sie
+jemand beleidigen.
+
+Auf dem Dorfe hatte er, offenbar wohl wissend, daß er dort an seinem
+Platze sei, nie gehastet, war er nie in Anspruch genommen gewesen. Hier
+aber, in der Stadt, war er beständig in geschäftiger Eile, als wolle er
+Etwas nicht verfehlen, und doch hatte er gar nichts zu thun.
+
+Sie hatte Mitleid mit ihm; daß er den anderen nicht bemitleidenswert
+erschien, wußte sie; im Gegenteil, wenn Kity in Gesellschaft auf ihn
+blickte, wie man bisweilen auf einen geliebten Menschen schaut, im
+Bemühen, ihn gleichsam wie einen Fremden anzusehen, um den Eindruck
+in sich selbst bestimmen zu können, welchen derselbe auf die anderen
+macht, sah sie zum Schrecken für ihre Eifersucht, daß er nicht nur
+nicht kläglich, sondern sehr anziehend in seiner etwas altertümelnden
+Rechtschaffenheit, seiner ängstlichen Höflichkeit gegen die Frauen, mit
+seiner kraftvollen Erscheinung und dem eigenartigen, wie ihr schien
+ausdrucksvollen Gesicht. Doch sie betrachtete ihn nicht von außen,
+sondern von innen nach außen; sie sah, daß er hier nicht wahrhaftig
+war; anders vermochte sie sich seinen Zustand nicht zu erklären.
+
+Bisweilen machte sie ihm innerlich Vorwürfe darüber, daß er nicht
+verstehe, in der Stadt zu leben; bisweilen räumte sie sich ein, daß es
+ihm in der That schwer werde, sein Leben hier so einzurichten, daß er
+damit zufrieden sein konnte.
+
+Und in der That, was sollte er thun? Karten zu spielen liebte er
+nicht; in den Klub ging er nicht; mit Lebemännern nach Art Oblonskiys
+umzugehen -- was dies bedeutete, hatte sie jetzt schon kennen gelernt
+-- bedeutete zu trinken und nach dem Trinken wer weiß wohin zu fahren.
+Sie vermochte sich nicht ohne Schrecken zu denken, wohin bei solchen
+Fällen die Herren sich begeben möchten. Sollte er in Gesellschaft
+gehen? Sie wußte doch, daß man hierzu Vergnügen in der Annäherung an
+junge Damen finden müsse, und konnte es daher nicht wünschen. Sollte
+er daheim sitzen bleiben bei ihr, der Mutter und den Schwestern? So
+angenehm und unterhaltend ihr auch ein und dieselben Gespräche -- der
+alte Fürst nannte sie »Alina-Nadina« unter den Schwestern -- waren,
+so wußte sie doch, daß ihm das langweilig werden müsse. Was blieb ihm
+nun zu thun übrig? Sollte er fortfahren, sein Buch zu schreiben? Er
+hatte schon versucht, dies zu thun, und sich in die Bibliothek begeben,
+um sich mit Excerpten und Korrekturen für sein Werk zu beschäftigen,
+je mehr er indessen, wie er zu ihr sagte, nichts that, um so weniger
+blieb ihm Zeit übrig. Außerdem aber beklagte er sich bei ihr, daß er
+hier allzuviel über sein Buch gesprochen habe, daß sich infolge dessen
+alle Ideen über dasselbe in ihm verwirrten und man das Interesse daran
+verloren habe.
+
+Ein Vorzug dieses Stadtaufenthalts war der, daß es hier unter ihnen
+nie mehr Zwiste gab. Mochte dies daher kommen, daß die Bedingungen des
+Stadtlebens andere waren, oder davon, daß sie beide vorsichtiger und
+verständiger geworden waren in dieser Beziehung; genug, in Moskau gab
+es keine Zwiste aus Eifersucht, die sie so gefürchtet hatten, als sie
+nach der Stadt übersiedelten.
+
+In dieser Beziehung ereignete sich sogar ein für sie beide sehr
+wichtiges Vorkommnis -- die Begegnung Kitys mit Wronskiy. -- Eine alte
+Fürstin, Marja Borisowna, eine Pathe Kitys, die diese stets sehr lieb
+gehabt hatte, wünschte Kity unbedingt zu sehen. Kity, welche in ihrem
+Zustande nirgendshin ausfuhr, kam mit ihrem Vater zu der verehrten
+alten Dame und begegnete bei ihr Wronskiy.
+
+Sie konnte sich bei dieser Begegnung nur damit einen Vorwurf machen,
+daß ihr für einen Augenblick, als sie die ihr in dem Waffenrock einst
+so bekannt gewesenen Züge erkannte, der Atem gestockt hatte, das Blut
+zum Herzen geströmt war, und eine brennende Röte -- sie fühlte dies --
+auf ihr Antlitz trat. Doch dies währte nur einige Sekunden. Ihr Vater
+hatte, absichtlich laut zu Wronskiy sprechend, sein Gespräch noch
+nicht geendet, als sie sich schon völlig vorbereitet fühlte, Wronskiy
+anschauen zu können, und mit ihm, wenn es nötig werden sollte, ganz
+so zu sprechen, wie sie mit der Fürstin Marja Borisowna sprach: und
+zwar in einer Weise, daß alles bis auf den geringsten Accent, das
+geringste Lächeln, von ihrem Gatten gutgeheißen werden konnte, dessen
+unsichtbare Gegenwart sie in dieser Minute gleichsam über sich fühlte.
+
+Sie sprach mit ihm einige Worte, lächelte sogar ruhig bei seinem Scherz
+über die Wahlen, die er »unser Parlament« nannte. -- Man mußte hier
+lächeln, um zu beweisen, daß sie den Scherz verstanden hatte. -- Doch
+sofort wandte sie sich wieder zur Fürstin Marja Borisowna und blickte
+nicht ein einziges Mal mehr nach ihm, bis er aufstand, um sich zu
+verabschieden. Da erst blickte sie ihn wieder an, augenscheinlich aber
+nur deshalb, weil es unhöflich war, einen Menschen nicht anzusehen,
+wenn er grüßt.
+
+Sie war ihrem Vater dankbar dafür, daß er nichts von der Begegnung
+mit Wronskiy gesagt hatte, doch sie sah an seiner eigenen Weichheit
+nach der Visite, während des üblichen Spazierganges, daß er mit ihr
+zufrieden gewesen war. Auch sie selbst war zufrieden mit sich. Sie
+hatte keinesfalls erwartet, daß sich in ihr soviel Kraft finden
+würde, in der Tiefe ihres Herzens alle Erinnerungen an eine frühere
+Empfindung für Wronskiy zu unterdrücken, und diesem gegenüber nicht
+nur vollständig gleichmütig und ruhig zu erscheinen, sondern es auch
+wirklich zu sein.
+
+Lewin errötete bei weitem mehr als Kity, als diese ihm erzählte, daß
+sie Wronskiy bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet sei. Es kam
+ihr sehr schwer an, ihm dies zu sagen, doch noch schwerer, über die
+Einzelheiten dieser Begegnung weiter sprechen zu müssen, da er sie
+nicht frug, sondern sie nur, sich verfinsternd anblickte.
+
+»Es thut mir sehr leid, daß du nicht dabei warst,« sagte sie, »nicht,
+weil du nicht im Zimmer warst -- ich würde nicht so natürlich geblieben
+sein in deiner Gegenwart -- aber ich erröte jetzt weit mehr, weit, weit
+mehr,« sagte sie, sich bis zu Thränen verfärbend, »ach, daß du nicht
+durch einen Spalt schauen konntest.«
+
+Ihre ehrlichen Augen sagten Lewin, daß sie mit sich zufrieden gewesen
+war, und er beruhigte sich sogleich, obwohl sie errötet war, und
+begann nun, Kity selbst zu fragen, was diese ja nur wünschte. Nachdem
+er alles erfahren hatte, selbst bis auf die Einzelheit, daß sie nur
+in der ersten Sekunde nicht umhin gekonnt habe, zu erröten, sowie,
+daß ihr dann so frei und leicht zu Mute geworden sei, wie dem ersten
+besten Begegnenden gegenüber, wurde Lewin wieder vollständig heiter und
+sagte, daß er sich sehr darüber freue, und jetzt nicht mehr so thöricht
+handeln wolle, wie bei den Wahlen, sondern sich bemühen, bei der ersten
+Begegnung mit Wronskiy so liebenswürdig als möglich zu sein.
+
+»Es ist so peinlich, denken zu müssen, daß man einen Menschen als Feind
+besitzt, mit dem zusammentreffen zu müssen, uns schwer wird,« sagte
+Lewin. »Ich bin sehr, sehr froh darüber.«
+
+
+ 2.
+
+»So fahre also zu den Bolj,« sagte Kity zu ihrem Gatten, als dieser um
+elf Uhr, bevor er von Hause wegfuhr, zu ihr kam. »Ich weiß, daß du im
+Klub essen wirst, Papa hat dich eingeschrieben. Was machst du denn aber
+den Vormittag?«
+
+»Ich will nur zu Katawasoff,« antwortete Lewin.
+
+»Weshalb so früh?«
+
+»Er hat mir versprochen, mich mit Metroff bekannt zu machen. Ich will
+mit diesem über mein Werk sprechen; er ist ein bekannter Gelehrter in
+Petersburg,« sagte Lewin.
+
+»Ach, derselbe, dessen Abhandlung du so lobtest? Nun, und dann?« sagte
+Kity.
+
+»Will ich, vielleicht, noch aufs Gericht, in Sachen meiner Schwester.«
+
+»Und ins Konzert?« frug sie.
+
+»Was soll ich allein dorthin!«
+
+»Nein, fahre nur; dort hat man jetzt Novitäten. Sie interessierten dich
+doch so. Ich würde sicher hinfahren.«
+
+»Nun, jedenfalls komme ich vor dem Essen nach Haus,« sagte er, nach der
+Uhr blickend.
+
+»Zieh deinen Gesellschaftsrock an, damit du direkt zur Gräfin Bolj
+fahren kannst.«
+
+»Ist denn das so unbedingt notwendig?«
+
+»Unbedingt! Er ist bei uns gewesen. Und was kostet es dich? Du fährst
+hin, setzest dich, sprichst fünf Minuten über das Wetter, stehst wieder
+auf und fährst fort.«
+
+»Du glaubst nicht; ich bin dessen so entwöhnt, daß mir selbst dies
+schwer wird. Wie wird man es aufnehmen? Kommt da ein fremder Mensch zu
+ihnen, setzt sich, bleibt ohne jeden Grund länger sitzen, stört die
+Familie, bringt sich aus der Stimmung, und geht dann wieder!« --
+
+Kity lachte.
+
+»Aber du hast doch als Junggeselle noch Visiten gemacht?« sagte sie.
+
+»Allerdings; es ist mir aber stets unangenehm gewesen; jetzt bin ich
+so davon entwöhnt, daß ich, bei Gott, lieber zwei Tage nicht essen
+will, als diese Visite machen. So schwer fällt sie mir. Mir scheint
+stets, als ob man verletzt sei und sagen wolle: >Weshalb bist du denn
+eigentlich ohne Grund hierhergekommen?<« --
+
+»O nein; man fühlt sich nicht verletzt. Dafür bürge ich dir schon,«
+sagte Kity, ihm lachend ins Gesicht schauend. Sie nahm seine Hand, »nun
+leb' wohl -- fahre hin, ich bitte dich.« Er wollte schon gehen, nachdem
+er ihre Hand geküßt hatte, als sie ihn zurückhielt. »Mein Kostja, du
+weißt wohl, daß ich nur noch fünfzig Rubel habe?«
+
+»Nun, dann will ich zur Bank fahren, um dort Geld zu erheben. Wieviel
+brauchst du denn?« sagte er mit einem ihr bekannten Ausdruck von
+Mißvergnügen.
+
+»Nein doch; warte.« Sie hielt ihn an der Hand zurück. »Sprechen
+wir darüber; dies beunruhigt mich. Ich, glaube doch, gebe nichts
+Überflüssiges aus, und doch geht das Geld nur so dahin. Wir machen
+Etwas nicht richtig.«
+
+»Keineswegs,« sagte er, sich räuspernd und von unten her auf sie
+blickend. Dieses Räuspern kannte sie. Es war das Zeichen hoher
+Unzufriedenheit bei ihm, nicht über sie, sondern über sich selbst.
+Er war in der That unzufrieden, doch nicht darüber, daß viel Geld
+gebraucht wurde, sondern daß man ihn an das erinnerte, was er in der
+Erkenntnis, daß Etwas nicht in Ordnung sei, zu vergessen wünschte. »Ich
+habe Sokoloff befohlen, den Weizen zu verkaufen und das Geld für die
+Mühle im voraus in Empfang zu nehmen. Geld wird jedenfalls kommen.«
+
+»Ja, aber ich fürchte, daß überhaupt viel« --
+
+»Keineswegs, keineswegs,« wiederholte er -- »doch leb' wohl jetzt,
+Herzchen.«
+
+»Nicht doch; ich beklage es bisweilen, daß ich auf Mama gehört habe.
+Wie hübsch wäre es auf dem Dorfe gewesen! Und überdies quäle ich euch
+alle noch und wir verschwenden Geld« --
+
+»Durchaus nicht, durchaus nicht. Es ist noch nicht ein einziges Mal,
+seit ich verheiratet bin, der Fall gewesen, daß ich gesagt hätte, es
+wäre anders besser, als so, wie es eben ist« --
+
+»Ist das wahr?« sagte sie, ihm in die Augen blickend.
+
+Er sprach dies, ohne etwas dabei zu denken, und nur um sie zu
+beruhigen. Als er aber, sie anblickend, bemerkte, daß diese ehrlichen,
+lieben Augen fragend auf ihn gerichtet waren, da wiederholte er das
+Nämliche aus ganzer Seele. »Ich vergesse sie in der That,« dachte er,
+und rief sich in das Gedächtnis zurück, was sie beide so bald erwartete.
+
+»Wird es denn bald? Wie fühlst du dich?« flüsterte er, sie bei beiden
+Händen nehmend.
+
+»Ich habe schon sovielmal daran gedacht, daß ich jetzt nichts mehr
+denke und nichts weiß.«
+
+»Hast du nicht Angst?«
+
+Sie lächelte geringschätzig.
+
+»Nicht die Idee,« sagte sie.
+
+»Wenn also Etwas vorkommen sollte, ich bin bei Katawasoff.«
+
+»Nein; es wird nichts vorkommen; denke auch du nicht daran. Ich werde
+mit Papa auf den Boulevard fahren; wir wollen zu Dolly; vor dem Essen
+erwarte ich dich. -- Ach ja! Du weißt wohl, daß die Lage Dollys
+entschieden unhaltbar wird? Sie ist über und über verschuldet, und Geld
+hat sie nicht. Ich habe gestern mit Mama und mit Arseniy,« -- so nannte
+sie den Gatten ihrer Schwester, der Lwowa -- »gesprochen, und wir haben
+beschlossen, dich und ihn zu Stefan zu schicken. So ist es entschieden
+nicht mehr möglich. Mit Papa läßt sich darüber nicht sprechen, doch
+wenn ihr beide« --
+
+»Aber was können wir thun?« frug Lewin.
+
+»Du wirst doch wohl zu Arseniy gehen, sprich mit ihm; er wird dir
+sagen, was wir beschlossen haben.«
+
+»Nun, mit Arseniy bin ich im voraus in allem einverstanden. Ich werde
+also zu ihm fahren. Sollten sie gerade ins Konzert gehen, so werde ich
+auch mit Nataly dorthin fahren. Jetzt leb' wohl.«
+
+Auf der Treppe hielt Lewin der alte, noch unverheiratet lebende Diener
+Kusma zurück, welcher den Haushalt in der Stadt verwaltete.
+
+»Der Krasavtschik,« dies war das Handpferd, welches mit vom Lande
+hereingebracht worden war, »ist beschlagen worden, er hinkt aber immer
+noch,« berichtete er, »was befehlt ihr nun?«
+
+In der ersten Zeit des Aufenthalts in Moskau hatten Lewin die vom Land
+mit hereingebrachten Pferde beschäftigt; er hatte sich auf diesem
+Gebiet so gut und billig wie möglich einrichten wollen, allein es
+stellte sich heraus, daß ihm seine Pferde teurer wurden, als die der
+Mietkutscher, und Mietkutscher nahm man noch obendrein.
+
+»Laß ihn zum Roßarzt bringen, vielleicht ist eine Quetschung vorhanden.«
+
+»Nun, und für den Wagen Katharina Aleksandrownas?« frug Kusma.
+
+Lewin wunderte sich jetzt nicht mehr, wie während der ersten Zeit
+seines Lebens in Moskau, daß zur Fahrt von der Wosdwishenka nach den
+Siwzij Wrashki ein Paar starker Pferde in den schweren Wagen hatten
+gespannt werden müssen, um diesen durch den kotigen Schnee ein viertel
+Werst weit zu bringen, worauf sie vier Stunden standen und daß er dafür
+fünf Rubel zahlte. Jetzt erschien ihm das schon natürlich.
+
+»Laß den Mietkutscher ein Paar Pferde für unseren Wagen bringen,« sagte
+er.
+
+»Zu Diensten.«
+
+Nachdem Lewin auf diese Weise, dank den Verhältnissen der Stadt,
+einfach und leicht eine Schwierigkeit geordnet hatte, welche auf dem
+Lande soviel überflüssige Mühe und Aufmerksamkeit erfordert hätte, ging
+er zur Freitreppe hinaus und rief einen Mietkutscher; setzte sich in
+den Wagen und fuhr nach der Nikitskaja. Unterwegs dachte er nicht mehr
+an Geld, sondern überlegte, wie er sich mit dem Petersburger Gelehrten,
+der sich mit Socialwissenschaft beschäftigte, bekannt machen und mit
+ihm über sein Buch sprechen wollte.
+
+Nur in der allerersten Zeit hatten Lewin in Moskau jene, dem
+Landbewohner befremdlichen, eiteln und doch unvermeidlichen
+Geldausgaben überrascht, die von allen Seiten von ihm gefordert wurden.
+Jetzt hatte er sich jedoch schon an sie gewöhnt. Es ging ihm in dieser
+Beziehung so, wie es dem Trinker gehen soll: das erste Glas ging
+schwer, das zweite leichter -- nach dem dritten aber ging es wie im
+Vogelschwarm.
+
+Als Lewin das erste Hundertrubelpapier zum Ankauf der Livree eines
+Dieners und eines Portiers wechselte, stellte er sich unwillkürlich
+vor, daß diese Livreen, die niemand etwas nützten, doch unumgänglich
+erforderlich waren, darnach zu urteilen, wie sich die Fürstin und
+Kity verwunderten bei der Andeutung, man könne auch ohne Livree
+auskommen -- daß diese Livreen ihm zwei Sommerarbeiter, das heißt,
+einige dreihundert Arbeitstage von der Osterwoche bis zu Fastnachten
+kosteten, von denen jeder voll schwerer Arbeit vom frühen Morgen
+bis zum späten Abend war -- und dieses Hundertrubelpapier ging ihm
+noch schwer vom Herzen. Das folgende indessen, zum Einkauf von
+Lebensmitteln zu einem Essen das er seinen Verwandten gab, das ihn
+auf achtundzwanzig Rubel kam, ging, obwohl es in Lewin die Erinnerung
+daran wachrief, daß achtundzwanzig Rubel doch neun Tschetwert Hafer
+waren, welcher unter Schweiß und Stöhnen gemäht, gebunden, gedroschen,
+geworfelt, wieder ausgesät oder aufgeschüttet wurde, schon leichter
+fort. Jetzt aber riefen die gewechselten Scheine schon gar nicht mehr
+derartige Erwägungen hervor, sondern flogen wie kleine Vögel davon.
+Ob die Mühe, welche auf die Erwerbung des Geldes verwendet worden
+war, dem Vergnügen, welches der dafür erkaufte Gegenstand gewährte,
+wirklich entsprach, diese Erwägung war schon lange verloren gegangen.
+Die wirtschaftliche Erwägung, daß es einen bestimmten Preis giebt,
+unter welchem man das Getreide nicht verkaufen kann, war gleichfalls
+vergessen. Das Getreide, auf dessen Preis er so lange gehalten hatte,
+wurde für fünfzig Kopeken der Tschetwert billiger verkauft, als man
+einen Monat vorher dafür gegeben hatte. Selbst die Erwägung, daß man
+bei derartigen Ausgaben unmöglich ein ganzes Jahr leben könne, ohne
+Schulden zu machen, selbst diese Erwägung hatte keine Bedeutung mehr
+für ihn. Nur Eines war nötig; man mußte Geld auf der Bank haben, ohne
+daß gefragt wurde, woher es kam, sodaß man stets wußte, wofür man den
+nächsten Tag das Rindfleisch kaufen könnte.
+
+Er hatte nunmehr auch dies bei sich beobachtet: Stets hatte bei ihm
+Geld in der Bank gelegen. Jetzt aber war es dort ausgegangen und
+er wußte nicht recht, woher nun welches nehmen. Und dies versetzte
+ihn, als Kity mit ihm über das Geld sprach, einen Augenblick in
+Verlegenheit. Dabei aber hatte er auch keine Zeit, darüber nachzudenken.
+
+Er fuhr dahin, an Katawasoff und die bevorstehende Bekanntschaft mit
+Metroff denkend.
+
+
+ 3.
+
+Lewin war mit seiner Ankunft hier wiederum eng mit seinem ehemaligen
+Universitätsfreunde, dem Professor Katawasoff in Verkehr getreten, den
+er seit der Zeit seiner Verheiratung nicht wieder gesehen hatte.
+
+Katawasoff war ihm angenehm durch die Klarheit und Einfachheit seiner
+Weltanschauung. Lewin glaubte, daß die Klarheit dieser Weltanschauung
+Katawasoffs aus der Armut von dessen Natur hervorgegangen sei,
+Katawasoff hingegen meinte, daß die Inkonsequenz in der Denkweise
+Lewins aus dem Mangel an geistiger Disciplin bei diesem hervorgehe;
+aber die Klarheit Katawasoffs war Lewin willkommen, und der Überfluß
+der undisciplinierten Gedanken Lewins war Katawasoff lieb; sie trafen
+sich gern und debattierten dann.
+
+Lewin las Katawasoff einige Stellen aus seinem Werke vor und sie
+gefielen diesem. Als gestern Katawasoff Lewin im Kolleg getroffen
+hatte, hatte er zu ihm gesagt, daß der bekannte Metroff, dessen
+Abhandlung Lewin so gut gefallen hatte, sich in Moskau befinde, und
+sehr interessiert sei von dem, was ihm Katawasoff über die Arbeit
+Lewins mitgeteilt hatte, daß Metroff morgen, um elf Uhr bei ihm, und
+sehr erfreut sein würde, mit ihm bekannt zu werden.
+
+»Ihr lernt entschieden immer besser aussehen, Verehrtester; es macht
+einem Freude, Euch zu sehen,« sagte Katawasoff, Lewin im kleinen Salon
+entgegentretend. »Ich hörte die Glocke und dachte, nicht möglich, daß
+er zur rechten Zeit käme -- nun, wie steht es mit den Tschernagorzen?
+Nach der Art des Krieges« --
+
+»Nun?« frug Lewin.
+
+Katawasoff teilte ihm in kurzen Worten die letzte Nachricht mit und
+machte Lewin, in das Kabinett eintretend, mit einem kleinen, feisten
+Manne von sehr angenehmem Äußern bekannt. Dies war Metroff.
+
+Das Gespräch drehte sich kurze Zeit um Politik, und darum, wie man in
+den höchsten Sphären Petersburgs die jüngsten Ereignisse betrachte.
+
+Metroff teilte ihm aus zuverlässiger Quelle bekannte Worte mit, die bei
+dieser Gelegenheit vom Zaren und einem der Minister geäußert worden
+sein sollten.
+
+Katawasoff hatte auch als verbürgt erfahren, daß der Zar etwas
+ganz anderes gesagt habe. Lewin bemühte sich, eine Situation
+herauszuklügeln, nach welcher diese wie jene Worte gesagt worden sein
+konnten, und das Gespräch über den Gegenstand wurde abgebrochen.
+
+»Der Herr hat auch ein Buch bald fertig geschrieben über die
+natürlichen Verhältnisse des Arbeiters in Bezug auf den Boden,« sagte
+Katawasoff, »ich bin zwar nicht Spezialist, doch hat es mir als
+Naturwissenschaftler gefallen, daß er die Menschheit nicht als etwas
+außerhalb der zoologischen Gesetze stehendes auffaßt, sondern im
+Gegenteil die Abhängigkeit derselben von ihrer Umgebung erkennt und in
+dieser Abhängigkeit die Gesetze ihrer Entwicklung erforscht.«
+
+»Das ist sehr interessant,« sagte Metroff.
+
+»Ich habe eigentlich nur ein Buch über die Landwirtschaft zu schreiben
+begonnen, bin aber unwillkürlich, indem ich mich mit dem wichtigsten
+Instrument der Landwirtschaft, dem Arbeiter, beschäftigte,« sagte Lewin
+errötend, »zu vollständig unerwarteten Resultaten gekommen.«
+
+Und Lewin begann nun vorsichtig, als taste er nach Boden, seine
+Anschauung darzulegen.
+
+Er wußte, daß Metroff eine Abhandlung gegen die allgemein herrschende
+politisch-ökonomische Wissenschaft geschrieben hatte, wußte aber nicht,
+bis zu welchem Grade er hoffen konnte, auf Teilnahme für seine neuen
+Anschauungen bei ihm zu stoßen, und konnte dies auch nicht an dem
+klugen und ruhigen Gesicht des Gelehrten erraten.
+
+»Aber worin seht Ihr die besonderen Eigenschaften des russischen
+Arbeiters?« sagte Metroff, »in seinen zoologischen Eigenschaften,
+sozusagen, oder in den Verhältnissen, in denen er sich befindet?«
+
+Lewin sah, daß in dieser Frage schon ein Gedanke ausgesprochen war, mit
+welchem er nicht in Einklang stand, doch fuhr er fort, seine Idee zu
+entwickeln, welche darin bestand, daß der russische Arbeiter einen im
+Vergleich zu dem der Arbeiter anderer Völker vollkommen eigenartigen
+Blick für sein Land besitze, und beeilte sich, um seine Behauptung
+zu stützen, hinzuzufügen, daß nach seiner Meinung, dieser Blick des
+russischen Volkes herrühre aus dem Bewußtsein seines Berufes, die
+ungeheuren, noch unbebauten Gegenden im Osten bevölkern zu müssen.
+
+»Es ist leicht möglich, in einen Irrtum zu verfallen, wenn man einen
+Schluß auf die allgemeine Bestimmung eines Volkes macht,« sagte
+Metroff, Lewin unterbrechend. »Die Lage des Arbeiters wird stets von
+dessen Beziehungen zu Boden und Kapital abhängen.«
+
+Ohne Lewin noch zu gestatten, seine Idee ganz auszusprechen, begann
+nun Metroff, ihm die Eigenart seiner Lehre zu erklären. Worin die
+Eigenart dieser Lehre bestand, begriff Lewin nicht, weil er sich gar
+nicht bemühte, sie zu begreifen; er sah, daß Metroff, ebenso wie die
+anderen, trotz seiner Abhandlung, in welcher die Wissenschaft der
+Nationalökonomen gestürzt wurde, auf die Situation des russischen
+Arbeiters doch nur vom Gesichtspunkt des Kapitals des Arbeiterlohnes
+und der Rente blickte.
+
+Obwohl er nun zugestehen mußte, daß in dem östlichen, dem größten
+Teile Rußlands, die Rente noch gleich Null war, daß der Arbeitslohn
+für neun Zehntel der achtzig Millionen Einwohner nur die Ernährung in
+sich selbst ausdrückte, und ein Kapital noch nicht anders vorhanden
+sei, als in Gestalt von primitivsten Hilfsmitteln, so blickte er doch
+lediglich von diesem Standpunkte aus auf die gesamten Arbeiter, obwohl
+er in vielem gleichwohl nicht mit den Nationalökonomen übereinstimmte,
+und hielt seine neue Theorie vom Arbeitslohn aufrecht, welche er Lewin
+entwickelte.
+
+Dieser hörte nur ungern zu und opponierte anfangs. Er wollte Metroff
+unterbrechen, um ihm seine Idee zu äußern, die nach seiner Meinung
+eine weitere Erklärung überflüssig machte, aber nachdem er sich
+überzeugt hatte, daß sie beide in so verschiedenem Grade die Sache
+betrachteten, daß niemals Einer den Anderen verstehen würde, opponierte
+er nicht mehr, und hörte nur noch zu.
+
+Ungeachtet dessen, das für ihn jetzt schon gar nicht mehr interessant
+war, was Metroff sprach, verspürte er doch ein gewisses Vergnügen,
+indem er ihm zuhörte. Seiner Eigenliebe wurde dadurch geschmeichelt,
+daß ihm ein so gelehrter Mann so gern, mit so großer Aufmerksamkeit
+und solchem Zutrauen zu seiner Kenntnis über den Gegenstand, bisweilen
+mit einem einzigen Wink auf eine ganze Seite der Sache deutend, seine
+Gedanken aussprach.
+
+Er schrieb dies seiner Würde zu, ohne zu wissen, daß Metroff in der
+Unterhaltung mit allen seinen Bekannten besonders gern von jenem
+Gegenstande mit jedem Menschen, der ihm neu bekannt wurde, sprach; daß
+er überhaupt gern mit jedermann über eine Sache, die ihn beschäftigte
+und ihm selbst noch unklar war, redete.
+
+»Doch ich werde mich verspätigen,« sagte Katawasoff, nach der Uhr
+blickend, nachdem Metroff seine Darlegung soeben beendet hatte. »Ja, es
+ist heute Sitzung in der Gesellschaft der Freunde zum Gedächtnis des
+fünfzigjährigen Jubiläums Swintitschs,« antwortete er auf Lewins Frage.
+»Ich habe mich an Peter Iwanowitsch gemacht, und habe versprochen, über
+seine Arbeiten in der Zoologie zu lesen. Kommt mit mir, es ist sehr
+interessant.«
+
+»In der That, es ist Zeit,« sagte Metroff. »Kommt mit uns, und, wenn
+Ihr wollt, von da aus, mit zu mir. Ich wünschte sehr, von Eurer Arbeit
+weiter zu hören.«
+
+»Nein; das wird nicht gehen; sie ist noch unvollendet. Aber in die
+Sitzung komme ich sehr gern mit.«
+
+»Wie, Verehrtester, habt Ihr gehört? Er gab eine ganz eigene Meinung
+zum besten,« sagte Katawasoff, im Nebenzimmer den Frack anlegend.
+
+Es begann ein Gespräch über die Universitätsfrage. Die
+Universitätsfrage bildete einen sehr wichtigen Gegenstand während
+dieses Winters in Moskau. Drei alte Professoren im Senat hatten die
+Meinungen jüngerer nicht acceptiert; und diese vertraten nun eine
+eigene Ansicht.
+
+Diese Ansicht war entsetzlich nach dem Urteile der Einen, sie war sehr
+einfach und richtig nach dem der Anderen, und die Professoren hatten
+sich in zwei Lager gespalten.
+
+Die Einen, zu denen Katawasoff gehörte, sahen auf der gegnerischen
+Seite niedrige Verleumdung und Betrug; die Anderen Kinderei und
+Mißachtung der Autorität.
+
+Lewin hatte, obwohl er dem Universitätsverband nicht angehörte, schon
+mehrmals während seines Aufenthalts in Moskau von dieser Angelegenheit
+gehört und darüber gesprochen, und sich in dieser Beziehung seine
+eigene Meinung gebildet. Er nahm Teil an dem Gespräch, welches noch auf
+der Straße fortgesetzt wurde, als alle drei nach dem Gebäude der alten
+Universität gingen.
+
+Die Sitzung hatte schon begonnen. An einem Tische, welcher mit Tuch
+gedeckt war und hinter dem sich Katawasoff und Metroff niederließen,
+saßen sechs Herren, und einer von ihnen, der sich dicht über eine
+Handschrift beugte, las etwas.
+
+Lewin setzte sich auf einen der leeren Stühle, welche um den Tisch
+herum standen, und frug flüsternd einen dort sitzenden Studenten, was
+man lese.
+
+Mit einem mißvergnügten Blick auf Lewin antwortete dieser:
+
+»Eine Biographie ist es.«
+
+Obwohl sich nun Lewin für die Biographie eines Gelehrten gerade nicht
+interessierte, hörte er doch unwillkürlich zu und erfuhr so manches
+Interessante und Neue über das Leben des berühmten Gelehrten.
+
+Als der Lektor geendet hatte, dankte ihm der Vorsitzende und las die
+ihm für das Jubiläum eingesandten Verse des Dichters Ment vor, nebst
+einigen Worten des Dankes für diesen.
+
+Darauf las Katawasoff mit seiner lauten, schreienden Stimme seine
+Schrift über die Gelehrtenthätigkeit des Jubilars.
+
+Nachdem Katawasoff geendet hatte, blickte Lewin auf die Uhr und
+gewahrte, daß es schon zwei Uhr sei; er überlegte, daß er bis zum
+Konzert Metroff sein Werk nicht werde vorlesen können, und verspürte
+dazu auch gar keine Lust.
+
+Während der Zeit des Lesens hatte er nur an die stattgehabte
+Unterredung gedacht, und es war ihm jetzt klar, daß, obwohl vielleicht
+auch die Ideen Metroffs ihre Bedeutung hatten, seine Ideen doch
+ebenfalls eine solche besaßen, und aufklären und zu Etwas führen
+könnten, wofern nur ein jeder für sich auf dem auserwählten Wege
+arbeite, während aus einer Veränderung dieser beiden Ideen nichts
+hervorgehen könne.
+
+Nachdem sich Lewin entschlossen hatte, die Einladung Metroffs
+abzulehnen, begab er sich beim Schluß der Sitzung zu diesem hin.
+Metroff machte Lewin mit dem Präsidenten bekannt, mit welchem er über
+politische Neuigkeiten sprach. Hierbei erzählte Metroff dem Präsidenten
+das Nämliche, was er Lewin erzählt hatte, während Lewin die gleichen
+Bemerkungen machte, die er schon heute Vormittag geäußert hatte; zur
+Abwechslung indessen sprach er auch seine eigene Meinung mit aus, die
+ihm gerade einfiel. Hierauf begann wiederum das Gespräch über die
+Universitätsfrage. Da Lewin indessen alles das schon gehört hatte,
+beeilte er sich, Metroff zu sagen, er bedaure, von seiner Einladung
+nicht Gebrauch machen zu können, empfahl sich und fuhr zu Lwoff.
+
+
+ 4.
+
+Lwoff, der mit Nataly, der Schwester Kitys verheiratet war, hatte sein
+ganzes Leben in den Residenzen und im Auslande zugebracht, wo er auch
+erzogen worden war und als Diplomat gedient hatte.
+
+Im vergangenen Jahre hatte er die diplomatische Carriere aufgegeben,
+nicht infolge einer Unannehmlichkeit -- er hatte niemals mit jemand
+Unannehmlichkeiten gehabt -- und war in das Hofgericht nach Moskau
+übergetreten, um seinen beiden Söhnen eine bessere Erziehung angedeihen
+zu lassen.
+
+Trotz des schärfsten Gegensatzes in den Gewohnheiten und Anschauungen,
+sowie darin, daß Lwoff auch älter als Lewin war, waren beide in
+diesem Winter in engen Verkehr miteinander getreten und hatten sich
+gegenseitig liebgewonnen.
+
+Lwoff befand sich daheim, und Lewin trat ohne Anmeldung bei ihm ein.
+Lwoff war im Hausrock mit Gürtel, und saß in Halbschuhen von sämischem
+Leder in einem Lehnstuhl, durch das Pincenez mit blauen Gläsern ein
+Buch lesend, welches auf einem Lesepult lag, während er, auf der Hut
+vor der abfallenden Asche, mit der schönen Hand eine bis zur Hälfte
+aufgerauchte Cigarre hielt.
+
+Sein schönes, feines und jugendliches Gesicht, welchem die lockigen,
+glänzenden silbernen Haare noch mehr den Ausdruck angestammten Adels
+verliehen, erglänzte von einem Lächeln, als er Lewin erblickte.
+
+»Ausgezeichnet! Ich wollte schon zu Euch schicken! Nun, was macht Kity!
+Setzt Euch hierher, da ist es behaglicher,« er stand auf und bewegte
+einen Rollstuhl herbei.
+
+»Habt Ihr schon das letzte Cirkular im >Journal de St. Petersbourg<
+gelesen? Ich finde es vortrefflich,« sagte er mit etwas französischem
+Accent.
+
+Lewin teilte ihm mit, was er von Katawasoff vernommen hatte, und was
+man in Petersburg spräche, und berichtete, nachdem er über die Politik
+gesprochen hatte, von seiner Bekanntschaft mit Metroff und seiner
+Exkursion in die Sitzung. Lwoff interessierte dies sehr.
+
+»Ich beneide Euch, daß Ihr Zutritt zu dieser interessanten
+Gelehrtenwelt habt,« sagte er, und ging dann, wie gewöhnlich sogleich
+zu der ihm bequemeren französischen Sprache über. »Ich habe allerdings
+leider auch keine Zeit; denn mein Dienst sowohl, als die Beschäftigung
+mit meinen Kindern beraubt mich derselben; dann aber scheue ich mich
+nicht, zu bekennen, daß meine Bildung allzu mangelhaft ist.«
+
+»Das glaube ich nicht,« antwortete Lewin lächelnd, und, wie gewöhnlich,
+voll Erbarmen mit dieser niedrigen Meinung von sich selbst, die
+durchaus nicht dem Wunsche, bescheiden zu erscheinen oder zu sein,
+entsprang, sondern vollständig aufrichtig war.
+
+»Ach, gewiß doch! Ich fühle es jetzt, wie wenig gebildet ich bin.
+Selbst zur Erziehung der Kinder muß ich viel wieder an meinem
+Gedächtnis auffrischen, ja geradezu lernen! Denn trotzdem, daß Lehrer
+da sind, muß auch ein Aufseher da sein, sowie in Eurer Ökonomie
+Arbeiter nötig sind nebst einem Inspektor. Da lese ich eben« -- er
+zeigte auf die Grammatik Buslajeffs, welche auf dem Lesepult lag, »das
+fordert man von Mischa, und es ist doch so schwierig -- erklärt mir
+dies. Hier sagt er« --
+
+Lewin wollte ihm erklären, daß man dies nicht verstehen könne, sondern
+lernen müsse, doch Lwoff stimmte dem nicht bei.
+
+»Ihr lacht darüber!« sagte er.
+
+»Im Gegenteil, Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie ich, im Hinblick
+auf Euch, stets studiere, was mir auch bevorsteht, die Erziehung von
+Kindern!«
+
+»Nun, aber das Lernen taugt doch nichts,« sagte Lwoff.
+
+»Ich kann nur sagen,« antwortete Lewin, »daß ich nie besser erzogene
+Kinder gesehen habe, als die Euren, und keine besseren Kinder wünschte,
+als die Euren sind.«
+
+Lwoff hielt augenscheinlich an sich, seine Freude zu zeigen, aber er
+erglänzte doch von einem Lächeln.
+
+»Wenn sie nur besser werden als ich, das ist alles, was ich wünsche.
+Ihr kennt noch nicht die ganze Mühe,« begann er, »mit den Knaben,
+welche, wie die meinen, in diesem Leben im Auslande verwildert waren.«
+
+»Ihr holt alles ein. Es sind ja so befähigte Kinder, und was die
+Hauptsache ist -- sie haben eine moralische Erziehung. Das ist es, was
+ich studiere, wenn ich Eure Kinder anblicke.«
+
+»Ihr sagt, eine moralische Erziehung. Man kann sich nicht vorstellen,
+wie schwer diese ist! Kaum habt Ihr die eine Seite bekämpft, so wachsen
+andere hervor und es beginnt ein neuer Kampf. Hätte man nicht die
+Stützen in der Religion -- wißt Ihr noch, wir haben zusammen darüber
+gesprochen -- so würde kein Vater mit seinen Kräften allein, ohne diese
+Hilfe, erziehen können.«
+
+Dieses Lewin stets interessierende Gespräch wurde durch den Eintritt
+der zur Ausfahrt angekleideten, schönen Nataly Aleksandrowna,
+unterbrochen.
+
+»Ah, ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr hier seid,« sagte sie,
+augenscheinlich nicht mit Bedauern, sondern vielmehr erfreut, daß sie
+dieses, ihr schon längst bekannte, langweilige Gespräch unterbrochen
+hatte. »Was macht Kity? Ich esse heute bei Euch. Weißt du Arseny,«
+wandte sie sich an ihren Gatten, »du nimmst den Wagen.«
+
+Unter den beiden Gatten begann nun ein Gespräch, wie sie den Tag
+verleben wollten. Da der Gatte mit jemand im Amte zusammenkommen,
+die Gattin aber in das Konzert und in die öffentliche Sitzung des
+südöstlichen Komitees fahren mußte, so war viel zu beschließen und zu
+überlegen.
+
+Lewin, als unabhängiger Mann, mußte Teil an diesen Plänen nehmen,
+und es ward beschlossen, daß er mit Nataly in das Konzert und in die
+öffentliche Sitzung fuhr, von da aus den Wagen nach dem Comptoir zu
+Arseniy sende und dieser Nataly abholen und mit zu Kity nehmen solle --
+oder, wenn er mit seinen Geschäften noch nicht fertig wäre, den Wagen
+zurückschicke und Lewin mit ihr fahre.
+
+»Er beschämt mich ganz,« sagte Lwoff zu seiner Frau, »er versichert
+mir, daß unsere Kinder vorzüglich sind, während ich doch weiß, daß sie
+soviel Fehler haben.«
+
+»Arseniy geht bis ins Extrem, ich sage es immer,« bemerkte seine
+Gattin. »Wenn man Vollkommenheiten suchen will, so wird man nie
+zufrieden werden, und Papa sagt die Wahrheit damit, daß es, als man
+uns noch erzog, nur ein einziges Mittel gab -- man steckte uns ins
+Entresol; während die Eltern in der Bel-Etage wohnten; jetzt hingegen
+möchten die Eltern in die Rumpelkammer und die Kinder in die Bel-Etage!
+Die Eltern möchten jetzt schon gar nicht mehr selbst leben, sondern nur
+noch für ihre Kinder.«
+
+»Aber wie, wenn dies das Angenehmere wäre?« sagte Lwoff, mit seinem
+schönen Lächeln, ihren Arm berührend. »Wer dich nicht kennt, wird
+glauben, du seist keine Mutter, sondern eine Stiefmutter.«
+
+»Nein; das Extrem ist nie gut,« sagte Nataly ruhig, sein Papiermesser
+auf den Tisch an den dafür bestimmten Platz legend.
+
+»Nun kommt einmal her, ihr Musterkinder,« sagte Lwoff zu seinen
+eintretenden hübschen Knaben, welche, Lewin begrüßend, zu ihrem Vater
+traten, offenbar in dem Wunsche, ihn nach etwas zu fragen.
+
+Lewin wollte mit ihnen reden und hören, was sie dem Vater zu sagen
+hätten, aber Nataly begann mit ihm zu sprechen und soeben trat auch
+ein Kollege Lwoffs im Amte, Machotin, in Hofuniform ein, um mit Lwoff
+zusammen jemand zu treffen; es begann ein eifriges Gespräch über die
+Herzogowina, die Fürstin Korzynska, die Duma und den plötzlichen Tod
+der Apraksina.
+
+Lewin hatte den ihm gegebenen Auftrag ganz vergessen. Er erinnerte sich
+desselben erst beim Verlassen des Vorzimmers.
+
+»Ach, Kity hat mir ja anvertraut, ich möchte Etwas mit Euch betreffs
+Oblonskiys besprechen,« sagte er, als Lwoff auf der Treppe stehen
+blieb, indem er sein Weib und ihn hinausbegleitete.
+
+»Ja, ja, =maman= wünscht, daß wir, =les beaux-frères=, ihn vornehmen,«
+sagte er errötend, »aber weshalb wohl ich dabei sein soll?« --
+
+»So werde ich ihn vornehmen,« sagte die Lwowa lächelnd, das Ende des
+Gesprächs abwartend; »doch jetzt kommt!«
+
+
+ 5.
+
+In der Matinee führte man zwei sehr interessante Novitäten vor. Die
+eine war eine Phantasie »König Lear in der Steppe«, die andere ein
+Quartett, dem Andenken Bachs gewidmet. Beide Stücke waren neu und von
+originellem Geiste und Lewin wünschte sich eine Meinung über sie zu
+bilden. Nachdem er seine Schwägerin nach deren Stuhl begleitet hatte,
+trat er an eine Säule und nahm sich vor, so aufmerksam und gewissenhaft
+als möglich zuzuhören. Er bemühte sich, nicht abzuschweifen und den
+Eindruck in sich zu beinträchtigen, indem er auf die Armbewegungen
+des Kapellmeisters in der weißen Halsbinde blickte, die stets die
+musikalische Aufmerksamkeit so unangenehm ablenkten, oder auf die
+Damen in ihren Hüten, welche sich geflissentlich für das Konzert die
+Ohren mit Bändern zugebunden hatten, oder auf alle jene Personen,
+die entweder mit nichts beschäftigt, oder von den verschiedensten
+Interessen, nur nicht dem für Musik, eingenommen waren.
+
+Er bemühte sich, den Begegnungen mit Musikkennern und Schwätzern aus
+dem Wege zu gehen, und stand nur vor sich niederblickend und lauschte.
+Doch je mehr er von der Phantasie König Lear hörte, um so ferner fühlte
+er sich der Möglichkeit gerückt, sich selbst eine bestimmte Meinung zu
+bilden.
+
+Unaufhörlich begann es, als bereite sich der Ausdruck einer
+musikalischen Empfindung vor, sogleich aber fiel derselbe in Trümmer
+von neuen Ansätzen zu musikalischen Phrasen auseinander, bisweilen
+sogar einfach in durch nichts als die Laune des Komponisten verbundene,
+aber außerordentlich komplizierte Klänge.
+
+Aber gerade die Unterbrechungen dieser musikalischen Phrasen, die
+bisweilen gut waren, zeigten sich als unangenehm, weil sie vollständig
+unerwartet und durch nichts vorbereitet erschienen. Frohsinn und
+Trauer, Verzweiflung und Zartheit oder Triumph erschienen ohne jede
+innere Berechtigung, gleichsam wie die Gefühle eines Wahnsinnigen; und
+ebenso wie bei einem Wahnsinnigen, vergingen sie auch wieder unerwartet.
+
+Lewin hatte während der ganzen Zeit der Aufführung das Gefühl
+eines Tauben, welcher auf Tanzende schaut. Er war in vollständiger
+Ungewißheit, nachdem das Stück geendet hatte, und fühlte große Ermüdung
+von der gespannten, durch nichts gelohnten Aufmerksamkeit. Von allen
+Seiten wurde lautes Händeklatschen vernehmbar. Alles erhob sich und
+begann herumzulaufen um sich zu unterhalten.
+
+Im Wunsche, nach dem Eindruck anderer seinen Zweifel aufzuklären,
+begann auch Lewin zu gehen, um Kenner zu suchen, und war erfreut,
+als er einen namhaften Musikkenner im Gespräch mit dem ihm bekannten
+Peszoff erblickte.
+
+»Wunderbar!« sagte der tiefe Baß Peszoffs.
+
+»Guten Tag, Konstantin Dmitritsch. Ganz besonders formgerecht und
+monumental, sozusagen; und wie reich an Farben ist jene Stelle, in
+welcher man die Annäherung Cordelias fühlt, wo die Frau, >das ewig
+Weibliche< wie der Deutsche sagt, in den Kampf mit dem Schicksal tritt.
+Nicht wahr?«
+
+»Nun, inwiefern war denn da gerade Cordelia?« frug Lewin schüchtern; er
+hatte vollständig vergessen, daß die Phantasie König Lear in der Steppe
+ausdrücken solle.
+
+»Es zeigt sich Cordelia -- hier!« sagte Peszoff, mit den Fingern auf
+den atlasglänzenden Zettel schlagend, den er in der Hand hielt und
+Lewin nun hinreichte.
+
+Jetzt erst erinnerte sich Lewin des Titels der Phantasie und beeilte
+sich nun, die Verse Shakespeares in der russischen Übersetzung zu
+lesen, welche auf der Rückseite des Programms gedruckt standen.
+
+»Ohne dies kann man freilich nicht folgen,« sagte Peszoff, sich zu
+Lewin wendend, da der Herr mit welchem er sich unterhalten hatte,
+gegangen war, und er mit niemand mehr zu sprechen hatte.
+
+Im Zwischenakt entspann sich zwischen Lewin und Peszoff ein Streit über
+die Vorzüge und Mängel der Wagnerschen Musikrichtung. Lewin wies nach,
+daß der Irrtum Wagners und aller seiner Nachfolger darin bestehe, daß
+hier die Musik in das Gebiet einer fremdartigen Kunst übergehen wolle,
+daß auch die Poesie irre, wenn sie die Züge eines Gesichts beschreibe,
+was die Malerei zu thun hätte, und führte als Beispiel eines solchen
+Irrtums jenen Bildhauer an, welcher die Schatten der poetischen
+Gestalten, die rings um die Figur des Dichters auf dem Piedestal
+aufragten, in Marmor zu bilden gedachte.
+
+»Diese Schatten werden ebensowenig Schatten für den Bildhauer sein, daß
+sie sich sogar an der Leiter anhalten können,« sagte Lewin. Der Satz
+gefiel ihm, doch er konnte sich nicht entsinnen, ob er ihn nicht schon
+früher einmal ausgesprochen hatte, gerade gegen Peszoff, und geriet
+daher, nachdem er ihn geäußert, in Verlegenheit.
+
+Peszoff hingegen wies nach, daß die Kunst einheitlich sei und ihre
+höchsten Offenbarungen nur in der Vereinigung aller ihrer Arten
+erreichen könne.
+
+Die zweite Nummer des Konzerts konnte Lewin nicht mehr hören. Peszoff,
+der neben ihm stehen geblieben war, hatte fast die ganze Zeit mit
+ihm gesprochen, indem er dieses Stück wegen seiner übermäßigen
+geschmackswidrigen, unvermittelten Einfachheit den Praeraphaeliten in
+der Malerei verglich.
+
+Beim Hinausgehen begegnete Lewin noch vielen Bekannten, mit welchen er
+über Politik, über Musik und gemeinsame Bekannte sprach, unter anderen
+traf er auch den Grafen Bolj, dessen Besuch er gänzlich vergessen hatte.
+
+»Nun, so fahrt nur gleich hin,« sagte die Lwowa zu ihm, der er dies
+mitgeteilt hatte, »vielleicht empfängt man Euch nicht und Ihr kommt
+dann zu mir in die Sitzung. Ihr werdet mich da schon noch treffen.«
+
+
+ 6.
+
+»Man empfängt wohl nicht?« sagte Lewin, in den Flur des Hauses der
+Gräfin Bolj tretend.
+
+»Man empfängt, bitte,« antwortete der Portier, ihm resolut den Pelz
+abnehmend.
+
+»Ist das unangenehm,« dachte Lewin, mit einem Seufzer den einen
+Handschuh abstreifend und seinen Hut glättend. »Weshalb komme ich denn
+eigentlich? Was soll ich denn mit ihnen reden?«
+
+Durch den ersten Salon schreitend, traf Lewin in der Thür die Gräfin
+Bolj, welche mit geschäftigem und ernstem Ausdruck dem Diener einen
+Befehl erteilte.
+
+Als sie Lewin erblickte, lächelte sie und nötigte ihn in den folgenden,
+kleinen Salon, aus welchem Stimmen vernehmbar waren. In diesem Salon
+saßen auf Lehnstühlen die beiden Töchter der Gräfin und ein, Lewin
+bekannter, Moskauer Oberst. Lewin näherte sich ihnen, grüßte, und ließ
+sich neben dem Diwan nieder, den Hut auf dem Knie haltend.
+
+»Wie ist das Befinden Eurer Frau? Waret Ihr im Konzert? Wir konnten
+nicht! Mama mußte bei einer Totenmesse gegenwärtig sein.«
+
+»Ja, ich habe gehört -- welch ein plötzlicher Todesfall,« sagte Lewin.
+
+Die Gräfin kam, setzte sich auf den Diwan und frug gleichfalls nach
+seiner Frau und dem Konzert.
+
+Lewin antwortete und wiederholte die Frage nach dem plötzlichen Tode
+der Apraksina.
+
+»Sie war überhaupt stets von schwacher Gesundheit.«
+
+»Waret Ihr gestern in der Oper?«
+
+»Ja, ich war da.«
+
+»Die Lucca war sehr gut.«
+
+»Ja, sehr gut,« sagte er und begann, da es ihm ganz gleichgültig war,
+was man von ihm denken mochte, zu wiederholen, was er hundertmal schon
+über die Eigentümlichkeit des Talentes der Sängerin gehört hatte.
+Die Gräfin Bolj stellte sich, als höre sie zu. Als er dann genug
+geredet hatte, und nun schwieg, begann der Oberst, welcher bis jetzt
+geschwiegen hatte.
+
+Der Oberst fing gleichfalls an, über die Oper und die Beleuchtung
+zu sprechen und als er endlich noch von einem vorgeschlagenen
+=folle journée= bei Tjurin berichtet hatte, brach er in Gelächter
+aus, verursachte ein Geräusch, erhob sich und ging. Auch Lewin war
+aufgestanden, bemerkte aber an dem Gesicht der Gräfin, daß für ihn
+die Zeit des Gehens noch nicht da sei; noch zwei Minuten fehlten,
+und so setzte er sich denn wieder. Da er indessen noch immer darüber
+nachdachte, wie thöricht das alles sei, so fand er auch keinen Stoff zu
+einem Gespräch und blieb stumm.
+
+»Fahrt Ihr nicht in die öffentliche Sitzung? Man sagt, sie sei sehr
+interessant,« begann die Gräfin.
+
+»Nein, ich habe nur meiner =belle soeur= versprochen, sie dort
+abzuholen,« sagte Lewin.
+
+Ein Schweigen trat ein. Die Mutter wechselte nochmals einen Blick mit
+der Tochter.
+
+»Jetzt scheint es Zeit zu sein,« dachte Lewin und stand auf. Die
+Damen drückten ihm die Hand und baten, seiner Gattin =mille choses=
+ausrichten zu wollen.
+
+Der Portier frug ihn, als er ihm den Pelz reichte, »wo beliebt Ihr zu
+stehen?« und trug ihn sogleich in ein großes, hübsch gebundenes Buch
+ein.
+
+»Mir ist das natürlich doch ganz gleichgültig, aber dennoch bleibt das
+lästig und entsetzlich thöricht,« dachte Lewin, sich damit tröstend,
+daß alle es ja so machten, und fuhr nach der öffentlichen Sitzung des
+Komitees, wo er seine Schwägerin treffen sollte, um mit derselben
+zusammen nach Haus zu fahren.
+
+In der öffentlichen Sitzung des Komitees war viel Volk und fast die
+gesamte Gesellschaft zugegen. Lewin trat gerade ein, als das Protokoll
+verlesen wurde, welches wie jedermann sagte, sehr interessant war. Als
+die Lektüre des Protokolls beendet war, mischte sich die Gesellschaft
+untereinander und Lewin traf auch Swijashskiy, der ihn für den Abend
+dringend in die Gesellschaft für Landwirtschaft einlud, wo ein
+berühmter Vortrag gelesen werden würde, ferner Stefan Arkadjewitsch,
+der soeben von den Rennen gekommen war, und noch viele andere
+Bekannte, und Lewin äußerte und vernahm verschiedene Urteile über
+die Sitzung, über das neue Musikstück und einen Prozeß. Doch mochte
+er, wohl infolge der Ermüdung seiner geistigen Spannkraft, die er zu
+empfinden begann, irren, indem er von dem Prozeß sprach, und dieser
+Irrtum kam ihm in der Folge mehrmals noch zu seinem Verdruß wieder
+in die Erinnerung. Indem er von der bevorstehenden Bestrafung eines
+Ausländers sprach, der in Rußland abgeurteilt wurde, sowie davon, daß
+es ungesetzmäßig wäre, ihn mit Verbannung ins Ausland zu bestrafen,
+wiederholte Lewin, was er gestern in einem Gespräch von einem Bekannten
+vernommen hatte. »Ich denke, daß seine Ausweisung ebensoviel wert wäre,
+als wenn man einen Hecht damit bestrafen wollte, daß man ihn ins Wasser
+setzt,« meinte Lewin. Erst später dachte er wieder daran, daß dieser
+scheinbar von ihm geäußerte Gedanke, den er von einem Bekannten gehört
+hatte, aus einer Fabel Kryloffs stammte, der Bekannte aber diesen
+Gedanken aus dem Feuilleton eines Journals wiederholt hatte.
+
+Nachdem Lewin mit seiner Schwägerin nach Haus gefahren war und Kity
+heiter und wohl gefunden hatte, fuhr er nach dem Klub.
+
+
+ 7.
+
+Er kam erst zu vorgerückter Zeit in den Klub. Gleichzeitig mit ihm
+kamen Gäste und Mitglieder vorgefahren. Er war sehr lange nicht hier
+gewesen; seit der Zeit nicht, als er noch nach dem Verlassen der
+Universität in Moskau gewohnt und die Gesellschaft besucht hatte. Er
+entsann sich wohl noch des Klubs, und der äußeren Einzelheiten seiner
+Einrichtung, hatte aber den Eindruck gänzlich vergessen, den er in
+früherer Zeit davon erhalten hatte.
+
+Kaum jedoch hatte er, nachdem er auf den geräumigen halbrunden Hof
+gefahren und aus dem Mietgeschirr gestiegen war, die Treppe betreten,
+während ihm der Portier in seinem Brustgurt geräuschlos die Thür
+öffnete und sich verbeugte; kaum hatte er in der Portierloge die
+Kaloschen und Pelze von Mitgliedern wieder erblickt, welche erwogen
+hatten, daß es weniger Mühe verursachte, die Kaloschen gleich unten
+abzulegen, als sie mit nach oben zu nehmen; kaum hatte er den
+geheimnisvollen, ihm vorauseilenden Glockenton vernommen, und die
+schräge, mit Teppichen belegte Treppe betretend, auf dem Treppenabsatz
+die Statue erblickt, und in den oberen Thüren den dritten,
+altgewordenen, ihm wohlbekannten Portier in der Klublivree, der weder
+zu schnell noch zu langsam die Thür öffnete und den Gast anblickte --
+da überkam Lewin wieder das alte Klubgefühl, ein Gefühl von Erholung,
+Vergnügen und Noblesse.
+
+»Bitte, den Hut,« sagte der Portier zu Lewin, welcher die Klubregel,
+den Hut in der Portierloge zu lassen, vergessen hatte. »Ihr seid lange
+nicht hier gewesen. Der Fürst hat Euch noch gestern eingeschrieben.
+Fürst Stefan Arkadjewitsch ist noch nicht anwesend.«
+
+Der Portier kannte nicht nur Lewin, sondern auch dessen sämtliche
+Verbindungen und Verwandtschaft und that sofort der ihm nahestehenden
+Männer Erwähnung.
+
+Den ersten Vorsaal mit den Ofenschirmen, und dann ein rechts
+abgetrenntes Zimmer, in welchem der Obstverkäufer saß, durchschreitend,
+überholte Lewin einen langsam gehenden Herrn und trat in das vom Lärm
+versammelter Menschen erfüllte Speisezimmer.
+
+Er schritt längs der fast schon besetzten Tische hin, die Gäste
+musternd. Hier und da fielen ihm die verschiedensten Personen, alte
+und junge, aber kaum bekannte oder nahestehende ins Auge. Hier gab
+es kein einziges gereiztes oder sorgenvolles Gesicht. Alle, wie
+es schien, hatten in der Portierloge mit ihren Hüten auch ihre
+Bedrängnisse und Sorgen zurückgelassen und sich vorgenommen, mit Muße
+die materiellen Annehmlichkeiten des Lebens hier zu genießen. Hier war
+auch Swijashskiy, Schtscherbazkiy, Njewjedowskiy, der alte Fürst, sowie
+Wronskiy und Sergey Iwanowitsch.
+
+»Ah, hast du dich verspätet?« sagte der Fürst lächelnd, ihm mit der
+Hand auf die Schulter schlagend. »Was macht Kity?« fügte er hinzu,
+die Serviette ordnend, die er sich zwischen einem Knopf der Weste
+eingeklemmt hatte.
+
+»Befindet sich ganz wohl; die Damen speisen zu Dreien zu Haus.«
+
+»Aha, Alina -- Nadina; nun, bei uns hier ist freilich kein Platz mehr.
+Aber geh zu jenem Tisch und nimm möglichst schnell einen Platz ein,«
+sagte der Fürst und ergriff, sich umwendend, behutsam einen Teller mit
+Quappensuppe.
+
+»Lewin, hierher!« rief etwas weiterhin eine freundliche Stimme. Es war
+Turowzyn. Er saß bei einem jungen Offizier und zwischen ihnen standen
+zwei umgewendete Stühle. Lewin schritt erfreut auf sie zu. Er hatte den
+gutmütigen Zecher Turowzyn stets lieb gehabt; mit ihm vereinigte sich
+seine Erinnerung an die Liebeserklärung gegen Kity; heute aber, nach
+all den angestrengten geistigen Unterhaltungen war ihm die gutmütige
+Erscheinung Turowzyns besonders willkommen.
+
+»Diese Stühle sind für Euch und Oblonskiy. Er wird auch sogleich da
+sein!«
+
+Der Offizier, welcher sich sehr gerade hielt, mit heiteren, ewig
+lachenden Augen war ein Petersburger, namens Gagin. Turowzyn machte
+beide miteinander bekannt.
+
+»Oblonskiy kommt doch ewig zu spät.«
+
+»Da ist er ja!«
+
+»Bist du soeben gekommen?« sagte Oblonskiy, schnell zu ihnen
+herkommend. »Geht es gut? Hast du schon einen Liqueur genommen? Komm!«
+
+Lewin erhob sich und ging mit ihm nach dem großen Tisch, der mit
+Liqueuren und den mannigfaltigsten Leckerbissen besetzt war. Man
+konnte wohl aus zwanzig verschiedenen Dingen auswählen, was nach dem
+Geschmack war, aber Stefan Arkadjewitsch forderte einen ganz besonderen
+Liqueur, und einer der dastehenden Diener in Livree brachte sofort das
+Gewünschte. Sie tranken jeder ein Glas und kehrten dann zum Tische
+zurück.
+
+Sogleich, noch bei der Suppe, brachte man Gagin Champagner und dieser
+ließ vier Gläser füllen. Lewin wies den angebotenen Wein nicht zurück
+und bestellte eine zweite Flasche. Er war hungrig, speiste und trank
+mit großem Appetit und nahm mit noch größerem Vergnügen an den heiteren
+und leichten Gesprächen seiner Gesellschafter teil. Gagin, der die
+Stimme hatte sinken lassen, erzählte eine neue Petersburger Anekdote,
+die, obwohl indecent und ungereimt, doch lustig genug war, sodaß Lewin
+so laut lachte, daß die Nachbarn ihn anblickten.
+
+»Das ist etwas von der Art, wie >dies gerade kann ich gar nicht
+vertragen!< -- Weißt du?« -- frug Stefan Arkadjewitsch. »Ach, das ist
+reizend! Noch eine Flasche,« sagte er zu dem Diener, und begann zu
+erzählen.
+
+»Peter Iljitsch Winowskiy lassen bitten,« unterbrach ein alter Diener
+Stefan Arkadjewitsch, zwei feine Gläser perlenden Champagners bringend
+und sich an Stefan Arkadjewitsch und Lewin wendend.
+
+Stefan Arkadjewitsch ergriff das Glas und nickte lächelnd nach der
+anderen Seite des Tisches, mit einem kahlköpfigen, rothaarigen und
+bärtigen Herrn einen Blick tauschend, mit dem Kopfe.
+
+»Wer ist dies?« frug Lewin.
+
+»Du bist ihm schon einmal bei mir begegnet, besinnst du dich? Er ist
+ein vortrefflicher Mensch.«
+
+Lewin that, was Stefan Arkadjewitsch that und nahm das Glas.
+
+Die Anekdote Stefan Arkadjewitschs war gleichfalls sehr ergötzlich.
+Lewin erzählte nun seine Anekdote, welche auch gefiel, dann kam das
+Gespräch auf Pferde, auf die Rennen des heutigen Tages und darauf, wie
+schlau der Atlasny Wronskiys den ersten Preis gewonnen habe. Lewin
+bemerkte gar nicht, wie die Zeit beim Essen verging.
+
+»Ah, da ist er ja selbst!« sagte gegen das Ende des Essens Stefan
+Arkadjewitsch, sich über die Lehne des Stuhles beugend und dem in
+Begleitung eines hohen Gardeobersten auf ihn zukommenden Wronskiy, die
+Hand entgegenstreckend. In dem Gesicht Wronskiys leuchtete gleichfalls
+die allgemeine heitere Klubgemütlichkeit. Frohgelaunt stützte er sich
+auf die Schulter Stefan Arkadjewitschs, indem er demselben etwas
+zuflüsterte, und streckte Lewin mit dem nämlichen heiteren Lächeln die
+Hand entgegen.
+
+»Sehr erfreut, Euch hier zu treffen,« sagte er. »Ich hatte Euch
+damals nach den Wahlen gesucht, man sagte mir aber, Ihr wäret schon
+weggefahren.«
+
+»Ja; ich bin noch denselben Tag fortgefahren; wir hatten übrigens
+soeben von Eurem Pferde gesprochen. Ich gratuliere Euch,« sagte Lewin,
+»das war ein sehr schneller Ritt!«
+
+»Ihr habt doch wohl auch Pferde?«
+
+»Nein; mein Vater hatte welche; doch ich besinne mich noch und kenne
+das.«
+
+»Wo hast du gespeist?« frug Stefan Arkadjewitsch.
+
+»Wir sitzen am zweiten Tisch; hinter den Säulen.«
+
+»Man hat ihm gratuliert,« sagte der hochgewachsene Oberst.
+
+»Es war der zweite Kaiserpreis; wenn ich doch solches Glück in den
+Karten hätte, wie er mit den Pferden.«
+
+»Aber, wozu die goldene Zeit verlieren! Ich gehe in das Infernalische,«
+sagte der Oberst und verließ den Tisch.
+
+»Das war Jaschwin,« sagte Wronskiy zu Turowzyn und setzte sich auf den
+neben ihnen freigewordenen Platz. Nachdem er den ihm vorgesetzten Pokal
+geleert hatte, bestellte er eine Bouteille. Mochte nun der Einfluß der
+Klublaune oder der des genossenen Weines schuld sein, genug, Lewin
+unterhielt sich mit Wronskiy über die beste Viehrasse, und es war ihm
+sehr lieb, daß er keine Feindseligkeit mehr gegen diesen Mann empfand.
+Er sagte demselben sogar unter anderem, er habe von seiner Frau gehört,
+sie sei ihm bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet.
+
+»Ach, die Fürstin Marja Borisowna; die ist reizend!« sagte Stefan
+Arkadjewitsch, und erzählte nun eine Anekdote von ihr, welche alle zu
+lachen machte. Besonders Wronskiy lachte so herzlich, daß Lewin sich
+vollständig mit ihm ausgesöhnt fühlte.
+
+»Nun, seid Ihr fertig?« frug Stefan Arkadjewitsch aufstehend, und
+lächelte. »Gehen wir!«
+
+
+ 8.
+
+Vom Tische aufstehend, ging Lewin, in dem Gefühl, daß ihm beim Gehen
+die Hände eigentümlich sicher und leicht in der Bewegung waren, mit
+Gagin durch die hohen Zimmer nach dem Billardsaal. Als er durch den
+großen Saal schritt, traf er seinen Schwiegervater.
+
+»Nun, was sagst du? Wie gefällt dir unser Tempel der Muße?« sagte der
+Fürst, ihn am Arme nehmend. »Komm, gehen wir weiter!«
+
+»Auch ich wollte gehen und ein wenig zuschauen. Es ist interessant.«
+
+»Ja, für dich. Doch für mich ist das Interesse schon ein anderes, als
+für dich. Du schaust freilich auf diesen Alten da,« sprach er, auf ein
+gebücktes Mitglied des Klubs mit herabhängender Lippe zeigend, welches,
+nur mit Mühe die Füße in den weiten Stiefeln weiterschiebend, ihnen
+entgegenkam, »und denkst dabei, daß sie schon als solche alte Ruinen
+geboren worden sind.«
+
+»Was ist das, Ruinen?«
+
+»Du kennst diese Benennung wohl noch nicht. Es ist das unser
+Klubausdruck. Weißt du: wenn Einer Jahr aus Jahr ein in den Klub kommt,
+so wird endlich eine Ruine aus ihm. Ja, du lachst darüber, aber unser
+einer muß schon aufpassen, wenn er selbst unter die Ruinen kommt. Du
+kennst doch den Fürsten Tschetschenskiy?« frug der Fürst und Lewin sah
+an seinem Gesicht, daß er im Begriff sei, etwas Witziges zu sagen.
+
+»Nein, ich kenne ihn nicht.«
+
+»Nun, gewiß doch; der Fürst Tschetschenskiy ist ja bekannt. Doch
+gleichviel! -- Der spielt also ewig Billard. Vor drei Jahren war er
+noch nicht unter den Ruinen und noch rüstig. Ja, er selbst nannte
+andere Ruinen. Doch da kommt er einstmals an, und unser Portier, du
+kennst ihn doch, den Wasiliy? Nun, der Dicke! Der ist groß in Bonmots!
+Den frägt der Fürst Tschetschenskiy, >he, Wasiliy, wer ist denn alles
+gekommen? Sind Ruinen mit dabei?< Wasiliy antwortet ihm: >Ihr seid die
+dritte darunter.< -- Ja, Bruder; so ist es.« --
+
+Unter Gespräch und Begrüßungen mit begegnenden Bekannten ging Lewin
+mit dem Fürsten durch alle Zimmer; durch das große, in welchem bereits
+die Tische standen und die an nicht hohes Spiel gewöhnten Partner
+spielten, dann in das Diwanzimmer, wo man Schach spielte, und wo
+Sergey Iwanowitsch im Gespräch mit jemand saß -- hierauf durch das
+Billardzimmer, wo in einer Zimmernische bei dem Diwan eine lustige
+Champagnergesellschaft, an welcher Gagin teilnahm, sich etabliert
+hatte. Sie warfen auch einen Blick in das »infernalische Zimmer«, wo
+sich um einen Tisch, hinter welchem Jaschwin bereits Platz genommen
+hatte, viele Setzende drängten.
+
+Sich bemühend, Geräusch zu vermeiden, begaben sie sich auch nach dem
+dämmrigen Lesezimmer, wo unter den Lampen einsam ein junger Mann mit
+galligem Gesicht saß, der ein Journal nach dem andern ergriff, und ein
+kahlköpfiger General, der in seine Lektüre vertieft war. Sie gingen
+auch nach dem Zimmer, welches der Fürst »das verständige« nannte. In
+diesem Raume sprachen drei Herren eifrig über die letzte politische
+Neuigkeit.
+
+»Fürst, wenn es gefällig ist; alles bereit,« sagte einer seiner
+Partner, ihn hier findend, und der Fürst ging. Lewin blieb sitzen,
+hörte zu, aber plötzlich wurde es ihm, indem er sich des heutigen
+Morgens erinnerte, entsetzlich langweilig zu Mute. Er erhob sich hastig
+und ging, um Oblonskiy und Turowzyn zu suchen, in deren Gesellschaft es
+heiter zuging.
+
+Turowzyn saß mit einem Kruge auf einem hohen Diwan im Billardzimmer,
+und Stefan Arkadjewitsch und Wronskiy unterhielten sich an der Thür in
+einer entfernten Ecke des Zimmers.
+
+»Nicht, daß sie sich langweilte, aber diese Unbestimmtheit, die
+Unentschiedenheit in ihrer Lage,« hörte Lewin und wollte sich eiligst
+zurückziehen, doch Stefan Arkadjewitsch rief ihn herbei.
+
+»Lewin!« sagte Stefan Arkadjewitsch, und Lewin bemerkte in seinen Augen
+zwar nicht Thränen, wohl aber eine gewisse Feuchtigkeit, wie dies stets
+der Fall bei ihm war, wenn er entweder getrunken hatte, oder in Gefühl
+zerfloß. Jetzt war bei ihm beides der Fall.
+
+»Lewin geh' nicht fort,« sprach er und drückte seinen Arm fest mit
+seiner Hand, augenscheinlich mit dem Wunsche, ihn um keinen Preis von
+sich zu lassen.
+
+»Dies ist mein aufrichtigster, vielleicht mein bester Freund,« sagte er
+zu Wronskiy, »du bist mir gleichfalls mehr vertraut und teuer, und ich
+will und weiß, daß ihr Freunde und Vertraute werden müßt, da ihr beide
+gute Menschen seid.«
+
+»Nun, dann bleibt uns nur übrig, den Bruderkuß zu tauschen,« sagte
+Wronskiy, gutmütig scherzend und Lewin die Hand reichend.
+
+Dieser nahm schnell die dargebotene Hand und drückte sie fest.
+
+»Es freut mich sehr, sehr,« sagte Lewin, seine Hand drückend.
+
+»Kellner, eine Flasche Champagner,« befahl Stefan Arkadjewitsch.
+
+»Auch ich freue mich herzlich,« äußerte Wronskiy.
+
+Trotz des Wunsches Stefan Arkadjewitschs, und ihrer beiderseitigen
+Absicht, wußten sie doch nichts weiteres zu sagen, und beide fühlten
+dies.
+
+»Du weißt, daß er mit Anna nicht bekannt ist?« sagte Stefan
+Arkadjewitsch zu Wronskiy, »ich will ihn aber unbedingt mit ihr in
+Verbindung bringen. Komm Lewin!«
+
+»Solltet Ihr!« sagte Wronskiy, »sie wird sich sehr freuen! Ich würde
+sogleich nach Haus fahren,« fügte er hinzu, »doch Jaschwin beunruhigt
+mich und ich will hier bleiben, bis er aufhört.«
+
+»Nun, steht es schlecht mit ihm?«
+
+»Er verliert fortwährend, und ich allein nur kann ihn abhalten.«
+
+»Wie wäre es mit einer Pyramide? Lewin spielst du? Schön!« sagte Stefan
+Arkadjewitsch, »stelle eine Pyramide,« wandte er sich zu dem Marqueur.
+
+»Schon längst fertig,« erwiderte dieser, der bereits die Bälle in das
+Dreieck gesetzt hatte und zum Zeitvertreib den roten roulieren ließ.
+
+»Stoßt!«
+
+Nach der Partie ließen sich Wronskiy und Lewin an dem Tische Gagins
+nieder, und Lewin begann, dem Vorschlage Stefan Arkadjewitschs folgend,
+auf die Asse zu setzen. Wronskiy saß bald am Tische, fortwährend
+umgeben von zu ihm kommenden Bekannten, bald begab er sich in das
+»Infernalische«, um nach Jaschwin zu sehen. Lewin verspürte eine
+angenehme Erholung von der geistigen Abgespanntheit am Vormittag. Ihn
+erfreute die Beilegung der Feindschaft mit Wronskiy, und ein Gefühl von
+Beruhigung, Standeswürde und Frohsinn verließ ihn nicht mehr.
+
+Als die Partie zu Ende war, nahm Stefan Arkadjewitsch Lewin unter dem
+Arm.
+
+»Gehen wir also zu Anna! Sogleich? Ja? Sie ist zu Haus. Ich habe ihr
+schon seit Langem versprochen, dich einmal mit zu ihr zu bringen. Wohin
+willst du für den Abend gehen?«
+
+»Ich habe nichts Besonderes vor. Swijashskiy hatte ich versprochen, in
+die Gesellschaft für Landwirtschaft zu kommen. Fahren wir hin, wenn du
+willst,« sagte Lewin.
+
+»Ausgezeichnet! Fahren wir! Frage doch, ob mein Wagen gekommen ist!«
+wandte sich Stefan Arkadjewitsch an einen Lakaien.
+
+Lewin trat zum Tische, bezahlte vierzig Rubel, die von ihm auf die
+Asse verspielt worden waren, sowie mit einer gewissen geheimnisvollen
+Manier die Ausgaben für den Klub, die dem alten Lakaien, welcher an
+der Schwelle stand, bekannt waren, und schritt dann mit eigentümlichen
+Armbewegungen durch sämtliche Säle dem Ausgang zu.
+
+
+ 9.
+
+»Oblonskiys Wagen!« rief mit starkem Baß der Portier.
+
+Der Wagen fuhr vor und beide nahmen Platz. Nur während der ersten
+Zeit, so lange der Wagen aus dem Thor des Klubhauses fuhr, hatte
+Lewin noch das Gefühl der Klubbehaglichkeit, zufriedener Stimmung und
+der unzweifelhaften Noblesse der Umgebung, kaum aber war der Wagen
+auf die Straße hinausgefahren, kaum fühlte er das Rollen des Wagens
+auf der unebenen Straße, hatte er den heftigen Ruf eines begegnenden
+Mietkutschers vernommen, und bei der mangelhaften Beleuchtung das rote
+Schild einer Schenke und eines Kaufladens wieder erblickt, da war
+dieser Eindruck vernichtet, und er begann abermals seine Handlungsweise
+zu überlegen und sich zu fragen, ob er gut daran thue, zu Anna zu
+fahren. Was würde Kity sagen?
+
+Stefan Arkadjewitsch ließ ihn indessen nicht zum Nachdenken kommen,
+und, als ob er seine Zweifel erriete, zerstreute er sie.
+
+»Wie freue ich mich,« sprach er, »daß du sie kennen lernen wirst. Du
+weißt, Dolly hat dies längst gewünscht. Auch Lwoff war bei ihr und
+kommt noch zu ihr. Obwohl sie meine Schwester ist,« fuhr er fort, »kann
+ich doch rückhaltslos sagen, daß sie ein merkwürdiges Weib ist. Du
+wirst ja sehen. Ihre Lage ist sehr schwierig, besonders jetzt.«
+
+»Weshalb denn besonders jetzt?«
+
+»Wir pflegen Verhandlungen mit ihrem Manne über die Ehescheidung. Er
+ist damit einverstanden, aber es giebt Schwierigkeiten bezüglich ihres
+Sohnes, und die Sache, welche schon längst erledigt sein müßte, zieht
+sich nun schon drei Monate hin. Sobald die Scheidung stattgefunden
+haben wird, heiratet sie Wronskiy. Wie thöricht ist doch jene alte
+Gewohnheit des sich Drehens und Wendens, der niemand mehr glaubt, und
+welche dem Glück der Leute im Wege steht!« sagte Stefan Arkadjewitsch.
+»Nun, dann aber wird ihr Glück ein gesichertes sein, so wie das meine,
+das deine.«
+
+»Worin beruht aber die Schwierigkeit?« frug Lewin.
+
+»Ach, das ist eine lange und langweilige Geschichte! Alles daran ist
+so unbestimmt. Doch die Sache ist die, sie trägt die Schuld. Indem
+sie diese Scheidung in Moskau erwartet, wohnt sie schon drei Monate
+hier, wo jedermann ihn und sie kennt. Sie fährt nirgendshin, sieht
+keine der Damen, außer Dolly, weil sie es, weißt du, nicht will, daß
+man aus Mitleid zu ihr käme. Selbst diese Närrin, die Fürstin Barbara,
+hat sie verlassen, weil sie ihre Gegenwart für unschicklich hält.
+Unter solchen Verhältnissen, in solcher Lage, würde ein anderes Weib
+keine Stützpunkte in sich finden. Sie aber, du wirst es sehen, wie
+sie sich ihr Leben eingerichtet hat, wie ruhig, wie würdevoll sie
+ist. -- Links, durch das Seitengäßchen, gegenüber der Kirche« -- rief
+Stefan Arkadjewitsch plötzlich, sich durch das Wagenfenster beugend.
+»O, welche Hitze!« sagte er, trotz der zwölf Grad Kälte noch mehr mit
+seinem Pelze fächelnd, der schon offen stand.
+
+»Sie hat doch wohl eine Tochter, wahrscheinlich beschäftigt sie sich
+mit dieser?« sagte Lewin.
+
+»Du scheinst dir jede Frau nur als eine Bruthenne vorzustellen, =une
+couveuse=,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Wenn eine Frau beschäftigt
+ist, muß sie es unfehlbar mit Kindern sein! Nun, sie erzieht das Kind
+ja vorzüglich, wie es scheint, aber man hört nichts weiter davon. Sie
+ist vor allem damit beschäftigt, zu schreiben. Ich sehe schon, du
+lächelst ironisch, aber umsonst. Sie schreibt ein Buch für Kinder und
+sagt niemand etwas davon; mir aber hat sie es vorgelesen und ich habe
+das Manuskript Workujeff gegeben -- du weißt, der Verleger -- er ist ja
+selbst Schriftsteller, wie mir scheint. Der versteht doch die Sache und
+sagt, daß es sich hier um einen interessanten Stoff handle. Du denkst
+gewiß, was ist ein schriftstellerndes Weib! Denke das nicht! Sie ist
+vor allem ein Weib mit einem Herzen, du wirst ja sehen. Jetzt hat sie
+eine kleine Engländerin und eine ganze Familie, von der sie in Anspruch
+genommen ist.«
+
+»Also etwas Menschenfreundliches?«
+
+»Du siehst doch immer nur sofort das Üble; es ist nichts
+philanthropisches, sondern eine Herzenssache. Sie hatten -- ich meine
+Wronskiy -- einen englischen Traineur, einen Meister in seinem Fache,
+aber auch Säufer. Der hat sich vollständig zu Schanden getrunken --
+=delirium tremens= -- und die Familie war verlassen. Da erblickte sie
+die Leute, sie half, bekümmerte sich um sie, und jetzt ist die ganze
+Familie in ihrer Obhut; und sie hat dies nicht nur so von oben herab
+gethan, mit Geld, sondern bereitet selbst die Knaben auf russisch für
+das Gymnasium vor und hat das kleine Mädchen zu sich genommen. Du wirst
+dieses ja sehen.«
+
+Der Wagen fuhr auf den Hof und Stefan Arkadjewitsch schellte laut an
+der Einfahrt, vor welcher ein Schlitten stand.
+
+Ohne den öffnenden Dienstmann zu fragen, ob man daheim sei, begab sich
+Stefan Arkadjewitsch in den Flur. Lewin folgte ihm, mehr und mehr in
+Zweifel geratend, ob er recht oder nicht recht handle.
+
+In einen Spiegel blickend, bemerkte er, daß er rot aussehe, doch war er
+überzeugt, nicht berauscht zu sein und stieg die mit Teppichen belegte
+Treppe hinauf, hinter Stefan Arkadjewitsch her.
+
+Oben frug dieser einen Lakaien, welcher sich verbeugte, wie man einen
+niedriger Stehenden grüßt, wer bei Anna Arkadjewna sei? und erhielt zur
+Antwort »Herr Workujeff«.
+
+»Wo ist man?«
+
+»Im Kabinett.«
+
+Durch den kleinen Speisesalon mit den dunkeln, holzbekleideten Wänden,
+traten sie auf dem weichen Teppich in ein halbdunkles Kabinett, welches
+nur von einer Lampe mit großem dunklen Schirm erleuchtet wurde. Eine
+andere Lampe brannte als Refraktor an der Wand und erleuchtete das in
+Lebensgröße gemalte Porträt einer Frau, welchem Lewin unwillkürlich
+seine Aufmerksamkeit zuwandte. Es war dies das in Italien von
+Michailoff gefertigte Porträt Annas. Während Stefan Arkadjewitsch
+hinter eine Traillage schritt, und eine männliche Stimme, welche
+gesprochen hatte, verstummte, betrachtete Lewin das Porträt, welches
+in der schimmernden Beleuchtung aus dem Rahmen heraustrat, und konnte
+sich nicht davon losreißen. Er hatte sogar vergessen, wo er war, und
+verwendete, ohne zu hören, was gesprochen wurde, kein Auge von dem
+wunderbaren Bild.
+
+Das war kein Bild mehr, sondern eine lebende, reizende Frau mit
+schwarzen wallenden Haaren, entblößten Schultern und Händen und
+sinnigem halben Lächeln auf den von einem zarten Flaume überdeckten
+geöffneten Lippen, welche ihn sieghaft und zärtlich mit ihren
+verwirrenden Augen anschaute. Nur insofern war sie nicht belebt, als
+sie schöner war, wie eine Lebende sein konnte.
+
+»Sehr erfreut,« vernahm er plötzlich neben sich eine Stimme, die sich
+augenscheinlich an ihn wandte; die Stimme desselben Weibes, in welches
+er sich auf dem Porträt im Anschauen verloren hatte.
+
+Anna war ihm entgegengekommen, hinter der Traillage hervor, und Lewin
+gewahrte im Zwielicht des Kabinetts die nämliche Frau des Porträts,
+in dunklen, buntfarbig blauem Kleid, nicht in derselben Stellung,
+nicht mit dem nämlichen Ausdruck, wohl aber mit derselben Hoheit jener
+Schönheit, in welcher sie von dem Künstler auf dem Bilde erfaßt worden
+war. Sie war weniger glänzend in der Wirklichkeit, aber dafür lag in
+der Lebenden etwas Ungewohntes, Anziehendes, was nicht im Porträt war.
+
+
+ 10.
+
+Sie trat ihm entgegen, ohne ihre Freude, ihn zu sehen, zu verhehlen.
+In dieser Ruhe, mit welcher sie ihm die kleine und energische Hand
+entgegenstreckte, ihn mit Workujeff bekannt machte und dann auf ein
+rothaariges, hübsches kleines Mädchen zeigte, welches hier bei einer
+Arbeit saß, und das sie ihre Pflegebefohlene nannte, lagen die Lewin
+bekannten, angenehmen Manieren der Frau aus der großen Welt, die stets
+ruhig und natürlich sind.
+
+»Es ist mir sehr, sehr angenehm,« wiederholte sie, und in ihrem Munde
+erhielten diese einfachen Worte für Lewin aus unbekanntem Grunde
+eine eigentümliche Bedeutung. »Ich kenne und liebe Euch lange schon
+wegen Eurer Freundschaft für Stefan und wegen Eures Weibes; ich habe
+dieses nur kurze Zeit gekannt, aber es hat in mir den Eindruck einer
+reizenden Blüte hinterlassen, ja, einer Blüte! Sie wird also bald
+Mutter werden?«
+
+Anna sprach ungezwungen und ohne Hast, bisweilen ihren Blick von Lewin
+auf ihren Bruder richtend. Ersterer empfand, daß der Eindruck, den er
+hervorbrachte, ein guter sein mußte, und sogleich wurde es ihm nun in
+ihrer Gesellschaft so leicht, so frei und behaglich zu Mut, als hätte
+er sie von Kindheit an gekannt.
+
+»Ich habe mit Iwan Petrowitsch im Kabinett Alekseys Platz genommen,«
+sagte sie, Stefan Arkadjewitsch auf dessen Frage, ob man rauchen
+dürfe, -- antwortend »damit er eben rauchen könne,« und nahm, auf
+Lewin blickend, anstatt zu fragen ob er rauche, ein Cigarrenetuis von
+Schildkrot, aus welchem sie eine Cigarette zog.
+
+»Wie steht es jetzt mit deiner Gesundheit?« frug sie ihr Bruder.
+
+»Wie soll es gehen; die Nerven sind stets dieselben.«
+
+»Nicht wahr, ziemlich gut?« sagte Stefan Arkadjewitsch, bemerkend, daß
+Lewin das Porträt betrachtete.
+
+»Ich habe noch nie ein besseres Porträt gesehen.«
+
+»Und ziemlich ähnlich, nicht wahr?« sagte Workujeff.
+
+Lewin schaute vom Porträt auf das Original. Ein eigentümlicher Glanz
+erleuchtete das Antlitz Annas, während sie seinen Blick auf sich ruhen
+fühlte. Lewin errötete, und wollte, um seine Verlegenheit zu verbergen,
+fragen, ob es schon längere Zeit her sei, daß sie Darja Aleksandrowna
+gesehen habe, doch im selben Augenblick begann Anna:
+
+»Ich habe mit Iwan Petrowitsch soeben von den letzten Gemälden
+Waschtschenkoffs gesprochen. Habt Ihr sie gesehen?«
+
+»Ja, ich habe sie gesehen,« antwortete Lewin.
+
+»Doch entschuldigt, ich habe Euch unterbrochen, Ihr wolltet sagen« --
+
+Lewin frug, ob sie vor längerer Zeit Dolly gesehen hätte.
+
+»Gestern war sie bei mir; sie ist wegen Grischa sehr schlecht auf das
+Gymnasium zu sprechen. Der Lehrer im Lateinischen scheint es, ist
+ungerecht gewesen gegen ihn.«
+
+»Ich habe die Bilder gesehen; sie haben mir sehr gefallen,« wandte sich
+Lewin zu dem von ihr begonnenen Gespräch zurück.
+
+Lewin sprach jetzt ganz und gar nicht mehr von jener handwerksmäßigen
+Stellung zum Gegenstande, aus der er am Morgen gesprochen hatte. Jedes
+Wort der Unterhaltung mit ihr erhielt eine eigentümliche Bedeutung.
+Schon mit ihr reden war ihm angenehm, noch angenehmer aber, ihr
+zuzuhören.
+
+Anna sprach nicht nur natürlich, und klug, sondern auch klug und ohne
+Zwang, ohne ihren Gedanken Wert beizulegen, während sie den Ideen des
+anderen großes Gewicht beilegte.
+
+Das Gespräch drehte sich um die neue Richtung in der Kunst, um die neue
+Illustration der Bibel durch einen französischen Künstler. Workujeff
+zieh den Künstler eines Realismus, der bis zur Derbheit ging. Lewin
+sagte, daß die Franzosen das Abstrakte in der Kunst entwickelt hätten
+wie niemand, und sie daher ein besonderes Verdienst in der Rückkehr zum
+Realismus erblickten. Schon darin, daß sie nicht mehr lögen, sähen sie
+Poesie.
+
+Noch nie hatte Lewin etwas Vernünftiges, was er je einmal gesagt
+haben mochte, so viel Vergnügen gemacht, als dies. Das Gesicht Annas
+erglänzte plötzlich über und über, als sie diesen Gedanken momentan
+abwog. Sie begann zu lächeln.
+
+»Ich lache,« sagte sie, »wie man lacht, wenn man ein sehr ähnliches
+Porträt sieht. Das, was Ihr sagtet, charakterisiert jetzt vollkommen
+die französische Kunst, wie sie jetzt ist, die Malerei, und selbst die
+Litteratur; Zola, Daudet. Doch ist es vielleicht stets so, daß man
+seine =conceptions= aus erdachten, abstrakten Gestalten konstruiert,
+dann aber, nachdem alle =combinaisons= ausgeführt sind, die von
+erdachten Gestalten langweilen und man beginnt, natürlichere wahrhafte
+Gestalten auszusinnen.«
+
+»Das ist vollkommen richtig,« sagte Workujeff.
+
+»Ihr waret wohl im Klub?« wandte sie sich zu ihrem Bruder.
+
+»Ja, das ist ein Weib!« dachte Lewin, sich ganz vergessend und
+unverwandt in ihr schönes, bewegliches Gesicht blickend, welches sich
+jetzt plötzlich vollkommen verändert hatte. Lewin hörte nicht, wovon
+sie sprach, indem sie sich zu ihrem Bruder gewandt hatte, er war
+betroffen von der Veränderung ihres Ausdrucks. Vorher so herrlich in
+seiner Ruhe, drückte ihr Gesicht plötzlich eine seltsame Neugier, Zorn
+und Stolz aus. Doch dies währte nur eine Minute. Dann blinzelte sie,
+als denke sie an Etwas.
+
+»Nun ja, dies ist aber doch für niemand von Interesse,« sagte sie und
+wandte sich zu der kleinen Engländerin.
+
+»=Please, order the tea in the drawing-room=.«
+
+Das kleine Mädchen erhob sich und ging hinaus.
+
+»Nun; hat sie das Examen bestanden?« frug Stefan Arkadjewitsch.
+
+»Vorzüglich. Es ist ein sehr beanlagtes Mädchen und ein liebenswerter
+Charakter.«
+
+»Und die Sache wird damit enden, daß du sie mehr liebst, als dein
+eigenes Kind.«
+
+»So spricht ein Mann. In der Liebe giebt es kein mehr oder weniger;
+ich liebe meine Tochter mit einer bestimmten, dieses Mädchen mit einer
+anderen Liebe.«
+
+»Ich sage eben zu Anna Arkadjewna,« sagte Workujeff, »daß sie, wenn sie
+auch nur ein Hundertstel der Energie, welche sie für diese Engländerin
+einsetzt, auf das gemeinsame Werk der russischen Kindererziehung
+verwendete, eine große, nützliche That vollbrächte.«
+
+»Ja, das was Ihr da wollt, konnte ich nicht. Graf Aleksey Kyrillowitsch
+hat mich lebhaft ermuntert« -- indem sie die Worte »Graf Aleksey
+Kyrillowitsch« aussprach, schaute sie schüchtern fragend Lewin an,
+welcher ihr unwillkürlich mit einem ehrerbietigen und bestätigenden
+Blicke antwortete, »mich mit dem Dorfschulwesen zu befassen. Ich
+kümmerte mich mehrmals darum; die Schulen sind mir sehr wert, aber ich
+vermochte es nicht, mich der Sache zu widmen. Ihr sprecht von Energie?
+Die Energie beruht auf der Liebe, und die Liebe läßt sich nicht irgend
+woher nehmen, nicht anbefehlen. So habe ich dieses Mädchen da lieb
+gewonnen, ohne selbst zu wissen, weshalb.«
+
+Sie blickte wiederum Lewin an; ihr Lächeln, ihr Blick, alles sagte ihm,
+daß sie an ihn nur ihre Worte richte, seine Meinung würdige, und dabei
+im voraus wisse, daß sie sich gegenseitig verstanden.
+
+»Ich begreife das vollkommen,« antwortete Lewin, »für die Schule
+und überhaupt für ähnliche Einrichtungen läßt sich nicht das Herz
+einsetzen, und ich glaube, daß eben infolge dessen diese humanistischen
+Einrichtungen stets so geringe Resultate erzielen.«
+
+Anna schwieg eine Weile, dann lächelte sie. »Ja, ja,« bestätigte sie,
+»ich habe das nie vermocht. =Je n'ai pas le coeur assez large=, um ein
+ganzes Bewahrungshaus voller häßlicher kleiner Mädchen lieb haben zu
+können. =Cela ne m'a jamais réussi=. Es giebt jedoch so viele Frauen,
+welche sich hieraus eine =position sociale= begründet haben. Und
+jetzt,« sprach sie mit trauerndem, zutraulichem Ausdruck, äußerlich zu
+ihrem Bruder gewendet, augenscheinlich aber nur zu Lewin: »jetzt, wo
+mir eine Beschäftigung so nötig ist, kann ich es um so weniger.«
+
+Plötzlich finster werdend -- Lewin nahm wahr, daß sie es über sich
+selbst wurde, weil sie über sich gesprochen hatte -- veränderte sie
+aber das Thema.
+
+»Ich weiß von Euch,« sagte sie zu Lewin, »daß Ihr ein schlechter Bürger
+seid, und ich habe Euch doch verteidigt, so gut ich es verstand.«
+
+»Wie habt Ihr mich denn verteidigt?«
+
+»Bezüglich gewisser Angriffe. Indessen, ist nicht ein wenig Thee
+gefällig?« Sie erhob sich und nahm ein in Saffian gebundenes Buch zur
+Hand.
+
+»Gebt mir dasselbe, Anna Arkadjewna,« sagte Workujeff, auf das Buch
+zeigend, »es ist recht wohl wert.«
+
+»O nein; es ist noch so ungefeilt.«
+
+»Ich habe ihm davon gesagt,« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an seine
+Schwester, auf Lewin deutend.
+
+»Das hast du unnötigerweise gethan. Meine Schrift ist so nach Art jener
+Körbchen und Schnitzereien, die mir die Lisa Marzalowa aus den Ostrogs
+bisweilen verkaufte. Sie besuchte in seiner Gesellschaft die Ostrogs.
+Die Unglücklichen haben da Wunder an Geduldsproben geleistet.«
+
+Lewin entdeckte einen neuen Zug an diesem Weibe, das ihm so
+außerordentlich gefiel. Außer Verstand, Grazie und Schönheit besaß
+sie auch Treuherzigkeit. Sie wollte vor ihm all das Drückende ihrer
+Lage gar nicht verheimlichen; und als sie dies gesagt hatte, seufzte
+sie, und ihr Gesicht, welches plötzlich einen strengen Ausdruck
+annahm, hatte sich gleichsam versteinert. Mit diesem Ausdruck auf
+den Zügen aber war sie noch schöner als vorher, doch derselbe war ein
+fremdartiger; er stand außerhalb dieses von Glück schimmernden, Glück
+erzeugenden Kreises von Ausdrücken, wie sie von dem Künstler auf dem
+Porträt aufgefangen worden waren. Lewin blickte noch einmal auf das
+Bild und auf ihre Gestalt, wie sie, den Arm des Bruders nehmend, mit
+diesem durch die hohe Thür schritt, und er empfand eine Zärtlichkeit
+und ein Mitleid mit ihr, das ihn selbst in Erstaunen versetzte.
+
+Sie hatte Lewin und Workujeff gebeten, in den Salon zu treten, während
+sie selbst zurückgeblieben war, um mit dem Bruder über Etwas zu
+sprechen.
+
+»Spricht sie von ihrer Ehescheidung, von Wronskiy, oder darüber, was er
+im Klub macht, oder von mir?« dachte Lewin, und die Frage, was sie mit
+Stefan Arkadjewitsch besprechen möchte, versetzte ihn so in Aufregung,
+daß er fast gar nicht vernahm, was ihm Workujeff über die Vorzüge des
+von Anna Arkadjewna geschriebenen Kinderromans erzählte.
+
+Beim Thee wurde das nämliche, so angenehme, gehaltvolle Gespräch
+fortgesetzt. Es gab nicht nur keine einzige Minute, während welcher man
+nach einem Stoff für die Unterhaltung hätte suchen müssen, sondern im
+Gegenteil war fühlbar, daß man nur aussprach, was man sagen wollte, um
+sogleich bereitwillig innezuhalten und zu hören, was der andere sagte.
+Alles aber, was man auch sprechen mochte, sagte sie es nun selbst, oder
+Workujeff, oder Stefan Arkadjewitsch, alles erhielt wie Lewin schien,
+dank ihrer Aufmerksamkeit und ihren Bemerkungen, ein eigenartiges
+Gewicht.
+
+Das interessante Gespräch verfolgend, versenkte sich Lewin während der
+ganzen Zeit in ihren Anblick und in ihre Schönheit, ihren Geist, ihre
+Bildung, und zugleich in ihre Natürlichkeit und Innerlichkeit. Mochte
+er zuhören oder reden, fortwährend dachte er an sie, an ihr inneres
+Leben, und bemühte sich, ihre Empfindungen zu erraten.
+
+Er, der sie früher so streng verurteilt hatte, er rechtfertigte sie
+jetzt nach einem seltsamen Gedankengang, bemitleidete sie zugleich, und
+fürchtete, daß Wronskiy sie nicht vollkommen verstehen möchte. In der
+elften Stunde, als Stefan Arkadjewitsch sich erhob, um vorzufahren --
+Workujeff war schon zeitiger aufgebrochen -- schien es Lewin, als sei
+er soeben erst angekommen. Nur ungern stand er gleichfalls auf.
+
+»Lebt wohl,« sagte sie, seine Hand festhaltend und ihm mit anziehendem
+Blick ins Auge schauend; »ich freue mich recht sehr, =que la glace est
+rompue=.« Sie ließ seine Hand los und blinzelte mit den Augen. »Teilt
+Eurer Gattin mit, daß ich sie noch so lieb habe wie früher, und daß
+ich, wenn sie mir meine Situation nicht vergeben kann, wünsche, sie
+möge mir niemals verzeihen. Um vergeben zu können, muß man durchleben,
+was ich durchlebt habe, und davor behüte sie der Himmel.«
+
+»Ich werde es sicher ausrichten,« sagte Lewin errötend.
+
+
+ 11.
+
+»Welch ein bewundernswertes, liebenswertes und beklagenswertes Weib,«
+dachte er, als er mit Stefan Arkadjewitsch in die kalte Luft hinaustrat.
+
+»Nun, was sagst du? Ich hatte dir schon gesagt,« begann Stefan
+Arkadjewitsch, welcher sah, daß Lewin vollständig besiegt war.
+
+»Ja,« versetzte dieser gedankenvoll, »ein ungewöhnliches Weib! Nicht
+nur, daß sie Verstand besitzt, sie ist auch wunderbar innig. Mir thut
+sie außerordentlich leid.«
+
+»Jetzt wird ja wohl, so Gott will, bald alles in Ordnung sein. Man muß
+nur nicht zu früh richten,« sagte Stefan Arkadjewitsch, die Wagenthür
+öffnend; »entschuldige, wir haben doch nicht einen Weg.«
+
+Fortwährend an Anna denkend, an alle die so einfachen Gespräche, welche
+mit ihr gepflogen worden waren, und sich dabei alle Einzelheiten ihres
+Gesichtsausdrucks ins Gedächtnis zurückrufend, mehr und mehr in ihre
+Lage eindringend und Mitleid mit ihr empfindend, fuhr Lewin nach Hause.
+
+ * * * * *
+
+Daheim berichtete ihm Kusma, daß Katharina Aleksandrowna sich wohl
+befinde, sowie, daß die Schwestern nicht lange erst weggefahren wären,
+und überreichte zwei Briefe.
+
+Lewin las dieselben gleich an Ort und Stelle, im Vorzimmer, um sich
+später nicht davon ablenken lassen zu müssen. Der eine Brief war von
+Sokoloff, seinem Verwalter. Sokoloff schrieb, daß der Weizen nicht
+verkauft werden könne, da man nur fünf und einen halben Rubel gebe,
+und ein höheres Gebot nirgends zu erlangen sei. Der andere Brief war
+von seiner Schwester. Dieselbe machte ihm Vorwürfe darüber, daß ihre
+Angelegenheit noch immer nicht erledigt sei.
+
+»Nun; so werden wir für fünfeinhalb verkaufen, wenn man nicht
+mehr geben will,« entschied Lewin sofort mit einer ungewöhnlichen
+Leichtfertigkeit die erste Frage, die ihm früher so schwierig
+erschienen war. »Wunderbar, wie hier die Zeit stets in Anspruch
+genommen ist,« dachte er bei dem zweiten Briefe. Er fühlte sich
+schuldig der Schwester gegenüber, weil er bis jetzt nicht erledigt
+hatte, worum sie ihn gebeten. »Ich bin heute wieder nicht aufs
+Gericht gekommen, aber es war heute auch, als hätte man nicht die
+geringste Zeit.« Nachdem er beschlossen hatte, es morgen entschieden
+zur Ausführung zu bringen, begab er sich zu seiner Gattin. Auf dem
+Wege zu ihr ging er noch einmal schnell in der Erinnerung den ganzen
+Tag durch, so wie er ihn verbracht hatte. Alle Erlebnisse des Tages
+bestanden in Gesprächen -- Gesprächen, welche er angehört und an denen
+er teilgenommen hatte.
+
+Alle Gespräche hatten von Dingen gehandelt, mit denen er sich, hätte
+er allein und auf dem Lande gelebt, nie würde beschäftigt haben, die
+aber hier sehr interessant waren. Alle diese Gespräche waren auch gut
+gewesen; nur in zwei Punkten nicht so ganz. Der eine betraf das, was er
+von dem Hechte gesagt hatte, der andere, daß ihm Etwas »nicht richtig«
+vorkam in dem zarten Mitgefühl, welches er für Anna empfand.
+
+Lewin fand sein Weib verstimmt und gelangweilt. Die Tafel der drei
+Schwestern hatte sich ganz heiter gestaltet, dann aber hatte man
+auf ihn gewartet und gewartet, alles begann sich zu langweilen, die
+Schwestern fuhren von dannen und sie war allein zurückgeblieben.
+
+»Nun, was hast du denn gemacht?« frug sie, ihm in die Augen blickend,
+welche ein wenig verdächtig glänzten. Um ihn nicht zu hindern, alles zu
+erzählen, verbarg sie jedoch ihre Wahrnehmung und hörte mit billigendem
+Lächeln seiner Erzählung zu, wie er den Abend verlebt hatte.
+
+»Nun, ich freute mich sehr, daß ich Wronskiy begegnet bin. Ich habe
+mich recht wohl und unbefangen in seiner Gesellschaft gefühlt. Du
+begreifst, daß ich mich jetzt bemühen werde, ihn nie wieder zu sehen;
+aber diese peinliche Situation mußte doch ihr Ende erreichen,« sprach
+er, dachte daran, daß er »sich bemühend, ihn nie wieder zu sehen«,
+sogleich darauf zu Anna gefahren war, und errötete. »Da reden wir, daß
+das Volk trinkt; ich weiß nicht, wer mehr trinkt, das Volk oder unsere
+Gesellschaft; das Volk thut es wenigstens nur an Feiertagen, aber« --
+
+Kity interessierte indessen die Betrachtung, wie das Volk trinke,
+nicht. Sie hatte gesehen, daß er rot geworden war, und wünschte zu
+wissen, warum.
+
+»Nun, und wo warest du dann?«
+
+»Stefan bat mich aufs Dringendste, mit zu Anna Arkadjewna zu fahren.«
+
+Lewin hatte dies kaum gesagt, als er noch mehr errötete, und seine
+Zweifel darüber, ob er gut oder übel daran gethan habe, zu Anna zu
+fahren, waren endgültig entschieden. Er wußte jetzt, daß es nicht
+gerade nötig gewesen war, dies zu thun.
+
+Die Augen Kitys öffneten sich eigentümlich weit und blitzten auf
+bei dem Namen Annas, doch sich selbst bezwingend, verbarg Kity ihre
+Aufregung und täuschte ihn.
+
+»Ah,« sagte sie nur.
+
+»Du wirst wohl nicht ungehalten sein, daß ich dahin gefahren bin.
+Stefan bat mich und Dolly wünschte es,« fuhr Lewin fort.
+
+»O nein,« sagte sie, doch in ihren Augen las er ihre Anstrengung über
+sich selbst, die ihm nichts Gutes verhieß.
+
+»Sie ist sehr liebenswürdig, sehr, sehr beklagenswert, ein gutes Weib,«
+sagte er, von Anna erzählend, von ihren Beschäftigungen und von dem,
+was sie ihm auszurichten befohlen hatte.
+
+»Ja, natürlich, sie ist sehr beklagenswert,« sagte Kity, nachdem er
+geendet hatte. »Von wem hast du einen Brief erhalten?«
+
+Er gab ihr Bescheid, und ging, der Ruhe in ihrem Tone vertrauend, sich
+auszukleiden.
+
+Als er zurückkehrte, fand er Kity noch in demselben Sessel sitzend.
+Nachdem er zu ihr hingetreten war, blickte sie ihn an und brach in
+Thränen aus.
+
+»Was ist? Was ist denn?« frug er, schon vorher den Grund kennend.
+
+»Du hast dich verliebt in dieses abscheuliche Weib; sie hat dich
+bestrickt. Ich seh es an deinen Augen! Ja, ja; was soll daraus werden?
+Du hast im Klub getrunken, getrunken, gespielt und dann bist du zu ihr
+gefahren. Zu wem? Nein; wir reisen ab! Morgen reise ich ab!«
+
+Lewin vermochte lange nicht, sein Weib zu beruhigen. Endlich hatte er
+sie indessen beschwichtigt, jedoch nur dadurch, daß er eingestand, daß
+das Gefühl des Mitleids im Verein mit dem Weine ihn verleitet habe,
+und daß er dem hinterlistigen Einfluß Annas unterlegen sei, diese aber
+fortan meiden werde.
+
+Ein Umstand, welchen er am Aufrichtigsten eingestand, war der, daß er,
+so lange schon in Moskau, lediglich durch diese Unterhaltung, das Essen
+und Pokulieren um seine klare Vernunft gekommen sei.
+
+So sprachen sie bis drei Uhr nachts, und erst um drei Uhr hatten sie
+sich so weit versöhnt, daß sie Schlaf fanden.
+
+
+ 12.
+
+Nachdem Anna ihre Gäste hinausgeleitet hatte, begann sie, ohne wieder
+Platz zu nehmen, im Gemach auf und abzuschreiten. Obwohl sie unbewußt
+-- wie sie in letzter Zeit in ihrem Verhalten jungen Männern gegenüber
+stets gethan -- den ganzen Abend alles Mögliche versucht hatte, in
+Lewin die Empfindung der Liebe für sie zu erwecken, obwohl sie wußte,
+daß sie dies auch erreicht habe, so weit es eben in ihrem Verhältnis
+einem ehrenhaften verheirateten Manne gegenüber und für einen einzigen
+Abend möglich gewesen war -- obwohl auch er selbst ihr sehr gefallen
+hatte (trotz des scharfen Kontrastes, welcher vom Gesichtspunkt des
+Mannes aus zwischen Wronskiy und Lewin bestand, sah sie als Weib in
+beiden ganz ebenso das Gemeinsame, wodurch Kity Wronskiy wie Lewin
+liebgewonnen hatte), dachte sie nicht mehr seiner, sobald er das Zimmer
+verlassen hatte.
+
+Einundderselbe Gedanke verfolgte sie unablässig in verschiedenen
+Gestalten: »Wenn ich so auf andere wirke, auf diesen häuslichen,
+liebenden Mann, wie kommt es da, daß er so kalt ist gegen mich? Oder
+vielmehr, nicht daß er kalt wäre, er liebt mich, ich weiß es; aber
+etwas Fremdartiges trennt uns jetzt! Wie kommt es, daß er den ganzen
+Abend nicht hier ist? Er hat mir durch Stefan sagen lassen, daß er
+Jaschwin nicht verlassen könne und dessen Spiel verfolgen müsse. Was
+für ein Kind ist dieser Jaschwin? Aber gesetzt, es wäre wirklich so
+-- er spricht ja nie die Unwahrheit -- so liegt in dieser Wahrheit
+doch etwas anderes! Er freut sich über die Gelegenheit, mir zeigen zu
+können, daß er auch noch andere Verpflichtungen hat. Ich weiß das, und
+bin damit einverstanden. Aber weshalb muß er mir dies zeigen? Er will
+mir beweisen, daß seine Liebe zu mir nicht seine Freiheit hemmen darf!
+Aber ich brauche keine Beweise, sondern Liebe! Er hätte wohl all das
+Drückende dieses meines Lebens in Moskau begreifen müssen; lebe ich
+denn? Ich lebe nicht, ich erwarte eine Lösung, die sich mehr und mehr
+hinauszieht. Wieder keine Antwort! Stefan sagt, er könne sich nicht zu
+Aleksey Aleksandrowitsch begeben. Ich kann aber doch nicht nochmals
+schreiben. Ich kann nichts thun, nichts anfangen, nichts ändern; ich
+halte mich ruhig zurück, warte ab, indem ich mir Zeitvertreib ersinne
+-- wie die Familie des Engländers, die Schriftstellerei und Lektüre --
+und doch ist das alles nur eine Täuschung, alles das ist das nämliche
+Morphium! Er müßte mich beklagen,« sprach sie und fühlte, wie ihr die
+Thränen des Jammers über sich selbst in die Augen traten.
+
+Da vernahm sie das jähe Läuten Wronskiys und wischte eilig diese
+Thränen ab. Sie wischte nicht nur ihre Thränen weg, sie setzte sich
+noch zur Lampe und schlug ein Buch auf, sich den Anschein der Ruhe
+gebend. Galt es doch, ihm zu zeigen, daß sie mißgestimmt sei, weil er
+nicht zurückgekehrt war, wie er versprochen hatte -- nur mißgestimmt;
+aber nimmermehr wollte sie ihm ihren Schmerz zeigen, oder gar etwa ihr
+Mitleid mit sich selbst.
+
+Sie durfte wohl Mitleid haben mit sich selbst, nicht aber er mit ihr.
+Sie wollte keinen Hader, sie machte ihm einen Vorwurf daraus, daß er zu
+streiten wünschte, und doch geriet sie unwillkürlich in streitlustige
+Stimmung.
+
+»Du hast dich doch nicht gelangweilt?« sagte er, lebhaft und heiter zu
+ihr kommend. »Welch eine furchtbare Leidenschaft -- das Spiel.« --
+
+»Nein; ich habe mich nicht gelangweilt und habe schon seit langem
+gelernt, mich nicht zu langweilen. Stefan und Lewin waren hier.«
+
+»Ja wohl; sie wollten zu dir fahren. Nun, wie hat dir Lewin gefallen?«
+sprach er, sich neben ihr niederlassend.
+
+»Sehr gut. Sie sind nicht lange erst weggefahren. Was hat Jaschwin
+gemacht?«
+
+»Er war im Gewinnen; siebzehntausend Rubel. Ich rief ihn zu mir, er war
+vollkommen einverstanden, schon aufzubrechen, kehrte aber wieder um und
+verspielt jetzt.«
+
+»Weshalb bist du denn dann geblieben?« frug sie, plötzlich die Augen
+zu ihm erhebend. Der Ausdruck ihres Gesichts war kalt und feindselig,
+»du hast Stefan gesagt, du wolltest bleiben, um Jaschwin mit zu dir zu
+nehmen, und hast ihn doch verlassen.«
+
+Der nämliche Ausdruck kalter Kampfbereitschaft drückte sich auch auf
+seinem Antlitz aus.
+
+»Erstens habe ich ihn in keiner Weise gebeten, dich von etwas zu
+benachrichtigen, zweitens spreche ich nie die Unwahrheit. Die
+Hauptsache ist, ich wollte bleiben und bin geblieben,« sagte er,
+finster sprechend. »Anna, warum, warum nur das?« sprach er nach einer
+Minute des Schweigens, sich zu ihr beugend und die Hand öffnend in der
+Hoffnung, daß sie die ihre in sie legen werde.
+
+Sie freute sich über diese Aufforderung, zärtlich zu sein, aber eine
+gewisse, seltsame Macht des Bösen gestattete ihr nicht, sich ihrem
+Zuge zu ihm hinzugeben, gleich als ob die Ursachen zum Hader es nicht
+zuließen, daß sie sich selbst überwinde.
+
+»Natürlich; du wolltest bleiben und bist geblieben. Du thust eben, was
+du willst! Aber warum sagst du mir das? Zu welchem Zweck?« sagte sie,
+immer mehr in Erregung geratend. »Macht dir denn jemand deine Rechte
+streitig? Du willst in deinem Rechte sein; sei es.«
+
+Seine Hand schloß sich, er wandte sich ab und sein Gesicht nahm noch
+mehr als vorher einen Ausdruck von Trotz an.
+
+»Für dich ist dies nur eine Frage des Eigensinnes,« sagte sie, ihn
+unverwandt anblickend, indem sie plötzlich den Namen fand für diesen
+sie in Wallung versetzenden Ausdruck seines Gesichts, »einfach des
+Trotzes! Für dich giebt es nur die Frage, wirst du Sieger bleiben gegen
+mich. Für mich aber« -- wieder empfand sie Mitleid mit sich selbst und
+sie wäre beinahe in Thränen ausgebrochen. »Wüßtest du, um was es sich
+für mich handelt! Wenn ich, so wie jetzt, fühle, daß du dich feindselig
+gegen mich verhältst, thatsächlich feindselig, wüßtest du, was das für
+mich bedeutet! Wenn du wüßtest, wie nahe ich in diesen Augenblicken dem
+Unglück bin, wie ich mich selbst fürchte!« -- Sie wandte sich ab, ihr
+Schluchzen unterdrückend.
+
+»Wovon sprichst du da?« sagte er, erschreckt vor dem Ausdruck ihrer
+Verzweiflung, und sich wiederum zu ihr neigend, ihre Hand ergreifend
+und sie küssend. »Meide ich etwa nicht den Umgang mit den Weibern?«
+
+»Das wäre auch noch!« sagte sie.
+
+»Nun sag', was ich thun soll, damit du beruhigt bist? Ich bin bereit,
+alles zu thun, daß du glücklich sein möchtest,« sprach er, gerührt von
+ihrer Verzweiflung, »was thue ich nicht, um dich von einem Schmerz zu
+befreien, wie er dich jetzt erfüllt, Anna,« sagte er.
+
+»Nicht doch, nicht doch,« sprach sie, »ich weiß selbst nicht; ist
+es das einsame Leben, sind es die Nerven -- nun, wir wollen nicht
+weiter davon sprechen! Wie war es mit dem Rennen? Du hast mir nicht
+davon erzählt?« frug sie, sich bemühend, den Triumph über den Sieg zu
+verbergen, welcher nun doch auf ihrer Seite geblieben war.
+
+Er befahl das Abendessen und begann ihr Einzelheiten über die Rennen zu
+erzählen, aber an seinem Tone, seinen Blicken, die kühler und kühler
+wurden, erkannte sie, daß er ihr ihren Sieg nicht vergeben hatte, daß
+jenes Gefühl des Trotzes, gegen welchen sie gekämpft hatte, wieder in
+ihm erstanden war. Er war kühler gegen sie, als vorher, gleichsam als
+bereute er es, sich unterworfen zu haben, während sie, an die Worte
+denkend, welche ihr den Sieg verliehen hatten »ich bin nahe einem
+furchtbaren Unglück und fürchte mich selbst«, erkannt hatte, daß diese
+Waffe eine gefährliche war, und sie dieselbe nicht ein zweites Mal
+anwenden könne.
+
+Sie fühlte aber auch, daß neben der Liebe, die sie beide vereinte,
+zwischen ihnen der böse Geist einer Kampflust getreten war, den sie
+weder aus seinem Herzen, noch viel weniger aber aus dem ihren zu
+vertreiben vermochte.
+
+
+ 13.
+
+Es giebt keine Verhältnisse, an die sich der Mensch nicht gewöhnen
+könnte; besonders wenn er sieht, daß alle, die ihn umgeben, ebenso
+leben.
+
+Lewin hätte vor drei Monaten nicht geglaubt, daß er unter den
+Verhältnissen, in denen er sich jetzt befand, ruhig einschlafen
+könne; nie gedacht, daß er, indem er ein zweckloses, gehaltloses
+Leben führte, welches noch dazu über seine Mittel ging, nach seinem
+Rausche, -- denn anders konnte er das nicht nennen, was es im Klub
+gab -- nach Anknüpfung ungereimter, freundschaftlicher Beziehungen
+zu einem Manne, in welchen einst seine Frau verliebt gewesen war,
+und einem noch ungereimteren Besuch bei einer Frau, die man nur als
+gefallen bezeichnen konnte, sowie nach seinem Enthusiasmus für diese
+Frau und der Erbitterung der Gattin -- unter solchen Verhältnissen
+ruhig einschlafen könne. Allein unter dem Einfluß der Ermüdung, einer
+schlaflos verbrachten Nacht und des genossenen Weines, entschlief er
+sanft und selig.
+
+Um fünf Uhr weckte ihn das Kreischen einer geöffneten Thür. Er fuhr auf
+und schaute sich um. Kity war nicht mehr im Bett neben ihm, aber hinter
+der spanischen Wand bewegte sich ein Licht und er vernahm ihre Schritte.
+
+»Was giebt es, was giebt es?« sprach er, aus dem Schlafe auffahrend,
+»Kity, was ist?«
+
+»Nichts,« antwortete diese, das Licht in der Hand, hinter der
+Zwischenwand hervortretend. »Es war mir unwohl geworden,« sagte sie,
+mit eigentümlich weichem ausdrucksvollen Lächeln.
+
+»Was ist? Fängt es an, fängt es an?« fuhr er erschreckt fort, »da muß
+geschickt werden,« und hastig wollte er sich ankleiden.
+
+»Nein, nein,« sagte sie, lächelnd, und ihn mit der Hand zurückhaltend.
+»Es ist augenscheinlich nicht von Bedeutung. Es war mir nur ein wenig
+unwohl geworden. Jetzt aber ist es vorüber.«
+
+Zu ihrem Bett gehend, löschte sie wieder das Licht, legte sich nieder
+und blieb still liegen. Obwohl ihm ihre Ruhe, wie die eines verhaltenen
+Atmens, und mehr noch der Ausdruck einer eigenartigen Weichheit
+und Aufgeregtheit an ihr, mit welchem sie, hinter der Zwischenwand
+hervortretend, das »nichts« zu ihm gesagt hatte, verdächtig erschien,
+verlangte es ihn doch so sehr nach Schlaf, daß er sofort wieder
+einschlummerte. Erst später gedachte er dieses stillen Atmens, verstand
+er da alles, was in ihrer edlen, lieben Seele damals vor sich gegangen
+war, als sie, ohne sich zu rühren, in der Erwartung des wichtigsten
+Ereignisses im Leben des Weibes, neben ihm gelegen hatte.
+
+Um sieben Uhr erweckte ihn ihre Hand, die ihn an der Schulter berührte,
+sowie ein leises Flüstern. Sie kämpfte gleichsam noch zwischen dem
+Bedauern, ihn wecken zu müssen und dem Wunsche, mit ihm zu sprechen.
+
+»Mein Konstantin, erschrick nicht. Es ist nichts. Aber nur scheint --
+wir müssen nach der Lisabetha Petrowna schicken« --
+
+Das Licht wurde wieder angezündet. Sie setzte sich im Bett und hielt
+ein Strickzeug in der Hand, mit welchem sie sich in den letzten Tagen
+beschäftigt hatte.
+
+»Bitte, erschrick nicht, es ist nichts. Ich habe durchaus keine Angst,«
+sprach sie, sein erschrecktes Gesicht gewahrend, und drückte seine Hand
+an ihren Busen und dann an ihre Lippen.
+
+Eilig sprang er auf, sich selbst nicht mehr empfindend und kein Auge
+von ihr wendend, zog seinen Hausrock an und blieb stehen, sie noch
+immer anblickend. Er mußte gehen, konnte sich aber nicht losreißen
+von ihrem Blick. Wie sehr er auch ihr Antlitz liebte, ihre Mienen
+kannte, und ihren Blick, aber so hatte er sie doch noch nie gesehen!
+Wie abscheulich und furchtbar erschien er jetzt sich selbst, indem
+er sich ihrer gestrigen Erbitterung entsann, hier vor ihr in ihrer
+Lage jetzt! Ihr gerötetes Gesicht, umgeben von dem sich unter dem
+Nachthäubchen hervordrängenden, weichen Haar, schimmerte von Freude
+und Entschlossenheit. So wenig Unnatürliches und Gekünsteltes auch im
+allgemeinen Charakter Kitys lag, so war Lewin dennoch betroffen von
+dem, was sich vor ihm jetzt enthüllte, als plötzlich alle die Schleier
+abgenommen waren, und der ganze Kern ihrer Seele in ihren Augen
+leuchtete.
+
+In dieser Einfachheit und Hüllenlosigkeit wurde sie, die, welche er
+liebte, noch klarer sichtbar für ihn. Lächelnd schaute sie auf ihn,
+doch plötzlich erbebten ihre Brauen, sie hob das Haupt, und schnell zu
+ihm tretend, nahm sie ihn bei der Hand; sie schmiegte sich eng an ihn,
+und umgab ihn mit ihrem heißen Odem. Sie litt und es war, als beklage
+sie sich bei ihm über ihr Leiden. Auch ihm schien im ersten Augenblick
+nach seiner Gewohnheit, als sei er schuldig, aber in ihrem Blick lag
+eine Zärtlichkeit, welche sagte, daß sie ihm nicht nur keinen Vorwurf
+mache, sondern ihn für diese Leiden liebe. »Wenn ich es nicht bin --
+wer trüge dann die Schuld hieran?« dachte er unwillkürlich, den Urheber
+aller dieser Leiden suchend, um ihn zu strafen; aber es war kein
+Schuldiger da. Sie litt, klagte und triumphierte zugleich über diese
+Leiden, sie freute sich ihrer und liebte sie. Er sah, daß sich in ihrer
+Seele etwas Schönes vollziehe, aber was es war? Er konnte es nicht
+erfassen. Es stand über seinem Erkenntnisvermögen.
+
+»Ich habe zu Mama geschickt, fahre du möglichst schnell nach der
+Lisabetha Petrowna -- mein Konstantin -- es ist nichts; schon vorüber«
+-- Sie verließ ihn und schellte. »Also geh jetzt; Pascha kommt. Mir
+fehlt nichts.«
+
+Mit Verwunderung sah Lewin, daß sie die Strickerei ergriff, die sie am
+Abend mitgebracht hatte und von neuem zu stricken begann.
+
+Während Lewin durch die eine Thür hinausging, hörte er noch, wie das
+Mädchen durch die andere hereintrat. Er blieb an der Thür stehen und
+vernahm, wie Kity der Zofe ausführliche Anweisungen erteilte, und mit
+ihr selbst das Bett zu rücken begann.
+
+Er kleidete sich an und eilte, bis man die Pferde angespannt haben
+würde -- ein Mietgeschirr war noch nicht zu haben -- wieder nach dem
+Schlafzimmer, nicht auf den Fußspitzen, sondern auf Flügeln wie ihm
+schien.
+
+Zwei Mädchen räumten geschäftig um im Schlafzimmer; Kity selbst ging
+umher und strickte, schnell die Maschen werfend und Anordnungen dabei
+treffend.
+
+»Ich werde sogleich zum Arzte eilen. Nach der Lisabetha Petrowna ist
+man gefahren; ich aber will erst noch hin, ist nicht noch etwas nötig?
+Soll ich zu Dolly?«
+
+Sie blickte ihn an, offenbar ohne zu hören, was er sprach.
+
+»Ja, ja. Geh,« sprach sie schnell, sich verfinsternd und ihm mit der
+Hand zuwinkend. Er war schon in den Salon hinaus, als plötzlich ein
+klägliches, sogleich wieder verstummendes Stöhnen aus dem Schlafzimmer
+ertönte. Er blieb stehen und konnte lange nicht verstehen.
+
+»Ja; das war sie,« sagte er zu sich selbst und lief, sich nach dem
+Kopfe greifend, hinab. »Gott erbarme dich! Vergieb mir und steh' mir
+bei!« stammelte er mit Worten, die gleichsam plötzlich und unerwartet
+ihm über die Lippen kamen. Er, der da nicht glaubte, wiederholte diese
+Worte nicht nur mit dem Munde allein. Jetzt, in dieser Minute erkannte
+er, daß nicht nur alle seine Zweifel, sondern auch die Unmöglichkeit,
+aus Verstandesgründen zu glauben, die er in sich selbst wahrgenommen
+hatte, ihn keineswegs daran verhinderten, sich an Gott zu wenden. Alles
+das flog ihm jetzt wie Staub von seiner Seele herunter. An wen sollte
+er sich wenden, wenn nicht an den, in dessen Händen er sich fühlte,
+seine Seele und seine Liebe?
+
+Das Pferd war noch nicht fertig, und so eilte er im Gefühl
+einer eigentümlichen Spannung seiner physischen Kräfte und
+Wahrnehmungsfähigkeit für das, was er zu thun hatte, damit nicht eine
+Minute verloren ging -- ohne auf das Pferd zu warten -- zu Fuß hinweg
+und befahl Kusma, ihm nachzukommen. An der Ecke traf er auf eine
+daherjagende Nachtdroschke. In einem kleinen Schlitten, mit kurzem
+Sammetpelzmantel und in ein Umschlagtuch gewickelt, saß Lisabetha
+Petrowna.
+
+»Gott sei Dank, Gott sei Dank!« sagte er, mit Entzücken sie und ihr
+kleines blondes Gesicht, welches jetzt einen eigentümlich ernsten,
+sogar strengen Ausdruck hatte, erkennend. Ohne dem Kutscher zu
+befehlen, anzuhalten, rannte er neben ihr wieder mit zurück.
+
+»Also seit zwei Stunden? Nicht wahr?« frug sie, »Ihr werdet Peter
+Dmitrjewitsch schon treffen, aber drängt ihn nur nicht! Nehmt auch
+Opium aus der Apotheke mit.«
+
+»So denkt Ihr also, daß es glücklich geht? Gott erbarme sich und steh'
+mir bei!« sagte Lewin, welcher jetzt sein aus dem Thor herauskommendes
+Geschirr erblickte. Zu Kusma in den Schlitten springend, befahl er
+diesem, zum Arzt zu fahren.
+
+
+ 14.
+
+Der Arzt war noch nicht aufgestanden und der Diener sagte, er sei spät
+zu Bett gegangen und habe nicht befohlen, ihn zu wecken, doch stehe er
+bald auf.
+
+Der Diener putzte Lampengläser und schien davon sehr in Anspruch
+genommen zu sein. Diese Aufmerksamkeit des Dieners für seine Gläser
+und der Gleichmut gegenüber dem, was sich bei Lewin vollzog, setzte
+diesen anfangs außer Fassung, doch erkannte er, zur Überlegung kommend
+sogleich, daß ja niemand seine Empfindungen kenne, und kennen müsse,
+und es daher um so notwendiger sei, ruhig zu handeln, wohlüberlegt und
+entschlossen, um diese Mauer der Indifferenz zu durchbrechen und seinen
+Zweck zu erreichen.
+
+»Eile mit Weile,« sagte Lewin zu sich selbst, mehr und mehr eine
+Zunahme seiner physischen Kräfte, sowie seiner Wahrnehmungsfähigkeit
+für alles das, was er zu thun hatte, verspürend.
+
+Nachdem er gehört, daß der Arzt noch nicht aufgestanden sei, blieb
+Lewin innerhalb der verschiedenen Pläne, die in ihm erstanden, bei
+dem, daß Kusma mit einem Billet zu einem andern Arzte fuhr, während
+er selbst in die Apotheke nach Opium eilte; sollte aber, wenn er
+zurückkäme, der Doktor noch nicht aufgestanden sein, so wollte er den
+Diener bestechen oder wenn derselbe nicht einwilligte, den Arzt mit
+Gewalt wecken, koste es, was es wolle.
+
+In der Apotheke verschloß ein dürrer Provisor mit ganz dem nämlichen
+Gleichmut, mit welchem der Lakai die Gläser geputzt hatte, vermittelst
+einer Oblate Pulver für einen wartenden Kutscher, und verweigerte das
+Opium. Im Bestreben, nichts zu überhasten und nicht in Aufregung zu
+geraten, begann Lewin, nachdem er den Namen des Arztes und der Hebamme
+genannt, und erklärt hatte, wozu das Opium nötig sei, den Provisor
+zu überreden. Derselbe frug in deutscher Sprache um Rat, ob er es
+geben könne, und holte, nachdem er hinter einer Zwischenwand heraus
+Zustimmung erhalten hatte, ein Gläschen und einen Trichter herbei,
+worauf er langsam aus einem großen Gefäß in ein kleines Fläschchen goß,
+einen weißen Papierstreif anklebte und siegelte. Ungeachtet der Bitte
+Lewins, es nicht zu thun, wollte er das Fläschchen nochmals einwickeln.
+Das konnte aber Lewin nicht mehr aushalten; entschlossen riß er dem
+Manne das Fläschchen aus den Händen und stürzte zu der großen Glasthür
+hinaus.
+
+Der Arzt war noch nicht aufgestanden, und der Diener, jetzt mit dem
+Aufbreiten eines Teppichs beschäftigt, weigerte sich, ihn zu wecken.
+Lewin zog ohne Überstürzung ein Zehnrubelpapier hervor, gab es ihm, mit
+einigen langsam gesprochenen Worten, aber ohne Zeit zu verlieren, und
+erklärte, daß Peter Dmitrjewitsch -- wie erhaben und bedeutungsvoll
+erschien Lewin jetzt der vorher so unbedeutend gewesene Peter
+Dmitrjewitsch -- versprochen habe, zu jeder Zeit da sein zu wollen,
+und sicherlich nicht ungehalten sein werde selbst darüber, daß er ihn
+sogleich wecke.
+
+Der Diener gehorchte, ging nach oben und lud Lewin ein, in das
+Empfangszimmer zu treten.
+
+Lewin vermochte hinter der Thür zu hören, wie der Arzt hustete,
+umherging, sich wusch und Etwas sagte. Es vergingen drei Minuten; Lewin
+schien es, als wäre mehr als eine halbe Stunde vergangen. Er konnte
+nicht länger warten.
+
+»Peter Dmitrjewitsch, Peter Dmitrjewitsch,« rief er mit beschwörender
+Stimme in die geöffnete Thür hinein; »um Gottes willen, verzeiht mir,
+nehmt mich heute, wie ich bin; es hat schon seit mehr als zwei Stunden
+begonnen!«
+
+»Sofort, sofort!« antwortete eine Stimme und Lewin hörte mit Erstaunen,
+daß der Arzt dies lächelnd sagte.
+
+»Auf eine Minute!«
+
+»Sogleich.«
+
+Es vergingen noch zwei Minuten, während deren der Arzt die Stiefel
+anzog, zwei weitere, während er das Tuch umwarf und sich den Kopf
+bürstete.
+
+»Peter Dmitrjewitsch,« begann Lewin abermals mit kläglicher Stimme,
+doch gerade erschien der Arzt, angekleidet und gekämmt. »Diese Leute
+haben kein Gewissen,« dachte Lewin, »sich zu kämmen, während wir
+verderben!«
+
+»Guten Morgen!« sagte der Arzt zu ihm, die Hand hinreichend, als wollte
+er ihn mit seiner Ruhe necken. »Beunruhigt Euch nicht, wie steht es?«
+
+Sich bemühend, so ausführlich wie möglich zu sein, begann Lewin alle
+unnötigen Einzelheiten über den Zustand seiner Frau zu erzählen, seinen
+Bericht unaufhörlich mit Bitten, der Arzt möchte sogleich mit ihm
+kommen, unterbrechend.
+
+»Habt keine Angst; Ihr kennt das wohl noch nicht. Ich bin gewiß gar
+nicht notwendig, habe es aber versprochen und werde kommen. Aber
+Eile hat es keine. Setzt Euch doch gefälligst; ist nicht ein Kaffee
+gefällig?«
+
+Lewin schaute ihn an, mit dem Blick fragend, ob sich der Arzt über ihn
+lustig machen wolle. Doch dieser dachte gar nicht daran, zu scherzen.
+
+»Ich weiß schon, weiß schon,« sprach er lächelnd, »auch ich bin
+Familienvater, aber wir, die Männer, sind in diesen Augenblicken doch
+die beklagenswertesten Menschen. Ich habe da eine Patientin, deren Mann
+in solchen Momenten stets in den Pferdestall läuft.«
+
+»Aber wie meint Ihr, Peter Dmitrjewitsch? Glaubt Ihr, daß alles
+glücklich gehen kann?«
+
+»Alle Bedingungen für einen günstigen Ausgang sind vorhanden.«
+
+»Ihr kommt also sofort?« sagte Lewin, zornig auf den Diener blickend,
+der den Kaffee brachte.
+
+»In einem Stündchen.«
+
+»Ach, nein doch, um Gottes willen!«
+
+»Aber dann laßt mich doch wenigstens meinen Kaffee trinken.«
+
+Der Arzt widmete sich dem Kaffee. Beide schwiegen.
+
+»Man wird die Türken doch entschieden schlagen. Habt Ihr die gestrige
+Depesche gelesen?« sagte der Doktor semmelkauend.
+
+»Nein; ich kann nicht mehr,« rief Lewin aufspringend, »Ihr werdet also
+nach Verlauf einer Viertelstunde kommen?«
+
+»In einer halben Stunde.«
+
+»Auf Ehrenwort?«
+
+Als Lewin wieder nach Hause kam, traf er mit der Fürstin zusammen,
+und beide begaben sich zur Thür des Schlafzimmers. Die Fürstin hatte
+Thränen in den Augen und ihre Hände zitterten; als sie Lewin erblickte,
+umarmte sie ihn und brach in Thränen aus.
+
+»Nun, liebe Lisabetha Petrowna,« sagte sie, die ihnen mit hellem,
+sorglichen Gesicht daraus entgegentretende Lisabetha Petrowna an der
+Hand fassend.
+
+»Es geht gut,« sagte sie, »überredet sie nur, sich niederzulegen. Es
+wird ihr dann leichter sein.«
+
+Seit dem Augenblick, als er erwacht war und erkannt hatte, um was es
+sich handelte, hatte er sich darauf vorbereitet, ohne Erwägungen und
+Vermutungen im voraus anzustellen, alle Gedanken und Gefühle in sich
+verschließend, mannhaft, sein Weib nicht aus der Fassung bringend,
+sondern im Gegenteil sie beruhigend und ihren Heldenmut stützend -- zu
+ertragen, was ihm bevorstand.
+
+Ohne sich zu gestatten, nur daran zu denken, was kommen würde, und wie
+das enden sollte, nur nach seinen eingehenden Erkundigungen, wie sehr
+sich derartige Ereignisse gewöhnlich in die Länge zögen, urteilend,
+hatte sich Lewin innerlich gefaßt gemacht, zu dulden, fünf Stunden
+lang, und es hatte ihm das auch möglich geschienen.
+
+Als er indessen vom Arzte heimgekommen war und von neuem ihre Leiden
+sah, begann er öfter und öfter zu wiederholen »Gott vergieb mir und
+steh' mir bei!« und seufzend den Kopf emporzuheben, und fing an zu
+befürchten, daß er dies nicht aushalten, sondern in Thränen ausbrechen,
+oder davonlaufen würde. In solch qualvoller Stimmung befand er sich,
+und doch war erst eine Stunde vergangen.
+
+Aber nach dieser Stunde verging noch eine; zwei, drei, alle fünf
+Stunden vergingen, die er sich als höchste Frist seiner Geduldsprobe
+gesetzt hatte, und die Situation war noch immer dieselbe; er litt
+noch immer, weil sich weiter nichts thun ließ als leiden, jede Minute
+denkend, er sei bis an die äußersten Grenzen der Geduld gekommen, und
+das Herz müsse ihm nun von Mitleid zerrissen werden.
+
+Aber Minuten vergingen, Stunden, Stunden auf Stunden, und die
+Empfindungen von Schmerz und Angst in ihm wuchsen und wurden noch höher
+gespannt.
+
+Alle jene gewöhnlichen Verhältnisse im Leben, ohne die man sich
+gewöhnlich nichts vorstellen kann, waren für Lewin nicht mehr
+vorhanden. Er hatte das Zeitbewußtsein verloren. Jene Minuten -- jene
+Minuten, da sie ihn zu sich rief und er ihre schweißbedeckte, mit
+außergewöhnlicher Kraft seine Hand bald pressende, bald hinwegstoßende
+Rechte hielt, schienen ihm bald Stunden, bald schienen sie ihm Minuten.
+Er war verwundert, als Lisabetha Petrowna ihn bat, das Licht hinter dem
+Schirm anzuzünden und als er wahrnahm, daß es bereits fünf Uhr abends
+war.
+
+Hätte man ihm gesagt, daß es jetzt erst zehn Uhr morgens wäre, er
+würde ebensowenig verwundert gewesen sein. Wo er während dieser
+Zeit war, wußte er ebensowenig, wie wenn Etwas geschah. Er sah ihr
+glühendes, bald verzweifeltes und leidendes, bald lächelndes und ihn
+beschwichtigendes Gesicht. Er sah auch die Fürstin, rot im Gesicht,
+aufgeregt, mit den aufgegangenen Locken der grauen Haare, und in
+Thränen, die sie mühsam verschluckte, sich die Lippen zernagen; er
+sah Dolly, den Arzt, welcher dicke Cigaretten rauchte, und Lisabetha
+Petrowna mit ihrem festen, energischen und ruhigen Gesicht, sowie den
+alten Fürsten, der mit finsterem Gesicht im Salon auf und abschritt.
+Aber wie sie gekommen waren oder gingen, wo sie waren -- er wußte es
+nicht.
+
+Die Fürstin war bald bei dem Arzte im Schlafzimmer, bald im Kabinett,
+wo sich ein gedeckter Tisch befand; bald war sie abwesend und Dolly war
+da. Dann erinnerte sich Lewin, daß man ihn fortgeschickt hatte; einmal
+hatte man ihn geschickt, einen Tisch und ein Sofa zu transportieren. Er
+hatte dies voll Eifers gethan, indem er meinte, es sei für sie nötig,
+und erst dann erkannt, daß er sich selbst damit ein Nachtlager bereitet
+hatte. Darauf sandte man ihn zum Arzt ins Kabinett, damit er nach etwas
+frage. Der Arzt antwortete und begann dann von den Unordnungen in der
+Duma zu sprechen. Hierauf schickte man ihn in das Schlafzimmer zur
+Fürstin, derselben ein Heiligenbild in silbernem, vergoldetem Gewand
+zu bringen. Er kletterte nebst der alten Kammerfrau der Fürstin auf
+einen Schrank, um es zu erlangen und zerbrach dabei eine Lampe; die
+Kammerfrau der Fürstin beruhigte ihn über seine Frau und über die
+Lampe und er brachte das Heiligenbild und stellte es zu Häupten Kitys,
+es sorgfältig hinter die Kissen steckend. Aber wo, wann und warum
+alles das war, wußte er nicht. Er verstand auch nicht, weshalb ihn die
+Fürstin bei der Hand nahm und ihn mit einem Blick voll Mitleid bat,
+sich zu beruhigen, weshalb Dolly ihm zuredete, zu essen, und ihn aus
+dem Zimmer führte, ja, selbst der Doktor ihn ernst und teilnahmsvoll
+anschaute und ihm einen stärkenden Tropfen empfahl.
+
+Er wußte und fühlte nur, daß das, was sich jetzt vollzog, dem ähnlich
+war, was sich ein Jahr vorher in dem Hotel der Gouvernementsstadt auf
+dem Totenbett seines Bruders Nikolay vollzogen hatte.
+
+Jenes aber war ein Schmerz gewesen -- dies war eine Freude! -- Doch
+sowohl jener Schmerz, wie diese Freude lagen vereinsamt außerhalb aller
+gewohnten Verhältnisse des Lebens; sie bildeten in diesem gewöhnlichen
+Leben gleichsam Öffnungen, durch welche etwas Höheres erschien. In ganz
+gleicher Weise unergründlich, erhob sich die Seele vor der Betrachtung
+dieses Höchsten auf eine Höhe, wie sie nie zuvor begriffen, und wohin
+der Verstand nicht mehr reichte.
+
+»Gott vergieb mir und steh' mir bei,« stammelte er ohne Unterlaß,
+ungeachtet der so langjährigen und ihm vollkommen erschienenen
+Entfremdung, in dem Gefühl, daß er sich ganz so vertrauensselig und
+naiv wieder zu Gott wende, wie in den Zeiten seiner Kindheit und ersten
+Jugend.
+
+Während dieser ganzen Zeit herrschten in ihm zwei in sich gesonderte
+Stimmungen. Die eine war vorhanden, wenn er sich nicht in der Gegenwart
+seiner Frau befand; sie gruppierte sich um den Arzt, welcher eine
+seiner dicken Zigaretten nach der anderen rauchte und sie dann an dem
+Rande des gefüllten Aschenbechers löschte, um Dolly und den Fürsten,
+von denen ein Gespräch über das Essen, über die Politik und die
+Krankheit Marja Petrownas gepflogen wurde, und wo Lewin plötzlich
+auf einen Moment völlig vergaß, was vorging, sich gleichsam erwacht
+fühlte -- die andere herrschte in ihm, wenn er in ihrer Gegenwart war;
+an ihrem Kopfkissen stand, und es ihm das Herz zerreißen wollte vor
+Mitleid und doch nicht zerriß, und wo er ohne Aufhören zu Gott flehte.
+
+Jedesmal, wenn ihn ein aus dem Schlafzimmer zu ihm dringender Schrei
+einer Minute des Vergessens wieder entriß, geriet er in den nämlichen
+seltsamen Irrtum, dem er in der ersten Minute verfallen war. Jedesmal,
+sobald er einen Schrei vernahm, sprang er auf und eilte, um sich zu
+entschuldigen, besann sich aber unterwegs, daß er ja nicht schuld sei;
+er wollte schützen, helfen. Erblickte er sie aber dann, sah er von
+neuem, daß es unmöglich sei zu helfen, so geriet er in Schrecken und
+sprach »Gott vergieb mir und steh mir bei.«
+
+Je weiter die Zeit vorrückte, um so stärker wurden diese beiden
+Stimmungen; um so ruhiger wurde er, indem er seine Frau völlig vergaß,
+in der Abwesenheit von ihr, um so qualvoller wurden ihm aber auch ihre
+Leiden und das Gefühl der Hilflosigkeit, diesen gegenüber. Er sprang
+empor, wollte fort, und lief zu ihr.
+
+Bisweilen, wenn sie ihn immer und immer wieder rief, machte er ihr
+Vorwürfe, doch wenn er ihr ergebenes, lächelndes Antlitz gesehen,
+ihre Worte gehört hatte: »Ich martere dich,« machte er Gott Vorwürfe,
+gedachte er aber Gottes, so flehte er sogleich um Vergebung und
+Erbarmen.
+
+
+ 15.
+
+Er wußte nicht, ob es spät oder früh war. Die Kerzen waren schon
+sämtlich niedergebrannt. Dolly war soeben im Kabinett gewesen und hatte
+dem Arzte vorgeschlagen, sich niederzulegen.
+
+Lewin saß, den Erzählungen des Doktors über den Charlatanismus eines
+Magnetiseurs zuhörend, und schaute auf die Asche seiner Cigarette. Es
+war eine Ruhepause eingetreten und er hatte sich in Gedanken verloren.
+Er hatte vollständig vergessen, was jetzt vorging, hörte der Erzählung
+des Arztes zu und verstand sie. Plötzlich ertönte ein mit nichts mehr
+zu vergleichender Schrei. Der Schrei war so furchtbar, daß Lewin nicht
+einmal aufsprang, sondern mit stockendem Atem, erschrocken fragend
+den Arzt anblickte. Dieser neigte lauschend den Kopf seitwärts, und
+lächelte befriedigt. Alles war so außergewöhnlich gewesen, daß Lewin
+schon nichts mehr in Erstaunen versetzte. »Es muß wahrscheinlich so
+sein,« dachte er und blieb sitzen. Von wem rührte der Schrei her?
+Er sprang auf und eilte auf den Fußspitzen in das Schlafzimmer; er
+eilte an Lisabetha Petrowna und der Fürstin vorüber und trat auf
+seinen Platz zu Häupten. Der Schrei war verstummt, aber es ging jetzt
+eine Veränderung vor sich. Was es war -- das sah und erkannte er
+nicht, wollte er auch weder sehen, noch erkennen. Aber er nahm diese
+Veränderung wahr an dem Gesicht Lisabetha Petrownas, welches streng und
+bleich, noch immer so energisch war, obwohl ihre Kinnbacken bisweilen
+leise bebten und ihre Augen unverwandt auf Kity gerichtet waren.
+
+Das glühende, erschöpfte Antlitz Kitys mit dem am schweißbedeckten
+Gesicht klebenden Haargewirr war ihm zugewendet und suchte seinen
+Blick. Ihre erhobenen Arme verlangten nach den seinen, und mit ihren
+schweißbedeckten Händen die seinen, welche kalt waren, fassend, drückte
+sie dieselben an ihr Gesicht.
+
+»Geh' nicht von mir, geh' nicht von mir! Ich habe keine Angst, ich habe
+keine Angst!« sprach sie rasch. »Mama, nehmt mir die Ohrringe weg,
+sie stören mich. Hast du auch keine Angst? -- Bald, bald, Lisabetha
+Petrowna!« --
+
+Sie sprach schnell, schnell, und wollte lächeln, aber plötzlich
+verzerrte sich ihr Gesicht und sie stieß ihn von sich.
+
+»Nein, das ist furchtbar! Ich sterbe, sterbe! Komm her, komm her!«
+schrie sie auf, und wieder ertönte der nämliche, mit nichts zu
+vergleichende Schrei.
+
+Lewin griff sich nach dem Kopfe und stürzte aus dem Zimmer hinaus.
+
+»Es ist nichts, nichts; alles geht gut!« rief Dolly ihm nach.
+
+Doch was man auch sagen mochte, er wußte, daß jetzt alles verloren
+war. Den Kopf gegen die Oberschwelle der Thür gelehnt, stand er im
+Nebenzimmer und vernahm ein von ihm noch nie gehörtes Wimmern und
+Schreien; er erkannte, das jetzt ein Wesen schrie, welches früher Kity
+gewesen war. Ein Kind hatte er nicht gewünscht. Er haßte jetzt dieses
+Kind, ja wünschte jetzt nicht einmal dessen Leben, sondern nur die
+Abkürzung dieser entsetzlichen Leiden.
+
+»Doktor! Was ist das! Was ist das; mein Gott!« sagte er, den
+eintretenden Arzt am Arme packend.
+
+»Es geht zu Ende,« sagte der Arzt; sein Gesicht war so ernst, als er
+dies sagte, daß Lewin dieses »es geht zu Ende« in dem Sinne auffaßte,
+als ob sie stürbe.
+
+Nicht mehr bei Sinnen, rannte er in das Schlafzimmer. Das erste, was
+er hier erblickte, war das Gesicht Lisabetha Petrownas. Es war noch
+finstrer und ernstrer geworden. Das Gesicht Kitys war nicht da. An
+der Stelle, wo es vorher gewesen, lag etwas Entsetzenerregendes, nach
+dem Ausdruck von Anstrengung und den Tönen die von dorther kamen, zu
+urteilen. Er fiel mit dem Kopfe auf die Bettstelle, und fühlte, wie es
+ihm das Herz zerriß. Das furchtbare Schreien verstummte nicht mehr,
+es wurde noch furchtbarer und, als wäre es bis zur höchsten Grenze
+des Entsetzlichen gelangt -- verstummte es plötzlich. Lewin traute
+seinen Ohren nicht, aber es war nicht zu bezweifeln; das Schreien war
+verstummt und man hörte jetzt ein leises Geräusch und schnelles Atmen,
+sowie ihre sich losringende, lebhafte, milde und glückselige Stimme die
+ein leises »vorbei« hervorbrachte.
+
+Er hob den Kopf. Kraftlos die Hand auf die Bettdecke sinken lassend,
+schaute sie ihn, seltsam schön und still, wortlos an; sie wollte
+lächeln, vermochte es aber nicht, und plötzlich fühlte sich Lewin
+aus jener geheimnisvollen und furchtbaren, überirdischen Welt, in
+der er die letzten zweiundzwanzig Stunden gelebt hatte, in die
+frühere, gewohnte zurückversetzt, die ihm jetzt jedoch in solch neuem
+Glanze von Glück erschien, daß er ihn nicht ertragen konnte. Die
+gespannt gewesenen Saiten waren sämtlich gerissen. Schluchzen und
+Freudenthränen, die er nimmermehr vorausgesehen hätte, stiegen in ihm
+mit solcher Gewalt, seinen ganzen Körper erschütternd, auf, daß sie ihn
+lange Zeit am Sprechen verhinderten.
+
+Auf die Kniee niederfallend vor dem Bett, hielt er die Hand seines
+Weibes an seine Lippen und küßte sie, und diese Hand antwortete seinen
+Küssen mit einer schwachen Bewegung der Finger. Währenddem aber
+bewegte sich unten, zu Füßen des Bettes, in den gewandten Händen der
+Lisabetha Petrowna, wie ein Flämmchen aus dem Leuchter, ein lebendiges
+menschliches Wesen hin und her, welches früher nie gewesen war, nun
+aber mit dem gleichen Rechte, mit der nämlichen Bedeutung für sich
+selbst, leben sollte und seinesgleichen zeugen.
+
+»Es lebt, es lebt! Und noch dazu ein Junge! Fürchtet nichts!« hörte
+Lewin die Stimme der Lisabetha Petrowna, die mit der zitternden Hand
+klatschend den Rücken des Kindes schlug.
+
+»Mama, ist es wahr?« sagte die Stimme Kitys.
+
+Nur das Schluchzen der Fürstin antwortete ihr.
+
+Inmitten des Schweigens aber ertönte, wie eine unbegreifbare Antwort
+auf die Frage an die Mutter, eine Stimme, die vollkommen verschieden
+war von den Stimmen, welche verhalten im Zimmer sprachen. Es war der
+kecke, dreiste, unbekümmerte Schrei eines neuen menschlichen Wesens,
+das auf unbegreiflichem Wege erschienen ist.
+
+Hätte man Lewin früher gesagt, daß Kity einmal sterben werde und er
+mit ihr zusammen, und daß ihre Kinder Engel würden und Gott dann bei
+ihnen sein werde -- er hätte sich über nichts gewundert; jetzt aber,
+in die Welt der Wirklichkeit zurückversetzt, machte er die größten
+Anstrengungen im Denken, um zu begreifen, daß sie noch lebte, gesund
+sei, und daß jenes verzweifelt wimmernde Wesen sein Sohn sei.
+
+Kity lebte, ihre Leiden waren vorüber, und er war unsagbar glücklich.
+Das erkannte er, und er war vollkommen glücklich darüber. Aber das
+Kind? Woher kam es, warum war es und was war es? Er vermochte sich
+durchaus nicht an diesen Gedanken zu gewöhnen; es erschien ihm aber
+auch durch irgend einen Umstand, an den er sich nicht gewöhnen konnte,
+überflüssig, überzählig.
+
+
+ 16.
+
+In der zehnten Stunde saßen der alte Fürst, Sergey Iwanowitsch und
+Stefan Arkadjewitsch bei Lewin. Nachdem man über die Wöchnerin
+gesprochen hatte, unterhielt man sich auch über nebensächliche Dinge.
+
+Lewin hörte ihnen zu und dachte unwillkürlich bei diesen Gesprächen
+der Vergangenheit, dessen, was bis zum heutigen Morgen geschehen war;
+er vergegenwärtigte sich auch, wie er sich noch gestern dazu gestellt
+hatte. Es war ihm, als seien seit dieser Zeit hundert Jahre vergangen.
+Er fühlte sich auf einer gewissen unzugänglichen Höhe, von welcher
+er sich vorsorglich herabließ, um diejenigen nicht zu verletzen, mit
+denen er sprach. Er sprach, und dachte dabei fortwährend seines
+Weibes, der Einzelheiten ihres jetzigen Zustandes, und seines Sohnes,
+und suchte sich an den Gedanken seines Vorhandenseins zu gewöhnen. Die
+ganze Welt des Weiblichen, welche für ihn eine neue, ihm unbekannt
+gewesene Bedeutung erlangt hatte, seitdem er verheiratet war, erhob
+sich jetzt in seinem Begriffsvermögen so hoch, daß er sie mit seiner
+Vorstellungskraft nicht mehr zu umfassen vermochte. Er hörte auf das
+Gespräch über ein Essen am gestrigen Tag im Klub und dachte dabei »wie
+mag es jetzt mit ihr stehen, ob sie eingeschlafen ist? Wie mag sie sich
+befinden? Was mag sie denken? Schreit der kleine Dmitry?« Und mitten in
+der Unterhaltung sprang er auf und verließ das Zimmer.
+
+»Man hat mir gemeldet, man kann zu ihr,« sagte der Fürst. »Gut;
+sogleich« -- antwortete Lewin, und ging ohne Verzug zu ihr.
+
+Sie schlief nicht und sprach leise mit ihrer Mutter, Pläne über die
+bevorstehende Taufe entwerfend.
+
+Geputzt, frisiert und in einem zierlichen Häubchen mit blauem Band,
+die Hände auf der Bettdecke ausgestreckt, lag sie auf dem Rücken, und
+winkte ihn mit dem Blick zu sich, indem sie dem seinigen begegnete.
+Ihr Blick, schon ohnehin hell, wurde noch lichter im Maße, als er sich
+ihr näherte. Auf ihrem Gesicht lag jene Wandlung vom Irdischen zum
+Überirdischen, welche auf dem Gesicht Verstorbener zu liegen pflegt.
+Dort aber liegt Vergebung darauf; hier ein Wunsch nach Begegnung.
+Wiederum trat ihm jene Wallung, ähnlich derjenigen, die er in den
+Augenblicken der Niederkunft empfunden hatte, ans Herz. Sie nahm ihn
+bei der Hand und frug, ob er geschlafen habe. Er konnte nicht antworten
+und wandte sich ab, von seiner Schwäche übermannt.
+
+»Ich habe mich vergessen, mein Konstantin,« sagte sie zu ihm, »doch
+jetzt befinde ich mich recht wohl.« Sie schaute ihn an, doch plötzlich
+veränderte sich ihr Ausdruck. »Gebt ihn mir her,« sprach sie, das
+Wimmern des Kindes vernehmend. »Gebt ihn her, Lisabetha Petrowna, er
+soll ihn sehen.«
+
+»Hier, der Papa muß ihn sehen,« sagte Lisabetha Petrowna, ein rotes,
+seltsames, sich bewegendes Etwas emporhebend und herbeibringend; »doch
+halt, wir wollen ihn erst putzen,« und Lisabetha Petrowna legte dieses
+sich bewegende, rote Ding auf das Bett, wickelte das Kind auf, und
+wickelte es wieder zu, nachdem sie es mit einem Finger aufgehoben,
+umgewendet, und es mit irgend etwas bestreut hatte.
+
+Lewin machte, indem er dieses einzige, klägliche Wesen ansah,
+vergebliche Anstrengungen, in seiner Seele einige Kennzeichen
+von Vatergefühl für dasselbe zu entdecken. Er empfand nur Ekel
+vor ihm. Nachdem es jedoch der Hüllen entledigt war, die zarten
+Ärmchen, Füßchen, die wie Saffran aussahen, sichtbar wurden, mit den
+kleinen Fingerchen, selbst mit dem Daumen, der sich vor den anderen
+auszeichnete, und als er wahrnahm, wie Lisabetha Petrowna -- als wären
+es weiche Sprungfedern -- die gespreizten Ärmchen andrückte, indem sie
+sie in ein leinenes Jüpchen steckte, überkam ihn ein solches Mitleid
+mit diesem Wesen, und eine solche Angst, sie könne demselben schaden,
+daß er sie an der Hand festhielt.
+
+Lisabetha Petrowna lachte.
+
+»Habt keine Angst; habt keine Angst!«
+
+Nachdem das Kind angezogen und zu einer drallen Puppe umgewandelt
+worden war, wälzte es Lisabetha Petrowna, als sei sie stolz auf ihr
+Werk, und trat dann zurück, damit Lewin den Sohn in seiner ganzen
+Schönheit sehen könne.
+
+Kity schaute unverwandt gleichfalls nach ihm hin.
+
+»Reicht ihn her, reicht ihn her!« sagte sie und wollte sich sogar
+erheben.
+
+»Was macht Ihr, Katharina Aleksandrowna, solche Bewegungen dürft Ihr
+nicht machen! Wartet nur, ich werde ihn Euch schon geben. Jetzt wollen
+wir uns aber erst Papa zeigen, wie hübsch wir sind.«
+
+Und Lisabetha Petrowna erhob auf dem einen Arme -- der andere stützte
+nur mit den Fingern das noch haltlose Genick -- dieses seltsame,
+zappelnde, seinen Kopf unter dem Saum der Windel verbergende rote
+Wesen. Doch es hatte auch eine Nase, schielende Augen und schmatzende
+Lippen.
+
+»Ein schönes Kind!« sagte Lisabetha Petrowna.
+
+Lewin seufzte voll Ingrimm. Dieses schöne Kind flößte ihm nur das
+Gefühl des Abscheues und des Mitleids ein. Das war durchaus nicht das
+Gefühl, welches er erwartet hatte.
+
+Er wandte sich ab, während Lisabetha Petrowna das Kind an die noch
+nicht gewohnte Brust zu legen suchte.
+
+Ein Lachen ließ ihn plötzlich den Kopf heben. Kity hatte gelacht. Das
+Kind hatte sich an ihre Brust gemacht.
+
+»Genug, genug nun!« sagte Lisabetha Petrowna, doch Kity ließ es nicht
+von sich. Es schlief in ihren Armen ein.
+
+»Sieh jetzt her,« sprach Kity, ihm das Kind so zuwendend, daß er
+es sehen konnte. Das ältlich aussehende Gesichtchen runzelte sich
+plötzlich noch mehr; das Kind nieste.
+
+Lächelnd und mit Mühe die Thränen zurückhaltend, küßte Lewin sein Weib
+und verließ das verdunkelte Gemach.
+
+Was er für dieses kleine Geschöpf empfand, war durchaus nicht das, was
+er erwartet hatte. Nichts Heiteres und Freudiges lag in diesem Gefühl;
+im Gegenteil, es verursachte ihm eine ungewohnte, peinliche Angst;
+die Erkenntnis eines neuen Gebietes, auf dem er verwundbar war. Diese
+Erkenntnis war ihm in der ersten Zeit so peinlich, die Angst davor, daß
+dieses hilflose Wesen nicht litte, war so stark, daß infolge derselben
+die Empfindung einer ungemessenen Freude, selbst des Stolzes, die er
+hatte, als das Kind nieste, gar nicht bemerkbar wurde.
+
+
+ 17.
+
+Die Verhältnisse Stefan Arkadjewitschs hatten sich sehr verschlechtert.
+Die Gelder für zwei Drittel des Waldes waren bereits verlebt, und
+das dritte Drittel hatte er unter einem Zinsenabzug von zehn Prozent
+bei dem Kaufmann schon im voraus fast ganz erhoben. Der Kaufmann gab
+kein Geld mehr her, umsoweniger, als sich in diesem Winter Darja
+Aleksandrowna, zum erstenmale rückhaltlos ihre Rechte auf ihr Vermögen
+geltend machend, geweigert hatte, einen Kontrakt über den Empfang des
+Betrages für das letzte Drittel des Waldes zu unterschreiben.
+
+Der ganze Gehalt ging für die häuslichen Ausgaben, sowie für die
+Begleichung der kleinen Forderungen auf, die sich nicht aufschieben
+ließen. An Geld war vollständige Ebbe eingetreten.
+
+Das war unangenehm, peinlich, und konnte nach der Meinung Stefan
+Arkadjewitschs nicht so fortgehen. Die Ursache lag nach seiner
+Auffassung darin, daß er einen zu geringen Gehalt bezog. Das Amt,
+welches er bekleidete, war offenbar sehr gut gewesen vor fünf Jahren,
+jetzt aber war dem nicht mehr so. Petroff, der Bankdirektor, hatte
+zwölftausend Rubel; Swentizkiy, ein Mitglied der Gesellschaft, hatte
+siebzehntausend, und Mitin, der die Bank gegründet hatte, bezog
+fünfzigtausend Rubel. »Offenbar habe ich geschlafen und man hat mich
+vergessen,« dachte Stefan Arkadjewitsch bei sich, und fing nun an,
+das Ohr zu spitzen, und um sich zu schauen, und gegen das Ende des
+Winters hin hatte er eine sehr gute Stelle erspäht, auf welche er nun
+eine Attacke machte; zuerst von Moskau aus, mit Hilfe seiner Tanten,
+Onkel und Freunde, dann aber, nachdem die Sache reif geworden, fuhr
+er mit dem Frühling selbst nach Petersburg. Es war eines jener Ämter,
+deren jetzt, mit Einkünften von ein bis zu fünfzigtausend Rubel
+jährlich Gehalt, mehr geworden sind, als früher vorhanden waren,
+behagliche, sportelfette Ämter. Es war die Stellung eines Mitglieds
+in der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz der
+südlichen Eisenbahnen und Bankinstitute. Dieses Amt forderte, wie alle
+derartigen Stellungen, so ungeheure Kenntnisse, solche Thätigkeit, daß
+es schwer war, es in einem einzelnen Menschen zu vereinigen.
+
+Da nun ein solcher Mann, der diese Eigenschaften in sich vereinigte,
+nicht vorhanden war, war es immer noch das beste, wenn das Amt
+ein ehrenhafter Mann bekleidete, als ein unehrenhafter. Stefan
+Arkadjewitsch aber war nicht nur ein Ehrenmann -- ohne Betonung --
+sondern er war ein ehrlicher Mensch -- mit Betonung -- in jenem
+eigentümlichen Sinne, den dieses Wort in Moskau besitzt, wenn man sagt:
+Ein ehrlicher Beamter, Schriftsteller, ein ehrliches Journal, eine
+solide Unternehmung, ehrliche Richtung; und welcher nicht nur andeutet,
+daß ein Mensch oder eine Institution nicht unehrenhaft ist, sondern
+auch, daß dieselben fähig sind, bei Gelegenheit der Regierung einen
+Stich zu versetzen.
+
+Stefan Arkadjewitsch verkehrte in Moskau in denjenigen Kreisen, in
+denen dieses Wort eingeführt war, in denen er als ehrenhafter Mann
+angesehen wurde und demgemäß mehr Anrechte auf diese Stellung hatte,
+als andere.
+
+Das Amt warf jährlich von sieben bis zu zehntausend Rubel ab und
+Oblonskiy konnte es bekleiden, ohne dabei seinen Regierungsposten
+aufzugeben. Es hing von zwei Ministerien ab, von einer Dame und zwei
+Juden, und alle diese Leute mußte Stefan Arkadjewitsch -- obwohl sie
+schon vorbereitet waren -- in Petersburg besuchen. Außerdem hatte er
+seiner Schwester Anna versprochen, von Karenin eine bestimmte Antwort
+betreffs der Ehescheidung zu erlangen.
+
+Nachdem er sich von Dolly fünfzig Rubel erbeten hatte, fuhr er nach
+Petersburg.
+
+In dem Kabinett Karenins sitzend, und dessen Projekt betreffs des
+schlechten Zustandes der russischen Finanzen anhörend, wartete Stefan
+Arkadjewitsch nur auf die Minute, wo Karenin enden würde, um von seiner
+Angelegenheit und von Anna zu beginnen.
+
+»Ja, das ist sehr wichtig,« sagte er, als Aleksey Aleksandrowitsch sein
+Pincenez abnahm, ohne welches er jetzt nicht mehr lesen konnte, und
+fragend seinen ehemaligen Schwager anschaute, »das ist sehr richtig in
+den Einzelheiten, aber bei alledem ist doch das Prinzip unserer Zeit --
+die Freiheit.«
+
+»Ich stelle aber eben ein anderes Prinzip auf, welches das Prinzip
+der Freiheit mit einschließt,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, das
+Wort »einschließt« betonend und das Pincenez wieder aufsetzend, um
+noch einmal seinem Zuhörer die Stelle vorzulesen, in welcher eben dies
+gesagt war.
+
+Das schöngeschriebene Manuskript mit den großen weißen Rändern
+durchblätternd, las Aleksey Aleksandrowitsch aufs neue die überzeugende
+Stelle.
+
+»Ich will kein Protektionssystem, keines im Interesse einzelner
+Privatpersonen, sondern eines im Interesse des allgemeinen Wohls -- für
+die niedrigsten ebenso wie für die höchsten Klassen« -- sagte er, über
+dem Pincenez hinweg nach Oblonskiy blickend. »Aber die oben können das
+nicht begreifen, die sind nur von persönlichen Interessen eingenommen
+und von Phrasen begeistert.«
+
+Stefan Arkadjewitsch wußte, daß Karenin, wenn er davon zu sprechen
+begann, was _die oben_ thäten und dächten, die Nämlichen, welche seine
+Projekte nicht annehmen wollten und die die Ursache aller Übelstände in
+Rußland waren, dem Schluß schon ziemlich nahe war, und entsagte daher
+jetzt gern der Verteidigung seines Princips der Freiheit und stimmte
+vollständig ein. Aleksey Aleksandrowitsch verstummte, nachdenklich
+seine Schrift durchblätternd.
+
+»Ach, bei dieser Gelegenheit« -- sagte Stefan Arkadjewitsch, »wollte
+ich dich bitten, wenn du Pomorskiy sehen solltest, ihm doch ein paar
+Worte davon zu sagen, daß ich recht sehr die offene Stellung als
+Mitglied der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz
+der südlichen Eisenbahnen zu haben wünschte.« Stefan Arkadjewitsch
+war der Titel dieses Amtes, das ihm so sehr am Herzen lag, bereits
+gewohnt geworden und er sprach ihn schnell herunter, ohne sich dabei zu
+versehen.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch erkundigte sich, worin die Thätigkeit dieser
+neuen Kommission bestände und überlegte. Er erwog, ob in der Thätigkeit
+dieser Kommission nicht etwas seinen Plänen Feindliches liegen könne.
+Doch da die Thätigkeit dieses neuen Instituts eine sehr komplizierte
+war, und seine Pläne ein sehr großes Gebiet umfaßten, so vermochte er
+sich dies nicht sofort klarzumachen und sagte, das Pincenez abnehmend:
+
+»Ohne Zweifel kann ich mit ihm davon sprechen; aber warum wünschest du
+gerade dieses Amt zu übernehmen?«
+
+»Der Gehalt ist gut, gegen neuntausend Rubel, und meine Mittel« --
+
+»Neuntausend,« wiederholte Aleksey Aleksandrowitsch und verfinsterte
+sich. Die Höhe dieses Gehaltes erinnerte ihn daran, daß nach dieser
+Seite eine vorausgesetzte Thätigkeit Stefan Arkadjewitschs dem
+Hauptgedanken seiner Projekte entgegen sein würde, welche stets für die
+Sparsamkeit waren.
+
+»Ich finde, und habe auch darüber eine Denkschrift geschrieben, daß in
+unserer Zeit diese ungeheuren Gehälter die Kennzeichen einer falschen
+ökonomischen =assiette= unserer Regierung sind.«
+
+»Was willst du?« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Nehmen wir an, ein
+Bankdirektor erhält zehntausend Rubel, so ist er diese doch wohl wert.
+Oder ein Ingenieur erhält zwanzigtausend.«
+
+»Ich meine, daß der Gehalt eine Bezahlung für Ware ist, und dem Gesetz
+der Nachfrage und des Angebotes entsprechen muß. Wenn die Normierung
+eines Gehaltes von diesem Gesetz abweicht, wie zum Beispiel, wenn
+ich sehe, daß aus einem Institut zwei Ingenieure hervorgehen, gleich
+kenntnisreich und befähigt, und der eine vierzigtausend Rubel Gehalt
+erhält, während sich der andere mit zweitausend begnügt; oder wenn
+man zu Direktoren einer Bank mit ungeheuren Gehältern Rechtsgelehrte
+einsetzt, die kein bestimmtes Spezialwissen besitzen -- so schließe
+ich daraus, daß der Gehalt nicht nach dem Gesetz von Nachfrage und
+Angebot bestimmt ist, sondern geradezu nach dem Ansehen der Person.
+Hierin aber liegt ein Mißbrauch, der sich, wichtig an und für sich, als
+schadenbringend im Staatsdienst erweist. Ich glaube« --
+
+Stefan Arkadjewitsch beeilte sich, seinen Schwager zu unterbrechen.
+
+»Ja, aber du giebst doch zu, daß sich da eine neue, unzweifelhaft
+nutzbringende Institution eröffnet; ein lebensfähiges Unternehmen,
+wenn du willst. Man schätzt es namentlich insofern hoch, als es auf
+ehrenhafte Weise geleitet werden soll,« sagte Stefan Arkadjewitsch
+gewichtig.
+
+Die Moskauer Bedeutung des Wortes »ehrenhaft« war jedoch für Aleksey
+Aleksandrowitsch unverständlich.
+
+»Ehrenhaftigkeit ist nur eine negative Eigenschaft,« sagte er.
+
+»Aber du würdest mir gleichwohl einen großen Gefallen erweisen,« sagte
+Stefan Arkadjewitsch, »wenn du ein Wort für mich bei Pomorskiy einlegen
+wolltest,« das Wörtchen »Pomorskiy« unterdrückend, »so im Gespräch.«
+
+»Das hängt aber doch mehr von Bolgarinoff ab, wie mir scheint,« sagte
+Aleksey Aleksandrowitsch.
+
+»Bolgarinoff seinerseits ist völlig einverstanden,« sagte Stefan
+Arkadjewitsch errötend. Er errötete bei der Erwähnung dieses Namens,
+weil er erst am nämlichen Tage früh bei dem Juden Bolgarinoff gewesen
+war und dieser Besuch einen unangenehmen Eindruck in ihm hinterlassen
+hatte.
+
+Stefan Arkadjewitsch wußte genau, daß das Unternehmen, dem er seine
+Kräfte weihen wollte, neu, lebensfähig und solid war, aber am heutigen
+Morgen, als Bolgarinoff ihn offenbar mit Absicht zwei Stunden mit
+anderen Bittstellern im Empfangszimmer hatte warten lassen, da war
+es ihm dennoch plötzlich peinlich zu Mute geworden. Ob nun deswegen,
+daß er, ein Nachkomme Rjuriks, ein Fürst Oblonskiy, zwei Stunden in
+dem Empfangszimmer eines Juden wartete, oder weil er zum erstenmal
+im Leben das Beispiel der Vorfahren, der Regierung zu dienen, nicht
+befolgt hatte und eine neue Laufbahn betrat; jedenfalls war ihm höchst
+unbehaglich zu Mute gewesen.
+
+Während der zwei Stunden seines Wartens bei Bolgarinoff hatte Stefan
+Arkadjewitsch, schnell im Empfangssalon auf und abgehend, sich den
+Lockenbart streichend, mit anderen Bittstellern Gespräche anknüpfend,
+und über einen Kalauer nachdenkend, den er darüber zum besten geben
+wollte, wie er bei dem Juden gewartet habe, geflissentlich vor den
+anderen, ja selbst vor sich, das Gefühl, welches er empfand, verborgen.
+Er war während dieser ganzen Zeit in unbehaglicher und verdrießlicher
+Stimmung gewesen, ohne daß er wußte, wie dies kam; ob vielleicht daher,
+daß aus dem Kalauer, in dem er sich versuchte, nichts wurde -- er
+lautete: »ich hatt' es zu thun mit Juden und dafür mußt' ich bluten«[C]
+-- oder aus einem anderen Grunde.
+
+ [C] Der Originaltext lautet: »=bylo djelo do [.z]yda, i ja
+ do[.z]idalsja=«, »es gab mit einem Juden Etwas zu thun und ich
+ mußte tüchtig warten«.
+
+Nachdem ihn nun endlich Bolgarinoff mit außerordentlicher Höflichkeit
+empfangen, augenscheinlich im Triumph über seine Erniedrigung, und ihm
+einen fast abschläglichen Bescheid erteilt hatte, suchte er dies so
+schnell als möglich zu vergessen. Jetzt indessen, als er sich hieran
+erinnerte, errötete er.
+
+
+ 18.
+
+»Jetzt habe ich noch ein Anliegen, und du weißt ja welches. Es betrifft
+Anna,« sagte Stefan Arkadjewitsch, nachdem er eine Weile geschwiegen,
+und den unangenehmen Eindruck von sich abgeschüttelt hatte.
+
+Kaum hatte Oblonskiy den Namen Annas ausgesprochen, so veränderte sich
+das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs vollständig; anstatt der früheren
+Lebhaftigkeit drückte es Ermüdung und etwas Totenhaftes aus.
+
+»Was wollt Ihr denn gerade von mir?« sagte er, sich im Sessel wendend
+und sein Pincenez zusammenklemmend.
+
+»Einen Entschluß, irgend einen Bescheid, Aleksey Aleksandrowitsch. Ich
+wende mich jetzt zu dir -- nicht zu dem beleidigten Gatten« -- wollte
+Stefan Arkadjewitsch sagen, veränderte jedoch diese Worte in der
+Furcht, die Sache damit zu verderben, indem er fortfuhr, »nicht als zu
+dem Staatsmann (was übrigens auch nicht recht angebracht war), sondern
+einfach zu dir als Menschen, und zwar als guten Menschen und Christen.
+Du mußt Mitleid mit ihr haben,« sprach er.
+
+»Das heißt, inwiefern denn eigentlich?« sagte Karenin leise.
+
+»Ja, Mitleid mit ihr haben! Wenn du sie sähest, wie ich sie gesehen
+habe -- ich habe den ganzen Winter bei ihr zugebracht -- du würdest
+Erbarmen mit ihr haben. Ihre Lage ist entsetzlich, wirklich
+entsetzlich.«
+
+»Mir schien,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch mit noch dünnerer,
+fast pfeifender Stimme, »als habe doch nun Anna Arkadjewna alles das,
+was sie selbst gewollt hat.«
+
+»Ach, Aleksey Aleksandrowitsch, um Gottes willen keine Rekriminationen!
+Was vorbei ist, ist vorbei, und du weißt, was sie wünscht und ersehnt
+-- die Ehescheidung.«
+
+»Ich habe aber geglaubt, Anna Arkadjewna wird in die Ehescheidung
+nicht einwilligen für den Fall, daß ich die Bedingung, mir den Sohn zu
+lassen, stelle. So habe ich auch geantwortet und gemeint, daß diese
+Angelegenheit abgethan wäre. Ich erachte sie für abgethan,« sprach
+Aleksey Aleksandrowitsch mit tönender Stimme.
+
+»Um Gott, ereifere dich nicht,« sprach Stefan Arkadjewitsch, die Kniee
+seines Schwagers berührend, »die Angelegenheit ist nicht abgethan. Wenn
+du mir erlaubst, zu rekapitulieren, so lag die Sache so: Als ihr euch
+trenntet, warest du großmütig, wie man nur großmütig sein kann; du hast
+ihr alles bewilligt -- die Freiheit, sogar die Trennung! Sie weiß das
+zu schätzen. Nein, denke nicht anders, sie hat es wirklich geschätzt;
+bis zu einem Grade, daß sie während jener ersten Minuten im Gefühl
+ihrer Schuld vor dir, nicht einmal alles überdachte oder überdenken
+konnte. Sie hat auf alles verzichtet, aber die Wirklichkeit, die Zeit,
+haben ihr gezeigt, daß ihre Lage qualvoll und unmöglich ist.«
+
+»Das Leben Anna Arkadjewnas kann mich nicht interessieren,« unterbrach
+ihn Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend.
+
+»Gestatte mir, dies zu bezweifeln,« entgegnete ihm Stefan Arkadjewitsch
+geschmeidig, »ihre Lage ist peinlich für sie, und unersprießlich für
+jedermann, wer es auch sei. Sie hat dieselbe verdient, sagst du. Das
+weiß sie, und sie bittet dich auch nicht, sagt vielmehr offen heraus,
+daß sie nicht wagt, um Etwas zu bitten. Ich aber, wir Verwandten alle,
+alle, die sie lieb haben, wir bitten, wir beschwören dich. Warum soll
+sie sich quälen? Wem würde besser dadurch?«
+
+»Erlaubt; Ihr versetzt mich, wie es scheint, in die Lage eines
+Angeklagten,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.
+
+»O nein, o nein; keineswegs; verstehe mich recht,« sagte Stefan
+Arkadjewitsch, abermals seine Hände berührend, als wäre er überzeugt,
+daß diese Berührung den Schwager erweichen würde; »ich sage nur
+das Eine, ihre Lage ist qualvoll, dieselbe kann erleichtert werden
+durch dich, und du verlierst nichts dabei! Ich werde für dich alles
+so arrangieren, daß du es nicht merkst. Du hattest mir es doch
+versprochen.«
+
+»Das Versprechen ist früher gegeben worden. Ich habe geglaubt, daß die
+Frage über den Sohn die Angelegenheit entschieden hätte. Außerdem habe
+ich gehofft, daß Anna Arkadjewna Großmut genug haben werde« -- Aleksey
+Aleksandrowitsch brachte dies mit Anstrengung hervor, erbleichend und
+mit bebenden Lippen.
+
+»Sie stellt alles deiner Großmut anheim und bittet, fleht nur um das
+Eine -- sie dieser unmöglichen Lage zu entheben, in der sie sich
+befindet! Sie bittet nicht mehr um den Sohn! Aleksey Aleksandrowitsch,
+du bist ein guter Mensch, versetze dich einen Augenblick in ihre Lage.
+Die Frage der Ehescheidung ist für sie in ihrer Situation, eine Frage
+über Leben und Tod. Hättest du nicht früher das Versprechen gegeben,
+so würde sie sich mit ihrer Lage abzufinden suchen und auf dem Lande
+bleiben. Aber du hast versprochen, sie hat dir geschrieben und ist
+nach Moskau gekommen, und in Moskau, wo ihr jede Begegnung einen Stich
+ins Herz giebt, lebt sie nun seit sechs Monaten, mit jedem Tage eine
+Entscheidung erwartend. Das ist doch wohl ganz das Nämliche, als wenn
+man einen zum Tode Verurteilten Monate hindurch mit der Schlinge um den
+Hals hält, indem man ihm bald den Tod, bald Begnadigung als möglich in
+Aussicht stellt. Erbarme dich ihrer, und dann will ich es schon auf
+mich nehmen die Sache zu ordnen! -- =Vos scrupules=« --
+
+»Ich spreche nicht davon, nicht davon,« unterbrach ihn Aleksey
+Aleksandrowitsch mit Widerwillen, »ich hatte da vielleicht etwas
+versprochen, was zu versprechen ich gar kein Recht hatte.«
+
+»So stellst du also in Abrede, mir ein Versprechen gegeben zu haben?«
+
+»Ich habe mich nie bei der Erfüllung einer Möglichkeit geweigert,
+wünsche aber Zeit zu haben, um überlegen zu können, inwieweit das
+Versprochene erfüllbar ist.«
+
+»Nein, Aleksey Aleksandrowitsch!« begann Oblonskiy aufspringend, »daran
+will ich nicht glauben! Sie ist so unglücklich, wie nur ein Weib
+unglücklich sein kann, und du kannst dich nicht weigern, eine solche« --
+
+-- »Soweit mein Versprechen erfüllbar ist. =Vous professez d'être
+un libre penseur=, ich aber, als Rechtgläubiger, kann in einer so
+wichtigen Angelegenheit nicht wider das christliche Gebot handeln.«
+
+»Aber in der christlichen Gesellschaft und bei uns ist doch, soviel
+ich weiß, die Ehescheidung zulässig,« sagte Stefan Arkadjewitsch; »die
+Ehescheidung ist auch in unserer Kirche zulässig und wir sehen« --
+
+-- »Sie ist gestattet, doch nicht in diesem Sinne.«
+
+»Aleksey Aleksandrowitsch, ich erkenne dich nicht wieder,« sagte
+Oblonskiy flehend, »hast du nicht alles vergeben? Haben wir dies nicht
+hoch angeschlagen? Warest du nicht, getrieben gerade vom christlichen
+Gefühl, bereit, alles zu opfern? Du selbst hast gesagt, man solle auch
+den Rock hingeben wenn man das Hemd nähme, und jetzt« --
+
+»Ich bitte dich,« begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich auf die
+Füße springend, bleich, mit bebenden Kinnbacken und pfeifender Stimme,
+»ich bitte Euch, abzubrechen, abzubrechen -- dieses Gespräch« --
+
+»O nein doch! Verzeihe mir, verzeih', wenn ich dich gekränkt habe,«
+beharrte Stefan Arkadjewitsch, verlegen lächelnd und die Hand
+hinstreckend, »ich habe ja nur wie ein Gesandter meinen Auftrag
+übermittelt.«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch gab ihm die Hand, begann nachzudenken.
+
+»Ich muß überlegen und mich nach Weisungen umsehen. Übermorgen
+werde ich Euch eine bestimmte Antwort geben,« sagte er nach einigem
+Nachdenken.
+
+
+ 19.
+
+Stefan Arkadjewitsch wollte schon gehen, als Korney erschien mit der
+Meldung:
+
+»Sergey Aleksejewitsch!«
+
+»Wer ist dieser Sergey Aleksejewitsch?« wollte Stefan Arkadjewitsch
+anfangen, besann sich aber sogleich. »Ach, der kleine Sergey,« sagte
+er, »Sergey Aleksejewitsch! Ich dachte, der Direktor des Departements
+wäre es. Anna hat mich ja gebeten, ihn zu besuchen,« erinnerte er sich,
+und rief sich jenen schüchternen, mitleiderweckenden Ausdruck wieder
+ins Gedächtnis, mit welchem ihm Anna, indem sie ihn entließ, gesagt
+hatte, »du wirst ihn sehen, erforsche genau, wo er ist und wer bei ihm
+ist. Und mein Stefan -- wenn es möglich wäre; es wird doch möglich
+sein?« Stefan Arkadjewitsch verstand was dieses »wenn es möglich wäre«
+bedeutete. Wenn es möglich wäre, die Scheidung so zu stande zu bringen,
+daß er ihr den Sohn überließ! Jetzt sah er indessen, daß hieran nicht
+zu denken war, aber dennoch freute er sich, den Neffen zu sehen.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch machte seinen Schwager darauf aufmerksam,
+daß man zu seinem Sohne nie von der Mutter spreche und er ihn daher
+ersuche, kein Wort von derselben zu erwähnen.
+
+»Er war sehr krank geworden nach jenem Wiedersehen mit seiner
+Mutter, welches wir nicht vorausgesehen hatten,« sagte Aleksey
+Aleksandrowitsch. »Wir fürchteten sogar für sein Leben. Aber eine
+verständige Pflege und Seebäder im Sommer haben seine Gesundheit
+wiederhergestellt, und jetzt habe ich ihn auf Anraten des Arztes in die
+Schule gegeben. In der That hat auch der Einfluß der Kameraden auf ihn
+eine günstige Wirkung gehabt und er ist vollkommen gesund und lernt
+gut.«
+
+»Was für ein hübscher Bursch er geworden ist; das ist nicht mehr der
+kleine Sergey Aleksejewitsch!« lächelte Stefan Arkadjewitsch, auf den
+hurtig und ungezwungen eintretenden hübschen, breitschulterigen Knaben
+in blauer Kutte und langen Beinkleidern blickend. Der Knabe sah gesund
+und munter aus. Er verneigte sich vor dem Onkel wie vor einem Fremden,
+doch, als er ihn erkannt hatte, errötete er und wandte sich, als sei
+er von Etwas beleidigt und erzürnt, hastig von ihm ab. Der Knabe ging
+zu seinem Vater und gab ihm ein Billet über Censuren, welche er in der
+Schule erhalten hatte.
+
+»Nun, recht so,« sagte der Vater, »du kannst gehen.«
+
+»Er ist magerer geworden und gewachsen, er hat aufgehört, ein Kind zu
+sein und ist ein großer Knabe geworden; das liebe ich,« sagte Stefan
+Arkadjewitsch, »besinnst du dich noch auf mich?«
+
+Der Knabe blickte schnell nach seinem Vater.
+
+»Ich besinne mich, =mon oncle=,« antwortete er, auf den Oheim blickend
+und wiederum in Verwirrung geratend.
+
+Der Onkel rief den Knaben zu sich und nahm ihn bei der Hand.
+
+»Nun, wie geht es denn?« sagte er, im Wunsche, Etwas zu sagen, obwohl
+er nicht recht wußte, was er sagen sollte.
+
+Der Knabe zog errötend und ohne zu antworten, behutsam seine Hand aus
+der des Onkels, und sobald Stefan Arkadjewitsch losgelassen hatte,
+eilte er wie ein Vogel, den man in Freiheit gesetzt hat, mit einem
+fragenden Blick auf den Vater schnellen Schrittes aus dem Gemach.
+
+Ein Jahr war vergangen, seit der kleine Sergey seine Mutter zum
+letztenmale gesehen hatte. Seit jener Zeit hatte er nie wieder von
+ihr gehört. In diesem Jahre nun war er in die Schule gegeben worden
+und hatte hier Kameraden kennen und lieben gelernt. Jene Gedanken und
+Erinnerungen an seine Mutter, die ihn nach dem Wiedersehen mit ihr
+krank gemacht hatten, beschäftigten ihn jetzt nicht mehr. Wenn sie ihn
+überkamen, scheuchte er sie geflissentlich von sich, indem er sie für
+schimpflich und nur den Mädchen angemessen hielt aber nicht für einen
+Knaben und Schulkameraden. Er wußte, daß zwischen Vater und Mutter ein
+Zwist bestand, der beide trennte; er wußte, daß es ihm beschieden war,
+bei dem Vater zu bleiben, und suchte sich nun an diesen Gedanken zu
+gewöhnen.
+
+Daß er den Onkel, welcher seiner Mutter ähnlich war, wiedersah, war
+ihm unangenehm, weil dies eben wieder jene Erinnerungen, die er für
+schimpflich hielt, in ihm wachrief. Es war ihm dies um so unangenehmer,
+als er, nach einigen Worten, die er gehört hatte, indem er an der
+Thür des Kabinetts wartete, und namentlich nach dem Gesichtsausdruck
+des Vaters und des Onkels zu urteilen erriet, daß zwischen beiden die
+Rede von seiner Mutter gewesen sein mußte, und um nun diesen Vater,
+bei welchem er lebte, und von dem er abhing, nicht hintenanzusetzen,
+hauptsächlich jedoch sich nicht einer Empfindsamkeit hinzugeben, die er
+für so verächtlich hielt, bemühte sich der kleine Sergey, diesen Onkel
+gar nicht anzublicken, welcher gekommen war seine Ruhe zu stören, und
+nicht an das zu denken, was er ihm ins Gedächtnis zurückrief.
+
+Als ihn jedoch Stefan Arkadjewitsch, der hinter ihm hinausgegangen,
+und seiner auf der Treppe ansichtig geworden war, zu sich rief, und
+frug, wie er in der Schule die Zeit in den Zwischenstunden verbringe,
+unterhielt sich Sergey, außer Gesichtsweite des Vaters, mit ihm.
+
+»Jetzt machen wir Eisenbahn,« sagte er, auf die Frage antwortend. »Und
+wißt Ihr wie? Zwei setzen sich auf eine Bank; das sind die Passagiere.
+Einer steht auf der Bank, und alle spannen sich nun davor. Man kann sie
+nun mit den Händen oder auch an den Gürteln ziehen und so geht es durch
+alle Säle. Die Thüren werden schon vorher geöffnet. Nun ist es schwer
+dabei den Kondukteur zu machen.«
+
+»Das ist der, welcher steht?« frug Stefan Arkadjewitsch lächelnd.
+
+»Ja; da ist Kühnheit und Gewandtheit notwendig, besonders wenn sie
+schnell stehen bleiben oder wenn einer fällt.«
+
+»Ja, das ist kein Spaß,« sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Wehmut in
+diese lebhaften, an die Mutter gemahnenden Augen blickend, die jetzt
+nicht mehr Kinderaugen, schon nicht ganz unschuldsvoll waren, und
+obwohl er Aleksey Aleksandrowitsch versprochen hatte, nicht von Anna zu
+sprechen, hielt er es doch nicht aus.
+
+»Denkst du denn noch deiner Mama?« frug er plötzlich.
+
+»Nein; ich denke nicht mehr an sie,« antwortete Sergey, schnell und
+schlug, purpurrot werdend, die Augen nieder. Der Onkel konnte nun
+nichts mehr aus ihm herausbringen.
+
+Der Erzieher Slavjanin fand nach einer halben Stunde seinen Zögling auf
+der Treppe und konnte lange nicht verstehen, ob Sergey jemand zürne
+oder weine.
+
+»Ihr habt Euch wohl gestoßen, als Ihr fielet?« sagte der Erzieher. »Ich
+habe doch immer gesagt, daß dies ein gefährliches Spiel ist. Das wird
+wohl dem Direktor gesagt werden müssen.«
+
+»Wenn ich mich gestoßen hätte, so hätte dies ja doch niemand bemerkt.
+Das ist doch sicher wahr!«
+
+»Nun was aber ist Euch denn dann?«
+
+»Laßt mich! Ob ich daran denke oder nicht! Was geht das ihn an? Warum
+soll ich daran denken? Laßt mich in Ruhe!« wandte er sich schon nicht
+mehr an den Erzieher, sondern an die ganze Welt.
+
+
+ 20.
+
+Stefan Arkadjewitsch hatte, wie stets, die Zeit in Petersburg nicht
+müßig zugebracht. In Petersburg hatte er an Geschäften außer der
+Scheidung der Schwester und der Angelegenheit mit dem Amte wie immer,
+noch eine Erholung von nöten nach dem Moskauer Stumpfsinn, wie er sagte.
+
+Moskau war ungeachtet seiner Caféchantants und Omnibusse doch für ihn
+nur ein stehender Sumpf. Dies fühlte Stefan Arkadjewitsch stets, und
+wenn er in Moskau besonders bei seiner Familie gelebt hatte, fühlte
+er, daß sein Lebensmut sank. Wenn er lange Zeit, ohne fortzukommen in
+Moskau zugebracht hatte, kam er soweit, daß er anfing, sich über die
+schlechte Laune und die Vorwürfe seines Weibes Gedanken zu machen, über
+die Gesundheit und Erziehung der Kinder, und die kleinen Interessen
+seines Dienstes; selbst der Umstand, daß er Schulden hatte, beunruhigte
+ihn.
+
+Es war indessen nur nötig, daß er nach Petersburg kam und sich dort
+aufhielt, in dem Kreise, in welchem er verkehrte, und in welchem man
+lebte, ja wirklich lebte, und nicht erfror wie in Moskau, um sogleich
+alle diese Gedanken verschwinden und schmelzen zu lassen, wie Wachs vor
+dem Scheine des Feuers.
+
+Und sein Weib? -- Erst heute hatte er mit dem Fürsten Tschetschenskiy
+gesprochen. Der Fürst Tschetschenskiy hatte Frau und Kinder -- die
+erwachsenen Kinder waren Pagen -- und doch auch eine zweite, illegitime
+Familie, in welcher gleichfalls Kinder vorhanden waren. Obwohl nun die
+erste Familie auch gut war, fühlte sich der Fürst doch glücklicher
+in der zweiten; er brachte seinen ältesten Sohn mit in seine zweite
+Familie und erzählte Stefan Arkadjewitsch, er fände, dies sei ihm
+nützlich und förderlich.
+
+Was hätte man hierzu in Moskau gesagt?
+
+Seine Kinder? -- In Petersburg hinderten die Kinder die Väter nicht
+daran, zu leben. Die Kinder wurden in Instituten erzogen, und es gab
+hier nicht jene in Moskau -- bei Lwoff zum Beispiel -- verbreitete,
+seltsame Auffassung, daß den Kindern aller Luxus des Lebens, den Eltern
+allein Mühe und Sorgen zukämen. Hier hatte man erkannt, daß der Mensch
+verpflichtet sei, für sich selbst zu leben, wie ein gebildeter Mensch
+eben leben müsse.
+
+Sein Dienst? -- Der Dienst war hier gleichfalls nicht eine so strenge
+hoffnungslose Fessel, wie die, welche man in Moskau trug; hier war
+ein Interesse am Dienst vorhanden. Eine Begegnung, ein Verdienst, ein
+treffendes Wort, die Fähigkeit, sich in den Personen nur verschiedene
+Gegenstände vorzustellen, war alles, um jemand plötzlich Carriere
+machen zu lassen, wie Bojanzeff, dem Stefan Arkadjewitsch gestern
+begegnet und der jetzt einer der ersten Beamten war, sie gemacht hatte.
+Dieser Dienst gewährte Interesse.
+
+Insbesondere wirkten aber die Petersburger Anschauungen in
+finanziellen Dingen beruhigend auf Stefan Arkadjewitsch. Bartejanskij,
+welcher mindestens fünfzigtausend Rubel in dem =train=, welchen er
+gerade verfolgte, verbrauchte, hatte ihm erst gestern darüber ein
+bemerkenswertes Wort fallen lassen.
+
+Vor dem Essen hatte Stefan Arkadjewitsch in der Unterhaltung zu
+Bartejanskij gesagt:
+
+»Du scheinst dem Mordwinskij nahe zu stehen und könntest mir daher
+einen Dienst erweisen, wenn du bei ihm für mich ein gutes Wort einlegen
+wolltest. Es ist da ein Amt vorhanden, welches ich haben möchte, als
+Mitglied der Agentur« --
+
+»Nun, ich erinnere mich nicht so ganz -- aber was hast du für eine
+Sehnsucht nach diesen Eisenbahngeschäften mit Juden? Doch wie du
+willst; aber es ist doch etwas Widerwärtiges dabei« --
+
+Stefan Arkadjewitsch sagte ihm nicht, daß es sich um ein lebensfähiges
+Unternehmen handle: Bartejanskij hätte dies nicht verstanden.
+
+»Ich brauche Geld; habe nichts mehr zu leben.«
+
+»Aber du lebst doch?«
+
+»Ich lebe wohl, habe aber viel Schulden.«
+
+»Was willst du? Hast du viel?« sagte Bartejanskij mitleidig.
+
+»Sehr viel, zwanzigtausend Rubel.«
+
+Bartejanskij lachte lustig auf.
+
+»O glücklicher Mensch!« sagte er, »ich habe anderthalb Million und
+besitze gar nichts, aber, wie du siehst, kann man doch noch dabei
+leben!«
+
+Stefan Arkadjewitsch fand nicht sowohl in den Worten allein, als in der
+Sache selbst die Richtigkeit des Gesagten.
+
+Schivachoff hatte dreihunderttausend Rubel Schulden und nicht eine
+Kopeke im Vermögen und er lebte doch, und noch dazu auf welche
+Weise! Den Grafen Krivzoff hatten alle schon totgesungen und er
+unterhielt doch noch zwei Maitressen. Petrowskiy hatte fünf Millionen
+durchgebracht und lebte noch immer auf demselben Fuße, verwaltete sogar
+noch immer Finanzen und bezog zwanzigtausend Rubel Gehalt.
+
+Außer alledem aber wirkte Petersburg auch physisch angenehm auf Stefan
+Arkadjewitsch ein. Es verjüngte ihn.
+
+In Moskau schaute er zuweilen nach einem grauen Haar, schlief nach
+dem Essen, reckte sich, stieg im Schritt, schwer atmend die Treppen,
+langweilte sich mit jungen Weibern und tanzte nicht auf den Bällen. In
+Petersburg hingegen fühlte er sich stets um zehn Jahre jünger.
+
+Er empfand in Petersburg das, was ihm gestern erst der sechzigjährige
+Graf Oblonskiy, Peter, der soeben aus dem Ausland zurückgekommen war,
+gesagt hatte.
+
+»Wir verstehen hier nicht zu leben,« hatte Peter Oblonskiy gesagt,
+»glaubst du es wohl -- ich habe den Sommer in Baden verlebt, aber,
+wahrhaftig, mich ganz wie ein junger Mensch gefühlt. Kaum sah ich ein
+junges Frauenzimmer, so gingen die Gedanken -- man aß und trank so
+leichthin -- Kraft und Mut war vorhanden. Da aber bin ich nun nach
+Rußland gekommen -- ich mußte zu meiner Frau und auf das Dorf -- ja;
+du wirst es nicht glauben; vierzehn Tage hindurch hatte ich meinen
+Hausrock angezogen und aufgehört, zur Tafel Toilette zu machen. An die
+jungen Frauenzimmer denke ich nicht mehr, ich bin ein vollständiger
+Greis geworden. Nur das Seelenheil zu retten, bleibt mir noch. Dann
+aber fuhr ich nach Paris -- da kam ich wieder in Ordnung.«
+
+Stefan Arkadjewitsch empfand ganz den nämlichen Unterschied, wie Peter
+Oblonskiy. In Moskau hatte er so nachgelassen, daß er in der That, wenn
+er lange noch so hätte fortleben müssen, dazu gekommen wäre -- was
+übrigens ganz gut gewesen sein würde -- für das Heil seiner Seele zu
+sorgen. In Petersburg aber fühlte er sich wieder als wahrer Mensch.
+
+Zwischen der Fürstin Betsy Twerskaja und Stefan Arkadjewitsch bestanden
+alte, sehr seltsame Beziehungen. Stefan Arkadjewitsch machte ihr stets
+launig den Hof und sagte ihr, immer im Scherz, die indecentesten Dinge,
+wobei er recht wohl wußte, daß ihr dies ganz besonders gefiel. Am Tage
+nach seinem Gespräch mit Karenin begab sich Stefan Arkadjewitsch zu
+ihr. Er fühlte sich so jung, daß er in dieser scherzhaften Cour und
+seichten Plauderei unvermutet so weit kam, daß er nicht mehr wußte, wie
+er sich wieder heraushelfen sollte, obwohl sie ihm leider nicht nur
+nicht gefiel, sondern sogar widerlich war. Dieser Ton herrschte nun
+deswegen, weil er ihr sehr gefiel, und so kam es, daß er recht froh
+über die Ankunft der Fürstin Mjagkaja war, welche diesem Alleinsein zu
+Zweien ein Ende machte.
+
+»Ah, Ihr hier,« sagte sie, ihn erblickend, »nun, wie befindet sich Eure
+arme Schwester? Haltet mich nicht für neugierig,« fügte sie hinzu,
+»seit alle sie verlassen haben, alle die, die tausendmal schlechter
+sind, als sie, finde ich, daß sie schön gehandelt hat. Ich kann es
+Wronskiy nicht verzeihen, daß er es mich nicht hat wissen lassen,
+als sie in Petersburg war. Ich wäre zu ihr, und mit ihr überall
+hingefahren. Übermittelt ihr doch gefälligst den Ausdruck meiner Liebe
+für sie, und erzählt mir nun von ihr.«
+
+»Ja, ihre Lage ist schwer,« begann Stefan Arkadjewitsch zu erzählen,
+in der Einfalt seines Herzens die Worte der Fürstin Mjagkaja, für
+bare Münze nehmend, doch diese unterbrach ihn sogleich, nach ihrer
+Gewohnheit, und begann selbst zu erzählen.
+
+»Sie hat gethan, was alle außer mir auch thun, jedoch verheimlichen.
+Sie aber hat nicht täuschen wollen, sondern schön gehandelt, und noch
+schöner gehandelt, weil sie diesen halben Narren, Euren Schwager,
+verließ. Ihr entschuldigt mich wohl; alle haben gesagt, daß er klug
+sei, klug -- nur ich allein habe gesagt, daß er ein Thor ist. Jetzt,
+nachdem er sich mit der Lydia Iwanowna verbunden hat, und mit dem
+Landau, sagt jedermann, daß er halbverrückt ist. Ich wäre froh, wenn
+ich nicht mit jedermann einzustimmen brauchte, aber diesmal kann ich
+doch nicht anders!«
+
+»Erklärt mir doch gefälligst,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »was das
+eigentlich bedeutet? Gestern war ich bei ihm in der Angelegenheit
+meiner Schwester und ersuchte ihn um einen bestimmten Bescheid. Er gab
+mir keine Antwort und sagte, er wolle sich bedenken, heute morgen aber
+erhielt ich anstatt der Antwort eine Einladung für diesen Abend zu der
+Gräfin Lydia Iwanowna.«
+
+»So, so,« sagte die Fürstin Mjagkaja voll Vergnügen. »Sie werden Landau
+befragen, was der sagen wird.«
+
+»Wie, Landau? Warum? Wer ist das, Landau?« --
+
+»Wie, Ihr kennt nicht =Jules Landau le fameux, Jules Landau le
+clairvoyant=? Der ist auch halbverrückt, und doch, von ihm hängt das
+Schicksal Eurer Schwester ab. Aber das kommt eben vom Leben in der
+Provinz -- Ihr wißt von nichts! -- Landau, seht Ihr, war ein Kommis
+in einem Pariser Magazin und kam einmal zu einem Arzte. Beim Arzt
+schlief er im Empfangszimmer ein und begann im Schlaf allen Kranken
+Rat zu erteilen, wunderbare Ratschläge! Hierauf hörte die Frau des
+Juriy Meledinskiy -- Ihr wißt, des Kranken -- von diesem Landau und
+nahm ihn mit zu ihrem Manne. Er kurierte nun ihren Gatten, doch hat
+er ihm noch keinerlei Nutzen gebracht, nach meiner Meinung, da dieser
+noch immer so gelähmt ist; allein man glaubt an ihn und giebt sich mit
+ihm ab. Sie haben ihn mit nach Rußland gebracht, hier hat sich alles
+auf ihn gestürzt und er hat sie alle zu kurieren begonnen. Die Gräfin
+Bessubowa hat er geheilt und sie hat ihn so lieb gewonnen, daß sie ihn
+zu ihrem Sohne gemacht hat.«
+
+»Wie, zu ihrem Sohne?«
+
+»Jawohl, adoptiert. Er ist jetzt kein Landau mehr, sondern ein Graf
+Bessuboff. Doch darum handelt es sich nicht; Lydia jedoch -- ich liebe
+sie sehr, aber sie hat den Kopf nicht auf dem rechten Flecke -- hat
+sich natürlich jetzt diesem Landau in die Arme geworfen und ohne ihn
+wird weder bei ihr, noch bei Aleksey Aleksandrowitsch ein Beschluß
+gefaßt, weshalb das Schicksal Eurer Schwester jetzt in den Händen
+dieses Landau, alias Grafen Bessuboff, liegt.«
+
+
+ 21.
+
+Von einem vorzüglichen Essen und dem Genuß einer beträchtlichen
+Quantität Cognac, den er bei Bartejanskij getrunken hatte, kam Stefan
+Arkadjewitsch, nur ein wenig spät für die festgesetzte Zeit, zur Gräfin
+Lydia Iwanowna.
+
+»Wer ist noch bei der Gräfin? Der Franzose?« frug er den Schweizer,
+indem er den wohlbekannten Überzieher Aleksey Aleksandrowitschs und
+einen eigentümlichen, wunderbaren Paletot mit Spangen erblickte.
+
+»Aleksey Aleksandrowitsch Karenin und Graf Bessuboff,« antwortete der
+Portier gemessen.
+
+»Die Fürstin Mjagkaja hat richtig vermutet,« dachte Stefan
+Arkadjewitsch, als er die Treppe hinaufstieg. »Seltsam; es wäre aber
+doch wohl ganz gut, sich ihr zu nähern. Sie besitzt einen ungeheuren
+Einfluß. Wenn sie mit Pomorskiy ein Wörtchen spricht, dann ist mir's
+gewiß.«
+
+Es war draußen noch vollständig hell, in dem kleinen Salon der Gräfin
+Lydia Iwanowna aber brannten hinter den herabgelassenen Gardinen schon
+die Lampen.
+
+An einem runden Tisch hinter der Lampe saß die Gräfin und Aleksey
+Aleksandrowitsch in leise geführtem Gespräch. Ein kleiner, magerer
+Mensch mit einer Weibertaille, an den Knieen eingebogenen Füßen, sehr
+bleich, hübsch, mit glänzenden, schönen Augen und langen Haaren die auf
+dem Kragen seines Rockes lagen, stand an dem anderen Ende des Zimmers,
+die Wand mit den Porträts betrachtend.
+
+Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Dame des Hauses und Aleksey
+Aleksandrowitsch begrüßt hatte, blickte er nochmals unwillkürlich nach
+dem unbekannten Manne.
+
+»Monsieur Landau,« wandte sich die Gräfin an denselben mit einer
+Oblonskiy verblüffenden Weichheit und Rücksichtnahme, und machte die
+beiden miteinander bekannt.
+
+Landau hatte sich schnell umgeblickt, war herangekommen, und hatte
+lächelnd in die ausgestreckte Rechte Stefan Arkadjewitschs eine
+unbewegliche, schwitzende Hand gelegt, trat aber dann sogleich hinweg
+und sah wieder die Porträts an. Die Gräfin und Aleksey Aleksandrowitsch
+wechselten einen ausdrucksvollen Blick.
+
+»Ich bin sehr erfreut, Euch zu sehen, insbesondere heute,« sagte die
+Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch einen Platz neben Karenin
+anweisend.
+
+»Ich habe Euch mit ihm als einem Landau bekannt gemacht,« sprach
+sie mit leiser Stimme, den Franzosen und dann sogleich Aleksey
+Aleksandrowitsch anblickend, »doch eigentlich ist er Graf Bessuboff,
+wie Ihr wahrscheinlich wißt. Er liebt indessen diesen Titel nicht.«
+
+»Ja, ich habe davon gehört,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »man
+sagt, er habe die Gräfin Bessubowa vollständig wiederhergestellt.«
+
+»Sie war jetzt bei mir, sie ist so zu beklagen,« wandte sich die Gräfin
+an Aleksey Aleksandrowitsch. »Diese Trennung ist für sie entsetzlich.
+Es ist ein solcher Schlag für sie.«
+
+»Reist er denn bestimmt ab?« frug Aleksey Aleksandrowitsch.
+
+»Ja; er geht nach Paris; gestern hat er die Stimme gehört,« sagte die
+Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch anblickend.
+
+»Ah, die Stimme,« wiederholte Oblonskiy im Gefühl, daß man sich so
+vorsichtig wie möglich in dieser Gesellschaft zu verhalten habe, in
+welcher etwas Absonderliches vor sich ging oder vor sich gehen sollte,
+zu dem er noch keinen Schlüssel besaß.
+
+Ein minutenlanges Schweigen trat ein, worauf die Gräfin Lydia Iwanowna,
+gleichsam Sturm laufend auf den Hauptpunkt des Gesprächs, mit feinem
+Lächeln zu Oblonskiy sagte:
+
+»Ich kenne Euch seit langem und freue mich sehr, Euch näher kennen
+zu lernen. =Les amis de nos amis sont nos amis=, aber um ein Freund
+zu sein, muß man sich in den Seelenzustand des anderen Freundes
+hineindenken; wobei ich jedoch fürchte, daß Ihr dies mit Bezug auf
+Aleksey Aleksandrowitsch nicht thut. Ihr versteht, wovon ich rede,«
+sprach sie, ihre schönen, sinnigen Augen erhebend.
+
+»Zum Teil, Gräfin, verstehe ich, daß die Lage Aleksey
+Aleksandrowitschs« -- sagte Oblonskiy, ohne recht zu begreifen, worum
+es sich handelte und daher mit der Absicht, sich allgemein zu halten.
+
+»Die Veränderung liegt nicht in der äußerlichen Situation,« sagte die
+Gräfin Lydia Iwanowna ernst, zugleich mit liebevollem Blick dem sich
+erhebenden und zu Landau gehenden Aleksey Aleksandrowitsch folgend,
+»sein Herz hat sich verändert, ihm ist ein neues Herz verliehen worden,
+und ich fürchte, daß Ihr Euch nicht vollkommen in diese Veränderung
+hineingedacht habt, die in ihm vor sich gegangen ist.«
+
+»Nun, ich kann mir in allgemeinen Umrissen diese Veränderung schon
+vorstellen. Wir sind stets Freunde gewesen, und jetzt« -- sagte Stefan
+Arkadjewitsch, mit einem zärtlichen Blicke dem Blick der Gräfin
+antwortend, wobei er überlegte, welchem der beiden Minister sie näher
+stände, damit er wissen könne, in bezug auf welchen von den beiden er
+sie anzugehen hätte.
+
+»Die Veränderung, welche in ihm vor sich gegangen ist, kann seine
+Gefühle der Nächstenliebe nicht abschwächen; im Gegenteil, diese
+Veränderung muß die Liebe noch erhöhen. Doch ich fürchte, Ihr versteht
+mich nicht. Wollt Ihr nicht Thee nehmen?« sagte sie, mit den Augen auf
+den Diener weisend, welcher auf dem Präsentierbrett Thee reichte.
+
+»Nicht ganz, Gräfin. Versteht sich, sein Unglück« --
+
+»Ja, das Unglück, welches sein größtes Glück geworden ist, da sein Herz
+ein neues ward, von ihm erfüllt,« sagte sie, voll Liebe auf Aleksey
+Aleksandrowitsch schauend.
+
+»Ich glaube, man wird sie schon darum bitten können, mit beiden zu
+sprechen,« dachte Stefan Arkadjewitsch. »O gewiß, Gräfin,« sagte
+er, »doch ich denke, diese Veränderungen sind so innerlicher Natur,
+daß niemand, selbst nicht der am allernächsten Stehende, gern davon
+spricht.«
+
+»Im Gegenteil; wir müssen davon reden, und einander beistehen.«
+
+»Nun ja, ohne Zweifel, es bleibt aber doch ein gewisser Unterschied
+in den Überzeugungen und dabei« -- sagte Oblonskiy mit geschmeidigem
+Lächeln.
+
+»Es kann keinen Unterschied geben in Sachen der heiligen Wahrheit.«
+
+»Ja, ja, gewiß, doch« -- und in Verlegenheit geratend, verstummte
+Stefan Arkadjewitsch. Er hatte erkannt, daß es sich um die Religion
+handelte.
+
+»Mir scheint, er wird sogleich einschlafen,« sagte Aleksey
+Aleksandrowitsch bedeutungsvoll flüsternd, indem er zu Lydia Iwanowna
+herantrat.
+
+Stefan Arkadjewitsch schaute sich um. Landau saß am Fenster, auf die
+Armlehne und Rücklehne eines Sessels gestützt, mit herniedergesunkenem
+Haupte. Als er die auf ihn gerichteten Blicke bemerkte, hob er den Kopf
+und lächelte kindlich-naiv.
+
+»Beobachtet ihn nicht,« sagte Lydia Iwanowna, mit leichter Bewegung
+ihren Stuhl zu Aleksey Aleksandrowitsch rückend, »ich habe bemerkt« --
+begann sie, als der Diener mit einem Briefe in das Zimmer trat. Lydia
+Iwanowna durchflog schnell das Billet, und schrieb dann, nachdem sie
+um Entschuldigung gebeten, mit außerordentlicher Schnelligkeit etwas
+nieder, gab die Antwort hinaus und wandte sich wieder zu dem Tische.
+»Ich habe bemerkt,« fuhr sie in dem begonnenen Gespräch fort, »daß die
+Moskauer, insbesondere die Herren, die gleichgültigsten Menschen der
+Religion gegenüber sind.«
+
+»O nein Gräfin, mir scheint, daß die Moskauer im Rufe stehen, die
+glaubenstreuesten Menschen zu sein,« antwortete Stefan Arkadjewitsch.
+
+»Nun, soviel ich es verstehe, seid Ihr leider einer der
+Gleichgültigen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit mattem
+Lächeln an ihn wendend.
+
+»Wie kann man nur gleichgültig sein!« sagte Lydia Iwanowna.
+
+»Ich bin in dieser Beziehung weniger gleichgültig, als daß ich nur
+harre,« antwortete Stefan Arkadjewitsch mit seinem weichsten Lächeln,
+»ich glaube nicht, daß für mich eine Zeit für solche Fragen kommen
+könnte.«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna wechselten einen Blick.
+
+»Wir können nie wissen, ob die Zeit für uns gekommen ist oder nicht,«
+sagte Aleksey Aleksandrowitsch streng. »Wir dürfen nicht denken, ob
+wir bereit sind oder nicht bereit; die göttliche Fügung wird nicht von
+menschlichem Denken geleitet; sie trifft bisweilen nicht diejenigen,
+welche streben, sondern die, welche unvorbereitet sind, wie sie Saul
+traf.«
+
+»Nein; mir scheint, jetzt noch nicht,« sagte Lydia Iwanowna, die
+währenddem den Bewegungen des Franzosen gefolgt war.
+
+Landau erhob sich und trat zu ihnen.
+
+»Gestattet Ihr mir, zuzuhören?« frug er.
+
+»O gewiß; ich wollte Euch nicht stören,« sagte Lydia Iwanowna ihn
+zärtlich anblickend, »setzt Euch zu uns.«
+
+»Man soll nur die Augen nicht schließen, um nicht des Lichtes beraubt
+zu sein,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.
+
+»Ach, wenn Ihr jenes Glück känntet, welches wir empfinden in dem Gefühl
+von Gottes steter Gegenwart in unserer Seele!« sagte die Gräfin Lydia
+Iwanowna, verzückt lächelnd.
+
+»Aber der Mensch kann sich bisweilen unfähig fühlen, sich zu dieser
+Höhe zu erheben,« sagte Stefan Arkadjewitsch, welcher merkte, daß er
+einen Bogen schlug, indem er die Höhe der Religion anerkannte, sich
+aber zugleich dabei nicht entschließen konnte, seine Freidenkerei vor
+einer Person einzugestehen, welche ihm mit einem einzigen Worte zu
+Pomorskiy das gewünschte Amt zu verschaffen vermochte.
+
+»Das heißt, Ihr wollt sagen, daß die Sünde ihn daran hindere?« sagte
+Lydia Iwanowna. »Dies ist eine falsche Ansicht. Es giebt keine Sünde
+für die Gläubigen, ihre Sünde ist schon losgekauft. -- Pardon,« fügte
+sie hinzu, auf den wiederum mit einem anderen Billet eintretenden
+Diener blickend. Sie las und antwortete dann in Worten: »Morgen sind
+wir bei der hohen Fürstin, sagt das; für den Gläubigen giebt es keine
+Sünde,« setzte sie das Gespräch fort.
+
+»Ja; aber der Glaube ohne Worte ist doch tot,« sagte Stefan
+Arkadjewitsch, sich dieses Satzes aus dem Katechismus erinnernd, und
+nur noch durch ein Lächeln seine Unabhängigkeit wahrend.
+
+»So ist es; das ist aus dem Brief des Apostel Jakobus,« sagte Aleksey
+Aleksandrowitsch, etwas vorwurfsvoll zu Lydia Iwanowna gewendet,
+wie betreffs einer Sache, über die sie noch nicht ein einziges Mal
+gesprochen hätten.
+
+»Wie viel Schaden hat die falsche Auslegung dieser Stelle angerichtet!
+Nichts zieht so sehr vom Glauben ab, als diese Auslegung; >ich habe
+keine Werke, also auch keinen Glauben< und doch ist dies nirgends
+gesagt. Es ist das Umgekehrte gesagt.«
+
+»In Gott sich zu mühen, mit Kasteiungen, in Fasten die Seele
+zu retten,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna mit widerlicher
+Geringschätzung, »das sind nur wunderliche Auffassungen unserer Mönche.
+Denn das ist nirgends gesagt. Es ist dies bei weitem einfacher und
+leichter,« fügte sie hinzu, Oblonskiy mit dem nämlichen ermutigenden
+Lächeln anblickend, mit welchem sie bei Hofe die jungen, von der
+ungewohnten Umgebung verwirrten Damen ermutigte.
+
+»Wir sind erlöst durch Christum, der für uns gelitten hat. Wir sind
+erlöst im Glauben,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Worte mit
+seinem Blick billigend.
+
+»=Vous comprenez l'anglais=?« frug Lydia Iwanowna und erhob sich,
+nachdem sie eine bejahende Antwort erhalten hatte, um auf einem kleinen
+Bücherbrett in den Büchern zu suchen.
+
+»Soll ich >=Safe and Happy=< oder >=Under the Wing=< lesen?« sprach
+sie, Karenin fragend anblickend, setzte sich, nachdem sie das Buch
+gefunden hatte, wieder auf ihren Platz und schlug es auf.
+
+Die Ausführung war sehr kurz. Es wurde hier der Weg beschrieben, auf
+welchem der Glaube erworben wird und jenes Glück, welches höher ist,
+als alles Irdische, das hierbei doch die Seele erfüllt. Der Gläubige
+kann nicht unglücklich sein, weil er nicht allein ist. »Da seht Ihr.«
+Sie wollte schon weiter lesen, als der Diener wiederum hereintrat.
+
+»Bovosdin? Sagt, morgen um zwei Uhr! -- Ja,« sprach sie, die Stelle
+in dem Buch mit dem Finger bedeckend, und seufzend, mit ihren
+nachdenklichen schönen Augen vor sich hinblickend. »So wirkt der wahre
+Glaube; Ihr kennt die Mary Sanina? Ihr kennt ihr Unglück? Sie verlor
+ihr einziges Kind und war in Verzweiflung. Was geschah da? Sie fand
+diesen Freund und dankt jetzt Gott für den Tod ihres Kindes. Dies ist
+das Glück, welches der Glaube verleiht!«
+
+»Ja, ja, das ist viel« -- sagte Stefan Arkadjewitsch, zufrieden damit,
+daß man las und ihm so Gelegenheit geben würde, ein klein wenig zur
+Überlegung zu kommen. »Es ist doch offenbar am besten heute nicht um
+etwas zu bitten,« dachte er, »könnte man nur, ohne etwas zu verderben,
+von hier fortkommen.«
+
+»Es wird Euch langweilig werden,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, sich
+an Landau wendend, »Ihr versteht nicht Englisch; doch es ist nur kurz.«
+
+»O, ich verstehe schon,« sagte Landau mit dem nämlichen Lächeln und
+schloß die Augen.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna sahen sich bedeutungsvoll
+an und die Lektüre begann.
+
+
+ 22.
+
+Stefan Arkadjewitsch fühlte sich vollkommen verblüfft von den neuen,
+ihm fremdartigen Gesprächen, die er vernahm. Das Getriebe des
+Petersburger Lebens wirkte im allgemeinen anregend auf ihn ein, indem
+es ihn aus dem stagnierenden Moskauer Sumpfe herausbrachte, aber er
+liebte und verstand dieses Getriebe nur in den ihm nahestehenden und
+bekannten Kreisen -- in dieser fremdartigen Umgebung hier wurde er
+verlegen, konnte er nicht alles verstehen. Indem er der Gräfin Lydia
+Iwanowna zuhörte, und die auf ihn gerichteten schönen, naiven oder
+verschlagenen Augen Landaus -- er wußte es selbst nicht -- sah, begann
+Stefan Arkadjewitsch eine gewisse eigenartige Schwere im Kopfe zu
+empfinden.
+
+Die verschiedenartigsten Gedanken gingen in seinem Kopfe durcheinander.
+Mary Sanina freut sich, daß ihr Kind gestorben ist -- es wäre recht
+angenehm, könnte man jetzt ein wenig rauchen -- um sein Seelenheil zu
+retten, ist nur nötig, daß man glaubt, und die Mönche wissen nicht, wie
+man das machen muß, wohl aber die Gräfin Lydia Iwanowna kennt das --
+woher nur das schwere Gefühl in dem Kopfe? Von dem Cognac oder davon,
+daß das da alles so sehr seltsam ist? Ich glaube doch wohl bis jetzt
+nichts Anstößiges begangen zu haben; und doch kann ich sie nicht mehr
+bitten. Man sagt, sie veranlaßt einen zum Beten; als ob sie mich nicht
+dazu veranlaßt hätten? Das wird doch gar zu dumm. Und welchen Unsinn
+sie da liest, sie spricht aber gut aus. Landau -- Bessuboff -- weshalb
+heißt er Bessuboff? Plötzlich fühlte Stefan Arkadjewitsch, wie seine
+Kinnlade unwiderstehlich sich zum Gähnen auszurenken begann. Er strich
+sich seinen Backenbart, indem er das Gähnen verbarg und schüttelte
+sich, fühlte aber dann, daß er bereits schlafe und schon zu schnarchen
+anfange. Er erwachte in dem nämlichen Moment, als die Stimme der Gräfin
+Lydia Iwanowna sprach »er schläft«.
+
+Stefan Arkadjewitsch kam erschrocken zur Besinnung, er fühlte sich
+schuldbewußt und überführt, tröstete sich aber sogleich, nachdem er
+wahrgenommen hatte, die Worte »er schläft« sich nicht auf ihn bezogen,
+sondern auf Landau.
+
+Der Franzose war ebenso eingeschlafen, wie Stefan Arkadjewitsch. Aber
+während sein Schlaf sie, wie er meinte, verletzt haben würde -- doch
+selbst hieran dachte er nicht einmal, so seltsam schien ihm alles --
+erfreute sie der Schlaf Landaus, besonders die Gräfin Lydia Iwanowna,
+außerordentlich.
+
+»=Mon ami=,« sagte Lydia Iwanowna, vorsichtig, um nicht Geräusch zu
+verursachen, die Falten ihres seidenen Kleides streichend und in ihrer
+Aufregung Karenin schon nicht mehr Aleksey Aleksandrowitsch nennend,
+sondern »=mon ami -- donnez lui la main. Vous voyez=? St!« -- lispelte
+sie dem abermals eintretenden Diener zu: »Niemand wird empfangen.«
+
+Der Franzose schlief, oder stellte sich schlafend, den Kopf nach der
+Rücklehne des Sessels geneigt und mit der schwitzenden Hand, die auf
+dem Knie lag, schwache Bewegungen machend, als ob er etwas fangen
+wollte. Aleksey Aleksandrowitsch erhob sich, ging vorsichtig, sich an
+dem Tische anhaltend herzu und legte seine Hand in die des Franzosen.
+Stefan Arkadjewitsch stand gleichfalls auf, die Augen weit öffnend,
+im Wunsche, völlig wach zu werden, falls er etwa noch schliefe, und
+blickte bald auf dieses, bald auf jenes. Alles war Wirklichkeit. Stefan
+Arkadjewitsch fühlte, daß es ihm im Kopfe immer unbehaglicher wurde.
+
+»=Que la personne qui est arrivée la dernière, celle qui demande,
+qu'elle sorte! -- Qu'elle sorte=!« -- sprach der Franzose, ohne die
+Augen zu öffnen.
+
+»=Vous m'excuserez, mais vous voyez -- revenez vers dix heurs, encore
+mieux demain=.«
+
+»=Qu'elle sorte=!« wiederholte der Franzose ungeduldig.
+
+»=C'est moi, n'est ce pas=?« Mit der bestätigenden Antwort ging Stefan
+Arkadjewitsch. Er vergaß, um was er Lydia Iwanowna hatte bitten
+wollen; er vergaß die Sache seiner Schwester, auf den Fußspitzen ging
+er hinaus, nur in dem einzigen Wunsche, möglichst schnell von hier
+fortzukommen, wie aus einer Lasterhöhle. Er eilte auf die Straße
+hinaus und unterhielt sich geraume Zeit scherzend mit dem Kutscher, um
+möglichst bald wieder zu Verstande zu kommen.
+
+Im französischen Theater, welches er noch für den letzten Akt besuchte,
+und darauf bei den Tataren beim Champagner, in der ihm eigenen Sphäre,
+erholte sich Stefan Arkadjewitsch ein wenig, aber gleichwohl war es ihm
+an diesem Abend gar nicht recht nach Wunsch.
+
+Als er nach Haus zu Peter Oblonskiy gekommen war, bei dem er in
+Petersburg wohnte, fand er ein Billet von Betsy vor. Dieselbe schrieb
+ihm, sie wünsche sehr die begonnene Unterhaltung zu beendigen und
+bitte ihn, morgen zu ihr zu kommen. Er hatte dieses Schreiben kaum
+durchgelesen, und eine finstere Miene dazu gemacht, als unten die
+wuchtigen Schritte von Leuten vernehmbar wurden, welche etwas Schweres
+trugen.
+
+Stefan Arkadjewitsch ging hinaus, um nachzusehen; es war der wieder
+junggewordene Peter Oblonskiy, welcher so berauscht war, daß er nicht
+die Treppe heraufgehen konnte. Gleichwohl aber befahl er selbst,
+ihn auf die Füße zu stellen, als er Stefan Arkadjewitschs ansichtig
+geworden, und ging mit diesem, an ihn angehängt, in dessen Zimmer,
+wo er ihm zu erzählen anfing, wie er den Abend verbracht habe. Hier
+schlief er dann auch ein.
+
+Stefan Arkadjewitsch hatte die Laune verloren, was sich bei ihm selten
+ereignete, und konnte lange Zeit den Schlaf nicht finden. Alles woran
+er auch denken mochte, war widerwärtig, aber als das Widerwärtigste,
+als etwas gewissermaßen Beschämendes, rief er sich den Abend bei der
+Gräfin Lydia Iwanowna ins Gedächtnis zurück.
+
+Am andern Tage erhielt er von Aleksey Aleksandrowitsch eine bestimmte
+Verweigerung der Scheidung Annas, und erkannte nun, daß dieser
+Entschluß auf dem fußte, was der Franzose gestern in seinem wirklichen
+oder verstellten Schlafe gesagt haben mochte.
+
+
+ 23.
+
+Soll im Familienleben etwas unternommen werden, so bedarf es dazu
+entweder eines vollständigen Zerfalls unter den Gatten, oder einer
+liebevollen Übereinstimmung. Wenn aber die Beziehungen unter den Gatten
+unbestimmte sind, weder so noch so, dann kann nichts unternommen werden.
+
+Viele Familien bleiben Jahre lang auf dem alten Platze, der den beiden
+Gatten gleichgültig geworden ist, nur aus dem Grunde, weil weder ein
+völliger Zerfall, noch ein ebensolches Einverständnis vorhanden ist.
+
+Sowohl Wronskiy wie Anna war das Moskauer Leben in seiner Hitze,
+seinem Staub, wobei die Sonne nicht mehr wie im Frühling, sondern wie
+im Sommer schien, alle Bäume auf den Boulevards längst schon belaubt
+standen und die Blätter schon von Staub bedeckt waren -- unerträglich
+geworden; doch lebten beide, ohne nach Wosdwishenskoje umzusiedeln, wie
+schon längst beschlossen war, indem ihnen langweilig gewordenen Moskau
+weiter, weil zwischen ihnen in letzter Zeit kein Einverständnis mehr
+bestand.
+
+Die Verstimmung, die sie trennte, hatte keine äußerliche Ursache, und
+alle Versuche einer Aussprache beseitigten dieselbe nicht nur nicht,
+sondern vergrößerten sie noch. Es war dies eine innere Verbitterung,
+welche für Anna ihren Grund in der Abnahme seiner Liebe hatte, für
+Wronskiy in der Reue darüber, daß er sich ihretwegen in eine schwierige
+Situation verwickelt hatte, welche Anna, anstatt sie zu erleichtern,
+nur noch drückender gestaltete. Weder eins, noch das andere von beiden
+äußerte die Ursache seines Grolls, aber sie hielten sich gegenseitig
+für ungerecht, und bemühten sich bei jeder Gelegenheit, dies einander
+zu zeigen.
+
+Für sie war er in seinem ganzen Wesen, mit allen seinen Gewohnheiten,
+Gedanken, Wünschen, mit seiner ganzen seelischen und physischen
+Beanlagung nur Eins -- die Liebe zum Weib; diese Liebe aber mußte nach
+ihrem Gefühl, ganz auf sie allein konzentriert sein. Sie hatte sich
+jedoch vermindert, und folglich hatte er nach ihrem Urteil einen Teil
+derselben auf andere, oder auf ein anderes Weib übertragen müssen
+-- und so war sie eifersüchtig geworden. Sie war nicht wegen eines
+anderen Weibes eifersüchtig auf ihn, sondern wegen der Abnahme seiner
+Liebe. Sie besaß noch keinen Gegenstand auf den sich ihre Eifersucht
+erstrecken konnte, suchte denselben jedoch, und übertrug bei dem
+geringsten Fingerzeig diese Eifersucht von dem einen Gegenstand auf den
+anderen. Bald hegte sie Eifersucht auf ihn wegen jener gewöhnlichen
+Frauenzimmer, mit denen er dank seinen Junggesellenverbindungen, so
+leicht in Verbindung treten konnte, bald wegen jener Weltdamen, mit
+denen er zusammentreffen konnte, bald auch hegte sie Eifersucht auf ein
+nur in ihrer Vorstellung vorhandenes Mädchen, welches er, indem er sein
+Verhältnis mit ihr löste, lieben könnte.
+
+Diese letztere Art ihrer Eifersucht folterte sie am meisten,
+insbesondere deshalb, weil er ihr selbst unvorsichtigerweise in einer
+offenherzigen Minute gesagt hatte, seine Mutter verstehe ihn so wenig,
+daß sie sich erlaubt hätte, ihn zur Heirat mit der jungen Fürstin
+Sorokina zu überreden.
+
+In dieser Eifersucht grollte ihm Anna, und suchte nun in allem Gründe
+zum Grollen. In allem, was es Drückendes gab in ihrer Lage, klagte
+sie ihn an; der qualvolle Zustand des Wartens, den sie in Moskau
+-- zwischen Himmel und Erde -- durchlebte, die Langsamkeit und
+Unentschlossenheit Aleksey Aleksandrowitschs, ihre Vereinsamung --
+alles legte sie ihm zur Last. Wenn er sie liebte, würde er all das
+Drückende ihrer Lage begriffen, und sie aus derselben befreit haben;
+daran, daß sie noch in Moskau lebte, und nicht auf dem Lande, war nur
+er schuld. Er konnte nicht leben, wenn er sich auf dem Lande vergrub,
+so wie sie es wünschte; ihm war die Gesellschaft unentbehrlich und er
+hatte sie in diese furchtbare Situation gebracht, deren Schwierigkeit
+er nicht verstehen wollte. Dann aber trug er auch schuld daran, daß sie
+auf ewig von ihrem Sohne getrennt war.
+
+Selbst die seltenen Minuten der Zärtlichkeit, die für beide kamen,
+beruhigten sie nicht; in seiner Zärtlichkeit fand sie jetzt einen
+Anflug von Ruhe und Zuversicht; was früher nicht gewesen war und sie
+reizte.
+
+Die Dämmerung war schon eingetreten. Anna schritt allein, seine
+Heimkehr von einem Essen unter Junggesellen erwartend, zu dem er
+gefahren war, im Kabinett auf und nieder, einem Raum, in welchem
+das Geräusch vom Trottoir weniger vernehmlich war -- und überdachte
+nochmals die Ausdrücke, welche bei ihrem gestrigen Zwist gefallen
+waren, in allen Einzelheiten.
+
+Indem sie immer weiter rückwärts ging von den ihr erinnerlichen,
+kränkenden Worten bei diesem Streite, bis zu dem, was die Veranlassung
+dazu gebildet hatte, gelangte sie endlich auf den Beginn der
+Auseinandersetzung. Lange vermochte sie nicht daran zu glauben, daß
+der Streit aus einem Gespräch entstanden war, welches völlig harmlos,
+und für keines der beiden von höherem Werte gewesen war. Es war
+wirklich so. Alles war daher gekommen, daß er über die Mädchengymnasien
+gespöttelt hatte, indem er sie für unnütz hielt, während sie für
+dieselben eingetreten war.
+
+Er hatte sich im allgemeinen der weiblichen Bildung gegenüber
+respektlos verhalten und gesagt, daß Hanna, die von Anna protegierte
+Engländerin, durchaus keine Kenntnisse in der Physik nötig habe.
+
+Dies hatte Anna gereizt; sie sah hierin eine geringschätzige Hindeutung
+auf ihre eigenen Beschäftigungen, und ersann und äußerte nun einen
+Satz, der ihm den ihr bereiteten Schmerz heimzahlen sollte.
+
+»Ich erwarte nicht, daß Ihr an mich und meine Empfindungen dächtet, wie
+dies nur ein liebender Mann kann, ich hätte aber nur einfach Taktgefühl
+erwartet,« sagte sie.
+
+Und in der That, er errötete vor Verdruß und antwortete etwas
+Unangenehmes. Sie besann sich nicht mehr auf ihre Antwort, aber gleich
+darauf hatte er, offenbar in dem Wunsche, ihr auch weh zu thun,
+geantwortet:
+
+»Eure Leidenschaft für dieses Mädchen interessiert mich nicht, weil ich
+sehe, daß sie nicht natürlich ist.«
+
+Diese Härte seinerseits, mit welcher er eine Welt stürzte, die sie
+sich mit soviel Mühe aufgebaut, um ihr schweres Dasein ertragen zu
+können, diese Ungerechtigkeit, mit der er sie der Heuchelei, der
+Unnatürlichkeit zieh, empörte sie.
+
+»Ich beklage sehr, daß allein das Rohe und Materielle Euch verständlich
+und natürlich erscheint,« sprach sie und verließ das Zimmer.
+
+Als er gestern Abend zu ihr gekommen war, hatten sie des vorgefallenen
+Zwists gar nicht gedacht, aber beide gefühlt, daß derselbe wohl
+beigelegt aber nicht vorüber war.
+
+Heute war er nun den ganzen Tag über nicht zu Haus gewesen und sie
+fühlte sich so vereinsamt und bedrückt in dem Gefühl, mit ihm uneinig
+zu sein, daß sie alles vergessen, vergeben, sich mit ihm aussöhnen und
+sich selbst anklagen, ihn aber rechtfertigen wollte.
+
+»Ich selbst bin schuld. Ich bin reizbar und sinnlos eifersüchtig. Ich
+werde mich mit ihm aussöhnen und wir werden auf das Dorf fahren, dort
+werde ich ruhiger werden,« sprach sie zu sich selbst.
+
+»Unnatürlich«, kam ihr plötzlich nicht so sehr das Wort, welches sie
+vor allem verletzt hatte, wieder ins Gedächtnis, als vielmehr eine
+Absicht, ihr wehe zu thun. »Ich weiß, was er sagen wollte; er wollte
+sagen, es sei unnatürlich, nicht die eigene Tochter zu lieben, wohl
+aber ein fremdes Kind. Was versteht er von Liebe zu Kindern, von
+meiner Liebe zu Sergey, welchen ich ihm geopfert habe? Aber es war
+so sein Wunsch, mir weh zu thun! Nein; er liebt eine andere, es kann
+nicht anders sein,« und indem sie gewahrte, daß sie, im Wunsche,
+ruhig zu werden, wiederum den soviel Mal schon von ihr durchlaufenen
+Kreis vollendet hatte und zu der alten Erbitterung zurückgekehrt war,
+erschrak sie über sich selbst.
+
+»Geht es denn aber wirklich nicht an? Sollte ich es nicht auf mich
+nehmen können?« sprach sie zu sich selbst und begann abermals von
+Anfang an. »Er ist gerecht, ehrenhaft, er liebt mich. Ich liebe ihn,
+bald wird die Scheidung erfolgen. Wessen bedarf es da noch? Nur der
+Ruhe, des Vertrauens, und ich will es auf mich nehmen. Ja, jetzt,
+sobald er kommt, werde ich ihm sagen, daß ich die Schuldige gewesen
+bin, obwohl ich es nicht war -- und wir wollen dann abreisen,« und um
+nicht mehr denken, sich nicht mehr ihrem Groll überlassen zu müssen,
+schellte sie und befahl die Koffer zum Einpacken der Sachen für die
+Reise aufs Dorf herbeizubringen.
+
+Um zehn Uhr kam Wronskiy an.
+
+
+ 24.
+
+»Nun; ging es recht vergnügt zu?« frug sie mit schuldbewußtem und
+sanftem Ausdruck in den Zügen, ihm entgegentretend.
+
+»Wie gewöhnlich,« versetzte er, sogleich mit einem einzigen Blick auf
+sie erkennend, daß sie in einer ihrer besten Stimmungen sei. Er war an
+diese Übergänge schon gewöhnt und heute ganz besonders erfreut davon,
+weil er selbst sich gleichfalls in bester Laune befand.
+
+»Was sehe ich! So ist's recht!« sagte er, auf die Koffer im Vorzimmer
+weisend.
+
+»Ja, wir müssen abreisen, und es ist ganz gut, daß wir auf das Dorf
+wollen. Dich hält doch wohl nichts zurück?«
+
+»Nur eines wünschte ich. Ich komme sogleich wieder, wir wollen dann
+sprechen, ich möchte mich nur umkleiden. Laß den Thee geben.«
+
+Er begab sich in sein Kabinett.
+
+Es hatte etwas Verletzendes darin gelegen, als er sagte, »so ist's
+recht«; wie man zu einem Kinde spricht, wenn dieses aufgehört hat
+launisch zu sein; und noch verletzender war der Gegensatz zwischen dem
+schuldbewußten Tone bei ihr und dem selbstbewußten bei ihm; auf einen
+Augenblick empfand sie in sich den aufsteigenden Wunsch nach Kampf;
+allein indem sie sich selbst bezwang, erstickte sie denselben und
+begegnete Wronskiy noch immer so heiter.
+
+Nachdem dieser wieder zu ihr gekommen war, erzählte sie ihm, teilweise
+die zurechtgelegten Worte wiederholend, davon, wie sie den Tag
+zugebracht hatte, sowie von ihren Plänen zur Abreise.
+
+»Weißt du, es ist über mich fast wie eine Begeisterung gekommen,«
+sprach sie, »weshalb sollen wir hier auf die Scheidung warten? Geht das
+nicht ganz ebenso auf dem Dorfe? Ich kann nicht mehr länger warten,
+ich will nicht hoffen, nichts hören von der Scheidung. Ich habe
+beschlossen, daß dies keinen Einfluß mehr auf mein Leben ausüben soll.
+Bist du auch einverstanden?«
+
+»O ja;« sagte er, ihr beunruhigt in das erregte Gesicht blickend.
+
+»Was habt Ihr denn dort angegeben? Wer war dabei?« sagte sie.
+
+Wronskiy nannte die Gäste. Es war ein vorzügliches Essen gegeben
+worden, eine Bootwettfahrt dazu und alles das war ganz hübsch
+ausgefallen, aber in Moskau thut man es nicht ohne ein =ridicule=. Es
+war auch eine Dame, eine Schwimmlehrerin der Königin von Schweden dabei
+aufgetreten und hatte ihre Kunst gezeigt.
+
+»Wie? Sie schwamm?« frug Anna, sich verfinsternd.
+
+»In einem roten =costume de natation=; sie war alt und häßlich. Aber
+wann reisen wir?«
+
+»Welch thörichte Phantasie! Schwimmt sie denn in einer ganz besonderen
+Weise?« sagte Anna, ohne hierauf zu antworten.
+
+»Durchaus nichts Besonderes war dabei; ich muß sogar sagen, es war ein
+furchtbarer Unsinn. Aber wann also denkst du zu reisen?«
+
+Anna schüttelte den Kopf, als wünsche sie, einen unangenehmen Gedanken
+zu verscheuchen.
+
+»Wann wir reisen? Nun, je früher, um so besser. Morgen werden wir noch
+nicht fertig sein; aber übermorgen.«
+
+»Ja -- doch nein, halt. Übermorgen ist Sonntag, da muß ich zu =maman=,«
+sagte Wronskiy, in Verlegenheit geratend, weil er, sofort nachdem er
+den Namen der Mutter ausgesprochen hatte, ihren starr und argwöhnisch
+auf sich gerichteten Blick fühlte. Seine Verwirrung bestätigte ihr
+ihren Verdacht. Sie geriet in Wallung und entfernte sich von ihm. Jetzt
+war es nicht mehr die Lehrerin der Königin von Schweden, sondern die
+junge Fürstin Sorokina, welche mit der Gräfin Wronskaja zusammen auf
+einem Dorfe bei Moskau lebte, die vor Anna auftauchte.
+
+»Du kannst doch morgen zu ihr fahren?« sprach sie.
+
+»Nein, nein! In der Angelegenheit, in welcher ich zu ihr will -- läßt
+sich ein Kreditschein und das Geld morgen nicht erhalten,« antwortete
+er.
+
+»Wenn dem so ist, so werden wir gar nicht reisen.«
+
+»Warum das?«
+
+»Ich werde nicht später abreisen. Entweder Montag oder gar nicht.«
+
+»Aber warum?« sagte Wronskiy, wie mit Erstaunen. »Das hat doch gar
+keinen Sinn.«
+
+»Für dich hat es keinen Sinn, weil du mit mir nichts zu thun hast.
+Du willst mein Leben nicht begreifen. Das einzige, was mich hier
+interessiert hat -- war Hanna. Du sagst, dies sei eine Heuchelei.
+Du hast erst gestern gesagt -- daß ich meine Tochter nicht liebte,
+sondern mich stellte, als ob ich diese Engländerin liebte -- dies wäre
+unnatürlich. Ich möchte nun wissen, welches Leben hier für mich ein
+natürliches sein könnte!«
+
+Einen Augenblick kam sie zur Besinnung und erschrak darüber, daß sie
+ihrem Vorsatz untreu geworden war. Aber obwohl sie wußte, daß sie
+sich damit verderbe, vermochte sie nicht mehr an sich zu halten; sie
+mußte ihm zeigen, wie ungerecht er war, sie konnte sich ihm nicht mehr
+unterordnen.
+
+»Ich habe dies niemals gesagt; ich habe gesagt, daß ich dieser so
+plötzlichen Liebe nicht nachfühlen könnte.«
+
+»Warum sprichst du, der mit seiner Offenheit prahlt, nicht die
+Wahrheit?«
+
+»Ich prahle nie und spreche nie die Unwahrheit,« sprach er ruhig, den
+in ihm aufsteigenden Groll niederhaltend, »es ist sehr bedauerlich,
+wenn du mich nicht achtest« --
+
+»Die Achtung hat man erdacht, um eine leere Stelle damit zu verdecken,
+auf welcher die Liebe sein müßte. Aber wenn du mich nicht mehr liebst,
+so ist es besser und ehrenhafter, dies auszusprechen.«
+
+»Nein, das wird unerträglich!« rief Wronskiy, vom Stuhle aufstehend.
+Vor ihr stehen bleibend, sprach er dann langsam: »Weshalb stellst
+du meine Geduld auf die Probe?« Er sprach dies mit einem Ausdruck,
+als könnte er noch mehr sagen, halte aber an sich; »es giebt gewisse
+Grenzen!«
+
+»Was wollt Ihr damit sagen?« rief sie, mit Schrecken auf den offenen
+Ausdruck von Haß schauend, der in seinem ganzen Gesicht, und besonders
+in den harten, drohenden Augen lag.
+
+»Ich will sagen,« begann er, stockte aber, »ich muß fragen, was Ihr von
+mir wollt?«
+
+»Was könnte ich wollen? Ich könnte nur wollen, daß Ihr mich nicht
+vernachlässigt, wie Ihr es beabsichtigt« -- sagte sie, vollkommen
+verstehend, was er nicht vollendet hatte, »aber das will ich nicht; das
+kommt erst in zweiter Reihe. Ich will Liebe, und diese giebt es nicht
+mehr. Vielleicht, daß alles schon vorbei ist.«
+
+Sie schritt der Thür zu.
+
+»Bleib -- bleibe!« sagte Wronskiy, ohne seine finster zusammengezogenen
+Brauen zu glätten, und ergriff sie bei der Hand. »Was ist denn
+eigentlich? Ich habe gesagt, daß die Abreise auf drei Tage verschoben
+werden muß, du hast mir darauf geantwortet, ich lüge und sei ein
+ehrloser Mensch!«
+
+»Ja, und ich wiederhole, daß ein Mensch, der mir vorwirft, alles für
+mich geopfert zu haben« -- sprach sie in der Erinnerung an die Worte
+eines anderen, früheren Streites -- »daß er schlimmer ist, ein Mensch
+ohne Herz, als ein ehrloser Mensch!«
+
+»Nein; es giebt aber doch eine Grenze für die Geduld!« rief er aus,
+ihre Hand schnell loslassend.
+
+»Er haßt mich, das ist klar,« dachte sie, und verließ schweigend,
+ohne sich umzublicken, mit unsicheren Schritten das Gemach. »Er liebt
+eine andere; das ist noch klarer,« sprach sie zu sich, in ihr Zimmer
+tretend, »ich will Liebe, aber die ist nicht mehr da. Vielleicht ist
+alles vorüber,« wiederholte sie mit den von ihr schon geäußerten
+Worten, »und wir müssen ein Ende machen. Aber wie?« frug sie sich und
+setzte sich in einem Sessel vor dem Spiegel. Gedanken daran, wohin
+sie jetzt fahren könnte -- zu der Tante vielleicht, bei welcher sie
+erzogen worden war, zu Dolly, oder einfach ins Ausland, ferner daran,
+was er jetzt, allein in seinem Kabinett thun möge; ob dieser Streit ein
+entscheidender gewesen oder eine Aussöhnung noch möglich sei, sowie,
+was jetzt alle ihre früheren Petersburger Bekannten von ihr sagen
+würden, wie Aleksey Aleksandrowitsch die Sache betrachten würde; viele
+andere Ideen, was jetzt werden solle nach dem Bruch, kamen ihr in den
+Kopf, aber sie gab sich ihnen nicht mit ganzer Seele hin.
+
+In ihrer Seele lebte ein unklarer Gedanke, der sie ausschließlich
+interessierte, doch konnte sie sich nicht klar darüber werden. Indem
+sie aber nochmals an Aleksey Aleksandrowitsch dachte, rief sie sich
+zugleich auch die Zeit ihrer Krankheit nach ihrer Niederkunft und jenes
+Gefühl wieder ins Gedächtnis zurück, welches sie damals nicht verlassen
+hatte »warum bin ich nicht gestorben?« und erkannte nun plötzlich das
+Gefühl, welches in ihrer Seele lebte. Ja; er war es, der Gedanke, der
+allein alles entschied, »sie mußte sterben.«
+
+»Die Schmach und Schande Aleksey Aleksandrowitschs, Sergeys, und meine
+eigene furchtbare Schmach -- das alles wird durch den Tod gesühnt. Sie
+wollte -- sterben, er aber sollte bereuen, er muß Mitleid empfinden,
+Liebe, und soll meinethalben leiden!«
+
+Mit beständigem Lächeln des Mitleids mit sich selbst saß sie in dem
+Lehnstuhl, die Ringe ihrer linken Hand abziehend und wieder aufsetzend,
+und sich lebhaft seine Gefühle nach ihrem Tode, von den verschiedenen
+Seiten aus, vorstellend.
+
+Sich nähernde Schritte, es waren seine Schritte, zogen sie ab. Als wäre
+sie mit dem Weglegen ihrer Ringe beschäftigt wandte sie sich nicht
+einmal nach ihm um.
+
+Er trat zu ihr und ihre Hand ergreifend, sagte er leise:
+
+»Anna, wir wollen übermorgen fahren, wenn du willst. Ich bin mit allem
+einverstanden.«
+
+Sie schwieg.
+
+»Nun?« frug er.
+
+»Du weißt ja selbst,« sagte sie und brach sogleich, unfähig, noch
+länger an sich zu halten, in Schluchzen aus. »Verlaß mich, verlaß
+mich!« sprach sie unter Schluchzen, »ich werde morgen fortgehen -- ich
+werde noch mehr thun! Wer bin ich noch? Ein lasterhaftes Weib, ein
+Stein auf deinem Wege. Ich will dich nicht quälen, ich will nicht, und
+werde dich befreien. Du liebst nicht, liebst eine andere!«
+
+Wronskiy beschwor sie, sich zu beruhigen und beteuerte, daß es doch gar
+keinen Anlaß zur Eifersucht für sie gäbe, daß er niemals aufgehört habe
+oder aufhören werde, sie zu lieben, und sie noch mehr liebe, als je
+zuvor.
+
+»Anna, wozu sollen wir uns beide so quälen?« sagte er, ihr die Hände
+küssend. In seinen Zügen malte sich jetzt Zärtlichkeit und ihr schien
+es, als vernehme sie mit ihrem Ohr einen Klang von Thränen in seiner
+Stimme, als verspüre sie das Feuchte dieser Thränen auf ihrer Hand, und
+augenblicklich ging die verzweiflungsvolle Eifersucht Annas in eine
+verzweiflungsvolle, leidenschaftliche Zärtlichkeit über. Sie umfing ihn
+und bedeckte ihm Kopf, Hals und Hände mit Küssen.
+
+
+ 25.
+
+In dem Gefühl, daß die Aussöhnung eine vollständige war, beschäftigte
+sich Anna vom andern Morgen ab munter mit den Anstalten zur Abreise.
+
+Obwohl noch gar nicht beschlossen war, ob man Montag oder Dienstag
+reisen würde, da beide sich gestern gegenseitig Konzessionen gemacht
+hatten, bereitete sich Anna eifrig auf die Abreise vor, jetzt
+vollkommen gleichgültig dem gegenüber, ob man früh oder spät am Tage
+abreiste. Sie stand eben in ihrem Zimmer vor einem geöffneten Schranke,
+und nahm Sachen heraus, als er bereits angekleidet, früher als
+gewöhnlich, bei ihr eintrat.
+
+»Ich muß sofort zu =maman= fahren; sie kann mir das Geld durch Jegoroff
+übersenden. Morgen bin ich dann bereit zu reisen,« sagte er.
+
+Mochte sie nun auch noch so gut gelaunt sein, die Erwähnung der Abreise
+auf den Landsitz schnitt ihr ins Herz.
+
+»O, auch ich beeile mich nicht,« sagte sie, dachte aber sogleich:
+vielleicht ist es doch noch möglich, es so einzurichten, daß man
+thut wie ich wünschte. -- »Nein, thu' wie du willst! Geh' in den
+Speisesalon, ich werde sogleich auch kommen und will nur noch diese
+überflüssigen Sachen herauslegen,« sprach sie, noch etwas auf
+Annuschkas Arme packend, auf welchen bereits ein Berg Leinen ruhte.
+
+Wronskiy verzehrte gerade sein Beefsteak, als sie in den Speisesalon
+trat.
+
+»Du glaubst nicht, wie kalt mich diese Gemächer lassen,« sagte
+sie, sich neben ihm zu ihrem Kaffee setzend. »Es giebt doch nichts
+Schrecklicheres als diese =chambres garnies=. Es liegt kein Ausdruck,
+keine Seele in ihnen. Diese Uhren, Gardinen, und namentlich diese
+Tapeten -- sind wie ein Alp. Ich gedenke Wosdwishenskojes, wie des
+gelobten Landes. Du hast noch keine Pferde hergeschickt?«
+
+»Nein; sie werden kommen wenn wir fort sind. Fährst du noch einmal aus?«
+
+»Ich wollte noch zur Wilson; ich muß ihr Kleider bringen. Also
+morgen ist es gewiß?« sprach sie mit heiterer Stimme; doch plötzlich
+veränderte sich ihr Antlitz.
+
+Der Kammerdiener Wronskiys kam, um sich die Unterschrift für ein
+Telegramm aus Petersburg auszubitten.
+
+Es war nichts Besonderes in der Empfangnahme einer Depesche seitens
+Wronskiys, aber gleichwohl sagte dieser, als wünschte er etwas vor ihr
+zu verheimlichen, er wolle im Kabinett unterschreiben, und wandte sich
+dann hastig zu ihr.
+
+»Gewiß werde ich morgen mit allem in Ordnung sein.«
+
+»Von wem war die Depesche?« frug sie, ohne ihn zu hören.
+
+»Von Stefan,« antwortete er gezwungen.
+
+»Warum hast du mir sie nicht gezeigt? Welches Geheimnis kann es
+zwischen Stefan und mir geben?«
+
+Wronskiy rief den Kammerdiener zurück und befahl, die Depesche zu
+bringen.
+
+»Ich wollte sie dir nicht zeigen, weil Stefan eine Leidenschaft hat, zu
+telegraphieren. Wozu telegraphieren, wenn nichts entschieden ist?«
+
+»Über die Scheidung?«
+
+»Ja. Doch er schreibt, er habe noch nichts erreichen können. Kürzlich
+versprach er einen endgültigen Bescheid. Da lies.«
+
+Mit bebenden Händen ergriff Anna die Depesche und las noch einmal das,
+was Wronskiy gesagt hatte. Am Schluß war noch hinzugefügt »es ist wenig
+Hoffnung vorhanden, aber ich werde alles Mögliche und Unmögliche thun.«
+
+»Ich habe gestern gesagt, daß es mir vollkommen gleichgültig ist, wann
+ich die Scheidung erhalte, ja, selbst, ob ich sie erhalte,« sprach
+sie errötend. »Es lag aber doch keine Notwendigkeit vor, mir Etwas zu
+verheimlichen. So kann er auch vor mir seine Korrespondenz mit Frauen
+verheimlichen, und er verheimlicht sie auch,« dachte sie dabei.
+
+»Jaschwin wollte heute früh mit Woytoff herkommen,« sagte Wronskiy, »es
+scheint, daß er Pjevzoff alles abgewonnen hat, ja, sogar noch mehr,
+als dieser bezahlen kann; einige sechzigtausend Rubel.«
+
+»Nein,« versetzte sie, erzürnt darüber, daß er mit diesem Wechsel des
+Themas so augenfällig zu verstehen gab, daß sie gereizt sei, »weshalb
+glaubst du, daß diese Nachricht mich so interessiert, daß man sie sogar
+zu verbergen hätte? Ich habe gesagt, daß ich nicht daran denken mag,
+und wünschte, du möchtest ebensowenig davon interessiert werden, wie
+ich.«
+
+»Ich interessiere mich nur deshalb dafür, weil ich Klarheit liebe,«
+sagte er.
+
+»Klarheit liegt nicht in der Form, sondern in der Liebe,« sagte sie,
+mehr und mehr in Erregung geratend, aber nicht durch seine Worte,
+sondern durch den Ton kalter Ruhe, mit welchem er sprach. »Weshalb
+wünschest du Klarheit?«
+
+»Mein Gott! Wieder die Liebe!« dachte er, finster werdend. »Du weißt
+doch, wozu? Für dich, und für die Kinder, welche kommen werden,« sagte
+er.
+
+»Kinder wird es nicht geben.«
+
+»Das ist sehr bedauerlich,« sagte er.
+
+»Dir ist sie erforderlich für die Kinder, aber an mich denkst du
+nicht,« sprach sie, vollständig vergessend und überhörend, daß er
+gesagt hatte »für dich und für die Kinder«. --
+
+Die Frage nach der Möglichkeit, ob sie noch Kinder haben würden, hatte
+für sie seit Langem eine Streitfrage gebildet, die sie erbitterte.
+Seinen Wunsch, Kinder zu haben, legte sie sich dahin aus, daß er ihre
+Schönheit nicht schätze.
+
+»O, ich sagte doch für dich! Vor allem für dich,« wiederholte er, sich
+wie unter einem Schmerzgefühl verfinsternd, »weil ich überzeugt bin,
+daß ein großer Teil deiner _Gereiztheit_ von der Unbestimmtheit unserer
+Lage herrührt.«
+
+»Ja, jetzt hat er aufgehört, sich zu verstellen und alle seine kalte
+Gehässigkeit gegen mich ist nun sichtbar,« dachte sie, seine Worte
+nicht vernehmend, aber mit Schrecken auf den kalten, harten Richter
+blickend, der, mit ihr Spott treibend, aus seinen Augen herausschaute.
+»Dies ist nicht der Grund,« sagte sie, »ich begreife selbst nicht, daß
+der Grund meiner _Gereiztheit_ -- wie du es nennst, der sein kann, mich
+vollständig in deiner Gewalt zu befinden. Was für eine Unbestimmtheit
+der Lage giebt es hierbei? Im Gegenteil.«
+
+»Es ist sehr bedauerlich, daß du nicht verstehen willst,« unterbrach
+er sie, beharrlich in dem Wunsche, seinen Gedanken auszusprechen, »die
+Unbestimmtheit liegt darin, daß dir scheint, als wäre ich frei.«
+
+»Diesbezüglich kannst du ganz ruhig sein,« sagte sie, und begann, indem
+sie sich von ihm abwandte, ihren Kaffee zu trinken.
+
+Sie hob die Tasse, und führte sie, den kleinen Finger von sich
+streckend zum Munde. Nachdem sie einige Schlucke genommen, blickte sie
+ihn an. An dem Ausdruck seines Gesichts erkannte sie klar, daß ihm ihre
+Hand und ihre Geste zuwider war, wie das Geräusch, welches sie mit den
+Lippen verursacht hatte.
+
+»Mir ist alles vollständig gleichgültig, was deine Mutter denkt, und
+wie sie dich verheiraten will,« sagte sie, mit zitternder Hand die
+Tasse niedersetzend.
+
+»Davon sprechen wir ja aber gar nicht.«
+
+»O, eben davon; und glaube mir, daß für mich ein Weib ohne Herz -- sei
+es alt oder nicht alt, deine Mutter oder eine Fremde -- ohne Interesse
+ist, und ich es nicht kennen mag!«
+
+»Anna, ich bitte dich, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu reden.«
+
+»Ein Weib, welches nicht mit seinem Herzen erraten hat, worin das Glück
+und die Ehre des Sohnes beruht -- hat kein Herz.«
+
+»Ich wiederhole meine Bitte, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu
+sprechen, die ich achte,« sagte er, seine Stimme hebend und sie streng
+anblickend.
+
+Sie antwortete nicht. Starr schaute sie ihn an, sein Gesicht, seine
+Hände; sie rief sich die gestrige Versöhnungsscene mit allen ihren
+Einzelheiten ins Gedächtnis zurück, sowie seine leidenschaftlichen
+Liebkosungen. »Ganz die nämlichen Liebkosungen hat er an andere Weiber
+verschwendet, er wird es weiterhin thun, er will es thun,« dachte sie.
+
+»Du liebst deine Mutter nicht. -- Das sind alles Phrasen, nur Phrasen!«
+-- sprach sie, ihn haßerfüllt anblickend.
+
+»Wenn es so allerdings steht, dann heißt es« --
+
+-- »Zu einem Entschluß kommen; und ich bin entschlossen;« sagte sie
+und wollte gehen, doch gerade trat Jaschwin ins Zimmer. Anna begrüßte
+ihn und blieb.
+
+Warum sie, während in ihrer Seele ein Sturm tobte, und sie fühlte, daß
+sie auf einem Wendepunkt ihres Lebens stehe, der furchtbare Folgen
+haben könne -- warum sie sich während dieser Minute vor einem fremden
+Menschen verstellen mußte, der früher oder später ja doch alles
+erfahren würde, -- sie wußte es nicht, sondern ließ sich, den Sturm
+in sich beschwichtigend, sogleich nieder und begann mit dem Besuch zu
+konversieren.
+
+»Nun, wie steht es mit Eurer Angelegenheit; habt Ihr eine
+Schuldverschreibung erhalten?« frug sie Jaschwin.
+
+»Nicht der Rede wert. Mir scheint, daß ich nicht alles erhalten werde,
+ich muß Mittwoch verreisen. Wann reist Ihr?« antwortete dieser, mit den
+Augen zwinkernd und Wronskiy anblickend. Er erriet augenscheinlich, daß
+ein Zwist obgewaltet hatte.
+
+»Übermorgen wahrscheinlich,« sagte Wronskiy.
+
+»Ihr bereitet Euch übrigens schon seit Langem darauf vor.«
+
+»Jetzt ist es jedoch beschlossen,« sprach Anna, Wronskiy gerade ins
+Auge schauend, mit einem Blick, der diesem sagte, er solle nicht mehr
+an die Möglichkeit einer Aussöhnung denken. »Thut Euch denn dieser
+unglückliche Pjevzoff nicht leid?« setzte sie dann ihr Gespräch mit
+Jaschwin fort.
+
+»Ich habe mich noch nie gefragt, Anna Arkadjewna, ob mir etwas leid
+thut oder nicht. Hier ist mein ganzes Vermögen« -- er wies auf seine
+Seitentasche -- »und jetzt bin ich ein reicher Mann. Heute fahre ich in
+den Klub, um ihn vielleicht als Bettler wieder zu verlassen. Wird mich
+doch jeder der sich mit mir zum Spiel niedersetzt, auch bis aufs Hemd
+ausplündern, so wie ich es mit ihm mache. Wir kämpfen eben miteinander
+-- und darin liegt das Vergnügen.«
+
+»Aber wenn Ihr nun verheiratet wäret,« sagte Anna, »was würde da aus
+Eurer Frau.«
+
+Jaschwin brach in Gelächter aus.
+
+»Eben deshalb habe ich auch nicht geheiratet, mir dies auch niemals
+vorgenommen!«
+
+»Und Helsingfors?« frug Wronskiy, sich in die Unterhaltung mischend und
+Anna, welche lächelte, anblickend. Seinem Blick begegnend, nahm das
+Antlitz Annas plötzlich einen kalten, strengen Ausdruck an, als wollte
+sie ihm sagen, »es ist nichts vergessen; es ist noch beim Alten.«
+
+»Aber Ihr seid doch gewiß einmal verliebt gewesen?« wandte sie sich zu
+Jaschwin.
+
+»O Gott, wie oft. Aber -- merkt wohl auf, es kann sich einer zum Spiel
+setzen, um stets dann davon aufzustehen, sobald die Zeit des Rendezvous
+kommt -- ich kann mich zwar auch mit der Liebe beschäftigen, doch immer
+nur so, daß ich abends die Partie nicht versäume. So halte ich es.«
+
+»Darnach frage ich nicht; sondern nach dem, um was es sich jetzt
+handelt;« sie wollte sagen »Helsingfors,« das Wort aber nicht
+aussprechen, welches von Wronskiy gesprochen worden war.
+
+Es kam nun Wojtoff, welcher einen Hengst gekauft hatte; Anna erhob sich
+und verließ das Zimmer.
+
+Bevor Wronskiy von Hause wegfuhr, trat er noch bei ihr ein. Sie wollte
+sich stellen, als suchte sie Etwas auf dem Tische, blickte ihm aber,
+von ihrer Heuchelei beschämt, offen und mit kühlem Blick ins Antlitz.
+
+»Was wollt Ihr?« frug sie ihn auf französisch.
+
+»Das Attestat über den Gambetta holen. Ich habe ihn verkauft,« sprach
+er in einem Tone, der deutlicher als Worte ausdrückte, »ich habe mich
+durchaus nicht zu erklären und es würde dies auch zu nichts führen.
+Ich trage doch keine Schuld ihr gegenüber,« dachte er, »wenn sie
+sich selbst bestrafen will, =tant pis pour elle=!« Im Hinausgehen
+aber schien ihm, als habe sie etwas gesagt und sein Herz regte sich
+plötzlich in Mitleid für sie.
+
+»Was ist, Anna?« frug er.
+
+»Ich sagte nichts,« antwortete sie immer noch so kalt und ruhig.
+
+»Ah, nichts dann -- =tant pis=,« dachte er, wieder kühl werdend, wandte
+sich und ging. Indem er hinausschritt, erblickte er im Spiegel ihr
+Gesicht, bleich, mit bebenden Lippen. Er wollte nun wohl stehen bleiben
+und ihr ein tröstendes Wort sagen, doch seine Füße trugen ihn aus dem
+Zimmer, schneller, als er sich ausgedacht hatte, was er sagen sollte.
+
+Diesen ganzen Tag brachte er außerhalb des Hauses zu; als er spät
+Abends heimkehrte, sagte ihm die Zofe, daß Anna Arkadjewna Kopfweh habe
+und bitten lasse, sie nicht zu besuchen.
+
+
+ 26.
+
+Noch nie war ein Tag im Hader vorübergegangen. Es war dies das erstemal
+gewesen. Aber es war auch kein Streit mehr, sondern das offenkundige
+Eingeständnis einer vollständigen Erkaltung. Konnte man sie denn
+so anblicken, wie er es gethan hatte, indem er nach dem Attest in
+das Zimmer getreten war. Sie anzuschauen und zu sehen, daß ihr Herz
+zerrissen war von Verzweiflung, und schweigend weiterzugehen mit diesem
+gleichgültigen, ruhigen Gesicht? Nicht nur, daß er kühl gegen sie
+geworden war; haßte er sie auch, weil er eine andere liebte -- das war
+klar. -- Und indem sie sich alle jene harten Worte, die er gesprochen
+hatte, ins Gedächtnis zurückrief, überdachte sie nochmals diejenigen,
+die er offenbar ihr zu sagen gewünscht hatte oder ihr sagen konnte, und
+mehr und mehr geriet sie in Erbitterung.
+
+»Ich halte Euch nicht,« konnte er sagen, »Ihr könnt gehen, wohin Ihr
+wollt. Ihr habt Euch von Eurem Manne nicht scheiden lassen wollen,
+wahrscheinlich, um zu ihm zurückzukehren. Kehrt zurück! Wenn Ihr Geld
+braucht, will ich es Euch geben. Wieviel Rubel braucht Ihr?«
+
+Die allerhärtesten Worte, welche ihr der rauhe Mann sagen konnte, er
+sagte sie ihr in ihrer Einbildungskraft und sie verzieh ihm dieselben
+nicht, als hätte er sie ihr wirklich gesagt.
+
+»Aber hatte er ihr nicht gestern erst seine Liebe geschworen, er, der
+gerechte und ehrenhafte Mann? Bin ich nicht etwa schon viele Male
+grundlos in Verzweiflung gewesen?« sprach sie hierauf zu sich selbst.
+
+Diesen ganzen Tag verbrachte Anna, mit Ausnahme einer Fahrt zur Wilson,
+die sie zwei Stunden in Anspruch nahm, in Ungewißheit darüber, ob alles
+vorbei, oder noch eine Hoffnung auf Versöhnung vorhanden wäre, ob sie
+sogleich fort müsse, oder ihn erst noch einmal sehen solle. Sie wartete
+auf ihn den ganzen Tag, und erwog bei sich, nachdem sie am Abend, als
+sie sich in ihr Zimmer zurückzog, befohlen hatte mitzuteilen, daß
+sie Kopfweh habe; wenn er trotz der Worte der Zofe, zu mir kommt, so
+bedeutet dies, daß er noch liebt, wenn nicht, daß alles zu Ende ist,
+und dann werde ich entscheiden, was ich zu thun habe.« --
+
+Am Abend vernahm sie das Geräusch seines Wagens, sein Läuten, seine
+Schritte und sein Gespräch mit der Zofe. Er glaubte, was man ihm gesagt
+hatte, wollte nichts Weiteres hören und begab sich in seine Räume. Es
+war also wohl alles vorüber.
+
+Der Tod als das einzige Mittel, in seinem Herzen die Liebe zu ihr zu
+erhalten, ihn zu strafen und den Sieg davonzutragen in diesem Kampfe,
+den der in ihrem Herzen heimisch gewordene böse Geist mit ihm führte,
+erschien klar und lebendig vor ihr.
+
+Jetzt war alles gleich; fuhr man nach Wosdwishenskoje oder nicht,
+erhielt man die Scheidung von dem Gatten oder nicht -- es war nichts
+mehr nötig. Nötig war nur Eines noch -- ihn zu strafen! --
+
+Als sie sich die gewohnte Dosis Opium eingoß, und daran dachte, daß man
+nur die ganze Phiole zu leeren brauchte, um zu sterben, erschien ihr
+dies so leicht und einfach, daß sie abermals mit Genugthuung daran zu
+denken begann, wie er Qual und Reue empfinden und sie in der Erinnerung
+lieben würde, wenn es schon zu spät wäre.
+
+Sie lag im Bett mit offenen Augen, beim Scheine einer einsamen,
+niedergebrannten Kerze nach dem Stuckkarnies der Zimmerdecke und dem
+Teile derselben blickend, welcher den Schatten des Bettschirmes hatte,
+und stellte sich lebendig vor, was er empfinden würde, wenn sie erst
+nicht mehr wäre, wenn sie für ihn nur noch eine Erinnerung bildete.
+
+»Wie konnte ich diese harten Worte zu ihr sagen,« würde er sprechen,
+»wie konnte ich aus ihrem Zimmer gehen, ohne ihr ein Wort zu sagen?
+Jetzt ist sie nicht mehr. Sie ist von mir gegangen. Sie ist dort« --
+
+Da bewegte sich plötzlich der Schatten des Bettschirmes, umfing das
+ganze Karnies, die ganze Decke, andere Schatten von der anderen Seite
+stürzten ihr entgegen; auf einen Augenblick flohen dieselben davon,
+bewegten sich aber dann mit erneuter Schnelligkeit heran, wankten hin
+und her, verschwammen ineinander und alles wurde dunkel.
+
+»Der Tod?« dachte sie, und ein Schrecken überkam sie, daß sie lange
+nicht wußte, wo sie war, und lange mit den bebenden Händen kein
+Zündholz finden konnte, um eine neue Kerze an Stelle derjenigen, welche
+herabgebrannt und erloschen war, anzuzünden.
+
+»Nein -- aber doch -- nur leben! Ich liebe ihn ja doch, und er liebt ja
+mich! Dies ist geschehen und wird vorübergehen!« sprach sie im Gefühl,
+daß ihr die Thränen der Freude ob ihrer Rückkehr zum Leben über die
+Wangen flossen. Um sich von ihrem Schrecken zu erholen, begab sie sich
+hastig nach seinem Kabinett.
+
+Er schlief in demselben, in festem Schlummer. Sie trat zu ihm heran,
+und betrachtete ihn, lange sein Gesicht von oben herab beleuchtend.
+Jetzt, da er schlief, liebte sie ihn so sehr, daß sie bei seinem
+Anblick die Thränen der Zärtlichkeit nicht zurückzuhalten vermochte;
+aber sie wußte, daß er sie, wenn er erwachte, mit dem kalten Blick, der
+sich seines Rechtes bewußt ist, anschauen würde, und sie ihm, bevor
+sie ihm von ihrer Liebe sprach, darlegen müsse, daß er vor ihr der
+Schuldige sei. Ohne ihn zu wecken kehrte sie zurück, und schlief nach
+einer zweiten Dosis Opium bis zum Morgen in schwerem Halbschlummer,
+währenddessen sie ununterbrochen ihr Empfindungsvermögen behielt.
+
+Am Morgen erschien ihr der furchtbare Alp, der sich mehrmals in ihren
+Traumbildern, schon vor der Zeit ihres Verhältnisses mit Wronskiy
+wiederholt hatte, von neuem und erweckte sie. Jener Alte mit dem
+wirren Barte arbeitete, auf sein Eisen gebeugt und unverständliche,
+französische Worte sprechend, während sie -- wie stets unter diesem
+Alpdrücken -- empfand, was den eigentlichen Schrecken für sie bildete,
+daß dieser Bauer ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit widmete,
+sondern eine furchtbare Arbeit in Eisen verrichtete -- über ihr. --
+
+Sie erwachte in kaltem Schweiß liegend. Als sie sich erhob, erinnerte
+sie sich des gestrigen Tages wie im Nebel.
+
+»Es hatte Streit gegeben, das Nämliche, was schon mehrmals
+stattgefunden hatte. Ich hatte gesagt, daß ich Kopfschmerzen hätte,
+und er ist nicht zu mir gekommen. Morgen wollen wir reisen; ich muß ihn
+sehen und mich zur Abreise vorbereiten,« sagte sie zu sich selbst, und
+begab sich, nachdem sie gehört hatte, daß er sich in seinem Kabinett
+befände, zu ihm. Als sie durch den Salon schritt, hörte sie, daß vor
+der Einfahrt eine Equipage hielt und erblickte durchs Fenster schauend,
+einen Wagen, aus welchem sich ein junges Mädchen in lilafarbenem Hut
+herausbeugte, das ihrem Diener, welcher läutete einen Befehl erteilte.
+
+Nach einem Zwiegespräch im Vorzimmer, kam jemand herauf und neben dem
+Salon wurden die Tritte Wronskiys vernehmbar, welcher mit schnellen
+Schritten die Treppe hinabeilte.
+
+Anna trat wieder an das Fenster. Da trat er ohne Hut auf die Freitreppe
+und ging zum Wagen. Das junge Mädchen im lilafarbigen Hut übergab ihm
+ein Paket. Wronskiy sagte ihr lächelnd etwas und der Wagen fuhr wieder
+fort. Er eilte schnell wieder zurück die Treppe herauf.
+
+Der Nebel, welcher sich über ihre Seele gebreitet hatte, zerstreute
+sich plötzlich. Die Empfindungen von gestern preßten mit neuem Weh ihr
+krankes Herz.
+
+Sie konnte jetzt nicht mehr begreifen, daß sie sich soweit hatte
+erniedrigen können, noch einen ganzen Tag bei ihm in seinem Hause zu
+bleiben, und kehrte in ihr Zimmer zurück, um ihn von ihrem Entschluß in
+Kenntnis zu setzen.
+
+»Die Sorokina war mit ihrer Tochter gekommen und hat mir Geld und
+Papiere von =maman= gebracht. Ich konnte es gestern nicht erhalten. Wie
+steht es mit deinem Kopf; besser?« sprach er ruhig, ohne den düsteren
+und ernsten und feierlichen Ausdruck ihres Gesichts bemerken zu wollen.
+
+Sie blickte ihn schweigend und starr an, in der Mitte des Zimmers
+stehend. Er schaute sie an, verfinsterte sich einen Augenblick und
+fuhr dann fort, einen Brief zu lesen. Sie wandte sich und ging langsam
+nach der Thür. Er hätte sie noch zurückrufen können, aber sie war bis
+an die Thür gegangen und er schwieg noch immer; nur das Rauschen eines
+gewendeten Blattes des Briefes war vernehmbar.
+
+»Also,« begann er in dem Augenblick, als sie schon in der Thür stand,
+»morgen werden wir entschieden fahren, nicht wahr?«
+
+»Ihr, nicht ich,« sprach sie, sich zu ihm wendend.
+
+»Anna; es ist unmöglich, so zu leben« --
+
+»Ihr, nicht ich,« wiederholte sie.
+
+»Das wird unerträglich!«
+
+»Ihr, Ihr werdet die Reue empfinden,« sprach sie und ging hinaus.
+
+Erschreckt von dem verzweifelten Ausdruck, mit welchem diese Worte
+gesprochen worden waren, sprang er auf und wollte ihr nacheilen,
+doch indem er sich besann, setzte er sich wieder, sein Gesicht wurde
+finster, indem er die Zähne fest aufeinanderbiß.
+
+Diese Drohung, welche unziemlich war, wie er fand, hatte ihn gereizt.
+
+»Ich habe alles versucht,« dachte er, »es bleibt nur noch Eins übrig --
+sie nicht mehr zu beachten« -- und machte sich fertig, in die Stadt zu
+fahren, nochmals zur Mutter, von welcher er eine Unterschrift für die
+Vollmacht haben mußte.
+
+Sie vernahm das Geräusch seiner Schritte im Kabinett und durch den
+Speisesalon. Im Salon blieb er stehen; doch wandte er sich nicht zu
+ihr, sondern erteilte nur Befehl, daß man in seiner Abwesenheit den
+Hengst an Wojtoff ausliefere. Dann vernahm sie, wie man den Wagen
+brachte, die Thür sich öffnete und er wiederum hinaustrat. Aber er
+kehrte nochmals in den Flur zurück und es kam jemand nach oben geeilt.
+Der Kammerdiener lief nach den vergessenen Handschuhen. Sie trat an das
+Fenster und sah, wie er, ohne hinzublicken die Handschuhe ergriff, mit
+der Hand den Rücken des Kutschers berührte und demselben etwas sagte.
+Ohne die Fenster zu mustern, setzte er sich hierauf in seiner gewohnten
+Pose in den Wagen, legte die Füße übereinander und drückte sich, einen
+Handschuh anstreifend, in die Ecke.
+
+
+ 27.
+
+»Er ist fort. Es ist zu Ende!« sprach Anna zu sich selbst, am Fenster
+stehend und zur Antwort auf diese Worte erfüllten jene Eindrücke in
+der Finsternis nach dem Erlöschen des Lichtes, und des furchtbaren
+Traumbildes in Eins zusammengeflossen, ihr Herz mit kaltem Entsetzen.
+»Nein, es kann nicht sein!« schrie sie auf und schellte heftig, durch
+das Zimmer eilend. Ihr war es jetzt so bange, allein zu bleiben, daß
+sie, ohne das Erscheinen des Dieners abzuwarten, diesem entgegenkam.
+
+»Erkundigt Euch, wohin der Graf gefahren ist,« sagte sie.
+
+Der Diener versetzte, der Graf sei nach den Marställen gefahren.
+
+»Der Herr haben befohlen zu melden, daß der Wagen sogleich zurückkehren
+würde, falls es Euch gefällig wäre, auszufahren.«
+
+»Gut. Bleibt. Ich werde sogleich ein Billet schreiben. Schickt Michail
+mit dem Billet nach den Marställen, so schnell als möglich.«
+
+Sie setzte sich und begann zu schreiben:
+
+»Ich bin schuld. Kehre heim, wir müssen ins Klare kommen. Um Gott,
+komm, mir ist furchtbar.«
+
+Sie siegelte und übergab dem Diener das Billet.
+
+Jetzt fürchtete sie sich allein zu bleiben und begab sich, nachdem der
+Diener gegangen war, aus dem Zimmer nach der Kinderstube.
+
+»Was ist das? Das ist er nicht! Das ist nicht Er! Wo sind seine blauen
+Augen, wo ist sein mildes, sanftes Lächeln?« war ihr erster Gedanke,
+als sie ihr dralles, rotbäckiges kleines Mädchen mit den schwarzen
+krausen Haaren anstatt Sergeys, den sie in einer Verwirrung ihrer
+Gedanken in der Kinderstube zu sehen erwartet hatte, erblickte.
+
+Das Kind saß am Tische, hartnäckig und geräuschvoll mit einem
+Korkpfropfen auf den Tisch pochend, und schaute mit seinen zwei
+schwarzen Augen verständnislos die Mutter an.
+
+Nachdem Anna der Engländerin geantwortet hatte, daß sie sich völlig
+wohl befinde und morgen aufs Land gehen werde, setzte sie sich zu
+ihrem Kinde und begann vor demselben den Pfropfen von einer Karaffe zu
+drehen. Das laute, tönende Lachen des Kindes und die Bewegung, welche
+dasselbe mit den Brauen machte, brachten ihr aber Wronskiy so lebhaft
+in die Erinnerung, daß sie, ein Aufschluchzen unterdrückend, hastig
+aufstand und hinausging.
+
+»Ist denn wirklich alles zu Ende? Nein, es kann nicht sein,« dachte
+sie. »Er wird zurückkehren! Aber wie soll er mir jenes Lächeln
+erklären, seine Lebhaftigkeit, nachdem er mit ihr gesprochen hatte?
+Indessen auch wenn er mir es nicht erklärt, will ich ihm glauben.
+Glaube ich ihm nicht, dann bleibt mir noch Eins -- aber ich will
+nicht.« --
+
+Sie sah nach der Uhr. Es waren zwanzig Minuten vergangen.
+
+»Jetzt hat er mein Billet bereits erhalten und kehrt zurück. Nicht
+lange mehr, noch zehn Minuten -- aber wie, wenn er nicht zurückkehrt?
+Doch nein, das kann nicht sein! Er darf mich indessen nicht mit
+verweinten Augen sehen. Ich will gehen und mich waschen. Bin ich denn
+frisiert oder nicht?« frug sie sich, ohne sich erinnern zu können.
+Sie fühlte sich nach dem Kopfe, »ja, ich bin frisiert, aber wann es
+geschah, weiß ich wirklich nicht mehr.« Sie glaubte nicht einmal der
+eigenen Hand und ging zu dem Trumeau, um nachzusehen, ob sie in der
+That frisiert sei oder nicht. Sie war frisiert und konnte sich dennoch
+nicht erinnern, wann sie es gethan hatte. »Wer ist das?« dachte sie, in
+den Spiegel blickend, und ein fieberhaft glühendes Antlitz mit seltsam
+blitzenden Augen, die sie erschreckt ansahen, gewahrend. »Das bin ich
+doch,« erkannte sie plötzlich und ihre ganze Erscheinung musternd,
+fühlte sie plötzlich seine Küsse auf sich und zuckte zusammenschauernd
+mit den Schultern. Dann hob sie die Hand zu den Lippen und küßte sie.
+»Was ist das; ich bin von Sinnen,« sprach sie und begab sich in das
+Schlafzimmer, wo Annuschka aufräumte. »Annuschka,« sagte sie, vor der
+Zofe stehen bleibend und sie anschauend, ohne zu wissen, was sie ihr
+eigentlich sagen wollte.
+
+»Ihr wolltet zu Darja Aleksandrowna fahren,« antwortete die Zofe, als
+ob sie verstanden hätte.
+
+»Zu Darja Aleksandrowna? Ja, ich werde fahren.«
+
+»Fünfzehn Minuten hin, fünfzehn Minuten zurück! Er wird schon kommen,
+er kommt sogleich.« Sie zog die Uhr hervor und sah darnach. »Wie konnte
+er nur wegfahren, und mich in einer solchen Lage zurücklassen? Wie kann
+er leben, ohne mit mir ausgesöhnt zu sein?« Sie trat ans Fenster und
+schaute auf die Straße hinab. Der Zeit nach hätte er schon zurücksein
+können. Aber ihre Berechnung konnte nicht richtig sein und sie begann
+aufs neue, sich zu vergegenwärtigen, wann er weggefahren war, und die
+Minuten zu berechnen. Gerade als sie nach einer größeren Uhr ging, um
+die ihrige darnach zu vergleichen, kam jemand angefahren. Durch das
+Fenster blickend, gewahrte sie seinen Wagen. Es kam jedoch niemand zur
+Treppe herauf, während unten Stimmen vernehmbar wurden. Der Bote war
+es, welcher im Wagen zurückkehrte. Sie ging zu ihm hinunter.
+
+Der Graf war nicht zu treffen gewesen, er war auf der Chaussee von
+Nishegorod weggefahren.
+
+»Was bringst du? Was« -- wandte sie sich zu dem rotbäckigen, fröhlichen
+Michail, der ihr das Billet wieder zurückgab. »Er hat es ja gar nicht
+erhalten,« sagte sie sich. »Fahre mit diesem Billet auf das Dorf zur
+Gräfin Wronskaja, verstehst du? Und bringe sofort Antwort,« sagte sie
+zu dem Boten. »Aber was soll ich selbst thun?« dachte sie, »nun, ich
+werde zu Dolly fahren, oder, wahrhaftig, ich verliere den Verstand. Ich
+kann ja auch noch telegraphieren.« Sie schrieb sogleich eine Depesche
+nieder.
+
+»Ich muß dich sprechen, komm sogleich.«
+
+Nachdem sie das Telegramm abgeschickt hatte, ging sie sich anzukleiden.
+Bereits angekleidet und im Hut blickte sie nochmals der etwas beleibt
+gewordenen, ruhigen Annuschka in die Augen. Offenes Mitleid war in
+diesen kleinen, gutmütigen, grauen Augen sichtbar.
+
+»Liebe Annuschka, was soll ich thun?« sagte Anna weinend, sich hilflos
+in einem Lehnsessel sinken lassend.
+
+»Wozu sich so beunruhigen, Anna Arkadjewna! So geht es eben! Fahrt nur
+und zerstreut Euch,« antwortete die Zofe.
+
+»Ja, ich werde fahren,« sagte Anna, sich ermannend und aufstehend.
+»Wenn in meiner Abwesenheit ein Telegramm einlaufen sollte, so soll es
+zu Darja Aleksandrowna geschickt werden -- oder nein; ich werde selbst
+zurückkommen!« --
+
+»Ja, man muß nicht grübeln, sondern etwas thun, ausfahren, und
+hauptsächlich dieses Haus verlassen,« sprach sie, mit Entsetzen die
+furchtbare Wallung wahrnehmend, welche in ihrem Herzen entstand, ging
+hastig hinaus und setzte sich in den Wagen.
+
+»Wohin befehlt Ihr?« frug Peter, bevor er sich auf den Bock setzte.
+»Nach Znamenka, zu den Oblonskiy!«
+
+
+ 28.
+
+Das Wetter war klar. Den ganzen Morgen war ein dichter, feiner Regen
+gefallen und jetzt hatte es sich seit kurzem erst aufgehellt. Die
+eisernen Dächer, die Trottoirsteine und Pflastersteine, die Räder, das
+Lederzeug, Kupfer und Blech an den Equipagen, alles glänzte hell in der
+Maisonne. Es war drei Uhr, die Zeit, zu welcher es auf den Straßen am
+lebhaftesten ist.
+
+In der Ecke des ruhig gehenden Wagens sitzend, der auf seinen
+Sprungfedern bei dem schnellen Gange der beiden Grauen kaum schaukelte,
+ließ Anna unter dem eintönigen Rasseln der Räder, den schnell
+wechselnden Eindrücken bei der klaren Luft, von neuem die Vorkommnisse
+der letzten Tage an sich vorüberziehen und sie erkannte ihre Lage
+als eine ganz andere, als wie sie ihr zu Haus erschienen war. Jetzt
+erschien ihr selbst der Gedanke an den Tod nicht mehr so furchtbar und
+deutlich, und der Tod selbst erschien ihr nicht mehr unvermeidlich.
+Jetzt machte sie sich Vorwürfe über die Niedergeschlagenheit, bis zu
+welcher sie sich hatte führen lassen.
+
+»Ich werde ihn beschwören mir zu verzeihen. Ich habe mich ihm
+untergeordnet und mich schuldig bekannt. Aber warum? Kann ich denn ohne
+ihn nicht leben?«
+
+Und ohne sich auf die Frage, wie sie ohne ihn leben könnte, zu
+antworten, begann sie die Ladenschilder zu lesen. »Comptoir und
+Niederlage. -- Zahnarzt -- ja, ich werde Dolly alles sagen. Sie liebt
+Wronskiy nicht. Für mich wird es schmachvoll, schmerzlich sein, aber
+ich will ihr alles sagen. Sie liebt mich und ich werde ihrem Rate
+folgen. Ich werde mich ihm nicht unterwerfen, ihm nicht gestatten,
+mich zu erziehen. -- Philippoff, Kalatschenkauf. -- Man soll den Teig
+auch nach Petersburg bringen. Das Moskauer Wasser ist so gut; ja die
+Brunnen von Mytichy und die Pfannkuchen« -- und sie erinnerte sich, wie
+sie vor langer, langer Zeit, als sie noch siebzehn Jahre zählte, mit
+der Tante zum Pfingstfest gekommen war; zu Pferde noch. War ich denn
+das wirklich, ich mit den schönen Händen? Wie vieles von dem, was mir
+damals so schön und unerreichbar erschien, ist dahin, während mir das,
+was ich damals besaß, jetzt auf ewig unerreichbar geworden ist.
+
+Hätte ich damals geglaubt, daß ich bis zu einem solchen Grade von
+Erniedrigung gelangen könnte? Wie wird er stolz und befriedigt sein,
+wenn er mein Billet empfängt! Aber ich werde ihm zeigen. -- Wie
+übel doch diese Farbe hier riecht! Warum streicht und baut man nur
+fortwährend? -- »Moden- und Putzwaaren« -- las sie weiter. Ein Mann
+grüßte sie; es war der Gatte Annuschkas; »unsere Parasiten,« dachte
+sie, sich der Worte Wronskiys erinnernd. »Unsere? Warum unsere? Es ist
+entsetzlich, daß man die Vergangenheit nicht mit der Wurzel ausreißen
+kann! Man kann sie nicht ausreißen, aber die Erinnerung daran bedecken.
+Und ich will sie verhüllen.«
+
+Und jetzt dachte sie an ihr vergangenes Leben mit Aleksey
+Aleksandrowitsch, daran, daß sie ihn aus ihrem Gedächtnis gelöscht
+hatte. »Dolly wird denken, daß ich nun den zweiten Mann verlasse, und
+daher gewiß im Unrecht bin. Kann ich denn aber im Rechte sein? Ich kann
+es nicht,« fuhr sie fort und die Thränen stiegen in ihr auf. Doch sie
+begann sogleich, sich zu denken, warum wohl jene beiden Mädchen dort
+so lächelten. Wahrscheinlich in Liebesgedanken? Sie wissen nicht, wie
+traurig, wie niedrig das ist!
+
+Da kommt der Boulevard; Kinder spielen auf ihm. Drei Knaben laufen
+da und spielen Pferd. -- Mein Sergey! -- Alles verliere ich und ihn
+kann ich nicht wieder erhalten. Ja, alles verliere ich, wenn er nicht
+zurückkehrt. Vielleicht hat er sich mit dem Zug verspätet und ist jetzt
+schon zurück. Aber soll ich mich schon wieder erniedrigen?« frug sie
+sich selbst, »nein, ich will zu Dolly und ihr offen sagen, ich bin
+unglücklich, ich habe es verdient und bin schuldig -- immer aber doch
+unglücklich -- hilf mir! -- Diese Pferde, dieser Wagen, wie abscheulich
+komme ich mir selbst in diesem Wagen vor -- alles ist ja sein; doch ich
+werde nichts mehr davon sehen.« --
+
+Indem sie sich die Worte überlegte, mit welchen sie Dolly alles sagen
+wollte, absichtlich sich ihr Herz zerreißend, betrat Anna die Treppe.
+
+»Ist man daheim?« frug sie im Vorzimmer.
+
+»Katharina Aleksandrowna Lewina ist zugegen,« antwortete der Diener.
+
+»Kity! Die nämliche Kity, in welche Wronskiy verliebt gewesen ist,«
+dachte Anna, »die nämliche, der er in Liebe gedachte. Er bedauerte, sie
+nicht geheiratet zu haben, aber meiner gedenkt er in Haß und er beklagt
+es, sich mit mir vereint zu haben.«
+
+Unter den Schwestern fand, als Anna ankam, gerade eine Beratung
+betreffs der Ernährungsfrage des Kindes statt. Dolly ging allein
+hinaus, um den Besuch zu empfangen, der in diesem Augenblick ihr
+Gespräch störte.
+
+»Ach, du bist noch nicht abgereist? Ich wollte selbst zu dir kommen« --
+sagte sie, »heute habe ich einen Brief von Stefan erhalten!«
+
+»Wir haben gleichfalls eine Depesche empfangen,« antwortete Anna, sich
+umschauend, um Kity zu sehen.
+
+»Er schreibt, er könne nicht begreifen, was Aleksey Aleksandrowitsch
+eigentlich wolle, würde aber nicht ohne einen Bescheid abreisen.«
+
+»Ich dachte, es wäre jemand bei dir. Kann man den Brief lesen?«
+
+»Ja, Kity ist da,« sprach Dolly, in Verlegenheit geratend, »sie ist in
+der Kinderstube geblieben; sie war sehr krank.«
+
+»Ich habe davon gehört. Kann ich den Brief lesen?«
+
+»Sogleich will ihn bringen. Doch er giebt keinen abschläglichen
+Bescheid, im Gegenteil, Stefan hofft,« sagte Dolly, in der Thür stehen
+bleibend.
+
+»Ich hoffe und wünsche auch nichts,« antwortete Anna. »Was heißt das,
+hält es Kity für entwürdigend, mit mir zusammenzutreffen?« dachte Anna,
+während sie allein war. »Vielleicht ist sie damit auch im Rechte, aber
+nur durfte sie gerade, welche in Wronskiy verliebt gewesen ist, mir
+es nicht zeigen, auch wenn dies verdient wäre. Ich weiß, daß mich in
+meiner Lage kein ehrenhaftes Weib empfangen kann, weiß, daß ich ihm von
+jener ersten Minute an alles geopfert habe. Nun habe ich meinen Lohn!
+O, wie ich ihn hasse! Und warum bin ich hierher gefahren? Nur, damit
+mir noch trauriger und schwerer zu Mute wird!«
+
+Sie vernahm aus dem Nebenzimmer die Stimmen der unter sich sprechenden
+Schwestern. »Was soll ich jetzt Dolly sagen? Kity ein Vergnügen damit
+machen, daß ich unglücklich bin, mich ihrer Gönnerschaft aussetzen?
+Nein, auch Dolly wird nicht begreifen, und ich brauche nichts mit ihr
+zu reden. Interessant wäre es mir nur gewesen, Kity einmal zu sehen
+und ihr zu zeigen, daß ich alle, alles verachte, wie mir jetzt alles
+gleichgültig ist.«
+
+Dolly trat mit dem Briefe ein. Anna las ihn und gab ihn schweigend
+zurück.
+
+»Das habe ich alles gewußt,« sagte sie, »und es interessierte mich
+nicht im geringsten.«
+
+»Aber warum nicht? Ich, im Gegenteil, habe Hoffnung,« sagte Dolly, Anna
+neugierig anblickend. Noch nie hatte sie diese in einem so seltsamen
+Zustande von Erbitterung gesehen, »wann fährst du?« frug sie.
+
+Anna schaute finster vor sich hin und antwortete ihr nicht.
+
+»Versteckt sich Kity vor mir?« sprach sie nach der Thür blickend und
+rot werdend.
+
+»O, was das für Thorheiten sind! Sie läßt das Kind trinken, aber es
+glückt ihr nicht recht; ich habe ihr geraten -- sie ist vielmehr sehr
+erfreut, und wird sogleich kommen,« sagte Dolly etwas unsicher, da sie
+nicht zu lügen verstand. »Da ist sie ja!« --
+
+Nachdem Kity erfahren hatte, daß Anna gekommen sei, wollte sie nicht
+erscheinen, doch Dolly redete ihr zu. Nachdem sie sich gesammelt hatte,
+kam sie nun und trat errötend näher, Anna die Hand reichend.
+
+»Ich freue mich sehr,« sprach sie mit zitternder Stimme.
+
+Kity war verwirrt gewesen über den Kampf, der in ihr vor sich ging,
+und zwischen der Feindschaft gegen dieses verworfene Weib, und dem
+Wunsche, entgegenkommend gegen es zu sein, schwankte sie, allein sobald
+sie das schöne sympathische Gesicht Annas erblickt hatte, war alle
+Feindseligkeit sogleich verschwunden.
+
+»Ich würde mich nicht gewundert haben, wenn Ihr nicht wünschtet, mir zu
+begegnen. Ich bin an alles gewöhnt. Ihr seid krank gewesen? Allerdings,
+Ihr habt Euch verändert,« sprach Anna.
+
+Kity empfand, daß Anna sie feindselig betrachtete. Sie erklärte sich
+diese Feindseligkeit aus der peinlichen Lage, in welcher sich Anna, die
+früher eine Protektorschaft über sie geübt hatte, vor ihr fühlte.
+
+Sie sprachen von der Krankheit, dem Kinde, von Stefan, aber nichts von
+alledem interessierte Anna.
+
+»Ich bin gekommen, mich von dir zu verabschieden,« sagte sie aufstehend.
+
+»Wann fahrt Ihr?«
+
+Anna wandte sich abermals, ohne zu antworten, zu Kity.
+
+»Es freut mich sehr, Euch wiedergesehen zu haben,« sprach sie lächelnd.
+»Ich habe über Euch von allen Seiten gehört, selbst von Eurem Gatten.
+Er ist bei mir gewesen und hat mir sehr gefallen,« fügte sie,
+augenscheinlich in übler Absicht hinzu. »Wo ist er denn?«
+
+»Er ist aufs Dorf gefahren,« antwortete Kity errötend.
+
+»Grüßt ihn von mir, grüßt ihn ja von mir!«
+
+»Gewiß,« wiederholte Kity treuherzig, ihr voll Mitleid in die Augen
+blickend.
+
+»Also leb' wohl, Dolly?« Nachdem Anna Dolly geküßt und Kity die Hand
+gedrückt hatte, ging Anna eilig fort.
+
+»Sie bleibt immer die gleiche, fesselnde; sie ist sehr hübsch,« sagte
+Kity, nachdem sie mit der Schwester allein geblieben, »aber es liegt
+etwas Mitleiderweckendes in ihr. Es ist doch entsetzlich traurig!«
+
+»Nein, heute lag in ihr etwas Eigenartiges,« sagte Dolly, »als ich sie
+hinausbegleitete, schien mir im Vorzimmer, als ob sie weinen wollte.«
+
+
+ 29.
+
+Anna setzte sich wieder in den Wagen, noch düsterer gestimmt, als sie
+es bei ihrer Wegfahrt von Hause gewesen war. Zu den früheren Qualen
+gesellte sich jetzt das Gefühl der Kränkung und Verstoßenheit, welches
+sie deutlich bei ihrer Begegnung mit Kity empfunden hatte.
+
+»Wohin befehlt Ihr? Nach Hause?« frug Peter.
+
+»Ja, nach Hause,« sagte sie, jetzt gar nicht mehr daran denkend, wohin
+sie fuhr.
+
+»Wie sie mich anblickten; gerade, als wäre ich etwas Furchtbares,
+Unbegreifliches und Neugier Erregendes. Wovon mag der da wohl mit
+solchem Eifer dem andern erzählen,« dachte sie, auf zwei Fußgänger
+blickend. -- »Kann man denn einem andern erzählen, was man empfindet?
+Ich wollte es Dolly erzählen, aber es ist gut, daß ich nicht erzählt
+habe. Wie froh wäre sie über mein Unglück gewesen! Sie hätte dies zwar
+verheimlicht, aber in der Hauptsache wäre ihr Gefühl nur die Freude
+darüber gewesen, daß ich für jene Lust bestraft worden bin, um welche
+sie mich beneidet hat. Kity nun würde sich noch mehr gefreut haben.
+Wie ich sie jetzt durch und durch kenne! Sie weiß, daß ich gegen ihren
+Mann außergewöhnlich liebenswürdig gewesen bin, ist nun eifersüchtig
+auf mich und haßt mich. Sie verachtete mich aber auch noch. In ihren
+Augen bin ich ein Weib ohne Moral. Ich hätte ihren Mann mit Liebe zu
+mir erfüllen können, wenn ich ein sittenloses Weib wäre. -- Wenn ich
+gewollt hätte. -- Ich habe auch gewollt! -- Der dort ist zufrieden mit
+sich selbst« -- dachte sie beim Anblicke eines dicken, rotaussehenden
+Herrn, der an ihr vorübergefahren kam, sie für eine Bekannte hielt,
+und den Hut auf seinem glänzenden Glatzkopf lüftete, sich dann aber
+überzeugte, daß er geirrt habe.
+
+»Er glaubte, mich zu kennen, und er kannte mich doch so wenig, wie mich
+überhaupt jemand auf der Welt kennen mag. Ich selbst kenne ihn nicht.
+Ich kenne nur seine =appetits=, wie die Franzosen sagen. -- Die da
+möchten dieses schmutzige Gefrorene haben,« dachte sie, auf zwei Knaben
+blickend, welche einen Eisverkäufer angehalten hatten, der seinen Tuber
+vom Kopfe nahm und mit dem Zipfel seines Handtuchs das schweißbedeckte
+Gesicht abtrocknete. »Uns alle verlangt nach Süßigkeit und Leckerei.
+Ist es nicht Konfekt, so kann es schmutziges Gefrorenes sein. Auch
+mit Kity ist es so; war es nicht Wronskiy, so war es Lewin. Und sie
+beneidet mich, und haßt mich dafür. Wir alle hassen uns gegenseitig.
+Ich Kity -- Kity mich! Das ist die Wahrheit. -- >Tjutkin, Coiffeur. --
+=Je me fais coiffer par Tjutkin=.< Dies werde ich ihm sagen, wenn er
+kommt,« dachte sie und lächelte. Doch im selben Augenblick erinnerte
+sie sich, daß sie jetzt nicht Ursache habe, jemand etwas Scherzhaftes
+zu sagen; »es giebt auch nichts Scherzhaftes oder Heiteres dabei,
+alles ist häßlich. Man läutet zur Vesper; wie sorgsam sich dieser
+Kaufmann bekreuzigt. Als ob er fürchtete, etwas zu verlieren. Wozu
+diese Kirchen, dieses Läuten, diese Lüge? Nur dazu, um zu verbergen,
+daß wir uns alle einander hassen, wie diese Mietkutscher da, die
+sich so erbost streiten. Jaschwin sagt: Der Gegner sucht mich bis
+aufs Hemd auszuplündern, also thue ich dies auch mit ihm. Das ist
+Gerechtigkeit!« --
+
+In diesen Gedanken, welche sie so beschäftigten, daß sie selbst
+über ihre Lage nachzudenken aufgehört hatte, fand sie sich, als der
+Wagen vor der Freitreppe ihres Hauses anhielt. Erst als sie den ihr
+entgegenkommenden Portier erblickte, erinnerte sie sich wieder, daß sie
+ein Billet und ein Telegramm abgeschickt hatte.
+
+»Ist Antwort da?« frug sie.
+
+»Ich werde sogleich nachsehen,« versetzte der Portier, schaute in das
+kleine Comptoir, langte hinein und reichte ihr ein viereckiges, dünnes
+Couvert mit einem Telegramm. »Ich kann nicht früher als um zehn Uhr
+kommen. Wronskiy.« -- las sie.
+
+»Der Bote ist nicht zurückgekehrt?«
+
+»Nein,« antwortete der Portier.
+
+»Wenn es so steht, weiß ich, was ich zu thun habe,« sagte sie und eilte
+in dem Gefühl eines in ihr aufsteigenden, unklaren Grimmes und des
+Verlangens nach Rache hinauf. »Ich werde selbst zu ihm fahren; bevor
+ich auf immer gehe, will ich ihm noch alles sagen! Nie habe ich einen
+Menschen so gehaßt, wie diesen Mann!« dachte sie. Als sie seinen Hut am
+Kleidergestell erblickte, schauerte sie zusammen vor Widerwillen.
+
+Sie bedachte nicht, daß sein Telegramm die Antwort auf das ihrige
+bildete, und er ihren Brief noch gar nicht erhalten hatte. Sie stellte
+sich ihn jetzt vor in ruhigem Gespräch mit seiner Mutter und der
+Sorokina, voll Freude über ihre Leiden. »Ja, ich muß möglichst bald
+fahren,« sprach sie zu sich, noch ohne zu wissen, wohin. Es verlangte
+sie, möglichst schnell den Empfindungen entgehen zu können, welche sie
+in diesem furchtbaren Hause hatte. Die Dienstboten, die Wände, die
+Gegenstände in diesem Hause -- alles forderte in ihr Widerwillen und
+Zorn heraus, und beklemmte sie mit einer gewissen Schwere.
+
+»Ich muß auf die Eisenbahnstation fahren, und ist er nicht dort, zu ihm
+selbst und ihn überführen!«
+
+Anna sah in den Zeitungen nach den Fahrplänen der Züge. Es ging abends
+acht Uhr zwei Minuten ein Zug. »Ja, da will ich eilen.«
+
+Sie befahl andere Pferde anzuspannen, und widmete sich dem Einpacken
+von Sachen in eine Reisetasche, die ihr für einige Tage erforderlich
+waren. Sie wußte, daß sie nicht wieder hierher zurückkehren werde. In
+ihrer Aufregung entschloß sie sich unter den Plänen die ihr in den Kopf
+kamen, je nach den Vorgängen auf der Station oder auf dem Gute der
+Gräfin, auf der Strecke Nishegorod bis zur nächsten Stadt zu fahren und
+dort zu bleiben.
+
+Das Essen stand auf dem Tische. Sie trat heran, roch an Brot und Käse
+und befahl, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß der Geruch alles
+Eßbaren ihr nur widerlich sei, den Wagen anzuspannen, worauf sie
+hinausging.
+
+Das Haus warf seinen Schatten bereits über die ganze Straße; es war ein
+klarer, noch warmer und sonniger Abend.
+
+Sowohl Annuschka, die ihr mit den Sachen folgte, als Peter, welcher
+dieselben im Wagen unterbrachte und der Kutscher, der augenblicklich
+schlechte Laune hatte -- alle waren ihr widerlich und reizten sie mit
+ihren Worten und Bewegungen.
+
+»Ich brauche dich nicht, Peter!«
+
+»Aber das Billet?«
+
+»Nun, wie du willst, mir ist alles gleich,« sprach sie verdrießlich.
+
+Peter stieg hinten auf und befahl, die Hände in die Seite gestützt,
+nach dem Bahnhof zu fahren.
+
+
+ 30.
+
+»Da ist es wieder! Wieder erfasse ich alles,« sprach Anna zu sich,
+sobald der Wagen sich in Bewegung gesetzt hatte, schütternd über das
+Pflaster fuhr, und die Eindrücke sich wiederum, einer nach dem andern,
+abwechselten. »Was dachte ich denn zuletzt so Angenehmes,« suchte sie
+in ihrer Erinnerung. »>Tjutkin, Coiffeur?< -- Nein, das war es nicht.
+Ach ja, wovon Jaschwin gesprochen: Der Kampf ums Dasein und der Haß,
+sie sind das Eine, was die Menschheit zusammenhält. O, Ihr fahrt
+umsonst,« wandte sie sich in Gedanken zu einer Gesellschaft, die in
+einer Tschetwernja dahinfuhr, wohl um sich außerhalb der Stadt zu
+vergnügen. »Auch der Hund, den Ihr da mit Euch führt, wird Euch nichts
+helfen; Ihr werdet Euch nicht voneinander verlieren.« Indem sie den
+Blick nach der Seite richtete, nach der sich Peter wandte, erblickte
+sie einen fast bis zur Besinnungslosigkeit berauschten Fabrikarbeiter
+mit wackelndem Kopfe, den ein Polizist führte.
+
+»Da der -- das geht schon eher;« dachte sie, »dieses Vergnügen habe
+ich mit dem Grafen Wronskiy noch nicht genossen, obwohl ich viel
+von ihm erwartet hatte.« Zum erstenmale ließ Anna jetzt die scharfe
+Beleuchtung, unter der sie alles erblickte, auf ihre Beziehungen zu ihm
+fallen, über die sie nachzudenken vorher vermieden hatte.
+
+»Was hat er in mir gesucht? Liebe doch nicht so sehr, als mehr eine
+Befriedigung seiner Eitelkeit.«
+
+Sie erinnerte sich seiner Worte, des Ausdrucks seiner Züge, die in der
+ersten Zeit ihres Verhältnisses den Eindruck eines ergebenen Jagdhundes
+auf sie gemacht hatten. Alles bestätigte dies jetzt. »Ja, in ihm lebte
+der Triumph über einen Erfolg seines Ehrgeizes. Natürlich war ja auch
+Liebe dabei gewesen, aber den Hauptteil bildete doch der Stolz auf
+seinen Erfolg. Er hat sich mit mir gebrüstet! Jetzt ist das vorüber.
+Er soll nun auf nichts mehr stolz sein. Es giebt jetzt keinen Stolz
+mehr für ihn, sondern nur noch Schande. Er hat mir alles genommen,
+was er nehmen konnte, jetzt braucht er mich nicht mehr. Er ist meiner
+überdrüssig, und will nicht mehr mir gegenüber ehrlos sein. Er hat
+sich gestern versprochen -- er will die Scheidung und die Heirat nur,
+um die Schiffe hinter sich abzubrennen. Er liebt mich -- aber wie? --
+=The zest is gone=. -- Der da will alle in Erstaunen setzen und ist
+ja sehr zufrieden mit sich selbst,« dachte sie, auf einen rotbäckigen
+Handlungsdiener blickend, welcher ein Manegepferd ritt. »Ja, der alte
+Geschmack an mir ist nicht mehr bei ihm vorhanden. Wenn ich von ihm
+gehe, wird er herzlich froh sein.«
+
+Dies war keine Vermutung -- sie sah es klar in jenem durchdringenden
+Lichte, welches ihr jetzt den Sinn des Lebens und der menschlichen
+Verhältnisse offenbarte.
+
+»Meine Liebe wird immer leidenschaftlicher und egoistischer, die seine
+aber erlischt mehr und mehr, und deshalb trennen wir uns,« fuhr sie
+fort zu grübeln. »Und Hilfe ist hierbei unmöglich. Für mich liegt alles
+in ihm allein und ich fordere, daß er immer mehr und mehr sich mir
+hingebe. Er aber immer will mehr und mehr von mir entweichen. Wir sind
+bis zum Bunde miteinander zusammengekommen, gehen aber nun unaufhaltsam
+nach verschiedenen Richtungen wieder auseinander. Und dies läßt sich
+auch nicht ändern. Er sagt mir, ich sei sinnlos eifersüchtig, und ich
+selbst habe mir gesagt, ich bin sinnlos eifersüchtig -- aber das ist
+unwahr. Ich bin nicht eifersüchtig, sondern unzufrieden! Doch« -- sie
+öffnete den Mund und veränderte den Sitz im Wagen vor der Erregung,
+die in ihr durch einen plötzlich auftauchenden Gedanken hervorgerufen
+wurde. »Wenn ich noch etwas Anderes sein könnte, als seine Geliebte,
+die leidenschaftlich nur seine Liebkosungen liebt; aber ich kann und
+will gar nichts Anderes sein. Mit diesem Wunsche aber erwecke ich in
+ihm Widerwillen, er in mir Wut; das kann nicht anders sein! Weiß ich
+etwa nicht, daß er nicht schon anfinge mich zu hintergehen? Daß er
+nicht Absichten auf die Sorokina hätte, daß er Kity geliebt hat und
+mich verrät? Alles dies weiß ich, und mir wird davon nicht leichter.
+Wenn er, ohne mich zu lieben, nur _aus Pflicht_ gut und zärtlich gegen
+mich ist, nicht aber das sein will, was ich wünsche; so wäre es noch
+tausendmal schlimmer, als Haß! Das wäre -- die Hölle! Und so ist es
+auch! Er liebt mich schon lange nicht mehr, und wo die Liebe aufhört,
+da fängt der Haß an. Diese Straßen kenne ich doch gar nicht. Berge,
+und Häuser auf Häuser, in den Häusern aber Menschen, nur Menschen. Wie
+viele Menschen giebt es da, kein Ende ist abzusehen, und alle hassen
+einander. Aber ich will mir doch einmal ausdenken, was ich eigentlich
+will, um glücklich zu sein? Nun, gesetzt, ich erhalte die Ehescheidung,
+Aleksey Aleksandrowitsch giebt mir Sergey und ich heirate Wronskiy.«
+
+Indem sie Aleksey Aleksandrowitschs gedachte, stellte sie sich ihn
+sogleich mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit vor, als ob er lebendig vor
+ihr stände, mit seinen sanften, leblosen, erloschenen Augen, den blauen
+Adern auf den weißen Händen, seinen Betonungen und dem Knacken seiner
+Finger, und indem sie sich des Gefühls erinnerte, welches zwischen
+ihnen bestanden und auch Liebe geheißen hatte, erschauerte sie vor Ekel.
+
+»Nun, ich werde die Scheidung erhalten und Wronskiys Weib werden. Wird
+aber Kity dann aufhören, so auf mich zu schauen, wie sie es heute
+gethan hat? Nein. Wird dann Sergey aufhören, nach meinen zwei Männern
+zu fragen oder über sie nachzudenken? Und welches neue Gefühl soll
+ich mir für Wronskiy und mich ausdenken? Ist ein Etwas möglich, das
+nicht mehr Glück, und doch auch nicht eine Qual wäre? -- Nein und aber
+nein!« -- antwortete sie sich selbst, jetzt ohne das geringste Zaudern.
+»Es ist unmöglich! Wir werden durch das Leben getrennt; ich bin sein
+Unglück, er ist das meine, und es ist unmöglich, ihn oder mich zu
+rehabilitieren. Alle Versuche sind gemacht worden, die Schraube ist
+abgelaufen. -- Da, eine Bettlerin mit ihrem Kinde! -- Sie glaubt, man
+habe Mitleid mit ihr. Sind wir denn nicht alle nur dazu in die Welt
+geworfen worden, um einander zu hassen, und uns und die anderen deshalb
+zu martern? -- Da kommen Gymnasiasten. -- Sie lachen! Ist Sergey
+darunter?« -- dachte sie. »Ich habe auch geglaubt, daß ich ihn liebte,
+und war gerührt von seiner Zärtlichkeit. Und doch habe ich auch ohne
+ihn gelebt, habe ich ihn um eine andere Liebe vertauscht und diesen
+Tausch nicht beklagt, so lange ich in dieser Liebe Genüge fand.«
+
+Mit Widerwillen erinnerte sie sich dessen, was sie mit dieser Liebe
+bezeichnete. Die Klarheit, mit welcher sie jetzt ihr Leben und
+dasjenige aller Menschen schaute, verursachte ihr Freude. »So mache ich
+es, wie Peter, oder der Kutscher Fjodor, oder dieser Kaufmann da, und
+alle anderen Leute, die dort längs der Wolga wohnen, und es ist überall
+und immer so,« dachte sie, als sie bei dem niedrigen Stationsgebäude
+der Nishegoroder Bahn angekommen war und die Artjelschtschiks ihr
+entgegeneilten.
+
+»Befehlt Ihr nach Obiralovka?« frug Peter.
+
+Sie hatte vollkommen vergessen, wohin und weshalb sie reisen wollte und
+vermochte nur mit größter Anstrengung die Frage zu erfassen.
+
+»Ja,« sagte sie zu ihm, ihr Geldtäschchen hinreichend und stieg, die
+kleine rote Tasche in die Hand nehmend, aus dem Wagen.
+
+Durch das Gedränge nach dem Wartesaal der ersten Klasse gehend,
+rief sie sich ein wenig alle die Einzelheiten ihrer Lage und die
+Entscheidungen ins Gedächtnis zurück, zwischen denen sie schwankte.
+
+Wiederum begann bald Hoffnung, bald Verzweiflung in den alten kranken
+Stellen die Wunden ihres gemarterten, entsetzlich schlagenden Herzens
+wieder aufzureißen. In der Erwartung des Zuges auf dem sternförmigen
+Diwan sitzend, dachte sie, den Blick voll Widerwillen auf die Kommenden
+und Gehenden gerichtet -- sie alle waren ihr widerlich -- bald
+daran, wie sie, auf der Station angekommen, ihm ein Billet schreiben
+wolle, und was sie ihm schreiben würde; bald daran, wie er sich bei
+seiner Mutter -- die ja Leiden gar nicht verstand -- über seine Lage
+beklagen mochte, wie sie selbst ins Zimmer hereintreten, und was sie
+zu ihm sagen wollte. Sie dachte auch darüber nach, wie ihr Leben noch
+glücklich werden könnte und wie qualvoll sie ihn liebe und hasse, und
+wie entsetzlich ihr Herz schlage.
+
+
+ 31.
+
+Die Glocke ertönte; mehrere junge Männer, häßlich, dreist, zudringlich,
+und zugleich aufmerksam den Eindruck den sie hervorbrachten,
+beobachtend, kamen vorüber; auch Peter schritt durch den Wartesaal
+in seiner Livree und Stiefletten, mit stumpfem, tierischen
+Gesichtsausdruck, und trat zu ihr heran, um sie zum Waggon zu
+begleiten. Die geräuschvoll aufgetretenen Herren verstummten, als sie
+an ihnen auf dem Bahnsteig vorüberschritt und einer flüsterte dem
+andern etwas zu, natürlich etwas Garstiges. Sie trat auf die hohe
+Stufe und setzte sich allein im Coupé auf den gepolsterten, fleckig
+gewordenen, einstmals weiß gewesenen Diwan. Die Reisetasche, noch auf
+dem Polster springend, war soeben hereingelegt worden, mit stupidem
+Lächeln lüftete Peter vor dem Fenster seine galonierte Mütze zum
+Zeichen des Abschieds, rücksichtslos warf der Kondukteur die Thür zu
+und klinkte sie ein.
+
+Eine Dame, ungestaltet, mit einer Tournüre -- Anna entkleidete sie in
+Gedanken und erschrak über ihre Unförmigkeit -- und ein junges Mädchen,
+welches unnatürlich lachte, liefen unten vorbei.
+
+»Bei Katharina Andrejewna -- alles bei ihr -- =ma tante=!« rief das
+junge Mädchen.
+
+»Selbst dieses Mädchen ist ungestaltet und heuchelt,« dachte Anna.
+Um niemand zu sehen, stand sie schnell auf und setzte sich an das
+gegenüberliegende Fenster in dem leeren Waggon. Ein schmutziger,
+ungeschlachter Mensch in einer Mütze, unter welcher das Haar wirr
+hervorstarrte, ging an dem Fenster vorüber, sich zu den Rädern des
+Waggons niederbeugend. »Es liegt mir etwas Bekanntes in diesem
+unförmigen Menschen da,« dachte Anna, und ihres Traumes sich erinnernd,
+trat sie, vor Entsetzen zitternd, zu der gegenüberliegenden Thür. Der
+Kondukteur öffnete die Thür und ließ einen Mann mit seiner Frau herein.
+
+»Wollt Ihr vielleicht hinaus?«
+
+Anna antwortete nicht. Der Kondukteur und die Eingetretenen bemerkten
+unter dem Schleier das Entsetzen auf ihren Zügen nicht. Sie wandte sich
+nach ihrer Ecke und setzte sich.
+
+Das Ehepaar nahm auf der gegenüberliegenden Seite Platz, aufmerksam,
+aber verstohlen ihr Kleid betrachtend. Der Mann wie das Weib erschienen
+Anna widerlich. Der Mann frug, ob sie ihm gestatte, zu rauchen,
+offenbar nicht, daß er rauchen konnte, sondern um mit ihr eine
+Unterhaltung anzuspinnen. Nachdem er ihre Erlaubnis erhalten hatte,
+begann er mit seiner Frau auf französisch über Etwas zu reden, was er
+noch weniger als das Rauchen brauchte. Sie sprachen, indem sie sich
+verstellten, von lauter Albernheiten, nur zu dem Zwecke, daß sie es
+hörte. Anna sah deutlich, wie die beiden sich gegenseitig langweilten
+und einander haßten. Man konnte auch nicht anders, als solche
+kläglichen Ausgeburten hassen.
+
+Das zweite Läuten wurde hörbar und gleich darauf folgte der Transport
+des Gepäckes, unter Lärm, Rufen und Lachen. Anna war es so klar, daß
+niemand Ursache hatte, sich zu freuen, daß dieses Lachen sie bis zur
+Schmerzhaftigkeit erbitterte und sie die Ohren schließen wollte, um es
+nicht hören zu müssen.
+
+Endlich erklang das dritte Läuten, ein Pfiff und das heulende Signal
+des Dampfkessels ertönte, eine Kette riß und der Ehemann bekreuzigte
+sich.
+
+»Es wäre eigentlich interessant, ihn zu fragen, was er sich dabei
+wohl denkt,« dachte Anna, ihn zornig anblickend. Sie schaute neben der
+Dame vorüber durch das Fenster auf die Menschen, die sich gleichsam
+rückwärts zu wälzen schienen, indem sie auf dem Bahnsteig stehend,
+dem Zug das Geleite gaben. Unter gleichmäßig sich wiederholenden
+Erschütterungen auf den Verbindungspunkten der Schienen, bewegte sich
+der Waggon, in welchem Anna saß, an dem Bahnsteig, einer steinernen
+Mauer, und anderen Waggons vorüber. Die Räder rasselten flüchtiger
+und geschmeidiger mit leichtem Geräusch auf den Schienen, das Fenster
+erglänzte in der hellen Abendsonne und ein leichter Wind spielte mit
+dem Vorhang.
+
+Anna hatte ihre Nachbarn im Waggon vergessen und fing wieder an,
+bei dem leichten Rollen während der Fahrt, die frische Luft in sich
+einzuatmen und wieder zu grübeln:
+
+»Wo war ich denn stehen geblieben? Halt, dabei, daß ich mir keine Lage
+ausfindig machen konnte, in welcher das Leben nicht eine Qual wäre;
+dabei, daß wir alle dazu geboren sind, einander zu foltern und wir
+alle dies wissen und alle nur Mittel ausklügeln, um uns gewissermaßen
+darüber hinwegzutäuschen. Wenn man aber nun die Wahrheit erkennt, was
+soll man da thun?«
+
+»Dazu ward dem Menschen der Verstand, daß er sich von dem befreit, was
+ihn quält,« sagte die Dame auf französisch, offenbar sehr befriedigt
+von ihrem Satze und mit Hilfe ihrer Zunge Grimassen machend.
+
+Diese Worte antworteten gleichsam auf den Gedanken Annas.
+
+»Daß er sich befreit von dem, was ihn quält,« wiederholte Anna, und
+begriff mit einem Blick auf den rotbäckigen Mann und die hagere
+Frau, daß hier ein krankes Weib sich selbst für unverstanden halte,
+und ihr Gatte, diese Meinung über sich selbst in ihr unterstütze.
+Anna durchschaute gleichsam die Geschichte der beiden da und alle
+versteckten Winkel ihrer Seelen, indem sie ihr Licht auf sie übertrug,
+aber etwas Interessantes lag nicht darin und sie verfolgte ihren
+Gedankengang weiter.
+
+»Ja, er quält mich sehr und dazu ward dem Menschen der Verstand, daß
+er sich befreie. Es ist wohl auch notwendig, sich zu befreien. Warum
+soll man nicht das Licht verlöschen, wenn man nichts mehr zu sehen hat,
+wenn es widerlich wird, alles das zu sehen? Weshalb läuft doch jener
+Kondukteur an der Stange, weshalb schreien jene jungen Leute in dem
+Waggon? Weshalb sprechen und lachen sie? Das ist doch alles unwahr,
+alles Lug, alles Trug, alles böse« -- --
+
+Nachdem der Zug in die Station eingelaufen war, stieg Anna mit der
+Menge der anderen Passagiere aus, blieb aber dann, sich vor ihnen wie
+vor Verfehmten fernhaltend, auf dem Bahnsteig zurück, und suchte sich
+ins Gedächtnis zurückzurufen, warum sie denn hierhergefahren sei und
+was sie hatte thun wollen.
+
+Alles, was ihr vorher als möglich erschienen war, wurde ihrer
+Vorstellungskraft jetzt so schwer, namentlich vor dem lärmenden Haufen
+aller dieser ungeschlachten Menschen, die ihr keine Ruhe ließen. Bald
+kamen Artjeljschtschiks zu ihr gelaufen, die ihre Dienste anboten,
+bald blickten sie junge Leute an, die mit den Stiefelabsätzen auf den
+Bohlen des Bahnsteigs stampften und laut miteinander sprachen, bald
+wichen ihr Begegnende nicht aus. Nachdem sie sich besonnen hatte, daß
+sie weiter fahren wollte, falls keine Antwort da wäre, hielt sie einen
+Artjeljschtschik an und frug, ob nicht ein Kutscher mit einem Briefe
+für den Grafen Wronskiy hier sei.
+
+»Graf Wronskiy? Von dem war soeben jemand hier. Man hat die Fürstin
+Sorokina nebst Tochter abgeholt. Aber wie sieht denn der Kutscher aus?«
+
+Während sie noch mit dem Artjeljschtschik sprach, trat der Kutscher
+Michail, rotbäckig und heiter in seiner blauen flotten Poddjevka
+und Uhrkette, offenbar stolz darauf, daß er seinen Auftrag so gut
+ausgeführt hatte, zu ihr heran und überreichte ein Billet.
+
+Sie erbrach es; ihr Herz zog sich zusammen, noch bevor sie es gelesen
+hatte.
+
+»Ich bedaure sehr, daß mich das Billet nicht angetroffen hat; um zehn
+Uhr werde ich kommen,« hatte Wronskiy mit flüchtiger Hand geschrieben.
+
+»So. Das hatte ich erwartet,« sprach sie mit unglückverheißendem
+Lächeln. »Gut! Fahr' heim!« fuhr sie dann, zu Michail gewendet, leise
+fort. Sie sprach leise, weil die Schnelligkeit ihres Herzschlags sie am
+Atmen behinderte.
+
+»Nein, ich werde dir nicht mehr Gelegenheit geben, mich zu martern,«
+dachte sie, sich in ihrer Drohung weder an ihn, noch an sich selbst
+wendend, sondern an den, welcher sie veranlaßt hatte, sich selbst
+zu foltern, und schritt auf dem Bahnsteig dahin, am Stationsgebäude
+vorüber.
+
+Zwei Zofen, welche auf der Plattform hingingen, drehten die Köpfe
+rückwärts, indem sie nach ihr blickten, und mit vernehmlicher Stimme
+über ihre Toilette Betrachtungen anstellten. »Das sind echte«, sagten
+sie über die Spitzen, die sie trug. Die jungen Männer ließen sie auch
+nicht in Ruhe. Sie schauten ihr wieder ins Gesicht und gingen lachend,
+mit unnatürlicher Stimme rufend, an ihr vorbei.
+
+Der Stationsvorsteher trat heran und frug sie, ob sie fahren wolle?
+Ein Knabe, welcher Kwas verkaufte, ließ sie nicht aus den Augen. »Mein
+Gott, wohin soll ich flüchten?« dachte sie, sich weiter und weiter von
+dem Bahnsteig entfernend.
+
+Am Ende desselben blieb sie stehen. Damen und Kinder, welche einen
+bebrillten Herrn begrüßten und laut lachten und sprachen, verstummten
+bei ihrem Anblick, als sie neben ihnen angelangt war. Sie beschleunigte
+ihren Schritt und entfernte sich von ihnen nach dem Rande des
+Bahnsteigs hin. Ein Güterzug kam heran. Der Perron erbebte und ihr
+schien es, als ob sie wieder fahre. Plötzlich aber, indem ihr die
+Zermalmung jenes Menschen am Tage ihrer ersten Begegnung mit Wronskiy
+einfiel, erkannte sie, was sie zu thun hatte. Schnellen leichten
+Schrittes stieg sie die Stufen hinab, welche zu den Schienen führten
+und blieb neben dem dicht an ihr vorüberfahrenden Train stehen. Sie
+schaute unter die Waggons, auf die Schrauben und Ketten, auf die
+großen, gußeisernen Räder des langsam rollenden, ersten Waggons und
+suchte mit dem Augenmaß den Mittelpunkt zwischen den Vorder- und
+Hinterrädern, sowie den Augenblick zu bestimmen, in welchem sich dieser
+Mittelpunkt vor ihr befinden würde.
+
+»Dahin!« -- sprach sie zu sich selbst, nach dem Schatten des Waggons
+auf dem mit Kohlenstaub vermischten Sand, von welchem der Boden bedeckt
+war, schauend, »dahin, gerade in die Mitte, und ich strafe ihn und bin
+von allem erlöst; wie von mir selbst.« -- --
+
+Sie wollte sich unter den ersten Waggon, der mit seinem Mittelpunkt
+neben ihr angekommen war, werfen, allein die rote Reisetasche, die
+sie nun von dem Arme nahm, hinderte sie und es war schon zu spät. Der
+Mittelpunkt war an ihr vorüber. Sie mußte also den folgenden Waggon
+erwarten. Ein Gefühl, ähnlich dem, wie sie es empfunden hatte, wenn sie
+sich beim Baden bereit machte, in das Wasser zu steigen, wandelte sie
+an, und sie bekreuzte sich. Die gewohnte Geste der Bekreuzigung rief in
+ihrer Seele eine ganze Reihe von Erinnerungen aus ihrer Mädchen- und
+Kinderzeit herauf, und plötzlich zerriß die Finsternis, die alles vor
+ihr verdeckt hatte, und das Leben trat für einen Moment vor sie hin,
+mit all seinen lichten, vergangenen Freuden.
+
+Sie verwandte während dessen kein Auge von den Rädern des
+herankommenden Waggons, und genau in dem Augenblick, als der
+Mittelpunkt zwischen den Rädern vor ihr war, schleuderte sie den roten
+Reisesack von sich, fiel, den Kopf zwischen die Schultern ziehend, auf
+die Hände unter dem Waggon, und ließ sich mit einer leichten Bewegung,
+als sei sie bereit, sofort wieder aufzustehen, in die Kniee sinken. In
+dem nämlichen Augenblick aber erschrak sie über das, was sie gethan
+hatte, »wo bin ich, was thue ich, warum?« -- Sie wollte sich wieder
+erheben, sich zurückwerfen, aber etwas Ungeheures, Unerbittliches stieß
+sie vor den Kopf und nahm sie beim Rücken mit. »Herr Gott vergieb mir
+alles!« sprach sie, die Unmöglichkeit eines Kampfes fühlend. Der Mensch
+arbeitete im Selbstgespräch in dem Eisen. Das Licht, bei welchem sie
+das von Mühsal und Lüge, Weh und Übel erfüllte Buch gelesen hatte,
+flammte in noch hellerem Glanze empor als je, und erleuchtete alles
+vor ihr, was früher für sie im Dunkeln gelegen hatte, es prasselte,
+verdunkelte sich und erlosch auf ewig.
+
+
+
+
+ Achter Teil.
+
+ 1.
+
+
+Fast zwei Monate waren vergangen. Die Hälfte der heißen Jahreszeit war
+schon verstrichen und Sergey Iwanowitsch machte erst jetzt Anstalt,
+Moskau zu verlassen.
+
+Im Leben Sergey Iwanowitschs hatte sich während dieser Zeit Mehrfaches
+ereignet. Ein Jahr vorher bereits war sein Buch, die Frucht einer
+sechsjährigen Arbeit mit dem Titel: »Versuch eines Überblickes über die
+Grundlagen und Formen des Staatswesens in Europa und Rußland«, beendet
+worden.
+
+Einige Teile nebst der Einleitung waren in zeitgemäßen Publikationen
+gedruckt, andere von Sergey Iwanowitsch Männern aus seiner Umgebung
+vorgelesen worden, sodaß die Gedanken dieses neuen Werkes schon
+nicht mehr eine vollkommene Neuheit für das Publikum bilden konnten.
+Gleichwohl aber hatte Sergey Iwanowitsch erwartet, daß das Buch mit
+seinem Erscheinen einen tiefen Eindruck auf die Gesellschaft und,
+wenn nicht eine Umwälzung in der Wissenschaft, so doch jedenfalls
+mächtige Sensation in der Gelehrtenwelt machen werde. Das Buch war
+nach sorgfältigem Druck im vergangenen Jahre zum Erscheinen und zur
+Versendung an die Buchhändler gelangt.
+
+Ohne nun jemand über das Werk zu befragen, und ungern und mit
+erheuchelter Gleichgültigkeit auf die Fragen seiner Freunde, wie
+dasselbe gehe, antwortend, ohne sich selbst bei den Buchhändlern nach
+dem Absatz zu erkundigen, verfolgte Sergey Iwanowitsch scharf und mit
+gespannter Aufmerksamkeit den ersten Eindruck, welchen sein Werk in der
+Gesellschaft und in der Litteratur hervorbrächte.
+
+Aber es verging eine Woche, eine zweite, dritte, und in der
+Gesellschaft war kein Eindruck wahrzunehmen. Seine Freunde,
+Spezialisten und Gelehrte, begannen bisweilen, augenscheinlich aus
+Höflichkeit, von dem Buche zu sprechen, seine übrigen Bekannten aber,
+die sich nicht für ein Werk von gelehrter Richtung interessierten,
+sprachen gar nicht davon. In der Gesellschaft, welche besonders
+jetzt von anderen Dingen in Anspruch genommen war, herrschte völlige
+Gleichgültigkeit, und in der Litteratur erschien im Verlauf eines
+Monats gleichfalls kein Wort über das Buch.
+
+Sergey Iwanowitsch berechnete bis in die Einzelheiten die Zeit, welche
+zur Abfassung einer Recension erforderlich war, aber es verging ein
+Monat, ein zweiter unter dem nämlichen Schweigen.
+
+Nur im »Ssjevernyj Shuk«, in einem humoristischen Feuilleton über den
+Sänger Drabanti, welcher seine Stimme verloren hatte, waren so nebenbei
+einige geringschätzige Worte über das Buch Koznyscheffs gefallen.
+Dieselben zeigten, daß dieses schon längst allgemein verurteilt, dem
+allgemeinen Spott anheimgefallen war.
+
+Erst im dritten Monat erschien in einem Journal ernster Richtung eine
+kritische Abhandlung. Sergey Iwanowitsch kannte sogar den Verfasser
+derselben; er war ihm einmal bei Golubzoff begegnet.
+
+Der Verfasser der Abhandlung war ein sehr junger und bissiger
+Feuilletonist, höchst gewandt als Schriftsteller, aber außerordentlich
+wenig gebildet, und schüchtern in seinen persönlichen Beziehungen.
+
+Ungeachtet seiner vollkommenen Verachtung für den Autor, machte sich
+Sergey Iwanowitsch gleichwohl mit vollkommenem Ernst an die Lektüre der
+Abhandlung. Die Kritik war höchst traurig.
+
+Augenscheinlich hatte der Feuilletonist das ganze Buch gerade so
+aufgefaßt, wie es unmöglich aufgefaßt werden durfte. Er hatte aber
+so gewandt die Citate aus demselben zusammengestellt, daß es für
+diejenigen, welche das Buch nicht gelesen hatten -- und offenbar hatte
+es fast niemand gelesen -- vollständig klar wurde, das ganze Werk
+sei nichts anderes, als eine Sammlung hochtrabender Worte, die noch
+dazu nicht einmal in passender Weise angewendet worden waren -- wie
+die Fragezeichen bewiesen -- und der Verfasser des Buches ein völlig
+unwissender Mensch. Alles aber war dabei so geistreich, daß selbst
+Sergey Iwanowitsch sich diesem Scharfsinn gegenüber nicht ablehnend
+verhalten konnte -- aber das alles war doch höchst traurig. --
+
+Trotz der vollkommenen Gewissenhaftigkeit, mit welcher Sergey
+Iwanowitsch die Richtigkeit der Ausführungen des Recensenten prüfte,
+blieb er doch nicht eine Minute bei den Fehlern und Gebräuchen
+stehen, welche darin verspottet wurden, sondern begann sich sogleich
+unwillkürlich bis in die kleinsten Einzelheiten jene Begegnung und sein
+Gespräch mit dem Verfasser des Aufsatzes ins Gedächtnis zurückzurufen.
+
+»Habe ich ihn irgendwomit beleidigt?« frug sich Sergey Iwanowitsch, und
+indem er sich erinnerte, daß er bei jener Begegnung diesen jungen Mann,
+der mit einem Worte seine Unwissenheit dokumentiert hatte, korrigiert
+habe, fand er die Erklärung für die Tendenz der Abhandlung.
+
+Auf diese Kritik folgte ein tödliches Schweigen über das Buch, sowohl
+in der Presse, wie in der Konversation, und Sergey Iwanowitsch sah, daß
+sein seit sechs Jahren, mit soviel Liebe und Mühe erschaffenes Werk
+erfolglos vorübergegangen war.
+
+Die Lage Sergey Iwanowitschs wurde noch schwieriger dadurch, daß er
+nach der Beendigung desselben keine Kabinettarbeit mehr hatte, wie sie
+vorher den größten Teil seiner Zeit in Anspruch genommen.
+
+Sergey Iwanowitsch war klug, gebildet, gesund und thätig und wußte nun
+nicht, wie er seine Arbeitskraft anwenden sollte. Die Gespräche in
+den Hotels, bei den Zusammenkünften, Sobranjen und in Komitees, sowie
+überall da, wo man sprechen konnte, nahmen wohl einen Teil seiner Zeit
+in Anspruch, doch gestattete er sich, als langjähriger Bewohner der
+Stadt nicht, völlig im Reden aufzugehen, wie dies sein unerfahrener
+Bruder that, wenn er in Moskau war. Es blieb ihm daher noch viel freie
+Zeit und Geisteskraft.
+
+Zu seinem Glück tauchte in dieser, infolge des Fehlschlagens seines
+Buches für ihn so schweren Zeit als Ablösung der Dissidentenfrage,
+des amerikanischen Bündnisses, der samarischen Hungersnot, der
+Weltausstellung und des Spiritismus, die slavische Frage auf, die
+vorher nur in der Gesellschaft geduldet worden war, und Sergey
+Iwanowitsch, der bereits früher zu denen gehört hatte, welche diese
+Frage anregten, widmete sich ihr nun ganz.
+
+Im Kreis derer, zu welchen auch Sergey Iwanowitsch gehörte, sprach
+und schrieb man zu dieser Zeit von nichts anderem, als dem serbischen
+Kriege. Alles, was gewöhnlich der müßige Haufe thut, um die Zeit
+totzuschlagen, wurde jetzt zu Gunsten der Slaven gethan. Bälle,
+Konzerte, Essen, Speeches, die Damentoiletten, das Bier, die Gasthäuser
+-- alles gab Zeugnis von der Sympathie für die Slaven.
+
+Mit vielem von dem, was man bei dieser Gelegenheit sprach und schrieb,
+war Sergey Iwanowitsch in den Einzelheiten nicht einverstanden. Er sah,
+daß die slavische Frage eine jener Modefragen wurde, die stets, eine
+die andere ablösend, der Gesellschaft zum Gegenstand der Unterhaltung
+dienen.
+
+Er sah auch, daß viele mit gewinnsüchtigen oder ehrgeizigen Absichten
+unter denen waren, die sich an diesem Werke beteiligten. Er erkannte
+ferner, daß die Zeitungen vieles Unnötige und Übertriebene abdruckten
+allein in der Absicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und
+andere zu übertönen. Er sah, daß bei dieser allgemeinen Erhebung der
+Gesellschaft alle, denen Etwas fehlgegangen war, oder die beleidigt
+worden waren, sich vor allen übrigen hervorthaten und am lautesten
+die Stimme erhoben: Oberkommandierende ohne Armee, Minister ohne
+Portefeuilles, Journalisten ohne Journale, Parteiführer ohne Anhänger.
+Er sah, daß viel Leichtsinn und Lächerlichkeit dabei war, sah und
+erkannte aber auch den unleugbaren, alles überwuchernden Enthusiasmus,
+der alle Klassen der Gesellschaft in Eins vereinigte, und welchem man
+die Sympathie nicht versagen konnte. Das Geschick der Glaubensgenossen
+und slavischen Mitbrüder rief das Mitgefühl für die Leidenden und den
+Unwillen gegen deren Bedrücker hervor. Der Heldenmut der Serben und
+Tschernagorzen, die für eine erhabene Sache kämpften, rief im ganzen
+Volke den Wunsch hervor, den Brüdern zu helfen, aber nicht mehr mit
+Worten, sondern mit der That.
+
+Hierbei zeigte sich indessen eine andere, für Sergey Iwanowitsch
+erfreuliche Erscheinung -- die Offenbarung der allgemeinen Meinung.
+-- Die Gesellschaft äußerte ihren Wunsch in bestimmter Weise. Der
+Volksgeist erhielt einen Ausdruck, wie Sergey Iwanowitsch sagte, und
+je mehr sich derselbe mit dem Gegenstand befaßte, um so einleuchtender
+schien ihm, daß es sich hier um eine Sache handle, welcher die meiste
+Verbreitung zu Teil werden müsse, und die Epoche machen werde.
+
+Er widmete sich nun ganz dem Dienst dieser erhabenen Sache und hatte
+dabei ganz vergessen, seines Buchs noch zu gedenken. Seine ganze
+Zeit war jetzt ausgefüllt, sodaß er nicht imstande war, alle an ihn
+gerichteten Korrespondenzen und Bitten zu genügen.
+
+Nachdem er nun den ganzen Frühling und einen Teil des Sommers hindurch
+gearbeitet hatte, machte er sich erst im Juli bereit, auf das Land zu
+seinem Bruder zu gehen.
+
+Er reiste ab, sowohl, um sich für einige Wochen zu erholen, als
+um in der ländlichen Einsamkeit sich an dem Anblick der Erhebung
+des Volksgeistes zu freuen, von der er und alle Bewohner der Stadt
+vollständig überzeugt waren. Katawasoff, der schon längst ein Lewin
+gegebenes Versprechen, diesen zu besuchen, hatte erfüllen wollen,
+reiste mit ihm zusammen.
+
+
+ 2.
+
+Sergey Iwanowitsch und Katawasoff hatten kaum die heute besonders von
+Menschen belebte Station der Kursker Eisenbahn erreicht, und sich beim
+Verlassen des Wagens nach dem mit dem Gepäck nachkommenden Diener
+umgesehen, als in vier Mietkutschen Freiwillige anlangten. Damen mit
+Bouquets kamen ihnen entgegen, und sie betraten im Geleite von Scharen
+hinter ihnen drein strömender Menschen die Station.
+
+Eine von den Damen, welche die Freiwilligen begrüßten, wandte sich,
+indem sie den Saal verließ, an Sergey Iwanowitsch.
+
+»Seid Ihr auch gekommen, ihnen das Geleite zu geben?« frug sie auf
+französisch.
+
+»Nein; ich reise für mich, Fürstin, um mich bei meinem Bruder zu
+erholen. Ihr gebt wohl fortwährend Geleit?« frug Sergey Iwanowitsch mit
+einem kaum merklichen Lächeln.
+
+»Das ginge ja nicht,« antwortete die Fürstin, »aber freilich haben wir
+selbst bereits achthundert befördert. Malwinskiy glaubte es mir nicht.«
+
+»Mehr als achthundert! Wenn man diejenigen mitzählt, welche nicht
+direkt von Moskau expediert worden sind, so wären es schon mehr als
+tausend,« sagte Sergey Iwanowitsch.
+
+»Da haben wir's. Das habe ich ja gesagt!« pflichtete die Dame freudig
+bei. »Und nicht wahr, es ist jetzt ungefähr eine Million dafür geopfert
+worden?«
+
+»Mehr noch, Fürstin.«
+
+»Was ist denn heute für ein Telegramm gekommen? Wieder die Türken
+geschlagen?«
+
+»Ja, ich habe es gelesen,« antwortete Sergey Iwanowitsch. Sie
+unterhielten sich nun über die neueste Depesche, welche bestätigte, daß
+während dreier aufeinanderfolgender Tage die Türken auf allen Punkten
+geschlagen worden seien und sich auf der Flucht befänden, und daß
+morgen die Entscheidungsschlacht erwartet werde.
+
+»Da hat sich auch ein junger, hübscher Mann gemeldet. Ich weiß nicht,
+weshalb man Schwierigkeiten gemacht hat, und da wollte ich Euch bitten
+-- ich kenne ihn -- daß Ihr doch gefälligst ein Billet schriebt. Er ist
+von der Gräfin Lydia Iwanowna geschickt.«
+
+Nachdem sich Sergey Iwanowitsch nach den Einzelheiten erkundigt hatte,
+welche die Fürstin über den jungen Mann, welcher sich gestellt hatte,
+kannte, schrieb er, in die erste Klasse tretend, ein Billet an die
+Persönlichkeit, von welcher die Sache abhing und übergab es der Fürstin.
+
+»Ihr wißt wohl, Graf Wronskiy, der bekannte -- fährt auch mit diesem
+Zug,« sagte die Fürstin mit triumphierendem und vielsagendem Lächeln,
+als er wieder zurückgekommen war und ihr das Schreiben übergab.
+
+»Ich habe wohl gehört, daß er auch fortginge, aber nicht gewußt, wann.
+Mit diesem Zuge also fährt er?«
+
+»Ich habe ihn gesehen. Er ist hier. Nur seine Mutter begleitet ihn. Es
+war dies doch immer noch das beste, was er thun konnte.«
+
+»Gewiß. Versteht sich.«
+
+Während sie sprachen, strömte der Haufe an ihnen vorüber zur
+Mittagstafel. Sie gingen gleichfalls mit und vernahmen dabei die laute
+Stimme eines Herrn, welcher, den Pokal in der Hand, eine Rede an die
+Freiwilligen hielt. »Für den Glauben dient, für die Menschlichkeit und
+unsere Mitbrüder,« sprach der Herr mit erhöhter Stimme, »zum erhabenem
+Werke segne euch unsere Matuschka Moskwa! Zhivio!« -- schloß er
+dröhnend und mit thränenerstickter Stimme.
+
+Alles rief »Zhivio«! und eine neue Schar, die die Fürstin beinahe über
+den Haufen geworfen hätte, wälzte sich in den Saal.
+
+»Ah, Fürstin, wie geht es!« rief freudestrahlend Stefan Arkadjewitsch,
+der plötzlich inmitten derselben erschien. »Hat er nicht herrlich,
+feurig gesprochen? Bravo! -- Und Sergey Iwanowitsch, Ihr müßtet
+gleichfalls sprechen -- einige Worte, Ihr wißt, so eine Anfeuerung.
+Ihr versteht dies ja so gut,« fügte er mit mildem, ehrerbietigem und
+aufmerksamem Lächeln hinzu, Sergey Iwanowitsch am Arme vorwärtsbewegend.
+
+»Nein, ich fahre sogleich.«
+
+»Wohin denn?«
+
+»Auf das Land zu meinen Bruder,« antwortete Sergey Iwanowitsch.
+
+»Da seht Ihr ja meine Frau. Ich habe ihr geschrieben, aber Ihr werdet
+sie schon eher sehen; sagt ihr doch, bitte, daß Ihr mit mir gesprochen
+habt und alles =allright= ist. Sie wird es schon verstehen. Habt auch
+die Güte, ihr mitzuteilen, daß ich zum Mitglied der Kommission der
+vereinigten -- Ihr wißt ja, =les petites misères de la vie humaine=,«
+wandte er sich wie zur Entschuldigung an die Fürstin.
+
+»Die Mjachkaja -- nicht Lisa, sondern Bibisch -- schickt tausend
+Gewehre und zwölf Schwestern. Ich hatte es Euch wohl gesagt?«
+
+»Ja, ich hörte davon,« antwortete Koznyscheff widerwillig.
+
+»Es ist eigentlich schade, daß Ihr abreist,« fuhr Stefan Arkadjewitsch
+fort, »wir geben morgen ein Essen für zwei mit Abgehende -- Dimjor
+Bartejanskiy von Petersburg und unseren Wjeslowskiy, Grischa. Sie gehen
+beide. Wjeslowskiy hat unlängst geheiratet. Das ist ein braver Bursch.
+Nicht so, Fürstin?« wandte er sich zu der Dame.
+
+Die Fürstin blickte ohne zu antworten Koznyscheff an; daß Sergey
+Iwanowitsch sowohl wie die Fürstin fast wünschten, von ihm loszukommen,
+brachte Stefan Arkadjewitsch nicht im geringsten in Verlegenheit.
+Lächelnd blickte er bald auf die Hutfeder der Fürstin, bald seitwärts,
+als besinne er sich etwas. Als er eine vorüberschreitende Dame
+mit einer Sammelbüchse bemerkte, rief er sie heran und legte ein
+Fünfrubelpapier in die Büchse.
+
+»Ich kann diese Sammelbüchsen nicht mit ruhigem Blute sehen, so lange
+ich Geld habe,« sagte er. »Was für eine Depesche haben wir denn heute?
+Die Tschernogorzen sind doch wackere Kerle!« --
+
+-- »Was Ihr sagt!« rief er aus, als ihm die Fürstin mitteilte, daß
+Wronskiy mit diesem Zug abfahre. Für einen Augenblick drückte das
+Gesicht Stefan Arkadjewitschs Trauer aus, aber nach Verlauf einer
+Minute hatte er, nachdem er leicht mit jedem Fuße einige Male gezuckt,
+und sich dann den Backenbart gestrichen hatte, das Zimmer, in welchem
+Wronskiy war, betretend, schon völlig sein verzweifeltes Schluchzen
+über dem Leichnam der Schwester vergessen, und sah in Wronskiy nur den
+Helden und alten Freund.
+
+»Bei all seinen Mängeln kann man nicht anders, als ihm Gerechtigkeit
+widerfahren lassen,« sagte die Fürstin zu Sergey Iwanowitsch, sobald
+Oblonskiy sie beide verlassen hatte. »Es ist das so eine echt
+russische, slavische Natur! Nur fürchte ich, es wird Wronskiy nicht
+angenehm sein, ihn zu sehen. Was Ihr auch sagen mögt, mich rührt das
+Geschick dieses Mannes. Ihr werdet wohl mit ihm während der Fahrt
+sprechen,« sagte die Fürstin.
+
+»Ja vielleicht, wenn sich Gelegenheit bietet.«
+
+»Ich habe ihn nie gern gehabt. Aber dieser Entschluß macht vieles
+wieder gut. Er reist nicht nur für sich allein, sondern führt eine
+Eskadron auf eigne Rechnung mit.«
+
+»Ja, ich habe davon gehört.«
+
+Die Glocke ertönte; alles drängte sich nach den Thüren.
+
+»Da ist er!« fuhr die Fürstin fort, auf Wronskiy weisend, welcher, im
+langen Überrock und schwarzem Hut mit breitem Rande, seine Mutter am
+Arm führte. Oblonskiy ging lebhaft sprechend neben ihm.
+
+Wronskiy blickte finster vor sich hin, als höre er nicht, was Stefan
+Arkadjewitsch sprach.
+
+Wahrscheinlich auf eine Weisung Oblonskiys hin, schaute er nach der
+Seite, auf welcher die Fürstin und Sergey Iwanowitsch standen und
+lüftete schweigend den Hut. Sein gealtertes, und Leiden ausdrückendes
+Gesicht erschien wie versteinert.
+
+Nachdem Wronskiy über den Bahnsteig gegangen war, stieg er, die Mutter
+loslassend, in das Coupé des Waggons.
+
+Auf dem Bahnsteig erschallte es »=Boshe Zarja chrani=!« und »Hurrah«
+und »Zhivio!«
+
+Einer der Freiwilligen, ein hochgewachsener, sehr junger Mann, mit
+eingefallener Brust, grüßte besonders bemerkbar, indem er seinen
+Filzhut und ein Bouquet über dem Kopfe schwang. Hinter ihm schauten,
+gleichfalls grüßend, zwei Offiziere und ein älterer Mann mit großem
+Barte und in einer fettigen Mütze heraus.
+
+
+ 3.
+
+Nachdem sich Sergey Iwanowitsch von der Fürstin verabschiedet hatte,
+stieg er mit dem herangetretenen Katawasoff in den zum Brechen
+vollgepfropften Waggon, und der Zug setzte sich in Bewegung.
+
+Auf der Station Tarizyn wurde der Zug von einem schönen Chor junger
+Leute, welche das »=Slavsja=« sangen, bewillkommnet. Wieder dankten
+die Freiwilligen grüßend, und legten sich heraus, doch schenkte
+ihnen Sergey Iwanowitsch keine Beachtung. Er hatte soviel mit den
+Freiwilligen zu thun, daß er ihren Durchschnittstypus schon kannte
+und ihn dies nicht mehr interessierte. Katawasoff hingegen, der bei
+seinen Arbeiten nicht Gelegenheit gehabt hatte, die Freiwilligen zu
+beobachten, wurde sehr von ihnen interessiert, und erkundigte sich bei
+Sergey Iwanowitsch über sie.
+
+Sergey Iwanowitsch empfahl ihm, sich doch in die zweite Klasse zu
+setzen, und dort selbst einmal mit ihnen zu reden, und auf der
+folgenden Station befolgte Katawasoff diesen Rat.
+
+Beim ersten Aufenthalt siedelte er in die zweite Klasse über, und
+machte sich mit den Freiwilligen bekannt. Sie saßen in einer Ecke des
+Waggons in lautem Gespräch und wußten augenscheinlich recht wohl, daß
+die Aufmerksamkeit der Passagiere und des eingetretenen Katawasoff auf
+sie gerichtet sei.
+
+Lauter als alle anderen sprach der hochgewachsene Jüngling mit der
+flachen Brust. Er war offenbar berauscht und erzählte eine Geschichte,
+die sich auf ihrem Transport zugetragen hatte. Ihm gegenüber saß ein
+schon nicht mehr junger Offizier im Rocke der österreichischen Garde.
+Er hörte lächelnd dem Erzähler zu und hielt ihn in Schranken. Ein
+Dritter, in Artillerieuniform, saß auf einem Koffer neben ihnen. Ein
+Vierter schlief.
+
+Ein Gespräch mit dem Jüngling anknüpfend, erfuhr Katawasoff bald, daß
+dieser ein reicher Moskauer Kaufmann gewesen sei, welcher sein großes
+Vermögen bis zum zweiundzwanzigsten Jahre durchgebracht hatte. Er
+gefiel Katawasoff nicht, weil er verweichlicht, verzärtelt, und von
+schwacher Gesundheit war; augenscheinlich hatte er die Überzeugung,
+namentlich jetzt, im Rausche, daß er eine Heldenthat vollbringen werde,
+und flunkerte in unangenehmster Weise.
+
+Ein anderer, ein verabschiedeter Offizier, machte auf Katawasoff
+gleichfalls einen unangenehmen Eindruck. Er war, wie man sah, ein
+Mensch, der schon alles versucht hatte. Er war an der Eisenbahn
+gewesen, dann Geschäftsführer eines Handlungshauses, und hatte Fabriken
+angelegt. Er sprach über alles, ohne jede Veranlassung, und wendete
+unpassend gelehrte Ausdrücke an.
+
+Ein dritter, ein Artillerist jedoch, gefiel Katawasoff recht
+wohl. Er war ein bescheidener, stiller Mensch, der sich offenbar
+vor den Kenntnissen des abgedankten Gardisten und der heroischen
+Selbstberäucherung des Kaufmanns beugte, und von sich selbst gar nicht
+sprach. Als ihn Katawasoff frug, was ihn veranlaßt hätte, nach Serbien
+zu gehen, antwortete er bescheiden:
+
+»Nun, es gehen ja alle hin. Da gilt es, den Serben auch mit zu helfen.
+Es thut einem ja leid.«
+
+»Ja; besonders Artilleristen sind ja auch nicht zahlreich dort,« sagte
+Katawasoff.
+
+»Ich habe freilich nur kurze Zeit in der Artillerie gedient und es ist
+möglich, daß man mich zur Infanterie oder Kavallerie bestimmt.«
+
+»Weshalb denn zum Fußvolk, wenn man vor allem Artilleristen braucht?«
+sagte Katawasoff, nach dem Alter des Artilleristen urteilend, daß er
+schon eine höhere Charge bekleiden müsse.
+
+»Ich habe nicht lange in der Artillerie gedient, und bin als Junker
+entlassen,« sagte er und begann nun auseinanderzusetzen, weshalb er das
+Examen nicht bestanden hätte.
+
+Alles das zusammengenommen, machte auf Katawasoff einen unangenehmen
+Eindruck, und als die Freiwilligen auf der Station ausstiegen, um
+einmal zu trinken, wünschte Katawasoff, in einem Gespräch mit jemand
+diese unangenehmen Eindrücke auszutauschen. Ein mitreisender alter
+Herr in Uniform hatte die ganze Zeit dem Gespräch Katawasoffs mit den
+Freiwilligen zugehört. Nachdem ersterer mit diesem allein geblieben
+war, wandte er sich zu ihm.
+
+»Wie groß doch der Unterschied der Verhältnisse aller dieser Leute ist,
+die nach dorthin abgehen,« sagte Katawasoff unbestimmt, im Wunsche,
+seine Meinung auszusprechen und zugleich dabei diejenige des Alten zu
+erforschen. Der Alte war ein Militär, der zwei Feldzüge mitgemacht
+hatte. Er wußte was ein Soldat zu bedeuten habe, und hielt diese Leute
+nach ihrem Aussehen und Sprechen und nach dem Eifer, mit welchem sie
+unterwegs der Flasche zusprachen, für schlechte Soldaten. Er war auch
+Bewohner einer Kreisstadt und erzählte, daß aus seiner Vaterstadt einer
+unter die Soldaten gegangen sei, der Trunkenbold und Dieb gewesen, und
+den niemand mehr als Arbeiter hätte nehmen mögen. Da er indessen aus
+Erfahrung wußte, daß es unter der jetzigen Stimmung der Gesellschaft
+gefährlich sei, eine Meinung auszusprechen, welche der allgemein
+herrschenden entgegenliefe, und insbesondere, die Freiwilligen abfällig
+zu beurteilen, sondierte er gleichfalls Katawasoff.
+
+»Ja, dort sind Leute nötig,« sprach er, mit den Augen lachend. Sie
+begannen nun, von der letzten Nachricht vom Kriegsschauplatz zu
+sprechen, verbargen aber voreinander ihre Unwissenheit darüber, gegen
+wen sie morgen die Entscheidungsschlacht erwarteten, nachdem die Türken
+der letzten Nachricht gemäß auf allen Punkten geschlagen waren. So
+trennten sie sich denn beide, ohne ihre Meinung ausgesprochen zu haben.
+
+Nachdem Katawasoff in seinen Waggon zurückgekehrt war, erzählte er,
+Sergey Iwanowitsch unwillkürlich ausweichend, von seinen Beobachtungen
+der Freiwilligen, die sich ihm als vorzügliche Burschen erwiesen
+hatten.
+
+Auf der großen Station in einer Stadt begrüßte wieder Gesang und Zuruf
+die Freiwilligen, wieder erschienen Sammelnde beiderlei Geschlechts
+mit Büchsen, die vornehmen Damen des Gouvernements brachten den
+Freiwilligen Bouquets und begleiteten sie zum Büffett, doch war alles
+das bei weitem matter und in geringerem Maßstabe angelegt als in Moskau.
+
+
+ 4.
+
+Während des Aufenthalts in der Gouvernementsstadt ging Sergey
+Iwanowitsch nicht ans Büffett, sondern schritt auf dem Bahnsteig auf
+und nieder.
+
+Als er zum erstenmal am Coupé Wronskiys vorüberkam, bemerkte er, daß
+das Fenster zugezogen war, bei nochmaligem Passieren desselben indessen
+erblickte er die alte Gräfin am Fenster, welche Koznyscheff zu sich
+rief.
+
+»Ich fahre auch mit und begleite ihn bis Kursk,« sagte sie.
+
+»Ich habe schon gehört,« antwortete Sergey Iwanowitsch, an ihrem
+Fenster stehen bleibend und in dasselbe hineinblickend. »Welch schöner
+Zug von ihm,« fügte er hinzu, nachdem er bemerkt hatte, daß Wronskiy
+nicht im Coupé war.
+
+»Ja, was blieb ihm nach seinem Unglück zu thun übrig?«
+
+»Welch furchtbares Ereignis!« sagte Sergey Iwanowitsch.
+
+»O, was habe ich durchgemacht; aber bitte, tretet doch ein! -- O, was
+habe ich durchgemacht!« wiederholte sie, nachdem Sergey Iwanowitsch
+eingetreten war und sich neben ihr auf das Polster gesetzt hatte. »Das
+vermag sich niemand vorzustellen. Sechs Wochen hat er mit niemand
+gesprochen und nur erst dann gegessen, wenn ich ihn darum angefleht.
+Nicht eine Minute durfte man ihn allein lassen. Wir haben alles
+weggenommen, womit er sich hätte ein Leids anthun können; wir wohnten
+in der niederen Etage; es ließ sich eben nichts voraussehen. Ihr wißt
+ja, daß er sich schon einmal ihretwegen geschossen hat,« sprach sie,
+und die Brauen der alten Frau zogen sich finster zusammen bei dieser
+Erinnerung. »Ja; sie hat geendet, wie solch ein Weib enden mußte.
+Selbst den Tod hat sie sich gemein und niedrig erwählt!« --
+
+»Wir dürfen nicht richten, Gräfin,« sagte Sergey Iwanowitsch seufzend,
+»doch ich begreife, wie schwer dies für Euch gewesen sein muß.«
+
+»O, sprecht nicht davon! Ich wohnte auf meinem Gute, und er war gerade
+bei mir. Da bringt man ein Billet. Er schreibt Antwort und sendet sie
+ab. Wir ahnten nicht, daß sie schon da auf der Station war. Abends
+-- ich hatte mich soeben zurückgezogen -- erzählt mir meine Mary,
+daß sich auf der Station eine Dame unter den Eisenbahnzug gestürzt
+hätte. Dies traf mich wie ein Donnerschlag! Ich erkannte das müsse sie
+gewesen sein, und das erste, was ich sagen konnte war: Nur ihm nichts
+mitteilen! -- Doch hatte man es ihm schon gesagt. Sein Kutscher war
+dort gewesen und hatte alles gesehen. Als ich auf sein Zimmer kam, war
+er nicht mehr bei Sinnen -- er war furchtbar anzusehen. Kein Wort hat
+er gesprochen und ist fortgesprengt. Was dort geschehen ist, ich weiß
+es nicht, aber sie haben ihn wie einen Toten gebracht. Ich hätte ihn
+nicht erkannt. -- >=Prostration complète=!< erklärte der Arzt. Dann
+brach fast eine Tobwut aus. Doch, was soll ich da erzählen!« sprach die
+Gräfin mit der Hand abwehrend. »Eine entsetzliche Zeit! Nein, was Ihr
+auch sagen mögt, es war ein schlechtes Weib! Und was waren das auch
+für verzweifelte Leidenschaften! Das mußte auf etwas Absonderliches
+hinauslaufen und sie hat es auch bewiesen. Sie hat sich vernichtet und
+zwei edle Männer -- ihren Gatten und meinen unglücklichen Sohn!«
+
+»Was sagt denn ihr Gatte dazu?« frug Sergey Iwanowitsch.
+
+»Er hat ihr Kind zu sich genommen. Mein Aleksander war in der ersten
+Zeit mit allem einverstanden, doch jetzt quält es ihn furchtbar, daß
+er einem fremden Menschen seine Tochter übergeben hat. Sein Wort
+zurücknehmen aber kann er nicht. Karenin kam auch zum Begräbnis, doch
+bemühten wir uns, ihn nicht Aleksander begegnen zu lassen. Für ihn, den
+Ehemann, war es immerhin doch noch leichter zu ertragen. Sie hat ihn ja
+erlöst, aber mein armer Sohn hatte sich ihr so ganz dahingegeben. Alles
+hatte er für sie aufgegeben, seine Carriere, mich, und dabei hatte sie
+noch nicht einmal Mitleid mit ihm, sondern hat ihn mit Berechnung noch
+völlig gemordet. Nein, was Ihr auch sagen mögt, selbst ihr Tod -- ist
+nur der Tod eines abscheulichen Weibes, das keine Religion besaß! Möge
+Gott mir verzeihen, aber ich muß ihr Angedenken hassen, wenn ich auf
+den Untergang meines Sohnes schaue.«
+
+»Und wie trägt er es jetzt?«
+
+»Gott hat uns geholfen -- dieser serbische Feldzug ist gekommen.
+Ich bin ein greises Weib, und verstehe nichts davon, aber Gott hat
+ihm dies gesandt. Mir als Mutter ist es natürlich entsetzlich, und,
+was die Hauptsache ist, man sagt =ce n'est pas très= -- =bien vu à
+Pétersbourg= -- aber -- was thun! Dies allein nur konnte ihn wieder
+aufrichten. Jaschwin -- sein Freund -- hat alles verspielt und sich
+nach Serbien begeben; er ist zu ihm gekommen und hat ihn überredet.
+Jetzt beschäftigt ihn die Sache doch. Unterhaltet Euch, bitte, mit ihm,
+ich will ihn zerstreuen. Er ist so schwermütig. Unglücklicherweise hat
+er auch noch Zahnschmerzen bekommen. Über Euch wird er sich recht sehr
+freuen. Bitte sprecht mit ihm; dort drüben geht er.«
+
+Sergey Iwanowitsch sagte, es würde ihm Freude machen und begab sich auf
+die andere Seite des Zuges.
+
+
+ 5.
+
+In dem schrägen Abendschatten von Säcken, welche auf dem Bahnsteig
+aufgetürmt lagen, ging Wronskiy in seinem langen Überrock, mit
+bedecktem Kopfe und die Hände in den Taschen hin und her, wie ein
+wildes Tier im Käfig, sich alle zwanzig Schritte schnell wieder
+wendend. Als Sergey Iwanowitsch sich Wronskiy näherte, schien ihm,
+als ob ihn dieser sehe, sich jedoch stelle, als bemerke er ihn nicht.
+Sergey Iwanowitsch war dies ganz gleichgültig. Er stand außerhalb aller
+persönlicher Beziehungen mit Wronskiy.
+
+In dieser Minute war Wronskiy in seinen Augen ein wichtiger Faktor
+in dem großen Werke und Koznyscheff hielt es für seine Pflicht, ihn
+anzufeuern und aufzumuntern. Er trat zu ihm.
+
+Wronskiy blieb stehen, blickte auf, erkannte Sergey Iwanowitsch und
+drückte demselben, indem er ihm einige Schritte entgegentrat, warm die
+Hand.
+
+»Ihr habt vielleicht nicht mit mir sprechen wollen,« sagte Sergey
+Iwanowitsch, »aber kann ich Euch nicht nützlich sein?«
+
+»Mit niemand könnte es mir angenehmer sein, zusammenzutreffen, als mit
+Euch,« sagte Wronskiy, »entschuldigt mich, aber Erfreuliches giebt es
+für mich nicht mehr im Leben.«
+
+»Ich verstehe; ich wollte Euch meine Dienste anbieten,« sagte Sergey
+Iwanowitsch, Wronskiy in das sichtlich leidende Gesicht blickend. »Habt
+Ihr nicht einen Brief für Ristitsch, oder an Milan nötig?«
+
+»O nein!« antwortete Wronskiy, fast als werde es ihm schwer, zu
+verstehen: »Wenn es Euch gleich ist, so spazieren wir ein wenig. In den
+Waggons herrscht eine solche Schwüle! Ob ich ein Schreiben brauche?
+Nein; ich danke Euch, zum Sterben braucht man keine Empfehlungen. Nur
+gegen die Türken« -- sagte er lächelnd, mechanisch. Seine Augen hatten
+noch immer ihren Ausdruck von Erregtheit und Leiden.
+
+»Es wird Euch aber leichter werden, mit vorbereiteten Persönlichkeiten
+die Beziehungen anzuknüpfen, welche doch jedenfalls erforderlich sind.
+Indes, wie Ihr wollt. Ich hatte mich sehr gefreut, von Eurem Entschluß
+zu hören. Giebt es doch schon so viele Angriffe auf die Freiwilligen,
+daß ein Mann wie Ihr, dieselben in der öffentlichen Meinung nur heben
+kann!«
+
+»Ich bin als Mensch,« sagte Wronskiy, »nur insofern brauchbar, als das
+Leben mir nichts mehr wert ist. Nur, daß physische Energie genug in mir
+ist, ein Carré zu sprengen, und es zu zerschmettern, oder zu fallen
+-- das weiß ich! Ich freue mich darüber, daß es etwas giebt, wofür
+ich mein Leben opfern darf, das mir nicht allein überflüssig, nein,
+interesselos geworden ist. So kommt es doch noch jemand zu nutze.«
+
+Er bewegte ungeduldig die Kinnbacken, infolge des beständigen, nagenden
+Zahnschmerzes, der ihn sogar daran hinderte, mit dem Ausdruck zu
+sprechen, den er beabsichtigte.
+
+»Ihr werdet wieder genesen, ich prophezeie es Euch,« sagte Sergey
+Iwanowitsch, mit einem Gefühl von Rührung. »Die Erlösung unserer
+Mitbrüder von einem Joch ist ein Ziel, würdig des Todes wie des Lebens.
+Verleihe Gott Euch äußeren Erfolg und inneren Frieden,« fügte er hinzu
+und reichte ihm die Hand hin.
+
+Wronskiy drückte warm die dargebotene Hand Sergey Iwanowitschs.
+
+»Ja, als Waffe -- kann ich noch zu etwas taugen. -- Aber als Mensch --
+bin ich eine Ruine« -- sprach er in Absätzen.
+
+Der quälende Schmerz des Zahnes, welcher ihm den Mund mit Speichel
+füllte, hinderte Wronskiy am Reden. Er schwieg, nach den Rädern eines
+langsam und gleichmäßig auf den Schienen hinrollenden Tenders blickend,
+und plötzlich ließ ihn eine andere Qual, nicht ein Schmerz, sondern ein
+allgemeines, inneres Unbehagen auf einen Augenblick seinen Zahnschmerz
+vergessen.
+
+Der Anblick des Tenders und der Schienen, der Einfluß des Gesprächs mit
+einem Bekannten, welchen er nach dem Verhängnis, das ihn betroffen,
+nicht begegnet war, brachte ihm ihr Angedenken plötzlich wieder in die
+Erinnerung, oder vielmehr das, was ihm von ihr noch geblieben war, als
+er wie ein Wahnsinniger in den Schuppen der Eisenbahnstation gelaufen
+kam: Auf einem Tische in demselben, schmählich von den Händen Fremder
+ausgestreckt, ihr blutiger Leib, noch voll von dem kaum entflohenen
+Leben; der nach hinten geworfene, unversehrt gebliebene Kopf mit
+seinen schweren Flechten und wallenden Locken an den Schläfen, und
+auf dem reizvollen Antlitz, mit dem halbgeöffneten roten Munde, der
+erstarrte, seltsame, klägliche Ausdruck der Lippen, der furchtbar in
+den nichtgeschlossenen Augen lag, und wie mit Worten das furchtbare
+Wort aussprach, daß er bereuen solle -- das Wort, welches sie während
+ihres Streites zu ihm gesagt hatte.
+
+Und er bemühte sich, sie so in sein Gedächtnis zurückzurufen,
+wie sie gewesen, als er ihr zum erstenmale, gleichfalls auf der
+Eisenbahnstation, begegnet war, ihr, der Geheimnisvollen, der
+Reizenden, der Liebevollen, Glücksuchenden und -spendenden, aber nicht
+der hartherzig Quälenden, als die sie ihm aus der letzten Minute ins
+Gedächtnis kam.
+
+Er suchte sich der seligsten Minuten mit ihr zu erinnern, doch
+diese waren ihm auf ewig vergiftet. Er rief sie sich nur als die
+Triumphierende ins Gedächtnis zurück, welche ihre Drohung ausgeführt
+hatte, die niemand nützte und durch Reue nicht auszugleichen war.
+Den Zahnschmerz fühlte er nicht mehr, aber Schluchzen verzerrte sein
+Gesicht.
+
+Nachdem er zweimal wortlos an den Säcken vorübergeschritten war, wandte
+er sich, nachdem er seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte,
+ruhig an Sergey Iwanowitsch.
+
+»Habt Ihr keine Depesche seit der gestrigen erhalten? Der Feind
+ist zwar zum drittenmal geschlagen, aber morgen erwartet man die
+Entscheidungsschlacht.«
+
+Nachdem sie noch über die Proklamation des Königs Milan und die
+weittragenden Folgen, welche dieselbe haben könne, gesprochen hatten,
+trennten sich beide nach dem zweiten Glockensignal und gingen nach
+ihren beiderseitigen Waggons.
+
+
+ 6.
+
+Da Sergey Iwanowitsch nicht wußte, wann er Moskau würde verlassen
+können, hatte er nicht an seinen Bruder telegraphiert, daß man ihn
+abhole.
+
+Lewin war nicht daheim, als Katawasoff und Sergey Iwanowitsch in einem
+kleinen Tarantaß, der auf der Station gemietet worden war, staubbedeckt
+wie Araber um zwölf Uhr mittags vor der Freitreppe des Herrenhauses von
+Pokrowskoje vorfuhren.
+
+Kity, welche mit ihrem Vater und der Schwester auf dem Balkon gesessen
+hatte, erkannte den Schwager und eilte hinunter, ihn zu bewillkommen.
+
+»Wie unrecht von euch, uns nicht Nachricht zu geben,« sagte sie Sergey
+Iwanowitsch die Hand reichend und ihm die Stirn darbietend.
+
+»Wir sind ganz wohlbehalten hierher gelangt und haben euch nicht
+erst Umstände gemacht,« antwortete Sergey Iwanowitsch. »Ich bin so
+voll Staub, daß ich mich fürchte, jemand anzurühren. Ich war auch so
+beschäftigt, daß ich nicht einmal wußte, wann ich mich würde losmachen
+können. Aber ihr haltet es nach altgewohnter Weise,« lächelte er, »ihr
+freut euch eures stillen Glückes fern von Zeitläuften in eurem stillen
+Heim. Da hat sich auch mein Freund Fjodor Wasiljewitsch endlich mit
+aufgemacht.«
+
+»Ich bin indessen kein Neger, sondern werde mich waschen -- und dann
+einem Menschen ähnlich sehen,« sagte Katawasoff mit seinem gewohnten
+Humor, einen Händedruck wechselnd und mit seinen schimmernden Zähnen in
+dem geschwärzten Gesicht eigentümlich lächelnd.
+
+»Mein Konstantin wird sich sehr freuen. Er ist nach dem Vorwerk hinaus
+und muß bald kommen.«
+
+»Er beschäftigt sich nur mit der Landwirtschaft; so macht man es eben
+hier,« sagte Katawasoff, »bei uns in der Stadt aber ist außer dem
+serbischen Kriege auch nichts weiter zu sehen. Wie geht es denn meinem
+Freunde? Was macht er? Ein wenig Sonderling, nicht?« --
+
+»Nun, ja, ein wenig;« antwortete Kity etwas verlegen werdend, mit
+einem Blick auf Sergey Iwanowitsch, »doch ich will nach ihm schicken.
+Auch Papa ist bei uns auf Besuch. Er ist erst unlängst aus dem Ausland
+angekommen.«
+
+Nachdem Kity befohlen hatte, nach Lewin zu schicken, die staubbedeckten
+Gäste zur Toilette zu führen, den einen in das Kabinett, den anderen in
+Dollys ehemaliges Zimmer, und ein Frühstück für sie zu servieren, eilte
+sie, wieder in dem Vollbesitz hurtiger Beweglichkeit, dessen sie in der
+Zeit ihrer Schwangerschaft beraubt gewesen war, auf den Balkon hinauf.
+
+»Es ist Sergey Iwanowitsch und Katawasoff, der Professor,« sagte sie.
+
+»O weh,« sagte der Fürst.
+
+»Er ist aber sehr liebenswürdig, Papa, und Konstantin hat ihn sehr
+lieb,« sagte Kity lächelnd, ihm gleichsam zuredend, indem sie den
+Ausdruck von Ironie auf dem Gesicht des Vaters bemerkte.
+
+»Nun, meinetwegen.«
+
+»Geh doch zu ihnen Herzchen,« wandte sich Kity zu ihrer Schwester, »und
+unterhalte sie. Sie haben Stefan auf der Station gesehen, er befindet
+sich wohl. Ich aber will zu Mita laufen. Wie unangenehm aber, ich
+habe seit dem Thee nicht wieder angelegt. Der Kleine wird jetzt wach
+geworden sein und wahrscheinlich schreien,« und mit schnellen Schritten
+ging sie, den Andrang der Milch verspürend, nach der Kinderstube.
+
+Sie hatte in der That den Andrang der Milch nicht bloß vermutet -- sie
+legte das Kind noch an -- sondern kannte an dem Andrang der Milch bei
+ihr die Zeit des Bedürfnisses bei demselben genau.
+
+Sie wußte, daß der Kleine schrie, noch bevor sie zur Kinderstube
+gelangt war. Und wirklich schrie er. Sie vernahm seine Stimme und
+beschleunigte ihren Schritt, aber je schneller sie ging, um so lauter
+schrie das Kind. Seine Stimme war gut, gesund, nur hungrig und
+ungeduldig.
+
+»Schreit es schon lange?« frug Kity eilig die Kindermuhme, sich auf
+einen Stuhl setzend und zum Anlegen vorbereitend. »Gebt es schnell her.
+Ach, Muhme, wie langweilig Ihr doch seid; nun, bindet doch das Häubchen
+später!«
+
+Das Kind zappelte schreiend vor Gier.
+
+»Das geht aber nicht, Matuschka,« sagte Agathe Michailowna, die fast
+stets in der Kinderstube zugegen war. »Man muß es hübsch ordentlich
+putzen;« »Eia, eia«, sang sie über dem Kinde, ohne von der Mutter Notiz
+zu nehmen.
+
+Die Kinderfrau trug das Kind zu der Mutter. Agathe Michailowna folgte
+ihm mit vor Zärtlichkeit leuchtenden Zügen.
+
+»Er weiß es ja, er weiß es; glaubt mir bei Gott, Matuschka Katharina
+Aleksandrowna, er hat mich erkannt!« rief Agathe Michailowna dem Kinde
+zu.
+
+Doch Kity hörte ihre Worte nicht. Ihre Ungeduld war ebenso hoch
+gestiegen, wie die des Kindes, und vor Ungeduld wollte die Sache lange
+nicht von statten gehen. Das Kind faßte nicht, wo es fassen sollte und
+wurde ungebärdig.
+
+Endlich aber, nach einem verzweifelten, erstickten Schrei und
+hohlklingenden Schmatzen war es gelungen, und Mutter wie Kind fühlten
+sich gleichzeitig befriedigt und wurden still.
+
+»Er ist doch ganz in Schweiß gebadet, der arme Kleine,« sprach Kity,
+das Kind befühlend. »Weshalb denkt Ihr denn, daß das Kind euch kennt?«
+fügte sie hinzu, seitwärts auf die verschmitzt, wie ihr schien, unter
+dem emporgerückten Häubchen hervorschauenden Äuglein des Kindes, die
+taktmäßig schwellenden Bäckchen und sein Ärmchen mit der roten Hand
+blickend, mit dem es kreisende Bewegungen machte. »Kann nicht sein!
+Wenn es schon jemand erkännte, so müßte es mich erkennen,« sagte Kity
+auf die Versicherung Agathe Michailownas hin und lächelte.
+
+Sie lächelte darüber, daß sie, wenn sie auch sagte, es könne noch
+niemand erkennen, in ihrem Herzen wußte, es kenne nicht nur Agathe
+Michailowna, sondern wisse und verstehe alles, wisse und verstehe noch
+mehr von Dingen, die niemand kenne, und die nur sie, die Mutter selbst,
+nur dank dem Kinde kennen lernte und begriff. Für Agathe Michailowna,
+die Kinderfrau, den Onkel und selbst ihren Vater war der kleine Mitja
+nur ein lebendiges Wesen, welches für sich lediglich materielle Pflege
+verlangte, aber für die Mutter war es schon längst ein Geschöpf
+mit Charakter, in dem sich bereits eine ganze Geschichte seelischer
+Beziehungen abgespielt hatte.
+
+»Er erwacht, gebe Gott, daß Ihr es selbst seht! Wenn ich es so mache,
+glänzt er nur so auf, der Liebling. Er glänzt so auf wie der helle
+Tag,« sprach Agathe Michailowna.
+
+»Nun gut, gut: wir werden ja dann sehen,« flüsterte Kity, »geht jetzt;
+der Kleine schläft ein.«
+
+
+ 7.
+
+Agathe Michailowna ging auf den Zehen hinaus, die Kinderfrau ließ
+die Gardinen herab, verscheuchte die Fliegen aus dem nesseltuchenen
+Wiegenvorhang des Bettchens und eine Bremse, die sich am Fensterrahmen
+stieß und setzte sich, mit einem welken Birkenzweig der Mutter und dem
+Kinde zufächelnd.
+
+»Die Hitze, die Hitze; wenn doch Gott Regen gäbe,« sprach sie.
+
+»Ja, ja, sch--sch--sch,« antwortete Kity nur, das dralle Ärmchen,
+welches Mitja noch immer leise bewegte indem er die Äuglein bald
+öffnete, bald schloß, leicht schüttelnd und zärtlich drückend.
+
+Dieses Händchen machte Kity unentschlossen; sie wollte es küssen,
+scheute sich aber, es zu thun, um das Kind nicht zu wecken. Das Ärmchen
+hörte endlich auf, sich zu bewegen und die Äuglein schlossen sich. Nur
+bisweilen erhob das Kind, seine Thätigkeit fortsetzend, die langen
+gebogenen Wimpern und blickte die Mutter mit seinen in der Dämmerung
+schwarz erscheinenden, feuchtschimmernden Augen an.
+
+Die Kinderfrau hörte auf zu fächeln und begann zu träumen. Von
+oben wurde das Lachen der Stimme des alten Fürsten und Katawasoffs
+vernehmbar.
+
+»Sie sind auch ohne mich in Unterhaltung gekommen,« dachte Kity, »aber
+es ist doch ärgerlich, daß Konstantin nicht da ist. Er wird wohl wieder
+nach dem Bienengarten gegangen sein. Obwohl ich beklage, daß er so oft
+dort ist, freue ich mich doch auch, denn es zerstreut ihn. Er ist jetzt
+viel heiterer und angenehmer geworden, als er im Frühjahr war. War er
+doch sonst immer so finster und peinigte sich, daß es mir recht bang
+um ihn wurde. Und wie komisch er ist!« flüsterte sie lächelnd.
+
+Sie wußte, was ihren Mann quälte; es war sein Unglaube. Obwohl Kity,
+wenn man sie gefragt hätte, ob sie überzeugt sei, daß er, im Falle
+seines Unglaubens im ewigen Leben der Vernichtung anheimfallen werde,
+hätte einverstanden damit sein müssen, daß er untergehe -- so bildete
+sein Unglaube doch kein Unglück in ihren Augen, und sie gedachte,
+obwohl sie sich zugestand, daß es für den Ungläubigen kein Seelenheil
+geben könne, und die Seele ihres Mannes über alles in der Welt liebend,
+mit Lächeln seines Unglaubens, und sagte sich selbst, er sei komisch.
+
+»Wozu studiert er ein ganzes Jahr hindurch nur Philosophie,« dachte
+sie. »Wenn dies alles in jenen Büchern geschrieben steht, dann kann
+er sie auch verstehen. Wäre Unrichtiges darin, wozu sollte er sie
+dann lesen? Er selbst sagt, daß er glauben möchte. Weshalb glaubt er
+dann nicht? Gewiß deshalb, weil er zu viel denkt? Aber er denkt zu
+viel wegen seiner einsamen Lebensweise. Er ist stets, stets einsam.
+Mit uns kann er freilich nicht von allem reden. Ich denke aber, der
+Besuch wird ihm willkommen sein, besonders Katawasoff. Er liebt es,
+mit ihm zu disputieren,« dachte sie und versetzte sich dann sogleich
+in den Gedanken, wo sie gerade Katawasoff am bequemsten zum Schlafen
+unterbringen könne -- separat oder zusammen mit Sergey Iwanowitsch?
+Und dann kam ihr plötzlich wieder ein Gedanke, der sie vor Aufregung
+erzittern ließ und selbst Mitja erschreckte, der sie dafür ernst
+anblickte. »Die Wäscherin scheint die Wäsche noch nicht gebracht zu
+haben und für die Gastbetten ist noch keine Bettwäsche da. Wenn man
+da nicht anordnet, wird Agathe Michailowna dem Sergey Iwanowitsch
+gewöhnliche Wäsche geben,« und bei diesem Gedanken stieg Kity das
+Blut ins Gesicht. »Ja, ich muß es anordnen,« beschloß sie, und besann
+sich dann, wieder zu ihrem vorigen Gedanken zurückkehrend, daß etwas
+Wichtiges doch noch nicht bis zum Schluß von ihr überdacht sei. Sie
+sann nun nach, was es gewesen war. »Ach ja, Konstantin ist ungläubig!«
+sagte sie, abermals lächelnd. »Nun, also ungläubig! Mag er lieber stets
+so bleiben, als so werden, wie Madame Stahl war, oder ich im Auslande
+einmal werden wollte. Nein er kann nicht mehr heucheln!« Ein Zug von
+seiner Güte tauchte aus jüngster Zeit lebendig vor ihr auf.
+
+Vor vierzehn Tagen war ein reuiges Schreiben Stefan Arkadjewitschs an
+Dolly angekommen. Stefan beschwor diese darin, seine Ehre zu retten,
+und ihr Gut zu verkaufen, damit er seine Schulden bezahlen könne.
+
+Dolly war in Verzweiflung; sie haßte ihren Mann, verachtete und
+beklagte ihn, und entschloß sich zur Scheidung, wollte sich von ihm
+lossagen, willigte aber schließlich doch in den Verkauf eines Teils
+ihres Gutes ein. Und nun vergegenwärtige sich Kity mit unwillkürlichem,
+gerührtem Lächeln die Ratlosigkeit ihres Gatten, seine mehrmaligen
+unbeholfenen Anläufe in dieser Sache, die ihm am Herzen lag, und wie er
+endlich, als einziges Mittel, Dolly zu helfen, ohne sie zu verletzen,
+den Ausweg erdacht hatte, Kity vorzuschlagen, sie möchte ihr Teil an
+dem Vermögen -- sie selbst hatte vorher gar nicht hieran gedacht --
+hingeben.
+
+»Was wäre das für ein Ungläubiger? Mit solchem Herzen, solcher
+Besorgnis, einen Menschen zu verletzen, ja nur ein Kind! Alles thut
+er für seine Nächsten, nichts für sich! Sergey Iwanowitsch denkt, es
+sei Konstantins Pflicht, für ihn den Verwalter zu spielen. Auch seine
+Schwester denkt so. Jetzt befindet sich Dolly mit ihren Kindern unter
+seiner Vormundschaft. Alle die Bauern, welche täglich zu ihm kommen,
+ist er gleichsam verpflichtet zu bedienen. Bleibe du nur so,« fuhr sie
+fort, Mitja der Kinderfrau übergebend und des Kindes Wange mit ihren
+Lippen berührend.
+
+
+ 8.
+
+Seit jener Minute, da Lewin beim Anblick des geliebten sterbenden
+Bruders zum erstenmal auf die Frage des Lebens, wie des Todes durch
+jene -- wie er sie nannte -- neuen Überzeugungen hindurchblickte, die,
+unmerklich für ihn, während der Zeit von seinem zwanzigsten bis zum
+vierunddreißigsten Jahre, seine Überzeugungen aus der Kinderzeit wie
+die seines Jünglingsalters ausgelöst hatten, erschrak er nicht so sehr
+vor dem Tode, als vor einem Leben, über das er nicht die geringste
+Kenntnis, woher es stamme, warum es sei und was es sei, besäße.
+
+Der Organismus, die Verrichtungen desselben, die Unerschöpflichkeit
+der Materie, das Gesetz der Erhaltung der Kraft, die Entwicklung -- so
+lauteten die Begriffe -- die für seinen alten Glauben eingetreten waren.
+
+Diese Worte und die mit ihnen verbundenen Vorstellungen waren recht gut
+für Verstandeszwecke, für das Leben aber ergaben sie nichts und Lewin
+fühlte sich plötzlich in der Lage eines Menschen, der einen warmen
+Pelz für einen Kattunanzug vertauscht hat, und zum erstenmal in der
+Kälte untrüglich, nicht durch logische Erwägungen, sondern in seiner
+ganzen Wesenheit davon überzeugt wird, daß er geradezu nackt und einem
+unvermeidlichen, qualvollen Untergang verfallen sei.
+
+Seit jener Minute hatte Lewin, ohne sich indessen davon Rechenschaft zu
+geben, und indem er sein Leben wie bisher fortsetzte, fortwährend diese
+Angst über sein Nichtwissen empfunden.
+
+Außerdem aber empfand er voll Unruhe, daß das, was er seine
+Überzeugungen nannte, nicht nur Unwissenheit war, sondern eine Richtung
+im Denken, unter welcher ihm die Erkenntnis dessen, was ihm nötig war,
+unmöglich wurde.
+
+In der ersten Zeit hatte seine Heirat, sowie ungekannte Freuden und
+Pflichten die er dabei kennen lernte, diese Gedanken vollständig in
+ihm erstickt, aber seit kurzem, nach der Niederkunft seiner Frau,
+während er müßig in Moskau gelebt hatte, war bei Lewin immer häufiger,
+und immer nachdrücklicher, diese Frage, eine Entscheidung verlangend,
+aufgetaucht. Die Frage bestand für ihn hierin: »Wenn ich jene Antworten
+nicht anerkenne, die das Christentum auf die Fragen über mein Leben
+erteilt, welche Antworten erkenne ich dann an?« Und in dem gesamten
+Arsenal seiner Überzeugungen vermochte er weder die geringste Antwort
+zu finden, noch etwas, was einer solchen ähnlich gewesen wäre.
+
+Er befand sich in der Lage eines Menschen, der Nahrung sucht in
+Spielzeugmagazinen oder Waffenläden.
+
+Unwillkürlich und ihm selbst unbewußt suchte er jetzt in jedem Buche,
+bei jedem Gespräch, in jedem Menschen Beziehungen zu diesen Fragen und
+Lösungen derselben.
+
+Am meisten setzte ihn hierbei der Umstand in Zweifel, daß die Mehrzahl
+der Menschen seines Kreises und Alters, die doch ebenso wie er,
+frühere Überzeugungen mit eben solchen neuen vertauscht hatten, wie
+er sie besaß, hierin kein Unglück sehen, sondern vollkommen zufrieden
+und ruhig waren, und so kam es, daß Lewin neben der Hauptfrage auch
+noch Nebenfragen quälten. Ob diese Menschen aufrichtig waren? Ob
+sie sich nicht verstellten? Oder ob sie etwa anders als er, klarer,
+die Antworten aufgefaßt hatten, welche die Wissenschaft auf die ihn
+beschäftigenden Fragen gab? Geflissentlich studierte er die Meinungen
+dieser Menschen und die Bücher, welche diese Antworten gaben.
+
+Eins, was er seit der Zeit, seit der ihn diese Fragen beschäftigt,
+gefunden hatte, war dies, daß er sich geirrt habe in jener Annahme, die
+noch auf den Erinnerungen aus dem Jünglingskreis auf der Universität
+beruhte, die Religion habe sich überlebt und existiere gar nicht mehr.
+Sowohl der alte Fürst, wie Lwoff, den er so lieb gewonnen hatte, und
+Sergey Iwanowitsch und alle Frauen, auch sein Weib, glaubten so, wie er
+in seiner Kindheit geglaubt hatte; neunzig Hundertstel des russischen
+Volkes, ja, jenes ganze Volk, dessen Leben ihm die höchste Achtung
+einflößte, glaubte.
+
+Ein Zweites war dies, daß er sich nach der Lektüre vieler Bücher
+überzeugt hatte, die Menschen, die mit ihm gemeinsame Anschauungen
+hatten, könnten sich unter diesen nichts anderes denken, und
+verneinten jene Fragen einfach, ohne sie zu erklären, jene Fragen,
+ohne deren Beantwortung er -- er fühlte es -- nicht leben könne, und
+bemühten sich, ganz andere dafür zu lösen, die seine Fragen gar nicht
+interessieren konnten, wie zum Beispiel die über die Entwicklung der
+Organismen, über die mechanischen Offenbarungen der Seele u. s. w.
+
+Außerdem hatte sich aber noch während der Niederkunft seiner Frau etwas
+für ihn Ungewöhnliches ereignet. Er hatte dabei, ohne Glauben, zu beten
+begonnen und während der Minute in der er betete, auch geglaubt. Diese
+Minute war indessen vorübergegangen und er vermochte jener Stimmung von
+damals in seinem Leben nicht wieder stattzugeben.
+
+Er vermochte nicht zuzugestehen, daß er damals das Rechte erkannt
+habe, jetzt aber irre; weil ihm, sobald er ruhig darüber nachzudenken
+begann, alles in Trümmer fiel. Er vermochte auch das nicht
+zuzugestehen, daß er damals geirrt habe, weil er seine seelische
+Stimmung von damals hochschätzte, während, indem er sie für eine Folge
+seiner Schwachheit anerkannte, jene Minuten entweiht haben würde.
+
+Er befand sich in einer qualvollen Disharmonie mit sich selbst und
+spannte alle Geisteskräfte an, aus derselben herauszukommen.
+
+
+ 9.
+
+Diese Gedanken peinigten und quälten ihn bald mehr, bald weniger, nie
+aber verließen sie ihn ganz. Er las und dachte, und je mehr er las und
+sann, desto weiter entfernt von dem verfolgten Ziele fühlte er sich.
+
+Nachdem er sich in jüngster Zeit in Moskau und auf dem Dorfe überzeugt
+hatte, daß er bei den Materialisten keine Antwort finden werde, las er
+immer aufs neue wieder Plato und Spinoza, Kant, Schelling, Hegel und
+Schopenhauer, die Philosophen, welche das Leben nicht materialistisch
+erklärten. Diese Ideen erschienen ihm fruchtbringend, mochte er nun
+lesen, oder selbst Gegengründe gegen die Lehren anderer aussinnen,
+insbesondere gegen die materialistischen. Doch kaum hatte er gelesen
+und sich selbst eine Antwort auf die Fragen ausgedacht, da wiederholte
+sich bei ihm stets ein und dasselbe. Indem er der gegebenen Bestimmung
+unklarer Begriffe, wie »Geist, Wille, Freiheit, Substanz« folgte und
+absichtlich in die Wörterfalle ging, die ihm die Philosophen oder auch
+er selbst sich gestellt hatte, begann er einigermaßen zu begreifen.
+
+Aber er brauchte nur den künstlichen Gedankengang zu vergessen, und
+sich zu dem zu wenden, was im Leben befriedigte, wenn er dem gegebenen
+Faden folgend, nachdachte -- und plötzlich stürzte der ganze kunstvolle
+Bau zusammen wie ein Kartenhaus, und es wurde ihm klar, daß der Bau aus
+denselben Worten bestand, die nur umgestellt, und unabhängig waren von
+Etwas, das im Leben viel bedeutungsvoller war, als der Verstand.
+
+Bei der Lektüre Schopenhauers setzte er einmal an Stelle des Begriffs
+eigner Wille, den der Liebe, und diese neue Philosophie machte ihm zwei
+Tage lang, so lange er sich mit ihr beschäftigte, Vergnügen. Sie fiel
+aber gleichsam zusammen, als er darauf aus dem Leben heraus auf sie
+blickte, und es zeigte sich wieder jenes kattunene Gewand, das nicht
+warm hielt.
+
+Sein Bruder Iwanowitsch riet ihm, die theologischen Werke Chomjakoffs
+zu lesen. Lewin las den zweiten Band derselben und war, ungeachtet der
+ihn anfangs abstoßenden, polemischen, eleganten und scharfsinnigen
+Diktion, überrascht von Chomjakoffs Lehrmeinung über die Kirche.
+Ihn überraschte anfangs die Idee, daß die Erlangung der göttlichen
+Wahrheiten dem Menschen nicht verliehen sei, sondern nur einer
+Gemeinschaft von Menschen, vereint in der Liebe -- der Kirche.
+
+Er freute sich bei dem Gedanken, wie viel leichter es wäre, an eine
+vorhandene, gegenwärtig lebendige Kirche zu glauben, welche alle
+Glaubensbekenntnisse der Menschen in sich begreife, und Gott zum
+Haupte habe, infolge dessen aber heilig und unfehlbar sei, und von
+ihr nun den Glauben an Gott erst zu empfangen, den an die Schöpfung,
+den Sündenfall, und die Erlösung -- als wenn man mit Gott, dem weit
+entfernten, geheimnisvollen Gott, der Schöpfung &c. begänne.
+
+Als er nun aber dann die Kirchengeschichte eines katholischen und
+die eines rechtgläubigen Schriftstellers las und gewahrte, daß beide
+Kirchen, jede unfehlbar in ihrem Wesen, sich gegenseitig negierten, da
+verzweifelte er auch an Chomjakoffs Kirchenlehre und das ganze Gebäude
+wurde von dem gleichen Staub bedeckt, wie die philosophischen Gebäude.
+
+Während dieses ganzen Frühlings hatte er so mit sich selbst im Kampfe
+gelegen und schreckliche Augenblicke durchlebt.
+
+»Ohne zu wissen, was ich bin und warum ich hier bin -- kann man nicht
+leben! Erfahren aber kann ich es nicht, folglich kann ich nicht leben,«
+sprach Lewin zu sich selbst. »In der Unendlichkeit der Zeit, der
+Unendlichkeit des Stoffes, der Unendlichkeit des Raumes bildet sich die
+organische Zelle; dieses Bläschen wird eine Zeitlang bestehen und dann
+zerplatzen; -- das bin ich.«
+
+Dies bildete das einzige Resultat jahrhundertelanger menschlicher
+Denkarbeit nach dieser Richtung.
+
+Es war die letzte Überzeugung, auf welcher sich alle Forschungen des
+menschlichen Denkens in fast allen ihren Ausläufern aufbauten. Es war
+die herrschende Überzeugung und Lewin machte dieselbe vor allen anderen
+Erklärungen als die immer noch klarste, unwillkürlich und ohne zu
+wissen wann und wie, zu der seinigen.
+
+Aber dies war nicht nur falsch, sondern vielmehr der hartherzige Hohn
+einer bösen Macht, einer so bösen, widrigen, daß er sich ihr nicht
+unterordnen konnte.
+
+Man mußte sich befreien von dieser Macht, und die Befreiung lag in
+den Händen eines jeden. Es galt, diese Abhängigkeit vom Bösen zu
+beseitigen, und dafür gab es nur ein Mittel -- den Tod.
+
+Als glückliches Familienoberhaupt, als ein gesunder Mensch, war Lewin
+mehrmals dem Selbstmord so nahe, daß er die Schnur versteckte, damit er
+sich nicht an ihr hing, und sich fürchtete, mit der Flinte zu gehen, um
+sich nicht zu erschießen.
+
+Doch Lewin erschoß sich weder, noch hing er sich, sondern lebte weiter.
+
+
+ 10.
+
+Solange Lewin darüber nachdachte, was er sei und wozu er lebe, fand er
+keine Antwort und geriet in Verzweiflung, doch als er aufgehört hatte,
+sich selbst darnach zu fragen, erfuhr er gewissermaßen, was er sei und
+wozu er lebte, weil er fleißig und zweckmäßig thätig war und lebte.
+Gerade in dieser jüngsten Zeit hatte er bei weitem konsequenter und
+zweckbewußter, als früher gelebt.
+
+Im Anfang des Juli aufs Dorf zurückgekehrt, widmete er sich wieder
+seinen gewöhnlichen Arbeiten. Die Landwirtschaft, die Beziehungen zu
+den Bauern und Nachbarn, die Hauswirtschaft, die Angelegenheiten seines
+Bruders und der Schwester, die in seinen Händen lagen, sein Verhältnis
+zu den Verwandten, zu seinem Weibe, die Sorge um sein Kind, die ihm
+neue Bienenjagd, der er sich seit dem heurigen Frühling gewidmet hatte,
+alles das nahm seine Zeit in Anspruch.
+
+Diese Beschäftigungen interessierten ihn nicht deshalb, weil er sie
+vor sich selbst mit gewissen allgemeinen Anschauungen rechtfertigen
+konnte, so wie er dies früher gethan hatte, sondern im Gegenteil
+hatte er jetzt, wo er einerseits durch das Mißlingen seiner einstigen
+Unternehmungen für das allgemeine Wohl ernüchtert worden, andererseits
+von seinen Ideen und der Menge der Geschäfte viel zu sehr in Anspruch
+genommen war, die von allen Seiten auf ihn einstürmten, alle Gedanken
+über das allgemeine Wohl fahren lassen, und diese Dinge interessierten
+ihn nur, wie ihm schien, deshalb, weil er eben thun _mußte_, was er
+that -- weil er nicht anders konnte. Wenn er sich früher bemühte,
+etwas zu thun (dies hatte fast von seiner Kindheit auf angefangen und
+sich bis zu seiner vollen Mannbarkeit mehr und mehr entwickelt) was
+eine Wohlthat für jedermann, für die Menschheit, für Rußland, für das
+ganze Dorf gewesen wäre -- so hatte er bemerkt, daß das Nachdenken
+darüber ihm angenehm, die Thätigkeit selbst aber stets eine nicht damit
+harmonierende gewesen war; es hatte die volle Zuversicht dazu, daß
+die Unternehmung wirklich notwendig sei gefehlt, und die Wirksamkeit
+selbst, die ihm anfangs so erhaben erschienen war, schwand, immer
+mehr und mehr abnehmend, in ein Nichts zusammen. Jetzt hingegen, wo
+er verheiratet war und sein Leben für sich selbst mehr und mehr mit
+bestimmten Grenzen zu umziehen begonnen hatte, empfand er, obwohl er
+keine Freude mehr bei dem Gedanken an seine Thätigkeit fühlte, die
+Überzeugung, daß diese Thätigkeit eine notwendige sei, erkannte er,
+daß sie weit ersprießlicher, als sie früher war, und größer und größer
+werde.
+
+Jetzt drang er, gleichsam wider seinen Willen, immer tiefer und tiefer
+in die Erde ein, wie ein Pflug, so daß er gar nicht wieder heraus
+konnte, ohne die Furchen aufzureißen.
+
+Seiner Familie zu leben, so wie dies Vater und Mutter gewohnt gewesen
+waren, das heißt, unter den nämlichen Grundlagen der Bildung und
+Erziehung der Kinder -- war ohne Zweifel die Aufgabe. Dies war ebenso
+notwendig, wie das Essen, wenn man Appetit hat, und zu diesem Zwecke
+nun war es ebenso notwendig, wie die Bereitung des Essens, das
+wirtschaftliche Getriebe in Pokrovskoje so zu leiten, daß Einkünfte
+flossen.
+
+Ebenso sicher, wie man eine Schuld zurückzahlen muß, war es
+erforderlich, das angestammte Land immer in dem nämlichen Zustande
+zu erhalten, damit der Sohn, der das Erbe einmal empfing, dem Vater
+ebenso Dank wisse, wie Lewin seinem Vater für das, was derselbe gebaut
+und gepflanzt hatte. Hierzu aber war erforderlich, daß kein Boden
+mehr verpachtet wurde, sondern man diesen selbst bewirtschaftete, Vieh
+züchtete, die Felder düngte und Waldungen anlegte.
+
+Es war ihm unmöglich, die Führung der Geschäfte für Sergey Iwanowitsch
+und seine Schwester und alle Bauern, die gewohnt waren, sich Rats bei
+ihm zu erholen, aufzugeben, ebensowenig wie man ein Kind fortwerfen
+kann, welches man schon auf den Armen hielt. Es galt, für die
+Bequemlichkeit der eingeladenen Schwägerin mit ihren Kindern zu sorgen,
+des Weibes mit dem eigenen Kinde, und er mußte auch wenigstens einen
+kleinen Teil des Tages bei ihnen weilen.
+
+Alles das, zusammen mit der Jagd auf Wild und Bienen, füllte für Lewin
+ein Leben aus, welches für ihn selbst keinen Sinn mehr hatte, sobald er
+darüber nachdachte.
+
+Wenn aber Lewin recht gut wußte, _was_ er zu thun habe, so wußte
+er auch ebenso gut, _wie_ er zu handeln habe und welches von zwei
+Geschäften das wichtigere sei. Er wußte, daß er die Arbeiter so billig
+als möglich mieten müsse, doch sie auf eine Schuldverschreibung
+annehmen, indem er ihnen Vorschuß gab, war noch billiger; wie viel sie
+wert waren, brauchte nicht gegeben zu werden, was auch noch vorteilhaft
+war. Bei Futtermangel konnte er den Bauern Stroh verkaufen, wenn sie
+ihn dabei auch jammerten, der Gasthof und die Branntweinschenke aber
+mußten, obwohl sie Einkünfte brachten, beseitigt werden. Gegen das
+Holzhauen mußte man so streng wie möglich vorgehen, für vertriebenes
+Vieh hingegen sollte keine Strafe erhoben werden. Obwohl dies freilich
+die Karaulschtschiks erbitterte und die Furcht verringerte, mußte man
+das Vieh laufen lassen.
+
+Dem Peter, welcher an einen Wucherer zehn Prozent monatlich zahlte,
+mußte er Geld borgen, um ihn davon zu befreien, aber deshalb brauchte
+er den Bauern noch nicht den Obrok zu erlassen oder den säumigen
+Zahlern Frist zu bewilligen. Man konnte es dem Verwalter nicht hingehen
+lassen, daß eine kleine Wiese nicht gemäht wurde und das Gras darauf
+ungenützt verkam, aber man brauchte wieder nicht die achtzig Desjatinen
+zu mähen, auf denen junger Wald angepflanzt stand. Man brauchte nicht
+dem Arbeiter zu verzeihen, der unter der Arbeit nach Hause gelaufen
+war, weil sein Vater starb -- so leid ihm das auch that -- und mußte
+ihn dafür billiger für die kostspieligen Monate ansetzen, in denen es
+nichts zu thun gab. Aber man mußte gleichwohl den Alten, die zu nichts
+mehr zu brauchen waren, einen Monatsauszug geben.
+
+Lewin wußte wohl, daß er bei seiner Rückkehr nach Hause vor allem zu
+seiner Frau gehen mußte, wenn diese unwohl war, aber die Bauern, die
+schon seit drei Stunden auf ihn gewartet hatten, konnten noch länger
+warten. Er wußte auch, daß er bei allem Vergnügen, welches er bei dem
+Einfangen eines Bienenschwarms hatte, sich dieses Vergnügens begeben
+und es dem Alten überlassen mußte, in seiner Abwesenheit den Schwarm zu
+fangen, indem er zu den Bauern ging, die ihn im Bienengarten gefunden
+hatten, um sich zu besprechen.
+
+Mochte er damit gut oder schlecht handeln, er wußte es nicht, und würde
+jetzt nicht nur nicht den Beweis dafür angetreten, sondern vielmehr
+alle Gespräche und Gedanken darüber vermieden haben.
+
+Die Grübeleien versetzten ihn in Zweifel und hinderten ihn, zu sehen,
+was er sehen mußte, oder was nicht. Indem er jedoch nicht mehr
+dachte, sondern lebte, fühlte er in seiner Seele die stete Gegenwart
+eines unfehlbaren Richters, der entschied, welche von zwei möglichen
+Handlungen die bessere und welche die schlechtere war, und sobald er
+dann nicht so handelte, wie es nötig war, fühlte er dies sogleich.
+
+So lebte er denn ohne die Möglichkeit einer Erkenntnis dessen, zu
+sehen, was er sei und wozu er auf der Welt lebe, gequält von dieser
+Unkenntnis bis zu einem Grade, daß er den Selbstmord fürchtete und sich
+doch zugleich damit fest einen sicheren Weg durch das Leben bahnend.
+
+
+ 11.
+
+Gerade an dem Tage, an welchem Sergey Iwanowitsch nach Pokrovskoje
+gekommen war, befand sich Lewin in einer seiner peinlichsten Stimmungen.
+
+Es war mitten in der Arbeitszeit, wo alles Volk eine so ungewöhnliche
+Anspannung in der Selbstaufopferung bei der Arbeit zeigt, wie sie sonst
+unter keinen Bedingungen im Leben erscheint und die hoch geschätzt
+werden würde, wenn die Leute, welche diese Eigenschaften zeigen,
+sie selbst schätzten, wenn sich nicht ein und dasselbe alljährlich
+wiederholte, und die Resultate dieses Kraftaufwands nicht so einfach
+wären.
+
+Roggen schneiden und Hafer, und ihn hereinzubringen, Wiesen zu mähen,
+Korn ausdreschen und Wintersaat aussäen -- alles das scheint einfach
+und gewöhnlich; aber um es mit Erfolg zu thun, ist es nötig, daß alle,
+vom Ältesten an bis zum Jüngsten rastlos, dreimal mehr als gewöhnlich,
+während drei oder vier Wochen arbeiten, sich nur von Kwas, Zwiebel und
+Schwarzbrot nährend, dreschend, des Nachts Feime abfahrend und sich zum
+Schlaf nicht mehr als drei Stunden den ganzen Tag gönnend. Alljährlich
+ist dies so in ganz Rußland.
+
+Lewin, der einen großen Teil seines Lebens auf dem Dorfe, in nahen
+Beziehungen zum Volke gelebt hatte, fühlte stets während der
+Arbeitszeit, daß sich diese allgemeine Regsamkeit der Leute auch ihm
+mitteile.
+
+Am Morgen fuhr er zum ersten Roggenschnitt oder nach dem Hafer, den
+man in Feime gesetzt hatte, und kehrte dann, wenn sein Weib und die
+Schwägerin sich erhoben, heim; trank mit ihnen Kaffee und begab
+sich dann zu Fuße nach dem Vorwerk, wo man eine neu aufgestellte
+Dreschmaschine zur Vorbereitung des Samens in Gang setzte.
+
+Diesen ganzen Tag hatte Lewin im Gespräch mit dem Verwalter und den
+Bauern, zu Hause mit seinem Weib, mit Dolly und ihren Kindern, und mit
+dem Schwiegervater, immer nur über das Eine nachgedacht, was ihn in
+dieser Zeit neben seinen wirtschaftlichen Sorgen beschäftigte, und in
+allem nur die Antwort auf seine Frage gesucht: »Was bin ich, wo bin
+ich; warum bin ich hier?«
+
+In der Kühle der neugedeckten Trockenscheune stehend, blickte Lewin
+bald durch die geöffnete Thür hinaus, in welcher der trockene und
+scharfe Staub vom Dreschen wirbelte, auf das von der glänzenden Sonne
+beleuchtete Gras der Tenne und das frische Stroh, das soeben erst
+aus dem Schuppen geholt worden war -- bald nach den weißhalsigen
+Schwalben mit ihren bunten Köpfen, die mit Gezwitscher unter das Dach
+flogen und mit schlagenden Flügeln an den Fensteröffnungen der Thüre
+hängen blieben, bald auf die Leute, welche in der dunklen, staubigen
+Trockenscheune hantierten, und hatte dabei seltsame Gedanken.
+
+»Warum geschieht das alles?« grübelte er. »Warum stehe ich hier und
+lasse arbeiten? Weshalb hasten die alle und mühen sich, mir ihren Eifer
+zu zeigen? Warum plagt sich die alte Matrjona da, die ich kenne? Ich
+habe sie ja kuriert, als bei einer Feuersbrunst der Dachbalken auf sie
+gestürzt war,« dachte er, indem er dem hageren Weibe zusah, welches
+mit der Schaufel Korn werfend, angestrengt mit den schwarzgebräunten,
+nackten Füßen auf den unebenen harten Tennenplatz vortrat.
+
+»Sie ist damals wieder gesund geworden, aber dennoch, zwar nicht
+heute, doch vielleicht nach zehn Jahren verscharrt man sie, und nichts
+bleibt mehr von ihr; ebensowenig wie von jener Kokette dort im roten
+Tuch, die mit so gewandter Bewegung die Spreu von den Ähren sondert.
+Auch sie wird man einscharren, wie den gescheckten Wallachen dort
+-- und sehr bald sogar,« dachte er, auf das mit geöffneten Nüstern
+schnaubende Pferd mit dem schwerhängenden Bauche schauend, welches um
+ein liegendes Rad lief, das sich unter ihm bewegte. »Auch das Pferd
+wird man verscharren und den Fjodor mit seinem krausen, voll Spreu
+hängenden Barte und dem zerrissenen Hemd auf der hellschimmernden
+Schulter -- man wird sie begraben! Er wühlt die Garben auseinander und
+ordnet an, ruft den Weibern zu und regelt mit schneller Bewegung den
+Riemen am Schwungrad. Aber vor allem, nicht nur sie, auch mich wird
+man einscharren und nichts wird bleiben. Und wozu?« So sann er und
+schaute dabei nach der Uhr, um zu berechnen, wie viel in einer Stunde
+gedroschen werde. Er mußte dies wissen, um hiernach das Arbeitspensum
+für den Tag geben zu können.
+
+»Schon bald eine Stunde und sie haben erst den dritten Feim
+angefangen,« dachte Lewin, trat zu dem Zugeber und sagte zu ihm, das
+Geräusch der Maschine überschreiend, er gäbe zu schnell zu.
+
+»Du giebst zu viel hinein, Fjodor -- siehst du, sie bleibt hängen und
+geht daher nicht schnell genug! Du mußt das ausgleichen!«
+
+Fjodor, von dem Staube der ihm am schweißbedeckten Gesicht klebte,
+schwarz geworden, schrie etwas als Antwort, that aber nicht, wie Lewin
+wollte.
+
+Dieser trat daher an den Cylinder, ließ Fjodor beiseite treten und
+begann selbst zuzugeben. Nachdem er bis zu der Mittagspause der Bauern
+gearbeitet hatte, bis zu welcher nicht mehr viel Zeit war, verließ er
+zusammen mit dem Zugeber die Trockenscheune und sprach mit ihm.
+
+Der Zugeber war aus einem entfernter liegenden Dorfe, dem nämlichen,
+in welchem Lewin früher Land zur Bildung der Arbeitsgenossenschaft
+vergeben hatte. Jetzt war das Land in Pacht gegeben.
+
+Lewin unterhielt sich mit Fjodor über dieses Land und frug ihn, ob
+Platon, der reiche und tüchtige Bauer jenes Dorfes, für das nächste
+Jahr welches nehmen werde.
+
+»Der Preis ist zu hoch und Ihr solltet an Platon nicht vergeben,« sagte
+Fjodor, sich die Ähren von der schweißbedeckten Brust nehmend.
+
+»Aber Kiriloff giebt ihm doch welches?«
+
+»Mitjucha, Konstantin Dmitritsch, warum sollte der es nicht thun! Der
+drückt die Menschen und nimmt sich schon das Seine. Den dauert kein
+Christenmensch. Onkel Fokanitsch aber,« so nannte er den Bauern Platon,
+»zieht der etwa dem Menschen das Fell über die Ohren? Hier giebt er
+eine Schuldforderung, dort erläßt er -- oder nimmt selbst gar nichts.
+Das ist auch ein Mensch.«
+
+»Aber warum erläßt er Etwas.«
+
+»Nun, die Leute sind eben verschieden. Der eine lebt nur für seinen
+Leib, wenigstens Mitjucha; der stopft sich nur den Wanst voll, aber
+Fokanitsch -- das ist ein rechtschaffener alter Mann. Er lebt nur für
+sein Seelenheil, und denkt an Gott!«
+
+»Wie soll er denn an Gott denken? Wie soll er nur für sein Seelenheil
+leben?« schrie Lewin fast.
+
+»Nun, das ist doch bekannt, nach der Gerechtigkeit, in Gott. Die
+Menschen sind eben verschieden! Man braucht ja nur Euch anzusehen; Ihr
+beleidigt auch keinen Menschen.«
+
+»Nun leb' wohl,« fuhr Lewin fort, vor Erregung tief Atem holend,
+ergriff, sich nun umwendend, seinen Stock und schritt eilig dem Hause
+zu.
+
+Bei den Worten des Bauern, daß Fokanitsch für sein Seelenheil, nach
+der Gerechtigkeit und in Gott lebe, waren ihm unklare, aber wichtige
+Ideen in Masse, als hätten sie sich aus einem Gewahrsam freigemacht,
+gekommen, und diese alle wirbelten nun, nach einem Ziele strebend, in
+seinem Kopfe herum und blendeten ihn mit ihrem Licht.
+
+
+ 12.
+
+Lewin ging mit großen Schritten die Landstraße entlang, weniger seinen
+Gedanken Gehör gebend -- er vermochte noch nicht, sie zu sichten -- als
+mit seinem Seelenzustand beschäftigt, der jetzt so war, wie er ihn noch
+nie an sich kennen gelernt hatte.
+
+Die Worte, die ihm von dem Bauern gesagt worden waren, brachten
+in seiner Seele die Wirkung eines elektrischen Funkens hervor,
+der plötzlich erscheint, zusammengesetzt aus einer ganzen Schar
+gesonderter, unkräftiger Gedanken, die nicht aufhörten, ihn zu
+beschäftigen. Diese Gedanken hatten ihn, ohne daß er es merkte, schon
+während der Zeit, als er von dem Landverkauf sprach, beschäftigt.
+
+Er fühlte in seiner Seele etwas Neues und empfand dieses Neue mit
+Befriedigung, doch ohne zu wissen, was es sei.
+
+»Nicht für meine Notdurft allein soll ich leben, sondern für Gott. Für
+welchen Gott? Kann man etwas Unsinnigeres äußern, als das, was Fjodor
+sagte? Er sagte, man müsse nicht nur für seine Bedürfnisse leben,
+das heißt, für das, was wir verstehen, wozu wir Neigung empfinden,
+wonach uns verlangt, sondern für etwas Unbegreifliches, für einen
+Gott, den niemand begreifen, oder bezeichnen kann. Und was will ich?
+Habe ich die sinnlosen Worte Fjodors nicht verstanden? Wenn ich sie
+verstanden habe, zweifle ich denn an ihrer Richtigkeit? Habe ich sie
+thöricht, unklar und ungenau gefunden? Nein, ich habe ihn verstanden,
+und vollkommen so, wie er selbst versteht; er hat vollständig, und
+klarer verstanden, als ich Etwas im Leben verstehe, und nie im Leben
+habe ich daran gezweifelt, werde ich daran zweifeln können. Nicht ich
+allein aber, sondern jedermann, die ganze Welt, erkennt dieses Eine
+völlig und zweifelt nicht daran und ist damit einverstanden. Aber ich
+suchte Wunder, ich habe es beklagt, daß ich kein Wunder sah, welches
+mich überzeugte. Ein materielles Wunder hätte mich gelockt. Aber es
+giebt ja ein Wunder, das einzig mögliche, immerwährend vorhandene, mich
+von allen Seiten umgebende -- und ich habe das nicht bemerkt! Fjodor
+sagt, daß Kiriloff nur für seinen Bauch lebt. Dies ist begreiflich und
+verständig. Wir alle, als vernünftige Wesen, können nicht anders leben,
+als für unseren Leib. Und da sagt nun dieser Fjodor plötzlich, daß es
+häßlich sei, nur für den Wanst zu leben; man müsse der Gerechtigkeit,
+für Gott leben, und ich verstehe ihn aus diesem Fingerzeig. Ich
+sowohl, wie die Millionen von Menschen, welche Jahrhunderte vor uns
+gelebt haben und jetzt noch leben, die Bauern, die Bettler am Geist
+und die Weisen, die, welche darüber gedacht und geschrieben haben,
+in ihrer unklaren Sprache dasselbe sagend -- wir alle sind in dem
+Einen einverstanden: Weshalb man leben muß, und was gut ist! -- Mit
+allen Menschen habe ich nur _eine_ feste, unzweifelhafte und klare
+Erkenntnis, und diese Erkenntnis kann nicht vom Verstand erläutert
+werden, sie liegt außerhalb desselben und hat keine Gründe, kann
+auch keine Folgen haben. Wenn das Gute eine Ursache hat, so ist es
+schon nicht mehr gut; wenn es eine Folge hat, eine Belohnung, so ist
+es gleichfalls nicht gut. Vielleicht liegt das Gute außerhalb der
+Kette von Ursache und Wirkung. Und ich kenne das; wir alle kennen
+es. Welches Wunder könnte es geben, das größer wäre, als dies? Habe
+ich denn wirklich die Lösung des Ganzen gefunden, sollten jetzt alle
+meine Leiden vorüber sein?« dachte Lewin, auf dem staubigen Wege
+hinschreitend, ohne die Hitze zu merken oder die Ermüdung, aber im
+Gefühl einer Abspannung von den langen Leiden.
+
+Dieses Gefühl war ein so freudiges, daß es ihm ganz unwahrscheinlich
+vorkam. Er atmete schwer vor Erregung, und bog, ohne die Kraft, noch
+weiter zu gehen, vom Wege ab in den Wald und setzte sich in den
+Schatten einer Esche auf das nicht gemähte Gras. Er nahm den Hut von
+dem nassen Kopfe und legte sich, auf den Arm gestemmt, in das saftige,
+schwellende Waldgras.
+
+»Ja, ich muß mir alles klar machen, und verstehen,« dachte er, starr
+auf das nicht niedergedrückte Gras blickend, welches vor ihm stand, und
+den Bewegungen eines grünen Blattlauskäfers folgend, der sich an dem
+Stengel eines Queckengrases erhob, in seinem Aufstieg aber durch ein
+Blatt gehindert wurde.
+
+»Was habe ich entdeckt?« frug er sich, das Blatt entfernend, um
+das Insekt nicht zu hindern, und ein anderes Gras biegend, daß der
+Blattlauskäfer auf dasselbe hinüberlaufen könne. »Was freut mich denn
+so? Was habe ich denn entdeckt? Ich habe nichts entdeckt! Ich habe
+nur erkannt, was ich weiß. Ich habe jene Kraft erkannt, die nicht
+nur in der Vergangenheit liegt, die mir das Leben gegeben hat und
+mir auch jetzt das Leben verleiht. Ich habe mich vom Irrtum befreit
+und den Herrn erkannt! Früher sagte ich, daß sich in meinem Körper,
+in dem Körper dieses Grases und dieses Käfers -- da, er hat nicht
+auf das Gras gewollt, die Flügel ausgebreitet und ist fortgeflogen
+-- nach physikalischen, chemischen und physiologischen Gesetzen ein
+Stoffwechsel vollzieht. In uns allen aber, gleich wie in jenen Espen,
+in den Wolken und den Nebelflecken, vollzieht sich eine Entwicklung.
+Woher stammt diese Entwicklung? Auf was geht sie? Es ist eine endlose
+Entwicklung, ein Kampf. Ganz ebenso nun kann eine gewisse Richtung,
+ein Kampf in dem Unendlichen sein. Und da habe ich mich gewundert,
+daß mir trotz der größten geistigen Anstrengungen auf diesem Wege,
+dennoch nicht der Gedanke des Lebens geoffenbart worden ist! Jetzt
+spreche ich es aus, daß ich den Gedanken meines Daseins kenne: Leben
+für Gott und für die Seele! Und dieser Gedanke ist ungeachtet seiner
+Klarheit geheimnisvoll und wundersam. So ist auch der Gedanke des
+gesamten Seins,« sprach er zu sich selbst, sich auf den Leib wälzend
+und Grashalme in Bündel zusammennehmend, wobei er sich hütete, sie zu
+zerknicken. In Kürze wiederholte er sich nun selbst den ganzen Gang
+seiner Gedanken während der letzten beiden Jahre, dessen Anfang klar
+war; der deutliche Gedanke an den Tod bei dem Anblick des geliebten,
+hoffnungslos kranken Bruders.
+
+Zum erstenmale, damals klar erkennend, daß es für jeden Menschen, und
+auch für ihn, in Zukunft nichts als Leiden, Tod und ewige Vergessenheit
+geben werde, entschied er, daß er so nicht weiter leben könne, und sich
+sein Leben entweder so abklären müsse, daß es nicht mehr als der böse
+Streich eines Satans erscheine -- oder er sich erschießen müsse.
+
+Er that indes weder das Eine noch das Andere, sondern lebte ruhig
+weiter und fuhr fort, zu sinnen und zu spüren; hatte sogar gerade
+in dieser Zeit geheiratet, erlebte viele Freuden und fühlte sich
+glücklich, wenn er nicht an den Zweck seines Daseins dachte.
+
+Was aber bedeutete das? Es bedeutete, daß er rechtschaffen lebte,
+aber schlecht dachte. Er lebte -- ohne dies zu erkennen -- von jenen
+geistigen Wahrheiten, die er mit der Muttermilch eingesogen hatte, und
+dachte, ohne diese Wahrheiten anzuerkennen, ja, sie geflissentlich
+umgehend.
+
+Jetzt wurde es ihm klar, daß er leben konnte nur dank jenen
+Überzeugungen, in denen er erzogen war.
+
+»Was würde ich gewesen sein, und wie hätte ich mein Leben verbracht,
+hätte ich diese Überzeugungen nicht gehabt, nicht gewußt, daß man
+für Gott leben muß und nicht für die eigenen Bedürfnisse? Ich hätte
+geraubt, gelogen, gemordet. Nichts von dem, was die höchsten Freuden
+meines Lebens ausmacht, würde für mich vorhanden gewesen sein.«
+
+Aber trotz der größten Anstrengungen seiner Vorstellungskraft, konnte
+er sich doch nicht jenes tierische Geschöpf vorstellen, welches er
+selbst gewesen sein würde, wenn er nicht erfahren hätte, wozu er lebte.
+
+»Ich habe die Antwort auf meine Frage gesucht, aber diese Antwort
+kann nicht das Denken geben, welches in unmeßbarem Verhältnis zu der
+Frage steht. Die Antwort hat mir das Leben selbst gegeben in meiner
+Erkenntnis dessen, was gut und schlecht sei. Aber diese Erkenntnis habe
+ich nicht durch Etwas erworben, sondern sie ist mir gegeben gewesen
+zugleich mit allem, _gegeben_ deswegen, weil ich sie von nirgendsher
+nehmen konnte. Woher habe ich sie genommen? Bin ich durch meinen
+Verstand darauf gekommen, daß ich meinen Nächsten lieben soll und ihn
+nicht erwürgen darf. Man hat mir das in der Kindheit gesagt und ich
+habe es freudig geglaubt, weil man mir nur gesagt hatte, was mir schon
+in der Seele lag. Aber wer hat dies entdeckt? Der Verstand nicht! Der
+Verstand hat den Kampf ums Dasein entdeckt und das Gesetz, welches
+fordert, daß man alle, die uns an der Befriedigung unserer Wünsche
+hindern, beseitigen soll. Dies ist die Lehre des Verstandes, aber die
+Nächstenliebe konnte der Verstand nicht lehren, weil das unverständig
+gewesen wäre.«
+
+
+ 13.
+
+Lewin fiel die kürzlich stattgehabte Scene mit Dolly und ihren Kindern
+ein. Die Kinder, allein gelassen, hatten Himbeeren über Kerzen geröstet
+und sich die Milch als Fontäne in den Mund gespritzt. Die Mutter,
+welche sie auf der That ertappt, hatte ihnen in Lewins Gegenwart zu
+Gemüt geführt, welche große Mühe den Erwachsenen das verursache, was
+sie da verdorben, und daß diese Arbeit doch für sie geschähe, und sie,
+wenn sie die Tassen zerschlügen, nichts haben würden, woraus sie Thee
+tränken; wenn sie aber Milch vergössen, so würden sie nichts zu essen
+haben und müßten Hungers sterben.
+
+Lewin überraschte die stille Niedergeschlagenheit und der Argwohn,
+mit welchem die Kinder diese Worte der Mutter anhörten. Sie waren nur
+darüber erbittert, daß ihr unterhaltendes Spiel abgebrochen worden
+war, und glaubten kein Wort von dem was die Mutter sagte. Sie konnten
+es auch nicht glauben, weil sie sich den ganzen Umfang dessen, was sie
+begangen, gar nicht vorstellen, und infolge dessen sich nicht denken
+konnten, daß das, was sie verdorben hatten, eben das sei, wovon sie
+lebten.
+
+»Das ist alles für sich allein da,« dachten sie, »und etwas
+Interessantes oder Wichtiges liegt nicht darin, deswegen weil es stets
+war und sein wird und stets ein und dasselbe ist. Wir brauchen daher
+gar nicht daran zu denken, denn das ist alles schon da und wir wollen
+nur etwas Eigenes und recht Neues dabei ausdenken. So haben wir uns
+ausgedacht, in die Tasse Himbeeren zu nehmen und sie über einem Licht
+zu rösten, die Milch aber als Fontäne uns gegenseitig in den Mund zu
+spritzen. Das ist lustig und neu und in nichts schlechter, als aus den
+Tassen zu trinken.«
+
+»Thun wir nun nicht etwa ganz das Nämliche, thue ich es nicht, mit
+meinem Verstande die Bedeutung der Naturkräfte erforschend und den
+Gedanken des menschlichen Lebens?« fuhr Lewin fort zu denken. »Und
+thun dies nicht alle philosophischen Theorieen, indem sie auf einem
+seltsamen, dem Menschen nicht eigenen Gedankenweg, zu der Erkenntnis
+dessen führen, was der Mensch lange schon weiß, so genau weiß, daß
+er ohne es gar nicht hätte leben können. Ist es denn nicht aus der
+Entwicklung der Theorie eines jeden Philosophen klar ersichtlich, daß
+er im voraus unfehlbar ebenso gut, wie der Bauer Fjodor und durchaus
+nicht genauer als dieser, den Hauptgedanken des Daseins kennt, und nur
+auf dem zweifelhaften Wege des Verstandes zu dem gelangen will, was
+allen bekannt ist? Wollte man die Kinder allein auf Erwerb ausgehen
+lassen, sollten dieselben Geschirr fertigen, Milch melken &c., würden
+sie dann Mutwillen treiben? Sie würden Hungers sterben. Nun, so wollen
+wir doch mit unseren Leidenschaften und Gedanken ohne Verständnis
+des einigen Gottes und Schöpfers bleiben, oder ohne Verständnis von
+dem, was gut ist, ohne Offenbarung des moralisch Schlechten. >Aber
+schafft Ihr etwas ohne dieses Verständnis!< >Wir zerstören nur, weil
+wir geistig satt sind. Wir sind eben Kinder!< Woher kommt in mir diese
+freudige, mir mit dem Bauern gemeinsame Erkenntnis, welche mir allein
+die Seelenruhe verleiht? Woher habe ich sie genommen? Erzogen in der
+Vorstellung eines Gottes, als Christ, und mein ganzes Leben hindurch
+erfüllt von diesen geistigen Gütern, die mir das Christentum verliehen
+hat, welches an diesen lebendigen Schätzen überreich ist und in ihnen
+lebt, zerstöre ich diese, wie die Kinder, ohne sie zu verstehen, --
+das heißt, ich will zerstören -- das, wodurch ich lebe. Sobald jedoch
+eine ernste Minute des Lebens naht, gehe ich, wie die Kinder, wenn
+sie frieren oder hungrig sind, zu Ihm, und fühle noch weniger als
+Kinder, welche die Mutter wegen kindischer Streiche schilt, daß meine
+kindlichen Versuche, über die man genugsam schelten könnte, mir nicht
+angerechnet werden. Also das, was ich weiß, weiß ich nicht infolge
+des Verstandes, sondern es ist mir gegeben, mir geoffenbart, und ich
+weiß es durch mein Herz, meinen Glauben an das Höchste, was die Kirche
+bekennt.«
+
+»Die Kirche? Die Kirche?« wiederholte Lewin, sich auf die andere Seite
+legend und schaute, auf den Ellbogen gestützt, in die Ferne nach einer
+jenseits zum Flusse gehenden Herde. »Kann ich dann aber an alles
+glauben, was die Kirche lehrt?« dachte er, sich prüfend und alles das
+überdenkend, was seine jetzige Ruhe stören konnte. Absichtlich begann
+er, sich diejenigen Lehren der Kirche zu vergegenwärtigen, die ihm vor
+allen anderen stets befremdlich gewesen waren und ihn verleitet hatten.
+
+»Die Schöpfung? Womit habe ich denn das Sein erklärt? Mit dem Sein?
+Mit dem Nichts? -- Teufel und Sünde! -- Womit erkläre ich das Böse? --
+Was ist der Erlöser? -- Ich weiß eben nichts, nichts, und kann nichts
+wissen, als nur das, was mir und allen anderen gesagt worden ist.« --
+
+Und jetzt schien es ihm, als gäbe es kein einziges unter den
+Bekenntnissen der Kirche, welches die Hauptsache, den Glauben an Gott,
+an das Gute, als die einzige Bestimmung des Menschen stürzte. Für jedes
+Bekenntnis der Kirche konnte das Bekenntnis zum Dienst in der Wahrheit
+anstatt in den Lüsten eingesetzt werden. Und jedes derselben warf dies
+nicht nur nicht um, sondern war vielmehr erforderlich dazu, daß sich
+jenes höchste, beständig auf Erden erscheinende Wunder auch vollzog,
+welches darin bestand, daß es jedem möglich werde, gemeinsam mit
+Millionen verschiedenartigster Menschen, mit Weisen und Narren, Kindern
+und Greisen -- mit allen, mit den Bauern und mit Lwoff, mit Kity, und
+mit Bettlern oder Königen untrüglich ein und dasselbe zu erkennen, und
+das Leben der Seele hinzuzustellen, für welches allein es schon der
+Mühe wert war zu leben, und das allein wir schützen.
+
+Auf dem Rücken liegend, sah er jetzt in den hohen, wolkenlosen Himmel
+hinein.
+
+»Weiß ich denn nicht, daß dies ein endloser Raum ist, und kein rundes
+Gewölbe? Aber wie ich auch den Blick anstrengen mag, ich kann ihn nicht
+anders erblicken als rund und unbegrenzt und ungeachtet meiner Kenntnis
+seiner unbegrenzten Weite habe ich unzweifelhaft recht. Wenn ich das
+feste blaue Gewölbe ansehe, handle ich richtiger, als wenn ich mich
+anstrenge, weiter zu blicken.«
+
+Lewin hörte schon auf zu denken, gleich als ob er geheimnisvollen
+Stimmen lauschte, die sich freudig und sorglich unterhielten.
+
+»Sollte dies etwa der Glaube sein?« dachte er, sich scheuend,
+seinem Glück zu trauen. »Mein Gott, ich danke dir!« sprach er, ein
+aufsteigendes Schluchzen hinunterschluckend und sich mit beiden Händen
+die Thränen abwischend, von denen seine Augen voll standen.
+
+
+ 14.
+
+Lewin schaute vor sich hin und sah die Herde, dann erblickte er seinen
+Wagen mit dem Braunen bespannt, und den Kutscher, welcher zur Herde
+heranfahrend, mit dem Hirten sprach. Hierauf vernahm er, bereits in
+seiner Nähe, das Geräusch von Rädern und das Schnauben eines satten
+Pferdes, doch war er so versunken in seinen Gedanken, daß er gar nicht
+daran dachte, weshalb der Kutscher zu ihm gefahren komme.
+
+Es fiel ihm das erst ein, als ihm dieser, bereits ganz nahe bei ihm,
+zurief:
+
+»Die Herrin schickt mich. Der Bruder und noch ein Herr sind angekommen.«
+
+Lewin setzte sich auf den Wagen und ergriff die Zügel. Wie aus dem
+Schlaf erwacht, konnte er lange Zeit nicht zur klaren Besinnung kommen.
+Er betrachtete das satte Pferd, blickte den Kutscher Iwan an, der neben
+ihm saß und besann sich nun, daß er den Bruder ja erwartete, daß seine
+Frau wahrscheinlich über sein langes Ausbleiben besorgt sein werde;
+und er bemühte sich nun, zu raten, wer der Gast sein könne, der mit
+dem Bruder gekommen war. Sowohl dieser, wie sein eigenes Weib und der
+unbekannte Besuch erschienen ihm jetzt anders, als vorher. Ihm schien,
+als ob jetzt seine Beziehungen zu allen Menschen schon andere werden
+wollten.
+
+»Dem Bruder gegenüber wird jetzt nicht mehr die Rede von jener
+Entfremdung sein, die stets zwischen uns herrschte, es sollten keine
+Streitigkeiten mehr herrschen; auch mit Kity sollte es nie mehr Zwist
+geben und mit dem Gaste, wer es auch sein mag, werde ich freundlich und
+gut sein; auch mit den Leuten, mit Iwan -- alles wird anders werden.«
+
+Straff das vor Ungeduld schnaubende, eine schnellere Gangart
+anstrebende, gute Pferd haltend, schaute Lewin den neben ihm sitzenden
+Iwan an, der nicht wußte, was er mit seinen zur Unthätigkeit
+verurteilten Händen machen sollte, und beständig sein aufgeblähtes Hemd
+andrückte und suchte nach einem Thema, um ein Gespräch mit diesem zu
+beginnen.
+
+Er wollte sagen, daß Iwan überflüssigerweise den Sattelriemen zu hoch
+gezogen habe, doch dies wäre einem Vorwurf ähnlich gewesen und er
+wollte jetzt nur freundliche Gespräche führen. Etwas anderes kam ihm
+nicht in den Kopf.
+
+»Nehmt doch, bitte rechts, sonst wird der Baumstamm da« -- sagte der
+Kutscher, Lewins Zügel dirigierend.
+
+»Laß das gefälligst und belehre mich nicht!« antwortete Lewin,
+ungehalten über diese Einmischung des Kutschers.
+
+So wie immer, machte ihn auch jetzt eine Einmischung verstimmt, und er
+fühlte sogleich voll Schmerz, wie irrig seine Vermutung gewesen war,
+daß seine Seelenstimmung ihn sogleich bis zu einer Anpassung an die
+Wirklichkeit hätte wandeln können.
+
+Als er sich seinem Hause bis auf eine viertel Werst genähert hatte,
+erblickte er Grischa und Tanja, die ihm entgegeneilten.
+
+»Onkel Konstantin! Mama kommt auch, und der Onkel, und Sergey
+Iwanowitsch und noch jemand,« sagten sie auf den Wagen kletternd.
+
+»Wer denn?«
+
+»Außerordentlich seltsam! Er macht es mit den Händen immer so,« sagte
+Tanja, sich im Wagen erhebend und Katawasoff nachahmend.
+
+»Ist er alt oder jung?« frug Lewin lachend, die Vorstellung Tanjas
+hatte ihn an jemand erinnert. »O, wenn es nur kein unangenehmer Mensch
+ist!« dachte er.
+
+Kaum um die Biegung des Weges herum, gewahrte Lewin die
+Entgegenkommenden, und erkannte Katawasoff im Strohhut, wie er im Gehen
+mit den Armen schwenkte, so wie es Tanja vorgemacht hatte.
+
+Katawasoff sprach sehr gern über Philosophie, obwohl er von ihr nur
+einen Begriff aus den Naturwissenschaften besaß, und sich sonst nie
+damit beschäftigt hatte. In Moskau hatte Lewin in letzter Zeit viel mit
+ihm disputiert. Eines jener Gespräche, in welchem Katawasoff jedenfalls
+gehofft hatte Sieger zu bleiben, fiel Lewin sofort wieder ein, nachdem
+er Katawasoff erkannt hatte.
+
+»Nein; streiten und in unüberlegter Weise meine Ideen äußern werde ich
+um keinen Preis,« dachte er.
+
+Aus dem Wagen steigend und den Bruder nebst Katawasoff begrüßend, frug
+Lewin dann nach seiner Frau.
+
+»Sie hat Mitja in das Wäldchen beim Hause getragen. Sie wollte es
+dorthin bringen, denn im Hause ist es zu warm,« berichtete Dolly. Lewin
+hatte seiner Gattin stets davon abgeraten, das Kind in den Wald zu
+tragen, da er dies für gefährlich befand, und die Nachricht war ihm
+daher unangenehm.
+
+»Sie schleppt sich mit ihm von Ort zu Ort,« sagte der Fürst lächelnd.
+»Ich habe ihr geraten, es in den Eiskeller zu bringen.«
+
+»Sie wollte nach dem Bienengarten gehen, da sie dachte, du würdest dort
+sein. Wir gehen soeben hin,« sagte Dolly.
+
+»Nun, was machst du denn?« sagte Sergey Iwanowitsch, von den anderen
+weggehend und sich zu dem Bruder gesellend.
+
+»Nichts Besonderes. Wie immer, beschäftige ich mich mit der Ökonomie,«
+antwortete Lewin. »Und du? Bleibst du lange hier? Wir haben dich so
+lange erwartet.«
+
+Bei diesen Worten begegneten sich die Augen der Brüder und Lewin
+fühlte, trotz des steten und jetzt bei ihm besonders lebhaft gewordenen
+Wunsches, in freundschaftliche und hauptsächlich klare Beziehungen
+zu seinem Bruder zu treten, daß es ihm peinlich war, denselben
+anzublicken. Er schlug die Augen nieder und wußte nicht, was er sagen
+sollte.
+
+Indem er die Themen durchging, welche Sergey Iwanowitsch willkommen
+sein und ihn von dem Gespräch über den serbischen Krieg und die
+slawische Frage ablenken konnten, auf die er schon mit einem Hinweis
+auf seine Geschäfte in Moskau hingewiesen hatte, begann Lewin von dem
+Buche Sergey Iwanowitschs zu sprechen.
+
+»Nun, sind denn Recensionen über dein Buch erschienen?« frug er.
+
+Sergey Iwanowitsch lächelte über das Vorbedachte in der Frage.
+
+»Es hat sich niemand darum gekümmert; ich am allerwenigsten,« sagte er.
+»Paßt auf, Darja Aleksandrowna, es wird Regen geben,« fügte er hinzu,
+mit dem Schirme auf die über den Wipfeln der Espen erscheinenden weißen
+Wolken deutend.
+
+Es waren genug Worte gefallen, die, wenn nicht eine feindselige, so
+doch kühle Beziehung zwischen beiden, wie sie Lewin so gern vermieden
+hätte, wiederum zwischen den Brüdern eintreten lassen konnten.
+
+Lewin ging zu Katawasoff.
+
+»Wie gut Ihr daran thatet, Euch zu einem Besuch bei uns zu
+entschließen,« sagte er zu ihm.
+
+»Ich war schon lange dazu im Begriff gewesen. Nun können wir
+disputieren. Laßt doch sehen. Habt Ihr Spencer gelesen?«
+
+»Nun, nicht ganz,« versetzte Lewin, »ich brauche ihn übrigens jetzt
+nicht.«
+
+»Was heißt das? Er ist doch so interessant. Warum denn nicht?«
+
+»Ich habe mich endgültig überzeugt, daß ich die Lösungen der Fragen,
+welche mich beschäftigen, nicht in ihm und seinesgleichen finde.
+Jetzt« --
+
+Der ruhige, heitere Gesichtsausdruck Katawasoffs überraschte ihn
+plötzlich, und um seine Stimmung, die er offenbar mit diesem Gespräch
+fahren lassen mußte, war es ihm nun so leid, daß er in der Erinnerung
+an seinen Vorsatz, innehielt.
+
+»Sprechen wir übrigens später davon,« fügte er hinzu. »Wenn wir nach
+dem Bienengarten wollen, so müssen wir hierhin, auf diesem Fußweg,«
+wandte er sich an die Gesellschaft.
+
+Als man auf dem engen Fußwege bis zu einer ungemähten Wiese gekommen
+war, auf welcher auf der einen Seite dichter heller Kuhweizen stand,
+während sich in der Mitte viele dunkelgrüne hohe Büsche von Nießwurz
+befanden, ließ Lewin seine Gäste in dem tiefen kühlen Schatten der
+jungen Espen auf einer Bank und auf Holzklötzen, die für die Besucher
+des Bienengartens, welche sich vor den Bienen fürchteten, eigens
+vorgerichtet waren, niedersetzen, und begab sich selbst zu einem
+Verhau, um den Kindern und Erwachsenen Brot, Gurken und frischen Honig
+zu holen.
+
+Im Bemühen, sich möglichst ruhig zu bewegen, und den immer häufiger und
+häufiger an ihm vorüberfliegenden Bienen lauschend, ging er auf dem
+Fußweg bis zur Hütte. Dicht vor dem Flur summte eine Biene auf, die
+sich in seinem Barte verwickelt hatte, doch er befreite sie behutsam.
+
+Nachdem er in den schattigen Flur getreten war, nahm er von der Wand
+sein dort an einem Pflock aufgehängtes Netz herab und ging, sobald
+er es angelegt und die Hände in die Taschen gesteckt hatte, in den
+umzäunten Bienengarten, in welchem in regelmäßig angelegten Reihen,
+mit Bast an Pfähle festgebunden, inmitten eines glattgemähten Platzes
+die sämtlichen, ihm so wohlbekannten Bienenkörbe standen -- die jeder
+seine eigene Geschichte hatten -- an den Seiten des Zaunes aber
+befanden sich die jungen, welche erst im laufenden Jahre eingesetzt
+worden waren. Vor den Fluglöchern der Bienenstöcke flimmerten in den
+Augen die kreisenden und sich auf einem Punkte zusammendrängenden
+Bienen und Drohnen und unter ihnen, immer in der nämlichen Richtung
+zum Wald hinüber nach einer blühenden Linde, und zu den Stöcken
+zurück flogen die Arbeitsbienen mit ihrer Ladung oder nach derselben.
+Man hatte nur das unausgesetzte wechselnde Summen der in Thätigkeit
+begriffenen, eilig dahinfliegenden Arbeitsbiene, oder der blasenden,
+müßigen Drohne im Ohr, oder das von Erschreckten, die ihre Beute vor
+einem Feinde in Sicherheit brachten und im Begriff waren, nun bei
+den Wachen des Stockes Beschwerde zu führen. Jenseits der Umzäunung
+hobelte ein alter Mann, der Lewin nicht bemerkt. Dieser blieb in der
+Mitte des Bienengartens stehen, ohne jenen anzurufen. Er freute sich
+über die Gelegenheit, wieder allein zu sein, sich von der Wirklichkeit
+wieder erholen zu können, welche ihm bereits seine Stimmung wieder
+herabgemindert hatte.
+
+Er erinnerte sich, daß er schon auf Iwan ungehalten gewesen war, seinem
+Bruder Kälte gezeigt und mit Katawasoff oberflächlich zu sprechen
+angefangen hatte.
+
+»Sollte das doch nur eine zeitweilige Stimmung gewesen sein, welche
+vorübergeht, ohne eine Spur zu hinterlassen?« dachte er.
+
+Doch im nämlichen Augenblick, indem er sich seiner Stimmung zuwandte,
+empfand er voll Freude, daß etwas Neues und Bedeutsames in ihm vorging.
+Die Wirklichkeit hatte nur für einige Zeit jene seelische Ruhe
+überdeckt, die er gefunden hatte, diese aber war noch unversehrt in ihm.
+
+Gleichwie die Bienen, welche ihn jetzt umschwirrten, ihm drohten und
+ihn weglockten, ihn seiner vollen physischen Ruhe beraubten, ihn
+zwangen, sich zu krümmen und ihnen auszuweichen, so hatten ihn die
+Sorgen, seit dem Augenblick an ihn herangetreten, da er sich in den
+Wagen gesetzt hatte, seiner geistigen Freiheit beraubt; aber dies
+währte nur so lange, bis er mitten unter ihnen war.
+
+Wie seine körperliche Kraft unversehrt in ihm lebte, so war auch die
+Kraft seines Geistes, deren er sich aufs neue bewußt geworden war, noch
+unversehrt in ihm.
+
+
+ 15.
+
+»Weißt du, Konstantin, mit wem Sergey Iwanowitsch hierher gefahren
+ist?« frug Dolly, unter ihre Kinder Gurken und Honig verteilend, »mit
+Wronskiy! Er geht nach Serbien!«
+
+»Und nicht etwa nur allein; er führt eine Eskadron auf seine eigenen
+Kosten mit!« sagte Katawasoff.
+
+»Das sieht ihm ähnlich,« sagte Lewin. »Ziehen denn noch immer
+Freiwillige hinaus?« fügte er mit einem Blick auf Sergey Iwanowitsch
+hinzu.
+
+Dieser nahm, ohne zu antworten, behutsam aus der Tasse, auf welcher
+eine weiße Honigscheibe lag, mit dem Taschenmesser eine noch lebende,
+in dem flüssigen Honig klebende Biene heraus.
+
+»Und wie viel! Ihr hättet sehen müssen, was gestern noch auf der
+Station vorging!« sagte Katawasoff, vernehmlich in die Gurke beißend.
+
+»Wie soll ich das verstehen? Erklärt mir doch um Gottes willen Sergey
+Iwanowitsch, wohin alle diese Freiwilligen fahren, und gegen wen sie
+kämpfen?« frug der alte Fürst, ein Gespräch fortsetzend, das wohl in
+Lewins Abwesenheit begonnen worden war.
+
+»Gegen die Türken,« antwortete Sergey Iwanowitsch mit ruhigem Lächeln,
+die sich mit ihren Beinchen hilflos bewegende Biene befreiend, die von
+dem Honig schwarz geworden war, und sie von dem Messer auf ein starkes
+Espenblatt setzend.
+
+»Und wer hat den Türken den Krieg erklärt? Iwan Iwanitsch Ragozoff, die
+Gräfin Lydia Iwanowna und Madame Stahl!«
+
+»Niemand hat den Krieg erklärt, die Leute fühlen nur Mitleid mit ihren
+Nächsten und wollen ihnen helfen,« sagte Sergey Iwanowitsch.
+
+»Aber der Fürst spricht nicht von der Hilfe,« sagte Lewin, für seinen
+Schwiegervater eintretend, »sondern von dem Kriege. Der Fürst sagt, daß
+Privatleute keinen Teil an einem Kriege haben können, wenn nicht die
+Regierung eine Entscheidung darüber gegeben hat.«
+
+»Konstantin, sieh, da ist eine Biene! Wahrhaftig sie werden uns noch
+stechen!« sagte Dolly, eine Wespe abwehrend.
+
+»Das ist keine Biene, es ist eine Wespe,« sagte Lewin.
+
+»Nun also, wie steht es mit Eurer Theorie?« sagte Katawasoff lächelnd
+zu Lewin, diesen offenbar zum Disput auffordernd. »Weshalb haben
+Privatleute kein Recht?«
+
+»Meine Theorie ist die: Ein Krieg ist einerseits ein solches Ungeheuer,
+etwas so Hartes, Furchtbares, daß kein Mensch -- ich sage noch
+gar nicht Christ -- auf seine persönliche Verantwortung hin seine
+Anstiftung übernehmen kann. Dies kann nur eine Regierung, welche dazu
+berufen ist und zu einem unvermeidlichen Kriege gedrängt wird. Dann
+aber verzichten ja auch sowohl nach der sachwissenschaftlichen Seite,
+wie nach dem gesunden Menschenverstand die Bürger in Regierungssachen,
+insbesondere in Kriegsfragen, auf ihren persönlichen Willen.«
+
+Sergey Iwanowitsch und Katawasoff ergriffen mit ihren schon
+bereitgehaltenen Erwiderungen gleichzeitig das Wort.
+
+»Darin liegt aber ja eben der Schwerpunkt, daß es Fälle geben kann, in
+denen die Regierung den Willen der Bürger nicht erfüllt; dann zeigt die
+Gesellschaft den ihren,« sagte Katawasoff.
+
+Sergey Iwanowitsch stimmte indessen diesem Einwand augenscheinlich
+nicht zu. Er zog die Stirn bei den Worten Katawasoffs und sagte etwas
+Anderes.
+
+»Du stellst so die Frage unnütz auf. Es handelt sich hier nicht um
+eine Kriegserklärung, sondern einfach um den Ausdruck des humanen
+christlichen Gefühls. Man mordet unsere Stammesbrüder, die mit uns
+des nämlichen Blutes und Glaubens sind. Nun, nehmen wir an, sie wären
+selbst nicht unsere Mitbrüder, nicht unsere Glaubensgenossen, sondern
+einfach Kinder, Weiber, Greise. Da empört sich doch das Gefühl, und
+die Russen eilen zu Hilfe, um diese Schrecken zu verkürzen. Stelle
+dir vor, du gingest auf der Straße und sähest, daß Trunkene ein Weib
+schlügen oder ein Kind. Ich denke, da würdest du wohl nicht erst
+fragen, ob hier jenen Menschen der Krieg erklärt worden sei oder nicht,
+sondern darauf zueilen und den Beleidigten verteidigen.«
+
+»Aber den Gegner nicht töten,« sagte Lewin.
+
+»Doch, du würdest ihn töten.«
+
+»Ich weiß nicht. Wenn ich dergleichen sähe, würde ich mich meinem
+unmittelbaren Gefühl hingeben, im voraus aber kann ich nichts sagen.
+Ein solches unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der Südslaven
+ist aber nicht vorhanden, kann es auch gar nicht sein.«
+
+»Doch wohl nur für dich nicht! Für die anderen ist es vorhanden,« sagte
+Sergey Iwanowitsch mißvergnügt die Stirne runzelnd. »Im Volke sind
+die Überlieferungen über Rechtgläubige lebendig, die unter dem Joch
+der Gottlosigkeit litten. Das Volk hat von den Leiden der Mitbrüder
+vernommen und gesprochen.«
+
+»Kann sein,« sagte Lewin nachgiebig, »aber ich sehe das nicht ein; ich
+bin selbst Volk und fühle dies doch nicht.«
+
+»Ich auch nicht,« sagte der Fürst. »Ich habe im Auslande gelebt, die
+Zeitungen gelesen und -- ich gestehe es -- selbst was die bulgarischen
+Schrecken anbetrifft -- niemals recht begreifen können, weshalb
+plötzlich alle Russen ihre slavischen Brüder so zu lieben anfingen,
+während ich nicht die geringste Liebe für sie verspürte. Ich ärgerte
+mich darüber sehr, dachte, ich sei ein Ungeheuer, oder Karlsbad hätte
+auf mich so eingewirkt, aber nachdem ich hierher gekommen, war ich
+beruhigt. Ich sehe, daß es auch außer mir noch Leute giebt, die nur für
+Rußland Interesse haben, und nicht für die slavischen Brüder -- Leute,
+wie Konstantin.« --
+
+»Persönliche Meinungen bedeuten hier nichts,« sagte Sergey Iwanowitsch,
+»es kommt nicht auf persönliche Meinungen an, wenn ganz Rußland -- das
+Volk -- seinen Willen geäußert hat.«
+
+»Bitte recht sehr, aber das sehe ich nicht. Das Volk weiß was rechtes,«
+sagte der Fürst.
+
+»O Papa, warum das? Kommst du Sonntag mit in die Kirche?« frug Dolly,
+die dem Gespräch zuhörte. »Gieb mir doch das Handtuch,« wandte sie
+sich zu dem alten Herrn, der lächelnd auf ihre Kinder blickte. »Es kann
+doch nicht sein, daß alle« --
+
+»Was willst du denn am Sonntag in der Kirche? Man hatte den Geistlichen
+ersucht, eine Messe zu lesen. Er las sie. Die Leute aber haben nichts
+verstanden, sie seufzten, wie bei jeder Beichte,« fuhr der Fürst fort.
+»Dann sagte man ihnen, daß man für den heiligen Zweck in der Kirche
+sammle. Nun, da holten sie denn ihre Kopeke hervor und gaben sie, wozu
+aber, das haben sie nicht gewußt.«
+
+»Das Volk muß es wissen. Das Bewußtsein seines Geschickes lebt stets
+in einem Volke, und in Minuten, wie es die jetzigen sind, wird ihm
+dasselbe klar,« sagte Sergey Iwanowitsch voll Überzeugung, nach dem
+alten Bienenzüchter schauend.
+
+Ein schöner Greis, mit schwarzem, graumeliertem Bart und dichtem,
+silbernem Lockenhaar, stand dieser unbeweglich, eine Schale mit Honig
+haltend, freundlich und ruhig da, aus seiner vollen Größe auf die
+Herren herniederblickend, offenbar ohne Etwas zu verstehen, noch mit
+dem Wunsche darnach.
+
+»So ist es,« sagte er, ausdrucksvoll den Kopf schüttelnd, zu den Worten
+Sergey Iwanowitschs.
+
+»Ja, fragt ihn nur! Er weiß nichts und denkt nicht,« sagte Lewin.
+»Du hörst wohl, Michailitsch, wir sprechen von dem Krieg?« wandte er
+sich an diesen. »Ihr habt das ja in der Kirche gelesen. Wie denkst du
+darüber? Müssen wir für die Christen kämpfen?«
+
+»Was haben wir dabei mit zu denken? Aleksander Nikolajewitsch der
+Kaiser denkt für uns, er denkt für uns in allen Dingen. Ihm ist alles
+klarer. Soll ich nicht noch ein Stück Brot holen?« wandte er sich an
+Darja Aleksandrowna, auf Grischa weisend, der soeben mit seiner Rinde
+fertig geworden war.
+
+»Ich brauche eigentlich gar nicht zu fragen,« sagte Sergey Iwanowitsch,
+»wir haben hunderte und aber hunderte von Menschen gesehen und sehen
+sie noch, die alles verlassen, um einer guten Sache zu dienen. Von
+allen Enden Rußlands kommen sie herbei, und äußern offen und klar ihre
+Gedanken und Absichten. Sie bringen ihr Erspartes mit oder kommen
+selbst und sagen rückhaltlos, warum. Was bedeutet dies nun?«
+
+»Es bedeutet, nach meiner Meinung,« sagte Lewin, der warm zu werden
+begann, »daß sich in einem Volke von achtzig Millionen immer nicht nur
+Hunderte, wie jetzt, sondern Tausende von Menschen finden werden, die
+ihre gesellschaftliche Stellung eingebüßt haben, von Müßiggängern, die
+stets bereit sind, zur Bande Pugatscheffs, nach Khiwa oder nach Serbien
+zu gehen.«
+
+»Ich sage dir aber, daß es nicht Hunderte und keine Müßiggänger,
+sondern die besten Repräsentanten des Volkes sind,« sagte Sergey
+Iwanowitsch mit einer Gereiztheit, als verteidige er seine eigene
+Würde. »Und die Opfer? Hier drückt doch das ganze Volk seinen Willen
+aus!«
+
+»Das Wort >Volk< ist so unbestimmt,« sagte Lewin. »Die
+Bezirksschreiber, Lehrer, und von den Bauern je der Tausendste wissen
+wohl, worum es sich handelt. Die Übrigen achtzig Millionen, drücken
+nicht nur, wie Michailoff, ihren Willen gar nicht aus, nein, sie haben
+nicht einmal auch nur den geringsten Begriff davon, worüber sie ihren
+Willen äußern sollten. Welches Recht haben wir nun da, von einem
+Volkswillen zu sprechen?«
+
+
+ 16.
+
+Sergey Iwanowitsch, in der Dialektik bewandert, leitete, ohne hierauf
+etwas einzuwenden, das Gespräch sogleich auf ein anderes Gebiet.
+
+»Wenn du den Volksgeist auf arithmetischem Wege erkennen willst, dann
+ist dies natürlich sehr schwer zu erreichen. Eine Abstimmung ist bei
+uns nicht eingeführt, und kann auch nicht eingeführt werden, weil sie
+den Willen des Volkes nicht ausdrückt; doch dafür giebt es andere
+Wege. Das liegt in der Luft und wird im Herzen empfunden. Ich spreche
+nicht mehr von jenen tieferen Strömungen, welche im stehenden Meere
+des Volkes sich bewegen und für jeden nicht von Vorurteilen befangenen
+Menschen klar sind. Man schaut nur die Gesellschaft im engsten Sinne
+des Wortes an. Alle die verschiedenartigsten Teile in der Welt der
+Intelligenz die sich vorher feindlich gegenüberstanden, fließen hier
+in Eins zusammen. Jeder Unterschied hört auf, alle gesellschaftlichen
+Organe sagen ein und dasselbe, alle empfinden eine elementare Kraft,
+die sie ergriffen hat und nun in einer bestimmten Richtung trägt.«
+
+»Die Zeitungen sagen allerdings ein und dasselbe,« meinte der Fürst.
+»Es ist damit ganz ebenso, wie bei den Fröschen vor einem Gewitter. Von
+ihrem Geschrei hört man nichts weiter.«
+
+»Frösche hin, Frösche her; ich gebe keine Zeitungen heraus und will
+sie auch nicht vertreten, sondern spreche nur von der Einmütigkeit im
+Denken in der Welt der Intelligenz,« sagte Sergey Iwanowitsch, sich zu
+seinem Bruder wendend.
+
+Lewin wollte antworten, doch der alte Fürst fiel ihm ins Wort.
+
+»Über diese Einmütigkeit läßt sich auch noch etwas Anderes sagen,«
+begann er, »da habe ich einen Schwiegersohn, Stefan Arkadjewitsch, Ihr
+kennt ihn ja. Er hat jetzt ein Amt als Mitglied einer Komiteekommission
+und noch etwas, ich weiß nicht mehr genau. Aber er hat da gar nichts
+zu thun -- nicht so Dolly, es ist ja kein Geheimnis! -- und bezieht
+doch achttausend Rubel Gehalt. Probiert nun und fragt ihn einmal, ob
+ihm dieses Amt etwas nützt; er wird Euch beweisen, daß es eines der
+notwendigsten ist. So rechtschaffen er auch sein mag, an einen Nutzen
+dieser achttausend Rubel wird er mich nicht glauben machen.«
+
+»Ja, er hat mich gebeten, Darja Aleksandrowna von der Erlangung des
+Amtes Mitteilung zu machen,« sagte Sergey Iwanowitsch mißvergnügt, in
+der Meinung, der Fürst spreche nicht zur Sache.
+
+»So ist es auch mit der Harmonie in der Presse. Man hat mir erklärt,
+so bald es Krieg giebt, giebt es verdoppelte Einnahmen. Warum sollen
+sie da nicht denken, daß die Geschicke des Volkes und der slavischen
+Brüder« --
+
+»Ich liebe viele Zeitungen nicht, doch ist das ungerecht,« sagte Sergey
+Iwanowitsch.
+
+»Ich würde nur eine Bedingung stellen,« fuhr der Fürst fort. »Alphonse
+Karr schrieb dies recht gut vor dem Kriege mit Preußen. >Ihr meint
+doch, daß der Krieg notwendig ist! Schön! -- Einer erklärt ihn denn
+auch, und in der Avantgarde geht es zum Sturm, zur Attacke, allen
+voran!<« --
+
+»Die Redakteure werden sich am besten dabei stehen!« lachte Katawasoff
+laut, sich seine Bekannten unter den Redakteuren vorstellend, wie sie
+in der Legion der Auserwählten ständen.
+
+»Nun, sie werden höchstens davonlaufen,« sagte Dolly, »sie können doch
+nur hinderlich sein.«
+
+»Wenn sie fliehen, so muß man mit Kartätschen dahinterherfeuern oder
+Kosaken mit Knuten hinstellen,« sagte der Fürst.
+
+»Das ist ein Scherz aber kein guter, nehmt es mir nicht übel, Fürst,«
+sagte Sergey Iwanowitsch.
+
+»Ich sehe nicht ein, daß es sich hier um Scherz handelte, daß« --
+begann Lewin, doch Sergey Iwanowitsch unterbrach ihn.
+
+»Jedes Mitglied der Gesellschaft ist berufen, die ihm gehörige
+Aufgabe zu vollführen,« sagte er. »Die Männer des Geistes erfüllen
+ihre Aufgabe, indem sie die öffentliche Meinung wiederspiegeln. Der
+einmütige und vollständige Ausdruck der öffentlichen Meinung ist der
+Dienst der Presse, und er ist auch eine sehr erfreuliche Erscheinung.
+Vor zwanzig Jahren hätten wir noch geschwiegen, jetzt aber wird
+die Stimme des russischen Volkes gehört, welches bereit ist, sich
+zu erheben, wie ein Mann, bereit, sich selbst zu opfern für die
+unterdrückten Mitbrüder. Dies ist ein großer Fortschritt, ein Gewinn an
+Kraft.«
+
+»Aber man will doch nicht nur opfern, sondern vielmehr den Türken
+schlagen,« bemerkte Lewin schüchtern. »Das Volk opfert und ist bereit,
+für seine Seele zu opfern, nicht aber für den Mord,« fügte er hinzu,
+das Thema unwillkürlich mit den Gedanken verbindend, die ihn so sehr
+beschäftigten.
+
+»Wie, für die Seele? Dies ist für den Naturforscher bekanntlich ein
+sehr schwieriger Ausdruck. Was ist denn Seele?« lächelte Katawasoff.
+
+»O, Ihr wißt es schon!«
+
+»Bei Gott, ich habe nicht die geringste Ahnung davon!« antwortete
+Katawasoff mit lautem Lachen.
+
+-- »Ich bin nicht die Welt, aber ich habe ein Schwert gebracht, spricht
+Christus« -- entgegnete Sergey Iwanowitsch, einfach, als handle es sich
+um die leichtverständlichste Sache, und brachte damit jene Stelle aus
+dem Evangelium bei, die Lewin stets vor allem in Verwirrung gesetzt
+hatte.
+
+»So ist es,« wiederholte jetzt der Alte, der bei ihnen stand, indem er
+auf einen zufällig auf ihn gerichteten Blick antwortete.
+
+»Ja, ja, Batjuschka, wir sind geschlagen, vollständig geschlagen!« rief
+Katawasoff heiter.
+
+Lewin errötete vor Verdruß, nicht deshalb, weil er geschlagen sein
+sollte, sondern weil er nicht mehr an sich halten konnte, und wollte in
+den Wortstreit eintreten.
+
+»Doch nein,« dachte er dann, »ich mag nicht mit ihnen streiten, sie
+tragen einen undurchdringlichen Panzer, während ich nackt bin.«
+
+Er sah, daß er seinen Bruder und Katawasoff nicht überzeugen könne,
+und daß nun noch weniger eine Möglichkeit, mit ihnen seinerseits
+übereinzukommen vorhanden sei. Das, was sie predigten, war aber jener
+geistige Hochmut, der ihn beinahe vernichtet hätte. Er konnte sich
+nicht damit einverstanden erklären, daß eine Handvoll Menschen, unter
+ihnen sein Bruder, das Recht haben sollten, auf Grund dessen, was ihnen
+die hunderte der durch die Hauptstädte reisenden Freiwilligen erzählt
+hatten, zu sagen, sie und die Presse drückten die Meinung des Volkes
+aus, und noch dazu eine Meinung, die in Vergeltung und Mord ihren
+Ausdruck fand.
+
+Er konnte damit nicht übereinkommen, weil er gar keinen Ausdruck dieser
+Gedanken in dem Volke, in dessen Mitte er lebte, bemerkt, dieselben
+auch in sich selbst nicht gefunden hatte, und er konnte sich nicht für
+etwas Anderes halten, als für einen von jenen Menschen, aus denen das
+russische Volk besteht, hauptsächlich aber konnte er deshalb nicht
+zustimmen, weil er gleich dem Volke, weder wußte noch erfahren konnte,
+worin das allgemeine Wohl bestehe, während er genau wußte, daß die
+Erreichung dieses allgemeinen Wohles nur bei strenger Erfüllung jenes
+Gesetzes des Guten möglich sei, das jedem Menschen geoffenbart ist
+und er schon deshalb einen Krieg nicht wünschen, oder für allgemeine
+Zwecke irgend welcher Art eintreten könne. Er sprach im Einklang mit
+Michailowitsch und dem Volke, das seine Meinungen in der Überlieferung
+von der Herbeirufung der Warjäger ausdrückte:
+
+»Herrscht über uns, wir versprechen Euch freudig volle Ergebenheit.
+Alle Arbeit, alle Erniedrigung, alle Opfer nehmen wir auf uns, und wir
+wollen nicht selber richten und schlichten.«
+
+Jetzt aber hatte nach den Worten des Sergey Iwanowitsch das Volk auf
+dieses so teuer erkaufte Recht verzichtet.
+
+Er wollte noch sagen, daß wenn die öffentliche Meinung ein unfehlbarer
+Richter wäre, die Revolution und die Kommune doch ebenso gesetzmäßig
+sein müßte, wie diese Bewegung zu Gunsten der Slaven.
+
+Dies alles aber waren nur Gedanken, die nichts entscheiden konnten.
+Eines allein war unzweifelhaft zu sehr erkennbar: der Streit hatte
+Sergey Iwanowitsch jetzt gereizt, und es war deswegen nicht gut mit
+demselben zu disputieren. Lewin schwieg daher, und widmete seine
+Aufmerksamkeit nun den Gästen, da Wolken heraufgezogen kamen und man
+wohl daran that, nach Hause zu gehen, bevor es zu regnen begann.
+
+
+ 17.
+
+Der Fürst und Sergey Iwanowitsch setzten sich in den Wagen und fuhren;
+die übrige Gesellschaft ging langsam zu Fuß nach Haus.
+
+Die Wolke kam indessen, bald weiß, bald schwarz, so schnell herauf, daß
+man den Schritt verdoppeln mußte, um noch vor dem Regen heim zu sein.
+
+Die vorauseilenden Wolken, niedrighängend und dunkel, wie Rauch mit
+Ruß, kamen mit ungewöhnlicher Schnelligkeit am Himmel herauf. Bis nach
+dem Hause waren noch zweihundert Schritt und schon erhob sich der Wind.
+Jede Sekunde mußte man den Regen erwarten.
+
+Die Kinder eilten mit erschrecktem und lustigem Geschrei voraus. Darja
+Aleksandrowna, die mühsam mit ihren Röcken kämpfte, welche sich um ihre
+Beine schlugen, ging schon nicht mehr, sondern lief, die Kinder nicht
+aus den Augen lassend. Die Männer gingen, ihre Hüte haltend, mit großen
+Schritten dahin, und waren gerade vor der Freitreppe, als ein großer
+Tropfen fiel und auf dem Rand der eisernen Rinne aufschlug. Die Kinder
+und hinter ihnen die Erwachsenen eilten in lustigem Gespräch unter das
+schützende Dach.
+
+»Wo ist Katharina Aleksandrowna?« frug Lewin die ihnen im Vorzimmer
+begegnende Michailowna, welche die Tücher und Plaids trug.
+
+»Wir dachten, sie käme mit Euch,« sagte sie.
+
+»Und Mitja?«
+
+»Ist wohl im Wäldchen, die Kinderfrau wird bei ihm sein.«
+
+Lewin ergriff sein Plaid und eilte nach dem Wäldchen.
+
+Während der kurzen Zwischenzeit hatte sich die Wolke schon so weit
+heraufbewegt, daß sie mit ihrem Mittelpunkt die Sonne deckte, und es so
+dunkel geworden war wie bei einer Sonnenfinsternis.
+
+Der Wind blies hartnäckig, als bestehe er auf seinem Rechte, und
+erschwerte Lewin das Gehen; er riß Blätter und Blüten von den Linden
+ab und beugte ungeschlacht die weißen Äste der Birken nach einer Seite
+nieder, die Akazien, die Blumen, das Gras und die Wipfel der Bäume.
+Mägde, die im Garten gearbeitet hatten, liefen mit Geschrei unter das
+Dach des Gesindehauses. Der weiße Schleier des strömenden Regens hatte
+schon den ganzen, fernen Wald bedeckt und die Hälfte des Feldes, und
+bewegte sich schnell auf das Wäldchen zu. Die Feuchtigkeit des Regens,
+der in feine Tröpfchen zersprühte, war in der Luft zu spüren.
+
+Den Kopf nach vorn niedergebeugt und mit dem Winde kämpfend, der ihm
+das Tuch entriß, war Lewin schon an das Wäldchen gelangt; schon hatte
+er etwas Weißes hinter einer Eiche erblickt, als plötzlich alles in
+Flammen stand, die ganze Erde aufloderte und gerade über Lewins Kopfe
+das Himmelsgewölbe krachend erbebte. Die geblendeten Augen öffnend,
+erblickte Lewin durch den dichten Schleier des Regens, der ihn jetzt
+vom Wäldchen trennte, zunächst den grünen Wipfel der ihm bekannten
+Eiche inmitten des Waldes, welcher in sonderbarer Weise seine Stellung
+verändert hatte.
+
+»Sollte sie zersplittert sein?« -- Lewin hatte dies noch kaum gedacht,
+als plötzlich der Wipfel der Eiche mehr und mehr die Bewegung
+beschleunigend, hinter den anderen Bäumen verschwand. Er vernahm das
+Krachen der auf die umgebenden Bäume stürzenden, großen Eiche.
+
+Das Licht des Blitzes, das Hallen des Donners und die Empfindung von
+einem ihn plötzlich mit Kälte umgebenden Körper flossen für Lewin in
+einem einzigen Eindruck des Schreckens zusammen.
+
+»Mein Gott! Mein Gott! Wenn es nur sie nicht getroffen hat!« brachte er
+hervor. Obwohl er sich sogleich sagte, wie sinnlos die Bitte von ihm
+war, sie möchten von der Eiche nicht getroffen worden sein, die nun
+doch schon gestürzt lag, wiederholte er dieselbe nochmals, da er nichts
+Besseres als so gedankenlos zu beten, zu thun wußte.
+
+An dem Platze, wo sie sich gewöhnlich aufhielten, fand er sie nicht.
+Sie waren am anderen Rande des Waldes unter einer alten Linde und
+riefen ihn. Zwei Gestalten in dunkeln Kleidern -- sie waren vorher
+hell gewesen -- standen dort, über etwas gebeugt. Es war Kity und die
+Kinderfrau. Der Regen hatte bereits aufgehört, und es begann wieder
+hell zu werden, als Lewin sie erreichte. Die Kinderfrau hatte die
+Unterkleider noch trocken, Kitys Kleid aber war durch und durch naß und
+klebte. Obwohl kein Regen mehr fiel, verharrten sie noch immer in der
+Stellung, die sie eingenommen hatten, als das Gewitter losbrach. Beide
+standen mit einem grünen Sonnenschirme über den kleinen Wagen gebeugt.
+
+»Lebt Ihr? Seid Ihr unversehrt? Gott sei gedankt!« sprach er, mit dem
+wassergefüllten Stiefel in das Wasser tretend, welches sich noch nicht
+verlaufen hatte.
+
+Das gerötete, feuchte Gesicht Kitys war ihm zugewandt und lächelte
+sanft unter dem Hute hervor, der seine Façon verloren hatte.
+
+»Du müßtest dir aber Vorwürfe machen! Ich begreife nicht, wie man so
+unvorsichtig sein kann!« sagte er ärgerlich zu seinem Weibe.
+
+»Ich bin bei Gott nicht schuld. Wir wollten gerade fort, da ging es
+los. Wir mußten das Kind anders legen und waren kaum« -- entschuldigte
+sich Kity.
+
+Mitja war unversehrt, trocken und schlief ruhig fort.
+
+»Gott sei gedankt! Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«
+
+Sie nahmen die nassen Windeln, die Kinderfrau wickelte das Kind aus
+und trug es. Lewin ging neben seiner Frau; er machte sich Vorwürfe
+wegen seiner Heftigkeit und drückte ihr, nur verstohlen, wegen der
+Kinderfrau, die Hand.
+
+ 18.
+
+Während des ganzen Tages empfand Lewin in den verschiedensten
+Gesprächen, an denen er gleichsam nur mit der Außenseite seines
+Verstandes teilnahm, mit Freude, wie voll sein Herz war.
+
+Nach dem Regen war es zu naß zum Spazierengehen geworden; dazu kam, daß
+auch die Gewitterwolken nicht vom Horizonte wichen, sondern donnernd
+und dunkel am Rande des Himmels bald hierhin bald dorthin zogen. Die
+ganze Gesellschaft verbrachte daher den Rest des Tages im Hause.
+
+Debatten gab es nicht mehr, im Gegenteil befand sich alles nach dem
+Mittagessen bei bester Laune.
+
+Katawasoff unterhielt die Damen anfangs mit seinen originellen Späßen,
+die stets so gut gefielen, sobald man mit ihm bekannt wurde, sprach
+aber dann, von Sergey Iwanowitsch aufgefordert, über seine sehr
+interessanten Beobachtungen des Unterschieds in den Charakteren und
+selbst Physiognomien der männlichen und weiblichen Mücken, sowie von
+deren Leben.
+
+Sergey Iwanowitsch war gleichfalls gut aufgelegt und entwickelte, vom
+Bruder veranlaßt, beim Thee seine Ansicht über die Zukunft der Frage
+bezüglich des Ostens, so einfach und so gut, daß ihm alles lauschte.
+
+Nur Kity konnte ihn nicht zu Ende hören; man rief sie zu Mitja, der
+gewaschen werden sollte.
+
+Wenige Minuten, nachdem Kity verschwunden war, wurde Lewin zu ihr in
+die Kinderstube gebeten. Seinen Thee stehen lassend, ging er, die
+Unterbrechung des interessanten Gesprächs bedauernd, zugleich aber
+auch besorgt über den Grund weshalb man ihn rufe -- er wurde nur bei
+wichtigen Dingen gerufen -- in die Kinderstube.
+
+Obwohl ihn der nicht zu Ende gehörte Plan Sergey Iwanowitschs, wie
+die befreite Welt der vierzig Millionen Slaven mit Rußland zusammen
+eine neue historische Epoche herbeiführen müsse, ein Plan, der für
+ihn als etwas völlig Neues sehr interessant war -- obwohl ihn daher
+die Neugier, zugleich aber auch die Besorgnis, weshalb man ihn rufe,
+quälten -- so fielen ihm doch, sobald er allein war und den Salon
+hinter sich hatte, seine Gedanken vom Morgen wieder ein, und alle
+die Betrachtungen über die Bedeutung des slawischen Elements in der
+Weltgeschichte erschienen ihm nun so nichtig im Vergleich zu dem, was
+in seiner Seele geschah, daß er augenblicklich alles dies vergaß und
+sich wieder in die Stimmung versetzte, in der er heute Morgen gewesen.
+
+Er rief sich jetzt nicht mehr wie früher erst seinen ganzen
+Gedankengang ins Gedächtnis zurück -- das brauchte er nicht mehr --
+sondern versetzte sich sofort in das Gefühl, welches ihn beherrschte,
+und mit jenen Gedanken in Verbindung stand, und fand dasselbe in seiner
+Seele noch weit stärker und bestimmter geworden, als früher. Es ging
+ihm jetzt nicht mehr so, wie bei seinen früheren künstlich ersonnenen
+Beruhigungsversuchen, bei denen er seinen gesamten Gedankengang wieder
+zusammenstellen mußte, um ein Gefühl zu finden. Jetzt war im Gegenteil
+die Empfindung der Freude und Ruhe lebendiger als vorher und sein
+Denken reifte gar nicht vor seinem Fühlen.
+
+Er schritt über die Terrasse und schaute nach zwei Sternen, die an
+dem schon dunkelnden Himmel hervortraten, und plötzlich fiel ihm ein,
+»ja, zum Himmel emporblickend, habe ich gegrübelt, daß das Gewölbe da
+oben, welches ich sehe, nicht wirklich sei, dabei aber ein Etwas nicht
+mitbedacht, was ich vor mir selbst verbarg! Nun, was dort oben auch
+sein mag, einen Einwand kann es nicht geben. Man muß das wohl bedenken
+-- und alles klärt sich dann auf.«
+
+Schon bei seinem Eintritt in die Kinderstube fiel es ihm bei, was er
+sich selbst verhehlt hatte. Es war dies: »Wenn der höchste Beweis der
+Gottheit in deren Offenbarung, im Wesen des Guten beruhte, weshalb
+beschränkte sich dann diese nur auf die christliche Kirche? In was für
+Beziehungen zu dieser Offenbarung standen nun die Glaubensbekenntnisse
+der Buddhisten, der Mohammedaner, die doch auch an das Gute glaubten
+und es thaten?«
+
+Ihm schien, daß es eine Antwort auf diese Frage für ihn gab, doch hatte
+er sich diese noch nicht gegeben, da trat er schon in die Kinderstube
+ein.
+
+Kity stand mit aufgestreiften Ärmeln an der Wanne über das
+plätschernde Kind gebeugt und wandte, als sie die Schritte des Gatten
+hörte, diesem ihr Gesicht zu. Sie rief ihn lächelnd zu sich. Mit der
+einen Hand hielt sie den wohlgenährten Kleinen, der auf dem Rücken
+schwamm, unter dem Köpfchen, mit der andern drückte sie ein Schwämmchen
+über ihm aus.
+
+»Ach, sieh nur sieh,« sagte sie, als ihr Mann herzutrat. »Agathe
+Michailowna hat Recht. Es erkennt uns schon.«
+
+Es hatte sich also darum gehandelt, daß Mitja seit dem heutigen Tage
+augenscheinlich schon alle die Seinen erkannte.
+
+Kaum war Lewin an die Wanne getreten, so wurde vor ihm der Versuch
+angestellt, und er gelang vollständig. Die Köchin, die eigens dazu
+herbeigerufen worden war, beugte sich über das Kind. Das Kind machte
+ein mürrisches Gesicht und bewegte ablehnend das Köpfchen. Nun beugte
+sich Kity darüber, da erglänzte es von einem Lächeln, stemmte sich
+mit den Ärmchen gegen den Schwamm und stieß einen so behaglichen und
+eigentümlichen Laut aus, daß nicht nur Kity und die Kinderfrau, sondern
+auch Lewin in ungeahntes Entzücken gerieten. Man nahm das Kind auf
+einem Arme aus der Wanne, spülte es mit Wasser ab, wickelte es in ein
+Tuch und gab es, nachdem nochmals ein durchdringender Schrei ertönt
+war, der Mutter.
+
+»Ich freue mich nur, daß du anfängst, es lieb zu gewinnen,« sagte Kity
+zu ihrem Gatten, nachdem sie sich, das Kind am Busen, ruhig auf ihren
+gewohnten Platz gesetzt hatte. »Ich freue mich sehr darüber. Es hatte
+mich auch schon recht erbittert. Du sagtest doch, daß du gar nichts für
+den Kleinen fühltest.«
+
+»Nun, habe ich etwa gesagt, ich fühlte nichts für ihn? Ich habe nur
+gesagt, daß ich von ihm enttäuscht worden wäre.«
+
+»Wie; von dem Kinde enttäuscht?«
+
+»Nicht von ihm enttäuscht, wohl aber von meinem Gefühl. Ich hatte mehr
+erwartet. Ich hatte erwartet, daß sich, gleich einer Überraschung, in
+mir ein ganz neues und angenehmes Gefühl regen würde. Und plötzlich,
+anstatt dessen, fühlte ich nur Widerwillen und Mitleid« --
+
+Sie hörte ihm aufmerksam zu, während sie ihre Ringe wieder auf die
+feinen Finger steckte, die sie vorher abgestreift hatte, um das Kind zu
+baden.
+
+»Die Hauptsache dabei war doch, daß es bei weitem mehr Schrecken und
+Schmerz gegeben hat, als Freude. Heute, nach dem Schrecken während des
+Gewitters habe ich erkannt, wie ich das Kind liebe.«
+
+Kity erstrahlte von einem Lächeln.
+
+»Du warst wohl sehr in Schrecken?« frug sie. »Ich war es auch, doch ist
+mir es jetzt noch viel ängstlicher zu Mut, nachdem es vorbei ist. Ich
+werde mir die Eiche besehen. O wie lieb doch Mitja ist! Das Kind ist
+überhaupt den ganzen Tag so reizend gewesen, doch du bist wohl so gut,
+dich mit Sergey Iwanowitsch zu beschäftigen -- wenn du willst -- geh'
+doch jetzt zu ihm. Es ist so wie so hier bei der Wanne stets sehr heiß
+und dunstig.«
+
+
+ 19.
+
+Nachdem Lewin die Kinderstube verlassen hatte und allein war, fiel ihm
+sogleich jener Gedanke wieder ein, in dem ihm etwas unklar geblieben
+war.
+
+Anstatt in den Salon zu gehen, aus welchem Stimmen vernehmbar waren,
+blieb er auf der Terrasse stehen und schaute, auf das Geländer
+gestützt, zum Himmel hinauf.
+
+Es war schon völlig dunkel geworden, doch im Süden, wohin er blickte,
+waren keine Wolken sichtbar. Diese standen auf der entgegengesetzten
+Seite und von dorther zuckten Blitze und war ferner Donner vernehmbar.
+Lewin lauschte den taktmäßig von den Linden des Gartens fallenden
+Regentropfen und blickte zu dem ihm so wohlbekannten Sternendreieck auf
+und der mitten hindurchgehenden Milchstraße mit ihrem Schimmer. Bei
+jedem Aufleuchten des Blitzes verschwanden nicht nur die Milchstraße,
+sondern auch die hellen Sterne, kaum aber war der Funke erloschen, so
+zeigten sie sich wieder wie von einer Hand geworfen, an ihren alten
+Stellen.
+
+»Nun, was beunruhigt mich denn?« sagte Lewin zu sich, schon vorher
+empfindend, daß die Lösung seiner Zweifel, obwohl er dieselbe noch
+nicht kannte, bereits fertig in seiner Seele liege. »Ja, Eines ist
+die offenkundige, unzweifelhafte Offenbarung der Gottheit; das sind
+die Gesetze des Guten, die der Welt als Offenbarung kund gethan sind,
+die ich in mir fühle und zu deren Erkenntnis ich -- mag ich wollen
+oder nicht -- mit den anderen Menschen vereinigt bin zu einer einzigen
+Gesellschaft von Gläubigen die man Kirche nennt. Auch die Hebräer,
+Chinesen, Buddhisten -- was sind sie?« legte er sich jene Frage vor,
+die ihm so gefährlich erschienen war. »Sollten diese Hunderte von
+Millionen Menschen jenes höchsten Gutes beraubt sein, ohne welches
+das Dasein keinen Sinn hat?« Er wurde nachdenklich, raffte sich aber
+sogleich wieder auf, »wonach frage ich denn? Ich frage nach den
+Beziehungen aller der verschiedenen Glaubensrichtungen der ganzen
+Menschheit zur Gottheit. Ich frage nach der allgemeinen Offenbarung
+Gottes für die ganze Welt mit all diesen Nebelflecken dort oben. Was
+aber thue ich? Mir persönlich, meinem Herzen ist jene Erkenntnis
+unzweifelhaft geoffenbart, die unerreichbar bleibt für den Verstand,
+während ich sie hartnäckig durch meinen Verstand und mein Wort
+ausdrücken will. Weiß ich denn nicht, daß die Sterne nicht wandelten?«
+frug er sich, nach einem hellleuchtenden Planeten aufschauend, der
+bereits seine Stellung zu dem obersten Ast einer Birke verändert hatte.
+»Dennoch aber kann ich mir, auf die Bewegung der Sterne blickend, nicht
+auch vorstellen, daß die Erde sich bewegt, und ich habe doch recht mit
+der Behauptung, daß die Sterne wandeln. Hätten denn die Astronomen
+etwas erkennen und berechnen können, wenn sie alle die verwickelten
+verschiedenartigen Bewegungen der Erde mit ins Auge gefaßt hätten? Alle
+ihre wunderbaren Schlüsse über den Abstand, das Gewicht, die Bewegungen
+und Veränderungen der Himmelskörper sind nur auf der wahrnehmbaren
+Bewegung der Gestirne rings um die unbewegliche Erde begründet, auf
+der nämlichen Bewegung, die jetzt vor mir liegt und so gewesen ist für
+Millionen von Menschen im Lauf von Jahrhunderten und stets sich gleich
+bleiben wird, auch stets kontrolliert werden kann. Ebenso nun, wie die
+Schlüsse der Astronomen müßig gewesen sein würden, wären sie nicht auf
+den Beobachtungen des sichtbaren Himmels mit einem Meridian und einem
+Horizont begründet, ebenso würden auch meine Schlüsse müßig sein,
+wären sie nicht auf dem Begriff des Guten begründet, das für alle
+stets vorhanden war und unangetastet bleiben wird, und, mir durch das
+Christentum geoffenbart, in meiner Seele stets beglaubigt werden kann.
+Die Fragen nach anderen Glaubensrichtungen und deren Beziehungen zur
+Gottheit habe ich weder das Recht noch das Vermögen, zu entscheiden.«
+
+»Bist du nicht heimgegangen?« erklang plötzlich die Stimme Kitys, die
+auf demselben Wege nach dem Salon ging. »Was sagst du, bist du nicht
+bei Laune?« sprach sie, ihm aufmerksam beim Scheine der Sterne ins
+Gesicht blickend. Sie würde dieses aber nicht genau erkannt haben, wenn
+ihn nicht abermals ein Blitz, der die Sterne verdunkelte, beleuchtet
+hätte. Bei dem Schein desselben gewahrte sie sein Antlitz und lächelte,
+nachdem sie bemerkt hatte, daß es ruhig und froh erschien.
+
+»Sie versteht,« dachte er, »sie weiß woran ich denke. Soll ich es ihr
+sagen oder nicht? Ja, ich sage es ihr.«
+
+Doch gerade im Augenblick, als er zu sprechen beginnen wollte, ergriff
+auch sie das Wort.
+
+»Mein Konstantin, thu' mir doch den Gefallen,« sagte sie, »und gehe
+nach dem Eckzimmer, um nachzusehen, ob für Sergey Iwanowitsch alles in
+Ordnung gebracht ist. Für mich ist das nicht recht schicklich. Hat man
+ein neues Waschbecken hineingestellt?«
+
+»Gut, ich werde sofort gehen,« sagte Lewin, indem er aufstand und sie
+küßte. »Nein, ich brauche nicht zu reden,« dachte er, während sie ihm
+voranschritt. »Dies ist ein Geheimnis, das nur für mich war, wichtig
+und nicht in Worten auszudrücken. Dieses neue Gefühl hat mich nicht
+verraten, nicht des Glückes beraubt, mich nicht plötzlich erleuchtet,
+wie ich geträumt hatte -- ebensowenig wie die Empfindung für meinen
+Sohn. Es war auch keine Überraschung dabei. Ist dies nun der Glaube,
+oder ist er es nicht, ich weiß nicht, was es ist, aber es ist mir
+unmerklich in meinen Leiden gekommen und hat sich in meiner Seele fest
+eingenistet. Ich werde noch immer so auf meinen Kutscher Iwan zornig
+werden, werde noch so weiter disputieren, meine Gedanken rückhaltlos
+aussprechen, es wird die heilige Mauer bestehen bleiben zwischen meiner
+Seele und den anderen, selbst meinem Weibe, ich werde dieses auch
+tadeln wegen seiner Furcht, und Reue darüber empfinden und werde nicht
+mit dem Verstande begreifen, warum ich bete; aber ich werde beten und
+mein Leben, mein ganzes Leben soll jetzt von allem unabhängig sein,
+was sich mit mir ereignen kann; keine Minute desselben soll mehr
+gedankenlos bleiben -- wie früher -- sondern die nicht anzuzweifelnde
+Idee des Guten in sich tragen, die ich die Macht besitze, ihr
+einzupflanzen.«
+
+ _Ende_.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise
+und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
+
+Die unterschiedlichen Schreibweisen der Vor- und Zunamen wurden
+beibehalten, außer es handelt sich um offensichtliche Druckfehler.
+
+In der Fußnote [C] wurde der Punkt über dem Buchstaben z in [.z] in den
+Worten [.z]yda und do[.z]idalsja geändert.
+
+Gesperrter Text wurde mit Unterstrich markiert (_Text_). Text in Antiqua
+wurde mit Gleichheitszeichen markiert (=text=).
+
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+ S. 10: aller Gebräuche beharrte -> beharrten
+ S. 11: mit seiner, auf der -> dem
+ S. 16: versetzte Lewin und befahl Kuzma -> Kusma
+ S. 17: Fonds des Ikonastas -> Ikonostas
+ S. 28: sie so verweint -> verweint aus
+ S. 30: deswegen wird der Mensch -> »deswegen
+ S. 30: »Jesu freue dich« ausführte -> ausführten
+ S. 35: einem zärtlichen langem -> langen
+ S. 38: das Böse, daß -> das sie
+ S. 40: klammerte er sich an jeder -> jede
+ S. 50: um es zu berechnen -> brechen
+ S. 51: aber seine Lippen fibrierten -> vibrierten
+ S. 52: haben, was sie sah -> sahen
+ S. 53: noch nicht angeschlagenes. -> angeschlagenes.«
+ S. 53: die Einheit des Eindrucks. -> Eindrucks.«
+ S. 55: Standpunkte der Ueberzeugung -> Überzeugung
+ S. 67: Du hast da ein -> »Du
+ S. 67: sonst werde ich in -> »sonst
+ S. 69: sie beide in beständigen -> beständigem
+ S. 77: Gatten blickend, welchen -> welchem
+ S. 101: Ich thue das nicht von mir aus -> aus.
+ S. 102: Zeit in Petersburg verbereitet -> verbreitet
+ S. 110: welch ein herrlicher Tag ist -> »welch
+ S. 121: Sergey schaute mit erschreckten -> erschrecktem
+ S. 124: Sagt mirs doch, -> doch,«
+ S. 127: er diese wenige -> wenigen
+ S. 136: seine Mutter versetzten -> versetzte
+ S. 136: was der Mutter sogar -> so gar
+ S. 144: seiner Worte gar nicht zu verstehen -> verstehen.
+ S. 156: hübscher Zeitvertreib ist. -> ist.«
+ S. 160: aber er konnte -> könnte
+ S. 169: »Ich werde jetzt -> Ich
+ S. 185: daß er in meinem -> »daß
+ S. 186: in der Luft drehend, Krack -> Krak
+ S. 192: bei der Ankunft witterte Krack -> Krak
+ S. 192: in welches Krack -> Krak
+ S. 193: Eine Bekasse machte sich -> Bekassine
+ S. 197: Wjeslowskij, der wolgemut -> wohlgemut
+ S. 205: nur aus Prinzip nicht? -> nicht?«
+ S. 208: ihm mit schnellen, leichten -> schnellem, leichtem
+ S. 211: nicht erfahren, wo sie sind. -> sind.«
+ S. 211: stell', mein Laska, stell'! -> stell, mein Laska, stell!
+ S. 213: Maria Wlasjewna -> Marja
+ S. 225: sehr recht die Lewin hatte -> hatten
+ S. 227: an der Krippe -> in der Krippe
+ S. 228: mich ereifernd, schaltend -> scheltend
+ S. 230: Sensendängelns -> Sensendengelns
+ S. 237: in nichts verändert worden, -> worden.
+ S. 241: Die Ani? -> Any
+ S. 242: yes, mylady! -> »yes
+ S. 244: Il est très-gentil -> très gentil
+ S. 245: au breakfeast -> breakfast
+ S. 245: Lown tennis -> Lawn tennis
+ S. 255: Gerade als ob sie -> »Gerade
+ S. 259: die Plinte -> Plinthe
+ S. 269: Ich sehe nur -> »Ich
+ S. 275: wenn er zurückkehren -> wann er zurückkehren
+ S. 281: wie im kleinen Sale -> Saale
+ S. 287: welches ihr liebes Enkelchen -> welche
+ S. 289: neben ihm saß -> der neben ihm saß
+ S. 293: sagte Swijashskiy -> Swijashskiy.
+ S. 304: Unterhaltungen mit der Fürstin Barbara -> Barbara,
+ S. 310: in einer Weise, das -> daß
+ S. 313: doch nicht darüber, das -> daß
+ S. 314: frug Lewin.« -> Lewin.
+ S. 315: und für den Wagen Katarina -> Katharina
+ S. 320: nach dem Metroff -> nachdem
+ S. 321: Verse des Dichters Mcnt -> Ment
+ S. 324: mit den Knaben -> »mit
+ S. 329: plötzlichen Tode der Arpaksin -> Apraksina
+ S. 331: verursachte, die Galoschen -> Kaloschen
+ S. 336: etwas Witziges zu sagen.« -> sagen.
+ S. 338: Solltet Ihr? -> Ihr!
+ S. 338: Lewin spielst du?« -> du?
+ S. 345: Graf Aleksey Kyrillowitsch -> Kyrillowitsch«
+ S. 349: warum sie ihn gebeten -> worum
+ S. 350: waren endgiltig entschieden -> endgültig
+ S. 364: Arzt, welche eine -> welcher
+ S. 366: Antlitz Kitys mit den -> dem
+ S. 371: sagte Lisebetha Petrowna -> Lisabetha
+ S. 372: welche er nun eine Attake -> Attacke
+ S. 373: las Aleksey Alesandrowitsch -> Aleksandrowitsch
+ S. 375: Die moskauer -> Moskauer
+ S. 382: das sind die Passagiere; -> Passagiere.
+ S. 382: voll Wemut -> Wehmut
+ S. 382: schlug, purporrot werdend -> purpurrot
+ S. 387: zu der Gräfin Lydia Iwanowna. -> Iwanowna.«
+ S. 388: zu ihrem Sohne gemacht hat. -> hat.«
+ S. 389: hat er die Stimme gehört, -> gehört,«
+ S. 390: warum es sich handelte -> worum
+ S. 402: Aber wenn -> wann
+ S. 402: Wenn wir reisen -> Wann
+ S. 404: ohne seine finstere -> finster
+ S. 404: daß er schlimmer -> »daß
+ S. 405: ich nicht gestorben? -> gestorben?«
+ S. 405: sie mußte sterben«. -> sterben.«
+ S. 406: auf welcher -> welchen
+ S. 406: gerade sein Beafsteak -> Beefsteak
+ S. 407: versprach er einen entgültigen -> endgültigen
+ S. 407: dachte sie dabe -> dabei
+ S. 410: Wenn reist Ihr -> Wann
+ S. 415: in lilafarbigen Hut -> im
+ S. 418: frisiert, aber wenn -> wann
+ S. 418: nicht erinnern, wenn -> wann
+ S. 418: Wie konnte er nur -> »Wie
+ S. 426: Das ist Gerechtigkeit! -> Gerechtigkeit!«
+ S. 427: auf der Strecke Nishnegorod -> Nishegorod
+ S. 428: mit selbst -> mit sich selbst
+ S. 429: aber nun unaufenthaltsam -> unaufhaltsam
+ S. 430: Stationsgebäude der Nishnegoroder -> Nishegoroder
+ S. 432: anders, als solche klägliche -> kläglichen
+ S. 439: folgte ein tötliches -> tödliches
+ S. 440: Speechs -> Speeches
+ S. 447: gegen wenn -> wen
+ S. 447: als vorzügliche Bursche -> Burschen
+ S. 449: unter dem Eisenbahnzug -> den
+ S. 455: Man muß es hübsch -> »Man
+ S. 455: Es weiß es ja -> Er
+ S. 460: solchen neuen zu vertauscht -> solchen neuen vertauscht
+ S. 465: aufzugeben, ebenso -> ebensowenig
+ S. 470: 13. -> 12.
+ S. 471: daß es ihn ganz -> ihm
+ S. 473: fordert, das man alle -> daß
+ S. 476: Was ist der Erlöser?« -> Erlöser?
+ S. 476: sich schauend -> scheuend
+ S. 477: Wagen mit den -> dem
+ S. 483: darüber gegeben hat. -> hat.«
+ S. 483: warum es sich handelt -> worum
+ S. 495: unter dem Köpfchen -> Köpfchen,
+ S. 496: so wohlkannten Sternendreieck -> wohlbekannten
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Anna Karenina, 2. Band, by Leo N. Tolstoi
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44957 ***